Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob_s des Zweiten. Dritter Band (German) Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay 1132 downloads.pdf

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der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band

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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des
Zweiten. Dritter Band

Author: Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay

Translator: Wilhelm Beseler

Release date: October 12, 2009 [eBook #30237]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/30237

Credits: Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE
VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES
ZWEITEN. DRITTER BAND ***

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5. Kapitel
Inhalt
6. Kapitel
Inhalt

Page 5

Thomas Babington Macaulay’s

Geschichte von England
seit der

Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.

Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.

Dritter Band

Leipzig, 1854.

Page 6

G . H . F r i e d l e i n .

Page 7

Fünftes Kapitel.

J a k o b II.

I n h a l t.

Seite
Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande 5
Ihre Correspondenten in England 5
Character der Oberhäupter der Flüchtlinge 6
Ayloffe 6
Wade 7
Goodenough 7
Rumbold 7
Lord Grey 8

Page 8

Monmouth 9
Ferguson 10
Schottische Flüchtlinge 13
Der Earl von Argyle 13
Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane 15
Fletcher von Saltoun 16
Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge 16
Anstalten zu einem Unternehmen gegen England und
Schottland 17
Johann Locke 19
Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands 20
Unterredung Jakob’s mit den holländischen Gesandten 20
Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern 20
Argyle’s Abreise von Holland 22
Argyle landet in Schottland 22
Argyle’s Zwistigkeiten mit seinen Begleitern 23
Stimmung der schottischen Nation 24
Argyle’s Truppe zerstreut 27
Argyle gefangen genommen 28
Argyle’s Hinrichtung 31
Rumbold’s Hinrichtung 32
Ayloffe’s Tod 33
Verwüstung von Argyleshire 34
Erfolglose Versuche, Monmouth’s Abreise von Holland zu
verhindern 35
Monmouth’s Ankunft in Lyme 36
Seine Erklärung 37
Seine Popularität im Westen Englands 38

Page 9

Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport 39
Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei
Axminster 41
Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London 41
Loyalität des Parlaments 41
Monmouth’s Empfang in Taunton 44
Monmouth nimmt den Königstitel an 46
Sein Empfang in Bridgewater 49
Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande 50
Sein Plan auf Bristol 53
Er giebt den Plan auf Bristol auf 53
Gefecht bei Philip’s Norton 54
Monmouth’s Verzagtheit 55
Seine Rückkehr nach Bridgewater 56
Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf 56
Schlacht von Sedgemoor 59
Verfolgung der Rebellen 63
Militairische Hinrichtungen 64
Monmouth’s Flucht 64
Seine Gefangennehmung 65
Sein Brief an den König 67
Er wird nach London abgeführt 67
Seine Unterredung mit dem Könige 68
Seine Hinrichtung 71
Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte 73
Grausamkeiten der Soldaten im Westen 75
Kirke 75
Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab 79

Page 10

Prozeß der Alice Lisle 79
Die blutigen Assisen 82
Abraham Holmes 85
Christoph Battiscombe 85
Die Gebrüder Hewling 86
Tutchin’s Strafe 88
Deportation von Rebellen 87
Confiscationen und Erpressungen 88
Habgier der Königin und ihrer Hofdamen 89
Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade,
Goodenough und Ferguson 91
Jeffreys zum Lordkanzler ernannt 93
Cornish’s Prozeß und Hinrichtung 94
Prozeß und Hinrichtung Fernley’s und der Elisabeth Gaunt 95
Prozeß und Hinrichtung Bateman’s 97
Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters 97

[6. Kapitel]

Gegen das Ende der Regierung Karl’s II. hatten einige
Whiggistische
Whigs, welche in das ihrer Partei so verderblich
Flüchtlinge auf
gewordene Complot verwickelt waren und wußten,
dem Festlande.
daß man ihnen den Untergang geschworen, in den
Niederlanden eine Zufluchtsstätte gesucht.
Diese Flüchtlinge waren größtentheils Leute von heißblütigem
Temperament, aber schwachem Urtheile, und überdies waren sie von der
sonderbaren Täuschung befangen, die ihrer Lage eigen zu sein scheint. Ein
Politiker, welcher durch eine feindliche Partei in die Verbannung getrieben
wurde, erblickt die Gesellschaft, die er verlassen, in der Regel in einem

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falschen Lichte. Jeder Gegenstand erhält durch den Schmerz, durch die
Sehnsucht und durch den Haß eine andre Gestalt und Färbung. Jede kleine
Unzufriedenheit scheint ihm eine Revolution zu verkünden, jeder Tumult
dünkt ihm ein Aufstand. Er ist nicht davon zu überzeugen, daß sein
Vaterland sich nicht eben so schmerzlich nach ihm sehnt, wie er sich nach
demselben sehnt, er bildet sich ein, daß alle seine alten
Gesinnungsgenossen, die noch in der Heimath und im ungestörten Genusse
ihres Vermögens sind, von den nämlichen Gefühlen gequält werden, welche
ihm das Leben zu einer Last machen. Je länger seine Verbannung dauert,
um so größer wird diese Täuschung. Die Zeit, welche den Feuereifer der
zurückgelassenen Freunde dämpft, schürt den seinigen nur noch mehr an.
Mit jedem Monate wird sein sehnsüchtiges Verlangen nach der Heimath
stärker, und mit jedem Monate denkt sein Vaterland seltener an ihn und
vermißt ihn weniger. Diese Täuschung wird fast zum Wahnsinn, wenn viele
Verbannte, die um der nämlichen Sache willen leiden, an einer fremden
Küste beisammenwohnen. Ihre Hauptbeschäftigung ist, davon zu sprechen,
was sie einst waren und was sie vielleicht noch einmal werden können,
einander zum Hasse gegen den gemeinschaftlichen Feind aufzustacheln und
sich gegenseitig mit überspannten Hoffnungen auf Sieg und Rache zu
nähren. So werden sie reif zu Unternehmungen, welche Jedermann, den die
Leidenschaft nicht der Fähigkeit beraubt hat, die Wahrschein­lichkeiten zu
berechnen, von vornherein für hoffnungslos erklären würde.

In dieser Stimmung waren viele der Verwiesenen, die
Ihre
sich auf dem Continent gesammelt hatten. Der
Correspondenten
Briefwechsel, den sie mit England unterhielten, diente
in England.
größtentheils nur dazu, ihre Gefühle noch mehr
aufzureizen und ihr Urtheil irre zu führen. Ihre Nachrichten von dem
Zustande der öffentlichen Meinung erhielten sie hauptsächlich von den
schlimmsten Mitgliedern der Whigpartei, von Männern, welche
Verschwörer und Pasquillanten von Profession waren, die von den
Gerichten verfolgt wurden, die nur verkleidet durch abgelegene Gassen
schleichen und sich zuweilen Wochen lang auf Böden oder in Kellern
versteckt halten mußten. Die Staatsmänner, welche die Zierden der
Vaterlandspartei gewesen waren, die Staatsmänner, welche später die

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Berathungen des Convents leiteten, würden ganz andere Rathschläge
gegeben haben, als Männer wie Johann Wildman und Heinrich Danvers sie
gaben.
Wildman hatte vierzig Jahre früher im Parlamentsheere gedient, sich aber in
dieser Stellung mehr als Wühler, denn als Soldat ausgezeichnet, und hatte
das Waffenhandwerk bald wieder aufgegeben, um andere Zwecke zu
verfolgen, die seinem Character mehr zusagten. Sein Haß gegen die
Monarchie hatte ihn angetrieben, sich in eine lange Reihe von
Verschwörungen einzulassen, zuerst gegen den Protector und dann gegen
die Stuarts. Wildman verband jedoch mit seinem Fanatismus eine zärtliche
Sorge für seine persönliche Sicherheit. Er besaß eine seltene
Geschicklichkeit darin, die Schwelle des Hochverraths nicht zu
überschreiten. Niemand verstand es besser als er, Andere zu verzweifelten
Unternehmungen durch Worte anzureizen, welche vor Gericht unschuldig,
oder schlimmsten Falls doch nur zweideutig erscheinen konnten. Seine
Verschlagenheit war so groß, daß er, obgleich er beständig complotirte,
obgleich er von jeher als Verschwörer bekannt war und obgleich ihn eine
rachsüchtige Regierung lange Zeit mit feindseligem Argwohn beobachtete,
doch immer jeder Gefahr entging und ruhig in seinem Bette starb, nachdem
er zwei Generationen seiner Mitschuldigen am Galgen hatte enden sehen. 1
Danvers war ein Mensch von gleichem Schlage, heißblütig, aber
kleinmüthig, durch glühende Begeisterung fortwährend bis an den Rand der
Gefahr getrieben, durch die Feigheit aber immer wieder an diesem Rande
zurückgehalten. Er hatte unter einem Theile der Baptisten großen Einfluß,
hatte viel zur Vertheidigung ihrer sonderbaren Ansichten geschrieben und
sich durch den Versuch, das Verbrechen des Matthias und Johann von
Leyden zu beschönigen, den strengen Tadel der ehrenwerthesten Puritaner
zugezogen. Hätte er ein wenig Muth besessen, so ist es wahrscheinlich, daß
er in die Fußtapfen der Elenden getreten wäre, die er vertheidigte. Er mußte
sich damals vor den Beamten der Justiz verbergen, da wegen einer
grobverleum­derischen Schrift, als deren Verfasser die Regierung ihn
entdeckt hatte, Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen waren. 2
1. Clarendon’s History of the Rebellion, book XIV.; Burnet’s Own Times, I. 546, 625; Wade’s
and Ireton’s Narratives, Lansdowne M.S. 1152; West’s Anklage im Anhange zu Sprat’s True
Account.

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2. London Gazette, Jan. 4. 1684/85; Ferguson M.S. in Eachard’s History, III. 764; Grey’s
Narrative; Sprat’s True Account; Danvers’s Treatise on Baptism; Danvers’s Innocency and
Truth vindicated; Crosley’s History of the English Baptists.

Man kann leicht denken, welcher Art die
Character der
Mittheilungen und Rathschläge waren, die solche
Oberhäupter der
Männer den Geächteten in den Niederlanden
Flüchtlinge.
zukommen ließen. Nach einigen wenigen Proben wird
man sich eine Vorstellung von dem allgemeinen Character der Letzteren
bilden können.

Einer der hervorragendsten unter ihnen war Johann
Ayloffe.
Ayloffe, ein Jurist, der mit den Hyde, und durch die
Hyde wieder mit Jakob verwandt war. Er hatte sich schon frühzeitig durch
eine sonderbare Beleidigung der Regierung bemerkbar gemacht. Zu der
Zeit nämlich, als der Einfluß des Hofes von Versailles allgemeinen
Unwillen erregte, hatte er einen hölzernen Schuh, bei den Engländern das
feststehende Sinnbild der französischen Tyrannei, auf den Präsidentenstuhl
des Hauses der Gemeinen gelegt. Später hatte er an dem whiggistischen
Complot Theil genommen, aber man hat keinen Grund zu der Vermuthung,
daß er um den Plan, die königlichen Brüder zu ermorden, gewußt habe. Er
war ein Mann von Talent und Muth, sein moralischer Charakter aber stand
auf keiner hohen Stufe. Die puritanischen Theologen raunten einander zu,
daß er ein gewissenloser Gallio oder etwas noch Schlimmeres sei und daß
bei all seinem Eifer für die bürgerliche Freiheit die Heiligen wohl daran
thun würden, jeden Umgang mit ihm zu vermeiden. 3
3. Sprat’s True Account; Burnet I. 634; Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845. Lord
Howard von Escrick beschuldigte Ayloffe, daß er die Ermordung des Herzogs von York
vorgeschlagen habe; aber Lord Howard war ein abscheulicher Lügner und diese Erzählung
war kein Theil seines ursprünglichen Bekenntnisses, sondern wurde erst später als
Supplement hinzugefügt und verdient daher durchaus keinen Glauben.

Nathaniel Wade war ebenfalls Jurist, wie Ayloffe. Er
Wade.
hatte lange in Bristol gewohnt und war in seiner
Umgebung als ein heftiger Republikaner gepriesen worden. Einmal hatte er

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sich vorgenommen, nach New-Jersey auszuwandern, wo er Institutionen zu
finden hoffte, die seinem Geschmacke besser zusagten als die englischen.
Seine Thätigkeit bei den Parlamentswahlen hatten die Aufmerksamkeit
einiger vornehmen Whigs auf ihn gelenkt, sie bedienten sich seiner als
Anwalt und zogen ihn endlich zu ihren geheimsten Berathungen. Er war bei
dem Insurrectionsplane stark betheiligt und hatte es unternommen, sich in
seiner eignen Stadt an die Spitze eines Aufstandes zu stellen. Ebenso war er
in das verwerflichere Complot gegen das Leben Karl’s und Jakob’s
eingeweiht gewesen, aber er erklärte stets, daß er zwar davon gewußt, es
aber durchaus verabscheut und sogar versucht habe, seine Mitverschwornen
von der Ausführung ihres Planes abzubringen. Für einen zu bürgerlichen
Berufsgeschäften herangebildeten Mann besaß Wade in seltenem Maße die
Umsicht und Energie, welche die Haupterfordernisse eines guten Soldaten
sind. Leider aber erwiesen sich seine Grundsätze und sein Muth nicht stark
genug, um ihn nach beendetem Kampfe, als er im Gefängniß zwischen Tod
und Schande zu wählen hatte, aufrecht zu erhalten. 4
4. Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845; Lansdowne M.S. 1152; Holloway’s
Erzählung im Anhange zu Sprat’s True Account. Wade gestand zu, daß Holloway nur die
Wahrheit gesagt hatte.

Ein andrer Flüchtling war Richard Goodenough, der
Goodenough.
früher Untersheriff von London gewesen war. Diesen
Mann hatte seine Partei lange zu Dienstleistungen nicht sehr ehrenwerther
Art benutzt, besonders wenn es darauf ankam, Geschworne zu wählen, von
denen man hoffen durfte, daß sie bei politischen Prozessen nicht allzu
gewissenhaft sein würden. Er war tief verwickelt gewesen in die schwarzen
und blutigen Anschläge des Whigcomplots, welche vor den
achtungswertheren Whigs sorgfältig geheim gehalten wurden. Bei ihm
konnte man nicht als mildernden Umstand anführen, daß er durch
übergroßen Eifer für das Gemeinwohl irre geleitet worden sei, denn wir
werden später sehen, daß er, nachdem er eine edle Sache durch seine
Verbrechen geschändet, sie schließlich verrieth, um der wohlverdienten
Strafe zu entgehen. 5
5. Sprat’s True Account an mehreren Stellen.

Page 15

Ein ganz andrer Character war Richard Rumbold. Er
Rumbold.
war Offizier in Cromwell’s Leibregiment gewesen,
hatte am Tage der großen Hinrichtung das Schaffot vor dem Bankethause
bewacht, bei Dunbar und Worcester gefochten und stets in hohem Grade die
Eigenschaften gezeigt, durch welche sich das unbesiegbare Heer, in dem er
diente, auszeichnete: einen unerschütterlichen Muth, eine glühende
Begeisterung, sowohl in politischer als in religiöser Hinsicht, und neben
dieser Begeisterung doch die ganze Kraft der Selbstbeherrschung, welche
Männern eigen ist, die in wohldisciplinirten Lagern befehlen und gehorchen
gelernt haben. Nach erfolgter Auflösung der republikanischen Armee wurde
Rumbold Mälzer und betrieb sein Geschäft unweit Hoddesdon in dem
Hause, von dem das Ryehousecomplot seinen Namen hat. Bei den
Berathungen der Heftigsten und Rücksichts­losesten unter den
Mißvergnügten war vorgeschlagen, doch nicht definitiv beschlossen
worden, daß bewaffnete Männer in das Roggenhaus gelegt werden sollten,
um die Eskorte anzugreifen, welche Karl und Jakob von Newmarket nach
London begleitete. An diesen Berathungen hatte Rumbold einen Antheil
genommen, von dem er mit Abscheu zurückgebebt sein würde, wäre nicht
durch den Parteigeist sein heller Verstand umnebelt und sein männliches
Herz verdorben gewesen. 6
6. Sprat’s True Account & Appendix; Untersuchung gegen Rumbold in der Collection of
State Trials; Burnet’s Own Times, I. 633; Anhang zu Fox’s History No. IV.

Hoch erhaben über die bis jetzt angeführten
Lord Grey.
Verbannten war Ford Grey, Lord Grey von Mark. Er
war ein eifriger Exclusionist gewesen, hatte Antheil an dem
Insurrectionsplane gehabt und war in den Tower gesperrt worden, wo es
ihm jedoch gelang, seine Wächter betrunken zu machen und auf das
Festland zu entkommen. Er besaß hervorragende Talente und gewinnende
Manieren, aber ein großes häusliches Verbrechen warf einen Flecken auf
sein Leben. Seine Gattin war eine Tochter des edlen Hauses Berkeley, und
ihre Schwester, Lady Henriette Berkeley, durfte mit ihm, als mit einem
Blutsverwandten, verkehren und correspondiren. So entstand eine
verhängnißvolle Zuneigung. Der lebhafte Geist und die heftige
Leidenschaft der Lady Henriette durchbrach alle Schranken der Tugend und

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Schicklichkeit und eine skandalöse Entführung enthüllte dem ganzen
Königreiche die Schande zweier vornehmen Familien. Grey nebst einigen
von den Helfers­helfern, die ihm bei seinem Liebeshandel gedient hatten,
wurden unter der Anklage einer Verbindung zu gesetzwidrigem Zwecke vor
Gericht gestellt und es ereignete sich vor den Schranken der Kings Bench
eine in den Annalen unsrer Justiz ohne Beispiel dastehende Scene. Der
Verführer erschien mit frecher Stirn in Begleitung seiner Geliebten, und
selbst in diesem unerhörten Falle wichen die großen whiggistischen Lords
nicht von der Seite ihres Freundes. Die, welche er beleidigt, standen ihm
gegenüber und wurden durch seinen Anblick zu Zornesausbrüchen gereizt.
Der alte Earl von Berkeley überhäufte die unglückliche Henriette mit
Vorwürfen und Verwünschungen. Die Gräfin gab unter häufigem
Schluchzen ihre Zeugenaussage ab und fiel endlich in Ohnmacht. Die
Geschwornen sprachen das „Schuldig“ aus. Als der Gerichtshof die Sitzung
aufhob, forderte Lord Berkeley alle seine Freunde auf, daß sie ihm
beistehen möchten, seine Tochter zu ergreifen; die Anhänger Grey’s
schaarten sich um Letztere, auf beiden Seiten wurden Schwerter gezuckt, es
entspann sich ein Gefecht in Westminster Hall und nur mit Mühe gelang es
den Richtern und Gerichtsdienern, die Streitenden zu trennen. In unsrer Zeit
würde ein solcher Prozeß den Ruf eines der Öffentlichkeit angehörenden
Mannes schänden; damals aber war der Maßstab der Moralität unter den
Großen so niedrig und die Parteiwuth so heftig, daß Grey nach wie vor
bedeutenden Einfluß hatte, wenn auch die Puritaner, welche einen
ansehnlichen Theil der Whigpartei bildeten, ihm mit einiger Kälte
begegneten. 7
Eine Seite von dem Character, oder man sollte vielleicht eher sagen von
dem Schicksale Grey’s verdient besondere Erwähnung: man mußte
zugestehen, daß er überall, auf dem Schlachtfelde ausgenommen, einen
hohen Grad von Muth bewies. Mehr als einmal zwang sein würdevolles
Benehmen und die vollkommene Beherrschung aller seiner Fähigkeiten in
schwierigen Lagen, wo sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiele
standen, selbst Diejenigen zu lobender Anerkennung, die ihn weder liebten
noch achteten. Als Soldat jedoch zog er sich, vielleicht weniger durch eigne
Schuld als durch unglücklichen Zufall den entehrenden Vorwurf
persönlicher Feigheit zu.

Page 17

7. Grey’s Narrative; sein Prozeß in der Collection of State Trials; Sprat’s True
Account.

In dieser Beziehung war er ganz verschieden von
Monmouth.
seinem Freunde, dem Herzoge von Monmouth.
Monmouth war tapfer und unerschrocken auf dem Schlachtfelde, sonst aber
überall weibisch und zaghaft. Seine Geburt, sein persönlicher Muth und
sein einnehmendes Äußere hatten ihm eine Stellung verschafft, für die er
sich durchaus nicht eignete. Nachdem er den Untergang der Partei, deren
nominelles Oberhaupt er gewesen war, mit angesehen, hatte er sich nach
Holland zurückgezogen. Der Prinz und die Prinzessin von Oranien
erblickten nicht mehr einen Nebenbuhler ihn ihm, und sie gewährten ihm
daher eine gastliche Aufnahme, denn sie hofften, sich durch freundliche
Behandlung des Herzogs Anspruch auf den Dank seines Vaters zu
erwerben. Sie wußten, daß die väterliche Zuneigung noch nicht erloschen
war, daß Monmouth noch immer im Geheimen Geldunterstützungen von
Whitehall erhielt und daß Karl es sehr ungnädig aufnahm, wenn Jemand
von seinem Sohne Übles sprach, in der Hoffnung, sich dadurch bei ihm
beliebt zu machen. Man hatte den Herzog in der Erwartung bestärkt, daß er,
wenn anders er keine neue Veranlassung zu Mißfallen gab, bald in sein
Vaterland zurückgerufen und in alle seine Ehrenstellen und Befehls­‐
haberposten wieder eingesetzt werden würde. Von solchen Erwartungen
beseelt, war er während des verflossenen Winters der Lebensnerv des Haags
gewesen. Auf einer Reihe von Bällen in dem prächtigen Oraniensaale,
dessen Wände in dem herrlichsten Farbenreichthum eines Jordaens und
Hondthorst prangen, hatte er die hervorragendste Figur gespielt. 8 Er hatte
die holländischen Damen mit dem englischen Contretanz bekannt gemacht
und seinerseits von ihnen auf den Kanälen Schlittschuh laufen gelernt. Die
Prinzessin hatte ihn bei seinen Ausflügen auf dem Eise begleitet, und es
hatte oft die Verwunderung und die Heiterkeit der auswärtigen Gesandten
erregt, wenn sie dort, in kürzeren Röcken, als sie in der Regel von so
vornehmen, das strengste Decorum beobachtenden Damen getragen
wurden, auf einem Beine dahinglitt. Der Einfluß des bezaubernden
Engländers schien den düstern Ernst, der den Hof des Statthalters

Page 18

characterisirte, verscheucht zu haben, und selbst der finstre, gedankenvolle
Wilhelm wurde heiterer gestimmt, wenn sein glänzender Gast erschien. 9
Inzwischen vermied Monmouth sorgfältig Alles, was an dem Orte, von
woher er Schutz erwartete, Anstoß erregen konnte. Er verkehrte überhaupt
mit wenigen Whigs und gar nicht mit den heftigen Männern, welche in den
schlimmsten Theil des Whigcomplots verwickelt gewesen waren. Daher
beschuldigten ihn seine ehemaligen Gesinnungsgenossen laut der
Unbeständigkeit und Undankbarkeit. 10
8. In der Pepys’schen Sammlung befindet sich ein Kupferstich, der einen der Bälle darstellt, welche
zu jener Zeit von Wilhelm und Marien im „Oranje Zaal“ gegeben wurden.
9. Avaux Neg. Jan. 25. 1685. Brief von Jakob an die Prinzessin von Oranien vom Januar 1684/85,
unter Birch’s Auszügen im Britischen Museum.
10. Grey’s Narrative; Wade’s Confession, Lansdowne M.S. 1152.

Von keinem der Verbannten wurde diese Anklage mit
Ferguson.
größerer Heftigkeit und Bitterkeit erhoben, als von
Robert Ferguson, dem Judas in Dryden’s großer Satire. Ferguson war ein
Schotte von Geburt, aber er hatte lange in England gelebt. Zur Zeit der
Restauration bekleidete er eine Pfarrstelle in Kent. Er war als Presbyterianer
erzogen, die Presbyterianer aber hatten ihn aus ihrer Mitte gestoßen und er
war zu den Independenten übergegangen. Dann war er Vorsteher einer von
den Dissenters in Islington errichteten Akademie gewesen, welche mit der
Westminsterschule und dem Charterhouse concurriren sollte, und hatte bei
einer Versammlung in Moorfields vor einem großen Zuhörerkreise
gepredigt. Auch hatte er einige theologische Abhandlungen geschrieben, die
sich vielleicht noch in den staubigen Winkeln einiger alten Bibliotheken
finden; aber obgleich er beständig Bibelstellen im Munde führte, so
überzeugte sich doch Jeder, der in Geldangelegenheiten mit ihm zu thun
bekam, sehr bald, daß er nichts als ein Schwindler war.
Endlich entzog er der Theologie fast ganz seine Aufmerksamkeit, um sie
dem schlechtesten Theile der Politik zuzuwenden. Er gehörte zu der Klasse,
die ein Geschäft daraus machen, erbitterten Parteien in unruhigen Zeiten
Dienste zu leisten, vor denen der Rechtschaffene aus Abscheu, der Kluge
aus Furcht zurückschreckt, zur Klasse der fanatischen Schurken. Er war

Page 19

heftig, bösartig, unempfänglich für die Wahrheit, ohne Gefühl für die
Schande, von unersättlicher Ruhmsucht erfüllt, fand an Intriguen, Aufruhr
und Unheil lediglich um ihrer selbst willen Vergnügen und arbeitete viele
Jahre in den dunkelsten Minen des Parteiwesens. Er lebte unter
Pasquillanten und falschen Zeugen, verwaltete eine geheime Kasse, aus
welcher Agenten besoldet wurden, die zu schlecht waren, als daß man sie
hätte anerkennen dürfen, und war Vorsteher einer geheimen Druckerei, aus
der fast täglich anonyme Pamphlets hervorgingen. Er rühmte sich, daß er
Schmähschriften um die Terrasse von Windsor herum ausgestreut und selbst
unter das Kopfkissen des Königs gebracht habe. Bei solcher Lebensweise
mußte er zu allerhand Listen seine Zuflucht nehmen, mußte mehrere Namen
führen und hatte einmal in vier verschiedenen Stadttheilen Londons vier
verschiedene Wohnungen. Bei dem Ryehousecomplot war er stark
betheiligt und man hat Grund zu der Vermuthung, daß er der erste Urheber
der blutigen Anschläge war, welche die ganze Whigpartei so sehr in
Mißcredit brachten. Als die Verschwörung entdeckt war und seinen
Genossen bange wurde, nahm er lachend Abschied von ihnen, indem er
ihnen sagte, sie wären Neulinge, er sei an Flucht, Verstecke und
Verkleidung gewöhnt und werde Zeit seines Lebens nie aufhören, zu
conspiriren. Er entkam auf den Continent, aber selbst dort schien er nicht
sicher zu sein. Die englischen Gesandten an den auswärtigen Höfen waren
angewiesen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben, und die Regierung
versprach Demjenigen, der ihn ergreifen würde, eine Belohnung von
fünfhundert Pistolen. Es war ihm auch nicht leicht, unbemerkt zu bleiben,
denn sein breiter schottischer Accent, seine lange und hagere Gestalt, seine
hohlen Wangen, seine beständig von der Perrücke beschatteten stechenden
Augen, sein von einem Hautausschlage geröthetes Gesicht, sein
gekrümmter Rücken und sein eigenthümlich wiegender Gang machten ihn
überall, wo er sich zeigte, zu einer auffallenden Erscheinung. Aber obgleich
er anscheinend mit ganz besondrem Eifer verfolgt wurde, so raunte man
sich doch im Stillen zu, daß dieser Eifer eben nur scheinbar sei und daß die
Gerichtsbeamten geheimen Befehl hätten, ihn nicht zu sehen. Es läßt sich
kaum bezweifeln, daß er wirklich ein erbitterter Unzufriedener war, aber
man hat starken Grund, zu vermuthen, er habe für seine Sicherheit dadurch
gesorgt, daß er in Whitehall vorgab, ein Spion gegen die Whigs zu sein und
daß er der Regierung eben nur so viele Mittheilungen zukommen ließ, als

Page 20

zur Aufrechterhaltung seines Credits genügten. Diese Annahme erklärt auf
die einfachste Weise das, was seinen Gesinnungsgenossen als eine
unnatürliche Sorglosigkeit und Tollkühnheit erschien. Da ihm selbst nichts
geschehen konnte, stimmte er jedesmal für den gewaltthätigsten und
gefährlichsten Weg und lächelte mitleidig über den Kleinmuth von
Männern, welche die schmachvolle Vorsichtsmaßregel, auf die er sich
verließ, nicht getroffen hatten, und die sich daher zweimal besannen, ehe sie
ihr Leben und Alles, was ihnen noch theurer war als das Leben, auf eine
Karte setzten. 11
Sobald er in den Niederlanden angekommen war, begann er über neue
Pläne gegen die englische Regierung zu brüten und fand unter seinen
Mitverbannten Männer, die seinen bösen Rathschlägen ein geneigtes Ohr
liehen. Monmouth hielt sich indeß beharrlich fern von ihm, und ohne
Beihülfe der ausgedehnten Popularität des Herzogs war unmöglich etwas
auszurichten. Aber die Ungeduld und Tollkühnheit der Verbannten waren so
groß, daß sie sich nach einem andren Führer umsahen. Sie schickten eine
Gesandtschaft an den einsamen Ort am Ufer des Genfer Sees, wo Edmund
Ludlow, einst ein ausgezeichneter Anführer in der Parlamentsarmee und ein
hervorragendes Mitglied des hohen Gerichtshofes, sich schon seit vielen
Jahren vor der Rache der wiedereingesetzten Stuarts verborgen hielt. Der
ernste greise Rebell weigerte sich jedoch, seine Einsiedelei zu verlassen. Er
habe das Seinige gethan, sagte er; wenn England noch zu retten sei, so
müsse es durch jüngere Männer geschehen. 12
Die unerwartete Erledigung der Krone veränderte die Gestalt der Dinge.
Jede Hoffnung auf friedliche Rückkehr in ihr Vaterland, welche die
verbannten Whigs vielleicht noch hegten, wurde durch den Tod eines
sorglosen und gutmüthigen Fürsten und durch die Thronbesteigung eines in
jeder Beziehung, ganz besonders aber in der Rache ungemein hartnäckigen
Prinzen vernichtet. Ferguson war in seinem Elemente. So vollständig ihm
altes Talent als Schriftsteller und Staatsmann fehlte, in so hohem Grade
besaß er dagegen die nicht beneidenswerthen Eigenschaften eines
Versuchers. So eilte er jetzt mit der tückischen Geschäftigkeit und
Gewandtheit eines bösen Geistes von einem Verbannten zum andren,
flüsterte jedem etwas ins Ohr und erregte in jeder Brust rachsüchtige Wuth
und wilde Begierden.

Page 21

Jetzt hoffte er auch von Neuem, daß es ihm doch noch gelingen werde,
Monmouth zu verführen. Die Lage dieses unglücklichen jungen Mannes
war eine ganz andre geworden. Während er im Haag tanzte und
Schlittschuh lief und jeden Tag die Einladung zur Rückkehr nach London
erwartete, stürzte ihn die Nachricht von seines Vaters Tode und von seines
Oheims Thronbesteigung plötzlich ins tiefste Elend. Die in seiner Nähe
Wohnenden konnten in der Nacht nach der Ankunft dieser
Schreckensbotschaft seine Seufzer und sein lautes Jammergeschrei hören.
Er verließ am folgenden Tage den Haag, nachdem er sowohl dem Prinzen
als auch der Prinzessin von Oranien sein Ehrenwort gegeben, daß er
durchaus nichts gegen die englische Regierung unternehmen werde, und
nachdem sie ihn mit Geld zur Bestreitung seiner dringendsten Bedürfnisse
versehen hatten. 13
Monmouth’s Aussichten waren nicht glänzend. Es war nicht
wahrscheinlich, daß er aus der Verbannung zurückgerufen werden würde,
und auf dein Festlande konnte er nicht länger inmitten des Glanzes und der
Festlichkeiten eines Hofes leben. Seine Verwandten im Haag scheinen ihn
wirklich zugethan gewesen zu sein, aber sie konnten ihn fernerhin nicht
offen beschützen, ohne ernste Gefahr, einen Bruch zwischen England und
Holland dadurch herbeizuführen. Wilhelm machte ihm einen gutgemeinten
und verständigen Vorschlag. Der Krieg zwischen dem Kaiser und den
Türken, welcher damals in Ungarn wüthete, wurde von ganz Europa mit
fast eben so großem Interesse verfolgt, als fünfhundert Jahre früher die
Kreuzzüge. Viele tapfere Edelleute, Protestanten sowohl als Katholiken,
fochten als Freiwillige für die gemeinschaftliche Sache des Christenthums.
Der Prinz rieth Monmouth, sich in das kaiserliche Lager zu begeben, und
versicherte ihn, daß es ihm dann nicht an Mitteln fehlen solle, um mit dem
eines vornehmen Engländers würdigem Glanze aufzutreten. 14 Dies war ein
vortrefflicher Rath; der Herzog aber konnte sich nicht dazu entschließen. Er
begab sich nach Brüssel, begleitet von Henriette Wentworth, Baronesse
Wentworth von Nettlestede, einem Fräulein von hoher Geburt und großem
Vermögen, die ihn leidenschaftlich liebte, ihm ihre jungfräuliche Ehre und
die Aussicht auf eine glänzende Verbindung aufgeopfert hatte, ihm in’s Exil
gefolgt war und die er vor Gott als seine rechtmäßige Gattin betrachtete.
Unter dem wohlthuenden Einflusse der weiblichen Freundschaft heilten

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auch bald die Wunden seines zerrissenen Herzens. Es schien, als hätte er in
der stillen Zurückgezogenheit das Glück gefunden und vergessen, daß er
einst die Zierde eines glänzenden Hofes und das Oberhaupt einer mächtigen
Partei gewesen war, daß er Armeen befehligt und selbst nach dem Besitze
eines Thrones gestrebt hatte.
Doch man gönnte ihm die Ruhe nicht. Ferguson wendete alle seine
Versuchungskünste an. Grey, der nicht wußte, woher er noch eine Pistole
nehmen sollte und der daher zu jedem, wenn auch noch so verzweifelten
Unternehmen bereit war, unterstützte Ferguson. Man ließ seinen Kunstgriff
unversucht, um Monmouth aus seiner Zurückgezogenheit hervorzulocken.
Auf die ersten Einladungen, die er von seinem ehemaligen Bundesgenossen
erhielt, antwortete er ablehnend. Er erklärte die Schwierigkeiten einer
Landung in England für unüberwindlich, versicherte, er sei des öffentlichen
Lebens überdrüssig, und bat darum, daß man ihn im ungestörten Genusse
seines neugefundenen Glücks lassen möge. Doch er war nicht der Mann,
der geschicktem und anhaltendem Drängen lange widerstehen konnte. Auch
sagt man, daß er durch den nämlichen mächtigen Einfluß, der ihm seine
Zurückgezogenheit so angenehm machte, überredet worden sei, dieselbe
wieder aufzugeben. Lady Wentworth wollte ihn als König sehen. Ihre
Einkünfte, ihre Juwelen und ihr Credit wurden ihm zur Verfügung gestellt,
und obwohl Monmouth’s Verstand nicht überzeugt war, so hatte er doch
nicht die Kraft, solchen Bitten zu widerstehen. 15
11. Burnet I. 342. Wood. Ath. Ox. unter dem Namen Owen; Absalom and Achitophel, part II.;
Eachard, III. 682. 697.; Sprat’s True Account an mehreren Stellen; Nonconformist’s Memorial;
North’s Examen, 399.
12. Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845.
13. Avaux Neg. Feb. 20. 22. 1685; Monmouth’s Brief an Jakob aus Ringwood.
14. The History of King William the Third, 2d. edition, 1703, vol. I. 160.
15. Welwood’s Memoirs, App. XV.; Burnet I. 630. Grey erzählt die Sache etwas anders, aber er
erzählte sie, um sein Leben zu retten. Der spanische Gesandte am englischen Hofe, Don Pedro de
Ronquillo, spöttelt in einem Briefe, den er um diese Zeit an den Statthalter der Niederlande schrieb,
darüber, daß Monmouth von der Freigebigkeit eines verliebten Weibes lebe, und äußert den ganz
ungegründeten Verdacht, daß des Herzogs Liebe nicht uneigennützig sei. „Hallandose hoy tan falto
de medios que ha menester transformarse en Amor con Miledi en vista de la necesidad de
poder subsistir.“ -- Ronquillo an Grana vom 30. März (9. April) 1685.

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Die englischen Verbannten empfingen ihn mit großer
Schottische
Freude und erkannten ihn einhellig als ihr Oberhaupt
Flüchtlinge.
an. Allein es gab noch eine andre Klasse von
Emigranten, welche nicht gemeint waren, seinen Befehlen zu gehorchen.
Regierungsfehler, wie der südliche Theil unsrer Insel sie nie gekannt, hatte
viele Flüchtlinge, deren maßloser politischer und religiöser Eifer im
Verhältniß zu den Bedrückungen stand, die sie erduldet, aus Schottland auf
den Continent getrieben. Diese Männer aber hatten keine Lust, einem
englischen Anführer zu folgen. Ihr engherziger Nationalstolz verleugnete
sich selbst in Armuth und Verbannung nicht, und sie wollten es nicht
zugeben, daß ihr Vaterland in ihrer Person zu einer Provinz erniedrigt
würde.

Sie hatten einen eignen Anführer in ihren Reihen:
Der Earl von
Archibald, neunten Earl von Argyle, der als
Argyle.
Oberhaupt des großen Stammes der Campbell bei der
Bevölkerung der Hochlande unter dem stolzen Namen Mac Callum More
bekannt war. Sein Vater, der Marquis von Argyle, war das Haupt der
schottischen Covenanters gewesen, hatte viel zum Sturze Karl’s I.
beigetragen, und die Royalisten waren der Meinung, daß er dieses
Verbrechen dadurch noch nicht gesühnt habe, daß er seine Einwilligung
dazu gab, Karl II. den leeren Königstitel und ein Staatsgefängniß in der
Form eines Palastes zu gewähren. Nach der Rückkehr der königlichen
Familie wurde der Marquis hingerichtet und sein Marquisat erlosch, aber
sein Sohn erhielt die Erlaubniß, das alte Earlthum zu erben, und er gehörte
so noch immer zu dem höchsten Adel Schottlands. Die politische Haltung
des Earl während der zwanzig Jahre, welche auf die Restauration folgten,
war, wie er später meinte, sündlich gemäßigt gewesen. Zwar hatte er in
einigen Fällen der Regierung, unter deren Joch sein Vaterland seufzte,
opponirt; aber sein Widerstand war schwach und vorsichtig gewesen. Seine
Nachgiebigkeit in kirchlichen Dingen hatte strenge Presbyterianer
verdrossen, und er war so weit entfernt gewesen, irgend eine Neigung zu
gewaltsamem Widerstand zu zeigen, daß, als die Covenanters durch
Verfolgung zum Aufstande getrieben wurden, er eine starke Truppe von
Unterthanen ins Feld stellte, um die Regierung zu unterstützen.

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Dies war seine politische Laufbahn gewesen, bis der Herzog von York, mit
der ganzen Autorität eines Königs bekleidet, nach Edinburg kam. Der
despotische Vicekönig überzeugte sich bald, daß er von Argyle keine
ungetheilte Unterstützung zu erwarten hatte. Da der mächtigste Edelmann
des Königreichs nicht gewonnen werden konnte, hielt man es für nöthig,
ihn aus dem Wege zu räumen. Zu dem Ende wurde er auf Verdachtgründe
hin, welche so unhaltbar waren, daß der Geist der Parteilichkeit und
Chikane selbst sich ihrer schämte, wegen Hochverraths in Untersuchung
gezogen, überführt und zum Tode verurtheilt. Die Anhänger der Stuarts
versicherten später, man habe nie beabsichtigt, dieses Urtheil zu vollziehen,
und die Anklage habe nur den Zweck gehabt, um ihn durch die Angst zur
Abtretung seiner ausgedehnten Jurisdiction in den Hochlanden zu bewegen.
Es läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, ob Jakob, wie seine Feinde
argwöhnten, die Absicht hatte, einen Mord zu begehen, oder nur, wie seine
Freunde behaupteten, durch die Androhung eines Mordes ein Zugeständniß
zu erpressen. „Ich kenne das schottische Recht nicht“, sagte Halifax zum
König Karl; „soviel aber weiß ich, daß wir hier in England aus Gründen wie
die, auf welche hin Mylord Argyle verurtheilt worden ist, keinen Hund
hängen würden 16.“
Argyle entkam verkleidet nach England und begab sich von da nach
Friesland. In dieser entlegenen Provinz hatte sein Vater ein kleines Gut
gekauft, das der Familie in bürgerlichen Unruhen als Zufluchtsort dienen
sollte. Unter den Schotten hieß es, daß dieser Ankauf in Folge der
Prophezeiung eines celtischen Sehers geschehen sei, dem die Offenbarung
geworden, daß Mac Callum More dereinst von seinem alten Stammsitze in
Inverary vertrieben werden würde 17. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der
kluge Marquis mehr durch die Zeichen der Zeit als durch die Visionen eines
Propheten gewarnt wurde. In Friesland lebte Earl Archibald einige Zeit so
ruhig, daß es nicht allgemein bekannt wurde, wohin er geflohen war. Er
unterhielt an seinem Zufluchtsorte einen regelmäßigen Briefwechsel mit
seinen Freunden in Großbritannien, nahm Theil an der Whigverschwörung
und entwarf mit den Oberhäuptern dieser Verschwörung den Plan zu einem
Einfall in Schottland 18. In Folge der Entdeckung des Ryehousecomplots
gab er diesen Plan auf; nach der Erledigung der Krone aber wurde derselbe
wieder ein Gegenstand seines Nachdenkens.

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Während seines Aufenthalts auf dem Continent hatte er über religiöse
Fragen mehr nachgedacht, als in den vergangenen Jahren seines Lebens.
Dieses Nachdenken hatte in einer Beziehung verderblich auf seinen Geist
eingewirkt. Seine Vorliebe für die synodalische Form der
Kirchenverfassung stieg jetzt bis zur Bigotterie. Wenn er bedachte, wie
lange er sich dem eingeführten Gottesdienste unterworfen hatte, ward er
von Scham und Reue ergriffen und zeigte sich nur zu sehr geneigt, seine
Abtrünnigkeit durch Gewaltschritte und Unduldsamkeit wieder gut zu
machen. Bald fand er indeß Gelegenheit zu beweisen, daß seine Furcht vor
einer höheren Macht und seine Liebe zu derselben ihn zu den furchtbarsten
Kämpfen gestählt hatte, durch welche die menschliche Natur geprüft
werden kann.
Für seine Leidensgefährten war sein Beistand vom höchsten Gewicht.
Obgleich geächtet und geflüchtet, war er doch in gewissem Sinne noch der
mächtigste Unterthan des britischen Reiches. An Reichthum stand er
wahrscheinlich, selbst vor seiner Verurtheilung, nicht nur dem hohen
englischen Adel, sondern auch manchem begüterten Squire von Kent und
Norfolk nach. Aber sein patriarchalisches Ansehen, ein Ansehen, das kein
Reichthum geben und keine Verurteilung entziehen konnte, machte ihn als
Oberhaupt eines Aufstandes wahrhaft furchtbar. Kein südlicher Lord hätte
darauf rechnen können, daß wenn er es wagen würde, sich der Regierung zu
widersetzen, auch nur seine Wildhüter und Jäger treu zu ihm gestanden
wären. Ein Earl von Bedford oder ein Earl von Devonshire konnte sich
nicht anheischig machen, zehn Mann ins Feld zu stellen. Mac Callum More
dagegen konnte, obgleich ohne Mittel und seines Earlthums beraubt, jeden
Augenblick einen ernsten Bürgerkrieg hervorrufen. Er brauchte sich nur auf
der Küste von Lorn zu zeigen und binnen wenigen Tagen hatte er eine
Armee um sich versammelt. Die bewaffnete Macht, die er unter günstigen
Verhältnissen ins Feld stellen konnte, belief sich auf fünftausend Streiter,
die ihm unbedingt gehorchten, an den Gebrauch des Schildes und des
breiten Schwertes gewöhnt waren, einen Kampf mit regulären Truppen
selbst im offenen Felde nicht scheuten und solchen Truppen vielleicht in
den Eigenschaften überlegen waren, welche zur Vertheidigung in Nebel
gehüllter und von reißenden Gießbächen zerklüfteter rauher Gebirgspässe
erforderlich sind. Was eine solche Macht bei umsichtiger Leitung selbst

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gegen kriegserfahrene Regimenter und geschickte Anführer auszurichten
vermochte, das zeigte sich wenige Jahre später bei Killiecrankie.
16. Prozeß gegen Argyle in der Collection of State Trials; Burnet, I. 521; A true and plain
Account of the Discoveries made in Scotland, 1684; The Scotch Mist cleared; Sir George
Mackenzie’s Vindication; Lord Fonntainhall’s Chronological Notes.
17. Untersuchung gegen Robert Smith im Anhange zu Sprat’s True Account.
18. True and plain Account of the Discoveries made in Scotland.

So großen Anspruch aber auch Argyle auf das
Sir Patrick Hume
Vertrauen der verbannten Schotten hatte, gab es doch
und Sir Johann
eine Partei unter ihnen, die ihn nicht mit
Cochrane.
wohlwollendem Auge betrachtete und sich nur seines
Namens und seines Einflusses bedienen wollte, ohne ihn mit einer
wirklichen Gewalt zu betrauen. Das Oberhaupt dieser Partei war ein
Edelmann aus dem schottischen Niederlande, der in das Whigcomplot
verwickelt gewesen und nur mit Mühe der Rache des Hofes entgangen war:
Sir Patrick Hume, von Polwart in Berwickshire. Gegen seine
Rechtschaffenheit sind starke Zweifel erhoben worden, aber ohne haltbaren
Grund. Soviel kann man jedoch nicht in Abrede stellen, daß er seiner Sache
durch Verkehrtheit eben so viel schadete, als es durch Verrath hätte
geschehen können. Er war eben so unfähig zum Führen wie zum Folgen,
eingebildet, streitsüchtig und launenhaft, ein endloser Schwätzer, zaghaft
und langsam bei Unternehmungen gegen den Feind, und nur thätig gegen
seine eigenen Verbündeten. Mit Hume eng verbunden war ein andrer
schottischer Verbannter von hohem Ansehen, der viele von den nämlichen
Fehlern hatte, wenn auch nicht in gleichem Grade: Sir Johann Cochrane,
zweiter Sohn des Earl von Dundonald.

Eine weit höhere Stufe gebührte Andreas Fletcher von
Fletcher von
Saltoun, einem Manne, der sich ebensowohl durch
Saltoun.
wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, als
durch Muth, Uneigennützigkeit und Gemeinsinn auszeichnete, aber ein
reizbares und unlenksames Temperament besaß. Gleich vielen seiner
berühmtesten Zeitgenossen, wie Milton, Harrington, Marvel und Sidney,

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hatte auch ihm die schlechte Regierung mehrerer aufeinander­folgenden
Fürsten einen entschiedenen Widerwillen gegen die erbliche Monarchie
eingeflößt. Jedoch war er kein Demokrat. Er war das Oberhaupt eines alten
normännischen Hauses und stolz auf seine Abkunft, war ein feiner Redner
und Schriftsteller und bildete sich auf seine geistige Überlegenheit etwas
ein. Als Gentleman wie als Gelehrter blickte er mit Geringschätzung auf das
gemeine Volk herab und war so wenig geneigt, demselben eine politische
Macht anzuvertrauen, daß er es sogar unfähig für den Genuß der
persönlichen Freiheit hielt. Merkwürdig ist der Umstand, daß dieser Mann,
der rechtschaffenste, furchtloseste und unbeugsamste Republikaner seiner
Zeit, der Urheber eines Planes war, welcher dahin zielte, einen großen Theil
der arbeitenden Klassen Schottlands zu Sklaven zu machen. Er hatte große
Ähnlichkeit mit jenen römischen Senatoren, die, während sie den
Königstitel haßten, doch mit unbeugsamem Stolze ihre Standesvorrechte
gegen die Eingriffe der Menge vertheidigten und ihre Sklaven und
Sklavinnen durch Block und Peitsche regierten.
Amsterdam war der Ort, wo sich die schottischen und englischen Führer der
Emigranten versammelten. Argyle kam aus Friesland, Monmouth aus
Brabant dahin. Es zeigte sich sehr bald, daß die Flüchtlinge kaum etwas
Andres gemein hatten als den Haß gegen Jakob und den ungeduldigen
Drang, aus der Verbannung in die Heimath zurückzukehren. Die Schotten
waren eifersüchtig auf die Engländer, die Engländer eifersüchtig auf die
Schotten. Monmouth’s hohe Ansprüche verdrossen Argyle, der, stolz auf
seinen alten Adel und auf seine legitime Abstammung von Königen,
durchaus nicht geneigt war, dem Sprossen einer flüchtigen und unedlen
Liebe zu huldigen.

Doch von allen Mißhelligkeiten, welche die kleine
Unverständiges
Schaar der Geächteten entzweiten, war die
Benehmen der
ernsthafteste das Zerwürfniß, welches zwischen
schottischen
Argyle und einem Theile seiner eigenen Begleiter
Flüchtlinge.
ausbrach. Durch den lang andauernden Widerstand
gegen die Tyrannei war der Geist und das Gemüth einiger der schottischen
Verbannten in einen Zustand krankhafter Gereiztheit versetzt worden, der

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ihnen auch die vernünftigste und nothwendigste Beschränkung unerträglich
machte. Sie wußten, daß sie ohne Argyle nichts vermochten. Aber sie hätten
auch wissen sollen, daß sie, wenn sie nicht kopfüber ins Verderben stürzen
wollten, entweder ihren Führer volles Vertrauen schenken, oder jedem
Gedanken an ein militairisches Unternehmen entsagen mußten. Die
Erfahrung hat zur Genüge bewiesen, daß im Kriege jede Operation, von der
größten bis zur kleinsten, unter der unumschränkten Leitung Eines Geistes
stehen und daß jeder ihm Untergeordnete in seiner Stellung blindlings und
willig, ja sogar solchen Befehlen anscheinend freudig gehorchen muß, die
er nicht gutheißen kann oder deren Beweggründe vor ihm geheimgehalten
werden. Repräsentative Versammlungen, öffentliche Discussionen und alle
die anderen Hemmungsmittel, durch welche die Herrscher in bürgerlichen
Angelegenheiten am Mißbrauch der Gewalt verhindert werden, sind in
einem Feldlager nicht angewandt. Macchiavell schrieb viele von den
Unfällen, welche Venedig und Florenz trafen, mit Recht der eifersüchtigen
Einmischung dieser Republiken in alle Schritte ihrer Generäle zu. 19 Die
holländische Sitte, zu einer Armee Abgeordnete zu senden, ohne deren
Einwilligung kein entscheidender Schlag geführt werden durfte, war fast
eben so verderblich. Allerdings ist es keineswegs ausgemacht, daß ein
Anführer, der im Augenblicke der Gefahr mit dictatorischer Gewalt
bekleidet worden ist, diese Gewalt nach errungenem Siege ruhig wieder
niederlegt, und dies ist einer von den zahlreichen Gründen, warum die
Menschen so lange als möglich zögern sollten, ehe sie sich entschließen, die
öffentliche Freiheit mit dem Schwerte zu vertheidigen. Haben sie sich aber
einmal entschlossen, das Kriegsglück zu versuchen, dann werden sie auch,
wenn sie klug sind, ihrem Führer die unumschränkte Gewalt übertragen,
ohne welche ein Krieg nicht gut geführt werden kann. Möglich daß er sich,
nachdem sie ihm diese Gewalt anvertraut haben, als ein Cromwell oder ein
Napoleon erweist; aber es ist so gut als gewiß, daß, wenn sie ihm seine
Autorität vorenthalten, ihre Unternehmungen enden werden, wie die
Unternehmung Argyle’s endete.
Einige von den schottischen Emigranten boten, erhitzt von republikanischer
Begeisterung, und des zur Führung großer Angelegenheiten erforderlichen
Geschicks gänzlich bar, ihre ganze Thätigkeit und ihren ganzen Scharfsinn
auf, nicht um Mittel zu dem Angriffe zu sammeln, den sie gegen einen

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furchtbaren Feind beabsichtigten, sondern um Beschränkungen der Macht
ihres Führers und Bürgschaften gegen seinen Ehrgeiz zu ersinnen. Die
selbstgefällige Beschränktheit, mit der sie darauf beharrten, eine Armee so
zu organisiren, wie eine Republik, würde unglaublich erscheinen, wäre sie
nicht von einem der Ihrigen selbst offen und sogar rühmend geschildert
worden. 20
19. Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio, lib. II. cap. 33.
20. Siehe Sir Patrick Hume’s Narrative an d. betr. Stellen.

Endlich wurde aller Zwist geschlichtet und
Anstalten zu
beschlossen, daß unverweilt ein Angriff auf die
einem
Westküste Schottlands versucht werden und daß
Unternehmen
demselben eine Landung in England auf dem Fuße
gegen England
folgen sollte.
und Schottland.
Argyle sollte in Schottland nominell das Commando
führen, wurde aber der Controle eines Ausschusses untergeordnet, der sich
die Anordnung der wichtigsten militairischen Maßregeln vorbehielt. Dieser
Ausschuß war ermächtigt zu entscheiden, wo die Expedition landen sollte,
Offiziere zu ernennen, die Oberaufsicht über die Truppenaus­hebungen zu
führen und Proviant und Munition zu vertheilen. Dem General blieb somit
weiter nichts überlassen als die Leitung der eigentlichen Kriegsoperationen
im Felde, und er mußte versprechen, daß er selbst im Felde, außer bei
unerwarteten Überfällen, nichts ohne die Zustimmung eines Kriegsrathes
thun werde.
Monmouth sollte in England commandiren. Sein weiches Gemüth hatte,
wie gewöhnlich, Eindrücke von der ihn umgebenden Gesellschaft
angenommen. Ehrgeizige Hoffnungen, welche anscheinend erloschen
gewesen waren, regten sich aufs neue in seiner Brust. Er erinnerte sich der
Liebe, mit der er jederzeit in Stadt und Land von dem Volke begrüßt
worden war, und er erwartete, daß sie sich zu Hundert­tausenden erheben
würden, um ihn willkommen zu heißen. Er gedachte der Zuneigung, welche
die Soldaten stets für ihn gehegt hatten, und schmeichelte sich mit der
Hoffnung, daß sie regimenterweise zu ihm übergehen würden.

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Ermuthigende Zuschriften kamen ihm in rascher Aufeinanderfolge von
London zu. Man versicherte ihm, daß die Gewaltthätigkeit und
Ungerechtigkeit, mit der bei den letzten Wahlen verfahren worden war, die
Nation empört, daß nur die Besonnenheit der Whighäupter mit Mühe einen
blutigen Aufstand am Krönungstage verhindert habe und daß alle die
vornehmen Lords, welche die Ausschließungsbill unterstützt, es kaum
erwarten könnten, sich um ihn zu schaaren. Wildman, der gern in
Gleichnissen Verrath predigte, ließ ihm sagen, daß gerade vor zweihundert
Jahren der Earl von Richmond mit einer Handvoll Leuten in England
gelandet und wenige Tage später auf dem Felde von Bosworth mit dem von
Richard’s Haupte genommenem Diademe gekrönt worden sei. Danvers
unternahm es, die City aufzuwiegeln. Man machte den Herzog glauben, daß
sobald er sein Banner aufgepflanzt, Bedfordshire, Buckinghamshire,
Hampshire und Cheshire zu den Waffen greifen würden. 21 In Folge dessen
konnte er es nicht erwarten, das Unternehmen zu beginnen, vor dem er noch
wenige Wochen vorher zurückgeschreckt war. Seine Landsleute legten ihm
keine so unsinnigen Beschränkungen auf, wie die schottischen Emigranten
sie ausgeklügelt hatten, man verlangte nichts weiter von ihm als das
Versprechen, daß er den Königstitel nicht eher annehmen wolle, als bis
seine Ansprüche dem Urtheile eines freien Parlaments unterbreitet worden
seien.
Es ward beschlossen, daß zwei Engländer, Ayloffe und Rumbold, den Earl
von Argyle nach Schottland begleiten und daß Fletcher mit Monmouth nach
England gehen solle. Fletcher hatte dem Unternehmen von vornherein einen
unglücklichen Ausgang prophezeit, aber sein ritterlicher Sinn gestattete ihm
nicht, ein Wagstück abzulehnen, nach welchem seine Freunde begierig zu
verlangen schienen. Als Grey die Äußerungen Wildman’s in Bezug auf
Richmond und Richard beistimmend wiederholte, bemerkte der
wohlbelesene und denkende Schotte sehr richtig, es sei ein großer
Unterschied zwischen dem fünfzehnten und dem siebzehnten Jahrhundert.
Richmond war des Beistandes von Baronen gewiß, deren Jeder ein Heer
von Lehnsleuten ins Feld stellen konnte, und Richard hatte nicht ein
einziges Regiment regulärer Soldaten. 22
Es gelang den Verbannten, theils aus eigenen Mitteln, theils durch Beiträge
von Freunden in Holland eine für beide Expeditionen genügende Summe

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aufzubringen. Von London erhielten sie nur sehr wenig. Sie hatten von dort
sechstausend Pfund erwartet; anstatt des Geldes aber kamen
Entschuldigungen von Wildman, welche Allen, die nicht blind sein
w o l l t e n, die Augen hätten öffnen sollen. Der Herzog deckte den Ausfall,
indem er seine eigenen Juwelen und die der Lady Wentworth verpfändete.
Es wurden Waffen, Munition und Proviant gekauft und mehrere in
Amsterdam liegende Schiffe damit befrachtet 23.
21. Grey’s Narrative; Wade’s Confession, Harl. MS. 6845.
22. Burnet, I. 631.
23. Grey’s Narrative.

Es ist merkwürdig, daß gerade der ausgezeichnetste
Johann Locke.
und am gröblichsten beleidigte Mann unter den
britischen Verbannten sich von allen diesen übereilten Beschlüssen fern
hielt. Johann Locke haßte Tyrannei und Verfolgung als Philosoph, aber sein
Verstand und sein Character bewahrten ihn vor der Heftigkeit eines
Parteigänger. Er hatte mit Shaftesbury auf vertrautem Fuße gestanden und
sich dadurch das Mißfallen des Hofes zugezogen. Locke war jedoch so klug
und vorsichtig gewesen, daß es wenig genützt haben würde, wenn man ihn
vor die damaligen Gerichte gestellt hätte, so verderbt und parteiisch diese
auch waren. Nur in einem Punkte war er verwundbar. Er war Mitglied des
Christchurch-Collegiums der Universität Oxford. Es ward beschlossen, von
diesem berühmten Collegium den größten Mann zu vertreiben, dessen es
sich je zu rühmen gehabt hatte. Dies war aber nicht leicht, denn Locke hatte
sich in Oxford sorgfältig gehütet, irgendeine Meinung über die Tagespolitik
zu äußern. Man hatte ihn mit Spionen umgeben. Doctoren der Theologie
und Magister der Philosophie hatten sich nicht geschämt, den
schimpflichsten aller Dienste zu leisten, den Mund eines Collegen zu
bewachen, um etwaige Äußerungen zu seinem Verderben zu hinterbringen.
Das Gespräch in der Halle war absichtlich auf verfängliche Themata
gelenkt worden, wie auf die Ausschließungsbill und auf den Character des
Earl von Shaftesbury, aber vergebens. Locke ließ sich weder ein
unbesonnenes Wort entschlüpfen, noch verstellte er sich, sondern er
beobachtete ein so beharrliches Schweigen und eine so gleichgültige Ruhe,

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daß die Werkzeuge der Gewalt zu ihrem Ärger gestehen mußten, nie habe
ein Mann es verstanden, seine Zunge und seine Leidenschaften so
vollkommen zu beherrschen. Als man sah, daß man mit Verrath nichts
ausrichtete, brauchte man willkürliche Gewalt. Nachdem die Regierung es
umsonst versucht hatte, Locke zu einem Fehler zu verleiten, beschloß sie,
ihn ohne einen solchen zu bestrafen. Es kam Befehl von Whitehall, ihn
seines Amtes zu entsetzen, und der Dechant und die Canonici beeilten sich,
diesem Befehle nachzukommen.
Locke reiste zu seiner Erholung auf dem Continent, als er erfuhr, daß er
ohne Untersuchung und selbst ohne Benachrichtigung seiner Heimath und
seines Unterhalts beraubt worden sei. Die Ungerechtigkeit, mit der man
gegen ihn verfahren war, würde es entschuldigt haben, wenn er zu
gewaltsamen Mitteln gegriffen hätte, um sich Recht zu verschaffen. Aber
persönlicher Groll konnte ihn nicht verblenden. Er erwartete nichts Gutes
von den Plänen Derer, die sich in Amsterdam versammelt hatten, und er zog
daher in aller Stille nach Utrecht, wo er sich mit der Abfassung seines
berühmten Briefes über die Toleranz beschäftigte, während seine
Unglücksgefährten auf ihr eignes Verderben hinarbeiteten 24.
24. Le Clerc’s Life of Locke; Lord King’s Life of Locke; Lord Grenville’s Oxford and
Locke. Locke darf nicht mit dem Anabaptisten Nikolaus Look verwechselt werden, dessen
Name in Grey’s Confession Locke geschrieben ist und der auch in den Lansdowne MS.
1152, sowie in der Erzählung von Buccleuch im Anhange zu Rose’s Abhandlung erwähnt
wird. Ich würde es kaum für nöthig gehalten haben, hierauf aufmerksam zu machen, hätte
nicht die Ähnlichkeit dieser beiden Namen einen mit der Geschichte jener Zeiten so
wohlbekannten Mann wie Präsident Onslow irre geführt. Siehe seine Anmerkung über
Burnet I. 629.

Die englische Regierung erhielt in Zeiten Kunde
Vorkehrungen
davon, daß unter den Verbannten etwas im Werke war.
der Regierung
Einen Einfall in England scheint man jedoch zuerst
zur
nicht erwartet zu haben; wohl aber fürchtete man, daß
Vertheidigung
Argyle nächstens bewaffnet unter seinen
Schottlands.
Clansmännern erscheinen werde. In Folge dessen
erschien eine Verordnung des Inhalts, daß Schottland in Vertheidigungs­‐
zustand gesetzt werden solle. Die Miliz erhielt Befehl, sich bereit zu halten.
Alle dem Namen Campbell feindlich gesinnten Clans wurden in Bewegung

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gesetzt. John Murray, Marquis von Athol, wurde zum Lordlieutenant von
Argyleshire ernannt und er besetzte mit einer starken Abtheilung seiner
Untergebenen das Schloß von Inverary. Einige verdächtige Personen
wurden eingezogen, andere mußten Bürgschaft leisten. Kriegsschiffe
wurden abgesandt, um in der Nähe der Insel Bute zu kreuzen, und ein Theil
der irländischen Arme wurde nach der Küste von Ulster dirigirt. 25
25. Wodrow, book III. chap. IX.; London Gazette, May 11, 1685; Barillon, 11.(21.)
Mai.

Während diese Vorkehrungen in Schottland getroffen
Unterredung
wurden, berief Jakob den Arnold Van Citters, der
Jakob’s mit den
lange als Gesandter der Vereinigten Provinzen in
holländischen
England zugebracht, und Everard Van Dykvelt, der
Gesandten.
nach Karl’s Tode in einer besonderen Mission zur
Beileidsbezeigung und Beglückwünschung von den Generalstaaten nach
London geschickt worden war, in sein Kabinet. Der König sagte ihnen, daß
er aus sicheren Quellen Kenntniß von Anschlägen gegen seinen Thron
erhalten, welche seine verbannten Unterthanen in Holland schmiedeten.
Einige von den Verbannten seien Kehlabschneider, welche nur die
besondere Fügung Gottes verhindert habe, einen schändlichen Mord zu
begehen, und es befinde sich unter ihnen der Eigenthümer des Ortes, an
dem das Gemetzel habe vor sich gehen sollen. „Von allen Lebenden,“ setzte
der König hinzu, „hat Argyle die größten Mittel in den Händen, mir zu
schaden, und Holland ist dasjenige Land, von welchem aus am leichtesten
ein Schlag gegen mich geführt werden kann.“ Citters und Van Dykvelt
versicherten Seiner Majestät, daß seine Worte der Regierung, die sie
vertraten, unverzüglich mitgeteilt werden sollten, und daß zuversichtlich
Alles gethan werden würde, um ihn zufrieden zu stellen. 26
26. Register of the Proceedings of the States General, May 5.(15.) 1685.

Die Gesandten waren berechtigt, dieses Vertrauen
Vergebliche
auszusprechen. Der Prinz von Oranien sowohl als die
Versuche, Argyle
Generalstaaten wünschten damals sehnlichst, daß ihre
Gastfreundschaft nicht zu Zwecken gemißbraucht

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am Absegeln zu werde, über welche die englische Regierung sich mit
verhindern. Recht beschweren könnte. Jakob hatte neuerdings
eine Sprache geführt, welche der Hoffnung Raum
gab, daß er sich nicht geduldig dem Einflusse Frankreichs unterwerfen
werde. Es war daher wahrscheinlich, daß er sich zu einem engen Bündnisse
mit den Vereinigten Provinzen und mit dem Hause Österreich bestimmen
lassen werde, und man vermied deshalb im Haag mit ängstlicher Sorgfalt
Alles, was irgend Anstoß bei ihm erregen konnte. Auch vereinigte sich bei
dieser Gelegenheit Wilhelm’s eigenes Interesse mit dem Interesse seines
Schwiegervaters.
Aber die Lage war von der Art, daß sie rasches und kräftiges Einschreiten
erforderte, und die Natur der batavischen Institutionen machte ein solches
Einschreiten fast unmöglich. Die Union von Utrecht, welche unter blutigen
Revolutionskämpfen und zu dem Zwecke, den dringendsten Bedürfnissen
zu genügen, flüchtig entworfen worden, war niemals in ruhiger Zeit
sorgfältig revidirt und vervollständigt worden. Jede von den sieben
Republiken, weiche diese Union mit einander verbunden hatte, besaß fast
noch alle Souverain­etätsrechte und behauptete diese Rechte beharrlich der
Centralregierung gegenüber. Gleichwie die Bundesgewalt nicht die Mittel
hatte, die Provinzialgewalten zu pünktlichem Gehorsam zu zwingen, so
hatten auch diese nicht die Mittel, die Municipalbehörden zu pünktlichem
Gehorsam zu zwingen. Holland allein enthielt achtzehn Städte, von denen
jede in vieler Beziehung einen unabhängigen und keine Einmischung von
Außen duldenden Staat bildete. Wenn die Behörden dieser Städte vom Haag
einen Befehl erhielten, der ihnen nicht gefiel, so ignorirten sie denselben
entweder ganz, oder kamen ihm doch nur langsam und zögernd nach. Bei
einigen Stadträthen vermochte allerdings der Wille des Prinzen von Oranien
Alles; unglücklicherweise aber war der Ort, wo sich die britischen
Verbannten gesammelt hatten und wo ihre Schiffe ausgerüstet worden
waren, das reiche und stark bevölkerte Amsterdam, und die
Magistratsbeamten von Amsterdam waren die Oberhäupter der gegen die
Bundesregierung und gegen das Haus Nassau feindlich gesinnten Partei.
Die Marineverwaltung der Vereinigten Provinzen war in den Händen fünf
verschiedener Admiralitäts­behörden; eine dieser Behörden hatte ihren Sitz

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in Amsterdam, wurde theilweis von der städtischen Behörde ernannt und
scheint ganz von deren Geiste beseelt gewesen zu sein.
Alle Bemühungen der Bundesregierung, Jakob’s Wünsche zu erfüllen,
wurden durch die Ausflüchte der Amsterdamer Beamten und durch die
Fehlgriffe des Obersten Bevil Skelton, der eben als Gesandter Englands im
Haag angekommen war, vereitelt. Skelton war zur Zeit der englischen
Unruhen in Holland geboren und man hatte ihn daher als besonders
geeignet für diesen Posten gehalten 27; allein er war weder für diese noch
für irgend eine andre diplomatische Stellung befähigt. Leute, die einen
Character gut zu beurtheilen verstanden, erklärten ihn für den seichtesten,
unbeständigsten, leidenschaft­lichsten, anmaßendsten und geschwätzigsten
Menschen, den es geben könne 28. Er kümmerte sich nicht ernstlich um die
Schritte der Flüchtlinge, als bis drei für die Expedition nach Schottland
ausgerüstete Schiffe bereits glücklich aus der Zuydersee ausgelaufen,
sämmtliche Waffen, Munition und Mundvorräthe an Bord gebracht waren
und die Passagiere sich eingeschifft hatten. Anstatt sich nun, wie er hätte
thun sollen, an die Generalstaaten zu wenden, welche dicht neben seiner
Wohnung ihre Sitzungen hielten, schickte er einen Boten an den Magistrat
von Amsterdam mit dem Ersuchen, die verdächtigen Schiffe nicht abfahren
zu lassen. Der Magistrat von Amsterdam antwortete, daß der Eingang der
Zuydersee außer dem Bereiche seiner Jurisdiction liege, und verwies ihn an
die Bundesregierung. Es lag auf der Hand, daß dies eine bloße Ausflucht
war und daß durchaus keine Schwierigkeiten gemacht worden wären, wenn
man im Amsterdamer Stadthause den ernsten Willen gehabt hätte, Argyle
am Absegeln zu verhindern. Jetzt wendete sich Skelton an die
Generalstaaten. Sie zeigten sich vollkommen geneigt, seinem Ansuchen zu
willfahren, und da die Zeit drängte, wichen sie von dem Verfahren ab, das
sie sonst in ihrem Geschäftsgange zu beobachten pflegten. Noch denselben
Tag, an welchem der Oberst sich an sie gewendet, wurde ein in genauer
Übereinstimmung mit seinem Gesuch abgefaßter Befehl der Admiralität
von Amsterdam zugefertigt. In diesem Befehle aber war in Folge
unrichtiger Andeutungen von Seiten Skelton’s die Lage der Schiffe nicht
genau bezeichnet. Es hieß darin, sie lägen im Texel, während sie sich bei
Vlieland befanden. Die Admiralität von Amsterdam nahm diesen Fehler

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zum Vorwand, um nichts zu thun, und bevor er berichtigt werden konnte,
waren die drei Schiffe abgesegelt. 29
27. Dies wird in seinem Beglaubigungs­schreiben vom 16. März 1684/85 erwähnt.
28. Bonrepeaux an Seignelay vom 4.(14.) Febr. 1686.
29. Avaux Neg. April 30. (May 10.), May 1.(11.), May 5.(15.) 1685; Sir Patrick Hume’s
Narrative; Brief von der Admiralität von Amsterdam an die Generalstaaten vom 20. Juni 1685;
Memorial Skelton’s an die Generalstaaten vom 10. Mai 1685.

Die letzten Stunden, welche Argyle an der Küste
Argyle’s Abreise
Hollands zubrachte, waren Stunden der größten
von Holland.
Angst. In seiner Nähe lag ein holländisches
Kriegsschiff, das mit einer vollen Lage in einem Augenblicke die ganze
Expedition zu Schanden gemacht haben würde. Auch ruderte ein Boot um
seine kleine Flotte herum, in welchem sich einige Personen mit Fernröhren
befanden, die er für Spione hielt. Es wurde jedoch kein wirklicher Schritt
gethan, um ihn zurückzuhalten, und am Nachmittage des 2. Mai ging er mit
günstigem Winde unter Segel.
Die Fahrt war glücklich. Am Sechsten bekam man die Orkneyinseln in
Sicht. Argyle ging sehr unklugerweise auf der Höhe von Kirkwall vor
Anker und gestattete zwei von seinen Begleitern, hier ans Land zu gehen.
Der Bischof gab Befehl, sie festzunehmen. Die Flüchtlinge begannen eine
lange und lebhafte Debatte über diesen Unfall, denn zu Debatten fehlte es
ihnen vom Anfang bis zum Ende der Expedition nie an Energie und
Ausdauer, so zaghaft und unschlüssig sie im Übrigen waren. Einige
stimmten für einen Angriff auf Kirkwall, Andere für unverweilte
Fortsetzung der Reise nach Argyleshire. Endlich ließ der Earl einige an der
Küste der Insel wohnende Gentlemen festnehmen und schlug dann dem
Bischofe die Auswechselung der Gefangenen vor. Der Bischof gab keine
Antwort und die Flotte segelte wieder ab, nachdem sie drei Tage verloren
hatte.

Diese Verzögerung war höchst gefährlich. Es wurde
Argyle landet in
sehr bald in Edinburg bekannt, daß das Geschwader
Schottland.
der Aufrührer die Orkneyinseln berührt hatte, und

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man setzte daher schleunigst Truppen in Bewegung. Als der Earl seine
Provinz erreichte, fand er, daß Vorkehrungen getroffen waren, um seine
Landung zu verhindern. Bei Dunstaffnage schickte er seinen zweiten Sohn
Karl ans Land, um die Campbells zu den Waffen zu rufen. Karl aber kam
mit schlimmen Nachrichten zurück. Die Hirten und Fischer waren wohl
bereit, sich um Mac Callum More zu schaaren, aber von den Häuptlingen
der Clans waren einige gefänglich eingezogen, andere waren geflohen, und
die Zurückgebliebenen hielten es entweder mit der Regierung oder wollten
doch von einem Aufstande nichts wissen und weigerten sich sogar, den
Sohn ihres Stammoberhauptes nur vor sich zu lassen. Von Dunstaffnage
segelte die kleine Flotte weiter nach Campbelltown, unweit der Südspitze
der Halbinsel Kintyre. Hier veröffentlichte der Earl ein Manifest, das in
Holland unter der Leitung des Ausschusses von einem schottischen
Advokaten, Jakob Stewart, abgefaßt war, dessen Feder wenige Monate
darauf zu ganz anderen Dingen verwendet wurde. In diesem Erlasse waren
in einer Sprache, deren starke Ausdrücke zuweilen an possenhafte
Gemeinheit grenzten, viele wahre und einige eingebildete Beschwerden
auseinandergesetzt. Unter Andrem war darin angedeutet, der letzte König
sei an Gift gestorben. Für einen Hauptzweck der Expedition wurde die
völlige Unterdrückung nicht nur des Papismus, sondern auch des
Prälatenthums erklärt, welches die bitterste Wurzel und Frucht des
Papismus genannt war, und alle guten Schotten wurden ermahnt, der Sache
ihres Vaterlandes und ihres Gottes tapfren Beistand zu leihen. So eifrig
Argyle auch für das, was er den reinen Glauben nannte, eingenommen war,
scheute er sich doch nicht, einen halb papistischen, halb heidnischen
Gebrauch in Anwendung zu bringen. Das geheimnißvolle Kreuz von
Eibenholz, das zuerst angezündet und dann in Ziegenblut gelöscht wurde,
ward ausgeschickt, um alle Campbells vom sechzehnten bis zum
sechzigsten Jahre aufzurufen. Die Landenge von Tarbet war zum
Sammelplatz bestimmt. Die Truppe, die sich dort sammelte, war zwar klein
im Vergleich zu der, welche zusammengekommen sein würde, wenn der
Muth und die Kraft der Clans noch ungebrochen gewesen wäre, doch war
sie noch immer achtunggebietend. Sie erreichte die Zahl von
achtzehnhundert Mann. Argyle theilte seine Bergschotten in drei
Regimenter und schritt zur Ernennung der Offiziere.

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Die schon in Holland begonnenen Zänkereien hatten
Argyle’s
zwar während des ganzen bisherigen Verlaufs der
Zwistigkeiten mit
Expedition noch nicht aufgehört; in Tarbet aber
seinen Begleitern.
wurden sie heftiger als je. Der Ausschuß wollte sich
selbst in die patriarchalische Oberherrschaft des Earl über die Campbells
einmischen und ihm nicht einmal gestatten, den militärischen Rang seiner
Stammverwandten nach eignem Ermessen zu bestimmen. Während diese
streitsüchtigen Friedensstörer ihm seine Macht in den Hochlanden zu
entreißen suchten, unterhielten sie ihre eigne Correspondenz mit dem
Niederlande und wechselten Briefe, die dem nominellen General nie
mitgetheilt wurden. Hume und seine Verbündeten hatten sich die
Oberaufsicht über die Vorräthe vorbehalten und sie führten diesen
wichtigen Zweig der Kriegsverwaltung mit einer Lässigkeit, welche von
Treulosigkeit kaum zu unterscheiden war, ließen die Waffen verderben,
vergeudeten die Lebensmittel und lebten in verschwenderischer Üppigkeit
zu einer Zeit, wo sie allen Untergebenen mit dem Beispiele der Mäßigkeit
hätten vorangehen sollen.
Die große Frage war nun, ob die Hochlande oder die Niederlande 30 der
Schauplatz des Krieges sein sollten. Des Earl’s Hauptziel war für jetzt,
seine Autorität über sein eignes Gebiet zu befestigen, die fremden Clans,
welche aus Perthshire in Argyleshire eingedrungen waren, wieder
hinauszutreiben und seinen alten Stammsitz zu Inverary wieder
einzunehmen. Dann konnte er hoffen, vier- bis fünftausend Schwerter zu
seiner Verfügung zu haben, und mit einer solchen Streitmacht würde er im
Stande gewesen sein, diese wilden Gegenden gegen die ganze Macht des
Königreichs Schottland zu vertheidigen, so wie auch eine vortreffliche
Grundlage zu Angriffsoperationen gewonnen haben. Dies scheint der
vernünftigste Weg gewesen zu sein, der ihm offen stand. Rumbold, der eine
ausgezeichnete Kriegsschule durchgemacht hatte und von dem man, da er
Engländer war, erwarten konnte, daß er ein unparteiischer Schiedsrichter
zwischen den schottischen Factionen sein werde, that Alles, was in seinen
Kräften stand, um den Earl zu unterstützen. Hume und Cochrane aber
waren durchaus unfügsam, ihre Eifersucht auf Argyle war in der That
stärker, als der Wunsch, daß die Expedition gelingen möge. Sie sahen, daß
er zwischen seinen Bergen und Seen und an der Spitze eines hauptsächlich

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aus Mitgliedern seines eignen Stammes gebildeten Heeres im Stande sein
werde, ihren Widerstand zu brechen und die volle Autorität eines Generals
auszuüben. Sie munkelten, daß die Niederländer die Einzigen seien, denen
die gute Sache wirklich am Herzen liege, und daß die Campbells weder für
die Freiheit, noch für die Kirche Gottes, sondern lediglich für Mac Callum
More die Waffen ergriffen hätten. Cochrane erklärte, er werde nach Ayrshire
gehen, und wenn er allein, mit nichts als einer Heugabel in der Hand gehen
sollte. Nach langem Widerstreben willigte Argyle endlich gegen seine
bessere Überzeugung darein, daß sein kleines Heer getheilt wurde. Er blieb
mit Rumbold in den Hochlanden und Cochrane und Hume traten an die
Spitze des Korps, das zu einem Einfall in die Niederlande absegelte.
Cochrane’s Ziel war Ayrshire; aber die Küste dieser Grafschaft war von
englischen Fregatten bewacht und die Abenteurer mußten daher die
Mündung des Clyde bis Greenock hinauffahren, das damals ein kleines, aus
einer einzigen Reihe von Strohhütten bestehendes Fischerdorf war, jetzt
aber ein großer, blühender Hafen ist, dessen Zolleinnahmen die
Gesammteinkünfte, welche die Stuarts aus dem Königreiche Schottland
zogen, um das Fünffache übersteigen. Bei Greenock stand eine Abtheilung
Miliz; Cochrane aber brauchte Proviant und war daher entschlossen, zu
landen. Hume machte Einwendungen, Cochrane aber bestand fest darauf
und befahl einem Offizier, Namens Elphinstone, mit zwanzig Mann in
einem Boot ans Ufer zu fahren. Aber der streitsüchtige Geist der Führer
hatte alle Reihen angesteckt. Elphinstone antwortete, er sei nur verpflichtet,
vernünftigen Befehlen zu gehorchen, dieser aber sei unvernünftig, kurz, er
werde nicht gehen. Major Fullarton, ein braver Mann, den alle Parteien
achteten, der aber ein spezieller Freund Argyle’s war, unternahm es, mit nur
zwölf Mann zu landen und es gelang ihm trotz des Feuers, das von der
Küste aus auf ihn gerichtet wurde. Es entspann sich ein kleines Gefecht und
die Miliz wich zurück. Cochrane rückte in Greenock ein, verschaffte sich
Mehlvorrath, fand aber das Volk nicht geneigt zum Aufstande.
30. Nämlich die schottischen. D. Übers.

Die öffentliche Stimmung in Schottland war in der
Stimmung der
That nicht so, wie die Verbannten, welche durch die
schottischen

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Nation. ihrer Klasse zu jeder Zeit eigne Verblendung bethört
waren, sie erwartet hatten. Die Regierung war zwar
gehässig und gehaßt, aber die Mißvergnügten waren in Parteien gespaltet,
welche gegen einander fast eben so feindselig gesinnt waren, wie gegen
ihre Beherrscher, und keine von diesen Parteien zeigte sonderliche Lust,
sich den Einfallenden anzuschließen. Viele sprachen dem Aufstande jede
Aussicht auf Erfolg ab, und der Muth vieler Anderen war durch lange und
grausame Bedrückung wirksam gebrochen worden. Allerdings gab es noch
eine Klasse von Enthusiasten, welche nicht gewohnt waren, die Aussichten
des Gelingens zu erwägen, und die der Druck nicht gezähmt, sondern im
Gegentheil aufs Äußerste erbittert hatte; aber diese Leute sahen keinen
großen Unterschied zwischen Argyle und Jakob. Ihr Zorn war auf einen
solchen Grad gestiegen, daß das, was jeder Andere glühenden Eifer genannt
haben würde, in ihren Augen laodicäische Lauheit war. Auf der
Vergangenheit des Earl lastete ein Flecken, den sie als die schändlichste
Apostasie betrachteten. Die nämlichen Hochländer, die er jetzt zur
Ausrottung des Prälatenthums aufrief, hatte er wenige Jahre vorher zur
Vertheidigung desselben aufgerufen. Waren Sklaven, die von Religion
nichts wußten und sich nicht um sie kümmerten, welche bereit waren, für
Synodalverfassung, für Episkopat und für Papstthum zu kämpfen, wie es
Mac Callum More gerade zu befehlen geruhte, würdige Bundesgenossen
für das auserwählte Volk Gottes? Das in unschicklichem und intolerantem
Tone gehaltene Manifest erschien diesen Fanatikern als ein feiges und
weltliches Machwerk. Eine Verfassung, wie Argyle sie ihnen gegeben
haben würde und wie sie nachher ein mächtigerer und glücklicherer
Befreier ihnen gab, schien ihnen keines Kampfes werth. Sie verlangten
nicht nur Gewissensfreiheit für sich, sondern auch unumschränkte
Herrschaft über die Gewissen Andrer, nicht blos presbyterianische Lehre,
Verfassung und Gottesdienst, sondern den Covenant in seiner äußersten
Strenge. Sie waren nur dadurch zu befriedigen, daß alle Zwecke, um
deretwillen die bürgerliche Gesellschaft besteht, der Herrschaft eines
theologischen Systems aufgeopfert wurden. Wer da glaubte, daß keine Form
des Kirchen­regiments eine Verletzung der Nächstenliebe werth sei, wer
Verständigung und Toleranz empfahl, der schwankte zwischen Jehova und
Baal, wie sie sich ausdrückten. Wer Handlungen, wie die Ermordung des
Kardinals Beatoun und des Erzbischofs Sharpe verdammte, verfiel in die

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nämlichen Fehler, um dessentwillen Saul als König über Israel verworfen
worden war. Alle Maßregeln, durch welche unter civilisirten und
christlichen Menschen die Schrecken des Kriegs gemildert werden, waren
dem Herrn ein Gräuel. Pardon durfte weder genommen noch gegeben
werden. Ein rasender Malaye, ein von einem Haufen verfolgter toller Hund:
das waren die Vorbilder, die sich Krieger, welche zu gerechter
Selbstvertheidigung kämpften, zum Muster nehmen sollten. Für Gründe,
durch die sich Staatsmänner und Generäle bei ihren Schritten, leiten lassen,
waren diese Zeloten durchaus unempfänglich. Wenn ein Mann es wagte,
solche Gründe anzuführen, so war dies schon ein hinreichender Beweis, daß
er nicht zu den Gläubigen gehörte. Wenn der göttliche Segen fehlte, so
konnten auch schlaue Politiker, kriegserfahrene Heerführer, Waffenkisten
aus Holland oder Regimenter nicht wiedergeborener Celten aus den
Gebirgen von Lorn wenig ausrichten. War jedoch auf der andren Seite die
Zeit des Herrn wirklich gekommen, so konnte er noch immer wie vor Alters
durch das, was thöricht ist, die Weisen vor der Welt zu Schanden machen
und durch Wenige eben so gut wie durch Viele erretten. Die breiten
Schwerter Athol’s und die Bajonette Claverhouse’s konnten durch eben so
bescheidene Waffen wie die Schleuder David’s oder die Krüge Gideon’s in
die Flucht geschlagen werden. 31
Nachdem Cochrane die Unmöglichkeit erkannt hatte, die Bevölkerung
südlich vom Clyde zum Aufstande zu bewegen, kehrte er zu Argyle zurück,
der sich auf der Insel Bute befand. Der Earl schlug nun abermals vor, einen
Angriff auf Inverary zu versuchen; allein er stieß abermals auf hartnäckige
Opposition. Die Seeleute hielten es mit Cochrane und Hume, die
Hochländer unterwarfen sich unbedingt den Befehlen ihres Anführers. Es
stand zu befürchten, daß es zwischen den beiden Parteien zu Thätlichkeiten
kommen würde, und die Besorgniß vor einem solchen Unglück bewog den
Ausschuß zu einigen Zugeständnissen. Das Schloß Ealan Ghierig, an der
Mündung des Loch 32 Riddan gelegen, wurde zum Hauptwaffenplatz
erwählt. Die Kriegsvorräthe wurden dort ausgeschifft und das Geschwader
dicht an den Wällen an einer Stelle, wo es durch Felsen und Untiefen,
welche ihrer Meinung nach eine Fregatte nicht passiren konnte, geschützt
war, vor Anker gelegt. Dann wurden Außenwerke aufgeworfen und eine
Batterie von einigen von den Schiffen genommenen kleinen Kanonen

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aufgefahren. Das Commando in dem Fort ward höchst unklugerweise
Elphinstone übertragen, der schon Beweise gegeben hatte, daß er weit mehr
geneigt war, sich mit seinen Vorgesetzten zu streiten, als gegen den Feind
zu kämpfen.
Jetzt wurde auf einige Stunden ein wenig Energie entwickelt. Rumbold
nahm das Schloß Ardkingglaß. Der Earl scharmützelte erfolgreich mit
Athol’s Truppen und war schon im Anrücken gegen Inverary begriffen, als
er in Folge schlimmer Nachrichten von den Schiffen und durch
Parteispaltungen im Ausschusse gezwungen wurde, wieder umzukehren.
Die königlichen Fregatten waren Ealan Ghierig näher gekommen, als man
es für möglich gehalten, und die Herren vom Niederland weigerten sich auf
das Bestimmteste, noch weiter in’s Hochland vorzurücken. Argyle eilte
zurück nach Ealan Ghierig. Dort angelangt, schlug er einen Angriff auf die
Fregatten vor. Seine Schiffe waren zwar zu einem solchen Unternehmen
nicht hinreichend, aber sie wären durch eine Flotille von dreißig großen mit
bewaffneten Hochländern wohlbemannten Fischerböten unterstützt worden.
Der Ausschuß wollte jedoch von diesem Plane nichts hören und vereitelte
denselben auch wirklich durch Anzettelung einer Meuterei unter dem
Schiffsvolke.
Jetzt entstand allgemeine Verwirrung und Entmuthigung. Die Mundvorräthe
waren vom Ausschusse so schlecht verwaltet worden, daß es den Truppen
an Lebensmitteln fehlte. Die Hochländer desertirten daher zu Hunderten
und der durch sein Mißgeschick gänzlich zu Boden gedrückte Earl gab dem
Andringen Derer nach, welche noch immer hartnäckig darauf bestanden,
daß er in das Niederland vorrücken solle.
Die kleine Armee brach demgemäß eiligst nach den Ufern des Loch Long
auf, setzte bei Nacht in Böten über die Einfahrt und landete in
Dumbartonshire. Hier erhielten sie am folgenden Morgen die Nachricht,
daß die Fregatten einen Durchgang forcirt hatten, daß sämmtliche Schiffe
des Earls genommen worden waren, und daß Elphinstone ohne
Schwertstreich aus Ealan Ghierig geflohen sei und das Schloß mit allen
Vorräthen dem Feinde überlassen habe.
Es blieb nun weiter nichts übrig, als auf jede Gefahr hin in das Niederland
vorzudringen. Argyle beschloß einen kühnen Handstreich auf Glasgow zu

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wagen. Sobald aber dieser Entschluß bekannt wurde, ergriff dieselben
Männer, die ihn bis zu diesem Augenblicke gedrängt hatten, in das
Niederland zu eilen, ein panischer Schrecken, sie stritten, machten
Gegenvorstellungen, und da ihr Streiten und ihre Vorstellungen erfolglos
blieben, entwarfen sie den Plan, sich der Böte zu bemächtigen, auf eigne
Hand zu entfliehen und es ihrem General und seinen Clansleuten zu
überlassen, ohne Hülfe zu siegen oder unterzugehen. Dieser Plan schlug
jedoch fehl, und die Feiglinge, die ihn gefaßt hatten, waren gezwungen, mit
tapferen Männern die Gefahren des letzten Wagnisses zu theilen.
Auf dem Marsche durch die Gegend zwischen Loch Long und Loch
Lomond wurden die Insurgenten fortwährend durch Abtheilungen der Miliz
beunruhigt. Es fanden einige Gefechte statt, in denen der Vortheil auf Seiten
des Earl blieb, aber die vor ihm her fliehenden Trupps verbreiteten die
Nachricht von seinem Heranrücken und bald nach seinem Übergang über
den Fluß Leven stieß er auf ein zahlreiches Corps regulärer und irregulärer
Truppen, welche bereit waren, sich mit ihm zu messen.
Er war dafür, eine Schlacht anzunehmen, eben so auch Ayloffe. Hume aber
erklärte es für Wahnsinn, mit dem Feinde anzubinden. Er sah ein Regiment
in scharlachrother Uniform, und es konnten noch mehr dahinter stehen: eine
solche Macht angreifen, hieße einem sicheren Tode in den Rachen eilen.
Das Beste sei, sich bis zur Nacht ganz still zu verhalten und dann dem
Feinde wo möglich zu entschlüpfen.
Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, der nur mit Mühe durch
Rumbold’s Vermittelung beschwichtigt wurde. Es war Abend geworden,
und die beiden feindlichen Heere lagerten in nicht großer Entfernung von
einander. Der Earl wagte es, einen nächtlichen Angriff vorzuschlagen,
wurde aber auch diesmal wieder überstimmt.
31. Wer etwa glauben sollte, daß ich die Unvernunft und Wildheit dieser Menschen übertreibe, dem
rathe ich, zwei Bücher zu lesen, die ihn überzeugen werden, daß ich die Farben eher gemildert als zu
stark aufgetragen habe. Die Titel dieser beiden Werke sind: Hind let loose und Faithful
Contendings displayed.
32. See. D. Übers.

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Nachdem der Beschluß gefaßt war, nicht zu kämpfen,
Argyle’s Truppe
blieb nichts weiter übrig als den Schritt zu thun, den
zerstreut.
Hume anempfohlen hatte. Es war einige Möglichkeit
vorhanden, daß der Earl, wenn er in aller Stille aufbrach und die ganze
Nacht durch über Haiden und Moräste davoneilte, dem Feinde einen
Vorsprung von mehreren Meilen abgewinnen und ohne weitere
Behinderung Glasgow erreichen konnte. Man ließ die Wachtfeuer brennen
und setzte sich in Marsch. Doch nun folgte ein Unglück auf das andre. Die
Führer verfehlten den Weg durch die Moore und führten die Armee in
weichen Sumpfboden. Eine militairische Ordnung konnte bei diesen
undisciplinirten und entmuthigten Soldaten unter einem stockfinstren
Himmel und auf einem trügerischen, unebenen Boden nicht aufrecht
erhalten werden. Schrecken auf Schrecken verbreitete sich in den
getrennten Reihen. Was man sah und hörte hielt man für ein Anzeichen vom
Herannahen der Verfolger. Einige von den Officieren trugen noch zur
Vermehrung der Angst bei, während es ihre Pflicht gewesen wäre, sie zu
vermindern. Die Armee war ein demoralisirter Haufe geworden und dieser
schmolz rasch zusammen. Große Massen entflohen unter dem Schutze der
Dunkelheit. Rumbold und einige andere Tapfere, die keine Gefahr
schrecken konnte, verirrten sich und waren nicht im Stande, das Hauptcorps
wieder aufzufinden. Als der Tag anbrach, sammelten sich nur etwa
fünfhundert erschöpfte und entmuthigte Flüchtlinge in Kilpatrick.

An eine Fortsetzung des Kriegs war nicht mehr zu
Argyle gefangen
denken und es lag klar auf der Hand, daß es den
genommen.
Anführern der Expedition schwer genug werden
würde, nur ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Sie entflohen in
verschiedenen Richtungen. Hume erreichte glücklich das Festland.
Cochrane wurde ergriffen und nach London gebracht. Argyle hoffte unter
dem Dache eines seiner alten Diener, der in der Nähe von Kilpatrick
wohnte, ein sicheres Asyl zu finden. Allein er sah sich in dieser Hoffnung
getäuscht und war gezwungen, über den Clyde zu gehen. Er verkleidete sich
als Landmann und übernahm die Rolle eines Führers des Majors Fullarton,
dessen muthvolle Treue vor keiner Gefahr zurückschreckte. Die beiden
Freunde reisten mit einander durch Renfrewshire bis Inchinnan. Hier

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vereinigen sich der schwarze Cart und der weiße Cart, bevor sie sich in den
Clyde ergießen. Diese beiden Ströme fließen jetzt durch blühende Städte
und treiben die Räder zahlreicher Fabriken; damals aber ging ihr ruhiger
Lauf durch Moorstrecken und Schafweiden. Die einzige Furth, durch
welche die Reisenden den Fluß passiren konnten, wurde von einer
Abtheilung Miliz bewacht. Fullarton versuchte es, den Verdacht auf sich zu
lenken, damit sein Begleiter unbemerkt entschlüpfen könnte; aber die
Frager ahneten, daß der Führer nicht der ungebildete Landmann sei, der er
scheinen wollte. Sie legten Hand an ihn. Er riß sich los und sprang in’s
Wasser, ward aber sofort verfolgt. Eine kurze Zeit vertheidigte er sich gegen
fünf Angreifer; aber er hatte keine anderen Waffen als seine
Taschenpistolen, und diese waren in Folge seines Sprunges ins Wasser so
naß geworden, daß sie versagten. Ein Schwerthieb streckte ihn zu Boden
und er wurde festgenommen.
Er gab sich nun als den Earl von Argyle zu erkennen, wahrscheinlich in der
Hoffnung, daß sein angesehener Name bei denen, die ihn ergriffen hatten,
Ehrfurcht und Mitleid erwecken würde. Sie waren auch wirklich tief
erschüttert, denn sie waren einfache Schotten niederen Standes, und
obgleich im Dienste der Krone bewaffnet, hegten sie doch vielleicht einige
Vorliebe für calvinistische Kirchenverfassung und Gottesdienst und waren
überdies gewohnt, ihren Gefangenen als das Oberhaupt eines erlauchten
Hauses und als einen Vorkämpfer des protestantischen Glaubens zu
verehren. Doch obschon sie sichtbar ergriffen waren und obschon einige
von ihnen sogar weinten, so konnten sie sich doch nicht entschließen, die
versprochene ansehnliche Belohnung fahren zu lassen und sich der Rache
einer unerbittlichen Regierung auszusetzen. Sie brachten daher ihren
Gefangenen nach Renfrew. Der Mann, welcher bei der Verhaftung die
Hauptrolle spielte, hieß Riddell. Aus diesem Grunde war das ganze
Geschlecht der Riddell über ein Jahrhundert lang bei dem großen Stamme
der Campbell verhaßt. Noch Lebende können sich erinnern, daß ein Riddell,
der einen Markt in Argyleshire besuchte, es für rathsam hielt, einen falschen
Namen anzunehmen.
Jetzt begann der glänzendste Theil von Argyle’s Laufbahn. Sein
Unternehmen hatte ihm bisher nur Tadel und Spott eingetragen. Sein großer
Fehler war, daß er sich nicht entschieden geweigert hatte, den Titel eines

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Generals, ohne die Macht desselben, anzunehmen. Wäre er ruhig in
Friesland geblieben, so würde er in wenigen Jahren mit Ehren in sein
Vaterland zurückgerufen worden sein und hätte dann bald eine
hervorragende Zierde und Stütze der constitutionellen Monarchie erden
können. Hätte er die Expedition nach seinen eigenen Ansichten in’s Werk
gesetzt und nur solche Begleiter mitgenommen, welche bereit waren, allen
seinen Befehlen unbedingt zu gehorchen, so hätte er möglicherweise etwas
Großes bewirken können, denn es scheint ihm zu einem Befehlshaber
weder an Muth, noch an Thätigkeit oder Geschicklichkeit gefehlt zu haben,
sondern einzig und allein an Autorität. Er hätte wissen sollen, daß von allen
Mängeln dieser der verderblichste ist. Es haben schon Armeen unter
Anführern gesiegt, welche eben keine hervorragenden Eigenschaften
besaßen. Aber welches Heer, das von einem zanksüchtigen Clubb
commandirt wurde, wäre je der Auflösung und Schande entgangen?
Das große Unglück, das Argyle betroffen, hatte das Gute, daß es ihm
Gelegenheit verschaffte, durch unverkennbare Beweise zu zeigen, was für
ein Mann er war. Von dem Tage, an welchem er Friesland verließ, bis zu
dem, wo seine Begleiter sich in Kilpatrick von ihm trennten, hatte er nie frei
handeln können. Er hatte die Verantwortlichkeit für eine Reihe von
Maßregeln auf sich nehmen müssen, die sein Verstand mißbilligte. Jetzt
endlich stand er allein. Die Gefangenschaft hatte ihm die edelste Art der
Freiheit wiedergegeben, die Freiheit, sich in allen seinen Worten und Thaten
nur durch seinen eignen Sinn für Recht und Schicklichkeit leiten zu lassen.
Von diesem Augenblick war es als ob neue Weisheit und Tugend in ihm
eingezogen wären. Sein Verstand schien geschärft und geläutert, sein
sittlicher Character gehoben und zugleich gemildert. Der freche Übermuth
der Sieger unterließ nichts, was den auf seinen alten Adel und auf sein
patriarchalisches Ansehen stolzen Mann kränken und demüthigen konnte.
Der Gefangene ward im Triumph durch Edinburg geschleppt. Er ging zu
Fuß und entblößten Hauptes die ganze stattliche Straße entlang, welche von
düsteren und riesenhaften steinernen Gebäuden beschattet wird und von
Holyrood House nach dem Schlosse führt. Vor ihm her schritt der Henker
mit dem fürchterlichen Werkzeuge, welches zum Viertheilen auf dem
Blocke gebraucht wurde. Die siegreiche Partei hatte nicht vergessen, daß
fünfunddreißig Jahre früher Argyle’s Vater an der Spitze der Faction

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gestanden, welche Montrose dem Tode überantwortete. Schon vor diesem
Ereignisse waren die Häuser Graham und Campbell einander nicht
zugethan, seitdem aber hatten sie beständig in blutiger Fehde gelegen. Man
nahm darauf Bedacht, daß der Gefangene durch das nämliche Thor und
durch die nämlichen Straßen ging, durch welche Montrose dem gleichen
Schicksale entgegen geführt worden war. Die Truppen, welche den Zug
begleiteten, standen unter dem Commando Claverhouse’s, dem Wildesten
und Härtesten vom Geschlechte der Graham. Als der Earl auf dem Schlosse
angelangt war, wurden ihm Ketten an die Füße geschmiedet und ihm
angekündigt, daß er nur noch wenige Tage zu leben habe. Man hatte
beschlossen, ihn nicht seines letzten Vergehens wegen vor Gericht zu
stellen, sondern ihn ohne weiteres hinzurichten in Gemäßheit eines mehrere
Jahre vorher gegen ihn gefällten Urtheils, eines Urtheils von so empörender
Ungerechtigkeit, daß selbst die servilsten und gefühllosesten Juristen jener
schlimmen Zeit nicht ohne Beschämung davon sprechen konnten.
Aber weder die schimpfliche Prozession durch High Street, noch die nahe
Aussicht auf den Tod vermochte Argyle’s edle und majestätische Ruhe zu
erschüttern. Seine Standhaftigkeit wurde indeß auf eine noch härtere Probe
gestellt. Auf Befehl des Geheimen Raths ward ihm ein Papier mit Fragen
vorgelegt. Von diesen Fragen beantwortete er diejenigen, die er ohne Gefahr
für seine Freunde beantworten konnte, und weigerte sich mehr zu sagen.
Hierauf sagte man ihm, daß wenn er nicht vollständigere Antworten gäbe,
er auf die Folter gespannt werden würde. Jakob, der es gewiß sehr
bedauerte, daß er sich nicht persönlich an dem Anblicke Argyle’s in den
spanischen Stiefeln weiden konnte, hatte die gemessensten Befehle nach
Edinburg gesandt, daß nichts versäumt werden solle, was dem Verräther
Aufschluß über Alle, die bei dem Verrath betheiligt waren, erpressen
könnte. Doch alle Drohungen waren vergebens. Trotz unmittelbarer
Aussicht auf Folterqualen und Tod dachte Mac Callum More weit weniger
an sich selbst als an seine armen Clansleute. „Ich versuchte es heute,“
schrieb er aus seiner Zelle, „für sie zu unterhandeln, und ich hatte einige
Hoffnung. Aber diesen Abend ist der Befehl gekommen, daß ich Montag
oder Dienstag sterben müsse, und ich soll auf die Folter gelegt werden,
wenn ich nicht alle Fragen beantworte und eidlich erhärte. Doch ich hoffe,
Gott wird mich aufrecht erhalten.“

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Die Folter wurde nicht angewendet. Vielleicht hatte die Hochherzigkeit des
Opfers die Sieger zu ungewohntem Mitleid gerührt. Er selbst bemerkte, daß
sie anfangs sehr hart gegen ihn gewesen waren, aber bald anfingen, ihn mit
Achtung und Freundlichkeit zu behandeln. Gott, sagte er, hat ihre Herzen
erweicht. Es ist erwiesen, daß er nicht einen seiner Freunde verrieth, um der
äußersten Grausamkeit seiner Feinde zu entgehen. Am letzten Morgen
seines Lebens schrieb er die Worte: „Ich habe Niemandem zu seinem
Nachtheile genannt. Ich danke Gott, daß er mich so wunderbar aufrecht
erhalten hat.“
Er verfaßte seine eigene Grabschrift, ein sinn- und geistvolles kurzes
Gedicht von einfachem und kräftigem Styl und durchaus nicht zu
verachtendem Versbau. In diesen Strophen beklagte er sich, daß, obgleich
seine Feinde ihn wiederholt zum Tode verurtheilt hätten, seine Freunde
doch noch herzloser gewesen wären. Einen Commentar zu diesen
Äußerungen liefert ein Brief von ihm an eine in Holland wohnende Dame.
Sie hatte ihm eine bedeutende Summe Geldes für seine Expedition gegeben
und er meinte, daß sie deshalb gegründeten Anspruch auf eine ausführliche
Darlegung der Ursachen habe, welche das Mißlingen derselben
herbeigeführt. Von Verrath sprach er seine Gehülfen frei, ihre Thorheit,
Unwissenheit und Parteisucht aber schilderte er in Ausdrücken, die sie, wie
ihre eigenen Aussagen später bewiesen, mit vollem Rechte verdienten. Es
stiegen nachher Zweifel in ihm auf, ob er für einen sterbenden Christen
nicht eine zu harte Sprache geführt habe, und er bat daher seine Freundin
noch auf einem besonderen Blatte, daß sie das von diesen Männern Gesagte
als nicht geschrieben betrachten solle. „Nur dabei muß ich bleiben“ setzte
er mild hinzu, „daß sie unlenksam waren.“
Den größten Theil der wenigen Stunden, die er noch zu leben hatte, brachte
er im Gebet und in liebevoller Unterhaltung mit einigen Mitgliedern seiner
Familie zu. Er legte keine Reue über sein letztes Unternehmen an den Tag,
beklagte aber mit schmerzlicher Wehmuth seine frühere Fügsamkeit in
geistlichen Dingen gegen das Belieben der Regierung. Er sagte, seine Strafe
sei gerecht; wer so lange sich der Feigheit und Verstellung schuldig
gemacht habe, sei nicht werth, das Rettungswerkzeug für Staat und Kirche
zu sein. Die Sache aber, wiederholte er sehr häufig, sei Gottes Sache und
werde gewiß triumphiren. „Ich gebe mich nicht für einen Propheten aus,“

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sagte er, „aber ich habe eine bestimmte Ahnung, daß die Befreiung sehr
nahe ist.“ Es kann nicht Wunder nehmen, daß einige eifrige Presbyterianer
sich diesen Ausspruch merkten und ihn zu einer späteren Zeit göttlicher
Eingebung zuschrieben.
Frommer Glaube und Hoffnung, verbunden mit natürlichem Muthe und
stoischer Gelassenheit hatten sein Gemüth so vollkommen beruhigt, daß er
noch an dem Tage, an dem er sterben sollte, mit Appetit zu Mittag speiste,
sich bei Tische mit Heiterkeit unterhielt und sich dann, wie gewöhnlich,
niederlegte, um einige Stunden zu schlafen, damit Leib und Seele in voller
Kraft wären, wenn er das Schaffot bestiege. Um diese Zeit kam ein Lord
des Geheimen Raths, der wahrscheinlich von Haus aus Presbyterianer war
und sich nur durch Rücksichten des Eigennutzes hatte verleiten lassen, zur
Unterdrückung der Kirche, der er früher selbst angehörte, beizutragen, mit
einer Botschaft von seinen Kollegen in das Schloß und verlangte den Earl
zu sprechen. Man antwortete ihm, daß der Earl schlafe. Der Geheimerath
hielt dies für eine leere Ausflucht und bestand darauf, eingelassen zu
werden. Die Thür der Zelle ward geöffnet und da lag der Earl auf dem Bett
und schlief in seinen Ketten sanft wie ein unschuldiges Kind. In dem
Renegaten regte sich das Gewissen. Mit zerknirschtem Herzen wendete er
sich ab, eilte aus dem Schlosse und flüchtete sich zu einer dicht nebenan
wohnenden Dame seiner Verwandtschaft. Hier warf er sich auf ein Sopha
und überließ sich dem Schmerze der Beschämung und Reue. Der Ausdruck
seines Blickes und seine Seufzer beunruhigten die Dame, sie glaubte er sei
plötzlich krank geworden, und bat ihn ein Glas Sekt zu trinken. „Nein,
nein“, erwiederte er, „das kann mir nicht helfen.“ Sie bat ihn nun, daß er ihr
sagen möchte, was ihn so ergriffen habe. „Ich war in Argyle’s Gefängniß“,
sagte er, „und ich habe ihn eine Stunde vor der Ewigkeit so sanft schlafen
sehen, wie nur ein Mensch schlafen kann. Aber was mich betrifft —“
Der Earl erhob sich nun von seinem Lager und bereitete sich auf den letzten
Gang vor. Er wurde zuerst die High Street hinab nach dem Sitzungshause
des Geheimen Raths gebracht, wo er die kurze Zeit bis zu seiner
Hinrichtung verweilen sollte. Während dieser letzten Frist bat er um
Schreibzeug und schrieb an seine Gattin: „Liebes Weib, Gott ist
unveränderlich. Er ist stets gütig und gnädig gegen mich gewesen und keine
Lage ändert dies. Vergieb mir alle meine Fehler und suche Trost in Ihm, in

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dem allein der wahre Trost zu finden ist. Der Herr sei mit Dir, Er segne und
tröste Dich. Lebe wohl.“

Es war jetzt Zeit, das Haus des Geheimen Raths zu
Argyle’s
verlassen. Die Geistlichen, welche den Gefangenen
Hinrichtung.
begleiteten, waren zwar nicht seines Glaubens, aber er
hörte sie artig an und ermahnte sie, ihre Gemeinden vor denjenigen Lehren
zu warnen, welche alle protestantischen Kirchen einstimmig verdammten.
Er bestieg das Schaffot, wo die alte plumpe Guillotine Schottlands, die
Jungfrau genannt, ihn erwartete, und hielt eine Ansprache an das Volk, die
mit den eigenthümlichen Redensarten seiner Sekte durchwebt war, aber den
Geist wahrer Frömmigkeit athmete. Er sagte, er vergebe seinen Feinden,
wie er hoffe, daß ihm vergeben werden würde. Nur ein bittrer Ausdruck
entschlüpfte ihm. Einer der bischöflichen Geistlichen, die ihn begleiteten,
trat an den Rand des Schaffots und rief mit lauter Stimme aus: „Mylord
stirbt als Protestant.“ — „Ja“, sagte der Earl vorgehend, „und nicht nur als
Protestant, sondern mit dem Hasse gegen Papismus, Prälatenthum und
jeden Aberglauben im Herzen.“ — Dann umarmte er seine Freunde,
übergab ihnen einige Zeichen der Erinnerung für seine Gattin und seine
Kinder, kniete nieder, legte das Haupt auf den Block, betete eine Weile und
gab endlich dem Scharfrichter das Zeichen. Sein Kopf wurde auf die Spitze
des Tolbooth gesteckt, wo vordem Montrose’s Haupt verwest war. 33
33. Die Schriftsteller, denen ich die Erzählung von Argyle’s Expedition entlehnt habe, sind
Sir Patrick Hume, der als Augenzeuge spricht, und Wodrow, dem die werthvollsten
Materialien, darunter des Earls eigene Papiere, zu Gebote standen. Wo die Glaubwürdigkeit
Argyle’s oder Hume’s in Frage kommt, da zweifle ich nicht, daß Argyle’s Erzählung die
richtige ist. Siehe auch Burnet I. 631 und das Leben Bresson’s, herausgegeben von Dr. Mac
Crie. Die Erzählung des schottischen Aufstandes in Clarke’s Life of James the Second
ist ein lächerlicher Roman, geschrieben von einem Jakobiten, der sich nicht einmal die
Mühe nahm, eine Karte des Kriegsschauplatzes anzusehen.

Der Kopf des wackren und aufrichtigen, wenn auch
Rumbold’s
nicht tadelfreien Rumbold war bereits auf dem
Hinrichtung.
Westthore von Edinburgh aufgesteckt. Umgeben von
parteisüchtigen und feigen Verbündeten, hatte er sich während des ganzen
Feldzugs als ein in der Schule des großen Protectors gebildeter Soldat

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gezeigt, hatte im Rathe die Autorität Argyle’s kräftig unterstützt und sich im
Felde durch ruhige Unerschrockenheit ausgezeichnet. Nachdem die Armee
sich zerstreut, wurde er von einer Abtheilung Miliz angegriffen. Er wehrte
sich mit verzweifelter Tapferkeit und würde sich auch durchgeschlagen
haben, hätte man seinem Pferde nicht die Fesseln zerschnitten. Tödtlich
verwundet wurde er nach Edinburg gebracht. Die Regierung hätte ihn gern
in England hinrichten lassen, aber er war dem Tode so nahe daß, wenn er
nicht in Schottland gehängt wurde, er gar nicht gehängt werden konnte, und
des Vergnügens, ihn zu hängen, wollten sich die Sieger nicht entschlagen.
Es ließ sich zwar nicht erwarten, daß sie gegen einen Mann, der als das
Haupt des Ryehousecomplots betrachtet wurde und Eigenthümer des
Hauses war, von welchem dieses Complot seinen Namen erhielt, besondere
Milde üben würden; aber die Rücksichts­losigkeit, mit der sie den
Sterbenden behandelten, muß unsrem humaneren Zeitalter fast unglaublich
erscheinen. Einer der schottischen Geheimräthe sagte ihm, er sei ein
verdammter Schurke. „Ich bin im Frieden mit Gott“, erwiederte Rumbold
gelassen, „wie kann ich da verdammt sein?“
Er wurde in aller Eil vor Gericht gestellt, überführt und verurtheilt, nach
wenigen Stunden in der Nähe des Stadtkreuzes in High Street gehängt und
geviertheilt zu werden. Obgleich er ohne die Unterstützung zweier Männer
nicht stehen konnte, bewahrte er doch seine Seelenstärke bis zum letzten
Augenblicke und erhob unter dem Galgen seine schwache Stimme gegen
Papismus und Tyrannei mit solcher Heftigkeit, daß die Offiziere die
Trommeln rühren ließen, damit das Volk ihn nicht hören konnte. Er sagte, er
sei ein Freund der beschränkten Monarchie, aber er könne nimmermehr
glauben, daß die Vorsehung einige wenige Menschen fertig gestiefelt und
gespornt zum Reiten und Millionen gesattelt und gezäumt, um geritten zu
werden, in die Welt gesandt habe. „Ich lobe und preise Gottes heiligen
Namen dafür“, rief er aus, „daß ich hier stehe nicht wegen eines begangnen
Unrechts, sondern weil ich in einer schlimmen Zeit seiner Sache
treugeblieben bin. Und wäre jedes Haar auf meinem Haupte ein Mann, ich
würde sie alle in diesem Kampfe daran setzen.“
Während der Untersuchung sowohl als noch bei der Hinrichtung sprach er
vom Meuchelmorde mit dem Abscheu, der einem guten Christen und einem
tapfren Soldaten ziemt. Er betheuerte auf das Wort eines dem Tode

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verfallnen Mannes, daß er nie den Gedanken gehegt habe, eine solche
Schändlichkeit zu verüben. Aber er gestand offen, daß er im Gespräch mit
seinen Mitverschworenen sein eignes Haus als einen Ort bezeichnet habe,
wo Karl und Jakob mit Vortheil angegriffen werden könnten, und daß zwar
viel über die Sache debattirt, doch nichts beschlossen worden sei. Es mag
auf den ersten Anblick scheinen, als ob dieses Geständniß mit seiner
Erklärung, daß er den Meuchelmord stets verabscheut habe, unvereinbar
wäre; aber er ließ sich hierbei durch eine Unterscheidung täuschen, welche
viele seiner Zeitgenossen irre leitete. Nichts hatte ihn dazu bewegen
können, in die Speisen der beiden Fürsten Gift zu werfen, oder sie im
Schlafe zu erdolchen; aber einen unvermutheten Angriff auf die den
königlichen Wagen umgebenden Leibgarden zu machen, Schwerthiebe und,
Pistolenschüsse zu wechseln und es darauf ankommen zu lassen, ob man
tödten oder getödtet werden würde, dies war in seinen Augen eine durchaus
loyale militärische Operation. Hinterhalte und Überrumpelungen gehörten
zu den gewöhnlichen Vorfällen eines Kriegs. Jeder alte Soldat, Kavalier
oder Rundkopf, war bei solchen Unternehmungen betheiligt gewesen. Fiel
der König in dem Gefecht, so fiel er im ehrlichen Kampfe und nicht durch
Mörderhand. Ganz das nämliche Raisonnement stellten nach der Revolution
Jakob selbst und seine tapfersten und ergebensten Anhänger auf, um einen
ruchlosen Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s III. zu rechtfertigen. Ein
Trupp Jakobiten wurde abgesandt, um den Prinzen von Oranien in seinem
Winterquartiere anzugreifen. Der geheime Sinn dieser ganz unverfänglich
klingenden Redensart war, daß dem Prinzen auf der Fahrt von Richmond
nach Kensington die Kehle abgeschnitten werden sollte. Es mag auffallend
erscheinen, daß solche Trugschlüsse, die Hefe der jesuitischen Casuistik, im
Stande gewesen sind, Männer von heldenmüthigem Character, sowohl
Whigs als Tories, zu einem Verbrechen zu verleiten, welchem die göttlichen
wie die menschlichen Gesetze ganz besonders den Stempel der Verruchtheit
aufgedrückt haben. Aber kein Sophismus ist so plump, daß er nicht
Gemüther, welche vom Parteigeist verblendet sind, bethören könnte. 34
Argyle, welcher Rumbold einige Stunden überlebte, gab kurz vor seinem
Tode noch ein Zeugniß für die Tugenden des tapfren Engländers. „Der arme
Rumbold war mir eine große Stütze und ein braver Mann, und er ist
christlich gestorben.“ 35

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34. Wodrow III. IX. 10.; Western Martyrology; Barnet, I. 633; Fox’s History, Appendix IV. Ich
vermag auf keine andre als die im Texte angegebene Weise Rumbold’s Versicherung, daß er nie den
Gedanken an einen Mord gehegt habe, mit seinem Geständniß, daß er selbst sein Haus als zu einem
Angriff auf die königlichen Brüder passend bezeichnet habe, in Einklang zu bringen. Die
Unterscheidung, die ich ihm zuschreibe, wurde auch noch von einem andren Ryehouse­verschwornen
gemacht, dem Kapitain Walcot, ebenfalls einem ehemaligen Soldaten der Republik. Bei Walcot’s
Verhör fragte der Kronzeuge: „Ihr habt zugegeben, Kapitain, daß Ihr einer von Denen waret, welche
gegen die Garden kämpfen sollten.“ — „Aus welchem Grunde wollte er denn aber den König nicht
umbringen?“ fragte hierauf der Oberrichter Pemberton. „Er sagte“, antwortete West, „es sei ruchlos,
einen wehrlosen Menschen zu tödten, und dies könne er niemals.“
35. Wodrow III. IX. 9.

Ayloffe zeigte keine geringere Todesverachtung als
Ayloffe’s Tod.
Argyle und Rumbold, nur war sein Ende für fromme
Gemüther nicht so erbaulich wie das ihrige. Wenn auch politische
Sympathie ihn zu den Puritanern hingezogen, so hatte er doch keine
religiösen Sympathien für sie und galt auch in ihren Augen für wenig besser
als ein Atheist. Er gehörte zu dem Theile der Whigs, der seine Vorbilder
lieber unter den Patrioten Griechenlands und Roms, als unter den Propheten
und Richtern Israels suchte. Er wurde gefangen genommen und nach
Glasgow gebracht. Hier versuchte er es, sich mit einem kleinen
Federmesser zu entleiben, aber obgleich er sich mehrer Wunden beibrachte,
war doch keine davon tödtlich, und er hatte noch Kraft genug, um eine
Reise nach London auszuhalten. Er ward vor den Geheimen Rath gestellt
und vom Könige selbst verhört, war aber zu hochsinnig, als daß er sich
durch Denuncirung Anderer hätte retten sollen. Unter den Whigs erzählte
man sich, der König habe zu ihm gesagt: „Ihr thätet besser, wenn Ihr offen
gegen mich wäret, Herr Ayloffe; Ihr wißt, daß es in meiner Macht steht,
Euch zu begnadigen.“ Der Gefangne sollte hierauf sein düstres Schweigen
gebrochen und geantwortet haben. „In Ihrer Macht mag es stehen, aber in
Ihrem Character liegt es nicht.“ Er wurde in Gemäßheit seines früheren
Ächtungsurtheils vor dem Thore des Tempels hingerichtet und starb mit
stoischem Gleichmuth. 36
36. Wade’s Narrative, Harl. MS. 6845; Burnet I. 634; Citters’ Depesche vom 30. Oct.
(9. Nov.) 1685; Luttrell’s Diary von dem nämlichen Datum.

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Inzwischen übten die Sieger eine erbarmungslose
Verwüstung von
Rache an dem Volke von Argyleshire. Athol ließ viele
Argyleshire.
Campbells ohne gerichtliche Untersuchung hängen
und nur mit Mühe wurde er durch den Geheimen Rath verhindert, noch
mehr Menschenleben zu opfern. Dreißig Meilen im Umkreise von Inverary
wurde das Land verwüstet. Häuser wurden angezündet, Mühlsteine
zertrümmert, Obstbäume umgehauen und selbst die Wurzelstöcke derselben
verbrannt. Die Netze und Fischerböte, die einzigen Mittel, durch welche
viele von den Küstenbewohnern ihren Unterhalt erwarben, wurden
vernichtet, und mehr als dreihundert Rebellen und Unzufriedene nach den
Colonien transportirt. Viele von ihnen wurden auch zur Verstümmelung
verurtheilt. An einem einzigen Tage schnitt der Henker von Edinburg
fünfunddreißig Gefangenen die Ohren ab; eine Menge Weiber wurden über
das atlantische Meer geschickt, nachdem man sie mit einem glühenden
Eisen auf der Wange gebrandmarkt hatte. 37 Man ging sogar mit dem Plane
um, von dem Parlamente eine Acte zu verlangen, durch welche der Name
Campbell geächtet werden sollte, wie achtzig Jahre früher der Name Mac
Gregor geächtet worden war.
Argyle’s Unternehmung hatte im Süden der Insel wenig Aufsehen gemacht.
Die Nachricht von seiner Landung traf unmittelbar vor dem Zusammentritt
des englischen Parlaments in London ein. Der König erwähnte die Sache in
der Thronrede, und die Häuser versicherten ihn, daß sie gegen jeden Feind
zu ihm halten würden. Mehr wurde von ihnen nicht verlangt. Über
Schottland hatten sie keine Gewalt, und ein Krieg, dessen Schauplatz so
weit entfernt und dessen Ausgang fast von vornherein leicht vorauszusehen
war, erregte in London nur geringes Interesse.
37. Wodrow III. IX. 4, und III. IX. 10. Wodrow führt aus den Acten des Geheimen Rathes
die Namen aller der Gefangenen auf, welche transportirt, verstümmelt oder gebrandmarkt
wurden.

Aber eine Woche vor der schließlichen Zerstreuung
Erfolglose
von Argyle’s Armee wurde ganz England durch die
Versuche,
Nachricht erschüttert, daß ein weit mehr zu
Monmouth’s
fürchtender Mann in feindlicher Absicht an seiner
Abreise von
eignen Küste gelandet sei. Die Flüchtlinge waren

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Holland zu dahin übereingekommen, daß Monmouth sechs Tage
verhindern. nach der Abfahrt der Schotten von Holland unter
Segel gehen sollte. Er hatte seine Expedition
wahrscheinlich deshalb kurze Zeit aufgeschoben, weil er hoffte, daß, sobald
der Krieg in den Hochlanden ausbrach, die meisten Truppen nach dem
Norden gesandt werden und er daher keine zu seinem Empfange gerüstete
Streitmacht vorfinden würde. Als er endlich abzusegeln wünschte, war der
Wind ungünstig und heftig geworden.
Während seine kleine Flotte im Texel hin und her getrieben wurde, lagen
die holländischen Behörden mit einander im Streit. Auf der einen Seite
standen die Generalstaaten und der Prinz von Oranien, auf der andren der
Magistrat und die Admiralität von Amsterdam.
Skelton hatte den Generalstaaten ein Verzeichniß derjenigen Flüchtlinge
übergeben, deren Aufenthalt in den Vereinigten Provinzen seinem Gebieter
Besorgnisse einflößte. Die Generalstaaten, welche dringend wünschten,
jedes billige Verlangen Jakob’s zu erfüllen, sandten Abschriften der Liste an
die Provinzialbehörden, und diese wieder an die Municipalbehörden.
Sämmtlichen Stadtmagistraten wurde bedeutet, daß sie die erforderlichen
Maßregeln ergreifen sollten, um die geächteten Whigs zu verhindern, die
englische Regierung zu beunruhigen. Im Allgemeinen wurde diesen
Befehlen Folge geleistet, und besonders in Rotterdam, wo der Einfluß
Wilhelm’s Alles vermögend war, wurde eine Thätigkeit entwickelt, welche
Jakob zu dankbarer Anerkennung veranlaßte. Allein der Hauptsitz der
Emigranten war Amsterdam, und die Regierungsbehörde dieser Stadt wollte
nichts sehen, nichts hören und nichts wissen. Der Schultheiß, der selbst in
täglichem Verkehr mit Ferguson stand, berichtete nach dem Haag, daß er
nicht einen einzigen von den Flüchtlingen zu finden wisse, und die
Bundesregierung mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. In
Wirklichkeit aber waren die englischen Verbannten in Amsterdam
allgemein bekannt und wurden auf den Straßen ebenso angestaunt, als wenn
sie Chinesen gewesen wären. 38
Wenige Tage darauf erhielt Skelton von seinem Hofe den Befehl, darum
anzusuchen, daß in Betracht der Gefahren, welche dem Throne seines
Gebieters drohten, die drei im Dienste der Vereinigten Provinzen stehenden

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schottischen Regimenter unverzüglich nach Großbritannien zurückgesandt
werden sollten. Er wendete sich an den Prinzen von Oranien, und dieser
übernahm die Erledigung dieser Angelegenheit, sagte aber voraus, daß
Amsterdam einige Schwierigkeiten machen würde. Seine Besorgniß erwies
sich als gegründet. Die Deputirten von Amsterdam verweigerten ihre
Zustimmung und es gelang ihnen, eine Verzögerung herbeizuführen; aber
die Frage war nicht eine von denen, hinsichtlich derer nach der Verfassung
der Republik eine einzelne Stadt die Verwirklichung des Wunsches der
Mehrheit verhindern konnte. Wilhelm’s Einfluß überwog und die Truppen
wurden mit großer Eil eingeschifft. 39
Zu gleicher Zeit bemühte sich Skelton, allerdings mit geringer Einsicht und
Mäßigung, die von den Flüchtlingen ausgerüsteten Schiffe zurückzuhalten.
Er beschwerte sich in heftigen Ausdrücken bei der Admiralität von
Amsterdam. Die Nachlässigkeit der Behörde, sagte er, habe schon eine
Horde von Rebellen in den Stand gesetzt, einen Einfall in Großbritannien
zu machen, ein zweiter derartiger Fehler sei durch nichts zu entschuldigen,
und er verlangte mit peremptorischer Bestimmtheit, daß ein großes Schiff,
der „Helderenbergh“, zurückgehalten werden solle. Dieses Schiff war
angeblich nach den Canarischen Inseln bestimmt, wahrend es thatsächlich
von Monmouth ausgerüstet war, sechsundzwanzig Kanonen führte und
Waffen und Munition geladen hatte. Die Admiralität von Amsterdam
erwiederte, daß die Freiheit des Handels und der Schifffahrt geringfügiger
Gründe wegen nicht beschränkt und der „Helderenbergh“ nicht ohne Befehl
der Generalstaaten zurückgehalten werden könnte. Skelton, dessen
unveränderliche Art es gewesen zu sein scheint, Alles beim unrechten Ende
anzugreifen, wendete sich nun an die Generalstaaten, und diese erließen die
nöthigen Befehle. Jetzt aber gab die Amsterdamer Admiralität vor, es sei
keine hinreichende Seemacht im Texel, um sich eines so großen Schiffes,
wie des „Helderenbergh“ bemächtigen zu können, und ließ Monmouth
ungehindert absegeln. 40
Das Wetter war schlecht, die Reise lang und mehrere englische
Kriegsschiffe kreuzten im Kanal. Aber Monmouth entging dem Meere und
dem Feinde. Als er bei den Klippen von Dorsetshire vorüberkam, wurde es
für wünschenswerth erachtet, ein Boot mit einem der Flüchtlinge, Namens
Thomas Dare, ans Ufer zu schicken. Dieser Mann hatte trotz seiner

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niedrigen Denkungsart und seines gemeinen Wesens in Taunton großen
Einfluß. Er erhielt die Weisung; durch das Land nach dieser Stadt zu eilen
und seinen Freunden anzukündigen, daß Monmouth bald auf englischem
Boden sein werde. 41

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38. Skelton’s Schreiben ist vom 7.(17.) Mai 1686. Es findet sich nebst dem Briefe des Schout oder
Schultheißen von Amsterdam in einer kleinen Schrift, die einige Monate später erschien unter dem
Titel: Histoire des Evènemens Tragiques d’Angleterre. Die in diesem Werke angeführten
Actenstücke sind, so weit ich sie geprüft habe, genau aus den holländischen Archiven mitgetheilt, nur
mit der Ausnahme, daß Skelton’s ziemlich unreines Französisch ein wenig verbessert ist. Siehe auch
Grey’s Narrative.
Goodenough sagte in seinem Verhöre nach der Schlacht von Sedgemoor: „Der Schout von
Amsterdam war ein besondrer Freund dieses letzten Planes“. Lansdowne MS. 1152.
Es ist nicht der Mühe werth, die Schriftsteller zu widerlegen, welche den Prinzen von Oranien als
an Monmouth’s Unternehmung betheiligt darstellen. Sie stützen sich dabei besonders auf dem
Umstand, daß die Behörden von Amsterdam keine energischen Schritte thaten, um das Absegeln der
Expedition zu verhindern. Dieser Umstand ist aber gerade der stärkste Beweis, daß das Unternehmen
von Wilhelm nicht begünstigt wurde. Wer nicht gänzlich unbekannt ist mit den Institutionen und der
Politik Hollands, wird den Statthalter für die Handlungen der Oberhäupter der Loevestein’schen
Partei nicht verantwortlich halten.
39. Avaux, Neg. June 7.(17.), 8.(18.), 14.(24.) 1685.; Brief des Prinzen von Oranien an Lord
Rochester vom 9. Juni 1685.
40. Citters, 9.(19.) und 12.(22.) Juni 1685. Die Korrespondenz Skelton’s mit den Generalstaaten und
der Admiralität von Amsterdam befindet sich in den Archiven im Haag. Einige Briefe findet man in
den Evènemens Tragiques d’Angleterre. Siehe auch Burnet I. 640.
41. Wade’s Bekenntniß in den Hardwicke Papers, Harl. MS. 6845.

Am Morgen des siebenten Juni erschien der
Monmouth’s
„Helderenbergh“, begleitet von zwei kleineren
Ankunft in Lyme.
Schiffen, vor dem Hafen von Lyme. Diese Stadt ist
ein kleiner Knäuel von steilen und engen Gassen und liegt an einer wilden,
felsigen, von einer stürmischen See gepeitschten Küste. Der Ort war damals
besonders wegen eines Dammes bekannt, der aus unbehauenen und nicht
durch Mörtel verkitteten Steinen zur Zeit der Plantagenets errichtet worden
war. Dieses alte, unter dem Namen Cob bekannte Bauwerk verschloß den
auf einer Strecke von vielen Meilen einzigen Hafen, in den sich die Fischer
vor den Stürmen des Kanals flüchten konnten.
Das Erscheinen der drei Schiffe von fremder Bauart und ohne Flagge
machte die Bewohner von Lyme bestürzt, und die Besorgniß nahm zu, als
es sich zeigte, daß die Zollbeamten, welche dem Gebrauche gemäß an Bord
gegangen waren, nicht zurückkamen. Die ganze Bevölkerung eilte auf die
Klippen und blickte lange ängstlich hinaus, konnte aber keine Lösung des
Räthsels finden. Endlich stießen von dem größten der drei Schiffe sieben

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Böte ab und ruderten ans Ufer, wo sie ungefähr achtzig wohl bewaffnete
und ausgerüstete Männer aussetzten. Unter ihnen befanden sich Monmouth,
Grey, Fletcher, Ferguson, Wade und Anton Buyse, ein Offizier, der im
Dienste des Kurfürsten von Brandenburg gestanden hatte 42.
Monmouth gebot Ruhe, kniete am Strande nieder, dankte Gott, daß er die
Freunde der Freiheit und des reinen Glaubens vor den Gefahren der See
behütet, und erflehte den göttlichen Segen für das, was noch am Lande zu
thun sei. Dann zog er sein Schwert und führte seine Leute über die Klippen
in die Stadt.
Sobald es bekannt wurde, unter welchem Führer und in welcher Absicht die
Expedition kam, durchbrach die Begeisterung des Volks alle Schranken.
Die kleine Stadt war in der heftigsten Aufregung, die Leute liefen hin und
her und jubelten laut: „Monmouth! Monmouth! die protestantische
Religion!“ Mittlerweile ward die Fahne der Abenteurer, eine blaue Flagge,
auf dem Marktplatze aufgepflanzt, die Kriegsvorräthe wurden im
Stadthause untergebracht und vom Kreuze herab eine Erklärung verlesen, in
der die Zwecke der Unternehmung auseinandergesetzt waren 43.
42. Man sehe Bunse’s Aussage gegen Monmouth und Fletcher in der Collection of State Trials.
43. Journals of the House of Commons. June 13. 1685. Harl. MS. 6845; Lansdowne MS.
1152.

Diese Erklärung, das Meisterstück von Ferguson’s
Seine Erklärung.
Genie, war nicht ein ernstes Manifest, wie es von
einem Anführer erlassen werden muß, der für eine große öffentliche Sache
das Schwert zieht, sondern es war nach Inhalt und Sprache ein Libell der
gemeinsten Art 44. Sie enthielt zwar manche wohlbegründete Angriffe
gegen die Regierung, aber diese Angriffe waren in dem weitschweifigen
und dünkelhaften Style eines schlechten Pamphlets abgefaßt und das
Manifest enthielt andere Beschuldigungen, deren ganze Schmach auf Die
zurückfällt, die sie erhoben. Es wurde mit Bestimmtheit versichert, der
Herzog von York habe London in Brand gesteckt, Godfrey erdrosselt, Esser
die Kehle abgeschnitten und den verstorbnen König vergiftet. Auf Grund
dieser abscheulichen und unnatürlichen Verbrechen, und hauptsächlich der
letztgenannten gräßlichen That, des haarsträubenden, barbarischen

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Brudermordes — so wortreich und glücklich gewählt war Ferguson’s
Sprache — wurde Jakob für einen gefährlichen, blutdürstigen Feind, für
einen Tyrannen, Mörder und Usurpator erklärt. Man werde sich in keine
Unterhandlungen mit ihm einlassen und das Schwert nicht eher wieder in
die Scheide stecken, als bis er seine verdiente Strafe als Verräther erhalten
habe. Die Regierung solle auf Grundlagen basirt werden, die der Freiheit
günstig wären; alle protestantischen Sekten sollten geduldet, die entzogenen
Freibriefe zurückgegeben, alljährlich ein Parlament gehalten und fernerhin
nicht mehr durch königliche Laune prorogirt oder aufgelöst werden. Das
einzige stehende Heer sollte die Miliz sein, die Miliz sollte von den Sheriffs
befehligt und diese von den Freisassen gewählt werden. Schließlich erklärte
Monmouth, er könne es beweisen, daß er in rechtmäßiger Ehe geboren und
daß er dem Geburtsrechte nach König von England sei, daß er aber für jetzt
auf seine Ansprüche verzichten, sie der Beurtheilung eines freien
Parlaments anheim geben und bis dahin nur als Oberbefehlshaber der gegen
Tyrannei und Papismus aufgestandenen Protestanten betrachtet sein wolle.
44. Burnet I. 641.; Goodenough’s Geständniß in den Lansdowne MS. 1152.
Originalabdrücke der Erklärung sind sehr selten; einer befindet sich im Britischen
Museum.

So entehrend dieses Manifest auch für Die war, von
Seine Popularität
denen es ausging, so war es doch zu dem Zwecke, die
im Westen
Leidenschaften des großen Haufens aufzustacheln,
Englands.
nicht ungeschickt abgefaßt. Im Westen machte es
großen Eindruck. Zwar waren die Gentry und der Klerus in diesem Theile
des Landes mit wenigen Ausnahmen Tories, aber die Freisassen, die
Kaufleute in den Städten, das Landvolk und die Handwerker waren
größtentheils von dem alten Geiste der Rundköpfe beseelt. Viele von ihnen
waren Dissenters und durch kleinliche Verfolgungen in eine Stimmung
versetzt, die sie zu einem verzweifelten Unternehmen geneigt machte. Die
große Masse der Bevölkerung verabscheute den Papismus und liebte
Monmouth. Er war kein Fremder für sie, seine Reise durch Somersetshire
und Devonshire im Sommer 1680 war noch bei Jedermann in frischem
Andenken. Er war bei dieser Gelegenheit von Thomas Thynne in Longleat
Hall, damals und vielleicht jetzt noch dem prächtigsten Landsitze in

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England, mit verschwenderischem Aufwande bewirthet worden. Von
Longleat bis Exeter waren alle Hecken und Zäune mit jauchzenden
Zuschauern bedeckt, die Landstraßen mit Zweigen und Blumen bestreut;
die Menge riß in dem Eifer, ihren Liebling zu sehen und zu berühren, die
Umzäunungen der Parke nieder und belagerte die Schlösser, in denen er
bewirthet wurde. Als er in Chard ankam, bestand sein Gefolge aus
fünftausend Reitern; in Exeter hatte sich ganz Devonshire versammelt, um
ihn zu begrüßen. Ganz besonderes Aufsehen erregte bei dem Triumphzuge
eine Schaar von neunhundert jungen Männern in weißer Uniform, welche
vor ihm her in die Stadt marschirten 45. Der Wechsel des Geschicks, der die
Gentry seiner Sache entfremdet hatte, war bei dem gemeinen Mann ohne
Wirkung geblieben; für diesen war er noch immer der gute Herzog, der
protestantische Herzog, der rechtmäßige Thronerbe, den eine heimtückische
Verschwörung seines Eigenthums beraubt hatte. Das Volk schaarte sich in
Massen um seine Fahne; alle Schreiber, die er hatte auftreiben können,
reichten nicht hin, um die Namen der Rekruten niederzuschreiben, und
noch ehe er vierundzwanzig Stunden auf englischem Boden war, sah er sich
schon an der Spitze von fünfzehnhundert Mann. Dare langte mit vierzig
Reitern von nicht sehr martialischem Aussehen von Taunton an und brachte
ermuthigende Nachrichten über die öffentliche Stimmung in Somersetshire.
Bis jetzt schien Alles einen glücklichen Erfolg zu versprechen 46.
In Bridport aber sammelte sich eine Streitmacht, um den Insurgenten
Widerstand zu leisten. Am 13. Juni rückte das rothe Regiment der Miliz von
Dorsetshire in jene Stadt ein, und das Regiment von Somersetshire oder das
gelbe Regiment, dessen Oberst, Sir Wilhelm Portman, ein angesehener Tory
war, wurde am folgenden Tage erwartet 47. Der Herzog beschloß, sofort
loszuschlagen. Schon rüstete sich eine Abtheilung seiner Truppen zum
Aufbruch nach Bridport, da brachte ein unglücklicher Vorfall das ganze
Lager in Verwirrung.
Fletcher von Saltoun war zum Befehlshaber der Reiterei unter Grey ernannt
worden. Er war schlecht beritten, wie sich überhaupt wenige Pferde im
Lager befanden, die nicht vom Pfluge genommen waren. Als er nach
Bridport commandirt wurde, glaubte er, daß der Drang der Umstände ihn
berechtige, ein Dare gehörendes schönes Pferd zu leihen, ohne erst deshalb
um Erlaubniß zu fragen. Dare war entrüstet über diese Eigenmächtigkeit

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und überhäufte Fletcher mit groben Beleidigungen. Fletcher blieb ruhiger
als Jeder, der ihn kannte, es erwartet hätte. Endlich aber wagte es Dare, auf
die Geduld, mit der seine Unziemlichkeiten hingenommen wurden,
pochend, gegen den hochadeligen und stolzen Schotten die Reitgerte zu
erheben. Dies brachte Fletcher’s Blut zum Sieden. Er zog ein Pistol hervor
und schoß Dare nieder. Eine so summarische und gewaltthätige Rache
würde in Schottland nicht aufgefallen sein, wo das Gesetz von jeher
schwach gewesen war, wo Derjenige, der sich nicht mit eigner Faust Recht
verschaffte, wenig Aussicht hatte, überhaupt Recht zu bekommen, und wo
daher ein Menschenleben fast eben so wohlfeil war, als in den am
schlechtesten regierten Provinzen Italiens. Im südlichen Theile der Insel
aber war das Volk noch nicht gewohnt, um eines harten Wortes oder einer
heftigen Geberde willen tödtliche Waffen gebrauchen und Blut vergießen zu
sehen, außer im Zweikampf unter Gentlemen mit gleichen Waffen. So
erhob sich denn ein allgemeines Geschrei nach Rache gegen den Fremden,
der einen Engländer ermordet habe, Monmouth konnte sich dem Verlangen
nicht widersetzen und Fletcher, der, nachdem der erste Ausbruch seines
Zornes sich gelegt hatte, von Reue und Angst ergriffen wurde, flüchtete sich
auf den „Helderenbergh“, entkam glücklich auf das Festland und begab sich
nach Ungarn, wo er tapfer gegen den gemeinsamen Feind der Christenheit
focht 48.
45. Historical Account of the Life and magnanimous Actions of the most illustrious Protestant
Prince James, Duke of Monmouth, 1683.
46. Wade’s Confession, Hardwicke Papers; Axe Papers; Harl. MS. 6845.
47. Harl. MS. 6845.
48. Buyse’s Aussage in der Collection of State Trials; Burnet I. 642; Ferguson’s MS., citirt von
Eachard.

Bei der Lage der Insurgenten war der Verlust eines
Zusammenstoß
Mannes von Talent und Energie nicht leicht zu
der Rebellen mit
ersetzen. Am frühen Morgen des folgenden Tages,
der Miliz in
dem 14. Juni, brach Grey in Begleitung Wade’s mit
Bridport.
fünfhundert Mann auf, um Bridport anzugreifen. Es
fand ein verworrenes und unentschieden bleibendes Gefecht statt, wie es
zwischen zwei Haufen von Bauern, die von Landedelleuten und Advokaten

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befehligt wurden, nicht anders zu erwarten war. Eine Zeit lang drängten
Monmouth’s Leute die Miliz zurück; dann aber hielt diese wieder Stand und
erstere ergriffen in ziemlicher Verwirrung die Flucht. Grey und seine Reiter
hielten nicht eher an, als bis sie in Lyme wieder in Sicherheit waren; Wade
dagegen sammelte das Fußvolk und führte es in guter Ordnung zurück 49.
Alles murrte laut gegen Grey, und einige von den Abenteurern drangen in
Monmouth, ein strenges Exempel zu statuiren. Monmouth aber wollte
davon nichts hören. Einige Schriftsteller haben diese Nachsicht seiner
Gutmüthigkeit zugeschrieben, die allerdings oft an Schwäche grenzte;
andere vermuthen, daß er nicht hart gegen den einzigen Peer verfahren
wollte, der in seiner Armee diente. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der
Herzog, der zwar kein ausgezeichneter General war, aber doch jedenfalls
vom Kriege viel mehr verstand als die Priester und Advokaten, die ihm
ihren Rath aufdringen wollten, Rücksichten nahm, an welche Leute, die in
militairischen Angelegenheiten durchaus unerfahren sind, allerdings nie
gedacht hätten. Um einem Manne, der wenig Vertheidiger gehabt hat,
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß bemerkt werden, daß die Lord
Grey während des ganzen Feldzugs zugetheilte Aufgabe von der Art war,
daß er sie, selbst wenn er der kühnste und geschickteste Soldat gewesen
wäre, kaum in einer Weise hätte lösen können, die ihm zum Ruhme
gereichte. Er stand an der Spitze der Reiterei; es ist aber eine allbekannte
Sache, daß ein Kavalerist viel längerer Übung bedarf als ein Fußsoldat, und
daß ein Kavaleriepferd eine noch viel längere Schule braucht als sein
Reiter. Mit einer ungeübten Infanterie, wenn sie von Begeisterung und
physischem Muthe beseelt ist, kann allenfalls etwas ausgerichtet werden;
aber es kann nichts Unbeholfeneres geben als eine aus Landwirthen und
Handelsleuten auf Karrengäulen und Postpferden bestehende ungeübte
Reiterei; und von solcher Art war die, welche Grey befehligte. Nicht
darüber muß man sich wundern, daß diese Leute im Feuer nicht
entschlossen Stand hielten und daß sie nicht tüchtig von ihren Waffen
Gebrauch machten, sondern darüber, daß sie sich überhaupt nur im Sattel zu
erhalten vermochten.
Noch immer langten Rekruten zu Hunderten an, den ganzen Tag wurde
bewaffnet und einexercirt. Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem
Aufstande rasch und weit verbreitet. Noch denselben Abend, an welchem

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der Herzog gelandet war, schickte der Mayor von Lyme, Gregor Alford, ein
eifriger Tory und ungemein heftiger Verfolger der Nonconformisten, seine
Diener aus, um die Gentry von Somersetshire und Dorsetshire zu alarmiren,
während er selbst zu Pferde nach dem Westen eilte. Spät in der Nacht hielt
er in Honiton an und schickte von dort einige flüchtig hingeworfene Zeilen
mit der schlimmen Botschaft nach London 50. Dann eilte er weiter nach
Exeter, wo er Christoph Monk, Herzog von Albemarle fand. Dieser
Edelmann, der Sohn und Erbe Georg Monk’s, des Wiederherstellers der
Stuarts, war Lordlieutenant von Devonshire und hielt damals gerade
Musterung über die Miliz. Er hatte zur Zeit viertausend Mann zu seiner
Verfügung, und mit dieser Streitmacht glaubte er den Aufstand mit einem
Schlage unterdrücken zu können. Er marschirte deshalb nach Lyme.
49. London Gazette, June 18. 1685; Wade’s Confession; Hardwicke Papers.
50. Lords’ Journals, June 13. 1685.

Als er aber am Montag Nachmittag den 15. Juni
Gefecht zwischen
Axminster erreichte, fand er die Insurgenten
den Rebellen und
schlagfertig aufgestellt, um ihn zu empfangen. Sie
der Miliz bei
zeigten ihm eine sehr achtunggebietende Fronte; vier
Axminster.
Feldstücke waren gegen die königlichen Truppen
gerichtet und die dichten Hecken, welche zu beiden Seiten die enge Straße
beschatteten, waren mit Musketieren besetzt. Die Vorkehrungen des Feindes
beunruhigten jedoch Albemarle weniger als der Geist, der sich in seinen
eigenen Reihen zu äußern begann. Monmouth war bei dem gemeinen Volke
von Devonshire so beliebt, daß die ganze Miliz wahrscheinlich in Masse zu
ihm überging, sobald sie Monmouth’s wohlbekanntes Gesicht und seine
Gestalt erblickte.
Albemarle hielt es daher trotz seiner großen Übermacht an Streitkräften für
rathsam, sich zurückzuziehen. Der Rückzug verwandelte sich bald in wilde
Flucht. Die ganze Gegend war mit den Waffen und Uniformstücken besäet,
welche die Fliehenden weggeworfen hatten, und hätte Monmouth die
Verfolgung mit Nachdruck betrieben, so würde er Exeter wahrscheinlich
ohne Schwertstreich genommen haben. Aber er war mit dem errungenen
Vorteile zufrieden und hielt es für wünschenswerth, seine Rekruten erst

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besser einzuüben, bevor er sie zu gewagten Unternehmungen verwendete.
Er marschirte daher nach Taunton, wo er am 18. Juni, gerade eine Woche
nach seiner Landung eintraf 51.
51. Wade’s Confession; Ferguson MS.; Axe Papers; Harl. MS. 6845; Oldmixon,
701, 702. Oldmixon, welcher damals ein Knabe war, lebte in unmittelbarer Nähe des
Schauplatzes der Ereignisse.

Der Hof und das Parlament waren über die
Die Nachricht
Nachrichten aus dem Westen nicht wenig
von dem
erschrocken. Am Sonnabend den 13. Juni um fünf
Aufstande
Uhr Morgens hatte der König den Brief erhalten, den
kommt nach
der Mayor von Lyme von Honiton an ihn abgesandt.
London.
Der Geheime Rath wurde augenblicklich
zusammenberufen; es wurden Befehle gegeben, daß die Infanterie­‐
regimenter und die Reiterschwadronen verstärkt werden sollten, und
Commissionen zur Aushebung neuer Mannschaften ernannt.

Alford’s Bericht ward den Lords vorgelegt und der
Loyalität des
wesentliche Inhalt desselben den Gemeinen
Parlaments.
mitgetheilt. Diese untersuchten die aus dem Westen
angelangten Nachrichten und brachten sogleich eine Bill ein, weiche
Monmouth wegen Hochverraths verurtheilte. Adressen wurden votirt, die
den König versicherten, daß seine Peers sowohl wie auch sein Volk
entschlossen seien, ihm mit Gut und Blut gegen seine Feinde beizustehen.
In ihrer nächsten Sitzung verfügten die beiden Häuser, daß die Erklärung
der Rebellen durch den Henker verbrannt werden solle, und ließen die
Verurtheilungsbill in allen Stadien durchgehen. Die Bill erhielt noch
denselben Tag die königliche Genehmigung und auf Monmouth’s
Ergreifung wurde eine Belohnung von fünftausend Pfund gesetzt 52.
Die Thatsache, daß Monmouth gegen die Regierung unter Waffen stand,
war so unbestreitbar, daß die Verurtheilungsbill gegen den schwachen
Widerstand von nur einigen wenigen Peers zum Gesetz erhoben ward und
selbst von whiggistischen Geschichtschreibern nur selten streng getadelt
worden ist. Wenn wir indessen erwägen, wie wichtig es ist, daß

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gesetzgeberische und richterliche Functionen getrennt bleiben, wie wichtig
es ferner ist, daß ein bloßes Gerücht, so stark und allgemein es auch sein
mag, nicht als gesetzlicher Schuldbeweis angenommen werde, wie wichtig
es endlich ist, die Regel festzuhalten, daß Niemand zum Tode verurtheilt
werden darf, ohne ihm Gelegenheit zu seiner Vertheidigung gegeben zu
haben, und wie leicht und schnell einmal begangene Verletzungen großer
Grundsätze weiter ausgedehnt werden, so dürften wir wohl zu der Ansicht
geneigt sein, daß sich gegen das vom Parlament beobachtete Verfahren
einige Einwendungen machen ließen. Keinem der beiden Häuser lag das
Mindeste vor, was selbst ein so gewissenloser Richter wie Jeffreys einer
Jury als Beweis für Monmouth’s Schuld hätte darstellen können. Die von
den Gemeinen verhörten Boten waren nicht vereidigt und ihre
Mittheilungen konnten daher rein aus der Luft gegriffen sein, ohne daß sie
deshalb wegen Meineids hätten bestraft werden können. Die Lords, welche,
als Gerichtshof, einen Eid hätten abnehmen können, examinirten keinen
Zeugen und hatten keinen andren Beweis vor sich, als den Brief des Mayors
von Lyme, der in den Augen des Gesetzes gar kein Beweis war. Die
äußerste Gefahr rechtfertigt allerdings zuweilen äußerste Mittel, aber die
Verurtheilungsacte war ein Mittel, das erst in Wirksamkeit gesetzt werden
konnte, wenn jede Gefahr vorüber war, und das daher von dem Augenblicke
an, wo es aufhörte, wirkungslos zu sein, ganz überflüssig wurde. So lange
Monmouth unter Waffen stand, war es unmöglich, ihn hinzurichten, und
wurde er besiegt und gefangen genommen, so hatte es weder Gefahr noch
Schwierigkeit, ihn vor Gericht zu stellen. Später hat man es als einen
merkwürdigen Umstand hervorgehoben, daß sich unter den eifrigen Tories,
welche die Bill aus dem Hause der Gemeinen vor die Schranken der Lords
brachten, Sir Johann Fenwick, Abgeordneter für Northumberland, befand 53.
Dieser Herr hatte einige Jahre nachher Gelegenheit, über die Sache
nachzudenken, und er kam zu dem Schlusse, daß Verurtheilungsbills
durchaus nicht zu rechtfertigen seien.
Das Parlament gab in dieser Stunde der Gefahr noch andere Beweise von
Loyalität. Die Gemeinen ermächtigten den König, zur Bestreitung
augenblicklicher Bedürfnisse eine außerordentliche Summe von
vierhundert­tausend Pfund zu erheben, und damit er das Geld ohne
Schwierigkeit bekomme, sannen sie auf neue Steuern. Der Plan, die in der

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Hauptstadt unlängst neuerbauten Häuser zu besteuern, wurde wieder
aufgenommen und von den Landgentlemen eifrig unterstützt. Es wurde
nicht allein beschlossen, daß diese Häuser besteuert werden sollten, sondern
auch, daß eine Bill eingebracht werden sollte, die jede neue
Grundsteinlegung innerhalb des Stadtgebiets von London verbot. Der
Beschluß kam jedoch nicht zur Ausführung. Einflußreiche Männer, welche
in den Vorstädten Grund und Boden besaßen und hofften, daß sich auf ihren
Gütern neue Straßen und Plätze erheben würden, boten Alles auf, um diesen
Plan zu vereiteln. Man sah ein, daß es viel Zeit erfordern würde, um die
Einzelnheiten eines solchen Gesetzes zu reguliren, und die Bedürfnisse des
Königs waren so dringend, daß man es für nöthig erachtete, die
Verhandlungen des Hauses durch eine höfliche Ermahnung zur Eil zu
beschleunigen. Die Idee der Häuserbesteuerung wurde daher aufgegeben
und dagegen für die nächsten fünf Jahre neue Zölle auf ausländische
Seidenstoffe, Leinenwaaren und geistige Getränke gelegt 54.
Die im Unterhause sitzenden Tories schritten nun zur Einbringung einer
sogenannten Bill zur Sicherung der Person und der Regierung des Königs.
Sie schlugen vor, es solle für Hochverrath erklärt werden, wenn Jemand
sagte, Monmouth sei legitim, oder Worte äußerte, welche darauf abzielten,
die Person oder die Regierung des Souverains verhaßt oder verächtlich zu
machen, oder wenn Jemand im Parlament einen Antrag auf Abänderung der
Thronfolgeordnung stellte. Einige von diesen Bestimmungen erregte
allgemeinen Unwillen und Abscheu. Die Whigs versuchten es trotz ihrer
geringen Zahl und ihrer Schwäche, sich zu verbinden, und sie wurden durch
eine bedeutende Anzahl gemäßigter und einsichtsvoller Kavaliere verstärkt.
Worte, sagte man, könnten leicht von rechtschaffenen Männern
mißverstanden, von Schurken aber falsch ausgelegt werden; bildliche
Ausdrücke könnten wörtlich genommen und scherzhafte Äußerungen als
ernstlich gemeint dargestellt werden. Eine Partikel, ein Tempus, ein Modus,
die Betonung könne den ganzen Unterschied zwischen Schuld und
Unschuld begründen. Sei ja der Erlöser selbst, in dessen reinem
Lebenswandel die Böswilligkeit keinen Anhalt zu irgend einer
Beschuldigung finden konnte, wegen gesprochener Worte in Untersuchung
gezogen worden. Falsche Zeugen hätten eine Sylbe weggelassen, durch
welche klar bewiesen worden wäre, daß jene Worte bildlich gemeint waren,

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und hätten so dem Sanhedrin einen Vorwand geliefert, unter welchem der
schändlichste aller Justizmorde verübt worden sei. Wer könne, mit einem
solchen Beispiele vor Augen, behaupten, daß wenn bloße Reden schon eine
Anklage auf Hochverrath begründeten, der loyalste Unterthan sicher sei?
Diese Argumente machten einen so großen Eindruck, daß im Ausschusse
Verbesserungs­anträge gestellt wurden, welche die Härte der Bill bedeutend
milderten; die Klausel aber, welche es für Hochverrath erklärte, wenn ein
Mitglied des Parlaments die Ausschließung eines Prinzen von Geblüt vom
Throne beantragte, scheint keine Debatte hervorgerufen zu haben und
wurde angenommen. Sie hatte jedoch nur insofern eine Bedeutung, als sie
ein Beweis für die Unwissenheit und Unerfahrenheit der heißblütigen
Royalisten war, welche das Unterhaus füllten. Hätten sie nur die ersten
Anfangsgründe der Gesetzgebung gekannt, so würden sie eingesehen
haben, daß die Bestimmung, auf die sie so großes Gewicht legten,
überflüssig sein mußte, so lange das Parlament geneigt war, die
Thronfolgeordnung aufrechtzuerhalten, und daß sie widerrufen werden
würde, sobald ein Parlament die Absicht hatte, dieselbe abzuändern 55.
Die Bill ging in ihrer verbesserten Fassung durch und wurde den Lords
überreicht, aber nicht zum Gesetz erhoben. Der König hatte vom Parlament
eine Geldunterstützung erlangt, wie er sie nur erwarten konnte, und er sah
ein, daß, so lange der Aufstand wüthete, die loyalen Mitglieder des Adels
und der Gentry in ihren Grafschaften mehr nützen könnten, als in
Westminster. Er drängte daher ihre Verhandlungen zu einem baldigen
Schlusse und entließ sie am 3. Juli. An dem nämlichen Tage erhielt ein
Gesetz, welches die mit dem Jahre 1679 erloschene Censur wieder
einführte, die königliche Genehmigung. Dieser Gegenstand wurde mit
wenigen Worten am Ende eines gemischten Gesetzes abgethan, welches
verschiedene erlöschende Gesetze verlängerte. Die Anhänger des Hofes
dachten nicht daran, daß sie einen Sieg errungen hätten und die Whigs
äußerten durchaus keine Unzufriedenheit. Weder bei den Lords noch bei
den Gemeinen kam es zu einer Abstimmung, ja, soweit man es jetzt noch
ersehen kann, nicht einmal zu einer Debatte über eine Frage, welche in
unsrer Zeit das ganze Gebäude der Gesellschaft erschüttern würde. Die
Veränderung war auch in der That unbedeutend und kaum bemerkbar, denn
seit der Entdeckung des Ryehousecomplots hatte die Freiheit, ohne Censur

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drucken zu dürfen, nur dem Namen nach bestanden. Seit vielen Monaten
war kaum eine gegen den Hof gerichtete Flugschrift anders als heimlich
gedruckt worden, und heimlich konnten solche Flugschriften nach wie vor
herausgegeben werden 56.
Die Häuser schlossen nun ihre Sitzungen; sie wurden nicht prorogirt,
sondern nur vertagt, damit sie bei ihrem nächsten Zusammentritt die
Geschäfte genau in dem Stande wieder aufnehmen könnten, wie sie
dieselben verlassen hatten 57.
52. London Gazette, June 18. 1685; Lords’ and Commons’ Journals, June 13. & 15.;
Holländische Depesche vom 16.(26.) Juni.
53. Oldmixon hat unrecht, wenn er sagt, daß Fenwick die Bill überreichte. Aus den Protokollen
ergiebt sich, daß sie durch Lord Ancram überreicht wurde.
54. Commons’ Journals, June 17, 18 & 19. 1685; Reresby’s Memoirs.
55. Commons’ Journals, June 19. 29. 1685; Lord Lonsdale’s Memoirs. 8. 9.; Burnet I. 639.
Die Bill ist in ihrer durch den Ausschuß abgeänderten Fassung in Fox’ Geschichtswerke Anh. III. zu
finden. Wenn Burnet’s Bericht genau ist, so waren diejenigen Vergehen, welche die amendirte Bill
nur als Civilvergehen bestraft wissen wollte, in der ursprünglichen Bill als Kapitalverbrechen
behandelt.
56. 1 Jac. II. c. 17. Lords’ Journals, July 2. 1685.
57. Lords’ and Commons’ Journals, July 2, 1685.

Während das Parlament auf strenge Gesetze gegen
Monmouth’s
Monmouth und seine Anhänger sann, fand er in
Empfang in
Taunton eine Aufnahme, die ihn wohl zu der
Taunton.
Hoffnung berechtigen konnten, daß sein Unternehmen
gelingen werde. Taunton war wie viele andere Städte im südlichen England
damals viel bedeutender als gegenwärtig. Diese Städte sind zwar nicht
kleiner und ärmer geworden, im Gegentheil, sie sind mit wenigen
Ausnahmen jetzt größer und reicher, besser gebaut und besser bevölkert als
im siebzehnten Jahrhundert. Aber trotz dieser positiven Fortschritte haben
sie doch relativ an Bedeutung verloren. Sie sind von den Fabrik- und
Handelsstädten im Norden, welche zu den Zeiten der Stuarts kaum erst
anfingen, als Sitze des Gewerbfleißes bekannt zu werden, in Reichthum und
Volkszahl weit überflügelt worden. Als Monmouth in Taunton einzog, war
diese Stadt ein ungemein blühender Ort; seine Märkte waren mit Allem

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reichlich versorgt und seine Wollenmanufactur weit und breit berühmt. Die
Bevölkerung rühmte sich, in einem Lande zu leben, wo Milch und Honig
flössen, und diese Sprache führten nicht nur die parteiischen Eingebornen,
sondern auch jeder Fremde, der den schönen Thurm von St. Maria
Magdalena bestieg, gestand es zu, daß er zu seinen Füßen das fruchtbarste
Thal Englands erblicke. Die Umgegend war reich an Obstgärten und grünen
Wiesen, zwischen denen in lieblicher Fülle und Abwechselung Edelhöfe,
Hütten und Dorfkirchen zerstreut lagen. Die Einwohner der Stadt waren
schon seit langer Zeit für die presbyterianische Gottesverehrung und die
Whigpolitik eingenommen; in dem großen Bürgerkriege hatte Taunton
durch alle Wechselfälle fest zum Parlament gehalten, war zweimal von
Goring hart belagert und zweimal durch Robert Blake, den nachmaligen
berühmten Admiral der Republik, mit heldenmüthiger Tapferkeit vertheidigt
worden. Ganze Straßen wurden durch die Bomben und Granaten der
Kavaliere in Brand geschossen; der Mangel an Lebensmitteln wurde so
groß, daß der entschlossene Commandant schon die Absicht angekündigt
hatte, die Besatzung auf Pferdefleisch­rationen zu setzen; aber weder Feuer
noch Hunger hatten den Muth der Stadt brechen können 58.
Die Restauration hatte in den Gesinnungen der Bewohner von Taunton
nichts geändert. Sie hatten nach wie vor das Jahresfest des glücklichen
Tages gefeiert, an welchem die königlichen Truppen ihre Belagerung
aufgehoben, und ihre starre Anhänglichkeit an die alte Sache hatte in
Whitehall so große Besorgniß und so heftigen Groll erregt, daß auf
königlichen Befehl ihr Wallgraben ausgefüllt und die Wälle bis auf den
Grund zerstört worden waren 59. Der puritanische Geist war bei ihnen durch
die Lehre und das Beispiel eines der berühmtesten Dissenter­geistlichen,
Joseph Alleine’s, in seiner ungeschwächten Kraft erhalten worden. Alleine
war der Verfasser eines Tractats, betitelt: An Alarm to the Unconverted,
das noch jetzt in England wie in Amerika populär ist. Aus dem Kerker, in
den er von den siegreichen Kavalieren geworfen wurde, schrieb er an seine
lieben Freunde in Taunton viele Briefe, welche den Geist einer wahrhaft
heldenmüthigen Frömmigkeit athmeten. Sein Leib welkte unter dem
Einflusse der Studien, Anstrengungen und Verfolgungen bald dahin; sein
Andenken aber ward von Denen, die er ermahnt und unterrichtet hatte, noch
lange mit außerordentlicher Liebe und Verehrung bewahrt 60.

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Die Kinder der Männer, welche vierzig Jahre früher auf den Wällen von
Taunton gegen die Royalisten gekämpft hatten, bewillkommneten jetzt
Monmouth mit lauten Ausbrüchen der Freude und Zuneigung. Jede Thür
und jedes Fenster war mit Girlanden bekränzt. Niemand zeigte sich auf den
Straßen, ohne einen grünen Zweig, als Zeichen der Volkssache, am Hute.
Die Töchter der angesehensten Familien verfertigten Fahnen für die
Insurgenten. Von diesen Fahnen war besonders eine mit den Zeichen der
königlichen Würde prächtig gestickt und wurde Monmouth durch einen
Zug junger Mädchen überreicht. Er nahm das Geschenk mit der ihm
eigenen liebenswürdigen Artigkeit an. Die Dame, welche den Zug anführte,
beschenkte ihn außerdem noch mit einer kostbaren kleinen Bibel, die er mit
einem Zeichen von Ehrfurcht in Empfang nahm. „Ich komme,“ sagte er,
„um die in diesem Buche enthaltenen Wahrheiten zu vertheidigen und sie,
wenn es sein muß, mit meinem Blute zu besiegeln 61.“
Aber während Monmouth sich des Beifalls der Menge erfreute, mußte er
mit Schmerz und Besorgniß bemerken, daß die höheren Klassen fast ohne
Ausnahme seiner Unternehmung feindlich gesinnt waren und daß nur in
den Grafschaften, wo er sich persönlich gezeigt hatte, ein Aufstand erfolgt
war. Es war ihm von Agenten, welche ihre Angaben von Wildman erhalten
zu haben behaupteten, versichert worden, daß der ganze whiggistische Adel
von Kampflust erfüllt sei. Gleichwohl waren bereits über acht Tage
verstrichen, seitdem die blaue Fahne in Lyme aufgepflanzt worden war.
Tagelöhner, kleine Landwirthe, Krämer, Lehrlinge und Dissenterprediger
waren dem Lager der Rebellen zugeströmt, aber nicht ein einziger Peer,
Baronet oder Ritter, nicht ein einziges Mitglied des Unterhauses, und kaum
hin und wieder ein Squire, der sich eines hinreichenden Ansehens erfreute,
um einmal Friedensrichter gewesen zu sein. Ferguson, der seit dem Tode
Karl’s von jeher Monmouth’s böser Geist gewesen war, hatte eine
Erklärung dieses Umstandes bereit: der Herzog hatte sich durch Ablehnung
des Königstitels in eine falsche Stellung versetzt. Hätte er sich selbst zum
König von England erklärt, so würde seine Sache einen Anschein von
Gesetzlichkeit gehabt haben. Jetzt aber sei es unmöglich, sein Manifest mit
den Grundsätzen der Verfassung in Einklang zu bringen. Es sei klar, daß
entweder Monmouth oder sein Oheim der rechtmäßige König war.
Monmouth wagte es nicht, als rechtmäßiger König aufzutreten, und doch

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leugnete er, daß sein Oheim es sei. Diejenigen, welche für Jakob kämpften,
kämpften für die einzige Person, die es wagte, den Thron für sich in
Anspruch zu nehmen, und thaten daher, den Gesetzen des Reiches gemäß,
offenbar ihre Pflicht; Diejenigen aber, welche für Monmouth kämpften,
kämpften für eine unbekannte Verfassung, welche durch eine noch nicht
vorhandene Convention erst entworfen werden sollte. Es sei also kein
Wunder, daß Männer von hohem Range und großem Vermögen sich von
einem Unternehmen fern hielten, welches dem ganzen System, an dessen
Fortbestehen sie das größte Interesse hatten, den Untergang drohte. Beriefe
sich der Herzog auf seine Legitimität und nähme er die Krone an, so würde
er diesen Einwurf mit einem Male entkräften; die Frage würde dann
aufhören, eine Frage zwischen der alten und einer neuen Verfassung zu
sein, sie würde nur eine Erbrechtsfrage zwischen zwei Prinzen werden.
58. Savage’s Ausgabe von Toulmin’s History of Taunton.
59. Sprat’s True Account; Toulmin’s History of Taunton.
60. Life and Death of Joseph Alleine, 1672; Nonconformists’ Memorial.
61. Harl. MS. 7006; Oldmixon, 702; Eachard III. 763.

Mit solchen Gründen war Ferguson fast unmittelbar
Monmouth
nach der Landung ernstlich in den Herzog gedrungen,
nimmt den
sich zum Könige zu proklamiren, und Grey war
Königstitel an.
derselben Meinung. Monmouth war auch sehr
geneigt, diesen Rath zu befolgen; aber Wade und andere Republikaner
hatten sich widersetzt und ihr Oberhaupt hatte mit gewohnter Fügsamkeit
ihren Gründen nachgegeben. In Taunton kam die Sache auf’s Neue in
Anregung; Monmouth sprach privatim mit den Andersdenkenden,
versicherte sie, daß er keinen andren Weg sehe, um die Unterstützung eines
Theils der Aristokratie zu gewinnen, und es gelang ihm, ihre mit
Widerstreben ertheilte Zustimmung zu erpressen. So wurde er denn am
Morgen des 20. Juni auf dem Marktplatze von Taunton zum König
ausgerufen, und seine Anhänger wiederholten seinen neuen Titel mit
theilnehmender Freude. Da indessen leicht eine Verwirrung hätte entstehen
können, wenn er König Jakob II. genannt worden wäre, so bedienten sie
sich gewöhnlich der sonderbaren Bezeichnung „König Monmouth“, und so

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wurde ihr unglücklicher Liebling in den westlichen Grafschaften oft noch
zu einer Zeit genannt, deren sich jetzt lebende Personen noch erinnern
können 62.
In den nächsten vierundzwanzig Stunden nach erfolgter Annahme des
Königstitels erließ er mehrere Proklamationen, die seinen eigenhändigen
Namenszug an der Spitze trugen. In einer derselben setzte er einen Preis auf
den Kopf seines Nebenbuhlers. In einer andren erklärte er das zur Zeit in
Westminster tagende Parlament für eine ungesetzliche Versammlung und
befahl den Mitgliedern, auseinanderzugehen. Eine dritte verbot dem Volke,
dem Thronräuber Abgaben zu bezahlen. Eine vierte erklärte Albemarle für
einen Verräther 63.
Albemarle sandte diese Proklamationen blos als Beweise von Thorheit und
Frechheit nach London. Sie machten keinen andren Eindruck als den des
Erstaunens und der Verachtung; auch hatte Monmouth keine Ursache zu
glauben, daß die Annahme der Königswürde seine Stellung verbessert habe.
Erst eine Woche war verflossen, seitdem er sich feierlich verpflichtet, die
Krone nicht eher anzunehmen, als bis ein freies Parlament seine Rechte
anerkannt habe; durch Verletzung dieses Versprechens hatte er sich den
Vorwurf des Leichtsinns, wenn nicht der Treulosigkeit zugezogen. Die
Klasse, die er zu gewinnen hoffte, hielt sich noch immer fern von ihm. Die
Gründe, welche die großen whiggistischen Lords und Gentlemen abhielten,
ihn als ihren König anzuerkennen, waren mindestens eben so triftig als
diejenigen, die sie verhindert hatten, sich um ihn als Oberbefehlshaber zu
schaaren. Zwar haßten sie die Person, die Religion und die Politik Jakob’s;
aber er war nicht mehr jung und seine älteste Tochter mit Recht populär. Sie
war dem reformirten Glauben zugethan und mit einem Prinzen vermählt,
der das erbliche Oberhaupt der Protestanten des Continents, der in einer
Republik aufgewachsen war und dem man solche Gesinnungen zutraute,
wie sie sich für einen constitutionellen König ziemten. War es also weise,
sich den Schrecken eines Bürgerkrieges auszusetzen, nur um vielleicht das
sogleich zu bewirken, was die Natur ohne Blutvergießen, ohne eine
Rechtsverletzung aller Wahrscheinlichkeit nach binnen wenigen Jahren
herbeiführen würde? Es waren vielleicht Gründe vorhanden, um Jakob vom
Throne zu stürzen; aber welche Gründe konnte man für Monmouth’s
Erhebung auf denselben anführen? Einen Fürsten wegen Unfähigkeit vom

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Throne auszuschließen, entsprach ganz den whiggistischen Grundsätzen;
aber nach keinem Grundsatze konnte es gerechtfertigt erscheinen, legitime
Erben auszuschließen, denen man nicht nur nichts vorzuwerfen hatte,
sondern die man sogar für ausgezeichnet befähigt zu den höchsten
Staatsämtern hielt. Daß Monmouth legitim sei, ja daß er sich selbst nur
dafür hielt, konnten einsichtsvolle Männer nicht glauben; er war also nicht
nur ein Usurpator, sondern ein Usurpator von der schlimmsten Sorte, ein
Betrüger. Er konnte seiner Sache nur durch Fälschung und Meineid einen
Schein von Recht geben. Alle rechtschaffenen und verständigen Leute
sträubten sich dagegen, daß ein Betrug, der, wenn er um der Erlangung
eines bürgerlichen Besitzthums verübt worden wäre, Peitsche und Pranger
als Strafe nach sich gezogen hätte, mit der englischen Krone belohnt werde.
Der alte Adel des Reichs konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der
Bastard der Lucie Walters hoch über die rechtmäßigen Nachkommen der
Fitzalan und De Vere erhoben werden sollte. Wer nur ein wenig politischen
Scharfblick hatte, mußte einsehen, daß wenn es Monmouth gelang, die
bestehende Regierung zu stürzen, immer noch ein Krieg zwischen ihm und
dem Hause Oranien übrig blieb, ein Krieg, der länger dauern und mehr
Unheil herbeiführen könnte, als der Krieg der Rosen, ein Krieg, der
voraussichtlich die Protestanten Europa’s in feindliche Parteien spaltete,
England und Holland gegen einander bewaffnen und beide Länder zu einer
leichten Beute für Frankreich machen konnte. Fast alle Whighäupter
scheinen daher der Ansicht gewesen zu sein, daß Monmouth’s
Unternehmen in jedem Falle der Nation zum Unheil gereichen mußte, daß
aber, Alles erwogen, seine Niederlage ein kleineres Unglück sein werde als
sein Sieg.
Die Theilnahmlosigkeit des whiggistischen Adels war es nicht allein, was
die eingefallenen Verbannten enttäuschte. Der Reichthum und Einfluß
Londons hatten in der vorhergehenden Generation hingereicht und konnten
auch diesmal wieder hinreichen, um in einem Bürgerkriege den Ausschlag
zu geben. Die Londoner hatten früher viele Beweise von ihrem Hasse gegen
das Papstthum und von ihrer Zuneigung zu dem protestantischen Herzoge
gegeben, und er hatte daher zu bereitwillig geglaubt, daß sofort nach seiner
Landung ein Aufstand in der Hauptstadt ausbrechen werde. Aber obgleich
ihm gemeldet worden, daß Tausende von Bürgern sich als Freiwillige hätten

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einzeichnen lassen, so geschah doch nichts. Die Sache war einfach die, daß
den Wühlern, die ihn zu einem Einfalt in England gedrängt, die ihm
versprochen, sich auf den ersten Wink zu erheben, und die vielleicht auch,
so lange die Gefahr noch fern war, geglaubt hatten, daß sie den Muth haben
würden, ihr Versprechen zu halten, der Muth sank, als die entscheidende
Stunde heranrückte. Wildman’s Angst war so groß, daß er den Verstand
verloren zu haben schien. Der feige Danvers entschuldigte seine
Unthätigkeit zuerst, indem er sagte, er werde nicht eher zu den Waffen
greifen, als bis Monmouth zum König ausgerufen sei, und als dies
geschehen war, lenkte er um und erklärte, daß gute Republikaner jeder
Verpflichtung gegen einen Führer entbunden seien, der so schamlos sein
Wort gebrochen habe. Die gemeinsten Exemplare der menschlichen Natur
findet man zu allen Zeiten unter den Demagogen 64.
Den Tag darauf, als Monmouth den Königstitel angenommen hatte,
marschirte er von Taunton nach Bridgewater. Er selbst befand sich, wie man
bemerkte, nicht in der heitersten Stimmung; die jauchzenden Zurufe der
ihm ergebenen Tausende, die sich allenthalben wohin er kam um ihn
drängten, vermochten nicht die düstern Wolken zu verscheuchen, die sich
auf seine Stirn gelagert hatten. Wer ihn vor fünf Jahren auf seinem
Triumphzuge durch Somersetshire gesehen, bemerkte nicht ohne Mitleid
die Spuren von Angst und Besorgniß in den sanften und freundlichen
Zügen, die ihm so viele Herzen gewonnen hatten 65.
In ganz andrer Stimmung, war Ferguson. Dieser Mann verband mit seiner
Verworfenheit merkwürdigerweise eine maßlose Eitelkeit, die fast an
Narrheit grenzte. Der Gedanke, daß er einen Aufstand herbeigeführt und
eine Krone verliehen, hatte ihm den Kopf verrückt. Er stolzirte, das
entblößte Schwert über dem Kopfe schwingend, umher, und rief den
Zuschauern, die sich versammelt hatten, um die Armee von Taunton
abmarschiren zu sehen, in prahlerischem Tone zu: „Seht mich an! Ihr habt
von mir gehört. Ich bin Ferguson, der berühmte Ferguson, der nämliche
Ferguson, für dessen Kopf so viele Hundert Pfund geboten worden sind.“
Und dieser zugleich characterlose und halb verrückte Mensch beherrschte
den Verstand und die Überzeugung des unglücklichen Monmouth 66.

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62. Wade’s Confession; Goodenough’s Confession, Harl. MS. 1151; Oldmixon, 702.
Ferguson’s Ableugnung verdient keinen Glauben. Eine Abschrift der Proklamation befindet sich in
den Harl. MS. 7006.
63. Abschriften von den drei letzten Proklamationen befinden sich im Britischen Museum, Harl. MS.
7006. Die erste habe ich nie gesehen, aber sie wird von Wade erwähnt.
64. Grey’s Narrative; Ferguson’s MS.; Eachard III. 754.
65. Persecution exposed, by John Whiting.
66. Harl. MS. 6845.

Bridgewater war eine von den wenigen Städten,
Sein Empfang in
welche noch einige whiggistische Beamten hatten.
Bridgewater.
Der Mayor und die Aldermen kamen in ihrer
Amtstracht, um den Herzog zu begrüßen, gingen in Prozession vor ihm her
bis zum Hohen Kreuze und proklamirten ihn hier zum König. Seine
Truppen fanden vortreffliche Quartiere und erhielten von den Bewohnern
der Stadt und Umgegend Alles, was sie brauchten, für wenig oder gar kein
Geld. Er selbst nahm seine Residenz im Schlosse, welches vormals oft mit
königlichen Besuchen beehrt worden war; auf der umliegenden Ebene
schlug die Armee ein Lager auf. Sie bestand jetzt aus ungefähr sechstausend
Mann und hätte leicht auf die doppelte Anzahl gebracht werden können,
wenn es nicht an Waffen gefehlt hätte. Der Herzog hatte vom Festlande nur
einen geringen Vorrath von Piken und Musketen mitgebracht; daher hatten
viele von seinen Leuten keine anderen Waffen, als solche, die sie sich aus
den von ihnen beim Acker- und Bergbau gebrauchten Werkzeugen
verfertigen konnten. Die furchtbarste von diesen rohen Kriegswaffen
bestand aus einer Sensenklinge, welche am Ende einer starken Stange der
Länge nach befestigt war 67. Die Unterconstabler der Umgegend von
Taunton und Bridgewater erhielten Befehl, überall nach Sensen zu suchen
und was sie davon auftreiben konnten, ins Lager zu bringen; aber selbst
durch diese Maßregel war es nicht möglich, dem Bedarf zu genügen, und
eine Menge Leute, die sich einreihen lasen wollten, mußten zurückgewiesen
werden 68.
Das Fußvolk wurde in sechs Regimenter eingetheilt. Eine große Anzahl der
Freiwilligen hatten in der Miliz gedient und trugen noch ihre rothen oder
gelben Uniformen. Die Reiterei war etwa tausend Mann stark, aber die

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meisten von ihnen hatten nur rohe junge Pferde, wie sie damals in großen
Heerden in den Marschen von Somersetshire gezogen wurden, um die
Hauptstadt mit Kutschpferden und Karrengäulen zu versehen. Diese Thiere
waren so untauglich für den Militairdienst, daß sie noch nicht einmal dem
Zaume gehorchten und sobald sie einen Schuß oder Trommelwirbel hörten,
nicht mehr zu regieren waren. Monmouth selbst hatte eine kleine Leibgarde
von vierzig wohlbewaffneten und gutberittenen jungen Männern, die sich
auf ihre eigenen Kosten ausgerüstet hatten. Die Bewohner von Bridgewater,
welche durch einen blühenden Küstenhandel wohlhabend geworden waren,
unterstützten ihn mit einer kleinen Summe Geldes 69.
67. Eine dieser Waffen ist noch im Tower zu sehen.
68. Grey’s Narrative; Paschall’s Erzählung im Anhange zu Heywood’s Vindication.
69. Oldmixon, 702.

Während dieser Zeit wurden die Streitkräfte der
Vorkehrungen
Regierung eiligst zusammengezogen. Westlich von
der Regierung
dem Rebellenheere stand Albemarle noch immer mit
zum
einer starken Abtheilung der Miliz von Devonshire.
Widerstande.
Im Osten hatte sich die Miliz von Wiltshire unter den
Befehlen von Thomas Herbert, Earl von Pembroke, gesammelt. Im
Nordosten stand Heinrich Somerset, Herzog von Beaufort, unter den
Waffen. Beaufort’s Macht hatte einige Ähnlichkeit mit der der großen
Barone des fünfzehnten Jahrhunderts. Er war Präsident von Wales und
Lordstatthalter von vier englischen Grafschaften. Seine amtlichen
Rundreisen durch das weite Gebiet, in welchem er die Majestät des Thrones
repräsentirte, standen an Gepränge kaum den Reisen des Königs nach; sein
Hausstand in Badminton war nach der Sitte eines früheren Zeitalters
eingerichtet. Das Land in großer Ausdehnung um seinen Wohnsitz
bewirthschaftete er selbst, und die Arbeiter, welche es bestellten, bildeten
einen Theil seiner Familie. Neun Tafeln waren täglich in seinem Hause für
zweihundert Personen gedeckt. Eine Menge Gentlemen und Pagen standen
unter den Befehlen seines Haushofmeisters, ein ganzer Trupp Reiterei
gehorchte dem Stallmeister. Die Küche, der Keller, die Hunde und die
Pferde des Herzogs waren in ganz England berühmt; die Gentry viele

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Meilen im Umkreise war stolz auf den Glanz ihres mächtigen Nachbarn und
zugleich bezaubert von seiner Leutseligkeit und Gutherzigkeit. Er war ein
eifriger Kavalier aus der alten Schule; daher bot er in der damaligen Krisis
seinen ganzen Einfluß und sein ganzes Ansehen zur Unterstützung der
Krone auf und besetzte Bristol mit den Milizen von Gloucestershire, welche
besser disciplinirt zu sein schienen, als die meisten anderen derartigen
Truppen 70.
Auch in den von Somersetshire weiter entfernten Grafschaften waren die
Anhänger des Thrones in voller Thätigkeit. Die Miliz von Sussex begann
unter dem Commando Lord Richard Lumley’s, der zwar erst kürzlich dem
katholischen Glauben entsagt hatte, aber seinem katholischen Könige noch
immer treu ergeben war, nach Westen zu marschiren. Jakob Bertin, Earl von
Abingdon, rief die Mannschaften von Oxfordshire zu den Waffen. Johann
Fell, Bischof von Oxford und gleichzeitig auch Dechant des Christchurch-
Collegiums, forderte die Nichtgraduirten seiner Universität auf, für die
Krone die Waffen zu ergreifen. Die Studenten ließen sich in Massen
einreihen, das Christchurch-Collegium allein stellte nahe an hundert
Pikenmänner und Musketiere. Junge Edelleute und studirende Gentlemen
bekleideten die Offiziersposten und der älteste Sohn des Lordstatthalters
wurde zum Obersten ernannt 71.
Hauptsächlich aber verließ sich der König auf seine regulären Truppen.
Churchill war mit den Blauen in den Westen gesandt worden und
Feversham folgte mit allen Streitkräften, welche in der Umgegend von
London entbehrt werden konnten. Nach Holland war ein Courier mit einem
Briefe an Skelton abgegangen, worin dieser beauftragt wurde, die sofortige
Absendung der in holländischem Dienste stehenden drei Regimenter nach
der Themse zu verlangen. Als diese Aufforderung erfolgte, versuchte es die
dem Hause Oranien feindlich gesinnte Partei, mit den Deputirten von
Amsterdam an der Spitze, abermals eine Verzögerung herbeizuführen. Aber
Wilhelm’s Energie, der fast eben so viel zu verlieren hatte, als Jakob, und
der Monmouth’s Fortschritte mit ernster Besorgniß betrachtete,
unterdrückte die Opposition und in einigen Tagen segelten die Truppen
ab 72. Die drei schottischen Regimenter waren schon in England; sie waren
in vortrefflichem Zustande in Gravesend angelangt, und Jakob hatte sie bei
Blackheath gemustert. Er erklärte dem holländischen Gesandten wiederholt,

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daß er nie in seinem Leben schönere und besser disciplinirte Soldaten
gesehen habe und daß er dem Prinzen von Oranien, sowie den
Generalstaaten für diese werthvolle und rechtzeitige Verstärkung seinen
wärmsten Dank ausspreche. Diese Freude war jedoch nicht ganz ungetrübt.
So trefflich die Leute auch bei der Musterung bestanden, so waren sie doch
nicht ganz frei von dem Einflusse der holländischen Politik und der
holländischen Gottesverehrung geblieben. Einer von ihnen ward erschossen
und ein Andrer ausgepeitscht, weil er auf die Gesundheit des Herzogs von
Monmouth getrunken hatte. Man hielt es daher nicht für rathsam, sie auf
den gefährlichsten Posten zu stellen und behielt sie bis zur Beendigung des
Feldzugs in der Umgegend von London; aber ihre Ankunft setzte den König
in den Stand, einige Infanterie, die er sonst in der Hauptstadt gebraucht
haben würde, nach dem Westen zu schicken 73.
Während die Regierung sich so zum Kampfe mit den Rebellen im offnen
Felde rüstete, wurden auch Vorsichtsmaßregeln andrer Art nicht
verabsäumt. In London allein wurden zweihundert Personen, von denen
man befürchtete, daß sie sich an die Spitze einer whiggistischen Bewegung
stellen könnten, verhaftet. Unter ihnen befanden sich einige sehr
angesehene Kaufleute. Jedermann, der dem Hof mißliebig war, schwebte in
beständiger Angst. Eine drückende Gewitterluft lagerte über der Hauptstadt.
Die Börsengeschäfte stockten und die Theater waren so wenig besucht, daß
eine neue Oper von Dryden, welche mit noch nie dagewesener Pracht in
Scene gesetzt worden war, wieder zurückgezogen wurde, weil die
Einnahme die Kosten der Aufführung nicht gedeckt haben würde 74. Die
Behörden und die Geistlichkeit waren allenthalben thätig, die Dissenters
wurden überall scharf beobachtet. In Cheshire und Shropshire wüthete eine
heftige Verfolgung, in Northamptonshire wurden zahlreiche Verhaftungen
vorgenommen und das Oxforder Gefängniß war mit Gefangenen überfüllt.
Kein puritanischer Geistlicher, wie gemäßigt seine Meinung und wie
vorsichtig sein Verhalten auch sein mochte, war sicher, daß er nicht seiner
Familie entrissen und, in den Kerker geworfen wurde 75.
Inzwischen zog Monmouth von Bridgewater weiter, auf dem ganzen
Marsche von Churchill beunruhigt, der Alles that, was ein tapferer und
geschickter Offizier mit einer Handvoll Leute nur irgend auszurichten
vermag. Das vom Feinde sowohl als von heftigem Regen arg belästigte

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Rebellenheer machte am Abend des 22. Juni in Glastonbury Halt. Die
Häuser des Städtchens waren zur Aufnahme einer so bedeutenden
Streitmacht nicht ausreichend; daher mußte ein Theil der Truppen in den
Kirchen untergebracht werden und die übrigen zündeten zwischen den
Ruinen der ehrwürdigen Abtei, einst dem reichsten Kloster unsrer Insel,
ihre Wachtfeuer an. Von Glastonbury marschirte der Herzog nach Wells,
und von Wells nach Shepton Mallet. 76
70. North’s Life of Guildford, 132. Berichte von Beaufort’s Reise durch Wales und die benachbarten
Grafschaften stehen in der London Gazette vom Juli 1684. Brief von Beaufort an Clarendon vorn 19.
Juni 1685.
71. Bischof Fell an Clarendon, 20. Juni; Abingdon an Clarendon, 20., 25. u. 26. Juni 1685;
Lansdowne MS, 846.
72. Avaux, 5.(15.) & 6.(16.) Juli 1685.
73. Citters, 30. Juni (10. Juli), 3.(13.) & 21.(31.) Juli 1685; Avaux, 5.(15.) Juli; London Gazette,
July 6.
74. Barillon, 6.(16.) Juli 1685; Scotts Vorrede zu Albion and Albanius.
75. Abingdon an Clarendon, vom 29. Juni 1685; Life of Philip Henry, by Bates.
76. London Gazette. June 22 & 25. 1685; Wade’s Confession; Oldmixon, 703; Harl. MS.
6845.

Bis hierher scheint er zu keinem andren Zwecke von
Sein Plan auf
Ort zu Ort gezogen zu sein, als um Truppen zu
Bristol.
sammeln; jetzt aber wurde es nöthig, daß er einen
Plan für seine militairischen Operationen entwarf. Seine erste Idee war, sich
Bristols zu bemächtigen, denn viele von den angesehensten Bewohnern
dieser bedeutenden Stadt waren Whigs. Eine der Verzweigungen des
Whigcomplots hatte sich bis dahin erstreckt, und die Besatzung bestand nur
aus Milizen von Gloucestershire. Wenn Beaufort mit seiner bäuerlichen
Mannschaft überwältigt werden konnte, ehe die regulären Truppen
ankamen, so befanden sich die Rebellen mit einem Male im Besitz reicher
Geldmittel; dadurch mußte das Vertrauen zu Monmouth’s Waffen gehoben
und seine Freunde im ganzen Lande ermuthigt werden, sich für ihn zu
erklären. Bristol hatte Befestigungen, die allerdings auf der Nordseite des
Avon gegen Gloucestershire hin schwach, im Süden gegen Somersetshire
aber weit stärker waren. Es wurde daher beschlossen, den Angriff auf der

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Nordseite zu unternehmen. Zu dem Ende aber mußte man einen Umweg
machen und bei Keynsham über den Avon gehen. Die Brücke bei
Keynsham war jedoch von der Miliz theilweis zerstört worden und im
Augenblicke ungangbar. In Folge dessen wurde eine Abtheilung
vorausgeschickt, um die nöthigen Reparaturen vorzunehmen. Die anderen
Truppen folgten langsamer und machten am Abend des 24. Juni in Pensford
Halt, um auszuruhen. Hier waren sie nur noch fünf Meilen von der Südseite
von Bristol entfernt; bis zur Nordseite aber, zu der man nur auf dem
Umwege über Keynsham gelangen konnte, war noch ein starker
Tagemarsch. 77
Diese Nacht befand sich Bristol in geräuschvoller Aufregung und
gespannter Erwartung. Die Anhänger Monmouth’s wußten, daß er fast unter
den Mauern der Stadt war, und glaubten, daß er noch vor Tagesanbruch bei
ihnen sein werde. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang brach auf einem
am Kai vor Anker liegenden Kauffahrteischiffe Feuer aus. Ein solcher
Vorfall mußte in einem mit Schiffen angefüllten Hafen nothwendig große
Bestürzung hervorrufen. Der ganze Strom war in Bewegung, das Volk
wogte durch die Straßen und es ließen sich in der Dunkelheit und
Verwirrung aufrührerische Rufe vernehmen. Whigs und Tories behaupteten
nachher, das Feuer sei von Monmouth’s Freunden in der Hoffnung angelegt
worden, daß, während die Milizen damit beschäftigt waren, das
Umsichgreifen des Brandes zu verhindern, das Rebellenheer einen kühnen
Handstreich wagen und von der Südseite her in die Stadt eindringen
könnten. Wenn dies wirklich der Plan der Brandstifter war, so hatten sie
sich stark verrechnet, denn Beaufort ließ seine Truppen die ganze Nacht um
die schöne Kirche St. Mary Redcliff, auf der Südseite des Avon, unter den
Waffen stehen, anstatt sie an den Kai zu senden. Er sagte, er wolle eher
ganz Bristol niederbrennen sehen, ja es selbst niederbrennen, als daß er es
von Landesverräthern nehmen ließ. Mit Hülfe einer regulären Reiterei,
welche vor wenigen Stunden von Chippenham aus zu ihm gestoßen war,
konnte er einen Aufstand verhindern; wahrscheinlich aber würde es seine
Kräfte überstiegen haben, zu gleicher Zeit die Mißvergnügten in der Stadt
im Schach zu halten und einen Angriff von Außen abzuwehren. Doch es
erfolgte kein solcher Angriff. Das Feuer, welches in Bristol so große
Aufregung hervorgerufen, wurde in Pensford deutlich gesehen. Monmouth

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hielt es jedoch nicht für rathsam, seinen Plan zu ändern; er blieb bis
Sonnenaufgang ganz ruhig und marschirte dann nach Keynsham, wo er die
Brücke bereits reparirt fand. Er beschloß, seiner Armee den Nachmittag
Ruhe zu gönnen und mit Einbruch der Dunkelheit nach Bristol weiter
vorzurücken. 78
77. Wade’s Confession.
78. Wade’s Confession; Oldmixon, 703; Harl. MS. 6845; Ansprache Jeffrey’s an die große Jury
von Bristol, am 21. Sept. 1685.

Aber es war zu spät. Die königlichen Truppen waren
Er giebt den Plan
ganz in der Nähe. Der Oberst Oglethorpe stürmte an
auf Bristol auf.
der Spitze von ungefähr hundert Mann Leibgarden
nach Keynsham, zerstreute zwei Reitertrupps der Rebellen, die sich ihm
entgegenwarfen, und zog sich wieder zurück, nachdem er ihnen großen
Schaden zugefügt, selbst aber nur unbedeutenden Verlust erlitten hatte.
Unter diesen Umständen wurde es für nöthig erachtet, den Angriffsplan auf
Bristol aufzugeben. 79
Aber was war nun zu thun? Verschiedene Pläne wurden vorgeschlagen und
berathen. Es wurde beantragt, Monmouth solle nach Gloucester eilen, dort
über den Severn gehen, die Brücke hinter sich abbrechen und so, auf der
rechten Flanke vom Flusse geschützt, durch Worcestershire nach Shropshire
und Cheshire marschiren. Er war früher einmal durch diese Grafschaften
gereist und daselbst mit der nämlichen Begeisterung aufgenommen worden,
wie in Somersetshire und Devonshire. Sein Erscheinen regte den Eifer
seiner alten Freunde ohne Zweifel von neuem an und seine Armee konnte
binnen wenigen Tagen auf das Doppelte ihrer gegenwärtigen Stärke
anwachsen.
Bei genauerer Überlegung zeigte es sich jedoch, daß dieser Plan, so
vortrefflich er zu sein schien, unausführbar war. Die Rebellen waren für
solche Märsche, wie die eben ausgeführten, zu schlecht mit Fußbekleidung
versorgt, und das tägliche Waten durch tiefen Schmutz unter heftigen
Regengüssen hatte sie erschöpft. Da sie ohne Zweifel bei jedem Haltorte
durch die feindliche Reiterei beunruhigt und aufgehalten werden würden,
durften sie nicht hoffen, Gloucester zu erreichen, ohne von dem Hauptcorps

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der königlichen Truppen eingeholt und unter den ungünstigsten Umständen
zu einer Hauptschlacht gezwungen zu werden.
Hierauf wurde vorgeschlagen, in Wiltshire einzurücken. Personen, welche
diese Grafschaft zu kennen behaupteten, versicherten den Herzog, es
würden dort so ansehnliche Verstärkungen zu ihm stoßen, daß er
unbedenklich eine Schlacht annehmen könnte. 80
Er befolgte diesen Rath und wendete sich nach Wiltshire. Die erste Stadt,
die er aufrief, war Bath. Aber Bath hatte eine starke königliche Besatzung
und Feversham rückte in Eilmärschen heran. Die Rebellen machten daher
keinen Angriffsversuch auf die Wälle, sondern eilten weiter nach Philip’s
Norton, wo sie am Abend des 26. Juni Halt machten.
Feversham verfolgte sie dahin, und am frühen Morgen des 27. Juni wurden
sie durch die Nachricht erschreckt, daß er ihnen auf den Fersen sei. Sie
ordneten sich nun und besetzten die nach der Stadt führenden Hecken.
Bald darauf erschien die Vorhut der königlichen Armee, bestehend aus etwa
fünfhundert Mann unter dem Commando des Herzogs von Grafton, eines
jungen Mannes von großer Kühnheit aber rauhen Manieren, der
wahrscheinlich gern zeigen wollte, daß er an den unloyalen Plänen seines
Halbbruders keinen Theil habe. Grafton befand sich bald in einer
tiefliegenden Gasse, mit Zäunen zu beiden Seiten, von denen aus ein höchst
unangenehmes Musketenfeuer unterhalten wurde.
79. London Gazette, June 29. 1685; Wade’s Confession.
80. Wade’s Confession.

Er rückte indessen muthig vor bis ans Thor von
Gefecht bei
Philip’s Norton. Hier fand er den Weg durch eine
Philip’s Norton.
Barrikade versperrt, von welcher er mit einem dritten
Feuer in die volle Fronte empfangen wurde. Setzt verloren seine Leute den
Muth und ergriffen eiligst die Flucht. Ehe sie aus dem Hohlwege
herauskamen, waren mehr als hundert von ihnen getödtet oder verwundet.
Dem Herzoge von Grafton war von einer feindlichen Reiterabtheilung der
Rückzug abgeschnitten; aber er schlug sich tapfer durch und kam glücklich
davon. 81

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Die so zurückgeworfene Vorhut zog sich auf das Hauptcorps der
königlichen Truppen zurück. Die beiden feindlichen Heere standen einander
ganz nahe gegenüber und es wurden einige Schüsse gewechselt, die wenig
oder gar keine Wirkung hatten. Auf keiner Seite war man zu einer
ordentlichen Schlacht geneigt. Feversham wollte erst die Ankunft seiner
Artillerie abwarten und zog sich deshalb nach Bradford zurück; Monmouth
verließ mit Einbruch der Dunkelheit seine Stellung, marschirte südwärts
und erreichte bei Tagesanbruch Frome, wo er Verstärkung zu finden hoffte.
Frome war seiner Sache zwar eben so eifrig zugethan als Taunton und
Bridgewater, konnte aber nichts zu seiner Unterstützung thun. Die
Bevölkerung hatte sich einige Tage zuvor erhoben und Monmouth’s
Erklärung war auf dem Marktplatze angeschlagen worden; aber die
Nachricht von diesem Aufstande war dem Earl von Pembroke
zugekommen, der in geringer Entfernung mit der Miliz von Wiltshire stand;
er war augenblicklich nach Frome marschirt, hatte einen Haufen Landleute,
die sich mit Sensen und Heugabeln ihm widersetzen wollten, in die Flucht
geschlagen, war in die Stadt eingerückt und hatte die Bewohner entwaffnet.
Es gab daher dort keine Waffen mehr und Monmouth war nicht im Stande,
solche zu liefern. 82
81. London Gazette, July 2. 1685; Barillon, 6.(16.) Juli; Wade’s Confession.
82. London Gazette, June 29. 1685; Citters, 30. Juni (10. Juli).

Das Rebellenheer befand sich in einer schlimmen
Monmouth’s
Lage. Der Marsch in der vergangenen Nacht war
Verzagtheit.
höchst beschwerlich gewesen; es hatte in Strömen
geregnet und die Wege waren dadurch zu wahren Morästen geworden. Von
der aus Wiltshire versprochenen Verstärkung hörte man nichts mehr; ein
Bote brachte die Nachricht, daß Argyle’s Armee in Schottland zerstreut
worden sei, ein andrer berichtete, daß Feversham, nachdem er seine
Artillerie an sich gezogen, wieder anrücke. Monmouth verstand den Krieg
zu gut, als daß er nicht hatte wissen sollen, daß seine Leute bei all’ ihrem
Muth und all’ ihrem Eifer doch regulären Truppen nicht gewachsen waren.
Er hatte sich bis jetzt noch immer mit der Hoffnung geschmeichelt, daß
einige von den Regimentern, die er früher befehligt, zu ihm übergehen

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würden, aber diese Hoffnung mußte er jetzt aufgeben. Da verließ ihn der
Muth; er hatte kaum noch Kraft genug, um Befehle zu geben. In seiner
Noth beklagte er sich bitter über die bösen Rathgeber, die ihn verleitet
hatten, sein glückliches Asyl in Brabant zu verlassen, und besonders gegen
Wildman brach er in heftige Verwünschungen aus. 83 Jetzt stieg in seiner
schwachen und geängstigten Seele ein schimpflicher Gedanke auf. Er
wollte die Tausende, die auf seinen Ruf und für seine Sache ihre friedlichen
Häuser und Felder verlassen hatten, den Händen der Regierung preisgeben.
Er wollte sich mit seinen vornehmsten Offizieren heimlich entfernen, wollte
einen Seehafen zu erreichen suchen, bevor man seine Flucht ahnete, wollte
auf das Festland entfliehen und in den Armen der Lady Wentworth seinen
Ehrgeiz und seine Schande vergessen. Diesen Plan besprach er ganz
ernstlich mit seinen hauptsächlichsten Rathgebern. Einige von ihnen, denen
um ihr Leben bange war, zollten demselben Beifall; Grey aber, dem selbst
seine Verleumder es zugestehen, daß er überall unerschrocken war, wo nicht
Schwertergeklirr und Kanonendonner ihn umgaben, widersetzte sich mit
großer Entschiedenheit dem feigen Vorschlage und beschwor den Herzog,
lieber jeder Gefahr Trotz zu bieten, als die aufopfernde Anhänglichkeit des
westlichen Landvolks mit Undank und Verrath zu belohnen. 84
Der Fluchtplan wurde aufgegeben, aber es war jetzt nicht leicht, irgend
einen Operationsplan zu entwerfen. Nach London zu marschiren, wäre
Wahnsinn gewesen, denn der Weg ging über die Ebene von Salisbury, auf
welcher großen Fläche reguläre Truppen, besonders Kavallerie, gegen
undisciplinirte Haufen zu sehr im Vortheil gewesen sein würden. In dieser
kritischen Lage traf plötzlich die Nachricht ein, daß die Landbewohner der
Marschen in der Umgegend von Axbridge zur Verteidigung des
protestantischen Glaubens aufgestanden seien, daß sie sich mit
Dreschflegeln, Knütteln und Heugabeln bewaffnet hätten und sich zu
Tausenden bei Bridgewater sammelten. Monmouth beschloß, dahin
zurückzukehren und sein Heer mit diesen neuen Verbündeten zu
verstärken. 85
Die Rebellen marschirten demgemäß nach Wells, wo sie in nicht sehr
heitrer Stimmung ankamen. Sie waren, mit wenigen Ausnahmen, erbitterte
Feinde des Prälatenthums und äußerten ihren Haß in einer Weise, die ihnen
wenig Ehre machte. Sie rissen nicht nur das Bleidach von der prächtigen

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Kathedrale, um Kugeln daraus zu gießen, eine Handlung, die sie allenfalls
mit den Bedürfnissen des Kriegs entschuldigen konnten, sondern zerstörten
auch muthwilligerweise die Verzierungen des Gebäudes. Grey schützte nur
mit Mühe den Altar vor den Schändungen einiger Buben, die an demselben
zechen wollten, indem er sich mit gezognem Schwerte davor stellte. 86
83. Harl. MS. 6845; Wade’s Confession.
84. Wade’s Confession; Eachard, III., 766.
85. Wade’s Confession.
86. London Gazette, July 6. 1685; Citters, 3.(13.) Juli; Oldmixon. 703.

Am Donnerstag den 2. Juli zog Monmouth wieder in
Seine Rückkehr
Bridgewater ein, aber unter viel weniger erfreulichen
nach
Umständen, als er es vor zehn Tagen verlassen hatte.
Bridgewater.
Die Verstärkung, die er daselbst fand, war
unbedeutend, und die königliche Armee saß ihm dicht auf den Fersen.
Einen Augenblick hatte er die Idee, die Stadt zu befestigen, und Hunderte
von Arbeitern wurden aufgeboten, um Gräben zu ziehen und Schanzen
aufzuwerfen, dann kehrte er wieder zu dem Plane zurück, nach Cheshire zu
marschiren, ein Plan, den er in Keynsham als unausführbar verworfen und
der jetzt, in Bridgewater, sich gewiß nicht günstiger gestaltet hatte. 87
87. Wade’s Confession.

Während er so zwischen gleich hoffnungslosen
Die königliche
Projecten schwankte, kamen ihm die Streitkräfte des
Armee schlägt
Königs zu Gesicht. Sie bestanden aus ungefähr
bei Sedgemoor
zweitausend­fünfhundert Mann regulärer Truppen und
ein Lager auf.
etwa fünfzehnhundert Mann Miliz von Wiltshire.
Sonntag, den 5. Juli, am frühen Morgen, verließen sie Somerton und
schlugen noch denselben Tag ungefähr drei Meilen von Bridgewater auf der
Ebene von Sedgemoor ihre Zelte auf.
Doctor Peter Mew, Bischof von Winchester, begleitete sie. Dieser Prälat
hatte in seiner Jugend im Dienste Karl’s I. gegen das Parlament die Waffen
getragen. Weder seine Jahre, noch sein Beruf hatten seinen kriegerischen

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Eifer völlig gedämpft, und er dachte wahrscheinlich, daß die Anwesenheit
eines Vaters der protestantischen Kirche im königlichen Lager einige
rechtschaffene Männer, welche zwischen dem Abscheu vor dem Papstthum
und dem Abscheu vor der Rebellion schwankten, in ihrer Loyalität
befestigen könnte.
Auf dem Thurme der Pfarrkirche zu Bridgewater, welcher der höchste in
ganz Somersetshire sein soll, hat man eine weite Aussicht über die
Umgegend. Monmouth bestieg in Begleitung einiger Offiziere die Gallerie
des viereckigen Thurmes, von wo aus die Spitze desselben sich erhebt, und
beobachtete durch ein Fernrohr die Stellung des Feindes. Unter ihm lag eine
flache Ebene, welche jetzt mit Kornfeldern und Obstpflanzungen bedeckt
ist, damals aber, wie schon ihr Name andeutet, 88 ein trauriger Morast war.
Wenn es stark geregnet hatte und der Parret mit seinen Nebenflüssen
austrat, so wurde diese Ebene häufig überschwemmt. Sie bildete in der That
schon in früheren Zeiten einen Theil des großen Sumpfes, von dem in
unseren ältesten Chroniken gesagt wird, daß er die Fortschritte zweier
aufeinander­folgenden fremden Erobererstämme aufgehalten habe. Dieser
Sumpf hatte lange die Celten gegen die Angriffe der Könige von Wessex
geschützt und hatte Alfred eine Zuflucht vor den Verfolgungen der Dänen
gewährt. In jenen fernen Zeiten konnte diese Gegend nur in Böten passirt
werden; sie war ein großer See, in welchem eine Menge kleiner Inseln von
veränderlicher und trügerischer Bodenbeschaffenheit zerstreut umherlagen,
die mit üppigem Schilfe bewachsen waren und auf denen es von Rothwild
und wilden Schweinen wimmelte. Noch zu den Zeiten der Tudors mußte
der Reisende, den sein Weg von Ilchester nach Bridgewater führte, des
Wassers halber einen Umweg von mehreren Meilen machen. Als
Monmouth auf Sedgemoor niederblickte, war es durch die Kunst zum Theil
entwässert und von zahlreichen tiefen Gräben durchschnitten, welche dort
„Rhines“ genannt werden. Inmitten des Moors erhoben sich in der nächsten
Umgebung die Kirchthürme einige Dörfer, deren Namen andeuten, daß sie
einstmals von den Fluthen bespült wurden. In einem dieser Dörfer, Weston
Zoyland genannt, lag die königliche Reiterei und Feversham hatte daselbst
sein Hauptquartier aufgeschlagen. Viele noch lebende Personen haben die
Tochter der Magd gekannt, die ihn an jenem Tage bei Tische bediente, und
eine große Schüssel von persischem Porzellan, welche ihm vorgesetzt

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wurde, wird noch immer in der Nachbarschaft sorgfältig aufbewahrt. Es
muß bemerkt werden, daß die Bevölkerung von Somersetshire nicht, wie
die der Fabrikdistrikte, aus Einwanderern aus entfernten Orten besteht. Man
findet dort häufig Landwirthe, die noch den nämlichen Boden bebauen, den
ihre Vorfahren bebauten, als die Plantagenets in England herrschten. Die
Traditionen von Somersetshire sind daher für den Geschichtsforscher von
nicht geringem Werthe. 89
In größerer Entfernung von Bridgewater liegt das Dorf Middlezoy. In
diesem Dorfe und seiner Umgebung war die Miliz von Wiltshire unter
Pembroke’s Befehlen einquartirt.
Auf offnem Moore, unweit Chozoy, lagerten mehrere Bataillone regulären
Fußvolks. Wehmüthig blickte Monmouth auf sie herab, denn er erinnerte
sich unwillkürlich daran, daß er vor wenigen Jahren an der Spitze einer aus
den nämlichen Leuten bestehenden Colonne die wilden Enthusiasten,
welche die Bothwelbrücke vertheidigten, in völliger Verwirrung vor sich
her getrieben hatte. Er konnte in den feindlichen Reihen die tapfere Schaar
unterscheiden, welche damals nach dem Namen ihres Obersten
Dumbarton’s Regiment hieß, schon längst aber als das erste Linien­regiment
bekannt war und in allen vier Welttheilen seinen alten Ruhm stets bewährt
hat. „Ich kenne diese Leute“, sagte Monmouth, „die werden tüchtig
kämpfen. Hätte ich nur sie, so würde Alles gut gehen!“ 90
Der Anblick des Feindes war indessen nicht ganz entmuthigend. Die drei
Divisionen der königlichen Armee lagen weit von einander entfernt, ihre
Bewegungen hatten einen Anschein von sorgloser und lauer Disciplin und
es wurde berichtet, daß sie sich fortwährend in Zoylandcyder betränken.
Die Unfähigkeit Feversham’s, der das Obercommando führte, war
allbekannt, und selbst in diesem kritischen Augenblicke dachte er nur an
Essen und Schlafen. Churchill dagegen war zwar ein Anführer, der weit
schwierigeren Aufgaben als der Zerstreuung eines Haufens schlecht
bewaffneter und ungeübter Bauern gewachsen war; aber das Genie, das
später sechs Marschälle Frankreichs demüthigte, war damals noch nicht an
seinem rechten Platze. Feversham sprach wenig mit Churchill und
ermuthigte ihn nicht, Vorschläge zu machen. Aber obgleich der
Unterbefehlshaber sich seiner Überlegenheit an Fähigkeiten und

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Kenntnissen bewußt war, obgleich er sich nur mit Unmuth den Befehlen
eines Vorgesetzten unterwarf, den er verachtete, und obgleich er für die
Armee das Schlimmste befürchtete, so bewahrte er dennoch die ihn
auszeichnende Selbstbeherrschung und verbarg seine Gefühle so gut, daß
Feversham seine folgsame Thätigkeit lobte und sich vornahm, dem Könige
davon zu berichten 91.
Nachdem Monmouth die Stellung der königlichen Truppen beobachtet hatte
und von ihrem Zustande benachrichtigt worden war, glaubte er, daß ein
nächtlicher Angriff mit Erfolg gekrönt werden könnte. Er beschloß, sein
Glück zu versuchen und traf sofort die nöthigen Anstalten.
Es war Sonntag und seine Leute, welche zum größten Theile puritanisch
erzogen waten, brachten daher einen großen Theil des Tages in
Andachtsübungen zu. Das Schloßgebiet, auf dem die Armee lagerte, bot ein
Schauspiel dar, wie es England seit der Auflösung von Cromwell’s Heer
nicht wieder gesehen hatte. Die Dissenterprediger, welche gegen den
Papismus zu den Waffen gegriffen hatten, und von denen einige vielleicht
schon im großen Bürgerkriege gekämpft hatten, beteten und predigten in
rothen Röcken und hohen Reitstiefeln, mit langen Schwertern an der Seite.
Auch Ferguson gehörte zu Denen, welche Reden hielten. Er wählte zum
Texte die furchtbare Verwünschung, durch welche die jenseits des Jordan
wohnenden Israeliten sich von der Beschuldigung reinigten, die ihre Brüder
am andren Ufer des Flusses aus Unwissenheit gegen sie erhoben: „Der
starke Gott, der Herr, der starke Gott, der Herr weiß, so weiß Israel auch. Ist
es Aufruhr oder ein Vergehen gegen den Herrn, so helfe er uns heute
nicht 92.“
Daß unter dem Schutze der Nacht ein Angriff versucht werden sollte, war in
Bridgewater kein Geheimniß. Die Stadt war von Frauen angefüllt, die aus
der Umgegend herbeigekommen waren, um ihre Gatten, Söhne, Geliebten
und Brüder noch einmal zu sehen. Es gab an diesem Tage manche
schmerzliche Abschiedsscene und Viele trennten sich, um einander nicht
wiederzusehen. Das Gerücht von dem beabsichtigten Angriff kam auch
einem jungen Mädchen zu Ohren, die eine eifrige Anhängerin des Königs
war. Trotz ihres schüchternen Wesens faßte sie den muthigen Entschluß,
Feversham selbst die Nachricht zu überbringen. Sie stahl sich heimlich aus

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Bridgewater fort und begab sich in das königliche Lager. Dieses Lager aber
war nicht der Ort, wo die weibliche Unschuld sicher war. Selbst die
Offiziere, welche die irreguläre Streitmacht, der sie gegenüberstanden, und
den nachlässigen General, unter dessen Befehlen sie kämpfen sollten, in
gleichem Grade verachteten, waren des süßen Weines voll und daher zu
jedem Exceß der Sinnlichkeit und Grausamkeit geneigt. Einer von ihnen
ergriff das junge Mädchen, weigerte sich, auf ihre Botschaft zu hören und
that ihr auf die roheste Weise Gewalt an. Vor Scham und Wuth der
Verzweiflung nahe, entfloh sie wieder und überließ das gottlose Heer
seinem Schicksale 93.
Die Zeit zum Beginn des großen Wagstücks rückte jetzt heran. Die Nacht
war nicht ungünstig für ein solches Unternehmen. Es war zwar Vollmond
und ein glänzendes Nordlicht erschien am Horizont; aber der Sumpfnebel
lag so dicht über Sedgemoor, daß man auf funfzig Schritt die Gegenstände
nicht unterscheiden konnte 94.
88. Sedgemoor: Schilf-Moor.
89. Matt. West. Flor. Hist. A.D. 788; Handschriftliche Chronik, citirt von Sharon Turner in seiner
Geschichte der Angelsachsen, Buch IV. Kap. 19; Drayton’s Polyolbion, III.; Leland’s Itinerary;
Oldmixon, 703. Oldmixon befand sich damals in Bridgewater und sah wahrscheinlich den Herzog
auf dem Kirchthurme. Die oben erwähnte Schüssel ist im Besitz eines Herrn Stradling, der sich die
lobenswerthe Mühe gegeben hat, die Überbleibsel und Traditionen des Aufstandes im Westen
aufzubewahren.
90. Oldmixon, 703.
91. Churchill an Clarendon, vom 4. Juli 1685.
92. Paschall’s Erzählung in Heywood’s Anhang.
93. Kennet, ed. 1779, III. 432. Ich muß leider glauben, daß diese traurige Geschichte wahr ist. Der
Bischof erklärt, daß sie ihm im Jahre 1718 von einem wackeren Offizier der Blauen mitgetheilt
worden sei, der bei Sedgemoor mitgefochten und selbst das arme Mädchen in völliger Verzweiflung
hat fortgehen sehen.
94. Erzählung eines Offiziers von den Gardereitern in Kennet, Ausg. v. 1719, III. 432; MS. Journal
of the Western Rebellion, Rept. by Mr. Edward Dummer; Dryden’s Hind and Panther, part.
II. Die Zeilen von Dryden sind schön:
Dies war des Himmels heitre Strahlenpracht
Bei Jakob’s letztem Sieg in stiller Nacht,
Der Liebe seines mächt’gen Schutzherrn Pfand,
Das Feuerwerk von hehrer Engel Hand.
Ich selbst das helle Licht vergolden sah
Die düstren nächt’gen Schatten, fern und nah’.

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Fort trug der Bote eiligst seine Kunde,
Zu dreier Völker Trost in banger Stunde,
Doch überall fand er des Himmels Boten schon.

Es schlug elf Uhr, als der Herzog mit seiner Leibgarde
Schlacht von
aus dem Schlosse abritt. Er befand sich durchaus nicht
Sedgemoor.
in der Gemüthsstimmung, wie sie einem Manne
ziemt, der im Begriffe ist, einen entscheidenden Schlag zu führen. Selbst
die Kinder, die sich herbeidrängten, um ihn vorüberreiten zu sehen,
bemerkten, daß sein Aussehen traurig und voll düsterer Ahnungen war, und
erinnerten sich dessen noch lange nachher. Seine Armee marschirte auf
einem fast sechs Meilen langen Umwege gegen das königliche Lager von
Sedgemoor. Ein Theil dieses Weges wird noch heute die Kriegsstraße
genannt. Das Fußvolk führte Monmouth persönlich an, und die Reiterei war
trotz der Gegenvorstellungen Derer, die sich des Unfalls bei Bridport
erinnerten, Lord Grey anvertraut worden. Es war Befehl gegeben, das
strengste Stillschweigen zu beobachten, keine Trommel zu rühren und
keinen Schuß abzufeuern. Das Losungswort, an dem die Insurgenten
einander im Dunkeln erkennen sollten, war Soho. Wahrscheinlich war
dieses Wort in Anspielung auf Soho-Fields in London gewählt, wo der
Palast des Anführers stand 95.
Montag den 6. Juli gegen ein Uhr in der Nacht kamen die Rebellen auf dem
offnen Moore an. Aber zwischen ihnen und dem Feinde befanden sich drei
mit Wasser und dünnem Schlamm gefüllte Gräben, und Monmouth wußte,
daß er zwei davon, den sogenannten „schwarzen Graben“ und den
„Langmoor-Rhine“ passiren mußte. Sonderbarerweise aber hatte ihm keiner
seiner Kundschafter etwas von der Existenz des dritten Grabens gesagt,
welcher „Bussex-Rhine“ hieß und das königliche Lager unmittelbar deckte.
Die Munitionswagen blieben am Rande des Moors zurück. Die Reiterei und
das Fußvolk gingen auf einem Damme in einer langen und schmalen
Colonne über den schwarzen Graben. Ein ähnlicher Damm war auch durch
den Langmoor-Rhine geworfen, aber der Führer verirrte sich im Nebel. Es
entstand einiger Aufenthalt und Tumult, ehe man den rechten Weg wieder
fand; endlich wurde der Übergang noch glücklich bewerkstelligt, aber in
der Verwirrung ging ein Pistol los. Einige Wache haltende Gardereiter

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hörten den Knall und bemerkten eine große Truppenmasse, die sich im
Nebel vorwärts bewegte. Sie feuerten ihre Karabiner ab und sprengten in
verschiedenen Richtungen davon, um Lärm zu machen. Einige eilten nach
Weston Zoyland, wo die Kavallerie lag. Ein andrer Reiter galoppirte in das
Lager der Infanterie und rief aus voller Kehle, daß der Feind in der Nähe
sei. Die Trommeln des Regiments Dumbarton schlugen Generalmarsch und
die Mannschaft trat sogleich unter’s Gewehr. Es war die höchste Zeit, denn
Monmouth stellte seine Armee schon in Schlachtordnung auf. Er befahl
Grey, mit der Reiterei vorzugehen, und folgte selbst an der Spitze des
Fußvolks. Grey stürmte vorwärts, bis er plötzlich ganz unvermuthet durch
den Bussex-Rhine aufgehalten wurde. Jenseit des Grabens stellte sich die
königliche Infanterie eiligst in Schlachtordnung auf.
„Für wen seid Ihr?“ rief ein Offizier von der Fußgarde. „Für den König“,
antwortete eine Stimme in den Reihen der Rebellen-Kavallerie. „Für
welchen König?“ wurde hierauf gefragt. Die Antwort war das
Jubelgeschrei: „Für König Monmouth!“ vermischt mit dem Feldgeschrei,
das vierzig Jahre früher auf den Fahnen der Parlaments­regimenter stand:
„Gott mit uns!“ Die königlichen Truppen gaben nun augenblicklich eine so
kräftige Musketensalve, daß die ganze Reiterei der Aufständischen alsbald
nach allen Richtungen auseinanderstob. Die Welt schrieb diese
schmachvolle Flucht allgemein der Feigherzigkeit Grey’s zu. Aber es ist
keineswegs erwiesen, ob Churchill an der Spitze von Leuten, welche noch
nie im Sattel gekämpft hatten, und deren Pferde weder ans Feuer, noch
überhaupt an den Zügel gewohnt waren, besseren Erfolg gehabt haben
würde.
Wenige Minuten nachdem die Reiterei des Herzogs sich über den ganzen
Moor zerstreut hatte, kam seine Infanterie, der die brennenden Lunten des
Regiments Dumbarton als Wegweiser in der Dunkelheit dienten, im
Sturmschritt heran.
Monmouth erschrak nicht wenig, als er sah, daß ein breiter und tiefer
Graben ihn von dem Lager trennte, das er zu überrumpeln gehofft hatte. Die
Insurgenten machten am Rande des Grabens Halt und feuerten; ein Theil
der königlichen Infanterie am anderen Ufer erwiederte das Feuer.
Dreiviertel Stunde lang knatterte das Kleingewehrfeuer ununterbrochen.

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Die Landleute von Somersetshire benahmen sich wie alte gediente
Soldaten, nur daß sie zu hoch hielten.
Jetzt aber hatten sich auch die anderen Abtheilungen der königlichen Armee
in Bewegung gesetzt. Die Leibgarben und die Blauen kamen von Weston
Zoyland herangesprengt und zerstreuten in einem Nu die wenigen Reiter
Grey’s, die sich wieder zu sammeln versucht hatten. Die Fliehenden
verbreiteten einen panischen Schrecken unter ihren Kameraden in der
Nachhut, welche die Munition zu decken hatten. Die Wagen fuhren in
hastiger Eile davon und hielten nicht eher an, als bis sie mehrere Meilen
vom Schlachtfelde entfernt waren. Bis jetzt hatte Monmouth sich als tapfrer
und befähigter Krieger gezeigt; man hatte ihn zu Fuß gesehen, wie er, mit
einer Lanze in der Hand, seine Infanterie durch Wort und Beispiel
anfeuerte. Aber er war zu erfahren in militärischen Angelegenheiten, als daß
er nicht hätte wissen sollen, daß Alles vorbei war. Seine Leute hatten den
Vortheil, den ihnen die Überrumpelung und die Dunkelheit gegeben,
verloren; sie waren von der Reiterei und den Munitionswagen im Stiche
gelassen, und die königlichen Truppen waren jetzt in bester Ordnung
beisammen. Feversham war durch das Feuer geweckt worden, war aus dem
Bett gesprungen, hatte seine Halsbinde umgelegt, sich gebührend im
Spiegel gemustert, und war endlich herbeigekommen, um zu sehen, was
seine Leute thaten. Inzwischen hatte Churchill, was von weit größrer
Wichtigkeit war, eiligst eine ganz neue Aufstellung der königlichen
Infanterie vorgenommen. Der Morgen brach an; der Ausgang eines
Kampfes im offnen Felde und bei hellem Tageslichte konnte nicht
zweifelhaft sein. Aber Monmouth hätte fühlen sollen, daß er nicht fliehen
durfte, während Tausende, die ihre Zuneigung zu ihm ins Verderben
gestürzt, noch immer mannhaft für seine Sache kämpften. Aber eitle
Hoffnungen und die unüberwindliche Liebe zum Leben behielten bei ihm
die Oberhand. Er sah, daß, wenn er zögerte, die königliche Reiterei ihm den
Rückzug abschneiden würde; er stieg daher zu Pferde und ritt vom
Schlachtfelde.
Doch sein Fußvolk, obgleich von seinem Führer verlassen, hielt noch tapfer
Stand. Die Leibgarden griffen es von der rechten, die Blauen von der linken
Seite an; aber die Bauern von Somersetshire kämpften mit ihren Sensen und
ihren Gewehrkolben wie alte Soldaten gegen die königlichen Reiter.

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Oglethorpe machte einen ungestümen Versuch, ihre Reihen zu
durchbrechen, und wurde tapfer zurückgeschlagen. Sarsfield, ein wackrer
irländischer Offizier, dessen Name später eine traurige Berühmtheit
erlangte, griff auf der andren Flanke an. Seine Leute wurden ebenfalls
zurückgeworfen. Er selbst wurde zu Boden geschlagen und blieb eine Zeit
lang für todt liegen. Der Widerstand der tapfren Landleute konnte jedoch
nicht mehr von langer Dauer sein, denn Pulver und Blei waren völlig
ausgegangen. Man hörte den Ruf: „Munition! um Gottes Willen Munition!“
Aber es war keine mehr zur Hand. Jetzt rückte überdies auch die königliche
Artillerie heran, die eine halbe Meile davon auf der Straße von Weston
Zoyland nach Bridgewater gestanden hatte. Die Ausrüstung des englischen
Heeres war damals noch so mangelhaft, daß es ungeheure Mühe gekostet
haben würde, die schweren Geschütze auf den Platz zu schleppen, wo der
Kampf wüthete, hätte nicht der Bischof von Winchester seine Wagenpferde
und seine Geschirre zu diesem Zwecke hergegeben. Diese Einmischung
eines christlichen Prälaten in eine blutige Angelegenheit ist mit sonderbarer
Inconsequenz von einigen whiggistischen Schriftstellern verdammt worden,
während sie nichts Verbrecherisches in dem Benehmen der zahlreichen
puritanischen Geistlichen finden, welche damals gegen die Regierung unter
Waffen standen. Und als die Kanonen endlich angekommen waren, fehlte es
so sehr an Kanonieren, daß ein Sergeant vom Regimente Dumbarton die
Bedienung mehrerer Geschütze übernehmen mußte 96. So schlecht indessen
die Geschütze auch bedient wurden, so brachten sie doch das Gefecht rasch
zu Ende. Die Lanzen der aufständischen Bataillone begannen sich zu
senken, die Reihen wurden durchbrochen; die königliche Reiterei machte
einen nochmaligen Angriff und warf Alles vor sich nieder, während zu
gleicher Zeit auch die Infanterie in großen Massen über den Graben kam.
Selbst in dieser höchsten Bedrängniß hielten die Bergleute von Menrix noch
tapfer Stand und verkauften ihr Leben theuer. Aber in wenigen Minuten war
die Niederlage vollständig. Dreihundert königliche Soldaten waren getödtet
oder verwundet, und von den Rebellen lagen mehr als tausend todt auf dem
Moor 97.
So endete der letzte, den Namen einer Schlacht verdienende Kampf, der auf
englischem Boden stattgefunden hat. Der Eindruck, den derselbe bei den
einfachen Bewohnern der Umgegend zurückließ, war tief und nachhaltig.

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Allerdings ist dieser Eindruck auch häufig wieder aufgefrischt worden,
denn selbst noch in unseren Tagen haben Pflug und Spaten nicht selten
schauerliche Erinnerungszeichen von dem Gemetzel, wie Schädel, Gebeine
und seltsame Waffen, aus Ackergeräthen verfertigt, zu Tage gefördert. Alte
Landleute erzählten noch vor Kurzem, daß sie in ihrer Kindheit oft auf dem
Moore das Gefecht zwischen König Jakob’s und König Monmouth’s
Soldaten gespielt und daß die letzteren stets „Soho“ gerufen hätten 98.
Was bei der Schlacht von Sedgemoor am meisten auffällt, ist der Umstand,
daß der Ausgang nur einen Augenblick zweifelhaft sein konnte und daß die
Rebellen so lange Widerstand leisteten. Gegenwärtig würde es als ein
Wunder betrachtet werden, wenn fünf- oder sechstausend Kohlengräber und
Bauern nur einer halb so großen Anzahl von regulärer Kavallerie und
Infanterie eine halbe Stunde lang Stand hielte. Unser Erstaunen wird sich
jedoch vielleicht vermindern, wenn wir berücksichtigen, daß zu den Zeiten
Jakob’s II. die Disciplin der regulären Armee außerordentlich lax, und daß
auf der andren Seite das Landvolk daran gewöhnt war, in der Miliz zu
dienen. Der Unterschied zwischen einem Regiment Fußgarden und einem
Regiment eben angeworbener Bauern war daher, obwohl schon sehr
bedeutend, doch keineswegs so groß, als er jetzt ist. Monmouth führte nicht
bloße Pöbelhaufen zum Angriff gegen geübte Soldaten; seine Leute waren
nicht ganz ohne allen militärischen Anstrich, während Feversham’s Truppen
im Vergleich zu den englischen Truppen der Jetztzeit fast ein Pöbelhaufe
genannt werden könnten.
Es war vier Uhr, die Sonne ging auf und das geschlagene Heer ergoß sich
massenhaft in die Straßen von Bridgewater. Das Getümmel, das Blut, die
Wunden, die geisterhaften Gestalten, welche zu Boden sanken, um nicht
wieder aufzustehen, verbreiteten Entsetzen und Bestürzung in der Stadt.
Dazu kam noch, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen waren. Die
Einwohner, welche den Aufstand begünstigt hatten, erwarteten
ausgeplündert und niedergemetzelt zu werden, und flehten ihre Nachbarn,
die sich zum römisch-katholischen Glauben bekannten oder sich durch
toryistische Gesinnung auszeichneten, um Schutz an. Auch, die heftigsten
whiggistischen Geschichtsschreiber erkennen es an, daß dieser Schutz
freundlich und hochherzig gewährt wurde 99.

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95. Es ist von vielen Schriftstellern, unter Anderen auch von Penant, behauptet worden, der Soho-
Bezirk in London habe seinen Namen von jener Parole in Monmouth’s Armee bei Sedgemoor. Aber
man findet die Soho-Fields in Büchern erwähnt, welche vor dem Aufstand im Westen gedruckt
waren, z.B. in Chamberlayn’s State of England, 1684.
96. Es existirt eine Verfügung von Jakob, welche anbefiehlt, daß dem Sergeanten Weems vom
Regiment Dumbarton „für die guten Dienste, die er in der Schlacht von Sedgemoor durch Abfeuern
der großen Kanonen auf die Rebellen geleistet“, vierzig Pfund Sterling ausgezahlt werden sollen.
Historical Record of the First of Royal Regiment of Foot.
97. Jakob’s II. Bericht von der Schlacht von Sedgemoor in Lord Hardwicke’s Staatsschriften;
Wade’s Confession; Ferguson’s handschriftliche Erzählung in Eachard III. 768; Erzählung eines
Offiziers von der Leibgarde in Kennet, Ausg. v. 1719, III. 432; London Gazette, July 9. 1685;
Oldmixon, 703; Paschalle’s Narrative; Burnet, I. 60043; Evelyn’s Diary, July 8.; Citters, 7.(17.)
Juli; Barillon 9.(19.) Juli; Reresby’s Memoirs; the Duke of Buckingham’s Battle of Sedgemoor,
a Farce; MS. Journal of the Western Rebellion, kept by Mr. Edward Dummer, then serving in
the train of artillery employed by Hir Majesty for the suppression of the same. Die
letztgenannte Handschrift befindet sich in der Pepys’schen Bibliothek und ist von großem Werthe,
nicht wegen der Erzählung, die wenig Bemerkenswerthes enthält, sondern wegen der Pläne, welche
die Schlacht in vier oder fünf verschiedenen Stadien darstellen.
„Die Geschichte einer Schlacht“, sagt der größte der jetzt lebenden Generale, „ist der Geschichte
eines Balles nicht unähnlich. Einige mögen sich wohl noch der kleinen Vorfälle erinnern, welche den
Gewinn oder den Verlust der Schlacht herbeiführten; aber kein Einzelner kann sich erinnern, in
welcher Aufeinanderfolge oder in welchem Augenblicke sie sich ereigneten, und davon hängt stets
ihr Werth und ihre Bedeutung ab ... Um Ihnen zu beweisen, wie wenig man sich auch auf die besten
Schlachtberichte verlassen kann, will ich nur sagen, daß in dem Berichte des Generals * * einige
Umstände erwähnt sind, die sich nicht so zugetragen haben, wie er sie erzählt. Es ist unmöglich zu
sagen, wann und in welcher Ordnung jedes wichtige Ereigniß eintrat.“ — Wellington Papers, Aug.
8. & 17. 1815.
Die Schlacht, in Bezug auf welche der Herzog von Wellington dies schrieb, war die von Waterloo,
die wenige Wochen vorher am hellen Tage unter seinen eigenen scharfblickenden und erfahrenen
Augen geschlagen worden war. Wie schwierig muß es daher sein, aus zwölf oder dreizehn Rapporten
einen Bericht über eine Schlacht zusammen zu stellen, die vor mehr als hundertsechzig Jahren in
einer Dunkelheit geschlagen wurde, daß man nicht fünfzig Schritt weit vor sich sehen konnte? Die
Schwierigkeit wird dadurch noch vergrößert, daß die Augenzeugen, welche die beste Gelegenheit
hatten, die Wahrheit zu erfahren, durchaus nicht geneigt waren, sie zu sagen. Das Dokument, das ich
an die Spitze meiner Quellen­verzeichnisse gestellt habe, war unverkennbar mit der größten
Parteilichkeit für Feversham geschrieben. Wade schrieb in der Angst vor dem Strange. Ferguson, der
es überhaupt mit der Wahrheit seiner Aussagen nicht genau nahm, log bei dieser Gelegenheit wie
Bobadil oder Parolles. Oldmixon, der zur Zeit der Schlacht in Bridgewater noch ein Knabe war und
einen großen Theil seines spätren Lebens daselbst zubrachte, stand so unter dem Einflusse örtlicher
Leidenschaften, daß seine an Ort und Stelle vorgenommenen Forschungen ihm nichts nützten. Der
Wunsch, die Tapferkeit der Landleute von Somersetshire zu preisen, eine Tapferkeit, die selbst ihre
Feinde anerkannten und welche nicht erst durch Übertreibungen und Erdichtungen in ein glänzendes
Licht gestellt zu werden brauchte, verleitete ihn, einen lächerlichen Roman zusammenzusetzen. Das
Lob, welches Barillon, ein Franzos, der gewöhnt war, ungeübte Schaaren zu verachten, der besiegten
Armee zollt, hat weit mehr Werth. „Son infanterie fit fort bien. On n’eut de la peine à les

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rompre, et les soldats combattoient avec les crosses de mousquet et les scies, qu’ils
avoient au bout de grands bastons au lieu de picques.“
Jetzt ist durch einen Besuch des Schlachtfeldes nicht viel mehr zu lernen, denn die Gestalt der
Gegend hat sich zu sehr verändert; so ist der alte Bussex-Rhine, an dessen Ufern das Haupttreffen
stattfand, längst verschwunden. — Von großem Nutzen ist mir Robert’s Schlachtbericht gewesen.
Life of Monmouth chap. 22. Seine Erzählung wird in der Hauptsache durch Dummer’s Pläne
bestätigt.
98. Ich weis dies aus dem Munde von Leuten, welche unweit Sedgemoor wohnen.
99. Oldmixon, 704.

Die Sieger verfolgten die Fliehenden den ganzen Tag.
Verfolgung der
Die Bewohner der umliegenden Dörfer erinnerten
Rebellen.
sich noch lange des Getöses und der
Verwünschungen, womit die Reiterei vorüberstürmte. Noch vor dem Abend
waren fünfhundert Gefangene in der Pfarrkirche zu Weston Zoyland
eingesperrt. Achtzig von ihnen waren verwundet und fünf starben innerhalb
der heiligen Mauern. Eine große Menge Landleute wurde herbeigetrieben,
um die Gefallenen zu begraben, und einige, deren Parteilichkeit für die
Sache der Besiegten bekannt war, wurden für das grauenvolle Geschäft
bestimmt, die Gefangen zu viertheilen. Die Unterconstabler der
benachbarten Kirchspiele mußten Galgen aufrichten und Ketten
herbeischaffen. Währenddem läuteten fröhlich die Glocken von Weston
Zoyland und Chedzoy und die Soldaten sangen und zechten auf dem Moore
mitten unter den Leichen, denn die Landwirthe der Umgegend hatten,
sobald der Ausgang des Gefechts bekannt war, sich beeilt, den Siegern
ganze Fässer ihres besten Obstweines als Friedensopfer darzubringen. 100
100. Locke’s Western Rebellion, Stradling’s Chilton Priory.

Feversham galt für einen gutherzigen Mann, aber er
Militärische
war ein Ausländer, der die Gesetze der Engländer
Hinrichtungen.
nicht kannte und sich um ihre Gefühle nicht
kümmerte. Er war an den kriegerischen Übermuth Frankreichs gewohnt und
hatte von seinem hohen Verwandten, dem Eroberer der Pfalz, nicht erobern,
sondern nur verwüsten und zerstören gelernt. Eine beträchtliche Anzahl
Gefangener wurde sofort zur Hinrichtung ausgewählt. Unter diesen befand

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sich ein junger Mann, der wegen seiner Schnelligkeit im Laufen berühmt
war. Man machte ihm Hoffnung, daß er mit dem Leben davon kommen
könne, wenn er aus einem Wettlaufe mit einem Fohlen der Marschen
siegreich hervorginge. Der Raum, den dieser Mann in gleichem Schritt mit
dem Pferde durchlief, ist noch jetzt durch wohlbekannte Markzeichen auf
dem Moore angegeben und war ungefähr dreiviertel Meile lang. Feversham
schämte sich nicht, den unglücklichen Schnellläufer nach vollbrachter
Leistung dennoch an den Galgen zu schicken. Am nächsten Morgen sah
man eine lange Reihe von Galgen auf der Straße von Bridgewater nach
Weston Zoyland, und an jedem derselben hing ein Gefangner. Vier von den
Duldern ließ man in ihren Ketten verfaulen. 101
101. Locke’s Western Rebellion; Stradling’s Chilton Priory; Oldmixon, 704.

Unterdessen entfloh Monmouth, begleitet von Grey,
Monmouth’s
Buyse und einigen andren Freunden, vom
Flucht.
Schlachtfelde. In Chedzoy machte er einen
Augenblick Halt, um ein frisches Pferd zu besteigen und sein blaues
Knieband und seinen St. Georg 102 zu verbergen. Dann eilte er weiter nach
Bristol Channel. Auf den Anhöhen im Norden des Schlachtfeldes sah er
noch den Blitz und den Rauch der letzten Salve, die seine verlassenen
Getreuen abfeuerten. Vor sechs Uhr war er schon zwanzig Meilen von
Sedgemoor entfernt. Einige von seinen Begleitern riethen ihm, über den
Kanal zu setzen und in Wales eine Zufluchtsstätte zu suchen, was
unzweifelhaft das Klügste gewesen wäre. Er hätte längst in Wales sein
können, ehe die Nachricht von seiner Niederlage dahin gelangte, und würde
in einer so unwirthbaren, vom Sitze der Regierung weit entfernten Gegend
lange unentdeckt geblieben sein. Aber er beschloß, nach Hampshire zu
eilen, in der Hoffnung, sich in den Hütten der Wilddiebe unter den Eichen
des Neuen Waldes so lange verbergen zu können, bis sich eine günstige
Gelegenheit zum Entkommen auf das Festland darbot. Daher wendete er
sich mit Grey und Buyse südöstlich. Aber der Weg war voll von Gefahren,
denn die Flüchtlinge reisten durch eine Gegend, wo Jedermann den
Ausgang der Schlacht schon kannte und kein Reisender von verdächtigem
Aussehen sich einer genauen Untersuchung entziehen konnte. Sie ritten den

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ganzen Tag, indem sie Städte und Dörfer sorgfältig vermieden. Das war
auch nicht so schwierig, als es jetzt scheinen mag, denn damals lebende
Leute konnten sich noch sehr gut der Zeit erinnern, wo sich das Rothwild in
einer Reihenfolge von Wäldern von den Ufern des Avon in Wiltshire bis zur
südlichen Küste von Hampshire in ungestörter Freiheit tummelte. 103 Auf
Cranbourne Chase konnten endlich die Pferde vor Erschöpfung nicht
weiter. Man nahm ihnen daher Sattel und Zaum ab, welche sorgfältig
versteckt wurden, und ließ sie laufen. Monmouth und seine Freunde
verschafften sich nun Bauernanzüge, und so verkleidet wanderten sie zu
Fuß durch den Neuen Wald. Sie brachten die Nacht unter freiem Himmel
zu, aber noch vor dem Morgen waren sie auf allen Seiten umzingelt. Lord
Lumley, der mit einer starken Abtheilung der Miliz von Sussex in
Ringwood stand, hatte nach allen Richtungen hin Detaschements
ausgesandt und Sir Wilhelm Portman mit der Miliz von Somerset vom
Meeresufer bis ans nördliche Ende von Dorset eine Postenkette aufgestellt.
Am siebenten um fünf Uhr Morgens wurde Grey, der sich von seinen
Freunden entfernt hatte, von zwei Sussexer Spionen ergriffen. Er ergab sich
in sein Schicksal mit der Ruhe eines Mannes, dem die Ungewißheit
unerträglicher war als die sichere Aussicht auf seinen Untergang. „Seit
unsrer Landung“, sagte er, „habe ich weder eine einzige ordentliche
Mahlzeit, noch eine ruhige Nacht gehabt.“ Man konnte kaum daran
zweifeln, daß der Hauptrebell nicht weit entfernt war, und die Verfolger
verdoppelten daher ihre Wachsamkeit und Thätigkeit. Lumley ließ alle auf
dem Haidelande an den Grenzen von Dorsetshire und Hampshire zerstreut
liegenden Hütten genau durchsuchen, und der Landmann, mit welchem
Monmouth die Kleider gewechselt hatte, wurde entdeckt. Portman kam mit
einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk, um Lumley bei seinen
Nachforschungen zu unterstützen. Bald wurde ihre Aufmerksamkeit auf
eine Stelle gelenkt, die sich zum Versteck für Flüchtlinge vortrefflich
eignete. Es war ein bedeutender Landstrich, welcher durch ein Gehege von
dem offnen Lande getrennt und durch zahlreiche Hecken in kleine
Feldparcellen abgetheilt war. Auf einigen dieser Felder waren der Roggen,
die Erbsen und der Hafer hoch genug, um einen Menschen zu verbergen;
andere waren mit Farrnkraut und Brombeersträuchern bedeckt. Eine arme
Frau berichtete, daß sie in dem Gehege zwei Fremde gesehen habe, die sich
zu verbergen schienen. Die nahe Aussicht auf eine Belohnung erhöhte den

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Eifer der Truppen. Es wurde verabredet, daß jeder Mann, der bei der
Durchsuchung seine Pflicht thue, einen Antheil von den versprochenen
fünftausend Pfund bekommen sollte. Die äußere Umzäunung wurde mit
Wachen besetzt und der innre Raum mit unermüdlicher Sorgfalt
durchforscht; mehrere gute Spürhunde durchsuchten das Gebüsch. Der
Abend brach herein, ehe das Geschäft beendigt war, aber die ganze Nacht
hindurch wurde sorgfältig Wache gehalten. Wohl dreißigmal wagten es die
Flüchtlinge, durch die äußere Umzäunung zu blicken, aber überall fanden
sie eine aufmerksam umherspähende Schildwache. Einmal wurden sie
gesehen und auf sie geschossen; dann trennten sie sich und verbargen sich
in verschiedenen Schlupfwinkeln.
102. Die Insignien des Hosenbandordens. D. Übers.
103. Aubrey’s Natural History of Wiltshire, 1691.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begann das
Seine
Suchen von neuem und Buyse wurde gefunden. Er
Gefangennehmun
gestand, daß er sich erst vor wenigen Stunden von
g.
dem Herzoge getrennt habe. Das Getreide und das
Gesträuch wurde nun mit noch größerer Sorgfalt untersucht. Endlich wurde
eine abgezehrte Gestalt in einem Graben gefunden. Die Verfolger stürzten
sich auf ihre Beute und einige von ihnen wollten feuern, aber Portman
verbot jede Gewaltthätigkeit. Der Gefangne trug die Kleidung, eines Hirten,
sein frühzeitig ergrauter Bart war seit mehreren Tagen nicht rasirt. Er
zitterte heftig und konnte nicht sprechen. Selbst Diejenigen, die ihn oft
gesehen hatten, zweifelten anfangs, ob dies wirklich der glänzende und
liebenswürdige Monmouth sei. Portman untersuchte seine Taschen und fand
darin unter grünen Erbsen, die er in seinem quälenden Hunger abgepflückt
hatte, eine Uhr, eine mit Gold gefüllte Börse, ein kleines Werk über die
Befestigungskunst, ein Album mit Gedichten, Recepten, Gebeten und
Zaubersprüchen, und den St. Georg, mit dem König Karl II. vor vielen
Jahren seinen Lieblingssohn geschmückt hatte. Es wurden nun sogleich
Boten mit der erfreulichen Nachricht nach Whitehall abgesandt und der
Gefangene unter starker Bedeckung nach Ringwood gebracht. 104

Page 101

So war denn Alles verloren und es blieb ihm nichts mehr übrig, als daß er
sich vorbereitete, dem Tode so entgegenzugehen, wie es einem Manne
ziemte, der sich nicht für unwürdig gehalten, die Kronen Wilhelm’s des
Eroberers und Richard’s Löwenherz, des Helden von Cressy und des
Helden von Agincourt zu tragen. Der Gefangne hätte sich leicht noch
anderer Beispiele aus seiner Familie erinnern können, welche auf seine
gegenwärtige Lage besser paßten. In einem Zeitraume von hundert Jahren
waren zwei Souveraine, deren Blut in seinen Adern floß, darunter ein zartes
Weib, in der nämlichen Lage gewesen, in der er sich jetzt befand. Sie hatten
im Gefängniß und auf dem Schaffot einen Heldenmuth gezeigt, dessen sie
in den Tagen des Glücks nicht fähig gewesen waren, und hatten ihre großen
Fehler und Verbrechen zum Theil gesühnt, indem sie Alles, was ihre
siegreichen Feinde ihnen zufügen konnten, mit christlicher Ergebung und
majestätischer Würde ertrugen. Der Feigheit war Monmouth nie
beschuldigt worden, und hätte es ihm auch an natürlichem Muthe gefehlt,
so ließ sich erwarten, daß dieser Mangel durch den Stolz und die
Verzweiflung ersetzt werden würde. Die Augen der ganzen Welt waren auf
ihn gerichtet; die spätesten Geschlechter sollten es erfahren, wie er sich in
dieser kritischen Lage gezeigt hatte. Er war es den wackeren Landleuten im
Westen schuldig, ihnen zu beweisen, daß sie ihr Blut nicht für einen ihrer
Aufopferung unwürdigen Führer vergossen hatten, und dem Weibe, die ihm
Alles geopfert, war er es schuldig, sich so zu benehmen, daß sie wohl um
ihn weinen durfte, sich seiner aber nicht zu schämen brauchte. Ihm stand es
nicht an, zu jammern und um Gnade zu flehen; auch mußte ihm schon sein
Verstand sagen, daß er durch Klagen und Bitten nichts erreichen würde. Er
hatte etwas gethan, was nie vergeben werden konnte, und er war in der
Gewalt eines Mannes, der nie vergab.
Aber Monmouth’s Muth war nicht jener erhabne Muth, der das Resultat der
Überlegung und der Selbstachtung ist; die Natur hatte ihm keines jener
starken Herzen verliehen, denen weder Mißgeschick noch Gefahren ein
Zeichen von Schwäche entreißen können. Sein Muth wuchs und sank nach
Maßgabe der auf ihn einwirkenden äußeren Eindrücke. Auf dem
Schlachtfelde wurde er durch die Aufregung des Kampfes, durch die
Hoffnung auf den Sieg und durch den mächtigen Einfluß der Sympathie
aufrecht erhalten. Alle diese Stützpunkte waren ihm jetzt entzogen. Das

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verwöhnte Schooßkind des Hofes und des Volks, daran gewöhnt, überall wo
er sich zeigte, geliebt und vergöttert zu werden, war jetzt von finsteren
Kerkermeistern umgeben, in deren Blicken er sein Schicksal las. Noch
einige Stunden düstrer Abgeschiedenheit, und er mußte eines gewaltsamen
und schimpflichen Todes sterben. Sein Muth war völlig gebrochen. Das
Leben schien ihm werth, durch jede Erniedrigung erkauft zu werden, und
sein stets schwacher, jetzt aber noch durch die Angst verwirrter Verstand
sah nicht ein, daß Demüthigungen ihn herabwürdigen mußten, aber nicht
retten konnten.
104. Account of the manner of taking the late Duke of Monmouth, published by His
Majesty’s command. Gazette de France, July 18.(28.) 1685; Eachard III. 770;
Burnet I. 644, und Dartmouth’s Note; Citters, 10.(20.) Juli 1685.

Sogleich nach seiner Ankunft in Ringwood schrieb er
Sein Brief an den
an den König. Aus seinem Briefe sprach feige Angst,
König.
die kein Ehrgefühl mehr kennt. Er versicherte in
Ausdrücken der heftigsten Verzweiflung, daß er seinen Verrath bereue und
daß es zu der Zeit, als er seinen Verwandten versprach, keine Unruhen in
England hervorzurufen, sein fester Vorsatz gewesen sei, sein Wort zu
halten. Leider hätten nachher einige abscheuliche Menschen ihn seiner
Unterthanentreue entfremdet, indem sie sein Blut durch Verleumdungen
erhitzten und seinen Verstand durch Sophismen irreleiteten; jetzt aber
verabscheue er sie sowohl als sich selbst. In kläglichen Ausdrücken flehte
er um die Gunst einer Unterredung mit dem Könige. Es handle sich um ein
Geheimniß, das er dem Papiere nicht anvertrauen könne, um ein
Geheimniß, das in einem einzigen Worte enthalten sei und das, wenn er es
ihm mittheile, den Thron gegen jede Gefahr sicherstellen werde. Am
folgenden Tage schrieb er auch noch an die Königin Wittwe und an den
Lordschatzmeister, die er beide dringend bat, sich für ihn zu verwenden. 105
Das Erstaunen war groß, als es in London bekannt wurde, wie tief er sich
erniedrigt hatte, und Niemand wunderte sich mehr darüber, als Barillon, der
zwei blutige Proscriptionen in England erlebt und zahlreiche Opfer, sowohl
von der Opposition als vom Hofe, gesehen hatte, die sich ohne weibisches
Flehen und Jammern in ihr Schicksal ergaben. 106

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105. Der Brief an den König wurde damals auf besondren Befehl gedruckt, der an die Königin
Wittwe befindet sich unter Sir H. Ellis’ Originalbriefen; der an Rochester in Clarendon’s
Correspondenz.
106. Er schrieb: „On trouve fort à redire icy qu’il ayt fait une chose si peu ordinaire aux
Anglois.“ 13.(23.) Juli 1685.

Monmouth und Grey blieben zwei Tage in Ringwood
Er wird nach
und wurden dann unter Bedeckung eines starken
London
Detaschements regulärer Truppen und Milizen nach
abgeführt.
London abgeführt. Im Wagen des Herzogs saß ein
Offizier, welcher Befehl hatte, den Gefangnen sofort niederzustoßen=,
wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Auf dem ganzen Wege war in
jeder Stadt die Miliz der Umgegend unter dem Commando der vornehmsten
Gentry versammelt. Die Reise dauerte drei Tage und endete zu Vauxhall,
wo ein von Georg Legge, Lord Dartmouth, befehligtes Regiment die
Gefangenen in Empfang nahm. Sie wurden hierauf zu Wasser in einer
Staatsbarke nach Whitehall gebracht. Lumley und Portman hatten
abwechselnd Tag und Nacht den Herzog bewacht, bis sie ihn wohlbehalten
in den Mauern des Palastes ablieferten. 107
Sowohl Monmouth’s als auch Grey’s Benehmen während der Reise erfüllte
jeden Beobachter mit Erstaunen; Monmouth war gänzlich zu Boden
geschmettert; Grey dagegen war nicht nur gefaßt, sondern sogar heiter,
sprach ganz vergnügt von Pferden und Hunden, von Jagd und Wettrennen,
und machte selbst scherzhafte Anspielungen auf die gefährliche Lage, in der
er sich befand.
Man kann den König wegen seines Entschlusses, daß Monmouth den Tod
erleiden sollte, nicht tadeln. Wer sich an die Spitze eines Aufstandes gegen
die bestehende Regierung stellt, setzt sein Leben aufs Spiel, und
Auflehnung gegen die königliche Gewalt war nur der geringste Theil von
Monmouth’s Verbrechen. Er hatte seinem Oheim einen Krieg ohne Pardon
erklärt. In dem zu Lyme erlassenen Manifeste war Jakob als Brandstifter,
als Meuchelmörder, der einen Unschuldigen erdrosselt und einem Andren
die Kehle abgeschnitten, und schließlich als Vergifter seines eignen Bruders
der öffentlichen Verwünschung preisgegeben worden. Einen Freund zu
schonen, der sich kein Gewissen daraus gemacht, zu so schändlichen

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Mitteln zu greifen, würde ein Act seltner, vielleicht tadelnswerther
Großmuth gewesen sein; ihn aber zu empfangen und dann nicht zu schonen,
dies war ein Frevel an der Humanität und der Schicklichkeit. 108 Der König
beging diesen Frevel. Dem Gefangnen wurden vermittelst einer seidnen
Schnur die Hände auf den Rücken gebunden, und nachdem man ihn auf
diese Weise unschädlich gemacht, wurde er bei dem unversöhnlichen
Verwandten, den er so schwer beleidigt hatte, eingeführt.
107. Account of the manner of taking The Duke of Monmouth; London Gazette, July 16.
1685; Citters, Juli 14.(24.)
108. Barillon nahm unverkennbar großes Ärgerniß daran. Er schreibt: „Il se vient de passer icy
une chose bien extraordinaire et fort opposée à l’usage ordinaire des autres nations.“ 13.
(23.) Juli 1685.

Monmouth warf sich nieder und kroch bis zu den
Seine
Füßen des Königs. Er weinte und versuchte mit seinen
Unterredung mit
gefesselten Armen die Knie seines Oheims zu
dem Könige.
umfassen; er flehte um sein Leben, nur um sein
Leben, um sein Leben um jeden Preis. Er gestand, daß er sich eines großen
Verbrechens schuldig gemacht habe, versuchte es aber, die Schuld auf
Andere zu wälzen, namentlich auf Argyle, der eher seine Füße in die
spanischen Stiefeln gesteckt, als sein Leben durch eine solche Gemeinheit
gerettet haben würde. Bei den Banden der Verwandtschaft, bei dem
Gedächtniß des verstorbnen Königs, des besten und aufrichtigsten Bruders,
beschwor der Unglückliche den König, einige Gnade walten zu lassen.
Jakob erwiederte in ernstem Tone, diese Reue komme zu spät, er bedaure
das Unglück, das der Gefangne selbst über sich gebracht habe, aber der Fall
sei nicht geeignet, zur Milde zu stimmen. Der Herzog habe eine mit den
abscheulichsten Verleumdungen angefüllte Erklärung erlassen und sich den
Königstitel angemaßt; für einen unter so erschwerenden Umständen
verübten Verrath könne es diesseit des Grabes keine Verzeihung geben. Der
unglückliche Herzog betheuerte, daß er nie nach dem Besitz der Krone
getrachtet habe, sondern daß er nur durch Andere zu dem unheilvollen
Beginnen verleitet worden sei. Die Erklärung habe er nicht geschrieben, ja
nicht einmal gelesen, er habe sie unterzeichnet, ohne sie nur anzusehen, sie
sei lediglich das Werk Ferguson’s, des blutdürstigen Schurken Ferguson.

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„Ihr werdet mich doch nicht glauben machen wollen“, sagte Jakob mit nur
zu wohl verdienter Verachtung, „daß Ihr Euren Namen unter ein Dokument
von solcher Bedeutung setztet, ohne den Inhalt desselben zu kennen?“ Jetzt
blieb nur noch eine Stufe der Infamie übrig, und selbst zu dieser stieg der
Gefangne herab. Er war vorzugsweise als Vertheidiger der protestantischen
Religion aufgetreten. Das Interesse dieses Glaubens war der Vorwand
gewesen, unter dem er sich gegen die Regierung seines Vaters verschwor
und die Drangsale eines Bürgerkrieges über sein Vaterland brachte;
dennoch schämte er sich nicht, anzudeuten, daß er geneigt sei, sich mit der
römischen Kirche wieder auszusöhnen. Der König bot ihm bereitwilligst
geistlichen Beistand an, sagte aber kein Wort von Begnadigung oder
Aufschub. „Ich habe also keine Hoffnung?“ fragte Monmouth. Jakob
wendete sich schweigend von ihm ab. Der Herzog raffte nun seinen ganzen
Muth zusammen, erhob sich und verließ mit einer Festigkeit, die er seit
seinem Sturze noch nicht gezeigt hatte, das Gemach. 109
Nach ihm wurde Grey eingeführt. Er benahm sich mit so edlem Anstande
und solcher Fassung, daß selbst der finstre und rachsüchtige König davon
ergriffen wurde, gestand seine Schuld offen ein, versuchte es nicht, sich zu
entschuldigen, und ließ sich nicht ein einziges Mal herab, um sein Leben zu
bitten. Beide Gefangene wurden zu Wasser in den Tower geschickt. Es gab
keinen Tumult, aber viele Tausende suchten mit ängstlicher und betrübter
Miene einen Blick auf die Gefangenen zu werfen. Den Herzog verließ seine
Festigkeit wieder, sobald er dem Könige aus dem Gesicht war. Auf dem
Wege in sein Gefängniß bejammerte er laut sein Geschick, klagte seine
Anhänger an und bat in erniedrigender Weise Dartmouth um seine
Verwendung. „Ich weiß, Mylord,“ sagte er zu ihm, „daß Sie meinen Vater
liebten. Um seinetwillen und um Gotteswillen versuchen Sie es, Gnade für
mich zu erwirken!“ Dartmouth antwortete ihm, der König habe die
Wahrheit gesagt: ein Unterthan, der sich den Königstitel angemaßt, habe
sich selbst jeder Hoffnung auf Gnade begeben. 110
Bald nach seiner Ankunft im Tower wurde Monmouth gemeldet, daß seine
Gemahlin auf königlichen Befehl zu ihm gesandt sei, um ihn zu besuchen.
Sie war begleitet vom Geheimsiegel­bewahrer, Earl von Clarendon. Ihr
Gemahl empfing sie sehr kalt und sprach fast nur mit Clarendon, den er
dringend um seine Fürsprache bat. Der Earl machte ihm keine Hoffnung,

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und noch den nämlichen Abend kamen zwei Prälaten, Turner, Bischof von
Ely, und Ken, Bischof von Bath und Wells, mit einer feierlichen Botschaft
vom Könige in den Tower. Es war Montag Nacht. Am Mittwoch Morgen
sollte Monmouth sterben.
Er war heftig erschüttert, alles Blut trat aus seinen Wangen, und es dauerte
eine Weile, ehe er sprechen konnte. Den größten Theil der kurzen Zeit, die
ihm noch vergönnt war, verschwendete er in nutzlosen Versuchen, wenn
nicht Begnadigung, doch einen Aufschub zu erlangen. Er schrieb klägliche
Briefe an den König und an mehrere Höflinge, aber vergebens. Von Seiten
des Hofes wurden einige katholische Geistliche zu ihm gesandt, sie
überzeugten sich jedoch bald, daß er zwar gern durch Abschwörung des
Glaubens, als dessen Vertheidiger er sich ganz speciell erklärt hatte, sein
Leben erkaufen würde, daß er aber, wenn er einmal sterben müßte, eben so
gern ohne ihre Absolution als mit derselben sterben würde. 111
Ken und Turner waren mit seiner Gemüthsverfassung nicht viel zufriedener.
Die Lehre von der Verwerflichkeit des Widerstandes war nach ihrer eigenen
wie nach der Ansicht ihrer Berufsgenossen das unterscheidende Merkmal
der anglikanischen Kirche. Die beiden Bischöfe drangen in Monmouth, er
solle zugestehen, daß er durch seine bewaffnete Auflehnung gegen die
Regierung eine große Sünde begangen habe; aber sie fanden ihn in diesem
Punkte entschieden heterodox. Und dies war nicht seine einzige Ketzerei.
Er behauptete, sein Verhältniß mit Lady Wentworth sei in den Augen Gottes
tadellos. Er sei schon als Knabe vermählt worden und habe sich nie um die
Herzogin gekümmert; er habe daher das Glück, das er in seiner
Häuslichkeit nicht gefunden, in einer Reihenfolge lockerer Liebschaften
gesucht, welche die Religion und die Moral verdammten. Henriette habe
ihn seinem lasterhaften Lebenswandel entrissen, ihr sei er beständig treu
geblieben. In gemeinschaftlichem Gebet hätten sie den Himmel um seine
göttliche Leitung angefleht und nach solchem Gebet hätten sie ihre
gegenseitige Zuneigung jedesmal stärker gefunden, so daß sie nicht länger
hätten zweifeln können, daß ihre Verbindung in den Augen Gottes so gut
wie eine gesetzliche Ehe sei. Die beiden Bischöfe waren so entrüstet über
diese Auffassung des ehelichen Verhältnisses, daß sie sich weigerten, dem
Gefangenen das Abendmahl zu reichen. Alles, was sie von ihm erlangen
konnten, war das Versprechen, daß er in der letzten Nacht, die er noch zu

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leben hatte, den Himmel um Erleuchtung bitten wolle, wenn er im Irrthum
sei.
Am Mittwoch Morgen kam auf sein besonderes Ansuchen Dr. Thomas
Tenison, welcher damals Vikar zu St. Martin war und sich in diesem
wichtigen Amte die hohe Achtung des Publikums erworben hatte, in den
Tower. Der Herzog erwartete von Tenison, dessen gemäßigte Ansichten
bekannt waren, mehr Nachsicht als Ken und Turner gegen ihn zu üben
geneigt waren. Welcher Ansicht aber Tenison auch in Betreff des
Nichtwiderstandes sein mochte, den letztem Aufstand hielt er für übereilt
und strafbar, und Monmouth’s Begriff von der Ehe betrachtete er als einen
höchst gefährlichen Irrwahn. Monmouth blieb jedoch hartnäckig bei seiner
Meinung. Er habe Gott gebeten, daß er ihn erleuchten möge, sagte er; aber
seine Ansichten seien unverändert geblieben, und er könne daher nicht
zweifeln, daß es die richtigen seien. Tenison’s Ermahnungen waren
indessen in einem milderen Tone gehalten als die der Bischöfe. Aber auch
er war, gleich ihnen, der Meinung, daß er es nicht verantworten könne,
wenn er einem Manne, dessen Bußfertigkeit so unbefriedigend sei, das
Abendmahl reichte. 112
Die Stunde rückte immer näher heran, jede Hoffnung war geschwunden,
und Monmouth’s kleinmüthige Angst hatte sich in gefühllose Verzweiflung
verwandelt. Seine Kinder wurden in Begleitung ihrer Mutter bei ihm
eingeführt, damit er Abschied von ihnen nehme. Er sprach freundlich, aber
ohne Rührung mit seiner Gemahlin. Obgleich sie eine Frau von großer
Seelenstärke war und wenig Ursache hatte, ihn zu lieben, so war ihr
Schmerz doch so heftig, daß keiner der Umstehenden sich der Thränen
enthalten konnte. Er allein blieb ungerührt. 113

Page 108

109. Burnet I. 644; Evelyn’s Diary, July 15.; Sir J. Bramston’s Memoirs; Reresby’s Memoirs;
Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Barillon, 16.(26.) Juli; Buccleuch MS.
110. Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Holländische Depesche von dem
nämlichen Datum; Luttrell’s Tagebuch; Dartmouth’s Anmerkung in Burnet I. 646.
111. Buccleuch MS.; Clarke’s Life of James the Second, II. 37; Orig. Mem.; Citters, 14.(24.)
Juli 1685; Gazette de France, Aug. 1.(11.)
112. Buccleuch MS.; Clarke’s Life of James the Second, II. 37. 38; Orig. Mem.; Burnet, I.
645; Tenison’s Bericht in Kennet III. 432, Ausg. v. 1719.
113. Buccleuch MS.

Es war zehn Uhr. Der Wagen des Gouverneurs vom
Seine
Tower stand bereit. Monmouth bat seine geistlichen
Hinrichtung.
Beistände, daß sie ihn auf den Richtplatz begleiten
möchten; sie willigten ein, sagten ihm aber, daß er, ihrer Überzeugung nach,
dem Tode in einem gefährlichen Seelenzustande entgegengehe und daß es
ihre Pflicht sei, bis zum letzten Augenblicke Ermahnungen an ihn zu
richten. Als er durch die Reihen der Garden fuhr, begrüßte er sie mit einem
Lächeln und bestieg mit festem Schritte das Schaffot. Tower Hill war bis zu
den Spitzen der Schornsteine mit einer unzähligen Zuschauermenge
bedeckt die in ehrerbietiger, nur durch Weinen und Schluchzen
unterbrochener Stille den letzten Worten des Lieblings des Volkes
lauschten. „Ich werde wenig sagen,“ hob er an. „Ich komme hierher, nicht
um zu sprechen, sondern um zu sterben. Ich sterbe als Protestant der
englischen Kirche.“ Die Bischöfe unterbrachen ihn, indem sie sagten, daß
er kein Mitglied ihrer Kirche sei, wenn er nicht den Widerstand als sündhaft
anerkenne. Er sprach nun von seiner Henriette. Sie sei eine tugendhafte und
ehrenwerthe junge Dame, sagte er; er liebe sie bis zum letzten Augenblicke
und könne nicht sterben, ohne seine Gefühle zu äußern. Die Bischöfe
unterbrachen ihn abermals und baten ihn, keine solche Sprache zu führen.
Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel. Man hat den Geistlichen zu große
Härte gegen den Sterbenden vorgeworfen; aber sie entledigten sich nur
einer ihrer Überzeugung nach heiligen Pflicht. Monmouth kannte ihre
Grundsätze, und wenn er ihre lästige Zusprache nicht wünschte, so hätte er
ihre Begleitung ablehnen sollen. Ihre gewöhnlichen Argumente für die
Verwerflichkeit des Widerstandes äußerten keine Wirkung auf ihn. Als sie

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ihn aber an das Unglück erinnerten, das er über seine wackeren und ihn
liebenden Anhänger gebracht, an das vergossene Blut und an die vielen
Seelen, welche unvorbereitet vor den höchsten Richterstuhl gesandt
worden, da ward er tief ergriffen und sagte mit sanfter Stimme: „Ja, ich
gestehe es, es thut mir leid, daß es geschehen ist.“ Sie beteten hierauf lange
und inbrünstig mit ihm, und er stimmte in ihre Gebete ein, bis sie für den
König des Himmels Segen erflehten. Hier schwieg er. „Betet Ihr nicht mit
uns für den König, Sir?“ fragte einer der Umstehenden. Monmouth schwieg
noch eine Weile und nach einem heftigen inneren Kampfe sagte er:
„Amen“. Vergebens aber forderten die Prälaten ihn auf, an die Soldaten und
das versammelte Volk einige Worte über die Pflicht des Gehorsams gegen
die Regierung zu richten. „Ich will keine Rede halten,“ rief er aus; „nur
zehn Worte, Mylord.“ Er wendete sich um, rief seinen Diener und händigte
ihm eine Zahnstocherbüchse ein, das letzte Unterpfand einer unglücklichen
Liebe. „Dies gieb jener Person,“ sagte er zu ihm. Hierauf wendete er sich zu
Johann Ketch, dem Scharfrichter, einem Elenden, der schon manch
muthiges und edles Opfer hingeschlachtet und dessen Namen das Volk noch
ein und ein halbes Jahrhundert lang Allen, die ihm in seinem widerlichen
Amte folgten, beilegte 114. „Hier,“ sagte der Herzog, „sind sechs Guineen
für Euch. Aber hackt mich nicht, wie Ihr es bei Lord Russel gethan habt. Ich
habe gehört, daß Ihr drei- oder viermal nach ihm schluget. Mein Diener soll
Euch noch etwas Geld geben, wenn Ihr Eure Sache gut macht.“ Er
entkleidete sich sodann, untersuchte die Schneide des Beils, äußerte die
Besorgniß, daß es wohl nicht scharf genug sei, und legte endlich das Haupt
auf den Block. Währenddem riefen die Geistlichen beständig mit großem
Eifer aus: „Gott nehme Eure Reue an! Gott nehme Eure unvollkommene
Reue an!“
Der Henker schickte sich an, sein Geschäft zu verrichten; aber die Worte
des Herzogs hatten ihn aus der Fassung gebracht. Der erste Hieb brachte
ihm nur eine leichte Wunde bei. Der Herzog erhob sich schwankend von
dem Blocke und sah den Scharfrichter vorwurfsvoll an. Dann ließ er das
Haupt wieder auf den Block sinken. Der Scharfrichter schlug noch einmal
und noch einmal; aber noch war der Kopf nicht vom Rumpfe getrennt, der
sich aufs neue bewegte. Ein Geschrei des Entsetzens und des Unwillens
erhob sich unter der Menge. Mit einem Fluche warf Ketch das Beil zu

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Boden. „Ich kann es nicht thun“, sagte er, „das Herz bricht mir!“ — „Hebe
das Beil auf, Mensch!“ rief der Sheriff. „Werft ihn über das Geländer!“
brüllte der Pöbel. Endlich wurde das Beil wieder aufgehoben und zwei neue
Schläge verlöschten den letzten Lebensfunken; aber der Kopf mußte noch
mit einem Messer vollends von den Schultern getrennt werden. Das Volk
war so außer sich vor Wuth, daß der Scharfrichter in Gefahr war, in Stücke
zerrissen zu werden und daß er unter starker Bedeckung abgeführt werden
mußte 115.
Inzwischen wurden viele Tücher in das Blut des Herzogs getaucht, denn ein
großer Theil der Menge betrachtete ihn als einen Märtyrer, der für den
protestantischen Glauben gestorben war. Kopf und Rumpf wurden in einen
mit schwarzen Sammet bedeckten Sarg gelegt und in aller Stille unter dem
Abendmahlstische der St. Peterskapelle im Tower beigesetzt. Vier Jahre
später wurden die Steinplatten des Altarplatzes wieder aufgehoben und
dicht neben Monmouth’s Hülle die Überreste Jeffreys’ gelegt. Es giebt in
Wahrheit keine traurigere Grabstätte in der Welt als dieser kleine Platz. Die
dort liegenden Todten erinnern nicht, wie in der Westminsterabtei und in der
Paulskirche, an Genie und Tugend, nicht, wie in unseren bescheidensten
Kirchen und Gottesäckern, an Alles, was der gesellschaftlichen und
häuslichen Liebe am theuersten ist, sondern an die dunkelsten Seiten des
menschlichen Characters und Schicksals, an den wilden Triumph
unerbittlicher Feinde, an die Unbeständigkeit, Undankbarkeit und Feigheit
treuloser Freunde, an all’ das Elend gefallener Größe und verblichenen
Glanzes. Dorthin wurden Jahrhunderte hindurch auf den Schultern rauher
Kerkerknechte, ohne Trauergeleite, die blutenden Überreste von Männern
getragen, welche Befehlshaber von Armeen, Führer von Parteien, Orakel
von Senaten und Zierden souverainer Höfe gewesen waren. Dorthin wurde,
unter dem Fenster vorüber, an welchem Johanna Grey betete, der zerrissene
Leichnam Guildford Dudley’s getragen. Dort ruht Eduard Seymour, Herzog
von Somerset und Protector des Reiches, an der Seite des Bruders, den er
ermordet. Dort modert der kopflose Rumpf Johann Fisher’s, Bischofs von
Rochester und Cardinals von St. Vitalis, eines Mannes; der zu einer
besseren Zeit zu leben und für eine bessere Sache zu sterben verdient hätte.
Dort liegen Johann Dudley, Herzog von Northumberland und
Lordgroßadmiral, und Thomas Cromwell, Earl von Essex und Lordober­‐

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schatzmeister. Dort liegt auch noch ein andrer Essex, an den die Natur und
das Glück ihre herrlichsten Gaben umsonst verschwendet hatten, den
Tapferkeit, Anmuth, Genie, königliche Gunst und Beifall des Volks zu
einem frühzeitigen und schmachvollen Untergange führten. Nicht weit
davon ruhen zwei Oberhäupter des großen Hauses Howard, Thomas, vierter
Herzog von Norfolk, und Philipp, elfter Earl von Arundel. Zwischen den
zahlreichen Gräbern unruhiger und ehrgeiziger Staatsmänner zerstreut
schlummern daselbst auch zartere Dulder: Margarethe von Salisbury, die
letzte des stolzen Namens Plantagenet, und die beiden schönen Königinnen,
welche Heinrich’s eifersüchtiger Wuth zum Opfer fielen. Mit solchem
Staub ward Monmouth’s Staub vermischt. 116
Noch wenige Monate, und das friedliche Dorf Toddington in Bedfordshire
sah ein noch erschütternderes Leichenbegängniß. Unweit dieses Dorfes
stand ein altes, stattliches Schloß, der Stammsitz der Wentworth. Das
Querschiff der Pfarrkirche war seit langer Zeit ihr Begräbnißplatz. In dieser
Grabstätte ward im ersten Frühling nach Monmouth’s Tode der Sarg der
jungen Baronesse Wentworth von Nettlestede getragen. Ihre Familie ließ ihr
ein prächtiges Mausoleum errichten; aber ein viel einfacheres
Erinnerungszeichen an sie wurde lange mit weit größerer Theilnahme
betrachtet. Ihr Name, von der Hand des Mannes eingeschnitten, den sie nur
zu sehr liebte, war noch mehrere Jahre nachher an einem Baume des
anstoßenden Parkes zu erkennen.
114. Der Name Ketch’s wurde in den Spottgedichten jener Zeit oft mit dem Namen Jeffreys’ in
Verbindung gebracht:
„Jeffreys sitzt auf der Bank, Ketch auf dem Galgen,“
sagt ein Dichter. Das Jahr darauf nach Monmouth’s Hinrichtung wurde Ketch seines Amtes entsetzt,
weil er einen der Sheriffs beleidigt hatte, und ihm folgte ein Metzger, Namens Rose. Aber schon nach
vier Monaten wurde Rose selbst in Tyburn gehängt und Ketch wieder in seine Stelle eingesetzt.
Luttrell’s Diary, Jan. 20. & May 28. 1686. Siehe auch eine interessante Note von Dr. Grey im
Hudibras, Th. II. Ges. 2, Zeile 1534.
115. Bericht über die Hinrichtung Monmouth’s, unterzeichnet von den Geistlichen, die ihn
begleiteten. Buccleuch MS.; Burnet, I. 646; Citters, 17.(27.) Juli 1685; Luttrell’s Diary; Evelyn’s
Diary, July 15; Barillon, 19.(29.) Juli.
116. Ich kann nicht umhin, hier meine Entrüstung über die barbarische Thorheit auszusprechen,
welche diese höchst interessante Kirche in ein Gebäude verwandelt hat, das dem Versammlungshause
in einer Fabrikstadt ähnlich sieht.

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Lady Wentworth war nicht die Einzige, die das
Wie das niedere
Andenken des Herzogs mit abgöttischer Liebe ehrte.
Volk sein
Er lebte fort in den Herzen des Volks, bis das
Andenken ehrte.
Geschlecht, das ihn gesehen hatte, verschwunden war.
Bänder, Schnallen und andere geringfügige Kleinigkeiten, die er an sich
getragen, wurden von Denen, welche bei Sedgemoor unter ihm gefochten
hatten, wie kostbare Reliquien aufbewahrt. Alte Leute, die ihn lange
überlebten, sprachen in ihrer Sterbestunde den Wunsch aus, daß man ihnen
diese Kleinigkeiten mit in’s Grab geben möchte. Ein Knopf von Goldlahn,
der mit Mühe diesem Schicksale entging, ist noch in einem Hause zu sehen,
von welchem aus man das Schlachtfeld überblickt. Das Volk hing mit einer
solchen Zärtlichkeit an seinem unglücklichen Lieblinge, daß trotz der
augenfälligsten Beweise, die seinen Tod betätigten, Viele noch immer die
Hoffnung hegten, daß er lebe und bald wieder bewaffnet erscheinen werde.
Es hieß, ein Mann, der dem Herzoge auffallend ähnlich sähe, habe sich
selbst aufgeopfert, um den Helden des Protestantismus zu retten. Bei jeder
politischen Krisis von einiger Wichtigkeit flüsterte das gemeine Volk sich
zu, die Zeit sei nahe und König Monmouth werde sich bald zeigen. Im
Jahre 1686 wurde ein Betrüger, der sich für den Herzog ausgegeben und in
verschiedenen Dörfern von Wiltshire Gelder eingesammelt hatte,
eingefangen und von Newgate nach Tyburn gepeitscht. Im Jahre 1698,
nachdem England schon lange unter einem neuen Herrscherstamme
constitutionelle Freiheit genoß, gab sich der Sohn eines Gastwirths bei den
Freisassen von Sussex für ihren geliebten Monmouth aus und täuschte
Viele, die keineswegs der untersten Klasse angehörten. Es wurden
fünfhundert Pfund Sterling für ihn gesammelt, die Pächter schenkten ihm
ein Pferd, ihre Frauen schickten ihm ganze Körbe voll Hühner und Enten
und man sagte sogar, daß sie auch zärtlichere Gunstbezeigungen an ihn
verschwendeten, denn im Punkte der Galanterie wenigstens war der
Doppelgänger ein nicht unwürdiger Repräsentant des Originals. Als dieser
Mensch wegen seines Betrugs in’s Gefängniß geworfen wurde, verschafften
ihm seine Anhänger dort alle möglichen Genüsse. Viele erschienen bei den
Sitzungen der Assisen von Horsham, um ihn durch ihre Anwesenheit zu
ermuthigen. Die Täuschung währte noch immer fort als Georg III. bereits
drei Jahre auf dem Throne saß, bis Voltaire es endlich für nöthig hielt, allen

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Ernstes die Muthmaßung zu entkräften, daß der Mann mit der eisernen
Maske der Herzog von Monmouth sei. 117
Es dürfte keine minder auffallende Thatsache sein, daß bis auf den heutigen
Tag die Bewohner einiger westlichen Provinzen Englands, sobald irgend
eine ihre Interessen berührende Bill im Hause der Lords zur Verlesung
kommt, sich für berechtigt hielten, auf die Unterstützung des Herzogs von
Buccleuch, eines Nachkommen des unglücklichen Oberhauptes, für den
ihre Vorfahren bluteten, Anspruch zu machen.
Die Geschichte Monmouth’s würde allein genügen, um den Vorwurf der
Unbeständigkeit zu widerlegen, der dem gemeinen Volke so oft gemacht
wird. Allerdings ist das niedere Volk zuweilen unbeständig, weil es eben
Menschen sind; daß es aber unbeständig sei im Vergleich zu den höheren
Klassen, zu dem Adel und zu den Fürsten, muß entschieden geleugnet
werden. Man könnte leicht Demagogen namhaft machen, deren Popularität
sich nicht vermindert hat, während Souveraine und Parlamente einer langen
Reihe von Staatsmännern ihr Vertrauen entzogen haben. Als Swift’s
Geisteskräfte sich schon viele Jahre überlebt hatten, fuhr das irische Volk
noch immer fort, an seinem Geburtstage Freudenfeuer anzuzünden, zur
Erinnerung an die Dienste, die er, wie sie glaubten, dem Vaterlande zu der
Zeit geleistet hatte, da sein Geist noch in voller Kraft war. Während sieben
Ministerien zur Macht erhoben und in Folge von Hofintriguen oder
Gesinnungs­veränderungen der höheren Klassen der Gesellschaft wieder
vertrieben wurden, behauptete der verworfene Wilkie seine Herrschaft über
einen Pöbel, den er brandschatzte und verhöhnte. Politiker, welche 1807
sich bei Georg III. in Gunst zu setzen suchten, indem sie Karolinen von
Braunschweig vertheidigten, schämten sich nicht, dreizehn Jahre später die
nämliche Fürstin zu verfolgen, um sich bei Georg IV. einzuschmeicheln.
Die ganze Masse der arbeitenden Klassen aber war im Jahre 1820 noch
eben so für sie begeistert wie 1807. So war es auch mit Monmouth. Im
Jahre 1680 war er in gleichem Maße von der Gentry wie von dem
Landvolke des Westens verehrt worden, und als er im Jahre 1685 wieder
erschien, war er für die Gentry ein Gegenstand der Abneigung geworden,
während das Landvolk ihm noch immer mit einer den Tod nicht scheuenden
Liebe zugethan war, mit einer Liebe, die weder Mißgeschick und Fehler,
noch die Flucht von Sedgemoor, noch der Brief von Ringwood, noch die

Page 114

Thränen und schmachvollen Bitten in Whitehall zu ersticken vermochten.
Nicht Unbeständigkeit ist es, was man dem niederen Volke zum Vorwurf
machen kann, sondern nur, daß es in der Wahl seiner Lieblinge fast stets so
unglücklich ist, daß seine Beständigkeit ein Fehler und keine Tugend wird.
117. Observator, Aug. 1. 1685; Gazette de France, Nov. 2. 1686; Brief von
Humphrey Wanley vom 25. Aug. 1698 in der Aubrey’schen Sammlung; Voltaire, Dict.
Phil. In der Pepys’schen Sammlung befinden sich mehrere nach Monmouth’s Tode
geschriebene Balladen, in denen er als noch lebend dargestellt und seine baldige Rückkehr
prophezeit wird.

Während Monmouth’s Hinrichtung die Gemüther der
Grausamkeiten
Londoner beschäftigte, mußten die Grafschaften, die
der Soldaten im
sich gegen die Regierung erhoben hatten, alle
Westen.
Unbilden ertragen, die eine zügellose Soldateska nur
ersinnen kann. Feversham war an den Hof eingeladen worden, wo ihn
Ehren und Gunstbezeigungen erwarteten, die er wenig verdiente. Er wurde
zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und erhielt den Befehls­‐
haberposten über die erste und am besten besoldete Abtheilung der
Leibgarde; aber Hof und Stadt lachte über seine militairischen Heldenthaten
und Buckingham’s Witz sprühte seine letzten schwachen Funken gegen den
General aus, der im Bett eine Schlacht gewonnen hatte. 118
118. London Gazette, Aug. 3. 1685; The Battle of Sedgemoor, a Farce.

Feversham übertrug das Commando in Bridgewater
Kirke.
dem Obersten Percy Kirke, einem Abenteurer, dessen
Laster in der schlechtesten aller militairischen Schulen, in Tanger,
entwickelt worden waren. Kirke hatte einige Jahre hindurch die Besatzung
dieser Stadt commandirt und war beständig in Feindseligkeiten mit fremden
Barbarenstämmen verwickelt gewesen, welche die Regeln und Gesetze der
Kriegführung gebildeter und christlicher Nationen nicht kannten. Innerhalb
der Mauern seiner Festung war er ein despotischer Fürst und seine Tyrannei
wurde nur durch die Furcht, von der entfernten und sorglosen Regierung zur
Verantwortung gezogen zu werden, einigermaßen in Schranken gehalten. Er
konnte sich daher ohne Gefahr die frechsten Ausschweifungen der

Page 115

Raubgier, der Sittenlosigkeit und der Grausamkeit erlauben. Er lebte in
zügelloser Üppigkeit und Verschwendung und verschaffte sich durch
Erpressungen die Mittel, um seinen Lüsten zu fröhnen. Keine Waaren
konnten verkauft werden, ohne daß Kirke das Vorkaufsrecht geltend
machte, keine Rechtsfrage konnte entschieden werden, bevor Kirke
bestochen war. Einst ließ er aus bloßer übermüthiger Laune im Keller eines
Weinhändlers alten Fässern den Boden einschlagen; ein andermal vertrieb
er alle Juden aus Tanger und überlieferte zwei von ihnen der spanischen
Inquisition, die sie ohne weiteres verbrannte. Und unter dieser eisernen
Herrschaft ward kaum eine Klage laut, da der Haß durch die Furcht
wirksam niedergehalten wurde. Zwei Personen, die sich widersetzlich
gezeigt hatten, wurden ermordet gefunden, und man war allgemein der
Überzeugung, daß sie auf Kirke’s Befehl umgebracht worden waren. Wenn
er mit seinen Soldaten nicht zufrieden war, peitschte er sie mit
schonungsloser Strenge, entschädigte sie aber wieder dafür, indem er ihnen
erlaubte, auf der Wache zu schlafen, betrunken durch die Straßen zu
taumeln und Kaufleute und Handwerker auszuplündern, zu prügeln und auf
jede Weise zu quälen.
Als Tanger aufgegeben wurde, kehrte Kirke nach England zurück. Er
behielt das Commando über seine bisherigen Soldaten, welche zuweilen als
das erste Regiment von Tanger, zuweilen auch als das Regiment der
Königin Katharine bezeichnet wurden. Da diese Mannschaft zu dem
Zwecke ausgehoben war, um gegen eine ungläubige Nation Krieg zu
führen, so hatte sie ein christliches Emblem, das Osterlamm, auf ihrer
Fahne. In Anspielung auf dieses Zeichen und in einem bitter ironischen
Sinne wurden diese Leute, die rohesten und wildesten Soldaten der
englischen Armee, Kirke’s Lämmer genannt. Das gegenwärtige zweite
Linien­regiment führt noch heute dieses alte Fahnenzeichen, das aber durch
ehrenvolle, in Ägypten, Spanien und Asien verdiente Dekorationen in den
Schatten gestellt worden ist. 119
Ein solcher Befehlshaber und solche Soldaten waren jetzt gegen die
Bevölkerung von Somersetshire losgelassen. Von Bridgewater marschirte
Kirke nach Taunton. Zwei Karren mit verwundeten Rebellen, deren
Wunden nicht verbunden waren, und ein langer Zug von Gefangenen,
welche paarweis zusammengefesselt zu Fuß gingen, begleiteten ihn.

Page 116

Sogleich nach seiner Ankunft in Taunton ließ er mehrere von diesen ohne
jede gerichtliche Formalität hängen; sie durften nicht einmal von ihren
nächsten Verwandten Abschied nehmen. Der Pfahl, an welchem das Schild
des Gasthofes „zum weißen Hirsche“ hing, diente als Galgen. Die
schauerliche Execution soll unter den Fenstern des Zimmers stattgefunden
haben, in welchem die Offiziere des Tanger’schen Regiments zechten, und
bei jedem Toaste soll ein Unglücklicher aufgeknüpft worden sein. Während
die Beine des Verscheidenden im letzten Todeskampfe zuckten, ließ der
Oberst die Trommeln rühren; er sagte, er wolle den Rebellen zu ihrem
Tanze Musik machen. Die Sage erzählt, daß einem der Gefangenen nicht
einmal die Vergünstigung eines schnellen Todes zu Theil wurde; zweimal
wurde er emporgezogen und zweimal wieder abgeschnitten; zweimal ward
er gefragt, ob er seinen Verrath bereue, und zweimal antwortete er, wenn es
noch einmal losginge, werde er das Nämliche thun. Dann wurde er endlich
zum letzten Male aufgeknüpft. Es wurden so viele Leichname geviertheilt,
daß der Henker bis an die Knöchel im Blute stand. Zur Beihülfe hatte er
einen armen Mann, dessen Loyalität verdächtig war und der sein Leben
dadurch loskaufen mußte, daß er die Überreste seiner Freunde in Pech sott.
Dieser Mann, der sich zu einer so grauenvollen Arbeit hergegeben hatte,
kehrte nachher zu seinem Pfluge zurück. Aber er behielt für seine
Lebenszeit ein Kainszeichen, indem er von Stund an im ganzen Dorfe Tom
Boilman (Siedemann) genannt wurde. Die Landleute der dortigen Gegend
erzählten sich noch lange nachher, daß er sich durch seine sündliche und
schändliche That zwar vor der Rache der „Lämmer“ schützte, aber der
Rache einer höheren Gewalt nicht entging. Bei einem starken Gewitter trat
er unter eine Eiche und wurde vom Blitze erschlagen. 120
Die Anzahl der Menschen, welche auf solche Art hingeschlachtet wurden,
läßt sich jetzt nicht mehr ermitteln; neun wurden in die Kirchenregister von
Taunton eingetragen, aber diese Register enthalten nur die Namen Derer,
welche ein christliches Begräbniß erhielten. Die Zahl Derjenigen, die in
Ketten gehängt oder deren Köpfe und Glieder in die umliegenden Dörfer
geschickt wurden, muß viel bedeutender gewesen sein. In London glaubte
man damals, daß Kirke in der Woche nach der Schlacht hundert Gefangene
hinrichten ließ. 121

Page 117

Die Grausamkeit war indessen nicht die einzige Leidenschaft dieses
Mannes; er liebte das Geld und war kein Neuling in Erpressungskünsten.
Ein sicheres Geleit mußte man ihm mit dreißig bis vierzig Pfund Sterling
bezahlen, und wenn ein solcher Geleitsbrief auch keine gesetzliche
Gültigkeit hatte, so setzte er den Inhaber wenigstens in den Stand, die
Posten der „Lämmer“ ungehindert zu passiren und einen Seehafen zu
erreichen, um ins Ausland entfliehen zu können. Die nach Neuengland
bestimmten Schiffe waren zu jener Zeit so mit Flüchtlingen von Sedgemoor
angefüllt, daß sie Gefahr liefen, mit ihren Wasser- und Lebensmittel­‐
vorräthen nicht auszureichen. 122
Außerdem war Kirke auch in der ihm eigenen rohen und wilden Art ein
Freund der sinnlichen Genüsse, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er seine
Macht zur Befriedigung seiner zügellosen Begierden anwendete. Man
erzählte sich, daß er die Tugend eines schönen Mädchens durch das
Versprechen besiegte, das Leben eines Mannes schonen zu wollen, an dem
sie mit zärtlicher Liebe hing, daß er aber, nachdem sie sich ihm hingegeben,
ihr die leblose Hülle Dessen, dem sie ihre Ehre geopfert hatte, am Galgen
hängend zeigte. Diese Erzählung kann ein unparteiischer Richter nicht
glauben, und sie wird auch durch keine Beweise unterstützt. Die früheste
Autorität dafür ist ein Gedicht von Pomfret. Die glaubwürdigen
Geschichtschreiber jener Zeit erwähnen bei der Schilderung der
Greuelthaten Kirke’s dieses scheußliche Verbrechen entweder gar nicht,
oder doch nur als unverbürgtes Gerücht, und Diejenigen, welche die
Geschichte ausführlich erzählen, erzählen sie so verschiedenartig, daß sie
dadurch allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit verliert. Nach Einigen soll sie
in Taunton, nach Anderen in Exeter geschehen sein; nach Einigen war die
Heldin der Geschichte ein junges Mädchen, nach Anderen eine
verheirathete Frau, und der Verwandte, dem sie das entehrende Opfer
brachte, wird von Einigen als ihr Vater, von Anderen als ihr Bruder, von
noch Anderen als ihr Gatte bezeichnet. Endlich ist die Anekdote schon ehe
Kirke geboren war, vielen anderen Unterdrückern zugeschrieben und ein
Lieblingsthema für Romanschreiber und Schauspieldichter geworden. Zwei
Staatsmänner des fünfzehnten Jahrhunderts, Rhynsault, der Günstling
Karl’s des Kühnen von Burgund, und Olivier le Dain, der Günstling
Ludwig’s XI. von Frankreich, werden des nämlichen Verbrechens

Page 118

beschuldigt. Cintio hat einen Roman daraus gemacht, Whetstone hat
Cintio’s Roman als Stoff für das rohe Schauspiel „Promos und Cassandra“
benutzt, und Shakespeare hat die Intrigue der herrlichen Tragikomödie
„Maß für Maß“ von Whetstone entlehnt. Wie Kirke nicht der Erste war, so
war er auch nicht der Letzte, dem das Volk diese haarsträubende
Schändlichkeit zur Last legt. Während der Reaction, welche auf die
Schreckens­herrschaft der Jakobiner in Frankreich folgte, wurde eine ganz
ähnliche Beschuldigung gegen Joseph Lebon, eines der abscheulichsten
Mitglieder des Wohlfahrts­ausschusses, erhoben; nach erfolgter
Untersuchung aber gestanden selbst seine Ankläger zu, daß sie ungegründet
sei. 123
Die Regierung war mit Kirke unzufrieden, nicht wegen seiner barbarischen
Behandlung unbemittelter Gefangenen, sondern wegen der uneigennützigen
Milde, die er gegen reiche Delinquenten übte. 124 Er wurde daher bald aus
dem Westen zurückberufen und eine regelmäßigere und zugleich
grausamere Metzelei veranstaltet. Die Rache ward um einige Wochen
aufgeschoben, denn man hielt es für wünschenswerth, die Assisen im
Westen nicht eher beginnen zu lassen, bis die anderen beendigt waren.
Mittlerweile füllten sich die Gefängnisse von Somersetshire und
Dorsetshire mit Tausenden von Gefangenen. Der hauptsächlichste Freund
und Beschützer dieser Unglücklichen in ihrer Bedrängniß war ein Mann,
der ihre religiösen und politischen Ansichten verabscheute, dessen Stand sie
haßten und dem sie ohne Veranlassung von seiner Seite Böses zugefügt
hatten, der Bischof Ken. Dieser menschenfreundliche Prälat bot seinen
ganzen Einfluß auf, um die Kerkermeister zur Milde zu stimmen und
beschränkte seinen bischöflichen Aufwand, damit er im Stande war, die
schlechte und dürftige Kost der Unglücklichen, die seine geliebte
Kathedrale entweiht hatten, einigermaßen zu verbessern. Sein Benehmen
bei dieser Gelegenheit entsprach seinem ganzen Lebenswandel. Allerdings
war sein Verstand durch manchen Aberglauben und manche Vorurtheile
verdunkelt, sein sittlicher Character aber hält bei unparteiischer Betrachtung
einen Vergleich mit jeder Persönlichkeit der Kirchengeschichte aus und
kommt der idealen Vollkommenheit der christlichen Tugend so nahe, als
menschliche Schwäche es immer gestattet. 125

Page 119

119. Pepys’s Diary, kept at Tangier; Historical Records of The Second or Queen’s Royal
Regiment of Foot.
120. Bloody Assizes; Burnet, I. 647; Luttrell’s Diary, July 15. 1685; Locke’s Western
Rebellion; Toulmin’s History of Taunton, edited by Savage.
121. Luttrell’s Diary, July 15. 1685; Toulmin’s History of Taunton.
122. Oldmixon, 705; Life and Errors of John Danton, chap. VII.
123. Das Stillschweigen Oldmixon’s und der Herausgeber der Western Martyrologie entscheidet
meiner Ansicht nach allein schon die Frage. Außerdem verdient bemerkt zu werden, daß die
Geschichte von Rhynsault in Nr. 491 des „Spectator“ von Steele erzählt wird. Es ist gewiß kaum
anzunehmen, daß wenn eine dem Verbrechen Rhynsault’s so ähnlich sehende Schandthat innerhalb
Menschengedenkens von einem Offiziere Jakob’s II. in England verübt worden wäre, Steele, ein sehr
vorlauter und ostensibler Whig, davon gesprochen haben sollte. In Betreff Lebon’s siehe den
Moniteur vom 4. Messidor des Jahres III.
124. Sunderland an Kirke vom 14. & 28. Juli 1685. „Seine Majestät“, sagte Sunderland, „beauftragt
mich, Ihnen sein Mißfallen an diesem Verfahren auszudrücken und befiehlt Ihnen, darauf bedacht zu
sein, daß keine bei der Rebellion betheiligte Person übergangen wird.“ Um gerecht zu sein, muß
hinzugefügt werden, daß Kirke in dem nämlichen Schreiben getadelt wird, weil er seinen Soldaten
erlaube, sich umsonst einzuquartieren.
125. Es würde mich freuen, wenn ich der im Volke verbreiteten Erzählung Glauben schenken könnte,
daß Ken unmittelbar nach der Schlacht von Sedgemoor die Befehlshaber der königlichen Armee auf
die Ungesetzlichkeit militairischer Hinrichtungen aufmerksam machte. Wäre er zugegen gewesen, so
würde er ohne Zweifel seinen ganzen Einfluß zu Gunsten des Rechts und der Nachsicht geltend
gemacht haben; aber es giebt keinen glaubwürdigen Beweis dafür, daß er damals überhaupt im
Westen war. Aus den Protokollen des Hauses der Lords geht hervor, daß er sich am Donnerstag vor
der Schlacht in Westminster befand. Eben so gewiß ist es, daß er am Montag nach der Schlacht
Monmouth im Tower besuchte.

Sein Liebeswerk war jedoch nicht von langer Dauer;
Jeffreys reist zu
eine schnelle und wirksame Entleerung der
den westlichen
Gefängnisse stand nahe bevor. Anfangs September
Assisen ab.
trat Jeffreys in Begleitung von vier anderen Richtern
die Assisen-Rundreise an, deren Andenken so lange unter uns fortleben
wird, als unsre Nation und unsre Sprache existiren. Die commandirenden
Offiziere in den Bezirken, durch die sein Weg ihn führte, waren
angewiesen, ihm jeden militairischen Beistand zu leisten, den er verlangte.
Obgleich sein hämischer Character keines Spornes bedurfte, so wurde doch
ein solcher angewendet. Die Gesundheit und die Geisteskräfte des
Lordsiegelbewahrers waren geschwächt. Die Kälte des Königs und der
Übermuth des Lordoberrichters hatten ihn tief gekränkt, und der Rückblick

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auf seine Vergangenheit, die zwar mit keinem abscheulichen Verbrechen
geschändet, aber doch durch Feigheit, Selbstsucht und Servilität befleckt
war, konnte ihm nur geringen Trost gewähren. Der unglückliche Mann
fühlte sich so tief gedemüthigt, daß er bei seinem letzten Erscheinen in
Westminsterhall einen Blumenstrauß mitgebracht hatte, um sein Gesicht
dahinter zu verbergen, weil er, wie er später gestand, die Blicke der Richter
und der Zuhörer nicht ertragen konnte. Die Aussicht auf sein nahes Ende
scheint ihn mit ungewöhnlichem Muthe erfüllt zu haben. Er beschloß, sein
Herz zu erleichtern, bat den König um eine Audienz, sprach in ernstem
Tone von den von heftigen und unwillkürlichen Rathschlüssen
unzertrennlichen Gefahren, und tadelte auf das Entschiedenste die
gesetzwidrigen Grausamkeiten, welche die Soldaten in Somersetshire
verübt hatten. Bald darauf verließ er London und starb. Er verschied wenige
Tage nach der Abreise der Richter nach dem Westen. Sofort wurde Jeffreys
gemeldet, daß er als Lohn für treue und energische Dienste das große Siegel
erwarten dürfe. 126
126. North’s Life of Guildford, 260. 263. 273; Mackintosh’s View of the Reign of
James the Second, p. 16, note; Brief von Jeffreys an Sunderland vom 5. Sept. 1685.

In Winchester öffnete der Oberrichter zum ersten
Prozeß der Alice
Male seine richterlichen Vollmachten. Hampshire war
Lisle.
zwar nicht der Kriegsschauplatz gewesen, aber viele
von den besiegten Rebellen hatten sich, wie ihr Oberhaupt, dahin
geflüchtet. Zwei von ihnen, Johann Hickes, ein nonconformistischer
Geistlicher, und Richard Nelthorpe, ein wegen seiner Betheiligung an dem
Ryehousecomplot geächteter Advokat, hatten in dem Hause einer gewissen
Alice Lisle, der Wittwe Johann Lisle’s, eine Zufluchtsstätte gefunden.
Johann Lisle war Mitglied des Langen Parlaments und des Hohen
Gerichtshofes, in den Tagen der Republik Commissar für das Große Siegel
gewesen und war von Cromwell zum Lord erhoben worden. Die von dem
Protector verliehenen Titel waren von keiner seit dem Sturze seines Hauses
ans Ruder gekommenen Regierung anerkannt worden, wenn sie auch, selbst
von Roylisten, im gewöhnlichen Gespräch angewendet wurden. Die Wittwe
Johann Lisle’s wurde daher fast allgemein Lady Alice genannt. Sie war mit
mehreren angesehenen und sogar mit einigen adeligen Familien verwandt

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und genoß einer allgemeinen Achtung, selbst bei den toryistischen
Gentlemen ihrer Grafschaft, denn es war ihnen wohlbekannt, daß sie
manche Gewaltthätigkeiten, an denen ihr Gatte Theil genommen,
schmerzlich bedauerte, daß sie um Karl I. bittere Thränen vergossen und
viele Kavaliere in ihrer Noth unterstützt und getröstet hatte. Die nämliche
weibliche Herzensgüte, die sie früher bewogen hatte, sich bedrängter
Royalisten anzunehmen, gestattete ihr nicht, auch den Unglücklichen, die
sie jetzt um Schutz baten, ein Mahl und eine Freistätte zu verweigern. Sie
nahm sie in ihr Haus auf, reichte ihnen Speise und Trank und gewährte
ihnen ein Nachtlager. Am nächsten Morgen war ihre Wohnung von Soldaten
umstellt, es wurde strenge Haussuchung vorgenommen und Hickes im
Malzhause, Nelthorpe im Kamin versteckt gefunden. Wenn Lady Alice
wußte, daß ihre Gäste an dem Aufstande Theil genommen hatten, so war sie
allerdings im strengen Sinne eines Kapitalverbrechens schuldig, denn das
Gesetz über die Hauptschuld und Mitschuld beim Hochverrath war damals
und ist heute noch in einem der englischen Jurisprudenz nicht zur Ehre
gereichendem Zustande. In Fällen der Felonie wird nach vollbrachter That
ein auf Recht und Vernunft begründeter Unterschied zwischen dem
Hauptverbrecher und dem Mitschuldigen gemacht. Wer Jemanden, den er
als Mörder kennt, vor der Justiz verbirgt, ist zwar straffällig, hat aber nicht
die auf einen Mord gesetzte Strafe verwirkt; Derjenige aber, der Jemanden
bei sich aufnimmt, den er als Hochverräther kennt, ist nach allen unseren
Juristen des Hochverraths schuldig. Es ist überflüssig, die Ungereimtheit
und Grausamkeit eines Gesetzes nachzuweisen, welches Vergehen, die an
den entgegengesetzten Endpunkten der Stufenleiter der Strafbarkeit liegen,
unter der nämlichen Definition begreift und mit der nämlichen Strafe
belegt. Das Gefühl, welches auch den loyalsten Unterthan es nicht über sich
gewinnen läßt, den besiegten und halb todt gehetzten Rebellen, der ihn um
ein Stück Brod und um einen Trunk Wasser bittet, einem schimpflichen
Tode preiszugeben, mag eine Schwäche sein, aber gewiß ist es eine
Schwäche, die mit der Tugend sehr nahe verwandt ist, eine Schwäche, die
wir Menschen, wie wir nun einmal beschaffen sind, schwerlich aus dem
Herzen reißen können, ohne zu gleicher Zeit viele andere edle und humane
Gefühle zu ersticken. Ein weiser und guter Regent mag es nicht für recht
halten, diese Schwäche zu sanctioniren; aber er wird sie in der Regel
hingehen lassen, oder sie doch nur sehr mild bestrafen. In keinem Falle aber

Page 122

wird er sie als ein Verbrechen der schwärzesten Art betrachten. Ob Flora
Macdonald recht daran that, daß sie den geächteten Erben der Stuart
verbarg; ob ein wackerer Soldat unsrer Zeit recht daran that, daß er
Lavalette bei seiner Flucht behülflich war, dies sind Fragen, über welche die
Casuisten verschiedener Meinung sein können; solche Handlungen aber in
eine Kategorie mit den Verbrechen eines Guy Faux oder Fieschi zu werfen,
ist ein Frevel an der Humanität und an dem gesunden Menschenverstande.
Gleichwohl sind sie in unsrem Gesetz so klassificirt. Es ist klar, daß ein
solches Gesetz nur durch milde Ausführung desselben erträglich werden
kann, und um gerecht zu sein, muß man sagen, daß seit vielen
Menschenaltern keine englische Regierung, eine einzige ausgenommen,
gegen Personen, die sich der bloßen Aufnahme geschlagener und flüchtiger
Insurgenten schuldig gemacht, mit Strenge verfahren ist. Besonders den
Frauen ist durch eine Art von stillschweigender Bewilligung das Recht
zugestanden, inmitten der Zerstörung und Rache das Mitleid zu üben,
welches die schönste Zierde ihres Characters ist. Seit dem Beginn des
großen Bürgerkrieges sind eine Menge Rebellen, die zum Theil viel
bedeutender waren als Hickes und Nelthorpe, durch weibliche Klugheit und
Hochherzigkeit vor der Strenge siegreicher Regierungen geschützt worden.
Aber kein auf diese Weise hintergangener englischer Regent, mit alleiniger
Ausnahme des gefühllosen und unerbittlichen Jakob, ist so barbarisch
gewesen, nur daran zu denken, eine Dame wegen eines so verzeihlichen
und liebenswürdigen Vergehens einem schmerzvollen und schimpflichen
Tode zu überantworten.
So gehässig das Gesetz an sich schon war, es wurde auf die Spitze
getrieben, um Alice Lisle zu verderben. Sie konnte nach dem von der
höchsten Autorität festgestellten Grundsatze erst nach erfolgter
Überführung der Rebellen, die sie beherbergt hatte, überwiesen werden. 127
Dennoch wurde sie vor Gericht gestellt, ehe weder Hickes noch Nelthorpe
nur verhört waren. Es war kein leichtes Ding, in einem solchen Falle ein
Verdict im Sinne der Krone zu erlangen. Die Zeugen machten Ausflüchte
und die Jury, welche aus den vornehmsten Gentlemen von Hampshire
bestand, bebten zurück vor dem Gedanken, einen Nebenmenschen einer
Handlung, die ihrer Ansicht nach eher Lob als Tadel verdiente, auf das
Schaffot zu senden. Jeffreys war wüthend. Es war der erste Fall von

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Hochverrath auf seiner Rundreise und es hatte ganz den Anschein, als ob
seine Beute ihm entschlüpfen würde. Er raste und fluchte und schwur in
einer Sprache, der sich ein gebildeter Mann nicht bei einem Wettrennen
oder bei einem Hahnenkampfe bedient haben würde. Ein Zeuge Namens
Dunne verlor theils aus Mitleid mit Lady Alice, theils aus Angst vor den
Drohungen und Verwünschungen des Oberrichters völlig den Kopf und
antwortete gar nicht mehr. „Wie schwer es doch hält,“ sagte Jeffreys, „aus
einem solchen lügenhaften presbyterianischen Schurken die Wahrheit
heraus zu bekommen!“ Nach einer Pause stammelte der Zeuge einige
unzusammenhängende Worte hervor. „Hat die Erde jemals einen solchen
Buben getragen?“ rief der Oberrichter mit einem Fluche. „Glaubst Du, daß
es einen Gott giebt? glaubst Du an das Feuer der Hölle? Noch nie in
meinem Leben ist mir ein solcher Zeuge vorgekommen wie Du!“ Der arme
Mann war ganz verdutzt und schwieg noch immer. „Ich hoffe, meine
Herren Geschwornen,“ donnerte Jeffreys weiter, „daß Sie sich das verruchte
Benehmen dieses Burschen merken werden. Ist es wohl anders möglich, als
daß man diese Menschen und ihre Religion verabscheuen muß? Ein Türke
ist ein Heiliger gegen einen solchen Buben, ein Heide würde sich solcher
Schurkerei schämen. Altmächtiger Jesus, unter was für einem
Otterngezücht leben wir doch!“ — „Ich weiß nicht, was ich sagen soll,
Mylord,“ stammelte Dunne. Der Richter brach aufs neue in einen Strom
von Flüchen und Verwünschungen aus. „Kann es wohl je einen frecheren
Hallunken gegeben haben?“ brüllte er wieder. „Haltet ihm ein Licht vor,
damit wir sein schamloses Gesicht sehen! Meine Herren Kronanwälte, Sie
werden dafür sorgen, daß eine Anklage auf Meineid gegen diesen Schurken
erhoben wird.“ Nach einer solchen Zeugenvernehmung wurde Lady Alice
aufgefordert, sich zu vertheidigen. Sie begann mit der Versicherung, die
auch wahr sein konnte, sie habe zwar gewußt, daß Hickes verfolgt werde,
als sie ihn bei sich aufgenommen, aber weder gewußt noch geahnet, daß er
bei dem Aufstande betheiligt gewesen sei. Er sei ein Geistlicher, ein Mann
des Friedens, es sei ihr daher nicht entfernt in den Sinn gekommen, daß er
gegen die Regierung die Waffen getragen haben könnte, und sie habe
geglaubt, er wolle sich deshalb verbergen, weil wegen Feldpredigens
Verhaftbefehle gegen ihn erlassen worden seien. Der Oberrichter begann
aufs neue zu donnern: „Ich will’s Euch besser sagen. Es ist nicht einer unter
diesen lügnerischen, näselnden, scheinheiligen Presbyterianern, der nicht

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auf eine oder die andre Art bei der Rebellion die Hand im Spiele gehabt
hätte. Der Presbyterianismus vereinigt alle Schurkereien in sich, nur der
Presbyterianismus hat Dunne zu einem solchen Schufte machen können.
Ein Presbyterianer sein heißt soviel als ein lügenhafter Bube sein.“ In dem
nämlichen Style faßte er das Resumé der Anklage zusammen, tobte noch
eine Stunde lang gegen Whigs und Dissenters und gab der Jury zu
bedenken, daß der Gatte der Gefangenen Antheil an der Ermordung Karl’s
I. genommen habe, eine Beschuldigung, welche durch nichts bewiesen war
und die, selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, mit der vorliegenden
Sache gar nichts zu thun hatte. Die Geschwornen zogen sich zurück und
blieben lange in Berathung. Der Richter wurde ungeduldig. Er könne nicht
begreifen, sagte er, wie sie in einem so klaren Falle nur den Gerichtssaal
hätten verlassen können. Er schickte ihnen einen Boten und ließ ihnen
sagen, daß, wenn sie nicht augenblicklich zurückkämen, er die Sitzung
aufheben und sie die ganze Nacht einschließen werde. So gedrängt, kamen
sie zurück, aber nur um zu sagen, daß sie zweifelten, ob die Anklage
begründet sei. Jeffreys machte ihnen die heftigsten Vorwürfe und nach einer
nochmaligen kurzen Berathung sprachen sie mit Widerstreben das Schuldig
aus.
Am folgenden Morgen wurde das Urtheil gefällt. Jeffreys sprach sich dahin
aus, daß Alice Lisle noch denselben Nachmittag lebendig verbrannt werden
sollte. Dieses Übermaß von Barbarei erregte das Mitleid und den Unwillen
selbst derjenigen Klasse, die der Krone am ergebensten war. Die
Geistlichen der Kathedrale von Winchester machten dem Oberrichter
Vorstellungen und er wagte es bei all’ seiner Brutalität nicht, sich über einen
solchen Gegenstand in einen Streit mit einer Körperschaft einzulassen, die
bei der Torypartei in so hohem Ansehen stand. Er willigte ein, daß die
Hinrichtung fünf Tage verschoben wurde. Während dieser Zeit boten die
Freunde der Gefangenen Alles auf, um von Jakob ihre Begnadigung zu
erwirken; sehr vornehme Damen verwendeten sich für sie, und auch
Feversham, dessen letzter Sieg seinen Einfluß bei Hofe vergrößert hatte und
der, wie man sagte, sich zum Mitleid hatte bestechen lassen, sprach zu ihren
Gunsten. Sogar Clarendon, der Schwager des Königs, nahm sich ihrer
Sache an. Aber es war Alles vergebens. Das Höchste, was man erlangen
konnte, war die Umwandlung des Feuertodes in Enthauptung. Auf einem

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auf dem Marktplatze zu Winchester errichteten Schaffot wurde sie
hingerichtet, und sie ertrug ihr Schicksal mit heiterem Muthe. 128
127. Siehe die Einleitung zu der Parlamentsacte, welche das Urtel umstieß.
128. Prozeß der Alice Lisle in der Collection of State Trials; Stat. 1 Gul. & Mar.; Burnet, I. 649;
Caveat against the Whigs.

In Hampshire war Alice Lisle das einzige Opfer; aber
Die blutigen
den Tag nach ihrer Hinrichtung begab sich Jeffreys
Assisen.
nach Dorchester, der Hauptstadt der Grafschaft, in
welcher Monmouth gelandet war, und hier begann das richterliche
Gemetzel.
Der Gerichtssaal war auf Befehl des Oberrichters mit rothem Tuche
ausgeschlagen, und die Menge erblickte in dieser Neuerung ein Anzeichen
von blutigen Absichten. Auch erzählte man sich, Jeffreys’ blutdürstiger
Mund habe sich zu einem unheilverkündenden Grinsen verzogen, als der
Geistliche, der die Assisenpredigt hielt, den Richtern die Pflicht der Milde
ans Herz legte. Alle diese Umstände erweckten schlimme Ahnungen
hinsichtlich dessen, was folgen sollte. 129
Es waren mehr als dreihundert Gefangene abzuurteilen. Dies schien ein
schweres Stück Arbeit, aber Jeffreys wußte es sich leicht zu machen. Er gab
zu verstehen, daß die Angeklagten nur dann Aussicht hatten, Begnadigung
oder Strafaufschub zu erlangen, wenn sie ihre Schuld eingestanden.
Neunundzwanzig Personen, die sich für nicht schuldig erklärten, aber
schuldig befunden wurden, ließ Jeffreys sofort aufknüpfen. Die übrigen
Gefangenen bekannten, sich nun massenweise für schuldig. Zweihundert­‐
zweiundneunzig wurden zum Tode verurtheilt. Die Anzahl Derer, welche in
Dorsetshire gehängt wurden, belief sich im Ganzen auf vierundsiebzig.
Von Dorchester zog Jeffreys weiter nach Exeter. Der Bürgerkrieg hatte
kaum die Grenzen von Dorsetshire berührt und es wurden deshalb hier
verhältnißmäßig nur wenige Personen mit dem Tode bestraft.
Somersetshire, der Hauptsitz des Aufstandes, war für die letzte und
furchtbarste Rache aufgespart. In dieser Grafschaft wurden binnen wenigen
Tagen zweihundert­dreiunddreißig Gefangene gehängt, geschleift und

Page 126

geviertheilt. An jeder Stelle, wo zwei Straßen sich kreuzten, auf jedem
Marktplatze, und auf der Gemeindewiese jedes großen Dorfes, das
Monmouth Soldaten geliefert hatte, verpesteten gefesselte Leichname, die
sich klirrend im Winde schaukelten, oder auf Pfähle gespießte Köpfe und
Glieder die Luft und erfüllten den Reisenden mit Grauen und Entsetzen. In
manchen Dörfern konnten die Leute sich nicht im Gotteshause versammeln,
ohne über dem Portale das gespensterhafte Antlitz eines Nachbarn grinsen
zu sehen. Der Oberrichter war in seinem Element. Je weiter das Mordwerk
gedieh, um so heiterer und lebhafter wurde er. Er lachte, jubelte, scherzte
und schwur in solchem Maße, daß viele Leute ihn vom Morgen bis zum
Abend für betrunken hielten. Aber bei ihm war es nicht leicht, den durch
wilde Leidenschaften erregten Wahnsinn von dem durch den Branntwein
hervorgerufenen zu unterscheiden. Ein Gefangener behauptete, die gegen
ihn aufgetretenen Zeugen verdienten keinen Glauben, indem einer von
ihnen Papist, der andre prostituirt sei. „Wie, frecher Rebell?“ rief der
Oberrichter, „Du wagst es, des Königs Zeugen zu verwerfen? Ich sehe Dich
schon mit dem Stricke um den Hals, Schurke!“ Ein Andrer bewies durch
Zeugnisse, daß er ein guter Protestant sei. „Protestant?“ rief Jeffreys,
„Presbyterianer wollt Ihr sagen! Ich biete Euch eine Wette darauf an, daß
ich einen Presbyterianer vierzig Meilen weit wittere.“ Ein Unglücklicher
erweckte selbst das Mitleid erbitterter Tories. „Mylord,“ sagten sie, „dieser
arme Mann wird auf Gemeindekosten unterhalten.“ „Seid unbesorgt,“
entgegnete der Oberrichter, „ich will die Gemeinde von der Last befreien.“
Seine Wuth richtete sich nicht gegen die Gefangenen allein. Gentlemen und
Adelige von hohem Ansehen und fleckenloser Loyalität, die es wagten, ihn
auf einen mildernden Umstand aufmerksam zu machen, konnten fast mit
Gewißheit darauf rechnen, daß sie eine Antwort von ihm erhielten, die er in
der gemeinen Sprache, welche er sich in den Bierhäusern von Whitechapel
angeeignet hatte, einen Schlag mit der rauhen Seite seiner Zunge nannte.
Lord Stawell, ein toryistischer Peer, der seinen Abscheu vor der
Gewissenlosigkeit, mit der seine unglücklichen Nachbarn hingeschlachtet
wurden, nicht verhehlen konnte, wurde dadurch bestraft, daß man über
seinem Parkthore einen Leichnam in Ketten aufhängte. 130 Aus derartigen
Schauspielen entsprangen manche schauerliche Geschichten, die sich die
Landleute von Somersetshire noch lange nachher am Weihnachtsfeuer beim
Äpfelwein erzählten. Noch in den letzten vierzig Jahren kannten in einigen

Page 127

Districten Manche die verwünschten Stellen genau und gingen des Abends
nur mit Widerstreben an denselben vorüber. 131
Jeffreys rühmte sich mehr Verräther gehängt zu haben, als alle seine
Vorgänger seit der Eroberung. Es ist gewiß, daß die Anzahl der Personen,
die er in einem Monate und in einer Grafschaft hinrichten ließ, bei weitem
die Zahl aller politischen Verbrecher übersteigt, welche seit der Revolution
auf unsrer Insel hingerichtet worden sind. Die Aufstände von 1715 und
1745 waren von längerer Dauer, von größerer Ausdehnung und viel
drohenderem Aussehen als der, welcher bei Sedgemoor niedergeworfen
wurde, und man war nicht allgemein der Ansicht, daß das Haus Hannover
sowohl nach der Rebellion von 1715 als auch nach der von 1745 in der
Milde zu weit gegangen sei. Gleichwohl muß die Anzahl der Hinrichtungen
von 1715 und 1745 zusammengenommen, im Vergleich mit denen, welche
die blutigen Assisen geschändet haben, gering erscheinen. Die
Gesammtzahl der Rebellen, welche Jeffreys auf dieser Rundreise hängen
ließ, belief sich auf dreihundertzwanzig. 132
Ein solches Gemetzel hätte selbst dann Abscheu erregen müssen, wenn die
Verurtheilten im Allgemeinen hassenswerth gewesen wären. Aber sie waren
zum größten Theil Leute von tadellosem Wandel und wahrer Religiosität.
Sie betrachteten sich selbst und wurden auch von einem großen Theile ihrer
Nachbarn nicht als Missethäter, sondern als Märtyrer betrachtet, welche die
Wahrheit des protestantischen Glaubens mit ihrem Blute besiegelten. Nur
sehr wenige von den Verurtheilten legten Reue über das, was sie gethan, an
den Tag. Viele, die von dem alten puritanischen Geiste beseelt waren,
gingen dem Tode nicht nur standhaft, sondern sogar freudig entgegen.
Vergebens hielten ihnen die Diener der Staatskirche Sermone über die
Sündhaftigkeit des Aufruhrs und über die Wichtigkeit der priesterlichen
Absolution. Der Anspruch des Königs auf unbeschränkte Autorität in
weltlichen Dingen, und der Anspruch des Klerus auf die geistliche Gewalt,
zu verbinden und aufzulösen, erregten den bitteren Spott der
unerschrockenen Sectirer. Einige von ihnen componirten im Gefängnisse
Hymnen, die sie dann auf der verhängnißvollen Schleife sangen. Christus,
riefen sie aus, während sie sich zu dem Gemetzel entkleideten, werde bald
kommen, um Zion zu erlösen und Babylon zu bekriegen; er werde sein
Banner aufpflanzen, in seine Trompete stoßen und seinen Feinden

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zehnfältig all’ das Böse vergelten, das sie seinen Dienern zugefügt. Die
letzten Worte dieser Leute wurden aufgezeichnet, ihre Abschiedsbriefe wie
kostbare Schätze aufbewahrt, und so entstand mit Hülfe einiger Erdichtung
und Übertreibung ein umfänglicher Nachtrag zur Marianischen
Martyrologie. 133
129. Bloody Assizes.
130. Locke’s Western Rebellion.
131. Dies kann ich aus meinen eigenen Jugenderinnerungen bestätigen.
132. Lord Lonsdale sagt siebenhundert, Burnet sechshundert. Ich habe die Listen zu Grunde gelegt,
welche die Richter an das Schatzamt einsandten und die noch daselbst aus dem Briefbuche zu
ersehen sind. Man sehe auch die Bloody Assizes; Locke’s Western Rebellion; the Panegyric on
Lord Jeffreys; Burnet I. 648; Eachard III. 775; Oldmixon, 705.
133. Einige Gebete, Ermahnungen und Hymnen dieser Dulder findet man in den Bloody Assizes.

Einige Fälle verdienen noch besondere Erwähnung.
Abraham
Abraham Holmes, ein verabschiedeter Offizier von
Holmes.
der Parlamentsarmee und einer von den Zeloten,
welche keinen andren König als den König Jesus anerkannten, wurde bei
Sedgemoor gefangen genommen. Sein Arm war in der Schlacht furchtbar
verstümmelt und zerschmettert worden, und da kein Wundarzt zur Hand
war, schnitt der muthige alte Soldat ihn sich selbst ab. Er wurde nach
London abgeführt und vom Könige selbst im Rathe verhört, wollte sich
aber zu keiner Demüthigung erniedrigen. „Ich bin ein alter Mann“ sagte er,
„und die kurze Spanne Zeit, die ich noch zu leben habe, ist keiner Lüge
oder Erniedrigung mehr werth. Ich war stets ein Republikaner und bin es
noch.“ Er wurde nach dem Westen zurückgesandt und gehängt. Das Volk
bemerkte mit ängstlicher Scheu und Verwunderung, daß die Thiere, die ihn
zum Galgen schleppen sollten, störrig wurden und umkehren wollten.
Holmes selbst zweifelte nicht daran, daß der Engel des Herrn, wie vor alter
Zeit, mit dem Schwert in der Hand im Wege stehe, dem menschlichen Auge
unsichtbar, aber dem niederen Thiere sichtbar. „Halt, Ihr Herren!“ rief er
aus, „laßt mich zu Fuß gehen. Die Sache hat mehr zu bedeuten als Ihr
glaubt. Erinnert Euch, daß der Esel Den sah, den der Prophet nicht sehen
konnte.“ Mit festem Schritte ging er zum Galgen, hielt lächelnd eine
Ansprache an das Volk, betete inbrünstig, Gott möge die Vernichtung des

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Antichrist und die Befreiung Englands beschleunigen, und stieg die Leiter
hinauf mit der Entschuldigung, daß er es so ungeschickt mache. „Ihr seht“
sagte er, „daß ich nur einen Arm habe.“ 134
134. Bloody Assizes; Locke’s Western Rebellion; Lord Lonsdale’s Memoirs; Bericht über die
Schlacht von Sedgemoor in den Hardwicke Papers.
Die Erzählung in Clarke’s life of James the Second ist nicht den königlichen Handschriften
entnommen und widerlegt sich selbst hinlänglich.

Nicht weniger muthig starb Christoph Battiscombe,
Christoph
ein junger Templer von guter Familie und Vermögen,
Battiscombe.
der in Dorchester, einer freundlichen Provinzialstadt,
die auf ihren guten Geschmack und auf ihre Bildung stolz war, allgemein
für das Muster eines feinen Gentleman galt. Es wurde Alles aufgeboten, um
ihn zu retten. Man glaubte im Westen Englands, er sei mit einer jungen
Dame von edlem Geblüt, der Schwester des Sheriffs, verlobt, diese habe
sich Jeffreys zu Füßen geworfen und ihn um Gnade gebeten, Jeffreys aber
habe sie mit einem abscheulichen Witze von sich gestoßen, den zu
wiederholen eine Verletzung des Anstandes und der Menschlichkeit sein
würde. Ihr Geliebter erlitt in Lyme gläubig und standhaft den Tod. 135
135. Bloody Assizes; Locke’s Western Rebellion; Humble Petition of Widows and
fatherless Children in the West of England; Panegyric on Lord Jeffreys.

Noch größere Theilnahme erweckte das Schicksal
Die Gebrüder
zweier tapferen Brüder, Wilhelm und Benjamin
Hewling.
Hewling. Sie waren beide jung, hübsch, gebildet und
aus anständiger Familie. Ihr Großvater von mütterlicher Seite hieß Kiffin,
war einer der ersten Kaufleute in London und wurde allgemein als das
Oberhaupt der Baptisten betrachtet. Der Oberrichter benahm sich beim
Verhör gegen Wilhelm Hewling mit der ihm eigenen Rücksichts­losigkeit.
„Ihr habt einen Großvater,“ sagte er zu ihm, „der es eben so reichlich
verdiente, gehängt zu werden wie Ihr.“ Der arme junge Mann, der erst
neunzehn Jahr alt war, ertrug den Tod mit solcher Ergebung und
Standhaftigkeit, daß ein bei der Hinrichtung anwesender Offizier von der
Armee, der sich durch Rohheit und Härte ausgezeichnet hatte, tief ergriffen

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wurde und äußerte: „Ich glaube nicht, daß der Lordoberrichter selbst dabei
ungerührt bleiben würde,“ Man hatte gehofft, Benjamin’s Begnadigung zu
erlangen. E i n so jugendliches Opfer war sicherlich genug für eine Familie.
Jeffreys selbst war zur Milde geneigt oder stellte sich wenigstens so. Der
Grund davon war der, weil einer seiner Verwandten, von dem er viel zu
erwarten hatte und den er daher nicht so behandeln konnte, wie er derartige
Bittsteller gewöhnlich behandelte, sich für die schwergeprüfte Familie
angelegentlich verwendete. Es wurde ein Aufschub bewilligt, um in London
anzufragen; und die Schwester des Gefangenen begab sich selbst mit einer
Bittschrift nach Whitehall. Viele Hofleute wünschten ihr glücklichen
Erfolg, und Churchill, zu dessen zahlreichen Fehlern wenigstens die
Grausamkeit nicht gehörte, verschaffte ihr eine Audienz. „Ich wünsche
Ihnen von ganzem Herzen den besten Erfolg,“ sagte er, während sie sich
zusammen im Vorzimmer befanden, „aber schmeicheln Sie sich nicht mit
Hoffnungen. Dieser Marmor, setzte er hinzu, indem er die Hand auf den
Kaminsims legte, ist nicht härter als der König.“ Seine Vermuthung
bestätigte sich, Jakob war unerbittlich. Benjamin Hewling starb mit
unerschrockenem Muthe unter lautem Wehklagen, in welches die um den
Galgen Wache haltenden Soldaten unwillkürlich einstimmten. 136
Die zum Tode verurtheilten Rebellen waren indessen weniger zu beklagen
als manche von den Überlebenden. Verschiedene Gefangene, welche
Jeffreys des Hochverraths nicht überführen konnte, wurden geringerer
Vergehen schuldig befunden und zu nicht minder furchtbarer Auspeitschung
verurtheilt, als sie früher dem Oates zuerkannt worden war. Eine Frau ward
einiger geringfügiger Worte halber, wie sie in den Bezirken, wo der Krieg
gewüthet hatte, von der Hälfte der Frauen geäußert wurden, dazu
verurtheilt, durch alle Marktorte der Grafschaft Dorset gepeitscht zu
werden. Sie erlitt einen Theil ihrer Strafe noch vor Jeffreys’ Rückkehr nach
London; als er aber den Westen verlassen hatte, nahmen die Kerkerknechte
unter stillschweigender Einwilligung der Behörden es auf sich, sie mit
weiteren Qualen zu verschonen.
136. In Bezug auf die Gebrüder Hewling habe ich mich an Kiffin’s Memoiren und an Mr.
Hewling Luson’s Erzählung in der zweiten Ausgabe der Hughes Correspondence vol. II.
Appendix gehalten. Die Berichte in Locke’s Western Rebellion und in dem Panegyric
on Jeffreys sind voll falscher Angaben. Der Bericht in den Bloody Assizes ist zum
großen Theile von Kiffin verfaßt und stimmt wörtlich mit seinen Memoiren überein.

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Eine noch fürchterlichere Strafe wurde über einen
Tutchin’s Strafe.
jungen Menschen, Namens Tutchin, verhängt, der
ebenfalls wegen aufrührerischer Reden zur Untersuchung gezogen war. Er
wurde, wie gewöhnlich, in seiner Verteidigung durch gemeine und rohe
Scherze vom Richterstuhle herab unterbrochen. „Ihr seid ein Rebell und
Eure ganze Familie hat seit Adam’s Zeiten aus Rebellen bestanden. Wie ich
höre, seid Ihr ein Dichter; ich will um die Wette Verse mit Euch machen.“
Das Urtel gegen den jungen Menschen lautete auf sieben Jahr Gefängniß,
während welcher Zeit er jedes Jahr durch alle Marktorte der Grafschaft
gepeitscht werden sollte. Die Frauen auf den Galerien brachen in Thränen
aus; der Gerichtsschreiber erhob sich in großer Aufregung und sagte:
„Mylord, der Gefangene ist noch sehr jung und es giebt viele Marktorte in
unsrer Grafschaft. Nach diesem Urtel wird er sieben Jahre lang alle
vierzehn Tage ausgepeitscht werden.“ „Ein junger Mensch mag er sein,“
erwiederte Jeffreys, „aber nichts desto weniger ist er ein alter Schurke.
Meine Damen, Sie kennen den Buben nicht so wie ich. Die Strafe ist
eigentlich noch lange nicht hart genug für ihn; keine Macht Englands soll
sie abändern.“ Tutchin bat in seiner Verzweiflung, und wahrscheinlich im
vollen Ernst, um die Gunst gehängt zu werden. Zu seinem Glück erkrankte
er an den Pocken und wurde von den Ärzten aufgegeben. Da es sehr
zweifelhaft war, ob das Urtel würde vollzogen werden können, so ließ sich
der Oberrichter durch eine Bestechungssumme, die dem Gefangenen zum
armen Manne machte, zur Zurücknahme desselben bewegen. Der von Haus
aus nicht sehr sanfte Character Tutchin’s wurde durch dieses Erlebniß bis
zur Überspanntheit verbittert und er machte sich späterhin als einer der
heftigsten und unversöhnlichsten Feinde des Hauses Stuart und der
Torypartei bemerkbar. 137
137. Siehe Tutchin’s eigne Erzählung seines Prozesses in den Bloody Assizes.

Die Anzahl der Gefangenen, welche Jeffreys zur
Deportation von
Deportation verurtheilte, belief sich auf achthundert­‐
Rebellen.
einundvierzig. Diese Leute, die noch viel
unglücklicher waren als ihre dem Tode überantworteten Leidensgefährten,
wurden in Trupps abgetheilt und Personen verliehen, welche bei Hofe in

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Gunst standen. Die Bedingungen der Verleihung waren, daß die
Verurtheilten als Sklaven über’s Meer transportirt würden, daß sie vor
Ablauf von zehn Jahren nicht freigelassen werden dürften, und daß der Ort
der Verbannung irgend eine westindische Insel sein müßte. Dieser letzte
Punkt war mit raffinirter Bosheit hinzugefügt worden, um das Elend der
Gefangenen zu vermehren. In Neuengland oder Neujersey würden sie eine
ihnen freundlich gesinnte Bevölkerung und ein der Gesundheit nicht
nachtheiliges Klima gefunden haben. Daher beschloß man, sie nach solchen
Kolonien zu senden, wo ein Puritaner keine besondere Theilnahme erwarten
durfte und ein in der gemäßigten Zone geborner Arbeiter für seine
Gesundheit nicht viel Gutes zu hoffen hatte. Der Stand des Sklavenmarktes
war aber von der Art, daß diese Unglücklichen trotz der langen Seereise und
obgleich sie voraussichtlich bald krank wurden, immer noch einen
bedeutenden Werth hatten. Nach Jeffreys’ Schätzung war jeder von ihnen,
nach Abzug aller Unkosten, im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Pfund
Sterling werth. Es fanden sich daher viele Bewerber für die Verleihung
dieser Sklaven. Einige Tories im Westen waren der Meinung, daß sie sich
durch ihre Leiden und Drangsale während der Insurrection gegründete
Ansprüche auf einen Antheil an dem Nutzen, der ihnen von den
Schmarotzern zu Whitehall gierig weggefischt worden sei, erworben hätten.
Die Höflinge aber trugen den Sieg davon. 138
Das Elend der Verbannten kam dem der Negersklaven, welche jetzt von
Congo nach Brasilien verschifft werden, vollkommen gleich. Aus den
besten jetzt noch zugänglichen Quellen geht hervor, daß mehr als ein
Fünftel von den Deportirten vor Beendigung ihrer Reise den Haifischen
vorgeworfen wurden. Die Menschenladungen waren in den Kielräumen
kleiner Schiffe dicht zusammengedrängt, und die Unglücklichen, von denen
viele noch an ungeheilten Wunden litten, hatten so wenig Spielraum, daß
sie sich nicht alle zu gleicher Zeit niederlegen konnten, ohne auf einander
zu liegen. Auf das Verdeck durften sie niemals kommen; die Luken waren
beständig von Schildwachen besetzt, die mit Seitengewehr und Muskete
bewaffnet waren. Unten im Kerker herrschte Finsterniß, pestilentialischer
Geruch, Jammer, Krankheit und Tod. Von neunundneunzig Verurtheilten,
die auf einem Schiffe transportirt wurden, starben zweiundzwanzig vor der
Ankunft in Jamaika, obgleich die Reise ungewöhnlich rasch von Statten

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ging, und als die Überlebenden den Ort ihrer Bestimmung erreichten, waren
sie nur noch Skelette. Mehrere Wochen lang hatten sie so kärgliche
Rationen von grobem Schiffszwieback und fauligem Wasser bekommen,
daß Einer mit leichter Mühe fünfmal so viel hätte zu sich nehmen können.
Sie kamen daher in einem solchen Zustande an, daß der Kaufmann, an den
sie consignirt waren, es für nöthig hielt, sie erst zu mästen, bevor er sie
verkaufte. 139
138. Sunderland an Jeffreys, 14. Sept. 1685; Jeffreys an den König, 19. Sept. 1685, im Staatsarchive.
139. Die beste Schilderung der Leiden der zur Deportation verurtheilten Rebellen findet sich in einer
interessanten Erzählung, geschrieben von Johann Coad, einem rechtschaffnen und gottesfürchtigen
Zimmermanne, der sich Monmouth angeschlossen hatte, bei Philips Norton schwer verwundet, von
Jeffreys verurtheilt und nach Jamaika transportirt wurde. Das Originalmanuscript ward mir von
Herrn Phippard, dem es gehört, freundlichst geliehen.

Unterdessen wurde das Eigenthum sowohl der
Confiscationen
hingerichteten Rebellen, als auch der noch
und
unglücklicheren, die unter der tropischen Sonne
Erpressungen.
dahinwelkten, von einer Menge gieriger Kläger in
Beschlag genommen und zerstückelt. Nach dem Gesetz ist ein wegen
Hochverraths verurtheilter Unterthan seines ganzen Vermögens verlustig,
und dieses Gesetz wurde nach Beendigung der blutigen Assisen mit einer
eben so grausamen als lächerlichen Strenge durchgeführt. Die gebeugten
Wittwen und die verlassenen Waisen der Arbeiter, deren Leichname noch an
den Kreuzwegen am Galgen hingen, wurden von den Agenten des
Schatzamtes aufgefordert, Rechenschaft darüber abzulegen, wohin ein
Korb, eine Gans, eine Speckseite, ein Fäßchen Äpfelwein, ein Sack Bohnen
oder ein Bündel Heu gekommen sei. 140 Während die niederen Beamten der
Regierung die Familien der hingeschlachteten Landleute ausplünderten,
sammelte der Oberrichter durch Ausplündrung einer höheren Klasse von
Whigs bedeutende Schätze. Er trieb einen ausgedehnten Handel mit
Begnadigungen. Das einträglichste Geschäft dieser Art machte er mit einem
Gentleman, Namens Edmund Prideaux. Es steht fest, daß Prideaux nicht
gegen die Regierung gekämpft hatte, und sein einziges Verbrechen bestand
wahrscheinlich in der Ererbung eines großen Vermögens, das ihm sein
Vater, ein ausgezeichneter Jurist, der unter dem Protector ein hohes Amt

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bekleidet, hinterlassen hatte. Der Unglückliche schmachtete lange im
Kerker und verstand sich endlich aus Furcht vor dem Galgen dazu, für seine
Freilassung fünfzehntausend Pfund Sterling zu bezahlen. Diese bedeutende
Summe eignete sich Jeffreys zu. Er kaufte sich dafür ein Landgut, welches
das Volk nach jenem verfluchten Acker, der um den Preis unschuldigen
Blute’s erkauft ward, Hakeldama nannte. 141
In diesem Erpressungsgeschäft wurde er von dem Schmarotzerschwarm,
der mit ihm zu schwelgen und zu jubeln pflegte, wacker unterstützt. Das
Amt dieser Menschen bestand darin, daß sie den Verurtheilten, die von der
Angst vor dem Tode gequält wurden, und den Ältern, welche für das Leben
ihrer Kinder zitterten, als Unterhändler ansehnliche Geldversprechungen zu
erpressen suchten. Einen Theil der Beute überließ Jeffreys seinen Agenten.
Einem seiner Zechgenossen soll er, wie man sagt, die Begnadigung eines
reichen Hochverräthers bei einem Gelage über den Tisch zugeworfen
haben. Es war nicht rathsam, sich einer andren Fürsprache als der seiner
Creaturen zu bedienen, denn er war sehr eifersüchtig auf die Erhaltung
seines einträglichen Begnadigungs­monopols. Man vermuthete sogar, daß er
einige Personen lediglich deshalb an den Galgen schickte, weil sie sich auf
von ihm unabhängigen Wegen an die königliche Gnade gewendet hatten. 142
140. Unter den Papieren des Schatzamtes vom Herbst 1685 befinden sich mehrere Briefe, welche
Nachforschungen nach derartigen Kleinigkeiten anbefehlen.
141. Commons’ Journals, Oct. 9., Nov. 10. & Dec. 26. 1690; Oldmixon, 706; Panegyric on
Jeffreys.
142. Life and Death of Lord Jeffreys; Panegyric on Jeffreys; Kiffin’s Memoirs.

Einige Höflinge fanden dessenungeachtet Mittel und
Habgier der
Wege, um einen kleinen Gewinnantheil von dem
Königin und
Handel zu ziehen, und ganz besonders zeichneten sich
ihrer Hofdamen.
die Hofdamen der Königin durch ihre Geldgier und
Hartherzigkeit aus. Die Schuld an dieser Schmach fällt zum Theil auf ihre
Gebieterin, denn sie wurden lediglich durch ihre Stellung an deren Hofe in
den Stand gesetzt, sich durch einen so abscheulichen Handel zu bereichern,
und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Königin demselben durch ein
Wort oder einen Wink hätte Einhalt thun können. Allein sie bestärkte sie

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vielmehr darin durch ihr eignes Beispiel, wenn nicht durch ausdrückliche
Ermächtigung. Sie scheint der zahlreichen Klasse von Menschen angehört
zu haben, die im Unglück besser sind als im Glück. So lange ihr Gemahl
ein Unterthan und ein Verbannter war, von jedem Staatsamte
ausgeschlossen und in dringender Gefahr, seines Geburtsrechts beraubt zu
werden, gewannen ihr die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit ihres
Auftretens selbst die Herzen Derer, die ihren Glauben am meisten
verabscheuten. Als aber ihr Glücksstern aufging, verschwand ihre
Gutherzigkeit. Die sanfte und leutselige Herzogin wurde eine lieblose und
hochmüthige Königin. 143 Das Mißgeschick, das in der Folge über sie kam,
hat zwar einige Teilnahme für sie erweckt; aber diese Theilnahme würde
viel größer sein, wenn es sich nachweisen ließe, daß sie in den Tagen ihrer
Größe nur ein einziges Opfer von der schrecklichsten Proscription, die
England je gesehen hat, rettete, oder nur zu retten versuchte. Leider aber
that sie, so viel bekannt ist, für die Rebellen nichts weiter, als daß sie darum
anhielt, daß ihr von den zur Deportation Verurtheilten Hundert geschenkt
werden möchten. 144 Der Gewinn, den ihr diese Menschenladung abwarf,
kann nach reichlichem Abzug für Diejenigen, welche auf der Überfahrt vor
Hunger und an Krankheiten starben, auf mindestens tausend Guineen
angeschlagen werden. Wir dürfen uns demnach nicht wundern, daß ihre
Hofdamen das Beispiel ihrer unfürstlichen Habgier und ihrer unweiblichen
Grausamkeit nachahmten. So erpreßten sie tausend Pfund von einem
Kaufmanne in Bridgewater, Namens Roger Hoare, der einen Beitrag zur
Kriegskasse der Rebellenarmee gegeben hatte. Die Beute aber, nach der sie
sich am gierigsten zeigten, war eine, von der man hätte denken sollen, daß
auch der unedelste Character sie verschonen würde. Von den Mädchen,
welche Monmouth in Taunton eine Fahne überreichten, hatten schon einige
ihr Vergehen schwer büßen müssen. Eine von ihnen war in ein Gefängnis
geworfen worden, in welchem eine ansteckende Krankheit wüthete. Sie
ward von derselben ergriffen und starb. Eine Andre kam in den
Gerichtssaal, um Jeffreys um Gnade zu bitten. „Fort mit ihr,
Kerkermeister!“ brüllte der Richter mit seiner finstren Miene, die schon
stärkere Gemüther als das ihrige mit Schrecken erfüllt hatte. Sie brach in
Thränen aus, zog ihre Haube über das Gesicht, verließ mit dem
Kerkermeister den Gerichtssaal, wurde krank von dem Schrecken und war
in wenigen Stunden eine Leiche. Die meisten der jungen Mädchen, die an

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dem Zuge Theil genommen hatten, waren jedoch noch am Leben. Einige
davon waren unter zehn Jahr alt; alle hatten auf Befehl ihrer Lehrerinnen
gehandelt, ohne zu wissen, daß sie etwas Unrechtes thaten. Die
Ehrendamen der Königin baten ihre Gebieterin um die Erlaubniß, den
Eltern der armen Kinder Geld erpressen zu dürfen, und sie wurde ihnen
bewilligt. Es wurde der Befehl nach Taunton geschickt, alle diese jungen
Mädchen zu verhaften und ins Gefängniß zu werfen. Sir Franz Warre von
Hestercombe, der toryistische Abgeordnete für Bridgewater, wurde mit der
Eintreibung der Lösegelder beauftragt. Er sollte mit Entschiedenheit
erklären, daß die Ehrenfräulein keinen Aufschub gestatten könnten, sondern
entschlossen seien, die Sache bis zur Ächtung zu treiben, wenn nicht eine
angemessne Summe erlegt werde, und daß unter dieser angemessnen
Summe siebentausend Pfund zu verstehen seien. Warre lehnte jedoch jede
Theilnahme an einer so schmachvollen Unterhandlung ab. Die Ehrendamen
wendeten sich nun an Wilhelm Penn, und dieser übernahm den Auftrag. Ein
wenig von der starrsinnigen Scrupulosität, die er oft in Betreff des
Hutabnehmens gezeigt hatte, würde bei dieser Gelegenheit nicht am
unrechten Orte gewesen sein. Wahrscheinlich beschwichtigte er die
Mahnungen seines Gewissens dadurch, daß er sich einredete, es werde von
dem zu erpressenden Gelde nichts in seine eigne Tasche fließen, daß die
Damen leicht einen weniger humanen Diener finden würden, wenn er sich
weigerte, ihren Auftrag zu übernehmen, und daß er endlich durch
Willfährigkeit einen größren Einfluß bei Hofe erlangen werde, welcher
Einfluß ihn schon in den Stand gesetzt hatte und auch fernerhin in den
Stand setzen konnte, seinen unterdrückten Brüdern viel zu nützen. Die
Ehrendamen mußten sich übrigens schließlich mit weniger als einem Drittel
der verlangten Summe begnügen. 145
Kein andrer englischer Souverain hat so starke Beweise von einer
grausamen Natur gegeben, als Jakob II. Seine Grausamkeit war jedoch
nicht gehässiger als seine Gnade, oder vielleicht richtiger gesagt, seine
Gnade und seine Grausamkeit waren von der Art, daß sie einander
gegenseitig schändeten. Unser Entsetzen über das Schicksal der einfachen
Bauern, der jungen Burschen und zarten Frauen, gegen die er mit
unerbittlicher Strenge verfuhr, steigert sich noch, wenn wir sehen, wem und
aus welchen Rücksichten er Verzeihung gewährte.

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Das Verfahren, welches ein Fürst nach Unterdrückung eines Aufstandes bei
der Auswahl der zu bestrafenden Rebellen beobachten muß, ist vollkommen
klar. Die Rädelsführer, die Männer von Ansehen, Vermögen und Bildung,
welche durch ihre Macht und ihre Kunstgriffe die Menge verführten, sind
Diejenigen, über welche strenges Gericht zu halten ist. Das getäuschte Volk
kann, nachdem das Blutbad auf dem Schlachtfelde vorüber ist, kaum zu
mild behandelt werden. Diese Regel aber, welche doch augenfällig der
Gerechtigkeit und Menschlichkeit entspricht, wurde nicht allein nicht
befolgt, sondern sogar umgekehrt. Während Die, welche hätten verschont
werden sollen, zu Hunderten hingeschlachtet wurden, verschonte man die
Wenigen, die man gerade der äußersten Strenge des Gesetzes hätte
überlassen sollen. Diese verkehrte Milde hat manche Schriftsteller in
Verwunderung gesetzt, andere zu lächerlichen Lobhudeleien verleitet. Sie
war weder unerklärlich, noch lobenswerth; sie konnte in jedem einzelnen
Falle ganz leicht auf einen schmutzigen oder einen boshaften Beweggrund,
entweder auf Geldgier oder auf Blutdurst zurückgeführt werden.
143. Burnet I. 368; Evelyn’s Diary, Feb. 4. 1684—85, July 13. 1686. In einer damaligen Satire
kommen die Zeilen vor:
Als Herzogin sie sanft und mild sich zeigte,
Als Königin sie einem Teufel glich.
144. Sunderland an Jeffreys, 14. Septbr. 1685.
145. Locke’s Western Rebellion; Toulmin’s History of Taunton, ed. by Savage; Briefe des
Herzogs von Somerset an Sir F. Warre; Brief Sunderland’s an Penn vom 13. Febr. 1685—86 aus dem
Staatsarchive in Mackintosh’s Sammlung.

Bei Grey war kein mildernder Umstand vorhanden.
Verfahren gegen
Seine Talente und Kenntnisse, der erbliche Rang, den
Grey, Cochrane,
er im Staate einnahm, und der hohe Befehls­‐
Storey, Wade,
haberposten, den er in der Rebellenarmee bekleidet
Goodenough und
hatte, würden ihn einer gerechten Regierung als viel
Ferguson.
straffälliger bezeichnet haben als Alice Lisle, Wilhelm
Hewling oder irgend einen von den Hunderten unwissender Landleute,
deren Köpfe und Glieder in Somersetshire ausgestellt wurden. Aber Grey’s
Besitzungen waren groß und unveräußerliches, erbliches Eigenthum seiner
Familie. Er bezog nur den Nießbrauch seiner Güter auf Lebenszeit und

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mehr als diese Rente konnte er nicht verwirken. Starb er, so fiel Alles
seinem nächsten Erben zu. Wenn er begnadigt wurde, konnte er ein
bedeutendes Lösegeld bezahlen, und man gestattete ihm daher, sich dadurch
loszukaufen, daß er dem Lordschatzmeister eine Verschreibung auf
vierzigtausend Pfund und anderen Höflingen kleinere Summen
einhändigte. 146
Sir Johann Cochrane hatte unter den schottischen Rebellen die nämliche
Stellung eingenommen, wie Grey im Westen Englands. Es schien
unglaublich, daß Cochrane von einem so beispiellos rachsüchtigen Fürsten
Verzeihung erhalten würde. Aber er war der jüngere Sohn einer reichen
Familie, und man konnte daher nur wenn man ihn verschonte, Geld für ihn
erlangen. Sein Vater, Lord Dundonald, bot den Priestern des königlichen
Hauses ein Geschenk von fünftausend Pfund an und die Begnadigung
wurde ihm dafür bewilligt. 147
Samuel Storey, ein bekannter Aufwiegler, welcher Kriegscommissar bei der
Rebellenarmee gewesen war und das unwissende Volk von Somersetshire
durch heftige Reden aufgestachelt hatte, in denen Jakob als Brandstifter und
Giftmischer dargestellt war, wurde ebenfalls begnadigt, denn Storey konnte
Jeffreys bei der Erpressung der fünfzehntausend Pfund von Prideaux
wichtige Dienste leisten. 148
Von allen Verräthern waren Wade, Goodenough und Ferguson am
wenigsten berechtigt, Gnade zu erwarten. Diese drei Häupter des
Aufstandes waren zusammen vom Schlachtfelde von Sedgemoor geflohen
und hatten glücklich die Küste erreicht. Aber in der Nähe des Ortes, wo sie
sich einzuschiffen gedachten, hatten sie eine kreuzende Fregatte gefunden.
Sie hatten sich hierauf getrennt und Wade und Goodenough waren bald
entdeckt und nach London gebracht worden. Obgleich sie aber tief in das
Ryehousecomplot verwickelt und unter den Häuptern des Aufstandes im
Westen eine hervorragende Stellung eingenommen hatten, wurde ihnen
dennoch das Leben geschenkt, weil sie Aufschlüsse geben konnten, welche
den König in den Stand setzten, einige Personen, die er haßte, die er aber
noch nie eines Verbrechens hatte bezichtigen können, zum Tode zu
verurtheilen und auszuplündern. 149

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Auf welche Weise Ferguson davon kam, war und ist noch jetzt ein
Geheimniß. Er war von allen Feinden der Regierung ohne allen Zweifel der
strafbarste. Er war der erste Anstifter des Planes zur Ermordung der
königlichen Brüder; er hatte ferner die Erklärung verfaßt, die an Frechheit,
Gehässigkeit und Lügenhaftigkeit selbst unter den Schmähschriften jener
stürmischen Zeit ihres Gleichen nicht hatte, und endlich war er Derjenige,
der den Herzog von Monmouth erst zu dem Einfalle in England und dann
zu der Usurpation der Krone aufreizte. Es ließ sich wohl erwarten, daß man
auf den Erzverräther, wie er oft genannt wurde, mit ganz besondrem Eifer
fahnden werde, und einer sorgfältigen Nachforschung konnte ein Mann von
so auffallendem Äußeren und Sprachdialecte schwerlich entgehen. In den
Kaffeehäusern von London erzählte man als ganz gewiß, daß Ferguson
festgenommen sei, und diese Nachricht fand bei Männern Glauben, welche
die beste Gelegenheit hatten, die Wahrheit zu erfahren. Das Nächste was
man von ihm hörte, war, daß er unangefochten auf dem Continent lebe.
Man hatte ihn stark in dem Verdachte, daß er eine regelmäßige Verbindung
mit der Regierung unterhalten, gegen die er gleichwohl beständig
complotirte, daß er von den Unternehmungen seiner Genossen, die er
fortwährend zu den übereiltesten Schritten drängte, gerade so viel nach
Whitehall berichtete, damit sein Hals nicht in Gefahr kam, und daß daher
Befehl gegeben wurde, ihn entschlüpfen zu lassen. 150
Jetzt hatte Jeffrey’s sein Werk beendigt und er kehrte zurück, um seinen
Lohn zu verlangen. Er kam wieder in Windsor an, nachdem er im ganzen
Westen Haufen von Leichen, und Trauer und Schrecken zurückgelassen
hatte. Der Haß, den die Bevölkerung von Somersetshire gegen ihn hegte,
hat in unsrer Geschichte nicht seines Gleichen. Weder die Zeit, noch
politische Veränderungen vermochten denselben zu ersticken, er pflanzte
sich fort von Geschlecht zu Geschlecht und wüthete noch heftig gegen seine
unschuldigen Nachkommen. Viele Jahre nach seinem Tode, als sein Name
und Titel längst erloschen waren, wurde seine Enkelin, die Gräfin von
Pomfret, auf einer Reise im Westen vom Pöbel insultirt und sah, daß sie
sich nicht mit Sicherheit unter die Nachkommen Derer wagen konnte,
welche die blutigen Assisen erlebt hatten. 151
Am Hofe aber fand Jeffreys die herzlichste Aufnahme. Es war ein Richter
ganz nach dem Sinne seines Gebieters. Jakob hatte seine Rundreise mit

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Interesse und mit großem Vergnügen verfolgt; in seinem Empfangzimmer
und an seiner Tafel hatte er oft von dem Gemetzel, das gegenwärtig unter
seinen mißvergnügten Unterthanen angerichtet wurde, mit einer
Schadenfreude gesprochen, über welche die fremden Gesandten erstaunten.
Er hatte mit eigner Hand Berichte über seines Lordoberrichters Feldzug im
Westen, wie er es scherzend nannte, aufgezeichnet. Einige hundert
Rebellen, schrieb Se. Majestät in den Haag, seien verurtheilt werden; einige
davon seien bereits gehängt, eine größere Anzahl sollte dies noch werden,
und der Rest solle nach den Kolonien geschickt werden. Umsonst wendete
sich Ken schriftlich an ihn, um Gnade für das irregeleitete Volk zu erflehen,
und schilderte mit ergreifender Beredtsamkeit die entsetzliche Lage seines
Sprengels. Er sagte, man könne auf keiner Heerstraße gehen, ohne ein
schreckliches Schauspiel zu erblicken, und die Luft von Somersetshire sei
mit Todesdünsten geschwängert. Der König las das Schreiben, blieb aber so
hart, wie der marmorne Kaminsims in Whitehall, wie Churchill gesagt
hatte.
146. Burnet, I. 646, und Sprecher Onslow’s Note; Clarendon an Rochester vom 8. Mai 1686.
147. Burnet, I. 634.
148. Calamy’s Memoirs; Commons’ Journals, Dec. 26. 1690; Sunderland an Jeffreys vom 14.
Sept. 1685; Protokolle des Geheimen Raths vom 26. Febr. 1685—86.
149. Lansdowne MS. 1152; Harl. MS. 6845; London Gazette, July 20. 1685.
150. Viele Schriftsteller haben ohne den mindesten Grund behauptet, daß Ferguson von Jakob einen
Pardon erhalten habe. Einige sind sogar so weit gegangen, diesen Pardon, der übrigens, wenn er
wirklich ertheilt worden wäre, nichts weiter beweisen würde, als daß Ferguson ein Spion des Hofes
war, als Beleg für die Großmuth und Nachsicht des Fürsten anzuführen, der Alice Lisle enthaupten
und Elisabeth Gaunt verbrennen ließ. Ferguson wurde nicht allein nicht speziell begnadigt, sondern
sogar von der im nächsten Frühjahr verkündeten Amnestie ausdrücklich ausgeschlossen. (London
Gazette vom 15. März 1685/86.) Wenn Jakob, wie das Publikum vermuthete und wie es auch
wahrscheinlich ist, stillschweigend Nachsicht gegen Ferguson übte, so schämte er sich derselben
nicht ohne Grund und hielt sie möglichst geheim. Die damals in London umlaufenden Gerüchte
werden im Observator vom 1. August 1685 erwähnt.
Sir Johann Reresby, der gut unterrichtet sein konnte, behauptet mit Bestimmtheit, daß Ferguson
drei Tage nach der Schlacht von Sedgemoor eingefangen wurde. Aber Reresby irrte sich ganz gewiß
im Datum und er kann sich daher wohl auch in der ganzen Geschichte geirrt haben. Aus der London
Gazette und aus Goodenough’s Geständniß (Lansdowne MS. 1152.) geht klar hervor, daß Ferguson
vierzehn Tage nach der Schlacht noch nicht gefangen war und daß man vermuthete, er halte sich
noch irgendwo in England verborgen.
151. Granger’s Biographical History, „Jeffreys’“.

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In Windsor wurde das große Siegel den Händen
Jeffreys zum
Jeffreys’ übergeben, und in der nächsten Nummer der
Lordkanzler
London Gazette feierlich verkündet, daß diese Ehre
ernannt.
eine Belohnung für die vielen ausgezeichneten und
treuen Dienste sei, die er der Krone geleistet. 152
Später, als die Leute aller Parteien mit Schaudern von den blutigen Assisen
sprachen, versuchten der schändliche Richter und der gottlose König sich
dadurch zu rechtfertigen, daß Jeder die Schuld auf den Andren schob.
Jeffreys versicherte im Tower, daß er selbst bei dem grausamsten Verfahren
nie die ausdrücklichen Befehle seines Gebieters überschritten habe, ja sogar
noch hinter denselben zurückgeblieben sei. Ebenso hätte Jakob in St.
Germain gern glauben gemacht, daß er selbst zur Milde geneigt gewesen sei
und daß die Gewaltthätigkeiten seines Dieners ihm unverdienten Tadel
zugezogen hätten. Doch keiner der beiden hartherzigen Männer kann auf
Kosten des Andren freigesprochen werden. Die Vertheidigung Jakob’s kann
durch Dokumente von seiner eignen Hand als thatsächlich falsch
nachgewiesen werden, und Jeffreys’ Vertheidigung ist, selbst wenn sie sich
auf wahre Thatsachen gründete, völlig werthlos.
152. Burnet, I. 648. Jakob an den Prinzen von Oranien, 10. u. 24. September 1685; Lord
Lonsdale’s Memoirs; London Gazette, Oct. 1. 1685.

Das Gemetzel im Westen war vorüber; nun sollte es in
Cornish’s Prozeß
London beginnen. Es war der Regierung namentlich
und Hinrichtung.
darum zu thun unter den großen whiggistischen
Kaufleuten der City Schlachtopfer zu finden. Diese hatten unter der letzten
Regierung einen sehr gefürchteten Theil der Opposition gebildet. Sie waren
reich, und ihr Reichthum war nicht, wie der vieler Edelleute und
Landgentlemen, durch Fideicommisse gegen Confiscation gesichert. Bei
Grey und anderen Männern von ähnlicher Stellung war es unmöglich, den
Blutdurst und die Habgier zugleich zu befriedigen; ein reicher Kaufmann
konnte gehängt und auch ausgeplündert werden. Obgleich aber die
Handelsfürsten im Allgemeinen dem Papismus und der Willkürherrschaft
feind waren, so waren sie doch zu gewissenhaft oder zu ängstlich gewesen,
als daß sie sich hätten des Hochverraths schuldig machen sollen. Einer der

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angesehensten unter ihnen war Heinrich Cornish. Er war unter der früheren
Verfassung der City Alderman gewesen und hatte zu der Zeit, als die
Angelegenheit der Ausschließungsbill die öffentliche Meinung beschäftigte,
das Amt eines Sheriffs bekleidet. Seiner politischen Ansicht nach war er ein
Whig und in seinen religiösen Ansichten neigte er sich zum
Presbyterianismus hin; aber er war äußerst besonnen und gemäßigt. Es ist
kein irgend glaubwürdiger Beweis dafür vorhanden, daß er je auch nur die
Grenze des Hochverraths berührte. In der That hatte er als Sheriff sich nur
sehr ungern dazu verstanden, einen so heftigen und characterlosen
Menschen wie Goodenough als Bevollmächtigten zu gebrauchen. Nach der
Entdeckung des Ryehousecomplots hegte man in Whitehall große
Hoffnung, daß sich Cornish’s Theilnahme an demselben herausstellen
werde; aber diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Einer der
Mitverschworenen, Johann Rumsey, war zwar bereit Alles zu beschwören;
aber ein Zeuge genügte nicht, und ein zweiter war nicht aufzutreiben.
Seitdem waren über zwei Jahre vergangen. Cornish glaubte sich
vollkommen sicher; aber der Tyrann hatte ein scharfes Auge auf ihn.
Goodenough, den die nahe Aussicht auf den Tod schreckte und der noch
einen Groll gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten hegte, weil er bei diesem
nie in besondrer Gunst gestanden hatte, erklärte sich bereit, das noch
fehlende Zeugniß zu ergänzen. Cornish wurde auf der Börse, während er
Geschäfte abschloß, verhaftet, ins Gefängniß geworfen, daselbst einige
Tage in Einzelhaft gehalten und dann völlig unvorbereitet vor die
Schranken der Old Bailey geführt. Die Anklage gegen ihn stützte sich
lediglich auf die Aussagen Rumsey’s und Goodenough’s. Beide waren
eingestandenermaßen in das Complot verwickelt, als dessen Theilnehmer
sie den Gefangenen beschuldigten. Beide wurden durch die stärksten
Motive der Hoffnung und Angst angetrieben, ihn als schuldig darzustellen,
und außerdem lagen Beweise dafür vor, daß Goodenough auch unter dem
Einflusse persönlicher Feindschaft stand. Endlich widersprach Rumsey’s
Angabe der Geschichte, die er erzählt hatte, als er gegen Lord Russell
zeugte. Aber alle diese Umstände wurden vergebens geltend gemacht. Auf
der Richterbank saßen drei Richter, welche mit Jeffreys im Westen gewesen
waren, und Leute, die ihr Verhalten beobachteten, hatten bemerkt, daß sie
von dem Gemetzel in Taunton in einer übermüthigen und gereizten
Stimmung zurückgekehrt waren. Es ist in der That nur zu wahr, daß die

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Neigung zum Blutvergießen eine Neigung ist, die selbst solche Menschen,
welche von Natur durchaus nicht blutdürstig sind, durch die Gewohnheit
sehr schnell annehmen können. Anwälte und Richter vereinigten sich in
dem Bemühen, den unglücklichen Whig niederzuschmettern, die von einem
höfischen Sheriff ernannte Jury gab bereitwilligst ein „Schuldig“ ab und
trotz des unwilligen Murrens von Seiten des Publikums erlitt Cornish am
zehnten Tage nach seiner Verhaftung den Tod. Damit kein entehrender
Umstand fehlte, wurde der Galgen an der Stelle errichtet, wo Kingstreet in
Cheapside einmündet, dem Hause gegenüber, in welchem Cornish lange in
allgemeiner Achtung gelebt hatte, angesichts der Börse, an der er stets in
hohem Ansehen gestanden, und Guildhall’s, wo er sich als ein Führer des
Volks ausgezeichnet hatte. Er starb muthig und mit vielen Äußerungen von
Frömmigkeit, legte aber in Blicken und Geberden eine so heftige
Entrüstung über die barbarische Ungerechtigkeit, mit der man gegen ihn
verfahren war, an den Tag, daß seine Feinde ein verleumderisches Gerücht
über ihn aussprengten. Sie sagten, er sei betrunken, oder nicht bei Sinnen
gewesen, als er aufgeknüpft wurde. Wilhelm Penn aber, der nahe bei dem
Galgen gestanden und der entschieden für die Regierung eingenommen
war, versicherte nachher, er habe in Cornish’s Benehmen nichts weiter als
den natürlichen Unwillen eines schuldlosen Mannes, der unter der Form des
Gesetzes ermordet wird, finden können. Der Kopf des gemordeten
Magistratsbeamten wurde über Guildhall aufgepflanzt. 153
153. Cornish’s Prozeß in der Collection of State Trials; Sir J. Hawles’s Remarks on
Mr. Cornish’s Trial; Burnet. I. 651; Bloody Assizes; Stat. 1. Gul. & Mar.

So schwarz dieser Fall auch war, es war noch nicht
Prozeß und
der schwärzeste, der die damalige Herbstsession der
Hinrichtung
Old Bailey schändete. Unter den bei dem
Fernley’s und der
Ryehousecomplot Betheiligten war auch ein gewisser
Elisabeth Gaunt.
Jakob Burton. Er war nach seinem eignen Geständniß
dabei zugegen gewesen, als der Mordplan von seinen Mitverschwornen
berathen wurde. Nach Entdeckung des Complots wurde auf seine
Festnehmung eine Belohnung gesetzt. Eine alte Matrone, baptistischen
Glaubens, Namens Elisabeth Gaunt, rettete ihn vom Tode. Diese Frau
verband mit den eigenthümlichen Manieren und Redensarten, durch welche

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sich damals ihre Secte auszeichnete, eine barmherzige Menschenliebe. Der
Zweck ihres ganzen Lebens war die Unterstützung der Unglücklichen jedes
Glaubens­bekenntnisses, und sie war als eine regelmäßige Besucherin der
Gefängnisse allgemein bekannt. Ihre politische und religiöse Meinung
sowohl als ihr mitleidiges Herz trieben sie an, Alles, was in ihren Kräften
stand, für Burton zu thun. Sie verschaffte ihm ein Boot, das ihn nach
Gravesend mitnahm, wo er an Bord eines nach Amsterdam bestimmten
Schiffes ging. Im Augenblicke der Abreise gab sie ihm noch eine für ihre
Verhältnisse sehr bedeutende Summe Geldes. Nachdem Burton einige Zeit
in der Verbannung gelebt hatte, kehrte er mit Monmouth nach England
zurück, focht bei Sedgemoor und flüchtete sich dann nach London in das
Haus eines Barbiers in Whitechapel, Namens Johann Fernley. Fernley war
sehr arm, wurde von Gläubigern gedrängt und wußte, daß auf Burton’s
Einlieferung von der Regierung hundert Pfund Sterling ausgesetzt waren.
Aber der wackere Mann war nicht im Stande, einen Menschen zu verrathen,
der in der äußersten Gefahr unter sein schützendes Dach gekommen war.
Unglücklicherweise wurde es bald ruchbar, daß Jakob’s Zorn weit heftiger
gegen Diejenigen entbrannt war, welche Rebellen beherbergten, als gegen
die Rebellen selbst. Er hatte öffentlich erklärt, daß das Verbergen von
Verräthern vor seiner Rache die unverzeihlichste Form des Hochverraths
sei. Burton wußte dies. Er stellte sich daher freiwillig der Regierung und
denuncirte Fernley und Elisabeth Gaunt. Sie wurden verhaftet, die
Untersuchung gegen sie eingeleitet, und der Schurke, dem sie das Leben
gerettet, hatte den Muth und die Frechheit, als Hauptzeuge gegen sie
aufzutreten. Sie wurden für schuldig befunden und Fernley zum Galgen,
Elisabeth Gaunt aber zum Scheiterhaufen verurtheilt. Selbst nach all’ den
Gräuelscenen jenes Schreckensjahres hielten Viele es für unmöglich, daß
diese Urtheile vollzogen werden könnten. Aber der König kannte kein
Erbarmen. Fernley wurde gehängt und Elisabeth Gaunt an dem nämlichen
Tage, an welchem Cornish in Cheapside den Tod erlitt, in Tyburn lebendig
verbrannt. Sie hinterließ einige Aufzeichnungen, die zwar nicht in einem
eleganten Style, aber doch so geschrieben waren, daß viele Tausende sie mit
tiefer Rührung und zugleich mit Entsetzen lasen. „Mein Vergehen“, sagte
sie, „war eines, das ein Fürst wohl hätte verzeihen können. Ich half nur
einer unglücklichen Familie, und dafür muß ich nun sterben!“ Sie beklagte
sich über die Rücksichts­losigkeit der Richter, über die Härte des

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Kerkermeisters und über die Tyrannei des Größten von Allen, der sie und so
viele Andere dem Tode überliefert. Insofern diese Menschen nur ihr
persönlich Unrecht gethan hätten, vergäbe sie ihnen, als unversöhnliche
Feinde der guten Sache aber, die schon wieder aufleben und gedeihen
werde, überlasse sie sie dem Richterspruche des Königs der Könige. Sie
bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine ruhige Fassung, welche die
Zuschauer an die heldenmüthigsten Beispiele von Todesverachtung
erinnerte, die sie in Fox gelesen hatten. Wilhelm Penn, für den Schauspiele,
welche zartfühlende Menschen in der Regel meiden, einen ganz besondren
Reiz gehabt zu haben scheinen, eilte von Cheapside, wo er Cornish hatte
hängen sehen, nach Tyburn, um Elisabeth Gaunt verbrennen zu sehen. Er
erzählte nachher, daß alle Umstehenden in Thränen ausgebrochen seien, als
sie ruhig das Stroh um sich herum so ordnete, daß ihre Leiden möglichst
abgekürzt werden möchten. Es wurde viel davon gesprochen, daß, während
der abscheulichste Justizmord verübt ward, der jene Schreckenszeit
schändete, ein Sturm losbrach, wie man ihn seit dem großen Orkane, der
um das Todesbett Oliver Cromwell’s wüthete, nicht wieder erlebt hatte. Die
bedrückten Puritaner zählten nicht ohne finstre Genugthuung die
umgeworfenen Häuser und verschlagenen Schiffe zusammen und fanden
einigen Trost in dem Gedanken, daß der Himmel seinen Zorn über die
Ungerechtigkeiten, unter denen die Erde seufzte, so sprechend äußere. Seit
jenem fürchterlichen Tage hat in England kein Weib wieder eines
politischen Verbrechens wegen den Tod erlitten. 154
154. Prozeß Fernley’s und der Elisabeth Gaunt in der Collection of State Trials; Burnet I.
649; Bloody Assizes; Sir J. Bramston’s Memoirs; Luttrell’s Diary, Oct. 23. 1685.

Man war der Meinung, daß Goodenough’s
Prozeß und
Begnadigung noch nicht hinreichend gesühnt sei. Die
Hinrichtung
Regierung wollte noch ein Opfer niederen Standes
Bateman’s.
vernichten, einen Wundarzt, Namens Bateman. Er war
Arzt bei Shaftesbury und ein eifriger Exclusionist gewesen; es ist möglich,
daß er in das Whigcomplot eingeweiht war, so viel aber steht fest, daß er
nicht zu den leitenden Häuptern der Verschwörung gehörte, denn in der
großen Menge von Aussagen, welche die Regierung veröffentlichte, war
sein Name nur einmal genannt, und zwar nicht in Verbindung mit irgend

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einem an Hochverrath grenzenden Verbrechen. Aus seiner Anklageacte und
den auf uns gekommenen spärlichen Angaben über seinen Prozeß scheint
klar hervorzugehen, daß er der Betheiligung an dem Plane, die königlichen
Brüder zu ermorden, nicht einmal beschuldigt wurde. Die Gehässigkeit, mit
der ein so unbedeutender und eines so geringfügigen Vergehens schuldiger
Mann dem Tode überliefert wurde, während viel straffälligere und
wichtigere Hochverräther sich dadurch loskauften, daß sie als Zeugen
gegen ihn auftraten, schien einer Erklärung zu bedürfen, und man fand auch
eine solche, die aber schmachvoll genug war. Als Oates nach seiner
Auspeitschung besinnungslos und Aller Meinung nach schon halb todt nach
Newgate gebracht worden war, hatte Bateman ihn zur Ader gelassen und
ihn verbunden. Das war ein unverzeihliches Verbrechen. Bateman wurde
verhaftet und in Anklagestand versetzt. Die gegen ihn auftretenden Zeugen
waren ehrlose Menschen, die jeden möglichen Eid ablegten, wenn sie
dadurch ihr Leben retten konnten. Keiner von ihnen war schon begnadigt,
und das Volk pflegte zu sagen, daß sie wie abgerichtete Seeraben mit dem
Stricke um den Hals nach Beute fischten. Der durch Krankheit geistig und
körperlich angegriffene Gefangne war nicht im Stande, vernehmlich zu
sprechen, noch zu verstehen, was um ihn her vorging. Sein Sohn und seine
Tochter standen vor Gericht an seiner Seite; sie lasen so gut sie konnten
einige Angaben vor, die er niedergeschrieben hatte, und befragten die
Entlastungszeugen. Doch es half ihnen nichts, ihr Vater wurde verurtheilt,
gehängt und geviertheilt. 155
155. Bateman’s Prozeß in der Collection of State Trials; Sir John Hawles’s Remarks.
Es ist der Mühe werth, Thomas Lee’s Aussagen bei dieser Gelegenheit mit seinem früher
amtlich veröffentlichten Geständnisse zu vergleichen.

Noch nie, selbst nicht unter Laud’s tyrannischer
Grausame
Herrschaft, war die Lage der Puritaner so traurig
Verfolgung der
gewesen, als zu jener Zeit. Nie war so eifrig spionirt
protestantischen
worden, um religiöse Versammlungen zu entdecken,
Dissenters.
nie hatten Behörden, Mitglieder der großen Jury,
Pfarrer und Kirchenälteste eine solche Wachsamkeit entwickelt. Viele
Dissenters wurden vor die geistlichen Gerichtshöfe geladen; Andere hielten
es für nöthig, die Nachsicht der Regierungsagenten durch Geschenke zu

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erkaufen, welche zum Beispiel in Fässern Wein und in mit Guineen
gefüllten Handschuhen bestanden. Die Separatisten konnten nicht
gemeinschaftlich beten, ohne Vorsichtsmaßregeln zu beobachten, wie sie
von Falschmünzern und Diebshehlern angewendet werden. Die
Versammlungsorte wurden häufig gewechselt; der Gottesdienst wurde
zuweilen kurz vor Tagesanbruch, zuweilen mitten in der Nacht gehalten;
um das Gebäude, in welchem die kleine Heerde versammelt war, wurden
Wachen ausgestellt, um sogleich Lärm zu machen, wenn ein Unbekannter
sich näherte. Der Geistliche wurde verkleidet durch den Garten und durch
eine Hinterthür eingeführt; in einigen Häusern waren Fallthüren, durch die
er bei vorkommender Gefahr verschwinden konnte. Wo Nonconformisten
nebeneinander wohnten, waren oft die Wände durchbrochen und
verborgene Communications­thüren angebracht. Kein Psalm wurde
gesungen und allerhand künstliche Mittel angewendet, um zu verhindern,
daß die Stimme des Predigers in Momenten feuriger Inbrunst außerhalb der
Mauern gehört werden konnte. Doch bei aller dieser Vorsicht war es oft
unmöglich, die Wachsamkeit der Späher zu täuschen. Besonders in den
Vorstädten Londons wurde das Gesetz mit der äußersten Strenge
durchgeführt. Mehrere reiche Leute wurden angeklagt, daß sie Conventikel
hielten, ihre Häuser streng durchsucht und sie mit Geldstrafen bis zu
mehreren tausend Pfund belegt. Die leidenschaft­licheren und furchtloseren
Sectirer, welche so aus ihrem schützenden Obdache vertrieben wurden,
versammelten sich dann unter freiem Himmel, und beschlossen, Gewalt mit
Gewalt zu erwiedern. Ein Richter von Middlesex, der erfahren hatte, daß in
einer Sandgrube, ungefähr zwei Meilen von London, eine nächtliche
Betversammlung stattfinden sollte, drang mit einer starken Abtheilung
Constabler in die Versammlung ein und verhaftete den Prediger. Aber die
aus zweihundert Köpfen bestehende Gemeinde befreite ihren Geistlichen
wieder und schlug den Beamten mit seinen Schergen in die Flucht. 156 Dies
war jedoch ein ungewöhnlicher Fall, denn im Allgemeinen schien der
puritanische Geist damals viel wirksamer eingeschüchtert, als zu irgend
einer früheren oder späteren Zeit. Die toryistischen Tagesschriftsteller
rühmten sich, daß nicht ein Fanatiker zur Vertheidigung seiner religiösen
Ansichten die Zunge oder die Feder zu rühren wage. Dissenterprediger vom
tadellosesten Lebenswandel und von ausgezeichneter Bildung und
Gelehrsamkeit durften es nicht wagen, auf die Straße zu gehen, wenn sie

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sich nicht Beleidigungen und Mißhandlungen aussetzen wollten, welche
von Denen, deren Pflicht es war, Ruhe und Frieden aufrecht zu erhalten,
nicht nur nicht verhindert, sondern sogar begünstigt wurden. Einige
berühmte Theologen saßen im Gefängniß, unter ihnen Richard Baxter;
Andere, die ein Vierteljahrhundert lang die Unterdrückung ertragen hatten,
verloren endlich den Muth und verließen das Land. Unter diesen befand
sich Johann Howe. Eine Menge Leute, welche früher Conventikel zu
besuchen pflegten, gingen in die Pfarrkirchen. Man machte die Bemerkung,
daß die Schismatiker, welche durch die Angst angetrieben worden waren,
sich scheinbar der Staatskirche anzubequemen, leicht an der Schwierigkeit,
mit der sie die Collecte fanden, und an der linkischen Art zu erkennen
waren, mit der sie sich bei dem Namen Jesu verneigten. 157
Noch viele Jahre lang erinnerten sich die Nonconformisten des Herbstes
1685 als einer Zeit der Noth und des Schreckens. Dennoch waren in jenem
Herbste schon die ersten schwachen Anzeichen eines Schicksalswechsels zu
bemerken, und noch vor Ablauf von achtzehn Monaten bewarben sich der
unduldsame König und die unduldsame Kirche eifrigst um die
Unterstützung der Partei, welche beide so tief gekränkt hatten.
156. Citters, 13.(23.) Oct. 1685.
157. Neal’s History of the Puritans, Calamy’s Account of the ejected ministers, und The
Nonconformist Memorial enthalten zahlreiche Beispiele von der Härte dieser Verfolgungen. Howe’s
Abschiedsbrief an seine Gemeinde findet man in der interessanten Lebensbeschreibung dieses großen
Mannes von Rogers. Howe beklagt sich darin, daß er es nicht wagen dürfe, sich auf den Straßen
Londons zu zeigen und daß der Mangel an frischer Luft und Bewegung seine Gesundheit angegriffen
habe. Die lebendigste Schilderung des Elends der Nonconformisten aber giebt ihr Todfeind Lestrange
im Observator vom September und October 1685.

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Sechstes Kapitel.

J a k o b II.

I n h a l t.

Seite
[5. Kapitel]

Jakob’s Macht auf dem höchsten Gipfel 5
Seine auswärtige Politik 6
Seine Pläne in Betreff der inneren Verwaltung 6
Die Habeas-Corpus-Acte 6
Das stehende Heer 6
Pläne zu Gunsten der römisch-katholischen Religion 8
Verletzung der Testacte. — Halifax fallt in Ungnade 11
Allgemeine Unzufriedenheit 12
Verfolgung der französischen Hugenotten 13
Eindruck dieser Verfolgung in England 15
Zusammentritt des Parlaments, Rede des Königs 15
Es bildet sich eine Opposition im Hause der Gemeinen 16
Ansichten auswärtiger Regierungen 17

Page 150

Comité der Gemeinen wegen der Thronrede 18
Niederlage der Regierung 21
Zweite Niederlage der Regierung 22
Der König giebt den Gemeinen einen Verweis 22
Coke wird wegen Verletzung der dem Könige schuldigen
Achtung von den Gemeinen mit Gefängnißstrafe
belegt 23
Opposition gegen die Regierung im Hause der Lords. Der
Earl von Devonshire 24
Der Bischof von London 25
Viscount Mordaunt 25
Prorogation des Parlaments 27
Prozeß Lord Gerard’s und Hampden’s 27
Delamere’s Prozeß 28
Eindruck seiner Freisprechung 30
Parteien am Hofe 31
Stimmung der protestantischen Tories 31
Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl’s II. 32
Stimmung der achtungswerthen Katholiken 33
Cabale heftiger Katholiken 34
Castelmaine 34
Jermyne. — White. — Tyrconnel 35
Gesinnung der fremden Gesandten 37
Spaltung zwischen dem Papste und der Gesellschaft Jesu 38
Der Jesuitenorden 39
Pater Petre 43
Stimmung und Ansichten des Königs 43
Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern 45

Page 151

Treulosigkeit Jeffreys’. — Godolphin und die Königin 47
Liebeshändel des Königs 48
Katharine Sedley 48
Intriguen Rochester’s zu Gunsten der Katharine Sedley 49
Sinken von Rochester’s Einfluß 52
Castelmaine wird nach Rom gesandt 53
Die Hugenotten werden von Jakob übel behandelt 53
Das Dispensationsrecht. — Absetzung widerspenstiger
Richter 56
Prozeß Sir Eduard Hales’ 58
Römische Katholiken werden zum Besitz geistlicher
Pfründen ermächtigt 59
Die Dechanei von Christchurch wird einem Katholiken
verliehen 60
Besetzung von Bisthümern 60
Entschluß Jakob’s, sein kirchl. Supremat geg. die Kirche
zu gebrauchen 61
Die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten 51
Er errichtet einen neuen Gerichtshof der Hohen
Commission 63
Verfahren gegen den Bischof von London 66
Die öffentliche Schaustellung römisch-katholischer
Gebräuche und Trachten erregt Unzufriedenheit 67
Tumulte 68
Es wird bei Hounslow ein Lager gebildet 69
Samuel Johnson 70
Hugo Speke 71
Prozeß gegen Johnson 72
Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus 73

Page 152

Streitschriften 73
Die römisch-katholischen Theologen besiegt 74
Zustand Schottlands. — Queensberry 76
Abfall Perth’s und Melfort’s 77
Begünstigung der katholischen Religion in Schottland 78
Aufstände in Edinburg 78
Zorn des Königs 79
Seine Pläne in Betreff Schottlands 79
Eine Deputation schottischer Geheimräthe begiebt sich
nach London 80
Ihre Unterhandlungen mit dem Könige 81
Zusammentritt der schottischen Stände 81
Sie zeigen sich widerspenstig 81
Sie werden vertagt. — Willkürherrschaft in Schottland 84
Irland. — Zustand des irischen Rechts in Glaubenssachen 86
Feindseligkeit der Stämme 86
Das eingeborne Landvolk. — Der eingeborne Adel 87
Zustand der englischen Colonie 89
Verfahren, welches Jakob hätte beobachten sollen 90
Seine Fehlgriffe 92
Clarendon’s Ankunft in Irland als Lordlieutenant 93
Seine Kränkungen. — Schrecken unter den Colonisten 94
Tyrconnel’s Ankunft in Dublin als General 96
Seine Parteilichkeit und Willkür 97
Er sucht die Ansiedlungsacte aufzuheben 98
Er kehrt nach England zurück 98
Der König ist unzufrieden mit Clarendon 98
Angriff der jesuitischen Cabale gegen Rochester 99

Page 153

Jakob’s Versuche, Rochester zu bekehren 101
Rochester’s Entlassung 104
Entlassung Clarendon’s 105
Tyrconnel Lordstellvertreter 105
Besorgnisse der englischen Ansiedler in Irland 107
Eindruck des Sturzes der Hyde 107

Jakob stand jetzt — 1685 — auf dem Gipfel der
Jakob’s Macht
Macht und des Glücks. Er hatte seine Feinde in
auf dem höchsten
England und in Schottland besiegt und sie mit einer
Gipfel.
Strenge bestraft, die sie zwar zum bittersten Haß
gereizt, aber doch zu gleicher Zeit ihren Muth wirksam gebrochen hatte.
Die Whigpartei schien erloschen zu sein und die Bezeichnung „Whig“
wurde nur noch in tadelndem Sinne gebraucht. Das Parlament war dem
Könige ergeben und es stand in seiner Macht, dieses Parlament bis ans
Ende seiner Regierung beizubehalten. Die Kirche versicherte ihn lauter als
je ihrer Anhänglichkeit und hatte während des letzten Aufstandes diesen
Versicherungen entsprechend gehandelt. Die Richter waren seine
Werkzeuge, und wollten sie es nicht mehr sein, so konnte er sie nach
Belieben absetzen. Alle Staatskörper­schaften waren mit seinen Kreaturen
angefüllt, seine Einkünfte überstiegen bei weitem die seiner Vorgänger. Sein
Stolz hob sich gewaltig. Er war nicht mehr der nämliche Mann, der wenige
Monate zuvor aus Besorgniß, daß sein Thron in einer Stunde umgestürzt
werden könnte, mit unköniglichem Flehen auswärtige Hülfe erbeten und
mit Thränen des Dankes angenommen hatte. Visionen von Herrschaft und
Ruhm zogen an seiner Seele vorüber, er sah sich schon im Geiste als den
Schiedsrichter Europa’s, als Beschützer vieler durch eine allzumächtige
Monarchie unterdrückter Staaten. Schon im Monat Juni hatte er die
Vereinigten Provinzen versichert, daß, sobald die Angelegenheiten
Englands geordnet seien, er der Welt zeigen werde, wie wenig er Frankreich
fürchte. In Übereinstimmung mit diesen Versicherungen schloß er kaum

Page 154

einen Monat nach der Schlacht von Sedgemoor mit den Generalstaaten
einen Defensivvertrag, der ganz im Geiste der Tripelallianz gefaßt war. Es
wurde im Haag sowohl wie in Versailles als ein bedeutungsvoller Umstand
betrachtet, daß Halifax, der stete Todfeind des französischen Übergewichts,
der seit dem Beginn der gegenwärtigen Regierung nicht ein einziges Mal in
einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe gezogen worden war, bei dieser
Gelegenheit die Hauptrolle spielte und das Organ des Königs zu sein
schien. Nicht minder bedeutsam war der Umstand, daß Barillon nicht
vorher benachrichtigt worden war, so daß sowohl diesen als seinen Gebieter
die Mittheilung nicht wenig überraschte. Ludwig war sehr betroffen und
äußerte große und wohlbegründete Besorgnisse wegen der ferneren Pläne
eines Fürsten, der noch vor Kurzem sein Söldling und Vasall gewesen war.
Es ging stark die Rede, daß Wilhelm von Oranien damit beschäftigt sei, ein
großes Bündniß zu Stande zu bringen, welches beide Linien des Hauses
Österreich, die Vereinigten Provinzen, das Königreich Schweden und das
Kurfürstenthum Brandenburg umfassen sollte. Jetzt schien es, als würde der
König und das Parlament von England an der Spitze dieses Bündnisses
stehen 1.
1. Avaux Neg. Aug. 6.(16.) 1685; Depesche von Citters an seine Collegen vom 14.(24.)
August, den Vertrag enthaltend; Ludwig an Barillon, 14.(24.) und 20.(30.) August.

Es wurden auch in der That Unterhandlungen
Seine auswärtige
eröffnet, die auf ein solches Resultat hinzielten.
Politik.
Spanien schlug ein enges Bündniß mit Jakob vor, und
er lieh diesem Vorschlage ein geneigtes Ohr, obwohl es auf der Hand lag,
daß ein solches Bündniß gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung gegen
Frankreich gewesen wäre. Er verschob jedoch seine definitive Entscheidung
bis nach der Wiedereinberufung des Parlaments. Das Schicksal der ganzen
Christenheit hing von der Stimmung ab, in der er das Haus der Gemeinen
finden würde. Waren sie geneigt auf seine Ideen bezüglich der inneren
Verwaltung einzugehen, so hinderte ihn nichts, sich mit Energie und
Nachdruck in den großen Streit zu mischen, der auf dem Continent bald zur
Entscheidung kommen mußte; zeigten sie sich dagegen widerspenstig, so
mußte er jeden Gedanken daran, als Schiedsrichter zwischen streitende
Nationen zu treten, aufgeben, mußte aufs neue den Beistand Frankreichs

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erbitten und sich dessen Vorschriften unterwerfen, mußte zu einem
Potentaten dritten oder vierten Ranges herabsinken und sich für die
Verachtung, mit der das Ausland auf ihn niederblickte, durch Triumphe über
das Gesetz und die öffentliche Meinung im eigenen Lande entschädigen.

Es hatte in der That den Anschein, als ob es nicht
Seine Pläne in
leicht sein würde, mehr zu verlangen, als die
Betreff der
Gemeinen zu bewilligen geneigt waren. Sie hatten
inneren
schon genugsam bewiesen, daß sie seine Prärogative
Verwaltung.
ungeschmälert aufrecht zu erhalten wünschten und
daß sie es mit seinen Eingriffen in die Rechte des Volks nicht so genau
nehmen würden. Elf Zwölftel der Mitglieder waren entweder vom Hofe
abhängig oder eifrige Kavaliere vom Lande. Es gab nur Weniges, was eine
solche Versammlung dem Souverain beharrlich verweigern konnte, und
zum Glück für die Nation war dieses Wenige gerade das, auf was Jakob sich
capricirte.

Einer seiner Hauptzwecke war die Aufhebung der
Die Habeas-
Habeas-Corpus-Acte, die er haßte, wie ein Tyrann
Corpus-Acte.
naturgemäß den stärksten Zügel hassen mußte, den je
eine Gesetzgebung der Tyrannei anlegte. Dieser Gedanke beschäftigte
seinen Geist bis zum letzten Augenblicke und ist auch in den Instructionen
ausgesprochen, die er in der Verbannung für seinen Sohn niederschrieb 2.
Aber obgleich die Habeas-Corpus-Acte während der Herrschaft der Whigs
erlassen war, so war sie doch den Tories nicht weniger theuer als jenen. Es
ist auch in der That nicht zu verwundern, daß dieses große englische Gesetz
von allen Engländern ohne Unterschied der Partei hoch geschätzt wird,
denn es ist ein Gesetz, das nicht auf Umwegen, sondern unmittelbar die
Sicherheit und das Glück jedes Bewohners des Königreichs erhöht 3.

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2. Instructionen mit der Überschrift: „Für meinen Sohn, den Prinzen von Wales, 1692“ in den Stuart-
Papieren.
3. „Die Habeas-Corpus-Acte,“ sagte Johnson, der eingefleischteste Tory, zu Boswell, „ist der einzige
Vorzug, den unsre Verfassung vor den Verfassungen anderer Staaten hat.“

Jakob hatte noch einen andren Plan, welcher der
Das stehende
Partei, die ihn auf den Thron erhoben und auf
Heer.
demselben erhalten hatte, verhaßt war: die Bildung
eines großen stehenden Heeres. Er hatte den letzten Aufstand benutzt, um
die ihm von seinem Bruder hinterlassene Streitmacht bedeutend zu
verstärken. Die Truppentheile, welche jetzt als die sechs ersten Regimenter
Gardedragoner bezeichnet werden, so wie das dritte und vierte Dragoner­‐
regiment und die neun Linien­infanterie­regimenter, vom siebenten bis
fünfzehnten einschließlich, waren eben erst errichtet worden 4. Durch diese
Vermehrungen, verbunden mit der Zurückberufung der Garnison von
Tanger, war die Stärke der regulären Truppen Englands binnen wenigen
Monaten von sechstausend auf nahe an zwanzigtausend Mann gestiegen.
Noch kein englischer König hatte in Friedenszeiten über eine solche
Heeresmacht zu verfügen gehabt, dennoch aber war Jakob noch nicht damit
zufrieden. Er äußerte sehr oft, daß man sich auf die Treue der Milizen nicht
verlassen könne, daß sie mit allen Leidenschaften des Standes, dem sie
angehörten, sympathisirten, daß bei Sedgemoor in dem Rebellenheere sich
mehr Miliz als im königlichen Lager befunden hätte und daß, wenn der
Thron nur durch das Aufgebot der Grafschaften vertheidigt worden wäre,
Monmouth im Triumph von Lyme nach London marschirt sein würde.
So groß auch die Einkünfte im Vergleich mit denen früherer Könige waren,
so reichten sie doch kaum hin, um diesen neuen Mehraufwand zu
bestreiten. Ein großer Theil des Ertrags der neuen Abgaben wurde durch
den Bedarf der Flotte absorbirt. Am Ende der vorigen Regierung hatte der
Gesammtaufwand für die Armee, mit Einschluß der in Tanger stehenden
Regimenter, nicht ganz dreihundert­tausend Pfund betragen; jetzt wollten
dazu sechshundert­tausend noch nicht ausreichen 5. Sollte eine weitere
Vermehrung erfolgen, so mußte man einen neuen Credit vom Parlament
verlangen, und es war nicht wahrscheinlich, daß dieses sich dazu geneigt

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zeigte. Schon der Ausdruck „stehendes Heer“ war der ganzen Nation
verhaßt, und Niemandem mehr als den Kavalieren, welche das Unterhaus
füllten. Nach ihren Begriffen war das stehende Heer gleichbedeutend mit
Rumpfparlament, mit Protector, mit Beraubung der Kirche, Säuberung der
Universitäten, Abschaffung der Pairie und der Ermordung des Königs, mit
dem unheimlichen Regimente der Heiligen, mit Frömmelei und Ascetik, mit
Geldstrafen und Sequestrationen, mit den Insulten, die sich Generalmajore,
welche aus der Hefe des Volks hervorgegangen waren, gegen die ältesten
und vornehmsten Familien des Reichs erlaubt hatten. Überdies gab es kaum
einen Baronet oder Squire im Parlamente, der nicht einen Theil des
Ansehens, das er in seiner Grafschaft genoß, seiner Stellung in der Miliz
verdankt hätte. Wenn diese Nationalstreitmacht beseitigt wurde, so mußte
die englische Gentry nothwendig viel von ihrem Ansehen und ihrem
Einflusse verlieren. Es war daher wahrscheinlich, daß es dem Könige
schwerer werden würde, die Mittel zum Unterhalt seiner Armee, als die
Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen.
4. Siehe die Historical Records of Regiments, herausgegeben unter der Oberleitung des
Generaladjutanten.
5. Barillon, 3.(13.) Dec. 1685. Er hatte den Gegenstand gründlich studirt. „C’est un detail,“ schreibt
er, „dont j’ai connoissance.“ Aus den Rechnungsbüchern des Schatzamts ergiebt sich, daß der
Aufwand für die Armee auf das Jahr 1687 am 1. Januar auf 623,104 L. 9 s. 11 d. angeschlagen war.

Die beiden erwähnten Pläne waren jedoch einem
Pläne zu Gunsten
andren untergeordnet, an dem der König mit ganzer
der römisch-
Seele hing, der aber sowohl den Torygentlemen,
katholischen
welche bereit waren, für seine Rechte mit ihrem Blute
Religion.
einzustehen, als auch der Kirche, welche seit drei
unter bürgerlichen Unruhen verflossenen Menschenaltern in der treuen
Anhänglichkeit an sein Haus nie gewankt hatte, und selbst der Armee
verhaßt war, auf die er im äußersten Nothfalle rechnen mußte.
Seine Religion war noch immer geächtet, manch’ strenges Gesetz gegen die
römischen Katholiken stand im Gesetzbuche und war vor nicht gar langer
Zeit mit rücksichtsloser Härte angewendet worden. Die Testacte schloß alle
der anglikanischen Kirche nicht Angehörenden von jedem bürgerlichen und
militairischen Amte aus, und eine spätere Verordnung, welche erlassen

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worden war, als die Erdichtungen des Oates die Nation wüthend gemacht
hatten, bestimmte, daß in keinem der beiden Parlamentshäuser Jemand
sitzen dürfe, der nicht die Lehre von der Transsubstantiation feierlich
abgeschworen hatte. Es war natürlich und recht, daß der König für die
Kirche, der er angehörte, vollständige Duldung wünschte, und man hat
keinen Grund daran zu zweifeln, daß er mit ein wenig Geduld, Klugheit und
Billigkeit diese Duldung auch erlangt haben würde.
Der heftige Widerwille und die Furcht, womit das englische Volk den
Glauben des Königs betrachtete, durfte nicht ausschließlich und nicht
hauptsächlich theologischer Erbitterung zugeschrieben werden. Daß man
auch in der römischen Kirche selig werden könne, ja daß einzelne
Mitglieder dieser Kirche zu den ausgezeichnetsten Vorbildern christlicher
Tugend gehörten, wurde von allen Theologen der anglikanischen Kirche
wie von den angesehensten Nonconformisten zugegeben. Dagegen ist es
notorisch, daß die Strafgesetze gegen den Papismus von Vielen, welche
Arianismus, Quäkerthum und Judenthum vom geistlichen Gesichtspunkte
betrachtet für gefährlicher hielten als den Papismus, deshalb aber doch nicht
geneigt waren, ähnliche Gesetze gegen Arianismus, Quäkerthum und
Judenthum zu erlassen, energisch vertheidigt wurden.
Es läßt sich leicht erklären, warum der römische Katholik mit weniger
Nachsicht behandelt wurde als Leute, die von der Lehre der nicäischen
Väter nichts wissen wollten, ja selbst als solche Leute, welche nicht einmal
durch die Taufe in den christlichen Bund aufgenommen waren. Es herrschte
unter den Engländern die feste Überzeugung, daß der römische Katholik,
sobald die Interessen seiner Religion im Spiele waren, sich aller
gewöhnlichen Regeln der Moral entbunden glaube, ja daß er es sogar für
verdienstlich halte, diese Regeln zu verletzen, wenn er dadurch eine
Benachtheiligung oder eine Schmach von der Kirche, deren Mitglied er
war, abwenden könnte. Diese Ansicht hatte auch wirklich einen Schein von
Begründung. Man konnte es unmöglich leugnen, daß ausgezeichnete
römisch-katholische Casuisten zur Verteidigung der Doppelsinnigkeit, des
stillschweigenden Vorbehalts, des Meineides und selbst des Mordes
geschrieben hatten. Auch waren, wie man sagte, die Theorien dieser
abscheulichen Sophistenschule nicht ohne praktische Resultate geblieben.
Das Blutbad der Bartholomäusnacht, die Ermordung des ersten Wilhelm

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von Oranien, die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich, die zahlreichen
Verschwörungen gegen das Leben der Königin Elisabeth und ganz
besonders die Pulververschwörung wurden beständig als Beweise für die
enge Beziehung zwischen verderblicher Theorie und verderblicher Praxis
angeführt. Man behauptete, daß jedes dieser Verbrechen von römisch-
katholischen Priestern angestiftet oder doch gebilligt worden sei. Die
Briefe, welche Eberhard Digby im Tower mit Citronensaft an seine Gattin
geschrieben, waren unlängst veröffentlicht worden und wurden häufig
angeführt. Er war ein Gelehrter und ein Gentleman, im gewöhnlichen
Leben durchaus rechtschaffen und von dem Gefühle der Pflichten gegen
Gott durchdrungen. Dennoch, war er tief in den Anschlag verwickelt, den
König, die Lords und die Gemeinen in die Luft zu sprengen, und hatte am
Rande der Ewigkeit erklärt, daß es ihm unbegreiflich sei, wie ein römischer
Katholik einen solchen Plan für sündhaft halten könne. Aus allen diesen
Dingen zog das Volk den Schluß, daß der allgemeine Character eines
Papisten noch so tadellos sein könne, er doch jeder Arglist und Grausamkeit
fähig sei, wenn das Wohl und die Ehre seiner Kirche in’s Spiel komme.
Der außerordentliche Erfolg der Fabeln des Oates ist namentlich dem
Vorherrschen dieser Ansicht zuzuschreiben. Umsonst berief sich der
angeklagte römische Katholik auf die Rechtschaffenheit, Menschen­freund­‐
lichkeit und Loyalität, die er während seines ganzen Lebens bewiesen habe;
umsonst berief er sich auf zahlreiche achtbare Zeugen seines Glaubens, um
die abenteuerlichen Romane zu widerlegen, welche der ehrloseste aller
Menschen erdichtet; umsonst rief er noch mit dem Stricke um den Hals die
ganze Rache des Gottes, vor dem er in wenigen Augenblicken erscheinen
sollte, auf sich herab, wenn er irgend etwas Böses gegen seinen Fürsten
oder seine protestantischen Landsleute beabsichtigt hätte. Die Zeugen, die
er zu seiner Entlastung aufrief, bewiesen nur, wie wenig ein Papisteneid
werth war; gerade seine Tugenden erweckten den Verdacht seiner Schuld,
und der Umstand, daß er den Tod und das jüngste Gericht vor Augen sah,
machte es nur um so wahrscheinlicher, daß er leugnen werde, was er nicht
gestehen konnte, ohne der heiligsten Sache zu schaden. Unter den
Unglücklichen, die wegen der Ermordung Godfrey’s verurtheilt wurden,
befand sich auch ein Protestant von nicht sehr achtungswerthem Character,
Namens Heinrich Berry. Es ist ein bedeutungsvoller und authentisch

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erwiesener Umstand, daß Berry’s letzte Worte mehr dazu beitrugen, den
Glauben an das Complot zu erschüttern, als die Erklärungen, welche die
frommen und ehrenwerthen römischen Katholiken, die das nämliche Loos
traf, in der Todesstunde abgaben 6.
Und nicht allein von dem unwissenden Pöbel, nicht allein von den Eiferern,
in denen der Fanatismus alle Vernunft und Menschenliebe erstickt hatte,
wurde der Katholik als ein Mensch betrachtet, den gerade die Zartheit
seines Gewissens zum falschen Zeugen, zum Brandstifter und zum Mörder
machen konnte, als ein Mensch, der vor keiner Schandthat zurückbebte und
sich durch keinen Eid gebunden glaubte, sobald seine Kirche im Spiele war.
Wenn es damals zwei Männer gab, die ihr Verstand wie ihr Gemüth zur
Duldsamkeit geneigt machte, so waren es gewiß Tillotson und Locke.
Dennoch sagte Tillotson, den seine Nachsicht gegen verschiedene Klassen
von Schismatikern und Ketzern den Vorwurf der Heterodoxie zugezogen
hatte, dem Hause der Gemeinen auf der Kanzel, daß es ihre Pflicht sei,
wirksame Maßregeln gegen die Verbreitung einer Religion zu treffen,
welche verderblicher sei als völlige Irreligiosität, einer Religion, die von
ihren Bekennern Dienste fordere, welche den ersten Grundsätzen der Moral
zuwiderliefen, sein Herz, versicherte er aus aufrichtiger Überzeugung, sei
zur Milde geneigt, aber seine Pflicht gegen die Gesammtheit zwinge ihn, in
diesem einen Punkte streng zu sein. Er erklärte, daß seiner Ansicht nach
Heiden, welche den Namen Christi nie gehört hätten und nur durch das
Licht der Natur geleitet würden, vertrauenswürdigere Mitglieder der
bürgerlichen Gesellschaft seien, als Menschen, die in der Schule der
papistischen Casuisten gebildet wären 7. Locke behauptete in der berühmten
Schrift, durch die er zu beweisen versuchte, daß selbst die rohesten Formen
des Götzendienstes nicht durch Strafbestimmungen verboten werden
dürften, daß eine Kirche, welche die Menschen lehre, Ketzern gegenüber
ihr Wort nicht zu halten, keinen Anspruch auf Duldung habe 8.
Unter solchen Umständen konnte ein englischer Katholik seinen
Glaubensgenossen gewiß keinen größeren Dienst erzeigen, als wenn er das
Publikum überzeugte, daß seine Kirche, was auch einige heftige Männer in
Zeiten stürmischer Aufregung geschrieben oder gethan haben mochten,
keineswegs der Ansicht huldige, daß irgend ein Zweck mit der Sittlichkeit
unvereinbare Mittel heiligen könne. Und es stand in Jakob’s Macht, diesen

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großen Dienst zu leisten. Er war König und mächtiger als irgend ein
englischer König, dessen sich die ältesten Leute erinnern konnten, gewesen
war. Von ihm hing es ab, ob der Vorwurf, der auf seiner Religion haftete,
beseitigt oder verewigt werden sollte.
Hätte er sich den Gesetzen gefügt, hätte er seine Versprechungen erfüllt,
hätte er sich der Anwendung jedes unrechtmäßigen Mittels zur Verbreitung
seiner eigenen religiösen Glaubenssätze enthalten, hätte er die Wirkung der
Strafbestimmungen durch einen ausgedehnten Gebrauch seines
unbestreitbaren Begnadigungsrechtes aufgehoben, zu gleicher Zeit aber sich
sorgfältig vor jeder Verletzung der bürgerlichen oder kirchlichen Verfassung
des Reiches gehütet, so würde in den Gesinnungen seines Volkes bald ein
Umschwung eingetreten sein. Ein so sprechender Beweis gewissenhafter
Redlichkeit von Seiten papistischer Fürsten, gegenüber einer
protestantischen Nation, würde die allgemeinen Befürchtungen bald
beschwichtigt haben. Wenn das Volk gesehen hätte, daß man einem
Katholiken ohne alle Gefahr die Leitung der ganzen ausübenden
Verwaltung, den Oberbefehl über Armee und Flotte, die Einberufung und
Auflösung der gesetzgebenden Versammlung, die Ernennung der Bischöfe
und Dechanten der englischen Kirche anheim geben konnte, so würde es
bald von der Befürchtung zurückgekommen sein, daß Unheil daraus
entstehen könne, wenn ein Katholik als Hauptmann einer Compagnie oder
als Alderman eines Stadtbezirks fungirte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
binnen wenigen Jahren die von der Nation so lange verabscheute Secte mit
allgemeinem Beifall zu Staatsämtern wie in’s Parlament zugelassen worden
wäre.
Versuchte es dagegen Jakob, das Interesse seiner Kirche durch Verletzung
der Grundgesetze seines Reiches und der feierlichen Versprechungen, die er
wiederholt im Angesicht der ganzen Welt gegeben, zu fördern, so stand
kaum zu bezweifeln, daß die Beschuldigungen, welche gegen die römisch-
katholische Religion an der Tagesordnung waren, von allen Protestanten für
vollkommen begründet gehalten werden würden. Denn wenn je ein
römischer Katholik Ursache hatte, Ketzern sein Wort zu halten, so hatte
Jakob Ursache, der anglikanischen Geistlichkeit sein Wort zu halten. Ihr
verdankte er seine Krone, ohne ihre beharrliche Opposition gegen die
Ausschließungsbill würde er ein Verbannter gewesen sein. Er hatte

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wiederholt und feierlich seine Verpflichtungen gegen sie anerkannt und
gelobt, daß er sie in allen ihren gesetzlichen Rechten schützen werde. Wenn
er sich durch solche Verpflichtungen nicht gebunden erachtete, so war es
klar, daß keine Pflicht der Dankbarkeit oder der Ehre ihn binden konnte,
wenn sein Aberglaube in’s Spiel kam. Es war dann unmöglich, daß sein
Volk ihm traute, und wenn es ihm nicht trauen konnte, welchem Mitgliede
seiner Kirche sollte es dann trauen? Man hielt ihn nicht für heimtückisch
von Natur oder aus Gewohnheit. Seinem gedankenlosen Wesen und seiner
Rücksichts­losigkeit gegen die Gefühle Anderer verdankte er einen viel
höheren Ruf von Aufrichtigkeit, als er ihn irgendwie verdiente. Seine
Lobhudler pflegten ihn gern Jakob den Gerechten zu nennen. Wenn es sich
nun aber zeigte, daß er, indem er Katholik wurde, zu gleicher Zeit auch ein
Heuchler und Wortbrüchiger geworden war, welche Folgerungen mußte
dann wohl aus dem Allen eine Nation ziehen, die ohnehin schon zu dem
Glauben geneigt war, daß der Papismus einen verderblichen Einfluß auf den
sittlichen Character ausübe?
6. Burnet I. 447.
7. Tillotson’s Predigt vor dem Hause der Gemeinen am 5. Nov 1678.
8. Locke, First Letter on Toleration.

Aus diesen Gründen waren viele der vornehmsten
Verletzung der
Katholiken jener Zeit, unter ihnen der Papst selbst,
Testacte.
der Meinung, daß das Interesse ihrer Kirche auf
unsrer Insel durch eine gemäßigte und der Verfassung entsprechende Politik
am wirksamsten gefördert werden würde. Aber solche Argumente machten
keinen Eindruck auf den beschränkten Verstand und den herrschsüchtigen
Character des Königs. In seinem Eifer, die gesetzlichen Ausschließungen
aufzuheben, unter denen die Bekenner seiner Religion litten, schlug er ein
Verfahren ein, welches die aufgeklärtesten und tolerantesten Protestanten
seiner Zeit überzeugte, daß solche Ausschließungen für das Wohl des
Staates nothwendig waren. Die englischen Katholiken verdankten seiner
Politik drei Jahre eines rechtswidrigen und übermütigen Triumphes, und
hundertvierzig Jahre der Unterjochung und Erniedrigung.

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Viele Mitglieder seiner Kirche bekleideten Offiziersstellen in den neu
errichteten Regimentern. Diese Verletzung des Gesetzes ließ man eine Zeit
lang ungerügt hingehen, weil man nicht Lust hatte, jede Regelwidrigkeit
von Seiten eines Königs zu moniren, der sich plötzlich genöthigt sah, seine
Krone und sein Leben gegen Rebellen zu vertheidigen. Jetzt aber war die
Gefahr vorüber, die Aufrührer waren besiegt und bestraft, ihr mißlungener
Versuch hatte die Regierung, die sie zu stürzen hofften, nur noch mehr
gekräftigt. Dennoch vergab Jakob noch immer Stellen an unbefähigte
Personen, und bald ging die Rede, daß er beschlossen habe, sich nicht mehr
an die Testacte zu binden, daß er hoffe, das Parlament zur Aufhebung dieses
Gesetzes zu bewegen, daß er aber, wenn das Parlament sich widerspenstig
zeigen sollte, dennoch seinen Willen durchsetzen werde.

Sobald dies bekannt wurde, mahnte ihn ein dumpfes
Halifax fällt in
Murren, der Vorläufer eines Gewittersturmes, daß der
Ungnade.
Geist, dem sein Großvater, sein Vater und sein Bruder
hatten weichen müssen, nur schlummere, aber noch nicht erloschen sei. Der
Widerstand zeigte sich zuerst im Kabinet. Halifax versuchte es gar nicht,
seinen Unmuth und seine Besorgniß zu verhehlen; im geheimen Rathe
sprach er furchtlos die Gefühle aus, von denen, wie es sich sehr bald zeigte,
die ganze Nation durchdrungen war. Da keiner seiner Collegen ihn
unterstützte, ließ man den Gegenstand fallen. Nach der Sitzung aber wurde
er in’s königliche Kabinet berufen und er hatte zwei lange Conferenzen mit
seinem Gebieter. Jakob versuchte die Wirkung von Schmeicheleien und
Complimenten, aber vergebens, Halifax weigerte sich auf das Bestimmteste
zu versprechen, daß er im Hause der Lords für die Abschaffung der Testacte
oder der Habeas-Corpus-Acte stimmen werde.
Einige Männer aus der Umgebung des Königs riethen ihm, am Vorabende
der Einberufung des Parlaments nicht den beredtesten und vollendetsten
Staatsmann des Jahrhunderts in das Lager der Opposition zu treiben. Sie
stellten ihm vor, daß Halifax die Ehre und das Einkommen seines Amtes
liebe, daß, so lange er Lordpräsident sei, er schwerlich mit seiner ganzen
Kraft gegen die Regierung auftreten werde, daß aber die Entlassung von
seinem hohen Posten so viel heiße, als ihn aller Rücksichten entbinden. Der

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König aber beharrte auf seinem Vorsatze, Halifax wurde benachrichtigt, daß
man seiner Dienste nicht mehr bedürfe, und sein Name in dem
Geheimrathsbuche gestrichen 9.
9. Geheimrathsbuch. Der Name wurde gestrichen am 21. Oct. 1685. Halifax an
Chesterfield; Barillon, 19.(29.) Oct.

Seine Entlassung machte nicht allein im England,
Allgemeine
sondern in Paris, in Wien und im Haag großes
Unzufriedenheit.
Aufsehen, denn es war wohl bekannt, daß er stets
darauf hingearbeitet hatte, den Einfluß des Hofes von Versailles auf die
Angelegenheiten Englands zu neutralisiren. Ludwig freute sich über die
Nachricht; die Gesandten der Vereinigten Provinzen und des Hauses
Österreich dagegen priesen die Weisheit und die Tugenden des entlassenen
Staatsmannes in einer Weise, welche in Whitehall großes Ärgerniß erregte.
Ganz besonders aufgebracht war Jakob gegen den Sekretär der kaiserlichen
Gesandtschaft, der sich nicht scheute zu sagen, daß die wichtigen Dienste,
welche Halifax in der Debatte über die Ausschließungsbill geleistet habe,
mit grobem Undanke vergolten würden 10.
Es zeigte sich bald, daß Halifax viele Nachfolger haben werde. Ein Theil
der Tories, mit ihrem alten Führer Danby an der Spitze, begann eine
whiggistische Sprache zu führen; selbst die Prälaten gaben nicht undeutlich
zu verstehen, daß es einen Punkt gebe, wo die dem Fürsten schuldige
Loyalität höheren Rücksichten weichen müsse. Die Unzufriedenheit der
Generäle war noch größer und besorgnißerregender. Schon zeigten sich die
ersten Symptome jener Stimmung, welche drei Jahre später so viele hohe
Offiziere antrieb, die königliche Fahne zu verlassen. Männer, welche sich
sonst aus nichts ein Gewissen machten, wurden jetzt mit einem Male
auffallend bedenklich. Churchill äußerte schüchtern, daß der König doch
etwas zu weit gehe. Kirke, der eben von seiner Schlächterei im Westen
zurückgekehrt war, schwur, daß er am protestantischen Glauben festhalten
werde, und selbst wenn er den Glauben, in welchem er erzogen worden,
abschwören sollte, so werde er doch nie ein Papist werden. Er habe sich
bereits vergeben; wenn er überhaupt seinem Glauben je entsage, so sei er

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durch ein dem Kaiser von Marokko gegebenes feierliches Versprechen
verbunden, Muselmann zu werden 11.
10. Barillon, 26. Oct, (5. Nov.) 1685; Ludwig an Barillon 27. Oct, (6. Nov.) und 6/16. Nov.
11. Ein interessanter Bericht über das erste Erscheinen der Symptome von Unzufriedenheit unter den
Tories findet sich in einem Briefe von Halifax an Chesterfield, geschrieben im October 1635. Burnet
I. 684.

Während die schon in mannichfacher Beziehung
Verfolgung der
aufgeregte Nation mit ängstlicher Spannung dem
französischen
Wiederzusammentritt der Parlamentshäuser
Hugenotten.
entgegensah, kamen Nachrichten aus Frankreich,
welche die Aufregung noch vermehrten.
Der lange und heldenmüthige Kampf, den die Hugenotten gegen die
französische Regierung bestanden hatten, war durch Richelieu’s
Geschicklichkeit und Energie zu einem endlichen Schlusse gebracht
worden. Dieser große Staatsmann besiegte sie, sicherte ihnen aber die ihnen
durch das Edict von Nantes verliehene Gewissensfreiheit zu. Es wurde
ihnen unter einigen leichten Beschränkungen gestattet, Gott nach ihrem
Ritual zu verehren und zur Vertheidigung ihrer Lehre zu schreiben. Alle
Civil- und Militairämter standen ihnen offen und geraume Zeit hindurch
war ihre Ketzerei kein praktisches Hinderniß für sie, um sich in der Welt
emporzuschwingen. Einige von ihnen befehligten Armeecorps, Andere
standen an der Spitze wichtiger Zweige der Civilverwaltung. Endlich aber
trat eine Veränderung ein. Ludwig XIV. hegte schon seit langer Zeit eine
politische und religiöse Abneigung gegen die Calvinisten. Als eifriger
Katholik verabscheute er ihre theologischen Dogmen, und als Fürst, der die
Willkürherrschaft liebte, verabscheute er die republikanischen Theorien,
welche in die Genfer Theologie verwoben waren. Er verkürzte nach und
nach alle Rechte, welche die Schismatiker genossen. Er mischte sich in die
Erziehung der protestantischen Kinder, confiscirte Besitzungen, welche
protestantischen Consistorien durch Erbschaft zugefallen waren, und schloß
unter nichtigen Vorwänden protestantische Kirchen. Die protestantischen
Geistlichen wurden von den Steuereinnehmern gequält, den
protestantischen Magistratspersonen die Adelstitel entzogen, und den

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protestantischen Hofbeamten angekündigt, daß Seine Majestät ihrer Dienste
nicht mehr bedürfe. Es wurde Befehl gegeben, daß kein Protestant mehr im
Justizfache angestellt werden solle. Die unterdrückte Secte ließ einige
schwache Anzeichen von dem Geiste blicken, der im vorhergehenden
Jahrhundert der ganzen Macht des Hauses Valois Trotz geboten hatte. Es
erfolgten Metzeleien und Hinrichtungen. In die Städte, wo sich viele Ketzer
befanden und auf die Güter des ketzerischen Adels wurden Dragoner gelegt,
und die Grausamkeit und Zügellosigkeit dieser rohen Missionare wurde von
der Regierung gutgeheißen oder doch nur sehr mild getadelt. Indessen war
das Edict von Nantes, obgleich es in seinen wesentlichsten Punkten factisch
verletzt wurde, nicht förmlich aufgehoben, und der König erklärte
wiederholt in feierlichen öffentlichen Erlassen, daß er entschlossen sei, es
aufrecht zu erhalten. Aber die Fanatiker und Schmeichler, denen er ein
geneigtes Ohr lieh, gaben ihm Rathschläge, die er zu befolgen nur zu bereit
war. Sie stellten ihm vor, daß seine strenge Politik außerordentlich
erfolgreich gewesen sei, daß sein Wille wenig oder gar keinen Widerstand
gefunden habe, daß schon Tausende von Hugenotten bekehrt worden seien,
und wenn er noch den letzten entscheidenden Schritt thue, so würden sich
die bis jetzt noch hartnäckig Widerstrebenden bald fügen, Frankreich von
dem Flecken der Ketzerei vollkommen gereinigt sein und sein Beherrscher
sich eine himmlische Krone verdienen, nicht minder ruhmvoll als die des
heiligen Ludwig. Diese Gründe schlugen durch. Der letzte Streich wurde
geführt, das Edict von Nantes wurde widerrufen und eine Menge
Verordnungen gegen die Sectirer erschienen in rascher Aufeinanderfolge.
Knaben und Mädchen wurden ihren Eltern entrissen und in Klöster
geschickt, um dort erzogen zu werden. Alle calvinistischen Geistlichen
wurden aufgefordert, entweder ihren Glauben abzuschwören, oder binnen
vierzehn Tagen das Land zu verlassen. Den anderen Bekennern, des
reformirten Glaubens wurde verboten, das Königreich zu verlassen, und um
ihre Flucht zu verhindern, wurden die Häfen und Grenzen streng bewacht.
Man glaubte, daß die auf solche Art von ihren gefährlichen Hirten
getrennten Heerden bald in ihre wahre Hürde zurückkehren würden. Aber
trotz aller Wachsamkeit der militairischen Polizei fand eine bedeutende
Auswanderung statt; es wurde berechnet, daß binnen wenigen Monaten
funfzigtausend Familien Frankreich für immer verließen. Auch waren diese
Flüchtlinge keineswegs Leute, die ein Land leicht entbehren kann, denn die

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Mehrzahl von ihnen waren Personen von aufgeklärter Bildung, von großer
Betriebsamkeit und von strengen Sitten. Es befinden sich Namen darunter,
die in Krieg, Wissenschaft, Literatur und Kunst eine hervorragende Stellung
einnahmen. Einige von den Verbannten boten Wilhelm von Oranien ihre
Schwerter an und zeichneten sich durch die Erbitterung aus, mit der sie
nachher gegen ihren Unterdrücker kämpften. Andere rächten sich durch
noch furchtbarere Waffen und reizten durch die holländische, englische und
deutsche Presse dreißig Jahre lang die öffentliche Meinung Europa’s gegen
die französische Regierung auf. Ein friedlicher gesinnter Theil errichtete in
der östlichen Vorstadt Londons Seidenmanufacturen; ein andrer Theil
unterrichtete die Sachsen in der Verfertigung von Stoffen und Hüten, für
welche Frankreich bis dahin das Monopol gehabt hatte. Noch Andere
pflanzten die ersten Weinstöcke in der Nähe des Caps der guten
Hoffnung 12.
Unter gewöhnlichen Umständen würden die Höfe von Spanien und Rom
einem Fürsten, der so nachdrücklich gegen die Ketzerei zu Felde zog, den
lebhaftesten Beifall gezollt haben. Aber die Ungerechtigkeit und der
Hochmuth Ludwig’s hatten einen solchen Haß erregt, daß, als er zum
Verfolger wurde, die Höfe von Spanien und Rom für die religiöse Freiheit
Partei nahmen und laut die Grausamkeit mißbilligten, eine wilde und freche
Soldateska gegen ein harmloses Volk zu hetzen 13. Das ganze
protestantische Europa brach in einen Schrei des Schmerzes und der Wuth
aus. Nach England kam die Nachricht von der Zurücknahme des Edicts von
Nantes ungefähr eine Woche vor dem Tage, bis zu welchem das Parlament
vertagt war. Es wurde nun klar, daß der Geist Gardiner’s und Alba’s noch
immer der Geist der römisch-katholischen Kirche war. Ludwig stand Jakob
an Hochherzigkeit und Humanität nicht nach und war ihm in allen
Fähigkeiten und Kenntnissen eines Staatsmannes jedenfalls weit überlegen.
Wie Jakob, hatte auch Ludwig zu wiederholten Malen versprochen, die
Rechte seiner protestantischen Unterthanen zu achten. Dennoch trat Ludwig
jetzt ganz offen als Verfolger des reformirten Glaubens auf. Konnte man
wohl zweifeln, daß Jakob nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um
dieses Beispiel nachzuahmen? Schon bildete er, dem Gesetz zum Hohn,
eine Militairmacht, die zum großen Theile von römisch-katholischen
Offizieren befehligt ward. Lag wohl etwas Unvernünftiges in der

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Befürchtung, daß diese Armee zu gleichen Zwecken verwendet werden
sollte, wie die fränzösischen Dragoner?
12. Die damals in verschiedenen Sprachen erschienenen Schriften über diese Verfolgung sind
unzählig. Eine ungemein klare, elegante und geistvolle Übersicht findet sich in Voltaire’s Zeitalter
Ludwigs XIV.
13. „Misionarios embotados“, sagt Ronquillo. „Apostoli armati“, sagt Innocenz. In der
Mackintosh-Sammlung befindet sich ein interessanter Brief über diesen Gegenstand von Ronquillo,
d. d. 26. März (5. April) 1686. Siehe Venior, Relatione di Francia, 1689, angeführt von Prof. Ranke
in seinen „Römischen Päpsten“, Buch VIII.

Jakob war über das Verfahren des Hofes von
Eindruck dieser
Versailles fast eben so erstaunt als seine Unterthanen.
Verfolgung in
Es schien in der That als hätte dieser Hof es darauf
England.
abgesehen gehabt, ihn in Verlegenheit zu setzen und
ihm zu schaden. Er war eben im Begriff, von einer protestantischen
gesetzgebenden Versammlung volle Duldung für die Katholiken zu
verlangen, und es konnte ihm daher nichts unwillkommener sein, als die
Nachricht, daß die Regierung eines Nachbarstaates so eben den
Protestanten die Duldung entzogen habe. Sein Verdruß wurde noch
vermehrt durch eine Rede, die der Bischof von Valence zur selben Zeit im
Namen der gallikanischen Geistlichkeit an Ludwig XIV. richtete. Der
gottesfürchtige Souverain von England, sagte der Redner, blicke auf den
allerchristlichsten König und hoffe auf seine Unterstützung gegen eine
ketzerische Nation. Es wurde bemerkt, daß namentlich die Mitglieder des
Hauses der Gemeinen sich bemühten, Exemplare dieser Rede zu erlangen
und daß sie von alten Engländern mit Unwillen und Besorgniß gelesen
wurde 14. Jakob wünschte sehr, den Eindruck, den diese Dinge gemacht
hatten, zu verwischen und ebenso wäre es ihm durchaus nicht unlieb
gewesen, wenn er bei dieser Gelegenheit Europa hätte zeigen können, daß
er nicht der Sklave Frankreichs sei. Er erklärte daher öffentlich, daß er das
Verfahren gegen die Hugenotten mißbillige, gewährte den Verbannten eine
Unterstützung aus seiner Privatchatoulle und forderte durch ministerielle
Ausschreiben seine Unterthanen auf, seine Freigebigkeit nachzuahmen. In
wenigen Monaten zeigte es sich schon, daß all’ dieses Mitleid nur
erheuchelt war, um dem Parlamente zu schmeicheln, daß er die Flüchtlinge

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mit tödtlichem Hasse betrachtete und daß er nichts mehr bedauerte, als daß
er nicht das Nämliche thun konnte, was Ludwig gethan hatte.
14. „Mi dicono che tutti questi parlamentarii ne hanno voluto copia, il che
assolutamente avrà causate pessime impressioni.“ Adda v. 9.(19.) Nov. 1685, Siehe
auch Evelyn’s Diary, Nov. 3.

Am 9. November traten die Häuser zusammen. Die
Zusammentritt
Gemeinen wurden vor die Schranken der Lords
des Parlaments,
beschieden und der König hielt eine Thronrede, die er
Rede des Königs.
selbst verfaßt hatte. Er wünschte seinen getreuen
Unterthanen zu der Unterdrückung des Aufstandes im Westen Glück, setzte
aber hinzu, daß die Schnelligkeit, mit der dieser Aufstand zu einer
furchtbaren Ausdehnung angewachsen sei, wie die lange Dauer desselben
Jedermann überzeugen müsse, wie wenig man sich auf die Miliz verlassen
könne. Er habe daher die reguläre Armee vergrößert, die
Unterhaltungskosten derselben würden hinfüro mehr als das Doppelte der
bisherigen betragen und er hoffe, daß die Gemeinen ihm die Mittel zur
Bestreitung dieses Mehraufwandes bewilligen würden. Hierauf kündigte er
der Versammlung an, daß er einige Offiziere angestellt habe, welche zwar
den Testeid nicht geleistet hätten, die er aber als des öffentlichen Vertrauens
würdige Männer kenne. Er fürchte, daß ränkesüchtige Menschen diese
Unregelmäßigkeit benutzen möchten, um das gute Einvernehmen zwischen
ihm und seinem Parlamente zu stören; aber er wolle ihnen offen sagen, daß
er entschlossen sei, sich nicht von Männern zu trennen, auf deren Treue er
sich verlassen könne und deren Hülfe er vielleicht bald bedürfen werde 15.
15. Lords’ Journals, Nov. 9. 1685. „Vengo assicurato“, sagt Adda, „che S. M. stessa
abbia composto il discorso.“ — Depesche vom 16.(26.) Nov. 1685.

Diese deutliche Erklärung, daß er die Gesetze verletzt
Es bildet sich
habe, welche die Nation als die Hauptbollwerke der
eine Opposition
Staatsreligion betrachtete, und daß er entschlossen sei,
im Hause der
in der Verletzung dieser Gesetze zu beharren, war
Gemeinen.
nicht geeignet, die aufgeregte Stimmung seiner
Unterthanen zu beschwichtigen. Die Lords, welche selten geneigt sind, in

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der Opposition gegen eine Regierung voranzugehen, beschlossen, ihm ihren
förmlichen Dank für die gesprochenen Worte auszudrücken; die Gemeinen
aber zeigten eine minder willfährige Stimmung. Als sie in ihren Saal
zurückgekehrt waren, trat eine lange andauernde Stille ein und tiefe
Betrübniß sprach aus den Zügen vieler der ehrenwerthesten Mitglieder.
Endlich erhob sich Middleton und trug darauf an, daß sich das Haus
augenblicklich zu einem Comité zur Berathung über die Thronrede
constituiren solle; aber Sir Edmund Jennings, ein eifriger Tory von
Yorkshire, von dem man vermuthete, daß er die Gesinnungen Danby’s
aussprach, protestirte gegen diesen Schritt und verlangte Zeit zur
Überlegung. Sir Thomas Clarges, der Oheim des Herzogs von Albemarle
von mütterlicher Seite und seit langer Zeit im Parlament als
geschäftskundiger Mann und wachsamer Aufseher über die Verwendung der
öffentlichen Gelder bekannt, trat auf die nämliche Seite. Die Stimmung des
Hauses war nicht zu verkennen. Sir Johann Ernley, Kanzler der
Schatzkammer, bestand darauf, daß der Aufschub zweimal vierundzwanzig
Stunden nicht übersteigen dürfe, aber er wurde überstimmt und man
beschloß, die Berathung drei Tage zu verschieben 16.
Die Zwischenzeit wurde von den leitenden Gegnern des Hofes wohl
angewendet. Sie hatten in der That kein leichtes Stück Arbeit zu bewältigen:
in drei Tagen sollte eine Vaterlandspartei organisirt werden. Die
Schwierigkeit dieser Aufgabe kann in unsrer Zeit nicht gehörig gewürdigt
werden, denn man darf sagen, daß in unsrer Zeit die ganze Nation bei jeder
Berathung der Lords wie der Gemeinen zugegen ist. Was die Häupter der
Ministerialpartei und der Opposition nach Mitternacht sagen, wird von der
ganzen Hauptstadt bei Tagesanbruch, von den Bewohnern von
Northumberland und Cumberland am Nachmittag und in Irland und den
schottischen Hochlanden am andren Morgen gelesen. Daher sind in unseren
Tagen die Stadien der Gesetzgebung, die Regeln der Debatte, die Taktik der
Factionen, die Ansichten, der Character und die Ausdrucksweise jedes
thätigen Mitgliedes der beiden Häuser Hundert­tausenden bekannt. Jeder,
der jetzt ins Parlament kommt, besitzt, was man im siebzehnten Jahrhundert
einen reichen Schatz parlamentarischer Kenntnisse genannt haben würde.
Diese Kenntnisse konnte man sich damals nur durch praktische
parlamentarische Thätigkeit erwerben. Der Unterschied zwischen einem

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alten und einem neuen Mitgliede war daher eben so groß als zwischen
einem Veteranen und einem eben vom Pfluge kommenden Rekruten, und
Jakob’s Parlament enthielt eine ganz ungewöhnliche Menge neuer
Mitglieder, welche keine politische Kenntnisse, wohl aber eine Menge
leidenschaftlicher Vorurtheile von ihren Landsitzen mit nach Westminster
gebracht hatten. Diese Herren haßten die Papisten, aber nicht minder haßten
sie die Whigs und betrachteten den König mit einer abergläubischen
Ehrfurcht. Aus solchen Elementen eine Opposition zu bilden, war eine
Aufgabe, welche die größte Geschicklichkeit und zarteste Schonung
erforderte. Einige Männer von großem Gewicht nahmen jedoch das
schwierige Werk in Angriff und führten es mit gutem Erfolge durch.
Mehrere erfahrene whiggistische Staatsmänner, welche keinen Sitz in
diesem Parlamente hatten, gaben nützliche Winke und Rathschläge; an dem
Tage vor der Eröffnung der Debatte wurden viele Versammlungen gehalten,
in denen die Leiter die Neulinge instruirten, und es zeigte sich bald, daß
diese Bemühungen nicht vergebens gewesen waren 17.
16. Commons’ Journals; Bramston’s Memoirs; Jakob von Leeuwen an die Generalstaaten, 10.
(20.) Nov. 1685. Leeuwen war Sekretär bei der holländischen Gesandtschaft und führte in Citters’
Abwesenheit die Correspondenz. In Betreff Clarges’ siehe Burnet I. 98.
17. Barillon, 16.(26.) Nov. 1685.

Die fremden Gesandtschaften waren alle in heftiger
Ansichten
Aufregung. Sie erkannten sehr wohl, daß wenige Tage
auswärtiger
die große Frage entscheiden würden, ob der König
Regierungen.
von England der Vasall des Königs von Frankreich
war oder nicht. Die Gesandten des Hauses Österreich wünschten sehnlich,
daß Jakob sein Parlament zufrieden stellen möchte. Innocenz hatte zwei
Männer nach London geschickt, welche beauftragt waren, durch Zureden
und gutes Beispiel auf Mäßigung zu dringen. Einer von diesen war Johann
Leyburn, ein englischer Dominikaner, der Sekretär beim Cardinal Howard
gewesen war und der bei einiger Gelehrsamkeit und einem reichen Schatze
natürlichen Verstandes der besonnenste, geschickteste und verschwiegenste
Mann war, den es geben konnte. Er war unlängst zum Bischof von
Adrumetum geweiht und zum apostolischen Vikar in Großbritannien
ernannt worden. Ferdinand, Graf von Adda, ein Italiener von nicht gerade

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ausgezeichneten Geistesgaben, aber von sanftem Character und
einnehmendem Wesen, war zum Nuntius ernannt worden. Jakob nahm diese
Würdenträger sehr freundlich auf. Seit mehr als einem halben Jahrhundert
hatte kein römisch-katholischer Bischof geistliche Functionen auf der Insel
verwaltet, und während der hundert­siebenund­zwanzig Jahre seit dem Tode
Maria’s war kein päpstlicher Nuntius bei uns empfangen worden. Leyburn
erhielt eine Wohnung in Whitehall und einen Jahrgehalt von tausend Pfund.
Adda nahm noch keinen öffentlichen Character an, galt für einen
vornehmen Fremden, der zu seinem Vergnügen nach London gekommen
war, erschien täglich bei Hofe und wurde mit großer Auszeichnung
behandelt. Beide päpstliche Gesandte thaten ihr Möglichstes, um das
Gehässige, das von ihrer amtlichen Stellung unzertrennlich war, zu mildern
und den unbesonnen Eifer Jakob’s zu dämpfen. Der Nuntius insbesondere
erklärte, daß nichts der römischen Kirche nachtheiliger sein könne, als ein
Bruch zwischen dem Könige und dem Parlamente 18.
Barillon war auf der entgegengesetzten Seite thätig. Die Instructionen,
welche er bei dieser Gelegenheit von Versailles erhielt, verdienen
aufmerksam studirt zu werden, denn sie geben den Schlüssel zu der Politik,
die sein Gebieter während der letzten zwanzig Jahre vor unsrer Revolution
systematisch gegen England verfolgte. Die Nachrichten von Madrid,
schrieb Ludwig, lauteten sehr beunruhigend; man hege dort die sichere
Hoffnung, daß Jakob sich mit dem Hause Österreich eng verbinden werde,
sobald er die Gewißheit habe, daß sein Parlament ihm nicht zu schaffen
machen werde. Unter diesen Umständen lag es augenscheinlich im
Interesse Frankreichs, daß das Parlament sich widerspenstig zeigte, und
Barillon erhielt daher Befehl, mit aller möglichen Vorsicht gegen etwaige
Entdeckung die Rolle eines Friedensstörers zu spielen. Bei Hofe sollte er
keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um den religiösen Eifer und den
Herrscherstolz Jakob’s aufzustacheln, zu gleicher Zeit aber dürfte es auch
wünschenswerth sein, daß er geheime Verbindungen mit den
Mißvergnügten unterhalte. Allerdings seien diese Verbindungen gefährlich
und erforderten die äußerste Gewandtheit; aber es werde dem Gesandten
auf diese Weise vielleicht gelingen, ohne sich und seine Regierung zu
compromittiren, den Eifer der Opposition für die Gesetze und Freiheiten

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Englands zu beleben und dabei zu verstehen zu geben, daß diese Gesetze
und Freiheiten von seinem Gebieter nicht mißfällig betrachtet würden 19.
18. Dodd’s Church History; Leeuwen, 17.(27.) Nov. 1685; Barillon, 24. Dec. 1685. Barillon sagt
von Adda: „On l’avoit fait prévenir que la sureté et l’avantage des Catholiques consistoient
dans une réunion entière de Sa Majesté Britannique et de son parlement.“ Briefe von
Innocenz an Jakob vom 27. Juli (6. Aug.) und 23. Sept. (3. Octbr.) 1685; Depeschen von Adda vom
9.(19.) u. 16.(26.) Nov. 1685. Die höchst interessante Correspondenz Adda’s, aus den päpstlichen
Archiven abgeschrieben, befindet sich im Britischen Museum, nachträgliche Handschriften Nr.
15395.
19. Diese höchst merkwürdige Depesche trägt das Datum vom 9.(19.) Nov. 1685 und findet sich im
Anhange zu Fox’ Geschichte.

Als Ludwig diese Instructionen ertheilte, ahnete er
Comité der
gewiß nicht, wie bald und vollständig seine
Gemeinen wegen
Befürchtungen durch Jakob’s Hartnäckigkeit und
der Thronrede.
Dummheit gehoben werden würden. Am 12.
November trat das Haus der Gemeinen zu einem Comité zur Berathung der
Thronrede zusammen. Der Staatsanwalt Heneage Finch nahm den
Präsidentenstuhl ein. Die Debatte wurde von den Oberhäuptern der neuen
Vaterlandspartei mit seltenem Takt und Geschick geleitet. Niemandem
entschlüpfte ein Ausdruck, der Mangel an Achtung vor dem Souverain oder
Sympathie für die Rebellen verrathen hätte. Der Aufstand im Westen wurde
stets mit Abscheu erwähnt und von Kirke’s oder Jeffreys’ Grausamkeiten
kein Wort gesagt. Es wurde zugegeben, daß die durch die letzen Unruhen
verursachten bedeutenden Ausgaben den König berechtigten, eine
fernerweite Creditbewilligung zu verlangen, gegen die Vermehrung der
Armee und die Verletzung der Testacte aber wurden sehr ernste Einwürfe
erhoben.
Den Gegenstand der Testacte übergingen die Höflinge mit geflissentlichem
Stillschweigen, dagegen aber hoben sie mit ziemlichem Nachdrucke die
großen Vorzüge eines stehenden Heeres vor einer Miliz hervor. Einer von
ihnen fragte höhnisch, ob die Vertheidigung des Königs etwa den
Rindfleischessern überlassen bleiben solle. Ein Andrer äußerte, daß er wohl
wissen möchte, wie sich die Milizen von Devonshire, welche vor
Monmouth’s Sensenmännern in wilder Verwirrung geflohen seien, den
Haustruppen Ludwig’s gegenüber Stand gehalten haben würden. Diese

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Argumente aber machten auf Kavaliere, die sich noch immer mit bittrem
Grolle des strengen Regiments des Protectors erinnerten, wenig Eindruck.
Der vornehmste toryistische Landedelmann Englands, Eduard Seymour,
gab dem allgemeinen Gefühle energischen Ausdruck. Er gestand zu, daß
sich die Miliz nicht in einem befriedigenden Zustande befinde, behauptete
aber, daß sie reorganisirt werden könne. Allerdings würde diese
Reorganisation Geld kosten, aber er für seine Person wolle lieber eine ganze
Million zum Unterhalte eines Heeres geben, von dem er nichts zu fürchten
habe, als eine halbe Million für eine Armee, von der er jederzeit Schlimmes
befürchten müsse. Führe man eine gute Disciplin bei der Miliz ein und
verstärke die Flotte, so werde das Land vollkommen geschützt sein. Ein
stehendes Heer sei im besten Falle nichts als ein Blutegel der
Staatseinkünfte, der Soldat werde jeder nützlichen Arbeit entzogen, er
producire nichts, sondern verzehre nur die Früchte des Gewerbfleißes
Anderer und dominire dabei über Diejenigen, die ihn erhalten müßten.
Unter jetzigen Umständen aber drohe der Nation nicht nur ein stehendes
Heer, sondern ein papistisches stehendes Heer, ein stehendes Heer, das von
Männern commandirt werde, welche sehr liebenswürdige und achtbare
Leute sein könnten, aber grundsätzlich Feinde der Verfassung des Reiches
seien. Sir Wilhelm Twisden, Abgeordneter für die Grafschaft Kent, sprach
in gleichem Sinne mit großer Energie und unter lautem Beifalle. Sir Richard
Temple, einer von den wenigen Whigs, die in jenem Parlamente saßen,
paßte seine Rede geschickt der vorherrschenden Stimmung seiner Zuhörer
an und machte sie darauf aufmerksam, daß ein stehendes Heer nach den
gemachten Erfahrungen der rechtmäßigen Autorität der Fürsten eben so
gefährlich sei als der Freiheit der Völker. Sir Johann Maynard, der
gelehrteste Jurist der damaligen Zeit, nahm ebenfalls an der Debatte Theil.
Er war jetzt über achtzig Jahre alt und konnte sich noch sehr gut der
politischen Zwistigkeiten unter der Regierung Jakob’s I. erinnern. Er hatte
im Langen Parlamente gesessen und auf der Seite der Rundköpfe
gestanden, hatte aber stets zur Milde und Mäßigung gerathen und sich
bemüht, eine allgemeine Aussöhnung herbeizuführen. Seine vom Alter noch
nicht geschwächten ausgezeichneten Fähigkeiten und seine juristischen
Kenntnisse, durch die er lange Zeit ganz Westminsterhall imponirt hatte,
sicherten ihm eine sehr gewichtige Stimme im Hause der Gemeinen. Auch
er erklärte sich gegen die Vermehrung des stehenden Heeres.

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Nach lebhaften Debatten wurde beschlossen, der Krone einen Credit zu
bewilligen, zu gleicher Zeit aber auch eine Bill zur zweckmäßigeren
Organisirung der Miliz einzubringen. Dieser letzte Beschluß war
gleichbedeutend mit einer Erklärung gegen das stehende Heer. Der König
war höchst unzufrieden, und man sprach schon davon, daß, wenn es so
fortgehe, die Session nicht von langer Dauer sein werde 20.
Am nächsten Morgen begann der Kampf von neuem. Die Sprache der
Vaterlandspartei war auffallend kühner und schärfer als am vorigen Tage.
Der die Geldbewilligung betreffende Paragraph in der Thronrede des
Königs ging dem auf den Test bezüglichen voraus. Aus diesem Grunde
schlug Middleton vor, den auf die Geldbewilligung bezüglichen zuerst im
Comité zu berathen. Die Opposition verlangte die umgekehrte Reihenfolge;
sie behauptete, das vernünftige, und verfassungsmäßige Verfahren sei, erst
dann Geld zu bewilligen, wenn den Beschwerden abgeholfen worden,
diesem Gebrauche aber würde man untreu, wenn man sich sklavisch an die
Reihenfolge binde, in der der König die Gegenstände in der Thronrede
erwähnt habe.
Es wurde nun über die Frage abgestimmt, ob Middleton’s Antrag
angenommen werden solle. Der Präsident ersuchte die mit „Nein“
Stimmenden, sich in das Vorzimmer zu begeben. Dies verdroß sie heftig
und sie beschwerten sich laut über seine Servilität und Parteilichkeit, da sie
wußten, daß sie nach der damals geltenden verwickelten und subtilen
Regel, welche in unsrer Zeit durch einen verständigeren und
zweckmäßigeren Gebrauch ersetzt worden ist, berechtigt waren, auf ihren
Plätzen zu bleiben. Auch waren überhaupt alte parlamentarischen Taktiker
jener Zeit der Ansicht, daß die im Saale zurückbleibende Partei einen
Vortheil gegen die sich entfernende voraus hatte, denn die Einrichtung mit
den Bänken war damals noch so mangelhaft, daß Niemand, der so glücklich
gewesen war, einen guten Platz zu erlangen, ihn gern einbüßte. Trotzdem
sah man zum großen Ärger der Minister viele Mitglieder, auf deren Stimme
der Hof zuversichtlich gerechnet hatte, auf die Thür zu gehen. Unter ihnen
befand sich der Kriegszahlmeister Karl Fox, Sohn des Sekretärs beim
Hofmarschallgericht, Sir Stephan Fox. Der Zahlmeister hatte sich durch
seine Freunde überreden lassen, während eines Theils der Debatte
hinauszugehen; aber es quälte ihn eine unerträgliche Angst. Er kehrte daher

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in das Präsidentenzimmer zurück, hörte einen Theil der Debatte mit an,
entfernte sich dann wieder, und nachdem er eine oder zwei Stunden
zwischen seinem Gewissen und seinem Jahrgehalt von fünftausend Pfund
geschwankt hatte, faßte er einen mannhaften Entschluß und eilte gerade
noch zur rechten Zeit, um seine Stimme abzugeben, in den Saal zurück.
Zwei Offiziere von der Armee, der Oberst Johann Darey, Sohn des Lord
Conyers, und der Hauptmann Jakob Kendall, begaben sich ebenfalls ins
Vorzimmer. Middleton ging an die Schranke hinab und setzte sie heftig zur
Rede, wobei er sich vorzugsweise an Kendall wendete, einen unbemittelten
Anhänger des Hofes, der auf Befehl des Königs von einem bestochenen
Wahlkörper in Cornwall ins Parlament geschickt worden war und kürzlich
hundert zur Deportation verurtheilte Rebellen zum Geschenk erhalten hatte.
„Sir“, fragte Middleton, „commandiren Sie nicht eine Abtheilung Reiterei
in Seiner Majestät Diensten?“ — „Allerdings, Mylord“, antwortete Kendall,
„aber mein älterer Bruder ist eben gestorben und hat mir siebenhundert
Pfund jährlich hinterlassen.“
20. Commons’ Journals, Nov. 12. 1685; Leeuwen, 13.(23.) Nov.; Barillon, 16.(26.)
Nov.; Sir John Bramston’s Memoirs. Der beste Bericht über die Verhandlungen des
Hauses der Gemeinen vom Nov. 1685 hat eine ziemlich merkwürdige Geschichte. Es
befinden sich zwei geschriebene Copien davon im Britischen Museum (Harl. 7187 &
Lansd. 253). In diesen Copien sind die Namen der Sprecher ausgeschrieben. Der Verfasser
der 1702 erschienenen Lebensbeschreibung Jakob’s, nahm diesen Bericht auf, gab aber nur
die Anfangsbuchstaben der Redner an. Die Herausgeber von Chandler’s Debates und der
Parliamentary History riethen von diesen Anfangsbuchstaben auf die Namen und riethen
zuweilen falsch. So schreiben sie eine ausgezeichnete Rede, welche später erwähnt werden
wird, Waller zu, während sie von Windham, dem Abgeordneten von Salisbury, gehalten
wurde. Zu meinem Bedauern sah ich mich gezwungen, die Meinung aufzugeben, daß die
letzten öffentlich gesprochenen Worte Wallers so ehrenvoll für ihn waren.

Als die Stimmenzähler ihr Geschäft beendet hatten,
Niederlage der
ergaben sich hundert­zweiund­achtzig bejahende und
Regierung.
hundert­dreiund­achtzig verneinende Stimmen. Also in
einem Unterhause, welches durch gewissenlose Anwendung von Ränken,
Bestechungen und Gewaltmaßregeln zusammengebracht war und von dem
Jakob gesagt hatte, daß elf Zwölftel der Mitglieder so seien, wie er sie
selbst gewählt haben würde, in einem solchen Unterhause erfuhr der Hof in
einer Lebensfrage eine Niederlage 21.

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In Folge dieser Abstimmung wurden die Ausdrücke, deren sich der König
rücksichtlich des Testes bedient hatte, am 13. November in Erwägung
gezogen. Nach einer langen Discussion wurde beschlossen, ihm eine
Adresse zu überreichen, worin er erinnert werden sollte, daß er dem
Gesetze nach hinfüro keine Beamten mehr anstellen dürfe, welche den
Zulässigkeitseid verweigerten und durch die er zugleich aufgefordert
werden sollte, Verfügungen zu treffen, welche geeignet wären, die
Besorgnisse und das Mißtrauen seines Volks zu zerstreuen 22.
Dann wurde der Antrag gestellt, daß die Lords ersucht werden sollten, sich
der Adresse anzuschließen. Ob dieser Antrag ehrlicherweise von der
Opposition gestellt wurde, in der Hoffnung, daß der Anschluß der Peers der
Gegenvorstellung mehr Gewicht geben werde, oder ob er arglistigerweise
von der Hofpartei ausging, welche hofften, dadurch einen Bruch zwischen
den beiden Häusern herbeizuführen, läßt sich nicht mehr ermitteln. Der
Antrag wurde indessen verworfen. 23
Das Haus constituirte sich hierauf zu einem Comité, um über den Betrag
des zu bewilligenden Credits zu berathen. Der König brauchte vierzehn­‐
hundert­tausend Pfund, aber die Minister sahen wohl ein, daß sie eine so
große Summe vergebens fordern würden. Der Kanzler der Schatzkammer
sprach von zwölfhundert­tausend Pfund. Die Häupter der Opposition
erwiederten, daß sie durch Bewilligung eine solchen Summe die beständige
Dauer des gegenwärtigen Militairetats votiren würden; sie seien nicht
geneigt, mehr zu geben, als hinreiche, um die regulären Truppen so lange
auf dem Kriegsfuße zu erhalten, bis die Miliz neu organisirt werden könne,
und schlügen deshalb vierhundert­tausend Pfund vor. Die Höflinge waren
entrüstet über diesen Vorschlag, den sie als unwürdig des Hauses und
respectwidrig gegen den König bezeichneten; aber sie stießen auf
nachdrücklichen Widerstand. Einer der Abgeordneten aus dem Westen,
Johann Windham, der Salisbury vertrat, zeichnete sich besonders aus. Er
sagte, er habe die stehenden Heere von jeher mit Besorgniß und
Widerwillen betrachtet, und neuerdings gemachte Erfahrungen hätten ihn in
dieser Ansicht bestärkt. Dann wagte er es, ein Thema zu berühren, das bis
jetzt geflissentlich umgangen worden war. Er schilderte die traurige Lage
der westlichen Grafschaften. Das Volk, sagte er, sei müde der
Bedrückungen durch die Truppen, müde der freien Einquartierungen, der

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Räubereien und der noch ruchloseren Vergehen, welche das Gesetz
Felonien nenne, gegen die man aber, wenn sie von dieser Klasse von
Verbrechern begangen würden, keine Abhülfe erlangen könne. Die Diener
des Königs hätten zwar dem Hause gesagt, daß vortreffliche Verordnungen
in Betreff des Benehmens der Armee erlassen worden seien, allein Niemand
könne behaupten, daß diese Verordnungen auch befolgt würden. Was müsse
man nothwendig daraus schließen? Beweise nicht der Widerspruch
zwischen den väterlichen Verordnungen des Thrones und der unerträglichen
Tyrannei der Soldaten, daß die Armee schon jetzt für den Fürsten sowohl
als für das Volk zu stark sei? Die Gemeinen könnten also sicherlich, ohne
sich selbst zu wiedersprechen, ihr volles Vertrauen in die guten Absichten
Seiner Majestät ausdrücken und dennoch jede Vermehrung einer Armee
verweigern, die Seine Majestät offenbar nicht zu zügeln vermöchte.
21. Common’s Journals, Nov. 13. 1685; Bramston’s Memoirs; Reresby’s Memoirs; Barillon,
16.(26.) Nov.; Leeuwen, 13.(23.) Nov.; Memoirs of Sir Stephen Fox, 1717; The Case of the
Church of England fairly stated; Burnet I. 666, und Präsident Onslow’s Note.
22. Commons’ Journals, Nov. 1685; Harl. MS. 7187; Lansd. MS. 253.
23. Der Widerspruch zwischen den Zeugnissen über diesen Gegenstand ist auffallend und nach
reiflicher Erwägung muß ich gestehen, daß sie einander die Wage zu halten scheinen. In Jakob’s
Lebensbeschreibung (1702) wird der Antrag als vom Hofe ausgegangen dargestellt, und diese
Ansicht wird durch eine bemerkenswerthe Stelle in den Stuart-Papieren bestätigt, welche von dem
Prätendenten selbst corrigirt wurde. (Clarke’s Life of James the Second, II. 55.) Dagegen stellen
Reresby, der anwesend war, und Barillon, der gut unterrichtet sein konnte, den Antrag als von der
Opposition ausgegangen dar. Die Harley- und Lansdowne-Manuscripte differiren gerade in dem
einzigen Worte, auf das Alles ankommt. Bramston war leider an jenem Tage nicht in der Sitzung.
Jakob Van Leeuwen erwähnt zwar des Antrags und der Abstimmung, setzt aber kein Wort hinzu, das
auf den Stand der Parteien das mindeste Licht werfen könnte. Auch muß ich gestehen, daß ich nicht
im Stande bin, aus den Namen der Stimmenzähler, Sir Joseph Williamson und Sir Franz Russell für
die Majorität, Lord Ancram und Sir Heinrich Goodricke für die Minorität, einen irgend zuverlässigen
Schluß zu ziehen. Ich möchte es für wahrscheinlich halten, daß Lord Ancram mit dem Hofe und Sir
Heinrich Goodricke mit der Opposition gegangen sind.

Der Antrag, daß die zu bewilligende Summe
Zweite
vierhundert­tausend Pfund nicht übersteigen solle, fiel
Niederlage der
mit zwölf Stimmen durch. Dieser Sieg der Minister
Regierung.
war jedoch nicht viel besser als eine Niederlage. Die
Häupter der Vaterlandspartei, durchaus nicht entmuthigt, zogen sich ein
wenig zurück, hielten dann wieder Stand und schlugen sieben­hundert­‐

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tausend Pfund vor. Das Comité schritt zur Abstimmung und die Hofpartei
wurde mit zweihundertzwölf Stimmen gegen hundertsiebzig geschlagen 24.
24. Commons’ Journals, Novbr. 16, 1685; Harl. MS. 7187; Lansd. MS. 235.

Am folgenden Tage begaben sich die Gemeinen mit
Der König giebt
ihrer Adresse in Bezug auf den Test in Prozession
den Gemeinen
nach Whitehall. Der König empfing sie auf dem
einen Verweis.
Throne. Die Adresse war in ehrerbietiger und
herzlicher Sprache abgefaßt, denn die große Mehrheit Derer, die dafür
gestimmt hatten, war eifrig und sogar abergläubisch loyal und hatte schon
zur Einflechtung einiger schmeichelhaften Redensarten und zur
Vermeidung jedes von den Höflingen für anstößig gehaltenen Wortes
bereitwilligst ihre Zustimmung gegeben. Jakob’s Antwort war ein kalter
und mürrischer Verweis. Er sprach sein entschiedenes Mißfallen und
Erstaunen aus, daß die Gemeinen die Ermahnungen, die er ihnen gegeben,
so wenig berücksichtigt hätten. „Doch was Sie auch thun mögen,“ setzte er
hinzu, „ich werde alle Ihnen gegebenen Versprechungen unverbrüchlich
halten.“ 25
Mißvergnügt, aber auch ein wenig eingeschüchtert, versammelten sich die
Gemeinen wieder in ihrer Kammer. Für die meisten von ihnen war der
König noch immer ein Gegenstand kindlicher Verehrung. Drei weitere Jahre
voll Ungerechtigkeiten und voll Beleidigungen, welche noch kränkender
waren als Ungerechtigkeiten, reichten kaum hin, das Band zu zerreißen,
welches die Kavaliergentry an den Thron fesselte.
Der Sprecher wiederholte den wesentlichen Inhalt der königlichen Antwort.
Es trat eine feierliche Stille ein, dann wurde, wie gewöhnlich, die
Tagesordnung verlesen und das Haus bildete sich zum Comité behufs der
Berathung der Bill wegen Reorganisation der Miliz.
25. Commons’ Journals, Nov. 17, 18. 1685.

In wenigen Stunden aber lebte der Oppositionsgeist
Coke wird wegen
wieder auf. Als gegen das Ende der Sitzung der
Verletzung der
Sprecher seinen Stuhl wieder eingenommen hatte,

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dem Könige stellte Wharton, der kühnste und thätigste der Whigs,
schuldigen den Antrag, daß ein Tag bestimmt werden solle, um
Achtung von den die Antwort Seiner Majestät in Erwägung zu ziehen.
Gemeinen mit Johann Coke, Abgeordneter für Derby, unterstützte
Gefängnißstrafe Wharton, obgleich er ein bekannter Tory war. „Ich
belegt. hoffe,“ sagte er, „daß wir alle Engländer sind und uns
durch einige hohe Worte nicht von unsrer Pflicht
zurückschrecken lassen werden.“
Das war männlich, aber nicht klug gesprochen. Das ganze Haus gerieth in
stürmische Aufregung. „Schreibt seine Worte nieder!“ „Vor die Barre!“ „In
den Tower!“ erscholl es von allen Seiten. Die Nachsichtigsten schlugen vor,
dem Beleidiger einen Verweis zu geben; die Minister aber bestanden mit
Heftigkeit darauf, daß er in Haft geschickt werden solle. Das Haus, sagte er,
möge Beleidigungen gegen sich selbst verzeihen, habe aber nicht das Recht,
eine Beleidigung der Krone zu vergeben. Coke wurde in den Tower
geschickt. Die Übereilung eines Einzelnen zerstörte das ganze von den
Häuptern der Opposition so geschickt entworfene Operationssystem.
Umsonst versuchte es in diesem Augenblicke Eduard Seymour, seine
Anhänger wieder zu sammeln, forderte sie auf, einen Tag zur Berathung
über die königliche Antwort zu bestimmen und sprach die zuversichtliche
Erwartung aus, die Discussion werde mit derjenigen Achtung geführt
werden, welche Unterthanen ihrem Herrscher schuldig seien. Die
Mitglieder waren durch das Mißfallen des Königs so sehr eingeschüchtert
und über Coke’s Rücksichts­losigkeit so aufgebracht, daß eine Abstimmung
nicht rathsam gewesen wäre 26.
Das Haus vertagte sich und die Minister schmeichelten sich mit der
Hoffnung, daß der Geist der Opposition bezwungen sei. Aber am
nächstfolgenden Tage, dem 19. November, zeigten sich neue beunruhigende
Symptome. Die Zeit war gekommen, um die aus allen Theilen Englands
eingegangenen Petitionen gegen die letzten Wahlen in Erwägung zu ziehen.
Als Seymour sich in der ersten Zusammenkunft des Parlaments über die
Gewalt und Hinterlist beschwert, wodurch die Regierung die Wahlkörper in
dem freien Ausdrucke ihrer Meinung behindert habe, hatte er keine
Unterstützung gefunden. Viele aber, welche damals von seiner Seite
gewichen waren, hatten sich später ein Herz gefaßt und hatten mit Johann

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Lowther, dem Abgeordneten von Cumberland, an der Spitze, vor dem
Auseinandergehen auf Untersuchung der Mißbräuche angetragen, welche
das Volk so heftig aufgeregt hätten. Jetzt war das Haus in einer viel
mißmuthigeren Stimmung und es erhoben sich zahlreiche Stimmen mit
kühnen Drohungen und Anklagen. Man sagte den Ministern, die Nation
erwarte kräftige Abhülfe und werde sie erlangen. Inzwischen wurde
geschickt darauf hingedeutet, daß die beste Genugthuung, welche ein durch
ordnungswidrige Mittel ins Parlament gewählter Gentleman dem Publikum
geben könne, darin bestehe, daß er seine übel erworbene Macht zur
Verteidigung der Religion und der Freiheiten seines Vaterlandes anwende.
Kein Mitglied, das in dieser Krisis seine Pflicht thue, habe etwas zu
fürchten. Es könne sein, daß man ihm seinen Sitz im Hause vorenthalten
müsse, aber der ganze Einfluß der Opposition werde dann aufgeboten
werden, um seine Wiedererwählung durchzusetzen. 27
26. Commons’ Journals, Nov. 18. 1685; Harl. MS. 7187; Lansd. MS. 253; Burnet I. 667.
27. Lonsdale’s Memoirs. Burnet sagt uns (I. 667), daß nach Coke’s Verhaftung im Hause der
Gemeinen eine heftige Debatte über die Wahlen stattgefunden habe. Dies muß also am 19. November
gewesen sein, denn Coke wurde am Abend des 18. in den Tower geschickt und am 20. wurde das
Parlament prorogirt. Burnet’s Angabe wird auch durch die Protokolle bestätigt, aus denen hervorgeht,
daß am 19. über mehrere Wahlen debattirt wurde.

An dem nämlichen Tage zeigte es sich auch klar, daß
Opposition gegen
der Oppositionsgeist sich von den Gemeinen in das
die Regierung im
Haus der Lords und selbst bis auf die Bank der
Hause der Lords.
Bischöfe verbreitet hatte. Wilhelm Cavendish, Earl
Der Earl von
von Devonshire, stellte sich im Oberhause an die
Devonshire.
Spitze, und er war ganz dazu geeignet. In Reichthum
und Einfluß stand er keinem andren englischen Edelmanne nach, und er galt
allgemein für den feinsten Gentleman seiner Zeit. Seine Prachtliebe, sein
ausgezeichneter Geschmack, seine Talente, seine klassische Bildung, seine
Hochherzigkeit und sein liebenswürdiges, herablassendes Benehmen
wurden selbst von seinen Feinden anerkannt; leider aber konnten seine
Lobredner nicht behaupten, daß seine Sittlichkeit von der damals so weit
verbreiteten Ansteckung frei geblieben sei. Obwohl ein Feind des Papismus
und der willkürlichen Gewalt, hegte er doch eine entschiedene Abneigung

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gegen jede Überstürzung, war, als die Ausschließungsbill fiel, zu einem
Vergleiche bereit gewesen und hatte sich nie an den gesetzwidrigen und
übereilten Plänen betheiligt, welche die Whigpartei in einen so üblen
Geruch gebracht hatten. Aber wenn er auch das Verfahren seiner Freunde
zum Theil mißbilligte, so erfüllte er deshalb doch mit gewissenhaftem Eifer
die schwierigsten und gefährlichsten Pflichten der Freundschaft. Er hatte
neben Russell an den Schranken gestanden, hatte an dem schauerlichen
Morgen der Hinrichtung mit innigen Umarmungen und unter heißen
Thränen von ihm Abschied genommen und sich sogar erboten, ihm mit
Gefahr seines eignen Lebens zur Flucht zu verhelfen. 28 Dieser große
Edelmann trug jetzt darauf an, daß ein Tag zur Berathung über die
Thronrede festgesetzt werden sollte. Auf der andren Seite wurde behauptet,
die Lords hätten sich durch ihr Dankvotum für die Thronrede bereits jede
Möglichkeit, Beschwerden dagegen zu erheben, abgeschnitten. Aber dieser
Einwand wurde von Halifax mit Verachtung zurückgewiesen. „Solche
Dankesbezeigungen“, sagte er mit dem sarkastischen Scherze, durch den er
sich auszeichnete, „schließen keine Billigung in sich. Wir sind unsrem
gnädigen Herrn und Gebieter stets dankbar, wenn er mit uns zu sprechen
geruht, und ganz besonders dankbar sind wir ihm, wenn er, wie im
vorliegenden Falle, gerade heraus spricht und uns offen sagt, was wir zu
gewärtigen haben“. 29
28. Burnet, I. 560; Funeral Sermon of the Duke of Devonshire, preached by Kennet, 1708;
Travels of Cosmo III. in England.
29. Bramston’s Memoirs. Burnet irrt sich sowohl in der Zeit, wo diese Bemerkung gemacht wurde,
als auch in der Person, von der sie herrührt. In Halifax’ Brief an einen Dissenter findet sich eine
interessante Anspielung auf diese Discussion.

Doctor Heinrich Compton, Bischof von London,
Der Bischof von
sprach nachdrücklich zu Gunsten des Antrags.
London.
Obgleich dieser Mann nicht mit ausgezeichneten
Fähigkeiten begabt, noch in seinen Berufs­wissen­schaften gründlich
bewandert war, so wurde er doch stets mit Ehrerbietung von dem Hause
angehört, denn er war einer der wenigen Geistlichen jener Zeit, die sich
adeligen Blutes rühmen konnten. Er selbst und seine ganze Familie hatten
ausgezeichnete Beweise ihrer Loyalität gegeben. Sein Vater, der zweite Earl

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von Northumberland, hatte für König Karl I. tapfer gefochten und war, von
Parlamentssoldaten umzingelt, mit dem Schwerte in der Hand gefallen, weil
er sich weigerte, Pardon zu geben oder anzunehmen. Der Bischof selbst
hatte vor seiner Ordination in der Garde gedient, und obgleich er sich im
Allgemeinen nach Kräften bemühte, die einem Prälaten ziemende Würde
und Ruhe zu bewahren, so zuckten doch gelegentlich einige Blitze seines
militairischen Geistes hervor. Er hatte die religiöse Erziehung der beiden
Prinzessinnen geleitet und diese wichtige Aufgabe in einer Weise gelöst, die
alle guten Protestanten zufrieden stellte und ihm einen bedeutenden Einfluß
auf die Gemüther seiner Zöglinge, namentlich der Prinzessin Anna sicherte.
Jetzt erklärte er, er sei ermächtigt, die Gesinnung seiner Amtsbrüder
auszusprechen und ihrer wie seiner eignen Ansicht nach sei die ganze
bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reiches in Gefahr. 30
30. Wood, Ath. Ox.; Gooch’s Funeral Sermon on Bishop Compton.

Eine der merkwürdigsten Reden jenes Tages wurde
Viscount
von einem jungen Manne gehalten, dessen
Mordaunt.
excentrische Laufbahn später ganz Europa in
Erstaunen setzen sollte. Es war Karl Mordaunt, Viscount von Mordaunt,
viele Jahre später weit und breit bekannt als Earl von Peterborough. Er hatte
schon zahlreiche Beweise seines Muthes, seiner Befähigung und jener
sonderbaren Verschrobenheit des Geistes gegeben, durch welche sein Muth
und seine Fähigkeiten für sein Vaterland völlig nutzlos wurden. Schon hatte
er sich als Schöngeist und Gelehrter, als Soldat und als Seemann
ausgezeichnet, und er hatte sich sogar vorgenommen, mit Bourdaloue und
Bossuet in die Schranken zu treten. Obgleich ein erklärter Freidenker, hatte
er doch auf der See ganze Nächte durchwacht, um Predigten auszuarbeiten,
und war nur mit großer Mühe daran gehindert worden, die Mannschaft
eines Kriegsschiffes durch seine frommen Vorträge zu erbauen. 31 Er sprach
jetzt zum ersten Male mit der ihm eigenen Beredsamkeit, Lebhaftigkeit und
Keckheit zu den Lords. Er tadelte die Gemeinen, daß sie nicht kühner
aufgetreten seien. „Sie haben nicht den Muth gehabt, mit der Sprache
herauszugehen,“ sagte er. „Sie haben von Besorgnissen und Mißtrauen
gesprochen. Was haben Besorgniß und Mißtrauen hiermit zu thun?

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Besorgniß und Mißtrauen sind Gefühle, mit denen wir zukünftigen und
noch ungewissen Übeln entgegensehen. Das Übel aber, mit dem wir es hier
zu thun haben, ist weder ein zukünftiges, noch ein ungewisses. Ein
stehendes Heer existirt, und es ist von Papisten befehligt. Wir haben keinen
auswärtigen Feind, auch keinen Aufstand im Lande. Wozu wird also diese
Streitmacht anders unterhalten als zu dem Zwecke, unsere Gesetze
umzustoßen und jene Willkürherrschaft einzuführen, welche die Engländer
mit Recht verabscheuen?“ 32
Jeffreys sprach gegen den Antrag in der rohen und gemeinen Sprache, in
der er Meister war; aber er überzeugte sich bald, daß es nicht so leicht war,
die stolzen und mächtigen Barone Englands in ihrem eigenen Saale
einzuschüchtern, als Advokaten, deren Existenz von seiner Gunst abhing,
und Gefangene, deren Kopf in seiner Gewalt war, niederzudonnern. Ein
Mann, der sein ganzes Leben damit hingebracht hat, anzugreifen und zu
dominiren, spielt in der Regel eine jämmerliche Figur, wenn er mit
energischem Nachdruck angegriffen wird, mögen seine Talente und sein
Muth noch so groß sein, denn da er nicht gewohnt ist, sich vertheidigen zu
müssen, wird er verlegen, und das Bewußtsein, daß Alle, die er gekränkt
und beleidigt hat, sich über seine Verlegenheit freuen, verwirrt ihn immer
mehr. Jeffreys wurde jetzt zum ersten Male, seit er ein großer Mann war,
auf gleichem Fuße von Gegnern angegriffen, die ihn nicht fürchteten. Zum
allgemeinen Ergötzen sprang er plötzlich vom höchsten Übermuth zur
tiefsten Erniedrigung über und konnte sich nicht enthalten, aus Wuth und
Ärger zu weinen. 33 Es fehlte in der That nichts zu seiner Demüthigung,
denn das Haus war mit etwa hundert Peers gefüllt, eine größere Anzahl, als
selbst an dem hochwichtigen Tage der Ausschließungsbill abgestimmt
hatten. Auch der König war anwesend. Sein Bruder pflegte seiner Zeit den
Sitzungen der Lords zum Vergnügen beizuwohnen und sagte oft, eine
parlamentarische Debatte sei eben so unterhaltend wie eine Komödie. Jakob
kam jedoch nicht, um sich zu amüsiren, sondern in der Hoffnung, daß die
Discussion durch seine Anwesenheit in den Schranken der Mäßigung
zurückgehalten werden würde. Er sah sich aber getäuscht. Das Haus sprach
seine Meinung so kräftig aus, daß die Höflinge nach einer überaus kühnen
Schlußrede von Halifax es nicht wagten, eine Abstimmung zu verlangen.
Einer der nächsten Tage wurde zur Erwägung der Thronrede festgesetzt und

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der Wunsch ausgesprochen, daß jeder nicht zu weit von Westminster
entfernt wohnende Peer auf seinem Platze sein möchte. 34
31. Teonge’s Diary.
32. Barillon giebt uns die beste Auskunft über diese Debatte. Ich will seinen Bericht über Mordaunt’s
Rede hier im Auszuge anführen. „Milord Mordaunt, quoique jeune, parla avec éloquence et
avec force. Il dit que la question n’étoit pas réduite, comme la Chambre des Communes le
prétendoit, à guérir des jalousies et défiances, qui avoient lieu dans les choses incertaines;
mais que ce qui se passoit ne l’étoit pas, qu’il y avoit une armée sur pied qui subsistoit, et
qui étoit remplie d’officiers Catholiques, qui ne pouvoit être conservée, que pour le
renversement des loix, et que la subsistance de l’armée, quand il n’y a aucune guerre ni au
dedans ni au dehors, étoit l’établissement du gouvernement arbitraire, pour lequel les
Anglois ont une aversion si bien fondée.“
33. Er war sehr leicht zu Thränen zu rühren. „Wenn er kühn angegriffen wurde,“ sagt der Verfasser
der Panegyric, „kann er sich der Thränen nicht enthalten.“ An einer andren Stelle heißt es: „Man
spricht immer von seinem trotzigen und anmaßenden Wesen; konnte ein so hochstehender Mann
seine Demuth besser beweisen als durch Weinen und Schluchzen?“ In der Antwort auf die Lobrede
wird gesagt: „Der Umstand, daß er seine Thränen nicht zurückhalten konnte, machte ihn unfähig zum
Heuchler.“
34. Lords’ Journals, Nov. 19. 1685; Barillon, 23. Nov. (3. Dec.); Holländische Depesche vom 20.
(30.) Nov.; Luttrell’s Diary, Nov. 19.; Burnet, I. 665. Halifax’ Schlußrede wird von dem Nuntius in
seiner Depesche vom 16.(26.) Nov. erwähnt. Etwa einen Monat später stellt Adda dem Talent
Halifax’ ein glänzendes Zeugniß aus: „Da questo uomo che ha gran credito nel parlamento, e
grande eloquenza, non si possono attendere che fieri contradizioni, e nel partito Regio non
vi è un uomo da contrapporsi.“ 21.(31.) Dec.

Am folgenden Morgen kam der König in seinen
Prorogation des
Staatskleidern in das Haus der Lords. Der Thürsteher
Parlaments.
mit dem schwarzen Stabe beschied die Gemeinen vor
die Schranken und der Kanzler kündigte ihnen an, daß das Parlament bis
zum 10. Februar prorogirt sei. 35 Die Mitglieder, welche gegen den Hof
gestimmt hatten, wurden aus dem Staatsdienste entlassen; Karl Fox ward
seines Zahlmeisteramtes enthoben; der Bischof von London hörte auf,
Dechant der königlichen Kapelle zu sein und wurde aus der Liste der
Geheimen Räthe gestrichen.
Durch diese Prorogation wurde ein Prozeß von der höchsten Wichtigkeit
beendigt. Thomas Grey, Earl von Stamford, der Sprosse eines der
vornehmsten Häuser Englands, war unlängst unter einer auf Hochverrath
lautenden Anklage verhaftet und im Tower in strenges Gewahrsam gebracht

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worden. Er war der Betheiligung an dem Ryehousecomplot angeklagt. Die
große Jury der City von London hatte die Anklage begründet gefunden und
sie vor die Schranken der Lords gebracht, der einzige Gerichtshof, bei dem
ein weltlicher Peer während der Parlamentssession wegen eines
Verbrechens, das über einem gewöhnlichen Vergehen steht, angeklagt
werden kann. Der 1. December war zur Verhandlung anberaumt und schon
Befehl gegeben, daß Westminster mit Sitzen und Behängen versehen
werden sollte. In Folge der Prorogation aber wurde dieser Prozeß auf
unbestimmte Zeit vertagt und Stamford erlangte bald seine Freiheit
wieder. 36
Außerdem waren beim Schlusse der Session noch drei andere
hochangesehene Whigs in Haft. Karl Gerard, Lord Gerard von Bramdon,
der älteste Sohn des Earl von Macclesfield, Johann Hampden, Enkel des
berühmten Führers des Langen Parlaments, und Heinrich Booth, Lord
Delamere. Gerard und Hampden waren der Theilnahme an dem
Ryehousecomplot, Delamere der Unterstützung des Aufstandes im Westen
angeklagt.
35. Lords’ und Commons’ Journals, Nov. 20. 1685.
36. Lords’ Journals. Nov. 11, 17, 18. 1685.

Es war nicht die Absicht der Regierung, Gerard oder
Prozeß Lord
Hampden mit dem Tode zu bestrafen. Grey hatte sich
Gerard’s und
Schonung ihres Lebens ausbedungen, ehe er
Hampden’s.
einwilligte, als Zeuge gegen sie aufzutreten. 37 Aber
man hatte einen noch gewichtigeren Grund, um Nachsicht gegen sie zu
üben. Sie waren die Erben großer Besitzungen, aber ihre Väter lebten noch.
Der Hof konnte daher durch Confiscation sehr wenig gewinnen, um so
mehr aber durch Auflegung eines Lösegeldes. Gerard wurde verhört, und
nach den dürftigen Nachrichten, welche auf uns gekommen sind, scheint er
sich mit viel Geist und Nachdruck vertheidigt zu haben. Er berief sich auf
die Anstrengungen und Opfer, die seine Familie zu Gunsten Karl’s I.
aufgewendet habe und bewies, daß Rumsey durchaus keinen Glauben
verdiene, da er Russell und Cornish durch zwei ganz von einander
abweichende Aussagen gemordet habe. Die Jury gab nach einigem Zögern

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ihr „Schuldig“ ab. Nach langer Haft durfte Gerard sich loskaufen. 38
Hampden hatte die politische Meinung und einen großen Theil der
Fähigkeiten seines Großvaters geerbt, in Betreff der Biederkeit und des
Muthes aber, durch welche Letzterer sich ausgezeichnet hatte, war er aus
der Art geschlagen. Man ließ den Gefangenen mit raffinirter Grausamkeit
lange in quälender Ungewißheit, um seine Familie zur Bezahlung einer
großen Summe für seine Begnadigung zu bewegen. Die beständige
Todesangst hatte seinen Muth völlig gebrochen, und als er vor den
Schranken der Old Bailey erschien, bekannte er sich nicht nur für schuldig,
sondern entehrte auch seinen berühmten Namen durch kriechende
Unterwürfigkeit und demüthige Bitten. Er versicherte, daß er in den
Mordplan nicht eingeweiht gewesen sei, gestand aber, daß er
Revolutionsideen gehegt habe, äußerte tiefe Reue über sein Vergehen,
erflehte die Fürsprache der Richter und gelobte, daß, wenn die königliche
Gnade ihm zu Theil würde, er während seines ganzen Lebens seine
Dankbarkeit für diese große Güte an den Tag legen wolle. Die Whigs waren
empört über seinen Kleinmuth und erklärten laut, daß er weit mehr Tadel
verdiene als Grey, der, obgleich er als Königszeuge aufgetreten sei, doch
einen gewissen Anstand dabei beobachtet habe. Hampden’s Leben wurde
geschont, aber seine Familie bezahlte dem Kanzler mehrere Tausend Pfund,
und einige Höflinge niederen Ranges erpreßten kleinere Summen von ihm.
Der unglückliche Mann hatte noch Ehrgefühl genug, um die Erniedrigung,
zu der er sich herabgelassen, schmerzlich zu empfinden. Er überlebte den
Tag seiner Schande mehrere Jahre. Er lebte noch so lange, um seine Partei
triumphiren zu sehen, noch einmal ein einflußreiches Mitglied derselben zu
werden, eine hohe Stellung im Staate einzunehmen und seine Verfolger vor
sich zittern zu sehen. Aber sein Glück wurde durch eine quälende
Erinnerung verbittert. Er erlangte nie seinen heiteren Sinn wieder und starb
endlich von seiner eignen Hand. 39
37. Burnet, I. 646.
38. Bramston’s Memoirs; Luttrell’s Diary.
39. Der Prozeß in der Collection of State Trials; Bramston’s Memoirs; Burnet, I. 647; Lords’
Journals, Dec. 20. 1689.

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Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Delamere die
Delamere’s
königliche Gnade erlangt haben würde, wenn er ihrer
Prozeß.
bedurft hätte. Soviel ist wenigstens gewiß, daß jeder
Vortheil, den der Buchstabe des Gesetzes der Regierung gewährte, ohne
Bedenken und ohne Scham gegen ihn benutzt wurde. Er befand sich in
einer ganz andren Lage als Stamford. Die Anklage gegen Letzteren war
während der Parlamentssession vor die Schranken der Lords gebracht
worden und konnte daher vor dem Wiederzusammentritt des Parlaments
nicht weiter verfolgt werden; dann konnten alle Peers ihre Stimmen
abgeben, um sowohl über das Rechtliche als über das Thatsächliche zu
entscheiden. Delamere’s Anklage aber war erst nach der Prorogation als
begründet erkannt worden. 40 Er stand daher unter der Jurisdiction des
Gerichtshofes des Lordgroßrichters. Dieser Gerichtshof, welcher, so lange
das Parlament nicht versammelt ist, über alle von weltlichen Peers
begangenen Kapitalverbrechen (treasons and felonies) zu erkennen hat,
war damals so zusammengesetzt, daß kein Gefangener, der eines politischen
Vergehens angeklagt war, ein unparteiisches Urtel zu erwarten hatte. Der
König ernannte den Lordgroßrichter und dieser ernannte nach seinem
Gutdünken gewisse Peers, welche über ihren angeklagten Collegen richten
sollten. Die Zahl derselben war unbestimmt und eine Appellation gegen
ihren Ausspruch nicht statthaft. Eine einfache Majorität, vorausgesetzt, daß
sie aus zwölf Personen bestand, genügte zur Schuldigerklärung. Über die
Rechtsfrage entschied nur der Lordgroßrichter, und die beisitzenden Lords
bildeten eine bloße Jury, die über den Thatbestand zu entscheiden hatte.
Jeffreys wurde zum Lordgroßrichter ernannt. Er wählte dreißig Peers und
seine Wahl war für den Mann wie für seine Zeit bezeichnend. Alle Dreißig
waren entschiedene politische Gegner des Gefangenen. Fünfzehn davon
waren Regimentsobersten und konnten vom Könige nach Belieben ihres
einträglichen Commando’s enthoben werden. Unter den übrigen Fünfzehn
befanden sich der Lordschatzmeister, der erste Staatssekretär, der
Obersthofmeister, der Haushofmeister, der Hauptmann der königlichen
Leibgarde, der Kammerherr der Königin und andere Personen, welche
durch starke Bande des Interesses an den Hof geknüpft waren.
Dessenungeachtet hatte Delamere einige große Vortheile über die
untergeordneteren Angeklagten, welche vor die Old Bailey gefordert waren.
Hier waren die Geschwornen heftige Parteigänger, welche von höfischen

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Sheriffs auf einen Tag aus der Masse der Gesellschaft genommen wurden,
um sogleich darauf wieder unter dieser Masse zu verschwinden, durch
keine Rücksichten des Schamgefühls gebunden, und da sie wenig daran
gewöhnt waren, Beweise sorgfältig zu erwägen, so folgten sie unbedenklich
den Weisungen der Richter. Beim Gerichtshofe des Lordgroßrichters
dagegen war jeder beisitzende Lord ein Mann von einiger
Geschäftserfahrung. Jeder von ihnen nahm eine hohe Stellung in der
Gesellschaft ein, jeder mußte einzeln aufstehen und vor einem zahlreichen
Zuhörerkreise auf Ehre und Gewissen sein Urtheil abgeben, und dieses
Urtheil wurde mit seinem Namen versehen, der ganzen Welt bekannt
gemacht und lebte in der Geschichte fort. Dazu kam noch, daß, obgleich die
ausgewählten Adeligen sämmtlich Tories und fast durchgehends öffentliche
Beamte waren, doch schon viele von ihnen angefangen hatten, mit
Besorgniß die Schritte des Königs zu betrachten und zu fürchten, daß sie
wohl bald in den nämlichen Fall kommen könnten wie Delamere.
Jeffreys benahm sich wie gewöhnlich übermüthig und ungerecht. Allerdings
hatte er einen alten Groll, der seinen Eifer aufstachelte. Er war Oberrichter
von Chester gewesen, als Delamere, damals Mr. Booth, diese Grafschaft im
Parlamente vertrat. Booth hatte sich bei den Gemeinen bitter beschwert, daß
die theuersten Interessen seiner Wähler einem trunksüchtigen Narren
anvertraut seien. 41 Der rachsüchtige Richter schämte sich nun nicht,
Kunstgriffe zu Hülfe zu nehmen, die selbst bei einem gewöhnlichen
Advokaten strafbar gewesen wären. Er erinnerte die beisitzenden Lords in
sehr bezeichnender Sprache daran, daß Delamere im Parlamente sich der
Verurtheilungsbill gegen Monmouth widersetzt habe, eine Beschuldigung,
die weder bewiesen war, noch bewiesen werden konnte. Doch Jeffreys war
nicht der Mann, der eine Versammlung von Peers einschüchtern konnte, wie
er gewöhnliche Geschworne einzuschüchtern pflegte. Der Beweis für die
Krone würde auf der Rundreise im Westen oder in den Assisen­‐
verhandlungen der City wahrscheinlich für vollkommen genügend erachtet
worden sein, konnte aber nicht einen Augenblick Männern imponiren wie
Rochester, Godolphin und Churchill, die überdies auch, bei allen ihren
Fehlern, noch nicht so verdorben waren, daß sie den einfachsten Regeln der
Gerechtigkeit zuwider einen Nebenmenschen hätten zum Tode verurtheilen
können. Grey, Wade und Goodenough wurden als Zeugen vorgeführt,

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konnten aber nur das wiederholen, was sie Monmouth und Wildman’s
Emissären hatten sagen hören. Der Hauptzeuge für die Anklage, ein
Schurke, Namens Saxton, der an dem Aufstande Theil genommen hatte,
und sich jetzt bemühte, seine Begnadigung zu erlangen, indem er gegen alle
der Regierung mißliebige Personen eidliches Zeugniß ablegte, war durch
eine Menge unverwerflicher Beweise überführt, eine Reihe von Lügen
ausgesagt zu haben. Sämmtliche beisitzende Lords, von Churchill an, der
als jüngster Baron zuerst sprach, bis hinauf zu dem Lordschatzmeister,
erklärten bei ihrer Ehre, daß Delamere nicht schuldig sei. Der Ernst und das
Gepränge des ganzen Gerichtsverfahrens machte selbst auf den Nuntius, der
an die Ceremonien Roms gewöhnt war, welche an Feierlichkeit und Glanz
Alles übertreffen, was die übrige Welt aufweisen kann, einen tiefen
Eindruck. 42 Der König, welcher anwesend war und gegen ein so offenbar
gerechtes Urtheil nichts einwenden konnte, gerieth in Wuth gegen Saxton
und gelobte, daß der Schurke zuerst wegen Meineids vor Westminsterhall
an den Pranger gestellt und dann in den Westen geschickt werden solle, um
wegen Verraths gehängt, gcschleift und geviertheilt zu werden. 43
40. Lords’ Journals, Nov. 9, 10, 16. 1685.
41. Siehe über die Verderbtheit der Richter in Lord Delamere’s Werken, 1694.
42. „Fa una funzione piena di gravità, di ordine, e di gran speciosità.“ Adda vom 15.(25.) Jan.
1686.
43. Der Prozeß in der Collection of State Trials. Leeuwen, 15.(25.) und 19.(29.) Januar 1686.

Die Freude des Publikums über Delamere’s
Eindruck seiner
Freisprechung war groß. Die Schreckens­herrschaft
Freisprechung.
war also vorüber, die Unschuldigen begannen wieder
freier zu athmen und die falschen Ankläger zu zittern. Einen bei dieser
Gelegenheit geschriebenen Brief kann man kaum lesen, ohne zu Thränen
gerührt zu werden. Russell’s Wittwe erfuhr in ihrer Abgeschiedenheit die
frohe Nachricht mit verschiedenartigen Gefühlen. „Ich danke Gott,“ schrieb
sie, „daß er dem Blutvergießen in diesem unglücklichen Lande Einhalt
gethan hat. Aber während ich mich mit den Fröhlichen freuen sollte, suche
ich einen einsamen Winkel auf, um darin zu weinen. Ich fühle, daß ich
keiner Freude mehr fähig bin, denn jeder neue Umstand, und gerade die

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Vergleichung meiner kummervollen Nacht nach solch’ einem Tage, mit
ihren Tagen der Freude, zerreißt mein gebrochenes Herz, ich mag die Sache
betrachten, von welcher Seite ich will. Obwohl ich weit entfernt bin, ihren
Tagen ein Ende zu wünschen, wie das der meinigen, so kann ich doch nicht
umhin, es zuweilen zu beklagen, daß das meinige nicht war wie das
ihrige“. 44
Jetzt trat ein entscheidender Wendepunkt ein. Der Tod Stafford’s, den das
gemeine Volk, dessen Wuth er geopfert worden war, mit Äußerungen der
innigsten Theilnahme und Reue angesehen hatte, bezeichnet das Ende der
einen Proscription, die Freisprechung Delamere’s bezeichnet das Ende der
andren. Die Verbrechen, welche Shaftesbury’s stürmisches Tribunat
geschändet hatten, waren furchtbar gesühnt, das Blut unschuldiger Papisten
war mehr als zehnfältig durch das Blut eifriger Protestanten gerächt. Auch
eine andre große Reaction hatte begonnen. Die Parteien erfuhren eine
schnelle Umgestaltung, alte Verbündete trennten sich und alte Feinde
verbanden sich. Unzufriedenheit verbreitete sich rasch durch alle Reihen
der unlängst noch herrschenden Partei; eine allerdings noch schwache und
unbestimmte Hoffnung auf Sieg und Rache beseelte die andre, welche kurz
zuvor schon vernichtet zu sein schien. Unter solchen Umständen ging das
ereignißvolle und sturmbewegte Jahr 1685 zu Ende und das Jahr 1686
begann.
44. Lady Russell an Dr. Fitzwilliam vom 15. Jan. 1686.

Die Prorogation hatte den König von den sanften
Parteien am
Vorstellungen der beiden Häuser befreit, aber er
Hofe.
mußte noch andere Vorstellungen anhören, welche
Ähnliches bezweckten, wenn sie auch in einem noch vorsichtigeren und
unterwürfigeren Tone ausgesprochen wurden. Einige Männer, die ihm mit
einem nur zu großen, ihrem eigenen Rufe wie dem öffentlichen Wohle
nachtheiligen Eifer gedient hatten, begannen von schlimmen Ahnungen
ergriffen zu werden und wagten es bei Gelegenheit, einen kleinen Theil
ihrer Gefühle schwach anzudeuten.

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Seit vielen Jahren waren der Eifer des englischen Tory
Stimmung der
für die erbliche Monarchie und sein Eifer für die
protestantischen
Staatskirche nebeneinander aufgewachsen und hatten
Tories.
sich gegenseitig gekräftigt. Nie war es ihm in den
Sinn gekommen, daß diese beiden unzertrennlich und sogar identisch
scheinenden Gefühle sich eines Tages nicht nur als verschieden, sondern
sogar als unverträglich erweisen könnten. Seit dem Beginn des Streites
zwischen den Stuarts und den Gemeinen waren die Sache der Krone und
die Sache der Hierarchie allem Anscheine nach Eins gewesen. Die Kirche
hatte Karl I. als ihren Märtyrer betrachtet. Wenn Karl II. gegen sie
complottirt hatte, so hatte er es nur im Geheimen gethan. Öffentlich hatte er
sich stets als ihren dankbaren und ergebenen Sohn erklärt, hatte an ihren
Altären gekniet und es war ihm bei aller seiner Sittenlosigkeit gelungen, der
großen Masse ihrer Anhänger einzureden, daß er eine aufrichtige Vorliebe
für sie hege. Welche Kämpfe der ehrliche Kavalier daher auch gegen Whigs
und Rundköpfe zu bestehen gehabt hatte, er war bisher wenigstens nicht
durch Kämpfe in seiner eigenen Brust beunruhigt worden. Er hatte den Pfad
der Pflicht klar vor sich gesehen. Er mußte im Glück wie im Unglück der
Kirche und dem Könige treu bleiben. Wenn nun aber diese beiden
erhabenen und ehrwürdigen Mächte, welche bisher so eng mit einander
verbunden zu sein schienen, daß wer der einen treu war, der andren nicht
untreu werden konnte, durch tödtliche Feindschaft getrennt wurden,
welchen Weg sollte dann der orthodoxe Royalist gehen? Konnte es eine
schwerere Prüfung für ihn geben, als die ihm dann bevorstehende: zwischen
zwei gleich heiligen Pflichten, zwischen zwei gleich starken Sympathien
hin und her geworfen zu werden? Wie sollte er dem Kaiser geben was des
Kaisers war, ohne Gott einen Theil dessen zu entziehen, was Gottes war?
Wer diese Gefühle hegte, konnte den Streit zwischen dem Könige und dem
Parlamente in der Testfrage nicht ohne tiefe Betrübniß und düstere
Ahnungen verfolgt haben. Wenn Jakob wenigstens jetzt noch bewogen
werden konnte, sein Verfahren zu überlegen, die Häuser wieder
einzuberufen und sich ihren Wünschen zu fügen, so konnte noch Alles gut
gehen.
Dies waren die Gedanken zweier Verwandten des Königs, der Earls von
Clarendon und von Rochester. Die Macht und die Gunst dieser beiden

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Edelleute schienen in der That groß zu sein. Der jüngere Bruder war
Lordschatzmeister und Premierminister, der ältere war, nachdem er einige
Monate das Geheimsiegel verwahrt hatte, zum Lordlieutenant von Irland
ernannt worden. Der ehrwürdige Ormond trat auf die nämliche Seite.
Middleton und Preston, welche als Führer des Hauses der Gemeinen
neuerdings aus Erfahrung gelernt hatten, wie theuer die Staatskirche der
loyalen Gentry Englands war, stimmten ebenfalls für gemäßigte Beschlüsse.
Gleich zu Anfang des neuen Jahres erfuhren diese Staatsmänner und die
große Partei, die sie repräsentirten, eine tiefe Kränkung. Daß der
verstorbene König im Herzen ein Katholik gewesen, war zwar seit einigen
Monaten vermuthet und leise angedeutet, aber doch noch nicht förmlich
angekündigt worden. Allerdings mußte diese Eröffnung auch großes
Ärgerniß erregen. Karl hatte sich unzählige Male für einen Protestanten
erklärt und hatte das Abendmahl stets von Bischöfen der Staatskirche
empfangen. Diejenigen Protestanten, die im Unglück treu zu ihm gehalten
und ihm noch immer ein liebevolles Andenken bewahrten, mußten mit
Scham und Unwillen erfüllt werden, wenn sie erfuhren, daß sein ganzes
Leben eine Lüge gewesen war, daß er, während er vorgab, ihrem Bunde
anzugehören, in Wirklichkeit sie als Ketzer betrachtete, und daß die
Demagogen, die ihn als einen verkappten Papisten dargestellt, die Einzigen
gewesen waren, die seinen Character richtig beurtheilt hatten. Selbst
Ludwig begriff den Stand der öffentlichen Meinung Englands hinreichend,
um einzusehen, daß die Enthüllung der Wahrheit schaden könne und hatte
daher aus eigenem Antriebe versprochen, Karl’s Übertritt streng geheim zu
halten. 45 So lange Jakob’s Macht noch neu war, hatte er es für rathsam
gehalten, in diesem Punkte vorsichtig zu sein, und es nicht gewagt, seinen
Bruder nach dem Gebrauche der römischen Kirche begraben zu lassen. Eine
Zeit lang stand es daher einem Jeden frei, zu glauben, was er wollte. Die
Papisten nahmen den verewigten Fürsten als ihren Proselyten in Anspruch,
die Whigs verwünschten ihn als einen Heuchler und Renegaten, die Tories
hielten das Gerücht von seinem Abfall für eine Verleumdung, deren
Verbreitung aus verschiedenen Gründen im gemeinschaftlichen Interesse
der Papisten und der Whigs lag.
45. Ludwig an Barillon, 10.(20.) Febr. 1685/86.

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Jakob that nun einen Schritt, der die ganze
Veröffentlichung
anglikanische Partei bestürzt machte. In Karl’s
hinterlassener
Cassette hatten sich zwei Aufsätze gefunden, in denen
Papiere Karl’s II.
in gedrängter Kürze die Gründe entwickelt waren,
welche die Katholiken in ihrer Polemik gegen die Protestanten geltend zu
machen pflegten, und sie waren als von Karl eigenhändig geschrieben
erkannt worden. Diese Papiere zeigte Jakob triumphirend mehreren
Protestanten und erklärte, daß seines Wissens sein Bruder als Katholik
gelebt habe und gestorben sei. 46 Einer der Männer, denen die
Handschriften vorgelegt wurden, war der Erzbischof Sancroft. Er las sie tief
bewegt und sagte nichts. Dieses Stillschweigen war einzig und allein die
natürliche Wirkung eines Kampfes zwischen Respect und Verdruß. Jakob
aber glaubte, der Primas sei vor der unwiderstehlichen Gewalt der
angeführten Gründe verstummt und forderte Se. Gnaden dringend auf, mit
Hülfe der ganzen Bischofsbank eine befriedigende Antwort zu entwerfen.
„Legen Sie mir eine gründliche, in schicklichem Tone gehaltene Antwort
vor,“ sagte er, „und sie kann die von Ihnen so sehr gewünschte Wirkung
haben, mich zum Übertritt in den Schooß Ihrer Kirche zu bestimmen.“ Der
Erzbischof entgegnete gelassen, daß seiner Meinung nach eine solche
Antwort leicht zu schreiben sei, lehnte aber die Polemik unter dem
Vorwande der Ehrfurcht vor dem Gedächtniß seines entschlafenen
Gebieters ab. Diesen Grund hielt der König für die Ausflucht eines
geschlagenen Disputanten. 47 Wäre er mit der polemischen Literatur der
letzten hundertfünfzig Jahre vertraut gewesen, so würde er gewußt haben,
daß die Aufsätze, auf die er so großes Gewicht legte, von jedem
fünfzehnjährigen Knaben des Gymnasiums von Douay hätten verfaßt
werden können, und daß sie nichts enthielten, was nach der Überzeugung
aller protestantischen Geistlichen nicht schon zehntausendmal widerlegt
und entkräftet war. In seinem unwissenden Enthusiasmus befahl er, daß
diese Abhandlungen mit der prächtigsten typographischen Ausstattung
gedruckt werden sollten, und fügte denselben, eine durch seine
eigenhändige Unterschrift bekräftigte Erklärung bei, daß die Originale von
seines Bruders eigener Hand seien. Er vertheilte die ganze Auflage unter
seine Höflinge und unter die geringeren Leute, die sich um seinen Wagen
drängten. Ein Exemplar schenkte er einem jungen Frauenzimmer niederen
Standes, von der er glaubte, daß sie seine religiöse Überzeugung theile, und

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versicherte sie, daß sie durch die Lectüre höchlich erbaut und getröstet
werden würde. Zum Lohn für seine Güte überreichte sie ihm einige Tage
darauf einen Brief, durch den sie ihn beschwor, das mystische Babylon zu
verlassen und den Becher der Hurerei von seinen Lippen zu stoßen. 48
46. Evelyn’s Diary, Oct. 2. 1685.
47. Clarke’s Life of James the Second, II. 9. Orig. Mem.
48. Leeuwen, vom 1.(11.) und 12.(22.) Jan. 1686. So lang und abgeschmackt der Brief auch war,
hielt man ihn doch für werth, als ein Zeichen der Zeit den Generalstaaten übersandt zu werden.

Diese Dinge machten die der Staatskirche
Stimmung der
angehörenden Tories sehr besorgt; nicht weniger
achtungswerthen
unzufrieden damit war der achtungswerthere Theil
Katholiken.
des katholischen Adels. Es wäre in der That zu
entschuldigen gewesen, wenn die Leidenschaft sie bei dieser Gelegenheit
taub gemacht hätte gegen die Stimme der Klugheit und Gerechtigkeit, denn
sie hatten viel gelitten. Die Eifersucht der Protestanten hatte sie des Ranges
entsetzt, zu dem sie geboren waren, hatte den Erben von Baronen, welche
die Magna Charta unterzeichnet die Thüren des Parlamentshauses
verschlossen, hatte das Commando über eine Compagnie Infanterie als
einen zu hohen Posten für die Nachkommen von Generälen erklärt, welche
bei Flodden und Saint-Quentin gesiegt hatten. Es gab kaum einen dem alten
Glauben anhängenden vornehmen Peer, dessen Ehre, Vermögen und Leben
nicht in Gefahr gewesen wäre, der nicht Monate lang im Tower zugebracht,
der nicht oft das Schicksal Stafford’s für sich selbst gefürchtet hätte.
Männern, die so lange und so herzlos unterdrückt worden waren, hätte man
es wohl verzeihen können, wenn sie die erste Gelegenheit, um zu gleicher
Zeit Ansehen zu erlangen und Rache zu üben, begierig ergriffen hätten.
Aber weder Fanatismus, noch Ehrgeiz, weder der Groll wegen früher
erlittenen Unrechts, noch der durch plötzliches Glück verursachte Rausch
konnte den ausgezeichnetsten Katholiken die Einsicht nehmen, daß das
Glück, dessen sie sich endlich erfreuten, nur vorübergehend war und daß es
ihnen verderblich werden könnte, wenn sie nicht einen weisen Gebrauch
davon machten. Schmerzliche Erfahrungen hatten sie belehrt, daß die
Abneigung der Nation gegen ihren Glauben nicht eine bloße Laune sei, die

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der Befehl eines Fürsten vertreiben könne, sondern vielmehr ein
tiefwurzelndes Gefühl, das Erzeugniß von fünf Generationen, durch alle
Klassen und Parteien verbreitet und mit den Grundsätzen der Tories nicht
minder eng verflochten, als mit denen der Whigs. Allerdings lag es in der
Macht des Königs, durch Ausübung seines Begnadigungsrechts die
Wirkung des Strafgesetzes zu suspendiren. Es konnte ihm durch
behutsames Verfahren mit der Zeit gelingen, vom Parlamente die
Aufhebung der Gesetze zu erwirken, welche die Bekenner seines Glaubens
für nicht zulässig zu öffentlichen Ämtern erklärten. Aber wenn er es
versuchte, die protestantische Gesinnung Englands durch rohe Gewaltmittel
zu ersticken, so ließ sich leicht voraussehen, daß dem heftigen Drucke auf
eine so starke und elastische Feder ein eben so heftiger Rückschlag folgen
werde. Durch voreilige Versuche, den Weg in den Geheimen Rath und in
das Haus der Lords zu erzwingen, konnten die katholischen Peers ihre
Schlösser und ihre großen Besitzungen verlieren und in die Lage kommen,
daß sie ihr Leben als Verräther auf Towerhill oder als Bettler an den Thüren
italienischer Klöster enden mußten.
So dachte Wilhelm Herbert, Earl von Powis, welcher damals allgemein als
das Haupt der römisch-katholischen Aristokratie betrachtet wurde und der,
nach Oates’ Aussage, für den Fall des Gelingens der papistischen
Verschwörung zum Premierminister bestimmt war. Johann Lord Bellasyse
hatte ganz die nämliche Ansicht von der Sache. Er hatte in seiner Jugend
tapfer für Karl I. gefochten, war nach der Restauration mit hohen
Ehrenstellen und Commandos belohnt worden und hatte diese nach
Erlassung der Testacte niedergelegt. Mit diesen ausgezeichneten Führern
stimmten alle vornehmsten und reichsten Mitglieder ihrer Kirche überein,
ausgenommen Lord Arundell von Wardour, ein alter Mann, der schon
anfing kindisch zu werden.

Es gab jedoch am Hofe eine kleine Anzahl
Cabale heftiger
Katholiken, an deren Herzen vergangene Unbill
Katholiken.
nagte, denen ihre neuerliche Erhebung den Kopf
verrückt hatte, die es nicht erwarten konnten, die höchsten Ehrenstufen im

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Staate zu erklimmen und denen der Gedanke an einen Tag der
Wiedervergeltung wenig Sorge machte, da sie nicht viel zu verlieren hatten.

Einer von diesen war Roger Palmer, Earl von
Castelmaine.
Castelmaine in Irland, Gemahl der Herzogin von
Cleveland. Es war notorisch, daß er seinen Titel mit seiner eignen und
seiner Gemahlin Entehrung erkauft hatte. Er besaß nur ein unbedeutendes
Vermögen und sein von Natur unfreundlicher Character war durch
häusliche Zwistigkeiten, durch öffentliche Vorwürfe und durch die in den
Tagen des papistischen Complots erduldeten Leiden noch mehr verbittert
worden. Nachdem er lange in Gefangenschaft zugebracht, war ihm endlich
der Prozeß auf Tod und Leben gemacht worden. Zu seinem Glück wurde er
erst als die Wuth des Volks sich einigermaßen gelegt hatte und der Credit
der falschen Zeugen erschüttert war, vor Gericht gestellt. So war er mit
knapper Noth dem Tode entgangen. 49
49. Siehe seinen Prozeß in der Collection of State Trials und sein 1681 gedrucktes
merkwürdiges Manifest.

Mit Castelmaine eng befreundet war einer der
Jermyn.
bevorzugtesten von den hundert Liebhabern seiner
Frau, Heinrich Jermyn, den Jakob kürzlich mit dem Titel Lord Dover zum
Peer erhoben hatte. Jermyn hatte sich vor mehr als zwanzig Jahren durch
seine Liebeshändel und verzweifelten Duelle ausgezeichnet, war jetzt durch
das Spiel zu Grunde gerichtet und strebte eifrig danach, seinen zerrütteten
Finanzen durch einträgliche Stellen, von denen ihn das Gesetz ausschloß,
wieder aufzuhelfen. 50
50. Mémoires de Grammont; Pepys’s Diary, Aug. 19. 1662; Bonrepaux an Seignelay,
1.(11.) Febr. 1686.

Zu der nämlichen Partei gehörte ein ränkevoller
White.
unternehmender Irländer, Namens White, der viel im
Auslande zugebracht, dem Hause Österreich als ein Zwitterding von

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Gesandten und Spion gedient hatte und für seine Dienste mit dem Titel
eines Marquis von Albeville belohnt worden war. 51
51. Bonrepaux an Seignelay, 1.(11.) Febr. 1686.

Bald nach der Prorogation erhielt diese verwegene
Tyrconnel.
Partei eine wichtige Verstärkung. Richard Talbot, Earl
von Tyrconnel, der Heftigste und Unbeugsamste von Allen, welche die
Freiheiten und die Religion Englands haßten, kam von Dublin am Hofe an.
Talbot stammte aus einer alten normännischen Familie, die lange in
Leinster ansässig gewesen, dort in Verfall gerathen war, die Sitten der
Celten angenommen hatte, gleich diesen der alten Religion anhing und sich
bei dem Aufstande von 1641 denselben angeschlossen hatte. In seiner
Jugend war er einer der bekanntesten Schwindler und Raufbolde Londons
gewesen. Als Karl und Jakob in Flandern in der Verbannung lebten, war er
ihnen als ein Mann vorgestellt worden, der zu dem abscheulichen Dienste,
den Protector zu ermorden, geschickt und bereit war. Bald nach der
Restauration versuchte es Talbot, durch einen noch schändlicheren Dienst
die Gunst der königlichen Familie zu erlangen. Man bedurfte eines
Vorwandes, um den Herzog von York deshalb zu rechtfertigen, daß er das
Eheversprechen brach, durch welches er von Anna Hyde den höchsten
Beweis von weiblicher Liebe erlangt hatte. Talbot unternahm es in
Verbindung mit einigen seiner ausschweifenden Genossen, einen solchen
Vorwand zu liefern. Es wurde verabredet, die junge Dame als ein Geschöpf
ohne Tugend, Scham und Ehrgefühl darzustellen und einen langen Roman
von zärtlichen Zusammenkünften und heimlichen Gunstbezeigungen zu
erdichten. Talbot insbesondere erzählte, wie er bei einem seiner heimlichen
Besuche so unglücklich gewesen sei, das Dintenfaß des Kanzlers über einen
Stoß von Papieren zu schütten und wie geschickt sie der Entdeckung
dadurch vorgebeugt habe, daß sie die Schuld an dem Unfalle auf ihren
Affen schob. Diese Geschichten, die, selbst wenn sie wahr gewesen wären,
nur über die Lippen des gemeinsten Menschen hätten kommen können,
waren reine Erfindungen. Talbot war auch bald genöthigt, dies
einzugestehen, und er that es ohne zu erröthen. Die verleumdete Dame
wurde Herzogin von York. Wäre ihr Gemahl ein wirklich rechtschaffener

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und ehrenwerther Mann gewesen, so würde er die Schurken, die sie
verleumdet hatten, mit Entrüstung und Verachtung aus seiner Nähe verbannt
haben. Aber es war eine characteristische Eigenheit Jakob’s, daß er eine
auch noch so schändliche und gemeine Handlung nicht für verwerflich
hielt, wenn sie in der Absicht begangen war, seine Gunst zu gewinnen.
Talbot hatte nach wie vor Zutritt bei Hofe, erschien täglich mit frecher Stirn
vor der Fürstin, die er hatte ins Verderben stürzen wollen und erhielt bald
den einträglichen Posten eines Hauptkupplers ihres Gemahls. Nicht lange
darauf wurde Whitehall plötzlich durch die Nachricht erschreckt, daß Dick
Talbot, wie er gewöhnlich genannt wurde, einen Plan zur Ermordung des
Herzogs von Ormond geschmiedet habe. Der Bravo wurde in den Tower
geschickt, aber schon nach wenigen Tagen stolzirte er wieder in den
Galerien umher und beförderte Briefchen zwischen seinem Gebieter und
den schamlosesten Hoffräuleins. Vergebens drangen ergraute und
besonnene Rathgeber in die königlichen Brüder, diesen abscheulichen
Menschen nicht zu begünstigen, dessen einzige Empfehlung sein
einnehmendes Äußere und sein guter Geschmack in der Kleidung sei;
Talbot war nicht nur willkommen im Palaste, wenn die Flasche oder der
Würfelbecher die Runde machten, sondern er wurde auch in Staats­‐
angelegen­heiten aufmerksam angehört. Er spielte die Rolle eines irischen
Patrioten und vertheidigte mit großer Unverschämtheit und zuweilen mit
Erfolg die Sache seiner Landsleute, deren Vermögen confiscirt worden war,
ließ sich aber jederzeit seine Dienste gut bezahlen und erwarb sich theils
durch den Handel mit seinem Einflusse, theils durch das Spiel, theils durch
Kuppelei ein Vermögen von dreitausend Pfund jährlicher Einkünfte. Denn
unter dem äußeren Scheine des Leichtsinns, der Verschwendung, der
Sorglosigkeit und der maßlosesten Unverschämtheit, war er der feilste und
schlaueste Mensch, den es geben konnte. Jetzt war er nicht mehr jung und
büßte mit schweren körperlichen Leiden die Ausschweifungen seiner
Jugend; aber weder Alter noch Krankheit hatten eine wesentliche Änderung
in seinem Character und in seinen Sitten hervorgebracht. So oft er den
Mund öffnete, tobte, fluchte und schwur er noch immer mit so rasender
Heftigkeit, daß flüchtige Beobachter ihn für den unbändigsten Wüstling
hielten. Der große Haufe begriff nicht, daß ein Mann, der selbst im
nüchternen Zustande sich prahlerischer und wüthender geberdete, als
Andere in der Trunkenheit, und der vollkommen unfähig zu sein schien,

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irgend eine Gefühlsregung zu verbergen oder ein Geheimniß zu bewahren,
in der Wirklichkeit ein kaltherziger, weitsehender und wohlberechnender
Speichellecker sein könne. Gleichwohl war Talbot solch ein Mensch. Seine
Heuchelei war von weit höherer und seltenerer Art als die, welche in
Barebone’s Parlament florirt hatte. Denn nicht Derjenige ist ein vollendeter
Heuchler, der seine Lasterhaftigkeit hinter einem Schein von Tugend zu
verbergen weiß, sondern Der, welcher das Laster, das er sich nicht scheut
offen zur Schau zu tragen, als Larve zur Verhüllung schwärzerer und
einträglicherer Laster benutzt, welche zu verbergen in seinem Interesse
liegt.
Nachdem Talbot von Jakob zum Earl von Tyrconnel erhoben war, hatte er
während der neun Monate zwischen dem Tode Karl’s und dem Beginn der
Lordstatt­halter­schaft Clarendon’s die Truppen in Irland befehligt. Als der
neue Lordlieutenant im Begriff war, sich von London nach Dublin zu
begeben, wurde der General von Dublin nach London berufen. Dick Talbot
war lange Zeit wohlbekannt gewesen auf dem ganzen Wege, den er
zurückzulegen hatte; es gab zwischen Chester und der Hauptstadt kein
Gasthaus, in welchem er nicht Händel gehabt hätte. Wohin er kam, preßte er
dem Gesetze zum Hohn Pferde, fluchte über die Köche und Postillone, und
veranlaßte durch seine unverschämten Rodomontaden fast Aufläufe. Die
Reformation, sagte er zu dem Volke, habe Alles ruinirt, aber es würden
schon wieder gute Zeiten kommen, die Katholiken würden bald wieder
obenauf sein und dann sollten die Ketzer für Alles bezahlen. So
unaufhörlich tobend und lästernd wie ein Besessener kam er am Hofe an. 52
Sobald er angelangt war, verband er sich auf das Engste mit Castelmaine,
Dover und Aldeville. Diese Leute schrieen einstimmig nach Krieg gegen
die Kirchen- und Staatsverfassung. Sie sagten ihrem Gebieter, daß er es
seiner Religion und der Würde seiner Krone schuldig sei, sich durch das
Geschrei der ketzerischen Demagogen nicht irre machen zu lassen und dem
Parlament gleich anfangs zu verstehen zu geben, daß er trotz aller
Opposition der Herr zu bleiben gedenke und die Opposition nichts Andres
bewirken werde, als ihn zu einem harten Herrn zu machen.
52. Mémoires de Grammont; Life of Edward, Earl of Clarendon; Correspondenz
Heinrich’s Earl von Clarendon an mehreren Stellen, besonders der Brief vom 29. Dec.
1685; Sheridan Mspte. unter den Stuart-Papieren; Ellis’ Correspondenz vom 12. Jan. 1686.

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Jede der beiden Parteien, in die der Hof gespalten
Gesinnung der
war, hatte eifrige ausländische Verbündete. Die
fremden
Gesandten Spaniens, des deutschen Reichs und der
Gesandten.
Generalstaaten waren jetzt eben so eifrig bemüht,
Rochester zu unterstützen, wie sie früher Halifax unterstützt hatten. Barillon
bot seinen ganzen Einfluß in entgegengesetzter Richtung auf, und er wurde
darin von einem im Range unter ihm stehenden, in Talenten aber ihm weit
überlegenen andren französischen Agenten unterstützt: von Bonrepaux.
Barillon war zwar nicht ohne diplomatische Befähigung und besaß in
hohem Grade die Liebenswürdigkeit und die feine Bildung, durch die sich
der damalige französische Adel auszeichnete. Aber sein Verstand war den
Anforderungen seines wichtigen Postens nicht gewachsen. Er war
phlegmatisch und bequem geworden, liebte gesellige Vergnügungen und
Tafelfreuden mehr als die Geschäfte und entwickelte bei wichtigen
Vorgängen gewöhnlich erst dann eine energische Thätigkeit, wenn er
Ermahnungen und selbst Verweise aus Versailles erhalten hatte. 53
Bonrepaux hatte sich durch die Umsicht und Thätigkeit, die er als Sekretär
bei der Marineverwaltung gezeigt, aus der Dunkelheit emporgeschwungen
und er galt für eingeweiht in die Geheimnisse der Handelspolitik. Zu Ende
des Jahres 1685 wurde er mit mehreren besonderen Aufträgen von hoher
Wichtigkeit nach London geschickt. Er sollte einen Handelsvertrag
anbahnen, sollte den Zustand der englischen Flotten und Werfte ermitteln
und darüber berichten, und endlich den hugenottischen Flüchtlingen, von
denen man voraussetzte, sie würden durch Mangel und Verbannung so
zahm geworden sein, daß sie fast jede Bedingung der Wiederaussöhnung
dankbar annehmen würden, gewisse Vorschläge machen. Der neue
Gesandte war plebejischen Ursprungs, seine Gestalt war zwergartig, sein
Gesicht lächerlich häßlich und sein Dialect der seiner gascognischen
Heimath; aber sein heller Verstand, sein seltener Scharfblick und sein
witziger Geist befähigten ihn ganz vorzüglich für seinen Posten. Trotz
seiner niederen Herkunft und seines abstoßenden Äußeren war er sehr bald
als ein höchst angenehmer Gesellschafter und gewandter Diplomat bekannt.
Während er mit der Herzogin von Mazarin scherzte, mit Waller und St.
Evremond wissenschaftliche Fragen erörterte und mit La Fontaine
correspondirte, wußte er sich eine genaue Kenntniß der englischen Staats­‐
angelegen­heiten zu erwerben. Seine Geschicklichkeit im Seewesen empfahl

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ihn Jakob, der schon seit vielen Jahren den Geschäften der Admiralität eine
große Aufmerksamkeit zugewendet hatte und diese Geschäfte so gut
verstand, als er überhaupt etwas zu verstehen fähig war. Sie unterhielten
sich Tag für Tag offen über den Zustand der Schiffe und der Werfte. Das
Resultat dieses intimen Verkehrs war, wie es sich erwarten ließ, daß der
kluge und wachsame Franzose Jakob’s Fähigkeiten und Character gründlich
verachten lernte. Er sagte, die Welt habe seine Großbritannische Majestät
weit überschätzt, denn sie besitze weniger Befähigung und nicht mehr
Tugenden als Karl. 54
Obgleich die beiden Gesandten Ludwig’s den nämlichen Zweck verfolgten,
so schlugen sie doch wohlweislich verschiedene Wege ein. Sie theilten sich
in den Hof; Bonrepaux verkehrte hauptsächlich mit Rochester und dessen
Umgebungen, Barillon stand namentlich mit der entgegengesetzten Partei in
Verbindung. Die Folge davon war, daß sie zuweilen das nämliche Ereigniß
von verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten. Die besten Aufschlüsse,
die es über den Streit giebt, welcher damals Whitehall bewegte, findet man
in ihren Depeschen.
53. Siehe seine spätere Correspondenz an mehreren Stellen; St. Evremond desgl.; die Briefe der Frau
von Sévigné zu Anfang des Jahres 1689. Auch vergleiche man die Instructionen für Tallard nach dem
Frieden von Ryswick, in den französischen Archiven.
54. Memoiren St. Simon’s, 1697, 1719; St. Evremond; La Fontaine; Bonrepaux an Seignelay, 28. Jan.
(7. Febr.) und 8.(18.) Febr. 1686.

Wie jede der beiden Parteien am Hofe Jakobs an
Spaltung
auswärtigen Fürsten eine Stütze hatte, so wurde auch
zwischen dem
jede von ihnen durch eine kirchliche Autorität, vor der
Papste und der
Jakob große Achtung hatte, unterstützt. Der Papst war
Gesellschaft Jesu.
für ein gesetzliches und gemäßigtes Verfahren und die
Organe seiner Ansichten waren der Nuntius und der apostolische Vikar. 55
Auf der andren Seite stand eine Körperschaft, deren Gewicht sogar dem
Gewichte des Papstthums gleichkam: der mächtige Jesuitenorden.
Daß sich bei dieser Gelegenheit diese beiden großen geistlichen Mächte,
welche einst untrennbar verbunden zu sein schienen, feindlich
gegenüberstanden, ist ein sehr wichtiger und bemerkenswerther Umstand.

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Während eines Zeitraums von mehr als tausend Jahren war die
Ordensgeistlichkeit die Hauptstütze des heiligen Stuhles gewesen. Dieser
Stuhl hatte sie gegen bischöfliche Einmischung beschützt und den ihnen
gewährten Schutz hatten sie reichlich vergolten. Ohne ihre Anstrengungen
wäre der Bischof von Rom wahrscheinlich nur das Ehrenoberhaupt einer
großen Prälaten-Aristokratie gewesen. Mit Hülfe der Benedictiner war
Gregor VII. im Stande, zu gleicher Zeit die fränkischen Kaiser und die
weltliche Priesterschaft zu bekämpfen. Mit Hülfe der Dominikaner und
Franziskaner vernichtete Innocenz III. die albigensischen Sectirer.
55. Adda, 16.(26.) Nov., 7.(17.) Dec. und 21.(31.) Dec. 1685. Adda giebt in diesen
Depeschen gewichtige Gründe für einen Vergleich durch Abschaffung der Strafgesetze und
Beibehaltung des Eides. Er nennt den Streit mit dem Parlamente eine „gran disgrazia“,
und deutet wiederholt an, der König habe durch ein verfassungsgemäßes Verfahren für die
Katholiken viel erlangen können, der Versuch aber, ihre Lage durch gesetzwidrige Mittel
zu verbessern, werde wahrscheinlich großes Unheil über sie bringen.

Im sechzehnten Jahrhundert wurde das Papstthum,
Der
das damals von neuen und furchtbareren Gefahren als
Jesuitenorden.
je zuvor bedroht war, durch einen neuen religiösen
Orden gerettet, der mit glühender Begeisterung erfüllt und mit
außerordentlichem Geschick organisirt war. Als die Jesuiten zur Rettung des
Papstthums erschienen, schwebte es in der größten Gefahr, aber von diesem
Augenblicke an wendete sich das Glück. Der Protestantismus, der während
eines ganzen Menschenalters Alles mit sich fortgerissen hatte, wurde in
seinem Fortschreiten gehemmt, und mit reißender Schnelligkeit vom Fuße
der Alpen bis an die Küsten der Ostsee zurückgetrieben. Der Orden bestand
noch keine hundert Jahre, so hatte er schon die ganze Welt mit Denkmalen
großer Thaten und Leiden für den Glauben erfüllt. Keine religiöse
Gemeinschaft konnte eine Liste so mannigfach ausgezeichneter Männer
aufweisen, keine andre hatte das Feld ihrer Thätigkeit zu solchem Umfange
erweitert und doch hatte in keiner jemals eine so vollkommene Einheit des
Denkens und Handelns geherrscht. Es gab keine Gegend des Erdballs, kein
Gebiet des wissenschaftlichen oder praktischen Lebens, auf dem nicht
Jesuiten zu finden waren. Sie leiteten die Beschlüsse der Könige; sie
entzifferten lateinische Inschriften; sie beobachteten die Bahnen der
Trabanten des Jupiter; sie gaben ganze Bibliotheken heraus: Polemik,

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Casuistik, Geschichte, Werke über Optik, alcäische Oden, Ausgaben der
Kirchenväter, Madrigals, Katechismen und Libelle. Die höhere Erziehung
der Jugend fiel fast ausschließlich in ihre Hände und wurde von ihnen mit
ausgezeichnetem Geschick geleitet. Sie hatten genau den Punkt entdeckt,
bis zu welchem man mit der geistlichen Bildung gehen kann, ohne geistige
Emancipation fürchten zu müssen. Selbst ihre Feinde mußten zugestehen,
daß sie in der Kunst, das jugendliche Gemüth zu leiten und zu bilden nicht
ihres Gleichen hatten. Daneben pflegten sie auch mit großem Eifer und
Erfolg die Kanzelberedtsamkeit. Mit noch größerem Eifer und noch
größerem Erfolge aber widmeten sie sich dem Dienste des Beichtstuhls.
Durch das ganze katholische Europa waren sie im Besitz der Geheimnisse
jeder Regierung und fast jeder hochstehenden Familie. Unter zahllosen
Gestalten, als elegante Kavaliere, als einfache Landleute und als
puritanische Prediger, schlichen sie aus einem protestantischen Lande in das
andre. Sie wanderten nach Ländern, zu deren Erforschung weder
merkantilische Habsucht noch wissenschaftliche Neugierde je einen
Fremden veranlaßt hatte. Man fand sie in Mandarinentracht in Peking als
Aufseher der Sternwarte; man fand sie mit dem Spaten in der Hand in
Paraguay, wo sie den Wilden in den Anfangsgründen des Ackerbaues
unterrichteten. Doch wo sie auch sein und was sie auch treiben mochten, ihr
Geist war stets und überall der nämliche: unbegrenzte Hingebung für die
gemeinsame Sache und unbedingter Gehorsam gegen die Centralgewalt.
Keiner von ihnen hatte seinen Aufenthaltsort oder seinen Beruf selbst
gewählt. Ob der Jesuit unter dem Polarkreis oder unter dem Äquator leben,
ob er seine Tage damit hinbringen sollte, im Vatikan Gemmen zu ordnen
und Handschriften zu vergleichen, oder damit, die Wilden der südlichen
Hemisphäre zu bitten, daß sie einander nicht auffressen mochten, dies
waren Fragen, deren Entscheidung er mit tiefster Unterwürfigkeit Anderen
überließ. Brauchte man ihn in Lima, so schwamm er mit der nächsten Flotte
auf dem Atlantischen Meere; wurde er in Bagdad gebraucht, so watete er
mit der nächsten Karawane durch den Sand der Wüste. Bedurfte man seiner
Dienste in einem Lande, wo sein Leben unsicherer war als das eines
Wolfes, wo es ein Verbrechen war, ihn zu beherbergen, und wo die auf den
öffentlichen Plätzen aufgesteckten Köpfe und Glieder seiner Brüder ihm
sagten, was er zu gewärtigen habe, so ging er ohne Murren und ohne
Zaudern seinem Schicksale entgegen. Dieser heldenmüthige Geist der

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Aufopferung ist noch jetzt nicht erloschen. Als in unseren Tagen eine neue
und furchtbare Seuche die Runde um die Welt machte, als in mehreren
großen Städten die Furcht alle Bande, die eine Gesellschaft
zusammenhalten, zerrissen, als die weltlichen Geistlichen ihre Heerden
verlassen hatten, als ärztlicher Verstand nicht mit Geld zu erkaufen war und
selbst die stärksten natürlichen Neigungen der Liebe zum Leben gewichen
waren, fand man den Jesuiten an dem Krankenlager, das Bischof und
Pfarrer, Arzt und Wärterin, Vater und Mutter verlassen hatten, zu den
verpesteten Lippen herabgeneigt, um den schwachen Hauch der letzten
Beichte zu erhaschen und dem verscheidenden bußfertigen Sünder das Bild
des sterbenden Erlösers bis zum letzten Augenblicke vorzuhalten.
Aber mit der der Gesellschaft Jesu eigenen bewundernswerthen Energie,
Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung waren große Fehler vermischt.
Es wurde, und nicht ohne Grund, behauptet, daß der glühende Gemeinsinn,
der den Jesuiten gleichgültig gegen seine Ruhe, seine Freiheit und sein
Leben machte, ihn auch eben so gleichgültig gegen Wahrheit und Mitleid
mache, daß kein Mittel ihm unerlaubt scheine, wenn es das Interesse seiner
Religion fördern konnte, und daß er unter dem Interesse seiner Religion nur
zu oft das Interesse seines Ordens verstehe. Es wurde behauptet, daß seine
Mitwirkung bei den abscheulichsten Intriguen und Verschwörungen, von
denen die Geschichte erzählt, deutlich zu erkennen sei, daß er, nur in der
Anhänglichkeit an seine Gesellschaft unwandelbar, in manchen Ländern der
gefährlichste Feind der Freiheit, in anderen der gefährlichste Feind der
Ordnung gewesen sei. Die großen Siege, die er in der Sache der Kirche
errungen zu haben sich rühmte, waren nach der Meinung vieler
ausgezeichneter Mitglieder dieser Kirche mehr scheinbar als wirklich. Er
hatte sich zwar mit anscheinend wundervollem Erfolge bemüht, die Welt
ihren Gesetzen zu unterwerfen, aber indem er dies gethan, hatte er zugleich
die Gesetze gelockert, um sie dem Geiste der Welt anzupassen. Anstatt sich
zu bestreben, die menschliche Natur auf die hohe, durch göttliche Lehre
und göttliches Beispiel bezeichnete Stufe zu erheben, hatte er diese Stufe
erniedrigt, bis sie sich unter dem Durchschnittsniveau der menschlichen
Natur befand. Er prahlte mit Massen von Bekehrten, welche in den fernen
Gegenden des Ostens getauft worden waren; aber es wurde berichtet, daß
Vielen dieser Bekehrten die Facta, auf die sich die ganze Glaubenslehre des

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Evangeliums gründet, arglistig verschwiegen worden seien und daß Andere
sich dadurch vor Verfolgung schützen könnten, daß sie vor den Bildern
falscher Götter niederknieten, während sie im Stillen Paternosters und Ave-
Marias beteten. Und solche Kunstgriffe sollten nicht blos in heidnischen
Ländern angewendet worden sein. Es war kein Wunder, daß Leute aller
Stände, und besonders die der höchsten, sich zu den Beichtstühlen der
jesuitischen Tempel drängten, denn Niemand verließ diese Beichtstühle
unbefriedigt. Hier war Allen der Priester Alles. Er zeigte eben nur so viel
Strenge, damit die vor seinem geistlichen Richterstuhle Knieenden nicht in
eine Dominikaner- oder Franziskanerkirche getrieben wurden. Wenn er ein
wahrhaft frommes Gemüth vor sich hatte, sprach er in dem heiligen Tone
der ersten Kirchenväter; aber bei dem sehr großen Theile der Menschen,
welche Religion genug haben, damit sie sich ängstigen, wenn sie etwas
Böses gethan haben, aber nicht genug, um das Böse zu meiden, befolgte er
ein ganz andres System. Da er sie nicht von der Schuld freisprechen konnte,
so war es sein Geschäft, sie vor der Reue zu bewahren. Er verfügte über
einen unerschöpflichen Vorrath schmerzstillender Mittel für verwundete
Gewissen. In den casuistischen Werken, die von seinen Brüdern
geschrieben und mit Bewilligung seiner Vorgesetzten gedruckt waren,
fanden sich Tröstungen für Sünder jeder Gattung. Der Bankerottirer wurde
belehrt, wie er, ohne eine Sünde zu begehen, sein Vermögen vor seinen
Gläubigern verheimlichen könne. Der Dienstbote wurde belehrt, wie er,
ohne eine Sünde zu begehen, mit dem Silberzeuge seines Herrn durchgehen
könne. Der Kuppler wurde versichert, daß ein Christ sich ohne Schuld
seinen Lebensunterhalt verschaffen könne, indem er zwischen einer
verheiratheten Frau und ihren Liebhabern Briefe und Aufträge befolgte. Der
stolze und empfindliche französische Edelmann wurde durch eine
Entscheidung zu Gunsten des Zweikampfes beruhigt. Der an eine
gemeinere und mehr im Dunklen schleichende Rache gewöhnte Italiener
erfuhr zu seiner Freude, daß er, ohne ein Verbrechen zu begehen, aus dem
Hinterhalte auf seinen Feind schießen könne. Dem Betruge war ein
Spielraum gelassen, der groß genug war, um den ganzen Werth
menschlicher Verträge und menschlichen Zeugnisses zu vernichten. In der
That, die menschliche Gesellschaft hielt nur deshalb noch zusammen, das
Leben und Eigenthum genoß nur deshalb noch einige Sicherheit, weil die
gesunde Vernunft und das natürliche Humanitätsgefühl die Menschen

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abhielt, das zu thun, was sie nach den Versicherungen der Gesellschaft Jesu
mit gutem Gewissen hätte thun können.
Der Character dieser berühmten Brüder war ein wunderliches Gemisch von
Gutem und Bösem und in dieser Mischung lag das Geheimniß ihrer
gigantischen Macht. Eine solche Macht hätten bloße Heuchler eben so
wenig als strenge Moralisten je erlangen können. Sie war nur Männern
erreichbar, die für die Verfolgung eines großen Zieles wahrhaft begeistert
und dabei gewissenlos in der Wahl der Mittel waren.
Anfangs waren die Jesuiten zu besondrem Gehorsam gegen den Papst
verpflichtet gewesen. Es war nicht weniger ihre Aufgabe gewesen, jede
Empörung im Schooße der Kirche zu unterdrücken, als die Angriffe ihrer
erklärten Feinde abzuwehren. Ihre Lehre war im höchsten Grade das, was
diesseits der Alpen ultramontan genannt worden ist und wich von der Lehre
Bossuet’s eben so sehr ab, wie von der Lehre Luther’s. Sie verdammten die
gallikanischen Freiheiten, den Anspruch öcumenischer Concile auf die
Beaufsichtigung des römischen Stuhles und den Anspruch der Bischöfe auf
unabhängigen Auftrag von Oben. Lainez erklärte in Trient im Namen der
ganzen Brüderschaft unter dem Beifalle der Creaturen Pius’ IV. und dem
Murren der französischen und spanischen Prälaten, daß Christus die
Herrschaft über die Gläubigen dem Papste allein übertragen habe, daß in
dem Papste allein alle priesterliche Autorität vereinigt sei und daß er allein
den Priestern und Bischöfen eine geistliche Autorität verleihen könne. 56
Viele Jahre lang hatte die Einigkeit zwischen den Päpsten und dem Orden
ungeschwächt fortbestanden. Wäre diese Einigkeit zu der Zeit, als Jakob II.
den Thron bestieg, noch nicht zerrissen gewesen, hätten die Jesuiten sowohl
als der Papst ihren Einfluß zu Gunsten einer gemäßigten und
verfassungtreuen Politik aufgeboten, so würde die große Revolution,
welche in kurzer Zeit die ganze Gestalt der europäischen Angelegenheiten
veränderte, wahrscheinlich nicht stattgefunden haben. Aber schon vor der
Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war die auf ihre Dienste stolze und auf
ihre Macht bauende Gesellschaft des Joches überdrüssig geworden. Es
stand eine Generation von Jesuiten auf, die lieber von dem französischen
als von dem römischen Hofe Schutz und Leitung annehmen wollte, und
diese Stimmung gewann nicht wenig an Stärke, als Innocenz XI. den
päpstlichen Thron bestieg.

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Die Jesuiten waren damals in einen erbitterten Kampf gegen einen Feind
verwickelt, den sie anfangs verachtet hatten, endlich aber mit Achtung und
Furcht zu betrachten genöthigt worden waren. Gerade als sie sich auf dem
Gipfel des Glücks befanden, wurden sie von einer Handvoll Gegner
herausgefordert, welche zwar keinen Einfluß auf die Beherrscher dieser
Welt ausübten, aber stark an religiösem Glauben und an geistiger Energie
waren. Es folgte ein langer, denkwürdiger und ruhmvoller Kampf des
Geistes gegen die Macht. Die Jesuiten riefen Kabinette, Tribunale und
Universitäten zu ihrem Beistande auf und sie gaben dem Rufe Gehör. Port
Royal appellirte nicht umsonst an die Herzen und an den Verstand von
Millionen. Die Dictatoren der Christenheit sahen sich plötzlich in der Lage
von Angeklagten. Sie wurden beschuldigt, den Maßstab der evangelischen
Sittlichkeit systematisch zu dem Zwecke herabgedrückt zu haben, um ihren
eigenen Einfluß zu erhöhen, und diese Beschuldigung wurde in einer Weise
hingestellt, welche mit einem Male die Aufmerksamkeit der ganzen Welt
fesselte, denn der Hauptankläger war Blaise Pascal. Er besaß Geistesgaben,
wie sie selten einem Menschenkinde verliehen worden sind, und die
Heftigkeit seines Feuereifers hatte sich in grausamen Kasteiungen und
Nachtwachen, unter denen sein erschöpfter Leib in ein frühes Grab sank,
nur zu wohl erprobt. Sein Geist war der Geist des heiligen Bernhard, aber
die Feinheit seines Witzes, die Reinheit, Kraft und Einfachheit seiner
Rhetorik haben nie ihres Gleichen gehabt, außer unter den großen Meistern
der attischen Beredtsamkeit. Ganz Europa las und staunte, lachte und
weinte. Die Jesuiten versuchten zu antworten, aber ihre schwachen
Entgegnungen wurden vom Publikum mit Hohngeschrei aufgenommen. Es
fehlte ihnen allerdings an keinem der Talente und an keiner der
Fertigkeiten, die dem Menschen durch ausgezeichneten Unterricht
eingelernt werden können; aber ein solcher Unterricht kann wohl die
Anlagen gewöhnlicher Köpfe entwickeln, das angeborne Genie aber wird er
eher ersticken, als entfalten. Es ward allgemein anerkannt, daß in dem
wissenschaftlichen Streite die Jansenisten den vollständigsten Sieg
davongetragen hatten. Den Jesuiten blieb nichts weiter übrig, als die Secte
zu unterdrücken, die sie nicht widerlegen konnten. Ludwig XIV. war jetzt
ihre Hauptstütze; sie hatten seine Überzeugungen von Jugend auf nach
ihren Willen geleitet und er hatte von ihnen gelernt, den Jansenismus eben
so sehr wie den Protestantismus und noch weit mehr als den Atheismus zu

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verabscheuen. Innocenz XI. dagegen neigte sich zu den jansenistischen
Ansichten. Die Folge von dem Allen war, daß sich die Gesellschaft Jesu in
einer Lage erblickte, an die ihre Gründer nie gedacht hatten. Die Jesuiten
waren dem Papste entfremdet und eng verbunden mit einem Fürsten, der
sich zum Beschützer der gallikanischen Freiheiten und zum Feinde der
ultramontanen Forderungen erklärte. So wurde der Orden in England ein
Werkzeug für Ludwig’s Pläne und arbeitete mit einem Erfolge, den die
Katholiken nachher lange und bitter bereuten, darauf hin, die Kluft
zwischen dem Könige und dem Parlamente zu erweitern, die Thätigkeit des
Nuntius zu durchkreuzen, die Macht des Lordschatzmeisters zu untergraben
und die verzweifelten Pläne Tyrconnel’s zu unterstützen.
So standen denn auf der einen Seite die Hyde mit der ganzen Masse der
toryistischen Anhänger der Staatskirche, Powis mit den achtungswerthesten
Edelleuten und Gentlemen von des Königs Glauben, die Generalstaaten, das
Haus Österreich und der Papst; auf der andren Seite einige römisch-
katholische Abenteurer mit zerrüttetem Vermögen und beflecktem Rufe,
unterstützt von Frankreich und den Jesuiten.
56. Fra Paolo, lib. VII.; Pallavicino, lib. XVIII. chap. 15.

Der Hauptrepräsentant der Jesuiten in Whitehall war
Pater Petre.
ein englischer Ordensbruder, der eine Zeit lang als
Viceprovinzial gedient hatte, von Jakob mit besonderer Gunst beehrt und
erst kürzlich noch zum Kabinetssekretär ernannt worden war. Dieser Mann,
Namens Eduard Petre, stammte aus einer achtbaren Familie. Er besaß
einnehmende Manieren, eine gewandte und zum Herzen dringende
Redeweise, war aber schwach und eitel, habsüchtig und ehrgeizig. Von allen
bösen Rathgebern, denen der König ein geneigtes Ohr lieh, hatte er
vielleicht den größten Antheil am Untergange des Hauses Stuart gehabt.

Der starrsinnige und herrschsüchtige Character des
Stimmung und
Königs kam Denjenigen, die ihm riethen fest zu
Ansichten des
bleiben, in nichts nachzugeben und sich gefürchtet zu
Königs.
machen, sehr zu Statten. In seinem beschränkten

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Kopfe hatte sich eine Staatsmaxime eingenistet, die durch keine
Vernunftgründe daraus zu vertreiben war. Er war überhaupt nicht gewohnt,
auf Vernunftgründe zu hören. Seine Methode der Beweisführung, wenn
man es so nennen darf, war von der Art, wie man sie bei beschränkten und
eigenwilligen Personen, welche nur Untergebene um sich zu haben gewohnt
sind, sehr häufig findet. Er stellte eine Behauptung auf, und wenn
verständigere Leute sich herausnahmen, ihm zu beweisen, daß er im
Irrthum war, so wiederholte er seine Behauptung mit den nämlichen Worten
und glaubte auf diese Weise alle Einwendungen entkräftet zu haben. 57 „Ich
mag keine Zugeständnisse machen“, sagte er oft: „mein Vater machte auch
Zugeständnisse und er wurde enthauptet“. 58 Wenn es auch wahr gewesen
wäre, daß Karl I. sich durch seine Nachgiebigkeit ins Verderben gestürzt, so
würde doch jeder verständige Mann eingesehen haben, daß eine einzige
Erfahrung selbst in viel weniger verwickelten Wissenschaften als die
Staatswissenschaft ist, nicht genügt, um eine allgemeine Regel
festzustellen, daß seit Erschaffung der Welt nicht zwei politische
Experimente unter völlig gleichen Bedingungen gemacht worden sind und
daß man auf keinem andren Wege aus der Geschichte Staatsklugheit
schöpfen kann, als indem man eine große Anzahl Fälle prüft und mit
einander vergleicht. Wenn indessen der einzelne Fall, auf den der König
sich stützte, überhaupt etwas bewies, so bewies er nur, daß der König
Unrecht hatte. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß, wenn Karl
dem Kurzen Parlamente, welches im Frühjahr 1640 zusammentrat, aus
freiem Antriebe nur die Hälfte der Zugeständnisse gemacht hätte, die er
wenige Monate später dem Langen Parlamente machte, er als ein mächtiger
König gelebt haben und gestorben sein würde. Auf der andren Seite kann es
nicht im geringsten bezweifelt werden, daß, wenn er sich geweigert hätte,
dem Langen Parlamente irgend ein Zugeständniß zu machen, und er zur
Vertheidigung des Schiffsgeldes und der Sternkammer die Waffen ergriffen
hätte, er Hyde und Falkland neben Hollis und Hampden in den feindlichen
Reihen gesehen haben würde. In Wahrheit aber würde er gar nicht im
Stande gewesen sein zu den Waffen zu greifen, denn es würden sich keine
zwanzig Kavaliere seiner Fahne angeschlossen haben. Nur seinen
ausgedehnten Zugeständnissen verdankte er die Unterstützung der großen
Masse von Kavalieren und Gentlemen, die so lange und so tapfer für seine

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Sache fochten. Doch es wäre ganz umsonst gewesen, Jakob diese Dinge
vorzustellen.
Außerdem war sein Geist noch in einem andren unseligen Irrthum
befangen, den er sich nicht nehmen ließ, bis er ihn ins Unglück gestürzt
hatte. Er glaubte steif und fest er könne thun was er wolle, die Mitglieder
der Staatskirche würden nach ihren Grundsätzen handeln. Es war, wie er
wußte, von zehntausend Kanzeln herab gepredigt und von der Universität
Oxford feierlich erklärt worden, daß selbst eine so fürchterliche Tyrannei
wie die der verderbtesten Cäsaren den Widerstand der Unterthanen gegen
die königliche Autorität nicht rechtfertige, und er war schwach genug,
hieraus den Schluß zu ziehen, daß die ganze Hauptmasse der toryistischen
Gentlemen und Geistlichen sich geduldig von ihm ausplündern, bedrücken
und verhöhnen lassen würde, ohne nur die Hand gegen ihn zu erheben. Man
sollte es kaum für möglich halten, daß ein Mann, der sein fünfzigstes
Lebensjahr zurückgelegt hatte, noch nicht dahinter gekommen war, daß die
Menschen zuweilen etwas thun, obgleich sie es als unrecht erkennen. Jakob
brauchte nur in sein eignes Herz zu blicken, um hinreichende Beweise dafür
zu erhalten, daß selbst ein starkes religiöses Pflichtgefühl den schwachen
Menschen nicht immer abhält, trotz aller göttlichen Gebote und auf die
Gefahr der furchtbarsten Strafen hin, seinen Leidenschaften zu fröhnen. Er
mußte wissen, daß er, obgleich er den Ehebruch für eine Sünde hielt,
dennoch ein Ehebrecher war; aber nichts vermochte ihn zu überzeugen, daß
ein Mensch, der den Aufruhr laut für sündlich erklärte, je einmal im
Nothfalle selbst ein Aufrührer werden konnte. Die Kirche Englands war
seiner Ansicht nach ein passives Opfer, das er ohne die mindeste Gefahr
nach Gutdünken mißhandeln und quälen konnte, und er sah seinen Irrthum
nicht eher ein, als bis die Universitäten Anstalt trafen, aus ihrem
Silbergeschirr Geld schlagen zu lassen, damit sie die Kriegskasse seiner
Feinde unterstützen konnten, und bis ein lange Zeit durch seine Loyalität
ausgezeichneter Bischof den Priesterrock abwarf, das Schwert um die
Lenden gürtete und das Commando eines Insurgenten­regiments übernahm.

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57. Ganz dieselbe Methode befolgte auch seine Tochter Anna, und Marlborough sagt, sie habe das
von ihrem Vater gelernt. — Vindication of the Duchess of Marlborough.
58. Wie zur Zeit des Prozesses der Bischöfe sagte Jacob beständig zu Adda, alles Unglück Karl’s I.
sei „per la troppa indulgenza“ über ihn gekommen. Depesche vom 29. Juni (9. Juli) 1688.

In diesen unseligen Täuschungen wurde der König
Sunderland
arglistigerweise durch einen Minister bestärkt, der
bestärkt den
Exclusionist gewesen war und sich noch immer einen
König in seinen
Protestanten nannte, den Earl von Sunderland. Die
Irrthümern.
Beweggründe und die Handlungsweise dieses
grundsatzlosen Staatsmannes sind oft irrig dargestellt worden. Er wurde bei
seinen Lebzeiten von den Jakobiten beschuldigt, daß er schon vor dem
Regierungsantritte Jakob’s eine Revolution zu Gunsten des Prinzen von
Oranien hervorzurufen beabsichtigt und daß er zu dem Ende eine Reihe von
Gewaltmaßregeln gegen die staatliche und kirchliche Verfassung des Reichs
anempfohlen habe. Diese grundlose Fabel ist bis auf unsere Tage von
unwissenden Schriftstellern nacherzählt worden. Aber kein gut
unterrichteter Geschichtsforscher, welches auch seine vorgefaßte Meinung
sein mochte, hat sich entschließen können, daran zu glauben, denn es liegt
durchaus kein Beweis dafür vor, und einsichtsvolle Männer würden sich
kaum durch irgend einen Beweis überzeugen lassen, daß Sunderland
absichtlich Schuld und Schande auf sich lud, um eine Veränderung
herbeizuführen, durch die er offenbar unmöglich etwas gewinnen konnte
und durch die er in der That nachher unermeßlichen Reichthum und Einfluß
verlor. Auch ist nicht der mindeste Grund zu einer so sonderbaren Annahme
vorhanden, denn das Wahre liegt klar auf der Hand. So krumm auch die
Wege dieses Mannes waren, das Gesetz, welches sie ihm vorzeichnete, war
sehr einfach. Sein Verfahren muß dem abwechselnden Einflusse der
Habgier und der Furcht auf einen für diese beiden Leidenschaften sehr
empfänglichen und mehr scharfsichtigen als weitsehenden Geist
zugeschrieben werden. Er wollte mehr Macht und mehr Geld haben. Mehr
Macht konnte er nur auf Unkosten Rochester’s erlangen, und das klar
vorliegende Mittel zur Erreichung dieses Zweckes war, daß er das
Mißfallen des Königs an Rochester’s gemäßigten Rathschlägen nährte.
Geld war am leichtesten und am reichlichsten vom Hofe von Versailles zu

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erlangen, und Sunderland eilte, sich diesem Hofe zu verkaufen, er hatte
keine heiteren und anständigen Laster, gegen Wein und Frauenschönheit
war er sehr gleichgültig; aber er besaß eine zügellose, unersättliche
Begierde nach Reichthum. Eine maßlose Spielwuth beherrschte ihn und war
durch ungeheure Verluste nicht vermindert worden. Er war der Erbe eines
großen Vermögens, hatte lange Zeit einträgliche Ämter bekleidet und kein
Mittel gescheut, wodurch er sie noch einträglicher machen konnte; aber sein
Unglück am Spieltisch war so groß, daß seine Güter von Tag zu Tag mit
immer neuen Schulden belastet wurden. In der Hoffnung, sich aus seinen
Verlegenheiten zu reißen, verrieth er Barillon alle gegen Frankreich
gerichteten Pläne, die im englischen Kabinet geschmiedet worden waren,
und gab zu verstehen, daß in solchen Zeiten ein Staatssekretär Dienste
leisten könne, welche gut zu bezahlen von Ludwig sehr weise gehandelt
sein würde. Der Gesandte sagte seinem Gebieter, daß sechstausend Guineen
die kleinste Gratification sei, die man einem so einflußreichen Minister
anbieten könne. Ludwig willigte ein bis zu fünfund­zwanzig­tausend Kronen
zu gehen, was ungefähr so viel als fünftausend­sechs­hundert Pfund Sterling
war. Man kam überein, daß Sunderland jährlich diese Summe erhalten und
dagegen seinen ganzen Einfluß aufbieten sollte, um die Wiedereinberufung
des Parlaments zu hintertreiben. 59
Er trat deshalb der jesuitischen Cabale bei und wußte den Einfluß derselben
so geschickt zu benutzen, daß er zum Nachfolger Halifax’ in der hohen
Stellung eines Lordpräsidenten ernannt wurde, ohne deshalb den viel
einflußreicheren und einträglicheren Posten als Staatssekretär aufgeben zu
müssen. 60 Er sah jedoch wohl ein, daß er nie hoffen konnte einen
überwiegenden Einfluß bei Hofe zu erlangen, so lange er noch für ein
Mitglied der Staatskirche galt. Ihm war jede Religion gleich, und er pflegte
in Privatzirkeln oft von den heiligsten Dingen mit einer empörenden
Geringschätzung zu sprechen. Er beschloß daher, dem Könige das
Vergnügen und den Ruhm zu verschaffen, eine Bekehrung zu Stande
gebracht zu haben. Die Sache mußte indessen mit Vorsicht und Geschick
angegriffen werden. Niemand ist völlig gleichgültig gegen die Meinung
seiner Nebenmenschen, und wenn sich auch Sunderland aus der Schande
wenig machte, so fürchtete er doch das Schimpfliche eines öffentlichen
Abfalles. Er spielte seine Rolle mit seltener Gewandtheit. Der Welt zeigte er

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sich als Protestanten; im königlichen Kabinet nahm er die Miene eines
ernsten Wahrheitsforschers an, der schon fast dahin gebracht war, sich für
römisch-katholisch zu erklären, und in Erwartung weiterer Erleuchtung
vorläufig schon geneigt war, den Bekennern des alten Glaubens jeden in
seiner Macht stehenden Dienst zu leisten. Jakob, der nie sehr scharfsichtig,
in religiösen Dingen aber völlig blind war, ließ sich trotz Allem, was er von
menschlicher Schurkerei, der Schurkerei der Höflinge im Allgemeinen und
der Schurkerei Sunderland’s im Besonderen erfahren hatte, zu dem Glauben
verlocken, daß die göttliche Gnade das falscheste und verstockteste aller
menschlichen Herzen gerührt habe. Viele Monate lang wurde der schlaue
Minister am Hofe für einen hoffnungsvollen Katechumenen gehalten, ohne
daß er deshalb in den Augen des Publikums als Renegat erschien. 61
Er machte den König in Zeiten darauf aufmerksam, daß es zweckmäßig
sein dürfte, einen geheimen Ausschuß von Katholiken zu bilden, der in
allen die Interessen ihres Glaubens berührenden Angelegenheiten Rath zu
ertheilen habe. Dieser Ausschuß versammelte sich bald in Chiffinch’s
Privatwohnung, bald in den amtlichen Gemächern Sunderland’s, der,
obgleich dem Namen nach noch Protestant, an allen ihren Berathungen
Theil nahm und bald ein entschiedenes Übergewicht über die anderen
Mitglieder erlangte. Jeden Freitag speiste die jesuitische Cabale bei dem
Staatssekretär. Bei Tafel herrschte eine sehr freie Unterhaltung und die
Schwächen des Fürsten, den die Verbündeten zu leiten hofften, wurden
dabei nicht geschont. Dem Petre versprach Sunderland den Cardinalshut,
Castelmaine eine glänzende Gesandtschaft in Rom, Dover ein einträgliches
Commando in der Garde und Tyrconnel eine hohe Stellung in Irland. So
durch die stärksten Bande des Interesses mit einander verbunden, gingen
diese Männer ans Werk, die Macht des Schatzmeisters zu stürzen. 62
59. Barillon, 16.(26.) Nov. 1685; Ludwig an Barillon, 26. Nov. (6. Dec.) In einem höchst
interessanten Schriftstück, das 1687 so gut als gewiß von Bonrepaux verfaßt wurde und sich jetzt in
den französischen Archiven befindet, wird Sunderland folgendermaßen geschildert: „La passion
qu’il a pour le jeu, et les pertes considérables qu’il y fait, incommodent fort ses affaires. Il
n’aime pas le vin; et il haït les femmes.“
60. Aus dem Geheimrathsbuche geht hervor, daß er seinen Präsidentenposten am 4. Dec. 1685 antrat.
61. Bonrepaux ließ sich nicht so leicht täuschen als Jakob: „En son particulier il (Sunderland) n’en
professe aucune (religion), et on parle fort librement. Ces sortes de discours seroient en

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exécration en France. Ici ils sont ordinaires parmi un certain nombre de gens du pais.“
Bonrepaux an Seignelay, 25. Mai (4. Juni) 1687.

62. Clarke’s Life of James the Second, II. 74, 77. Orig. Mem.; Sheridan MS.;
Barillon, March 19.(29.) 1686.

Es waren im Kabinet zwei protestantische Mitglieder,
Treulosigkeit
welche an dem Kampfe keinen thätigen Antheil
Jeffreys’.
nahmen. Jeffreys wurde um diese Zeit von einer
schmerzhaften inneren Krankheit gequält, die sich durch Unmäßigkeit
verschlimmert hatte. Bei einem Gastmahle, das ein reicher Alderman
einigen Regierungs­häuptern gab, waren der Lordschatzmeister und der
Lordkanzler dermaßen betrunken, daß sie sich fast splitternackt
auskleideten und nur mit Mühe abgehalten werden konnten, auf einen
Schildpfahl zu klettern, auf dem sie die Gesundheit Sr. Majestät ausbringen
wollten. Der fromme Schatzmeister kam mit dem bloßen Skandale davon,
der Kanzler aber bekam einen heftigen Anfall seines Übels. Eine Zeit lang
glaubte man sein Leben sei in ernster Gefahr. Jakob zeigte sich sehr
beunruhigt durch den Gedanken an den Verlust eines Ministers, der sich so
gut in ihn zu schicken wußte, und sagte, in gewissem Sinne mit Recht, daß
ein solcher Mann nicht leicht zu ersetzen sei. Als Jeffreys wieder genesen
war, versprach er beiden streitenden Parteien seine Unterstützung und
wartete es ab, welche von ihnen sich als siegreich erweisen würde. Einige
merkwürdige Beweise von seiner Doppelzüngigkeit sind noch vorhanden.
Wir haben schon erwähnt, daß die ehemals in London sich aufhaltenden
zwei französischen Agenten sich in den englischen Hof getheilt hatten.
Bonrepaux verkehrte beständig mit Rochester, Barillon mit Sunderland. In
einer und derselben Woche erfuhr Ludwig durch Bonrepaux, der Kanzler
sei ganz befreundet mit dem Schatzmeister, und durch Barillon, der Kanzler
habe sich mit dem Sekretär 63 verbündet.
63. Reresby’s Memoirs; Luttrell’s Diary, Feb. 2. 1685/86; Barillon, 4.(14.) Feb., 28.
Jan. (7. Feb.); Bonrepaux, 25. Jan. (4. Feb.)

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Der vorsichtige und schweigsame Godolphin that sein
Godolphin und
Möglichstes, um neutral zu bleiben. Seine Ansichten
die Königin.
und Wünsche waren allerdings für Rochester; aber
sein Amt nöthigte ihn, beständig in der Nähe der Königin zuzubringen, und
daher wollte er natürlich nicht gern auf gespanntem Fuße mit ihr stehen.
Man hat in der That Grund zu glauben, daß er mit einer romantischeren
Zuneigung an ihr hing, als sie gewöhnlich in dem Herzen ergrauter
Staatsmänner Platz findet, und Umstände, deren Erwähnung jetzt nöthig
wird, hatten sie gänzlich der jesuitischen Cabale in die Arme geworfen. 64
64. Dartmouth’s Note zu Burnet I. 621. In einer zeitgenössischen Satyre heißt es von Godolphin:
„Mit staatsklugem Kopf er sich in Alles schickte,
Wenn man ihm Muff und Handschuh nicht entrückte.“

Der König stand trotz seines unfreundlichen
Liebeshändel des
Charakters und seiner ernsten Haltung doch nicht viel
Königs.
weniger unter der Herrschaft weiblicher Reize, als
ehedem sein lebhafterer und liebenswürdigerer Bruder. Allerdings fragte
Jakob nicht viel nach der Schönheit, durch die sich die begünstigten Damen
Karl’s auszeichneten. Barbara Palmer, Eleonore Gwynn und Louise von
Quérouaille gehörten zu den schönsten Frauen ihrer Zeit. Jakob hatte schon
in früher Jugend um der unschönen Gesichtszüge der Anna Hyde willen
seiner Freiheit entsagt, war unter seinen Rang herabgestiegen und hatte sich
dadurch das Mißfallen seiner Familie zugezogen. Zum großen Ergötzen des
Hofes hatte er sich bald von seiner simplen Gemahlin durch eine noch
simplere Geliebte, Arabella Churchill, abziehen lassen. Seine zweite
Gemahlin hatte häufig Ursache, sich über seine Unbeständigkeit zu
beklagen, obgleich sie zwanzig Jahr jünger als er und von Gesicht wie von
Gestalt nicht häßlich war. Aber die stärkste von allen seinen unerlaubten
Neigungen war die, welche ihn an Katharine Sedley fesselte.

Diese Dame war die Tochter des Sir Karl Sedley,
Katharine Sedley.
eines der glänzendsten aber sittenlosesten
Schöngeister der Restauration. Die Schamlosigkeit seiner Schriften wird
nicht durch besondere Eleganz und Lebendigkeit der Sprache aufgewogen;

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aber der Zauber seiner Conversation wurde selbst von ernsten Männern, die
seinen Character nicht achteten, anerkannt. Es wurde als eine besondere
Gunst betrachtet, im Theater neben ihm zu sitzen und sein Urtheil über ein
neues Stück zu hören. 65 Dryden hatte ihm die Ehre erzeigt, ihn zu einer
Hauptperson in dem Gespräch über dramatische Dichtkunst zu machen,
Sedley’s Lebenswandel war von der Art, daß er selbst zu jener Zeit
Ärgerniß erregte. Einmal zeigte er sich nach einem schwelgerischen Gelage
ohne eine Spur von Kleidungsstück auf dem Balcon eines Gasthauses
unweit Coventgarden und haranguirte das vorübergehende Volk in einer so
unanständigen und gottlosen Sprache, daß er deshalb gerichtlich verfolgt,
zu einer schweren Geldbuße verurtheilt wurde und vom Gerichtshofe der
Kings Bench einen sehr nachdrücklichen Verweis erhielt. 66 Seine Tochter
hatte seine Talente und seine Schamlosigkeit geerbt. Körperliche Reize
besaß sie nicht, außer einem Paar blitzender Augen, deren Glanz jedoch
Männern von wirklich feinem Geschmack frech und unweiblich vorkam.
Von Gestalt und Gesicht war sie hager. Karl fand zwar Gefallen an ihrer
Unterhaltung, lachte aber über ihre Häßlichkeit und sagte die Priester
müßten sie seinem Bruder als Bußmittel empfohlen haben. Sie wußte sehr
wohl, daß sie nicht hübsch war und scherzte selbst über ihre Häßlichkeit.
Sonderbarerweise aber schmückte sie sich trotzdem sehr gern und machte
sich oft lächerlich, wenn sie mit Schönpflästerchen beklebt, geschminkt, in
brüsseler Spitzen gekleidet, von Diamanten strahlend und alle Reize eines
achtzehnjährigen Mädchens affectirend, im Theater erschien. 67
Welcher Art ihr Einfluß auf Jakob war, ist nicht leicht zu erklären. Er war
nicht mehr jung und ein religiöser Mann, oder wenigstens bereit, für seine
Religion Anstrengungen und Opfer aufzuwenden, vor denen die meisten
von Denjenigen, die man religiös nennt, zurückschrecken würden. Es muß
auffallend erscheinen, daß irgend welche Reize im Stande waren, ihn zu
einem Lebenswandel zu verleiten, den er als höchst strafbar betrachtet
haben muß; und in diesem Falle konnte man nicht einmal begreifen, wo der
Reiz lag. Katharine selbst war erstaunt über die Heftigkeit seiner
Leidenschaft. „Meine Schönheit kann es nicht sein“, sagte sie, „denn er
muß doch sehen, daß ich eben nicht schön bin; und mein Geist kann es auch
nicht sein, denn er hat nicht genug, um zu bemerken, daß ich welchen
habe.“

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Zur Zeit seines Regierungsantritts machte das Gefühl der auf ihn lastenden
neuen Verantwortlichkeit den König besonders empfänglich für religiöse
Eindrücke. Er faßte und äußerte viele gute Vorsätze, sprach öffentlich mit
großer Strenge von den gottlosen und ausschweifenden Sitten der Zeit und
versprach privatim der Königin und seinem Beichtvater, daß er Katharine
Sedley nicht mehr sehen wolle. Er ersuchte seine Maitresse schriftlich, die
Gemächer, die sie in Whitehall bewohnte, zu verlassen und ein Haus am St.
James Square zu beziehen, das auf seine Kosten prachtvoll für sie
eingerichtet worden war. Zu gleicher Zeit versprach er ihr einen hohen
Jahrgehalt aus seiner Chatulle. Die kluge, energische, unerschrockene und
sich ihrer Macht bewußte Katharine aber weigerte sich das Feld zu räumen.
Schon nach wenigen Monaten raunte man sich zu, daß Chiffinch’s Dienste
wieder in Anspruch genommen würden und daß die Maitresse häufig durch
die verborgene Thür aus- und eingehe, durch welche Pater Huddleston die
Hostie an Karl’s Bett gebracht hatte. Die protestantischen Minister des
Königs hofften wahrscheinlich, die Verblendung ihres Gebieters für dieses
Weib könne ihn von der weit gefährlicheren Verblendung heilen, die ihn
antrieb, ihre Religion anzugreifen. Sie besaß alle die Talente, die sie
befähigen konnten, mit seinen Gefühlen und seinen Gewissensscrupeln
Scherz zu treiben und ihm die Schwierigkeiten und Gefahren, in die er sich
kopfüber stürzte, mit den grellsten Farben auszumalen.
65. Pepys, 4. Oct. 1664.
66. Pepys, 1. Juli 1663.
67. Siehe Dorset’s satyrische Verse auf sie.

Rochester, der Vorkämpfer der Kirche, bemühte sich,
Intriguen
ihren Einfluß zu vergrößern. Ormond, der gewöhnlich
Rochester’s zu
als die personificirte Sittenreinheit und
Gunsten der
Hochsinnigkeit des englischen Kavaliers betrachtet
Katharine Sedley.
wird, unterstützte ebenfalls diesen Plan. Selbst Lady
Rochester schämte sich nicht, das Ihrige dazu beizutragen und zwar in der
abscheulichsten Weise. Ihre Aufgabe bestand darin, die Eifersucht der
beleidigten Gemahlin auf eine ganz unschuldige junge Dame zu lenken.
Dem ganzen Hofe fiel die Kälte und Härte auf, mit der die Königin dem

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armen Mädchen begegnete, auf welche der Verdacht geworfen war, aber die
Ursache der üblen Laune Ihrer Majestät war ein Geheimniß. Eine Zeit lang
wurde die Intrigue glücklich und unentdeckt fortgesponnen. Katharine sagte
dem Könige oft keck ins Gesicht, was die protestantischen Lords des
Geheimen Raths nur in den zartesten Ausdrücken leise anzudeuten wagten.
Seine Krone, sagte sie, sei in Gefahr, der alte kindische Arundell und der
großsprecherische Tyrconnel würden ihn ins Verderben führen. Es ist leicht
möglich, daß sie durch ihre Liebkosungen noch das erreicht haben würde,
was dem vereinten Zureden der Lords und Gemeinen, des Hauses
Österreich und des heiligen Stuhles nicht gelingen wollte, hätte nicht ein
sonderbarer Unfall die ganze Gestalt der Dinge verändert. Jakob beschloß
in einem Anfalle von Zärtlichkeit, seine Geliebte zur Gräfin von Dorchester
zu erheben. Katharine erkannte die ganze Gefährlichkeit eines solchen
Schrittes und lehnte die gehässige Ehre ab. Ihr Geliebter aber beharrte
darauf und drückte ihr selbst das Diplom in die Hand. Endlich nahm sie es
unter einer Bedingung an, welche ihr Vertrauen auf ihre Macht und seine
Schwäche beweist. Er mußte ihr das feierliche Versprechen geben, nicht daß
er sie nie verlassen, sondern nur daß er ihr in diesem Falle seinen Entschluß
selbst ankündigen und ihr eine Abschieds­zusammen­kunft gewähren wolle.
Sobald die Nachricht von ihrer Erhebung bekannt wurde, kam der ganze
Palast in Aufruhr. Das heiße italienische Blut kochte in den Adern der
Königin. Stolz auf ihre Jugend und ihre Reize, auf ihren hohen Rang und
ihre makellose Tugend konnte sie sich nicht ohne tiefen Schmerz und Zorn
um einer solchen Nebenbuhlerin willen verlassen und beleidigt sehen.
Rochester, der sich vielleicht erinnerte, wie geduldig sich Katharine von
Braganza nach kurzem Widerstreben darein gefügt hatte, die Maitresse
Karl’s höflich zu behandeln, hatte erwartet, daß auch Marie von Modena
nach ein wenig Murren und Schmollen so fügsam sein werde. Aber dem
war nicht so. Sie versuchte es gar nicht, die Heftigkeit ihrer empörten
Gefühle vor den Augen der Welt zu verbergen. Tag für Tag bemerkten die
Höflinge, welche herbeikamen, um sie speisen zu sehen, daß die Schüsseln
unberührt von ihrer Tafel wieder abgetragen wurden. Im Beisein
sämmtlicher Minister und Gesandten ließ sie ihren Thränen freien Lauf, und
zum Könige sprach sie mit wilder Heftigkeit. „Lassen Sie mich!“ rief sie
aus, „Sie haben Ihre Dirne zur Gräfin gemacht, machen Sie sie auch zur

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Königin, setzen Sie ihr meine Krone aufs Haupt. Nur gestatten Sie mir,
mich in einem Kloster zu verbergen, damit ich sie nicht mehr sehe.“ Dann
fragte sie ihn ein wenig ruhiger, wie er sein Benehmen mit seinen religiösen
Ansichten vereinigen könne. „Sie sind bereit“, sagte sie, „um Ihres
Seelenheils willen Ihr Königreich aufs Spiel zu setzen, und doch werfen Sie
Ihre Seele um eines solchen Geschöpfes willen weg.“ Pater Petre stimmte
auf den Knieen liegend in diese Vorstellungen ein. Dies war seine Pflicht,
und er erfüllte sie nur um so eifriger, da sie mit seinem Interesse
zusammenfiel. Der König fuhr noch eine Zeit lang fort zu sündigen und zu
bereuen. In seinen Stunden der Zerknirschung legte er sich strenge
Bußübungen auf. Marie bewahrte die Geißel, mit der er das ihr zugefügte
Leid an seinen eigenen Schultern schonungslos gerächt hatte, sorgfältig auf
bis an ihr Ende und vermachte sie dem Kloster von Chaillot. Nur
Katharinen’s Entfernung konnte diesem Kampfe zwischen schmachvoller
Liebe und schmachvollem Aberglauben ein Ziel setzen. Jakob bat sie und
befahl ihr schriftlich, abzureisen. Er leugnete es nicht, daß er ihr
versprochen habe, persönlich Abschied von ihr zu nehmen. „Aber“, setzte
er hinzu, „ich weiß nur zu gut, welche Gewalt sie über mich ausüben. Ich
werde nicht Seelenstärke genug haben, um meinen Vorsatz auszuführen,
wenn ich Sie sehe.“ Er bot ihr eine Yacht an, damit sie mit allen Ehren und
Bequemlichkeiten nach Flandern gehen könne, und drohte ihr, daß er sie
mit Gewalt entfernen lassen werde, wenn sie nicht gutwillig gehe. Einmal
suchte sie ihn dadurch zu erweichen, daß sie sich krank stellte. Dann nahm
sie die Miene einer Märtyrin an und nannte sich unverschämterweise eine
Dulderin für die protestantische Religion. Dann sprach sie wieder in dem
Style Johann Hampden’s. Sie forderte den König heraus, sie fortbringen zu
lassen, sie werde den Rechtsweg gegen ihn einschlagen, so lange die Magna
Charta und die Habeas-Corpus-Acte im Lande Gesetzeskraft hätten, werde
sie leben, wo es ihr gefalle. „Und vollends nach Flandern!“ rief sie, „dahin
gehe ich nimmermehr! Eines habe ich von meiner Freundin, der Herzogin
von Mazarin gelernt, und das ist, mich nie einem Lande anzuvertrauen, wo
es Klöster giebt.“ Endlich wählte sie Irland als Verbannungsort,
wahrscheinlich, weil der Bruder ihres Gönners Rochester dort Vicekönig
war. Nach langem Zögern reiste sie endlich ab und räumte so der Königin
das Feld. 68

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Die Geschichte dieser merkwürdigen Intrigue würde unvollständig sein,
wenn wir nicht hinzusetzten, daß noch eine religiöse Betrachtung existirt,
die der Lordschatzmeister mit eigner Hand an dem Tage niederschrieb, an
welchem sein Versuch, den König durch eine Concubine am Gängelbande
zu führen, von Bonrepaux nach Versailles berichtet wurde. Kein Werk
Ken’s oder Leighton’s athmet den Geist einer glühenderen und exaltirteren
Frömmigkeit als diese Herzensergießung. Heuchelei kann man hier nicht
vermuthen, denn der Aufsatz war offenbar nur für den Verfasser selbst
bestimmt und wurde erst veröffentlicht, als dieser schon über hundert Jahre
im Grabe lag. So viel wunderbarer als Dichtung ist oft die Geschichte, so
wahr ist es, daß die Natur Launen hat, welche die Kunst nicht nachzuahmen
wagt. Ein dramatischer Dichter würde es schwerlich wagen, einen am
Abend seines Lebens stehenden ernsten Fürsten auf die Bühne zu bringen,
der bereit wäre, seine Krone den Interessen seines Glaubens zu opfern, der
unermüdlich dahin wirkte, Proselyten zu machen, und der bei alledem eine
Gemahlin, mit Jugend und Schönheit begabt, um einer verworfenen
Maitresse willen, die keines von beiden besitzt, verließe und beleidigte.
Womöglich noch weniger würde ein dramatischer Dichter es wagen, einen
Staatsmann auf der Bühne darzustellen, der sich zu dem gemeinen und
entehrenden Amte eines Kupplers hergäbe, sich in diesem schmachvollen
Geschäft durch seine Gattin unterstützen ließe und sich dabei doch in seinen
Mußestunden in ein stilles Kämmerlein zurückzöge, um hier im
Verborgenen sein Herz in reuigen Thränen und frommen Stoßseufzern
gegen Gott auszuschütten. 69
68. Die Hauptquellen für die Geschichte dieser Intrigue sind die Depeschen von Barillon und
Bonrepaux vom Anfang des Jahres 1686. Siehe Barillon, 25. Jan. (4. Febr.), 28. Jan. (7. Febr.), 1.(11.)
Febr., 8.(18.) Febr. u. 19.(29.) Febr., und Bonrepaux unter den vier erstgenannten Daten. Ferner
Evelyn’s Diary, Jan. 19; Reresby’s Memoirs; Burnet, I. 682; Sheridan MS.; Chaillot MS. und
Adda’s Depeschen vom 22. Jan. (1. Febr.) u. 29. Jan. (8. Febr.) 1686. Adda schreibt wie ein frommer,
aber schwacher und unwissender Mann. Er kannte jedenfalls Jakob’s vergangenes Leben nicht.
69. Die Betrachtung ist datirt vom 25. Jan. (4. Febr.) 1685/86. Bonrepaux sagt in seiner Depesche
von dem nämlichen Tage: „L’intrigue avoit été conduite par Milord Rochester et sa femme ...
Leur projet étoit de faire gouverner le Roy d’Angleterre par la nouvelle comtesse. Ils s’étoint
assurés d’elle.“ Während Bonrepaux dies schrieb, schrieb Rochester Folgendes: „O Gott, lehre
mich meine Tage so zählen, daß ich mein Herz zur Weisheit lenke. Lehre mich die Tage zählen, die
ich in Eitelkeit und Müßiggang vergeudet, und lehre mich die zählen, die ich in Sünde und Schmach
verbracht habe. O Gott, lehre mich auch die Tage meiner Trübsal zählen und Dir für Alles danken,
was mir von Deiner Hand zugekommen ist. Lehre mich aber auch die Tage der irdischen Größe

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zählen, von der mir ein so großes Theil geworden ist, und lehre mich sie als Tage der Eitelkeit und
der Seelenpein betrachten.“

Der Schatzmeister überzeugte sich bald, daß er durch
Sinken von
Anwendung schimpflicher Mittel zur Erreichung
Rochester’s
eines lobenswerthen Zweckes nicht nur ein
Einfluß.
Verbrechen, sondern auch einen Fehler begangen
hatte. Die Königin war jetzt seine Feindin. Sie stellte sich zwar als höre sie
die Hyde, die ihr Benehmen so gut als möglich zu entschuldigen suchten,
freundlich an und behauptete sogar, daß sie zu Gunsten derselben ihren
Einfluß verwende; aber sie hätte mehr als ein Weib oder weniger sein
müssen, um wirklich die Verschwörung verzeihen zu können, welche die
Familie der ersten Gemahlin ihres Gatten gegen ihre Ehre und ihr
häusliches Glück angestiftet hatte. Die Jesuiten stellten dem Könige auf das
Eindringlichste vor, welcher Gefahr er mit genauer Noth entgangen war. Sie
sagten, sein Ruf, sein Frieden, sein Seelenheil sei durch die Ränke seines
Premierministers gefährdet worden. Der Nuntius, welcher gern dem
Einflusse der heftigen Partei entgegengearbeitet und sich den gemäßigten
Mitgliedern des Kabinets angeschlossen hätte, konnte sich ehrenhafter und
schicklicher Weise bei dieser Gelegenheit nicht von Pater Petre trennen.
Jakob selbst konnte, als das Meer zwischen ihm und den Reizen lag, die ihn
so unwiderstehlich bezaubert hatten, nur mit Unwillen und Verachtung auf
Diejenigen blicken, die ihn vermittelst seiner Laster hatten leiten wollen.
Das Geschehene mußte nothwendig die Wirkung haben, seine eigne Kirche
in seiner Achtung zu erhöhen, die englische Kirche dagegen zu erniedrigen.
Die Jesuiten, die man als die unsichersten aller geistlichen Führer
darzustellen gewohnt war, als Sophisten, welche das ganze System der
evangelischen Moral hinweg philosophirten, als Speichellecker, die ihren
Einfluß hauptsächlich der Nachsicht verdankten, mit der sie die Sünden der
Großen behandelten, hatten ihn durch so scharfen und kühnen Tadel, wie
ihn David von Nathan, und Herodes von dem Täufer hören mußte, von
einem schuldvollen Leben zurückgebracht. Dagegen hatten eifrige
Protestanten, deren Lieblingsthema die Lockerheit der papistischen
Casuisten und die Verwerflichkeit des Grundsatzes war, Böses zu thun,
damit Gutes daraus hervorgehe, es versucht, auf einem Wege, den alle

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Christen für höchst strafbar hielten, Vortheile für ihre Kirche zu erlangen.
Der Sieg der Cabale und der bösen Rathgeber war daher vollkommen. Der
König wurde kalt gegen Rochester; die Höflinge und die fremden
Gesandten bemerkten bald, daß der Lordschatzmeister nur noch dem
Namen nach Premierminister war. Er bot nach wie vor noch täglich seinen
Rath an, und erfuhr die Kränkung, ihn täglich zurückgewiesen zu sehen.
Dennoch konnte er sich nicht entschließen, den äußeren Schein von Macht
und die Einkünfte, welche er unmittelbar und mittelbar aus seinem hohen
Amte zog, aufzugeben. Er bemühte sich daher nach Kräften, seinen Verdruß
vor den Blicken des Publikums zu verbergen. Aber seine heftigen
Leidenschaften und seine Unmäßigkeit machten ihn für die Rolle eines
Heuchlers untauglich. Sein finstres Gesicht, wenn er aus dem
Geheimrathszimmer kam, verrieth deutlich seine Unzufriedenheit mit dem,
was in der Sitzung vorgegangen war, und wenn die Flasche einigemale die
Runde gemacht hatte, entschlüpften ihm Worte, aus denen man seinen
Ärger leicht errathen konnte. 70
Er hatte auch in der That Ursache, sich unbehaglich zu fühlen.
Unbesonnene und unpopuläre Maßregeln folgten rasch auf einander, jeder
Gedanke, zur Politik der Tripleallianz zurückzukehren, war aufgegeben.
Der König erklärte den Gesandten der Continentalmächte, mit denen er sich
noch kürzlich zu verbinden beabsichtigt hatte, ausdrücklich, daß alle seine
Ansichten sich geändert hätten und daß England auch fernerhin, wie unter
seinem Großvater, seinem Vater und seinem Bruder, von keiner Bedeutung
für das übrige Europa sein solle. „Ich bin nicht in der Lage,“ sagte er zu
dem spanischen Gesandten, „mich um das, was auswärts vorgeht, zu
kümmern. Ich habe beschlossen, die fremden Angelegenheiten ihren
eigenen Gang gehen zu lassen, meine Macht im Inlande zu befestigen und
etwas für meine Religion zu thun.“ Einige Tage darauf kündigte er die
nämlichen Entschließungen auch den Generalstaaten an. 71 Von diesem
Augenblicke an bis ans Ende seiner schmachvollen Regierung machte er
keinen ernsten Versuch mehr, sich der Abhängigkeit zu entreißen, obgleich
er bis zuletzt jedesmal in Wuth gerieth, wenn man ihn einen Vasallen
nannte.
Die beiden Ereignisse, welche dem Publikum bewiesen, daß Sunderland
und seine Partei gesiegt hatten, waren die Prorogation des Parlaments vom

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Februar bis zum Mai und die Abreise Castelmaine’s nach Rom mit dem
Gehalte eines Gesandten ersten Ranges. 72
Bisher waren alle Geschäfte der englischen Regierung am päpstlichen Hofe
von Johann Caryl versehen worden. Dieser Gentleman war unter seinen
Zeitgenossen als ein vermögender und fein gebildeter Mann, so wie als
Verfasser zweier beifällig aufgenommenen Schauspiele bekannt, einer
Tragödie in Versen, welche durch Betterton’s Spiel und Vortrag beliebt
geworden war, und eines Lustspiels, das seinen ganzen Werth einigen von
Molière entlehnten Scenen verdankt. Diese Stücke sind längst vergessen;
aber was Caryl selbst nicht für sich thun konnte, das hat ein gewaltigeres
Genie für ihn gethan. Eine halbe Zeile im „Lockenraub“ hat seinen Namen
unsterblich gemacht.
70. »Je vis Milord Rochester comme il sortoit du conseil fort chagrin; et, sur la fin du souper,
il lui en échappe quelque chose.« Bonrepaux, 18.(28.) Febr. 1686. Siehe auch Barillon, 1.(11.) u.
4.(14.) März.
71. Barillon, 22. März (1. April) u. 12.(22.) April 1686.
72. London Gazette, Feb. 11. 1685/86; Luttrell’s Diary, Feb. 8.; Leeuwen, 9.(19.); Clarke’s Life
of James the Second, II. 75. Orig. Mem.

Caryl, der wie alle übrigen achtbaren Katholiken, ein
Castelmaine wird
Feind aller Gewaltmaßregeln war, hatte seine
nach Rom
schwierige Aufgabe in Rom mit großer Einsicht und
gesandt.
richtigem Takt gelöst. Er besorgte die ihm
übertragenen Geschäfte vortrefflich, bekleidete aber keine öffentliche
Stellung und vermied sorgfältig allen Aufwand. Sein Posten bürdete daher
der Regierung fast gar keine pekuniäre Last auf und erregte fast gar kein
Murren. Jetzt wurde seine Stelle höchst unklugerweise durch eine
kostspielige und glänzende Gesandtschaft ersetzt, die dem englischen Volke
ein Dorn im Auge und dem römischen Hofe durchaus nicht willkommen
war. Castelmaine hatte den Auftrag, für seinen Verbündeten Petre einen
Cardinalshut zu verlangen.

Um die nämliche Zeit begann der König in unzweideutiger Weise seine
wirklichen Gesinnungen gegen die verbannten Hugenotten zu zeigen. So

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lange er noch gehofft hatte, sein Parlament in
Die Hugenotten
Fügsamkeit hineinzuschmeicheln und das Oberhaupt
werden von
einer europäischen Coalition gegen Frankreich zu
Jakob übel
werden, hatte er sich gestellt, als ob er die
behandelt.
Widerrufung des Edicts von Nantes tadelte und er die
Unglücklichen bemitleidete, welche durch Verfolgung aus ihrem Vaterlande
vertrieben worden waren. Er hatte bekannt machen lassen, daß mit seiner
Genehmigung in allen Kirchen des Reichs eine Collecte für sie veranstaltet
werden solle. Die betreffende Ankündigung war in Ausdrücken abgefaßt,
die den Stolz eines weniger empfindlichen und eitlen Fürsten als Ludwig
verletzt haben würden. Aber jetzt war Alles anders. Die Grundsätze des
Vertrags von Dover waren wieder die Grundsätze der auswärtigen Politik
Englands. Man entschuldigte sich demüthig wegen der Unhöflichkeit, der
sich die englische Regierung durch Begünstigung der verbannten Franzosen
gegen Frankreich schuldig gemacht. Der Aufruf, welcher Ludwig mißfallen
hatte, ward widerrufen 73, und den hugenottischen Geistlichen eingeschärft,
in ihren öffentlichen Vorträgen mit Ehrerbietung von ihrem Unterdrücker zu
sprechen, indem man sie widrigenfalls zur Verantwortung ziehen werde.
Jakob zeigte nicht nur keine Theilnahme mehr für die Dulder, sondern
erklärte sogar, daß er ihnen die schlimmsten Pläne zutraue und gestand, daß
er sich durch Unterstützung derselben eines Fehlers schuldig gemacht habe.
Einer der ausgezeichnetsten unter den Flüchtlingen, Namens Johann
Claude, hatte auf dem Festlande ein kleines Buch drucken lassen, in
welchem er die Leiden seiner Glaubensbrüder mit ergreifender
Beredtsamkeit schilderte. Barillon verlangte, daß diesem Buche irgend ein
Schandmahl aufgedrückt werde. Jakob willigte ein und erklärte in voller
Staatsrathssitzung, es sei sein Wille, daß Claude’s Libell vor der
königlichen Börse durch Henkershand verbrannt werden solle. Darüber
erschrak sogar Jeffreys und wagte es, dem Könige vorzustellen, daß ein
solches Verfahren ohne Beispiel sei, daß das Buch in einer fremden Sprache
geschrieben und auf einer fremden Presse gedruckt sei, daß es lediglich
Vorgänge bespreche, die sich in einem fremden Lande zugetragen, und daß
noch nie eine englische Regierung von derartigen Schriften Notiz
genommen habe. Jakob wollte jedoch von einer weitläufigen Erörterung der
Frage nichts wissen. „Mein Entschluß steht fest,“ sagte er. „Es ist Mode
geworden, die Könige unehrerbietig zu behandeln, und sie müssen einander

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beistehen. Ein König sollte stets für den andren Partei nehmen, und ich
habe besondere Gründe, dem Könige von Frankreich diesen Beweis von
Achtung zu geben.“ Die Räthe schwiegen nun still. Der Befehl wurde
unverzüglich erlassen und Claude’s Flugschrift nicht ohne lautes Murren
Vieler, welche stets für unerschütterlich loyal gegolten hatten, den Flammen
übergeben 74.
Die verheißene Collecte wurde unter verschiedenen Vorwänden lange
hinausgeschoben. Der König hätte gar zu gern sein Wort gebrochen, aber es
war so feierlich gegeben, daß er sich doch schämte, es zurückzunehmen 75.
Es wurde indessen nichts versäumt, was den Eifer der Gemeinden abkühlen
konnte. Man hatte erwartet, daß das Volk, wie es in solchen Fällen üblich
ist, von den Kanzeln herab zur Mildthätigkeit aufgefordert werden würde;
aber Jakob war entschlossen, keine Demonstrationen gegen seinen Glauben
und gegen seinen Verbündeten zu dulden. Der Erzbischof von Canterbury
erhielt daher Befehl, die Geistlichen in Kenntniß zu setzen, daß sie den
Erlaß einfach vorzulesen und sich alles Predigens über die Leiden der
französischen Protestanten zu enthalten hätten 76. Dessenungeachtet gingen
so reiche Beiträge ein, daß nach Abzug aller Kosten die Summe von
vierzigtausend Pfund Sterling in die Londoner Kammer bezahlt wurde. Es
hat vielleicht keine der großartigen Sammlungen unsrer Zeit in einem
ähnlichen Verhältniß zu dem Nationalvermögen gestanden 77.
Der König ärgerte sich heftig über das glänzende Ergebniß der Sammlung,
die in Folge seines eignen Aufrufs veranstaltet worden war. Er sagte, er
wisse wohl, was diese Freigebigkeit zu bedeuten habe, es sei nichts als
whiggistischer Trotz gegen ihn und seine Religion 78. Er hatte bereits
beschlossen, daß das Geld Denen, welche die Geber unterstützen wollten,
nicht zu Gute kommen solle. Schon seit mehreren Wochen verhandelte er
über diesen Gegenstand mit der französischen Gesandtschaft und hatte sich
unter Genehmigung des Hofes von Versailles zu einem Verfahren
entschieden, welches mit den Grundsätzen der Toleranz, deren Freund er
später zu sein behauptete, nicht wohl in Einklang zu bringen ist. Die
Flüchtlinge waren eifrig der calvinistischen Kirchenzucht und
Gottesverehrung zugethan. Jakob befahl daher, daß Keiner ein Stück Brod
oder einen Korb Kohlen erhalten solle, der nicht zuvor das Abendmahl nach
anglikanischem Ritus empfangen habe 79. Es ist sonderbar, wie ein Fürst,

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welcher vorgab, daß er die Testacte als eine gewaltsame Verletzung der
Gewissensfreiheit betrachte, eine so inhumane Verordnung ersinnen konnte;
denn so wenig es zu rechtfertigen sein mag, das Sakrament zum Prüfstein
der Tauglichkeit für Civil- und Militairämter zu machen, ist es doch
jedenfalls noch viel weniger zu rechtfertigen, eine solche Bedingung
vorzuschreiben, um danach zu bestimmen, wer in der äußersten Bedrängniß
der Mildthätigkeit würdig ist. Auch konnte Jakob nicht den Grund für sich
anführen, der zur theilweisen Entschuldigung fast aller anderen Verfolger
geltend gemacht werden kann, denn der Glaube, dessen Bekenntniß er den
Flüchtlingen bei Strafe des Verhungerns anbefahl, war nicht sein eigner
Glaube. Sein Verfahren gegen sie war daher viel weniger zu rechtfertigen
als das des Königs von Frankreich, denn dieser unterdrückte sie in der
Hoffnung, sie von verdammenswerther Ketzerei zum wahren Glauben
zurückzubringen, während Jakob sie nur in der Absicht unterdrückte, um sie
zum Übertritt von einer verdammenswerthen Ketzerei zur andren zu
zwingen.
Zur Vertheilung der eingegangenen Unter­stützungs­gelder wahren mehrere
Commissare ernannt worden, unter denen sich auch der Kanzler befand. Als
sie zum ersten Male zusammenkamen, kündigte ihnen Jeffreys den
königlichen Entschluß an. Die Flüchtlinge, sagte er, seien in zu großer
Mehrzahl Feinde der Monarchie und des Episcopats. Wenn sie
Unterstützung wünschten, so müßten sie Mitglieder der englischen Kirche
werden und das Abendmahl aus den Händen seines Kaplans empfangen.
Viele Verbannte, welche mit Gefühlen des innigsten Dankes und der
Hoffnung gekommen waren, um eine Unterstützung zu erbitten, vernahmen
das harte Urtheil und gingen mit gebrochenem Herzen wieder von
dannen 80.
73. Leeuwen, 23. Febr. (5. März) 1686.
74. Barillon, 26. April (6. Mai) u. 3.(13.) Mai 1686; Citters, 7.(17.) Mai; Evelyn’s Diary, May 5;
Luttrell’s Diary unter demselben Datum; Geheimrathsbuch unterm 2. Mai.
75. Lady Russell an Dr. Fitzwilliam, 22. Jan. 1686; Barillon, 15.(25.) Febr. u. 22. Febr. (4. März)
1686. Barillon sagt: „Ce prince témoigne une grande aversion pour eux, et aurait bien voulu
se dispenser de la collecte, qui est ordonnée en leur faveur: mais il n’a pas cru que cela fût
possible.“
76. Barillon, 22. Febr. (4. März) 1686.

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77. Bericht der Commissare v. 15. März 1688.
78. „Le Roi d’Angleterre connait bien que les gens mal intentionnés pour lui sont les plus
prompts et les plus disposés à donner considérablement... Sa Majesté Britannique connoit
bien qu’il auroit été à propos de ne point ordonner de collecte, et que les gens mal
intentionnés contre la réligion Catholique et contre lui se servent de cette occasion pour
témoigner leur zèle.“ — Barillon, 19.(29.) April 1686.
79. Barillon, 15.(25.) Febr., 22. Febr. (4. März), 19.(29.) April 1686; Ludwig an Barillon, 5.(15.)
März.
80. Barillon, 19.(29.) April 1686; Lady Russell an Dr. Fitzwilliam, 14. April. „Er schickte Viele mit
gebrochenem Herzen wieder fort,“ schreibt sie.

Jetzt rückte der Monat Mai heran, der zum
Das
Wiederzusammentritt der Kammern festgesetzt war;
Dispensationsrec
aber sie wurden aufs neue bis zum November
ht.
prorogirt 81. Es war kein Wunder, daß der König nicht
wieder mit ihnen zu thun haben wollte, denn er hatte beschlossen, hinfüro
eine Politik zu befolgen, von der er wohl wußte, daß sie ihnen im höchsten
Grade zuwider war. Er hatte von seinen Vorgängern zwei Hoheitsrechte
geerbt, deren Grenzen nie mit strenger Genauigkeit bestimmt worden waren
und die, wenn sie unbeschränkt ausgeübt worden wären, schon an sich
hingereicht haben würden, die ganze Verfassung des Staates und der Kirche
umzustürzen. Dies waren das Dispensationsrecht und das kirchliche
Supremat. Kraft des Dispensationsrechts beabsichtigte der König, römische
Katholiken nicht allein zu bürgerlichen und militairischen, sondern auch zu
kirchlichen Ämtern zuzulassen; vermöge des kirchlichen Supremats hoffte
er die anglikanische Geistlichkeit zu Werkzeugen der Vernichtung ihrer
eigenen Religion zu machen.
Dieser Plan entwickelte sich ganz allmälig. Es wurde nicht für rathsam
gehalten, von allem Anfang an den Katholiken insgesammt eine
Dispensation von allen den Gesetzen, welche Strafen und Eide auferlegten,
zu gewähren, denn daß eine solche Dispensation gesetzwidrig war, stand zu
fest. Die Cabale hatte 1672 eine allgemeine Indulgenzerklärung erlassen,
gegen welche die Gemeinen bei ihrem Zusammentritt sofort protestirt
hatten. Karl II. hatte sie in seiner Gegenwart kassiren lassen und die Häuser
sowohl mündlich als durch eine schriftliche Botschaft versichert, daß der
Schritt, der zu so vielen Klagen Anlaß gegeben habe, nie als geschehen

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betrachtet werden solle. Man würde schwerlich an irgend einem
Gerichtshofe einen renommirten Anwalt gefunden haben, der die
Vertheidigung eines Hoheitsrechtes übernommen hätte, auf welches der
Souverain wenige Jahre zuvor im vollen Parlament auf seinem Throne
feierlich verzichtet hatte. Weniger klar aber war es, daß der König nicht aus
besonderen Gründen Einzelnen eine ausnahmsweise Dispensation
bewilligen könne. Jakob strebte daher zunächst danach, von den
Gerichtshöfen des gemeinen Rechts die Anerkennung zu erlangen, daß er
wenigstens das Dispensationsrecht in diesem Umfange besitze.
81. London Gazette, May 13. 1685.

Aber obwohl seine Forderungen im Vergleich zu
Absetzung
denen, die er wenige Monate später stellte, mäßig
widerspenstiger
waren, so sah er doch bald, daß er die Meinung von
Richter.
beinahe ganz Westminsterhall gegen sich hatte. Vier
von den Richtern gaben ihm zu verstehen, sie könnten in diesem Falle
seinen Wünschen nicht dienen, und es ist bemerkenswerth, daß alle vier
heftige Tories waren und daß sich Männer unter ihnen befanden, welche
Jeffreys auf seiner blutigen Rundreise begleitet und für die Hinrichtung
Cornish’s und der Elisabeth Gaunt gestimmt hatten. Jones, der Oberrichter
der Common Pleas, ein Mann, der noch nie vor irgend einer, wenn auch
noch so grausamen und servilen Beihülfe zurückgeschreckt war, führte jetzt
im königlichen Kabinet eine Sprache, deren sich die Lippen des
makellosesten Magistratsbeamten unsrer Geschichte nicht hätten zu
schämen brauchen. Es wurde ihm kurz und bündig erklärt, daß er entweder
seine Ansicht oder seine Stelle aufgeben müsse. „An meiner Stelle“,
antwortete er, „ist mir wenig gelegen. Ich bin im Dienste der Krone alt und
schwach geworden, aber ich sehe zu meiner tiefen Betrübniß, daß Eure
Majestät mich für fähig halten, ein Urtheil abzugeben, das nur ein
unwissender oder ein ehrloser Mann abgeben könnte.“ — „Ich bin
überzeugt“, sagte der König, „daß ich zwölf Richter finde, die in dieser
Angelegenheit ganz meines Sinnes sind.“ — „Zwölf Richter Ihres Sinnes
mögen Eure Majestät wohl finden“, erwiederte Jones, „schwerlich aber
zwölf Rechtsgelehrte 82.“ Er wurde nebst Montague, erstem Baron der

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Schatzkammer, und zwei jüngeren Richtern, Neville und Charlton,
entlassen. Einer der neuen Richter war Christoph Milton, der jüngere
Bruder des großen Dichters. Man weiß von diesem Christoph Milton wenig
mehr, als daß er zur Zeit des Bürgerkrieges Royalist gewesen war und sich
jetzt auf seine alten Tage zum Papismus hinneigte. Es ist nicht erwiesen,
daß er sich je mit der römischen Kirche völlig aussöhnte; gewiß aber ist es,
daß er Bedenken trug, sich der anglikanischen Kirche anzuschließen,
weshalb er ein starkes Interesse an der Aufrechthaltung des
Dispensationsrechts hatte 83.
Der König fand seine Rechtsbeistände ebenso widerspenstig als seine
Richter. Der erste Anwalt, welcher erfuhr, daß man von ihm die
Vertheidigung des Dispensationsrechts erwarte, war der Staatsprokurator
Heneage Finch. Er weigerte sich entschieden und wurde am folgenden Tage
seines Amtes entsetzt 84. Der Generalfiskal Sawyer erhielt Befehl,
Vollmachten auszufertigen, kraft deren Mitglieder der römischen Kirche
Pfründen inne haben durften, welche der englischen Kirche gehörten.
Sawyer war bei einigen der härtesten und am wenigsten zu rechtfertigenden
Verfolgungen der damaligen Zeit stark betheiligt gewesen, und die Whigs
verabscheuten in ihm einen Mann, der sich mit dem Blute Russell’s und
Sydney’s befleckt hatte; bei dieser Gelegenheit aber bewies er keinen
Mangel an Ehrenhaftigkeit oder Characterstärke. „Sire“, sagte er, „dies
heißt nicht blos von einem Gesetze dispensiren, sondern das ganze von der
Thronbesteigung der Königin Elisabeth bis auf den heutigen Tag gültige
Gesetzbuch umstoßen. Ich darf es nicht thun und bitte Eure Majestät zu
erwägen, ob solch ein Angriff auf die Rechte der Kirche mit Ihren neulichen
gnädigen Versprechungen im Einklange steht 85.“ Sawyer würde so gut wie
Finch augenblicklich entlassen worden sein, wenn die Regierung einen
Nachfolger für ihn hätte finden können; allein dies war kein leichtes Ding.
Es war für den Schutz der Rechte der Krone nöthig, daß wenigstens einer
ihrer Anwälte ein gelehrter, fähiger und erfahrener Mann war; aber kein
solcher ließ sich bereit finden, das Dispensationsrecht zu vertheidigen. Der
Generalfiskal durfte daher seinen Posten noch einige Monate beibehalten.
Thomas Powis, ein unbedeutender Mann, der sich nur durch seine Servilität
zu einem so hohen Posten empfahl, wurde zum Staatsprokurator ernannt.
82. Reresby’s Memoirs; Eachard, III. 797; Kennet, III. 451.

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83. London Gazette, Apr. 22. & 29. 1686; Barillon, 19.(29.); Evelyn’s Diary, June 2.; Luttrell,
June 8.; Dodd’s Church History.
84. North’s Life of Guildford, 288.
85. Reresby’s Memoirs.

Die einleitenden Anstalten waren nun alle getroffen.
Prozeß Sir
Man hatte einen Generalprokurator, der das
Eduard Hales’.
Dispensationsrecht zu vertheidigen bereit war, und
zwölf Richter, die sich zu Gunsten desselben aussprechen wollten. Die
Frage wurde daher eiligst zur Verhandlung gebracht. Sir Eduard Hales, ein
Gentlemen aus Kent, war zu einer Zeit, da es für einen nur einigermaßen
bekannten Mann nicht gerathen war, sich offen für einen Papisten zu
erklären, zum Papismus übergetreten. Er hatte die Sache geheim gehalten,
und, wenn er gefragt wurde, stets mit einer Feierlichkeit, die seinem
Character wenig Ehre machte, versichert, daß er Protestant sei. Nachdem
Jakob den Thron bestiegen, war Verstellung nicht mehr nöthig. Sir Eduard
Hales erklärte öffentlich seinen Übertritt und wurde mit dem Commando
eines Infanterie­regiments belohnt. Diese Stelle bekleidete er bereits drei
Monate, ohne den Eid geleistet zu haben, und er hatte dadurch eine
Geldstrafe von fünfhundert Pfund verwirkt, die ein Kläger durch eine
Schuldklage eintreiben konnte. Ein Bedienter wurde veranlaßt, eine Klage
auf diese Summe beim Gerichtshofe der Kings Bench anhängig zu machen.
Sir Eduard leugnete die ihm zur Last gelegten Facta nicht, berief sich aber
darauf, daß er Patente habe, die ihn zur Bekleidung seines Postens trotz der
Testacte ermächtigten. Der Kläger erhob dagegen einen Rechtseinwand, das
heißt, er gab die factische Richtigkeit von Sir Eduard’s Vertheidigungsgrund
zu, leugnete aber, daß dies eine genügende Antwort sei. So entstand eine
einfache Rechtsfrage, welche der Gerichtshof zu entscheiden hatte. Ein
Advokat, der anerkanntermaßen ein Werkzeug der Regierung war, trat für
den Scheinkläger auf und erhob einige schwache Einwendungen gegen den
Vertheidigungsgrund des Angeklagten. Der neue Generalprokurator
replicirte. Der Generalfiskal nahm keinen Theil an der Verhandlung. Das
Urteil wurde von dem Lordoberrichter, Sir Eduard Herbert, gefällt. Er
erklärte, daß er die Frage allen zwölf Richtern vorgelegt habe und daß nach
der Meinung von elfen der König in besonderen Fällen und aus besonderen

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hochwichtigen Gründen von Strafgesetzen dispensiren dürfe. Der Einzige,
welcher nicht dieser Ansicht war, Baron Street, wurde seines Amtes nicht
entsetzt. Er war ein Mann von so schlechten Sitten, daß seine eigenen
Verwandten jeden Umgang mit ihm vermieden und daß dem Prinzen von
Oranien zur Zeit der Revolution gerathen wurde, ihn nicht vor sich zu
lassen. Nach Street’s Character kann man unmöglich glauben, daß er
gewissenhafter gewesen sei als seine Collegen, und nach Jakob’s Character
kann man unmöglich glauben, daß er einen widerspenstigen Baron der
Schatzkammer auf seinem Posten gelassen haben würde. Es kann also kaum
einem Zweifel unterliegen, daß der andersstimmende Richter ebenso wie
der Kläger und dessen Rechtsbeistand im Einverständniß mit der Regierung
handelte. Es war nöthig, ein großes Übergewicht an Autorität zu Gunsten
des Dispensationsrechts zu erlangen; nicht minder wichtig aber war es auch,
daß das für diesen Fall sorgfältig auserwählte Richtercollegium als
unabhängig erschien. Einem Richter, den am wenigsten achtungswerthen
von den zwölfen, gestattete man daher, oder befahl man wahrscheinlich,
seine Stimme gegen das Hoheitsrecht abzugeben. 86
Die auf solche Weise von den Gerichtshöfen anerkannte Befugniß der
Krone durfte nun auch nicht müßig liegen. Innerhalb eines Monats nach
erfolgter Entscheidung der Kings Bench wurden vier römisch-katholische
Lords als Mitglieder des Geheimen Raths vereidigt. Zwei davon, Powis und
Bellasyse, gehörten zur gemäßigten Partei und nahmen ihre Sitze
wahrscheinlich mit Widerstreben und mit schlimmen Vorahnungen ein. Die
anderen beiden, Arunell und Dover, hegten keine derartigen Besorgnisse. 87
86. Siehe die Erzählung des Falles in der Collection of State Trials; Citters, 4.(14.) Mai und 22.
Juni (2. Juli) 1686; Evelyn’s Diary, June 27.; Luttrell’s Diary, June 21. Hinsichtlich Street’s sehe
man Clarendon’s Diary, Dec. 27. 1688.
87. London Gazette, July 19. 1686.

Das Dispensationsrecht wurde zu gleicher Zeit auch
Römische
zu dem Zwecke benutzt, um römische Katholiken zu
Katholiken
kirchlichen Ämtern zuzulassen. Der neue Prokurator
werden zum
fertigte bereitwilligst die Vollmachten aus, von denen
Besitz geistlicher
Sawyer nichts hatte wissen wollen. Eine dieser

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Pfründen Vollmachten wurde zu Gunsten eines Elenden,
ermächtigt. Namens Eduard Sclater, ausgestellt, welcher zwei
Pfründen hatte, die er um jeden Preis und unter allen
Umständen behalten wollte. Am Palmsonntage des Jahres 1686 reichte er
das Abendmahl seinen Pfarrkindern nach dem Ritus der anglikanischen
Kirche, und am Ostersonntage, also nur sieben Tage später, war er in der
Messe. Die königliche Dispensation ermächtigte ihn, die Einkünfte seiner
Pfründen fortzubeziehen. Auf die Vorstellungen der Gönner, denen er seine
Anstellung verdankte, antwortete er mit frechem Trotze, und während der
Katholicismus noch die Oberhand hatte, ließ er eine abgeschmackte Schrift
zur Rechtfertigung seines Abfalls erscheinen. Doch wenige Wochen nach
der Revolution sah eine zahlreiche Versammlung in der Marienkirche im
Savoy ihn wieder in den Schooß der verlassenen Kirche aufnehmen. Er las
seinen Widerruf unter strömenden Thränen ab und hielt eine heftige
Schmährede gegen die papistischen Priester, deren Kunstgriffe ihn verführt
hätten. 88
Nicht weniger schmachvoll war das Verfahren Obadja Walker’s. Er war ein
bejahrter Priester der anglikanischen Kirche und an der Universität Oxford
als gelehrter Mann bekannt. Unter der vorigen Regierung hatte man ihn in
dem Verdachte gehabt, daß er sich zum Papismus hinneige, er hatte sich
aber äußerlich der Staatsreligion gefügt und war daher endlich zum Rector
des University­collegiums ernannt worden. Bald nach Jakob’s
Thronbesteigung entschloß sich jedoch Walker, die bisher getragene Maske
abzulegen. Er besuchte den öffentlichen anglikanischen Gottesdienst nicht
mehr und hörte mit einigen Fellows und Untergraduirten, die er bekehrt
hatte, täglich in seiner Privatwohnung die Messe. Eine der ersten
Amtshandlungen des neuen Staatsprokurators war die Ausstellung einer
Urkunde, welche Walker und seine Proselyten ermächtigte, ihre Pfründen
trotz ihres Abfalles beizubehalten. Es wurden sogleich Bauhandwerker
bestellt, um zwei Reihen Zimmer in eine Betkapelle umzuwandeln, und
nach wenigen Wochen wurde am Universitycollegium öffentlich
katholischer Gottesdienst gehalten. Ein Jesuit wurde als Kaplan angestellt
und mit königlicher Genehmigung eine Druckerei zur Herausgabe
katholischer Tractate errichtet. Zwei und ein halbes Jahr lang fuhr Walker
fort, mit der ganzen Erbitterung eines Renegaten gegen den Protestantismus

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zu Felde zu ziehen; als sich aber das Glück wendete, bewies er, daß er nicht
den Muth eines Märtyrers besaß. Er wurde vor die Schranken des Hauses
der Gemeinen gestellt, um sich wegen seines Benehmens zu verantworten,
und war schamlos genug zu erklären, daß er nie seinen Glauben gewechselt,
daß er im Herzen die Glaubenslehren der römischen Kirche nie gebilligt
und nie den Versuch gemacht habe, irgend einen Andren in den Schooß
dieser Kirche zu ziehen. Es war gewiß nicht der Mühe werth, die heiligsten
Verpflichtungen und Versprechungen mit Füßen zu treten, um solche
Convertiten zu machen. 89
88. Siehe die offenen Briefe in Gurch’s Collectanea Curiosa. Das Datum ist der 3. Mai 1686.
Sclater’s Consensus Veterum; Gee’s Erwiederung, betitelt: Veteres Vindicati; Dr. Anton
Horneck’s Bericht über Sclater’s Widerruf der Irrthümer des Papismus vom 5. Mai 1689; Dodd’s
Church History VIII. II. 3.
89. Gutch’s Collectanea Curiosa; Dodd, VIII. II. 3.; Wood, Ath. Ox.; Ellis’s Correspondence,
Feb. 27. 1686; Commons’ Journals, Oct. 26, 1689.

Bald ging der König noch einen Schritt weiter. Sclater
Die Dechanei von
und Walker war nur gestattet worden, die ihnen zu der
Christchurch
Zeit, als sie noch für Protestanten galten, verliehenen
wird einem
Anstellungen beizubehalten, nachdem sie Papisten
Katholiken
geworden waren. Aber ein hohes Amt der Staatskirche
verliehen.
einem erklärten Feinde derselben zu verleihen, war
eine noch viel frechere Verletzung der Gesetze und des königlichen Wortes.
Jakob war aber nichts zu frech. Die Dechanei des Christ­church­collegiums
war erledigt. Dieses Amt war in Rang und Einkünften eines der höchsten an
der Universität Oxford. Der Dechant hatte unter seiner Leitung eine größere
Anzahl junger Leute mit vornehmen Verbindungen und glänzenden
Aussichten, als in irgend einem andren Collegium zu finden waren.
Außerdem war er erster Geistlicher an einer Kathedrale. In beiden
Eigenschaften hätte er nothwendig ein Mitglied der Staatskirche sein sollen.
Trotzdem wurde kraft des Dispensationsrechts Johann Massey ernannt, der
notorisch ein Mitglied der römischen Kirche war und der keine andre
Empfehlung für sich hatte als eben diese. Bald war in den Räumen des
Christ­church­collegiums ein Altar errichtet, an welchem täglich Messe

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gelesen wurde. 90 Der König sagte dem Nuntius, was in Oxford geschehen
sei, solle bald auch in Cambridge geschehen. 91
90. Gutch’s Collectanea Curiosa; Wood’s Athenae Oxonienses; Dialogue between a
Churchman and a Dissenter, 1689.
91. Adda, 9.(19.) Juli 1686.

Doch selbst dies war nur ein kleines Übel im
Besetzung von
Vergleich zu dem, welches die Protestanten mit gutem
Bisthümern.
Grunde befürchteten. Es war nur zu wahrscheinlich,
daß die ganze Oberleitung der anglikanischen Kirche binnen Kurzem in die
Hände ihrer Todfeinde übergehen werde. Drei wichtige Bischofssitze, der
von York, der von Chester und der von Oxford, waren unlängst zur
Erledigung gekommen. Das Bisthum von Oxford erhielt Samuel Parker, ein
Schmarotzer, dessen Glaube, wenn er überhaupt einen hatte, der römische
war und der sich nur deshalb einen Protestanten nannte, weil er eine Frau
auf dem Halse hatte. „Ich möchte einen erklärten Katholiken ernennen“,
sagte der König zu Adda; „aber es ist noch nicht die Zeit dazu. Parker ist
uns zugethan, seiner Gesinnung nach ist er einer der Unsrigen, und nach
und nach wird er seine Geistlichen herumbringen.“ 92 Das Bisthum von
Chester, welches durch den Tod Johann Pearson’s, eines in der Philologie
und in der Theologie berühmten Mannes, erledigt worden war, bekam
Thomas Cartwright, ein noch viel niedrigerer Schmarotzer als Parker. Das
Erzbisthum von York blieb mehrere Jahre unbesetzt. Da kein triftiger Grund
zu finden war, warum ein so wichtiger Posten unbesetzt gelassen wurde, so
argwöhnte man, daß der König die Ernennung nur bis zu einer Zeit
verschieben wolle, wo er es wagen durfte, die Mitra einem erklärten
Papisten aufs Haupt zu setzen. Es ist in der That sehr wahrscheinlich, daß
die anglikanische Kirche nur durch die Einsicht und den richtigen Takt des
Papstes vor dieser Schmach bewahrt wurde. Ohne besonderen Dispens von
Rom konnte kein Jesuit Bischof werden und Innocenz war durch nichts zu
bewegen, dem Pater Petre einen solchen Dispens zu ertheilen.
92. Adda, 30. Juli (9. Aug.) 1686.

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Jakob machte gar kein Geheimniß aus seiner Absicht,
Entschluß
alte Befugnisse, die er als Oberhaupt der Staatskirche
Jakob’s, sein
besaß, energisch und systematisch zur Vernichtung
kirchliches
derselben anzuwenden. Er sprach es unverhohlen aus,
Supremat gegen
daß nach einer weisen Fügung der Vorsehung die
die Kirche zu
Suprematsacte das Mittel sein werde, um den Bruch,
gebrauchen.
den sie herbeigeführt, wieder zu heilen. Heinrich und
Elisabeth hätten sich eine Herrschaft angemaßt, welche von Rechtswegen
dem heiligen Stuhle zukomme. Diese Herrschaft sei durch Erbfolge auf
einen rechtgläubigen Fürsten gekommen und dieser werde sie als ein
anvertrautes Gut dem heiligen Stuhle aufbewahren. Das Gesetz ermächtige
ihn, kirchliche Mißbräuche zu beseitigen, und der erste kirchliche
Mißbrauch, den er beseitigen wolle, sei die Freiheit, die sich die
anglikanische Geistlichkeit anmaße, ihre eigne Religion zu vertheidigen
und die römischen Glaubenslehren anzugreifen. 93
93. „Ce prince m’a dit que Dieu avoit permis que toutes les loir qui ont été faites
pour établir la réligion Protestante, et détruire la réligion Catholique, servent
présentement de fondement à ce qu’il veut faire pour l’établissement de la vraie
réligion, et le mettent en droit d’exercer un pouvoir encore plus grand que celui
qu’ont les rois Catholiques sur les affaires ecclésiastiques dans les autres pays.“
— Barillon, 12.(22.) Juli 1686. Zu Adda sagte Seine Majestät einige Tage später: „Che
l’autorità concessale dal parlamento sopra l’Ecclesiastico senza alcun limite con
fine contrario fosse adesso per servire al vantaggio de’ medesimi Cattolici.“ — 23.
Juli (2. Aug.).

Dabei stieß er jedoch auf eine große Schwierigkeit.
Die ihm
Die durch Erbschaft auf ihn gekommene kirchliche
entgegenstehende
Oberhoheit war keineswegs die große und furchtbare
n
Prärogative, welche Elisabeth, Jakob I. und Karl I.
Schwierigkeiten.
besessen hatten. Die Verordnung, welche der Krone
ein fast unbeschränktes Oberaufsichtsrecht über die Kirche ertheilte, war
zwar niemals förmlich aufgehoben worden, hatte aber doch einen großen
Theil ihrer Kraft verloren. Das Gesetz selbst bestand noch, aber es war
nicht mehr von einer achtunggebietenden Sanction oder von einem
wirksamen Procedursystem begleitet, und daher war es wenig mehr als ein
todter Buchstabe.

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Das Gesetz, welches Elisabeth die geistliche Oberherrschaft wieder verlieh,
die ihr Vater sich angemaßt und ihre Schwester niedergelegt hatte, enthielt
eine Klausel, durch welche der Regent ermächtigt wurde, ein Tribunal
einzusetzen, das alle kirchlichen Vergehen untersuchen, abstellen und
bestrafen sollte. Kraft dieser Klausel war der Gerichtshof der Hohen
Commission errichtet worden. Dieser Gerichtshof war viele Jahre lang der
Schrecken der Nonconformisten und wurde unter Laud’s Verwaltung ein
Gegenstand der Furcht und des Hasses selbst für Diejenigen, welche die
Landeskirche am meisten liebten. Als das Lange Parlament zusammentrat,
wurde die Hohe Commission allgemein als das drückendste der vielen
Joche betrachtet, unter denen die Nation seufzte. Es wurde daher etwas
hastig ein Gesetz erlassen, welches der Krone nicht allein die Befugniß
entzog, Visitatoren zur Beaufsichtigung der Kirche zu ernennen, sondern
auch alle geistlichen Gerichte ohne Unterschied abschaffte.
Nach der Restauration erinnerten sich die Kavaliere, welche das Unterhaus
füllten, trotz ihrer Begeisterung für die Hoheitsrechte, doch mit Bitterkeit
der Tyrannei der Hohen Commission und waren durchaus nicht geneigt,
eine so verhaßte Einrichtung wieder ins Leben zu rufen. Zu gleicher Zeit
aber waren sie nicht ohne Grund der Meinung, daß das Gesetz, das alle
christlichen Gerichtshöfe beseitigt hatte, ohne etwas Andres an deren Stelle
zu setzen, doch ernste Einwendungen zulasse. Sie hoben daher dieses
Gesetz, mit Ausnahme des auf die Hohe Commission bezüglichen Theiles,
wieder auf. So wurden die Archi­diakonal­gerichte, die Consistorial­gerichte,
der erzbischöfliche Gerichtshof, der Gerichtshof der Privilegirten und der
Gerichtshof der Delegirten wieder eingeführt; das Gesetz aber, welches
Elisabeth und ihre Nachfolger ermächtigt hatte, Commissare mit
visitatorischer Gewalt über die Kirche zu ernennen, wurde nicht allein nicht
wieder hergestellt, sondern sogar in den bestimmtesten Ausdrücken für
gänzlich abgeschafft erklärt. Es ist daher so klar, als nur irgend ein Punkt
des Verfassungsrechts sein kann, daß Jakob II. nicht befugt war, eine
Commission mit Visitations- und Regierungsgewalt über die Kirche
Englands zu ernennen. 94 Wenn dem aber so war, so half es ihm wenig, daß
die Suprematsacte ihn in hochtrabenden Worten ermächtigte, vorhandene
Mängel dieser Kirche zu verbessern. Nur eine so gewaltige Maschine, wie
die vom Langen Parlamente zerstörte war, konnte die anglikanische

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Geistlichkeit zwingen, sein Werkzeug zur Vernichtung der anglikanischen
Glaubenslehre und Kirchenzucht zu werden. Daher nahm er sich schon im
April 1686 vor, einen neuen Gerichtshof der Hohen Commission zu
errichten. Der Plan wurde jedoch nicht sogleich verwirklicht. Er stieß auf
den Widerspruch jedes Ministers, der nicht Frankreich und den Jesuiten
ergeben war. Die Rechtsgelehrten betrachteten ihn als eine rücksichtslose
Verletzung des Gesetzes und die Theologen als einen offnen Angriff auf die
Kirche. Der Streit würde vielleicht noch länger gedauert haben, wäre nicht
ein Ereigniß eingetreten, das den Stolz des Königs kränkte und seinen Zorn
entflammte. Er hatte als erster Bischof Verordnungen erlassen, die es den
Geistlichen der Landeskirche zur Pflicht machten, sich in ihren Vorträgen
jeder Berührung der streitigen Lehrpunkte zu enthalten. Also während an
jedem Sonn- und Festtage in allen königlichen Palästen zur Vertheidigung
des katholischen Glaubens gepredigt wurde, war es der Landeskirche, der
Kirche der großen Mehrheit der Nation, verboten, ihre Grundsätze zu
erörtern und zu vertheidigen. Der Geist des gesammten Klerus empörte sich
gegen diese Ungerechtigkeit. Wilhelm Sherlock, ein ausgezeichneter
Theolog, der mit scharfer Feder gegen die Whigs und Dissenters
geschrieben hatte und dafür von der Regierung mit dem Vorsteheramte des
Tempels und mit einem Jahrgehalte belohnt worden, war einer der Ersten,
der sich das königliche Mißfallen zuzog. Sein Gehalt wurde ihm entzogen
und er erhielt einen strengen Verweis. 95 Johann Sharp, Dechant von
Norwich und Rector von St. Giles in the Fields, erregte bald darauf noch
größeres Ärgerniß. Er war ein gelehrter und wahrhaft gottesfürchtiger
Mann, ein berühmter Kanzelredner und ein musterhafter Seelenhirt. Seiner
politischen Meinung nach war er, wie die meisten seiner Amtsbrüder, ein
Tory und war eben erst zum königlichen Kaplan ernannt worden. Er erhielt
einen anonymen Brief, dessen Schreiber eines seiner Pfarrkinder zu sein
vorgab und sagte, er sei durch die Beweisgründe der katholischen
Theologen so schwankend geworden, daß er gern Gewißheit darüber
erlangen möchte, ob die anglikanische Kirche wirklich ein Zweig der
wahren Kirche Christi sei. Kein Geistlicher, in dem nicht jedes Gefühl für
religiöse Pflicht und Amtsehre erstickt war, konnte eine solche Anfrage
unbeantwortet lassen. Am nächstfolgenden Sonntage hielt Sharp eine
lebendige Predigt gegen die hohen Prätensionen des römischen Stuhles.
Einige seiner Äußerungen wurden übertrieben und verdreht von

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Ohrenbläsern nach Whitehall berichtet; es wurde fälschlich behauptet, er
habe verächtlich von den theologischen Untersuchungen gesprochen, die in
der Geldkasse des verstorbenen Königs gefunden und von dem
gegenwärtigen Könige veröffentlicht worden waren. Compton, der Bischof
von London, erhielt von Sunderland den Befehl, Sharp bis auf weitere
königliche Entschließung zu suspendiren. Der Bischof war in der größten
Verlegenheit. Sein kürzliches Auftreten im Hause der Lords hatte ihm das
entschiedene Mißfallen des Hofes zugezogen; schon war sein Name aus der
Liste der Geheimen Räthe gestrichen, schon war er seines Amtes an der
königlichen Kapelle entsetzt. Er wollte nicht gern neuen Anstoß geben; aber
der Act, der ihm anbefohlen wurde, war ein gerichtlicher Act. Er erkannte
die Ungerechtigkeit desselben, und die besten Rathgeber versicherten ihm,
daß es auch ungesetzlich sei, eine Strafe zu verhängen, ohne daß dem
Betroffenen Gelegenheit zu seiner Vertheidigung gegeben worden war. Er
stellte daher dem Könige diese Bedenken in den bescheidensten
Ausdrücken vor und ersuchte Sharp privatim, vorläufig nicht zu predigen.
So vernünftig jedoch Compton’s Bedenken und so demüthig seine
Entschuldigungs­gründe gehalten waren, Jakob war höchlich entrüstet.
Welche Unverschämtheit, die natürliche Gerechtigkeit und das positive
Gesetz einem ausdrücklichen Befehle des Souverains gegenüberzustellen!
Sharp wurde vergessen und die ganze Rache der Regierung fiel auf den
Bischof. 96
94. Diese ganze Frage ist ausgezeichnet klar und unwiderlegbar in einer damals unter dem Titel:
„The King’s Power in Matters Ecclesiastical fairly stated“ erschienenen kleinen Schrift
abgehandelt. Siehe auch die kurze, aber kräftige Beweisführung des Erzbischofs Sancroft in seiner
Biographie von Doyle, I. 229.
95. Brief von Jakob an Clarendon v. 18. Febr. 1685/86.
96. Den besten Bericht über diesen Vorgang findet man in Sharp’s Lebensbeschreibung,
herausgegeben von seinem Sohne. Citters, 29. Juni (9. Juli) 1686.

Der König vermißte schmerzlicher als je das
Er errichtet einen
gefürchtete Zwangsmittel, welches ehedem die
neuen
widerspenstigen Geistlichen gebändigt hatte. Er
Gerichtshof der
wußte wahrscheinlich, daß der Bischof Williams
wegen einiger Worte des Unwillens gegen die

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Hohen Regierung seines Vaters durch die Hohe Commission
Commission. aller seiner kirchlichen Würden und Ämter enthoben
worden war. Der Plan, dieses furchtbare Tribunal
wieder ins Leben zu rufen, wurde eifriger als je betrieben. Im Juli wurde
London plötzlich durch die Neuigkeit erschreckt, daß der König in offenem
Widerspruch mit zwei in den bestimmtesten Ausdrücken abgefaßten
Parlaments­verordnungen, das ganze Kirchen­regiment in die Hände von
sieben Commissaren gelegt habe. 97 Die Worte, in denen der Umfang der
Gerichtsbarkeit dieser Beamten bezeichnet war, waren unbestimmt und
ließen sich fast zu jeder beliebigen Tragweite ausdehnen. Alle Collegien
und Bildungsanstalten, selbst die durch Privat­wohl­thätigkeit gegründeten,
wurden unter die Oberaufsicht dieser neuen Behörde gestellt. Alle
Diejenigen, deren Lebensunterhalt von Stellen bei der Kirche oder an
akademischen Anstalten abhing, vom Erzbischof bis herab zum jüngsten
Curaten, vom Vicekanzler von Oxford und Cambridge bis herab zum
bescheidensten Lehrer, der den Corderius las, waren nun der königlichen
Gnade preisgegeben. Stand einer von diesen vielen Tausenden in dem
Verdacht irgend einer der Regierung mißfälligen Handlung oder Äußerung,
so konnte die Commission ihn vor sich laden. Ihr Verfahren gegen ihn war
durch keine Vorschriften geregelt, sie war zu gleicher Zeit Ankläger und
Richter. Der Angeklagte erhielt keine Abschrift von der Anklage, er wurde
nur verhört, und waren seine Antworten nicht befriedigend, so konnte er
seines Amtes entsetzt, davon vertrieben und zu jeder ferneren Anstellung
unfähig erklärt werden. Zeigte er sich widerspenstig, so konnte er
excommunicirt, das heißt mit anderen Worten aller bürgerlichen Rechte
beraubt und auf Lebenszeit eingesperrt werden. Auch konnte er nach
Belieben des Gerichtshofes in alle Kosten des Prozesses verurtheilt werden,
der ihn zum Bettler machte. Von einer Appellation war keine Rede. Die
Commission hatte Befehl, sich bei der Ausübung ihrer Functionen durch
kein Gesetz, das mit diesen Anordnungen unvereinbar war oder zu sein
schien, irre machen zu lassen. Damit endlich Niemand zweifeln konnte, daß
man beabsichtigte, den gefürchteten Gerichtshof wieder einzuführen, von
dem das Lange Parlament die Nation befreit hatte, sollte das neue Tribunal
sich eines Siegels bedienen, das genau die nämliche Devise und die
nämliche Umschrift hatte wie das Siegel der ehemaligen Hohen
Commission. 98

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Der oberste Commissar war der Kanzler. Seine Anwesenheit und seine
Zustimmung waren zu jedem gerichtlichen Schritte erforderlich. Jedermann
wußte, wie ungerecht, rücksichtslos und unmenschlich er sich bei
Gerichtshöfen gezeigt hatte, wo er bis zu einem gewissen Grade durch die
bekannten Gesetze Englands beschränkt worden war. Es war daher
unschwer vorauszusehen, wie er sich in einer Stellung zeigen würde, in der
es ihm völlig freistand, sich seine eigenen Procedurformen und
Beweisregeln nach Belieben zu bilden.
Von den anderen sechs Commissaren waren drei Prälaten und drei Laien.
Obenan stand der Name des Erzbischofs Sancroft. Dieser war jedoch der
festen Überzeugung, daß das ganze Gericht ungesetzlich sei, daß alle
Aussprüche desselben nichtig seien und daß er sich durch Theilnahme an
demselben eine schwere Verantwortlichkeit aufbürden werde. Er beschloß
daher, dem königlichen Rufe nicht Folge zu leisten. Allerdings handelte er
bei dieser Gelegenheit nicht mit dem Muthe und der Aufrichtigkeit, die er
zwei Jahre später bewies, als er aufs Äußerste getrieben wurde. Er
entschuldigte sich mit Geschäften und angegriffener Gesundheit und setzte
hinzu, die übrigen Mitglieder des Collegiums seien zu tüchtige Männer, als
daß sie seines Beistandes bedürfen könnten. Diese leeren Ausflüchte
ziemten sich in einer so hochwichtigen Angelegenheit nicht für den Primas
von ganz England; auch schützten sie ihn nicht vor der königlichen
Ungnade. Sancroft’s Name wurde zwar nicht aus der Liste der Geheimen
Räthe gestrichen, aber zum großen Verdruß der Freunde der Kirche wurde
er nicht mehr zur Teilnahme an den Staatsraths­sitzungen aufgefordert.
„Wenn er zu kränklich oder zu beschäftigt ist, um in die Commission gehen
zu können“, sagte der König, „so ist es nicht mehr als billig, ihn auch von
dem Besuche des Geheimen Raths zu befreien.“ 99
Auf keine derartigen Schwierigkeiten stieß die Regierung bei Nathaniel
Crewe, Bischof des großen und reichen Bisthums Durham, ein Mann von
adeliger Abkunft, der in seinem Berufe so hoch gestiegen war, daß er kaum
wünschen konnte, noch höher zu steigen, aber gemeinen Sinnes, eitel und
feigherzig. Er war zum Dechant der königlichen Kapelle ernannt worden,
als der Bischof von London aus dem Palaste verbannt wurde. Die Ehre, ein
Mitglied der Hohen Commission zu werden, verrückte Crewe den Kopf.
Umsonst machten ihn einige seiner Freunde darauf aufmerksam, welchen

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Gefahren er sich durch Betheiligung an einem gesetzwidrigen Gerichtshofe
aussetzte. Er schämte sich nicht zu antworten, daß er ohne das königliche
Lächeln nicht leben könne, und sprach frohlockend die Hoffnung aus, sein
Name werde in der Geschichte fortleben, eine Hoffnung, die allerdings zum
Theil in Erfüllung gegangen ist. 100
Der dritte geistliche Commissar war Thomas Sprat, Bischof von Rochester.
Er war ein Mann, dessen Talenten die Nachwelt kaum hat Gerechtigkeit
widerfahren lassen. Zum Unglück für seinen Ruhm sind seine Verse
gewöhnlich in die Sammlungen britischer Dichter aufgenommen worden,
und wer ihn nach seinen Versen beurtheilt, muß ihn für einen sklavischen
Nachbeter halten, der, ohne einen Funken von Cowley’s bewunderungs­‐
würdigem Genie zu besitzen, gerade das in Cowley’s Manier am wenigsten
Empfehlenswerthe nachahmte; wer aber Sprat’s prosaische Schriften kennt,
wird eine ganz andre Meinung von seinem Talent haben. Er war in der That
ein großer Meister unsrer Sprache und besaß zu gleicher Zeit die
Beredtsamkeit des Redners, des Polemikers und des Historikers. Sein
sittlicher Character würde wenig Tadel erfahren haben, hätte er einem
weniger heiligen Stande angehört; aber das Schlimmste, was man ihm
nachsagen kann, ist, daß er gleichgültig, genußsüchtig und weltlich war.
Doch solche Fehler werden zwar bei Männern weltlichen Berufs
gewöhnlich nicht für so schlimm gehalten, sind aber bei einem Prälaten
sehr anstößig. Das Erzbisthum York war erledigt; Sprat hoffte es zu
erhalten, und dies bewog ihn, einen Sitz bei der neuen geistlichen Behörde
anzunehmen. Aber er war viel zu gutherzig, um Härte zu üben, und viel zu
klug, um nicht einzusehen, daß ihn in Zukunft ein Parlament zur ernsten
Rechenschaft ziehen konnte. Er nahm daher die Stelle an, bemühte sich
aber, so mild als möglich aufzutreten und sich so wenig als möglich Feinde
zu machen. 101
Die anderen drei Commissare waren der Lordschatzmeister, der
Lordpräsident und der Oberrichter der Kings Bench. Rochester mißbilligte
die Sache und murrte dagegen, verstand sich aber dennoch zur Mitwirkung,
so viel er auch am Hofe ertragen mußte, konnte er sich doch nicht
entschließen, denselben zu verlassen. So sehr er der Kirche zugethan war,
konnte er es doch nicht über sich gewinnen, ihr seinen weißen Stab, sein
Patronat, seinen Gehalt von achttausend Pfund und die noch viel

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bedeutenderen Nebeneinkünfte seines Amtes aufzuopfern. Er entschuldigte
sein Benehmen gegen Andere und vielleicht auch gegen sich selbst damit,
daß er sagte, er könne als Mitglied der Hohen Commission viel Schlimmes
verhüten und es werde sich, wenn er die Stelle ablehne, anstatt seiner leicht
ein der protestantischen Kirche weniger ergebener Mann finden.
Sunderland war der Repräsentant der jesuitischen Cabale. Herbert’s
kürzlicher Ausspruch in der Frage des Dispensationsrechts ließ erwarten,
daß er sich keiner Dienstleistung, die der König von ihm verlangen könnte,
entziehen werde.
97. Barillon, 21. Juli (1. Aug.) 1686; Citters, 16.(26.) Juli; Privy Council Book, July 17.; Ellis
Correspondence, July 17.; Evelyn’s Diary, July 14.; Luttrell’s Diary, Aug. 5. 6.
98. Die Devise war eine Rose und eine Krone. Vor der Devise stand der Anfangsbuchstabe des
königlichen Namens, dahinter der Buchstabe R. Die Umschrift lautete: „Sigillum commissariorum
regiae mejestatis ad causas ecclesiasticas.“
99. Anhang zu Clarendon’s Tagebuch; Citters, 8.(18.) Oct. 1686; Barillon, 11.(21.) Oct.; Doyle’s Life
of Sancroft.
100. Burnet, I. 676.
101. Burnet, II. 629; Sprat’s Briefe an Dorset.

Sobald die Commission eröffnet war, wurde der
Verfahren gegen
Bischof von London vor das neue Tribunal geladen.
den Bischof von
Er erschien. „Ich bitte Sie“, sagte Jeffreys, „um eine
London.
directe und bestimmte Antwort: warum haben Sie Dr.
Sharp nicht suspendirt?“
Der Bischof verlangte die schriftliche Vollmacht der Commission zu sehen,
um zu erfahren, auf welche Autorität hin er so gefragt werde. „Wenn Sie
unsre Autorität in Zweifel ziehen“, erwiederte Jeffreys, „so werde ich einen
andren Weg mit Ihnen einschlagen. Was unsre Vollmacht betrifft, so bin ich
überzeugt, daß Sie dieselbe bereits gesehen haben. Jedenfalls können Sie
sie im ersten besten Kaffeehause für einen Penny lesen.“ Diese
unverschämte Antwort des Kanzlers erregte den Unwillen der anderen
Commissare und er war genöthigt, einige ungeschickte Entschuldigungen
vorzubringen. Dann kehrte er zu dem Punkte zurück, von dem er
ausgegangen war. „Dies“, sagte er, „ist kein Gerichtshof, bei dem
schriftliche Anklagen niedergelegt werden. Unser Verfahren ist summarisch

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und mündlich. Die Frage ist einfach die: warum haben Sie dem Könige
nicht gehorcht?“ Nicht ohne Schwierigkeit erlangte Compton einen kurzen
Aufschub und die Gestattung eines Rechtsbeistandes. Nachdem der Fall
vorgetragen war, sah Jedermann ein, daß der Bischof nur seine Pflicht
gethan hatte. Der Schatzmeister, der Oberrichter und Sprat waren für die
Freisprechung. Darüber gerieth der König in Zorn. Es schien, als ob die
Hohe Commission ihn ebenso im Stiche lassen werde, wie ihn sein
toryistisches Parlament im Stiche gelassen hatte. Er stellte daher Rochester
die einfache Alternative, daß er entweder den Bischof für schuldig zu
erklären oder das Schatzamt zu verlassen habe. Rochester war erbärmlich
genug nachzugeben. Compton wurde aller seiner geistlichen Functionen
entsetzt und die Verwaltung seines großen Sprengels seinen Richtern, Sprat
und Crewe, übertragen. Er bewohnte jedoch nach wie vor seinen Palast und
bezog seine Einkünfte fort, denn man wußte sehr wohl, daß, wenn man den
Versuch gemacht hätte ihn seiner Emolumente zu berauben, er sich unter
den Schutz des gemeinen Rechts begeben haben würde, und Herbert selbst
erklärte, daß nach diesem Rechte das Urtheil gegen die Krone ausfallen
müßte. Diese Erwägung bestimmte den König inne zu halten. Nur wenige
Wochen waren verflossen, seitdem er die Gerichtshöfe von Westminsterhall
neu zusammengesetzt hatte, um eine Entscheidung zu Gunsten seines
Dispensationsrechts zu erlangen, und er überzeugte sich jetzt, daß er ohne
eine nochmalige Sichtung nicht im Stande sein würde, einen Ausspruch zu
Gunsten des Verfahrens seiner kirchlichen Commission zu erlangen. Er
beschloß daher, die Einziehung der Revenuen widerspenstiger Geistlicher
kurze Zeit aufzuschieben. 102
102. Burnet I. 677.; Barillon, Sept. 6.(16.) 1686. Der öffentliche Prozeß befindet sich in
der Collection of State Trials.

Die Stimmung der Nation war allerdings auch von der
Die öffentliche
Art, daß sie ihn wohl zum Einhalten bestimmen
Schaustellung
konnte. Seit einigen Monaten war die Unzufriedenheit
römisch-
in fortwährendem und reißend schnellem Wachsen
katholischer
begriffen. Die Feier des katholischen Gottesdienstes
Gebräuche und
war lange Zeit durch eine Parlamentsacte verboten
gewesen. Seit mehreren Generationen hatte kein

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Trachten erregt römisch-katholischer Geistlicher es wagen dürfen,
Unzufriedenheit. sich mit den Zeichen seines Amtes öffentlich blicken
zu lassen. Gegen die Ordensgeistlichen und
insbesondere gegen die nie ruhenden und verschmitzten Jesuiten war eine
Reihe strenger Verordnungen erlassen worden. Jeder Jesuit, der dieses Land
betrat, setzte sich der Gefahr aus, gehängt, geschleift und geviertheilt zu
werden. Auf seine Entdeckung war eine Belohnung ausgesetzt; auf ihn fand
die allgemeine Regel, daß Niemand sein eigner Ankläger sein könne, keine
Anwendung. Wer in dem Verdachte stand, ein Jesuit zu sein, konnte befragt,
und wenn er sich zu antworten weigerte, auf Lebenszeit eingesperrt
werden. 103 Obgleich nun diese Gesetze nur in solchen Fällen, wo man eine
besondere Gefahr vermuthete, streng gehandhabt worden waren und die
Jesuiten keineswegs von England fern gehalten hatten, so hatten sie doch
die größte Vorsicht nöthig gemacht. Jetzt aber wurde jede Verstellung bei
Seite geworfen. Unverständige Mitglieder der Kirche des Königs suchten,
durch ihn ermuthigt, etwas darin, Gesetzen, welche noch unbestreitbare
Gültigkeit hatten, und Gefühlen, welche jetzt im Geiste der Nation tiefer
wurzelten als je zuvor, Hohn zu sprechen. In allen Gegenden des Landes
entstanden römisch-katholische Kapellen; Mönchskutten, Gürtelschnuren
und Rosenkränze zeigten sich fortwährend auf den Straßen und setzten eine
Bevölkerung in Erstaunen, deren älteste Leute noch nie eine Klostertracht,
außer auf der Bühne, gesehen hatten. In Clerkenwall wurde auf der Stelle
des ehemaligen Klosters St. Johann ein neues Kloster erbaut; die
Franziskaner bezogen ein Haus in Lincoln’s Inn Fields, die Carmeliter eins
in der City; eine Gesellschaft Benedictinermönche quartierte sich im St.
Jamespalast ein und im Savoy wurde ein geräumiges Haus mit Kirche und
Schule für die Jesuiten erbaut. 104 Die Geschicklichkeit und Sorgfalt, mit
der diese Väter seit mehreren Generationen die Erziehung, der Jugend
geleitet, hatte selbst die weisesten Protestanten wider ihren Willen zu
lobender Anerkennung genöthigt. Bacon hatte die in den Jesuitencollegien
angewendete Unterrichtsmethode für die beste erklärt, die man bis jetzt
kenne und sein lebhaftes Bedauern darüber ausgesprochen, daß ein so
vorzügliches System geistiger und sittlicher Erziehung den Interessen einer
verderbten Religion diene. 105 Es war nicht unwahrscheinlich, daß die neue
Akademie im Savoy unter königlichem Patronate eine gefährliche
Nebenbuhlerin für die großen Anstalten von Eton, Westminster und

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Winchester wurde. In der That zählte die Schule kurz nach ihrer Eröffnung
bereits vierhundert Knaben, von denen ungefähr die Hälfte Protestanten
waren. Die protestantischen Zöglinge hatten nicht nöthig die Messe zu
besuchen, aber es unterlag keinem Zweifel, daß der Einfluß tüchtiger, der
römisch-katholischen Kirche ergebener und mit allen Künsten, welche das
Vertrauen und die Zuneigung der Jugend gewinnen, vertrauter Lehrer viele
Convertiten machen werde.
103. 27 Eliz. c. 2.; 2 Jac. 1. c. 4.; 3 Jac. 1. c. 5.
104. Clarke’s Life of James the Second, II. 79, 80. Orig. Mem.
105. De Augmentis, I. VI. 4.

Diese Dinge riefen eine große Aufregung unter dem
Tumulte.
niederen Volke hervor, auf welches sinnliche
Wahrnehmungen stets einen größeren Eindruck machen als Einwirkungen
auf den Verstand. Tausende von einfachen und unwissenden Leuten, für
welche die Dispensationsgewalt und die kirchliche Commission Worte ohne
Bedeutung waren, sahen mit Besorgniß und Unwillen an den Ufern der
Themse ein Jesuitencollegium sich erheben, Mönche in Kutte und Kaputze
am Strande umhergehen und Schaaren von Andächtigen nach den Tempeln
strömen, in denen geschnitzte Bilder angebetet wurden. Es brachen in
verschiedenen Gegenden des Landes Aufstände aus. In Coventry und
Worcester wurde der katholische Gottesdienst gewaltsam unterbrochen. 106
In Bristol führte der angeblich von der Behörde unterstützte Pöbel ein
gottloses und unschickliches Schauspiel auf, in welchem die Jungfrau
Maria durch einen Hanswurst dargestellt und eine karrikirte Hostie in
Prozession umhergetragen wurde. Die Garnison mußte ausrücken, um den
Pöbel zu zerstreuen. Dieser aber, schon damals, wie noch heute einer der
wildesten des ganzen Reichs, leistete Widerstand, so daß es zu
Thätlichkeiten kam und schwere Verletzungen vorfielen. 107 In der
Hauptstadt war die Aufregung groß, und in der eigentlichen City größer als
in Westminster, denn die Bewohner von Westminster waren an den Anblick
der Privatkapellen der römisch-katholischen Gesandten gewöhnt, die City
aber war seit Menschengedenken durch keine götzendienerische
Schaugebung befleckt worden. Jetzt aber errichtete der Gesandte des

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Kurfürsten von der Pfalz auf Anregung des Königs in Lime Street eine
Kapelle. Die Oberhäupter der Korporation, obgleich Männer, die wegen
ihres bekannten Toryismus zu ihren Ämtern erwählt waren, protestirten
gegen dieses Verfahren, das, wie sie sagten, von den gelehrtesten Herren
von der langen Robe für ungesetzlich erklärt würde. Der Lordmayor wurde
vor den Geheimen Rath gefordert. „Bedenkt wohl was Ihr thut“, sagte der
König zu ihm: „gehorcht mir und kümmert Euch weder um die Herren von
der langen Robe noch um die Herren von der kurzen Robe.“ Hierauf nahm
der Kanzler das Wort und gab dem unglücklichen Mayor mit der ächten
Beredtsamkeit der Old-Bailey-Barre einen Verweis. Die Kapelle wurde
geöffnet, und bald gerieth die ganze Nachbarschaft in Aufruhr. Große
Volkshaufen rotteten sich in Cheapside zusammen, um das neue Meßhaus
anzugreifen. Die Priester wurden insultirt, ein Kruzifix wurde aus der
Kapelle geholt und auf den Gemeindebrunnen gepflanzt. Der Lordmayor
kam herbei, um den Aufstand zu dämpfen, wurde aber mit dem Geschrei:
„Keine hölzernen Götter!“ empfangen. Jetzt wurde die Miliz aufgeboten,
um den Haufen zu zerstreuen, aber sie theilte die Ansichten des Volks und
man hörte in ihren Reihen Äußerungen wie diese: „Wir können mit gutem
Gewissen nicht für den Papismus kämpfen.“ 108
Der Kurfürst von der Pfalz war, wie Jakob, ein eifriger Katholik und,
ebenfalls wie Jakob, Beherrscher eines protestantischen Volks; aber in
Character und Verstand glichen sie einander nur wenig. Der Kurfürst hatte
versprochen, die in seinen Besitzungen anerkannte Landeskirche zu achten.
Er hatte gewissenhaft Wort gehalten und sich durch die übereilten Reden
von Predigern, welche in ihrem Haß gegen seinen Glauben gelegentlich die
seiner Person schuldige Achtung aus den Augen setzten, nie zu irgend einer
Gewaltthätigkeit hinreißen lassen. 109 Er vernahm mit Bedauern, daß die
unverständige Handlungsweise seines Vertreters die Londoner heftig
verdrossen hatte, und erklärte, was ihm sehr zur Ehre gereichte, daß er
lieber dem ihm als souverainen Fürst zustehenden Vorrechte entsagen, als
den Frieden einer großen Stadt gefährden wolle. „Auch ich“, schrieb er an
Jakob, „habe protestantische Unterthanen, und ich weiß, wie vorsichtig und
rücksichtsvoll ein katholischer Fürst in solcher Stellung handeln muß.“
Anstatt dieses menschenfreundliche und besonnene Benehmen lobend
anzuerkennen, spöttelte Jakob in Anwesenheit des Gesandten über den

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Brief. Es wurde beschlossen, daß der Kurfürst in der City eine Kapelle
haben solle, mochte er wollen oder nicht, und daß, wenn die Milizen sich
weigerten ihre Pflicht zu thun, sie durch die Garden ersetzt werden
sollten. 110
Diese Ruhestörungen übten einen ernsten Einfluß auf den Handel aus. Der
holländische Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß die
Börsengeschäfte stockten. Die Zollcommissare berichteten dem Könige,
daß in dem auf die Eröffnung der Kapelle in Lime Street folgenden Monate
die Einnahme im Themsehafen sich um einige tausend Pfund verringert
habe. 111 Mehrere Aldermen, welche zwar entschiedene Royalisten und
unter der neuen Gemeindeverfassung angestellt, aber an der commerciellen
Wohlfahrt ihrer Vaterstadt ein starkes Interesse hatten und weder den
Papismus noch das Kriegsgesetz liebten, reichten ihre Entlassung ein. Aber
der König war entschlossen nicht nachzugeben.
106. Citters, 14.(24.) Mai 1686.
107. Citters, 18.(28.) Mai 1686; Adda, 19.(29.) Mai.
108. Ellis Correspondence, April 27. 1686; Barillon, 19.(29.) April; Citters, 20.(30.) April; Privy
Council Book, March 26.; Luttrell’s Diary; Adda, 26. Feb. (8 März), 26. März (5. April), 2.(12.)
April u. 23. April (3. Mai).
109. Burnet’s Travels.
110. Barillon, 27. Mai (6. Juni) 1686.
111. Citters, 25. Mai (4. Juni) 1686.

Er bildete auf der Haide von Hounslow ein Lager und
Es wird bei
zog daselbst auf einem Umkreis von ungefähr
Hounslow ein
dritthalb Meilen vierzehn Infanterie­bataillone und
Lager gebildet.
zweiunddreißig Reiterschwadronen, in Summa etwa
dreizehntausend Mann, zusammen. Sechsundzwanzig Geschütze und eine
Menge mit Waffen und Munition beladene Wagen fuhren vom Tower durch
die City nach Hounslow. 112 Die Londoner betrachteten diese in ihrer Nähe
versammelte große Truppenmacht anfangs mit Entsetzen, das sich jedoch
bei genauerem Bekanntwerden mit derselben bald verminderte. Ein Ausflug
nach Hounslow wurde ihr Lieblingsvergnügen an Sonn- und Feiertagen.
Das Lager gewährte den Anblick eines großen Jahrmarkts. In buntem

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Gemisch mit den Musketieren und Dragonern wogten eine Menge eleganter
Herren und Damen von Soho Square, Gauner und geschminkte Dirnen von
Whitefriars, Kranke in Sänften, Mönche in Kutte und Kaputze, Lakaien in
glänzenden Livreen, Hausirer, Apfelsinenmädchen, muthwillige Lehrbuben
und gaffende Bauern beständig in den langen Zeltgassen auf und ab. In
einigen Zelten hörte man den Lärm wüster Trinkgelage, in anderen die
Flüche von Spielern. Der Platz war eigentlich nur eine heitere Vorstadt von
London. Der König hatte sich, wie es sich zwei Jahre später genugsam
zeigte, vollständig verrechnet. Er hatte vergessen, daß die Nachbarschaft
verschiedene Wirkungen ausübt. Er hatte gehofft, seine Armee werde
London Schrecken einjagen, und das wirkliche Resultat seiner Maßregel
war, daß die Gefühle und Ansichten der Londoner sich vollständig auch
seiner Armee bemächtigten. 113
Das Lager war in der That kaum gebildet, so hörte man auch schon von
Schlägereien zwischen den protestantischen und papistischen Soldaten. 114
Eine kleine Schrift, betitelt: „Ergebene und herzliche Ansprache an alle
englischen Protestanten in der Armee“, war eifrig in den Reihen verbreitet
worden. Der Verfasser ermahnte die Truppen auf das Nachdrücklichste, daß
sie ihre Waffen nicht zur Vertheidigung des Meßbuches, sondern der Bibel,
der Magna Charta und der Bitte um Recht gebrauchen sollten. Er war ein
Mann, der schon dem Zorne der Gewalt anheim gefallen war. Sein
Character war interessant und seine Geschichte ziemlich lehrreich.
112. Ellis Correspondence, June 26. 1686; Citters, 2.(12.) Juli; Luttrell’s Diary, July 19.
113. Siehe die damals erschienenen Gedichte: Hounslow Heath und Caesar’s Ghost; Evelyn’s
Diary, June 2. 1686. Eine Ballade in der Pepys’schen Sammlung enthält folgende Zeilen:
Der Platz gefiel mir gar zu schön,
Nie sah ein Lager ich so fein,
Kein Mädchen durft’ vorübergeh’n,
Gleich schenkt’ man ihr ein Gläschen Wein.
114. Luttrell’s Diary, June 18. 1686.

Er hieß Samuel Johnson, war Priester der
Samuel Johnson.
anglikanischen Kirche und Kaplan bei Lord Russell
gewesen. Johnson gehörte zu den Leuten, die von ihren Gegnern tödtlich

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gehaßt und von ihren Verbündeten mehr geachtet als geliebt werden. Seine
Sitten waren tadellos, seine Religiosität tief und glühend, seine
Gelehrsamkeit und seine Talente nicht zu verachten, sein Urtheil schwach
und sein Character gallig, unruhig und unbeugsam starrsinnig. Er war den
eifrigen Anhängern der Monarchie besonders seines Standes wegen verhaßt,
denn ein republikanischer Geistlicher war ein seltsames, fast unnatürliches
Wesen. Unter der vorigen Regierung hatte Johnson ein Werk
herausgegeben, betitelt: Julian the Apostate. Der Zweck dieses Buches
war zu beweisen, daß die Christen des vierzehnten Jahrhunderts den
Grundsatz der Verwerflichkeit des Widerstandes nicht befolgten. Es ließen
sich leicht aus Chrysostomus und Hieronymus Stellen anführen, die in
einem von dem Geiste der gegen die Ausschließungsbill predigenden
anglikanischen Theologen völlig verschiedenen Sinne geschrieben waren.
Johnson ging indessen noch weiter. Er suchte die gehässige Beschuldigung
wieder hervor, welche Libanius aus leicht erklärlichen Gründen gegen die
Soldaten Julian’s erhoben hatte, und gab zu verstehen, daß der Wurfspieß,
der den kaiserlichen Renegaten tödtete, nicht von einem Feinde, sondern
von einem Rumbold oder Ferguson aus den eigenen Reihen der Römer
geschleudert worden sei. Dies führte eine heftige Polemik herbei.
Whiggistische und toryistische Disputanten stritten sich heftig über eine
dunkle Stelle, in der Gregor von Nazianz einen frommen Bischof lobt, der
im Begriff stand, Jemanden zu prügeln. Die Whigs behaupteten, der heilige
Mann habe den Kaiser schlagen wollen, die Tories meinten, er habe es
höchstens auf einen Hauptmann der Garde abgesehen gehabt. Johnson
schrieb nun eine Replik gegen seine Angreifer, worin er eine sehr geistreich
durchgeführte Parallele zwischen Julian und Jakob, welcher damals Herzog
von York war, zog. Julian hatte sich mehrere Jahre gestellt als ob er den
Götzendienst verabscheute, während er im Herzen selbst ein Götzendiener
war. Julian hatte, wenn es seinem Interesse entsprach, gelegentlich Achtung
vor den Rechten der Überzeugung geheuchelt. Julian hatte Städte, welche
der wahren Religion aufrichtig zugethan waren, durch Entziehung ihrer
Municipalfreiheiten bestraft. Und Julian war von seinen Schmeichlern der
Gerechte genannt worden. Jakob fühlte sich schwer beleidigt. Johnson
wurde als Pasquillant verfolgt, schuldig befunden und zu einer Geldbuße
verurtheilt, die er nicht bezahlen konnte. Er wurde daher eingesperrt und es

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hatte ganz den Anschein, als ob seine Haft nur mit seinem Leben enden
werde. 115
115. Siehe Johnson’s Denkwürdigkeiten als Einleitung zu der Folioausgabe seiner
Lebensbeschreibung, seinen „Julian“ und seine Antworten an seine Gegner. Außerdem
auch Hickes’s Jovian.

Über der Zelle, die er im Kingsbench­gefängnisse
Hugo Speke.
bewohnte, saß ein andrer Verbrecher, dessen
Character wohl verdient studirt zu werden. Dies war Hugo Speke, ein
junger Mann aus guter Familie, aber von merkwürdig verderbten und
gemeinem Character. Seine Neigung zu Unfug und zu dunklen, krummen
Wegen war fast eine krankhafte Manie. Unheil zu stiften, ohne entdeckt zu
werden, war sein Geschäft und sein Vergnügen, und er besaß ein seltenes
Geschick darin, ehrliche Fanatiker zu Werkzeugen seiner kaltblütigen
Bosheit zu benutzen. So hatte er vermittelst einer seiner Strohmänner den
Versuch gemacht, Karl und Jakob des Verbrechens zu beschuldigen, Essex
im Tower ermordet zu haben. Bei dieser Gelegenheit war man dem Treiben
Speke’s auf die Spur gekommen, und obgleich es ihm gelang, den größten
Theil der Schuld auf den von ihm Bethörten zu wälzen, kam er doch nicht
ungestraft davon. Er saß jetzt im Gefängniß, aber sein Vermögen erlaubte
ihm anständig zu leben und seine Haft war so mild, daß er mit einem seiner
Genossen, der eine geheime Druckerei betrieb, einen regelmäßigen Verkehr
unterhalten konnte.
Johnson war ganz der Mann, wie Speke ihn für seine Zwecke brauchen
konnte: eifrig und furchtlos, ein gelehrter und gewandter Polemiker, und
dabei einfältig wie ein Kind. Es bildete sich ein intimes Freund­schafts­‐
verhältniß zwischen den beiden Gefangenen. Johnson schrieb eine Reihe
bitterer und heftiger Artikel, welche Speke zum Druck beförderte. Als das
Lager von Hounslow gebildet war, drang Speke in Johnson, eine Ansprache
zu schreiben, welche die Truppen zur Meuterei reizen könne. Die Schrift
wurde sogleich verfaßt und in vielen tausend Exemplaren gedruckt, welche
in Speke’s Zelle gebracht wurden, der sie von hier aus durch das ganze
Land und namentlich unter die Soldaten verbreitete. Eine solche
Herausforderung würde selbst eine mildere Regierung als die damals in
England herrschende war, zu heftigem Zorne gereizt haben. Es wurde eine

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strenge Untersuchung eingeleitet und ein untergeordneter Agent, der zur
Verbreitung der Ansprache verwendet worden war, rettete sich dadurch, daß
er Johnson denuncirte, der aber nicht der Mann war, sich durch
Denuncirung Speke’s zu retten.

Man machte Johnson den Prozeß und erlangte ohne
Prozeß gegen
Schwierigkeit seine Schuldigerklärung. Julian
Johnson.
Johnson, wie er gewöhnlich genannt wurde, ward
verurtheilt, dreimal am Pranger ausgestellt und von Newgate nach Tyburn
gepeitscht zu werden. Der Richter, Sir Franz Withins, sagte dem
Verurtheilten, er solle dem Generalfiskal für seine große Nachsicht danken,
denn er habe das Vergehen als einen Hochverrath behandeln können. „Ich
bin ihm keinen Dank schuldig“, erwiederte Johnson furchtlos. „Soll ich,
dessen einziges Verbrechen darin besteht, die Kirche und die Gesetze
vertheidigt zu haben, mich noch dafür bedanken, daß ich wie ein Hund
gepeitscht werden soll, während papistische Scribenten täglich ungestraft
die Kirche beleidigen und die Gesetze übertreten dürfen?“ Er sprach mit
einer solchen Energie, daß die Richter sowohl als die Kronanwälte es für
nöthig hielten, sich zu vertheidigen, indem sie versicherten, sie wüßten von
keinen solchen papistischen Schriften, deren der Gefangene erwähnt habe.
Augenblicklich brachte er einige römisch-katholische Bücher und
Zierrathen zum Vorschein, welche damals mit königlicher Bewilligung
überall frei verkauft wurden, las die Titel der Bücher laut vor und warf dem
Kronanwalt einen Rosenkranz über den Tisch zu. „Und jetzt“, rief er dann
mit lauter Stimme, „erhebe ich diese Anklage vor Gott, vor diesem
Gerichtshofe und vor dem englischen Volke. Wir werden bald sehen, ob der
Herr Generalfiskal seine Pflicht thut.“
Es wurde beschlossen, daß Johnson vor der Vollziehung der Strafe seiner
Priesterwürde entkleidet werden sollte. Die Prälaten, denen die Verwaltung
der Londoner Diöcese von der hohen Commission übertragen war,
forderten ihn vor sich in das Kapitelhaus der St. Paulskathedrale. Sein
Benehmen während der Ceremonie machte einen tiefen Eindruck auf alle
Anwesenden. Als ihm sein heiliges Gewand ausgezogen wurde, rief er aus:
„Ihr nehmt mir meinen Rock, weil ich mich bemüht habe, Euch den

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Eurigen zu erhalten.“ Das Einzige was ihn bei der ganzen Ceremonie
wirklich zu betrüben schien, war der Augenblick als man ihm die Bibel aus
der Hand riß. Er sträubte sich schwach das heilige Buch herzugeben, küßte
es und brach in Thränen aus. „Die Hoffnungen, die ich ihm verdanke“,
sagte er, „könnt Ihr mir nicht rauben.“ Es wurden einige Versuche gemacht,
um den Erlaß der Peitschenstrafe für ihn zu erwirken. Ein römisch-
katholischer Priester bot für die Summe von zweihundert Pfund seine
Fürsprache an. Das Geld würde aufgebracht und der Priester that sein
Möglichstes, aber vergebens. „Mr. Johnson“, sagte der König, „hat den
Muth eines Märtyrers, und er soll deshalb auch einer werden.“ Wilhelm III.
sagte einige Jahre später von einem der giftigsten und unerschrockensten
Jakobiten: „Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu werden, und ich habe
mir vorgenommen, seine Hoffnung zu vereiteln.“ Diese beiden Äußerungen
würden allein hinreichen, um den großen Unterschied in dem Geschick der
beiden Fürsten zu erklären.
Der für die Auspeitschung festgesetzte Tag erschien. Man bediente sich
einer neunschwänzigen Katze und der Verurtheilte erhielt mit derselben
dreihundertsiebzehn Hiebe, ohne eine Miene zu verziehen. Er sagte
nachher, der Schmerz sei fürchterlich gewesen, aber er habe sich, während
er von dem Karren fortgezogen wurde, der Geduld erinnert, mit der das
Kreuz einst den Calvarienberg hinauf getragen ward, und dieser Gedanke
habe ihn so gestärkt, daß er, wenn er nicht befürchtet hätte, sein Benehmen
könnte als eitle Prahlerei ausgelegt werden, mit eben so fester und freudiger
Stimme als ob er sich im Kreise seiner Gemeinde befände, einen Psalm
gesungen haben würde. Man kann sich des Wunsches nicht enthalten, daß
ein solcher Heldenmuth weniger mit Leiden­schaft­lichkeit und
Unduldsamkeit hätte gepaart sein sollen. 116
116. Johnson’s Lebensbeschreibung als Einleitung zu seinen Werken; Secret History of
the happy Revolution, von Hugo Speke; Collection of State Trials; Citters, 23. Nov. (3.
Dec.) 1686. Citters giebt die beste Darstellung des Prozesses. Ich habe einen Bogen
gesehen, der seine Erzählung bestätigt.

Unter den anglikanischen Geistlichen fand Johnson
Eifer der
keine Theilnahme. Er hatte den Aufruhr zu
anglikanischen
rechtfertigen versucht, er hatte sogar eine Billigung

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Geistlichkeit des Königsmordes angedeutet, und so viel sie auch
gegen den beleidigt und gereizt wurden, hielten sie doch noch
Papismus. immer fest an der Lehre vom Nichtwiderstande. Aber
sie sahen mit Schmerz und Besorgniß die Fortschritte
der Religion, die sie als einen schädlichen Aberglauben betrachteten, und
während sie jeden Gedanken an eine Vertheidigung ihres Glaubens durch
das Schwert aufgaben, griffen sie mannhaft zu Waffen andrer Art.

Gegen die Irrthümer des Papstthums zu predigen,
Streitschriften.
betrachteten sie jetzt als eine Pflicht und eine
Ehrensache. Die Londoner Geistlichkeit, welche damals in Hinsicht des
Talents und des Einflusses obenan stand, gab ein Beispiel, das von ihren
weniger gebildeten Amtsbrüdern im ganzen Lande wacker nachgeahmt
wurde. Hätten nur einzelne kühne Männer sich diese Freiheit
herausgenommen, so würden sie wahrscheinlich sofort vor die kirchliche
Commission citirt worden sein; aber es war kaum möglich ein Vergehen zu
bestrafen, das jeden Sonntag von Tausenden von Geistlichen, von Barwick
bis Penzance, begangen wurde. Die Pressen von London, Oxford und
Cambridge ruhten keinen Augenblick. Das Gesetz, welches die literarischen
Erscheinungen einer Censur unterwarf, war kein ernstes Hinderniß für die
Anstrengungen der protestantischen Polemiker, denn es enthielt eine
Ausnahmsbestimmung zu Gunsten der beiden Universitäten und gestattete
die Veröffentlichung aller theologischen Werke, die der Erzbischof von
Canterbury genehmigt hatte. Es stand daher nicht in der Macht der
Regierung, den Vertheidigern der Staatskirche Schweigen zu gebieten. Sie
bildeten eine zahlreiche, unerschrockene und wohlgeordnete Schaar von
Streitern und es befanden sich unter ihnen ausgezeichnete Redner, erfahrene
Dialectiker und in den Schriften der Kirchenväter wie in allen Theilen der
Kirchengeschichte gründlich bewanderte Gelehrte. Einige von ihnen
kehrten später die furchtbaren Waffen, die sie gegen den gemeinsamen
Feind geschwungen hatten, gegen einander und brachten durch ihr heftiges
Streiten und ihr übermüthiges Triumphiren Schmach über die Kirche, die
sie gerettet hatten. Gegenwärtig aber bildeten sie eine fest
zusammenhaltende Phalanx. In erster Linie erblickte man eine Reihe
standhafter und geschickter Veteranen: Tillotson, Stillingfleet, Sherlock,

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Prideaux, Whitby, Patrick, Tenison und Wake. Die ausgezeichnetsten
Baccalaureen der Philosophie, deren Studienziel die Diakonatsweihe war,
bildeten die Nachhut. Unter den Kämpfern, welche Cambridge ins Feld
stellte, ragte einer der vorzüglichsten Schüler des großen Newton hervor,
Heinrich Wharton, der einige Monate früher der beste Disputant seines
Jahrescursus gewesen war und dessen bald darauf erfolgender frühzeitiger
Tod von allen Parteien als ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft
beklagt wurde. 117 Oxford war nicht minder stolz auf einen jungen Mann,
der sein großes Talent in diesem Streite zum ersten Male versuchte und der
nachher vierzig ereignisvolle Jahre hindurch Kirche und Staat beunruhigte:
Franz Atterbury. Von solchen Männern wurde jede Streitfrage zwischen den
Papisten und den Protestanten bald in einem populären Style, den jeder
Knabe und jede Frau verstehen konnte, bald mit der scharfsinnigsten Logik,
bald mit einem ungeheuren Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert. Die
Anmaßungen des heiligen Stuhles, die Autorität der Überlieferungen, das
Fegefeuer, die Transsubstantiation, das Meßopfer, die Anbetung der Hostie,
die Verweigerung des Kelches an Laien, die Beichte, die Buße, der Ablaß,
die letzte Ölung, die Anrufung der Heiligen, die Anbetung von Bildern, der
Cölibat der Geistlichen, die Klostergelübde, die Anwendung einer dem
Volke nicht verständlichen Sprache beim öffentlichen Gottesdienste, die
Verderbtheit des römischen Hofes, die Geschichte der Reformation, der
Character der wichtigsten Reformatoren: dies Alles wurde ausführlich
erörtert. Eine große Anzahl abgeschmackter Sagen von Wundern, welche
Heilige und Reliquien bewirkt, wurden aus dem Italienischen übersetzt und
als Belege für den Pfaffentrug, der den größten Theil der Christenheit
genarrt, veröffentlicht. Von den Schriften, welche von anglikanischen
Geistlichen während der kurzen Regierung Jakob’s II. erschienen, sind
wahrscheinlich viele verloren gegangen. Diejenigen, von denen sich in
unseren großen Bibliotheken noch Exemplare befinden, bilden eine Masse
von nahe an zwanzigtausend Seiten. 118
117. Siehe die Vorrede zu Heinrich Wharton’s hinterlassenen Predigten.
118. Dies kann ich aus meinen eigenen Nachforschungen bestätigen. Im Britischen Museum befindet
sich eine vorzügliche Sammlung. Birch sagt uns in seiner Lebensbeschreibung Tillotson’s, daß der
Erzbischof Wake nicht einmal im Stande gewesen sei, einen vollständigen Katalog aller in dieser
Streitsache erschienenen Schriften anzufertigen.

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Die römischen Katholiken ließen sich nicht ohne
Die römisch-
Widerstand besiegen. Einer von ihnen, Namens
katholischen
Heinrich Hill, war zum Buchdrucker des königlichen
Theologen
Hauses und der Hofkapelle ernannt und vom Könige
besiegt.
an die Spitze einer großen Officin in London gestellt
worden, aus der Hunderte von theologischen Abhandlungen hervorgingen.
Obadja Walker’s Presse in Oxford war nicht weniger thätig. Aus diesen
Anstalten ging jedoch außer einigen schlechten Übersetzungen der
herrlichen Werke Bossuet’s nichts hervor, was nur den geringsten Werth
gehabt hätte. Kein verständiger und wahrheits­liebender Katholik konnte in
der That leugnen, daß die Vorkämpfer seiner Kirche in jedem Talent und
Wissen vollständig besiegt waren. Den fähigsten von ihnen würde von der
andren Seite kaum der dritte Rang eingeräumt worden sein. Viele von ihnen
wußten das was sie sagen wollten, nicht auf die rechte Weise zu sagen. Sie
waren wegen ihres Glaubens von den englischen Schulen und Universitäten
ausgeschlossen gewesen und hatten bis zur Thronbesteigung Jakob’s
England nie als einen angenehmen oder auch nur sicheren Aufenthalt
betrachtet. Daher hatten sie den größten Theil ihres Lebens auf dem
Continente zugebracht und ihre Muttersprache fast völlig verlernt. Wenn sie
predigten, erregte ihr ausländischer Accent das spöttische Lächeln der
Zuhörer und ihre Orthographie glich der der Waschweiber. Ihre Sprache war
durch ausländische Redensarten entstellt und wollten sie einmal recht
beredtsam sein, so ahmten sie so gut sie konnten den Styl nach, der auf den
italienischen Akademien, deren Rhetorik den höchsten Grad der
Verderbtheit erreicht hatte, für schön galt. Disputanten, welche mit solchen
Nachtheilen zu kämpfen hatten, würden selbst wenn sie die Wahrheit auf
ihrer Seite gehabt hätten, kaum im Stande gewesen sein, Männern die
Spitze zu bieten, deren Styl sich durch einfache Reinheit und Eleganz in
hohem Grade auszeichnete. 119
Die Lage Englands im Jahre 1686 kann nicht besser geschildert werden, als
mit den Worten des französischen Gesandten. „Die Unzufriedenheit,“
schrieb er, „ist groß und allgemein, aber die Furcht vor noch schlimmeren
Übeln hält Jeden zurück, der etwas zu verlieren hat. Der König äußert
unverhohlen seine Freude darüber, daß er sich in der Lage befindet, kühne
Streiche führen zu können. Er hört es gern, wenn man ihm dazu gratulirt. Er

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hat mit mir darüber gesprochen und mir versichert, daß er nicht nachgeben
wird.“ 120
119. Kardinal Howard sprach sich in Rom gegen Burnet sehr streng über diesen Gegenstand aus.
(Burnet I. 662.) Eine interessante Stelle ähnlichen Inhalts findet sich auch in einer Depesche von
Barillon, aber ich habe die Nachweisung verlegt.
Einer der katholischen Geistlichen, die an dieser Polemik Theil nahmen, ein Jesuit, Namens
Andreas Pulton, den Oliver in seiner Geschichte des Ordens für einen Mann von ausgezeichneter
Befähigung erklärt, gesteht seine Mängel selbst offen ein: „Da A. P. achtzehn Jahre außerhalb seines
Vaterlandes zugebracht hat, so macht er auf Vollkommenheit in der englischen Ausdrucksweise und
Rechtschreibung noch keinen Anspruch.“ Seine Orthographie ist in der That erbärmlich; in einem
seiner Briefe schreibt er wright für write und woed für would. Er forderte Tenison auf, lateinisch mit
ihm zu diputiren, damit sie mit gleichen Waffen kämpften. In einer zeitgenössischen Satire, betitelt
„The Advice“ finden sich folgende zwei Zeilen:
Laßt Pulton in Busby’s Schule die Ruthe geben,
Damit er sich im Druck nicht mehr zum Narren macht.
Ein andrer römischer Katholik, Namens Wilhelm Clench, schrieb eine Abhandlung über die
Suprematie des Papstes und widmete sie der Königin in italienischer Sprache. Folgende Probe seines
Styls mag genügen: „O del sagro marito fortunata consorte! O dolce alleviamento d’affari alti!
O grata ristoro di pensieri noiosi, nil cui pello latteo, lucente specchio d’illibata matronal
pudicizia, nil cui seno odorato, como in porto d’amor, si ritira il Giacomo! O beata regia
coppia! O felice incerto tra l’invincibil iconi e le candide aquile!“
Clench’s Englisch ist nicht besser wie sein Toskanisch. Zum Beispiel: „Peter signifies an
inexpugnable rock, able to evacuate all the plots of hell’s divan, and naufragate all the lurid
designs of empoisoned heretics.“ Eine andre katholische Schrift, betitelt: The Church of
England truly represented, beginnt damit uns zu sagen, „daß das Irrlicht der Reformation, das
durch viele Plünderungen und Räubereien zu einem Kometen angewachsen, gereinigt von dem
Schmutze, den es zwischen den Alpenseen angenommen habe, in England eingeführt worden sei.“
120. Barillon, 19.(29.) Juli 1686.

Mittlerweile waren in anderen Theilen des Reichs
Zustand
Ereignisse von ernster Wichtigkeit eingetreten. Die
Schottlands.
Lage der bischöflichen Protestanten Schottlands war
von der ihrer englischen Glaubensbrüder weit verschieden. Im Süden der
Insel war die Staatsreligion auch die Volksreligion und besaß eine von der
Unterstützung der Regierung völlig unabhängige Kraft. Die aufrichtigen
Conformisten waren viel zahlreicher als die Papisten und die
protestantischen Dissenters zusammengenommen. Die Landeskirche
Schottlands war die Kirche einer kleinen Minorität. Die Bevölkerung des
Niederlandes hielt zum größten Theil fest an der presbyterianischen

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Kirchenverfassung. Die große Masse der schottischen Protestanten
verabscheute das Prälatenthum als eine schriftwidrige und zugleich
ausländische Einrichtung. Die Schüler Knox’ betrachteten es als ein
Überbleibsel von den Gräueln des großen Babylon. Es erinnerte ein auf das
Andenken Wallace’s und Bruce’s stolzes Volk schmerzlich daran, daß
Schottland, seitdem seinen Herrschern ein schöneres Erbtheil zugefallen,
nur noch dem Namen nach unabhängig sei. Auch stand die bischöfliche
Verfassung in den Augen des Volks mit allen den Übeln, welche eine
fünfund­zwanzig­jährige schlechte und grausame Verwaltung
heraufbeschworen hatte, in der engsten Verbindung. Dennoch erhielt sich
diese Verfassung, wenn auch auf einer schmalen Grundlage und unter
furchtbaren Stürmen, noch immer aufrecht; sie schwankte zwar zuweilen,
wurde aber durch die weltliche Obrigkeit gestützt und verließ sich bei
eintretender ernster Gefahr auf die Macht Englands. Die Archive des
schottischen Parlaments wimmeln von Gesetzen, welche Denen mit Strafe
drohen, die in irgend einer Richtung die vorgezeichnete Grenze
überschritten. Nach einem zu Knox’ Zeiten erlassenen Gesetze, das ganz
seinen Geist athmete, war es ein schweres Vergehen, die Messe zu hören
und im zweiten Wiederholungsfalle war es ein Kapitalverbrechen. 121 Eine
neuerdings auf Andringen Jakob’s erlassene Verordnung setzte die
Todesstrafe auf das Predigen in irgend einem presbyterianischen
Conventikel und sogar auf den bloßen Versuch eines solchen unter freiem
Himmel abgehaltenen Conventikels. 122 Das heilige Abendmahl war zwar
nicht, wie in England, zu einem bürgerlichen Prüfstein herabgewürdigt
worden; aber es konnte Niemand ein Amt bekleiden, im Parlament sitzen,
oder nur an der Wahl eines Mitgliedes theilnehmen, ohne an Eidesstatt eine
Erklärung zu unterschreiben, welche in den stärksten Ausdrücken die
Grundsätze der Papisten wie der Covenanters verdammte. 123
121. Parlamentsacten vom 24. Aug. 1560 u. 15. Dec. 1567.
122. Desgl. vom 8. Mai 1685.
123. Desgl. vom 31. Aug. 1681.

Im schottischen Geheimen Rathe gab es zwei
Queensberry.
Parteien, welche Denen entsprachen, die in Whitehall

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einander kämpfend gegenüberstanden. Wilhelm Douglas, Herzog von
Queensberry, war Lordschatzmeister und wurde seit einigen Jahren als
erster Minister betrachtet. Er war durch Verwandtschaft, durch Ähnlichkeit
der Meinungen und durch Ähnlichkeit des Characters mit dem
Schatzmeister Englands eng verbunden. Beide waren Tories; Beide hatten
ein heißblütiges Temperament und starke Vorurtheile; Beide waren bereit,
ihren Gebieter bei jedem Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten seines
Volks zu unterstützen; Beide waren aufrichtige Anhänger der Staatskirche.
Queensberry hatte dem Hofe in Zeiten angekündigt, daß er sich an keiner
Neuerung betheiligen könne, die etwa in Betreff dieser Kirche beabsichtigt
werden dürfte. Dagegen befanden sich unter seinen Collegen einige ebenso
grundsatzlose Männer als Sunderland. Der Geheime Rath von Edinburg war
in der That ein Vierteljahrhundert lang eine Pflanzschule aller öffentlichen
und Privatlaster und einige von den Staatsmännern, deren Character dort
gebildet war, besaßen eine Hartherzigkeit und einen Starrsinn, von denen
Westminster selbst in jener schlimmen Zeit kaum ähnliche Beispiele
aufweisen konnte.

Der Kanzler, Jakob Drummond, Earl von Perth, und
Abfall Perth’s
sein Bruder, der Staatssekretär Johann Lord Melfort,
und Melfort’s.
suchten Queensberry zu verdrängen. Der Kanzler
hatte bereits ein unbestreitbares Recht auf die königliche Gunst. Er hatte
eine kleine stählerne Daumenschraube eingeführt, welche so fürchterliche
Schmerzen verursachte, daß sie schon Männern, bei denen Seiner Majestät
Lieblingsinstrument, der spanische Stiefel, vergebens angewendet worden
war, Geständnisse abgepreßt hatte. 124 Aber es war wohl bekannt, daß selbst
die Grausamkeit kein so sicherer Weg zu Jakob’s Herzen war als Abfall
vom Glauben. Zu diesem nahmen daher Perth und Melfort mit einer frechen
Gemeinheit, der kein englischer Staatsmann gleichzukommen hoffen durfte,
ihre Zuflucht. Sie erklärten, daß die in der Cassette Karl’s II. gefundenen
Papiere sie Beide zum wahren Glauben bekehrt hätten und sie begannen zu
beichten und die Messe zu hören. 125 Wie wenig die Überzeugung mit
Perth’s Religionswechsel zu thun hatte, bewies er deutlich, indem er wenige
Wochen später in directem Widerspruch mit den Vorschriften der Kirche, in
deren Schooß er eben erst übergetreten war, seine leibliche Cousine zur

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Gattin nahm, ohne eine Dispensation abzuwarten. Als der gute Papst dies
erfuhr, sagte er mit wohlbegründeter Verachtung und Entrüstung, dies sei
eine sonderbare Bekehrung. 126 Jakob aber war leichter zufrieden zu stellen.
Die beiden Renegaten stellten sich ihm in Whitehall vor und empfingen so
warme Versicherungen seiner Gunst, daß sie es wagten, directe
Beschuldigungen gegen den Schatzmeister zu erheben. Die Grundlosigkeit
dieser Beschuldigungen war jedoch so in die Augen springend, daß Jakob
sich genöthigt sah, den verklagten Minister freizusprechen, und Viele waren
der Meinung, daß der Kanzler durch seinen boshaften Eifer, seinen
Nebenbuhler zu stürzen, sich selbst gestürzt habe. Einige Andere urtheilten
richtiger. Halifax, gegen den Perth einige Besorgniß äußerte, antwortete
spöttisch lächelnd, es habe keine Gefahr. „Sei guten Muths, Mylord,“ setzte
er hinzu; „Dein Glaube hat Dir geholfen.“ Die Prophezeiung bestätigte sich,
Perth und Melfort kehrten als die wahren Oberhäupter der Regierung ihres
Vaterlandes nach Edinburg zurück. 127 Noch ein andres Mitglied des
schottischen Geheimen Rathes, Alexander Stuart, Earl von Murray,
Nachkomme und Erbe des Regenten, schwor ebenfalls den Glauben ab,
dessen erster Vorkämpfer sein erlauchter Ahnherr gewesen war, und erklärte
sich zum Mitgliede der römischen Kirche. So ergeben Queensberry von
jeher der Sache der Hoheitsrechte gewesen war, gegen Nebenbuhler, welche
bereit waren, die Gunst des Hofes um solchen Preis zu verkaufen, konnte er
sich nicht behaupten. Er mußte eine Reihe von Kränkungen und
Demüthigungen ertragen, ähnlich denen, welche um die nämliche Zeit
seinem Freunde Rochester das Leben zu verbittern begannen.
124. Burnet, I. 584.
125. Ibid. I. 652, 653.
126. Ibid. I. 678.
127. Burnet, I. 653.

Es erschienen königliche Erlasse, welche die Papisten
Begünstigung der
ermächtigten, Ämter zu bekleiden, ohne den Testeid
katholischen
zu leisten, und die Geistlichkeit erhielt strengen
Religion in
Befehl, sich in ihren Predigten aller Reflexionen über
Schottland.
den römisch-katholischen Glauben zu enthalten. Der

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Kanzler nahm es auf sich, zu den wenigen Buchdruckern und
Buchhändlern, die sich damals in Edinburg befanden, die Diener des
Geheimen Raths mit dem Befehle zu senden, kein Werk ohne seine
Genehmigung zu veröffentlichen. Man wußte sehr wohl, daß dieser Befehl
bezweckte, die Verbreitung protestantischer Schriften zu verhindern. Ein
achtbarer Buchhändler sagte den Boten, daß er in seinem Laden ein Buch
habe, das sich in sehr harten Worten über den Papismus äußere, und fragte,
ob er es verkaufen dürfe. Sie verlangten es zu sehen, und er zeigte ihnen
eine Bibel. 128 Eine ganze Schiffsladung Heiligenbilder, Rosenkränze,
Kreuze und Rauchfässer langten unter der Adresse des Lord Perth in Leith
an. Die Einfuhr solcher Artikel war seit geraumer Zeit verboten gewesen;
jetzt aber ließen die Zollbeamten diese Zierrathen und Geschirre des
Aberglaubens passiren. 129

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128. Fountainhall, 28. Jan. 1685/86.
129. Ibid. 11. Jan. 1685/86.

Bald darauf erfuhr man, daß im Hause des Kanzlers
Aufstände in
eine papistische Kapelle eingerichtet worden war und
Edinburg.
daß regelmäßig Messe darin gelesen wurde. Der
Pöbel stand auf und griff das Gebäude an, in welchem der Götzendienst
gefeiert ward. Die eisernen Fenstergitter wurden herausgerissen und Lady
Perth nebst einigen Freundinnen wurden mit Koth beworfen. Einer der
Ruhestörer wurde ergriffen und der Geheime Rath befahl, ihn auspeitschen
zu lassen. Seine Kameraden aber befreiten ihn und prügelten den Henker.
Die Stadt war die ganze Nacht in Aufruhr. Die Studenten der Universität
mischten sich unter den Haufen und reizten ihn zum Tumult auf. Eifrige
Bürger tranken auf die Gesundheit der studirenden Jugend und auf den
Untergang der Papisten und ermuthigten einander zum Widerstand gegen
die Truppen. Diese standen bereits unter den Waffen. Unter ihnen zeichnete
sich besonders aus das Dragoner­regiment Claverhouse’s, der Schrecken und
Abscheu von ganz Schottland. Sie wurden mit einem Steinhagel
empfangen, der einen Offizier verwundete. Alsbald erfolgte der Befehl zum
Feuern, und es fielen mehrere Bürger. Der Aufruhr war ernst; aber die von
Rachsucht und Ehrgeiz entflammten Gebrüder Drummond schilderten ihn
maßlos übertrieben. Queensberry bemerkte, daß ihre Berichte einen Jeden,
der nicht Augenzeuge gewesen war, zu dem Glauben bringen mußten, es
habe in Edinburg ein eben so furchtbarer Aufstand wie der des Masaniello
gewüthet. Sie dagegen beschuldigten ihn nicht nur, daß er das Verbrechen
der Aufrührer zu gering anschlage, sondern sogar, daß er es gefördert habe,
und boten Alles auf, um einen Beweis für seine Schuld zu erlangen. Einem
der verhafteten Rädelsführer wurde seine Begnadigung angeboten, wenn er
gestehen wolle, daß Queensberry ihn aufgehetzt habe; aber die nämliche
religiöse Begeisterung, welche den unglücklichen Gefangenen zu
verbrecherischer Gewaltthat getrieben, hielt ihn ab, sein Leben durch eine
Verleumdung zu erkaufen. Er und mehrere seiner Mitschuldigen wurden
gehängt. Ein Soldat, der während des Kampfes ausgerufen haben sollte, er
möchte sein Schwert lieber einem Papisten durch den Leib stoßen, wurde

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erschossen. So war die Ruhe in Edinburg wieder hergestellt, aber die
Verurtheilten wurden als Märtyrer betrachtet und der papistische Kanzler
wurde der Gegenstand eines tödtlichen Hasses, der in nicht langer Zeit
reichliche Befriedigung finden sollte. 130
130. Fountainhall, 31. Jan. u. 1. Feb. 1685/86; Burnet, I. 678; Prozesse David Mowbray’s
und Alexander Keith’s in der Collection of State Trials; Bonrepaux, 11.(21.) Feb.

Der König war höchlich entrüstet. Er erhielt die
Zorn des Königs.
Nachricht von dem Aufstande in dem Augenblicke,
als es der Königin mit Hülfe der Jesuiten eben gelungen war, über Lady
Dorchester und ihre protestantischen Verbündeten zu triumphiren. Er sagte,
die Unzufriedenen sollten erfahren, daß die Auflehnung gegen seinen
Willen keine andre Wirkung habe, als ihn noch entschlossener zu
machen. 131 Er sandte an den schottischen Geheimen Rath den Befehl, die
Schuldigen mit der äußersten Strenge zu bestrafen und mit der Anwendung
des spanischen Stiefels nicht sparsam zu sein. 132 Er stellte sich als ob er
von der Unschuld des Schatzmeisters vollkommen überzeugt sei und
schrieb einen sehr freundlichen Brief an ihn; aber die freundlichen Worte
waren von unfreundlichen Handlungen begleitet. Die Verwaltung des
schottischen Schatzamts wurde trotz der ernsten Gegenvorstellungen
Rochester’s, der das Schicksal seines Verwandten wahrscheinlich für einen
Vorläufer seines eignen hielt, einer Commission übertragen. 133 Allerdings
wurde Queensberry zum ersten Commissar und zum Präsidenten des
Geheimen Raths ernannt, aber sein Fall blieb trotz dieses lindernden
Balsams immer ein Fall. Auch wurde er seines Postens als Commandant des
Schlosses von Edinburg enthoben und sein Nachfolger in diesem
Vertrauensposten war der Herzog von Gordon, ein römischer Katholik. 134
131. Ludwig an Barillon, 18.(28.) Febr. 1686.
132. Fountainhall, 16. Feb.; Wodrow, III. X. 3. „Wir verlangen,“ geruhten Seine Majestät zu
schreiben, „daß Sie kein gesetzliches Verhörmittel, wie Folter und andere, sparen.“
133. Bonrepaux, 18.(28.) Feb. 1686.
134. Fountainhall, 11. März 1686; Adda, 1.(11.) März.

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Jetzt kam ein Schreiben aus London, welches dem
Seine Pläne in
schottischen Geheimen Rathe die Absichten des
Betreff
Königs klar vor Augen legte. Es war sein Wille, daß
Schottlands.
alle römischen Katholiken von der Wirkung der
Gesetze, welche wegen Nichtconformität Strafen und Ausschließungen
verhängten, befreit sein und daß dagegen die Verfolgungen gegen die
Covenanters ohne Milderung fortgesetzt werden sollten. 135 Dieser Plan
stieß im Geheimen Rathe auf kräftigen Widerstand. Einige Mitglieder
wollten von einer Lockerung der bestehenden Gesetze nichts wissen.
Andere waren zwar einer solchen Lockerung nicht abgeneigt, aber sie sahen
doch ein, daß es unerhört sein würde, römische Katholiken zu den höchsten
Ehrenämtern zuzulassen und dabei das Gesetz aufrecht zu erhalten, welches
den Besuch presbyterianischer Conventikel mit dem Tode bestrafte. Die
Antwort des Raths lautete daher nicht so unterwürfig als gewöhnlich. Der
König gab in seiner Rückäußerung seinen pflichtvergessenen Räthen einen
scharfen Verweis und entbot drei von ihnen, den Herzog von Hamilton, Sir
Georg Lockhardt und General Drummond, zu sich nach Westminster.
135. Dieser Brief ist vom 4. März 1686.

Hamilton’s Talente und Kenntnisse waren zwar
Eine Deputation
keineswegs so bedeutend, daß sie einem Unbekannten
schottischer
genügt haben würden, um sich zu einer hohen
Geheimräthe
Stellung emporzuschwingen, erschienen aber
begiebt sich nach
immerhin bei einem Manne, der erster Peer von
London.
Schottland war, sehr achtungswerth. Lockhardt hatte
lange für einen der ersten Juristen, Logiker und Redner gegolten, die sein
Vaterland hervorgebracht, und genoß dabei das Ansehen, welches große
Besitzungen verleihen, denn er hatte ein so bedeutendes Vermögen, wie es
damals nur sehr wenige schottische Edelleute besaßen. 136 Er war unlängst
zum Präsidenten des Sessions­gerichts­hofes 137 ernannt worden. Drummond,
ein jüngerer Bruder Perth’s und Melfort’s, war Commandant der in
Schottland stehenden Truppen. Er war ein leichtfertiger und weltlich
gesinnter Mann, aber ein gewisses Ehrgefühl, das seinen beiden Brüdern
fehlte, hielt ihn vom öffentlichen Glaubensabfall zurück. Er lebte und starb

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— wie einer seiner Landsleute sich sehr bezeichnend ausdrückt — als ein
schlechter Christ, aber als guter Protestant. 138
Jakob gefiel die ehrerbietige Sprache der drei Räthe, als sie zuerst vor ihm
erschienen. Er äußerte sich gegen Barillon sehr günstig über sie und rühmte
besonders Lockhardt als den talentvollsten und beredtesten aller lebenden
Schotten. Doch bald zeigten sie sich minder gefügig, als man von ihnen
erwartet hatte, und es hieß bei Hofe, daß sie durch die Gesellschaft, mit der
sie in London verkehrt hatten, verdorben worden seien. Hamilton ging viel
mit eifrigen Anhängern der Staatskirche um, und es stand zu befürchten,
daß Lockhardt in Folge seiner Verwandtschaft mit der Familie Wharton in
noch schlimmere Gesellschaft gerathen sei. Es war in der That wohl
natürlich, daß die ernste und beharrliche, aber dabei Maß haltende
Unzufriedenheit, welche England durchdrang, auf Staatsmänner, welche
eben aus einem Lande kamen, wo die Opposition in andrer Form als in der
des Aufruhrs seit langer Zeit fast unbekannt und wo Alles entweder
gesetzlose Wuth oder kriechende Unterwürfigkeit war, einen tiefen
Eindruck machte und daß sie ermuthigt werden mußten, es mit dem
verfassungsmäßigen Widerstande gegen den königlichen Willen zu
versuchen. Zwar erklärten sie sich bereit, den römischen Katholiken große
Erleichterungen zu gewähren, aber nur unter zwei Bedingungen: erstens
daß eine ähnliche Nachsicht auch auf die calvinistischen Sectirer
ausgedehnt werde, und zweitens daß sich der König durch ein feierliches
Versprechen verpflichte, nichts zum Nachtheile der protestantischen
Religion zu unternehmen.
136. Barillon, 19.(29.) April 1686; Burnet, I. 370.
137. Court of session, der höchste schottische Civilgerichtshof, dem englischen Court of
Chancery und Court of Common Pleas entsprechend. D. Übers.
138. Die Worte finden sich in einem Briefe von Johnstone an Waristoun.

Beide Bedingungen waren durchaus nicht nach
Ihre
Jakob’s Sinne. Nach einem mehrtägigen Streite
Unterhandlungen
verstand er sich indessen mit Widerstreben dazu, den
mit dem Könige.
Presbyterianern einige Duldung zu gewährleisten; die
volle Freiheit aber, die er für Mitglieder seiner Kirche beanspruchte, wollte

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er ihnen unter keinen Umständen bewilligen. 139 Auf die zweite Bedingung,
welche die schottischen Räthe stellten, weigerte er sich entschieden
einzugehen. Er sagte, die protestantische Religion sei eine falsche und er
könne durchaus nicht versprechen, daß er seine Macht nicht zum Nachtheile
einer falschen Religion anwenden werde. Die Unterhandlungen über diesen
Punkt dauerten lange und führten zu keinem für irgend eine der beiden
Parteien befriedigenden Ergebnisse. 140
139. Einige Worte von Barillon verdienen angeführt zu werden. Sie würden allein schon genügen, um
eine Frage zu entscheiden, zu deren Verwirrung Unwissenheit und Parteigeist viel beigetragen haben.
„Cette liberté accordée aux nonconformistes a faite une grande difficulté, et a été débattue
pendant plusieurs jours. Le Roy d’Angleterre avoit fort envie que les Catholiques eussent
seuls la liberté de l’exercice de leur réligion.“ 19.(29.) April 1686.
140. Barillon, 19.(29.) April; Citters, 13.(23.), 20.(30.) April u. 9.(19.) Mai.

Inzwischen rückte die zum Zusammentritt der
Zusammentritt
schottischen Stände festgesetzte Zeit heran, und die
der schottischen
drei Räthe mußten daher London verlassen, um ihren
Stände.
parlamentarischen Pflichten in Edinburg
nachzukommen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Queensberry eine neue
Kränkung. In der letzten Session hatte er als Lordobercommissar fungirt
und als solcher die Majestät des abwesenden Königs vertreten. Diese
Würde, die höchste, nach der ein schottischer Edelmann streben konnte,
wurde jetzt dem Renegaten Murray übertragen.

Am 29. April eröffnete das Parlament in Edinburg
Sie zeigen sich
seine Sitzungen. Es wurde ein Schreiben des Königs
widerspenstig.
verlesen, worin er die Stände ermahnte, seinen
römisch-katholischen Unterthanen Erleichterungen zu verschaffen, und
ihnen dafür freien Handel mit England und eine Amnestie für politische
Vergehen anbot. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um die Antwort zu
entwerfen. Dieser Ausschuß, obgleich von Murray selbst ernannt und aus
Geheimen Räthen und Höflingen zusammengesetzt, entwarf eine
Erwiederung, die zwar voll Versicherungen der Pflichttreue und
Ehrerbietung war, aber bei alledem unverkennbar den Entschluß verrieth,
dem Verlangen des Königs nicht zu entsprechen. Die Stände, hieß es darin,

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würden, so weit als ihr Gewissen es ihnen gestatte, den Wünschen Seiner
Majestät in Betreff seiner römisch-katholischen Unterthanen
entgegenkommen. Diese Ausdrücke befriedigten den Kanzler durchaus
nicht, aber er mußte sich damit begnügen und es kostete ihm sogar einige
Mühe, das Parlament zur Annahme derselben zu überreden. Einige eifrige
Protestanten erhoben Einwürfe gegen die Erwähnung des römisch-
katholischen Glaubens. Es gebe gar keine solche Religion, meinten sie,
sondern es gebe nur einen götzendienerischen Abfall, den die Gesetze mit
dem Stricke bestraften und dem christliche Männer keinen beschönigenden
Namen geben dürften. Einen solchen Afterglauben Katholicismus nennen,
hieße die ganze Frage, welche zwischen Rom und der reformirten Kirche
schwebe, aufgeben. Das Anerbieten des freien Handelsverkehrs mit
England wurde als eine schimpfliche Beleidigung angesehen. „Unsere
Väter,“ sagte einer der Redner, „verkauften ihren König für sündliches Gold
und die Schmach jenes abscheulichen Handels ist noch nicht verwischt.
Man soll nicht von uns sagen, daß wir unsren Gott verschachert haben!“ Sir
Johann Lauder von Fountainhall, einer der Senatoren des Justizcollegiums,
schlug die Worte vor: „die Personen, welche gewöhnlich römische
Katholiken genannt werden.“ — „Wollen Sie Seiner Majestät einen
Spottnamen geben?“ rief der Kanzler. Die vom Ausschuß entworfene
Antwort wurde angenommen, aber eine bedeutende und achtbare Minorität
stimmte gegen die vorgeschlagenen Worte als zu höfisch. 141 Es wurde
bemerkt, daß die Abgeordneten der Städte fast einhellig gegen die
Regierung waren. Bisher waren, diese Mitglieder im Parlament von
geringer Bedeutung gewesen und nur als der Schweif mächtiger Edelleute
betrachtet worden. Jetzt zeigten sie zum ersten Male eine Unabhängigkeit,
eine Entschiedenheit und einen Gemeingeist, welche den Hof
beunruhigten. 142
Die Antwort mißfiel Jakob dermaßen, daß er den Abdruck derselben in der
Gazette nicht gestattete. Er sollte bald erfahren, daß ein Gesetz, wie er es
angenommen zu sehen wünschte, nicht einmal vorgeschlagen werden
würde. Die Artikel-Lords, denen es oblag, die Gesetze zu entwerfen, über
welche die Stände nachher zu berathen hatten, waren thatsächlich von ihm
selbst ernannt, aber sogar sie zeigten sich widerspenstig. Als sie sich
versammelten, traten die kürzlich von London zurückgekommenen drei

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Räthe an die Spitze der Opposition gegen den königlichen Willen. Hamilton
erklärte geradezu, er könne nicht thun, was verlangt werde; er sei ein treuer
und loyaler Unterthan, aber das Gewissen ziehe eine Grenze. „Gewissen?“
rief der Kanzler; „Gewissen ist ein unbestimmtes Wort, das Alles und auch
Nichts bedeutet.“ — „Wenn das Gewissen,“ fiel Lockhardt ein, der als
Abgeordneter der großen Grafschaft Lanark im Parlamente saß, „ein leeres
Wort ist, so wollen wir es mit einem andren Ausdruck vertauschen, der
hoffentlich etwas bedeutet. Lassen Sie uns dafür sagen; Die Grundgesetze
Schottlands.“ Diese Worte veranlaßten eine heftige Debatte. General
Drummond, welcher Perthshire vertrat, erklärte sich mit Hamilton und
Lockhardt einverstanden, und die meisten der anwesenden Bischöfe traten
auf die nämliche Seite. 143
Es war klar, daß Jakob selbst im Artikel-Ausschuß über keine Majorität zu
gebieten hatte. Die Nachricht verdroß und reizte ihn. Er führte eine heftige
und drohende Sprache und bestrafte einige seiner widerspenstigen Diener in
der Hoffnung, daß die übrigen es sich würden zur Warnung dienen lassen.
Mehrere Mitglieder des Raths wurden entlassen und mehreren wurden
Gehalte entzogen, welche einen großen Theil ihres Einkommens bildeten.
Das ausgezeichnetste Opfer war Sir Mackenzie von Rosehaugh. Er hatte
lange das Amt des Lordadvokaten bekleidet und an den Verfolgungen der
Covenanters einen solchen Antheil genommen, daß er noch heutigen Tages
in den Augen des ernsten und gottesfürchtigen schottischen Landvolks eine
Stelle einnimmt, welche von der nicht beneidenswerthen Höhe
Claverhouse’s nicht weit entfernt ist. Mackenzie’s juristische Kenntnisse
waren nicht die glänzendsten, aber als Gelehrter, als Schöngeist und als
Redner stand er bei seinen Landsleuten in hohem Ansehen, und sein Ruf
hatte sich in die Londoner Kaffeehäuser und in die Oxforder Kreuzgänge
verbreitet. Die noch vorhandenen gerichtlichen Vorträge von ihm beweisen,
daß er ein talentvoller Mann war; nur werden sie durch etwas
beeinträchtigt, was er wahrscheinlich für ciceronischen Schwung hielt,
durch Interjectionen, welche mehr Kunst als Leidenschaft verrathen, und
durch weitschweifige Umschreibungen, in denen sich Epipheta über
Epipheta zu einem ermüdenden Klimax aufeinanderhäufen. Jetzt hatte er
sich zum ersten Male bedenklich gezeigt und wurde deshalb trotz seiner
Ansprüche auf den Dank der Regierung seines Amtes entsetzt. Er zog sich

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aufs Land zurück und ging bald darauf nach London, um sich zu
rechtfertigen, wurde aber vom Könige nicht vorgelassen 144. Während der
König es auf diese Weise versuchte, die Artikel-Lords durch
Einschüchterung zum Gehorsam zu zwingen, ermuthigte sie die öffentliche
Meinung zur Beharrlichkeit. Die äußersten Anstrengungen des Kanzlers
konnten es nicht verhindern, daß das Nationalgefühl sich auf der Kanzel
und durch die Presse äußerte. Eine Abhandlung, die in so kühnem und
scharfem Tone gehalten war, daß kein Buchdrucker den Druck derselben zu
übernehmen wagte, wurde im Manuscript weitverbreitet. Die auf der
entgegengesetzten Seite erscheinenden Schriften hatten bei weitem
geringere Wirkung, obgleich sie auf Staatskosten verbreitet wurden und
obgleich den schottischen Vertheidigern der Regierung ein sehr
einflußreicher englischer Bundesgenosse zur Seite stand: Lestrange, der
nach Edinburg geschickt worden war und Gemächer in Holyrood House
bewohnte. 145
Nach einer dreiwöchentlichen Debatte kamen die Lords der Artikel endlich
zu einem Entschlusse. Sie schlugen vor, daß es den römischen Katholiken
erlaubt sein sollte, ihren Gottesdienst in Privathäusern abzuhalten; aber es
zeigte sich bald, daß selbst diese Maßregel, soweit sie auch hinter den
Forderungen und Erwartungen des Königs zurückblieb, von den Ständen
entweder gar nicht oder doch nur mit starken Beschränkungen und
Modificationen angenommen werden würde.
Während der Dauer dieses Kampfes herrschte in London eine ängstliche
Spannung. Jeder Bericht, jede Zeile von Edinburg wurde begierig gelesen.
Einmal ging das Gerücht, Hamilton habe nachgegeben und die Regierung
werde jeden Punkt durchsetzen. Dann kam wieder die Nachricht, daß die
Opposition sich aufs neue gesammelt habe und hartnäckiger sei als je. In
dem kritischesten Augenblicke erhielt das Postamt den Befehl, alle
Briefbeutel aus Schottland nach Whitehall zu senden, und eine ganze
Woche lang wurde nicht ein einziger Privatbrief, der von jenseit des Tweed
kam, in London ausgegeben. In unsrer Zeit würde eine solche
Unterbrechung des schriftlichen Verkehrs die ganze Insel in Verwirrung
bringen; damals aber war der Handel und die Correspondenz zwischen
England und Schottland so gering, daß die Nachtheile wahrscheinlich viel
unbedeutender waren als die, welche gegenwärtig durch eine kurze

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Verzögerung in der Ankunft der indischen Post entstehen. Während so die
gewöhnlichen Wege, auf denen man Nachrichten erhalten konnte,
verschlossen waren, beobachtete die Menge in den Galerien von Whitehall
mit gespannter Aufmerksamkeit die Mienen des Königs und seiner
Minister, und man bemerkte mit großer Befriedigung, daß nach jedem aus
dem Norden kommenden Expressen die Feinde des protestantischen
Glaubens immer finsterer aussahen.
141. Fountainhall, 6. Mai 1686.
142. Ibid. 15. Juni 1686.
143. Citters, 11.(21.) Mai 1686. Citters versicherte die Generalstaaten, daß er seine Mittheilungen aus
bester Quelle habe. Ich will einen Theil davon hier anführen. Es ist zugleich ein ergötzliches
Pröbchen von dem buntscheckigen Style der damaligen holländischen Diplomaten.
„Des konigs missive, boven en behalven den Hoog Commissaris aensprake, aen het
parlement afgesonden, gelyck dat altoos gebruyckelyck is, waerby Syne Majesteyt nu in
genere versocht hieft de mitigatie der rigoureuse ofte sanglante wetten van het Ryck jegens
het Pausdom, in het Generale Comitée des Articles (soo men hat daer naemt) na ordre
gestelt en gelesen synde, in ’t voteren, den Hertog van Hamilton onder anderen klaer nyt
seyde dat hy daertoe niet soude verstaen, dat hy anders genegen was den Konig in allen
voorval getrouw te dienen volgens het dictamen syner conscientie: ’t gene reden gaf aen de
Lord Cancelier de Grave Perts te seggen dat het woort conscientie niets en beduyde, en
alleen een individuum vagum was, waerop der Chevalier Lockhardt dan verder gingh; wil
man nit verstaen de betyckenis van het woordt conscientie, soo sal ik in fortioribus seggen
dat wy meynen volgens de fondamentale welten van het ryck.“
In dem „Hind Let Loose“ kommt eine interessante Stelle vor, der ich ohne jene Depesche von
Citters keinen Glauben geschenkt haben würde. „Sie können das Wort Gewissen nicht einmal
aussprechen hören.“ Jemand, der die Ansicht des Geheimen Raths über diesen Punkt genau kannte,
sagte zu einem Herrn, der vor demselben erscheinen wollte: „Sprecht um des Himmels willen vor
den Lords nicht vom Gewissen, denn sie können dieses Wort nicht hören.“
144. Fountainhall, 17. Mai 1686.
145. Wodrow, III. X. 3.

Endlich kam zur allgemeinen Freude die Nachricht,
Sie werden
daß der Kampf zu Ende sei, daß die Regierung mit
vertagt.
ihren Maßregeln nicht habe durchdringen können und
daß der Lordobercommissar das Parlament vertagt habe. 146
146. Citters, 28. Mai (7. Juni), 1.(11.) u. 4.(14.) Juni 1686; Fountainhall, 15. Juni; Luttrell’s
Diary, June 2. 16.

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Wäre Jakob nicht gegen alle Warnungen taub
Willkürherrschaf
gewesen, so würden diese Ereignisse genügt haben,
t in Schottland.
ihn zu warnen. Wenige Monate früher hatte das
fügsamste aller englischen Parlamente sich geweigert, seinem Willen zu
gehorchen. Aber das willfährigste englische Parlament konnte im Vergleich
mit jedem schottischen Parlamente aus irgend einer Zeit eine unabhängige
und muthige Versammlung genannt werden, und der knechtische Sinn der
schottischen Parlamente war stets in höchster Potenz bei den Lords der
Artikel zu finden. Doch selbst die Artikel-Lords zeigten sich widerspenstig.
Es war klar, daß alle diejenigen Klassen, alle diejenigen Institutionen,
welche bis dahin für die kräftigsten Stützen der monarchischen Gewalt
gegolten hatten, als Elemente der Opposition betrachtet werden mußten,
wenn der König auf seiner wahnsinnigen Politik beharrte. Aber alle diese
Warnungszeichen gingen spurlos an ihm vorüber; auf jede Beschwerde
hatte er nur die eine Antwort: er werde niemals nachgeben, denn
Zugeständnisse hätten seinen Vater ins Verderben gestürzt, und sein
unbeugsamer Starrsinn wurde von der französischen Gesandtschaft und der
jesuitischen Cabale laut gepriesen.
Er erklärte jetzt, daß er schon zu genädig gewesen sei, indem er sich
herabgelassen habe, die Zustimmung der schottischen Stände zu seinen
Wünschen zu verlangen. Sein Hoheitsrecht werde ihn nicht nur in den
Stand setzen, Diejenigen zu beschützen, denen er gewogen sei, sondern
auch Die zu bestrafen, die sich gegen ihn aufgelehnt hätten. Er war fest
überzeugt, daß seine Dispensationsgewalt von keinem schottischen
Gerichtshofe in Zweifel gezogen werden würde. Es gab damals eine
schottische Suprematsacte, welche dem Souverain eine Gewalt über die
Kirche verlieh, welche selbst Heinrich VIII. befriedigt haben würde. In
Folge dessen wurden Papisten in Menge zu Ämtern und Ehrenstellen
zugelassen. Der Bischof von Dunkeld, der als Lord des Parlaments der
Regierung opponirt hatte, wurde willkürlich von seinem Sitze vertrieben
und ein Nachfolger für ihn ernannt. Queensberry wurde aller seiner Ämter
entsetzt und ihm befohlen, daß er so lange in Edinburg bleiben müsse, bis
die Rechnungen des Schatzamts aus der Zeit seiner Verwaltung geprüft und
richtig befunden worden seien. 147 Da die Abgeordneten der Städte als der
unlenkbarste Theil des Parlaments erkannt worden waren, beschloß man, in

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jedem Wahlorte des ganzen Landes eine völlige Umgestaltung
vorzunehmen. Eine ähnliche Veränderung war erst kürzlich in England
durch richterliche Erkenntnisse bewirkt worden; in Schottland aber wurde
ein bloßer Befehl des Fürsten für genügend erachtet. Alle Wahlen der
Magistratsbeamten und der Stadträthe wurden untersagt und der König
maßte sich das Recht an, die wichtigsten Municipalbehörden selbst zu
ernennen. 148 In einem formellen Schreiben an den Geheimen Rath kündigte
er seine Absicht an, in seinem Holyroodpalaste eine römisch-katholische
Kapelle einzurichten, und er gab Befehl, daß die Richter angewiesen
werden sollten, alle gegen die Papisten gerichteten Gesetze, bei Strafe
seines allerhöchsten Mißfallens, für null und nichtig zu erklären. Indessen
beruhigte er die protestantischen Episcopalen durch die Zusicherung, daß er
zwar entschlossen sei, die römisch-katholische Kirche gegen sie in Schutz
zu nehmen, sich aber ebenso auch vorgenommen habe, sie gegen jeden
Übergriff seitens der Fanatiker zu beschützen. Perth schlug eine in den
kriechendsten Ausdrücken abgefaßte Antwort auf diese Mittheilung vor.
Der Geheime Rath enthielt jetzt viele Papisten; die noch darin sitzenden
protestantischen Mitglieder waren durch des Königs Hartnäckigkeit und
Strenge eingeschüchtert worden, und nur ein schwaches Murren ließ sich
dann und wann noch vernehmen. Hamilton ließ sich einige Andeutungen
gegen die Dispensationsgewalt entschlüpfen, die er aber schleunigst wieder
wegerklärte. Lockhardt sagte, er wolle eher seinen Kopf verlieren, als einen
Brief wie der vom Kanzler entworfene unterschreiben, aber er sagte dies
wohlweislich so leise, daß es nur von Freunden gehört wurde. Perth’s Worte
wurden mit unbedeutenden Abänderungen angenommen und den
königlichen Befehlen Folge geleistet; aber eine dumpfe Unzufriedenheit
verbreitete sich unter jener Minorität der schottischen Nation, mit deren
Hülfe die Regierung bisher die Majorität niedergehalten hatte. 149
147. Fountainhall, 12. Juni 1686
148. Ibid. 16. Sept. 1686.
149. Fountainhall, 16. Sept.; Wodrow, III. X. 3.

Wenn der Geschichtsschreiber dieser unruhigen
Irland.
Regierung den Blick nach Irland wendet, wird seine

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Aufgabe ganz besonders schwierig und kitzlig. Er schreitet — um mich des
schönen Bildes zu bedienen, das ein römischer Dichter in ähnlichem Falle
gebraucht hat — auf einer dünnen Schicht Asche dahin, unter der die Lava
noch glüht. Das siebzehnte Jahrhundert hat in jenem unglücklichen Lande
dem neunzehnten ein verhängnißvolles Erbtheil schlimmer Leidenschaften
hinterlassen. Das Unrecht, das die sächsischen Vertheidiger von
Londonderry und die celtischen Vertheidiger von Limerick einander
angethan, hat keiner der beiden genannten Stämme dem andren jemals
aufrichtig verziehen. Bis auf den heutigen Tag sind die vielen edlen
Eigenschaften, welche die Kinder der Sieger auszeichnen, mit einem mehr
als spartanischen Trotze vermischt, während bei den Kindern der Besiegten
nur zu oft ein als Furcht und Haß zusammengesetztes Zelotengefühl zu
erkennen ist. Keiner der beiden feindlichen Stämme kann von jedem Tadel
freigesprochen werden; der Hauptvorwurf aber trifft den kurzsichtigen und
starrköpfigen Fürsten, der in einer Lage, wo er sie hätte versöhnen können,
seine ganze Macht aufbot, ihren gegenseitigen Haß noch mehr zu schüren,
bis er sie endlich zu einem Kampf auf Leben und Tod zwang.

Die Mißstände, unter denen die Mitglieder seiner
Zustand des
Kirche in Irland litten, waren von denen, welche er in
irischen Rechts in
England und Schottland abzustellen versuchte, weit
Glaubenssachen.
verschieden. Das irische Gesetzbuch, welches später
durch eine ebenso barbarische Unduldsamkeit wie die der grauesten Vorzeit
befleckt wurde, enthielt damals kaum eine einzige Bestimmung und nicht
eine einzige bindende Bestimmung, welche über die Papisten als solche
irgend eine Strafe verhängt hätte. Auf unsrer Seite des St. Georgskanals
drohte jedem Priester, der einen Neubekehrten in den Schooß der römischen
Kirche aufnahm, die Strafe, gehängt, geschleift und geviertheilt zu werden.
Jenseit des Kanals war er keiner solchen Gefahr ausgesetzt. Ein Jesuit, der
in Dover landete, setzte sein Leben aufs Spiel; in Dublin ging er
vollkommen sicher einher. Bei uns konnte Niemand ein Amt bekleiden,
oder sich nur als Advokat oder als Schullehrer seinen Unterhalt erwerben,
wenn er nicht zuvor den Suprematseid leistete; in Irland war kein
öffentlicher Beamter verbunden, diesen Eid zu leisten, wenn derselbe nicht
ausdrücklich von ihm verlangt wurde. 150 Es war daher Niemand, den die

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Regierung anstellen wollte, dieses Grundes wegen von irgend einem Amte
ausgeschlossen. Die Abendmahlsprobe und die Erklärung gegen die
Transsubstantiation waren unbekannt und das Parlament keiner
Religionssecte verschlossen.
150. Die Bestimmungen der irischen Suprematsacte, 2. Elis. Kap. 1. sind im wesentlichen
dieselben wie die der englischen Suprematsacte, 1. Elis. Kap. 1., aber die englische wurde
bald für mangelhaft befunden und der Mangel durch eine bindendere Acte, 5. Elis. Kap. 1.
ersetzt. Ein solches Ergänzungsgesetz wurde in Irland nicht erlassen. Daß die im Texte
erwähnte Auslegung auch auf die irische Suprematsacte angewendet wurde, erfahren wir
vom Erzbischof King: State of Ireland, chap. II. sec. 9. Er nennt diese Auslegung
jesuitisch, ich kann sie nicht in diesem Lichte sehen.

Es könnte demnach scheinen, daß sich der irische
Feindseligkeit
Katholik in einer Lage befunden hätte, um die ihn
der Stämme.
seine englischen und schottischen Brüder wohl
beneiden durften. In der Wirklichkeit aber war seine Lage trauriger und
erbitternder als die ihrige, denn wurde er auch nicht als Katholik verfolgt,
so wurde er doch als Irländer bedrückt. In seinem Vaterlande trennte
dieselbe Scheidelinie, welche die Confessionen trennte, auch die Stämme,
und er gehörte dem überwundenen, unterjochten und mit Füßen getretenen
Stamme an. Auf dem nämlichen Boden wohnten zwei Bevölkerungen,
örtlich mit einander vermischt, aber moralisch und politisch gesondert. Der
Glaubensunterschied war keineswegs der einzige und vielleicht nicht
einmal der Hauptunterschied, der zwischen ihnen stattfand. Sie waren
verschiedenen Stämmen entsprossen, sie sprachen verschiedene Sprachen,
sie hatten verschiedene Nationalcharactere, die einander so ganz
entgegengesetzt waren, als nur irgend zwei Nationalcharactere in Europa,
und endlich standen sie auch auf weit verschiedenen Stufen der Bildung.
Zwischen zwei solchen Bevölkerungen konnte unmöglich eine große
Sympathie herrschen, und Jahrhunderte von Drangsal und Unbill hatten
sogar eine starke Antipathie erzeugt. Das Verhältniß der Minderheit zu der
Mehrheit glich dem, in welchem das Heer Wilhelm’s des Eroberers zu den
sächsischen Bauern, oder die Mannschaft des Cortez zu den Indianern von
Mexiko stand.
Der Name Iren wurde damals ausschließlich den Celten und denjenigen
Familien gegeben, welche, obgleich nicht celtischen Ursprungs, doch im

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Laufe der Zeiten celtische Sitten und Gebräuche angenommen hatten. Diese
Leute, an Zahl wahrscheinlich etwas unter eine Million Seelen stark, waren
mit wenigen Ausnahmen Anhänger der römischen Kirche. Unter ihnen
wohnten etwa zweihundert­tausend Ansiedler, die auf ihr sächsisches Blut
und auf ihren protestantischen Glauben stolz waren. 151
151. Political Anatomy of Ireland.

Das große numerische Übergewicht wurde auf der
Das eingeborne
andren Seite durch eine große Überlegenheit an
Landvolk.
Intelligenz, Thatkraft und Organisation mehr als
aufgewogen. Die englischen Ansiedler scheinen in Kenntnissen, Energie
und Ausdauer eher über als unter dem Durchschnittsmaße der Bevölkerung
des Mutterlandes gestanden zu haben. Das eingeborne Landvolk dagegen
befand sich fast in einem Zustande von Wildheit. Sie arbeiteten nicht eher,
als bis sie den Stachel des Hungers fühlten, und waren mit geringeren
Bequemlichkeiten zufrieden, als man sie in glücklicheren Ländern den
Hausthieren gewährt. Schon war die Kartoffel, ein Knollengewächs, das
fast ohne Kunst, Betriebsamkeit und Kapital erbaut werden kann, die
Hauptnahrung des gemeinen Volks geworden. 152 Von einem so genährten
Volke waren Fleiß und Sorge für die Zukunft nicht zu erwarten. Schon
wenige Meilen von Dublin sah der Reisende auf dem fruchtbarsten und
üppigsten Boden der Welt mit wahrhaftem Ekel die erbärmlichen Höhlen,
aus denen ihm schmutzige und halbnackte Barbaren wild anstarrten. 153
152. Political Anatomy of Ireland, 1672; Irish Hudibras, 1689; John Dunton’s Account of
Ireland, 1699.
153. Clarendon an Rochester vom 4. Mai 1686.

Der eingeborne Adel besaß noch in nicht
Der eingeborne
gewöhnlichem Maße seinen Geburtsstolz, hatte aber
Adel.
den Einfluß verloren, den Reichthum und Macht
verleihen. Seine Ländereien hatte Cromwell unter seine Anhänger vertheilt.
Es war zwar ein Theil des von ihm in Beschlag genommenen großen
Gebiets nach der Wiedereinsetzung des Hauses Stuart den früheren

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Eigenthümern zurückgegeben worden, aber den bei weitem größten Theil
hatten noch immer englische Emigranten unter Garantie einer
Parlamentsacte im Besitz. Diese Acte war ein Vierteljahrhundert in Kraft
gewesen und während dieser Zeit hatten unzählige Verpfändungen,
Verträge, Verkäufe und Verpachtungen stattgefunden. Die alte irische
Gentry war über die ganze Welt zerstreut. An allen Höfen und in allen
Armeen des Continents wimmelte es von Abkömmlingen milesischer
Häuptlinge. Die beraubten Eigenthümer, welche in der Heimath
zurückgeblieben waren, brüteten finster über ihren Verlust, sehnten sich
nach dem ihnen entrissenen Reichthum und Ansehen und nährten wilde
Hoffnungen auf eine neue Umwälzung. Eine dieser Klasse angehörende
Person wurde von ihren Landsleuten als ein Gentleman geschildert, der
reich sein würde, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, der ein
schönes Gut hätte, wenn er es nur bekommen könnte. 154 Er ergriff selten
einen friedlichen Beruf, denn er betrachtete den Handel als eine
entehrendere Erwerbsquelle als den Raub. Zuweilen wurde er ein
Freibeuter; zuweilen fristete er auch sein Leben dem Gesetze zum Trotz
durch das, was man coshering nannte, das heißt, indem er sich von den
ehemaligen Pächtern seiner Familie füttern ließ, welche bei allem Elend
ihrer eigenen Lage doch dem Manne, den sie noch immer als ihren
rechtmäßigen Grundherrn betrachteten, einen Theil ihres kümmerlichen
Erwerbs nicht abschlagen konnten. 155 Der eingeborne Gentleman, der so
glücklich gewesen war, etwas von seinem Grundbesitze zu behalten oder
zurückzubekommen, lebte nur zu oft wie der Häuptling eines
Indianerstammes und entschädigte sich für die Demüthigungen, die er von
dem herrschenden Stamme ertragen mußte, dadurch, daß er seine Vasallen
despotisch behandelte, sich einen rohen Harem hielt und sich täglich durch
geistige Getränke um Verstand und Vernunft brachte. 156 Eine politische
Bedeutung hatte er nicht. Zwar war er durch kein Gesetz vom Hause der
Gemeinen ausgeschlossen, aber er hatte fast eben so wenig Aussicht, einen
Sitz in demselben zu erhalten, als ein Farbiger, in den Senat der Vereinigten
Staaten gewählt zu werden. Es war in der That seit der Restauration nur ein
einziger Papist in das irische Parlament gewählt worden. Die ganze
gesetzgebende und ausübende Gewalt war in den Händen der Ansiedler,
und das Übergewicht des herrschenden Stammes wurde durch ein stehendes

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Heer von siebentausend Mann aufrecht erhalten, auf dessen Eifer für das
sogenannte Interesse Englands man zuversichtlich rechnen konnte. 157
Eine genaue Untersuchung würde ergeben haben, daß weder das Irenthum,
noch das Engländerthum einen völlig homogenen Körper bildete. Der
Unterschied zwischen den Iren celtischen Geblüts und den von den
Begleitern Strongbow’s und De Burgh’s abstammenden war noch nicht
ganz verwischt; die Fitz erlaubten sich zuweilen mit Geringschätzung von
den O und Mac zu sprechen, und die O und Mac vergalten diese
Geringschätzung zuweilen mit Haß. Unter der vorhergehenden Generation
weigerte sich einer der mächtigsten der O’Neill, einem römisch-
katholischen Gentleman alt-normännischer Abkunft ein Zeichen von
Achtung zu geben. „Sie sagen, die Familie sei schon seit vierhundert Jahren
hier. Das bleibt sich gleich, ich hasse den Bauerklotz, als ob er erst gestern
hierhergekommen wäre.“ 158 Es scheint jedoch, daß solche Gesinnungen
selten waren und daß die Fehde, welche lange zwischen den eingeborenen
Celten und den entarteten Engländern gewüthet hatte, von der heftigeren
Fehde, welche beide Racen von den neuen protestantischen Ansiedlern
trennte, in den Hintergrund gedrängt worden war.
154. Bischof Malony’s Brief an Bischof Tyrrel vom 8. März 1689.
155. Statute 10 & 11 Charles I. chap. 16; King’s State of the Protestants of Ireland, chap. II.
sec. 8.
156. King, chap. II. sec. 8. Miß Edgeworth’s „König Corny“ gehört einer späteren und viel
civilisirteren Generation an; aber wer dieses treffliche Charactergemälde studirt hat, wird sich
ungefähr denken können, was für ein Mann König Corny’s Großvater gewesen sein mußte.
157. King, chap. III. sec. 2.
158. Sheridan MS.; Vorrede zum ersten Bande der Hibernia Anglicana, 1690; Secret Consults
of the Romish Party in Ireland, 1689.

Auch die Kolonie hatte ihre inneren, theils nationalen,
Zustand der
theils religiösen Zwistigkeiten. Die Mehrzahl waren
englischen
Engländer, aber eine starke Minorität war aus dem
Kolonie.
Süden Schottlands. Die eine Hälfte der Ansiedler
gehörte der Staatskirche an, die andre Hälfte waren Dissenters. In Irland
aber waren Schotte und Southron (Südländer) durch ihren gemeinsamen
sächsischen Ursprung, und Anglikaner und Presbyterianer durch ihren

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gemeinsamen Protestantismus eng mit einander verbunden. Alle Kolonisten
hatten eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames pekuniäres
Interesse. Sie waren umgeben von gemeinsamen Feinden und konnten sich
nur durch gemeinsame Vorkehrungen und Anstrengungen gegen die
Angriffe derselben sichern. Daher waren denn auch die wenigen in Irland
gegen protestantische Nonconformisten erlassenen Strafgesetze ein todter
Buchstabe. 159 Die Bigotterie des starrsten Anglikaners widerstand dem
Einflusse der Versetzung über den Georgskanal nicht. Sobald der Kavalier
in Irland ankam und sich überzeugte, daß er ohne den herzlichen und
muthigen Beistand seiner puritanischen Nachbarn mit seiner ganzen
Familie der Gefahr ausgesetzt war, von papistischen Räubern ermordet zu
werben, so schwand sein Haß gegen den Puritanismus unwillkürlich mehr
und mehr und erlosch endlich ganz. Ausgezeichnete Männer beider Parteien
machten die Bemerkung, daß ein Protestant, der in Irland ein Hochtory
genannt wurde, in England als ein gemäßigter Whig betrachtet worden
wäre. 160
Die protestantischen Nonconformisten ihrerseits ertrugen mit mehr Geduld,
als man hätte erwarten sollen, den Anblick der absurdesten kirchlichen
Verfassung, welche die Welt je gesehen. Vier Erzbischöfe und achtzehn
Bischöfe führten die Aufsicht über eine Anzahl von Anglikanern, welche
ungefähr den fünften Theil der Gemeindemitglieder des Londoner
Kirchspiels betrug. Ein großer Theil der Pfarrgeistlichen waren
Pluralisten 161 und wohnten entfernt von ihren Gemeinden. Einige von
ihnen bezogen von ihren Pfründen ein Einkommen von nahe an tausend
Pfund jährlich, ohne daß sie jemals eine geistliche Function verrichteten.
Dennoch war diese verkehrte Institution den in Irland angesiedelten
Puritanern bei weitem nicht so verhaßt, als den englischen Sectirern die
englische Landeskirche. Denn in Irland waren die religiösen Spaltungen
den nationalen untergeordnet, und obgleich der Presbyterianer als Theolog
die Hierarchie der Staatskirche verwerfen mußte, so sah er doch wieder mit
einer Art von Wohlgefallen auf diese Hierarchie, wenn er sie als eine
glänzende und prunkende Trophäe des Sieges betrachtete, den der große
Stamm, dem er entsprossen war, errungen hatte. 162
So hatten die Leiden des irischen Katholiken mit denen des englischen
Katholiken kaum etwas gemein. Der Katholik von Lancashire oder von

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Staffordshire brauchte nur Protestant zu werden, um sogleich seinen
Nachbarn in jeder Beziehung gleich zu stehen; wenn aber die Katholiken
von Munster oder Connaught auch Protestanten geworden wären, so
würden sie deshalb doch ein unterworfenes Volk geblieben sein. Alle Übel,
welche der römische Katholik in England zu ertragen hatte, entsprangen aus
harten Gesetzen und hätten durch eine liberalere Gesetzgebung beseitigt
werden können; die Ungleichheit zwischen den beiden Bevölkerungen
Irlands aber war weder durch eine Gesetzgebung entstanden, noch konnte
sie durch eine solche gehoben werden. Die Herrschaft, welche eine dieser
beiden Bevölkerungen über die andre ausübte, war die Herrschaft des
Wohlstandes über die Armuth, der Bildung über die Unwissenheit, des
civilisirten über den nicht civilisirten Menschen.
159. „Wenn auch nicht durch das Gesetz, so doch durch beiderseitiges Einverständniß bestand völlige
Gewissensfreiheit.“ King, chap. III. sec. 1.
160. In einem Briefe an Jakob, der unter Bischof Tyrrel’s Papieren gefunden wurde und der das
Datum des 14. Aug. 1686 trägt, kommen einige bemerkenswerthe Äußerungen vor. „Es giebt wenig
oder gar keine Protestanten in diesem Lande, die nicht mit den Whigs gegen den gemeinsamen Feind
verbunden wären.“ Dann wieder: „Diejenigen, welche hier (in England) für Tories galten, nahmen
jenseit des Wassers öffentlich Partei für die Sache der Whigs.“ Das Nämliche sagte Swift einige Jahre
später zum König Wilhelm: „Ich erinnere mich, bei meinem letzten Besuche in England dem Könige
gesagt zu haben, daß die strengsten Tories bei uns ganz leidliche Whigs sein würden.“ Brief über den
Abendmahlseid.
161. Geistliche, welche mehrere weit von einander entfernte Pfründen inne haben, die sie zum Theil
oder auch sämmtlich verwalten lassen. D. Übers.
162. Den Reichthum und die Nachlässigkeit der anglikanischen Geistlichen Irlands erwähnt der
Lordlieutenant Clarendon, einer der unverwerflichen Zeugen, in den stärksten Ausdrücken.

Jakob selbst schien beim Beginn seiner Regierung
Verfahren,
diese Wahrheiten vollkommen erkannt zu haben. Die
welches Jakob
Verwirrungen in Irland, sagte er, entspringen nicht aus
hätte beobachten
der Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten,
sollen.
sondern aus der Spaltung zwischen Irländern und
Engländern. 163 Die Folgerungen, die er aus diesem ganz richtigen
Vordersatze hätte ziehen können, lagen nahe genug; zum Unglück für ihn
und für Irland entgingen sie ihm.

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Wenn nur der nationale Haß hätte gemildert werden können, so unterliegt es
kaum einem Zweifel, daß auch die religiöse Erbitterung, welche nicht wie
in England durch harte Strafgesetze und durch strenge Testacte wach
erhalten wurde, von selbst erloschen sein würde. Die Dämpfung eines
nationalen Hasses wie der, welcher die beiden Irland bewohnenden
Volksstämme gegen einander beseelte, konnte allerdings nicht das Werk
einiger Jahre sein. Indessen war es ein Werk, zu dem ein weiser und guter
Fürst viel hätte beitragen können, und Jakob würde es mit Vortheilen
unternommen haben, wie sie keinem seiner Vorgänger oder seiner
Nachfolger zur Seite standen. Als Engländer und zugleich Katholik gehörte
er halb der herrschenden, halb der unterworfenen Kaste an und war daher
ganz besonders zu einem Vermittler zwischen beiden geeignet. Es ist auch
nicht schwer, den Weg zu bezeichnen, den er hätte einschlagen sollen. Er
hätte die Unverletzbarkeit der bestehenden Vertheilung des Grundbesitzes
beschließen und diesen Beschluß in einer Weise ankündigen sollen, welche
die Besorgnisse der neuen Eigenthümer beruhigte und die etwaigen kühnen
Hoffnungen der alten Eigenthümer niederschlug. Ob bei dem großen
Besitzwechsel Ungerechtigkeiten vorgekommen wären oder nicht, war
unwesentlich; dieser Besitzwechsel, mochte er nun gerecht oder ungerecht
gewesen sein, hatte vor so langer Zeit stattgefunden, daß ein Umstoß
desselben die Grundlagen der Gesellschaft erschüttert haben würde. Es muß
für alle Rechte eine Verjährungsfrist geben. Nach fünfunddreißig Jahren
factischen Besitzes, nach fünfundzwanzig Jahren eines durch das Gesetz
feierlich verbürgten Besitzes, nach zahllosen Verpachtungen und
Pachtveränderungen, Verpfändungen und Vermächtnissen war es zu spät,
nach Mängeln in den Rechtstiteln zu suchen. Es hätte deshalb immer etwas
geschehen können, um die verwundeten Gefühle der irischen Gentry zu
heilen und ihrem gesunkenen Wohlstande wieder aufzuhelfen. Die
Ansiedler lebten in sehr guten Verhältnissen. Sie hatten ihre Besitzungen
durch Bauten, Anpflanzungen und Einzäunungen bedeutend verbessert; die
Grundrente hatte sich im Laufe weniger Jahre verdoppelt, der Handel blühte
und die Staatseinkünfte, die sich jährlich auf ungefähr dreihundert­tausend
Pfund beliefen, deckten nicht nur reichlich alle Verwaltungskosten, sondern
ergaben auch noch einen Überschuß, der nach England geschickt wurde. Es
unterlag keinem Zweifel, daß das nächste in Dublin zusammenkommende
Parlament, obgleich es fast ausschließlich das englische Interesse vertrat, in

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Anerkennung des königlichen Versprechens, dieses Interesse in allen seinen
gesetzlichen Rechten zu wahren, bereit sein würde, dem Könige eine sehr
bedeutende Summe zu bewilligen, um damit solche eingeborene Familien,
welche rechtswidrig beraubt worden waren, wenigstens theilweis zu
entschädigen. Auf diese Weise schlichtete in unsrer Zeit die französische
Regierung die Streitigkeiten, welche durch die ausgedehnteste
Güterconfiscation, die jemals in Europa stattgefunden, hervorgerufen
worden waren. So würde auch Jakob, wenn er sich durch seine loyalsten
protestantischen Rathgeber hätte leiten lassen, eines der Hauptübel, welche
auf Irland lasteten, wenigstens bedeutend gemildert haben. 164
Nachdem er dies gethan, hätte er darauf hinarbeiten müssen, die feindlichen
Stämme durch unparteiische Beschützung ihrer Rechte und durch Zügelung
der Übergriffe Beider mit einander auszusöhnen. Er hätte den Eingebornen,
der sich dem zügellosen Übermuthe der Barbarei hingab, mit gleicher
Strenge bestrafen sollen, wie den Ansiedler, der das Übergewicht der
Civilisation mißbrauchte. So weit die rechtmäßige Autorität der Krone
reichte — und sie reichte in Irland weit — hätte Niemand, den seine
Rechtschaffenheit und Geschicklichkeit für ein Amt befähigten, wegen
seiner Herkunft oder seines Glaubens für irgend eine öffentliche Anstellung
untauglich gehalten werden sollen. Ein römisch-katholischer König mit
einem zu seiner freien Verfügung stehenden reichen Staatseinkommen,
hatte sich wahrscheinlich ohne große Schwierigkeit der Mitwirkung der
katholischen Prälaten und Priester bei dem großen Versöhnungswerke
versichert halten können. Vieles hätte allerdings noch immer dem heilenden
Einflusse der Zeit überlassen bleiben müssen. Die Eingebornen hatten
immer noch von den Ansiedlern Betriebsamkeit, Sorge für die Zukunft, die
Künste des Lebens und die englische Sprache zu lernen gehabt. Es konnte
keine Gleichheit stattfinden zwischen Menschen, die in Häusern, und
Menschen, die in Ställen wohnten, zwischen Menschen, die sich von Brod,
und Menschen, die sich von Kartoffeln nährten, zwischen Menschen,
welche die edle Sprache großer Philosophen und Dichter sprachen, und
Menschen, die sich in verkehrtem Stolze rühmten, daß sie ihren Mund nicht
zu einem Kauderwelsch verzerren könnten, in welchem die „Fortschritte
der Wissenschaft“ und das „Verlorne Paradies“ geschrieben waren. 165 Man
kann indessen mit gutem Grunde annehmen, daß, wenn die eben

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geschilderte versöhnende Politik von der Regierung beharrlich verfolgt
worden wäre, alle Schranken nach und nach gefallen und daß von der
Feindseligkeit, welche der Fluch Irlands gewesen ist, nicht mehr Spuren
zurückgeblieben sein würden, als von der gleich erbitterten Feindschaft,
welche einst in England zwischen den Sachsen und den Normannen
wüthete.
163. Clarendon erinnert den König hieran in einem vom 14. März 1685/86 datirten Briefe und setzt
hinzu: „Dies ist unstreitig eine ganz richtige Ansicht.“
164. Clarendon empfahl dringend dieses Verfahren und war der Meinung, daß das irische Parlament
das Seinige dazu beitragen würde. Siehe seinen Brief an Ormond vom 28. Aug. 1686.
165. Es war ein O’Neill von hohem Ansehen, welcher einst sagte, daß es sich nicht für ihn zieme, den
Mund zu verzerren, um englisch zu plappern. — Vorrede zur Hibernia Anglicana.

Leider wurde Jakob nicht ein Vermittler, sondern im
Seine Fehlgriffe.
Gegentheil der heftigste und rücksichts­loseste
Parteigänger. Anstatt den gegenseitigen Haß der beiden Bevölkerungen zu
besänftigen, entflammte er ihn zu einer bisher nie gekannten Gluth. Er
beschloß, ihre Stellung zu einander umzukehren und die protestantischen
Ansiedler unter die Füße der papistischen Celten zu werfen. Ein Mitglied
der Staatskirche sein und englisches Blut in den Adern haben, machte in
seinen Augen unfähig zur Bekleidung bürgerlicher wie militairischer Ämter.
Er sann auf den Plan, die Hälfte des ganzen Grund und Bodens der Insel
wieder zu confisciren und neu zu vertheilen, und diese Idee gab er so
deutlich zu verstehen, daß die eine Partei bald von einer Angst ergriffen
wurde, die er nachher umsonst zu beschwichtigen, die andre von
Hoffnungen erfüllt wurde, die er nachher vergebens niederzuschlagen sich
bemühte. Dies war aber erst der kleinste Theil seiner Schuld und seiner
Verkehrtheit. Er faßte den wohlüberlegten Entschluß, nicht allein die
Ureinwohner Irlands in den ungetheilten Besitz ihres Landes zu setzen,
sondern sich ihrer auch als Werkzeuge zur Aufrichtung einer
Willkürherrschaft in England zu bedienen. Der Erfolg war so, wie er ihn
hätte voraussehen können. Die Kolonisten widersetzten sich mit der
hartnäckigen Kühnheit ihres Stammes, und das Mutterland betrachtete ihre
Sache mit Recht als ihre eigene. Es erfolgte nun ein verzweifelter Kampf
um einen furchtbaren Einsatz. Alles was einer Nation theuer ist, stand auf

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beiden Seiten auf dem Spiele, und wir können weder die Irländer noch die
Engländer tadeln, daß sie in dieser äußersten Gefahr dem Gesetze der
Selbsterhaltung folgten. Der Kampf war fürchterlich, aber kurz; der
schwächere Theil unterlag. Sein Schicksal war hart; indessen war die
Grausamkeit, mit der er behandelt wurde, wenn auch nicht zu rechtfertigen,
doch zu entschuldigen, denn es traf ihn zwar Alles, was die Tyrannei ihm
nur zufügen konnte, aber nicht mehr, als er selbst dem Gegner zugefügt
haben würde, wenn er ihn überwunden hätte. Die Folge des unsinnigen
Versuchs, England mit Hülfe von Irland zu unterjochen, war die, daß die
Irländer die Holzhauer und Wasserträger der Engländer wurden. Die alten
Grundeigenthümer verloren bei dem Versuche, das Verlorene wieder zu
erobern, auch noch den größten Theil dessen, was ihnen geblieben war. Das
vorübergehende Übergewicht des Papismus rief eine solche Reihe von
barbarischen Gesetzen gegen den Papismus hervor, daß dadurch das irische
Gesetzbuch in der ganzen Christenheit sprichwörtlich verrufen wurde. Dies
waren die herben Früchte von Jakob’s Politik.
Wir haben bereits gesehen, daß einer seiner ersten Schritte, nachdem er
König geworden, die Zurückberufung Ormond’s aus Irland war. Ormond
war das Oberhaupt des englischen Interesses in diesem Lande, er war ein
eifriger Anhänger des protestantischen Glaubens und seine Macht überstieg
bei weitem die eines gewöhnlichen Lordlieutenants, erstens deshalb, weil er
der vornehmste und reichste Ansiedler, und zweitens weil er nicht nur das
Haupt der Civilverwaltung, sondern auch der Befehlshaber der Truppen
war. Der König war damals nicht geneigt, die Regierung ausschließlich
irischen Händen zu überlassen; man hatte ihn in der That äußern hören, ein
eingeborner Vicekönig würde bald ein unabhängiger Herrscher werden. 166
Für den Augenblick beschloß er daher, die Macht, welche Ormond besessen
hatte, zu theilen, die Civilverwaltung einem englischen und
protestantischen Lordlieutenant und das Commando der Armee einem
irischen und römisch-katholischen General zu übertragen. Der
Lordlieutenant war Clarendon, der General war Tyrconnel.
Tyrconnel stammte, wie wir schon gesagt haben, aus einer der entarteten
Familien der alten Colonie, welche gewöhnlich mit der ursprünglichen
Bevölkerung Irlands zusammengeworfen wurde. Zuweilen sprach er zwar
in einem Anfalle von Prahlsucht mit normännischem Übermuthe von den

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celtischen Barbaren; in Wirklichkeit aber hatten die Eingebornen alle seine
Sympathieen. 167 Die protestantischen Ansiedler haßte er, und sie
erwiederten seinen Haß. Clarendon’s Neigungen waren ganz andrer Art,
aber er war nach Character, aus Interesse und aus Prinzip ein willfähriger
Höfling. Sein Muth war gering, seine Vermögensumstände nicht glänzend,
und die politischen Lehren, welche die anglikanische Kirche damals nur zu
eifrig gepredigt, hatten sich seinem Geiste tief eingeprägt. Seine
Fähigkeiten waren jedoch nicht zu verachten und unter einem guten Könige
würde er wahrscheinlich ein vortrefflicher Vicekönig gewesen sein.
166. Sheridan-Handschr. unter den Stuart-Papieren. Ich muß hier die Gefälligkeit anerkennen, mit der
mich Mr. Glover in meinen Nachforschungen nach diesem werthvollen Manuscripte unterstützt hat.
Aus den Instructionen, welche Jakob 1692 für seinen Sohn aufsetzte, geht hervor, daß er bis zuletzt
der Meinung war, Irland könne nicht ohne Gefahr einem irischen Lordlieutenant anvertraut werden.
167. Sheridan-Handschr.

Es vergingen etwa drei Vierteljahre zwischen der
Clarendon’s
Zurückberufung Ormond’s und der Ankunft
Ankunft in
Clarendon’s in Dublin. In der Zwischenzeit wurde der
Irland als
König durch ein Collegium von Lordrichtern
Lordlieutenant.
repräsentirt; die militairische Verwaltung aber war in
Tyrconnel’s Händen. Die Absichten des Hofes begannen sich allmälig schon
zu enthüllen. Es kam von Whitehall ein königlicher Befehl zur Entwaffnung
des Volks. Diesen Befehl vollzog Tyrconnel, soweit er die Engländer betraf,
mit aller Strenge. Obgleich das Land durch Räuberbanden unsicher
gemacht wurde, bekam ein protestantischer Gentleman kaum die Erlaubniß,
ein Paar Pistolen behalten zu dürfen. Dem eingebornen Landvolke dagegen
wurden die Waffen gelassen. 168 Die Freude der Colonisten war daher groß,
als endlich im December 1685 Tyrconnel nach London berufen und
Clarendon noch Dublin abgesandt wurde. Doch es zeigte sich bald, daß der
wahre Sitz der Regierung nicht Dublin, sondern London war. Jede Post, die
über den St. Georgskanal kam, brachte Nachrichten von dem unbegrenzten
Einflusse, den Tyrconnel auf die irischen Angelegenheiten ausübte. Es hieß,
er solle Marquis, ja sogar Herzog werden, er solle den Oberbefehl über die
Truppen erhalten und beauftragt werden, die Armee und die Gerichtshöfe
neu zu organisiren. 169

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168. Clarendon an Rochester, 19. Jan. 1685/86; Secret Consults of the Romish Party in Ireland,
1690.
169. Clarendon an Rochester, 27. Febr. 1685/86.

Clarendon fühlte sich tief gekränkt, als er sah, daß er
Seine
nur ein untergeordnetes Mitglied der Verwaltung war,
Kränkungen.
deren Oberhaupt zu sein er erwartet hatte. Er
beschwerte sich darüber, daß Alles was er thue von seinen Verleumdern
entstellt und daß die wichtigsten Beschlüsse in Bezug auf das von ihm
verwaltete Land Wochen lang bevor man dem Lordstatthalter nur eine
Andeutung davon gegeben habe, in Westminster gefaßt, öffentlich bekannt
gemacht, in den Kaffeehäusern besprochen und in hunderten von
Privatbriefen mitgetheilt würden. Sein persönliches Ansehen, sagte er,
komme dabei wenig in Betracht, aber es sei keine Kleinigkeit, wenn der
Vertreter der Majestät des Thrones zum Gegenstande der Verachtung des
Volks gemacht werde. 170
170. Clarendon an Rochester und Sunderland, 2. März 1685/86, und an Rochester, 14.
März.

Ein panischer Schrecken verbreitete sich wie ein
Schrecken unter
Lauffeuer unter den englischen Ansiedlern, als sie
den Colonisten.
sahen, daß der Vicekönig, ihr Landsmann und
protestantischer Glaubensbruder, nicht im Stande war, ihnen den Schutz zu
gewähren, den sie von ihm erwartet hatten. Sie lernten durch eigene bittere
Erfahrung, was es heißt, eine unterjochte Kaste zu sein. Die Eingebornen
überhäuften sie mit Anklagen auf Hochverrath und Aufruhr. Der eine
Protestant hatte mit Monmouth correspondirt, der andre hatte vor vier oder
fünf Jahren einmal, als die Ausschließungsbill berathen wurde, sich
unehrerbietig über den König geäußert, und das Zeugniß ehrloser Menschen
war zur Erhärtung jeder derartigen Beschuldigung stets bei der Hand. Der
Lordlieutenant sprach die Befürchtung aus, daß, wenn dieses Treiben nicht
aufhöre, in Dublin bald eine ganz ähnliche Schreckens­herrschaft bestehen
werde, wie er sie in London erlebt habe, als Jedermanns Kopf und Ehre in
der Gewalt eines Oates und Bedloe waren. 171

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Bald darauf wurde Clarendon durch eine kurze und bündige Depesche von
Sunderland in Kenntniß gesetzt, daß eine unverzüglich vorzunehmende
vollständige Umänderung in der Civil- und Militairverwaltung Irlands
beschlossen worden sei und daß eine große Anzahl römischer Katholiken
sofort im Staatsdienste angestellt werden sollten. Seine Majestät, wurde
höchst ungnädig hinzugesetzt, habe sich in dieser Angelegenheit mit
Männern besprochen, welche competentere Rathgeber seien, als sein
unerfahrener Lordlieutenant es füglich sein könne. 172
Schon bevor dieses Schreiben dem Vicekönig zukam, war die darin
enthaltene Nachricht auf verschiedenen Wegen nach Irland gelangt. Der
Schrecken der Ansiedler war unbeschreiblich. In Folge der bedeutenden
Übermacht der eingebornen Bevölkerung mußte ihre Lage in der That sehr
traurig werden, wenn jene mit der ganzen Staatsgewalt gegen sie bewaffnet
wurde, und nichts Geringeres drohte ihnen. Die englischen Bewohner
Dublins gingen mit niedergeschlagenem Blicke auf den Straßen aneinander
vorüber; die Börsengeschäfte geriethen ins Stocken, die Grundeigenthümer
beeilten sich, ihre Besitzungen um jeden Preis zu verkaufen und den Erlös
nach England zu schicken; die Kaufleute begannen ihre Außenstände
einzuziehen und Anstalten zur Liquidation ihrer Geschäfte zu treffen. Der
Schrecken äußerte bald seine Wirkung auf die Staatseinkünfte. 173
Clarendon bemühte sich, den geängstigten Ansiedlern ein Vertrauen
einzuflößen, von dem er selbst weit entfernt war. Er versicherte sie, daß ihr
Eigenthum nicht angetastet werden solle, und daß er bestimmt wisse, der
König sei fest entschlossen, die Ansiedelungsacte, welche ihre Rechte auf
den Grund und Boden gewährleistete, aufrecht zu erhalten, seine Briefe
nach England aber lauteten ganz anders. Er wagte es sogar, mit dem Könige
zu rechten, und ohne die Absicht Seiner Majestät, Katholiken anzustellen,
geradezu zu tadeln, sprach er doch die entschiedene Ansicht aus, daß die
anzustellenden Katholiken wenigstens Engländer sein müßten. 174
Jakob’s Antwort war in einem trocknen und kalten Tone gehalten. Er
erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, die englischen Ansiedler ihres
Grundeigenthums zu berauben, daß er aber einen großen Theil derselben als
seine Feinde betrachte und daß, wenn er so bedeutenden Grundbesitz in den
Händen seiner Freunde lasse, es um so nöthiger sei, die Civil- und
Militairverwaltung in die Hände von Freunden zu legen. 175

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Demgemäß wurden mehrere römische Katholiken als Mitglieder des
Geheimen Raths vereidigt und den Corporationen Befehl gegeben, die
Katholiken zu städtischen Ämtern zuzulassen. 176 Viele Offiziere von der
Armee wurden willkürlich ihrer Posten und dadurch ihres Brodes beraubt.
Umsonst verwendete sich der Lordlieutenant für einige von ihnen, die er als
gute Soldaten und loyale Unterthanen kannte. Es befanden sich alte
Kavaliere darunter, welche tapfer für die Monarchie gefochten und noch die
Narben ehrenvoller Wunden an sich trugen. Ihre Stellen wurden mit
Männern besetzt, die keine andre Empfehlung hatten, als ihre Religion.
Man sagte, daß einige von den neuen Hauptleuten und Lieutenants
Kuhhirten, andere Bedienten, noch andere berüchtigte Räuber gewesen
seien. Mehrere waren so sehr an die Holzschuhe gewöhnt, daß sie in ihren
militairischen Reiterstiefeln gar possierlich einherstolperten und
watschelten. Nicht wenige von den verabschiedeten Offizieren traten in
holländische Dienste und hatten vier Jahre später das Vergnügen, ihre
Nachfolger in schimpflicher Flucht vor sich her durch die Fluthen des
Boyne zu treiben. 177
Clarendon’s Verlegenheit und Angst wurde noch vermehrt durch
Nachrichten, die er auf Privatwegen erhielt. Ohne seine Zustimmung und
ohne sein Vorwissen wurde Anstalt getroffen, die ganze celtische
Bevölkerung des Landes, dessen Statthalter er dem Namen nach war, zu
bewaffnen und einzuüben. Tyrconnel leitete von London aus die Operation
und die Prälaten seiner Kirche waren seine Agenten. Jeder Priester war
angewiesen, ein genaues Verzeichniß aller seiner waffenfähigen männlichen
Pfarrkinder anzufertigen und seinem Bischofe zu übersenden. 178
Schon hatte sich das Gerücht verbreitet, Tyrconnel werde bald mit
außerordentlichen und selbstständigen Vollmachten ausgerüstet nach Dublin
zurückkehren, und dieses Gerücht gewann täglich an Bestand. Der
Lordlieutenant, den keine Demüthigung dazu bewegen konnte, den Pomp
und die Einkünfte seiner Stelle aufzugeben, erklärte, daß er sich freudig
dem königlichen Willen fügen und sich in allen Dingen als ein treuer und
gehorsamer Unterthan erweisen werde. Er sagte, er habe nie in seinem
Leben mit Tyrconnel Streit gehabt und er hoffe zuversichtlich, daß er sich
auch in Zukunft nicht mit ihm veruneinigen werde. 179 Clarendon schien
ganz vergessen zu haben, daß einmal ein Complot gegen den Ruf seiner

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unschuldigen Schwester im Gange gewesen war und daß Tyrconnel an
diesem Complot sehr starken Antheil gehabt hatte. Eine solche Beleidigung
gehört gewiß nicht zu denen, welche Männer von Ehrgefühl am leichtesten
verzeihen. Aber an dem verderbten Hofe, an welchem die Hyde so lange ihr
Glück gemacht hatten, wurden derartige Beleidigungen gern vergeben und
vergessen, nicht aus Großmuth oder Nächstenliebe, sondern aus reiner
Characterlosigkeit und Mangel an Sittlichkeitsgefühl.
171. Clarendon an Sunderland, 26. Febr. 1685/86.
172. Sunderland an Clarendon, 11. März 1685/86.
173. Clarendon an Rochester, 14. März; 1685/86.
174. Clarendon an Jakob, 4. März 1685/86.
175. Jakob an Clarendon, 6. April 1686.
176. Sunderland an Clarendon, 22. Mai 1686; Clarendon an Ormond, 30 Mai; Clarendon an
Sunderland, 6 u. 11. Juli.
177. Clarendon an Rochester und Sunderland, 1. Juni 1686; an Rochester, 12. Juni; King’s State of
the Protestants of Ireland, chap. II. sec. 6, 7; Apology for the Protestants of Ireland, 1689.
178. Clarendon an Rochester, 15. Mai 1686.
179. Clarendon an Rochester, 11. Mai 1686.

Im Juni 1686 kam Tyrconnel an. Seine Vollmacht
Tyrconnel’s
autorisirte ihn nur zur Übernahme des militairischen
Ankunft in
Kommandos, aber er brachte königliche Instructionen
Dublin als
mit, welche alle Zweige der Verwaltung berührten,
General.
und er nahm ohne Weiteres die wirkliche Regierung
der Insel in seine Hand. Am Tage nach seiner Ankunft erklärte er gerade zu,
daß eine große Anzahl Katholiken als Offiziere angestellt und daß ihnen
durch Entlassung von mehr Protestanten Platz gemacht werden müsse. Er
betrieb die Reorganisation der Armee mit rastlosem Eifer. Dies war auch in
der That die einzige Oberbefehls­haber­function, der er gewachsen war, denn
er besaß wohl Muth in Händeln und Zweikämpfen, aber vom eigentlichen
Militairdienste verstand er nichts. Sogleich bei der ersten Musterung, die er
hielt, sahen Alle, die sich in seiner Nähe befanden, deutlich, daß er nicht
wußte, wie man ein Regiment aufmarschiren ließ. 180
180. Clarendon an Rochester, 11. Mai 1686.

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Engländer auszumerzen und Irländer an deren Stelle
Seine
zu setzen, dies war nach seiner Ansicht der Anfang
Parteilichkeit
und das Ende aller Militairverwaltung. Er hatte die
und Willkür.
Frechheit, sogar den Hauptmann der Leibgarde des
Lordlieutenants zu verabschieden, was Clarendon erst erfuhr, als er einen
ihm völlig unbekannten Katholiken neben seinem Staatswagen reiten
sah. 181 Die Veränderung beschränkte sich nicht allein auf die Offiziere,
auch die Reihen der Soldaten wurden völlig aufgelöst und neu
zusammengesetzt. Aus einem einzigen Regimente wurden vier- bis
fünfhundert Soldaten hauptsächlich aus dem Grunde verabschiedet, weil sie
das erforderliche Maß nicht hatten. Aber das ungeübteste Auge sah auf den
ersten Blick, daß die Leute größer und besser gebaut waren, als ihre
Nachfolger, deren wildes und unsauberes Aussehen den Beschauer
anekelte. 182 Die neuen Offiziere erhielten Befehl, keinen Mann
protestantischen Glaubens in die Armee aufzunehmen; anstatt daß die
Werbecommandos nach altem Brauche auf die Messen und Märkte zogen,
um Freiwillige herbeizutrommeln, suchten sie jetzt die Orte auf, wohin die
römischen Katholiken zu Andachtszwecken wallfahrteten. Binnen wenigen
Wochen hatte der General mehr als zweitausend Eingeborene in die Reihen
des Heeres aufgenommen, und seine Umgebungen versicherten mit
Bestimmtheit, daß zu Weihnachten nicht ein einziger Mann englischer
Abkunft mehr in der ganzen Armee zu finden sein werde. 183
Bei allen Fragen, welche im Geheimen Rathe zur Verhandlung kamen,
zeigte Tyrconnel die nämliche Willkür und Parteilichkeit. Johann Keating,
Oberrichter der Common Pleas, ein Mann, der sich durch Tüchtigkeit,
Rechtschaffenheit und Loyalität auszeichnete, stellte mit großer Milde vor,
daß der General billigerweise für seine Kirche nicht mehr verlangen könne,
als vollkommene Gleichstellung. Es sei gewiß nur des Königs Wille, sagte
er, daß kein des öffentlichen Vertrauens würdiger Mann deshalb
ausgeschlossen werden solle, weil er ein römischer Katholik sei, und daß
kein des Vertrauens Unwürdiger deshalb angestellt werden solle, weil er ein
Protestant sei. Tyrconnel begann alsbald zu fluchen und zu schwören. „Ich
weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, rief er aus; „ich möchte alle
Katholiken herein haben.“ 184 Die verständigeren Irländer seines eigenen
Glaubens waren entrüstet über seine rücksichtslose Heftigkeit und wagten

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es, ihm Vorstellungen zu machen; aber er gebot ihnen mit Verwünschungen
Schweigen. 185 Seine Brutalität war so groß, daß Viele ihn für wahnsinnig
hielten. Sie war indessen noch nicht so auffallend, als die schamlose
Zungenfertigkeit, mit der er Lügen aussprach. Schon lange zuvor hatte er
sich den Spottnamen des „Lügners Dick Talbot“ zugezogen und selbst in
Whitehall wurde jede abgeschmackte Lüge eine von Dick Talbot’s
Wahrheiten genannt. Jetzt bewies er täglich, daß er diesen nicht
beneidenswerthen Ruf wohl verdiente. Das Lügen war bei ihm in der That
fast eine Krankheit. Nachdem er den Befehl zur Entlassung englischer
Offiziere gegeben, war er im Stande, sie in sein Kabinet zu rufen, sie seines
Vertrauens und seiner Freundschaft zu versichern und den Himmel
anzurufen, daß er ihn vernichten und zerschmettern möge, wenn er nicht
aufs Beste für ihr Wohl sorgen sollte. Oft erfuhren Diejenigen, denen er auf
solche Weise seine Gunst zugeschworen hatte, noch vor dem Abende, daß
sie entlassen waren. 186
181. Secret Consults of the Romish Party in Ireland.
182. Clarendon an Rochester, 26. Juni und 4. Juli 1686; Apology for the Protestants of Irland,
1689.
183. Clarendon an Rochester, 4. u. 22. Juli 1686; an Sunderland, 6. Juli; an den König, 14. Aug.
184. Clarendon an Rochester, 19. Juni 1686.
185. Clarendon an Rochester, 22. Juni 1686.
186. Sheridan-Handschr.; King’s State of the Protestants of Ireland, III. 3. 8. Ein schlagendes
Beispiel von Tyrconnel’s schamloser Lügenhaftigkeit findet sich in dem Briefe Clarendon’s an
Rochester vom 22. Juli 1686.

Bei seiner Ankunft versicherte er, obgleich er auf die
Er sucht die
Ansiedlungsacte entsetzlich fluchte und das englische
Ansiedlungsacte
Interesse ein abscheuliches, ein schuftiges, ein
aufzuheben.
verfluchtes Ding nannte, dennoch überzeugt zu sein,
daß die Vertheilung des Grundeigenthums nach so langen Jahren nicht mehr
abgeändert werden könne. 187 Als er jedoch einige Wochen in Dublin war,
zog er andere Saiten auf. Er begann am Rathstische heftige Reden zu halten
über die Nothwendigkeit, das Land den früheren Eigenthümern
zurückzugeben. Bis jetzt hatte er jedoch noch nicht die Zustimmung seines
Gebieters zu diesem unheilvollen Plane erlangt. Das Nationalgefühl hatte in

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Jakob’s Gemüth noch einen schwachen Kampf gegen den Aberglauben zu
bestehen. Er war ein Engländer und ein englischer König und er konnte
nicht ohne einige schlimme Ahnungen in die Zerstörung der größten
Colonie willigen, die England jemals angelegt hatte. Die englischen
Katholiken, die er zu Rathe zu ziehen pflegte, waren fast einhellig für die
Aufrechthaltung der Ansiedlungsacte. Nicht nur der rechtschaffene und
gemäßigte Powis, sondern selbst der ausschweifende und starrsinnige
Dover gaben verständigen und patriotischen Rath.
187. Clarendon an Rochester, 8. Juni 1686.

Tyrconnel durfte kaum hoffen, von ferne den
Er kehrt nach
Eindruck zu neutralisiren, den solche Rathschläge
England zurück.
nothwendig auf den König machen mußten. Er
beschloß daher, die Sache seiner Kaste persönlich zu verfechten, und kehrte
deshalb Ende August nach England zurück.
Der Lordlieutenant fürchtete seine Abwesenheit eben so sehr als seine
Anwesenheit. Es war allerdings peinlich, Tag für Tag die gerunzelte Stirn
eines Feindes vor Augen zu haben; nicht minder quälend aber war das
Bewußtsein, daß ein Feind täglich dem Könige Verleumdungen und bösen
Rath zuflüsterte. Clarendon ward durch mannichfache Kränkungen zu
Boden gedrückt. Er machte eine Rundreise durch das Land und mußte
sehen, daß die irische Bevölkerung ihn allenthalben mit Verachtung
behandelte. Die katholischen Priester ermahnten ihre Gemeinden, ihm keine
Ehrenbezeigungen zu erweisen; die eingeborne Gentry blieb zu Hause,
anstatt ihm entgegenzukommen und ihre Achtung zu bezeigen, und das
eingeborne Landvolk sang überall ersische Lieder zum Lobe Tyrconnels,
der, wie sie nicht zweifelten, bald wieder erscheinen werde, um die
Demüthigung ihrer Unterdrücker zu vervollständigen. 188
188. Clarendon an Rochester, 23. Sept. und 2. Oct. 1686; Secret Consults of the Romish
Party in Ireland, 1690.

Der Vicekönig war von seiner unerfreulichen Reise
Der König ist
kaum wieder in Dublin angekommen, so erhielt er
unzufrieden mit

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Clarendon. Briefe, die ihm ankündigten, daß er sich das ernste
Mißfallen des Königs zugezogen habe. Seine
Majestät, hieß es in den Briefen, erwarte von seinen Dienern, daß sie seinen
Befehlen nicht blos nachkämen, sondern daß sie denselben aus voller Seele
und mit heiterer Miene gehorchten. Der Lordlieutenant habe sich zwar nicht
geweigert, bei der Reform des Heeres und der Civilverwaltung
mitzuwirken, aber seine Mitwirkung sei gezwungen und lässig gewesen,
seine Blicke hätten seine Gedanken verrathen und Jedermann habe gesehen,
daß er die Politik mißbillige, zu deren Ausführung er verwendet werde. 189
In großer Angst schrieb er einen Brief, um sich zu vertheidigen; allein es
wurde ihm kalt darauf erwiedert, daß seine Vertheidigung ungenügend sei.
Er erklärte nun in den demüthigsten Ausdrücken, daß er es nicht versuchen
wolle, sich zu rechtfertigen, daß er mit jedem Urtheile des Königs, wie es
auch ausfallen möge, zufrieden sein werde, daß er sich in den Staub werfe
und um Verzeihung bitte, daß er der aufrichtigste aller reuigen Sünder sei,
daß er es als seinen höchsten Ruhm betrachte, für seinen Herrn und König
zu sterben, daß es ihm aber unmöglich sei, unter der Ungnade seines
Fürsten zu leben. Dies war auch keineswegs bloße eigennützige Heuchelei,
sondern, wenigstens zum Theil, unverstellter Sklavensinn und feige Angst,
denn in vertraulichen Briefen, welche nicht für das Auge des Königs
bestimmt waren, jammerte er gegen seine Familie ganz in dem nämlichen
Tone. Er sei unglücklich, er sei wie vernichtet, der Zorn des Königs sei ihm
unerträglich, und wenn dieser Zorn sich nicht beschwichtigen lasse, habe
das Leben keinen Werth mehr für ihn. 190 Die Angst des armen Mannes
nahm noch zu, als er erfuhr, daß man in Whitehall beschlossen habe, ihn
zurückzurufen und seinen Nebenbuhler und Verleumder Tyrconnel zu
seinem Nachfolger zu ernennen. 191 Dann schien sich der Horizont wieder
auf einen Augenblick aufzuhellen, der König war in besserer Laune und
Clarendon schmeichelte sich einige Tage mit der Hoffnung, daß die
Fürsprache seines Bruders den erwünschten Erfolg gehabt habe, und daß
die Krisis vorüber sei. 192
189. Clarendon an Rochester, 6. Oct. 1686.
190. Clarendon an den König und an Rochester, 23. Oct. 1686.
191. Clarendon an Rochester, 29. u. 30. Oct, 1686.
192. Clarendon an Rochester, 27. Nov. 1686.

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In Wirklichkeit aber hatte die Krisis erst begonnen.
Angriff der
Während Clarendon sich an Rochester zu lehnen
jesuitischen
versuchte, war dieser selbst schon nicht mehr im
Cabale gegen
Stande, sich noch länger zu halten. Wie in Irland der
Rochester.
ältere Bruder, obgleich er seine Ehrengarde, seinen
Staatsdegen und den Titel Excellenz behielt, thatsächlich durch den
Befehlshaber der Armee verdrängt war, so sank in England der jüngere
Bruder, obgleich er seinen weißen Stab behielt und kraft seines hohen
Amtes den Vorrang vor dem höchsten Erbadel hatte, rasch zu einem bloßen
Finanzsekretär herab. Das Parlament wurde abermals im Widerspruch mit
den wohlbekannten Wünschen des Schatzmeisters auf einen entfernten
Termin prorogirt. Man benachrichtigte ihn nicht einmal davon, daß eine
neue Prorogation stattfinden solle, sondern überließ es ihm, die Neuigkeit
aus der Gazette zu erfahren. Die wirkliche Leitung der Regierungs­‐
angelegen­heiten war in die Hände der Cabale übergegangen, welche
Freitags bei Sunderland speiste. Das Kabinet versammelte sich nur, um die
von auswärtigen Höfen eingegangenen Depeschen vorlesen zu hören, und
diese Depeschen enthielten nichts, was man nicht schon an der Börse
gewußt hätte, denn alle englischen Gesandten hatten Befehl erhalten, in ihre
officiellen Schreiben nur das gewöhnliche Vorzimmergeklatsch
aufzunehmen, wichtige Geheimnisse aber für Privatmittheilungen
aufzusparen, welche an Jakob selbst, oder an Sunderland oder an Petre
gerichtet werden mußten. 193 Die siegende Partei war indessen noch immer
nicht zufrieden. Diejenigen, denen der König das meiste Vertrauen
schenkte, versicherten ihn, daß die Hartnäckigkeit, mit der die Nation sich
seinen Plänen widersetze, lediglich Rochester zur Last falle. Wie könne das
Volk glauben, daß sein Fürst unerschütterlich fest entschlossen sei, auf dem
eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn es zu seiner Rechten einen
Mann erblicke, der anscheinend in Macht und Vertrauen der Erste unter
seinen Räthen sei und doch anerkanntermaßen diesen Weg entschieden
mißbillige? Jedem Schritte, der zu dem Zwecke gethan worden sei, die
anglikanische Kirche herabzusetzen und die römische Kirche zu erheben,
habe sich der Schatzmeister widersetzt. Allerdings habe er, wenn er die
Nutzlosigkeit seines Widerstandes eingesehen, sich mit Unmuth gefügt und
zuweilen sogar bei der Ausführung der Pläne, gegen die er am eifrigsten
gekämpft, hülfreiche Hand geleistet; allerdings habe er sich, obgleich ihm

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die kirchliche Commission zuwider gewesen sei, dazu verstanden, eine
Stelle in derselben anzunehmen; allerdings habe er, nachdem er erklärt, daß
er in dem Benehmen des Bischofs von London nichts Tadelnswerthes
finden könne, mit Verdruß und Widerstreben für seine Absetzung gestimmt.
Aber dies sei nicht genug. Ein Fürst, der ein so wichtiges und schwieriges
Unternehmen durchzuführen habe, wie das von Jakob begonnene sei, habe
das Recht, von seinem ersten Minister nicht blos eine unwillige und
mürrische Zustimmung, sondern eine eifrige und kräftige Mitwirkung zu
erwarten. Während dem König täglich solcher Rath von Denen ertheilt
wurde, in die er das meiste Vertrauen setzte, erhielt er zu gleicher Zeit durch
die Pennypost eine Menge anonyme Briefe, welche von Verleumdungen
gegen den Lordschatzmeister strotzten. — Dieses Angriffssystem war von
Tyrconnel erfunden und stand in vollkommenem Einklange mit jedem
Theile seines ehrlosen Wandels. 194
Der König war unschlüssig. Er scheint wirklich zu seinem Schwager eine
aufrichtige persönliche Zuneigung, die Folge naher Verwandtschaft,
langjährigen vertraulichen Umgangs und vieler gegenseitiger
Gefälligkeiten, gehegt zu haben, und es ließ sich daher mit
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Rochester, so lange er sich, wenn auch
zögernd und murrend, dem königlichen Willen fügte, dem Namen nach
Premierminister bleiben werde. Sunderland gab daher mit raffinirter
Schlauheit seinem Gebieter zu verstehen, daß es zweckmäßig sein dürfte,
von Rochester den einzigen Beweis von Gehorsam zu verlangen, den er —
dies war so gut als gewiß — niemals geben würde. Gegenwärtig — so
lautete die Sprache des listigen Staatssekretärs — sei es unmöglich, mit
dem ersten Diener des Königs über den Gegenstand zu sprechen, der Seiner
Majestät am meisten am Herzen liege. Es sei traurig, sich sagen zu müssen,
daß in einer so wichtigen Krisis religiöse Vorurtheile die Regierung einer so
werthvollen Stütze beraubten. Vielleicht würden sich diese Vorurtheile nicht
als unüberwindlich erweisen. Dann deutete der Verführer an, daß seines
Wissens Rochester unlängst einige Bedenken über die zwischen den
Protestanten und Katholiken obschwebenden Streitpunkte geäußert
habe. 195
193. Barillon, 13.(23.) Sept. 1686; Clarke’s Life of James the Second, II. 99.

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194. Sheridan-Handschr.
195. Clarke’s Life of James the Second, II. 100.

Dies war genug. Der König griff den Wink begierig
Jakob’s
auf und begann sich mit der Hoffnung zu
Versuche,
schmeicheln, daß er vielleicht nicht nur der
Rochester zu
unangenehmen Nothwendigkeit überhoben werden
bekehren.
würde, einen Freund von sich zu entfernen, sondern
sich sogar einen geschickten Gehilfen zur Ausführung des unternommenen
großen Werkes sichern könnte. Nebenbei erhob ihn auch der Gedanke an
das Verdienst und den Ruhm, einen Mitmenschen vom Verderben zu retten.
Er scheint in der That um diese Zeit einen ganz besonders heftigen Anfall
von religiösem Eifer gehabt zu haben, und dies ist um so auffallender, da er
eben erst nach einer kurzen Pause der Selbstbeherrschung in
Ausschweifungen zurückverfallen war, welche alle christlichen Theologen
als sündhaft verwerfen und die bei einem schon bejahrten Manne, der eine
liebenswürdige junge Gattin hat, selbst von weltlich gesinnten Menschen
unschicklich genannt werden. Lady Dorchester war von Dublin
zurückgekommen und war wieder die Maitresse des Königs. Eine politische
Bedeutung hatte ihre Rückkehr nicht. Die Erfahrung hatte sie von der
Nutzlosigkeit des Versuchs überzeugt, ihren Geliebten von dem Verderben
zu retten, in das er sich kopfüber stürzte. Sie überließ daher seine politische
Leitung den Jesuiten und diese gestatteten ihr dagegen, daß sie dem Könige
Geld ablockte. Übrigens war sie nur eine von mehreren leichtfertigen
Frauen, welche damals mit seiner geliebten Kirche die Herrschaft über ihn
theilten. 196 Er schien beschlossen zu haben, die Vernachlässigung seines
eignen Seelenheils durch Sorge für die Seelen Anderer einigermaßen wieder
gut zu machen. Daher ging er mit wirklichem guten Willen, aber mit dem
guten Willen eines harten, strengen und gebieterischen Characters an das
Werk seinen Schwager zu bekehren. Jede dem Schatzmeister gewährte
Audienz wurde mit Abhandlungen über die Autorität der Kirche und über
den Bilderdienst ausgefüllt. Rochester hatte sich vorgenommen, seinem
Glauben nicht untreu zu werden; aber er trug kein Bedenken, sich zu seiner
Selbstvertheidigung eben so schimpflicher Kunstgriffe zu bedienen, als sie
gegen ihn angewendet wurden. Er bemühte sich wie ein Mann zu sprechen,

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der noch nicht mit sich im Klaren ist, sagte daß er nichts mehr wünsche, als
eines Besseren belehrt zu werden, wenn er sich irren sollte, las papistische
Bücher und hörte papistische Theologen bereitwillig an. Er hatte
verschiedene Unterredungen mit Leyburn, dem apostolischen Vikar, mit
Godden, dem Kaplan und Almosenier der Königin Wittwe und mit
Bonaventura Giffard, einem in den Schulen von Douay für die Polemik
gebildeten Theologen. Es wurde verabredet, daß eine förmliche Disputation
zwischen diesen Gelehrten und einigen protestantischen Geistlichen
stattfinden solle. Der König forderte Rochester auf, beliebige Theologen der
Staatskirche zu wählen, nur mit zwei Ausnahmen: Diese waren Tillotson
und Stillingfleet. Tillotson, der populärste Prediger der damaligen Zeit und
von Character der harmloseste Mensch, hatte mit einigen Whigführern in
vertrautem Umgange gestanden, und Stillingfleet, der als ein vollendeter
Meister in allen Waffen der Polemik bekannt war, hatte sich durch
Herausgabe einer Entgegnung auf die in der Cassette Karl’s II. gefundenen
Papiere noch mißliebiger gemacht. Rochester wählte die beiden königlichen
Kaplane, welche gerade den Dienst hatten. Der eine von ihnen war Simon
Patrick, dessen Bibelerklärungen noch jetzt in keiner theologischen
Bibliothek fehlen dürfen; der andre war Jane, ein heftiger Tory, einer von
den Verfassern des Beschlusses, durch welchen die Universität Oxford die
schlimmsten Thorheiten Filmer’s feierlich in sich aufgenommen hatte. Die
Disputation fand am dreizehnten November in Whitehall statt. Rochester,
der es nicht bekannt werden lassen wollte, daß er eingewilligt habe, die
Argumente der papistischen Priester auch nur anzuhören, bedang sich
Geheimhaltung aus. Es sollte kein Zuhörer weiter anwesend sein als der
König. Der Gegenstand der Disputation war die wirkliche Anwesenheit
Christi beim Abendmahle. Die römisch-katholischen Theologen
übernahmen die Last der Beweisführung. Patrick und Jane sprachen wenig;
auch hatten sie gar nicht nöthig viel zu sagen, denn der Earl unternahm es
selbst die Lehre seiner Kirche zu vertheidigen und er wurde seiner
Gewohnheit nach bald warm, verlor seine Ruhe und fragte mit großer
Heftigkeit, ob man etwa hoffe, daß er auf so unhaltbare Gründe hin, seinen
Glauben wechseln werde. Dann fiel ihm aber ein, was er riskirte; er fing
wieder an sich zu verstellen, jagte den Disputanten Schmeicheleien über
ihre Gewandtheit und Gelehrsamkeit und verlangte Zeit, um das Gesagte zu
überlegen. 197

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So beschränkt Jakob auch war, mußte er doch merken, daß dies eine bloße
Komödie war. Er sagte Barillon, Rochester’s Sprache sei nicht die eines
Mannes, der den aufrichtigen Willen habe, zur Wahrheit zu gelangen.
Indessen konnte sich der König doch noch nicht entschließen, seinem
Schwager die einfache Alternative zu stellen: Übertritt oder Entlassung; drei
Tage nach der Conferenz aber machte Barillon dem Schatzmeister einen
Besuch und rückte nach vielen Umschweifen und wiederholten
Versicherungen der freund­schaft­lichsten Theilnahme mit der unangenehmen
Wahrheit heraus. „Meinen Sie damit“, sagte Rochester, den die unklaren
und umständlichen Phrasen, in denen das Ansinnen an ihn gestellt wurde,
irre machten, „daß ich meine Stelle verliere, wenn ich nicht Katholik
werde?“ — „Davon spreche ich nicht“, erwiederte der vorsichtige
Diplomat; „ich komme nur als Freund zu Ihnen, um die Hoffnung
auszusprechen, daß Sie darauf bedacht sein werden, Ihre Stelle zu
behalten.“ — „Aber jedenfalls“, sagte Rochester, „ist der einfache und klare
Sinn von dem Allen, daß ich entweder Katholik werden oder abtreten muß.“
Er richtete noch mehrere Fragen an Barillon, um dahinter zu kommen, ob
die Eröffnung ihm auf höheren Befehl gemacht worden war, konnte aber
nur unbestimmte und geheimnißvolle Antworten erlangen. Endlich erklärte
er Barillon mit einer affectirten Zuversicht, die er weit entfernt war zu
fühlen, er müsse sich durch leeres oder böswilliges Gerede haben täuschen
lassen. „Ich sage Ihnen“, setzte er hinzu, „daß der König mich nicht
entlassen und daß ich eben so wenig freiwillig abtreten werde. Ich kenne
ihn und er kennt mich; ich fürchte Niemanden.“ Der Franzos antwortete
hierauf, er sei außerordentlich erfreut, dies zu hören, und der einzige
Beweggrund seiner Einmischung in die Sache sei die aufrichtige Besorgniß
um das Wohl und das Ansehen seines vortrefflichen Freundes des
Schatzmeisters. So trennten sich die beiden Staatsmänner, und jeder
schmeichelte sich, den andren dupirt zu haben. 198
Inzwischen hatte sich trotz der dringend anempfohlenen Geheimhaltung
dennoch in ganz London die Nachricht verbreitet, der Lordschatzmeister
habe eingewilligt, sich in den papistischen Glaubenslehren unterrichten zu
lassen. Man hatte Patrick und Jane durch die verborgene Thür, welche in
Chiffinch’s Gemächer führte, in den Palast gehen sehen und einige römisch-
katholische Höflinge hatten aus Indiscretion oder mit Absicht Alles was sie

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wußten und noch mehr als das erzählt. Die anglikanischen Tories sahen mit
ängstlicher Spannung ausführlicheren Nachrichten entgegen. Schon der
Gedanke war ihnen schmerzlich, daß ihr Oberhaupt sich nur gestellt haben
könnte, als sei er in seiner Überzeugung schwankend geworden; daß er sich
aber bis zum Renegaten erniedrigen werde, konnten sie nicht glauben.
Gepeinigt von seinen heftigen Leidenschaften und seinen niedrigen
Begierden, geängstigt durch den Tadel des Publikums und durch Barillon’s
Andeutungen, voll Furcht sein Ansehen und seinen Posten zu verlieren,
eilte der unglückliche Minister wieder in das königliche Kabinet. Er war
entschlossen, seine Stelle durch jede Schlechtigkeit zu behaupten, eine
einzige ausgenommen. Er wollte vorgeben, er sei in seiner religiösen
Überzeugung wankend geworden und sei ein halber Konvertit, er wollte
seine kräftige Unterstützung der Politik, der er bisher opponirt hatte,
versprechen; würde er aber aufs Äußerste getrieben, so wollte er sich
weigern, seinen Glauben zu wechseln. Er sagte daher zuerst dem Könige,
daß die Angelegenheit, für welche Seine Majestät sich so lebhaft interessire,
keineswegs ruhe, daß Jane und Giffard eben damit beschäftigt seien, über
die zwischen den beiden Kirchen streitigen Punkte Bücher zu Rathe zu
ziehen, und daß nach Beendigung dieser Nachforschung eine zweite
Conferenz wünschenswerth sein werde. Dann beklagte er sich bitter
darüber, daß die ganze Stadt bereits wisse, was doch sorgfältig hätte
verschwiegen werden sollen, und daß einige Personen, die in Folge ihrer
Stellung gut unterrichtet sein könnten, sonderbare Dinge in Bezug auf die
Absichten des Königs erzählten. „Man flüstert einander zu,“ sagte er, „daß,
wenn ich nicht thäte, was Eure Majestät von mir verlangt, ich nicht länger
in meiner gegenwärtigen Stellung bleiben dürfte.“ Der König erwiederte
mit einigen freundschaftlichen Gemeinplätzen, daß man den Leuten nicht
wehren könne zu reden, daß man aber solch’ leeres Geschwätz nicht
beachten dürfe. Diese hohlen Phrasen waren nicht geeignet, das ängstliche
Gemüth des Ministers zu beruhigen. Er gerieth in eine heftige Aufregung
und begann seine Stelle zu vertheidigen, als ob sein Leben davon
abgehangen hätte. „Eure Majestät sieht, daß ich Alles, was in meiner Macht
steht, thue, Ihnen zu gehorchen. Ich will in der That Alles thun, was ich
kann, um Ihnen in Allem gehorsam zu sein, ich will Ihnen dienen, ganz
nach Ihrem Sinne. Ja,“ rief er in einem verzweifelten Ausbruche von
niedriger Feigheit, „ich will mich sogar bemühen, zu glauben, was Sie

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wünschen. Aber nur das sagen Sie mir nicht, daß ich Alles verlieren muß,
wenn ich mich bei dem Versuche, meine Ansicht zu ändern, überzeuge, daß
mir dies unmöglich ist. Denn ich muß Eurer Majestät offen sagen, daß
hierbei noch andere Rücksichten obwalten.“ — „So, so. Sie müssen also?“
versetzte der König mit einem Fluche, denn ein einziges freimüthiges und
männliches Wort, das inmitten dieser kriechenden Demuth­versicherungen
entschlüpft war, reichte hin, um seinen Zorn zu reizen. „Ich hoffe, Sire,“
entgegnete der arme Rochester, „daß ich Sie nicht beleidigt habe. Eure
Majestät würde sicherlich keine gute Meinung von mir haben, wenn ich
nicht so gesprochen hätte.“ Der König beherrschte sich, versicherte daß er
sich nicht beleidigt fühle und rieth dem Schatzmeister, unbekümmert um
müßiges Gerede wieder mit Jane und Giffard zu conferiren. 199
196. Barillon, 13.(23.) Sept. 1686; Bonrepaux, 4. Juni 1687.
197. Barillon, 2.(12.) Dec. 1686; Burnet I. 684; Clarke’s Life of James the Second, II. 100;
Dodd’s Church History. Ich habe es versucht aus diesen einander widersprechenden Materialien
eine möglichst richtige Erzählung zu entwerfen. Aus Rochester’s eigenen Papieren scheint mir klar
hervorzugehen, daß er bei dieser Gelegenheit keineswegs so starrsinnig war, als er von Burnet und
dem Biographen Jakob’s dargestellt wird.
198. Aus Rochester’s Minutes, d. d. 3. Dec. 1686.
199. Aus Rochester’s Minutes, d. d. 4. Dec. 1686.

Von dieser Unterredung an verstrichen noch vierzehn
Rochester’s
Tage, ehe der entscheidende Schlag fiel. Diese
Entlassung.
vierzehn Tage brachte Rochester mit Intriguiren und
Flehen hin. Er bemühte sich, die Katholiken, welche bei Hofe den meisten
Einfluß hatten, zu seinen Gunsten zu stimmen. Seinem Glauben, sagte er,
könne er nicht untreu werden; sonst aber wolle er Alles thun, was sie nur
verlangen könnten. Wenn er nur seine Stelle behielte, würden sie bald
sehen, daß er ihnen als Protestant mehr nützen könne, denn als Mitglied
ihrer Kirche. 200 Seine Gemahlin, welche damals krank darniederlag, hatte
angeblich bereits die tief gekränkte Königin um die Ehre eines Besuchs
bitten lassen und das Mitleid Ihrer Majestät zu erwecken versucht. 201 Aber
die Hyde erniedrigten sich umsonst. Dem Petre waren sie ganz besonders
ein Dorn im Auge und er arbeitete daraufhin, sie zu stürzen. 202 Am Abend
des 17. December wurde der Earl in das königliche Kabinet beschieden.

Page 300

Jakob war ungewöhnlich ergriffen und weinte sogar. Diese Scene mußte
allerdings Erinnerungen in ihm wecken, die wohl im Stande sind, auch das
härteste Gemüth zu erweichen. Er sprach sein Bedauern aus, daß seine
Regentenpflichten ihm nicht gestatteten, seinen persönlichen Neigungen zu
folgen; es sei durchaus nöthig, daß die Männer, denen die Oberleitung
seiner Angelegenheiten übertragen sei, seine Ansichten und Gesinnungen
theilten. Er räumte ein, daß er große persönliche Verpflichtungen gegen
Rochester habe und daß die Art und Weise, wie die Finanzen in neuerer Zeit
verwaltet worden seien, ganz seinen Beifall gehabt habe; das Amt eines
Lordschatzmeisters aber sei von so hoher Wichtigkeit, daß es überhaupt
nicht einem Einzelnen übertragen werden sollte und von einem
katholischen Könige nicht mit Sicherheit einem eifrigen Anhänger der
anglikanischen Kirche anvertraut werden könne. „Denken Sie noch besser
darüber nach, Mylord,“ fuhr er fort; „lesen Sie wiederholt die Papiere aus
meines Bruders Cassette; ich will Ihnen etwas mehr Zeit zur Überlegung
gönnen, wenn Sie es wünschen.“ Rochester sah, daß Alles vorbei war und
daß er nichts Besseres thun konnte, als aus seinem Schiffbruche soviel Geld
und soviel Ansehen als möglich zu retten. Beides gelang ihm. Er erhielt aus
dem Ertrage des Postamts einen Jahrgehalt von viertausend Pfund auf
doppelte Lebenszeit. Aus den Besitzungen von Hochverräthern hatte er sich
große Summen zu erwerben gewußt und insbesondere Grey’s
Verschreibung auf vierzigtausend Pfund eingesteckt, sowie auch den ganzen
Antheil der Krone an Grey’s ausgedehnten Gütern erhalten. 203 Noch nie
war ein Minister unter so günstigen Bedingungen aus dem Amte
geschieden. Auf den Beifall der wahren Freunde der Staatskirche hatte er
allerdings sehr geringen Anspruch. Um seine Stelle zu retten, hatte er in
dem Tribunale gesessen, das zu dem Zwecke, sie zu verfolgen, gesetzwidrig
errichtet worden war; um seine Stelle zu retten, hatte er ehrloserweise für
die Absetzung eines ihrer ausgezeichnetsten Diener gestimmt, hatte sich
gestellt, als zweifle er an ihrer Rechtgläubigkeit, hatte mit anscheinendem
Interesse Lehrer angehört, die sie schismatisch und ketzerisch nannten, und
hatte sich erboten, ihren Todfeinden bei deren Plänen gegen dieselbe
kräftigen Beistand zu leisten. Der höchste Ruhm, auf den er Anspruch
machen konnte, war der, daß er vor dem Übermaß von Gewissenlosigkeit
und Gemeinheit zurückgeschreckt war, um schnöden Gewinns willen
öffentlich den Glauben abzuschwören, in welchem er erzogen war, den er

Page 301

für den wahren hielt und dessen er sich so lange gerühmt hatte. Dennoch
wurde er von der großen Masse der Anglikaner gepriesen, als ob er der
muthigste und makelloseste aller Märtyrer gewesen wäre. Das Alte und das
Neue Testament, die Martyrologien von Eusebius und von Fox wurden
durchstöbert, um Parallelen für seine heldenmüthige Frömmigkeit zu
finden. Er war ein Daniel in der Löwengrube, ein Sadrach im feurigen
Ofen, ein Petrus im Kerker des Herodes, ein Paulus vor den Schranken
Nero’s, ein Ignatius im Amphitheater, ein Latimer auf dem Scheiterhaufen.
Unter den vielen Thatsachen, welche beweisen, daß der Maßstab der Ehre
und Tugend unter den Staatsmännern jener Zeit ein sehr niedriger war, ist
die durch Rochester’s Standhaftigkeit erregte Bewunderung vielleicht die
entscheidendste.
200. Barillon, 20.(30.) Dec. 1686.
201. Burnet, I. 684.
202. Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni) 1687.
203. Rochester’s Minutes, Dec. 19. 1686; Barillon, 30. Dec. (9. Jan.) 1686/87; Burnet, I. 685;
Clarke’s Life of James the Second, II. 102; Treasury Warrant Book, Dec. 29. 1686.

In seinem Sturze riß er auch Clarendon mit zu Boden.
Entlassung
Am 7. Januar 1687 verkündete die Gazette der
Clarendon’s.
Bevölkerung von London, daß das Schatzamt einer
Commission zur Verwaltung übertragen sei.

Am 8. Januar kam in Dublin eine Depesche an,
Tyrconnel
welche formell anzeigte, daß Tyrconnel in einem
Lordstellvertrete
Monate die Regierung von Irland übernehmen werde.
r.
Nicht ohne große Schwierigkeiten hatte dieser Mann
die zahlreichen Hindernisse bewältigen können, die seinem Ehrgeize im
Wege standen. Es war wohl bekannt, daß die Vernichtung der englischen
Colonie in England das Ziel war, nach dem sein Sinn strebte. Er hatte
deshalb einige Bedenken des Königs zu zerstreuen und den Widerstand
nicht nur aller protestantischen Mitglieder der Regierung sowie der
gemäßigten und achtbaren Häupter des Katholicismus, sondern selbst
mehrerer Mitglieder der jesuitischen Cabale zu besiegen. 204 Sunderland

Page 302

erschrak vor dem Gedanken an eine religiöse, politische und sociale
Revolution in Irland. Der Königin war Tyrconnel persönlich zuwider. Powis
wurde daher als der für das Vicekönigthum am besten geeignete Mann
betrachtet. Er war von erlauchter Abkunft und ein aufrichtiger Katholik,
galt aber bei alledem auch in den Augen der aufrichtigsten Protestanten
allgemein für einen braven Mann und einen guten Engländer. Doch aller
Widerstand zerschellte an Tyrconnel’s Energie und List. Er schmeichelte,
tobte und bestach unermüdlich. Petre’s Beistand gewann er durch
Schmeichelei; Sunderland wurde durch Versprechungen und zugleich durch
Drohungen mürbe gemacht. Für seine Unterstützung wurde ein hoher Preis
geboten, bestehend in einer Leibrente von fünftausend Pfund auf die
Staatseinkünfte Irlands, ablösbar durch einmalige Bezahlung einer Summe
von fünfzigtausend Pfund. Würde dieses Anerbieten zurückgewiesen, so
drohte Tyrconnel, es dem Könige zu verrathen, daß der Lordpräsident
einmal beim Freitagsdiner Seine Majestät als einen Schwachkopf
geschildert habe, der entweder durch ein Weib oder durch einen Priester
geleitet werden müsse. Sunderland erklärte sich in Todesangst bereit,
Tyrconnel das militairische Obercommando, einen kolossalen Gehalt, kurz
alles Mögliche zu verschaffen, nur nicht das Vicekönigthum; aber jeder
Vergleich wurde verworfen, und er mußte nachgeben. Maria von Modena
selbst blieb nicht frei von dem Verdachte, daß sie sich habe bestechen
lassen. Es existirte in London eine berühmte Perlenschnur, die auf
zehntausend Pfund geschätzt wurde. Sie hatte dem Prinzen Ruprecht gehört,
und dieser hatte sie der Margarethe Hughes hinterlassen, einer Courtisane,
die in den letzten Jahren seines Lebens eine unbegrenzte Herrschaft über
ihn ausgeübt. Tyrconnel rühmte sich laut, daß er mit dieser Perlenschnur die
Unterstützung der Königin erkauft habe. Manche betrachteten jedoch diese
Geschichte als eine von Dick Talbot’s Wahrheiten und hielten sie für eben
so unbegründet wie die Verleumdungen, welche er sechsundzwanzig Jahre
früher erfunden hatte, um den guten Ruf der Anna Hyde zu untergraben.
Den römisch-katholischen Höflingen gegenüber pflegte er von der
Unsicherheit ihrer Ämter, Titel und Einkünfte zu sprechen. Der König
könne morgen sterben und sie seien dann einer feindlichen Regierung und
einem feindlichen Pöbel preisgegeben; könnte man aber in Irland den alten
Glauben zur Herrschaft bringen und in jenem Lande das protestantische
Interesse vernichten, so hätten sie doch im schlimmsten Falle ein Asyl,

Page 303

wohin sie sich zurückziehen und von wo aus sie mit Vortheil entweder
unterhandeln oder sich vertheidigen könnten. Ein papistischer Priester
wurde durch das Versprechen der Mitra von Waterford gewonnen, um in St.
James gegen die Ansiedelungsacte zu predigen, und seine Predigt war nicht
ohne Wirkung, wenn sie auch von dem englischen Theile der Zuhörer mit
Unwillen angehört würde. Der Kampf, den in Jakob’s Brust der
Patriotismus eine Weile gegen die Bigotterie zu bestehen gehabt hatte, war
vorüber. „In Irland ist ein Werk zu verrichten,“ sagte er, „dem kein
Engländer gewachsen ist.“ 205
Alle Hindernisse waren endlich beseitigt und im Februar 1687 begann
Tyrconnel mit der Macht und den Einkünften eines Lordlieutenants, aber
mit dem bescheideneren Titel eines Lordstellvertreters sein Geburtsland zu
regieren.
204. Bischof Malony sagt in einem Briefe an Bischof Tyrrel: „Nie wird ein Katholik oder ein
Engländer an Ihre Wiedereinsetzung denken oder einen Schritt dazu thun oder gestatten, daß der
König einen Schritt dazu thut, sondern er wird Sie in Ihrer bisherigen Lage und unter dem Joche Ihrer
Feinde lassen; ebensowenig wird ein Engländer, gleichviel ob Katholik oder nicht, welchem Stande
und Range er auch angehören möchte, Anstand nehmen, dem geringsten eigenen Interesse in England
ganz Irland aufzuopfern, und lieber ganz Irland von Engländern irgend welcher Religion, als von
Irländern bewohnt sehen.“
205. Den besten Aufschluß über diese Vorgänge geben die Sheridan-Handschr.

Seine Ankunft verbreitete Schrecken unter der ganzen
Besorgnisse der
englischen Bevölkerung. Ein großer Theil der
englischen
angesehensten Bewohner von Dublin, Gentlemen,
Ansiedler in
Kaufleute und Gewerbtreibende, begleiteten
Irland.
Clarendon über den St. Georgskanal oder folgten ihm
sehr bald nach. Es sollen binnen wenigen Tagen fünfzehnhundert Familien
ausgewandert sein. Der Schrecken war auch nicht unbegründet. Das Werk,
die Colonisten unter die Füße der Eingebornen zu werfen, wurde eifrig
betrieben. In kurzer Zeit war fast jeder Geheimrath, Richter, Sheriff, Mayor,
Alderman und Friedensrichter ein Celte und Katholik. Bald schien Alles zu
einer allgemeinen Wahl und zur Zusammensetzung eines Unterhauses reif
zu sein, das zur Aufhebung der Ansiedlungsacte geneigt war. 206 Die,
welche kurz zuvor die Herren der Insel gewesen waren, klagten jetzt laut in

Page 304

ihrer Herzensangst, daß sie zur Beute und zum Gespött ihrer Leibeigenen
und ihres Gesindes geworden wären, daß ungestraft Häuser angezündet und
Vieh gestohlen würde, daß die neuen Soldaten plündernd, schimpfend,
schändend und verstümmelnd im Lande umherstreiften und die Protestanten
mit Betttüchern prellten oder bei den Haaren aufknüpften und
durchpeitschten, daß man sich vergebens auf das Gesetz berufe, daß irische
Richter, Sheriffs, Geschworne und Zeugen sich alle verbunden hätten, um
die irischen Verbrecher zu schützen und daß selbst ohne eine
Parlamentsacte der gesammte Grund und Boden bald in andere Hände
übergehen werde, indem bei jeder unter Tyrconnel’s Verwaltung erhobenen
Ausweisungsklage für die Eingebornen und gegen den Engländer
entschieden worden sei. 207
Während Clarendon’s Aufenthalt in Dublin war das Geheimsiegel in den
Händen einer Commission gewesen. Seine Freunde hofften, daß er es bei
seiner Zurückkunft nach London wieder erhalten werde. Aber der König
und die jesuitische Cabale hatten sich vorgenommen, daß die Ungnade der
Hyde vollständig sein sollte. Lord Arundell von Wardour, ein Katholik,
erhielt das Geheimsiegel, Bellasyse, auch ein Katholik, wurde erster Lord
des Schatzes, und Dover, gleichfalls Katholik, erhielt einen Sitz im
Schatzamt. Die Ernennung eines zu Grunde gerichteten Spielers zu einem
solchen Posten würde allein schon hingereicht haben, um das Publikum
aufzubringen. Der ausschweifende Etherege, welcher damals als englischer
Gesandter in Regensburg lebte, konnte sich nicht enthalten, mit einem
höhnischen Lächeln die Hoffnung auszusprechen, daß sein alter Zechbruder
Dover das Geld des Königs fester halten werde als sein eignes. Damit die
Finanzen durch unfähige und unerfahrene Papisten nicht zerrüttet werden
möchten, wurde der dienstwillige, umsichtige und verschwiegene
Godolphin zum Schatzcommissar ernannt, blieb aber nach wie vor
Kammerherr der Königin. 208
206. Sheridan-Handschr.; Oldmixon’s Memoirs of Ireland; King’s State of the Protestants of
Ireland, chap. 3; Apology for the Protestants of Ireland, 1689.
207. Secret Consults of the Romish Party in Ireland, 1690.
208. London Gazette, Jan. 6. und March 14. 1686/87; Evelyn’s Diary, March 10. Etherege’s
Brief an Dover befindet sich im Britischen Museum.

Page 305

Die Entlassung der beiden Brüder bildet eine wichtige
Eindruck des
Epoche in Jakob’s Regierung. Von diesem
Sturzes der Hyde.
Augenblicke an war es klar, daß er in Wirklichkeit
nicht Gewissensfreiheit für seine eigenen Glaubensgenossen, sondern die
Freiheit zur Verfolgung Andersgläubiger wollte. Während er vorgab, die
Religionseide zu verabscheuen, hatte er selbst einen eingeführt. Er hatte
gesagt, es sei hart, es sei abscheulich, fähige und loyale Männer blos
deshalb, weil sie Katholiken seien, vom Staatsdienste auszuschließen, und
jetzt verabschiedete er selbst einen Schatzmeister, dessen Befähigung und
Loyalität er anerkannte, lediglich deshalb, weil er Protestant war. Man
sprach laut davon, daß eine allgemeine Proscription bevorstehe, und daß
jeder Staatsdiener sich werde darauf gefaßt machen müssen, entweder sein
Seelenheil zu verwirken, oder seine Stelle zu verlieren. 209 Wer konnte in
der That hoffen, da stehen zu bleiben, wo die Hyde gefallen waten? Sie
waren die Schwäger des Königs, die Oheime und natürlichen Vormunde
seiner Kinder, von früher Jugend auf seine Freunde, seine treuen Anhänger
in Unglück und Gefahr und seine gehorsamen Diener, seit er auf dem
Throne saß. Ihr einziges Verbrechen war ihre Religion und wegen dieses
Verbrechens waren sie entlassen worden. Man sah sich in großer Angst
nach Hülfe um und bald richteten sich Aller Blicke auf einen Mann, den
eine seltene Vereinigung von persönlichen Eigenschaften und zufälligen
Umständen zum Befreier bezeichnete.
209. „Pare che gli animi sono inaspriti della voce che corre per il popolo, d’esser
cacciato il detto ministro per non essere Cattolico perciò tirarsi al esterminio de’
Protestanti.“ — Adda, 31. Dec. (10. Jan.) 1687.

Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.

Page 306

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE
VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES
ZWEITEN. DRITTER BAND ***

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