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The Project Gutenberg eBook of Die Verwandlung
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Die Verwandlung
Author: Franz Kafka
Release date: August 21, 2007 [eBook #22367]
Most recently updated: December 29, 2017
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/22367
Credits: Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
VERWANDLUNG ***
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VERWANDLUNG ***
Page 4
DIE
VERWANDLUNG
VON
FRANZ KAFKA
K U RT W O L F F V E R L A G
LEIPZIG
B Ü C H E R E I » D E R J Ü N G S T E TA G « B A N D 2 2 / 2 3
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER • WEIMAR
COPYRIGHT KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG. 1917
VERWANDLUNG
VON
FRANZ KAFKA
K U RT W O L F F V E R L A G
LEIPZIG
B Ü C H E R E I » D E R J Ü N G S T E TA G « B A N D 2 2 / 2 3
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER • WEIMAR
COPYRIGHT KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG. 1917
Page 5
I.
LS Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte,
A fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer
verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah,
wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von
bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die
Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten
konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich
dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?« dachte er. Es war kein Traum. Sein
Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig
zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine
auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war –
Samsa war Reisender –, hing das Bild, das er vor kurzem aus einer
illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten
Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die, mit einem
Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren
Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer
entgegenhob.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter –
man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn
ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe
und alle Narrheiten vergäße,« dachte er, aber das war gänzlich
LS Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte,
A fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer
verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah,
wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von
bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die
Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten
konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich
dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?« dachte er. Es war kein Traum. Sein
Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig
zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine
auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war –
Samsa war Reisender –, hing das Bild, das er vor kurzem aus einer
illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten
Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die, mit einem
Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren
Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer
entgegenhob.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter –
man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn
ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe
und alle Narrheiten vergäße,« dachte er, aber das war gänzlich
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undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen,
konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage
bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer
wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl
hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu
müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten,
leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
»Ach Gott,« dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich
gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen
sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist
mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die
Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer
wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher
Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!« Er fühlte ein leichtes Jucken oben
auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum
Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende
Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu
beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es
aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.
Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. »Dies frühzeitige
Aufstehen«, dachte er, »macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß
seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen. Wenn ich
zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, um die
erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese Herren erst beim
Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der
Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich
wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte
längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hingetreten und hätte ihm meine
Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen
müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von
der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der
Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung
ist noch nicht gänzlich aufgegeben, habe ich einmal das Geld beisammen,
um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs
Jahre dauern –, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große
konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage
bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer
wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl
hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu
müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten,
leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
»Ach Gott,« dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich
gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen
sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist
mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die
Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer
wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher
Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!« Er fühlte ein leichtes Jucken oben
auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum
Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende
Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu
beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es
aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.
Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. »Dies frühzeitige
Aufstehen«, dachte er, »macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß
seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen. Wenn ich
zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, um die
erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese Herren erst beim
Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der
Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich
wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte
längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hingetreten und hätte ihm meine
Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen
müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von
der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der
Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung
ist noch nicht gänzlich aufgegeben, habe ich einmal das Geld beisammen,
um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs
Jahre dauern –, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große
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Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn mein Zug
fährt um fünf.«
Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte.
»Himmlischer Vater!« dachte er, Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger
gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon
dreiviertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus,
daß er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte er auch geläutet. Ja,
aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu
verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich
desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben
Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die
Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus
nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte,
ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der
Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von
seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne
Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre
aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines
fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der
Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des
faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf
den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz
gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in
diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von
einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz
wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.
Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu
können, das Bett zu verlassen – gerade schlug der Wecker dreiviertel sieben
– klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes. »Gregor,«
rief es – es war die Mutter –, »es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht
wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende
Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber,
wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen
mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer
Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht
wußte, ob man recht gehört hatte. Gregor hatte ausführlich antworten und
fährt um fünf.«
Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte.
»Himmlischer Vater!« dachte er, Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger
gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon
dreiviertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus,
daß er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte er auch geläutet. Ja,
aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu
verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich
desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben
Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die
Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus
nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte,
ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der
Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von
seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne
Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre
aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines
fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der
Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des
faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf
den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz
gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in
diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von
einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz
wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.
Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu
können, das Bett zu verlassen – gerade schlug der Wecker dreiviertel sieben
– klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes. »Gregor,«
rief es – es war die Mutter –, »es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht
wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende
Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber,
wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen
mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer
Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht
wußte, ob man recht gehört hatte. Gregor hatte ausführlich antworten und
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alles erklären wollen, beschränkte sich aber bei diesen Umständen darauf,
zu sagen: »Ja, ja, danke, Mutter, ich stehe schon auf.« Infolge der Holztür
war die Veränderung in Gregors Stimme draußen wohl nicht zu merken,
denn die Mutter beruhigte sich mit dieser Erklärung und schlürfte davon.
Aber durch das kleine Gespräch waren die anderen Familienmitglieder
darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider Erwarten noch zu Hause
war, und schon klopfte an der einen Seitentür der Vater, schwach, aber mit
der Faust. »Gregor, Gregor,« rief er, »was ist denn?« Und nach einer
kleinen Weile mahnte er nochmals mit tieferer Stimme: »Gregor! Gregor!«
An der anderen Seitentür aber klagte leise die Schwester: »Gregor? Ist dir
nicht wohl? Brauchst du etwas?« Nach beiden Seiten hin antwortete
Gregor: »Bin schon fertig,« und bemühte sich, durch die sorgfältigste
Aussprache und durch Einschaltung von langen Pausen zwischen den
einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu nehmen. Der Vater
kehrte auch zu seinem Frühstück zurück, die Schwester aber flüsterte:
»Gregor, mach auf, ich beschwöre dich.« Gregor aber dachte gar nicht
daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen her übernommene
Vorsicht, auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu versperren.
Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor
allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er
wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende
kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht
durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu
haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und
er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen
würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war als der
Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden,
daran zweifelte er nicht im geringsten.
Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig
aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig,
besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme und Hände
gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte er nur die vielen
Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und
die er überdies nicht beherrschen konnte. Wollte er eines einmal einknicken,
so war es das erste, daß er sich streckte; und gelang es ihm endlich, mit
diesem Bein das auszuführen, was er wollte, so arbeiteten inzwischen alle
zu sagen: »Ja, ja, danke, Mutter, ich stehe schon auf.« Infolge der Holztür
war die Veränderung in Gregors Stimme draußen wohl nicht zu merken,
denn die Mutter beruhigte sich mit dieser Erklärung und schlürfte davon.
Aber durch das kleine Gespräch waren die anderen Familienmitglieder
darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider Erwarten noch zu Hause
war, und schon klopfte an der einen Seitentür der Vater, schwach, aber mit
der Faust. »Gregor, Gregor,« rief er, »was ist denn?« Und nach einer
kleinen Weile mahnte er nochmals mit tieferer Stimme: »Gregor! Gregor!«
An der anderen Seitentür aber klagte leise die Schwester: »Gregor? Ist dir
nicht wohl? Brauchst du etwas?« Nach beiden Seiten hin antwortete
Gregor: »Bin schon fertig,« und bemühte sich, durch die sorgfältigste
Aussprache und durch Einschaltung von langen Pausen zwischen den
einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu nehmen. Der Vater
kehrte auch zu seinem Frühstück zurück, die Schwester aber flüsterte:
»Gregor, mach auf, ich beschwöre dich.« Gregor aber dachte gar nicht
daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen her übernommene
Vorsicht, auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu versperren.
Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor
allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er
wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende
kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht
durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu
haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und
er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen
würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war als der
Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden,
daran zweifelte er nicht im geringsten.
Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig
aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig,
besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme und Hände
gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte er nur die vielen
Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und
die er überdies nicht beherrschen konnte. Wollte er eines einmal einknicken,
so war es das erste, daß er sich streckte; und gelang es ihm endlich, mit
diesem Bein das auszuführen, was er wollte, so arbeiteten inzwischen alle
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anderen, wie freigelassen, in höchster, schmerzlicher Aufregung. »Nur sich
nicht im Bett unnütz aufhalten,« sagte sich Gregor.
Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett
hinauskommen, aber dieser untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen
hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte,
erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er
schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht
sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den
unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand,
belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich
vielleicht der empfindlichste war.
Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu
bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang
auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die
Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den Kopf
endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter
auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ,
mußte geradezu ein Wunder geschehen wenn der Kopf nicht verletzt
werden sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis
verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.
Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie früher,
und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander kämpfen
sah und keine Möglichkeit fand, in diese Willkür Ruhe und Ordnung zu
bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett bleiben könne und
daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste
Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber
vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als
verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei. In solchen
Augenblicken richtete er die Augen möglichst scharf auf das Fenster, aber
leider war aus dem Anblick des Morgennebels, der sogar die andere Seite
der engen Straße verhüllte, wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen.
»Schon sieben Uhr,« sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers,
»schon sieben Uhr und noch immer ein solcher Nebel.« Und ein Weilchen
lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der
völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen
Verhältnisse.
nicht im Bett unnütz aufhalten,« sagte sich Gregor.
Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett
hinauskommen, aber dieser untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen
hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte,
erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er
schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht
sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den
unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand,
belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich
vielleicht der empfindlichste war.
Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu
bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang
auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die
Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den Kopf
endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter
auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ,
mußte geradezu ein Wunder geschehen wenn der Kopf nicht verletzt
werden sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis
verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.
Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie früher,
und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander kämpfen
sah und keine Möglichkeit fand, in diese Willkür Ruhe und Ordnung zu
bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett bleiben könne und
daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste
Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber
vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als
verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei. In solchen
Augenblicken richtete er die Augen möglichst scharf auf das Fenster, aber
leider war aus dem Anblick des Morgennebels, der sogar die andere Seite
der engen Straße verhüllte, wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen.
»Schon sieben Uhr,« sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers,
»schon sieben Uhr und noch immer ein solcher Nebel.« Und ein Weilchen
lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der
völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen
Verhältnisse.
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Dann aber sagte er sich: »Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich
unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis
dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das
Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.« Und er machte sich nun daran, den
Körper in seiner ganzen Länge vollständig gleichmäßig aus dem Bett
hinauszuschaukeln. Wenn er sich auf diese Weise aus dem Bett fallen ließ,
blieb der Kopf, den er beim Fall scharf heben wollte, voraussichtlich
unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde wohl bei dem Fall
auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken machte ihm die
Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und der
wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch
Besorgnisse erregen würde. Das mußte aber gewagt werden.
Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte – die neue Methode
war mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise
zu schaukeln –, fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe
käme. Zwei starke Leute – er dachte an seinen Vater und das
Dienstmädchen – hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur unter
seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen, sich mit
der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen, daß er den
Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen
hoffentlich einen Sinn bekommen würden. Nun, ganz abgesehen davon, daß
die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen? Trotz
aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.
Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das
Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig
entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, – als es an der
Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft,« sagte er sich und
erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger tanzten. Einen
Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht,« sagte sich Gregor, befangen
in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging natürlich wie immer
das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und öffnete. Gregor brauchte
nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wußte schon, wer es
war – der Prokurist selbst. Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer
Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten
Verdacht faßte? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen,
gab es denn unter ihnen keinen treuen ergebenen Menschen, den, wenn er
unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis
dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das
Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.« Und er machte sich nun daran, den
Körper in seiner ganzen Länge vollständig gleichmäßig aus dem Bett
hinauszuschaukeln. Wenn er sich auf diese Weise aus dem Bett fallen ließ,
blieb der Kopf, den er beim Fall scharf heben wollte, voraussichtlich
unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde wohl bei dem Fall
auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken machte ihm die
Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und der
wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch
Besorgnisse erregen würde. Das mußte aber gewagt werden.
Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte – die neue Methode
war mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise
zu schaukeln –, fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe
käme. Zwei starke Leute – er dachte an seinen Vater und das
Dienstmädchen – hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur unter
seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen, sich mit
der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen, daß er den
Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen
hoffentlich einen Sinn bekommen würden. Nun, ganz abgesehen davon, daß
die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen? Trotz
aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.
Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das
Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig
entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, – als es an der
Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft,« sagte er sich und
erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger tanzten. Einen
Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht,« sagte sich Gregor, befangen
in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging natürlich wie immer
das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und öffnete. Gregor brauchte
nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wußte schon, wer es
war – der Prokurist selbst. Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer
Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten
Verdacht faßte? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen,
gab es denn unter ihnen keinen treuen ergebenen Menschen, den, wenn er
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auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hatte,
vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das
Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen
zu lassen – wenn überhaupt diese Fragerei nötig war –, mußte da der
Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen
Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen
Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?
Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese
Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses,
schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett. Es gab einen lauten Schlag,
aber ein eigentlicher Krach war es nicht. Ein wenig wurde der Fall durch
den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor
gedacht hatte, daher kam der nicht gar so auffallende dumpfe Klang. Nur
den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagen; er
drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.
»Da drin ist etwas gefallen,« sagte der Prokurist im Nebenzimmer links.
Gregor suchte sich vorzustellen, ob nicht auch einmal dem Prokuristen
etwas Ähnliches passieren könnte, wie heute ihm; die Möglichkeit dessen
mußte man doch eigentlich zugeben. Aber wie zur rohen Antwort auf diese
Frage machte jetzt der Prokurist im Nebenzimmer ein paar bestimmte
Schritte und ließ seine Lackstiefel knarren. Aus dem Nebenzimmer rechts
flüsterte die Schwester, um Gregor zu verständigen: »Gregor, der Prokurist
ist da.« »Ich weiß,« sagte Gregor vor sich hin; aber so laut, daß es die
Schwester hätte hören können, wagte er die Stimme nicht zu erheben.
»Gregor,« sagte nun der Vater aus dem Nebenzimmer links, »der Herr
Prokurist ist gekommen und erkundigt sich, warum du nicht mit dem
Frühzug weggefahren bist. Wir wissen nicht, was wir ihm sagen sollen.
Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die Tür
auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte
haben.« »Guten Morgen, Herr Samsa,« rief der Prokurist freundlich
dazwischen. »Ihm ist nicht wohl,« sagte die Mutter zum Prokuristen,
während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben Sie
mir, Herr Prokurist. Wie würde denn Gregor sonst einen Zug versäumen!
Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon
fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt,
aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns am Tisch und liest
vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das
Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen
zu lassen – wenn überhaupt diese Fragerei nötig war –, mußte da der
Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen
Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen
Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?
Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese
Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses,
schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett. Es gab einen lauten Schlag,
aber ein eigentlicher Krach war es nicht. Ein wenig wurde der Fall durch
den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor
gedacht hatte, daher kam der nicht gar so auffallende dumpfe Klang. Nur
den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagen; er
drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.
»Da drin ist etwas gefallen,« sagte der Prokurist im Nebenzimmer links.
Gregor suchte sich vorzustellen, ob nicht auch einmal dem Prokuristen
etwas Ähnliches passieren könnte, wie heute ihm; die Möglichkeit dessen
mußte man doch eigentlich zugeben. Aber wie zur rohen Antwort auf diese
Frage machte jetzt der Prokurist im Nebenzimmer ein paar bestimmte
Schritte und ließ seine Lackstiefel knarren. Aus dem Nebenzimmer rechts
flüsterte die Schwester, um Gregor zu verständigen: »Gregor, der Prokurist
ist da.« »Ich weiß,« sagte Gregor vor sich hin; aber so laut, daß es die
Schwester hätte hören können, wagte er die Stimme nicht zu erheben.
»Gregor,« sagte nun der Vater aus dem Nebenzimmer links, »der Herr
Prokurist ist gekommen und erkundigt sich, warum du nicht mit dem
Frühzug weggefahren bist. Wir wissen nicht, was wir ihm sagen sollen.
Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die Tür
auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte
haben.« »Guten Morgen, Herr Samsa,« rief der Prokurist freundlich
dazwischen. »Ihm ist nicht wohl,« sagte die Mutter zum Prokuristen,
während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben Sie
mir, Herr Prokurist. Wie würde denn Gregor sonst einen Zug versäumen!
Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon
fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt,
aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns am Tisch und liest
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still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für
ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel
im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie
werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn
gleich sehen, wenn Gregor aufmacht. Ich bin übrigens glücklich, daß Sie da
sind, Herr Prokurist; wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür
zu öffnen; er ist so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er
es am Morgen geleugnet hat.« »Ich komme gleich,« sagte Gregor langsam
und bedächtig und rührte sich nicht, um kein Wort der Gespräche zu
verlieren. »Anders, gnädige Frau, kann ich es mir auch nicht erklären,«
sagte der Prokurist, »hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wenn ich auch
andererseits sagen muß, daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder
glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen
Rücksichten einfach überwinden müssen.« »Also kann der Herr Prokurist
schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum an
die Tür. »Nein,« sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine peinliche
Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu schluchzen.
Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl
erst jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen
sich anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und
den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu
verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen
wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.
Noch war Gregor hier und dachte nicht im geringsten daran, seine Familie
zu verlassen. Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand,
der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er
den Prokuristen hereinlasse. Aber wegen dieser kleinen Unhöflichkeit, für
die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde, konnte Gregor
doch nicht gut sofort weggeschickt werden. Und Gregor schien es, daß es
viel vernünftiger wäre, ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und
Zureden zu stören. Aber es war eben die Ungewißheit, welche die anderen
bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.
»Herr Samsa,« rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist
denn los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit
ja und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen
– dies nur nebenbei erwähnt – Ihre geschäftlichen Pflichten in einer
ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel
im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie
werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn
gleich sehen, wenn Gregor aufmacht. Ich bin übrigens glücklich, daß Sie da
sind, Herr Prokurist; wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür
zu öffnen; er ist so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er
es am Morgen geleugnet hat.« »Ich komme gleich,« sagte Gregor langsam
und bedächtig und rührte sich nicht, um kein Wort der Gespräche zu
verlieren. »Anders, gnädige Frau, kann ich es mir auch nicht erklären,«
sagte der Prokurist, »hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wenn ich auch
andererseits sagen muß, daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder
glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen
Rücksichten einfach überwinden müssen.« »Also kann der Herr Prokurist
schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum an
die Tür. »Nein,« sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine peinliche
Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu schluchzen.
Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl
erst jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen
sich anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und
den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu
verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen
wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.
Noch war Gregor hier und dachte nicht im geringsten daran, seine Familie
zu verlassen. Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand,
der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er
den Prokuristen hereinlasse. Aber wegen dieser kleinen Unhöflichkeit, für
die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde, konnte Gregor
doch nicht gut sofort weggeschickt werden. Und Gregor schien es, daß es
viel vernünftiger wäre, ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und
Zureden zu stören. Aber es war eben die Ungewißheit, welche die anderen
bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.
»Herr Samsa,« rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist
denn los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit
ja und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen
– dies nur nebenbei erwähnt – Ihre geschäftlichen Pflichten in einer
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eigentlich unerhörten Weise. Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und
Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche
Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen,
vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen
zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir
zwar heute früh eine mögliche Erklärung für Ihre Versäumnis an – sie betraf
das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso –, aber ich legte wahrhaftig fast
mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun
aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar
jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre
Stellung ist durchaus nicht die festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht,
Ihnen das alles unter vier Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos
meine Zeit versäumen lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihre
Herren Eltern erfahren sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also
sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere
Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine
Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht
geben.«
»Aber Herr Prokurist,« rief Gregor außer sich und vergaß in der
Aufregung alles andere, »ich mache ja sofort, augenblicklich auf. Ein
leichtes Unwohlsein, ein Schwindelanfall, haben mich verhindert
aufzustehen. Ich liege noch jetzt im Bett. Jetzt bin ich aber schon wieder
ganz frisch. Eben steige ich aus dem Bett. Nur einen kleinen Augenblick
Geduld! Es geht noch nicht so gut, wie ich dachte. Es ist mir aber schon
wohl. Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch gestern abend
war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser, schon gestern
abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir ansehen müssen.
Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben
immer, daß man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird. Herr
Prokurist! Schonen Sie meine Eltern! Für alle die Vorwürfe, die Sie mir
jetzt machen, ist ja kein Grund; man hat mir ja davon auch kein Wort
gesagt. Sie haben vielleicht die letzten Aufträge, die ich geschickt habe,
nicht gelesen. Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise,
die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf,
Herr Prokurist; ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte,
das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!«
Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche
Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen,
vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen
zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir
zwar heute früh eine mögliche Erklärung für Ihre Versäumnis an – sie betraf
das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso –, aber ich legte wahrhaftig fast
mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun
aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar
jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre
Stellung ist durchaus nicht die festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht,
Ihnen das alles unter vier Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos
meine Zeit versäumen lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihre
Herren Eltern erfahren sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also
sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere
Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine
Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht
geben.«
»Aber Herr Prokurist,« rief Gregor außer sich und vergaß in der
Aufregung alles andere, »ich mache ja sofort, augenblicklich auf. Ein
leichtes Unwohlsein, ein Schwindelanfall, haben mich verhindert
aufzustehen. Ich liege noch jetzt im Bett. Jetzt bin ich aber schon wieder
ganz frisch. Eben steige ich aus dem Bett. Nur einen kleinen Augenblick
Geduld! Es geht noch nicht so gut, wie ich dachte. Es ist mir aber schon
wohl. Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch gestern abend
war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser, schon gestern
abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir ansehen müssen.
Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben
immer, daß man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird. Herr
Prokurist! Schonen Sie meine Eltern! Für alle die Vorwürfe, die Sie mir
jetzt machen, ist ja kein Grund; man hat mir ja davon auch kein Wort
gesagt. Sie haben vielleicht die letzten Aufträge, die ich geschickt habe,
nicht gelesen. Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise,
die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf,
Herr Prokurist; ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte,
das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!«
Page 14
Und während Gregor dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er
sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten
Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten.
Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen und
mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die anderen,
die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden. Würden
sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte
ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er
keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht
Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein. Zuerst glitt er nun einigemale von
dem glatten Kasten ab, aber endlich gab er sich einen letzten Schwung und
stand aufrecht da; auf die Schmerzen im Unterleib achtete er gar nicht mehr,
so sehr sie auch brannten. Nun ließ er sich gegen die Rücklehne eines nahen
Stuhles fallen, an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.
Damit hatte er aber auch die Herrschaft über sich erlangt und verstummte,
denn nun konnte er den Prokuristen anhören.
»Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?« fragte der Prokurist die
Eltern, »er macht sich doch wohl nicht einen Narren aus uns?« »Um Gottes
willen,« rief die Mutter schon unter Weinen, »er ist vielleicht schwer krank,
und wir quälen ihn. Grete! Grete!« schrie sie dann. »Mutter?« rief die
Schwester von der anderen Seite. Sie verständigten sich durch Gregors
Zimmer. »Du mußt augenblicklich zum Arzt. Gregor ist krank. Rasch um
den Arzt. Hast du Gregor jetzt reden hören?« »Das war eine Tierstimme,«
sagte der Prokurist, auffallend leise gegenüber dem Schreien der Mutter.
»Anna! Anna!« rief der Vater durch das Vorzimmer in die Küche und
klatschte in die Hände, »sofort einen Schlosser holen!« Und schon liefen
die zwei Mädchen mit rauschenden Röcken durch das Vorzimmer – wie
hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? – und rissen die
Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe zuschlagen; sie hatten sie
wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu sein pflegt, in denen ein
großes Unglück geschehen ist.
Gregor war aber viel ruhiger geworden. Man verstand zwar also seine
Worte nicht mehr, trotzdem sie ihm genug klar, klarer als früher,
vorgekommen waren, vielleicht infolge der Gewöhnung des Ohres. Aber
immerhin glaubte man nun schon daran, daß es mit ihm nicht ganz in
Ordnung war, und war bereit, ihm zu helfen. Die Zuversicht und Sicherheit,
sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten
Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten.
Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen und
mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die anderen,
die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden. Würden
sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte
ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er
keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht
Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein. Zuerst glitt er nun einigemale von
dem glatten Kasten ab, aber endlich gab er sich einen letzten Schwung und
stand aufrecht da; auf die Schmerzen im Unterleib achtete er gar nicht mehr,
so sehr sie auch brannten. Nun ließ er sich gegen die Rücklehne eines nahen
Stuhles fallen, an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.
Damit hatte er aber auch die Herrschaft über sich erlangt und verstummte,
denn nun konnte er den Prokuristen anhören.
»Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?« fragte der Prokurist die
Eltern, »er macht sich doch wohl nicht einen Narren aus uns?« »Um Gottes
willen,« rief die Mutter schon unter Weinen, »er ist vielleicht schwer krank,
und wir quälen ihn. Grete! Grete!« schrie sie dann. »Mutter?« rief die
Schwester von der anderen Seite. Sie verständigten sich durch Gregors
Zimmer. »Du mußt augenblicklich zum Arzt. Gregor ist krank. Rasch um
den Arzt. Hast du Gregor jetzt reden hören?« »Das war eine Tierstimme,«
sagte der Prokurist, auffallend leise gegenüber dem Schreien der Mutter.
»Anna! Anna!« rief der Vater durch das Vorzimmer in die Küche und
klatschte in die Hände, »sofort einen Schlosser holen!« Und schon liefen
die zwei Mädchen mit rauschenden Röcken durch das Vorzimmer – wie
hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? – und rissen die
Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe zuschlagen; sie hatten sie
wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu sein pflegt, in denen ein
großes Unglück geschehen ist.
Gregor war aber viel ruhiger geworden. Man verstand zwar also seine
Worte nicht mehr, trotzdem sie ihm genug klar, klarer als früher,
vorgekommen waren, vielleicht infolge der Gewöhnung des Ohres. Aber
immerhin glaubte man nun schon daran, daß es mit ihm nicht ganz in
Ordnung war, und war bereit, ihm zu helfen. Die Zuversicht und Sicherheit,
Page 15
womit die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er
fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von
beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu
scheiden, großartige und überraschende Leistungen. Um für die sich
nähernden entscheidenden Besprechungen eine möglichst klare Stimme zu
bekommen, hustete er ein wenig ab, allerdings bemüht, dies ganz gedämpft
zu tun, da möglicherweise auch schon dieses Geräusch anders als
menschlicher Husten klang, was er selbst zu entscheiden sich nicht mehr
getraute. Im Nebenzimmer war es inzwischen ganz still geworden.
Vielleicht saßen die Eltern mit dem Prokuristen beim Tisch und tuschelten,
vielleicht lehnten alle an der Türe und horchten.
Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los,
warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht – die Ballen seiner
Beinchen hatten ein wenig Klebstoff – und ruhte sich dort einen Augenblick
lang von der Anstrengung aus. Dann aber machte er sich daran, mit dem
Mund den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Es schien leider, daß er keine
eigentlichen Zähne hatte, – womit sollte er gleich den Schlüssel fassen? –
aber dafür waren die Kiefer freilich sehr stark, mit ihrer Hilfe brachte er
auch wirklich den Schlüssel in Bewegung und achtete nicht darauf, daß er
sich zweifellos irgendeinen Schaden zufügte, denn eine braune Flüssigkeit
kam ihm aus dem Mund, floß über den Schlüssel und tropfte auf den
Boden. »Hören Sie nur,« sagte der Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht
den Schlüssel um.« Das war für Gregor eine große Aufmunterung; aber alle
hätten ihm zurufen sollen, auch der Vater und die Mutter: »Frisch, Gregor,«
hätten sie rufen sollen, »immer nur heran, fest an das Schloß heran!« Und in
der Vorstellung, daß alle seine Bemühungen mit Spannung verfolgten,
verbiß er sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos
in den Schlüssel. Je nach dem Fortschreiten der Drehung des Schlüssels
umtanzte er das Schloß, hielt sich jetzt nur noch mit dem Munde aufrecht,
und je nach Bedarf hing er sich an den Schlüssel oder drückte ihn dann
wieder nieder mit der ganzen Last seines Körpers. Der hellere Klang des
endlich zurückschnappenden Schlosses erweckte Gregor förmlich.
Aufatmend sagte er sich: »Ich habe also den Schlosser nicht gebraucht,«
und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.
Da er die Türe auf diese Weise öffnen mußte, war sie eigentlich schon
recht weit geöffnet, und er selbst noch nicht zu sehen. Er mußte sich erst
fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von
beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu
scheiden, großartige und überraschende Leistungen. Um für die sich
nähernden entscheidenden Besprechungen eine möglichst klare Stimme zu
bekommen, hustete er ein wenig ab, allerdings bemüht, dies ganz gedämpft
zu tun, da möglicherweise auch schon dieses Geräusch anders als
menschlicher Husten klang, was er selbst zu entscheiden sich nicht mehr
getraute. Im Nebenzimmer war es inzwischen ganz still geworden.
Vielleicht saßen die Eltern mit dem Prokuristen beim Tisch und tuschelten,
vielleicht lehnten alle an der Türe und horchten.
Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los,
warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht – die Ballen seiner
Beinchen hatten ein wenig Klebstoff – und ruhte sich dort einen Augenblick
lang von der Anstrengung aus. Dann aber machte er sich daran, mit dem
Mund den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Es schien leider, daß er keine
eigentlichen Zähne hatte, – womit sollte er gleich den Schlüssel fassen? –
aber dafür waren die Kiefer freilich sehr stark, mit ihrer Hilfe brachte er
auch wirklich den Schlüssel in Bewegung und achtete nicht darauf, daß er
sich zweifellos irgendeinen Schaden zufügte, denn eine braune Flüssigkeit
kam ihm aus dem Mund, floß über den Schlüssel und tropfte auf den
Boden. »Hören Sie nur,« sagte der Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht
den Schlüssel um.« Das war für Gregor eine große Aufmunterung; aber alle
hätten ihm zurufen sollen, auch der Vater und die Mutter: »Frisch, Gregor,«
hätten sie rufen sollen, »immer nur heran, fest an das Schloß heran!« Und in
der Vorstellung, daß alle seine Bemühungen mit Spannung verfolgten,
verbiß er sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos
in den Schlüssel. Je nach dem Fortschreiten der Drehung des Schlüssels
umtanzte er das Schloß, hielt sich jetzt nur noch mit dem Munde aufrecht,
und je nach Bedarf hing er sich an den Schlüssel oder drückte ihn dann
wieder nieder mit der ganzen Last seines Körpers. Der hellere Klang des
endlich zurückschnappenden Schlosses erweckte Gregor förmlich.
Aufatmend sagte er sich: »Ich habe also den Schlosser nicht gebraucht,«
und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.
Da er die Türe auf diese Weise öffnen mußte, war sie eigentlich schon
recht weit geöffnet, und er selbst noch nicht zu sehen. Er mußte sich erst
Page 16
langsam um den einen Türflügel herumdrehen, und zwar sehr vorsichtig,
wenn er nicht gerade vor dem Eintritt ins Zimmer plump auf den Rücken
fallen wollte. Er war noch mit jener schwierigen Bewegung beschäftigt und
hatte nicht Zeit, auf anderes zu achten, da hörte er schon den Prokuristen
ein lautes »Oh!« ausstoßen – es klang, wie wenn der Wind saust – und nun
sah er ihn auch, wie er, der der Nächste an der Türe war, die Hand gegen
den offenen Mund drückte und langsam zurückwich, als vertreibe ihn eine
unsichtbare, gleichmäßig fortwirkende Kraft. Die Mutter – sie stand hier
trotz der Anwesenheit des Prokuristen mit von der Nacht her noch
aufgelösten, hoch sich sträubenden Haaren – sah zuerst mit gefalteten
Händen den Vater an, ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel
inmitten ihrer rings um sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das
Gesicht ganz unauffindbar zu ihrer Brust gesenkt. Der Vater ballte mit
feindseligem Ausdruck die Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer
zurückstoßen, sah sich dann unsicher im Wohnzimmer um, beschattete dann
mit den Händen die Augen und weinte, daß sich seine mächtige Brust
schüttelte.
Gregor trat nun gar nicht in das Zimmer, sondern lehnte sich von innen
an den festgeriegelten Türflügel, so daß sein Leib nur zur Hälfte und
darüber der seitlich geneigte Kopf zu sehen war, mit dem er zu den anderen
hinüberlugte. Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand auf der
anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden, endlosen,
grauschwarzen Hauses – es war ein Krankenhaus – mit seinen hart die
Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel noch nieder,
aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch einzelnweise auf
die Erde hinuntergeworfenen Tropfen. Das Frühstücksgeschirr stand in
überreicher Zahl auf dem Tisch, denn für den Vater war das Frühstück die
wichtigste Mahlzeit des Tages, die er bei der Lektüre verschiedener
Zeitungen stundenlang hinzog. Gerade an der gegenüberliegenden Wand
hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant
darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine
Haltung und Uniform verlangte. Die Tür zum Vorzimmer war geöffnet, und
man sah, da auch die Wohnungstür offen war, auf den Vorplatz der
Wohnung hinaus und auf den Beginn der abwärts führenden Treppe.
»Nun,« sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der
einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen,
wenn er nicht gerade vor dem Eintritt ins Zimmer plump auf den Rücken
fallen wollte. Er war noch mit jener schwierigen Bewegung beschäftigt und
hatte nicht Zeit, auf anderes zu achten, da hörte er schon den Prokuristen
ein lautes »Oh!« ausstoßen – es klang, wie wenn der Wind saust – und nun
sah er ihn auch, wie er, der der Nächste an der Türe war, die Hand gegen
den offenen Mund drückte und langsam zurückwich, als vertreibe ihn eine
unsichtbare, gleichmäßig fortwirkende Kraft. Die Mutter – sie stand hier
trotz der Anwesenheit des Prokuristen mit von der Nacht her noch
aufgelösten, hoch sich sträubenden Haaren – sah zuerst mit gefalteten
Händen den Vater an, ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel
inmitten ihrer rings um sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das
Gesicht ganz unauffindbar zu ihrer Brust gesenkt. Der Vater ballte mit
feindseligem Ausdruck die Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer
zurückstoßen, sah sich dann unsicher im Wohnzimmer um, beschattete dann
mit den Händen die Augen und weinte, daß sich seine mächtige Brust
schüttelte.
Gregor trat nun gar nicht in das Zimmer, sondern lehnte sich von innen
an den festgeriegelten Türflügel, so daß sein Leib nur zur Hälfte und
darüber der seitlich geneigte Kopf zu sehen war, mit dem er zu den anderen
hinüberlugte. Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand auf der
anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden, endlosen,
grauschwarzen Hauses – es war ein Krankenhaus – mit seinen hart die
Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel noch nieder,
aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch einzelnweise auf
die Erde hinuntergeworfenen Tropfen. Das Frühstücksgeschirr stand in
überreicher Zahl auf dem Tisch, denn für den Vater war das Frühstück die
wichtigste Mahlzeit des Tages, die er bei der Lektüre verschiedener
Zeitungen stundenlang hinzog. Gerade an der gegenüberliegenden Wand
hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant
darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine
Haltung und Uniform verlangte. Die Tür zum Vorzimmer war geöffnet, und
man sah, da auch die Wohnungstür offen war, auf den Vorplatz der
Wohnung hinaus und auf den Beginn der abwärts führenden Treppe.
»Nun,« sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der
einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen,
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die Kollektion zusammenpacken und wegfahren. Wollt ihr, wollt ihr mich
wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig
und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das
Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr Prokurist? Ins Geschäft?
Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten? Man kann im Augenblick
unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an
die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach
Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter
arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen
Sie doch recht gut. Andererseits habe ich die Sorge um meine Eltern und die
Schwester. Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder
herausarbeiten. Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist.
Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich
weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes
Leben. Man hat eben keine besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser
zu durchdenken. Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren
Überblick über die Verhältnisse, als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im
Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick, als der Herr Chef selbst, der in
seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht
zuungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl, daß
der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäftes ist, so leicht
ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen Beschwerden
werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich ist, da er von
ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er erschöpft eine
Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre Ursachen hin nicht
mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu spüren bekommt.
Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben,
das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!«
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors
abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit
aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede
stand er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den
Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein
geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer,
und nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus
dem Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die
Sohle verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von
wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig
und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das
Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr Prokurist? Ins Geschäft?
Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten? Man kann im Augenblick
unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an
die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach
Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter
arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen
Sie doch recht gut. Andererseits habe ich die Sorge um meine Eltern und die
Schwester. Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder
herausarbeiten. Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist.
Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich
weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes
Leben. Man hat eben keine besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser
zu durchdenken. Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren
Überblick über die Verhältnisse, als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im
Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick, als der Herr Chef selbst, der in
seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht
zuungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl, daß
der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäftes ist, so leicht
ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen Beschwerden
werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich ist, da er von
ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er erschöpft eine
Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre Ursachen hin nicht
mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu spüren bekommt.
Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben,
das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!«
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors
abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit
aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede
stand er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den
Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein
geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer,
und nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus
dem Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die
Sohle verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von
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sich zur Treppe hin, als warte dort auf ihn eine geradezu überirdische
Erlösung.
Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen
Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht
aufs äußerste gefährdet werden sollte. Die Eltern verstanden das alles nicht
so gut; sie hatten sich in den langen Jahren die Überzeugung gebildet, daß
Gregor in diesem Geschäft für sein Leben versorgt war, und hatten
außerdem jetzt mit den augenblicklichen Sorgen so viel zu tun, daß ihnen
jede Voraussicht abhanden gekommen war. Aber Gregor hatte diese
Voraussicht. Der Prokurist mußte gehalten, beruhigt, überzeugt und
schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing
doch davon ab! Wäre doch die Schwester hier gewesen! Sie war klug; sie
hatte schon geweint, als Gregor noch ruhig auf dem Rücken lag. Und gewiß
hätte der Prokurist, dieser Damenfreund, sich von ihr lenken lassen; sie
hätte die Wohnungstür zugemacht und ihm im Vorzimmer den Schrecken
ausgeredet. Aber die Schwester war eben nicht da, Gregor selbst mußte
handeln. Und ohne daran zu denken, daß er seine gegenwärtigen
Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu
denken, daß seine Rede möglicher- ja wahrscheinlicherweise wieder nicht
verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die
Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des
Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber sofort,
nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine vielen
Beinchen nieder. Kaum war das geschehen, fühlte er zum erstenmal an
diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen; die Beinchen hatten festen
Boden unter sich; sie gehorchten vollkommen, wie er zu seiner Freude
merkte; strebten sogar darnach, ihn fortzutragen, wohin er wollte; und
schon glaubte er, die endgültige Besserung alles Leidens stehe unmittelbar
bevor. Aber im gleichen Augenblick, als er da schaukelnd vor verhaltener
Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter entfernt, ihr gerade gegenüber
auf dem Boden lag, sprang diese, die doch so ganz in sich versunken
schien, mit einemmale in die Höhe, die Arme weit ausgestreckt, die Finger
gespreizt, rief: »Hilfe, um Gottes willen Hilfe!«, hielt den Kopf geneigt, als
wolle sie Gregor besser sehen, lief aber, im Widerspruch dazu, sinnlos
zurück; hatte vergessen, daß hinter ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich,
als sie bei ihm angekommen war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn, und
Erlösung.
Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen
Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht
aufs äußerste gefährdet werden sollte. Die Eltern verstanden das alles nicht
so gut; sie hatten sich in den langen Jahren die Überzeugung gebildet, daß
Gregor in diesem Geschäft für sein Leben versorgt war, und hatten
außerdem jetzt mit den augenblicklichen Sorgen so viel zu tun, daß ihnen
jede Voraussicht abhanden gekommen war. Aber Gregor hatte diese
Voraussicht. Der Prokurist mußte gehalten, beruhigt, überzeugt und
schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing
doch davon ab! Wäre doch die Schwester hier gewesen! Sie war klug; sie
hatte schon geweint, als Gregor noch ruhig auf dem Rücken lag. Und gewiß
hätte der Prokurist, dieser Damenfreund, sich von ihr lenken lassen; sie
hätte die Wohnungstür zugemacht und ihm im Vorzimmer den Schrecken
ausgeredet. Aber die Schwester war eben nicht da, Gregor selbst mußte
handeln. Und ohne daran zu denken, daß er seine gegenwärtigen
Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu
denken, daß seine Rede möglicher- ja wahrscheinlicherweise wieder nicht
verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die
Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des
Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber sofort,
nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine vielen
Beinchen nieder. Kaum war das geschehen, fühlte er zum erstenmal an
diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen; die Beinchen hatten festen
Boden unter sich; sie gehorchten vollkommen, wie er zu seiner Freude
merkte; strebten sogar darnach, ihn fortzutragen, wohin er wollte; und
schon glaubte er, die endgültige Besserung alles Leidens stehe unmittelbar
bevor. Aber im gleichen Augenblick, als er da schaukelnd vor verhaltener
Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter entfernt, ihr gerade gegenüber
auf dem Boden lag, sprang diese, die doch so ganz in sich versunken
schien, mit einemmale in die Höhe, die Arme weit ausgestreckt, die Finger
gespreizt, rief: »Hilfe, um Gottes willen Hilfe!«, hielt den Kopf geneigt, als
wolle sie Gregor besser sehen, lief aber, im Widerspruch dazu, sinnlos
zurück; hatte vergessen, daß hinter ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich,
als sie bei ihm angekommen war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn, und
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schien gar nicht zu merken, daß neben ihr aus der umgeworfenen großen
Kanne der Kaffee in vollem Strome auf den Teppich sich ergoß.
»Mutter, Mutter,« sagte Gregor leise und sah zu ihr hinauf. Der
Prokurist war ihm für einen Augenblick ganz aus dem Sinn gekommen;
dagegen konnte er sich nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees
mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen. Darüber schrie die
Mutter neuerdings auf, flüchtete vom Tisch und fiel dem ihr
entgegeneilenden Vater in die Arme. Aber Gregor hatte jetzt keine Zeit für
seine Eltern; der Prokurist war schon auf der Treppe; das Kinn auf dem
Geländer, sah er noch zum letzten Male zurück. Gregor nahm einen Anlauf,
um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas ahnen, denn
er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand; »Huh!« aber
schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider schien nun auch
diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher verhältnismäßig gefaßt
gewesen war, völlig zu verwirren, denn statt selbst dem Prokuristen
nachzulaufen oder wenigstens Gregor in der Verfolgung nicht zu hindern,
packte er mit der Rechten den Stock des Prokuristen, den dieser mit Hut
und Überzieher auf einem Sessel zurückgelassen hatte, holte mit der Linken
eine große Zeitung vom Tisch und machte sich unter Füßestampfen daran,
Gregor durch Schwenken des Stockes und der Zeitung in sein Zimmer
zurückzutreiben. Kein Bitten Gregors half, kein Bitten wurde auch
verstanden, er mochte den Kopf noch so demütig drehen, der Vater stampfte
nur stärker mit den Füßen. Drüben hatte die Mutter trotz des kühlen Wetters
ein Fenster aufgerissen, und hinausgelehnt drückte sie ihr Gesicht weit
außerhalb des Fensters in ihre Hände. Zwischen Gasse und Treppenhaus
entstand eine starke Zugluft, die Fenstervorhänge flogen auf, die Zeitungen
auf dem Tische rauschten, einzelne Blätter wehten über den Boden hin.
Unerbittlich drängte der Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. Nun
hatte aber Gregor noch gar keine Übung im Rückwärtsgehen, es ging
wirklich sehr langsam. Wenn sich Gregor nur hätte umdrehen dürfen, er
wäre gleich in seinem Zimmer gewesen, aber er fürchtete sich, den Vater
durch die zeitraubende Umdrehung ungeduldig zu machen, und jeden
Augenblick drohte ihm doch von dem Stock in des Vaters Hand der tödliche
Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf. Endlich aber blieb Gregor doch
nichts anderes übrig, denn er merkte mit Entsetzen, daß er im
Rückwärtsgehen nicht einmal die Richtung einzuhalten verstand; und so
begann er, unter unaufhörlichen ängstlichen Seitenblicken nach dem Vater,
Kanne der Kaffee in vollem Strome auf den Teppich sich ergoß.
»Mutter, Mutter,« sagte Gregor leise und sah zu ihr hinauf. Der
Prokurist war ihm für einen Augenblick ganz aus dem Sinn gekommen;
dagegen konnte er sich nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees
mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen. Darüber schrie die
Mutter neuerdings auf, flüchtete vom Tisch und fiel dem ihr
entgegeneilenden Vater in die Arme. Aber Gregor hatte jetzt keine Zeit für
seine Eltern; der Prokurist war schon auf der Treppe; das Kinn auf dem
Geländer, sah er noch zum letzten Male zurück. Gregor nahm einen Anlauf,
um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas ahnen, denn
er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand; »Huh!« aber
schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider schien nun auch
diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher verhältnismäßig gefaßt
gewesen war, völlig zu verwirren, denn statt selbst dem Prokuristen
nachzulaufen oder wenigstens Gregor in der Verfolgung nicht zu hindern,
packte er mit der Rechten den Stock des Prokuristen, den dieser mit Hut
und Überzieher auf einem Sessel zurückgelassen hatte, holte mit der Linken
eine große Zeitung vom Tisch und machte sich unter Füßestampfen daran,
Gregor durch Schwenken des Stockes und der Zeitung in sein Zimmer
zurückzutreiben. Kein Bitten Gregors half, kein Bitten wurde auch
verstanden, er mochte den Kopf noch so demütig drehen, der Vater stampfte
nur stärker mit den Füßen. Drüben hatte die Mutter trotz des kühlen Wetters
ein Fenster aufgerissen, und hinausgelehnt drückte sie ihr Gesicht weit
außerhalb des Fensters in ihre Hände. Zwischen Gasse und Treppenhaus
entstand eine starke Zugluft, die Fenstervorhänge flogen auf, die Zeitungen
auf dem Tische rauschten, einzelne Blätter wehten über den Boden hin.
Unerbittlich drängte der Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. Nun
hatte aber Gregor noch gar keine Übung im Rückwärtsgehen, es ging
wirklich sehr langsam. Wenn sich Gregor nur hätte umdrehen dürfen, er
wäre gleich in seinem Zimmer gewesen, aber er fürchtete sich, den Vater
durch die zeitraubende Umdrehung ungeduldig zu machen, und jeden
Augenblick drohte ihm doch von dem Stock in des Vaters Hand der tödliche
Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf. Endlich aber blieb Gregor doch
nichts anderes übrig, denn er merkte mit Entsetzen, daß er im
Rückwärtsgehen nicht einmal die Richtung einzuhalten verstand; und so
begann er, unter unaufhörlichen ängstlichen Seitenblicken nach dem Vater,
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sich nach Möglichkeit rasch, in Wirklichkeit aber doch nur sehr langsam
umzudrehen. Vielleicht merkte der Vater seinen guten Willen, denn er störte
ihn hierbei nicht, sondern dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung
von der Ferne mit der Spitze seines Stockes. Wenn nur nicht dieses
unerträgliche Zischen des Vaters gewesen wäre! Gregor verlor darüber ganz
den Kopf. Er war schon fast ganz umgedreht, als er sich, immer auf dieses
Zischen horchend, sogar irrte und sich wieder ein Stück zurückdrehte. Als
er aber endlich glücklich mit dem Kopf vor der Türöffnung war, zeigte es
sich, daß sein Körper zu breit war, um ohne weiteres durchzukommen. Dem
Vater fiel es natürlich in seiner gegenwärtigen Verfassung auch nicht
entfernt ein, etwa den anderen Türflügel zu öffnen, um für Gregor einen
genügenden Durchgang zu schaffen. Seine fixe Idee war bloß, daß Gregor
so rasch als möglich in sein Zimmer müsse. Niemals hätte er auch die
umständlichen Vorbereitungen gestattet, die Gregor brauchte, um sich
aufzurichten und vielleicht auf diese Weise durch die Tür zu kommen.
Vielleicht trieb er, als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter
besonderem Lärm vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr
wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß
mehr, und Gregor drängte sich – geschehe was wolle – in die Tür. Die eine
Seite seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine
Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecke,
bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die
Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf der
anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt – da gab ihm der Vater von
hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig
blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock
zugeschlagen, dann war es endlich still.
umzudrehen. Vielleicht merkte der Vater seinen guten Willen, denn er störte
ihn hierbei nicht, sondern dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung
von der Ferne mit der Spitze seines Stockes. Wenn nur nicht dieses
unerträgliche Zischen des Vaters gewesen wäre! Gregor verlor darüber ganz
den Kopf. Er war schon fast ganz umgedreht, als er sich, immer auf dieses
Zischen horchend, sogar irrte und sich wieder ein Stück zurückdrehte. Als
er aber endlich glücklich mit dem Kopf vor der Türöffnung war, zeigte es
sich, daß sein Körper zu breit war, um ohne weiteres durchzukommen. Dem
Vater fiel es natürlich in seiner gegenwärtigen Verfassung auch nicht
entfernt ein, etwa den anderen Türflügel zu öffnen, um für Gregor einen
genügenden Durchgang zu schaffen. Seine fixe Idee war bloß, daß Gregor
so rasch als möglich in sein Zimmer müsse. Niemals hätte er auch die
umständlichen Vorbereitungen gestattet, die Gregor brauchte, um sich
aufzurichten und vielleicht auf diese Weise durch die Tür zu kommen.
Vielleicht trieb er, als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter
besonderem Lärm vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr
wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß
mehr, und Gregor drängte sich – geschehe was wolle – in die Tür. Die eine
Seite seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine
Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecke,
bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die
Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf der
anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt – da gab ihm der Vater von
hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig
blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock
zugeschlagen, dann war es endlich still.
Page 21
II.
Erst in der Abenddämmerung erwachte Gregor aus seinem schweren
ohnmachtähnlichen Schlaf. Er wäre gewiß nicht viel später auch ohne
Störung erwacht, denn er fühlte sich genügend ausgeruht und
ausgeschlafen, doch schien es ihm, als hätte ihn ein flüchtiger Schritt und
ein vorsichtiges Schließen der zum Vorzimmer führenden Tür geweckt. Der
Schein der elektrischen Straßenbahn lag bleich hier und da auf der
Zimmerdecke und auf den höheren Teilen der Möbel, aber unten bei Gregor
war es finster. Langsam schob er sich, noch ungeschickt mit seinen Fühlern
tastend, die er jetzt erst schätzen lernte, zur Türe hin, um nachzusehen, was
dort geschehen war. Seine linke Seite schien eine einzige lange,
unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen
regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittägigen
Vorfälle schwer verletzt worden – es war fast ein Wunder, daß nur eines
verletzt worden war – und schleppte leblos nach.
Erst bei der Tür merkte er, was ihn dorthin eigentlich gelockt hatte; es
war der Geruch von etwas Eßbarem gewesen. Denn dort stand ein Napf mit
süßer Milch gefüllt, in der kleine Schnitte von Weißbrot schwammen. Fast
hätte er vor Freude gelacht, denn er hatte noch größeren Hunger als am
Morgen, und gleich tauchte er seinen Kopf fast bis über die Augen in die
Milch hinein. Aber bald zog er ihn enttäuscht wieder zurück; nicht nur, daß
ihm das Essen wegen seiner heiklen linken Seite Schwierigkeiten machte –
und er konnte nur essen, wenn der ganze Körper schnaufend mitarbeitete –,
so schmeckte ihm überdies die Milch, die sonst sein Lieblingsgetränk war
und die ihm gewiß die Schwester deshalb hereingestellt hatte, gar nicht, ja
er wandte sich fast mit Widerwillen von dem Napf ab und kroch in die
Zimmermitte zurück.
Erst in der Abenddämmerung erwachte Gregor aus seinem schweren
ohnmachtähnlichen Schlaf. Er wäre gewiß nicht viel später auch ohne
Störung erwacht, denn er fühlte sich genügend ausgeruht und
ausgeschlafen, doch schien es ihm, als hätte ihn ein flüchtiger Schritt und
ein vorsichtiges Schließen der zum Vorzimmer führenden Tür geweckt. Der
Schein der elektrischen Straßenbahn lag bleich hier und da auf der
Zimmerdecke und auf den höheren Teilen der Möbel, aber unten bei Gregor
war es finster. Langsam schob er sich, noch ungeschickt mit seinen Fühlern
tastend, die er jetzt erst schätzen lernte, zur Türe hin, um nachzusehen, was
dort geschehen war. Seine linke Seite schien eine einzige lange,
unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen
regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittägigen
Vorfälle schwer verletzt worden – es war fast ein Wunder, daß nur eines
verletzt worden war – und schleppte leblos nach.
Erst bei der Tür merkte er, was ihn dorthin eigentlich gelockt hatte; es
war der Geruch von etwas Eßbarem gewesen. Denn dort stand ein Napf mit
süßer Milch gefüllt, in der kleine Schnitte von Weißbrot schwammen. Fast
hätte er vor Freude gelacht, denn er hatte noch größeren Hunger als am
Morgen, und gleich tauchte er seinen Kopf fast bis über die Augen in die
Milch hinein. Aber bald zog er ihn enttäuscht wieder zurück; nicht nur, daß
ihm das Essen wegen seiner heiklen linken Seite Schwierigkeiten machte –
und er konnte nur essen, wenn der ganze Körper schnaufend mitarbeitete –,
so schmeckte ihm überdies die Milch, die sonst sein Lieblingsgetränk war
und die ihm gewiß die Schwester deshalb hereingestellt hatte, gar nicht, ja
er wandte sich fast mit Widerwillen von dem Napf ab und kroch in die
Zimmermitte zurück.
Page 22
Im Wohnzimmer war, wie Gregor durch die Türspalte sah, das Gas
angezündet, aber während sonst zu dieser Tageszeit der Vater seine
nachmittags erscheinende Zeitung der Mutter und manchmal auch der
Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegte, hörte man jetzt keinen
Laut. Nun vielleicht war dieses Vorlesen, von dem ihm die Schwester
immer erzählte und schrieb, in der letzten Zeit überhaupt aus der Übung
gekommen. Aber auch ringsherum war es so still, trotzdem doch gewiß die
Wohnung nicht leer war. »Was für ein stilles Leben die Familie doch
führte,« sagte sich Gregor und fühlte, während er starr vor sich ins Dunkle
sah, einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester
ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können.
Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende
mit Schrecken nehmen sollte? Um sich nicht in solche Gedanken zu
verlieren, setzte sich Gregor lieber in Bewegung und kroch im Zimmer auf
und ab.
Einmal während des langen Abends wurde die eine Seitentüre und
einmal die andere bis zu einer kleinen Spalte geöffnet und rasch wieder
geschlossen; jemand hatte wohl das Bedürfnis hereinzukommen, aber auch
wieder zu viele Bedenken. Gregor machte nun unmittelbar bei der
Wohnzimmertür Halt, entschlossen, den zögernden Besucher doch
irgendwie hereinzubringen oder doch wenigstens zu erfahren, wer es sei;
aber nun wurde die Tür nicht mehr geöffnet und Gregor wartete vergebens.
Früh, als die Türen versperrt waren, hatten alle zu ihm hereinkommen
wollen, jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte und die anderen offenbar
während des Tages geöffnet worden waren, kam keiner mehr, und die
Schlüssel steckten nun auch von außen.
Spät erst in der Nacht wurde das Licht im Wohnzimmer ausgelöscht,
und nun war leicht festzustellen, daß die Eltern und die Schwester so lange
wachgeblieben waren, denn wie man genau hören konnte, entfernten sich
jetzt alle drei auf den Fußspitzen. Nun kam gewiß bis zum Morgen niemand
mehr zu Gregor herein; er hatte also eine lange Zeit, um ungestört zu
überlegen, wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte. Aber das hohe freie
Zimmer, in dem er gezwungen war, flach auf dem Boden zu liegen,
ängstigte ihn, ohne daß er die Ursache herausfinden konnte, denn es war ja
sein seit fünf Jahren von ihm bewohntes Zimmer – und mit einer halb
unbewußten Wendung und nicht ohne eine leichte Scham eilte er unter das
angezündet, aber während sonst zu dieser Tageszeit der Vater seine
nachmittags erscheinende Zeitung der Mutter und manchmal auch der
Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegte, hörte man jetzt keinen
Laut. Nun vielleicht war dieses Vorlesen, von dem ihm die Schwester
immer erzählte und schrieb, in der letzten Zeit überhaupt aus der Übung
gekommen. Aber auch ringsherum war es so still, trotzdem doch gewiß die
Wohnung nicht leer war. »Was für ein stilles Leben die Familie doch
führte,« sagte sich Gregor und fühlte, während er starr vor sich ins Dunkle
sah, einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester
ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können.
Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende
mit Schrecken nehmen sollte? Um sich nicht in solche Gedanken zu
verlieren, setzte sich Gregor lieber in Bewegung und kroch im Zimmer auf
und ab.
Einmal während des langen Abends wurde die eine Seitentüre und
einmal die andere bis zu einer kleinen Spalte geöffnet und rasch wieder
geschlossen; jemand hatte wohl das Bedürfnis hereinzukommen, aber auch
wieder zu viele Bedenken. Gregor machte nun unmittelbar bei der
Wohnzimmertür Halt, entschlossen, den zögernden Besucher doch
irgendwie hereinzubringen oder doch wenigstens zu erfahren, wer es sei;
aber nun wurde die Tür nicht mehr geöffnet und Gregor wartete vergebens.
Früh, als die Türen versperrt waren, hatten alle zu ihm hereinkommen
wollen, jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte und die anderen offenbar
während des Tages geöffnet worden waren, kam keiner mehr, und die
Schlüssel steckten nun auch von außen.
Spät erst in der Nacht wurde das Licht im Wohnzimmer ausgelöscht,
und nun war leicht festzustellen, daß die Eltern und die Schwester so lange
wachgeblieben waren, denn wie man genau hören konnte, entfernten sich
jetzt alle drei auf den Fußspitzen. Nun kam gewiß bis zum Morgen niemand
mehr zu Gregor herein; er hatte also eine lange Zeit, um ungestört zu
überlegen, wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte. Aber das hohe freie
Zimmer, in dem er gezwungen war, flach auf dem Boden zu liegen,
ängstigte ihn, ohne daß er die Ursache herausfinden konnte, denn es war ja
sein seit fünf Jahren von ihm bewohntes Zimmer – und mit einer halb
unbewußten Wendung und nicht ohne eine leichte Scham eilte er unter das
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Kanapee, wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und
trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich
fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter
dem Kanapee untergebracht zu werden.
Dort blieb er die ganze Nacht, die er zum Teil im Halbschlaf, aus dem
ihn der Hunger immer wieder aufschreckte, verbrachte, zum Teil aber in
Sorgen und undeutlichen Hoffnungen, die aber alle zu dem Schlusse
führten, daß er sich vorläufig ruhig verhalten und durch Geduld und größte
Rücksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich machen
müsse, die er ihr in seinem gegenwärtigen Zustand nun einmal zu
verursachen gezwungen war.
Schon am frühen Morgen, es war fast noch Nacht, hatte Gregor
Gelegenheit, die Kraft seiner eben gefaßten Entschlüsse zu prüfen, denn
vom Vorzimmer her öffnete die Schwester, fast völlig angezogen, die Tür
und sah mit Spannung herein. Sie fand ihn nicht gleich, aber als sie ihn
unter dem Kanapee bemerkte – Gott, er mußte doch irgendwo sein, er hatte
doch nicht wegfliegen können – erschrak sie so sehr, daß sie, ohne sich
beherrschen zu können, die Tür von außen wieder zuschlug. Aber als bereue
sie ihr Benehmen, öffnete sie die Tür sofort wieder und trat, als sei sie bei
einem Schwerkranken oder gar bei einem Fremden, auf den Fußspitzen
herein. Gregor hatte den Kopf bis knapp zum Rande des Kanapees
vorgeschoben und beobachtete sie. Ob sie wohl bemerken würde, daß er die
Milch stehen gelassen hatte, und zwar keineswegs aus Mangel an Hunger,
und ob sie eine andere Speise hereinbringen würde, die ihm besser
entsprach? Täte sie es nicht von selbst, er wollte lieber verhungern, als sie
darauf aufmerksam machen, trotzdem es ihn eigentlich ungeheuer drängte,
unterm Kanapee vorzuschießen, sich der Schwester zu Füßen zu werfen und
sie um irgend etwas Gutes zum Essen zu bitten. Aber die Schwester
bemerkte sofort mit Verwunderung den noch vollen Napf, aus dem nur ein
wenig Milch ringsherum verschüttet war, sie hob ihn gleich auf, zwar nicht
mit den bloßen Händen, sondern mit einem Fetzen, und trug ihn hinaus.
Gregor war äußerst neugierig, was sie zum Ersatze bringen würde, und er
machte sich die verschiedensten Gedanken darüber. Niemals aber hätte er
erraten können, was die Schwester in ihrer Güte wirklich tat. Sie brachte
ihm, um seinen Geschmack zu prüfen, eine ganze Auswahl, alles auf einer
alten Zeitung ausgebreitet. Da war altes halbverfaultes Gemüse; Knochen
trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich
fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter
dem Kanapee untergebracht zu werden.
Dort blieb er die ganze Nacht, die er zum Teil im Halbschlaf, aus dem
ihn der Hunger immer wieder aufschreckte, verbrachte, zum Teil aber in
Sorgen und undeutlichen Hoffnungen, die aber alle zu dem Schlusse
führten, daß er sich vorläufig ruhig verhalten und durch Geduld und größte
Rücksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich machen
müsse, die er ihr in seinem gegenwärtigen Zustand nun einmal zu
verursachen gezwungen war.
Schon am frühen Morgen, es war fast noch Nacht, hatte Gregor
Gelegenheit, die Kraft seiner eben gefaßten Entschlüsse zu prüfen, denn
vom Vorzimmer her öffnete die Schwester, fast völlig angezogen, die Tür
und sah mit Spannung herein. Sie fand ihn nicht gleich, aber als sie ihn
unter dem Kanapee bemerkte – Gott, er mußte doch irgendwo sein, er hatte
doch nicht wegfliegen können – erschrak sie so sehr, daß sie, ohne sich
beherrschen zu können, die Tür von außen wieder zuschlug. Aber als bereue
sie ihr Benehmen, öffnete sie die Tür sofort wieder und trat, als sei sie bei
einem Schwerkranken oder gar bei einem Fremden, auf den Fußspitzen
herein. Gregor hatte den Kopf bis knapp zum Rande des Kanapees
vorgeschoben und beobachtete sie. Ob sie wohl bemerken würde, daß er die
Milch stehen gelassen hatte, und zwar keineswegs aus Mangel an Hunger,
und ob sie eine andere Speise hereinbringen würde, die ihm besser
entsprach? Täte sie es nicht von selbst, er wollte lieber verhungern, als sie
darauf aufmerksam machen, trotzdem es ihn eigentlich ungeheuer drängte,
unterm Kanapee vorzuschießen, sich der Schwester zu Füßen zu werfen und
sie um irgend etwas Gutes zum Essen zu bitten. Aber die Schwester
bemerkte sofort mit Verwunderung den noch vollen Napf, aus dem nur ein
wenig Milch ringsherum verschüttet war, sie hob ihn gleich auf, zwar nicht
mit den bloßen Händen, sondern mit einem Fetzen, und trug ihn hinaus.
Gregor war äußerst neugierig, was sie zum Ersatze bringen würde, und er
machte sich die verschiedensten Gedanken darüber. Niemals aber hätte er
erraten können, was die Schwester in ihrer Güte wirklich tat. Sie brachte
ihm, um seinen Geschmack zu prüfen, eine ganze Auswahl, alles auf einer
alten Zeitung ausgebreitet. Da war altes halbverfaultes Gemüse; Knochen
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vom Nachtmahl her, die von festgewordener weißer Sauce umgeben waren;
ein paar Rosinen und Mandeln; ein Käse, den Gregor vor zwei Tagen für
ungenießbar erklärt hatte; ein trockenes Brot, ein mit Butter beschmiertes
Brot und ein mit Butter beschmiertes und gesalzenes Brot. Außerdem stellte
sie zu dem allen noch den wahrscheinlich ein für allemal für Gregor
bestimmten Napf, in den sie Wasser gegossen hatte. Und aus Zartgefühl, da
sie wußte, daß Gregor vor ihr nicht essen würde, entfernte sie sich eiligst
und drehte sogar den Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, daß er
es sich so behaglich machen dürfe, wie er wolle. Gregors Beinchen
schwirrten, als es jetzt zum Essen ging. Seine Wunden mußten übrigens
auch schon vollständig geheilt sein, er fühlte keine Behinderung mehr, er
staunte darüber und dachte daran, wie er vor mehr als einem Monat sich mit
dem Messer ganz wenig in den Finger geschnitten, und wie ihm diese
Wunde noch vorgestern genug wehgetan hatte. »Sollte ich jetzt weniger
Feingefühl haben?« dachte er und saugte schon gierig an dem Käse, zu dem
es ihn vor allen anderen Speisen sofort und nachdrücklich gezogen hatte.
Rasch hintereinander und mit vor Befriedigung tränenden Augen verzehrte
er den Käse, das Gemüse und die Sauce; die frischen Speisen dagegen
schmeckten ihm nicht, er konnte nicht einmal ihren Geruch vertragen und
schleppte sogar die Sachen, die er essen wollte, ein Stückchen weiter weg.
Er war schon längst mit allem fertig und lag nur noch faul auf der gleichen
Stelle, als die Schwester zum Zeichen, daß er sich zurückziehen solle,
langsam den Schlüssel umdrehte. Das schreckte ihn sofort auf, trotzdem er
schon fast schlummerte, und er eilte wieder unter das Kanapee. Aber es
kostete ihn große Selbstüberwindung, auch nur die kurze Zeit, während
welcher die Schwester im Zimmer war, unter dem Kanapee zu bleiben,
denn von dem reichlichen Essen hatte sich sein Leib ein wenig gerundet,
und er konnte dort in der Enge kaum atmen. Unter kleinen
Erstickungsanfällen sah er mit etwas hervorgequollenen Augen zu, wie die
nichtsahnende Schwester mit einem Besen nicht nur die Überbleibsel
zusammenkehrte, sondern selbst die von Gregor gar nicht berührten
Speisen, als seien also auch diese nicht mehr zu gebrauchen, und wie sie
alles hastig in einen Kübel schüttete, den sie mit einem Holzdeckel schloß,
worauf sie alles hinaustrug. Kaum hatte sie sich umgedreht, zog sich schon
Gregor unter dem Kanapee hervor und streckte und blähte sich.
Auf diese Weise bekam nun Gregor täglich sein Essen, einmal am
Morgen, wenn die Eltern und das Dienstmädchen noch schliefen, das
ein paar Rosinen und Mandeln; ein Käse, den Gregor vor zwei Tagen für
ungenießbar erklärt hatte; ein trockenes Brot, ein mit Butter beschmiertes
Brot und ein mit Butter beschmiertes und gesalzenes Brot. Außerdem stellte
sie zu dem allen noch den wahrscheinlich ein für allemal für Gregor
bestimmten Napf, in den sie Wasser gegossen hatte. Und aus Zartgefühl, da
sie wußte, daß Gregor vor ihr nicht essen würde, entfernte sie sich eiligst
und drehte sogar den Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, daß er
es sich so behaglich machen dürfe, wie er wolle. Gregors Beinchen
schwirrten, als es jetzt zum Essen ging. Seine Wunden mußten übrigens
auch schon vollständig geheilt sein, er fühlte keine Behinderung mehr, er
staunte darüber und dachte daran, wie er vor mehr als einem Monat sich mit
dem Messer ganz wenig in den Finger geschnitten, und wie ihm diese
Wunde noch vorgestern genug wehgetan hatte. »Sollte ich jetzt weniger
Feingefühl haben?« dachte er und saugte schon gierig an dem Käse, zu dem
es ihn vor allen anderen Speisen sofort und nachdrücklich gezogen hatte.
Rasch hintereinander und mit vor Befriedigung tränenden Augen verzehrte
er den Käse, das Gemüse und die Sauce; die frischen Speisen dagegen
schmeckten ihm nicht, er konnte nicht einmal ihren Geruch vertragen und
schleppte sogar die Sachen, die er essen wollte, ein Stückchen weiter weg.
Er war schon längst mit allem fertig und lag nur noch faul auf der gleichen
Stelle, als die Schwester zum Zeichen, daß er sich zurückziehen solle,
langsam den Schlüssel umdrehte. Das schreckte ihn sofort auf, trotzdem er
schon fast schlummerte, und er eilte wieder unter das Kanapee. Aber es
kostete ihn große Selbstüberwindung, auch nur die kurze Zeit, während
welcher die Schwester im Zimmer war, unter dem Kanapee zu bleiben,
denn von dem reichlichen Essen hatte sich sein Leib ein wenig gerundet,
und er konnte dort in der Enge kaum atmen. Unter kleinen
Erstickungsanfällen sah er mit etwas hervorgequollenen Augen zu, wie die
nichtsahnende Schwester mit einem Besen nicht nur die Überbleibsel
zusammenkehrte, sondern selbst die von Gregor gar nicht berührten
Speisen, als seien also auch diese nicht mehr zu gebrauchen, und wie sie
alles hastig in einen Kübel schüttete, den sie mit einem Holzdeckel schloß,
worauf sie alles hinaustrug. Kaum hatte sie sich umgedreht, zog sich schon
Gregor unter dem Kanapee hervor und streckte und blähte sich.
Auf diese Weise bekam nun Gregor täglich sein Essen, einmal am
Morgen, wenn die Eltern und das Dienstmädchen noch schliefen, das
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zweitemal nach dem allgemeinen Mittagessen, denn dann schliefen die
Eltern gleichfalls noch ein Weilchen, und das Dienstmädchen wurde von
der Schwester mit irgendeiner Besorgung weggeschickt. Gewiß wollten
auch sie nicht, daß Gregor verhungere, aber vielleicht hätten sie es nicht
ertragen können, von seinem Essen mehr als durch Hörensagen zu erfahren,
vielleicht wollte die Schwester ihnen auch eine möglicherweise nur kleine
Trauer ersparen, denn tatsächlich litten sie ja gerade genug.
Mit welchen Ausreden man an jenem ersten Vormittag den Arzt und den
Schlosser wieder aus der Wohnung geschafft hatte, konnte Gregor gar nicht
erfahren, denn da er nicht verstanden wurde, dachte niemand daran, auch
die Schwester nicht, daß er die anderen verstehen könne, und so mußte er
sich, wenn die Schwester in seinem Zimmer war, damit begnügen, nur hier
und da ihre Seufzer und Anrufe der Heiligen zu hören. Erst später, als sie
sich ein wenig an alles gewöhnt hatte – von vollständiger Gewöhnung
konnte natürlich niemals die Rede sein –, erhaschte Gregor manchmal eine
Bemerkung, die freundlich gemeint war oder so gedeutet werden konnte.
»Heute hat es ihm aber geschmeckt,« sagte sie, wenn Gregor unter dem
Essen tüchtig aufgeräumt hatte, während sie im gegenteiligen Fall, der sich
allmählich immer häufiger wiederholte, fast traurig zu sagen pflegte: »Nun
ist wieder alles stehengeblieben.«
Während aber Gregor unmittelbar keine Neuigkeit erfahren konnte,
erhorchte er manches aus den Nebenzimmern, und wo er nun einmal
Stimmen hörte, lief er gleich zu der betreffenden Tür und drückte sich mit
ganzem Leib an sie. Besonders in der ersten Zeit gab es kein Gespräch, das
nicht irgendwie wenn auch nur im geheimen, von ihm handelte. Zwei Tage
lang waren bei allen Mahlzeiten Beratungen darüber zu hören, wie man sich
jetzt verhalten solle; aber auch zwischen den Mahlzeiten sprach man über
das gleiche Thema, denn immer waren zumindest zwei Familienmitglieder
zu Hause, da wohl niemand allein zu Hause bleiben wollte und man die
Wohnung doch auf keinen Fall gänzlich verlassen konnte. Auch hatte das
Dienstmädchen gleich am ersten Tag – es war nicht ganz klar, was und
wieviel sie von dem Vorgefallenen wußte – kniefällig die Mutter gebeten,
sie sofort zu entlassen, und als sie sich eine Viertelstunde danach
verabschiedete, dankte sie für die Entlassung unter Tränen, wie für die
größte Wohltat, die man ihr hier erwiesen hatte, und gab, ohne daß man es
Eltern gleichfalls noch ein Weilchen, und das Dienstmädchen wurde von
der Schwester mit irgendeiner Besorgung weggeschickt. Gewiß wollten
auch sie nicht, daß Gregor verhungere, aber vielleicht hätten sie es nicht
ertragen können, von seinem Essen mehr als durch Hörensagen zu erfahren,
vielleicht wollte die Schwester ihnen auch eine möglicherweise nur kleine
Trauer ersparen, denn tatsächlich litten sie ja gerade genug.
Mit welchen Ausreden man an jenem ersten Vormittag den Arzt und den
Schlosser wieder aus der Wohnung geschafft hatte, konnte Gregor gar nicht
erfahren, denn da er nicht verstanden wurde, dachte niemand daran, auch
die Schwester nicht, daß er die anderen verstehen könne, und so mußte er
sich, wenn die Schwester in seinem Zimmer war, damit begnügen, nur hier
und da ihre Seufzer und Anrufe der Heiligen zu hören. Erst später, als sie
sich ein wenig an alles gewöhnt hatte – von vollständiger Gewöhnung
konnte natürlich niemals die Rede sein –, erhaschte Gregor manchmal eine
Bemerkung, die freundlich gemeint war oder so gedeutet werden konnte.
»Heute hat es ihm aber geschmeckt,« sagte sie, wenn Gregor unter dem
Essen tüchtig aufgeräumt hatte, während sie im gegenteiligen Fall, der sich
allmählich immer häufiger wiederholte, fast traurig zu sagen pflegte: »Nun
ist wieder alles stehengeblieben.«
Während aber Gregor unmittelbar keine Neuigkeit erfahren konnte,
erhorchte er manches aus den Nebenzimmern, und wo er nun einmal
Stimmen hörte, lief er gleich zu der betreffenden Tür und drückte sich mit
ganzem Leib an sie. Besonders in der ersten Zeit gab es kein Gespräch, das
nicht irgendwie wenn auch nur im geheimen, von ihm handelte. Zwei Tage
lang waren bei allen Mahlzeiten Beratungen darüber zu hören, wie man sich
jetzt verhalten solle; aber auch zwischen den Mahlzeiten sprach man über
das gleiche Thema, denn immer waren zumindest zwei Familienmitglieder
zu Hause, da wohl niemand allein zu Hause bleiben wollte und man die
Wohnung doch auf keinen Fall gänzlich verlassen konnte. Auch hatte das
Dienstmädchen gleich am ersten Tag – es war nicht ganz klar, was und
wieviel sie von dem Vorgefallenen wußte – kniefällig die Mutter gebeten,
sie sofort zu entlassen, und als sie sich eine Viertelstunde danach
verabschiedete, dankte sie für die Entlassung unter Tränen, wie für die
größte Wohltat, die man ihr hier erwiesen hatte, und gab, ohne daß man es
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von ihr verlangte, einen fürchterlichen Schwur ab, niemandem auch nur das
geringste zu verraten.
Nun mußte die Schwester im Verein mit der Mutter auch kochen;
allerdings machte das nicht viel Mühe, denn man aß fast nichts. Immer
wieder hörte Gregor, wie der eine den anderen vergebens zum Essen
aufforderte und keine andere Antwort bekam, als: »Danke ich habe genug«
oder etwas Ähnliches. Getrunken wurde vielleicht auch nichts. Öfters fragte
die Schwester den Vater, ob er Bier haben wolle, und herzlich erbot sie sich,
es selbst zu holen, und als der Vater schwieg, sagte sie, um ihm jedes
Bedenken zu nehmen, sie könne auch die Hausmeisterin darum schicken,
aber dann sagte der Vater schließlich ein großes »Nein«, und es wurde nicht
mehr davon gesprochen.
Schon im Laufe des ersten Tages legte der Vater die ganzen
Vermögensverhältnisse und Aussichten sowohl der Mutter als auch der
Schwester dar. Hie und da stand er vom Tische auf und holte aus seiner
kleinen Wertheimkassa, die er aus dem vor fünf Jahren erfolgten
Zusammenbruch seines Geschäftes gerettet hatte, irgendeinen Beleg oder
irgendein Vormerkbuch. Man hörte, wie er das komplizierte Schloß
aufsperrte und nach Entnahme des Gesuchten wieder verschloß. Diese
Erklärungen des Vaters waren zum Teil das erste Erfreuliche, was Gregor
seit seiner Gefangenschaft zu hören bekam. Er war der Meinung gewesen,
daß dem Vater von jenem Geschäft her nicht das Geringste übriggeblieben
war, zumindest hatte ihm der Vater nichts Gegenteiliges gesagt, und Gregor
allerdings hatte ihn auch nicht darum gefragt. Gregors Sorge war damals
nur gewesen, alles daranzusetzen, um die Familie das geschäftliche
Unglück, das alle in eine vollständige Hoffnungslosigkeit gebracht hatte,
möglichst rasch vergessen zu lassen. Und so hatte er damals mit ganz
besonderem Feuer zu arbeiten angefangen und war fast über Nacht aus
einem kleinen Kommis ein Reisender geworden, der natürlich ganz andere
Möglichkeiten des Geldverdienens hatte, und dessen Arbeitserfolge sich
sofort in Form der Provision zu Bargeld verwandelten, das der erstaunten
und beglückten Familie zu Hause auf den Tisch gelegt werden konnte. Es
waren schöne Zeiten gewesen, und niemals nachher hatten sie sich,
wenigstens in diesem Glanze, wiederholt, trotzdem Gregor später so viel
Geld verdiente, daß er den Aufwand der ganzen Familie zu tragen imstande
war und auch trug. Man hatte sich eben daran gewöhnt, sowohl die Familie,
geringste zu verraten.
Nun mußte die Schwester im Verein mit der Mutter auch kochen;
allerdings machte das nicht viel Mühe, denn man aß fast nichts. Immer
wieder hörte Gregor, wie der eine den anderen vergebens zum Essen
aufforderte und keine andere Antwort bekam, als: »Danke ich habe genug«
oder etwas Ähnliches. Getrunken wurde vielleicht auch nichts. Öfters fragte
die Schwester den Vater, ob er Bier haben wolle, und herzlich erbot sie sich,
es selbst zu holen, und als der Vater schwieg, sagte sie, um ihm jedes
Bedenken zu nehmen, sie könne auch die Hausmeisterin darum schicken,
aber dann sagte der Vater schließlich ein großes »Nein«, und es wurde nicht
mehr davon gesprochen.
Schon im Laufe des ersten Tages legte der Vater die ganzen
Vermögensverhältnisse und Aussichten sowohl der Mutter als auch der
Schwester dar. Hie und da stand er vom Tische auf und holte aus seiner
kleinen Wertheimkassa, die er aus dem vor fünf Jahren erfolgten
Zusammenbruch seines Geschäftes gerettet hatte, irgendeinen Beleg oder
irgendein Vormerkbuch. Man hörte, wie er das komplizierte Schloß
aufsperrte und nach Entnahme des Gesuchten wieder verschloß. Diese
Erklärungen des Vaters waren zum Teil das erste Erfreuliche, was Gregor
seit seiner Gefangenschaft zu hören bekam. Er war der Meinung gewesen,
daß dem Vater von jenem Geschäft her nicht das Geringste übriggeblieben
war, zumindest hatte ihm der Vater nichts Gegenteiliges gesagt, und Gregor
allerdings hatte ihn auch nicht darum gefragt. Gregors Sorge war damals
nur gewesen, alles daranzusetzen, um die Familie das geschäftliche
Unglück, das alle in eine vollständige Hoffnungslosigkeit gebracht hatte,
möglichst rasch vergessen zu lassen. Und so hatte er damals mit ganz
besonderem Feuer zu arbeiten angefangen und war fast über Nacht aus
einem kleinen Kommis ein Reisender geworden, der natürlich ganz andere
Möglichkeiten des Geldverdienens hatte, und dessen Arbeitserfolge sich
sofort in Form der Provision zu Bargeld verwandelten, das der erstaunten
und beglückten Familie zu Hause auf den Tisch gelegt werden konnte. Es
waren schöne Zeiten gewesen, und niemals nachher hatten sie sich,
wenigstens in diesem Glanze, wiederholt, trotzdem Gregor später so viel
Geld verdiente, daß er den Aufwand der ganzen Familie zu tragen imstande
war und auch trug. Man hatte sich eben daran gewöhnt, sowohl die Familie,
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als auch Gregor, man nahm das Geld dankbar an, er lieferte es gern ab, aber
eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben. Nur die Schwester
war Gregor doch noch nahe geblieben, und es war sein geheimer Plan, sie,
die zum Unterschied von Gregor Musik sehr liebte und rührend Violine zu
spielen verstand, nächstes Jahr, ohne Rücksicht auf die großen Kosten, die
das verursachen mußte, und die man schon auf andere Weise hereinbringen
würde, auf das Konservatorium zu schicken. Öfters während der kurzen
Aufenthalte Gregors in der Stadt wurde in den Gesprächen mit der
Schwester das Konservatorium erwähnt, aber immer nur als schöner Traum,
an dessen Verwirklichung nicht zu denken war, und die Eltern hörten nicht
einmal diese unschuldigen Erwähnungen gern; aber Gregor dachte sehr
bestimmt daran und beabsichtigte, es am Weihnachtsabend feierlich zu
erklären.
Solche in seinem gegenwärtigen Zustand ganz nutzlose Gedanken
gingen ihm durch den Kopf, während er dort aufrecht an der Türe klebte
und horchte. Manchmal konnte er vor allgemeiner Müdigkeit gar nicht
mehr zuhören und ließ den Kopf nachlässig gegen die Tür schlagen, hielt
ihn aber sofort wieder fest, denn selbst das kleine Geräusch, das er damit
verursacht hatte, war nebenan gehört worden und hatte alle verstummen
lassen. »Was er nur wieder treibt,« sagte der Vater nach einer Weile,
offenbar zur Türe hingewendet, und dann erst wurde das unterbrochene
Gespräch allmählich wieder aufgenommen.
Gregor erfuhr nun zur Genüge – denn der Vater pflegte sich in seinen
Erklärungen öfters zu wiederholen, teils, weil er selbst sich mit diesen
Dingen schon lange nicht beschäftigt hatte, teils auch, weil die Mutter nicht
alles gleich beim erstenmal verstand –, daß trotz allen Unglücks ein
allerdings ganz kleines Vermögen aus der alten Zeit noch vorhanden war,
das die nicht angerührten Zinsen in der Zwischenzeit ein wenig hatten
anwachsen lassen. Außerdem aber war das Geld, das Gregor allmonatlich
nach Hause gebracht hatte – er selbst hatte nur ein paar Gulden für sich
behalten –, nicht vollständig aufgebraucht worden und hatte sich zu einem
kleinen Kapital angesammelt. Gregor, hinter seiner Türe, nickte eifrig,
erfreut über diese unerwartete Vorsicht und Sparsamkeit. Eigentlich hätte er
ja mit diesen überschüssigen Geldern die Schuld des Vaters gegenüber dem
Chef weiter abgetragen haben können, und jener Tag, an dem er diesen
eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben. Nur die Schwester
war Gregor doch noch nahe geblieben, und es war sein geheimer Plan, sie,
die zum Unterschied von Gregor Musik sehr liebte und rührend Violine zu
spielen verstand, nächstes Jahr, ohne Rücksicht auf die großen Kosten, die
das verursachen mußte, und die man schon auf andere Weise hereinbringen
würde, auf das Konservatorium zu schicken. Öfters während der kurzen
Aufenthalte Gregors in der Stadt wurde in den Gesprächen mit der
Schwester das Konservatorium erwähnt, aber immer nur als schöner Traum,
an dessen Verwirklichung nicht zu denken war, und die Eltern hörten nicht
einmal diese unschuldigen Erwähnungen gern; aber Gregor dachte sehr
bestimmt daran und beabsichtigte, es am Weihnachtsabend feierlich zu
erklären.
Solche in seinem gegenwärtigen Zustand ganz nutzlose Gedanken
gingen ihm durch den Kopf, während er dort aufrecht an der Türe klebte
und horchte. Manchmal konnte er vor allgemeiner Müdigkeit gar nicht
mehr zuhören und ließ den Kopf nachlässig gegen die Tür schlagen, hielt
ihn aber sofort wieder fest, denn selbst das kleine Geräusch, das er damit
verursacht hatte, war nebenan gehört worden und hatte alle verstummen
lassen. »Was er nur wieder treibt,« sagte der Vater nach einer Weile,
offenbar zur Türe hingewendet, und dann erst wurde das unterbrochene
Gespräch allmählich wieder aufgenommen.
Gregor erfuhr nun zur Genüge – denn der Vater pflegte sich in seinen
Erklärungen öfters zu wiederholen, teils, weil er selbst sich mit diesen
Dingen schon lange nicht beschäftigt hatte, teils auch, weil die Mutter nicht
alles gleich beim erstenmal verstand –, daß trotz allen Unglücks ein
allerdings ganz kleines Vermögen aus der alten Zeit noch vorhanden war,
das die nicht angerührten Zinsen in der Zwischenzeit ein wenig hatten
anwachsen lassen. Außerdem aber war das Geld, das Gregor allmonatlich
nach Hause gebracht hatte – er selbst hatte nur ein paar Gulden für sich
behalten –, nicht vollständig aufgebraucht worden und hatte sich zu einem
kleinen Kapital angesammelt. Gregor, hinter seiner Türe, nickte eifrig,
erfreut über diese unerwartete Vorsicht und Sparsamkeit. Eigentlich hätte er
ja mit diesen überschüssigen Geldern die Schuld des Vaters gegenüber dem
Chef weiter abgetragen haben können, und jener Tag, an dem er diesen
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Posten hätte loswerden können, wäre weit näher gewesen, aber jetzt war es
zweifellos besser so, wie es der Vater eingerichtet hatte.
Nun genügte dieses Geld aber ganz und gar nicht, um die Familie etwa
von den Zinsen leben zu lassen; es genügte vielleicht, um die Familie ein,
höchstens zwei Jahre zu erhalten, mehr war es nicht. Es war also bloß eine
Summe, die man eigentlich nicht angreifen durfte, und die für den Notfall
zurückgelegt werden mußte; das Geld zum Leben aber mußte man
verdienen. Nun war aber der Vater ein zwar gesunder, aber alter Mann, der
schon fünf Jahre nichts gearbeitet hatte und sich jedenfalls nicht viel
zutrauen durfte; er hatte in diesen fünf Jahren, welche die ersten Ferien
seines mühevollen und doch erfolglosen Lebens waren, viel Fett angesetzt
und war dadurch recht schwerfällig geworden. Und die alte Mutter sollte
nun vielleicht Geld verdienen, die an Asthma litt, der eine Wanderung durch
die Wohnung schon Anstrengung verursachte, und die jeden zweiten Tag in
Atembeschwerden auf dem Sofa beim offenen Fenster verbrachte? Und die
Schwester sollte Geld verdienen, die noch ein Kind war mit ihren siebzehn
Jahren, und der ihre bisherige Lebensweise so sehr zu gönnen war, die
daraus bestanden hatte, sich nett zu kleiden, lange zu schlafen, in der
Wirtschaft mitzuhelfen, an ein paar bescheidenen Vergnügungen sich zu
beteiligen und vor allem Violine zu spielen? Wenn die Rede auf diese
Notwendigkeit des Geldverdienens kam, ließ zuerst immer Gregor die Türe
los und warf sich auf das neben der Tür befindliche kühle Ledersofa, denn
ihm war ganz heiß vor Beschämung und Trauer.
Oft lag er dort die ganzen langen Nächte über, schlief keinen
Augenblick und scharrte nur stundenlang auf dem Leder. Oder er scheute
nicht die große Mühe, einen Sessel zum Fenster zu schieben, dann die
Fensterbrüstung hinaufzukriechen und, in den Sessel gestemmt, sich ans
Fenster zu lehnen, offenbar nur in irgendeiner Erinnerung an das
Befreiende, das früher für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu
schauen. Denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig
entfernten Dinge immer undeutlicher; das gegenüberliegende Krankenhaus,
dessen nur allzu häufigen Anblick er früher verflucht hatte, bekam er
überhaupt nicht mehr zu Gesicht, und wenn er nicht genau gewußt hätte,
daß er in der stillen, aber völlig städtischen Charlottenstraße wohnte, hätte
er glauben können, von seinem Fenster aus in eine Einöde zu schauen in
welcher der graue Himmel und die graue Erde ununterscheidbar sich
zweifellos besser so, wie es der Vater eingerichtet hatte.
Nun genügte dieses Geld aber ganz und gar nicht, um die Familie etwa
von den Zinsen leben zu lassen; es genügte vielleicht, um die Familie ein,
höchstens zwei Jahre zu erhalten, mehr war es nicht. Es war also bloß eine
Summe, die man eigentlich nicht angreifen durfte, und die für den Notfall
zurückgelegt werden mußte; das Geld zum Leben aber mußte man
verdienen. Nun war aber der Vater ein zwar gesunder, aber alter Mann, der
schon fünf Jahre nichts gearbeitet hatte und sich jedenfalls nicht viel
zutrauen durfte; er hatte in diesen fünf Jahren, welche die ersten Ferien
seines mühevollen und doch erfolglosen Lebens waren, viel Fett angesetzt
und war dadurch recht schwerfällig geworden. Und die alte Mutter sollte
nun vielleicht Geld verdienen, die an Asthma litt, der eine Wanderung durch
die Wohnung schon Anstrengung verursachte, und die jeden zweiten Tag in
Atembeschwerden auf dem Sofa beim offenen Fenster verbrachte? Und die
Schwester sollte Geld verdienen, die noch ein Kind war mit ihren siebzehn
Jahren, und der ihre bisherige Lebensweise so sehr zu gönnen war, die
daraus bestanden hatte, sich nett zu kleiden, lange zu schlafen, in der
Wirtschaft mitzuhelfen, an ein paar bescheidenen Vergnügungen sich zu
beteiligen und vor allem Violine zu spielen? Wenn die Rede auf diese
Notwendigkeit des Geldverdienens kam, ließ zuerst immer Gregor die Türe
los und warf sich auf das neben der Tür befindliche kühle Ledersofa, denn
ihm war ganz heiß vor Beschämung und Trauer.
Oft lag er dort die ganzen langen Nächte über, schlief keinen
Augenblick und scharrte nur stundenlang auf dem Leder. Oder er scheute
nicht die große Mühe, einen Sessel zum Fenster zu schieben, dann die
Fensterbrüstung hinaufzukriechen und, in den Sessel gestemmt, sich ans
Fenster zu lehnen, offenbar nur in irgendeiner Erinnerung an das
Befreiende, das früher für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu
schauen. Denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig
entfernten Dinge immer undeutlicher; das gegenüberliegende Krankenhaus,
dessen nur allzu häufigen Anblick er früher verflucht hatte, bekam er
überhaupt nicht mehr zu Gesicht, und wenn er nicht genau gewußt hätte,
daß er in der stillen, aber völlig städtischen Charlottenstraße wohnte, hätte
er glauben können, von seinem Fenster aus in eine Einöde zu schauen in
welcher der graue Himmel und die graue Erde ununterscheidbar sich
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vereinigten. Nur zweimal hatte die aufmerksame Schwester sehen müssen,
daß der Sessel beim Fenster stand, als sie schon jedesmal, nachdem sie das
Zimmer aufgeräumt hatte, den Sessel wieder genau zum Fenster hinschob,
ja sogar von nun ab den inneren Fensterflügel offen ließ.
Hätte Gregor nur mit der Schwester sprechen und ihr für alles danken
können, was sie für ihn machen mußte, er hätte ihre Dienste leichter
ertragen; so aber litt er darunter. Die Schwester suchte freilich die
Peinlichkeit des Ganzen möglichst zu verwischen, und je längere Zeit
verging, desto besser gelang es ihr natürlich auch, aber auch Gregor
durchschaute mit der Zeit alles viel genauer. Schon ihr Eintritt war für ihn
schrecklich. Kaum war sie eingetreten, lief sie, ohne sich Zeit zu nehmen,
die Türe zu schließen, so sehr sie sonst darauf achtete, jedem den Anblick
von Gregors Zimmer zu ersparen, geradewegs zum Fenster und riß es, als
ersticke sie fast, mit hastigen Händen auf, blieb auch, selbst wenn es noch
so kalt war, ein Weilchen beim Fenster und atmete tief. Mit diesem Laufen
und Lärmen erschreckte sie Gregor täglich zweimal; die ganze Zeit über
zitterte er unter dem Kanapee und wußte doch sehr gut, daß sie ihn gewiß
gerne damit verschont hätte, wenn es ihr nur möglich gewesen wäre, sich in
einem Zimmer, in dem sich Gregor befand, bei geschlossenem Fenster
aufzuhalten.
Einmal, es war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung
vergangen, und es war doch schon für die Schwester kein besonderer Grund
mehr, über Gregors Aussehen in Erstaunen zu geraten, kam sie ein wenig
früher als sonst und traf Gregor noch an, wie er, unbeweglich und so recht
zum Erschrecken aufgestellt, aus dem Fenster schaute. Es wäre für Gregor
nicht unerwartet gewesen, wenn sie nicht eingetreten wäre, da er sie durch
seine Stellung verhinderte, sofort das Fenster zu öffnen, aber sie trat nicht
nur nicht ein, sie fuhr sogar zurück und schloß die Tür; ein Fremder hätte
geradezu denken können, Gregor habe ihr aufgelauert und habe sie beißen
wollen. Gregor versteckte sich natürlich sofort unter dem Kanapee, aber er
mußte bis zum Mittag warten, ehe die Schwester wiederkam, und sie schien
viel unruhiger als sonst. Er erkannte daraus, daß ihr sein Anblick noch
immer unerträglich war und ihr auch weiterhin unerträglich bleiben müsse,
und daß sie sich wohl sehr überwinden mußte, vor dem Anblick auch nur
der kleinen Partie seines Körpers nicht davonzulaufen, mit der er unter dem
Kanapee hervorragte. Um ihr auch diesen Anblick zu ersparen, trug er eines
daß der Sessel beim Fenster stand, als sie schon jedesmal, nachdem sie das
Zimmer aufgeräumt hatte, den Sessel wieder genau zum Fenster hinschob,
ja sogar von nun ab den inneren Fensterflügel offen ließ.
Hätte Gregor nur mit der Schwester sprechen und ihr für alles danken
können, was sie für ihn machen mußte, er hätte ihre Dienste leichter
ertragen; so aber litt er darunter. Die Schwester suchte freilich die
Peinlichkeit des Ganzen möglichst zu verwischen, und je längere Zeit
verging, desto besser gelang es ihr natürlich auch, aber auch Gregor
durchschaute mit der Zeit alles viel genauer. Schon ihr Eintritt war für ihn
schrecklich. Kaum war sie eingetreten, lief sie, ohne sich Zeit zu nehmen,
die Türe zu schließen, so sehr sie sonst darauf achtete, jedem den Anblick
von Gregors Zimmer zu ersparen, geradewegs zum Fenster und riß es, als
ersticke sie fast, mit hastigen Händen auf, blieb auch, selbst wenn es noch
so kalt war, ein Weilchen beim Fenster und atmete tief. Mit diesem Laufen
und Lärmen erschreckte sie Gregor täglich zweimal; die ganze Zeit über
zitterte er unter dem Kanapee und wußte doch sehr gut, daß sie ihn gewiß
gerne damit verschont hätte, wenn es ihr nur möglich gewesen wäre, sich in
einem Zimmer, in dem sich Gregor befand, bei geschlossenem Fenster
aufzuhalten.
Einmal, es war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung
vergangen, und es war doch schon für die Schwester kein besonderer Grund
mehr, über Gregors Aussehen in Erstaunen zu geraten, kam sie ein wenig
früher als sonst und traf Gregor noch an, wie er, unbeweglich und so recht
zum Erschrecken aufgestellt, aus dem Fenster schaute. Es wäre für Gregor
nicht unerwartet gewesen, wenn sie nicht eingetreten wäre, da er sie durch
seine Stellung verhinderte, sofort das Fenster zu öffnen, aber sie trat nicht
nur nicht ein, sie fuhr sogar zurück und schloß die Tür; ein Fremder hätte
geradezu denken können, Gregor habe ihr aufgelauert und habe sie beißen
wollen. Gregor versteckte sich natürlich sofort unter dem Kanapee, aber er
mußte bis zum Mittag warten, ehe die Schwester wiederkam, und sie schien
viel unruhiger als sonst. Er erkannte daraus, daß ihr sein Anblick noch
immer unerträglich war und ihr auch weiterhin unerträglich bleiben müsse,
und daß sie sich wohl sehr überwinden mußte, vor dem Anblick auch nur
der kleinen Partie seines Körpers nicht davonzulaufen, mit der er unter dem
Kanapee hervorragte. Um ihr auch diesen Anblick zu ersparen, trug er eines
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Tages auf seinem Rücken – er brauchte zu dieser Arbeit vier Stunden – das
Leintuch auf das Kanapee und ordnete es in einer solchen Weise an, daß er
nun gänzlich verdeckt war, und daß die Schwester, selbst wenn sie sich
bückte, ihn nicht sehen konnte. Wäre dieses Leintuch ihrer Meinung nach
nicht nötig gewesen, dann hätte sie es ja entfernen können, denn daß es
nicht zum Vergnügen Gregors gehören konnte, sich so ganz und gar
abzusperren, war doch klar genug, aber sie ließ das Leintuch, so wie es war,
und Gregor glaubte sogar einen dankbaren Blick erhascht zu haben, als er
einmal mit dem Kopf vorsichtig das Leintuch ein wenig lüftete, um
nachzusehen, wie die Schwester die neue Einrichtung aufnahm.
In den ersten vierzehn Tagen konnten es die Eltern nicht über sich
bringen, zu ihm hereinzukommen, und er hörte oft, wie sie die jetzige
Arbeit der Schwester völlig anerkannten, während sie sich bisher häufig
über die Schwester geärgert hatten, weil sie ihnen als ein etwas nutzloses
Mädchen erschienen war. Nun aber warteten oft beide, der Vater und die
Mutter, vor Gregors Zimmer, während die Schwester dort aufräumte, und
kaum war sie herausgekommen, mußte sie ganz genau erzählen, wie es in
dem Zimmer aussah, was Gregor gegessen hatte, wie er sich diesmal
benommen hatte, und ob vielleicht eine kleine Besserung zu bemerken war.
Die Mutter übrigens wollte verhältnismäßig bald Gregor besuchen, aber der
Vater und die Schwester hielten sie zuerst mit Vernunftgründen zurück,
denen Gregor sehr aufmerksam zuhörte, und die er vollständig billigte.
Später aber mußte man sie mit Gewalt zurückhalten, und wenn sie dann
rief: »Laßt mich doch zu Gregor, er ist ja mein unglücklicher Sohn! Begreift
ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«, dann dachte Gregor, daß es
vielleicht doch gut wäre, wenn die Mutter hereinkäme, nicht jeden Tag
natürlich, aber vielleicht einmal in der Woche; sie verstand doch alles viel
besser als die Schwester, die trotz all ihrem Mute doch nur ein Kind war
und im letzten Grunde vielleicht nur aus kindlichem Leichtsinn eine so
schwere Aufgabe übernommen hatte.
Der Wunsch Gregors, die Mutter zu sehen, ging bald in Erfüllung.
Während des Tages wollte Gregor schon aus Rücksicht auf seine Eltern sich
nicht beim Fenster zeigen, kriechen konnte er aber auf den paar
Quadratmetern des Fußbodens auch nicht viel, das ruhige Liegen ertrug er
schon während der Nacht schwer, das Essen machte ihm bald nicht mehr
das geringste Vergnügen, und so nahm er zur Zerstreuung die Gewohnheit
Leintuch auf das Kanapee und ordnete es in einer solchen Weise an, daß er
nun gänzlich verdeckt war, und daß die Schwester, selbst wenn sie sich
bückte, ihn nicht sehen konnte. Wäre dieses Leintuch ihrer Meinung nach
nicht nötig gewesen, dann hätte sie es ja entfernen können, denn daß es
nicht zum Vergnügen Gregors gehören konnte, sich so ganz und gar
abzusperren, war doch klar genug, aber sie ließ das Leintuch, so wie es war,
und Gregor glaubte sogar einen dankbaren Blick erhascht zu haben, als er
einmal mit dem Kopf vorsichtig das Leintuch ein wenig lüftete, um
nachzusehen, wie die Schwester die neue Einrichtung aufnahm.
In den ersten vierzehn Tagen konnten es die Eltern nicht über sich
bringen, zu ihm hereinzukommen, und er hörte oft, wie sie die jetzige
Arbeit der Schwester völlig anerkannten, während sie sich bisher häufig
über die Schwester geärgert hatten, weil sie ihnen als ein etwas nutzloses
Mädchen erschienen war. Nun aber warteten oft beide, der Vater und die
Mutter, vor Gregors Zimmer, während die Schwester dort aufräumte, und
kaum war sie herausgekommen, mußte sie ganz genau erzählen, wie es in
dem Zimmer aussah, was Gregor gegessen hatte, wie er sich diesmal
benommen hatte, und ob vielleicht eine kleine Besserung zu bemerken war.
Die Mutter übrigens wollte verhältnismäßig bald Gregor besuchen, aber der
Vater und die Schwester hielten sie zuerst mit Vernunftgründen zurück,
denen Gregor sehr aufmerksam zuhörte, und die er vollständig billigte.
Später aber mußte man sie mit Gewalt zurückhalten, und wenn sie dann
rief: »Laßt mich doch zu Gregor, er ist ja mein unglücklicher Sohn! Begreift
ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«, dann dachte Gregor, daß es
vielleicht doch gut wäre, wenn die Mutter hereinkäme, nicht jeden Tag
natürlich, aber vielleicht einmal in der Woche; sie verstand doch alles viel
besser als die Schwester, die trotz all ihrem Mute doch nur ein Kind war
und im letzten Grunde vielleicht nur aus kindlichem Leichtsinn eine so
schwere Aufgabe übernommen hatte.
Der Wunsch Gregors, die Mutter zu sehen, ging bald in Erfüllung.
Während des Tages wollte Gregor schon aus Rücksicht auf seine Eltern sich
nicht beim Fenster zeigen, kriechen konnte er aber auf den paar
Quadratmetern des Fußbodens auch nicht viel, das ruhige Liegen ertrug er
schon während der Nacht schwer, das Essen machte ihm bald nicht mehr
das geringste Vergnügen, und so nahm er zur Zerstreuung die Gewohnheit
Page 31
an, kreuz und quer über Wände und Plafond zu kriechen. Besonders oben
an der Decke hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem
Fußboden; man atmete freier; ein leichtes Schwingen ging durch den
Körper, und in der fast glücklichen Zerstreutheit, in der sich Gregor dort
oben befand, konnte es geschehen, daß er zu seiner eigenen Überraschung
sich losließ und auf den Boden klatschte. Aber nun hatte er natürlich seinen
Körper ganz anders in der Gewalt als früher und beschädigte sich selbst bei
einem so großen Falle nicht. Die Schwester nun bemerkte sofort die neue
Unterhaltung, die Gregor für sich gefunden hatte – er hinterließ ja auch
beim Kriechen hie und da Spuren seines Klebstoffes –, und da setzte sie es
sich in den Kopf, Gregor das Kriechen in größtem Ausmaße zu ermöglichen
und die Möbel, die es verhinderten, also vor allem den Kasten und den
Schreibtisch, wegzuschaffen. Nun war sie aber nicht imstande, dies allein
zu tun; den Vater wagte sie nicht um Hilfe zu bitten; das Dienstmädchen
hätte ihr ganz gewiß nicht geholfen, denn dieses etwa sechzehnjährige
Mädchen harrte zwar tapfer seit Entlassung der früheren Köchin aus, hatte
aber um die Vergünstigung gebeten, die Küche unaufhörlich versperrt
halten zu dürfen und nur auf besonderen Anruf öffnen zu müssen; so blieb
der Schwester also nichts übrig, als einmal in Abwesenheit des Vaters die
Mutter zu holen. Mit Ausrufen erregter Freude kam die Mutter auch heran,
verstummte aber an der Tür vor Gregors Zimmer. Zuerst sah natürlich die
Schwester nach, ob alles im Zimmer in Ordnung war; dann erst ließ sie die
Mutter eintreten. Gregor hatte in größter Eile das Leintuch noch tiefer und
mehr in Falten gezogen, das Ganze sah wirklich nur wie ein zufällig über
das Kanapee geworfenes Leintuch aus. Gregor unterließ auch diesmal, unter
dem Leintuch zu spionieren; er verzichtete darauf, die Mutter schon diesmal
zu sehen, und war nur froh, daß sie nun doch gekommen war. »Komm nur,
man sieht ihn nicht,« sagte die Schwester, und offenbar führte sie die
Mutter an der Hand. Gregor hörte nun, wie die zwei schwachen Frauen den
immerhin schweren alten Kasten von seinem Platze rückten, und wie die
Schwester immerfort den größten Teil der Arbeit für sich beanspruchte,
ohne auf die Warnungen der Mutter zu hören, welche fürchtete, daß sie sich
überanstrengen werde. Es dauerte sehr lange. Wohl nach schon
viertelstündiger Arbeit sagte die Mutter, man solle den Kasten doch lieber
hier lassen, denn erstens sei er zu schwer, sie würden vor Ankunft des
Vaters nicht fertig werden und mit dem Kasten in der Mitte des Zimmers
Gregor jeden Weg verrammeln, zweitens aber sei es doch gar nicht sicher,
an der Decke hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem
Fußboden; man atmete freier; ein leichtes Schwingen ging durch den
Körper, und in der fast glücklichen Zerstreutheit, in der sich Gregor dort
oben befand, konnte es geschehen, daß er zu seiner eigenen Überraschung
sich losließ und auf den Boden klatschte. Aber nun hatte er natürlich seinen
Körper ganz anders in der Gewalt als früher und beschädigte sich selbst bei
einem so großen Falle nicht. Die Schwester nun bemerkte sofort die neue
Unterhaltung, die Gregor für sich gefunden hatte – er hinterließ ja auch
beim Kriechen hie und da Spuren seines Klebstoffes –, und da setzte sie es
sich in den Kopf, Gregor das Kriechen in größtem Ausmaße zu ermöglichen
und die Möbel, die es verhinderten, also vor allem den Kasten und den
Schreibtisch, wegzuschaffen. Nun war sie aber nicht imstande, dies allein
zu tun; den Vater wagte sie nicht um Hilfe zu bitten; das Dienstmädchen
hätte ihr ganz gewiß nicht geholfen, denn dieses etwa sechzehnjährige
Mädchen harrte zwar tapfer seit Entlassung der früheren Köchin aus, hatte
aber um die Vergünstigung gebeten, die Küche unaufhörlich versperrt
halten zu dürfen und nur auf besonderen Anruf öffnen zu müssen; so blieb
der Schwester also nichts übrig, als einmal in Abwesenheit des Vaters die
Mutter zu holen. Mit Ausrufen erregter Freude kam die Mutter auch heran,
verstummte aber an der Tür vor Gregors Zimmer. Zuerst sah natürlich die
Schwester nach, ob alles im Zimmer in Ordnung war; dann erst ließ sie die
Mutter eintreten. Gregor hatte in größter Eile das Leintuch noch tiefer und
mehr in Falten gezogen, das Ganze sah wirklich nur wie ein zufällig über
das Kanapee geworfenes Leintuch aus. Gregor unterließ auch diesmal, unter
dem Leintuch zu spionieren; er verzichtete darauf, die Mutter schon diesmal
zu sehen, und war nur froh, daß sie nun doch gekommen war. »Komm nur,
man sieht ihn nicht,« sagte die Schwester, und offenbar führte sie die
Mutter an der Hand. Gregor hörte nun, wie die zwei schwachen Frauen den
immerhin schweren alten Kasten von seinem Platze rückten, und wie die
Schwester immerfort den größten Teil der Arbeit für sich beanspruchte,
ohne auf die Warnungen der Mutter zu hören, welche fürchtete, daß sie sich
überanstrengen werde. Es dauerte sehr lange. Wohl nach schon
viertelstündiger Arbeit sagte die Mutter, man solle den Kasten doch lieber
hier lassen, denn erstens sei er zu schwer, sie würden vor Ankunft des
Vaters nicht fertig werden und mit dem Kasten in der Mitte des Zimmers
Gregor jeden Weg verrammeln, zweitens aber sei es doch gar nicht sicher,
Page 32
daß Gregor mit der Entfernung der Möbel ein Gefallen geschehe. Ihr
scheine das Gegenteil der Fall zu sein; ihr bedrücke der Anblick der leeren
Wand geradezu das Herz; und warum solle nicht auch Gregor diese
Empfindung haben, da er doch an die Zimmermöbel längst gewöhnt sei und
sich deshalb im leeren Zimmer verlassen fühlen werde. »Und ist es dann
nicht so,« schloß die Mutter ganz leise, wie sie überhaupt fast flüsterte, als
wolle sie vermeiden, daß Gregor, dessen genauen Aufenthalt sie ja nicht
kannte, auch nur den Klang der Stimme höre, denn daß er die Worte nicht
verstand, davon war sie überzeugt, »und ist es nicht so, als ob wir durch die
Entfernung der Möbel zeigten, daß wir jede Hoffnung auf Besserung
aufgeben und ihn rücksichtslos sich selbst überlassen? Ich glaube, es wäre
das beste, wir suchen das Zimmer genau in dem Zustand zu erhalten, in
dem es früher war, damit Gregor, wenn er wieder zu uns zurückkommt,
alles unverändert findet und um so leichter die Zwischenzeit vergessen
kann.«
Beim Anhören dieser Worte der Mutter erkannte Gregor, daß der
Mangel jeder unmittelbaren menschlichen Ansprache, verbunden mit dem
einförmigen Leben inmitten der Familie, im Laufe dieser zwei Monate
seinen Verstand hatte verwirren müssen, denn anders konnte er es sich nicht
erklären, daß er ernsthaft darnach hatte verlangen können, daß sein Zimmer
ausgeleert würde. Hatte er wirklich Lust, das warme, mit ererbten Möbeln
gemütlich ausgestattete Zimmer in eine Höhle verwandeln zu lassen, in der
er dann freilich nach allen Richtungen ungestört würde kriechen können,
jedoch auch unter gleichzeitigem, schnellen, gänzlichen Vergessen seiner
menschlichen Vergangenheit? War er doch jetzt schon nahe daran, zu
vergessen, und nur die seit langem nicht gehörte Stimme der Mutter hatte
ihn aufgerüttelt. Nichts sollte entfernt werden, alles mußte bleiben, die
guten Einwirkungen der Möbel auf seinen Zustand konnte er nicht
entbehren; und wenn die Möbel ihn hinderten, das sinnlose Herumkriechen
zu betreiben, so war es kein Schaden, sondern ein großer Vorteil.
Aber die Schwester war leider anderer Meinung; sie hatte sich,
allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der
Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den
Eltern aufzutreten, und so war auch jetzt der Rat der Mutter für die
Schwester Grund genug, auf der Entfernung nicht nur des Kastens und des
Schreibtisches, an die sie zuerst allein gedacht hatte, sondern auf der
scheine das Gegenteil der Fall zu sein; ihr bedrücke der Anblick der leeren
Wand geradezu das Herz; und warum solle nicht auch Gregor diese
Empfindung haben, da er doch an die Zimmermöbel längst gewöhnt sei und
sich deshalb im leeren Zimmer verlassen fühlen werde. »Und ist es dann
nicht so,« schloß die Mutter ganz leise, wie sie überhaupt fast flüsterte, als
wolle sie vermeiden, daß Gregor, dessen genauen Aufenthalt sie ja nicht
kannte, auch nur den Klang der Stimme höre, denn daß er die Worte nicht
verstand, davon war sie überzeugt, »und ist es nicht so, als ob wir durch die
Entfernung der Möbel zeigten, daß wir jede Hoffnung auf Besserung
aufgeben und ihn rücksichtslos sich selbst überlassen? Ich glaube, es wäre
das beste, wir suchen das Zimmer genau in dem Zustand zu erhalten, in
dem es früher war, damit Gregor, wenn er wieder zu uns zurückkommt,
alles unverändert findet und um so leichter die Zwischenzeit vergessen
kann.«
Beim Anhören dieser Worte der Mutter erkannte Gregor, daß der
Mangel jeder unmittelbaren menschlichen Ansprache, verbunden mit dem
einförmigen Leben inmitten der Familie, im Laufe dieser zwei Monate
seinen Verstand hatte verwirren müssen, denn anders konnte er es sich nicht
erklären, daß er ernsthaft darnach hatte verlangen können, daß sein Zimmer
ausgeleert würde. Hatte er wirklich Lust, das warme, mit ererbten Möbeln
gemütlich ausgestattete Zimmer in eine Höhle verwandeln zu lassen, in der
er dann freilich nach allen Richtungen ungestört würde kriechen können,
jedoch auch unter gleichzeitigem, schnellen, gänzlichen Vergessen seiner
menschlichen Vergangenheit? War er doch jetzt schon nahe daran, zu
vergessen, und nur die seit langem nicht gehörte Stimme der Mutter hatte
ihn aufgerüttelt. Nichts sollte entfernt werden, alles mußte bleiben, die
guten Einwirkungen der Möbel auf seinen Zustand konnte er nicht
entbehren; und wenn die Möbel ihn hinderten, das sinnlose Herumkriechen
zu betreiben, so war es kein Schaden, sondern ein großer Vorteil.
Aber die Schwester war leider anderer Meinung; sie hatte sich,
allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der
Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den
Eltern aufzutreten, und so war auch jetzt der Rat der Mutter für die
Schwester Grund genug, auf der Entfernung nicht nur des Kastens und des
Schreibtisches, an die sie zuerst allein gedacht hatte, sondern auf der
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Entfernung sämtlicher Möbel, mit Ausnahme des unentbehrlichen
Kanapees, zu bestehen. Es war natürlich nicht nur kindlicher Trotz und das
in der letzten Zeit so unerwartet und schwer erworbene Selbstvertrauen, das
sie zu dieser Forderung bestimmte; sie hatte doch auch tatsächlich
beobachtet, daß Gregor viel Raum zum Kriechen brauchte, dagegen die
Möbel, soweit man sehen konnte, nicht im geringsten benützte. Vielleicht
aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit,
der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung sucht, und durch den Grete
jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch schreckenerregender
machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leisten zu
können. Denn in einem Raum, in dem Gregor ganz allein die leeren Wände
beherrschte, würde wohl kein Mensch außer Grete jemals einzutreten sich
getrauen.
Und so ließ sie sich von ihrem Entschlusse durch die Mutter nicht
abbringen, die auch in diesem Zimmer vor lauter Unruhe unsicher schien,
bald verstummte und der Schwester nach Kräften beim Hinausschaffen des
Kastens half. Nun, den Kasten konnte Gregor im Notfall noch entbehren,
aber schon der Schreibtisch mußte bleiben. Und kaum hatten die Frauen mit
dem Kasten, an dem sie sich ächzend drückten, das Zimmer verlassen, als
Gregor den Kopf unter dem Kanapee hervorstieß, um zu sehen, wie er
vorsichtig und möglichst rücksichtsvoll eingreifen könnte. Aber zum
Unglück war es gerade die Mutter, welche zuerst zurückkehrte, während
Grete im Nebenzimmer den Kasten umfangen hielt und ihn allein hin und
her schwang, ohne ihn natürlich von der Stelle zu bringen. Die Mutter aber
war Gregors Anblick nicht gewöhnt, er hätte sie krank machen können, und
so eilte Gregor erschrocken im Rückwärtslauf bis an das andere Ende des
Kanapees, konnte es aber nicht mehr verhindern, daß das Leintuch vorne
ein wenig sich bewegte. Das genügte, um die Mutter aufmerksam zu
machen. Sie stockte, stand einen Augenblick still und ging dann zu Grete
zurück.
Trotzdem sich Gregor immer wieder sagte, daß ja nichts
Außergewöhnliches geschehe, sondern nur ein paar Möbel umgestellt
würden, wirkte doch, wie er sich bald eingestehen mußte, dieses Hin- und
Hergehen der Frauen, ihre kleinen Zurufe, das Kratzen der Möbel auf dem
Boden, wie ein großer, von allen Seiten genährter Trubel auf ihn, und er
mußte sich, so fest er Kopf und Beine an sich zog und den Leib bis an den
Kanapees, zu bestehen. Es war natürlich nicht nur kindlicher Trotz und das
in der letzten Zeit so unerwartet und schwer erworbene Selbstvertrauen, das
sie zu dieser Forderung bestimmte; sie hatte doch auch tatsächlich
beobachtet, daß Gregor viel Raum zum Kriechen brauchte, dagegen die
Möbel, soweit man sehen konnte, nicht im geringsten benützte. Vielleicht
aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit,
der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung sucht, und durch den Grete
jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch schreckenerregender
machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leisten zu
können. Denn in einem Raum, in dem Gregor ganz allein die leeren Wände
beherrschte, würde wohl kein Mensch außer Grete jemals einzutreten sich
getrauen.
Und so ließ sie sich von ihrem Entschlusse durch die Mutter nicht
abbringen, die auch in diesem Zimmer vor lauter Unruhe unsicher schien,
bald verstummte und der Schwester nach Kräften beim Hinausschaffen des
Kastens half. Nun, den Kasten konnte Gregor im Notfall noch entbehren,
aber schon der Schreibtisch mußte bleiben. Und kaum hatten die Frauen mit
dem Kasten, an dem sie sich ächzend drückten, das Zimmer verlassen, als
Gregor den Kopf unter dem Kanapee hervorstieß, um zu sehen, wie er
vorsichtig und möglichst rücksichtsvoll eingreifen könnte. Aber zum
Unglück war es gerade die Mutter, welche zuerst zurückkehrte, während
Grete im Nebenzimmer den Kasten umfangen hielt und ihn allein hin und
her schwang, ohne ihn natürlich von der Stelle zu bringen. Die Mutter aber
war Gregors Anblick nicht gewöhnt, er hätte sie krank machen können, und
so eilte Gregor erschrocken im Rückwärtslauf bis an das andere Ende des
Kanapees, konnte es aber nicht mehr verhindern, daß das Leintuch vorne
ein wenig sich bewegte. Das genügte, um die Mutter aufmerksam zu
machen. Sie stockte, stand einen Augenblick still und ging dann zu Grete
zurück.
Trotzdem sich Gregor immer wieder sagte, daß ja nichts
Außergewöhnliches geschehe, sondern nur ein paar Möbel umgestellt
würden, wirkte doch, wie er sich bald eingestehen mußte, dieses Hin- und
Hergehen der Frauen, ihre kleinen Zurufe, das Kratzen der Möbel auf dem
Boden, wie ein großer, von allen Seiten genährter Trubel auf ihn, und er
mußte sich, so fest er Kopf und Beine an sich zog und den Leib bis an den
Page 34
Boden drückte, unweigerlich sagen, daß er das Ganze nicht lange aushalten
werde. Sie räumten ihm sein Zimmer aus; nahmen ihm alles, was ihm lieb
war; den Kasten, in dem die Laubsäge und andere Werkzeuge lagen, hatten
sie schon hinausgetragen; lockerten jetzt den schon im Boden fest
eingegrabenen Schreibtisch, an dem er als Handelsakademiker, als
Bürgerschüler, ja sogar schon als Volksschüler seine Aufgaben geschrieben
hatte, – da hatte er wirklich keine Zeit mehr, die guten Absichten zu prüfen,
welche die zwei Frauen hatten, deren Existenz er übrigens fast vergessen
hatte, denn vor Erschöpfung arbeiteten sie schon stumm, und man hörte nur
das schwere Tappen ihrer Füße.
Und so brach er denn hervor – die Frauen stützten sich gerade im
Nebenzimmer an den Schreibtisch, um ein wenig zu verschnaufen –,
wechselte viermal die Richtung des Laufes, er wußte wirklich nicht, was er
zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand
auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen, kroch
eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und seinem
heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt ganz
verdeckte, würde nun gewiß niemand wegnehmen. Er verdrehte den Kopf
nach der Tür des Wohnzimmers, um die Frauen bei ihrer Rückkehr zu
beobachten.
Sie hatten sich nicht viel Ruhe gegönnt und kamen schon wieder; Grete
hatte den Arm um die Mutter gelegt und trug sie fast. »Also was nehmen
wir jetzt?« sagte Grete und sah sich um, Da kreuzten sich ihre Blicke mit
denen Gregors an der Wand. Wohl nur infolge der Gegenwart der Mutter
behielt sie ihre Fassung, beugte ihr Gesicht zur Mutter, um diese vom
Herumschauen abzuhalten, und sagte, allerdings zitternd und unüberlegt:
»Komm, wollen wir nicht lieber auf einen Augenblick noch ins
Wohnzimmer zurückgehen?« Die Absicht Gretes war für Gregor klar, sie
wollte die Mutter in Sicherheit bringen und dann ihn von der Wand
hinunterjagen. Nun, sie konnte es ja immerhin versuchen! Er saß auf seinem
Bild und gab es nicht her. Lieber würde er Grete ins Gesicht springen.
Aber Gretes Worte hatten die Mutter erst recht beunruhigt, sie trat zur
Seite, erblickte den riesigen braunen Fleck auf der geblümten Tapete, rief,
ehe ihr eigentlich zum Bewußtsein kam, daß das Gregor war, was sie sah,
mit schreiender, rauher Stimme: »Ach Gott, ach Gott!« und fiel mit
ausgebreiteten Armen, als gebe sie alles auf, über das Kanapee hin und
werde. Sie räumten ihm sein Zimmer aus; nahmen ihm alles, was ihm lieb
war; den Kasten, in dem die Laubsäge und andere Werkzeuge lagen, hatten
sie schon hinausgetragen; lockerten jetzt den schon im Boden fest
eingegrabenen Schreibtisch, an dem er als Handelsakademiker, als
Bürgerschüler, ja sogar schon als Volksschüler seine Aufgaben geschrieben
hatte, – da hatte er wirklich keine Zeit mehr, die guten Absichten zu prüfen,
welche die zwei Frauen hatten, deren Existenz er übrigens fast vergessen
hatte, denn vor Erschöpfung arbeiteten sie schon stumm, und man hörte nur
das schwere Tappen ihrer Füße.
Und so brach er denn hervor – die Frauen stützten sich gerade im
Nebenzimmer an den Schreibtisch, um ein wenig zu verschnaufen –,
wechselte viermal die Richtung des Laufes, er wußte wirklich nicht, was er
zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand
auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen, kroch
eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und seinem
heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt ganz
verdeckte, würde nun gewiß niemand wegnehmen. Er verdrehte den Kopf
nach der Tür des Wohnzimmers, um die Frauen bei ihrer Rückkehr zu
beobachten.
Sie hatten sich nicht viel Ruhe gegönnt und kamen schon wieder; Grete
hatte den Arm um die Mutter gelegt und trug sie fast. »Also was nehmen
wir jetzt?« sagte Grete und sah sich um, Da kreuzten sich ihre Blicke mit
denen Gregors an der Wand. Wohl nur infolge der Gegenwart der Mutter
behielt sie ihre Fassung, beugte ihr Gesicht zur Mutter, um diese vom
Herumschauen abzuhalten, und sagte, allerdings zitternd und unüberlegt:
»Komm, wollen wir nicht lieber auf einen Augenblick noch ins
Wohnzimmer zurückgehen?« Die Absicht Gretes war für Gregor klar, sie
wollte die Mutter in Sicherheit bringen und dann ihn von der Wand
hinunterjagen. Nun, sie konnte es ja immerhin versuchen! Er saß auf seinem
Bild und gab es nicht her. Lieber würde er Grete ins Gesicht springen.
Aber Gretes Worte hatten die Mutter erst recht beunruhigt, sie trat zur
Seite, erblickte den riesigen braunen Fleck auf der geblümten Tapete, rief,
ehe ihr eigentlich zum Bewußtsein kam, daß das Gregor war, was sie sah,
mit schreiender, rauher Stimme: »Ach Gott, ach Gott!« und fiel mit
ausgebreiteten Armen, als gebe sie alles auf, über das Kanapee hin und
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rührte sich nicht. »Du, Gregor!« rief die Schwester mit erhobener Faust und
eindringlichen Blicken. Es waren seit der Verwandlung die ersten Worte,
die sie unmittelbar an ihn gerichtet hatte. Sie lief ins Nebenzimmer, um
irgendeine Essenz zu holen, mit der sie die Mutter aus ihrer Ohnmacht
wecken könnte; Gregor wollte auch helfen – zur Rettung des Bildes war
noch Zeit –; er klebte aber fest an dem Glas und mußte sich mit Gewalt
losreißen; er lief dann auch ins Nebenzimmer, als könne er der Schwester
irgendeinen Rat geben, wie in früherer Zeit; mußte aber dann untätig hinter
ihr stehen; während sie in verschiedenen Fläschchen kramte, erschreckte sie
noch, als sie sich umdrehte; eine Flasche fiel auf den Boden und zerbrach;
ein Splitter verletzte Gregor im Gesicht, irgendeine ätzende Medizin umfloß
ihn; Grete nahm nun, ohne sich länger aufzuhalten, so viele Fläschchen, als
sie nur halten konnte, und rannte mit ihnen zur Mutter hinein; die Tür
schlug sie mit dem Fuße zu. Gregor war nun von der Mutter abgeschlossen,
die durch seine Schuld vielleicht dem Tode nahe war; die Tür durfte er nicht
öffnen, wollte er die Schwester, die bei der Mutter bleiben mußte, nicht
verjagen; er hatte jetzt nichts zu tun, als zu warten; und von
Selbstvorwürfen und Besorgnis bedrängt, begann er zu kriechen, überkroch
alles, Wände, Möbel und Zimmerdecke und fiel endlich in seiner
Verzweiflung, als sich das ganze Zimmer schon um ihn zu drehen anfing,
mitten auf den großen Tisch.
Es verging eine kleine Weile, Gregor lag matt da, ringsherum war es
still, vielleicht war das ein gutes Zeichen. Da läutete es. Das Mädchen war
natürlich in ihrer Küche eingesperrt und Grete mußte daher öffnen gehen.
Der Vater war gekommen. »Was ist geschehen?« waren seine ersten Worte;
Gretes Aussehen hatte ihm wohl alles verraten. Grete antwortete mit
dumpfer Stimme, offenbar drückte sie ihr Gesicht an des Vaters Brust: »Die
Mutter war ohnmächtig, aber es geht ihr schon besser. Gregor ist
ausgebrochen.« »Ich habe es ja erwartet,« sagte der Vater, »ich habe es euch
ja immer gesagt, aber ihr Frauen wollt nicht hören.« Gregor war es klar, daß
der Vater Gretes allzukurze Mitteilung schlecht gedeutet hatte und annahm,
daß Gregor sich irgendeine Gewalttat habe zuschulden kommen lassen.
Deshalb mußte Gregor den Vater jetzt zu besänftigen suchen, denn ihn
aufzuklären hatte er weder Zeit noch Möglichkeit. Und so flüchtete er sich
zur Tür seines Zimmers und drückte sich an sie, damit der Vater beim
Eintritt vom Vorzimmer her gleich sehen könne, daß Gregor die beste
Absicht habe, sofort in sein Zimmer zurückzukehren, und daß es nicht nötig
eindringlichen Blicken. Es waren seit der Verwandlung die ersten Worte,
die sie unmittelbar an ihn gerichtet hatte. Sie lief ins Nebenzimmer, um
irgendeine Essenz zu holen, mit der sie die Mutter aus ihrer Ohnmacht
wecken könnte; Gregor wollte auch helfen – zur Rettung des Bildes war
noch Zeit –; er klebte aber fest an dem Glas und mußte sich mit Gewalt
losreißen; er lief dann auch ins Nebenzimmer, als könne er der Schwester
irgendeinen Rat geben, wie in früherer Zeit; mußte aber dann untätig hinter
ihr stehen; während sie in verschiedenen Fläschchen kramte, erschreckte sie
noch, als sie sich umdrehte; eine Flasche fiel auf den Boden und zerbrach;
ein Splitter verletzte Gregor im Gesicht, irgendeine ätzende Medizin umfloß
ihn; Grete nahm nun, ohne sich länger aufzuhalten, so viele Fläschchen, als
sie nur halten konnte, und rannte mit ihnen zur Mutter hinein; die Tür
schlug sie mit dem Fuße zu. Gregor war nun von der Mutter abgeschlossen,
die durch seine Schuld vielleicht dem Tode nahe war; die Tür durfte er nicht
öffnen, wollte er die Schwester, die bei der Mutter bleiben mußte, nicht
verjagen; er hatte jetzt nichts zu tun, als zu warten; und von
Selbstvorwürfen und Besorgnis bedrängt, begann er zu kriechen, überkroch
alles, Wände, Möbel und Zimmerdecke und fiel endlich in seiner
Verzweiflung, als sich das ganze Zimmer schon um ihn zu drehen anfing,
mitten auf den großen Tisch.
Es verging eine kleine Weile, Gregor lag matt da, ringsherum war es
still, vielleicht war das ein gutes Zeichen. Da läutete es. Das Mädchen war
natürlich in ihrer Küche eingesperrt und Grete mußte daher öffnen gehen.
Der Vater war gekommen. »Was ist geschehen?« waren seine ersten Worte;
Gretes Aussehen hatte ihm wohl alles verraten. Grete antwortete mit
dumpfer Stimme, offenbar drückte sie ihr Gesicht an des Vaters Brust: »Die
Mutter war ohnmächtig, aber es geht ihr schon besser. Gregor ist
ausgebrochen.« »Ich habe es ja erwartet,« sagte der Vater, »ich habe es euch
ja immer gesagt, aber ihr Frauen wollt nicht hören.« Gregor war es klar, daß
der Vater Gretes allzukurze Mitteilung schlecht gedeutet hatte und annahm,
daß Gregor sich irgendeine Gewalttat habe zuschulden kommen lassen.
Deshalb mußte Gregor den Vater jetzt zu besänftigen suchen, denn ihn
aufzuklären hatte er weder Zeit noch Möglichkeit. Und so flüchtete er sich
zur Tür seines Zimmers und drückte sich an sie, damit der Vater beim
Eintritt vom Vorzimmer her gleich sehen könne, daß Gregor die beste
Absicht habe, sofort in sein Zimmer zurückzukehren, und daß es nicht nötig
Page 36
sei, ihn zurückzutreiben, sondern daß man nur die Tür zu öffnen brauchte,
und gleich werde er verschwinden.
Aber der Vater war nicht in der Stimmung, solche Feinheiten zu
bemerken. »Ah!« rief er gleich beim Eintritt in einem Tone, als sei er
gleichzeitig wütend und froh. Gregor zog den Kopf von der Tür zurück und
hob ihn gegen den Vater. So hatte er sich den Vater wirklich nicht
vorgestellt, wie er jetzt dastand; allerdings hatte er in der letzten Zeit über
dem neuartigen Herumkriechen versäumt, sich so wie früher um die
Vorgänge in der übrigen Wohnung zu kümmern, und hätte eigentlich darauf
gefaßt sein müssen, veränderte Verhältnisse anzutreffen. Trotzdem,
trotzdem, war das noch der Vater? Der gleiche Mann, der müde im Bett
vergraben lag, wenn früher Gregor zu einer Geschäftsreise ausgerückt war;
der ihn an Abenden der Heimkehr im Schlafrock im Lehnstuhl empfangen
hatte; gar nicht recht imstande war, aufzustehen, sondern zum Zeichen der
Freude nur die Arme gehoben hatte, und der bei den seltenen gemeinsamen
Spaziergängen an ein paar Sonntagen im Jahr und an den höchsten
Feiertagen zwischen Gregor und der Mutter, die schon an und für sich
langsam gingen, immer noch ein wenig langsamer, in seinen alten Mantel
eingepackt, mit stets vorsichtig aufgesetztem Krückstock sich vorwärts
arbeitete und, wenn er etwas sagen wollte, fast immer stillstand und seine
Begleitung um sich versammelte? Nun aber war er doch gut aufgerichtet; in
eine straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen gekleidet, wie sie Diener der
Bankinstitute tragen; über dem hohen steifen Kragen des Rockes
entwickelte sich sein starkes Doppelkinn; unter den buschigen Augenbrauen
drang der Blick der schwarzen Augen frisch und aufmerksam hervor; das
sonst zerzauste weiße Haar war zu einer peinlich genauen, leuchtenden
Scheitelfrisur niedergekämmt. Er warf seine Mütze, auf der ein
Goldmonogramm, wahrscheinlich das einer Bank, angebracht war, über das
ganze Zimmer im Bogen auf das Kanapee hin und ging, die Enden seines
langen Uniformrockes zurückgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen,
mit verbissenem Gesicht auf Gregor zu. Er wußte wohl selbst nicht, was er
vorhatte; immerhin hob er die Füße ungewöhnlich hoch, und Gregor staunte
über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen. Doch hielt er sich dabei nicht
auf, er wußte ja noch vom ersten Tage seines neuen Lebens her, daß der
Vater ihm gegenüber nur die größte Strenge für angebracht ansah. Und so
lief er vor dem Vater her, stockte, wenn der Vater stehen blieb, und eilte
schon wieder vorwärts, wenn sich der Vater nur rührte. So machten sie
und gleich werde er verschwinden.
Aber der Vater war nicht in der Stimmung, solche Feinheiten zu
bemerken. »Ah!« rief er gleich beim Eintritt in einem Tone, als sei er
gleichzeitig wütend und froh. Gregor zog den Kopf von der Tür zurück und
hob ihn gegen den Vater. So hatte er sich den Vater wirklich nicht
vorgestellt, wie er jetzt dastand; allerdings hatte er in der letzten Zeit über
dem neuartigen Herumkriechen versäumt, sich so wie früher um die
Vorgänge in der übrigen Wohnung zu kümmern, und hätte eigentlich darauf
gefaßt sein müssen, veränderte Verhältnisse anzutreffen. Trotzdem,
trotzdem, war das noch der Vater? Der gleiche Mann, der müde im Bett
vergraben lag, wenn früher Gregor zu einer Geschäftsreise ausgerückt war;
der ihn an Abenden der Heimkehr im Schlafrock im Lehnstuhl empfangen
hatte; gar nicht recht imstande war, aufzustehen, sondern zum Zeichen der
Freude nur die Arme gehoben hatte, und der bei den seltenen gemeinsamen
Spaziergängen an ein paar Sonntagen im Jahr und an den höchsten
Feiertagen zwischen Gregor und der Mutter, die schon an und für sich
langsam gingen, immer noch ein wenig langsamer, in seinen alten Mantel
eingepackt, mit stets vorsichtig aufgesetztem Krückstock sich vorwärts
arbeitete und, wenn er etwas sagen wollte, fast immer stillstand und seine
Begleitung um sich versammelte? Nun aber war er doch gut aufgerichtet; in
eine straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen gekleidet, wie sie Diener der
Bankinstitute tragen; über dem hohen steifen Kragen des Rockes
entwickelte sich sein starkes Doppelkinn; unter den buschigen Augenbrauen
drang der Blick der schwarzen Augen frisch und aufmerksam hervor; das
sonst zerzauste weiße Haar war zu einer peinlich genauen, leuchtenden
Scheitelfrisur niedergekämmt. Er warf seine Mütze, auf der ein
Goldmonogramm, wahrscheinlich das einer Bank, angebracht war, über das
ganze Zimmer im Bogen auf das Kanapee hin und ging, die Enden seines
langen Uniformrockes zurückgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen,
mit verbissenem Gesicht auf Gregor zu. Er wußte wohl selbst nicht, was er
vorhatte; immerhin hob er die Füße ungewöhnlich hoch, und Gregor staunte
über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen. Doch hielt er sich dabei nicht
auf, er wußte ja noch vom ersten Tage seines neuen Lebens her, daß der
Vater ihm gegenüber nur die größte Strenge für angebracht ansah. Und so
lief er vor dem Vater her, stockte, wenn der Vater stehen blieb, und eilte
schon wieder vorwärts, wenn sich der Vater nur rührte. So machten sie
Page 37
mehrmals die Runde um das Zimmer, ohne daß sich etwas Entscheidendes
ereignete, ja ohne daß das Ganze infolge seines langsamen Tempos den
Anschein einer Verfolgung gehabt hätte. Deshalb blieb auch Gregor
vorläufig auf dem Fußboden, zumal er fürchtete, der Vater könnte eine
Flucht auf die Wände oder den Plafond für besondere Bosheit halten.
Allerdings mußte sich Gregor sagen, daß er sogar dieses Laufen nicht lange
aushalten würde, denn während der Vater einen Schritt machte, mußte er
eine Unzahl von Bewegungen ausführen. Atemnot begann sich schon
bemerkbar zu machen, wie er ja auch in seiner früheren Zeit keine ganz
vertrauenswürdige Lunge besessen hatte. Als er nun so dahintorkelte, um
alle Kräfte für den Lauf zu sammeln, kaum die Augen offenhielt; in seiner
Stumpfheit an eine andere Rettung als durch Laufen gar nicht dachte; und
fast schon vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier
allerdings mit sorgfältig geschnitzten Möbeln voll Zacken und Spitzen
verstellt waren – da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas
nieder und rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter
nach; Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos,
denn der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren. Aus der
Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun,
ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen roten Äpfel
rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen aneinander. Ein
schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich
ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors
Rücken ein; Gregor wollte sich weiterschleppen, als könne der
überraschende unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen; doch
fühlte er sich wie festgenagelt und streckte sich in vollständiger Verwirrung
aller Sinne. Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines
Zimmers aufgerissen wurde, und vor der schreienden Schwester die Mutter
hervoreilte, im Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der
Ohnmacht Atemfreiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater
zulief und ihr auf dem Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem
anderen zu Boden glitten, und wie sie stolpernd über die Röcke auf den
Vater eindrang und ihn umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm – nun
versagte aber Gregors Sehkraft schon – die Hände an des Vaters Hinterkopf
um Schonung von Gregors Leben bat.
ereignete, ja ohne daß das Ganze infolge seines langsamen Tempos den
Anschein einer Verfolgung gehabt hätte. Deshalb blieb auch Gregor
vorläufig auf dem Fußboden, zumal er fürchtete, der Vater könnte eine
Flucht auf die Wände oder den Plafond für besondere Bosheit halten.
Allerdings mußte sich Gregor sagen, daß er sogar dieses Laufen nicht lange
aushalten würde, denn während der Vater einen Schritt machte, mußte er
eine Unzahl von Bewegungen ausführen. Atemnot begann sich schon
bemerkbar zu machen, wie er ja auch in seiner früheren Zeit keine ganz
vertrauenswürdige Lunge besessen hatte. Als er nun so dahintorkelte, um
alle Kräfte für den Lauf zu sammeln, kaum die Augen offenhielt; in seiner
Stumpfheit an eine andere Rettung als durch Laufen gar nicht dachte; und
fast schon vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier
allerdings mit sorgfältig geschnitzten Möbeln voll Zacken und Spitzen
verstellt waren – da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas
nieder und rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter
nach; Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos,
denn der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren. Aus der
Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun,
ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen roten Äpfel
rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen aneinander. Ein
schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich
ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors
Rücken ein; Gregor wollte sich weiterschleppen, als könne der
überraschende unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen; doch
fühlte er sich wie festgenagelt und streckte sich in vollständiger Verwirrung
aller Sinne. Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines
Zimmers aufgerissen wurde, und vor der schreienden Schwester die Mutter
hervoreilte, im Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der
Ohnmacht Atemfreiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater
zulief und ihr auf dem Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem
anderen zu Boden glitten, und wie sie stolpernd über die Röcke auf den
Vater eindrang und ihn umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm – nun
versagte aber Gregors Sehkraft schon – die Hände an des Vaters Hinterkopf
um Schonung von Gregors Leben bat.
Page 38
III.
Die schwere Verwundung Gregors, an der er über einen Monat litt – der
Apfel blieb, da ihn niemand zu entfernen wagte, als sichtbares Andenken im
Fleische sitzen –, schien selbst den Vater daran erinnert zu haben, daß
Gregor trotz seiner gegenwärtigen traurigen und ekelhaften Gestalt ein
Familienglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte,
sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den
Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als dulden.
Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit
wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung
seines Zimmers wie ein alter Invalide lange, lange Minuten brauchte – an
das Kriechen in der Höhe war nicht zu denken –, so bekam er für diese
Verschlimmerung seines Zustandes einen seiner Meinung nach vollständig
genügenden Ersatz dadurch, daß immer gegen Abend die Wohnzimmertür,
die er schon ein bis zwei Stunden vorher scharf zu beobachten pflegte,
geöffnet wurde, so daß er, im Dunkel seines Zimmers liegend, vom
Wohnzimmer aus unsichtbar, die ganze Familie beim beleuchteten Tische
sehen und ihre Reden, gewissermaßen mit allgemeiner Erlaubnis, also ganz
anders als früher, anhören durfte.
Freilich waren es nicht mehr die lebhaften Unterhaltungen der früheren
Zeiten, an die Gregor in den kleinen Hotelzimmern stets mit einigem
Verlangen gedacht hatte, wenn er sich müde in das feuchte Bettzeug hatte
werfen müssen. Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Vater schlief bald
nach dem Nachtessen in seinem Sessel ein; die Mutter und Schwester
ermahnten einander zur Stille; die Mutter nähte, weit über das Licht
vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine
Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie
und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu
Die schwere Verwundung Gregors, an der er über einen Monat litt – der
Apfel blieb, da ihn niemand zu entfernen wagte, als sichtbares Andenken im
Fleische sitzen –, schien selbst den Vater daran erinnert zu haben, daß
Gregor trotz seiner gegenwärtigen traurigen und ekelhaften Gestalt ein
Familienglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte,
sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den
Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als dulden.
Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit
wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung
seines Zimmers wie ein alter Invalide lange, lange Minuten brauchte – an
das Kriechen in der Höhe war nicht zu denken –, so bekam er für diese
Verschlimmerung seines Zustandes einen seiner Meinung nach vollständig
genügenden Ersatz dadurch, daß immer gegen Abend die Wohnzimmertür,
die er schon ein bis zwei Stunden vorher scharf zu beobachten pflegte,
geöffnet wurde, so daß er, im Dunkel seines Zimmers liegend, vom
Wohnzimmer aus unsichtbar, die ganze Familie beim beleuchteten Tische
sehen und ihre Reden, gewissermaßen mit allgemeiner Erlaubnis, also ganz
anders als früher, anhören durfte.
Freilich waren es nicht mehr die lebhaften Unterhaltungen der früheren
Zeiten, an die Gregor in den kleinen Hotelzimmern stets mit einigem
Verlangen gedacht hatte, wenn er sich müde in das feuchte Bettzeug hatte
werfen müssen. Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Vater schlief bald
nach dem Nachtessen in seinem Sessel ein; die Mutter und Schwester
ermahnten einander zur Stille; die Mutter nähte, weit über das Licht
vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine
Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie
und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu
Page 39
erreichen. Manchmal wachte der Vater auf, und als wisse er gar nicht, daß
er geschlafen habe, sagte er zur Mutter: »Wie lange du heute schon wieder
nähst!« und schlief sofort wieder ein, während Mutter und Schwester
einander müde zulächelten.
Mit einer Art Eigensinn weigerte sich der Vater, auch zu Hause seine
Dieneruniform abzulegen; und während der Schlafrock nutzlos am
Kleiderhaken hing, schlummerte der Vater vollständig angezogen auf
seinem Platz, als sei er immer zu seinem Dienste bereit und warte auch hier
auf die Stimme des Vorgesetzten. Infolgedessen verlor die gleich anfangs
nicht neue Uniform trotz aller Sorgfalt von Mutter und Schwester an
Reinlichkeit, und Gregor sah oft ganze Abende lang auf dieses über und
über fleckige, mit seinen stets geputzten Goldknöpfen leuchtende Kleid, in
dem der alte Mann höchst unbequem und doch ruhig schlief.
Sobald die Uhr zehn schlug, suchte die Mutter durch leise Zusprache
den Vater zu wecken und dann zu überreden, ins Bett zu gehen, denn hier
war es doch kein richtiger Schlaf und diesen hatte der Vater, der um sechs
Uhr seinen Dienst antreten mußte, äußerst nötig. Aber in dem Eigensinn,
der ihn, seitdem er Diener war, ergriffen hatte, bestand er immer darauf,
noch länger bei Tisch zu bleiben, trotzdem er regelmäßig einschlief, und
war dann überdies nur mit der größten Mühe zu bewegen, den Sessel mit
dem Bett zu vertauschen. Da mochten Mutter und Schwester mit kleinen
Ermahnungen noch so sehr auf ihn eindringen, viertelstundenlang schüttelte
er langsam den Kopf, hielt die Augen geschlossen und stand nicht auf. Die
Mutter zupfte ihn am Ärmel, sagte ihm Schmeichelworte ins Ohr, die
Schwester verließ ihre Aufgabe, um der Mutter zu helfen, aber beim Vater
verfing das nicht. Er versank nur noch tiefer in seinen Sessel. Erst bis ihn
die Frauen unter den Achseln faßten, schlug er die Augen auf, sah
abwechselnd die Mutter und die Schwester an und pflegte zu sagen: »Das
ist ein Leben. Das ist die Ruhe meiner alten Tage.« Und auf die beiden
Frauen gestützt, erhob er sich, umständlich, als sei er für sich selbst die
größte Last, ließ sich von den Frauen bis zur Türe führen, winkte ihnen dort
ab und ging nun selbständig weiter, während die Mutter ihr Nähzeug, die
Schwester ihre Feder eiligst hinwarfen, um hinter dem Vater zu laufen und
ihm weiter behilflich zu sein.
Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich
um Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war? Der Haushalt
er geschlafen habe, sagte er zur Mutter: »Wie lange du heute schon wieder
nähst!« und schlief sofort wieder ein, während Mutter und Schwester
einander müde zulächelten.
Mit einer Art Eigensinn weigerte sich der Vater, auch zu Hause seine
Dieneruniform abzulegen; und während der Schlafrock nutzlos am
Kleiderhaken hing, schlummerte der Vater vollständig angezogen auf
seinem Platz, als sei er immer zu seinem Dienste bereit und warte auch hier
auf die Stimme des Vorgesetzten. Infolgedessen verlor die gleich anfangs
nicht neue Uniform trotz aller Sorgfalt von Mutter und Schwester an
Reinlichkeit, und Gregor sah oft ganze Abende lang auf dieses über und
über fleckige, mit seinen stets geputzten Goldknöpfen leuchtende Kleid, in
dem der alte Mann höchst unbequem und doch ruhig schlief.
Sobald die Uhr zehn schlug, suchte die Mutter durch leise Zusprache
den Vater zu wecken und dann zu überreden, ins Bett zu gehen, denn hier
war es doch kein richtiger Schlaf und diesen hatte der Vater, der um sechs
Uhr seinen Dienst antreten mußte, äußerst nötig. Aber in dem Eigensinn,
der ihn, seitdem er Diener war, ergriffen hatte, bestand er immer darauf,
noch länger bei Tisch zu bleiben, trotzdem er regelmäßig einschlief, und
war dann überdies nur mit der größten Mühe zu bewegen, den Sessel mit
dem Bett zu vertauschen. Da mochten Mutter und Schwester mit kleinen
Ermahnungen noch so sehr auf ihn eindringen, viertelstundenlang schüttelte
er langsam den Kopf, hielt die Augen geschlossen und stand nicht auf. Die
Mutter zupfte ihn am Ärmel, sagte ihm Schmeichelworte ins Ohr, die
Schwester verließ ihre Aufgabe, um der Mutter zu helfen, aber beim Vater
verfing das nicht. Er versank nur noch tiefer in seinen Sessel. Erst bis ihn
die Frauen unter den Achseln faßten, schlug er die Augen auf, sah
abwechselnd die Mutter und die Schwester an und pflegte zu sagen: »Das
ist ein Leben. Das ist die Ruhe meiner alten Tage.« Und auf die beiden
Frauen gestützt, erhob er sich, umständlich, als sei er für sich selbst die
größte Last, ließ sich von den Frauen bis zur Türe führen, winkte ihnen dort
ab und ging nun selbständig weiter, während die Mutter ihr Nähzeug, die
Schwester ihre Feder eiligst hinwarfen, um hinter dem Vater zu laufen und
ihm weiter behilflich zu sein.
Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich
um Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war? Der Haushalt
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wurde immer mehr eingeschränkt; das Dienstmädchen wurde nun doch
entlassen; eine riesige knochige Bedienerin mit weißem, den Kopf
umflatterndem Haar kam des Morgens und des Abends, um die schwerste
Arbeit zu leisten; alles andere besorgte die Mutter neben ihrer vielen
Näharbeit. Es geschah sogar, daß verschiedene Familienschmuckstücke,
welche früher die Mutter und die Schwester überglücklich bei
Unterhaltungen und Feierlichkeiten getragen hatten, verkauft wurden, wie
Gregor am Abend aus der allgemeinen Besprechung der erzielten Preise
erfuhr. Die größte Klage war aber stets, daß man diese für die
gegenwärtigen Verhältnisse allzugroße Wohnung nicht verlassen konnte, da
es nicht auszudenken war, wie man Gregor übersiedeln sollte. Aber Gregor
sah wohl ein, daß es nicht nur die Rücksicht auf ihn war, welche eine
Übersiedlung verhinderte, denn ihn hätte man doch in einer passenden Kiste
mit ein paar Luftlöchern leicht transportieren können; was die Familie
hauptsächlich vom Wohnungswechsel abhielt, war vielmehr die völlige
Hoffnungslosigkeit und der Gedanke daran, daß sie mit einem Unglück
geschlagen war, wie niemand sonst im ganzen Verwandten- und
Bekanntenkreis. Was die Welt von armen Leuten verlangt, erfüllten sie bis
zum äußersten, der Vater holte den kleinen Bankbeamten das Frühstück, die
Mutter opferte sich für die Wäsche fremder Leute, die Schwester lief nach
dem Befehl der Kunden hinter dem Pulte hin und her, aber weiter reichten
die Kräfte der Familie schon nicht. Und die Wunde im Rücken fing Gregor
wie neu zu schmerzen an, wenn Mutter und Schwester, nachdem sie den
Vater zu Bett gebracht hatten, nun zurückkehrten, die Arbeit liegen ließen,
nahe zusammenrückten, schon Wange an Wange saßen; wenn jetzt die
Mutter, auf Gregors Zimmer zeigend, sagte: »Mach' dort die Tür zu, Grete,«
und wenn nun Gregor wieder im Dunkel war, während nebenan die Frauen
ihre Tränen vermischten oder gar tränenlos den Tisch anstarrten.
Die Nächte und Tage verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf.
Manchmal dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die
Angelegenheiten der Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu
nehmen; in seinen Gedanken erschienen wieder nach langer Zeit der Chef
und der Prokurist, die Kommis und die Lehrjungen, der so begriffsstützige
Hausknecht, zwei drei Freunde aus anderen Geschäften, ein
Stubenmädchen aus einem Hotel in der Provinz, eine liebe, flüchtige
Erinnerung, eine Kassiererin aus einem Hutgeschäft, um die er sich
ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte – sie alle erschienen untermischt
entlassen; eine riesige knochige Bedienerin mit weißem, den Kopf
umflatterndem Haar kam des Morgens und des Abends, um die schwerste
Arbeit zu leisten; alles andere besorgte die Mutter neben ihrer vielen
Näharbeit. Es geschah sogar, daß verschiedene Familienschmuckstücke,
welche früher die Mutter und die Schwester überglücklich bei
Unterhaltungen und Feierlichkeiten getragen hatten, verkauft wurden, wie
Gregor am Abend aus der allgemeinen Besprechung der erzielten Preise
erfuhr. Die größte Klage war aber stets, daß man diese für die
gegenwärtigen Verhältnisse allzugroße Wohnung nicht verlassen konnte, da
es nicht auszudenken war, wie man Gregor übersiedeln sollte. Aber Gregor
sah wohl ein, daß es nicht nur die Rücksicht auf ihn war, welche eine
Übersiedlung verhinderte, denn ihn hätte man doch in einer passenden Kiste
mit ein paar Luftlöchern leicht transportieren können; was die Familie
hauptsächlich vom Wohnungswechsel abhielt, war vielmehr die völlige
Hoffnungslosigkeit und der Gedanke daran, daß sie mit einem Unglück
geschlagen war, wie niemand sonst im ganzen Verwandten- und
Bekanntenkreis. Was die Welt von armen Leuten verlangt, erfüllten sie bis
zum äußersten, der Vater holte den kleinen Bankbeamten das Frühstück, die
Mutter opferte sich für die Wäsche fremder Leute, die Schwester lief nach
dem Befehl der Kunden hinter dem Pulte hin und her, aber weiter reichten
die Kräfte der Familie schon nicht. Und die Wunde im Rücken fing Gregor
wie neu zu schmerzen an, wenn Mutter und Schwester, nachdem sie den
Vater zu Bett gebracht hatten, nun zurückkehrten, die Arbeit liegen ließen,
nahe zusammenrückten, schon Wange an Wange saßen; wenn jetzt die
Mutter, auf Gregors Zimmer zeigend, sagte: »Mach' dort die Tür zu, Grete,«
und wenn nun Gregor wieder im Dunkel war, während nebenan die Frauen
ihre Tränen vermischten oder gar tränenlos den Tisch anstarrten.
Die Nächte und Tage verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf.
Manchmal dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die
Angelegenheiten der Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu
nehmen; in seinen Gedanken erschienen wieder nach langer Zeit der Chef
und der Prokurist, die Kommis und die Lehrjungen, der so begriffsstützige
Hausknecht, zwei drei Freunde aus anderen Geschäften, ein
Stubenmädchen aus einem Hotel in der Provinz, eine liebe, flüchtige
Erinnerung, eine Kassiererin aus einem Hutgeschäft, um die er sich
ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte – sie alle erschienen untermischt
Page 41
mit Fremden oder schon Vergessenen, aber statt ihm und seiner Familie zu
helfen, waren sie sämtlich unzugänglich, und er war froh, wenn sie
verschwanden. Dann aber war er wieder gar nicht in der Laune, sich um
seine Familie zu sorgen, bloß Wut über die schlechte Wartung erfüllte ihn,
und trotzdem er sich nichts vorstellen konnte, worauf er Appetit gehabt
hätte, machte er doch Pläne, wie er in die Speisekammer gelangen könnte,
um dort zu nehmen, was ihm, auch wenn er keinen Hunger hatte, immerhin
gebührte. Ohne jetzt mehr nachzudenken, womit man Gregor einen
besonderen Gefallen machen könnte, schob die Schwester eiligst, ehe sie
morgens und mittags ins Geschäft lief, mit dem Fuß irgendeine beliebige
Speise in Gregors Zimmer hinein, um sie am Abend, gleichgültig dagegen,
ob die Speise vielleicht nur gekostet oder – der häufigste Fall – gänzlich
unberührt war, mit einem Schwenken des Besens hinauszukehren. Das
Aufräumen des Zimmers, das sie nun immer abends besorgte, konnte gar
nicht mehr schneller getan sein. Schmutzstreifen zogen sich die Wände
entlang, hie und da lagen Knäuel von Staub und Unrat. In der ersten Zeit
stellte sich Gregor bei der Ankunft der Schwester in derartige besonders
bezeichnende Winkel, um ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen
Vorwurf zu machen. Aber er hätte wohl wochenlang dort bleiben können,
ohne daß sich die Schwester gebessert hätte; sie sah ja den Schmutz genau
so wie er, aber sie hatte sich eben entschlossen, ihn zu lassen. Dabei wachte
sie mit einer an ihr ganz neuen Empfindlichkeit, die überhaupt die ganze
Familie ergriffen hatte, darüber, daß das Aufräumen von Gregors Zimmer
ihr vorbehalten blieb. Einmal hatte die Mutter Gregors Zimmer einer
großen Reinigung unterzogen, die ihr nur nach Verbrauch einiger Kübel
Wasser gelungen war – die viele Feuchtigkeit kränkte allerdings Gregor
auch und er lag breit, verbittert und unbeweglich auf dem Kanapee –, aber
die Strafe blieb für die Mutter nicht aus. Denn kaum hatte am Abend die
Schwester die Veränderung in Gregors Zimmer bemerkt, als sie, aufs
höchste beleidigt, ins Wohnzimmer lief und, trotz der beschwörend
erhobenen Hände der Mutter, in einen Weinkrampf ausbrach, dem die
Eltern – der Vater war natürlich aus seinem Sessel aufgeschreckt worden –
zuerst erstaunt und hilflos zusahen; bis auch sie sich zu rühren anfingen; der
Vater rechts der Mutter Vorwürfe machte, daß sie Gregors Zimmer nicht der
Schwester zur Reinigung überließ; links dagegen die Schwester anschrie,
sie werde niemals mehr Gregors Zimmer reinigen dürfen; während die
Mutter den Vater, der sich vor Erregung nicht mehr kannte, ins
helfen, waren sie sämtlich unzugänglich, und er war froh, wenn sie
verschwanden. Dann aber war er wieder gar nicht in der Laune, sich um
seine Familie zu sorgen, bloß Wut über die schlechte Wartung erfüllte ihn,
und trotzdem er sich nichts vorstellen konnte, worauf er Appetit gehabt
hätte, machte er doch Pläne, wie er in die Speisekammer gelangen könnte,
um dort zu nehmen, was ihm, auch wenn er keinen Hunger hatte, immerhin
gebührte. Ohne jetzt mehr nachzudenken, womit man Gregor einen
besonderen Gefallen machen könnte, schob die Schwester eiligst, ehe sie
morgens und mittags ins Geschäft lief, mit dem Fuß irgendeine beliebige
Speise in Gregors Zimmer hinein, um sie am Abend, gleichgültig dagegen,
ob die Speise vielleicht nur gekostet oder – der häufigste Fall – gänzlich
unberührt war, mit einem Schwenken des Besens hinauszukehren. Das
Aufräumen des Zimmers, das sie nun immer abends besorgte, konnte gar
nicht mehr schneller getan sein. Schmutzstreifen zogen sich die Wände
entlang, hie und da lagen Knäuel von Staub und Unrat. In der ersten Zeit
stellte sich Gregor bei der Ankunft der Schwester in derartige besonders
bezeichnende Winkel, um ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen
Vorwurf zu machen. Aber er hätte wohl wochenlang dort bleiben können,
ohne daß sich die Schwester gebessert hätte; sie sah ja den Schmutz genau
so wie er, aber sie hatte sich eben entschlossen, ihn zu lassen. Dabei wachte
sie mit einer an ihr ganz neuen Empfindlichkeit, die überhaupt die ganze
Familie ergriffen hatte, darüber, daß das Aufräumen von Gregors Zimmer
ihr vorbehalten blieb. Einmal hatte die Mutter Gregors Zimmer einer
großen Reinigung unterzogen, die ihr nur nach Verbrauch einiger Kübel
Wasser gelungen war – die viele Feuchtigkeit kränkte allerdings Gregor
auch und er lag breit, verbittert und unbeweglich auf dem Kanapee –, aber
die Strafe blieb für die Mutter nicht aus. Denn kaum hatte am Abend die
Schwester die Veränderung in Gregors Zimmer bemerkt, als sie, aufs
höchste beleidigt, ins Wohnzimmer lief und, trotz der beschwörend
erhobenen Hände der Mutter, in einen Weinkrampf ausbrach, dem die
Eltern – der Vater war natürlich aus seinem Sessel aufgeschreckt worden –
zuerst erstaunt und hilflos zusahen; bis auch sie sich zu rühren anfingen; der
Vater rechts der Mutter Vorwürfe machte, daß sie Gregors Zimmer nicht der
Schwester zur Reinigung überließ; links dagegen die Schwester anschrie,
sie werde niemals mehr Gregors Zimmer reinigen dürfen; während die
Mutter den Vater, der sich vor Erregung nicht mehr kannte, ins
Page 42
Schlafzimmer zu schleppen suchte; die Schwester, von Schluchzen
geschüttelt, mit ihren kleinen Fäusten den Tisch bearbeitete; und Gregor
laut vor Wut darüber zischte, daß es keinem einfiel, die Tür zu schließen
und ihm diesen Anblick und Lärm zu ersparen.
Aber selbst wenn die Schwester, erschöpft von ihrer Berufsarbeit,
dessen überdrüssig geworden war, für Gregor, wie früher, zu sorgen, so
hätte noch keineswegs die Mutter für sie eintreten müssen und Gregor hätte
doch nicht vernachlässigt zu werden brauchen. Denn nun war die
Bedienerin da. Diese alte Witwe, die in ihrem langen Leben mit Hilfe ihres
starken Knochenbaues das Ärgste überstanden haben mochte, hatte keinen
eigentlichen Abscheu vor Gregor. Ohne irgendwie neugierig zu sein, hatte
sie zufällig einmal die Tür von Gregors Zimmer aufgemacht und war im
Anblick Gregors, der, gänzlich überrascht, trotzdem ihn niemand jagte, hin-
und herzulaufen begann, die Hände im Schoß gefaltet staunend stehen
geblieben. Seitdem versäumte sie nicht, stets flüchtig morgens und abends
die Tür ein wenig zu öffnen und zu Gregor hineinzuschauen. Anfangs rief
sie ihn auch zu sich herbei, mit Worten, die sie wahrscheinlich für
freundlich hielt, wie »Komm mal herüber, alter Mistkäfer!« oder »Seht mal
den alten Mistkäfer!« Auf solche Ansprachen antwortete Gregor mit nichts,
sondern blieb unbeweglich auf seinem Platz, als sei die Tür gar nicht
geöffnet worden. Hätte man doch dieser Bedienerin, statt sie nach ihrer
Laune ihn nutzlos stören zu lassen, lieber den Befehl gegeben, sein Zimmer
täglich zu reinigen! Einmal am frühen Morgen – ein heftiger Regen,
vielleicht schon ein Zeichen des kommenden Frühjahrs, schlug an die
Scheiben – war Gregor, als die Bedienerin mit ihren Redensarten wieder
begann, derartig erbittert, daß er, wie zum Angriff, allerdings langsam und
hinfällig, sich gegen sie wendete. Die Bedienerin aber, statt sich zu
fürchten, hob bloß einen in der Nähe der Tür befindlichen Stuhl hoch
empor, und wie sie mit groß geöffnetem Munde dastand, war ihre Absicht
klar, den Mund erst zu schließen, wenn der Sessel in ihrer Hand auf Gregors
Rücken niederschlagen würde. »Also weiter geht es nicht?« fragte sie, als
Gregor sich wieder umdrehte, und stellte den Sessel ruhig in die Ecke
zurück.
Gregor aß nun fast gar nichts mehr. Nur wenn er zufällig an der
vorbereiteten Speise vorüberkam, nahm er zum Spiel einen Bissen in den
Mund, hielt ihn dort stundenlang und spie ihn dann meist wieder aus. Zuerst
geschüttelt, mit ihren kleinen Fäusten den Tisch bearbeitete; und Gregor
laut vor Wut darüber zischte, daß es keinem einfiel, die Tür zu schließen
und ihm diesen Anblick und Lärm zu ersparen.
Aber selbst wenn die Schwester, erschöpft von ihrer Berufsarbeit,
dessen überdrüssig geworden war, für Gregor, wie früher, zu sorgen, so
hätte noch keineswegs die Mutter für sie eintreten müssen und Gregor hätte
doch nicht vernachlässigt zu werden brauchen. Denn nun war die
Bedienerin da. Diese alte Witwe, die in ihrem langen Leben mit Hilfe ihres
starken Knochenbaues das Ärgste überstanden haben mochte, hatte keinen
eigentlichen Abscheu vor Gregor. Ohne irgendwie neugierig zu sein, hatte
sie zufällig einmal die Tür von Gregors Zimmer aufgemacht und war im
Anblick Gregors, der, gänzlich überrascht, trotzdem ihn niemand jagte, hin-
und herzulaufen begann, die Hände im Schoß gefaltet staunend stehen
geblieben. Seitdem versäumte sie nicht, stets flüchtig morgens und abends
die Tür ein wenig zu öffnen und zu Gregor hineinzuschauen. Anfangs rief
sie ihn auch zu sich herbei, mit Worten, die sie wahrscheinlich für
freundlich hielt, wie »Komm mal herüber, alter Mistkäfer!« oder »Seht mal
den alten Mistkäfer!« Auf solche Ansprachen antwortete Gregor mit nichts,
sondern blieb unbeweglich auf seinem Platz, als sei die Tür gar nicht
geöffnet worden. Hätte man doch dieser Bedienerin, statt sie nach ihrer
Laune ihn nutzlos stören zu lassen, lieber den Befehl gegeben, sein Zimmer
täglich zu reinigen! Einmal am frühen Morgen – ein heftiger Regen,
vielleicht schon ein Zeichen des kommenden Frühjahrs, schlug an die
Scheiben – war Gregor, als die Bedienerin mit ihren Redensarten wieder
begann, derartig erbittert, daß er, wie zum Angriff, allerdings langsam und
hinfällig, sich gegen sie wendete. Die Bedienerin aber, statt sich zu
fürchten, hob bloß einen in der Nähe der Tür befindlichen Stuhl hoch
empor, und wie sie mit groß geöffnetem Munde dastand, war ihre Absicht
klar, den Mund erst zu schließen, wenn der Sessel in ihrer Hand auf Gregors
Rücken niederschlagen würde. »Also weiter geht es nicht?« fragte sie, als
Gregor sich wieder umdrehte, und stellte den Sessel ruhig in die Ecke
zurück.
Gregor aß nun fast gar nichts mehr. Nur wenn er zufällig an der
vorbereiteten Speise vorüberkam, nahm er zum Spiel einen Bissen in den
Mund, hielt ihn dort stundenlang und spie ihn dann meist wieder aus. Zuerst
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dachte er, es sei die Trauer über den Zustand seines Zimmers, die ihn vom
Essen abhalte, aber gerade mit den Veränderungen des Zimmers söhnte er
sich sehr bald aus. Man hatte sich angewöhnt, Dinge, die man anderswo
nicht unterbringen konnte, in dieses Zimmer hineinzustellen, und solcher
Dinge gab es nun viele, da man ein Zimmer der Wohnung an drei
Zimmerherren vermietet hatte. Diese ernsten Herren, – alle drei hatten
Vollbärte, wie Gregor einmal durch eine Türspalte feststellte – waren
peinlich auf Ordnung, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern, da sie sich nun
einmal hier eingemietet hatten, in der ganzen Wirtschaft, also insbesondere
in der Küche, bedacht. Unnützen oder gar schmutzigen Kram ertrugen sie
nicht. Überdies hatten sie zum größten Teil ihre eigenen Einrichtungsstücke
mitgebracht. Aus diesem Grunde waren viele Dinge überflüssig geworden,
die zwar nicht verkäuflich waren, die man aber auch nicht wegwerfen
wollte. Alle diese wanderten in Gregors Zimmer. Ebenso auch die
Aschenkiste und die Abfallkiste aus der Küche. Was nur im Augenblick
unbrauchbar war, schleuderte die Bedienerin, die es immer sehr eilig hatte,
einfach in Gregors Zimmer; Gregor sah glücklicherweise meist nur den
betreffenden Gegenstand und die Hand, die ihn hielt. Die Bedienerin hatte
vielleicht die Absicht, bei Zeit und Gelegenheit die Dinge wieder zu holen
oder alle insgesamt mit einemmal hinauszuwerfen, tatsächlich aber blieben
sie dort liegen, wohin sie durch den ersten Wurf gekommen waren, wenn
nicht Gregor sich durch das Rumpelzeug wand und es in Bewegung
brachte, zuerst gezwungen, weil kein sonstiger Platz zum Kriechen frei war,
später aber mit wachsendem Vergnügen, obwohl er nach solchen
Wanderungen, zum Sterben müde und traurig, wieder stundenlang sich
nicht rührte.
Da die Zimmerherren manchmal auch ihr Abendessen zu Hause im
gemeinsamen Wohnzimmer einnahmen, blieb die Wohnzimmertür an
manchen Abenden geschlossen, aber Gregor verzichtete ganz leicht auf das
Öffnen der Tür, hatte er doch schon manche Abende, an denen sie geöffnet
war, nicht ausgenützt, sondern war, ohne daß es die Familie merkte, im
dunkelsten Winkel seines Zimmers gelegen. Einmal aber hatte die
Bedienerin die Tür zum Wohnzimmer ein wenig offen gelassen, und sie
blieb so offen, auch als die Zimmerherren am Abend eintraten und Licht
gemacht wurde. Sie setzten sich oben an den Tisch, wo in früheren Zeiten
der Vater, die Mutter und Gregor gesessen hatten, entfalteten die Servietten
und nahmen Messer und Gabel in die Hand. Sofort erschien in der Tür die
Essen abhalte, aber gerade mit den Veränderungen des Zimmers söhnte er
sich sehr bald aus. Man hatte sich angewöhnt, Dinge, die man anderswo
nicht unterbringen konnte, in dieses Zimmer hineinzustellen, und solcher
Dinge gab es nun viele, da man ein Zimmer der Wohnung an drei
Zimmerherren vermietet hatte. Diese ernsten Herren, – alle drei hatten
Vollbärte, wie Gregor einmal durch eine Türspalte feststellte – waren
peinlich auf Ordnung, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern, da sie sich nun
einmal hier eingemietet hatten, in der ganzen Wirtschaft, also insbesondere
in der Küche, bedacht. Unnützen oder gar schmutzigen Kram ertrugen sie
nicht. Überdies hatten sie zum größten Teil ihre eigenen Einrichtungsstücke
mitgebracht. Aus diesem Grunde waren viele Dinge überflüssig geworden,
die zwar nicht verkäuflich waren, die man aber auch nicht wegwerfen
wollte. Alle diese wanderten in Gregors Zimmer. Ebenso auch die
Aschenkiste und die Abfallkiste aus der Küche. Was nur im Augenblick
unbrauchbar war, schleuderte die Bedienerin, die es immer sehr eilig hatte,
einfach in Gregors Zimmer; Gregor sah glücklicherweise meist nur den
betreffenden Gegenstand und die Hand, die ihn hielt. Die Bedienerin hatte
vielleicht die Absicht, bei Zeit und Gelegenheit die Dinge wieder zu holen
oder alle insgesamt mit einemmal hinauszuwerfen, tatsächlich aber blieben
sie dort liegen, wohin sie durch den ersten Wurf gekommen waren, wenn
nicht Gregor sich durch das Rumpelzeug wand und es in Bewegung
brachte, zuerst gezwungen, weil kein sonstiger Platz zum Kriechen frei war,
später aber mit wachsendem Vergnügen, obwohl er nach solchen
Wanderungen, zum Sterben müde und traurig, wieder stundenlang sich
nicht rührte.
Da die Zimmerherren manchmal auch ihr Abendessen zu Hause im
gemeinsamen Wohnzimmer einnahmen, blieb die Wohnzimmertür an
manchen Abenden geschlossen, aber Gregor verzichtete ganz leicht auf das
Öffnen der Tür, hatte er doch schon manche Abende, an denen sie geöffnet
war, nicht ausgenützt, sondern war, ohne daß es die Familie merkte, im
dunkelsten Winkel seines Zimmers gelegen. Einmal aber hatte die
Bedienerin die Tür zum Wohnzimmer ein wenig offen gelassen, und sie
blieb so offen, auch als die Zimmerherren am Abend eintraten und Licht
gemacht wurde. Sie setzten sich oben an den Tisch, wo in früheren Zeiten
der Vater, die Mutter und Gregor gesessen hatten, entfalteten die Servietten
und nahmen Messer und Gabel in die Hand. Sofort erschien in der Tür die
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Mutter mit einer Schüssel Fleisch und knapp hinter ihr die Schwester mit
einer Schüssel hochgeschichteter Kartoffeln. Das Essen dampfte mit
starkem Rauch. Die Zimmerherren beugten sich über die vor sie
hingestellten Schüsseln, als wollten sie sie vor dem Essen prüfen, und
tatsächlich zerschnitt der, welcher in der Mitte saß und den anderen zwei als
Autorität zu gelten schien, ein Stück Fleisch noch auf der Schüssel,
offenbar um festzustellen, ob es mürbe genug sei und ob es nicht etwa in
die Küche zurückgeschickt werden solle. Er war befriedigt, und Mutter und
Schwester, die gespannt zugesehen hatten, begannen aufatmend zu lächeln.
Die Familie selbst aß in der Küche. Trotzdem kam der Vater, ehe er in
die Küche ging, in dieses Zimmer herein und machte mit einer einzigen
Verbeugung, die Kappe in der Hand, einen Rundgang um den Tisch. Die
Zimmerherren erhoben sich sämtlich und murmelten etwas in ihre Bärte.
Als sie dann allein waren, aßen sie fast unter vollkommenem
Stillschweigen. Sonderbar schien es Gregor, daß man aus allen
mannigfachen Geräuschen des Essens immer wieder ihre kauenden Zähne
heraushörte, als ob damit Gregor gezeigt werden sollte, daß man Zähne
brauche, um zu essen, und daß man auch mit den schönsten zahnlosen
Kiefern nichts ausrichten könne. »Ich habe ja Appetit,« sagte sich Gregor
sorgenvoll, »aber nicht auf diese Dinge. Wie sich diese Zimmerherren
nähren, und ich komme um!«
Gerade an diesem Abend – Gregor erinnerte sich nicht, während der
ganzen Zeit die Violine gehört zu haben – ertönte sie von der Küche her.
Die Zimmerherren hatten schon ihr Nachtmahl beendet, der mittlere hatte
eine Zeitung hervorgezogen, den zwei anderen je ein Blatt gegeben, und
nun lasen sie zurückgelehnt und rauchten. Als die Violine zu spielen
begann, wurden sie aufmerksam, erhoben sich und gingen auf den
Fußspitzen zur Vorzimmertür, in der sie aneinandergedrängt stehen blieben.
Man mußte sie von der Küche aus gehört haben, denn der Vater rief: »Ist
den Herren das Spiel vielleicht unangenehm? Es kann sofort eingestellt
werden.« »Im Gegenteil,« sagte der mittlere der Herren, »möchte das
Fräulein nicht zu uns hereinkommen und hier im Zimmer spielen, wo es
doch viel bequemer und gemütlicher ist?« »O bitte,« rief der Vater, als sei er
der Violinspieler. Die Herren traten ins Zimmer zurück und warteten. Bald
kam der Vater mit dem Notenpult, die Mutter mit den Noten und die
Schwester mit der Violine. Die Schwester bereitete alles ruhig zum Spiele
einer Schüssel hochgeschichteter Kartoffeln. Das Essen dampfte mit
starkem Rauch. Die Zimmerherren beugten sich über die vor sie
hingestellten Schüsseln, als wollten sie sie vor dem Essen prüfen, und
tatsächlich zerschnitt der, welcher in der Mitte saß und den anderen zwei als
Autorität zu gelten schien, ein Stück Fleisch noch auf der Schüssel,
offenbar um festzustellen, ob es mürbe genug sei und ob es nicht etwa in
die Küche zurückgeschickt werden solle. Er war befriedigt, und Mutter und
Schwester, die gespannt zugesehen hatten, begannen aufatmend zu lächeln.
Die Familie selbst aß in der Küche. Trotzdem kam der Vater, ehe er in
die Küche ging, in dieses Zimmer herein und machte mit einer einzigen
Verbeugung, die Kappe in der Hand, einen Rundgang um den Tisch. Die
Zimmerherren erhoben sich sämtlich und murmelten etwas in ihre Bärte.
Als sie dann allein waren, aßen sie fast unter vollkommenem
Stillschweigen. Sonderbar schien es Gregor, daß man aus allen
mannigfachen Geräuschen des Essens immer wieder ihre kauenden Zähne
heraushörte, als ob damit Gregor gezeigt werden sollte, daß man Zähne
brauche, um zu essen, und daß man auch mit den schönsten zahnlosen
Kiefern nichts ausrichten könne. »Ich habe ja Appetit,« sagte sich Gregor
sorgenvoll, »aber nicht auf diese Dinge. Wie sich diese Zimmerherren
nähren, und ich komme um!«
Gerade an diesem Abend – Gregor erinnerte sich nicht, während der
ganzen Zeit die Violine gehört zu haben – ertönte sie von der Küche her.
Die Zimmerherren hatten schon ihr Nachtmahl beendet, der mittlere hatte
eine Zeitung hervorgezogen, den zwei anderen je ein Blatt gegeben, und
nun lasen sie zurückgelehnt und rauchten. Als die Violine zu spielen
begann, wurden sie aufmerksam, erhoben sich und gingen auf den
Fußspitzen zur Vorzimmertür, in der sie aneinandergedrängt stehen blieben.
Man mußte sie von der Küche aus gehört haben, denn der Vater rief: »Ist
den Herren das Spiel vielleicht unangenehm? Es kann sofort eingestellt
werden.« »Im Gegenteil,« sagte der mittlere der Herren, »möchte das
Fräulein nicht zu uns hereinkommen und hier im Zimmer spielen, wo es
doch viel bequemer und gemütlicher ist?« »O bitte,« rief der Vater, als sei er
der Violinspieler. Die Herren traten ins Zimmer zurück und warteten. Bald
kam der Vater mit dem Notenpult, die Mutter mit den Noten und die
Schwester mit der Violine. Die Schwester bereitete alles ruhig zum Spiele
Page 45
vor; die Eltern, die niemals früher Zimmer vermietet hatten und deshalb die
Höflichkeit gegen die Zimmerherren übertrieben, wagten gar nicht, sich auf
ihre eigenen Sessel zu setzen; der Vater lehnte an der Tür, die rechte Hand
zwischen zwei Knöpfe des geschlossenen Livreerockes gesteckt; die Mutter
aber erhielt von einem Herrn einen Sessel angeboten und saß, da sie den
Sessel dort ließ, wohin ihn der Herr zufällig gestellt hatte, abseits in einem
Winkel.
Die Schwester begann zu spielen; Vater und Mutter verfolgten, jeder
von seiner Seite, aufmerksam die Bewegungen ihrer Hände. Gregor hatte,
von dem Spiele angezogen, sich ein wenig weiter vorgewagt und war schon
mit dem Kopf im Wohnzimmer. Er wunderte sich kaum darüber, daß er in
letzter Zeit so wenig Rücksicht auf die andern nahm; früher war diese
Rücksichtnahme sein Stolz gewesen. Und dabei hätte er gerade jetzt mehr
Grund gehabt, sich zu verstecken, denn infolge des Staubes, der in seinem
Zimmer überall lag und bei der kleinsten Bewegung umherflog, war auch er
ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüberreste schleppte er auf seinem
Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine Gleichgültigkeit gegen
alles war viel zu groß, als daß er sich, wie früher mehrmals während des
Tages, auf den Rücken gelegt und am Teppich gescheuert hätte. Und trotz
dieses Zustandes hatte er keine Scheu, ein Stück auf dem makellosen
Fußboden des Wohnzimmers vorzurücken.
Allerdings achtete auch niemand auf ihn. Die Familie war gänzlich vom
Violinspiel in Anspruch genommen; die Zimmerherren dagegen, die
zunächst, die Hände in den Hosentaschen, viel zu nahe hinter dem
Notenpult der Schwester sich aufgestellt hatten, so daß sie alle in die Noten
hätte sehen können, was sicher die Schwester stören mußte, zogen sich bald
unter halblauten Gesprächen mit gesenkten Köpfen zum Fenster zurück, wo
sie, vom Vater besorgt beobachtet, auch blieben. Es hatte nun wirklich den
überdeutlichen Anschein, als wären sie in ihrer Annahme, ein schönes oder
unterhaltendes Violinspiel zu hören, enttäuscht, hätten die ganze
Vorführung satt und ließen sich nur aus Höflichkeit noch in ihrer Ruhe
stören. Besonders die Art, wie sie alle aus Nase und Mund den Rauch ihrer
Zigarren in die Höhe bliesen, ließ auf große Nervosität schließen. Und doch
spielte die Schwester so schön. Ihr Gesicht war zur Seite geneigt, prüfend
und traurig folgten ihre Blicke den Notenzeilen. Gregor kroch noch ein
Stück vorwärts und hielt den Kopf eng an den Boden, um möglicherweise
Höflichkeit gegen die Zimmerherren übertrieben, wagten gar nicht, sich auf
ihre eigenen Sessel zu setzen; der Vater lehnte an der Tür, die rechte Hand
zwischen zwei Knöpfe des geschlossenen Livreerockes gesteckt; die Mutter
aber erhielt von einem Herrn einen Sessel angeboten und saß, da sie den
Sessel dort ließ, wohin ihn der Herr zufällig gestellt hatte, abseits in einem
Winkel.
Die Schwester begann zu spielen; Vater und Mutter verfolgten, jeder
von seiner Seite, aufmerksam die Bewegungen ihrer Hände. Gregor hatte,
von dem Spiele angezogen, sich ein wenig weiter vorgewagt und war schon
mit dem Kopf im Wohnzimmer. Er wunderte sich kaum darüber, daß er in
letzter Zeit so wenig Rücksicht auf die andern nahm; früher war diese
Rücksichtnahme sein Stolz gewesen. Und dabei hätte er gerade jetzt mehr
Grund gehabt, sich zu verstecken, denn infolge des Staubes, der in seinem
Zimmer überall lag und bei der kleinsten Bewegung umherflog, war auch er
ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüberreste schleppte er auf seinem
Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine Gleichgültigkeit gegen
alles war viel zu groß, als daß er sich, wie früher mehrmals während des
Tages, auf den Rücken gelegt und am Teppich gescheuert hätte. Und trotz
dieses Zustandes hatte er keine Scheu, ein Stück auf dem makellosen
Fußboden des Wohnzimmers vorzurücken.
Allerdings achtete auch niemand auf ihn. Die Familie war gänzlich vom
Violinspiel in Anspruch genommen; die Zimmerherren dagegen, die
zunächst, die Hände in den Hosentaschen, viel zu nahe hinter dem
Notenpult der Schwester sich aufgestellt hatten, so daß sie alle in die Noten
hätte sehen können, was sicher die Schwester stören mußte, zogen sich bald
unter halblauten Gesprächen mit gesenkten Köpfen zum Fenster zurück, wo
sie, vom Vater besorgt beobachtet, auch blieben. Es hatte nun wirklich den
überdeutlichen Anschein, als wären sie in ihrer Annahme, ein schönes oder
unterhaltendes Violinspiel zu hören, enttäuscht, hätten die ganze
Vorführung satt und ließen sich nur aus Höflichkeit noch in ihrer Ruhe
stören. Besonders die Art, wie sie alle aus Nase und Mund den Rauch ihrer
Zigarren in die Höhe bliesen, ließ auf große Nervosität schließen. Und doch
spielte die Schwester so schön. Ihr Gesicht war zur Seite geneigt, prüfend
und traurig folgten ihre Blicke den Notenzeilen. Gregor kroch noch ein
Stück vorwärts und hielt den Kopf eng an den Boden, um möglicherweise
Page 46
ihren Blicken begegnen zu können. War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff?
Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten
Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am
Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer
Violine in sein Zimmer kommen, denn niemand lohnte hier das Spiel so,
wie er es lohnen wollte. Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen,
wenigstens nicht, solange er lebte; seine Schreckgestalt sollte ihm zum
erstenmal nützlich werden; an allen Türen seines Zimmers wollte er
gleichzeitig sein und den Angreifern entgegenfauchen; die Schwester aber
sollte nicht gezwungen, sondern freiwillig bei ihm bleiben; sie sollte neben
ihm auf dem Kanapee sitzen, das Ohr zu ihm herunterneigen, und er wollte
ihr dann anvertrauen, daß er die feste Absicht gehabt habe, sie auf das
Konservatorium zu schicken, und daß er dies, wenn nicht das Unglück
dazwischen gekommen wäre, vergangene Weihnachten – Weihnachten war
doch wohl schon vorüber? – allen gesagt hätte, ohne sich um irgendwelche
Widerreden zu kümmern. Nach dieser Erklärung würde die Schwester in
Tränen der Rührung ausbrechen, und Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel
erheben und ihren Hals küssen, den sie, seitdem sie ins Geschäft ging, frei
ohne Band oder Kragen trug.
»Herr Samsa!« rief der mittlere Herr dem Vater zu und zeigte, ohne ein
weiteres Wort zu verlieren, mit dem Zeigefinger auf den langsam sich
vorwärtsbewegenden Gregor. Die Violine verstummte, der mittlere
Zimmerherr lächelte erst einmal kopfschüttelnd seinen Freunden zu und sah
dann wieder auf Gregor hin. Der Vater schien es für nötiger zu halten, statt
Gregor zu vertreiben, vorerst die Zimmerherren zu beruhigen, trotzdem
diese gar nicht aufgeregt waren und Gregor sie mehr als das Violinspiel zu
unterhalten schien. Er eilte zu ihnen und suchte sie mit ausgebreiteten
Armen in ihr Zimmer zu drängen und gleichzeitig mit seinem Körper ihnen
den Ausblick auf Gregor zu nehmen. Sie wurden nun tatsächlich ein wenig
böse, man wußte nicht mehr, ob über das Benehmen des Vaters oder über
die ihnen jetzt aufgehende Erkenntnis, ohne es zu wissen, einen solchen
Zimmernachbar wie Gregor besessen zu haben. Sie verlangten vom Vater
Erklärungen, hoben ihrerseits die Arme, zupften unruhig an ihren Bärten
und wichen nur langsam gegen ihr Zimmer zurück. Inzwischen hatte die
Schwester die Verlorenheit, in die sie nach dem plötzlich abgebrochenen
Spiel verfallen war, überwunden, hatte sich, nachdem sie eine Zeitlang in
den lässig hängenden Händen Violine und Bogen gehalten und weiter, als
Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten
Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am
Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer
Violine in sein Zimmer kommen, denn niemand lohnte hier das Spiel so,
wie er es lohnen wollte. Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen,
wenigstens nicht, solange er lebte; seine Schreckgestalt sollte ihm zum
erstenmal nützlich werden; an allen Türen seines Zimmers wollte er
gleichzeitig sein und den Angreifern entgegenfauchen; die Schwester aber
sollte nicht gezwungen, sondern freiwillig bei ihm bleiben; sie sollte neben
ihm auf dem Kanapee sitzen, das Ohr zu ihm herunterneigen, und er wollte
ihr dann anvertrauen, daß er die feste Absicht gehabt habe, sie auf das
Konservatorium zu schicken, und daß er dies, wenn nicht das Unglück
dazwischen gekommen wäre, vergangene Weihnachten – Weihnachten war
doch wohl schon vorüber? – allen gesagt hätte, ohne sich um irgendwelche
Widerreden zu kümmern. Nach dieser Erklärung würde die Schwester in
Tränen der Rührung ausbrechen, und Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel
erheben und ihren Hals küssen, den sie, seitdem sie ins Geschäft ging, frei
ohne Band oder Kragen trug.
»Herr Samsa!« rief der mittlere Herr dem Vater zu und zeigte, ohne ein
weiteres Wort zu verlieren, mit dem Zeigefinger auf den langsam sich
vorwärtsbewegenden Gregor. Die Violine verstummte, der mittlere
Zimmerherr lächelte erst einmal kopfschüttelnd seinen Freunden zu und sah
dann wieder auf Gregor hin. Der Vater schien es für nötiger zu halten, statt
Gregor zu vertreiben, vorerst die Zimmerherren zu beruhigen, trotzdem
diese gar nicht aufgeregt waren und Gregor sie mehr als das Violinspiel zu
unterhalten schien. Er eilte zu ihnen und suchte sie mit ausgebreiteten
Armen in ihr Zimmer zu drängen und gleichzeitig mit seinem Körper ihnen
den Ausblick auf Gregor zu nehmen. Sie wurden nun tatsächlich ein wenig
böse, man wußte nicht mehr, ob über das Benehmen des Vaters oder über
die ihnen jetzt aufgehende Erkenntnis, ohne es zu wissen, einen solchen
Zimmernachbar wie Gregor besessen zu haben. Sie verlangten vom Vater
Erklärungen, hoben ihrerseits die Arme, zupften unruhig an ihren Bärten
und wichen nur langsam gegen ihr Zimmer zurück. Inzwischen hatte die
Schwester die Verlorenheit, in die sie nach dem plötzlich abgebrochenen
Spiel verfallen war, überwunden, hatte sich, nachdem sie eine Zeitlang in
den lässig hängenden Händen Violine und Bogen gehalten und weiter, als
Page 47
spiele sie noch, in die Noten gesehen hatte, mit einem Male aufgerafft, hatte
das Instrument auf den Schoß der Mutter gelegt, die in Atembeschwerden
mit heftig arbeitenden Lungen noch auf ihrem Sessel saß, und war in das
Nebenzimmer gelaufen, dem sich die Zimmerherren unter dem Drängen des
Vaters schon schneller näherten. Man sah, wie unter den geübten Händen
der Schwester die Decken und Polster in den Betten in die Höhe flogen und
sich ordneten. Noch ehe die Herren das Zimmer erreicht hatten, war sie mit
dem Aufbetten fertig und schlüpfte heraus. Der Vater schien wieder von
seinem Eigensinn derartig ergriffen, daß er jeden Respekt vergaß, den er
seinen Mietern immerhin schuldete. Er drängte nur und drängte, bis schon
in der Tür des Zimmers der mittlere der Herren donnernd mit dem Fuß
aufstampfte und dadurch den Vater zum Stehen brachte. »Ich erkläre
hiermit,« sagte er, hob die Hand und suchte mit den Blicken auch die
Mutter und die Schwester, »daß ich mit Rücksicht auf die in dieser
Wohnung und Familie herrschenden widerlichen Verhältnisse« – hierbei
spie er kurz entschlossen auf den Boden – »mein Zimmer augenblicklich
kündige. Ich werde natürlich auch für die Tage, die ich hier gewohnt habe,
nicht das Geringste bezahlen, dagegen werde ich es mir noch überlegen, ob
ich nicht mit irgendwelchen – glauben Sie mir – sehr leicht zu
begründenden Forderungen gegen Sie auftreten werde.« Er schwieg und sah
gerade vor sich hin, als erwarte er etwas. Tatsächlich fielen sofort seine
zwei Freunde mit den Worten ein: »Auch wir kündigen augenblicklich.«
Darauf faßte er die Türklinke und schloß mit einem Krach die Tür.
Der Vater wankte mit tastenden Händen zu seinem Sessel und ließ sich
hineinfallen; es sah aus, als strecke er sich zu seinem gewöhnlichen
Abendschläfchen, aber das starke Nicken seines wie haltlosen Kopfes
zeigte, daß er ganz und gar nicht schlief. Gregor war die ganze Zeit still auf
dem Platz gelegen, auf dem ihn die Zimmerherren ertappt hatten. Die
Enttäuschung über das Mißlingen seines Planes, vielleicht aber auch die
durch das viele Hungern verursachte Schwäche machten es ihm unmöglich,
sich zu bewegen. Er fürchtete mit einer gewissen Bestimmtheit schon für
den nächsten Augenblick einen allgemeinen über ihn sich entladenden
Zusammensturz und wartete. Nicht einmal die Violine schreckte ihn auf,
die, unter den zitternden Fingern der Mutter hervor, ihr vom Schoße fiel
und einen hallenden Ton von sich gab.
das Instrument auf den Schoß der Mutter gelegt, die in Atembeschwerden
mit heftig arbeitenden Lungen noch auf ihrem Sessel saß, und war in das
Nebenzimmer gelaufen, dem sich die Zimmerherren unter dem Drängen des
Vaters schon schneller näherten. Man sah, wie unter den geübten Händen
der Schwester die Decken und Polster in den Betten in die Höhe flogen und
sich ordneten. Noch ehe die Herren das Zimmer erreicht hatten, war sie mit
dem Aufbetten fertig und schlüpfte heraus. Der Vater schien wieder von
seinem Eigensinn derartig ergriffen, daß er jeden Respekt vergaß, den er
seinen Mietern immerhin schuldete. Er drängte nur und drängte, bis schon
in der Tür des Zimmers der mittlere der Herren donnernd mit dem Fuß
aufstampfte und dadurch den Vater zum Stehen brachte. »Ich erkläre
hiermit,« sagte er, hob die Hand und suchte mit den Blicken auch die
Mutter und die Schwester, »daß ich mit Rücksicht auf die in dieser
Wohnung und Familie herrschenden widerlichen Verhältnisse« – hierbei
spie er kurz entschlossen auf den Boden – »mein Zimmer augenblicklich
kündige. Ich werde natürlich auch für die Tage, die ich hier gewohnt habe,
nicht das Geringste bezahlen, dagegen werde ich es mir noch überlegen, ob
ich nicht mit irgendwelchen – glauben Sie mir – sehr leicht zu
begründenden Forderungen gegen Sie auftreten werde.« Er schwieg und sah
gerade vor sich hin, als erwarte er etwas. Tatsächlich fielen sofort seine
zwei Freunde mit den Worten ein: »Auch wir kündigen augenblicklich.«
Darauf faßte er die Türklinke und schloß mit einem Krach die Tür.
Der Vater wankte mit tastenden Händen zu seinem Sessel und ließ sich
hineinfallen; es sah aus, als strecke er sich zu seinem gewöhnlichen
Abendschläfchen, aber das starke Nicken seines wie haltlosen Kopfes
zeigte, daß er ganz und gar nicht schlief. Gregor war die ganze Zeit still auf
dem Platz gelegen, auf dem ihn die Zimmerherren ertappt hatten. Die
Enttäuschung über das Mißlingen seines Planes, vielleicht aber auch die
durch das viele Hungern verursachte Schwäche machten es ihm unmöglich,
sich zu bewegen. Er fürchtete mit einer gewissen Bestimmtheit schon für
den nächsten Augenblick einen allgemeinen über ihn sich entladenden
Zusammensturz und wartete. Nicht einmal die Violine schreckte ihn auf,
die, unter den zitternden Fingern der Mutter hervor, ihr vom Schoße fiel
und einen hallenden Ton von sich gab.
Page 48
»Liebe Eltern,« sagte die Schwester und schlug zur Einleitung mit der
Hand auf den Tisch, »so geht es nicht weiter. Wenn ihr das vielleicht nicht
einsehet, ich sehe es ein. Ich will vor diesem Untier nicht den Namen
meines Bruders aussprechen und sage daher bloß: wir müssen versuchen es
loszuwerden. Wir haben das Menschenmögliche versucht, es zu pflegen und
zu dulden, ich glaube, es kann uns niemand den geringsten Vorwurf
machen.«
»Sie hat tausendmal recht,« sagte der Vater für sich. Die Mutter, die
noch immer nicht genug Atem finden konnte, fing mit einem irrsinnigen
Ausdruck der Augen dumpf in die vorgehaltene Hand zu husten an.
Die Schwester eilte zur Mutter und hielt ihr die Stirn. Der Vater schien
durch die Worte der Schwester auf bestimmtere Gedanken gebracht zu sein,
hatte sich aufrecht gesetzt, spielte mit seiner Dienermütze zwischen den
Tellern, die noch vom Nachtmahl der Zimmerherren her auf dem Tische
standen, und sah bisweilen auf den stillen Gregor hin.
»Wir müssen es loszuwerden suchen,« sagte die Schwester nun
ausschließlich zum Vater, denn die Mutter hörte in ihrem Husten nichts, »es
bringt euch noch beide um, ich sehe es kommen. Wenn man schon so
schwer arbeiten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hause diese
ewige Quälerei ertragen. Ich kann es auch nicht mehr.« Und sie brach so
heftig in Weinen aus, daß ihre Tränen auf das Gesicht der Mutter
niederflossen, von dem sie sie mit mechanischen Handbewegungen
wischte.
»Kind,« sagte der Vater mitleidig und mit auffallendem Verständnis,
»was sollen wir aber tun?«
Die Schwester zuckte nur die Achseln zum Zeichen der Ratlosigkeit, die
sie nun während des Weinens im Gegensatz zu ihrer früheren Sicherheit
ergriffen hatte.
»Wenn er uns verstünde,« sagte der Vater halb fragend; die Schwester
schüttelte aus dem Weinen heraus heftig die Hand zum Zeichen, daß daran
nicht zu denken sei.
»Wenn er uns verstünde,« wiederholte der Vater und nahm durch
Schließen der Augen die Überzeugung der Schwester von der
Hand auf den Tisch, »so geht es nicht weiter. Wenn ihr das vielleicht nicht
einsehet, ich sehe es ein. Ich will vor diesem Untier nicht den Namen
meines Bruders aussprechen und sage daher bloß: wir müssen versuchen es
loszuwerden. Wir haben das Menschenmögliche versucht, es zu pflegen und
zu dulden, ich glaube, es kann uns niemand den geringsten Vorwurf
machen.«
»Sie hat tausendmal recht,« sagte der Vater für sich. Die Mutter, die
noch immer nicht genug Atem finden konnte, fing mit einem irrsinnigen
Ausdruck der Augen dumpf in die vorgehaltene Hand zu husten an.
Die Schwester eilte zur Mutter und hielt ihr die Stirn. Der Vater schien
durch die Worte der Schwester auf bestimmtere Gedanken gebracht zu sein,
hatte sich aufrecht gesetzt, spielte mit seiner Dienermütze zwischen den
Tellern, die noch vom Nachtmahl der Zimmerherren her auf dem Tische
standen, und sah bisweilen auf den stillen Gregor hin.
»Wir müssen es loszuwerden suchen,« sagte die Schwester nun
ausschließlich zum Vater, denn die Mutter hörte in ihrem Husten nichts, »es
bringt euch noch beide um, ich sehe es kommen. Wenn man schon so
schwer arbeiten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hause diese
ewige Quälerei ertragen. Ich kann es auch nicht mehr.« Und sie brach so
heftig in Weinen aus, daß ihre Tränen auf das Gesicht der Mutter
niederflossen, von dem sie sie mit mechanischen Handbewegungen
wischte.
»Kind,« sagte der Vater mitleidig und mit auffallendem Verständnis,
»was sollen wir aber tun?«
Die Schwester zuckte nur die Achseln zum Zeichen der Ratlosigkeit, die
sie nun während des Weinens im Gegensatz zu ihrer früheren Sicherheit
ergriffen hatte.
»Wenn er uns verstünde,« sagte der Vater halb fragend; die Schwester
schüttelte aus dem Weinen heraus heftig die Hand zum Zeichen, daß daran
nicht zu denken sei.
»Wenn er uns verstünde,« wiederholte der Vater und nahm durch
Schließen der Augen die Überzeugung der Schwester von der
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Unmöglichkeit dessen in sich auf, »dann wäre vielleicht ein
Übereinkommen mit ihm möglich. Aber so –«
»Weg muß es,« rief die Schwester, »das ist das einzige Mittel, Vater. Du
mußt bloß den Gedanken loszuwerden suchen, daß es Gregor ist. Daß wir
es so lange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück. Aber wie
kann es denn Gregor sein? Wenn es Gregor wäre, er hätte längst
eingesehen, daß ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier
nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen. Wir hätten dann keinen
Bruder, aber könnten weiter leben und sein Andenken in Ehren halten. So
aber verfolgt uns dieses Tier, vertreibt die Zimmerherren, will offenbar die
ganze Wohnung einnehmen und uns auf der Gasse übernachten lassen. Sieh
nur, Vater,« schrie sie plötzlich auf, »er fängt schon wieder an!« Und in
einem für Gregor gänzlich unverständlichen Schrecken verließ die
Schwester sogar die Mutter, stieß sich förmlich von ihrem Sessel ab, als
wollte sie lieber die Mutter opfern, als in Gregors Nähe bleiben, und eilte
hinter den Vater, der, lediglich durch ihr Benehmen erregt, auch aufstand
und die Arme wie zum Schutze der Schwester vor ihr halb erhob.
Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner
Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen sich
umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, und das nahm sich
allerdings auffallend aus, da er infolge seines leidenden Zustandes bei den
schwierigen Umdrehungen mit seinem Kopfe nachhelfen mußte, den er
hierbei viele Male hob und gegen den Boden schlug. Er hielt inne und sah
sich um. Seine gute Absicht schien erkannt worden zu sein; es war nur ein
augenblicklicher Schrecken gewesen. Nun sahen ihn alle schweigend und
traurig an. Die Mutter lag, die Beine ausgestreckt und aneinandergedrückt,
in ihrem Sessel, die Augen fielen ihr vor Ermattung fast zu; der Vater und
die Schwester saßen nebeneinander, die Schwester hatte ihre Hand um des
Vaters Hals gelegt.
»Nun darf ich mich schon vielleicht umdrehen,« dachte Gregor und
begann seine Arbeit wieder. Er konnte das Schnaufen der Anstrengung nicht
unterdrücken und mußte auch hie und da ausruhen. Im übrigen drängte ihn
auch niemand, es war alles ihm selbst überlassen. Als er die Umdrehung
vollendet hatte, fing er sofort an, geradeaus zurückzuwandern. Er staunte
über die große Entfernung, die ihn von seinem Zimmer trennte, und begriff
gar nicht, wie er bei seiner Schwäche vor kurzer Zeit den gleichen Weg, fast
Übereinkommen mit ihm möglich. Aber so –«
»Weg muß es,« rief die Schwester, »das ist das einzige Mittel, Vater. Du
mußt bloß den Gedanken loszuwerden suchen, daß es Gregor ist. Daß wir
es so lange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück. Aber wie
kann es denn Gregor sein? Wenn es Gregor wäre, er hätte längst
eingesehen, daß ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier
nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen. Wir hätten dann keinen
Bruder, aber könnten weiter leben und sein Andenken in Ehren halten. So
aber verfolgt uns dieses Tier, vertreibt die Zimmerherren, will offenbar die
ganze Wohnung einnehmen und uns auf der Gasse übernachten lassen. Sieh
nur, Vater,« schrie sie plötzlich auf, »er fängt schon wieder an!« Und in
einem für Gregor gänzlich unverständlichen Schrecken verließ die
Schwester sogar die Mutter, stieß sich förmlich von ihrem Sessel ab, als
wollte sie lieber die Mutter opfern, als in Gregors Nähe bleiben, und eilte
hinter den Vater, der, lediglich durch ihr Benehmen erregt, auch aufstand
und die Arme wie zum Schutze der Schwester vor ihr halb erhob.
Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner
Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen sich
umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, und das nahm sich
allerdings auffallend aus, da er infolge seines leidenden Zustandes bei den
schwierigen Umdrehungen mit seinem Kopfe nachhelfen mußte, den er
hierbei viele Male hob und gegen den Boden schlug. Er hielt inne und sah
sich um. Seine gute Absicht schien erkannt worden zu sein; es war nur ein
augenblicklicher Schrecken gewesen. Nun sahen ihn alle schweigend und
traurig an. Die Mutter lag, die Beine ausgestreckt und aneinandergedrückt,
in ihrem Sessel, die Augen fielen ihr vor Ermattung fast zu; der Vater und
die Schwester saßen nebeneinander, die Schwester hatte ihre Hand um des
Vaters Hals gelegt.
»Nun darf ich mich schon vielleicht umdrehen,« dachte Gregor und
begann seine Arbeit wieder. Er konnte das Schnaufen der Anstrengung nicht
unterdrücken und mußte auch hie und da ausruhen. Im übrigen drängte ihn
auch niemand, es war alles ihm selbst überlassen. Als er die Umdrehung
vollendet hatte, fing er sofort an, geradeaus zurückzuwandern. Er staunte
über die große Entfernung, die ihn von seinem Zimmer trennte, und begriff
gar nicht, wie er bei seiner Schwäche vor kurzer Zeit den gleichen Weg, fast
Page 50
ohne es zu merken, zurückgelegt hatte. Immerfort nur auf rasches Kriechen
bedacht, achtete er kaum darauf, daß kein Wort, kein Ausruf seiner Familie
ihn störte. Erst als er schon in der Tür war, wendete er den Kopf, nicht,
vollständig, denn er fühlte den Hals steif werden, immerhin sah er noch,
daß sich hinter ihm nichts verändert hatte, nur die Schwester war
aufgestanden. Sein letzter Blick streifte die Mutter, die nun völlig
eingeschlafen war.
Kaum war er innerhalb seines Zimmers, wurde die Tür eiligst
zugedrückt, festgeriegelt und versperrt. Über den plötzlichen Lärm hinter
sich erschrak Gregor so, daß ihm die Beinchen einknickten. Es war die
Schwester, die sich so beeilt hatte. Aufrecht war sie schon da gestanden und
hatte gewartet, leichtfüßig war sie dann vorwärtsgesprungen, Gregor hatte
sie gar nicht kommen hören, und ein »Endlich!« rief sie den Eltern zu,
während sie den Schlüssel im Schloß umdrehte.
»Und jetzt?« fragte sich Gregor und sah sich im Dunkeln um. Er machte
bald die Entdeckung, daß er sich nun überhaupt nicht mehr rühren konnte.
Er wunderte sich darüber nicht, eher kam es ihm unnatürlich vor, daß er
sich bis jetzt tatsächlich mit diesen dünnen Beinchen hatte fortbewegen
können. Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte zwar
Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich
schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den
verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz
von weichem Staub bedeckt war, spürte er schon kaum. An seine Familie
dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er
verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner
Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb er,
bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des
allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann
sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern
strömte sein letzter Atem schwach hervor.
Als am frühen Morgen die Bedienerin kam – vor lauter Kraft und Eile
schlug sie, wie oft man sie auch schon gebeten hatte, das zu vermeiden, alle
Türen derartig zu, daß in der ganzen Wohnung von ihrem Kommen an kein
ruhiger Schlaf mehr möglich war –, fand sie bei ihrem gewöhnlichen
kurzen Besuch bei Gregor zuerst nichts Besonderes. Sie dachte, er liege
absichtlich so unbeweglich da und spiele den Beleidigten; sie traute ihm
bedacht, achtete er kaum darauf, daß kein Wort, kein Ausruf seiner Familie
ihn störte. Erst als er schon in der Tür war, wendete er den Kopf, nicht,
vollständig, denn er fühlte den Hals steif werden, immerhin sah er noch,
daß sich hinter ihm nichts verändert hatte, nur die Schwester war
aufgestanden. Sein letzter Blick streifte die Mutter, die nun völlig
eingeschlafen war.
Kaum war er innerhalb seines Zimmers, wurde die Tür eiligst
zugedrückt, festgeriegelt und versperrt. Über den plötzlichen Lärm hinter
sich erschrak Gregor so, daß ihm die Beinchen einknickten. Es war die
Schwester, die sich so beeilt hatte. Aufrecht war sie schon da gestanden und
hatte gewartet, leichtfüßig war sie dann vorwärtsgesprungen, Gregor hatte
sie gar nicht kommen hören, und ein »Endlich!« rief sie den Eltern zu,
während sie den Schlüssel im Schloß umdrehte.
»Und jetzt?« fragte sich Gregor und sah sich im Dunkeln um. Er machte
bald die Entdeckung, daß er sich nun überhaupt nicht mehr rühren konnte.
Er wunderte sich darüber nicht, eher kam es ihm unnatürlich vor, daß er
sich bis jetzt tatsächlich mit diesen dünnen Beinchen hatte fortbewegen
können. Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte zwar
Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich
schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den
verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz
von weichem Staub bedeckt war, spürte er schon kaum. An seine Familie
dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er
verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner
Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb er,
bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des
allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann
sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern
strömte sein letzter Atem schwach hervor.
Als am frühen Morgen die Bedienerin kam – vor lauter Kraft und Eile
schlug sie, wie oft man sie auch schon gebeten hatte, das zu vermeiden, alle
Türen derartig zu, daß in der ganzen Wohnung von ihrem Kommen an kein
ruhiger Schlaf mehr möglich war –, fand sie bei ihrem gewöhnlichen
kurzen Besuch bei Gregor zuerst nichts Besonderes. Sie dachte, er liege
absichtlich so unbeweglich da und spiele den Beleidigten; sie traute ihm
Page 51
allen möglichen Verstand zu. Weil sie zufällig den langen Besen in der
Hand hielt, suchte sie mit ihm Gregor von der Tür aus zu kitzeln. Als sich
auch da kein Erfolg zeigte, wurde sie ärgerlich und stieß ein wenig in
Gregor hinein, und erst als sie ihn ohne jeden Widerstand von seinem Platze
geschoben hatte, wurde sie aufmerksam. Als sie bald den wahren
Sachverhalt erkannte, machte sie große Augen, pfiff vor sich hin, hielt sich
aber nicht lange auf, sondern riß die Tür des Schlafzimmers auf und rief mit
lauter Stimme in das Dunkel hinein: »Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert;
da liegt es, ganz und gar krepiert!«
Das Ehepaar Samsa saß im Ehebett aufrecht da und hatte zu tun, den
Schrecken über die Bedienerin zu verwinden, ehe es dazu kam, ihre
Meldung aufzufassen. Dann aber stiegen Herr und Frau Samsa, jeder auf
seiner Seite, eiligst aus dem Bett, Herr Samsa warf die Decke über seine
Schultern, Frau Samsa kam nur im Nachthemd hervor; so traten sie in
Gregors Zimmer. Inzwischen hatte sich auch die Tür des Wohnzimmers
geöffnet, in dem Grete seit dem Einzug der Zimmerherren schlief; sie war
völlig angezogen, als hätte sie gar nicht geschlafen, auch ihr bleiches
Gesicht schien das zu beweisen. »Tot?« sagte Frau Samsa und sah fragend
zur Bedienerin auf, trotzdem sie doch alles selbst prüfen und sogar ohne
Prüfung erkennen konnte. »Das will ich meinen,« sagte die Bedienerin und
stieß zum Beweis Gregors Leiche mit dem Besen noch ein großes Stück
seitwärts. Frau Samsa machte eine Bewegung, als wolle sie den Besen
zurückhalten, tat es aber nicht. »Nun,« sagte Herr Samsa, »jetzt können wir
Gott danken.« Er bekreuzte sich, und die drei Frauen folgten seinem
Beispiel. Grete, die kein Auge von der Leiche wendete, sagte: »Seht nur,
wie mager er war. Er hat ja auch schon so lange Zeit nichts gegessen. So
wie die Speisen hereinkamen, sind sie wieder hinausgekommen.«
Tatsächlich war Gregors Körper vollständig flach und trocken, man
erkannte das eigentlich erst jetzt, da er nicht mehr von den Beinchen
gehoben war und auch sonst nichts den Blick ablenkte.
»Komm, Grete, auf ein Weilchen zu uns herein,« sagte Frau Samsa mit
einem wehmütigen Lächeln, und Grete ging, nicht ohne nach der Leiche
zurückzusehen, hinter den Eltern in das Schlafzimmer. Die Bedienerin
schloß die Tür und öffnete gänzlich das Fenster. Trotz des frühen Morgens
war der frischen Luft schon etwas Lauigkeit beigemischt. Es war eben
schon Ende März.
Hand hielt, suchte sie mit ihm Gregor von der Tür aus zu kitzeln. Als sich
auch da kein Erfolg zeigte, wurde sie ärgerlich und stieß ein wenig in
Gregor hinein, und erst als sie ihn ohne jeden Widerstand von seinem Platze
geschoben hatte, wurde sie aufmerksam. Als sie bald den wahren
Sachverhalt erkannte, machte sie große Augen, pfiff vor sich hin, hielt sich
aber nicht lange auf, sondern riß die Tür des Schlafzimmers auf und rief mit
lauter Stimme in das Dunkel hinein: »Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert;
da liegt es, ganz und gar krepiert!«
Das Ehepaar Samsa saß im Ehebett aufrecht da und hatte zu tun, den
Schrecken über die Bedienerin zu verwinden, ehe es dazu kam, ihre
Meldung aufzufassen. Dann aber stiegen Herr und Frau Samsa, jeder auf
seiner Seite, eiligst aus dem Bett, Herr Samsa warf die Decke über seine
Schultern, Frau Samsa kam nur im Nachthemd hervor; so traten sie in
Gregors Zimmer. Inzwischen hatte sich auch die Tür des Wohnzimmers
geöffnet, in dem Grete seit dem Einzug der Zimmerherren schlief; sie war
völlig angezogen, als hätte sie gar nicht geschlafen, auch ihr bleiches
Gesicht schien das zu beweisen. »Tot?« sagte Frau Samsa und sah fragend
zur Bedienerin auf, trotzdem sie doch alles selbst prüfen und sogar ohne
Prüfung erkennen konnte. »Das will ich meinen,« sagte die Bedienerin und
stieß zum Beweis Gregors Leiche mit dem Besen noch ein großes Stück
seitwärts. Frau Samsa machte eine Bewegung, als wolle sie den Besen
zurückhalten, tat es aber nicht. »Nun,« sagte Herr Samsa, »jetzt können wir
Gott danken.« Er bekreuzte sich, und die drei Frauen folgten seinem
Beispiel. Grete, die kein Auge von der Leiche wendete, sagte: »Seht nur,
wie mager er war. Er hat ja auch schon so lange Zeit nichts gegessen. So
wie die Speisen hereinkamen, sind sie wieder hinausgekommen.«
Tatsächlich war Gregors Körper vollständig flach und trocken, man
erkannte das eigentlich erst jetzt, da er nicht mehr von den Beinchen
gehoben war und auch sonst nichts den Blick ablenkte.
»Komm, Grete, auf ein Weilchen zu uns herein,« sagte Frau Samsa mit
einem wehmütigen Lächeln, und Grete ging, nicht ohne nach der Leiche
zurückzusehen, hinter den Eltern in das Schlafzimmer. Die Bedienerin
schloß die Tür und öffnete gänzlich das Fenster. Trotz des frühen Morgens
war der frischen Luft schon etwas Lauigkeit beigemischt. Es war eben
schon Ende März.
Page 52
Aus ihrem Zimmer traten die drei Zimmerherren und sahen sich
erstaunt nach ihrem Frühstück um; man hatte sie vergessen. »Wo ist das
Frühstück?« fragte der mittlere der Herren mürrisch die Bedienerin. Diese
aber legte den Finger an den Mund und winkte dann hastig und schweigend
den Herren zu, sie möchten in Gregors Zimmer kommen. Sie kamen auch
und standen dann, die Hände in den Taschen ihrer etwas abgenützten
Röckchen, in dem nun schon ganz hellen Zimmer um Gregors Leiche
herum.
Da öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, und Herr Samsa erschien in
seiner Livree, an einem Arm seine Frau, am anderen seine Tochter. Alle
waren ein wenig verweint; Grete drückte bisweilen ihr Gesicht an den Arm
des Vaters.
»Verlassen Sie sofort meine Wohnung!« sagte Herr Samsa und zeigte
auf die Tür, ohne die Frauen von sich zu lassen. »Wie meinen Sie das?«
sagte der mittlere der Herren etwas bestürzt und lächelte süßlich. Die zwei
anderen hielten die Hände auf dem Rücken und rieben sie ununterbrochen
aneinander, wie in freudiger Erwartung eines großen Streites, der aber für
sie günstig ausfallen mußte. »Ich meine es genau so, wie ich es sage,«
antwortete Herr Samsa und ging in einer Linie mit seinen zwei
Begleiterinnen auf den Zimmerherrn zu. Dieser stand zuerst still da und sah
zu Boden, als ob sich die Dinge in seinem Kopf zu einer neuen Ordnung
zusammenstellten. »Dann gehen wir also,« sagte er dann und sah zu Herrn
Samsa auf, als verlange er in einer plötzlich ihn überkommenden Demut
sogar für diesen Entschluß eine neue Genehmigung. Herr Samsa nickte ihm
bloß mehrmals kurz mit großen Augen zu. Daraufhin ging der Herr
tatsächlich sofort mit langen Schritten ins Vorzimmer; seine beiden Freunde
hatten schon ein Weilchen lang mit ganz ruhigen Händen aufgehorcht und
hüpften ihm jetzt geradezu nach, wie in Angst, Herr Samsa könnte vor
ihnen ins Vorzimmer eintreten und die Verbindung mit ihrem Führer stören.
Im Vorzimmer nahmen alle drei die Hüte vom Kleiderrechen, zogen ihre
Stöcke aus dem Stockbehälter, verbeugten sich stumm und verließen die
Wohnung. In einem, wie sich zeigte, gänzlich unbegründeten Mißtrauen trat
Herr Samsa mit den zwei Frauen auf den Vorplatz hinaus; an das Geländer
gelehnt, sahen sie zu, wie die drei Herren zwar langsam, aber ständig die
lange Treppe hinunterstiegen, in jedem Stockwerk in einer bestimmten
Biegung des Treppenhauses verschwanden und nach ein paar Augenblicken
erstaunt nach ihrem Frühstück um; man hatte sie vergessen. »Wo ist das
Frühstück?« fragte der mittlere der Herren mürrisch die Bedienerin. Diese
aber legte den Finger an den Mund und winkte dann hastig und schweigend
den Herren zu, sie möchten in Gregors Zimmer kommen. Sie kamen auch
und standen dann, die Hände in den Taschen ihrer etwas abgenützten
Röckchen, in dem nun schon ganz hellen Zimmer um Gregors Leiche
herum.
Da öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, und Herr Samsa erschien in
seiner Livree, an einem Arm seine Frau, am anderen seine Tochter. Alle
waren ein wenig verweint; Grete drückte bisweilen ihr Gesicht an den Arm
des Vaters.
»Verlassen Sie sofort meine Wohnung!« sagte Herr Samsa und zeigte
auf die Tür, ohne die Frauen von sich zu lassen. »Wie meinen Sie das?«
sagte der mittlere der Herren etwas bestürzt und lächelte süßlich. Die zwei
anderen hielten die Hände auf dem Rücken und rieben sie ununterbrochen
aneinander, wie in freudiger Erwartung eines großen Streites, der aber für
sie günstig ausfallen mußte. »Ich meine es genau so, wie ich es sage,«
antwortete Herr Samsa und ging in einer Linie mit seinen zwei
Begleiterinnen auf den Zimmerherrn zu. Dieser stand zuerst still da und sah
zu Boden, als ob sich die Dinge in seinem Kopf zu einer neuen Ordnung
zusammenstellten. »Dann gehen wir also,« sagte er dann und sah zu Herrn
Samsa auf, als verlange er in einer plötzlich ihn überkommenden Demut
sogar für diesen Entschluß eine neue Genehmigung. Herr Samsa nickte ihm
bloß mehrmals kurz mit großen Augen zu. Daraufhin ging der Herr
tatsächlich sofort mit langen Schritten ins Vorzimmer; seine beiden Freunde
hatten schon ein Weilchen lang mit ganz ruhigen Händen aufgehorcht und
hüpften ihm jetzt geradezu nach, wie in Angst, Herr Samsa könnte vor
ihnen ins Vorzimmer eintreten und die Verbindung mit ihrem Führer stören.
Im Vorzimmer nahmen alle drei die Hüte vom Kleiderrechen, zogen ihre
Stöcke aus dem Stockbehälter, verbeugten sich stumm und verließen die
Wohnung. In einem, wie sich zeigte, gänzlich unbegründeten Mißtrauen trat
Herr Samsa mit den zwei Frauen auf den Vorplatz hinaus; an das Geländer
gelehnt, sahen sie zu, wie die drei Herren zwar langsam, aber ständig die
lange Treppe hinunterstiegen, in jedem Stockwerk in einer bestimmten
Biegung des Treppenhauses verschwanden und nach ein paar Augenblicken
Page 53
wieder hervorkamen; je tiefer sie gelangten, desto mehr verlor sich das
Interesse der Familie Samsa für sie, und als ihnen entgegen und dann hoch
über sie hinweg ein Fleischergeselle mit der Trage auf dem Kopf in stolzer
Haltung heraufstieg, verließ bald Herr Samsa mit den Frauen das Geländer,
und alle kehrten, wie erleichtert, in ihre Wohnung zurück.
Sie beschlossen, den heutigen Tag zum Ausruhen und Spazierengehen
zu verwenden; sie hatten diese Arbeitsunterbrechung nicht nur verdient, sie
brauchten sie sogar unbedingt. Und so setzten sie sich zum Tisch und
schrieben drei Entschuldigungsbriefe, Herr Samsa an seine Direktion, Frau
Samsa an ihren Auftraggeber, und Grete an ihren Prinzipal. Während des
Schreibens kam die Bedienerin herein, um zu sagen, daß sie fortgehe, denn
ihre Morgenarbeit war beendet. Die drei Schreibenden nickten zuerst bloß,
ohne aufzuschauen, erst als die Bedienerin sich immer noch nicht entfernen
wollte, sah man ärgerlich auf. »Nun?« fragte Herr Samsa. Die Bedienerin
stand lächelnd in der Tür, als habe sie der Familie ein großes Glück zu
melden, werde es aber nur dann tun, wenn sie gründlich ausgefragt werde.
Die fast aufrechte kleine Straußfeder auf ihrem Hut, über die sich Herr
Samsa schon während ihrer ganzen Dienstzeit ärgerte, schwankte leicht
nach allen Richtungen. »Also was wollen Sie eigentlich?« fragte Frau
Samsa, vor welcher die Bedienerin noch am meisten Respekt hatte. »Ja,«
antwortete die Bedienerin und konnte vor freundlichem Lachen nicht gleich
weiter reden, »also darüber, wie das Zeug von nebenan weggeschafft
werden soll, müssen Sie sich keine Sorge machen. Es ist schon in
Ordnung.« Frau Samsa und Grete beugten sich zu ihren Briefen nieder, als
wollten sie weiterschreiben; Herr Samsa, welcher merkte, daß die
Bedienerin nun alles ausführlich zu beschreiben anfangen wollte, wehrte
dies mit ausgestreckter Hand entschieden ab. Da sie aber nicht erzählen
durfte, erinnerte sie sich an die große Eile, die sie hatte, rief offenbar
beleidigt: »Adjes allseits,« drehte sich wild um und verließ unter
fürchterlichem Türezuschlagen die Wohnung.
»Abends wird sie entlassen,« sagte Herr Samsa, bekam aber weder von
seiner Frau noch von seiner Tochter eine Antwort, denn die Bedienerin
schien ihre kaum gewonnene Ruhe wieder gestört zu haben. Sie erhoben
sich, gingen zum Fenster und blieben dort, sich umschlungen haltend. Herr
Samsa drehte sich in seinem Sessel nach ihnen um und beobachtete sie still
ein Weilchen. Dann rief er: »Also kommt doch her. Laßt schon endlich die
Interesse der Familie Samsa für sie, und als ihnen entgegen und dann hoch
über sie hinweg ein Fleischergeselle mit der Trage auf dem Kopf in stolzer
Haltung heraufstieg, verließ bald Herr Samsa mit den Frauen das Geländer,
und alle kehrten, wie erleichtert, in ihre Wohnung zurück.
Sie beschlossen, den heutigen Tag zum Ausruhen und Spazierengehen
zu verwenden; sie hatten diese Arbeitsunterbrechung nicht nur verdient, sie
brauchten sie sogar unbedingt. Und so setzten sie sich zum Tisch und
schrieben drei Entschuldigungsbriefe, Herr Samsa an seine Direktion, Frau
Samsa an ihren Auftraggeber, und Grete an ihren Prinzipal. Während des
Schreibens kam die Bedienerin herein, um zu sagen, daß sie fortgehe, denn
ihre Morgenarbeit war beendet. Die drei Schreibenden nickten zuerst bloß,
ohne aufzuschauen, erst als die Bedienerin sich immer noch nicht entfernen
wollte, sah man ärgerlich auf. »Nun?« fragte Herr Samsa. Die Bedienerin
stand lächelnd in der Tür, als habe sie der Familie ein großes Glück zu
melden, werde es aber nur dann tun, wenn sie gründlich ausgefragt werde.
Die fast aufrechte kleine Straußfeder auf ihrem Hut, über die sich Herr
Samsa schon während ihrer ganzen Dienstzeit ärgerte, schwankte leicht
nach allen Richtungen. »Also was wollen Sie eigentlich?« fragte Frau
Samsa, vor welcher die Bedienerin noch am meisten Respekt hatte. »Ja,«
antwortete die Bedienerin und konnte vor freundlichem Lachen nicht gleich
weiter reden, »also darüber, wie das Zeug von nebenan weggeschafft
werden soll, müssen Sie sich keine Sorge machen. Es ist schon in
Ordnung.« Frau Samsa und Grete beugten sich zu ihren Briefen nieder, als
wollten sie weiterschreiben; Herr Samsa, welcher merkte, daß die
Bedienerin nun alles ausführlich zu beschreiben anfangen wollte, wehrte
dies mit ausgestreckter Hand entschieden ab. Da sie aber nicht erzählen
durfte, erinnerte sie sich an die große Eile, die sie hatte, rief offenbar
beleidigt: »Adjes allseits,« drehte sich wild um und verließ unter
fürchterlichem Türezuschlagen die Wohnung.
»Abends wird sie entlassen,« sagte Herr Samsa, bekam aber weder von
seiner Frau noch von seiner Tochter eine Antwort, denn die Bedienerin
schien ihre kaum gewonnene Ruhe wieder gestört zu haben. Sie erhoben
sich, gingen zum Fenster und blieben dort, sich umschlungen haltend. Herr
Samsa drehte sich in seinem Sessel nach ihnen um und beobachtete sie still
ein Weilchen. Dann rief er: »Also kommt doch her. Laßt schon endlich die
Page 54
alten Sachen. Und nehmt auch ein wenig Rücksicht auf mich.« Gleich
folgten ihm die Frauen, eilten zu ihm, liebkosten ihn und beendeten rasch
ihre Briefe.
Dann verließen alle drei gemeinschaftlich die Wohnung, was sie schon
seit Monaten nicht getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins Freie
vor die Stadt. Der Wagen, in dem sie allein saßen, war ganz von warmer
Sonne durchschienen. Sie besprachen, bequem auf ihren Sitzen
zurückgelehnt, die Aussichten für die Zukunft, und es fand sich, daß diese
bei näherer Betrachtung durchaus nicht schlecht waren, denn aller drei
Anstellungen waren, worüber sie einander eigentlich noch gar nicht
ausgefragt hatten, überaus günstig und besonders für später
vielversprechend. Die größte augenblickliche Besserung der Lage mußte
sich natürlich leicht durch einen Wohnungswechsel ergeben; sie wollten
nun eine kleinere und billigere, aber besser gelegene und überhaupt
praktischere Wohnung nehmen, als es die jetzige, noch von Gregor
ausgesuchte war. Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau
Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast
gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Pflege, die ihre
Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen
aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich
verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen
braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung
ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die
Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.
folgten ihm die Frauen, eilten zu ihm, liebkosten ihn und beendeten rasch
ihre Briefe.
Dann verließen alle drei gemeinschaftlich die Wohnung, was sie schon
seit Monaten nicht getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins Freie
vor die Stadt. Der Wagen, in dem sie allein saßen, war ganz von warmer
Sonne durchschienen. Sie besprachen, bequem auf ihren Sitzen
zurückgelehnt, die Aussichten für die Zukunft, und es fand sich, daß diese
bei näherer Betrachtung durchaus nicht schlecht waren, denn aller drei
Anstellungen waren, worüber sie einander eigentlich noch gar nicht
ausgefragt hatten, überaus günstig und besonders für später
vielversprechend. Die größte augenblickliche Besserung der Lage mußte
sich natürlich leicht durch einen Wohnungswechsel ergeben; sie wollten
nun eine kleinere und billigere, aber besser gelegene und überhaupt
praktischere Wohnung nehmen, als es die jetzige, noch von Gregor
ausgesuchte war. Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau
Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast
gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Pflege, die ihre
Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen
aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich
verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen
braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung
ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die
Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.
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electronic work or group of works on different terms than are set forth in
this agreement, you must obtain permission in writing from the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of the Project
copying or distributing any Project Gutenberg works unless you comply
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread works
not protected by U.S. copyright law in creating the Project Gutenberg™
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but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription
errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or
damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that
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for the “Right of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the
Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE
THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT
EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE
THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY
DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE
TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE
NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.
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not protected by U.S. copyright law in creating the Project Gutenberg™
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paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO OTHER
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BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR
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the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
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to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum
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1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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promotion and distribution of Project Gutenberg™ electronic works,
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arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause
to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg work, (b)
alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg
work, and (c) any Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
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they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
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received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
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not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
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United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
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all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.
Most people start at our website which has the main PG search facility:
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This website includes information about Project Gutenberg, including how
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