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Title: Kritik der reinen Vernunft

Author: Immanuel Kant

Release date: August 1, 2004 [eBook #6343]
Most recently updated: December 29, 2020

Language: German

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Bouillon.

Kritik der reinen Vernunft
von
Immanuel Kant

Professor in Königsberg, der Königl. Akademie der Wissenschaften in
Berlin Mitglied

Zweite hin und wieder verbesserte Auflage (1787)

Inhalt

Zueignung Vorrede Einleitung I. Von dem Unterschiede der reinen und
empirischen Erkenntnis II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a
priori, und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche III. Die
Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit, die
Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori bestimme IV. Von
dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile V. In allen
theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urteile a priori
als Prinzipien enthalten VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft VII.
Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem Namen einer
Kritik der reinen Vernunft I. Transzendentale Elementarlehre Erster Teil.
Die transzendentale Ästhetik § 1 1. Abschnitt. Von dem Raume § 2.
Metaphysische Erörterung dieses Begriffs § 3. Transzendentale Erörterung
des Begriffs vom Raume 2. Abschnitt. Von der Zeit § 4. Metaphysische
Erörterung des Begriffs der Zeit § 5. Transzendentale Erörterung des

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Begriffs der Zeit § 6. Schlüsse aus diesen Begriffen § 7. Erläuterung § 8.
Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik Zweiter Teil. Die
transzendentale Logik Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik I. Von
der Logik überhaupt II. Von der transzendentalen Logik III. Von der
Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und Dialektik IV. Von der
Einteilung der transzendentalen Logik in die transzendentale Analytik und
Dialektik Erste Abteilung. Die transzendentale Analytik Erstes Buch. Die
Analytik der Begriffe 1. Hauptstück. Von dem Leitfaden der Entdeckung
aller reinen Verstandesbegriffe 1. Abschnitt. Von dem logischen
Verstandesgebrauche überhaupt 2. Abschnitt § 9. Von der logischen
Funktion des Verstandes in Urteilen 3. Abschnitt § 10. Von den reinen
Verstandesbegriffen oder Kategorien § 11 § 12 2. Hauptstück. Von der
Deduktion der reinen Verstandesbegriffe 1. Abschnitt § 13. Von den
Prinzipien einer transzendentalen Deduktion überhaupt § 14. Übergang zur
transzendentalen Deduktion der Kategorien 2. Abschnitt. Transzendentale
Deduktion der reinen Verstandesbegriffe § 15. Von der Möglichkeit einer
Verbindung überhaupt § 16. Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der
Apperzeption § 17. Der Grundsatz der synthetischen Einheit der
Apperzeption ist das oberste Prinzip alles Verstandesgebrauchs § 18. Was
objektive Einheit des Selbstbewußtseins sei § 19. Die logische Form aller
Urteile besteht in der objektiven Einheit der Apperzeption der darin
enthaltenen Begriffe § 20. Alle sinnliche Anschauungen stehen unter den
Kategorien, als Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige
derselben in ein Bewußtsein zusammenkommen kann § 21. Anmerkung §
22. Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge,
als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung § 23 § 24. Von der
Anwendung der Kategorien auf Gegenstände der Sinne überhaupt § 25 §
26. Transzendentale Deduktion des allgemein möglichen
Erfahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe § 27. Resultat dieser
Deduktion der Verstandesbegriffe Zweites Buch. Die Analytik der

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Grundsätze Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt 1.
Hauptstück. Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe 2.
Hauptstück. System aller Grundsätze des reinen Verstandes 1. Abschnitt.
Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile 2. Abschnitt. Von
dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urteile 3. Abschnitt.
Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze desselben 1.
Axiome der Anschauung 2. Antizipationen der Wahrnehmung 3. Analogien
der Erfahrung A. Erste Analogie. Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz
B. Zweite Analogie. Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der
Kausalität C. Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleichseins, nach dem
Gesetze der Wechselwirkung, oder Gemeinschaft 4. Die Postulate des
empirischen Denkens überhaupt Widerlegung des Idealismus Allgemeine
Anmerkung zum System der Grundsätze 3. Hauptstück. Von dem Grunde
der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und
Noumena Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe Anmerkung
zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe Zweite Abteilung. Die
transzendentale Dialektik Einleitung I. Vom transzendentalen Schein II. Von
der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins A. Von der
Vernunft überhaupt B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft C. Von dem
reinen Gebrauche der Vernunft Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen
Vernunft 1. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt 2. Abschnitt. Von den
transzendentalen Ideen 3. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen
Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft 1.
Hauptstück. Von den Paralogismen der reinen Vernunft Widerlegung des
Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der Seele Beschluß der
Auflösung des psychologischen Paralogisms Allgemeine Anmerkung, den
Übergang von der rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend 2.
Hauptstück. Die Antinomie der reinen Vernunft 1. Abschnitt. System der
kosmologischen Ideen 2. Abschnitt. Antithetik der reinen Vernunft Erster
Widerstreit der transzendentalen Ideen Zweiter Widerstreit der

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transzendentalen Ideen Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen
Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen 3. Abschnitt. Von dem
Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite 4. Abschnitt. Von den
transzendentalen Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie schlechterdings
müssen aufgelöset werden können 5. Abschnitt. Skeptische Vorstellung der
kosmologischen Fragen durch alle vier transzendentalen Ideen 6. Abschnitt.
Der transzendentale Idealism als der Schlüssel zu Auflösung der
kosmologischen Dialektik 7. Abschnitt. Kritische Entscheidung des
kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst 8. Abschnitt.
Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung der kosmologischen
Ideen 9. Abschnitt. Von dem empirischen Gebrauche des regulativen
Prinzips der Vernunft, in Ansehung aller kosmologischen Ideen I.
Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der
Zusammensetzung der Erscheinungen von einem Weltganzen II. Auflösung
der kosmologischen Idee von der Totalität der Teilung eines gegebenen
Ganzen in der Anschauung Schlußanmerkung zur Auflösung der
mathematisch-transzendentalen, und Vorerinnerung zur Auflösung der
dynamisch-transzendentalen Ideen III. Auflösung der kosmologischen Ideen
von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheit aus ihren Ursachen
Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit, in Vereinigung mit dem
allgemeinen Gesetze der Naturnotwendigkeit Erläuterung der
kosmologischen Idee einer Freiheit in Verbindung mit der allgemeinen
Naturnotwendigkeit IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der
Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein nach überhaupt
Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft 3. Hauptstück.
Das Ideal der reinen Vernunft 1. Abschnitt. Von dem Ideal überhaupt 2.
Abschnitt. Von dem transzendentalen Ideal (Prototypon transscendentale) 3.
Abschnitt. Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das
Dasein eines höchsten Wesens zu schließen 4. Abschnitt. Von der
Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes 5.

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Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom
Dasein Gottes Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins in allen
transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen Wesens 6.
Abschnitt. Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises 7.
Abschnitt. Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft
Anhang zur transzendentalen Dialektik Von dem regulativen Gebrauch der
Ideen der reinen Vernunft Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der
menschlichen Vernunft II. Transzendentale Methodenlehre 1. Hauptstück.
Die Disziplin der reinen Vernunft 1. Abschnitt. Die Disziplin der reinen
Vernunft im dogmatischen Gebrauche 2. Abschnitt. Die Disziplin der reinen
Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs Von der Unmöglichkeit
einer skeptischen Befriedigung der mit sich selbst veruneinigten reinen
Vernunft 3. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der
Hypothesen 4. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
ihrer Beweise 2. Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft 1. Abschnitt.
Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft 2.
Abschnitt. Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem
Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft 3. Abschnitt.
Vom Meinen, Wissen und Glauben 3. Hauptstück. Die Architektonik der
reinen Vernunft 4. Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft

Baco de Verulamio

Instauratio magna. Praefatio.

De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines
eam non Opinionem, sed Opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non
Sectae nos alicuius, aut Placiti, sed utilitatis et amplitudinis humanae
fundamenta moliri. Deinde ut suis commodis aequi in commune consulant
et ipsi in partem veniant. Praeterea ut bene sperent, neque Instaurationem

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nostram ut quidam infinitum et ultra mortale fingant, et animo concipiant;
quum revera sit infiniti erroris finis et terminus legitimus.

Sr. Exzellenz,
dem
Königl. Staatsminister
Freiherrn von Zedlitz

Gnädiger Herr!

Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befördern, heißt an
Ew. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen, nicht
bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern durch das viel
vertrautere eines Liebhabers und erleuchteten Kenners, innigst verbunden.
Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels, das gewissermaßen in
meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit für das gnädige Zutrauen zu
bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als könne ich zu dieser
Absicht etwas beitragen.

Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Exzellenz die erste
Auflage dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch diese zweite
und hiermit zugleich alle übrige Angelegenheit meiner literarischen
Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung

Ew. Exzellenz
untertänig gehorsamster
Diener
Königsberg
den 23sten April 1787 Immanuel Kant

Vorrede zur zweiten Auflage

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Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte
gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt
sich bald aus dem Erfolg beurteilen. Wenn sie nach viel gemachten
Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, in Stecken gerät,
oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen andern
Weg einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die
verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht
erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt
sein, daß ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang
einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei, und
es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg womöglich
ausfindig zu machen, sollte auch manches als vergeblich aufgegeben
werden müssen, was in dem ohne Überlegung vorher genommenen Zwecke
enthalten war.

Daß die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her
gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem Aristoteles keinen
Schritt rückwärts hat tun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die
Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten, oder deutlichere
Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, welches
aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört.
Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts
hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu
sein scheint. Denn, wenn einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten,
daß sie teils psychologische Kapitel von den verschiedenen
Erkenntniskräften (der Einbildungskraft, dem Witze), teils metaphysische
über den Ursprung der Erkenntnis oder der verschiedenen Art der
Gewißheit nach Verschiedenheit der Objekte (dem Idealismus,
Skeptizismus usw.), teils anthropologische von Vorurteilen (den Ursachen
derselben und Gegenmitteln) hineinschoben, so rührt dieses von ihrer
Unkunde der eigentümlichen Natur dieser Wissenschaft her. Es ist nicht

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Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre
Grenzen ineinander laufen läßt; die Grenze der Logik aber ist dadurch ganz
genau bestimmt, daß sie eine Wissenschaft ist, welche nichts als die
formalen Regeln alles Denkens (es mag a priori oder empirisch sein, einen
Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle, in unserem Gemüte
zufällige oder natürliche Hindernisse antreffen) ausführlich darlegt und
strenge beweist.

Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloß ihrer
Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden ist,
von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschiede zu abstrahieren,
und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter, als sich selbst und seiner
Form, zu tun hat. Weit schwerer mußte es natürlicherweise für die Vernunft
sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß
mit sich selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene auch
als Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht,
und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man zwar eine Logik zur
Beurteilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in
eigentlich und objektiv so genannten Wissenschaften suchen muß.

Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori
erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren
Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der
anderweitig gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch
wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische
Erkenntnis der Vernunft. Von beiden muß der reine Teil, soviel oder
sowenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich
a priori ihr Objekt bestimmt, vorher allein vorgetragen werden, und
dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt werden,
denn es gibt üble Wirtschaft, wenn man blindlings ausgibt, was einkommt,
ohne nachher, wenn jene in Stecken gerät, unterscheiden zu können,

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welcher Teil der Einnahme den Aufwand tragen könne, und von welcher
man denselben beschneiden muß.

Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der
Vernunft, welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen, die erstere
ganz rein, die zweite wenigstens zum Teil rein, dann aber auch nach
Maßgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft.

Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte
der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen Volke der
Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man darf
nicht denken, daß es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die Vernunft
es nur mit sich selbst zu tun hat, jenen königlichen Weg zu treffen, oder
vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, daß es lange mit ihr
(vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim Herumtappen geblieben ist,
und diese Umänderung einer Revolution zuzuschreiben sei, die der
glückliche Einfall eines einzigen Mannes in einem Versuche zustande
brachte, von welchem an die Bahn, die man nehmen mußte, nicht mehr zu
verfehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle Zeiten und
in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war. Die Geschichte
dieser Revolution der Denkart, welche viel wichtiger war, als die
Entdeckung des Weges um das berühmte Vorgebirge, und des Glücklichen,
der sie zustande brachte, ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sage,
welche Diogenes der Laertier uns überliefert, der von den kleinsten, und,
nach dem gemeinen Urteil, gar nicht einmal eines Beweises benötigten,
Elementen der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder
nennt, daß das Andenken der Veränderung, die durch die erste Spur der
Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt wurde, den Mathematikern äußerst
wichtig geschienen haben müsse, und dadurch unvergeßlich geworden sei.
Dem ersten, der den gleichseitigen Triangel demonstrierte (er mag nun
Thales oder wie man will geheißen haben), dem ging ein Licht auf; denn er

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fand, daß er nicht dem, was er in der Figur sah, oder auch dem bloßen
Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon ihre Eigenschaften
ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen selbst a priori
hineindachte und darstellte (durch Konstruktion), hervorbringen müsse, und
daß er, um sicher etwas a priori zu wissen, er der Sache nichts beilegen
müsse, als was aus dem notwendig folgte, was er seinem Begriffe gemäß
selbst in sie gelegt hat.

Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den
Heeresweg der Wissenschaft traf, denn es sind nur etwa anderthalb
Jahrhunderte, daß der Vorschlag des sinnreichen Baco von Verulam diese
Entdeckung teils veranlaßte, teils, da man bereits auf der Spur derselben
war, mehr belebte, welche eben sowohl durch eine schnell vorgegangene
Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will hier nur die
Naturwissenschaft, so fern sie auf empirische Prinzipien gegründet ist, in
Erwägung ziehen.

Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst
gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, was er
sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte,
tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen
wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und
wiedergab*; so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß
die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe
hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen
vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten,
nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen
müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane
gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze
zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß
mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen

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für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie
nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr
belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles
vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der
die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so
hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem
Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur
hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was
sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen
würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang
einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch
nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war.

* Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der
Experimentalmethode, deren erste Anfänge auch nicht wohl bekannt sind.

Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis,
die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch bloße
Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf
Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das
Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den sicheren Gang
einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte; ob sie gleich älter ist, als
alle übrige, und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesamt in dem
Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen werden
sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich in Stecken, selbst
wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt,
(wie sie sich anmaßt) a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige Male
den Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin
will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so
ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der
ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im

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Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein Fechter sich auch
den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften
Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren bisher
ein bloßes Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, unter bloßen
Begriffen, gewesen sei.

Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft hat
gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur
unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm als einer
ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig
haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in
einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht bloß verläßt,
sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt! Oder ist er
bisher nur verfehlt; welche Anzeige können wir benutzen, um bei
erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als
andere vor uns gewesen sind?

Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft,
die durch eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden
sind, was sie jetzt sind, wäre merkwürdig genug, um dem wesentlichen
Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist,
nachzusinnen, und ihnen, soviel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse,
mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche
nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach
den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie a priori etwas durch
Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen
unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir
nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir
annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten,
welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis
derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie und

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gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit den
ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der
Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm,
das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht
besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen
die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die
Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen.
Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände
richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen
könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der
Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese
Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen,
wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie
als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen
durch jene bestimmen muß, so kann ich entweder annehmen, die Begriffe,
wodurch ich diese Bestimmung zustande bringe, richten sich auch nach
dem Gegenstande, und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit,
wegen der Art, wie ich a priori hiervon etwas wissen könne; oder ich nehme
an, die Gegenstände oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie
allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach diesen
Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst
eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir, noch
ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen muß,
welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach denen sich also alle
Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen
übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, sofern sie bloß durch
Vernunft und zwar notwendig gedacht, die aber (so wenigstens, wie die
Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können, so
werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich doch
lassen), hernach einen herrlichen Probierstein desjenigen abgeben, was wir

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als die veränderte Methode der Denkungsart annehmen, daß wir nämlich
von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen.*

* Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin: die
Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein
Experiment bestätigen oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur Prüfung der
Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie über alle Grenze
möglicher Erfahrung hinaus gewagt werden, kein Experiment mit ihren
Objekten machen (wie in der Naturwissenschaft): also wird es nur mit
Begriffen und Grundsätzen, die wir a priori annehmen, tunlich sein, indem
man sie nämlich so einrichtet, daß dieselben Gegenstände einerseits als
Gegenstände der Sinne und des Verstandes für die Erfahrung, andererseits
aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt, allenfalls für die isolierte
und über Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei
verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Findet es sich nun, daß,
wenn man die Dinge aus jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet,
Einstimmung mit dem Prinzip der reinen Vernunft stattfinde, bei einerlei
Gesichtspunkte aber ein unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich
selbst entspringe, so entscheidet das Experiment für die Richtigkeit jener
Unterscheidung.

Dieser Versuch gelingt nach Wunsch, und verspricht der Metaphysik in
ihrem ersten Teile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt,
davon die korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung jenen
angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer
Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die
Möglichkeit einer Erkenntnis a priori ganz wohl erklären, und, was noch
mehr ist, die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe der
Gegenstände der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren genugtuenden
Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart
unmöglich war. Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion unseres

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Vermögens a priori zu erkennen, im ersten Teile der Metaphysik ein
befremdliches und dem ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Teil
beschäftigt, dem Anscheine nach sehr nachteiliges Resultat, nämlich daß
wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen
können, welches doch gerade die wesentlichste Angelegenheit dieser
Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe
der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer
Vernunfterkenntnis a priori, daß sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe,
die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns
unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns notwendig über die Grenze der
Erfahrung und aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, ist das
Unbedingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig
und mit allem Recht zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der
Bedingungen als vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man annimmt,
unsere Erfahrungserkenntnis richte sich nach den Gegenständen als Dingen
an sich selbst, daß das Unbedingte ohne Widerspruch gar nicht gedacht
werden könne; dagegen, wenn man annimmt, unsere Vorstellung der Dinge,
wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach diesen, als Dingen an
sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als Erscheinungen, richten
sich nach unserer Vorstellungsart, der Widerspruch wegfalle; und daß
folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie kennen, (sie uns
gegeben werden,) wohl aber an ihnen, sofern wir sie nicht kennen, als
Sachen an sich selbst, angetroffen werden müsse: so zeigt sich, daß, was
wir Anfangs nur zum Versuche annahmen, gegründet sei.* Nun bleibt uns
immer noch übrig, nachdem der spekulativen Vernunft alles Fortkommen in
diesem Felde des Übersinnlichen abgesprochen worden, zu versuchen, ob
sich nicht in ihrer praktischen Erkenntnis Data finden, jenen transzendenten
Vernunftbegriff des Unbedingten zu bestimmen, und auf solche Weise, dem
Wunsche der Metaphysik gemäß, über die Grenze aller möglichen
Erfahrung hinaus mit unserem, aber nur in praktischer Absicht möglichen

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Erkenntnisse a priori zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns
die spekulative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens
Platz verschafft, wenn sie ihn gleich leer lassen mußte, und es bleibt uns
also noch unbenommen, ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn
durch praktische Data derselben, wenn wir können, auszufüllen.**

* Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker,
welches sie manchmal den Versuch der Reduktion, im allgemeinen aber das
synthetische Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des
Metaphysikers schied die reine Erkenntnis a priori in zwei sehr
ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Erscheinungen, und
dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide wiederum zur
Einhelligkeit mit der notwendigen Vernunftidee des Unbedingten und
findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene
Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist.

** So verschafften die Zentralgesetze der Bewegung der Himmelskörper
dem, was Kopernikus, anfänglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte
Gewißheit und bewiesen zugleich die unsichtbare, den Weltbau verbindende
Kraft (der Newtonischen Anziehung), welche auf immer unentdeckt
geblieben wäre, wenn der erstere es nicht gewagt hätte, auf eine
widersinnische, aber doch wahre Art, die beobachteten Bewegungen nicht
in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen.
Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene, jener Hypothese
analogische, Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, ob sie
gleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer
Vorstellungen von Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des
Verstandes, nicht hypothetisch, sondern apodiktisch bewiesen wird, um nur
die ersten Versuche einer solchen Umänderung, welche allemal
hypothetisch sind, bemerklich zu machen.

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In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzuändern,
und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher
eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das
Geschäft dieses Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein Traktat
von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie
verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, sowohl in Ansehung
ihrer Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau derselben. Denn das
hat die reine, spekulative Vernunft Eigentümliches an sich, daß sie ihr eigen
Vermögen, nach Verschiedenheit der Art, wie sie sich Objekte zum Denken
wählt, ausmessen, und auch selbst die mancherlei Arten, sich Aufgaben
vorzulegen, vollständig vorzählen, und so den ganzen Vorriß zu einem
System der Metaphysik verzeichnen kann und soll; weil, was das erste
betrifft, in der Erkenntnis a priori den Objekten nichts beigelegt werden
kann, als was das denkende Subjekt aus sich selbst hernimmt, und, was das
zweite anlangt, sie in Ansehung der Erkenntnisprinzipien eine ganz
abgesonderte, für sich bestehende Einheit ist, in welcher ein jedes Glied,
wie in einem organisierten Körper, um aller anderen und alle um eines
willen da sind, und kein Prinzip mit Sicherheit in einer Beziehung
genommen werden kann, ohne es zugleich in der durchgängigen Beziehung
zum ganzen reinen Vernunftgebrauch untersucht zu haben. Dafür aber hat
auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen
Vernunftwissenschaft, die es mit Objekten zu tun hat (denn die Logik
beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt), zuteil werden
kann, daß, wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer
Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie gehörigen
Erkenntnisse völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die
Nachwelt, als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl, zum Gebrauche
niederlegen kann, weil sie es bloß mit Prinzipien und den Einschränkungen
ihres Gebrauchs zu tun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu
dieser Vollständigkeit ist sie daher, als Grundwissenschaft, auch verbunden,

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und von ihr muß gesagt werden können: nil actum reputam, si quid
superesset agendum 1).

1. "Sie hält noch nichts für erledigt, so lange noch etwas zu tun übrig ist."

Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der
Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch
aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu
hinterlassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses
Werkes wahrzunehmen glauben, daß der Nutzen davon doch nur negativ
sei, uns nämlich mit der spekulativen Vernunft niemals über die
Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen, und das ist auch in der Tat ihr erster
Nutzen. Dieser aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, daß die
Grundsätze, mit denen sich spekulative Vernunft über ihre Grenze
hinauswagt, in der Tat nicht Erweiterung, sondern, wenn man sie näher
betrachtet, Verengung unseres Vernunftgebrauchs zum unausbleiblichen
Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie
eigentlich gehören, über alles zu erweitern und so den reinen (praktischen)
Vernunftgebrauch gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche
die erstere einschränkt, sofern zwar negativ, aber, indem sie dadurch
zugleich ein Hindernis, welches den letzteren Gebrauch einschränkt oder
gar zu vernichten droht, aufhebt, in der Tat von positivem und sehr
wichtigem Nutzen, sobald man überzeugt wird, daß es einen
schlechterdings notwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vernunft
(den moralischen) gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die
Grenzen der Sinnlichkeit erweitert, dazu sie zwar von der spekulativen
keiner Beihilfe bedarf, dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert
sein muß, um nicht in Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Diesem
Dienste der Kritik den positiven Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel,
als sagen, daß Polizei keinen positiven Nutzen schaffe, weil ihr
Hauptgeschäft doch nur ist, der Gewalttätigkeit, welche Bürger von

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Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel vorzuschieben, damit ein jeder
seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben könne. Daß Raum und Zeit
nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz
der Dinge als Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandesbegriffe,
mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als sofern
diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann,
folglich wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, nur sofern es
Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d.i. als Erscheinung, Erkenntnis
haben können, wird im analytischen Teile der Kritik bewiesen; woraus denn
freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der
Vernunft auf bloße Gegenstände der Erfahrung folgt. Gleichwohl wird,
welches wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir
eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich
nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können*. Denn sonst
würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas
wäre, was da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik
notwendiggemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der
Erfahrung, von eben denselben, als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht
gemacht, so mußte der Grundsatz der Kausalität und mithin der
Naturmechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen
überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also,
z.B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei
frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d.i.
nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten; weil ich die
Seele in beiden Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding
überhaupt (als Sache an dich selbst) genommen habe, und, ohne
vorhergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die
Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen
lehrt, nämlich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die
Deduktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz

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der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie
Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der
zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe Wille
in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze
notwendig gemäß und sofern nicht frei, und doch andererseits, als einem
Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei
gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun gleich
meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch keine spekulative
Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), mithin auch nicht
die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der
Sinnenwelt zuschreibe, erkennen kann, darum weil ich ein solches seiner
Existenz nach, und doch nicht in der Zeit, bestimmt erkennen müßte,
(welches, weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann,
unmöglich ist), so kann ich mir doch die Freiheit denken, d.i. die
Vorstellung davon enthält wenigstens keinen Widerspruch in sich, wenn
unsere kritische Unterscheidung beider (der sinnlichen und intellektuellen)
Vorstellungsarten und die davon herrührende Einschränkung der reinen
Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen fließenden Grundsätze, statt
hat. Gesetzt nun, die Moral setze notwendig Freiheit (im strengsten Sinne)
als Eigenschaft unseres Willens voraus, indem sie praktische in unserer
Vernunft liegende ursprüngliche Grundsätze als Data derselben a priori
anführt, die ohne Voraussetzung der Freiheit schlechterdings unmöglich
wären, die spekulative Vernunft aber hätte bewiesen, daß diese sich gar
nicht denken lasse, so muß notwendig jene Voraussetzung, nämlich die
moralische, derjenigen weichen, deren Gegenteil einen offenbaren
Widerspruch enthält, folglich Freiheit und mit ihr Sittlichkeit (denn deren
Gegenteil enthält keinen Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit
vorausgesetzt wird,) dem Naturmechanismus den Platz einräumen. So aber,
da ich zur Moral nichts weiter brauche, als daß Freiheit sich nur nicht selbst
widerspreche, und sich also doch wenigstem denken lasse, ohne nötig zu

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haben, sie weiter einzusehen, daß sie also dem Naturmechanismus eben
derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis
in den Weg lege: so behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz, und die
Naturlehre auch den ihrigen, welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn
nicht Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in
Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt, und alles, was wir theoretisch
erkennen können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese
Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft
läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen Natur
unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich kann
also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des notwendigen
praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich
nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher
Einsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher
Grundsätze bedienen muß, die, indem sie in der Tag bloß auf Gegenstände
möglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwohl auf das angewandt
werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich dieses
jederzeit in Erscheinung verwandeln, und so alle praktische Erweiterung
der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich mußte also das Wissen
aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der
Metaphysik, d.i. das Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft
fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden
Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist. - Wem es also mit einer
nach Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefaßten systematischen
Metaphysik eben nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft ein
Vermächtnis zu hinterlassen, so ist dies kein für gering zu achtendes
Geschenk; man mag nun bloß auf die Kultur der Vernunft durch den
sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt, in Vergleichung mit dem
grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne Kritik
sehen, oder auch auf bessere Zeitanwendung einer wißbegierigen Jugend,

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die beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viele Aufmunterung
bekommt, über Dinge, davon sie nichts versteht, und darin sie, so wie
niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem zu vernünfteln,
oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen, und so
die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verabsäumen; am meisten
aber, wenn man den unschätzbaren Vorteil in Anschlag bringt, allen
Einwürfen wider Sittlichkeit und Religion auf sokratische Art, nämlich
durch den klarsten Beweis der Unwissenheit der Gegner, auf alle künftige
Zeit ein Ende zu machen. Denn irgend eine Metaphysik ist immer in der
Welt gewesen, und wird auch wohl ferner, mit ihr aber auch eine Dialektik
der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist, darin anzutreffen sein. Es ist
also die erste und wichtigste Angelegenheit der Philosophie, einmal für
allemal ihr dadurch, daß man die Quelle der Irrtümer verstopft, allen
nachteiligen Einfluß zu benehmen.

* Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine
Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner
Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken
kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d.i.
wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht
stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt
korrespondiere oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber objektive
Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische)
beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht
eben nicht in theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann
auch in praktischen liegen.

Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften, und dem
Verluste, den spekulative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten Besitze
erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen
Angelegenheit, und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der

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reinen Vernunft zog, in demselben vorteilhaften Zustande, als es jemalen
war, und der Verlust trifft nur das Monopol der Schulen, keineswegs aber
das Interesse der Menschen. Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker, ob
der Beweis von der Fortdauer unserer Seele nach dem Tode aus der
Einfachheit der Substanz, ob der von der Freiheit des Willens gegen den
allgemeinen Mechanismus durch die subtilen, obzwar ohnmächtigen
Unterscheidungen subjektiver und objektiver praktischer Notwendigkeit,
oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriffe eines allerrealsten
Wesens, (der Zufälligkeit des Veränderlichen, und der Notwendigkeit eines
ersten Bewegers,) nachdem sie von den Schulen ausgingen, jemals haben
bis zum Publikum gelangen und auf dessen Überzeugung den mindesten
Einfluß haben können? Ist dieses nun nicht geschehen, und kann es auch,
wegen der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler
Spekulation, niemals erwartet werden; hat vielmehr, was das erstere betrifft,
die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche
(als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich) nie zufrieden
gestellt werden zu können, die Hoffnung eines künftigen Lebens, in
Ansehung des zweiten die bloße klare Darstellung der Pflichten im
Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das Bewußtsein der Freiheit,
und endlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung, Schönheit und
Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein den Glauben an
einen weisen und großen Welturheber, die sich aufs Publikum verbreitende
Überzeugung, sofern sie auf Vernunftgründen beruht, ganz allein bewirken
müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz ungestört, sondern er gewinnt
vielmehr dadurch noch an Ansehen, daß die Schulen nunmehr belehrt
werden, sich keine höhere und ausgebreitetere Einsicht in einem Punkte
anzumaßen, der die allgemeine menschliche Angelegenheit betrifft, als
diejenige ist, zu der die große (für uns achtungswürdigste) Menge auch
eben so leicht gelangen kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein
faßlichen und in moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein

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einzuschränken. Die Veränderung betrifft also bloß die arroganten
Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Recht in vielen
anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher
Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den
Gebrauch mitteilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten (quod
mecum nescit, solus vult scire videri). Gleichwohl ist doch auch für einen
billigeren Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt immer
ausschließlich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen
nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann
niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig, es zu sein; weil, so
wenig dem Volke die fein gesponnenen Argumente für nützliche Wahrheiten
in den Kopf wollen, ebensowenig kommen ihm auch die eben so subtilen
Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil die Schule, so wie
jeder sich zur Spekulation erhebende Mensch, unvermeidlich in beide gerät,
jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung der Rechte der
spekulativen Vernunft einmal für allemal dem Skandal vorzubeugen, das
über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstoßen muß,
in welche sich Metaphysiker (und als solche endlich auch wohl Geistliche)
ohne Kritik unausbleiblich verwickeln, und die selbst nachher ihre Lehren
verfälschen. Durch diese kann nun allein dem Materialismus, Fatalismus,
Atheismus, dem freigeisterischen Unglauben, der Schwärmerei und
Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem
Idealismus und Skeptizismus, die mehr den Schulen gefährlich sind und
schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst die Wurzel
abgeschnitten werden. Wenn Regierungen sich ja mit Angelegenheiten der
Gelehrten zu befassen gut finden, so würde es ihrer weisen Fürsorge für
Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer sein, die Freiheit einer
solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die Vernunftbearbeitungen allein
auf einen festen Fuß gebracht werden können, als den lächerlichen
Despotismus der Schulen zu unterstützen, welche über öffentliche Gefahr

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ein lautes Geschrei erheben, wenn man ihre Spinneweben zerreißt, von
denen doch das Publikum niemals Notiz genommen hat, und deren Verlust
es also auch nie fühlen kann.

Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft in ihrem
reinen Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt, (denn diese muß
jederzeit dogmatisch, d.i. aus sicheren Prinzipien a priori strenge beweisend
sein,) sondern dem Dogmatismus, d.i. der Anmaßung, mit einer reinen
Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen), nach Prinzipien, so wie sie
die Vernunft längst im Gebrauche hat, ohne Erkundigung der Art und des
Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen. Dogmatismus ist
also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft, ohne vorangehende
Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung soll daher nicht der
geschwätzigen Seichtigkeit, unter dem angemaßten Namen der Popularität,
oder wohl gar dem Skeptizismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen
Prozeß macht, das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die notwendige
vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen Metaphysik als
Wissenschaft, die notwendig dogmatisch und nach der strengsten Forderung
systematisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt werden muß;
denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, gänzlich a priori,
mithin zu völliger Befriedigung der spekulativen Vernunft ihr Geschäft
auszuführen, ist unnachläßlich. In der Ausführung also des Plans, den die
Kritik vorschreibt, d.i. im künftigen System der Metaphysik, müssen wir
dereinst der strengen Methode des berühmten Wolf, des größten unter allen
dogmatischen Philosophen, folgen, der zuerst das Beispiel gab, (und durch
dies Beispiel der Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der
Gründlichkeit in Deutschland wurde,) wie durch gesetzmäßige Feststellung
der Prinzipien, deutliche Bestimmung der Begriffe, versuchte Strenge der
Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer
Wissenschaft zu nehmen sei, der auch eben darum eine solche, als
Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen vorzüglich geschickt war,

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wenn es ihm beigefallen wäre, durch Kritik des Organs, nämlich der reinen
Vernunft selbst, sich das Feld vorher zu bereiten: ein Mangel, der nicht
sowohl ihm, als vielmehr der dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters
beizumessen ist, und darüber die Philosophen seiner sowohl, als aller
vorigen Zeiten einander nichts vorzuwerfen haben. Diejenigen, welche
seine Lehrart und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen
Vernunft verwerfen, können nichts anderes im Sinne haben, als die Fesseln
der Wissenschaft gar abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewißheit in Meinung
und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln.

Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich, wie billig, die Gelegenheit
derselben nicht vorbei lassen wollen, um den Schwierigkeiten und der
Dunkelheit so viel möglich abzuhelfen, woraus manche Mißdeutungen
entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern, vielleicht nicht
ohne meine Schuld, in der Beurteilung dieses Buchs aufgestoßen sind. In
den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, imgleichen der Form sowohl
als der Vollständigkeit des Plans, habe ich nichts zu ändern gefunden;
welches teils der langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte, ehe ich es
dem Publikum vorlegte, teils der Beschaffenheit der Sache selbst, nämlich
der Natur einer reinen spekulativen Vernunft, beizumessen ist, die einen
wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines
willen und ein jedes Einzelne um aller willen, mithin jede noch so kleine
Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrtum) oder Mangel, sich im Gebrauche
unausbleiblich verraten muß. In dieser Unveränderlichkeit wird sich dieses
System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel,
sondern bloß die Evidenz, welche das Experiment der Gleichheit des
Resultats, im Ausgange von den mindesten Elementen bis zum Ganzen der
reinen Vernunft, und im Rückgange vom Ganzen (denn auch dieses ist für
sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben) zu jedem
Teile bewirkt, indem der Versuch, auch nur den kleinsten Teil abzuändern,
sofort Widersprüche, nicht bloß des Systems, sondern der allgemeinen

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Menschenvernunft herbeiführt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein
in der Darstellung ist noch viel zu tun, und hierin habe ich mit dieser
Auflage Verbesserungen versucht, welche teils dem Mißverstande der
Ästhetik, vornehmlich dem im Begriffe der Zeit, teils der Dunkelheit der
Deduktion der Verstandesbegriffe, teils dem vermeintlichen Mangel einer
genügsamen Evidenz in den Beweisen der Grundsätze des reinen
Verstandes, teils endlich der Mißdeutung der der rationalen Psychologie
vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hierher (nämlich nur bis zu
Ende des ersten Hauptstücks der transzendentalen Dialektik) und weiter
nicht erstrecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart*, weil die
Zeit zu kurz und mir in Ansehung des übrigen auch kein Mißverstand
sachkundiger und unparteiischer Prüfer vorgekommen war, welche, auch
ohne daß ich sie mit dem ihnen gebührenden Lobe nennen darf, die
Rücksicht, die ich auf ihre Erinnerungen genommen habe, schon von selbst
an ihren Stellen antreffen werden. Mit dieser Verbesserung aber ist ein
kleiner Verlust für den Leser verbunden, der nicht zu verhüten war, ohne
das Buch gar zu voluminös zu machen, nämlich, daß verschiedenes, was
zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit des Ganzen gehört, mancher
Leser aber doch ungern missen möchte, indem es sonst in anderer Absicht
brauchbar sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden
müssen, um meiner, wie ich hoffe, jetzt faßlicheren Darstellung Platz zu
machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer
Beweisgründe, schlechterdings nichts verändert, aber doch in der Methode
des Vortrags hin und wieder so von der vorigen abgeht, daß sie durch
Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ. Dieser kleine Verlust, der
ohnedem, nach jedes Belieben, durch Vergleichung mit der ersten Auflage
ersetzt werden kann, wird durch die größere Faßlichkeit, wie ich hoffe,
überwiegend ersetzt. Ich habe in verschiedenen öffentlichen Schriften (teils
bei Gelegenheit der Rezension mancher Bücher, teils in besonderen
Abhandlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen, daß der Geist

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der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben, sondern nur durch den
Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken auf kurze Zeit
überschrieen worden, und daß die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer
schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und daher
höchstnotwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, mutige und
helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu bemeistern. Diesen
verdienten Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent
einer lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so
glücklich verbinden, überlasse ich meine in Ansehung der letzteren hin und
wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu vollenden, denn widerlegt zu
werden ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber nicht verstanden zu
werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten von nun an nicht
einlassen, ob ich zwar auf alle Winke, es sei von Freunden oder Gegnern,
sorgfältig achten werde, um sie in der künftigen Ausführung des Systems
dieser Propädeutik gemäß zu benutzen. Da ich während dieser Arbeiten
schon ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in diesem Monat ins
vierundsechzigste Jahr,) so muß ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik
der Natur sowohl als der Sitten, als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik
der spekulativen sowohl als praktischen Vernunft, zu liefern, ausführen will,
mit der Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowohl der in diesem
Werke anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten, als die Verteidigung den
Ganzen von den verdienten Männern, die es sich zu eigen gemacht haben,
erwarten. An einzelnen Stellen läßt sich jeder philosophische Vortrag
zwacken, (denn er kann nicht so gepanzert auftreten, als der
mathematische,) indessen, daß doch der Gliederbau des Systems, als
Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste Gefahr läuft, zu dessen
Übersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit des Geistes, noch
wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust besitzen.
Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne Stellen, aus
ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander vergleicht, in jeder,

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vornehmlich als freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben, die in den
Augen dessen, der sich auf fremde Beurteilung verläßt, ein nachteiliges
Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der sich der Idee im Ganzen
bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. Indessen, wenn eine Theorie in
sich Bestand hat, so dienen Wirkung und Gegenwirkung, die ihr anfänglich
große Gefahr drohten, mit der Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten
abzuschleifen, und wenn sich Männer von Unparteilichkeit, Einsicht und
wahrer Popularität damit beschäftigen, ihr in kurzer Zeit auch die
erforderliche Eleganz zu verschaffen.

Königsberg, im Aprilmonat 1787.

* Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart, könnte ich
nur die nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des psychologischen
Idealismus, und einen strengen (wie ich glaube auch einzig möglichen)
Beweis von der objektiven Realität der äußeren Anschauung S. 273
gemacht habe. Der Idealismus mag in Ansehung der wesentlichen Zwecke
der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten werden, (das er in der Tat
nicht ist,) so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen
Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch
den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn her
haben) bloß auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemand
einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen
zu können. Weil sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile
bis zur sechsten einige Dunkelheit findet, so bitte ich diesen Period so
umzuändern: »Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung in mir
sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, die in mir angetroffen
werden können, sind Vorstellungen, und bedürfen, als solche, selbst ein von
ihnen unterschiedenes Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel
derselben, mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt
werden könne.« Man wird gegen diesen Beweis vermutlich sagen: ich bin

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mir doch nur dessen, was in mir ist, d.i. meiner Vorstellung äußerer Dinge,
unmittelbar bewußt; folglich bleibe es immer noch unausgemacht, ob etwas
ihr Korrespondierendes außer mir sei, oder nicht. Allein ich bin mir meines
Daseins in der Zeit (folglich auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser)
durch innere Erfahrung bewußt, und dieses ist mehr, als bloß mich meiner
Vorstellung bewußt zu sein, doch aber einerlei mit dem empirischen
Bewußtsein meines Daseins, welches nur durch Beziehung auf etwas, was
mit meiner Existenz verbunden, außer mir ist, bestimmbar ist. Dieses
Bewußtsein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem Bewußtsein eines
Verhältnisses zu etwas außer mir identisch verbunden, und es ist also
Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches
das Äußere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der
äußere Sinn ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas
Wirkliches außer mir, und die Realität desselben, zum Unterschiede von der
Einbildung, beruht nur darauf, daß er mit der inneren Erfahrung selbst, als
die Bedingung der Möglichkeit derselben unzertrennlich verbunden werde,
welches hier geschieht. Wenn ich mit dem intellektuellen Bewußtsein
meines Daseins, in der Vorstellung Ich bin, welche alle meine Urteile und
Verstandeshandlungen begleitet, zugleich eine Bestimmung meines Daseins
durch intellektuelle Anschauung verbinden könnte, so wäre zu derselben
das Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir nicht notwendig
gehörig. Nun aber jenes intellektuelle Bewußtsein zwar vorangeht, aber die
innere Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann,
sinnlich und an Zeitbedingung gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin
die innere Erfahrung selbst, von etwas Beharrlichem, welches in mir nicht
ist, folglich nur in etwas außer mir, wogegen ich mich in Relation
betrachten muß, abhängt: so ist die Realität des äußeren Sinnes mit der des
inneren, zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt, notwendig verbunden:
d.i. ich bin mir eben so sicher bewußt, daß es Dinge außer mir gebe, die
sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der

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Zeit bestimmt existiere. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber
wirklich Objekte außer mir korrespondieren, und die also zum äußeren
Sinne gehören, welchem sie und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben
sind, muß nach den Regeln, nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst
innere) von Einbildung unterschieden wird, in jedem besonderen Falle
ausgemacht werden, wobei der Satz: daß es wirklich äußere Erfahrung
gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung
fügen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht einerlei
mit der beharrlichen Vorstellung; denn diese kann sehr wandelbar und
wechselnd sein, wie alle unsere und selbst die Vorstellungen der Materie,
und bezieht sich doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von allen
meinen Vorstellungen unterschiedenes und äußeres Ding sein muß, dessen
Existenz in der Bestimmung meines eigenen Daseins notwendig mit
eingeschlossen wird, und mit derselben nur eine einzige Erfahrung
ausmacht, die nicht einmal innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum
Teil) zugleich äußerlich wäre. Das Wie? läßt sich hier ebensowenig weiter
erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken, dessen
Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung
hervorbringt.

Einleitung

I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis

Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein
Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung
erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne
rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere
Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu
verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu

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einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? Der
Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und
mit dieser fängt alle an.

Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so
entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es
könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein
Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und
dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke
bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem
Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf
aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.

Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und
nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein
dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne
unabhängiges Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori, und
unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori nämlich
in der Erfahrung, haben.

Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug, um den ganzen
Sinn, der vorgelegten Frage angemessen, zu bezeichnen. Denn man pflegt
wohl von mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntnis zu sagen,
daß wir ihrer a priori fähig oder teilhaftig sind, weil wir sie nicht
unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen Regel, die
wir gleichwohl selbst doch aus der Erfahrung entlehnt haben, ableiten. So
sagt man von jemand, der das Fundament seines Hauses untergrub: er
konnte es a priori wissen, daß es einfallen würde, d.i. er durfte nicht auf die
Erfahrung, daß es wirklich einfiele, warten. Allein gänzlich a priori konnte
er dieses doch auch nicht wissen. Denn daß die Körper schwer sind, und

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daher, wenn ihnen die Stütze entzogen wird, fallen, mußte ihm doch zuvor
durch Erfahrung bekannt werden.

Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht solche
verstehen, die von dieser oder jener, sondern die schlechterdings von aller
Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische Erkenntnisse, oder
solche, die nur a posteriori, d.i. durch Erfahrung, möglich sind,
entgegengesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen aber die jenigen
rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. So ist z.B. der Satz: eine
jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht rein, weil
Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden
kann.

II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und selbst der
gemeine Verstand ist niemals ohne solche

Es kommt hier auf ein Merkmal an, woran wir sicher ein reines
Erkenntnis vom empirischen unterscheiden können. Erfahrung lehrt uns
zwar, daß etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders
sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner
Notwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urteil a priori, ist er überdem
auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als ein notwendiger
Satz gültig ist, so ist er schlechterdings a priori. Zweitens: Erfahrung gibt
niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und
komparative Allgemeinheit (durch Induktion), so daß es eigentlich heißen
muß: soviel wir bisher wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder
jener Regel keine Ausnahme. Wird also ein Urteil in strengen Allgemeinheit
gedacht, d.i. so, daß gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist
es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori
gültig. Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche

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Steigerung der Gültigkeit, von der, welche in den meisten Fällen, zu der, die
in allen gilt, wie z.B. in dem Satze: alle Körper sind schwer; wo dagegen
strenge Allgemeinheit zu einem Urteile wesentlich gehört, da zeigt diese auf
einen besonderen Erkenntnisquell desselben, nämlich ein Vermögen des
Erkenntnisses a priori. Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit sind also
sichere Kennzeichen einer Erkenntnis a priori, und gehören auch
unzertrennlich zueinander. Weil es aber im Gebrauche derselben bisweilen
leichter ist, die empirische Beschränktheit derselben, als die Zufälligkeit in
den Urteilen, oder es auch manchmal einleuchtender ist, die unbeschränkte
Allgemeinheit, die wir einem Urteile beilegen, als die Notwendigkeit
desselben zu zeigen, so ist es ratsam, sich gedachter beider Kriterien, deren
jedes für sich unfehlbar ist, abgesondert zu bedienen.

Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine,
mithin reine Urteile a priori, im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist
leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so darf man nur
auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen, will man ein solches aus dem
gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung
eine Ursache haben müsse, dazu dienen; ja in dem letzteren enthält selbst
der Begriff einer Ursache so offenbar den Begriff einer Notwendigkeit der
Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der
Regel, daß er gänzlich verlorengehen würde, wenn man ihn, wie Hume tat,
von einer öftern Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, was
vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, (mithin bloß
subjektiven Notwendigkeit,) Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.
Auch könnte man, ohne dergleichen Beispiele zum Beweise der
Wirklichkeit reiner Grundsätze a priori in unserem Erkenntnisse zu
bedürfen, dieser ihre Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der Erfahrung
selbst, mithin a priori dartun. Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre
Gewißheit hernehmen, wenn alle Regeln, nach denen sie fortgeht, immer
wieder empirisch, mithin zufällig wären; daher man diese schwerlich für

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erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir uns damit
begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnisvermögens als Tatsache
samt den Kennzeichen desselben dargelegt zu haben. Aber nicht bloß in
Urteilen, sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein Ursprung einiger
derselben a priori. Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles,
was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder
Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so bleibt doch der
Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) einnahm, und den
könnt ihr nicht weglassen. Ebenso, wenn ihr von eurem empirischen
Begriffe eines jeden, körperlichen oder nicht körperlichen, Objekts alle
Eigenschaften weglaßt, die euch die Erfahrung lehrt; so könnt ihr ihm doch
nicht diejenige nehmen, dadurch ihr es als Substanz oder einer Substanz
anhängend denkt, (obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung enthält, als
der eines Objekts überhaupt). Ihr müßt also, überführt durch die
Notwendigkeit, womit sich dieser Begriff euch aufdringt, gestehen, daß er
in eurem Erkenntnisvermögen a priori seinen Sitz habe.

III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit,
die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori bestimme

Was noch weit mehr sagen will als alles vorige, ist dieses, daß gewisse
Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen, und
durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der
Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle
Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben.

Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die
Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch
Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die
wir, der Wichtigkeit nach, für weit vorzüglicher, und ihre Endabsicht für

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viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im Felde der
Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr zu irren, eher
alles wagen, als daß wir so angelegene Untersuchungen aus irgendeinem
Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung und Gleichgültigkeit
aufgeben sollten. Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vernunft
selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft aber, deren
Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die Auflösung
derselben gerichtet ist, heißt Metaphysik, deren Verfahren im Anfange
dogmatisch ist, d.i. ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder
Unvermögens der Vernunft zu einer so großen Unternehmung
zuversichtlich die Ausführung übernimmt.

Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung
verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne zu
wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man
nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung
desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, daß
man also vielmehr die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie denn
der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und
welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. In der Tat ist auch
nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte natürlich das versteht, was
billiger- und vernünftigerweise geschehen sollte; versteht man aber darunter
das, was gewöhnlichermaßen geschieht, so ist hinwiederum nichts
natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung lange unterbleiben
mußte. Denn ein Teil dieser Erkenntnisse, als die mathematischen, ist im
alten Besitze der Zuverlässigkeit, und gibt dadurch eine günstige Erwartung
auch für andere, ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen.
Überdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man
sicher, durch Erfahrung nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine
Erkenntnisse zu erweitern, ist so groß, daß man nur durch einen klaren
Widerspruch, auf den man stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden

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kann. Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen
nur behutsam macht, ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben.
Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es,
unabhängig von der Erfahrung, in der Erkenntnis a priori bringen können.
Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloß so
weit, als sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser
Umstand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori
gegeben werden kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum
unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der
Vernunft eingenommen, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die
leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie
fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel
l besser gelingen werde. Ebenso verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem
Verstande so enge Schranken setzt, und wagte sich jenseit derselben, auf
den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er
bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne,
denn er hatte keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich
steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von
der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der
menschlichen Vernunft in der Spekulation, ihr Gebäude so früh, wie
möglich, fertigzumachen, und hintennach allererst zu untersuchen, ob auch
der Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber werden allerlei
Beschönigungen herbeigesucht, um uns wegen dessen Tüchtigkeit zu
trösten, oder auch eine solche späte und gefährliche Prüfung lieber gar
abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen von aller Besorgnis und
Verdacht frei hält, und mit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt, ist
dieses. Ein großer Teil, und vielleicht der größte, von dem Geschäfte
unserer Vernunft, besteht in Zergliederungen der Begriffe, die wir schon
von Gegenständen haben. Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen,
die, ob sie gleich nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen

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desjenigen sind, was in unsern Begriffen (wiewohl noch auf verworrene
Art) schon gedacht worden, doch wenigstens der Form nach neuen
Einsichten gleich geschätzt werden, wiewohl sie der Materie, oder dem
Inhalte nach die Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur
auseinander setzen. Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis a
priori gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die
Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung
Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen
Begriffen ganz fremde und zwar a priori hinzutut, ohne daß man weiß, wie
sie dazu gelangen und ohne sich eine solche Frage auch nur in die
Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem
Unterschiede dieser zweifachen Erkenntnisart handeln.

IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile

In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge, denn auf die
verneinenden ist nachher die Anwendung leicht,) ist dieses Verhältnis auf
zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als
etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B
liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung
steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also diejenigen, in
welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekt durch Identität,
diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne Identität gedacht wird,
sollen synthetische Urteile heißen. Die ersteren könnte man auch
Erläuterungs-, die andern Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das
Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts hinzutun, sondern diesen nur
durch Zergliederung in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigen schon
(obgleich verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem

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Begriffe des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht
gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können
herausgezogen werden. Z.B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, so
ist dies ein analytisch Urteil. Denn ich darf nicht über den Begriff, den ich
mit dem Körper verbinde, hinausgehen, um die Ausdehnung, als mit
demselben verknüpft, zu finden, sondern jenen Begriff nur zergliedern, d.i.
des Mannigfaltigen, welches ich jederzeit in ihm denke, mir nur bewußt
werden, um dieses Prädikat darin anzutreffen; es ist also ein analytisches
Urteil. Dagegen, wenn ich sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädikat
etwas ganz anderes, als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers
überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen Prädikats gibt also ein
synthetisch Urteil.

Erfahrungsurteile, als solche, sind insgesamt synthetisch. Denn es wäre
ungereimt, ein analytisches Urteil auf Erfahrung zu gründen, weil ich aus
meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf, um das Urteil abzufassen, und
also kein Zeugnis der Erfahrung dazu nötig habe. Daß ein Körper
ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori feststeht, und kein Erfahrungsurteil.
Denn, ehe ich zur Erfahrung gehe, habe ich alle Bedingungen zu meinem
Urteile schon in dem Begriffe, aus welchem ich das Prädikat nach dem
Satze des Widerspruchs nur herausziehen, und dadurch zugleich der
Notwendigkeit des Urteils bewußt werden kann, welche mir Erfahrung
nicht einmal lehren würde. Dagegen, ob ich schon in dem Begriff eines
Körpers überhaupt das Prädikat der Schwere gar nicht einschließe, so
bezeichnet jener doch einen Gegenstand der Erfahrung durch einen Teil
derselben, zu welchem ich also noch andere Teile eben derselben
Erfahrung, als zu dem ersteren gehörten, hinzufügen kann. Ich kann den
Begriff des Körpers vorher analytisch durch die Merkmale der Ausdehnung,
der Undurchdringlichkeit, der Gestalt usw., die alle in diesem Begriffe
gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine Erkenntnis, und,
indem ich auf die Erfahrung zurücksehe, von welcher ich diesen Begriff des

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Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch die
Schwere jederzeit verknüpft, und füge also diese als Prädikat zu jenem
Begriffe synthetisch hinzu. Es ist also die Erfahrung, worauf sich die
Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere mit dem Begriffe des
Körpers gründet, weil beide Begriffe, ob zwar einer nicht in dem anderen
enthalten ist, dennoch als Teile eines Ganzen, nämlich der Erfahrung, die
selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen ist, zueinander,
wiewohl nur zufälligerweise, gehören.

Aber bei synthetischen Urteilen a priori fehlt dieses Hilfsmittel ganz und
gar. Wenn ich über den Begriff A hinausgehen soll, um einen andern B als
damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich mich stütze, und
wodurch die Synthesis möglich wird? da ich hier den Vorteil nicht habe,
mich im Felde der Erfahrung danach umzusehen. Man nehme den Satz:
Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff von etwas, das
geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht
usw. und daraus lassen sich analytische Urteile ziehen. Aber der Begriff
einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriffe, und zeigt etwas von dem,
was geschieht, Verschiedenes an, ist also in dieser letzteren Vorstellung gar
nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem, was überhaupt
geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der
Ursache, obzwar in jenem nicht enthalten, dennoch, als dazu und sogar
notwendig gehörig, zu erkennen. Was ist hier das Unbekannte = X, worauf
sich der Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben
fremdes Prädikat B aufzufinden glaubt, welches er gleichwohl damit
verknüpft zu sein erachtet? Erfahrung kann es nicht sein, weil der
angeführte Grundsatz nicht allein mit größerer Allgemeinheit, sondern auch
mit dem Ausdruck der Notwendigkeit, mithin gänzlich a priori und aus
bloßen Begriffen, diese zweite Vorstellungen zu der ersteren hinzugefügt.
Nun beruht auf solchen synthetischen d.i. Erweiterungs-Grundsätzen die
ganze Endabsicht unserer spekulativen Erkenntnis a priori; denn die

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analytischen sind zwar höchst wichtig und nötig, aber nur um zu derjenigen
Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen, die zu einer sicheren und
ausgebreiteten Synthesis, als zu einem wirklich neuen Erwerb, erforderlich
ist.

V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische
Urteile a priori als Prinzipien enthalten

1. Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch. Dieser Satz scheint
den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher
entgangen, ja allen ihren Vermutungen gerade entgegengesetzt zu sein, ob
er gleich unwidersprechlich gewiß und in der Folge sehr wichtig ist. Denn
weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker alle nach dem Satze des
Widerspruchs fortgehen, (welches die Natur einer jeden apodiktischen
Gewißheit erfordert,) so überredet man sich, daß auch die Grundsätze aus
dem Satze des Widerspruchs erkannt würden; worin sie sich irrten; denn ein
synthetischer Satz kann allerdings nach dem Satze des Widerspruchs
eingesehen werden, aber nur so, daß ein anderer synthetischen Satz
vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden kann, niemals aber an sich
selbst.

Zuvörderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathematische Sätze
jederzeit Urteile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Notwendigkeit
bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann.
Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schränke ich meinen Satz
auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon mit sich bringt, daß sie
nicht empirische, sondern bloß reine Erkenntnis a priori enthalte.

Man sollte anfänglich zwar denken: daß der Satz 7 + 5 = 12 ein bloß
analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben und

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Fünf nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein, wenn man es näher
betrachtet, so findet man, daß der Begriff der Summe von 7 und 5 nichts
weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine einzige, wodurch
ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese einzige Zahl sei, die beide
zusammenfaßt. Der Begriff von Zwölf ist keineswegs dadurch schon
gedacht, daß ich mir bloß jene Vereinigung von Sieben und Fünf denke,
und, ich mag meinen Begriff von einer solchen möglichen Summe noch
solange zergliedern, so werde ich doch darin die Zwölf nicht antreffen. Man
muß über diese Begriffe hinausgehen, indem man die Anschauung zu Hilfe
nimmt, die einem von beiden korrespondiert, etwa seine fünf Finger, oder
(wie Segner in seiner Arithmetik) fünf Punkte, und so nach und nach die
Einheiten der in der Anschauung gegebenen Fünf zu dem Begriffe der
Sieben hinzutut. Denn ich nehme zuerst die Zahl 7, und, indem ich für den
Begriff der 5 die Finger meiner Hand als Anschauung zu Hilfe nehme, so
tue ich die Einheiten, die ich vorher zusammennahm, um die Zahl 5
auszumachen, nun an jenem meinem Bilde nach und nach zur Zahl 7, und
sehe so die Zahl 12 entspringen. Daß 7 zu 5 hinzugetan werden sollten,
habe ich zwar in dem Begriffe einer Summe = 7 + 5 gedacht, aber nicht,
daß diese Summe der Zahl 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also
jederzeit synthetisch; welches man desto deutlicher inne wird, wenn man
etwas größere Zahlen nimmt, da es dann klar einleuchtet, daß, wir möchten
unsere Begriffe drehen und wenden, wie wir wollen, wir, ohne die
Anschauung zu Hilfe zu nehmen, vermittels der bloßen Zergliederung
unserer Begriffe die Summe niemals finden könnten.

Ebensowenig ist irgendein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch.
Daß die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sei, ist ein
synthetischen Satz. Denn mein Begriff vom Geraden enthält nichts von
Größe, sondern nur eine Qualität. Der Begriff des Kürzesten kommt also
gänzlich hinzu, und kann durch keine Zergliederung aus dem Begriffe der

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geraden Linie gezogen werden. Anschauung muß also hier zu Hilfe
genommen werden, vermittels deren allein die Synthesis möglich ist.

Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraussetzen, sind zwar
wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs, sie
dienen aber auch nur, wie identische Sätze, zur Kette der Methode und nicht
als Prinzipien, z.B. a = a, das Ganze ist sich selber gleich, oder (a + b) > a,
d.i. das Ganze ist größer als sein Teil. Und doch auch diese selbst, ob sie
gleich nach bloßen Begriffen gelten, werden in der Mathematik nur darum
zugelassen, weil sie in der Anschauung können dargestellt werden. Was uns
hier gemeiniglich glauben macht, als läge das Prädikat solcher
apodiktischen Urteile schon in unserm Begriffe, und das Urteil sei also
analytisch, ist bloß die Zweideutigkeit des Ausdrucks. Wir sollen nämlich
zu einem gegebenen Begriffe ein gewisses Prädikat hinzudenken, und diese
Notwendigkeit haftet schon an den Begriffen. Aber die Frage ist nicht, was
wir zu dem gegebenen Begriffe hinzudenken sollen, sondern was wir
wirklich in ihm, obzwar nur dunkel, denken, und da zeigt sich, daß das
Prädikat jenen Begriffen zwar notwendig, aber nicht als im Begriffe selbst
gedacht, sondern vermittels einer Anschauung, die zu dem Begriffe
hinzukommen muß, anhänge.

2. Naturwissenschaft (Physica) enthält synthetische Urteile a priori als
Prinzipien in sich. Ich will nur ein paar Sätze zum Beispiel anführen, als
den Satz: daß in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität
der Materie unverändert bleibe, oder daß, in aller Mitteilung der Bewegung,
Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander gleich sein müssen. An
beiden ist nicht allein die Notwendigkeit, mithin ihr Ursprung a priori,
sondern auch, daß sie synthetische Sätze sind, klar. Denn in dem Begriffe
der Materie denke ich mir nicht die Beharrlichkeit, sondern bloß ihre
Gegenwart im Raume durch die Erfüllung desselben. Also gehe ich wirklich
über den Begriff von der- Materie hinaus, um etwas a priori zu ihm

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hinzuzudenken, was ich in ihm nicht dachte. Der Satz ist also nicht
analytisch, sondern synthetisch und dennoch a priori gedacht, und so in den
übrigen Sätzen des reinen Teils der Naturwissenschaft.

3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher bloß
versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft
unentbehrliche Wissenschaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse a
priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu tun, Begriffe, die wir
uns a priori von Dingen machen, bloß zu zergliedern und dadurch
analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere Erkenntnis a priori
erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die über den
gegebenen Begriff etwas hinzutun, was in ihm nicht enthalten war, und
durch synthetische Urteile a priori wohl gar so weit hinausgehen, daß uns
die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann, z.B. in dem Satze: die Welt
muß einen ersten Anfang haben, u. a. m. und so besteht Metaphysik
wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen Sätzen a priori.

VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft

Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von
Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann.
Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein selbst sein eigenes
Geschält, indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem
anderen, der es prüfen will, das Urteil, ob wir unserem Vorhaben ein
Genüge getan haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen
Vernunft ist nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urteile
a priori möglich?

Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der
Ungewißheit und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache

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zuzuschreiben, daß man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den
Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile nicht früher in
Gedanken kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem
genugtuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen
verlangt, in der Tat gar nicht stattfinde, beruht nun das Stehen und Fallen
der Metaphysik. David Hume, der dieser Aufgabe unter allen Philosophen
noch am nächsten trat, sie aber sich bei weitem nicht bestimmt genug und
in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bei dem synthetischen Satze der
Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen (Principium causalitatis)
stehen blieb, glaubte herauszubringen, daß ein solcher Satz a priori gänzlich
unmöglich sei, und nach seinen Schlüssen würde alles, was wir Metaphysik
nennen, auf einen bloßen Wahn von vermeinter Vernunfteinsicht dessen
hinauslaufen, was in der Tat bloß aus der Erfahrung erborgt und durch
Gewohnheit den Schein der Notwendigkeit überkommen hat; auf welche,
alle reine Philosophie zerstörende, Behauptung er niemals gefallen wäre,
wenn er unsere Aufgabe in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da
er dann eingesehen haben würde, daß, nach seinem Argumente, es auch
keine reine Mathematik geben könnte, weil diese gewiß synthetische Sätze
a priori enthält, vor welcher Behauptung ihn alsdann sein guter Verstand
wohl würde bewahrt haben.

In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit
des reinen Vernunftgebrauches in Gründung und Ausführung aller
Wissenschaften, die eine theoretische Erkenntnis a priori von
Gegenständen enthalten, mit begriffen, d.i. die Beantwortung der
Fragen:

Wie ist reine Mathematik möglich?
Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

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Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun
wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein
müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen*. Was aber Metaphysik
betrifft, so muß ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil man von keiner
einzigen bisher vorgetragenen, was ihren wesentlichen Zweck angeht, sagen
kann, sie sei wirklich vorhanden, einen jeden mit Grund an ihrer
Möglichkeit zweifeln lassen.

* Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher dieses letztere noch
bezweifeln. Allein man darf nur die verschiedenen Sätze, die im Anfange
der eigentlichen (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, als den von
der Beharrlichkeit derselben Quantität Materie, von der Trägheit, der
Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung usw., so wird man bald
überzeugt werden, daß sie eine physicam puram (oder rationalem)
ausmachen, die es wohl verdient, als eigene Wissenschaft, in ihrem engen
oder weiten, aber doch ganzen Umfange, abgesondert aufgestellt zu
werden.

Nun ist aber diese Art von Erkenntnis in gewissem Sinne doch auch als
gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenngleich nicht als Wissenschaft,
doch als Naturanlage (metaphysica naturalis) wirklich. Denn die
menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit des
Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfnis getrieben bis zu
solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft und
daher entlehnte Prinzipien beantwortet werden können, und so ist wirklich
in allen Menschen, sobald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation
erweitert, irgendeine Metaphysik zu aller Zeit gewesen, und wird auch
immer darin bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage:

Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich?

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d.i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwirft, und
die sie, so gut als sie kann, zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfnis
getrieben wird, aus der Natur der allgemeinen Menschenvernunft?

Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürlichen Fragen,
z.B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sei, usw. zu
beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben, so
kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d.i. dem
reinen Vernunftvermögen selbst, woraus zwar immer irgendeine
Metaphysik (es sei welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern es
muß möglich sein, mit ihr es zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen
oder Nicht-Wissen der Gegenstände, d.i. entweder der Entscheidung über
die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen und Unvermögen
der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urteilen, also entweder unsere
reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder ihr bestimmte und
sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen
allgemeinen Aufgabe fließt, würde mit Recht diese sein: Wie ist Metaphysik
als Wissenschaft möglich?

Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt notwendig zur Wissenschaft;
der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose
Behauptungen, denen man ebenso scheinbare entgegensetzen kann, mithin
zum Skeptizismus.

Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer abschreckender
Weitläufigkeit sein, weil sie es nicht mit Objekten der Vernunft, deren
Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern es bloß mit sich selbst, mit
Aufgaben, die ganz aus ihrem Schoße entspringen, und ihr nicht durch die
Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigene
vorgelegt sind, zu tun hat; da es denn, wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen
in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Erfahrung vorkommen mögen,

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vollständig hat kennenlernen, leicht werden muß, den Umfang und die
Grenzen ihres über alle Erfahrungsgrenzen versuchten Gebrauchs
vollständig und sicher zu bestimmen.

Man kann also und muß alle bisher gemachten Versuche, eine
Metaphysik dogmatisch zustande zu bringen, als ungeschehen ansehen;
denn was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlich bloße
Zergliederung der Begriffe ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist
noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der
eigentlichen Metaphysik, nämlich seine Erkenntnis a priori synthetisch zu
erweitern, und ist zu diesem untauglich, weil sie bloß zeigt, was in diesen
Begriffen enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori zu solchen Begriffen
gelangen, um danach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der
Gegenstände aller Erkenntnis überhaupt bestimmen zu können. Es gehört
auch nur wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben,
da die nicht abzuleugnenden und im dogmatischen Verfahren auch
unvermeidlichen Widersprüche der Vernunft mit sich selbst jede bisherige
Metaphysik schon längst um ihr Ansehen gebracht haben. Mehr
Standhaftigkeit wird dazu nötig sein, sich durch die Schwierigkeit innerlich
und den Widerstand äußerlich nicht abhalten zu lassen, eine der
menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft, von der man wohl
jeden hervorgeschossenen Stamm abhauen, die Wurzel aber nicht ausrotten
kann, durch eine andere, der bisherigen ganz entgegengesetzte, Behandlung
endlich einmal zu einem gedeihlichen und fruchtbaren Wuchse zu
befördern.

VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem
Namen der Kritik der reinen Vernunft

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Aus diesem allein ergibt sich nun die Idee einer besonderen
Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernunft heißen kann. Denn ist Vernunft
das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand
gibt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien, etwas
schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft
würde ein Inbegriff derjenigen Prinzipien sein, nach denen alle reinen
Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zustande gebracht
werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon würde ein
System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel verlangt
ist, und es noch dahin steht, ob auch hier überhaupt eine Erweiterung
unserer Erkenntnis, und in welchen Fällen sie möglich sei; so können wir
eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen
und Grenzen, als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft ansehen.
Eine solche würde nicht eine Doktrin, sondern nur Kritik der reinen
Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen würde in Ansehung der
Spekulation wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur
zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei halten,
welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle Erkenntnis
transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit
unserer Erkenntnisart von Gegenständen, insofern diese a priori möglich
sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde
Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den
Anfang noch zu viel. Denn, weil eine solche Wissenschaft sowohl die
analytische Erkenntnis, als die synthetische a priori vollständig enthalten
müßte, so ist sie, soweit es unsere Absicht betrifft, von zu weitem Umfange,
indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich
notwendig ist, um die Prinzipien der Synthesis a priori, als warum es uns
nur zu tun ist, in ihrem ganzen Umfange einzusehen. Diese Untersuchung,
die wir eigentlich nicht Doktrin, sondern nur transzendentale Kritik nennen
können, weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur

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die Berichtigung derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts
oder Unwerts aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir
uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung,
wo möglich, zu einem Organon, und wenn dieses nicht gelingen sollte,
wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst das
vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in
Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen, sowohl
analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß dieses
möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem Umfange sein
könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich schon zum voraus
daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge, welche unerschöpflich
ist, sondern der Verstand, der über die Natur der Dinge urteilt, und auch
dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkenntnis a priori, den
Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir ihn doch nicht auswärtig
suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann, und allem Vermuten nach
klein genug ist, um vollständig aufgenommen, nach seinem Werte oder
Unwerte beurteilt und unter richtige Schätzung gebracht zu werden. Noch
weniger darf man hier eine Kritik der Bücher und Systeme der reinen
Vernunft erwarten, sondern die des reinen Vernunftvermögens selbst. Nur
allein, wenn diese zum Grunde liegt, hat man einen sicheren Probierstein,
den philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu
schätzen; widrigenfalls beurteilt der unbefugte Geschichtsschreiber und
Richter grundlose Behauptungen anderer, durch seine eigenen, die ebenso
grundlos sind.

Die Transzendental-Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu die
Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d.i. aus
Prinzipien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit
und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. Sie ist das
System aller Prinzipien der reinen Vernunft. Daß diese Kritik nicht schon
selbst Transzendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie,

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um ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der
ganzen menschlichen Erkenntnis a priori enthalten müßte. Nun muß zwar
unsere Kritik allerdings auch eine vollständige Herzählung aller
Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntnis ausmachen, vor
Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Begriffe selbst, wie
auch der vollständigen Rezension der daraus abgeleiteten, enthält sie sich
billig, teils weil diese Zergliederung nicht zweckmäßig wäre, indem sie die
Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis angetroffen wird, um
deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist, teils, weil es der Einheit des
Planes zuwider wäre, sich mit der Verantwortung der Vollständigkeit einer
solchen Analysis und Ableitung zu befassen, deren man in Ansehung seiner
Absicht doch überhoben sein konnte. Diese Vollständigkeit der
Zergliederung sowohl, als der Ableitung aus den künftig zu liefernden
Begriffen a priori, ist indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als
ausführliche Prinzipien der Synthesis da sind, und in Ansehung dieser
wesentlichen Absicht nichts ermangelt.

Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die
Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee der
Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst; weil
sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurteilung der
synthetischen Erkenntnis a priori erforderlich ist.

Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen
Wissenschaft ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend
etwas Empirisches in sich enthalten; oder daß die Erkenntnis a priori völlig
rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und die
Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie doch
nicht in die Transzendental-Philosophie, weil sie die Begriffe der Lust und
Unlust, der Begierden und Neigungen usw., die insgesamt empirischen
Ursprungs sind, zwar selbst nicht zum Grunde ihrer Vorschriften legen, aber

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doch im Begriffe der Pflicht, als Hindernis, das überwunden, oder als
Anreiz, der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden soll, notwendig
in die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen
müssen. Daher ist die Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit der
reinen bloß spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern es
Triebfedern enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen
Erkenntnisquellen gehören.

Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die, welche
wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Methoden-
Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Hauptteile würde seine
Unterabteilung haben, deren Gründe sich gleichwohl hier noch nicht
vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung,
nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die
vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel
entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns
Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun
die Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die
Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, so
würde sie zur Transzendental-Philosophie gehören. Die transzendentale
Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören
müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der
menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter
welchen selbige gedacht werden.

Kritik der reinen Vernunft

I. Transzendentale Elementarlehre

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Der transzendentalen Elementarlehre
Erster Teil
Die transzendentale Ästhetik

§1

Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine
Erkenntnis auf Gegenstände beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch
sie sich auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als
Mittel abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns der
Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum, uns Menschen
wenigstens, nur dadurch möglich, daß er das Gemüt auf gewisse Weise
affiziere. Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir
von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit.
Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie
allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie
gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. Alles Denken aber muß sich, es
sei geradezu (direkte) oder im Umschweife (indirekte), vermittelst gewisser
Merkmale, zuletzt auf Anschauungen, mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit
beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden
kann.

Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern
wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung. Diejenige
Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht,
heißt empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen
Anschauung heißt Erscheinung.

In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert,
die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das
Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden
kann, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich die

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Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt werden können,
nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie
aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die Form derselben aber muß zu
ihnen insgesamt im Gemüte a priori bereitliegen und daher abgesondert von
aller Empfindung können betrachtet werden.

Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transzendentalen Verstande), in
denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach wird
die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüte a priori
angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der Erscheinungen in
gewissen Verhältnissen angeschaut wird. Diese reine Form der Sinnlichkeit
wird auch selber reine Anschauung heißen. So, wenn ich von der
Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz,
Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was davon zur Empfindung gehört, als
Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. absondere, so bleibt mir aus dieser
empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und
Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen
wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der
Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet.

Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori nenne
ich die transzendentale Ästhetik*. Es muß also eine solche Wissenschaft
geben, die den ersten Teil der transzendentalen Elementarlehre ausmacht,
im Gegensatz derjenigen, welche die Prinzipien des reinen Denkens enthält,
und transzendentale Logik genannt wird.

* Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Ästhetik
bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik des
Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die
der vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die kritische Beurteilung des
Schönen unter Vernunftprinzipien zu bringen, und die Regeln derselben zur

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Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung ist vergeblich. Denn
gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren vornehmsten Quellen nach bloß
empirisch, und können also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori
dienen, wonach sich unser Geschmacksurteil richten müßte, vielmehr macht
das letztere den eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersteren aus.
Um deswillen ist es ratsam, diese Benennung entweder wiederum eingehen
zu lassen, und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft
ist, (wodurch man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten
würde, bei denen die Einteilung der Erkenntnis in aistheta kai noeta sehr
berühmt war), oder sich in die Benennung mit der spekulativen Philosophie
zu teilen und die Ästhetik teils im transzendentalen Sinne, teils in
psychologischer Bedeutung zu nehmen.

In der transzendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit
isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was der Verstand durch seine
Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung übrigbleibe.
Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört,
abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die bloße Form der
Erscheinungen übrigbleibe, welches das einzige ist, das die Sinnlichkeit a
priori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich finden, daß es zwei
reine Formen sinnlicher Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori
gebe, nämlich Raum und Zeit, mit deren Erwägung wir uns jetzt
beschäftigen werden.

Der transzendentalen Ästhetik
Erster Abschnitt
Von dem Raume

§ 2 Metaphysische Erörterung dieses Begriffs

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Vermittelst des äußeren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemüts),
stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt im Raume
vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis gegeneinander
bestimmt, oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüt
sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut, gibt zwar keine
Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; allein es ist doch eine
bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein
möglich ist, so daß alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört, in
Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nicht
angeschaut werden, so wenig wie der Raum, als etwas in uns. Was sind nun
Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen,
oder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an
sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind
sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an
der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese
Prädikate gar keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu
belehren, wollen wir zuerst den Begriff des Raumes erörtern. Ich verstehe
aber unter Erörterung (expositio) die deutliche, (wenn gleich nicht
ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffe gehört;
metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält, was den
Begriff, als a priori gegeben, darstellt.

1. Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
abgezogen worden. Denn damit gewiße Empfindungen auf etwas außer
mich bezogen werden, (d.i. auf etwas in einem anderen Orte des Raumes,
als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer- und
nebeneinander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen
Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum
Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes nicht aus den
Verhältnissen der äußeren Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein,

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sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung
allererst möglich.

2. Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren
Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung
davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken
kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die
Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen
abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die
notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt.

3. Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff
von Verhältnissen der Dinge überhaupt sondern eine reine Anschauung.
Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen, und wenn
man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter nur Teile eines und
desselben alleinigen Raumes. Diese Teile können auch nicht vor dem
einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessen Bestandteile (daraus
seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen, sondern nur in ihm
gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin
auch der allgemeine Begriff von Räumen überhaupt, beruht lediglich auf
Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehung seiner eine Anschauung a
priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffen von demselben zum Grunde
liegt. So werden auch alle geometrischen Grundsätze, z.E. daß in einem
Triangel zwei Seiten zusammen größer sind, als die dritte, niemals aus
allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern aus der Anschauung
und zwar a priori mit apodiktischer Gewißheit abgeleitet.

4. Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. Nun
muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die in einer
unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr
gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält,

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aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht werden, als ob er eine
unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl wird der
Raum so gedacht (denn alle Teile des Raumes ins Unendliche sind
zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung a
priori, und nicht Begriff.

§ 3 Transzendentale Erörterung des Begriffs vom Raume

Ich verstehe unter einer transzendentalen Erörterung die Erklärung eines
Begriffes, als eines Prinzips, woraus die Möglichkeit anderer synthetischen
Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser Absicht wird
erfordert, l) daß wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem gegebenen
Begriffe herfließen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter der Voraussetzung
einer gegebenen Erklärungsart dieses Begriffs möglich sind.

Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raumes
synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die Vorstellung des
Raumes denn sein, damit eine solche Erkenntnis von ihm möglich sei? Er
muß ursprünglich Anschauung sein; denn aus einem bloßen Begriffe lassen
sich keine Sätze, die über den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch in
der Geometrie geschieht (Einleitung V). Aber diese Anschauung muß a
priori, d.i. vor aller Wahrnehmung eines Gegenstandes, in uns angetroffen
werden, mithin reine, nicht empirische Anschauung sein. Denn die
geometrischen Sätze sind insgesamt apodiktisch, d.i. mit dem Bewußtsein
der Notwendigkeit verbunden, z.B. der Raum hat nur drei Abmessungen;
dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder Erfahrungsurteile sein,
noch aus ihnen geschlossen werden (Einleitung II).

Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüte beiwohnen, die vor
den Objekten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der letzteren a

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priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als so fern sie, bloß im
Subjekte, als die formale Beschaffenheit desselben, von Objekten affiziert
zu werden, und dadurch unmittelbare Vorstellung derselben d.i.
Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form des äußeren
Sinnes überhaupt.

Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrie als
einer synthetischen Erkenntnis a priori begreiflich. Eine jede Erklärungsart,
die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine nach mit ihr einige
Ähnlichkeit hätte, kann an diesen Kennzeichen am sichersten von ihr
unterschieden werden.

Schlüsse aus obigen Begriffen

a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich,
oder sie in ihrem Verhältnis aufeinander vor, d.i. keine Bestimmung
derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn
man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung abstrahierte.
Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein
der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschaut werden.

b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen
äußerer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, unter der
allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Rezeptivität des
Subjekts, von Gegenständen affiziert zu werden, notwendigerweise vor
allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht, so läßt sich verstehen, wie
die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen, mithin
a priori im Gemüte gegeben sein könne, und wie sie als eine reine
Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden müssen, Prinzipien
der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten könne.

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Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom
Raum, von ausgedehnten Wesen usw. reden. Gehen wir von der subjektiven
Bedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen
können, so wie wir nämlich von den Gegenständen affiziert werden mögen,
so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses Prädikat wird
den Dingen nur insofern beigelegt, als sie uns erscheinen, d.i. Gegenstände
der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Rezeptivität, welche wir
Sinnlichkeit nennen, ist eine notwendige Bedingung aller Verhältnisse,
darinnen Gegenstände als außer uns angeschaut werden, und, wenn man
von diesen Gegenständen abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den
Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit
nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer
Erscheinungen machen können, so können wir wohl sagen, daß der Raum
alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinen mögen, aber nicht alle
Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder
auch von welchem Subjekt man wolle. Denn wir können von den
Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urteilen, ob sie an die
nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung
einschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die
Einschränkung eines Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufügen, so gilt
das Urteil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im
Raum, gilt unter der Einschränkung, wenn diese Dinge als Gegenstände
unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich hier die
Bedingung zum Begriffe, und sage: Alle Dinge, als äußere Erscheinungen,
sind nebeneinander im Raum, so gilt diese Regel allgemein und ohne
Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach l die Realität (d.i. die
objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äußerlich
als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich die Idealität des
Raumes in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die Vernunft an sich selbst
erwogen werden, d.i. ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit unserer

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Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirische Realität des
Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren Erfahrung), ob zwar
zugleich die transzendentale Idealität desselben, d.i. daß er nichts sei,
sobald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung weglassen, und
ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen.

Es gibt aber auch außer dem Raum keine andere subjektive und auf etwas
Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objektiv heißen könnte. Denn
man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie von der
Anschauung im Raume, herleiten § 3. Daher ihnen, genau zu reden, gar
keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin mit der Vorstellung des
Raumes übereinkommen, daß sie bloß zur subjektiven Beschaffenheit der
Sinnesart gehören, z.B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die
Empfindungen der Farben, Töne und Wärme, die aber, weil sie bloß
Empfindungen und nicht Anschauungen sind, an sich kein Objekt, am
wenigsten a priori, erkennen lassen.

Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man die
behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche
Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben,
Geschmack usw. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern
bloß als Veränderungen unseres Subjekts, die sogar bei verschiedenen
Menschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem
Falle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z.B. eine Rose,
im empirischen Verstande für ein Ding an sich selbst, welches doch jedem
Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der
transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine kritische
Erinnerung, daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eine
Sache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen etwa
an sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die Gegenstände an sich gar
nicht bekannt sind, und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts

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anderes als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sind, deren Form der
Raum ist, deren wahres Korrelatum aber, d.i. das Ding an sich selbst,
dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem
aber auch in der Erfahrung niemals gefragt wird.

Der transzendentalen Ästhetik
Zweiter Abschnitt
Von der Zeit

§ 4 Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit

Die Zeit ist 1. kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde
selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit
nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung kann man
sich vorstellen, daß einiges zu einer und derselben Zeit (zugleich) oder in
verschiedenen Zeiten (nacheinander) sei.

2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum
Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit
selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der
Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist
alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesamt
wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit,)
kann nicht aufgehoben werden.

3. Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit, oder Axiomen
von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten
sind nicht zugleich, sondern nacheinander (so wie verschiedene Räume

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nicht nacheinander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können aus
der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder strenge
Allgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagen
können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sich
verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt
Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben, und nicht durch
dieselbe.

4. Die Zeit ist kein diskursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene
Zeiten sind nur Teile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur durch
einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.
Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich sein
können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist
synthetisch, und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er ist also in
der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.

5. Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle
bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum
Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche
Vorstellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Teile
selbst, und jede Größe eines Gegenstandes, nur durch Einschränkung
bestimmt vorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nicht
durch Begriffe gegeben sein, (denn die enthalten nur Teilvorstellungen,)
sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.

§ 5 Transzendentale Erörterung des Begriffs der Zeit

Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein, das,
was eigentlich transzendental ist, unter die Artikel der metaphysischen

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Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß der Begriff der
Veränderung und, mit ihm, der Begriff der Bewegung (als Veränderung des
Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist: daß, wenn diese
Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, kein Begriff, welcher
es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d.i. einer Verbindung
kontradiktorisch entgegengesetzter Prädikate (z.B. das Sein an einem Orte
und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben Orte) in einem und
demselben Objekte begreiflich machen könnte. Nur in der Zeit können
beide kontradiktorisch-entgegengesetzte Bestimmungen in einem Dinge,
nämlich nacheinander, anzutreffen sein. Also erklärt unser Zeitbegriff die
Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntnis a priori, als die allgemeine
Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt.

§ 6 Schlüsse aus diesen Begriffen

a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen
als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von
allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert; denn
im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand
dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine
den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den
Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, und a priori durch
synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Diese letztere findet
dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjektive Bedingung
ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann
diese Form der inneren Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori,
vorgestellt werden.

b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d.i. des
Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die Zeit

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kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu
einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der
Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben weil diese innere
Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch diesen Mangel durch
Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche
fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht,
die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser
Linie auf alle Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen, daß die Teile der
ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus
erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle
ihre Verhältnisse sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken lassen.

c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen
überhaupt. Der Raum, als die reine Form aller äußeren Anschauung ist als
Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt. Dagegen,
weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande
haben, oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen des Gemüts, zum
inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber, unter der formalen
Bedingung der inneren Anschauung, mithin der Zeit gehört, so ist die Zeit
eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt, und zwar die
unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen) und eben dadurch
mittelbar auch der äußeren Erscheinungen. Wenn ich a priori sagen kann:
alle äußeren Erscheinungen sind im Raume, und nach den Verhältnissen des
Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus dem Prinzip des inneren Sinnes
ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen überhaupt, d.i. alle Gegenstände
der Sinne, sind in der Zeit, und stehen notwendigerweise in Verhältnissen
der Zeit.

Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich anzuschauen, und
vermittelst dieser Anschauung auch alle äußeren Anschauungen in der
Vorstellungskraft zu befassen, abstrahieren, und mithin die Gegenstände

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nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie ist
nur von objektiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses
schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unserer Sinne annehmen; aber
sie ist nicht mehr objektiv, wenn man von der Sinnlichkeit unserer
Anschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigentümlich
ist, abstrahiert, und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also lediglich
eine subjektive Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung, (welche
jederzeit sinnlich ist, d.i. sofern wir von Gegenständen affiziert werden,)
und an sich, außer dem Subjekte, nichts. Nichtsdestoweniger ist sie in
Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns in der
Erfahrung vorkommen können, notwendigerweise objektiv. Wir können
nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff der Dinge
überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahiert wird, diese
aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellung der
Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffe hinzugefügt,
und es heißt: alle Dinge, als Erscheinungen (Gegenstände der sinnlichen
Anschauung), sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seine gute objektive
Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.

Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, d.i.
objektive Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals unseren
Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit
sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand gegeben
werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegen bestreiten
wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da sie nämlich, auch ohne
auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht zu nehmen,
schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge. Solche
Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, können uns durch die
Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also die transzendentale
Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn man von den subjektiven
Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahiert, gar nichts ist, und den

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Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältnis auf unsere Anschauung,)
weder subsistierend noch inhärierend beigezählt werden kann. Doch ist
diese Idealität, ebensowenig wie die des Raumes, mit den Subreptionen der
Empfindung in Vergleichung zu stellen, weil man doch dabei von der
Erscheinung selbst, der diese Prädikate inhärieren, voraussetzt, daß sie
objektive Realität habe, die hier gänzlich wegfällt, außer, sofern sie bloß
empirisch ist, d.i. den Gegenstand selbst bloß als Erscheinung ansieht:
wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts nachzusehen ist.

§ 7 Erläuterung

Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht, aber
die absolute und transzendentale bestreitet, habe ich von einsehenden
Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich daraus
abnehme, er müsse sich natürlicherweise bei jedem Leser, dem diese
Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also: Veränderungen
sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen Vorstellungen,
wenn man gleich alle äußeren Erscheinungen, samt deren Veränderungen,
leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit möglich, folglich
ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat keine Schwierigkeit.
Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches,
nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie hat also
subjektive Realität in Ansehung der inneren Erfahrung, d.i. ich habe
wirklich die Vorstellung von der Zeit und meinen Bestimmungen in ihr. Sie
ist also wirklich nicht als Objekt, sondern als die Vorstellungsart meiner
selbst als Objekts anzusehen. Wenn aber ich selbst, oder ein ander Wesen
mich, ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden
eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen
vorstellen, eine Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit,
mithin auch der Veränderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre

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empirische Realität als Bedingung aller unserer Erfahrungen. Nur die
absolute Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden
werden. Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung*. Wenn
man von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so
verschwindet auch der Begriff der Zeit, und sie hängt nicht an den
Gegenständen selbst, sondern bloß am Subjekte, welches sie anschaut.

* Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das
heißt nur, wir sind uns ihrer, als in einer Zeitfolge, d.i. nach der Form des
inneren Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht etwas an sich selbst, auch
keine den Dingen objektiv anhängende Bestimmung.

Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht
wird, und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität
des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die
absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu
können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die
Wirklichkeit äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist:
dagegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne (meiner selbst und
meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten ein
bloßer Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, unleugbar etwas
Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man ihre
Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur zur
Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, da das
Objekt an sich selbst betrachtet wird, (unangesehen der Art, dasselbe
anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit
problematisch bleibt,) die andere, da auf die Form der Anschauung dieses
Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an sich
selbst, sondern im Subjekte, dem derselbe erscheint, gesucht werden muß,
gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes wirklich und
notwendig zukommt.

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Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen, aus denen a priori
verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, wie
vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom
Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel gibt. Sie sind
nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen
Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich.
Aber diese Erkenntnisquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß sie
bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich, daß sie
bloß auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen betrachtet
werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene allein sind das Feld
ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, weiter kein objektiver
Gebrauch derselben stattfindet. Diese Realität des Raumes und der Zeit läßt
übrigens die Sicherheit der Erfahrungserkenntnis unangetastet: denn wir
sind derselben ebenso gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst,
oder nur unserer Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhängen.
Dagegen die, so die absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten,
sie mögen sie nun als subsistierend, oder nur inhärierend annehmen, mit
den Prinzipien der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn,
entschließen sie sich zum ersteren, (welches gemeiniglich die Partei der
mathematischen Naturforscher ist,) so müssen sie zwei ewige und
unendliche für sich bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen,
welche da sind (ohne daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles
Wirkliche in sich zu befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von der einige
metaphysische Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von
der Erfahrung abstrahierte, obzwar in der Absonderung verworren
vorgestellte, Verhältnisse der Erscheinungen (neben- oder nacheinander), so
müssen sie den mathematischen Lehren a priori in Ansehung wirklicher
Dinge (z.E. im Raume) ihre Gültigkeit, wenigstens die apodiktische
Gewißheit bestreiten, indem diese a posteriori gar nicht stattfindet, und die
Begriffe a priori von Raum und Zeit, dieser Meinung nach, nur Geschöpfe

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der Einbildungskraft sind, deren Quell wirklich in der Erfahrung gesucht
werden muß, aus deren abstrahierten Verhältnissen die Einbildung etwas
gemacht hat, was zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die
Restriktionen, welche die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht
stattfinden kann. Die ersteren gewinnen so viel, daß sie für die
mathematischen Behauptungen sich das Feld der Erscheinungen
freimachen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch eben diese
Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen will. Die
zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, nämlich, daß die
Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen, wenn
sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloß im Verhältnis
auf den Verstand urteilen wollen; können aber weder von der Möglichkeit
mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen eine wahre und objektiv
gültige Anschauung a priori fehlt) Grund angeben, noch die
Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in notwendige Einstimmung
bringen. In unserer Theorie, von der wahren Beschaffenheit dieser zwei
ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit, ist beiden Schwierigkeiten
abgeholfen.

Daß schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr, als diese zwei
Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus klar, weil
alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst der der Bewegung,
welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches voraussetzen. Denn
diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem voraus. Im Raum, an
sich selbst betrachtet, ist aber nichts Bewegliches: daher das Bewegliche
etwas sein muß, was im Raume nur durch Erfahrung gefunden wird, mithin
ein empirisches Datum. Ebenso kann die transzendentale Ästhetik nicht den
Begriff der Veränderung unter ihre Data a priori zählen: denn die Zeit selbst
verändert sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu die
Wahrnehmung von irgendeinem Dasein, und der Sukzession seiner
Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert.

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§ 8 Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik

I. Zuerst wird es nötig sein, uns so deutlich, als möglich, zu erklären, was
in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntnis überhaupt
unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben vorzubeugen.

Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die
Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir anschauen, nicht
das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so
an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen, und daß, wenn wir
unser Subjekt oder auch nur die subjektive Beschaffenheit der Sinne
überhaupt aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte
im Raum und Zeit, ja selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als
Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existieren können.
Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert
von aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns
gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts, als unsere Art, sie wahrzunehmen,
die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar
jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir es lediglich zu tun.
Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben, Empfindung überhaupt
die Materie. Jene können wir allein a priori, d.i. vor aller wirklichen
Wahrnehmung erkennen, und sie heißt darum reine Anschauung; diese aber
ist das in unserem Erkenntnis, was da macht, daß sie Erkenntnis a
posteriori, d.i. empirische Anschauung heißt. Jene hängen unserer
Sinnlichkeit schlechthin notwendig an, welcher Art auch unsere
Empfindungen sein mögen; diese können sehr verschieden sein. Wenn wir
diese unsere Anschauung auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit
bringen könnten, so würden wir dadurch der Beschaffenheit der
Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn wir würden auf allen
Fall doch nur unsere Art der Anschauung, d.i. unsere Sinnlichkeit
vollständig erkennen, und diese immer nur unter den, dem Subjekt

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ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Raum und Zeit; was die
Gegenstände an sich selbst sein mögen, würde uns durch die aufgeklärteste
Erkenntnis der Erscheinung derselben, die uns allein gegeben ist, doch
niemals bekannt werden.

Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene
Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an sich
selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen
und Teilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein auseinander setzen, ist
eine Verfälschung des Begriffs von Sinnlichkeit und von Erscheinung,
welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer macht. Der Unterschied
einer undeutlichen von der deutlichen Vorstellung ist bloß logisch, und
betrifft nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht, dessen
sich der gesunde Verstand bedient, ebendasselbe, was die subtilste
Spekulation aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und
praktischen Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in
diesen Gedanken nicht bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der
gemeine Begriff sinnlich sei, und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das
Recht kann gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande,
und stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die
ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines
Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich
selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas, und die
Art, wie wir dadurch affiziert werden, und diese Rezeptivität unserer
Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit, und bleibt von der Erkenntnis des
Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die Erscheinung) gleich bis auf
den Grund durchschauen möchte, dennoch himmelweit unterschieden.

Die Leibniz-Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über
die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten
Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit vom

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Intellektuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar transzendental ist,
und nicht bloß die Form der Deutlichkeit oder Undeutlichkeit, sondern den
Ursprung und den Inhalt derselben betrifft, so daß wir durch die erstere die
Beschaffenheit der Dinge an sich selbst nicht bloß undeutlich, sondern gar
nicht erkennen, und, sobald wir unsere subjektive Beschaffenheit
wegnehmen, das vorgestellte Objekt mit den Eigenschaften, die ihm die
sinnliche Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch
angetroffen werden kann, indem eben diese subjektive Beschaffenheit die
Form desselben, als Erscheinung, bestimmt.

Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der
Anschauung derselben wesentlich anhängt, und für jeden menschlichen
Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälligerweise
zukommt, indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt,
sondern nur auf eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder jenes
Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntnis eine solche, die
den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur die Erscheinung
desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. Bleibt man dabei
stehen, (wie es gemeiniglich geschieht,) und sieht jene empirische
Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als bloße
Erscheinung an, so daß darin gar nichts, was irgendeine Sache an sich selbst
anginge, anzutreffen ist, so ist unser transzendentaler Unterschied verloren,
und wir glauben alsdann doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich
überall (in der Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer
Gegenstände mit nichts, als Erscheinungen, zu tun haben, So werden wir
zwar den Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen
nennen, diesen Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig
ist, sofern wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, als das, was in
der allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen,
doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen wir aber
dieses Empirische überhaupt, und fragen, ohne uns an die Einstimmung

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desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch dieses einen
Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, denn die sind dann
schon, als Erscheinungen, empirische Objekte,) vorstelle, so ist die Frage
von der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transzendental, und
nicht allein diese Tropfen sind bloße Erscheinungen, sondern selbst ihre
runde Gestalt, ja sogar der Raum, in welchen sie fallen, sind nichts an sich
selbst, sondern bloße Modifikationen, oder Grundlagen unserer sinnlichen
Anschauung, das transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt.

Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik ist,
daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, sondern
so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie gefordert
werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit völlig
einleuchtend zu machen, wollen wir irgendeinen Fall wählen, woran dessen
Gültigkeit augenscheinlich werden und zu mehrer Klarheit dessen, was § 3
angeführt worden, dienen kann.

Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und
Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich
erstlich: daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze in
großer Zahl vornehmlich vom Raum vorkommen, welchen wir darum
vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der
Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt
werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf stützt
sich unser Verstand, um zu dergleichen schlechthin notwendigen und
allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer Weg, als
durch Begriffe oder durch Anschauungen; beide aber, als solche, die
entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren, nämlich
empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen, die
empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als nur
einen solchen, der auch bloß empirisch, d.i. ein Erfahrungssatz ist, mithin

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niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten kann,
dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie ist. Was
aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich durch bloße
Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen Erkenntnissen zu
gelangen, so ist klar, daß aus bloßen Begriffen gar keine synthetische
Erkenntnis, sondern lediglich analytische erlangt werden kann. Nehmet nur
den Satz: daß durch zwei gerade Linien sich gar kein Raum einschließen
lasse, mithin keine Figur möglich sei, und versucht ihn aus dem Begriff von
geraden Linien und der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, daß aus drei
geraden Linien eine Figur möglich sei, und versucht es ebenso bloß aus
diesen Begriffen. Alle eure Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch
genötigt, zur Anschauung eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie
auch jederzeit tut. Ihr gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung;
von welcher Art aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder
eine empirische? Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemeingültiger,
noch weniger ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann
dergleichen niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori in der
Anschauung geben, und auf diesen euren synthetischen Satz gründen. Läge
nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen; wäre diese
subjektive Bedingung der Form nach nicht zugleich die allgemeine
Bedingung a priori, unter der allein das Objekt dieser (äußeren)
Anschauung selbst möglich ist; wäre der Gegenstand (der Triangel) etwas
an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt: wie könntet ihr sagen, daß,
was in euren subjektiven Bedingungen einen Triangel zu konstruieren
notwendig liegt, auch dem Triangel an sich selbst notwendig zukommen
müsse? denn ihr könntet doch zu euren Begriffen (von drei Linien) nichts
neues (die Figur) hinzufügen, welches darum notwendig an dem
Gegenstande angetroffen werden müßte, da dieser vor eurer Erkenntnis und
nicht durch dieselbe gegeben ist. Wäre also nicht der Raum (und so auch
die Zeit) eine bloße Form eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori

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enthält, unter denen allein Dinge für euch äußere Gegenstände sein können,
die ohne diese subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a
priori ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es
ist also ungezweifelt gewiß, und nicht bloß möglich, oder auch
wahrscheinlich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen aller
(äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen aller
unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle Gegenstände
bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge sind,
von denen sich auch um deswillen, was die Form derselben betrifft, vieles a
priori sagen läßt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an sich selbst,
das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag.

II. Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren sowohl
als inneren Sinnes, mithin aller Objekte der Sinne, als bloßer
Erscheinungen, kann vorzüglich die Bemerkung dienen: daß alles, was in
unserem Erkenntnis zur Anschauung gehört, (also Gefühl der Lust und
Unlust, und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse, sind, ausgenommen,)
nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Örter in einer Anschauung
(Ausdehnung), Veränderung der Örter (Bewegung), und Gesetze, nach
denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in
dem Orte gegenwärtig sei, oder was es außer der Ortsveränderung in den
Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch bloße
Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu urteilen,
daß, da uns durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnisvorstellungen
gegeben werden, dieser auch nur das Verhältnis eines Gegenstandes auf das
Subjekt in seiner Vorstellung enthalten könne, und nicht das Innere, was
dem Objekte an sich zukommt. Mit der inneren Anschauung ist es eben so
bewandt. Nicht allein, daß darin die Vorstellungen äußerer Sinne den
eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir unser Gemüt besetzen, sondern
die Zeit, in die wir diese Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewußtsein
derselben in der Erfahrung vorhergeht, und als normale Bedingung derart,

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wie wir sie im Gemüte setzen, zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse
des Nacheinander-, des Zugleichseins und dessen, was mit dem
Nacheinandersein zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, was, als
Vorstellung, vor aller Handlung irgend etwas zu denken, vorhergehen kann,
die Anschauung, und, wenn sie nichts als Verhältnisse enthält, die Form der
Anschauung, welche, da sie nichts vorstellt, außer so fern etwas im Gemüte
gesetzt wird, nichts anderes sein kann, als die Art, wie das Gemüt durch
eigene Tätigkeit, nämlich dieses Setzen ihrer Vorstellung, mithin durch sich
selbst affiziert wird, d.i. ein innerer Sinn seiner Form nach. Alles, was durch
einen Sinn vorgestellt wird, ist so fern jederzeit Erscheinung, und ein
innerer Sinn würde also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen,
oder das Subjekt, welches der Gegenstand desselben ist, würde durch
denselben nur als Erscheinung vorgestellt werden können, nicht wie es von
sich selbst urteilen würde, wenn seine Anschauung bloße Selbsttätigkeit,
d.i. intellektuell, wäre. Hierbei beruht alle Schwierigkeit nur darauf, wie ein
Subjekt sich selbst innerlich anschauen könne, allein diese Schwierigkeit ist
jeder Theorie gemein. Das Bewußtsein seiner selbst (Apperzeption) ist die
einfache Vorstellung des Ich, und, wenn dadurch allein alles Mannigfaltige
im Subjekt selbsttätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung
intellektuell sein. Im Menschen erfordert dieses Bewußtsein innere
Wahrnehmung von dem Mannigfaltigen, was im Subjekte vorher gegeben
wird, und die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben wird,
muß, um dieses Unterschiedes willen, Sinnlichkeit heißen. Wenn das
Vermögen sich bewußt zu werden, das, was im Gemüte liegt, aufsuchen
(apprehendieren) soll, so muß es dasselbe affizieren, und kann allein auf
solche Art eine Anschauung seiner selbst hervorbringen, deren Form aber,
die vorher im Gemüte zugrunde liegt, die Art, wie das Mannigfaltige im
Gemüte beisammen ist, in der Vorstellung der Zeit bestimmt, da es denn
sich selbst anschaut, nicht wie es sich unmittelbar selbsttätig vorstellen

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würde, sondern nach der Art, wie es von innen affiziert wird, folglich wie es
sich erscheint, nicht wie es ist.

III. Wenn ich sage: im Raum und der Zeit stellt die Anschauung, sowohl
der äußeren Objekte, als auch die Selbstanschauung des Gemüts, beides vor,
so wie es unsere Sinne affiziert, d.i. wie es erscheint; so will das nicht
sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn in der
Erscheinung werden jederzeit die Objekte, ja selbst die Beschaffenheiten,
die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen, nur daß,
sofern diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart des Subjekts in der
Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, dieser Gegenstand
als Erscheinung von ihm selber als Objekt an sich unterschieden wird. So
sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer mir zu sein, oder meine
Seele scheint nur in meinem Selbstbewußtsein gegeben zu sein, wenn ich
behaupte, daß die Qualität des Raumes und der Zeit, welcher, als
Bedingung ihres Daseins, gemäß ich beide setze, in meiner Anschauungsart
und nicht in diesen Objekten an sich liege. Es wäre meine eigene Schuld,
wenn ich aus dem, was ich zur Erscheinung zählen sollte, bloßen Schein
machte*. Dieses geschieht aber nicht nach unserem Prinzip der Idealität
aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr, wenn man jenen
Vorstellungsformen objektive Realität beilegt, so kann man nicht
vermeiden, daß nicht alles dadurch in bloßen Schein verwandelt werde.
Denn, wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten ansieht, die
ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen werden müßten, und
überdenkt die Ungereimtheiten, in die man sich alsdann verwickelt, indem
zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch nicht etwas wirklich den
Substanzen Inhärierendes, dennoch aber Existierendes, ja die notwendige
Bedingung der Existenz aller Dinge sein müssen, auch übrig bleiben, wenn
gleich alle existierenden Dinge aufgehoben werden; so kann man es dem
guten Berkeley wohl nicht verdenken, wenn er die Körper zu bloßem
Schein herabsetzte, ja es müßte sogar unsere eigene Existenz, die, auf

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solche Art von der für sich bestehenden Realität eines Undinges, wie die
Zeit, abhängig gemacht wäre, mit dieser in lauter Schein verwandelt
werden, eine Ungereimtheit, die sich bisher noch niemand hat zuschulden
kommen lassen.

* Die Prädikate der Erscheinung können dem Objekte selbst beigelegt
werden, in Verhältnis auf unseren Sinn, z.B. der Rose die rote Farbe, oder
der Geruch; aber der Schein kann niemals als Prädikat dem Gegenstande
beigelegt werden, eben darum, weil er, was diesem nur in Verhältnis auf die
Sinne, oder überhaupt aufs Subjekt zukommt, dem Objekt für sich beilegt,
z.B. die zwei Henkel, die man anfänglich dem Saturn beilegte. Was gar
nicht am Objekte an sich selbst, jederzeit aber im Verhältnisse desselben
zum Subjekt anzutreffen und von der Vorstellung des ersteren
unzertrennlich ist, ist Erscheinung, und so werden die Prädikate des
Raumes und der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne, als solchen,
beigelegt, und hierin ist kein Schein. Dagegen, wenn ich der Rose an sich
die Röte, dem Saturn die Henkel, oder allen äußeren Gegenständen die
Ausdehnung an sich beilege, ohne auf ein bestimmtes Verhältnis dieser
Gegenstände zum Subjekt zu sehen und mein Urteil darauf einzuschränken;
alsdann allererst entspringt der Schein.

IV. In der natürlichen Theologie, da man sich einen Gegenstand denkt,
der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern der
ihm selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung sein kann,
ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung (denn
dergleichen muß alles sein Erkenntnis sein, und nicht Denken, welches
jederzeit Schranken beweist) die Bedingungen der Zeit und des Raumes
wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses tun, wenn man
beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat, und zwar
solchen, die, als Bedingungen der Existenz der Dinge a priori, übrig
bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte: denn, als

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Bedingungen alles Daseins überhaupt, müßten sie es auch vom Dasein
Gottes sein. Es bleibt nichts übrig, wenn man sie nicht zu objektiven
Formen aller Dinge machen will, als daß man sie zu subjektiven Formen
unserer äußeren sowohl als inneren Anschauungsart macht, die darum
sinnlich heißt, weil sie nicht ursprünglich, d.i. eine solche ist, durch die
selbst das Dasein des Objekts der Anschauung gegeben wird (und die,
soviel wir einsahen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem
Dasein des Objekts abhängig, mithin nur dadurch, daß die
Vorstellungsfähigkeit des Subjekts durch dasselbe affiziert wird, möglich
ist.

Es ist auch nicht nötig, daß wir die Anschauungsart in Raum und Zeit auf
die Sinnlichkeit des Menschen einschränken, es mag sein, daß alles
endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen notwendig
übereinkommen müsse, (wiewohl wir dieses nicht entscheiden können,) so
hört sie um dieser Allgemeingültigkeit willen doch nicht auf Sinnlichkeit zu
sein, eben darum, weil sie abgeleitet (intuitus derivativus), nicht
ursprünglich (intuitus originarius), mithin nicht intellektuelle Anschauung
ist, als welche aus dem eben angeführten Grunde allein dem Urwesen,
niemals aber einem, seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach (die
sein Dasein in Beziehung auf gegebene Objekte bestimmt), abhängigen
Wesen zuzukommen scheint; wiewohl die letztere Bemerkung zu unserer
ästhetischen Theorie nur als Erläuterung, nicht als Beweisgrund gezählt
werden muß.

Beschluß der transzendentalen Ästhetik

Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung
der allgemeinen Aufgabe der Transzendentalphilosophie: wie sind
synthetische Sätze a priori möglich? nämlich reine Anschauungen a priori,
Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im Urteile a priori über den

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gegebenen Begriff hinausgehen wollen, dasjenige antreffen, was nicht im
Begriffe, wohl aber in der Anschauung, die ihm entspricht, a priori entdeckt
werden und mit jenem synthetisch verbunden werden kann, welche Urteile
aber aus diesem Grunde nie weiter, als auf Gegenstände der Sinne reichen,
und nur für Objekte möglicher Erfahrung gelten können.

Der transzendentalen Elementarlehre
Zweiter Teil
Die transzendentale Logik

Einleitung
Idee einer transzendentalen Logik

I. Von der Logik überhaupt

Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren
die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der
Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird
uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf
jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung
und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntnis aus, so daß
weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrespondierende Anschauung,
noch Anschauung ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben können. Beide
sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die
wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein
aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann
die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält
reine Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird,
und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes

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überhaupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori
möglich, empirische nur a posteriori.

Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu
empfangen, sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit
nennen, so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst
hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der Verstand.
Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als
sinnlich sein kann, d.i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen
affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher
Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der
anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand
gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt
sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso
notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d.i. ihnen den Gegenstand
in der Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich
zu machen (d.i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder
Fähigkeiten, können auch ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand
vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus,
daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man
aber doch nicht ihren Anteil vermischen, sondern man hat große Ursache,
jedes von dem andern sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden. Daher
unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt,
d.i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d.i. der
Logik.

Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen
werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besonderen
Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin notwendigen Regeln
des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet,
und geht also auf diesen, unangesehen der Verschiedenheit der

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Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besonderen
Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine gewisse Art von
Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die Elementarlogik
nennen, diese aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft. Die letztere
wird mehrenteils in den Schulen als Propädeutik der Wissenschaften
vorangeschickt, ob sie zwar, nach dem Gange der menschlichen Vernunft,
das späteste ist, wozu sie allererst gelangt, wenn die Wissenschaft schon
lange fertig ist, und nur die letzte Hand zu ihrer Berichtigung und
Vollkommenheit bedarf. Denn man muß die Gegenstände schon in ziemlich
hohem Grade kennen, wenn man die Regel angeben will, wie sich eine
Wissenschaft von ihnen zustande bringen lasse.

Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte
Logik. In der ersteren abstrahieren wir von allen empirischen Bedingungen,
unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z.B. vom Einfluß der Sinne, vom
Spiele der Einbildung, den Gesetzen des Gedächtnisses, der Macht der
Gewohnheit, der Neigung usw., mithin auch den Quellen der Vorurteile, ja
gar überhaupt von allen Ursachen, daraus uns gewisse Erkenntnisse
entspringen, oder untergeschoben werden mögen, weil sie bloß den
Verstand unter gewissen Umständen seiner Anwendung betreffen, und, um
diese zu kennen, Erfahrung erfordert wird. Eine allgemeine, aber reine
Logik, hat es also mit lauter Prinzipien a priori zu tun, und ist ein Kanon
des Verstandes und der Vernunft, aber nur in Ansehung des Formalen ihres
Gebrauchs, der Inhalt mag sein, welcher er wolle, (empirisch oder
transzendental). Eine allgemeine Logik heißt aber alsdann angewandt, wenn
sie auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den subjektiven
empirischen Bedingungen, die uns die Psychologie lehrt, gerichtet ist. Sie
hat also empirische Prinzipien, ob sie zwar insofern allgemein ist, daß sie
auf den Verstandesgebrauch ohne Unterschied der Gegenstände geht. Um
deswillen ist sie auch weder ein Kanon des Verstandes überhaupt, noch ein

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Organon besonderer Wissenschaften, sondern lediglich ein Kathartikon des
gemeinen Verstandes.

In der allgemeinen Logik muß also der Teil, der die reine Vernunftlehre
ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert werden, welcher die
angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik ausmacht. Der erstere
ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar kurz und trocken, und wie es
die schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes
erfordert. In dieser müssen also die Logiker jederzeit zwei Regeln vor
Augen haben.

1. Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der
Verstandeserkenntnis, und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände, und hat
mit nichts als der bloßen Form des Denkens zu tun.

2. Als reine Logik hat sie keine empirischen Prinzipien, mithin schöpft
sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der Psychologie, die
also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß hat. Sie ist eine
demonstrierte Doktrin, und alles muß in ihr völlig a priori gewiß sein.

Was ich die angewandte Logik nenne, (wider die gemeine Bedeutung
dieses Wortes, nach der sie gewisse Exerzitien, dazu die reine Logik die
Regel gibt, enthalten soll,) so ist sie eine Vorstellung des Verstandes und der
Regeln seines notwendigen Gebrauchs in concreto, nämlich unter den
zufälligen Bedingungen des Subjekts, die diesen Gebrauch hindern oder
befördern können, und die insgesamt nur empirisch gegeben werden. Sie
handelt von der Aufmerksamkeit, deren Hindernis und Folgen, dem
Ursprunge des Irrtums, dem Zustande des Zweifels, des Skrupels, der
Überzeugung usw. und zu ihr verhält sich die allgemeine und reine Logik
wie die reine Moral, welche bloß die notwendigen sittlichen Gesetze eines
freien Willens überhaupt enthält, zu der eigentlichen Tugendlehre, welche
diese Gesetze unter den Hindernissen der Gefühle, Neigungen und

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Leidenschaften, denen die Menschen mehr oder weniger unterworfen sind,
erwägt, und welche niemals eine wahre und demonstrierte Wissenschaft
abgeben kann, weil sie ebensowohl als jene angewandte Logik empirische
und psychologische Prinzipien bedarf.

II. Von der transzendentalen Logik

Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewiesen, von allem Inhalt der
Erkenntnis, d.i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt, und
betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse
aufeinander, d.i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun aber sowohl
reine, als empirische Anschauungen gibt, (wie die transzendentale Ästhetik
dartut,) so könnte auch wohl ein Unterschied zwischen reinem und
empirischem Denken der Gegenstände angetroffen werden. In diesem Falle
würde es eine Logik geben, in der man nicht von allem Inhalt der
Erkenntnis abstrahierte; denn diejenige, welche bloß die Regeln des reinen
Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde alle diejenigen Erkenntnisse
ausschließen, welche von empirischem Inhalte wären. Sie würde auch auf
den Ursprung unserer Erkenntnisse von Gegenständen gehen, sofern er
nicht den Gegenständen zugeschrieben werden kann; da hingegen die
allgemeine Logik mit diesem Ursprunge der Erkenntnis nichts zu tun hat,
sondern die Vorstellungen, sie mögen uranfänglich a priori in uns selbst,
oder nur empirisch gegeben sein, bloß nach den Gesetzen betrachtet, nach
welchen der Verstand sie im Verhältnis gegeneinander braucht, wenn er
denkt, und also nur von der Verstandesform handelt, die den Vorstellungen
verschafft werden kann, woher sie auch sonst entsprungen sein mögen.

Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle
nachfolgenden Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen haben
muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntnis a priori, sondern nur die,

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dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen
oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden, oder möglich sind,
transzendental (d.i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder der Gebrauch
derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch
irgendeine geometrische Bestimmung desselben a priori eine
transzendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntnis, daß diese
Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs sind, und die Möglichkeit,
wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen
könne, kann transzendental heißen. Imgleichen würde der Gebrauch des
Raumes von Gegenständen überhaupt auch transzendental sein: aber ist er
lediglich auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, so heißt er empirisch.
Der Unterschied des Transzendentalen und Empirischen gehört also nur zur
Kritik der Erkenntnisse, und betrifft nicht die Beziehung derselben auf ihren
Gegenstand.

In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die sich a
priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder sinnliche
Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens, die
mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs sind,
so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des reinen
Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch wir Gegenstände völlig a
priori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den
Umfang und die objektive Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte,
würde transzendentale Logik heißen müssen, weil sie es bloß mit den
Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu tun hat, aber lediglich, sofern
sie auf Gegenstände a priori bezogen wird, und nicht, wie die allgemeine
Logik, auf die empirischen sowohl, als reinen Vernunfterkenntnisse ohne
Unterschied.

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III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und
Dialektik

Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge zu
treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich entweder
auf einer elenden Dialexe mußten betreffen lassen, oder ihre Unwissenheit,
mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was ist
Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die
Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier
geschenkt, und vorausgesetzt; man verlangt aber zu wissen, welches das
allgemeine und sichere Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntnis sei.

Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu
wissen, was man vernünftigerweise fragen solle. Denn, wenn die Frage an
sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat sie, außer der
Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den Nachteil, den
unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten,
und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie die Alten
sagten) den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält.

Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem
Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von anderen
unterschieden werden; denn eine Erkenntnis ist falsch, wenn sie mit dem
Gegenstande, worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie gleich
etwas enthält, was wohl von anderen Gegenständen gelten könnte. Nun
würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, welches von
allen Erkenntnissen, ohne Unterschied ihrer Gegenstände, gültig wäre. Es
ist aber klar, daß, da man bei demselben von allem Inhalt der Erkenntnis
(Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert, und Wahrheit gerade diesen Inhalt
angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmale der
Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen, und daß also ein

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hinreichendes, und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit
unmöglich angegeben werden könne. Da wir oben schon den Inhalt einer
Erkenntnis die Materie derselben genannt haben, so wird man sagen
müssen: von der Wahrheit der Erkenntnis der Materie nach läßt sich kein
allgemeines Kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend
ist.

Was aber das Erkenntnis der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung alles
Inhalts) betrifft, so ist ebenso klar: daß eine Logik, sofern sie die
allgemeinen und notwendigen Regeln des Verstandes vorträgt, eben in
diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn, was diesen
widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen allgemeinen Regeln
des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet. Diese Kriterien aber betreffen
nur die Form der Wahrheit, d.i. des Denkens überhaupt, und sind sofern
ganz richtig, aber nicht hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntnis der
logischen Form völlig gemäß sein möchte, d.i. sich selbst nicht
widerspräche, so kann sie doch noch immer dem Gegenstande
widersprechen. Also ist das bloß logische Kriterium der Wahrheit, nämlich
die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen
Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zwar die conditio sine qua non,
mithin die negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik
nicht gehen, und den Irrtum, der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft,
kann die Logik durch keinen Probierstein entdecken.

Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Geschäft des
Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf, und stellt sie als
Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar. Dieser Teil
der Logik kann daher Analytik heißen, und ist eben darum der wenigstens
negative Probierstein der Wahrheit, indem man zuvörderst alle Erkenntnis,
ihrer Form nach, an diesen Regeln prüfen und schätzen muß, ehe man sie
selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, ob sie in Ansehung

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des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil aber die bloße Form
des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen Gesetzen übereinstimmen
mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objektive) Wahrheit dem
Erkenntnisse darum auszumachen, so kann sich niemand bloß mit der Logik
wagen, über Gegenstände zu urteilen, und irgend etwas zu behaupten, ohne
von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen zu
haben, um hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung derselben in
einem zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen,
noch besser aber, sie lediglich danach zu prüfen. Gleichwohl liegt so etwas
Verleitendes in dem Besitze einer so scheinbaren Kunst, allen unseren
Erkenntnissen die Form des Verstandes zu geben, ob man gleich in
Ansehung des Inhalts derselben noch sehr leer und arm sein mag, daß jene
allgemeine Logik, die bloß ein Kanon zur Beurteilung ist, gleichsam wie
ein Organon zur wirklichen Hervorbringung wenigstens zum Blendwerk
von objektiven Behauptungen gebraucht, und mithin in der Tat dadurch
gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun, als vermeintes Organon,
heißt Dialektik.

So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser
Benennung einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man
doch aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß sie bei
ihnen nichts anderes war, als die Logik des Scheins. Eine sophistische
Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen Blendwerken den
Anstrich der Wahrheit zu geben, daß man die Methode der Gründlichkeit,
welche die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte, und ihre Topik zu
Beschönigung jedes leeren Vorgebens benutzte. Nun kann man es als eine
sichere und brauchbare Warnung anmerken: daß die allgemeine Logik, als
Organon betrachtet, jederzeit eine Logik des Scheins, d.i. dialektisch sei.
Denn da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntnis lehrt, sondern nur
bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem Verstande,
welche übrigens in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig sind,

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so muß die Zumutung, sich derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu
gebrauchen, um seine Kenntnisse, wenigstens dem Vorgeben nach,
auszubreiten und zu erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen,
alles, was man will, mit einigem Schein zu behaupten, oder auch nach
Belieben anzufechten.

Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine Weise
gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber, als
eine Kritik des dialektischen Scheins, der Logik beigezählt, und als eine
solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen.

IV. Von der Einteilung der transz. Logik in die transzendentale
Analytik und Dialektik

In einer transzendentalen Logik isolieren wir den Verstand, (so wie oben
in der transzendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit) und heben bloß den Teil
des Denkens aus unserem Erkenntnisse heraus, der lediglich seinen
Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen Erkenntnis aber
beruht darauf, als ihrer Bedingung: daß uns Gegenstände in der Anschauung
gegeben seien, worauf jene angewandt werden können. Denn ohne
Anschauung fehlt es aller unserer Erkenntnis an Objekten, und sie bleibt
alsdann völlig leer. Der Teil der transzendentalen Logik also, der die
Elemente der reinen Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne
welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die
transzendentale Analytik, und zugleich, eine Logik der Wahrheit. Denn ihr
kann keine Erkenntnis widersprechen, ohne daß sie zugleich allen Inhalt
verlöre, d.i. alle Beziehung auf irgendein Objekt, mithin alle Wahrheit. Weil
es aber sehr anlockend und verleitend ist, sich dieser reinen
Verstandeserkenntnisse und Grundsätze allein, und selbst über die Grenzen
der Erfahrung hinaus, zu bedienen, welche doch einzig und allein uns die

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Materie (Objekte) an die Hand geben kann, worauf jene reinen
Verstandesbegriffe angewandt werden können: so gerät der Verstand in
Gefahr, durch leere Vernünfteleien von den bloßen formalen Prinzipien des
reinen Verstandes einen materialen Gebrauch zu machen, und über
Gegenstände ohne Unterschied zu urteilen, die uns doch nicht gegeben sind,
ja vielleicht auf keinerlei Weise gegeben werden können. Da sie also
eigentlich nur ein Kanon der Beurteilung des empirischen Gebrauchs sein
sollte, so wird sie gemißbraucht, wenn man sie als das Organon eines
allgemeinen und unbeschränkten Gebrauchs gelten läßt, und sich mit dem
reinen Verstande allein wagt, synthetisch über Gegenstände überhaupt zu
urteilen, zu behaupten, und zu entscheiden. Also würde der Gebrauch des
reinen Verstandes alsdann dialektisch sein. Der zweite Teil der
transzendentalen Logik muß also eine Kritik dieses dialektischen Scheines
sein, und heißt transzendentale Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen
Schein dogmatisch zu erregen, (eine leider sehr gangbare Kunst
mannigfaltiger metaphysischer Gaukelwerke) sondern als eine Kritik des
Verstandes und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen
Gebrauchs, um den falschen Schein ihrer grundlosen Anmaßungen
aufzudecken, und ihre Ansprüche auf Erfindung und Erweiterung, die sie
bloß durch transzendentale Grundsätze zu erreichen vermeint, zur bloßen
Beurteilung und Verwahrung des reinen Verstandes vor sophistischem
Blendwerke herabzusetzen.

Der transzendentalen Logik
Erste Abteilung
Die transzendentale Analytik

Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses a
priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis. Es kommt hiebei
auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht empirische

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Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur Anschauung und zur Sinnlichkeit,
sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß sie Elementarbegriffe
seien und von den abgeleiteten, oder daraus zusammengesetzten, wohl
unterschieden werden. 4. Daß ihre Tafel vollständig sei, und sie das ganze
Feld des reinen Verstandes gänzlich ausfüllen. Nun kann diese
Vollständigkeit einer Wissenschaft nicht auf den Überschlag, eines bloß
durch Versuche zustande gebrachten Aggregats, mit Zuverlässigkeit
angenommen werden; daher ist sie nur vermittelst einer Idee des Ganzen
der Verstandeserkenntnis a priori und durch die daraus bestimmte Abteilung
der Begriffe, welche sie ausmachen, mithin nur durch ihren Zusammenhang
in einem System möglich. Der reine Verstand sondert sich nicht allein von
allem Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er ist
also eine für sich selbst beständige, sich selbst genugsame, und durch keine
äußerlich hinzukommenden Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher wird
der Inbegriff seiner Erkenntnis ein unter einer Idee zu befassendes und zu
bestimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Artikulation
zugleich einen Probierstein der Richtigkeit und Echtheit aller
hineinpassenden Erkenntnisstücke abgeben kann. Es besteht aber dieser
ganze Teil der transzendentalen Logik aus zwei Büchern, deren das eine die
Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält.

Der transzendentalen Analytik
Erstes Buch
Die Analytik der Begriffe

Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis derselben,
oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen Untersuchungen,
Begriffe, die sich darbieten, ihrem Inhalte nach zu zergliedern und zur
Deutlichkeit zu bringen, sondern die noch wenig versuchte Zergliederung
des Verstandesvermögens selbst, um die Möglichkeit der Begriffe a priori

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dadurch zu erforschen, daß wir sie im Verstande allein, als ihrem
Geburtsorte, aufsuchen und dessen reinen Gebrauch überhaupt analysieren;
denn dieses ist das eigentümliche Geschäft einer Transzendental-
Philosophie; das übrige ist die logische Behandlung der Begriffe in der
Philosophie überhaupt. Wir werden also die reinen Begriffe bis zu ihren
ersten Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen
sie vorbereitet liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung
entwickelt und durch ebendenselben Verstand, von den ihnen anhängenden
empirischen Bedingungen befreit, in ihrer Lauterkeit dargestellt werden.

Der Analytik der Begriffe
Erstes Hauptstück
Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe

Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt, so tun sich, nach den
mancherlei Anlässen, verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen
kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen
Aufsatz sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere Zeit,
oder mit größerer Scharfsinnigkeit angestellt worden. Wo diese
Untersuchung werde vollendet sein, läßt sich, nach diesem gleichsam
mechanischen Verfahren, niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch
entdecken sich die Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in
keiner Ordnung und systematischen Einheit, sondern werden zuletzt nur
nach Ähnlichkeiten gepaart und nach der Größe ihres Inhalts, von den
einfachen an, zu den mehr zusammengesetzten, in Reihen gestellt, die
nichts weniger als systematisch, obgleich auf gewisse Weise methodisch
zustande gebracht werden.

Die Transzendental-Philosophie hat den Vorteil, aber auch die
Verbindlichkeit, ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzusuchen; weil sie aus

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dem Verstande, als absoluter Einheit, rein und unvermischt entspringen, und
daher selbst nach einem Begriffe, oder Idee, unter sich zusammenhängen
müssen. Ein solcher Zusammenhang aber gibt eine Regel an die Hand, nach
welcher jedem reinen Verstandesbegriff seine Stelle und allen insgesamt
ihre Vollständigkeit a priori bestimmt werden kann, welches alles sonst vom
Belieben, oder vom Zufall abhängen würde.

Des transzendentalen Leitfadens der Entdeckung aller reinen
Verstandesbegriffe
Erster Abschnitt
Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt

Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt: durch ein nichtsinnliches
Erkenntnisvermögen. Nun können wir, unabhängig von der Sinnlichkeit,
keiner Anschauung teilhaftig werden. Also ist der Verstand kein Vermögen
der Anschauung. Es gibt aber, außer der Anschauung, keine andere Art, zu
erkennen, als durch Begriffe. Also ist die Erkenntnis eines jeden,
wenigstens des menschlichen, Verstandes, eine Erkenntnis durch Begriffe,
nicht intuitiv, sondern diskursiv. Alle Anschauungen, als sinnlich, beruhen
auf Affektionen, die Begriffe also auf Funktionen. Ich verstehe aber unter
Funktion die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer
gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf der
Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der Rezeptivität
der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen anderen
Gebrauch machen, als daß er dadurch urteilt. Da keine Vorstellung
unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß die Anschauung, so wird ein
Begriff niemals auf einen Gegenstand unmittelbar, sondern auf irgendeine
andere Vorstellung von demselben (sie sei Anschauung oder selbst schon
Begriff) bezogen. Das Urteil ist also die mittelbare Erkenntnis eines
Gegenstandes, mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben. In jedem

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Urteil ist ein Begriff, der für viele gilt, und unter diesem Vielen auch eine
gegebene Vorstellung begreift, welche letztere denn auf den Gegenstand
unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z.B. in dem Urteile: alle Körper
sind veränderlich, der Begriff des Teilbaren auf verschiedene andere
Begriffe; unter diesen aber wird er hier besonders auf den Begriff des
Körpers bezogen, dieser aber auf gewisse uns vorkommende
Erscheinungen. Also werden diese Gegenstände durch den Begriff der
Teilbarkeit mittelbar vorgestellt. Alle Urteile sind demnach Funktionen der
Einheit unter unseren Vorstellungen, da nämlich statt einer unmittelbaren
Vorstellung eine höhere, die diese und mehrere unter sich begreift, zur
Erkenntnis des Gegenstandes gebraucht, und viel mögliche Erkenntnisse
dadurch in einer zusammengezogen werden. Wir können aber alle
Handlungen des Verstandes auf Urteile zurückführen, so daß der Verstand
überhaupt als ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann. Denn er ist
nach dem obigen ein Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis durch
Begriffe. Begriffe aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf
irgendeine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande. So
bedeutet der Begriff des Körpers etwas, z.B. Metall, was durch jenen
Begriff erkannt werden kann. Er ist also nur dadurch Begriff, daß unter ihm
andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf
Gegenstände beziehen kann. Es ist also das Prädikat zu einem möglichen
Urteile, z.B. ein jedes Metall ist ein Körper. Die Funktionen des Verstandes
können also insgesamt gefunden werden, wenn man die Funktionen der
Einheit in den Urteilen vollständig darstellen kann. Daß dies aber sich ganz
wohl bewerkstelligen lasse, wird der folgende Abschnitt vor Augen stellen.

Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
Zweiter Abschnitt

§ 9 Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen

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Wenn wir von allem Inhalte eines Urteils überhaupt abstrahieren, und nur
auf die bloße Verstandesform darin achtgeben, so finden wir, daß die
Funktion des Denkens in demselben unter vier Titel gebracht werden könne,
deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können füglich in
folgender Tafel vorgestellt werden.

1. Quantität der Urteile
Allgemeine
Besondere
Einzelne

2. Qualität 3. Relation
Bejahende Kategorische
Verneinende Hypothetische
Unendliche Disjunktive

4. Modalität
Problematische
Assertorische
Apodiktische

Da diese Einteilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken, von
der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden
folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnötig
sein.

1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urteile in
Vernunftschlüssen die einzelnen Urteile gleich den allgemeinen behandeln
könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben, kann das
Prädikat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter dem Begriff des
Subjekts enthalten ist, gezogen, von einigem aber ausgenommen werden.
Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme, gleich als wenn derselbe

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ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen Umfang hätte, von dessen
ganzer Bedeutung das Prädikat gelte. Vergleichen wir dagegen ein einzelnes
Urteil mit einem gemeingültigen, bloß als Erkenntnis, der Größe nach, so
verhält sie sich zu diesem wie Einheit zur Unendlichkeit, und ist also an
sich selbst davon wesentlich unterschieden. Also, wenn ich ein einzelnes
Urteil (judicium singulare) nicht bloß nach seiner inneren Gültigkeit,
sondern auch, als Erkenntnis überhaupt, nach der Größe, die es in
Vergleichung mit anderen Erkenntnissen hat, schätze, so ist es allerdings
von gemeingültigen Urteilen (judicia communia) unterschieden, und
verdient in einer vollständigen Tafel der Momente des Denkens überhaupt
(obzwar freilich nicht in der bloß auf den Gebrauch der Urteile
untereinander eingeschränkten Logik) eine besondere Stelle.

2. Ebenso müssen in einer transzendentalen Logik unendliche Urteile von
bejahenden noch unterschieden werden, wenn sie gleich in der allgemeinen
Logik jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes Glied der
Einteilung ausmachen. Diese nämlich abstrahiert von allem Inhalt des
Prädikats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur darauf, ob dasselbe
dem Subjekt beigelegt, oder ihm entgegengesetzt werde. Jene aber
betrachtet das Urteil auch nach dem Werte oder Inhalt dieser logischen
Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden Prädikats, und was diese in
Ansehung des gesamten Erkenntnisses für einen Gewinn verschafft. Hätte
ich von der Seele gesagt, sie ist nicht sterblich, so hätte ich durch ein
verneinendes Urteil wenigstens einen Irrtum abgehalten. Nun habe ich
durch den Satz: die Seele ist nicht sterblich, zwar der logischen Form nach
wirklich bejaht, indem ich die Seele in den unbeschränkten Umfang der
nichtsterbenden Wesen setze. Weil nun von dem ganzen Umfange
möglicher Wesen das Sterbliche einen Teil enthält, das Nichtsterbende aber
den anderen, so ist durch meinen Satz nichts anderes gesagt, als daß die
Seele eines von der unendlichen Menge Dinge sei, die übrigbleiben, wenn
ich das Sterbliche insgesamt wegnehme. Dadurch aber wird nur die

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unendliche Sphäre alles Möglichen insoweit beschränkt, daß das Sterbliche
davon abgetrennt, und in dem übrigen Umfang ihres Raums die Seele
gesetzt wird. Dieser Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme noch immer
unendlich, und können noch mehrere Teile desselben weggenommen
werden, ohne daß darum der Begriff von der Seele im mindesten wächst,
und bejahend bestimmt wird. Diese unendlichen Urteile also in Ansehung
des logischen Umfanges sind wirklich bloß beschränkend in Ansehung des
Inhalts der Erkenntnis überhaupt, und insofern müssen sie in der
transzendentalen Tafel aller Momente des Denkens in den Urteilen nicht
übergangen werden, weil die hierbei ausgeübte Funktion des Verstandes
vielleicht in dem Felde seiner reinen Erkenntnis a priori wichtig sein kann.

3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urteilen sind die a) des Prädikats
zum Subjekt, b) des Grundes zur Folge, c) der eingeteilten Erkenntnis und
der gesammelten Glieder der Einteilung untereinander. In der ersteren Art
der Urteile sind nur zwei Begriffe, in der zweiten zwei Urteile, in der dritten
mehrere Urteile im Verhältnis gegeneinander betrachtet. Der hypothetische
Satz: wenn eine vollkommene Gerechtigkeit da ist, so wird der beharrlich
Böse bestraft, enthält eigentlich das Verhältnis zweier Sätze: Es ist eine
vollkommene Gerechtigkeit da, und der beharrlich Böse wird bestraft. Ob
beide dieser Sätze an sich wahr seien, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur
die Konsequenz, die durch dieses Urteil gedacht wird. Endlich enthält das
disjunktive Urteil ein Verhältnis zweier, oder mehrerer Sätze gegeneinander,
aber nicht der Abfolge, sondern der logischen Entgegensetzung, sofern die
Sphäre des einen die des anderen ausschließt, aber doch zugleich der
Gemeinschaft, insofern sie zusammen die Sphäre der eigentlichen
Erkenntnis erfüllen, also ein Verhältnis der Teile der Sphäre eines
Erkenntnisses, da die Sphäre eines jeden Teils ein Ergänzungsstück der
Sphäre des anderen zu dem ganzen Inbegriff der eingeteilten Erkenntnis ist,
z.E. die Welt ist entweder durch einen blinden Zufall da, oder durch innere
Notwendigkeit, oder durch eine äußere Ursache. Jeder dieser Sätze nimmt

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einen Teil der Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das Dasein einer
Welt überhaupt ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das Erkenntnis aus
einer dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der übrigen setzen, und
dagegen sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus den übrigen wegnehmen.
Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine gewisse Gemeinschaft der
Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich wechselseitig einander
ausschließen, aber dadurch doch im Ganzen die wahre Erkenntnis
bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer
einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen. Und dieses ist es auch nur, was
ich des Folgenden wegen hiebei anzumerken nötig finde.

4. Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion derselben,
die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts zum Inhalte des Urteils
beiträgt, (denn außer Größe, Qualität und Verhältnis ist nichts mehr, was
den Inhalt eines Urteils ausmachte,) sondern nur den Wert der Copula in
Beziehung auf das Denken überhaupt angeht. Problematische Urteile sind
solche, wo man das Bejahen oder Verneinen als bloß möglich (beliebig)
annimmt. Assertorische, da es als wirklich (wahr) betrachtet wird.
Apodiktische, in denen man es als notwendig ansieht*. So sind die beiden
Urteile, deren Verhältnis das hypothetische Urteil ausmacht, (antecedens
und consequens), imgleichen in deren Wechselwirkung das Disjunktive
besteht, (Glieder der Einteilung) insgesamt nur problematisch. In dem
obigen Beispiel wird der Satz: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da,
nicht assertorisch gesagt, sondern nur als ein beliebiges Urteil, wovon es
möglich ist, daß jemand es annehme, gedacht, und nur die Konsequenz ist
assertorisch. Daher können solche Urteile auch offenbar falsch sein, und
doch, problematisch genommen, Bedingungen der Erkenntnis der Wahrheit
sein. So ist das Urteil: die Welt ist durch blinden Zufall da, in dem
disjunktiven Urteil nur von problematischer Bedeutung, nämlich, daß
jemand diesen Satz etwa auf eignen Augenblick annehmen möge, und dient
doch, (wie die Verzeichnung des falschen Weges, unter der Zahl aller derer,

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die man nehmen kann,) den wahren zu finden. Der problematische Satz ist
also derjenige, der nur logische Möglichkeit (die nicht objektiv ist)
ausdrückt, d.i. eine freie Wahl einen solchen Satz gelten zu lassen, eine bloß
willkürliche Aufnehmung desselben in den Verstand. Der assertorische sagt
von logischer Wirklichkeit oder Wahrheit, wie etwa in einem
hypothetischen Vernunftschluß das Antecedens im Obersatze
problematisch, im Untersatze assertorisch vorkommt, und zeigt an, daß der
Satz mit dem Verstande nach dessen Gesetzen schon verbunden sei, der
apodiktische Satz denkt sich den assertorischen durch diese Gesetze des
Verstandes selbst bestimmt, und daher a priori behauptend, und drückt auf
solche Weise logische Notwendigkeit aus. Weil nun hier alles sich
gradweise dem Verstande einverleibt, so daß man zuvor etwas
problematisch urteilt, darauf auch wohl es assertorisch als wahr annimmt,
endlich als unzertrennlich mit dem Verstande verbunden, d.i. als notwendig
und apodiktisch behauptet, so kann man diese drei Funktionen der
Modalität auch so viel Momente des Denkens überhaupt nennen.

* Gleich, als wenn das Denken im ersten Fall eine Funktion des
Verstandes, im zweiten der Urteilskraft, im dritten der Vernunft wäre. Eine
Bemerkung, die erst in der Folge ihre Aufklärung erwartet.

Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
Dritter Abschnitt

§ 10 Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien

Die allgemeine Logik abstrahiert, wie mehrmalen schon gesagt worden,
von allem Inhalt der Erkenntnis, und erwartet, daß ihr anderwärts, woher es
auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in Begriffe zu
verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die transzendentale

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Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor sich liegen, welches
die transzendentale Ästhetik ihr darbietet, um zu den reinen
Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohne den sie ohne allen Inhalt,
mithin völlig leer sein würde. Raum und Zeit enthalten nun ein
Mannigfaltiges der reinen Anschauung a priori, gehören aber gleichwohl zu
den Bedingungen der Rezeptivität unseres Gemüts, unter denen es allein
Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die mithin auch den
Begriff derselben jederzeit affizieren müssen. Allein die Spontaneität
unseres Denkens erfordert es, daß dieses Mannigfaltige zuerst auf gewisse
Weise durchgegangen, aufgenommen, und verbunden werde, um daraus
eine Erkenntnis zu machen. Diese Handlung nenne ich Synthesis.

Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung die
Handlung, verschiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun, und ihre
Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen. Eine solche Synthesis ist
rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern a priori gegeben ist
(wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis unserer Vorstellungen
müssen diese zuvor gegeben sein, und es können keine Begriffe dem Inhalte
nach analytisch entspringen. Die Synthesis eines Mannigfaltigen aber (es
sei empirisch oder a priori gegeben), bringt zuerst eine Erkenntnis hervor,
die zwar anfänglich noch roh und verworren sein kann, und also der
Analysis bedarf; allein die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die
Elemente zu Erkenntnissen sammelt, und zu einem gewissen Inhalte
vereinigt; sie ist also das erste, worauf wir acht zu geben haben, wenn wir
über den ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen wollen.

Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße
Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen
Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben
würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind. Allein, diese
Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Funktion, die dem Verstande

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zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in eigentlicher
Bedeutung verschafft.

Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, gibt nun den reinen
Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige,
welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht: so ist
unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher) eine
Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemeinschaftlichen Grunde
der Einheit geschieht (z.E. der Dekadik). Unter diesem Begriffe wird also
die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig.

Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff
gebracht, (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber nicht
die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf
Begriffe zu bringen, lehrt die transz. Logik. Das erste, was uns zum Behuf
der Erkenntnis aller Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist das
Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis dieses Mannigfaltigen
durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber noch keine Erkenntnis.
Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis Einheit geben, und lediglich in
der Vorstellung dieser notwendigen synthetischen Einheit bestehen, tun das
dritte zum Erkenntnisse eines vorkommenden Gegenstandes, und beruhen
auf dem Verstande.

Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem
Urteile Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedene
Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein ausgedrückt,
der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand also, und zwar durch
eben dieselben Handlungen, wodurch er in Begriffen, vermittelst der
analytischen Einheit, die logische Form eines Urteils zustande brachte,
bringt auch, vermittelst der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der
Anschauung überhaupt, in seine Vorstellungen einen transzendentalen

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Inhalt, weswegen sie reine Verstandesbegriffe heißen, die a priori auf
Objekte gehen, welches die allgemeine Logik nicht leisten kann.

Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe,
welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es in
der vorigen Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urteilen gab:
denn der Verstand ist durch gedachte Funktionen völlig erschöpft, und sein
Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe, nach
dem Aristoteles Kategorien nennen, indem unsere Absicht uranfänglich mit
der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sich gleich davon in der Ausführung
gar sehr entfernt.

Tafel der Kategorien

1. Der Quantität:
Einheit
Vielheit
Allheit.

2. Der Qualität: 3. Der Relation:
Realität der Inhärenz und Subsistenz (substantia
et accidens)
Negation der Kausalität und Dependenz (Ursache
und Wirkung)
Limitation. der Gemeinschaft (Wechselwirkung
zwischen dem Handelnden und Leidenden).

4. Der Modalität:
Möglichkeit - Unmöglichkeit
Dasein - Nichtsein
Notwendigkeit - Zufälligkeit.

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Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe der
Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um derentwillen er
auch nur ein reiner Verstand ist; indem er durch sie allein etwas bei dem
Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d.i. ein Objekt derselben denken
kann. Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen
Prinzip, nämlich dem Vermögen zu urteilen, (welches ebensoviel ist, als das
Vermögen zu denken,) erzeugt, und nicht rhapsodistisch, aus einer auf gut
Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden, von deren
Vollzähligkeit man niemals gewiß sein kann, da sie nur durch Induktion
geschlossen wird, ohne zu gedenken, daß man noch auf die letztere Art
niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht andere Begriffe dem
reinen Verstande beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes
würdiger Anschlag des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er
aber kein Prinzipium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und
trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte. In der
Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben, die er unter dem
Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel blieb noch
immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige modi der reinen
Sinnlichkeit darunter, (quando, ubi, situs, imgleichen prius, simul,) auch ein
empirischer, (motus) die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht
gehören, oder es sind auch die abgeleiteten Begriffe mit unter die
Urbegriffe gezählt, (actio, passio,) und an einigen der letzteren fehlt es
gänzlich.

Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien,
als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre ebenso
reinen abgeleiteten Begriffe haben, die in einem vollständigen System der
Transzendental-Philosophie keineswegs übergangen werden können, mit
deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch
zufrieden sein kann.

Page 108

Es sei mir erlaubt, diese reinen, aber abgeleiteten Verstandesbegriffe die
Prädikabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der Prädikamente) zu
nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven Begriffe hat, so
lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen, und der
Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da es mir hier nicht um
die Vollständigkeit des Systems, sondern nur der Prinzipien zu einem
System zu tun ist, so verspare ich diese Ergänzung auf eine andere
Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich erreichen, wenn man
die Ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt, und z.B. der Kategorie der
Kausalität die Prädikabilien der Kraft, der Handlung, des Leidens; der der
Gemeinschaft die der Gegenwart, des Widerstandes; den Prädikamenten der
Modalität die des Entstehens, Vergehens, der Veränderung usw. unterordnet.
Die Kategorien mit den modis der reinen Sinnlichkeit oder auch
untereinander verbunden, geben eine große Menge abgeleiteter Begriffe a
priori, die zu bemerken, und wo möglich, bis zur Vollständigkeit zu
verzeichnen, eine nützliche und nicht unangenehme, hier aber entbehrliche
Bemühung sein würde.

Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser
Abhandlung geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte.
Ich werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern, welcher
in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich bearbeite, hinreichend ist. In
einem System der reinen Vernunft würde man sie mit Recht von mir fordern
können: aber hier würden sie nur den Hauptpunkt der Untersuchung aus den
Augen bringen, indem sie Zweifel und Angriffe erregten, die man, ohne der
wesentlichen Absicht etwas zu entziehen, gar wohl auf eine andere
Beschäftigung verweisen kann. Indessen leuchtet doch aus dem wenigen,
was ich hievon angeführt habe, deutlich hervor, daß ein vollständiges
Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich,
sondern auch leicht sei zustande zu bringen. Die Fächer sind einmal da; es
ist nur nötig, sie auszufüllen, und eine systematische Topik, wie die

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gegenwärtige, laßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin ein jeder Begriff
eigentümlich gehört, und zugleich diejenige leicht bemerken, die noch leer
ist.

§ 11

Über diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen
anstellen, die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der
wissenschaftlichen Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. Denn
daß diese Tafel im theoretischen Teile der Philosophie ungemein dienlich, ja
unentbehrlich sei, den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft, sofern sie auf
Begriffen a priori beruht, vollständig zu entwerfen, und sie mathematisch
nach bestimmten Prinzipien abzuteilen, erhellt schon von selbst daraus, daß
gedachte Tafel alle Elementarbegriffe des Verstandes vollständig, ja selbst
die Form eines Systems derselben im menschlichen Verstande enthält,
folglich auf alle Momente einer vorhabenden spekulativen Wissenschaft, ja
sogar ihre Ordnung, Anweisung gibt, wie ich denn auch davon anderwärts*
eine Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen.

* Metaphys. Anfangsgr. der Naturwissensch.

Die erste ist: daß sich diese Tafel, welche vier Klassen von
Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Abteilungen zerfällen lasse,
deren erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als
empirischen), die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände
(entweder in Beziehung aufeinander oder auf den Verstand) gerichtet sind.

Die erste Klasse würde ich die der mathematischen, die zweite der
dynamischen Kategorien nennen. Die erste Klasse hat, wie man sieht, keine

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Korrelate, die allein in der zweiten Klasse angetroffen werden. Dieser
Unterschied muß doch einen Grund in der Natur des Verstandes haben.

2te Anmerk. Daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder
Klasse, nämlich drei sind, welches eben sowohl zum Nachdenken
auffordert, da sonst alle Einteilung a priori durch Begriffe Dichtomie sein
muß. Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben aus der
Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse entspringt.

So ist die Allheit (Totalität) nichts anderes als die Vielheit als Einheit
betrachtet, die Einschränkung nichts anderes als Realität mit Negation
verbunden, die Gemeinschaft ist die Kausalität einer Substanz in
Bestimmung der anderen wechselseitig, endlich die Notwendigkeit nichts
anderes als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben ist. Man
denke aber ja nicht, daß darum die dritte Kategorie ein bloß abgeleiteter und
kein Stammbegriff des reinen Verstandes sei. Denn die Verbindung der
ersten und zweiten, um den dritten Begriff hervorzubringen, erfordert einen
besonderen Aktus des Verstandes, der nicht mit dem einerlei ist, der beim
ersten und zweiten ausgeübt wird. So ist der Begriff einer Zahl (die zur
Kategorie, der Allheit gehört) nicht immer möglich, wo die Begriffe der
Menge und der Einheit sind (z.B. in der Vorstellung des Unendlichen), oder
daraus, daß ich den Begriff einer Ursache und den einer Substanz beide
verbinde, noch nicht sofort der Einfluß, d.i. wie eine Substanz Ursache von
etwas in einer anderen Substanz werden könne, zu verstehen. Daraus
erhellt, daß dazu ein besonderer Aktus des Verstandes erforderlich sei; und
so bei den übrigen.

3te Anmerk. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der
Gemeinschaft, die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die
Übereinstimmung mit der in der Tafel der Logischen Funktionen ihm

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korrespondierenden Form eines disjunktiven Urteils nicht so in die Augen
fallend, als bei den übrigen.

Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern, muß man bemerken: daß
in allen disjunktiven Urteilen die Sphäre (die Menge alles dessen, was unter
ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Teile (die untergeordneten Begriffe)
geteilt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter dem anderen enthalten
sein kann, sie als einander koordiniert, nicht subordiniert, so daß sie
einander nicht einseitig, wie in einer Reihe, sondern wechselseitig, wie in
einem Aggregat, bestimmen (wenn ein Glied der Einteilung gesetzt wird,
alle übrigen ausgeschlossen werden, und so umgekehrt), gedacht werden.

Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen der Dinge
gedacht, da nicht eines, als Wirkung, dem anderen, als Ursache seines
Daseins, untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in
Ansehung der Bestimmung der anderen beigeordnet wird, (z.B. in einem
Körper, dessen Teile einander wechselseitig ziehen, und auch widerstehen,)
welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als die, so im bloßen
Verhältnis der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen
wird, in welchem die Folge nicht wechselseitig wiederum den Grund
bestimmt, und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt) nicht
ein Ganzes ausmacht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, wenn er sich die
Sphäre eines eingeteilten Begriffes vorstellt, beobachtet er auch, wenn er
ein Ding als teilbar denkt, und, wie die Glieder der Einteilung im ersteren
einander ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind, so stellt er
sich die Teile des letzteren als solche, deren Existenz (als Substanzen)
jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch als in einem
Ganzen verbunden vor.

§ 12

Page 112

Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch ein
Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich
nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch, nach ihnen, als
Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber
die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann. Diese
trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet ens est
unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Prinzips in Absicht
auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben) sehr kümmerlich
ausfiel, so, daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in
der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich
so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine
Untersuchung seines Ursprunges, und berechtigt zur Vermutung, daß er in
irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft
geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich
transzendentalen Prädikate der Dinge sind nichts anderes als Logische
Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntnis der Dinge überhaupt, und legen
ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit,
zum Grunde, nur daß sie diese, welche, eigentlich material, als zur
Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in der
Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen Forderung in Ansehung
jeder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkens
unbehutsamerweise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten. In
jedem Erkenntnisse eines Objektes ist nämlich Einheit des Begriffes,
welche man qualitative Einheit nennen kann, sofern darunter nur die Einheit
der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird,
wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer
Fabel. Zweitens Wahrheit in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen
aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objektiven
Realität. Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu
einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören, (nicht in ihm

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als Größe gedacht werden,) nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, die
darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des
Begriffes zurückführt, und zu diesem und keinem anderen völlig
zusammenstimmt, welches man die qualitative Vollständigkeit (Totalität)
nennen kann. Woraus erhellt, daß diese logischen Kriterien der Möglichkeit
der Erkenntnis überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die
Einheit in der Erzeugung des Quantums durchgängig gleichartig
angenommen werden muß, hier nur in Absicht auf die Verknüpfung auch
ungleichartiger Erkenntnisstücke in einem Bewußtsein durch die Qualität
eines Erkenntnisses als Prinzips verwandeln. So ist das Kriterium der
Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objekts derselben) die Definition, in
der die Einheit des Begriffs, die Wahrheit alles dessen, was zunächst aus
ihm abgeleitet werden mag, endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm
gezogen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche
desselben ausmacht; oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die
Verständlichkeit des angenommenen Erklärungsgrundes oder dessen
Einheit (ohne Hilfshypothese) die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich
selbst und mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen, und endlich
die Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr
noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden,
und das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch wieder
liefern und dazu zusammenstimmen. - Also wird durch die Begriffe von
Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transzendentale Tafel der
Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur,
indem das Verhältnis dieses Begriffe auf Objekte gänzlich beiseite gesetzt
wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der
Übereinstimmung der Erkenntnis mit sich selbst gebracht.

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Der transzendentalen Analytik
Zweites Hauptstück
Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe

Erster Abschnitt

§ 13 Von den Prinzipien einer transz. Deduktion überhaupt

Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden,
unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens ist,
(quid juris) von der, die die Tatsache angeht, (quid facti) und indem sie von
beiden Beweis fordern, so nennen sie den ersteren, der die Befugnis, oder
auch den Rechtsanspruch dartun soll, die Deduktion. Wir bedienen uns
einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes Widerrede, und halten uns
auch ohne Deduktion berechtigt, ihnen einen Sinn und eingebildete
Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die Erfahrung bei der Hand
haben, ihre objektive Realität zu beweisen. Es gibt indessen auch usurpierte
Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die zwar mit fast allgemeiner
Nachsicht herumlaufen, aber doch bisweilen durch die Frage: quid juris, in
Anspruch genommen werden, da man alsdann wegen der Deduktion
derselben in nicht geringe Verlegenheit gerät, indem man keinen deutlichen
Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch der Vernunft anführen kann,
dadurch die Befugnis seines Gebrauchs deutlich würde.

Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe
der menschlichen Erkenntnis ausmachen, gibt es einige, die auch zum
reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) bestimmt
sind, und dieser ihre Befugnis bedarf jederzeit einer Deduktion; weil zu der
Rechtmäßigkeit eines solchen Gebrauchs Beweise aus der Erfahrung nicht
hinreichend sind, man aber doch wissen muß, wie diese Begriffe sich auf
Objekte beziehen können, die sie doch aus keiner Erfahrung hernehmen.
Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich Begriffe a priori auf

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Gegenstände beziehen können, die transzendentale Deduktion derselben,
und unterscheide sie von der empirischen Deduktion, welche die Art
anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über dieselbe
erworben worden, und daher nicht die Rechtmäßigkeit, sondern das Faktum
betrifft, wodurch der Besitz entsprungen.

Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art, die
doch darin miteinander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig a priori
sich auf Gegenstände beziehen, nämlich, die Begriffe des Raumes und der
Zeit, als Formen der Sinnlichkeit, und die Kategorien, als Begriffe des
Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduktion versuchen wollen, würde
ganz vergebliche Arbeit sein; weil eben darin das Unterscheidende ihrer
Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände beziehen, ohne etwas zu
deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt zu haben. Wenn also eine
Deduktion derselben nötig ist, so wird sie jederzeit transzendental sein
müssen.

Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntnis, wo
nicht das Prinzipium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen
ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen, wo alsdann die Eindrücke der
Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntniskraft in Ansehung ihrer
zu eröffnen, und Erfahrung zustande zu bringen, die zwei sehr
ungleichartige Elemente enthält, nämlich eine Materie zur Erkenntnis aus
den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen, aus dem inneren Quell
des reinen Anschauens und Denkens, die, bei Gelegenheit der ersteren,
zuerst in Ausübung gebracht werden, und Begriffe hervorbringen. Ein
solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntniskraft, um
von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen Begriffen zu steigen, hat
ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man hat es dem berühmten Locke
zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg eröffnet hat. Allein eine
Deduktion der reinen Begriffe a priori kommt dadurch niemals zustande,

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denn sie liegt ganz und gar nicht auf diesem Wege, weil in Ansehung ihres
künftigen Gebrauchs, der von der Erfahrung gänzlich unabhängig sein soll,
sie einen ganz anderen Geburtsbrief, als den der Abstammung von
Erfahrungen, müssen aufzuzeigen haben. Diese versuchte physiologische
Ableitung, die eigentlich gar nicht Deduktion heißen kann, weil sie eine
quaestionem facti betrifft, will ich daher die Erklärung des Besitzes einer
reinen Erkenntnis nennen. Es ist also klar, daß von diesen allein es eine
transzendentale Deduktion und keineswegs eine empirische geben könne,
und daß letztere, in Ansehung der reinen Begriffe a priori, nichts als eitle
Versuche sind, womit sich nur derjenige beschäftigen kann, welcher die
ganz eigentümliche Natur dieser Erkenntnisse nicht begriffen hat.

Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduktion der reinen
Erkenntnis a priori, nämlich die auf dem transzendentalen Wege eingeräumt
wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so unumgänglich
notwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes und der Zeit,
vermittelst einer transzendentalen Deduktion zu ihren Quellen verfolgt, und
ihre objektive Gültigkeit a priori erklärt und bestimmt. Gleichwohl geht die
Geometrie ihren sicheren Schritt durch lauter Erkenntnisse a priori, ohne
daß sie sich, wegen der reinen und gesetzmäßigen Abkunft ihres
Grundbegriffs vom Raume, von der Philosophie einen Beglaubigungsschein
erbitten darf. Allein der Gebrauch des Begriffs geht in dieser Wissenschaft
auch nur auf die äußere Sinnenwelt, von welcher der Raum die reine Form
ihrer Anschauung ist, in welcher also alle geometrische Erkenntnis, weil sie
sich auf Anschauung a priori gründet, unmittelbare Evidenz hat, und die
Gegenstände durch die Erkenntnis selbst, a priori (der Form nach) in der
Anschauung, gegeben werden. Dagegen fängt mit den reinen
Verstandesbegriffen die unumgängliche Bedürfnis an, nicht allein von ihnen
selbst, sondern auch vom Raum die transzendentale Deduktion zu suchen,
weil, da sie von Gegenständen nicht durch Prädikate der Anschauung und
der Sinnlichkeit, sondern des reinen Denkens a priori redet, sie sich auf

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Gegenstände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit allgemein beziehen,
und die, da sie nicht auf Erfahrung gegründet sind, auch in der Anschauung
a priori kein Objekt vorzeigen können, worauf sie vor aller Erfahrung ihre
Synthesis gründeten, und daher nicht allein wegen der objektiven Gültigkeit
und Schranken ihres Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen
Begriff des Raumes zweideutig machen, dadurch, daß sie ihn über die
Bedingungen der sinnlichen Anschauung zu gebrauchen geneigt sind,
weshalb auch oben von ihm eine transzendentale Deduktion vonnöten war.
So muß denn der Leser von der unumgänglichen Notwendigkeit einer
solchen transzendentalen Deduktion, ehe er einen einzigen Schritt im Felde
der reinen Vernunft getan hat, überzeugt werden; weil er sonst blind
verfährt, und, nachdem er mannigfaltig umhergeirrt hat, doch wieder zu der
Unwissenheit zurückkehren muß, von der er ausgegangen war. Er muß aber
auch die unvermeidliche Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehen, damit
er nicht über Dunkelheit klage, wo die Sache selbst tief eingehüllt ist, oder
über die Wegräumung der Hindernisse zu früh verdrossen werden, weil es
darauf ankommt, entweder alle Ansprüche zu Einsichten der reinen
Vernunft, als das beliebteste Feld, nämlich dasjenige über die Grenzen aller
möglichen Erfahrung hinaus, völlig aufzugeben, oder diese kritische
Untersuchung zur Vollkommenheit zu bringen.

Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit leichter
Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse a priori sich
gleichwohl auf Gegenstände notwendig beziehen müssen; und eine
synthetische Erkenntnis derselben, unabhängig von aller Erfahrung,
möglich machten. Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der
Sinnlichkeit uns ein Gegenstand erscheinen, d.i. ein Objekt der empirischen
Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine Anschauungen, welche
die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als Erscheinungen a priori
enthalten, und die Synthesis in denselben hat objektive Gültigkeit.

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Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die
Bedingungen vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben
werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne daß sie
sich notwendig auf Funktionen des Verstandes beziehen müssen, und dieser
also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt sich hier eine
Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht antrafen, wie nämlich
subjektive Bedingungen des Denkens sollten objektive Gültigkeit haben,
d.i. Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis der Gegenstände
abgeben: denn ohne Funktionen des Verstandes können allerdings
Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden. Ich nehme z.B. den
Begriff der Ursache, welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet, da
auf etwas A was ganz verschiedenes B nach einer Regel gesetzt wird. Es ist
a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen enthalten
sollten, (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen, weil die
objektive Gültigkeit dieses Begriffs a priori muß dargetan werden können,)
und es ist daher a priori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar
leer sei und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe.
Denn daß Gegenstände der sinnlichen Anschauung den im Gemüt a priori
liegenden formalen Bedingungen der Sinnlichkeit gemäß sein müssen, ist
daraus klar, weil sie sonst nicht Gegenstände für uns sein würden; daß sie
aber auch überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur synthetischen
Einsicht des Denkens bedarf, gemäß sein müssen, davon ist die Schlußfolge
nicht so leicht einzusehen. Denn es könnten wohl allenfalls Erscheinungen
so beschaffen sein, daß der Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit gar
nicht gemäß fände, und alles so in Verwirrung läge, daß z.B. in der
Reihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte, was eine Regel der
Synthesis an die Hand gäbe, und also dem Begriffe der Ursache und
Wirkung entspräche, so daß dieser Begriff also ganz leer, nichtig und ohne
Bedeutung wäre. Erscheinungen würden nichtsdestoweniger unserer

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Anschauung Gegenstände darbieten, denn die Anschauung bedarf der
Funktionen des Denkens auf keine Weise.

Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch
loszuwickeln, daß man sagte: Die Erfahrung böte unablässig Beispiele einer
solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam Anlaß geben,
den Begriff der Ursache davon abzusondern, und dadurch zugleich die
objektive Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren, so bemerkt man
nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar nicht entspringen
kann, sondern daß er entweder völlig a priori im Verstande müsse gegründet
sein, oder als ein bloßes Hirngespinst gänzlich aufgegeben werden müsse.
Denn dieser Begriff erfordert durchaus, daß etwas A von der Art sei, daß ein
anderes B daraus notwendig und nach einer schlechthin allgemeinen Regel
folge. Erscheinungen geben gar wohl Fälle an die Hand, aus denen eine
Regel möglich ist, nach der etwas gewöhnlichermaßen geschieht, aber
niemals, daß der Erfolg notwendig sei: daher der Synthesis der Ursache und
Wirkung auch eine Dignität anhängt, die man gar nicht empirisch
ausdrücken kann, nämlich, daß die Wirkung nicht bloß zu der Ursache
hinzukomme, sondern durch dieselbe gesetzt sei, und aus ihr erfolge. Die
strenge Allgemeinheit der Regel ist auch gar keine Eigenschaft empirischer
Regeln, die durch Induktion keine andere als komparative Allgemeinheit,
d.i. ausgebreitete Brauchbarkeit bekommen können. Nun würde sich aber
der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe gänzlich ändern, wenn man sie
nur als empirische Produkte behandeln wollte.

§ 14 Übergang zur transz. Deduktion der Kategorien

Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische Vorstellung und
ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander notwendigerweise
beziehen, und gleichsam einander begegnen können. Entweder wenn der

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Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Gegenstand allein möglich
macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch, und die
Vorstellung ist niemals a priori möglich. Und dies ist der Fall mit
Erscheinung, in Ansehung dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist
aber das zweite, weil Vorstellung an sich selbst (denn von dessen
Kausalität, vermittelst des Willens, ist hier gar nicht die Rede,) ihren
Gegenstand dem Dasein nach nicht hervorbringt, so ist doch die Vorstellung
in Ansehung des Gegenstandes alsdann a priori bestimmend, wenn durch
sie allein es möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind
aber zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines
Gegenstandes möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur
als Erscheinung, gegeben wird: zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand
gedacht wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem obigen
klar, daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein Gegenstände
angeschaut werden können, in der Tat den Objekten der Form nach a priori
im Gemüt zum Grunde liegen. Mit dieser formalen Bedingung der
Sinnlichkeit stimmen also alle Erscheinungen notwendig überein, weil sie
nur durch dieselbe erscheinen, d.i. empirisch angeschaut und gegeben
werden können. Nun frägt es sich, ob nicht auch Begriffe a priori
vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenngleich nicht
angeschaut, dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird, denn alsdann
ist alle empirische Erkenntnis der Gegenstände solchen Begriffen
notwendigerweise gemäß, weil, ohne deren Voraussetzung, nichts als
Objekt der Erfahrung möglich ist. Nun enthält aber alle Erfahrung außer der
Anschauung der Sinne, wodurch etwas gegeben wird, noch einen Begriff
von einem Gegenstande, der in der Anschauung gegeben wird, oder
erscheint: demnach werden Begriffe von Gegenständen überhaupt, als
Bedingungen a priori aller Erfahrungserkenntnis zum Grunde liegen:
folglich wird die objektive Gültigkeit der Kategorien, als Begriffe a priori,
darauf beruhen, daß durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens

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nach) möglich sei. Denn alsdann beziehen sie sich notwendigerweise und a
priori auf Gegenstände der Erfahrung, weil nur vermittelst ihrer überhaupt
irgendein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann.

Die transz. Deduktion aller Begriffe a priori hat also ein Prinzipium,
worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich dieses:
daß sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrungen erkannt
werden müssen, (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen wird, oder
des Denkens). Begriffe, die den objektiven Grund der Möglichkeit der
Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. Die Entwicklung der
Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist nicht ihre Deduktion,
(sondern Illustration,) weil sie dabei doch nur zufällig sein würden. Ohne
diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche Erfahrung, in welcher alle
Gegenstände der Erkenntnis vorkommen, würde die Beziehung derselben
auf irgendein Objekt gar nicht begriffen werden können.

Der berühmte Locke hatte, aus Ermangelung dieser Betrachtung, und
weil er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie auch von
der Erfahrung abgeleitet, und verfuhr doch so inkonsequent, daß er damit
Versuche zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle Erfahrungsgrenze
hinausgehen. David Hume erkannte, um das letztere tun zu können, sei es
notwendig, daß diese Begriffe ihren Ursprung a priori haben müßten. Da er
sich aber gar nicht erklären konnte, wie es möglich sei, daß der Verstand
Begriffe, die an sich im Verstande nicht verbunden sind, doch als im
Gegenstande notwendig verbunden denken müsse, und darauf nicht verfiel,
daß vielleicht der Verstand durch diese Begriffe selbst Urheber der
Erfahrung, worin seine Gegenstände angetroffen werden, sein könne, so
leitete er sie, durch Not gedrungen, von der Erfahrung ab (nämlich von
einer durch öftere Assoziation in der Erfahrung entsprungenen subjektiven
Notwendigkeit, welche zuletzt fälschlich für objektiv gehalten wird, d.i. der
Gewohnheit), verfuhr aber hernach sehr konsequent, darin, daß er es für

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unmöglich erklärte, mit diesen Begriffen und den Grundsätzen, die sie
veranlassen, über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen. Die empirische
Ableitung aber, worauf beide verfielen, läßt sich mit der Wirklichkeit der
wissenschaftlichen Erkenntnisse a priori, die wir haben, nämlich der reinen
Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft, nicht vereinigen, und wird
also durch das Faktum widerlegt.

Der erste dieser beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei Tür
und Tor, weil die Vernunft, wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer Seite hat,
sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung in
Schranken halten läßt; der zweite ergab sich gänzlich dem Skeptizismus, da
er einmal eine so allgemeine für Vernunft gehaltene Täuschung unseres
Erkenntnisvermögens glaubte entdeckt zu haben. Wir sind jetzt im Begriffe
einen Versuch zu machen, ob man nicht die menschliche Vernunft zwischen
diesen beiden Klippen glücklich durchbringen, ihr bestimmte Grenzen
anweisen, und dennoch das ganze Feld ihrer zweckmäßigen Tätigkeit für
sie geöffnet erhalten können.

Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranschicken. Sie
sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt, dadurch dessen
Anschauung in Ansehung einer der logischen Funktionen zu Urteilen als
bestimmt angesehen wird. So war die Funktion des kategorischen Urteils
die des Verhältnisses des Subjekts zum Prädikat, z.B. alle Körper sind
teilbar. Allein in Ansehung des bloß logischen Gebrauchs des Verstandes
blieb es unbestimmt, welcher von beiden Begriffen die Funktion des
Subjekts, und welchem die des Prädikates man geben wolle. Denn man
kann auch sagen: Einiges Teilbare ist ein Körper. Durch die Kategorie der
Substanz aber, wenn ich den Begriff eines Körpers darunter bringe, wird es
bestimmt: daß seine empirische Anschauung in der Erfahrung immer nur als
Subjekt, niemals als bloßen Prädikat betrachtet werden müsse; und so in
allen übrigen Kategorien.

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Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
Zweiter Abschnitt
Transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe

§ 15 Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt

Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben
werden, die bloß sinnlich d.i. nichts als Empfänglichkeit ist, und die Form
dieser Anschauung kann a priori in unserem Vorstellungsvermögen liegen,
ohne doch etwas anderes, als die Art zu sein, wie das Subjekt affiziert wird.
Allein die Verbindung (conjunctio) eines Mannigfaltigen überhaupt, kann
niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen
Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein; denn sie ist
ein Aktus der Spontaneität der Vorstellungskraft, und, da man diese, zum
Unterschiede von der Sinnlichkeit, Verstand nennen muß, so ist alle
Verbindung, wir mögen uns ihrer bewußt werden oder nicht, es mag eine
Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung, oder mancherlei Begriffe,
und an der ersteren der sinnlichen, oder nicht sinnlichen Anschauung sein,
eine Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis
belegen würden, um dadurch zugleich bemerklich zu machen, daß wir uns
nichts, als im Objekt verbunden, vorstellen können, ohne es vorher selbst
verbunden zu haben, und unter allen Vorstellungen die Verbindung die
einzige ist, die nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekte
selbst verrichtet werden kann, weil sie ein Aktus seiner Selbsttändigkeit ist.
Man wird hier leicht gewahr, daß diese Handlung ursprünglich einig, und
für alle Verbindung gleichgeltend sein müsse, und daß die Auflösung
Analysis, die ihr Gegenteil zu sein scheint, sie doch jederzeit voraussetze;
denn wo der Verstand vorher nichts verbunden hat, da kann er auch nichts
auflösen, weil es nur durch ihn als verbunden der Vorstellungskraft hat
gegeben werden können.

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Aber der Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe des
Mannigfaltigen, und der Synthesis desselben, noch den der Einheit
desselben bei sich. Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des
Mannigfaltilgen*. Die Vorstellung dieser Einheit kann also nicht aus der
Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch, daß sie zur Vorstellung
des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der Verbindung allererst
möglich. Diese Einheit, die a priori vor allen Begriffen der Verbindung
vorhergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit (§ 10); denn alle
Kategorien gründen sich auf logische Funktionen in Urteilen, in diesen aber
ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener Begriffe gedacht. Die
Kategorie setzt also schon Verbindung voraus. Also müssen wir diese
Einheit (als qualitative § 12) noch höher suchen, nämlich in demjenigen,
was selbst den Grund der Einheit verschiedener Begriffe in Urteilen, mithin
der Möglichkeit des Verstandes, sogar in seinem logischen Gebrauche,
enthält.

* Ob die Vorstellungen selbst identisch sind, und also eine durch die
andere analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in
Betrachtung. Das Bewußtsein der einen ist, sofern vom Mannigfaltigen die
Rede ist, vom Bewußtsein der anderen doch immer zu unterscheiden, und
auf die Synthesis dieses (möglichen) Bewußtseins kommt es hier allein an.

§ 16 Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption

Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn
sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was garnicht gedacht werden
könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder
unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung, die
vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung. Also hat alles
Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: Ich

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denke, in demselben Subjekt, darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird.
Diese Vorstellung aber ist ein Aktus der Spontaneität, d.i. sie kann nicht als
zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden. Ich nenne sie die reine
Apperzeption, um sie von der empirischen zu unterscheiden, oder auch die
ursprüngliche Apperzeption, weil sie dasjenige Selbstbewußtsein ist, was,
indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt, die alle anderen muß
begleiten können, und in allem Bewußtsein ein und dasselbe ist, von keiner
weiter begleitet werden kann. Ich nenne auch die Einheit derselben die
transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins, um die Möglichkeit der
Erkenntnis a priori aus ihr zu bezeichnen. Denn die mannigfaltigen
Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden
nicht insgesamt meine Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesamt zu
einem Selbstbewußtsein gehörten, d.i. als meine Vorstellungen (ob ich mich
ihrer gleich nicht als solcher bewußt bin) müssen sie doch der Bedingung
notwendig gemäß sein, unter der sie allein in einem allgemeinen
Selbstbewußtsein zusammenstehen können, weil sie sonst nicht
durchgängig mir angehören würden. Aus dieser ursprünglichen Verbindung
läßt sich vieles folgern.

Nämlich diese durchgängige Identität der Apperzeption eines in der
Anschauung gegebenen Mannigfaltigen, enthält eine Synthesis der
Vorstellungen, und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis möglich.
Denn das empirische Bewußtsein, welches verschiedene Vorstellungen
begleitet, ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf die Identität des
Subjekts. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, daß ich jede
Vorstellung mit Bewußtsein begleite, sondern daß ich eine zu der anderen
hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewußt bin. Also nur dadurch,
daß ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen in einem Bewußtsein
verbinden kann, ist es möglich, daß ich mir die Identität des Bewußtseins in
diesen Vorstellungen selbst vorstelle, d.i. die analytische Einheit der
Apperzeption ist nur unter der Voraussetzung irgendeiner synthetischen

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möglich*. Der Gedanke: diese in der Anschauung gegebenen Vorstellungen
gehören mir insgesamt zu, heißt demnach soviel, als ich vereinige sie in
einem Selbstbewußtsein, oder kann sie wenigstens darin vereinigen, und ob
er gleich selbst noch nicht das Bewußtsein der Synthesis der Vorstellungen
ist, so setzt er doch die Möglichkeit der letzteren voraus, d.i. nur dadurch,
daß ich das Mannigfaltige derselben in einem Bewußtsein begreifen kann,
nenne ich dieselben insgesamt meine Vorstellungen; denn sonst würde ich
ein so vielfarbiges verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe,
deren ich mir bewußt bin. Synthetische Einheit des Mannigfaltigen der
Anschauungen, als a priori gegeben, ist also der Grund der Identität der
Apperzeption selbst, die a priori allem meinem bestimmten Denken
vorhergeht. Verbindung liegt aber nicht in den Gegenständen, und kann von
ihnen nicht etwa durch Wahrnehmung entlehnt und in den Verstand dadurch
allererst aufgenommen werden, sondern ist allein eine Verrichtung des
Verstandes, der selbst nichts weiter ist, als das Vermögen, a priori zu
verbinden, und das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter Einheit
der Apperzeption zu bringen, welcher Grundsatz der oberste im ganzen
menschlichen Erkenntnis ist.

* Die analytische Einheit des Bewußtseins hängt allen gemeinsamen
Begriffen, als solchen, an, z.B. wenn ich mir rot überhaupt denke, so stelle
ich mir dadurch eine Beschaffenheit vor, die (als Merkmal) irgendworan
angetroffen, oder mit anderen Vorstellungen verbunden sein kann; also nur
vermöge einer vorausgedachten möglichen synthetischen Einheit kann ich
mir die analytische vorstellen. Eine Vorstellung, die als verschiedenen
gemein gedacht werden soll, wird als zu solchen gehörig angesehen, die
außer ihr noch etwas Verschiedenes an sich haben, folglich muß sie in
synthetischer Einheit mit anderen (wenngleich nur möglichen
Vorstellungen) vorher gedacht werden, ehe ich die analytische Einheit des
Bewußtseins, welche sie zum conceptus communis macht, an ihr denken
kann. Und so ist die synthetische Einheit der Apperzeption der höchste

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Punkt, an dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik, und,
nach ihr, die Transzendental-Philosophie heften muß, ja dieses Vermögen ist
der Verstand selbst.

Dieser Grundsatz, der notwendigen Einheit der Apperzeption, ist nun
zwar selbst identisch, mithin ein analytischer Satz, erklärt aber doch eine
Synthesis des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen als
notwendig, ohne welche jene, durchgängige Identität des Selbstbewußtseins
nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich, als einfache Vorstellung,
ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Anschauung, die davon
unterschieden ist, kann es nur gegeben und durch Verbindung in einem
Bewußtsein gedacht werden. Ein Verstand, in welchem durch das
Selbstbewußtsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, würde
anschauen; der unsere kann nur denken und muß in den Sinnen die
Anschauung suchen. Ich bin mir also des identischen Selbst bewußt, in
Ansehung des Mannigfaltigen der mir in einer Anschauung gegebenen
Vorstellungen, weil ich sie insgesamt meine Vorstellungen nenne, die eine
ausmachen. Das ist aber soviel, als, daß ich mir einer notwendigen
Synthesis derselben a priori bewußt bin, welche die ursprüngliche
synthetische Einheit der Apperzeption heißt, unter der alle mir gegebenen
Vorstellungen stehen, aber unter die sie auch durch eine Synthesis gebracht
werden müssen.

§ 17 Der Grundsatz der synthetischen Einheit der Apperzeption ist das
oberste Prinzip alles Verstandesgebrauchs

Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung
auf die Sinnlichkeit war laut der transz. Ästhetik: daß alles Mannigfaltige
derselben unter den formalen Bedingungen des Raumes und der Zeit stehen.
Der oberste Grundsatz eben derselben in Beziehung auf den Verstand ist:

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daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen der
ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption stehe*. Unter dem
ersteren stehen alle mannigfaltigen Vorstellungen der Anschauung, sofern
sie uns gegeben werden, unter dem zweiten sofern sie in einem Bewußtsein
müssen verbunden werden können; denn ohne das kann nichts dadurch
gedacht oder erkannt werden, weil die gegebenen Vorstellungen den Aktus
der Apperzeption, Ich denke, nicht gemein haben, und dadurch nicht in
einem Selbstbewußtsein zusammengefaßt sein würden.

* Der Raum und die Zeit und alle Teile derselben sind Anschauungen,
mithin einzelne Vorstellungen mit dem Mannigfaltigen, das sie in sich
enthalten (siehe die transz. Ästhetik), mithin nicht bloße Begriffe, durch die
eben dasselbe Bewußtsein, als in vielen Vorstellungen, sondern viel
Vorstellungen als in einer, und deren Bewußtsein, enthalten, mithin als
zusammengesetzt, folglich die Einheit des Bewußtseins, als synthetisch,
aber doch ursprünglich angetroffen wird. Diese Einzelnheit derselben ist
wichtig in der Anwendung (siehe § 25).

Verstand ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse. Diese
bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein
Objekt. Objekt aber ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige einer
gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert aber alle Vereinigung
der Vorstellungen Einheit des Bewußtseins in der Synthesis derselben.
Folglich ist die Einheit des Bewußtseins dasjenige, was allein die
Beziehung der Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre objektive
Gültigkeit, folglich, daß sie Erkenntnisse werden, ausmacht, und worauf
folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht.

Das erste reine Verstandeserkenntnis also, worauf sein ganzer übriger
Gebrauch sich gründet, welches auch zugleich von allen Bedingungen der
sinnlichen Anschauung ganz unabhängig ist, ist nun der Grundsatz der

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ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption. So ist die bloße
Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine
Erkenntnis; er gibt nur das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu einem
möglichen Erkenntnis. Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, z.B.
eine Linie, muß ich sie ziehen, und also eine bestimmte Verbindung des
gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zustande, bringen, so, daß die
Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des Bewußtseins (im Begriffe
einer Linie) ist, und dadurch allererst ein Objekt (ein bestimmter Raum)
erkannt wird. Die synthetische Einheit des Bewußtseins ist also eine
objektive Bedingung aller Erkenntnis, nicht deren ich bloß selbst bedarf,
um ein Objekt zu erkennen, sondern unter der jede Anschauung stehen muß,
um für mich Objekt zu werden, weil auf andere Art, und ohne diese
Synthesis, das Mannigfaltige sich nicht in einem Bewußtsein vereinigen
würde.

Dieser letztere Satz ist, wie gesagt, selbst analytisch, ob er zwar die
synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens macht, denn er sagt
nichts weiter, als, daß alle meine Vorstellungen in irgendeiner gegebenen
Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, unter der ich sie allein als
meine Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen, und also, als in
einer Apperzeption synthetisch verbunden durch den Allgemeinen Ausdruck
Ich denke zusammenfassen kann.

Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Prinzip für jeden überhaupt
möglichen Verstand, sondern nur für den, durch dessen reine Apperzeption
in der Vorstellung: Ich bin, noch gar nichts Mannigfaltiges gegeben ist.
Derjenige Verstand, durch dessen Selbstbewußtsein zugleich das
Mannigfaltige der Anschauung gegeben würde, ein Verstand, durch dessen
Vorstellung zugleich die Objekte dieser Vorstellung existierten, würde einen
besonderen Aktus der Synthesis der Mannigfaltigen zu der Einheit des
Bewußtseins nicht bedürfen, deren der menschliche Verstand, der bloß

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denkt, nicht anschaut, bedarf. Aber für den menschlichen Verstand ist er
doch unvermeidlich der erste Grundsatz, so, daß er sich sogar von einem
anderen möglichen Verstande, entweder einem solchen, der selbst
anschaute, oder, wenngleich eine sinnliche Anschauung, aber doch von
anderer Art, als die im Raume und der Zeit, zum Grunde liegend besäße,
sich nicht den mindesten Begriff machen kann.

§ 18 Was objektive Einheit des Selbstbewußtseins sei

Die transzendentale Einheit der Apperzeption ist diejenige, durch welche
alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen Begriff vom
Objekt vereinigt wird. Sie heißt darum objektiv, und muß von der
subjektiven Einheit des Bewußtseins unterschieden werden, die eine
Bestimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes Mannigfaltige der
Anschauung zu einer solchen Verbindung empirisch gegeben wird. Ob ich
mir des Mannigfaltigen als zugleich, oder nacheinander, empirisch bewußt
sein könne, kommt auf Umstände, oder empirische Bedingungen, an. Daher
die empirische Einheit des Bewußtseins, durch Assoziation der
Vorstellungen, selbst eine Erscheinung betrifft, und ganz zufällig ist.
Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als
Anschauung überhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter der
ursprünglichen Einheit des Bewußtseins, lediglich durch die notwendige
Beziehung des Mannigfaltigen der Anschauung zum Einen: Ich denke; also
durch die reine Synthesis des Verstandes, welche a priori der empirischen
zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objektiv gültig; die empirische
Einheit der Apperzeption, die wir hier nicht erwägen, und die auch nur von
der ersteren, unter gegebenen Bedingungen in concreto, abgeleitet ist, hat
nur subjektive Gültigkeit. Einer verbindet die Vorstellung eines gewissen
Wortes mit einer Sache, der andere mit einer anderen Sache, und die Einheit

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des Bewußtseins, in dem, was empirisch ist, ist in Ansehung dessen, was
gegeben ist, nicht notwendig und allgemein geltend.

§ 19 Die logische Form aller Urteile besteht in der objektiven Einheit der
Apperzeption der darin enthaltenen Begriffe

Ich habe, mich niemals durch die Erklärung, welche die Logiker von
einem Urteile überhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie sagen,
die Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen. Ohne nun hier
über das Fehlerhafte der Erklärung, daß sie allenfalls nur auf kategorische,
aber nicht hypothetische und disjunktive Urteile paßt, (als welche letztere
nicht ein Verhältnis von Begriffen, sondern selbst von Urteilen enthalten,)
mit ihnen zu zanken, (ohnerachtet aus diesem Versehen der Logik manche
lästige Folgen erwachsen sind,)* merke ich nur an, daß, worin dieses
Verhältnis bestehe, hier nicht bestimmt ist.

* Die weitläufige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft nur
die kategorischen Vernunftschlüsse, und, ob sie zwar nichts weiter ist, als
eine Kunst, durch Versteckung unmittelbarer Schlüsse (consequentiae
immediatiae) unter die Prämissen eines reinen Vernunftschlusses, den
Schein mehrerer Schlußarten, als des in der ersten Figur, zu erschleichen, so
wurde sie doch dadurch allein kein sonderliches Glück gemacht haben,
wenn es ihr nicht gelungen wäre, die kategorischen Urteile, als die, worauf
sich alle andere müssen beziehen lassen, in ausschließliches Ansehen zu
bringen, welches aber nach § 9 falsch ist.

Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse, in jedem Urteile,
genauer untersuche, und sie, als dem Verstande angehörige, von dem
Verhältnisse nach Gesetzen der reproduktiven Einbildungskraft (welches
nur subjektive Gültigkeit hat) unterscheide, so finde ich, daß ein Urteil

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nichts anderes sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur objektiven Einheit
der Apperzeption zu bringen. Darauf zielt das Verhältniswörtchen ist in
denselben, um die objektive Einheit gegebener Vorstellungen von der
subjektiven zu unterscheiden. Denn dieses bezeichnet die Beziehung
derselben auf die ursprüngliche Apperzeption und die notwendige Einheit
derselben, wenngleich das Urteil selbst empirisch, mithin zufällig ist, z.B.
die Körper sind schwer. Damit ich zwar nicht sagen will, diese
Vorstellungen gehören in der empirischen Anschauung notwendig
zueinander, sondern sie gehören vermöge der notwendigen Einheit der
Apperzeption in der Synthesis der Anschauungen zueinander, d.i. nach
Prinzipien der objektiven Bestimmung aller Vorstellungen, sofern daraus
Erkenntnis werden kann, welche Prinzipien alle aus dem Grundsatze der
transzendentalen Einheit der Apperzeption abgeleitet sind. Dadurch allein
wird aus diesem Verhältnisse ein Urteil, d.i. ein Verhältnis, das objektiv
gültig ist, und sich von dem Verhältnisse, eben derselben Vorstellungen,
worin bloß subjektive Gültigkeit wäre, z.B. nach Gesetzen der Assoziation,
hinreichend unterscheidet. Nach den letzteren würde ich nur sagen können:
Wenn ich einen Körper trage, so fühle ich einen Druck der Schwert; aber
nicht: er, der Körper, ist schwer; welches soviel sagen will, als, diese beiden
Vorstellungen sind im Objekt, d.i. ohne Unterschied des Zustandes des
Subjekts, verbunden, und nicht bloß in der Wahrnehmung (so oft sie auch
wiederholt sein mag) beisammen.

§ 20 Alle sinnlichen Anschauungen stehen unter den Kategorien, als
Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben in ein
Bewußtsein zusammenkommen kann

Das mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört
notwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption,
weil durch diese die Einheit der Anschauung allein möglich ist. (§ 17).

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Diejenige Handlung des Verstandes aber, durch die das Mannigfaltige
gegebener Vorstellungen (sie mögen Anschauungen oder Begriffe sein)
unter eine Apperzeption überhaupt gebracht wird, ist die, logische Funktion
der Urteile. (§ 19). Also ist alles Mannigfaltige, sofern es in Einer
empirischen Anschauung gegeben ist, in Ansehung einer der logischen
Funktionen zu urteilen bestimmt, durch die es nämlich zu einem
Bewußtsein überhaupt gebracht wird. Nun sind aber die Kategorien nichts
anderes, als eben diese Funktionen zu urteilen, sofern das Mannigfaltige
einer gegebenen Anschauung in Ansehung ihrer bestimmt ist. (§ 13). Also
steht auch das Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung notwendig
unter Kategorien.

§ 21 Anmerkung

Ein Mannigfaltiges, das in einer Anschauung, die ich die meinige nenne,
enthalten ist, wird durch die Synthesis des Verstandes als zur notwendigen
Einheit des Selbstbewußtseins gehörig vorgestellt, und dieses geschieht
durch die Kategorie*. Diese zeigt also an: daß das empirische Bewußtsein
eines gegebenen Mannigfaltigen Einer Anschauung ebensowohl unter
einem reinen Selbstbewußtsein a priori, wie empirische Anschauung unter
einer reinen sinnlichen, die gleichfalls a priori statt hat, stehe. - Im obigen
Satze ist also der Anfang einer Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
gemacht, in welcher ich, da die Kategorien unabhängig von Sinnlichkeit
bloß im Verstande entspringen, noch von der Art, wie das Mannigfaltige zu
einer empirischen Anschauung gegeben werde, abstrahieren muß, um nur
auf die Einheit, die in die Anschauung vermittelst der Kategorie durch den
Verstand hinzukommt, zu sehen. In der Folge (§ 26) wird aus der Art, wie in
der Sinnlichkeit die empirische Anschauung gegeben wird, gezeigt werden,
daß die Einheit derselben keine, andere sei, als welche die Kategorie nach
dem vorigen § 20 dem Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung

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überhaupt vorschreibt, und dadurch also, daß ihre Gültigkeit a priori in
Ansehung aller Gegenstände unserer Sinne erklärt wird, die Absicht der
Deduktion allererst völlig erreicht werden.

* Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten Einheit der Anschauung,
dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine Synthesis des
mannigfaltigen zu einer Anschauung Gegebenen in sich schließt, und schon
die Beziehung dieses letzteren auf Einheit der Apperzeption enthält.

Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht
abstrahieren, nämlich davon, daß das Mannigfaltige für die Anschauung
noch vor der Synthesis des Verstandes, und unabhängig von ihr, gegeben
sein müsse; wie aber, bleibt hier unbestimmt. Denn, wollte ich mir einen
Verstand denken, der selbst anschaute (wie etwa einen göttlichen, der nicht
gegebene Gegenstände sich vorstellte, sondern durch dessen Vorstellung die
Gegenstände selbst zugleich gegeben, oder hervorgebracht würden), so
würden die Kategorien in Ansehung eines solchen Erkenntnisses gar keine
Bedeutung haben. Sie sind nur Regeln für einen Verstand, dessen ganzes
Vermögen im Denken besteht, d.i. in der Handlung, die Synthesis des
Mannigfaltigen, welches ihm anderweitig in der Anschauung gegeben
worden, zur Einheit der Apperzeption zu bringen, der also für sich gar
nichts erkennt, sondern nur den Stoff zum Erkenntnis, die Anschauung, die
ihm durchs Objekt gegeben werden muß, verbindet und ordnet. Von der
Eigentümlichkeit unseres Verstandes aber, nur vermittelst der Kategorien
und nur gerade durch diese Art und Zahl derselben Einheit der
Apperzeption a priori zustande zu bringen, laßt sich ebensowenig ferner ein
Grund angeben, als warum wir gerade diese und keine anderen Funktionen
zu urteilen haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen Formen unserer
möglichen Anschauung sind.

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§ 22 Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse der
Dinge, als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung

Sich einen Gegenstand denken, und einen Gegenstand erkennen, ist also
nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke: erstlich der
Begriff, dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird (die Kategorie),
und zweitens die Anschauung, dadurch er gegeben wird; denn, könnte dem
Begriffe eine korrespondierende Anschauung gar nicht gegeben werden, so
wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen Gegenstand, und durch
ihn gar keine Erkenntnis von irgendeinem Dinge möglich; weil es, soviel
ich wüßte, nichts gäbe, noch geben- könnte, worauf mein Gedanke
angewandt werden könne. Nun ist alle uns mögliche Anschauung sinnlich
(Ästhetik), also kann das Denken eines Gegenstandes überhaupt durch
einen reinen Verstandesbegriff bei uns nur Erkenntnis werden, sofern dieser
auf Gegenstände der Sinne bezogen wird. Sinnliche Anschauung ist
entweder reine Anschauung (Raum und Zeit) oder empirische Anschauung
desjenigen, was im Raum und der Zeit unmittelbar als wirklich, durch
Empfindung, vorgestellt wird. Durch Bestimmung der ersteren können wir
Erkenntnisse a priori, von Gegenständen (in der Mathematik) bekommen,
aber nur ihrer Form nach, als Erscheinungen; ob es Dinge geben könne, die
in dieser Form angeschaut werden müssen, bleibt doch dabei noch
unausgemacht. Folglich sind alle mathematischen Begriffe für sich nicht
Erkenntnisse, außer, sofern man voraussetzt, daß es Dinge gibt, die sich nur
der Form jener reinen sinnlichen Anschauung gemäß uns darstellen lassen.
Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, sofern sie
Wahrnehmungen (mit Empfindung begleitete Vorstellungen) sind, mithin
durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen die reinen
Verstandesbegriffe, selbst wenn sie auf Anschauungen a priori (wie in der
Mathematik) angewandt werden, nur sofern Erkenntnis, als diese, mithin
auch die Verstandesbegriffe vermittelst ihrer, auf empirische Anschauungen
angewandt werden können. Folglich liefern uns die Kategorien vermittelst

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der Anschauung auch keine Erkenntnis von Dingen, als nur durch ihre
mögliche Anwendung auf empirische Anschauung, d.i. sie dienen nur zur
Möglichkeit empirischer Erkenntnis. Diese aber heißt Erfahrung. Folglich
haben die Kategorien keinen anderen Gebrauch zum Erkenntnisse der
Dinge, als nur sofern diese als Gegenstände möglicher Erfahrung
angenommen werden.

§ 23

Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit; denn er bestimmt
ebensowohl die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in
Ansehung der Gegenstände, als die transzendentale Ästhetik die Grenzen
des Gebrauchs der reinen Form unserer sinnlichen Anschauung bestimmte.
Raum und Zeit gelten, als Bedingungen der Möglichkeit, wie uns
Gegenstände gegeben werden können, nicht weiter, als für Gegenstände der
Sinne, mithin mir der Erfahrung. Über diese Grenzen hinaus stellen sie gar
nichts vor, denn sie sind nur in den Sinnen und haben außer ihnen keine
Wirklichkeit. Die reinen Verstandesbegriffe sind von dieser Einschränkung
frei und erstrecken sich auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, sie
mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht, wenn sie nur sinnlich und nicht
intellektuell ist. Diese weitere Ausdehnung der Begriffe über unsere
sinnliche Anschauung hinaus, hilft uns aber zu nichts. Denn es sind alsdann
leere Begriffe von Objekten, von denen, ob sie nur einmal möglich sind
oder nicht, wir durch jene gar nicht urteilen können, bloße Gedankenformen
ohne objektive Realität, weil wir keine Anschauung zur Hand haben, auf
welche die synthetische Einheit der Apperzeption, die jene allein enthalten,
angewandt werden, und sie so einen Gegenstand bestimmen könnten.
Unsere sinnliche, und empirische Anschauung kann ihnen allein Sinn und
Bedeutung verschaffen.

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Nimmt man also ein Objekt einer nicht-sinnlichen Anschauung als
gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädikate vorstellen, die
schon in der Voraussetzung liegen, daß ihm nichts zur sinnlichen
Anschauung Gehöriges zukomme: also, daß es nicht ausgedehnt, oder im
Raume sei, daß die Dauer desselben keine Zeit sei, daß in ihm keine
Veränderung (Folge der Bestimmungen in der Zeit) angetroffen werde, usw.
Allein das ist doch kein eigentliches Erkenntnis, wenn ich bloß anzeige, wie
die Anschauung des Objekts nicht sei, ohne sagen zu kennen, was in ihr
denn enthalten sei; denn alsdann habe ich gar nicht die Möglichkeit eines
Objekts zu meinem reinen Verstandesbegriff vorgestellt, weil ich keine
Anschauung habe geben können, die ihm korrespondierte, sondern nur
sagen konnte, daß die unsrige nicht für ihn gelte. Aber das Vornehmste ist
hier, daß auf ein solches Etwas auch nicht einmal eine einzige Kategorie
angewandt werden könnte: z.B. der Begriff einer Substanz, d.i. von etwas,
das als Subjekt, niemals aber als bloßes Prädikat existieren könne, wovon
ich gar nicht weiß, ob es irgendein Ding geben könne, das dieser
Gedankenbestimmung korrespondierte, wenn nicht empirische Anschauung
mir den Fall der Anwendung gäbe. Doch mehr hiervon in der Folge.

§ 24 Von der Anwendung der Kategorien auf Gegenstände der Sinne
überhaupt

Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand
auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie die unsrige
oder irgendeine andere, doch sinnliche, sei, sind aber eben darum bloße
Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Gegenstand erkannt wird.
Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfaltigen in denselben, bezog sich
bloß auf die Einheit der Apperzeption, und war dadurch der Grund der
Möglichkeit der Erkenntnis a priori, sofern sie auf dem Verstande beruht,
und mithin nicht allein transzendental, sondern auch bloß rein intellektual.

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Weil in uns aber eine gewisse Form der sinnlichen Anschauung a priori zum
Grunde liegt, welche auf der Rezeptiviät der Vorstellungsfähigkeit
(Sinnlichkeit) beruht, so kann der Verstand, als Spontaneität, den inneren
Sinn durch das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen der synthetischen
Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen, und so synthetische Einheit
der Apperzeption des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung a priori
denken, als die Bedingung, unter welcher alle Gegenstände unserer (der
menschlichen) Anschauung notwendigerweise stehen müssen, dadurch denn
die Kategorien, als bloße Gedankenformen, objektive Realität, d.i.
Anwendung auf Gegenstände, die uns in der Anschauung gegeben werden
können, aber nur als Erscheinungen bekommen; denn nur von diesen sind
wir der Anschauung a priori fähig.

Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung, die a
priori möglich und notwendig ist, kann figürlich (synthesis speciosa)
genannt werden, zum Unterschiede von derjenigen, welche in Ansehung des
Mannigfaltigen einer Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie
gedacht wurde, und Verstandesverbindung (synthesis intellectualis) heißt;
beide sind transzendental, nicht bloß weil sie selbst a priori vorgehen,
sondern auch die Möglichkeit anderer Erkenntnis a priori gründen.

Allein die figürliche Synthesis, wenn sie bloß auf die ursprünglich
synthetische Einheit der Apperzeption, d.i. diese transzendentale Einheit
geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muß, zum Unterschiede von
der bloß intellektuellen Verbindung, die transzendentale Synthesis der
Einbildungskraft heißen. Einbildungskraft ist das Vermögen, einen
Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen.
Da nun alle unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft,
der subjektiven Bedingung wegen, unter der sie allein den
Verstandesbegriffen eine korrespondierende Anschauung geben kann, zur
Sinnlichkeit; sofern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung der

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Spontaneität ist, welche bestimmend, und nicht, wie der Sinn, bloß
bestimmbar ist, mithin a priori den Sinn seiner Form nach der Einheit der
Apperzeption gemäß bestimmen kann, so ist die Einbildungskraft sofern ein
Vermögen, die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen, und ihre Synthesis der
Anschauungen, den Kategorien gemäß, muß die transzendentale Synthesis
der Einbildungskraft sein, welches eine Wirkung des Verstandes auf die
Sinnlichkeit und die erste Anwendung desselben (zugleich der Grund aller
übrigen) auf Gegenstände der uns möglichen Anschauung ist. Sie ist, als
figürlich, von der intellektuellen Synthesis ohne alle Einbildungskraft bloß
durch den Verstand unterschieden. Sofern die Einbildungskraft nun
Spontaneität ist, nenne ich sie auch bisweilen die produktive
Einbildungskraft, und unterscheide sie dadurch von der reproduktiven,
deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen der
Assoziation, unterworfen ist, und welche daher zur Erklärung der
Möglichkeit der Erkenntnis a priori nichts beiträgt, und um deswillen nicht
in die Transzendentalphilosophie, sondern in die Psychologie gehört.

***

Hier ist nun der Ort, das Paradoxe, was jedermann bei der Exposition der
Form des inneren Sinnes (§ 6) auffallen mußte, verständlich zu machen:
nämlich wie dieser auch sogar uns selbst, nur wie wir uns erscheinen, nicht
wie wir an uns selbst sind, dem Bewußtsein darstelle, weil wir nämlich uns
nur anschauen wie wir innerlich affiziert werden, welches widersprechend
zu sein scheint, indem wir uns gegen um selbst als leidend verhalten
müßten; daher man auch lieber den inneren Sinn mit dem Vermögen der
Apperzeption (welche wir sorgfältig unterscheiden) in den Systemen der
Psychologie für einerlei auszugeben pflegt.

Das, was den inneren Sinn bestimmt, ist der Verstand und dessen
ursprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der Anschauung zu verbinden,

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d.i. unter eine Apperzeption (als worauf selbst seine Möglichkeit beruht) zu
bringen. Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst kein Vermögen der
Anschauungen ist, und diese, wenn sie auch in der Sinnlichkeit gegeben
wäre, doch nicht in sich aufnehmen kann, um gleichsam das Mannigfaltige
seiner eigenen Anschauung zu verbinden, so ist seine Synthesis, wenn er für
sich allein betrachtet wird, nichts anderes, als die Einheit der Handlung,
deren er sich, als einer solchen, auch ohne Sinnlichkeit bewußt ist, durch
die er aber selbst die Sinnlichkeit innerlich in Ansehung des
Mannigfaltigen, was der Form ihrer Anschauung nach ihm gegeben werden
mag, zu bestimmen vermögend ist. Er also übt, unter der Benennung einer
transzendentalen Synthesis der Einbildungskraft, diejenige Handlung aufs
passive Subjekt, dessen Vermögen er ist, aus, wovon wir mit Recht sagen,
daß der innere Sinn dadurch affiziert werde. Die Apperzeption und deren
synthetische Einheit ist mit dem inneren Sinne so gar nicht einerlei, daß
jene vielmehr, als der Quell aller Verbindung, auf das Mannigfaltige der
Anschauungen überhaupt unter dem Namen der Kategorien, vor aller
sinnlichen Anschauung auf Objekte überhaupt geht, dagegen der innere
Sinn die bloße Form der Anschauung, aber ohne Verbindung des
Mannigfaltigen in derselben, mithin noch gar keine bestimmte Anschauung
enthält, welche nur durch das Bewußtsein der Bestimmung desselben durch
die transzendentale Handlung der Einbildungskraft, (synthetischer Einfluß
des Verstandes auf den inneren Sinn) welche ich die figürliche Synthesis
genannt habe, möglich ist.

Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wahr. Wir können uns keine
Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Zirkel denken, ohne
ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raumes gar nicht vorstellen,
ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht aufeinander zu setzen,
und selbst die Zeit nicht, ohne, indem wir im Ziehen einer geraden Linie
(die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll) bloß auf die
Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir den inneren Sinn

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sukzessiv bestimmen, und dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung
in demselben, achthaben. Bewegung, als Handlung des Subjekts, (nicht als
Bestimmung eines Objekts)*, folglich die Synthesis des Mannigfaltigen im
Raume, wenn wir von diesem abstrahieren und bloß auf die Handlung
achthaben, dadurch wir den inneren Sinn seiner Form gemäß bestimmen,
bringt sogar den Begriff der Sukzession zuerst hervor. Der Verstand findet
also in diesem nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des
Mannigfaltigen, sondern bringt sie hervor, indem er ihn affiziert. Wie aber
das Ich, der ich denke, von dem Ich, das sich selbst anschaut, unterschieden
(indem ich mir noch andere Anschauungsart wenigstens als möglich
vorstellen kann) und doch mit diesem letzteren als dasselbe Subjekt einerlei
sei, wie ich also sagen könne: Ich, als Intelligenz und denkend Subjekt,
erkenne mich selbst als gedachtes Objekt, sofern ich mir noch über das in
der Anschauung gegeben bin, nur, gleich anderen Phänomen, nicht wie ich
vor dem Verstande bin, sondern wie ich mir erscheine, hat nicht mehr auch
nicht weniger Schwierigkeit bei sich, als wie ich mir selbst überhaupt ein
Objekt und zwar der Anschauung und innerer Wahrnehmungen sein könne.
Daß es aber doch wirklich so sein müsse, kann, wenn man den Raum für
eine bloße reine Form der Erscheinungen äußerer Sinne gelten läßt, dadurch
klar dargetan werden, daß wir die Zeit, die doch gar kein Gegenstand
äußerer Anschauung ist, uns nicht anders vorstellig machen können, als
unter dem Bilde einer Linie, sofern wir sie ziehen, ohne welche
Darstellungsart wir die Einheit ihrer Abmessung gar nicht erkennen
könnten, imgleichen daß wir die Bestimmung der Zeitlänge, oder auch der
Zeitstellen für alle inneren Wahrnehmungen, immer von dem hernehmen
müssen, was uns äußere Dinge Veränderliches darstellen, folglich die
Bestimmungen des inneren Sinnes gerade auf dieselbe Art als
Erscheinungen in der Zeit ordnen müssen, wie wir die der äußeren Sinne im
Raume ordnen, mithin, wenn wir von den letzteren einräumen, daß wir
dadurch Objekte nur sofern erkennen, als wir äußerlich affiziert werden, wir

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auch vom inneren Sinne zugestehen müssen, daß wir dadurch uns selbst nur
so anschauen, wie wir innerlich von uns selbst affiziert werden, d.i. was die
innere Anschauung betrifft, unser eigenes Subjekt nur als Erscheinung,
nicht aber nach dem, was es an sich selbst ist, erkennen**.

* Bewegung eines Objekts im Raume gehört nicht in eine reine
Wissenschaft, folglich auch nicht in die Geometrie; weil, daß etwas
beweglich sei, nicht a priori, sondern nur durch Erfahrung erkannt werden
kann. Aber Bewegung, als Beschreibung eines Raumes, ist ein reiner Aktus
der sukzessiven Synthesis des Mannigfaltigen in der äußeren Anschauung
überhaupt durch produktive Einbildungskraft, und gehört nicht allein zur
Geometrie, sondern sogar zur Transzendentalphilosophie.

** Ich sehe nicht, wie man so viel Schwierigkeiten darin finden könne,
daß der innere Sinn von uns selbst affiziert werde. Jeder Aktus der
Aufmerksamkeit kann uns ein Beispiel davon geben. Der Verstand
bestimmt darin jederzeit den inneren Sinn der Verbindung, die er denkt,
gemäß, zur inneren Anschauung, die dem Mannigfaltigen in der Synthesis
des Verstandes korrespondiert. Wie sehr das Gemüt gemeiniglich hierdurch
affiziert werde, wird ein jeder in sich wahrnehmen können.

§ 25

Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transzendentalen Synthesis des
Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der synthetischen
ursprünglichen Einheit der Apperzeption, bewußt, nicht wie ich mir
erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß ich bin. Diese
Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da nun zum Erkenntnis
unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die das Mannigfaltige einer
jeden möglichen Anschauung zur Einheit der Apperzeption bringt, noch

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eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses Mannigfaltige gegeben
wird, erforderlich ist, so ist zwar mein eigenes Dasein nicht Erscheinung
(viel weniger bloßer Schein), aber die Bestimmung meines Daseins* kann
nur der Form des inneren Sinnes gemäß nach der besonderen Art, wie das
Mannigfaltige, das ich verbinde, in der inneren Anschauung gegeben wird,
geschehen, und ich habe also demnach keine Erkenntnis von mir wie ich
bin, sondern bloß wie ich mir selbst erscheine. Das Bewußtsein seiner selbst
ist also noch lange nicht ein Erkenntnis seiner selbst, unerachtet aller
Kategorien, welche das Denken eines Objekts überhaupt durch Verbindung
des Mannigfaltigen in einer Apperzeption ausmachen. So wie zum
Erkenntnisse eines von mir verschiedenen Objekts, außer dem Denken
eines Objekts überhaupt (in der Kategorie), ich doch noch einer
Anschauung bedarf, dadurch ich jenen allgemeinen Begriff bestimme, so
bedarf ich auch zum Erkenntnisse meiner selbst außer dem Bewußtsein,
oder außer dem, daß ich mich denke, noch einer Anschauung des
Mannigfaltigen in mir, wodurch ich diesen Gedanken bestimme, und ich
existiere als Intelligenz, die sich lediglich ihres Verbindungsvermögens
bewußt ist, in Ansehung des Mannigfaltigen aber, das sie verbinden soll,
einer einschränkenden Bedingung, die sie den inneren Sinn nennt,
unterworfen, jene Verbindung nur nach Zeitverhältnissen, welche ganz
außerhalb den eigentlichen Verstandesbegriffen liegen, anschaulich machen,
und sich daher selbst doch nur erkennen kann, wie sie, in Absicht auf eine
Anschauung (die nicht intellektuell und durch den Verstand selbst gegeben
sein kann), ihr selbst bloß erscheint, nicht wie sie sich erkennen würde,
wenn ihre Anschauung intellektuell wäre.

* Das, Ich denke, drückt den Aktus aus, mein Dasein zu bestimmen. Das
Dasein ist dadurch also schon gegeben, aber die Art, wie ich es bestimmen,
d.i. das Mannigfaltige, zu demselben gehörige, in mir setzen solle, ist
dadurch noch nicht gegeben. Dazu gehört Selbstanschauung, die eine a
priori gegebene Form, d.i. die Zeit, zum Grunde liegen hat, welche sinnlich

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und zur Rezeptivität des Bestimmbaren gehörig ist. Habe ich nun nicht
noch eine andere Selbstanschauung, die das Bestimmende in mir, dessen
Spontaneität ich mir nur bewußt bin, ebenso vor dem Aktus des
Bestimmens gibt, wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich mein Dasein,
als eines selbsttätigen Wesens, nicht bestimmen, sondern ich stelle mir nur
die Spontaneität meines Denkens, d.i. des Bestimmens, vor, und mein
Dasein bleibt immer nur sinnlich, d.i. als das Dasein einer Erscheinung,
bestimmbar. Doch macht diese Spontaneität, daß ich mich Intelligenz
nenne.

§ 26 Transzendentale Deduktion des allgemein möglichen
Erfahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe

In der metaphysischen Deduktion wurde der Ursprung der Kategorien a
priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den allgemeinen
logischen Funktionen des Denkens dargetan, in der transzendentalen aber
die Möglichkeit derselben als Erkenntnisse a priori von Gegenständen einer
Anschauung überhaupt (§§ 20, 21) dargestellt. Jetzt soll die Möglichkeit,
durch Kategorien die Gegenstände, die nur immer unseren Sinnen
vorkommen mögen, und zwar nicht der Form ihrer Anschauung, sondern
den Gesetzen ihrer Verbindung nach, a priori zu erkennen, also der Natur
gleichsam das Gesetz vorzuschreiben und sie sogar möglich zu machen,
erklärt werden. Denn ohne diese ihre Tauglichkeit würde nicht erhellen, wie
alles, was unseren Sinnen nur vorkommen mag, unter den Gesetzen stehen
müsse, die a priori aus dem Verstande allein entspringen.

Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension
die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen
Anschauung verstehe, dadurch Wahrnehmung, d.i. empirisches Bewußtsein
derselben, (als Erscheinung) möglich wird.

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Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen
Anschauung a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen
muß die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung
jederzeit gemäß sein, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen kann.
Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen Anschauung,
sondern als Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges enthalten) also mit
der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen in ihnen a priori
vorgestellt (siehe transz. Ästhet.)*. Also ist selbst schon Einheit der
Synthesis des Mannigfaltigen, außer oder in uns, mithin auch eine
Verbindung, der alles, was im Raume oder der Zeit bestimmt vorgestellt
werden soll, gemäß sein muß, a priori als Bedingung der Synthesis aller
Apprehension schon mit (nicht in) diesen Anschauungen zugleich gegeben.
Diese synthetische Einheit aber kann keine andere sein, als die der
Verbindung des Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung überhaupt in
einem ursprünglichen Bewußtsein, den Kategorien gemäß, nur auf unsere
sinnliche Anschauung angewandt. Folglich steht alle Synthesis, wodurch
selbst Wahrnehmung möglich wird, unter den Kategorien, und, da
Erfahrung Erkenntnis durch verknüpfte Wahrnehmungen ist, so sind die
Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, und gelten also a
priori auch von allen Gegenständen der Erfahrung.

* Der Raum, als Gegenstand vorgestellt, (wie man es wirklich in der
Geometrie bedarf,) enthält mehr, als bloße Form der Anschauung, nämlich
Zusammenfassung des Mannigfaltigen, nach der Form der Sinnlichkeit
gegebenen, in eine anschauliche Vorstellung, so daß die Form der
Anschauung bloß Mannigfaltiges, die formale Anschauung aber Einheit der
Vorstellung gibt. Diese Einheit hatte ich in der Ästhetik bloß zur
Sinnlichkeit gezählt, um nur zu bemerken, daß sie vor allem Begriffe
vorhergehe, ob sie zwar eine Synthesis, die nicht den Sinnen angehört,
durch welche aber alle Begriffe von Raum und Zeit zuerst möglich werden,
voraussetzt. Denn da durch sie (indem der Verstand die Sinnlichkeit

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bestimmt) der Raum oder die Zeit als Anschauungen zuerst gegeben
werden, so gehört die Einheit dieser Anschauung a priori zum Raume und
der Zeit, und nicht zum Begriffe des Verstandes. (§ 24.)

***

Wenn ich also z.B. die empirische Anschauung eines Hauses durch
Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so
liegt mir die notwendige Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen
Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine
Gestalt, dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume gemäß.
Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich von der Form des
Raumes abstrahiere, hat im Verstande ihren Sitz, und ist die Kategorie der
Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt, d.i. die
Kategorie der Größe, welcher also jene Synthesis der Apprehension, d.i. die
Wahrnehmung, durchaus gemäß sein muß*.

* Auf solche Weise wird bewiesen: daß die Synthesis der Apprehension,
welche empirisch ist, der Synthesis der Apperzeption, welche intellektuell
und gänzlich a priori in der Kategorie enthalten ist, notwendig gemäß sein
müsse. Es ist eine und dieselbe Spontaneität, welche dort, unter dem Namen
der Einbildungskraft, hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige
der Anschauung hineinbringt.

Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des Wassers
wahrnehme, so apprehendiere ich zwei Zustände (der Flüssigkeit und
Festigkeit) als solche, die in einer Relation der Zeit gegeneinander stehen.
Aber in der Zeit, die ich der Erscheinung als inneren Anschauung zum
Grunde lege, stelle ich mir notwendig synthetische Einheit des
Mannigfaltigen vor, ohne die jene Relation nicht in einer Anschauung
bestimmt (in Ansehung der Zeitfolge) gegeben werden konnte. Nun ist aber
diese synthetische Einheit, als Bedingung a priori, unter der ich das

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Mannigfaltige einer Anschauung überhaupt verbinde, wenn ich von der
beständigen Form meiner inneren Anschauung, der Zeit, abstrahiere, die
Kategorie der Ursache, durch welche ich, wenn ich sie auf meine
Sinnlichkeit anwende, alles, was geschieht, in der Zeit überhaupt seiner
Relation nach bestimme. Also steht die Apprehension in einer solchen
Begebenheit, mithin diese selbst, der möglichen Wahrnehmung nach, unter
dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen und Ursachen, und so in
allen anderen Fällen.

***

Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur,
als dem Inbegriffe aller Erscheinungen (natura materialiter spectata),
Gesetze a priori vorschreiben, und nun fragt sich, da sie nicht von der Natur
abgeleitet werden und sich nach ihr als ihrem Muster richten (weil sie sonst
bloß empirisch sein würden), wie es zu begreifen sei, daß die Natur sich
nach ihnen richten müsse, d.i. wie sie die Verbindung des Mannigfaltigen
der Natur, ohne sie von dieser abzunehmen, a priori bestimmen können.
Hier ist die Auflösung dieses Rätsels.

Es ist nun nichts befremdlicher, wie die Gesetze der Erscheinungen in der
Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori, d.i. seinem Vermögen
das Mannigfaltige überhaupt zu verbinden, als wie die Erscheinungen selbst
mit der Form der sinnlichen Anschauung a priori übereinstimmen müssen.
Denn Gesetze existieren ebensowenig in den Erscheinungen, sondern nur
relativ auf das Subjekt, dem die Erscheinungen inhärieren, sofern es
Verstand hat, als Erscheinungen nicht an sich existieren, sondern nur relativ
auf dasselbe Wesen, sofern es Sinne hat. Dingen an sich selbst würde ihre
Gesetzmäßigkeit notwendig, auch außer einem Verstande, der sie erkennt,
zukommen. Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Dingen, die,
nach dem, was sie an sich sein mögen, unerkannt da sind. Als bloße

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Vorstellungen aber stehen sie unter gar keinem Gesetze der Verknüpfung,
als demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen vorschreibt. Nun ist
das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung verknüpft,
Einbildungskraft, die vom Verstande der Einheit ihrer intellektuellen
Synthesis, und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit der Apprehension
nach abhängt. Da nun von der Synthesis der Apprehension alle mögliche
Wahrnehmung, sie selbst aber, diese empirische Synthesis, von der
transzendentalen, mithin den Kategorien abhängt, so müssen alle möglichen
Wahrnehmungen, mithin auch alles, was zum empirischen Bewußtsein
immer gelangen kann, d.i. alle Erscheinungen der Natur, ihrer Verbindung
nach, unter den Kategorien stehen, von welchen die Natur (bloß als Natur
überhaupt betrachtet), als dem ursprünglichen Grunde ihrer notwendigen
Gesetzmäßigkeit (als natura formaliter spectata), abhängt. Auf mehrere
Gesetze aber, als die, auf denen eine Natur überhaupt, als Gesetzmäßigkeit
der Erscheinungen in Raum und Zeit, beruht, reicht auch das reine
Verstandesvermögen nicht zu, durch bloße Kategorien den Erscheinungen a
priori Gesetze vorzuschreiben. Besondere Gesetze, weil sie empirisch
bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon nicht vollständig
abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen. Es muß
Erfahrung dazu kommen, um die letzteren überhaupt kennen zu lernen; von
Erfahrung aber überhaupt, und dem, was als ein Gegenstand derselben
erkannt werden kann, geben allein jene Gesetze a priori die Belehrung.

§ 27 Resultat dieser Deduktion der Verstandesbegriffe

Wir können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kategorien; wir
können keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne durch Anschauungen,
die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen
sinnlich, und diese Erkenntnis, sofern der Gegenstand derselben gegeben
ist, ist empirisch. Empirische Erkenntnis aber ist Erfahrung. Folglich ist uns

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keine Erkenntnis a priori möglich, als lediglich von Gegenständen
möglicher Erfahrung*.

* Damit man sich nicht voreiligerweise an den besorglichen nachteiligen
Folgen dieses Satzes stoße, will ich nur in Erinnerung bringen, daß die
Kategorien im Denken durch die Bedingungen unserer sinnlichen
Anschauung nicht eingeschränkt sind, sondern ein unbegrenztes Feld
haben, und nur das Erkennen dessen, was wir uns denken, das Bestimmen
des Objekts, Anschauung bedürfe, wo, beim Mangel der letzeren, der
Gedanke vom Objekte übrigens noch immer seine wahren und nützlichen
Folgen auf den Vernunftgebrauch des Subjekts haben kann, der sich aber,
weil er nicht immer auf die Bestimmung des Objekts, mithin aufs
Erkenntnis, sondern auch auf die des Subjekts und dessen Wollen gerichtet
ist, hier noch nicht vortragen läßt.

Aber diese Erkenntnis, die bloß auf Gegenstände der Erfahrung
eingeschränkt ist, ist darum nicht alle von der Erfahrung entlehnt, sondern,
was sowohl die reinen Anschauungen, als die reinen Verstandesbegriffe
betrifft, so sind Elemente der Erkenntnis, die in uns a priori angetroffen
werden. Nun sind nur zwei Wege, auf welchen eine notwendige
Übereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen
gedacht werden kann: entweder die Erfahrung macht diese Begriffe, oder
diese Begriffe machen die Erfahrung möglich. Das erstere findet nicht in
Ansehung der Kategorien (auch nicht der reinen sinnlichen Anschauung)
statt; denn sie sind Begriffe a priori, mithin unabhängig von der Erfahrung
(die Behauptung eines empirischen Ursprungs wäre eine Art von generatio
aequivoca). Folglich bleibt nur das zweite übrig (gleichsam ein System der
Epigenesis der reinen Vernunft): daß nämlich die Kategorien von seiten des
Verstandes die Gründe der Möglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthalten.
Wie sie aber die Erfahrung möglich machen, und welche Grundsätze der
Möglichkeit derselben sie in ihrer Anwendung auf Erscheinungen an die

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Hand geben, wird das folgende Hauptstück von dem transz. Gebrauche der
Urteilskraft das mehrere lehren.

Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch einen
Mittelweg vorschlagen, nämlich, daß sie weder selbstgedachte erste
Prinzipien a priori unserer Erkenntnis, noch auch aus der Erfahrung
geschöpft, sondern subjektive, uns mit unserer Existenz zugleich
eingepflanzte Anlagen zum Denken wären, die von unserem Urheber so
eingerichtet worden, daß ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an
welchen die Erfahrung fortläuft, genau stimmte, (eine Art von
Präformationssystem der reinen Vernunft) so würde (außer dem, daß bei
einer solchen Hypothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die
Voraussetzung vorbestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen treiben
möchte) das wider gedachten Mittelweg entscheidend sein: daß in solchem
Falle den Kategorien die Notwendigkeit mangeln würde, die ihrem Begriffe
wesentlich angehört. Denn z.B. der Begriff der Ursache, welcher die
Notwendigkeit eines Erfolges unter einer vorausgesetzten Bedingung
aussagt, würde falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen uns
eingepflanzten subjektiven Notwendigkeit, gewisse empirische
Vorstellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden,
beruhte. Ich würde nicht sagen können: die Wirkung ist mit der Ursache im
Objekte (d.i. notwendig) verbunden, sondern ich bin nur so eingerichtet,
daß ich diese Vorstellung nicht anders als so verknüpft denken kann,
welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten wünscht, denn
alsdann ist alle unsere Einsicht, durch vermeinte objektive Gültigkeit
unserer Urteile, nichts als lauter Schein, und es würde auch an Leuten nicht
fehlen, die diese subjektive Notwendigkeit (die gefühlt werden muß) von
sich nicht gestehen würden; zum wenigsten könnte man mit niemandem
über dasjenige hadern, was bloß auf der Art beruht, wie sein Subjekt
organisiert ist.

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Kurzer Begriff dieser Deduktion

Sie ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe, (und mit ihnen aller
theoretischen Erkenntnis a priori, als Prinzipien der Möglichkeit der
Erfahrung, dieser aber, als Bestimmung der Erscheinungen in Raum und
Zeit überhaupt, - endlich dieser aus dem Prinzip der ursprünglichen
synthetischen Einheit der Apperzeption, als der Form des Verstandes in
Beziehung auf Raum und Zeit, als ursprüngliche Formen der Sinnlichkeit.

***

Nur bis hierher halte ich die Paragraphenabteilung für nötig, weil wir es
mit den Elementarbegriffen zu tun hatten. Nun wir den Gebrauch derselben
vorstellig machen wollen, wird der Vortrag in kontinuierlichem
Zusammenhange, ohne dieselbe, fortgehen dürfen.

Der transzendentalen Analytik
Zweites Buch

Die Analytik der Grundsätze

Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbaut, der ganz genau
mit der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese
sind: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Jene Doktrin handelt daher in
ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den
Funktionen und der Ordnung jener Gemütskräfte gemäß, die man unter der
weitläufigen Benennung des Verstandes überhaupt begreift.

Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntnis (ob sie
rein und empirisch sei) abstrahiert, und sich bloß mit der Form des Denkens
(der diskursiven Erkenntnis) überhaupt beschäftigt: so kann sie in ihrem

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analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft mitbefassen, deren
Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die besondere Natur der dabei
gebrauchten Erkenntnis in Betracht zu ziehen, a priori, durch bloße
Zergliederung der Vernunfthandlungen in ihre Momente, eingesehen
werden kann.

Die transzendentale Logik, da sie auf einen bestimmten Inhalt, nämlich
bloß der reinen Erkenntnisse a priori, eingeschränkt ist, kann es ihr in dieser
Einteilung nicht nachtun. Denn es zeigt sich: daß der transzendentale
Gebrauch der Vernunft gar nicht objektiv gültig sei, mithin nicht zur Logik
der Wahrheit, d.i. der Analytik gehöre, sondern, als eine Logik des Scheins,
einen besonderen Teil des scholastischen Lehrgebäudes, unter dem Namen
der transzendentalen Dialektik, erfordere.

Verstand und Urteilskraft haben demnach ihren Kanon des objektiv
gültigen, mithin wahren Gebrauchs, in der transzendentalen Logik, und
gehören also in ihren analytischen Teil. Allein Vernunft in ihren Versuchen,
über Gegenstände a priori etwas auszumachen, und das Erkenntnis über die
Grenzen möglicher Erfahrung zu erweitern, ist ganz und gar dialektisch,
und ihre Scheinbehauptungen schicken sich durchaus nicht in einen Kanon,
dergleichen doch die Analytik enthalten soll.

Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon für die
Urteilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche die
Bedingung zu Regeln a priori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden.
Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die eigentlichen Grundsätze des
Verstandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer Doktrin der
Urteilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäft genauer bezeichnet wird.

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Einleitung
Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt

Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird,
so ist Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren, d.i. zu
unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel (casus datae legis)
stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine Vorschriften für
die Urteilskraft, und kann sie auch nicht enthalten. Denn da sie von allem
Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, so bleibt ihr nichts übrig, als das
Geschäft, die bloße Form der Erkenntnis in Begriffen, Urteilen und
Schlüssen analytisch auseinander zu setzen, und dadurch formale Regeln
alles Verstandesgebrauchs zustande zu bringen. Wollte sie nun allgemein
zeigen, wie man unter diese Regeln subsumieren, d.i. unterscheiden sollte,
ob etwas darunter stehe oder nicht, so könnte dieses nicht anders, als wieder
durch eine Regel geschehen. Diese aber erfordert eben darum, weil sie eine
Regel ist, aufs neue eine Unterweisung der Urteilskraft, und so zeigt sich,
daß zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig,
Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei, welches gar nicht belehrt,
sondern nur geübt sein will. Daher ist diese auch das Spezifische des
sogenannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine Schule ersetzen kann;
denn, ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande Regeln vollauf, von
fremder Einsicht entlehnt, darreichen und gleichsam einpfropfen kann; so
muß doch das Vermögen, sich ihrer richtig zu bedienen, dem Lehrlinge
selbst angehören, und keine Regel, die man ihm in dieser Absicht
vorschreiben möchte, ist, in Ermangelung einer solchen Naturgabe, vor
Mißbrauch sicher*. Ein Arzt daher, ein Richter, oder ein Staatskundiger,
kann viel schöne pathologische, juristische oder politische Regeln im Kopfe
haben, in dem Grade, daß er selbst darin gründlicher Lehrer werden kann,
und wird dennoch in der Anwendung derselben leicht verstoßen, entweder,
weil es ihm an natürlicher Urteilskraft (obgleich nicht am Verstande)
mangelt, und er zwar das Allgemeine in abstracto einsehen, aber ob ein Fall

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in concreto darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum,
weil er nicht genug durch Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesem
Urteile abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige und große Nutzen der
Beispiele: daß sie die Urteilskraft schärfen. Denn was die Richtigkeit und
Präzision der Verstandeseinsicht betrifft, so tun sie derselben vielmehr
gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten die Bedingung der Regel
adäquat erfüllen (als casus in terminis) und überdem diejenige Anstrengung
des Verstandes oftmals schwächen, Regeln im allgemeinen, und unabhängig
von den besonderen Umständen der Erfahrung, nach ihrer Zulänglichkeit,
einzusehen, und sie daher zuletzt mehr wie Formeln, als Grundsätze, zu
gebrauchen angewöhnen. So sind Beispiele der Gängelwagen der
Urteilskraft, welchen derjenige, dem es am natürlichen Talent desselben
mangelt, niemals entbehren kann.

* Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit
nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer
oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als am gehörigen Grade des
Verstandes und eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung
sehr wohl, sogar bis zur Gelehrsamkeit, auszurüsten. Da es aber
gemeiniglich alsdann auch an jenem (der secunda Petri) zu fehlen pflegt, so
ist es nichts ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im
Gebrauche ihrer Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig
blicken lassen.

Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine
Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transzendentalen ganz
anders bewandt, sogar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem
eigentlichen Geschäfte, die Urteilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes,
durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern. Denn, um dem
Verstande im Felde reiner Erkenntnisse a priori Erweiterung zu verschaffen,
mithin als Doktrin scheint Philosophie gar nicht nötig, oder vielmehr übel

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angebracht zu sein, weil man nach allen bisherigen Versuchen damit doch
wenig oder gar kein Land gewonnen hat, sondern als Kritik, um die
Fehltritte der Urteilskraft (lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen
Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen
alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit
und Prüfungskunst aufgeboten.

Es hat aber die Transzendental-Philosophie das Eigentümliche: daß sie
außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu Regeln), die
in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich a priori den
Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden sollen. Die Ursache von
dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen anderen belehrenden
Wissenschaften hat, (außer der Mathematik) liegt eben darin: daß sie von
Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände a priori beziehen sollen,
mithin kann ihre objektive Gültigkeit nicht a posteriori dargetan werden;
denn das würde jene Dignität derselben ganz unberührt lassen, sondern sie
muß zugleich die Bedingungen, unter welchen Gegenstände in
Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben werden können, in
allgemeinen aber hinreichenden Kennzeichen darlegen, widrigenfalls sie
ohne allen Inhalt, mithin bloße logische Formen und nicht reine
Verstandesbegriffe sein würden.

Diese transzendentale Doktrin der Urteilskraft wird nun zwei
Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung
handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden
können, d.i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das zweite aber
von denen synthetischen Urteilen, welche aus reinen Verstandesbegriffen
unter diesen Bedingungen a priori herfließen, und allen übrigen
Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d.i. von den Grundsätzen des
reinen Verstandes.

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Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft
(oder Analytik der Grundsätze)
Erstes Hauptstück
Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe

In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muß die
Vorstellung des ersteren mit der letzteren gleichartig sein, d.i. der
Begriff muß dasjenige enthalten, was in dem darunter zu subsumierenden
Gegenstande vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein
Gegenstand sei unter einem Begriffe enthalten. So hat der empirische
Begriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Zirkels
Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird,
sich im letzteren anschauen läßt.

Nun sind aber reine Verstandesbegriffe, in Vergleichung mit empirischen
(ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen, ganz ungleichartig, und können
niemals in irgendeiner Anschauung angetroffen werden. Wie ist nun die
Subsumtion der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung der
Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen wird: diese,
z.B. die Kausalität, könne auch durch Sinne angeschaut werden und sei in
der Erscheinung enthalten? Diese so natürliche und erhebliche Frage ist nun
eigentlich die Ursache, welche eine transzendentale Doktrin der Urteilskraft
notwendig macht, um nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine
Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden
können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe, durch die der
Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die diesen in concreto
vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden und heterogen sind,
ist es unnötig, wegen der Anwendung des ersteren auf den letzten besondere
Erörterung zu geben.

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Nun ist klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der
Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen muß,
und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. Diese
vermittelnde Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und doch
einerseits intellektuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche ist das
transzendentale Schema.

Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des
Mannigfaltigen überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des
Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller
Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen Anschauung.
Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit der Kategorie (die die
Einheit derselben ausmacht) sofern gleichartig, als sie allgemein ist und auf
einer Regel a priori beruht. Sie ist aber andererseits mit der Erscheinung
sofern gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung des
Mannigfaltigen enthalten ist. Daher wird eine Anwendung der Kategorie
auf Erscheinungen möglich sein, vermittelst der transzendentalen
Zeitbestimmung, welche, als das Schema der Verstandesbegriffe, die
Subsumtion der letzteren unter die erste vermittelt.

Nach demjenigen, was in der Deduktion der Kategorien gezeigt worden,
wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage zu
entschließen: ob diese reinen Verstandesbegriffe von bloß empirischem oder
auch von transzendentalem Gebrauche sind, d.i. ob sie lediglich, als
Bedingungen einer möglichen Erfahrung, sich a priori auf Erscheinungen
beziehen, oder ob sie, als Bedingungen der Möglichkeit der Dinge
überhaupt, auf Gegenstände an sich selbst (ohne einige Restriktion auf
unsere Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn da haben wir gesehen,
daß Begriffe ganz unmöglich sind, noch irgend einige Bedeutung haben
können, wo nicht, entweder ihnen selbst, oder wenigstens den Elementen,
daraus sie bestehen, ein Gegenstand gegeben ist, mithin auf Dinge an sich

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(ohne Rücksicht, ob und wie sie uns gegeben werden mögen) gar nicht
gehen können; daß ferner die einzige Art, wie uns Gegenstände gegeben
werden, die Modifikation unserer Sinnlichkeit sei; endlich, daß reine
Begriffe a priori, außer der Funktion des Verstandes in der Kategorie, noch
formale Bedingungen der Sinnlichkeit (namentlich des inneren Sinnes) a
priori enthalten müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter
der die Kategorie allein auf irgendeinen Gegenstand angewandt werden
kann. Wir wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf
welche der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringiert ist, das
Schema dieses Verstandesbegriffs, und das Verfahren des Verstandes mit
diesen Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen.

Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der
Einbildungskraft; aber indem die Synthesis der letzteren keine einzelne
Anschauung, sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein
zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden. So,
wenn ich fünf Punkte hintereinander setze, . . . . . ist dieses ein Bild von der
Zahl fünf. Dagegen, wenn ich eine Zahl überhaupt nur denke, die nun fünf
oder hundert sein kann, so ist dieses Denken mehr die Vorstellung einer
Methode, einem gewissen Begriffe gemäß eine Menge (z.E. tausend) in
einem Bilde vorzustellen, als dieses Bild selbst, welches ich im letzteren
Falle schwerlich würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen können.
Diese Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren der
Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das
Schema zu diesem Begriffe.

In der Tat liegen unseren reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder der
Gegenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe von einem
Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein.
Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche
macht, daß dieser für alle, recht- oder schiefwinklige usw. gilt, sondern

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immer nur auf einen Teil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das Schema des
Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existieren, und bedeutet
eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft, in Ansehung reiner Gestalten
im Raume. Noch viel weniger erreicht ein Gegenstand der Erfahrung oder
Bild desselben jemals den empirischen Begriff, sondern dieser bezieht sich
jederzeit unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft, als eine Regel
der Bestimmung unserer Anschauung, gemäß einem gewissen allgemeinen
Begriffe. Der Begriff vorn Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine
Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen
kann, ohne auf irgendeine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung
darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto darstellen
kann, eingeschränkt zu sein. Dieser Schematismus unseres Verstandes, in
Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form, ist eine verborgene
Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir
der Natur schwerlich jemals abraten, und sie unverdeckt vor Augen legen
werden. So viel können wir nur sagen: das Bild ist ein Produkt des
empirischen Vermögens der produktiven Einbildungskraft, das Schema
sinnlicher Begriffe (als der Figuren im Raume) ein Produkt und gleichsam
ein Monogramm der reinen Einbildungskraft a priori, wodurch und wonach
die Bilder allererst möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer
vermittelst des Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen,
und an sich demselben nicht völlig kongruieren. Dagegen ist das Schema
eines reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht werden
kann, sondern ist nur die reine Synthesis, gemäß einer Regel der Einheit
nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist ein
transzendentales Produkt der Einbildungskraft, welches die Bestimmung
des inneren Sinnes überhaupt, nach Bedingungen ihrer Form, (der Zeit,) in
Ansehung aller Vorstellungen, betrifft, sofern diese der Einheit der
Apperzeption gemäß a priori in einem Begriff zusammenhängen sollten.

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Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung
dessen, was zu transzendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe
überhaupt erfordert wird, aufzuhalten, wollen wir sie lieber nach der
Ordnung der Kategorien und in Verknüpfung mit diesen darstellen.

Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem äußeren Sinne, ist der
Raum; aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt, die Zeit. Das reine
Schema der Größe aber (quantitatis), als eines Begriffs des Verstandes, ist
die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die sukzessive Addition von
Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. Also ist die Zahl nichts
anderes, als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer
gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch, daß ich die Zeit selbst in der
Apprehension der Anschauung erzeuge.

Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung
überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein
Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der
Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem
Unterschiede derselben Zeit, als einer erfüllten, oder leeren Zeit. Da die
Zeit nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände, als
Erscheinungen, ist, so ist das, was an diesen der Empfindung entspricht, die
transzendentale Materie aller Gegenstände, als Dinge an sich (die Sachheit,
Realität). Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie
dieselbe Zeit, d.i. den inneren Sinn in Ansehung derselben Vorstellung eines
Gegenstandes, mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= O =
negatio) aufhört. Daher ist ein Verhältnis und Zusammenhang oder vielmehr
ein Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität als ein
Quantum vorstellig macht, und das Schema einer Realität, als der Quantität
von Etwas, sofern es die Zeit erfüllt, ist eben diese kontinuierliche und
gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, indem man von der
Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit bis zum

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Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der Größe
derselben allmählich aufsteigt.

Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit,
d.i. die Vorstellung desselben, als eines Substratum der empirischen
Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andere
wechselt. (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich das
Dasein des Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und
bleibend ist, korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im
Dasein, d.i. die Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das
Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmt werden.)

Das Schema der Ursache und der Kausalität eines Dinges überhaupt ist
das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas
anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen,
insofern sie einer Regel unterworfen ist.

Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung), oder der
wechselseitigen
Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen, ist das
Zugleichsein der Bestimmungen der Einen, mit denen der Anderen, nach
einer allgemeinen Regel.

Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis
verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt (z.B.
da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern nur
nacheinander sein kann,) also die Bestimmung der Vorstellung eines Dinges
zu irgendeiner Zeit.

Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit.

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Das Schema der Notwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu
aller Zeit.

Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie,
als das der Größe, die Erzeugung, (Synthesis) der Zeit selbst, in der
sukzessiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der Qualität die
Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der Zeit,
oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältnis der
Wahrnehmungen untereinander zu aller Zeit (d.i. nach einer Regel der
Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer Kategorien,
die Zeit selbst, als das Korrelatum der Bestimmung eines Gegenstandes, ob
und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig mache. Die Schemate
sind daher nichts als Zeitbestimmungen a priori nach Regeln, und diese
gehen nach der Ordnung der Kategorien, auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt,
die Zeitordnung, endlich den Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen
Gegenstände.

Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch die
transzendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anderes, als die
Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren Sinne, und so
indirekt auf die Einheit der Apperzeption, als Funktion, welche dem inneren
Sinn (einer Rezeptivität) korrespondiert, hinauslaufe. Also sind die
Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und einzigen
Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, mithin Bedeutung zu
verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von keinem anderen,
als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie bloß dazu dienen,
durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit (wegen der notwendigen
Vereinigung alles Bewußtseins in einer ursprünglichen Apperzeption)
Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen, und sie
dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu
machen.

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In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere
Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht die
transzendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht, und sie
möglich macht.

Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate der
Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren, sie doch selbige gleichwohl
auch restringieren, d.i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem
Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist das Schema
eigentlich nur das Phänomenon, oder der sinnliche Begriff eines
Gegenstandes, in Übereinstimmung mit der Kategorie. (Numerus est
quantitas phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et
perdurabile rerum substantia phaenomenon - - aeternitas, necessitas,
phaenomena usw.) Wenn wir nun eine restringierende Bedingung
weglassen, so amplifizieren wir, wie es scheint, den vorher eingeschränkten
Begriff; so sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung, ohne alle
Bedingungen der Sinnlichkeit, von Dingen überhaupt gelten, wie sie sind,
anstatt, daß ihre Schemate sie nur vorstellen, wie sie erscheinen, jene also
eine von allen Schematen unabhängige und viel weiter erstreckte
Bedeutung haben. In der Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen
allerdings, auch nach Absonderung aller sinnlichen Bedingung, eine, aber
nur logische Bedeutung der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber
kein Gegenstand, mithin auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen
Begriff vom Objekt abgeben könnte. So würde z.B. Substanz, wenn man
die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter als ein
Etwas bedeuten, das als Subjekt (ohne ein Prädikat von etwas anderem zu
sein) gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich nun nichts
machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche Bestimmungen das Ding
hat, welches als ein solches erstes Subjekt gelten soll. Also sind die
Kategorien, ohne Schemate, nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen,

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stellen aber keinen Gegenstand vor. Diese Bedeutung kommt ihnen von der
Sinnlichkeit, die den Verstand realisiert, indem sie ihn zugleich restringiert.

Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft (oder Analytik der
Grundsätze) Zweites Hauptstück

System aller Grundsätze des reinen Verstandes

Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transzendentale Urteilskraft
nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie allein die
reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urteilen zu brauchen befugt ist.
Jetzt ist unser Geschäft: die Urteile, die der Verstand unter dieser kritischen
Vorsicht wirklich a priori zustande bringt, in systematischer Verbindung
darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel der Kategorien die
natürliche und sichere Leitung geben muß. Denn diese sind es eben, deren
Beziehung auf mögliche Erfahrung alle reine Verstandeserkenntnis a priori
ausmachen muß, und deren Verhältnis zur Sinnlichkeit überhaupt um
deswillen alle transzendentalen Grundsätze des Verstandesgebrauchs
vollständig und in einem System darlegen wird.

Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil sie
die Gründe anderer Urteile in sich enthalten, sondern auch weil sie selbst
nicht in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegründet sind. Diese
Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines Beweises. Denn obgleich
dieser nicht weiter objektiv geführt werden könnte, sondern vielmehr alle
Erkenntnis seines Objekts zum Grunde liegt, so hindert dies doch nicht, daß
nicht ein Beweis, aus den subjektiven Quellen der Möglichkeit einer
Erkenntnis des Gegenstandes überhaupt, zu schaffen möglich, ja auch nötig
wäre, weil der Satz sonst gleichwohl den größten Verdacht einer bloß
erschlichenen Behauptung auf sich haben würde.

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Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich auf die
Kategorien beziehen, einschränken. Die Prinzipien der transzendentalen
Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen der Möglichkeit
aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die Restriktion dieser
Grundsätze: daß sie nämlich nicht auf Dinge an sich selbst bezogen werden
können, gehören also nicht in unser abgestochenes Feld der Untersuchung.
Ebenso machen die mathematischen Grundsätze keinen Teil dieses Systems
aus, weil sie nur aus der Anschauung, aber nicht aus dem reinen
Verstandesbegriffe gezogen sind; doch wird die Möglichkeit derselben, weil
sie gleichwohl synthetische Urteile a priori sind, hier notwendig Platz
finden, zwar nicht, um ihre Richtigkeit und apodiktische Gewißheit zu
beweisen, welches sie gar nicht nötig haben, sondern nur die Möglichkeit
solcher evidenten Erkenntnisse a priori begreiflich zu machen und zu
deduzieren.

Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urteile reden
müssen, und dieses zwar im Gegensatz mit der synthetischen, als mit
welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung die
Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreit, und sie in ihrer
eigentümlichen Natur deutlich vor Augen legt.

Das System
der Grundsätze des reinen Verstandes
Erster Abschnitt
Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile

Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf das
Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative
Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, daß sie sich nicht selbst
widersprechen; widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch ohne

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Rücksicht aufs Objekt) nichts sind. Wenn aber auch gleich in unserem
Urteile kein Widerspruch ist, so kann es dem ungeachtet doch Begriffe so
verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder auch, ohne daß
uns irgendein Grund weder a priori noch a posteriori gegeben ist, welcher
ein solches Urteil berechtigte, und so kann ein Urteil bei allem dem, daß es
von allem inneren Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder
grundlos sein.

Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm
widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs, und ist ein allgemeines,
obzwar bloß negatives, Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum
bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen, bloß als Erkenntnissen
überhaupt, unangesehen ihres Inhalts gilt, und sagt: daß der Widerspruch sie
gänzlich vernichte und aufhebe.

Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch
machen, d.i. nicht bloß, um Falschheit und Irrtum (sofern es auf dem
Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen.
Denn, wenn das Urteil analytisch ist, es mag nun verneinend oder bejahend
sein, so muß dessen Wahrheit jederzeit nach dem Satze des Widerspruchs
hinreichend können erkannt werden. Denn von dem, was in der Erkenntnis
des Objekts schon als Begriff liegt und gedacht wird, wird das Widerspiel
jederzeit richtig verneint, der Begriff selber aber notwendig von ihm bejaht
werden müssen, darum, weil das Gegenteil desselben dem Objekte
widersprechen würde.

Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine
und völlig hinreichende Prinzipium aller analytischen Erkenntnis gelten
lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit nicht, als
eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn daß ihm gar keine
Erkenntnis zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten, das macht

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diesen Satz wohl zur conditio sine qua non, aber nicht zum
Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntnis. Da wir es nun
eigentlich nur mit dem synthetischen Teile unserer Erkenntnis zu tun haben,
so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem unverletzlichen
Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber, in Ansehung der
Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntnis, niemals einigen Aufschluß
gewärtigen können.

Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem Inhalt
entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis enthält,
welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnötigerweise in ihr gemischt
worden. Sie heißt: es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei und nicht sei.
Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das Wort
unmöglich) überflüssigerweise angehängt worden, die sich doch von selbst
aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die Bedingung der
Zeit affiziert, und sagt gleichsam: Ein Ding = A, welches etwas = B ist,
kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber es kann gar wohl beides (B
sowohl, als non B) nacheinander sein. Z.B. ein Mensch, der jung ist, kann
nicht zugleich alt sein; ebenderselbe kann aber sehr wohl zu einer Zeit jung,
zur anderen nicht-jung, d.i. alt sein. Nun muß der Satz des Widerspruchs,
als ein bloß logischer Grundsatz, seine Aussprüche gar nicht auf die
Zeitverhältnisse einschränken, daher ist eine solche Formel der Absicht
desselben ganz zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher: daß man ein
Prädikat eines Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben absondert, und
nachher sein Gegenteil mit diesem Prädikate verknüpft, welches niemals
einen Widerspruch mit dem Subjekte, sondern nur mit dessen Prädikate,
welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgibt, und zwar nur
dann, wenn das erste und zweite Prädikat zu gleicher Zeit gesetzt werden.
Sage ich, ein Mensch, der ungelehrt ist, ist nicht gelehrt, so muß die
Bedingung: zugleich, dabei stehen, denn der, so zu einer Zeit ungelehrt ist,
kann zu einer anderen gar wohl gelehrt sein. Sage ich aber, kein ungelehrter

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Mensch ist gelehrt, so ist der Satz analytisch, weil das Merkmal (der
Ungelehrtheit) nunmehr den Begriff des Subjekts mit ausmacht, und
alsdann erhellt der verneinende Satz unmittelbar aus dem Satze des
Widerspruchs, ohne daß die Bedingung: zugleich, hinzukommen darf.
Dieses ist denn auch die Ursache, weswegen ich oben die Formel desselben
so verändert habe, daß die Natur eines analytischen Satzes dadurch deutlich
ausgedrückt wird.

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
Zweiter Abschnitt
Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urteile

Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urteile, ist eine Aufgabe,
mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch sogar
ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer
transzendentalen Logik das wichtigste Geschäft unter allen, und sogar das
einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori die Rede
ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer Gültigkeit. Denn
nach Vollendung desselben, kann sie ihrem Zwecke, nämlich den Umfang
und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen, vollkommen ein
Genüge tun.

Im analytischen Urteile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um etwas
von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem Begriffe
nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es verneinend sein, so
schließe ich nur das Gegenteil desselben von ihm aus. In synthetischen
Urteilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff hinausgehen, um etwas
ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit demselben im Verhältnis zu
betrachten, welches daher niemals, weder ein Verhältnis der Identität, noch

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des Widerspruchs ist, und wobei dem Urteile an ihm selbst weder die
Wahrheit, noch der Irrtum angesehen werden kann.

Also zugegeben: daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen
müsse, um ihn mit einem anderen synthetisch zu vergleichen, so ist ein
Drittes nötig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen kann.
Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller synthetischen Urteile?
Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsere Vorstellungen enthalten sind,
nämlich der innere Sinn, und die Form desselben a priori, die Zeit. Die
Synthesis der Vorstellungen beruht auf der Einbildungskraft, die
synthetische Einheit derselben aber (die zum Urteile erforderlich ist) auf der
Einheit der Apperzeption. Hierin wird also die Möglichkeit synthetischer
Urteile, und da alle drei die Quellen zu Vorstellungen a priori enthalten,
auch die Möglichkeit reiner synthetischer Urteile zu suchen sein, ja sie
werden sogar aus diesen Gründen notwendig sein, wenn eine Erkenntnis
von Gegenständen zustande kommen soll, die lediglich auf der Synthesis
der Vorstellungen beruht.

Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben, d.i. sich auf einen
Gegenstand beziehen, und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll, so
muß der Gegenstand auf irgendeine Art gegeben werden können. Ohne das
sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in der Tat aber
durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit Vorstellungen
gespielt. Einen Gegenstand geben, wenn dieses nicht wiederum nur
mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der Anschauung
darstellen, ist nichts anderes, als dessen Vorstellung auf Erfahrung (es sei
wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der Raum und die Zeit, so
rein diese Begriffe auch von allem Empirischen sind, und so gewiß es auch
ist, daß sie völlig a priori im Gemüte vorgestellt werden, würden doch ohne
objektive Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung sein, wenn ihr
notwendiger Gebrauch an den Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt

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würde, ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das sich immer auf die
reproduktive Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der
Erfahrung herbeiruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und so
ist es mit allen Begriffen ohne Unterschied.

Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren
Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt. Nun beruht Erfahrung auf der
synthetischen Einheit der Erscheinungen, d.i. auf einer Synthesis nach
Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, ohne welche sie
nicht einmal Erkenntnis, sondern eine Rhapsodie von Wahrnehmungen sein
würde, die sich in keinem Kontext nach Regeln eines durchgängig
verknüpften (möglichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur
transzendentalen und notwendigen Einheit der Apperzeption, zusammen
schicken würden. Die Erfahrung hat also Prinzipien ihrer Form a priori zum
Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln der Einheit in der Synthesis der
Erscheinungen, deren objektive Realität, als notwendige Bedingungen,
jederzeit in der Erfahrung, ja sogar ihrer Möglichkeit gewiesen werden
kann. Außer dieser Beziehung aber sind synthetische Sätze a priori gänzlich
unmöglich, weil sie kein Drittes, nämlich reinen Gegenstand haben, an dem
die synthetische Einheit ihrer Begriffe objektive Realität dartun könnte.

Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten, welche
die produktive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles a priori in
synthetischen Urteilen erkennen, so, daß wir wirklich hierzu gar keiner
Erfahrung bedürfen; so würde doch dieses Erkenntnis gar nichts, sondern
die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre der Raum
nicht, als Bedingung der Erscheinungen, welche den Stoff zur äußeren
Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reinen synthetischen
Urteile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung oder vielmehr auf
dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen, und darauf allein die objektive
Gültigkeit ihrer Synthesis gründen.

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Da also Erfahrung, als empirische Synthesis, in ihrer Möglichkeit die
einzige Erkenntnisart ist, welche aller anderen Synthesis Realität gibt, so
hat diese als Erkenntnis a priori auch nur dadurch Wahrheit, (Einstimmung
mit dem Objekt,) daß sie nichts weiter enthält, als was zur synthetischen
Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig ist.

Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also: ein jeder
Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen
Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen
Erfahrung.

Auf solche Weise sind synthetische Urteile a priori möglich, wenn wir
die formalen Bedingungen der Anschauung a priori, die Synthesis der
Einbildungskraft, und die notwendige Einheit derselben in einer
transzendentalen Apperzeption, auf ein mögliches Erfahrungserkenntnis
überhaupt beziehen, und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der
Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der
Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem
synthetischen Urteile a priori.

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
Dritter Abschnitt
Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze desselben

Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich dem
reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der Regeln
ist, in Ansehung dessen, was geschieht, sondern selbst der Quell der
Grundsätze, nach welchem alles (was uns nur als Gegenstand vorkommen
kann) notwendig unter Regeln steht, weil, ohne solche, den Erscheinungen
niemals Erkenntnis eines ihnen korrespondierenden Gegenstandes

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zukommen könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als Grundgesetze des
empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden, führen zugleich einen
Ausdruck der Notwendigkeit, mithin wenigstens die Vermutung einer
Bestimmung aus Gründen, die a priori und vor aller Erfahrung gültig sind,
bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle Gesetze der Natur unter
höheren Grundsätzen des Verstandes, indem sie diese nur auf besondere
Fälle der Erscheinung anwenden. Diese allein geben also den Begriff, der
die Bedingung und gleichsam den Exponenten zu einer Regel überhaupt
enthält, Erfahrung aber gibt den Fall, der unter der Regel steht.

Daß man bloß empirische Grundsätze für Grundsätze des reinen
Verstandes, oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich
keine Gefahr sein; denn die Notwendigkeit nach Begriffen, welche die
letztere auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so
allgemein er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese
Verwechslung leicht verhüten. Es gibt aber reine Grundsätze a priori, die
ich gleichwohl doch nicht dem reinen Verstande eigentümlich beimessen
möchte, darum, weil sie nicht aus reinen Begriffen, sondern aus reinen
Anschauungen (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind; Verstand
ist aber das Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat dergleichen, aber
ihre Anwendung auf Erfahrung, mithin ihre objektive Gültigkeit, ja die
Möglichkeit solcher synthetischer Erkenntnis a priori (die Deduktion
derselben) beruht doch immer auf dem reinen Verstande.

Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht
mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit und
objektive Gültigkeit a priori gründet, und die mithin als Principium dieser
Grundsätze anzusehen sind, und von Begriffen zur Anschauung, nicht aber
von der Anschauung zu Begriffen ausgehen.

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In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung
ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch, oder dynamisch:
denn sie geht teils bloß auf die Anschauung, teils auf das Dasein einer
Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen a priori der Anschauung sind
aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus notwendig, die des
Daseins der Objekte einer möglichen empirischen Anschauung an sich nur
zufällig. Daher werden die Grundsätze des mathematischen Gebrauchs
unbedingt notwendig d.i. apodiktisch lauten, die aber des dynamischen
Gebrauchs werden zwar auch den Charakter einer Notwendigkeit a priori,
aber nur unter der Bedingung des empirischen Denkens in einer Erfahrung,
mithin nur mittelbar und indirekt bei sich führen, folglich diejenige
unmittelbare Evidenz nicht enthalten, (obzwar ihrer auf Erfahrung
allgemein bezogenen Gewißheit unbeschadet,) die jenen eigen ist. Doch
dies wird sich beim Schlusse dieses Systems von Grundsätzen besser
beurteilen lassen.

Die Tafel der Kategorien gibt uns die ganz natürliche Anweisung zur
Tafel der Grundsätze, weil diese doch nichts anderes, als Regeln des
objektiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen
Verstandes sind demnach

1. Axiome
der Anschauung

2. Antizipationen 3. Analogien
der Wahrnehmung der Erfahrung

4. Postulate des
empirischen Denkens
überhaupt

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Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede
in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze nicht
unbemerkt zu lassen. Es wird sich aber bald zeigen: daß, was sowohl die
Evidenz, als die Bestimmung der Erscheinungen a priori, nach den
Kategorien der Größe und der Qualität (wenn man lediglich auf die Form
der letzteren acht hat) betrifft, die Grundsätze derselben sich darin von den
zwei übrigen namhaft unterscheiden; indem jene einer intuitiven, diese aber
einer bloß diskursiven, obzwar beiderseits einer völligen Gewißheit fähig
sind. Ich werde daher jene die mathematischen, diese die dynamischen
Grundsätze nennen*. Man wird aber wohl bemerken: daß ich hier
ebensowenig die Grundsätze der Mathematik in Einem Falle, als die
Grundsätze der allgemeinen (physischen) Dynamik im anderen, sondern nur
die des reinen Verstandes im Verhältnis auf den inneren Sinn (ohne
Unterschied der darin gegebenen Vorstellungen) vor Augen habe, dadurch
denn jene insgesamt ihre Möglichkeit bekommen. Ich benenne sie also
mehr in Betracht der Anwendung, als um ihres Inhalts willen, und gehe nun
zur Erwägung derselben in der nämlichen Ordnung, wie sie in der Tafel
vorgestellt werden.

* Alle Verbindung (conjunctio) ist entweder Zusammensetzung
(compositio) oder Verknüpfung (nexus). Die erstere ist die Synthesis des
Mannigfaltigen, was nicht notwendig zueinander gehört, wie z.B. die zwei
Triangel, darin ein Quadrat durch die Diagonale geteilt wird, für sich nicht
notwendig zueinander gehören, und dergleichen ist die Synthesis des
Gleichartigen in allem, was mathematisch erwogen werden kann, (welche
Synthesis wiederum in die der Aggregation und Koalition eingeteilt werden
kann, davon die erstere auf extensive, die andere auf intensive Größen
gerichtet ist). Die zweite Verbindung (nexus) ist die Synthesis des
Mannigfaltigen, sofern es notwendig zueinander gehört, wie z.B. das
Akzidens zu irgendeiner Substanz, oder die Wirkung zu der Ursache, -
mithin auch als ungleichartig doch a priori verbunden vorgestellt wird,

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welche Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, ich darum dynamisch
nenne, weil sie die Verbindung des Daseins des Mannigfaltigen betrifft (die
wiederum in die physische der Erscheinungen untereinander, und
metaphysische ihre Verbindung im Erkenntnisvermögen a priori, eingeteilt
werden, können.

1. Axiome der Anschauung

Das Prinzip derselben ist: Alle Anschauungen sind extensive Größen.

Beweis

Alle Erscheinungen enthalten, der Form nach, eine Anschauung im Raum
und Zeit, welche ihnen insgesamt a priori zum Grunde liegt. Sie können
also nicht anders apprehendiert, d.i. ins empirische Bewußtsein
aufgenommen werden, als durch die Synthesis des Mannigfaltigen,
wodurch die Vorstellungen eines bestimmten Raumes oder Zeit erzeugt
werden, d.i. durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und das
Bewußtsein der synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen
(Gleichartigen). Nun ist das Bewußtsein des mannigfaltigen Gleichartigen
in der Anschauung überhaupt, sofern dadurch die Vorstellung eines Objekts
zuerst möglich wird, der Begriff einer Größe (quanti). Also ist selbst die
Wahrnehmung eines Objekts, als Erscheinung, nur durch dieselbe
synthetische Einheit des Mannigfaltigen der gegebenen sinnlichen
Anschauung möglich, wodurch die Einheit der Zusammensetzung des
mannigfaltigen Gleichartigen im Begriffe einer Größe gedacht wird; d.i. die
Erscheinungen sind insgesamt Größen, und zwar extensive Größen, weil sie
als Anschauungen im Raume oder der Zeit durch dieselbe Synthesis
vorgestellt werden müssen, als wodurch Raum und Zeit überhaupt bestimmt
werden.

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Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung der
Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht, (und also notwendig vor
dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein sie auch sei,
vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d.i. von einem Punkte alle Teile
nach und nach zu erzeugen, und dadurch allererst diese Anschauung zu
verzeichnen. Ebenso ist es auch mit jeder auch der kleinsten Zeit bewandt.
Ich denke mir darin nur den sukzessiven Fortgang von einem Augenblick
zum anderen, wo durch alle Zeitteile und deren Hinzutun endlich eine
bestimmte Zeitgröße erzeugt wird. Da die bloße Anschauung an allen
Erscheinungen entweder der Raum, oder die Zeit ist, so ist jede
Erscheinung als Anschauung eine extensive Größe, indem sie nur durch
sukzessive Synthesis (von Teil zu Teil) in der Apprehension erkannt werden
kann. Alle Erscheinungen werden demnach schon als Aggregate (Menge
vorher gegebener Teile) angeschaut, welches eben nicht der Fall bei jeder
Art Größen, sondern nur derer ist, die uns extensiv als solche vorgestellt
und apprehendiert werden.

Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Einbildungskraft, in der
Erzeugung der Gestalten, gründet sich die Mathematik der Ausdehnung
(Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der sinnlichen
Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das Schema eines
reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zustande kommen kann; z.E.
zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich; zwei gerade
Linien schließen keinen Raum ein usw. Dies sind die Axiome, welche
eigentlich nur Größen (quanta) als solche betreffen.

Was aber die Größe, (quantitas) d.i. die Antwort auf die Frage: wie groß
etwas sei? betrifft, so gibt es in Ansehung derselben, obgleich verschiedene
dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß (indemonstrabilia) sind,
dennoch im eigentlichen Verstande keine Axiome. Denn daß gleiches zu
gleichem hinzugetan, oder von diesem abgezogen, ein gleiches gebe, sind

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analytische Sätze, indem ich mir der Identität der einen Größenerzeugung
mit der anderen unmittelbar bewußt bin; Axiome aber sollen synthetische
Sätze a priori sein. Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis
zwar allerdings synthetisch, aber nicht allgemein, wie die der Geometrie,
und eben um deswillen auch nicht Axiome, sondern können Zahlformeln
genannt werden. Daß 7+5=12 sei, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke
weder in der Vorstellung von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung von der
Zusammensetzung beider die Zahl 12, (daß ich diese in der Addition beider
denken solle, davon ist hier nicht die Rede; denn bei dem analytischen
Satze ist nur die Frage, ob ich das Prädikat wirklich in der Vorstellung des
Subjekts denke). Ob er aber gleich synthetisch ist, so ist er doch nur ein
einzelner Satz. Sofern hier bloß auf die Synthesis des Gleichartigen (der
Einheiten) gesehen wird, so kann die Synthesis hier nur auf eine einzige Art
geschehen, wiewohl der Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist.
Wenn ich sage: durch drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer
sind, als die dritte, läßt sich ein Triangel zeichnen; so habe ich hier die
bloße Funktion der produktiven Einbildungskraft, welche die Linien größer
und kleiner ziehen, imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann
zusammenstoßen lassen. Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art
möglich, und auch die Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren mit 5
erzeugt wird. Dergleichen Sätze muß man also nicht Axiome, (denn sonst
gäbe es deren unendliche,) sondern Zahlformeln nennen.

Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen
gibt unserem Erkenntnis a priori große Erweiterung. Denn er ist es allein,
welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände
der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz nicht so
von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt hat.
Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische Anschauung
ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; was also die
Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von jener, und die

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Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den Regeln der
Konstruktion im Raume (z.E. der unendlichen Teilbarkeit der Linien oder
Winkel) gemäß sein dürfe, muß wegfallen. Denn dadurch spricht man dem
Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive Gültigkeit ab, und
weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf Erscheinungen anzuwenden
sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten, als der wesentlichen Form aller
Anschauung, ist das, was zugleich die Apprehension der Erscheinung,
mithin jede äußere Erfahrung, folglich auch alle Erkenntnis der
Gegenstände derselben, möglich macht, und was die Mathematik im reinen
Gebrauch von jener beweist, das gilt auch notwendig von dieser. Alle
Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer falsch belehrten Vernunft, die
irrigerweise die Gegenstände der Sinne von der formalen Bedingung
unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt, und sie, obgleich sie bloß
Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich selbst, dem Verstande
gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich von ihnen a priori gar nichts,
mithin auch nicht durch reine Begriffe vom Raume, synthetisch erkannt
werden könnte, und die Wissenschaft, die diese bestimmt, nämlich die
Geometrie, selbst nicht möglich sein würde.

2. Antizipationen der Wahrnehmung

Das Prinzip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das Reale, was ein
Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d.i. einen Grad.

Beweis

Wahrnehmung ist das empirische Bewußtsein, d.i. ein solches, in
welchem zugleich Empfindung ist. Erscheinungen, als Gegenstände der
Wahrnehmung, sind nicht reine (bloß formale) Anschauungen, wie Raum
und Zeit, (denn die können an sich gar nicht wahrgenommen werden). Sie

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enthalten also über die Anschauung noch die Materien zu irgendeinem
Objekte überhaupt (wodurch etwas Existierendes im Raume oder der Zeit
vorgestellt wird), d.i. das Reale der Empfindung, also bloß subjektive
Vorstellung, von der man sich nur bewußt werden kann, daß das Subjekt
affiziert sei, und die man auf ein Objekt überhaupt bezieht, in sich. Nun ist
vom empirischen Bewußtsein zum reinen eine stufenartige Veränderung
möglich, da das Reale desselben ganz verschwindet, und ein bloß formales
Bewußtsein (a priori) des Mannigfaltigen im Raum und Zeit übrig bleibt:
also auch eine Synthesis der Größenerzeugung einer Empfindung, von
ihrem Anfange, der reinen Anschauung = O, an, bis zu einer beliebigen
Größe derselben. Da nun Empfindung an sich gar keine objektive
Vorstellung ist und in ihr weder die Anschauung vom Raum, noch von der
Zeit, angetroffen wird, so wird ihr zwar keine extensive, aber doch eine
Größe (und zwar durch die Apprehension derselben, in welcher das
empirische Bewußtsein in einer gewissen Zeit von nichts = O zu ihrem
gegebenen Maße erwachsen kann), also eine intensive Größe zukommen,
welcher korrespondierend allen Objekten der Wahrnehmung, sofern diese
Empfindung enthält, intensive Größe, d.i. ein Grad des Einflusses auf den
Sinn, beigelegt werden muß.

Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen
Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine Antizipation
nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in welcher Epikur seinen
Ausdruck prolephis brauchte. Da aber an den Erscheinungen etwas ist, was
niemals a priori erkannt wird, und welches daher auch den eigentlichen
Unterschied des Empirischen von dem Erkenntnis a priori ausmacht,
nämlich die Empfindung (als Materie der Wahrnehmung), so folgt, daß
diese es eigentlich sei, was gar nicht antizipiert werden kann. Dagegen
würden wir die reinen Bestimmungen im Raume und der Zeit, sowohl in
Ansehung der Gestalt, als Größe, Antizipationen der Erscheinungen nennen
können, weil sie dasjenige a priori vorstellen, was immer a posteriori in der

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Erfahrung gegeben werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was
sich an jeder Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine
besondere gegeben sein mag,) a priori erkennen läßt; so würde dieses im
ausnehmenden Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil
es befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was
gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen kann.
Und so verhält es sich hier wirklich.

Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen
Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen
in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension
keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung
fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der Empfindung in
demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen, mithin = O. Was
nun in der empirischen Anschauung der Empfindung korrespondiert, ist
Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel derselben entspricht,
Negation = O. Nun ist aber jede Empfindung einer Verringerung fähig, so
daß sie abnehmen, und so allmählich verschwinden kann. Daher ist
zwischen Realität in der Erscheinung und Negation ein kontinuierlicher
Zusammenhang vieler möglichen Zwischenempfindungen, deren
Unterschied voneinander immer kleiner ist, als der Unterschied zwischen
der gegebenen und dem Zero, oder der gänzlichen Negation. Das ist: das
Reale in der Erscheinung hat jederzeit eine Größe, welche aber nicht in der
Apprehension angetroffen wird, indem diese vermittelst der bloßen
Empfindung in einem Augenblicke und nicht durch sukzessive Synthesis
vieler Empfindungen geschieht, und also nicht von den Teilen zum Ganzen
geht; es hat also zwar eine Größe, aber keine extensive.

Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird,
und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = O
vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität in der

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Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese Realität als
Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in der Erscheinung,
z.B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man den Grad der Realität als
Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der Schwere, und zwar darum, weil
der Grad nur die Größe bezeichnet, deren Apprehension nicht sukzessiv,
sondern augenblicklich ist. Dieses berühre ich aber hier nur beiläufig, denn
mit der Kausalität habe ich für jetzt noch nicht zu tun.

So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der
Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d.i. eine intensive
Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen Realität und
Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher Realitäten, und
möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z. E. die rote, hat
einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals der kleinste ist, und so
ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere usw. überall bewandt.

Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der
kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität derselben.
Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil derselben gegeben
werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und Augenblicken)
einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst wiederum ein Raum,
oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus
Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, d.i. bloße Stellen ihrer
Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit jene Anschauungen, die sie
beschränken oder bestimmen sollen, voraus, und aus bloßen Stellen, als aus
Bestandteilen, die noch vor dem Raume oder der Zeit gegeben werden
könnten, kann weder Raum noch Zeit zusammengesetzt werden.
Dergleichen Größen kann man auch fließende nennen, weil die Synthesis
(der produktiven Einbildungskraft) in ihrer Erzeugung ein Fortgang in der
Zeit ist, deren Kontinuität man besonders durch den Ausdruck des Fließens
(Verfließens) zu bezeichnen pflegt.

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Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen,
sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen
Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive
Größen. Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung
unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen, und
nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch die
bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art, sondern
durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird.
Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es sofern richtig,
als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber verstehe; welche
aber allerdings eine kontinuierliche Größe ist, in welcher kein Teil der
kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück ausmachen könnte, welches
immer Materie zu noch kleineren enthielte. Wenn ich aber unter jener
Benennung 13 runde Taler verstehe, als so viel Münzen, (ihr Silbergehalt
mag sein, welcher er wolle,) so benenne ich es unschicklich durch ein
Quantum von Talern, sondern muß es ein Aggregat, d.i. eine Zahl
Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl doch Einheit zum Grunde liegen
muß, so ist die Erscheinung als Einheit ein Quantum, und als ein solches
jederzeit ein Kontinuum.

Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als intensiv betrachtet,
kontinuierliche Größen sind, so würde der Satz: daß auch alle Veränderung
(Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen) kontinuierlich
sein, leicht und mit mathematischer Evidenz hier bewiesen werden können,
wenn nicht die Kausalität einer Veränderung überhaupt ganz außerhalb den
Grenzen einer Transzendental-Philosophie läge, und empirische Prinzipien
voraussetzte. Denn daß eine Ursache möglich sei, welche den Zustand der
Dinge verändere, d.i. sie zum Gegenteil eines gewissen gegebenen
Zustandes bestimme, davon gibt uns der Verstand a priori gar keine
Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil er die Möglichkeit davon gar nicht
einsieht, (denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren Erkenntnissen a priori,)

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sondern weil die Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der
Erscheinungen trifft, welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß
ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier
nichts vor uns haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen
Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts
Empirisches sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu
verletzen, der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse
Grunderfahrungen gebaut ist, nicht vorgreifen.

Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen
Einflusses, den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu
antizipieren, und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen
falschen Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel
vorschiebt.

Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem
und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade
stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der
Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung,
mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles
Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch
welchen Umschweif im Schließen man immer wolle,) bewiese, d.i. es kann
aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer leeren
Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in der
sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen werden,
zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem Unterschiede
des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur Erklärung derselben
niemals angenommen werden. Denn wenn auch die ganze Anschauung
eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch real, d.i. kein Teil
derselben leer ist; so muß es doch, weil jede Realität ihren Grad hat, der, bei
unveränderter extensiver Größe der Erscheinung bis zum Nichts (dem

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Leeren) durch unendliche Stufen abnehmen kann, unendlich verschiedene
Grade, mit welchen Raum oder Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive
Größe in verschiedenen Erscheinungen kleiner oder größer sein können,
obschon die extensive Größe der Anschauung gleich ist.

Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie
einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener Art
unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder des
Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere bewegte
Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses Volumen
(extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien, obzwar in
verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen größtenteils
mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl jemals
einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf eine
metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden
vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich
mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil dieses
empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich nur der
extensiven Größe d.i. der Menge nach unterscheiden könne. Dieser
Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben konnten, und
die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen transzendentalen Beweis
entgegen, der zwar den Unterschied in der Erfüllung der Räume nicht
erklären soll, aber doch die vermeinte Notwendigkeit jener Voraussetzung,
gedachten Unterschied nicht anders, als durch anzunehmende leere Räume,
erklären zu können, völlig aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand
wenigstens in Freiheit zu versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf
andere Art zu denken, wenn die Naturerklärung hierzu irgendeine
Hypothese notwendig machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon
gleiche Räume von verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein
mögen, so, daß in keinem von beiden ein Punkt ist, in welchem nicht ihre
Gegenwart anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben

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Qualität ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher ohne
Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Unendliche kleiner
sein kann, ehe sie in das Leere übergeht, und verschwindet. So kann eine
Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z.B. Wärme, und auf gleiche Weise
jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten den kleinsten
Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden ins Unendliche
abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen kleineren Graden
ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit größeren. Meine
Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses wirklich mit der
Verschiedenheit der Materien, ihrer spezifischen Schwere nach, so bewandt
sei, sondern nur aus einem Grundsatze des reinen Verstandes darzutun: daß
die Natur unserer Wahrnehmungen eine solche Erklärungsart möglich
mache, und daß man fälschlich das Reale der Erscheinung dem Grade nach
als gleich, und nur der Aggregation und deren extensiven Größe nach als
verschieden annehme, und dieses sogar, vorgeblichermaßen, durch einen
Grundsatz des Verstandes a priori behaupte.

Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen
der transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen
Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber einiges
Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen Satz, als der
von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist, und mithin der
Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung selbst, wenn man
von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und es ist also noch eine der
Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der Verstand hierin synthetisch über
Erscheinungen a priori aussprechen, und diese sogar in demjenigen, was
eigentlich und bloß empirisch ist, nämlich die Empfindung angeht,
antizipieren könne?

Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a
priori gar nicht vorgestellt werden, (z.B. Farben, Geschmack usw.). Aber

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das Reale, was den Empfindungen überhaupt korrespondiert, im Gegensatz
mit der Negation = O, stellt nur etwas vor, dessen Begriff an sich ein Sein
enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in einem empirischen
Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich kann das empirische
Bewußtsein von O bis zu jedem größeren Grade erhöht werden, so daß eben
dieselbe extensive Größe der Anschauung (z.B. erleuchtete Fläche) so große
Empfindung erregt, als ein Aggregat von vielem anderen (minder
erleuchteten) zusammen. Man kann also von der extensiven Größe der
Erscheinung gänzlich abstrahieren, und sich doch an der bloßen
Empfindung in einem Moment eine Synthesis der gleichförmigen
Steigerung von O bis zu dem gegebenen empirischen Bewußtsein
vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche, zwar nur a priori
gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie einen Grad haben, kann a
priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß wir an Größen überhaupt a
priori nur eine einzige Qualität, nämlich die Kontinuität, an aller Qualität
aber (dem Realen der Erscheinungen) nichts weiter a priori, als die
intensive Quantität derselben, nämlich daß sie einen Grad haben, erkennen
können, alles übrige bleibt der Erfahrung überlassen.

3. Analogien der Erfahrung

Das Prinzip derselben ist: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer
notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich.

Beweis

Erfahrung ist ein empirisches Erkenntnis, d.i. ein Erkenntnis, das durch
Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt. Sie ist also eine Synthesis der
Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist,
sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in einem

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Bewußtsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntnis der Objekte
der Sinne, d.i. der Erfahrung (nicht bloß der Anschauung oder Empfindung
der Sinne) ausmacht. Nun kommen zwar in der Erfahrung die
Wahrnehmungen nur zufälligerweise zueinander, so, daß keine
Notwendigkeit ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst erhellt,
noch erhellen kann, weil Apprehension nur eine Zusammenstellung des
Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, aber keine Vorstellung von
der Notwendigkeit der verbundenen Existenz der Erscheinungen, die sie
zusammenstellt, im Raum und Zeit in derselben angetroffen wird. Da aber
Erfahrung ein Erkenntnis der Objekte durch Wahrnehmungen ist, folglich
das Verhältnis im Dasein des Mannigfaltigen, nicht wie es in der Zeit
zusammengestellt wird, sondern wie es objektiv in der Zeit ist, in ihr
vorgestellt werden soll, die Zeit selbst aber nicht wahrgenommen werden
kann, so kann die Bestimmung der Existenz der Objekte in der Zeit nur
durch ihre Verbindung in der Zeit überhaupt, mithin nur durch a priori
verknüpfte Begriffe, geschehen. Da diese nun jederzeit zugleich
Notwendigkeit bei sich führen, so ist Erfahrung nur durch eine Vorstellung
der notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich.

Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein.
Daher werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen, wonach
jeder ihr Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt werden kann,
vor aller Erfahrung vorangehen, und diese allererst möglich machen.

Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf der
notwendigen Einheit der Apperzeption, in Ansehung alles möglichen
empirischen Bewußtseins, (der Wahrnehmung,) zu jeder Zeit, folglich, da
jene a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit aller
Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die ursprüngliche
Apperzeption bezieht sich auf den inneren Sinn (den Inbegriff aller
Vorstellungen), und zwar a priori auf die Form desselben, d.i. das Verhältnis

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des mannigfaltigen empirischen Bewußtseins in der Zeit. In der
ursprünglichen Apperzeption soll nun alle dieses Mannigfaltige, seinen
Zeitverhältnissen nach, vereinigt werden; denn dieses sagt die
transzendentale Einheit derselben a priori, unter welcher alles steht, was zu
meinem (d.i. meinem einigen) Erkenntnisse gehören soll, mithin ein
Gegenstand für mich werden kann. Diese synthetische Einheit in dem
Zeitverhältnisse aller Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt ist, ist also
das Gesetz: daß alle empirischen Zeitbestimmungen unter Regeln der
angeben Zeitbestimmung stehen müssen, und die Analogien der Erfahrung,
von denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein.

Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die
Erscheinungen, und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern
bloß das Dasein, und ihr Verhältnis untereinander in Ansehung dieses ihres
Daseins, erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erscheinung
apprehendiert wird, a priori dergestalt bestimmt sein, daß die Regel ihrer
Synthesis zugleich diese Anschauung a priori in jedem vorliegenden
empirischen Beispiele geben, d.i. sie daraus zustande bringen kann. Allein
das Dasein der Erscheinungen kann a priori nicht erkannt werden, und ob
wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen könnten, auf irgendein Dasein
zu schließen, so würden wir dieses doch nicht bestimmt erkennen, d.i. das,
wodurch seine empirische Anschauung sich von anderen unterschiede,
antizipieren können.

Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematischen nannte, in
Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden
berechtigten, gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach, und
lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung, als dem Realen ihrer
Wahrnehmung nach, nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt
werden könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der anderen die
Zahlgrößen, und, mit ihnen, die Bestimmung der Erscheinung als Größe,

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gebraucht werden können. So werde ich z.B. den Grad der Empfindungen
des Sonnenlichts aus etwa 200 000 Erleuchtungen durch den Mond
zusammensetzen und a priori bestimmt geben, d.i. konstruieren können.
Daher können wir die ersteren Grundsätze konstitutive nennen.

Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der
Erscheinungen a priori unter Regeln bringen sollen. Denn, da dieses sich
nicht konstruieren läßt, so werden sie nur auf das Verhältnis des Daseins
gehen, und keine andere als bloß regulative Prinzipien abgeben können. Da
ist also weder an Axiome, noch an Antizipationen zu denken, sondern,
wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen andere
(obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori nicht gesagt werden
können: welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern, wie sie dem
Dasein nach, in diesem modo der Zeit, mit jener notwendig verbunden sei.
In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr Verschiedenes von
demjenigen, was sie in der Mathematik vorstellen. In dieser sind es
Formeln, welche die Gleichheit zweier Größenverhältnisse aussagen, und
jederzeit konstitutiv, so, daß, wenn zwei Glieder der Proportion gegeben
sind, auch das dritte dadurch gegeben wird, d.i. konstruiert werden kann. In
der Philosophie aber ist die Analogie nicht die Gleichheit zweier
quantitativen, sondern qualitativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebenen
Gliedern nur das Verhältnis zu einem vierten, nicht aber dieses vierte Glied
selbst erkennen, und a priori geben kann, wohl aber eine Regel habe, es in
der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal, es in derselben aufzufinden.
Eine Analogie der Erfahrung wird also nur eine Regel sein, nach welcher
aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung (nicht wie Wahrnehmung selbst,
als empirische Anschauung überhaupt) entspringen soll, und als Grundsatz
von den Gegenständen (der Erscheinungen) nicht konstitutiv, sondern bloß
regulativ gelten. Ebendasselbe aber wird auch von den Postulaten des
empirischen Denkens überhaupt, welche die Synthesis der bloßen
Anschauung (der Form der Erscheinung), der Wahrnehmung (der Materie

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derselben), und der Erfahrung (des Verhältnisses dieser Wahrnehmungen)
zusammen betreffen, gelten, nämlich daß sie nur regulative Grundsätze
sind, und sich von den mathematischen, die konstitutiv sind, zwar nicht in
der Gewißheit, welche in beiden a priori feststeht, aber doch in der Art der
Evidenz, d.i. dem Intuitiven derselben (mithin auch der Demonstration)
unterscheiden.

Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward, und hier
vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht als
Grundsätze des transzendentalen, sondern bloß des empirischen
Verstandesgebrauchs, ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit halben,
mithin auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die
Erscheinungen nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur unter
ihre Schemate subsumiert werden müssen. Denn, wären die Gegenstände,
auf welche diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge an sich selbst,
so wäre es ganz unmöglich, etwas von ihnen a priori synthetisch zu
erkennen. Nun sind es nichts als Erscheinungen, deren vollständige
Erkenntnis, auf die alle Grundsätze a priori zuletzt doch immer auslaufen
müssen, lediglich die mögliche Erfahrung ist, folglich können jene nichts,
als bloß die Bedingungen der Einheit des empirischen Erkenntnisses in der
Synthesis der Erscheinungen zum Ziele haben; diese aber wird nur allein in
dem Schema des reinen Verstandesbegriffs gedacht, von deren Einheit, als
einer Synthesis überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche
Bedingung restringierte Funktion enthält. Wir werden also durch diese
Grundsätze die Erscheinungen nur nach einer Analogie, mit der logischen
und allgemeinen Einheit der Begriffe, zusammenzusetzen berechtigt
werden, und daher uns in dem Grundsatze selbst zwar der Kategorie
bedienen, in der Ausführung aber (der Anwendung auf Erscheinungen) das
Schema derselben, als den Schlüssel ihres Gebrauchs, an dessen Stelle, oder
jener vielmehr, als restringierende Bedingung, unter dem Namen einer
Formel des ersteren, zur Seite setzen.

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A. Erste Analogie

Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz

Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz, und das
Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert.

Beweis

Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher, als Substrat, (als
beharrlicher Form der inneren Anschauung,) das Zugleichsein sowohl als
die Folge allein vorgestellt werden kann. Die Zeit also in der aller Wechsel
der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt nicht; weil sie
dasjenige ist, in welchem das Nacheinander- oder Zugleichsein nur als
Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. Nun kann die Zeit für
sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in den Gegenständen der
Wahrnehmung, d.i. den Erscheinungen, das Substrat anzutreffen sein,
welches die Zeit überhaupt vorstellt, und an dem aller Wechsel oder
Zugleichsein durch das Verhältnis der Erscheinungen zu demselben in der
Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber das Substrat alles
Realen, d.i. zur Existenz der Dinge Gehörigen, die Substanz, an welcher
alles, was zum Dasein gehört, nur als Bestimmung kann gedacht werden.
Folglich ist das Beharrliche, womit in Verhältnis alle Zeitverhältnisse der
Erscheinungen allein bestimmt werden können, die Substanz in der
Erscheinung, d.i. das Reale derselben, was als Substrat alles Wechsels
immer dasselbe bleibt. Da diese also im Dasein nicht wechseln kann, so
kann ihr Quantum in der Natur auch weder vermehrt noch vermindert
werden.

Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
sukzessiv, und ist also immer wechselnd. Wir können also dadurch allein
niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige, als Gegenstand der Erfahrung,

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zugleich sei, oder nacheinander folge, wo an ihr nicht etwas zum Grunde
liegt, was jederzeit ist, d.i. etwas Bleibendes und Beharrliches, von
welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts, als so viel Arten (modi der
Zeit) sind, wie das Beharrliche existiert. Nur in dem Beharrlichen sind also
Zeitverhältnisse möglich (denn Simultaneität und Sukzession sind die
einzigen Verhältnisse in der Zeit), d.i. das Beharrliche ist das Substratum
der empirischen Vorstellung der Zeit selbst, an welchem alle
Zeitbestimmung allein möglich ist. Die Beharrlichkeit drückt überhaupt die
Zeit, als das beständige Korrelatum alles Daseins der Erscheinungen, alles
Wechsels und aller Begleitung, aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst
nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit, (so wie das Zugleichsein
nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in welcher gar keine Teile zugleich,
sondern alle nacheinander sind). Wollte man der Zeit selbst eine Folge
nacheinander beilegen, so müßte man noch eine andere Zeit denken, in
welcher diese Folge möglich wäre. Durch das Beharrliche allein bekommt
das Dasein in verschiedenen Teilen der Zeitreihe nacheinander eine Größe,
die man Dauer nennt. Denn in der bloßen Folge allein ist das Dasein immer
verschwindend und anhebend, und hat niemals die mindeste Größe. Ohne
dieses Beharrliche ist also kein Zeitverhältnis. Nun kann die Zeit an sich
selbst nicht wahrgenommen werden; mithin ist dieses Beharrliche an den
Erscheinungen das Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch die
Bedingung der Möglichkeit aller synthetischen Einheit der
Wahrnehmungen, d.i. der Erfahrung, und an diesem Beharrlichen kann alles
Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als ein modus der Existenz dessen,
was bleibt und beharrt, angesehen werden. Also ist in allen Erscheinungen
das Beharrliche der Gegenstand selbst, d.i. die Substanz (phaenomenon),
alles aber, was wechselt, oder wechseln kann, gehört nur zu der Art, wie
diese Substanz oder Substanzen existieren, mithin zu ihren Bestimmungen.

Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph, sondern selbst der
gemeine Verstand diese Beharrlichkeit, als ein Substratum alles Wechsels

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der Erscheinungen, vorausgesetzt haben, und auch jederzeit als
ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph sich hierüber etwas
bestimmter ausdrückt, indem er sagt: bei allen Veränderungen in der Welt
bleibt die Substanz, und nur die Akzidenzen wechseln. Ich treffe aber von
diesem so synthetischen Satze nirgends auch nur den Versuch von einem
Beweise an, ja er steht auch nur selten, wie es ihm doch gebührt, an der
Spitze der reinen und völlig a priori bestehenden Gesetze der Natur. In der
Tat ist der Satz, daß die Substanz beharrlich sei, tautologisch. Denn bloß
diese Beharrlichkeit ist der Grund, warum wir auf die Erscheinung die
Kategorie der Substanz anwenden, und man hätte beweisen müssen, daß in
allen Erscheinungen etwas Beharrliches sei, an welchem das Wandelbare
nichts als Bestimmung seines Daseins ist. Da aber ein solcher Beweis
niemals dogmatisch, d.i. aus Begriffen, geführt werden kann, weil er einen
synthetischen Satz a priori betrifft, und man niemals daran dachte, daß
dergleichen Sätze nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung gültig sind,
mithin auch nur durch eine Deduktion der Möglichkeit der letzteren
bewiesen werden können; so ist kein Wunder, wenn er zwar bei aller
Erfahrung zum Grunde gelegt (weil man dessen Bedürfnis bei der
empirischen Erkenntnis fühlt), niemals aber bewiesen worden ist.

Ein Philosoph wurde gefragt: wieviel wiegt der Rauch? Er antwortete:
ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht der
übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er setzte
also als unwidersprechlich voraus: daß, selbst im Feuer, die Materie
(Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine Abänderung
erleide. Ebenso war der Satz: aus nichts wird nichts, nur ein anderer
Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder vielmehr des
immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjekts an den Erscheinungen.
Denn, wenn dasjenige an der Erscheinung, was man Substanz nennen will,
das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung sein soll, so muß sowohl
alles Dasein in der vergangenen, als das der künftigen Zeit, daran einzig

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und allein bestimmt werden können. Daher können wir einer Erscheinung
nur darum den Namen Substanz geben, weil wir ihr Dasein zu aller Zeit
voraussetzen, welches durch das Wort Beharrlichkeit nicht einmal wohl
ausgedrückt wird, indem dieses mehr auf künftige Zeit geht. Indessen ist die
innere Notwendigkeit zu beharren, doch unzertrennlich mit der
Notwendigkeit, immer gewesen zu sein, verbunden, und der Ausdruck mag
also bleiben. Gigni de nihilo nihil, in nihilum nil posse reverti, waren zwei
Sätze, welche die Alten unzertrennt verknüpften, und die man aus
Mißverstand jetzt bisweilen trennt, weil man sich vorstellt, daß sie Dinge an
sich selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt von einer
obersten Ursache (auch sogar ihrer Substanz nach) entgegen sein dürfte;
welche Besorgnis unnötig ist, indem hier nur von Erscheinungen im Felde
der Erfahrung die Rede ist, deren Einheit niemals möglich sein würde,
wenn wir neue Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen lassen. Denn
alsdann fiele dasjenige weg, welches die Einheit der Zeit allein vorstellen
kann, nämlich die Identität des Substratum, als woran aller Wechsel allein
durchgängige Einheit hat. Diese Beharrlichkeit ist indes doch weiter nichts,
als die Art, uns das Dasein der Dinge (in der Erscheinung) vorzustellen.

Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts anderes sind, als besondere
Arten derselben zu existieren, heißen Akzidenzen. Sie sind jederzeit real,
weil sie das Dasein der Substanz betreffen, (Negationen sind nur
Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an der Substanz ausdrücken).
Wenn man nun diesem Realen an der Substanz ein besonderes Dasein
beigelegt, (z.E. der Bewegung, als einem Akzidens der Materie,) so nennt
man dieses Dasein die Inhärenz, zum Unterschiede vom Dasein der
Substanz, die man Subsistenz nennt. Allein hieraus entspringen viel
Mißdeutungen, und es ist genauer und richtiger geredet, wenn man das
Akzidens nur durch die Art, wie das Dasein einer Substanz positiv bestimmt
ist, bezeichnet. Indessen ist es doch, vermöge der Bedingungen des
logischen Gebrauchs unseres Verstandes, unvermeidlich, dasjenige, was im

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Dasein einer Substanz wechseln kann, indessen, daß die Substanz bleibt,
gleichsam abzusondern, und in Verhältnis auf das eigentliche Beharrliche
und Radikale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem
Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als daß sie
selbst ein Verhältnis enthielte.

Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung des
Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht
Veränderungen desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist eine
Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben desselben
Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und nur
sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft,
die aufhören oder auch anheben können, so können wir, in einem etwas
paradox scheinenden Ausdruck, sagen: nur das Beharrliche (die Substanz)
wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung, sondern einen
Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören, und andere anheben.

Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und
das Entstehen oder Vergehen, schlechthin, ohne daß es bloß eine
Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche
Wahrnehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem
Übergange aus dem Zustande in den anderen, und von Nichtsein zum Sein,
möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was
bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin
anfange zu sein; so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht war.
Woran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was schon
da ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand der
Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher
waren, und bis zu dem, was entsteht, fortdauern, so war das letztere nur eine
Bestimmung des ersteren, als des Beharrlichen. Ebenso ist es auch mit dem

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Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung einer Zeit voraus, da
eine Erscheinung nicht mehr ist.

Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller
Zeitbestimmungen. Das Entstehen einiger, und das Vergehen anderer
derselben, würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit der
Zeit aufheben, und die Erscheinungen würden sich alsdann auf zweierlei
Zeiten beziehen, in denen nebeneinander das Dasein verflösse, welches
ungereimt ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in welcher alle verschiedenen
Zeiten nicht zugleich, sondern nacheinander gesetzt werden müssen.

So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung, unter
welcher allein Erscheinungen, als Dinge oder Gegenstände, in einer
möglichen Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium
dieser notwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der
Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben, das Nötige
anzumerken.

B. Zweite Analogie

Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Kausalität

Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der
Ursache und Wirkung.

Beweis

(Daß alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesamt nur Veränderungen, d.i.
ein sukzessives Sein und Nichtsein der Bestimmungen der Substanz sind,
die da beharrt, folglich das Sein der Substanz selbst, welches aufs Nichtsein
derselben folgt, oder das Nichtsein derselben, welches aufs Dasein folgt,

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mit anderen Worten, daß das Entstehen oder Vergehen der Substanz selbst
nicht stattfinde, hat der vorige Grundsatz dargetan. Dieser hätte auch so
ausgedrückt werden können: Aller Wechsel (Sukzession) der Erscheinungen
ist nur Veränderung, denn Entstehen oder Vergehen der Substanz sind keine
Veränderungen derselben, weil der Begriff der Veränderung eben dasselbe
Subjekt mit zwei entgegengesetzten Bestimmungen als existierend, mithin
als beharrend, voraussetzt. - Nach dieser Vorerinnerung folgt der Beweis.)

Ich nehme, wahr, daß Erscheinungen aufeinander folgen, d.i. daß ein
Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegenteil im vorigen Zustande
war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der Zeit. Nun
ist Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung, sondern
hier das Produkt eines synthetischen Vermögens der Einbildungskraft, die
den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhältnisses bestimmt. Diese kann
aber gedachte zwei Zustände auf zweierlei Art verbinden, so, daß der eine
oder der andere in der Zeit vorausgehe; denn die Zeit kann an sich selbst
nicht wahrgenommen, und in Beziehung auf sie gleichsam empirisch, was
vorübergehe und was folge, am Objekte bestimmt werden. Ich bin mir also
nur bewußt, daß meine Imagination eines vorher, das andere nachher setze,
nicht daß im Objekte der eine Zustand vor dem anderen vorhergehe; oder,
mit anderen Worten, es bleibt durch die bloße Wahrnehmung das objektive
Verhältnis der einander folgenden Erscheinungen unbestimmt. Damit dieses
nun als bestimmt erkannt werde, muß das Verhältnis zwischen den beiden
Zuständen so gedacht werden, daß dadurch als notwendig bestimmt wird,
welcher derselben vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt müsse
gesetzt werden. Der Begriff aber, der eine Notwendigkeit der synthetischen
Einheit bei sich führt, kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein, der nicht
in der Wahrnehmung liegt, und das ist hier der Begriff des Verhältnisses der
Ursache und Wirkung, wovon die erstere die letztere in der Zeit, als die
Folge, und nicht als etwas, was bloß in der Einbildung vorhergehen (oder
gar überall nicht wahrgenommen sein) könnte, bestimmt. Also ist nur

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dadurch, daß wir die Folge der Erscheinungen, mithin alle Veränderung
dem Gesetze der Kausalität unterwerfen, selbst Erfahrung d.i. empirisches
Erkenntnis von denselben möglich, mithin sind sie selbst, als Gegenstände
der Erfahrung, nur nach eben dem Gesetze möglich.

Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
sukzessiv. Die Vorstellungen der Teile folgen aufeinander. Ob sie sich auch
im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der in dem
ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles, und sogar jede
Vorstellung, sofern man sich ihrer bewußt ist, Objekt nennen; allein was
dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe, nicht, insofern sie (als
Vorstellungen) Objekte sind, sondern nur ein Objekt bezeichnen, ist von
tieferer Untersuchung. Sofern sie, nur als Vorstellungen zugleich
Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind sie von der Apprehension, d.i.
der Aufnahme in die Synthesis der Einbildungskraft, gar nicht
unterschieden, und man muß also sagen: das Mannigfaltige der
Erscheinungen wird im Gemüt jederzeit sukzessiv erzeugt. Wären
Erscheinungen Dinge an sich selbst, so würde kein Mensch aus der
Sukzession der Vorstellungen von ihrem Mannigfaltigen ermessen können,
wie dieses in dem Objekt verbunden sei. Denn wir haben es doch nur mit
unseren Vorstellungen zu tun; wie Dinge an sich selbst (ohne Rücksicht auf
Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren,) sein mögen, ist gänzlich außer
unserer Erkenntnissphäre. Ob nun gleich die Erscheinungen nicht Dinge an
sich selbst, und gleichwohl doch das einzige sind, was uns zur Erkenntnis
gegeben werden kann, so soll ich anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den
Erscheinungen selbst für eine Verbindung in der Zeit zukomme, indessen
daß die Vorstellung desselben in der Apprehension jederzeit sukzessiv ist.
So ist z.E. die Apprehension des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines
Hauses, das vor mir steht, sukzessiv. Nun ist die Frage: ob das
Mannigfaltige dieses Hauses selbst auch in sich sukzessiv sei, welches
freilich niemand zugeben wird. Nun ist aber, sobald ich meine Begriffe von

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einem Gegenstande bis zur transzendentalen Bedeutung steigere, das Haus
gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Erscheinung, d.i. Vorstellung,
deren transzendentaler Gegenstand unbekannt ist; was verstehe ich also
unter der Frage: wie das Mannigfaltige in der Erscheinung selbst (die doch
nichts an sich selbst ist) verbunden sein möge? Hier wird das, was in der
sukzessiven Apprehension liegt, als Vorstellung, die Erscheinung aber, die
mir gegeben ist, ohnerachtet sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser
Vorstellungen ist, als der Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem
mein Begriff, den ich aus den Vorstellungen der Apprehension ziehe,
zusammenstimmen soll. Man sieht bald, daß, weil Übereinstimmung der
Erkenntnis mit dem Objekt Wahrheit ist, hier nur nach den formalen
Bedingungen der empirischen Wahrheit gefragt werden kann, und
Erscheinung, im Gegenverhältnis mit den Vorstellungen der Apprehension,
nur dadurch als das davon unterschiedene Objekt derselben könne
vorgestellt werden, wenn sie unter einer Regel steht, welche sie von jeder
anderen Apprehension unterscheidet, und eine Art der Verbindung des
Mannigfaltigen notwendig macht. Dasjenige an der Erscheinung, was die
Bedingung dieser notwendigen Regel der Apprehension enthält, ist das
Objekt.

Nun laßt uns zu unserer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe, d.i.
etwas, oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht empirisch
wahrgenommen werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht, welche
diesen Zustand nicht in sich enthält; denn eine Wirklichkeit, die auf eine
leere Zeit folge mithin ein Entstehen, vor dem kein Zustand der Dinge
vorhergeht, kann ebensowenig, als die leere Zeit selbst apprehendiert
werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist also eine Wahrnehmung,
welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber bei aller Synthesis der
Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben an der Erscheinung eines
Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie sich dadurch noch nicht von
anderen. Allein ich bemerke auch. daß, wenn ich an einer Erscheinung,

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welche ein Geschehen enthält, den vorhergehenden Zustand der
Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne, daß B auf A in der
Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen,
sondern nur vorhergehen kann. Ich sehe z.B. ein Schiff den Strom
hinabtreiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb, folgt auf die
Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb dem Laufe des Flusses, und es
ist unmöglich, daß in der Apprehension dieser Erscheinung das Schiff
zuerst unterhalb, nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen
werden sollte. Die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der
Apprehension ist hier also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere
gebunden. In dem vorigen Beispiele von einem Hause konnten meine
Wahrnehmungen in der Apprehension von der Spitze desselben anfangen,
und beim Boden endigen, aber auch von unten anfangen, und oben endigen,
imgleichen rechts oder links das Mannigfaltige der empirischen
Anschauung apprehendieren. In der Reihe dieser Wahrnehmungen war also
keine bestimmte Ordnung, welche es notwendig machte, wenn ich in der
Apprehension anfangen müßte, um das Mannigfaltige empirisch zu
verbinden. Diese Regel aber ist bei der Wahrnehmung von dem, was
geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie macht die Ordnung der einander
folgenden Wahrnehmungen (in der Apprehension dieser Erscheinung)
notwendig.

Ich werde also, in unserem Fall, die subjektive Folge der Apprehension
von der objektiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen, weil jene
sonst gänzlich unbestimmt ist, und keine Erscheinung von der anderen
unterscheidet. Jene allein beweist nichts von der Verknüpfung des
Mannigfaltigen am Objekt, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird in der
Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach welcher die
Apprehension des einen (was geschieht) auf die des anderen (das
vorhergeht) nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der
Erscheinung selbst, und nicht bloß von meiner Apprehension, berechtigt

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sein zu sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so viel
bedeutet, als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen könne, als
gerade in dieser Folge.

Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer
Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach welcher
jederzeit und notwendigerweise diese Begebenheit folgt; umgekehrt aber
kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen, und dasjenige bestimmen
(durch Apprehension) was vorhergeht. Denn von dem folgenden Zeitpunkt
geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber bezieht sich doch auf
irgendeinen vorigen; von einer gegebenen Zeit ist dagegen der Fortgang auf
die bestimmte folgende notwendig. Daher, weil es doch etwas ist, was folgt,
so muß ich es notwendig auf etwas anderes überhaupt beziehen, was
vorhergeht, und worauf es nach einer Regel, d.i. notwendigerweise, folgt, so
daß die Begebenheit, als das Bedingte, auf irgendeine Bedingung sichere
Anweisung gibt, diese aber die Begebenheit bestimmt.

Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf dieselbe
nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der Wahrnehmung nur
lediglich in der Apprehension, d.i. bloß subjektiv, aber dadurch gar nicht
objektiv bestimmt, welches eigentlich das Vorhergehende, und welches das
Nachfolgende der Wahrnehmungen sein müßte. Wir würden auf solche
Weise nur ein Spiel der Vorstellungen haben, das sich auf gar kein Objekt
bezöge, d.i. es würde durch unsere Wahrnehmung eine Erscheinung von
jeder anderen, dem Zeitverhältnisse nach, gar nicht unterschieden werden;
weil die Sukzession im Apprehendieren allerwärts einerlei, und also nichts
in der Erscheinung ist, was sie bestimmt, so daß dadurch eine gewisse
Folge als objektiv notwendig gemacht wird. Ich werde also nicht sagen: daß
in der Erscheinung zwei Zustände aufeinander folgen; sondern nur: daß
eine Apprehension auf die andere folgt, welches bloß etwas Subjektives ist,

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und kein Objekt bestimmt, mithin gar nicht vor Erkenntnis irgendeines
Gegenstandes (selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann.

Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei
jederzeit voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer Regel
folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Objekt sagen, daß es
folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie nicht durch
eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt ist, keine Folge
im Objekte berechtigt. Also geschieht es immer in Rücksicht auf eine
Regel, nach welcher die Erscheinungen in ihrer Folge, d.i. so wie sie
geschehen, durch den vorigen Zustand bestimmt sind, daß ich meine
subjektive Synthesis (der Apprehension) objektiv mache, und, nur lediglich
unter dieser Voraussetzung allein, ist selbst die Erfahrung von etwas, was
geschieht, möglich.

Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man
jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach
welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen
übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende
Erscheinungen, eine Regel zu entdecken, geleitet worden, der gemäß
gewisse Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen, und
dadurch zuerst veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu machen.
Auf solchen Fuß würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und die Regel,
die er verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, würde ebenso
zufällig sein, als die Erfahrung selbst: seine Allgemeinheit und
Notwendigkeit wären alsdann nur angedichtet, und hätten keine wahre
allgemeine Gültigkeit, weil sie nicht a priori, sondern nur auf Induktion
gegründet wären. Es geht aber hiemit so, wie mit anderen reinen
Vorstellungen a priori, (z.B. Raum und Zeit) die wir darum allein aus der
Erfahrung als klare Begriffe herausziehen können, weil wir sie in die
Erfahrung gelegt hatten, und diese daher durch jene allererst zustande

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brachten. Freilich ist die logische Klarheit dieser Vorstellung, einer die
Reihe der Begebenheiten bestimmenden Regel, als eines Begriffs von
Ursache, nur alsdann möglich, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch
gemacht haben, aber eine Rücksicht auf dieselbe, als Bedingung der
synthetischen Einheit der Erscheinungen in der Zeit, war doch der Grund
der Erfahrung selbst, und ging also a priori vor ihr vorher.

Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals selbst
in der Erfahrung die Folge (einer Begebenheit, da etwas geschieht, was
vorher nicht war) dem Objekt beilegen, und sie von der subjektiven unserer
Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel zum Grunde liegt, die
uns nötigt, diese Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als eine andere zu
beobachten, ja daß diese Nötigung es eigentlich sei, was die Vorstellung
einer Sukzession im Objekt allererst möglich macht.

Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden
können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt, und so genau oder
pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer Vorstellungen,
d.i. innere Bestimmungen unseres Gemüts in diesem oder jenem
Zeitverhältnisse. Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen Vorstellungen
ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität, als Modifikationen,
ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine, objektive beilegen? Objektive
Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf eine andere Vorstellung (von
dem, was man vom Gegenstande nennen wollte) bestehen, denn sonst
erneuert sich die Frage: wie geht diese Vorstellung wiederum aus sich selbst
heraus, und bekommt objektive Bedeutung noch über die subjektive,
welche ihr, als Bestimmung des Gemütszustandes, eigen ist? Wenn wir
untersuchen, was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren
Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität
sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die
Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen,

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und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch, daß eine
gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen notwendig
ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird.

In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der
Vorstellungen jederzeit nacheinander. Hiedurch wird nun gar kein Objekt
vorgestellt; weil durch diese Folge, die allen Apprehensionen gemein ist,
nichts vom anderen unterschieden wird. Sobald ich aber wahrnehme, oder
voraus annehme, daß in dieser Folge eine Beziehung auf den
vorhergehenden Zustand sei, aus welchem die Vorstellung nach einer Regel
folgt, so stellt sich etwas vor als Begebenheit, oder was da geschieht, d.i.
ich erkenne einen Gegenstand, den ich in der Zeit auf eine gewisse
bestimmte Stelle setzen muß, die ihm, nach dem vorhergehenden Zustande,
nicht anders erteilt werden kann. Wenn ich also wahrnehme, daß etwas
geschieht, so ist in dieser Vorstellung erstlich enthalten: daß etwas
vorhergehe, weil eben in Beziehung auf dieses die Erscheinung ihre
Zeitverhältnis bekommt, nämlich, nach einer vorhergehenden Zeit, in der
sie nicht war, zu existieren. Aber ihre bestimmte Zeitstelle in diesem
Verhältnisse kann sie nur dadurch bekommen, daß im vorhergehenden
Zustande etwas vorausgesetzt wird, worauf es jederzeit, d.i. nach einer
Regel, folgt: woraus sich denn ergibt, daß ich erstlich nicht die Reihe
umkehren, und das, was geschieht, demjenigen voransetzen kann, worauf es
folgt: zweitens daß, wenn der Zustand, der vorhergeht, gesetzt wird, diese
bestimmte Begebenheit unausbleiblich und notwendig folge. Dadurch
geschieht es: daß eine Ordnung unter unseren Vorstellungen wird, in
welcher das Gegenwärtige (sofern es geworden) auf irgendeinen
vorhergehenden Zustand Anweisung gibt, als ein, obzwar noch
unbestimmtes Korrelatum dieser Ereignis, die gegeben ist, welches sich
aber auf diese, als seine Folge, bestimmend bezieht, und sie notwendig mit
sich in der Zeitreihe verknüpft.

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Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin eine
formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist: daß die vorige Zeit die
folgende notwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders
gelangen kann, als durch die vorhergehende); so ist es auch ein
unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, daß die
Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden
bestimmen, und daß diese, als Begebenheiten, nicht stattfinden, als sofern
jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d.i. nach einer Regel
festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir diese Kontinuität im
Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen.

Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und das erste,
was er dazu tut, ist nicht: daß er die Vorstellung der Gegenstände deutlich
macht, sondern daß er die Vorstellung eines Gegenstandes überhaupt
möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch, daß er die Zeitordnung auf
die Erscheinungen und deren Dasein überträgt, indem er jeder derselben als
Folge eine, in Ansehung der vorhergehenden Erscheinungen, a priori
bestimmte Stelle in der Zeit zuerkennt, ohne welche sie nicht mit der Zeit
selbst, die allen ihren Teilen a priori ihre Stelle bestimmt, übereinkommen
würde. Diese Bestimmung der Stelle kann nun nicht von dem Verhältnis der
Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt werden, (denn die ist kein
Gegenstand der Wahrnehmung,) sondern umgekehrt, die Erscheinungen
müssen einander ihre Stellen in der Zeit selbst bestimmen, und dieselbe in
der Zeitordnung notwendig machen, d.i. dasjenige, was da folgt, oder
geschieht, muß nach einer allgemeinen Regel auf das, was im vorigen
Zustande enthalten war, folgen, woraus eine Reihe der Erscheinungen wird,
die vermittelst des Verstandes eben dieselbige Ordnung und stetigen
Zusammenhang in der Reihe möglicher Wahrnehmungen hervorbringt, und
notwendig macht, als sie in der Form der inneren Anschauung, (der Zeit)
darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müßten, a priori angetroffen
wird.

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Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen
Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung,
ihrer Stelle nach, in der Zeit, als bestimmt, mithin als ein Objekt ansehe,
welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen
jederzeit gefunden werden kann. Diese Regel aber, etwas der Zeitfolge nach
zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung anzutreffen
sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d.i. notwendigerweise) folgt.
Also ist der Satz vom zureichenden Grunde der Grund möglicher
Erfahrung, nämlich der objektiven Erkenntnis der Erscheinungen, in
Ansehung des Verhältnisses derselben, in Reihenfolge der Zeit.

Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden
Momenten. Zu aller empirischen Erkenntnis gehört die Synthesis des
Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit sukzessiv ist; d.i.
die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit aufeinander. Die Folge aber ist in
der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen und was folgen
müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einen der folgenden
Vorstellungen kann ebensowohl rückwärts als vorwärts genommen werden.
Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der Apprehension (des
Mannigfaltigen einer gegebenen Erscheinung), so ist die Ordnung im
Objekt bestimmt, oder, genauer zu reden, es ist darin eine Ordnung der
sukzessiven Synthesis, die ein Objekt bestimmt, nach welcher etwas
notwendig vorausgehen, und wenn dieses gesetzt ist, das andere notwendig
folgen müsse. Soll also meine Wahrnehmung die Erkenntnis einer
Begebenheit enthalten, da nämlich etwas wirklich geschieht; so muß sie ein
empirisches Urteil sein, in welchem man sich denkt, daß die Folge
bestimmt sei, d.i. daß sie eine andere Erscheinung der Zeit nach
voraussetze, worauf sie notwendig, oder nach einer Regel folgt.
Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende setze, und die Begebenheit
folgte nicht darauf notwendig, so würde ich sie nur für ein subjektives Spiel
meiner Einbildungen halten müssen, und stellte ich mir darunter doch etwas

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Objektives vor, sie einen bloßen Traum nennen. Also ist das Verhältnis der
Erscheinungen (als möglicher Wahrnehmungen), nach welchem das
Nachfolgende (was geschieht) durch etwas Vorhergehendes seinem Dasein
nach notwendig, und nach einer Regel in der Zeit bestimmt ist, mithin das
Verhältnis der Ursache zur Wirkung die Bedingung der objektiven
Gültigkeit unserer empirischen Urteile, in Ansehung der Reihe der
Wahrnehmungen, mithin der empirischen Wahrheit derselben, und also der
Erfahrung. Der Grundsatz des Kausalverhältnisses in der Folge der
Erscheinungen gilt daher auch vor allen Gegenständen der Erfahrung (unter
den Bedingungen der Sukzession), weil er selbst der Grund der Möglichkeit
einer solchen Erfahrung ist.

Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden
muß. Der Satz der Kausalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in
unserer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es sich
doch bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch auf ihre Begleitung
passe, und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist z.B. Wärme im
Zimmer, die nicht in freier Luft angetroffen wird. Ich sehe mich nach der
Ursache um, und finde einen geheizten Ofen. Nun ist dieser, als Ursache,
mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich; also ist hier keine
Reihenfolge, der Zeit nach, zwischen Ursache und Wirkung, sondern sie
sind zugleich, und das Gesetz gilt doch. Der größte Teil der wirkenden
Ursache in der Natur ist mit ihren Wirkungen zugleich, und die Zeitfolge
der letzteren wird nur dadurch veranlaßt, daß die Ursache ihre ganze
Wirkung nicht in einem Augenblick verrichten kann. Aber in dem
Augenblicke, da sie zuerst entsteht, ist sie mit der Kausalität ihrer Ursache
jederzeit zugleich, weil, wenn jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte
zu sein, diese gar nicht entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß
es auf die Ordnung der Zeit, und nicht auf den Ablauf derselben angesehen
sei; das Verhältnis bleibt, wenngleich keine Zeit verlaufen ist. Die Zeit
zwischen der Kausalität der Ursache, und deren unmittelbaren Wirkung,

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kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Verhältnis der einen
zur anderen bleibt doch immer, der Zeit nach, bestimmbar. Wenn ich eine
Kugel, die auf einem ausgestopften Kissen liegt, und ein Grübchen darin
drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der Wirkung zugleich. Allein ich
unterscheide doch beide durch das Zeitverhältnis der dynamischen
Verknüpfung beider. Denn, wenn ich die Kugel auf das Kissen lege, so folgt
auf die vorige glatte Gestalt desselben das Grübchen; hat aber das Kissen
(ich weiß nicht woher) ein Grübchen, so folgt darauf nicht eine bleierne
Kugel.

Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium
der Wirkung, in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die vorhergeht.
Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über seine
Horizontalfläche, obgleich beide Erscheinungen zugleich sind. Denn sobald
ich dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe, so erfolgt
etwas, nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den es dort hatte, in
einen konkaven, den es im Glase annimmt.

Diese Kausalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den
Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich mein
kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der synthetischen
Erkenntnis a priori geht, nicht mit Zergliederungen bemengen will, die bloß
die Erläuterung (nicht Erweiterung) der Begriffe angehen, so überlasse ich
die umständliche Erörterung derselben einem künftigen System der reinen
Vernunft: wiewohl man eine solche Analysis im reichen Maße, auch schon
in den bisher bekannten Lehrbüchern dieser Art, antrifft. Allein das
empirische Kriterium einer Substanz, sofern sie sich nicht durch die
Beharrlichkeit der Erscheinung, sondern besser und leichter durch
Handlung zu offenbaren scheint, kann ich nicht unberührt lassen.

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Wo Handlung, mithin Tätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz, und in
dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der Erscheinungen
gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt; aber, wenn man sich darüber
erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei den fehlerhaften
Zirkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht verantwortet. Wie will man
aus der Behandlung sogleich auf die Beharrlichkeit des Handelnden
schließen, welches doch ein so wesentliches und eigentümliches
Kennzeichen der Substanz (phaenomenon) ist? Allein, nach unserem
vorigen hat die Auflösung der Frage doch keine solche Schwierigkeit, ob
sie gleich nach der gemeinen Art (bloß analytisch mit seinen Begriffen zu
verfahren) ganz unauflöslich sein würde. Handlung bedeutet schon das
Verhältnis des Subjekts der Kausalität zur Wirkung. Weil nun alle Wirkung
in dem besteht, was da geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit der
Sukzession nach bezeichnet; so ist das letzte Subjekt desselben das
Beharrliche, als das Substratum alles Wechselnden, d.i. die Substanz. Denn
nach dem Grundsatze der Kausalität sind Handlungen immer der erste
Grund von allem Wechsel der Erscheinungen, und können also nicht in
einem Subjekt liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere Handlungen
und ein anderes Subjekt, welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich
wären. Kraft dessen beweist nun Handlung, als ein hinreichendes
empirisches Kriterium, die Substantialität, ohne daß ich die Beharrlichkeit
desselben durch verglichene Wahrnehmungen allererst zu suchen nötig
hätte, welches auch auf diesem Wege mit der Ausführlichkeit nicht
geschehen könnte, die zu der Größe und strengen Allgemeingültigkeit des
Begriffs erforderlich ist. Denn daß das erste Subjekt der Kausalität alles
Entstehens und Vergehens selbst nicht (im Felde der Erscheinungen)
entstehen und vergehen könne, ist ein sicherer Schluß, der auf empirische
Notwendigkeit und Beharrlichkeit im Dasein, mithin auf den Begriff einer
Substanz als Erscheinung ausläuft.

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Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen, ohne Rücksicht auf
das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der Untersuchung.
Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen Zustand,
gesetzt, daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung enthielte, ist
schon allein nötig zu untersuchen. Dieses Entstehen trifft, wie in der
Nummer A gezeigt worden, nicht die Substanz (denn die entsteht nicht),
sondern ihren Zustand. Es ist also bloß Veränderung, und nicht Ursprung
aus Nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung von einer fremden Ursache
angesehen wird, so heißt er Schöpfung, welche als Begebenheit unter den
Erscheinungen nicht zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit
allein schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde, obzwar, wenn ich
alle Dinge nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte, und
als Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind,
dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen
werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach
sich ziehen, und auf Erscheinungen, als mögliche Gegenstände der
Erfahrung, nicht passen würde.

Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich sei,
daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im
anderen folgen könne: davon haben wir a priori nicht den mindesten
Begriff. Hierzu wird die Kenntnis wirklicher Kräfte erfordert, welche nur
empirisch gegeben werden kann, z.B. der bewegenden Kräfte, oder,
welches einerlei ist, gewisser sukzessiver Erscheinungen, (als Bewegungen)
welche solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden Veränderung, die
Bedingung, unter welcher sie, als ein Entstehen eines anderen Zustandes,
allein vorgehen kann, (der Inhalt derselben, d.i. der Zustand, der verändert
wird, mag sein, welcher er wolle), mithin die Sukzession der Zustände
selbst (das Geschehene) kann doch nach dem Gesetze der Kausalität und
den Bedingungen der Zeit a priori erwogen werden*.

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* Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser
Relationen überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede.
Daher, wenn ein Körper sich gleichförmig bewegt, so verändert er
seinen Zustand (der Bewegung) gar nicht; aber wohl, wenn seine
Bewegung zu- und abnimmt.

Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen anderen b übergeht,
so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes
unterschieden, und folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite Zustand als
Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht war, wie b
vom Zero unterschieden; d.i. wenn der Zustand b sich auch von dem
Zustande a nur der Größe nach unterschiede, so ist die Veränderung ein
Entstehen von b-a, welches im vorigen Zustande nicht war, und in
Ansehung dessen er = o ist.

Es frägt sich also, wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen anderen
= b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit, und
zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der eine
Größe hat, (denn alle Teile der Erscheinungen sind immer wiederum
Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den anderen
in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist, deren der erste
den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, der zweite den,
in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der Zeit einer Veränderung,
mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden Zuständen, und gehören als
solche mit zu der ganzen Veränderung. Nun hat jede Veränderung eine
Ursache, welche in der ganzen Zeit, in welcher jene vorgeht, ihre Kausalität
beweist. Also bringt diese Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf
einmal oder in einem Augenblicke) hervor, sondern in einer Zeit, so, daß,
wie die Zeit vom Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b
wächst, auch die Größe der Realität (b-a) durch alle kleineren Grade, die
zwischen dem ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle

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Veränderung ist also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausalität
möglich, welche, sofern sie gleichförmig ist, ein Moment heißt. Aus diesen
Momenten besteht nicht die Veränderung, sondern wird dadurch erzeugt als
ihre Wirkung.

Das ist nun das Gesetz der Kontinuität aller Veränderung, dessen Grund
dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der Zeit, aus
Teilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand des Dinges
bei seiner Veränderung durch alle diese Teile, als Elemente, zu seinem
zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschied des Realen in der
Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe der Zeiten, der kleinste,
und so erwächst der neue Zustand der Realität von dem ersten an, darin
diese nicht war, durch alle unendlichen Grade derselben, deren
Unterschiede voneinander insgesamt kleiner sind, als der zwischen o und a.

Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das geht
uns hier nichts an. Aber, wie ein solcher Satz, der unsere Erkenntnis der
Natur so zu erweitern scheint, völlig a priori möglich sei, das erfordert gar
sehr unsere Prüfung, wenngleich der Augenschein beweist, daß er wirklich
und richtig sei, und man also der Frage, wie er möglich gewesen, überhoben
zu sein glauben möchte. Denn es gibt so mancherlei ungegründete
Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntnis durch reine Vernunft: daß
es zum allgemeinen Grundsatz angenommen werden muß, deshalb
durchaus mißtrauisch zu sein, und ohne Dokumente, die eine gründliche
Deduktion verschaffen können, selbst auf den klarsten dogmatischen
Beweis nichts dergleichen zu glauben und anzunehmen.

Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses, und jeder Fortschritt der
Wahrnehmung ist nichts, als eine Erweiterung der Bestimmung des inneren
Sinnes, d.i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen sein, welche
sie wollen, Erscheinungen, oder reine Anschauungen. Dieser Fortgang in

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der Zeit bestimmt alles, und ist an sich selbst durch nichts weiter bestimmt:
d.i. die Teile desselben sind nur in der Zeit, und durch die Synthesis
derselben, sie aber nicht vor ihr gegeben. Um deswillen ist ein jeder
Übergang in der Wahrnehmung zu etwas, was in der Zeit folgt, eine
Bestimmung der Zeit durch die Erzeugung dieser Wahrnehmung, und da
jene, immer und in allen ihren Teilen, eine Größe ist, die Erzeugung einer
Wahrnehmung als einer Größe durch alle Grade, deren keiner der kleinste
ist, von dem Zero an, bis zu ihrem bestimmten Grad. Hieraus erhellt nun die
Möglichkeit, ein Gesetz der Veränderungen, ihrer Form nach, a priori zu
erkennen. Wir antizipieren nur unsere eigene Apprehension, deren formale
Bedingung, da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung selbst beiwohnt,
allerdings a priori muß erkannt werden können.

So ist demnach, ebenso, wie die Zeit die sinnliche Bedingung a priori
von der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortganges des Existierenden zu
dem Folgenden enthält, der Verstand, vermittelst der Einheit der
Apperzeption, die Bedingung a priori der Möglichkeit einer
kontinuierlichen Bestimmung aller Stellen für die Erscheinungen in dieser
Zeit, durch die Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die ersteren der
letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich ziehen, und dadurch die
empirische Erkenntnis der Zeitverhältnisse für jede Zeit (allgemein) mithin
objektiv gültig machen.

C. Dritte Analogie

Grundsatz des Zugleichseins, nach dem Gesetze der Wechselwirkung,
oder
Gemeinschaft

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Alle Substanzen, sofern sie im Raume, als zugleich wahrgenommen
werden können, sind in durchgängiger Wechselwirkung.

Beweis

Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauung die
Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig
folgen kann, (welches in der Zeitfolge der Erscheinungen, wie beim
zweiten Grundsatze gezeigt, worden, nicht geschehen kann). So kann ich
meine Wahrnehmung zuerst am Monde, und nachher an der Erde, oder auch
umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen und darum,
weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstände einander wechselseitig folgen
können, sage ich, sie existieren zugleich. Nun ist das Zugleichsein die
Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit. Man kann aber die Zeit
selbst nicht wahrnehmen, um daraus, daß Dinge in derselben Zeit gesetzt
sind, abzunehmen, daß die Wahrnehmungen derselben einander
wechselseitig folgen können. Die Synthesis der Einbildungskraft in der
Apprehension würde also nur eine jede dieser Wahrnehmungen als eine
solche angeben, die im Subjekte da ist, wenn die andere nicht ist, und
wechselsweise, nicht aber daß die Objekte zugleich seien, d.i. wenn das
eine ist, das andere auch in derselben Zeit sei, und daß dieses notwendig
sei, damit die Wahrnehmungen wechselseitig aufeinander folgen können.
Folglich wird ein Verstandesbegriff von der wechselseitigen Folge der
Bestimmungen dieser außer einander zugleich existierenden Dinge
erfordert, um zu sagen, daß die wechselseitige Folge der Wahrnehmungen
im Objekte gegründet sei, und das Zugleichsein dadurch als objektiv
vorzustellen. Nun ist aber das Verhältnis der Substanzen, in welchem die
eine Bestimmungen enthält, wovon der Grund in der anderen enthalten ist,
das Verhältnis des Einflusses, und, wenn wechselseitig dieses den Grund
der Bestimmungen in dem anderen enthält, das Verhältnis der Gemeinschaft
oder Wechselwirkung. Also kann das Zugleichsein der Substanzen im

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Raume nicht anders in der Erfahrung erkannt werden, als unter
Voraussetzung einer Wechselwirkung derselben untereinander; diese ist also
auch die Bedingung der Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der
Erfahrung.

Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und derselben Zeit existieren.
Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben Zeit sind? Wenn die
Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen
gleichgültig ist, d.i. von A durch B, C, D auf E, oder auch umgekehrt von E
zu A gehen kann. Denn, wäre sie in der Zeit nacheinander (in der Ordnung,
die von A anhebt, und in E endigt), so ist es unmöglich, die Apprehension in
der Wahrnehmung von E anzuheben, und rückwärts zu A fortzugehen, weil
A zur vergangenen Zeit gehört, und also kein Gegenstand der Apprehension
mehr sein kann.

Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als
Erscheinungen wäre jede derselben völlig isoliert, d.i. keine wirkte in die
andere, und empfinge von dieser wechselseitig Einflüsse, so sage ich: daß
das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer möglichen
Wahrnehmung sein würde, und daß das Dasein der einen, durch keinen Weg
der empirischen Synthesis, auf das Dasein der anderen führen könnte.
Denn, wenn ihr euch gedenkt, sie wären durch einen völlig leeren Raum
getrennt, so würde die Wahrnehmung, die von der einen zur anderen in der
Zeit fortgeht, zwar dieser ihr Dasein, vermittelst einer folgenden
Wahrnehmung bestimmen, aber nicht unterscheiden können, ob die
Erscheinung objektiv auf die erstere folge, oder mit jener vielmehr zugleich
sei.

Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A dem
B seine Stelle in der Zeit bestimmt, und umgekehrt auch wiederum B dem
A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, als zugleich

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existierend, empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt nur
dasjenige dem anderen seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von ihm
oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie nur in
Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Kausalität gewisser
Bestimmungen in der anderen, und zugleich die Wirkungen von der
Kausalität der anderen in sich enthalten, d.i. sie müssen in dynamischer
Gemeinschaft (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das Zugleichsein in
irgendeiner möglichen Erfahrung erkannt werden soll. Nun ist aber alles
dasjenige in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung notwendig, ohne
welches die Erfahrung von diesen Gegenständen selbst unmöglich sein
würde. Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung, sofern sie zugleich
sind, notwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der Wechselwirkung
untereinander zu stehen.

Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig, und kann
soviel als communio, aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen
uns hier desselben im letzteren Sinn, als einer dynamischen Gemeinschaft,
ohne welche selbst die lokale (communio spatii) niemals empirisch erkannt
werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht anzumerken, daß nur die
kontinuierlichen Einflüsse in allen Stellen des Raumes unseren Sinn von
einem Gegenstande zum anderen leiten können, daß das Licht, welches
zwischen unserem Auge und den Weltkörpern spielt, eine mittelbare
Gemeinschaft zwischen uns und diesen bewirken und dadurch das
Zugleichsein der letzteren beweisen, daß wir keinen Ort empirisch
verändern (diese Veränderung wahrnehmen) können, ohne daß uns
allerwärts Materie die Wahrnehmung unserer Stelle möglich mache, und
diese nur vermittelst ihres wechselseitigen Einflusses ihr Zugleichsein, und
dadurch, bis zu den entlegensten Gegenständen, die Koexistenz derselben
(obzwar nur mittelbar) dartun kann. Ohne Gemeinschaft ist jede
Wahrnehmung (der Erscheinung im Raume) von der anderen abgebrochen,
und die Kette empirischer Vorstellungen, d.i. Erfahrung, würde bei einem

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neuen Objekt ganz von vorne anfangen, ohne daß die vorige damit im
geringsten zusammenhänge, oder im Zeitverhältnisse stehen könnte. Den
leeren Raum will ich hierdurch gar nicht widerlegen; denn der mag immer
sein, wohin Wahrnehmungen gar nicht reichen, und also keine empirische
Erkenntnis des Zugleichseins stattfindet; er ist aber alsdann für alle unsere
mögliche Erfahrung gar kein Objekt.

Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserem Gemüte müssen alle
Erscheinungen, als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in
Gemeinschaft (communio) der Apperzeption stehen, und sofern die
Gegenstände als zugleich existierend verknüpft vorgestellt werden sollen,
so müssen sie ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig bestimmen, und
dadurch ein Ganzes ausmachen. Soll diese subjektive Gemeinschaft auf
einem objektiven Grunde beruhen, oder auf Erscheinungen als Substanzen
bezogen werden, so muß die Wahrnehmung der einen, als Grund, die
Wahrnehmung der anderen, und so umgekehrt, möglich machen, damit die
Sukzession, die jederzeit in den Wahrnehmungen, als Apprehensionen ist,
nicht den Objekten beigelegt werde, sondern diese als zugleichexistierend
vorgestellt werden können. Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d.i.
eine reale Gemeinschaft (commercium) der Substanzen, ohne welche also
das empirische Verhältnis des Zugleichseins nicht in der Erfahrung
stattfinden könnte. Durch dieses Commercium machen die Erscheinungen,
sofern sie außereinander und doch in Verknüpfung stehen, ein
Zusammengesetztes aus (compositum reale), und dergleichen Composita
werden auf mancherlei Art möglich. Die drei dynamischen Verhältnisse,
daraus alle übrigen entspringen, sind daher das der Inhärenz, der
Konsequenz und der Komposition.

***

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Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind nichts
anderes, als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen in
der Zeit, nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu der Zeit
selbst, als einer Größe (die Größe des Daseins, d.i. die Dauer), dem
Verhältnisse in der Zeit, als einer Reihe (nacheinander), endlich auch in ihr,
als einem Inbegriff alles Daseins (zugleich). Diese Einheit der
Zeitbestimmung ist durch und durch dynamisch, d.i. die Zeit wird nicht als
dasjenige angesehen, worin die Erfahrung unmittelbar jedem Dasein seine
Stelle bestimmte, welches unmöglich ist, weil die absolute Zeit kein
Gegenstand der Wahrnehmung ist, womit Erscheinungen könnten
zusammengehalten werden; sondern die Regel des Verstandes, durch
welche allein das Dasein der Erscheinungen synthetische Einheit nach
Zeitverhältnissen bekommen kann, bestimmt jeder derselben ihre Stelle in
der Zeit, mithin a priori, und gültig für alle und jede Zeit.

Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den
Zusammenhang der Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach notwendigen
Regeln, d.i. nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze, und zwar a priori,
welche allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur
vermittelst der Erfahrung, und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze,
nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, stattfinden, und
gefunden werden. Unsere Analogien stellen also eigentlich die Natureinheit
im Zusammenhange aller Erscheinungen unter gewissen Exponenten dar,
welche nichts anderes ausdrücken, als das Verhältnis der Zeit (sofern sie
alles Dasein in sich begreift) zur Einheit der Apperzeption, die nur in der
Synthesis nach Regeln stattfinden kann. Zusammen sagen sie also: alle
Erscheinungen liegen in einer Natur, und müssen darin liegen, weil ohne
diese Einheit a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine
Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre.

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Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transzendentalen
Naturgesetzen bedient haben, und die Eigentümlichkeit derselben, ist eine
Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden anderen
Versuch, intellektuelle und zugleich synthetische Sätze a priori zu beweisen,
sehr wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien dogmatisch, d.i. aus
Begriffen, beweisen wollen: daß nämlich alles, was existiert, nur in dem
angetroffen werde, was beharrlich ist, daß jede Begebenheit etwas im
vorigen Zustande voraussetze, worauf es nach einer Regel folgt, endlich in
dem Mannigfaltigen, das zugleich ist, die Zustände in Beziehung
aufeinander nach einer Regel zugleich seien (in Gemeinschaft stehen), so
wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich gewesen. Denn man kann von
einem Gegenstande und dessen Dasein auf das Dasein des anderen, oder
seine Art zu existieren, durch bloße Begriffe dieser Dinge gar nicht
kommen, man mag dieselben zergliedern, wie man wolle. Was blieb uns
nun übrig? Die Möglichkeit der Erfahrung, als einer Erkenntnis, darin uns
alle Gegenstände zuletzt müssen gegeben werden können, wenn ihre
Vorstellung für uns objektive Realität haben soll. In diesem Dritten nun,
dessen wesentliche Form in der synthetischen Einheit der Apperzeption
aller Erscheinungen besteht, fanden wir Bedingungen a priori der
durchgängigen und notwendigen Zeitbestimmung alles Daseins in der
Erscheinung, ohne welche selbst die empirische Zeitbestimmung unmöglich
sein würde, und fanden Regeln der synthetischen Einheit a priori,
vermittelst deren wir die Erfahrung antizipieren konnten. In Ermanglung
dieser Methode, und bei dem Wahne, synthetische Sätze, welche der
Erfahrungsgebrauch des Verstandes als seine Prinzipien empfiehlt,
dogmatisch beweisen zu wollen, ist es denn geschehen, daß von dem Satze
des zureichenden Grundes so oft, aber immer vergeblich ein Beweis ist
versucht worden. An die beiden übrigen Analogien hat niemand gedacht, ob
man sich ihrer gleich immer stillschweigend bediente*, weil der Leitfaden

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der Kategorien fehlte, der allein jede Lücke des Verstandes, sowohl in
Begriffen als Grundsätzen, entdecken und merklich machen kann.

* Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft
sein sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des insgeheim
angenommenen Grundsatzes der Gemeinschaft aller Substanzen, die
zugleich sind: denn, wären sie isoliert, so würden sie nicht als Teile ein
Ganzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung (Wechselwirkung des
Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins willen notwendig, so
könnte man aus diesem, als einem bloß idealen Verhältnis, auf jene, als ein
reales, nicht schließen. Wiewohl wir an seinem Ort gezeigt haben: daß die
Gemeinschaft eigentlich der Grund der Möglichkeit einer empirischen
Erkenntnis, der Koexistenz sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser
auf jene, als ihre Bedingung, zurückschließe.

4. Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt

1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung
und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.

2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
zusammenhängt, ist wirklich.

3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen
Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig.

Erläuterung

Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie den
Begriff, dem sie als Prädikate beigefügt werden, als Bestimmung des
Objekts nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältnis zum

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Erkenntnisvermögen ausdrücken. Wenn der Begriff eines Dinges schon
ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande fragen,
ob er bloß möglich, oder auch wirklich, oder, wenn er das letztere ist, ob er
gar auch notwendig sei? Hierdurch werden keine Bestimmungen mehr im
Objekte selbst gedacht, sondern es frägt sich nur, wie es sich (samt allen
seinen Bestimmungen) zum Verstande und dessen empirischen Gebrauche,
zur empirischen Urteilskraft, und zur Vernunft (in ihrer Anwendung auf
Erfahrung) verhalte?

Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts weiter,
als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und
Notwendigkeit in ihrem empirischen Gebrauche, und hiermit zugleich
Restriktionen aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne
den transzendentalen zuzulassen und zu erlauben. Denn, wenn diese nicht
eine bloß logische Bedeutung haben, und die Form des Denkens analytisch
ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit, Wirklichkeit oder
Notwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf die mögliche Erfahrung
und deren synthetische Einheit gehen, in welcher allein Gegenstände der
Erkenntnis gegeben werden.

Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also, daß der Begriff
derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt
zusammenstimme. Diese, nämlich die objektive Form der Erfahrung
überhaupt, enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntnis der Objekte
erfordert wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt, ist für leer zu
halten, und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn diese Synthesis nicht
zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr erborgt, und dann heißt er ein
empirischer Begriff, oder als eine solche, auf der, als Bedingung a priori,
Erfahrung überhaupt (die Form derselben) beruht, und dann ist es ein reiner
Begriff, der dennoch zur Erfahrung gehört, weil sein Objekt nur in dieser
angetroffen werden kann. Denn wo will man den Charakter der Möglichkeit

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eines Gegenstandes, der durch einen synthetischen Begriff a priori gedacht
worden, hernehmen, wenn es nicht von der Synthesis geschieht, welche die
Form der empirischen Erkenntnis der Objekte ausmacht? Daß in einem
solchen Begriffe kein Widerspruch enthalten sein müsse, ist zwar eine
notwendige logische Bedingung; aber zur objektiven Realität des Begriffs,
d.i. der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als durch den Begriff
gedacht wird, bei weitem nicht genug. So ist in dem Begriffe einer Figur,
die in zwei geraden Linien eingeschlossen ist, kein Widerspruch, denn die
Begriffe von zwei geraden Linien und deren Zusammenstoßung enthalten
keine Verneinung einer Figur; sondern die Unmöglichkeit beruht nicht auf
dem Begriffe an sich selbst, sondern der Konstruktion desselben im Raume,
d.i. den Bedingungen des Raumes und der Bestimmung desselben, diese
haben aber wiederum ihre objektive Realität, d.i. sie gehen auf mögliche
Dinge, weil sie die Form der Erfahrung überhaupt a priori in sich enthalten.

Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluß dieses
Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding
vorstelle, das beharrlich ist, so, daß alles, was da wechselt, bloß zu seinem
Zustande gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe allein
erkennen, daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder, ich stelle mir etwas
vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn es gesetzt wird, jederzeit
und unausbleiblich etwas anderes darauf erfolgt, so mag dieses allerdings
ohne Widerspruch so gedacht werden können; ob aber dergleichen
Eigenschaft (als Kausalität) an irgendeinem möglichen Dinge angetroffen
werde, kann dadurch nicht geurteilt werden. Endlich kann ich mir
verschiedene Dinge (Substanzen) vorstellen, die so beschaffen sind, daß der
Zustand des einen eine Folge im Zustande des anderen nach sich zieht, und
so wechselweise; aber, ob dergleichen Verhältnis irgend Dingen zukommen
könne, kann aus diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis
enthalten, gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese
Begriffe die Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori

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ausdrücken, erkennt man ihre objektive Realität, d.i. ihre transzendentale
Wahrheit, und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch nicht
unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung überhaupt,
und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände empirisch können
erkannt werden.

Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, von
Wechselwirkungen, aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet,
machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer
Verknüpfung zu entlehnen, so würde man in lauter Hirngespinste geraten,
deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat, weil man
bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese Begriffe von
ihr entlehnt. Dergleichen gedichtete Begriffe können den Charakter ihrer
Möglichkeit nicht so, wie die Kategorien, a priori, als Bedingungen, von
denen alle Erfahrung abhängt, sondern nur a posteriori, als solche, die durch
die Erfahrung selbst gegeben werden, bekommen, und ihre Möglichkeit
muß entweder a posteriori und empirisch, oder sie kann gar nicht erkannt
werden. Eine Substanz, welche beharrlich im Raume gegenwärtig wäre,
doch ohne ihn zu erfüllen, (wie dasjenige Mittelding zwischen Materie und
denkenden Wesen, welches einige haben einführen wollen,) oder eine
besondere Grundkraft unseres Gemüts, das Künftige zum voraus
anzuschauen (nicht etwa bloß zu folgern), oder endlich ein Vermögen
desselben, mit anderen Menschen in Gemeinschaft der Gedanken zu stehen
(so entfernt sie auch sein mögen), das sind Begriffe, deren Möglichkeit
ganz grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrung und deren bekannte Gesetze
gegründet werden kann, und ohne sie eine willkürliche
Gedankenverbindung ist, die, ob sie zwar keinen Widerspruch enthält, doch
keinen Anspruch auf objektive Realität, mithin auf die Möglichkeit eines
solchen Gegenstandes, als man sich hier denken will, machen kann. Was
Realität betrifft, so verbietet es sich wohl von selbst, sich eine solche in
concreto zu denken, ohne die Erfahrung zu Hilfe zu nehmen, weil sie nur

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auf Empfindung, als Materie der Erfahrung, gehen kann, und nicht die
Form des Verhältnisses betrifft, mit der man allenfalls in Erdichtungen
spielen könnte.

Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der Wirklichkeit
in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier nur die
Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori, von denen ich fortfahre zu
behaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen für sich allein, sondern
jederzeit nur als formale und objektive Bedingungen einer Erfahrung
überhaupt stattfinden können.

Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels aus
seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung ist
er gewiß unabhängig); denn in der Tat können wir ihm gänzlich a priori
einen Gegenstand geben, d.i. ihn konstruieren. Weil dieses aber nur die
Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch immer nur ein Produkt
der Einbildung bleiben, von dessen Gegenstand die Möglichkeit noch
zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr erfordert wird, nämlich daß
eine solche Figur unter lauter Bedingungen, auf denen alle Gegenstände der
Erfahrung beruhen, gedacht sei. Daß nun der Raum eine formale Bedingung
a priori von äußeren Erfahrungen ist, daß eben dieselbe bildende Synthesis,
wodurch wir in der Einbildungskraft einen Triangel konstruieren, mit
derjenigen gänzlich einerlei sei, welche wir in der Apprehension einer
Erscheinung ausüben, um uns davon einen Erfahrungsbegriff zu machen,
das ist es allein, was mit diesem Begriffe die Vorstellung von der
Möglichkeit eines solchen Dinges verknüpft. Und so ist die Möglichkeit
kontinuierlicher Größen, ja sogar der Größen überhaupt, weil die Begriffe
davon insgesamt synthetisch sind, niemals aus den Begriffen selbst, sondern
aus ihnen, als formalen Bedingungen der Bestimmung der Gegenstände in
der Erfahrung überhaupt allererst klar; und wo sollte man auch
Gegenstände suchen wollen, die den Begriffen korrespondierten, wäre es

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nicht in der Erfahrung, durch die uns allein Gegenstände gegeben werden?
wiewohl wir, ohne eben Erfahrung selbst voranzuschicken, bloß in
Beziehung auf die formalen Bedingungen, unter welchen in ihr überhaupt
etwas als Gegenstand bestimmt wird, mithin völlig a priori, aber doch nur
in Beziehung auf sie, und innerhalb ihren Grenzen, die Möglichkeit der
Dinge erkennen und charakterisieren können.

Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert
Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist, zwar nicht
eben unmittelbar, von dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt
werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgendeiner
wirklichen Wahrnehmung, nach den Analogien der Erfahrung, welche alle
reale Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen.

In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter seines
Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so vollständig
sei, daß nicht das mindeste ermangle, um ein Ding mit allen seinen inneren
Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit allem diesem doch gar
nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: ob ein solches Ding uns gegeben
sei, so, daß die Wahrnehmung desselben vor dem Begriffe allenfalls
vorhergehen könne. Denn, daß der Begriff vor der Wahrnehmung
vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die Wahrnehmung aber, die
den Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige Charakter der Wirklichkeit.
Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des Dinges, und also
komparative a priori das Dasein desselben erkennen, wenn es nur mit
einigen Wahrnehmungen, nach den Grundsätzen der empirischen
Verknüpfung derselben (den Analogien), zusammenhängt. Denn alsdann
hängt doch das Dasein des Dinges mit unseren Wahrnehmungen in einer
möglichen Erfahrung zusammen, und wir können nach dem Leitfaden jener
Analogien, von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge in der
Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. So erkennen wir das Dasein

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einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus der
Wahrnehmung des gezogenen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittelbare
Wahrnehmung dieses Stoffs uns nach der Beschaffenheit unserer Organe
unmöglich ist. Denn überhaupt würden wir, nach Gesetzen der Sinnlichkeit
und dem Kontext unserer Wahrnehmungen, in einer Erfahrung auch auf die
unmittelbare empirische Anschauung derselben stoßen, wenn unsere Sinne
feiner wären, deren Grobheit die Form möglicher Erfahrung überhaupt
nichts angeht. Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach empirischen
Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntnis vom Dasein der
Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen wir nicht nach
Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der Erscheinungen fort, so
machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein irgendeines Dinges erraten
oder erforschen zu wollen. Einen mächtigen Einwurf aber wider diese
Regeln, das Dasein mittelbar zu beweisen, macht der Idealismus, dessen
Widerlegung hier an der rechten Stelle, ist.

Widerlegung des Idealismus

Der Idealismus (ich verstehe den materialen) ist die Theorie, welche das
Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für zweifelhaft
und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt; der erstere ist der
problematische des Cartesius, der nur Eine empirische Behauptung
(assertio), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt; der zweite ist der
dogmatische des Berkeley, der den Raum, mit allen den Dingen, welchen er
als unabtrennliche Bedingung anhängt, für etwas, was an sich selbst
unmöglich sei, und darum auch die Dinge im Raum für bloße Einbildungen
erklärt. Der dogmatische Idealismus ist unvermeidlich, wenn man den
Raum als Eigenschaft, die den Dingen an sich selbst zukommen soll,
ansieht; denn da ist er mit allem, dem er zur Bedingung dient, ein Unding.
Der Grund zu diesem Idealismus aber ist von uns in der transzendentalen

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Ästhetik gehoben. Der problematische, der nichts hierüber behauptet,
sondern nur das Unvermögen, ein Dasein außer dem unserigen durch
unmittelbare Erfahrung zu beweisen, vorgibt, ist vernünftig und einer
gründlichen philosophischen Denkungsart gemäß; nämlich, bevor ein
hinreichender Beweis gefunden worden, kein entscheidendes Urteil zu
erlauben. Der verlangte Beweis muß also dartun, daß wir von äußeren
Dingen auch Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben; welches wohl
nicht anders wird geschehen können, als wenn man beweisen kann, daß
selbst unsere innere, dem Cartesius unbezweifelte, Erfahrung nur unter
Voraussetzung äußerer Erfahrung möglich sei.

Lehrsatz

Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewußtsein meines eigenen
Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir.

Beweis

Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle
Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus.
Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein
Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden
kann 1). Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding
außer mir und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dinges außer mir
möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur durch
die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich. Nun
ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der Möglichkeit dieser
Zeitbestimmung notwendig verbunden: Also ist es auch mit der Existenz
der Dinge außer mir, als Bedingung der Zeitbestimmung, notwendig
verbunden; d.i. das Bewußtsein meines eigenen Daseins ist zugleich ein
unmittelbares Bewußtsein des Daseins anderer Dinge außer mir.

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1. Der Satz ist nach Kants Vorrede zu dieser zweiten Ausgabe
folgendermaßen umzuändern: "Dieses Beharrliche aber kann nicht eine
Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins,
die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und bedürfen als
solche, selbst ein von ihnen unterschiedenes Beharrliches, worauf in
Beziehung der Wechsel derselben, mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie
wechseln, bestimmt werden können".

Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr, daß
das Spiel, welches der Idealismus trieb, ihm mit mehrerem Rechte
umgekehrt vergolten wird. Dieser nahm an, daß die einzige unmittelbare
Erfahrung die innere sei, und daraus auf äußere Dinge nur geschlossen
werde, aber, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wirkungen auf
bestimmte Ursachen schließt, nur unzuverlässig, weil auch in uns selbst die
Ursache der Vorstellungen liegen kann, die wir äußeren Dingen, vielleicht
fälschlich, zuschreiben. Allein hier wird bewiesen, daß äußere Erfahrung
eigentlich unmittelbar sei,* daß nur vermittelst ihrer, zwar nicht das
Bewußtsein unserer eigenen Existenz, aber doch die Bestimmung derselben
in der Zeit, d.i. innere Erfahrung, möglich sei. Freilich ist die Vorstellung:
ich bin, die das Bewußtsein ausdrückt, welches alles Denken begleiten
kann, das, was unmittelbar die Existenz eines Subjekts in sich schließt, aber
noch keine Erkenntnis desselben, mithin auch nicht empirische, d.i.
Erfahrung; denn dazu gehört, außer dem Gedanken von etwas
Existierendem, noch Anschauung und hier innere, in Ansehung deren, d.i.
der Zeit, das Subjekt bestimmt werden muß, wozu durchaus äußere
Gegenstände erforderlich sind, so, daß folglich innere Erfahrung selbst nur
mittelbar und nur durch äußere möglich ist.

* Das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äußerer Dinge wird in dem
vorstehenden Lehrsatze nicht vorausgesetzt, sondern bewiesen, die
Möglichkeit dieses Bewußtseins mögen wir einsehen, oder nicht. Die Frage

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wegen der letzteren würde sein: ob wir nur einen inneren Sinn, aber keinen
äußeren, sondern bloß äußere Einbildung hätten. Es ist aber klar, daß, um
uns auch nur etwas als äußerlich einzubilden, d.i. dem Sinne in der
Anschauung darzustellen, wir schon einen äußeren Sinn haben, und dadurch
die bloße Rezeptivität einer äußeren Anschauung von der Spontaneität, die
jede Einbildung charakterisiert, unmittelbar unterscheiden müssen. Denn
sich auch einen äußeren Sinn bloß einzubilden, würde das
Anschauungsvermögen, welches durch die Einbildungskraft bestimmt
werden soll, selbst vernichten.

Anmerkung 2. Hiermit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres
Erkenntnisvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein. Nicht
allein, daß wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren
Verhältnissen (die Bewegung) in Beziehung auf das Beharrliche im Raume
(z.B. Sonnenbewegung in Ansehung der Gegenstände. der Erde,)
vornehmen können, so haben wir so gar nichts Beharrliches, was wir dem
Begriffe einer Substanz, als Anschauung, unterlegen könnten, als bloß die
Materie und selbst diese Beharrlichkeit wird nicht aus äußerer Erfahrung
geschöpft, sondern a priori als notwendige Bedingung aller
Zeitbestimmung, mithin auch als Bestimmung des inneren Sinnes in
Ansehung unseres eigenen Daseins durch die Existenz äußerer Dinge
vorausgesetzt. Das Bewußtsein meiner selbst in der Vorstellung Ich ist gar
keine Anschauung, sondern eine bloß intellektuelle Vorstellung der
Selbsttätigkeit eines denkenden Subjekts. Daher hat dieses Ich auch nicht
das mindeste Prädikat der Anschauung, welches, als beharrlich, der
Zeitbestimmung im inneren Sinne zum Korrelat dienen könnte: wie etwa
Undurchdringlichkeit an der Materie, als empirischer Anschauung, ist.

Anmerkung 3. Daraus, daß die Existenz äußerer Gegenstände zur
Möglichkeit eines bestimmten Bewußtseins unserer selbst erfordert wird,
folgt nicht, daß jede anschauliche Vorstellung äußerer Dinge zugleich die

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Existenz derselben einschließe, denn jene kann gar wohl die bloße Wirkung
der Einbildungskraft (in Träumen sowohl als im Wahnsinn) sein; sie ist es
aber bloß durch die Reproduktion ehemaliger äußerer Wahrnehmungen,
welche, wie gezeigt worden, nur durch die Wirklichkeit äußerer
Gegenstände möglich sind. Es hat hier, nur, bewiesen werden sollen, daß
innere Erfahrung überhaupt nur durch äußere Erfahrung überhaupt möglich
sei. Ob diese oder jene vermeinte Erfahrung nicht bloße Einbildung sei,
muß nach den besonderen Bestimmungen derselben und durch
Zusammenhaltung mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung,
ausgemittelt werden.

***

Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale
Notwendigkeit im Dasein, und nicht die bloß formale und logische in
Verknüpfung der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der
Sinne völlig a priori erkannt werden kann, aber doch komparative a priori
relativisch auf ein anderes schon gegebenes Dasein, gleichwohl aber auch
alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo in dem
Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein Teil
ist, enthalten sein muß: so kann die Notwendigkeit der Existenz, niemals
aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit demjenigen,
was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Gesetzen der Erfahrung
erkannt werden können. Da ist nun kein Dasein, was unter der Bedingung
anderer gegebener Erscheinungen, als notwendig erkannt werden könnte,
als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen nach Gesetzen der
Kausalität. Also ist es nicht das Dasein der Dinge (Substanzen), sondern
ihres Zustandes, wovon wir allein die Notwendigkeit erkennen können, und
zwar aus anderen Zuständen, die in der Wahrnehmung gegeben sind, nach
empirischen Gesetzen der Kausalität. Hieraus folgt: daß das Kriterium der
Notwendigkeit lediglich in dem Gesetze der möglichen Erfahrung liege:

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daß alles, was geschieht, durch ihre Ursache in der Erscheinung a priori
bestimmt sei. Daher erkennen wir nur die Notwendigkeit der Wirkungen in
der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind, und das Merkmal der
Notwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter, als das Feld möglicher
Erfahrung, und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der Dinge, als
Substanzen, weil diese niemals, als empirische Wirkungen, oder etwas, das
geschieht und entsteht, können angesehen werden. Die Notwendigkeit
betrifft also nur die Verhältnisse der Erscheinungen nach dem dynamischen
Gesetze der Kausalität, und die darauf sich gründende Möglichkeit, aus
irgendeinem gegebenen Dasein (einer Ursache) a priori auf ein anderes
Dasein (der Wirkung) zu schließen. Alles, was geschieht, ist hypothetisch
notwendig; das ist ein Grundsatz, welcher die Veränderung in der Welt
einem Gesetze unterwirft, d.i. einer Regel des notwendigen Daseins, ohne
welche gar nicht einmal Natur stattfinden würde. Daher ist der Satz: nichts
geschieht durch ein blindes Ohngefähr (in mundo non datur casus) ein
Naturgesetz a priori; imgleichen: keine Notwendigkeit in der Natur ist
blinde, sondern bedingte, mithin verständliche Notwendigkeit (non datur
fatum). Beide sind solche Gesetze, durch welche das Spiel der
Veränderungen einer Natur der Dinge (als Erscheinungen) unterworfen
wird, oder, welches einerlei ist, der Einheit des Verstandes, in welchem sie
allein zu einer Erfahrung, als der synthetischen Einheit der Erscheinungen,
gehören können. Diese beiden Grundsätze gehören zu den dynamischen.
Der erstere ist eigentlich eine Folge des Grundsatzes von der Kausalität
(unter den Analogien der Erfahrung). Der zweite gehört zu den Grundsätzen
der Modalität, welche zu der Kausalbestimmung noch den Begriff der
Notwendigkeit, die aber unter einer Regel des Verstandes steht, hinzutut.
Das Prinzip der Kontinuität verbot in der Reihe der Erscheinungen
(Veränderungen) allen Absprung (in mundo non datur saltus), aber auch in
dem Inbegriff aller empirischen Anschauungen im Raume alle Lücke oder
Kluft zwischen zwei Erscheinungen (non datur hiatus); denn so kann man

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den Satz ausdrücken: das in die Erfahrung nichts hineinkommen kann, was
ein Vakuum bewiese, oder auch nur als einen Teil der empirischen
Synthesis zuließe. Denn was das Leere betrifft, welches man sich außerhalb
dem Felde möglicher Erfahrung (der Welt) denken mag, so gehört dieses
nicht vor die Gerichtsbarkeit des bloßen Verstandes, welcher nur über die
Fragen entscheidet, die die Nutzung gegebener Erscheinungen zur
empirischen Erkenntnis betreffen, und ist eine Aufgabe für die idealische
Vernunft, die noch über die Sphäre einer möglichen Erfahrung hinausgeht,
und von dem urteilen will, was diese selbst umgibt und begrenzt, muß daher
in der transszendentalen Dialektik erwogen werden. Diese vier Sätze (in
mundo non datur hiatus, non datur saltus, non datur casus, non datur fatum)
könnten wir leicht, so wie alle Grundsätze transzendentalen Ursprungs,
nach ihrer Ordnung, gemäß der Ordnung der Kategorien vorstellig machen,
und jedem seine Stelle beweisen, allein der schon geübte Leser wird dieses
von selbst tun, oder den Leitfaden dazu leicht entdecken. Sie vereinigen
sich aber alle lediglich dahin, um in der empirischen Synthesis nichts
zuzulassen, was dem Verstande und dem kontinuierlichen Zusammenhange
aller Erscheinungen, d.i. der Einheit seiner Begriffe, Abbruch oder Eintrag
tun könnte. Denn er ist es allein, worin die Einheit der Erfahrung, in der alle
Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, möglich wird.

Ob das Feld der Möglichkeit größer sei, als das Feld, was alles Wirkliche
enthält, dieses aber wiederum größer, als die Menge desjenigen, was
notwendig ist, das sind artige Fragen, und zwar von synthetischer
Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft
anheimfallen; denn sie wollen ungefähr soviel sagen, als, ob alle Dinge, als
Erscheinungen, insgesamt in den Inbegriff und den Kontext einer einzigen
Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Teil ist, der
also mit keinen anderen Erscheinungen könne verbunden werden, oder ob
meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen Erfahrung (in ihrem
allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand gibt a priori

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der Erfahrung überhaupt nur die Regel, nach den subjektiven und formalen
Bedingungen, sowohl der Sinnlichkeit als der Apperzeption, welche sie
allein möglich machen. Andere Formen der Anschauung, (als Raum und
Zeit,) imgleichen andere Formen des Verstandes, (als die diskursive des
Denkens, oder der Erkenntnis durch Begriffe,) ob sie gleich möglich wären,
können wir uns doch auf keinerlei Weise erdenken und faßlich machen,
aber, wenn wir es auch könnten, so würden sie doch nicht zur Erfahrung, als
dem einzigen Erkenntnis gehören, worin uns Gegenstände gegeben werden.
Ob andere Wahrnehmungen, als überhaupt, zu unserer gesamten möglichen
Erfahrung gehören, und also ein ganz anderes Feld der Materie noch
stattfinden könne, kann der Verstand nicht entscheiden, er hat es nur mit der
Synthesis dessen zu tun, was gegeben ist. Sonst ist die Armseligkeit unserer
gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein großes Reich der Möglichkeit
herausbringen, davon alles Wirkliche (aller Gegenstand der Erfahrung) nur
ein kleiner Teil sei, sehr in die Augen fallend. Alles Wirkliche ist möglich;
hieraus folgt natürlicherweise, nach den logischen Regeln der Umkehrung,
der bloß partikulare Satz: einiges Mögliche ist wirklich, welches denn
soviel zu bedeuten scheint, als: es ist vieles möglich, was nicht wirklich ist.
Zwar hat es den Anschein, als könne man auch geradezu die Zahl des
Möglichen über die des Wirklichen dadurch hinaussetzen, weil zu jener
noch etwas hinzukommen muß, um diese auszumachen. Allein dieses
Hinzukommen zum Möglichen kenne ich nicht. Denn was über dasselbe
noch zugesetzt werden sollte, wäre unmöglich. Es kann nur zu meinem
Verstande etwas über die Zusammenstimmung mit den formalen
Bedingungen der Erfahrung, nämlich die Verknüpfung mit irgendeiner
Wahrnehmung, hinzukommen; was aber mit dieser nach empirischen
Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich, ob es gleich unmittelbar nicht
wahrgenommen wird. Daß aber im durchgängigen Zusammenhange mit
dem, was mir in der Wahrnehmung gegeben ist, eine andere Reihe von
Erscheinungen, mithin mehr als eine einzige alles befassende Erfahrung

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möglich sei, läßt sich aus dem, was gegeben ist, nicht schließen, und, ohne
daß irgend etwas gegeben ist, noch viel weniger; weil ohne Stoff sich
überall nichts denken läßt. Was unter Bedingungen, die selbst bloß möglich
sind, allein möglich ist, ist es nicht in aller Absicht. In dieser aber wird die
Frage genommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der Dinge
sich weiter erstrecke, als Erfahrung reichen kann.

Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung getan, um keine Lücke in
demjenigen zu lassen, was, der gemeinen Meinung nach, zu den
Verstandesbegriffen gehört. In der Tat ist aber die absolute Möglichkeit (die
in aller Absicht gültig ist) kein bloßer Verstandesbegriff, und kann auf
keinerlei Weise von empirischem Gebrauche sein, sondern er gehört allein
der Vernunft zu, die über allen möglichen empirischen Verstandesgebrauch
hinausgeht. Daher haben wir uns hierbei mit einer bloß kritischen
Anmerkung begnügen müssen, übrigens aber die Sache bis zum weiteren
künftigen Verfahren in der Dunkelheit gelassen.

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Da ich eben diese vierte Nummer, und mit ihr zugleich das System aller
Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch Grund
angeben, warum ich die Prinzipien der Modalität gerade Postulate genannt
habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung nehmen, welche
ihm einige neuere philosophische Verfasser, wider den Sinn der
Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben haben, nämlich:
daß Postulieren so viel heißen solle, als einen Satz für unmittelbar gewiß,
ohne Rechtfertigung, oder Beweis ausgeben; denn, wenn wir das bei
synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein mögen, einräumen sollten,
daß man sie ohne Deduktion, auf das Ansehen ihres eigenen Ausspruchs,
dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe, so ist alle Kritik des Verstandes
verloren, und, da es an dreisten Anmaßungen nicht fehlt, deren sich auch
der gemeine Glaube, (der aber kein Kreditiv ist) nicht weigert; so wird
unser Verstand jedem Wahne offen stehen, ohne daß er seinen Beifall denen
Aussprüchen versagen kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in eben
demselben Tone der Zuversicht, als wirkliche Axiome eingelassen zu
werden verlangen. Wenn also zu dem Begriffe eines Dinges eine
Bestimmung a priori synthetisch hinzukommt, so muß von einem solchen
Satze, wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deduktion der
Rechtmäßigkeit seiner Behauptung unnachläßlich hinzugefügt werden.

Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektiv synthetisch, weil
die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit den Begriff,
von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, dadurch daß sie
der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten. Da sie aber
gleichwohl doch immer synthetisch sind, so sind sie es nur subjektiv, d.i. sie
fügen zu dem Begriffe eines Dinges, (Realen,) von dem sie sonst nichts
sagen, die Erkenntniskraft hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat, so,
daß, wenn er bloß im Verstande mit den formalen Bedingungen der
Erfahrung in Verknüpfung ist, sein Gegenstand möglich heißt; ist er mit der

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Wahrnehmung (Empfindung, als Materie der Sinne) im Zusammenhange,
und durch dieselben vermittelst des Verstandes bestimmt, so ist das Objekt
wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen nach
Begriffen bestimmt, so heißt der Gegenstand notwendig. Die Grundsätze
der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anderes, als die
Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird. Nun heißt ein
Postulat in der Mathematik der praktische Satz, der nichts als die Synthesis
enthält, wodurch wir einen Gegenstand uns zuerst geben, und dessen
Begriff erzeugen, z.B. mit einer gegebenen Linie, aus einem gegebenen
Punkt auf einer Ebene einen Zirkel zu beschreiben, und ein dergleichen Satz
kann darum nicht bewiesen werden, weil das Verfahren, was er fordert,
gerade das ist, wodurch wir den Begriff von einer solchen Figur zuerst
erzeugen. So können wir demnach mit ebendemselben Rechte die
Grundsätze der Modalität postulieren, weil sie ihren Begriff von Dingen
überhaupt nicht vermehren*, sondern nur die Art anzeigen, wie er
überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird.

* Durch die Wirklichkeit eines Dinges, setze ich freilich mehr, als die
Möglichkeit, aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals mehr in der
Wirklichkeit enthalten, als was in dessen vollständiger Möglichkeit
enthalten war. Sondern da die Möglichkeit bloß eine Position des Dinges in
Beziehung auf den Verstand (dessen empirischen Gebrauch) war, so ist die
Wirklichkeit zugleich eine Verknüpfung desselben mit der Wahrnehmung.

Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze

Es ist etwas sehr Bemerkungswürdiges, daß wir die Möglichkeit keines
Dinges nach der bloßen Kategorie einsehen können, sondern immer eine
Anschauung bei der Hand haben müssen, um an derselben die objektive
Realität des reinen Verstandesbegriffs darzulegen. Man nehme z.B. die

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Kategorien der Relation. Wie l) etwas nur als Subjekt, nicht als bloße
Bestimmung anderer Dinge existieren, d.i. Substanz sein könne, oder wie 2)
darum, weil etwas ist, etwas anderes sein müsse, mithin wie, etwas
überhaupt Ursache sein könne, oder 3) wie, wenn mehrere Dinge da sind,
daraus, daß eines derselben da ist, etwas auf die übrigen und so
wechselseitig folge, und auf diese Art eine Gemeinschaft von Substanzen
statthaben könne, läßt sich gar nicht aus bloßen Begriffen einsehen. Eben
dieses gilt auch von den übrigen Kategorien, z.B. wie ein Ding mit vielen
zusammen einerlei, d.i. eine Größe sein könne usw. Solange es also an
Anschauung fehlt, weiß man nicht, ob man durch die Kategorien ein Objekt
denkt, und ob ihnen auch überall gar irgend ein Objekt zukommen könne,
und so bestätigt sich, daß sie für sich gar keine Erkenntnisse, sondern bloße
Gedankenformen sind, um aus gegebenen Anschauungen Erkenntnisse zu
machen. - Eben daher kommt es auch, daß aus bloßen Kategorien kein
synthetischer Satz gemacht werden kann. Z.B. in allem Dasein ist Substanz,
d.i. etwas, was nur als Subjekt und nicht als bloßes Prädikat existieren kann;
oder, ein jedes Ding ist ein Quantum usw., wo gar nichts ist, was uns dienen
könnte, über einen gegebenen Begriff hinauszugehen und einen anderen
damit zu verknüpfen. Daher es auch niemals gelungen ist, aus bloßen reinen
Verstandesbegriffen einen synthetischen Satz zu beweisen, z.B. den Satz:
alles zufällig Existierende hat eine Ursache. Man konnte niemals weiter
kommen, als zu beweisen, daß, ohne diese Beziehung, wir die Existenz des
Zufälligen gar nicht begreifen, d.i. a priori durch den Verstand die Existenz
eines solchen Dinges nicht erkennen könnten; woraus aber nicht folgt, daß
eben dieselbe auch die Bedingung der Möglichkeit der Sachen selbst sei.
Wenn man daher nach unserem Beweise des Grundsatzes der Kausalität
zurück sehen will, so wird man gewahr werden, daß wir denselben nur von
Objekten möglicher Erfahrung beweisen konnten: alles was geschieht (eine
jede Begebenheit) setzt eine Ursache voraus, und zwar so, daß wir ihn auch
nur als Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung, mithin der Erkenntnis eines

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in der empirischen Anschauung gegebenen Objekts, und nicht aus bloßen
Begriffen beweisen konnten. Daß gleichwohl der Satz: alles Zufällige
müsse eine Ursache haben, doch jedermann aus bloßen Begriffen klar
einleuchte, ist nicht zu leugnen; aber alsdann ist der Begriff des Zufälligen
schon so gefaßt, daß er nicht die Kategorie der Modalität (als etwas, dessen
Nichtsein sich denken läßt), sondern die der Relation (als etwas, das nur als
Folge von einem anderen existieren kann) enthält, und da ist es freilich ein
identischer Satz: was nur als Folge existieren kann, hat seine Ursache. In
der Tat, wenn wir Beispiele vom zufälligen Dasein geben sollen, berufen
wir uns immer auf Veränderungen und nicht bloß auf die Möglichkeit des
Gedankens vom Gegenteil*. Veränderung aber ist Begebenheit, die, als
solche, nur durch eine Ursache möglich, deren Nichtsein also für sich
möglich ist, und so erkennt man die Zufälligkeit daraus, daß etwas nur als
Wirkung einer Ursache existieren kann; wird daher ein Ding als zufällig
angenommen, so ist's ein analytischer Satz, zu sagen, es habe eine Ursache.

* Man kann sich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die Alten
folgerten daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst der Wechsel des
Seins und Nichtseins eines gegebenen Zustandes eines Dinges, darin alle
Veränderung besteht, beweist gar nicht die Zufälligkeit dieses Zustandes,
gleichsam aus der Wirklichkeit seines Gegenteils, z.B. die Ruhe eines
Körpers, welche auf die Bewegung folgt, noch nicht die Zufälligkeit der
Bewegung desselben, daraus, weil die erstere das Gegenteil der letzteren ist.
Denn dieses Gegenteil ist hier nur logisch, nicht realiter dem anderen
entgegengesetzt. Man müßte beweisen, daß, anstatt der Bewegung im
vorhergehenden Zeitpunkte, es möglich gewesen, daß der Körper damals
geruht hatte, um die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, nicht daß er
hernach ruhe; denn da können beide Gegenteile gar wohl miteinander
bestehen.

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Noch merkwürdiger aber ist, daß wir, um die Möglichkeit der Dinge,
zufolge der Kategorien, zu verstehen, und also die objektive Realität der
letzteren darzutun, nicht bloß Anschauungen, sondern sogar immer äußere
Anschauungen bedürfen. Wenn wir z.B. die reinen Begriffe der Relation
nehmen, so finden wir, daß l) um dem Begriffe der Substanz
korrespondierend etwas Beharrliches in der Anschauung zu geben, (und
dadurch die objektive Realität dieses Begriffs darzutun) wir eine
Anschauung im Raume (der Materie) bedürfen, weil der Raum allem
beharrlich bestimmt, die Zeit aber, mithin alles, was im inneren Sinne ist,
beständig fließt. Um Veränderung, als die dem Begriffe der Kausalität
korrespondierende Anschauung, darzustellen, müssen wir Bewegung, als
Veränderung im Raume, zum Beispiele nehmen, ja sogar dadurch allein
können wir uns Veränderungen, deren Möglichkeit kein reiner Verstand
begreifen kann, anschaulich machen. Veränderung ist Verbindung
kontradiktorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein
eines und desselben Dinges. Wie es nun möglich sei, daß aus einem
gegebenen Zustande, ein ihm entgegengesetzter desselben Dinges folge,
kann nicht allein keine Vernunft sich ohne Beispiel begreiflich, sondern
nicht einmal ohne Anschauung verständlich machen, und diese Anschauung
ist die der Bewegung eines Punktes im Raume, dessen Dasein in
verschiedenen Ortern (als eine Folge entgegengesetzter Bestimmungen)
zuerst uns allein Veränderung anschaulich macht; denn, um uns nachher
selbst innere Veränderungen denkbar zu machen, müssen wir die Zeit, als
die Form des inneren Sinnes, figürlich durch eine Linie, und die innere
Veränderung durch das Ziehen dieses Linie (Bewegung), mithin die
sukzessive Existenz unser selbst in verschiedenem Zustande durch äußere
Anschauung uns faßlich machen, wovon der eigentliche Grund dieser ist,
daß alle Veränderung etwas Beharrliches in der Anschauung voraussetzt,
um auch selbst nur als Veränderung wahrgenommen zu werden, im inneren
Sinne aber gar keine beharrliche Anschauung angetroffen wird. - Endlich ist

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die Kategorie der Gemeinschaft, ihrer Möglichkeit nach, gar nicht durch die
bloße Vernunft zu begreifen, und also die objektive Realität dieses Begriffs
ohne Anschauung, und zwar äußere im Raum, nicht einzusehen möglich.
Denn wie will man sich die Möglichkeit denken, daß, wenn mehrere
Substanzen existieren, aus der Existenz der einen auf die Existenz der
anderen wechselseitig etwas (als Wirkung) folgen könne, und also, weil in
der ersteren etwas ist, darum auch in den anderen etwas sein müsse, was aus
der Existenz der letzteren allein nicht verstanden werden kann? Denn dieses
wird zur Gemeinschaft erfordert, ist aber unter Dingen, die sich ein jedes
durch seine Subsistenz völlig isolieren, gar nicht begreiflich. Daher Leibniz,
indem er den Substanzen der Welt, nur, wie sie der Verstand allein denkt,
eine Gemeinschaft beilegte, eine Gottheit zur Vermittlung brauchte; denn
aus ihrem Dasein allein schien sie ihm mit Recht unbegreiflich. Wir können
aber die Möglichkeit der Gemeinschaft (der Substanzen als Erscheinungen)
uns gar wohl faßlich machen, wenn wir sie uns im Raume, also in der
äußeren Anschauung vorstellen. Denn dieser enthält schon a priori formale
äußere Verhältnisse als Bedingungen der Möglichkeit der realen (in
Wirkung und Gegenwirkung, mithin der Gemeinschaft) in sich. - Ebenso
kann leicht dargetan werden, daß die Möglichkeit der Dinge als Größen,
und also die objektive Realität der Kategorie der Größe, auch nur in der
äußeren Anschauung könne dargelegt, und vermittelst ihrer allein hernach
auch auf den inneren Sinn angewandt werden. Allein ich muß, um
Weitläufigkeit zu vermeiden, die Beispiele davon dem Nachdenken dem
Lesers überlassen.

Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um
unsere vorhergehende Widerlegung des Idealismus zu bestätigen, sondern
vielmehr noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren
Bewußtsein und der Bestimmung unserer Natur ohne Beihilfe äußerer
empirischer Anschauungen die Rede sein wird, uns die Schranken der
Möglichkeit einer solchen Erkenntnis anzuzeigen.

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Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: alle
Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Prinzipien a priori
der Möglichkeit der Erfahrung, und auf die letztere allein beziehen sich
auch alle synthetischen Sätze a priori, ja ihre Möglichkeit beruht selbst
gänzlich auf dieser Beziehung.

Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft
(Analytik der Grundsätze)
Drittes Hauptstück

Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in
Phaenomena und Noumena

Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreist,
und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch
durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt.
Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in
unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein
reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem
eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald
wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckungen
herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen
täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie
doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer
wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen, und gewiß zu werden, ob
etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen
Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen,
und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht
allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen,
wenn es sonst überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten;

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zweitens, unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns
wider alle feindseligen Ansprüche gesichert halten können. Obschon wir
diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet
haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die
Überzeugung dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem
Punkt vereinigt.

Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich selbst
schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch zu
keinem anderen Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die
Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori konstitutiv sein
(wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die dynamischen),
enthalten nichts als gleichsam nur das reine Schema zur möglichen
Erfahrung; denn diese hat ihre Einheit nur von der synthetischen Einheit,
welche der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Beziehung auf
die Apperzeption ursprünglich und von selbst erteilt, und auf welche die
Erscheinungen, als data zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in
Beziehung und Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese
Verstandesregeln nicht allein a priori wahr sind, sondern sogar der Quell
aller Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit Objekten,
dadurch, daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung, als des
Inbegriffes aller Erkenntnis, darin uns Objekte gegeben werden mögen, in
sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß dasjenige
vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern, was man zu wissen begehrt.
Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung nichts Mehreres lernen,
als was wir im bloß empirischen Gebrauche des Verstandes, auch ohne so
subtile Nachforschung, von selbst wohl würden ausgeübt haben, so scheint
es, sei der Vorteil, den man aus ihr zieht, den Aufwand und die Zurüstung
nicht wert. Nun kann man zwar hierauf antworten: daß kein Vorwitz der
Erweiterung unserer Erkenntnis nachteiliger sei, als der, so den Nutzen
jederzeit zum voraus wissen will, ehe man sich auf Nachforschungen

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einläßt, und ehe man noch sich den mindesten Begriff von diesem Nutzen
machen könnte, wenn derselbe auch vor Augen gestellt würde. Allein es
gibt doch einen Vorteil, der auch dem schwierigsten und unlustigsten
Lehrlinge solcher transzendentalen Nachforschung begreiflich, und
zugleich angelegen gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der bloß mit
seinem empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die Quellen
seiner eigenen Erkenntnis nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen, eines
aber gar nicht leisten könne, nämlich, sich selbst die Grenzen seines
Gebrauchs zu bestimmen, und zu wissen, was innerhalb oder außerhalb
seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die tiefen
Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er aber nicht
unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte liegen, oder nicht, so
ist er niemals seiner Ansprüche und seines Besitzes sicher, sondern darf sich
nur auf vielfältige beschämende Zurechtweisungen Rechnung machen,
wenn er die Grenzen seines Gebiets (wie es unvermeidlich ist) unaufhörlich
überschreitet, und sich in Wahn und Blendwerke verirrt.

Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von allen
seinen Begriffen keinen anderen als empirischen, niemals aber einen
transzendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, wenn er mit
Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinaussieht. Der
transzendentale Gebrauch eines Begriffs in irgendeinem Grundsatze ist
dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an sich selbst, der empirische aber,
wenn er bloß auf Erscheinungen, d.i. Gegenstände einer möglichen
Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall nur der letztere stattfinden
könne, ersieht man daraus. Zu jedem Begriff wird erstlich die logische
Form eines Begriffs (des Denkens) überhaupt, und dann zweitens auch die
Möglichkeit, ihm einen Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe,
erfordert. Ohne diesen letzteren hat er keinen Sinn, und ist völlig leer an
Inhalt, ob er gleich noch immer die logische Funktion enthalten mag, aus
etwaigen datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand einem

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Begriffe nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung, und, wenn
eine reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich ist, so
kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objektive
Gültigkeit, nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon sie die
bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen alle
Grundsätze, so sehr sie auch a priori möglich sein mögen, dennoch auf
empirische Anschauungen, d.i. auf data zur möglichen Erfahrung. Ohne
dieses haben sie gar keine objektive Gültigkeit, sondern sind ein bloßes
Spiel, es sei der Einbildungskraft, oder des Verstandes, respektive mit ihren
Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe der Mathematik zum Beispiele,
und zwar erstlich in ihren reinen Anschauungen. Der Raum hat drei
Abmessungen, zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein,
usw. Obgleich alle diese Grundsätze, und die Vorstellung des Gegenstandes,
womit sich jene Wissenschaft beschäftigt, völlig a priori im Gemüt erzeugt
werden, so würden sie doch gar nichts bedeuten, könnten wir nicht immer
an Erscheinungen (empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung darlegen.
Daher erfordert man auch, einen abgesonderten Begriff sinnlich zu machen,
d.i. das ihm korrespondierende Objekt in der Anschauung darzulegen, weil,
ohne dieses, der Begriff (wie man sagt) ohne Sinn, d.i. ohne Bedeutung
bleiben würde. Die Mathematik erfüllt diese Forderung durch die
Konstruktion der Gestalt, welche eine den Sinnen gegenwärtige (obzwar a
priori zustande gebrachte) Erscheinung ist. Der Begriff der Größe sucht in
eben der Wissenschaft seine Haltung und Sinn in der Zahl, diese aber an
den Fingern, den Korallen des Rechenbretts, oder den Strichen und
Punkten, die vor Augen gestellt werden. Der Begriff bleibt immer a priori
erzeugt, samt den synthetischen Grundsätzen oder Formeln aus solchen
Begriffen; aber der Gebrauch derselben, und Beziehung auf angebliche
Gegenstände kann am Ende doch nirgend, als in der Erfahrung gesucht
werden, deren Möglichkeit (der Form nach) jene a priori enthalten.

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Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien, und den daraus
gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir so gar keine
einzige derselben real definieren, d.i. die Möglichkeit ihres Objekts
verständlich machen können, ohne uns sofort zu Bedingungen der
Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen, herabzulassen, als auf
welche, als ihre einzigen Gegenstände, sie folglich eingeschränkt sein
müssen, weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d.i.
Beziehung aufs Objekt, wegfällt, und man durch kein Beispiel sich selbst
faßlich machen kann, was unter dergleichen Begriffe denn eigentlich für ein
Ding gemeint sei.

Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa so:
daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal Eines in
ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses Wievielmal gründet sich
auf die sukzessive Wiederholung, mithin auf die Zeit und die Synthesis (des
Gleichartigen) in derselben. Realität kann man im Gegensatze mit der
Negation nur alsdann erklären, wenn man sich eine Zeit (als den Inbegriff
von allem Sein) gedenkt, die entweder womit erfüllt, oder leer ist. Lasse ich
die Beharrlichkeit (welche ein Dasein zu aller Zeit ist) weg, so bleibt mir
zum Begriffe der Substanz nichts übrig, als die logische Vorstellung vom
Subjekt, welche ich dadurch zu realisieren vermeine, daß ich mir Etwas
vorstelle, welches bloß als Subjekt (ohne wovon ein Prädikat zu sein)
stattfinden kann. Aber nicht allein, daß ich gar keine Bedingungen weiß,
unter welchen denn dieser logische Vorzug irgendeinem Dinge eigen sein
werde: so ist auch gar nichts weiter daraus zu machen, und nicht die
mindeste Folgerung zu ziehen, weil dadurch gar kein Objekt des Gebrauchs
dieses Begriffs bestimmt wird, und man also gar nicht weiß, ob dieser
überall irgend etwas bedeute. Vom Begriffe der Ursache würde ich (wenn
ich die Zeit weglasse, in der etwas auf etwas anderes nach einer Regel
folgt,) in der reinen Kategorie nichts weiter finden, als daß es so etwas sei,
woraus sich auf das Dasein eines anderen schließen läßt, und es würde

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dadurch nicht allein Ursache und Wirkung gar nicht voneinander
unterschieden werden können, sondern weil dieses Schließenkönnen doch
bald Bedingungen erfordert, von denen ich nichts weiß, so würde der
Begriff gar keine Bestimmung haben, wie er auf irgendein Objekt passe.
Der vermeinte Grundsatz: alles Zufällige hat eine Ursache, tritt zwar
ziemlich gravitätisch auf, als habe er seine eigene Würde in sich selbst.
Allein, frage ich: was versteht ihr unter Zufällig? und ihr antwortet, dessen
Nichtsein möglich ist, so möchte ich gern wissen, woran ihr diese
Möglichkeit des Nichtseins erkennen wollt, wenn ihr euch nicht in der
Reihe der Erscheinungen eine Sukzession und in dieser ein Dasein, welches
auf das Nichtsein folgt, (oder umgekehrt,) mithin einen Wechsel vorstellt;
denn, daß das Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerspreche, ist eine
lahme Berufung auf eine logische Bedingung, die zwar zum Begriffe
notwendig, aber zur realen Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist;
wie ich denn eine jede existierende Substanz in Gedanken aufheben kann,
ohne mir selbst zu widersprechen, daraus aber auf die objektive Zufälligkeit
derselben in ihrem Dasein, d.i. die Möglichkeit seines Nichtseins an sich
selbst, gar nicht schließen kann. Was den Begriff der Gemeinschaft betrifft,
so ist leicht zu ermessen: daß, da die reinen Kategorien der Substanz
sowohl, als Kausalität, keine das Objekt bestimmende Erklärung zulassen,
die wechselseitige Kausalität in der Beziehung der Substanzen aufeinander
(commercium) ebensowenig derselben fähig sei. Möglichkeit, Dasein und
Notwendigkeit hat noch niemand anders als durch offenbare Tautologie
erklären können, wenn man ihre Definition lediglich aus dem reinen
Verstande schöpfen wollte. Denn das Blendwerk, die logische Möglichkeit
des Begriffs (da er sich selbst nicht widerspricht) der transzendentalen
Möglichkeit der Dinge (da dem Begriff ein Gegenstand korrespondiert) zu
unterschieben, kann nur Unversuchte hintergehen und zufrieden stellen*.

* Mit einem Worte, alle diese Begriffe lassen sich durch nichts belegen,
und dadurch ihre reale Möglichkeit dartun, wenn alle sinnliche Anschauung

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(die einzige, die wir haben), weggenommen wird, und es bleibt dann nur
noch die logische Möglichkeit übrig, d.i. daß der Begriff (Gedanke)
möglich sei, wovon aber nicht die Rede ist, sondern ob er sich auf ein
Objekt beziehe, und also irgend was bedeute.

Hierzu fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe
niemals von transzendentalem, sondern jederzeit nur von empirischem
Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen Verstandes nur
in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer möglichen Erfahrung,
auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge überhaupt, (ohne
Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie anschauen mögen,) bezogen
werden können.

Die transzendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat: daß
der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer
möglichen Erfahrung überhaupt zu antizipieren, und, da dasjenige, was
nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er die
Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns allein Gegenstände
gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind bloß
Prinzipien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer
Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische
Erkenntnisse a priori in einer systematischen Doktrin zu geben (z. E. den
Grundsatz der Kausalität) muß dem bescheidenen, einer bloßen Analytik
des reinen Verstandes, Platz machen.

Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen
Gegenstand zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise
gegeben, so ist der Gegenstand bloß transzendental, und der
Verstandesbegriff hat keinen anderen, als transzendentalen Gebrauch,
nämlich die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt. Durch
eine reine Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung der sinnlichen

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Anschauung, als der einzigen, die uns möglich ist, abstrahiert wird, wird
also kein Objekt bestimmt, sondern nur das Denken eines Objekts
überhaupt, nach verschiedenen modis, ausgedrückt. Nun gehört zum
Gebrauche eines Begriffs noch eine Funktion der Urteilskraft, worauf ein
Gegenstand unter ihm subsumiert wird, mithin die wenigstens formale
Bedingung, unter der etwas in der Anschauung gegeben werden kann. Fehlt
diese Bedingung der Urteilskraft, (Schema) so fällt alle Subsumtion weg;
denn es wird nichts gegeben, was unter den Begriff subsumiert werden
könne. Der bloß transzendentale Gebrauch also der Kategorien ist in der Tat
gar kein Gebrauch, und hat keinen bestimmten, oder auch nur, der Form
nach, bestimmbaren Gegenstand. Hieraus folgt, daß die reine Kategorie
auch zu keinem synthetischen Grundsatze a priori zulange, und daß die
Grundsätze des reinen Verstandes nur von empirischem, niemals aber von
transzendentalem Gebrauche sind, über das Feld möglicher Erfahrung
hinaus aber es überall keine synthetischen Grundsätze a priori geben könne.

Es kann daher ratsam sein, sich also auszudrücken: die reinen
Kategorien, ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit, haben bloß
transzendentale Bedeutung, sind aber von keinem transzendentalen
Gebrauch, weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle
Bedingungen irgendeines Gebrauchs (in Urteilen) abgehen, nämlich die
formalen Bedingungen der Subsumtion irgendeines angeblichen
Gegenstandes unter diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine Kategorien)
nicht von empirischem Gebrauche sein sollen, und von transzendentalem
nicht sein können, so sind sie von gar keinem Gebrauche, wenn man sie von
aller Sinnlichkeit absondert, d.i. sie können auf gar keinen angeblichen
Gegenstand angewandt werden; vielmehr sind sie bloß die reine Form des
Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände überhaupt und des
Denkens, ohne doch durch sie allein irgendein Objekt denken oder
bestimmen zu können.

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Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum
Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ursprunge nach nicht auf
Sinnlichkeit, wie die Anschauungsformen, Raum und Zeit, scheinen also
eine über alle Gegenstände der Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten.
Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen, die bloß das
logische Vermögen enthalten, das mannigfaltige in der Anschauung
Gegebene in ein Bewußtsein a priori zu vereinigen, und da können sie,
wenn man ihnen die uns allein mögliche Anschauung wegnimmt, noch
weniger Bedeutung haben, als jene reinen sinnlichen Formen, durch die
doch wenigstens ein Objekt gegeben wird, anstatt daß eine unserem
Verstande eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen, wenn diejenige
Anschauung, darin dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzukommt,
gar nachts bedeutet. - Gleichwohl liegt es doch schon in unserem Begriffe,
wenn wir gewisse Gegenstände, als Erscheinungen, Sinnenwesen
(Phänomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anschauen, von ihrer
Beschaffenheit an sich selbst unterscheiden, daß wir entweder eben dieselbe
nach dieses letzteren Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derselben nicht
anschauen, oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objekte unserer
Sinne sind, als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht, jenen
gleichsam gegenüberstellen, und sie Verstandeswesen (Noumena) nennen.
Nun frägt sich: ob unsere reinen Verstandesbegriffe nicht in Ansehung
dieser Letzteren Bedeutung haben, und eine Erkenntnisart derselben sein
könnten?

Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen
Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen
Gegenstand in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich
außer dieser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an
sich selbst macht, und sich daher vorstellt, er könne sich auch von
dergleichen Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine
anderen als die Kategorien liefert, der Gegenstand in der letzteren

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Bedeutung wenigstens durch diese reinen Verstandesbegriffe müsse gedacht
werden können, dadurch aber verleitet wird, den ganz unbestimmten
Begriff von einem Verstandeswesen, als einem Etwas überhaupt außer
unserer Sinnlichkeit, für einen bestimmten Begriff von einem Wesen,
welches wir durch den Verstand auf einige Art erkennen können, zu halten.

Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht Objekt
unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart
desselben abstrahieren; so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande.
Verstehen wir aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung,
so nehmen wir eine besondere Anschauungsart an, nämlich die
intellektuelle, die aber nicht die unsrige ist, von welcher wir auch die
Möglichkeit nicht einsehen können, und das wäre das Noumenon in
positiver Bedeutung.

Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den
Noumenen im negativen Verstande, d.i. von Dingen, die der Verstand sich
ohne diese Beziehung auf unsere Anschauungsart, mithin nicht bloß als
Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von denen er
aber in dieser Absonderung zugleich begreift, daß er von seinen Kategorien
in dieser Art sie zu erwägen, keinen Gebrauch machen könne, weil diese
nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen in Raum und Zeit
Bedeutung haben, sie eben diese Einheit auch nur wegen der bloßen
Idealität des Raums und der Zeit durch allgemeine Verbindungsbegriffe a
priori bestimmen können. Wo diese Zeiteinheit nicht angetroffen werden
kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze Gebrauch, ja selbst alle
Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn selbst die Möglichkeit der
Dinge, die den Kategorien entsprechen sollen, läßt sich gar nicht einsehen;
weshalb ich mich nur auf das berufen darf, was ich in der allgemeinen
Anmerkung zum vorigen Hauptstücke gleich zu Anfang anführte. Nun kann
aber die Möglichkeit einer Dinges niemals bloß aus dem

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Nichtwidersprechen eines Begriffs desselben, sondern nur dadurch, daß
man diesen durch eine ihm korrespondierende Anschauung belegt,
bewiesen werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, die nicht
als Erscheinungen betrachtet werden, anwenden wollten, so müßten wir
eine andere Anschauung, als die sinnliche, zum Grunde legen, und alsdann
wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeutung. Da nun eine
solche, nämlich die intellektuelle Anschauung, schlechterdings außer
unserem Erkenntnisvermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der
Kategorien keineswegs über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung
hinausreichen, und den Sinnenwesen korrespondieren zwar freilich
Verstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser
sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere
Verstandesbegriffe, als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche
Anschauung, reichen nicht im mindesten auf diese hinaus; was also von uns
Noumenon genannt wird, muß als ein solches nur in negativer Bedeutung
verstanden werden.

Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen
Erkenntnis wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntnis irgendeines
Gegenstandes übrig; denn durch bloße Anschauung wird gar nichts gedacht,
und, daß diese Affektion der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine
Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Objekt aus. Lasse ich
aber hingegen alle Anschauung weg, so bleibt doch noch die Form des
Denkens, d.i. die Art, dem Mannigfaltigen einer möglichen Anschauung
einen Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die Kategorien
sofern weiter, als die sinnliche Anschauung, weil sie Objekte überhaupt
denken, ohne noch auf die besondere Art (der Sinnlichkeit) zu sehen, in der
sie gegeben werden mögen. Sie bestimmen aber dadurch nicht eine größere
Sphäre von Gegenständen, weil, daß solche gegeben werden können, man
nicht annehmen kann, ohne daß man eine andere als sinnliche Art der

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Anschauung als möglich voraussetzt, wozu wir aber keineswegs berechtigt
sind.

Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch enthält,
der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit anderen
Erkenntnissen zusammenhängt, dessen objektive Realität aber auf keine
Weise erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon, d.i. eines
Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding
an sich selbst, (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht werden soll,
ist gar nicht widersprechend; denn man kann von der Sinnlichkeit doch
nicht behaupten, daß sie die einzige mögliche Art der Anschauung sei.
Ferner ist dieser Begriff notwendig, um die sinnliche Anschauung nicht bis
über die Dinge an sich selbst auszudehnen, und also, um die objektive
Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken, (denn das übrige,
worauf jene nicht reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch
anzeige, jene Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles, was der
Verstand denkt, erstrecken). Am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher
Noumenorum gar nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der
Erscheinungen ist (für uns) leer, d.i. wir haben einen Verstand, der sich
problematisch weiter erstreckt, als jene, aber keine Anschauung, ja auch
nicht einmal den Begriff von einer möglichen Anschauung, wodurch uns
außer dem Felde der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben, und der Verstand
über dieselbe hinaus assertorisch gebraucht werden könne. Der Begriff
eines Noumenon ist also bloß ein Grenzbegriff, um die Anmaßung der
Sinnlichkeit einzuschränken, und also nur von negativem Gebrauche. Er ist
aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der
Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas Positives
außer dem Umfange derselben setzen zu können.

Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, und der
Welt in eine Sinnen- und Verstandeswelt, kann daher in positiver Bedeutung

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gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings die Einteilung in
sinnliche und intellektuelle zulassen; denn man kann den letzteren keinen
Gegenstand bestimmen, und sie also auch nicht für objektiv gültig
ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie will man begreiflich
machen, daß unsere Kategorien (welche die einzigen übrigbleibenden
Begriffe für Noumena sein würden) noch überall etwas bedeuten, da zu
ihrer Beziehung auf irgendeinen Gegenstand noch etwas mehr, als bloß die
Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche Anschauung gegeben
sein muß, darauf jene angewandt werden können? Der Begriff eines
Noumeni, bloß problematisch genommen, bleibt demungeachtet nicht allein
zulässig, sondern, auch als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender
Begriff, unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht ein besonderer
intelligibler Gegenstand für unseren Verstand, sondern ein Verstand, für den
es gehörte, ist selbst ein Problema, nämlich, nicht diskursiv durch
Kategorien, sondern intuitiv in einer nichtsinnlichen Anschauung seinen
Gegenstand zu erkennen, als von welchem wir uns nicht die geringste
Vorstellung seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand bekommt
nun auf diese Weise eine negative Erweiterung, d.i. er wird nicht durch die
Sinnlichkeit eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr dieselbe ein,
dadurch, daß er Dinge an sich selbst (nicht als Erscheinungen betrachtet)
Noumena nennt. Aber er setzt sich auch sofort selbst Grenzen, sie durch
keine Kategorien zu erkennen, mithin sie nur unter dem Namen eines
unbekannten Etwas zu denken.

Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz anderen
Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis*, der von
dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es freilich keine
Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen wird.
Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der Erscheinungen,
sofern er angeschaut wird, die Sinnenwelt, sofern aber der Zusammenhang
derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht wird, die

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Verstandeswelt zu nennen. Die theoretische Astronomie, welche die bloße
Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde die erstere, die
kontemplative dagegen (etwa nach dem kopernikanischen Weltsystem, oder
gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt), die zweite, nämlich eine
intelligible Welt vorstellig machen. Aber eine solche Wortverdrehung ist
eine bloße sophistische Ausflucht, um einer beschwerlichen Frage
auszuweichen, dadurch, daß man ihren Sinn zu seiner Gemächlichkeit
herabstimmt. In Ansehung der Erscheinungen läßt sich allerdings Verstand
und Vernunft brauchen; aber es fragt sich, ob diese auch noch einigen
Gebrauch haben, wenn der Gegenstand nicht Erscheinung (Noumenon) ist,
und in diesem Sinne nimmt man ihn, wenn er an sich als bloß intelligibel,
d.i. dem Verstande allein, und gar nicht den Sinnen gegeben, gedacht wird.
Es ist also die Frage: ob außer jenem empirischen Gebrauche des
Verstandes (selbst in der Newtonischen Vorstellung des Weltbaues) noch ein
transzendentaler möglich sei, der, auf das Noumenon als einen Gegenstand
gehe, welche Frage wir verneinend beantwortet haben.

* Man muß nicht, statt dieses Ausdrucks, den einer intellektuellen
Welt, wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu tun pflegt,
brauchen; denn intellektuell, oder sensitiv, sind nur die
Erkenntnisse. Was aber nur ein Gegenstand der einen oder der anderen
Anschauungsart sein kann, der Objekte also, müssen (unerachtet der
Härte des Lauts) intelligibel oder sensibel heißen.

Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände vor,
wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das letztere nicht
in transzendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung zu nehmen,
nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung, im durchgängigen
Zusammenhange der Erscheinungen, müssen vorgestellt werden, und nicht
nach dem, was sie, außer der Beziehung auf mögliche Erfahrung, und
folglich auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände des reinen Verstandes

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sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt bleiben, sogar, daß es
auch unbekannt bleibt, ob eine solche transzendentale (außerordentliche)
Erkenntnis überall möglich sei, zum wenigsten als eine solche, die unter
unseren gewöhnlichen Kategorien steht. Verstand und Sinnlichkeit können
bei uns nur in Verbindung Gegenstände bestimmen. Wenn wir sie trennen,
so haben wir Anschauungen ohne Begriffe, oder Begriffe ohne
Anschauungen, in beiden Fällen aber Vorstellungen, die wir auf keinen
bestimmten Gegenstand beziehen können.

Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf alle diese Erörterungen dem bloß
transzendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, so mache er einen
Versuch von ihnen in irgendeiner synthetischen Behauptung. Denn eine
analytische bringt den Verstand nicht weiter, und da er nur mit dem
beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht wird, so läßt er es
unausgemacht, ob dieser an sich selbst auf Gegenstände Beziehung habe,
oder nur die Einheit des Denkens überhaupt bedeute, (welche von der Art,
wie ein Gegenstand gegeben werden mag, völlig abstrahiert.) es ist ihm
genug zu wissen, was in seinem Begriffe liegt; worauf der Begriff selber
gehen möge, ist ihm gleichgültig. Er versuche es demnach mit irgendeinem
synthetischen und vermeintlich transzendentalen Grundsatze, als: alles, was
da ist, existiert als Substanz, oder eine derselben anhängende Bestimmung:
alles Zufällige existiert als Wirkung eines anderen Dinges, nämlich seiner
Ursache, usw. Nun frage ich: woher will er diese synthetischen Sätze
nehmen, da die Begriffe nicht beziehungsweise auf mögliche Erfahrung,
sondern von Dingen an sich selbst (Noumena) gelten sollen? Wo ist hier das
Dritte, welches jederzeit zu einem synthetischen Satze erfordert wird, um in
demselben Begriffe, die gar keine logische (analytische) Verwandtschaft
haben, miteinander zu verknüpfen? Er wird seinen Satz niemals beweisen,
ja was noch mehr ist, sich nicht einmal wegen der Möglichkeit einer
solchen reinen Behauptung rechtfertigen können, ohne auf den empirischen
Verstandesgebrauch Rücksicht zu nehmen, und dadurch dem reinen und

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sinnenfreien Urteile völlig zu entsagen. So ist denn der Begriff reiner bloß
intelligibler Gegenstände gänzlich leer von allen Grundsätzen ihrer
Anwendung, weil man keine Art ersinnen kann, wie sie gegeben werden
sollten, und der problematische Gedanke, der doch einen Platz für sie offen
läßt, dient nur, wie ein leerer Raum, die empirischen Grundsätze
einzuschränken, ohne doch irgendein anderes Objekt der Erkenntnis, außer
der Sphäre der letzteren, in sich zu enthalten und aufzuweisen.

Anhang Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe durch die
Verwechslung des empirischen Verstandesgebrauchs mit dem
transzendentalen

Die Überlegung (reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen selbst zu
tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der Zustand
des Gemüts, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um die
subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu
Begriffen gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses
gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen,
durch welches allein ihr Verhältnis untereinander richtig bestimmt werden
kann. Die erste Frage vor aller weiteren Behandlung unserer Vorstellung ist
die: in welchem Erkenntnisvermögen gehören sie zusammen? Ist es der
Verstand, oder sind es die Sinne, vor denen sie verknüpft, oder verglichen
werden? Manches Urteil wird aus Gewohnheit angenommen, oder durch
Neigung geknüpft; weil aber keine Überlegung vorhergeht, oder wenigstens
kritisch darauf folgt, so gilt es für ein solches, das im Verstande seinen
Ursprung erhalten hat. Nicht alle Urteile bedürfen einer Untersuchung, d.i.
einer Aufmerksamkeit auf die Gründe der Wahrheit; denn, wenn sie
unmittelbar gewiß sind: z.B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade
Linie sein; so läßt sich von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit,
als das sie selbst ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urteile, ja alle

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Vergleichungen bedürfen einer Überlegung, d.i. einer Unterscheidung der
Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung,
dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der
Erkenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch ich
unterscheide, ob sie als zum reinen Verstande oder zur sinnlichen
Anschauung gehörend untereinander verglichen werden, nenne ich die
transzendentale Überlegung. Das Verhältnis aber, in welchem die Begriffe
in einem Gemütszustande zueinander gehören können, sind die der
Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des Widerstreits,
des Inneren und des Äußeren, endlich des Bestimmbaren und der
Bestimmung (Materie und Form). Die richtige Bestimmung dieses
Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntniskraft sie subjektiv
zueinander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande. Denn der
Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der Art, wie
man sich die ersten denken solle.

Vor allen objektiven Urteilen vergleichen wir die Begriffe, um auf die
Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf der
allgemeinen Urteile, oder der Verschiedenheit derselben, zur Erzeugung
besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und den Widerstreit,
daraus verneinende Urteile werden können usw. Aus diesem Grunde sollten
wir, wie es scheint, die angeführten Begriffe Vergleichungsbegriffe nennen
(conceptus comparationis). Weil aber, wenn es nicht auf die logische Form,
sondern auf den Inhalt der Begriffe ankommt, d.i. ob die Dinge selbst
einerlei oder verschieden, einstimmig oder im Widerstreit sind usw., die
Dinge ein zwiefaches Verhältnis zu unserer Erkenntniskraft, nämlich zur
Sinnlichkeit und zum Verstande haben können, auf diese Stelle aber, darin
sie gehören, die Art ankommt, wie sie zueinander gehören sollen: so wird
die transzendentale Reflexion, d.i. das Verhältnis gegebener Vorstellungen
zu einer oder der anderen Erkenntnisart, ihr Verhältnis untereinander allein
bestimmen können, und ob die Dinge einerlei oder verschieden, einstimmig

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oder widerstreitend sind usw., wird nicht sofort aus den Begriffen selbst
durch bloße Vergleichung (comparatio), sondern allererst durch die
Unterscheidung der Erkenntnisart, wozu sie gehören, vermittelst einer
transzendentalen Überlegung (reflexio) ausgemacht werden können. Man
könnte also zwar sagen: daß die logische Reflexion eine bloße Komparation
sei, denn bei ihr wird von der Erkenntniskraft, wozu die gegebenen
Vorstellungen gehören, gänzlich abstrahiert, und sie sind also so fern ihrem
Sitze nach, im Gemüte, als gleichartig zu behandeln, die transzendentale
Reflexion aber (welche auf die Gegenstände selbst geht) enthält den Grund
der Möglichkeit der objektiven Komparation der Vorstellungen
untereinander, und ist also von der letzteren gar sehr verschieden, weil die
Erkenntniskraft, dazu sie gehören, nicht eben dieselbe ist. Diese
transzendentale Überlegung ist eine Pflicht, von der sich niemand lossagen
kann, wenn er a priori etwas über Dinge urteilen will. Wir wollen sie jetzt
zur Hand nehmen, und werden daraus für die Bestimmung des eigentlichen
Geschäfts des Verstandes nicht wenig Licht ziehen.

1. Einerleiheit und Verschiedenheit. Wenn uns ein Gegenstand
mehrmalen, jedesmal aber mit ebendenselben inneren Bestimmungen,
(qualitas et quantitas) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er als
Gegenstand des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe, und nicht viel,
sondern nur Ein Ding (numerica identitas); ist er aber Erscheinung, so
kommt es auf die Vergleichung der Begriffe gar nicht an, sondern, so sehr
auch in Ansehung derselben alles einerlei sein mag, ist doch die
Verschiedenheit der Oerter dieser Erscheinung zu gleicher Zeit ein
genugsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes (der
Sinne) selbst. So kann man bei zwei Tropfen Wasser von aller inneren
Verschiedenheit (der Qualität und Quantität) völlig abstrahieren, und es ist
genug, daß sie in verschiedenen Örtern zugleich angeschaut werden, um sie
numerisch verschieden zu halten. Leibniz nahm die Erscheinungen als
Dinge an sich selbst, mithin für intelligibilia, d.i. Gegenstände des reinen

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Verstandes, (ob er gleich, wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen,
dieselben mit dem Namen der Phänomene belegte,) und da konnte sein Satz
des Nichtzuunterscheidenden (principium identitatis indiscernibilium)
allerdings nicht bestritten werden; da sie aber Gegenstände der Sinnlichkeit
sind, und der Verstand in Ansehung ihrer nicht von reinem, sondern bloß
empirischen Gebrauche ist, so wird die Vielheit und numerische
Verschiedenheit schon durch den Raum selbst als die Bedingung der
äußeren Erscheinungen angegeben. Denn ein Teil des Raums, ob er zwar
einem anderen völlig ähnlich und gleich sein mag, ist doch außer ihm, und
eben dadurch ein vom ersteren verschiedener Teil, der zu ihm hinzukommt,
um einen größeren Raum auszumachen, und dieses muß daher von allem,
was in den mancherlei Stellen des Raums zugleich ist, gelten, so sehr es
sich sonsten auch ähnlich und gleich sein mag.

2. Einstimmung und Widerstreit. Wenn Realität nur durch den reinen
Verstand vorgestellt wird (realitas noumenon), so läßt sich zwischen den
Realitäten kein Widerstreit denken, d.i. ein solches Verhältnis, da sie in
einem Subjekt verbunden einander ihre Folgen aufheben, und 3-3=0 sei.
Dagegen kann das Reale in der Erscheinung (realitas phaenomenon)
untereinander allerdings im Widerstreit sein, und vereint in demselben
Subjekt, eines die Folge des anderen ganz oder zum Teil vernichten, wie
zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie, sofern sie einen Punkt
in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen, oder drücken, oder auch ein
Vergnügen, was dem Schmerze die Wage hält.

3. Das Innere und Äußere. An einem Gegenstande des reinen Verstandes
ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem Dasein nach)
auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind die inneren
Bestimmungen einer substantia phaenomenon im Raume nichts als
Verhältnisse, und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter
Relationen. Die Substanz im Raume können wir nur durch Kräfte, die in

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demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung),
oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und
Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den
Begriff von der Substanz, die im Raum erscheint, und die wir Materie
nennen, ausmachen. Als Objekt des reinen Verstandes muß jede Substanz
dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf die innere Realität
gehen. Allein was kann ich mir für innere Akzidenzen denken, als
diejenigen, so mein innerer Sinn mir darbietet? nämlich das, was entweder
selbst ein Denken, oder mit diesem analogisch ist. Daher machte Leibniz
aus allen Substanzen, weil er sie sich als Noumena vorstellte, selbst aus den
Bestandteilen der Materie, nachdem er ihnen alles, was äußere Relation
bedeuten mag, mithin auch die Zusammensetzung, in Gedanken genommen
hatte, einfache Subjekte mit Vorstellungskräften begabt, mit einem Worte,
Monaden.

4. Materie und Form. Dieses sind zwei Begriffe, welche aller anderen
Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem Gebrauch
des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet das
Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung, (beides in
transzendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was
gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahiert). Die Logiker
nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den spezifischen Unterschied
aber die Form. In jedem Urteile kann man die gegebenen Begriffe logische
Materie (zum Urteile), das Verhältnis derselben (vermittelst der Copula) die
Form des Urteils nennen. In jedem Wesen sind die Bestandstücke desselben
(essentialia) die Materie; die Art, wie sie in einem Dinge verknüpft sind, die
wesentliche Form. Auch wurde in Ansehung der Dinge überhaupt
unbegrenzte Realität als die Materie aller Möglichkeit, Einschränkung
derselben aber (Negation) als diejenige Form angesehen, wodurch sich ein
Ding vom anderen nach transzendentalen Begriffen unterscheidet. Der
Verstand nämlich verlangt zuerst, daß etwas gegeben sei, (wenigstens im

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Begriffe,) um es auf gewisse Art bestimmen zu können. Daher geht im
Begriffe des reinen Verstandes die Materie der Form vor, und Leibniz nahm
um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und innerlich eine
Vorstellungskraft derselben, um danach das äußere Verhältnis derselben und
die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen) darauf zu
gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur durch das Verhältnis der
Substanzen, diese durch die Verknüpfung der Bestimmungen derselben
untereinander, als Gründe und Folgen, möglich. So würde es auch in der Tat
sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gegenstände bezogen
werden könnte, und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge an sich
selbst wären. Sind es aber nur sinnliche Anschauungen, in denen wir alle
Gegenstände lediglich als Erscheinungen bestimmen, so geht die Form der
Anschauung (als eine subjektive Beschaffenheit der Sinnlichkeit) vor aller
Materie (den Empfindungen), mithin Raum und Zeit vor allen
Erscheinungen und allen datis der Erfahrung vorher, und macht diese
vielmehr allererst möglich. Der Intellektualphilosoph konnte es nicht
leiden: daß die Form vor den Dingen selbst vorhergehen, und dieser ihre
Möglichkeit bestimmen sollte; eine ganz richtige Zensur, wenn er annahm,
daß wir die Dinge anschauen, wie sie sind, (obgleich mit verworrener
Vorstellung). Da aber die sinnliche Anschauung eine ganz besondere
subjektive Bedingung ist, welche aller Wahrnehmung a priori zum Grunde
liegt, und deren Form ursprünglich ist; so ist die Form für sich allein
gegeben, und, weit gefehlt, daß die Materie (oder die Dinge selbst, welche
erschienen) zum Grunde liegen sollte (wie man nach bloßen Begriffen
urteilen müßte), so setzt die Möglichkeit derselben vielmehr eine formale
Anschauung (Zeit und Raum) als gegeben voraus.

Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe

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Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in der
Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande erteilen, den transzendentalen Ort zu
nennen. Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle, die jedem
Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt, und die
Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen, die
transzendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des reinen
Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich bewahren
würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher Erkenntniskraft die
Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen jeden Begriff, einen jeden
Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, einen logischen Ort nennen.
Hierauf gründet sich die logische Topik des Aristoteles, deren sich
Schullehrer und Redner bedienen konnten, um unter gewissen Titeln des
Denkens nachzusehen, was sich am besten für seine vorliegende Materie
schickte, und darüber, mit einem Schein von Gründlichkeit, zu vernünfteln,
oder wortreich zu schwatzen.

Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die
angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die sich
dadurch von Kategorien unterscheiden, daß durch jene nicht der
Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, (Größe,
Realität,) sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor dem
Begriffe von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit dargestellt
wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst einer Überlegung, d.i.
einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die Vorstellungen der Dinge, die
verglichen werden, hingehören, ob sie der reine Verstand denkt, oder die
Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt.

Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu
bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den
Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit
diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst

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transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie
Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit.
Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von
diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze,
welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich
auf einer transzendentalen Amphibolie, d.i. einer Verwechslung des reinen
Verstandesobjekts mit der Erscheinung, gründen.

In Ermanglung einer solchen transzendentalen Topik, und mithin durch
die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der
berühmte Leibniz ein intellektuelles System der Welt, oder glaubte vielmehr
der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle Gegenstände
nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen Begriffen seines
Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe schafft uns den
unerwarteten Vorteil, das Unterscheidende seines Lehrbegriffs in allen
seinen Teilen, und zugleich den leitenden Grund dieser eigentümlichen
Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts, als einem Mißverstande,
beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch Begriffe miteinander, und fand,
wie natürlich, keine anderen Verschiedenheiten, als die, durch welche der
Verstand seine reinen Begriffe voneinander unterscheidet. Die Bedingungen
der sinnlichen Anschauung, die ihre eigenen Unterschiede bei sich führen,
sah er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm nur eine
verworrene Vorstellungsart, und kein besonderer Quell der Vorstellungen;
Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich selbst, obgleich
von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen Form nach,
unterschieden, da nämlich jene, bei ihrem gewöhnlichen Mangel der
Zergliederung, eine gewisse Vermischung von Nebenvorstellungen in den
Begriff des Dinges zieht, die der Verstand davon abzusondern weiß. Mit
einem Worte: Leibniz intellektuierte die Erscheinungen, so wie Locke die
Verstandesbegriffe nach einem System der Noogonie (wenn es mir erlaubt
ist, mich dieser Ausdrücke zu bedienen,) insgesamt sensifiziert, d.i. für

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nichts, als empirische, oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben
hatte. Anstatt im Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene
Quellen von Vorstellungen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objektiv
gültig von Dingen urteilen könnten, hielt sich ein jeder dieser großen
Männer nur an eine von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittelbar
auf Dinge an sich selbst bezöge, indessen daß die andere nichts tat, als die
Vorstellungen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen.

Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge
überhaupt bloß im Verstande untereinander. Erstlich, sofern sie von diesem
als einerlei oder verschieden geurteilt werden sollen. Da er also lediglich
ihre Begriffe, und nicht ihre Stelle in der Anschauung, darin die
Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte, und den
transzendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objekt unter Erscheinungen,
oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei,) gänzlich aus der acht ließ, so
konnte es nicht anders ausfallen, als daß er seinen Grundsatz des
Nichtzuunterscheidenden, der bloß von Begriffen der Dinge überhaupt gilt,
auch auf die Gegenstände der Sinne (mundus phaenomenon) ausdehnte,
und der Naturerkenntnis dadurch keine geringe Erweiterung verschafft zu
haben glaubte. Freilich, wenn ich einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich
selbst nach allen seinen inneren Bestimmungen kenne, so kann ich keinen
derselben von dem anderen für verschieden gelten lassen, wenn der ganze
Begriff desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume, so
hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern in der
sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume), und da sind die physischen
Örter, in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge, ganz
gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem anderen in dem
Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, ebensowohl aufnehmen, als wenn es
von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die Verschiedenheit
der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der Gegenstände, als
Erscheinungen, ohne weitere Bedingungen, schon für sich nicht allein

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möglich, sondern auch notwendig. Also ist jenes scheinbare Gesetz kein
Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine analytische Regel oder Vergleichung
der Dinge durch bloße Begriffe.

Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen) einander
niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von dem
Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber, weder in Ansehung der Natur, noch
überall in Ansehung irgendeines Dinges an sich selbst, (von diesem haben
wir keinen Begriff,) das mindeste. Denn der reale Widerstreit findet
allerwärts statt, wo A - B = 0 ist, d.i. wo eine Realität mit der anderen, in
einem Subjekt verbunden, eine die Wirkung der anderen aufhebt, welches
alle Hindernisse und Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich vor Augen
legen, die gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates phaenomena
genannt werden müssen. Die allgemeine Mechanik kann sogar die
empirische Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel a priori angeben,
indem sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht: eine Bedingung,
von welcher der transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß.
Obzwar Herr von Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines
neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch desselben zu neuen
Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in ihre
Leibniz-Wolfianischen Lehrgebäude ein. Nach diesem Grundsatze sind z. E.
alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der Geschöpfe, d.i.
Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende der Realität sind, (in
dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch wirklich so, aber
nicht in den Dingen als Erscheinungen). Imgleichen finden die Anhänger
desselben es nicht allein möglich, sondern auch natürlich, alle Realität,
ohne irgendeinen besorglichen Widerstreit, in einem Wesen zu vereinigen,
weil sie keinen anderen, als den des Widerspruchs (durch den der Begriff
eines Dinges selbst aufgehoben wird), nicht aber den des wechselseitigen
Abbruchs kennen, da ein Realgrund die Wirkung des anderen aufhebt, und

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dazu wir nur in der Sinnlichkeit die Bedingungen antreffen, uns einen
solchen vorzustellen.

Drittens, die Leibnizische Monadologie hat gar keinen anderen Grund,
als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren bloß im
Verhältnis auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen überhaupt müssen
etwas Inneres haben, was also von allen äußeren Verhältnissen, folglich
auch der Zusammensetzung, frei ist. Das Einfache ist also die Grundlage
des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere aber ihres Zustandes kann
auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder Bewegung, (welche
Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind,) bestehen, und wir können
daher den Substanzen keinen anderen inneren Zustand, als denjenigen,
wodurch wir unseren Sinn selbst innerlich bestimmen, nämlich den Zustand
der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die Monaden fertig, welche
den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen sollen, deren tätige Kraft
aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch sie eigentlich bloß in sich selbst
wirksam sind.

Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen
Gemeinschaft der Substanzen untereinander eine vorherbestimmte
Harmonie, und konnte kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur
innerlich, d.i. mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der
Zustand der Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz in ganz
und gar keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgendeine
dritte und in alle insgesamt einfließende Ursache ihre Zustände einander
korrespondierend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen und in
jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand (systema
assistentiae), sondern durch die Einheit der Idee einer für alle gültigen
Ursache, in welcher sie insgesamt ihr Dasein und Beharrlichkeit, mithin
auch wechselseitige Korrespondenz untereinander, nach allgemeinen
Gesetzen bekommen müssen.

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Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum, darin
er diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte, war lediglich aus eben
derselben Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen. Wenn
ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse der Dinge vorstellen
will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs ihrer wechselseitigen
Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand ebendesselben Dinges mit
einem anderen Zustande verknüpfen, so kann dieses nur in der Ordnung der
Gründe und Folgen geschehen. So dachte sich also Leibniz den Raum als
eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft der Substanzen, und die Zeit als
die dynamische Folge ihrer Zustände. Das Eigentümliche aber, und von
Dingen Unabhängige, was beide an sich zu haben scheinen, schrieb er der
Verworrenheit dieser Begriffe zu, welche machte, daß dasjenige, was eine
bloße Form dynamischer Verhältnisse ist, für eine eigene für sich
bestehende, und vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten
wird. Also waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der
Dinge (Substanzen und ihrer Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber
waren intelligible Substanzen (substantiae noumena). Gleichwohl wollte er
diese Begriffe für Erscheinungen geltend machen, weil er der Sinnlichkeit
keine eigene Art der Anschauung zugestand, sondern alle, selbst die
empirische Vorstellung der Gegenstände, im Verstande suchte, und den
Sinnen nichts als das verächtliche Geschäft ließ, die Vorstellungen des
ersteren zu verwirren und zu verunstalten.

Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen
Verstand synthetisch sagen könnten, (welches gleichwohl unmöglich ist,) so
würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich
selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem
letzteren Falle in der transzendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit
nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so
werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der
Erscheinungen sein; was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht, und

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brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders, als
in der Erscheinung vorkommen kann.

So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie
ist substantia phaenomenon. Was ihr innerlich zukomme, suche ich in allen
Teilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen, die sie
ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne sein
können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin-, sondern lauter Komparativ-
Innerliches, das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen besteht. Allein,
das schlechthin, dem reinen Verstande nach, Innerliche der Materie ist auch
eine bloße Grille; denn diese ist überall kein Gegenstand für den reinen
Verstand, das transzendentale Objekt aber, welches der Grund dieser
Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon
wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand
sagen könnte. Denn wir können nichts verstehen, als was ein unseren
Worten Korrespondierendes in der Anschauung mit sich führt. Wenn die
Klagen: Wir sehen das Innere der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten
sollen, als, wir begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge,
die uns erscheinen, an sich sein mögen; so sind sie ganz unbillig und
unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen,
mithin anschauen könne, folglich daß wir ein von dem menschlichen nicht
bloß dem Grade, sondern sogar der Anschauung und Art nach, gänzlich
unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht Menschen, sondern
Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben können, ob sie
einmal möglich, viel weniger, wie sie beschaffen sind. Ins Innere der Natur
dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann
nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene
transzendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden wir
bei allem dem doch niemals beantworten können, wenn uns auch die ganze
Natur aufgedeckt wäre, da es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes
Gemüt mit einer anderen Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu

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beobachten. Denn in demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer
Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale
Grund dieser Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir,
die wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung,
kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu
brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen,
aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen
wollten.

Was diese Kritik der Schlüsse, aus den bloßen Handlungen der Reflexion,
überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller Schlüsse über
Gegenstände, die man lediglich im Verstande miteinander vergleicht,
deutlich dartut, und dasjenige zugleich bestätigt, was wir hauptsächlich
eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht als Dinge an sich
selbst unter den Objekten des reinen Verstandes mit begriffen sind, sie doch
die einzigen sind, an denen unsere Erkenntnis objektive Realität haben
kann, nämlich, wo den Begriffen Anschauung entspricht.

Wenn wir bloß logisch reflektieren, so vergleichen wir lediglich unsere
Begriffe untereinander im Verstande, ob beide eben dasselbe enthalten, ob
sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem Begriffe innerlich
enthalten sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher von beiden gegeben,
welcher aber nur als eine Art, den gegebenen zu denken, gelten soll. Wende
ich aber diese Begriffe auf einen Gegenstand überhaupt (im transz.
Verstande) an, ohne diesen weiter zu bestimmen, ob er ein Gegenstand der
sinnlichen oder intellektuellen Anschauung sei, so zeigen sich sofort
Einschränkungen (nicht aus diesem Begriffe hinauszugehen), welche allen
empirischen Gebrauch derselben verkehren, und eben dadurch beweisen,
daß die Vorstellung eines Gegenstandes, als Dinges überhaupt, nicht etwa
bloß unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben, und,
unabhängig von empirischer Bedingung, in sich selbst widerstreitend sei,

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daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahieren (in der Logik),
oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der sinnlichen
Anschauung denken müsse, mithin das Intelligible eine ganz besondere
Anschauung, die wir nicht haben, erfordern würde, und in Ermanglung
derselben für uns nichts sei, dagegen aber auch die Erscheinungen nicht
Gegenstände an sich selbst sein können. Denn, wenn ich mir bloß Dinge
überhaupt denke, so kann freilich die Verschiedenheit der äußeren
Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit der Sachen selbst ausmachen,
sondern setzt diese vielmehr voraus, und, wenn der Begriff von dem Einen
innerlich von dem des Andern gar nicht unterschieden ist, so setze ich nur
ein und dasselbe Ding in verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch
Hinzukunft einer bloßen Bejahung (Realität) zur anderen, wird ja das
Positive vermehrt, und ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann
das Reale in Dingen überhaupt einander nicht widerstreiten, usw.

***

Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine
gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch,
daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu einem
vermeinten System intellektueller Erkenntnis, welches seine Gegenstände
ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu verleiten imstande
gewesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der täuschenden Ursache
der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung falscher Grundsätze, von
großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes zuverlässig zu bestimmen und
zu sichern.

Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt, oder
widerspricht, das kommt auch zu, oder widerspricht, allem Besonderen, was
unter jenem Begriff enthalten ist; (dictum de Omni et Nullo;) es wäre aber
ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, daß er so

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lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten ist, das ist auch
in den besonderen nicht enthalten, die unter demselben stehen; denn diese
sind eben darum besondere Begriffe, weil sie mehr in sich enthalten, als im
allgemeinen gedacht wird. Nun ist doch wirklich auf diesen letzteren
Grundsatz das ganze intellektuelle System Leibnizens erbaut; es fällt also
zugleich mit demselben, samt aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit
im Verstandesgebrauche.

Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der
Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt eine
gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch nicht in den
Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge völlig einerlei (numero
eadem), die sich nicht schon in ihrem Begriffe (der Qualität oder Quantität
nach) voneinander unterscheiden. Weil aber bei dem bloßen Begriffe von
irgendeinem Dinge von manchen notwendigen Bedingungen einer
Anschauung abstrahiert worden, so wird, durch eine sonderbare Übereilung,
das, wovon abstrahiert wird, dafür genommen, daß es überall nicht
anzutreffen sei, und dem Dinge nichts eingeräumt, als was in seinem
Begriffe enthalten ist.

Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken, wo
und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei Kubikfüße sind
im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden (numero diversa);
diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das Objekt dieses Begriffs
gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch zur ganzen Sinnlichkeit
gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe von einem Dinge gar kein
Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit einem Bejahenden verbunden
worden, und bloß bejahende Begriffe können, in Verbindung, gar keine
Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen Anschauung, darin Realität
(z.B. Bewegung) gegeben wird, finden sich Bedingungen (entgegengesetzte
Richtungen), von denen im Begriffe der Bewegung überhaupt abstrahiert

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war, die einen Widerstreit, der freilich nicht logisch ist, nämlich aus lauter
Positivem ein Zero = 0 möglich machen, und man konnte nicht sagen: daß
darum alle Realität untereinander Einstimmung sei, weil unter ihren
Begriffen kein Widerstreit angetroffen wird*. Nach bloßen Begriffen ist das
Innere das Substratum aller Verhältnis oder äußeren Bestimmungen. Wenn
ich also von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere, und mich
lediglich an den Begriff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich von
allem äußeren Verhältnis abstrahieren, und es muß dennoch ein Begriff von
dem übrigbleiben, das gar kein Verhältnis, sondern bloß innere
Bestimmungen bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus: in jedem Dinge
(Substanz) sei etwas, was schlechthin innerlich ist, und allen äußeren
Bestimmungen vorgeht, indem es sie allererst möglich macht, mithin sei
dieses Substratum so etwas, das keine äußeren Verhältnisse mehr in sich
enthält, folglich einfach: (denn die körperlichen Dinge sind doch immer nur
Verhältnisse, wenigstens der Teile außereinander;) und weil wir keine
schlechthin inneren Bestimmungen kennen, als die durch unseren inneren
Sinn, so sei dieses Substratum nicht allein einfach, sondern auch (nach der
Analogie mit unserem inneren Sinn) durch Vorstellungen bestimmt, d.i. alle
Dinge wären eigentlich Monaden, oder mit Vorstellungen begabte einfache
Wesen. Dieses würde auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte nicht etwa
mehr, als der Begriff von einem Dinge überhaupt, zu den Bedingungen,
unter denen allein uns Gegenstände der äußeren Anschauung gegeben
werden können, und von denen der reine Begriff abstrahiert. Denn da zeigt
sich, daß eine beharrliche Erscheinung im Raume (undurchdringliche
Ausdehnung) lauter Verhältnisse, und gar nichts schlechthin Innerliches
enthalten, und dennoch das erste Substratum aller äußeren Wahrnehmung
sein könne. Durch bloße Begriffe kann ich freilich ohne etwas Innerem
nichts Äußeres denken, eben darum, weil Verhältnisbegriffe doch
schlechthin gegebene Dinge voraussetzen, und ohne diese nicht möglich
sind. Aber, da in der Anschauung etwas enthalten ist, was im bloßen

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Begriffe von einem Dinge überhaupt gar nicht liegt, und dieses das
Substratum, welches durch bloße Begriffe gar nicht erkannt werden würde,
an die Hand gibt, nämlich, ein Raum, der, mit allem, was er enthält, aus
lauter formalen, oder auch realen Verhältnissen besteht, so kann ich nicht
sagen: weil, ohne ein Schlechthininneres, kein Ding durch bloße Begriffe
vorgestellt werden kann, so sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen
Begriffen enthalten sind, und ihrer Anschauung nichts Äußeres, dem nicht
etwas Schlechthininnerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen
Bedingungen der Anschauung abstrahiert haben, so bleibt uns freilich im
bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das Verhältnis
desselben untereinander, wodurch allein das Äußere möglich ist. Diese
Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion gründet, findet nicht bei
den Dingen statt, sofern sie in der Anschauung mit solchen Bestimmungen
gegeben werden, die bloße Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres
zum Grunde zu haben, darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern
lediglich Erscheinungen sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind
lauter Verhältnisse, (das, was wir innere Bestimmungen derselben nennen,
ist nur komparativ innerlich;) aber es sind darunter selbständige und
beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Gegenstand gegeben wird. Daß
ich, wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahiere, gar nichts weiter zu
denken habe, hebt den Begriff von einem Dinge, als Erscheinung, nicht auf,
auch nicht den Begriff von einem Gegenstande in abstracto, wohl aber alle
Möglichkeit eines solchen, der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d.i.
eines Noumenon. Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz
und gar aus Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch
bloße Erscheinung, und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht
werden; es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt
zu den Sinnen. Ebenso kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto,
wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders denken, als
daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem anderen sei; denn das ist

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unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da wir alsdann von
aller Anschauung abstrahieren, so fällt eine ganze Art, wie das
Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann, nämlich die Form der
Sinnlichkeit (der Raum), weg, der doch vor aller empirischen Kausalität
vorhergeht.

* Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen: daß
wenigstens realitates Noumena einander nicht entgegenwirken können, so
müßte man doch ein Beispiel von dergleichen reiner und sinnenfreier
Realität anführen, damit man verstände, ob eine solche überhaupt etwas
oder gar nichts vorstelle. Aber es kann kein Beispiel woher anders, als aus
der Erfahrung genommen werden, die niemals mehr als Phänomena
darbietet, und so bedeutet dieser Satz nichts weiter, als daß der Begriff, der
lauter Bejahungen enthält, nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, an dem
wir niemals gezweifelt haben.

Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge
verstehen, die durch reine Kategorien, ohne alles Schema der Sinnlichkeit,
gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die Bedingung des
objektiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe ist bloß die Art
unserer sinnlichen Anschauung, wodurch uns Gegenstände gegeben
werden, und, wenn wir von der letzteren abstrahieren, so haben die ersteren
gar keine Beziehung auf irgendein Objekt. Ja, wenn man auch eine andere
Art der Anschauung, als diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so
würden doch unsere Funktionen zu denken in Ansehung derselben von gar
keiner Bedeutung sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer
nichtsinnlichen Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich
nicht gelten, und von denen wir also gar keine Erkenntnis (weder
Anschauung, noch Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in
dieser bloß negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn
nichts anderes sagen, als: daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle

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Dinge, sondern bloß auf Gegenstände unserer Sinne geht, folglich ihre
objektive Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgendeine andere Art
Anschauung, und also auch für Dinge als Objekte derselben, Platz
übrigbleibt. Aber alsdann ist der Begriff eines Noumenon problematisch,
d.i. die Vorstellung eines Dinges, von dem wir weder sagen können, daß es
möglich, noch daß es unmöglich sei, indem wir gar keine Art der
Anschauung, als unsere sinnliche kennen, und keine Art der Begriffe, als
die Kategorien, keine von beiden aber einem außersinnlichen Gegenstande
angemessen ist. Wir können daher das Feld der Gegenstände unseres
Denkens über die Bedingungen unserer Sinnlichkeit darum noch nicht
positiv erweitern, und außer den Erscheinungen noch Gegenstände des
reinen Denkens, d.i. Noumena, annehmen, weil jene keine anzugebende
positive Bedeutung haben. Denn man muß von den Kategorien eingestehen:
daß sie allein noch nicht zur Erkenntnis der Dinge an sich selbst zureichen,
und ohne die data der Sinnlichkeit bloß subjektive Formen der
Verstandeseinheit, aber ohne Gegenstand, sein würden. Das Denken ist
zwar an sich kein Produkt der Sinne, und sofern durch sie auch nicht
eingeschränkt, aber darum nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauche,
ohne Beitritt der Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann
auch das Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet
eben den problematischen Begriff von einem Gegenstande für eine ganz
andere Anschauung und einen ganz anderen Verstand, als der unsrige, der
mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also nicht der
Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der
Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe, ob es
nicht von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben
möge, welche Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich:
daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne Unterschied
geht, für mehr und andere Gegenstände Platz übrigbleibe, sie also nicht
schlechthin abgeleugnet, in Ermanglung eines bestimmten Begriffs aber (da

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keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als Gegenstände für unseren
Verstand behauptet werden können.

Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein
eigenes Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich nicht
anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf
Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur
als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst
nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als Realität, noch als
Substanz usw. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche
Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen;) wovon also
völlig unbekannt ist, ob es in uns, oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es
mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden, oder wenn wir jene
wegnehmen, noch übrigbleiben würde. Wollen wir dieses Objekt
Noumenon nennen, darum, weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist,
so steht dieses uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen
darauf anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer, und
dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu
bezeichnen, und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch mögliche
Erfahrung, noch durch den reinen Verstand ausfüllen können.

Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein neues
Feld von Gegenständen, außer denen, die ihm als Erscheinungen
vorkommen können, zu schaffen, und in intelligible Welten, sogar nicht
einmal in ihren Begriff, auszuschweifen. Der Fehler, welcher hierzu auf die
allerscheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt, obgleich nicht
gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der Gebrauch des Verstandes,
wider seine Bestimmung, transzendental gemacht, und die Gegenstände, d.i.
mögliche Anschauungen, sich nach Begriffen, nicht aber Begriffe sich nach
möglichen Anschauungen (als auf denen allein ihre objektive Gültigkeit
beruht) richten müssen. Die Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die

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Apperzeption, und, mit ihr, das Denken vor aller möglichen bestimmten
Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. Wir denken also Etwas
überhaupt, und bestimmen es einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch
den allgemeinen und in abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art
ihn anzuschauen; da bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu
bestimmen, übrig, welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist,
uns aber dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an sich existiere
(Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne
eingeschränkt ist.

***

Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, müssen wir noch etwas
hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit,
dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen dürfte. Der
höchste Begriff, von dem man eine Transzendentalphilosophie anzufangen
pflegt, ist gemeiniglich die Einteilung in das Mögliche und Unmögliche. Da
aber alle Einteilung einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß noch ein
höherer angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem
Gegenstande überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob
er Etwas oder Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind,
die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die Unterscheidung
eines Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei, nach der Ordnung und
Anweisung der Kategorien fortgehen.

1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles aufhebt,
d.i. Keines, entgegengesetzt und so ist der Gegenstand eines Begriffs, dem
gar keine anzugebende Anschauung korrespondiert, = Nichts, d.i. ein
Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena, die nicht unter die
Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch darum nicht für
unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis,) oder wie etwa

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gewisse neue Grundkräfte, die man sich denkt, zwar ohne Widerspruch,
aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht werden, und also nicht
unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen.

2. Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich, ein Begriff von dem
Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte, (nihil privativum).

3. Die bloße Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein
Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als
Erscheinung), wie der reine Raum, und die reine Zeit, die zwar Etwas sind,
als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände sind, die
angeschaut werden (ens imaginarium).

4. Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist Nichts,
weil der Begriff Nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die geradlinige Figur
von zwei Seiten, (nihil negativum).

Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Nichts (denn die dieser
gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber,) würde daher so
angelegt werden müssen:

Nichts,
als

1. Leerer Begriff ohne
Gegenstand, ens rationis.

2. Leerer Gegenstand 3. Leere Anschauung eines
Begriffs, ohne Gegenstand, nihil privativum. ens
imaginarium.

4. Leerer Gegenstand ohne
Begriff, nihil negativum.

Page 279

Man sieht, daß das Gedankending (n. 1.) von dem Undinge (n. 4.)
dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten
gezählt werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht
widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist,
indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber leere Begriffe.
Dagegen sind das nihil privativum (n. 2.) und ens imaginarium (n. 3.) leere
Data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so
kann man sich auch keine Finsternis, und, wenn nicht ausgedehnte Wesen
wahrgenommen worden, keinen Raum vorstellen. Die Negation sowohl, als
die bloße Form der Anschauung, sind, ohne ein Reales, keine Objekte.

Der transzendentalen Logik
Zweite Abteilung
Die transzendentale Dialektik

Einleitung

I. Vom transzendentalen Schein

Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt.
Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn diese ist
Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren Erkenntnis also
zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist, und mithin von dem
analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden muß. Noch weniger
dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten werden. Denn
Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er angeschaut
wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht wird. Man kann
also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren, aber nicht darum, weil sie
jederzeit richtig urteilen, sondern weil sie gar nicht urteilen. Daher sind
Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin auch der Schein, als die Verleitung zum

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letzteren, nur im Urteile, d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu
unserem Verstande anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den
Verstandesgesetzen durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer
Vorstellung der Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum.
Keine Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen
abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne Einfluß
einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der erstere darum
nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt, die Wirkung (das
Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen muß. In der
Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht aber das
Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil, weder ein wahres,
noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden Erkenntnisquellen keine
anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur durch den unbemerkten Einfluß
der Sinnlichkeit auf den Verstand bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß
die subjektiven Gründe des Urteils mit den objektiven zusammenfließen,
und diese von ihrer Bestimmung abweichend machen*, so wie ein bewegter
Körper zwar für sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten
würde, die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung
zugleich auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die
eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit
einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige Urteil als
die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das Urteil nach zwei
verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam einen Winkel
einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die einfache des
Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in reinen Urteilen a
priori durch transzendentale Überlegung geschehen muß, wodurch (wie
schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre Stelle in der ihr
angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch der Einfluß der
letzteren auf jene unterschieden wird.

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* Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf
dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. Eben
dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst einfließt, und ihn
zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums.

Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z.B. dem
optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche sonst
richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die Urteilskraft,
durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern wir haben es mit
dem transzendentalen Scheine allein zu tun, der auf Grundsätze einfließt,
deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung angelegt ist, als in welchem
Falle wir doch wenigstens einen Probierstein ihrer Richtigkeit haben
würden, sondern der uns selbst, wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich
über den empirischen Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem
Blendwerke einer Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen
die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken
möglicher Erfahrung hält, immanente, diejenigen aber, welche diese
Grenzen überfliegen sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe
aber unter diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der
Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik
gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf allein
dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug achthat; sondern
wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle jene Grenzpfähle
niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden, der überall keine
Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind transzendental und
transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des reinen Verstandes, die wir
oben vortrugen, sollen bloß von empirischem und nicht von
transzendentalem, d.i. über die Erfahrungsgrenze hinausreichendem
Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese Schranken wegnimmt, ja gar
sie zu überschreiten gebietet, heißt transzendent. Kann unsere Kritik dahin
gelangen, den Schein dieser angemaßten Grundsätze aufzudecken, so

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werden jene Grundsätze des bloß empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit
den letzteren, immanente Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden
können.

Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform
besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem
Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf den
vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der
transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn
schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale Kritik
deutlich eingesehen hat. (Z.B. der Schein in dem Satze: die Welt muß der
Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon ist diese, daß in
unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches Erkenntnisvermögen
betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen, welche
gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und wodurch es
geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen Verknüpfung
unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine objektive
Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst, gehalten wird.
Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig als wir es vermeiden
können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher scheine, wie an dem
Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als diese sehen, oder, noch
mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern kann, daß ihm der Mond im
Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich durch diesen Schein nicht
betrogen wird.

Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den Schein
transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten, daß er nicht
betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar verschwinde, und
ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals bewerkstelligen. Denn wir
haben es mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun, die
selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive

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unterschiebt, anstatt daß die logische Dialektik in Auflösung der
Trugschlüsse es nur mit einem Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder
mit einem gekünstelten Scheine, in Nachahmung derselben, zu tun hat. Es
gibt also eine natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft,
nicht eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen,
selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute zu
verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen Vernunft
unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr Blendwerk
aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr vorzugaukeln und sie
unablässig in augenblickliche Verirrungen zu stoßen, die jederzeit gehoben
zu werden bedürfen.

II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins

A. Von der Vernunft überhaupt

Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum
Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns
angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die
höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten
Erkenntniskraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich in einiger
Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen bloß formalen,
d.i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntnis
abstrahiert, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser
Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder von den Sinnen, noch vom
Verstande entlehnt. Das erstere Vermögen ist nun freilich vorlängst von den
Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede
von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt
worden; das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch
noch nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein

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logisches und transzendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer
Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide Begriffe
unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den
Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich den
Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der ersteren
zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand geben werde.

Wir erklärten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik, den
Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir die
Vernunft von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der Prinzipien
nennen wollen.

Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich
nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar an
sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium ist. Ein
jeder allgemeiner Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung (durch Induktion)
hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem Vernunftschlusse dienen;
er ist darum aber nicht selbst ein Prinzipium. Die mathematischen Axiome
(z.B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein,) sind sogar
allgemeine Erkenntnisse a priori, und werden daher mit Recht, relativisch
auf die Fälle, die unter ihnen subsumiert werden können, Prinzipien
genannt. Aber ich kann darum doch nicht sagen, daß ich diese Eigenschaft
der geraden Linien überhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern
nur in der reinen Anschauung.

Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das
Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder
Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem
Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht, daß
alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm nach
einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis zum

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Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand
dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese denn auch,
in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs, Prinzipien genannt werden.

Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an sich selbst
ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse aus
Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a priori möglich sein, wenn
wir nicht die reine Anschauung, (in der Mathematik,) oder Bedingungen
einer möglichen Erfahrung überhaupt herbeizögen. Daß alles, was
geschieht, eine Ursache habe, kann gar nicht aus dem Begriffe dessen, was
überhaupt geschieht, geschlossen werden; vielmehr zeigt der Grundsatz,
wie man allererst von dem, was geschieht, einen bestimmten
Erfahrungsbegriff bekommen könne.

Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also gar nicht
verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich schlechthin Prinzipien
nenne; indessen, daß alle allgemeinen Sätze überhaupt komparative
Prinzipien heißen können.

Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal in
Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal, statt der endlosen
Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen möge;
denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie man
sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur
Einschränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie
durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf etwas,
was gänzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir durch jene Begriffe
selbst die Ursache sein können. Wie aber Gegenstände an sich selbst, wie
die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen Begriffen
bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches, wenigstens doch
sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag aber hiermit bewandt

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sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir die Untersuchung noch vor
uns,) so erhellt wenigstens daraus: daß Erkenntnis aus Prinzipien (an sich
selbst) ganz etwas anderes sei, als bloße Verstandeserkenntnis, die zwar
auch anderen Erkenntnissen in der Form eines Prinzips vorgehen kann, an
sich selbst aber (sofern sie synthetisch ist) nicht auf bloßem Denken beruht,
noch ein Allgemeines nach Begriffen in sich enthält.

Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen
vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit
der Verstandesregeln unter Prinzipien. So geht also niemals zunächst auf
Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf den Verstand, um
den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a priori durch Begriffe
zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag, und von ganz anderer Art ist,
als sie von dem Verstande geleistet werden kann.

Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit er,
bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben
werden sollen), hat begreiflich gemacht werden können.

B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft

Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt,
und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch drei
gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar erkannt; daß
diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist nur geschlossen.
Weil wir des Schließens beständig bedürfen und es dadurch endlich ganz
gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen Unterschied nicht mehr,
und halten oft, wie bei dem sogenannten Betruge der Sinne, etwas für
unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur geschlossen haben. Bei
jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde liegt, und ein anderer, nämlich

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die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, und endlich die Schlußfolge
(Konsequenz), nach welcher die Wahrheit des letzteren unausbleiblich mit
der Wahrheit des ersteren verknüpft ist. Liegt das geschlossene Urteil schon
so in dem ersten, daß es ohne Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus
abgeleitet werden kann, so heißt der Schluß unmittelbar (consequentia
immediata); ich möchte ihn lieber den Verstandesschluß nennen. Ist aber,
außer der zum Grunde gelegten Erkenntnis, noch ein anderes Urteil nötig,
um die Folge zu bewirken, so heißt der Schluß ein Vernunftschluß. In dem
Satze: alle Menschen sind sterblich, liegen schon die Sätze: einige
Menschen sind sterblich, einige Sterbliche sind Menschen, nichts, was
unsterblich ist, ist ein Mensch, und diese sind also unmittelbare
Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrten sind
sterblich, nicht in dem untergelegten Urteile (denn der Begriff der Gelehrten
kommt in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst eines
Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden.

In jedem Vernunftsschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch
den Verstand. Zweitens subsumiere ich ein Erkenntnis unter die Bedingung
der Regel (minor) vermittelst der Urteilskraft. Endlich bestimme ich mein
Erkenntnis durch das Prädikat der Regel (conclusio), mithin a priori durch
die Vernunft. Das Verhältnis also, welches der Obersatz, als die Regel,
zwischen einer Erkenntnis und ihrer Bedingung vorstellt, macht die
verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. Sie sind also gerade
dreifach, so wie alle Urteile überhaupt, sofern sie sich in der Art
unterscheiden, wie sie das Verhältnis des Erkenntnisses im Verstande
ausdrücken, nämlich: kategorische oder hypothetische oder disjunktive
Vernunftschlüsse.

Wenn, wie mehrenteils geschieht, die Konklusion als ein Urteil
aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen
Urteilen, durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird,

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fließe: so suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes auf, ob
sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach einer
allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung und läßt
sich das Objekt des Schlußsatzes unter der gegebenen Bedingung
subsumieren, so ist dieser aus der Regel, die auch für andere Gegenstände
der Erkenntnis gilt, gefolgert. Man sieht daraus: daß die Vernunft im
Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntnis des Verstandes auf die
kleinste Zahl der Prinzipien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen und
dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche.

C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft

Kann man die Vernunft isolieren, und ist sie alsdann noch ein eigener
Quell von Begriffen und Urteilen, die lediglich aus ihr entspringen, und
dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß subalternes
Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu geben, welche
logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse nur einander und
niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung die Bedingung der
ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden, so viel sich durch die
Vergleichung derselben will bewerkstelligen lassen? Dies ist die Frage, mit
der wir uns jetzt nur vorläufig beschäftigen. In der Tat ist Mannigfaltigkeit
der Regeln und Einheit der Prinzipien eine Forderung der Vernunft, um den
Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen, so
wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung unter Begriffe und
dadurch jene in Verknüpfung bringt. Aber ein solcher Grundsatz schreibt
den Objekten kein Gesetz vor, und enthält nicht den Grund der Möglichkeit,
sie als solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen, sondern ist bloß
ein subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres
Verstandes, durch Vergleichung seiner Begriffe, den allgemeinen Gebrauch
derselben auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne daß man

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deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Einhelligkeit, die der
Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue, zu
fordern, und jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben,
berechtigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft an sich d.i. die
reine Vernunft a priori synthetische Grundsätze und Regeln enthalte, und
worin diese Prinzipien bestehen mögen?

Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt
uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das
transzendentale Prinzipium derselben in der synthetischen Erkenntnis durch
reine Vernunft beruhen werde.

Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe
unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien), sondern
auf Begriffe und Urteile. Wenn also reine Vernunft auch auf Gegenstände
geht, so hat sie doch auf diese und deren Anschauung keine unmittelbare
Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen Urteile, welche sich
zunächst an die Sinne und deren Anschauung wenden, um diesen ihren
Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist also nicht Einheit einer
möglichen Erfahrung, sondern von dieser, als der Verstandeseinheit,
wesentlich unterschieden. Daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, ist
gar kein durch Vernunft erkannter und vorgeschriebener Grundsatz. Er
macht die Einheit der Erfahrung möglich und entlehnt nichts von der
Vernunft, welche, ohne diese Beziehung auf mögliche Erfahrung, aus
bloßen Begriffen keine solche synthetische Einheit hätte gebieten können.

Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die
allgemeine Bedingung ihres Urteils (des Schlußsatzes), und der
Vernunftschluß ist selbst nichts anderes als ein Urteil, vermittelst der
Subsumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel (Obersatz). Da
nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft

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ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung (vermittelst eines
Prosyllogismus) gesucht werden muß, so lange es angeht, so sieht man
wohl, der eigentümliche Grundsatz der Vernunft überhaupt (im logischen
Gebrauche) sei: zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das
Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird.

Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prinzipium der reinen
Vernunft werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das Bedingte
gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter
Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben, (d.i. in dem
Gegenstande und seiner Verknüpfung enthalten).

Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar synthetisch;
denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgendeine Bedingung,
aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus demselben auch verschiedene
synthetische Sätze entspringen, wovon der reine Verstand nichts weiß, als
der nur mit Gegenständen einer möglichen Erfahrung zu tun hat, deren
Erkenntnis und Synthesis jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte aber, wenn
es wirklich statthat, kann besonders erwogen werden, nach allen den
Bestimmungen, die es von jedem Bedingten unterscheiden, und muß
dadurch Stoff zu manchen synthetischen Sätzen a priori geben.

Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringenden
Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent
sein, d.i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von demselben
jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen Grundsätzen
des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem sie nur die
Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben,) gänzlich unterscheiden.
Ob nun jener Grundsatz: daß sich die Reihe der Bedingungen (in der
Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens der Dinge überhaupt,)
bis zum Unbedingten erstrecke, seine objektive Richtigkeit habe, oder

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nicht; welche Folgerungen daraus auf den empirischen Verstandesgebrauch
fließen, oder ob es vielmehr überall keinen dergleichen objektivgültigen
Vernunftsatz gebe, sondern eine bloß logische Vorschrift, sich im
Aufsteigen zu immer höheren Bedingungen, der Vollständigkeit derselben
zu nähern und dadurch die höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere
Erkenntnis zu bringen; ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch
einen Mißverstand für einen transzendentalen Grundsatz der reinen
Vernunft gehalten worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit
übereilterweise von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst
postuliert; was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und
Verblendungen in die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft
genommen worden, (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist,) und
die von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen,
einschleichen mögen: das wird unser Geschäft in der transzendentalen
Dialektik sein, welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der
menschlichen Vernunft verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie
in zwei Hauptstücke teilen, deren ersteres von den transzendenten Begriffen
der reinen Vernunft, das zweite von transzendenten und dialektischen
Vernunftsschlüssen derselben handeln soll.

Der transzendentalen Dialektik
Erstes Buch
Von den Begriffen der reinen Vernunft

Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für eine
Bewandtnis haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflektierte, sondern
geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori vor der
Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten nichts
weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, insofern sie
notwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein gehören sollen.

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Durch sie allein wird Erkenntnis und Bestimmung eines Gegenstandes
möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und vor ihnen gehen
keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher, aus denen sie könnten
geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre objektive Realität doch
lediglich darauf: daß, weil sie die intellektuelle Form aller Erfahrung
ausmachen, ihre Anwendung jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden
können.

Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig: daß er
sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil er eine
Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Teil ist, (vielleicht das
Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen Synthesis,) bis
dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht, aber doch
jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen, wie
Verstandesbegriffe zum Verstehen (der Wahrnehmungen). Wenn sie das
Unbedingte enthalten, so betreffen sie etwas, worunter alle Erfahrung
gehört, welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung ist:
etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung führt, und
wornach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzt und abmißt,
niemals aber ein Glied der empirischen Synthesis ausmacht. Haben
dergleichen Begriffe dessen ungeachtet, objektive Gültigkeit, so können sie
conceptus ratiocinati (richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht, so
sind sie wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen, und
mögen conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden.
Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen
Schlüssen der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir
darauf noch nicht Rücksicht nehmen, sondern werden vorläufig, so wie wir
die reinen Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der reinen
Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie transzendentale Ideen
nennen, diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen.

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Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Erster Abschnitt
Von den Ideen überhaupt

Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch oft der
denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
anpaßt, und in dessen Ermanglung er weder anderen, noch sogar sich selbst
recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist eine
Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man
zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in einer toten
und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff
samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde, und wenn der alte
Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit ihrer Urheber auch etwas
schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung, die ihm
vorzüglich eigen war, zu befestigen, (sollte es auch zweifelhaft bleiben, ob
man damals genau ebendieselbe im Sinne gehabt habe,) als sein Geschäft
nur dadurch zu verderben, daß man sich unverständlich machte.

Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein
einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem
Begriffe genau anpaßt, dessen Unterscheidung von anderen verwandten
Begriffen von großer Wichtigkeit ist, so ist es ratsam, damit nicht
verschwenderisch umzugehen, oder es bloß zur Abwechslung,
synonymisch, statt anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigentümliche
Bedeutung sorgfältig aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß,
nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt,
sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung
verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte aufbehalten
können.

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Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er habe
darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen entlehnt
wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit denen sich
Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der Erfahrung niemals
etwas damit Kongruierendes angetroffen wird. Die Ideen sind bei ihm
Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloß Schlüssel zu möglichen
Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung flossen sie aus der
höchsten Vernunft aus, von da sie der menschlichen zuteil geworden, die
sich aber jetzt nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustande befindet,
sondern mit Mühe die alten, jetzt sehr verdunkelten, Ideen durch
Erinnerung (die Philosophie heißt) zurückrufen muß. Ich will mich hier in
keine literarische Untersuchung einlassen, um den Sinn auszumachen, den
der erhabene Philosoph mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke nur an,
daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als
in Schriften, durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser
über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich
selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und
dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch
dachte.

Plato bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntniskraft ein weit höheres
Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit
buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere
Vernunft natürlicherweise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel
weiter gehen, als daß irgendein Gegenstand, den Erfahrung geben kann,
jemals mit ihnen kongruieren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre
Realität haben und keineswegs bloße Hirngespinste sind.

Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist*, d.i. auf
Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein
eigentümliches Produkt der Vernunft sind. Wer die Begriffe der Tugend aus

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Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als Beispiel zur
unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum Erkenntnisquell
machen wollte (wie wirklich viele getan haben), der würde aus der Tugend
ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu keiner Regel brauchbares
zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein jeder inne, daß, wenn ihm
jemand als Muster der Tugend vorgestellt wird, er doch immer das wahre
Original bloß in seinem eigenen Kopfe habe, womit er dieses angebliche
Muster vergleicht, und es bloß darnach schätzt. Dieses ist aber die Idee der
Tugend, in Ansehung deren alle möglichen Gegenstände der Erfahrung
zwar als Beispiele, (Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen Grade,
was der Begriff der Vernunft heischt,) aber nicht als Urbilder Dienste tun.
Daß niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde, was die reine
Idee der Tugend enthält, beweist gar nicht etwas Chimärisches in diesem
Gedanken. Denn es ist gleichwohl alles Urteil, über den moralischen Wert
oder Unwert, nur vermittelst dieser Idee möglich; mithin liegt sie jeder
Annäherung zur moralischen Vollkommenheit notwendig zum Grunde,
soweit auch die ihrem Grade nach nicht zu bestimmenden Hindernisse in
der menschlichen Natur uns davon entfernt halten mögen.

* Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf spekulative Erkenntnisse aus,
wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über die
Mathematik, ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders, als in der
möglichen Erfahrung hat. Hierin kann ich ihm nun nicht folgen, so wenig
als in der mystischen Deduktion dieser Ideen, oder den Übertreibungen,
dadurch er sie gleichsam hypostasierte; wiewohl die hohe Sprache, deren er
sich in diesem Felde bediente, einer milderen und der Natur der Dinge
angemessenen Auslegung ganz wohl fähig ist.

Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes Beispiel
von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen Denkers
ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker findet es

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lächerlich, daß der Philosoph behauptete, niemals würde ein Fürst wohl
regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein man würde besser
tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche
Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühung in Licht zu stellen, als
ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande der Untunlichkeit,
als unnütz beiseite zu setzen. Eine Verfassung von der größten
menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit
mit der anderen ihrer zusammen bestehen kann, (nicht von der größten
Glückseligkeit, denn diese wird schon von selbst folgen;) ist doch
wenigstens eine notwendige Idee, die man nicht bloß im ersten Entwurfe
einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen
muß, und wobei man anfänglich von den gegenwärtigen Hindernissen
abstrahieren muß, die vielleicht nicht sowohl aus der menschlichen Natur
unvermeidlich entspringen mögen, als vielmehr aus der Vernachlässigung
der echten Ideen bei der Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres
und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte
Berufung auf vergeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht
existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen
getroffen würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil
sie aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten. Je
übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee
eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings die Strafen werden,
und da ist es denn ganz vernünftig, (wie Plato behauptet), daß bei einer
vollkommenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig sein
würden. Ob nun gleich das letztere niemals zustande kommen mag, so ist
die Idee doch ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde aufstellt,
um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen der möglich
größten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn welches der
höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit stehenbleiben müsse,
und wie groß also die Kluft, die zwischen der Idee und ihrer Ausführung

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notwendig übrigbleibt, sein möge, das kann und soll niemand bestimmen,
eben darum, weil es Freiheit ist, welche jede angegebene Grenze
übersteigen kann.

Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft
wahrhafte Kausalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der
Handlungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen, sondern
auch in Ansehung der Natur selbst, sieht Plato mit Recht deutliche Beweise
ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Tier, die regelmäßige
Anordnung des Weltbaues (vermutlich also auch die ganze Naturordnung)
zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich sind; daß zwar kein
einzelnes Geschöpf, unter den einzelnen Bedingungen seines Daseins, mit
der Idee des Vollkommensten seiner Art kongruiere (so wenig wie der
Mensch mit der Idee der Menschheit, die er sogar selbst als das Urbild
seiner Handlungen in seiner Seele trägt,) daß gleichwohl jene Ideen im
höchsten Verstande einzeln, unveränderlich, durchgängig bestimmt, und die
ursprünglichen Ursachen der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer
Verbindung im Weltall einzig und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn
man das Übertriebene des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung
des Philosophen, von der copeilichen Betrachtung des Physischen der
Weltordnung zu der architektonischen Verknüpfung derselben nach
Zwecken, d.i. nach Ideen, hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung
und Nachfolge verdient, in Ansehung desjenigen aber, was die Prinzipien
der Sittlichkeit, der Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen
die Erfahrung selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals
darin völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst,
welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die
empirischen Regeln beurteilt, deren Gültigkeit, als Prinzipien, eben durch
sie hat aufgehoben werden sollen. Denn in Betracht der Natur gibt uns
Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit; in
Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung (leider!) die Mutter des

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Scheins, und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das, was ich tun
soll, von demjenigen herzunehmen, oder dadurch einschränken zu wollen,
was getan wird.

Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der Tat
die eigentümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen wir uns
jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht verdienstlosen
Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden
eben und baufest zu machen, in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge
einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht, auf Schätze grabenden Vernunft
vorfinden, und die jenes Bauwerk unsicher machen. Der transzendentale
Gebrauch der reinen Vernunft, ihre Prinzipien und Ideen, sind es also,
welche genau zu kennen uns jetzt obliegt, um den Einfluß der reinen
Vernunft und den Wert derselben gehörig bestimmen und schätzen zu
können. Doch, ehe ich diese vorläufige Einleitung beiseite lege, ersuche ich
diejenige, denen Philosophie am Herzen liegt, (welches mehr gesagt ist, als
man gemeiniglich antrifft,) wenn sie sich durch dieses und das
Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner
ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht
fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei
Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerate, und
die Wissenschaft dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an Benennungen,
die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne daß wir nötig
haben, in das Eigentum einer anderen einzugreifen. Hier ist eine
Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt
(repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein (perceptio).
Eine Perception, die sich lediglich auf das Subjekt, als die Modifikation
seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio), eine objektive
Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist entweder Anschauung oder
Begriff (intuitus vel conceptus). Jene bezieht sich unmittelbar auf den
Gegenstand und ist einzeln; dieser mittelbar, vermittelst eines Merkmals,

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was mehreren Dingen gemein sein kann. Der Begriff ist entweder ein
empirischer oder reiner Begriff, und der reine Begriff, sofern er lediglich im
Verstande seinen Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt
Notio. Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung
übersteigt, ist die Idee, oder der Vernunftbegriff. Dem, der sich einmal an
diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die
Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal
Notion (Verstandesbegriff) zu nennen.

Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Zweiter Abschnitt
Von den transzendentalen Ideen

Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße logische
Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen a priori
enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände vorstellen, oder
vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche allein eine empirische
Erkenntnis von Gegenständen möglich macht. Die Form der Urteile (in
einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen verwandelt) brachte
Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch in der Erfahrung
leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form der Vernunftschlüsse,
wenn man sie auf die synthetische Einheit der Anschauungen, nach
Maßgebung der Kategorien, anwendet, den Ursprung besonderer Begriffe a
priori enthalten werde, welche wir reine Vernunftbegriffe, oder
transzendentale Ideen nennen können, und die den Verstandesgebrauch im
Ganzen der getarnten Erfahrung nach Prinzipien bestimmen werden.

Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der
Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, und der Vernunftschluß selbst
ist ein Urteil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner Bedingung

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bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnte ich auch bloß durch
den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich suche einen Begriff,
der die Bedingung enthält, unter welcher das Prädikat (Assertion überhaupt)
dieses Urteils gegeben wird (d.i. hier, den Begriff des Menschen;) und
nachdem ich unter diese Bedingung, in ihrem ganzen Umfange genommen,
(alle Menschen sind sterblich) subsumiert habe; so bestimme ich darnach
die Erkenntnis meines Gegenstandes (Cajus ist sterblich).

Demnach restringieren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses ein
Prädikat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in dem
Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung
gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges, in Beziehung auf
eine solche Bedingung, heißt die Allgemeinheit (Universalitas). Dieser
entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit (Universitas) oder
Totalität der Bedingungen. Also ist der transzendentale Vernunftbegriff kein
anderer, als der von der Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen
Bedingten. Da nun das Unbedingte allein die Totalität der Bedingungen
möglich macht, und umgekehrt die Totalität der Bedingungen jederzeit
selbst unbedingt ist; so kann ein reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den
Begriff des Unbedingten, sofern er einen Grund der Synthesis des
Bedingten enthält, erklärt werden.

Soviel Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand vermittelst
der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vernunftbegriffe wird es
auch geben, und es wird also erstlich ein Unbedingtes der kategorischen
Synthesis in einem Subjekt, zweitens der hypothetischen Synthesis der
Glieder einer Reihe, drittens der disjunktiven Synthesis der Teile in einem
System zu suchen sein.

Es gibt nämlich ebensoviel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede
durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet, die eine zum Subjekt,

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welches selbst nicht mehr Prädikat ist, die andere zur Voraussetzung, die
nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat der Glieder der
Einteilung, zu welchen nichts weiter erforderlich ist, um die Einteilung
eines Begriffs zu vollenden. Daher sind die reinen Vernunftbegriffe von der
Totalität in der Synthesis der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die
Einheit des Verstandes, womöglich, bis zum Unbedingten fortzusetzen,
notwendig und in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet, es mag
auch übrigens diesen transzendentalen Begriffen an einem ihnen
angemessenen Gebrauch in concreto fehlen, und sie mithin keinen anderen
Nutzen haben, als den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein
Gebrauch, indem er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst
durchgehende einstimmig gemacht wird.

Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem
Unbedingten, als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe reden,
so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht entbehren und
gleichwohl, nach einer ihm durch langen Mißbrauch anhängenden
Zweideutigkeit, nicht sicher brauchen können. Das Wort absolut ist eines
von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen Bedeutung einem
Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar kein anderes
Wort eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen Verlust, oder
welches ebensoviel ist, sein schwankender Gebrauch daher auch den Verlust
des Begriffs selbst nach sich ziehen muß, und zwar eines Begriffs, der, weil
er die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne großen Nachteil aller
transzendentalen Beurteilungen nicht entbehrt werden kann. Das Wort
absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloß anzuzeigen, daß etwas von
einer Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte. In dieser
Bedeutung würde absolutmöglich das bedeuten, was an sich selbst (interne)
möglich ist, welches in der Tat das wenigste ist, was man von einem
Gegenstande sagen kann. Dagegen wird es auch bisweilen gebraucht, um
anzuzeigen, daß etwas in aller Beziehung (uneingeschränkt) gültig ist (z.B.

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die absolute Herrschaft,) und absolutmöglich würde in dieser Bedeutung
dasjenige bedeuten, was in aller Absicht in aller Beziehung möglich ist,
welches wiederum das meiste ist, was ich über die Möglichkeit eines
Dinges sagen kann. Nun treffen zwar diese Bedeutungen manchmal
zusammen. So ist z.E., was innerlich unmöglich ist, auch in aller
Beziehung, mithin absolut unmöglich. Aber in den meisten Fällen sind sie
unendlich weit auseinander, und ich kann auf keine Weise schließen, daß,
weil etwas an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehung,
mithin absolut, möglich sei. Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich
in der Folge zeigen, daß sie keineswegs in allen Fällen von der inneren
abhänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend angesehen werden
müsse. Dessen Gegenteil innerlich unmöglich ist, dessen Gegenteil ist
freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es selbst absolut
notwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was absolut
notwendig ist, dessen Gegenteil sei innerlich unmöglich, d.i. die absolute
Notwendigkeit der Dinge sei eine innere Notwendigkeit; denn diese innere
Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer Ausdruck, mit
welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden können; dagegen der
von der Notwendigkeit eines Dinges in aller Beziehung (auf alles
Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich führt. Weil nun der
Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der spekulativen
Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein kann, so hoffe ich,
es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige Aufbewahrung des
Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht gleichgültig sein.

In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich dann des Wortes:
absolut, bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer
Rücksicht Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf
Bedingungen restringiert, jenes aber gilt ohne Restriktion.

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Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die
absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen, und endigt niemals, als
bei den schlechthin, d.i. in jeder Beziehung, Unbedingten. Denn die reine
Vernunft überläßt alles dem Verstande, der sich zunächst auf die
Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der
Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die absolute Totalität im
Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht die synthetische Einheit,
welche in der Kategorie gedacht wird, bis zum Schlechthinunbedingten
hinauszuführen. Man kann daher diese die Vernunfteinheit der
Erscheinungen, so wie jene, welche die Kategorie ausdrückt,
Verstandeseinheit nennen. So bezieht sich demnach die Vernunft nur auf
den Verstandesgebrauch, und zwar nicht sofern dieser den Grund möglicher
Erfahrung enthält, (denn die absolute Totalität der Bedingungen ist kein in
einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil keine Erfahrung unbedingt ist,)
sondern um ihm die Richtung auf eine gewisse Einheit vorzuschreiben, von
der der Verstand keinen Begriff hat, und die darauf hinausgeht, alle
Verstandeshandlungen, in Ansehung eines jeden Gegenstandes, in ein
absolutes Ganzes zusammenzufassen. Daher ist der objektive Gebrauch der
reinen Vernunftbegriffe jederzeit transzendent, indessen daß der von den
reinen Verstandesbegriffen, seiner Natur nach, jederzeit immanent sein
muß, indem er sich bloß auf mögliche Erfahrung einschränkt.

Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem kein
kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also sind
unsere jetzt erwogenen reinen Vernunftbegriffe transzendentale Ideen. Sie
sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten alles
Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität der
Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch die Natur
der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher notwendigerweise
auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich transzendent und
übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher also niemals ein

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Gegenstand vorkommen kann, der der transzendentalen Idee adäquat wäre.
Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Objekt nach (als von einem
Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, dem Subjekte nach aber (d.i.
in Ansehung seiner Wirklichkeit unter empirischer Bedingung) eben darum
sehr wenig, weil sie, als der Begriff eines Maximum, in concreto niemals
kongruent kann gegeben werden. Weil nun das letztere im bloß spekulativen
Gebrauch der Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung
zu einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird,
ebensoviel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde, so heißt es
von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine Idee. So würde man sagen
können: das absolute Ganze aller Erscheinungen ist nur eine Idee, denn, da
wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können, so bleibt es ein
Problem ohne alle Auflösung. Dagegen, weil es im praktischen Gebrauch
des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach Regeln zu tun ist, so kann
die Idee der praktischen Vernunft jederzeit wirklich, obzwar nur zum Teil,
in concreto gegeben werden, ja sie ist die unentbehrliche Bedingung jedes
praktischen Gebrauchs der Vernunft. Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt
und mangelhaft, aber unter nicht bestimmbaren Grenzen, also jederzeit
unter dem Einflusse des Begriffs einer absoluten Vollständigkeit. Demnach
ist die praktische Idee jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der
wirklichen Handlungen unumgänglich notwendig. In ihr hat die reine
Vernunft sogar Kausalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff
enthält; daher kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig
sagen: sie ist nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der
notwendigen Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem
Praktischen als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende, Bedingung
zur Regel dienen.

Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen
müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für
überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn, wenn schon dadurch kein

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Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde und
unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und einhelligen
Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er
nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntnis
besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen, daß sie vielleicht von den
Naturbegriffen zu den praktischen einen Übergang möglich machen, und
den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang
mit den spekulativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen können. Über
alles dieses muß man den Aufschluß in dem Verfolg erwarten.

Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen
beiseite, und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen, und in
diesem noch enger, nämlich nur im transzendentalen Gebrauch. Hier
müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der
Deduktion der Kategorien nahmen; nämlich, die logische Form der
Vernunfterkenntnis erwägen, und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch
auch ein Quell von Begriffen werde, Objekte an sich selbst, als synthetisch
a priori bestimmt, in Ansehung einer oder der anderen Funktion der
Vernunft, anzusehen.

Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntnis
betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d.i. mittelbar (durch die
Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung
eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine Regel
(Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines anderen möglichen
Urteils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz (Minor). Das
wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in dem subsumierten Falle
aussagt, ist der Schlußsatz (Conclusio). Die Regel nämlich sagt etwas
allgemein unter einer gewissen Bedingung. Nun findet in einem
vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt. Also wird das, was
unter jener Bedingung allgemein galt, auch in dem vorkommenden Falle

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(der diese Bedingung bei sich führt) als gültig angesehen. Man sieht leicht,
daß die Vernunft durch Verstandeshandlungen, welche eine Reihe von
Bedingungen ausmachen, zu einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem
Satze: alle Körper sind veränderlich, nur dadurch gelangen daß ich von dem
entfernteren Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht
vorkommt, der aber doch davon die Bedingung enthält,) anfange: alles
Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren gehe, der
unter der Bedingung des ersteren steht: die Körper sind zusammengesetzt;
und von diesem allererst zu einem dritten, der nunmehr das entfernte
Erkenntnis (veränderlich) mit dem vorliegenden verknüpft: folglich sind die
Körper veränderlich; so bin ich durch eine Reihe von Bedingungen
(Prämissen) zu einer Erkenntnis (Conclusion) gelangt. Nun läßt sich eine
jede Reihe, deren Exponent (des kategorischen oder hypothetischen Urteils)
gegeben ist, fortsetzen; mithin führt ebendieselbe Vernunfthandlung zur
ratiocinatio polysyllogistica, welches eine Reihe von Schlüssen ist, die
entweder auf der Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder des
Bedingten (per episyllogismos), in unbestimmte Weiten fortgesetzt werden
kann.

Man wird aber bald inne, daß die Kette, oder Reihe der Prosyllogismen,
d.i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe, oder der
Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntnis, mit anderen Worten: die
aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das Vernunftvermögen
doch anders verhalten müsse, als die absteigende Reihe, d.i. der Fortgang
der Vernunft auf der Seite des Bedingten durch Episyllogismen. Denn, da
im ersteren Falle das Erkenntnis (conclusio) nur als bedingt gegeben ist; so
kann man zu demselben vermittelst der Vernunft nicht anders gelangen, als
wenigstens unter der Voraussetzung, daß alle Glieder der Reihe auf der
Seite der Bedingungen gegeben sind, (Totalität in der Reihe der Prämissen,)
weil nur unter deren Voraussetzung das vorliegende Urteil a priori möglich
ist; dagegen auf der Seite des Bedingten, oder der Folgerungen, nur eine

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werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene Reihe, mithin
nur ein potentialer Fortgang gedacht wird. Daher, wenn eine Erkenntnis als
bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft genötigt, die Reihe der
Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und ihrer Totalität nach
gegeben anzusehen. Wenn aber eben dieselbe Erkenntnis zugleich als
Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen wird, die untereinander eine
Reihe von Folgerungen in absteigender Linie ausmachen, so kann die
Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit dieser Fortgang sich a parte
posteriori erstrecke, und ob gar überall Totalität dieser Reihe möglich sei;
weil sie einer dergleichen Reihe zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht
bedarf, indem diese durch ihre Gründe a parte priori schon hinreichend
bestimmt und gesichert ist. Es mag nun sein, daß auf der Seite der
Bedingungen die Reihe der Prämissen ein Erstes habe, als oberste
Bedingung, oder nicht, und also a parte priori ohne Grenzen; so muß sie
doch Totalität der Bedingung enthalten, gesetzt, daß wir niemals dahin
gelangen könnten, sie zu fassen, und die ganze Reihe muß unbedingt wahr
sein, wenn das Bedingte, welches als eine daraus entspringende Folgerung
angesehen wird, als wahr gelten soll. Dieses ist eine Forderung der
Vernunft, die ihr Erkenntnis als a priori bestimmt und als notwendig
ankündigt, entweder an sich selbst, und dann bedarf es keiner Gründe, oder,
wenn es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe von Gründen, die selbst
unbedingterweise wahr ist.

Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Dritter Abschnitt
System der transzendentalen Ideen

Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu tun, welche von
allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und lediglich den falschen Schein
in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit einer

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transzendentalen, welche, völlig a priori, den Ursprung gewisser
Erkenntnisse aus reiner Vernunft, und geschlossener Begriffe, deren
Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich
außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir
haben aus der natürlichen Beziehung, die der transzendentale Gebrauch
unserer Erkenntnis, sowohl in Schlüssen als Urteilen, auf den logischen
haben muß, abgenommen: daß es nur drei Arten von dialektischen
Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei Schlußarten beziehen,
durch welche Vernunft aus Prinzipien zu Erkenntnissen gelangen kann, und
daß in allem ihr Geschäft sei, von der bedingten Synthesis, an die der
Verstand jederzeit gebunden bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er
niemals erreichen kann.

Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen haben
können, 1. die Beziehung aufs Subjekt, 2. die Beziehung auf Objekte, und
zwar entweder als Erscheinungen, oder als Gegenstände des Denkens
überhaupt. Wenn man diese Untereinteilung mit der oberen verbindet, so ist
alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns entweder einen Begriff,
oder Idee machen können, dreifach: 1. das Verhältnis zum Subjekt, 2. zum
Mannigfaltigen des Objekts in der Erscheinung, 3. zu allen Dingen
überhaupt.

Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen
Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft (transszendentale
Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen
überhaupt zu tun. Folglich werden alle transzendentalen Ideen sich unter
drei Klassen bringen lassen, davon die erste die absolute (unbedingte)
Einheit des denkenden Subjekts, die zweite die absolute Einheit der Reihe
der Bedingungen der Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der
Bedingung aller Gegenstände des Denkens überhaupt enthält.

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Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff
aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie, und das
Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem, was
gedacht werden kann, enthält, (das Wesen aller Wesen) der Gegenstand der
Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer transzendentalen
Seelenlehre (psychologia rationalis), zu einer transzendentalen
Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich auch zu einer
transzendentalen Gotteserkenntnis (Theologia transzendentalis) an die
Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl als der anderen dieser
Wissenschaften, schreibt sich gar nicht von dem Verstande her, selbst wenn
er gleich mit dem höchsten logischen Gebrauche der Vernunft, d.i. allen
erdenklichen Schlüssen, verbunden wäre, um von einem Gegenstande
desselben (Erscheinung) zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder
der empirischen Synthesis fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines
und echtes Produkt, oder Problem der reinen Vernunft.

Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für modi der
reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke
vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort.
Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände,
sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Ebenso wird sich auch
nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die Vernunft
lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben Funktion, deren
sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient, notwendigerweise auf
den Begriff der absoluten Einheit des denkenden Subjekts kommen müsse,
wie das logische Verfahren in hypothetischen Ideen die vom
Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener Bedingungen, endlich die
bloße Form des disjunktiven Vernunftschlusses den höchsten
Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wesen notwendigerweise nach sich
ziehen müsse; ein Gedanke, der beim ersten Anblick äußerst paradox zu
sein scheint.

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Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive
Deduktion möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten.
Denn in der Tat haben sie keine Beziehung auf irgendein Objekt, was ihnen
kongruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur Ideen sind.
Aber eine subjektive Anleitung derselben aus der Natur unserer Vernunft
konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen Hauptstücke auch
geleistet worden.

Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anderes zur Absicht habe,
als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen, (es
sei der Inhärenz, oder der Dependenz, oder der Konkurrenz,) und daß sie
mit der absoluten Vollständigkeit von seiten des Bedingten nichts zu
schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf sie, um die ganze Reihe der
Bedingungen vorauszusetzen, und sie dadurch dem Verstande a priori zu
geben. Ist aber eine vollständig (und unbedingt) gegebene Bedingung
einmal da, so bedarf es nicht mehr eines Vernunftbegriffs in Ansehung der
Fortsetzung der Reihe; denn der Verstand tut jeden Schritt abwärts, von der
Bedingung zum Bedingten, von selber. Auf solche Weise dienen die
transzendentalen Ideen nur zum Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen,
bis zum Unbedingten, d.i. zu den Prinzipien. In Ansehung des Hinabgehens
zum Bedingten aber, gibt es zwar einen weit erstreckten logischen
Gebrauch, den unsere Vernunft von den Verstandesgesetzen macht, aber gar
keinen transzendentalen, und, wenn wir uns von der absoluten Totalität
einer solchen Synthesis (des progressus) eine Idee machen, z.B. von der
ganzen Reihe aller künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein
Gedankending (ens rationis), welches nur willkürlich gedacht, und nicht
durch die Vernunft notwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit
des Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht seiner
Folgen, vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine transzendentale
Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu tun haben.

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Zuletzt wird man auch gewahr, daß unter den transzendentalen Ideen
selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und daß die
reine Vernunft, vermittelst ihrer, alle ihre Erkenntnisse in ein System bringe.
Von der Erkenntnis seiner selbst (der Seele) zur Welterkenntnis, und,
vermittelst dieser, zum Urwesen fortzugehen, ist ein so natürlicher
Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der Vernunft von den
Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint*. Ob nun hier wirklich eine
Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem logischen und
transzendentalen Verfahren, insgeheim zum Grunde liege, ist auch eine von
den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser
Untersuchungen allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig unseren
Zweck schon erreicht, da wir die transzendentalen Begriffe der Vernunft,
die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der Philosophen unter andere
mischen, ohne daß diese sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig
unterscheiden, aus dieser zweideutigen Lage haben herausziehen, ihren
Ursprung, und dadurch zugleich ihre bestimmte Zahl, über die es gar keine
mehr geben kann, angeben und sie in einem systematischen
Zusammenhange haben vorstellen können, wodurch ein besonderes Feld für
die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt wird.

* Die Metaphysik hat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur
drei Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, so daß der zweite Begriff, mit
dem ersten verbunden, auf den dritten, als einen notwendigen Schlußsatz,
führen soll. Alles, womit sich diese Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr
bloß zum Mittel, um zu diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie
bedarf sie nicht zum Behuf der Naturwissenschaft, sondere um über die
Natur hinaus zu kommen. Die Einsicht in dieselben würde Theologie,
Moral, und durch beider Verbindung, Religion, mithin die höchsten Zwecke
unseres Daseins, bloß vom spekulativen Vernunftvermögen und sonst von
nichts anderem abhängig machen. In einer systematischen Vorstellung jener
Ideen würde die angeführte Ordnung, als die synthetische, die schicklichste

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sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr notwendig vorhergehen muß, wird
die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, dem Zwecke angemessener
sein, um, indem wir von demjenigen, was uns Erfahrung unmittelbar an die
Hand gibt, der Seelenlehre, zur Weltlehre, und von da bis zur Erkenntnis
Gottes fortgehen, unseren großen Entwurf zu vollziehen.

Der transzendentalen Dialektik
Zweites Buch
Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft

Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee sei
etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz notwendig
in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt worden. Denn
in der Tat ist auch von einem Gegenstande, der der Forderung der Vernunft
adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff möglich, d.i. ein solcher, welcher
in einer möglichen Erfahrung gezeigt und anschaulich gemacht werden
kann. Besser würde man sich doch und mit weniger Gefahr des
Mißverständnisses, ausdrücken, wenn man sagte: daß wir vom Objekt,
welches einer Idee korrespondiert, keine Kenntnis, obzwar einen
problematischen Begriff, haben können.

Nun beruht wenigstens die transzendentale (subjektive) Realität der
reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen notwendigen
Vernunftschluß auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es
Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und
vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes
schließen, wovon wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl,
durch einen unvermeidlichen Schein, objektive Realität geben. Dergleichen
Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher vernünftelnde, als
Vernunftschlüsse zu nennen; wiewohl sie, ihrer Veranlassung wegen, wohl

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den letzteren Namen führen können, weil sie doch nicht erdichtet, oder
zufällig entstanden, sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind.
Es sind Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft
selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht
losmachen, und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten,
den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig
loswerden kann.

Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei Arten, so
vielfach, als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze auslaufen. In dem
Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von dem transzendentalen
Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute
Einheit dieses Subjekts selber, von welchem ich auf diese Weise gar keinen
Begriff habe. Diesen dialektischen Schluß werde ich den transzendentalen
Paralogismus nennen. Die zweite Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist
auf den transzendentalen Begriff der absoluten Totalität, der Reihe der
Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung überhaupt, angelegt, und ich
schließe daraus, daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit der
Reihe auf einer Seite, jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff
habe, auf die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich
gleichwohl auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen
dialektischen Schlüssen, werde ich die Antinomie der reinen Vernunft
nennen. Endlich schließe ich, nach der dritten Art vernünftelnder Schlüsse,
von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, sofern sie mir
gegeben werden können, zu denken, auf die absolute synthetische Einheit
aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt, d.i. von Dingen,
die ich nach ihrem bloßen transzendentalen Begriff nicht kenne, auf ein
Wesen aller Wesen, welches ich durch einen transzendenten Begriff noch
weniger kenne, und von dessen unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen
Begriff machen kann. Diesen dialektischen Vernunftschluß werde ich das
Ideal der reinen Vernunft nennen.

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Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik
Erstes Hauptstück
Von den Paralogismen der reinen Vernunft

Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines
Vernunftschlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, welcher er
wolle. Ein transzendentaler Paralogismus aber hat einen transzendentalen
Grund: der Form nach falsch zu schließen. Auf solche Weise wird ein
dergleichen Fehlschluß in der Natur der Menschenvernunft seinen Grund
haben, und eine unvermeidliche, obzwar nicht unauflösliche, Illusion bei
sich führen.

Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben, in der allgemeinen Liste
der transzendentalen Begriffe, nicht verzeichnet worden, und dennoch dazu
gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu
verändern und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff, oder,
wenn man lieber will, das Urteil: Ich denke. Man sieht aber leicht, daß er
das Vehikel aller Begriffe überhaupt, und mithin auch der transzendentalen
sei, und also unter diesen jederzeit mit begriffen werde, und daher
ebensowohl transzendental sei, aber keinen besonderen Titel haben könne,
weil er nur dazu dient, alles Denken, als zum Bewußtsein gehörig,
aufzuführen. Indessen, so rein er auch vom Empirischen (dem Eindrucke
der Sinne) ist, so dient er doch dazu, zweierlei Gegenstände aus der Natur
unserer Vorstellungskraft zu unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein
Gegenstand des inneren Sinnes, und heiße Seele. Dasjenige, was ein
Gegenstand äußerer Sinne ist, heißt Körper. Demnach bedeutet der
Ausdruck: Ich, als ein denkend Wesen, schon den Gegenstand der
Psychologie, welche die rationale Seelenlehre heißen kann, wenn ich von
der Seele nichts weiter zu wissen verlange, als was unabhängig von aller
Erfahrung (welche mich näher und in concreto bestimmt) aus diesem

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Begriffe Ich, sofern er bei allem Denken vorkommt, geschlossen werden
kann.

Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser
Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgendeine
besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die
Erkenntnisgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht
mehr rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon eine
angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze: Ich
denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz
schicklich, und der Natur einer Transzendentalphilosophie gemäß,
untersuchen können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an
diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere
Erfahrung habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf erbaut
wird, niemals rein, sondern zum Teil auf ein empirisches Prinzipium
gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts weiter, als die
bloße Apperzeption: Ich denke; welche sogar alle transzendentalen Begriffe
möglich macht, in welchen es heißt: Ich denke die Substanz, die Ursache
usw. Denn innere Erfahrung überhaupt und deren Möglichkeit, oder
Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältnis zu anderer Wahrnehmung,
ohne daß irgendein besonderer Unterschied derselben und Bestimmung
empirisch gegeben ist, kann nicht als empirische Erkenntnis, sondern muß
als Erkenntnis des Empirischen überhaupt angesehen werden, und gehört
zur Untersuchung der Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings
transzendental ist. Das mindeste Objekt der Wahrnehmung (z.B. nur Lust
oder Unlust), welche zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins
hinzukäme, würde die rationale Psychologie sogleich in eine empirische
verwandeln.

Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie, aus
welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, daß

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dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen
werden soll, nichts anderes, als transzendentale Prädikate desselben,
enthalten könne; weil das mindeste empirische Prädikat die rationale
Reinigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung,
verderben würde.

Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen
haben, nur, da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen, gegeben
worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien
untereinander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht verändern, aber
doch hier von der Kategorie der Substanz anfangen, dadurch ein Ding an
sich selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe rückwärts nachgehen. Die
Topik der rationalen Seelenlehre, woraus alles übrige, was sie nur enthalten
mag, abgeleitet werden muß, ist demnach folgende:

1. Die Seele ist Substanz.

2. Ihrer Qualität nach einfach. 3. Den verschiedenen Zeiten nach,
in welchen sie da ist, numerisch-identisch, d.i. Einheit (nicht
Vielheit).

4. Im Verhältnisse zu möglichen
Gegenständen im Raume*.

* Der Leser, der aus diesen Ausdrücken, in ihrer transzendentalen
Abgezogenheit, nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben, und
warum das letztere Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz gehöre,
erraten wird, wird sie in dem Folgenden hinreichend erklärt und
gerechtfertigt finden. Übrigens habe ich wegen der lateinischen Ausdrücke,
die statt der gleichbedeutenden deutschen, wider den Geschmack der guten
Schreibart, eingeflossen sind, sowohl bei diesem Abschnitte, als auch in
Ansehung des ganzen Werks, zur Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber

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etwas der Zierlichkeit der Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch
durch die mindeste Unverständlichkeit erschweren wollen.

Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre,
lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes
Prinzipium zu erkennen. Diese Substanz, bloß als Gegenstand des inneren
Sinnes, gibt den Begriff der Immaterialität; als einfache Substanz, der
Inkorruptibilität; die Identität derselben, als intellektueller Substanz, gibt
die Personalität; alle diese drei Stücke zusammen die Spiritualität; das
Verhältnis zu den Gegenständen im Raume gibt das Kommerzium mit
Körpern; mithin stellt sie die denkende Substanz, als das Prinzipium des
Lebens in der Materie, d.i. sie als Seele (anima) und als den Grund der
Animalität vor; diese durch die Spiritualität eingeschränkt, Immortalität.

Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transzendentalen
Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen Vernunft,
von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. Zum Grunde
derselben können wir aber nichts anderes legen, als die einfache und für
sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: Ich; von der man nicht
einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewußtsein,
das alle Begriffe begleitet. Durch dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding),
welches denkt, wird nun nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der
Gedanken vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine
Prädikate sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den
mindesten Begriff haben können; um welches wir uns daher in einem
beständigen Zirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit
schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urteilen; eine
Unbequemlichkeit, die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein an
sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Objekt
unterscheidet, sondern eine Form derselben überhaupt, sofern sie

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Erkenntnis genannt werden soll; denn von der allein kann ich sagen, daß ich
dadurch irgend etwas denke.

Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung,
unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit
meines Subjekts ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle, und daß
wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und
allgemeines Urteil zu gründen uns anmaßen können, nämlich: daß alles,
was denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbewußtseins es an
mir aussagt. Die Ursache aber hiervon liegt darin: daß wir den Dingen a
priori alle die Eigenschaften notwendig beilegen müssen, die die
Bedingungen ausmachen, unter welchen wir sie allein denken. Nun kann
ich von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung, sondern
bloß durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung haben. Also sind
dergleichen Gegenstände nichts weiter, als die Übertragung dieses meines
Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur dadurch als denkende Wesen
vorgestellt werden. Der Satz: Ich denke, wird aber hierbei nur
problematisch genommen; nicht sofern er eine Wahrnehmung von einem
Dasein enthalten mag, (das Cartesianische cogito, ergo sum,) sondern seiner
bloßen Möglichkeit nach, um zu sehen, welche Eigenschaften aus diesem
so einfachen Satze auf das Subjekt desselben (es mag dergleichen nun
existieren oder nicht) fließen mögen.

Läge unserer reinen Vernunftserkenntnis von denkenden Wesen
überhaupt mehr, als das cogito zum Grunde; würden wir die
Beobachtungen, über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu
schöpfenden Naturgesetze des denkenden Selbst, auch zu Hilfe nehmen: so
würde eine empirische Psychologie entspringen, welche eine Art der
Physiologie des inneren Sinnes sein würde, und vielleicht die
Erscheinungen desselben zu erklären, niemals aber dazu dienen könnte,
solche Eigenschaften, die gar nicht zur möglichen Erfahrung gehören (als

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die des Einfachen), zu eröffnen, noch von denkenden Wesen überhaupt
etwas, das ihre Natur betrifft, apodiktisch zu lehren; sie wäre also keine
rationale Psychologie.

Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen,) die Form eines
jeden Verstandesurteils überhaupt enthält, und alle Kategorien als ihr
Vehikel begleitet, so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen bloß
transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle
Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von dessen Fortgang wir, nach
dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen
vorteilhaften Begriff machen können. Wir wollen ihn also durch alle
Prädikamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge verfolgen,
doch um der Kürze willen ihre Prüfung in einem ununterbrochenen
Zusammenhange fortgehen lassen.

Zuvörderst kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit auf
diese Schlußart schärfen. Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne ich
irgendein Objekt, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene Anschauung
in Absicht auf die Einheit des Bewußtseins, darin alles Denken besteht,
bestimme, kann ich irgend einen Gegenstand erkennen. Also erkenne ich
mich nicht selbst dadurch, daß ich mich meiner als denkend bewußt bin,
sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, als in Ansehung der
Funktion des Denkens bestimmt, bewußt bin. Alle modi des
Selbstbewußtseins im Denken an sich, sind daher noch keine
Verstandesbegriffe von Objekten, (Kategorien) sondern bloße Funktionen,
die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst auch nicht als
Gegenstand, zu erkennen geben. Nicht das Bewußtsein des Bestimmenden,
sondern nur die des bestimmbaren Selbst, d.i. meiner inneren Anschauung
(sofern ihr Mannigfaltiges der allgemeinen Bedingung der Einheit der
Apperzeption im Denken gemäß verbunden werden kann), ist das Objekt.

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1) In allen Urteilen bin ich nun immer das bestimmende Subjekt
desjenigen Verhältnisses, welches das Urteil ausmacht. Daß aber Ich, der
ich denke, im Denken immer als Subjekt, und als etwas, was nicht bloß wie
Prädikat dem Denken anhänge, betrachtet werden kann, gelten müsse, ist
ein apodiktischer und selbst identischer Satz; aber er bedeutet nicht, daß
ich, als Objekt, ein, für mich, selbst bestehendes Wesen, oder Substanz sei.
Das letztere geht sehr weit, erfordert daher auch Data, die im Denken gar
nicht angetroffen werden, vielleicht (sofern ich bloß das denkende als ein
solches betrachte) mehr, als ich überall (in ihm) jemals antreffen werde.

2) Daß das Ich der Apperzeption, folglich in jedem Denken, ein Singular
sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst werden kann, mithin
ein logisch einfaches Subjekt bezeichne, liegt schon im Begriffe des
Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das bedeutet nicht, daß das
denkende Ich eine einfache Substanz sei, welches ein synthetischer Satz
sein würde. Der Begriff der Substanz bezieht sich immer auf
Anschauungen, die bei mir nicht anders als sinnlich sein können, mithin
ganz außer dem Felde des Verstandes und seinem Denken liegen, von
welchem doch eigentlich hier nur geredet wird, wenn gesagt wird, daß das
Ich im Denken einfach sei. Es wäre auch wunderbar, wenn ich das, was
sonst so viele Anstalt erfordert, um in dem, was die Anschauung darlegt,
das zu unterscheiden, was darin Substanz sei; noch mehr aber, ob diese
auch einfach sein könne, (wie bei den Teilen der Materie) hier so geradezu
in der ärmsten Vorstellung unter allen, gleichsam wie durch eine
Offenbarung, gegeben würde.

3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen, dessen
ich mir bewußt bin, ist ein ebensowohl in den Begriffen selbst liegender,
mithin analytischer Satz; aber diese Identität des Subjekts, deren ich mir in
allen seinen Vorstellungen bewußt werden kann, betrifft nicht die
Anschauung desselben, dadurch es als Objekt gegeben ist, kann also auch

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nicht die Identität der Person bedeuten, wodurch das Bewußtsein der
Identität seiner eigenen Substanz, als denkenden Wesens, in allem Wechsel
der Zustände verstanden wird, wozu, um sie zu beweisen, es mit der bloßen
Analysis des Satzes, ich denke, nicht ausgerichtet sein, sondern
verschiedene synthetische Urteile, welche sich auf die gegebene
Anschauung gründen, würden erfordert werden.

4) Ich unterscheide meine eigene Existenz, als eines denkenden Wesens,
von anderen Dingen außer mir (wozu auch mein Körper gehört), ist
ebensowohl ein analytischer Satz, denn andere Dinge sind solche, die ich
als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Bewußtsein meiner selbst
ohne Dinge außer mir, dadurch mir Vorstellungen gegeben werden, gar
möglich sei, und ich also bloß als denkend Wesen (ohne Mensch zu sein)
existieren könne, weiß ich dadurch gar nicht.

Also ist durch die Analysis des Bewußtseins meiner selbst im Denken
überhaupt in Ansehung der Erkenntnis meiner selbst als Objekts nicht das
mindeste gewonnen. Die logische Erörterung des Denkens überhaupt wird
fälschlich für eine metaphysische Bestimmung des Objekts gehalten.

Ein großer, ja sogar der einzige Stein des Anstoßes wider unsere ganze
Kritik würde es sein, wenn es eine Möglichkeit gäbe, a priori zu beweisen,
daß alle denkenden Wesen an sich einfache Substanzen sind, als solche also
(welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist) Persönlichkeit
unzertrennlich bei sich führen, und sich ihrer von aller Materie
abgesonderten Existenz bewußt sind. Denn auf diese Art hätten wir doch
einen Schritt über die Sinnenwelt hinaus getan, wir wären in das Feld der
Noumenen getreten, und nun spreche uns niemand die Befugnis ab, in
diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen, und, nachdem einen jeden sein
Glückstern begünstigt, darin Besitz zu nehmen. Denn der Satz: Ein jedes
denkende Wesen, als ein solches, ist einfache Substanz; ist ein synthetischer

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Satz a priori, weil er erstlich über den ihm zum Grunde gelegten Begriff
hinausgeht und die Art des Daseins zum Denken überhaupt dazutut, und
zweitens zu jenem Begriffe ein Prädikat (der Einfachheit) hinzufügt,
welches in gar keiner Erfahrung gegeben werden kann. Also sind
synthetische Sätze a priori nicht bloß, wie wir behauptet haben, in
Beziehung auf Gegenstände möglicher Erfahrung, und zwar als Prinzipien
der Möglichkeit dieser Erfahrung selbst, tunlich und zulässig, sondern sie
können auch auf Dinge überhaupt und an sich selbst gehen, welche
Folgerung dieser ganzen Kritik ein Ende macht und gebieten würde, es
beim Alten bewenden zu lassen. Allein die Gefahr ist hier nicht so groß,
wenn man der Sache näher tritt.

In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogism, der
durch folgenden Vernunftschluß dargestellt wird,

Was nicht anders als Subjekt gedacht werden kann, existiert auch nicht
anders als Subjekt, und ist also Substanz.

Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein solches betrachtet, nicht
anders als Subjekt gedacht werden.

Also existiert es auch nur als ein solches, d.i. als Substanz.

Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt in jeder
Absicht, folglich auch so wie es in der Anschauung gegeben werden mag,
gedacht werden kann. Im Untersatze aber ist nur von demselben die Rede,
sofern es sich selbst, als Subjekt, nur relativ auf das Denken und die Einheit
des Bewußtseins, nicht aber zugleich in Beziehung auf die Anschauung,
wodurch sie als Objekt zum Denken gegeben wird, betrachtet. Also wird
per Sophisma figurae dictionis, mithin durch einen Trugschluß die
Konklusion gefolgert*.

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* Das Denken wird in beiden Prämissen in ganz verschiedener
Bedeutung genommen: im Obersatze, wie es auf ein Objekt überhaupt
(mithin wie es in der Anschauung gegeben werden mag) geht; im
Untersatze aber nur, wie es in der Beziehung aufs Selbstbewußtsein besteht,
wobei also an gar kein Objekt gedacht wird, sondern nur die Beziehung auf
Sich, als Subjekt, (als die Form des Denkens) vorgestellt wird. Im ersteren
wird von Dingen geredet, die nicht anders als Subjekte gedacht werden
können; im zweiten aber nicht von Dingen, sondern vom Denken (indem
man von allem Objekte abstrahiert), in welchem das Ich immer zum
Subjekt des Bewußtseins dient; daher im Schlußsatze nicht folgen kann: ich
kann nicht anders als Subjekt existieren, sondern nur: ich kann im Denken
meiner Existenz mich nur zum Subjekt des Urteils brauchen, welches ein
identischer Satz ist, der schlechterdings nichts über die Art meines Daseins
eröffnet.

Daß diese Auflösung des berühmten Arguments in einem Paralogism so
ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung zur
systematischen Vorstellung der Grundsätze und den Abschnitt von den
Noumenen hierbei nachsehen will, da bewiesen worden, daß der Begriff
eines Dinges, was für sich selbst als Subjekt, nicht aber als bloßes Prädikat
existieren kann, noch gar keine objektive Realität bei sich führe, d.i. daß
man nicht wissen könne, ob ihm überall ein Gegenstand zukommen könne,
indem man die Möglichkeit einer solchen Art zu existieren nicht einsieht,
folglich daß es schlechterdings keine Erkenntnis abgebe. Soll er also unter
der Benennung einer Substanz ein Objekt, das gegeben werden kann,
anzeigen; soll er ein Erkenntnis werden: so muß eine beharrliche
Anschauung, als die unentbehrliche Bedingung der objektiven Realität
eines Begriffs, nämlich das, wodurch allein der Gegenstand gegeben wird,
zum Grunde gelegt werden. Nun haben wir aber in der inneren Anschauung
gar nichts Beharrliches, denn das Ich ist nur das Bewußtsein meines
Denkens; also fehlt es uns auch, wenn wir bloß beim Denken stehenbleiben,

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an der notwendigen Bedingung, den Begriff der Substanz, d.i. eines für sich
bestehenden Subjekts, auf sich selbst als denkend Wesen anzuwenden, und
die damit verbundene Einfachheit der Substanz fällt mit der objektiven
Realität dieses Begriffs gänzlich weg, und wird in eine bloße logische
qualitative Einheit des Selbstbewußtseins im Denken überhaupt, das
Subjekt mag zusammengesetzt sein oder nicht, verwandelt.

Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der
Seele

Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen
Argumente, dadurch bewiesen werden soll, daß die Seele (wenn man
einräumt, sie sei ein einfaches Wesen) nicht durch Zerteilung zu sein
aufhören könne, einen Mangel der Zulänglichkeit zu der Absicht, ihr die
notwendige Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Aufhören ihres
Daseins durch Verschwinden annehmen könnte. In seinem Phädon suchte er
nun diese Vergänglichkeit, welche eine wahre Vernichtung sein würde, von
ihr dadurch abzuhalten, daß er sich zu beweisen getraute, ein einfaches
Wesen könne gar nicht aufhören zu sein, weil, da es gar nicht vermindert
werden und also nach und nach etwas an seinem Dasein verlieren, und so
allmählich in nichts verwandelt werden könne, (indem es keine Teile, also
auch keine Vielheit in sich habe,) zwischen einem Augenblicke, darin es ist,
und dem andern, darin es nicht mehr ist, gar keine Zeit angetroffen werden
würde, welches unmöglich ist. - Allein er bedachte nicht, daß, wenn wir
gleich der Seele diese einfache Natur einräumen, da sie nämlich kein
Mannigfaltiges außereinander, mithin keine extensive Größe enthält, man
ihr doch, so wenig wie irgendeinem Existierenden, intensive Größe, d.i.
einen Grad der Realität in Ansehung aller ihrer Vermögen, ja überhaupt
alles dessen, was das Dasein ausmacht, ableugnen könne, welcher durch
alle unendlich vielen kleineren Grade abnehmen, und so die vorgebliche

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Substanz, (das Ding, dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon fest steht,)
obgleich nicht durch Zerteilung, doch durch allmähliche Nachlassung
(remissio) ihrer Kräfte, (mithin durch Elangueszenz, wenn es mir erlaubt
ist, mich dieses Ausdrucks zu bedienen,) in nichts verwandelt werden
könne. Denn selbst das Bewußtsein hat jederzeit einen Grad, der immer
noch vermindert werden kann*, folglich auch das Vermögen sich seiner
bewußt zu sein, und so alle übrigen Vermögen. - Also bleibt die
Beharrlichkeit der Seele, als bloß Gegenstandes des inneren Sinnes,
unbewiesen, und selbst unerweislich, obgleich ihre Beharrlichkeit im
Leben, da das denkende Wesen (als Mensch) sich zugleich ein Gegenstand
äußerer Sinne ist, für sich klar ist, womit aber dem rationalen Psychologen
gar nicht Genüge geschieht, der die absolute Beharrlichkeit derselben selbst
über das Leben hinaus aus bloßen Begriffen zu beweisen unternimmt**.

* Klarheit ist nicht, wie die Logiker sagen, das Bewußtsein einer
Vorstellung; denn ein gewisser Grad des Bewußtseins, der aber zur
Erinnerung nicht zureicht, muß selbst in manchen dunklen Vorstellungen
anzutreffen sein, weil ohne alles Bewußtsein wir in der Verbindung dunkler
Vorstellungen keinen Unterschied machen würden, welches wir doch bei
den Merkmalen mancher Begriffe (wie der von Recht und Billigkeit, und
des Tonkünstlers, wenn er viele Noten im Phantasieren zugleich greift,) zu
tun vermögen. Sondern eine Vorstellung ist klar, in der das Bewußtsein zum
Bewußtsein des Unterschiedes derselben von andern zureicht. Reicht dieses
zwar zur Unterscheidung, aber nicht zum Bewußtsein des Unterschiedes zu,
so müßte die Vorstellung noch dunkel genannt werden. Also gibt es
unendlich viele Grade des Bewußtseins bis zum Verschwinden.

** Diejenigen, welche, um eine neue Möglichkeit auf die Bahn zu
bringen, schon genug getan zu haben glauben, wenn sie darauf trotzen, daß
man ihnen keinen Widerspruch in ihren Voraussetzungen zeigen könne,
(wie diejenigen insgesamt sind, die die Möglichkeit des Denkens, wovon

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sie nur bei den empirischen Anschauungen im menschlichen Leben ein
Beispiel haben, auch nach dessen Aufhörung einzusehen glauben,) können
durch andere Möglichkeiten, die nicht im mindesten kühner sind, in große
Verlegenheit gebracht werden. Dergleichen ist die Möglichkeit der Teilung
einer einfachen Substanz in mehrere Substanzen, und umgekehrt das
Zusammenfließen (Koalition) mehrerer in eine einfache. Denn, obzwar die
Teilbarkeit ein Zusammengesetztes voraussetzt, so erfordert sie doch nicht
notwendig ein Zusammengesetztes von Substanzen, sondern bloß von
Graden (der mancherlei Vermögen) einer und derselben Substanz.
Gleichwie man sich nun alle Kräfte und Vermögen der Seele, selbst das des
Bewußtseins, als auf die Hälfte geschwunden denken kann, so doch, daß
immer noch Substanz übrig bliebe; so kann man sich auch diese erloschene
Hälfte als aufbehalten, aber nicht in ihr, sondern außer ihr, ohne
Widerspruch vorstellen, und daß, da hier alles was in ihr nur immer real ist,
folglich einen Grad hat, mithin die ganze Existenz derselben, so, daß nichts
mangelt, halbiert worden, außer ihr alsdann eine besondere Substanz
entspringen würde. Denn die Vielheit, welche geteilt worden, war schon
vorher, aber nicht als Vielheit der Substanzen, sondern jeder Realität, als
Quantum der Existenz in ihr, und die Einheit der Substanz war nur eine Art
zu existieren, die durch diese Teilung allein in eine Mehrheit der Subsistenz
verwandelt werden. So könnten aber auch mehrere einfache Substanzen in
eine wiederum zusammenfließen, dabei nichts verloren ginge, als bloß die
Mehrheit der Subsistenz, indem die eine den Grad der Realität aller vorigen
zusammen in sich enthielte, und vielleicht möchten die einfachen
Substanzen, welche uns die Erscheinung einer Materie geben, (freilich zwar
nicht durch einen mechanischen oder chemischen Einfuß aufeinander, aber
doch durch einen uns unbekannten, davon jener nur die Erscheinung wäre,)
durch dergleichen dynamische Teilung der Elternseelen, als intensiver
Größen, Kinderseelen hervorbringen, indessen, daß jene ihren Abgang
wiederum durch Koalition mit neuem Stoffe von derselben Art ergänzten.

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Ich bin weit entfernt, dergleichen Hirngespinsten den mindesten Wert oder
Gültigkeit einzuräumen, auch haben die obigen Prinzipien der Analytik
hinreichend eingeschärft, von den Kategorien (als der der Substanz) keinen
anderen als Erfahrungsgebrauch zu machen. Wenn aber der Rationalist aus
dem bloßen Denkungsvermögen, ohne irgendeine beharrliche Anschauung,
dadurch ein Gegenstand gegeben würde, ein für sich bestehendes Wesen zu
machen kühn genug ist, bloß weil die Einheit der Apperzeption im Denken
ihm keine Erklärung aus dem Zusammengesetzten erlaubt, statt daß er
besser tun würde, zu gestehen, er wisse die Möglichkeit einer denkenden
Natur nicht zu erklären, warum soll der Materialist, ob er gleich
ebensowenig zum Behuf seiner Möglichkeiten Erfahrung anführen kann,
nicht zu gleicher Kühnheit berechtigt sein, sich seines Grundsatzes, mit
Beibehaltung der formalen Einheit des ersteren, zum entgegengesetzten
Gebrauche zu bedienen?

Nehmen wir nun unsere obigen Sätze, wie sie auch, als für alle
denkenden Wesen gültig, in der rationalen Psychologie ab System
genommen werden müssen, in synthetischem Zusammenhange, und gehen,
von der Kategorie der Relation, mit dem Satze: alle denkenden Wesen sind,
als solche, Substanzen, rückwärts die Reihe derselben, bis sich der Zirkel
schließt, durch, stoßen wir zuletzt auf die Existenz derselben, deren sie sich
in diesem System, unabhängig von äußeren Dingen, nicht allein bewußt
sind, sondern diese auch (in Ansehung der Beharrlichkeit, die notwendig
zum Charakter der Substanz gehört,) aus sich selbst bestimmen können.
Hieraus folgt aber, daß der Idealism in ebendemselben rationalistischen
System unvermeidlich sei, wenigstens der problematische, und, wenn das
Dasein äußerer Dinge zu Bestimmung seines eigenen in der Zeit gar nicht
erforderlich ist, jenes auch nur ganz umsonst angenommen werde, ohne
jemals einen Beweis davon geben zu können.

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Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren, da das Ich denke, als
ein Satz, der schon ein Dasein in sich schließt, als gegeben, mithin die
Modalität, zum Grunde liegt, und zergliedern ihn, um seinen Inhalt, ob und
wie nämlich dieses Ich im Raum oder der Zeit bloß dadurch sein Dasein
bestimmt, zu erkennen, so würden die Sätze der rationalen Seelenlehre
nicht vom Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt, sondern von einer
Wirklichkeit anfangen, und aus der Art, wie diese gedacht wird, nachdem
alles, was dabei empirisch ist, abgesondert worden, das was einem
denkenden Wesen überhaupt zukommt gefolgert werden, wie folgende Tafel
zeigt.

1. Ich denke,

2. als Subjekt, 3. als einfaches Subjekt,

4. als identisches Subjekt, in jedem
Zustande meines Denkens.

Weil hier nun im zweiten Satz nicht bestimmt wird, ob ich nur als
Subjekt und nicht auch als Prädikat eines andern existieren und gedacht
werden könne, so ist der Begriff eines Subjekts hier bloß logisch
genommen, und es bleibt unbestimmt, ob darunter Substanz verstanden
werden solle oder nicht. Allein in dem dritten Satze wird die absolute
Einheit der Apperzeption, das einfache Ich, in der Vorstellung, drauf sich
alle Verbindung oder Trennung, welche das Denken ausmacht, bezieht, auch
für sich wichtig, wenn ich gleich noch nichts über des Subjekts
Beschaffenheit oder Subsistenz ausgemacht habe. Die Apperzeption ist
etwas Reales, und die Einfachheit derselben liegt schon in ihrer
Möglichkeit. Nun ist im Raum nicht Reales, was einfach wäre, denn Punkte
(die das einzige Einfache im Raum ausmachen) sind bloß Grenzen, nicht
selbst aber etwas, was den Raum als Teil auszumachen dient. Also folgt
daraus die Unmöglichkeit einer Erklärung meiner, als bloß denkenden

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Subjekts, Beschaffenheit aus Gründen des Materialismus. Weil aber mein
Dasein in dem ersten Satze als gegeben betrachtet wird, indem es nicht
heißt, ein jedes denkendes Wesen existiert, (welches zugleich absolute
Notwendigkeit, und also zuviel, von ihnen sagen würde,) sondern nur: ich
existiere denkend, so ist er empirisch, und enthält die Bestimmbarkeit
meines Daseins bloß in Ansehung meiner Vorstellungen in der Zeit. Da ich
aber wiederum hierzu zuerst etwas Beharrliches bedarf, dergleichen mir,
sofern ich mich denke, gar nicht in der inneren Anschauung gegeben ist; so
ist die Art, wie ich existiere, ob als Substanz oder als Akzidens, durch
dieses einfache Selbstbewußtsein gar nicht zu bestimmen möglich. Also,
wenn der Materialism zur Erklärungsart meinen Daseins untauglich ist, so
ist der Spiritualism zu derselben ebensowohl unzureichend, und die
Schlußfolge, ist, daß wir auf keine Art, welche es auch sei, von der
Beschaffenheit unserer Seele, die die Möglichkeit ihrer abgesonderten
Existenz überhaupt betrifft, irgend etwas erkennen können.

Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Einheit des Bewußtseins,
die wir selbst nur dadurch kennen, daß wir sie zur Möglichkeit der
Erfahrung unentbehrlich brauchen, über Erfahrung (unser Dasein im Leben)
hinauszukommen, und sogar unsere Erkenntnis auf die Natur aller
denkenden Wesen überhaupt durch den empirischen, aber in Ansehung aller
Art der Anschauung unbestimmten, Satz, Ich denke, zu erweitern?

Es gibt also keine rationale Psychologie als Doktrin, die uns einen Zusatz
zu unserer Selbsterkenntnis verschaffte, sondern nur als Disziplin, welche
der spekulativen Vernunft in diesem Felde unüberschreitbare Grenzen setzt,
einerseits um sich nicht dem seelenlosen Materialism in den Schoß zu
werfen, andererseits sich nicht in dem, für uns im Leben, grundlosen
Spiritualism herumschwärmend zu verlieren, sondern uns vielmehr erinnert,
diese Weigerung unserer Vernunft, den neugierigen über dieses Leben
hinausreichenden Fragen befriedigende Antwort zu geben, als einen Wink

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derselben anzusehen, unser Selbsterkenntnis von der fruchtlosen
überschwenglichen Spekulation zum fruchtbaren praktischen Gebrauche
anzuwenden, welches, wenn es gleich auch nur immer auf Gegenstände der
Erfahrung gerichtet ist, seine Prinzipien doch höher hernimmt, und das
Verhalten so bestimmt, als ob unsere Bestimmung unendlich weit über die
Erfahrung, mithin über dieses Leben hinaus reiche.

Man sieht aus allem diesem, daß ein bloßer Mißverstand der rationalen
Psychologie ihren Ursprung gebe. Die Einheit des Bewußtseins, welche den
Kategorien zum Grunde liegt, wird hier für Anschauung des Subjekts als
Objekts genommen, und darauf die Kategorie der Substanz angewandt. Sie
ist aber nur die Einheit im Denken, wodurch allein kein Objekt gegeben
wird, worauf also die Kategorie der Substanz, als die jederzeit gegebene
Anschauung voraussetzt, nicht angewandt, mithin dieses Subjekt gar nicht
erkannt werden kann. Das Subjekt der Kategorien kann also dadurch, daß es
diese denkt, nicht von sich selbst als einem Objekte der Kategorien einen
Begriff bekommen; denn, um diese zu denken, muß es sein reines
Selbstbewußtsein, welches doch hat erklärt werden sollen, zum Grunde
legen. Ebenso kann das Subjekt, in welchem die Vorstellung der Zeit
ursprünglich ihren Grund hat, ihr eigen Dasein in der Zeit dadurch nicht
bestimmen, und wenn das letztere nicht sein kann, so kann auch das erstere
als Bestimmung seiner selbst (als denkenden Wesens überhaupt) durch
Kategorien nicht stattfinden*.

* Das Ich denke, ist, wie schon gesagt, ein empirischer Satz, und enthält
den Satz, Ich existiere, in sich. Ich kann aber nicht sagen: alles, was denkt,
existiert; denn da würde die Eigenschaft des Denkens alle Wesen, die sie
besitzen, zu notwendigen Wesen machen. Daher kann meine Existenz auch
nicht aus dem Satze: Ich denke, als gefolgert angesehen werden, wie
Cartesius dafür hielt, (weil sonst der Obersatz: alles. was denkt, existiert,
vorausgehen müßte), sondern ist mit ihm identisch. Er drückt eine

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unbestimmte empirische Anschauung, d.i. Wahrnehmung, aus, (mithin
beweist er doch, daß schon Empfindung, die folglich zur Sinnlichkeit
gehört, diesem Existenzialsatz zum Grunde liege,) geht aber vor der
Erfahrung vorher, die das Objekt der Wahrnehmung durch die Kategorie in
Ansehung der Zeit bestimmen soll, und die Existenz ist hier noch keine
Kategorie, als welche nicht auf ein unbestimmt gegebenes Objekt, sondern
nur ein solches, davon man einen Begriff hat, und wovon man wissen will,
ob es auch außer diesem Begriffe gesetzt sei, oder nicht, Beziehung hat.
Eine unbestimmte Wahrnehmung bedeutet hier nur etwas Reales, das
gegeben worden, und zwar nur zum Denken überhaupt, also nicht als
Erscheinung, auch nicht als Sache an sich selbst, (Noumenon) sondern als
etwas, was in der Tat existiert, und in dem Satze, ich denke, als ein solcher
bezeichnet wird. Denn es ist zu merken, daß, wenn ich den Satz: ich denke,
einen empirischen Satz genannt habe, ich dadurch nicht sagen will, das Ich
in diesem Satze sei empirische Vorstellung, vielmehr ist sie rein
intellektuell, weil sie zum Denken überhaupt gehört. Allein ohne irgendeine
empirische Vorstellung, die den Stoff zum Denken abgibt, würde der Aktus,
Ich denke, doch nicht stattfinden, und das Empirische ist nur die Bedingung
der Anwendung, oder des Gebrauchs des reinen intellektuellen Vermögens.

***

So verschwindet denn ein über die Grenzen möglicher Erfahrung hinaus
versuchtes und doch zum höchsten Interesse der Menschheit gehöriges
Erkenntnis, soweit es der spekulativen Philosophie verdankt werden soll, in
getäuschte Erwartung; wobei gleichwohl die Strenge der Kritik dadurch,
daß sie zugleich die Unmöglichkeit beweist, von einem Gegenstande der
Erfahrung über die Erfahrungsgrenze hinaus etwas dogmatisch
auszumachen, der Vernunft bei diesem ihrem Interesse den ihr nicht
unwichtigen Dienst tut, sie ebensowohl wider alle möglichen Behauptungen
des Gegenteils in Sicherheit zu stellen; welches nicht anders geschehen

Page 332

kann, als so, daß man entweder seinen Satz apodiktisch beweist, oder, wenn
dieses nicht gelingt, die Quellen dieses Unvermögens aufsucht, welche,
wenn sie in den notwendigen Schranken unseres Vernunft liegen, alsdann
jeden Gegner gerade demselben Gesetze der Entsagung aller Ansprüche auf
dogmatische Behauptung unterwerfen müssen.

Gleichwohl wird hierdurch für die Befugnis, ja gar die Notwendigkeit,
der Annehmung eines künftigen Lebens, nach Grundsätzen des mit dem
spekulativen verbundenen praktischen Vernunftgebrauchs, hierbei nicht das
mindeste verloren; denn der bloß spekulative Beweis hat auf die gemeine
Menschenvernunft ohnedem niemals einigen Einfluß haben können. Er ist
so auf einer Haaresspitze gestellt, daß selbst die Schule ihn auf derselben
nur so lange erhalten kann, als sie ihn als einen Kreisel um demselben sich
unaufhörlich drehen läßt, und er in ihren eigenen Augen also keine
beharrliche Grundlage abgibt, worauf etwas gebaut werden könnte. Die
Beweise, die für die Welt brauchbar sind, bleiben hierbei alle in ihrem
unverminderten Werte, und gewinnen vielmehr durch Abstellung jener
dogmatischen Anmaßungen an Klarheit und ungekünstelter Überzeugung,
indem sie die Vernunft in ihr eigentümliches Gebiet, nämlich die Ordnung
der Zwecke, die doch zugleich eine Ordnung der Natur ist, versetzen, die
dann aber zugleich, als praktisches Vermögen an sich selbst, ohne auf die
Bedingungen der letzteren eingeschränkt zu sein, die erstere und mit ihr
unsere eigene Existenz über die Grenzen der Erfahrung und des Lebens
hinaus zu erweitern berechtigt ist. Nach der Analogie mit der Natur
lebender Wesen in dieser Welt, an welchen die Vernunft es notwendig zum
Grundsatze annehmen muß, daß kein Organ, kein Vermögen, kein Antrieb,
also nichts Entbehrliches, oder für den Gebrauch Unproportioniertes, mithin
Unzweckmäßiges anzutreffen, sondern alles seiner Bestimmung im Leben
genau angemessen sei, zu urteilen, müßte der Mensch, der doch allein den
letzten Endzweck von allem diesem in sich erhalten kann, das einzige
Geschöpf sein, welches davon ausgenommen wäre. Denn seine

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Naturanlagen, nicht bloß den Talenten und Antrieben nach, davon Gebrauch
zu machen, sondern vornehmlich das moralische Gesetz in ihm, gehen so
weit über allen Nutzen und Vorteil, den er in diesem Leben daraus ziehen
könnte, daß das letztere sogar das bloße Bewußtsein der Rechtschaffenheit
der Gesinnung, bei Ermangelung aller Vorteile, selbst sogar des
Schattenwerks vom Nachruhm, über alles hochschätzen lehrt, und sich
innerlich dazu berufen fühlt, sich durch sein Verhalten in dieser Welt, mit
Verzichtung auf viele Vorteile, zum Bürger einer besseren, die er in der Idee
hat, tauglich zu machen. Dieser mächtige, niemals zu widerlegende
Beweisgrund, begleitet durch eine sich unaufhörlich vermehrende
Erkenntnis der Zweckmäßigkeit in allem, was wir vor uns sehen, und durch
eine Aussicht in die Unermeßlichkeit der Schöpfung, mithin auch durch das
Bewußtsein einer gewissen Unbegrenztheit in der möglichen Erweiterung
unserer Kenntnisse, samt einem dieser angemessenen Triebe bleibt immer
noch übrig, wenn wir es gleich aufgeben müssen, die notwendige Fortdauer
unserer Existenz aus der bloß theoretischen Erkenntnis unserer selbst
einzusehen.

Beschluß der Auflösung des psychologischen Paralogisms

Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf der
Verwechslung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit dem in
allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt.
Ich denke mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung, indem ich
noch von aller wirklichen Erfahrung abstrahiere, und schließe daraus, daß
ich mich meiner Existenz auch außer der Erfahrung und den empirischen
Bedingungen derselben bewußt werden könne. Folglich verwechsle ich die
mögliche Abstraktion von meiner empirisch bestimmten Existenz mit dem
vermeinten Bewußtsein einer abgesondert möglichen Existenz meines
denkenden Selbst, und glaube das Substantiale in mir als das

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transzendentale Subjekt zu erkennen, indem ich bloß die Einheit des
Bewußtseins, welche allem Bestimmen, als der bloßen Form der
Erkenntnis, zum Grunde liegt, in Gedanken habe.

Die Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper zu erklären,
gehört nicht eigentlich zu derjenigen Psychologie, wovon hier die Rede ist,
weil sie die Persönlichkeit der Seele auch außer dieser Gemeinschaft (nach
dem Tode) zu beweisen die Absicht hat, und also im eigentlichen Verstande
transzendent ist, ob sie sich gleich mit einem Objekte der Erfahrung
beschäftigt, aber nur sofern es aufhört ein Gegenstand der Erfahrung zu
sein. Indessen kann auch hierauf nach unserem Lehrbegriffe hinreichende
Antwort gegeben werden. Die Schwierigkeit, welche diese Aufgabe
veranlaßt hat, besteht, wie bekannt, in der vorausgesetzten
Ungleichartigkeit des Gegenstandes des inneren Sinnes (der Seele) mit den
Gegenständen äußerer Sinne, da jenem nur die Zeit, diesen auch der Raum
zur normalen Bedingung ihrer Anschauung anhängt. Bedenkt man aber, daß
beiderlei Art von Gegenständen hierin sich nicht innerlich, sondern nur,
sofern eines dem andern äußerlich erscheint, von einander unterscheiden,
mithin das, was der Erscheinung der Materie, als Ding an sich selbst, zum
Grunde liegt, vielleicht so ungleichartig nicht sein dürfte, so verschwindet
diese Schwierigkeit, und es bleibt keine andere übrig, als die, wie überhaupt
eine Gemeinschaft von Substanzen möglich sei, welche zu lösen ganz außer
dem Felde der Psychologie, und, wie der Leser, nach dem, was in der
Analytik von Grundkräften und Vermögen gesagt worden, leicht urteilen
wird, ohne allen Zweifel auch außer dem Felde aller menschlichen
Erkenntnis liegt.

Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der rationalen Psychologie
zur
Kosmologie betreffend

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Der Satz, Ich denke, oder, ich existiere denkend, ist ein empirischer Satz.
Einem solchen aber liegt empirische Anschauung, folglich auch das
gedachte Objekt als Erscheinung, zum Grunde, und so scheint es, als wenn
nach unserer Theorie die Seele ganz und gar, selbst im Denken, in
Erscheinung verwandelt würde, und auf solche Weise unser Bewußtsein
selbst, als bloßer Schein, in der Tat auf nichts gehen müßte.

Das Denken, für sich genommen, ist bloß die logische Funktion, mithin
lauter Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer bloß
möglichen Anschauung, und stellt das Subjekt des Bewußtseins keineswegs
als Erscheinung dar, bloß darum, weil es gar keine Rücksicht auf die Art der
Anschauung nimmt, ob sie sinnlich oder intellektuell sei. Dadurch stelle ich
mich mir selbst, weder wie ich bin, noch wie ich mir erscheine, vor, sondern
ich denke mich nur wie ein jedes Objekt überhaupt, von dessen Art der
Anschauung ich abstrahiere. Wenn ich mich hier als Subjekt der Gedanken,
oder auch als Grund des Denkens, vorstelle, so bedeuten diese
Vorstellungsarten nicht die Kategorien der Substanz, oder der Ursache,
denn diese sind jene Funktionen des Denkens (Urteilens) schon auf unsere
sinnliche Anschauung angewandt, welche freilich erfordert werden würden,
wenn ich mich erkennen wollte. Nun will ich mich meiner aber nur als
denkend bewußt werden; wie mein eigenes Selbst in der Anschauung
gegeben sei, das setze ich beiseite, und da könnte es mir, der ich denke, aber
nicht sofern ich denke, bloß Erscheinung sein; im Bewußtsein meiner Selbst
beim bloßen Denken bin ich das Wesen selbst, von dem mir aber freilich
dadurch noch nichts zum Denken gegeben ist.

Der Satz aber, Ich denke, sofern er soviel sagt, als: Ich existiere denkend,
ist nicht bloße logische Funktion, sondern bestimmt das Subjekt (welches
denn zugleich Objekt ist) in Ansehung der Existenz, und kann ohne den
inneren Sinn nicht stattfinden, dessen Anschauung jederzeit das Objekt
nicht als Ding an sich selbst, sondern bloß als Erscheinung an die Hand

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gibt. In ihm ist also schon nicht mehr bloße Spontaneität des Denkens,
sondern auch Rezeptivität der Anschauung, d.i. das Denken meiner selbst
auf die empirische Anschauung ebendesselben Subjekts angewandt. In
dieser letzteren müßte denn nun das denkende Selbst die Bedingungen des
Gebrauchs seiner logischen Funktionen zu Kategorien der Substanz, der
Ursache usw. suchen, um sich als Objekt an sich selbst nicht bloß durch das
Ich zu bezeichnen, sondern auch die Art seines Daseins zu bestimmen, d.i.
sich als Noumenon zu erkennen, welches aber unmöglich ist, indem die
innere empirische Anschauung sinnlich ist, und nichts als Data der
Erscheinung an die Hand gibt, die dem Objekte des reinen Bewußtseins zur
Kenntnis seiner abgesonderten Existenz nichts liefern, sondern bloß der
Erfahrung zum Behufe dienen kann.

Gesetzt aber, es fände sich in der Folge, nicht in der Erfahrung, sondern
in gewissen (nicht bloß logischen Regeln, sondern) a priori feststehenden,
unsere Existenz betreffenden Gesetzen des reinen Vernunftgebrauchs,
Veranlassung, um völlig a priori in Ansehung unseres eigenen Daseins als
gesetzgebend und diese Existenz auch selbst bestimmend vorauszusetzen,
so würde sich dadurch eine Spontaneität entdecken, wodurch unsere
Wirklichkeit bestimmbar wäre, ohne dazu der Bedingungen der empirischen
Anschauung zu bedürfen; und hier würden wir innewerden, daß im
Bewußtsein unseres Daseins a priori etwas enthalten sei, was unsere nur
sinnlich durchgängig bestimmbare Existenz, doch in Ansehung eines
gewissen inneren Vermögens in Beziehung auf eine intelligible (freilich nur
gedachte) Welt zu bestimmen, dienen kann.

Aber dieses würde nichtsdestoweniger alle Versuche in der rationalen
Psychologie nicht im mindesten weiter bringen. Denn ich würde durch
jenes bewunderungswürdige Vermögen, welches mir das Bewußtsein des
moralischen Gesetzes allererst offenbart, zwar ein Prinzip der Bestimmung
meiner Existenz, welches rein intellektuell ist, haben, aber durch welche

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Prädikate? Durch keine anderen, als die mir in der sinnlichen Anschauung
gegeben werden müssen, und so würde ich da wiederum hingeraten, wo ich
in der rationalen Psychologie war, nämlich in das Bedürfnis sinnlicher
Anschauungen, um meinen Verstandesbegriffen, Substanz, Ursache usw.,
wodurch ich allein Erkenntnis von mir haben kann, Bedeutung zu
verschaffen; jene Anschauungen können mich aber über das Feld der
Erfahrung niemals hinaushelfen. Indessen würde ich doch diese Begriffe in
Ansehung des praktischen Gebrauchs, welcher doch immer auf
Gegenstände der Erfahrung gerichtet ist, der im theoretischen Gebrauche
analogischen Bedeutung gemäß, auf die Freiheit und das Subjekt derselben
anzuwenden befugt sein, indem ich bloß die logischen Funktionen des
Subjekts und Prädikats des Grundes und der Folge darunter verstehe, denen
gemäß die Handlungen oder die Wirkungen jenen Gesetzen gemäß so
bestimmt werden, daß sie zugleich mit den Naturgesetzen, den Kategorien
der Substanz und der Ursache allemal gemäß erklärt werden können, ob sie
gleich aus ganz anderem Prinzip entspringen. Dieses hat nur zur Verhütung
des Mißverstandes, dem die Lehre von unserer Selbstanschauung, als
Erscheinung, leicht ausgesetzt ist, gesagt sein sollen. Im folgenden wird
man davon Gebrauch zu machen Gelegenheit haben.

Der transzendentalen Dialektik
Zweites Buch

Zweites Hauptstück
Die Antinomie der reinen Vernunft

Wir haben in der Einleitung zu diesem Teile unseres Werks gezeigt, daß
aller transzendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen Schlüssen
beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten der
Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand gibt, so wie etwa die Kategorien

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ihr logisches Schema in den vier Funktionen aller Urteile antreffen. Die
erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die unbedingte Einheit der
subjektiven Bedingungen aller Vorstellungen überhaupt (des Subjekts oder
der Seele), in Korrespondenz mit den kategorischen Vernunftschlüssen,
deren Obersatz, als Prinzip, die Beziehung eines Prädikats auf ein Subjekt
aussagt. Die zweite Art des dialektischen Arguments wird also, nach der
Analogie mit hypothetischen Vernunftschlüssen, die unbedingte Einheit der
objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen, so
wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke vorkommen wird, die
unbedingte Einheit der objektiven Bedingungen der Möglichkeit der
Gegenstände überhaupt zum Thema hat.

Es ist aber merkwürdig, daß der transzendentale Paralogismus einen bloß
einseitigen Schein, in Ansehung der Idee von dem Subjekte unseres
Denkens, bewirkte, und zur Behauptung des Gegenteils sich nicht der
mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vorteil ist
gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser den Erbfehler
nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in der Feuerprobe
der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen.

Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objektive
Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Prinzipium der
unbedingten Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt,
sich aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genötigt wird, in
kosmologischer Absicht, von ihrer Forderung abzustehen.

Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft,
nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln und
künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die Vernunft von
selbst und zwar unvermeidlich gerät, und dadurch zwar vor den Schlummer
einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß einseitiger Schein

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hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht wird, sich
entweder einer skeptischen Hoffnungslosigkeit zu überlassen, oder einen
dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf steif auf gewisse
Behauptungen zu setzen, ohne den Gründen des Gegenteils Gehör und
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beides ist der Tod einer gesunden
Philosophie, wiewohl jener allenfalls noch die Euthanasie der reinen
Vernunft genannt werden könnte.

Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen lassen,
welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen Vernunft
veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche die Methode
erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns in Behandlung unseres
Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle transzendentalen Ideen, sofern sie
die absolute Totalität in der Synthesis der Erscheinungen betreffen,
Weltbegriffe, teils wegen eben dieser unbedingten Totalität, worauf auch
der Begriff des Weltganzen beruht, der selbst nur eine Idee ist, teils weil sie
lediglich auf die Synthesis der Erscheinungen, mithin die empirische,
gehen, da hingegen die absolute Totalität, in der Synthesis der Bedingungen
aller möglichen Dinge überhaupt, ein Ideal der reinen Vernunft veranlassen
wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden ist, ob es gleich
darauf in Beziehung steht. Daher, so wie die Paralogismen der reinen
Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie legten, so wird die
Antinomie der reinen Vernunft die transzendentalen Grundsätze einer
vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen stellen, nicht, um sie
gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern, wie es auch schon die
Benennung von einem Widerstreit der Vernunft anzeigt, um sie als eine
Idee, die sich mit Erscheinungen nicht vereinbaren läßt, in ihrem
blendenden aber falschen Scheine darzustellen.

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Der Antinomie der reinen Vernunft
Erster Abschnitt
System der kosmologischen Ideen

Um nun diese Ideen nach einem Prinzip mit systematischer Präzision
aufzählen zu können, müssen wir erstlich bemerken, daß nur der Verstand
es sei, aus welchem reine und transzendentale Begriffe entspringen können,
daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff erzeuge, sondern allenfalls
nur den Verstandesbegriff, von den unvermeidlichen Einschränkungen einer
möglichen Erfahrung, frei mache, und ihn also über die Grenzen des
Empirischen, doch aber in Verknüpfung mit demselben zu erweitern suche.
Dieses geschieht dadurch, daß sie zu einem gegebenen Bedingten auf der
Seite der Bedingungen (unter denen der Verstand alle Erscheinungen der
synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität fordert, und dadurch die
Kategorie zur transzendentalen Idee macht, um der empirischen Synthesis,
durch die Fortsetzung derselben bis zum Unbedingten, (welches niemals in
der Erfahrung, sondern nur in der Idee angetroffen wird,) absolute
Vollständigkeit zu geben. Die Vernunft fordert dieses nach dem Grundsatze:
wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der
Bedingungen, mithin das schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes
allein möglich war. Also werden erstlich die transzendentalen Ideen
eigentlich nichts, als bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und
jene werden sich in eine Tafel bringen lassen, die nach den Titeln der
letzteren angeordnet ist. Zweitens aber werden doch auch nicht alle
Kategorien dazu taugen, sondern nur diejenige, in welchen die Synthesis
eine Reihe ausmacht, und zwar der einander untergeordneten (nicht
beigeordneten) Bedingungen zu einem Bedingten. Die absolute Totalität
wird von der Vernunft nur sofern gefordert, als sie die aufsteigende Reihe
der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht, mithin nicht,
wenn von der absteigenden Linie der Folgen, noch auch von dem Aggregat
koordinierter Bedingungen zu diesen Folgen, die Rede ist. Denn

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Bedingungen sind in Ansehung des gegebenen Bedingten schon
vorausgesetzt und mit diesem auch als gegeben anzusehen, anstatt daß, da
die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich machen, sondern vielmehr
voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen (oder im Absteigen von der
gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbekümmert sein kann, ob die
Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die Frage, wegen ihrer Totalität,
gar keine Voraussetzung der Vernunft ist.

So denkt man sich notwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick
völlig abgelaufene Zeit, auch als gegeben, (wenngleich nicht durch uns
bestimmbar). Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingung nicht ist,
zu der Gegenwart zu gelangen, so ist es, um diese zu begreifen, ganz
gleichgültig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten wollen, ob man sie
irgendwo aufhören, oder ins Unendliche laufen lassen will. Es sei die Reihe
m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung m, aber zugleich als Bedingung
von o gegeben ist, die Reihe gehe aufwärts von dem bedingten n zu m (l, k,
i, etc.), imgleichen abwärts von der Bedingung n zum bedingten o (p, q, r,
etc.), so muß ich die erstere Reihe voraussetzen, um n als gegeben
anzusehen, und n ist nach der Vernunft (der Totalität der Bedingungen) nur
vermittelst jener Reihe möglich, seine Möglichkeit beruht aber nicht auf der
folgenden Reihe o, p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern nur als
dabilis angesehen werden könne.

Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen, also
von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist, und
so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige aber, die auf
der Seite des Bedingten, von der nächsten Folge zu den entfernteren
fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere geht in antecedentia,
die zweite in consequentia. Die kosmologischen Ideen also beschäftigen
sich mit der Totalität der regressiven Synthesis, und gehen in antecedentia,
nicht in consequentia. Wenn dieses letztere geschieht, so ist es ein

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willkürliches und nicht notwendiges Problem der reinen Vernunft, weil wir
zur vollständigen Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung gegeben
ist, wohl der Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.

Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten,
so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen quanta aller unserer
Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe (und die
formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr, in Ansehung einer
gegebenen Gegenwart, die antecedentia als Bedingungen (das Vergangene)
von den consequentibus (dem Künftigen) a priori zu unterscheiden.
Folglich geht die transzendentale Idee, der absoluten Totalität der Reihe der
Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, nur auf alle vergangene Zeit.
Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze verlaufene Zeit als Bedingung
des gegebenen Augenblicks notwendig als gegeben gedacht. Was aber den
Raum betrifft, so ist in ihm an sich selbst kein Unterschied des Progressus
vom Regressus, weil er ein Aggregat, aber keine Reihe ausmacht, indem
seine Teile insgesamt zugleich sind. Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte
ich in Ansehung der vergangenen Zeit nur als bedingt, niemals aber als
Bedingung derselben, ansehen, weil dieser Augenblick nur durch die
verflossene Zeit (oder vielmehr durch das Verfliessen der vorhergehenden
Zeit) allererst entspringt. Aber da die Teile des Raumes einander nicht
untergeordnet, sondern beigeordnet sind, so ist ein Teil nicht die Bedingung
der Möglichkeit des anderen, und er macht nicht, so wie die Zeit, an sich
selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis der mannigfaltigen Teile des
Raumes, wodurch wir ihn apprehendieren, ist doch successiv, geschieht also
in der Zeit und enthält eine Reihe. Und da in dieser Reihe der aggregierten
Räume (z.B. der Füße in einer Rute) von einem gegebenen an, die weiter
hinzugedachten immer die Bedingung von der Grenze der vorigen sind, so
ist das Messen eines Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der
Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzusehen, nur daß die Seite
der Bedingungen, von der Seite, nach welcher das Bedingte hin liegt, an

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sich selbst nicht unterschieden ist, folglich regressus und progressus im
Raume einerlei zu sein scheint. Weil indessen ein Teil des Raumes nicht
durch den anderen gegeben, sondern nur begrenzt wird, so müssen wir
jeden begrenzten Raum insofern auch als bedingt ansehen, der einen
anderen Raum als die Bedingung seiner Grenze voraussetzt, und so fortan.
In Ansehung der Begrenzung ist also der Fortgang im Raume auch ein
Regressus, und die transzendentale Idee der absoluten Totalität der
Synthesis in der Reihe der Bedingungen trifft auch den Raum, und ich kann
ebensowohl nach der absoluten Totalität der Erscheinung im Raume, als der
in der verflossenen Zeit, fragen. Ob aber überall darauf auch eine Antwort
möglich sei, wird sich künftig bestimmen lassen.

Zweitens, so ist die Realität im Raume, d.i. die Materie, ein Bedingtes,
dessen innere Bedingungen seine Teile, und die Teile der Teile die
entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive Synthesis
stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert, welche nicht anders
als durch eine vollendete Teilung, dadurch die Realität der Materie
entweder in Nichts oder doch in das, was nicht mehr Materie ist, nämlich
das Einfache, verschwindet, stattfinden kann. Folglich ist hier auch eine
Reihe von Bedingungen und ein Fortschritt zum Unbedingten.

Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den
Erscheinungen anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz mit ihren
Akzidenzen nicht zu einer transzendentalen Idee; d.i. die Vernunft hat
keinen Grund, in Ansehung ihrer, regressiv auf Bedingungen zu gehen.
Denn Akzidenzen sind (sofern sie einer einigen Substanz inhärieren)
einander koordiniert, und machen keine Reihe aus. In Ansehung der
Substanz aber sind sie derselben eigentlich nicht subordiniert, sondern die
Art zu existieren der Substanz selber. Was hierbei noch scheinen könnte
eine Idee der transzendentalen Vernunft zu sein, wäre der Begriff von
Substantiale. Allein, da dieses nichts anderes bedeutet, als den Begriff vom

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Gegenstande überhaupt, welcher subsistiert, sofern man an ihm bloß das
transzendentale Subjekt ohne alle Prädikate denkt, hier aber nur die Rede
vom Unbedingten in der Reihe der Erscheinungen ist, so ist klar, daß das
Substantiale kein Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe gilt
auch von Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind, und
keinen Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als
Bedingungen ihrer Möglichkeit subordiniert sind, welches man wohl von
den Räumen sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer
durch einen anderen Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie
der Kausalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen
Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren, als dem Bedingten, zu
jenen, als Bedingungen, aufsteigen und der Vernunftfrage antworten kann.

Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Notwendigen
führen auf keine Reihe, außer nur, sofern das Zufällige im Dasein jederzeit
als bedingt angesehen werden muß, und nach der Regel des Verstandes auf
eine Bedingung weist, darunter es notwendig ist, diese auf eine höhere
Bedingung zu weisen bis die Vernunft nur in der Totalität diese Reihe die
unbedingte Notwendigkeit antrifft.

Es sind demnach nicht mehr, als vier kosmologische Ideen, nach den vier
Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine Reihe in
der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig bei sich führen.

1. Die absolute Vollständigkeit der
Zusammensetzung des gegebenen Ganzen
aller Erscheinungen

2. Die absolute 3. Die absolute Vollständigkeit Vollständigkeit der
Teilung der Entstehung eines gegebenen Ganzen einer Erscheinung
in der Erscheinung

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4. Die absolute Vollständigkeit der
Abhängigkeit des Daseins des
Veränderlichen in der Erscheinung

Zuerst ist hierbei anzumerken, daß die Idee der absoluten Totalität nichts
anderes, als die Exposition der Erscheinungen, betreffe, mithin nicht den
reinen Verstandesbegriff von einen Ganzen der Dinge überhaupt. Es werden
hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet, und die Vernunft fordert die
absolute Vollständigkeit der Bedingungen ihrer Möglichkeit, sofern diese
eine Reihe ausmachen, mithin eine schlechthin (d.i. in aller Absicht)
vollständige Synthesis, wodurch die Erscheinung nach Verstandesgesetzen
exponiert werden könne.

Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft, in
dieser, reihenweise, und zwar reggressiv, fortgesetzten Synthesis der
Bedingungen, sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der
Prämissen, die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses
Unbedingte ist nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe, wenn man
sie sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese schlechthin
vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn man kann,
wenigstens zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei Erscheinungen
auch möglich sei. Wenn man sich alles durch bloße reine
Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung,
vorstellt, so kann man geradezu sagen: daß zu einem gegebenen Bedingten
auch die ganze Reihe einander subordinierter Bedingungen gegeben sei;
denn jenes ist allein durch diese gegeben. Allein bei Erscheinungen ist eine
besondere Einschränkung der Art, wie Bedingungen gegeben werden,
anzutreffen, nämlich durch die sukzessive Synthesis des Mannigfaltigen der
Anschauung, die im Regressus vollständig sein soll. Ob diese
Vollständigkeit nun sinnlich möglich sei, ist noch ein Problem. Allein die
Idee dieser Vollständigkeit liegt doch in der Vernunft, unangesehen der

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Möglichkeit, oder Unmöglichkeit, ihr adäquat empirische Begriffe zu
verknüpfen. Also, da in der absoluten Totalität der regressiven Synthesis des
Mannigfaltigen in der Erscheinung (nach Anleitung der Kategorien, die sie
als eine Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten vorstellen,)
das Unbedingte notwendig enthalten ist, man mag auch unausgemacht
lassen, ob und wie diese Totalität zustande zu bringen sei: so nimmt die
Vernunft hier den Weg, von der Idee der Totalität auszugehen, ob sie gleich
eigentlich das Unbedingte, es sei der ganzen Reihe, oder eines Teils
derselben, zur Endabsicht hat.

Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken, entweder als bloß in
der ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme
bedingt und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und dann
heißt der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil
der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind, der selbst
aber unter keiner anderen Bedingung steht.* In dem ersteren Falle ist die
Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang), d.i. unendlich, und
gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber ist niemals vollendet,
und kann nur potentialiter unendlich genannt werden. Im zweiten Falle gibt
es ein Erstes der Reihe, welches in Ansehung der verflossenen Zeit der
Weltanfang, in Ansehung des Raums die Weltgrenze, in Ansehung der Teile,
eines in seinen Grenzen gegebenen Ganzen, das Einfache, in Ansehung der
Ursachen die absolute Selbsttätigkeit (Freiheit), in Ansehung des Daseins
veränderlicher Dinge die absolute Naturnotwendigkeit heißt.

* Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen
Bedingten ist jederzeit unbedingt; weil außer ihr keine Bedingungen mehr
sind, in Ansehung deren es bedingt sein könnte. Allein dieses absolute
Ganze einer solchen Reihe ist nur eine Idee, oder vielmehr ein
problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht werden muß, und

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zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte, als die eigentliche
transzendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten sein mag.

Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen ineinander
laufen. Das erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen
und die Totalität ihrer Synthesis, im Großen sowohl als im Kleinen, d.i.
sowohl in dem Fortschritt derselben durch Zusammensetzung, als durch
Teilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur* genannt, sofern sie als ein
dynamisches Ganzes betrachtet wird, und man nicht auf die Aggregation im
Raume oder der Zeit, um sie als eine Größe zustande zu bringen, sondern
auf die Einheit im Dasein der Erscheinungen sieht. Da heißt nun die
Bedingung von dem, was geschieht, die Ursache, und die unbedingte
Kausalität der Ursache in der Erscheinung die Freiheit, die bedingte
dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache. Das Bedingte im Dasein
überhaupt heißt zufällig, und das Unbedingte notwendig. Die unbedingte
Notwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnotwendigkeit heißen.

* Natur, adjektive (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang
der Bestimmungen eines Dinges nach einem inneren Prinzip der Kausalität.
Dagegen versteht man unter Natur, substantive (materialiter), den Inbegriff
der Erscheinungen, sofern diese vermöge eines inneren Prinzips der
Kausalität durchgängig zusammenhängen. Im ersteren Verstande spricht
man von der Natur der flüssigen Materie, des Feuers etc., und bedient sich
dieses Worts adjective; dagegen wenn man von den Dingen der Natur redet,
so hat man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.

Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben
kosmologische Ideen genannt, teils darum, weil unter Welt der Inbegriff
aller Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch nur auf das
Unbedingte unter den Erscheinungen gerichtet sind, teils auch, weil das
Wort Welt, im transzendentalen Verstande, die absolute Totalität des

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Inbegriffs existierender Dinge bedeutet, und wir auf die Vollständigkeit der
Synthesis (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu den Bedingungen) allein
unser Augenmerk richten. In Betracht dessen, daß überdem diese Ideen
insgesamt transzendent sind, und, ob sie zwar das Objekt, nämlich
Erscheinungen, der Art nach nicht überschreiten, sondern es lediglich mit
der Sinnenwelt (nicht mit Noumenis) zu tun haben, dennoch die Synthesis
bis auf einen Grad, der alle mögliche Erfahrung übersteigt, treiben, so kann
man sie insgesamt meiner Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe
nennen. In Ansehung des Unterschiedes des Mathematisch- und des
Dynamischunbedingten, worauf der Regressus abzielt, würde ich doch die
zwei ersteren in engerer Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen und
Kleinen), die zwei übrigen aber transzendente Naturbegriffe nennen. Diese
Unterscheidung ist vorjetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit, sie
kann aber im Fortgange wichtiger werden.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Zweiter Abschnitt
Antithetik der reinen Vernunft

Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe ich
unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegenteils, sondern
den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse, (thesin
cum antithesi), ohne daß man einer vor der anderen einen vorzüglichen
Anspruch auf Beifall beilegt. Die Antithetik beschäftigt sich also gar nicht
mit einseitigen Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse
der Vernunft nur nach dem Widerstreite derselben untereinander und den
Ursachen desselben. Die transzendentale Antithetik ist eine Untersuchung
über die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und das Resultat
derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß, zum Gebrauch der
Verstandesgrundsätze, auf Gegenstände der Erfahrung verwenden, sondern

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jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen, so
entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder
Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder
nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der Natur
der Vernunft Bedingungen seiner Notwendigkeit antrifft, nur daß
unglücklicherweise der Gegensatz ebenso gültige und notwendige Gründe
der Behauptung auf seiner Seite hat.

Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft sich
natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn eigentlich die
reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich unterworfen sei. 2. Auf
welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob und auf welche Art
dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein Weg zur Gewißheit
offen bleibe.

Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses, ihn
von allen sophistischen Sätzen unterscheidendes, an sich haben, daß er
nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser beliebiger
Absicht aufwirft, sondern eine solche, auf die jede menschliche Vernunft in
ihrem Fortgange notwendig stoßen muß; und zweitens, daß er, mit seinem
Gegensatze, nicht bloß einen gekünstelten Schein, der, wenn man ihn
einsieht, sogleich verschwindet, sondern einen natürlichen und
unvermeidlichen Schein bei sich führe, der selbst, wenn man nicht mehr
durch ihn hintergangen wird, noch immer täuscht, obschon nicht betrügt,
und also zwar unschädlich gemacht, aber niemals vertilgt werden kann.

Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die Verstandeseinheit
in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die Vernunfteinheit in bloßen Ideen
beziehen, deren Bedingungen, da sie erstlich, als Synthesis nach Regeln.
dem Verstande, und doch zugleich, als absolute Einheit derselben, der
Vernunft kongruieren soll, wenn sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den

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Verstand zu groß, und, wenn sie dem Verstande angemessen, für die
Vernunft zu klein sein wird; woraus denn ein Widerstreit entspringen muß,
der nicht vermieden werden kann, man mag es anfangen, wie man will.

Diese vernünftelnden Behauptungen eröffnen also einen dialektischen
Kampfplatz, wo jeder Teil die Oberhand behält, der die Erlaubnis hat, den
Angriff zu tun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß verteidigungsweise
zu verfahren genötigt ist. Daher auch rüstige Ritter, sie mögen sich für die
gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher sind, den Siegeskranz davon zu
tragen, wenn sie nur dafür sorgen, daß sie den letzten Angriff zu tun das
Vorrecht haben, und nicht verbunden sind, einen neuen Anfall des Gegners
auszuhalten. Man kann sich leicht vorstellen, daß dieser Tummelplatz von
jeher oft genug betreten worden, daß viele Siege von beiden Seiten
erfochten, für den letzteren aber, der die Sache entschied, jederzeit so
gesorgt worden sei, daß der Verfechter der guten Sache den Platz allein
behielte, dadurch, daß seinem Gegner verboten wurde, fernerhin Waffen in
die Hände zu nehmen. Als unparteiische Kampfrichter müssen wir es ganz
beiseite setzen, ob es die gute oder die schlimme Sache sei, um welche die
Streitenden fechten, und sie ihre Sache erst unter sich ausmachen lassen.
Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet als geschadet haben, sie
die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen und als gute Freunde
auseinander gehen.

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Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder
vielmehr ihn selbst zu veranlassen, nicht, um endlich zum Vorteile des
einen oder des anderen Teils zu entscheiden, sondern, um zu untersuchen,
ob der Gegenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei,
wonach jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts gewinnen kann,
wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde, dieses Verfahren, sage ich,
kann man die skeptische Methode nennen. Sie ist vom Skeptizismus
gänzlich unterschieden, einem Grundsatze einer kunstmäßigen und
szientifischen Unwissenheit, welcher die Grundlagen aller Erkenntnis
untergräbt, um, wo möglich, überall keine Zuverlässigkeit und Sicherheit
derselben übrigzulassen. Denn die skeptische Methode geht auf Gewißheit,
dadurch, daß sie in einem solchen, auf beiden Seiten redlich gemeinten und
mit Verstande geführten Streite, den Punkt des Mißverständnisses zu
entdecken sucht, um, wie weise Gesetzgeber tun, aus der Verlegenheit der
Richter bei Rechtshändeln für sich selbst Belehrung, von dem
Mangelhaften und nicht genau Bestimmten in ihren Gesetzen, zu ziehen.
Die Antinomie, die sich in der Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei
unserer eingeschränkten Weisheit der beste Prüfungsversuch der
Nomothetik, um die Vernunft, die in abstrakter Spekulation ihre Fehltritte
nicht leicht gewahr wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer
Grundsätze aufmerksam zu machen.

Diese skeptische Methode ist aber nur der Transzendentalphilosophie
allein wesentlich eigen, und kann allenfalls in jedem anderen Felde der
Untersuchungen, nur in diesem nicht, entbehrt werden. In der Mathematik
würde ihr Gebrauch ungereimt sein; weil sich in ihr keine falschen
Behauptungen verbergen und unsichtbar machen können, indem die
Beweise jederzeit an dem Faden der reinen Anschauung, und zwar durch
jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen. In der
Experimentalphilosophie kann wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich

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sein, allein es ist doch wenigstens kein Mißverstand möglich, der nicht
leicht gehoben werden könnte, und in der Erfahrung müssen doch endlich
die letzten Mittel der Entscheidung des Zwistes liegen, sie mögen nun früh
oder spät aufgefunden werden. Die Moral kann ihre Grundsätze insgesamt
auch in concreto, zusamt den praktischen Folgen, wenigstens in möglichen
Erfahrungen geben und dadurch den Mißverstand der Abstraktion
vermeiden. Dagegen sind die transzendentalen Behauptungen, welche selbst
über das Feld aller möglichen Erfahrungen hinaus sich erweiternde
Einsichten anmaßen, weder in dem Falle, daß ihre abstrakte Synthesis in
irgendeiner Anschauung a priori könnte gegeben, noch so beschaffen, daß
der Mißverstand vermittelst irgendeiner Erfahrung entdeckt werden könnte.
Die transzendentale Vernunft also verstattet keinen anderen Probierstein, als
den Versuch der Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich selbst, und
mithin zuvor des freien und ungehinderten Wettstreits derselben
untereinander, und diesen wollen wir anjetzt anstellen.*

* Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der oben
angeführten transzendentalen Ideen.

Die Antinomie der reinen Vernunft

Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen

Thesis

Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in
Grenzen eingeschlossen. Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen
im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raumes,
unendlich.

Beweis

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Denn, man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang: so ist
bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen, und mithin
eine unendliche Reihe aufeinander folgender Zustände der Dinge in der
Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer Reihe,
daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann. Also ist
eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang der
Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins; welches zuerst zu beweisen
war.

In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an: so
wird die Welt ein unendliches gegebenes Ganzes von zugleich existierenden
Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quanti, welches nicht
innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,* auf keine
andere Art, als nur durch die Synthesis der Teile, und die Totalität eines
solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis, oder durch wiederholte
Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst, gedenken.** Demnach, um sich die
Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken, müßte die
sukzessive Synthesis der Teile einer unendlichen Welt als vollendet
angesehen, d.i., eine unendliche Zeit müßte, in der Durchzählung aller
koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehen werden; welches
unmöglich ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge,
nicht als ein gegebenes Ganzes, mithin auch nicht als zugleich gegeben,
angesehen werden. Eine Welt ist folglich, der Ausdehnung im Raume nach,
nicht unendlich, sondern in ihren Grenzen eingeschlossen, welches das
zweite war.

* Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen,
wenn es in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch
Messung, d.i. die sukzessive Synthesis seiner Teile, konstruieren zu dürfen.
Denn die Grenzen bestimmen schon die Vollständigkeit, indem sie alles
Mehreres abschneiden.

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** Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts anderes, als die
Vorstellung der vollendeten Synthesis, seiner Teile, weil, da wir nicht von
der Anschauung des Ganzen (als welche in diesem Falle unmöglich ist) den
Begriff abziehen können, wir diesen nur durch die Synthesis der Teile, bis
zur Vollendung des Unendlichen, wenigstens in der Idee fassen können.

Antithesis

Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen im Raume, sondern ist,
sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raumes, unendlich.

Beweis

Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein ist,
wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine Zeit
vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d.i. eine leere Zeit. Nun ist
aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines Dinges möglich; weil
kein Teil einer solchen Zeit vor einem anderen irgendeine unterscheidende
Bedingung des Daseins, vor die des Nichtseins, an sich hat (man mag
annehmen, daß sie von sich selbst, oder durch eine andere Ursache
entstehe). Also kann zwar in der Welt manche Reihe der Dinge anfangen,
die Welt selber aber kann keinen Anfang haben, und ist also in Ansehung
der vergangenen Zeit unendlich.

Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegenteil an, daß
nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist; so befindet sie
sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde also nicht allein
ein Verhältnis der Dinge im Raum, sondern auch der Dinge zum Raume
angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes Ganzes ist, außer
welchem kein Gegenstand der Anschauung, und mithin kein Korrelatum der
Welt, angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältnis stehe, so würde das
Verhältnis der Welt zum leeren Raum ein Verhältnis derselben zu keinem

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Gegenstande sein. Ein dergleichen Verhältnis aber, mithin auch die
Begrenzung der Welt durch den leeren Raum, ist nichts; also ist die Welt,
dem Raume nach, gar nicht begrenzt, d.i. sie ist in Ansehung der
Ausdehnung unendlich.*

* Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale
Anschauung), aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich angeschaut
werden kann. Der Raum, vor allen Dingen, die ihn bestimmen (erfüllen
oder begrenzen), oder die vielmehr eine seiner Form gemäße empirische
Anschauung geben, ist, unter dem Namen des absoluten Raumes, nichts
anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer Erscheinungen, sofern sie
entweder an sich existieren, oder zu gegebenen Erscheinungen noch
hinzukommen können. Die empirische Anschauung ist also nicht
zusammengesetzt aus Erscheinungen und dem Raume (der Wahrnehmung
und der leeren Anschauung). Eines ist nicht des anderen Korrelatum der
Synthesis, sondern nur in einer und derselben empirischen Anschauung
verbunden, als Materie und Form derselben. Will man eines dieser zwei
Stücke außer dem anderen setzen (Raum außerhalb allen Erscheinungen),
so entstehen daraus allerlei leere Bestimmungen der äußeren Anschauung,
die doch nicht mögliche Wahrnehmungen sind. Z.B. Bewegung oder Ruhe
der Welt im unendlichen leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses
beider untereinander, welche niemals wahrgenommen werden kann, und
also auch das Prädikat eines bloßen Gedankendinges ist.

Anmerkung zur ersten Antinomie
I. zur Thesis

Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht
Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advokatenbeweis zu
führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vorteile
bedient, und seine Berufung auf ein mißverstandenes Gesetz gerne gelten

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läßt, um seine eigenen unrechtmäßigen Ansprüche auf die Widerlegung
desselben zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache Natur gezogen
und der Vorteil beiseite gesetzt worden, den uns die Fehlschlüsse der
Dogmatiker von beiden Teilen geben könnten.

Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können,
daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe, nach der
Gewohnheit der Dogmatiker, einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt
hätte. Unendlich ist eine Größe, über die keine größere (d.i. über die darin
enthaltene Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist keine
Menge die größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten hinzugetan
werden können. Also ist eine unendliche gegebene Größe, mithin auch eine
(der verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung nach) unendliche Welt
unmöglich: sie ist also beiderseitig begrenzt. So hätte ich meinen Beweis
führen können: allein dieser Begriff stimmt nicht mit dem, was man unter
einem unendlichen Ganzen versteht. Es wird dadurch nicht vorgestellt, wie
groß es sei, mithin ist sein Begriff auch nicht der Begriff eines Maximum,
sondern es wird dadurch nur sein Verhältnis zu einer beliebig
anzunehmenden Einheit, in Ansehung deren dasselbe größer ist als alle
Zahl, gedacht. Nachdem die Einheit nun größer oder kleiner angenommen
wird, würde das Unendliche größer oder kleiner sein; allein die
Unendlichkeit, da sie bloß in dem Verhältnisse zu dieser gegebenen Einheit
besteht, würde immer dieselbe bleiben, obgleich freilich die absolute Größe
des Ganzen dadurch gar nicht erkannt würde, davon auch hier nicht die
Rede ist.

Der wahre (transzendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die
sukzessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals
vollendet sein kann.* Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit
wirklicher aufeinanderfolgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem

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gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also einen
Anfang haben müsse.

* Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die größer
ist als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des Unendlichen ist.

In Ansehung des zweiten Teils der Thesis fällt die Schwierigkeit, von
einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das
Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich
gegeben. Allein, um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da wir
uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von selbst in
der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe
Rechenschaft geben, der in solchem Falle nicht vom Ganzen zu der
bestimmten Menge der Teile gehen kann, sondern die Möglichkeit eines
Ganzen durch die sukzessive Synthesis der Teile dartun muß. Da diese
Synthesis nun eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müßte; so kann
man sich nicht vor ihr, und mithin auch nicht durch sie, eine Totalität
denken. Denn der Begriff der Totalität selbst ist in diesem Falle die
Vorstellung einer vollendeten Synthesis der Teile, und diese Vollendung,
mithin auch der Begriff derselben, ist unmöglich.

II. Anmerkung zur Antithesis

Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des
Weltinbegriffs beruht darauf: daß im entgegengesetzten Falle eine leere
Zeit, imgleichen ein leerer Raum, die Weltgrenze ausmachen müßte. Nun ist
mir nicht unbekannt, daß wider diese Konsequenz Ausflüchte gesucht
werden, indem man vorgibt: es sei eine Grenze der Welt, der Zeit und dem
Raume nach, ganz wohl möglich, ohne daß man eben eine absolute Zeit vor
der Welt Anfang, oder einen absoluten, außer der wirklichen Welt
ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches unmöglich ist. Ich bin mit
dem letzteren Teile dieser Meinung der Philosophen aus der Leibnitzischen

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Schule ganz wohl zufrieden. Der Raum ist bloß die Form der äußeren
Anschauung, aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich angeschaut
werden kann, und kein Korrelatum der Erscheinungen, sondern die Form
der Erscheinungen selbst. Der Raum also kann absolut (für sich allein) nicht
als etwas Bestimmendes in dem Dasein der Dinge vorkommen, weil er gar
kein Gegenstand ist, sondern nur die Form möglicher Gegenstände. Dinge
also, als Erscheinungen, bestimmen wohl den Raum, d.i. unter allen
möglichen Prädikaten desselben (Größe und Verhältnis) machen sie es, daß
diese oder jene zur Wirklichkeit gehören; aber umgekehrt kann der Raum,
als etwas, welches für sich besteht, die Wirklichkeit der Dinge in Ansehung
der Größe oder Gestalt nicht bestimmen, weil er an sich selbst nichts
Wirkliches ist. Es kann also wohl ein Raum (er sei voll oder leer)* durch
Erscheinungen begrenzt, Erscheinungen aber können nicht durch einen
leeren Raum außer denselben begrenzt werden. Eben dieses gilt auch von
der Zeit. Alles dieses nun zugegeben, so ist gleichwohl unstreitig, daß man
diese zwei Undinge, den leeren Raum außer und die leere Zeit vor der Welt,
durchaus annehmen müsse, wenn man eine Weltgrenze, es sei dem Raume
oder der Zeit nach, annimmt.

* Man bemerkt leicht, daß hierdurch gesagt werden wolle: der leere
Raum, sofern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin derjenige
innerhalb der Welt, widerspreche wenigstens nicht den transzendentalen
Prinzipien, und könne also in Ansehung dieser eingeräumt (obgleich darum
seine Möglichkeit nicht sofort behauptet werden).

Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Konsequenz
auszuweichen sucht, nach welcher wir sagen: daß, wenn die Welt (der Zeit
und dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein
wirklicher Dinge ihrer Größe nach bestimmen müsse, so besteht er
insgeheim nur darin: daß man statt einer Sinnenwelt sich, wer weiß welche,
intelligible Welt gedenkt, und, statt des ersten Anfanges, (ein Dasein, vor

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welchem eine Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich überhaupt ein Dasein
denkt, welches keine andere Bedingung in der Welt voraussetzt, statt der
Grenze der Ausdehnung, Schranken des Weltganzen denkt, und dadurch der
Zeit und dem Raume aus dem Wege geht. Es ist hier aber nur von dem
mundus phaenomenon die Rede, und von dessen Größe, bei dem man von
gedachten Bedingungen der Sinnlichkeit keineswegs abstrahieren kann,
ohne das Wesen desselben aufzuheben. Die Sinnenwelt, wenn sie begrenzt
ist, liegt notwendig in dem unendlichen Leeren. Will man dieses, und
mithin den Raum überhaupt als Bedingung der Möglichkeit der
Erscheinungen a priori weglassen, so fällt die ganze Sinnenwelt weg. In
unserer Aufgabe ist uns diese allein gegeben. Der mundus intelligibilis ist
nichts als der allgemeine Begriff einer Welt überhaupt, in welchem man von
allen Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert, und in Ansehung
dessen folglich gar kein synthetischer Satz, weder bejahend, noch
verneinend möglich ist.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen

Thesis

Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen
Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus
diesem zusammengesetzt ist.

Beweis

Denn, nehmet an, die zusammengesetzten Substanzen beständen nicht
aus einfachen Teilen; so würde wenn alle Zusammensetzung in Gedanken
aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Teil, und (da es keine

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einfachen Teile gibt) auch kein einfacher, mithin gar nichts übrigbleiben,
folglich keine Substanz sein gegeben worden. Entweder also läßt sich
unmöglich alle Zusammensetzung in Gedanken aufheben, oder es muß nach
deren Aufhebung etwas ohne alle Zusammensetzung Bestehendes, d.i. das
Einfache, übrigbleiben. Im ersteren Falle aber würde das
Zusammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen bestehen (weil bei
diesen die Zusammensetzung nur eine zufällige Relation der Substanzen ist,
ohne welche diese, als für sich beharrliche Wesen, bestehen müssen). Da
nun dieser Fall der Voraussetzung widerspricht, so bleibt nur der zweite
übrig: daß nämlich das substantielle Zusammengesetzte in der Welt aus
einfachen Teilen bestehe.

Hieraus folgt unmittelbar, daß die Dinge der Welt insgesamt einfache
Wesen sind, daß die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben
sei, und daß, wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals völlig aus
diesem Zustande der Verbindung setzen und isolieren können, doch die
Vernunft sie als die ersten Subjekte aller Komposition, und mithin, vor
derselben, als einfache Wesen denken müsse.

Antithesis

Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen,
und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.

Beweis

Setzet: ein zusammengesetztes Ding (als Substanz) bestehe aus einfachen
Teilen. Weil alles äußere Verhältnis, mithin auch alle Zusammensetzung aus
Substanzen, nur im Raume möglich ist: so muß, aus so viel Teilen das
Zusammengesetzte besteht, aus ebensoviel Teilen auch der Raum bestehen,
den es einnimmt. Nun besteht der Raum nicht aus einfachen Teilen, sondern
aus Räumen. Also muß jeder Teil des Zusammengesetzten einen Raum

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einnehmen. Die schlechthin ersten Teile aber alles Zusammengesetzten sind
einfach. Also nimmt das Einfache einen Raum ein. Da nun alles Reale, was
einen Raum einnimmt, ein außerhalb einander befindliches Mannigfaltiges
in sich faßt, mithin zusammengesetzt ist, und zwar als ein reales
Zusammengesetztes, nicht aus Akzidenzen, (denn die können nicht ohne
Substanz außereinander sein,) mithin aus Substanzen; so würde das
Einfache ein substantielles Zusammengesetztes sein, welches sich
widerspricht.

Der zweite Satz der Antithesis, daß in der Welt gar nichts Einfaches
existiere, soll hier nur so viel bedeuten, als: Es könne das Dasein des
schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung, weder
äußeren, noch inneren, dargetan werden, und das schlechthin Einfache sei
also eine bloße Idee, deren objektive Realität niemals in irgend einer
möglichen Erfahrung kann dargetan werden, mithin in der Exposition der
Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegenstand. Denn wir wollen
annehmen, es ließe sich für diese transzendentale Idee ein Gegenstand der
Erfahrung finden: so müßte die empirische Anschauung irgendeines
Gegenstandes als eine solche erkannt werden, welche schlechthin kein
Mannigfaltiges außerhalb einander, und zur Einheit verbunden, enthält. Da
nun von dem Nichtbewußtsein eines solchen Mannigfaltigen auf die
gänzliche Unmöglichkeit desselben in irgendeiner Anschauung eines
Objekts, kein Schluß gilt, dieses letztere aber zur absoluten Simplizität
durchaus nötig ist, so folgt, daß diese aus keiner Wahrnehmung, welche sie
auch sei, könne geschlossen werden. Da also etwas als ein schlechthin
einfaches Objekt niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann
gegeben werden, die Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen
Erfahrungen angesehen werden muß: so ist überall in ihr nichts Einfaches
gegeben.

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Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste, der das
Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt, da
hingegen dieser es aus der ganzen Natur wegschafft; daher er auch nicht aus
dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äußeren Anschauung (des
Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältnis desselben zu einer
möglichen Erfahrung überhaupt hat bewiesen werden können.

Anmerkung zur zweiten Antinomie
I. zur Thesis

Wenn ich von einem Ganzen rede, welches notwendig aus einfachen
Teilen besteht, so verstehe ich darunter nur ein substantielles Ganzes als das
eigentliche Kompositum, d.i. die zufällige Einheit des Mannigfaltigen,
welches abgesondert (wenigstens in Gedanken) gegeben, in eine
wechselseitige Verbindung gesetzt wird, und dadurch Eines ausmacht. Den
Raum sollte man eigentlich nicht Kompositium, sondern Totum nennen,
weil die Teile desselben nur im Ganzen und nicht das Ganze durch die Teile
möglich ist. Er würde allenfalls ein compositum ideale, aber nicht reale
heißen können. Doch dieses ist nur Subtilität. Da der Raum kein
Zusammengesetztes aus Substanzen (nicht einmal aus realen Akzidenzen)
ist, so muß, wenn ich alle Zusammensetzung in ihm aufhebe, nichts, auch
nicht einmal der Punkt übrigbleiben; denn dieser ist nur als die Grenze
eines Raumes, (mithin eines Zusammengesetzten) möglich. Raum und Zeit
bestehen also nicht aus einfachen Teilen. Was nur zum Zustande einer
Substanz gehört, ob es gleich eine Größe hat (z.B. die Veränderung), besteht
auch nicht aus dem Einfachen, d.i. ein gewisser Grad der Veränderung
entsteht nicht durch einen Anwachs vieler einfachen Veränderungen. Unser
Schluß vom Zusammengesetzten auf das Einfache gilt nur von für sich
selbst bestehenden Dingen. Akzidenzen aber des Zustandes, bestehen nicht
für sich selbst. Man kann also den Beweis für die Notwendigkeit des
Einfachen, als der Bestandteile alles substantiellen Zusammengesetzten,

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und dadurch überhaupt seine Sache leichtlich verderben, wenn man ihn zu
weit ausdehnt und ihn für alles Zusammengesetzte ohne Unterschied
geltend machen will, wie es wirklich mehrmalen schon geschehen ist.

Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, sofern es notwendig im
Zusammengesetzten gegeben ist, indem dieses darin, als in seine
Bestandteile, aufgelöst werden kann. Die eigentliche Bedeutung des Wortes
Monas (nach Leibnitzens Gebrauch) sollte wohl nur auf das Einfache
gehen, welches unmittelbar als einfache Substanz gegeben ist (z.B. im
Selbstbewußtsein) und nicht als Element des Zusammengesetzten, welches
man besser den Atomus nennen könnte. Und da ich nur in Ansehung des
Zusammengesetzten die einfachen Substanzen, als deren Elemente,
beweisen will, so könnte ich die Antithese der zweiten Antinomie die
transzendentale Atomistik nennen. Weil aber dieses Wort schon vorlängst
zur Bezeichnung einer besonderen Erklärungsart körperlicher
Erscheinungen (molecularum) gebraucht worden, und also empirische
Begriffe voraussetzt, so mag er der dialektische Grundsatz der Monadologie
heißen.

II. Anmerkung zur Antithesis

Wider diesen Satz einer unendlichen Teilung der Materie, dessen
Beweisgrund bloß mathematisch ist, werden von den Monadisten Einwürfe
vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, daß sie die
klarsten mathematischen Beweise nicht für Einsichten in die Beschaffenheit
des Raumes, sofern er in der Tat die formale Bedingung der Möglichkeit
aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie nur als Schlüsse aus
abstrakten aber willkürlichen Begriffen ansehen, die auf wirkliche Dinge
nicht bezogen werden könnten. Gleich als wenn es auch nur möglich wäre,
eine andere Art der Anschauung zu erdenken, als die in der ursprünglichen
Anschauung des Raumes gegeben wird, und die Bestimmungen desselben a

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priori nicht zugleich alles dasjenige beträfen, was dadurch allein möglich
ist, daß es diesen Raum erfüllt. Wenn man ihnen Gehör gibt, so müßte man,
außer dem mathematischen Punkte, der einfach, aber kein Teil, sondern
bloß die Grenze eines Raumes ist, sich noch physische Punkte denken, die
zwar auch einfach sind, aber den Vorzug haben, als Teile des Raumes, durch
ihre bloße Aggregation denselben zu erfüllen. Ohne nun hier die gemeinen
und klaren Widerlegungen dieser Ungereimtheit, die man in Menge antrifft,
zu wiederholen, wie es denn gänzlich umsonst ist, durch bloß diskursive
Begriffe die Evidenz der Mathematik weg vernünfteln zu wollen, so
bemerke ich nur, daß, wenn die Philosophie hier mit der Mathematik
schikaniert, es darum geschehe, weil sie vergißt, daß es in dieser Frage nur
um Erscheinungen und deren Bedingung zu tun sei. Hier ist es aber nicht
genug, zum reinen Verstandesbegriffe des Zusammengesetzten den Begriff
des Einfachen, sondern zur Anschauung des Zusammengesetzten (der
Materie) die Anschauung des Einfachen zu finden, und dieses ist nach
Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin auch bei Gegenständen der Sinne,
gänzlich unmöglich. Es mag also von einem Ganzen aus Substanzen,
welches bloß durch den reinen Verstand gedacht wird, immer gelten, daß
wir vor aller Zusammensetzung desselben das Einfache haben müssen; so
gilt dieses doch nicht vom totum substantiale phaenomenon, welches, als
empirische Anschauung im Raume, die notwendige Eigenschaft bei sich
führt, daß kein Teil desselben einfach ist, darum, weil kein Teil des Raumes
einfach ist. Indessen sind die Monadisten fein genug gewesen, dieser
Schwierigkeit dadurch ausweichen zu wollen, daß sie nicht den Raum als
eine Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände äußerer Anschauung
(Körper), sondern diese, und das dynamische Verhältnis der Substanzen
überhaupt, als die Bedingung der Möglichkeit des Raumes voraussetzen.
Nun haben wir von Körpern nur als Erscheinungen einen Begriff, als solche
aber setzen sie den Raum als die Bedingung der Möglichkeit aller äußeren
Erscheinung notwendig voraus, und die Ausflucht ist also vergeblich, wie

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sie denn auch oben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend ist
abgeschnitten worden. Wären sie Dinge an sich selbst, so würde der Beweis
der Monadisten allerdings gelten.

Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, daß sie
eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen vernünftelnden
die einzige ist, welche sich unternimmt, an einem Gegenstande der
Erfahrung die Wirklichkeit dessen, was wir oben bloß zu transzendentalen
Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplizität der Substanz,
augenscheinlich zu beweisen: nämlich daß der Gegenstand des inneren
Sinnes, das Ich, was da denkt, eine schlechthin einfache Substanz sei. Ohne
mich hierauf jetzt einzulassen, (da es oben ausführlicher erwogen ist,) so
bemerke ich nur: daß wenn etwas bloß als Gegenstand gedacht wird, ohne
irgendeine synthetische Bestimmung seiner Anschauung hinzuzusetzen,
(wie denn dieses durch die ganz nackte Vorstellung: Ich, geschieht,) so
könne freilich nichts Mannigfaltiges und keine Zusammensetzung in einer
solchen Vorstellung wahrgenommen werden. Da überdem die Prädikate,
wodurch ich diesen Gegenstand denke, bloß Anschauungen des inneren
Sinnes sind, so kann darin auch nichts vorkommen, welches ein
Mannigfaltiges außerhalb einander, mithin reale Zusammensetzung
bewiese. Es bringt also nur das Selbstbewußtsein es so mit sich, daß, weil
das Subjekt, welches denkt, zugleich sein eigenes Objekt ist, es sich selber
nicht teilen kann (obgleich die ihm inhärierenden Bestimmungen); denn in
Ansehung seiner selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit.
Nichtsdestoweniger, wenn dieses Subjekt äußerlich, als ein Gegenstand der
Anschauung, betrachtet wird, so würde es doch wohl Zusammensetzung in
der Erscheinung an sich zeigen. So muß es aber jederzeit betrachtet werden,
wenn man wissen will, ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb einander sei,
oder nicht.

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Der Antinomie der reinen Vernunft
Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen

Thesis

Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher
die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Es ist
noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzunehmen
notwendig.

Beweis

Man nehme an, es gebe keine andere Kausalität, als nach Gesetzen der
Natur; so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustand voraus, auf den
es unausbleiblich nach einer Regel folgt. Nun muß aber der vorige Zustand
selbst etwas sein, was geschehen ist (in der Zeit geworden, da es vorher
nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen wäre, seine Folge auch nicht
allererst entstanden, sondern immer gewesen sein würde. Also ist die
Kausalität der Ursache, durch welche etwas geschieht, selbst etwas
Geschehenes, welches nach dem Gesetz der Natur wiederum einen vorigen
Zustand und dessen Kausalität, dieser aber eben so einen noch älteren
voraussetzt usw. Wenn also alles nach bloßen Gesetzen der Natur geschieht,
so gibt es jederzeit nur einen subalternen, niemals aber einen ersten Anfang,
und also überhaupt keine Vollständigkeit der Reihe auf der Seite der
voneinander abstammenden Ursachen. Nun besteht aber eben darin das
Gesetz der Natur: daß ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache nichts
geschehe. Also widerspricht der Satz, als wenn alle Kausalität nur nach
Naturgesetzen möglich sei, sich selbst in seiner unbeschränkten
Allgemeinheit, und diese kann also nicht als die einzige angenommen
werden.

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Diesem nach muß eine Kausalität angenommen werden, durch welche
etwas geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter, durch eine
andere vorhergehende Ursache, nach notwendigen Gesetzen bestimmt sei,
d.i. eine absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen,
die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, mithin transzendentale
Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die Reihenfolge der
Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals vollständig ist.

Antithesis

Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach
Gesetzen der Natur.

Beweis

Setzet: es gehe eine Freiheit im transzendentalen Verstande, als eine
besondere Art von Kausalität, nach welcher die Begebenheiten der Welt
erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin auch eine
Reihe von Folgen desselben, schlechthin anzufangen; so wird nicht allein
eine Reihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung dieser
Spontaneität selbst zur Hervorbringung der Reihe, d.i. die Kausalität, wird
schlechthin anfangen, so daß nichts vorhergeht, wodurch diese geschehende
Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt sei. Es setzt aber ein jeder
Anfang zu handeln einen Zustand der noch nicht handelnden Ursache
voraus, und ein dynamisch erster Anfang der Handlung einen Zustand, der
mit dem vorhergehenden eben derselben Ursache gar keinen
Zusammenhang der Kausalität hat, d.i. auf keine Weise daraus erfolgt. Also
ist die transzendentale Freiheit dem Kausalgesetze entgegen, und eine
solche Verbindung der sukzessiven Zustände wirkender Ursachen, nach
welcher keine Einheit der Erfahrung möglich ist, die also auch in keiner
Erfahrung angetroffen wird, mithin ein leeres Gedankending.

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Wir haben also nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang und
Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. Die Freiheit
(Unabhängigkeit) von den Gesetzen der Natur, ist zwar eine Befreiung vom
Zwange, aber auch vom Leitfaden aller Regeln. Denn man kann nicht
sagen, daß, anstatt der Gesetze der Natur, Gesetze der Freiheit in die
Kausalität des Weltlaufs eintreten, weil, wenn diese nach Gesetzen
bestimmt wäre, sie nicht Freiheit, sondern selbst nichts anderes als Natur
wäre. Natur also und transzendentale Freiheit unterscheiden sich wie
Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit, davon jene zwar den Verstand mit der
Schwierigkeit belästigt, die Abstammung der Begebenheiten in der Reihe
der Ursachen immer höher hinauf zu suchen, weil die Kausalität an ihnen
jederzeit bedingt ist, aber zur Schadloshaltung durchgängige und
gesetzmäßige Einheit der Erfahrung verspricht, dahingegen das Blendwerk
von Freiheit zwar dem forschenden Verstande in der Kette der Ursachen
Ruhe verheißt, indem sie ihn zu einer unbedingten Kausalität führt, die von
selbst zu handeln anhebt, die aber, da sie selbst blind ist, den Leitfaden der
Regeln abreißt, an welchem allein eine durchgängig zusammenhängende
Erfahrung möglich ist.

Anmerkung zur dritten Antinomie
I. zur Thesis

Die transzendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht den
ganzen Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus, welcher
großenteils empirisch ist, sondern nur den der absoluten Spontaneität der
Handlung, als den eigentlichen Grund der Imputabilität derselben; ist aber
dennoch der eigentliche Stein des Anstoßes für die Philosophie, welche
unüberwindliche Schwierigkeiten findet, dergleichen Art von unbedingter
Kausalität einzuräumen. Dasjenige also in der Frage über die Freiheit des
Willens, was die spekulative Vernunft von jeher in so große Verlegenheit
gesetzt hat, ist eigentlich nur transzendental, und geht lediglich darauf, ob

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ein Vermögen angenommen werden müsse, eine Reihe von sukzessiven
Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen. Wie ein solches möglich sei,
ist nicht ebenso notwendig beantworten zu können, da wir uns ebensowohl
bei der Kausalität nach Naturgesetzen damit begnügen müssen, a priori zu
erkennen, daß eine solche vorausgesetzt werden müsse, ob wir gleich die
Möglichkeit, wie durch ein gewisses Dasein das Dasein eines anderen
gesetzt werde, auf keine Weise begreifen, und uns desfalls lediglich an die
Erfahrung halten müssen. Nun haben wir diese Notwendigkeit eines ersten
Anfangs einer Reihe von Erscheinungen aus Freiheit, zwar nur eigentlich
insofern dargetan, als zur Begreiflichkeit eines Ursprungs der Welt
erforderlich ist, indessen daß man alle nachfolgenden Zustände für eine
Abfolge nach bloßen Naturgesetzen nehmen kann. Weil aber dadurch doch
einmal das Vermögen, eine Reihe in der Zeit ganz von selbst anzufangen,
bewiesen (obzwar nicht eingesehen) ist, so ist es uns nunmehr auch erlaubt,
mitten im Laufe der Welt verschiedene Reihen, der Kausalität nach, von
selbst anfangen zu lassen, und den Substanzen derselben ein Vermögen
beizulegen, aus Freiheit zu handeln. Man lasse sich aber hierbei nicht durch
einen Mißverstand aufhalten: daß, da nämlich eine sukzessive Reihe in der
Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann, indem doch immer
ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa kein absolut erster
Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich sei. Denn wir reden
hier nicht vom absolut ersten Anfange der Zeit nach, sondern der Kausalität
nach. Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig frei, und ohne den notwendig
bestimmenden Einfluß der Naturursachen, von meinem Stuhle aufstehe, so
fängt in dieser Begebenheit, samt deren natürlichen Folgen ins Unendliche,
eine neue Reihe schlechthin an, obgleich der Zeit nach diese Begebenheit
nur die Fortsetzung einer vorhergehenden Reihe ist. Denn diese
Entschließung und Tat liegt gar nicht in der Abfolge bloßer
Naturwirkungen, und ist nicht eine bloße Fortsetzung derselben, sondern
die bestimmenden Naturursachen hören oberhalb derselben, in Ansehung

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dieser Ereignis, ganz auf, die zwar auf jene folgt, aber daraus nicht erfolgt,
und daher zwar nicht der Zeit nach, aber doch in Ansehung der Kausalität,
ein schlechthin erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen genannt
werden muß.

Die Bestätigung von der Bedürfnis der Vernunft, in der Reihe der
Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen,
leuchtet daran sehr klar in die Augen: daß (die epikurische Schule
ausgenommen) alle Philosophen des Altertums sich gedrungen sahen, zur
Erklärung der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, d.i. eine
freihandelnde Ursache, welche diese Reihe von Zuständen zuerst und von
selbst anfing. Denn aus bloßer Natur unterfangen sie sich nicht, einen ersten
Anfang begreiflich zu machen.

II. Anmerkung zur Antithesis

Der Verteidiger der Allvermögenheit der Natur (transzendentale
Physiokratie), im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit, würde seinen
Satz, gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren, auf folgende Art
behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit nach in der Welt
annehmt, so habt ihr auch nicht nötig, ein dynamisch Erstes der Kausalität
nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen schlechthin ersten Zustand
der Welt, und mithin einen absoluten Anfang der nach und nach
ablaufenden Reihe der Erscheinungen, zu erdenken, und, damit ihr eurer
Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der unumschränkten Natur
Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt jederzeit gewesen sind,
wenigstens die Einheit der Erfahrung eine solche Voraussetzung notwendig
macht, so hat es keine Schwierigkeit, auch anzunehmen, daß der Wechsel
ihrer Zustände, d.i. eine Reihe ihrer Veränderungen, jederzeit gewesen sei,
und mithin kein erster Anfang, weder mathematisch, noch dynamisch,
gesucht werden dürfe. Die Möglichkeit einer solchen unendlichen

Page 371

Abstammung, ohne ein erstes Glied, in Ansehung dessen alles übrige bloß
nachfolgend ist, läßt sich, seiner Möglichkeit nach, nicht begreiflich
machen. Aber wenn ihr diese Naturrätsel darum wegwerfen wollt, so werdet
ihr euch genötigt sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten zu
verwerfen, (Grundkräfte) die ihr ebensowenig begreifen könnt, und selbst
die Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muß euch anstößig werden.
Denn, wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, daß sie wirklich ist, so würdet
ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche unaufhörliche Folge
von Sein und Nichtsein möglich sei.

Wenn auch indessen allenfalls ein transzendentales Vermögen der
Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so
würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
müssen, (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb dem
Inbegriffe aller möglichen Anschauungen, noch einen Gegenstand
anzunehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden
kann). Allein, in der Welt selbst, den Substanzen ein solches Vermögen
beizumessen, kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der
Zusammenhang nach allgemeinen Gesetzen sich einander notwendig
bestimmender Erscheinungen, den man Natur nennt, und mit ihm das
Merkmal empirischer Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum
unterscheidet, größtenteils verschwinden würde. Denn es läßt sich neben
einem solchen gesetzlosen Vermögen der Freiheit, kaum mehr Natur
denken; weil die Gesetze der letzteren durch die Einflüsse der ersteren
unaufhörlich abgeändert, und das Spiel der Erscheinungen, welches nach
der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig sein würde, dadurch verwirrt
und unzusammenhängend gemacht wird.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen

Page 372

Thesis

Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil, oder ihre
Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist.

Beweis

Die Sinnenwelt, als das Ganze aller Erscheinungen, enthält zugleich eine
Reihe von Veränderungen. Denn, ohne diese, würde selbst die Vorstellung
der Zeitreihe, als einer Bedingung der Möglichkeit der Sinnenwelt, uns
nicht gegeben sein*. Eine jede Veränderung aber steht unter ihrer
Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher sie notwendig
ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in Ansehung seiner
Existenz, eine vollständige Reihe von Bedingungen bis zum
Schlechthinunbedingten voraus, welches allein absolutnotwendig ist. Also
muß etwas Absolutnotwendiges existieren, wenn eine Veränderung als seine
Folge existiert. Dieses Notwendige aber gehört selber zur Sinnenwelt. Denn
setzet, es sei außer derselben, so würde von ihm die Reihe der
Weltveränderungen ihren Anfang ableiten, ohne daß doch diese notwendige
Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun ist dieses unmöglich. Denn, da
der Anfang einer Zeitreihe nur durch dasjenige, was der Zeit nach
vorhergeht, bestimmt werden kann: so muß die oberste Bedingung des
Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der Zeit existieren, da diese
noch nicht war, (denn der Anfang ist ein Dasein, vor welchem eine Zeit
vorhergeht, darin das Ding, welches anfängt, noch nicht war). Also gehört
die Kausalität der notwendigen Ursache der Veränderungen, mithin auch die
Ursache selbst, zu der Zeit, mithin zur Erscheinung (an welcher die Zeit
allein als deren Form möglich ist), folglich kann sie von der Sinnenwelt, als
dem Inbegriff aller Erscheinungen, nicht abgesondert gedacht werden. Also
ist in der Welt selbst etwas Schlechthinnotwendiges enthalten (es mag nun
dieses die ganze Weltreihe selbst, oder ein Teil derselben sein).

Page 373

* Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der
Veränderungen vor dieser objektiv vorher, allein subjektiv, und in der
Wirklichkeit des Bewußtseins, ist, diese Vorstellung doch nur, so wie jede
andere, durch Veranlassung der Wahrnehmungen gegeben.

Antithesis

Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der
Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache.

Beweis

Setzet: die Welt selber, oder in ihr, sei ein notwendiges Wesen, so würde
in der Reihe ihrer Veränderungen, entweder ein Anfang sein, der
unbedingtnotwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dynamischen
Gesetze der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet; oder
die Reihe selbst wäre ohne allen Anfang, und, obgleich in allen ihren Teilen
zufällig und bedingt, im Ganzen dennoch schlechthinnotwendig und
unbedingt, welches sich selbst widerspricht, weil das Dasein einer Menge
nicht notwendig sein kann, wenn kein einziger Teil derselben ein an sich
notwendiges Dasein besitzt.

Setzet dagegen: es gebe eine schlechthin notwendige Weltursache außer
der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe der Ursachen
der Weltveränderungen, das Dasein der letzteren und ihre Reihe zuerst
anfangen*. Nun müßte sie aber alsdann auch anfangen zu handeln, und ihre
Kausalität würde in die Zeit, eben darum aber in den Inbegriff der
Erscheinungen, d.i. in die Welt gehören, folglich sie selbst, die Ursache,
nicht außer der Welt sein, welches der Voraussetzung widerspricht. Also ist
weder in der Welt, noch außer derselben (aber mit ihr in Kausalverbindung)
irgendein schlechthinnotwendiges Wesen.

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* Das Wort: Anfangen, wird in zwiefacher Bedeutung genommen. Die
erste ist aktiv, da die Ursache eine Reihe von Zuständen als ihre Wirkung
anfängt (infit.). Die zweite passiv, da die Kausalität in der Ursache selbst
anhebt (fit.). Ich schließe hier aus der ersteren auf die letzte.

Anmerkung zur vierten Antinomie
I. zur Thesis

Um das Dasein eines notwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir hier ob,
kein anderes als kosmologisches Argument zu brauchen, welches nämlich
von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im Begriffe
aufsteigt, indem man dieses als die notwendige Bedingung der absoluten
Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis, aus der bloßen Idee eines obersten
aller Wesen überhaupt, zu versuchen, gehört zu einem anderen Prinzip der
Vernunft, und ein solcher wird daher besonders vorkommen müssen.

Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines notwendigen
Wesens nicht anders dartun, als daß er es zugleich unausgemacht lasse, ob
dasselbe die Welt selbst, oder ein von ihr unterschiedenes Ding sei. Denn,
um das letztere auszumitteln, dazu werden Grundsätze erfordert, die nicht
mehr kosmologisch sind, und nicht in der Reihe der Erscheinungen
fortgehen, sondern Begriffe von zufälligen Wesen überhaupt, (sofern sie
bloß als Gegenstände des Verstandes erwogen werden,) und ein Prinzip,
solche mit einem notwendigen Wesen, durch bloße Begriffe, zu verknüpfen,
welches alles für eine transzendente Philosophie gehört, für welche hier
noch nicht der Platz ist.

Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt, indem man
die Reihe von Erscheinungen, und den Regressus in derselben nach
empirischen Gesetzen der Kausalität, zum Grunde legt: so kann man
nachher davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht in
die Reihe als ein Glied gehört. Denn in eben derselben Bedeutung muß

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etwas als Bedingung angesehen werden, in welcher die Relation des
Bedingten zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde, die auf
diese höchste Bedingung in kontinuirlichem Fortschritte führen sollte. Ist
nun dieses Verhältnis sinnlich und gehört zum möglichen empirischen
Verstandesgebrauch, so kann die oberste Bedingung oder Ursache nur nach
Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin nur als zur Zeitreihe gehörig den
Regressus beschließen, und das notwendige Wesen muß als das oberste
Glied der Weltreihe angesehen werden.

Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen
Absprung (metabasis eis allo genos) zu tun. Man schloß nämlich aus den
Veränderungen in der Welt auf die empirische Zufälligkeit, d.i. die
Abhängigkeit derselben von empirisch bestimmenden Ursachen, und bekam
eine aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch ganz recht
war. Da man aber hierin keinen ersten Anfang und kein oberstes Glied
finden konnte, so ging man plötzlich vom empirischen Begriff der
Zufälligkeit ab und nahm die reine Kategorie, welche alsdann eine bloß
intelligible Reihe veranlaßte, deren Vollständigkeit auf dem Dasein einer
schlechthin notwendigen Ursache beruhte, die nunmehr, da sie an keine
sinnliche Bedingungen gebunden war, auch von der Zeitbedingung, ihre
Kausalität selbst anzufangen, befreit wurde. Dieses Verfahren ist aber ganz
widerrechtlich, wie man aus folgendem schließen kann.

Zufällig, im reinen Sinne der Kategorie, ist das, dessen
kontradiktorisches Gegenteil möglich ist. Nun kann man aus der
empirischen Zufälligkeit auf jene intelligible gar nicht schließen. Was
verändert wird, dessen Gegenteil (seines Zustandes) ist zu einer anderen
Zeit wirklich, mithin auch möglich; mithin ist dieses nicht das
kontradiktorische Gegenteil des vorigen Zustandes, wozu erfordert wird,
daß in derselben Zeit, da der vorige Zustand war, an der Stelle desselben
sein Gegenteil hätte sein können, welches aus der Veränderung gar nicht

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geschlossen werden kann. Ein Körper, der in Bewegung war = A, kommt in
Ruhe = non A. Daraus nun, daß ein entgegengesetzter Zustand vom
Zustande A auf diesen folgt, kann gar nicht geschlossen werden, daß das
kontradiktorische Gegenteil von A möglich, mithin A zufällig sei; denn dazu
würde erfordert werden, daß in derselben Zeit, da die Bewegung war,
anstatt derselben die Ruhe habe sein können. Nun wissen wir nichts weiter,
als daß die Ruhe in der folgenden Zeit wirklich, mithin auch möglich war.
Bewegung aber zu einer Zeit, und Ruhe zu einer anderen Zeit, sind einander
nicht kontradiktorisch entgegengesetzt. Also beweist die Sukzession
entgegengesetzter Bestimmungen, d.i. die Veränderung, keineswegs die
Zufälligkeit nach Begriffen des reinen Verstandes, und kann also auch nicht
auf das Dasein eines notwendigen Wesens, nach reinen Verstandesbegriffen,
führen. Die Veränderung beweist nur die empirische Zufälligkeit, d.i. daß
der neue Zustand für sich selbst, ohne eine Ursache, die zur vorigen Zeit
gehört, gar nicht hätte stattfinden können, zufolge dem Gesetze der
Kausalität. Diese Ursache, und wenn sie auch als schlechthin notwendig
angenommen wird, muß auf diese Art doch in der Zeit angetroffen werden,
und zur Reihe der Erscheinungen gehören.

II. Anmerkung zur Antithesis

Wenn man, beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen, wider das
Dasein einer schlechthin notwendigen obersten Ursache, Schwierigkeiten
anzutreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf bloße Begriffe
vom notwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen, und mithin nicht
ontologisch sein, sondern sich aus der Kausalverbindung mit einer Reihe
von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung anzunehmen, die
selbst unbedingt ist, hervorfinden, folglich kosmologisch und nach
empirischen Gesetzen gefolgert sein. Es muß sich nämlich zeigen, daß das
Aufsteigen in der Reihe der Ursachen (in der Sinnenwelt) niemals bei einer
empirisch unbedingten Bedingung endigen könne, und daß das

Page 377

kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der Weltzustände, laut ihrer
Veränderungen, wider die Annehmung einer ersten und die Reihe
schlechthin zuerst anhebenden Ursache ausfalle.

Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Kontrast: daß
nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das
Dasein eines Urwesens geschlossen wurde, in der Antithesis das Nichtsein
desselben, und zwar mit derselben Schärfe. geschlossen wird. Erst hieß es:
es ist ein notwendiges Wesen, weil die ganze vergangene Zeit die Reihe
aller Bedingungen und hiermit also auch das Unbedingte (Notwendige) in
sich faßt. Nun heißt es: es ist kein notwendiges Wesen, eben darum, weil
die ganze verflossene Zeit die Reihe aller Bedingungen (die mithin
insgesamt wiederum bedingt sind) in sich faßt. Die Ursache hiervon ist
diese. Das erste Argument sieht nur auf die absolute Totalität der Reihe der
Bedingungen, deren eine die andere in der Zeit bestimmt, und bekommt
dadurch ein Unbedingtes und Notwendiges. Das zweite zieht dagegen die
Zufälligkeit alles dessen, was in der Zeitreihe bestimmt ist, in Betrachtung,
(weil vor jedem eine Zeit vorhergeht, darin die Bedingung selbst wiederum
als bedingt bestimmt sein muß,) wodurch denn alles Unbedingte, und alle
absolute Notwendigkeit, gänzlich wegfällt. Indessen ist die Schlußart in
beiden, selbst der gemeinen Menschenvernunft ganz angemessen, welche
mehrmalen in den Fall gerät, sich mit sich selbst zu entzweien, nachdem sie
ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen Standpunkten erwägt. Herr von
Mairan hielt den Streit zweier berühmter Astronomen, der aus einer
ähnlichen Schwierigkeit über die Wahl des Standpunktes entsprang, für ein
genugsam merkwürdiges Phänomen, um darüber eine besondere
Abhandlung abzufassen. Der eine schloß nämlich so: der Mond dreht sich
um seine Achse, darum, weil er der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt;
der andere: der Mond dreht sich nicht um seine Achse, eben darum, weil er
der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt. Beide Schlüsse waren richtig; je

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nachdem man den Standpunkt nahm, aus dem man die Mondbewegung
beobachten wollte.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Dritter Abschnitt
Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite

Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen
Ideen, die es gar nicht verstatten, daß ihnen ein kongruierender Gegenstand
in irgendeiner möglichen Erfahrung gegeben werde, ja nicht einmal, daß die
Vernunft sie einstimmig mit allgemeinen Erfahrungsgesetzen denke, die
gleichwohl doch nicht willkürlich erdacht sind, sondern auf welche die
Vernunft im kontinuierlichen Fortgange der empirischen Synthesis
notwendig geführt wird, wenn sie das, was nach Regeln der Erfahrung
jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann, von aller Bedingung befreien
und in seiner unbedingten Totalität fassen will. Diese vernünftelnden
Behauptungen sind so viele Versuche, vier natürliche und unvermeidliche
Probleme der Vernunft aufzulösen, deren es also nur gerade so viel, nicht
mehr, auch nicht weniger, geben kann, weil es nicht mehr Reihen
synthetischer Voraussetzungen gibt, welche die empirische Synthesis a
priori begrenzen.

Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiet über alle Grenzen
der Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln, welche
bloß den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgestellt, und, wie
es einer Transzendentalphilosophie geziemt, diese von allem Empirischen
entkleidet, obgleich die ganze Pracht der Vernunftbehauptungen nur in
Verbindung mit demselben hervorleuchten kann. In dieser Anwendung aber,
und der fortschreitenden Erweiterung des Vernunftgebrauchs, indem sie von
dem Felde der Erfahrungen anhebt, und sich bis zu diesen erhabenen Ideen

Page 379

allmählich hinaufschwingt, zeigt die Philosophie eine Würde, welche, wenn
sie ihre Anmaßungen nur behaupten könnte, den Wert aller anderen
menschlichen Wissenschaft weit unter sich lassen würde, indem sie die
Grundlage zu unseren größesten Erwartungen und Aussichten auf die
letzten Zwecke, in welchen alle Vernunftbemühungen sich endlich
vereinigen müssen, verheißt. Die Fragen: ob die Welt einen Anfang und
irgendeine Grenze ihrer Ausdehnung im Raume habe, ob es irgendwo und
vielleicht in meinem denkenden Selbst eine unteilbare und unzerstörliche
Einheit, oder nichts als das Teilbare und Vergängliche gebe, ob ich in
meinen Handlungen frei, oder, wie andere Wesen, an dem Faden der Natur
und des Schicksals geleitet sei, ob es endlich eine oberste Weltursache gebe,
oder die Naturdinge und deren Ordnung den letzten Gegenstand
ausmachen, bei dem wir in allen unseren Betrachtungen stehenbleiben
müssen: das sind Fragen, um deren Auflösung der Mathematiker gerne
seine ganze Wissenschaft dahingäbe; denn diese kann ihm doch in
Ansehung der höchsten und angelegentsten Zwecke der Menschheit keine
Befriedigung verschaffen. Selbst die eigentliche Würde der Mathematik
(dieses Stolzes der menschlichen Vernunft) beruht darauf, daß, da sie der
Vernunft die Leitung gibt, die Natur im Großen sowohl als im Kleinen in
ihrer Ordnung und Regelmäßigkeit, imgleichen in der
bewunderungswürdigen Einheit der sie bewegenden Kräfte, weit über alle
Erwartung der auf gemeine Erfahrung bauenden Philosophie einzusehen,
sie dadurch selbst zu dem über alle Erfahrung erweiterten Gebrauch der
Vernunft, Anlaß und Aufmunterung gibt, imgleichen die damit beschäftigte
Weltweisheit mit den vortrefflichsten Materialien versorgt, ihre
Nachforschung, so viel deren Beschaffenheit es erlaubt, durch angemessene
Anschauungen zu unterstützen.

Unglücklicherweise für die Spekulation (vielleicht aber zum Glück für
die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft, mitten
unter ihren größesten Erwartungen, in einem Gedränge von Gründen und

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Gegengründen so befangen, daß, da es sowohl ihrer Ehre, als auch sogar
ihrer Sicherheit wegen nicht tunlich ist, sich zurückzuziehen, und diesem
Zwist als einem bloßen Spielgefechte gleichgültig zuzusehen, noch weniger
schlechthin Friede zu gebieten, weil der Gegenstand des Streits sehr
interessiert, ihr nichts weiter übrigbleibt, als über den Ursprung dieser
Veruneinigung der Vernunft mit sich selbst nachzusinnen, ob nicht etwa ein
bloßer Mißverstand daran schuld sei, nach dessen Erörterung zwar
beiderseits stolze Ansprüche vielleicht wegfallen, aber dafür ein dauerhaft
ruhiges Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen Anfang
nehmen würde.

Wir wollen vorjetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen,
und zuvor in Erwägung ziehen: auf welche Seite wir uns wohl am liebsten
schlagen möchten, wenn wir etwa genötigt würden, Partei zu nehmen. Da
wir in diesem Falle, nicht den logischen Probierstein der Wahrheit, sondern
bloß unser Interesse befragen, so wird eine solche Untersuchung, ob sie
gleich in Ansehung des streitigen Rechts beider Teile nichts ausmacht,
dennoch den Nutzen haben, es begreiflich zu machen, warum die
Teilnehmer an diesem Streite sich lieber auf die eine Seite, als auf die
andere geschlagen haben, ohne daß eben eine vorzügliche Einsicht des
Gegenstandes daran Ursache gewesen, angleichen noch andere Nebendinge
zu erklären, z.B. die zelotische Hitze des einen und die kalte Behauptung
des anderen Teils, warum sie gerne der einen Partei freudigen Beifall
zujauchzen, und wider die andere zum voraus, unversöhnlich eingenommen
sind.

Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurteilung den
Gesichtspunkt bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit
angestellt werden kann, und dieses ist die Vergleichung der Prinzipien, von
denen beide Teile ausgehen. Man bemerkt unter den Behauptungen der
Antithesis, eine vollkommene Gleichförmigkeit der Denkungsart und

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völlige Einheit der Maxime, nämlich ein Prinzipium des reinen
Empirismus, nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in der Welt,
sondern auch in Auflösung der transzendentalen Ideen, vom Weltall selbst.
Dagegen legen die Behauptungen der Thesis, außer der empirischen
Erklärungsart innerhalb der Reihe der Erscheinungen, noch intellektuelle
Anfänge zum Grunde, und die Maxime ist sofern nicht einfach. Ich will sie
aber, von ihrem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal, den Dogmatism
der reinen Vernunft nennen.

Auf der Seite also des Dogmatismus, in Bestimmung der kosmologischen
Vernunftideen, oder der Thesis, zeigt sich

Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder Wohlgesinnter,
wenn er sich auf seinen wahren Vorteil versteht, herzlich teilnimmt. Daß die
Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfacher und daher
unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen willkürlichen
Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und daß endlich die
ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen, von einem Urwesen
abstamme, von welchem alles seine Einheit und zweckmäßige Verknüpfung
entlehnt, das sind so viel Grundsteine der Moral und Religion. Die
Antithesis raubt uns alle diese Stützen, oder scheint wenigstens sie uns zu
rauben.

Zweitens äußert sich auch ein spekulatives Interesse der Vernunft auf
dieser Seite. Denn, wenn man die transzendentalen Ideen auf solche Art
annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die ganze Kette der
Bedingungen fassen, und die Ableitung des Bedingten begreifen, indem
man vom Unbedingten anfängt, welches die Antithesis nicht leistet, die
dadurch sich sehr übel empfiehlt, daß sie auf die Frage, wegen der
Bedingungen ihrer Synthesis, keine Antwort geben kann, die nicht ohne
Ende immer weiter zu fragen übrig ließe. Nach ihr muß man von einem

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gegebenen Anfange zu einem noch höheren aufsteigen, jeder Teil führt auf
einen noch kleineren Teil, jede Begebenheit hat immer noch eine andere
Begebenheit als Ursache über sich, und die Bedingungen des Daseins
überhaupt stützen sich immer wiederum auf andere, ohne jemals in einem
selbständigen Dinge als Urwesen unbedingte Haltung und Stütze zu
bekommen.

Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der gewiß nicht
den kleinsten Teil seiner Empfehlung ausmacht. Der gemeine Verstand
findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis nicht die
mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt ist, zu den Folgen
abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen, und hat in den
Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er nicht grübelt) eine
Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um die Leitschnur seiner
Schritte daran zu knüpfen, da er hingegen an dem rastlosen Aufsteigen vom
Bedingten zur Bedingung, jederzeit mit einem Fuße in der Luft, gar keinen
Wohlgefallen finden kann.

Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen Ideen,
oder der Antithesis, findet sich erstlich kein solches praktisches Interesse
aus reinen Prinzipien der Vernunft, als Moral und Religion bei sich führen.
Vielmehr scheint der bloße Empirism beiden alle Kraft und Einfluß zu
benehmen. Wenn es kein von der Welt unterschiedenes Urwesen gibt, wenn
die Welt ohne Anfang und also auch ohne Urheber, unser Wille nicht frei
und die Seele von gleicher Teilbarkeit und Verweslichkeit mit der Materie
ist, so verlieren auch die moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit,
und fallen mit den transzendentalen Ideen, welche ihre theoretische Stütze
ausmachten.

Dagegen bietet aber der Empirism dem spekulativen Interesse der
Vernunft Vorteile an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit

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übertreffen, die der dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen
mag. Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigentümlichen
Boden, nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren
Gesetzen er nachspüren, und vermittelst derselben er seine sichere und
faßliche Erkenntnis ohne Ende erweitern kann. Hier kann und soll er den
Gegenstand, sowohl an sich selbst, als in seinen Verhältnissen, der
Anschauung darstellen, oder doch in Begriffen, deren Bild in gegebenen
ähnlichen Anschauungen klar und deutlich vorgelegt werden kann. Nicht
allein, daß er nicht nötig hat, diese Kette der Naturordnung zu verlassen, um
sich an Ideen zu hängen, deren Gegenstände er nicht kennt, weil sie als
Gedankendinge niemals gegeben werden können; sondern es ist ihm nicht
einmal erlaubt, sein Geschäft zu verlassen, und unter dem Vorwande, es sei
nunmehr zu Ende gebracht, in das Gebiet der idealisierenden Vernunft und
zu transzendenten Begriffe überzugehen, wo er nicht weiter nötig hat zu
beobachten und den Naturgesetzen gemäß zu forschen, sondern nur zu
denken und zu dichten, sicher, daß er nicht durch Tatsachen der Natur
widerlegt werden könne, weil er an ihr Zeugnis eben nicht gebunden ist,
sondern sie vorbeigehen, oder sie sogar selbst einem höheren Ansehen,
nämlich dem der reinen Vernunft, unterordnen darf.

Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgendeine Epoche der
Natur für die schlechthin erste anzunehmen, oder irgendeine Grenze seiner
Aussicht in den Umfang derselben als die äußerste anzusehen, oder von den
Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und Mathematik
auflösen und in der Anschauung synthetisch bestimmen kann, (dem
Ausgedehnten,) zu denen überzugehen, die weder Sinn, noch
Einbildungskraft jemals in concreto darstellen kann (dem Einfachen); noch
einräumen, daß man selbst in der Natur ein Vermögen, unabhängig von
Gesetzen der Natur zu wirken, (Freiheit,) zum Grunde lege, und dadurch
dem Verstande sein Geschäft schmälere, an dem Leitfaden notwendiger
Regeln dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren; noch endlich

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zugeben, daß man irgend wozu die Ursache außerhalb der Natur suche,
(Urwesen,) weil wir nichts weiter, als diese kennen, indem sie es allein ist,
welche uns Gegenstände darbietet, und von ihren Gesetzen unterrichten
kann.

Zwar, wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere
Absicht hat, als, den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre
Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht
und Wissen groß tut, da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören, und
das, was man in Ansehung des praktischen Interesse gelten läßt, für eine
Beförderung des spekulativen Interesse ausgeben will, um, wo es ihrer
Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer Untersuchungen
abzureißen, und mit einem Vorgeben von Erweiterung der Erkenntnis, ihn
an transzendentale Ideen zu knüpfen, durch die man eigentlich nur erkennt,
daß man nichts wisse; wenn, sage ich, der Empirist sich hiermit begnügte,
so würde sein Grundsatz eine Maxime der Mäßigung in Ansprüchen, der
Bescheidenheit in Behauptungen und zugleich der größest möglichen
Erweiterung unseres Verstandes, durch den eigentlich uns vorgesetzten
Lehrer, nämlich die Erfahrung, sein. Denn, in solchem Falle, würden uns
intellektuelle Voraussetzungen und Glaube, zum Behuf unserer praktischen
Angelegenheit, nicht genommen werden; nur könnte man sie nicht unter
dem Titel und dem Pompe von Wissenschaft und Vernunfteinsicht auftreten
lassen, weil das eigentliche spekulative Wissen überall keinen anderen
Gegenstand, als den der Erfahrung treffen kann, und, wenn man ihre Grenze
überschreitet, die Synthesis, welche neue und von jener unabhängige
Erkenntnisse versucht, kein Substratum der Anschauung hat, an welchem
sie ausgeübt werden könnte.

So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es
mehrenteils geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint,
was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt er selbst

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in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier um desto tadelbarer ist, weil
dadurch dem praktischen Interesse der Vernunft ein unersetzlicher Nachteil
verursacht wird.

Dies ist der Gegensatz des Epikureisms* gegen den Platonisms.

* Es ist indessen noch die Frage, ob Epikur diese Grundsätze als
objektive Behauptungen jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter
nichts als Maximen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft waren, so
zeigte er daran einen echteren philosophischen Geist, als irgendeiner der
Weltweisen des Altertums. Daß man in Erklärung der Erscheinungen so zu
Werke gehen müsse, als ob das Feld der Untersuchung durch keine Grenze
oder Anfang der Welt abgeschnitten sei; den Stoff der Welt so annehmen,
wie er sein muß, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt werden wollen;
daß keine andere Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie durch
unveränderliche Naturgesetze bestimmt werden, und endlich keine von der
Welt unterschiedene Ursache müsse gebraucht werden; sind noch jetzt sehr
richtige, aber wenig beobachtete Grundsätze, die spekulative Philosophie zu
erweitern, so wie auch die Prinzipien der Moral, unabhängig von fremden
Hilfsquellen auszufinden, ohne daß darum derjenige, welcher verlangt, jene
dogmatischen Sätze, so lange als wir mit der bloßen Spekulation beschäftigt
sind, zu ignorieren, darum beschuldigt werden darf, er wolle sie leugnen.

Ein jeder von beiden sagt mehr, als er weiß, doch so, daß der erstere das
Wissen, obzwar zum Nachteile des Praktischen, aufmuntert und befördert,
der zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Prinzipien an die Hand gibt,
aber eben dadurch in Ansehung alles dessen, worin uns allein ein
spekulatives Wissen vergönnt ist, der Vernunft erlaubt, idealischen
Erklärungen der Naturerscheinungen nachzuhängen und darüber die
physische Nachforschung zu verabsäumen.

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Was endlich das dritte Moment, worauf bei der vorläufigen Wahl
zwischen beiden strittigen Teilen gesehen werden kann, anlangt: so ist es
überaus befremdlich, daß der Empirismus aller Popularität gänzlich zuwider
ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand werde einen
Entwurf begierig aufnehmen, der ihn durch nichts als
Erfahrungserkenntnisse und deren vernunftmäßigen Zusammenhang zu
befriedigen verspricht, anstatt daß die transzendentale Dogmatik ihn nötigt,
zu Begriffen hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das
Vernunftvermögen der im Denken geübtesten Köpfe weit übersteigen. Aber
eben dieses ist sein Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in
einem Zustande, in welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts
herausnehmen kann. Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann
sich doch auch niemand rühmen, viel mehr davon zu verstehen, und, ob er
gleich hierüber nicht so schulgerecht als andere sprechen kann, so kann er
doch darüber unendlich mehr vernünfteln, weil er unter lauter Ideen
herumwandelt, über die man eben darum am beredtsten ist, weil man davon
nichts weiß; anstatt, daß er über der Nachforschung der Natur ganz
verstummen und seine Unwissenheit gestehen müßte. Gemächlichkeit und
Eitelkeit also sind schon eine starke Empfehlung dieser Grundsätze.
Überdem, ob es gleich einem Philosophen sehr schwer wird, etwas als
Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb sich selbst Rechenschaft geben zu
können, oder gar Begriffe, deren objektive Realität nicht eingesehen werden
kann, einzuführen: so ist doch dem gemeinen Verstande nichts
gewöhnlicher. Er will etwas haben, womit er zuversichtlich anfangen
könne. Die Schwierigkeit, eine solche Voraussetzung selbst zu begreifen,
beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm, (der nicht weiß, was Begreifen heißt,)
niemals in den Sinn kommt, und er hält das für bekannt, was ihm durch
öfteren Gebrauch geläufig ist. Zuletzt aber verschwindet alles spekulative
Interesse bei ihm vor dem Praktischen, und er bildet sich ein, das
einzusehen und zu wissen, was anzunehmen, oder zu glauben, ihn seine

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Besorgnisse oder Hoffnungen antreiben. So ist der Empirismus der
transzendental-idealisierenden Vernunft aller Popularität gänzlich beraubt,
und, so viel Nachteiliges wider die obersten praktischen Grundsätze sie
auch enthalten mag, so ist doch gar nicht zu besorgen, daß sie die Grenzen
der Schule jemals überschreiten und im gemeinen Wesen ein nur
einigermaßen beträchtliches Ansehen und einige Gunst bei der großen
Menge erwerben werde.

Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d.i. sie
betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System, und
verstattet daher auch nur solche Prinzipien, die eine vorhabende Erkenntnis
wenigstens nicht unfähig machen, in irgendeinem System mit anderen
zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis sind aber von der Art, daß sie
die Vollendung eines Gebäudes von Erkenntnissen gänzlich unmöglich
machen. Nach ihnen gibt es über einen Zustand der Welt immer einen noch
älteren, in jedem Teile immer noch andere, wiederum teilbare, vor jeder
Begebenheit eine andere, die wiederum ebensowohl anderweitig erzeugt
war, und im Dasein überhaupt alles immer nur bedingt, ohne irgendein
unbedingtes und erstes Dasein anzuerkennen. Da also die Antithesis nirgend
ein Erstes einräumt, und keinen Anfang, der schlechthin zum Grunde des
Baues dienen könnte, so ist ein vollständiges Gebäude der Erkenntnis, bei
dergleichen Voraussetzungen, gänzlich unmöglich. Daher führt das
architektonische Interesse der Vernunft (welches nicht empirische, sondern
reine Vernunfteinheit a priori fordert,) eine natürliche Empfehlung für die
Behauptungen der Thesis bei sich.

Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen, und die
Behauptungen der Vernunft, gleichgültig gegen alle Folgen, bloß nach dem
Gehalte ihrer Gründe in Betrachtung ziehen: so würde ein solcher, gesetzt,
daß er keinen Ausweg wüßte, anders aus dem Gedränge zu kommen, als
daß er sich zu einer oder anderen der strittigen Lehren bekennte, in einem

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unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute würde es ihm
überzeugend vorkommen, der menschliche Wille sei frei; morgen, wenn er
die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge, würde er dafür halten, die
Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung, und alles sei bloß Natur. Wenn es
nun aber zum Tun und Handeln käme, so würde dieses Spiel der bloß
spekulativen Vernunft, wie Schattenbilder eines Traums, verschwinden, und
er würde seine Prinzipien bloß nach dem praktischen Interesse wählen. Weil
es aber doch einem nachdenkenden und forschenden Wesen anständig ist,
gewisse Zeiten lediglich der Prüfung seiner eigenen Vernunft zu widmen,
hierbei aber alle Parteilichkeit gänzlich auszuziehen, und so seine
Bemerkungen anderen zur Beurteilung öffentlich mitzuteilen; so kann es
niemanden verargt, noch weniger verwehrt werden, die Sätze und
Gegensätze, so wie sie sich, durch keine Drohung geschreckt, vor
Geschworenen von seinem eigenen Stande (nämlich dem Stande schwacher
Menschen) verteidigen können, auftreten zu lassen.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Vierter Abschnitt
Von den Transzendentalen Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie
schlechterdings müssen aufgelöst werden können

Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen, würde
eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel
sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen bringen müßte.
Gleichwohl gibt es Wissenschaften, deren Natur es so mit sich bringt, daß
eine jede darin vorkommende Frage, aus dem, was man weiß, schlechthin
beantwortlich sein muß, weil die Antwort aus denselben Quellen
entspringen muß, daraus die Frage entspringt, und wo es keineswegs erlaubt
ist, unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen, sondern die Auflösung
gefordert werden kann. Was in allen möglichen Fällen Recht oder Unrecht

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sei, muß man der Regel nach wissen können, weil es unsere Verbindlichkeit
betrifft, und wir zu dem, was wir nicht wissen können, auch keine
Verbindlichkeit haben. In der Erklärung der Erscheinungen der Natur muß
uns indessen vieles ungewiß und manche Frage unauflöslich bleiben, weil
das, was wir von der Natur wissen, zu dem, was wir erklären sollen, bei
weitem nicht in allen Fällen zureichend ist. Es fragt sich nun: ob in der
Transzendentalphilosophie irgendeine Frage, die ein der Vernunft
vorgelegtes Objekt betrifft, durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich
sei, und ob man sich ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit Recht
entziehen könne, daß man es als schlechthin ungewiß (aus allem dem, was
wir erkennen können) demjenigen beizählt, wovon wir zwar so viel Begriff
haben, um eine Frage aufzuwerfen, es uns aber gänzlich an Mitteln oder am
Vermögen fehlt, sie jemals zu beantworten.

Ich behaupte nun, daß die Transzendentalphilosophie unter allem
spekulativen Erkenntnis dieses Eigentümliche habe: daß gar keine Frage,
welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, für eben
dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein Vorschützen
einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen Tiefe der
Aufgabe von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie gründlich und
vollständig zu beantworten; weil eben derselbe Begriff, der uns in den
Stand setzt zu fragen, durchaus uns auch tüchtig machen muß, auf diese
Frage zu antworten, indem der Gegenstand außer dem Begriffe gar nicht
angetroffen wird (wie bei Recht und Unrecht).

Es sind aber in der Transzendentalphilosophie keine anderen, als nur die
kosmologischen Fragen, in Ansehung deren man mit Recht eine
genugtuende Antwort, die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft,
fordern kann, ohne daß dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben dadurch
zu entziehen, daß er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt, und diese
Fragen können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn der Gegenstand

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muß empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf die
Angemessenheit desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand
transzendental und also selbst unbekannt, z.B. ob das Etwas, dessen
Erscheinung (in uns selbst) das Denken ist, (Seele,) ein an sich einfaches
Wesen sei, ob es eine Ursache aller Dinge insgesamt gebe, die schlechthin
notwendig ist, usw., so sollen wir zu unserer Idee einen Gegenstand suchen,
von welchem wir gestehen können, daß er uns unbekannt, aber deswegen
doch nicht unmöglich sei.* Die kosmologischen Ideen haben allein das
Eigentümliche an sich, daß sie ihren Gegenstand und die zu dessen Begriff
erforderliche empirische Synthesis als gegeben voraussetzen können, und
die Frage, die aus ihnen entspringt, betrifft nur den Fortgang dieser
Synthesis, sofern er absolute Totalität enthalten soll, welche letztere nichts
Empirisches mehr ist, indem sie in keiner Erfahrung gegeben werden kann.
Da nun hier lediglich von einem Dinge als Gegenstande einer möglichen
Erfahrung und nicht als einer Sache an sich selbst die Rede ist, so kann die
Beantwortung der transzendenten kosmologischen Frage, außer der Idee
sonst nirgend liegen, denn sie betrifft keinen Gegenstand an sich selbst; und
in Ansehung der möglichen Erfahrung wird nicht nach demjenigen gefragt,
was in concreto in irgendeiner Erfahrung gegeben werden kann, sondern
was in der Idee liegt, der sich die empirische Synthesis bloß nähern soll:
also muß sie aus der Idee allein aufgelöst werden können; denn diese ist ein
bloßes Geschöpf der Vernunft, welche also die Verantwortung nicht von
sich abweisen und auf den unbekannten Gegenstand schieben kann.

* Man kann zwar auf die Frage, was ein transzendentaler Gegenstand für
eine Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er sei, aber
wohl, daß die Frage selbst nichts sei, darum, weil kein Gegenstand
derselben gegeben worden. Daher sind alle Fragen der transzendentalen
Seelenlehre auch beantwortlich und wirklich beantwortet; denn sie betreffen
das transz. Subjekt aller inneren Erscheinungen, welches selbst nicht
Erscheinung ist und also nicht als Gegenstand gegeben ist, und worauf

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keine der Kategorien (auf welche doch eigentlich die Frage gestellt ist)
Bedingungen ihrer Anwendung antreffen. Also ist hier der Fall, da der
gemeine Ausdruck gilt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich
daß eine Frage nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein
bestimmtes Prädikat gedacht werden kann, weil es gänzlich außer der
Sphäre der Gegenstände gesetzt wird, die uns gegeben werden können,
gänzlich nichtig und leer sei.

Es ist nicht so außerordentlich, als es anfangs scheint: daß eine
Wissenschaft in Ansehung aller in ihren Inbegriff gehörigen Fragen
(quaestiones domesticae) lauter gewisse Auflösungen fordern und erwarten
könne, ob sie gleich zur Zeit noch vielleicht nicht gefunden sind. Außer der
Transzendentalphilosophie gibt es noch zwei reine Vernunftwissenschaften,
eine bloß spekulativen, die andere praktischen Inhalts: reine Mathematik,
und reine Moral. Hat man wohl jemals gehört: daß, gleichsam wegen einer
notwendigen Unwissenheit der Bedingungen, es für ungewiß sei
ausgegeben worden, welches Verhältnis der Durchmesser zum Kreise ganz
genau in Rational- oder Irrationalzahlen habe? Da es durch erstere gar nicht
kongruent gegeben werden kann, durch die zweite aber noch nicht gefunden
ist, so urteilte man, daß wenigstens die Unmöglichkeit solcher Auflösung
mit Gewißheit erkannt werden könne, und Lambert gab einen Beweis
davon. In den allgemeinen Prinzipien der Sitten kann nichts Ungewisses
sein, weil die Sätze entweder ganz und gar nichtig und sinnleer sind, oder
bloß aus unseren Vernunftbegriffen fließen müssen. Dagegen gibt es in der
Naturkunde eine Unendlichkeit von Vermutungen, in Ansehung deren
niemals Gewißheit erwartet werden kann, weil die Naturerscheinungen
Gegenstände sind, die uns unabhängig von unseren Begriffen gegeben
werden, zu denen also der Schlüssel nicht in uns und unserem reinen
Denken, sondern außer uns liegt, und eben darum in vielen Fällen nicht
aufgefunden, mithin kein sicherer Aufschluß erwartet werden kann. Ich
rechne die Fragen der transzendentalen Analytik, welche die Deduktion

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unserer reinen Erkenntnis betreffen, nicht hierher, weil wir jetzt nur von der
Gewißheit der Urteile in Ansehung der Gegenstände und nicht in Ansehung
des Ursprungs unserer Begriffe selbst handeln.

Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen
Auflösung der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen
können, daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen
erheben, und mit dem Scheine einer demutsvollen Selbsterkenntnis
bekennen, es sei über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt von
Ewigkeit her sei, oder einen Anfang habe; ob der Weltraum ins Unendliche
mit Wesen erfüllt, oder innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen sei; ob
irgend in der Welt etwas einfach sei, oder ob alles ins Unendliche geteilt
werden müsse; ob es eine Erzeugung und Hervorbringung aus Freiheit
gebe, oder ob alles an der Kette der Naturordnung hänge; endlich ob es
irgendein gänzlich unbedingt und an sich notwendiges Wesen gebe, oder ob
alles seinem Dasein nach bedingt und mithin äußerlich abhängend und an
sich zufällig sei. Denn alle diese Fragen betreffen einen Gegenstand, der
nirgend anders als in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die
schlechthin unbedingte Totalität der Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir
darüber aus unseren eigenen Begriffen nichts Gewisses sagen und
ausmachen können, so dürfen wir nicht die Schuld auf die Sache schieben,
die sich uns verbirgt; denn es kann uns dergleichen Sache (weil sie außer
unserer Idee nirgends angetroffen wird) gar nicht gegeben werden, sondern
wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst suchen, welche ein Problem
ist, das keine Auflösung verstattet, und wovon wir doch hartnäckig
annehmen, als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand. Eine deutliche
Darlegung der Dialektik, die in unserem Begriffe selbst liegt, würde uns
bald zur völligen Gewißheit bringen, von dem, was wir in Ansehung einer
solchen Frage zu urteilen haben.

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Man kann euerem Vorwande der Ungewißheit in Ansehung dieser
Probleme zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich
beantworten müßt: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch
hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erscheinungen, deren
Erklärung ihr bedürft, und wovon ihr, zufolge dieser Ideen, nur die
Prinzipien, oder die Regel ihrer Exposition zu suchen habt? Nehmet an, die
Natur sei ganz vor euch aufgedeckt; euren Sinnen, und dem Bewußtsein
alles dessen, was eurer Anschauung vorgelegt ist, sei nichts verborgen: so
werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung den Gegenstand eurer Ideen
in concreto erkennen können, (denn es wird, außer dieser vollständigen
Anschauung, noch eine vollendete Synthesis und das Bewußtsein ihrer
absoluten Totalität erfordert, welches durch gar kein empirisches Erkenntnis
möglich ist,) mithin kann eure Frage keineswegs zur Erklärung von
irgendeiner vorkommenden Erscheinung notwendig und also gleichsam
durch den Gegenstand selbst aufgegeben sein. Denn der Gegenstand kann
euch niemals vorkommen, weil er durch keine mögliche Erfahrung gegeben
werden kann. Ihr bleibt mit allen möglichen Wahrnehmungen immer unter
Bedingungen, es sei im Raume, oder in der Zeit, befangen, und kommt an
nichts Unbedingtes, um auszumachen, ob dieses Unbedingte in einem
absoluten Anfange der Synthesis, oder einer absoluten Totalität der Reihe,
ohne allen Anfang, zu setzen sei. Das All aber in empirischer Bedeutung ist
jederzeit nur komparativ. Das absolute All der Größe (das Weltall), der
Teilung, der Abstammung, der Bedingung des Daseins überhaupt, mit allen
Fragen, ob es durch endliche, oder ins Unendliche fortzusetzende Synthesis
zustande zu bringen sei, geht keine mögliche Erfahrung etwas an. Ihr
würdet z.B. die Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten besser,
oder auch nur anders erklären können, ob ihr annehmet, er bestehe aus
einfachen, oder durchgehends immer aus zusammengesetzten Teilen; denn
es kann euch keine einfache Erscheinung und ebensowenig auch eine
unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen. Die Erscheinungen

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verlangen nur erklärt zu werden, so weit ihre Erklärungsbedingungen in der
Wahrnehmung gegeben sind, alles aber, was jemals an ihnen gegeben
werden mag, in einem absoluten Ganzen zusammengenommen, ist selbst
eine Wahrnehmung. Dieses All aber ist es eigentlich, dessen Erklärung in
den transzendentalen Vernunftaufgaben gefordert wird.

Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung
vorkommen kann, so könnt ihr nicht sagen, daß es ungewiß sei, was
hierüber dem Gegenstande beizulegen sei. Denn euer Gegenstand ist bloß in
eurem Gehirne, und kann außer demselben gar nicht gegeben werden; daher
ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden, und die
Amphibolie zu verhüten, die eure Idee zu einer vermeintlichen Vorstellung
eines empirisch Gegebenen, und also auch nach Erfahrungsgesetzen zu
erkennenden Objekts macht. Die dogmatische Auflösung ist also nicht etwa
ungewiß, sondern unmöglich. Die kritische aber, welche völlig gewiß sein
kann, betrachtet die Frage gar nicht objektiv, sondern nach dem
Fundamente der Erkenntnis, worauf sie gegründet ist.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Fünfter Abschnitt
Skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen durch alle vier
transzendentalen Ideen

Wir würden von der Forderung gern abstehen, unsere Fragen dogmatisch
beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffen: die Antwort
möchte ausfallen, wie sie wollte, so würde sie unsere Unwissenheit nur
noch vermehren, und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine andere, aus
einer Dunkelheit in eine noch größere und vielleicht gar in Widersprüche
stürzen. Wenn unsere Frage bloß auf Bejahung oder Verneinung gestellt ist,
so ist es klüglich gehandelt, die vermutlichen Gründe der Beantwortung

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vorderhand dahingestellt sein zu lassen, und zuvörderst in Erwägung zu
ziehen, was man denn gewinnen würde, wenn die Antwort auf die eine, und
was, wenn sie auf die Gegenseite ausfiele. Trifft es sich nun, daß in beiden
Fällen lauter Sinnleeres (Nonsens) herauskommt, so haben wir eine
gegründete Aufforderung, unsere Frage selbst kritisch zu untersuchen, und
zu sehen: ob sie nicht selbst auf einer grundlosen Voraussetzung beruhe,
und mit einer Idee spiele, die ihre Falschheit besser in der Anwendung und
durch ihre Folgen, als in der abgesonderten Vorstellung verrät. Das ist der
große Nutzen, den die skeptische Art hat, die Fragen zu behandeln, welche
reine Vernunft an reine Vernunft tut, und wodurch man eines großen
dogmatischen Wustes mit wenig Aufwand überhoben sein kann, um an
dessen Statt eine nüchterne Kritik zu setzen, die, als ein wahres Katarktikon
den Wahn, zusamt seinem Gefolge, der Vielwisserei, glücklich abführen
wird.

Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen
könnte, daß, auf welche Seite des Unbedingten der regressiven Synthesis
der Erscheinungen sie sich auch schlüge, so würde sie doch für einen jeden
Verstandesbegriff entweder zu groß oder zu klein sein; so würde ich
begreifen, daß, da jene doch es nur mit einem Gegenstande der Erfahrung
zu tun hat, welche einem möglichen Verstandesbegriffe angemessen sein
soll, sie ganz leer und ohne Bedeutung sein müsse, weil ihr der Gegenstand
nicht anpaßt, ich mag ihn derselben bequemen, wie ich will. Und dieses ist
wirklich der Fall mit allen Weltbegriffen, welche auch eben um deswillen,
die Vernunft, so lange sie ihnen anhängt, in eine unvermeidliche Antinomie
verwickeln. Denn nehmt

Erstlich an: die Welt habe keinen Anfang, so ist sie für euren Begriff zu
groß; denn dieser, welcher in einem sukzessiven Regressus besteht, kann
die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. Setzet: sie habe einen
Anfang, so ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in dem

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notwendigen empirischen Regressus zu klein. Denn, weil der Anfang noch
immer eine Zeit, die vorhergeht, voraussetzt, so ist er noch nicht unbedingt,
und das Gesetz des empirischen Gebrauchs des Verstandes legt es euch auf,
noch nach einer höheren Zeitbedingung zu fragen, und die Welt ist also
offenbar für dieses Gesetz zu klein.

Ebenso ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage, wegen der
Weltgröße, dem Raum nach, bewandt. Denn, ist sie unendlich und
unbegrenzt, so ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu groß. Ist
sie endlich und begrenzt, so fragt ihr mit Recht noch: was bestimmt diese
Grenze? Der leere Raum ist nicht ein für sich bestehendes Korrelatum der
Dinge, und kann keine Bedingung sein, bei der ihr stehenbleiben könnt,
noch viel weniger eine empirische Bedingung, die einen Teil einer
möglichen Erfahrung ausmachte. (Denn wer kann eine Erfahrung vom
Schlechthinleeren haben?) Zur absoluten Totalität aber der empirischen
Synthesis wird jederzeit erfordert, daß das Unbedingte ein
Erfahrungsbegriff sei. Also ist eine begrenzte Welt für euren Begriff zu
klein.

Zweitens, besteht jede Erscheinung im Raume (Materie) aus unendlich
viel Teilen, so ist der Regressus der Teilung für euren Begriff jederzeit zu
groß; und soll die Teilung des Raumes irgend bei einem Gliede derselben
(dem Einfachen) aufhören, so ist er für die Idee des Unbedingten zu klein.
Denn dieses Glied läßt noch immer einen Regressus zu mehreren in ihm
enthaltenen Teilen übrig.

Drittens, nehmt ihr an: in allem, was in der Welt geschieht, sei nichts, als
Erfolg nach Gesetzen der Natur, so ist die Kausalität der Ursache immer
wiederum etwas, das geschieht, und euren Regressus zu noch höherer
Ursache, mithin die Verlängerung der Reihe von Bedingungen a parte priori

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ohne Aufhören notwendig macht. Die bloße wirkende Natur ist also für
allen euren Begriff, in der Synthesis der Weltbegebenheiten, zu groß.

Wählt ihr, hin und wieder, von selbst gewirkte Begebenheiten, mithin
Erzeugung aus Freiheit: so verfolgt euch das Warum nach einem
unvermeidlichen Naturgesetze, und nötigt euch, über diesen Punkt nach
dem Kausalgesetze der Erfahrung hinauszugehen, und ihr findet, daß
dergleichen Totalität der Verknüpfung für euren notwendigen empirischen
Begriff zu klein ist.

Viertens. Wenn ihr ein schlechthin notwendiges Wesen (es sei die Welt
selbst, oder etwas in der Welt, oder die Weltursache) annehmt; so setzt ihr
es in eine, von dem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte Zeit; weil es
sonst von einem anderen und älteren Dasein abhängend sein würde.
Alsdann ist aber diese Existenz für euren empirischen Begriff unzugänglich
und zu groß, als daß ihr jemals durch irgendeinen fortgesetzten Regressus
dazu gelangen könntet.

Ist aber, eurer Meinung nach, alles was zur Welt (es sei als Bedingt oder
als Bedingung) gehört, zufällig: so ist jede euch gegebene Existenz für
euren Begriff zu klein. Denn sie nötigt euch, euch noch immer nach einer
anderen Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist.

Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, daß die Weltidee für den
empirischen Regressus, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff,
entweder zu groß, oder auch für denselben zu klein sei. Warum haben wir
uns nicht umgekehrt ausgedrückt, und gesagt: daß im ersteren Falle der
empirische Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten aber zu groß
sei, und mithin gleichsam die Schuld auf dem empirischen Regressus hafte;
anstatt, daß wir die kosmologische Idee anklagten, daß sie im Zuviel oder
Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichen Erfahrung, abwiche?
Der Grund war dieser. Mögliche Erfahrung ist das, was unseren Begriffen

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allein Realität geben kann; ohne das ist aller Begriff nur Idee, ohne
Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand. Daher war der mögliche
empirische Begriff das Richtmaß, wonach die Idee beurteilt werden mußte,
ob sie bloße Idee und Gedankending sei, oder in der Welt ihren Gegenstand
antreffe. Denn man sagt nur von demjenigen, daß es verhältnisweise auf
etwas anderes zu groß oder zu klein sei, was nur um dieses letzteren willen
angenommen wird, und darnach eingerichtet sein muß. Zu dem Spielwerke
der alten dialektischen Schulen gehörte auch diese Frage: wenn eine Kugel
nicht durch ein Loch geht, was soll man sagen: Ist die Kugel zu groß, oder
das Loch zu klein? In diesem Falle ist es gleichgültig, wie ihr euch
ausdrücken wollt; denn ihr wißt nicht, welches von beiden um des anderen
willen da ist. Dagegen werdet ihr nicht sagen: der Mann ist für sein Kleid
zu lang, sondern das Kleid ist für den Mann zu kurz.

Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht. daß die
kosmologischen Ideen, und mit ihnen alle untereinander in Streit gesetzten
vernünftelnden Behauptungen, vielleicht einen leeren und bloß
eingebildeten Begriff, von der Art, wie uns der Gegenstand dieser Ideen
gegeben wird, zum Grunde liegen haben, und dieser Verdacht kann uns
schon auf die rechte Spur führen, das Blendwerk zu entdecken, was uns so
lange irregeführt hat.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Sechster Abschnitt
Der transzendentale Idealism als der Schlüssel zu Auflösung der
kosmologischen Dialektik

Wir haben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen: daß
alles, was im Raume oder der Zeit angeschaut wird, mithin alle
Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinungen, d.i.

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bloße Vorstellungen sind, die, so wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte
Wesen, oder Reihen von Veränderungen, außer unseren Gedanken keine an
sich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff nenne ich den
transzendentalen Idealism.* Der Realist in transzendentaler Bedeutung
macht aus diesen Modifikationen unserer Sinnlichkeit an sich
subsistierende Dinge, und daher bloße Vorstellungen zu Sachen an sich
selbst.

* Ich habe ihn auch sonst bisweilen den formalen Idealism genannt, um
ihn von dem materialen, d.i. dem gemeinen, der die Existenz äußerer Dinge
selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden. In manchen Fällen scheint
es ratsam zu sein, sich lieber dieser als der obgenannten Ausdrücke zu
bedienen, um alle Mißdeutung zu verhüten.

Man würde uns Unrecht tun, wenn man uns den schon längst so
verschrienen empirischen Idealismus zumuten wollte, der, indem er die
eigene Wirklichkeit des Raumes annimmt, das Dasein der ausgedehnten
Wesen in denselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet, und zwischen
Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam erweislichen
Unterschied einräumt. Was die Erscheinungen des inneren Sinnes in der
Zeit betrifft, an denen, als wirklichen Dingen, findet er keine Schwierigkeit;
ja er behauptet sogar, daß diese innere Erfahrung das wirkliche Dasein ihres
Objekts (an sich selbst), (mit aller dieser Zeitbestimmung,) einzig und allein
hinreichend beweise.

Unser transzendentaler Idealism erlaubt es dagegen: daß die Gegenstände
äußerer Anschauung, ebenso wie sie im Raume angeschaut werden, auch
wirklich sind, und in der Zeit alle Veränderungen, so wie sie der innere Sinn
vorstellt. Denn, da der Raum schon eine Form derjenigen Anschauung ist,
die wir die äußere nennen, und, ohne Gegenstände in demselben, es gar
keine empirische Vorstellung geben würde: so können und müssen wir darin

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ausgedehnte Wesen als wirklich annehmen, und ebenso ist es auch mit der
Zeit. Jener Raum selber aber, samt dieser Zeit, und, zugleich mit beiden,
alle Erscheinungen, sind doch an sich selbst keine Dinge, sondern nichts als
Vorstellungen, und können gar nicht außer unserem Gemüt existieren, und
selbst ist die innere und sinnliche Anschauung unseres Gemüts, (als
Gegenstandes des Bewußtseins,) dessen Bestimmung durch die Sukzession
verschiedener Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch nicht das
eigentliche Selbst, so wie es an sich existiert, oder das transzendentale
Subjekt, sondern nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses uns
unbekannten Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren
Erscheinung, als eines so an sich existierenden Dinges, kann nicht
eingeräumt werden, weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine
Bestimmung irgendeines Dinges an sich selbst sein kann. In dem Raume
aber und der Zeit ist die empirische Wahrheit der Erscheinungen genugsam
gesichert, und von der Verwandtschaft mit dem Traume hinreichend
unterschieden, wenn beide nach empirischen Gesetzen in einer Erfahrung
richtig und durchgängig zusammenhängen.

Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich selbst,
sondern nur in der Erfahrung gegeben, und existieren außer derselben gar
nicht. Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob sie gleich kein
Mensch jemals wahrgenommen hat, muß allerdings eingeräumt werden,
aber es bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen Fortschritt der
Erfahrung auf sie treffen könnten; denn alles ist wirklich, was mit einer
Wahrnehmung nach Gesetzen des empirischen Fortgangs in einem Kontext
steht. Sie sind also alsdann wirklich, wenn sie mit meinem wirklichen
Bewußtsein in einem empirischen Zusammenhange stehen, ob sie gleich
darum nicht an sich, d.i. außer diesem Fortschritt der Erfahrung, wirklich
sind.

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Uns ist wirklich nichts gegeben, als die Wahrnehmung und der
empirische Fortschritt von dieser zu anderen möglichen Wahrnehmungen.
Denn an sich selbst sind die Erscheinungen, als bloße Vorstellungen, nur in
der Wahrnehmung wirklich, die in der Tat nichts anderes ist, als die
Wirklichkeit einer empirischen Vorstellung, d.i. Erscheinung. Vor der
Wahrnehmung eine Erscheinung ein wirkliches Ding nennen, bedeutet
entweder, daß wir im Fortgange der Erfahrung auf eine solche
Wahrnehmung treffen müssen, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn, daß
sie an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und mögliche
Erfahrung existiere, könnte allerdings gesagt werden, wenn von einem
Dinge an sich selbst die Rede wäre. Es ist aber bloß von einer Erscheinung
im Raume und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der Dinge an sich
selbst, sondern nur unserer Sinnlichkeit sind, die Rede; daher das, was in
ihnen ist, (Erscheinungen) nicht an sich Etwas, sondern bloße Vorstellungen
sind, die, wenn sie nicht in uns (in der Wahrnehmung) gegeben sind, überall
nirgend angetroffen werden.

Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine Rezeptivität,
auf gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert zu werden, deren Verhältnis
zueinander eine reine Anschauung des Raumes und der Zeit ist, (lauter
Formen unserer Sinnlichkeit,) und welche, sofern sie in diesem Verhältnisse
(dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung
verknüpft und bestimmbar sind, Gegenstände heißen. Die nichtsinnliche
Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und diese können
wir daher nicht als Objekt anschauen; denn dergleichen Gegenstand würde
weder im Raume, noch der Zeit (als bloßen Bedingungen der sinnlichen
Vorstellung) vorgestellt werden müssen, ohne welche Bedingungen wir uns
gar keine Anschauung denken können. Indessen können wir die bloß
intelligible Ursache der Erscheinungen überhaupt, das transzendentale
Objekt nennen, bloß, damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit als einer
Rezeptivität korrespondiert. Diesem transzendentalen Objekt können wir

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allen Umfang und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen
zuschreiben, und sagen: daß es vor aller Erfahrung an sich selbst gegeben
sei. Die Erscheinungen aber sind, ihm gemäß, nicht an sich, sondern nur in
dieser Erfahrung gegeben, weil sie bloße Vorstellungen sind, die nur als
Wahrnehmungen einen wirklichen Gegenstand bedeuten, wenn nämlich
diese Wahrnehmung mit allen anderen nach den Regeln der
Erfahrungseinheit zusammenhängt. So kann man sagen: die wirklichen
Dinge der vergangenen Zeit sind in dem transzendentalen Gegenstande der
Erfahrung gegeben; sie sind aber für mich nur Gegenstände und in der
vergangenen Zeit wirklich, sofern als ich mir vorstelle, daß eine regressive
Reihe möglicher Wahrnehmungen, (es sei am Leitfaden der Geschichte,
oder an den Fußtapfen der Ursachen und Wirkungen,) nach empirischen
Gesetzen, mit einem Worte, der Weltlauf auf eine verflossene Zeitreihe als
Bedingung der gegenwärtigen Zeit führt, welche alsdann doch nur in dem
Zusammenhange einer möglichen Erfahrung und nicht an sich selbst als
wirklich vorgestellt wird, so, daß alle von undenklicher Zeit her vor
meinem Dasein verflossenen Begebenheiten doch nichts anderes bedeuten,
als die Möglichkeit der Verlängerung der Kette der Erfahrung, von der
gegenwärtigen Wahrnehmung an, aufwärts zu den Bedingungen, welche
diese der Zeit nach bestimmen.

Wenn ich mir demnach alle existierenden Gegenstände der Sinne in aller
Zeit und allen Räumen insgesamt vorstelle: so setze ich solche nicht vor der
Erfahrung in beide hinein, sondern diese Vorstellung ist nichts anderes, als
der Gedanke von einer möglichen Erfahrung, in ihrer absoluten
Vollständigkeit. In ihr allein sind jene Gegenstände (welche nichts als bloße
Vorstellungen sind) gegeben. Daß man aber sagt, sie existieren vor aller
meiner Erfahrung, bedeutet nur, daß sie in dem Teile der Erfahrung, zu
welchem ich, von der Wahrnehmung anhebend, allererst fortschreiten muß,
anzutreffen sind. Die Ursache der empirischen Bedingungen dieses
Fortschritts, mithin auf welche Glieder, oder auch, wie weit ich auf

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dergleichen im Regressus treffen könne, ist transzendental und mir daher
notwendig unbekannt. Aber um diese ist es auch nicht zu tun, sondern nur
um die Regel des Fortschritts der Erfahrung, in der mir die Gegenstände,
nämlich Erscheinungen, gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz
einerlei, ob ich sage, ich könne im empirischen Fortgange im Raume auf
Sterne treffen, die hundertmal weiter entfernt sind, als die äußersten, die ich
sehe: oder ob ich sage, es sind vielleicht deren im Weltraume anzutreffen,
wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat, oder wahrnehmen
wird; denn, wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne Beziehung auf
mögliche Erfahrung, überhaupt gegeben wären, so sind sie doch für mich
nichts, mithin keine Gegenstände, als sofern sie in der Reihe des
empirischen Regressus enthalten sind. Nur in anderweitiger Beziehung,
wenn eben diese Erscheinungen zur kosmologischen Idee von einem
absoluten Ganzen gebraucht werden sollen, und, wenn es also um eine
Frage zu tun ist, die über die Grenzen möglicher Erfahrung hinausgeht, ist
die Unterscheidung derart, wie man die Wirklichkeit gedachter
Gegenstände der Sinne nimmt, von Erheblichkeit, um einem trüglichen
Wahne vorzubeugen, welcher aus der Mißdeutung unserer eigenen
Erfahrungsbegriffe unvermeidlich entspringen muß.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Siebenter Abschnitt
Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit
sich selbst

Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen
Argumente: Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Reihe
aller Bedingungen desselben gegeben: nun sind uns Gegenstände der Sinne
als bedingt gegeben, folglich usw. Durch diesen Vernunftschluß, dessen
Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, werden nun, nach

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Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen),
sofern sie eine Reihe ausmachen, ebensoviel kosmologische Ideen
eingeführt, welche die absolute Totalität dieser Reihen postulieren und eben
dadurch die Vernunft unvermeidlich in Widerstreit mit sich selbst versetzen.
Ehe wir aber das Trügliche dieses vernünftelnden Arguments aufdecken,
müssen wir uns durch Berichtigung und Bestimmung gewisser darin
vorkommender Begriffe dazu instand setzen.

Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiß: daß, wenn das
Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe aller
Bedingungen zu demselben aufgegeben sei; denn dieses bringt schon der
Begriff des Bedingten so mit sich, daß dadurch etwas auf eine Bedingung,
und, wenn diese wiederum bedingt ist, auf eine entferntere Bedingung, und
so durch alle Glieder der Reihe bezogen wird. Dieser Satz ist also
analytisch und erhebt sich über alle Furcht vor eine transzendentale Kritik.
Er ist ein logisches Postulat der Vernunft: diejenige Verknüpfung eines
Begriffs mit seinen Bedingungen durch den Verstand zu verfolgen und
soweit als möglich fortzusetzen, die schon dem Begriffe selbst anhängt.

Ferner: wenn das Bedingte sowohl, als seine Bedingung, Dinge an sich
selbst sind, so ist, wenn das Erstere gegeben worden, nicht bloß der
Regressus zu dem Zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch wirklich
schon mit gegeben, und, weil dieses von allen Gliedern der Reihe gilt, so ist
die vollständige Reihe der Bedingungen, mithin auch das Unbedingte
dadurch zugleich gegeben, oder vielmehr vorausgesetzt, daß das Bedingte,
welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben ist. Hier ist die
Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine Synthesis des bloßen
Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie sind, ohne darauf zu achten,
ob, und wie wir zur Kenntnis derselben gelangen können. Dagegen wenn
ich es mit Erscheinungen zu tun habe, die, als bloße Vorstellungen, gar
nicht gegeben sind, wenn ich nicht zu ihrer Kenntnis (d.i. zu ihnen selbst,

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denn sie sind nichts, als empirische Kenntnisse,) gelangen so kann ich nicht
in eben der Bedeutung sagen: wenn das Bedingte gegeben ist, so sind auch
alle Bedingungen (als Erscheinungen) zu demselben gegeben, und kann
mithin auf die absolute Totalität der Reihe derselben keineswegs schließen.
Denn die Erscheinungen sind, in der Apprehension, selber nichts anderes,
als eine empirische Synthesis (im Raume und der Zeit) und sind also nur in
dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht, daß, wenn das Bedingte (in der
Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesis, die seine empirische
Bedingung ausmacht, dadurch mitgegeben und vorausgesetzt sei, sondern
diese findet allererst im Regressus, und niemals ohne denselben, statt. Aber
das kann man wohl in einem solchen Falle sagen, daß ein Regressus zu den
Bedingungen, d.i. eine fortgesetzte empirische Synthesis auf dieser Seite
geboten oder aufgegeben sei, und daß es nicht an Bedingungen fehlen
könne, die durch diesen Regressus gegeben werden.

Hieraus erhellt, daß der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses
das Bedingte in transzendentaler Bedeutung einer reinen Kategorie, der
Untersatz aber in empirischer Bedeutung eines auf bloße Erscheinungen
angewandten Verstandesbegriffs nehmen, folglich derjenige dialektische
Betrug darin angetroffen werde, den man Sophisma figurae dictionis nennt.
Dieser Betrug ist aber nicht erkünstelt, sondern eine ganz natürliche
Täuschung der gemeinen Vernunft. Denn durch dieselbe setzen wir (im
Obersatze) die Bedingungen und ihre Reihe, gleichsam unbesehen, voraus,
wenn etwas als bedingt gegeben ist, weil dieses nichts anderes, als die
logische Forderung ist, vollständige Prämissen zu einem gegebenen
Schlußsatze anzunehmen, und da ist in der Verknüpfung des Bedingten mit
seiner Bedingung keine Zeitordnung anzutreffen; sie werden an sich, als
zugleich gegeben, vorausgesetzt. Ferner ist es ebenso natürlich (im
Untersatze) Erscheinungen als Dinge an sich und ebensowohl dem bloßen
Verstande gegebene Gegenstände anzusehen, wie es im Obersatze geschah,
da ich von allen Bedingungen der Anschauung, unter denen allein

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Gegenstände gegeben werden können, abstrahierte. Nun hatten wir aber
hierbei einen merkwürdigen Unterschied zwischen den Begriffen
übersehen. Die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung und die
ganze Reihe der letzteren (im Obersatze) führte gar nichts von
Einschränkung durch die Zeit und keinen Begriff der Sukzession bei sich.
Dagegen ist die empirische Synthesis und die Reihe der Bedingungen in der
Erscheinung (die im Untersatze subsumiert wird,) notwendig sukzessiv und
nur in der Zeit nacheinander gegeben; folglich konnte ich die absolute
Totalität der Synthesis und der dadurch vorgestellten Reihe hier nicht
ebensowohl, als dort voraussetzen, weil dort alle Glieder der Reihe an sich
(ohne Zeitbedingung) gegeben sind, hier aber nur durch den sukzessiven
Regressus möglich sind, der nur dadurch gegeben ist, daß man ihn wirklich
vollführt.

Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts, des gemeinschaftlich
zum Grunde (der kosmologischen Behauptungen) gelegten Arguments,
können beide streitenden Teile mit Recht, als solche, die ihre Forderung auf
keinen gründlichen Titel gründen, abgewiesen werden. Dadurch aber ist ihr
Zwist noch nicht insofern geendigt, daß sie überführt worden wären, sie,
oder einer von beiden, hätte in der Sache selbst, die er behauptet, (im
Schlußsatze) Unrecht, wenn er sie gleich nicht auf tüchtige Beweisgründe
zu bauen wußte. Es scheint doch nichts klarer, als daß von zweien, deren
der eine behauptet: die Welt hat einen Anfang, der andere: die Welt hat
keinen Anfang, sondern sie ist von Ewigkeit her, doch einer Recht haben
müsse. Ist aber dieses, so ist es, weil die Klarheit auf beiden Seiten gleich
ist, doch unmöglich, jemals auszumitteln, auf welcher Seite das Recht sei,
und der Streit dauert nach wie vor, wenn die Parteien gleich bei dem
Gerichtshofe der Vernunft zur Ruhe verwiesen worden. Es bleibt also kein
Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider Teile zu
endigen, als daß, da sie einander doch so schön widerlegen können, sie
endlich überführt werden, daß sie um nichts streiten, und ein gewisser

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transzendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt habe, wo
keine anzutreffen ist.

Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurteilenden Streits wollen wir
jetzt einschlagen.

***

Der eleatische Zeno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom Plato als ein
mutwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden, daß er, um seine Kunst
zu zeigen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen und bald
darauf durch andere ebenso starke wieder umzustürzen suchte. Er
behauptete, Gott (vermutlich war es bei ihm nichts als die Welt) sei weder
endlich, noch unendlich, er sei weder in Bewegung, noch in Ruhe, sei
keinem anderen Dinge weder ähnlich, noch unähnlich. Es schien denen, die
ihn hierüber beurteilten, er habe zwei einander widersprechende Sätze
gänzlich ableugnen wollen, welches ungereimt ist. Allein ich finde nicht,
daß ihm dieses mit Recht zur Last gelegt werden könne. Den ersteren dieser
Sätze werde ich bald näher beleuchten. Was die übrigen betrifft, wenn er
unter dem Worte: Gott, das Universum verstand, so mußte er allerdings
sagen: daß dieses weder in seinem Orte beharrlich gegenwärtig (in Ruhe)
sei, noch denselben verändere (sich bewege), weil alle Örter nur im
Univers, dieses selbst also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall alles, was
existiert, in sich faßt, so ist es auch sofern keinem anderen Dinge, weder
ähnlich noch unähnlich, weil es außer ihm kein anderes Ding gibt, mit dem
es könnte verglichen werden. Wenn zwei einander entgegengesetzte Urteile
eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so fallen sie, unerachtet ihres
Widerstreits (der gleichwohl kein eigentlicher Widerspruch ist), alle beide
weg, weil die Bedingung wegfällt, unter der allein jeder dieser Sätze gelten
sollte.

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Wenn jemand sagte, ein jeder Körper riecht entweder gut, oder er riecht
nicht gut, so findet ein Drittes statt, nämlich, daß er gar nicht rieche,
(ausdufte) und so können beide widerstreitenden Sätze falsch sein. Sage
ich, er ist entweder wohlriechend, oder er ist nicht wohlriechend: (vel
suaveolens vel non suaveolens) so sind beide Urteile einander
kontradiktorisch entgegengesetzt und nur der erste ist falsch, sein
kontradiktorisches Gegenteil aber, nämlich einige Körper sind nicht
wohlriechend, befaßt auch die Körper in sich, die gar nicht riechen. In der
vorigen Entgegenstellung (per disparata) blieb die zufällige Bedingung des
Begriffs der Körper (der Geruch) noch bei dem widerstreitenden Urteile,
und wurde durch dieses also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere
nicht das kontradiktorische Gegenteil des ersteren.

Sage ich demnach: die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich,
oder sie ist nicht unendlich (non est infinitus), so muß, wenn der erstere
Satz falsch ist, sein kontradiktorisches Gegenteil: die Welt ist nicht
unendlich, wahr sein. Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt
aufheben, ohne eine andere, nämlich die endliche, zu setzen. Hieße es aber:
die Welt ist entweder unendlich, oder endlich (nichtunendlich,) so könnten
beide falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt, als an sich selbst, ihrer
Größe nach bestimmt an, indem ich in dem Gegensatz nicht bloß die
Unendlichkeit aufhebe, und, mit ihr, vielleicht ihre ganze abgesonderte
Existenz, sondern eine Bestimmung zur Welt, als einem an sich selbst
wirklichen Dinge, hinzusetzen welches ebensowohl falsch sein kann, wenn
nämlich die Welt gar nicht als ein Ding an sich, mithin auch nicht ihrer
Größe nach, weder als unendlich, noch als endlich gegeben sein sollte. Man
erlaube mir, daß ich dergleichen Entgegensetzung die dialektische, die des
Widerspruchs aber die analytische Opposition nennen darf. Also können
von zwei dialektisch einander entgegengesetzten Urteilen alle beide falsch
sein, darum, weil eines dem anderen nicht bloß widerspricht, sondern etwas
mehr sagt, als zum Widerspruche erforderlich ist.

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Wenn man die zwei Sätze: die Welt ist der Größe nach unendlich, die
Welt ist ihrer Größe nach endlich, als einander kontradiktorisch
entgegengesetzte ansieht, so nimmt man an, daß die Welt (die ganze Reihe
der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt, ich mag den
unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer Erscheinungen
aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung, oder diesen
transzendentalen Schein weg, und leugne, daß sie ein Ding an sich selbst
sei, so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit beider
Behauptungen in einen bloß dialektischen, und weil die Welt gar nicht an
sich (unabhängig von der regressiven Reihe meiner Vorstellungen) existiert,
so existiert sie weder als ein an sich unendliches, noch als ein an sich
endliches Ganzes. Sie ist nur im empirischen Regressus der Reihe der
Erscheinungen und für sich selbst gar nicht anzutreffen. Daher, wenn diese
jederzeit bedingt ist, so ist sie niemals ganz gegeben, und die Welt ist also
kein unbedingtes Ganzes, existiert also auch nicht als ein solches, weder mit
unendlicher, noch endlicher Größe.

Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten
Totalität der Größe in der Erscheinung gesagt worden, gilt auch von allen
übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven Synthesis
selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung, als einem eigenen, vor allem
Regressus gegebenen Dinge, anzutreffen. Daher werde ich auch sagen
müssen: die Menge der Teile in einer gegebenen Erscheinung ist an sich
weder endlich, noch unendlich, weil Erscheinung nichts an sich selbst
Existierendes ist, und die Teile allererst durch den Regressus der
dekomponierenden Synthesis, und in demselben, gegeben werden, welcher
Regressus niemals schlechthin ganz, weder als endlich, noch als unendlich
gegeben ist. Eben das gilt von der Reihe der übereinander geordneten
Ursachen, oder der bedingten bis zur unbedingt notwendigen Existenz,
welche niemals weder an sich ihrer Totalität nach als endlich, noch als
unendlich angesehen werden kann, weil sie als Reihe subordinierter

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Vorstellungen nur im dynamischen Regressus besteht, vor demselben aber,
und als für sich bestehende Reihe von Dingen, an sich selbst gar nicht
existieren kann.

So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren
kosmologischen Ideen gehoben, dadurch, daß gezeigt wird, sie sei bloß
dialektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt, daß man
die Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine Bedingung der Dinge
an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt hat, die nur in der
Vorstellung, und, wenn sie eine Reihe ausmachen, im sukzessiven
Regressus, sonst aber gar nicht existieren. Man kann aber auch umgekehrt
aus dieser Antinomie einen wahren, zwar nicht dogmatischen, aber doch so
kritischen und doktrinalen Nutzen ziehen: nämlich die transzendentale
Idealität der Erscheinungen dadurch indirekt zu beweisen, wenn jemand
etwa an dem direkten Beweise in der transzendentalen Ästhetik nicht genug
hätte. Der Beweis würde in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein
an sich existierendes Ganzes ist: so ist sie entweder endlich, oder unendlich.
Nun ist das erstere sowohl als das zweite falsch (laut der oben angeführten
Beweise der Antithesis, einer-, und der Thesis andererseits). Also ist es auch
falsch, daß die Welt (der Inbegriff aller Erscheinungen) ein an sich
existierendes Ganzes sei. Woraus denn folgt, daß Erscheinungen überhaupt
außer unseren Vorstellungen nichts sind, welches wir eben durch die
transzendentale Idealität derselben sagen wollten.

Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, daß die obigen
Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gründlich
waren, unter der Voraussetzung nämlich, daß Erscheinungen oder eine
Sinnenwelt, die sie insgesamt in sich begreift, Dinge an sich selbst wären.
Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdeckt aber, daß in der
Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns dadurch zu einer
Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge, als Gegenstände der

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Sinne. Die transzendentale Dialektik tut also keineswegs dem Skeptizism
einigen Vorschub, wohl aber der skeptischen Methode, welche an ihr ein
Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann, wenn man die Argumente
der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegeneinander auftreten läßt, die, ob
sie gleich zuletzt nicht dasjenige, was man suchte, dennoch jederzeit etwas
Nützliches und zur Berichtigung unserer Urteile Dienliches, liefern werden.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Achter Abschnitt
Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung der kosmologischen
Ideen

Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum der
Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt, als einem Dinge an sich selbst,
gegeben wird, sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben werden
kann, so behält der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft, in seiner
dergestalt berichtigten Bedeutung, annoch seine gute Gültigkeit, zwar nicht
als Axiom, die Totalität im Objekt als wirklich zu denken, sondern als ein
Problem für den Verstand, also für das Subjekt, um, der Vollständigkeit in
der Idee gemäß, den Regressus in der Reihe der Bedingungen zu einem
gegebenen Bedingten anzustellen und fortzusetzen. Denn in der
Sinnlichkeit, d.i. im Raume und der Zeit, ist jede Bedingung, zu der wir in
der Exposition gegebener Erscheinungen gelangen können, wiederum
bedingt; weil diese keine Gegenstände an sich selbst sind, an denen
allenfalls das Schlechthinunbedingte stattfinden könnte, sondern bloß
empirische Vorstellungen, die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung
finden müssen, welche sie dem Raume oder der Zeit nach bestimmt. Der
Grundsatz der Vernunft also ist eigentlich nur eine Regel, welche in der
Reihe der Bedingungen gegebener Erscheinungen einen Regressus gebietet,
dem es niemals erlaubt ist, bei einem Schlechthinunbedingten stehen zu

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bleiben. Er ist also kein Prinzipium der Möglichkeit der Erfahrung und der
empirischen Erkenntnis der Gegenstände der Sinne, mithin kein Grundsatz
des Verstandes; denn jede Erfahrung ist in ihren Grenzen (der gegebenen
Anschauung gemäß) eingeschlossen, auch kein konstitutives Prinzip der
Vernunft, den Begriff der Sinnenwelt über alle mögliche Erfahrung zu
erweitern, sondern ein Grundsatz der größtmöglichen Fortsetzung und
Erweiterung der Erfahrung, nach welchem keine empirische Grenze für
absolute Grenze gelten muß, also ein Prinzipium der Vernunft, welches, als
Regel, postuliert, was von uns im Regressus geschehen soll, und nicht
antizipiert, was im Objekte vor allem Regressus an sich gegeben ist. Daher
nenne ich es ein regulatives Prinzip der Vernunft, da hingegen der
Grundsatz der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen, als im
Objekte (den Erscheinungen) an sich selbst gegeben, ein konstitutives
kosmologisches Prinzip sein würde, dessen Nichtigkeit ich eben durch diese
Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen, daß man
nicht, wie sonst unvermeidlich geschieht, (durch transzendentale
Subreption,) einer Idee, welche bloß zur Regel dient, objektive Realität
beimesse.

Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu
bestimmen, so ist zuvörderst zu bemerken, daß sie nicht sagen könne, was
das Objekt sei, sondern wie der empirische Regressus anzustellen sei, um
zu dem vollständigen Begriffe des Objekts zu gelangen. Denn, fände das
erstere statt, so würde sie ein konstitutives Prinzipium sein, dergleichen aus
reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann also damit keineswegs die
Absicht haben, zu sagen, die Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen
Bedingten sei an sich endlich, oder unendlich; denn dadurch würde eine
bloße Idee der absoluten Totalität, die lediglich in ihr selbst geschaffen ist,
einen Gegenstand denken, der in keiner Erfahrung gegeben werden kann,
indem einer Reihe von Erscheinungen eine von der empirischen Synthesis
unabhängige objektive Realität erteilt würde. Die Vernunftidee wird also

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nur der regressiven Synthesis in der Reihe der Bedingungen eine Regel
vorschreiben, nach welcher sie vom Bedingten, vermittelst aller einander
untergeordneten Bedingungen, zum Unbedingten fortgeht, obgleich dieses
niemals erreicht wird. Denn das Schlechthinunbedingte wird in der
Erfahrung gar nicht angetroffen.

Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, sofern sie
niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich in dieser
Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas unterscheiden
sollen, ohne daß man doch den Grund dieser Unterscheidung recht
anzugeben weiß. Die Mathematiker sprechen lediglich von einem
progressus in infinitum. Die Forscher der Begriffe (Philosophen) wollen an
dessen Statt nur den Ausdruck von einem progressus in indefinitum gelten
lassen. Ohne mich bei der Prüfung der Bedenklichkeit, die diesen eine
solche Unterscheidung angeraten hat, und dem guten oder fruchtlosen
Gebrauch derselben aufzuhalten, will ich diese Begriffe in Beziehung auf
meine Absicht genau zu bestimmen suchen.

Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins
Unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des
Unendlichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs (progressus in
indefinitum) eine leere Subtilität sein. Denn, obgleich, wenn es heißt: ziehet
eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man hinzusetzt, in
indefinitum, als wenn es heißt, in infinitum; weil das erstere nicht mehr
bedeutet, als: verlängert sie, so weit ihr wollt, das zweite aber: ihr sollt
niemals aufhören sie zu verlängern, (welches hierbei eben nicht die Absicht
ist,) so ist doch, wenn nur vom können die Rede ist, der erstere Ausdruck
ganz richtig; denn ihr könnt sie ins Unendliche immer größer machen. Und
so verhält es sich auch in allen Fällen, wo man nur vom Progressus, d.i.
dem Fortgange von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser mögliche
Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von einem

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Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende
fortgehen und euch auch ganz wohl denken, daß sie wirklich in der Welt so
fortgehe. Denn hier bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität der
Reihe, weil sie solche nicht als Bedingung und wie gegeben (datum)
vorausgesetzt, sondern nur als was Bedingtes, das nur angeblich (dabile) ist,
und ohne Ende hinzugesetzt wird.

Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der Regressus,
der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer Reihe
aufsteigt, erstrecke, ob ich sagen könne: es sei ein Rückgang ins
Unendliche, oder nur ein unbestimmbar weit (in indefinitum) sich
erstreckender Rückgang, und ob ich also von den jetztlebenden Menschen,
in der Reihe ihrer Voreltern, ins Unendliche aufwärts steigen könne, oder ob
nur gesagt werden könne: daß, so weit ich auch zurückgegangen bin,
niemals ein empirischer Grund angetroffen werde, die Reihe irgendwo für
begrenzt zu halten, so daß ich berechtigt und zugleich verbunden bin, zu
jedem der Urväter noch fernerhin seinen Vorfahren aufzusuchen, obgleich
eben nicht vorauszusetzen.

Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung
gegeben worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren
Bedingungen ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von
welchem der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll: so
findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weise (in indefinitum) statt. So
muß von der Teilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie
(eines Körpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese
Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Teilen, in der
empirischen Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen
sein Teil, und die Bedingung dieses Teils der Teil vom Teile usw. ist, und in
diesem Regressus der Dekomposition niemals ein unbedingtes (unteilbares)
Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird, so ist nicht allein

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nirgend ein empirischer Grund, in der Teilung aufzuhören, sondern die
ferneren Glieder der fortzusetzenden Teilung sind selbst vor dieser
weitergehenden Teilung empirisch gegeben, d.i. die Teilung geht ins
Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern zu einem gegebenen
Menschen in keiner möglichen Erfahrung, in ihrer absoluten Totalität,
gegeben, der Regressus aber geht doch von jedem Gliede dieser Zeugung
zu einem höheren, so, daß keine empirische Grenze anzutreffen ist, die ein
Glied, als schlechthin unbedingt, darstellte. Da aber gleichwohl auch die
Glieder, die hierzu die Bedingung abgeben könnten, nicht in der
empirischen Anschauung des Ganzen schon vor dem Regressus liegen: so
geht dieser nicht ins Unendliche (der Teilung des Gegebenen), sondern in
unbestimmbare Weite, der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen,
die wiederum jederzeit nur bedingt gegeben sind.

In keinem von beiden Fällen, sowohl dem regressus in infinitum, als dem
in indefinitum, wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im Objekt
gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst, sondern nur
Erscheinungen, die, als Bedingungen voneinander, nur im Regressus selbst
gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie groß diese Reihe der
Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder unendlich, denn sie ist
nichts an sich selbst, sondern: wie wir den empirischen Regressus anstellen,
und wie weit wir ihn fortsetzen sollen. Und da ist denn ein namhafter
Unterschied in Ansehung der Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze
empirisch gegeben worden, so ist es möglich, ins Unendliche in der Reihe
seiner inneren Bedingungen zurückzugehen. Ist jenes aber nicht gegeben,
sondern soll durch empirischen Regressus allererst gegeben werden, so
kann ich nur sagen: es ist ins Unendliche möglich, zu noch höheren
Bedingungen der Reihe fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen: es
sind immer mehr Glieder da, und empirisch gegeben, als ich durch den
Regressus (der Dekomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im
Regressus noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin

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unbedingt empirisch gegeben ist, und also noch immer ein höheres Glied
als möglich und mithin die Nachfrage nach demselben als notwendig
zuläßt. Dort war es notwendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen, hier
aber ist es immer notwendig, nach mehreren zu fragen, weil keine
Erfahrung absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung,
die euren empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann müßt ihr
euren Regressus nicht für vollendet halten, oder habt eine solche eure Reihe
begrenzende Wahrnehmung, so kann diese nicht ein Teil eurer
zurückgelegten Reihe sein, (weil das, was begrenzt, von dem, was dadurch
begrenzt wird, unterschieden sein muß,) und ihr müßt also euren Regressus
auch zu dieser Bedingung weiter fortsetzen, und so fortan.

Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung
in ihr gehöriges Licht setzen.

Der Antinomie der reinen Vernunft
Neunter Abschnitt
Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft,
in Ansehung aller kosmologischen Ideen

Da es, wie wir mehrmalen gezeigt haben, keinen transzendentalen
Gebrauch so wenig von reinen Verstandes- als Vernunftbegriffen gibt, da
die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt sich
lediglich auf einen transzendentalen Gebrauch der Vernunft fußt, welche
diese unbedingte Vollständigkeit von demjenigen fordert, was sie als Ding
an sich selbst voraussetzt; da die Sinnenwelt aber dergleichen nicht enthält,
so kann die Rede niemals mehr von der absoluten Größe der Reihen in
derselben sein, ob sie begrenzt, oder an sich unbegrenzt sein mögen,
sondern nur, wie weit wir im empirischen Regressus, bei Zurückführung der

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Erfahrung auf ihre Bedingungen, zurückgehen sollen, um nach der Regel
der Vernunft bei keiner anderen, als dem Gegenstande angemessenen
Beantwortung der Fragen derselben stehenzubleiben.

Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprinzips, als einer Regel der
Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung, die uns allein übrig
bleibt, nachdem seine Ungültigkeit, als eines konstitutiven Grundsatzes der
Erscheinungen an sich selbst, hinlänglich dargetan worden. Auch wird,
wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen können, der Streit der
Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem nicht allein durch kritische
Auflösung der Schein, der sie mit sich entzweite, aufgehoben worden,
sondern an dessen Statt der Sinn, in welchem sie mit sich selbst
zusammenstimmt und dessen Mißdeutung allein den Streit veranlaßte,
aufgeschlossen, und ein sonst dialektischer Grundsatz in einen doktrinalen
verwandelt wird. In der Tat, wenn dieser, seiner subjektiven Bedeutung
nach, den größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung den
Gegenständen derselben angemessen zu bestimmen, bewährt werden kann:
so ist es gerade ebensoviel, als ob er wie ein Axiom (welches aus reiner
Vernunft unmöglich ist) die Gegenstände an sich selbst a priori bestimmte;
denn auch dieses könnte in Ansehung der Objekte der Erfahrung keinen
größeren Einfluß auf die Erweiterung und Berichtigung unserer Erkenntnis
haben, als daß es sich in dem ausgebreitetsten Erfahrungsgebrauche unseres
Verstandes tätig bewiese.

I. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der
Zusammensetzung der Erscheinungen von einem Weltganzen

Sowohl hier, als bei den übrigen kosmologischen Fragen, ist der Grund
des regulativen Prinzips der Vernunft der Satz: daß im empirischen
Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Grenze, mithin von keiner

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Bedingung, als einer solchen, die empirisch schlechthin unbedingt sei,
angetroffen werden könne. Der Grund davon aber ist: daß eine dergleichen
Erfahrung eine Begrenzung der Erscheinungen durch Nichts, oder das
Leere, darauf der fortgeführte Regressus vermittelst einer Wahrnehmung
stoßen könnte, in sich enthalten müßte, welches unmöglich ist.

Dieser Satz nun, der ebensoviel sagt, als: daß ich im empirischen
Regressus jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst wiederum
als empirisch bedingt angesehen werden muß, enthält die Regel in terminis:
daß, so weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe gekommen sein
möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Reihe fragen müsse, es
mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werden, oder nicht.

Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts weiter
nötig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten
Größe des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses niemals
begrenzte Aufsteigen ein Rückgang ins Unendliche heißen könne, oder nur
ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus (in indefinitum).

Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen
Weltzustände, imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich sind,
ist selbst nichts anderes, als ein möglicher empirischer Regressus, den ich
mir, obzwar noch unbestimmt, denke, und wodurch der Begriff einer
solchen Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung allein
entstehen kann*. Nun habe ich das Weltganze jederzeit nur im Begriffe,
keineswegs aber (als Ganzes) in der Anschauung. Also kann ich nicht von
seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen, und diese jener gemäß
bestimmen, sondern ich muß mir allererst einen Begriff von der Weltgröße
durch die Größe des empirischen Regressus machen. Von diesem aber weiß
ich niemals etwas mehr, als daß ich von jedem gegebenen Gliede der Reihe
von Bedingungen immer noch zu einem höheren (entfernteren) Gliede

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empirisch fortgehen müsse. Also ist dadurch die Größe des Ganzen der
Erscheinungen gar nicht schlechthin bestimmt, mithin kann man auch nicht
sagen, daß dieser Regressus ins Unendliche gehe, weil dieses die Glieder,
dahin der Regressus noch nicht gelangt ist, antizipieren und ihre Menge so
groß vorstellen würde, daß keine empirische Synthesis dazu gelangen kann,
folglich die Weltgröße vor dem Regressus (wenn gleich nur negativ)
bestimmen würde, welches unmöglich ist. Denn diese ist mir durch keine
Anschauung (ihrer Totalität nach) mithin auch ihre Größe vor dem
Regressus gar nicht gegeben. Demnach können wir von der Weltgröße an
sich gar nichts sagen, auch nicht einmal, daß in ihr ein regressus in
infinitum stattfinde, sondern müssen nur nach der Regel, die den
empirischen Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Größe suchen.
Diese Regel aber sagt nichts mehr, als daß, so weit wir auch in der Reihe
der empirischen Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend eine
absolute Grenze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung, als bedingt,
einer anderen, als ihrer Bedingung, unterordnen, zu dieser also ferner
fortschreiten müssen, welches der regressus in indefinitum ist, der, weil er
keine Größe im Objekt bestimmt, von dem in infinitum deutlich genug zu
unterscheiden ist.

* Diese Weltreihe kann also auch weder größer, noch kleiner sein, als der
mögliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff beruht. Und da
dieser kein bestimmtes Unendliches, ebensowenig aber auch ein
bestimmtendliches (schlechthin Begrenztes) geben kann: so ist daraus klar,
daß wir die Weltgröße weder als endlich, noch unendlich annehmen
können, weil der Regressus (dadurch jene vorgestellt wird) keines von
beiden zuläßt.

Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit, oder
dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Größe, als einer
gegebenen Unendlichkeit, ist empirisch, mithin auch in Ansehung der Welt,

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als eines Gegenstandes der Sinne, schlechterdings unmöglich. Ich werde
auch nicht sagen: der Regressus von einer gegebenen Wahrnehmung an, zu
allen dem, was diese im Raume sowohl, als der vergangenen Zeit, in einer
Reihe begrenzt, geht ins Unendliche; denn dieses setzt die unendliche
Weltgröße voraus; auch nicht: sie ist endlich; denn die absolute Grenze ist
gleichfalls empirisch unmöglich. Demnach werde ich nichts von dem
ganzen Gegenstande der Erfahrung (der Sinnenwelt), sondern nur von der
Regel, nach welcher Erfahrung ihrem Gegenstande angemessen, angestellt
und fortgesetzt werden soll, sagen können.

Auf die kosmologische Frage also, wegen der Weltgröße, ist die erste und
negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und keine
äußerste Grenze dem Raume nach.

Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer-,
und durch den leeren Raum andererseits begrenzt sein. Da sie nun, als
Erscheinung, keines von beiden an sich selbst sein kann, denn Erscheinung
ist kein Ding an sich selbst, so müßte eine Wahrnehmung der Begrenzung
durch schlechthin leere Zeit, oder leeren Raum, möglich sein, durch welche
diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung gegeben wären. Eine solche
Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt, ist unmöglich. Also ist eine
absolute Weltgrenze empirisch, mithin auch schlechterdings unmöglich*.

* Man wird bemerken: daß der Beweis hier auf ganz andere Art geführt
worden, als der dogmatische, oben in der Antithesis der ersten Antinomie.
Daselbst hatten wir die Sinnenwelt, nach der gemeinen und dogmatischen
Vorstellungsart, für ein Ding, was an sich selbst, vor allem Regressus,
seiner Totalität nach gegeben war, gelten lassen, und hatten ihr, wenn sie
nicht alle Zeit und alle Räume einnähme, überhaupt irgendeine bestimmte
Stelle in beiden abgesprochen. Daher war die Folgerung auch anders, als

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hier, nämlich es wurde auf die wirkliche Unendlichkeit derselben
geschlossen.

Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus in der
Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgröße, geht in
indefinitum, welches ebenso viel sagt, als: die Sinnenwelt hat keine
absolute Größe, sondern der empirische Regressus (wodurch sie auf der
Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine Regel,
nämlich von einem jeden Gliede der Reihe, als einem Bedingten, jederzeit
zu einem noch entfernteren (es sei durch eigene Erfahrung, oder den
Leitfaden der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen und ihrer
Ursachen,) fortzuschreiten, und sich der Erweiterung des möglichen
empirischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu überheben, welches
denn auch das eigentliche und einzige Geschäft der Vernunft bei ihren
Prinzipien ist.

Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art von
Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hierdurch nicht
vorgeschrieben, z.B. daß man von einem lebenden Menschen immer in
einer Reihe von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar zu
erwarten, oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äußerste Sonne
zuzulassen; sondern es wird nur der Fortschritt von Erscheinungen zu
Erscheinungen geboten, sollten diese auch keine wirkliche Wahrnehmung
(wenn sie dem Grade nach für unser Bewußtsein zu schwach ist, um
Erfahrung zu werden) abgeben, weil sie dem ungeachtet doch zur
möglichen Erfahrung gehören.

Aller Anfang ist in der Zeit, und alle Grenze des Ausgedehnten im
Raume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind nur
Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst weder
bedingt, noch auf unbedingte Art begrenzt.

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Eben um deswillen, und da die Welt niemals ganz, und selbst die Reihe
der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht, als Weltreihe, ganz
gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße nur durch den
Regressus, und nicht vor demselben in einer kollektiven Anschauung,
gegeben. Jener besteht aber immer nur im Bestimmen der Größe, und gibt
also keinen bestimmten Begriff, als auch keinen Begriff von einer Größe,
die in Ansehung eines gewissen Maßes unendlich wäre, geht also nicht ins
Unendliche (gleichsam gegebene), sondern in unbestimmte Weite, um eine
Größe (der Erfahrung) zu geben, die allererst durch diesen Regressus
wirklich wird.

II. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Teilung eines
gegebenen Ganzen in der Anschauung

Wenn ich ein Ganzes, das in der Anschauung gegeben ist, teile, so gehe
ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit. Die
Teilung der Teile (subdivisio oder decompositio) ist ein Regressus in der
Reihe dieser Bedingungen. Die absolute Totalität dieser Reihe würde nur
alsdann gegeben sein, wenn der Regressus bis zu einfachen Teilen gelangen
könnte. Sind aber alle Teile in einer kontinuierlich fortgehenden
Dekomposition immer wiederum teilbar, so geht die Teilung, d.i. der
Regressus, von dem Bedingten zu seinen Bedingungen in infinitum; weil
die Bedingungen (die Teile) in dem Bedingten selbst enthalten sind, und, da
dieses in einer zwischen seinen Grenzen eingeschlossenen Anschauung
ganz gegeben ist, insgesamt auch mit gegeben sind. Der Regressus darf also
nicht bloß ein Rückgang in indefinitum genannt werden, wie es die vorige
kosmologische Idee allein erlaubte, da ich vom Bedingten zu seinen
Bedingungen, die, außer demselben, mithin nicht dadurch zugleich mit so
gegeben waren, sondern die im empirischen Regressus allererst
hinzukamen, fortgehen sollte. Diesem ungeachtet ist es doch keineswegs

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erlaubt, von einem solchen Ganzen, das ins Unendliche teilbar ist, zu sagen:
es bestehe aus unendlich viel Teilen. Denn obgleich alle Teile in der
Anschauung des Ganzen enthalten sind, so ist doch darin nicht die ganze
Teilung enthalten, welche nur in der fortgehenden Dekomposition, oder
dem Regressus selbst besteht, der die Reihe allererst wirklich macht. Da
dieser Regressus nun unendlich ist, so sind zwar alle Glieder (Teile), zu
denen er gelangt, in dem gegebenen Ganzen als Aggregate enthalten, aber
nicht die ganze Reihe der Teilung, welche sukzessivunendlich und niemals
ganz ist, folglich keine unendliche Menge, und keine Zusammennehmung
derselben in einem Ganzen darstellen kann.

Diese allgemeine Erinnerung läßt sich zuerst sehr leicht auf den
Raum anwenden. Ein jeder in seinen Grenzen angeschauter Raum ist ein
solches Ganzes, dessen Teile bei aller Dekomposition immer wiederum
Räume sind, und ist daher ins Unendliche teilbar.

Hieraus folgt auch ganz natürlich die weite Anwendung, auf eine in ihren
Grenzen eingeschlossene äußere Erscheinung (Körper). Die Teilbarkeit
desselben gründet sich auf die Teilbarkeit des Raumes, der die Möglichkeit
des Körpers, als eines ausgedehnten Ganzen, ausmacht. Dieser ist also ins
Unendliche teilbar, ohne doch darum aus unendlich viel Teilen zu bestehen.

Es scheint zwar: daß, da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt
werden muß, er, was das Gesetz der Teilbarkeit des Raumes betrifft, hierin
von diesem unterschieden sein werde: denn man kann es allenfalls wohl
zugeben: daß die Dekomposition im letzteren niemals alle
Zusammensetzung wegschaffen könne, indem alsdann sogar aller Raum,
der sonst nichts Selbstständiges hat, aufhören würde (welches unmöglich
ist); allein daß, wenn alle Zusammensetzung der Materie in Gedanken
aufgehoben würde, gar nichts übrigbleiben solle, scheint sich nicht mit dem
Begriffe einer Substanz vereinigen zu lassen, die eigentlich das Subjekt

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aller Zusammensetzung sein sollte, und in ihren Elementen übrigbleiben
müßte, wenngleich die Verknüpfung derselben im Raume, dadurch sie einen
Körper ausmachen, aufgehoben wäre. Allein mit dem, was in der
Erscheinung Substanz heißt, ist es nicht so bewandt, als man es wohl von
einem Dinge an sich selbst durch reinen Verstandesbegriff denken würde.
Jenes ist nicht absolutes Subjekt, sondern beharrliches Bild der Sinnlichkeit
und nichts als Anschauung, in der überall nichts Unbedingtes angetroffen
wird.

Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei der
Subdivision einer Erscheinung, als einer bloßen Erfüllung des Raumes,
ohne allen Zweifel stattfindet: so kann sie doch nicht gelten, wenn wir sie
auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen Ganzen schon
abgesonderten Teile, dadurch diese ein quantum discretum ausmachen,
erstrecken wollen. Annehmen, daß in jedem gegliederten (organisierten)
Ganzen ein jeder Teil wiederum gegliedert sei, und daß man auf solche Art,
bei Zerlegung der Teile ins Unendliche, immer neue Kunstteile antreffe, mit
einem Worte, daß das Ganze ins Unendliche gegliedert sei, will sich gar
nicht denken lassen, obzwar wohl, daß die Teile der Materie, bei ihrer
Dekomposition ins Unendliche, gegliedert werden könnten. Denn die
Unendlichkeit der Teilung einer gegebenen Erscheinung im Raume gründet
sich allein darauf, daß durch diese bloß die Teilbarkeit, d.i. eine an sich
schlechthin unbestimmte Menge von Teilen gegeben ist, die Teile selbst
aber nur durch die Subdivision gegeben und bestimmt werden, kurz, daß
das Ganze nicht an sich selbst schon eingeteilt ist. Daher die Teilung eine
Menge in demselben bestimmen kann, die so weit geht, als man im
Regressus der Teilung fortschreiten will. Dagegen wird bei einem ins
Unendliche gegliederten organischen Körper das Ganze eben durch diesen
Begriff schon als eingeteilt vorgestellt, und eine an sich selbst bestimmte,
aber unendliche Menge der Teile, vor allem Regressus der Teilung, in ihm
angetroffen, wodurch man sich selbst widerspricht; indem diese unendliche

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Entwicklung als eine niemals zu vollendende Reihe (unendlich), und
gleichwohl doch in einer Zusammennehmung als vollendet, angesehen
wird. Die unendliche Teilung bezeichnet nur die Erscheinung als quantum
continuum und ist von der Erfüllung des Raumes unzertrennlich; weil eben
in derselben der Grund der unendlichen Teilbarkeit liegt. Sobald aber etwas
als quantum discretum angenommen wird: so ist die Menge der Einheiten
darin bestimmt; daher auch jederzeit einer Zahl gleich. Wie weit also die
Organisierung in einem gegliederten Körper gehen möge, kann nur die
Erfahrung ausmachen, und wenn sie gleich mit Gewißheit zu keinem
unorganischen Teile gelangte, so müssen solche doch wenigstens in der
möglichen Erfahrung liegen. Aber wie weit sich die transzendentale Teilung
einer Erscheinung überhaupt erstrecke, ist gar keine Sache der Erfahrung,
sondern ein Prinzipium der Vernunft, den empirischen Regressus, in der
Dekomposition des Ausgedehnten, der Natur dieser Erscheinung gemäß,
niemals für schlechthin vollendet zu halten.

Schlußanmerkung zur Auflösung der mathematisch-transzendentalen,
und Vorerinnerung zur Auflösung der dynamisch-transzendentalen Ideen

Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transzendentalen
Ideen in einer Tafel vorstellten, da wir den Grund dieses Widerstreits und
das einzige Mittel, ihn zu heben, anzeigten, welches darin bestand, daß
beide entgegengesetzte Behauptungen für falsch erklärt wurden: so haben
wir allenthalben die Bedingungen, als zu ihrem Bedingten nach
Verhältnissen des Raumes und der Zeit gehörig, vorgestellt, welches die
gewöhnliche Voraussetzung des gemeinen Menschenverstandes ist, worauf
denn auch jener Widerstreit gänzlich beruhte. In dieser Rücksicht waren
auch alle dialektischen Vorstellungen der Totalität, in der Reihe der
Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, durch und durch von gleicher
Art. Es war immer eine Reihe, in welcher die Bedingung mit dem

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Bedingten, als Glieder derselben, verknüpft und dadurch gleichartig waren,
da denn der Regressus niemals vollendet gedacht, oder, wenn dieses
geschehen sollte, ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes, mithin
als unbedingt angenommen werden müßte. Es würde also zwar nicht
allerwärts das Objekt, d.i. das Bedingte, aber doch die Reihe der
Bedingungen zu demselben, bloß ihrer Größe nach erwogen, und da
bestand die Schwierigkeit, die durch keinen Vergleich, sondern durch
gänzliche Abschneidung des Knotens allein gehoben werden konnte, darin,
daß die Vernunft es dem Verstande entweder zu lang oder zu kurz machte,
so, daß dieser ihrer Idee niemals gleich kommen konnte.

Wir haben aber hierbei einen wesentlichen Unterschied übersehen, der
unter den Objekten d.i. den Verstandesbegriffen herrscht, welche die
Vernunft zu Ideen zu erheben trachtet, da nämlich, nach unserer obigen
Tafel der Kategorien, zwei derselben mathematische, die zwei übrigen aber
eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. Bis hierher konnte
dieses auch gar wohl geschehen, indem, so wie wir in der allgemeinen
Vorstellung aller transzendentalen Ideen immer nur unter Bedingungen in
der Erscheinung blieben, eben so auch in den zwei
mathematischtranszendentalen keinen anderen Gegenstand, als den in der
Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen Begriffen des
Verstandes, sofern sie der Vernunftidee anpassen sollen, fortgehen, wird
jene Unterscheidung wichtig, und eröffnet uns eine ganz neue Aussicht in
Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft verflochten ist, und welcher,
da er vorher, als auf beiderseitige falsche Voraussetzungen gebaut,
abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in der dynamischen Antinomie eine
solche Voraussetzung stattfindet, die mit der Prätension der Vernunft
zusammen bestehen kann, aus diesem Gesichtspunkte, und, da der Richter
den Mangel der Rechtsgründe, die man beiderseits verkannt hatte, ergänzt,
zu beider Teile Genugtuung verglichen werden kann, welches sich bei dem
Streite in der mathematischen Antinomie nicht tun ließ.

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Die Reihen der Bedingungen sind freilich insofern alle gleichartig, als
man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht: ob sie der Idee
angemessen sind, oder ob diese für jene zu groß, oder zu klein seien. Allein
der Verstandesbegriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt, enthält entweder
lediglich eine Synthesis des Gleichartigen, (welches bei jeder Größe, in der
Zusammensetzung sowohl als Teilung derselben, vorausgesetzt wird,) oder
auch des Ungleichartigen, welches in der dynamischen Synthesis, der
Kausalverbindung sowohl, als der des Notwendigen mit dem Zufälligen,
wenigstens zugelassen werden kann.

Daher kommt es, daß in der mathematischen Verknüpfung der Reihen der
Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hineinkommen kann,
d.i. eine solche, die selbst ein Teil der Reihe ist; da hingegen die
dynamische Reihe sinnlicher Bedingungen doch noch eine ungleichartige
Bedingung zuläßt, die nicht ein Teil der Reihe ist, sondern, als bloß
intelligibel, außer der Reihe liegt, wodurch denn der Vernunft ein Genüge
getan und das Unbedingte den Erscheinungen vorgesetzt wird, ohne die
Reihe der letzteren, als jederzeit bedingt, dadurch zu verwirren und, den
Verstandesgrundsätzen zuwider, abzubrechen.

Dadurch nun, daß die dynamischen Ideen eine Bedingung der
Erscheinungen außer der Reihe derselben, d.i. eine solche, die selbst nicht
Erscheinung ist, zulassen, geschieht etwas, was von dem Erfolg der
Antinomie gänzlich unterschieden ist. Diese nämlich verursachte, daß beide
dialektischen Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden mußten.
Dagegen das Durchgängigbedingte der dynamischen Reihen, welches von
ihnen als Erscheinungen unzertrennlich ist, mit der zwar
empirischunbedingten, aber auch nichtsinnlichen Bedingung verknüpft,
dem Verstande einerseits und der Vernunft andererseits* Genüge leisten,
und, indem die dialektischen Argumente, welche unbedingte Totalität in
bloßen Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten, wegfallen, dagegen

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die Vernunftsätze, in der auf solche Weise berichtigten Bedeutung, alle
beide wahr sein können; welches bei den kosmologischen Ideen, die bloß
mathematischunbedingte Einheit betreffen, niemals stattfinden kann, weil
bei ihnen keine Bedingung der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird,
als die auch selbst Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe
ausmacht.

* Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die
selbst empirisch unbedingt wäre. Ließe sich aber eine intelligible
Bedingung, die also nicht in die Reihe der Erscheinungen, als ein Glied, mit
gehörte, zu einem Bedingten (in der Erscheinung) gedenken, ohne doch
dadurch die Reihe empirischer Bedingungen im mindesten zu unterbrechen:
so könnte eine solche als empirisch unbedingt zugelassen werden, so daß
dadurch dem empirischen kontinuierlichen Regressus nirgend Abbruch
geschähe.

III. Auflösung der kosmologischen Ideen von der Totalität der Ableitung
der Weltbegebenheiten aus ihren Ursachen

Man kann sich nur zweierlei Kausalität in Ansehung dessen, was
geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die erste ist
die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der Sinnenwelt,
worauf jener nach einer Regel folgt. Da nun die Kausalität der
Erscheinungen auf Zeitbedingungen beruht, und der vorige Zustand, wenn
er jederzeit gewesen wäre, auch keine Wirkung, die allererst in der Zeit
entspringt, hervorgebracht hätte: so ist die Kausalität der Ursache dessen,
was geschieht, oder entsteht, auch entstanden, und bedarf nach dem
Verstandesgrundsatze selbst wiederum eine Ursache.

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Dagegen verstehe ich unter Freiheit, im kosmologischen Verstande, das
Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Kausalität also nicht
nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht, welche
sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser Bedeutung eine reine
transzendentale Idee, die erstlich nichts von der Erfahrung Entlehntes
enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner Erfahrung bestimmt
gegeben werden kann, weil es ein allgemeines Gesetz, selbst der
Möglichkeit aller Erfahrung, ist, daß alles, was geschieht, eine Ursache,
mithin auch die Kausalität der Ursache, die selbst geschehen, oder
entstanden, wiederum eine Ursache haben müsse; wodurch denn das ganze
Feld der Erfahrung, so weit es sich erstrecken mag, in einen Inbegriff bloßer
Natur verwandelt wird. Da aber auf solche Weise keine absolute Totalität
der Bedingungen im Kausalverhältnisse herauszubekommen ist, so schafft
sich die Vernunft die Idee von einer Spontaneität, die von selbst anheben
könne zu handeln, ohne daß eine andere Ursache vorangeschickt werden
dürfe, sie wiederum nach dem Gesetze der Kausalverknüpfung zur
Handlung zu bestimmen.

Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transzendentale Idee der
Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in dieser das
eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, welche die Frage über
ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die Freiheit im praktischen
Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von der Nötigung durch
Antriebe der Sinnlichkeit. Denn eine Willkür ist sinnlich, sofern sie
pathologisch (durch Bewegursachen der Sinnlichkeit) affiziert ist; sie heißt
tierisch (arbitrium brutum), wenn sie pathologisch necessitiert werden kann.
Die menschliche Willkür ist zwar ein arbitrium sensitivum, aber nicht
brutum, sondern liberum, weil Sinnlichkeit ihre Handlung nicht notwendig
macht, sondern dem Menschen ein Vermögen beiwohnt, sich, unabhängig
von der Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen.

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Man sieht leicht, daß, wenn alle Kausalität in der Sinnenwelt bloß Natur
wäre, so würde jede Begebenheit durch eine andere in der Zeit nach
notwendigen Gesetzen bestimmt sein, und mithin, da die Erscheinungen,
sofern sie die Willkür bestimmen, jede Handlung als ihren natürlichen
Erfolg notwendig machen müßten, so würde die Aufhebung der
transzendentalen Freiheit zugleich alle praktische Freiheit vertilgen. Denn
diese setzt voraus, daß, obgleich etwas nicht geschehen ist, es doch habe
geschehen sollen, und seine Ursache in der Erscheinung also nicht so
bestimmend war, daß nicht in unserer Willkür eine Kausalität liege,
unabhängig von jenen Naturursachen und selbst wider ihre Gewalt und
Einfluß etwas hervorzubringen, was in der Zeitordnung nach empirischen
Gesetzen bestimmt ist, mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von
selbst anzufangen.

Es geschieht also hier, was überhaupt indem Widerstreit einer sich über
die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft angetroffen
wird, daß die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch, sondern
transzendental ist. Daher die Frage von der Möglichkeit der Freiheit die
Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen Argumenten der
bloß reinen Vernunft beruht, samt ihrer Auflösung lediglich die
Transzendentalphilosophie beschäftigen muß. Um nun diese, welche eine
befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann, dazu in Stand zu
setzen, muß ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser Aufgabe durch eine
Bemerkung näher zu bestimmen suchen.

Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, mithin Raum und Zeit
Formen des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen
mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben Reihe
gehören, und daraus auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie
entspringen, die allen transzendentalen Ideen gemein ist, daß diese Reihe
unvermeidlich für den Verstand zu groß, oder zu klein ausfallen müßte. Die

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dynamischen Vernunftbegriffe aber, mit denen wir uns in dieser und der
folgenden Nummer beschäftigen, haben dieses besondere: daß, da sie es
nicht mit einem Gegenstande, als Größe betrachtet, sondern nur mit seinem
Dasein zu tun haben, man auch von der Größe der Reihe der Bedingungen
abstrahieren kann, und es bei ihnen bloß auf das dynamische Verhältnis der
Bedingung zum Bedingten ankommt, so, daß wir in der Frage über Natur
und Freiheit schon die Schwierigkeit antreffen, ob Freiheit überall nur
möglich sei, und ob, wenn sie es ist, sie mit der Allgemeinheit des
Naturgesetzes der Kausalität zusammen bestehen könne; mithin ob es ein
richtigdisjunktiver Satz sei, daß eine jede Wirkung in der Welt entweder aus
Natur, oder aus Freiheit entspringen müsse, oder ob nicht vielmehr beides
in verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich
stattfinden könne. Die Richtigkeit jenes Grundsatzes, von dem
durchgängigen Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt, nach
unwandelbaren Naturgesetzen, steht schon als ein Grundsatz der
transzendentalen Analytik fest und leidet keinen Abbruch. Es ist also nur
die Frage: ob demungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung, die
nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne, oder diese
durch jene unverletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei. Und hier zeigt
die zwar gemeine, aber betrügliche Voraussetzung der absoluten Realität
der Erscheinungen, sogleich ihren nachteiligen Einfluß, die Vernunft zu
verwirren. Denn, sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, so ist Freiheit
nicht zu retten. Alsdann ist Natur die vollständige und an sich hinreichend
bestimmende Ursache jeder Begebenheit, und die Bedingung derselben ist
jederzeit nur in der Reihe der Erscheinungen enthalten, die, samt ihrer
Wirkung, unter jedem Naturgesetze notwendig sind. Wenn dagegen
Erscheinungen für nichts mehr gelten, als sie in der Tat sind, nämlich nicht
für Dinge an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen
Gesetzen zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die
nicht Erscheinungen sind. Eine solche intelligible Ursache aber wird in

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Ansehung ihrer Kausalität nicht durch Erscheinungen bestimmt, obzwar
ihre Wirkungen erscheinen, und so durch andere Erscheinungen bestimmt
werden können. Sie ist also samt ihrer Kausalität außer der Reihe; dagegen
ihre Wirkungen in der Reihe der empirischen Bedingungen angetroffen
werden. Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer intelligiblen Ursache als
frei, und doch zugleich in Ansehung der Erscheinungen als Erfolg aus
denselben nach der Notwendigkeit der Natur, angesehen werden; eine
Unterscheidung, die, wenn sie im Allgemeinen und ganz abstrakt
vorgetragen wird, äußerst subtil und dunkel erscheinen muß, die sich aber
in der Anwendung aufklären wird. Hier habe ich nur die Anmerkung
machen wollen: daß, da der durchgängige Zusammenhang aller
Erscheinungen, in einem Kontext der Natur, ein unnachlaßliches Gesetz ist,
dieses alle Freiheit notwendig umstürzen müßte, wenn man der Realität der
Erscheinungen hartnäckig anhängen wollte. Daher auch diejenigen, welche
hierin der gemeinen Meinung folgen, niemals dahin haben gelangen
können, Natur und Freiheit miteinander zu vereinigen.

Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit, in Vereinigung mit dem
allgemeinen Gesetze der Naturnotwendigkeit

Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne, was selbst nicht
Erscheinung ist, intelligibel. Wenn demnach dasjenige, was in der
Sinnenwelt als Erscheinung angesehen werden muß, an sich selbst auch ein
Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung ist,
wodurch es aber doch die Ursache von Erscheinungen sein kann: so kann
man die Kausalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als intelligibel
nach ihrer Handlung, als eines Dinges an sich selbst, und als sensibel, nach
den Wirkungen derselben, als einer Erscheinung in der Sinnenwelt. Wir
würden uns demnach von dem Vermögen eines solchen Subjekts einen
empirischen, imgleichen auch einen intellektuellen Begriff seiner Kausalität

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machen, welche bei einer und derselben Wirkung zusammen stattfinden.
Eine solche doppelte Seite, das Vermögen eines Gegenstandes der Sinne
sich zu denken, widerspricht keinem von den Begriffen, die wir uns von
Erscheinungen und von einer möglichen Erfahrung zu machen haben.
Denn, da diesen, weil sie an sich keine Dinge sind, ein transzendentaler
Gegenstand zum Grunde liegen muß, der sie als bloße Vorstellungen
bestimmt, so hindert nichts, daß wir diesem transzendentalen Gegenstande,
außer der Eigenschaft, dadurch er erscheint, nicht auch eine Kausalität
beilegen sollten, die nicht Erscheinung ist, obgleich ihre Wirkung dennoch
in der Erscheinung angetroffen wird. Es muß aber eine jede wirkende
Ursache einen Charakter haben, d.i. ein Gesetz ihrer Kausalität, ohne
welches sie gar nicht Ursache sein würde. Und da würden wir an einem
Subjekte der Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter haben,
wodurch seine Handlungen, als Erscheinungen, durch und durch mit
anderen Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im
Zusammenhange ständen, und von ihnen, als ihren Bedingungen, abgeleitet
werden könnten, und also, mit diesen in Verbindung, Glieder einer einzigen
Reihe der Naturordnung ausmachten. Zweitens würde man ihm noch einen
intelligiblen Charakter einräumen müssen, dadurch es zwar die Ursache
jener Handlungen als Erscheinungen ist, der aber selbst unter keinen
Bedingungen der Sinnlichkeit steht, und selbst nicht Erscheinung ist. Man
könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges in der
Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst nennen.

Dieses handelnde Subjekt würde nun, nach seinem intelligiblen
Charakter, unter keinen Zeitbedingungen stehen, denn die Zeit ist nur die
Bedingung der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sich selbst. In ihm
würde keine Handlung entstehen, oder vergehen, mithin würde es auch
nicht dem Gesetze aller Zeitbestimmung, alles Veränderlichen, unterworfen
sein: daß alles, was geschieht, in den Erscheinungen (des vorigen
Zustandes) seine Ursache antreffe. Mit einem Worte, die Kausalität

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desselben, sofern sie intellektuell ist, stände gar nicht in der Reihe
empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in der Sinnenwelt
notwendig machen. Dieser intelligible Charakter könnte zwar niemals
unmittelbar gekannt werden, weil wir nichts wahrnehmen können, als
sofern es erscheint, aber er würde doch den empirischen Charakter gemäß
gedacht werden müssen, so wie wir überhaupt einen transzendentalen
Gegenstand den Erscheinungen in Gedanken zum Grunde legen müssen, ob
wir zwar von ihm, was er an sich selbst sei, nichts wissen.

Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subjekt, als
Erscheinung, allen Gesetzen der Bestimmung nach, der Kausalverbindung
unterworfen sein, und es wäre sofern nichts, als ein Teil der Sinnenwelt,
dessen Wirkungen, so wie jede andere Erscheinung, aus der Natur
unausbleiblich abflossen. So wie äußere Erscheinungen in dasselbe
einflössen, wie sein empirischer Charakter, d.i. das Gesetz seiner Kausalität,
durch Erfahrung erkannt wäre, müßten sich alle seine Handlungen nach
Naturgesetzen erklären lassen, und alle Requisite zu einer vollkommenen
und notwendigen Bestimmung derselben müßten in einer möglichen
Erfahrung angetroffen werden.

Nach dem intelligiblen Charakter desselben aber (ob wir zwar davon
nichts als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können) würde
dasselbe Subjekt dennoch von allem Einflusse der Sinnlichkeit und
Bestimmung durch Erscheinungen freigesprochen werden müssen, und, da
in ihm, sofern es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Veränderung,
welche dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine Verknüpfung
mit Erscheinungen als Ursachen angetroffen wird, so würde dieses tätige
Wesen, so fern in seinen Handlungen von aller Naturnotwendigkeit, als die
lediglich in der Sinnenwelt angetroffen wird, unabhängig und frei sein. Man
würde von ihm ganz richtig sagen, daß es seine Wirkungen in der
Sinnenwelt von selbst anfange, ohne daß die Handlung in ihm selbst

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anfängt; und dieses würde gültig sein, ohne daß die Wirkungen in der
Sinnenwelt darum von selbst anfangen dürfen, weil sie in derselben
jederzeit durch empirische Bedingungen in der vorigen Zeit, aber doch nur
vermittelst des empirischen Charakters (der bloß die Erscheinung des
intelligiblen ist), vorher bestimmt, und nur als eine Fortsetzung der Reihe
der Naturursachen möglich sind. So würde denn Freiheit und Natur, jedes in
seiner vollständigen Bedeutung, bei eben denselben Handlungen, nachdem
man sie mit ihrer intelligiblen oder sensiblen Ursache vergleicht, zugleich
und ohne allen Widerstreit angetroffen werden.

Erläuterung der kosmologischen Idee einer Freiheit in Verbindung mit
der allgemeinen Naturnotwendigkeit

Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenriß der Auflösung unseres
transzendentalen Problems zu entwerfen, damit man den Gang der Vernunft
in Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge. Jetzt wollen wir
die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentlich ankommt,
auseinander setzen, und jedes besonders in Erwägung ziehen.

Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, daß die
Kausalität dieser Ursache, d.i. die Handlung, da sie in der Zeit vorhergeht
und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst nicht immer
gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre Ursache unter
den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, und daß folglich alle
Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch bestimmt sind; dieses
Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst eine Natur ausmachen und
Gegenstände einer Erfahrung abgeben können, ist ein Verstandesgesetz, von
welchem es unter keinem Vorwande erlaubt ist abzugehen, oder irgend eine
Erscheinung davon auszunehmen; weil man sie sonst außerhalb aller

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möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber von allen Gegenständen
möglicher Erfahrung unterscheiden und sie zum bloßen Gedankendinge und
einem Hirngespinst machen würde.

Ob es aber gleich hierbei lediglich nach einer Kette von Ursachen
aussieht, die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute
Totalität verstattet, so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht auf;
denn sie ist schon in der allgemeinen Beurteilung der Antinomie der
Vernunft, wenn sie in der Reihe der Erscheinungen aufs Unbedingte
ausgeht, gehoben worden. Wenn wir der Täuschung des transzendentalen
Realismus nachgeben wollen: so bleibt weder Natur, noch Freiheit übrig.
Hier ist nur die Frage: ob, wenn man in der ganzen Reihe aller
Begebenheiten lauter Naturnotwendigkeit anerkennt, es doch möglich sei,
eben dieselbe, die einerseits bloße Naturwirkung ist, doch andererseits als
Wirkung aus Freiheit anzusehen, oder ob zwischen diesen zwei Arten von
Kausalität ein gerader Widerspruch angetroffen werde.

Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein,
welches eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede
Handlung, als Erscheinung, sofern sie eine Begebenheit hervorbringt, ist
selbst Begebenheit, oder Ereignis, welche einen anderen Zustand
voraussetzt, darin die Ursache angetroffen werde, und so ist alles, was
geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang, der sich von
selbst zutrüge, in derselben möglich. Also sind alle Handlungen der
Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum Wirkungen, die ihre
Ursachen ebensowohl in der Zeitreihe voraussetzen. Eine ursprüngliche
Handlung, wodurch etwas geschieht, was vorher nicht war, ist von der
Kausalverknüpfung der Erscheinungen nicht zu erwarten.

Ist es denn aber auch notwendig, daß, wenn die Wirkungen
Erscheinungen sind, die Kausalität ihrer Ursache, die (nämlich Ursache)

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selbst auch Erscheinung ist, lediglich empirisch sein müsse? und ist es nicht
vielmehr möglich, daß, obgleich zu jeder Wirkung in der Erscheinung eine
Verknüpfung mit ihrer Ursache, nach Gesetzen der empirischen Kausalität,
allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische Kausalität selbst, ohne
ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im mindestens zu
unterbrechen, doch eine Wirkung einer nichtempirischen, sondern
intelligiblen Kausalität sein könne? d.i. einer, in Ansehung der
Erscheinungen, ursprünglichen Handlung einer Ursache, die also insofern
nicht Erscheinung, sondern diesem Vermögen nach intelligibel ist, ob sie
gleich übrigens gänzlich, als ein Glied der Naturkette, mit zu der
Sinnenwelt gezählt werden muß.

Wir bedürfen des Satzes der Kausalität der Erscheinungen untereinander,
um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d.i. Ursachen in der
Erscheinung, zu suchen und angeben zu können. Wenn dieses eingeräumt
und durch keine Ausnahme geschwächt wird, so hat der Verstand, der bei
seinem empirischen Gebrauche in allen Ereignissen nichts als Natur sieht,
und dazu auch berechtigt ist, alles, was er fordern kann, und die physischen
Erklärungen gehen ihren ungehinderten Gang fort. Nun tut ihm das nicht
den mindesten Abbruch, gesetzt daß es übrigens auch bloß erdichtet sein
sollte, wenn man annimmt, daß unter den Naturursachen es auch welche
gebe, die ein Vermögen haben, welches nur intelligibel ist, indem die
Bestimmung desselben zur Handlung niemals auf empirischen
Bedingungen, sondern auf bloßen Gründen des Verstandes beruht, so doch,
daß die Handlung in der Erscheinung von dieser Ursache allen Gesetzen der
empirischen Kausalität gemäß sei. Denn auf diese Art würde das handelnde
Subjekt, als causa phaenomenon, mit der Natur in unzertrennter
Abhängigkeit aller ihrer Handlungen verkettet sein, und nur das
phaenomenon, dieses Subjekts (mit aller Kausalität desselben in der
Erscheinung) würde gewisse Bedingungen enthalten, die, wenn man von
dem empirischen Gegenstande zu dem transzendentalen aufsteigen will, als

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bloß intelligibel müßten angesehen werden. Denn wenn wir nur in dem, was
unter den Erscheinungen die Ursache sein mag, der Naturregel folgen: so
können wir darüber unbekümmert sein, was in dem transzendentalen
Subjekt, welches uns empirisch unbekannt ist, für ein Grund von diesen
Erscheinungen und deren Zusammenhange gedacht werde. Dieser
intelligible Grund ficht gar nicht die empirischen Fragen an, sondern betrifft
etwa bloß das Denken im reinen Verstande und, obgleich die Wirkungen
dieses Denkens und Handelns des reinen Verstandes in den Erscheinungen
angetroffen werden, so müssen diese doch nichts desto minder aus ihrer
Ursache in der Erscheinung nach Naturgesetzen vollkommen erklärt werden
können, indem man den bloß empirischen Charakter derselben, als den
obersten Erklärungsgrund, befolgt, und den intelligiblen Charakter, der die
transzendentale Ursache von jenem ist, gänzlich als unbekannt vorbeigeht,
außer sofern er nur durch den empirischen als das sinnliche Zeichen
desselben angegeben wird. Laßt uns dieses auf Erfahrung anwenden. Der
Mensch ist eine von den Erscheinungen der Sinnenwelt, und insofern auch
eine der Naturursachen, deren Kausalität unter empirischen Gesetzen stehen
muß. Als eine solche muß er demnach auch einen empirischen Charakter
haben, so wie alle anderen Naturdinge. Wir bemerken denselben durch
Kräfte und Vermögen, die es in seinen Wirkungen äußert. Bei der leblosen,
oder bloß tierischbelebten Natur, finden wir keinen Grund, irgendein
Vermögen uns anders als bloß sinnlich bedingt zu denken. Allein der
Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt, erkennt
sich selbst auch durch bloße Apperzeption, und zwar in Handlungen und
inneren Bestimmungen, die er gar nicht zum Eindrucke der Sinne zählen
kann, und ist sich selbst freilich einesteils Phänomen, anderenteils aber,
nämlich in Ansehung gewisser Vermögen, ein bloß intelligibler Gegenstand,
weil die Handlung desselben gar nicht zur Rezeptivität der Sinnlichkeit
gezählt werden kann. Wir nennen diese Vermögen Verstand und Vernunft,
vornehmlich wird die letztere ganz eigentlich und vorzüglicherweise von

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allen empirischbedingten Kräften unterschieden, da sie ihre Gegenstände
bloß nach Ideen erwägt und den Verstand darnach bestimmt, der dann von
seinen (zwar auch reinen) Begriffen einen empirischen Gebrauch macht.

Daß diese Vernunft nun Kausalität habe, wenigstens wir uns eine
dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche wir in
allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben. Das Sollen
drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus, die
in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand kann von dieser
nur erkennen, was da ist, oder gewesen ist, oder sein wird. Es ist
unmöglich, daß etwas darin anders sein soll, als es in allen diesen
Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf der
Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können gar
nicht fragen: was in der Natur geschehen soll; ebensowenig, als: was für
Eigenschaften ein Zirkel haben soll, sondern, was darin geschieht, oder
welche Eigenschaften der letztere hat.

Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus, davon der Grund
nichts anderes, als ein bloßer Begriff ist; da hingegen von einer bloßen
Naturhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muß. Nun muß
die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein, wenn auf
sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen betreffen nicht die
Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die Wirkung und den Erfolg
derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so viel Naturgründe sein, die
mich zum Wollen antreiben, noch so viel sinnliche Anreize, so können sie
nicht das Sollen hervorbringen, sondern nur ein noch lange nicht
notwendiges, sondern jederzeit bedingtes Wollen, dem dagegen das Sollen,
das die Vernunft ausspricht, Maß und Ziel, ja Verbot und Ansehen entgegen
setzt. Es mag ein Gegenstand der bloßen Sinnlichkeit (das Angenehme)
oder auch der reinen Vernunft (das Gute) sein: so gibt die Vernunft nicht
demjenigen Grunde, der empirisch gegeben ist, nach, und folgt nicht der

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Ordnung der Dinge, so wie sie sich in der Erscheinung darstellen, sondern
macht sich mit völliger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen, in die
sie die empirischen Bedingungen hinein paßt, und nach denen sie sogar
Handlungen für notwendig erklärt, die doch nicht geschehen sind und
vielleicht nicht geschehen werden, von allen aber gleichwohl voraussetzt,
daß die Vernunft in Beziehung auf sie Kausalität haben könne; denn, ohne
das, würde sie nicht von ihren Ideen Wirkungen in der Erfahrung erwarten.

Nun laßt uns hierbei stehenbleiben und es wenigstens als möglich
annehmen: die Vernunft habe wirklich Kausalität in Ansehung der
Erscheinungen: so muß sie, so sehr sie auch Vernunft ist, dennoch einen
empirischen Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine Regel
voraussetzt, darnach gewisse Erscheinungen als Wirkungen folgen, und
jede Regel eine Gleichförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den Begriff
der Ursache (als eines Vermögens) gründet, welchen wir, sofern er aus
bloßen Erscheinungen erhellen muß, seinen empirischen Charakter heißen
können, der beständig ist, indessen die Wirkungen, nach Verschiedenheit
der begleitenden und zum Teil einschränkenden Bedingungen, in
veränderlichen Gestalten erscheinen.

So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür,
welcher nichts anderes ist, als eine gewisse Kausalität seiner Vernunft,
sofern diese an ihren Wirkungen in der Erscheinung eine Regel zeigt,
darnach man die Vernunftgründe und die Handlungen derselben nach ihrer
Art und ihren Graden abnehmen, und die subjektiven Prinzipien seiner
Willkür beurteilen kann. Weil dieser empirische Charakter selbst aus den
Erscheinungen als Wirkung und aus der Regel derselben, welche Erfahrung
an die Hand gibt, gezogen werden muß: so sind alle Handlungen des
Menschen in der Erscheinung aus seinem empirischen Charakter und den
mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt, und
wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen

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könnten, so würde es keine einzige menschliche Handlung geben, die wir
nicht mit Gewißheit vorhersagen und aus ihren vorhergehenden
Bedingungen als notwendig erkennen könnten. In Ansehung dieses
empirischen Charakters gibt es also keine Freiheit, und nach diesem können
wir doch allein den Menschen betrachten, wenn wir lediglich beobachten,
und, wie es in der Anthropologie geschieht, von seinen Handlungen die
bewegenden Ursachen physiologisch erforschen wollen.

Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die Vernunft
erwägen, und zwar nicht die spekulative, um jene ihrem Ursprunge nach zu
erklären, sondern ganz allein, sofern Vernunft die Ursache ist, sie selbst zu
erzeugen; mit einem Worte, vergleichen wir sie mit dieser in praktischer
Absicht, so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung, als die
Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles das nicht geschehen sein,
was doch nach dem Naturlaufe geschehen ist, und nach seinen empirischen
Gründen unausbleiblich geschehen mußte. Bisweilen aber finden wir, oder
glauben wenigstens zu finden, daß die Ideen der Vernunft wirklich
Kausalität in Ansehung der Handlungen des Menschen, als Erscheinungen,
bewiesen haben, und daß sie darum geschehen sind, nicht weil sie durch
empirische Ursachen, nein, sondern weil sie durch Gründe der Vernunft
bestimmt waren.

Gesetzt nun, man könnte sagen: die Vernunft habe Kausalität in
Ansehung der Erscheinung; könnte da wohl die Handlung derselben frei
heißen, da sie im empirischen Charakter derselben (der Sinnesart) ganz
genau bestimmt und notwendig ist? Dieser ist wiederum im intelligiblen
Charakter (der Denkungsart) bestimmt. Die letztere kennen wir aber nicht,
sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, welche eigentlich nur die
Sinnesart (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen geben*. Die
Handlung nun, sofern sie der Denkungsart, als ihrer Ursache, beizumessen
ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach empirischen Gesetzen, d.i. so, daß

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die Bedingungen der reinen Vernunft, sondern nur so, daß deren Wirkungen
in der Erscheinung des inneren Sinnes vorhergehen. Die reine Vernunft, als
ein bloß intelligibles Vermögen, ist der Zeitform, und mithin auch den
Bedingungen der Zeitfolge, nicht unterworfen. Die Kausalität der Vernunft
im intelligiblen Charakter entsteht nicht, oder hebt nicht etwa zu einer
gewissen Zeit an, um eine Wirkung hervorzubringen. Denn sonst würde sie
selbst dem Naturgesetz der Erscheinungen, sofern es Kausalreihen der Zeit
nach bestimmt, unterworfen sein, und die Kausalität wäre alsdann Natur,
und nicht Freiheit. Also werden wir sagen können: wenn Vernunft
Kausalität in Ansehung der Erscheinungen haben kann; so ist sie ein
Vermögen, durch welches die sinnliche Bedingung einer empirischen Reihe
von Wirkungen zuerst anfängt. Denn die Bedingung, die in der Vernunft
liegt, ist nicht sinnlich, und fängt also selbst nicht an. Demnach findet
alsdann dasjenige statt, was wir in allen empirischen Reihen vermißten: daß
die Bedingung einer sukzessiven Reihe von Begebenheiten selbst
empirischunbedingt sein konnte. Denn hier ist die Bedingung außer der
Reihe der Erscheinungen (im Intelligiblen) und mithin keiner sinnlichen
Bedingung und keiner Zeitbestimmung durch vorbeigehende Ursache
unterworfen.

* Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) bleibt
uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich verborgen.
Unsere Zurechnungen können nur auf den empirischen Charakter bezogen
werden. Wie viel aber davon reine Wirkung der Freiheit, wie viel der
bloßen Natur und dem unverschuldeten Fehler des Temperaments, oder
dessen glücklicher Beschaffenheit (merito fortunae) zuzuschreiben sei, kann
niemand ergründen, und daher auch nicht nach völliger Gerechtigkeit
richten.

Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer anderen
Beziehung auch zur Reihe der Erscheinungen. Der Mensch ist selbst

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Erscheinung. Seine Willkür hat einen empirischen Charakter, der die
(empirische) Ursache aller seiner Handlungen ist. Es ist keine der
Bedingungen, die den Menschen diesem Charakter gemäß bestimmen,
welche nicht in der Reihe der Naturwirkungen enthalten wäre und dem
Gesetze derselben gehorchte, nach welchem gar keine empirischunbedingte
Kausalität von dem, was in der Zeit geschieht, angetroffen wird. Daher
kann keine gegebene Handlung (weil sie nur als Erscheinung
wahrgenommen werden kann) schlechthin von selbst anfangen. Aber von
der Vernunft kann man nicht sagen, daß vor demjenigen Zustande, darin sie
die Willkür bestimmt, ein anderer vorhergehe, darin dieser Zustand selbst
bestimmt wird. Denn da Vernunft selbst keine Erscheinung und gar keinen
Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen ist, so findet in ihr, selbst in
Betreff ihrer Kausalität, keine Zeitfolge statt, und auf sie kann also das
dynamische Gesetz der Natur, was die Zeitfolge nach Regeln bestimmt,
nicht angewandt werden.

Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen
Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im
empirischen Charakter des Menschen vorher bestimmt, ehe noch als sie
geschieht. In Ansehung des intelligiblen Charakters, wovon jener nur das
sinnliche Schema ist, gilt kein Vorher, oder Nachher, und jede Handlung,
unangesehen des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen Erscheinungen
steht, ist die unmittelbare Wirkung des intelligiblen Charakters der reinen
Vernunft, welche mithin frei handelt, ohne in der Kette der Naturursachen,
durch äußere oder innere, aber der Zeit nach vorhergehende Gründe,
dynamisch bestimmt zu sein, und diese ihre Freiheit kann man nicht allein
negativ als Unabhängigkeit von empirischen Bedingungen ansehen, (denn
dadurch würde das Vernunftvermögen aufhören, eine Ursache der
Erscheinungen zu sein,) sondern auch positiv durch ein Vermögen
bezeichnen, eine Reihe von Begebenheiten von selbst anzufangen, so, daß
in ihr selbst nichts anfängt, sondern sie, als unbedingte Bedingung jeder

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willkürlichen Handlung, über sich keine der Zeit nach vorhergehende
Bedingungen verstattet, indessen daß doch ihre Wirkung in der Reihe der
Erscheinungen anfängt, aber darin niemals einen schlechthin ersten Anfang
ausmachen kann.

Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem
empirischen Gebrauche desselben zu erläutern, nicht um es zu bestätigen
(denn dergleichen Beweise sind zu transzendentalen Behauptungen
untauglich), so nehme man eine willkürliche Handlung, z. E. eine boshafte
Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft
gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen nach, woraus sie
entstanden, untersucht, und darauf beurteilt, wie sie samt ihren Folgen ihm
zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht geht man seinen
empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben durch, die man in der
schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum Teil auch in der Bösartigkeit
eines für Beschämung unempfindlichen Naturells, aufsucht, zum Teil auf
den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt; wobei man denn die
veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht läßt. In allem
diesem verfährt man, wie überhaupt in Untersuchung der Reihe
bestimmender Ursachen zu einer gegebenen Naturwirkung. Ob man nun
gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein glaubt: so tadelt man
nichtsdestoweniger den Täter, und zwar nicht wegen seines unglücklichen
Naturells, nicht wegen der auf ihn einfließenden Umstände, ja sogar nicht
wegen seines vorher geführten Lebenswandels, denn man setzt voraus, man
könne es gänzlich beiseite setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die
verflossene Reihe von Bedingungen als ungeschehen, diese Tat aber als
gänzlich unbedingt in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der
Täter damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe. Dieser Tadel
gründet sich auf ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache
ansieht, welche das Verhalten des Menschen, unangesehen aller genannten
empirischen Bedingungen, anders habe bestimmen können und sollen. Und

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zwar sieht man die Kausalität der Vernunft nicht etwa bloß wie Konkurrenz,
sondern an sich selbst als vollständig an, wenngleich die sinnlichen
Triebfedern gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider wären; die Handlung
wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen, er hat jetzt, in dem
Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin war die Vernunft,
unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat, völlig frei, und ihrer
Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen.

Man sieht diesem zurechnenden Urteil es leicht an, daß man dabei in
Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit gar nicht
affiziert, sie verändere sich nicht (wenngleich ihre Erscheinungen, nämlich
die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen zeigt, verändern,) in ihr gehe kein
Zustand vorher, der den folgenden bestimme, mithin gehöre sie gar nicht in
die Reihe der sinnlichen Bedingungen, welche die Erscheinungen nach
Naturgesetzen notwendig machen. Sie, die Vernunft, ist allen Handlungen
des Menschen in allen Zeitumständen gegenwärtig und einerlei, selbst aber
ist sie nicht in der Zeit, und gerät etwa in einen neuen Zustand, darin sie
vorher nicht war; sie ist bestimmend, aber nicht bestimmbar in Ansehung
desselben. Daher kann man nicht fragen: warum hat sich nicht die Vernunft
anders bestimmt? sondern nur: warum hat sie die Erscheinungen durch ihre
Kausalität nicht anders bestimmt? Darauf aber ist keine Antwort möglich.
Denn ein anderer intelligibler Charakter würde einen anderen empirischen
gegeben haben, und wenn wir sagen, daß unerachtet seines ganzen, bis
dahin geführten, Lebenswandels, der Täter die Lüge doch hätte unterlassen
können, so bedeutet dieses nur, daß sie unmittelbar unter der Macht der
Vernunft stehe, und die Vernunft in ihrer Kausalität keinen Bedingungen der
Erscheinung und des Zeitlaufs unterworfen ist, der Unterschied der Zeit
auch, zwar einen Hauptunterschied der Erscheinungen respektive
gegeneinander, da diese aber keine Sachen, mithin auch nicht Ursachen an
sich selbst sind, keinen Unterschied der Handlung in Beziehung auf die
Vernunft machen könne.

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Wir können also mit der Beurteilung freier Handlungen, in Ansehung
ihrer Kausalität, nur bis an die intelligible Ursache, aber nicht über dieselbe
hinaus kommen; wir können erkennen, daß sie frei, d.i. von der Sinnlichkeit
unabhängig bestimmt, und, auf solche Art, die sinnlichunbedingte
Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum aber der intelligible
Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen empirischen Charakter
unter vorliegenden Umständen gebe, das überschreitet so weit alles
Vermögen unserer Vernunft es zu beantworten, ja alle Befugnis derselben
nur zu fragen, als ob man früge: woher der transzendentale Gegenstand
unserer äußeren sinnlichen Anschauung gerade nur Anschauung im Raume
und nicht irgendeine andere gebe. Allein die Aufgabe, die wir aufzulösen
hatten, verbindet uns hierzu gar nicht, denn sie war nur diese: ob Freiheit
der Naturnotwendigkeit in einer und derselben Handlung widerstreite, und
dieses haben wir hinreichend beantwortet, da wir zeigten, daß, da bei jener
eine Beziehung auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich ist, als
bei dieser, das Gesetz der letzteren die erstere nicht affiziere, mithin beide
voneinander unabhängig und durcheinander ungestört stattfinden können.

***

Man muß wohl bemerken: daß wir hierdurch nicht die Wirklichkeit der
Freiheit, als eines der Vermögen, welche die Ursache von den
Erscheinungen unserer Sinnenwelt enthalten, haben dartun wollen Denn,
außer daß dieses gar keine transzendentale Betrachtung, die bloß mit
Begriffen zu tun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch nicht gelingen,
indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar nicht nach
Erfahrungsgesetzen gedacht werden muß, schließen können. Ferner haben
wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit beweisen wollen;
denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir überhaupt von keinem
Realgrunde und keiner Kausalität, aus bloßen Begriffen a priori, die
Möglichkeit erkennen können. Die Freiheit wird hier nur als

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transzendentale Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Reihe der
Bedingungen in der Erscheinung durch das Sinnlichunbedingte schlechthin
anzuheben denkt, dabei sich aber in eine Antinomie mit ihren eigenen
Gesetzen, welche sie dem empirischen Gebrauche des Verstandes
vorschreibt, verwickelt. Daß nun diese Antinomie auf einem bloßen Scheine
beruhe, und, daß Natur der Kausalität aus Freiheit wenigstens nicht
widerstreite, das war das einzige, was wir leisten konnten, und woran es uns
auch einzig und allein gelegen war.

IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der
Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein nach überhaupt

In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der
Sinnenwelt in ihrer dynamischen Reihe, da eine jede unter einer anderen,
als ihrer Ursache, steht. Jetzt dient uns diese Reihe der Zustände nur zur
Leitung, um zu einem Dasein zu gelangen, das die höchste Bedingung alles
Veränderlichen sein könne, nämlich dem notwendigen Wesen. Es ist hier
nicht um die unbedingte Kausalität, sondern die unbedingte Existenz der
Substanz selbst zu tun. Also ist die Reihe, welche wir vor uns haben,
eigentlich nur die von Begriffen, und nicht von Anschauungen, insofern die
eine die Bedingung der anderen ist.

Man sieht aber leicht: daß, da alles in dem Inbegriffe der Erscheinungen
veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall in der Reihe des
abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben könne, dessen Existenz
schlechthin notwendig wäre, und daß also, wenn Erscheinungen Dinge an
sich selbst wären, eben darum aber ihre Bedingung mit dem Bedingten
jederzeit zu einer und derselben Reihe der Anschauungen gehörte, ein
notwendiges Wesen, als Bedingung des Daseins der Erscheinungen der
Sinnenwelt, niemals stattfinden könnte.

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Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigentümliche und
Unterscheidende von dem mathematischen an sich: daß, da dieser es
eigentlich nur mit der Zusammensetzung der Teile zu einem Ganzen, oder
der Zerfällung eines Ganzen in seine Teile, zu tun hat, die Bedingungen
dieser Reihe immer als Teile derselben, mithin als gleichartig, folglich als
Erscheinungen angesehen werden müssen, anstatt daß in jenem Regressus,
da es nicht um die Möglichkeit eines unbedingten Ganzen aus gegebenen
Teilen, oder eines unbedingten Teils zu einem gegebenen Ganzen, sondern
um die Ableitung eines Zustandes von seiner Ursache, oder des zufälligen
Daseins der Substanz selbst von der notwendigen zu tun ist, die Bedingung
nicht eben notwendig mit dem Bedingten eine empirische Reihe ausmachen
dürfe.

Also bleibt uns, bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie, noch
ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitenden Sätze in
verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so, daß alle Dinge der
Sinnenwelt durchaus zufällig sind, mithin auch immer nur
empirischbedingte Existenz haben, gleichwohl von der ganzen Reihe, auch
eine nichtempirische Bedingung, d.i. ein unbedingtnotwendiges Wesen
stattfinde. Denn dieses würde, als intelligible Bedingung, gar nicht zur
Reihe als ein Glied derselben (nicht einmal als das oberste Glied) gehören,
und auch kein Glied der Reihe empirischunbedingt machen, sondern die
ganze Sinnenwelt in ihrem durch alle Glieder gehenden empirischbedingten
Dasein lassen. Darin würde sich also diese Art, ein unbedingtes Dasein den
Erscheinungen zum Grunde zu legen, von der empirischunbedingten
Kausalität (der Freiheit), im vorigen Artikel, unterscheiden, daß bei der
Freiheit das Ding selbst, als Ursache (Substantia phaenomenon), dennoch in
die Reihe der Bedingungen gehörte, und nur seine Kausalität als intelligibel
gedacht wurde, hier aber das notwendige Wesen ganz außer der Reihe der
Sinnenwelt (als ens extramundanum) und bloß intelligibel gedacht werden
müßte, wodurch allein es verhütet werden kann, daß es nicht selbst dem

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Gesetze der Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen unterworfen
werde.

Das regulative Prinzip der Vernunft ist also in Ansehung dieser unserer
Aufgabe: daß alles in der Sinnenwelt empirischbedingte Existenz habe, und
daß es überall in ihr in Ansehung keiner Eigenschaft eine unbedingte
Notwendigkeit gebe: daß kein Glied der Reihe von Bedingungen sei, davon
man nicht immer die empirische Bedingung in einer möglichen Erfahrung
erwarten, und, soweit man kann, suchen müsse, und nichts uns berechtige,
irgendein Dasein von einer Bedingung außerhalb der empirischen Reihe
abzuleiten, oder auch es als in der Reihe selbst für schlechterdings
unabhängig und selbständig zu halten, gleichwohl aber dadurch gar nicht in
Abrede zu ziehen, daß nicht die ganze Reihe in irgendeinem intelligiblen
Wesen (welches darum von aller empirischen Bedingung frei ist, und
vielmehr den Grund der Möglichkeit aller dieser Erscheinungen enthält,)
gegründet sein könne.

Es ist aber hierbei gar nicht die Meinung, das unbedingtnotwendige
Dasein eines Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit einer bloß
intelligiblen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der Sinnenwelt
hierauf zu gründen, sondern nur eben so, wie wir die Vernunft
einschränken, daß sie nicht den Faden der empirischen Bedingungen
verlasse, und sich in transzendente und keiner Darstellung in concreto
fähige Erklärungsgründe verlaufe, also auch, andererseits, das Gesetz des
bloß empirischen Verstandesgebrauchs dahin einzuschränken, daß es nicht
über die Möglichkeit der Dinge überhaupt entscheide, und das Intelligible,
ob es gleich von uns zur Erklärung der Erscheinungen nicht zu gebrauchen
ist, darum nicht für unmöglich erkläre. Es wird also dadurch nur gezeigt,
daß die durchgängige Zufälligkeit aller Naturdinge und aller ihrer
(empirischen) Bedingungen, ganz wohl mit der willkürlichen Voraussetzung
einer notwendigen, obzwar bloß intelligiblen Bedingung zusammen

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bestehen könne, also kein wahrer Widerspruch zwischen diesen
Behauptungen anzutreffen sei, mithin sie beiderseits wahr sein können. Es
mag immer ein solches schlechthinnotwendiges Verstandeswesen an sich
unmöglich sein, so kann dieses doch aus der allgemeinen Zufälligkeit und
Abhängigkeit alles dessen, was zur Sinnenwelt gehört, imgleichen aus dem
Prinzip, bei keinem einzigen Gliede derselben, sofern es zufällig ist,
aufzuhören und sich auf eine Ursache außer der Welt zu berufen,
keineswegs geschlossen werden. Die Vernunft geht ihren Gang im
empirischen und ihren besonderen Gang im transzendentalen Gebrauche.

Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen, diese aber sind bloße
Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind, und, da wir hier
niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, so ist nicht zu
verwundern, daß wir niemals berechtigt sind, von einem Gliede der
empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer dem
Zusammenhange der Sinnlichkeit zu tun, gleich als wenn es Dinge an sich
selbst wären, die außer ihrem transzendentalen Grunde existierten, und die
man verlassen könnte, um die Ursache ihres Daseins außer ihnen zu suchen;
welches bei zufälligen Dingen allerdings endlich geschehen müßte, aber
nicht bei blossen Vorstellungen von Dingen, deren Zufälligkeit selbst nur
Phänomen ist, und auf keinen anderen Regressus, als denjenigen, der die
Phänomena bestimmt, d.i. der empirisch ist, führen kann. Sich aber einen
intelligiblen Grund der Erscheinungen, d.i. der Sinnenwelt, und denselben
befreit von der Zufälligkeit der letzteren, denken, ist weder dem
uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der Erscheinungen,
noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen. Das ist aber auch
das Einzige, was wir zur Hebung der scheinbaren Antinomie zu leisten
hatten, und was sich nur auf diese Weise tun ließ. Denn, ist die jedesmalige
Bedingung zu jedem Bedingten (dem Dasein nach) sinnlich, und eben
darum zur Reihe gehörig, so ist sie selbst wiederum bedingt (wie die
Antithesis der vierten Antinomie es aufweist). Es mußte also entweder ein

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Widerstreit mit der Vernunft, die das Unbedingte fordert, bleiben, oder
dieses außer der Reihe in dem Intelligiblen gesetzt werden, dessen
Notwendigkeit keine empirische Bedingung erfordert, noch verstattet, und
also, respektive auf Erscheinungen, unbedingt notwendig ist.

Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedingungen
des Daseins in der Sinnenwelt) wird durch die Einräumung eines bloß
intelligiblen Wesens nicht affiziert, sondern geht nach dem Prinzip der
durchgängigen Zufälligkeit, von empirischen Bedingungen zu höheren, die
immer ebensowohl empirisch sind. Ebensowenig schließt aber auch dieser
regulative Grundsatz die Annehmung einer intelligiblen Ursache, die nicht
in der Reihe ist, aus, wenn es um den reinen Gebrauch der Vernunft (in
Ansehung der Zwecke) zu tun ist. Denn da bedeutet jene nur den für uns
bloß transzendentalen und unbekannten Grund der Möglichkeit der
sinnlichen Reihe überhaupt, dessen, von allen Bedingungen der letzteren
unabhängiges und in Ansehung dieser unbedingtnotwendiges, Dasein der
unbegrenzten Zufälligkeit der ersteren, und darum auch dem nirgend
geendigten Regressus in der Reihe empirischer Bedingungen, gar nicht
entgegen ist.

Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft

Solange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der
Bedingungen in der Sinnenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft zu
Diensten geschehen kann, zum Gegenstande haben: so sind unsere Ideen
zwar transzendental, aber doch kosmologisch. Sobald wir aber das
Unbedingte (um das es doch eigentlich zu tun ist) in demjenigen setzen,
was ganz außerhalb der Sinnenwelt, mithin außer aller möglichen
Erfahrung ist, so werden die Ideen transzendent; sie dienen nicht bloß zur
Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (der immer eine nie

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auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt), sondern sie
trennen sich davon gänzlich, und machen sich selbst Gegenstände, deren
Stoff nicht aus Erfahrung genommen, deren objektive Realität auch nicht
auf der Vollendung der empirischen Reihe, sondern auf reinen Begriffen a
priori beruht. Dergleichen transzendente Ideen haben einen bloß
intelligiblen Gegenstand, welchen als ein transzendentales Objekt, von dem
man übrigens nichts weiß, zuzulassen, allerdings erlaubt ist, wozu aber, um
es als ein durch seine unterscheidenden und inneren Prädikate
bestimmbares Ding zu denken, wir weder Gründe der Möglichkeit (als
unabhängig von allen Erfahrungsbegriffen), noch die mindeste
Rechtfertigung, einen solchen Gegenstand anzunehmen, auf unserer Seite
haben, und welches daher ein bloßes Gedankending ist. Gleichwohl dringt
uns, unter allen kosmologischen Ideen, diejenige, so die vierte Antinomie
veranlaßte, diesen Schritt zu wagen. Denn das in sich selbst ganz und gar
nicht gegründete, sondern stets bedingte, Dasein der Erscheinungen fordert
uns auf: uns nach etwas von allen Erscheinungen unterschiedenem, mithin
einem intelligiblen Gegenstande umzusehen, bei welchem diese
Zufälligkeit aufhöre. Weil aber, wenn wir uns einmal die Erlaubnis
genommen haben, außer dem Feld der gesamten Sinnlichkeit eine für sich
bestehende Wirklichkeit anzunehmen, Erscheinungen nur als zufällige
Vorstellungsarten intelligibler Gegenstände, von solchen Wesen, die selbst
Intelligenzen sind, anzusehen: so bleibt uns nichts anderes übrig als die
Analogie, nach der wir die Erfahrungsbegriffe nutzen, um uns von
intelligiblen Dingen, von denen wir an sich nicht die mindeste Kenntnis
haben, doch irgend einigen Begriff zu machen. Weil wir das Zufällige nicht
anders als durch Erfahrung kennenlernen, hier aber von Dingen, die gar
nicht Gegenstände der Erfahrung sein sollen, die Rede ist, so werden wir
ihre Kenntnis aus dem, was an sich notwendig ist, aus reinen Begriffen von
Dingen überhaupt, ableiten müssen. Daher nötigt uns der erste Schritt, den
wir außer der Sinnenwelt tun, unsere neuen Kenntnisse von der

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Untersuchung des schlechthinnotwendigen Wesens anzufangen, und von
den Begriffen desselben die Begriffe von allen Dingen, sofern sie bloß
intelligibel sind, abzuleiten, und diesen Versuch wollen wir in dem
folgenden Hauptstücke anstellen.

Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik
Drittes Hauptstück
Das Ideal der reinen Vernunft

Erster Abschnitt
Von dem Ideal überhaupt

Wir haben oben gesehen, daß durch reine Verstandesbegriffe, ohne alle
Bedingungen der Sinnlichkeit, gar keine Gegenstände können vorgestellt
werden, weil die Bedingungen der objektiven Realität derselben fehlen, und
nichts, als die bloße Form des Denkens, in ihnen angetroffen wird.
Gleichwohl können sie in concreto dargestellt werden, wenn man sie auf
Erscheinungen anwendet; denn an ihnen haben sie eigentlich den Stoff zum
Erfahrungsbegriffe, der nichts als ein Verstandesbegriff in concreto ist.
Ideen aber sind noch weiter von der objektiven Realität entfernt, als
Kategorien; denn es kann keine Erscheinung gefunden werden, an der sie
sich in concreto vorstellen ließen. Sie enthalten eine gewisse
Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische Erkenntnis zulangt,
und die Vernunft hat dabei nur eine systematische Einheit im Sinne, welcher
sie die empirische mögliche Einheit zu nähern sucht, ohne sie jemals völlig
zu erreichen.

Aber noch weiter, als die Idee, scheint dasjenige von der objektiven
Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich die

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Idee, nicht bloß in concreto, sondern in individuo, d.i. als ein einzelnes,
durch die Idee allein bestimmbares, oder gar bestimmtes Ding, verstehe.

Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit, enthält nicht allein die
Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen Eigenschaften,
welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur vollständigen
Kongruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der vollkommenen
Menschheit sein würde, sondern auch alles, was außer diesem Begriffe zu
der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn von allen
entgegengesetzten Prädikaten kann sich doch nur ein einziges zu der Idee
des vollkommensten Menschen schicken. Was uns ein Ideal ist, war dem
Plato eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner Gegenstand in der
reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste einer jeden Art
möglicher Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der Erscheinung.

Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die
menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte, die
zwar nicht, wie die platonischen, schöpferische, aber doch praktische Kraft
(als regulative Prinzipien) haben, und der Möglichkeit der Vollkommenheit
gewisser Handlungen zum Grunde liegen. Moralische Begriffe sind nicht
gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas Empirisches (Lust oder
Unlust) zum Grunde liegt. Gleichwohl können sie in Ansehung des
Prinzips, wodurch die Vernunft der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken
setzt, (also wenn man bloß auf ihre Form acht hat,) gar wohl zum Beispiele
reiner Vernunftbegriffe dienen. Tugend, und, mit ihr, menschliche Weisheit
in ihrer ganzen Reinigkeit, sind Ideen. Aber der Weise (des Stoikers) ist ein
Ideal, d.i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existiert, der aber mit der Idee
der Weisheit völlig kongruiert. So wie die Idee die Regel gibt, so dient das
Ideal in solchem Falle zum Urbilde, der durchgängigen Bestimmung des
Nachbildes, und wir haben kein anderes Richtmaß unserer Handlungen, als
das Verhalten dieses göttlichen Menschen in uns, womit wir uns

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vergleichen, beurteilen, und dadurch uns bessern, obgleich es niemals
erreichen können. Diese Ideale, ob man ihnen gleich nicht objektive
Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind doch um deswillen nicht für
Hirngespinste anzusehen, sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der
Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was in seiner Art ganz vollständig
ist, bedarf, um danach den Grad und die Mängel des Unvollständigen zu
schätzen und abzumessen. Das Ideal aber in einem Beispiele, d.i. in der
Erscheinung, realisieren wollen, wie etwa den Weisen in einem Roman, ist
untunlich, und hat überdem etwas Widersinnisches und wenig Erbauliches
an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der
Idee kontinuierlich Abbruch tun, alle Illusion in solchem Versuche
unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig
und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.

So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit auf
bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der
Befolgung, oder Beurteilung, dienen muß. Ganz anders verhält es sich mit
denen Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sich niemand erklären und
einen verständlichen Begriff geben kann, gleichsam Monogrammen, die nur
einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Regel bestimmte Züge sind,
welche mehr eine im Mittel verschiedener Erfahrungen gleichsam
schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes Bild ausmachen, dergleichen
Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe zu haben vorgeben, und die ein
nicht mitzuteilendes Schattenbild ihrer Produkte oder auch Beurteilungen
sein sollen. Sie können, obzwar nur uneigentlich, Ideale der Sinnlichkeit
genannt werden, weil sie das nicht erreichbare Muster möglicher
empirischer Anschauungen sein sollen, und gleichwohl keine der Erklärung
und Prüfung fähige Regel abgeben.

Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige
Bestimmung nach Regeln a priori; daher sie sich einen Gegenstand denkt,

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der nach Prinzipien durchgängig bestimmbar sein soll, obgleich dazu die
hinreichenden Bedingungen in der Erfahrung mangeln und der Begriff
selbst also transzendent ist.

Des dritten Hauptstücks
Zweiter Abschnitt
Von dem transzendentalen Ideal
(Prototypon transzendentale)

Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst nicht
enthalten ist, unbestimmt, und steht unter dem Grundsatze der
Bestimmbarkeit; daß nur eines, von jeden zween einander
kontradiktorischentgegengesetzten Prädikaten, ihm zukommen könne,
welcher auf dem Satze des Widerspruchs beruht, und daher ein bloß
logisches Prinzip ist, das von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und
nichts, als die logische Form derselben vor Augen hat.

Ein jedes Ding aber, seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem
Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von allen
möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihren Gegenteilen
verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht bloß auf dem
Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet, außer dem Verhältnis zweier
einander widerstreitenden Prädikate, jedes Ding noch im Verhältnis auf die
gesamte Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädikate der Dinge überhaupt,
und, indem es solche als Bedingung a priori voraussetzt, so stellt es ein
jedes Ding so vor, wie es von dem Anteil, den es an jener gesamten
Möglichkeit hat, seine eigene Möglichkeit ableite.* Das Prinzipium der
durchgängigen Bestimmung betrifft also den Inhalt, und nicht bloß die
logische Form. Es ist der Grundsatz der Synthesis aller Prädikate, die den
vollständigen Begriff von einem Dinge machen sollen, und nicht bloß der

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analytischen Vorstellung, durch eines zweier entgegengesetzten Prädikate,
und enthält eine transzendentale Voraussetzung, nämlich die der Materie zu
aller Möglichkeit, welche a priori die Data zur besonderen Möglichkeit
jedes Dinges enthalten soll.

* Es wird also durch diesen Grundsatz jedes Ding auf ein
gemeinschaftliches Korrelatum, nämlich die gesamte Möglichkeit, bezogen,
welche, wenn sie (d.i. der Stoff zu allen möglichen Prädikaten) in der Idee
eines einzigen Dinges angetroffen würde, eine Affinität alles Möglichen
durch die Identität des Grundes der durchgängigen Bestimmung desselben
beweisen würde. Die Bestimmbarkeit eines jeden Begriffs ist der
Allgemeinheit (Universalitas) des Grundsatzes der Ausschließung eines
Mittleren zwischen zwei entgegengesetzten Prädikaten, die Bestimmung
aber eines Dinges der Allheit (Universitas) oder dem Inbegriffe aller
möglichen Prädikate untergeordnet.

Der Satz: alles Existierende ist durchgängig bestimmt, bedeutet nicht
allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen, sondern
auch von allen möglichen Prädikaten ihm immer eines zukomme; es
werden durch diesen Satz nicht bloß Prädikate untereinander logisch,
sondern das Ding selbst, mit dem Inbegriff aller möglichen Prädikate,
transzendental verglichen. Er will so viel sagen, als: um ein Ding
vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen, und es
dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die durchgängige
Bestimmung ist folglich ein Begriff, den wir niemals in concreto seiner
Totalität nach darstellen können, und gründet sich also auf einer Idee,
welche lediglich in der Vernunft ihren Sitz hat, die dem Verstande die Regel
seines vollständigen Gebrauchs vorschreibt.

Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit, sofern er
als Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges zum

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Grunde liegt, in Ansehung der Prädikate, die denselben ausmachen mögen,
selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch nichts weiter als einen
Inbegriff aller möglichen Prädikate überhaupt denken, so finden wir doch
bei näherer Untersuchung, daß diese Idee, als Urbegriff, eine Menge von
Prädikaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon gegeben sind,
oder nebeneinander nicht stehen können, und daß sie sich bis zu einem
durchgängig a priori bestimmten Begriffe läutere, und dadurch der Begriff
von einem einzelnen Gegenstande werde, der durch die bloße Idee
durchgängig bestimmt ist, mithin ein Ideal der reinen Vernunft genannt
werden muß.

Wenn wir alle möglichen Prädikate nicht bloß logisch, sondern
transzendental, d.i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht werden
kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein Sein, durch
andere ein bloßes Nichtsein vorgestellt wird. Die logische Verneinung, die
lediglich durch das Wörtchen: Nicht, angezeigt wird, hängt eigentlich
niemals einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse desselben zu einem
anderen im Urteile an, und kann also dazu bei weitem nicht hinreichend
sein, einen Begriff in Ansehung seines Inhaltes zu bezeichnen. Der
Ausdruck: Nichtsterblich, kann gar nicht zu erkennen geben, daß dadurch
ein bloßes Nichtsein am Gegenstande vorgestellt werde, sondern läßt allen
Inhalt unberührt. Eine transzendentale Verneinung bedeutet dagegen das
Nichtsein an sich selbst, dem die transzendentale Bejahung entgegengesetzt
wird, welche ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein Sein
ausdrückt, und daher Realität (Sachheit) genannt wird, weil durch sie allein,
und so weit sie reicht, Gegenstände Etwas (Dinge) sind, die
entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet, und,
wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt wird.

Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne daß er
die entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der

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Blindgeborene kann sich nicht die mindeste Vorstellung von Finsternis
machen, weil er keine vom Lichte hat; der Wilde nicht von der Armut, weil
er den Wohlstand nicht kennt.* Der Unwissende hat keinen Begriff von
seiner Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, usw. Es sind
also auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, und die Realitäten
enthalten die Data und sozusagen die Materie, oder den transzendentalen
Inhalt, zu der Möglichkeit und durchgängigen Bestimmung aller Dinge.

* Die Beobachtungen und Berechnungen der Sternkundigen haben uns
viel Bewunderungswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wohl, daß sie
uns den Abgrund der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die menschliche
Vernunft, ohne diese Kenntnisse, sich niemals so groß hätte vorstellen
können, und worüber das Nachdenken eine große Veränderung in der
Bestimmung der Endabsichten unseres Vernunftgebrauchs hervorbringen
muß.

Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein
transzendentales Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam
den ganzen Vorrat des Stoffes, daher alle möglichen Prädikate der Dinge
genommen werden können, enthält, so ist dieses Substratum nichts anderes,
als die Idee von einem All der Realität (omnitudo realitatis). Alle wahren
Verneinungen sind alsdann nichts als Schranken, welches sie nicht genannt
werden könnten, wenn nicht das Unbeschränkte (das All) zum Grunde läge.

Es ist aber auch durch diesen Allbesitz der Realität der Begriff eines
Dinges an sich selbst, als durchgängig bestimmt, vorgestellt, und der
Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen Wesens, weil
von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten eines, nämlich das, was
zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung angetroffen wird. Also
ist es ein transzendentales Ideal, welches der durchgängigen Bestimmung,
die notwendig bei allem, was existiert, angetroffen wird, zum Grunde liegt,

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und die oberste und vollständige materiale Bedingung seiner Möglichkeit
ausmacht, auf welcher alles Denken der Gegenstände überhaupt ihrem
Inhalte nach zurückgeführt werden muß. Es ist aber auch das einzige
eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft fähig ist; weil nur in
diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge
durch sich selbst durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung von einem
Individuum erkannt wird.

Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf
einem disjunktiven Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine
logische Einteilung (die Teilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs)
enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Teil einschränkt und der
Schlußsatz den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Begriff einer
Realität überhaupt kann a priori nicht eingeteilt werden, weil man ohne
Erfahrung keine bestimmten Arten von Realität kennt, die unter jener
Gattung enthalten wären. Also ist der transzendentale Obersatz der
durchgängigen Bestimmung aller Dinge nichts anderes, als die Vorstellung
des Inbegriffs aller Realität, nicht bloß ein Begriff, der alle Prädikate ihrem
transzendentalen Inhalte nach unter sich, sondern der sie in sich begreift,
und die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht auf der
Einschränkung dieses All der Realität, indem Einiges derselben dem Dinge
beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit dem Entweder
und Oder des disjunktiven Obersatzes und der Bestimmung des
Gegenstandes, durch eins der Glieder dieser Teilung im Untersatze,
übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch der Vernunft, durch den sie das
transzendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller möglichen Dinge
legt, demjenigen analogisch, nach welchem sie in disjunktiven
Vernunftschlüssen verfährt; welches der Satz war, den ich oben zum Grunde
der systematischen Einteilung aller transzendentalen Ideen legte, nach
welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen parallel und
korrespondierend erzeugt werden.

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Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht,
nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der Dinge
vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem Ideale
gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer
unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d.i. die
des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild
(Prototypon) aller Dinge, welche insgesamt, als mangelhafte Kopien
(ectypa), den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und indem sie
demselben mehr oder weniger nahekommen, dennoch jederzeit unendlich
weit daran fehlen, es zu erreichen.

So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis des
Mannigfaltigen ihrem Inhalte nach) als abgeleitet, und nur allein die
desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich angesehen.
Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen Prädikate sind, wodurch
sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden läßt,) sind bloße
Einschränkungen einer größeren und endlich der höchsten Realität, mithin
setzen sie diese voraus, und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet.
Alle Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den
Begriff der höchsten Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist,
einzuschränken, so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den
unendlichen Raum einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in
der Vernunft befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen (ens
originarium), sofern es keines über sich hat, das höchste Wesen (ens
summum), und, sofern alles, als bedingt, unter ihm steht, das Wesen aller
Wesen (ens entium) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht das objektive
Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu anderen Dingen, sondern der
Idee zu Begriffen, und läßt uns wegen der Existenz eines Wesens von so
ausnehmendem Vorzuge in völliger Unwissenheit.

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Weil man auch nicht sagen kann, daß ein Urwesen aus viel abgeleiteten
Wesen bestehe, indem ein jedes derselben jenes voraussetzt, mithin es nicht
ausmachen kann, so wird das Ideal des Urwesens auch als einfach gedacht
werden müssen.

Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird
daher, genau zu reden, auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten
Realität und gleichsam als eine Teilung derselben angesehen werden
können; denn alsdann würde das Urwesen als ein bloßes Aggregat von
abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem vorigen
unmöglich ist, ob wir es gleich anfänglich im ersten rohen Schattenrisse so
vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge die höchste
Realität als ein Grund und nichts als Inbegriff zum Grunde liegen, und die
Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der Einschränkung des Urwesens
selbst, sondern seiner vollständigen Folge beruhen, zu welcher denn auch
unsere ganze Sinnlichkeit, samt aller Realität in der Erscheinung, gehören
würde, die zu der Idee des höchsten Wesens, als ein Ingredienz, nicht
gehören kann.

Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasieren, so ferner
nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff der
höchsten Realität als ein einiges, einfaches, allgenugsames, ewiges usw.,
mit einem Worte, es in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle
Prädikamente bestimmen können. Der Begriff eines solchen Wesens ist der
von Gott, in transzendentalem Verstande gedacht, und so ist das Ideal der
reinen Vernunft der Gegenstand einer transzendentalen Theologie, so wie
ich es auch oben angeführt habe.

Indessen würde dieser Gebrauch der transzendentalen Idee doch schon
die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn die
Vernunft legte sie nur, als den Begriff von aller Realität, der durchgängigen

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Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu verlangen, daß alle
diese Realität objektiv gegeben sei und selbst ein Ding ausmache. Dieses
letztere ist eine bloße Erdichtung, durch welche wir das Mannigfaltige
unserer Idee in einem Ideale, als einem besonderen Wesen,
zusammenfassen und realisieren, wozu wir keine Befugnis haben, sogar
nicht einmal die Möglichkeit einer solchen Hypothese geradezu
anzunehmen, wie denn auch alle Folgerungen, die aus einem solchen Ideale
abfließen, die durchgängige Bestimmung der Dinge überhaupt, als zu deren
Behuf die Idee allein nötig war, nichts angehen, und darauf nicht den
mindesten Einfluß haben.

Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik zu
beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken suchen, um
diesen Schein selbst, wie ein Phänomen des Verstandes, erklären zu können;
denn das Ideal, wovon wir reden, ist auf einer natürlichen und nicht bloß
willkürlichen Idee gegründet. Daher frage ich: wie kommt die Vernunft
dazu, alle Möglichkeit der Dinge als abgeleitet von einer einzigen, die zum
Grunde liegt, nämlich der der höchsten Realität, anzusehen, und diese
sodann, als in einem besonderen Urwesen enthalten vorauszusetzen?

Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transzendentalen
Analytik von selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist ein
Verhältnis derselben zu unserem Denken, worin etwas (nämlich die
empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die
Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung, (was der Empfindung
entspricht) gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht und
mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann ein
Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er mit allen
Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend oder
verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige, was das Ding selbst
(in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale, gegeben sein muß, ohne

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welches es auch gar nicht gedacht werden könnte; dasjenige aber, worin das
Reale aller Erscheinungen gegeben ist, die einige allbefassende Erfahrung
ist: so muß die Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände der Sinne, als in
einem Inbegriffe gegeben, vorausgesetzt werden, auf dessen Einschränkung
allein alle Möglichkeit empirischer Gegenstände, ihr Unterschied
voneinander und ihre durchgängige Bestimmung, beruhen kann. Nun
können uns in der Tat keine anderen Gegenstände, als die der Sinne, und
nirgends als in dem Kontext einer möglichen Erfahrung gegeben werden,
folglich ist nichts für uns ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller
empirischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Nach
einer natürlichen Illusion sehen wir nun das für einen Grundsatz an, der von
allen Dingen überhaupt gelten müsse, welcher eigentlich nur von denen gilt,
die als Gegenstände unserer Sinne gegeben werden. Folglich werden wir
das empirische Prinzip unserer Begriffe der Möglichkeit der Dinge, als
Erscheinungen, durch Weglassung dieser Einschränkung, für ein
transzendentales Prinzip der Möglichkeit der Dinge überhaupt halten.

Daß wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität
hypostasieren, kommt daher: weil wir die distributive Einheit des
Erfahrungsgebrauchs des Verstandes in die kollektive Einheit eines
Erfahrungsganzen dialektisch verwandeln, und an diesem Ganzen der
Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken, was alle empirische Realität in
sich enthält, welches dann, vermittelst der schon gedachten
transzendentalen Subreption, mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt
wird, was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht, zu deren
durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen hergibt.*

* Dieses Ideal des allerrealsten Wesens wird also, ob es zwar eine bloße
Vorstellung ist, zuerst realisiert, d.i. zum Objekt gemacht, darauf
hypostasiert, endlich, durch einen natürlichen Fortschritt der Vernunft zur
Vollendung der Einheit, sogar personifiziert, wie wir bald anführen werden;

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weil die regulative Einheit der Erfahrung nicht auf den Erscheinungen
selbst (der Sinnlichkeit allein), sondern auf der Verknüpfung ihres
Mannigfaltigen durch den Verstand (in einer Apperzeption) beruht, mithin
die Einheit der höchsten Realität und die durchgängige Bestimmbarkeit
(Möglichkeit) aller Dinge in einem höchsten Verstande, mithin in einer
Intelligenz zu liegen scheint.

Des dritten Hauptstücks
Dritter Abschnitt
Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines
höchsten Wesens zu schließen

Ungeachtet dieser dringenden Bedürfnis der Vernunft, etwas
vorauszusetzen, was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung
seiner Begriffe vollständig zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie doch
das Idealische und bloß Gedichtete einer solchen Voraussetzung viel zu
leicht, als daß sie dadurch allein überredet werden sollte, ein bloßes
Selbstgeschöpf ihres Denkens sofort für ein wirkliches Wesen anzunehmen,
wenn sie nicht wodurch anders gedrungen würde, irgendwo ihren
Ruhestand, in dem Regressus vom Bedingten, das gegeben ist, zum
Unbedingten, zu suchen, das zwar an sich und seinem bloßen Begriff nach
nicht als wirklich gegeben ist, welches aber allein die Reihe der zu ihren
Gründen hinausgeführten Bedingungen vollenden kann. Dieses ist nun der
natürliche Gang, den jede menschliche Vernunft, selbst die gemeinste,
nimmt, obgleich nicht eine jede in demselben aushält. Sie fängt nicht von
Begriffen, sondern von der gemeinen Erfahrung an, und legt also etwas
Existierendes zum Grunde. Dieser Boden aber sinkt, wenn er nicht auf dem
unbeweglichen Felsen des Absolutnotwendigen ruht. Dieser selber aber
schwebt ohne Stütze, wenn noch außer und unter ihm leerer Raum ist, und

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er nicht selbst alles erfüllt und dadurch keinen Platz zum Warum mehr übrig
läßt, d.i. der Realität nach unendlich ist.

Wenn etwas, was es auch sei, existiert, so muß auch eingeräumt werden,
daß irgend etwas notwendigerweise existiere. Denn das Zufällige existiert
nur unter der Bedingung eines anderen, als seiner Ursache, und von dieser
gilt der Schluß fernerhin, bis zu einer Ursache, die nicht zufällig und eben
darum ohne Bedingung notwendigerweise da ist. Das ist das Argument,
worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum Urwesen gründet.

Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das sich
zu einem solchen Vorzuge der Existenz, als die unbedingte Notwendigkeit,
schicke, nicht sowohl, um alsdann von dem Begriffe desselben a priori auf
sein Dasein zu schließen, (denn, getraute sie sich dieses, so dürfte sie
überhaupt nur unter bloßen Begriffen forschen, und hätte nicht nötig, ein
gegebenes Dasein zum Grunde zu legen,) sondern nur um unter allen
Begriffen möglicher Dinge denjenigen zu finden, der nichts der absoluten
Notwendigkeit Widerstreitendes in sich hat. Denn, daß doch irgend etwas
schlechthin notwendig existieren müsse, hält sie nach dem ersteren
Schlusse schon für ausgemacht. Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was
sich mit dieser Notwendigkeit nicht verträgt, außer einem; so ist dieses das
schlechthin notwendige Wesen, man mag nun die Notwendigkeit desselben
begreifen, d.i. aus seinem Begriffe allein ableiten können, oder nicht.

Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum in sich
enthält, das in keinem Stücke und in keiner Absicht defekt ist, welches
allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur absoluten
Notwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es, bei dem Selbstbesitz
aller Bedingungen zu allem Möglichen, selbst keiner Bedingung bedarf, ja
derselben nicht einmal fähig ist, folglich, wenigstens in einem Stücke, dem
Begriffe der unbedingten Notwendigkeit ein Genüge tut, darin es kein

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anderer Begriff ihm gleichtun kann, der, weil er mangelhaft und der
Ergänzung bedürftig ist, kein solches Merkmal der Unabhängigkeit von
allen ferneren Bedingungen an sich zeigt. Es ist wahr, daß hieraus noch
nicht sicher gefolgert werden könne, daß, was nicht die höchste und in aller
Absicht vollständige Bedingung in sich enthält, darum selbst seiner
Existenz nach bedingt sein müsse; aber es hat denn doch das einzige
Merkzeichen des unbedingten Daseins nicht an sich, dessen die Vernunft
mächtig ist, um durch einen Begriff a priori irgendein Wesen als unbedingt
zu erkennen.

Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also unter
allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt
notwendigen Wesens am besten schicken, und, wenn er diesem auch nicht
völlig genugtut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen uns genötigt,
uns an ihn zu halten, weil wir die Existenz eines notwendigen Wesens nicht
in den Wind schlagen dürfen; geben wir sie aber zu, doch in dem ganzen
Felde der Möglichkeit nichts finden können, was auf einen solchen Vorzug
im Dasein einen gegründeteren Anspruch machen könnte.

So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen.
Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgendeines notwendigen Wesens. In
diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den Begriff des
Unabhängigen von aller Bedingung, und findet ihn in dem, was selbst die
zureichende Bedingung zu allem anderen ist, d.i. in demjenigen, was alle
Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist absolute Einheit, und führt
den Begriff eines einigen, nämlich des höchsten Wesens bei sich, und so
schließt sie, daß das höchste Wesen, als Urgrund aller Dinge, schlechthin
notwendigerweise da sei.

Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten
werden, wenn von Entschließungen die Rede ist, nämlich, wenn einmal das

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Dasein irgendeines notwendigen Wesens zugegeben wird und man darin
übereinkommt, daß man seine Partei ergreifen müsse, worin man dasselbe
setzen wolle; denn alsdann kann man nicht schicklicher wählen, oder man
hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genötigt, der absoluten Einheit der
vollständigen Realität, als dem Urquelle der Möglichkeit, seine Stimme zu
geben. Wenn uns aber nichts treibt, uns zu entschließen, und wir lieber diese
ganze Sache dahingestellt sein ließen, bis wir durch das volle Gewicht der
Beweisgründe zum Beifalle gezwungen würden, d.i. wenn es bloß um
Beurteilung zu tun ist, wie viel wir von dieser Aufgabe wissen, und was wir
uns nur zu wissen schmeicheln; dann erscheint obiger Schluß bei weitem
nicht in so vorteilhafter Gestalt, und bedarf Gunst, um den Mangel seiner
Rechtsansprüche zu ersetzen.

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Denn, wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt, daß
nämlich erstlich von irgendeiner gegebenen Existenz (allenfalls auch bloß
meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines unbedingt
notwendigen Wesens stattfinde, zweitens, daß ich ein Wesen, welches alle
Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als schlechthin unbedingt
ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges, welches sich zur absoluten
Notwendigkeit schickt, hierdurch gefunden sei: so kann daraus doch gar
nicht geschlossen werden, daß der Begriff eines eingeschränkten Wesens,
das nicht die höchste Realität hat, darum der absoluten Notwendigkeit
widerspreche. Denn, ob ich gleich in seinem Begriffe nicht das Unbedingte
antreffe, was das All der Bedingungen schon bei sich führt, so kann daraus
doch gar nicht gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum bedingt sein
müsse; so wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht sagen
kann: wo eine gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit nach
Begriffen) nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns vielmehr
unbenommen bleiben, alle übrigen eingeschränkten Wesen ebensowohl für
unbedingt notwendig gelten zu lassen, ob wir gleich ihre Notwendigkeit aus
dem allgemeinen Begriffe, den wir von ihnen haben, nicht schließen
können. Auf diese Weise aber hätte dieses Argument uns nicht den
mindesten Begriff von Eigenschaften eines notwendigen Wesens verschafft,
und überall gar nichts geleistet.

Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit, und ein
Ansehen, das ihm, wegen dieser objektiven Unzulänglichkeit, noch nicht
sofort genommen werden kann. Denn setzet, es gebe Verbindlichkeiten, die
in der Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität in Anwendung
auf uns selbst, d.i. ohne Triebfedern sein würden, wo nicht ein höchstes
Wesen vorausgesetzt würde, das den praktischen Gesetzen Wirkung und
Nachdruck geben könnte: so würden wir auch eine Verbindlichkeit haben,
den Begriffen zu folgen, die, wenn sie gleich nicht objektiv zulänglich sein

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möchten, doch nach dem Maße unserer Vernunft überwiegend sind, und in
Vergleichung mit denen wir doch nichts Besseres und Überführenderes
erkennen. Die Pflicht zu wählen, würde hier die Unschliessigkeit der
Spekulation durch einen praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte
bringen, ja die Vernunft würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten
Richter, keine Rechtfertigung finden, wenn sie unter dringenden
Bewegursachen, obzwar nur mangelhafter Einsicht, diesen Gründen ihres
Urteils, über die wir doch wenigstens keine besseren kennen, nicht gefolgt
wäre.

Dieses Argument, ob es gleich in der Tat transzendental ist, indem es auf
der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch so einfältig
und natürlich, daß es dem gemeinsten Menschensinne angemessen ist,
sobald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man sieht Dinge sich
verändern, entstehen und vergehen; sie müssen also, oder wenigstens ihr
Zustand, eine Ursache haben. Von jeder Ursache aber, die jemals in der
Erfahrung gegeben werden mag, läßt sich eben dieses wiederum fragen.
Wohin sollen wir nun die oberste Kausalität billiger verlegen, als dahin, wo
auch die höchste Kausalität ist, d.i. in dasjenige Wesen, was zu der
möglichen Wirkung die Zulänglichkeit in sich selbst ursprünglich enthält,
dessen Begriff auch durch den einzigen Zug einer allbefassenden
Vollkommenheit sehr leicht zustande kommt. Diese höchste Ursache halten
wir dann für schlechthin notwendig, weil wir es schlechterdings notwendig
finden, bis zu ihr hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter
hinauszugehen. Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste
Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu
nicht Nachdenken und tiefe Spekulation, sondern nur ein nach und nach
verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt
hat.

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Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus
spekulativer Vernunft möglich.

Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder
von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen
Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach Gesetzen
der Kausalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt hinauf: oder sie
legen nur unbestimmte Erfahrung, d.i. irgendein Dasein, empirisch zum
Grunde, oder sie abstrahieren endlich von aller Erfahrung, und schließen
gänzlich a priori aus bloßen Begriffen auf das Dasein einer höchsten
Ursache. Der erste Beweis ist der physikotheologische, der zweite der
kosmologische, der dritte der ontologische Beweis. Mehr gibt es ihrer nicht,
und mehr kann es auch nicht geben.

Ich werde dartun: daß die Vernunft, auf dem einen Wege (dem
empirischen) so wenig, als auf dem anderen (dem transzendentalen), etwas
ausrichte, und daß sie vergeblich ihre Flügel ausspanne, um über die
Sinnenwelt durch die bloße Macht der Spekulation hinaus zu kommen. Was
aber die Ordnung betrifft, in welcher diese Beweisarten der Prüfung
vorgelegt werden müssen, so wird sie gerade die umgekehrte von
derjenigen sein, welche die sich nach und nach erweiternde Vernunft
nimmt, und in der wir sie auch zuerst gestellt haben. Denn es wird sich
zeigen: daß, obgleich Erfahrung den ersten Anlaß dazu gibt, dennoch bloß
der transzendentale Begriff die Vernunft in dieser ihrer Bestrebung leite und
in allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke, das sie sich vorgesetzt hat.
Ich werde also von der Prüfung des transzendentalen Beweises anfangen,
und nachher sehen, was der Zusatz des Empirischen zur Vergrößerung
seiner Beweiskraft tun könne.

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Des dritten Hauptstücks
Vierter Abschnitt
Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes

Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut
notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d.i. eine bloße Idee sei,
deren objektive Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange
nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse obzwar unerreichbare
Vollständigkeit Anweisung gibt, und eigentlich mehr dazu dient, den
Verstand zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände zu erweitern. Es
findet sich hier nun das Befremdliche und Widersinnische, daß der Schluß
von einem gegebenen Dasein überhaupt auf irgendein schlechthin
notwendiges Dasein, dringend und richtig zu sein scheint, und wir
gleichwohl alle Bedingungen des Verstandes, sich einen Begriff von einer
solchen Notwendigkeit zu machen, gänzlich wider uns haben.

Man hat zu aller Zeit von dem absolut notwendigen Wesen geredet, und
sich nicht sowohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich ein
Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr dessen Dasein zu
beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe ganz
leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich ist; aber
man wird hierdurch um nichts klüger, in Ansehung der Bedingungen, die es
unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als schlechterdings
undenklich anzusehen, und die eigentlich dasjenige sind, was man wissen
will, nämlich, ob wir uns durch diesen Begriff überall etwas denken, oder
nicht. Denn alle Bedingungen, die der Verstand jederzeit bedarf, um etwas
als notwendig anzusehen, vermittelst des Worts: Unbedingt, wegwerfen,
macht mir noch lange nicht verständlich, ob ich alsdann durch einen Begriff
eines Unbedingtnotwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts denke.

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Noch mehr: diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich ganz
geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge
Beispiele zu erklären geglaubt, so, daß alle weitere Nachfrage wegen seiner
Verständlichkeit ganz unnötig erschienen. Ein jeder Satz der Geometrie,
z.B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin notwendig, und so
redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb der Sphäre unseres
Verstandes liegt, als ob man ganz wohl verstände, was man mit dem
Begriffe von ihm sagen wolle.

Alle vorgegebenen Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urteilen, aber
nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte
Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit der
Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist nur eine bedingte
Notwendigkeit der Sache, oder des Prädikats im Urteile. Der vorige Satz
sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings notwendig sind, sondern, unter
der Bedingung, daß ein Triangel da ist, (gegeben ist) sind auch drei Winkel
(in ihm) notwendigerweise da. Gleichwohl hat diese logische
Notwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion bewiesen, daß, indem
man sich einen Begriff a priori von einem Dinge gemacht hatte, der so
gestellt war, daß man seiner Meinung nach das Dasein mit in seinen
Umfang begriff, man daraus glaubte sicher schließen zu können, daß, weil
dem Objekt dieses Begriffs das Dasein notwendig zukommt, d.i. unter der
Bedingung, daß ich dieses Ding als gegeben (existierend) setze, auch sein
Dasein notwendig (nach der Regel der Identität) gesetzt werde, und dieses
Wesen daher selbst schlechterdings notwendig sei, weil sein Dasein in
einem nach Belieben angenommenen Begriffe und unter der Bedingung,
daß ich den Gegenstand desselben setze, mitgedacht wird.

Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte
das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes
kommt diesem notwendigerweise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt

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dem Prädikate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist nichts mehr,
welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel setzen und doch die
drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den Triangel samt
seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch. Gerade ebenso ist es
mit dem Begriffe eines absolut notwendigen Wesens bewandt. Wenn ihr das
Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen
Prädikaten auf; wo soll alsdann der Widerspruch herkommen? Äußerlich ist
nichts, dem widersprochen würde, denn das Ding soll nicht äußerlich
notwendig sein; innerlich auch nichts, denn ihr habt, durch Aufhebung des
Dinges selbst, alles Innere zugleich aufgehoben. Gott ist allmächtig; das ist
ein notwendiges Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn
ihr eine Gottheit, d.i. ein unendliches Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener
identisch ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht, so ist weder die Allmacht,
noch irgendein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie sind alle zusamt
dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht der
mindeste Widerspruch.

Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt
dem Subjekte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen könne,
das Prädikat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt euch keine
Ausflucht übrig, als, ihr müßt sagen: es gibt Subjekte, die gar nicht
aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde aber
ebensoviel sagen, als: es gibt schlechterdings notwendige Subjekte; eine
Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt habe, und deren
Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir nicht den geringsten
Begriff von einem Dinge machen, welches, wenn es mit allen seinen
Prädikaten aufgehoben würde, einen Widerspruch zurück ließe, und ohne
den Widerspruch habe ich, durch bloße reine Begriffe a priori, kein
Merkmal der Unmöglichkeit.

Page 475

Wider alle diese allgemeinen Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern
kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr, als einen Beweis durch
die Tat, aufstellt: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen Begriff gebe,
da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes in sich selbst
widersprechend sei, und dieses ist der Begriff des allerrealsten Wesens. Es
hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid berechtigt, ein solches Wesen als
möglich anzunehmen, (welches ich vorjetzt einwillige, obgleich der sich
nicht widersprechende Begriff noch lange nicht die Möglichkeit des
Gegenstandes beweist)*. Nun ist unter aller Realität auch das Dasein
mitbegriffen: Also liegt das Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen.
Wird dieses Ding nun aufgehoben, so wird die innere Möglichkeit des
Dinges aufgehoben, welches widersprechend ist.

* Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht. Das
ist das logische Merkmal der Möglichkeit, und dadurch wird sein
Gegenstand vom nihil negativum unterschieden. Allein er kann
nichtsdestoweniger ein leerer Begriff sein, wenn die objektive Realität der
Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht besonders dargetan wird;
welches aber jederzeit, wie oben gezeigt worden, auf Prinzipien möglicher
Erfahrung und nicht auf dem Grundsatze der Analysis (dem Satze des
Widerspruchs) beruht. Das ist eine Warnung, von der Möglichkeit der
Begriffe (logische) nicht sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu
schließen.

Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in
den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach
denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff
seiner Existenz hinein brachtet. Räumt man euch dieses ein, so habt ihr dem
Scheine nach gewonnen Spiel, in der Tat aber nichts gesagt; denn ihr habt
eine bloße Tautologie begangen. Ich frage euch, ist der Satz: dieses oder
jenes Ding (welches ich euch als möglich einräume, es mag sein, welches

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es wolle,) existiert, ist, sage ich, dieser Satz ein analytischer oder
synthetischer Satz? Wenn er das erstere ist, so tut ihr durch das Dasein des
Dinges zu euerem Gedanken von dem Dinge nichts hinzu, aber alsdann
müßte entweder der Gedanke, der in euch ist, das Ding selber sein, oder ihr
habt ein Dasein, als zur Möglichkeit gehörig, vorausgesetzt, und alsdann
das Dasein dem Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit geschlossen,
welches nichts als eine elende Tautologie ist. Das Wort: Realität, welches
im Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz im Begriffe des
Prädikats, macht es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles Setzen
(unbestimmt was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr das Ding schon mit
allen seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als wirklich
angenommen, und im Prädikate wiederholt ihr es nur. Gesteht ihr dagegen,
wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen muß, daß ein jeder
Existenzialsatz synthetisch sei, wie wollt ihr dann behaupten, daß das
Prädikat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht aufheben lasse? da
dieser Vorzug nur den analytischen, als deren Charakter eben darauf beruht,
eigentümlich zukommt.

Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation, ohne allen
Umschweif, durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz
zunichte zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion, in
Verwechslung eines logischen Prädikats mit einem realen, (d.i. der
Bestimmung eines Dinges,) beinahe alle Belehrung ausschlage. Zum
logischen Prädikate kann alles dienen, was man will, sogar das Subjekt
kann von sich selbst prädiziert werden; denn die Logik abstrahiert von
allem Inhalte. Aber die Bestimmung ist ein Prädikat, welches über den
Begriff des Subjekts hinzukommt und ihn vergrößert. Sie muß also nicht in
ihm schon enthalten sein.

Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von irgend etwas,
was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß die

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Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im
logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urteils. Der Satz:
Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte haben: Gott und
Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat obenein, sondern
nur das, was das Prädikat beziehungsweise aufs Subjekt setzt. Nehme ich
nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen Prädikaten (worunter auch die
Allmacht gehört) zusammen, und sage: Gott ist, oder es ist ein Gott, so
setze ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott, sondern nur das
Subjekt an sich selbst mit allen seinen Prädikaten, und zwar den
Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff. Beide müssen genau einerlei
enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe, der bloß die Möglichkeit
ausdrückt, darum, daß ich dessen Gegenstand als schlechthin gegeben
(durch den Ausdruck: er ist) denke, nichts weiter hinzukommen. Und so
enthält das Wirkliche nichts mehr als das bloß Mögliche. Hundert wirkliche
Taler enthalten nicht das mindeste mehr, als hundert mögliche. Denn, da
diese den Begriff, jene aber den Gegenstand und dessen Position an sich
selbst bedeuten, so würde, im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein
Begriff nicht den ganzen Gegenstand ausdrücken, und also auch nicht der
angemessene Begriff von ihm sein. Aber in meinem Vermögenszustande ist
mehr bei hundert wirklichen Talern, als bei dem bloßen Begriffe derselben,
(d.i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit nicht
bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten, sondern kommt zu meinem
Begriffe (der eine Bestimmung meines Zustandes ist) synthetisch hinzu,
ohne daß durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe diese gedachten
hundert Taler selbst im mindesten vermehrt werden.

Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will,
(selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, daß
ich noch hinzusetze, dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge
hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, als
ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der

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Gegenstand meines Begriffs existiere. Denke ich mir auch sogar in einem
Dinge alle Realität außer einer, so kommt dadurch, daß ich sage, ein solches
mangelhaftes Ding existiert, die fehlende Realität nicht hinzu, sondern es
existiert gerade mit demselben Mangel behaftet, als ich es gedacht habe,
sonst würde etwas anderes, als ich dachte, existieren. Denke ich mir nun ein
Wesen als die höchste Realität (ohne Mangel), so bleibt noch immer die
Frage, ob es existiere, oder nicht. Denn, obgleich an meinem Begriffe, von
dem möglichen realen Inhalte eines Dinges überhaupt, nichts fehlt, so fehlt
doch noch etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen Zustande des
Denkens, nämlich daß die Erkenntnis jenes Objekts auch a posteriori
möglich sei. Und hier zeigt sich auch die Ursache der hierbei obwaltenden
Schwierigkeit. Wäre von einem Gegenstande der Sinne die Rede, so würde
ich die Existenz des Dinges mit dem bloßen Begriffe des Dinges nicht
verwechseln können. Denn durch den Begriff wird der Gegenstand nur mit
den allgemeinen Bedingungen einer möglichen empirischen Erkenntnis
überhaupt als einstimmig, durch die Existenz aber als in dem Kontext der
gesamten Erfahrung enthalten gedacht; da denn durch die Verknüpfung mit
dem Inhalte der gesamten Erfahrung der Begriff vom Gegenstande nicht im
mindesten vermehrt wird, unser Denken aber durch denselben eine
mögliche Wahrnehmung mehr bekommt. Wollen wir dagegen die Existenz
durch die reine Kategorie allein denken, so ist kein Wunder, daß wir kein
Merkmal angeben können, sie von der bloßen Möglichkeit zu
unterscheiden.

Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie
viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die
Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch
den Zusammenhang mit irgendeiner meiner Wahrnehmungen nach
empirischen Gesetzen; aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und
gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt
werden müßte, unser Bewußtsein aller Existenz aber (es sei durch

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Wahrnehmung unmittelbar, oder durch Schlüsse, die etwas mit der
Wahrnehmung verknüpfen,) gehört ganz und gar zur Einheit der Erfahrung,
und eine Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht schlechterdings für
unmöglich erklärt werden, sie ist aber eine Voraussetzung, die wir durch
nichts rechtfertigen können.

Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr
nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz unfähig,
um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntnis in Ansehung dessen, was
existiert, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, daß sie uns in
Ansehung der Möglichkeit eines Mehreren belehrte. Das analytische
Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße Positionen
(Realitäten) keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar nicht gestritten
werden; da aber die Verknüpfung aller realen Eigenschaften in einem Dinge
eine Synthesis ist, über deren Möglichkeit wir a priori nicht urteilen
können, weil uns die Realitäten spezifisch nicht gegeben sind, und, wenn
dieses auch geschähe, überall gar kein Urteil darin stattfindet, weil das
Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der
Erfahrung gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee
nicht gehören kann; so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht
geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen
idealischen Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen.

Es ist also an dem so berühmten ontologischen (Cartesianischen)
Beweise, vom Dasein eines höchsten Wesens, aus Begriffen, alle Mühe und
Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl ebensowenig aus bloßen
Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn
er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestande einige Nullen
anhängen wollte.

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Des dritten Hauptstücks
Fünfter Abschnitt
Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes

Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des
Schulwitzes, aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein des ihr
entsprechenden Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In der Tat
würde man es nie auf diesem Wege versucht haben, wäre nicht die
Bedürfnis unserer Vernunft, zur Existenz überhaupt irgend etwas
Notwendiges (bei dem man im Aufsteigen stehenbleiben könne)
anzunehmen, vorhergegangen, und wäre nicht die Vernunft, da diese
Notwendigkeit unbedingt und a priori gewiß sein muß, gezwungen worden,
einen Begriff zu suchen, der, wo möglich, einer solchen Forderung ein
Genüge täte, und ein Dasein völlig a priori zu erkennen gebe. Diesen
glaubte man nun in der Idee eines allerrealsten Wesens zu finden und so
wurde diese nur zur bestimmteren Kenntnis desjenigen, wovon man schon
anderweitig überzeugt oder überredet war, es müsse existieren, nämlich des
notwendigen Wesens, gebraucht. Indes verhehlte man diesen natürlichen
Gang der Vernunft, und, anstatt bei diesem Begriffe zu endigen, versuchte
man von ihm anzufangen, um die Notwendigkeit des Daseins aus ihm
abzuleiten, die er doch nur zu ergänzen bestimmt war. Hieraus entsprang
nun der verunglückte ontologische Beweis, der weder für den natürlichen
und gesunden Verstand, noch für die schulgerechte Prüfung etwas
Genugtuendes bei sich führt.

Der kosmologische Beweis, den wir jetzt untersuchen wollen, behält die
Verknüpfung der absoluten Notwendigkeit mit der höchsten Realität bei,
aber anstatt, wie der vorige, von der höchsten Realität auf die
Notwendigkeit im Dasein zu schließen, schließt er vielmehr von der zum
voraus gegebenen unbedingten Notwendigkeit irgendeines Wesens, auf
dessen unbegrenzte Realität, und bringt sofern alles wenigstens in das

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Geleis einer, ich weiß nicht ob vernünftigen, oder vernünftelnden,
wenigstens natürlichen Schlußart, welche nicht allein für den gemeinen,
sondern auch den spekulativen Verstand die meiste Überredung bei sich
führt; wie sie denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen der natürlichen
Theologie die ersten Grundlinien zieht, denen man jederzeit nachgegangen
ist und ferner nachgehen wird, man mag sie nun durch noch so viel
Laubwerk und Schnörkel verzieren und verstecken, als man immer will.
Diesen Beweis, den Leibniz auch den a contingentia mundi nannte, wollen
wir jetzt vor Augen stellen und der Prüfung unterwerfen.

Er lautet also: Wenn etwas existiert, so muß auch ein schlechterdings
notwendiges Wesen existieren. Nun existiere, zum mindesten, ich selbst:
also existiert ein absolut notwendiges Wesen. Der Untersatz enthält eine
Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge aus einer Erfahrung überhaupt auf
das Dasein des Notwendigen.* Also hebt der Beweis eigentlich von der
Erfahrung an, mithin ist er nicht gänzlich a priori geführt, oder ontologisch,
und weil der Gegenstand aller möglichen Erfahrung Welt heißt, so wird er
darum der kosmologische Beweis genannt. Da er auch von aller besonderen
Eigenschaft der Gegenstände der Erfahrung, dadurch sich diese Welt von
jeder möglichen unterscheiden mag, abstrahiert: so wird er schon in seiner
Benennung auch vom physikotheologischen Beweise unterschieden,
welcher Beobachtungen der besonderen Beschaffenheit dieser unserer
Sinnenwelt zu Beweisgründen braucht.

* Diese Schlußfolge ist zu bekannt, als das es nötig wäre, sie hier
weitläufig vorzutragen. Sie beruht auf dem vermeintlich transzendentalen
Naturgesetz der Kausalität: daß alles Zufällige seine Ursache habe, die,
wenn sie wiederum zufällig ist, ebensowohl eine Ursache haben muß, bis
die Reihe der einander untergeordneten Ursachen sich bei einer schlechthin
notwendigen Ursache endigen muß, ohne welche sie keine Vollständigkeit
haben würde.

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Nun schließt der Beweis weiter: das notwendige Wesen kann nur auf eine
einzige Art, d.i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten Prädikate
nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß es durch seinen
Begriff durchgängig bestimmt sein. Nun ist nur ein einziger Begriff von
einem Dinge möglich, der dasselbe a priori durchgängig bestimmt, nämlich
der des entis realissimi: Also ist der Begriff des allerrealsten Wesens der
einzige, dadurch ein notwendiges Wesen gedacht werden kann, d.i. es
existiert ein höchstes Wesen notwendigerweise.

In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde
Grundsätze zusammen, daß die spekulative Vernunft hier alle ihre
dialektische Kunst aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen
transzendentalen Schein zustande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung
indessen eine Weile beiseite setzen, um nur eine List derselben offenbar zu
machen, mit welcher sie ein altes Argument in verkleideter Gestalt für ein
neues aufstellt und sich auf zweier Zeugen Einstimmung beruft, nämlich
einen reinen Vernunftzeugen und einen anderen von empirischer
Beglaubigung, da es doch nur der erstere allein ist, welcher bloß seinen
Anzug und Stimme verändert, um für einen zweiten gehalten zu werden.
Um seinen Grund recht sicher zu legen, fußt sich dieser Beweis auf
Erfahrung und gibt sich dadurch das Ansehen, als sei er vom ontologischen
Beweise unterschieden, der auf lauter reine Begriffe a priori sein ganzes
Vertrauen setzt. Dieser Erfahrung aber bedient sich der kosmologische
Beweis nur, um einen einzigen Schritt zu tun, nämlich zum Dasein eines
notwendigen Wesens überhaupt. Was dieses für Eigenschaften habe, kann
der empirische Beweisgrund nicht lehren, sondern da nimmt die Vernunft
gänzlich von ihm Abschied und forscht hinter lauter Begriffen: was nämlich
ein absolut notwendiges Wesen überhaupt für Eigenschaften haben müsse,
(d.i. welches unter allen möglichen Dingen die erforderlichen Bedingungen
(requisita) zu einer absoluten Notwendigkeit in sich enthalte. Nun glaubt sie
im Begriffe eines allerrealsten Wesens einzig und allein diese Requisite

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anzutreffen, und schließt sodann: das ist das schlechterdings notwendige
Wesen. Es ist aber klar, daß man hierbei voraussetzt, der Begriff eines
Wesens von der höchsten Realität tue dem Begriffe der absoluten
Notwendigkeit im Dasein völlig genug, d.i. es lasse sich aus jener auf diese
schließen; ein Satz, den das ontologische Argument behauptete, welches
man also im kosmologischen Beweise annimmt und zum Grunde legt, da
man es doch hatte vermeiden wollen. Denn die absolute Notwendigkeit ist
ein Dasein aus bloßen Begriffen. Sage ich nun: der Begriff des entis
realissimi ist ein solcher Begriff, und zwar der einzige, der zu dem
notwendigen Dasein passend und ihm adäquat ist; so muß ich auch
einräumen, daß aus ihm das letztere geschlossen werden könne. Es ist also
eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter Begriffen, der in dem
sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft enthält, und die angebliche
Erfahrung ist ganz müßig, vielleicht, um uns nur auf den Begriff der
absoluten Notwendigkeit zu führen, nicht aber um diese an irgendeinem
bestimmten Dinge darzutun. Denn sobald wir dieses zur Absicht haben,
müssen wir sofort alle Erfahrung verlassen, und unter reinen Begriffen
suchen, welcher von ihnen wohl die Bedingungen der Möglichkeit eines
absolut notwendigen Wesens enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die
Möglichkeit eines solchen Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein
dargetan; denn es heißt so viel, als: unter allem Möglichen ist Eines, das
absolute Notwendigkeit bei sich führt, d.i. dieses Wesen existiert
schlechterdings notwendig.

Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn man
sie auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche Darstellung.

Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin notwendiges Wesen ist
zugleich das allerrealste Wesen; (als welches der nervus probandi des
kosmologischen Beweises ist;) so muß er sich, wie alle bejahenden Urteile,
wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige allerrealste Wesen

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sind zugleich schlechthin notwendige Wesen. Nun ist aber ein ens
realissimum von einem anderen in keinem Stücke unterschieden, und, was
also von einigen unter diesem Begriffe enthaltenen gilt, das gilt auch von
allen. Mithin werde ich's (in diesem Falle) auch schlechthin umkehren
können, d.i. ein jedes allerrealstes Wesen ist ein notwendiges Wesen. Weil
nun dieser Satz bloß aus seinen Begriffen a priori bestimmt ist: so muß der
bloße Begriff des realsten Wesens auch die absolute Notwendigkeit
desselben bei sich führen; welches eben der ontologische Beweis
behauptete, und der kosmologische nicht anerkennen wollte, gleichwohl
aber seinen Schlüssen, obzwar versteckter Weise, unterlegte.

So ist denn der zweite Weg, den die spekulative Vernunft nimmt, um das
Dasein des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem ersten gleich
trüglich, sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er eine ignoratio
elenchi begeht, indem er uns verheißt, einen neuen Fußsteig zu führen, aber,
nach einem kleinen Umschweif, uns wiederum auf den alten zurückbringt,
den wir seinetwegen verlassen hatten.

Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente
sich ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte,
welches die transzendentale Kritik leicht entdecken und zerstören kann. Ich
will sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser überlassen, den
trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie aufzuheben.

Da befindet sich denn z.B. 1. der transzendentale Grundsatz, vom
Zufälligen auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der Sinnenwelt
von Bedeutung ist, außerhalb derselben aber auch nicht einmal einen Sinn
hat. Denn der bloß intellektuelle Begriff des Zufälligen kann gar keinen
synthetischen Satz, wie den der Kausalität, hervorbringen, und der
Grundsatz der letzteren hat gar keine Bedeutung und kein Merkmal seines
Gebrauchs, als nur in der Sinnenwelt; hier aber sollte er gerade dazu dienen,

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um über die Sinnenwelt hinaus zu kommen. 2. Der Schluß, von der
Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe übereinander gegebener Ursachen
in der Sinnenwelt auf eine erste Ursache zu schließen, wozu uns die
Prinzipien des Vernunftgebrauchs selbst in der Erfahrung nicht berechtigen,
vielweniger diesen Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette gar nicht
verlängert werden kann) ausdehnen können. 3. Die falsche
Selbstbefriedigung der Vernunft, in Ansehung der Vollendung dieser Reihe,
dadurch, daß man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein Begriff
einer Notwendigkeit stattfinden kann, wegschafft, und, da man alsdann
nichts weiter begreifen kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs
annimmt. 4. Die Verwechslung der logischen Möglichkeit eines Begriffs
von aller vereinigten Realität (ohne inneren Widerspruch) mit der
transzendentalen, welche ein Prinzipium der Tunlichkeit einer solchen
Synthesis bedarf, das aber wiederum nur auf das Feld möglicher
Erfahrungen gehen kann, usw.

Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab, um
dem Beweise des Daseins eines notwendigen Wesens a priori durch bloße
Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte, wozu wir
uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht schließen wir aus
einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung
überhaupt), so gut es sich will tun lassen, auf irgendeine schlechterdings
notwendige Bedingung desselben. Wir haben alsdann dieser ihre
Möglichkeit nicht nötig zu erklären. Denn, wenn bewiesen ist, daß sie da
sei, so ist die Frage wegen ihrer Möglichkeit ganz unnötig. Wollen wir nun
dieses notwendige Wesen nach seiner Beschaffenheit näher bestimmen, so
suchen wir nicht dasjenige, was hinreichend ist, aus seinem Begriffe die
Notwendigkeit des Daseins zu begreifen; denn, könnten wir dieses, so
hätten wir keine empirische Voraussetzung nötig; nein, wir suchen nur die
negative Bedingung, (conditio sine qua non,) ohne welche ein Wesen nicht
absolut notwendig sein würde. Nun würde das in aller anderen Art von

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Schlüssen, aus einer gegebenen Folge auf ihren Grund, wohl angehen; es
trifft sich aber hier unglücklicherweise, daß die Bedingung, die man zur
absoluten Notwendigkeit fordert, nur in einem einzigen Wesen angetroffen
werden kann, welches daher in seinem Begriffe alles, was zur absoluten
Notwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte, und also einen Schluß a
priori auf dieselbe möglich macht; d.i. ich müßte auch umgekehrt schließen
können: welchem Dinge dieser Begriff (der höchsten Realität) zukommt,
das ist schlechterdings notwendig, und, kann ich so nicht schließen, (wie
ich denn dieses gestehen muß, wenn ich den ontologischen Beweis
vermeiden will,) so bin ich auch auf meinem neuen Wege verunglückt und
befinde mich wiederum da, von wo ich ausging. Der Begriff des höchsten
Wesens tut wohl allen Fragen a priori ein Genüge, die wegen der inneren
Bestimmungen eines Dinges können aufgeworfen werden, und ist darum
auch ein Ideal ohne Gleiches, weil der allgemeine Begriff dasselbe zugleich
als ein Individuum unter allen möglichen Dingen auszeichnet. Er tut aber
der Frage wegen seines eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum es
doch eigentlich nur zu tun war, und man konnte auf die Erkundigung
dessen, der das Dasein eines notwendigen Wesens annahm, und nur wissen
wollte, welches denn unter allen Dingen dafür angesehen werden müsse,
nicht antworten: Dies hier ist das notwendige Wesen.

Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von der höchsten
Zulänglichkeit, als Ursache zu allen möglichen Wirkungen, anzunehmen,
um der Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu
erleichtern. Allein, sich so viel herauszunehmen, daß man sogar sage: ein
solches Wesen existiert notwendig, ist nicht mehr die bescheidene
Äußerung einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer
apodiktischen Gewißheit; denn, was man als schlechthin notwendig zu
erkennen vorgibt, davon muß auch die Erkenntnis absolute Notwendigkeit
bei sich führen.

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Die ganze Aufgabe des transzendentalen Ideals kommt darauf an:
entweder zu der absoluten Notwendigkeit einen Begriff, oder zu dem
Begriffe von irgendeinem Dinge die absolute Notwendigkeit desselben zu
finden. Kann man das eine, so muß man auch das andere können; denn als
schlechthin notwendig erkennt die Vernunft nur dasjenige, was aus seinem
Begriffe notwendig ist. Aber beides übersteigt gänzlich alle äußersten
Bestrebungen, unseren Verstand über diesen Punkt zu befriedigen, aber
auch alle Versuche, ihn wegen dieses seines Unvermögens zu beruhigen.

Die unbedingte Notwendigkeit, die wir, als den letzten Träger aller
Dinge, so unentbehrlich bedürfen, ist der wahre Abgrund für die
menschliche Vernunft. Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie
auch ein Haller schildern mag, macht lange den schwindligen Eindruck
nicht auf das Gemüt; denn sie mißt nur die Dauer der Dinge, aber trägt sie
nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, man kann ihn aber
auch nicht ertragen: daß ein Wesen, welches wir uns auch als das höchste
unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sage: Ich bin von
Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts, ohne das, was bloß durch
meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn? Hier sinkt alles unter
uns, und die größte Vollkommenheit, wie die kleinste, schwebt ohne
Haltung bloß vor der spekulativen Vernunft, der es nichts kostet, die eine so
wie die andere ohne die mindeste Hindernis verschwinden zu lassen.

Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen äußern,
bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch Beobachtung
nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen zum Grunde liegende
transzendentale Objekt, und mit demselben der Grund, warum unsere
Sinnlichkeit diese vielmehr als andere oberste Bedingungen habe, sind und
bleiben für uns unerforschlich, obzwar die Sache selbst übrigens gegeben,
aber nur nicht eingesehen ist. Ein Ideal der reinen Vernunft kann aber nicht
unerforschlich heißen, weil es weiter keine Beglaubigung seiner Realität

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aufzuweisen hat, als die Bedürfnis der Vernunft, vermittelst desselben alle
synthetische Einheit zu vollenden. Da es also nicht einmal als denkbarer
Gegenstand gegeben ist, so ist es auch nicht als ein solcher unerforschlich;
vielmehr muß er, als bloße Idee, in der Natur der Vernunft seinen Sitz und
seine Auflösung finden, und also erforscht werden können; denn eben darin
besteht Vernunft, daß wir von allen unseren Begriffen, Meinungen und
Behauptungen, es sei aus objektiven, oder, wenn sie ein bloßer Schein sind,
aus subjektiven Gründen Rechenschaft geben können.

Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins in allen
transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen Wesens.

Beide bisher geführten Beweise waren transzendental, d.i. unabhängig
von empirischen Prinzipien versucht. Denn, obgleich der kosmologische
eine Erfahrung überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus
irgendeiner besonderen Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen
Vernunftprinzipien, in Beziehung auf eine durchs empirische Bewußtsein
überhaupt gegebene Existenz, geführt und verläßt sogar diese Anleitung,
um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen. Was ist nun in diesen
transzendentalen Beweisen die Ursache des dialektischen, aber natürlichen
Scheins, welcher die Begriffe der Notwendigkeit und höchsten Realität
verknüpft, und dasjenige, was doch nur Idee sein kann, realisiert und
hypostasiert? Was ist die Ursache der Unvermeidlichkeit, etwas als an sich
notwendig unter den existierenden Dingen anzunehmen, und doch zugleich
vor dem Dasein eines solchen Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben,
und wie fängt man es an, daß sich die Vernunft hierüber selbst verstehe, und
aus dem schwankenden Zustande eines schüchternen, und immer wiederum
zurückgenommenen Beifalls, zur ruhigen Einsicht gelange?

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Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt, etwas
existiere, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch irgend
etwas notwendigerweise existiere. Auf diesem ganz natürlichen (obzwar
darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische Argument.
Dagegen mag ich einen Begriff von einem Dinge annehmen, welchen ich
will, so finde ich, daß sein Dasein niemals von mir als schlechterdings
notwendig vorgestellt werden könne, und daß mich nichts hindere, es mag
existieren was da wolle, das Nichtsein desselben zu denken, mithin ich zwar
zu dem Existierenden überhaupt etwas Notwendiges annehmen müsse, kein
einziges Ding aber selbst als an sich notwendig denken könne. Das heißt:
ich kann das Zurückgehen zu den Bedingungen des Existierens niemals
vollenden, ohne ein notwendiges Wesen anzunehmen, ich kann aber von
demselben niemals anfangen.

Wenn ich zu existierenden Dingen überhaupt etwas Notwendiges denken
muß, kein Ding aber an sich selbst als notwendig zu denken befugt bin, so
folgt daraus unvermeidlich, daß Notwendigkeit und Zufälligkeit nicht die
Dinge selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein Widerspruch
vorgehen würde; mithin keiner dieser beiden Grundsätze objektiv sei,
sondern sie allenfalls nur subjektive Prinzipien der Vernunft sein können,
nämlich einerseits zu allem, was als existierend gegeben ist, etwas zu
suchen, das notwendig ist, d.i. niemals anderswo als bei einer a priori
vollendeten Erklärung aufzuhören, andererseits aber auch diese Vollendung
niemals zu hoffen, d.i. nichts Empirisches als unbedingt anzunehmen, und
sich dadurch fernerer Ableitung zu überheben. In solcher Bedeutung
können beide Grundsätze als bloß heuristisch und regulativ, die nichts als
das formale Interesse der Vernunft besorgen, ganz wohl beieinander
bestehen. Denn der eine sagt, ihr sollt so über die Natur philosophieren, als
ob es zu allem, was zur Existenz gehört, einen notwendigen ersten Grund
gebe, lediglich um systematische Einheit in eure Erkenntnis zu bringen,
indem ihr einer solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten

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Grunde, nachgeht: der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung,
die die Existenz der Dinge betrifft, für einen solchen obersten Grund, d.i.
als absolut notwendig anzunehmen, sondern euch noch immer den Weg zur
ferneren Ableitung offen zu erhalten, und sie daher jederzeit noch als
bedingt zu behandeln. Wenn aber von uns alles, was an den Dingen
wahrgenommen wird, als bedingt notwendig betrachtet werden muß: so
kann auch kein Ding (das empirisch gegeben sein mag) als absolut
notwendig angesehen werden.

Es folgt aber hieraus, daß ihr das absolut Notwendige außerhalb der Welt
annehmen müßt; weil es nur zu einem Prinzip der größtmöglichen Einheit
der Erscheinungen, als deren oberster Grund, dienen soll, und ihr in der
Welt niemals dahin gelangen könnt, weil die zweite Regel euch gebietet,
alle empirischen Ursachen der Einheit jederzeit als abgeleitet anzusehen.

Die Philosophen des Altertums sehen alle Form der Natur als zufällig, die
Materie aber, nach dem Urteile der gemeinen Vernunft, als ursprünglich und
notwendig an. Würden sie aber die Materie nicht als Substratum der
Erscheinungen respektive sondern an sich selbst ihrem Dasein nach
betrachtet haben, so wäre die Idee der absoluten Notwendigkeit sogleich
verschwunden. Denn es ist nichts, was die Vernunft an dieses Dasein
schlechthin bindet, sondern sie kann solches, jederzeit und ohne
Widerstreit, in Gedanken aufheben; in Gedanken aber lag auch allein die
absolute Notwendigkeit. Es mußte also bei dieser Überredung ein gewisses
regulatives Prinzip zum Grunde liegen. In der Tat ist auch Ausdehnung und
Undurchdringlichkeit (die zusammen den Begriff von Materie ausmachen)
das oberste empirische Prinzipium der Einheit der Erscheinungen, und hat,
sofern als es empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft des regulativen
Prinzips an sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der Materie, welche das
Reale derselben ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit, eine
Wirkung (Handlung) ist, die ihre Ursache haben muß, und daher immer

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noch abgeleitet ist, so schickt sich die Materie doch nicht zur Idee eines
notwendigen Wesens, als eines Prinzips aller abgeleiteten Einheit; weil jede
ihrer realen Eigenschaften, als abgeleitet, nur bedingt notwendig ist, und
also an sich aufgehoben werden kann, hiermit aber das ganze Dasein der
Materie aufgehoben werden würde, wenn dieses aber nicht geschähe, wir
den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht haben würden, welches
durch das zweite regulative Prinzip verboten wird, so folgt: daß die Materie,
und überhaupt, was zur Welt gehörig ist, zu der Idee eines notwendigen
Urwesens, als eines bloßen Prinzips der größten empirischen Einheit, nicht
schicklich sei, sondern daß es außerhalb der Welt gesetzt werden müsse, da
wir denn die Erscheinungen der Welt und ihr Dasein immer getrost von
anderen ableiten können, als ob es kein notwendiges Wesen gäbe, und
dennoch zu der Vollständigkeit der Ableitung unaufhörlich streben können,
als ob ein solches, als ein oberster Grund, vorausgesetzt wäre.

Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts
anderes, als ein regulatives Prinzip der Vernunft, alle Verbindung in der
Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen notwendigen
Ursache entspränge, um darauf die Regel einer systematischen und nach
allgemeinen Gesetzen notwendigen Einheit in der Erklärung derselben zu
gründen, und ist nicht eine Behauptung einer an sich notwendigen Existenz.
Es ist aber zugleich unvermeidlich, sich, vermittelst einer transzendentalen
Subreption, dieses formale Prinzip als konstitutiv vorzustellen, und sich
diese Einheit hypostatisch zu denken. Denn, so wie der Raum, weil er alle
Gestalten, die lediglich verschiedene Einschränkungen desselben sind,
ursprünglich möglich macht, ob er gleich nur ein Prinzipium der
Sinnlichkeit, ist dennoch eben darum für ein schlechterdings notwendiges
für sich bestehendes Etwas und einen a priori an sich selbst gegebenen
Gegenstand gehalten wird, so geht es auch ganz natürlich zu, daß, da die
systematische Einheit der Natur auf keinerlei Weise zum Prinzip des
empirischen Gebrauchs unserer Vernunft aufgestellt werden kann, als sofern

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wir die Idee eines allerrealsten Wesens, als der obersten Ursache, zum
Grunde legen, diese Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand, und dieser
wiederum, weil er die oberste Bedingung ist, als notwendig vorgestellt,
mithin ein regulatives Prinzip in ein konstitutives verwandelt werde; welche
Unterschiebung sich dadurch offenbart, daß, wenn ich nun dieses oberste
Wesen, welches respektiv auf die Welt schlechthin (unbedingt) notwendig
war, als Ding für sich betrachte, diese Notwendigkeit keines Begriffs fähig
ist, und also nur als formale Bedingung des Denkens, nicht aber als
materiale und hypostatische Bedingung des Daseins, in meiner Vernunft
anzutreffen gewesen sein müsse.

Des dritten Hauptstücks
Sechster Abschnitt
Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises

Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung
von irgendeinem Dasein überhaupt, das, was gefordert wird, leisten kann,
so bleibt noch ein Mittel übrig, zu versuchen, ob nicht eine bestimmte
Erfahrung, mithin die der Dinge der gegenwärtigen Welt, ihre
Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns sicher
zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen könne.
Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen nennen. Sollte
dieser auch unmöglich sein: so ist überall kein genugtuender Beweis aus
bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens, welches unserer
transzendentalen Idee entspräche, möglich.

Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der
Bescheid auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden
könne. Denn, wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee
angemessen sein sollte? Darin besteht eben das Eigentümliche der letzteren,

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daß ihr niemals irgendeine Erfahrung kongruieren könne. Die
transzendentale Idee von einem notwendigen allgenugsamen Urwesen ist so
überschwenglich groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit bedingt
ist, erhaben, daß man teils niemals Stoff genug in der Erfahrung auftreiben
kann, um einen solchen Begriff zu füllen, teils immer unter dem Bedingten
herumtappt, und stets vergeblich nach dem Unbedingten, wovon uns kein
Gesetz irgendeiner empirischen Synthesis ein Beispiel oder dazu die
mindeste Leitung gibt, suchen wird.

Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen, so
würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein, und, ebenso, wie die
niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere Untersuchung wegen
seines noch höheren Grundes erfordern. Will man es dagegen von dieser
Kette trennen, und, als ein bloß intelligibles Wesen, nicht in der Reihe der
Naturursachen mitbegreifen: welche Brücke kann die Vernunft alsdann
wohl schlagen, um zu demselben zu gelangen? Da alle Gesetze des
Überganges von Wirkungen zu Ursachen, ja alle Synthesis und Erweiterung
unserer Erkenntnis überhaupt auf nichts anderes, als mögliche Erfahrung,
mithin bloß auf Gegenstände der Sinnenwelt gestellt sind und nur in
Ansehung ihrer eine Bedeutung haben können.

Die gegenwärtige Weit eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz
von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag
diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten
Teilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche unser
schwacher Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache, über so viele
und unabsehlich große Wunder, ihren Nachdruck, alle Zahlen ihre Kraft zu
messen, und Selbst unsere Gedanken alle Begrenzung vermissen, so, daß
sich unser Urteil vom Ganzen in ein sprachloses, aber desto beredteres
Erstaunen auflösen muß. Allerwärts sehen wir eine Kette von Wirkungen
und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmäßigkeit im Entstehen

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oder Vergehen, und, indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist,
darin es sich befindet, so weist er immer weiter hin nach einem anderen
Dinge, als seiner Ursache, welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage
notwendig macht, so, daß auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des
Nichts versinken müßte, nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem
unendlichen Zufälligen, für sich selbst ursprünglich und unabhängig
bestehend, dasselbe hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm
zugleich seine Fortdauer sicherte. Diese höchste Ursache (in Ansehung aller
Dinge der Welt) wie groß soll man sie sich denken? Die Welt kennen wir
nicht ihrem ganzen Inhalte nach, noch weniger wissen wir ihre Größe durch
die Vergleichung mit allem, was möglich ist, zu schätzen. Was hindert uns
aber, daß, da wir einmal in Absicht auf Kausalität ein äußerstes und oberstes
Wesen bedürfen, wir es nicht zugleich dem Grade der Vollkommenheit nach
über alles andere Mögliche setzen sollten? welches wir leicht, obzwar
freilich nur durch den zarten Umriß eines abstrakten Begriffs,
bewerkstelligen können, wenn wir uns in ihm, als einer einigen Substanz,
alle mögliche Vollkommenheit vereinigt vorstellen; welcher Begriff der
Forderung unserer Vernunft in der Ersparung der Prinzipien günstig, in sich
selbst keinen Widersprüchen unterworfen und selbst der Erweiterung des
Vernunftgebrauchs mitten in der Erfahrung, durch die Leitung, welche eine
solche Idee auf Ordnung und Zweckmäßigkeit gibt, zuträglich, nirgend aber
einer Erfahrung auf entschiedene Art zuwider ist.

Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden. Er ist
der älteste, klarste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten
angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von diesem
sein Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt. Er bringt Zwecke
und Absichten dahin, wo sie unsere Beobachtung nicht von selbst entdeckt
hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse durch den Leitfaden einer
besonderen Einheit, deren Prinzip außer der Natur ist. Diese Kenntnisse
wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich die veranlassende Idee,

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zurück, und vermehren den Glauben an einen höchsten Urheber bis zu einer
unwiderstehlichen Überzeugung.

Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein,
dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft, die
durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar nur
empirische Beweisgründe, unablässig gehoben wird, kann durch keine
Zweifel subtiler abgezogener Spekulation so niedergedrückt werden, daß
sie nicht aus jeder grüblerischen Unentschlossenheit, gleich als aus einem
Traume, durch einen Blick, den sie auf die Wunder der Natur und der
Majestät des Weltbaues wirft, gerissen werden sollte, um sich von Größe zu
Größe bis zur allerhöchsten, vom Bedingten zur Bedingung, bis zum
obersten und unbedingten Urheber zu erheben.

Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit dieses
Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen und
aufzumuntern haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht
billigen, welche diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf einen
gar keiner Gunst oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifall machen
möchte, und es kann der guten Sache keineswegs schaden, die dogmatische
Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton der Mäßigung
und Bescheidenheit, eines zur Beruhigung hinreichenden, obgleich eben
nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens, herabzustimmen.
Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische Beweis das Dasein
eines höchsten Wesens niemals allein dartun könne, sondern es jederzeit
dem ontologischen (welchem er nur zur Introduktion dient) überlassen
müsse, diesen Mangel zu ergänzen, mithin dieser immer noch den einzig
möglichen Beweisgrund (wofern überall nur ein spekulativer Beweis
stattfindet) enthalte, den keine menschliche Vernunft vorbeigehen kann.

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Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind
folgende: 1. In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen einer
Anordnung nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit ausgeführt, und
in einem Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit des Inhalts
sowohl, als auch unbegrenzter Größe des Umfangs. 2. Den Dingen der Welt
ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd, und hängt ihnen nur zufällig
an, d.i. die Natur verschiedener Dinge konnte von selbst, durch so vielerlei
sich vereinigende Mittel, zu bestimmten Endabsichten nicht
zusammenstimmen, wären sie nicht durch ein anordnendes vernünftiges
Prinzip, nach zum Grunde liegenden Ideen, dazu ganz eigentlich gewählt
und angelegt worden. 3. Es existiert also eine erhabene und weise Ursache
(oder mehrere), die nicht bloß, als blindwirkende allvermögende Natur,
durch Fruchtbarkeit, sondern, als Intelligenz, durch Freiheit die Ursache der
Welt sein muß. 4. Die Einheit derselben läßt sich aus der Einheit der
wechselseitigen Beziehung der Teile der Welt, als Glieder von einem
künstlichen Bauwerk, an demjenigen, wohin unsere Beobachtung reicht,
mit Gewißheit, weiterhin aber, nach allen Grundsätzen der Analogie, mit
Wahrscheinlichkeit schließen.

Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu
schikanieren, da sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit
demjenigen, was menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur
Gewalt tut, und sie nötigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, sondern
sich in die unsrigen zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben mit Häusern,
Schiffen, Uhren,) schließt, es werde eben eine solche Kausalität, nämlich
Verstand und Wille, bei ihr zum Grunde liegen, wenn sie die innere
Möglichkeit der freiwirkenden Natur (die alle Kunst und vielleicht selbst
sogar die Vernunft zuerst möglich macht), noch von einer anderen, obgleich
übermenschlichen Kunst ableitet, welche Schlußart vielleicht die schärfste
transz. Kritik nicht aushalten dürfte; muß man doch gestehen, daß, wenn
wir einmal eine Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer, als nach der

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Analogie mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen
sind, wovon uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind,
verfahren können. Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten
können, wenn sie von der Kausalität, die sie kennt, zu dunkeln und
unerweislichen Erklärungsgründen, die sie nicht kennt, übergehen wollte.

Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit
so vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht der
Materie, d.i. der Substanz in der Welt beweisen; denn zu dem letzteren
würde noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge der
Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung, nach
allgemeinen Gesetzen, untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer Substanz
nach, das Produkt einer höchsten Weisheit wären; wozu aber ganz andere
Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher Kunst, erfordert
werden würden. Der Beweis könnte also höchstens einen Weltbaumeister,
der durch die Tauglichkeit des Stoffs, den er bearbeitet, immer sehr
eingeschränkt wäre, aber nicht einen Weltschöpfer, dessen Idee alles
unterworfen ist, dartun, welches zu der großen Absicht, die man vor Augen
hat, nämlich ein allgenugsames Urwesen zu beweisen, bei weitem nicht
hinreichend ist. Wollten wir die Zufälligkeit der Materie selbst beweisen, so
müßten wir zu einem transzendentalen Argumente unsere Zuflucht nehmen,
welches aber hier eben hat vermieden werden sollen.

Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig zu
beobachtenden Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus zufälligen
Einrichtung, auf das Dasein einer ihr proportionierten Ursache. Der Begriff
dieser Ursache aber muß uns etwas ganz Bestimmtes von ihr zu erkennen
geben, und er kann also kein anderer sein, als der von einem Wesen, das alle
Macht, Weisheit usw., mit einem Worte alle Vollkommenheit, als ein
allgenugsames Wesen, besitzt. Denn die Prädikate von sehr großer, von
erstaunlicher, von unermeßlicher Macht und Trefflichkeit geben gar keinen

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bestimmten Begriff, und sagen eigentlich nicht, was das Ding an sich selbst
sei, sondern sind nur Verhältnisvorstellungen von der Größe des
Gegenstandes, den der Beobachter (der Welt) mit sich selbst und seiner
Fassungskraft vergleicht, und die gleich hochpreisend ausfallen, man mag
den Gegenstand vergrößern, oder das beobachtende Subjekt in Verhältnis
auf ihn kleiner machen. Wo es auf Größe (der Vollkommenheit) eines
Dinges überhaupt ankommt, da gibt es keinen bestimmten Begriff als den,
so die ganze mögliche Vollkommenheit begreift, und nur das All
(omnitudo) der Realität ist im Begriffe durchgängig bestimmt.

Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das
Verhältnis der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl als
Inhalt) zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der
Welteinheit zur absoluten Einheit des Urhebers usw. einzusehen. Also kann
die Physikotheologie keinen bestimmten Begriff von der obersten
Weltursache geben, und daher zu einem Prinzip der Theologie, welche
wiederum die Grundlage der Religion ausmachen soll nicht hinreichend
sein.

Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg ganz
und gar unmöglich. Nun tut man ihn doch aber im physischtheologischen
Beweise. Welches Mittels bedient man sich also wohl, über eine so weite
Kluft zu kommen?

Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der Macht
usw. des Welturhebers gelangt ist, und nicht weiter kommen kann, so
verläßt man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte
Argument, und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und
Zweckmäßigkeit der Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser
Zufälligkeit allein geht man nun, lediglich durch transzendentale Begriffe,
zum Dasein eines schlechthin Notwendigen, und von dem Begriffe der

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absoluten Notwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig
bestimmten oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer
allbefassenden Realität. Also blieb der physischtheologische Beweis in
seiner Unternehmung stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich zu
dem kosmologischen Beweise über, und da dieser nur ein versteckter
ontologischer Beweis ist, so vollführte er seine Absicht wirklich bloß durch
reine Vernunft, ob er gleich anfänglich alle Verwandtschaft mit dieser
abgeleugnet und alles auf einleuchtende Beweise aus Erfahrung ausgesetzt
hatte.

Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die
transzendentale Beweisart so spröde zu tun, und auf sie mit dem
Eigendünkel hellsehender Naturkenner, als auf das Spinnengewebe finsterer
Grübler, herabzusehen. Denn, wenn sie sich nur selbst prüfen wollten, so
würden sie finden, daß, nachdem sie eine gute Strecke auf dem Boden der
Natur und Erfahrung fortgegangen sind, und sich gleichwohl immer noch
eben so weit von dem Gegenstande sehen, der ihrer Vernunft entgegen
scheint, sie plötzlich diesen Boden verlassen, und ins Reich bloßer
Möglichkeiten übergehen, wo sie auf den Flügeln der Ideen demjenigen
nahe zu kommen hoffen, was sich aller ihrer empirischen Nachsuchung
entzogen hatte. Nachdem sie endlich durch einen so mächtigen Sprung
festen Fuß gefaßt zu haben vermeinen, so verbreiten sie den nunmehr
bestimmten Begriff (in dessen Besitz sie, ohne zu wissen wie, gekommen
sind,) über das ganze Feld der Schöpfung, und erläutern das Ideal, welches
lediglich ein Produkt der reinen Vernunft war, obzwar kümmerlich genug,
und weit unter der Würde seines Gegenstandes, durch Erfahrung, ohne doch
gestehen zu wollen, daß sie zu dieser Kenntnis oder Voraussetzung durch
einen anderen Fußsteig, als den der Erfahrung, gelangt sind.

So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der
kosmologische, diesem aber der ontologische Beweis, vom Dasein eines

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einigen Urwesens als höchsten Wesens, zum Grunde, und da außer diesen
dreien Wegen keiner mehr der spekulativen Vernunft offen ist, so ist der
ontologische Beweis, aus lauter reinen Vernunftbegriffen, der einzige
mögliche, wenn überall nur ein Beweis von einem so weit über allen
empirischen Verstandesgebrauch erhabenen Satze möglich ist.

Des dritten Hauptstücks
Siebenter Abschnitt
Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft

Wenn ich unter Theologie die Erkenntnis des Urwesens verstehe, so ist
sie entweder die aus bloßer Vernunft (theologia rationalis) oder aus
Offenbarung (revelata). Die erstere denkt sich nun ihren Gegenstand
entweder bloß durch reine Vernunft, vermittelst lauter transzendentaler
Begriffe, (ens originarium, realissimum, ens entium,) und heißt die
transzendentale Theologie, oder durch einen Begriff, den sie aus der Natur
(unserer Seele) entlehnt, als die höchste Intelligenz, und müßte die
natürliche Theologie heißen. Der, so allein eine transzendentale Theologie
einräumt, wird Deist, der, so auch eine natürliche Theologie annimmt,
Theist genannt. Der erstere gibt zu, daß wir allenfalls das Dasein eines
Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können, wovon aber unser Begriff
bloß transzendental sei, nämlich nur als von einem Wesen, das alle Realität
hat, die man aber nicht näher bestimmen kann. Der zweite behauptet, die
Vernunft sei imstande, den Gegenstand nach der Analogie mit der Natur
näher zu bestimmen, nämlich als ein Wesen, das durch Verstand und
Freiheit den Urgrund aller anderen Dinge in sich enthalte. Jener stellt sich
also unter demselben bloß eine Weltursache, (ob durch die Notwendigkeit
seiner Natur, oder durch Freiheit, bleibt unentschieden,) dieser einen
Welturheber vor.

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Die transzendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das
Dasein des Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die
Welt, wozu sie gehört, etwas näher zu bestimmen,) abzuleiten gedenkt,
und heißt Kosmotheologie, oder glaubt durch bloße Begriffe, ohne
Beihilfe der mindesten Erfahrung, sein Dasein zu erkennen, und wird
Ontotheologie genannt.

Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das Dasein
eines Welturhebers, aus der Beschaffenheit, der Ordnung und Einheit, die in
dieser Welt angetroffen wird, in welcher zweierlei Kausalität und deren
Regel angenommen werden muß, nämlich Natur und Freiheit. Daher steigt
sie von dieser Welt zur höchsten Intelligenz auf, entweder als dem Prinzip
aller natürlichen, oder aller sittlichen Ordnung und Vollkommenheit. Im
ersteren Falle heißt sie Physikotheologie, im letzten Moraltheologie.*

* Nicht theologische Moral; denn die enthält sittliche Gesetze, welche
das Dasein eines höchsten Weltregierers voraussetzen, da hingegen die
Moraltheologie eine Überzeugung vom Dasein eines höchsten Wesens ist,
welche sich auf sittliche Gesetze gründet.

Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende
ewige Natur, als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes Wesen, das
durch Verstand und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll, zu verstehen
gewohnt ist, und auch dieser Begriff allein uns interessiert, so könnte man,
nach der Strenge, dem Deisten allen Glauben an Gott absprechen, und ihm
lediglich die Behauptung eines Urwesens, oder obersten Ursache, übrig
lassen. Indessen, da niemand darum, weil er etwas sich nicht zu behaupten
getraut, beschuldigt werden darf, er wolle es gar leugnen, so ist es gelinder
und billiger, zu sagen: der Deist glaube einen Gott, der Theist aber einen
lebendigen Gott (summam intelligentiam). Jetzt wollen wir die Möglichen
Quellen aller dieser Versuche der Vernunft aufsuchen.

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Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntnis durch eine solche zu
erklären, wodurch ich erkenne, was da ist, die praktische aber, dadurch ich
mir vorstelle, was da sein soll. Diesem nach ist der theoretische Gebrauch
der Vernunft derjenige, durch den ich a priori (als notwendig) erkenne, daß
etwas sei; der praktische aber, durch den a priori erkannt wird, was
geschehen solle. Wenn nun entweder, daß etwas sei, oder geschehen solle,
ungezweifelt gewiß, aber doch nur bedingt ist: so kann doch entweder eine
gewisse bestimmte Bedingung dazu schlechthin notwendig sein, oder sie
kann nur als beliebig und zufällig vorausgesetzt werden. Im ersteren Falle
wird die Bedingung postuliert (per thesin), im zweiten supponiert (per
hypothesin). Da es praktische Gesetze gibt, die schlechthin notwendig sind
(die moralischen), so muß, wenn diese irgendein Dasein, als die Bedingung
der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft, notwendig voraussetzen, dieses
Dasein postuliert werden, darum, weil das Bedingte, von welchem der
Schluß auf diese bestimmte Bedingung geht, selbst a priori als
schlechterdings notwendig erkannt wird. Wir werden künftig von den
moralischen Gesetzen zeigen, daß sie das Dasein eines höchsten Wesens
nicht bloß voraussetzen, sondern auch, da sie in anderweitiger Betrachtung
schlechterdings notwendig sind, es mit Recht, aber freilich nur praktisch,
postulieren; jetzt setzen wir diese Schlußart noch beiseite.

Da, wenn bloß von dem, was da ist, (nicht, was sein soll,) die Rede ist,
das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird, jederzeit auch als
zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige Bedingung daraus nicht
als schlechthin notwendig erkannt werden, sondern dient nur als eine
respektiv notwendige, oder vielmehr nötige, an sich selbst aber und a priori
willkürliche Voraussetzung zum Vernunfterkenntnis des Bedingten. Soll
also die absolute Notwendigkeit eines Dinges im theoretischen Erkenntnis
erkannt werden, so könnte dieses allein aus Begriffen a priori geschehen,
niemals aber als einer Ursache, in Beziehung auf ein Dasein, das durch
Erfahrung gegeben ist.

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Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ, wenn sie auf einen
Gegenstand, oder solche Begriffe von einem Gegenstande, geht, wozu man
in keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der Naturerkenntnis
entgegengesetzt, welche auf keine anderen Gegenstände oder Prädikate
derselben geht, als die in einer möglichen Erfahrung gegeben werden
können.

Der Grundsatz, von dem, was geschieht, (dem empirisch Zufälligen,) als
Wirkung, auf eine Ursache zu schließen, ist ein Prinzip der Naturerkenntnis,
aber nicht der spekulativen. Denn, wenn man von ihm, als einem
Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt enthält,
abstrahiert, und, indem man alles Empirische wegläßt, ihn vom Zufälligen
überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste Rechtfertigung eines
solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus zu ersehen, wie ich von
etwas, was da ist, zu etwas davon ganz Verschiedenem (genannt Ursache)
übergehen könne; ja der Begriff einer Ursache verliert ebenso, wie des
Zufälligen, in solchem bloß spekulativen Gebrauche, alle Bedeutung, deren
objektive Realität sich in concreto begreiflich machen lasse.

Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache
schließt, so gehört dieses nicht zum natürlichen, sondern zum spekulativen
Vernunftgebrauch; weil jener nicht die Dinge selbst (Substanzen), sondern
nur das, was geschieht, also ihre Zustände, als empirisch zufällig, auf
irgendeine Ursache bezieht; daß die Substanz selbst (die Materie) dem
Dasein nach zufällig sei, würde ein bloß spekulatives Vernunfterkenntnis
sein müssen. Wenn aber auch nur von der Form der Welt, der Art ihrer
Verbindung und dem Wechsel derselben die Rede wäre, ich wollte aber
daraus auf eine Ursache schließen, die von der Welt gänzlich unterschieden
ist; so würde dieses wiederum ein Urteil der bloß spekulativen Vernunft
sein, weil der Gegenstand hier gar kein Objekt einer möglichen Erfahrung
ist. Aber alsdann würde der Grundsatz der Kausalität, der nur innerhalb dem

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Felde der Erfahrungen gilt, und außer demselben ohne Gebrauch, ja selbst
ohne Bedeutung ist, von seiner Bestimmung gänzlich abgebracht.

Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs
der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer
inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind; daß aber die Prinzipien
ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen, folglich,
wenn man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt, oder zum Leitfaden
braucht, es überall keine Theologie der Vernunft geben könne. Denn alle
synthetischen Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch;
zu der Erkenntnis eines höchsten Wesens aber wird ein transzendenter
Gebrauch derselben erfordert, wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet ist.
Soll das empirisch gültige Gesetz der Kausalität zu dem Urwesen führen, so
müßte dieses in die Kette der Gegenstände der Erfahrung mitgehören;
alsdann wäre es aber, wie alle Erscheinungen, selbst wiederum bedingt.
Erlaubte man aber auch den Sprung über die Grenze der Erfahrung hinaus,
vermittelst des dynamischen Gesetzes der Beziehung der Wirkungen auf
ihre Ursachen; welchen Begriff kann uns dieses Verfahren verschaffen? Bei
weitem keinen Begriff von einem höchsten Wesen, weil uns Erfahrung
niemals die größte aller möglichen Wirkungen (als welche das Zeugnis von
ihrer Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns erlaubt sein, bloß, um in
unserer Vernunft nichts Leeres übrigzulassen, diesen Mangel der völligen
Bestimmung durch eine bloße Idee der höchsten Vollkommenheit und
ursprünglichen Notwendigkeit auszufüllen: so kann dieses zwar aus Gunst
eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines unwiderstehlichen Beweises
gefordert werden. Der physischtheologische Beweis könnte also vielleicht
wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben sind) Nachdruck geben,
indem er Spekulation mit Anschauung verknüpft: für sich selbst aber
bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntnis vor, und gibt
ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als daß er allein das
Geschäft vollenden könnte.

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Man sieht also hieraus wohl, daß transzendentale Fragen nur
transzendentale Antworten, d.i. aus lauter Begriffen a priori ohne die
mindeste empirische Beimischung, erlauben. Die Frage ist hier aber
offenbar synthetisch und verlangt eine Erweiterung unserer Erkenntnis über
alle Grenzen der Erfahrung hinaus, nämlich zu dem Dasein eines Wesens,
das unserer bloßen Idee entsprechen soll, der niemals irgendeine Erfahrung
gleichkommen kann. Nun ist, nach unseren obigen Beweisen, alle
synthetische Erkenntnis a priori nur dadurch möglich, daß sie die formalen
Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt, und alle Grundsätze
sind also nur von immanenter Gültigkeit, d.i. sie beziehen sich lediglich auf
Gegenstände empirischer Erkenntnis, oder Erscheinungen. Also wird auch
durch transzendentales Verfahren in Absicht auf die Theologie einer bloß
spekulativen Vernunft nichts ausgerichtet.

Wollte man aber lieber alle obigen Beweise der Analytik in Zweifel
ziehen, als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange
gebrauchten Beweisgründe rauben lassen; so kann man sich doch nicht
weigern, der Aufforderung ein Genüge zu tun, wenn ich verlange, man solle
sich wenigstens darüber rechtfertigen, wie und vermittelst welcher
Erleuchtung man sich denn getraue, alle mögliche Erfahrung durch die
Macht bloßer Ideen zu überfliegen. Mit neuen Beweisen, oder
ausgebesserter Arbeit alter Beweise, würde ich bitten mich zu verschonen.
Denn, ob man zwar hierin eben nicht viel zu wählen hat, indem endlich
doch alle bloß spekulativen Beweise auf einen einzigen, nämlich den
ontologischen, hinauslaufen, und ich also eben nicht fürchten darf,
sonderlich durch die Fruchtbarkeit der dogmatischen Verfechter jener
sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden; obgleich ich überdem auch, ohne
mich darum sehr streitbar zu dünken, die Ausforderung nicht ausschlagen
will, in jedem Versuche dieser Art den Fehlschluß aufzudecken, und
dadurch seine Anmaßung zu vereiteln: so wird daher doch die Hoffnung
besseren Glücks bei denen, welche einmal dogmatischer Überredungen

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gewohnt sind, niemals völlig aufgehoben, und ich halte mich daher an der
einzigen billigen Forderung, daß man sich allgemein und aus der Natur des
menschlichen Verstandes, samt allen übrigen Erkenntnisquellen, darüber
rechtfertige, wie man es anfangen wolle, sein Erkenntnis ganz und gar a
priori zu erweitern, und bis dahin zu erstrecken, wo keine mögliche
Erfahrung und mithin kein Mittel hinreicht, irgendeinem von uns selbst
ausgedachten Begriffe seine objektive Realität zu versichern. Wie der
Verstand auch zu diesem Begriffe gelangt sein mag, so kann doch das
Dasein des Gegenstandes desselben nicht analytisch in demselben gefunden
werden, weil eben darin die Erkenntnis der Existenz des Objekts besteht,
daß dieses außer dem Gedanken an sich selbst gesetzt ist. Es ist aber
gänzlich unmöglich, aus einem Begriffe von selbst hinauszugehen, und,
ohne daß man der empirischen Verknüpfung folgt, (wodurch aber jederzeit
nur Erscheinungen gegeben werden,) zu Entdeckung neuer Gegenstände
und überschwenglicher Wesen zu gelangen.

Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche zu
dieser so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum
Dasein eines obersten Wesens zu gelangen; so hat sie doch darin sehr
großen Nutzen, die Erkenntnis desselben, im Fall sie anders woher
geschöpft werden könnte, zu berichtigen, mit sich selbst und jeder
intelligiblen Absicht einstimmig zu machen, und von allem, was dem
Begriffe eines Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung
empirischer Einschränkungen zu reinigen.

Die transzendentale Theologie bleibt demnach, aller ihrer
Unzulänglichkeit ungeachtet, dennoch von wichtigem negativen
Gebrauche, und ist eine beständige Zensur unserer Vernunft, wenn sie bloß
mit reinen Ideen zu tun hat, die eben darum kein anderes, als
transzendentales Richtmaß zulassen. Denn, wenn einmal, in anderweitiger,
vielleicht praktischer Beziehung, die Voraussetzung eines höchsten und

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allgenugsamen Wesens, als oberster Intelligenz, ihre Gültigkeit ohne
Widerrede behauptete: so wäre es von der größten Wichtigkeit, diesen
Begriff auf seiner transzendentalen Seite, als den Begriff eines notwendigen
und allerrealsten Wesens, genau zu bestimmen, und, was der höchsten
Realität zuwider ist, was zur bloßen Erscheinung (dem
Anthropomorphismus im weiteren Verstande) gehört, wegzuschaffen, und
zugleich alle entgegengesetzten Behauptungen, sie mögen nun atheistisch,
oder deistisch, oder anthropomorphistisch sein, aus dem Wege zu räumen;
welches in einer solchen kritischen Behandlung sehr leicht ist, indem
dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen der menschlichen
Vernunft, in Ansehung der Behauptung des Daseins eines dergleichen
Wesens, vor Augen gelegt wird, notwendig auch zureichen, um die
Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu beweisen. Denn, wo will
jemand durch reine Spekulation der Vernunft die Einsicht hernehmen, daß
es kein höchstes Wesen, als Urgrund von Allem, gebe, oder daß ihm keine
von den Eigenschaften zukomme, welche wir, ihren Folgen nach, als
analogisch mit den dynamischen Realitäten eines denkenden Wesens, uns
vorstellen, oder daß sie, in dem letzteren Falle, auch allen Einschränkungen
unterworfen sein müßten, welche die Sinnlichkeit den Intelligenzen, die wir
durch Erfahrung kennen, unvermeidlich auferlegt.

Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch der
Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die
ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen objektive Realität
auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden
kann, und, wenn es eine Moraltheologie geben sollte, die diesen Mangel
ergänzen kann, so beweist alsdann die vorher nur problematische
transzendentale Theologie ihre Unentbehrlichkeit, durch Bestimmung ihres
Begriffs und unaufhörliche Zensur einer durch Sinnlichkeit oft genug
getäuschten und mit ihren eigenen Ideen nicht immer einstimmigen
Vernunft. Die Notwendigkeit, die Unendlichkeit, die Einheit, das Dasein

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außer der Welt (nicht als Weltseele), die Ewigkeit, ohne Bedingungen der
Zeit, die Allgegenwart, ohne Bedingungen des Raumes, die Allmacht usw.
sind lauter transzendentale Prädikate, und daher kann der gereinigte Begriff
derselben, den eine jede Theologie so sehr nötig hat, bloß aus der
transzendentalen gezogen werden.

Anhang zur transzendentalen Dialektik Von dem regulativen Gebrauch
der Ideen der reinen Vernunft

Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt
nicht allein, was wir schon in der transzendentalen Analytik bewiesen,
nämlich daß alle unsere Schlüsse, die uns über das Feld möglicher
Erfahrung hinausführen wollen, trüglich und grundlos seien; sondern er
lehrt uns zugleich dieses Besondere: daß die menschliche Vernunft dabei
einen natürlichen Hang habe, diese Grenze zu überschreiten, daß
transzendentale Ideen ihr ebenso natürlich seien, als dem Verstande die
Kategorien, obgleich mit dem Unterschiede, daß, so wie die letzteren zur
Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Begriffe mit dem Objekte
führen, die ersteren einen bloßen, aber unwiderstehlichen Schein bewirken,
dessen Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik abhalten kann.

Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig
und mit dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein, wenn wir nur
einen gewissen Mißverstand verhüten und die eigentliche Richtung
derselben ausfindig machen können. Also werden die transzendentalen
Ideen allem Vermuten nach ihren guten und folglich immanenten Gebrauch
haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe von
wirklichen Dingen genommen werden, sie transzendent in der Anwendung
und eben darum trüglich sein können. Denn nicht die Idee an sich selbst,
sondern bloß ihr Gebrauch kann, entweder in Ansehung der gesamten

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möglichen Erfahrung überfliegend (transzendent), oder einheimisch
(immanent) sein, nachdem man sie entweder geradezu auf einen ihr
vermeintlich entsprechenden Gegenstand, oder nur auf den
Verstandesgebrauch überhaupt, in Ansehung der Gegenstände, mit welchen
er zu tun hat, richtet, und alle Fehler der Subreption sind jederzeit einem
Mangel der Urteilskraft, niemals aber dem Verstande oder der Vernunft
zuzuschreiben.

Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand,
sondern lediglich auf den Verstand, und vermittelst desselben auf ihren
eigenen empirischen Gebrauch, schafft also keine Begriffe (von Objekten),
sondern ordnet sie nur, und gibt ihnen diejenige Einheit, welche sie in ihrer
größtmöglichen Ausbreitung haben können, d.i. in Beziehung auf die
Totalität der Reihen, als auf welche der Verstand gar nicht sieht, sondern
nur auf diejenige Verknüpfung, dadurch allerwärts Reihen der Bedingungen
nach Begriffen zustande kommen. Die Vernunft hat also eigentlich nur den
Verstand und dessen zweckmäßige Anstellung zum Gegenstande, und, wie
dieser das Mannigfaltige im Objekt durch Begriffe vereinigt, so vereinigt
jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch Ideen, indem sie eine
gewisse kollektive Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen setzt,
welche sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt sind.

Ich behaupte demnach: die transzendentalen Ideen sind niemals von
konstitutivem Gebrauche, so, daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände
gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, sind es bloß
vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie einen
vortrefflichen und unentbehrlich notwendigen regulativen Gebrauch,
nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten, in Aussicht auf
welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in einen Punkt
zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focus imaginarius), d.i. ein
Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen,

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indem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher Erfahrung liegt, dennoch
dazu dient, ihnen die größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu
verschaffen. Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung, als wenn diese
Richtungslinien von einem Gegenstande selbst, der außer dem Felde
empirisch möglicher Erkenntnis läge, ausgeschlossen wären (so wie die
Objekte hinter der Spiegelfläche gesehen werden), allein diese Illusion
(welche man doch hindern kann, daß sie nicht betrügt,) ist gleichwohl
unentbehrlich notwendig, wenn wir außer den Gegenständen, die uns vor
Augen sind, auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im
Rücken liegen, d.i. wenn wir, in unserem Falle, den Verstand über jede
gegebene Erfahrung (dem Teile der gesamten möglichen Erfahrung) hinaus,
mithin auch zur größtmöglichen und äußersten Erweiterung abrichten
wollen.

Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange,
so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigentümlich darüber
verfügt und zustande zu bringen sucht, das Systematische der Erkenntnis
sei, d.i. der Zusammenhang derselben aus einem Prinzip. Diese
Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die von der Form
eines Ganzen der Erkenntnis, welches vor der bestimmten Erkenntnis der
Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem Teile seine Stelle und
Verhältnis zu den übrigen a priori zu bestimmen. Diese Idee postuliert
demnach vollständige Einheit der Verstandeserkenntnis, wodurch diese
nicht bloß ein zufälliges Aggregat, sondern ein nach notwendigen Gesetzen
zusammenhängendes System wird. Man kann eigentlich nicht sagen, daß
diese Idee ein Begriff vom Objekte sei, sondern von der durchgängigen
Einheit dieser Begriffe, sofern dieselbe dem Verstande zur Regel dient.
Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der Natur geschöpft,
vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen, und halten unsere
Erkenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist. Man
gesteht: daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser, reine Luft usw.

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finde. Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nötig (die also, was die
völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren Ursprung haben), um
den Anteil, den jede dieser Naturursachen an der Erscheinung hat, gehörig
zu bestimmen, und so bringt man alle Materien auf die Erden (gleichsam
die bloße Last), Salze und brennliche Wesen (als die Kraft), endlich auf
Wasser und Luft als Vehikeln (gleichsam Maschinen, vermittelst deren die
vorigen wirken), um nach der Idee eines Mechanismus die chemischen
Wirkungen der Materien untereinander zu erklären. Denn, wiewohl man
sich nicht wirklich so ausdrückt, so ist doch ein solcher Einfluß der
Vernunft auf die Einteilungen der Naturforscher sehr leicht zu entdecken.

Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Besondere aus dem
Allgemeinen abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich
gewiß und gegeben, und alsdann erfordert es nur Urteilskraft zur
Subsumtion, und das Besondere wird dadurch notwendig bestimmt. Dieses
will ich den apodiktischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das
Allgemeine wird nur problematisch angenommen, und ist eine bloße Idee,
das Besondere ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge
ist noch ein Problem; so werden mehrere besondere Fälle, die insgesamt
gewiß sind, an der Regel versucht, ob sie daraus fließen, und in diesem
Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebenden besonderen Fälle
daraus abfolgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus dieser aber
nachher auf alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben sind, geschlossen.
Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der Vernunft nennen.

Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten
Ideen, als problematischer Begriffe, ist eigentlich nicht konstitutiv, nämlich
nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach aller Strenge urteilen
will, die Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese angenommen
worden, folge; denn wie will man alle möglichen Folgen wissen, die, indem
sie aus demselben angenommenen Grundsatze folgen, seine Allgemeinheit

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beweisen? Sondern er ist nur regulativ, um dadurch, soweit als es möglich
ist, Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu bringen, und die Regel
dadurch der Allgemeinheit zu nähern.

Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische
Einheit der Verstandeserkenntnisse, diese aber ist der Probierstein der
Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als bloße
Idee) lediglich nur projektierte Einheit, die man an sich nicht als gegeben,
sondern nur als Problem ansehen muß; welche aber dazu dient, zu dem
Mannigfaltigen und besonderen Verstandesgebrauche ein Prinzipium zu
finden, und diesen dadurch auch über die Fälle, die nicht gegeben sind, zu
leiten und zusammenhängend zu machen.

Man sieht aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit
der mannigfaltigen Verstandeserkenntnis ein logisches Prinzip sei, um, da
wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch Ideen
fortzuhelfen, und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit
unter einem Prinzip (systematische) und dadurch Zusammenhang zu
verschaffen, soweit als es sich tun läßt. Ob aber die Beschaffenheit der
Gegenstände, oder die Natur des Verstandes, der sie als solche erkennt, an
sich zur systematischen Einheit bestimmt sei, und ob man diese a priori,
auch ohne Rücksicht auf ein solches Interesse der Vernunft in gewisser
Maaße postulieren, und also sagen könne: alle möglichen
Verstandeserkenntnisse (darunter die empirischen) haben Vernunfteinheit,
und stehen unter gemeinschaftlichen Prinzipien, woraus sie, unerachtet
ihrer Verschiedenheit, abgeleitet werden können; das würde ein
transzendentaler Grundsatz der Vernunft sein, welcher die systematische
Einheit nicht bloß subjektiv- und logisch-, als Methode, sondern objektiv
notwendig machen würde.

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Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern.
Unter die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des Verstandes
gehört auch die der Kausalität einer Substanz, welche Kraft genannt wird.
Die verschiedenen Erscheinungen eben derselben Substanz zeigen beim
ersten Anblicke soviel Ungleichartigkeit, daß man daher anfänglich beinahe
so vielerlei Kräfte derselben annehmen muß, als Wirkungen sich hervortun,
wie in dem menschlichen Gemüte die Empfindung, Bewußtsein,
Einbildung, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, Lust, Begierde usw.
Anfänglich gebietet eine logische Maxime, diese anscheinende
Verschiedenheit soviel als möglich dadurch zu verringern, daß man durch
Vergleichung die versteckte Identität entdecke, und nachsehe, ob nicht
Einbildung, mit Bewußtsein verbunden, Erinnerung, Witz,
Unterscheidungskraft, vielleicht gar Verstand und Vernunft sei. Die Idee
einer Grundkraft, von welcher aber die Logik gar nicht ausmittelt, ob es
dergleichen gebe, ist wenigstens das Problem einer systematischen
Vorstellung der Mannigfaltigkeit von Kräften. Das logische Vernunftprinzip
erfordert diese Einheit soweit als möglich zustande zu bringen, und je mehr
die Erscheinungen der einen und anderen Kraft unter sich identisch
gefunden werden, desto wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts, als
verschiedene Äußerungen einer und derselben Kraft seien, welche
(komparativ) ihre Grundkraft heißen kann. Ebenso verfährt man mit den
übrigen.

Die komparativen Grundkräfte müssen wiederum untereinander
verglichen werden, um sie dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt,
einer einzigen radikalen, d.i. absoluten Grundkraft nahe zu bringen. Diese
Vernunfteinheit aber ist bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß eine
solche in der Tat angetroffen werden müsse, sondern, daß man sie
zugunsten der Vernunft, nämlich zu Errichtung gewisser Prinzipien, für die
mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand geben mag, suchen, und,

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wo es sich tun läßt, auf solche Weise systematische Einheit ins Erkenntnis
bringen müsse.

Es zeigt sich aber, wenn man auf den transzendentalen Gebrauch des
Verstandes achthat, daß diese Idee einer Grundkraft überhaupt, nicht bloß
als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei, sondern
objektive Realität vorgebe, dadurch die systematische Einheit der
mancherlei Kräfte einer Substanz postuliert und ein apodiktisches
Vernunftprinzip errichtet wird. Denn, ohne daß wir einmal die Einhelligkeit
der mancherlei Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es uns nach allen
Versuchen mißlingt, sie zu entdecken, setzen wir doch voraus: es werde
eine solche anzutreffen sein, und dieses nicht allein, wie in dem angeführten
Falle, wegen der Einheit der Substanz, sondern, wo so gar viele, obzwar in
gewissem Grade gleichartige, angetroffen werden, wie an der Materie
überhaupt, setzt die Vernunft systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte
voraus, da besondere Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die
Ersparung der Prinzipien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der
Vernunft, sondern inneres Gesetz der Natur wird.

In der Tat ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Prinzip der
Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne, wenn nicht ein
transzendentales vorausgesetzt würde, durch welches eine solche
systematische Einheit, als den Objekten selbst anhängend, a priori als
notwendig angenommen wird. Denn mit welcher Befugnis kann die
Vernunft im logischen Gebrauche verlangen, die Mannigfaltigkeit der
Kräfte, welche uns die Natur zu erkennen gibt, als eine bloß versteckte
Einheit zu behandeln, und sie aus irgendeiner Grundkraft, soviel an ihr ist,
abzuleiten, wenn es ihr freistände zuzugeben, daß es ebensowohl möglich
sei, alle Kräfte wären ungleichartig, und die systematische Einheit ihrer
Ableitung der Natur nicht gemäß? denn alsdann würde sie gerade wider ihre
Bestimmung verfahren, indem sie sich eine Idee zum Ziele setzte, die der

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Natureinrichtung ganz widerspräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe
zuvor von der zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit nach
Prinzipien der Vernunft abgenommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu
suchen, ist notwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft, ohne
diese aber keinen zusammenhängenden Verstandesgebrauch, und in dessen
Ermanglung kein zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben
würden, und wir also in Ansehung des letzteren die systematische Einheit
der Natur durchaus als objektiv gültig und notwendig voraussetzen müssen.

Wir finden diese transzendentale Voraussetzung auch auf eine
bewundernswürdige Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt,
wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt, oder sich selbst gestanden
haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die Identität der Art
nicht ausschließen; daß die mancherlei Arten nur als verschiedentliche
Bestimmungen von wenigen Gattungen, diese aber von noch höheren
Geschlechtern usw. behandelt werden müssen; daß also eine gewisse
systematische Einheit aller möglichen empirischen Begriffe, sofern sie von
höheren und allgemeineren abgeleitet werden können, gesucht werden
müsse; ist eine Schulregel oder logisches Prinzip, ohne welches kein
Gebrauch der Vernunft stattfände, weil wir nur sofern vom Allgemeinen
aufs Besondere schließen können, als allgemeine Eigenschaften der Dinge
zum Grunde gelegt werden, unter denen die besonderen stehen.

Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen werde,
setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: daß man die
Anfänge (Prinzipien) nicht ohne Not vervielfältigen müsse (entia praeter
necessitatem non esse multiplicanda). Dadurch wird gesagt: daß die Natur
der Dinge selbst zur Vernunfteinheit Stoff darbiete, und die anscheinende
unendliche Verschiedenheit dürfe uns nicht abhalten, hinter ihr Einheit der
Grundeigenschaften zu vermuten, von welchen die Mannigfaltigkeit nur
durch mehrere Bestimmung abgeleitet werden kann. Dieser Einheit, ob sie

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gleich eine bloße Idee ist, ist man zu allen Zeiten so eifrig nachgegangen,
daß man eher Ursache gefunden, die Begierde nach ihr zu mäßigen, als sie
aufzumuntern. Es war schon viel, daß die Scheidekünstler alle Salze auf
zwei Hauptgattungen, saure und laugenhafte, zurückführen konnten, sie
versuchen sogar auch diesen Unterschied bloß als eine Varietät oder
verschiedene Äußerung eines und desselben Grundstoffs anzusehen. Die
mancherlei Arten von Erden (den Stoff der Steine und sogar der Metalle)
hat man nach und nach auf drei, endlich auf zwei, zu bringen gesucht; allein
damit noch nicht zufrieden, können sie sich des Gedankens nicht
entschlagen, hinter diesen Varietäten dennoch eine einzige Gattung, ja wohl
gar zu diesen und den Salzen ein gemeinschaftliches Prinzip zu vermuten.
Man möchte vielleicht glauben, dieses sei ein bloß ökonomischer Handgriff
der Vernunft, um sich soviel als möglich Mühe zu ersparen, und ein
hypothetischer Versuch, der, wenn er gelingt, dem vorausgesetzten
Erklärungsgrunde eben durch diese Einheit Wahrscheinlichkeit gibt. Allein
eine solche selbstsüchtige Absicht ist sehr leicht von der Idee zu
unterscheiden, nach welcher jedermann voraussetzt, diese Vernunfteinheit
sei der Natur selbst angemessen, und daß die Vernunft hier nicht bettle,
sondern gebiete, obgleich ohne die Grenzen dieser Einheit bestimmen zu
können.

Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns darbieten, eine so große
Verschiedenheit, ich will nicht sagen der Form (denn darin mögen sie
einander ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d.i. der Mannigfaltigkeit
existierender Wesen nach, daß auch der allerschärfste menschliche Verstand
durch Vergleichung der einen mit der anderen nicht die mindeste
Ähnlichkeit ausfindig machen könnte (ein Fall, der sich wohl denken läßt),
so würde das logische Gesetz der Gattungen ganz und gar nicht stattfinden,
und es würde selbst kein Begriff von Gattung, oder irgendein allgemeiner
Begriff, ja sogar kein Verstand stattfinden, als der es lediglich mit solchen
zu tun hat. Das logische Prinzip der Gattungen setzt also ein

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transzendentales voraus, wenn es auf Natur (darunter ich hier nur
Gegenstände, die uns gegeben werden, verstehe,) angewandt werden soll.
Nach demselben wird in dem Mannigfaltigen einer möglichen Erfahrung
notwendig Gleichartigkeit vorausgesetzt (ob wir gleich ihren Grad a priori
nicht bestimmen können), weil ohne dieselbe keine empirischen Begriffe,
mithin keine Erfahrung möglich wäre.

Dem logischen Prinzip der Gattungen, welches Identität postuliert, steht
ein anderes, nämlich das der Arten entgegen, welches Mannigfaltigkeit und
Verschiedenheiten der Dinge, unerachtet ihrer Übereinstimmung unter
derselben Gattung, bedarf, und es dem Verstande zur Vorschrift macht, auf
diese nicht weniger als auf jene aufmerksam zu sein. Dieser Grundsatz (der
Scharfsinnigkeit, oder des Unterscheidungsvermögens) schränkt den
Leichtsinn des ersteren (des Witzes) sehr ein, und die Vernunft zeigt hier ein
doppeltes, einander widerstreitendes Interesse, einerseits das Interesse des
Umfanges (der Allgemeinheit) in Ansehung der Gattungen, andererseits des
Inhalts (der Bestimmtheit), in Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Arten,
weil der Verstand im ersteren Falle zwar viel unter seinen Begriffen, im
zweiten aber desto mehr in denselben denkt. Auch äußert sich dieses an der
sehr verschiedenen Denkungsart der Naturforscher, deren einige (die
vorzüglich spekulativ sind), der Ungleichartigkeit gleichsam feind, immer
auf die Einheit der Gattung hinaussehen, die anderen (vorzüglich
empirische Köpfe) die Natur unaufhörlich in so viel Mannigfaltigkeit zu
spalten suchen, daß man beinahe die Hoffnung aufgeben müßte, ihre
Erscheinungen nach allgemeinen Prinzipien zu beurteilen.

Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches Prinzip
zum Grunde, welches die systematische Vollständigkeit aller Erkenntnisse
zur Absicht hat, wenn ich, von der Gattung anhebend, zu dem
Mannigfaltigen, das darunter enthalten sein mag, herabsteige, und auf
solche Weise dem System Ausbreitung, wie im ersteren Falle, da ich zur

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Gattung aufsteige, Einfalt zu verschaffen suche. Denn aus der Sphäre des
Begriffs, der eine Gattung bezeichnet, ist ebensowenig, wie aus dem
Raume, den Materie einnehmen kann, zu ersehen, wie weit die Teilung
derselben gehen könne. Daher jede Gattung verschiedene Arten, diese aber
verschiedene Unterarten erfordert, und, da keine der letzteren stattfindet,
die nicht immer wiederum eine Sphäre (Umfang als conceptus communis)
hätte, so verlangt die Vernunft in ihrer ganzen Erweiterung, daß keine Art
als die unterste an sich selbst angesehen werde, weil, da sie doch immer ein
Begriff ist, der nur das, was verschiedenen Dingen gemein ist, in sich
enthält, dieser nicht durchgängig bestimmt, mithin auch nicht zunächst auf
ein Individuum bezogen sein könne, folglich jederzeit andere Begriffe, d.i.
Unterarten, unter sich enthalten müsse. Dieses Gesetz der Spezifikation
könnte so ausgedrückt werden: entium varietates non temere esse
minuendas.

Man sieht aber leicht, daß auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und
Anwendung sein würde, läge nicht ein transzendentales Gesetz der
Spezifikation zum Grunde, welches zwar freilich nicht von den Dingen, die
unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Unendlichkeit in
Ansehung der Verschiedenheiten fordert; denn dazu gibt das logische
Prinzip, als welches lediglich die Unbestimmtheit der logischen Sphäre in
Ansehung der möglichen Einteilung behauptet, keinen Anlaß; aber dennoch
dem Verstande auferlegt, unter jeder Art, die uns vorkommt, Unterarten,
und zu jeder Verschiedenheit kleinere Verschiedenheiten zu suchen. Denn,
würde es keine niederen Begriffe geben, so gäbe es auch keine höheren.
Nun erkennt der Verstand alles nur durch Begriffe: folglich, soweit er in der
Einteilung reicht, niemals durch bloße Anschauung, sondern immer
wiederum durch niedere Begriffe. Die Erkenntnis der Erscheinungen in
ihrer durchgängigen Bestimmung (welche nur durch Verstand möglich ist)
fordert eine unaufhörlich fortzusetzende Spezifikation seiner Begriffe, und

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einen Fortgang zu immer noch bleibenden Verschiedenheiten, wovon in
dem Begriffe der Art, und noch mehr dem der Gattung, abstrahiert worden.

Auch kann dieses Gesetz der Spezifikation nicht von der Erfahrung
entlehnt sein; denn diese kann keine so weitgehende Eröffnungen geben.
Die empirische Spezifikation bleibt in der Unterscheidung des
Mannigfaltigen bald stehen, wenn sie nicht durch das schon vorhergehende
transzendentale Gesetz der Spezifikation, als ein Prinzip der Vernunft,
geleitet worden, solche zu suchen, und sie noch immer zu vermuten, wenn
sie sich gleich nicht den Sinnen offenbart. Daß absorbierende Erden nach
verschiedener Art (Kalk- und muriatische Erden) sind, bedurfte zur
Entdeckung eine zuvorkommende Regel der Vernunft, welche dem
Verstande es zur Aufgabe machte, die Verschiedenheit zu suchen, indem sie
die Natur so reichhaltig voraussetzte, sie zu vermuten. Denn wir haben
ebensowohl nur unter Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur
Verstand, als unter der Bedingung, daß ihre Objekte Gleichartigkeit an sich
haben, weil eben die Mannigfaltigkeit desjenigen, was unter einem Begriffe
zusammengefaßt werden kann, den Gebrauch dieses Begriffs, und die
Beschäftigung des Verstandes ausmacht.

Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld, 1. durch ein Prinzip
der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren Gattungen, 2. durch
einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen unter niederen Arten; und
um die systematische Einheit zu vollenden, fügt sie 3. noch ein Gesetz der
Affinität aller Begriffe hinzu, welches einen kontinuierlichen Übergang von
einer jeden Art zu jeder anderen durch stufenartiges Wachstum der
Verschiedenheit gebietet. Wir können sie die Prinzipien der Homogenität,
der Spezifikation und der Kontinuität der Formen nennen. Das letztere
entspringt dadurch, daß man die zwei ersteren vereinigt, nachdem man,
sowohl im Aufsteigen zu höheren Gattungen, als im Herabsteigen zu
niederen Arten, den systematischen Zusammenhang in der Idee vollendet

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hat; denn alsdann sind alle Mannigfaltigkeiten untereinander verwandt, weil
sie insgesamt durch alle Grade der erweiterten Bestimmung von einer
einzigen obersten Gattung abstammen.

Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen
Prinzipien auf folgende Art sinnlich machen. Man kann einen jeden Begriff
als einen Punkt ansehen, der, als der Standpunkt eines Zuschauers, seinen
Horizont hat, d.i. eine Menge von Dingen, die aus demselben können
vorgestellt und gleichsam überschaut werden. Innerhalb diesem Horizonte
muß eine Menge von Punkten ins Unendliche angegeben werden können,
deren jeder wiederum seinen engeren Gesichtskreis hat; d.i. jede Art enthält
Unterarten, nach dem Prinzip der Spezifikation, und der logische Horizont
besteht nur aus kleineren Horizonten (Unterarten), nicht aber aus Punkten,
die keinen Umfang haben (Individuen). Aber zu verschiedenen Horizonten,
d.i. Gattungen, die aus ebensoviel Begriffen bestimmt werden, läßt sich ein
gemeinschaftlicher Horizont, daraus man sie insgesamt als aus einem
Mittelpunkte überschaut, gezogen denken, welcher die höhere Gattung ist,
bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre Horizont ist, der
aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt wird, und alle
Mannigfaltigkeit, als Gattungen, Arten und Unterarten, unter sich befaßt.

Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität,
zu allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der Spezifikation.
Da aber auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller möglichen Begriffe
nichts Leeres ist, und außer demselben nichts angetroffen werden kann, so
entspringt aus der Voraussetzung jenes allgemeinen Gesichtskreises und der
durchgängigen Einteilung desselben der Grundsatz: non datur vacuum
formarum, d.i. es gibt nicht verschiedene ursprüngliche und erste
Gattungen, die gleichsam isoliert und voneinander (durch einen leeren
Zwischenraum) getrennt wären, sondern alle mannigfaltigen Gattungen sind
nur Abteilungen einer einzigen obersten und allgemeinen Gattung; und aus

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diesem Grundsatze dessen unmittelbare Folge: datur continuum formarum,
d.i. alle Verschiedenheiten der Arten grenzen aneinander und erlauben
keinen Übergang zueinander durch einen Sprung, sondern nur durch alle
kleineren Grade des Unterschiedes, dadurch man von einer zu der anderen
gelangen kann; mit einem Worte, es gibt keine Arten oder Unterarten, die
einander (im Begriffe der Vernunft) die nächsten wären, sondern es sind
noch immer Zwischenarten möglich, deren Unterschied von der ersten und
zweiten kleiner ist, als dieser ihr Unterschied voneinander.

Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die Mannigfaltigkeit
verschiedener ursprünglichen Gattungen, und empfiehlt die Gleichartigkeit;
das zweite schränkt dagegen diese Neigung zur Einhelligkeit wiederum ein,
und gebietet Unterscheidung der Unterarten, bevor man sich mit seinem
allgemeinen Begriffe zu den Individuen wende. Das dritte vereinigt jene
beiden, indem sie bei der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch die
Gleichartigkeit durch den stufenartigen Übergang von einer Spezies zur
anderen vorschreibt, welches eine Art von Verwandtschaft der
verschiedenen Zweige anzeigt, insofern sie insgesamt aus einem Stamme
entsprossen sind.

Dieses logische Gesetz des continui specierum (formarum logicarum)
setzt aber ein transzendentales voraus (lex continui in natura), ohne welches
der Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre geleitet werden
würde, indem sie vielleicht einen der Natur gerade entgegengesetzten Weg
nehmen würde. Es muß also dieses Gesetz auf reinen transzendentalen und
nicht empirischen Gründen beruhen. Denn in dem letzteren Falle würde es
später kommen als die Systeme; es hat aber eigentlich das Systematische
der Naturerkenntnis zuerst hervorgebracht. Es sind hinter diesen Gesetzen
auch nicht etwa Absichten auf eine mit ihnen, als bloßen Versuchen,
anzustellende Probe verborgen, obwohl freilich dieser Zusammenhang, wo
er zutrifft, einen mächtigen Grund abgibt, die hypothetisch ausgedachte

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Einheit für gegründet zu halten, und sie also auch in dieser Absicht ihren
Nutzen haben, sondern man sieht es ihnen deutlich an, daß sie die
Sparsamkeit der Grundursachen, die Mannigfaltigkeit der Wirkungen, und
eine daherrührende Verwandtschaft der Glieder der Natur an sich selbst für
vernunftmäßig und der Natur angemessen urteilen, und diese Grundsätze
also direkt und nicht bloß als Handgriffe der Methode ihre Empfehlung bei
sich führen.

Man sieht aber leicht, daß diese Kontinuität der Formen eine bloße Idee
sei, der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht
aufgewiesen werden kann, nicht allein um deswillen, weil die Spezies in der
Natur wirklich abgeteilt sind, und daher an sich ein quantum discretum
ausmachen müssen, und, wenn der stufenartige Fortgang in der
Verwandtschaft derselben kontinuierlich wäre, sie auch eine wahre
Unendlichkeit der Zwischenglieder, die innerhalb zweier gegebener Arten
lägen, enthalten müßte, welches unmöglich ist: sondern auch, weil wir von
diesem Gesetz gar keinen bestimmten empirischen Gebrauch machen
können, indem dadurch nicht das geringste Merkmal der Affinität angezeigt
wird, nach welchem und wie weit wir die Gradfolge ihrer Verschiedenheit
zu suchen, sondern nichts weiter, als eine allgemeine Anzeige, daß wir sie
zu suchen haben.

Wenn wir die jetzt angeführten Prinzipien ihrer Ordnung nach versetzen,
um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so würden die Prinzipien
der systematischen Einheit etwa so stehen: Mannigfaltigkeit,
Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als Ideen im höchsten
Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft setzt die
Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung angewandt
werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel weiter geht, als
Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des Mannigfaltigen,
unbeschadet seiner Verschiedenheit, unter einem Prinzip der Einheit, betrifft

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nicht bloß die Dinge, sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften und
Kräfte der Dinge. Daher, wenn uns z.B. durch eine (noch nicht völlig
berichtigte) Erfahrung der Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben ist,
und wir finden Verschiedenheiten, so vermuten wir sie in demjenigen, was
den Zirkel nach einem beständigen Gesetze durch alle unendlichen
Zwischengrade, zu einer dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d.i.
die Bewegungen der Planeten, die nicht Zirkel sind, werden etwa dessen
Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die Ellipse.
Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer Bahnen, da sie
(soweit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise zurückkehren; allein
wir raten auf einen parabolischen Lauf, der doch mit der Ellipsis verwandt
ist, und, wenn die lange Achse der letzteren sehr weit gestreckt ist, in allen
unseren Beobachtungen von ihr nicht unterschieden werden kann. So
kommen wir, nach Anleitung jener Prinzipien, auf Einheit der Gattungen
dieser Bahnen in ihrer Gestalt, dadurch aber weiter auf Einheit der Ursache
aller Gesetze ihrer Bewegung (die Gravitation), von da wir nachher unsere
Eroberungen ausdehnen, und auch alle Varietäten und scheinbare
Abweichungen von jenen Regeln aus demselben Prinzip zu erklären
suchen, endlich gar mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen kann,
nämlich, uns nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische
Kometenbahnen zu denken, in welchen diese Körper ganz und gar unsere
Sonnenwelt verlassen, und, indem sie von Sonne zu Sonne gehen, die
entfernteren Teile eines für uns unbegrenzten Weltsystems, das durch eine
und dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt, in ihrem Laufe vereinigen.

Was bei diesen Prinzipien merkwürdig ist, und uns auch allein
beschäftigt, ist dieses: daß sie transzendental zu sein scheinen, und, ob sie
gleich bloße Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der Vernunft
enthalten, denen der letztere nur gleichsam asymptotisch, d.i. bloß
annähernd folgen kann, ohne sie jemals zu erreichen, sie gleichwohl, als
synthetische Sätze a priori, objektive, aber unbestimmte Gültigkeit haben,

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und zur Regel möglicher Erfahrung dienen, auch wirklich in Bearbeitung
derselben, als heuristische Grundsätze, mit gutem Glücke gebraucht
werden, ohne daß man doch eine transzendentale Deduktion derselben
zustande bringen kann, welches, wie oben bewiesen worden, in Ansehung
der Ideen jederzeit unmöglich ist.

Wir haben in der transzendentalen Analytik unter den Grundsätzen des
Verstandes die dynamischen, als bloß regulativen Prinzipien der
Anschauung, von den mathematischen, die in Ansehung der letzteren
konstitutiv sind, unterschieden. Diesem ungeachtet sind gedachte
dynamische Gesetze allerdings konstitutiv in Ansehung der Erfahrung,
indem sie die Begriffe, ohne welche keine Erfahrung stattfindet, a priori
möglich machen. Prinzipien der reinen Vernunft können dagegen nicht
einmal in Ansehung der empirischen Begriffe konstitutiv sein, weil ihnen
kein korrespondierendes Schema der Sinnlichkeit gegeben werden kann,
und sie also keinen Gegenstand in konkreto haben können. Wenn ich nun
von einem solchen empirischen Gebrauch derselben, als konstitutiver
Grundsätze, abgehe, wie will ich ihnen dennoch einen regulativen
Gebrauch, und mit demselben einige objektive Gültigkeit sichern, und was
kann derselbe für Bedeutung haben?

Der Verstand macht für die Vernunft ebenso einen so Gegenstand aus, als
die Sinnlichkeit für den Verstand. Die Einheit aller möglichen empirischen
Verstandeshandlungen systematisch zu machen, ist ein Geschäft der
Vernunft, sowie der Verstand das Mannigfaltige der Erscheinungen durch
Begriffe verknüpft und unter empirische Gesetze bringt. Die
Verstandeshandlungen aber, ohne Schemate der Sinnlichkeit, sind
unbestimmt: ebenso ist die Vernunfteinheit auch in Ansehung der
Bedingungen, unter denen, und des Grades, wie weit, der Verstand seine
Begriffe systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt. Allein,
obgleich für die durchgängige systematische Einheit aller

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Verstandesbegriffe kein Schema in der Anschauung ausfindig gemacht
werden kann, so kann und muß doch ein Analogon eines solchen Schema
gegeben werden, welches die Idee des Maximum der Abteilung und der
Vereinigung der Verstandeserkenntnis in einem Prinzip ist. Denn das
Größeste und absolut Vollständige läßt sich bestimmt gedenken, weil alle
restringierenden Bedingungen, welche unbestimmte Mannigfaltigkeit
geben, weggelassen werden. Also ist die Idee der Vernunft ein Analogon
von einem Schema der Sinnlichkeit, aber mit dem Unterschiede, daß die
Anwendung der Verstandesbegriffe auf das Schema der Vernunft nicht
ebenso eine Erkenntnis des Gegenstandes selbst ist (wie bei der Anwendung
der Kategorien auf ihre sinnlichen Schemate), sondern nur eine Regel oder
Prinzip der systematischen Einheit alles Verstandesgebrauchs. Da nun jeder
Grundsatz, der dem Verstande durchgängige Einheit seines Gebrauchs a
priori festsetzt, auch, obzwar nur indirekt, von dem Gegenstande der
Erfahrung gilt: so werden die Grundsätze der reinen Vernunft auch in
Ansehung dieses letzteren objektive Realität haben, allein nicht um etwas
an ihnen zu bestimmen, sondern nur um das Verfahren anzuzeigen, nach
welchem der empirische und bestimmte Erfahrungsgebrauch des Verstandes
mit sich selbst durchgängig zusammenstimmend werden kann, dadurch, daß
er mit dem Prinzip der durchgängigen Einheit, soviel als möglich, in
Zusammenhang gebracht, und davon abgeleitet wird.

Ich nenne alle subjektiven Grundsätze, die nicht von der Beschaffenheit
des Objekts, sondern dem Interesse der Vernunft, in Ansehung einer
gewissen möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis dieses Objekts,
hergenommen sind, Maximen der Vernunft. So gibt es Maximen der
spekulativen Vernunft, die lediglich auf dem spekulativen Interesse
derselben beruhen, ob es zwar scheinen mag, sie wären objektive
Prinzipien.

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Wenn bloß regulative Grundsätze als konstitutiv betrachtet werden, so
können sie als objektive Prinzipien widerstreitend sein; betrachtet man sie
aber bloß als Maximen, so ist kein wahrer Widerstreit, sondern bloß ein
verschiedenes Interesse der Vernunft, welches die Trennung der
Denkungsart verursacht. In der Tat hat die Vernunft nur ein einiges Interesse
und der Streit ihrer Maximen ist nur eine Verschiedenheit und
wechselseitige Einschränkung der Methoden, diesem Interesse ein Genüge
zu tun.

Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse der
Mannigfaltigkeit (nach dem Prinzip der Spezifikation), bei jenem aber das
Interesse der Einheit (nach dem Prinzip der Aggregation). Ein jeder
derselben glaubt sein Urteil aus der Einsicht des Objekts zu haben, und
gründet es doch lediglich auf der größeren oder kleineren Anhänglichkeit an
einen von beiden Grundsätzen, deren keine auf objektiven Gründen beruht,
sondern nur auf dem Vernunftinteresse, und die daher besser Maximen als
Prinzipien genannt werden könnten. Wenn ich einsehende Männer
miteinander wegen der Charakteristik der Menschen, der Tiere oder
Pflanzen, ja selbst der Körper des Mineralreichs im Streite sehe, da die
einen z.B. besondere und in der Abstammung gegründete Volkscharaktere,
oder auch entschiedene und erbliche Unterschiede der Familien, Rassen
usw. annehmen, andere dagegen ihren Sinn darauf setzen, daß die Natur in
diesem Stücke ganz und gar einerlei Anlagen gemacht habe, und aller
Unterschied nur auf äußeren Zufälligkeiten beruhe, so darf ich nur die
Beschaffenheit des Gegenstandes in Betrachtung ziehen, um zu begreifen,
daß er für beide viel zu tief verborgen liege, als daß sie aus Einsicht in die
Natur des Objekts sprechen könnten. Es ist nichts anderes, als das
zwiefache Interesse der Vernunft, davon dieser Teil das eine, jener das
andere zu Herzen nimmt, oder auch affektiert, mithin die Verschiedenheit
der Maximen der Naturmannigfaltigkeit, oder der Natureinheit, welche sich
gar wohl vereinigen lassen, aber solange sie für objektive Einsichten

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gehalten werden, nicht allein Streit, sondern auch Hindernisse veranlassen,
welche die Wahrheit lange aufhalten, bis ein Mittel gefunden wird, das
streitige Interesse zu vereinigen, und die Vernunft hierüber zufrieden zu
stellen.

Ebenso ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen, von
Leibniz in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestutzten
Gesetzes der kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt, welche
nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft beruhenden
Grundsatzes der Affinität ist; denn Beobachtung und Einsicht in die
Einrichtung der Natur konnte es gar nicht als objektive Behauptung an die
Hand geben. Die Sprossen einer solchen Leiter, so wie sie uns Erfahrung
angeben kann, stehen viel zu weit auseinander, und unsere vermeintlich
kleinen Unterschiede sind gemeiniglich in der Natur selbst so weite Klüfte,
daß auf solche Beobachtungen (vornehmlich bei einer großen
Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer leicht sein muß, gewisse
Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden,) als Absichten der Natur gar
nichts zu rechnen ist. Dagegen ist die Methode, nach einem solchen Prinzip
Ordnung in der Natur aufzusuchen, und die Maxime, eine solche, obzwar
unbestimmt, wo, oder wie weit, in einer Natur überhaupt als gegründet
anzusehen, allerdings ein rechtmäßiges und treffliches regulatives Prinzip
der Vernunft; welches aber, als ein solches, viel weiter geht, als daß
Erfahrung oder Beobachtung ihr gleichkommen könnte, doch ohne etwas zu
bestimmen, sondern ihr nur zur systematischen Einheit den Weg
vorzuzeichnen.

Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft

Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst
dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen, daß

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uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind uns durch die
Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste Gerichtshof aller
Rechte und Ansprüche unserer Spekulation kann unmöglich selbst
ursprüngliche Täuschungen und Blendwerke enthalten. Vermutlich werden
sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der Naturanlage unserer
Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit aber, wie gewöhnlich,
über Ungereimtheit und Widersprüche, und schmäht auf die Regierung, in
deren innerste Pläne er nicht zu dringen vermag, deren wohltätigen
Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar die Kultur verdanken
sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln und zu verurteilen.

Man kann sich eines Begriffs a priori mit keiner Sicherheit bedienen,
ohne seine transzendentale Deduktion zustande gebracht zu haben. Die
Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduktion von der Art, als
die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige, wenn auch nur
unbestimmte, objektive Gültigkeit haben, und nicht bloß leere
Gedankendinge (entia rationis ratiocinantis) vorstellen, so muß durchaus
eine Deduktion derselben möglich sein, gesetzt, daß sie auch von
derjenigen weit abwichen die man mit den Kategorien vornehmen kann.
Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen Vernunft, und
dieses wollen wir jetzt übernehmen.

Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein
Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee gegeben
wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den Gegenstand zu
bestimmen; im zweiten ist es wirklich nur ein Schema, dem direkt kein
Gegenstand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben wird, sondern
welches nur dazu dient, um andere Gegenstände, vermittelst der Beziehung
auf diese Idee, nach ihrer systematischen Einheit, mithin indirekt uns
vorzustellen. So sage ich, der Begriff einer höchsten Intelligenz ist eine
bloße Idee, d.i. seine objektive Realität soll nicht darin bestehen, daß er sich

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geradezu auf einen Gegenstand bezieht (denn in solcher Bedeutung würden
wir seine objektive Gültigkeit nicht rechtfertigen können), sondern er ist nur
ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit geordnetes Schema, von
dem Begriffe eines Dinges überhaupt, welches nur dazu dient, um die
größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche unserer Vernunft
zu erhalten, indem man den Gegenstand der Erfahrung gleichsam von dem
eingebildeten Gegenstande dieser Idee, als seinem Grunde, oder Ursache,
ableitet. Alsdann heißt es z.B. die Dinge der Welt müssen so betrachtet
werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr Dasein hätten. Auf
solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein heuristischer und nicht
ostensiver Begriff, und zeigt an, nicht wie ein Gegenstand beschaffen ist,
sondern wie wir, unter der Leitung desselben, die Beschaffenheit und
Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung überhaupt suchen sollen.
Wenn man nun zeigen kann, daß, obgleich die dreierlei transzendentalen
Ideen (psychologische, kosmologische, und theologische) direkt auf keinen
ihnen korrespondierenden Gegenstand und dessen Bestimmung bezogen
werden, dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der Vernunft unter
Voraussetzung eines solchen Gegenstandes in der Idee auf systematische
Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern, niemals
aber derselben zuwider sein können: so ist es eine notwendige Maxime der
Vernunft, nach dergleichen Ideen zu verfahren. Und dieses ist die
transzendentale Deduktion aller Ideen der spekulativen Vernunft, nicht als
konstitutiver Prinzipien der Erweiterung unserer Erkenntnis über mehr
Gegenstände, als Erfahrung geben kann, sondern als regulativer Prinzipien
der systematischen Einheit des Mannigfaltigen der empirischen Erkenntnis
überhaupt, welche dadurch in ihren eigenen Grenzen mehr angebaut und
berichtigt wird, als es ohne solche Ideen durch den bloßen Gebrauch der
Verstandesgrundsätze geschehen könnte.

Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen den genannten Ideen als
Prinzipien zufolge erstlich (in der Psychologie) alle Erscheinungen,

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Handlungen und Empfänglichkeit unseres Gemüts an dem Leitfaden der
inneren Erfahrung so verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache Substanz
wäre, die, mit persönlicher Identität, beharrlich (wenigstens im Leben)
existiert, indessen daß ihre Zustände, zu welcher die des Körpers nur als
äußere Bedingungen gehören, kontinuierlich wechseln. Wir müssen
zweitens (in der Kosmologie) die Bedingungen, der inneren sowohl als der
äußeren Naturerscheinungen, in einer solchen nirgend zu vollendenden
Untersuchung verfolgen, als ob dieselbe an sich unendlich und ohne ein
erstes oder oberstes Glied sei, obgleich wir darum, außerhalb aller
Erscheinungen, die bloß intelligiblen ersten Gründe derselben nicht
leugnen, aber sie doch niemals in den Zusammenhang der Naturerklärungen
bringen dürfen, weil wir sie gar nicht kennen. Endlich und drittens müssen
wir (in Ansehung der Theologie) alles, was nur immer in den
Zusammenhang der möglichen Erfahrung gehören mag, so betrachten, als
ob diese eine absolute, aber durch und durch abhängige und immer noch
innerhalb der Sinnenwelt bedingte Einheit ausmache, doch aber zugleich,
als ob der Inbegriff aller Erscheinungen (die Sinnenwelt selbst) einen
einzigen obersten und allgenugsamen Grund außer ihrem Umfange habe,
nämlich eine gleichsam selbstständige, ursprüngliche und schöpferische
Vernunft, in Beziehung auf welche wir allen empirischen Gebrauch unserer
Vernunft in seiner größten Erweiterung so richten, als ob die Gegenstände
selbst aus jenem Urbilde aller Vernunft entsprungen wären, das heißt: nicht
von einer einfachen denkenden Substanz die inneren Erscheinungen der
Seele, sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene voneinander
ableiten; nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und
systematische Einheit derselben ableiten, sondern von der Idee einer
höchstweisen Ursache die Regel hernehmen, nach welcher die Vernunft bei
der Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen in der Welt zu ihrer eigenen
Befriedigung am besten zu brauchen sei.

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Nun ist nicht das mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als objektiv
und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische, wo die
Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zustande bringen will
(die psychologische und theologische enthalten dergleichen gar nicht).
Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht, wie sollte uns daher jemand ihre
objektive Realität streiten können, da er von ihrer Möglichkeit ebensowenig
weiß, um sie zu verneinen, als wir, um sie zu bejahen. Gleichwohl ist's, um
etwas anzunehmen, noch nicht genug, daß kein positives Hindernis dawider
ist, und es kann uns nicht erlaubt sein, Gedankenwesen, welche alle unsere
Begriffe übersteigen, obgleich keinem widersprechen, auf den bloßen
Kredit der ihr Geschäft gern vollendenden spekulativen Vernunft, als
wirkliche und bestimmte Gegenstände einzuführen. Also sollen sie an sich
selbst nicht angenommen werden, sondern nur ihre Realität, als eines
Schema des regulativen Prinzips der systematischen Einheit aller
Naturerkenntnis, gelten, mithin sollen sie nur als Analoga von wirklichen
Dingen, aber nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt werden. Wir
heben von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen auf, welche unseren
Verstandesbegriff einschränken, die aber es auch allein möglich machen,
daß wir von irgendeinem Dinge einen bestimmten Begriff haben können.
Und nun denken wir uns ein Etwas, wovon wir, was es an sich selbst sei,
gar keinen Begriff haben, aber wovon wir uns doch ein Verhältnis zu dem
Inbegriffe der Erscheinungen denken, das demjenigen analogisch ist,
welches die Erscheinungen untereinander haben.

Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern wir
eigentlich nicht unsere Erkenntnis über die Objekte möglicher Erfahrung,
sondern nur die empirische Einheit der letzteren, durch die systematische
Einheit, wozu uns die Idee das Schema gibt, welche mithin nicht als
konstitutives, sondern bloß als regulatives Prinzip gilt. Denn, daß wir ein
der Idee korrespondierendes Ding, ein Etwas, oder wirkliches Wesen
setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten unsere Erkenntnis der Dinge

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mit transzendenten Begriffen erweitern; denn dieses Wesen wird nur in der
Idee und nicht an sich selbst zum Grunde gelegt, mithin nur um die
systematische Einheit auszudrücken, die uns zur Richtschnur des
empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen soll, ohne doch etwas darüber
auszumachen, was der Grund dieser Einheit, oder die innere Eigenschaft
eines solchen Wesens sei, auf welchem, als Ursache, sie beruhe.

So ist der transzendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns die
bloß spekulative Vernunft von Gott gibt, im genauesten Verstande deistisch,
d.i. die Vernunft gibt nicht einmal die objektive Gültigkeit eines solchen
Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an die Hand, worauf alle
empirische Realität ihre höchste und notwendige Einheit gründet, und
welches wir uns nicht anders, als nach der Analogie einer wirklichen
Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die Ursache aller Dinge sei,
denken können, wofern wir es ja unternehmen, es überall als einen
besonderen Gegenstand zu denken, und nicht lieber, mit der bloßen Idee des
regulativen Prinzips der Vernunft zufrieden, die Vollendung aller
Bedingungen des Denkens, als überschwenglich für den menschlichen
Verstand, beiseite setzen wollen, welches aber mit der Absicht einer
vollkommenen systematischen Einheit in unserem Erkenntnis, der
wenigstens die Vernunft keine Schranken setzt, nicht zusammen bestehen
kann.

Daher geschieht's nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme, ich
zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit,
noch der Notwendigkeit seines Daseins, den mindesten Begriff habe, aber
alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen, ein Genüge
tun kann, und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung in Ansehung
der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen Gebrauche,
aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst, verschaffen kann;
welches beweist, daß ihr spekulatives Interesse und nicht ihre Einsicht sie

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berechtige, von einem Punkte, der so weit über ihrer Sphäre liegt,
auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem vollständigen Ganzen zu
betrachten.

Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart, bei einer und
derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in der
Transzendentalphilosophie von großer Wichtigkeit ist. Ich kann
genugsamen Grund haben, etwas relativ anzunehmen (suppositio relativa),
ohne doch befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen (suppositio absoluta).
Diese Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um ein regulatives Prinzip zu
tun ist, wovon wir zwar die Notwendigkeit an sich selbst, aber nicht den
Quell derselben erkennen, und dazu wir einen obersten Grund bloß in der
Absicht annehmen, um desto bestimmter die Allgemeinheit des Prinzips zu
denken, als z.B. wenn ich mir ein Wesen als existierend denke, das einer
bloßen und zwar transzendentalen Idee korrespondiert. Denn, da kann ich
das Dasein dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil keine
Begriffe, dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken kann,
dazu gelangen, und die Bedingungen der objektiven Gültigkeit meiner
Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe der
Realität, der Substanz, der Kausalität, selbst die der Notwendigkeit im
Dasein, haben, außer dem Gebrauche, da sie die empirische Erkenntnis
eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung, die irgendein
Objekt bestimmte. Sie können also zwar zu Erklärung der Möglichkeit der
Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der Möglichkeit eines Weltganzen
selbst gebraucht werden, weil dieser Erklärungsgrund außerhalb der Welt
und mithin kein Gegenstand einer möglichen Erfahrung sein müßte. Nun
kann ich gleichwohl ein solches unbegreifliches Wesen, den Gegenstand
einer bloßen Idee, relativ auf die Sinnenwelt, obgleich nicht an sich selbst,
annehmen. Denn, wenn dem größtmöglichen empirischen Gebrauche
meiner Vernunft eine Idee (der systematisch vollständigen Einheit, von der
ich bald bestimmter reden werde) zum Grunde liegt, die an sich selbst

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niemals adäquat in der Erfahrung kann dargestellt werden, ob sie gleich, um
die empirische Einheit dem höchstmöglichen Grade zu nähern,
unumgänglich notwendig ist, so werde ich nicht allein befugt, sondern auch
genötigt sein, diese Idee zu realisieren, d.i. ihr einen wirklichen Gegenstand
zu setzen, aber nur als ein Etwas überhaupt, das ich an sich selbst gar nicht
kenne, und dem ich nur, als einem Grunde jener systematischen Einheit, in
Beziehung auf diese letztere solche Eigenschaft gebe, als den
Verstandesbegriffen im empirischen Gebrauche analogisch sind. Ich werde
mir also nach der Analogie der Realitäten in der Welt der Substanzen, der
Kausalität und der Notwendigkeit, ein Wesen denken, das alles dieses in der
höchsten Vollkommenheit besitzt, und, indem diese Idee bloß auf meiner
Vernunft beruht, dieses Wesen als selbstständige Vernunft, was durch Ideen
der größten Harmonie und Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken
können, so daß ich alle, die Idee einschränkenden, Bedingungen weglasse,
lediglich um, unter dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische
Einheit des Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den
größtmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem
ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anordnungen einer höchsten
Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Nachbild ist. Ich denke
mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die eigentlich nur
in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber auch jene
transzendentale Voraussetzung zu keinem anderen als relativen Gebrauch
habe, nämlich, daß sie das Substratum der größtmöglichen
Erfahrungseinheit abgeben solle, so darf ich ein Wesen, das ich von der
Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften denken, die lediglich zur
Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange keineswegs, und bin auch nicht
befugt es zu verlangen, diesen Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er
an sich sein mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und
selbst die Begriffe von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der
Notwendigkeit im Dasein, verlieren alle Bedeutung, und sind leere Titel zu

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Begriffen, ohne allen Inhalt, wenn ich mich außer dem Felde der Sinne
damit hinauswage. Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich ganz
unbekannten Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen,
lediglich um es zum Schema des regulativen Prinzips des größtmöglichen
empirischen Gebrauchs meiner Vernunft zu machen.

Werfen wir unseren Blick nun auf den transzendentalen Gegenstand
unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den Begriffen
von Realität, Substanz, Kausalität usw. an sich selbst nicht voraussetzen
können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der Sinnenwelt ganz
unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben. Also ist die
Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen, als oberster Ursache,
bloß relativ, zum Behuf der systematischen Einheit der Sinnenwelt gedacht,
und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir, was es an sich sei, keinen
Begriff haben. Hierdurch erklärt sich auch, woher wir zwar in Beziehung
auf das, was existierend den Sinnen gegeben ist, der Idee eines an sich
notwendigen Urwesens bedürfen, niemals aber von diesem und seiner
absoluten Notwendigkeit den mindesten Begriff haben können.

Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transzendentalen Dialektik
deutlich vor Augen stellen, und die Endabsicht der Ideen der reinen
Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch
werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der Tat mit nichts als
sich selbst beschäftigt, und kann auch kein anderes Geschäft haben, weil ihr
nicht die Gegenstände zur Einheit des Erfahrungsbegriffs, sondern die
Verstandeserkenntnisse zur Einheit des Vernunftbegriffs, d.i. des
Zusammenhanges in einem Prinzip gegeben werden. Die Vernunfteinheit ist
die Einheit des Systems, und diese systematische Einheit dient der Vernunft
nicht objektiv zu einem Grundsatze, um sie über die Gegenstände, sondern
subjektiv als Maxime, um sie über alles mögliche empirische Erkenntnis
der Gegenstände zu verbreiten. Gleichwohl befördert der systematische

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Zusammenhang, den die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche
geben kann, nicht allein dessen Ausbreitung, sondern bewährt auch zugleich
die Richtigkeit desselben, und das Prinzipium einer solchen systematischen
Einheit ist auch objektiv, aber auf unbestimmte Art (principium vagum),
nicht als konstitutives Prinzip, um etwas in Ansehung seines direkten
Gegenstandes zu bestimmen, sondern um, als bloß regulativer Grundsatz
und Maxime, den empirischen Gebrauch der Vernunft durch Eröffnung
neuer Wege, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche (Unbestimmte) zu
befördern und zu befestigen, ohne dabei jemals den Gesetzen des
empirischen Gebrauchs im mindesten zuwider zu sein.

Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders denken,
als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt, der aber durch keine
Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung gibt niemals ein Beispiel
vollkommener systematischer Einheit. Dieses Vernunftwesen (ens rationis
ratiocinatae) ist nun zwar eine bloße Idee, und wird also nicht schlechthin
und an sich selbst als etwas Wirkliches angenommen, sondern nur
problematisch zum Grunde gelegt (weil wir es durch keine
Verstandesbegriffe erreichen können), um alle Verknüpfung der Dinge der
Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie in diesem Vernunftwesen ihren Grund
hätten, lediglich aber in der Absicht, um darauf die systematische Einheit zu
gründen, die der Vernunft unentbehrlich, der empirischen
Verstandeserkenntnis aber auf alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl
niemals hinderlich sein kann.

Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie für die
Behauptung, oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen Sache hält,
welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung zuzuschreiben
gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht, was der unseren
Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für Beschaffenheit
habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte, aus welchem einzig

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und allein man jene, der Vernunft so wesentliche und dem Verstande so
heilsame, Einheit verbreiten kann; mit einem Worte: dieses transzendentale
Ding ist bloß das Schema jenes regulativen Prinzips, wodurch die Vernunft,
so viel an ihr ist, systematische Einheit über alle Erfahrung verbreitet. Das
erste Objekt einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende Natur
(Seele) betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkendes
Wesen an sich existiert, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen, und
selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand
anwenden, als insofern das Schema derselben in der sinnlichen Anschauung
gegeben ist. Hiermit gelange ich aber niemals zu einer systematischen
Einheit aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt des
Erfahrungsbegriffs also (von dem, was die Seele wirklich ist), der uns nicht
weit führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der empirischen Einheit
alles Denkens, und macht dadurch, daß sie diese Einheit unbedingt und
ursprünglich denkt, aus demselben einen Vernunftbegriff (Idee) von einer
einfachen Substanz, die an sich selbst unwandelbar (persönlich identisch),
mit anderen wirklichen Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe; mit einem
Worte: von einer einfachen selbständigen Intelligenz. Hierbei aber hat sie
nichts anderes vor Augen, als Prinzipien der systematischen Einheit in
Erklärung der Erscheinungen der Seele, nämlich: alle Bestimmungen, als in
einem einigen Subjekte, alle Kräfte, so viel möglich, als abgeleitet von
einer einigen Grundkraft, allen Wechsel, als gehörig zu den Zuständen eines
und desselben beharrlichen Wesens zu betrachten, und alle Erscheinungen
im Raume, als von den Handlungen des Denkens ganz unterschieden
vorzustellen. Jene Einfachheit der Substanz usw. sollte nur das Schema zu
diesem regulativen Prinzip sein, und wird nicht vorausgesetzt, als sei sie der
wirkliche Grund der Seeleneigenschaften. Denn diese können auch auf ganz
anderen Gründen beruhen, die wir gar nicht kennen, wie wir denn die Seele
auch durch diese angenommenen Prädikate eigentlich nicht an sich selbst
erkennen könnten, wenn wir sie gleich von ihr schlechthin wollten gelten

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lassen, indem sie eine bloße Idee ausmachen, die in concreto gar nicht
vorgestellt werden kann. Aus einer solchen psychologischen Idee kann nun
nichts anderes als Vorteil entspringen, wenn man sich nur hütet, sie für
etwas mehr als bloße Idee, d.i. bloß relativisch auf den systematischen
Vernunftsgebrauch in Ansehung der Erscheinungen unserer Seele, gelten zu
lassen. Denn da mengen sich keine empirischen Gesetze körperlicher
Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die Erklärungen dessen,
was bloß für den inneren Sinn gehört; da werden keine windigen
Hypothesen, von Erzeugung, Zerstörung und Palingenesie der Seelen usw.
zugelassen; also wird die Betrachtung dieses Gegenstandes des inneren
Sinnes ganz rein und unvermengt mit ungleichartigen Eigenschaften
angestellt, überdem die Vernunftuntersuchung darauf gerichtet, die
Erklärungsgründe in diesem Subjekte, so weit es möglich ist, auf ein
einziges Prinzip hinaus zu führen, welches alles durch ein solches Schema,
als ob es ein wirkliches Wesen wäre, am besten, ja sogar einzig und allein,
bewirkt wird. Die psychologische Idee kann auch nichts anderes als das
Schema eines regulativen Begriffs bedeuten. Denn, wollte ich auch nur
fragen, ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei, so hätte diese Frage
gar keinen Sinn. Denn durch einen solchen Begriff nehme ich nicht bloß die
körperliche Natur, sondern überhaupt alle Natur weg, d.i. alle Prädikate
irgendeiner möglichen Erfahrung, mithin alle Bedingungen, zu einem
solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken, als welches doch einzig und
allein es macht, daß man sagt, er habe einen Sinn.

Die zweite regulative Idee der bloß spekulativen Vernunft ist der
Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige gegebene
Objekt, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Prinzipien bedarf.
Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die körperliche
Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren Möglichkeit nach zu
denken, d.i. die Anwendung der Kategorien auf dieselbe zu bestimmen,
bedürfen wir keiner Idee, d.i. einer die Erfahrung übersteigenden

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Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung derselben möglich, weil wir
darin bloß durch sinnliche Anschauung geleitet werden, und nicht wie in
dem psychologischen Grundbegriffe (Ich), welcher eine gewisse Form des
Denkens, nämlich die Einheit desselben, a priori enthält. Also bleibt uns für
die reine Vernunft nichts übrig, als Natur überhaupt, und die Vollständigkeit
der Bedingungen in derselben nach irgendeinem Prinzip. Die absolute
Totalität der Reihen dieser Bedingungen, in der Ableitung ihrer Glieder, ist
eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft niemals völlig
zustande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie wir in Ansehung
derselben verfahren sollen, nämlich in der Erklärung gegebener
Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob die Reihe an
sich unendlich wäre, d.i. in indefinitum, aber wo die Vernunft selbst als
bestimmende Ursache betrachtet wird (in der Freiheit), also bei praktischen
Prinzipien, als ob wir nicht ein Objekt der Sinne, sondern des reinen
Verstandes vor uns hätten, wo die Bedingungen nicht mehr in der Reihe der
Erscheinungen, sondern außer derselben gesetzt werden können, und die
Reihe der Zustände angesehen werden kann, als ob sie schlechthin (durch
eine intelligible Ursache) angefangen würde; welches alles beweist, daß die
kosmologischen Ideen nichts als regulative Prinzipien, und weit davon
entfernt sind, gleichsam konstitutiv, eine wirkliche Totalität solcher Reihen
zu setzen. Das übrige kann man an seinem Orte unter der Antinomie der
reinen Vernunft suchen.

Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative Supposition
eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen Ursache aller
kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott. Den Gegenstand
dieser Idee, haben wir nicht den mindesten Grund, schlechthin anzunehmen
(an sich zu supponieren); denn was kann uns wohl dazu vermögen, oder
auch nur berechtigen, ein Wesen von der höchsten Vollkommenheit, und als
seiner Natur nach schlechthin notwendig, aus dessen bloßem Begriffe an
sich selbst zu glauben, oder zu behaupten, wäre es nicht die Welt, in

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Beziehung auf welche diese Supposition allein notwendig sein kann; und da
zeigt es sich klar, daß die Idee desselben, so wie alle spekulativen Ideen,
nichts weiter sagen wolle, als daß die Vernunft gebiete, alle Verknüpfung
der Welt nach Prinzipien einer systematischen Einheit zu betrachten, mithin
als ob sie insgesamt aus einem einzigen allbefassenden Wesen, als oberster
und allgenugsamer Ursache, entsprungen wären. Hieraus ist klar, daß die
Vernunft hierbei nichts als ihre eigene formale Regel in Erweiterung ihres
empirischen Gebrauchs zur Absicht haben könne, niemals aber eine
Erweiterung über alle Grenzen des empirischen Gebrauchs, folglich unter
dieser Idee kein konstitutives Prinzip ihres auf mögliche Erfahrung
gerichteten Gebrauchs verborgen liege.

Diese höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen
beruht, ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das spekulative
Interesse der Vernunft macht es notwendig, alle Anordnung in der Welt so
anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft
entsprossen wäre. Ein solches Prinzip eröffnet nämlich unserer auf das Feld
der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach
teleologischen Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen, und dadurch zu
der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die
Voraussetzung einer obersten Intelligenz, als der alleinigen Ursache des
Weltganzen, aber freilich bloß in der Idee, kann also jederzeit der Vernunft
nutzen und dabei doch niemals schaden. Denn, wenn wir in Ansehung der
Figur der Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*, der Gebirge und
Meere usw. lauter weise Absichten eines Urhebers zum voraus annehmen,
so können wir auf diesem Wege eine Menge von Entdeckungen machen.
Bleiben wir nur bei dieser Voraussetzung, als einem bloß regulativen
Prinzip, so kann selbst der Irrtum uns nicht schaden. Denn es kann
allenfalls daraus nichts weiter folgen, als daß, wo wir einen teleologischen
Zusammenhang (nexus finalis) erwarteten, ein bloß mechanischer oder
physischer (nexus effectivus) angetroffen werde, wodurch wir, in einem

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solchen Falle, nur eine Einheit mehr vermissen, aber nicht die
Vernunfteinheit in ihrem empirischen Gebrauche verderben. Aber sogar
dieser Querstrich kann das Gesetz selbst in allgemeiner und teleologischer
Absicht überhaupt nicht treffen. Denn, obzwar ein Zergliederer eines
Irrtums überführt werden kann, wenn er irgend ein Gliedmaß eines
tierischen Körpers auf einen Zweck bezieht, von welchem man deutlich
zeigen kann, daß er daraus nicht erfolge: so ist es doch gänzlich unmöglich,
in einem Falle zu beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein welche
es wolle, ganz und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die
Physiologie (der Ärzte) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntnis von
den Zwecken des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einen
Grundsatz, welchen bloß reine Vernunft eingab, so weit, daß man darin
ganz dreist und zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt, es
habe alles an dem Tiere seinen Nutzen und gute Absicht; welche
Voraussetzung, wenn sie konstitutiv sein sollte, viel weiter geht, als uns
bisherige Beobachtung berechtigen kann; woraus denn zu ersehen ist, daß
sie nichts als ein regulatives Prinzip der Vernunft sei, um zur höchsten
systematischen Einheit, vermittelst der Idee der zweckmäßigen Kausalität
der obersten Weltursache, und, als ob diese, als höchste Intelligenz, nach
der weisesten Absicht die Ursache von allem sei, zu gelangen.

* Der Vorteil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt genug;
aber wenige wissen, daß ihre Abplattung, als eines Sphäroids, es allein
verhindert, daß nicht die Hervorragungen des festen Landes, oder auch
kleinerer, vielleicht durch Erdbeben aufgeworfener Berge, die Achse der
Erde kontinuierlich und in nicht eben langer Zeit ansehnlich verrücken,
wäre nicht die Aufschwellung der Erde unter der Linie ein so gewaltiger
Berg, den der Schwung jedes anderen Berges niemals merklich aus seiner
Lage in Ansehung der Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese
weise Anstalt ohne Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehemals flüssigen
Erdmasse.

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Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß regulativen
Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise irregeführt,
indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch die Merkzeichen
ihres Ganges enthalten muß, verläßt, und sich über denselben zu dem
Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über dessen Höhe sie
notwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem Standpunkte desselben
von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch gänzlich abgeschnitten
sieht.

Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines höchsten
Wesens nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer Idee zuwider
ist) konstitutiv braucht, ist die faule Vernunft (ignava ratio)*. Man kann
jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, daß man seine
Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht, und
die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr Geschäft völlig
ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische Idee, wenn sie als ein
konstitutives Prinzip für die Erklärung der Erscheinungen unserer Seele,
und hernach gar, zur Erweiterung unserer Erkenntnis dieses Subjekts, noch
über alle Erfahrung hinaus (ihren Zustand nach dem Tode) gebraucht wird,
es der Vernunft zwar sehr bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch
derselben nach der Leitung der Erfahrungen ganz verdirbt und zugrunde
richtet. So erklärt der dogmatische Spiritualist die durch allen Wechsel der
Zustände unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit der
denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt,
das Interesse, was wir an Dingen nehmen, die sich allererst nach unserem
Tode zutragen sollen, aus dem Bewußtsein der immateriellen Natur unseres
denkenden Subjekts usw. und überhebt sich aller Naturuntersuchung der
Ursache dieser unserer inneren Erscheinungen aus physischen
Erklärungsgründen, indem er gleichsam durch den Machtspruch einer
transzendenten Vernunft die immanenten Erkenntnisquellen der Erfahrung,
zum Behuf seiner Gemächlichkeit, aber mit Einbuße aller Einsicht,

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vorbeigeht. Noch deutlicher fällt diese nachteilige Folge bei dem
Dogmatismus unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und dem darauf
fälschlich gegründeten theologischen System der Natur (Physikotheologie)
in die Augen. Denn da dienen alle sich in der Natur zeigenden, oft nur von
uns selbst dazu gemachten Zwecke dazu, es uns in der Erforschung der
Ursachen recht bequem zu machen, nämlich, anstatt sie in den allgemeinen
Gesetzen des Mechanismus der Materie zu suchen, sich geradezu auf den
unerforschlichen Ratschluß der höchsten Weisheit zu berufen, und die
Vernunftbemühung alsdann für vollendet anzusehen, wenn man sich ihres
Gebrauchs überhebt, der doch nirgend einen Leitfaden findet, als wo ihn
uns die Ordnung der Natur und die Reihe der Veränderungen, nach ihren
inneren und allgemeineren Gesetzen, an die Hand gibt. Dieser Fehler kann
vermieden werden, wenn wir nicht bloß einige Naturstücke, als z.B. die
Verteilung des festen Landes, das Bauwerk desselben, und die
Beschaffenheit und Lage der Gebirge, oder wohl gar nur die Organisation
im Gewächs- und Tierreiche aus dem Gesichtspunkte der Zwecke
betrachten, sondern diese systematische Einheit der Natur, in Beziehung auf
die Idee einer höchsten Intelligenz, ganz allgemein machen. Denn alsdann
legen wir eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum
Grunde, von denen keine besondere Einrichtung ausgenommen, sondern
nur mehr oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben
ein regulatives Prinzip der systematischen Einheit einer teleologischen
Verknüpfung, die wir aber nicht zum voraus bestimmen, sondern nur in
Erwartung derselben die physischmechanische Verknüpfung nach
allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das Prinzip der
zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der Erfahrung
jederzeit erweitern, ohne ihm in irgendeinem Falle Abbruch zu tun.

* So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete: Wenn
es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser Krankheit genesen, so
wird es geschehen, du magst einen Arzt brauchen, oder nicht. Cicero sagt,

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daß diese Art zu schließen ihren Namen daher habe, daß, wenn man ihr
folgt, gar kein Gebrauch der Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die
Ursache, warum ich das sophistische Argument der reinen Vernunft mit
demselben Namen belege.

Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Prinzips der
systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft (perversa
ratio, ysteron proteron rationis). Die Idee der systematischen Einheit sollte
nur dazu dienen, um als regulatives Prinzip sie in der Verbindung der Dinge
nach allgemeinen Naturgesetzen zu suchen, und, soweit sich etwas davon
auf dem empirischen Wege antreffen läßt, um so viel auch zu glauben, daß
man sich der Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe, ob man sie
freilich niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man die Sache um, und
fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Prinzips der zweckmäßigen
Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den Begriff einer solchen
höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich unerforschlich ist,
anthropomorphistisch bestimmt, und dann der Natur Zwecke, gewaltsam
und diktatorisch, aufdringt, anstatt sie, wie billig, auf dem Wege der
physischen Nachforschung zu suchen, so daß nicht allein Teleologie, die
bloß dazu dienen sollte, um die Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu
ergänzen, nun vielmehr dahin wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft
sich noch dazu selbst um ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer
solchen intelligenten obersten Ursache, nach diesem, aus der Natur zu
beweisen. Denn, wenn man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur
a priori, d.i. als zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will
man denn angewiesen sein, sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben
sich der höchsten Vollkommenheit eines Urhebers, als einer schlechterdings
notwendigen, mithin a priori erkennbaren Vollkommenheit, zu nähern? Das
regulative Prinzip verlangt, die systematische Einheit als Natureinheit,
welche nicht bloß empirisch erkannt, sondern a priori, obzwar noch
unbestimmt, vorausgesetzt wird, schlechterdings, mithin als aus dem Wesen

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der Dinge folgend, vorauszusetzen. Lege ich aber zuvor ein höchstes
ordnendes Wesen zum Grunde, so wird die Natureinheit in der Tat
aufgehoben. Denn sie ist der Natur der Dinge ganz fremd und zufällig, und
kann auch nicht aus allgemeinen Gesetzen derselben erkannt werden. Daher
entspringt ein fehlerhafter Zirkel im Beweisen, da man das voraussetzt, was
eigentlich hat bewiesen werden sollen.

Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Natur für ein
konstitutives nehmen, und, was nur in der Idee zum Grunde des einhelligen
Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache hypostatisch voraussetzen,
heißt nur die Vernunft verwirren. Die Naturforschung geht ihren Gang ganz
allein an der Kette der Naturursachen nach allgemeinen Gesetzen derselben,
zwar nach der Idee eines Urhebers, aber nicht um die Zweckmäßigkeit, der
sie allerwärts nachgeht, von demselben abzuleiten, sondern sein Dasein aus
dieser Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge gesucht wird,
womöglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt, mithin als schlechthin
notwendig zu erkennen. Das Letztere mag nun gelingen oder nicht, so bleibt
die Idee immer richtig, und ebensowohl auch deren Gebrauch, wenn er auf
die Bedingungen eines bloß regulativen Prinzips restringiert worden.

Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin
betrachtet). Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den
ganzen Gegenstand der Erfahrung, d.i. aller unserer objektiv gültigen
Erkenntnis, ausmachen, mithin in allgemeinen und notwendigen
Naturgesetzen finden; wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer
höchsten und schlechthin notwendigen Vollkommenheit eines Urwesens
schließen, welches der Ursprung aller Kausalität ist? Die größte
systematische, folglich auch die zweckmäßige Einheit ist die Schule und
selbst die Grundlage der Möglichkeit des größten Gebrauchs der
Menschenvernunft. Die Idee derselben ist also mit dem Wesen unserer
Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben dieselbe Idee ist also für uns

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gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine ihr korrespondierende
gesetzgebende Vernunft (intellectus archetypus) anzunehmen, von der alle
systematische Einheit der Natur, als dem Gegenstande unserer Vernunft,
abzuleiten sei.

Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt: daß
alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings
beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den Schranken
unserer Erkenntnis, die in vielen Naturfragen ebenso unvermeidlich als
billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil uns hier nicht von der
Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur der Vernunft und lediglich
über ihre innere Einrichtung, die Fragen vorgelegt werden. Jetzt können wir
diese dem ersten Anscheine nach kühne Behauptung in Ansehung der zwei
Fragen, wobei die reine Vernunft ihr größtes Interesse hat, bestätigen, und
dadurch unsere Betrachtung über die Dialektik derselben zur gänzlichen
Vollendung bringen.

Frägt man denn also (in Absicht auf eine transzendentale Theologie)*
erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den Grund der
Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen
enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist eine Summe
von Erscheinungen, es muß also irgendein transzendentaler, d.i. bloß dem
reinen Verstande denkbarer Grund derselben sein. Ist zweitens die Frage: ob
dieses Wesen Substanz, von der größten Realität, notwendig usw. sei; so
antworte ich: daß diese Frage gar keine Bedeutung habe. Denn alle
Kategorien, durch welche ich mir einen Begriff von einem solchen
Gegenstande zu machen versuche, sind von keinem anderen als
empirischen Gebrauche, und haben gar keinen Sinn, wenn sie nicht auf
Objekte möglicher Erfahrung, d.i. auf die Sinnenwelt angewandt werden.
Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu Begriffen, die man einräumen,
dadurch man aber auch nichts verstehen kann. Ist endlich drittens die Frage:

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ob wir nicht wenigstens dieses von der Welt unterschiedene Wesen nach
einer Analogie mit den Gegenständen der Erfahrung denken dürfen? so ist
die Antwort: allerdings, aber nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der
Realität, nämlich nur, sofern er ein uns unbekanntes Substratum der
systematischen Einheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung
ist, welche sich die Vernunft zum regulativen Prinzip ihrer Naturforschung
machen muß. Noch mehr, wir können in dieser Idee gewisse
Anthropomorphismen, die dem gedachten regulativen Prinzip beförderlich
sind, ungescheut und ungetadelt erlauben. Denn es ist immer nur eine Idee,
die gar nicht direkt auf ein von der Welt unterschiedenes Wesen, sondern
auf das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Welt, aber nur
vermittelst eines Schema derselben, nämlich einer obersten Intelligenz, die
nach weisen Absichten Urheber derselben sei, bezogen wird. Was dieser
Ungrund der Welteinheit an sich selbst sei, hat dadurch nicht gedacht
werden sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr seine Idee, relativ auf
den systematischen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Dinge der Welt,
brauchen sollen.

* Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und
deren eigentlichen Bestimmung, als Prinzips zum bloß regulativen
Vernunftgebrauch, gesagt habe, überhebt mich der Weitläufigkeit, die
transzendentale Illusion, nach der jene systematische Einheit aller
Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch vorgestellt wird, noch
besonders zu erörtern. Das Verfahren hierbei ist demjenigen sehr ähnlich,
welches die Kritik in Ansehung des theologischen Ideals beobachtet.

Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu fragen)
einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne allen
Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen solchen
voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntnis über das
Feld möglicher Erfahrung? Keineswegs. Denn wir haben nur ein Etwas

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vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was es an sich selbst sei
(einen bloß transzendentalen Gegenstand), aber, in Beziehung auf die
systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues, welche wir, wenn
wir die Natur studieren, voraussetzen müssen, haben wir jenes uns
unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer Intelligenz (ein
empirischer Begriff) gedacht, d.i. es in Ansehung der Zwecke und der
Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade mit denen
Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer Vernunft den
Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten können. Diese Idee
ist also respektiv auf den Weltgebrauch unserer Vernunft ganz gegründet.
Wollten wir ihr aber schlechthin objektive Gültigkeit erteilen, so würden
wir vergessen, daß es lediglich ein Wesen in der Idee sei, das wir denken,
und, indem wir alsdann von einem durch die Weltbetrachtung gar nicht
bestimmbaren Grunde anfingen, würden wir dadurch außerstand gesetzt,
dieses Prinzip dem empirischen Vernunftgebrauch angemessen
anzuwenden.

Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von dem
Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der vernünftigen
Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch eigentlich diese Idee
von der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf ich nun zweckähnliche
Anordnungen als Absichten ansehen, indem ich sie vom göttlichen Willen,
obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt darauf gestellten Anlagen,
ableite? Ja, das könnt ihr auch tun, aber so, daß es euch gleich viel gelten
muß, ob jemand sage, die göttliche Weisheit hat alles so zu seinen obersten
Zwecken geordnet, oder die Idee der höchsten Weisheit ist ein Regulativ in
der Nachforschung der Natur und ein Prinzip der systematischen und
zweckmäßigen Einheit derselben nach allgemeinen Naturgesetzen, auch
selbst da, wo wir jene nicht gewahr werden, d.i. es muß euch da, wo ihr sie
wahrnehmt, völlig einerlei sein, zu sagen: Gott hat es weislich so gewollt,
oder die Natur hat es also weislich geordnet. Denn die größte systematische

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und zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft aller Naturforschung als
regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte, war eben das, was euch
berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema des
regulativen Prinzips zum Grunde zu legen, und, so viel ihr nun, nach
demselben, Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft, so viel habt ihr
Bestätigung der Rechtmäßigkeit eurer Idee; da aber gedachtes Prinzip
nichts anderes zur Absicht hatte, als notwendige und größtmögliche
Natureinheit zu suchen, so werden wir diese zwar, so weit als wir sie
erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu danken haben, können aber
die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht auf welche die Idee nur
zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch zu geraten,
nicht vorbeigehen, um diese Zweckmäßigkeit der Natur als zufällig und
hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen, weil wir nicht berechtigt
waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten Eigenschaften
anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu legen, um
nach der Analogie einer Kausalbestimmung der Erscheinungen als
systematisch untereinander verknüpft anzusehen.

Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee nicht
allein nach einem subtileren Anthropomorphismus (ohne welchen sich gar
nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, das Verstand,
Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße Begierde
und Willen hat usw. zu denken, sondern demselben unendliche
Vollkommenheit beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu wir
durch empirische Kenntnis der Weltordnung berechtigt sein können. Denn
das regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir die Natur so
studieren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche systematische und
zweckmäßige Einheit, bei der größtmöglichen Mannigfaltigkeit, angetroffen
würde. Denn, wiewohl wir nur wenig von dieser Weltvollkommenheit
ausspähen, oder erreichen werden, so gehört es doch zur Gesetzgebung
unserer Vernunft, sie allerwärts zu suchen und zu vermuten, und es muß uns

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jederzeit vorteilhaft sein, niemals aber kann es nachteilig werden, nach
diesem Prinzip die Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber, unter dieser
Vorstellung, der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers, auch
klar: daß ich nicht das Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens,
sondern nur die Idee desselben zum Grunde lege, und also eigentlich nichts
von diesem Wesen, sondern bloß von der Idee desselben, d.i. von der Natur
der Dinge der Welt, nach einer solchen Idee, ableite. Auch scheint ein
gewisses, obzwar unentwickeltes Bewußtsein, des echten Gebrauchs dieses
unseren Vernunftbegriffs, die bescheidene und billige Sprache der
Philosophen aller Zeiten veranlaßt zu haben, da sie von der Weisheit und
Vorsorge der Natur, und der göttlichen Weisheit, als gleichbedeutenden
Ausdrücken reden, ja den ersteren Ausdruck, so lange es um bloß
spekulative Vernunft zu tun ist, vorziehen, weil er die Anmaßung einer
größeren Behauptung, als die ist, wozu wir befugt sind, zurückhält, und
zugleich die Vernunft auf ihr eigentümliches Feld, die Natur, zurückweist.

So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts Geringeres, als
Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung, zu
versprechen schiene, wenn wir sie recht verstehen, nichts als regulative
Prinzipien, die zwar größere Einheit gebieten, als der empirische
Verstandesgebrauch erreichen kann, aber eben dadurch, daß sie das Ziel der
Annäherung desselben so weit hinausrücken, die Zusammenstimmung
desselben mit sich selbst durch systematische Einheit zum höchsten Grade
bringen, wenn man sie aber mißversteht, und sie für konstitutive Prinzipien
transzendenter Erkenntnisse hält, durch einen zwar glänzenden, aber
trüglichen Schein, Überredung und eingebildetes Wissen, hiermit aber
ewige Widersprüche und Streitigkeiten hervorbringen.

***

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So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht
von da zu Begriffen, und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung aller
dreien Elemente Erkenntnisquellen a priori hat, die beim ersten Anblicke
die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen, so überzeugt doch
eine vollendete Kritik, daß alle Vernunft im spekulativen Gebrauche mit
diesen Elementen niemals über das Feld möglicher Erfahrung
hinauskommen könne, und daß die eigentliche Bestimmung dieses obersten
Erkenntnisvermögens sei, sich aller Methoden und der Grundsätze
derselben nur zu bedienen, um der Natur nach allen möglichen Prinzipien
der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes
nachzugehen, niemals aber ihre Grenze zu überfliegen, außerhalb welcher
für uns nichts als leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung
aller Sätze, welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus
erweitern können, in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt,
daß sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten
können, und, wenn man nicht selbst gegen die klarsten abstrakten und
allgemeinen Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizende und
scheinbare Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen, so
hätten wir allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen Zeugen,
die eine transzendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen auftreten
läßt, überhoben sein können; denn wir wußten es schon zum voraus mit
völliger Gewißheit, daß alles Vorgeben derselben zwar vielleicht ehrlich
gemeint, aber schlechterdings nichtig sein müsse, weil es eine Kundschaft
betraf, die kein Mensch jemals bekommen kann. Allein, weil doch des
Redens kein Ende wird, wenn man nicht hinter die wahre Ursache des
Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste hintergangen werden
kann, und die Auflösung aller unserer transzendenten Erkenntnis in ihre
Elemente (als ein Studium unserer inneren Natur) an sich selbst keinen
geringen Wert hat, dem Philosophen aber sogar Pflicht ist, so war es nicht
allein nötig, diese ganze, obzwar eitle Bearbeitung der spekulativen

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Vernunft bis zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen, sondern, da
der dialektische Schein hier nicht allein dem Urteile nach täuschend,
sondern auch dem Interesse nach, das man hier am Urteile nimmt,
anlockend, und jederzeit natürlich ist, und so in alle Zukunft bleiben wird,
so war es ratsam, gleichsam die Akten dieses Prozesses ausführlich
abzufassen, und sie im Archive der menschlichen Vernunft, zur Verhütung
künftiger Irrungen ähnlicher Art, niederzulegen.

II. Transzendentale Methodenlehre

Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntnis der reinen und spekulativen
Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in uns
haben, so kann ich sagen, wir haben in der transzendentalen Elementarlehre
den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem Gebäude, von
welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand es sich, daß, ob wir
zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte, der
Vorrat der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches zu
unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch
genug war, sie zu übersehen; daß aber jene kühne Unternehmung aus
Mangel an Stoff fehlschlagen mußte, ohne einmal auf die Sprachverwirrung
zu rechnen, welche die Arbeiter über den Plan unvermeidlich entzweien,
und sie in alle Welt zerstreuen mußte, um sich, ein jeder nach seinem
Entwurfe, besonders anzubauen. Jetzt ist es uns nicht sowohl um die
Materialien, als vielmehr um den Plan zu tun, und, indem wir gewarnt sind,
es nicht auf einen beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht unser ganzes
Vermögen übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von der
Errichtung eines festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den
Anschlag zu einem Gebäude in Verhältnis auf den Vorrat, der uns gegeben
und zugleich unserem Bedürfnis angemessen ist, zu machen.

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Ich verstehe also unter der transzendentalen Methodenlehre die
Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der
reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disziplin, einem
Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen Vernunft zu
tun haben, und dasjenige in transzendentaler Absicht leisten, was, unter dem
Namen einer praktischen Logik, in Ansehung des Gebrauchs des Verstandes
überhaupt in den Schulen gesucht, aber schlecht geleistet wird; weil, da die
allgemeine Logik auf keine besondere Art der Verstandeserkenntnis (z.B.
nicht auf die reine), auch nicht auf gewisse Gegenstände eingeschränkt ist,
sie, ohne Kenntnisse aus anderen Wissenschaften zu borgen, nichts mehr
tun kann, als Titel zu möglichen Methoden und technische Ausdrücke,
deren man sich in Ansehung des Systematischen in allerlei Wissenschaften
bedient, vorzutragen, die den Lehrling zum voraus mit Namen bekannt
machen, deren Bedeutung und Gebrauch er künftig allererst soll
kennenlernen.

Der transzendentalen Methodenlehre
Erstes Hauptstück
Die Disziplin der reinen Vernunft

Die negativen Urteile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern auch
dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen in keiner
sonderlichen Achtung, man sieht sie wohl gar als neidische Feinde unseres
unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnistriebes an, und es bedarf
beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und noch mehr, um ihnen
Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.

Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken, in
Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntnis überhaupt, ob sie durch ein
Urteil erweitert, oder beschränkt wird, haben die verneinenden das

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eigentümliche Geschäft, lediglich den Irrtum abzuhalten. Daher auch
negative Sätze, welche eine falsche Erkenntnis abhalten sollen, wo doch
niemals ein Irrtum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer, d.i. ihrem
Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich sind. Wie der
Satz jenes Schulredners: daß Alexander ohne Kriegsheer keine Länder hätte
erobern können.

Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge, der
Anreiz zum Urteilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr betrüglich,
und der Nachteil aus dem Irrtum erheblich ist, da hat das Negative der
Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor Irrtümer zu verwahren,
noch mehr Wichtigkeit, als manche positive Belehrung, dadurch unser
Erkenntnis Zuwachs bekommen könnte. Man nennt den Zwang, wodurch
der beständige Hang, von gewissen Regeln abzuweichen, eingeschränkt,
und endlich vertilgt wird, die Disziplin. Sie ist von der Kultur
unterschieden, welche bloß eine Fertigkeit verschaffen soll, ohne eine
andere, schon vorhandene, dagegen aufzuheben. Zu der Bildung eines
Talents, welches schon vor sich selbst einen Antrieb zur Äußerung hat, wird
also die Disziplin einen negativen*, die Kultur aber und Doktrin einen
positiven Beitrag leisten.

* Ich weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disziplin
mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein, es gibt
dagegen so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck, als Zucht, von dem
zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschieden wird, und die Natur der
Dinge erheischt es auch selbst, für diesen Unterschied die einzigen
schicklichen Ausdrücke aufzubewahren, daß ich wünsche, man möge
niemals erlauben, jenes Wort in anderer als negativer Bedeutung zu
brauchen.

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Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine freie
und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und Witz,)
in mancher Absicht einer Disziplin bedürfen, wird jedermann leicht
zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt, allen anderen
Bestrebungen ihre Disziplin vorzuschreiben, selbst noch eine solche nötig
habe, das mag allerdings befremdlich scheinen, und in der Tat ist sie auch
einer solchen Demütigung eben darum bisher entgangen, weil, bei der
Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande, womit sie auftritt, niemand
auf den Verdacht eines leichtsinnigen Spiels, mit Einbildungen statt
Begriffen, und Worten statt Sachen, leichtlich geraten konnte.

Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil ihre
Grundsätze am Probierstein der Erfahrung einer kontinuierlichen Prüfung
unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik, wo ihre
Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto dargestellt werden
müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche dadurch alsbald offenbar
wird. Wo aber weder empirische noch reine Anschauung die Vernunft in
einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in ihrem transzendentalen
Gebrauche, nach bloßen Begriffen, da bedarf sie so sehr einer Disziplin, die
ihren Hang zur Erweiterung, über die engen Grenzen möglicher Erfahrung,
bändige, und sie von Ausschweifung und Irrtum abhalte, daß auch die ganze
Philosophie der reinen Vernunft bloß mit diesem negativen Nutzen zu tun
hat. Einzelnen Verirrungen kann durch Zensur und den Ursachen derselben
durch Kritik abgeholfen werden. Wo aber, wie in der reinen Vernunft, ein
ganzes System von Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die
unter sich wohl verbunden und unter gemeinschaftlichen Prinzipien
vereinigt sind, da scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung
erforderlich zu sein, welche unter dem Namen einer Disziplin aus der Natur
der Vernunft und der Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein
System der Vorsicht und Selbstprüfung errichte, vor welchem kein falscher

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vernünftelnder Schein bestehen kann, sondern sich sofort, unerachtet aller
Gründe seiner Beschönigung, verraten muß.

Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Hauptteile der
transzendentalen Kritik die Disziplin der reinen Vernunft nicht auf den
Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntnis aus reiner Vernunft
richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre geschehen. Es hat aber
der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf welchen Gegenstand er auch
angewandt werden mag, und ist doch, sofern er transzendental sein soll,
zugleich von allem anderen so wesentlich unterschieden, daß, ohne die
warnende Negativlehre einer besonders darauf gestellten Disziplin, die
Irrtümer nicht zu verhüten sind, die aus einer unschicklichen Befolgung
solcher Methoden, die zwar sonst der Vernunft, aber nur nicht hier
anpassen, notwendig entspringen müssen.

Des ersten Hauptstücks
Erster Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche

Die Mathematik gibt das glänzendste Beispiel, einer sich, ohne Beihilfe
der Erfahrung, von selbst glücklich erweiternden reinen Vernunft. Beispiele
sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe Vermögen, welches sich
natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe Glück in anderen Fällen zu
haben, welches ihm in einem Falle zuteil worden. Daher hofft reine
Vernunft im transzendentalen Gebrauche sich ebenso glücklich und
gründlich erweitern zu können, als es ihr im mathematischen gelungen ist,
wenn sie vornehmlich dieselbe Methode dort anwendet, die hier von so
augenscheinlichem Nutzen gewesen ist. Es liegt uns also viel daran, zu
wissen: ob die Methode, zur apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man
in der letzteren Wissenschaft mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei

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sei, womit man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die
daselbst dogmatisch genannt werden müßte.

Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus Begriffen,
die mathematische aus der Konstruktion der Begriffe. Einen Begriff aber
konstruieren, heißt: die ihm korrespondierende Anschauung a priori
darstellen. Zur Konstruktion eines Begriffs wird also eine nicht empirische
Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung, ein einzelnes Objekt
ist, aber nichtsdestoweniger, als die Konstruktion eines Begriffs (einer
allgemeinen Vorstellung), Allgemeingültigkeit für alle möglichen
Anschauungen, die unter denselben Begriff gehören, in der Vorstellung
ausdrücken muß. So konstruiere ich einen Triangel, indem ich den diesem
Begriffe entsprechenden Gegenstand, entweder durch bloße Einbildung, in
der reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier, in der empirischen
Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster dazu aus
irgendeiner Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne
hingezeichnete Figur ist empirisch, und dient gleichwohl den Begriff,
unbeschadet seiner Allgemeinheit, auszudrücken, weil bei dieser
empirischen Anschauung immer nur auf die Handlung der Konstruktion des
Begriffs, welchem viele Bestimmungen, z.E. der Größe, der Seiten und der
Winkel, ganz gleichgültig sind, gesehen, und also von diesen
Verschiedenheiten, die den Begriff des Triangels nicht verändern,
abstrahiert wird.

Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im
Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so daß,
wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der
Konstruktion bestimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffs, dem dieses
Einzelne nur als sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt gedacht
werden muß.

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In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden
Arten der Vernunfterkenntnis, und beruht nicht auf dem Unterschied ihrer
Materie, oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von
Mathematik dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener sagten,
sie habe bloß die Qualität, diese aber nur die Quantität zum Objekt, haben
die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der mathematischen
Erkenntnis ist die Ursache, daß diese lediglich auf Quanta gehen kann.
Denn nur der Begriff von Größen läßt sich konstruieren, d.i. a priori in der
Anschauung darlegen, Qualitäten aber lassen sich in keiner anderen als
empirischen Anschauung darstellen. Daher kann eine Vernunfterkenntnis
derselben nur durch Begriffe möglich sein. So kann niemand eine dem
Begriff der Realität korrespondierende Anschauung anders woher, als aus
der Erfahrung nehmen, niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem
empirischen Bewußtsein derselben teilhaftig werden. Die konische Gestalt
wird man ohne alle empirische Beihilfe, bloß nach dem Begriffe,
anschauend machen können, aber die Farbe dieses Kegels wird in einer
oder anderer Erfahrung zuvor gegeben sein müssen. Den Begriff einer
Ursache überhaupt kann ich auf keine Weise in der Anschauung darstellen,
als an einem Beispiele, das mir Erfahrung an die Hand gibt, usw. Übrigens
handelt die Philosophie ebensowohl von Größen, als die Mathematik, z.B.
von der Totalität, der Unendlichkeit usw. Die Mathematik beschäftigt sich
auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen, als Räumen, von
verschiedener Qualität, mit der Kontinuität der Ausdehnung, als einer
Qualität derselben. Aber, obgleich sie in solchen Fällen einen
gemeinschaftlichen Gegenstand haben, so ist die Art, ihn durch die Vernunft
zu behandeln, doch ganz anders in der philosophischen, als mathematischen
Betrachtung. Jene hält sich bloß an allgemeinen Begriffen, diese kann mit
dem bloßen Begriffe nichts ausrichten, sondern eilt sogleich zur
Anschauung, in welcher sie den Begriff in concreto betrachtet, aber doch
nicht empirisch, sondern bloß in einer solchen, die sie a priori darstellt, d.i.

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konstruiert hat, und in welcher dasjenige, was aus den allgemeinen
Bedingungen der Konstruktion folgt, auch von dem Objekte des
konstruierten Begriffs allgemein gelten muß.

Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse ihn
nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner Winkel
zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff von einer
Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und an ihr den Begriff
von ebensoviel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe nachdenken, so lange
er will, er wird nichts Neues herausbringen. Er kann den Begriff der
geraden Linie, oder eines Winkels, oder der Zahl drei zergliedern und
deutlich machen, aber nicht auf andere Eigenschaften kommen, die in
diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein der Geometer nehme diese Frage
vor. Er fängt sofort davon an, einen Triangel zu konstruieren. Weil er weiß,
daß zwei rechte Winkel zusammen gerade so viel austragen, als alle
berührenden Winkel, die aus einem Punkte auf einer geraden Linie gezogen
werden können, zusammen, so verlängert er eine Seite seines Triangels, und
bekommt zwei berührende Winkel, die zweien rechten zusammen gleich
sind. Nun teilt er den äußeren von diesen Winkeln, indem er eine Linie mit
der gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel zieht, und sieht, daß
hier ein äußerer berührender Winkel entspringe, der einem inneren gleich
ist, usw. Er gelangt auf solche Weise durch eine Kette von Schlüssen,
immer von der Anschauung geleitet, zur völlig einleuchtenden und zugleich
allgemeinen Auflösung der Frage.

Die Mathematik aber konstruiert nicht bloß Größen (quanta), wie in der
Geometrie, sondern auch die bloße Größe (quantitatem), wie in der
Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes,
der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich
abstrahiert. Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller
Konstruktionen von Größen überhaupt (Zahlen, als der Addition,

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Subtraktion usw.), Ausziehung der Wurzel, und, nachdem sie den
allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen
derselben auch bezeichnet hat, so stellt sie alle Behandlung, die durch die
Größe erzeugt und verändert wird, nach gewissen allgemeinen Regeln in
der Anschauung dar; wo eine Größe durch die andere dividiert werden soll,
setzt sie beider ihre Charaktere nach der bezeichnenden Form der Division
zusammen usw., und gelangt also vermittelst einer symbolischen
Konstruktion ebensogut, wie die Geometrie nach einer ostensiven oder
geometrischen (der Gegenstände selbst) dahin, wohin die diskursive
Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe niemals gelangen könnte.

Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich zwei
Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen, der
andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen gemäß
darstellt. Nach den oben vorgetragenen transzendentalen Grundlehren ist
diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf analytische Sätze an, die durch
bloße Zergliederung der Begriffe erzeugt werden können, (hierin würde der
Philosoph ohne Zweifel den Vorteil über seinen Nebenbuhler haben,)
sondern auf synthetische, und zwar solche, die a priori sollen erkannt
werden. Denn ich soll nicht auf dasjenige sehen, was ich in meinem
Begriffe vom Triangel wirklich denke, (dieses ist nichts weiter, als die bloße
Definition,) vielmehr soll ich über ihn zu Eigenschaften, die in diesem
Begriffe nicht liegen, aber doch zu ihm gehören, hinausgehen. Nun ist
dieses nicht anders möglich, als daß ich meinen Gegenstand nach den
Bedingungen, entweder der empirischen Anschauung, oder der reinen
Anschauung bestimme. Das erstere würde nur einen empirischen Satz
(durch Messen seiner Winkel), der keine Allgemeinheit, noch weniger
Notwendigkeit enthielte, abgeben, und von dergleichen ist gar nicht die
Rede. Das zweite Verfahren aber ist die mathematische und zwar hier die
geometrische Konstruktion, vermittelst deren ich in einer reinen
Anschauung, ebenso wie in der empirischen, das Mannigfaltige, was zu

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dem Schema eines Triangels überhaupt, mithin zu seinem Begriffe gehört,
hinzusetzen wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze konstruiert
werden müssen.

Ich würde also umsonst über den Triangel philosophieren, d.i. diskursiv
nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als auf die
bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es gibt zwar eine
transzendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die wiederum allein dem
Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein Ding überhaupt betrifft,
unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung zur möglichen Erfahrung
gehören könne. Aber in den mathematischen Aufgaben ist hiervon und
überhaupt von der Existenz gar nicht die Frage, sondern von den
Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst, lediglich sofern diese mit
dem Begriffe derselben verbunden sind.

Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht,
welcher große Unterschied zwischen dem diskursiven Vernunftgebrauch
nach Begriffen und dem intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe
anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicherweise, was die Ursache sei, die
einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch notwendig macht, und an
welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder auch der
zweite stattfinde.

Alle unsere Erkenntnis bezieht sich doch zuletzt auf mögliche
Anschauungen: denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun
enthält ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder schon
eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er konstruiert werden;
oder nichts als die Synthesis möglicher Anschauungen, die a priori nicht
gegeben sind, und alsdann kann man wohl durch ihn synthetisch und a
priori urteilen, aber nur diskursiv, nach Begriffen, und niemals intuitiv
durch die Konstruktion des Begriffes.

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Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße Form
der Erscheinungen, Raum und Zeit, und ein Begriff von diesen, als Quantis,
läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre Gestalt), oder
auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des gleichartig
Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung darstellen, d.i.
konstruieren. Die Materie aber der Erscheinungen, wodurch uns Dinge im
Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in der Wahrnehmung, mithin
a posteriori vorgestellt werden. Der einzige Begriff, der a priori diesen
empirischen Gehalt der Erscheinungen vorstellt, ist der Begriff des Dinges
überhaupt, und die synthetische Erkenntnis von demselben a priori kann
nichts weiter, als die bloße Regel der Synthesis desjenigen, was die
Wahrnehmung a posteriori geben mag, niemals aber die Anschauung des
realen Gegenstandes a priori liefern, weil diese notwendig empirisch sein
muß.

Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung sich a
priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transzendental. Demnach lassen sich
transzendentale Sätze niemals durch Konstruktion der Begriffe, sondern nur
nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten bloß die Regel, nach der eine
gewisse synthetische Einheit desjenigen, was nicht a priori anschaulich
vorgestellt werden kann, (der Wahrnehmungen,) empirisch gesucht werden
soll. Sie können aber keinen einzigen ihrer Begriffe a priori in irgendeinem
Falle darstellen, sondern tun dieses nur a posteriori, vermittelst der
Erfahrung, die nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst möglich
wird.

Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll, so muß man aus
diesem Begriffe hinausgehen, und zwar zur Anschauung, in welcher er
gegeben ist. Denn, bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe enthalten
ist, so wäre das Urteil bloß analytisch, und eine Erklärung des Gedanken,
nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich kann aber von dem

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Begriffe zu der ihm korrespondierenden reinen oder empirischen
Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu erwägen, und, was
dem Gegenstande desselben zukommt, a priori oder a posteriori zu
erkennen. Das erstere ist die rationale und mathematische Erkenntnis durch
die Konstruktion des Begriffs, das zweite die bloße empirische
(mechanische) Erkenntnis, die niemals notwendige und apodiktische Sätze
geben kann. So könnte ich meinen empirischen Begriff vom Golde
zergliedern, ohne dadurch etwas weiter zu gewinnen, als alles, was ich bei
diesem Worte wirklich denke, herzählen zu können, wodurch in meinem
Erkenntnis zwar eine logische Verbesserung vorgeht, aber keine
Vermehrung oder Zusatz erworben wird. Ich nehme aber die Materie,
welche unter diesem Namen vorkommt, und stelle mit ihr Wahrnehmungen
an, welche mir verschiedene synthetische, aber empirische Sätze an die
Hand geben werden. Den mathematischen Begriff eines Triangels würde ich
konstruieren, d.i. a priori in der Anschauung geben, und auf diesem Wege
eine synthetische, aber rationale Erkenntnis bekommen. Aber, wenn mir der
transzendentale Begriff einer Realität, Substanz, Kraft usw. gegeben ist, so
bezeichnet er weder eine empirische, noch reine Anschauung, sondern
lediglich die Synthesis der empirischen Anschauungen (die also a priori
nicht gegeben werden können), und es kann also aus ihm, weil die
Synthesis nicht a priori zu der Anschauung, die ihm korrespondiert,
hinausgehen kann, auch kein bestimmender synthetischer Satz, sondern nur
ein Grundsatz der Synthesis* möglicher empirischer Anschauungen
entspringen. Also ist ein transzendentaler Satz ein synthetisches
Vernunfterkenntnis nach bloßen Begriffen, und mithin diskursiv, indem
dadurch alle synthetische Einheit der empirischen Erkenntnis allererst
möglich, keine Anschauung aber dadurch a priori gegeben wird.

* Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem
empirischen Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht) heraus,
aber nicht zu der Anschauung, die den Begriff der Ursache in concreto

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darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen überhaupt, die in der Erfahrung
dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden werden möchten. Ich verfahre
also bloß nach Begriffen, und kann nicht durch Konstruktion der Begriffe
verfahren, weil der Begriff eine Regel der Synthesis der Wahrnehmungen
ist, die keine reine Anschauungen sind, und sich also a priori nicht geben
lassen.

So gibt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der, unerachtet der
Allgemeinheit der Erkenntnis und ihrer Erzeugung a priori, welche sie
gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar darum,
weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände gegeben
werden, zwei Stücke sind: die Form der Anschauung (Raum und Zeit), die
völlig a priori erkannt und bestimmt werden kann, und die Materie (das
Physische), oder der Gehalt, welcher ein Etwas bedeutet, das im Raume und
der Zeit angetroffen wird, mithin ein Dasein enthält und der Empfindung
korrespondiert. In Ansehung des letzteren, welches niemals anders auf
bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann, können wir nichts a
priori haben, als unbestimmte Begriffe der Synthesis möglicher
Empfindungen, sofern sie zur Einheit der Apperzeption (in einer möglichen
Erfahrung) gehören. In Ansehung der ersteren können wir unsere Begriffe
in der Anschauung a priori bestimmen, indem wir uns im Raume und der
Zeit die Gegenstände selbst durch gleichförmige Synthesis schaffen, indem
wir sie bloß als Quanta betrachten. Jener heißt der Vernunftgebrauch nach
Begriffen, indem wir nichts weiter tun können, als Erscheinungen dem
realen Inhalte nach unter Begriffe zu bringen, welche darauf nicht anders
als empirisch, d.i. a posteriori, (aber jenen Begriffen als Regeln einer
empirischen Synthesis gemäß,) können bestimmt werden; dieser ist der
Vernunftgebrauch durch Konstruktion der Begriffe, indem diese, da sie
schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum a priori und
ohne alle empirische data in der reinen Anschauung bestimmt gegeben
werden können. Alles, was da ist (ein Ding im Raum oder der Zeit), zu

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erwägen, ob und wiefern es ein Quantum ist oder nicht, daß ein Dasein in
demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse, wie fern dieses Etwas
(welches Raum oder Zeit erfüllt) ein erstes Substratum, oder bloße
Bestimmung sei, eine Beziehung seines Daseins auf etwas anderes, als
Ursache oder Wirkung, habe, und endlich isoliert oder in wechselseitiger
Abhängigkeit mit anderen in Ansehung des Daseins stehe, die Möglichkeit
dieses Daseins, die Wirklichkeit und Notwendigkeit, oder die Gegenteile
derselben zu erwägen: dieses alles gehört zum Vernunfterkenntnis aus
Begriffen, welches philosophisch genannt wird. Aber im Raume eine
Anschauung a priori zu bestimmen (Gestalt), die Zeit zu teilen (Dauer),
oder bloß das Allgemeine der Synthesis von einem und demselben in der
Zeit und dem Raume, und die daraus entspringende Größe einer
Anschauung überhaupt (Zahl) zu erkennen, das ist ein Vernunftgeschäft
durch Konstruktion der Begriffe, und heißt mathematisch.

Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik
macht, bringt ganz natürlicherweise die Vermutung zuwege, daß es, wo
nicht ihr selbst, doch ihrer Methode, auch außer dem Felde der Größen
gelingen werde, indem sie alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt, die
sie a priori geben kann, und wodurch sie, so zu reden, Meister über die
Natur wird; da hingegen reine Philosophie mit diskursiven Begriffen a
priori in der Natur herumpfuscht, ohne die Realität derselben a priori
anschauend und eben dadurch beglaubigt machen zu können. Auch scheint
es den Meistern in dieser Kunst an dieser Zuversicht zu sich selbst und dem
gemeinen Wesen an großen Erwartungen von ihrer Geschicklichkeit, wenn
sie sich einmal hiermit befassen sollten, gar nicht zu fehlen. Denn da sie
kaum jemals über ihre Mathematik philosophiert haben, (ein schweres
Geschäft!) so kommt ihnen der spezifische Unterschied des einen
Vernunftgebrauchs von dem anderen gar nicht in Sinn und Gedanken.
Gangbare und empirisch gebrauchte Regeln, die sie von der gemeinen
Vernunft borgen, gelten ihnen dann statt Axiomen. Wo ihnen die Begriffe

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von Raum und Zeit, womit sie sich (als den einzigen ursprünglichen
Quantis) beschäftigen, herkommen mögen, daran ist ihnen gar nichts
gelegen, und ebenso scheint es ihnen unnütz zu sein, den Ursprung reiner
Verstandesbegriffe, und hiermit auch den Umfang ihrer Gültigkeit zu
erforschen, sondern nur sich ihrer zu bedienen. In allem diesem tun sie ganz
recht, wenn sie nur ihre angewiesene Grenze, nämlich die der Natur nicht
überschreiten. So aber geraten sie unvermerkt, von dem Felde der
Sinnlichkeit, auf den unsicheren Boden reiner und selbst transzendentaler
Begriffe, wo der Grund (instabilis tellus, innabilis unda) ihnen weder zu
stehen, noch zu schwimmen erlaubt, und sich nur flüchtige Schritte tun
lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehält, da hingegen
ihr Gang in der Mathematik eine Heeresstraße macht, welche noch die
späteste Nachkommenschaft mit Zuversicht betreten kann.

Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen
Vernunft im transzendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu
bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat,
unerachtet der nachdrücklichsten und klarsten Warnungen, sich noch immer
durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag gänzlich
aufgibt, über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden Gegenden
des Intellektuellen zu gelangen: so ist es notwendig, noch gleichsam den
letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung wegzunehmen, und zu
zeigen, daß die Befolgung der mathematischen Methode in dieser Art
Erkenntnis nicht den mindesten Vorteil schaffen könne, es müßte denn der
sein, die Blößen ihrer selbst desto deutlicher aufzudecken, daß Meßkunst
und Philosophie zwei ganz verschiedene Dinge seien, ob sie sich zwar in
der Naturwissenschaft einander die Hand bieten, mithin das Verfahren des
einen niemals von dem anderen nachgeahmt werden könne.

Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen,
Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines

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dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von der
Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden. Daß der
Meßkünstler, nach seiner Methode, in der Philosophie nichts als
Kartengebäude zustande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem
Anteil der Mathematik nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben
darin Philosophie besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der
Mathematiker, wenn das Talent desselben nicht etwa schon von der Natur
begrenzt und auf sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der
Philosophie nicht ausschlagen, noch sich über sie wegsetzen kann.

1. Von den Definitionen. Definieren soll, wie es der Ausdruck selbst gibt,
eigentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführlichen Begriff eines Dinges
innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*. Nach einer solchen
Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht definiert, sondern nur
expliziert werden. Denn, da wir an ihm nur einige Merkmale von einer
gewissen Art Gegenstände der Sinne haben, so ist es niemals sicher, ob man
unter dem Worte, der denselben Gegenstand bezeichnet, nicht einmal mehr,
das andere Mal weniger Merkmale desselben denke. So kann der eine im
Begriffe vom Golde sich außer dem Gewichte, der Farbe, der Zähigkeit,
noch die Eigenschaft, daß es nicht rostet, denken, der andere davon
vielleicht nichts wissen. Man bedient sich gewisser Merkmale nur so lange,
als sie zum Unterscheiden hinreichend sind; neue Bemerkungen dagegen
nehmen welche weg und setzen einige hinzu, der Begriff steht also niemals
zwischen sicheren Grenzen. Und wozu sollte es auch dienen, einen solchen
Begriff zu definieren, da, wenn z.B. von dem Wasser und dessen
Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten wird, was man
bei dem Worte Wasser denkt, sondern zu Versuchen schreitet, und das Wort,
mit den wenigen Merkmalen, die ihm anhängen, nur eine Bezeichnung und
nicht einen Begriff der Sache ausmachen soll, mithin die angebliche
Definition nichts anderes als Wortbestimmung ist. Zweitens kann auch,
genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff definiert werden, z.B.

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Substanz, Ursache, Recht, Billigkeit usw. Denn ich kann niemals sicher
sein, daß die deutliche Vorstellung eines (noch verworren) gegebenen
Begriffs ausführlich entwickelt worden, als wenn ich weiß, daß dieselbe
dem Gegenstande adäquat sei. Da der Begriff desselben aber, so wie er
gegeben ist, viel dunkle Vorstellungen enthalten kann, die wir in der
Zergliederung übergehen, ob wir sie zwar in der Anwendung jederzeit
brauchen: so ist die Ausführlichkeit der Zergliederung meines Begriffs
immer zweifelhaft, und kann nur durch vielfältig zutreffende Beispiele
vermutlich, niemals aber apodiktisch gewiß gemacht werden. Anstatt des
Ausdrucks: Definition, würde ich lieber den der Exposition brauchen, der
immer noch behutsam bleibt, und bei dem der Kritiker sie auf einen
gewissen Grad gelten lassen und doch wegen der Ausführlichkeit noch
Bedenken tragen kann. Da also weder empirisch, noch a priori gegebene
Begriffe definiert werden können, so bleiben keine anderen als willkürlich
gedachte übrig, an denen man dieses Kunststück versuchen kann. Meinen
Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definieren; denn ich muß doch
wissen, was ich habe denken wollen, da ich ihn selbst vorsetzlich gemacht
habe, und er mir weder durch die Natur des Verstandes, noch durch die
Erfahrung gegeben worden, aber ich kann nicht sagen, daß ich dadurch
einen wahren Gegenstand definiert habe. Denn, wenn der Begriff auf
empirischen Bedingungen beruht, z.B. eine Schiffsuhr, so wird der
Gegenstand und dessen Möglichkeit durch diesen willkürlichen Begriff
noch nicht gegeben; ich weiß daraus nicht einmal, ob er überall einen
Gegenstand habe, und meine Erklärung kann besser eine Deklaration
(meines Projekts) als Definition eines Gegenstandes heißen. Also blieben
keine anderen Begriffe übrig, die zum Definieren taugen, als solche, die
eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori konstruiert werden
kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen. Denn, den Gegenstand,
den sie denkt, stellt sie auch a priori in der Anschauung dar, und dieser kann
sicher nicht mehr noch weniger enthalten, als der Begriff, weil durch die

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Erklärung der Begriff von dem Gegenstande ursprünglich, d.i. ohne die
Erklärung irgend wovon abzuleiten, gegeben wurde. Die deutsche Sprache
hat für die Ausdrücke der Exposition, Explikation, Deklaration und
Definition nichts mehr, als das eine Wort: Erklärung, und daher müssen wir
schon von der Strenge der Forderung, da wir nämlich den philosophischen
Erklärungen den Ehrennamen der Definition verweigerten, etwas ablassen,
und wollen diese ganze Anmerkung darauf einschränken, daß
philosophische Definitionen nur als Expositionen gegebener,
mathematische aber als Konstruktionen ursprünglich gemachter Begriffe,
jene nur analytisch durch Zergliederung (deren Vollständigkeit nicht
apodiktisch gewiß ist), diese synthetisch zustande gebracht werden, und
also den Begriff selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären.
Hieraus folgt:

* Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der
Merkmale; Grenzen die Präzision, daß deren nicht mehr sind, als zum
ausführlichen Begriffe gehören; ursprünglich aber, daß diese
Grenzbestimmung nicht irgend woher abgeleitet sei und also noch eines
Beweises bedürfe, welches die vermeintliche Erklärung unfähig machen
würde, an der Spitze aller Urteile über einen Gegenstand zu stehen.

a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun müsse,
die Definition voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen Versuche. Denn,
da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so gehen diese Begriffe,
obzwar nur noch verworren, voran, und die unvollständige Exposition geht
vor der vollständigen, so, daß wir aus einigen Merkmalen, die wir aus einer
noch unvollendeten Zergliederung gezogen haben, manches vorher
schließen können, ehe wir zur vollständigen Exposition, d.i. zur Definition
gelangt sind; mit einem Worte, daß in der Philosophie die Definition, als
abgemessene Deutlichkeit, das Werk eher schließe, als anfangen müsse*.
Dagegen haben wir in der Mathematik gar keinen Begriff vor der

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Definition, als durch welche der Begriff allererst gegeben wird, sie muß
also und kann auch jederzeit davon anfangen.

* Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich
solchen, die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht
vollständig enthalten. Würde man nun eher gar nichts mit einem Begriffe
anfangen können, als bis man ihn definiert hätte, so würde es gar schlecht
mit allem Philosophieren stehen. Da aber, so weit die Elemente (der
Zergliederung) reichen, immer ein guter und sicherer Gebrauch davon zu
machen ist, so können auch mangelhafte Definitionen, d.i. Sätze, die
eigentlich noch nicht Definitionen, aber übrigens wahr und also
Annäherungen zu ihnen sind, sehr nützlich gebraucht werden. In der
Mathematik gehört die Definition ad esse, in der Philosophie ad melius
esse. Es ist schön, aber oft sehr schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die
Juristen eine Definition zu ihrem Begriffe vom Recht.

b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn, weil der
Begriff durch die Definition zuerst gegeben wird, so enthält er gerade nur
das, was die Definition durch ihn gedacht haben will. Aber, obgleich dem
Inhalte nach nichts Unrichtiges darin vorkommen kann, so kann doch
bisweilen, obzwar nur selten, in der Form (der Einkleidung) gefehlt werden,
nämlich in Ansehung der Präzision. So hat die gemeine Erklärung der
Kreislinie, daß sie eine krumme Linie sei, deren alle Punkte von einem
einigen (dem Mittelpunkte) gleich weit abstehen, den Fehler, daß die
Bestimmung krumm unnötiger Weise eingeflossen ist. Denn es muß einen
besonderen Lehrsatz geben, der aus der Definition gefolgert wird und leicht
bewiesen werden kann: daß eine jede Linie, deren alle Punkte von einem
einigen gleich weit abstehen, krumm (kein Teil von ihr gerade) sei.
Analytische Definitionen können dagegen auf vielfältige Art irren, entweder
indem sie Merkmale hineinbringen, die wirklich nicht im Begriffe lagen,
oder an der Ausführlichkeit ermangeln, die das Wesentliche einer Definition

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ausmacht, weil man der Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht so völlig
gewiß sein kann. Um deswillen läßt sich die Methode der Mathematik im
Definieren in der Philosophie nicht nachahmen.

2. Von den Axiomen. Diese sind synthetische Grundsätze a priori, sofern
sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit dem anderen
synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit wir über einen
Begriff hinausgehen können, ein drittes vermittelndes Erkenntnis nötig ist.
Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntnis nach Begriffen ist, so wird
in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein, der den Namen eines Axioms
verdiene. Die Mathematik dagegen ist der Axiomen fähig, weil sie
vermittelst der Konstruktion der Begriffe in der Anschauung des
Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und unmittelbar verknüpfen
kann, z.B. daß drei Punkte jederzeit in einer Ebene liegen. Dagegen kann
ein synthetischer Grundsatz bloß aus Begriffen niemals unmittelbar gewiß
sein; z.B. der Satz: alles, was geschieht, hat seine Ursache, da ich mich
nach einem dritten herumgehen muß, nämlich der Bedingung der
Zeitbestimmung in einer Erfahrung, und nicht direkt unmittelbar aus den
Begriffen allein einen solchen Grundsatz erkennen konnte. Diskursive
Grundsätze sind also ganz etwas anderes als intuitive, d.i. Axiomen. Jene
erfordern jederzeit noch eine Deduktion, deren die letzteren ganz und gar
entbehren können, und, da diese eben um desselben Grundes willen evident
sind, welches die philosophischen Grundsätze, bei aller ihrer Gewißheit,
doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich viel daran, daß irgendein
synthetischer Satz der reinen und transzendentalen Vernunft so
augenscheinlich sei (wie man sich trotzig auszudrücken pflegt), als der
Satz: daß zweimal zwei vier geben. Ich habe zwar in der Analytik, bei der
Tafel der Grundsätze des reinen Verstandes, auch gewisser Axiomen der
Anschauung gedacht; allein der daselbst angeführte Grundsatz war selbst
kein Axiom, sondern diente nur dazu, das Prinzipium der Möglichkeit der
Axiomen überhaupt anzugeben, und selbst nur ein Grundsatz aus Begriffen.

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Denn sogar die Möglichkeit der Mathematik muß in der
Transzendentalphilosophie gezeigt werden. Die Philosophie hat also keine
Axiomen und darf niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten,
sondern muß sich dazu bequemen, ihre Befugnis wegen derselben durch
gründliche Deduktion zu rechtfertigen.

3. Von den Demonstrationen. Nur ein apodiktischer Beweis, sofern er
intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl, was da
sei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können
empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus
Begriffen a priori (im diskursiven Erkenntnisse) kann aber niemals
anschauende Gewißheit d.i. Evidenz entspringen, so sehr auch sonst das
Urteil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält also
Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der Konstruktion
derselben, d.i. der Anschauung, die den Begriffen entsprechend a priori
gegeben werden kann, ihr Erkenntnis ableitet. Selbst das Verfahren der
Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie durch Reduktion die
Wahrheit zusamt dem Beweise hervorbringt, ist zwar keine geometrische,
aber doch charakteristische Konstruktion, in welcher man an den Zeichen
die Begriffe, vornehmlich von dem Verhältnisse der Größen, in der
Anschauung darlegt, und, ohne einmal auf das Heuristische zu sehen, alle
Schlüsse vor Fehlern dadurch sichert, daß jeder derselben vor Augen
gestellt wird. Da hingegen das philosophische Erkenntnis dieses Vorteils
entbehren muß, indem es das Allgemeine jederzeit in abstracto (durch
Begriffe) betrachten muß, indessen daß Mathematik das Allgemeine in
concreto (in der einzelnen Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a
priori erwägen kann, wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die
ersteren daher lieber akroamatische (diskursive) Beweise nennen, weil sie
sich nur durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen,
als Demonstrationen, welche, wie der Ausdruck es schon anzeigt, in der
Anschauung des Gegenstandes fortgehen.

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Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie gar
nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit einem
dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern der
Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob sie
zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle Ursache
hat. Jene sind eitle Anmaßungen, die niemals gelingen können, vielmehr
ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer ihre
Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken, und, vermittelst
hinreichender Aufklärung unserer Begriffe, den Eigendünkel der
Spekulation auf das bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntnis
zurückzuführen. Die Vernunft wird also in ihren transzendentalen
Versuchen nicht so zuversichtlich vor sich hinsehen können, gleich als
wenn der Weg, den sie zurückgelegt hat, so ganz gerade zum Ziele führe,
und auf ihre zum Grunde gelegten Prämissen nicht so mutig rechnen
können, daß es nicht nötig wäre, öfters zurück zu sehen und achtzuhaben,
ob sich nicht etwa im Fortgange der Schlüsse Fehler entdecken, die in den
Prinzipien übersehen worden, und es nötig machen, sie entweder mehr zu
bestimmen, oder ganz abzuändern.

Ich teile alle apodiktischen Sätze (sie mögen nun erweislich oder auch
unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein direkt
synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; hingegen ein dergleichen
Satz durch Konstruktion der Begriffe, ist ein Mathema. Analytische Urteile
lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande, als was der Begriff,
den wir von ihm haben, schon in sich enthält, weil sie die Erkenntnis über
den Begriff des Subjekts nicht erweitern, sondern diesen nur erläutern. Sie
können daher nicht füglich Dogmen heißen (welches Wort man vielleicht
durch Lehrsprüche übersetzen könnte). Aber unter den gedachten zwei
Arten synthetischer Sätze a priori können, nach dem gewöhnlichen
Redegebrauch, nur die zum philosophischen Erkenntnisse gehörigen diesen
Namen führen, und man würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst, oder

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Geometrie, Dogmata nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch die Erklärung,
die wir gaben, daß nur Urteile aus Begriffen, und nicht die aus der
Konstruktion der Begriffe, dogmatisch heißen können.

Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß spekulativen
Gebrauche nicht ein einziges direkt synthetisches Urteil aus Begriffen.
Denn durch Ideen ist sie, wie wir gezeigt haben, gar keiner synthetischen
Urteile, die objektive Gültigkeit hätten, fähig; durch Verstandesbegriffe aber
errichtet sie zwar sichere Grundsätze, aber gar nicht direkt aus Begriffen,
sondern immer nur indirekt durch Beziehung dieser Begriffe auf etwas ganz
Zufälliges, nämlich mögliche Erfahrung; da sie denn, wenn diese (etwas als
Gegenstand möglicher Erfahrungen) vorausgesetzt wird, allerdings
apodiktisch gewiß sind, an sich selbst aber (direkt) a priori gar nicht einmal
erkannt werden können. So kann niemand den Satz: alles, was geschieht,
hat seine Ursache, aus diesen gegebenen Begriffen allein gründlich
einsehen. Daher ist er kein Dogma, ob er gleich in einem anderen
Gesichtspunkte, nämlich dem einzigen Felde seines möglichen Gebrauchs,
d.i. der Erfahrung, ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden kann. Er
heißt aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen werden
muß, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen
Beweisgrund, nämlich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht, und bei
dieser immer vorausgesetzt werden muß.

Gibt es nun im spekulativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem
Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie mag
nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigentümliche Manier
werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die Fehler und
Irrtümer, und täuscht die Philosophie, deren eigentliche Absicht ist, alle
Schritte der Vernunft in ihrem klarsten Lichte sehen zu lassen. Gleichwohl
kann die Methode immer systematisch sein. Denn unsere Vernunft
(subjektiv) ist selbst ein System, aber in ihrem reinen Gebrauche,

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vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der Nachforschung nach
Grundsätzen der Einheit, zu welcher Erfahrung allein den Stoff hergeben
kann. Von der eigentümlichen Methode einer Transzendentalphilosophie
läßt sich aber hier nichts sagen, da wir es nur mit einer Kritik unserer
Vermögensumstände zu tun haben, ob wir überall bauen, und wie hoch wir
wohl unser Gebäude, aus dem Stoffe, den wir haben, (den reinen Begriffen
a priori,) aufführen können.

Des ersten Hauptstücks
Zweiter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen
Gebrauchs

Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik
unterwerfen, und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch
tun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht auf
sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig, in Ansehung des Nutzens,
nichts so heilig, das sich dieser prüfenden und musternden Durchsuchung,
die kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte. Auf dieser Freiheit
beruht sogar die Existenz der Vernunft, die kein diktatorisches Ansehen hat,
sondern deren Ausspruch jederzeit nichts als die Einstimmung freier Bürger
ist, deren jeglicher seine Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto, ohne
Zurückhalten muß äußern können.

Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern kann,
so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber die reine
Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen) Gebrauche ist sich
nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer obersten Gesetze bewußt,
daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit gänzlicher Ablegung alles angemaßten

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dogmatischen Ansehens, vor dem kritischen Auge einer höheren und
richterlichen Vernunft erscheinen müßte.

Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Zensur des
Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu tun hat, und sich
dagegen bloß verteidigen soll. Denn, da diese ebensowohl dogmatisch sein
wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine
Rechtfertigung kat' anthropon statt, die wider alle Beeinträchtigung sichert,
und einen titulierten Besitz verschafft, der keine fremden Anmaßungen
scheuen darf, ob er gleich selbst kat' aletheian nicht hinreichend bewiesen
werden kann.

Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich nun
die Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen
derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen nicht
vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand das
Gegenteil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit größerem
Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch nicht bittweise in
unserem Besitz, wenn wir einen, obzwar nicht hinreichenden, Titel
derselben vor uns haben, und es völlig gewiß ist, daß niemand die
Unrechtmäßigkeit dieses Besitzes jemals beweisen könne.

Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt
eine Antithetik der reinen Vernunft geben, und diese, die doch den obersten
Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in Streit geraten
soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare Antithetik derselben vor
uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem Mißverstande beruhte, da man
nämlich, dem gemeinen Vorurteile gemäß, Erscheinungen für Sachen an
sich selbst nahm, und dann eine absolute Vollständigkeit ihrer Synthesis,
auf eine oder andere Art (die aber auf beiderlei Art gleich unmöglich war),
verlangte, welches aber von Erscheinungen gar nicht erwartet werden kann.

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Es war also damals kein wirklicher Widerspruch der Vernunft mit ihr selbst
bei den Sätzen: die Reihe an sich gegebener Erscheinungen hat einen
absolut ersten Anfang, und: diese Reihe ist schlechthin und an sich selbst
ohne allen Anfang; denn beide Sätze bestehen gar wohl zusammen, weil
Erscheinungen nach ihrem Dasein (als Erscheinungen) an sich selbst gar
nichts d.i. etwas Widersprechendes sind, und also deren Voraussetzung
natürlicherweise widersprechende Folgerungen nach sich ziehen muß.

Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch der
Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet würde:
es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist kein höchstes
Wesen; oder, in der Psychologie: alles, was denkt, ist von absoluter
beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen materiellen Einheit
unterschieden, welchem ein anderer entgegengesetzte: die Seele ist nicht
immaterielle Einheit und kann von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen
werden. Denn der Gegenstand der Frage ist hier von allem Fremdartigen,
das seiner Natur widerspricht, frei, und der Verstand hat es nur mit Sachen
an sich selbst und nicht mit Erscheinungen zu tun. Es würde also hier
freilich ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn nur die reine Vernunft
auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte, was dem Grunde einer
Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der Beweisgründe des
dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr wohl einräumen,
ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens das Interesse der
Vernunft für sich haben, darauf sich der Gegner gar nicht berufen kann.

Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende
Männer (z.B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche der
bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst
noch evidente Demonstrationen der zwei Kardinalsätze unserer reinen
Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden. Vielmehr bin
ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn, wo will die Vernunft

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den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die sich nicht auf
Gegenstände der Erfahrung und deren innere Möglichkeit beziehen,
hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals irgendein
Mensch auftreten werde, der das Gegenteil mit dem mindesten Scheine,
geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn, weil er dieses doch bloß
durch reine Vernunft dartun könnte, so müßte er es unternehmen, zu
beweisen: daß ein höchstes Wesen, daß das in uns denkende Subjekt, als
reine Intelligenz, unmöglich sei. Wo will er aber die Kenntnisse hernehmen,
die ihn, von Dingen über alle mögliche Erfahrung hinaus so synthetisch zu
urteilen, berechtigten. Wir können also darüber ganz unbekümmert sein,
daß uns jemand das Gegenteil einstens beweisen werde; daß wir darum
eben nicht nötig haben, auf schulgerechte Beweise zu sinnen, sondern
immerhin diejenigen Sätze annehmen können, welche mit dem spekulativen
Interesse unserer Vernunft im empirischen Gebrauch ganz wohl
zusammenhängen, und überdem es mit dem praktischen Interesse zu
vereinigen die einzigen Mittel sind. Für den Gegner (der hier nicht bloß als
Kritiker betrachtet werden muß,) haben wir unser non liquet in Bereitschaft,
welches ihn unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir die Retorsion
desselben auf uns nicht weigern, indem wir die subjektive Maxime der
Vernunft beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner notwendig fehlt,
und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit Ruhe und
Gleichgültigkeit ansehen können.

Auf solche Weise gibt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen
Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der
reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber trägt
keinen Kämpfer in seiner ganzen Rüstung, und mit Waffen, die zu fürchten
wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten, welches als ein
Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine tröstende Bemerkung, die der
Vernunft wieder Mut gibt; denn, worauf wollte sie sich sonst verlassen,

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wenn sie, die allein alle Irrungen abzutun berufen ist, in sich selbst zerrüttet
wäre, ohne Frieden und ruhigen Besitz hoffen zu können?

Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht gut.
Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren eigenen
Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer vollständigen
Sammlung von Heilmitteln (Offizin) nicht fehlen. Die Einwürfe, wider die
Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß spekulativen Vernunft,
sind selbst durch die Natur dieser Vernunft aufgegeben, und müssen also
ihre gute Bestimmung und Absicht haben, die man nicht in den Wind
schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung manche Gegenstände, ob sie
gleich mit unserem höchsten Interesse zusammenhängen, so hoch gestellt,
daß uns fast nur vergönnt ist, sie in einer undeutlichen und von uns selbst
bezweifelten Wahrnehmung anzutreffen, dadurch ausspähende Blicke mehr
gereizt, als befriedigt werden, ob es nützlich sei, in Ansehung solcher
Aussichten dreiste Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens zweifelhaft,
vielleicht gar schädlich. Allemal aber und ohne allen Zweifel ist es nützlich,
die forschende sowohl, als prüfende Vernunft in völlige Freiheit zu
versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen könne,
welches ebensowohl dadurch befördert wird, daß sie ihren Einsichten
Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches allemal leidet,
wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren natürlichen Gang
nach erzwungenen Absichten zu lenken.

Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft sagen, und bekämpfst ihn
bloß mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache (des
praktischen Interesses) außer Sorgen, denn die kommt in bloß spekulativem
Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt alsdann nichts, als eine
gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie auf ihrer Natur beruht,
notwendig angehört und geprüft werden muß. Er kultiviert dieselbe durch
Betrachtung ihres Gegenstandes auf zweien Seiten, und berichtigt ihr Urteil

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dadurch, daß er solches einschränkt. Das, was hierbei streitig wird, ist nicht
die Sache, sondern der Ton. Denn es bleibt euch noch genug übrig, um die
vor der schärfsten Vernunft gerechtfertigte Sprache eines festen Glaubens
zu sprechen, wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben müssen.

Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urteils eigentlich
geschaffenen David Hume fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam
ergrübelte Bedenklichkeiten, die für den Menschen so tröstliche und
nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und zum
bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben? so
würde er antworten: nichts, als die Absicht, die Vernunft in ihrer
Selbsterkenntnis weiter zu bringen, und zugleich ein gewisser Unwille über
den Zwang, den man der Vernunft antun will, indem man mit ihr groß tut,
und sie zugleich hindert, ein freimütiges Geständnis ihrer Schwächen
abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer selbst offenbar werden. Fragt ihr
dagegen den, den Grundsätzen des empirischen Vernunftgebrauchs allein
ergebenen, und aller transzendenten Spekulation abgeneigten Priestley, was
er für Bewegungsgründe gehabt habe, unserer Seele Freiheit und
Unsterblichkeit (die Hoffnung des künftigen Lebens ist bei ihm nur die
Erwartung eines Wunders der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler
aller Religion niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger Lehrer
der Religion ist; so würde er nichts anderes antworten können, als: das
Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse
Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die wir
genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig
scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der
Religionsabsicht zu vereinigen weiß, zu verschreien, und einem
wohldenkenden Manne wehe zu tun, weil er sich nicht zurechtfinden kann,
sobald er sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber diese
Gunst muß dem nicht minder gut gesinnten und seinem sittlichen Charakter
nach untadelhaften Hume ebensowohl zustatten kommen, der seine

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abgezogene Spekulation darum nicht verlassen kann, weil er mit Recht
dafür hält, daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der
Naturwissenschaft im Felde reiner Ideen liege.

Was ist nun hierbei zu tun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr, die
daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher,
nichts billiger, als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen habt. Laßt
diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie tiefe und neue
Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so gewinnt
jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als die einer
zwanglosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet, das gemeine
Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht versteht, gleichsam
als zum Feuerlöschen zusammenruft, so macht ihr euch lächerlich. Denn es
ist die Rede gar nicht davon, was dem gemeinen Besten hierunter
vorteilhaft, oder nachteilig sei, sondern nur, wie weit die Vernunft es wohl
in ihrer von allem Interesse abstrahierenden Spekulation bringen könne,
und ob man auf diese überhaupt etwas rechnen, oder sie lieber gegen das
Praktische gar aufgeben müsse. Anstatt also mit dem Schwerte drein zu
schlagen, so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem
Streite geruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam, für euch unterhaltend,
und bei einem gewiß unblutigen Ausgange, für eure Einsichten ersprießlich
ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft
Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche
Seite sie notwendig ausfallen müsse. Überdem wird Vernunft schon von
selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in Schranken gehalten, daß ihr
gar nicht nötig habt, Scharwachen aufzubieten, um demjenigen Teile,
dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint, bürgerlichen
Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Dialektik gibt's keinen Sieg, über
den ihr besorgt zu sein Ursache hättet.

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Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre zu
wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher Erlaubnis
wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine reife Kritik zustande
gekommen, bei deren Erscheinung alle diese Streithändel von selbst
wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre Verblendung und Vorurteile,
welche sie veruneinigt haben, einsehen lernen.

Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am
Ende doch, wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten
Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahren Gesinnungen
zu verhehlen, und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich
hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen
Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vorteilhaften Schein
anzunehmen, sich nicht bloß zivilisiert, sondern nach und nach, in gewisser
Maße, moralisiert, weil keiner durch die Schminke der Anständigkeit,
Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also an vermeintlich
echten Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine Schule der Besserung
für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich besser zu stellen, als man ist,
und Gesinnungen zu äußern, die man nicht hat, dient nur gleichsam
provisorisch dazu, um den Menschen aus der Rohigkeit zu bringen, und ihn
zuerst wenigstens die Manier des Guten, das er kennt, annehmen zu lassen;
denn nachher, wenn die echten Grundsätze einmal entwickelt und in die
Denkungsart übergegangen sind, so muß jene Falschheit nach und nach
kräftig bekämpft werden, weil sie sonst das Herz verdirbt, und gute
Gesinnungen unter dem Wucherkraute des schönen Scheins nicht
aufkommen läßt.

Es tut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei
sogar in den Äußerungen der spekulativen Denkungsart wahrzunehmen,
worin doch Menschen, das Geständnis ihrer Gedanken billigermaßen offen
und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und gar keinen

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Vorteil haben. Denn was kann den Einsichten nachteiliger sein, als sogar
bloße Gedanken verfälscht einander mitzuteilen, Zweifel, die wir wider
unsere eigenen Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder Beweisgründen,
die uns selbst nicht genugtun, einen Anstrich von Evidenz zu geben? So
lange indessen bloß die Privateitelkeit diese geheimen Ränke anstiftet
(welches in spekulativen Urteilen, die kein besonderes Interesse haben und
nicht leicht einer apodiktischen Gewißheit fähig sind, gemeiniglich der Fall
ist), so widersteht denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher
Genehmigung, und die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die lauterste
Gesinnung und Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie hingebracht haben
würde. Wo aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige Vernünftler
mit nichts minderem umgehen, als die Grundfeste der öffentlichen
Wohlfahrt wankend zu machen, da scheint es nicht allein der Klugheit
gemäß, sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der guten Sache eher
durch Scheingründe zu Hilfe zu kommen, als den vermeintlichen Gegnern
derselben auch nur den Vorteil zu lassen, unseren Ton zur Mäßigung einer
bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen, und uns zu nötigen, den
Mangel der spekulativen und apodiktischen Gewißheit zu gestehen.
Indessen sollte ich denken, daß sich mit der Absicht, eine gute Sache zu
behaupten, in der Welt wohl nichts übler, als Hinterlist, Verstellung und
Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung der Vernunftgründe,
einer bloßen Spekulation alles ehrlich zugehen müsse, ist wohl das
wenigste, was man fordern kann. Könnte man aber auch nur auf dieses
Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der spekulativen Vernunft über
die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit (der Seele) und der
Freiheit, entweder längst entschieden, oder würde sehr bald zu Ende
gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit der Gesinnung im
umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache selbst, und diese hat
vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner, als Verteidiger.

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Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht
verteidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden, daß,
nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige sieht,
was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es eigentlich gar keine
Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn wie können zwei Personen
einen Streit über eine Sache führen, deren Realität keiner von beiden in
einer wirklichen, oder auch nur möglichen Erfahrung darstellen kann, über
deren Idee er allein brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee, nämlich die
Wirklichkeit des Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch welches
Mittel wollen sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von beiden
seine Sache geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur die seines
Gegners angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das Schicksal aller
Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die Bedingungen aller
möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen kein Dokument der
Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl der
Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauche bestimmt sind,
ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken tun läßt, bedienen
müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich gegenseitig die
Blöße ihres Gegners zunutze machen können.

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Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für
alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren, als
welche auf Objekte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt, sondern ist
dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt nach den Grundsätzen
ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu beurteilen.

Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur, und kann
ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen, oder
sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle Entscheidungen
aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt, deren Ansehen
keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines gesetzlichen
Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht anders führen sollen,
als durch Prozeß. Was die Händel in dem ersten Zustande endigt, ist ein
Sieg, dessen sich beide Teile rühmen, auf den mehrenteils ein nur
unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit stiftet, welche sich ins Mittel legt,
im zweiten aber die Sentenz, die, weil sie hier die Quelle der Streitigkeiten
selbst trifft, einen ewigen Frieden gewähren muß. Auch nötigen die
endlosen Streitigkeiten einer bloß dogmatischen Vernunft, endlich in
irgendeiner Kritik dieser Vernunft selbst, und in einer Gesetzgebung, die
sich auf sie gründet, Ruhe zu suchen; so wie Hobbes behauptet: der Stand
der Natur sei ein Stand des Unrechts und der Gewalttätigkeit, und man
müsse ihn notwendig verlassen, um sich dem gesetzlichen Zwange zu
unterwerfen, der allein unsere Freiheit dahin einschränkt, daß sie mit jedes
anderen Freiheit und eben dadurch mit dem gemeinen Besten zusammen
bestehen könne.

Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine Zweifel,
die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurteilung
auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger
verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der

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menschlichen Vernunft, welche keinen anderen Richter erkennt, als selbst
wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme
hat; und, da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig ist,
herkommen muß, so ist ein solches Recht heilig, und darf nicht geschmälert
werden. Auch ist es sehr unweise, gewisse gewagte Behauptungen oder
vermessene Angriffe auf die, welche schon die Beistimmung des größten
und besten Teils des gemeinen Wesens auf ihrer Seite haben, für gefährlich
auszuschreien: denn das heißt, ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie gar
nicht haben sollten. Wenn ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die
Freiheit des menschlichen Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens,
und das Dasein Gottes wegdemonstriert haben solle, so bin ich begierig, das
Buch zu lesen, denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten
weiter bringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß, daß er
nichts von allem diesem wird geleistet haben, nicht darum, weil ich etwa
schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein
glaubte, sondern weil mich die transzendentale Kritik, die mir den ganzen
Vorrat unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt hat, daß, so wie
sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglich ist, so
wenig und noch weniger werde sie wissen, um über diese Fragen etwas
verneinend behaupten zu können. Denn, wo will der angebliche Freigeist
seine Kenntnis hernehmen, daß es z.B. kein höchstes Wesen gebe? Dieser
Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher Erfahrung, und darum auch außer
den Grenzen aller menschlichen Einsicht. Den dogmatischen Verteidiger
der guten Sache gegen diesen Feind würde ich gar nicht lesen, weil ich zum
voraus weiß, daß er nur darum die Scheingründe des anderen angreifen
werde, um seinen eigenen Eingang zu verschaffen, überdem ein alltägiger
Schein doch nicht so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt, als ein
befremdlicher und sinnreich ausgedachter. Hingegen würde der nach seiner
Art auch dogmatische Religionsgegner, meiner Kritik gewünschte

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Beschäftigung und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze geben,
ohne daß seinetwegen im mindesten etwas zu befürchten wäre.

Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertraut ist,
soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt, und von der frühen
Kenntnis so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre Urteilskraft
gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen gründen will, fest
gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegenteil, woher sie auch kommen
möge, kräftig zu widerstehen?

Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen Vernunft
bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch, d.i. so
beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe, und mit Beweisgründen
zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre freilich nichts
ratsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eitler und fruchtloser auf die
Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeitlang unter Vormundschaft zu
setzen, und wenigstens so lange vor Verführung zu bewahren. Wenn aber in
der Folge entweder Neugierde, oder der Modeton des Zeitalters ihr
dergleichen Schriften in die Hände spielen: wird alsdann jene jugendliche
Überredung noch Stich halten? Derjenige, der nichts als dogmatische
Waffen mitbringt, um den Angriffen seines Gegners zu widerstehen, und die
verborgene Dialektik, die nicht minder in seinem eigenen Busen, als in dem
des Gegenteils liegt, nicht zu entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den
Vorzug der Neuigkeit haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht
mehr haben, sondern vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten
Leichtgläubigkeit der Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser
zeigen zu können, daß er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich
über jene wohlgemeinten Warnungen wegsetzt, und, dogmatisch gewohnt,
trinkt er das Gift, das seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen
Zügen in sich.

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Gerade das Gegenteil von dem, was man hier anrät, muß in der
akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der
Voraussetzung eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen
Vernunft. Denn, um die Prinzipien derselben so früh als möglich in
Ausübung zu bringen, und ihre Zulänglichkeit bei dem größten
dialektischen Scheine zu zeigen, ist es durchaus nötig, die für den
Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine, obzwar noch schwache,
aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten, und ihn den Versuch
machen zu lassen, die grundlosen Behauptungen des Gegners Stück für
Stück an jenen Grundsätzen zu prüfen. Es kann ihm gar nicht schwer
werden, sie in lauter Dunst aufzulösen, und so fühlt er frühzeitig seine
eigene Kraft, sich wider dergleichen schädliche Blendwerke, die für ihn
zuletzt allen Schein verlieren müssen, völlig zu sichern. Ob nun zwar eben
dieselben Streiche, die das Gebäude des Feindes niederschlagen, auch
seinem eigenen spekulativen Bauwerke, wenn er etwa dergleichen zu
errichten gedächte, ebenso verderblich sein müssen: so ist er darüber doch
gänzlich unbekümmert, indem er es gar nicht bedarf, darinnen zu wohnen,
sondern noch eine Aussicht in das praktische Feld vor sich hat, wo er mit
Grund einen festeren Boden hoffen kann, um darauf sein vernünftiges und
heilsames System zu errichten.

So gibts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen
Vernunft. Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten
herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre
dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten ließe.
Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen, wie die
Helden in Walhalla, in einem Augenblicke wiederum zusammen, um sich
aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können.

Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch der reinen
Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren

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Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu verhetzen,
ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen, und alsdann ihrem hitzigsten
Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem dogmatischen
Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen einer
schadenfrohen und hämischen Gemütsart an sich. Wenn man indessen die
unbezwingliche Verblendung und das Großtun der Vernünftler, die sich
durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch wirklich kein
anderer Rat, als der Großsprecherei auf einer Seite, eine andere, welche auf
eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu setzen, damit die Vernunft durch
den Widerstand eines Feindes wenigstens nur stutzig gemacht werde, um in
ihre Anmaßungen einigen Zweifel zu setzen, und der Kritik Gehör zu
geben. Allein es bei diesen Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen, und es
darauf auszusetzen, die Überzeugung und das Geständnis seiner
Unwissenheit, nicht bloß als ein Heilmittel wider den dogmatischen
Eigendünkel, sondern zugleich als die Art, den Streit der Vernunft mit sich
selbst zu beendigen, empfehlen zu wollen, ist ein ganz vergeblicher
Anschlag, und kann keineswegs dazu tauglich sein, der Vernunft einen
Ruhestand zu verschaffen, sondern ist höchstens nur ein Mittel, sie aus
ihrem süßen dogmatischen Traume zu erwecken, um ihren Zustand in
sorgfältigere Prüfung zu ziehen. Da indessen diese skeptische Manier, sich
aus einem verdrießlichen Handel der Vernunft zu ziehen, gleichsam der
kurze Weg zu sein scheint, zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe zu
gelangen, wenigstens die Heeresstraße, welche diejenigen gern einschlagen,
die sich in einer spöttischen Verachtung aller Nachforschungen dieser Art
ein philosophisches Ansehen zu geben meinen, so finde ich es nötig, diese
Denkungsart in ihrem eigentümlichen Lichte darzustellen.

Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der mit sich
selbst veruneinigten reinen Vernunft

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Das Bewußtsein meiner Unwissenheit, (wenn diese nicht zugleich als
notwendig erkannt wird,) statt daß sie meine Untersuchungen endigen
sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle
Unwissenheit ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und
Grenzen meiner Erkenntnis. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so
muß sie mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen)
dogmatisch, im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntnis kritisch
nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin notwendig sei,
und mich daher von aller weiteren Nachforschung freispreche, läßt sich
nicht empirisch, aus Beobachtung, sondern allein kritisch, durch
Ergründung der ersten Quellen unserer Erkenntnis ausmachen. Also kann
die Grenzbestimmung unserer Vernunft nur nach Gründen a priori
geschehen; die Einschränkung derselben aber, welche eine obgleich nur
unbestimmte Erkenntnis einer nie völlig zu hebenden Unwissenheit ist,
kann auch a posteriori, durch das, was uns bei allem Wissen immer noch zu
wissen übrigbleibt, erkannt werden. Jene durch Kritik der Vernunft selbst
allein mögliche Erkenntnis seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese
ist nichts als Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der
Schluß aus selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem
sinnlichen Scheine gemäß) als einen Teller vorstelle, so kann ich nicht
wissen, wie weit sie sich erstrecke. Aber das lehrt mich die Erfahrung: daß,
wohin ich nur komme, ich immer einen Raum um mich sehe, dahin ich
weiter fortgehen könnte; mithin erkenne ich Schranken meiner jedesmal
wirklichen Erdkunde, aber nicht die Grenzen aller möglichen
Erdbeschreibung. Bin ich aber doch so weit gekommen, zu wissen, daß die
Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelfläche sei, so kann ich auch aus
einem kleinen Teil derselben, z.B. der Größe eines Grades, den
Durchmesser, und, durch diesen, die völlige Begrenzung der Erde, d.i. ihre
Oberfläche, bestimmt und nach Prinzipien a priori erkennen; und ob ich
gleich in Ansehung der Gegenstände, die diese Fläche enthalten mag,

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unwissend bin, so bin ich es doch nicht in Ansehung des Umfanges, der sie
enthält, der Größe und Schranken derselben.

Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntnis scheint
uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont hat, nämlich
das, was den ganzen Umfang derselben befaßt und von uns der
Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden. Empirisch
denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem gewissen Prinzip
ihn a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche vergeblich gewesen.
Indessen gehen doch alle Fragen unserer reinen Vernunft auf das, was
außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch in seiner Grenzlinie liegen
möge.

Der berühmte David Hume war einer dieser Geographen der
menschlichen Vernunft, welcher jene Fragen insgesamt dadurch hinreichend
abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb den Horizont derselben
verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich vornehmlich bei
dem Grundsatze der Kausalität auf, und bemerkte von ihm ganz richtig, daß
man seine Wahrheit (ja nicht einmal die objektive Gültigkeit des Begriffs
einer wirkenden Ursache überhaupt) auf gar keine Einsicht, d.i. Erkenntnis
a priori, fuße, daß daher auch nicht im mindesten die Notwendigkeit dieses
Gesetzes, sondern eine bloße allgemeine Brauchbarkeit desselben in dem
Laufe der Erfahrung und eine daher entspringende subjektive
Notwendigkeit, die er Gewohnheit nennt, sein ganzes Ansehen ausmache.
Aus dem Unvermögen unserer Vernunft nun, von diesem Grundsatze einen
über alle Erfahrung hinausgehenden Gebrauch zu machen, schloß er die
Nichtigkeit aller Anmaßungen der Vernunft überhaupt über das Empirische
hinauszugehen.

Man kann ein Verfahren dieser Art, die Fakta der Vernunft der Prüfung
und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Zensur der Vernunft

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nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Zensur unausbleiblich auf Zweifel
gegen allen transzendenten Gebrauch der Grundsätze führe. Allein dies ist
nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk vollendet. Der erste
Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das Kindesalter derselben
auszeichnet ist dogmatisch. Der obengenannte zweite Schritt ist skeptisch,
und zeugt von Vorsichtigkeit der durch Erfahrung gewitzigten Urteilskraft.
Nun ist aber noch ein dritter Schritt nötig, der nur der gereiften und
männlichen Urteilskraft zukommt, welche feste und ihrer Allgemeinheit
nach bewährte Maximen zum Grunde hat; nämlich, nicht die Fakta der
Vernunft, sondern die Vernunft selbst, nach ihrem ganzen Vermögen und
Tauglichkeit zu reinen Erkenntnissen a priori, der Schätzung zu
unterwerfen; welches nicht die Zensur, sondern Kritik der Vernunft ist,
wodurch nicht bloß Schranken, sondern die bestimmten Grenzen derselben,
nicht bloß Unwissenheit an einem oder anderen Teil, sondern in Ansehung
aller möglichen Fragen von einer gewissen Art, und zwar nicht etwa nur
vermutet, sondern aus Prinzipien bewiesen wird. So ist der Skeptizismus
ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie sich über ihre
dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der Gegend
machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit mehrerer
Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum beständigen
Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen Gewißheit angetroffen
werden, es sei nun der Erkenntnis der Gegenstände selbst, oder der
Grenzen, innerhalb denen alle unsere Erkenntnis von Gegenständen
eingeschlossen ist.

Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete
Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß
vielmehr mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus
der Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer
Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung
derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld der

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Erfahrung) ist nichts für ihr Objekt, ja selbst Fragen über dergleichen
vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjektive Prinzipien einer
durchgängigen Bestimmung der Verhältnisse, welche unter den
Verstandesbegriffen innerhalb dieser Sphäre vorkommen können.

Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori, wie dieses
die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung antizipieren, dartun. Kann
jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht begreiflich machen, so
mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch wirklich a priori beiwohnen;
er kann dieses aber noch nicht für eine Unmöglichkeit derselben, durch
bloße Kräfte des Verstandes, und alle Schritte, die die Vernunft nach der
Richtschnur derselben tut, für nichtig ausgeben. Er kann nur sagen: wenn
wir ihren Ursprung und Echtheit einsähen, so würden wir den Umfang und
die Grenzen unserer Vernunft bestimmen können; ehe aber dieses
geschehen ist, sind alle Behauptungen der letzten blindlings gewagt. Und
auf solche Weise wäre ein durchgängiger Zweifel an aller dogmatischen
Philosophie, die ohne Kritik der Vernunft selbst ihren Gang geht, ganz wohl
gegründet; allein darum könnte doch der Vernunft nicht ein solcher
Fortgang, wenn er durch bessere Grundlegung vorbereitet und gesichert
würde, gänzlich abgesprochen werden. Denn, einmal liegen alle Begriffe, ja
alle Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa in der
Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft, und müssen daher
können aufgelöst und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach begriffen
werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als läge ihre
Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem Vorwande
unseres Unvermögens abzuweisen, und uns ihrer weiteren Nachforschung
zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schoße allein diese Ideen selbst
erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischem Scheine sie also
Rechenschaft zu geben gehalten ist.

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Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker
gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprünglichen objektiven
Prinzipien zu setzen, d.i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang fortsetzt,
bloß um ihm das Konzept zu verrücken und ihn zur Selbsterkenntnis zu
bringen. An sich macht sie in Ansehung dessen, was wir wissen und was
wir dagegen nicht wissen können, ganz und gar nichts aus. Alle
fehlgeschlagenen dogmatischen Versuche der Vernunft sind Fakta, die der
Zensur zu unterwerfen immer nützlich ist. Dieses aber kann nichts über die
Erwartungen der Vernunft entscheiden, einen besseren Erfolg ihrer
künftigen Bemühungen zu hoffen und darauf Ansprüche zu machen; die
bloße Zensur kann also die Streitigkeit über die Rechtsame der
menschlichen Vernunft niemals zu Ende bringen.

Da Hume vielleicht der geistreichste unter allen Skeptikern, und ohne
Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist, den das
skeptische Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen Vernunftprüfung
haben kann, so verlohnt es sich wohl der Mühe, den Gang seiner Schlüsse
und die Verirrungen eines so einsehenden und schätzbaren Mannes, die
doch auf der Spur der Wahrheit angefangen haben, so weit es zu meiner
Absicht schicklich ist, vorstellig zu machen.

Hume hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig
entwickelte, daß wir in Urteilen von gewisser Art, über unseren Begriff vom
Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urteilen synthetisch
genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin habe, vermittelst
der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner Bedenklichkeit unterworfen.
Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis der Wahrnehmungen, welche
meinen Begriff, den ich vermittelst einer Wahrnehmung habe, durch andere
hinzukommende vermehrt. Allein wir glauben auch a priori aus unserem
Begriffe hinausgehen und unsere Erkenntnis erweitern zu können. Dieses
versuchen wir entweder durch den reinen Verstand, in Ansehung

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desjenigen, was wenigstens ein Objekt der Erfahrung sein kann, oder sogar
durch reine Vernunft, in Ansehung solcher Eigenschaften der Dinge, oder
auch wohl des Daseins solcher Gegenstände, die in der Erfahrung niemals
vorkommen können. Unser Skeptiker unterschied diese beiden Arten der
Urteile nicht, wie er es doch hätte tun sollen, und hielt geradezu diese
Vermehrung der Begriffe aus sich selbst, und, sozusagen, die
Selbstgebärung unseres Verstandes (samt der Vernunft), ohne durch
Erfahrung geschwängert zu sein, für unmöglich, mithin alle vermeintlichen
Prinzipien derselben a priori für eingebildet, und fand, daß sie nichts als
eine aus Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit, mithin
bloß empirische d.i. an sich zufällige Regeln sind, denen wir eine vermeinte
Notwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog sich aber zu
Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein anerkannten
Grundsatz von dem Verhältnis der Ursache zur Wirkung. Denn da uns kein
Verstandesvermögen von dem Begriffe eines Dinges zu dem Dasein von
etwas anderem, was dadurch allgemein und notwendig gegeben sei, führen
kann: so glaubte er daraus folgern zu können, daß wir ohne Erfahrung
nichts haben, was unseren Begriff vermehren und uns zu einem solchen a
priori sich selbst erweiternden Urteile berechtigen könnte. Daß das
Sonnenlicht, welches das Wachs beleuchtet, es zugleich schmelze, indessen
es den Ton härtet, könne kein Verstand aus Begriffen, die wir vorher von
diesen Dingen hatten, erraten, viel weniger gesetzmäßig schließen, und nur
Erfahrung könne uns ein solches Gesetz lehren. Dagegen haben wir in der
transzendentalen Logik gesehen: daß, ob wir zwar niemals unmittelbar über
den Inhalt des Begriffs, der uns gegeben ist, hinausgehen können, wir doch
völlig a priori, aber in Beziehung auf ein drittes, nämlich mögliche
Erfahrung, also doch a priori, das Gesetz der Verknüpfung mit anderen
Dingen erkennen können. Wenn also vorher fest gewesenes Wachs
schmilzt, so kann ich a priori erkennen, daß etwas vorausgegangen sein
müsse, (z.B. Sonnenwärme,) worauf dieses nach einem beständigen

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Gesetze gefolgt ist, ob ich zwar, ohne Erfahrung, aus der Wirkung weder
die Ursache noch aus der Ursache, die Wirkung, a priori und ohne
Belehrung der Erfahrung bestimmt erkennen könnte. Er schloß also
fälschlich aus der Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem Gesetze, auf
die Zufälligkeit des Gesetzes selbst, und das Herausgehen aus dem Begriffe
eines Dinges auf mögliche Erfahrung (welches a priori geschieht und die
objektive Realität desselben ausmacht,) verwechselte er mit der Synthesis
der Gegenstände wirklicher Erfahrung, welche freilich jederzeit empirisch
ist; dadurch machte er aber aus einem Prinzip der Affinität, welches im
Verstande seinen Sitz hat, und notwendige Verknüpfung aussagt, eine Regel
der Assoziation, die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft angetroffen
wird, und nur zufällige, gar nicht objektive Verbindungen darstellen kann.

Die skeptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen
Mannes entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit allen
Dogmatikern gemein hatte nämlich, daß er nicht alle Arten der Synthesis
des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde er, ohne der
übrigen hier Erwähnung zu tun, z.B. den Grundsatz der Beharrlichkeit als
einen solchen gefunden haben, der ebensowohl, als der der Kausalität, die
Erfahrung antizipiert. Dadurch würde er auch dem a priori sich
erweiternden Verstande und der reinen Vernunft bestimmte Grenzen haben
vorzeichnen können. Da er aber unseren Verstand nur einschränkt, ohne ihn
zu begrenzen, und, zwar ein allgemeines Mißtrauen, aber keine bestimmte
Kenntnis der uns unvermeidlichen Unwissenheit zustande bringt, da er
einige Grundsätze des Verstandes unter Zensur bringt, ohne diesen Verstand
in Ansehung seines ganzen Vermögens auf die Probierwage der Kritik zu
bringen, und, indem er ihm dasjenige abspricht, was er wirklich nicht
leisten kann, weiter geht, und ihm alles Vermögen, sich a priori zu
erweitern, bestreitet, unerachtet er dieses ganze Vermögen nicht zur
Schätzung gezogen; so widerfährt ihm das, was jederzeit den Skeptizismus
niederschlägt, nämlich, daß er selbst bezweifelt wird, indem seine Einwürfe

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nur auf Faktis, welche zufällig sind, nicht aber auf Prinzipien beruhen, die
eine notwendige Entsagung auf das Recht dogmatischer Behauptungen
bewirken könnten.

Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes und
den dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch
hauptsächlich seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so
fühlt die Vernunft, deren ganz eigentümlicher Schwung hierbei nicht im
mindesten gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer
Ausbreitung nicht verschlossen, und kann von ihren Versuchen, unerachtet
sie hier oder da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn
wider Angriffe rüstet man sich zur Gegenwehr, und setzt noch um desto
steifer seinen Kopf darauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein
völliger Überschlag aber seines ganzen Vermögens und die daraus
entspringende Überzeugung der Gewißheit eines kleinen Besitzes, bei der
Eitelkeit höherer Ansprüche, hebt allen Streit auf, und bewegt, sich an
einem eingeschränkten, aber unstrittigen Eigentume friedfertig zu
begnügen.

Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes
nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntnis nicht nach
Prinzipien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß, wie viel er
kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen denkt, sind
diese skeptischen Angriffe nicht allein gefährlich, sondern ihm sogar
verderblich. Denn, wenn er auf einer einzigen Behauptung betroffen wird,
die er nicht rechtfertigen, deren Schein er aber auch nicht aus Prinzipien
entwickeln kann, so fällt der Verdacht auf alle, so überredend sie auch sonst
immer sein mögen.

Und so ist der Skeptiker der Zuchtmeister des dogmatischen Vernünftlers
auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft selbst. Wenn er

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dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung zu fürchten; denn er
unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was gänzlich außerhalb
demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht und darüber auch nicht
in Streitigkeiten verwickelt werden kann. So ist das skeptische Verfahren
zwar an sich selbst für die Vernunftfragen nicht befriedigend, aber doch
vorübend, um ihre Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche Mittel zu
weisen, die sie in ihren rechtmäßigen Besitzen sichern können.

Des ersten Hauptstücks
Dritter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen

Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich so viel wissen, daß
wir in ihrem reinen und spekulativen Gebrauche in der Tat gar nichts wissen
können; sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu Hypothesen eröffnen, da
es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu meinen, wenngleich nicht zu
behaupten?

Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern, unter der strengen
Aufsicht der Vernunft, dichten soll, so muß immer vorher etwas völlig
gewiß und nicht erdichtet, oder bloße Meinung sein, und das ist die
Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt, wegen
der Wirklichkeit desselben, zur Meinung seine Zuflucht zu nehmen, die
aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich gegeben und
folglich gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung gebracht werden
muß, und alsdann Hypothese heißt.

Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung a
priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie des
reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken, sondern nur,

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wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen: so können wir nicht
einen einzigen Gegenstand, nach einer neuen und empirisch nicht
anzugebenden Beschaffenheit, diesen Kategorien gemäß, ursprünglich
aussinnen und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde legen; denn
dieses hieße, der Vernunft leere Hirngespinste, statt der Begriffe von
Sachen, unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich irgend neue ursprüngliche
Kräfte zu erdenken, z.B. einen Verstand, der vermögend sei, seinen
Gegenstand ohne Sinne anzuschauen, oder eine Anziehungskraft ohne alle
Berührung, oder eine neue Art Substanzen, z.B. die ohne
Undurchdringlichkeit im Raume gegenwärtig wäre, folglich auch keine
Gemeinschaft der Substanzen, die von aller derjenigen unterschieden ist,
welche Erfahrung an die Hand gibt: keine Gegenwart anders, als im Raume;
keine Dauer, als bloß in der Zeit. Mit einem Worte: es ist unserer Vernunft
nur möglich, die Bedingungen möglicher Erfahrung als Bedingungen der
Möglichkeit der Sachen zu brauchen; keineswegs aber, ganz unabhängig
von diesen, sich selbst welche gleichsam zu schaffen, weil dergleichen
Begriffe, obzwar ohne Widerspruch, dennoch auch ohne Gegenstand sein
würden.

Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen, und haben freilich
keinen Gegenstand in irgendeiner Erfahrung, aber bezeichnen darum doch
nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene
Gegenstände. Sie sind bloß problematisch gedacht, um, in Beziehung auf
sie (als heuristische Fiktionen), regulative Prinzipien des systematischen
Verstandesgebrauchs im Felde der Erfahrung zu gründen. Geht man davon
ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht erweislich ist,
und die daher auch nicht der Erklärung wirklicher Erscheinungen durch
eine Hypothese zum Grunde gelegt werden können. Die Seele sich als
einfach denken, ist ganz wohl erlaubt, um, nach dieser Idee, eine
vollständige und notwendige Einheit aller Gemütskräfte, ob man sie gleich
nicht in concreto einsehen kann, zum Prinzip unserer Beurteilung ihrer

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inneren Erscheinungen zu legen. Aber die Seele als einfache Substanz
anzunehmen (ein transzendenter Begriff), wäre ein Satz, der nicht allein
unerweislich, (wie es mehrere physische Hypothesen sind,) sondern auch
ganz willkürlich und blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in
ganz und gar keiner Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter
Substanz hier das beharrliche Objekt der sinnlichen Anschauung versteht,
die Möglichkeit einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist. Bloß
intelligible Wesen, oder bloß intelligible Eigenschaften der Dinge der
Sinnenwelt, lassen sich mit keiner gegründeten Befugnis der Vernunft als
Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder
Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere
Einsicht dogmatisch ableugnen.

Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine anderen Dinge
und Erklärungsgründe, als die, so nach schon bekannten Gesetzen der
Erscheinungen mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden,
angeführt werden. Eine transzendentale Hypothese, bei der eine bloße Idee
der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde daher
gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten empirischen
Prinzipien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt werden würde,
davon man gar nichts versteht. Auch würde das Prinzip einer solchen
Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft und nicht zur
Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände
dienen. Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß wiederum aus
Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und hier sind selbst
die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, erträglicher, als eine
hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen göttlichen Urheber, den man zu
diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre ein Prinzip der faulen Vernunft
(ignava ratio), alle Ursachen, deren objektive Realität, wenigstens der
Möglichkeit nach, man noch durch fortgesetzte Erfahrung kann
kennenlernen, auf einmal vorbeizugehen, um in einer bloßen Idee, die der

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Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen. Was aber die absolute Totalität des
Erklärungsgrundes in der Reihe derselben betrifft, so kann das kein
Hindernis in Ansehung der Weltobjekte machen, weil, da diese nichts als
Erscheinungen sind, an ihnen niemals etwas Vollendetes in der Synthesis
der Reihen von Bedingungen gehofft werden kann.

Transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft,
und eine Freiheit, zu Ersetzung des Mangels an physischen
Erklärungsgründen, sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann gar
nicht gestattet werden, teils weil die Vernunft dadurch gar nicht weiter
gebracht wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres Gebrauchs
abschneidet, teils weil diese Lizenz sie zuletzt um alle Früchte der
Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens, nämlich der Erfahrung, bringen
müßte. Denn, wenn uns die Naturerklärung hier oder da schwer wird, so
haben wir beständig einen transzendenten Erklärungsgrund bei der Hand,
der uns jener Untersuchung überhebt, und unsere Nachforschung schließt
nicht durch Einsicht, sondern durch gänzliche Unbegreiflichkeit eines
Prinzips, welches so schon zum voraus ausgedacht war, daß es den Begriff
des absolut Ersten enthalten mußte.

Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer
Hypothese ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die Folgen,
welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke
hilfleistende Hypothesen herbeizurufen genötigt ist, so geben sie den
Verdacht einer bloßen Erdichtung, weil jede derselben an sich dieselbe
Rechtfertigung bedarf, welche der zum Grunde gelegte Gedanke nötig
hatte, und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben kann. Wenn, unter
Voraussetzung einer unbeschränkt vollkommenen Ursache, zwar an
Erklärungsgründen aller Zweckmäßigkeit, Ordnung und Größe, die sich in
der Welt finden, kein Mangel ist, so bedarf jene doch, bei den, wenigstens
nach unseren Begriffen, sich zeigenden Abweichungen und Übeln, noch

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neuer Hypothesen, um gegen diese, als Einwürfe, gerettet zu werden. Wenn
die einfache Selbständigkeit der menschlichen Seele, die zum Grunde ihrer
Erscheinungen gelegt worden, durch die Schwierigkeiten ihrer, den
Abänderungen einer Materie (dem Wachstum und Abnahme) ähnlichen
Phänomene angefochten wird, so müssen neue Hypothesen zu Hilfe gerufen
werden, die zwar nicht ohne Schein, aber doch ohne alle Beglaubigung
sind, außer derjenigen, welche ihnen die zum Hauptgrunde angenommene
Meinung gibt, der sie gleichwohl das Wort reden sollen.

Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen
(unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens) nicht
als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten sollen, so ist
alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle aber sehe man sich
ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit einer Demonstration
habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß wahrscheinlich machen zu
wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, ebenso, als wenn man einen Satz der
Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen gedächte. Die von aller
Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles nur a priori und als notwendig
oder gar nicht erkennen; daher ist ihr Urteil niemals Meinung, sondern
entweder Enthaltung von allem Urteile, oder apodiktische Gewißheit.
Meinungen und wahrscheinliche Urteile von dem, was Dingen zukommt,
können nur als Erklärungsgründe dessen, was wirklich gegeben ist, oder
Folgen nach empirischen Gesetzen von dem, was als wirklich zum Grunde
liegt, mithin nur in der Reihe der Gegenstände der Erfahrung vorkommen.
Außer diesem Felde ist meinen so viel, als mit Gedanken spielen, es müßte
denn sein, daß man von einem unsicheren Wege des Urteils bloß die
Meinung hätte, vielleicht auf ihm die Wahrheit zu finden.

Ob aber gleich bei bloß spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine
Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie dennoch
ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu verteidigen, d.i. zwar nicht im

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dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche. Ich verstehe aber
unter Verteidigung nicht die Vermehrung der Beweisgründe seiner
Behauptung, sondern die bloße Vereitlung der Scheineinsichten des
Gegners, welche unserem behaupteten Satze Abbruch tun sollen. Nun haben
aber alle synthetischen Sätze aus reiner Vernunft das Eigentümliche an sich:
daß, wenn der, welcher die Realität gewisser Ideen behauptet, gleich
niemals so viel weiß, um diesen seinen Satz gewiß zu machen, auf der
anderen Seite der Gegner ebensowenig wissen kann, um das Widerspiel zu
behaupten. Diese Gleichheit des Loses der menschlichen Vernunft,
begünstigt nun zwar im spekulativen Erkenntnisse keinen von beiden, und
da ist auch der rechte Kampfplatz nimmer beizulegender Fehden. Es wird
sich aber in der Folge zeigen, daß doch, in Ansehung des praktischen
Gebrauchs, die Vernunft ein Recht habe, etwas anzunehmen, was sie auf
keine Weise im Felde der bloßen Spekulation, ohne hinreichende
Beweisgründe, vorauszusetzen befugt wäre; weil alle solche
Voraussetzungen der Vollkommenheit der Spekulation Abbruch tun, um
welche sich aber das praktische Interesse gar nicht bekümmert. Dort ist sie
also im Besitze, dessen Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf, und wovon
sie in der Tat den Beweis auch nicht führen könnte. Der Gegner soll also
beweisen. Da dieser aber ebensowenig etwas von dem bezweifelten
Gegenstande weiß, um dessen Nichtsein darzutun, als der erstere, der
dessen Wirklichkeit behauptet: so zeigt sich hier ein Vorteil auf der Seite
desjenigen, der etwas als praktisch notwendige Voraussetzung behauptet
(melior est conditio possidentis). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam
aus Notwehr eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegner
wider dieselbe, d.i. der Hypothesen zu bedienen, die gar nicht dazu dienen
sollen, um den Beweis derselben zu verstärken, sondern nur zu zeigen, daß
der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstande des Streites verstehe, als
daß er sich eines Vorteils der spekulativen Einsicht in Ansehung unserer
schmeicheln könne.

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Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen
erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu
verteidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst
suchen. Denn spekulative Vernunft in ihrem transzendentalen Gebrauche ist
an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten, liegen in
uns selbst. Wir müssen sie, gleich alten, aber niemals verjährenden
Ansprüchen, hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf deren
Vernichtigung zu gründen. Äußere Ruhe ist nur scheinbar. Der Keim der
Anfechtungen, der in der Natur der Menschenvernunft liegt, muß
ausgerottet werden; wie können wir ihn aber ausrotten, wenn wir ihm nicht
Freiheit, ja selbst Nahrung geben, Kraut auszuschießen, um sich dadurch zu
entdecken, und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen? Sinnet demnach
selbst auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen ist, und leihet ihm
sogar Waffen, oder räumet ihm den günstigsten Platz ein, den er sich nur
wünschen kann. Es ist hierbei gar nichts zu fürchten, wohl aber zu hoffen,
nämlich, daß ihr euch einen in alle Zukunft niemals mehr anzufechtenden
Besitz verschaffen werdet.

Zu euerer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen der
reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch kein
Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen, als die,
deren sich irgendein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn euch also,
wider die (in irgendeiner anderen nicht spekulativen Rücksicht)
angenommene immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung
unterworfene Natur der Seele, die Schwierigkeit aufstößt, daß gleichwohl
die Erfahrung sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer Geisteskräfte
bloß als verschiedene Modifikation unserer Organen zu beweisen scheine;
so könnt ihr die Kraft dieses Beweises dadurch schwächen, daß ihr
annehmt, unser Körper sei nichts, als die Fundamentalerscheinung, worauf,
als Bedingung, sich in dem jetzigen Zustande (im Leben) das ganze
Vermögen der Sinnlichkeit und hiermit alles Denken bezieht. Die Trennung

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vom Körper sei das Ende dieses sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntniskraft
und der Anfang des intellektuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache
des Denkens, sondern eine bloß restringierende Bedingung desselben,
mithin zwar als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto
mehr auch als Hindernis des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und
die Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese
nichts für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer
Organen. Ihr könnt aber noch weiter gehen, und wohl gar neue, entweder
nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig
machen.

Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen, sowie beim
vernunftslosen Geschöpfe, von der Gelegenheit, überdem aber auch oft vom
Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft sogar vom
Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider die Meinung der auf
Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauer eines Geschöpfs, dessen Leben
unter so unerheblichen und unserer Freiheit so ganz und gar überlassenen
Umständen zuerst angefangen hat. Was die Fortdauer der ganzen Gattung
(hier auf Erden) betrifft, so hat diese Schwierigkeit in Ansehung derselben
wenig auf sich, weil der Zufall im Einzelnen nichtsdestoweniger einer
Regel im Ganzen unterworfen ist; aber in Ansehung eines jeden Individuum
eine so mächtige Wirkung von so geringfügigen Ursachen zu erwarten,
scheint allerdings bedenklich. Hiewider könnt ihr aber eine transzendentale
Hypothese aufbieten: daß alles Leben eigentlich nur intelligibel sei, den
Zeitveränderungen gar nicht unterworfen, und weder durch Geburt
angefangen habe, noch durch den Tod geendigt werde. Daß dieses Leben
nichts als eine bloße Erscheinung, d.i. eine sinnliche Vorstellung von dem
reinen geistigen Leben, und die ganze Sinnenwelt ein bloßes Bild sei,
welches unserer jetzigen Erkenntnisart vorschwebt, und, wie ein Traum, an
sich keine objektive Realität habe: dass, wenn wir die Sachen und uns selbst
anschauen sollen, wie sie sind, wir uns in einer Welt geistiger Naturen

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sehen würden, mit welcher unsere einzig wahre Gemeinschaft weder durch
Geburt angefangen habe, noch durch den Leibestod (als bloße
Erscheinungen) aufhören werde, usw.

Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff
hypothetisch vorschützen, nicht das Mindeste wissen, noch im Ernste
behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur
Gegenwehr ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hierbei ganz
vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit erschöpft
zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen Bedingungen für
einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns Geglaubten
fälschlich ausgibt, nur zeigen: daß er ebensowenig durch bloße
Erfahrungsgesetze das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst
umspannen, als wir außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend
etwas auf gegründete Art erwerben können. Der solche hypothetische
Gegenmittel wider die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners
verkehrt, muß nicht dafür gehalten werden, als wolle er sie sich als seine
wahren Meinungen eigen machen. Er verläßt sie, sobald er den
dogmatischen Eigendünkel des Gegners abgefertigt hat. Denn so
bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen ist, wenn jemand sich in
Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd und verneinend verhält, so
ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe als Beweise des
Gegenteils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger stolz und
eingebildet, als ob er die bejahende Partei und deren Behauptung ergriffen
hätte.

Man sieht also hieraus, daß im spekulativen Gebrauche der Vernunft
Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur
relativ auf entgegengesetzte transzendente Anmaßungen haben. Denn die
Ausdehnung der Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der
Dinge überhaupt ist ebensowohl transzendent, als die Behauptung der

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objektiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgends als
außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was reine
Vernunft assertorisch urteilt, muß (wie alles, was Vernunft erkennt,)
notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie in der Tat gar
keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind nur problematische
Urteile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich freilich durch nichts
bewiesen werden können, und sind also keine Privatmeinungen, können
aber doch nicht füglich (selbst zur inneren Beruhigung) gegen sich regende
Skrupel entbehrt werden. In dieser Qualität aber muß man sie erhalten, und
ja sorgfältig verhüten, daß sie nicht als an sich selbst beglaubigt, und von
einiger absoluten Gültigkeit, auftreten, und die Vernunft unter Erdichtungen
und Blendwerken ersäufen.

Des ersten Hauptstücks
Vierter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise

Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das
Eigentümliche, unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis a
priori, an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe sich
nicht geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern zuvor die
objektive Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis
derselben a priori dartun muß. Dieses ist nicht etwa bloß eine nötige Regel
der Behutsamkeit, sondern betrifft das Wesen und die Möglichkeit der
Beweise selbst. Wenn ich über den Begriff von einem Gegenstande a priori
hinausgehen soll, so ist dieses, ohne einen besonderen und außerhalb
diesem Begriffe befindlichen Leitfaden, unmöglich. In der Mathematik ist
es die Anschauung a priori, die meine Synthesis leitet, und da können alle
Schlüsse unmittelbar von der reinen Anschauung geführt werden. Im
transzendentalen Erkenntnis, so lange es bloß mit Begriffen des Verstandes

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zu tun hat, ist diese Richtschnur die mögliche Erfahrung. Der Beweis zeigt
nämlich nicht, daß der gegebene Begriff (z.B. von dem, was geschieht,)
geradezu auf einen anderen Begriff (den einer Ursache) führe; denn
dergleichen Übergang wäre ein Sprung, der sich gar nicht verantworten
ließe; sondern er zeigt, daß die Erfahrung selbst, mithin das Objekt der
Erfahrung, ohne eine solche Verknüpfung unmöglich wäre. Also mußte der
Beweis zugleich die Möglichkeit anzeigen, synthetisch und a priori zu einer
gewissen Erkenntnis von Dingen zu gelangen, die in dem Begriffe von
ihnen nicht enthalten war. Ohne diese Aufmerksamkeit laufen die Beweise
wie Wasser, welche ihre Ufer durchbrechen, wild und querfeldein, dahin,
wo der Hang der verborgenen Assoziation sie zufälligerweise herleitet. Der
Schein der Überzeugung, welcher auf subjektiven Ursachen der Assoziation
beruht, und für die Einsicht einer natürlichen Affinität gehalten wird, kann
der Bedenklichkeit gar nicht die Wage halten, die sich billigermaßen über
dergleichen gewagte Schritte einfinden muß. Daher sind auch alle Versuche,
den Satz des zureichenden Grundes zu beweisen, nach dem allgemeinen
Geständnisse der Kenner, vergeblich gewesen, und ehe die transzendentale
Kritik auftrat, hat man lieber, da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen
konnte, sich trotzig auf den gesunden Menschenverstand berufen, (eine
Zuflucht, die jederzeit beweist, daß die Sache der Vernunft verzweifelt ist,)
als neue dogmatische Beweise versuchen wollen.

Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine
Behauptung der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer Ideen
über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe noch
vielmehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der Synthesis (wenn er
anders möglich wäre) als eine notwendige Bedingung seiner Beweiskraft in
sich enthalten. So scheinbar daher auch der vermeintliche Beweis der
einfachen Natur unserer denkenden Substanz aus der Einheit der
Apperzeption sein mag, so steht ihm doch die Bedenklichkeit unabweislich
entgegen: daß, da die absolute Einfachheit doch kein Begriff ist, der

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unmittelbar auf eine Wahrnehmung bezogen werden kann, sondern als Idee
bloß geschlossen werden muß, gar nicht einzusehen ist, wie mich das bloße
Bewußtsein, welches in allem Denken enthalten ist, oder wenigstens sein
kann, ob es zwar sofern eine einfache Vorstellung ist, zu dem Bewußtsein
und der Kenntnis eines Dinges überführen solle, in welchem das Denken
allein enthalten sein kann. Denn, wenn ich mir die Kraft meines Körpers in
Bewegung vorstelle, so ist er sofern für mich absolute Einheit, und meine
Vorstellung von ihm ist einfach; daher kann ich diese auch durch die
Bewegung eines Punkts ausdrücken, weil sein Volumen hierbei nichts tut,
und, ohne Verminderung der Kraft, so klein, wie man will, und also auch als
in einem Punkt befindlich gedacht werden kann. Hieraus werde ich aber
doch nicht schließen: daß, wenn mir nichts, als die bewegende Kraft eines
Körpers, gegeben ist, der Körper als einfache Substanz gedacht werden
könne, darum, weil seine Vorstellung von aller Größe des Raumesinhalts
abstrahiert und also einfach ist. Hierdurch nun, daß das Einfache in der
Abstraktion vom Einfachen im Objekt ganz unterschieden ist, und daß das
Ich, welches im ersteren Verstande gar keine Mannigfaltigkeit in sich faßt,
im zweiten, da es die Seele selbst bedeutet, ein sehr komplexen Begriff sein
kann, nämlich sehr vieles unter sich zu enthalten und zu bezeichnen,
entdecke ich einen Paralogismus. Allein, um diesen vorher zu ahnden,
(denn ohne eine solche vorläufige Vermutung würde man gar keinen
Verdacht gegen den Beweis fassen,) ist durchaus nötig, ein
immerwährendes Kriterium der Möglichkeit solcher synthetischen Sätze die
mehr beweisen sollen, als Erfahrung geben kann, bei Hand zu haben,
welches darin besteht: daß der Beweis nicht geradezu auf das verlangte
Prädikat, sondern nur vermittelst eines Prinzips der Möglichkeit, unseren
gegebenen Begriff a priori bis zu Ideen zu erweitern, und diese zu
realisieren, geführt werde. Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird,
wenn man, ehe der Beweis noch versucht wird, zuvor weislich bei sich zu
Rate geht, wie und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine

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solche Erweiterung durch reine Vernunft erwarten könne, und woher man,
in dergleichen Falle, diese Einsichten, die nicht aus Begriffen entwickelt,
und auch nicht in Beziehung auf mögliche Erfahrung antizipiert werden
können, denn hernehmen wolle: so kann man sich viel schwere und
dennoch fruchtlose Bemühungen ersparen, indem man der Vernunft nichts
zumutet, was offenbar über ihr Vermögen geht, oder vielmehr sie, die, bei
Anwandlungen ihrer spekulativen Erweiterungssucht, sich nicht gerne
einschränken läßt, der Disziplin der Enthaltsamkeit unterwirft.

Die erste Regel ist also diese: keine transzendentalen Beweise zu
versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu haben,
woher man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu errichten
gedenkt, und mit welchem Rechte man von ihnen den guten Erfolg der
Schlüsse erwarten könne. Sind es Grundsätze des Verstandes (z.B. der
Kausalität), so ist es umsonst, vermittelst ihrer zu Ideen der reinen Vernunft
zu gelangen; denn jene gelten nur für Gegenstände möglicher Erfahrung.
Sollen es Grundsätze aus reiner Vernunft sein, so ist wiederum alle Mühe
umsonst. Denn die Vernunft hat deren zwar, aber als objektive Grundsätze
sind sie insgesamt dialektisch, und können allenfalls nur wie regulative
Prinzipien des systematisch zusammenhängenden Erfahrungsgebrauchs
gültig sein. Sind aber dergleichen angebliche Beweise schon vorhanden: so
setzet der trüglichen Überzeugung das non liquet eurer gereiften
Urteilskraft entgegen, und, ob ihr gleich das Blendwerk derselben noch
nicht durchdringen könnt, so habt ihr doch völliges Recht, die Deduktion
der darin gebrauchten Grundsätze zu verlangen, welche, wenn sie aus
bloßer Vernunft entsprungen sein sollen, euch niemals geschafft werden
kann. Und so habt ihr nicht einmal nötig, euch mit der Entwicklung und
Widerlegung eines jeden grundlosen Scheins zu befassen, sondern könnt
alle an Kunstgriffen unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer
kritischen Vernunft, welche Gesetze verlangt, in ganzen Haufen auf einmal
abweisen.

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Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese: daß zu
jedem transzendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden
könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung, die einem
Begriffe korrespondiert, es sei nun eine reine Anschauung, wie in der
Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft, schließen: so
gibt mir die zum Grunde gelegte Anschauung mannigfaltigen Stoff zu
synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr als eine Art verknüpfen, und,
indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen darf, durch verschiedene
Wege zu demselben Satze gelangen kann.

Nun geht aber ein jeder transzendentaler Satz bloß von Einem Begriffe
aus, und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des
Gegenstandes nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein
einziger sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch der
Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter, als die
Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe, der auch
nur ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z.B. in der transzendentalen
Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat eine Ursache, aus der
einzigen Bedingung der objektiven Möglichkeit eines Begriffs, von dem,
was überhaupt geschieht, gezogen: daß die Bestimmung einer Begebenheit
in der Zeit, mithin diese (Begebenheit) als zur Erfahrung gehörig, ohne
unter einer solchen dynamischen Regel zu stehen, unmöglich wäre. Dieses
ist nun auch der einzig mögliche Beweisgrund; denn dadurch nur, daß dem
Begriffe vermittelst des Gesetzes der Kausalität ein Gegenstand bestimmt
wird, hat die vorgestellte Begebenheit objektive Gültigkeit, d.i. Wahrheit.
Man hat zwar noch andere Beweise von diesem Grundsatze z.B. aus der
Zufälligkeit versucht; allein, wenn dieser beim Lichte betrachtet wird, so
kann man kein Kennzeichen der Zufälligkeit auffinden, als das Geschehen,
d.i. das Dasein, vor welchem ein Nichtsein des Gegenstandes vorhergeht,
und kommt also immer wiederum auf den nämlichen Beweisgrund zurück.
Wenn der Satz bewiesen werden soll: alles, was denkt, ist einfach; so hält

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man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des Denkens auf, sondern beharrt
bloß bei dem Begriffe des Ich, welcher einfach ist und worauf alles Denken
bezogen wird. Ebenso ist es mit dem transzendentalen Beweise vom Dasein
Gottes bewandt, welcher lediglich auf der Reziprokabilität der Begriffe vom
realsten und notwendigen Wesen beruht, und nirgends anders gesucht
werden kann.

Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der
Vernunftbehauptungen sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr Geschäft
durch bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis möglich, wenn
überall nur irgendeiner möglich ist. Daher, wenn man schon den
Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man sicher glauben,
daß er gar keinen habe. Denn, hätte er einen, der (wie es in Sachen der
reinen Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu bedürfte er der
übrigen? Seine Absicht ist nur, wie die von jenem Parlamentsadvokaten:
das eine Argument ist für diesen, das andere für jenen, nämlich, um sich die
Schwäche seiner Richter zunutze zu machen, die, ohne sich tief einzulassen,
und, um von dem Geschäft bald loszukommen, das Erstebeste, was ihnen
eben auffällt, ergreifen und darnach entscheiden.

Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in
Ansehung transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird, ist:
daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv sein
müssen. Der direkte oder ostensive Beweis ist in aller Art der Erkenntnis
derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit, zugleich
Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische dagegen kann
zwar Gewißheit, aber nicht Begrifflichkeit der Wahrheit in Ansehung des
Zusammenhanges mit den Gründen ihrer Möglichkeit hervorbringen. Daher
sind die letzteren mehr eine Nothilfe, als ein Verfahren, welches allen
Absichten der Vernunft ein Genüge tut. Doch haben diese einen Vorzug der
Evidenz vor den direkten Beweisen, darin: daß der Widerspruch allemal

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mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich führt, als die beste Verknüpfung,
und sich dadurch dem Anschaulichen einer Demonstration mehr nähert.

Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in
verschiedenen Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von denen
eine gewisse Erkenntnis abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig oder zu tief
verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die Folgen zu
erreichen sei. Nun wäre der modus ponens, auf die Wahrheit einer
Erkenntnis aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur alsdann erlaubt,
wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn alsdann ist zu diesem
nur ein einziger Grund möglich, der also auch der wahre ist. Dieses
Verfahren aber ist untunlich, weil es über unsere Kräfte geht, alle möglichen
Folgen von irgendeinem angenommenen Satze einzusehen; doch bedient
man sich dieser Art zu schließen, obzwar freilich mit einer gewissen
Nachsicht, wenn es darum zu tun ist, um etwas bloß als Hypothese zu
beweisen, indem man den Schluß nach der Analogie einräumt: daß, wenn so
viele Folgen, als man nur immer versucht hat, mit einem angenommenen
Grunde wohl zusammenstimmen, alle übrigen möglichen auch darauf
einstimmen werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine
Hypothese in demonstrierte Wahrheit verwandelt werden. Der modus
tollens der Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen,
beweist nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn, wenn
auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden kann,
so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der Gründe in einem
ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit einer Erkenntnis,
vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre Möglichkeit, führen kann, darf
man nur unter den aus dem Gegenteil derselben fließenden Folgen eine
einzige falsch finden, so ist dieses Gegenteil auch falsch, mithin die
Erkenntnis, welche man zu beweisen hatte, wahr.

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Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt
sein, wo es unmöglich ist, das Subjektive unserer Vorstellungen dem
Objektiven, nämlich der Erkenntnis desjenigen, was am Gegenstande ist,
unterzuschieben. Wo dieses letztere aber herrschend ist, da muß es sich
häufig zutragen, daß das Gegenteil eines gewissen Satzes entweder bloß
den subjektiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht dem
Gegenstande, oder daß beide Sätze nur unter einer subjektiven Bedingung,
die, fälschlich für objektiv gehalten, einander widersprechen, und da die
Bedingung falsch ist, alle beide falsch sein können, ohne daß von der
Falschheit des einen auf die Wahrheit des anderen geschlossen werden
kann.

In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie
daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil sich
daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene
Erschleichung durch viel verglichene Beobachtungen zwar so mehrenteils
verhütet werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrenteils
unerheblich. Aber die transzendentalen Versuche der reinen Vernunft
werden insgesamt innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen
Scheins angestellt, d.i. des Subjektiven, welches sich der Vernunft in ihren
Prämissen als objektiv anbietet, oder gar aufdrängt. Hier nun kann es, was
synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden, seine Behauptungen
dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegenteil widerlegt. Denn, entweder
diese Widerlegung ist nichts anderes, als die bloße Vorstellung des
Widerstreits der entgegengesetzten Meinung, mit den subjektiven
Bedingungen der Begreiflichkeit durch unsere Vernunft, welches gar nichts
dazu tut, um die Sache selbst darum zu verwerfen, (sowie z.B. die
unbedingte Notwendigkeit im Dasein eines Wesens schlechterdings von uns
nicht begriffen werden kann, und sich daher subjektiv jedem spekulativen
Beweise eines notwendigen obersten Wesens mit Recht, der Möglichkeit
eines solchen Urwesens aber an sich selbst mit Unrecht widersetzt,) oder

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beide, sowohl der behauptende, als der verneinende Teil, legen, durch den
transzendentalen Schein betrogen, einen unmöglichen Begriff vom
Gegenstande zum Grunde, und da gilt die Regel: non entis nulla sunt
praedicata, d.i. sowohl was man bejahend, als was man verneinend von dem
Gegenstande behauptete, ist beides unrichtig, und man kann nicht
apagogisch durch die Widerlegung des Gegenteils zur Erkenntnis der
Wahrheit gelangen. So zum Beispiel, wenn vorausgesetzt wird, daß die
Sinnenwelt an sich selbst ihrer Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch,
daß sie entweder unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt
sein müsse, darum weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße
Vorstellungen), die doch an sich selbst (als Objekte) gegeben wären, sind
etwas Unmögliches, und die Unendlichkeit dieses eingebildeten Ganzen
würde zwar unbedingt sein, widerspräche aber (weil alles an Erscheinungen
bedingt ist) der unbedingten Größenbestimmung, die doch im Begriffe
vorausgesetzt wird.

Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit
die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler
jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der die Ehre
und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch beweisen will,
daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht, der es bezweifeln
wollte, obgleich durch solche Großsprecherei nichts in der Sache, sondern
nur der respektiven Stärke der Gegner ausgemacht wird, und zwar auch nur
auf der Seite desjenigen, der sich angreifend verhält. Die Zuschauer, indem
sie sehen, daß ein jeder in seiner Reihe bald Sieger ist, bald unterliegt,
nehmen oftmals daraus Anlaß, das Objekt des Streites selbst skeptisch zu
bezweifeln. Aber sie haben nicht Ursache dazu, und es ist genug, ihnen
zuzurufen: non defensoribus istis tempus eget. Ein jeder muß seine Sache
vermittelst eines durch transzendentale Deduktion der Beweisgründe
geführten rechtlichen Beweises, d.i. direkt, führen, damit man sehe, was
seine Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben. Denn, fußet sich

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sein Gegner auf subjektive Gründe, so ist er freilich leicht zu widerlegen,
aber ohne Vorteil für den Dogmatiker, der gemeiniglich ebenso den
subjektiven Ursachen des Urteils anhängt, und gleichergestalt von seinem
Gegner in die Enge getrieben werden kann. Verfahren aber beide Teile bloß
direkt, so werden sie entweder die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, den
Titel ihrer Behauptungen auszufinden, von selbst bemerken, und sich
zuletzt nur auf Verjährung berufen können, oder die Kritik wird den
dogmatischen Schein leicht entdecken, und die reine Vernunft nötigen, ihre
zu hoch getriebenen Anmaßungen im spekulativen Gebrauch aufzugeben,
und sich innerhalb die Grenzen ihres eigentümlichen Bodens, nämlich
praktischer Grundsätze, zurückzuziehen.

Der transzendentalen Methodenlehre
Zweites Hauptstück
Der Kanon der reinen Vernunft

Es ist demütigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem reinen
Gebrauche nichts ausrichtet, und sogar noch einer Disziplin bedarf, um ihre
Ausschweifungen zu bändigen, und die Blendwerke, die ihr daher kommen,
zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie wiederum und gibt ihr ein
Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese Disziplin selbst ausüben kann und
muß, ohne eine andere Zensur über sich zu gestatten, imgleichen daß die
Grenzen, die sie ihrem spekulativen Gebrauche zu setzen genötigt ist,
zugleich die vernünftelnden Anmaßungen jeden Gegners einschränken, und
mithin alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen
übrigbleiben möchte, gegen alle Angriffe sicherstellen könne. Der größte
und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also
wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon, zur Erweiterung,
sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient, und, anstatt Wahrheit zu
entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrtümer zu verhüten.

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Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen
geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die vielleicht
nur durch Mißverstand zu Irrtümern Anlaß geben, in der Tat aber das Ziel
der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher Ursache sollte sonst
wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus über die Grenze der
Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen, zuzuschreiben sein? Sie
ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse für sie bei sich führen. Sie tritt
den Weg der bloßen Spekulation an, um sich ihnen zu nähern; aber diese
fliehen vor sie. Vermutlich wird auf dem einzigen Wege, der ihr noch übrig
ist, nämlich dem des praktischen Gebrauchs, besseres Glück für sie zu
hoffen sein.

Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori des
richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen überhaupt. So ist die
allgemeine Logik in ihrem analytischen Teile ein Kanon für Verstand und
Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie abstrahiert von allem
Inhalte. So war die transzendentale Analytik der Kanon des reinen
Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer Erkenntnisse a priori
fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer Erkenntniskraft möglich ist, da
gibt es keinen Kanon. Nun ist alle synthetische Erkenntnis der reinen
Vernunft in ihrem spekulativen Gebrauche, nach allen bisher geführten
Beweisen, gänzlich unmöglich. Also gibt es gar keinen Kanon des
spekulativen Gebrauchs derselben (denn dieser ist durch und durch
dialektisch), sondern alle transzendentale Logik ist in dieser Absicht nichts
als Disziplin. Folglich, wenn es überall einen richtigen Gebrauch der reinen
Vernunft gibt, in welchem Fall es auch einen Kanon derselben geben muß,
so wird dieser nicht den spekulativen, sondern den praktischen
Vernunftgebrauch betreffen, den wir also jetzt untersuchen wollen.

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Des Kanons der reinen Vernunft
Erster Abschnitt
Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft

Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den
Erfahrungsgebrauch hinauszugehen, sich in einem reinen Gebrauche und
vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis hinaus
zu wagen, und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in einem für
sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist nun diese
Bestrebung bloß auf ihr spekulatives, oder vielmehr einzig und allein auf
ihr praktisches Interesse gegründet?

Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in spekulativer Absicht
macht, jetzt beiseite setzen, und frage nur nach den Aufgaben, deren
Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen
oder nicht, und in Ansehung dessen alle anderen bloß den Wert der Mittel
haben. Diese höchsten Zwecke werden, nach der Natur der Vernunft,
wiederum Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der Menschheit,
welches keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu befördern.

Die Endabsicht, worauf die Spekulation der Vernunft im transzendentalen
Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei Gegenstände: die Freiheit des
Willens, die Unsterblichkeit der Seele, und das Dasein Gottes. In Ansehung
aller drei ist das bloß spekulative Interesse der Vernunft nur sehr gering,
und in Absicht auf dasselbe würde wohl schwerlich eine ermüdende, mit
unaufhörlichen Hindernissen ringende Arbeit transz. Nachforschung
übernommen werden, weil man von allen Entdeckungen, die hierüber zu
machen sein möchten, doch keinen Gebrauch machen kann, der in concreto,
d.i. in der Naturforschung, seinen Nutzen bewiese. Der Wille mag auch frei
sein, so kann dieses doch nur die intelligible Ursache unseres Wollens
angehen. Denn, was die Phänomene der Äußerungen desselben, d.i. die

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Handlungen betrifft, so müssen wir, nach einer unverletzlichen
Grundmaxime, ohne welche wir keine Vernunft im empirischen Gebrauche
ausüben können, sie niemals anders als alle übrigen Erscheinungen der
Natur, nämlich nach unwandelbaren Gesetzen derselben, erklären. Es mag
zweitens auch die geistige Natur der Seele (und mit derselben ihre
Unsterblichkeit) eingesehen werden können, so kann darauf doch, weder in
Ansehung der Erscheinungen dieses Lebens, als einen Erklärungsgrund,
noch auf die besondere Beschaffenheit des künftigen Zustandes Rechnung
gemacht werden, weil unser Begriff einer unkörperlichen Natur bloß
negativ ist, und unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitert, noch
einigen tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet, als etwa zu solchen, die
nur für Erdichtungen gelten können, die aber von der Philosophie nicht
gestattet werden. Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten Intelligenz
bewiesen wäre: so würden wir uns zwar daraus das Zweckmäßige in der
Welteinrichtung und Ordnung in allgemeinen begreiflich machen,
keineswegs aber befugt sein, irgendeine besondere Anstalt und Ordnung
daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen wird, darauf kühnlich
zu schließen, indem es eine notwendige Regel des spekulativen Gebrauchs
der Vernunft ist, Naturursachen nicht vorbeizugehen, und das, wovon wir
uns durch Erfahrung belehren können, aufzugeben, um etwas, was wir
kennen, von demjenigen abzuleiten, was alle unsere Kenntnis gänzlich
übersteigt. Mit einem Worte, diese drei Sätze bleiben für die spekulative
Vernunft jederzeit transzendent, und haben gar keinen immanenten, d.i. für
Gegenstände der Erfahrung zulässigen, mithin für uns auf einige Art
nützlichen Gebrauch, sondern sind an sich betrachtet ganz müßige und
dabei noch äußert schwere Anstrengungen unserer Vernunft.

Wenn demnach diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig
sind, und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen
werden; so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische
angehen müssen.

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Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist. Wenn die Bedingungen
der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind, so kann die
Vernunft dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch haben, und nur die
Einheit empirischer Gesetze zu bewirken dienen, wie z.B. in der Lehre der
Klugheit die Vereinigung aller Zwecke, die uns von unseren Neigungen
aufgegeben sind, in den einigen, die Glückseligkeit, und die
Zusammenstimmung der Mittel, um dazu zu gelangen, das ganze Geschäft
der Vernunft ausmacht, die um deswillen keine anderen als pragmatische
Gesetze des freien Verhaltens, zu Erreichung der uns von den Sinnen
empfohlenen Zwecke, und also keine reinen Gesetze, völlig a priori
bestimmt, liefern kann. Dagegen würden reine praktische Gesetze, deren
Zweck durch die Vernunft völlig a priori gegeben ist, und die nicht
empirisch bedingt, sondern schlechthin gebieten, Produkte der reinen
Vernunft sein. Dergleichen aber sind die moralischen Gesetze, mithin
gehören diese allein zum praktischen Gebrauche der reinen Vernunft, und
erlauben einen Kanon.

Die ganze Zurüstung also der Vernunft, in der Bearbeitung, die man reine
Philosophie nennen kann, ist in der Tat nur auf die drei gedachten Probleme
gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre entferntere Absicht,
nämlich, was zu tun sei, wenn der Wille frei, wenn ein Gott und eine
künftige Welt ist. Da dieses nun unser Verhalten in Beziehung auf den
höchsten Zweck betrifft, so ist die letzte Absicht der weislich uns
versorgenden Natur, bei der Einrichtung unserer Vernunft, eigentlich nur
aufs Moralische gestellt.

Es ist aber Behutsamkeit nötig, um, da wir unser Augenmerk auf einen
Gegenstand werfen, der der transzendentalen Philosophie fremd* ist, nicht
in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu verletzen,
andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe zu wenig sagt,
es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu lassen. Ich hoffe

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beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe als möglich am
Transzendentalen halte und das, was etwa hierbei psychologisch, d.h.
empirisch sein möchte, gänzlich beiseite setze.

* Alle praktischen Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens,
oder Mißfallens, d.i. der Lust oder Unlust, mithin, wenigstens indirekt, auf
Gegenstände unseres Gefühls. Da dieses aber keine Vorstellungskraft der
Dinge ist, sondern außer der gesamten Erkenntniskraft liegt, so gehören die
Elemente unserer Urteile, sofern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen,
mithin der praktischen, nicht in den Inbegriff der
Transzendentalphilosophie, welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a
priori zu tun hat.

Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich vorjetzt des Begriffs
der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde, und den in
transzendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der
Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein
Problem für die Vernunft ist, hier, als oben abgetan, beiseite setze. Eine
Willkür nämlich ist bloß tierisch (arbitrium brutum), die nicht anders als
durch sinnliche Antriebe, d.i. pathologisch bestimmt werden kann.
Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben, mithin durch
Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt werden, bestimmt
werden kann, heißt die freie Willkür (arbitrium liberum), und alles, was mit
dieser, es sei als Grund oder Folge, zusammenhängt, wird Praktisch
genannt. Die praktische Freiheit kann durch Erfahrung bewiesen werden.
Denn, nicht bloß das, was reizt, d.i. die Sinne unmittelbar affiziert,
bestimmt die menschliche Willkür, sondern wir haben ein Vermögen, durch
Vorstellungen von dem, was selbst auf entferntere Art nützlich oder
schädlich ist, die Eindrücke auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu
überwinden; diese Überlegungen aber von dem, was in Ansehung unseres
ganzen Zustandes begehrungswert, d.i. gut und nützlich ist, beruhen auf der

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Vernunft. Diese gibt daher auch Gesetze, welche Imperative, d.i. objektive
Gesetze der Freiheit sind, und welche sagen, was geschehen soll, ob es
gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die nur
von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch
praktische Gesetze genannt werden.

Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze
vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei, und
das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in Ansehung
höherer und entfernterer wirkender Ursachen nicht wiederum Natur sein
möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft um die
Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern ist eine bloß
spekulative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht aufs Tun oder Lassen
gerichtet ist, beiseite setzen können. Wir erkennen also die praktische
Freiheit durch Erfahrung, als eine von den Naturursachen, nämlich eine
Kausalität der Vernunft in Bestimmung des Willens, indessen daß die
transzendentale Freiheit eine Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in
Ansehung ihrer Kausalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen,) von
allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt fordert, und sofern dem
Naturgesetze, mithin aller möglichen Erfahrung, zuwider zu sein scheint,
und also ein Problem bleibt. Allein vor die Vernunft im praktischen
Gebrauche gehört dieses Problem nicht, also haben wir es in einem Kanon
der reinen Vernunft nur mit zwei Fragen zu tun, die das praktische Interesse
der reinen Vernunft angehen, und in Ansehung deren ein Kanon ihres
Gebrauchs möglich sein muß, nämlich: ist ein Gott? ist ein künftiges
Leben? Die Frage wegen der transzendentalen Freiheit betrifft bloß das
spekulative Wissen, welche wir als ganz gleichgültig beiseite setzen
können, wenn es um das Praktische zu tun ist, und worüber in der
Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende Erörterung zu finden ist.

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Des Kanons der reinen Vernunft
Zweiter Abschnitt
Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des
letzten Zwecks der reinen Vernunft

Die Vernunft führte uns in ihrem spekulativen Gebrauche durch das Feld
der Erfahrungen, und, weil daselbst für sie niemals völlige Befriedigung
anzutreffen ist, von da zu spekulativen Ideen, die uns aber am Ende
wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre Absicht auf eine zwar
nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht gemäße Art erfüllten. Nun
bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob nämlich auch reine Vernunft im
praktischen Gebrauche anzutreffen sei, ob sie in demselben zu den Ideen
führe, welche die höchsten Zwecke der reinen Vernunft, die wir eben
angeführt haben, erreichen, und diese also aus dem Gesichtspunkte ihres
praktischen Interesses nicht dasjenige gewähren könne, was sie uns in
Ansehung des spekulativen ganz und gar abschlägt.

Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das
praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:

1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf
ich hoffen?

Die erste Frage ist bloß spekulativ. Wir haben (wie ich mir schmeichle)
alle möglichen Beantwortungen derselben erschöpft und endlich diejenige
gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar befriedigen muß, und, wenn
sie nicht aufs Praktische sieht, auch Ursache hat zufrieden zu sein; sind aber
von den zwei großen Zwecken, worauf diese ganze Bestrebung der reinen
Vernunft eigentlich gerichtet war, ebenso weit entfernt geblieben, als ob wir
uns aus Gemächlichkeit dieser Arbeit gleich anfangs verweigert hätten.
Wenn es also um Wissen zu tun ist, so ist wenigstens so viel sicher und

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ausgemacht, daß uns dieses, in Ansehung jener zwei Aufgaben, niemals
zuteil werden könne.

Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar der
reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transzendental,
sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht
beschäftigen.

Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun tue, was ich soll, was darf ich
alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so, daß das
Praktische nur als ein Leitfaden zur Beantwortung der theoretischen, und,
wenn diese hoch geht, spekulativen Frage führt. Denn alles Hoffen geht auf
Glückseligkeit, und ist in Absicht auf das Praktische und das Sittengesetz
eben dasselbe, was das Wissen und das Naturgesetz in Ansehung der
theoretischen Erkenntnis der Dinge ist. Jenes läuft zuletzt auf den Schluß
hinaus, daß etwas sei (was den letzten möglichen Zweck bestimmt), weil
etwas geschehen soll; dieses, daß etwas sei (was als oberste Ursache wirkt),
weil etwas geschieht.

Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen, (sowohl
extensive, der Mannigfaltigkeit der selben, als intensive, dem Grade, und
auch protensive, der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus dem
Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch
(Klugheitsregel); dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum
Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu sein,
moralisch (Sittengesetz). Das erstere rät, was zu tun sei, wenn wir der
Glückseligkeit wollen teilhaftig, das zweite gebietet, wie wir uns verhalten
sollen, um nur der Glückseligkeit würdig zu werden. Das erstere gründet
sich auf empirische Prinzipien; denn anders, als vermittelst der Erfahrung,
kann ich weder wissen, welche Neigungen da sind, die befriedigt werden
wollen, noch welches die Naturursachen sind, die ihre Befriedigung

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bewirken können. Das zweite abstrahiert von Neigungen, und Naturmitteln
sie zu befriedigen, und betrachtet nur die Freiheit eines vernünftigen
Wesens überhaupt, und die notwendigen Bedingungen, unter denen sie
allein mit der Austeilung der Glückseligkeit nach Prinzipien
zusammenstimmt, und kann also wenigstens auf bloßen Ideen der reinen
Vernunft beruhen und a priori erkannt werden.

Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die völlig a
priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d.i.
Glückseligkeit,) das Tun und Lassen, d.i. den Gebrauch der Freiheit eines
vernünftigen Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze
schlechterdings (nicht bloß hypothetisch unter Voraussetzung anderer
empirischen Zwecke) gebieten, und also in aller Absicht notwendig sind.
Diesen Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein, indem ich mich
auf die Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf das sittliche
Urteil eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein dergleichen Gesetz
deutlich denken will.

Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen, aber
doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen Gebrauche,
Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher Handlungen, die
den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte des Menschen
anzutreffen sein könnten. Denn, da sie gebietet, daß solche geschehen
sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es muß also eine
besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die moralische, möglich
sein, indessen daß die systematische Natureinheit nach spekulativen
Prinzipien der Vernunft nicht bewiesen werden konnte, weil die Vernunft
zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt, aber nicht in Ansehung der
gesamten Natur Kausalität hat, und moralische Vernunftprinzipien zwar
freie Handlungen, aber nicht Naturgesetze hervorbringen können. Demnach

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haben die Prinzipien der reinen Vernunft in ihrem praktischen, namentlich
aber, dem moralischen Gebrauche, objektive Realität.

Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre, (wie
sie es denn, nach der Freiheit der vernünftigen Wesen, sein kann, und, nach
den notwendigen Gesetzen der Sittlichkeit, sein soll,) eine moralische Welt.
Diese wird sofern bloß als intelligible Welt gedacht, weil darin von allen
Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen Hindernissen der Moralität in
derselben (Schwäche oder Unlauterkeit der menschlichen Natur) abstrahiert
wird. Sofern ist sie also eine bloße, aber doch praktische Idee, die wirklich
ihren Einfluß auf die Sinnenwelt haben kann und soll, um sie dieser Idee so
viel als möglich gemäß zu machen. Die Idee einer moralischen Welt hat
daher objektive Realität, nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer
intelligiblen Anschauung ginge (dergleichen wir uns gar nicht denken
können), sondern auf die Sinnenwelt, aber als einen Gegenstand der reinen
Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, und ein corpus mysticum der
vernünftigen Wesen in ihr, sofern deren freie Willkür unter moralischen
Gesetzen sowohl mit sich selbst, als mit jedes anderen Freiheit
durchgängige systematische Einheit an sich hat.

Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen
Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Tue das, wodurch du würdig
wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun: wie, wenn ich mich nun so
verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei, darf ich auch
hoffen, ihrer dadurch teilhaftig werden zu können? Es kommt bei der
Beantwortung derselben darauf an, ob die Prinzipien der reinen Vernunft,
welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch diese Hoffnung
notwendigerweise damit verknüpfen.

Ich sage demnach: daß ebensowohl, als die moralischen Prinzipien nach
der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind, ebenso

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notwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen Gebrauch
anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben Maße zu
hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten würdig
gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem der
Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft
verbunden sei.

Nun läßt sich in einer intelligiblen, d.i. der moralischen Welt, in deren
Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der Neigungen,)
abstrahieren, ein solches System der mit der Moralität verbundenen
proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken, weil die durch
sittliche Gesetze teils bewegte, teils restringierte Freiheit, selbst die Ursache
der allgemeinen Glückseligkeit, die vernünftigen Wesen also selbst, unter
der Leitung solcher Prinzipien, Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer
dauerhafter Wohlfahrt sein würden. Aber dieses System der sich selbst
lohnenden Moralität ist nur eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung
beruht, daß jedermann tue, was er soll, d.i. alle Handlungen vernünftiger
Wesen so geschehen, als ob sie aus einem obersten Willen, der alle
Privatwillkür in sich, oder unter sich befaßt, entsprängen. Da aber die
Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetze für jedes besonderen
Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenngleich andere diesem Gesetze sich
nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der Welt, noch
der Kausalität der Handlungen selbst und ihrem Verhältnisse zur Sittlichkeit
bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit verhalten werden, und
die angeführte notwendige Verknüpfung der Hoffnung, glücklich zu sein,
mit dem unablässigen Bestreben, sich der Glückseligkeit würdig zu
machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt werden, wenn man bloß
Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft werden, wenn eine
höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen gebietet, zugleich als
Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird.

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Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch
vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache
aller Glückseligkeit in der Welt ist, sofern sie mit der Sittlichkeit (als der
Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht, das Ideal des
höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in dem Ideal des höchsten
ursprünglichen Guts den Grund der praktisch notwendigen Verknüpfung
beider Elemente des höchsten abgeleiteten Gutes, nämlich einer
intelligiblen d.i. moralischen Welt, antreffen. Da wir uns nun
notwendigerweise durch die Vernunft, als zu einer solchen Welt gehörig,
vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts als eine Welt von
Erscheinungen darstellen, so werden wir jene als eine Folge unseres
Verhaltens in der Sinnenwelt, da uns diese eine solche Verknüpfung nicht
darbietet, als eine für uns künftige Welt annehmen müssen. Gott also und
ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine
Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu
trennende Voraussetzungen.

Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die
Glückseligkeit, außer, sofern sie der Moralität genau angemessen ausgeteilt
ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt, unter einem weisen
Urheber und Regierer. Einen solchen, samt dem Leben in einer solchen
Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht sich die Vernunft
genötigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze als leere Hirngespinste
anzusehen, weil der notwendige Erfolg derselben, den dieselbe Vernunft mit
ihnen verknüpft, ohne jene Voraussetzung wegfallen müßte. Daher auch
jedermann die moralischen Gesetze als Gebote ansieht, welches sie aber
nicht sein könnten, wenn sie nicht a priori angemessene Folgen mit ihrer
Regel verknüpften, und also Verheißungen und Drohungen bei sich führten.
Dieses können sie aber auch nicht tun, wo sie nicht in einem notwendigen
Wesen, als dem höchsten Gut liegen, welches eine solche zweckmäßige
Einheit allein möglich machen kann.

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Leibnitz nannte die Welt, sofern man darin nur auf die vernünftigen
Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der
Regierung des höchsten Guts achthat, das Reich der Gnaden, und
unterschied es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen
Gesetzen stehen, aber keine anderen Erfolge ihres Verhaltens erwarten, als
nach dem Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche der
Gnaden zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer sofern wir
unseren Anteil an derselben durch die Unwürdigkeit, glücklich zu sein,
nicht selbst einschränken, ist eine praktisch notwendige Idee der Vernunft.

Praktische Gesetze, sofern sie zugleich subjektive Gründe der
Handlungen, d.i. subjektive Grundsätze werden, heißen Maximen. Die
Beurteilung der Sittlichkeit, ihrer Reinigkeit und Folgen nach,
geschieht nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen.

Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses geschehe,
wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine bloße
Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten nach
demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden
Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben, bestimmt. Ohne also
einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt, sind die
herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der
Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung, weil
sie nicht den ganzen Zweck, der einem jeden vernünftigen Wesen natürlich
und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist,
erfüllen.

Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das
vollständige Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung dieselbe
wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit, glücklich zu sein, d.i.

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dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist. Sittlichkeit allein, und, mit ihr,
die bloße Würdigkeit, glücklich zu sein, ist aber auch noch lange nicht das
vollständige Gut. Um dieses zu vollenden, muß der, so sich als der
Glückseligkeit nicht unwert verhalten hatte, hoffen können, ihrer teilhaftig
zu werden. Selbst die von aller Privatabsicht freie Vernunft, wenn sie, ohne
dabei ein eigenes Interesse in Betracht zu ziehen, sich in die Stelle eines
Wesens setzte, das alle Glückseligkeit anderen auszuteilen hätte, kann nicht
anders urteilen; denn in der praktischen Idee sind beide Stücke wesentlich
verbunden, obzwar so, daß die moralische Gesinnung, als Bedingung, den
Anteil an Glückseligkeit, und nicht umgekehrt die Aussicht auf
Glückseligkeit die moralische Gesinnung zuerst möglich mache. Denn im
letzteren Falle wäre sie nicht moralisch und also auch nicht der ganzen
Glückseligkeit würdig, die vor der Vernunft keine andere Einschränkung
erkennt, als die, welche von unserem eigenen unsittlichen Verhalten
herrührt.

Glückseligkeit also, in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der
vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein das
höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften der reinen
aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und welche freilich
nur eine intelligible Welt ist, da die Sinnenwelt uns von der Natur der Dinge
dergleichen systematische Einheit der Zwecke nicht verheißt, deren Realität
auch auf nichts anderes gegründet werden kann, als auf die Voraussetzung
eines höchsten ursprünglichen Guts, da selbständige Vernunft, mit aller
Zulänglichkeit einer obersten Ursache ausgerüstet, nach der
vollkommensten Zweckmäßigkeit die allgemeine, obgleich in der
Sinnenwelt uns sehr verborgene Ordnung der Dinge gründet, erhält und
vollführt.

Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der
spekulativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen,

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allervollkommensten und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns
spekulative Theologie nicht einmal aus objektiven Gründen hinweist,
geschweige uns davon überzeugen konnte. Denn, wir finden weder in der
transzendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch Vernunft
darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges Wesen
anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und von dem wir
zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen hinreichende Ursache
hätten. Dagegen, wenn wir aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Einheit,
als einem notwendigen Weltgesetze, die Ursache erwägen, die diesem allein
den angemessenen Effekt, mithin auch für uns verbindende Kraft geben
kann, so muß es ein einiger oberster Wille sein, der alle diese Gesetze in
sich befaßt. Denn, wie wollten wir unter verschiedenen Willen
vollkommene Einheit der Zwecke finden? Dieser Wille muß allgewaltig
sein, damit die ganze Natur und deren Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt
ihm unterworfen sei; allwissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und
deren moralischen Wert erkenne; allgegenwärtig, damit er unmittelbar allem
Bedürfnisse, welches das höchste Weltbeste erfordert, nahe sei; ewig, damit
in keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit ermangle,
usw.

Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der
Intelligenzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als ein
System der Freiheit aber, intelligible, d.i. moralische Welt (regnum gratiae)
genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf die zweckmäßige
Einheit aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen, nach allgemeinen
Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen und notwendigen
Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft mit der spekulativen.
Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen vorgestellt werden, wenn sie
mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne welchen wir uns selbst der
Vernunft unwürdig halten würden, nämlich dem moralischen, als welcher
durchaus auf der Idee des höchsten Guts beruht, zusammenstimmen soll.

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Dadurch bekommt alle Naturforschung eine Richtung nach der Form eines
Systems der Zwecke, und wird in ihrer höchsten Ausbreitung
Physikotheologie. Diese aber, da sie doch von sittlicher Ordnung, als einer
in dem Wesen der Freiheit gegründeten und nicht durch äußere Gebote
zufällig gestifteten Einheit, anhob, bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf
Gründe, die a priori mit der inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich
verknüpft sein müssen, und dadurch auf eine transzendentale Theologie, die
sich das Ideal der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem
Prinzip der systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und
notwendigen Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der
absoluten Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.

Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande machen,
selbst in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke vorsetzen?
Die höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese kann uns nur
reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen, und an dem
Leitfaden derselben, können wir von der Kenntnis der Natur selbst keinen
zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntnis machen, wo die
Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat; denn ohne diese
hätten wir sogar selbst keine Vernunft, weil wir keine Schule für dieselbe
haben würden, und keine Kultur durch Gegenstände, welche den Stoff zu
solchen Begriffen darböten. Jene zweckmäßige Einheit ist aber notwendig,
und in dem Wesen der Willkür selbst gegründet, diese also, welche die
Bedingung der Anwendung derselben in concreto enthält, muß es auch sein,
und so würde die transzendentale Steigerung unserer Vernunfterkenntnis
nicht die Ursache, sondern bloß die Wirkung von der praktischen
Zweckmäßigkeit sein, die uns die reine Vernunft auferlegt.

Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft: daß,
ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt, und die
systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus

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notwendigen Prinzipien eingesehen waren, die Kenntnis der Natur und
selbst ein ansehnlicher Grad der Kultur der Vernunft in manchen anderen
Wissenschaften, teils nur rohe und umherschweifende Begriffe von der
Gottheit hervorbringen konnte, teils eine zu bewundernde Gleichgültigkeit
überhaupt in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine größere Bearbeitung
sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine Sittengesetz unserer Religion
notwendig gemacht wurde, schärfte die Vernunft auf den Gegenstand, durch
das Interesse, das sie an demselben zu nehmen nötigte, und, ohne daß weder
erweiterte Naturerkenntnisse, noch richtige und zuverlässige
transzendentale Einsichten (dergleichen zu aller Zeit gemangelt haben),
dazu beitrugen, brachten sie einen Begriff vom göttlichen Wesen zustande,
den wir jetzt für den richtigen halten, nicht weil uns spekulative Vernunft
von dessen Richtigkeit überzeugt, sondern weil er mit den moralischen
Vernunftprinzipien vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende
doch immer nur reine Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche,
das Verdienst, ein Erkenntnis, das die bloße Spekulation nur wähnen, aber
nicht geltend machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen, und
dadurch zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma, aber doch zu einer
schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten
Zwecken zu machen.

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat,
nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf
sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle
empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur
unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von
diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm
abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische
Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder
eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und
daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom

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bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen,
von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen
Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft
uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich
halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote
ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit,
unter der zweckmäßigen Einheit nach Prinzipien der Vernunft, studieren,
und nur sofern glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das
Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst
lehrt, heilig halten, ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß wir das
Weltbeste an uns und an anderen befördern. Die Moraltheologie ist also nur
von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier in der Welt
zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen, und nicht
schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch
gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen, um ihn
unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches einen
transzendenten Gebrauch geben würde, aber ebenso, wie der der bloßen
Spekulation, die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und vereiteln muß.

Des Kanons der reinen Vernunft
Dritter Abschnitt
Vom Meinen, Wissen und Glauben

Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande, die auf
objektiven Gründen beruhen mag, aber auch subjektive Ursachen im
Gemüte dessen, der da urteilt, erfordert. Wenn es für jedermann gültig ist,
sofern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objektiv hinreichend,
und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung. Hat es nur in der
besonderer Beschaffenheit des Subjekts seinen Grund, so wird es
Überredung genannt.

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Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urteils, welcher
lediglich im Subjekte liegt, für objektiv gehalten wird. Daher hat ein
solches Urteil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt sich
nicht mitteilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung mit dem
Objekte, in Ansehung dessen folglich die Urteile eines jeden Verstandes
einstimmig sein müssen (consentientia uni tertio, consentiunt inter se). Der
Probierstein des Fürwahrhaltens, ob es Überzeugung oder bloße
Überredung sei, ist also, äußerlich, die Möglichkeit, dasselbe mitzuteilen
und das Fürwahrhalten für jedes Menschen Vernunft gültig zu befinden;
denn alsdann ist wenigstens eine Vermutung, der Grund der Einstimmung
aller Urteile, ungeachtet der Verschiedenheit der Subjekte untereinander,
werde auf dem gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem Objekte, beruhen,
mit welchem sie daher alle zusammenstimmen und dadurch die Wahrheit
des Urteils beweisen werden.

Überredung demnach kann von der Überzeugung subjektiv zwar nicht
unterschieden werden, wenn das Subjekt das Fürwahrhalten, bloß als
Erscheinung seines eigenen Gemüts, vor Augen hat; der Versuch aber, den
man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer
Verstand macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung tun, als
auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjektives, Mittel, zwar nicht
Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße Privatgültigkeit des Urteils,
d.i. etwas in ihm, was bloße Überredung ist, zu entdecken.

Kann man überdem die subjektiven Ursachen des Urteils, welche wir für
objektive Gründe desselben nehmen, entwickeln, und mithin das trügliche
Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüte erklären, ohne
dazu die Beschaffenheit des Objekts nötig zu haben, so entblößen wir den
Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen, obgleich immer noch
in gewissem Grade versucht, wenn die subjektive Ursache des Scheins
unserer Natur anhängt.

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Ich kann nichts behaupten, d.i. als ein für jedermann notwendig gültiges
Urteil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung kann ich für
mich behalten, wenn ich mich dabei wohlbefinde, kann sie aber und soll sie
außer mir nicht geltend machen wollen.

Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in
Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat
folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein mit
Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten.
Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv
unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl
subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. Die
subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die
objektive, Gewißheit (für jedermann). Ich werde mich bei der Erläuterung
so faßlicher Begriffe nicht aufhalten.

Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens etwas zu
wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil eine
Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig,
doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz einer solchen
Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn, wenn ich in Ansehung
dessen auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel der Einbildung,
ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urteilen aus reiner Vernunft
ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn, weil sie nicht auf
Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori erkannt werden
soll, wo alles notwendig ist, so erfordert das Prinzip der Verknüpfung
Allgemeinheit und Notwendigkeit, mithin völlige Gewißheit, widrigenfalls
gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen wird. Daher ist es ungereimt, in
der reinen Mathematik zu meinen; man muß wissen, oder sich alles
Urteilens enthalten. Ebenso ist es mit den Grundsätzen der Sittlichkeit

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bewandt, da man nicht auf bloße Meinung, daß etwas erlaubt sei, eine
Handlung wagen darf, sondern dieses wissen muß.

Im transzendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen freilich
zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß spekulativer Absicht können
wir also hier gar nicht urteilen; weil subjektive Gründe des Fürwahrhaltens,
wie die, so das Glauben bewirken können, bei spekulativen Fragen keinen
Beifall verdienen, da sie sich frei von aller empirischen Beihilfe nicht
halten, noch in gleichem Maße anderen mitteilen lassen.

Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch
unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische
Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der Sittlichkeit, die
erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber zu schlechthin
notwendigen Zwecken.

Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der
Erreichung desselben hypothetisch notwendig. Diese Notwendigkeit ist
subjektiv, aber doch nur komparativ zureichend, wenn ich gar keine anderen
Bedingungen weiß, unter denen der Zweck zu erreichen wäre; aber sie ist
schlechthin und für jedermann zureichend, wenn ich gewiß weiß, daß
niemand andere Bedingungen kennen könne, die auf den vorgesetzten
Zweck führen. Im ersten Falle ist meine Voraussetzung und das
Fürwahrhalten gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger, im zweiten Falle
aber ein notwendiger Glaube. Der Arzt muß bei einem Kranken, der in
Gefahr ist, etwas tun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf die
Erscheinungen, und urteilt, weil er nichts Besseres weiß, es sei die
Schwindsucht. Sein Glaube ist selbst in seinem eigenen Urteile bloß
zufällig, ein anderer möchte es vielleicht besser treffen. Ich nenne
dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen Gebrauche der

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Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt, den pragmatischen
Glauben.

Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder
wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand
behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so
zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis des
Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig.
Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf einen Dukaten
an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn, besitze. Denn den
ersten wagt er noch wohl, aber bei zehn wird er allererst inne, was er vorher
nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl möglich sei, er habe sich geirrt.
Wenn man sich in Gedanken vorstellt, man solle worauf das Glück des
ganzen Lebens verwetten, so schwindet unser triumphierendes Urteil gar
sehr, wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst, daß unser
Glaube so weit nicht zulange. So hat der pragmatische Glaube nur einen
Grad, der nach Verschiedenheit des Interesses, das dabei im Spiele ist, groß
oder auch klein sein kann.

Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Objekt gar nichts
unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist, wir doch
in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und uns einbilden
können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben vermeinen, wenn es
ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache auszumachen, so gibt es in bloß
theoretischen Urteilen ein Analogon von praktischen, auf deren
Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und den wir den doktrinalen
Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre durch irgendeine
Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das Meinige darauf
verwetten, daß es wenigstens in irgendeinem von den Planeten, die wir
sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht bloß Meinung, sondern

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ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich schon viele Vorteile des
Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner anderer Welten gebe.

Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum
doktrinalen Glauben gehöre. Denn, ob ich gleich in Ansehung der
theoretischen Weltkenntnis nichts zu verfügen habe, was diesen Gedanken,
als Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt, notwendig
voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft mich so zu
bedienen, als ob alles bloß Natur sei; so ist doch die zweckmäßige Einheit
eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft auf Natur, daß ich,
da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele darbietet, sie gar nicht
vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber kenne ich keine andere
Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte, als wenn
ich voraussetze, daß eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten
Zwecken so geordnet habe. Folglich ist es eine Bedingung einer zwar
zufälligen, aber doch nicht unerheblichen Absicht, nämlich, um eine
Leitung in der Nachforschung der Natur zu haben, einen weisen
Welturheber vorauszusetzen. Der Ausgang meiner Versuche bestätigt auch
so oft die Brauchbarkeit dieser Voraussetzung, und nichts kann auf
entscheidende Art dawider angeführt werden; daß ich viel zu wenig sage,
wenn ich mein Fürwahrhalten bloß ein Meinen nennen wollte, sondern es
kann selbst in diesem theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich
festiglich einen Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger
Bedeutung dennoch nicht praktisch, sondern muß ein doktrinaler Glaube
genannt werden, den die Theologie der Natur (Physikotheologie) notwendig
allerwärts bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in
Rücksicht auf die vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur und die
derselben so schlecht angemessene Kürze des Lebens, kann ebensowohl
genugsamer Grund zu einem doktrinalen Glauben des künftigen Lebens der
menschlichen Seele angetroffen werden.

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Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der
Bescheidenheit in objektiver Absicht, aber doch zugleich der Festigkeit des
Zutrauens in subjektiver. Wenn ich das bloß theoretische Fürwahrhalten hier
auch nur Hypothese nennen wollte, die ich anzunehmen berechtigt wäre, so
würde ich mich dadurch schon anheischig machen, mehr, von der
Beschaffenheit einer Weltursache und einer anderen Welt, Begriff zu haben,
als ich wirklich aufzeigen kann; denn was ich auch nur als Hypothese
annehme, davon muß ich wenigstens seinen Eigenschaften nach so viel
kennen, daß ich nicht seinen Begriff, sondern nur sein Dasein erdichten
darf. Das Wort Glauben aber geht nur auf die Leitung, die mir eine Idee
gibt, und den subjektiven Einfluß auf die Beförderung meiner
Vernunfthandlungen, die mich an derselben festhält, ob ich gleich von ihr
nicht imstande bin, in spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben.

Aber der bloß doktrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man wird
oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Spekulation vorfinden, aus
demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum
zurückkehrt.

Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es
schlechterdings notwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, daß ich
dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist hier
unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung nach aller
meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesamten
Zwecken zusammenhängt, und dadurch praktische Gültigkeit habe,
nämlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sei: ich weiß auch ganz gewiß,
daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit der
Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe. Da aber also die sittliche
Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie denn die Vernunft gebietet, daß
sie es sein soll), so werde ich unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein
künftiges Leben glauben, und ich bin sicher, daß diesen Glauben nichts

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wankend machen könnte, weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst
umgestürzt werden würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen
eigenen Augen verabscheuungswürdig zu sein.

Auf solche Weise bleibt uns, nach Vereitlung aller ehrsüchtigen
Absichten einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus
herumschweifenden Vernunft, noch genug übrig, daß wir damit in
praktischer Absicht zufrieden zu sein Ursache haben. Zwar wird freilich
sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß ein künftig
Leben sei; denn, wenn er das weiß, so ist er gerade der Mann, den ich längst
gesucht habe. Alles Wissen (wenn es einen Gegenstand der bloßen Vernunft
betrifft) kann man mitteilen, und ich würde also auch hoffen können, durch
seine Belehrung mein Wissen in so bewunderungswürdigem Maße
ausgedehnt zu sehen. Nein, die Überzeugung ist nicht logische, sondern
moralische Gewißheit, und, da sie auf subjektiven Gründen (der
moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich nicht einmal sagen: es ist
moralisch gewiß, daß ein Gott sei usw., sondern, ich bin moralisch gewiß
usw. Das heißt: der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit
meiner moralischen Gesinnung so verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe,
die erstere einzubüßen, ebensowenig besorge ich, daß mir der zweite jemals
entrissen werden könne.

Das einzige Bedenkliche, das sich hierbei findet, ist, daß sich dieser
Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.
Gehen wir davon ab, und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher Gesetze
gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die Vernunft aufwirft,
bloß eine Aufgabe für die Spekulation, und kann alsdann zwar noch mit
starken Gründen aus der Analogie, aber nicht mit solchen, denen sich die
hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte, unterstützt werden*. Es ist aber
kein Mensch bei diesen Fragen frei von allem Interesse. Denn, ob er gleich
von dem moralischen, durch den Mangel guter Gesinnungen, getrennt sein

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möchte: so bleibt doch auch in diesem Falle genug übrig, um zu machen,
daß er ein göttliches Dasein und eine Zukunft fürchte. Denn hierzu wird
nichts mehr erfordert, als daß er wenigstens keine Gewißheit vorschützen
könne, daß kein solches Wesen und kein künftig Leben anzutreffen sei,
wozu, weil es durch bloße Vernunft, mithin apodiktisch bewiesen werden
müßte, er die Unmöglichkeit von beiden darzutun haben würde, welches
gewiß kein vernünftiger Mensch übernehmen kann. Das würde ein
negativer Glaube sein, der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen, aber
doch das Analogon derselben bewirken, nämlich den Ausbruch der bösen
mächtig zurückhalten könnte.

* Das menschliche Gemüt nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem
vernünftigen Wesen notwendig geschieht) ein natürliches Interesse an der
Moralität, ob es gleich nicht ungeteilt und praktisch überwiegend ist.
Befestigt und vergrößert dieses Interesse, und ihr werdet die Vernunft sehr
gelehrig und selbst aufgeklärter finden, um mit dem praktischen auch das
spekulative Interesse zu vereinigen. Sorget ihr aber nicht dafür, daß ihr
vorher, wenigstens auf dem halben Wege, gute Menschen macht, so werdet
ihr auch niemals aus ihnen aufrichtiggläubige Menschen machen!

Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet, indem
sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet? nichts
mehr, als zwei Glaubensartikel? so viel hätte auch wohl der gemeine
Verstand, ohne darüber die Philosophen zu Rate zu ziehen, ausrichten
können!

Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die
mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe;
gesetzt, es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden; denn
davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber
verlangt ihr denn, daß ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht, den

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gemeinen Verstand übersteigen, und euch nur von Philosophen entdeckt
werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste Bestätigung von der
Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs nicht
vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich, daß die Natur, in dem, was
Menschen ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteiischen Austeilung
ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und die höchste Philosophie in Ansehung
der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen
könne, als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat
angedeihen lassen.

Der transzendentalen Methodenlehre
Drittes Hauptstück
Die Architektonik der reinen Vernunft

Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die
systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst zur
Wissenschaft, d.i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System macht,
so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntnis
überhaupt, und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre.

Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt
keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem
sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern
können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der
mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff
von der Form eines Ganzen, sofern durch denselben der Umfang des
Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Teile untereinander, a priori
bestimmt wird. Der szientifische Vernunftbegriff enthält also den Zweck
und die Form des Ganzen, das mit demselben kongruiert. Die Einheit des
Zwecks, worauf sich alle Teile und in der Idee desselben auch untereinander

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beziehen, macht, daß ein jeder Teil bei der Kenntnis der übrigen vermißt
werden kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe
der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmten Grenzen habe,
stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und nicht gehäuft
(coacervatio); es kann zwar innerlich (per intus susceptionem), aber nicht
äußerlich (per appositionem) wachsen, wie ein tierischer Körper, dessen
Wachstum kein Glied hinzusetzt, sondern, ohne Veränderung der
Proportion, ein jedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht.

Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d.i. eine a priori aus dem
Prinzip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung
der Teile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d.i. aus dem
Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich
darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann),
entworfen wird, gibt technische, dasjenige aber, was nur zufolge einer Idee
entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgibt, und nicht
empirisch erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht technisch,
wegen der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des zufälligen Gebrauchs
der Erkenntnis in concreto zu allerlei beliebigen äußeren Zwecken, sondern
architektonisch, um der Verwandtschaft willen und der Ableitung von einem
einigen obersten und inneren Zwecke, der das Ganze allererst möglich
macht, kann dasjenige entspringen, was wir Wissenschaft nennen, dessen
Schema den Umriß (monogramma) und die Einteilung des Ganzen in
Glieder, der Idee gemäß, d.i. a priori enthalten, und dieses von allen anderen
sicher und nach Prinzipien unterscheiden muß.

Niemand versucht es, eine Wissenschaft zustande zu bringen, ohne daß
ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben
entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu Anfang von
seiner Wissenschaft gibt, sehr selten seiner Idee; denn diese liegt, wie ein
Keim, in der Vernunft, in welchem alle Teile noch sehr eingewickelt und

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kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar, verborgen liegen. Um
deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem
Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesses ausgedacht werden,
nicht nach der Beschreibung, die der Urheber derselben davon gibt, sondern
nach der Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Teile, die er
zusammengebracht hat, in der Vernunft selbst gegründet findet, erklären
und bestimmen. Denn da wird sich finden, daß der Urheber und oft noch
seine spätesten Nachfolger um eine Idee herumirren, die sie sich selbst
nicht haben deutlich machen und daher den eigentümlichen Inhalt, die
Artikulation (systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht
bestimmen können.

Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach
Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele dahin
sich beziehenden Erkenntnisse, als Bauzeug, gesammelt, ja gar lange Zeiten
hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann allererst
möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken, und ein Ganzes nach
den Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen. Die Systeme
scheinen, wie Gewürme, durch eine generatio aequivoca, aus dem bloßen
Zusammenfluß von aufgesammelten Begriffen, anfangs verstümmelt, mit
der Zeit vollständig, gebildet worden zu sein, ob sie gleich alle insgesamt
ihr Schema, als den ursprünglichen Keim, in der sich bloß auswickelnden
Vernunft hatten, und darum, nicht allein ein jedes für sich nach einer Idee
gegliedert, sondern noch dazu alle untereinander in einem System
menschlicher Erkenntnis wiederum als Glieder eines Ganzen zweckmäßig
vereinigt sind, und eine Architektonik alles menschlichen Wissens erlauben,
die jetziger Zeit, da schon so viel Stoff gesammelt ist, oder aus Ruinen
eingefallener alter Gebäude genommen werden kann, nicht allein möglich,
sondern nicht einmal sogar schwer sein würde. Wir begnügen uns hier mit
der Vollendung unseres Geschäftes, nämlich, lediglich die Architektonik
aller Erkenntnis aus reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen nur von dem

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Punkte an, wo sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntniskraft teilt und
zwei Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich verstehe hier aber unter
Vernunft das ganze obere Erkenntnisvermögen, und setze also das Rationale
dem Empirischen entgegen.

Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntnis, objektiv betrachtet,
abstrahiere, so ist alles Erkenntnis, subjektiv, entweder historisch oder
rational. Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis, die rationale aber
cognitio ex principiis. Eine Erkenntnis mag ursprünglich gegeben sein,
woher sie wolle, so ist sie doch bei dem, der sie besitzt, historisch, wenn er
nur in dem Grade und so viel erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden,
es mag dieses ihm nun durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder
auch Belehrung (allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der,
welcher ein System der Philosophie, z.B. das Wolfische, eigentlich gelernt
hat, ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise, zusamt der
Einteilung des ganzen Lehrgebäudes, im Kopfe hätte, und alles an den
Fingern abzählen könnte, doch keine andere als vollständige historische
Erkenntnis der Wolfischen Philosophie; er weiß und urteilt nur so viel, als
ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so weiß er nicht, wo er eine
andere hernehmen soll. Er bildete sich nach fremder Vernunft, aber das
nachbildende Vermögen ist nicht das erzeugende, d.i. das Erkenntnis
entsprang bei ihm nicht aus Vernunft, und, ob es gleich, objektiv, allerdings
ein Vernunfterkenntnis war, so ist es doch, subjektiv, bloß historisch. Er hat
gut gefaßt und behalten, d.i. gelernt, und ist ein Gipsabdruck von einem
lebenden Menschen. Vernunfterkenntnisse, die es objektiv sind, (d.i.
anfangs nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen können,)
dürfen nur dann allein auch subjektiv diesen Namen führen, wenn sie aus
allgemeinen Quellen der Vernunft, woraus auch die Kritik, ja selbst die
Verwerfung des Gelernten entspringen kann, d.i. aus Prinzipien geschöpft
worden.

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Alle Vernunfterkenntnis ist nun entweder die aus Begriffen, oder aus der
Konstruktion der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die zweite
mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich schon im
ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntnis demnach kann objektiv
philosophisch sein, und ist doch subjektiv historisch, wie bei den meisten
Lehrlingen, und bei allen, die über die Schule niemals hinausgehen und
zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch sonderbar, daß das
mathematische Erkenntnis, so wie man es erlernt hat, doch auch subjektiv
für Vernunfterkenntnis gelten kann, und ein solcher Unterschied bei ihr
nicht so, wie bei dem philosophischen stattfindet. Die Ursache ist, weil die
Erkenntnisquellen, aus denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend
anders als in den wesentlichen und echten Prinzipien der Vernunft liegen,
und mithin von dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa
gestritten werden können, und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der
Vernunft hier nur in concreto, obzwar dennoch a priori, nämlich an der
reinen, und eben deswegen fehlerfreien, Anschauung geschieht, und alle
Täuschung und Irrtum ausschließt. Man kann also unter allen
Vernunftwissenschaften (a priori) nur allein Mathematik, niemals aber
Philosophie (es sei denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft,
höchstens nur philosophieren lernen.

Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie. Man
muß sie objektiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung
aller Versuche zu philosophieren versteht, welche jede subjektive
Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren Gebäude oft so mannigfaltig
und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie eine bloße Idee von
einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist, welcher
man sich aber auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange, bis der
einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und
das bisher verfehlte Nachbild, so weit als es Menschen vergönnt ist, dem
Urbilde gleich zu machen gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie

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lernen; denn, wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich
erkennen? Man kann nur philosophieren lernen, d.i. das Talent der Vernunft
in der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen
Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, jene
selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu
verwerfen.

Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff,
nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft gesucht
wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses Wissens, mithin
die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke zu haben. Es gibt
aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus), der dieser Benennung
jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich wenn man ihn gleichsam
personifizierte und in dem Ideal des Philosophen sich als ein Urbild
vorstellte. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft von der
Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen
Vernunft (teleologia rationis humanae), und der Philosoph ist nicht ein
Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In
solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu
nennen, und sich anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt,
gleichgekommen zu sein.

Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich
die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten besonders
im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch nur
Vernunftkünstler. Es gibt noch einen Lehrer im Ideal, der alle diese ansetzt,
sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke der menschlichen
Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den Philosophen nennen;
aber, da er selbst doch nirgend, die Idee aber seiner Gesetzgebung
allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen wird, so wollen wir uns
lediglich an der letzteren halten, und näher bestimmen, was Philosophie,

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nach diesem Weltbegriffe*, für systematische Einheit aus dem Standpunkte
der Zwecke vorschreibe.

* Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann
notwendig interessiert; mithin bestimme ich die Absicht einer
Wissenschaft nach Schulbegriffen, wenn sie nur als eine von den
Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken angesehen wird.

Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei
vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger sein
kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne Zwecke, die
zu jenem als Mittel notwendig gehören. Der erstere ist kein anderer, als die
ganze Bestimmung des Menschen, und die Philosophie über dieselbe heißt
Moral. Um dieses Vorzugs willen, den die Moralphilosophie vor aller
anderen Vernunftbewerbung hat, verstand man auch bei den Alten unter
dem Namen des Philosophen jederzeit zugleich und vorzüglich den
Moralisten, und selbst macht der äußere Schein der Selbstbeherrschung
durch Vernunft, daß man jemanden noch jetzt, bei seinem eingeschränkten
Wissen, nach einer gewissen Analogie, Philosoph nennt.

Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun zwei
Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz,
als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem
einzigen philosophischen System. Die Philosophie der Natur geht auf alles,
was da ist; die der Sitten, nur auf das, was da sein soll.

Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft, oder
Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heißt reine, die
zweite empirische Philosophie.

Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik
(Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen

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Erkenntnis a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das System
der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl als
scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im
systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewohl dieser
Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik gegeben
werden kann, um, sowohl die Untersuchung alles dessen, was jemals a
priori erkannt werden kann, als auch die Darstellung desjenigen, was ein
System reiner philosophischer Erkenntnisse dieser Art ausmacht, von allein
empirischen aber, imgleichen dem mathematischen Vernunftgebrauche
unterschieden ist, zusammen zu fassen.

Die Metaphysik teilt sich in die des spekulativen und praktischen
Gebrauchs der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik der Natur,
oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reinen Vernunftprinzipien aus
bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der Mathematik) von dem
theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die Prinzipien, welche das
Tun und Lassen a priori bestimmen und notwendig machen. Nun ist die
Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der Handlungen, die völlig a priori
aus Prinzipien abgeleitet werden kann. Daher ist die Metaphysik der Sitten
eigentlich die reine Moral, in welcher keine Anthropologie (keine
empirische Bedingung) zum Grunde gelegt wird. Die Metaphysik der
spekulativen Vernunft ist nun das, was man im engeren Verstande
Metaphysik zu nennen pflegt; sofern aber reine Sittenlehre doch gleichwohl
zu dem besonderen Stamme menschlicher und zwar philosophischer
Erkenntnis aus reiner Vernunft gehört, so wollen wir ihr jene Benennung
erhalten, obgleich wir sie, als zu unserem Zwecke jetzt nicht gehörig, hier
beiseite setzen.

Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer Gattung
und Ursprunge nach von anderen unterschieden sind, zu isolieren, und
sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit anderen, mit welchen sie im

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Gebrauche gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch zusammenfließen.
Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was Mathematiker in ihrer
reinen Größenlehre tun, das liegt noch weit mehr dem Philosophen ob,
damit er den Anteil, den eine besondere Art der Erkenntnis am
herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Wert und
Einfluß sicher bestimmen könne. Daher hat die menschliche Vernunft
seitdem, daß sie gedacht, oder vielmehr nachgedacht hat, niemals einer
Metaphysik entbehren, aber gleichwohl sie nicht, genugsam geläutert von
allem Fremdartigen, darstellen können. Die Idee einer solchen Wissenschaft
ist ebenso alt, als spekulative Menschenvernunft; und welche Vernunft
spekuliert nicht, es mag nun auf scholastische, oder populäre Art
geschehen? Man muß indessen gestehen, daß die Unterscheidung der zwei
Elemente unserer Erkenntnis, deren die einen völlig a priori in unserer
Gewalt sind, die anderen nur a posteriori aus der Erfahrung genommen
werden können, selbst bei Denkern von Gewerbe, nur sehr undeutlich blieb,
und daher niemals die Grenzbestimmung einer besonderen Art von
Erkenntnis, mithin nicht die echte Idee einer Wissenschaft, die so lange und
so sehr die menschliche Vernunft beschäftigt hat, zustande bringen konnte.
Wenn man sagte: Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Prinzipien
der menschlichen Erkenntnis, so bemerkte man dadurch nicht eine ganz
besondere Art, sondern nur einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit,
dadurch sie also vom Empirischen nicht kenntlich unterschieden werden
konnte; denn auch unter empirischen Prinzipien sind einige allgemeiner,
und darum höher als andere, und, in der Reihe einer solchen Unterordnung,
(da man das, was völlig a priori, von dem, was nur a posteriori erkannt
wird, nicht unterscheidet,) wo soll man den Abschnitt machen, der den
ersten Teil und die obersten Glieder von dem letzten und den
untergeordneten unterschiede? Was würde man dazu sagen, wenn die
Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen könnte, daß sie sie in
die ersten Jahrhunderte und in die darauffolgenden einteilte? Gehört das

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fünfte, das zehnte usw. Jahrhundert auch zu den ersten? würde man fragen;
ebenso frage ich: gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik? ihr
antwortet, ja! ei, aber auch der des Körpers? ja! und der des flüssigen
Körpers? ihr werdet stutzig, denn, wenn es so weiterfortgeht, so wird alles
in die Metaphysik gehören. Hieraus sieht man, daß der bloße Grad der
Unterordnung (das Besondere unter dem Allgemeinen) keine Grenzen einer
Wissenschaft bestimmen könne, sondern in unserem Falle die gänzliche
Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die
Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte, war,
daß sie als Erkenntnis a priori mit der Mathematik eine gewisse
Gleichartigkeit zeigt, die zwar, was den Ursprung a priori betrifft, sie
einander verwandt, was aber die Erkenntnisart aus Begriffen bei jener, in
Vergleichung mit der Art, bloß durch Konstruktion der Begriffe a priori zu
urteilen, bei dieser, mithin den Unterschied einer philosophischen
Erkenntnis von der mathematischen anlangt; so zeigt sich eine so
entschiedene Ungleichartigkeit, die man zwar jederzeit gleichsam fühlte,
niemals aber auf deutliche Kriterien bringen konnte. Dadurch ist es nun
geschehen, daß, da Philosophen selbst in der Entwicklung der Idee ihrer
Wissenschaften fehlten, die Bearbeitung derselben keinen bestimmten
Zweck und keine sichere Richtschnur haben konnte, und sie, bei einem so
willkürlich gemachten Entwurfe, unwissend in dem Wege, den sie zu
nehmen hätten, und jederzeit unter sich streitig, über die Entdeckungen, die
ein jeder auf dem seinigen gemacht haben wollte, ihre Wissenschaft zuerst
bei anderen und endlich sogar bei sich selbst in Verachtung brachten.

Alle reine Erkenntnis a priori macht also, vermöge des besonderen
Erkenntnisvermögens, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine
besondere Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie, welche
jene Erkenntnis in dieser systematischen Einheit darstellen soll. Der
spekulative Teil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich zugeeignet
hat, nämlich die, welche wir Metaphysik der Natur nennen, und alles,

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sofern es ist, (nicht das, was sein soll,) aus Begriffen a priori erwägt, wird
nun auf folgende Art eingeteilt.

Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der
Transzendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft. Die
erstere betrachtet nur den Verstand, und Vernunft selbst in einem System
aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände überhaupt
beziehen, ohne Objekte anzunehmen, die gegeben wären (Ontologia); die
zweite betrachtet Natur, d.i. den Inbegriff gegebener Gegenstände, (sie
mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer anderen Art von
Anschauung gegeben sein,) und ist also Physiologie (obgleich nur
rationalis). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft in dieser rationalen
Naturbetrachtung entweder physisch, oder hyperphysisch, oder besser,
entweder immanent oder transzendent. Der erstere geht auf die Natur, so
weit als ihre Erkenntnis in der Erfahrung (in concreto) kann angewandt
werden, der zweite auf diejenige Verknüpfung der Gegenstände der
Erfahrung, welche alle Erfahrung übersteigt. Diese transzendente
Physiologie hat daher entweder eine innere Verknüpfung, oder äußere, die
aber beide über mögliche Erfahrung hinausgehen, zu ihrem Gegenstande;
jene ist die Physiologie der gesamten Natur, d.i. die transzendentale
Welterkenntnis, diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit einem
Wesen über der Natur, d.i. die transzendentale Gotteserkenntnis.

Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff
aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber nur
nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben werden
kann. Es sind aber nur zweierlei Gegenstände derselben. 1. Die der äußeren
Sinne, mithin der Inbegriff derselben, die körperliche Natur. 2. Der
Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und, nach den Grundbegriffen
derselben überhaupt, die denkende Natur. Die Metaphysik der körperlichen
Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Prinzipien ihrer Erkenntnis a

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priori enthalten soll, rationale Physik. Die Metaphysik der denkenden Natur
heißt Psychologie und aus der eben angeführten Ursache ist hier nur die
rationale Erkenntnis derselben zu verstehen.

Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen.
1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der rationalen
Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der zweite Teil, nämlich die
Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei Abteilungen, die physica
rationalis* und psychologia rationalis.

* Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man
gemeiniglich physica generalis nennt, und mehr Mathematik, als
Philosophie der Natur ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert sich
gänzlich von der Mathematik ab, hat auch bei weitem nicht so viel
erweiternde Einsichten anzubieten, als diese, ist aber doch sehr wichtig, in
Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden reinen
Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermanglung deren selbst
Mathematiker, indem sie gewissen gemeinen, in der Tat doch
metaphysischen Begriffen anhängen, die Naturlehre unvermerkt mit
Hypothesen belästigt haben, welche bei einer Kritik dieser Prinzipien
verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der Mathematik in
diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten Abbruch zu tun.

Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt
diese Abteilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren wesentlichen
Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig wahrgenommenen
Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück angestellt, eben darum aber
auch unwandelbar und legislatorisch. Es finden sich aber hierbei einige
Punkte, die Bedenklichkeit erregen, und die Überzeugung von der
Gesetzmäßigkeit derselben schwächen könnten.

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Zuerst, wie kann ich eine Erkenntnis a priori, mithin Metaphysik, von
Gegenständen erwarten, sofern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori
gegeben sind? und, wie ist es möglich, nach Prinzipien a priori, die Natur
der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu gelangen?
Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter, als was nötig
ist, uns ein Objekt, teils des äußeren, teils des inneren Sinnes zu geben.
Jenes geschieht durch den bloßen Begriff Materie (undurchdringliche
leblose Ausdehnung), dieses durch den Begriff eines denkenden Wesens (in
der empirischen inneren Vorstellung: Ich denke). Übrigens müßten wir in
der ganzen Metaphysik dieser Gegenstände, uns aller empirischen
Prinzipien gänzlich enthalten, die über den Begriff noch irgendeine
Erfahrung hinzusetzen möchten, um etwas über diese Gegenstände daraus
zu urteilen.

Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von jeher
ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man in
unseren Zeiten so große Dinge zur Aufklärung derselben erwartet hat,
nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori auszurichten?
Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche (empirische) Naturlehre
hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite der angewandten
Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die Prinzipien a priori enthält,
die also mit jener zwar verbunden, aber nicht vermischt werden muß. Also
muß empirische Psychologie aus der Metaphysik gänzlich verbannt sein,
und ist schon durch die Idee derselben davon gänzlich ausgeschlossen.
Gleichwohl wird man ihr nach dem Schulgebrauch doch noch immer
(obzwar nur als Episode) ein Plätzchen darin verstatten müssen, und zwar
aus ökonomischen Bewegursachen, weil sie noch nicht so reich ist, daß sie
allein ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als daß man sie ganz
ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie noch weniger
Verwandtschaft als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es ist also bloß ein
so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige Zeit einen

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Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie (dem
Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung wird
beziehen können.

Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr
anfänglich mehr zumutete, als billigerweise verlangt werden kann, und sich
eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in allgemeine
Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung betrogen fand. Aus
dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich hinlänglich überzeugt
haben: daß, wenngleich Metaphysik nicht die Grundfeste der Religion sein
kann, so müsse sie doch jederzeit als die Schutzwehr derselben
stehenbleiben, und daß die menschliche Vernunft, welche schon durch die
Richtung ihrer Natur dialektisch ist, einer solchen Wissenschaft niemals
entbehren könnte, die sie zügelt, und, durch ein szientifisches und völlig
einleuchtendes Selbsterkenntnis, die Verwüstungen abhält, welche eine
gesetzlose spekulative Vernunft sonst ganz unfehlbar, in Moral sowohl als
Religion, anrichten würde. Man kann also sicher sein, so spröde, oder
geringschätzend auch diejenigen tun, die eine Wissenschaft nicht nach ihrer
Natur, sondern allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurteilen wissen,
man werde jederzeit zu ihr, wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten
zurückkehren, weil die Vernunft, da es hier wesentliche Zwecke betrifft,
rastlos, entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung schon
vorhandener guter Einsichten arbeiten muß.

Metaphysik also, sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die Kritik
der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend
(propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus, was wir
im echten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht alles auf
Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der, wenn er
einmal gebahnt ist, niemals verwächst, und keine Verirrungen verstattet.
Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die empirische Kenntnis des

Page 657

Menschen, haben einen hohen Wert als Mittel, größtenteils zu zufälligen,
am Ende aber doch zu notwendigen und wesentlichen Zwecken der
Menschheit, aber alsdann nur durch Vermittlung einer Vernunfterkenntnis
aus bloßen Begriffen, die, man mag sie benennen, wie man will, eigentlich
nichts als Metaphysik ist.

Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Kultur der
menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren
Einfluß, als Wissenschaft, auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite setzt.
Denn sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und obersten
Maximen, die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften, und dem
Gebrauche aller, zum Grunde liegen müssen. Daß sie, als bloße
Spekulation, mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu
erweitern, tut ihrem Werte keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr
Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung
und Eintracht, ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens
sichert, und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält, sich nicht
von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu entfernen.

Der transzendentalen Methodenlehre
Viertes Hauptstück
Die Geschichte der reinen Vernunft

Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im System
übrigbleibt, und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge mich, aus
einem bloß transzendentalen Gesichtspunkte, nämlich der Natur der reinen
Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der bisherigen
Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem Auge zwar
Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.

Page 658

Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders
zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon
anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich, zuerst die
Erkenntnis Gottes, und die Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit
einer anderen Welt zu studieren. Was auch die alten Gebräuche, die noch
von dem rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe
Religionsbegriffe eingeführt haben mochten, so hinderte dieses doch nicht
den aufgeklärteren Teil, sich freien Nachforschungen über diesen
Gegenstand zu widmen, und man sah leicht ein, daß es keine gründliche
und zuverlässigere Art geben könne, der unsichtbaren Macht, die die Welt
regiert, zu gefallen, um wenigstens in einer anderen Welt glücklich zu sein,
als den guten Lebenswandel. Daher waren Theologie und Moral die zwei
Triebfedern, oder besser, Beziehungspunkte zu allen abgezogenen
Vernunftforschungen, denen man sich nachher jederzeit gewidmet hat. Die
erstere war indessen eigentlich das, was die bloß spekulative Vernunft nach
und nach in das Geschäft zog, welches in der Folge unter dem Namen der
Metaphysik so berühmt geworden.

Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder jene
Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit der Idee,
welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in einem flüchtigen
Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache Absicht, in welcher die
namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne des Streits gestiftet worden.

1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse,
waren einige bloß Sensual-, andere bloß Intellektualphilosophen. Epikur
kann der vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit, Plato des Intellektuellen
genannt werden. Dieser Unterschied der Schulen aber, so subtil er auch ist,
hatte schon in den frühesten Zeiten angefangen, und hat sich lange
ununterbrochen erhalten. Die von der ersteren behaupteten, in den
Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit, alles übrige sei Einbildung;

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die von der zweiten sagten dagegen: in den Sinnen ist nichts als Schein, nur
der Verstand erkennt das Wahre. Darum stritten aber die ersteren den
Verstandesbegriffen doch eben nicht Realität ab, sie war aber bei ihnen nur
logisch, bei den anderen aber mystisch. Jene räumten intellektuelle Begriffe
ein, aber nahmen bloß sensible Gegenstände an. Diese verlangten, daß die
wahren Gegenstände bloß intelligibel wären, und behaupteten eine
Anschauung durch den von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung
nach nur verwirrten reinen Verstand.

2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob sie aus der
Erfahrung abgeleitet, oder, unabhängig von ihr, in der Vernunft ihre Quelle
haben. Aristoteles kann als das Haupt der Empiristen, Plato aber der
Noologisten angesehen werden. Locke, der in neueren Zeiten dem ersteren,
und Leibnitz, der dem letzteren (obzwar in einer genugsamen Entfernung
von dessen mystischem Systeme) folgte, haben es gleichwohl in diesem
Streite noch zu keiner Entscheidung bringen können. Wenigstens verfuhr
Epikur seinerseits viel konsequenter nach seinem Sensualsystem (denn er
ging mit seinen Schlüssen niemals über die Grenze der Erfahrung hinaus),
als Aristoteles und Locke, (vornehmlich aber der letztere,) der, nachdem er
alle Begriffe und Grundsätze von der Erfahrung abgeleitet hatte, soweit im
Gebrauche derselben geht, daß er behauptet, man könne das Dasein Gottes
und die Unsterblichkeit der Seele (obzwar beide Gegenstände ganz außer
den Grenzen möglicher Erfahrung liegen) ebenso evident beweisen, als
irgendeinen mathematischen Lehrsatz.

3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode nennen soll, so
muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann man die jetzt in
diesem Fache der Naturforschung herrschende Methode in die
naturalistische und szientifische einteilen. Der Naturalist der reinen
Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft ohne
Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in Ansehung der

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erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen, mehr
ausrichten lasse, als durch Spekulation. Er behauptet also, daß man die
Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße, als durch
mathematische Umschweife bestimmen könne. Es ist bloße Misologie, auf
Grundsätze gebracht, und, welches das ungereimteste ist, die
Vernachlässigung aller künstlichen Mittel, als eine eigene Methode
angerühmt, seine Erkenntnis zu erweitern. Denn was die Naturalisten aus
Mangel mehrerer Einsicht betrifft, so kann man ihnen mit Grunde nichts zur
Last legen. Sie folgen der gemeinen Vernunft, ohne sich ihrer Unwissenheit
als einer Methode zu rühmen, die das Geheimnis enthalten solle, die
Wahrheit aus Demokrits tiefem Brunnen herauszuholen. Quod sapio, satis
est mihi; non ego curo, esse quod Arcesilas aerumnosique Solones, Pers. ist
ihr Wahlspruch, bei dem sie vergnügt und beifallswürdig leben können,
ohne sich um die Wissenschaft zu bekümmern, noch deren Geschäft zu
verwirren.

Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft, so haben
sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder skeptisch, in allen Fällen aber
doch die Verbindlichkeit systematisch zu verfahren. Wenn ich hier in
Ansehung der ersteren den berühmten Wolf, bei der zweiten David Hume
nenne, so kann ich die übrigen, meiner jetzigen Absicht nach, ungenannt
lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der Leser diesen in
meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit und Geduld gehabt hat,
so mag er jetzt urteilen, ob nicht, wenn es ihm beliebt, das Seinige dazu
beizutragen, um diesen Fußsteig zur Heeresstraße zu machen, dasjenige,
was viele Jahrhunderte nicht leisten konnten, noch vor Ablauf des
gegenwärtigen erreicht werden möge: nämlich, die menschliche Vernunft in
dem, was ihre Wißbegierde jederzeit, bisher aber vergeblich, beschäftigt
hat, zur völligen Befriedigung zu bringen.

Page 661

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KRITIK DER
REINEN VERNUNFT ***

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