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Title: Götzen-Dämmerung

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche

Release date: January 1, 2005 [eBook #7203]
Most recently updated: December 30, 2020

Language: German

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DÄMMERUNG ***

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Friedrich Nietzsche

Götzen-Dämmerung

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Sprüche und Pfeile
Das Problem des Sokrates
Die "Vernunft" in der Philosophie
Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde
Moral als Widernatur
Die vier grossen Irrthümer
Die "Verbesserer" der Menschheit
Was den Deutschen abgeht
Streifzüge eines Unzeitgemässen
Was ich den Alten verdanke
Der Hammer redet

Götzen-Dämmerung

oder

Page 5

Wie man mit dem Hammer philosophirt.

Vorwort.

Inmitten einer düstern und über die Maassen verantwortlichen Sache
seine Heiterkeit aufrecht erhalten ist nichts Kleines von - Kunststück: und
doch, was wäre nöthiger als Heiterkeit? Kein Ding geräth, an dem nicht der
Übermuth seinen Theil hat. Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der
Kraft. - Eine Umwerthung aller Werthe, dies Fragezeichen so schwarz, so
ungeheuer, dass es Schatten auf Den wirft, der es setzt - ein solches
Schicksal von Aufgabe zwingt jeden Augenblick, in die Sonne zu laufen,
einen schweren, allzuschwer gewordnen Ernst von sich zu schütteln. Jedes
Mittel ist dazu recht, jeder "Fall" ein Glücksfall. Vor Allem der Krieg. Der
Krieg war immer die grosse Klugheit aller zu innerlich, zu tief gewordnen
Geister; selbst in der Verwundung liegt noch Heilkraft. Ein Spruch, dessen
Herkunft ich der gelehrten Neugierde vorenthalte, war seit langem mein
Wahlspruch:

increscunt animi, virescit volnere virtus.

Eine andere Genesung, unter Umständen mir noch erwünschter, ist
Götzen aushorchen… Es giebt mehr Götzen als Realitäten in der Welt: das
ist mein "böser Blick" für diese Welt, das ist auch mein "böses Ohr"… Hier
einmal mit dem Hammer Fragen stellen und, vielleicht, als Antwort jenen
berühmten hohlen Ton hören, der von geblähten Eingeweiden redet -
welches Entzücken für Einen, der Ohren noch hinter den Ohren hat, - für
mich alten Psychologen und Rattenfänger, vor dem gerade Das, was still
bleiben möchte, laut werden muss…

Page 6

Auch diese Schrift - der Titel verräth es - ist vor Allem eine Erholung, ein
Sonnenfleck, ein Seitensprung in den Müssiggang eines Psychologen.
Vielleicht auch ein neuer Krieg? Und werden neue Götzen ausgehorcht?…
Diese kleine Schrift ist eine grosse Kriegserklärung; und was das
Aushorchen von Götzen anbetrifft, so sind es dies Mal keine Zeitgötzen,
sondern ewige Götzen, an die hier mit dem Hammer wie mit einer
Stimmgabel gerührt wird, - es giebt überhaupt keine älteren, keine
überzeugteren, keine aufgeblaseneren Götzen… Auch keine hohleren…
Das hindert nicht, dass sie die geglaubtesten sind; auch sagt man, zumal im
vornehmsten Falle, durchaus nicht Götze…

Turin, am 30. September 1888,
am Tage, da das Buch der Umwerthung
aller Werthe zu Ende kam.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

Sprüche und Pfeile.

1.

Müssiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre Psychologie ein -
Laster?

2.

Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er
eigentlich weiss…

3.

Page 7

Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein - sagt
Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides sein - Philosoph…

4.

"Alle Wahrheit ist einfach." - Ist das nicht zwiefach eine Lüge? -

5.

Ich will, ein für alle Mal, Vieles nicht wissen. - Die Weisheit zieht auch
der Erkenntniss Grenzen.

6.

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur,
von seiner Geistigkeit…

7.

Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein
Fehlgriff des Menschen? -

8.

Aus der Kriegsschule des Lebens. - Was mich nicht umbringt, macht
mich stärker.

9.

Page 8

Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip der
Nächstenliebe.

10.

Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! dass man sie
nicht hinterdrein im Stiche lässt! - Der Gewissensbiss ist unanständig.

11.

Kann ein Esel tragisch sein? - Dass man unter einer Last zu Grunde geht,
die man weder tragen, noch abwerfen kann?… Der Fall des Philosophen.

12.

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem
wie? - Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das.

13.

Der Mann hat das Weib geschaffen - woraus doch? Aus einer Rippe
seines
Gottes, - seines "Ideals"…

14.

Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du
suchst Anhänger? - Suche Nullen.

Page 9

15.

Posthume Menschen - ich zum Beispiel - werden schlechter verstanden
als zeitgemässe, aber besser gehört. Strenger: wir werden nie verstanden -
und daher unsre Autorität…

16.

Unter Frauen. - "Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! Ist sie
nicht ein Attentat auf alle unsre pudeurs?" -

17.

Das ist ein Künstler, wie ich Künstler liebe, bescheiden in seinen
Bedürfnissen: er will eigentlich nur Zweierlei, sein Brod und seine
Kunst, - panem et Circen…

18.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens
einen Sinn noch hinein: das heisst, er glaubt, dass ein Wille bereits darin sei
(Princip des "Glaubens").

19.

Wie? ihr wähltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich
scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen? - Aber mit der Tugend
verzichtet man auf "Vortheile"… (einem Antisemiten an die Hausthür.)

20.

Page 10

Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde
begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand
bemerkt und dass es Jemand bemerkt…

21.

Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden haben darf,
wo man vielmehr, wie der Seiltänzer auf seinem Seile, entweder stürzt oder
steht - oder davon kommt…

22.

"Böse Menschen haben keine Lieder." - Wie kommt es, dass die Russen
Lieder haben?

23.

"Deutscher Geist": seit achtzehn Jahren eine contradictio in adjecto.

24.

Damit, dass man nach den Anfängen sucht, wird man Krebs. Der
Historiker sieht rückwärts; endlich glaubt er auch rückwärts.

25.

Zufriedenheit schützt selbst vor Erkältung. Hat je sich ein Weib, das sich
gut bekleidet wusste, erkältet? - Ich setze den Fall, das es kaum bekleidet
war.

Page 11

26.

Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der
Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.

27.

Man hält das Weib für tief - warum? weil man nie bei ihm auf den Grund
kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach.

28.

Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und
wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon.

29.

"Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen? welche guten Zähne
hatte es? - Und heute? woran fehlt es?" - Frage eines Zahnarztes.

30.

Man begeht selten eine Übereilung allein. In der ersten Übereilung thut
man immer zu viel. Eben darum begeht man gewöhnlich noch eine zweite -
und nunmehr thut man zu wenig…

31.

Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug. Er verringert damit die
Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache der

Page 12

Moral: Demuth. -

32.

Es giebt einen Hass auf Lüge und Verstellung aus einem reizbaren
Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass aus Feigheit, insofern die Lüge,
durch ein göttliches Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu lügen…

33.

Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. - Ohne Musik
wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott
liedersingend.

34.

On ne peut penser et écrire qu'assis (G. Flaubert). - Damit habe ich dich,
Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die Sünde wider den heiligen Geist. Nur
die ergangenen Gedanken haben Werth.

35.

Es giebt Fälle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen, und in Unruhe
gerathen: wir sehen unsren eignen Schatten vor uns auf und
niederschwanken. Der Psychologe muss von sich absehn, um überhaupt zu
sehn.

36.

Page 13

Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? - Eben so wenig, als die
Anarchisten den Fürsten. Erst seitdem diese angeschossen werden, sitzen
sie wieder fest auf ihrem Thron. Moral: man muss die Moral anschiessen.

37.

Du läufst voran? - Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein dritter
Fall wäre der Entlaufene… Erste Gewissensfrage.

38.

Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter? oder das
Vertretene selbst? - Zuletzt bist du gar bloss ein nachgemachter
Schauspieler… Zweite Gewissensfrage.

39.

Der Enttäuschte spricht. - Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand
immer nur die Affen ihres Ideals.

40.

Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? - oder der wegsieht, bei
Seite geht?… Dritte Gewissensfrage.

41.

Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn?… Man muss
wissen, was man will und dass man will. Vierte Gewissensfrage.

Page 14

42.

Das waren Stufen für mich ich bin über sie hinaufgestiegen, - dazu
musste ich über sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf ihnen zur
Ruhe setzen…

43.

Was liegt daran, das ich Recht behalte! Ich habe zu viel Recht. - Und wer
heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.

44.

Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel…

Das Problem des Sokrates.

1.

Über das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: es
taugt nichts… Immer und überall hat man aus ihrem Munde denselben
Klang gehört, - einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit
am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst Sokrates sagte, als er
starb: "leben - das heisst lange krank sein: ich bin dem Heilande Asklepios
einen Hahn schuldig." Selbst Sokrates hatte es satt. - Was beweist das?
Worauf weist das? - Ehemals hätte man gesagt (- oh man hat es gesagt und
laut genug und unsre Pessimisten voran!): "Hier muss jedenfalls Etwas
wahr sein! Der consensus sapientium beweist die Wahrheit." - Werden wir
heute noch so reden? Dürfen wir das? "Hier muss jedenfalls Etwas krank
sein" - geben wir zur Antwort: diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie

Page 15

sich erst aus der Nähe ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf den
Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? décadents? Erschiene die Weisheit
vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?…

2.

Mir selbst ist diese Unehrerbietigkeit, dass die grossen Weisen
Niedergangs-Typen sind, zuerst gerade in einem Falle aufgegangen, wo ihr
am stärksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil entgegensteht: ich
erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge der
griechischen Auflösung, als pseudogriechisch, als antigriechisch ("Geburt
der Tragödie" 1872), jener consensus sapientium - das begriff ich immer
besser - beweist am wenigsten, dass sie Recht mit dem hatten, worüber sie
übereinstimmten: er beweist vielmehr, dass sie selbst, diese Weisesten,
irgend worin physiologisch übereinstimmten, um auf gleiche Weise negativ
zum Leben zu stehn, - stehn zu müssen. Urtheile, Werthurtheile über das
Leben, für oder wider, können zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur
Werth als Symptome, sie kommen nur als Symptome in Betracht, - an sich
sind solche Urtheile Dummheiten. Man muss durchaus seine Finger
darnach ausstrecken und den Versuch machen, diese erstaunliche finesse zu
fassen, dass der Werth des Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von
einem Lebenden nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und
nicht Richter; von einem Todten nicht, aus einem andren Grunde. - Von
Seiten eines Philosophen im Werth des Lebens ein Problem sehn bleibt
dergestalt sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner
Weisheit, eine Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen Weisen - sie wären
nicht nur décadents, sie wären nicht einmal weise gewesen? - Aber ich
komme auf das Problem des Sokrates zurück.

3.

Page 16

Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates
war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war. Aber
Hässlichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe eine
Widerlegung. War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit ist
häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung gehemmten
Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung.

Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische
Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo. Aber der
Verbrecher ist ein décadent. War Sokrates ein typischer Verbrecher? - Zum
Mindesten widerspräche dem jenes berühmte Physiognomen-Urtheil nicht,
das den Freunden des Sokrates so anstössig klang. Ein Ausländer, der sich
auf Gesichter verstand, sagte, als er durch Athen kam, dem Sokrates in's
Gesicht, er sei ein monstrum, - er berge alle schlimmen Laster und
Begierden in sich. Und Sokrates antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein
Herr!" -

4.

Auf décadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandne Wüstheit
und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet auch die Superfötation
des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn auszeichnet. Vergessen
wir auch jene Gehörs-Hallucinationen nicht, die, als "Dämonion des
Sokrates", in's Religiöse interpretirt worden sind. Alles ist übertrieben,
buffo, Karikatur an ihm, Alles ist zugleich versteckt, hintergedanklich,
unterirdisch. - Ich suche zu begreifen, aus welcher Idiosynkrasie jene
sokratische Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück stammt: jene
bizarrste Gleichsetzung, die es giebt und die in Sonderheit alle Instinkte des
älteren Hellenen gegen sich hat.

Page 17

5.

Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit ein
vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik
obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die
dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie stellten
bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man allein
solchen Präsentiren seiner Gründe. Honnette Dinge tragen, wie honnette
Menschen, ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist unanständig, alle fünf
Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen muss, ist wenig werth.
Überall, wo noch die Autorität zur guten Sitte gehört, wo man nicht
"begründet", sondern befiehlt, ist der Dialektiker eine Art Hanswurst: man
lacht über ihn, man nimmt ihn nicht ernst. - Sokrates war der Hanswurst,
der sich ernst nehmen machte: was geschah da eigentlich? -

6.

Man wählt die Dialektik nur, wenn man kein andres Mittel hat. Man
weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt, dass sie wenig überredet. Nichts
ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt: die Erfahrung jeder
Versammlung, wo geredet wird, beweist das. Sie kann nur Nothwehr sein,
in den Händen Solcher, die keine andren Waffen mehr haben. Man muss
sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen Gebrauch von ihr.
Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke Fuchs war es: wie? und
Sokrates war es auch? -

7.

Page 18

- Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte? von Pöbel-
Ressentiment? geniesst er als Unterdrückter seine eigne Ferocität in den
Messerstichen des Syllogismus? Rächt er sich an den Vornehmen, die er
fascinirt? - Man hat, als Dialektiker, ein schonungsloses Werkzeug in der
Hand; man kann mit ihm den Tyrannen machen; man stellt bloss, indem
man siegt. Der Dialektiker überlässt seinem Gegner den Nachweis, kein
Idiot zu sein: er macht wüthend, er macht zugleich hülflos. Der Dialektiker
depotenzirt den Intellekt seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form
der Rache bei Sokrates?

8.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen konnte: es bleibt
um so mehr zu erklären, dass er fascinirte. - Dass er eine neue Art Agon
entdeckte, dass er der erste Fechtmeister davon für die vornehmen Kreise
Athen's war, ist das Eine. Er fascinirte, indem er an den agonalen Trieb der
Hellenen rührte, - er brachte eine Variante in den Ringkampf zwischen
jungen Männern und Jünglingen. Sokrates war auch ein grosser Erotiker.

9.

Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen Athener;
er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von Fall bereits kein
Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz bereitete sich
überall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende. - Und Sokrates
verstand, dass alle Welt ihn nöthig hatte, - sein Mittel, seine Kur, seinen
Personal-Kunstgriff der Selbst-Erhaltung… Überall waren die Instinkte in
Anarchie; überall war man fünf Schritt weit vom Excess: das monstrum in
animo war die allgemeine Gefahr. "Die Triebe wollen den Tyrannen
machen; man muss einen Gegentyrannen erfinden, der stärker ist"… Als

Page 19

jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllt hatte, wer er war, eine Höhle
aller schlimmen Begierden, liess der grosse Ironiker noch ein Wort
verlauten, das den Schlüssel zu ihm giebt. "Dies ist wahr, sagte er, aber ich
wurde über alle Herr." Wie wurde Sokrates über sich Herr? - Sein Fall war
im Grunde nur der extreme Fall, nur der in die Augen springendste von
dem, was damals die allgemeine Noth zu werden anfieng: dass Niemand
mehr über sich Herr war, dass die Instinkte sich gegen einander wendeten.
Er fascinirte als dieser extreme Fall - seine furchteinflössende Hässlichkeit
sprach ihn für jedes Auge aus: er fascinirte, wie sich von selbst versteht,
noch stärker als Antwort, als Lösung, als Anschein der Kur dieses Falls. -

10.

Wenn man nöthig hat, aus der Vernunft einen Tyrannen zu machen, wie
Sokrates es that, so muss die Gefahr nicht klein sein, dass etwas Andres den
Tyrannen macht. Die Vernünftigkeit wurde damals errathen als Retterin, es
stand weder Sokrates, noch seinen "Kranken" frei, vernünftig zu sein, - es
war de rigueur, es war ihr letztes Mittel. Der Fanatismus, mit dem sich das
ganze griechische Nachdenken auf die Vernünftigkeit wirft, verräth eine
Nothlage: man war in Gefahr, man hatte nur Eine Wahl: entweder zu
Grunde zu gehn oder - absurd-vernünftig zu sein… Der Moralismus der
griechischen Philosophen von Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre
Schätzung der Dialektik. Vernunft = Tugend = Glück heisst bloss: man
muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein
Tageslicht in Permanenz herstellen - das Tageslicht der Vernunft. Man muss
klug, klar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die Instinkte, an's
Unbewusste führt hinab…

11.

Page 20

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates fascinirte: er schien ein
Arzt, ein Heiland zu sein. Ist es nöthig, noch den Irrthum aufzuzeigen, der
in seinem Glauben an die "Vernünftigkeit um jeden Preis" lag? - Es ist ein
Selbstbetrug seitens der Philosophen und Moralisten, damit schon aus der
décadence herauszutreten, dass sie gegen dieselbe Krieg machen. Das
Heraustreten steht ausserhalb ihrer Kraft: was sie als Mittel, als Rettung
wählen, ist selbst nur wieder ein Ausdruck der décadence - sie verändern
deren Ausdruck, sie schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates war ein
Missverständniss; die ganze Besserungs-Moral, auch die christliche, war
ein Missverständniss… Das grellste Tageslicht, die Vernünftigkeit um jeden
Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt, im
Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine andre
Krankheit - und durchaus kein Rückweg zur "Tugend", zur "Gesundheit",
zum Glück… Die Instinkte bekämpfen müssen - das ist die Formel für
décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt. -

12.

- Hat er das selbst noch begriffen, dieser Klügste aller Selbstüberlister?
Sagte er sich das zuletzt, in der Weisheit seines Muthes zum Tode?…
Sokrates wollte sterben: - nicht Athen, er gab sich den Giftbecher, er zwang
Athen zum Giftbecher… Sokrates ist kein Arzt sprach er leise zu sich: "der
Tod allein ist hier Arzt… Sokrates selbst war nur lange krank…"

Die "Vernunft" in der Philosophie.

1.

Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist?… Zum
Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr Hass gegen die Vorstellung

Page 21

selbst des Werdens, ihr Ägypticismus. Sie glauben einer Sache eine Ehre
anzuthun, wenn sie dieselbe enthistorisiren, sub specie aetemi, - wenn sie
aus ihr eine Mumie machen. Alles, was Philosophen seit Jahrtausenden
gehandhabt haben, waren Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches
lebendig aus ihren Händen. Sie tödten, sie stopfen aus, diese Herren
Begriffs-Götzendiener, wenn sie anbeten, - sie werden Allem
lebensgefährlich, wenn sie anbeten. Der Tod, der Wandel, das Alter
ebensogut als Zeugung und Wachsthum sind für sie Einwände, -
Widerlegungen sogar. Was ist, wird nicht; was wird ist nicht… Nun glauben
sie Alle, mit Verzweiflung sogar, an's Seiende. Da sie aber dessen nicht
habhaft werden, suchen sie nach Gründen, weshalb man's ihnen vorenthält.
"Es muss ein Schein, eine Betrügerei dabei sein, dass wir das Seiende nicht
wahrnehmen: wo steckt der Betrüger?" - "Wir haben ihn, schreien sie
glückselig, die Sinnlichkeit ist's! Diese Sinne, die auch sonst so
unmoralisch sind, sie betrügen uns über die wahre Welt. Moral: loskommen
von dem Sinnentrug, vom Werden, von der Historie, von der Lüge, -
Historie ist nichts als Glaube an die Sinne, Glaube an die Lüge. Moral:
Neinsagen zu Allem, was den Sinnen Glauben schenkt, zum ganzen Rest
der Menschheit: das ist Alles `Volk`. Philosoph sein, Mumie sein, den
Monotono-Theismus durch eine Todtengräber-Mimik darstellen! - Und weg
vor Allem mit dem Leibe, dieser erbarmungswürdigen idée fixe der Sinne!
behaftet mit allen Fehlern der Logik, die es giebt, widerlegt, unmöglich
sogar, ob er schon frech genug ist, sich als wirklich zu gebärden!"…

2.

Ich nehme, mit hoher Ehrerbietung, den Namen Heraklit's bei Seite.
Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der Sinne verwarf, weil
dieselben Vielheit und Veränderung zeigten, verwarf er deren Zeugniss,
weil sie die Dinge zeigten, als ob sie Dauer und Einheit hätten. Auch

Page 22

Heraklit that den Sinnen Unrecht. Dieselben lügen weder in der Art, wie die
Eleaten es glauben, noch wie er es glaubte, - sie lügen überhaupt nicht. Was
wir aus ihrem Zeugniss machen, das legt erst die Lüge hinein, zum Beispiel
die Lüge der Einheit, die Lüge der Dinglichkeit, der Substanz, der Dauer…
Die "Vernunft" ist die Ursache, dass wir das Zeugniss der Sinne fälschen.
Sofern die Sinne das Werden, das Vergehn, den Wechsel zeigen, lügen sie
nicht… Aber damit wird Heraklit ewig Recht behalten, dass das Sein eine
leere Fiktion ist. Die "scheinbare" Welt ist die einzige: die wahre Welt ist
nur hinzugelogen…

3.

- Und was für feine Werkzeuge der Beobachtung haben wir an unsren
Sinnen! Diese Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit
Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das
delikateste Instrument, das uns zu Gebote steht: es vermag noch
Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das
Spektroskop nicht constatirt. Wir besitzen heute genau so weit
Wissenschaft, als wir uns entschlossen haben, das Zeugniss der Sinne
anzunehmen, - als wir sie noch schärfen, bewaffnen, zu Ende denken
lernten. Der Rest ist Missgeburt und Noch-nicht-Wissenschaft: will sagen
Metaphysik, Theologie, Psychologie, Erkenntnisstheorie. Oder Formal-
Wissenschaft, Zeichenlehre: wie die Logik und jene angewandte Logik, die
Mathematik. In ihnen kommt die Wirklichkeit gar nicht vor, nicht einmal
als Problem; ebensowenig als die Frage, welchen Werth überhaupt eine
solche Zeichen-Convention, wie die Logik ist, hat. -

4.

Page 23

Die andre Idiosynkrasie der Philosophen ist nicht weniger gefährlich: sie
besteht darin, das Letzte und das Erste zu verwechseln. Sie setzen Das, was
am Ende kommt - leider! denn es sollte gar nicht kommen! - die "höchsten
Begriffe", das heisst die allgemeinsten, die leersten Begriffe, den letzten
Rauch der verdunstenden Realität an den Anfang als Anfang. Es ist dies
wieder nur der Ausdruck ihrer Art zu verehren: das Höhere darf nicht aus
dem Niederen wachsen, darf überhaupt nicht gewachsen sein… Moral:
Alles, was ersten Ranges ist, muss causa sui sein. Die Herkunft aus etwas
Anderem gilt als Einwand, als Werth-Anzweifelung. Alle obersten Werthe
sind ersten Ranges, alle höchsten Begriffe, das Seiende, das Unbedingte,
das Gute, das Wahre, das Vollkommne - das Alles kann nicht geworden
sein, muss folglich causa sui sein. Das Alles aber kann auch nicht einander
ungleich, kann nicht mit sich im Widerspruch sein… Damit haben sie ihren
stupenden Begriff "Gott"… Das Letzte, Dünnste, Leerste wird als Erstes
gesetzt, als Ursache an sich, als ens realissimum… Dass die Menschheit die
Gehirnleiden kranker Spinneweber hat ernst nehmen müssen! - Und sie hat
theuer dafür gezahlt!…

5.

- Stellen wir endlich dagegen, auf welche verschiedne Art wir (- ich sage
höflicher Weise wir… ) das Problem des Irrthums und der Scheinbarkeit
in's Auge fassen. Ehemals nahm man die Veränderung, den Wechsel, das
Werden überhaupt als Beweis für Scheinbarkeit, als Zeichen dafür, dass
Etwas da sein müsse, das uns irre führe. Heute umgekehrt sehen wir, genau
so weit als das Vernunft-Vorurtheil uns zwingt, Einheit, Identität, Dauer,
Substanz, Ursache, Dinglichkeit, Sein anzusetzen, uns gewissermaassen
verstrickt in den Irrthum, necessitirt zum Irrthum; so sicher wir auf Grund
einer strengen Nachrechnung bei uns darüber sind, dass hier der Irrthum ist.
Es steht damit nicht anders als mit den Bewegungen des grossen Gestirns:

Page 24

bei ihnen hat der Irrthum unser Auge, hier hat er unsre Sprache zum
beständigen Anwalt. Die Sprache gehört ihrer Entstehung nach in die Zeit
der rudimentärsten Form von Psychologie: wir kommen in ein grobes
Fetischwesen hinein, wenn wir uns die Grundvoraussetzungen der Sprach-
Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft, zum Bewusstsein bringen. Das sieht
überall Thäter und Thun: das glaubt an Willen als Ursache überhaupt; das
glaubt an's "Ich", an's Ich als Sein, an's Ich als Substanz und projicirt den
Glauben an die Ich-Substanz auf alle Dinge - es schafft erst damit den
Begriff "Ding"… Das Sein wird überall als Ursache hineingedacht,
untergeschoben; aus der Conception "Ich" folgt erst, als abgeleitet, der
Begriff "Sein"… Am Anfang steht das grosse Verhängniss von Irrthum, dass
der Wille Etwas ist, das wirkt, - dass Wille ein Vermögen ist… Heute
wissen wir, dass er bloss ein Wort ist… Sehr viel später, in einer
tausendfach aufgeklärteren Welt kam die Sicherheit, die subjektive
Gewissheit in der Handhabung der Vemunft-Kategorien den Philosophen
mit Überraschung zum Bewusstsein: sie schlossen, dass dieselben nicht aus
der Empirie stammen könnten, - die ganze Empirie stehe ja zu ihnen in
Widerspruch. Woher also stammen sie? - Und in Indien wie in Griechenland
hat man den gleichen Fehlgriff gemacht: "wir müssen schon einmal in einer
höheren Welt heimisch gewesen sein (- statt in einer sehr viel niederen: was
die Wahrheit gewesen wäre!), wir müssen göttlich gewesen sein, denn wir
haben die Vernunft!"… In der That, Nichts hat bisher eine naivere
Überredungskraft gehabt als der Irrthum vom Sein, wie er zum Beispiel von
den Eleaten formulirt wurde: er hat ja jedes Wort für sich, jeden Satz für
sich, den wir sprechen! - Auch die Gegner der Eleaten unterlagen noch der
Verführung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter Anderen, als er sein Atom
erfand… Die "Vernunft" in der Sprache: oh was für eine alte betrügerische
Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die
Grammatik glauben…

Page 25

6.

Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine so wesentliche, so neue
Einsicht in vier Thesen zusammendränge: ich erleichtere damit das
Verstehen, ich fordere damit den Widerspruch heraus.

Erster Satz. Die Gründe, darauf hin "diese" Welt als scheinbar bezeichnet
worden ist, begründen vielmehr deren Realität, - eine andre Art Realität ist
absolut unnachweisbar.

Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem "wahren Sein" der
Dinge gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht Seins, des Nichts, -
man hat die "wahre Welt" aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt
aufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern sie bloss eine
moralisch-optische Täuschung ist.

Dritter Satz. Von einer "andren" Welt als dieser zu fabeln hat gar keinen
Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein Instinkt der Verleumdung,
Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren
Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines "anderen",
eines "besseren" Lebens.

Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine "wahre" und eine "scheinbare",
sei es in der Art des Christenthums, sei es in der Art Kant's (eines
hinterlistigen Christen zu guterletzt) ist nur eine Suggestion der décadence,
- ein Symptom niedergehenden Lebens… Dass der Künstler den Schein
höher schätzt als die Realität, ist kein Einwand gegen diesen Satz. Denn
"der Schein" bedeutet hier die Realität noch einmal, nur in einer Auswahl,
Verstärkung, Correctur… Der tragische Künstler ist kein Pessimist, - er sagt
gerade Ja zu allem Fragwürdigen und Furchtbaren selbst, er ist
dionysisch…

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Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde.

Geschichte eines Irrthums.

1. Die wahre Welt erreichbar für den Weisen, den Frommen, den
Tugendhaften, - er lebt in ihr, er ist sie.

(Älteste Form der Idee, relativ klug, simpel, überzeugend.
Umschreibung des Satzes "ich, Plato, bin die Wahrheit".)

2. Die wahre Welt, unerreichbar für jetzt, aber versprochen für den
Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("für den Sünder, der Busse
thut").

(Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfänglicher, unfasslicher, - sie
wird Weib, sie wird christlich… )

3. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar, aber
schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein Imperativ.

(Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die
Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.)

4. Die wahre Welt - unerreichbar? jedenfalls unerreicht. Und als
unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht tröstend, erlösend,
verpflichtend: wozu könnte uns etwas Unbekanntes verpflichten?…

(Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei des
Positivismus.)

5. Die "wahre Welt" - eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht einmal
mehr verpflichtend, - eine unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich
eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!

Page 27

(Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.)

6. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die
scheinbare vielleicht?… Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die
scheinbare abgeschafft!

(Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des längsten
Irrthums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA.)

Moral als Widernatur.

1.

Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhängnissvoll sind, wo sie
mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen - und eine spätere,
sehr viel spätere, wo sie sich mit dem Geist verheirathen, sich
"vergeistigen". Ehemals machte man, wegen der Dummheit in der Passion,
der Passion selbst den Krieg: man verschwor sich zu deren Vernichtung, -
alle alten Moral-Unthiere sind einmüthig darüber "il faut tuer les passions."
Die berühmteste Formel dafür steht im neuen Testament, in jener
Bergpredigt, wo, anbei gesagt, die Dinge durchaus nicht aus der Höhe
betrachtet werden. Es wird daselbst zum Beispiel mit Nutzanwendung auf
die Geschlechtlichkeit gesagt "wenn dich dein Auge ärgert, so reisse es
aus": zum Glück handelt kein Christ nach dieser Vorschrift. Die
Leidenschaften und Begierden vernichten, bloss um ihrer Dummheit und
den unangenehmen Folgen ihrer Dummheit vorzubeugen, erscheint uns
heute selbst bloss als eine akute Form der Dummheit. Wir bewundern die
Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne ausreissen, damit sie nicht mehr
weh thun… Mit einiger Billigkeit werde andrerseits zugestanden, dass auf

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dem Boden, aus dem das Christenthum gewachsen ist, der Begriff
"Vergeistigung der Passion" gar nicht concipirt werden konnte. Die erste
Kirche kämpfte ja, wie bekannt, gegen die "Intelligenten" zu Gunsten der
"Armen des Geistes": wie dürfte man von ihr einen intelligenten Krieg
gegen die Passion erwarten? - Die Kirche bekämpft die Leidenschaft mit
Ausschneidung in jedem Sinne: ihre Praktik, ihre "Kur" ist der
Castratismus. Sie fragt nie: "wie vergeistigt, verschönt, vergöttlicht man
eine Begierde?" - sie hat zu allen Zeiten den Nachdruck der Disciplin auf
die Ausrottung (der Sinnlichkeit, des Stolzes, der Herrschsucht, der
Habsucht, der Rachsucht) gelegt. - Aber die Leidenschaften an der Wurzel
angreifen heisst das Leben an der Wurzel angreifen: die Praxis der Kirche
ist lebensfeindlich…

2.

Dasselbe Mittel, Verschneidung, Ausrottung, wird instinktiv im Kampfe
mit einer Begierde von Denen gewählt, welche zu willensschwach, zu
degenerirt sind, um sich ein Maass in ihr auflegen zu können: von jenen
Naturen, die la Trappe nöthig haben, im Gleidiniss gesprochen (und ohne
Gleichniss -), irgend eine endgültige Feindschafts-Erklärung, eine Kluft
zwischen sich und einer Passion. Die radikalen Mittel sind nur den
Degenerirten unentbehrlich; die Schwäche des Willens, bestinunter geredet,
die Unfähigkeit, auf einen Reiz nicht zu reagiren, ist selbst bloss eine andre
Form der Degenerescenz. Die radikale Feindschaft, die Todfeindschaft
gegen die Sinnlichkeit bleibt ein nachdenkliches Symptom: man ist damit
zu Vermuthungen über den Gesammt-Zustand eines dergestalt Excessiven
berechtigt. - Jene Feindschaft, jener Hass kommt übrigens erst auf seine
Spitze, wenn solche Naturen selbst zur Radikal-Kur, zur Absage von ihrem
"Teufel" nicht mehr Festigkeit genug haben. Man überschaue die ganze
Geschichte der Priester und Philosophen, der Künstler hinzugenommen: das

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Giftigste gegen die Sinne ist nicht von den Impotenten gesagt, auch nicht
von den Asketen, sondern von den unmöglichen Asketen, von Solchen, die
es nöthig gehabt hätten, Asketen zu sein…

3.

Die Vergeistigung der Sinnlichkeit heisst Liebe: sie ist ein grosser
Triumph über das Christenthum. Ein andrer Triumph ist unsre
Vergeistigung der Feindschaft. Sie besteht darin, dass man tief den Werth
begreift, den es hat, Feinde zu haben: kurz, dass man umgekehrt thut und
schliesst als man ehedem that und schloss. Die Kirche wollte zu allen
Zeiten die Vernichtung ihrer Feinde: wir, wir Immoralisten und
Antichristen, sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche besteht… Auch
im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger geworden, - viel klüger,
viel nachdenklicher, viel schonender. Fast jede Partei begreift ihr
Selbsterhaltungs-Interesse darin, dass die Gegenpartei nicht von Kräften
kommt; dasselbe gilt von der grossen Politik. Eine neue Schöpfung zumal,
etwa das neue Reich, hat Feinde nöthiger als Freunde: im Gegensatz erst
fühlt es sich nothwendig, im Gegensatz wird es erst nothwendig… Nicht
anders verhalten wir uns gegen den "inneren Feind": auch da haben wir die
Feindschaft vergeistigt, auch da haben wir ihren Werth begriffen. Man ist
nur fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich zu sein; man bleibt nur
jung unter der Voraussetzung, dass die Seele nicht sich streckt, nicht nach
Frieden begehrt… Nichts ist uns fremder geworden als jene Wünschbarkeit
von Ehedem, die vom "Frieden der Seele", die christliche Wünschbarkeit;
Nichts macht uns weniger Neid als die Moral-Kuh und das fette Glück des
guten Gewissens. Man hat auf das grosse Leben verzichtet, wenn man auf
den Krieg verzichtet… In vielen Fällen freilich ist der "Frieden der Seele"
bloss ein Missverständniss, - etwas Anderes, das sich nur nicht ehrlicher zu
benennen weiss. Ohne Umschweif und Vorurtheil ein paar Fälle. "Frieden

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der Seele" kann zum Beispiel die sanfte Ausstrahlung einer reichen
Animalität in's Moralische (oder Religiöse) sein. Oder der Anfang der
Müdigkeit, der erste Schatten, den der Abend, jede Art Abend wirft. Oder
ein Zeichen davon, dass die Luft feucht ist, dass Südwinde herankommen.
Oder die Dankbarkeit wider Wissen für eine glückliche Verdauung
("Menschenliebe" mitunter genannt). Oder das Stille-werden des
Genesenden, dem alle Dinge neu schmecken und der wartet… Oder der
Zustand, der einer starken Befriedigung unsrer herrschenden Leidenschaft
folgt, das Wohlgefühl einer seltnen Sattheit. Oder die Altersschwäche
unsres Willens, unsrer Begehrungen, unsrer Laster. Oder die Faulheit, von
der Eitelkeit überredet, sich moralisch aufzuputzen. Oder der Eintritt einer
Gewissheit, selbst furchtbaren Gewissheit, nach einer langen Spannung und
Marterung durch die Ungewissheit. Oder der Ausdruck der Reife und
Meisterschaft mitten im Thun, Schaffen, Wirken, Wollen, das ruhige
Athmen, die erreichte "Freiheit des Willens"… Götzen-Dämmerung: wer
weiss? vielleicht auch nur eine Art "Frieden der Seele"…

4.

- Ich bringe ein Princip in Formel. Jeder Naturalismus in der Moral, das
heisst jede gesunde Moral ist von einem Instinkte des Lebens beherrscht, -
irgend ein Gebot des Lebens wird mit einem bestimmten Kanon von "Soll"
und "Soll nicht" erfüllt, irgend eine Hemmung und Feindseligkeit auf dem
Wege des Lebens wird damit bei Seite geschafft. Die widernatürliche
Moral, das heisst fast jede Moral, die bisher gelehrt, verehrt und gepredigt
worden ist, wendet sich umgekehrt gerade gegen die Instinkte des Lebens, -
sie ist eine bald heimliche, bald laute und freche Verurtheilung dieser
Instinkte. Indem sie sagt "Gott sieht das Herz an", sagt sie Nein zu den
untersten und obersten Begehrungen des Lebens und nimmt Gott als Feind

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des Lebens… Der Heilige, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ist der ideale
Castrat… Das Leben ist zu Ende, wo das "Reich Gottes" anfängt…

5.

Gesetzt, dass man das Frevelhafte einer solchen Auflehnung gegen das
Leben begriffen hat, wie sie in der christlichen Moral beinahe sakrosankt
geworden ist, so hat man damit, zum Glück, auch Etwas Andres begriffen:
das Nutzlose, Scheinbare, Absurde, Lügnerische einer solchen Auflehnung.
Eine Verurtheilung des Lebens von Seiten des Lebenden bleibt zuletzt doch
nur das Symptom einer bestimmten Art von Leben: die Frage, ob mit Recht,
ob mit Unrecht, ist gar nicht damit aufgeworfen. Man müsste eine Stellung
ausserhalb des Lebens haben, und andrerseits es so gut kennen, wie Einer,
wie Viele, wie Alle, die es gelebt haben, um das Problem vom Werth des
Lebens überhaupt anrühren zu dürfen: Gründe genug, um zu begreifen, dass
das Problem ein für uns unzugängliches Problem ist. Wenn wir von Werthen
reden, reden wir unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das
Leben selbst zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch
uns, wenn wir Werthe ansetzen… Daraus folgt, dass auch jene Widernatur
von Moral, welche Gott als Gegenbegriff und Verurtheilung des Lebens
fasst, nur ein Werthurtheil des Lebens ist - welches Lebens? Welcher Art
von Leben? - Aber ich gab schon die Antwort: des niedergehenden, des
geschwächten, des müden, des verurtheilten Lebens. Moral, wie sie bisher
verstanden worden ist - wie sie zuletzt noch von Schopenhauer formulirt
wurde als "Verneinung des Willens zum Leben" - ist der décadence-Instinkt
selbst, der aus sich einen Imperativ macht: sie sagt: "geh zu Grunde" sie ist
das Urtheil Verurtheilter…

6.

Page 32

Erwägen wir endlich noch, welche Naivetät es überhaupt ist, zu sagen
"so und so sollte der Mensch sein!" Die Wirklichkeit zeigt uns einen
entzückenden Reichthum der Typen, die Üppigkeit eines
verschwenderischen Formenspiels und -Wechsels: und irgend ein
armseliger Eckensteher von Moralist sagt dazu: "nein! der Mensch sollte
anders sein"?… Er weiss es sogar, wie er sein sollte, dieser Schlucker und
Mucker, er malt sich an die Wand und sagt dazu "ecce homo!"… Aber
selbst wenn der Moralist sich bloss an den Einzelnen wendet und zu ihm
sagt: "so und so solltest du sein!" hört er nicht auf, sich lächerlich zu
machen. Der Einzelne ist ein Stück fatum, von Vorne und von Hinten, ein
Gesetz mehr, eine Nothwendigkeit mehr für Alles, was kommt und sein
wird. Zu ihm sagen "ändere dich" heisst verlangen, dass Alles sich ändert,
sogar rückwärts noch… Und wirklich, es gab consequente Moralisten, sie
wollten den Menschen anders, nämlich tugendhaft, sie wollten ihn nach
ihrem Bilde, nämlich als Mucker: dazu verneinten sie die Welt! Keine
kleine Tollheit! Keine bescheidne Art der Unbescheidenheit!… Die Moral,
insofern sie verurtheilt, an sich, nicht aus Hinsichten, Rücksichten,
Absichten des Lebens, ist ein spezifischer Irrthum, mit dem man kein
Mitleiden haben soll, eine Degenerirten-Idiosynkrasie, die unsäglich viel
Schaden gestiftet hat!… Wir Anderen, wir Immoralisten, haben umgekehrt
unser Herz weit gemacht für alle Art Verstehn, Begreifen, Gutheissen. Wir
verneinen nicht leicht, wir suchen unsre Ehre darin, Bejahende zu sein.
Immer mehr ist uns das Auge für jene Ökonomie aufgegangen, welche alles
Das noch braucht und auszunützen weiss, was der heilige Aberwitz des
Priesters, der kranken Vernunft im Priester verwirft, für jene Ökonomie im
Gesetz des Lebens, die selbst aus der widerlichen species des Muckers, des
Priesters, des Tugendhaften ihren Vortheil zieht, - welchen Vortheil? - Aber
wir selbst, wir Immoralisten sind hier die Antwort… -

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Die vier grossen Irrthümer.

1.

Irrthum der Verwechslung von Ursache und Folge. - Es giebt keinen
gefährlicheren Irrthum als die Folge mit der Ursache zu verwechseln: ich
heisse ihn die eigentliche Verderbniss der Vernunft. Trotzdem gehört dieser
Irrthum zu den ältesten und jüngsten Gewohnheiten der Menschheit: er ist
selbst unter uns geheiligt, er trägt den Namen "Religion", "Moral". Jeder
Satz, den die Religion und die Moral formulirt, enthält ihn; Priester und
Moral-Gesetzgeber sind die Urheber jener Verderbniss der Vernunft. - Ich
nehme ein Beispiel: Jedermann kennt das Buch des berühmten Cornaro, in
dem er seine schmale Diät als Recept zu einem langen und glücklichen
Leben - auch tugendhaften - anräth. Wenige Bücher sind so viel gelesen
worden, noch jetzt wird es in England jährlich in vielen Tausenden von
Exemplaren gedruckt. Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die
Bibel, wie billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet, so viele Leben
verkürzt hat wie dies so wohlgemeinte Curiosum. Grund dafür: die
Verwechslung der Folge mit der Ursache. Der biedere Italiäner sah in seiner
Diät die Ursache seines langen Lebens: während die Vorbedingung zum
langen Leben, die ausserordentliche Langsamkeit des Stoffwechsels, der
geringe Verbrauch, die Ursache seiner schmalen Diät war. Es stand ihm
nicht frei, wenig oder viel zu essen, seine Frugalität war nicht ein "freier
Wille": er wurde krank, wenn er mehr ass. Wer aber kein Karpfen ist, thut
nicht nur gut, sondern hat es nöthig, ordentlich zu essen. Ein Gelehrter
unsrer Tage, mit seinem rapiden Verbrauch an Nervenkraft, würde sich mit
dem régime Cornaro's zu Grunde richten. Crede experto. -

2.

Page 34

Die allgemeinste Formel, die jeder Religion und Moral zu Grunde liegt,
heisst: "Thue das und das, lass das und das - so wirst du glücklich! Im
andern Falle…" Jede Moral, jede Religion ist dieser Imperativ, - ich nenne
ihn die grosse Erbsünde der Vernunft, die unsterbliche Unvernunft. In
meinem Munde verwandelt sich jene Formel in ihre Umkehrung - erstes
Beispiel meiner "Umwerthung aller Werthe": ein wohlgerathener Mensch,
ein "Glücklicher", muss gewisse Handlungen thun und scheut sich
instinktiv vor anderen Handlungen, er trägt die Ordnung, die er
physiologisch darstellt, in seine Beziehungen zu Menschen und Dingen
hinein. In Formel: seine Tugend ist die Folge seines Glücks… Langes
Leben, eine reiche Nachkommenschaft ist nicht der Lohn der Tugend, die
Tugend ist vielmehr selbst jene Verlangsamung des Stoffwechsels, die,
unter Anderem, auch ein langes Leben, eine reiche Nachkommenschaft,
kurz den Cornarismus im Gefolge hat. - Die Kirche und die Moral sagen:
"ein Geschlecht, ein Volk wird durch Laster und Luxus zu Grunde
gerichtet." Meine wiederhergestellte Vernunft sagt: wenn ein Volk zu
Grunde geht, physiologisch degenerirt, so folgen daraus Laster und Luxus
(das heisst das Bedürfniss nach immer stärkeren und häufigeren Reizen, wie
sie jede erschöpfte Natur kennt). Dieser junge Mann wird frühzeitig blass
und welk. Seine Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld. Ich
sage: dass er krank wurde, dass er der Krankheit nicht widerstand, war
bereits die Folge eines verarmten Lebens, einer hereditären Erschöpfung.
Der Zeitungsleser sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler zu
Grunde. Meine höhere Politik sagt: eine Partei, die solche Fehler macht, ist
am Ende - sie hat ihre Instinkt-Sicherheit nicht mehr. Jeder Fehler in jedem
Sinne ist die Folge von Instinkt-Entartung, von Disgregation des Willens:
man definirt beinahe damit das Schlechte. Alles Gute ist Instinkt - und,
folglich, leicht, nothwendig, frei. Die Mühsal ist ein Einwand, der Gott ist
typisch vom Helden unterschieden (in meiner Sprache: die leichten Füsse
das erste Attribut der Göttlichkeit).

Page 35

3.

Irrthum einer falschen Ursächlichkeit. - Man hat zu allen Zeiten geglaubt,
zu wissen, was eine Ursache ist: aber woher nahmen wir unser Wissen,
genauer, unsern Glauben, hier zu wissen? Aus dem Bereich der berühmten
"inneren Thatsachen", von denen bisher keine sich als thatsächlich erwiesen
hat. Wir glaubten uns selbst im Akt des Willens ursächlich; wir meinten da
wenigstens die Ursächlichkeit auf der That zu ertappen. Man zweifelte
insgleichen nicht daran, dass alle antecedentia einer Handlung, ihre
Ursachen, im Bewusstsein zu suchen seien und darin sich wiederfänden,
wenn man sie suche - als "Motive": man wäre ja sonst zu ihr nicht frei, für
sie nicht verantwortlich gewesen. Endlich, wer hätte bestritten, dass ein
Gedanke verursacht wird? dass das Ich den Gedanken verursacht?… Von
diesen drei "inneren Thatsachen", mit denen sich die Ursächlichkeit zu
verbürgen schien, ist die erste und überzeugendste die vom Willen als
Ursache; die Conception eines Bewusstseins ("Geistes") als Ursache und
später noch die des Ich (des "Subjekts") als Ursache sind bloss
nachgeboren, nachdem vom Willen die Ursächlichkeit als gegeben
feststand, als Empirie… Inzwischen haben wir uns besser besonnen. Wir
glauben heute kein Wort mehr von dem Allen. Die "innere Welt" ist voller
Trugbilder und Irrlichter: der Wille ist eins von ihnen. Der Wille bewegt
nichts mehr, erklärt folglich auch nichts mehr - er begleitet bloss Vorgänge,
er kann auch fehlen. Das sogenannte "Motiv": ein andrer Irrthum. Bloss ein
Oberflächenphänomen des Bewusstseins, ein Nebenher der That, das eher
noch die antecedentia einer That verdeckt, als dass es sie darstellt. Und gar
das Ich! Das ist zur Fabel geworden, zur Fiktion, zum Wortspiel: das hat
ganz und gar aufgehört, zu denken, zu fühlen und zu wollen!… Was folgt
daraus? Es giebt gar keine geistigen Ursachen! Die ganze angebliche
Empirie dafür gieng zum Teufel! Das folgt daraus! - Und wir hatten einen
artigen Missbrauch mit jener "Empirie" getrieben, wir hatten die Welt
daraufhin geschaffen als eine Ursachen-Welt, als eine Willens-Welt, als eine

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Geister-Welt. Die älteste und längste Psychologie war hier am Werk, sie hat
gar nichts Anderes gethan: alles Geschehen war ihr ein Thun, alles Thun
Folge eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Thätern, ein
Thäter (ein "Subjekt") schob sich allem Geschehen unter. Der Mensch hat
seine drei "inneren Thatsachen", Das, woran er am festesten glaubte, den
Willen, den Geist, das Ich, aus sich herausprojicirt, - er nahm erst den
Begriff Sein aus dem Begriff Ich heraus, er hat die "Dinge" als seiend
gesetzt nach seinem Bilde, nach seinem Begriff des Ichs als Ursache. Was
Wunder, dass er später in den Dingen immer nur wiederfand, was er in sie
gesteckt hatte?- Das Ding selbst, nochmals gesagt, der Begriff Ding, ein
Reflex bloss vom Glauben an's Ich als Ursache… Und selbst noch Ihr
Atom, meine Herren Mechanisten und Physiker, wie viel Irrthum, wie viel
rudimentäre Psychologie ist noch in Ihrem Atom rückständig! - Gar nicht zu
reden vom "Ding an sich", vom horrendum pudendum der Metaphysiker!
Der Irrthum vom Geist als Ursache mit der Realität verwechselt! Und zum
Maass der Realität gemacht! Und Gott genannt! -

4.

Irrthum der imaginären Ursachen. - Vom Traume auszugehn: einer
bestimmten Empfindung, zum Beispiel in Folge eines fernen
Kanonenschusses, wird nachträglich eine Ursache untergeschoben (oft ein
ganzer kleiner Roman, in dem gerade der Träumende die Hauptperson ist).
Die Empfindung dauert inzwischen fort, in einer Art von Resonanz: sie
wartet gleichsam, bis der Ursachentrieb ihr erlaubt, in den Vordergrund zu
treten, - nunmehr nicht mehr als Zufall, sondern als "Sinn". Der
Kanonenschuss tritt in einer causalen Weise auf, in einer anscheinenden
Umkehrung der Zeit. Das Spätere, die Motivirung, wird zuerst erlebt, oft
mit hundert Einzelnheiten, die wie im Blitz vorübergehn, der Schuss folgt…
Was ist geschehen? Die Vorstellungen, welche ein gewisses Befinden

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erzeugte, wurden als Ursache desselben missverstanden. - Thatsächlich
machen wir es im Wachen ebenso. Unsre meisten Allgemeingefühle - jede
Art Hemmung, Druck, Spannung, Explosion im Spiel und Gegenspiel der
Organe, wie in Sonderheit der Zustand des nervus sympathicus - erregen
unsern Ursachentrieb: wir wollen einen Grund haben, uns so und so zu
befinden, - uns schlecht zu befinden oder gut zu befinden. Es genügt uns
niemals, einfach bloss die Thatsache, dass wir uns so und so befinden,
festzustellen: wir lassen diese Thatsache erst zu, - werden ihrer bewusst -,
wenn wir ihr eine Art Motivirung gegeben haben. - Die Erinnerung, die in
solchem Falle, ohne unser Wissen, in Thätigkeit tritt, führt frühere Zustände
gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen herauf, -
nicht deren Ursächlichkeit. Der Glaube freilich, dass die Vorstellungen, die
begleitenden Bewusstseins-Vorgänge die Ursachen gewesen seien, wird
durch die Erinnerung auch mit heraufgebracht. So entsteht eine Gewöhnung
an eine bestimmte Ursachen-Interpretation, die in Wahrheit eine
Erforschung der Ursache hemmt und selbst ausschliesst.

5.

Psychologische Erklärung dazu. - Etwas Unbekanntes auf etwas
Bekanntes zurückführen, erleichtert, beruhigt, befriedigt, giebt ausserdem
ein Gefühl von Macht. Mit dem Unbekannten ist die Gefahr, die Unruhe,
die Sorge gegeben, - der erste Instinkt geht dahin, diese peinlichen Zustände
wegzuschaffen. Erster Grundsatz: irgend eine Erklärung ist besser als keine.
Weil es sich im Grunde nur um ein Loswerdenwollen drückender
Vorstellungen handelt, nimmt man es nicht gerade streng mit den Mitteln,
sie loszuwerden: die erste Vorstellung, mit der sich das Unbekannte als
bekannt erklärt, thut so wohl, dass man sie "für wahr hält". Beweis der Lust
("der Kraft") als Criterium der Wahrheit. - Der Ursachen-Trieb ist also
bedingt und erregt durch das Furchtgefühl. Das "Warum?" soll, wenn irgend

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möglich, nicht sowohl die Ursache um ihrer selber willen geben, als
vielmehr eine Art von Ursache - eine beruhigende, befreiende, erleichternde
Ursache. Dass etwas schon Bekanntes, Erlebtes, in die Erinnerung
Eingeschriebenes als Ursache angesetzt wird, ist die erste Folge dieses
Bedürfnisses. Das Neue, das Unerlebte, das Fremde wird als Ursache
ausgeschlossen. - Es wird also nicht nur eine Art von Erklärungen als
Ursache gesucht, sondern eine ausgesuchte und bevorzugte Art von
Erklärungen, die, bei denen am schnellsten, am häufigsten das Gefühl des
Fremden, Neuen, Unerlebten weggeschafft worden ist, - die gewöhnlichsten
Erklärungen. - Folge: eine Art von Ursachen-Setzung überwiegt immer
mehr, concentrirt sich zum System und tritt endlich dominirend hervor, das
heisst andere Ursachen und Erklärungen einfach ausschliessend. - Der
Banquier denkt sofort an's "Geschäft", der Christ an die "Sünde", das
Mädchen an seine Liebe.

6.

Der ganze Bereich der Moral und Religion gehört unter diesen Begriff
der imaginären Ursachen. - "Erklärung" der unangenehmen
Allgemeingefühle. Dieselben sind bedingt durch Wesen, die uns feind sind
(böse Geister: berühmtester Fall - Missverständniss der Hysterischen als
Hexen). Dieselben sind bedingt durch Handlungen, die nicht zu billigen
sind (das Gefühl der "Sünde", der "Sündhaftigkeit" einem physiologischen
Missbehagen untergeschoben - man findet immer Gründe, mit sich
unzufrieden zu sein). Dieselben sind bedingt als Strafen, als eine Abzahlung
für Etwas, das wir nicht hätten thun, das wir nicht hätten sein sollen (in
impudenter Form von Schopenhauer zu einem Satze verallgemeinert, in
dem die Moral als Das erscheint, was sie ist, als eigentliche Giftmischerin
und Verleumderin des Lebens: "jeder grosse Schmerz, sei er leiblich, sei er
geistig, sagt aus, was wir verdienen; denn er könnte nicht an uns kommen,

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wenn wir ihn nicht verdienten." Welt als Wille und Vorstellung, 2, 666).
Dieselben sind bedingt als Folgen unbedachter, schlimm auslaufender
Handlungen (die Affekte, die Sinne als Ursache, als "schuld" angesetzt;
physiologische Nothstände mit Hülfe anderer Nothstände als "verdient"
ausgelegt). - "Erklärung" der angenehmen Allgemeingefühle. Dieselben
sind bedingt durch Gottvertrauen. Dieselben sind bedingt durch das
Bewusstsein guter Handlungen (das sogenannte "gute Gewissen", ein
physiologischer Zustand, der mitunter einer glücklichen Verdauung zum
Verwechseln ähnlich sieht). Dieselben sind bedingt durch den glücklichen
Ausgang von Unternehmungen (- naiver Fehlschluss: der glückliche
Ausgang einer Unternehmung schafft einem Hypochonder oder: einem
Pascal durchaus keine angenehmen Allgemeingefühle). Dieselben sind
bedingt durch Glaube, Liebe, Hoffnung - die christlichen Tugenden. - In
Wahrheit sind alle diese vermeintlichen Erklärungen Folgezustände und
gleichsam Übersetzungen von Lust oder Unlust-Gefühlen in einen falschen
Dialekt: man ist im Zustande zu hoffen, weil das physiologische
Grundgefühl wieder stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefühl
der Fülle und Stärke Einem Ruhe giebt. - Die Moral und Religion gehört
ganz und gar unter die Psychologie des Irrthums: in jedem einzelnen Falle
wird Ursache und Wirkung verwechselt; oder die Wahrheit mit der Wirkung
des als wahr Geglaubten verwechselt; oder ein Zustand des Bewusstseins
mit der Ursächlichkeit dieses Zustands verwechselt.

7.

Irrthum vom freien Willen. - Wir haben heute kein Mitleid mehr mit dem
Begriff "freier Wille": wir wissen nur zu gut, was er ist - das anrüchigste
Theologen-Kunststück, das es giebt, zum Zweck, die Menschheit in ihrem
Sinne "verantwortlich" zu machen, das heisst sie von sich abhängig zu
machen… Ich gebe hier nur die Psychologie alles Verantwortlichmachens. -

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überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht werden, pflegt es der Instinkt des
Strafen- und Richten-Wollens zu sein, der da sucht. Man hat das Werden
seiner Unschuld entkleidet, wenn irgend ein So-und-so Sein auf Wille, auf
Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückgeführt wird: die Lehre
vom Willen ist wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe, das heisst des
Schuldig-finden-wollens. Die ganze alte Psychologie, die Willens-
Psychiologie hat ihre Voraussetzung darin, dass deren Urheber, die Priester
an der Spitze alter Gemeinwesen, sich ein Recht schaffen wollten, Strafen
zu verhängen - oder Gott dazu ein Recht schaffen wollten… Die Menschen
wurden "frei" gedacht, um gerichtet, um gestraft werden zu können, - um
schuldig werden zu können: folglich musste jede Handlung als gewollt, der
Ursprung jeder Handlung im Bewusstsein liegend gedacht werden (- womit
die grundsätzlichste Falschmünzerei in psychologicis zum Princip der
Psychologie selbst gemacht war… ) Heute, wo wir in die umgekehrte
Bewegung eingetreten sind, wo wir Immoralisten zumal mit aller Kraft den
Schuldbegriff und den Strafbegriff aus der Welt wieder herauszunehmen
und Psychologie, Geschichte, Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und
Sanktionen von ihnen zu reinigen suchen, giebt es in unsern Augen keine
radikalere Gegnerschaft als die der Theologen, welche fortfahren, mit dem
Begriff der "sittlichen Weltordnung" die Unschuld des Werdens durch
"Strafe" und "Schuld" zu durchseuchen. Das Christenthum ist eine
Metaphysik des Henkers…

8.

Was kann allein unsre Lehre sein? - Dass Niemand dem Menschen seine
Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern
und Vorfahren, noch er selbst (- der Unsinn der hier zuletzt abgelehnten
Vorstellung ist als "intelligible Freiheit" von Kant, vielleicht auch schon
von Plato gelehrt worden). Niemand ist dafür verantwortlich, dass er

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überhaupt da ist, dass er so und so beschaffen ist, dass er unter diesen
Umständen, in dieser Umgebung ist. Die Fatalität seines Wesens ist nicht
herauszulösen aus der Fatalität alles dessen, was war und was sein wird. Er
ist nicht die Folge einer eignen Absicht, eines Willens, eines Zwecks, mit
ihm wird nicht der Versuch gemacht, ein "Ideal von Mensch" oder ein
"Ideal von Glück" oder ein "Ideal von Moralität" zu erreichen, - es ist
absurd, sein Wesen in irgend einen Zweck hin abwälzen zu wollen. Wir
haben den Begriff "Zweck" erfunden: in der Realität fehlt der Zweck…
Man ist nothwendig, man ist ein Stück Verhängniss, man gehört zum
Ganzen, man ist im Ganzen, - es giebt Nichts, was unser Sein richten,
messen, vergleichen, verurtheilen könnte, denn das hiesse das Ganze
richten, messen, vergleichen, verurtheilen… Aber es giebt Nichts ausser
dem Ganzen! - Dass Niemand mehr verantwortlich gemacht wird, dass die
Art des Seins nicht auf eine causa prima zurückgeführt werden darf, dass
die Welt weder als Sensorium, noch als "Geist" eine Einheit ist, dies erst ist
die grosse Befreiung, - damit erst ist die Unschuld des Werdens wieder
hergestellt… Der Begriff "Gott" war bisher der grösste Einwand gegen das
Dasein… Wir leugnen Gott, wir leugnen die Verantwortlichkeit in Gott:
damit erst erlösen wir die Welt. -

Die "Verbesserer" der Menschheit.

1.

Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits von Gut
und Böse zu stellen, - die Illusion des moralischen Urtheils unter sich zu
haben. Diese Forderung folgt aus einer Einsicht, die von mir zum ersten
Male formulirt worden ist: dass es gar keine moralischen Thatsachen giebt.
Das moralische Urtheil hat Das mit dem religiösen gemein, dass es an
Realitäten glaubt, die keine sind. Moral ist nur eine Ausdeutung gewisser

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Phänomene, bestimmter geredet, eine Missdeutung. Das moralische Urtheil
gehört, wie das religiöse, einer Stufe der Unwissenheit zu, auf der selbst der
Begriff des Realen, die Unterscheidung des Realen und Imaginären noch
fehlt: so dass "Wahrheit" auf solcher Stufe lauter Dinge bezeichnet, die wir
heute "Einbildungen" nennen. Das moralische Urtheil ist insofern nie
wörtlich zu nehmen: als solches enthält es immer nur Widersinn. Aber es
bleibt als Semiotik unschätzbar: es offenbart, für den Wissenden
wenigstens, die werthvollsten Realitäten von Culturen und Innerlichkeiten,
die nicht genug wussten, um sich selbst zu "verstehn". Moral ist bloss
Zeichenrede, bloss Symptomatologie: man muss bereits wissen, worum es
sich handelt, um von ihr Nutzen zu ziehen.

2.

Ein erstes Beispiel und ganz vorläufig. Zu allen Zeiten hat man die
Menschen "verbessern" wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter dem
gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt. Sowohl
die Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer bestimmten
Gattung Mensch ist "Besserung" genannt worden: erst diese zoologischen
termini drücken Realitäten aus - Realitäten freilich, von denen der typische
"Verbesserer", der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen will… Die
Zähmung eines Thieres seine "Besserung" nennen ist in unsren Ohren
beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien geschieht, zweifelt
daran, dass die Bestie daselbst "verbessert" wird. Sie wird geschwächt, sie
wird weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der
Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften
Bestie. - Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen, den der
Priester "verbessert" hat. Im frühen Mittelalter, wo in der That die Kirche
vor Allem eine Menagerie war, machte man allerwärts auf die schönsten
Exemplare der "blonden Bestie" Jagd, - man "verbesserte" zum Beispiel die

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vornehmen Germanen. Aber wie sah hinterdrein ein solcher "verbesserter",
in's Kloster verführter Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie
eine Missgeburt: er war zum "Sünder" geworden, er stak im Käfig, man
hatte ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt… Da lag er nun,
krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig; voller Hass gegen die
Antriebe zum Leben, voller Verdacht gegen Alles, was noch stark und
glücklich war. Kurz, ein "Christ"… Physiologisch geredet: im Kampf mit
der Bestie kann Krank machen das einzige Mittel sein, sie schwach zu
machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen, sie schwächte
ihn, - aber sie nahm in Anspruch, ihn "verbessert" zu haben…

3.

Nehmen wir den andern Fall der sogenannten Moral, den Fall der
Züchtung einer bestimmten Rasse und Art. Das grossartigste Beispiel dafür
giebt die indische Moral, als "Gesetz des Manu" zur Religion sanktionirt.
Hier ist die Aufgabe gestellt, nicht weniger als vier Rassen auf einmal zu
züchten: eine priesterliche, eine kriegerische, eine händler- und
ackerbauerische, endlich eine Dienstboten-Rasse, die Sudras. Ersichtlich
sind wir hier nicht mehr unter Thierbändigern: eine hundert Mal mildere
und vernünftigere Art Mensch ist die Voraussetzung, um auch nur den Plan
einer solchen Züchtung zu concipiren. Man athmet auf, aus der christlichen
Kranken- und Kerkerluft in diese gesündere, höhere, weitere Welt
einzutreten. Wie armselig ist das "neue Testament" gegen Manu, wie
schlecht riecht es! - Aber auch diese Organisation hatte nöthig, furchtbar zu
sein, - nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem
Gegensatz-Begriff, dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Mischmasch-
Menschen, dem Tschandala. Und wieder hatte sie kein andres Mittel, ihn
ungefährlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu machen, - es war der
Kampf mit der "grossen Zahl". Vielleicht giebt es nichts unserm Gefühle

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Widersprechenderes als diese Schutzmaassregeln der indischen Moral. Das
dritte Edikt zum Beispiel (Avadana-Sastra 1), das "von den unreinen
Gemüsen", ordnet an, dass die einzige Nahrung, die den Tschandala erlaubt
ist, Knoblauch und Zwiebeln sein sollen, in Anbetracht, dass die heilige
Schrift verbietet, ihnen Korn oder Früchte, die Körner tragen, oder Wasser
oder Feuer zu geben. Dasselbe Edikt setzt fest, dass das Wasser, welches sie
nöthig haben, weder aus den Flüssen, noch aus den Quellen, noch aus den
Teichen genommen werden dürfe, sondern nur aus den Zugängen zu
Sümpfen und aus Löchern, welche durch die Fusstapfen der Thiere
entstanden sind. Insgleichen wird ihnen verboten, ihre Wäsche zu waschen
und sich selbst zu waschen, da das Wasser, das ihnen aus Gnade
zugestanden wird, nur benutzt werden darf, den Durst zu löschen. Endlich
ein Verbot an die Sudra-Frauen, den Tschandala-Frauen bei der Geburt
beizustehen, insgleichen noch eins für die letzteren, einander dabei
beizustehen… - Der Erfolg einer solchen Sanitäts-Polizei blieb nicht aus:
mörderische Seuchen, scheussliche Geschlechtskrankheiten und darauf hin
wieder "das Gesetz des Messers", die Beschneidung für die männlichen, die
Abtragung der kleinen Schamlippen für die weiblichen Kinder anordnend. -
Manu selbst sagt: "die Tschandala sind die Frucht von Ehebruch, Incest und
Verbrechen (- dies die nothwendige Consequenz des Begriffs Züchtung).
Sie sollen zu Kleidern nur die Lumpen von Leichnamen haben, zum
Geschirr zerbrochne Töpfe, zum Schmuck altes Eisen, zum Gottesdienst
nur die bösen Geister; sie sollen ohne Ruhe von einem Ort zum andern
schweifen. Es ist ihnen verboten, von links nach rechts zu schreiben und
sich der rechten Hand zum Schreiben zu bedienen: der Gebrauch der
rechten Hand und des von Links nach Rechts ist bloss den Tugendhaften
vorbehalten, den Leuten von Rasse." -

4.

Page 45

Diese Verfügungen sind lehrreich genug: in ihnen haben wir einmal die
arische Humanität, ganz rein, ganz ursprünglich, - wir lernen, dass der
Begriff "reines Blut" der Gegensatz eines harmlosen Begriffs ist.
Andrerseits wird klar, in welchem Volk sich der Hass, der Tschandala-Hass
gegen diese "Humanität" verewigt hat, wo er Religion, wo er Genie
geworden ist…Unter diesem Gesichtspunkte sind die Evangelien eine
Urkunde ersten Ranges; noch mehr das Buch Henoch. - Das Christenthum,
aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt
die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des
Privilegiums dar: - es ist die antiarische Religion par excellence: das
Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der
Tschandala Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt,
der Gesammt-Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen,
Schlechtweggekommenen gegen die "Rasse", - die unsterbliche Tschandala-
Rache als Religion der Liebe…

5.

Die Moral der Züchtung und die Moral der Zähmung sind in den Mitteln,
sich durchzusetzen, vollkommen einander würdig: wir dürfen als obersten
Satz hinstellen, dass, um Moral zu machen, man den unbedingten Willen
zum Gegentheil haben muss. Dies ist das grosse, das unheimliche Problem,
dem ich am längsten nachgegangen bin: die Psychologie der "Verbesserer"
der Menschheit. Eine kleine und im Grunde bescheidne Thatsache, die der
sogenannten pia fraus, gab mir den ersten Zugang zu diesem Problem: die
pia fraus, das Erbgut aller Philosophen und Priester, die die Menschheit
"verbesserten". Weder Manu, noch Plato, noch Confucius, noch die
jüdischen und christlichen Lehrer haben je an ihrem Recht zur Lüge
gezweifelt. Sie haben an ganz andren Rechten nicht gezweifelt… In Formel

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ausgedrückt dürfte man sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit
moralisch gemacht werden sollte, waren von Grund aus unmoralisch. -

Was den Deutschen abgeht.

1.

Unter Deutschen ist es heute nicht genug, Geist zu haben: man muss ihn
noch sich nehmen, sich Geist herausnehmen…

Vielleicht kenne ich die Deutschen, vielleicht darf ich selbst ihnen ein
paar Wahrheiten sagen. Das neue Deutschland stellt ein grosses Quantum
vererbter und angeschulter Tüchtigkeit dar, so dass es den aufgehäuften
Schatz von Kraft eine Zeit lang selbst verschwenderisch ausgeben darf. Es
ist nicht eine hohe Cultur, die mit ihm Herr geworden, noch weniger ein
delikater Geschmack, eine vornehme "Schönheit" der Instinkte; aber
männlichere Tugenden, als sonst ein Land Europa's aufweisen kann. Viel
guther Muth und Achtung vor sich selber, viel Sicherheit im Verkehr, in der
Gegenseitigkeit der Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer - und eine
angeerbte Mässigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs
bedarf. Ich füge hinzu, dass hier noch gehorcht wird, ohne dass das
Gehorchen demüthigt… Und Niemand verachtet seinen Gegner…

Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen gerecht zu sein: ich
möchte mir darin nicht untreu werden, - ich muss ihnen also auch meinen
Einwand machen. Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die Macht
verdummt… Die Deutschen - man hiess sie einst das Volk der Denker:
denken sie heute überhaupt noch? - Die Deutschen langweilen sich jetzt am
Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt
allen Ernst für wirklich geistige Dinge - "Deutschland, Deutschland über

Page 47

Alles", ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie… "Giebt es
deutsche Philosophen? giebt es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche
Bücher?" fragt man mich im Ausland. Ich erröthe, aber mit der Tapferkeit,
die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: "Ja,
Bismarck!" - Dürfte ich auch nur eingestehn, welche Bücher man heute
liest?… Vermaledeiter Instinkt der Mittelmässigkeit! -

2.

- Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte nicht schon darüber seine
schwermüthigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich willkürlich
verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind die zwei
grossen europäischen Narcotica, Alkohol und Christenthum, lasterhafter
gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch ein drittes hinzu, mit
dem allein schon aller feinen und kühnen Beweglichkeit des Geistes der
Garaus gemacht werden kann, die Musik, unsre verstopfte verstopfende
deutsche Musik. - Wie viel verdriessliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit,
Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es
eigentlich möglich, dass junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr
Dasein weihn, nicht den ersten Instinkt der Geistigkeit, den
Selbsterhaltungs-Instinkt des Geistes in sich fühlen - und Bier trinken?…
Der Alkoholismus der gelehrten Jugend ist vielleicht noch kein
Fragezeichen in Absicht ihrer Gelehrsamkeit - man kann ohne Geist sogar
ein grosser Gelehrter sein -, aber in jedem andren Betracht bleibt er ein
Problem. - Wo fände man sie nicht, die sanfte Entartung, die das Bier im
Geiste hervorbringt! Ich habe einmal in einem beinahe berühmt gewordnen
Fall den Finger auf eine solche Entartung gelegt - die Entartung unsres
ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss, zum Verfasser eines
Bierbank-Evangeliums und "neuen Glaubens"… Nicht umsonst hatte er der
"holden Braunen" sein Gelöbniss in Versen gemacht - Treue bis zum Tod…

Page 48

3.

- Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er gröber wird, dass er sich
verflacht. Ist das genug? - Im Grunde ist es etwas ganz Anderes, das mich
erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der deutschen
Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen abwärts geht. Das
Pathos hat sich verändert, nicht bloss die Intellektualität. - Ich berühre hier
und da deutsche Universitäten: was für eine Luft herrscht unter deren
Gelehrten, welche öde, welche genügsam und lau gewordne Geistigkeit! Es
wäre ein tiefes Missverständniss, wenn man mir hier die deutsche
Wissenschaft einwenden wollte - und ausserdem ein Beweis dafür, dass
man nicht ein Wort von mir gelesen hat. Ich bin seit siebzehn Jahren nicht
müde geworden, den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen
Wissenschafts-Betriebs an's Licht zu stellen. Das harte Helotenthum, zu
dem der ungeheure Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen
verurtheilt, ist ein Hauptgrund dafür, dass voller, reicher, tiefer angelegte
Naturen keine ihnen gemässe Erziehung und Erzieher mehr vorfinden.
Unsre Cultur leidet an Nichts mehr, als an dem Überfluss anmaasslicher
Eckensteher und Bruchstück-Humanitäten; unsre Universitäten sind, wider
Willen, die eigentlichen Treibhäuser für diese Art Instinkt-Verkümmerung
des Geistes. Und ganz Europa hat bereits einen Begriff davon - die grosse
Politik täuscht Niemanden… Deutschland gilt immer mehr als Europa's
Flachland. - Ich suche noch nach einem Deutschen, mit dem ich auf meine
Weise ernst sein könnte, - um wie viel mehr nach einem, mit dem ich heiter
sein dürfte! Götzen-Dämmerung: ah wer begriffe es heute, von was für
einem Ernste sich hier ein Einsiedler erholt! - Die Heiterkeit ist an uns das
Unverständlichste…

4.

Page 49

Man mache einen Überschlag: es liegt nicht nur auf der Hand, dass die
deutsche Cultur niedergeht, es fehlt auch nicht am zureichenden Grund
dafür. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben als er hat - das gilt von
Einzelnen, das gilt von Völkern. Giebt man sich für Macht, für grosse
Politik, für Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus, Militär-Interessen
aus, - giebt man das Quantum Verstand, Ernst, Wille, Selbstüberwindung,
das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt es auf der andern Seite. Die
Cultur und der Staat - man betrüge sich hierüber nicht - sind Antagonisten:
"Cultur-Staat" ist bloss eine moderne Idee. Das Eine lebt vom Andern, das
Eine gedeiht auf Unkosten des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind
politische Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur war
unpolitisch, selbst antipolitisch. - Goethen gieng das Herz auf bei dem
Phänomen Napoleon, - es gieng ihm zu beiden "Freiheits-Kriegen"… In
demselben Augenblick, wo Deutschland als Grossmacht heraufkommt,
gewinnt Frankreich als Culturmacht eine veränderte Wichtigkeit. Schon
heute ist viel neuer Ernst, viel neue Leidenschaft des Geistes nach Paris
übergesiedelt; die Frage des Pessimismus zum Beispiel, die Frage Wagner,
fast alle psychologischen und artistischen Fragen werden dort
unvergleichlich feiner und gründlicher erwogen als in Deutschland, - die
Deutschen sind selbst unfähig zu dieser Art Ernst. - In der Geschichte der
europäischen Cultur bedeutet die Heraufkunft des "Reichs" vor allem Eins:
eine Verlegung des Schwergewichts. Man weiss es überall bereits: in der
Hauptsache - und das bleibt die Cultur - kommen die Deutschen nicht mehr
in Betracht. Man fragt: habt ihr auch nur Einen für Europa mitzählenden
Geist aufzuweisen? wie euer Goethe, euer Hegel, euer Heinrich Heine, euer
Schopenhauer mitzählte? - Dass es nicht einen einzigen deutschen
Philosophen mehr giebt, darüber ist des Erstaunens kein Ende. -

5.

Page 50

Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutschland ist die
Hauptsache abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck.
Dass Erziehung, Bildung selbst Zweck ist - und nicht das "Reich" -, dass es
zu diesem Zweck der Erzieherbedarf - und nicht der Gymnasiallehrer und
Universitäts-Gelehrten - man vergass das… Erzieher thun noth, die selbst
erzogen sind, überlegene, vornehme Geister, in jedem Augenblick
bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, süss gewordene
Culturen, - nicht die gelehrten Rüpel, welche Gymnasium und Universität
der Jugend heute als "höhere Ammen" entgegenbringt. Die Erzieherfehlen,
die Ausnahmen der Ausnahmen abgerechnet, die erste Vorbedingung der
Erziehung: daher der Niedergang der deutschen Cultur. - Eine jener
allerseltensten Ausnahmen ist mein verehrungswürdiger Freund Jakob
Burckhardt in Basel: ihm zuerst verdankt Basel seinen Vorrang von
Humanität. - Was die "höheren Schulen" Deutschlands thatsächlich
erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit möglichst geringem
Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für den Staatsdienst nutzbar,
ausnutzbar zu machen. "Höhere Erziehung" und Unzahl - das widerspricht
sich von vornherein. Jede höhere Erziehung gehört nur der Ausnahme: man
muss privilegirt sein, um ein Recht auf ein so hohes Privilegium zu haben.
Alle grossen, alle schönen Dinge können nie Gemeingut sein: pulchrum est
paucorum hominum. - Was bedingt den Niedergang der deutschen Cultur?
Dass "höhere Erziehung" kein Vorrecht mehr ist - der Demokratismus der
"allgemeinen", der gemein gewordnen "Bildung"… Nicht zu vergessen,
dass militärische Privilegien den Zu-Viel-Besuch der höheren Schulen, das
heisst ihren Untergang, förmlich erzwingen. - Es steht Niemandem mehr
frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu
geben: unsre "höheren" Schulen sind allesammt auf die zweideutigste
Mittelmässigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen.
Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob Etwas versäumt
wäre, wenn der junge Mann Mit 23 Jahren noch nicht "fertig" ist, noch

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nicht Antwort weiss auf die "Hauptfrage": welchen Beruf? - Eine höhere
Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht "Berufe", genau deshalb, weil
sie sich berufen weiss… Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar
nicht daran, "fertig" zu werden, - mit dreissig Jahren ist man, im Sinne
hoher Cultur, ein Anfänger, ein Kind. - Unsre überfüllten Gymnasien, unsre
überhäuften, stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese
Zustände in Schutz zu nehmen, wie es jüngst die Professoren von
Heidelberg gethan haben, dazu hat man vielleicht Ursachen, - Gründe dafür
giebt es nicht.

6.

- Ich stelle, um nicht aus meiner Art zu fallen, die ja-sagend ist und mit
Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig zu thun hat, sofort
die drei Aufgaben hin, derentwegen man Erzieher braucht. Man hat sehen
zu lernen, man hat denken zu lernen, man hat sprechen und schreiben zu
lernen: das Ziel in allen Dreien ist eine vornehme Cultur. - Sehen lernen -
dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen
angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall von allen Seiten
umgehn und umfassen lernen. Das ist die erste Vorschulung zur Geistigkeit:
auf einen Reiz nicht sofort reagiren, sondern die hemmenden, die
abschliessenden Instinkte in die Hand bekommen. Sehen lernen, so wie ich
es verstehe, ist beinahe Das, was die unphilosophische Sprechweise den
starken Willen nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht "wollen", die
Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht
auf dem Unvermögen, einem Reize Widerstand zu leisten - man muss
reagiren, man folgt jedem Impulse. In vielen Fällen ist ein solches Müssen
bereits Krankhaftigkeit, Niedergang, Symptom der Erschöpfung, - fast
Alles, was die unphilosophische Rohheit mit dem Namen "Laster"
bezeichnet, ist bloss jenes physiologische Unvermögen, nicht zu reagiren. -

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Eine Nutzanwendung vom Sehen-gelernt-haben: man wird als Lernender
überhaupt langsam, misstrauisch, widerstrebend geworden sein. Man wird
Fremdes, Neues jeder Art zunächst mit feindseliger Ruhe herankommen
lassen, - man wird seine Hand davor zurückziehn. Das Offenstehn mit allen
Thüren, das unterthänige Auf-dem-Bauch-Liegen vor jeder kleinen
Thatsache, das allzeit sprungbereite Sich-hinein-Setzen, Sich-hinein-
Stürzen in Andere und Anderes, kurz die berühmte moderne "Objektivität"
ist schlechter Geschmack, ist unvornehm par excellence. -

7.

Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon.
Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der
Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk,
auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste
Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans,
eines Willens zur Meisterschaft bedarf, - dass Denken gelernt sein will, wie
Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen… Wer kennt unter Deutschen
jenen feinen Schauder aus Erfahrung noch, den die leichten Füsse im
Geistigen in alle Muskeln überströmen! - Die steife Tölpelei der geistigen
Gebärde, die plumpe Hand beim Fassen - das ist in dem Grade deutsch,
dass man es im Auslande mit dem deutschen Wesen überhaupt verwechselt.
Der Deutsche hat keine Finger für nuances… Dass die Deutschen ihre
Philosophen auch nur ausgehalten haben, vor Allen jenen verwachsensten
Begriffs-Krüppel, den es je gegeben hat, den grossen Kant, giebt keinen
kleinen Begriff von der deutschen Anmuth. - Man kann nämlich das Tanzen
in jeder Form nicht von der vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzen
können mit den Füssen, mit den Begriffen, mit den Worten; habe ich noch
zu sagen, dass man es auch mit der Feder können muss, - dass man

Page 53

schreiben lernen muss? - Aber an dieser Stelle würde ich deutschen Lesern
vollkommen zum Räthsel werden…

Streifzüge eines Unzeitgemässen.

1.

Meine Unmöglichen. - Seneca: oder der Toreador der Tugend. -
Rousseau: oder die Rückkehr zur Natur in impuris naturalibus. - Schiller:
oder der Moral-Trompeter von Säckingen. - Dante: oder die Hyäne, die in
Gräbern dichtet. - Kant: oder cant als intelligibler Charakter. -Victor Hugo:
oder der Pharus am Meere des Unsinns. - Liszt: oder die Schule der
Geläufigkeit - nach Weibern. - George Sand: oder lactea ubertas, auf
deutsch: die Milchkuh mit "schönem Stil". - Michelet: oder die
Begeisterung, die den Rock auszieht…Carlyle: oder Pessimismus als
zurückgetretenes Mittagessen. - John Stuart Mill: oder die beleidigende
Klarheit. - Les fréres de Goncourt: oder die beiden Ajaxe im Kampf mit
Homer. Musik von Offenbach. - Zola: oder die Freude zu stinken. -

2.

Renan. - Theologie, oder die Verderbniss der Vernunft durch die
"Erbsünde" (das Christenthum). Zeugniss Renan, der, sobald er einmal ein
Ja oder Nein allgemeinerer Art risquirt, mit peinlicher Regelmässigkeit
daneben greift. Er möchte zum Beispiel la science und la noblesse in Eins
verknüpfen: aber la science gehört zur Demokratie, das greift sich doch mit
Händen. Er wünscht, mit keinem kleinen Ehrgeize, einen Aristokratismus
des Geistes darzustellen: aber zugleich liegt er vor dessen Gegenlehre, dem
évangile des humbles auf den Knien und nicht nur auf den Knien… Was
hilft alle Freigeisterei, Modernität, Spötterei und Wendehals-

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Geschmeidigkeit, wenn man mit seinen Eingeweiden Christ, Katholik und
sogar Priester geblieben ist! Renan hat seine Erfindsamkeit, ganz wie ein
Jesuit und Beichtvater, in der Verführung; seiner Geistigkeit fehlt das breite
Pfaffen-Geschmunzel nicht, - er wird, wie alle Priester, gefährlich erst,
wenn er liebt. Niemand kommt ihm darin gleich, auf eine lebensgefährliche
Weise anzubeten… Dieser Geist Renan's, ein Geist, der entnervt, ist ein
Verhängniss mehr für das arme, kranke, willenskranke Frankreich. -

3.

Sainte-Beuve. - Nichts von Mann; voll eines kleinen Ingrimms gegen alle
Mannsgeister. Schweift umher, fein, neugierig, gelangweilt, aushorcherisch,
- eine Weibsperson im Grunde, mit einer Weibs-Rachsucht und Weibs-
Sinnlichkeit. Als Psycholog ein Genie der médisance; unerschöpflich reich
an Mitteln dazu; Niemand versteht besser, mit einem Lob Gift zu mischen.
Plebejisch in den untersten Instinkten und mit dem ressentiment Rousseau's
verwandt: folglich Romantiker - denn unter allem romantisme grunzt und
giert der Instinkt Rousseau's nach Rache. Revolutionär, aber durch die
Furcht leidlich noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was
Stärke hat (öffentliche Meinung, Akademie, Hof, selbst Port Royal).
Erbittert gegen alles Grosse an Mensch und Ding, gegen Alles, was an sich
glaubt. Dichter und Halbweib genug, um das Grosse noch als Macht zu
fühlen; gekrümmt beständig, wie jener berühmte Wurm, weil er sich
beständig getreten fühlt. Als Kritiker ohne Maassstab, Halt und Rückgrat,
mit der Zunge des kosmopolitischen libertin für Vielerlei, aber ohne den
Muth selbst zum Eingeständniss der libertinage. Als Historiker ohne
Philosophie, ohne die Macht des philosophischen Blicks, - deshalb die
Aufgabe des Richtens in allen Hauptsachen ablehnend, die "Objektivität"
als Maske vorhaltend. Anders verhält er sich zu allen Dingen, wo ein feiner,
vernutzter Geschmack die höchste Instanz ist: da hat er wirklich den Muth

Page 55

zu sich, die Lust an sich, - da ist er Meister. - Nach einigen Seiten eine
Vorform Baudelaire's. -

4.

Die imitatio Christi gehört zu den Büchern, die ich nicht ohne einen
physiologischen Widerstand in den Händen halte: sie haucht einen parfum
des Ewig-Weiblichen aus, zu dem man bereits Franzose sein muss - oder
Wagnerianer… Dieser Heilige hat eine Art von der Liebe zu reden, dass
sogar die Pariserinnen neugierig werden. - Man sagt mir, dass jener klügste
Jesuit, A. Comte, der seine Franzosen auf dem Umweg der Wissenschaft
nach Rom führen wollte, sich an diesem Buche inspirirt habe. Ich glaube es:
"die Religion des Herzens"…

5.

G. Eliot. - Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um, so
mehr die christliche Moral festhalten zu müssen: das ist eine englische
Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral Weiblein á la Eliot nicht
verübeln. In England muss man sich für jede kleine Emancipation von der
Theologie in furchteinflössender Weise als Moral-Fanatiker wieder zu
Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die man zahlt. - Für uns Andre steht
es anders. Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich
damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füssen weg. Diese
versteht sich schlechterdings nicht von selbst: man muss diesen Punkt, den
englischen Flachköpfen zum Trotz, immer wieder an's Licht stellen. Das
Christenthum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht
der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott,
heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man hat nichts
Nothwendiges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum setzt voraus,

Page 56

dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse
ist: er glaubt an Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein
Befehl; ihr Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles
Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist, - sie
steht und fällt mit dem Glauben an Gott. - Wenn thatsächlich die Engländer
glauben, sie wüssten von sich aus, "intuitiv", was gut und böse ist, wenn sie
folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie der Moral nicht mehr
nöthig zu haben, so ist dies selbst bloss die Folge der Herrschaft des
christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck von der Stärke und Tiefe dieser
Herrschaft: so dass der Ursprung der englischen Moral vergessen worden
ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres Rechts auf Dasein nicht mehr
empfunden wird. Für den Engländer ist die Moral noch kein Problem…

6.

George Sand. - Ich las die ersten lettres d'un voyageur: wie Alles, was
von Rousseau stammt, falsch, gemacht, Blasebalg, übertrieben. Ich halte
diesen bunten Tapeten-Stil nicht aus; ebensowenig als die Pöbel-Ambition
nach generösen Gefühlen. Das Schlimmste freilich bleibt die
Weibskoketterie mit Männlichkeiten, mit Manieren ungezogener Jungen. -
Wie kalt muss sie bei alledem gewesen sein, diese unausstehliche
Künstlerin! Sie zog sich auf wie eine Uhr - und schrieb… Kalt, wie Hugo
wie Balzac, wie alle Romantiker, sobald sie dichteten! Und wie
selbstgefällig sie dabei dagelegen haben mag, diese fruchtbare Schreibe-
Kuh, die etwas Deutsches im schlimmen Sinne an sich hatte, gleich
Rousseau selbst, ihrem Meister, und jedenfalls erst beim Niedergang des
französischen Geschmacks möglich war! - Aber Renan verehrt sie…

7.

Page 57

Moral für Psychologen. - Keine Colportage-Psychologie treiben! Nie
beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine falsche Optik, ein Schielen,
etwas Erzwungenes und Übertreibendes. Erleben als Erleben-Wollen - das
geräth nicht. Man darf nicht im Erlebniss nach sich hinblicken, jeder Blick
wird da zum "bösen Blick". Ein geborner Psycholog hütet sich aus Instinkt,
zu sehn, um zu sehn; dasselbe gilt vom gebornen Maler. Er arbeitet nie
"nach der Natur", - er überlässt seinem Instinkte, seiner camera obscura das
Durchsieben und Ausdrücken des "Falls", der "Natur", des "Erlebten"…
Das Allgemeine erst kommt ihm zum Bewusstsein, der Schluss, das
Ergebniss: er kennt jenes willkürliche Abstrahiren vom einzelnen Falle
nicht. - Was wird daraus, wenn man es anders macht? Zum Beispiel nach
Art der Pariser romanciers gross und klein Colportage-Psychologie treibt?
Das lauert gleichsam der Wirklichkeit auf, das bringt jeden Abend eine
Handvoll Curiositäten mit nach Hause… Aber man sehe nur, was zuletzt
herauskommt - ein Haufen von Klecksen, ein Mosaik besten Falls, in jedem
Falle etwas Zusammen-Addirtes, Unruhiges, Farbenschreiendes. Das
Schlimmste darin erreichen die Goncourt: sie setzen nicht drei Sätze
zusammen, die nicht dem Auge, dem Psychologen-Auge einfach weh thun.
- Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell. Sie übertreibt, sie
verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall. Das Studium "nach der
Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth Unterwerfung,
Schwäche, Fatalismus, - dies Im-Staube-Liegen vor petits faits ist eines
ganzen Künstlers unwürdig. Sehen, was ist - das gehört einer andern
Gattung von Geistern. zu, den antiartistischen, den Thatsächlichen. Man
muss wissen, wer man ist…

8.

Zur Psychologie des Künstlers. - Damit es Kunst giebt, damit es irgend
ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische

Page 58

Vorbedingung unumgänglich: der Rausch. Der Rausch muss erst die
Erregbarkeit der ganzen Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu
keiner Kunst. Alle noch so verschieden bedingten Arten des Rausches
haben dazu die Kraft: vor Allem der Rausch der Geschlechtserregung, diese
älteste und ursprünglichste Form des Rausches. Insgleichen der Rausch, der
im Gefolge aller grossen Begierden, aller starken Affekte kommt; der
Rausch des Festes, des Wettkampfs, des Bravourstücks, des Siegs, aller
extremen Bewegung; der Rausch der Grausamkeit; der Rausch in der
Zerstörung; der Rausch unter gewissen meteorologischen Einflüssen, zum
Beispiel der Frühlingsrausch; oder unter dem Einfluss der Narcotica;
endlich der Rausch des Willens, der Rausch eines überhäuften und
geschwellten Willens. - Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl der
Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die Dinge ab,
man zwingt sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt sie, - man heisst
diesen Vorgang Idealisiren. Machen wir uns hier von einem Vorurtheil los:
das Idealisiren besteht nicht, wie gemeinhin geglaubt wird, in einem
Abziehn oder Abrechnen des Kleinen, des Nebensächlichen. Ein
ungeheures Heraustreibender Hauptzüge ist vielmehr das Entscheidende, so
dass die andern darüber verschwinden.

9.

Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: was
man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,
überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,
bis sie seine Macht wiederspiegeln, - bis sie Reflexe seiner Vollkommenheit
sind. Dies Verwandeln müssen in's Vollkommne ist - Kunst. Alles selbst,
was er nicht ist, wird trotzdem ihm zur Lust an sich; in der Kunst geniesst
sich der Mensch als Vollkommenheit. - Es wäre erlaubt, sich einen
gegensätzlichen Zustand auszudenken, ein spezifisches Antikünstlerthum

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des Instinks, - eine Art zu sein, welche alle Dinge verarmte, verdünnte,
schwindsüchtig machte. Und in der That, die Geschichte ist reich an
solchen Anti-Artisten, an solchen Ausgehungerten des Lebens: welche mit
Nothwendigkeit die Dinge noch an sich nehmen, sie auszehren, sie magerer
machen müssen. Dies ist zum Beispiel der Fall des echten Christen, Pascal's
zum Beispiel: ein Christ, der zugleich Künstler wäre, kommt nicht vor…
Man sei nicht kindlich und wende mir Raffael ein oder irgend welche
homöopathische Christen des neunzehnten Jahrhunderts: Raffael sagte Ja,
Raffael machte Ja, folglich war Raffael kein Christ…

10.

Was bedeutet der von mir in die Ästhetik eingeführte Gegensatz-Begriff
apollinisch und dionysisch, beide als Arten des Rausches begriffen? - Der
apollinische Rausch hält vor Allem das Auge erregt, so dass es die Kraft der
Vision bekommt. Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind Visionäre par
excellence. Im dionysischen Zustande ist dagegen das gesammte Affekt-
System erregt und gesteigert: so dass es alle seine Mittel des Ausdrucks mit
einem Male entladet und die Kraft des Darstellens, Nachbildens,
Transfigurirens, Verwandelns, alle Art Mimik und Schauspielerei zugleich
heraustreibt. Das Wesentliche bleibt die Leichtigkeit der Metamorphose, die
Unfähigkeit, nicht zu reagiren (- ähnlich wie bei gewissen Hysterischen, die
auch auf jeden Wink hin in je de Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen
Menschen unmöglich, irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er
übersieht kein Zeichen des Affekts, er hat den höchsten Grad des
verstehenden und errathenden Instinkts, wie er den höchsten Grad von
Mittheilungs-Kunst besitzt. Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er
verwandelt sich beständig. - Musik, wie wir sie heute verstehn, ist
gleichfalls eine Gesammt-Erregung und -Entladung der Affekte, aber
dennoch nur das Überbleibsel von einer viel volleren Ausdrucks-Welt des

Page 60

Affekts, ein blosses residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur
Ermöglichung der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem
den Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem gewissen
Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln): so dass der Mensch
nicht mehr Alles, was er fühlt, sofort leibhaft nachahmt und darstellt.
Trotzdem ist Das der eigentlich dionysische Normalzustand, jedenfalls der
Urzustand; die Musik ist die langsam erreichte Spezifikation desselben auf
Unkosten der nächstverwandten Vermögen.

11.

Der Schauspieler, der Mime, der Tänzer, der Musiker, der Lyriker sind in
ihren Instinkten grundverwandt und an sich Eins, aber allmählich
spezialisirt und von einander abgetrennt - bis selbst zum Widerspruch. Der
Lyriker blieb am längsten mit dem Musiker geeint; der Schauspieler mit
dem Tänzer. - Der Architekt stellt weder einen dionysischen, noch einen
apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse Willensakt, der Wille, der
Berge versetzt, der Rausch des grossen Willens, der zur Kunst verlangt. Die
mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspirirt; der Architekt
war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz,
der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren; Architektur
ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst
schmeichelnd, bald bloss befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und
Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was grossen Stil hat. Die Macht,
die keinen Beweis mehr nöthig hat; die es verschmäht, zu gefallen; die
schwer antwortet; die keinen Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein
davon lebt, dass es Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht,
fatalistisch, ein Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sich. -

12.

Page 61

Ich las das Leben Thomas Carlyle's, diese farce wider Wissen und
Willen, diese heroisch-moralische Interpretation dyspeptischer Zustände. -
Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitüden, ein Rhetor aus Noth,
den beständig das Verlangen nach einem starken Glauben agaçirt und das
Gefühl der Unfähigkeit dazu (- darin ein typischer Romantiker!). Das
Verlangen nach einem starken Glauben ist nicht der Beweis eines starken
Glaubens, vielmehr das Gegentheil. Hat man ihn, so darf man sich den
schönen Luxus der Skepsis gestatten: man ist sicher genug, fest genug,
gebunden genug dazu. Carlyle betäubt Etwas in sich durch das fortissimo
seiner Verehrung für Menschen starken Glaubens und durch seine Wuth
gegen die weniger Einfältigen: er bedarf des Lärms. Eine beständige
leidenschaftliche Unredlichkeit gegen sich - das ist sein proprium, damit ist
und bleibt er interessant. - Freilich, in England wird er gerade wegen seiner
Redlichkeit bewundert… Nun, das ist englisch; und in Anbetracht, dass die
Engländer das Volk des vollkommnen cant sind, sogar billig, und nicht nur,
begreiflich. Im Grunde ist Carlyle ein englischer Atheist, der seine Ehre
darin sucht, es nicht zu sein.

13.

Emerson. - Viel aufgeklärter, schweifender, vielfacher, raffinirter als
Carlyle, vor Allem glücklicher… Ein Solcher, der sich instinktiv bloss von
Ambrosia nährt, der das Unverdauliche in den Dingen zurücklässt. Gegen
Carlyle gehalten ein Mann des Geschmacks. - Carlyle, der ihn sehr liebte,
sagte trotzdem von ihm: "er giebt uns nicht genug zu beissen": was mit
Recht gesagt sein mag, aber nicht zu Ungunsten Emerson's. - Emerson hat
jene gütige und geistreiche Heiterkeit, welche allen Ernst entmuthigt; er
weiss es schlechterdings nicht, wie alt er schon ist und wie jung er noch
sein wird, - er könnte von sich mit einem Wort Lope de Vega's sagen: "yo
me sucedo a mi mismo". Sein Geist findet immer Gründe, zufrieden und

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selbst dankbar zu sein; und bisweilen streift er die heitere Transscendenz
jenes Biedermanns, der von einem verliebten Stelldichein tamquam re bene
gesta zurückkam. "Ut desint vires, sprach er dankbar, tamen est laudanda
voluptas." -

14.

Anti-Darwin. - Was den berühmten Kampf um's Leben betrifft, so scheint
er mir einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Er kommt vor, aber als
Ausnahme; der Gesammt-Aspekt des Lebens ist nicht die Nothlage, die
Hungerlage, vielmehr der Reichthum, die Üppigkeit, selbst die absurde
Verschwendung, - wo gekämpft wird, kämpft man um Macht… Man soll
nicht Malthus mit der Natur verwechseln. - Gesetzt aber, es giebt diesen
Kampf - und in der That, er kommt vor -, so läuft er leider umgekehrt aus
als die Schule Darwin's wünscht, als man vielleicht mit ihr wünschen
dürfte: nämlich zu Ungunsten der Starken, der Bevorrechtigten, der
glücklichen Ausnahmen. Die Gattungen wachsen nicht in der
Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder über die Starken
Herr, - das macht, sie sind die grosse Zahl, sie sind auch klüger… Darwin
hat den Geist vergessen (- das ist englisch!), die Schwachen haben mehr
Geist… Man muss Geist nöthig haben, um Geist zu bekommen, - man
verliert ihn, wenn man ihn nicht mehr nöthig hat. Wer die Stärke hat,
entschlägt sich des Geistes (- "lass fahren dahin! denkt man heute in
Deutschland - das Reich muss uns doch bleiben"…). Ich verstehe unter
Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die List, die Verstellung, die
grosse Selbstbeherrschung und Alles, was mimicry ist (zu letzterem gehört
ein grosser Theil der sogenannten Tugend).

15.

Page 63

Psychologen-Casuistik. - Das ist ein Menschenkenner: wozu studirt er
eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile über sie erschnappen,
oder auch grosse, - er ist ein Politikus!… Jener da ist auch ein
Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit für sich, das sei ein
grosser "Unpersönlicher". Seht schärfer zu! Vielleicht will er sogar noch
einen schlimmeren Vortheil: sich den Menschen überlegen fühlen, auf sie
herabsehn dürfen, sich nicht mehr mit ihnen verwechseln. Dieser
"Unpersönliche" ist ein Menschen-Verächter: und jener Erstere ist die
humanere Species, was auch der Augenschein sagen mag. Er stellt sich
wenigstens gleich, er stellt sich hinein…

16.

Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch eine ganze
Reihe von Fällen in Frage gestellt, deren Verzeichniss vorzulegen mich
meine Bescheidenheit hindert. In Einem Falle wird es mir nicht an einem
grossen Anlasse fehlen, meine These zu begründen: ich trage es den
Deutschen nach, sich über Kant und seine "Philosophie der Hinterthüren",
wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, - das war nicht der Typus der
intellektuellen Rechtschaffenheit. - Das Andre, was ich nicht hören mag, ist
ein berüchtigtes "und": die Deutschen sagen, "Goethe und Schiller", - ich
fürchte, sie sagen "Schiller und Goethe"… Kennt man noch nicht diesen
Schiller? - Es giebt noch schlimmere "und"; ich habe mit meinen eigenen
Ohren, allerdings nur unter Universitäts-Professoren, gehört "Schopenhauer
und Hartmann"

17.

Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die muthigsten sind,
erleben auch bei weitem die schmerzhaftesten Tragödien: aber eben deshalb

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ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grösste Gegnerschaft
entgegenstellt.

18.

Zum "intellektuellen Gewissen". - Nichts scheint mir heute seltner als die
echte Heuchelei. Mein Verdacht ist gross, dass diesem Gewächs die sanfte
Luft unsrer Cultur nicht zuträglich ist. Die Heuchelei gehört in die Zeitalter
des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der Nöthigung, einen andern
Glauben zur Schau zu tragen, von dem Glauben losliess, den man hatte.
Heute lässt man ihn los; oder, was noch gewöhnlicher, man legt sich noch
einen zweiten Glauben zu, - ehrlich bleibt man in jedem Falle. Ohne
Zweifel ist heute eine sehr viel grössere Anzahl von Überzeugungen
möglich als ehemals: möglich, das heisst erlaubt, das heisst unschädlich.
Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst. - Die Toleranz gegen sich
selbst gestattet mehrere Überzeugungen: diese selbst leben verträglich
beisammen, - sie hüten sich, wie alle Welt heute, sich zu compromittiren.
Womit compromittirt man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn
man in gerader Linie geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man
echt ist… Meine Furcht ist gross, dass der moderne Mensch für einige
Laster einfach zu bequem ist: so dass diese geradezu aussterben. Alles
Böse, das vom starken Willen bedingt ist - und vielleicht giebt es nichts
Böses ohne Willensstärke - entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend… Die
wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei nach: sie
waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch, Schauspieler. -

19.

Schön und hässlich. - Nichts ist bedingter, sagen wir beschränkter, als
unser Gefühl des Schönen. Wer es losgelöst von der Lust des Menschen am

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Menschen denken wollte, verlöre sofort Grund und Boden unter den
Füssen. Das "Schöne an sich" ist bloss ein Wort, nicht einmal ein Begriff.
Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der Vollkommenheit; in.
ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. Eine Gattung kann gar nicht
anders als dergestalt zu sich allein ja sagen. Ihr unterster Instinkt, der der
Selbsterhaltung und Selbsterweiterung, strahlt noch in solchen Sublimitäten
aus. Der Mensch glaubt die Welt selbst mit Schönheit überhäuft, - er
vergisst sich als deren Ursache. Er allein hat sie mit Schönheit beschenkt,
ach! nur mit einer sehr menschlich-allzumenschlichen Schönheit…. Im
Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was
ihm sein Bild zurückwirft: das Urtheil "schön" ist seine Gattungs-
Eitelkeit…. Dem Skeptiker nämlich darf ein kleiner Argwohn die Frage in's
Ohr flüstern: ist wirklich damit die Welt verschönt, dass gerade der Mensch
sie für schön nimmt? Er hat sie vermenschlicht: das ist Alles. Aber Nichts,
gar Nichts verbürgt uns, dass gerade der Mensch das Modell des Schönen
abgäbe. Wer weiss, wie er sich in den Augen eines höheren
Geschmacksrichters ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht selbst
erheiternd? vielleicht ein wenig arbiträr?… "Oh Dionysos, Göttlicher,
warum ziehst du mich an den Ohren?" fragte Ariadne einmal bei einem
jener berühmten Zwiegespräche auf Naxos ihren philosophischen
Liebhaber. "Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren, Ariadne: warum
sind sie nicht noch länger?"

20.

Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät ruht alle
Ästhetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch deren zweite
hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch, - damit ist das Reich
des ästhetischen Urtheils umgrenzt. - Physiologisch nachgerechnet,
schwächt und betrübt alles Hässliche den Menschen. Es erinnert ihn an

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Verfall, Gefahr, Ohnmacht; er büsst thatsächlich dabei Kraft ein. Man kann
die Wirkung des Hässlichen mit dem Dynamometer messen. Wo der
Mensch überhaupt niedergedrückt wird, da wittert er die Nähe von etwas
"Hässlichem". Sein Gefühl der Macht, sein Wille zur Macht, sein Muth,
sein Stolz - das fällt mit dem Hässlichen, das steigt mit dem Schönen… Im
einen wie im andern Falle machen wir einen Schluss: die Prämissen dazu
sind in ungeheurer Fülle im Instinkte aufgehäuft. Das Hässliche wird
verstanden als ein Wink und Symptom der Degenerescenz: was im
Entferntesten an Degenerescenz erinnert, das wirkt in uns das Urtheil
"hässlich". Jedes Anzeichen von Erschöpfung, von Schwere, von Alter, von
Müdigkeit, jede Art Unfreiheit, als Krampf, als Lähmung, vor Allem der
Geruch, die Farbe, die Form der Auflösung, der Verwesung, und sei es auch
in der letzten Verdünnung zum Symbol - das Alles ruft die gleiche Reaktion
hervor, das Werthurtheil "hässlich". Ein Hass springt da hervor: wen hasst
da der Mensch? Aber es ist kein Zweifel: den Niedergang seines Typus. Er
hasst da aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist
Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick, - es ist der tiefste Hass, den es giebt.
Um seinetwillen ist die Kunst tief…

21.

Schopenhauer. Schopenhauer, der letzte Deutsche, der in Betracht kommt
(der ein europäisches Ereigniss gleich Goethe, gleich Hegel, gleich
Heinrich Heine ist, und nicht bloss ein lokales, ein "nationales"), ist für
einen Psychologen ein Fall ersten Ranges: nämlich als bösartig genialer
Versuch, zu Gunsten einer nihilistischen Gesammt-Abwerthung des Lebens
gerade die Gegen-Instanzen, die grossen Selbstbejahungen des "Willens
zum Leben", die Exuberanz-Formen des Lebens in's Feld zu führen. Er hat,
der Reihe nach, die Kunst, den Heroismus, das Genie, die Schönheit, das
grosse Mitgefühl, die Erkenntniss, den Willen zur Wahrheit, die Tragödie

Page 67

als Folgeerscheinungen der "Verneinung" oder der Verneinungs-
Bedürftigkeit des "Willens" interpretirt - die grösste psychologische
Falschmünzerei, die es, das Christenthum abgerechnet, in der Geschichte
giebt. Genauer zugesehn ist er darin bloss der Erbe der christlichen
Interpretation: nur dass er auch das vom Christenthum Abgelehnte, die
grossen Cultur-Thatsachen der Menschheit noch in einem christlichen, das
heisst nihilistischen Sinne gut zu heissen wusste (- nämlich als Wege zur
"Erlösung", als Vorformen der "Erlösung", als Stimulantia des Bedürfnisses
nach "Erlösung"… )

22.

Ich nehme einen einzelnen Fall. Schopenhauer spricht von der Schönheit
mit einer schwermüthigen Gluth, - warum letzten Grundes? Weil er in ihr
eine Brücke sieht, auf der man weiter gelangt, oder Durst bekommt, weiter
zu gelangen… Sie ist ihm die Erlösung vom "Willen" auf Augenblicke - sie
lockt zur Erlösung für immer… Insbesondere preist er sie als Erlöserin vom
"Brennpunkte des Willens", von der Geschlechtlichkeit, - in der Schönheit
sieht er den Zeugetrieb verneint… Wunderlicher Heiliger! Irgend Jemand
widerspricht dir, ich fürchte, es ist die Natur. Wozu giebt es überhaupt
Schönheit in Ton, Farbe, Duft, rhythmischer Bewegung in der Natur? Was
treibt die Schönheit heraus?- Glücklicherweise widerspricht ihm auch ein
Philosoph. Keine geringere Autorität als die des göttlichen Plato (- so nennt
ihn Schopenhauer selbst) hält einen andern Satz aufrecht: dass alle
Schönheit zur Zeugung reize, - dass dies gerade das proprium ihrer
Wirkung sei, vom Sinnlichsten bis hinauf in's Geistigste…

23.

Page 68

Plato geht weiter. Er sagt mit einer Unschuld, zu der man Grieche sein
muss und nicht "Christ", dass es gar keine platonische Philosophie geben
würde, wenn es nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe: deren Anblick sei
es erst, was die Seele des Philosophen in einen erotischen Taumel versetze
und ihr keine Ruhe lasse, bis sie den Samen aller hohen Dinge in ein so
schönes Erdreich hinabgesenkt habe. Auch ein wunderlicher Heiliger! -
man traut seinen Ohren nicht, gesetzt selbst, dass man Plato traut. Zum
Mindesten erräth man, dass in Athen anders philosophirt wurde, vor Allem
öffentlich. Nichts ist weniger griechisch als die Begriffs-Spinneweberei
eines Einsiedlers, amor intellectualis dei nach Art des Spinoza. Philosophie
nach Art des Plato wäre eher als ein erotischer Wettbewerb zu definiren, als
eine Fortbildung und Verinnerlichung der alten agonalen Gymnastik und
deren Voraussetzungen… Was wuchs zuletzt aus dieser philosophischen
Erotik Plato's heraus? Eine neue Kunstform des griechischen Agon, die
Dialektik. - Ich erinnere noch, gegen Schopenhauer und zu Ehren Plato's,
daran, dass auch die ganze höhere Cultur und Litteratur des klassischen
Frankreichs auf dem Boden des geschlechtlichen Interesses aufgewachsen
ist. Man darf überall bei ihr die Galanterie, die Sinne, den Geschlechts-
Wettbewerb, das "Weib" suchen, - man wird nie umsonst suchen…

24.

L'art pour l'art. - Der Kampf gegen den Zweck in der Kunst ist immer der
Kampf gegen die moralisirende Tendenz in der Kunst, gegen ihre
Unterordnung unter die Moral. L'art pour l'art heisst: "der Teufel hole die
Moral!" - Aber selbst noch diese Feindschaft verräth die Übergewalt des
Vorurtheils. Wenn man den Zweck des Moralpredigens und Menschen-
Verbesserns von der Kunst ausgeschlossen hat, so folgt daraus noch lange
nicht, dass die Kunst überhaupt zwecklos, ziellos, sinnlos, kurz l'art pour
l'art - ein Wurm, der sich in den Schwanz beisst - ist. "Lieber gar keinen

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Zweck als einen moralischen Zweck!" - so redet die blosse Leidenschaft.
Ein Psycholog fragt dagegen: was thut alle Kunst? lobt sie nicht?
verherrlicht sie nicht? wählt sie nicht aus? zieht sie nicht hervor? Mit dem
Allen stärkt oder schwächt sie gewisse Werthschätzungen… Ist dies nur ein
Nebenbei? ein Zufall? Etwas, bei dem der Instinkt des Künstlers gar nicht
betheiligt wäre? Oder aber: ist es nicht die Voraussetzung dazu, dass der
Künstler kann…? Geht dessen unterster Instinkt auf die Kunst oder nicht
vielmehr auf den Sinn der Kunst, das Leben? auf eine Wünschbarkeit von
Leben?- Die Kunst ist das grosse Stimulans zum Leben: wie könnte man sie
als zwecklos, als ziellos, als l'art pour l'art verstehn? - Eine Frage bleibt
zurück: die Kunst bringt auch vieles Hässliche, Harte, Fragwürdige des
Lebens zur Erscheinung, - scheint sie nicht damit vom Leben zu entleiden?
- Und in der That, es gab Philosophen, die ihr diesen Sinn liehn:
"loskommen vom Willen" lehrte Schopenhauer als Gesammt-Absicht der
Kunst, "zur Resignation stimmen" verehrte er als die grosse Nützlichkeit
der Tragödie. - Aber dies - ich gab es schon zu verstehn - ist Pessimisten-
Optik und "böser Blick" -: man muss an die Künstler selbst appelliren. Was
theilt der tragische Künstler von sich mit? Ist es nicht gerade der Zustand
ohne Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er zeigt? - Dieser
Zustand selbst ist eine hohe Wünschbarkeit; wer ihn kennt, ehrt ihn mit den
höchsten Ehren. Er theilt ihn mit, er muss ihn mittheilen, vorausgesetzt,
dass er ein Künstler ist, ein Genie der Mittheilung. Die Tapferkeit und
Freiheit des Gefühls vor einem mächtigen Feinde, vor einem erhabenen
Ungemach, vor einem Problem, das Grauen erweckt - dieser siegreiche
Zustand ist es, den der tragische Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor
der Tragödie feiert das Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer
Leid gewohnt ist, wer Leid aufsucht, der heroische Mensch preist mit der
Tragödie sein Dasein, - ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser
süssesten Grausamkeit. -

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25.

Mit Menschen fürlieb nehmen, mit seinem Herzen offen Haus halten, das
ist liberal, das ist aber bloss liberal. Man erkennt die Herzen, die der
vornehmen Gastfreundschaft fähig sind, an den vielen verhängten Fenstern
und geschlossenen Läden: ihre besten Räume halten sie leer. Warum doch?
- Weil sie Gäste erwarten, mit denen man nicht "fürlieb nimmt"

26.

Wir schätzen uns nicht genug mehr, wenn wir uns mittheilen. Unsre
eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar nicht geschwätzig. Sie könnten
sich selbst nicht mittheilen, wenn sie wollten. Das macht, es fehlt ihnen das
Wort. Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allem
Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache, scheint es, ist nur für
Durchschnittliches, Mittleres, Mittheilsames erfunden. Mit der Sprache
vulgarisirt sich bereits der Sprechende. - Aus einer Moral für Taubstumme
und andere Philosophen.

27.

"Dies Bildniss ist bezaubernd schön!"… Das Litteratur-Weib,
unbefriedigt, aufgeregt, öde in Herz und Eingeweide, mit schmerzhafter
Neugierde jederzeit auf den Imperativ hinhorchend, der aus den Tiefen
seiner Organisation "aut liberi aut libri" flüstert: das Litteratur-Weib,
gebildet genug, die Stimme der Natur zu verstehn, selbst wenn sie Latein
redet und andrerseits eitel und Gans genug, um im Geheimen auch noch
französisch mit sich zu sprechen "je me verrai, je me lirai, je m'extasierai et
je dirai: Possible, que j'aie eu tant d'esprit?"

Page 71

28.

Die "Unpersönlichen" kommen zu Wort. - "Nichts fällt uns leichter, als
weise, geduldig, überlegen zu sein. Wir triefen vom Öl der Nachsicht und
des Mitgefühls, wir sind auf eine absurde Weise gerecht, wir verzeihen
Alles. Eben darum sollten wir uns etwas strenger halten; eben darum sollten
wir uns, von Zeit zu Zeit, einen kleinen Affekt, ein kleines Laster von
Affect züchten. Es mag uns sauer angehn; und unter uns lachen wir
vielleicht über den Aspekt, den wir damit geben. Aber was hilft es! Wir
haben keine andre Art mehr übrig von Selbstüberwindung: dies ist unsre
Asketik, unser Büsserthum"… Persönlich werden - die Tugend des
"Unpersönlichen"…

29.

Aus einer Doctor-Promotion. - "Was ist die Aufgabe alles höheren
Schulwesens?" - Aus dem Menschen eine Maschine zu machen. - "Was ist
das Mittel dazu?" - Er muss lernen, sich langweilen. - "Wie erreicht man
das?" - Durch den Begriff der Pflicht. - "Wer ist sein Vorbild dafür?" - Der
Philolog: der lehrt ochsen. - "Wer ist der vollkommene Mensch?" - Der
Staats-Beamte. - "Welche Philosophie giebt die höchste Formel für den
Staats-Beamten?" - Die Kant's: der Staats-Beamte als Ding an sich zum
Richter gesetzt über den Staats-Beamten als Erscheinung. -

30.

Das Recht auf Dummheit. - Der ermüdete und langsam athmende
Arbeiter, der gutmüthig blickt, der die Dinge gehen lässt, wie sie gehn:
diese typische Figur, der man jetzt, im Zeitalter der Arbeit (und des
"Reichs"! -) in allen Klassen der Gesellschaft begegnet, nimmt heute gerade

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die Kunst für sich in Anspruch, eingerechnet das Buch, vor Allem das
Journal, - um wie viel mehr die schöne Natur, Italien… Der Mensch des
Abends, mit den "entschlafenen wilden Trieben", von denen Faust redet,
bedarf der Sommerfrische, des Seebads, der Gletscher, Bayreuth's… In
solchen Zeitaltern hat die Kunst ein Recht auf reine Thorheit, - als eine Art
Ferien für Geist, Witz und Gemüth. Das verstand Wagner. Die reine
Thorheit stellt wieder her…

31.

Noch ein Problem der Diät. - Die Mittel, mit denen Julius Cäsar sich
gegen Kränklichkeiten und Kopfschmerz vertheidigte: ungeheure Märsche,
einfachste Lebensweise, ununterbrochner Aufenthalt im Freien, beständige
Strapazen - das sind, in's Grosse gerechnet, die Erhaltungs- und Schutz-
Maassregeln überhaupt gegen die extreme Verletzlichkeit jener subtilen und
unter höchstem Druck arbeitenden Maschine, welche Genie heisst. -

32.

Der Immoralist redet. - Einem Philosophen geht Nichts mehr wider den
Geschmack als der Mensch, sofern er wünscht… Sieht er den Menschen
nur in seinem Thun, sieht er dieses tapferste, listigste, ausdauerndste Thier
verirrt selbst in labyrinthische Nothlagen, wie bewunderungswürdig
erscheint ihm der Mensch! Er spricht ihm noch zu… Aber der Philosoph
verachtet den wünschenden Menschen, auch den "wünschbaren" Menschen
- und überhaupt alle Wünschbarkeiten, alle Ideale des Menschen. Wenn ein
Philosoph Nihilist sein könnte, so würde er es sein, weil er das Nichts hinter
allen Idealen des Menschen findet. Oder noch nicht einmal das Nichts, -
sondern nur das Nichtswürdige, das Absurde, das Kranke, das Feige, das
Müde, alle Art Hefen aus dem ausgetrunkenen Becher seines Lebens… Der

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Mensch, der als Realität so verehrungswürdig ist, wie kommt es, dass er
keine Achtung verdient, sofern er wünscht? Muss er es büssen, so tüchtig
als Realität zu sein? Muss er sein Thun, die Kopf- und Willensanspannung
in allem Thun, mit einem Gliederstrecken im Imaginären und Absurden
ausgleichen? - Die Geschichte seiner Wünschbarkeiten war bisher die partie
honteuse des Menschen: man soll sich hüten, zu lange in ihr zu lesen. Was
den Menschen rechtfertigt, ist seine Realität, - sie wird ihn ewig
rechtfertigen. Um wie viel mehr werth ist der wirkliche Mensch, verglichen
mit irgend einem bloss gewünschten, erträumten, erstunkenen und
erlogenen Menschen? mit irgend einem idealen Menschen?… Und nur der
ideale Mensch geht dem Philosophen wider den Geschmack.

33.

Naturwerth des Egoismus. - Die Selbstsucht ist so viel werth, als Der
physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann sehr viel werth sein, sie kann
nichtswürdig und verächtlich sein. Jeder Einzelne darf darauf hin angesehen
werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende Linie des Lebens
darstellt. Mit einer Entscheidung darüber hat man auch einen Kanon dafür,
was seine Selbstsucht werth ist. Stellt er das Aufsteigen der Linie dar, so ist
in der That sein Werth ausserordentlich, - und um des Gesammt-Lebens
willen, das mit ihm einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung,
um Schaffung seines optimum von Bedingungen selbst extrem sein. Der
Einzelne, das "Individuum", wie Volk und Philosoph das bisher verstand, ist
ja ein Irrthum: er ist nichts für sich, kein Atom, kein "Ring der Kette",
nichts bloss Vererbtes von Ehedem, - er ist die ganze Eine Linie Mensch bis
zu ihm hin selber noch… Stellt er die absteigende Entwicklung, den Verfall,
die chronische Entartung, Erkrankung dar (- Krankheiten sind, in's Grosse
gerechnet, bereits Folgeerscheinungen des Verfalls, nicht dessen Ursachen),
so kommt ihm wenig Werth zu, und die erste Billigkeit will, dass er den

Page 74

Wohlgerathenen so wenig als möglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren
Parasit…

34.

Christ und Anarchist. - Wenn der Anarchist, als Mundstück
niedergehender Schichten der Gesellschaft, mit einer schönen Entrüstung
"Recht", "Gerechtigkeit", "gleiche Rechte" verlangt, so steht er damit nur
unter dem Drucke seiner Unkultur, welche nicht zu begreifen weiss, warum
er eigentlich leidet, - woran er arm ist, an Leben… Ein Ursachen-Trieb ist
in ihm mächtig: Jemand muss schuld daran sein, dass er sich schlecht
befindet… Auch thut ihm die "schöne Entrüstung" selber schon wohl, es ist
ein Vergnügen für alle armen Teufel, zu schimpfen, - es giebt einen kleinen
Rausch von Macht. Schon die Klage, das Sich-Beklagen, kann dem Leben
einen Reiz geben, um dessentwillen man es aushält: eine feinere Dosis
Rache ist in jeder Klage, man wirft sein Schlechtbefinden, unter Umständen
selbst seine Schlechtigkeit Denen, die anders sind, wie ein Unrecht, wie ein
unerlaubtes Vorrecht vor. "Bin ich eine canaille, so solltest du es auch sein":
auf diese Logik hin macht man Revolution. - Das Sich-Beklagen taugt in
keinem Falle etwas: es stammt aus der Schwäche. Ob man sein Schlecht-
Befinden Andern oder sich selber zu misst -. Ersteres thut der Socialist,
Letzteres zum Beispiel der Christ -, macht keinen eigentlichen Unterschied.
Das Gemeinsame, sagen wir auch das Unwürdige daran ist, dass jemand
schuld daran sein soll, dass man leidet - kurz, dass der Leidende sich gegen
sein Leiden den Honig der Rache verordnet. Die Objekte dieses Rach-
Bedürfnisses als eines Lust-Bedürfnisses sind Gelegenheits-Ursachen: der
Leidende findet überall Ursachen, seine kleine Rache zu kühlen, - ist er
Christ, nochmals gesagt, so findet er sie in sich… Der Christ und der
Anarchist - Beide sind décadents. - Aber auch wenn der Christ die "Welt"
verurtheilt, verleumdet, beschmutzt, so thut er es aus dem gleichen

Page 75

Instinkte, aus dem der socialistische Arbeiter die Gesellschaft verurtheilt,
verleumdet, beschmutzt: das "jüngste Gericht" selbst ist noch der süsse
Trost der Rache - die Revolution, wie sie auch der socialistische Arbeiter
erwartet, nur etwas ferner gedacht… Das "Jenseits" selbst - wozu ein
Jenseits, wenn es nicht ein Mittel wäre, das Diesseits zu beschmutzen?…

35.

Kritik der Décadence-Moral. Eine "altruistische" Moral, eine Moral, bei
der die Selbstsucht verkümmert -, bleibt unter allen Umständen ein
schlechtes Anzeichen. Dies gilt vom Einzelnen, dies gilt namentlich von
Völkern. Es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen beginnt.
Instinktiv das Sich-Schädliche wählen, Gelockt-werden durch
"uninteressirte" Motive giebt beinahe die Formel ab für décadence. "Nicht
seinen Nutzen suchen" - das ist bloss das moralische Feigenblatt für eine
ganz andere, nämlich physiologische Thatsächlichkeit: "ich weiss meinen
Nutzen nicht mehr zu finden" Disgregation der Instinkte! - Es ist zu Ende
mit ihm, wenn der Mensch altruistisch wird. - Statt naiv zu sagen, "ich bin
nichts mehr werth", sagt die Moral Lüge im Munde des décadent: "Nichts
ist etwas werth, - das Leben ist nichts werth"… Ein solches Urtheil bleibt
zuletzt eine grosse Gefahr, es wirkt ansteckend, - auf dem ganzen morbiden
Boden der Gesellschaft wuchert es bald zu tropischer Begriffs-Vegetation
empor, bald als Religion (Christenthum), bald als Philosophie
(Schopenhauerei). Unter Umständen vergiftet eine solche aus Fäulniss
gewachsene Giftbaum-Vegetation mit ihrem Dunste weithin, auf
Jahrtausende hin das Leben…

36.

Page 76

Moral für Ärzte. - Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In einem
gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben. Das
Fortvegetiren in feiger Abhängigkeit von Ärzten und Praktiken, nachdem
der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte bei
der Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehn. Die Ärzte wiederum
hätten die Vermittler dieser Verachtung zu sein, - nicht Recepte, sondern
jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor ihrem Patienten… Eine neue
Verantwortlichkeit schaffen, die des Arztes, für alle Fälle, wo das höchste
Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das rücksichtsloseste
Nieder- und Beiseite-Drängen des entartenden Lebens verlangt - zum
Beispiel für das Recht auf Zeugung, für das Recht, geboren zu werden, für
das Recht, zu leben… Auf eine stolze Art sterben, wenn es nicht mehr
möglich ist, auf eine stolze Art zu leben. Der Tod, aus freien Stücken
gewählt, der Tod zur rechten Zeit, mit Helle und Freudigkeit, inmitten von
Kindern und Zeugen vollzogen: so dass ein wirkliches Abschiednehmen
noch möglich ist, wo Der noch da ist, der sich verabschiedet, insgleichen
ein wirkliches Abschätzen des Erreichten und Gewollten, eine Summirung
des Lebens - Alles im Gegensatz zu der erbärmlichen und schauderhaften
Komödie, die das Christenthum mit der Sterbestunde getrieben hat. Man
soll es dem Christenthume nie vergessen, dass es die Schwäche des
Sterbenden zu Gewissens-Nothzucht, dass es die Art des Todes selbst zu
Werth-Urtheilen über Mensch und Vergangenheit gemissbraucht hat! - Hier
gilt es, allen Feigheiten des Vorurtheils zum Trotz, vor Allem die richtige,
das heisst physiologische Würdigung des sogenannten natürlichen Todes
herzustellen: der zuletzt auch nur ein "unnatürlicher", ein Selbstmord ist.
Man geht nie durch jemand Anderes zu Grunde, als durch sich selbst. Nur
ist es der Tod unter den verächtlichsten Bedingungen, ein unfreier Tod, ein
Tod zur unrechten Zeit, ein Feiglings Tod. Man sollte, aus Liebe zum Leben
-, den Tod anders wollen, frei, bewusst, ohne Zufall, ohne Überfall…
Endlich ein Rath für die Herrn Pessimisten und andere décadents. Wir

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haben es nicht in der Hand, zu verhindern, geboren zu werden: aber wir
können diesen Fehler - denn bisweilen ist es ein Fehler - wieder gut
machen. Wenn man sich abschafft, thut man die achtungswürdigste Sache,
die es giebt: man verdient beinahe damit, zu leben… Die Gesellschaft, was
sage ich! Das Leben selber hat mehr Vortheil davon, als durch irgend
welches "Leben" in Entsagung, Bleichsucht und andrer Tugend -, man hat
die Andern von seinem Anblick befreit, man hat das Leben von einem
Einwand befreit… Der Pessimismus, pur, vert, beweist sich erst durch die
Selbst-Widerlegung der Herrn Pessimisten: man muss einen Schritt weiter
gehn in seiner Logik, nicht bloss mit "Wille und Vorstellung", wie
Schopenhauer es that, das Leben verneinen -, man muss Schopenhauern
zuerst verneinen… Der Pessimismus, anbei gesagt, so ansteckend er ist,
vermehrt trotzdem nicht die Krankhaftigkeit einer Zeit, eines Geschlechts
im Ganzen: er ist deren Ausdruck. Man verfällt ihm, wie man der Cholera
verfällt: man muss morbid genug dazu schon angelegt sein. Der
Pessimismus selbst macht keinen einzigen décadent mehr; ich erinnere an
das Ergebniss der Statistik, dass die Jahre, in denen die Cholera wüthet, sich
in der Gesammt-Ziffer der Sterbefälle nicht von andern Jahrgängen
unterscheiden.

37.

Ob wir moralischer geworden sind. - Gegen meinen Begriff "jenseits von
Gut und Böse" hat sich, wie zu erwarten stand, die ganze Ferocität der
moralischen Verdummung, die bekanntlich in Deutschland als die Moral
selber gilt -, in's Zeug geworfen: ich hätte artige Geschichten davon zu
erzählen. Vor Allem gab man mir die "unleugbare Überlegenheit" unsrer
Zeit im sittlichen Urtheil zu überdenken, unsern wirklich hier gemachten
Fortschritt: ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns, durchaus nicht als
ein "höherer Mensch", als eine Art Übermensch, wie ich es thue,

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aufzustellen… Ein Schweizer Redakteur, vom "Bund", gieng so weit, nicht
ohne seine Achtung vor dem Muth zu solchem Wagniss auszudrücken, den
Sinn meines Werks dahin zu "verstehn", dass ich mit demselben die
Abschaffung aller anständigen Gefühle beantragte. Sehr verbunden! - Ich
erlaube mir, als Antwort, die Frage aufzuwerfen, ob wir wirklich
moralischer geworden sind. Dass alle Welt das glaubt, ist bereits ein
Einwand dagegen… Wir modernen Menschen, sehr zart, sehr verletzlich
und hundert Rücksichten gebend und nehmend, bilden uns in der That ein,
diese zärtliche Menschlichkeit, die wir darstellen, diese erreichte
Einmüthigkeit in der Schonung, in der Hülfsbereitschaft, im gegenseitigen
Vertrauen sei ein positiver Fortschritt, damit seien wir weit über die
Menschen der Renaissance hinaus. Aber so denkt jede Zeit, so muss sie
denken. Gewiss ist, dass wir uns nicht in Renaissance-Zustände
hineinstellen dürften, nicht einmal hineindenken: unsre Nerven hielten jene
Wirklichkeit nicht aus, nicht zu reden von unsern Muskeln. Mit diesem
Unvermögen ist aber kein Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre,
eine spätere Beschaffenheit, eine schwächere, zärtlichere, verletzlichere,
aus der sich nothwendig eine rücksichtenreiche Moral erzeugt. Denken wir
unsre Zartheit und Spätheit, unsre physiologische Alterung weg, so verlöre
auch unsre Moral der "Vermenschlichung" sofort ihren Werth - an sich hat
keine Moral Werth -: sie würde uns selbst Geringschätzung machen.
Zweifeln wir andrerseits nicht daran, dass wir Modernen mit unsrer dick
wattirten Humanität, die durchaus an keinen Stein sich stossen Will, den
Zeitgenossen Cesare Borgia's eine Komödie zum Todtlachen abgeben
würden. In der That, wir sind über die Maassen unfreiwillig spasshaft, mit
unsren modernen "Tugenden"… Die Abnahme der feindseligen und
misstrauenweckenden Instinkte - und das wäre ja unser "Fortschritt" - stellt
nur eine der Folgen in der allgemeinen Abnahme der Vitalität dar: es kostet
hundert Mal mehr Mühe, mehr Vorsicht, ein so bedingtes, so spätes Dasein
durchzusetzen. Da hilft man sich gegenseitig, da ist Jeder bis zu einem

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gewissen Grade Kranker und Jeder Krankenwärter. Das heisst dann
"Tugend" -: unter Menschen, die das Leben noch anders kannten, voller,
verschwenderischer, überströmender, hätte man's anders genannt, "Feigheit"
vielleicht, "Erbärmlichkeit", "Altweiber-Moral"… Unsre Milderung der
Sitten - das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung - ist eine
Folge des Niedergangs; die Härte und Schrecklichkeit der Sitte kann
umgekehrt eine Folge des Überschusses von Leben sein: dann nämlich darf
auch Viel gewagt, Viel herausgefordert, Viel auch vergeudet werden. Was
Würze ehedem des Lebens war, für uns wäre es Gift… Indifferent zu sein -
auch das ist eine Form der Stärke - dazu sind wir gleichfalls zu alt, zu spät:
unsre Mitgefühls-Moral, vor der ich als der Erste gewarnt habe, Das, was
man l'impressionisme morale nennen könnte, ist ein Ausdruck mehr der
physiologischen Überreizbarkeit, die Allem, was décadent ist, eignet. Jene
Bewegung, die mit der Mitleids-Moral Schopenhauer's versucht hat, sich
wissenschaftlich vorzuführen - ein sehr unglücklicher Versuch! - ist die
eigentliche décadence-Bewegung in der Moral, sie ist als solche tief
verwandt mit der christlichen Moral. Die starken Zeiten, die vornehmen
Culturen sehen im Mitleiden, in der "Nächstenliebe", im Mangel an Selbst
und Selbstgefühl etwas Verächtliches. - Die Zeiten sind zu messen nach
ihren positiven Kräften - und dabei ergiebt sich jene so verschwenderische
und verhängnissreiche Zeit der Renaissance als die letzte grosse Zeit, und
wir, wir Modernen mit unsrer ängstlichen Selbst-Fürsorge und
Nächstenliebe, mit unsren Tugenden der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der
Rechtlichkeit, der Wissenschaftlichkeit - sammelnd, ökonomisch, machinal
- als eine schwache Zeit… Unsre Tugenden sind bedingt, sind
herausgefordert durch unsre Schwäche… Die "Gleichheit", eine gewisse
thatsächliche Anähnlichung, die sich in der Theorie von "gleichen Rechten"
nur zum Ausdruck bringt, gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft
zwischen Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der
Wille, selbst zu sein, sich abzuheben, Das, was ich Pathos der Distanz

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nenne, ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft, die Spannweite
zwischen den Extremen wird heute immer kleiner, - die Extreme selbst
verwischen sich endlich bis zur Ähnlichkeit… Alle unsre politischen
Theorien und Staats-Verfassungen, das "deutsche Reich" durchaus nicht
ausgenommen, sind Folgerungen, Folge-Nothwendigkeiten des
Niedergangs; die unbewusste Wirkung der décadence ist bis in die Ideale
einzelner Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die
ganze Sociologie in England und Frankreich bleibt, dass sie nur die
Verfalls-Gebilde der Societät aus Erfahrung kennt und vollkommen
unschuldig die eigenen Verfalls-Instinkte als Norm des sociologischen
Werthurteils nimmt. Das niedergehende Leben, die Abnahme aller
organisirenden, das heisst trennenden, Klüfte aufreissenden, unter- und
überordnenden Kraft formulirt sich in der Sociologie von heute zum
Ideal… Unsre Socialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert Spencer
ist ein décadent, - er sieht im Sieg des Altruismus etwas
Wünschenswerthes!…

38.

Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache liegt mitunter nicht in
dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man für sie bezahlt, -
was sie uns kostet. Ich gebe ein Beispiel. Die liberalen Institutionen hören
alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: es giebt später keine
ärgeren und gründlicheren Schädiger der Freiheit, als liberale Institutionen.
Man weiss ja, was sie zu Wege bringen: sie unterminiren den Willen zur
Macht, sie sind die zur Moral erhobene Nivellirung von Berg und Tal, sie
machen klein, feige und genüsslich, - mit ihnen triumphirt jedesmal das
Heerdenthier. Liberalismus: auf deutsch Heerden-Verthierung… Dieselben
Institutionen bringen, so lange sie noch erkämpft werden, ganz andere
Wirkungen hervor; sie fördern dann in der That die Freiheit auf eine

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mächtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der Krieg, der diese Wirkungen
hervorbringt, der Krieg um liberale Institutionen, der als Krieg die
illiberalen Instinkte dauern lässt. Und der Krieg erzieht zur Freiheit. Denn
was ist Freiheit! Dass man den Willen zur Selbstverantwortlichkeit hat.
Dass man die Distanz, die uns abtrennt, festhält. Dass man gegen Mühsal,
Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird. Dass man
bereit ist, seiner Sache Menschen zu opfern, sich selber nicht abgerechnet.
Freiheit bedeutet, dass die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte
die Herrschaft haben über andre Instinkte, zum Beispiel über die des
"Glücks". Der freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne
Geist, tritt mit Füssen auf die verächtliche Art von Wohlbefinden, von dem
Krämer, Christen, Kühe, Weiber, Engländer und andre Demokraten
träumen. Der freie Mensch ist Krieger. - Wonach misst sich die Freiheit, bei
Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden
werden muss, nach der Mühe, die es kostet, oben zu bleiben. Den höchsten
Typus freier Menschen hätte man dort zu suchen, wo beständig der höchste
Widerstand überwunden wird: fünf Schritt weit von der Tyrannei, dicht an
der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft. Dies ist psychologisch wahr,
wenn man hier unter den "Tyrannen" unerbittliche und furchtbare Instinkte
begreift, die das Maximum von Autorität und Zucht gegen sich
herausfordern - schönster Typus Julius Caesar -; dies ist auch politisch
wahr, man mache nur seinen Gang durch die Geschichte. Die Völker, die
Etwas werth waren, werth wurden, wurden dies nie unter liberalen
Institutionen: die grosse Gefahr machte Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht
verdient, die Gefahr, die uns unsre Hülfsmittel, unsre Tugenden, unsre Wehr
und Waffen, unsern Geist erst kennen lehrt, - die uns zwingt, stark zu sein…
Erster Grundsatz: man muss es nöthig haben, stark zu sein: sonst wird
man's nie. - Jene grossen Treibhäuser für starke, für die stärkste Art
Mensch, die es bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der
Art von Rom und Venedig verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich

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das Wort Freiheit verstehe: als Etwas, das man hat und nicht hat, das man
will, das man erobert…

39.

Kritik der Modernität. - Unsre Institutionen taugen nichts mehr: darüber
ist man einmüthig. Aber das liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Nachdem
uns alle Instinkte abhanden gekommen sind, aus denen Institutionen
wachsen, kommen uns Institutionen überhaupt abhanden, weil wir nicht
mehr zu ihnen taugen. Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-
Form der organisirenden Kraft: ich habe schon in "Menschliches,
Allzumenschliches" 1, 318 die moderne Demokratie sammt ihren
Halbheiten, wie "deutsches Reich", als Verfallsform des Staats
gekennzeichnet. Damit es Institutionen giebt, muss es eine Art Wille,
Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen zur
Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur
Solidarität von Geschlechter-Ketten vorwärts und rückwärts in infinitum.
Ist dieser Wille da, so gründet sich Etwas wie das imperium Romanum:
oder wie Russland, die einzige Macht, die heute Dauer im Leibe hat, die
warten kann, die Etwas noch versprechen kann, - Russland der Gegensatz-
Begriff zu der erbärmlichen europäischen Kleinstaaterei und Nervosität, die
mit der Gründung des deutschen Reichs in einen kritischen Zustand
eingetreten ist… Der ganze Westen hat jene Instinkte nicht mehr, aus denen
Institutionen wachsen, aus denen Zukunft wächst: seinem "modernen
Geiste" geht vielleicht Nichts so sehr wider den Strich. Man lebt für heute,
man lebt sehr geschwind, - man lebt sehr unverantwortlich: dies gerade
nennt man "Freiheit". Was aus Institutionen Institutionen macht, wird
verachtet, gehasst, abgelehnt: man glaubt sich in der Gefahr einer neuen
Sklaverei, wo das Wort "Autorität" auch nur laut wird. So weit geht die
décadence im Werth-Instinkte unsrer Politiker, unsrer politischen Parteien:

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sie ziehn instinktiv vor, was auflöst, was das Ende beschleunigt… Zeugniss
die moderne Ehe. Aus der modernen Ehe ist ersichtlich alle Vernunft
abhanden gekommen: das giebt aber keinen Einwand gegen die Ehe ab,
sondern gegen die Modernität. Die Vernunft der Ehe - sie lag in der
juristischen Alleinverantwortlichkeit des Mannes: damit hatte die Ehe
Schwergewicht, während sie heute auf beiden Beinen hinkt. Die Vernunft
der Ehe - sie lag in ihrer principiellen Unlösbarkeit: damit bekam sie einen
Accent, der, dem Zufall von Gefühl, Leidenschaft und Augenblick
gegenüber, sich Gehör zu schaffen wusste. Sie lag insgleichen in der
Verantwortlichkeit der Familien für die Auswahl der Gatten. Man hat mit
der wachsenden Indulgenz zu Gunsten der Liebes-Heirath geradezu die
Grundlage der Ehe, Das, was erst aus ihr eine Institution macht, eliminirt.
Man gründet eine Institution nie und nimmermehr auf eine Idiosynkrasie,
man gründet die Ehe nicht, wie gesagt, auf die "Liebe", - man gründet sie
auf den Geschlechtstrieb, auf den Eigenthumstrieb (Weib und Kind als
Eigenthum), auf den Herrschafts-Trieb, der sich beständig das kleinste
Gebilde der Herrschaft, die Familie, organisirt, der Kinder und Erben
braucht, um ein erreichtes Maass von Macht, Einfluss, Reichthum auch
physiologisch festzuhalten, um lange Aufgaben, um Instinkt-Solidarität
zwischen Jahrhunderten vorzubereiten. Die Ehe als Institution begreift
bereits die Bejahung der grössten, der dauerhaftesten Organisationsform in
sich: wenn die Gesellschaft selbst nicht als Ganzes für sich gutsagen kann
bis in die fernsten Geschlechter hinaus, so hat die Ehe überhaupt keinen
Sinn. - Die moderne Ehe verlor ihren Sinn, - folglich schafft man sie ab. -

40.

Die Arbeiter-Frage. - Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung,
welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, dass es eine
Arbeiter-Frage giebt. Über gewisse Dinge fragt man nicht: erster Imperativ

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des Instinktes. - Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit dem europäischen
Arbeiter machen will, nachdem man erst eine Frage aus ihm gemacht hat.
Er befindet sich viel zu gut, um nicht Schritt für Schritt mehr zu fragen,
unbescheidner zu fragen. Er hat zuletzt die grosse Zahl für sich. Die
Hoffnung ist vollkommen vorüber, dass hier sich eine bescheidene und
selbstgenügsame Art Mensch, ein Typus Chinese zum Stande herausbilde:
und dies hätte Vernunft gehabt, dies wäre geradezu eine Nothwendigkeit
gewesen. Was hat man gethan? - Alles, um auch die Voraussetzung dazu im
Keime zu vernichten, - man hat die Instinkte, vermöge deren ein Arbeiter
als Stand möglich, sich selber möglich wird, durch die unverantwortlichste
Gedankenlosigkeit in Grund und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter
militärtüchtig gemacht, man hat ihm das Coalitions-Recht, das politische
Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute
bereits als Nothstand (moralisch ausgedrückt als Unrecht -) empfindet?
Aber was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muss man
auch die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man
sie zu Herrn erzieht. -

41.

"Freiheit, die ich nicht meine…" In solchen Zeiten, wie heute, seinen
Instinkten überlassen sein, ist ein Verhängniss mehr. Diese Instinkte
widersprechen, stören sich, zerstören sich unter einander; ich definirte das
Moderne bereits als den physiologischen Selbst-Widerspruch. Die Vernunft
der Erziehung würde wollen, dass unter einem eisernen Drucke wenigstens
Eins dieser Instinkt-Systeme paralysirt würde, um einem andren zu
erlauben, zu Kräften zu kommen, stark zu werden, Herr zu werden. Heute
müsste man das Individuum erst möglich machen, indem man dasselbe
beschneidet: möglich, das heisst ganz… Das Umgekehrte geschieht: der
Anspruch auf Unabhängigkeit, auf freie Entwicklung, auf laisser aller wird

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gerade von Denen am hitzigsten gemacht, für die kein Zügel zu streng wäre
- dies gilt in politicis, dies gilt in der Kunst. Aber das ist ein Symptom der
décadence: unser moderner Begriff "Freiheit" ist ein Beweis von Instinkt-
Entartung mehr. -

42.

Wo Glaube noth thut. - Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen
als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegentheil, vielleicht
glauben sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller,
überzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die
Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständniss grosser
Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer andren Art von Heiligen, bringt
es das ganze Handwerk mit sich, dass sie nur gewisse Wahrheiten zulassen:
nämlich solche, auf die hin ihr Handwerk die öffentliche Sanktion hat, -
Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie
beweisen müssen, darin sind sie praktisch, - sie erkennen sich unter
einander daran, dass sie über "die Wahrheiten" übereinstimmen. - "Du sollst
nicht lügen" - auf deutsch: hüten Sie sich, mein Herr Philosoph, die
Wahrheit zu sagen…

43.

Den Conservativen in's Ohr gesagt. - Was man früher nicht wusste, was
man heute weiss, wissen könnte -, eine Rückbildung, eine Umkehr in irgend
welchem Sinn und Grade ist gar nicht möglich. Wir Physiologen wenigstens
wissen das. Aber alle Priester und Moralisten haben daran geglaubt, - sie
wollten die Menschheit auf ein früheres Maass von Tugend zurückbringen,
zurückschrauben. Moral war immer ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker
haben es darin den Tugendpredigern nachgemacht: es giebt auch heute noch

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Parteien, die als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen. Aber es steht
Niemandem frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muss vorwärts, will
sagen Schritt für Schritt weiter in der décadence (- dies meine Definition
des modernen "Fortschritts"… ). Man kann diese Entwicklung hemmen
und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln,
vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht. -

44.

Mein Begriff vom Genie. - Grosse Männer sind wie grosse Zeiten
Explosiv-Stoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre
Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, dass lange auf sie
hin gesammelt, gehäuft, gespart und bewahrt worden ist, - dass lange keine
Explosion stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu gross geworden, so
genügt der zufälligste Reiz, das "Genie", die "That", das grosse Schicksal in
die Welt zu rufen. Was liegt dann an Umgebung, an Zeitalter, an "Zeitgeist",
an "öffentlicher Meinung"! - Man nehme den Fall Napoleon's. Das
Frankreich der Revolution, und noch mehr das der Vorrevolution, würde aus
sich den entgegengesetzten Typus, als der Napoleon's ist, hervorgebracht
haben: es hat ihn auch hervorgebracht. Und weil Napoleon anders war, Erbe
einer stärkeren, längeren, älteren Civilisation als die, welche in Frankreich
in Dampf und Stücke gieng, wurde er hier Herr, war er allein hier Herr. Die
grossen Menschen sind nothwendig, die Zeit, in der sie erscheinen, ist
zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr werden, liegt nur darin, dass
sie stärker, dass sie älter sind, dass länger auf sie hin gesammelt worden ist.
Zwischen einem Genie und seiner Zeit besteht ein Verhältniss, wie
zwischen stark und schwach, auch wie zwischen alt und jung: die Zeit ist
relativ immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer. -
Dass man hierüber in Frankreich heute sehr anders denkt (in Deutschland
auch: aber daran liegt nichts), dass dort die Theorie vom milieu, eine wahre

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Neurotiker-Theorie, sakrosankt und beinahe wissenschaftlich geworden ist
und bis unter die Physiologen Glauben findet, das "riecht nicht gut", das
macht Einem traurige Gedanken. - Man versteht es auch in England nicht
anders, doch darüber wird sich kein Mensch betrüben. Dem Engländer
stehen nur zwei Wege offen, sich mit dem Genie und "grossen Manne"
abzufinden: entweder demokratisch in der Art Buckle's oder religiös in der
Art Carlyle's. - Die Gefahr, die in grossen Menschen und Zeiten liegt, ist
ausser ordentlich; die Erschöpfung jeder Art, die Sterilität folgt ihnen auf
dem Fusse. Der grosse Mensch ist ein Ende; die grosse Zeit, die
Renaissance zum Beispiel, ist ein Ende. Das Genie - in Werk, in That - ist
nothwendig ein Verschwender: dass es sich ausgiebt, ist seine Grösse… Der
Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; der übergewaltige
Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede solche Obhut und
Vorsicht. Man nennt das "Aufopferung"; man rühmt seinen "Heroismus"
darin, seine Gleichgültigkeit gegen das eigne Wohl, seine Hingebung für
eine Idee, eine grosse Sache, ein Vaterland: Alles Missverständnisse… Er
strömt aus, er strömt über, er verbraucht sich, er schont sich nicht, - mit
Fatalität, verhängnissvoll, unfreiwillig, wie das Ausbrechen eines Flusses
über seine Ufer unfreiwillig ist. Aber weil man solchen Explosiven viel
verdankt, hat man ihnen auch viel dagegen geschenkt, zum Beispiel eine
Art höherer Moral… Das ist ja die Art der menschlichen Dankbarkeit: sie
missversteht ihre Wohlthäter.-

45.

Der Verbrecher und was ihm verwandt ist. - Der Verbrecher-Typus, das
ist der Typus des starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen, ein
krank gemachter starker Mensch. Ihm fehlt die Wildniss, eine gewisse
freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, in der Alles, was Waffe
und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, zu Recht besteht. Seine

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Tugenden sind von der Gesellschaft in Bann gethan; seine lebhaftesten
Triebe, die er mitgebracht hat, verwachsen alsbald mit den
niederdrückenden Affekten, mit dem Verdacht, der Furcht, der Unehre.
Aber dies ist beinahe das Recept zur physiologischen Entartung. Wer Das,
was er am besten kann, am liebsten thäte, heimlich thun muss, mit langer
Spannung, Vorsicht, Schlauheit, wird anämisch; und weil er immer nur
Gefahr, Verfolgung, Verhängniss von seinen Instinkten her erntet, verkehrt
sich auch sein Gefühl gegen diese Instinkte - er fühlt sie fatalistisch. Die
Gesellschaft ist es, unsre zahme, mittelmässige, verschnittene Gesellschaft,
in der ein naturwüchsiger Mensch, der vom Gebirge her oder aus den
Abenteuern des Meeres kommt, nothwendig zum Verbrecher entartet. Oder
beinahe nothwendig: denn es giebt Fälle, wo ein solcher Mensch sich
stärker erweist als die Gesellschaft: der Corse Napoleon ist der berühmteste
Fall. Für das Problem, das hier vorliegt, ist das Zeugniss Dostoiewsky's von
Belang - Dostoiewsky's, des einzigen Psychologen, anbei gesagt, von dem
ich Etwas zu lernen hatte: er gehört zu den schönsten Glücksfällen meines
Lebens, mehr selbst noch als die Entdeckung Stendhal's. Dieser tiefe
Mensch, der zehn Mal Recht hatte, die oberflächlichen Deutschen gering zu
schätzen, hat die sibirischen Zuchthäusler, in deren Mitte er lange lebte,
lauter schwere Verbrecher, für die es keinen Rückweg zur Gesellschaft
mehr gab, sehr anders empfunden als er selbst erwartete - ungefähr als aus
dem besten, härtesten und werthvollsten Holze geschnitzt, das auf
russischer Erde überhaupt wächst. Verallgemeinern wir den Fall des
Verbrechers: denken wir uns Naturen, denen, aus irgend einem Grunde, die
öffentliche Zustimmung fehlt, die wissen, dass sie nicht als wohlthätig, als
nützlich empfunden werden, - jenes Tschandala-Gefühl, dass man nicht als
gleich gilt, sondern als ausgestossen, unwürdig, verunreinigend. Alle solche
Naturen haben die Farbe des Unterirdischen auf Gedanken und
Handlungen; an ihnen wird Jegliches bleicher als an Solchen, auf deren
Dasein das Tageslicht ruht. Aber fast alle Existenzformen, die wir heute

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auszeichnen, haben ehemals unter dieser halben Grabesluft gelebt: der
wissenschaftliche Charakter, der Artist, das Genie, der freie Geist, der
Schauspieler, der Kaufmann, der grosse Entdecker… So lange der Priester
als oberster Typus galt, war jede werthvolle Art Mensch entwerthet… Die
Zeit kommt - ich verspreche das - wo er als der niedrigste gelten wird, als
unser Tschandala, als die verlogenste, als die unanständigste Art Mensch…
Ich richte die Aufmerksamkeit darauf, wie noch jetzt, unter dem mildesten
Regiment der Sitte, das je auf Erden, zum Mindesten in Europa, geherrscht
hat, jede Abseitigkeit, jedes lange, allzulange Unterhalb, jede
ungewöhnliche, undurchsichtige Daseinsform jenem Typus nahe bringt, den
der Verbrecher vollendet. Alle Neuerer des Geistes haben eine Zeit das fahle
und fatalistische Zeichen des Tschandala auf der Stirn: nicht, weil sie so
empfunden würden, sondern weil sie selbst die furchtbare Kluft fühlen, die
sie von allem Herkömmlichen und in Ehren Stehenden trennt. Fast jedes
Genie kennt als eine seiner Entwicklungen die "catilinarische Existenz", ein
Hass-, Rache- und Aufstands-Gefühl gegen Alles, was schon ist, was nicht
mehr wird… Catilina - die Präexistenz-Form jedes Caesar. -

46.

Hier ist die Aussicht frei. - Es kann Höhe der Seele sein, wenn ein
Philosoph schweigt; es kann Liebe sein, wenn er sich widerspricht; es ist
eine Höflichkeit des Erkennenden möglich, welche lügt. Man hat nicht ohne
Feinheit gesagt: il est indigne des grands coeurs de répandre le trouble,
qu'ils ressentent: nur muss man hinzufügen, dass vor dem Unwürdigsten
sich nicht zu fürchten ebenfalls Grösse der Seele sein kann. Ein Weib, das
liebt, opfert seine Ehre; ein Erkennender, welcher "liebt", opfert vielleicht
seine Menschlichkeit; ein Gott, welcher liebte, ward Jude…

47.

Page 90

Die Schönheit kein Zufall. - Auch die Schönheit einer Rasse oder
Familie, ihre Anmuth und Güte in allen Gebärden wird erarbeitet: sie ist,
gleich dem Genie, das Schlussergebniss der accumulirten Arbeit von
Geschlechtern. Man muss dem guten Geschmacke grosse Opfer gebracht
haben, man muss um seinetwillen Vieles gethan, Vieles gelassen haben -
das siebzehnte Jahrhundert Frankreichs ist bewunderungswürdig in Beidem
-, man muss in ihm ein Princip der Wahl, für Gesellschaft, Ort, Kleidung,
Geschlechtsbefriedigung gehabt haben, man muss Schönheit dem Vortheil,
der Gewohnheit, der Meinung, der Trägheit vorgezogen haben. Oberste
Richtschnur: man muss sich auch vor sich selber nicht "gehen lassen". - Die
guten Dinge sind über die Maassen kostspielig: und immer gilt das Gesetz,
dass wer sie hat, ein Andrer ist, als wer sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft:
was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang… In Athen waren zur
Zeit Cicero's, der darüber seine Überraschung ausdrückt, die Männer und
Jünglinge bei weitem den Frauen an Schönheit überlegen: aber welche
Arbeit und Anstrengung im Dienste der Schönheit hatte daselbst das
männliche Geschlecht seit Jahrhunderten von sich verlangt! - Man soll sich
nämlich über die Methodik hier nicht vergreifen: eine blosse Zucht von
Gefühlen und Gedanken ist beinahe Null (- hier liegt das grosse
Missverständniss der deutschen Bildung, die ganz illusorisch ist): man muss
den Leib zuerst überreden. Die strenge Aufrechterhaltung bedeutender und
gewählter Gebärden, eine Verbindlichkeit, nur mit Menschen zu leben, die
sich nicht "gehen lassen", genügt vollkommen, um bedeutend und gewählt
zu werden: in zwei, drei Geschlechtern ist bereits Alles verinnerlicht. Es ist
entscheidend über das Loos von Volk und Menschheit, dass man die Cultur
an der rechten Stelle beginnt - nicht an der "Seele" (wie es der
verhängnissvolle Aberglaube der Priester und Halb-Priester war): die rechte
Stelle ist der Leib, die Gebärde, die Diät, die Physiologie, der Rest folgt
daraus… Die Griechen bleiben deshalb das erste Cultur-Ereigniss der

Page 91

Geschichte - sie wussten, sie thaten, was Noth that; das Christenthum, das
den Leib verachtete, war bisher das grösste Unglück der Menschheit. -

48.

Fortschritt in meinem Sinne. - Auch ich rede von "Rückkehr zur Natur",
obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist -
hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine
solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen darf .. Um es im Gleichniss
zu sagen: Napoleon war ein Stück "Rückkehr zur Natur", so wie ich sie
verstehe (zum Beispiel in rebus tacticis, noch mehr, wie die Militärs wissen,
im Strategischen). - Aber Rousseau - wohin wollte der eigentlich zurück?
Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist und canaille in Einer
Person; der die moralische "Würde" nöthig hatte, um seinen eignen Aspekt
auszuhalten; krank vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser
Selbstverachtung. Auch diese Missgeburt, welche sich an die Schwelle der
neuen Zeit gelagert hat, wollte "Rückkehr zur Natur" - wohin, nochmals
gefragt, wollte Rousseau zurück? - Ich hasse Rousseau noch in der
Revolution: sie ist der welthistorische Ausdruck für diese Doppelheit von
Idealist und canaille. Die blutige farce, mit der sich diese Revolution
abspielte, ihre "Immoralität", geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre
Rousseau'sche Moralität - die sogenannten "Wahrheiten" der Revolution,
mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmässige zu sich
überredet. Die Lehre von der Gleichheit!… Aber es giebt gar kein giftigeres
Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie
das Ende der Gerechtigkeit ist… "Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen
Ungleiches - das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was daraus
folgt, Ungleiches niemals gleich machen." - Dass es um jene Lehre von der
Gleichheit herum so schauerlich und blutig zu gieng, hat dieser "modernen
Idee" par excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so dass die

Page 92

Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verführt hat. Das ist
zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. - Ich sehe nur Einen, der sie
empfand, wie sie empfunden werden muss, mit Ekel - Goethe…

49.

Goethe - kein deutsches Ereigniss, sondern ein europäisches: ein
grossartiger Versuch, das achtzehnte Jahrhundert zu überwinden durch eine
Rückkehr zur Natur, durch ein Hinaufkommen zur Natürlichkeit der
Renaissance, eine Art Selbstüberwindung von Seiten dieses Jahrhunderts. -
Er trug dessen stärkste Instinkte in sich: die Gefühlsamkeit, die Natur-
Idolatrie, das Antihistorische, das Idealistische, das Unreale und
Revolutionäre (- letzteres ist nur eine Form des Unrealen). Er nahm die
Historie, die Naturwissenschaft, die Antike, insgleichen Spinoza zu Hülfe,
vor Allem die praktische Thätigkeit; er umstellte sich mit lauter
geschlossenen Horizonten; er löste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich
hinein; er war nicht verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über
sich, in sich. Was er Wollte, das war Totalität; er bekämpfte das
Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille (- in
abschreckendster Scholastik durch Kant gepredigt, den Antipoden
Goethe's), er disciplinirte sich zur Ganzheit, er schuf sich… Goethe war,
inmitten eines unreal gesinnten Zeitalters, ein überzeugter Realist: er sagte
ja zu Allem, was ihm hierin verwandt war, - er hatte kein grösseres
Erlebniss als jenes ens realissimum, genannt Napoleon. Goethe concipirte
einen starken, hochgebildeten, in aller Leiblichkeiten geschickten, sich
selbst im Zaume habenden, vor sich selber ehrfürchtigen Menschen, der
sich den ganzen Umfang und Reichthum der Natürlichkeit zu gönnen
wagen darf, der stark genug zu dieser Freiheit ist; den Menschen der
Toleranz, nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke, weil er Das, woran die
durchschnittliche Natur zu Grunde gehn würde, noch zu seinem Vortheile

Page 93

zu brauchen weiss; den Menschen, für den es nichts Verbotenes mehr giebt,
es sei denn die Schwäche, heisse sie nun Laster oder Tugend… Ein solcher
freigewordner Geist steht mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus
mitten im All, im Glauben, dass nur das Einzelne verwerflich ist, dass im
Ganzen sich Alles erlöst und bejaht - er verneint nicht mehr… Aber ein
solcher Glaube ist der höchste aller möglichen Glauben: ich habe ihn auf
den Namen des Dionysos getauft. -

50.

Man könnte sagen, dass in gewissem Sinne das neunzehnte Jahrhundert
Das alles auch erstrebt hat, was Goethe als Person erstrebte: eine
Universalität im Verstehn, im Gutheissen, ein Ansich-heran-kommen-lassen
von Jedwedem, einen verwegnen Realismus, eine Ehrfurcht vor allem
Thatsächlichen. Wie kommt es, dass das Gesammt-Ergebniss kein Goethe,
sondern ein Chaos ist, ein nihilistisches Seufzen, ein Nicht-wissen-wo-aus-
noch-ein, ein Instinkt von Ermüdung, der in praxi fortwährend dazu treibt,
zum achtzehnten Jahrhundert zurückzugreifen? (- zum Beispiel als Gefühls-
Romantik, als Altruismus und Hyper-Sentimentalität, als Femininismus im
Geschmack, als Socialismus in der Politik.) Ist nicht das neunzehnte
Jahrhundert, zumal in seinem Ausgange, bloss ein verstärktes verrohtes
achtzehntes Jahrhundert, das heisst ein décadence-Jahrhundert? So dass
Goethe nicht bloss für Deutschland, sondern für ganz Europa bloss ein
Zwischenfall, ein schönes Umsonst gewesen wäre? - Aber man missversteht
grosse Menschen, wenn man sie aus der armseligen Perspektive eines
öffentlichen Nutzens ansieht. Dass man keinen Nutzen aus ihnen zu ziehn
weiss, das gehört selbst vielleicht zur Grösse…

51.

Page 94

Goethe ist der letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht habe: er hätte drei
Dinge empfunden, die ich empfinde, - auch verstehen wir uns über das
"Kreuz"… Man fragt mich öfter, wozu ich eigentlich deutsch schriebe:
nirgendswo würde ich schlechter gelesen, als im Vaterlande. Aber wer weiss
zuletzt, ob ich auch nur wünsche, heute gelesen zu werden? - Dinge
schaffen, an denen umsonst die Zeit ihre Zähne versucht; der Form nach,
der Substanz nach um eine kleine Unsterblichkeit bemüht sein - ich war
noch nie bescheiden genug, weniger von mir zu verlangen. Der
Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen
Meister bin, sind die Formen der "Ewigkeit"; mein Ehrgeiz ist, in zehn
Sätzen zu sagen, was jeder Andre in einem Buche sagt, - was jeder Andre in
einem Buche nicht sagt…

Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste. -

Was ich den Alten verdanke.

1.

Zum Schluss ein Wort über jene Welt, zu der ich Zugänge gesucht, zu der
ich vielleicht einen neuen Zugang gefunden habe - die alte Welt. Mein
Geschmack, der der Gegensatz eines duldsamen Geschmacks sein mag, ist
auch hier fern davon, in Bausch und Bogen ja zu sagen: er sagt überhaupt
nicht gern ja, lieber noch Nein, am allerliebsten gar nichts… Das gilt von
ganzen Culturen, das gilt von Büchern, - es gilt auch von Orten und
Landschaften. Im Grunde ist es eine ganz kleine Anzahl antiker Bücher, die
in meinem Leben mitzählen; die berühmtesten sind nicht darunter. Mein
Sinn für Stil, für das Epigramm als Stil erwachte fast augenblicklich bei der
Berührung mit Sallust. Ich habe das Erstaunen meines verehrten Lehrers

Page 95

Corssen nicht vergessen, als er seinem schlechtesten Lateiner die allererste
Censur geben musste -, ich war mit Einem Schlage fertig. Gedrängt, streng,
mit so viel Substanz als möglich auf dem Grunde, eine kalte Bosheit gegen
das "schöne Wort", auch das "schöne Gefühl" - daran errieth ich mich. Man
wird, bis in meinen Zarathustra hinein, eine sehr ernsthafte Ambition nach
römischem Stil, nach dem "aere perennius" im Stil bei mir wiedererkennen.
- Nicht anders ergieng es mir bei der ersten Berührung mit Horaz. Bis heute
habe ich an keinem Dichter dasselbe artistische Entzücken gehabt, das mir
von Anfang an eine Horazische Ode gab. In gewissen Sprachen ist Das, was
hier erreicht ist, nicht einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes
Wort als Klang, als Ort, als Begriff, nach rechts und links und über das
Ganze hin seine Kraft ausströmt, dies minimum in Umfang und Zahl der
Zeichen, dies damit erzielte maximum in der Energie der Zeichen - das
Alles ist römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence.
Der ganze Rest von Poesie wird dagegen etwas zu Populäres, - eine blosse
Gefühls-Geschwätzigkeit…

2.

Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandt starken Eindrücke;
und, um es geradezu herauszusagen, sie können uns nicht sein, was die
Römer sind. Man lernt nicht von den Griechen - ihre Art ist zu fremd, sie ist
auch zu flüssig, um imperativisch, um "klassisch" zu wirken. Wer hätte je
an einem Griechen schreiben gelernt! Wer hätte es je ohne die Römer
gelernt!… Man wende mir ja nicht Plato ein. Im Verhältniss zu Plato bin ich
ein gründlicher Skeptiker und war stets ausser Stande, in die Bewunderung
des Artisten Plato, die unter Gelehrten herkömmlich ist, einzustimmen.
Zuletzt habe ich hier die raffinirtesten Geschmacksrichter unter den Alten
selbst auf meiner Seite. Plato wirft, wie mir scheint, alle Formen des Stils
durcheinander, er ist damit ein erster décadent des Stils: er hat etwas

Page 96

Ähnliches auf dem Gewissen, wie die Cyniker, die die satura Menippea
erfanden. Dass der Platonische Dialog, diese entsetzlich selbstgefällige und
kindliche Art Dialektik, als Reiz wirken könne, dazu muss man nie gute
Franzosen gelesen haben, - Fontenelle zum Beispiel. Plato ist langweilig. -
Zuletzt geht mein Misstrauen bei Plato in die Tiefe: ich finde ihn so abgeirrt
von allen Grundinstinkten der Hellenen, so vermoralisirt, so präexistent-
christlich - er hat bereits den Begriff "gut" als obersten Begriff -, dass ich
von dem ganzen Phänomen Plato eher das harte Wort "höherer Schwindel"
oder, wenn man's lieber hört, Idealismus - als irgend ein andres gebrauchen
möchte. Man hat theuer dafür bezahlt, dass dieser Athener bei den Ägyptern
in die Schule gieng (- oder bei den Juden in Agypten?…) Im grossen
Verhängniss des Christenthums ist Plato jene "Ideal" genannte
Zweideutigkeit und Fascination, die den edleren Naturen des Alterthums es
möglich machte, sich selbst misszuverstehn und die Brücke zu betreten, die
zum "Kreuz" führte… Und wie viel Plato ist noch im Begriff "Kirche", in
Bau, System, Praxis der Kirche! - Meine Erholung, meine Vorliebe, meine
Kur von allem Platonismus war zu jeder Zeit Thukydides. Thukydides und,
vielleicht, der principe Machiavell's sind mir selber am meisten verwandt
durch den unbedingten Willen, sich Nichts vorzumachen und die Vernunft
in der Realität zu sehn, - nicht in der "Vernunft", noch weniger in der
"Moral"… Von der jämmerlichen Schönfärberei der Griechen in's Ideal, die
der "klassisch gebildete" Jüngling als Lohn für seine Gymnasial-Dressur
in's Leben davonträgt, kurirt Nichts so gründlich als Thukydides. Man muss
ihn Zeile für Zeile umwenden und seine Hintergedanken so deutlich ablesen
wie seine Worte: es giebt wenige so hintergedankenreiche Denker. In ihm
kommt die Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur, zu ihrem
vollendeten Ausdruck: diese unschätzbare Bewegung inmitten des eben
allerwärts losbrechenden Moral- und Ideal-Schwindels der sokratischen
Schulen. Die griechische Philosophie als die décadence des griechischen
Instinkts; Thukydides als die grosse Summe, die letzte Offenbarung jener

Page 97

starken, strengen, harten Thatsächlichkeit, die dem älteren Hellenen im
Instinkte lag. Der Muth vor der Realität unterscheidet zuletzt solche
Naturen wie Thukydides und Plato: Plato ist ein Feigling vor der Realität, -
folglich flüchtet er in's Ideal; Thukydides hat sich in der Gewalt, folglich
behält er auch die Dinge in der Gewalt…

3.

In den Griechen "schöne Seelen", "goldene Mitten" und andre
Vollkommenheiten auszuwittern, etwa an ihnen die Ruhe in der Grösse, die
ideale Gesinnung, die hohe Einfalt bewundern - vor dieser "hohen Einfalt",
einer niaiserie allemande zu guterletzt, war ich durch den Psychologen
behütet, den ich in mir trug. Ich sah ihren stärksten Instinkt, den Willen zur
Macht, ich sah sie zittern vor der unbändigen Gewalt dieses Triebs, - ich sah
alle ihre Institutionen wachsen aus Schutzmaassregeln, um sich vor
einander gegen ihren inwendigen Explosivstoff sicher zu stellen. Die
ungeheure Spannung im Innern entlud sich dann in furchtbarer und
rücksichtsloser Feindschaft nach Aussen: die Stadtgemeinden zerfleischten
sich unter einander, damit die Stadtbürger jeder einzelnen vor sich selber
Ruhe fänden. Man hatte es nöthig, stark zu sein: die Gefahr war in der Nähe
-, sie lauerte überall. Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der
verwegene Realismus und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine
Noth, nicht eine "Natur" gewesen. Er folgte erst, er war nicht von Anfang
an da. Und mit Festen und Künsten wollte man auch nichts Andres als sich
obenauf fühlen, sich obenauf zeigen: es sind Mittel, sich selber zu
verherrlichen, unter Umständen vor sich Furcht zu machen… Die Griechen
auf deutsche Manier nach ihren Philosophen beurtheilen, etwa die
Biedermännerei der sokratischen Schulen zu Aufschlüssen darüber
benutzen, was im Grunde hellenisch sei!… Die Philosophen sind ja die
décadents des Griechenthums, die Gegenbewegung gegen den alten, den

Page 98

vornehmen Geschmack (- gegen den agonalen Instinkt, gegen die Polis,
gegen den Werth der Rasse, gegen die Autorität des Herkommens). Die
sokratischen Tugenden wurden gepredigt, weil sie den Griechen abhanden
gekommen waren: reizbar, furchtsam, unbeständig, Komödianten
allesammt, hatten sie ein paar Gründe zu viel, sich Moral predigen zu
lassen. Nicht, dass es Etwas geholfen hätte: aber grosse Worte und Attitüden
stehen décadents so gut…

4.

Ich war der erste, der, zum Verständniss des älteren, des noch reichen und
selbst überströmenden hellenischen Instinkts, jenes wundervolle Phänomen
ernst nahm, das den Namen des Dionysos trägt: es ist einzig erklärbar aus
einem Zuviel von Kraft. Wer den Griechen nachgeht, wie jener tiefste
Kenner ihrer Cultur, der heute lebt, wie Jakob Burckhardt in Basel, der
wusste sofort, dass damit Etwas gethan sei: Burckhardt fügte seiner "Cultur
der Griechen" einen eignen Abschnitt über das genannte Phänomen ein.
Will man den Gegensatz, so sehe man die beinahe erheiternde Instinkt-
Armuth der deutschen Philologen, wenn sie in die Nähe des Dionysischen
kommen. Der berühmte Lobeck zumal, der mit der ehrwürdigen Sicherheit
eines zwischen Büchern ausgetrockneten Wurms in diese Welt
geheimnissvoller Zustände hineinkroch und sich überredete, damit
wissenschaftlich zu sein, dass er bis zum Ekel leichtfertig und kindisch war,
- Lobeck hat mit allem Aufwande von Gelehrsamkeit zu verstehn gegeben,
eigentlich habe es mit allen diesen Curiositäten Nichts auf sich. In der That
möchten die Priester den Theilhabern an solchen Orgien einiges nicht
Werthlose mitgetheilt haben, zum Beispiel, dass der Wein zur Lust anrege,
dass der Mensch unter Umständen von Früchten lebe, dass die Pflanzen im
Frühjahr aufblühn, im Herbst verwelken. Was jenen so befremdlichen
Reichthum an Riten, Symbolen und Mythen orgiastischen Ursprungs

Page 99

angeht, von dem die antike Welt ganz wörtlich überwuchert ist, so findet
Lobeck an ihm einen Anlass, noch um einen Grad geistreicher zu werden.
"Die Griechen, sagt er Aglaophamus I, 672, hatten sie nichts Anderes zu
thun, so lachten, sprangen, rasten sie umher, oder, da der Mensch mitunter
auch dazu Lust hat, so sassen sie nieder, weinten und jammerten. Andere
kamen dann später hinzu und suchten doch irgend einen Grund für das
auffallende Wesen; und so entstanden zur Erklärung jener Gebräuche jene
zahllosen Festsagen und Mythen. Auf der andren Seite glaubte man, jenes
possirliche Treiben, welches nun einmal an den Festtagen stattfand, gehöre
auch nothwendig zur Festfeier, und hielt es als einen unentbehrlichen Theil
des Gottesdienstes fest." - Das ist verächtliches Geschwätz, man wird einen
Lobeck nicht einen Augenblick ernst nehmen. Ganz anders berührt es uns,
wenn wir den Begriff "griechisch" prüfen, den Winckelmann und Goethe
sich gebildet haben, und ihn unverträglich mit jenem Elemente finden, aus
dem die dionysische Kunst wächst, - mit dem Orgiasmus. Ich zweifle in der
That nicht daran, dass Goethe etwas Derartiges grundsätzlich aus den
Möglichkeiten der griechischen Seele ausgeschlossen hätte. Folglich
verstand Goethe die Griechen nicht. Denn erst in den dionysischen
Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zustands spricht sich die
Grundthatsache des hellenischen Instinkts aus - sein "Wille zum Leben".
Was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das ewige Leben,
die ewige Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit
verheissen und geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und
Wandel hinaus; das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben durch die
Zeugung, durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den Griechen war
deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol an sich, der
eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken Frömmigkeit. Alles
Einzelne im Akte der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt erweckte
die höchsten und feierlichsten Gefühle. In der Mysterienlehre ist der
Schmerz heilig gesprochen: die "Wehen der Gebärerin" heiligen den

Page 100

Schmerz überhaupt, - alles Werden und Wachsen, alles Zukunft-
Verbürgende bedingt den Schmerz… Damit es die Lust des Schaffens giebt,
damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht, muss es auch ewig die
"Qual der Gebärerin" geben… Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos: ich
kenne keine höhere Symbolik als diese griechische Symbolik, die der
Dionysien. In ihr ist der tiefste Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des
Lebens, zur Ewigkeit des Lebens, religiös empfunden, - der Weg selbst zum
Leben, die Zeugung, als der heilige Weg… Erst das Christenthum, mit
seinem Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde, hat aus der
Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht: es warf Koth auf den Anfang,
auf die Voraussetzung unseres Lebens…

5.

Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und
Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans wirkt,
gab mir den Schlüssel zum Begriff des tragischen Gefühls, das sowohl von
Aristoteles als in Sonderheit von unsern Pessimisten missverstanden
worden ist. Die Tragödie ist so fern davon, Etwas für den Pessimismus der
Hellenen im Sinne Schopenhauer's zu beweisen, dass sie vielmehr als
dessen entscheidende Ablehnung und Gegen-Instanz zu gelten hat. Das ja
sagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten
Problemen; der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen der
eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das nannte ich dionysisch, das
errieth ich als die Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht
um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem
gefährlichen Affekt durch dessen vehemente Entladung zu reinigen - so
verstand es Aristoteles -: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus,
die ewige Lust des Werdens selbst zu sein, - jene Lust, die auch noch die
Lust am Vernichten in sich schliesst… Und damit berühre ich wieder die

Page 101

Stelle, von der ich einstmals ausgieng - die "Geburt der Tragödie" war
meine erste Umwerthung aller Werthe: damit stelle ich mich wieder auf den
Boden zurück, aus dem mein Wollen, mein Können wächst - ich, der letzte
Jünger des Philosophen Dionysos, - ich, der Lehrer der ewigen
Wiederkunft…

Der Hammer redet.

Also sprach Zarathustra - 3, 90.

"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle: sind
wir denn nicht Nah-Verwandte?"

Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage ich euch: seid ihr denn
nicht - meine Brüder?

Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel
Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? so wenig Schicksal in eurem
Blicke?

Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr
einst mit mir - siegen?

Und wenn eure Härte nicht blitzen und schneiden und zerschneiden will:
wie könntet ihr einst mit mir - schaffen?

Alle Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken,
eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, -

- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf
Erz, - härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart allein ist das
Edelste.

Page 102

Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart! - -

Page 103

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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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