Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange_ I. Band (German) Friedrich Dannemann 426 downloads.pdf

612 pages · Make another flipbook

Page 1

Page 2

Page 3

The Project Gutenberg eBook of Die Naturwissenschaften in
ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem
Zusammenhange, I. Band

Author: Friedrich Dannemann

Release date: November 1, 2016 [eBook #53428]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/53428

Credits: Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
file was produced from images generously made available
by The Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, I. BAND ***

Page 4

DIE NATURWISSENSCHAFTEN

IN IHRER ENTWICKLUNG UND
IN IHREM ZUSAMMENHANGE

DARGESTELLT VON

FRIEDRICH DANNEMANN

ZWEITE AUFLAGE

I. BAND:

VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM WIEDERAUFLEBEN
DER WISSENSCHAFTEN

MIT 64 ABBILDUNGEN IM TEXT UND MIT EINEM BILDNIS VON ARISTOTELES

Page 5

LEIPZIG

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

1920

Copyright 1920 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Dannemann. Entwicklung der Naturw. Bd. I.

ARISTOTELES
(Marmorkopf im k. k. Hofmuseum zu Wien).

HERRN GEH. HOFRAT PROF. DR.

EILHARD WIEDEMANN

AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE
MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE
DER NEUEN AUFLAGE

Page 6

GEWIDMET

Page 7

Vorwort.
Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Kriege vollendet. Die Aufnahme
war so günstig, daß der erste Band schon während des Krieges vergriffen
war. Leider konnte die zweite Auflage, weil das deutsche Verlagsgeschäft
mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, nicht sofort
erscheinen, so daß das vollständige Werk längere Zeit im Buchhandel
fehlte.
Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern, zumal
in einem Punkte, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da es nämlich
dem einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten gleich gründliche
Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal einige hervorragende
Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den Herren Geh. Hofrat Prof. Dr.
E. Wiedemann (Erlangen), Prof. Dr. E. v. Lippmann (Halle a. S.) und
Prof. Dr. J. Würschmidt (Erlangen) zu großem Dank verpflichtet. Ich
empfing von den Genannten nicht nur zahlreiche Anregungen; sie haben
auch die Korrektur des Satzes bis in alle Einzelheiten überwacht. Die
Mehrzahl der von ihnen ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch
Verwendung finden. Manches ließ sich erst am Schlusse in einem
besonderen Abschnitt (s. S. 478) bringen. Einzelne weitergehende
Vorschläge mußten vorläufig zurückgestellt werden.
Wenn ich die drei ersten Bände den Herren Wiedemann, v. Lippmann
und Würschmidt widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines
Dankes. Auch verkenne ich nicht, daß diese Mitwirkung in erster Linie
erfolgt ist, um das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Manche
Anregung ging mir ferner in den zahlreichen Besprechungen, sowie von
befreundeter Seite zu. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch drängt
es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen Geh.
Rat. Dr. G. Berthold, einen verdienten Forscher auf dem Gebiete der
neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende
Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen
Museums für Meisterwerke auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und
der Technik übergegangen ist, stand mir jeder Zeit zur Verfügung. Auch der

Page 8

häufige persönliche Verkehr mit Berthold, den die Bayrische Akademie
der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr herauszugebenden
großen Geschichte der Physik betraut hatte1, war für die Neuherausgabe des
ganzen Werkes von Belang.
Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten Auflage
vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der
Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr man
erkennt, daß sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritte weitere
Schwierigkeiten entgegenstellen, um so lieber richtet man den Blick auch
wieder rückwärts, um den durchmessenen Weg zu überschauen und aus
dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue Hoffnung auf
ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der
Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die
Tätigkeit des einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, um so
dringender wird das Bedürfnis, das Augenmerk häufiger auf die
Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfange zu
überschauen, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in einem
historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Haupttatsachen
hervorhebt, sie verknüpft und zu einer vertieften Auffassung anregt.
Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist ferner darin zu
erblicken, daß es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man sich
die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unfertiges
vergegenwärtigt. Auch gelangt man zu der Einsicht, daß uns dieselben oder
ähnliche Methoden und Schlußweisen, die man heute anwendet, in der
Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher
kaum darstellen, ohne an die früheren Untersuchungen, Vorstellungen und
Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grunde ist die genetische
Betrachtungsweise nicht nur in manche Lehrbücher eingedrungen. Es sind
auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und das
Quellenstudium ist durch Neudrucke der oft schwer zugänglichen älteren
Arbeiten belebt worden. Erinnert sei hier nur an Ostwalds großes
Unternehmen. Seine »Klassiker der exakten Wissenschaften« enthalten in
195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Gebieten der
Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.
Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für
»Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften« abgeben und

Page 9

dartun, wie sich die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem
Werdegange beeinflußt haben. Die Wissenschaftsgeschichte ist vor
allem ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur
verstanden werden, wenn wir sie in ihrem Zusammenhange mit dieser und
der allgemeinen Geschichte betrachten. Eine von solchen Gesichtspunkten
ausgehende Darstellung des Entwicklungsganges der Naturwissenschaften
ist von anderer Seite wohl kaum versucht worden. Wenn ein einzelner sie
unternimmt, so muß er in mancher Beziehung um Nachsicht bitten. Eine
Teilung der Arbeit unter viele erschien nicht angängig, wenn etwas Ganzes
entstehen sollte.
Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmanne, der ein
Einzelgebiet bearbeitet, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzte und
jedem, der sich für die Naturwissenschaften lebhafter interessiert, dürfte
damit gedient sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken zu
verwirklichen sucht, dem der Altmeister der historischen Forschung,
Leopold v. Ranke, im fünften Bande seiner deutschen Geschichte
Ausdruck verleiht. Ranke schreibt dort, es müsse ein herrliches Werk sein,
einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung der
Wissenschaften genommen, im Rahmen der europäischen Entwicklung mit
gerechter Würdigung darzustellen. »Zu einer allgemeinen Geschichte der
Nation«, fügt Ranke hinzu, »wäre ein solches eigentlich unentbehrlich.«
Über dieses von Ranke gesteckte Ziel geht das vorliegende Werk allerdings
noch hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften in ihrem
ganzen Umfange schildert. Im übrigen dürfte die von Ranke gestellte
Aufgabe erfüllt sein, da sich die »Geschichte der Wissenschaften in
Deutschland« nicht anders als im Rahmen der Gesamtentwicklung
darstellen läßt. Wenn wir die letztere im Auge behalten, so sind die
Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis der gesamten Kultur zu
betrachten, sondern auch in ihren Beziehungen zu den übrigen
Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur Mathematik, zur
Medizin und Technik; und es ist zu zeigen, wie sich diese Zweige des
Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und bedingt haben.
Von einem Werke, das diese Aufgabe zu erfüllen sucht, darf man keine
Vollständigkeit in Bezug auf die biographischen und bibliographischen
Daten erwarten. Doch sind zumal die letzteren in solchem Umfange
aufgenommen worden, daß es zwar nicht als Nachschlagebuch, wohl aber

Page 10

zur Einführung in das Studium der älteren und neueren
naturwissenschaftlichen Literatur dienen kann. Um diesem Zwecke zu
entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile
erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände
enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.
Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige der
historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren Zeiten
vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit dem
Fortschreiten der archäologischen und der philologischen Untersuchungen
bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen Ergebnisse erinnert, die uns
die Erschließung der altorientalischen Kultur und die Erforschung der
arabischen Literaturschätze gebracht haben. Allerdings sind gerade hier die
Urteile noch nicht genügend geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten
einander widersprechend. Für denjenigen, der in zusammenhängender
Darstellung die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im
Altertum und Mittelalter schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe
Schwierigkeiten. Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei
dem anderen auf Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten,
die wir uns über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.
Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu
entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren
Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur in
dem Gesamtbilde erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung
erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug
geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.
Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig
geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den größeren
Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze Reihe von
Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste historische
Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig emporgeblühten
Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen über die
Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw. nirgends
fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die Geschichte der
Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche fehlen, dürfte ein
Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen Nachwuchs einen
gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit Freuden begrüßt, daß einzelne

Page 11

Hochschullehrer ihre Hörer auf die Wichtigkeit des eindringenderen
geschichtlichen Studiums hinweisen. So schreibt Herr Dr. A. Stock, Prof.
an der Universität Berlin und am Kaiser-Wilhelmsinstitut in Dahlem, seit
Jahren empfehle er seinen Hörern in der einführenden Vorlesung über
experimentelle Chemie »Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und
in ihrem Zusammenhange.« Es ist also zu hoffen, daß das unter der
Mitwirkung mehrerer Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in
dieser Hinsicht seine Aufgabe erfüllen wird.
Friedrich Dannemann.

Page 12

Inhalt.
1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
(S. 1–62.)
1. Einleitendes. – 2. Die Kultur der alten Ägypter. – 3. Die Literatur der
Ägypter. – 6. Mathematik und Technik der Ägypter. – 14. Die Anfänge der
Metallurgie. – 15. Die babylonisch-assyrische Kultur. – 17.
Keilschriftfunde. – 18. Die Mathematik der Babylonier. – 20. Der Ursprung
der Astronomie. – 22. Einteilung des Jahres. – 24. Anfänge der Astrologie. –
26. Astronomische Urkunden. – 28. Finsternisse, Kometen, Schaltjahr. – 31.
Genauigkeit der Messungen. – 33. Die Chaldäer. – 35. Mondbewegung. –
36. Der Gnomon. – 38. Maße und Gewichte. – 41. Die Gewinnung des
Eisens. – 42. Kupfer, Zink und Zinn. – 44. Glasbereitung. – 45. Die
Anfänge der Heilkunde. – 48. Erstes naturgeschichtliches Wissen. – 51. Die
alte Kultur Süd- und Ostasiens. – 53. Die Mathematik der Inder. – 56.
Indische Rechenkunst. – 59. Heilkunde und Chemie bei den Indern. – 61.
Die Astronomie der Chinesen.

2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
Zeitalter des Aristoteles.
(S. 63–103.)
65. Anfänge der griechischen Astronomie. – 67. Anfänge der
Erdbeschreibung. – 69. Ionische Naturphilosophie. – 71. Mechanische
Naturerklärung. – 73. Zweckbegriff. – 79. Pythagoras und seine Schule. –
84. Quadratur des Kreises und Würfelverdopplung. – 86. Kegelschnitte. –
89. Kalenderrechnung. – 91. Die sieben Planeten. – 93. Die heliozentrische
Weltanschauung. – 96. Gestalt und Größe der Erde. – 97. Pflanzenkenntnis
der Griechen. – 99. Die Anfänge der Zoologie. – 100. Keime der
Descendenzlehre. – 101. Ursprung der griechischen Heilkunde.

3. Das aristotelische Zeitalter.
(S. 104–151.)

Page 13

104. Aristoteles und seine Zeit. – 107. Die Werke des Aristoteles. – 109. Die
Philosophie des Aristoteles. – 112. Fall und Hebelgesetz. – 114.
Parallelogrammgesetz. – 115. Die Anfänge der Akustik und der Optik. –
117. Das Himmelsgebäude nach Aristoteles. – 121. Die Natur der
Weltkörper. – 123. Anfänge der physischen Erdkunde. – 125. Einsicht in die
geologischen Vorgänge. – 127. Die vier aristotelischen Elemente. – 129.
Die Begründung der Zoologie. – 133. Die Einteilung des Tierreichs. – 137.
Bau und Lebensweise. – 138. Ernährung und Sexualität der Pflanzen. – 141.
Botanik und Heilkunde. – 143. Geographie der Pflanzen. – 146. Bau und
Entwicklung der Pflanzen. – 148. Mineralogie und Bergbau. – 149. Einfluß
und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.

4. Das alexandrinische Zeitalter.
(S. 152–207.)
154. Die Begründung eines Systems der Mathematik. – 157. Das Leben und
die Bedeutung des Archimedes. – 159. Die Erfindungen des Archimedes. –
163. Die Anfänge der höheren Mathematik. – 165. Rotationskörper. – 167.
Kegelschnitte. – 170. Das archimedische Prinzip. – 172. Fortschritte der
Optik und Akustik. – 174. Die Grundlagen der wissenschaftlichen
Erdkunde. – 177. – Die Ausmessung der Erde. – 180. Die Bestimmung von
Sternörtern. – 182. Entfernung und Größe von Mond und Sonne. – 184.
Astronomie und Geometrie. – 186. Die Entdeckung der Präzession. – 188.
Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie. – 190. Physik der Gase
und der Flüssigkeiten. – 193. Herons Apparate und Automaten. – 196.
Wasserorgel. – 197. Thermoskop. – 198. Flaschenzug. – 199. Wegmesser. –
200. Grundlagen der Vermessungskunde. – 201. Herons Werke. – 205.
Naturbeschreibung und Medizin im alexandrinischen Zeitalter.

5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
(S. 208–245.)
208. Allgemeingeschichtliches. – 209. Einfluß des Hellenismus. – 211.
Meßkunst und Astronomie bei den Römern. – 213. Regelung des Kalenders.
– 215. Pflege der Ingenieurmechanik. – 219. Die Literatur während der
Kaiserzeit. – 220. Plinius. – 222. Quellen des Plinius. – 226. Die
»Naturgeschichte« des Plinius. – 233. Fortschritte der Anatomie und der
Heilkunde. – 239. Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde. – 240.

Page 14

Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneka. – 244. Chemische
Kenntnisse und ihre Anwendungen.

6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
(S. 246–284.)
246. Das ptolemäische Weltsystem. – 249. Die Epizyklentheorie. – 252.
Hilfswissenschaften der Astronomie. – 255. Astronomische Meßwerkzeuge.
– 257. Fortschritte der Geographie. – 258. Astronomie und Geographie. –
260. Physische Geographie. – 262. Forschungsreisen. – 265. Förderung der
Optik. – 267. Theorie des Sehens. – 268. Elektrizität und Magnetismus. –
270. Die Anfänge der Chemie. – 272. Metallurgie und Alchemie. – 277.
Alchemie und Astrologie. – 278. Alchemistische Urkunden. – 281. Altertum
und Mittelalter.

7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
(S. 285–295.)
285. Allgemeingeschichtliches. – 286. Wissenschaft und Kirche. – 289.
Christentum und Germanentum. – 291. Wissenschaft und Klosterwesen. –
293. Die Erhaltung der alten Schriftwerke. – 294. Enzyklopädien der
Wissenschaften.

8. Das arabische Zeitalter.
(S. 296–331.)
296. Die Wissenschaften und der Islam. – 299. Vermittlerrolle der Araber. –
301. Die Bedeutung der arabischen Literatur. – 303. Mathematische
Geographie und Astronomie. – 305. Astronomie und Trigonometrie. – 306.
Astronomische Instrumente. – 308. Der Kompaß. – 310. Die Rechenkunst
der Araber. – 312. Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft. – 314. Die
Optik bei den Arabern. – 319. Die Chemie im arabischen Zeitalter. – 322.
Alchemistische Schriften. – 324. Säuren und Metalle. – 325. Alchemistische
Theorien. – 326. Stein der Weisen. – 327. Mineralogische Kenntnisse der
Araber. – 328. Arabische Bearbeitungen der Zoologie. – 329. Botanische
Schriften. – 330. Heilkunde. – 331. Verfall der arabischen Kultur.

Page 15

9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen
Kultur.
(S. 332–369.)
332. Allgemeingeschichtliches. – 335. Die Kultur im Reiche der Franken. –
336. Anfänge einer mitteleuropäischen Literatur. – 338. Christliche Völker
und Islam. – 341. Erweiterung des geographischen Gesichtskreises. – 342.
Handel und Städtewesen. – 343. Die Wiederbelebung der alten Literatur. –
346. Die Zoologie im Mittelalter. – 350. Die Botanik im Mittelalter. – 352.
Die »Tiergeschichte« des Albertus Magnus. – 353. Roger Bacon. – 355.
Bacons Naturlehre. – 357. Bacons optische Kenntnisse. – 361.
Mittelalterliches Denken. – 365. Die Naturwissenschaften im 14.
Jahrhundert. – 366. Das Weltbild des Mittelalters.

10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
(S. 370–402.)
370. Mittelalter und Renaissance. – 372. Dante und Petrarka. – 373. Die
Ausbreitung des Humanismus. – 377. Humanismus und Kirche. – 379.
Humanismus und Naturwissenschaft. – 382. Lionardo da Vinci. – 384.
Lionardos Manuskripte. – 386. Lionardos Erfindungen. – 388.
Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft. – 392. Das Wiedererwachen
der Astronomie. – 395. Astronomische Tafeln. – 396. Astronomische
Instrumente. – 398. Astronomie und Nautik. – 400. Die Wiederbelebung der
Naturbeschreibung.

11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch
Koppernikus.
(S. 403–419.)
403. Koppernikus. – 407. Die Vorläufer des Koppernikus. – 408. Das
Koppernikanische Weltsystem. – 412. Aufnahme und Ausbreitung der
heliozentrischen Lehre. – 415. Das unendliche Universum. – 417.
Astronomie und Kartographie.

12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
Naturwissenschaften.

Page 16

(S. 420–445.)
421. Die Physik im 16. Jahrhundert. – 428. Entdeckungen auf dem Gebiete
der Optik. – 429. Die Lehre vom Magnetismus. – 430. Anfänge der
Dynamik. – 431. Alchemie und Jatrochemie. – 435. Paracelsus. – 437. Die
Neubegründung der Mineralogie. – 439. Agricolas mineralogische
Schriften. – 441. Anfänge der neueren Geologie. – 443. Anfänge der
Paläontologie.

13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
Naturwissenschaften.
(S. 446–467.)
446. Naturwissenschaften und Entdeckungsreisen. – 450. Die Erneuerung
der Botanik. – 451. Kräuterbücher. – 455. Die Anordnung der Pflanzen. –
458. Die Erneuerung der Zoologie. – 462. Das Wiederaufleben der
Anatomie. – 464. Vesals anatomisches Hauptwerk. – 466. Anatomie und
Chirurgie.

Page 17

1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der
Wissenschaften.
Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden, die
in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen
ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen und
Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig, teils auch
schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach ihrem Werte
gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode stammende
Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die Wurzeln der
Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigungen des
menschlichen Geistes, im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren.
Soviel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland zu
suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme
entgegentreten.
In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten der
Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die sich über die
Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der naiven Anschauung
erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und in Vorderasien
entstandenen Elementen entzündete sich alsdann der prometheische Funke,
der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es, diese Elemente nicht nur
in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes Forschen zu vervielfältigen
und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen, der nach einer langen Zeit der
Dürre zu dem gewaltigen Stamme erwuchs, von dem die Segnungen der
heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen sind.
Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit mit
derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch in
dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die
Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden Völker
fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum Teil recht
zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter, indem es den
Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte und die
alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die Kenntnisse, ja das

Page 18

gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel und der Vergessenheit
nach Jahrtausenden ans Licht gebracht.
Zwar ist die Kultur im Osten und im Süden Asiens vielleicht ebenso früh
entstanden wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des Euphrats
emporblühte. Dennoch wird eine Geschichte der gesamten exakten
Wissenschaften auf Indien und China nur wenig Rücksicht zu nehmen
brauchen, weil die dort wohnende Bevölkerung sehr abgeschlossen lebte
und infolgedessen auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen
Kenntnisse in Vorderasien und Europa nur geringen Einfluß gehabt hat.

Die Kultur der Ägypter.

Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volke, das wohl die
älteste Literatur und die ersten mathematischen, naturwissenschaftlichen
und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte. Die griechische
Überlieferung, nach welcher die Ägypter von Süden her aus Äthiopien in
das Niltal eingewandert sind, hat der neueren anthropologischen und
Altertumsforschung gegenüber nicht Stand gehalten2. Wir müssen vielmehr
annehmen, daß die alten Ägypter protosemitischen Ursprungs, also mit den
Babyloniern durch Abstammung verwandt waren3. Darauf weisen nicht nur
sprachliche Eigentümlichkeiten, sondern auch der Umstand hin, daß die
Kultur sich in Ägypten4 von der Mündung aus stromaufwärts ausbreitete.
Der fruchtbare, zu beiden Ufern des Nils sich durch die Wüste hinziehende
Streifen Landes, der das eigentliche Ägypten bildet, erwies sich in der Hand
der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein für die Entwicklung einer
hohen Kultur vortrefflich geeigneter Boden. Zuerst erblühte sie in
Memphis, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt wurden und die
Künstler Meisterwerke hervorbrachten. Die höchste Blüte entfaltete sie
indessen, nachdem um das Jahr 1600 v. Chr. das neue Reich mit der
Hauptstadt Theben gegründet war. In der Nähe der beiden Hauptplätze
entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten, welche den
Wechsel der Zeiten in solchem Maße überstanden haben, daß durch die
neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer Hauptvertreter sagt5, nach
und nach das ganze alte Ägypten wieder emporsteigt und im vollen Lichte

Page 19

der Geschichte erscheint, so daß die Menschen jener entlegenen Zeiten für
uns die gleiche Wirklichkeit erhalten wie die alten Griechen und Römer.
Bis zum 19. Jahrhundert war man im wesentlichen auf die Berichte
griechischer und römischer Schriftsteller angewiesen. Zahlreiche, mit der
ägyptischen Hieroglyphenschrift bedeckte Schriftdenkmäler waren zwar
nach Europa gelangt. Die Kenntnis dieser Schrift, sowie der daraus durch
Abkürzung entstandenen hieratischen und demotischen Form6, war aber mit
dem Ende des 3. Jahrhunderts infolge des siegreichen Vordringens des
Christentums verloren gegangen. Um ihre Entzifferung bemühte man7 sich
schon im 17. Jahrhundert. Sie gelang erst, als nach dem ägyptischen
Feldzuge Napoleons die archäologische Erforschung des Nillandes in
Angriff genommen wurde. Epochemachend war die Entdeckung einiger in
Stein gemeißelter Erlasse, wie desjenigen von Rosette (1799). Es ist das
eine Basalttafel (jetzt im Britischen Museum), welche die nämliche
Bekanntmachung (von 197 v. Chr.) in drei verschiedenen Sprachen enthält.
Der eine Text bedient sich der altägyptischen Sprache und der
Hieroglyphenschrift. Die Übersetzungen dagegen sind in der Volkssprache
und der ihr entsprechenden demotischen Schrift, sowie in griechischer
Sprache und Schrift erfolgt. Das größte Verdienst um die Entzifferung hat
sich Champollion, der Begründer der Ägyptologie, erworben. Unter den
Fortsetzern seines Werkes ist vor allem Lepsius, der eine preußische
Expedition zur Erforschung der Denkmäler Ägyptens (1842–45) leitete, zu
nennen. Er entdeckte das in zwei Sprachen abgefaßte Dekret von Kanopus
(238 v. Chr.), das einen Einblick in die Zeitrechnung der alten Ägypter
gewährt. Zu den Steininschriften sind in großer Zahl Texte auf Papyrus,
Leder und Tonscherben getreten. Auch Keilschriften haben sich auf
ägyptischem Boden (in Tell el-Amarna; siehe S. 15) gefunden.
Der Gründung der ersten ägyptischen Dynastie, die um 3300 v. Chr. durch
Mena (Menes) erfolgte, müssen schon ausgedehnte Zeiträume einer ruhigen
Entwicklung vorausgegangen sein, da uns schon während der ersten
Dynastien, deren die ägyptische Geschichte bis zum Beginn der
griechischen Herrschaft insgesamt dreißig zählt, eine hochentwickelte
Kultur entgegentritt. Dies spricht sich sowohl in den erhaltenen
Baudenkmälern, wie in den schriftlichen Überlieferungen jenes Zeitraumes
aus. So sind die während der vierten Dynastie von Chufu, Chafra und
Menkera errichteten großen Pyramiden nicht nur wahre Wunder der

Page 20

Baukunst, sondern die ganze Anlage dieser, im 4. Jahrtausend v. Chr.
Geburt entstandenen Werke weist auf astronomische und mathematische
Kenntnisse hin, die man in solch altersgrauer Zeit kaum vermuten sollte. So
sind die vier Seiten der Pyramiden genau nach den Haupthimmelsgegenden
gerichtet, während der Winkel, den die Seitenwände mit der Grundfläche
bilden, wenig oder gar nicht von 52° abweicht, eine Tatsache, die, wie wir
später sehen werden, auf elementare Kenntnisse in der Trigonometrie und
Ähnlichkeitslehre hinweist.
Auch daß man schon ein Jahrtausend vor Menes, nämlich im Jahre 4241 v.
Chr., in Unterägypten nach einem verbesserten Kalender zu rechnen
begann, spricht dafür, daß die Ägypter bereits ein Kulturvolk waren, als
sonst überall auf der Erde, Babylonien nicht ausgeschlossen, das Dunkel
vorgeschichtlicher Zustände herrschte8.
Daß für die Anlage der altägyptischen Bauwerke häufig astronomische
Gesichtspunkte maßgebend waren, beweist uns auch die Lage mancher
Tempel. So ist durch den englischen Astronomen Lockyer ein Tempel
bekannt geworden, dessen Hauptachse gegen den Aufgangspunkt des von
den Ägyptern als Gottheit verehrten Sirius gerichtet ist9. Nach Lockyer
weist die Achse eines anderen Tempels auf den Punkt, an dem die Sonne
zur Zeit der Sommersonnenwende untergeht. Bei der gewaltigen Länge des
Tempels vermochten die Sonnenstrahlen nur an diesem einen Zeitpunkt des
Jahres durch den ganzen Tempel hindurch zu scheinen. Auf solche Weise
wurden die Tempel zu astronomischen Observatorien, die eine genauere
Bestimmung der Jahreslänge ermöglicht haben10.
Aus den ägyptischen Baudenkmälern läßt sich auch ermitteln, wann die
Bewohner des Nillandes mit der babylonischen Sechsteilung des Kreises
bekannt wurden. Bis zur Zeit der 18. Dynastie begegnen uns nämlich nur
Verzierungen, die auf der Vierteilung des Kreises beruhen. Mit der 19.
Dynastie tritt an Ornamenten und an Wagenrädern die Teilung nach der
Sechs auf. Nun ist bekannt geworden, daß um jenen Zeitpunkt, als
Vorderasien den Ägyptern tributpflichtig wurde, Geschenke an den Hof der
Pharaonen gelangten, welche die Sechs- und Zwölfteilung des Kreises
aufweisen11. Wir können also an diesem Beispiel verfolgen, auf welchen
Wegen die Kenntnisse von Volk zu Volk übermittelt wurden.

Page 21

Der außerordentlich frühen Verwendung von Schriftzeichen entspricht es,
daß die ältesten Dynastien bereits Aufzeichnungen sammelten. Im 3.
Jahrtausend v. Chr. gab es schon besondere Beamte, welche die
Bibliotheken verwalteten. Ja, ein Sohn des Mena, des Begründers der ersten
Dynastie, wird als Verfasser medizinischer Schriften erwähnt12.
Die ägyptische Bilder- oder Hieroglyphenschrift tritt uns auf den älteren
ägyptischen Denkmälern als etwas Fertiges entgegen. Offenbar ist sie aber
das Erzeugnis einer langen vorgeschichtlichen Entwicklung. Nicht nur
Gegenstände, sondern auch abstrakte Begriffe und Zeitwörter vermochte
diese Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ohne Verkürzung und
Vereinfachung finden wir die Hieroglyphen13 nur auf Steindenkmälern,
deren sorgfältig bearbeitete Flächen jeden Beschauer in Erstaunen setzen.
Für den täglichen Gebrauch wurden die Zeichen später in solchem Grade
vereinfacht, daß ihre ursprüngliche Form kaum wieder zu erkennen ist (s. S.
3).
Indes nicht nur von den Geschehnissen, der Tracht und den Gebräuchen,
sondern auch von dem Wissen jener Zeiten können wir uns auf Grund der
aus den Gräbern und Tempeln von Memphis und Theben herrührenden
Schriftdenkmäler heute ein ziemlich zutreffendes Bild machen.
Daß schon zur Zeit des alten Reiches in Ägypten eine umfangreiche
Literatur bestand, kann mit Sicherheit angenommen werden. Besaß doch,
wie aus einer Grabinschrift bei Gizeh hervorgeht, ein Großwürdenträger,
der um 2200 v. Chr. lebte, den Titel »Verwalter des Bücherhauses«14. Von
jener ältesten Literatur sind jedoch nur spärliche Bruchteile erhalten
geblieben. Neben religiösen, moralphilosophischen und geschichtlichen
Schriften umfaßte diese Literatur auch Abhandlungen über Astronomie,
Mathematik und Heilkunde, welche die Grundlagen für spätere
vollständigere, auf uns gekommene ägyptische Schriftdenkmäler gebildet
haben.
Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Kultur um das Jahr 2000 vor
Christi Geburt. Um diese Zeit wurde Ägypten zur Großmacht, die erobernd
in Vorderasien eindrang und mit dem babylonischen Reich in enge Fühlung
trat. Es entwickelte sich sogar ein reger schriftlicher Verkehr zwischen den
Pharaonen und den Königen Babylons, sowie den asiatischen Vasallen. Dies
beweisen die in großer Zahl im Jahre 1888 in Ägypten15 aufgefundenen

Page 22

Tontafeln mit Keilinschriften, welche heute den wertvollsten Schatz der
Museen von Kairo, London und Paris bilden.

Mathematik und Technik der Ägypter.

In Ägypten, sagt Aristoteles (Metaphys. I, 1), entstand die mathematische
Wissenschaft, denn hier war den Priestern die dazu nötige Muße vergönnt.
Nach einer Erzählung Herodots 16 dagegen entsprang für die Ägypter die
Notwendigkeit, die Geometrie zu erfinden, dem Umstande, daß die Grenzen
ihrer Ländereien durch die jährlichen Überschwemmungen des Nils
verwischt wurden und deshalb durch Vermessung wiederhergestellt werden
mußten. Welche Bewandtnis es auch mit diesem Bericht des griechischen
Geschichtsschreibers haben mag, jedenfalls ist die Geometrie der frühesten
Kulturvölker aus den Bedürfnissen des Lebens hervorgegangen. Die
Ansicht, daß sie einem idealistischen Drange entsprungen sei, dürfte nur für
die späteren Entwicklungsstufen zutreffen17. Für das ehrwürdige Alter der
Mathematik in Ägypten spricht auch die von dort stammende älteste
Urkunde dieser Wissenschaft18. Es ist dies eine Art Handbuch für den
praktischen Gebrauch, das um das Jahr 1800 v. Chr. verfaßt wurde und
neben zahlreichen arithmetischen Aufgaben, bei denen schon die
Bruchrechnung Anwendung findet, auch die erste Behandlung
arithmetischer und geometrischer Reihen, Flächenberechnungen der
einfacheren Figuren, wie sie für die Absteckung der Felder in Betracht
kommen, sowie die Bestimmung des Rauminhalts von Fruchtspeichern
enthält. Sogar der Flächeninhalt des Kreises wird in diesem Papyrus
ermittelt. Dies wird in der Weise bewerkstelligt, daß man über dem um 1/9
verminderten Durchmesser ein Quadrat errichtet. Hieraus läßt sich für π der
überraschend genaue Wert 3,16 (statt 3,14) berechnen.
Bezeichnend sind die Worte, mit denen Ahmes sein Handbuch einleitet.
Sie lauten: »Vorschrift, zu gelangen zur Kenntnis aller dunklen Dinge und
Geheimnisse, welche in den Gegenständen enthalten sind.« Sie erinnern an
die 11/2 Jahrtausend später auftretenden Pythagoreer, die auch Zahl und
Maß als wirkliche, in den Dingen geheimnisvoll schlummernde Wesen
betrachteten. Auf das außerordentlich hohe Alter der Mathematik in
Ägypten läßt sich übrigens auch daraus schließen, daß Ahmes in seiner

Page 23

Einleitung ausdrücklich sagt, er habe sein Buch nach alten Schriften
verfaßt, die zur Zeit eines früheren Königs entstanden seien. Diese
Schriften waren, wie aus jener Zeitangabe hervorgeht, etwa 500 Jahre älter
als das Buch des Ahmes und setzen ihrerseits wieder eine lange Periode
voraus, in welcher die niedergelegten Kenntnisse langsam heranwuchsen,
ohne schriftlich festgelegt zu werden.
Ohne Zweifel hat man, da das Rechnen aus den Bedürfnissen des Lebens
entsprungen ist, zuerst mit benannten Zahlen gerechnet und ist erst später
zu abstrakten Zahlen übergegangen. Das Rechnen mit diesen stand, wie der
Papyrus Rhind beweist, im 20. Jahrhundert v. Chr. bereits auf einer Höhe,
wie man sie vor dem Bekanntwerden jener wichtigen Urkunde nicht
vermuten konnte19.
Ahmes setzt das Rechnen mit ganzen Zahlen voraus und befaßt sich in
seinen Aufgaben unter Anwendung der Brüche besonders mit dem, was wir
heute Gesellschaftsrechnung nennen. Die von ihm benutzten Brüche sind
Stammbrüche, d. h. solche, die eins als Zähler haben. Einen Stammbruch
schreibt er, indem er über die Zahl des Nenners einen Punkt setzt. Jeder
andere Bruch wird als Summe von Stammbrüchen ausgedrückt, z. B. 2/5
durch 1/3 und 1/15, die ohne Additionszeichen nebeneinander gesetzt
werden. Die Darstellung eines beliebigen Bruches durch Stammbrüche
stellt Ahmes an die Spitze.
Um Brüche, die keine Stammbrüche sind, in Summen von Stammbrüchen
zu verwandeln, gibt Ahmes eine Tafel der Brüche20 von der Form 2/(2n + 1)
(n = 1, 2, 3 ... 49). Brüche mit höherem Zähler werden in eine Summe
gleichnamiger Brüche zerlegt. An solchen Stammbruchsummen werden die
Grundrechnungsarten vollzogen.
Manche Aufgabe, die Ahmes bringt, stellt sich als eine Gleichung ersten
Grades mit einer Unbekannten dar. Letztere wird als Haufen bezeichnet. So
lautet ein Beispiel: »Haufen, sein 2/3, sein 1/2, sein 1/7, sein Ganzes, es
beträgt 33.« Das heißt nach heutiger Schreibweise: (2/3)x + (1/2)x + (1/7)x +
x = 33. Um x zu finden, wird dann (2/3 + 1/2 + 1/7 + 1) so lange
vervielfältigt, bis 33 herauskommt. Als weiteres Beispiel sei eine von den
Aufgaben aus der Gesellschaftsrechnung mitgeteilt. Sie lautet: »Zu

Page 24

verteilen 700 Brote unter vier Personen, 2/3 für den Einen, 1/2 für den
Zweiten, 1/3 für den Dritten, 1/4 für den Vierten.« Als Gleichung
geschrieben würde die Aufgabe in der Ausdrucksweise der heutigen
Arithmetik lauten: (2/3)x + (1/2)x + (1/3)x + (1/4)x = 700. Der Wert für x
wird dann nach folgender Vorschrift gefunden: Addiere 2/3, 1/2, 1/3 und 1/4;
das gibt 1 + 1/2 + 1/4. Teile dann 1 durch 1 + 1/2 + 1/4; das gibt 1/2 + 1/14.
Nimm dann 1/2 und 1/14 von 700; das ergibt 400 für x.
Außer der Hieroglyphe für die Unbekannte (unser x) besaßen die alten
Ägypter noch einige andere Operationszeichen. Z. B. galt ein Zeichen, das
schreitende Beine darstellt, je nach der Richtung als Zeichen für die
Addition oder als solches für die Subtraktion. Auch für die Gleichsetzung
war ein Zeichen vorhanden. Bekannt war auch schon der Begriff der
Wurzel. Bis vor kurzem nahm man an, daß die alten Ägypter diesen Begriff
nicht kannten. Neuerdings sind aber Papyrusfragmente (aus der 12.
Dynastie) bekannt geworden, in denen sich vermerkt findet, daß √(16) = 4,
√(61/4) = 21/2 und √(19/16) = 11/4 ist21.
Das Verfahren des Wurzelziehens dagegen ist wahrscheinlich erst in der
pythagoreischen Schule entwickelt worden, als man größere Quadratzahlen
bildete, deren Grundzahl nicht ohne weiteres ersichtlich war, vor allem
aber, als es galt, nach dem pythagoreischen Lehrsatz die Hypotenuse aus
den Katheten zu berechnen.
Ferner begegnen uns Gleichungen wie die folgenden:
22 + (11/2)2 = (21/2)2
62 + 82 = 102.
Endlich sind Rollen aus der Zeit um 2000 v. Chr. bekannt geworden, in
denen sich Anweisungen über die Festlegung der Wandrichtungen bei
Tempelbauten finden. Das Verfahren bestand im »Seilspannen«, das heißt,
man teilte ein Seil im Verhältnis 3 : 4 : 5 und bildete aus diesen Stücken ein
Dreieck, um so den gesuchten rechten Winkel zu erhalten. Darauf stützt
sich die Ansicht, daß der pythagoreische Lehrsatz wohl auf ägyptische
Anregungen zurückzuführen sei22.

Page 25

Ganz geschickt waren die Ägypter, wie aus dem Handbuch des Ahmes
hervorgeht, auch schon in der Lösung von Aufgaben, die auf die
Anwendung von arithmetischen und geometrischen Reihen hinauslaufen.
Auch hier mögen einige Beispiele uns mit den ersten Schritten auf diesem
Gebiete bekannt machen. Ahmes stellt die Aufgabe, 100 Brote an 5
Personen in arithmetischer Progression so zu verteilen, daß die zwei ersten
Personen, welche die geringeren Anteile erhalten, zusammen 1/7 von dem
bekommen, was auf die 3 übrigen Personen entfällt. Ahmes setzt zunächst
das kleinste Glied gleich 1 und sagt dann ohne Begründung: »Mache, wie
geschieht, den Unterschied gleich 51/2«. So erhält er die arithmetische
Reihe: 1, 61/2, 12, 171/2, 23. Sie genügt zwar der Bedingung, daß die
Summe der beiden ersten Glieder gleich 1/7 von der Summe der drei letzten
ist. Indessen enthält diese Reihe statt der gegebenen 100 nur 60 Einheiten.
Da aber 100 das 12/3fache von 60 ist, verbessert Ahmes den unrichtigen,
aber auch nur vorläufigen Ansatz, indem er jedes Glied der Reihe mit 12/3
multipliziert. Er findet so ganz richtig die allen Bedingungen entsprechende
Reihe 12/3, 105/6, 20, 291/6, 381/3.
Bei einer anderen Aufgabe schimmert schon die Kenntnis der
Summierungsformel23 für die geometrische Reihe durch. Als Summe der
fünf ersten Potenzen von sieben: 7 + 49 + 343 + 2401 + 16807 wird 19607
gefunden. Dies geschieht nicht nur durch Addition, sondern indem Ahmes
das Produkt von 2801 und 7 bildet. Letzteres Verfahren steht nun in
auffallender Übereinstimmung mit der Summenformel s = ((an - 1)/(a - 1)) ·
a. Denn für den vorliegenden Fall ist ((an - 1)/(a - 1)) · a = ((75 - 1)/6) · 7 =
2801 · 7.
Weit verbreitet war bei den Ägyptern wie bei den Griechen und den übrigen
Völkern des Altertums das Rechenbrett (Abacus). Die Zahlen wurden
eingeschrieben oder durch Steinchen, Stifte oder sonstige Marken
bezeichnet24.
Vergegenwärtigt man sich die Wunder der Ingenieur- und der Baukunst,
welche die alten Ägypter schufen, sowie ihre von Herodot erwähnten
Kenntnisse in der Vermessungskunde, so muß man annehmen, daß die
Geometrie bei diesem Volke nicht minder wie das Rechnen gepflegt wurde.

Page 26

Höchst wahrscheinlich gab es auch für die Geometrie schon Lehrbücher
von der Art, wie uns der Zufall ein solches in dem Handbuch des Ahmes
für die Arithmetik in die Hände gespielt hat. Leider ist ein ausschließlich
der Geometrie gewidmeter Papyrus bisher noch nicht entdeckt worden.
Indessen hat sich das Handbuch des Ahmes auch für die Kenntnis des
geometrischen Wissens der Ägypter als eine Fundgrube erwiesen25. In
welcher Weise die Fläche des Kreises ermittelt wurde, haben wir schon
erwähnt. Hier sei noch ein Beispiel für die Dreiecksberechnung mitgeteilt.
Es handelt sich um ein gleichschenkliges Dreieck, dessen Schenkel 10 und
dessen Grundlinie 4 Maßeinheiten lang sind. »Die Hälfte von 4 wird mit 10
vervielfältigt; sein Flächeninhalt ist es.« So lautet die Lösung bei Ahmes 26.
Eine Begründung dieses Verfahrens, das ja zwar kein richtiges, indessen,
wenn die Basis verhältnismäßig klein ist, ein von der Wahrheit nur wenig
abweichendes Ergebnis liefert, findet sich bei Ahmes nicht. Seiner Lösung
liegt die Formel (b/2) · a zugrunde (siehe Abb. 1), während die richtige
Formel b/2 · √(a2 - (b2/4)) lautet. Letztere läuft also auf die Ausziehung einer
Quadratwurzel hinaus, ein Verfahren, das bei Ahmes nirgends vorkommt,
und das er vermutlich auch nicht kannte, so daß wir eine genaue
Berechnung des Flächeninhalts von ihm auch nicht erwarten dürfen.

Abb. 1.

Handelte es sich um das Ausmessen von weniger einfachen Figuren, so
bedienten sich die Ägypter der Zerlegung durch Hilfslinien. So hat man alte
Zeichnungen gefunden, in denen das Paralleltrapez auf mehrfache Weise
zerlegt ist (s. Abb. 2).

Page 27

Abb. 2. Geometrische Elemente in altägyptischen Verzierungen27.

In den Geräten und Zieraten, die auf der Kreisteilung beruhen, kommt die
Teilung in 4 und 8, sowie in 6 und 12 Sektoren vor, während man einer
Teilung in 5 und 10 Sektoren nicht begegnet28.
Nicht nur mit Flächen- und Inhaltsbestimmungen, sondern auch mit
Streckenverhältnissen und den Eigenschaften der Winkel waren die Ägypter
zur Zeit des mittleren Reiches schon bis zu einem gewissen Grade vertraut.
Auch die Konstruktion des rechtwinkligen Dreiecks aus den Strecken 3, 4
und 5 scheint ihnen schon sehr früh bekannt gewesen zu sein, wenn sie
auch nicht durch mathematische Ableitung, sondern als Erzeugnis der
Erfahrung in ihren Besitz gelangt sein werden29.
Um die große Genauigkeit zu erklären, die uns bei den Pyramiden nicht nur
in den Abmessungen des ganzen Bauwerkes, sondern auch in der
Bearbeitung der einzelnen Steine begegnet, muß man bei den alten
Ägyptern schon einige Bekanntschaft mit den Grundlehren der
Ähnlichkeitslehre und der Trigonometrie voraussetzen. Dafür sprechen
auch die Abschnitte, die Ahmes in seinem Handbuch dem Pyramidenbau
widmet. In diesen Abschnitten begegnet uns nämlich ein Ausdruck30, der
wahrscheinlich das Verhältnis der halben Diagonale zur Seitenkante der
Pyramide bedeutet, also dem Cosinus des Winkels, den diese beiden Linien
bilden, entsprechen würde. Dieses oder ein entsprechendes Verhältnis muß
den Bauleitern und Steinmetzen stets gegenwärtig gewesen sein, da sich die
genaue Übereinstimmung der Winkel, welche die Kanten mit dem
Erdboden bilden, sonst nicht erklären läßt.
In Anbetracht dieser frühen Entwicklung der Geometrie muß es auffallen,
daß die Ägypter die Kunst des perspektivischen Zeichnens noch nicht
entwickelt haben, wie aus ihren Reliefs und Wandgemälden, die in so
großer Fülle und in solch vortrefflichem Zustande auf unsere Zeit gelangt
sind, hervorgeht.
Das Handbuch des Ahmes beweist, daß die Mathematik fast zwei
Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung in Ägypten schon eine hohe

Page 28

Entwicklungsstufe erreicht hatte. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß
sich in dieser Urkunde manche Fehler finden, welche die Vermutung nahe
legen, daß es sich hier nur um eine Schülerarbeit handelt. An die
Mathematik der Ägypter haben zunächst die Griechen angeknüpft. Die
ägyptische Stammbruchlehre läßt sich sogar über die Zeit der Araber
hinaus, bis in das deutsche Mittelalter verfolgen. Ferner ist die Beweisform
des Euklid, der wir noch heute folgen, ägyptischen Mustern nachgebildet31.
Wie auf dem Gebiete der Wissenschaften, so haben die Ägypter auch auf
dem Gebiete der Technik Grundlegendes geschaffen. Vergegenwärtigt man
sich ihre Leistungen auf diesem Gebiete, so erscheint es durchaus
berechtigt, von einer Ingenieurtechnik und einer Ingenieurmechanik schon
bei den alten Ägyptern zu reden32. Durch ähnliche Bedingungen
hervorgerufen, entstanden diese Zweige menschlichen Schaffens bei den
Bewohnern des Zweistromlandes, um dann ihre weitere Entwicklung zu
erstaunlichen Leistungen bei den Griechen und den Römern zu erfahren.
Die Ingenieurtechnik entstand im steten Kampfe des Menschen mit den
Kräften der Natur und durch sein Bestreben, sich nicht nur gegen diese
Kräfte zu behaupten, sondern sie sich dienstbar zu machen. Die frühesten
Aufgaben der Ingenieurtechnik betrafen das Wasser in allen seinen Formen
und Wirkungen. Durch alle Mittel der künstlichen Bewässerung gelang es
den Ägyptern und den Babyloniern, ihre Wohnsitze zu Kornkammern für
die Alte Welt zu machen. Mit der Pflege und mit der Vernachlässigung der
hierfür geschaffenen Einrichtungen stieg und sank die Bedeutung jener
Länder und ihrer Bewohner. Da dem Unterlauf des Nils, sowie
Mesopotamien der Regen fast ganz fehlt, so ließ sich der Ackerbau in
diesen Landstrichen nur dadurch heben, daß ein verwickeltes System von
Stauwerken und Kanälen unter Anpassung an die wechselnde Wassermenge
der Flüsse geschaffen wurde.
Aufgaben ganz anderer Art erwuchsen der Ingenieurmechanik schon im
Altertum aus dem Bemühen, das Wasser als Verkehrsmittel zu benutzen,
Wasserwege zu schaffen. Das Großartigste, was uns auf diesem Gebiete im
alten Ägypten begegnet, ist die Herstellung einer Verbindung zwischen dem
Mittelländischen und dem Roten Meer. Man ist geneigt, die Idee und die
Ausführung dieses Projektes als etwas ganz Neuzeitliches zu betrachten,
und dennoch sind der Plan und seine Verwirklichung uralt. Schon zur Zeit
Ramses des Zweiten, um 1300 vor Christi Geburt, bestand ein Kanal,

Page 29

welcher den mittelsten der kleinen, auf der Landenge von Suez befindlichen
Seen mit einem etwa 70 km westlich fließenden Arm des Nils verband. Was
lag näher als der Gedanke, eine Fortsetzung nach dem Roten Meere zu
schaffen und so zwei Weltmeere, wenn auch durch die Vermittelung eines
Flusses, in Verbindung zu setzen? Unter den Ptolemäern und den Arabern
wurde diese Wasserstraße ihrer Bedeutung entsprechend gut im Stande
gehalten. Erst vom 8. Jahrhundert n. Chr. an verfiel der Kanal, welcher dem
später infolge der Entdeckungsreisen aufkommenden Weltverkehr auch
nicht genügt haben würde.
Geradezu rätselhaft sind die technischen Leistungen, die uns im alten
Ägypten dort begegnen, wo es sich um die Fortbewegung gewaltiger Lasten
handelt. Auf weite Strecken wurden Steinmassen fortgeschafft, deren
Gewicht sich auf 3–400 Tonnen beziffert. Das Aufrichten der aus einem
einzigen Granitblock gemeißelten, bis zu 30 m hohen, ein Gewicht von 3–
400000 kg besitzenden Obelisken würde selbst der heutigen Technik große
Schwierigkeiten bereiten33. Über die Ausführung bestehen nur Vermutungen.
Daß es dabei an maschinellen Hilfsmitteln nicht fehlte, unterliegt indessen
keinem Zweifel. Ungeheure Sklavenheere ersetzten zwar im Altertum bis
zu einem gewissen Grade die Maschinen. Dies allein genügt indes nicht zur
Erklärung solcher Leistungen. Es mußten intelligente Führer, die mit der
Konstruktion und der Handhabung mechanischer, wenn auch nur empirisch
beherrschter Mittel vertraut waren, hinzukommen.
Auch mit der Metallbereitung waren die Ägypter früh bekannt. Um die Zeit
des Menes (3300 v. Chr.) war das Kupfer schon ziemlich verbreitet. Es
wurde besonders auf der Halbinsel Sinai gewonnen. Silber und Eisen waren
fast ebenso früh bekannt.
Bis zum Jahre 3000 etwa haben die Ägypter reines Kupfer verwandt. Von
diesem Zeitpunkt an haben sie das Kupfer mit Zinn legieren gelernt.
Das erste Metall, das die Völker der Alten Welt kennen und bearbeiten
lernten, war ohne Zweifel das Gold. Für die Ägypter kam als Fundort
besonders das Bergland zwischen dem Nile und dem Roten Meer in
Betracht. Auch Arabien war reich an Gold. An den Küsten des Roten
Meeres wird wohl auch Salomos Goldland Ophir zu suchen sein.
Eigentümlich ist dem ägyptischen Wesen, daß es vorwiegend auf das
Praktische gerichtet war. Die alten Ägypter besaßen eine hochentwickelte

Page 30

Heilkunde; sie waren geschickt im Feldmessen und im Rechnen. Sie haben
sich schon gut am Himmel zu orientieren verstanden. Die Sterne zu deuten,
wie es die Babylonier taten, lag ihnen jedoch fern.

Die babylonisch-assyrische Kultur.

Viel später als die Kultur der alten Ägypter ist diejenige der Babylonier auf
Grund der archäologischen Durchforschung ihres Landes bekannt
geworden. Auch hier lieferten die zwischen den Ruinen untergegangener
Städte aufgehäuften oder verschütteten Trümmer eine bei weitem
zuverlässigere und wertvollere Ausbeute als die auf uns gekommene, die
Babylonier betreffende Literatur.
Das älteste Volk Mesopotamiens, von dem wir Kenntnis besitzen, sind die
Sumerer. Man nimmt an, daß sie zur mongolischen Rasse im weiteren Sinne
gehörten. Es würde danach ein gewisser Zusammenhang zwischen der
ältesten ostasiatischen und der ersten Kultur Vorderasiens bestanden haben.
Der Beginn der letzteren wird bis in das 5. Jahrtausend v. Chr.
zurückverlegt.
Um das Jahr 3000 drang ein Volk semitischer Abstammung in
Mesopotamien ein. Bis in jene Zeit hinauf besitzen wir geschriebene
Urkunden, die allerdings über die Eroberung selbst nichts besagen34. Wie in
Ägypten entstanden zuerst einzelne kleine Reiche, die später vereinigt
wurden. Als der älteste König des gesamten Babyloniens wird der um 2200
v. Chr. lebende Hammurabi genannt.
Wie später in Europa das Lateinische, so blieb in Vorderasien das
Sumerische als die Sprache des älteren Kulturvolkes lange Zeit erhalten und
für wissenschaftliche Zwecke im Gebrauch. Die frühzeitige, hohe
Entwicklung des geistigen Lebens der Babylonier erkennen wir daraus, daß
dieses Volk sich schon gegen das Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. mit
grammatischen Studien, wichtigen Rechtsfragen und vor allem mit der
aufmerksamen Erforschung der Himmelserscheinungen beschäftigte.
Daß die Beziehungen des babylonischen Reiches bis nach Ägypten
reichten, beweisen die erwähnten, aus dem 16. Jahrhundert v. Chr.
stammenden Tell el-Amarna35-Funde, unter denen sich Briefe des Königs

Page 31

von Babylonien an den ägyptischen Herrscher Amenophis IV. befinden.
Neben dem babylonischen und dem ägyptischen bestand in Kleinasien das
Reich der Hettiter (Chatti)36. Daß auch Griechenland mit dem alten Orient in
engen Beziehungen stand, hat die neuere archäologische Forschung
gleichfalls dargetan. Die Vermittlung erfolgte insbesondere durch die
Phönizier, die bis zum Jahre 1300 v. Chr. im Besitz von Kreta waren und
damals das Ägäische Meer beherrschten.
Um 1300 v. Chr. eroberten die Assyrer das Zweistromland. Sie haben es
durch ausgedehnte Bewässerungsanlagen gehoben, über die uns Herodot
berichtet hat37. Nicht minder wurde die Wissenschaft gepflegt. Besonders
seit der Zeit des Assyrerkönigs Assurbanipal oder Sardanapal (7.
Jahrhundert v. Chr.) entwickelte sich die Astrologie zur astronomischen, auf
steten und genauen Beobachtungen fußenden Wissenschaft. Mit der
Entdeckung der Bibliothek dieses Königs gelangte auch ein großes
babylonisches Werk über die Astrologie ans Tageslicht38, das seitdem die
wichtigste Quelle für die astronomischen Kenntnisse der älteren
babylonischen Zeit bildet.
Die in Ninive, Babylon und an anderen Stätten in neuerer Zeit durch die
Ausgrabungen der Engländer, Amerikaner und neuerdings auch der
Deutschen in großer Menge an das Tageslicht geförderten Schriftdenkmäler
sind gebrannte Tontafeln, auf denen die Schriftzüge als keilförmige
Eindrücke eingeritzt sind (s. Abb. 3).
Ihre Entzifferung gelang erst, seitdem man (1835) mehrsprachige Texte
entdeckte. Für diese Entzifferung und damit für die Erforschung der
babylonischen und assyrischen Geschichte sind die Inschriften grundlegend
gewesen, die sich in den Ruinen der persischen Königspaläste in Persepolis
und Susa befinden. Heute sind Hunderttausende von Keilschrifttafeln
zutage gefördert39. Eine ganze Bibliothek entdeckte 1848 der englische
Altertumsforscher Layard 40.
Für die Kenntnis der ältesten Entwicklung der Mathematik sind die
sogenannten »Nippurtexte« von großer Wichtigkeit. Sie umfassen etwa
50000 Keilschrifttafeln, die in dem Tempel zu Nippur aufbewahrt und
durch amerikanische Ausgrabungen ans Tageslicht gefördert wurden. Die
»Nippurtafeln« sind in der Zeit von 2200–1350 v. Chr. entstanden. In
Nippur wurden, wie die Texte bezeugen, nicht nur Mathematik, sondern

Page 32

auch Astronomie und Heilkunde betrieben41. Aus den gefundenen
Multiplikationstafeln geht hervor, daß die Babylonier das Prinzip des
Stellenwertes kannten, allerdings ohne sich der Null zu bedienen42.
Es ist anzunehmen, daß die Keilschrift in ähnlicher Weise aus einer
hieroglyphischen oder Bilderschrift entstanden ist, wie es mit der
hieratischen Schrift der Ägypter der Fall war. Durch Keilstriche wurden
auch die Zahlen bezeichnet. Der Vertikalkeil bedeutete die Einheit. Zehn
wurde durch zwei einen Winkel bildende Keile ausgedrückt und weitere
Zahlen durch Nebeneinanderstellung dieser beiden Elemente gebildet. Für
hundert war ein besonderes Zeichen, nämlich ein Vertikalkeil in Verbindung
mit einem rechts davon stehenden Horizontalkeil im Gebrauch .
Größere Zahlen wurden meist durch Nebeneinanderstellen, aber auch durch
Vervielfältigung gebildet, indem die Zahl links von dem Zeichen als Faktor
auftrat. Tausend z. B. wurde , also 10 mal hundert geschrieben.
Tausend selbst wird wieder mit Koeffizienten versehen, um größere Zahlen
auszudrücken, so daß z. B. nicht etwa 20 mal hundert, sondern 10
mal tausend, also 10000 bedeutet. Es ist also eine Vervielfältigung von
Einheiten verschiedener dekadischer Ordnung, die uns bei den Babyloniern
begegnet. Auch in der Bibel wird dieses Verfahren, in offenbarer Anlehnung
an das babylonische, zur Abschätzung großer Mengen gebraucht43.
Die Keilschrifttafeln besaßen vor den Papyrusrollen den Vorzug, daß sie so
gut wie unzerstörbar waren, zumal wenn sie gebrannt wurden.
Ein sehr reiches Material förderte die Entdeckung der Bibliothek
Assurbanipals (Sardanapals) durch Layard (s. vor. Seite) zutage. Dieser
König (668–626) unterhielt eine Bibliothek, für die er zahlreiche Werke
anderer Archive, die bis auf das Jahr 1900 v. Chr. zurückgehen, abschreiben
ließ. Von dieser Sammlung sind etwa 25000 Tafeln auf uns gekommen. Sie
sind die wichtigste Fundstelle der babylonisch-assyrischen Literatur. Für die
Geschichte der Wissenschaften sind sie dadurch besonders wertvoll, daß sie
manches Bruchstück mathematischer, medizinischer und astrologischer
Werke enthalten. Bei der Eigenart und Unvollständigkeit dieser Urkunden
kann es nicht wundernehmen, wenn sich im Beginn ihres Bekanntwerdens
auch manche unhaltbare Kombination auf ihnen aufgebaut hat.

Page 33

Die Bibliothek Sardanapals befindet sich heute im Britischen Museum. Sie
wurde besonders in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Ninive
ausgegraben und enthält allein etwa 4000 Tafeln mit astrologischen
Aufzeichnungen. Seitdem erkannte man mit Bestimmtheit, daß die
Astrologie auf die Babylonier und die Assyrer zurückgeht, während man
früher darüber nur die Nachrichten der griechisch-römischen Literatur (z. B.
Diodor, Bibliotheca historica 2, 29 u. f.) besaß. Die astrologischen
Keilschriftfunde der Bibliothek Sardanapals sind die weitaus wichtigsten,
die man kennen gelernt hat.

Die Mathematik der Babylonier.

Außer der dezimalen Schreibweise findet sich bei den Babyloniern eine
andere, die auf dem Sexagesimalsystem beruht und mit der Teilung des
Kreisumfanges durch Abtragen des Radius, sowie der Einteilung des Jahres
in 360 Tage zusammenhängt. Die Auffindung und die Entzifferung von
Keilschrifttafeln hat bewiesen, daß das Sexagesimalsystem von den
Babyloniern schon unter Berücksichtigung des Prinzips des Stellenwertes
angewandt wurde. So enthält eine Tafel, die 1854 bei Senkereh gefunden
wurde, die ersten 60 Quadratzahlen in folgender Anordnung:
1 ist das Quadrat von 1
4 » » » » 2
9 » » » » 3
Anstatt 64 » » » » 8 usw.
heißt es aber44 1 + 4 » » » » 8
1 + 21 » » » » 9
1 + 40 » » » » 10
Dies ist nur verständlich, wenn die 1 vor 4, 21 und 40 als sexagesimale
Einheit höherer Ordnung, nämlich als 60 aufgefaßt wird.
Ein anderes Täfelchen von Senkereh enthält die Kubikzahlen von 1 bis 32
unter Anwendung des Sexagesimalsystems und des Prinzips des
Stellenwertes. Ob für fehlende Einheiten ein besonderes Symbol, also
etwas, das der Null entspricht, gebraucht wurde, ist nicht ersichtlich, weil

Page 34

unter den Kubikzahlen von 1 bis 32 keine vorkommt, die nur aus Einheiten
der ersten und dritten Stufe zusammengesetzt ist45. Neben ganzen, nach dem
Sexagesimalsystem gebildeten Zahlen kommen auch Sexagesimalbrüche
vor.
Während die Ägypter dem Zähler ihrer Brüche den konstanten Wert 1
beilegten, begegnet uns in den Brüchen der Babylonier der konstante
Nenner 60 oder 3600 (60 × 60). Die Brüche 1/2 oder 1/3 wurden durch 30/60
oder 20/60 ausgedrückt und eine der Dezimalbruchform ähnliche
Schreibweise benutzt46.
Das Sexagesimalsystem nahmen später die griechischen Astronomen an.
Ihrem Beispiele folgten die Araber und das Mittelalter, bis endlich in der
Neuzeit die dezimale Schreibweise aufkam.
Die für die Geschichte der Mathematik so wichtigen Tafeln von Senkereh
dürften etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, in der das mathematische
Handbuch des Ahmes in Ägypten verfaßt wurde.
Die Rechenkunst der Chaldäer war, nicht nur nach den gefundenen
Schriftdenkmälern, sondern auch nach griechischen Quellenschriften zu
urteilen, eine uralte. So heißt es bei Theon von Smyrna47, die Ägypter hätten
bei der Untersuchung der Planetenbewegungen gezeichnet, die Chaldäer
dagegen gerechnet, und von diesen beiden Völkern hätten die griechischen
Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse erhalten. Daß indessen auch die
geometrischen Kenntnisse der Babylonier nicht gering waren, ist aus ihren
Wandzeichnungen und ihrer hochentwickelten Baukunst – wandten sie doch
bereits lange vor den Etruskern Bogengewölbe an – zu schließen. So findet
sich die Sechsteilung des Kreises als bewußte geometrische Konstruktion;
eine Tontafel geometrischen Inhalts enthält sogar die Dreiteilung des
rechten Winkels. An die Sechsteilung des Kreises schloß sich ferner die
Teilung des ganzen Kreisumfanges in 360 Grade.

Der Ursprung der Astronomie.

Nachdem wir die Anfänge der Mathematik kennen gelernt haben, wenden
wir uns den frühesten naturwissenschaftlichen Problemen zu, an denen sich
das mathematische Denken erproben sollte. Die am Himmel sich

Page 35

abspielenden Vorgänge waren es, die zuerst den Begriff einer gesetzmäßig
verlaufenden Erscheinung aufkommen ließen. Es ist daher kein Zufall, daß
man sich diesen Vorgängen vor allen anderen mit forschendem Blick
zuwandte und daß die Astronomie neben der Mathematik zu den ersten
Betätigungen des menschlichen Geistes gehört, die Anspruch auf den
Namen einer Wissenschaft erheben können. Auch auf diesem Gebiete sind
nicht etwa die Griechen die Urheber gewesen, sondern Hand in Hand mit
der Entstehung der Mathematik entwickelte sich bei den Ägyptern und den
Chaldäern, begünstigt durch die wolkenlose Atmosphäre des Niltals und
Mesopotamiens, eine Summe von astronomischen Kenntnissen, die für die
Griechen und die späteren Völker die Grundlage für jeden weiteren
Fortschritt geworden sind.
Die frühesten astronomischen Eindrücke, denen sich der Mensch selbst auf
der tiefsten Stufe seiner Entwicklung nicht entzogen haben kann, sind die
scheinbare tägliche Bewegung der Gestirne, die im steten Wechsel sich
wiederholenden Lichtgestalten des Mondes, sowie die scheinbare jährliche
Bewegung der Sonne mit dem dadurch bedingten Kreislauf der Jahreszeiten
gewesen. Einer etwas aufmerksameren Beobachtung konnte es nicht
entgehen, daß die Mehrzahl der Sterne ihre Stellung zueinander nicht
verändert, während die Sonne, der Mond und die bald in die Augen
fallenden Wandelsterne an den Fixsternen vorüberziehen.
So unterschieden schon die älteren ägyptischen Sternkundigen die »nimmer
ruhenden« von den »sich nie rührenden« Sternen. Zu den ersteren
zählten sie Jupiter, Saturn, Mars, den sie seiner Farbe wegen auch den
Roten nannten, Merkur und Venus. Die Gruppierung der Sterne zu
Sternbildern als erstes Mittel zur Orientierung am Fixsternhimmel rührt
nicht, wie man früher annahm, von den Griechen her. Die Sternbilder
entstanden vielmehr, wie die Astronomie überhaupt, im alten Orient.
Ein aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammendes ägyptisches
Verzeichnis der Planeten und Tierkreisbilder ist vor einigen Jahren bekannt
geworden48. Es lautet: Das Verzeichnis der fünf lebenden Sterne:

Horus (Saturn)
Horus, der Rote (Mars)
Stern des Thot (Merkur)
Gott des Morgensterns (Venus)

Page 36

Stern des Ammon (Jupiter).

Die Tierkreisbilder werden genannt »Die zwölf Sterne für jeden der zwölf
Monate«. Es gelang, die ägyptischen Benennungen für folgende
Tierkreisbilder zu identifizieren: Wage, Stier, Zwillinge, Krebs (?), Löwe,
Jungfrau, Schütze (?), Skorpion und Fische.
Schon den ältesten Beobachtern mußte es auffallen, daß hervorragende
Fixsterne bald in der Nähe der untergehenden Sonne gesehen werden, dann
in ihren Strahlen verschwinden, um nach einiger Zeit vor der aufgehenden
Sonne zu erscheinen, und schließlich wieder in der Nacht zu glänzen.
So gelangte man zu der Erkenntnis, daß die Sonne im Laufe einer Periode,
die sich mit demjenigen Zeitraum deckt, innerhalb dessen sich die
Jahreszeiten abspielen, einen Umlauf am Himmel vollendet. Diejenigen
Sternbilder, durch welche sich das Tagesgestirn dabei hindurchbewegt,
nannte man den Tierkreis.
Unter allen Fixsternen schenkten die alten ägyptischen Astronomen dem
Sirius die meiste Beachtung. Sie nannten ihn Sopd, woraus die Griechen
Sothis gemacht haben. Mit dem heliakischen Aufgang49 des Sirius, der mit
dem Beginn der Nilschwelle zusammenfiel, ließ man das Jahr anfangen.
Man teilte es in zwölf Monate, von denen jeder dreißig Tage zählte50.
Sternwarten befanden sich in Dendera, Memphis und Heliopolis. Dort
wurden alle deutlich sichtbaren Sterne aufgezeichnet und in ihrer
Bewegung verfolgt. Von den auf diese Weise entstandenen Tafeln sind nur
wenige Trümmer auf uns gelangt. Den Himmel stellte man sich, wie es
später der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte getan, als eine die
Erde umgebende Flüssigkeit vor. Auf dieser ließ man die Gestirne
schwimmen. Dementsprechend sehen wir auf ägyptischen Denkmälern
jedes Gestirn, durch seinen Genius in Menschen- oder Tiergestalt
repräsentiert, in einer Barke hinter dem Sonnengott Osiris herfahren.
Anfangs werden die Ägypter wie wohl alle Völker nach Monaten gerechnet
haben. Daß sie so früh zu einem Sonnenjahr übergingen, hängt damit
zusammen, daß die Nilschwellen, nach denen sich das Leben in Ägypten
regelt, von dem Gang der Sonne abhängen. Das erste Anschwellen des
Niles fiel Jahrtausende mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, d. h. mit
seinem Erscheinen in der Morgendämmerung zusammen51. Mit dem

Page 37

Zeitpunkt, an dem der Sirius frühmorgens wieder sichtbar wurde, ließen die
Ägypter ihr Kalenderjahr beginnen. Es zerfiel in drei Jahreszeiten
(Überschwemmung, Aussaat, Ernte) von je 4 Monaten zu 30 Tagen. Nach
Ablauf dieser 360 Tage wurden 5 Tage eingeschoben, bevor man das neue
Jahr beginnen ließ. Da aber das Jahr nicht 365, sondern etwa 3651/4 Tage
umfaßt, so mußte sich der Frühaufgang des Sirius alle vier Jahre um einen
Tag verschieben, und erst nach Ablauf von 4·365 Jahren fiel der
Frühaufgang des Sirius wieder mit dem Beginn des bürgerlichen Jahres von
365 Tagen zusammen. Daß es sich so verhielt, erkennt man noch aus
manchen Grabinschriften, die das bürgerliche und das Siriusneujahr
nebeneinander aufweisen52.
Wie die astronomischen Elemente entstanden sind, hat gleichfalls die
neuere archäologische Forschung dargetan. Die Astronomie wurde erst
dadurch ermöglicht, daß zur Bestimmung von Winkeln und zur Ausbildung
des Ziffernsystems und der Rechenkunst die Zeitmessung hinzutrat. Als die
Erfinder eines Verfahrens, die Zeit genauer zu messen und einzuteilen,
müssen die Babylonier gelten. Sie bedienten sich dazu der Wasseruhren
(Klepshydren)53.
In dem Augenblicke, in dem sich der obere Rand der Sonnenscheibe am
Horizonte zeigte, öffnete man ein mit Wasser gefülltes Gefäß, das durch
Zufluß stets gefüllt blieb. Der Abfluß geschah tropfenweise in einen
Behälter und dauerte solange, bis sich der untere Rand der Sonnenscheibe
vom Horizonte löste. Von diesem Augenblicke an sammelte man das
abtropfende Wasser in einem zweiten, größeren Behälter, bis die Sonne am
folgenden Morgen wieder aufging. Die Wassermengen in dem kleineren
und diejenige in dem größeren Behälter wurden genau gewogen. Sie
ergaben nicht nur ein bestimmtes Zeitverhältnis, sondern mit einiger
Genauigkeit auch das Verhältnis des scheinbaren Sonnendurchmessers zum
ganzen Kreise. Waren die Wassermengen q und Q, so ergab (Q + q) : q =
360° : D für den Durchmesser D der Sonne den Wert von etwa einem
halben Grad. Die Babylonier setzten deshalb das Verhältnis des
Sonnendurchmessers zur Ekliptik = 1 : 72054.
Genau würde dieses Verfahren ja nur unter dem Äquator gewesen sein. Da
indessen die Schiefe der Sphäre im Lande der Chaldäer nicht allzu groß ist,
so ergab sich ein für rohe Messungen genügendes Resultat55. Aus den

Page 38

babylonischen Überlieferungen ist ferner ersichtlich, daß man das
Sonnenjahr zu 365 Tagen rechnete und selbst die ungleich schnelle
Bewegung der Sonne während eines Jahres bemerkte56.
Den Tag teilten die Chaldäer in 12 Doppelstunden. Die Doppelstunde
wurde erhalten, indem man die Zeit, welche die Sonnenscheibe gebraucht,
um am Himmel um ihren eigenen Durchmesser vorzurücken, und die man
als Doppelminute bezeichnen kann, dem Sexagesimalsystem gemäß mit 60
multiplizierte.
Dieses durch die Verbindung von Mathematik und Astronomie gewonnene
System der Zeitmessung blieb für die Folge bestehen, so daß Babyloniens
Kulturmission schon allein hieraus ersichtlich ist. Daß später der
Zeitabschnitt, nach welchem man den Tag einteilte, und dementsprechend
die Unterabteilungen jener Einheit, halbiert wurden, wodurch die heutige
Stunde, Minute und Sekunde entstanden, ist von nebensächlicher
Bedeutung.
Die Astronomie wurde von den ältesten Völkern nicht nur ihres Nutzens
halber gepflegt, sie war gleichzeitig Vorbedeutungslehre, so daß sie infolge
der fatalistischen, von der Phantasie beherrschten Anlage der Orientalen
sehr bald in Astrologie ausartete. Dazu kam, daß jene Wissenschaft
besonders von der Priesterkaste gepflegt wurde, die sich bemühte, ihr
Ansehen zu erhöhen, indem sie ihr Tun und Treiben mit dem Schleier des
Übernatürlichen und Geheimnisvollen umgab.
Die Anfänge der Astrologie, der man einen semitischen Ursprung
zuzuschreiben hat, begegnen uns bei den Sumerern. Besonders der Venus
schrieben sie Bedeutung zu. Auch die Symbole der Sonne und des Mondes
kehren in ihren Urkunden wieder. Daneben findet sich oft eine Schlange,
die vielleicht die Milchstraße vorstellen sollte. Die Anfänge einer
wissenschaftlichen Astronomie entwickelten sich erst, nachdem der Stamm
der Chaldäer um 1000 v. Chr. in Babylonien eingedrungen war. Von diesem
Volksstamm ging der Name »Chaldäer« auf die babylonische Priesterschaft
über. Wie diese Namensübertragung zustande kam, ist nicht bekannt57. Man
teilte jetzt, zwar immer mit dem Hauptzweck, die astrologischen
Untersuchungen methodischer zu gestalten, Äquator und Ekliptik in 360
Grade, bediente sich der Tierkreiszeichen, verfolgte die Wandelsterne und
sammelte zahlreiche Sternbeobachtungen, besonders seit der Regierung

Page 39

Nabonassars (747–734), die später die Astronomen Alexandriens benutzt
haben, so daß sie uns noch heute im Almagest58 begegnen. Was vor dem
chaldäischen Zeitalter an astronomischen Kenntnissen bestand, verdient
nicht den Namen einer wissenschaftlichen Sternkunde. Daraus, daß man auf
alten steinernen Urkunden mitunter ein Sternbild mit dem Bildnis einer
Gottheit vereinigt findet, darf man keine allzuweit gehenden Schlüsse
ziehen59.
Es kann nicht wundernehmen, daß uns unter den astrologischen
Planetenbeobachtungen am häufigsten solche über die Venus begegnen. Ist
sie doch, von Mond und Sonne abgesehen, das einzige Gestirn, das mitunter
am Tage, selbst um Mittag, wahrgenommen wird. Die Annäherung der
Venus an den Jupiter, den Mars und den Saturn, ihr Eintritt in den Hof des
Mondes, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr galten als bedeutungsvolle
Ereignisse. Daß die Venus als Abend- und als Morgenstern dasselbe Gestirn
ist, wußten die Babylonier schon in der älteren Periode ihrer Astronomie, d.
h. um 2000 v. Chr. (s. Abb. 3.)

Abb. 3. Keilschriftprobe.

Dilbat ina sensi adi Istar kakkabi
Dilbat ina âribi Bilit ili

Die Übersetzung lautet:
Die Delephat bei aufgehender Sonne ist
die Istar unter den Sternen,
Die Delephat bei untergehender Sonne
ist die Beltis unter den Göttern.

Dies bedeutet, daß die Delephat, d.i. die Venus,
als Morgenstern der Stern der Istar-Astarte und
als Abendstern der Stern der Beltis-Baaltis ist.
(III. Rawlinson 53, 36. 37.)

An Fixsternen und Sternbildern zählen die Texte nach den bisherigen
Feststellungen etwa 200 auf. Darunter begegnen uns schon früh als
wichtigste gewisse Tierkreisbilder (Stier, Löwe, Zwillinge). Die Zuweisung

Page 40

von zwölf Tierkreisbildern an ebensoviel Regionen der Ekliptik findet sich
indessen erst in späteren rein astronomischen Texten60.
Neben den Keilschrifttafeln (s. Abb. 4) sind auch die Darstellungen, die
sich auf Grenzsteinen, Reliefs und Grabdenkmälern61 finden, zu erwähnen.
Sie gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück.
Der hier wiedergegebene Grenzstein umfaßt 16 Symbole. Auf der
dargestellten Seite befinden sich zu oberst die Venus, dann die Mondsichel
und daneben die Sonne. Die linke Seite nimmt eine thronende Gottheit ein,
zu deren Füßen ein Hund sitzt. In der Kopfhöhe sehen wir einen Skorpion
und darunter in der Höhe der Arme eine Lampe.
Regelmäßige Beobachtungen der Bahnen, welche die Planeten am
Fixsternhimmel beschreiben, setzen erst um 750 ein. Später werden die fünf
Planeten bestimmten Gottheiten zugeteilt und gelten als »Lenker der
Schicksale«. Seitdem ist die Sternbeobachtung von Astrologie und
Fatalismus beherrscht und allein diese Periode ist es, von der die alten
Schriftsteller Herodot (um 450 v. Chr.), Diodor (um 45 v. Chr.), Plinius
(70 n. Chr.) berichten62.

Abb. 4. Babylonischer Grenzstein.

Page 41

Seit der Erschließung der Keilschriftfunde (die erste Übersetzung von
Keilschrifttafeln astronomischen Inhalts erschien im Jahre 1874) wurde
nachgewiesen, daß manche Namen von Sternbildern, in der ihnen von den
Griechen und uns beigelegten Bedeutung, schon bei den Babyloniern
vorkamen. In Mesopotamien aufgefundene Grenzsteine besitzen sogar
graphische Darstellungen der Tierkreiszeichen, deren wir uns noch jetzt in
Sternatlanten bedienen63. Wie es noch heute geschieht, teilten die Chaldäer
den Tierkreis in 12 Sternbilder ein. Unter diesen begegnen uns die Wage,
der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Skorpion und der Schütze, die wir
noch besitzen. Die übrigen Bilder haben sich geändert. Von Babylon hat
sich die Zwölfteilung der Sonnenbahn dann nach Ägypten und nach
Griechenland ausgebreitet. So wurde im Anfange des 19. Jahrhunderts in
Dendera (Oberägypten) an der Decke eines Tempels eine Darstellung des
Tierkreises aufgefunden, die in Paris aufbewahrt wird. Die Tierkreiszeichen
sind hier den ägyptischen Bildern eingefügt (Abb. 5). Man schrieb diesem
Dokumente anfangs ein sehr hohes Alter zu. Doch gilt es heute als
ausgemacht, daß der Tierkreis von Dendera aus der Zeit der
Römerherrschaft stammt. Man nimmt ferner an, daß die Griechen ihre
Zeichen von den Chaldäern übernahmen und daß die Ägypter die
chaldäischen Zeichen mit ihren eigenen Bildern in Verbindung setzten.

Abb. 5. Der Tierkreis von Dendera.

Wi = Widder; Str = Stier; Z = Zwillinge;
K = Krebs; L = Löwe; J = Jungfrau; W = Wage;

Page 42

Sk = Skorpion; Sch = Schütze; Ste = Steinbock;
Wt = Wasserträger; F = Fische.

Für die astrologische Richtung64 der ältesten Astronomie spricht ein
chaldäisches Literaturdenkmal, das etwa zu derselben Zeit entstanden ist,
als in Ägypten das älteste auf uns gelangte mathematische Lehrbuch
geschrieben wurde (um 1700 v. Chr.). Es handelt sich um einen mit
astrologischen Prophezeiungen versehenen Vorbedeutungskalender, den die
moderne Orientforschung entziffert hat65. Dieser Kalender enthält
Voraussagen von Finsternissen nebst Andeutungen, welche Ereignisse die
Folge jener Finsternisse sein würden.
In besonders hohem Grade werden ungewöhnliche, die Menschheit in
abergläubische Furcht versetzende Himmelserscheinungen, wie Finsternisse
und Kometen, die Aufmerksamkeit auf die Sternenwelt gerichtet haben.
Bezüglich der Finsternisse und der Kometen wurden auch zuerst
Aufzeichnungen gemacht. Sie reichen bei den Chinesen, den Ägyptern und
den Chaldäern Jahrtausende vor den Beginn unserer Zeitrechnung zurück.
Welcher Zeitraum mag verflossen sein, bis die Chaldäer endlich die Regel
erkannten, daß die Wiederkehr der Finsternisse innerhalb 6585 Tagen
erfolgt. Für das hohe Alter der orientalischen Astronomie spricht auch die
Erzählung, daß Aristoteles 66 die Begleiter Alexanders des Großen bat, in
Babylon nach den alten astronomischen Beobachtungen der Chaldäer zu
forschen. Daraufhin sollen denn auch Ziegel nach Griechenland gelangt
sein, auf welchen Nachrichten über 2000 Jahre vor Alexander
zurückreichende Beobachtungen eingegraben waren67. Die chinesischen
Nachrichten über Kometen reichen wahrscheinlich ebensoweit zurück. Und
die astronomischen Jahrbücher der Ägypter endlich berichten von nicht
weniger als 373 Sonnen- und 832 Mondfinsternissen, die vor Beginn der
alexandrinischen Periode beobachtet wurden68.
Die Dauer eines Umlaufs der Sonne wurde in Ägypten wie in Babylon
anfangs zu 12 Monaten, jeder zu 30 Tagen, also zu 360 Tagen gerechnet.
Jeder Monat zerfiel in 3 Dekaden, das Jahr somit in 36 Dekaden, denen 36
hervorragende Einzelsterne und Sternbilder zugeteilt waren. Die
Abweichung eines Zeitraums von nur 360 Tagen von dem tropischen, auf
3651/4 Tagen sich belaufenden Jahre war jedoch so groß, daß sie schon in
der ältesten Zeit auffallen mußte. Man schaltete daher nach jedem Jahre 5
Tage ein, die man »die übrigen Tage« nannte. Diese Änderung der

Page 43

Zeitrechnung erfolgte jedenfalls schon während des alten Reiches, ja sie
wird von den Ägyptern selbst in die Zeit vor Mena zurückverlegt. Aber
auch nach dieser Einrichtung bemerkten die Ägypter nach längerer Zeit,
daß das Jahr zu kurz bemessen sei und infolgedessen eine Verschiebung der
Feste eintrat. Diese Beobachtung führte dann zu einer 238 v. Chr. in Kraft
tretenden Anordnung69, nach welcher jedes vierte Jahr zu 366 Tagen
gerechnet werden sollte, »damit es nicht vorkommt, daß einige der
öffentlichen Feste, die man im Winter begeht, dereinst im Sommer gefeiert
werden«.
Die Ägypter sind also dasjenige Volk, denen wir die Einrichtung des
Schaltjahres verdanken. Die astronomischen Ratgeber, welche Cäsar bei
seiner Kalenderverbesserung vom Jahre 46 v. Chr. zu Rate zog, kannten
nämlich die in Ägypten getroffene Einrichtung. Dieser Umstand schmälert
jedoch keineswegs das Verdienst Cäsars; ihm verdankt das Abendland die
bis ins 16. Jahrhundert dauernde Feststellung seiner Zeitrechnung, die so
sehr in Unordnung geraten war, daß im Jahre 46 v. Chr. nicht weniger als 85
fehlende Tage eingeschaltet werden mußten.
Bis in das 19. Jahrhundert beschränkte sich unser Wissen von der
Astronomie des Altertums im wesentlichen auf dasjenige, was uns die
Griechen davon übermittelten. Einen weit tieferen Einblick in die
Entstehung der Astronomie hat uns die Entzifferung der Keilschriftfunde
gebracht, in denen die Chaldäer ihre astronomischen Kenntnisse
niedergelegt haben70. Heute gilt als sicher, daß die Babylonier den Äquator
und die Ekliptik, die meisten Sternbilder des Tierkreises und der übrigen
Regionen des Himmels, sowie die Wandelsterne festgestellt hatten und daß
sie die Sterne systematisch beobachteten, lange bevor die Griechen dazu
übergegangen waren71.
Zuerst wurde von der Keilschriftforschung Capella (ein Fixstern erster
Größe im Fuhrmann) aus Abbildungen identifiziert. Dann geschah dasselbe
für zahlreiche Sterne der Ekliptik. Sehr alt sind nicht nur die
Tierkreiszeichen, die man auf Grenzsteinen aus dem 12. Jahrh. v. Chr.
auffand, sondern auch die Einführung der etwa 30 Planeten- und
Mondstationen, deren Gebrauch von Babylon wahrscheinlich nach Indien
und nach China gewandert ist72.

Page 44

Ferner begegnen uns schon in sehr alten Keilschrifttexten Namen für die
Planeten. Sie sind mit bestimmten Gottheiten in Verbindung gesetzt, so
Venus mit Istar (Astarte?), Mars mit dem Kriegsgott. Letztere Zuweisung
begegnet uns bekanntlich fast immer wieder und ist aus der rötlichen Farbe
des Gestirns erklärlich.
Die Planetenbeobachtungen der Babylonier beschränken sich im
wesentlichen auf die Angabe der Stellung zu den Sternbildern, der
Oppositionen und der Kehrpunkte, sowie der heliakischen Auf- und
Untergänge. Ein Beispiel73 ist folgendes: »Im 7. Jahre des Kambyses, am 22.
Abu des Jahres 523 v. Chr. befand sich Jupiter im ersten Teile von Siru (der
Jungfrau) im heliakischen Untergange.«
Die Finsternisse und die Kometen wurden frühzeitig als
Vorbedeutungszeichen von ganz besonderer Wichtigkeit betrachtet und aus
diesem Grunde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es finden sich auch
Berichte über die Stellung, die bestimmte Planeten während einer Finsternis
einnahmen. Solche, aus astrologischem Interesse unternommenen
Aufzeichnungen gehen außerordentlich weit zurück. Aus ihnen entwickelte
sich ein regelmäßiger Beobachtungsdienst74, der bis ins 8. Jahrhundert v.
Chr. zurückreicht und sich nach der Regierungszeit Sardanapals, während
des neubabylonisch-chaldäischen Reiches, wie die jüngsten Aufschlüsse75
ergeben haben, zu hoher Blüte entfaltete.
Das erwähnte, der Bibliothek Sardanapals entstammende astrologische
Werk enthält76 Listen von Fixsternen, Angaben über Planeten, Kometen,
Meteore, Verfinsterungen usw. Doch scheint weniger Wert auf die
Tatsachen als auf die ihnen zugeschriebene Bedeutung gelegt zu sein77. Seit
700 v. Chr. zeigt sich aber deutlich das Bestreben, die Bewegungen der
Himmelskörper mit möglichster Genauigkeit räumlich und zeitlich zu
verfolgen. Die Winkel werden bis auf 6 Minuten, der Zeitablauf bis auf 3/4
Minuten richtig bestimmt78. Die Zeitunterschiede zwischen
Sonnenuntergang und Mondaufgang wurden so genau ermittelt, daß die
erhaltenen Angaben noch für die heutige Astronomie von Wert sind. Nach
Kugler, der sich um die Entzifferung der astronomischen Keilschrifttexte
das größte Verdienst erworben hat, war es mit Hilfe dieser Texte möglich,
einen Fehler aufzudecken, den die heutigen Berechnungen der
Mondbewegung aufwiesen. Wie weit sich die Genauigkeit einer

Page 45

Bestimmung durch die, über lange Zeiträume fortgesetzte Beobachtung
einer periodischen Bewegung steigern läßt, zeigt folgendes Beispiel. Die
Babylonier ermittelten, daß der Mond in 669 Monaten 72332/360 Umläufe
am Fixsternhimmel zurücklegt79. Daraus ergibt sich für die mittlere Dauer
des synodischen Monats ein Wert von 29d 12h 44' 7,5''. Die heutige
Astronomie berechnet den mittleren synodischen Monat zu 29d 12h 44' 2,9''.
Die Abweichung beträgt also nur wenige Sekunden.
Die mittlere tägliche Bewegung des Mondes, d. h. den Bogen, den dieses
Gestirn durchschnittlich in 24 Stunden durchläuft, bestimmten die
Babylonier80 zu 13° 10' 35''.
Mit gleicher Sorgfalt wurden die Bewegungen der Planeten verfolgt. Sie
galten den Babyloniern gleich Mond und Sonne als göttliche Wesen und
ihre Wanderung durch die Sternbilder des Tierkreises, den die Babylonier
als das »himmlische Erdreich« bezeichneten, war ihrer Ansicht nach für die
Geschichte der Erdbewohner von ausschlaggebender Bedeutung81. Diesen
mythologischen Grundzug der babylonischen Sternkunde hat schon
Diodor dargestellt. Er schreibt darüber:
»Die Chaldäer82 behaupten, die Welt sei ihrem Wesen nach ewig, sie habe
nie einen Anfang genommen und könne auch niemals untergehen; aber
durch eine göttliche Vorsehung sei das All geordnet und ausgebildet
worden, und noch seien alle Veränderungen am Himmel nicht Wirkungen
des Zufalls, auch nicht innerer Gesetze, sondern einer bestimmten und
unwandelbar gültigen Entscheidung der Götter. Über die Gestirne haben die
Chaldäer seit langer Zeit Beobachtungen angestellt, und niemand hat
genauer als sie die Bewegungen und die Kräfte der einzelnen Sterne
erforscht. Daher wissen sie auch so vieles von der Zukunft den Leuten
vorherzusagen. Am wichtigsten ist ihnen die Untersuchung über die
Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten heißt. Sie nennen sie:
‚Verkündiger‘. Dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie als dem
ausgezeichnetsten, dem sie die meisten und die bedeutendsten
Weissagungen verdanken, den Namen ‚Sonnenstern‘. Die vier andern aber
haben bei ihnen dieselben Benennungen, wie bei unseren Sternkundigen:
Mars, Venus, Merkur und Jupiter. Verkündiger nennen sie die Planeten
deswegen, weil sie, während die anderen Sterne von ihrer ordentlichen
Bahn nie abirren, allein ihre eigenen Bahnen gehen und eben damit die

Page 46

Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen.
Vorbedeutungen, sagen sie, könne man teils an dem Aufgang, teils an dem
Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn
man aufmerksam darauf achte. Bald seien es heftige Stürme, die sie
anzeigen, bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen
Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, überhaupt
Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden
bringen für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige
und gemeine Leute. Dem Laufe der Planeten seien Sterne untergeordnet,
welche ‚beratende Götter‘ heißen. Die eine Hälfte dieser Sterne führe die
Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde. So
überschauten sie, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe. Je
nach 10 Tagen werde von den oberen zu den unteren einer der Sterne als
Bote gesandt und ebenso wiederum einer von den unteren zu den oberen.
Die Bewegung der untergeordneten Sterne sei fest bestimmt und gehe
regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. ‚Fürsten der Götter‘ gebe es zwölf,
und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen des
Tierkreises zu, durch welche die Bahn der Sonne, des Mondes und der fünf
Planeten gehe. Dort vollende auch die Sonne ihren Kreis in einem Jahre,
und der Mond durchlaufe dort seinen Weg in einem Monat.«
Die chaldäischen Priester haben ihre astrologische Tätigkeit auch nach dem
Beginn der Perserherrschaft eifrig fortgesetzt. Ähnlich wie die Mönche der
späteren Zeit erblickten sie ihre Hauptaufgabe darin, daß sie das
vorhandene Wissen durch Abschriften erhielten. Ihr Ansehen beruhte vor
allem darauf, daß sie aus den Sternen Menschen- und Völkerschicksal
verkündeten. Zu diesem Zwecke unterhielten sie in Verbindung mit den
Tempeln Observatorien und an diesen wieder Schulen. Ihre Beobachtungen
leiteten zu gewissen Zahlen, nach denen sie Finsternisse und
Sternkonjunktionen berechneten. Solche Berechnungen sind noch auf
Tontafeln erhalten, z. B. diejenige über die Mondfinsternis vom 16. Juli
523, die in den Almagest übergegangen ist. Nach der herrschenden
Anschauung sollten sich die Götter in den Gestirnen, besonders in den
Planeten verkörpern und letztere die irdischen Vorgänge bestimmen. Es galt
daher, für jede wichtige Handlung den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen
und ungünstige Konstellationen zu vermeiden. Eine Priesterschaft, die es
wie die chaldäische verstand, diesen Glauben zu nähren, besaß dadurch

Page 47

Macht und Ansehen, sowie die Möglichkeit, sich reiche Mittel zu
erwerben83.
Bei den Planeten achteten die Chaldäer vor allem auf die gegenseitige
Stellung, ihre Entfernung von Mond und Sonne, den Wechsel der
Bewegungsrichtung und ihren Kehrpunkt. Man kann sich leicht vorstellen,
mit welcher Spannung die alten Astronomen z. B. das Verschwinden der
Venus in den Strahlen der Abendsonne (den heliakischen Untergang des
Planeten) und ihr Wiederauftauchen kurz vor Sonnenaufgang (den
heliakischen Aufgang der Venus) verfolgten.
Die Beobachtungen der heliakischen Auf- und Untergänge bildeten das
Fundament der Planetenkunde84. Die Umlaufszeit eines Planeten ist
bekanntlich diejenige Zeit, nach welcher der Planet, von der Sonne gesehen,
wieder bei demselben Fixstern angelangt ist. Nun läßt sich wohl der
geozentrische Ort des Planeten direkt beobachten, nicht aber der
heliozentrische. Dagegen war man in der Lage, durch die Beobachtung der
heliakischen Auf- und Untergänge wenigstens annähernd die Zeit zu
bestimmen, die zwischen zwei Konjunktionen des Planeten mit der Sonne
verläuft, d. h. die synodische Umlaufszeit zu ermitteln. Ließen sich die
Konjunktionen selbst auch nicht beobachten, so nahmen die Planeten doch
während der heliakischen Auf- oder Untergänge dieselbe relative Stellung
zur Sonne ein.
Um die Wanderung eines Planeten durch die Tierkreisbilder zu verfolgen,
ist kein Gestirn geeigneter als Jupiter. Sein Durchgang zwischen den
Hyaden und den Plejaden z. B. ist ein astronomisches Schauspiel, das sich
den ältesten Beobachtern des Himmels einprägen mußte. Daß sich der
Vorgang nach etwa 12 und beim Saturn nach etwa 30 Jahren wiederholt,
mußte frühzeitig auffallen. Während für diese beiden, von Sonne und Erde
weit entfernten und außerhalb der Erdbahn befindlichen äußeren Planeten
die Umlaufsbewegung, vom geozentrischen und vom heliozentrischen
Standpunkte gesehen, sich annähernd decken, waren die Erscheinungen für
Mars, Venus und Merkur ihrer Nähe wegen bedeutend verwickelter. Doch
ergaben die beiden scheinbaren Stillstände, die Opposition des Mars und
das Verschwinden in den Sonnenstrahlen auch für diese Planeten eine
Periode von steter Wiederkehr und bestimmter Dauer.

Page 48

Zur Seleucidenzeit gelangte man sogar zu Planeten-Ephemeriden. Für
Saturn z. B. wurde eine Periode von 59 Jahren, für Venus eine solche von 8
Jahren ermittelt. Der Fehler in der ersteren belief sich auf etwa einen halben
Grad. Die aus den Ephemeriden berechnete Bewegung der Venus wich von
der beobachteten sogar nur um 5 Minuten ab85.
Venus galt mit Mond und Sonne als die Beherrscherin des Tierkreises. Die
Symbole dieser Dreieinigkeit erscheinen seit dem 14. Jahrhundert auf den
Spitzen der Grenzsteine (s. Abb. 4 auf S. 26)86. Diese Bedeutung der Venus
erklärt sich daraus, daß sie alle übrigen Planeten an Glanz weit übertrifft.
Beeinflußt durch chaldäische Weisheit nennt daher Plinius die Venus
Nebenbuhlerin von Sonne und Mond, denn sie verbreite ein so helles Licht,
daß es Schatten werfe.
Mit gleicher Sorgfalt wie die Bewegung der Sonne haben die Babylonier
auch die Mondbewegung verfolgt. Welch langer Zeitraum mag dazu gehört
haben, bis ihre Aufzeichnungen jene Periode von 223 synodischen Monaten
erkennen ließen, innerhalb deren der Mond bezüglich seiner Knoten und
seiner Entfernung von der Erde fast zur selben Stellung zurückkehrt. Jene
Periode von 18 Jahren und 11 Tagen bezeichneten die babylonischen
Astronomen als Saros. Die Kenntnis dieser Periode ermöglichte ihnen die
Voraussage von Finsternissen. Auch Ptolemäos handelt in seinem
Almagest, dem bedeutendsten astronomischen Lehrbuch des Altertums, von
dem wir später noch ausführlich handeln werden, von mehreren
Mondfinsternissen, welche die Chaldäer aufzeichneten. Die älteste
chaldäische Beobachtung einer Mondfinsternis, die Ptolemäos verwertete,
datiert vom Jahre 721 v. Chr. Daß Ptolemäos nicht auf noch ältere,
zweifellos vorhandene chaldäische Daten zurückgriff, ist wohl daraus
erklärlich, daß er den älteren Angaben keine hinreichende Genauigkeit
zuschrieb87. Die letzten chaldäischen Beobachtungen, die Ptolemäos
erwähnt, gehören der Zeit um 240 v. Chr. an. Sie beziehen sich auf
Vergleichungen von Merkur und Saturn in ihrer Stellung zu den Fixsternen.
Um die erwähnte Zeit hatte indessen schon eine gegenseitige
Durchdringung chaldäischer und griechischer Gelehrsamkeit stattgefunden.
Schrieb doch schon um 280 v. Chr. der Babylonier Berosos 88 über die
Geschichte seines Volkes ein Werk in griechischer Sprache, von dem leider
nur Bruchstücke bei anderen Schriftstellern erhalten sind. Es ist das um so
bedauerlicher, als das Werk manche Mitteilung über die Sternkunde der

Page 49

Chaldäer enthielt. Auch die jetzt durch die Keilschriftforschung erwiesene,
offenbare Übereinstimmung der biblischen mit der babylonischen
Schöpfungsgeschichte geht schon aus dem Bericht des Berosos hervor89.
Von den Chaldäern wanderte auch das älteste astronomische Werkzeug, der
Gnomon, nach dem Zeugnisse Herodots nach Griechenland. Wann dies
geschah, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen, zumal von alten
Schriftstellern verschiedenen Personen (darunter Anaximander um 550 v.
Chr.) das Verdienst zugeschrieben wird, dieses wichtige Werkzeug in
Griechenland eingeführt zu haben.
Der Standpunkt, den die Astronomie bei den Chaldäern schließlich erreicht
hatte, läßt sich in der Kürze wie folgt kennzeichnen90: Beobachtungen, bei
denen die Winkel bis auf 6' und die Zeit bis auf 40'' genau bestimmt waren,
reichten bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Der Lauf der Sonne und die
ungleiche Länge der Jahreszeiten waren bekannt. Vielleicht besaß man
sogar eine rohe Kenntnis der Präzession der Nachtgleichen91. Die Länge der
Monate hatte man mit einer Genauigkeit ermittelt, welche der von
Hipparch erreichten gleichkam. Der Begründung der Trigonometrie war
durch eine Art Sehnenrechnung vorgearbeitet, so daß auch hierin die
Chaldäer als die Vorläufer der Alexandriner, insbesondere des Hipparch,
gelten können. Endlich vermochte man mit Hilfe von Ephemeriden den
Lauf des Mondes und der Sonne, sowie das Eintreten der Finsternisse mit
ziemlicher Sicherheit anzugeben.
Die besonders von Winckler vertretene Annahme von dem hohen Alter der
babylonischen Astronomie hat neuerdings Kugler auf das richtige Maß
zurückgeführt92. Nach ihm gab es vor dem 8. Jahrhundert noch keine
Himmelsbeobachtungen von wissenschaftlicher Genauigkeit. Man kann den
Babyloniern daher nach Kugler auch nicht die Entdeckung der Präzession
zuschreiben, wie es Winckler (siehe Anm. 4 S. 36) getan hat.
Erblicken wir das Ziel der Wissenschaft darin, daß man das Eintreten
zukünftiger Erscheinungen mit einem gewissen Grade von Genauigkeit
vorherzusagen vermag, so müssen wir zugeben, daß die Babylonier diese
Stufe auf dem Gebiete der Astronomie schon erreicht hatten. Allem
Anschein nach ruhte das astronomische Wissen eines Hipparch und eines
Ptolemäos, an welche im 15. Jahrhundert Regiomontan und

Page 50

Koppernikus anknüpften, in letzter Linie auf den in Babylonien
geschaffenen Grundlagen der Sternkunde93.
Ptolemäos beruft sich 13 mal auf babylonische Beobachtungen. Sie fallen
alle in die Jahre 721–229 v. Chr. Die Astronomie hat danach wenigstens
zum Teil ihren Weg nach Griechenland über Ägypten genommen94. Auch
ihre astronomischen Hilfsmittel verdankten die Griechen zum Teil den
Babyloniern, wie sie auch die Ekliptiksternbilder, die Einteilung der
Ekliptik in 360 Grade und anderes mehr übernahmen. Durch die Babylonier
sind sie ferner mit der Sarosperiode (s. S. 35), sowie mit der mittleren
täglichen Geschwindigkeit des Mondes (13° 10' 36'') bekannt geworden.

Die ersten Maße und Gewichte.

Über die von den alten Völkern gebrauchten Maße und Gewichte hat schon
vor 80 Jahren Boeckh, den man als den Begründer der vergleichenden
Metrologie zu betrachten hat, eingehende Untersuchungen angestellt95.
Boeckh kam zu dem Ergebnis, daß die meisten antiken Systeme von den
Babyloniern herstammen, daß sich bei dieser Entwicklung indessen auch in
einem nicht geringen Grade ägyptischer Einfluß geltend macht. Diese
Auffassung hat denn auch die neuere archäologische Forschung bestätigt
und wesentlich vertieft96.
Die Babylonier fanden nicht nur die Mittel zur Zeitmessung und ein
Zeitmaß, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, sondern sie
schufen, wie neuere archäologische Forschungen dargetan, auch ein Maß-
und Gewichtssystem, das für das Altertum grundlegend wurde.
Die Einheit für die Längenmessung, die Doppelelle, war 9921/3 mm lang.
Dies Maß ist neuerdings auf Statuen bei Ausgrabungen entdeckt worden.
Daß die babylonische Doppelelle und das Sekundenpendel fast
übereinstimmen97, ist wohl als Zufall aufzufassen. Dagegen hat man
angenommen, daß die Gewichtseinheit, die Mine, wie das heutige
Kilogramm nach einem bestimmten Grundsatz aus der Längeneinheit
abgeleitet worden sei98.
Wird die Doppelelle nämlich in 10 Teile zerlegt und dieses Zehntel als
Kantenlänge für einen Würfel gewählt, den man mit Wasser füllt, so kommt

Page 51

das Gewicht dieser Wassermasse einem Kilogramm sehr nahe, da ja die
Doppelelle nur wenig von dem Meter abwich. Das Gewicht dieser
Wassermasse stimmt mit der Mine (984 g) nahezu überein. Die Hälfte
dieses Gewichtes, die leichte Mine von 492 g, war während des ganzen
Altertums gebräuchlich99.

Page 52

Abb. 6. Altbabylonisches Gewichtsstück. Nach Layard.

Abb. 7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche entnommen.

Mit der Anwendung des Hebels zum Abwägen von Waren, Heilmitteln usw.
waren schon die ältesten Kulturvölker vertraut. Die Ausgrabungen in
Mesopotamien haben zahlreiche, mitunter sehr handlich gestaltete (s. Abb.
6) Gewichtsstücke zutage gefördert. In Ägypten hat man nicht nur solche
bis herab zu Stücken, die wenige Gramm anzeigen, sondern auch zahlreiche
Abbildungen von Wagen (siehe Abb. 7) gefunden. Die ägyptischen Wagen
waren sämtlich zweiarmig. An dem oberen Teile des Gestelles befand sich
ein Lot, um die richtige Einstellung der Wage zu kontrollieren. Die Ägypter
müssen es verstanden haben, schon ziemlich empfindliche Wagen
herzustellen. Aus den Rezepten des Papyrus Ebers geht nämlich hervor, daß
man als kleinstes Gewichtsstück ein solches benutzte, das nur 0,71 g wog100.
Nach den bisher gewonnenen archäologischen Aufschlüssen haben sich die
Ägypter der ungleicharmigen Wage noch nicht bedient. Daß die Ägypter

Page 53

aber mit der Wirkung des ungleicharmigen Hebels schon in grauer Vorzeit
bekannt waren, beweisen die Wandgemälde Thebens.
Die auf dem Prinzip des ungleicharmigen Hebels beruhende Schnellwage
begegnet uns zuerst in Italien. Gut erhaltene Exemplare wurden in Etrurien
und in Pompeji ausgegraben101.

Die Anfänge der Metallurgie und anderer chemisch-technischer
Gewerbe.

Nicht nur auf den Gebieten der Mathematik und der Astronomie, die wir
bisher vorzugsweise gewürdigt haben, erlangten die Babylonier und die
Ägypter im großen und ganzen die gleiche Stufe der Entwicklung, sondern
auch im übrigen ist die Höhe des Wissens und der Kultur im allgemeinen
bei den beiden uralten, unter fast gleichen Bedingungen lebenden und wohl
auch stammverwandten Völkern fast dieselbe gewesen. So haben die
neueren Forschungen erwiesen, daß die Babylonier wie die Ägypter Eisen
herstellten und verarbeiteten. Schon Lepsius hat darauf aufmerksam
gemacht102, daß auf den, auch in den Farben so wohlerhaltenen, ägyptischen
Wandbildern der Kriegshelm blau gemalt ist. Im Grabe Rhamses des
Dritten sind auch die Schwerter blau gemalt. In beiden Fällen kann es sich
wohl nur um die Wiedergabe eiserner Waffen handeln. Gemalte Holzlanzen
der ägyptischen Gräber tragen rote und blaue Spitzen. Wir erkennen daraus,
daß neben Eisen auch Kupfer zur Herstellung von Waffen gebraucht wurde.
Um den Granit in solch vollkommener Weise zu bearbeiten, wie es ihre
Sarkophage und Obelisken zeigen, mußten die Ägypter wohl auch schon
mit dem Härten des Eisens vertraut sein103.
Neuerdings haben sowohl die ägyptischen als auch die babylonischen
Ausgrabungen zahlreiche Beweisstücke für eine frühe Bekanntschaft mit
dem Eisen zutage gefördert. Immerhin ist nach Ansicht der meisten
Ägyptologen das Eisen im alten ägyptischen Reich noch sehr wenig in
Gebrauch gewesen.
Als älteste Spur dieses Metalls gilt ein in dem Mauerwerk der um 2500
errichteten Cheops-Pyramide gefundenes Eisenstück. Ähnliche Funde

Page 54

liegen aus anderen fast ebenso alten Pyramiden vor (E. v. Lippmann,
Alchemie, 1919, S. 610).

Abb. 8. Gewinnung von Eisen nach altägyptischen Wandgemälden.

Sicher ist die Erfindung des Eisens nicht einem bestimmten Volke
zuzuschreiben, sondern sie ist zu verschiedenen Zeiten überall dort erfolgt,
wo leicht reduzierbare Eisenerze zur Verfügung standen. Das war nicht nur
in Ägypten, sondern auch in Indien, Persien, Palästina und anderen Ländern
der alten Kulturwelt der Fall. Eisenerz fehlte auch im mittleren und
südlichen Afrika nicht, und es ist anzunehmen, daß man auch dort auf eine
primitive Art der Eisengewinnung, die man selbst bei den Hottentotten
antrifft, gekommen ist. Die Frage, ob etwa die Ägypter durch die Nubier
oder durch die Bewohner Vorderasiens mit der Eisengewinnung bekannt
geworden sind oder ob sie sie selbständig entdeckt haben, wird sich wohl
kaum je mit Sicherheit entscheiden lassen trotz aller Kontroversen, die
schon über diese Frage geführt wurden.
Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus vorstehender Abbildung
ersichtlich104. Sie benutzten Blasebälge aus Leder, die mit den Füßen
getreten wurden. Ein Arbeiter bediente zwei solcher Säcke, von denen
abwechselnd der eine durch den Zug einer Schnur mit Luft gefüllt wurde,
während sich der andere unter dem Druck des Fußes entleerte. Die gepreßte
Luft gelangte in eine Feuerung, in welcher das Eisenerz unter der
reduzierenden Wirkung eines Kohlenfeuers zu Eisen niedergeschmolzen
wurde. Den altägyptischen ähnliche Blasebälge sind noch heutzutage im
Innern Afrikas in Gebrauch. Daß auch die Babylonier Eisen herstellten und
verarbeiteten, ist nicht nur durch keilschriftliche Aufzeichnungen, sondern
auch durch Funde von Helmen, Panzern und Geräten erwiesen.
Noch leichter als das Eisen aus seinen Erzen ließ sich das Kupfer aus
Malachit erschmelzen. Zudem besaßen die alten Ägypter Fundstätten, an

Page 55

welchen dieses Metall vorkam. So betrieb dieses Volk bereits im 5.
Jahrtausend v. Chr. auf der Insel Meroë einen umfangreichen Bergbau auf
Kupfer105.
Metallisches Zink106 und reines Zinn waren zwar den beiden ältesten
Kulturvölkern nicht bekannt107, doch verstanden sie es, durch einen Zusatz
von Erzen dieser Metalle, insbesondere von Galmei, beim Niederschmelzen
der Kupfererze Bronze herzustellen, deren Verwendung zu Waffen,
Schmucksachen und Geräten bis in die älteste Zeit hinaufreicht. Oft tragen
auch die Bronzegegenstände Spuren einer Bearbeitung mit Stahl108. Am
frühesten sind Silber und besonders Gold gewonnen und verarbeitet
worden, da beide Metalle an vielen Orten gediegen vorkommen und ihres
Glanzes und ihrer Beständigkeit wegen geschätzt wurden. Die Ägypter
betrieben Goldbergwerke in Nubien. Sie kannten die Kunst des Vergoldens
und schmolzen Gold in einem bestimmten Verhältnisse mit Silber zu einer
Legierung zusammen. Die Ausbeute Nubiens an Gold soll sich zur Zeit
Rhamses des Zweiten auf viele Millionen jährlich beziffert haben.
Ein interessantes Schriftdenkmal aus jener Zeit ist ein Grubenriß, der sich
auf einem in Turin bewahrten Papyros aus dem 15. Jahrhundert v. Chr.
befindet. Er stellt den Plan eines Tagebaues auf Gold in allen seinen
Einzelheiten dar und ist das älteste Dokument dieser Art, das auf uns
gekommen ist109.
Eine aus Kupfer hergestellte Wasserleitung weist ein um 2500 v. Chr.
entstandener Tempel auf, der in der Nähe des alten Memphis freigelegt
wurde. Die Leitung hatte eine Länge von 400 Metern. Die Röhren
bestanden aus getriebenem Kupfer und besaßen etwa 4 cm Durchmesser
und 1 mm Wandstärke110. Die althergebrachte Meinung, daß der Name
Kupfer von Cypern stamme, wird neuerdings angefochten. Das Kupfer
wurde schon im Altertum auch in den Alpen und in Skandinavien
gewonnen. Sein lateinischer Name »Cuprum« wurde wahrscheinlich von
den Römern den nordischen Völkern entlehnt111.
Ein Beispiel von den Leistungen der alten Völker im Schmieden ist die
berühmte Eisensäule in Delhi. Sie wiegt 11000 kg und hat ein Alter von
etwa 2000 Jahren112. Die Säule besteht aus sehr reinem Eisen und ist trotz
des feuchten Klimas des Landes kaum verrostet. Die Reisenden des

Page 56

Mittelalters erwähnen sie unter Ausdrücken der größten Bewunderung. Sie
ist etwa 71/2 m hoch und besitzt einen Durchmesser von 1/2 m.
Hand in Hand mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Metalle ging
die Herstellung von Glas, Email, gefärbten Glaswaren und von
Erzeugnissen der Töpferei. Sowohl in Babylonien als in Ägypten war man
mit diesen Gewerben vertraut. Die Glasflüsse und Emaillen wurden mit
Kupferoxyd und mit Kobaltverbindungen rot und blau gefärbt. Daß man es
auch in der Kunst des Schleifens weit gebracht hatte, beweist die
Auffindung einer Linse durch Layard 113 in den Ruinen Ninives. Diese Linse
befindet sich im Britischen Museum; sie ist 0,2 Zoll dick und besitzt eine
Brennweite von 4,2 Zoll. Welchem Zweck sie diente, läßt sich nicht
angeben.
Die Glasbereitung, deren Erfindung man mit Unrecht den Phöniziern
zugeschrieben hat, wurde in Ägypten schon in der ältesten Zeit geübt. Als
Materialien wurden Sand, Soda, Muschelschalen usw. verwendet. Das
bekannte Relief von Beni Hassan stellt nicht, wie man früher annahm,
Glasbläser, sondern wahrscheinlich Metallarbeiter vor. Das Blasen des
Glases kam nämlich erst um den Beginn unserer Zeitrechnung auf. Anfangs
wurden die Gläser über einem Tonkern geformt, oder man goß die flüssige
Glasmasse in Tonmodelle, die man hin- und herschwenkte, um dem
erkaltenden Glase die gewünschte Form zu geben114. Eine ausführliche
Darstellung über das Glas im Altertum verdankt man A. Kisa (A. Kisa,
Das Glas im Altertume. 978 Seiten mit 395 Abbildungen im Text und
zahlreichen Tafeln. Leipzig, K. W. Hiersemann 1908). Kisa erwähnt
ägyptische Glasfabriken, die zur Zeit Amenophis des Vierten in Tell el
Amarna bestanden. Die Ägypter vertrieben ihre Erzeugnisse (z. B.
Glasperlen) schon im Massenexport. Von Ägypten aus wurden die
Phönizier und die übrigen Mittelmeervölker mit der Bereitung und der
künstlerischen Verarbeitung des Glases bekannt.
Von sonstigen chemisch-technischen Gewerben wurden nicht nur die
Töpferei unter Anwendung von Email, sondern auch die Färberei mit
Benutzung des Alauns als Beize ausgeübt. Als Mineralfarben gebrauchte
man Zinnober und Eisenoxyd, wie sie die Natur darbietet. Mennige,
Bleiweiß und Kienruß wurden künstlich hergestellt. Indem man die in

Page 57

Ägypten natürlich vorkommende Soda der Natronseen mit Öl behandelte,
gelangte man zur Erfindung der Seife.

Die Anfänge der Heilkunde.

Ein erstaunlich hohes Alter besitzt auch die Heilkunde. Manches ist darüber
aus den in Ägypten gemachten Papyrusfunden und aus babylonischen
Keilschrifttexten bekannt geworden, doch ist es oft nicht möglich, aus den
Beschreibungen die Krankheiten wiederzuerkennen. Welche Entwicklung
die Heilkunde in Ägypten genommen, das nebenbei als ein gesundes Land
galt, erkennen wir aus den Angaben Herodots. Er erzählt: »Die Heilkunde
ist bei ihnen geteilt, jeder Arzt beschäftigt sich mit einer Art von Krankheit.
Die einen sind Augenärzte, die anderen Ärzte für den Kopf, andere für die
Zähne und wieder andere für nicht sichtbare Krankheiten«115.
Nicht nur das Bedürfnis, Krankheiten zu heilen, sondern auch der Brauch,
Leichen zu mumifizieren, wird die Ägypter frühzeitig zur Beschäftigung
mit dem Bau des menschlichen Körpers geführt haben, wenn auch religiöse
Gründe einer, zu wissenschaftlichen Zwecken erfolgenden Zergliederung
der Leichen im Altertum wie im Mittelalter recht hindernd im Wege
standen.
Das hohe Alter der babylonischen Heilkunde geht schon daraus hervor, daß
die Gesetzessammlung Hammurabis auch von medizinischen Gebühren und
von der Haftpflicht der Chirurgen handelt. Ein Paragraph116 bestimmt unter
anderem, daß man einem Chirurgen, der das Auge eines Menschen öffne,
um den Star zu operieren, beide Hände abhauen solle, wenn das Auge durch
den chirurgischen Eingriff zerstört werde117. Nicht minder barbarisch waren
die ägyptischen Vorschriften. Berichtet uns doch Diodor 118, daß Ärzte,
wenn der Patient starb, Gefahr liefen, als Mörder bestraft zu werden. Da
jene ältesten Ärzte ihre Heilmittel aus allen Naturreichen wählten, so waren
Medizin und Naturkunde von vornherein aufs engste miteinander
verschwistert. Die medizinischen Papyrusfunde zählen über 50 Pflanzen
auf, die zu Heilzwecken gebraucht wurden. Daneben fanden auch Organe
und Sekrete von Tieren, wie Herz, Leber, Blut, Galle usw., ferner
Mineralien wie Kupfersalze und Natron Verwendung.

Page 58

Ein interessanter Abschnitt aus der Geschichte der Heilkunde ist auch die
Behandlung der Zahnkaries. Die Babylonier nahmen an, daß das
Hohlwerden der Zähne von Würmern herrühre, welche die Zähne ausnagen
sollten. Eine Heilung erwartete man von Beschwörungsformeln. Diese
Formeln verbreiteten sich nach Europa und erhielten sich dort bis ins
Mittelalter. An die Stelle der Beschwörung oder neben diese trat aber schon
sehr frühzeitig eine sachgemäße Behandlung der Krankheit. Man stillte den
Schmerz mit giftigen Kräutern und füllte den hohlen Zahn mit Harz119.
Ein Keilschrifttext, der erkennen läßt, in welcher Art oft kosmogonische
Vorstellungen mit Gebetformeln und Heilvorschriften vereinigt wurden,
lautet folgendermaßen:
»Als Gott Anu schuf den Himmel,
der Himmel schuf die Erde,
die Erde schuf die Flüsse,
die Flüsse schufen die Kanäle,
die Kanäle schufen den Schlamm,
der Schlamm schuf den Wurm.
Da ging der Wurm; beim Anblick der Sonne weinte er.
Vor das Angesicht des Gottes Ea kamen seine Tränen:
Was gibst du mir zu meiner Speise?
Was gibst du mir zu meinem Tranke?
Ich gebe dir das Holz, das faul ist und die Frucht des Baumes.
Was ist für mich faules Holz und die Frucht des Baumes?
Laß mich nisten im Innern des Zahnes.
Seine Höhlungen gib mir als Wohnung.
Aus dem Zahne will ich saugen sein Blut.
Weil du dies gesagt hast, Wurm,
möge dich schlagen der Gott Ea
mit der Stärke seiner Hände.
Dies diene zur Beschwörung für den Schmerz der Zähne.
Dabei sollst du Bilsenkraut pulvern und mit Baumharz
zusammenkneten.
Dies sollst du in den Zahn bringen, während du die
Beschwörung dreimal hersagst120.«

Page 59

Daß sich durch das Zusammenleben in den oft stark bevölkerten Städten der
alten Kulturwelt auch schon eine gewisse Wohnungs- und Volkshygiene
herausbildete, darf als sichergestellt gelten. Die Erbauung der Städte
erfolgte oft schon nach bestimmten Plänen. Einen Stadtplan von Ninive hat
man auf einer Statue gefunden, deren Alter auf 5000 Jahre beziffert wird.
Selbst Wasserleitungen und Kloaken begegnen uns schon bei den
Babyloniern und bei den Ägyptern. Wahrscheinlich sind die Griechen, wie
in so vielen anderen Dingen, auch hierin die Schüler dieser Völker
gewesen. Bei den Assyrern gab es um 700 v. Chr. Städte mit geraden,
gepflasterten Straßen, die sogar Bürgersteige aufwiesen121.
Welchen Umfang die Kenntnisse der Ägypter in medizinischen,
botanischen und zoologischen Dingen besaßen, kann man kaum noch
feststellen. Viele Einzelheiten lassen sich zwar aus Abbildungen und den
auf uns gekommenen Papyrusfunden entnehmen. Wir wissen ferner, daß die
angewandte Botanik in Ägypten und in Vorderasien ihren Ursprung
genommen hat. So wurden in Ägypten drei Weizen- und zwei Gerstenarten,
sowie die Hirse (Sorghum) gebaut122. Auch betrieb man den Anbau des
Rizinus, der Dattel und der Feige, des Weinstocks, der Linsen, Erbsen usw.
Das umfangreichste medizinische Schriftdenkmal ist der Papyrus Ebers. Er
stammt aus Theben und wurde vermutlich um 1500 v. Chr.
niedergeschrieben. Der Papyrus Ebers ist in der Hauptsache eine Sammlung
von Rezepten (z. B. Rizinus gegen Verstopfung), Gebeten und
Beschwörungsformeln für die verschiedensten Krankheiten. Er gestattet
daher keinen Schluß auf den Stand der Medizin im allgemeinen. Obgleich
wir keinen, die Chirurgie in gleicher Ausführlichkeit behandelnden Text
besitzen, läßt sich aus den Beobachtungen gut geheilter Knochenbrüche und
ähnlicher Dinge an Mumien wohl schließen, daß der Stand dieses, durch
anatomische Kenntnisse bedingten medizinischen Wissenszweiges ein
verhältnismäßig hoher gewesen ist123.
Die Bereitung der Arzneien erfolgte anfangs durch die Ärzte selbst.
Indessen begegnen uns schon im alten Alexandrien und im alten Rom
besondere Arzneibereiter. Die Einrichtung von Handapotheken geht bis in
die älteste ägyptische Zeit zurück. Die ägyptische Sammlung des Berliner
Museums besitzt eine aus dem Jahre 2000 v. Chr. stammende
Handapotheke einer ägyptischen Königin. Diese Apotheke war laut

Page 60

geschriebener Widmung ein Geschenk. In den mit Pfropfen verschlossenen
Alabastergefäßen befinden sich noch Wurzeln, die Heilzwecken dienten124.

Erstes naturgeschichtliches Wissen.

Manchen Aufschluß über das Verhältnis der alten Ägypter zu der sie
umgebenden Tier- und Pflanzenwelt erhalten wir aus den Wandgemälden
der Gräber und den Verzierungen der den Toten mit ins Grab gegebenen
Schminktafeln. Der Papyrus Ebers enthält auch einige Andeutungen über
die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der
Larve, des Frosches aus der Kaulquappe125. Eine Fülle wohlerhaltener
Abbildungen von Tieren und Pflanzen enthalten die aus dem alten Reiche
(der V. Dynastie) stammenden Gräber des Ptahhotep und des Ti. Sie
gehören der Nekropole des alten Memphis an und liegen in der Nähe der
Stufenpyramide von Sakkara. Das Grab des Ptahhotep zeigt uns den
Verstorbenen umgeben von seinen Windhunden und Schoßaffen. Diener
sind mit dem Schlachten von Opfertieren beschäftigt, oder sie führen
Jagdbeute herbei, wie Gazellen und Löwen. Die Jagdszenen enthalten
manche Beobachtung aus dem Tierleben, z. B. einen Löwen, der einen vor
Schreck gelähmten Ochsen überfällt. Ausführlich wird die Weingewinnung
dargestellt. Die Bilder zeigen die Pflege des Weinstocks, die Traubenlese
und das Keltern. Sehr früh verschwinden aus den Abbildungen die
Darstellungen phantastischer Mischgestalten. Besonders die Schminktafeln
(die alten Ägypter schminkten die Augenbrauen) zeigen, daß man schon
von der ersten Dynastie an mit wenigen Ausnahmen nur wirklich
beobachtete Tierformen zur Darstellung brachte126.
Mit dem Pferde sind die Ägypter und die Babylonier erst verhältnismäßig
spät bekannt geworden. So enthält die Gesetzessammlung Hammurabis
zahlreiche Bestimmungen, in denen von Rindern, Eseln, Schafen und
anderen Haustieren die Rede ist, aber keine, die das Pferd betreffen. Dieses
ist allem Anschein nach erst zu Beginn des 2. Jahrtausends durch arische
Stämme, die vom Aralsee her vordrangen, nach Vorderasien und Ägypten
gelangt. Durch die Einführung des Pferdes kam der Streitwagen in
Aufnahme, welcher der Kriegsführung ein ganz neues Aussehen verlieh.

Page 61

Den Übergang von Kulturpflanzen und Haustieren aus Asien nach Europa
behandelt Victor Hehn auf Grund der Angaben der griechischen und der
römischen Schriftsteller. In seinem Buche konnten, als es 1870 zuerst
erschien, die wesentlichsten Ergebnisse der ägyptologischen und
assyriologischen Forschungen noch nicht berücksichtigt werden. Die
neueren Auflagen des seinerzeit epochemachenden Buches von Hehn
haben sich darin nur wenig geändert. Es ist das Verdienst Hehns, zuerst
nachdrücklich darauf hingewiesen zu haben, daß die Fauna und die Flora
der Kulturländer durch die Einwirkung des Menschen ganz wesentlich
umgestaltet wurden. Dabei bediente sich Hehn indessen noch vorwiegend
der rein philologischen Untersuchung. Daß z. B. das Huhn erst
verhältnismäßig spät in Vorderasien und in Europa bekannt wurde, schließt
Hehn daraus, daß dieses Tier im Alten Testamente nicht erwähnt wird und
sich auch nicht auf den ägyptischen Wandgemälden findet, die im übrigen
alles, was den Haushalt der alten Ägypter betrifft, vor Augen führen. In
bezug auf Italien kommt Hehn zu dem allgemeinen Ergebnis, daß seine
Pflanzenwelt unter dem Einfluß des Menschen immer mehr einen südlichen
und asiatischen Charakter angenommen habe127. Meldet doch Plinius, daß
z. B. der Kirschbaum erst durch Lucullus von der pontischen Küste nach
Italien verpflanzt sei.
Die literarischen Belege und die Abbildungen von Pflanzen und Tieren
finden eine wertvolle Ergänzung durch die Naturgegenstände selbst, die
man in den alten Nekropolen Ägyptens gefunden und in dem großen
Museum von Kairo vereinigt hat. Man findet dort zahlreiche Mumien von
Hunden, Krokodilen, Fischen, Vögeln (besonders dem Ibis), Spitzmäusen,
Bos africanus usw. Die Insekten sind besonders durch Skarabäen vertreten.
Nicht minder zahlreich sind die Pflanzenreste.
Die Ägypter gelangten auch zu chemischen Operationen, deren Ziel die
Herstellung von Heilmitteln aus pflanzlichen Stoffen war. So ist bekannt
geworden, daß sie in späterer Zeit zu diesem Zwecke die Destillation
ausübten128 und sich dabei der von ihnen erfundenen Glasgefäße bedienten.
In geringem Umfange fanden auch schon anorganische Stoffe, wie
Eisenoxyd, Alaun usw., als Heilmittel Verwendung, so daß schon in den
ältesten Zeiten ein gewisser Zusammenhang von chemischem Können mit
der Pharmazie sich herausbildete129.

Page 62

Der ägyptische Alaun galt als der beste (Plin. 35, 184). Besondere
Alaunwerke, die großen Gewinn abwarfen, bestanden nach Diodor (V, 15)
auf Lipara. Wie heute wurden mehrere Abarten unterschieden. Man
benutzte Alaun nicht nur in der Heilkunde, sondern auch als Beize, zum
Imprägnieren von Holz, um es vor Feuer zu schützen, zum Gerben (Plin.
XXXV, 190), also zu vielen Zwecken, denen er noch jetzt dient.

Die alte Kultur Süd- und Ostasiens.

Nachdem wir das Entstehen der ersten Wurzeln von Kultur und
Wissenschaft in Vorderasien und Ägypten geschildert haben, erübrigt noch
eine kurze Betrachtung der in Indien und in China entstandenen Elemente.
Die Bedeutung der Inder für die Entwicklung der Wissenschaften ist erst
auf Grund der neueren Sanskritforschung in das rechte Licht gerückt
worden, wenn auch noch manche Zweifel und Unklarheiten geblieben sind.
Erst seit der Begründung der neueren vergleichenden Sprachforschung ist
man zu der Erkenntnis gelangt, daß die Inder mit den Griechen, Römern
und Germanen eines Stammes sind. Welches die Heimat des vermuteten
indogermanischen Urvolkes war, wird sich wohl nie ermitteln lassen. Soviel
dürfen wir indessen annehmen, daß es sich um ein Hirtenvolk handelte, das
innerhalb eines gemäßigten Klimas erstarkt war und infolgedessen zu
wandern begann. Der neue Boden mußte aber nicht nur der Natur, sondern
auch einer auf niedriger Stufe stehenden Urbevölkerung abgerungen
werden. So drangen die Inder mit ihren Rossen und Rindern von
Nordwesten her, einige Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung, in
die nach ihnen benannte Halbinsel ein. Zunächst setzten sie sich im Gebiete
des Indus fest und drängten von hier aus die dunklen Urbewohner nach
Süden und in die Gebirge zurück.
Während der ersten Stufen, welche die Entwicklung in Indien durchlief,
wird keine oder nur eine geringe Fühlung mit den Mittelmeervölkern
bestanden haben. Indes schon mit dem ersten Aufdämmern der Geschichte
ist ein Verkehr Indiens mit dem Westen wie mit China nachweisbar, so daß
der frühere Glaube an die völlige Abgeschlossenheit der süd- und
ostasiatischen Kultur einer anderen Auffassung hat weichen müssen. In der
allerersten Zeit war es der Handel, der eine Verbindung herstellte und dabei
den Seeweg bevorzugte. Auf diesem Wege gelangten die Erzeugnisse

Page 63

Indiens nach dem Arabischen Meerbusen und von dort den Euphrat und
Tigris hinauf. Selbst die Ostküste des entfernten Ägyptens unterhielt
lebhafte Handelsbeziehungen zu Indien. Und in späterer Zeit durchfuhren
selbst römische Schiffe das Rote Meer und den Indischen Ozean, in
welchem sich die Seefahrer den regelmäßigen Wechsel der Monsunwinde
zunutze machten130.
Einem Austausch der Waren wird zu allen Zeiten ein Austausch des Wissens
parallel gegangen sein. Ein weiteres kräftiges Ferment für eine
wechselseitige Befruchtung waren ferner die Ausbreitung der Religionen
und die Eroberungszüge. So entstanden später infolge des Alexanderzuges
an den Grenzen Indiens griechische Königreiche, die einen regen Austausch
auch geistiger Erzeugnisse zwischen den Bewohnern der Mittelmeerländer
und Südasiens vermittelten. Zur römischen Kaiserzeit und während der
byzantinischen Periode fand sogar ein Verkehr zwischen den indischen und
den westlichen Höfen durch Gesandtschaften statt. Ja, unter Kaiser
Antoninus ist sogar eine römische Gesandtschaft am chinesischen Hofe
erschienen131.
Für die Geschichte der Wissenschaften kommt insbesondere der Einfluß in
Betracht, den die Inder auf medizinischem und astronomisch-
mathematischem Gebiete auf die westlich von ihnen wohnenden Völker
ausgeübt haben. Besaßen doch später die Araber nicht nur in Galen, sondern
nicht minder in den Indern Lehrmeister in der Anatomie und Chirurgie.
Unter den Naturerzeugnissen Indiens befand sich ferner mancher Stoff, der
von den Bewohnern als heilkräftig erkannt und anderen Völkern übermittelt
wurde. So hatten sich bei Alexander132 geschickte indische Ärzte
eingefunden, die sich besonders auf die Heilung von Schlangenbissen
verstanden. Als ein Beweis für das Alter der indischen Medizin mag auch
gelten, daß die Ärzte bei den Indern in hoher Achtung standen133.
Unter den späteren astronomisch-mathematischen Schriftstellern der Inder
sind besonders Aryabhatta (um 500 n. Chr.) und Brahmagupta (um 600
n. Chr.) zu nennen. Bei der Beurteilung ihrer Leistungen ist indessen zu
berücksichtigen, daß in den Werken der Sanskritliteratur, die vor
Aryabhatta entstanden, auch griechische Einflüsse auf die indische
Wissenschaft nachweisbar sind. Hatte es doch lange den Anschein, als ob
manche Lehren älterer Sanskritwerke von den Griechen stammen134. Doch

Page 64

wird neuerdings den Erzeugnissen der Sanskritliteratur eine größere
Selbständigkeit zuerkannt.
Die ältesten Schriften der indischen Literatur sind die Vedas. In ihnen
spiegelt sich das religiöse und soziale Leben der Inder wieder; sie enthalten
aber auch die ersten Anfänge der Wissenschaften, die sich bei diesem
merkwürdigen Volke zumeist im engsten Zusammenhange mit religiösen
Gebräuchen und Empfindungen entwickelt haben. In höchst eigenartiger
Weise hat z. B. der Opferdienst die Entwicklung der indischen Mathematik
beeinflußt. Die Gestaltung der Altäre war nämlich nach der Ansicht der
Inder für den Erfolg des Opfers von der allergrößten Bedeutung. So heißt es
in einer Vorschrift: »Wer die himmlische Welt zu erlangen wünscht,
schichte den Altar in Gestalt eines Falken.« Diese Aufgabe setzt aber eine
bedeutende Kenntnis der Flächengeometrie voraus, da sämtliche Steine
einer Schicht polyedrisch gestaltet und lückenlos aneinander gefügt die
Figur des Falken ergeben mußten. Erhöht wurde die Schwierigkeit dadurch,
daß die zweite Schicht, die gleich der ersten etwa zweihundert Steine
enthielt, eine andere Anordnung aufweisen und dennoch als Ganzes die
erste Schicht decken mußte. Dabei war jedes Formverhältnis von
entscheidender Wichtigkeit, da es nach der Auffassung der Inder Segen oder
Unheil bringen konnte135.

Abb. 9. Geometrische Konstruktionen der Inder.

Die Schrift über die Altäre ist nach der Ansicht des Herausgebers (Bürk, s.
unten) im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht früher, verfaßt worden.
Durch ihre, beim Bau der Altäre geübte Technik sind die Inder
wahrscheinlich auch mit dem Satze vom Quadrat der Hypothenuse schon
vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt geworden. Damit ist jedoch nicht
etwa gesagt, daß sie den allgemeinen Beweis des pythagoreischen

Page 65

Lehrsatzes gefunden hätten. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, daß auch
die unmittelbare geometrische Anschauung sehr oft die Quelle neuer
Wahrheiten gewesen ist. So finden wir, daß bei gewissen indischen Altären
vier Quadrate (Abb. 9) sich zu einem größeren Quadrat ergänzen. Die vier
Diagonalen der kleineren Quadrate ergeben ein neues, über der
Hypothenuse AC des gleichseitigen rechtwinkligen Dreiecks ABC
errichtetes Quadrat. Hier beweist die unmittelbare Anschauung die
Gültigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes für diesen besonderen Fall. In
der von Bürk veröffentlichten indischen Quelle136 heißt es demnach in
weiterer Verallgemeinerung: »Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides
hervor, was die längere und die kürzere Seite des Rechtecks jede für sich
hervorbringen137.«
Die früher wohl geltende Meinung, daß die indische Geometrie in der
Hauptsache griechischen Ursprungs sei, kann also heute, nach der
Veröffentlichung wichtiger indischer Quellen138, nicht mehr aufrecht
erhalten werden139.
Unter den rechtwinkligen rationalen Dreiecken waren den Indern im 8.
vorchristlichen Jahrhundert z. B. diejenigen bekannt, deren Seiten sich
verhalten wie:
3:4:5
5 : 12 : 13
8 : 15 : 17.
Um einen rechten Winkel abzustecken, bediente man sich, wie in Ägypten
und später in Griechenland, des Verfahrens des Seilspannens. Die
Seitenlängen, welche die Inder dabei benutzten, verhielten sich in der Regel
wie 15 : 36 : 39140, entsprachen also gleichfalls dem pythagoreischen
Lehrsatz. Trotz alledem bleibt es wahrscheinlich, daß erst die Griechen von
den zahlreichen, bekannt gewordenen Einzelfällen zu dem allgemeinen,
früher dem Pythagoras zugeschriebenen, geometrischen Satz gelangt sind.
Auch für eine annähernde Quadratur des Kreises findet sich141 bei den alten
Indern eine Regel. Handelt es sich darum, einen dem Quadrate ABCD
flächengleichen Kreis zu finden, so wird ME = AM und zwar senkrecht zu
AB gezogen (Abb. 10). Zu MG wird NG = (1/3)GE hinzugefügt. Mit der so
erhaltenen Strecke MN als Radius wird dann der Kreis um M geschlagen.

Page 66

In der indischen Vorschrift heißt es: »Soviel wie (an den Ecken) verloren
geht, kommt (die Segmente) hinzu.«
Von jeher haben die Inder als ein besonders für die Arithmetik beanlagtes
Volk gegolten. Ist es doch ihr Verdienst, das Positionssystem und seine
irrtümlich als arabisch bezeichneten Ziffern erfunden zu haben. Wie uns die
Tafeln von Senkereh 142 beweisen, besaßen die Babylonier ein
Positionssystem, das sexagesimal war, aber die Null entbehrte. Die späteren
Inder entwickelten durch Einführung der Null und der dekadischen
Einheiten die heutige Positionsarithmetik, die dann dem Abendlande durch
die Araber übermittelt wurde.

Abb. 10. Die Quadratur des Kreises bei den Indern.

Je mehr die archäologischen Forschungen uns mit dem Wissen des alten
Orients bekannt machen, um so mehr befestigt sich die Überzeugung, daß
in einer drei- bis viertausend Jahre zurückliegenden Zeit die Babylonier, die
Inder und die Ägypter einen gemeinsamen Besitz an Kenntnissen besaßen.
Ohne Zweifel sind jene ersten Kulturvölker unabhängig voneinander in den
Besitz mancher Wahrheit gelangt. Doch hat gewiß auch ein viel regerer
Austausch der Kenntnisse stattgefunden als man bisher angenommen hat143.
Für die engen Beziehungen, die zwischen Babylon und Ägypten bestanden,
fehlt es nicht an Beweisen144. Als ein Zeichen, daß der babylonische Einfluß
auch nach Indien, ja selbst bis China reichte, kann die Tatsache betrachtet
werden, daß die indischen und die chinesischen Quellen die Dauer des
längsten Tages auf 14h 24' angeben, ein Wert, der für Babylon bis auf eine
Minute zutrifft145.
Während die wechselseitige Beeinflussung des ältesten ägyptischen,
babylonischen und indischen Wissens mehr vermutet als im einzelnen

Page 67

nachgewiesen werden kann, sind die Beziehungen einerseits zwischen
indischer, andererseits zwischen griechischer und arabischer Wissenschaft
deutlich zu erkennen. Insbesondere hat zwischen Indern, Griechen und
Arabern ein Austausch mathematischer und astronomischer Kenntnisse
stattgefunden. Da wir auf die Inder in späteren Abschnitten nicht mehr
zurückkommen werden, so soll an dieser Stelle noch einiges über die
Entwicklung, die besonders die Rechenkunst bei den für die Arithmetik so
gut beanlagten Indern genommen hat, ins Auge gefaßt werden.
Unbestritten ist das Verdienst der Inder, die neuen Zahlzeichen und die Null
geschaffen und das Ziffernrechnen unter Anwendung des Stellenwertes zu
hoher Ausbildung gebracht zu haben. Das Rechnen mit der Null ist schon
zur Zeit des Brahmagupta in Gebrauch gewesen. Auch die Schreibweise
für die Brüche und die Bruchrechnung weichen von den heute geltenden
Regeln kaum ab. Zwar fehlte der Bruchstrich, doch wurde der Zähler schon
über den Nenner gestellt. Bei gemischten Brüchen kamen die Ganzen in
eine dritte, noch höhere Stufe; 23/4 schrieb man z. B. 2/3/4. Das
Multiplizieren der Brüche lehrt Brahmagupta mit folgenden Worten: »Das
Produkt aus den Zählern teile durch das Produkt aus den Nennern.« Bei den
indischen Mathematikern finden sich ferner Regeldetriaufgaben mit
direktem, indirektem und zusammengesetztem Ansatz. Letztere werden in
mehrere einfache Regeldetriaufgaben zerlegt. Es sind sogar besondere
Kunstausdrücke für die Regeldetri-Rechnung in Gebrauch146.
Wie die Inder durch Einführung der Null und des Positionssystems den
größten Fortschritt für die Arithmetik schufen, so erwarben sie sich für die
Algebra kein geringeres Verdienst durch die Einführung der Begriffe positiv
und negativ. Sogar die Erläuterung dieser Begriffe durch die Worte
Schulden und Vermögen, ja ihre Erklärung durch Vorwärts- und
Rückwärtsschreiten auf einer gegebenen Strecke war ihnen schon geläufig.
Wollte man eine Zahl als negativ bezeichnen, so wurde ein Punkt darüber
gesetzt. Selbst bei den Gleichungen wurden negative Lösungen, welche
Diophant (350 n. Chr.) noch für unstatthaft erklärte, zugelassen.
Was die arithmetischen und die geometrischen Reihen, die Quadrat- und die
Kubikzahlen anbelangt, so konnten die Griechen in dieser Hinsicht von den
Indern wenig lernen. Letzteres Volk schuf jedoch die Kombinationslehre
und die Anfangsgründe der Algebra. Ferner gelangte man in Indien dadurch

Page 68

über die Lehre von den Potenzen einen Schritt hinaus, daß man für die
irrationale Quadratwurzel eine Bezeichnung einführte. An das Erheben in
die 2. und die 3. Potenz schlossen die Inder als Umkehrungen dieser
Operationen das Ausziehen der Quadrat- und der Kubikwurzel. Hierbei
bedienten sie sich schon der binomischen Formeln für (a + b)2 und (a + b)3.
Ja, ihre Art, die Wurzeln zu finden, stimmte soweit mit dem heutigen
Verfahren überein, daß bei ihnen selbst das Abteilen der zu radizierenden
Zahl zu je zwei oder drei Stellen nicht fehlte.
Auf dem Gebiete der Algebra entwickelten die Inder vor allem die Lehre
von den Gleichungen verschiedenen Grades. Für die unbekannte Größe
wird ein Zeichen gebraucht. Als ein Beispiel zugleich für die poetische
Form, in welche die Inder solche Aufgaben einkleideten, diene folgendes:
Von einem Schwarm Bienen läßt 1/4 sich auf einer Blume nieder, 2/3 fliegt
zu einer anderen Blume, eine Biene bleibt übrig, indem sie gleichsam durch
den lieblichen Duft beider Blumen angezogen in der Luft schwebt. Sage
mir, reizendes Weib, die Anzahl der Bienen.
Noch bedeutender waren die Leistungen der Inder in der Theorie der
Zahlen, doch würde ein näheres Eingehen auf diese Seite der Mathematik
zu weit von dem Zwecke dieses Buches entfernen, das die Mathematik nur
insoweit berücksichtigen will, als sie für die Entwicklung der
Naturwissenschaften von Bedeutung gewesen ist. Für die Auflösung von
kubischen Gleichungen findet sich bei den Indern wie bei Diophant nur
ein vereinzeltes Beispiel.
Nicht uninteressant ist ein kurzer Überblick über den Umfang der indischen
Arithmetik. Sie umfaßte zwanzig Operationen und acht Bestimmungen, die
jedem Meister der Rechenkunst geläufig sein mußten147. Zu den 4
Grundrechnungsarten, dem Potenzieren und dem Wurzelziehen traten 6
Operationen mit Brüchen und 5 als einfache und zusammengesetzte
Regeldetri; ferner gab es eine Regel über den Tausch. Die Bestimmungen
betrafen Mischungen, Flächen- und Körperinhalte, Zinsberechnung,
Schattenrechnung usw. Nach Burkhardt (Wie man vor Zeiten rechnete,
Zeitschr. f. d. math. u. naturw. Unterr. 1905. 1. Heft) läßt sich annehmen,
daß seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Indien im wesentlichen ebenso
gerechnet wurde, wie heute bei uns. Auch steht fest, daß die Araber ihre
Ziffern und ihre Rechenmethode von den Indern erhalten haben.

Page 69

Was man in den Sanskritwerken an geometrischen Lehren angetroffen hat,
ist weniger bedeutend und nach Cantor wohl zum Teil auf
alexandrinischen Ursprung, insbesondere auf Heron zurückzuführen148.
Davon, daß die Inder mit den Kegelschnitten bekannt gewesen, findet sich
nirgends eine Andeutung. Dieser Teil der Geometrie ist ausschließlich
griechischen Ursprungs. Dagegen blieb es den Indern als dem vorwiegend
für die Arithmetik veranlagten Volke vorbehalten, die ersten allgemeinen
Sätze der Kombinationslehre zu finden, eine Errungenschaft, zu der die
Griechen, soweit unsere Kenntnis reicht, nicht durchgedrungen sind.
Einen wesentlichen Fortschritt erfuhr die Trigonometrie bei den Indern,
indem sie für die Sehne des Winkels deren Hälfte und somit den Sinus
einführten. Es war dies ein Fortschritt, den erst die Araber in seiner vollen
Bedeutung erkannten und zur Geltung brachten.
Die erste indische Sinustabelle begegnet uns um 500 n. Chr.149. Der Kreis hat
dort wie bei den Babyloniern und den Alexandrinern 360 gleiche Teile.
Jeder Teil zerfällt in 60 kleinere Abschnitte (unsere Minuten), von denen
der ganze Kreis also 60 · 360 = 21600 enthält. Der Radius wird durch diese
kleinsten Teile des Kreises gemessen. Nach einem von den Indern für das
Verhältnis der Peripherie zum Durchmesser angenommenen Werte ergab
sich für den Radius die Zahl 3448. Da der Sinus, als halbe Sehne des
doppelten Winkels betrachtet, für 90° gleich dem Radius wird, so erscheint
für 90° in der Tabelle jener Wert 3448. Für sin 60° wird 2978, für sin 30°
wird 1719 angegeben.
In bezug auf die Naturwissenschaften besaßen die Inder zwar zahlreiche
Einzelkenntnisse. Zur Aufstellung naturwissenschaftlicher Lehrgebäude
gelangten sie indessen ebensowenig wie die Babylonier oder die Ägypter.
Diese Tat blieb vielmehr den Griechen vorbehalten. In physikalischer
Hinsicht ist erwähnenswert, daß die Kenntnis des Brennglases und der
Brennspiegel bei den Indern sehr weit zurückreicht. So erwähnt eins ihrer
ältesten Bücher150, daß getrockneter Mist sich entzünde, wenn man die
Sonnenstrahlen mittelst eines Steines oder Glases oder auch eines
Metallgefäßes darauf werfe151. Übrigens kannten die Griechen im Zeitalter
des Aristoteles gleichfalls schon die Feuererzeugung mit Hilfe eines
durchsichtigen Steines152. Auf Grund einiger Sanskritstellen hat man den
alten Indern die Kenntnis des Schießpulvers zugeschrieben. So wird ein
König aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert genannt, der

Page 70

»Feuerwerke« angeordnet habe. Daraus aber auf eine so frühzeitige
Kenntnis der Inder zu schließen, erscheint doch recht gewagt153.
Daß die so überaus üppige Natur eines Landes wie Indien ein frühzeitiges
Emporblühen der Pflanzenkunde und einer auf ihr beruhenden Heilkunde
hervorrief, ist leicht erklärlich. In der Sanskritliteratur fehlt es daher nicht
an Werken, die eine große Menge von Heilmitteln, Nahrungsmitteln und
Giften anführen. Es ist jedoch nur selten möglich, die Art, um die es sich
handelt, zu bestimmen. Am häufigsten wird Nelumbium speciosum, eine
prächtige Seerose, erwähnt. Neben den Pflanzen wurden aber auch Metalle
und Chemikalien von den alten Indern zu Heilzwecken verwendet. Am
ausführlichsten berichtet über den Stand ihrer naturwissenschaftlichen und
medizinischen Kenntnisse die Ayur-Veda Susrutas. Das Werk umfaßt
sechs Bücher, die sich im wesentlichen mit der Lehre von den Heilmitteln,
der Anatomie, der Pathologie und der Therapie beschäftigen. Das
Knochensystem des Menschen enthält nach Susrutas Aufzählung 300
Knochen. In der Schule des Susruta wurden schon Leichen zergliedert und
in fließendem Wasser präpariert.
Daraus erklärt sich die erstaunliche Höhe der anatomischen Kenntnisse,
welche die Inder schon im 6. Jahrhundert v. Chr. besaßen154. Susruta war
auch schon mit dem diabetischen Zucker bekannt, während die
Beobachtung, daß der diabetische Harn auffallend süß ist, in Europa erst im
17. Jahrhundert gemacht wurde155.
Unter den Heilmitteln156 erwähnt Susruta Quecksilber, Silber, Arsen,
Antimon, Blei, Eisen und Kupfer. Auch Alaun und Salmiak fanden sich im
Arzneischatz der alten Inder. Wann die Ayur-Veda entstand, ist nicht sicher
bekannt. Einige legen die Zeit ihrer Entstehung weit vor Christi Geburt.
Susrutas Werk erwähnt nicht weniger als 760 Heilmittel, die zum weitaus
größten Teile aus dem Pflanzenreiche stammen157.
Wie die alten Babylonier, so operierten auch die Inder den Star. Nachrichten
darüber reichen etwa bis zum Beginn unserer Zeitrechnung zurück. Die
Operation wurde mit zwei Instrumenten ausgeführt. Das eine diente zum
Öffnen des Augapfels; mit dem andern wurde die getrübte Linse entfernt158.
Weit isolierter als die indische Kultur, welche doch mit der griechischen
und mit der arabischen Welt in mannigfache Berührung kam, blieb die
chinesische. Nicht nur, daß China durch riesige Gebirge und weite, öde

Page 71

Länderstrecken von den Völkern Vorderasiens und der Mittelmeerländer
getrennt war, es fehlte auch die Rassengemeinschaft, welche die Arier
Indiens mit den Persern und den westlichen Indogermanen verband.
Dennoch hat schon im Altertum der Handel eine Verbindung zwischen dem
äußersten Osten Asiens und dem Mittelmeer geknüpft. Diese Verbindung
erfolgte durch den Seeverkehr über den Indischen Ozean. China lieferte
dem Westen besonders Seide und empfing dafür Edelmetall,
Glasgegenstände und Bernstein. Durch die immer weitere Ausdehnung ihrer
Eroberungszüge kamen das römische und das chinesische Reich am
Kaspischen Meere einander nahe. Sogar der Einfluß der in Vorderasien
entstandenen Nestorianersekte hat sich bis nach China ausgedehnt. Ein in
Singanfu errichtetes Denkmal mit chinesischer und syrischer Inschrift gibt
uns davon Kunde159. Trotzdem hat keine andere Kultur der alten Welt so
wenig Einflüsse von außen erfahren und so wenig wiederum nach außen
gewirkt wie diejenige Chinas, so daß dieses Land für die Entwicklung,
welche die Wissenschaften genommen haben, kaum in Betracht kommt.
Zwar hat sich das Interesse seiner Bewohner frühzeitig mathematischen und
astronomischen Dingen zugewandt, ein wenn auch unvollkommenes
Verfahren des Buchdrucks wurde erfunden, und eine Literatur entstand, die
der arabischen an Umfang wohl gleich kam. Die gewerblichen Erzeugnisse
übertrafen oft diejenigen der westlichen Völker. Dennoch war der Einfluß
nach außen sehr gering. Selbst eine so wichtige Erfindung wie diejenige des
Kompasses, die in China erfolgte, blieb den Mittelmeervölkern über ein
Jahrtausend unbekannt.
Für das hohe Alter der Astronomie bei den Chinesen spricht die frühzeitige
Erwähnung von Kometen- und Planetenkonjunktionen in ihrer Literatur. Als
Europa mit der Literatur der Inder näher bekannt wurde, erstaunte man über
das hohe Alter der astronomischen Tafeln dieses Volkes. Das gleiche gilt
von den Chinesen, deren astronomische Literatur zu Beginn des 18.
Jahrhunderts durch Jesuiten, die in China Aufnahme gefunden hatten,
bekannt wurde. Es zeigte sich, daß die Astronomie dort schon um 1000 v.
Chr. eine nicht geringe Höhe erreicht hatte. Indessen ist ihre weitere
Entwicklung nur sehr langsam gewesen160. So geht z. B. ein
Kometenverzeichnis bis auf das Jahr 2296 v. Chr. zurück161. Ferner erwähnt
einer der Jesuiten, welche die Chinesen mit der europäischen Astronomie
bekannt machten162, eine von den Chinesen aufgezeichnete
Planetenkonjunktion vom Jahre 2461 v. Chr.163. Es ist jedoch

Page 72

wahrscheinlich, daß es sich dabei nicht um eine wirkliche Beobachtung,
sondern nur um eine rückwärts berechnete astronomische Erscheinung
gehandelt hat. Mit dem Gnomon waren die Chinesen schon um 1100 v. Chr.
bekannt. Sie ermittelten daran die Schiefe der Ekliptik, bestimmten die
Dauer des Jahres zu 3651/4 Tagen164 und kannten schon die regelmäßige
Wiederkehr der Finsternisse. Es kam vor, daß man Astronomen mit dem
Tode bestrafte, wenn sie eine Finsternis nicht richtig vorhergesagt hatten.
Ein Fall dieser Art soll sich schon um 2000 v. Chr. zugetragen haben165.
Daß Ostasien auch während des Mittelalters mit der übrigen Kulturwelt
Beziehungen unterhielt, beweist uns das Auftauchen alchemistischer
Bestrebungen in China um 800 n. Chr. Die chinesischen Quellen lassen
erkennen, daß auch die theoretischen Vorstellungen, denen die Alchemisten
im Reiche der Mitte huldigten, von den Arabern stammen166.

Page 73

2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis
zum Zeitalter des Aristoteles.
Manche von den in Vorderasien und Unterägypten entstandenen
Grundlagen der Wissenschaften wurden nebst anderen Kulturelementen von
den Phöniziern aufgenommen, welche sie, als das wichtigste Handelsvolk
der alten Welt, den übrigen Anwohnern des Mittelmeeres überbrachten. Bei
den Griechen, die mit der am Nil und am Euphrat entstandenen Kultur
später auch in unmittelbare Fühlung kamen, fielen diese aus dem Orient
stammenden Ansätze auf den fruchtbarsten Boden. Sie wurden nicht etwa
nur aufgenommen, sondern als das Fundament für geradezu
bewundernswerte Neuschöpfungen verwendet. Die Phönizier verbreiteten
als das wichtigste Mittel für jede weitere Entfaltung wissenschaftlicher
Tätigkeit auch die Buchstabenschrift167, die sich aus den, Silben und ganze
Wörter bezeichnenden Hieroglyphen entwickelt hatte. Erst nachdem dies
geschehen, vermochte man mit klarem Bewußtsein das Abstrakte von den
Dingen zu trennen und auf solche Weise zur Ausbildung systematisch
geordneter Wissenschaften vorzudringen168.
Eine wichtige Rolle spielten in dieser Übermittlung der orientalischen
Kulturelemente auch die Bewohner Kretas und Vorderasiens. Auf die
letzteren hat Babylonien Jahrtausende eine tiefe Wirkung ausgeübt. In
religiöser Hinsicht hat dieser Einfluß besonders stark auf das Judentum und
damit weiterhin auf die Entwicklung des Christentums gewirkt.
Das Neue an der phönizischen Schrift bestand darin, daß sie für jeden
Konsonanten und für jeden Vokal ein besonderes Zeichen besaß. Die
ältesten in dieser Schrift verfaßten Urkunden begegnen uns um das Jahr
950.
Sobald die Griechen aus dem Dunkel der Sage in das Licht der Geschichte
treten, zeigt sich uns bei ihnen das Bestreben, die Welt der Erscheinungen
nicht bloß betrachtend in sich aufzunehmen, sondern sie auch in ihrem
ursächlichen Zusammenhange zu begreifen. Dies geschah einmal dadurch,
daß sie die Anfänge der mathematischen Erkenntnis auf die Naturvorgänge
anwandten. Zum anderen aber auch, indem sie, weit über alles Maß

Page 74

hinausschreitend, sofort den letzten Grund des Geschehens zu begreifen
trachteten. Und zwar erfolgten diese ersten Regungen des
wissenschaftlichen Denkens nicht im eigentlichen Hellas, sondern in den
ionischen Kolonien. Letztere nahmen zwischen der asiatischen Welt und
dem jungfräulichen Boden Griechenlands eine vermittelnde Stellung ein.
Auch hatten sie schon einige Jahrhunderte vor dem Beginn der Philosophie
und der Naturwissenschaften ihre Blütezeit auf dem Gebiete der Dichtkunst
erlebt.

Der Beginn der griechischen Naturwissenschaft.

Als der erste Grieche, der in den beiden soeben gekennzeichneten
Richtungen wirkte, gilt Thales von Milet. Obgleich von ihm herrührende
Werke nicht auf uns gekommen sind und er seine Lehren wahrscheinlich
auch nur mündlich überliefert hat, sind uns doch letztere, sowie seine
Entdeckungen und sein Lebensgang durch die Aufzeichnungen alter
Schriftsteller hinlänglich bekannt geworden, um uns ein ungefähres Bild
von Thales 169 machen zu können.
Thales wurde um 640 v. Chr. geboren, wirkte also zu der Zeit, als Athen
durch Solon die Grundlagen seiner Verfassung erhielt. Darin, daß Thales
in Ägypten gewesen und dort mit der Priesterkaste, damals die Hüterin aller
mathematischen und astronomischen Kenntnisse, in Berührung getreten sei,
stimmen alle Berichte überein. »Thales, der nach Ägypten ging«, so wird
uns erzählt, »brachte zuerst die Geometrie nach Hellas. Vieles entdeckte er
selbst, von vielem aber überlieferte er die Anfänge seinen Nachfolgern«170.
An anderer Stelle heißt es von ihm: »Er beobachtete den Himmel, musterte
die Sterne und sagte öffentlich allen Miletern vorher, daß am Tage Nacht
eintreten, die Sonne sich verbergen und der Mond sich davorlegen
werde171.«
Die älteste Auffassung, die uns bezüglich der Finsternisse begegnet, ist die,
daß der Sonne oder dem Monde durch irgendeine fremde Macht Gewalt
angetan würde. Es erscheint zweifelhaft, ob die Babylonier schon einen
wirklichen Einblick in den Vorgang besaßen. Seine natürliche Ursache
erkannten wohl erst die Griechen. Nach einigen war es Anaxagoras, nach

Page 75

anderen waren es die Pythagoreer, denen die Astronomie diesen Fortschritt
verdankte172.
Die Vorausbestimmung des Thales ist nicht etwa eine solche im heutigen
Sinne. Sie erfolgte nämlich nicht durch Messen und Rechnen, sondern
beruhte ausschließlich auf der Beobachtung derjenigen Periode, innerhalb
deren die Finsternisse regelmäßig wiederkehren. Jene Periode war den
Babyloniern nicht entgangen. Sie befanden sich im Besitz von
Aufzeichnungen, die sich über Jahrhunderte erstreckten und einen Zeitraum
von 6585 Tagen bezüglich der regelmäßigen Wiederkehr der Finsternisse
erkennen ließen. Innerhalb dieses 223 Monate umfassenden Zeitraums, den
die Babylonier Saros nannten173, kehrt nämlich der Mond fast genau in
dieselbe Stellung zur Erde und zur Sonne zurück. Allerdings machte man
auch die Erfahrung, daß sich der Saros, insbesondere für die Voraussage der
Sonnenfinsternisse, nicht immer bewährte174.
Auch bei der Benennung der fünf Planeten hat sich anscheinend der sehr
früh einsetzende (s. S. 30) babylonische Einfluß geltend gemacht. Die alten
griechischen Namen bezeichneten nämlich Eigenschaften (Mars hieß der
Feurige, Jupiter der Leuchtende usw.). Seit dem 4. vorchristlichen
Jahrhundert bedient man sich dagegen folgender Namen:
Stern des Hermes (Merkur),
» der Aphrodite (Venus),
» des Ares (Mars),
» des Zeus (Jupiter),
» des Kronos (Saturn).
Die kurze Bezeichnung Hermes, Aphrodite usw. kam erst später auf. Es ist
anzunehmen, daß hierin die Griechen den Babyloniern gefolgt sind, die
gleichfalls die Planeten ihren Hauptgöttern geweiht hatten. Mit einigen
Elementen des babylonischen Wissens sind nach neuerer Annahme schon
die Pythagoreer bekannt gewesen175.
Wie unentwickelt im übrigen die astronomischen Vorstellungen der
Griechen zur Zeit des Thales noch waren, geht daraus hervor, daß nach den
ihm zugeschriebenen Lehren die Erde eine vom Okeanos umflossene
Scheibe ist, über die sich der Himmel wie eine Kristallglocke wölbt. Unter
solchen Umständen konnte noch nicht einmal von einer Kreisbewegung der

Page 76

Gestirne die Rede sein. In Übereinstimmung mit dieser Lehre nahm man
zur Zeit des Thales an, die Sterne sänken bei ihrem Untergange in den
Ozean und schwömmen in diesem am Rande der Scheibe entlang zu ihren
Aufgangspunkten zurück.
Auf Thales werden ferner von den Griechen, die über die Mathematik
geschrieben haben, einige der wichtigsten geometrischen Sätze
zurückgeführt, so der Satz von der Gleichheit der Winkel an der Grundlinie
eines gleichschenkeligen Dreiecks, sowie der Satz, daß ein Dreieck durch
eine Seite und die anliegenden Winkel bestimmt ist. Mit Hilfe dieses Satzes
wurde z. B. die Entfernung der Schiffe vom Lande ermittelt.
Bezüglich der geometrischen Kenntnisse des Thales läßt sich jedoch nicht
mehr entscheiden, wieviel Eigenes und wieviel von den Ägyptern
Entlehntes darunter ist. Eine bekannte Anwendung der Mathematik ist seine
Schattenmessung. Es ist dies ein Verfahren, die Höhe hervorragender
Gegenstände zu bestimmen. Thales soll dadurch die Bewunderung seiner
Zeitgenossen erregt haben. Das Verfahren bestand darin176, daß er zu der
Zeit, wenn Schatten und Höhe der Körper gleich sind, was er an einem
Stock ermittelte, den Schatten des betreffenden Gegenstandes, z. B. einer
Pyramide, maß, womit dann auch sofort die Höhe des Gegenstandes
gefunden war.
Mit dem Gnomon, einem Werkzeug, das zur Bestimmung des Mittags aus
der Schattenlänge diente, sollen die Griechen durch Anaximander von
Milet, den bedeutendsten Schüler des Thales, bekannt geworden sein.
Anaximander (610–546 v. Chr.) hat nach Strabon auch die erste Karte
der Welt, soweit damals die Länderkenntnis reichte, entworfen177.

Page 77

Abb. 11. Radkarte der Erde.

Sein Landsmann Hekataeos (geb. um 550), der weite Reisen gemacht
hatte, soll die neue Kunst in solchem Maße entwickelt haben, daß er
Erstaunen erregte. Hekataeos verfaßte eine Erdbeschreibung, der er eine
Weltkarte beigab. Er gilt als der älteste griechische Geograph und der
Vorgänger Herodots. Erhalten ist von den Karten jener Zeit nichts mehr.
Sie glichen wahrscheinlich den Radkarten des früheren Mittelalters (Abb.
11), d. h. sie waren lediglich rohe Orientierungen ohne jeden
wissenschaftlichen Wert, so daß sie den Spott Herodots herausforderten.
Die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen, zu welcher Thales
bei den Ioniern allen Nachrichten zufolge den Anstoß gab – nennt ihn doch
Aristoteles den »Beginner« der philosophischen Naturforschung178 – rief
nun auch ein Streben nach einer ursächlichen Erklärung der gesamten
Erscheinungswelt hervor. Eine auf den letzten Gründen fußende Erklärung
ist seitdem das Ziel der Philosophie gewesen, ohne daß sie, wie es in der
Natur der Sache liegt, jemals zu einer befriedigenden Lösung eines so weit
gespannten Problems gelangt wäre. Was die Frage nach dem Ursprung der
griechischen Philosophie anlangt, so neigt ihr hervorragendster
Geschichtsschreiber, Zeller, zu der Ansicht, daß sie selbständig geworden
und nicht orientalischer Herkunft sei179. »Wenn es je ein Volk gegeben«, sagt
Zeller, »das seine Wissenschaft selbst zu erzeugen imstande war, so waren
es die Griechen«.

Page 78

Dem ersten Ausdruck für ihre Weltanschauung begegnen wir bei den
Dichtern. Insbesondere war es der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebende
Hesiod, der in den »Werken und Tagen« die Frage nach der
Weltentstehung aufwarf. Für Hesiod war die Weltentstehungslehre
wesentlich Götterlehre. Kosmogonie und Theogonie waren in jenem
Zeitalter noch zu einer in mystisches Gewand gekleideten Einheit
verschmolzen. Thales und seinen unmittelbaren Nachfolgern, die sich über
den Begriff des Stoffes kaum zu erheben vermochten, genügte dann die
Annahme, daß alle Dinge auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen seien.
Als solcher dünkte dem Thales nichts geeigneter als das Wasser, weil es
ihm, nach seinen Eigenschaften zu urteilen, zwischen der Erde und der Luft
zu stehen schien. Eine Stütze fand diese Lehre in gewissen Beobachtungen.
Wurde doch z. B. Ägypten, woher viele Anschauungen des Thales
stammten, als ein Erzeugnis des Niles angesehen. Entwickelten sich nicht
ferner aus der feuchten Erde die Pflanzen? Selbst als man später genauer
beobachten lernte, hat jene Lehre immer wieder Anhänger gefunden. Van
Helmont, ein hervorragender Forscher des 17. Jahrhunderts, war noch in
ihr befangen. Erst Lavoisier und Scheele, die an der Schwelle der
neuesten Zeit stehen, vermochten den Glauben an die Umwandlung des
Wassers in Erde, der stets wieder auf mangelhafte Beobachtungen gestützt
wurde, durch einwandfreie Versuche endgültig zu widerlegen.
Das Streben nach einer Erklärung der Welt in ihrer Beziehung zum
Menschen hat seit der Zeit des Thales nicht aufgehört, die
hervorragendsten Geister zu beschäftigen. Hier ist es nur insofern von
Belang, als die Ergebnisse des philosophischen Denkens einen Einfluß auf
die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften ausgeübt haben. Letztere
steckten sich alsbald das bescheidenere, aber erreichbare Ziel, einen
Einblick in den gesetzmäßigen Zusammenhang der Erscheinungen zu
gewinnen. In dem Maße, wie man dieses Ziel ins Auge faßte, hat sich die
Beseitigung phantastischer Auswüchse vollzogen, wie sie in der Alchemie
und Astrologie z. B. zum Ausdruck kamen, und in eben demselben Maße
näherte sich die Wissenschaft ihrer jetzigen Gestalt.
Mit der ionischen Naturphilosophie trat »ein neues Element in das geistige
Leben der Menschheit«. Es begegnen uns zum ersten Male
wissenschaftliche Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen, die durch
angestrengte Geistesarbeit zu ihren Ergebnissen gelangen. Für die weitere

Page 79

Entwicklung echter Wissenschaft war ein solches Hervortreten der
Individualität die unerläßliche Voraussetzung180.
Die rein philosophische Betrachtungsweise besitzt trotz der Nachteile, die
ihr gegenüber der exakten Forschung innewohnen, doch unleugbar das
Verdienst, die empirischen Wissenschaften ununterbrochen angeregt zu
haben. Manche philosophische Ansicht, welche das griechische Altertum
entwickelte, beeinflußte bis in die neuere Zeit hinein die
Naturwissenschaften. So hat sich z. B. das Bestreben, die Mannigfaltigkeit
der Stoffe auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen, bis auf unsere Tage
erhalten. Zuerst wurde von den ionischen Philosophen eine der bekannten
Materien, wie die Luft oder das Wasser, zu einem solchen Urstoff
gestempelt. Später faßte Aristoteles Luft, Wasser, Erde und Feuer als die
verschiedenen Erscheinungsformen eines und desselben Urprinzips auf.
Infolgedessen hielt man eine Verwandlung der bekannten Stoffe ineinander
für möglich. Und so war es besonders die aristotelische Philosophie, auf die
sich im Mittelalter das Bemühen, unedle Metalle in edle überzuführen,
stützen konnte.
Die Lehre von den Elementen ist ihrem Ursprung nach auf Empedokles
aus Agrigent (um 440 v. Chr.) zurückzuführen. Für ihn waren die Urstoffe
ewig, selbständig und nicht auseinander ableitbar. Durch zwei bewegende
Kräfte, die Freundschaft und den Streit, den Heraklit den Vater aller Dinge
nannte, wurden die Elemente gemischt und zu Dingen gestaltet. Die
Entmischung sollte in der Weise erfolgen, daß die Teilchen des einen
Stoffes sich unsichtbar von den Teilchen des anderen ablösen. Auf diesem
Wege ließ Empedokles auch die Sinnesempfindungen entstehen181.
Empedokles wußte sich auch über die Naturdinge im besonderen manche
zutreffende oder doch beachtenswerte Meinung zu bilden. So nahm er
anstatt des Zentralfeuers, um das die Pythagoreer die Erde kreisen ließen,
einen feurig-flüssigen Erdkern an, von dem die heißen Quellen und die
Vulkane ihre Wärme erhalten sollten. Das unterirdische Feuer sollte ferner
die Gebirge emporgehoben haben. Aus großen, auf Sizilien gefundenen
Knochen schloß Empedokles auf die vorgeschichtliche Existenz eines
Riesengeschlechts. Seine Ansichten entwickelte er in einem Gedicht »Von
der Natur«. Leider sind davon nur wenige Bruchstücke erhalten. Diese
lassen indes erkennen, daß Empedokles auch über die Natur der Pflanze
nachgedacht hat. Letztere erklärte er für beseelt. Als Zeichen der Beseelung

Page 80

deutete er allerdings Erscheinungen, die man heute mechanisch erklärt, wie
das Erzittern, das Ausstrecken der Zweige und das kräftige Zurückschnellen
gebogener Äste. Auch die Behauptung, daß die Pflanzen zweierlei
Geschlecht besäßen, wird auf Empedokles zurückgeführt. Selbst die
später oft wiederkehrende Lehre von den periodischen Weltumbildungen
begegnet uns schon bei diesem Philosophen. Man darf deshalb182 aus den
vorhandenen Bruchstücken altgriechischer Philosophie schließen, daß eine
der wichtigsten Annahmen der neueren Geologie, die Lehre nämlich, daß
unser Erdball eine Reihe von Umwandlungen erlitten, bei denen Tiere und
Pflanzen untergingen, um sich in anderen Arten wieder zu erneuern, als
Ahnung schon im Altertum vorhanden war183.
»Der Tatsachen, auf die man sich dabei stützte, waren vielleicht nicht viele,
um so schärfer war aber der Blick, der schon das Richtige traf«184.

Erster Versuch einer Erklärung der Natur aus den Prinzipien
der Mechanik.

Hatte man zuerst die Stoffumwandlungen, denen man auf Schritt und Tritt
begegnete, als ein Entstehen und Vergehen aufgefaßt, so waren es
Philosophen, welche lehrten, daß alle Veränderung auf ein Mischen und
Entmischen zurückzuführen sei, und daß dabei der Stoff selbst weder sich
bilde noch vernichtet werde. Dem philosophischen Denken entsprang ferner
die Vorstellung, daß der Stoff aus kleinsten Teilchen bestehe, durch deren
Umlagerung jenes Mischen und Entmischen bedingt sei – beides
Grundsätze, deren sich die Forschung bemächtigte, um sie als Leitsterne bei
ihren, auf die denkende Erfassung der Natur gerichteten Bemühungen zu
verwerten.
Die angedeutete Durchführung der mechanischen Naturerklärung vollzog
sich im Anschluß an die Lehren des Empedokles durch die Atomisten
genannten Philosophen Leukipp und Demokrit. Ihre Anschauungen
lassen sich in folgende Sätze fassen: Das All ist anfangslos und auf keine
Weise von irgend jemandem geschaffen. Überhaupt ist alles seit ewigen
Zeiten in der Notwendigkeit begründet, sowohl was war, als auch was ist
und was sein wird185. Das Weltall besteht aus qualitativ gleichen Teilchen,
den Atomen, die ihrer Form nach verschieden sind und ihre Lage

Page 81

gegeneinander ändern. Damit letzteres möglich ist, muß der Raum im
übrigen leer sein. Die Atome sind ewig und unzerstörbar. Aus Nichts wird
nichts. Nichts kann vernichtet werden. Jede Veränderung besteht nur in der
Verbindung und in der Trennung der Atome. Aus der Zahl, der Gestalt, dem
Zusammentreffen und der Trennung der Atome geht die Mannigfaltigkeit
der Dinge hervor. Die Vorgänge in der Natur hängen nicht von den Launen
übernatürlicher Wesen ab, sondern sind ursächlich bedingt; nichts geschieht
zufällig186. Die Bewegung der Atome ist seit Anbeginn vorhanden, sie hat
zur Bildung unzähliger Welten geführt. Außer den Atomen und dem leeren
Raum gibt es nichts. Eine Schwäche dieser atomistischen Lehre, die ihr
auch heute noch anhaftet, liegt darin, daß nach ihr auch das Seelische aus
Atomen, und zwar aus Atomen feinerer Art bestehen soll, welche die
gröberen Körperatome durchdringen, sehr beweglich sind und auf diese
Weise die Erscheinungen des Lebens hervorrufen. So wurden z. B. die
Empfindungen des Süßen, Herben, Scharfen daraus erklärt, daß die Atome
teils kugelig, teils kantig, teils zackig seien. Die Wahrnehmung, sowie
überhaupt jede Wirkung der Dinge aufeinander sind nach Demokrit durch
Ausströmung und Einströmung bedingt. Aus diesem Grunde mußten die
Körper zwischen den Atomen Poren haben. Die Zahl der Atome ist
unendlich groß und ihre Form unendlich verschieden. Qualitativ sind sie
jedoch einander völlig gleich. Bei ihrer Bewegung durch den unendlichen
Raum stoßen sie aufeinander. Dadurch entstehen Wirbel, aus denen die
Weltkörper hervorgehen. Letztere entstehen und vergehen und sind in ihrer
Zahl gleichfalls unbegrenzt. Diese Lehre von der Weltenbildung187 wurde im
18. Jahrhundert durch Kant und durch Laplace zu neuem Leben erweckt.
Sie hat auch Giordano Bruno zu seinen Spekulationen über die
Unendlichkeit der Welten angeregt.
Demokrit wurde um 460 v. Chr. in der ionischen Kolonie Abdera geboren
und starb um 370. Er sammelte auf vielen Reisen zahlreiche Kenntnisse.
»Ich habe«, sagt er, »unter allen Menschen meiner Zeit die größten
Länderstrecken durchwandert, das Entfernteste erforscht, die meisten
Länder gesehen und kundige Menschen gehört.« Von seinen zahlreichen
Schriften ist leider nur wenig erhalten geblieben. Soviel läßt sich jedoch
erkennen, daß er in systematischen Werken, sowie in Einzelabhandlungen
das ganze Gebiet menschlichen Wissens zu umspannen gesucht hat. Er
schrieb nicht nur über Sternkunde, Medizin, Ackerbau, Technologie,
Kriegskunst wie viele andere vor ihm, sondern von ihm rührt auch der erste

Page 82

Versuch einer wissenschaftlichen Zoologie, Botanik und Mineralogie her188.
Gefördert und bereichert hat Demokrit die Wissenschaften im einzelnen
kaum in erheblichem Maße. Ihn als den größten Naturforscher des
Altertums zu bezeichnen, ist daher nicht berechtigt. In der Astronomie
haben ihn Oenopides und Meton übertroffen. Hielt er doch an der
Scheibengestalt der Erde fest, so daß er in seinen kosmischen Vorstellungen
weit unter Platon stand. Auch die Mathematik hat er trotz zahlreicher
mathematischer Schriften nicht wesentlich gefördert. Trotzdem muß man
bedauern, daß von seinen Werken nur geringe Bruchstücke189 übrig
geblieben sind. Demokrit war ohne Zweifel der größte Polyhistor (d. h.
kein bloßer Vielwisser) vor Aristoteles. Letzterer rühmt von ihm, daß er
überall die natürlichen Ursachen aufgesucht und vieles früher
Vernachlässigte festgestellt habe. Trotz seiner materialistischen
Weltanschauung war Demokrit nach den Zeugnissen der Alten eine edle,
reichbegabte, für Wahrheit und Wissenschaft begeisterte Natur.
Hatte Demokrit die von Leukipp (um 500. v. Chr.) herrührende
atomistische Lehre in ein System gebracht, so ist für ihre Weiterverbreitung
besonders Epikur tätig gewesen. Während des römischen Zeitalters wurde
sie dann durch Lucretius Carus (um 50 v. Chr.) in einem Ȇber die Natur
der Dinge« betitelten Lehrgedicht190 dargestellt.
Am meisten Schwierigkeiten machte es diesen als Atomisten bezeichneten
Philosophen, die zweckmäßige Beschaffenheit der Naturerzeugnisse, die
auch Demokrit nach einer Stelle des Aristoteles bewundert haben soll,
ohne die Mitwirkung einer Zwecktätigkeit, sondern lediglich aus der
Notwendigkeit zu erklären. Aristoteles (Physik II, 8) wirft die Frage auf,
»ob die Natur nur infolge einer blinden Notwendigkeit oder nach Zwecken
handle«. Falle doch auch der Regen nicht etwa, damit das Getreide wächst,
sondern weil die aufsteigenden Dünste sich verdichten. Daß das Getreide
dann wächst, treffe sich nur so nebenbei. »Könnte nicht«, fragt
Aristoteles, »dasselbe von allen Naturerzeugnissen gelten und könnten
beispielsweise die Vorderzähne nicht zufällig scharf und die Backenzähne
zufällig stumpf sein. Dann wäre der Dienst, den sie uns leisten, eine
unbeabsichtigte Folge dieses Zufalls und dem Zusammentreffen ähnlich,
das zwischen der Verdichtung der Dämpfe und dem Wachsen des Getreides
besteht. Diejenigen Wesen nun, bei denen sich alles so traf, wie wenn es zu
einem Zwecke entstanden wäre, blieben erhalten, dagegen ging unter und

Page 83

geht noch fortwährend zugrunde, was der Zufall nicht zweckmäßig gebildet
hat«. Aristoteles weist diese Einwendungen, die man, wie er sagt, machen
könnte, zurück. Nach ihm gibt es überall einen Zweck (»ein Weswegen«) in
dem, was von Natur geschieht. In ihr herrsche der Zweck ebenso wie in der
Kunst.
Wie sich die Atomisten die Welt ohne eine Zwecke setzende Tätigkeit
entstanden dachten, ersieht man aus einigen Stellen des Lukrez, so
insbesondere aus folgenden Versen191:
»Sage mir ferner, woher ist gekommen den Göttern das Vorbild
Der zu erzeugenden Dinge, ja selbst der Begriff nur des
Menschen;
Daß sie wußten und sahen im Geiste, was schaffen sie wollten.
Woher erhielten sie jemals von Kräften der Urstoffe Kenntnis,
Was durch veränderte Ordnung sie alles zu leisten vermöchten,
Hätte Natur nicht selbst eine Probe des Schaffens gegeben?
Denn gar viele der Urkörper pflegten seit ewigen Zeiten
Durch ihr eignes Gewicht und durch Stöße von außen getrieben,
Sich zu bewegen und mischen auf alle nur mögliche Weise
Und zu versuchen, was sie für Verbindungen schaffen wohl
könnten,
Wenn sie bald so, bald anders sich zueinander gesellten.
Ist da wohl zu verwundern, daß endlich sie nun auch in solche
Lage gerieten und auch in solche Bewegungen kamen,
Durch die das ganze All jetzt besteht und stets sich erneuert?«

Und etwas später192:
»Denn nicht haben Atome nach reiflich erwogenem Plane
Jedes zur richtigen Stell' sich begeben mit rechnendem Geiste,
Wahrlich auch nicht durch Verträge bestimmt eines jeden
Bewegung.«

Den Gedanken, daß die Natur oft neue Arten schaffe, die wieder
untergehen, wenn sie sich nicht erhalten können, hat nach dem
Wiederaufleben der Wissenschaften zuerst Cardanus ausgesprochen193. Er
tat dies in Anlehnung an die durch Lukrez verbreiteten Lehren Demokrits
und Epikurs. Es ergibt sich somit ein ununterbrochener Zusammenhang

Page 84

zwischen den schon im Altertum ausgesprochenen Vorahnungen der
Deszendenztheorie und ihrer wissenschaftlichen Gestaltung durch
Lamarck und Darwin. Übte doch die um 1715 entstandene Schrift de
Maillets einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der
evolutionistischen Ideen aus, der sich besonders ein Jahrhundert später bei
Lamarck bemerklich machte (s. i. IV. Bande). Wie Cardanus ist aber auch
de Maillet sehr wahrscheinlich durch die aus dem Altertum stammenden
Keime zur Aufstellung seiner Lehre veranlaßt worden194.
Mag man vom philosophischen Standpunkte aus der mechanischen
Welterklärung Wert beilegen oder sie für überwunden halten, man wird
immer die vorurteilsfreie und konsequente Denkweise ihrer Schöpfer
anerkennen müssen. Besteht doch auch heute das Bestreben der Forschung
darin, Qualität auf Quantität zurückzuführen und in der Meßbarkeit einer
Erscheinung ihre Erklärung zu finden. »Wer weiß, daß erst durch diese
Methode die großen Triumphe der Naturwissenschaft errungen wurden,
wird die Größe des demokritischen Gedankens zu würdigen wissen. Die
atomistische Theorie ist zwar ein Gewebe von Hypothesen. Und doch
haben wir kein besseres Netz, um die Naturerscheinungen für unser
Verständnis einzufangen«195. Die atomistische Lehre hat ein sonderbares
Schicksal erlitten. Auf das Zeitalter, in dem sie entstanden war, hat sie nur
einen geringen Einfluß ausgeübt. Erst 2000 Jahre später wurde sie durch
Gassendi und besonders durch Dalton wieder ins Leben gerufen. Seitdem
hat sie die größte wissenschaftliche Bedeutung erlangt, weil die Mechanik
der Atome allen Naturerscheinungen zugrunde gelegt wurde196.

Der Beginn der idealistischen Weltanschauung.

Eine weitere Tat der alten Philosophie bestand in der Aufstellung und
Durchführung des Zweckbegriffs an Stelle der von den Atomisten
behaupteten bewußtlosen Notwendigkeit durch Anaxagoras. Nach allem,
was wir von ihm wissen, war Anaxagoras einer der bedeutendsten
Philosophen des Altertums. Er wurde um 500 v. Chr. in Kleinasien geboren
und siedelte nach den Perserkriegen nach Athen über, wo er zu Perikles in
freundschaftliche Beziehungen trat. Anaxagoras erblickte im Nachdenken
über die Natur und das Geschehen seine Aufgabe und verpflanzte diese Art
des Philosophierens nach Athen, das in der Folge zum Mittelpunkt des

Page 85

geistigen Lebens der Alten wurde. Seine Schrift über die Natur war zur Zeit
des Sokrates sehr verbreitet. Von dieser Schrift sind leider nur Fragmente
erhalten geblieben197.
Wie Empedokles geht Anaxagoras von der Ansicht aus, daß alles
Geschehen ein Gemischtwerden und eine Entmischung sei, wobei sich die
Menge des Stoffes im Weltall weder mehre noch mindere. Die hierzu
erforderliche bewegende Kraft erblickte er in einer vom Stoff gesonderten,
freiwaltenden, selbst unbewegten Intelligenz. Diese nach Zwecken
handelnde Intelligenz wird aber von ihm mehr vorausgesetzt als
nachgewiesen. Daher werfen ihm Plato und Aristoteles vor, sein
»νοῦϛ«198 habe ihm zur Erklärung nur als deus ex machina gedient.
Aus dem Urzustande oder dem Chaos hat der »νοῦϛ« nach Anaxagoras als
ordnendes, nicht als schaffendes Prinzip das Universum entstehen lassen.
Eine Erschaffung aus dem Nichts ist eine orientalische Vorstellung, welche
dem griechischen Geiste wenig zusagte und uns daher bei den griechischen
Philosophen kaum begegnet. Der »νοῦϛ« und die Urbestandteile der Dinge
sind vielmehr von Anbeginn vorhanden. Es ist der philosophische Keim der
Lehre von der Erhaltung von Stoff und Kraft, der uns hier begegnet. Der
»νοῦϛ« versetzte die Masse in eine Art Wirbelbewegung, welche das
Gleichartige zusammenführte und das Weltall in seiner jetzigen Verfassung
entstehen ließ. Die später von Kant und Laplace entwickelte
Nebularhypothese besagt, wie wir sehen werden, im Grunde dasselbe. Nur
daß die Neueren diese Vorstellungen von der alten geozentrischen Ansicht
loslösten und sie vom Standpunkte der koppernikanischen Lehre
entwickelten. Infolge der Wirbelbewegung trennen sich nach Anaxagoras
Äther, Luft, Wasser und Erde voneinander. Vom letzteren Elemente
verharren einzelne Massen infolge der Wirbelbewegung im Äther, der ihnen
Leuchtkraft verleiht und sie uns als Gestirne erscheinen läßt. Für diese
Ansicht sprechen nach Anaxagoras die vom Himmel fallenden
Meteoriten, von denen er den 423 v. Chr. in Aegospotamoi (Thrazien)
gefallenen erwähnt. Er meint, dieses Eisenstück, das bei Tageslicht auf die
Erde herabgefallen sei199, stamme von der Sonne, und mache es
wahrscheinlich, daß letztere aus glühendem Eisen bestehe. Auch der Mond
sei ein Weltkörper wie unsere Erde und besitze Berge und Täler, eine
Vorahnung, deren Richtigkeit erst 2000 Jahre später durch Galilei erwiesen
werden konnte200. Anaxagoras teilte das Schicksal vieler aufgeklärten

Page 86

Geister. Er wurde im hohen Alter als Gottesleugner ins Gefängnis geworfen
und nur auf die Verwendung des Perikles hin wieder in Freiheit gesetzt.
Die Anklage stützte sich besonders darauf, daß Anaxagoras die Sonne für
einen glühenden Meteorstein erklärt hatte. Ihm, wie später dem Sokrates
und Aristoteles, hat das atheniensische Volk mit Undank gelohnt.
Erwies sich auch der auf Anaxagoras zurückzuführende Begriff der
Zweckmäßigkeit, der in den platonischen Ideen seine Fortbildung fand,
während der späteren Entwicklungsstufen der Wissenschaft als
unzureichend, so war er doch für die Naturforschung des Altertums von
Bedeutung und bei dem Aufbau des das Wissen jener Zeit umfassenden,
aristotelischen Lehrgebäudes das eigentlich Treibende.
Hinderlich wurde die alte Philosophie der Wissenschaft zuweilen dadurch,
daß sie sich mehr dichterisch schaffend als kritisch forschend verhielt. Man
war zu leicht geneigt, das Wort für das Ding und den Begriff für das
eigentliche Wesen des Dinges zu nehmen. »Durch die Wörter«, sagt daher
Lange in seiner Geschichte des Materialismus201 mit Recht, »ließen
Sokrates, Plato und Aristoteles sich täuschen. Wo ein Wort war, wurde
ein Wesen vorausgesetzt. Gerechtigkeit z. B. mußte doch etwas bedeuten.
Es mußte also Wesen geben, welche den Ausdrücken entsprechen.«
In Platon (427–347) erreichte die griechische Philosophie ihren
Höhepunkt. Sein System gipfelt darin, daß er die Idee als die Ursache und
den Zweck des Geschehens betrachtet und auf diese Weise das Geistige und
die Körperwelt aus einem Prinzip ableitet. Obgleich Platon wenig Eigenes
auf dem Gebiete der Mathematik geschaffen hat und seine Neigung zu den
Naturwissenschaften nur gering war, hat er dennoch diese beiden
Wissensgebiete in nicht geringem Maße befruchtet. Groß war vor allen
Dingen der persönliche Einfluß, den er als Gründer der atheniensischen
Akademie auf seine Schüler ausübte. Zu ihnen zählten Aristoteles,
Eudoxos und Herakleides Pontikos. Platon selbst wurde besonders
durch die Pythagoreer angeregt, mit deren Lehren er in Großgriechenland
bekannt geworden war. Auch in Ägypten ist Platon gewesen.
Seine Ansichten über die Natur entwickelt Platon in demjenigen seiner
Dialoge, der den Titel »Timäos« führt. Diese Schrift ist in besonders hohem
Grade durch mythische und pythagoreische Lehren beeinflußt. Nach
Platon besteht die Welt nicht seit Ewigkeit, wie der fast gleichzeitig

Page 87

lebende Demokrit lehrte, sondern sie hat einen Beginn und einen
Schöpfer. Ewig sind nur die Ideen, welche der Schöpfer, das ist das
bewegende Prinzip, mit dem zunächst ungeformten Urgrund der materiellen
Welt (etwa dem Chaos zu vergleichen) verbindet. Das Ergebnis ist nicht
eine Unendlichkeit von Welten, sondern nur eine Welt, der die
vollkommenste Gestalt, das ist die Kugelform, zukommt. Auch in den
Einzelheiten weicht die platonische Auffassung in solchem Maße von der
mechanischen ab, daß sie nicht die Grundlage der nach einer Erklärung aus
mechanischen Prinzipien suchenden Naturwissenschaften werden konnte.

Die Begründung der griechischen Mathematik.

In gleichem Maße, wie die ersten philosophischen Bestrebungen anregend
auf die Forschung gewirkt haben, war dies auch hinsichtlich der
Mathematik der Fall. Zur vollen Erkenntnis der Wahrheit, daß nur durch die
Vereinigung des mathematischen Verfahrens mit der experimentellen
Forschungsweise Aussicht auf eine Lösung der naturwissenschaftlichen
Probleme vorhanden ist, sollte jedoch erst die neuere Zeit gelangen. Es ist
ein wesentlicher Mangel der Alten, welche die Mathematik wohl zu
handhaben wußten, daß sie sich nicht in gleichem Maße für die Ausübung
des Experiments befähigt zeigten. Mannigfache Gründe sind hierfür ins
Feld geführt worden. Einer der wichtigsten bestand wohl in dem
Überschätzen der reinen Geistestätigkeit gegenüber jeder Beschäftigung mit
materiellen Dingen. Auch der Umstand, daß die Ausübung gewerblichen
Schaffens eines freien Mannes unwürdig galt und in die Hand der Sklaven
gelegt wurde, war dem Entstehen der experimentellen Forschungsweise in
hohem Grade hinderlich202.
Wenn wir die Entwicklung der Mathematik, die hier gleich den Ergebnissen
der Philosophie nur soweit in Betracht kommt, wie sie die
Naturwissenschaften beeinflußt hat, nach ihren ersten, an ägyptische und
babylonische Elemente anknüpfenden Schritten weiter verfolgen, so richtet
sich unser Blick von Ionien nach einem anderen Hauptsitz hellenischer
Bildung, nämlich nach Großgriechenland. Hatte man den Wert der
mathematischen Betrachtungsweise in Ionien überhaupt erst schätzen
gelernt, so finden wir dort, bei Pythagoras und seinen Anhängern eine
beträchtliche Überschätzung derselben. Wichtig ist vor allem, daß auch im

Page 88

übrigen Griechenland Männer auftraten, die in der denkenden Betrachtung
der Welt ihre Lebensaufgabe erblickten. Als einer der ersten wird uns
Pythagoras genannt. Da indes von seinem Leben fast nichts verlautet und
auch keine von ihm herrührende Schrift auf uns gekommen ist, so tritt uns
in Pythagoras wie in Thales eine sagenumwobene Gestalt entgegen.
Ersterer galt lange als der eigentliche Begründer der griechischen
Mathematik, während für Thales und Anaximander die Mathematik als
Hilfswissenschaft zur Lösung astronomischer Aufgaben in Betracht kam.
Heute ist das Urteil über die Bedeutung des Pythagoras wesentlich
eingeschränkt worden (s. S. 80).
Pythagoras wurde um 550 v. Chr. in Samos geboren. Über die Gründung
seiner Schule gehen die Nachrichten sehr auseinander. Es läßt sich
annehmen, daß er sich vorher gleich Thales in Ägypten, vielleicht auch in
Babylon203 aufgehalten hat. Auch in diesem Falle würde es sich also um eine
Verpflanzung orientalischer Wissenschaft auf den, ihrer weiteren
Entwicklung besonders günstigen Boden Griechenlands gehandelt haben.
Pythagoras und seine Schüler gingen, mehr ahnend als in wirklicher
Erkenntnis, von der Voraussetzung aus, daß eine durch Maß und Zahl
bestimmte Gesetzmäßigkeit alles natürliche Geschehen beherrsche. In
einseitiger Übertreibung dieses Gedankens erblickten sie dann in den
Zahlen den ursächlichen Grund der Erscheinungswelt. »Den Pythagoreern,«
sagt Aristoteles, »ward die Mathematik zur Philosophie.« Es handelte sich
indessen bei ihnen mehr um bloße Zahlenmystik, als um die Pflege und
Förderung exakter Wissenschaft. So bezogen sie die Sechs auf Belebung,
die Sieben auf Gesundheit, die Acht auf Freundschaft usw. Diese
Zahlenmystik der Pythagoreer ist zum Teil wohl auf akustische Versuche
und das Nachdenken über das Wesen der Harmonie zurückzuführen. Man
hatte bemerkt, daß der Ton einer Saite von bestimmter Spannung in die
Oktave übergeht, wenn man die Länge der Saite auf die Hälfte herabsetzt,
oder daß gleich gespannte und gleich dicke Saiten konsonierende Töne
geben, wenn sich ihre Längen wie 1 : 2, 2 : 3, 3 : 4, 4 : 5 verhalten. Den
Grund dieser Erscheinung suchten die Pythagoreer nun in dem
geheimnisvollen Wesen der Zahlen. Auch darin kam die Vorstellung von der
Bedeutung der Harmonie zum Ausdruck, daß die von der pythagoreischen
Schule beeinflußte Medizin Gesundheit als die Symmetrie gewisser

Page 89

Qualitäten wie Warm, Kalt, Trocken, Feucht usw. betrachtete, während
Krankheit in der Störung dieser Symmetrie bestehen sollte204.
Auf die Pythagoreer werden zurückgeführt – wobei sich indes nicht
unterscheiden läßt, was selbst gefunden und was an fremden Elementen
aufgenommen wurde – die Sätze über die Winkelsumme im Dreieck, über
die Kongruenz der Dreiecke, der sogenannte pythagoreische Lehrsatz,
sowie die Kenntnis des goldenen Schnitts; ferner die ersten Kenntnisse der
Stereometrie, insbesondere der fünf regelmäßigen Polyeder und der Kugel.
Zeugnisse für geometrische Entdeckungen des Pythagoras enthält die
Literatur des Altertums an etwa zwölf Stellen. Bei der Beurteilung der
Zuverlässigkeit dieser Zeugnisse ist indessen zu berücksichtigen, daß die
ältesten Angaben 500 Jahre, die Hauptquelle (Proklos) sogar 1000 Jahre
nach Pythagoras niedergeschrieben wurden205. Proklos, der sich auf die
beiden verloren gegangenen Schriften des Eudemos, des ältesten
Geschichtsschreibers der griechischen Mathematik206, stützt, hat
Pythagoras nicht für den Entdecker des Begriffes der irrationalen Größen
gehalten und ihm weder die Konstruktion der regulären Körper noch die
Entdeckung des pythagoreischen Lehrsatzes zugeschrieben. Auch Zeller,
der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie, ist schon der
althergebrachten Ansicht entgegengetreten, nach welcher Pythagoras
selbst als Mathematiker Hervorragendes geleistet haben soll. Das Ergebnis
aller neueren Nachforschungen besteht darin, daß sich eine bestimmte
Leistung auf dem Gebiete der Mathematik Pythagoras mit Sicherheit
überhaupt nicht zuweisen läßt.
Die den Griechen im allgemeinen nachgerühmte Strenge der
Beweisführung war bei den Pythagoreern noch wenig entwickelt. Sie
verfuhren häufig noch induktiv und wußten das Allgemeine von den
Einzelfällen noch nicht recht zu trennen. Immerhin kommt ihnen das
Verdienst zu, daß sie die Mathematik von den Bedürfnissen des Lebens
gesondert und sie als reine Wissenschaft aufgefaßt haben207. Vor allem
wurde die Lehre vom Dreieck durch Pythagoras und seine Schule so
vollständig entwickelt, daß Euklid, als er die mathematischen Kenntnisse
der Griechen in seinen »Elementen« zusammenstellte, nur wenig
hinzuzufügen brauchte. Daß die Winkel des Dreiecks zusammen zwei
Rechte betragen, bewiesen die Pythagoreer, indem sie durch eine Ecke eine
Parallele zur Gegenseite zogen208. Auf den nach Pythagoras benannten

Page 90

Satz wurde man wahrscheinlich dadurch geführt, daß man die aus Ägypten
oder Babylon zu den Griechen gedrungene Erkenntnis, ein Dreieck sei
rechtwinklig, wenn sich seine Seiten wie 3 : 4 : 5 verhalten, mit dem
arithmetischen Satze, daß 32 + 42 gleich 52 ist, zu verbinden wußte; wie
denn überhaupt die Stärke der späteren Pythagoreer in der Anwendung der
Zahlenlehre auf die Geometrie bestand. Auch den Satz, daß die drei
Winkelhalbierenden eines Dreiecks sich in einem Punkte schneiden, haben
die Pythagoreer gekannt und zur Auffindung des dem Dreieck
eingeschriebenen Kreises verwertet209. Eingehend haben sie sich ferner mit
den regelmäßigen Polygonen und mit den fünf regelmäßigen Polyedern
beschäftigt. Von letzteren waren der Würfel, das Tetraëder und das Oktaëder
schon Gegenstand der orientalischen Mathematik gewesen. Das Ikosaëder
und das Dodekaëder dagegen hat erst die pythagoreische Schule konstruiert.
Alle fünf Körper legten die Pythagoreer ihren mystischen
Welterklärungsversuchen zugrunde. Die Welt sollte die Form des
Dodekaëders besitzen, die vier übrigen regulären Körper dagegen für die
Teilchen der vier Grundstoffe, Feuer, Erde, Luft und Wasser,
formbestimmend sein210. Zu der Erkenntnis, daß es nur fünf reguläre
Polyeder gibt, d. h. Körper, die von gleichen, gleichseitigen und
gleichwinkligen Ebenen begrenzt sind, gelangte erst Euklid.
Wie für die Geometrie, so wurde damals auch in der Arithmetik eine
Grundlage geschaffen, welche den raschen Aufschwung ermöglichte, den
die Mathematik bald darauf in Griechenland erfuhr. Die Pythagoreer
schufen die Begriffe der Prim- und der relativen Prim- oder teilerfremden
Zahlen. Aus dem Orient übernahmen sie dann die Begriffe Quadrat- und
Kubikzahl, mit denen die Babylonier schon im 3. Jahrtausend v. Chr.
vertraut waren. Auch die Lehre von den Proportionen wurde von den
Pythagoreern gepflegt, da die Proportionen sich für manche Aufgaben, die
man heute durch Gleichungen löst, als besonders geeignet erwiesen. Neben
der arithmetischen (a - b = c - d) und der geometrischen (a : b = c : d)
erregten auch die durch Gleichsetzung der inneren Glieder sich ergebenden
stetigen Proportionen (a - b = b - c und a : b = b : c) die Aufmerksamkeit
der pythagoreischen Schule.
Auf den Begriff des Irrationalen wurden die Pythagoreer geführt, indem sie
erkannten, daß die Diagonale und die Seite eines Quadrates kein
gemeinschaftliches Maß besitzen. Die systematische Darstellung der Lehre

Page 91

von der Irrationalität erfolgte durch Euklid. Er dehnt sie auf mehrfache
Quadratwurzeln aus, behandelt aber nur solche Ausdrücke, die sich mit
Zirkel und Lineal konstruieren lassen211.
Einige Jahrhunderte unausgesetzter Pflege der mathematischen
Wissenschaften, mit denen sich auch die hervorragendsten unter den
Philosophen, wie Platon und Aristoteles, beschäftigten, genügte dann,
um in den Werken des Apollonios und des Archimedes Leistungen
allerersten Ranges heranreifen zu lassen. Besonders in der Hand des
letzteren wurde die Mathematik zu einem Werkzeug, mit dem schon die
Bewältigung mancher physikalischen Aufgabe gelang.
In der Geschichte der griechischen Mathematik nimmt der um 440
wirkende Hippokrates von Chios eine vermittelnde Stellung zwischen der
älteren Schule der Pythagoreer und den Mathematikern des 4. Jahrhunderts
v. Chr. ein. Hippokrates begründete eine strengere Beweisführung. Auch
war er der erste, der ein mathematisches Lehrgebäude veröffentlichte212. Am
bekanntesten ist sein Satz von den Möndchen (Lunulae Hippokratis). Er
lautet: Gegeben sei ein dem Halbkreise eingeschriebenes,
gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck. Errichtet man dann Halbkreise
über den Katheten, so sind a und a' (die Lunulae) den Stücken b und b'
flächengleich (Abb. 12). Hippokrates hat ferner bewiesen, daß sich die
Kreisflächen wie die Quadrate der zugehörigen Durchmesser verhalten. Auf
ihn ist wahrscheinlich auch die Exhaustionsmethode zurückzuführen, die
uns im Verfolg der weiteren Entwicklung der griechischen Mathematik
noch wiederholt beschäftigen wird.

Abb. 12. Der Satz des Hippokrates.

Der Satz über die Lunulae ist deshalb von besonderem Interesse, weil er der
erste gelungene Versuch ist, eine krummlinige Figur zu quadrieren.
Hippokrates 213 glaubte sogar, durch seinen Satz der Quadratur des Kreises

Page 92

einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine auf die Lösung dieses
Problems hinzielenden Versuche mußten indessen schon deshalb
ergebnislos bleiben, weil, wie die neuere Mathematik bewiesen hat, die
wahre Quadratur des Kreises nicht möglich ist. Des Hippokrates Satz über
die Lunulae war eine wichtige Verallgemeinerung des pythagoreischen
Lehrsatzes. Letzterer beschränkte sich auf Quadrate. Das Hinzukommen
des neuen Satzes ließ schon die Erkenntnis durchschimmern, daß, ganz
allgemein, ähnliche Figuren über den Katheten zusammen einer ähnlichen
Figur über der Hypotenuse flächengleich sind.
Für die alte Mathematik besaßen drei Probleme eine treibende Kraft, wie
wir sie für die Chemie in dem Problem der Metallverwandlung kennen
lernen werden. Es waren dies die Quadratur des Kreises, die Verdopplung
des Würfels oder das delische Problem und die Dreiteilung eines beliebigen
Winkels. Alle drei Aufgaben waren so naheliegend und schienen so einfach
zu sein. Und doch haben sie, soweit sie überhaupt lösbar sind, den größten
Mathematikern kaum überwindbare Schwierigkeiten bereitet.
Mit den Versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden, beginnt die
griechische Mathematik im 5. Jahrhundert v. Chr. reine Wissenschaft zu
werden. Das Problem beschäftigt schon den Anaxagoras. Es führt bereits
um jene Zeit214 zum Exhaustionsverfahren, das Archimedes weiter
entwickelte und das als Vorstufe zur Integrationsmethode der neueren
Mathematik betrachtet werden kann. Da eine vollkommene Lösung der
Quadratur nicht gefunden werden konnte, so begnügte man sich bei der
Exhaustionsmethode mit einer angenäherten Bestimmung. Man zeichnete in
den Kreis zunächst ein Quadrat. Über den Seiten dieser Figur errichtete
man die Seiten des dem Kreise eingeschriebenen Achtecks, darüber das
eingeschriebene Sechszehneck und so fort, bis das schließlich erhaltene
Vieleck von dem Kreise kaum noch abwich. Dieses Vieleck wurde dann
nach den bekannten Verfahrungsweisen der Elementarmathematik so oft in
ein flächengleiches Vieleck von geringerer Seitenzahl umgeformt, bis man
schließlich das dem Kreise annähernd flächengleiche Quadrat gefunden
hatte. Ein derartiges konstruktives Verfahren war sehr umständlich und um
so fehlerhafter, je größer die Zahl der vorgenommenen Konstruktionen war,
da ja jede einzelne von dem wahren Werte mehr oder weniger abwich.
Gleichfalls im 5. Jahrh. v. Chr. tauchte das delische Problem auf. Seinen
Namen soll es daher erhalten haben, daß den Deliern durch ein Orakel

Page 93

befohlen wurde, einem würfelförmigen Altar den doppelten räumlichen
Inhalt zu geben. Das Problem, mit dem sich alle bedeutenden griechischen
Mathematiker, unter ihnen auch Hippokrates von Chios und Platon
beschäftigt haben, führte zunächst zum Begriff der Kubikwurzel. Ist
nämlich die Kante des gegebenen Würfels a, diejenige des gesuchten x, so
ist x3 = 2a3 und x = a∛2. Auf diesen Ausdruck kam schon Hippokrates.
Während aber für die Quadratwurzeln geometrische Konstruktionen
gefunden werden konnten, versagte dieser Weg zunächst bei der
Kubikwurzel215. Die Gleichung x = a∛2 bedeutet, daß die gesuchte Seite des
doppelten Würfels die erste (x) von zwei mittleren Proportionalen (x und y)
ist, die man in Form einer laufenden Proportion zwischen die einfache (a)
und die doppelte Seite (2a) des gegebenen Würfels einschaltet. Ist nämlich
a : x = x : y = y : 2a, so ist
(1) a : x = x : y und
(2) x : y = y : 2a.
Setzen wir den aus (2) ermittelten Wert für y, nämlich y = √(2ax) in
Gleichung (1) ein, so erhalten wir a : x = x : √(2ax), daraus folgt:
x2 = a√(2ax)
x4 = a2 · 2ax
x3 = 2a3
x = a∛2.
Die Aufgabe war also gelöst, wenn es gelang den Wert x, ausgehend von
der laufenden Proportion a : x = x : y = y : 2a, zu konstruieren. Geometrisch
ist diese Proportion durch beistehende Figur (Abb. 13) ausgedrückt: ABCD
ist ein Rechteck. ACD und CDE sind rechtwinklige Dreiecke. Für die in der
Figur mit a, b, x, y bezeichneten Stücke gelten dann nach einem bekannten
Satz über die Proportionalität rechtwinkliger Dreiecke die Verhältnisse a : x
= x : y und x : y = y : b216.
Spätere Mathematiker, unter denen vor allen Platons Schüler
Menächmos (etwa 350 v. Chr.) zu nennen ist, gelangten durch die
Beschäftigung mit dem delischen Problem über die Geometrie der Geraden
und des Kreises hinaus zu den für die Astronomie und die Mechanik so
überaus wichtigen, als Parabel, Ellipse und Hyperbel bezeichneten Kurven.

Page 94

Ausgehend von der schon Hippokrates geläufigen Proportion a : x = x : y
= y : b, in welcher b für den besonderen Fall der Würfelverdoppelung
gleich 2a ist, erkannte Menächmos, daß die aus jener Proportion
folgenden Ausdrücke x2 = ay und y2 = bx zu einer neuen Kurve führen.
Beide Ausdrücke sind nämlich in der Form gleich und enthalten daher auch
die gleiche Forderung. Ins Geometrische übersetzt bedeuten sie nämlich, an
eine Gerade ein Rechteck (ay) so anzutragen (παραβύλλειν), daß der Inhalt
einem Quadrate (x2) gleich ist.

Abb. 13. Konstruktion zur Lösung des delischen Problems.

Menächmos erkannte, daß der geometrische Ort für die Schnittpunkte
aller, dieser Bedingung genügenden Rechtecke eine vom Kreise
abweichende krumme Linie bildet, die später wegen des Antragens
(παραβολή) des Rechteckes an die Gerade den Namen Parabel erhielt. Er
zeigte weiter, daß sich der für die Würfelverdoppelung gesuchte Wert x als
Schnittpunkt einer Parabel mit einer Hyperbel oder als Schnittpunkt zweier
Parabeln ermitteln läßt. Doch würde ein weiteres Eingehen auf diese
Konstruktionen hier zu weit führen. Jedenfalls steht fest, daß Menächmos
mit einer punktweisen Konstruktion beider Kurven und mit ihren
Grundeigenschaften, ja sogar mit den Asymptoten der Hyperbel bekannt
war217. Die Beziehung der von ihm untersuchten Kurven zur
Kegeloberfläche hat Menächmos wahrscheinlich noch nicht erkannt,
jedenfalls gelangte er zu diesen Kurven, indem er sich bemühte, für einen
arithmetischen Ausdruck den zugehörigen geometrischen Ort zu
bestimmen218.
Auch die Aufgabe, einen Winkel in drei gleiche Winkel zu zerlegen, führte,
wie das delische Problem, auf kubische Gleichungen und höhere Kurven.

Page 95

So gelang es um 400 v. Chr.219 die Dreiteilung des Winkels mit Hilfe der
Quadratrix genannten Kurve auszuführen220.
Die Beschäftigung mit dem delischen Problem und den Kegelschnitten
führte im Verlauf der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. auch zu
einem tieferen Eindringen in die Wahrheiten der Stereometrie. Vor allem
sehen wir Platon und seine Schüler auf diesem Gebiete tätig. Auf den
unbefriedigenden Zustand dieser Wissenschaft wies er mit folgenden
Worten hin: »Hinsichtlich der Messungen von allem, was Länge, Breite und
Höhe hat, legen die Griechen eine in allen Menschen von Natur
vorhandene, aber ebenso lächerliche wie schmähliche Unwissenheit an den
Tag«. Platon gebührt aber auch das allgemeinere Verdienst, die
mathematische Methode dadurch verbessert zu haben, daß er jeden Satz auf
Vordersätze zurückführte, bis er endlich zu Axiomen und Definitionen als
den, weitere Voraussetzungen entbehrenden Grundlagen der Mathematik
gelangte. Auch die Erfindung des indirekten Beweisverfahrens wird Platon
zugeschrieben221.
Unter den stereometrischen Sätzen, welche die platonische Schule auffand,
verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden. Es ist das der Satz von
der Raumgleichheit der Pyramide mit dem dritten Teile des Prismas von
gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Ferner erkannte man, daß Kugeln
sich in bezug auf den Rauminhalt wie die dritten Potenzen ihrer
Durchmesser verhalten222. Um jene Zeit scheint auch die Entdeckung
stattgefunden zu haben, daß Ellipse, Parabel und Hyperbel wie der Kreis als
Kurven auf der Kegeloberfläche (Kegelschnitte) entstehen, wenn man
Ebenen in verschiedener Neigung zur Kegelachse durch den Kegel legt223.

Die Anfänge der griechischen Astronomie224.

Nicht so erfolgreich wie auf den Gebieten der Philosophie und der
Mathematik sind die Griechen während dieser Periode in der Astronomie
gewesen. Die Anfänge dieser Wissenschaft verdankten sie den Sternwarten
Mesopotamiens, so die Kenntnis der Ekliptik, der Tierkreiszeichen, der
Planetenreihe usw. Auch das Duodezimal- sowie das Sexagesimalsystem
und die auf diesen Systemen beruhenden Maße gelangten über die
ionischen Städte, welche dem babylonischen Einfluß weit geöffnet waren,

Page 96

nach Griechenland225. Große Schwierigkeiten bereitete den Griechen ihre
Zeitrechnung, der sie anfangs die Bewegung des Mondes zugrunde legten.
Man sah dieses Gestirn in rascher Folge einen Wechsel von Lichtgestalten
durchlaufen und gelangte dadurch zur Aufstellung des synodischen Monats,
dessen Dauer 29 Tage 12 Stunden und 44 Minuten beträgt. Es ist nun sehr
wahrscheinlich, daß der erste Versuch, die Rechnung nach Mond und Sonne
zu regeln, zur Festsetzung eines Zeitraums von 12 Monaten zu 30 Tagen
führte. Ein solcher Kalender konnte den Bedürfnissen jedoch nicht lange
genügen, da er dem tatsächlichen Verlauf der himmlischen Bewegungen zu
wenig entsprach. Der nächste Schritt bestand deshalb darin, daß man den
Monat abwechselnd zu 29 und 30 Tagen rechnete. Dadurch wurde das Jahr
aber auf 354 Tage verkürzt. Mit diesem Zeitabschnitt rechneten die
Griechen, bis Solon den bedeutenden Ausfall, den man erlitten, dadurch
ausglich, daß er jedem zweiten Jahre einen vollen Monat von 30 Tagen
zulegte. Auf das Jahr kamen also im Mittel (2 · 354 + 30)/2 = 369 Tage, was
noch immer eine starke Abweichung von der wirklichen Dauer bedeutete.
Einer der ersten, der sich (um 460 v. Chr.) bemühte, die Kalenderrechnung
durch einen besseren Ausgleich zwischen dem Mondumlauf und dem
Sonnenjahr zu regeln, war der Astronom Oenopides auf Chios, zu dessen
Schülern wahrscheinlich Hippokrates von Chios zählte. Oenopides
setzte 730 Mond-Monate 59 Sonnen-Jahren gleich und kam so zu einer
Jahreslänge von 365,373 Tagen. Er soll auch viel zur Übermittlung der
ägyptischen und babylonischen Astronomie beigetragen und den aus
gleichen Abschnitten bestehenden Tierkreis in Griechenland eingeführt
haben. Auch dadurch hat er sich einen Namen gemacht, daß er die
regelmäßig wiederkehrenden Nilschwellen auf kosmische Ursachen
zurückführte.
Die Verwirrung, in welche der Kalender der Griechen geraten war, hat ihr
großer Lustspieldichter Aristophanes 226 dadurch verspottet, daß er den
Mond über einen solch unhaltbaren Zustand sich beklagen läßt. Erst dem
atheniensischen Mathematiker Meton gelang 433 v. Chr. die endgültige
Beseitigung dieses Wirrsals. Er führte einen Zyklus ein, der 19 Jahre und
innerhalb dieses Zeitraums 125 »volle« und 110 »leere« Monate umfaßte,
so daß das Jahr (125 · 30 + 110 · 29)/19 = 365,263 Tage enthielt, während
der wahre Wert des Sonnenjahres sich auf 365,242 Tage beläuft227.

Page 97

Die Einteilung nach Stunden, für die sich bei Herodot noch keine
besondere Bezeichnung findet, scheint erst gegen das Ende des 4.
vorchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein. Vorher
begnügte man sich damit, daß man aus der Schattenlänge des eigenen
Körpers oder eines senkrechten Sonnenzeigers auf das Vorrücken der
Tageszeit schloß228.
Zu einer annähernden Bestimmung des Sonnenjahres mußte man gelangen,
sobald man zur genaueren Messung der Schattenlänge mit Hilfe des
Gnomons überging. Man erkannte, daß die Mittagshöhen und damit die
Tageslängen und die Jahreszeiten innerhalb einer Periode von 3651/4 Tagen
wiederkehren. Zu dieser Erkenntnis kam die Beobachtung, daß innerhalb
derselben Periode gewisse Fixsterne nacheinander in der Nähe der auf- oder
untergehenden Sonne gesehen werden. Daraus schloß man, daß die stete
Änderung in der Kulmination der Sonne daher rühre, daß dieses Gestirn im
Laufe eines Jahres einen zum Himmelsäquator geneigten Kreis beschreibt.
Um die Neigung dieses, als Ekliptik229 bezeichneten Kreises zu bestimmen,
war es erforderlich, die größte und die geringste Mittagshöhe an einem Orte
zu messen und das Mittel aus der Differenz dieser Höhen zu nehmen. Der
erste Grieche, der die Schiefe der Ekliptik auf diesem Wege bestimmte, soll
Anaximander gewesen sein230. Indes begegnen wir weit früheren Angaben.
So fanden chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. für die Schiefe
der Ekliptik ziemlich richtig den Wert von 23° 52'.
Hinsichtlich der Beschaffenheit des Mondes gelangte man schon frühzeitig
zu der Vorstellung, daß es sich um eine freischwebende, von der Sonne
beleuchtete Kugel handele. Seine Flecken wurden von einigen als
Unebenheiten, von anderen (wie Aristoteles) als Spiegelbilder unserer
Erdteile und Meere aufgefaßt. Schon Anaxagoras hat sich die Frage
vorgelegt, weshalb ein, der Erde so naher und vermutlich um vieles
kleinerer Himmelskörper nicht zur Erde herunterfalle. Er trifft auch so
ziemlich das Richtige, wenn er die Mondbewegung mit der Bewegung in
einer Schleuder vergleicht, durch deren raschen Umschwung die Neigung
zu fallen gleichfalls aufgehoben werde.
Während die Entdeckung der größeren Planeten aus der Veränderung ihrer
Stellung zu den Fixsternen auf den ersten Blick erfolgen mußte, setzte die
Auffindung des Merkur, der sich im Mittel nur um 23 Grade von der Sonne

Page 98

entfernt und daher in höheren Breiten nur in der Dämmerung mit guten
Augen wahrzunehmen ist, schon eine größere Aufmerksamkeit voraus.
Auch der Saturn wird wegen seines langsamen Fortrückens erst
verhältnismäßig spät als Wandelstern erkannt worden sein. Eine
systematisch geordnete Reihe von Beobachtungen gehörte dazu, die Zeiten
festzustellen, innerhalb deren die Planeten in ihre frühere Stellung
zurückkehren. So gelangte man zu der Erkenntnis, daß Jupiter in 12, Saturn
dagegen erst in 30 Jahren ihren Weg am Fixsternhimmel vollenden.
Größere Schwierigkeiten boten der Mars und die innerhalb der Erdbahn
befindlichen Planeten Merkur und Venus dar. Da letztere beiden jedoch
stets in der Nähe der Sonne erscheinen, so mußten sie der geozentrischen
Vorstellung gemäß etwa dieselbe Umlaufszeit besitzen. Als Grund dieser
sämtlichen Unterschiede nahm man einen verschieden großen Abstand der
Himmelskörper von der im Mittelpunkte ruhend gedachten Erde an. Saturn,
dessen Umlauf die längste Zeit erfordert, mußte dementsprechend auch am
weitesten von der Erde entfernt sein, während der Mond, der zwölfmal in
einem Jahre seinen Umlauf vollendet, als der dem Mittelpunkte am
nächsten befindliche Himmelskörper galt. Man gelangte daher zu dieser
Reihenfolge: Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn.
Die Pythagoreer legten sich zuerst die Frage nach dem Verhältnis der
Abstände der Planeten vor. Sie bewegten sich hierbei jedoch auf dem
Gebiet der bloßen Zahlenmystik. Da sie bei ihren akustischen
Untersuchungen auf einfache Beziehungen zwischen den Längen
harmonisch tönender Saiten gestoßen waren, hielten sie sich für berechtigt,
auch am Himmel solche einfachen Verhältnisse ohne weiteres anzunehmen.
So nahm später Platon an, daß sich Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars,
Jupiter, Saturn in Abständen von der Erde befänden, die sich wie 1 : 2 : 3 : 4
: 8 : 9 : 27 verhielten231. Durch das Obwalten solcher Beziehungen sollte
dann, ähnlich wie im Reiche der Töne, eine Konsonanz entstehen. Man
dachte sich nämlich, jeder Planet rufe als ein in rascher Bewegung
befindlicher Körper einen Ton hervor, und dies verursache die Harmonie
der Sphären. Über die Entfernung der Fixsterne, welche der äußersten der
acht konzentrischen Sphären angehören sollten, läßt Platon nichts
verlauten.
Derartige Spekulationen, so überflüssig sie auch nach der Entdeckung der
tatsächlich obwaltenden Verhältnisse erscheinen mögen, sind für die

Page 99

Entwicklung der astronomischen Wissenschaft durchaus nicht ohne Belang
gewesen. Sie waren es, die zu Versuchen anregten, die Richtigkeit der
angenommenen Werte zu prüfen. Und wir werden sehen, auf welche Weise
man in der nächstfolgenden, schon der Messung zugewandten Periode der
griechischen Astronomie, der Lösung dieser Aufgabe näher kam. Zu allen
Zeiten hat der Weg der Forschung darin bestanden, daß auf einer gewissen
Stufe der Erkenntnis Hypothesen ersonnen wurden, an welche sich die
weiteren Versuche behufs einer Prüfung anschlossen. Auch als später
Kepler das Problem, das wir jetzt verlassen, wieder aufnahm, trat er mit
der vorgefaßten Meinung an dasselbe heran, die Planeten müßten, wie so
manches in der Natur, nach einfachen Verhältnissen geordnet sein. So ist
das von den Pythagoreern aufgeworfene Problem bis in die neueste Zeit
eine der fundamentalen Aufgaben geblieben, welche die Astronomie mit
immer größerer Genauigkeit zu bewältigen strebt. Hatten die Chaldäer und
die Ägypter die Himmelserscheinungen in Jahrhunderte umfassenden
Beobachtungsreihen nur aufgezeichnet und dadurch das wertvollste, den
Griechen zu Gebote stehende Material für eine weitere Entwicklung der
Astronomie geschaffen, so ging das jüngere, der Ergründung der Ursachen
mit regem Geiste zustrebende Volk zuerst zu einer Erklärung dieser
Erscheinungen über. Einen besonderen Anreiz bot diese Aufgabe den
Schülern Platons, der in seinem Timäos die Frage nach der Entstehung und
der Anordnung des Weltgebäudes aufgeworfen hatte. Mehr aus
philosophischen als aus deutlich erkannten astronomischen Gründen war
man gleich den Pythagoreern geneigt, der Erde keine das All
beherrschende, zentrale Stellung zuzuschreiben. Dieser Gedanke wurde von
Platons Schüler Herakleides Pontikos weiter verfolgt und zu einer
heliozentrischen Theorie erweitert, welche besonders durch Aristarch von
Samos im 3. Jahrhundert v. Chr. ausgebildet wurde.
Über die Anfänge der heliozentrischen Weltanschauung, die bis in die
Schule des Pythagoras und Platons zurückreichen, haben insbesondere
die Forschungen Boeckhs 232 und Schiaparellis 233 Licht verbreitet. Es ist
früher wohl behauptet worden, daß Pythagoras selbst schon die Bewegung
der Erde gelehrt habe. Für die Ansicht, daß Pythagoras eine andere als die
im frühen griechischen Altertum herrschende geozentrische Ansicht gelehrt
habe, spricht jedoch nichts Sicheres. Dagegen müssen wir annehmen, daß
die Lehre von der Kugelgestalt der Erde in der pythagoreischen Schule
schon galt, als sie in Griechenland noch unbekannt war234. Früher als die

Page 100

Erde stellte man sich den Himmel als eine Kugel vor, an deren Oberfläche
die Sterne angeheftet seien. Als man jedoch bemerkte, daß der Mond, die
Sonne und die Planeten an den Sternbildern vorüberziehen und die Planeten
mitunter für kurze Zeit von dem Monde verdeckt werden, da konnte man
sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Entfernungen der
Himmelskörper von der Erde verschieden seien. Den Versuch, die
Bewegung und die gegenseitige Stellung der Himmelskörper in ihrem
Verhältnis zur Erde zu erklären, machten unter den Griechen zuerst die
Pythagoreer. Unter ihnen war es der im 5. Jahrhundert lebende Philolaos,
dem wir die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über diese, für die weitere
Entwicklung der Weltanschauung grundlegenden Lehren verdanken. Man
hat es hier keineswegs mit bloßen Phantasieerzeugnissen zu tun. Mit Recht
sagt daher Schiaparelli: »Das System des Philolaos ist nicht die Frucht
einer ungeordneten Einbildung, sondern es ist aus der Tendenz entstanden,
die Daten der Beobachtung mit einem prästabilierten Prinzip über die Natur
der Dinge in Übereinstimmung zu bringen«235: Dieses Prinzip war die in der
pythagoreischen Schule entstandene Lehre von der Harmonie, die überall,
also auch im Kosmos, herrschen sollte.
Bei der Wichtigkeit der durch Philolaos übermittelten Lehren für das
Verständnis der von Platon, von Herakleides und Aristarch
entwickelten Ansichten wollen wir an der Hand der von Boeckh
herausgegebenen Bruchstücke uns ein Bild von diesen frühesten
kosmologischen Vorstellungen zu machen suchen; letztere führten in ihrer
weiteren Entwicklung schon im Altertum zu einer heliozentrischen
Weltansicht.
Nach Philolaos gibt es nur eine Welt, den Kosmos, und dieser besitzt die
Gestalt einer Kugel236. In der Mitte des Alls befindet sich das Zentralfeuer.
Die Peripherie wird von dem unbegrenzten Olymp gebildet, der seiner
Natur nach ebenfalls Feuer ist, wenn wir dieses völlig farblose Feuer auch
nicht wahrnehmen können. Nur durch die Sonne, die an sich ein dunkler,
glasartiger Körper ist, wird das Feuer des Olymps so modifiziert, daß wir es
wahrnehmen. Vielleicht ist man durch die Milchstraße zu der Annahme
eines alles umschließenden feurigen Olymps geführt worden. Zwischen
dem letzteren und dem Zentralfeuer bewegen sich zehn göttliche Körper,
nämlich die Fixsternsphäre, die fünf Planeten, dann die Sonne, unter ihr der
Mond, wie man aus den Verfinsterungen der Sonne schließen mußte, dann

Page 101

die Erde und endlich, dem Zentralfeuer zunächst, die Gegenerde. Während
Platon im »Timäos« die Erde als den Mittelpunkt bezeichnet, wird also bei
Philolaos – und zwar zuerst – der Erde eine Bewegung zugeschrieben.
Erde und Gegenerde bewegen sich in 24 Stunden um das Zentralfeuer.
Daraus erklärt sich die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels. Die
Gegenerde ist im Grunde genommen die den Bewohnern des Mittelmeeres
entgegengesetzte Hemisphäre. Denken wir uns diese Hemisphäre von der
den Griechen bekannten losgelöst und das Zentralfeuer, das man später in
den Mittelpunkt der Erde versetzte, gleichfalls in den Weltraum
hinausverlegt, so erkennen wir, daß Philolaos mit seiner Erde und
Gegenerde und ihrer gleichlaufenden täglichen Bewegung um das
Zentralfeuer die scheinbare tägliche Bewegung des Fixsternhimmels
begreiflich gemacht hat.
Bei einer solchen Bewegung bekommen wir die Gegenerde natürlich nie zu
sehen, ebensowenig wie wir die der unseren entgegengesetzte Hemisphäre
von unserem Standort aus erblicken können. Indem sich die Gegenerde
innerhalb der Erdbahn um das Zentralfeuer bewegt, und zwar so, daß sich
die Gegenerde stets zwischen der Erde und dem Zentralfeuer befindet,
bekommen wir die weit außerhalb des Systems »Zentralfeuer, Gegenerde,
Erde« befindliche Sonne während dieser parallelen und konzentrisch
erfolgenden Bewegung der Erde und der Gegenerde so lange nicht zu
sehen, als wir uns auf der von der Sonne abgekehrten Seite befinden. Wir
sind dann im Schatten der Gegenerde, die uns das Sonnenlicht während der
Hälfte des Tages genau so verbirgt, wie es in Wirklichkeit die aus der
Vereinigung von Erde und Gegenerde hervorgehende Erdkugel tut.
Derjenige, der an Stelle der täglichen Bewegung um ein Zentralfeuer die
tägliche Rotation unseres Planeten um seine Achse setzte und damit die
Annahme der Gegenerde und jenes Zentrums überflüssig machte, war
Herakleides Pontikos. Herakleides 237 ging aber noch einen Schritt
weiter, indem er die Sonne schon als Mittelpunkt für die Bewegungen der
beiden inneren Planeten, Merkur und Venus, ansprach. Diese Vorstellung
hat später bekanntlich Tycho auf alle Planeten mit alleiniger Ausnahme der
Erde ausgedehnt238.
Die Annahme, daß Merkur und Venus sich um die Sonne bewegen,
entsprang der Beobachtung, daß beide Planeten sich nur wenig von der
Sonne entfernen, nämlich Merkur im Mittel 23°, Venus höchstens 48°.

Page 102

Daher sagt auch Vitruv: »Merkur und Venus haben, da sie sich um die
Sonne als Mittelpunkt ihres Laufes bewegen, ihre Stillstände und Rückläufe
in die Sonnenstrahlen eingetaucht«239. Auch Platon beschäftigt sich mit
diesem Problem, und zwar im »Timäos«. Nach ihm setzte Gott den Mond in
den ersten Kreis um die Erde, die Sonne dagegen in den zweiten Kreis. Von
Merkur und Venus heißt es dort240, sie seien in die Kreise gesetzt worden,
»welche an Schnelligkeit sich zwar mit dem Kreislauf der Sonne gleich
bewegen, jedoch eine diesem entgegengesetzte Wirksamkeit erlangt haben.
Deswegen holen die Sonne, Merkur und Venus auf gleiche Weise einander
ein und werden voneinander eingeholt.« Mit solchen dunklen Andeutungen
war das Problem der Stillstände und Rückläufe indessen nicht gelöst. Eine
Theorie, die sich diesen Erscheinungen schon besser anpaßte, gab
Eudoxos durch die Annahme von »homozentrischen Sphären«. Vermittelst
dieser Theorie gelang es, die Bewegungen des Jupiter und des Saturn vom
geozentrischen Standpunkte aus begreiflich zu machen.
Da die Hypothese des Herakleides Pontikos eine Erklärung für das
Verhalten von Merkur und Venus gab, während die Theorie der
homozentrischen Sphären hier versagte, lag es nahe, zu untersuchen, ob die
Hypothese des Herakleides sich nicht auf die äußeren Planeten ausdehnen
ließe. So gelangte man zu dem System, das später Tycho annahm. Mond
und Sonne bewegen sich danach um die Erde, während die sämtlichen
Planeten gleichzeitig die Sonne umkreisen.
Alle übrigen Gestirne betrachtete man wohl als Gesteinsmassen, welche
durch die Schnelligkeit des Umschwungs erglühten. So dachten Demokrit
und Anaxagoras, während andere sie für Öffnungen des
Himmelsgewölbes hielten, aus denen das äußerste Element, das Feuer,
hervorbrechen sollte. Später sah man die Fixsterne als Weltkörper an, die
ihrem Wesen nach der Sonne und dem Monde gleich seien. Nach
Herakleides Pontikos (s. vorige Seite) endlich war jedes Gestirn wie das
unsere eine Welt für sich.
Daß die Fixsterne sich in verschiedener Entfernung von uns befinden
könnten, vermutete man im Altertum noch kaum241. Es herrschte vielmehr
die Vorstellung, daß sämtliche Fixsterne einer Sphäre angehörten242. Platon
und Herakleides waren dagegen der Ansicht, daß das Weltall unendlich
und ebenso wie jedes einzelne Gestirn beseelt sei.

Page 103

Gleichzeitig mit den ersten Beobachtungen und Spekulationen über die
Himmelskörper beginnt die Frage nach der Beschaffenheit unseres
irdischen Wohnsitzes den forschenden Geist zu beschäftigen. Lange dauerte
es, bis man sich von dem Eindruck, daß die Erde eine kreisförmige Scheibe
sei, losgerungen hatte. Homer und Hesiod waren noch darin befangen.
Letzterer läßt die Sonne während der Nacht im Ozean nach Osten
schwimmen, wo sie sich frühmorgens wieder erhebt. Der Himmel selbst ist
nach ihm ein Gewölbe von solcher Höhe, daß ein schwerer Gegenstand von
dort neun Tage und neun Nächte fällt, bis er die Erde erreicht.
Die Überzeugung, daß die um das Mittelmeer gelegenen Länder nur einen
kleinen Teil der Erde ausmachen, hatte schon vor Aristoteles Platz
gegriffen. So sagt Platon im Phaedon243: »Die Erde ist groß. Wir haben
davon nur einen kleinen Teil um das Mittelmeer herum inne, während
andere Menschen viele andere ähnliche Räume bewohnen.« In derselben
Schrift heißt es, die Erde schwebe in der reinen Himmelsluft oder dem
Äther und sei, von ferne betrachtet, einem Balle ähnlich.

Der Ursprung der Zoologie und der Botanik.

Während die Mathematik, die Philosophie und die Astronomie bei den
Griechen der voraristotelischen Zeit schon deutlich als besondere
Wissenszweige hervortreten, ist dies bezüglich der Botanik und der
Zoologie noch kaum der Fall. Den Pflanzen wandte man sich aus
medizinischem und landwirtschaftlichem Interesse zu. So erzählt uns
Theophrast, den wir als einen der frühesten botanischen Schriftsteller
kennen lernen werden, von den Rhizotomen (Wurzelgräbern) und den
Pharmakopolen (Arzneihändlern) der ersten griechischen Zeit. War das Ziel
dieser Männer auch ein überwiegend praktisches und ihr Tun mit vielen
abergläubischen Gebräuchen gemischt, so schufen sie doch die erste Quelle
des Wissens, nämlich die empirische Grundlage, zu der dann später die
Spekulation als zweites nicht weniger wichtiges Element hinzutreten mußte,
um mit der Empirie vereint zu wahrer Wissenschaft heranzuwachsen244.
Theophrast sagt von den Rhizotomen, sie hätten vieles richtig bemerkt,
vieles aber auch marktschreierisch übertrieben. Daß sie beim Ausgraben der

Page 104

Wurzeln auf den Flug der Vögel und den Stand der Sonne achteten,
erschien Theophrast als Torheit.
Die Pflanzenkenntnis der Griechen und die Zahl der den Hirten, Jägern,
Landleuten und den erwähnten Rhizotomen bekannten Pflanzen waren bei
einer so vielseitigen, mehrere tausend Blütenpflanzen umfassenden Flora,
wie sie Griechenland beherbergt, gewiß nicht unbedeutend. Einen
Rückschluß gestattet uns der Sprachschatz jenes Zeitalters. In den
homerischen Gesängen z. B. werden 63 Pflanzen erwähnt. In den
hippokratischen Schriften finden sich 236 Pflanzennamen, und bei
Theophrast, dem Zeitgenossen des Aristoteles, begegnen uns gar 455,
unter denen nur wenige sind, die nicht der Flora Griechenlands angehören.
Die ältesten fragmentarischen Aufzeichnungen über botanische Dinge
treffen wir bei dem Philosophen Empedokles, dem Begründer der Lehre
von den vier Elementen oder, wie er sich ausdrückte, den Wurzeln der
Dinge245. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus sind die Ansichten,
welche Empedokles über die Natur der Pflanze äußert, nicht allzu hoch
einzuschätzen. Er meint, unter allen lebenden Wesen seien zuerst die
Bäume aus der Erde hervorgegangen. Seiner Lehre von der Allbeseelung
der Natur entspricht die Meinung, daß die Pflanzen wie die Tiere Gefühle
der Lust und Unlust, ja Einsicht und Verstand besäßen. »Wisse denn, alles
erhielt Anteil an Sinn und Verständnis« ist ein Wort, das man dem
Philosophen zuschreibt246.
Aus der Beseelung der Pflanzen erklärte Empedokles Erscheinungen, die
wir auf mechanische Ursachen zurückführen, wie das Erzittern, das
Ausstrecken der Zweige gegen das Licht und das Emporschnellen
herabgebogener Äste247. Auch die ersten Keime der Lehre von den
Geschlechtern der Pflanzen begegnen uns bei Empedokles, wenn es sich
bei ihm auch nur um eine dunkle Ahnung handelte. So berichtet
Aristoteles, Empedokles habe gemeint, auch die Bäume brächten Eier
hervor. Und wie in dem Ei aus einem Teile das Tier entstände, das Übrige
aber Nahrung sei, so entstehe auch aus einem Teile des Samens die Pflanze,
das Übrige aber diene dem Keim und der ersten Wurzel als Nahrung248.
Auch anderen griechischen Philosophen werden Äußerungen über die Natur
der Pflanzen zugeschrieben. Sie verdienen zum Teil Erwähnung, wenn wir
uns von den Vorstellungen jener Männer auch kein solch abgerundetes Bild
machen können, wie von denjenigen des Empedokles. So soll auch

Page 105

Demokrit aus Abdera über die Pflanzen geschrieben, und einer seiner
Schüler soll bemerkt haben, daß die Blätter einer im Orient wachsenden
Pflanze bei der Berührung zusammenfallen. Wahrscheinlich handelt es sich
um eine dort wachsende Mimosenart. Anaxagoras nennt die Sonne den
Vater und die Erde die Mutter der Pflanzen. Auch soll er den Blättern das
Vermögen zu atmen beigelegt haben.
In fast noch engerer Beziehung als zu den Pflanzen befand sich der Mensch
zur Tierwelt. Hier fesselten ihn nicht nur die Formen, sondern auch die den
seinen oft so nahe verwandten Lebensäußerungen und der innere Bau, der
bei den höheren Tieren so große Übereinstimmung mit dem Bau des
menschlichen Körpers darbot. Vor allem waren es die Haustiere, an denen
die ersten zoologischen Kenntnisse gewonnen wurden. Beim Schlachten
und Opfern gewann man einen Einblick in die Anatomie dieser Geschöpfe.
An Haustieren besaßen die Griechen vornehmlich das Rind, das Pferd, das
Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund, auch wurden Hühner, Gänse,
Enten und Tauben gehalten. Was die übrige Tierwelt anbetrifft, so blieben
den Griechen die anthropomorphen Affen unbekannt. Dagegen kannten sie
manche andere Affenart, wie die Paviane und die Makaken. Mit den großen
Raubtieren wurde man besonders bekannt, nachdem Alexander und später
die Römer ein Weltreich gegründet hatten. So gelangten durch Pompejus
die ersten Tiger und schon um 200 v. Chr. die ersten Löwen nach Rom. Von
den Waltieren war besonders der Delphin bekannt. Die Papageien erwähnt
Aristoteles als indische Vögel. Außer zahlreichen Arten der
Knochenfische kannte man auch die Haifische und die Rochen, zumal den
elektrischen Rochen, ziemlich genau. Von den Weichtieren hatten besonders
die Tintenfische die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Kenntnis von
den niederen Tieren blieb, vielleicht von den Insekten abgesehen, indessen
auf einer niedrigen Stufe.
Einer der ersten, der allgemeine Betrachtungen über das Wesen der Tierwelt
anstellte, war wieder Empedokles, mit dessen Ansichten über die Pflanzen
wir uns soeben beschäftigt haben. Empedokles suchte nämlich, bei der
näheren Ausführung seiner Lehre von den vier Elementen, Bestandteile des
Tierkörpers, wie das Fleisch, das Blut und die Knochen, auf eine Mischung
jener vier Elemente zurückzuführen. Vom Rückgrat der Säugetiere meinte
er, es sei bei der Entstehung in einzelne Wirbel zerbrochen249. Unter den
späteren Philosophen soll besonders Demokrit Tierzergliederungen

Page 106

vorgenommen haben. Seine Ansichten finden bei Aristoteles oft
Erwähnung und zeugen mitunter von einer klaren Einsicht. Der Gegensatz
zwischen Demokrit und Aristoteles geht besonders aus der Bemerkung
des letzteren hervor, daß Demokrit nie vom Zwecke gesprochen habe,
sondern »alles, dessen sich die Natur bedient, auf die Notwendigkeit
zurückführe«250.
Demokrit hat seine Ansichten über das Wesen des Organischen in einer
besonderen Schrift entwickelt. Leider ist uns nur der Titel (Über die
Ursachen der Tiere) bekannt251.
Bei den spekulativen Neigungen der Griechen kann es nicht Wunder
nehmen, daß uns schon bei den ältesten griechischen Philosophen Anklänge
an die Deszendenztheorie begegnen252. So lehrte Anaximander, durch die
Sonnenwärme seien im Schlamme zuerst blasige Gebilde entstanden.
Daraus seien dann fischartige Geschöpfe hervorgegangen. Einige von ihnen
seien auf das Land gekrochen. Die so bedingte Änderung der Lebensweise
habe auch zu einer Umwandlung der Gestalt geführt. Auf diese Weise
sollten zunächst die landbewohnenden Tiere und endlich der Mensch
entstanden sein. Von letzterem nahm man an, daß er ursprünglich einem
Fische ähnlich gewesen sei. Die gleichen Ansichten hat Demokrit
entwickelt. Auch Epikur betrachtete alle Geschöpfe einschließlich des
Menschen als Kinder der Erde, die nur stufenweise Verschiedenheiten
aufweisen.
Bei dem Römer Lucretius, der in seinem Werke »De natura rerum« im
wesentlichen die Ansichten der griechischen Naturphilosophen wiedergibt,
finden sich gleichfalls Anklänge an die Selektionstheorie, unter anderm
auch der Gedanke, daß das Unzweckmäßige untergehe253. Derartige,
gelegentlich geäußerte, später als zutreffend anerkannte Gedanken haben
indessen mit der wissenschaftlichen Begründung der Deszendenztheorie nur
wenig gemein. Letztere ist und bleibt eine Tat des 19. Jahrhunderts, für die
in erster Linie Lamarck und Darwin in Betracht kommen.
Daß Darwin übrigens von den deszendenztheoretischen Ansichten des
Altertums, zwar ohne sie genauer zu kennen, wußte, geht aus seinen
eigenen Worten hervor, in denen er »von den auf seinen Gegenstand zu
beziehenden Andeutungen in den Schriftstellern des klassischen Altertums«
spricht.

Page 107

Erste Schritte zur Begründung der griechischen Heilkunde.

Zu den frühesten Ursachen, die zur Begründung der Naturwissenschaften
führten, gehört auch das Bestreben, die Krankheiten des menschlichen
Körpers zu heilen. Dieses Bestreben schärfte das Beobachtungsvermögen
und lenkte den Blick auf die umgebende Natur, die man der Heilkunde
dienstbar zu machen suchte. Bevor wir die erste Periode der Entwicklung
der griechischen Wissenschaft verlassen und zu Aristoteles und seine
Schule übergehen, wollen wir daher einen kurzen Blick auf eine der
wichtigsten Anwendungen der Naturwissenschaft, auf die Medizin, werfen.
Es ist dies zum Verständnis des Folgenden um so wichtiger, als
Aristoteles aus einer alten Ärztefamilie hervorgegangen war und bei der
Errichtung eines philosophischen und naturwissenschaftlichen
Lehrgebäudes zum Teil auf medizinischen Anschauungen fußte.
Aus dem Orient und Ägypten stammende Kenntnisse und Geheimlehren
haben ohne Zweifel die griechische Heilkunde stark beeinflußt, ja sie bilden
vielleicht die Grundlage, auf der sich die Heilkunde in Griechenland weiter
entwickelte. Es blieb jedoch den Griechen vorbehalten, das Zauberwesen,
das den Anfängen dieser Wissenschaft anhaftete, allmählich abzustreifen
und auch hier nach unbefangener Erkenntnis und Verknüpfung der
Tatsachen zu streben254. Unter den älteren Ärzten ist besonders Alkmäon
von Kroton, ein Schüler des Pythagoras, zu nennen255. Er wird als der
Begründer der Embryologie betrachtet und hat manche wertvolle
anatomische und physiologische Beobachtung gemacht. Nach ihm wird
jede Empfindung durch das Gehirn vermittelt und jede Bewegung von dort
aus geleitet. Alkmäon war der Hauptvertreter der im Einklang mit den
Vorstellungen der Pythagoreer ausgebildeten Lehre, daß Gesundheit und
Krankheit aus der harmonischen Mischung gewisser Qualitäten oder deren
Störung zu erklären seien (s. S. 80). Dieser Lehre liegt die uns sogleich
begegnende Anschauung von den vier Temperamenten zugrunde, die auch
auf richtiger Mischung beruhen sollten.
Das wichtigste Dokument, das wir über die medizinische Wissenschaft der
Griechen besitzen, ist die sog. hippokratische Büchersammlung. Wir
begegnen dieser Sammlung seit der Begründung der großen Bibliotheken in
Alexandrien. Als das Werk eines einzigen Mannes sind die hippokratischen
Bücher nicht zu betrachten256, wenn sich auch nicht in Abrede stellen läßt,

Page 108

daß Hippokrates als Begründer der wissenschaftlichen Heilkunde, der
zuerst das Zerstreute sammelte und zum Gesamtbild vereinigte, zu
betrachten ist257. Außer Hippokrates 258, der den Beinamen der Große
erhielt, sind noch sechs andere Ärzte gleichen Namens aus der alten
Literatur bekannt. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn die Frage
nach der Person des großen Hippokrates wenig geklärt ist, zumal keine
zuverlässige Biographie über ihn existiert. Daß nicht Hippokrates allein
der Verfasser der ihm zugeschriebenen Schriften sein kann, wird daraus
geschlossen, daß sich in diesen Schriften259 nicht nur manche Widersprüche
finden, sondern daß uns darin sogar eine Polemik der einzelnen Verfasser
gegeneinander begegnet260.
Was die Anatomie anlangt, so stützt sich das in den hippokratischen
Schriften enthaltene medizinische Wissen vorzugsweise auf die
Untersuchung der Tiere; doch lagen auch für den Menschen insbesondere
auf dem Gebiete der Osteologie zahlreiche Beobachtungen und
Erfahrungen vor. Am wenigsten waren den Alten der Bau und die Aufgabe
des Nervensystems bekannt. Als besondere Ausläufer dieses Systems
entdeckte man wohl zuerst den Sehnerven, den Gehörnerven und den
Trigeminus. Im übrigen wurden die Nerven und Sehnen zunächst
zusammengeworfen. Empfindung und Bewegung hielt man für immanente
Fähigkeiten. Als ihre Quelle galt das »Pneuma«, das vom Gehirn aus durch
die Adern zu allen Teilen des Körpers fließen sollte261.
Ein großer Fortschritt gegenüber der ältesten dämonologischen Auffassung
der Krankheiten bestand darin, daß die hippokratischen Schriften die
psychischen Störungen als Wirkungen körperlicher Krankheitszustände
auffaßten. Letztere werden durch eine Störung des Gleichgewichtes
zwischen den vier Flüssigkeiten (Humores) aufgefaßt, die den Körper
bilden. Als solche galten das Blut, der Schleim, die gelbe und die schwarze
Galle. Die Natur wird als heilbringender Faktor gewürdigt. Sie finde, heißt
es von ihr, auch ohne Überlegung immer Mittel und Wege. Auch einer
vernünftigen Prophylaxe wird das Wort geredet. Die Gicht wird z. B. auf
Wohlleben zurückgeführt und Mäßigkeit und Unverdrossenheit hygienisch
außerordentlich hoch gewertet. Als therapeutisches Mittel wird schon die
Musik empfohlen. Von der Höhe der gesamten Auffassung, die uns in den
hippokratischen Schriften begegnet, zeugt der Ausspruch: Das Kennen
erzeugt die Wissenschaft, das Nichtwissen den Glauben. Jedoch war man

Page 109

sich der Grenzen des ärztlichen Könnens wohl bewußt und erkannte an, daß
der beste Arzt die Natur selbst sei. Im Einklang damit war man in erster
Linie bestrebt, den natürlichen Vorgang der Heilung zu unterstützen. An
Amputationen wagte man sich noch nicht heran, da man das Unterbinden
der Adern noch nicht verstand. Bekannt ist der Hippokratische Satz: »Was
die Arzneimittel nicht heilen, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt
das Feuer. Was endlich das Feuer nicht heilt, das ist überhaupt nicht zu
heilen«262.
Unter den hippokratischen Schriften ist diejenige »Über die Diät« in
zoologischer Hinsicht wichtig. Sie enthält nämlich unter den
Nahrungsmitteln eine Aufzählung von etwa 50 Tieren in absteigender
Reihenfolge. Auf die Säugetiere folgen die Land- und Wasservögel, die
Fische, dann die Muscheltiere und endlich die Krebse. Reptilien und
Insekten werden nicht erwähnt, weil sie nicht gegessen wurden. Dieses
Tiersystem, das man wohl als das »koische« bezeichnet hat (etwa 410 v.
Chr.), kann als ein Vorläufer des Aristotelischen Tiersystems, das uns im
nächsten Abschnitt beschäftigen soll, betrachtet werden263.

Page 110

3. Das aristotelische Zeitalter.
Für das griechische Volk war mit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert
schon eine Zeit des staatlichen Niederganges angebrochen. Kunst und
Philosophie hatten gleichfalls ihre Blütezeit gehabt. Die wissenschaftliche
Entwicklung tritt indessen jetzt in eine Phase, welche für die Folge von
nicht geringerem Einfluß als die von den Griechen auf dem Gebiete des
staatlichen Lebens und der künstlerischen Betätigung geschaffenen
Vorbilder sein sollte. Es ist das wissenschaftliche, auf die Erfassung des
Naturganzen in seinem Zusammenhange gerichtete Streben des
Menschengeistes, das uns jetzt zum ersten Male in seiner vollen Bedeutung
entgegentritt. Dieses Streben verkörpert sich in Aristoteles und seinen
Schülern. Mögen auch die Vorstellungen, welche diese Männer leiteten, mit
den Prinzipien der heutigen Naturforschung oft nicht vereinbar erscheinen,
so kann man dennoch das Grundlegende ihrer Tätigkeit und die Bedeutung,
die sie nicht nur für das Altertum und für das Mittelalter, sondern auch für
die Entstehung der neueren Naturwissenschaft besitzen, nicht in Abrede
stellen.

Aristoteles.

In Aristoteles begegnet uns eine der bedeutendsten Erscheinungen des
Altertums, in der sich die Wissenschaft jenes Zeitraums gleichsam
verkörperte264. Er war der Sprößling einer griechischen Ärztefamilie265, die
am mazedonischen Hofe in hohem Ansehen stand. Aristoteles wurde im
Jahre 384 v. Chr. in Stagira, einer in der Nähe des Athos gelegenen
griechischen Kolonie, geboren. Seine Erziehung lag, wie es damals häufiger
der Fall war, in der Hand eines einzigen Mannes. Diesem bewahrte
Aristoteles eine Dankbarkeit, wie sie später ihm selbst wieder von seinem
großen Schüler Alexander erwiesen wurde. Im übrigen fehlen über die
Jugend und den Entwicklungsgang des Aristoteles nähere Nachrichten.
Doch darf man annehmen, daß er gemäß der in seiner Familie herrschenden
Tradition für den ärztlichen Beruf bestimmt war und sich zunächst für

Page 111

diesen vorbereitete. Auf diesen Umstand wird vor allem der empirische
Grundzug der aristotelischen Philosophie zurückzuführen sein.
War das Wissen im 5. Jahrhundert noch im Besitze weniger hervorragender
Geister, so wird es im vierten immer mehr zum Gemeingut der Gebildeten.
Die Literatur wuchs an Umfang und an Spezialisierung. Schon in der ersten
Hälfte des 4. Jahrhunderts gab es kaum noch einen Gegenstand, über den
nicht bereits Schriften erschienen wären266.
Der Brennpunkt des geistigen Lebens war um die Mitte des vierten
vorchristlichen Jahrhunderts Athen. Hier hatte Sokrates gelehrt und
Platon eine blühende Philosophenschule gegründet. Was Wunder, daß der
begüterte und für die Wissenschaft begeisterte Jüngling seine Schritte
zunächst dorthin lenkte. Im Jahre 367 trat er in die Akademie ein, an
welcher Platon lehrte. Er gehörte ihr bis zu dem 347 erfolgenden Tode des
Meisters ununterbrochen an. Platon soll Aristoteles seines
unermüdlichen Lernens halber den Leser genannt und ihn mit einem
anderen Schüler mit den Worten verglichen haben, dieser bedürfe des
Sporns, Aristoteles dagegen des Zügels. Mit Recht ist Aristoteles auch
später als einer der fleißigsten Gelehrten bezeichnet worden, den die
Geschichte der Wissenschaft kennt267. Sein Ruf muß unterdessen ein
hervorragender geworden sein. Es wird nämlich berichtet, daß König
Philipp von Mazedonien, als er ihm im Jahre 343 die Erziehung seines im
14. Lebensjahre stehenden Sohnes übertrug, folgende Worte an
Aristoteles geschrieben habe: »Ich fühle mich den Göttern zu Dank
verpflichtet, daß sie den Knaben zu Deiner Zeit geboren werden ließen.
Denn von Dir erzogen, hoffe ich, soll er der Nachfolge auf meinem Throne
würdig werden.« Und so wurde denn – ein Verhältnis, das einzig in der
Geschichte dasteht – der bedeutendste Denker jener Zeit mit der Erziehung
des größten Herrschers betraut.
Über das Erziehungswerk selbst, das nur die ersten Jahre des
mazedonischen Aufenthaltes unseres Philosophen (343–340) umfaßte,
fehlen nähere Nachrichten. Auch sind die Erzählungen, daß der königliche
Schüler seinem Lehrer 800 Talente268, sowie einen ganzen Trupp Leute zum
Sammeln von Naturkörpern zur Verfügung gestellt habe, mindestens
übertrieben. Soviel ist jedoch gewiß, daß Alexander wohl zu schätzen
wußte, was er dem Aristoteles verdankte. Durch unverschuldete
Umstände geriet letzterer gegen das Ende der Regierung Alexanders in

Page 112

Ungnade. Nach Ablauf eines acht Jahre umfassenden Aufenthaltes in
Mazedonien, der eine Zeit des Sammelns und der Vorbereitung gewesen ist,
in welcher ihn der Gedanke, eine Enzyklopädie der Wissenschaften zu
verfassen, jedenfalls schon beherrscht hat, kehrte Aristoteles im Jahre 335
nach Athen zurück.
Um eine solch umfassende wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, wie sie
uns bei Aristoteles begegnet, waren bedeutende Mittel erforderlich. Ob
ihm diese durch die Gunst der mazedonischen Könige oder aus eigenem
Vermögen zur Verfügung standen, läßt sich nicht mit Sicherheit
entscheiden. Sehr wahrscheinlich trafen beide Umstände zusammen und
ermöglichten es dem Aristoteles, daß er, als erster unter den griechischen
Philosophen, in den Besitz einer größeren Bibliothek gelangte. Die
Herstellung von Büchern war damals eine mühselige und kostspielige
Arbeit, und die Anzahl der Exemplare einer Schrift naturgemäß gering. Es
ist daher begreiflich, daß bedeutende Summen dazu gehörten, um die
Schriften seines Zeitalters sich in solchem Maße zugänglich zu machen, wie
es Aristoteles verstanden hat. Allein für die Werke eines Philosophen soll
er drei Talente bezahlt haben269.
In Athen hat Aristoteles im Lykeion, einem gymnastischen Spielen
dienenden Gebäude der Stadt, unterrichtet. Nach der Gewohnheit des
Meisters, dies im Auf- und Abwandeln zu tun, erhielt seine Schule den
Namen der Peripatetiker. Während Alexander die Welt eroberte, war
Aristoteles hier ein König im Reiche der Wissenschaften. Von seinen
zahlreichen Schriften ist indes nur der kleinere, aber wichtigere Teil
erhalten geblieben.
Die Stellung des Aristoteles in dem antimazedonisch gesinnten Athen, wo
er als Fremder und wegen seiner Beziehungen zu dem verhaßten großen
Könige von manchem ungern gesehen wurde, ist während seines 13jährigen
Aufenthalts in jener Stadt eine wenig angenehme gewesen. Als 323 v. Chr.
die Kunde von dem plötzlichen Tode Alexanders eintraf und von den
meisten als ein Zeichen zur Befreiung vom mazedonischen Joche begrüßt
wurde, erhoben sich daher zahlreiche Neider und Widersacher gegen
Aristoteles. Er wurde der Lästerung der Götter geziehen, zog es aber vor,
nicht eine Gerichtsverhandlung abzuwarten, sondern der ihm feindlich
gesinnten Stadt den Rücken zu kehren, damit diese, wie er im Hinblick auf
Sokrates sagte, sich nicht zum zweiten Male an der Philosophie

Page 113

versündige. Wie richtig Aristoteles seine Lage erkannt hatte, geht daraus
hervor, daß der Areopag ihn bald darauf, trotz seiner Abwesenheit, zum
Tode verurteilte. Aristoteles hatte sich indessen nicht weit entfernt. Er war
nach Euböa übergesiedelt in der Erwartung, durch einen Sieg der
Mazedonier über die Athener nach seinem langjährigen Wohnsitz
zurückgeführt zu werden. Diese Hoffnung sollte jedoch nicht in Erfüllung
gehen, denn schon in dem auf das Ende Alexanders folgenden Jahre,
bevor man in Griechenland die frühere Ordnung wieder hergestellt hatte,
setzte der Tod seinem reichen Leben ein Ziel.
Die Schriften und die Bücher des großen Philosophen gingen zunächst in
den Besitz seines Lieblingsschülers, des Theophrast, über. Manches wird
unvollendet gewesen und später ergänzt worden sein. Theophrast
hinterließ die Schriften wieder einem Schüler. Anderthalb Jahrhunderte
blieben sie darauf verborgen. Endlich gelangten sie, nachdem Sulla Athen
erobert hatte, nach Rom, wo sie in zahlreichen Exemplaren abgeschrieben
und verbreitet wurden. Daß dabei manches verunstaltet und verdorben
wurde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Die auf uns gekommenen Werke
nehmen im Oktavformat fast 3800 Seiten in Anspruch270. Davon ist indessen
ein Teil als unecht zu betrachten271.
Eine gänzlich unverändert gebliebene Schrift des Aristoteles gibt es sehr
wahrscheinlich nicht. Auch bei einigen Hauptwerken handelt es sich wohl
um Ausarbeitungen der Schüler. Dafür spricht unter anderem auch das
Fehlen eines einheitlichen Stiles. Andere Schriften sind bloße Entwürfe
oder Zusammenstellungen von Auszügen. Dazu kommen von späteren
Herausgebern herrührende Zusätze, die selten als solche kenntlich gemacht
sind. Endlich fehlt es nicht an Werken, die zwar den Namen des
Aristoteles tragen, die indessen als unecht oder nur zum geringen Teil als
aristotelisch gelten. Unter diesen sei nur die von Nikolaos Damaskenos
im augusteischen Zeitalter herausgegebene Schrift »Über die Pflanzen«
genannt. Über diesen Gegenstand gab es eine echte Schrift, die verloren
ging (s. S. 138). Auch eine mit Abbildungen versehene Schrift Ȇber die
Zergliederung der Tiere« ist leider nicht auf uns gelangt.

Aristoteles als Philosoph und seine Stellung zur
Naturwissenschaft.

Page 114

Den breitesten Raum unter den Werken des Aristoteles nehmen seine
naturwissenschaftlichen Schriften ein. Sie betreffen das gesamte Universum
von den allgemeinen Bedingungen der Körperwelt und dem Weltgebäude
bis herab zur Beschreibung und Zergliederung der die Erde als Tiere und
Pflanzen bevölkernden Einzelwesen. Folgende Schriften
naturwissenschaftlichen Inhalts sind bei der nachfolgenden Darstellung des
aristotelischen Lehrgebäudes vor allem in Betracht gezogen: »Die
physikalischen Vorträge«, »Über das Weltgebäude«, »Über Entstehen und
Vergehen«, »Die Meteorologie« und »Die mechanischen Probleme«272.
Unter den rein philosophischen Werken des Aristoteles verdient wegen
ihrer Bedeutung für jeden Zweig besonderer Wissenschaft das später
»Organon« genannte hervorgehoben zu werden. Es sind dies die von
Aristoteles zum ersten Male in ausführlicher Darstellung entwickelten
Grundzüge der formalen Logik.
Des Aristoteles Verdienst um die Naturwissenschaften ist ein doppeltes.
Einmal hat er das zerstreute Einzelwissen seiner Vorgänger vereinigt und
der Nachwelt durch eine außerordentlich fruchtbare schriftstellerische
Tätigkeit überliefert. Zum andern beschränkte er sich keineswegs auf eine
kritiklose Kompilation dieses Wissens. Vielmehr stellte er sich die
gewaltige Aufgabe, aus philosophischen Prinzipien heraus ein System aller
Wissenschaften zu entwickeln. Die Philosophie, das Streben nach
Welterklärung, war also der Ausgangs- und der Angelpunkt, aus dem bei
ihm die Wissenschaft erwuchs. Denken und Welt in ihrem Gegensatz und in
ihrer Wechselbeziehung wollte Aristoteles begreifen und begreiflich
machen. Die Philosophie, die bei Platon noch voll poetischen Schwunges
gewesen, wurde bei Aristoteles nüchterne Betrachtung des Ichs mit seiner
Denktätigkeit und seinen Anschauungsformen, sowie der Welt mit ihren
Einzeldingen. In ihnen suchte er die Idee, welche bei Platon über und
hinter den Dingen stand, sowie die Zwecke nachzuweisen. Man kann
Platon den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Wirklichkeit allzusehr
vernachlässigte und an ihre Stelle ein System aus häufig inhaltsleeren
Begriffen setzte, während Aristoteles sich von der Überzeugung leiten
ließ, daß wirkliche Erkenntnis nur aus der Erfahrung entspringen kann.
Aristoteles fordert daher, man solle »zuerst die Erscheinungen auffassen
und dann erst die Ursachen angeben«.

Page 115

In der Befolgung des dialektischen Verfahrens, das er meisterhaft zu
handhaben wußte, ist Aristoteles ein Jünger des Sokrates und des
Platon. Während indessen die Philosophie der letzteren vorzugsweise auf
dem Boden der Dialektik wurzelte, sucht Aristoteles das beobachtende
Verfahren der Naturwissenschaft mit der Dialektik zu verknüpfen, was
seine Lehrmeister nicht vermocht hatten. »Zwar gelang es ihm nicht, beide
Elemente völlig ins Gleichgewicht zu bringen, doch hat er durch ihre
Verknüpfung das Höchste unter den Griechen geleistet«273. Sokrates und
Platon hatten zuerst nach den Begriffen gefragt und die oft nur aus der
Betrachtung des Sprachgebrauches und der herrschenden Meinung
gewonnene Erkenntnis des Begriffes dem weiteren Forschen zugrunde
gelegt, während Aristoteles außer dem Begriff die bewegenden und
stofflichen Ursachen ins Auge faßte. Er ist nicht nur ein scharfer Denker,
sondern ein solch unermüdlicher Beobachter, daß ihm nicht selten ein
übertriebener Empirismus zum Vorwurf gemacht worden ist. Die bei der
Naturerklärung zu befolgenden Grundsätze finden sich bei ihm nicht
zusammenhängend entwickelt, sondern in zahlreichen Einzelbemerkungen
zerstreut. Aus ihnen läßt sich folgendes entnehmen: Stets hat der Erklärung
die Beobachtung vorauszugehen. Daß man die Theorie auf die Erkenntnis
des Einzelnen stützen müsse, wird häufiger betont. Von der Beobachtung
wird verlangt, daß sie sorgfältig, umfassend und vor allem frei von jeder
vorgefaßten Meinung sei. Handelt es sich um die Beobachtungen anderer,
so ist strenge Kritik anzulegen. Kurz, es begegnen uns bei Aristoteles
Grundsätze, wie sie die dem Empirismus huldigenden Philosophen der
neueren Zeit, wie Bacon, kaum besser entwickelt haben. Indessen
entsprach dem Wollen, wie es auch bei Bacon der Fall war, nicht das
Vermögen. Es lassen sich dafür verschiedene Gründe anführen. Einmal
waren die Hilfsmittel der wissenschaftlichen Forschung zur Zeit des
Aristoteles noch sehr wenig entwickelt. Vor allem mangelte es auf fast
allen Gebieten noch an der Möglichkeit einer schärferen Bestimmung der
quantitativen Verhältnisse. Aristoteles empfindet dies schon, wo er von
der Wärme handelt. Von einer Vervollkommnung der Sinne und der dadurch
zu ermöglichenden weitgehenden Schärfung der Beobachtung besaß er aber
wohl keine auch nur dunkle Ahnung. Was für die Sinne nicht existierte, galt
ihm noch als nicht vorhanden274.
In treffender Würdigung der aristotelischen Denkweise sagt Zeller: »Da
die griechische Wissenschaft mit der Spekulation angefangen hatte und die

Page 116

Erfahrungswissenschaften erst spät zu einiger Ausbildung gelangten, so war
es natürlich, daß das dialektische Verfahren eines Sokrates und Platon
einer strengeren Empirie den Rang ablief. Auch Aristoteles hält sich
zunächst an dies Verfahren, ja er bringt es theoretisch und praktisch zur
Vollendung. Daß die Kunst der empirischen Forschung bei ihm eine
gleichmäßige Ausbildung erfahren werde, ließ sich nicht erwarten. Und
ebenso lag ihm eine schärfere Unterscheidung beider Methoden noch fern.
Diese ist erst durch die höhere Entwicklung der Erfahrungswissenschaften
und, von philosophischer Seite, durch die erkenntnistheoretischen
Untersuchungen herbeigeführt worden, welche die neuere Zeit ins Leben
gerufen hat.«
Eine Reihe von Grundbegriffen oder Kategorien sind es, unter welche
Aristoteles sämtliche Gegenstände der denkenden Betrachtung
einzugliedern suchte. Die wichtigsten sind Substanz, Quantität, Qualität,
Lage, Wirken und Leiden. Als Endzweck der gesamten Natur erschien ihm
der Mensch. Im Besitz der aristotelischen Philosophie und
Wissenschaftslehre hat letzterer an dieser ihm zugewiesenen Stellung zwei
Jahrtausende festgehalten, bis man den Zweckbegriff durch den Begriff der
mechanischen Kausalität ersetzte und den Menschen als ein Glied in der
Kette der übrigen Wesen begreifen lernte.

Die Grundlehren der Mechanik bei Aristoteles.

Wir gehen nach dieser allgemeinen Charakteristik zu dem Verhältnis über,
in welchem Aristoteles zu den Einzelwissenschaften gestanden hat.
Die Bedeutung der Mathematik hat er in seinen Schriften oft
hervorgehoben, doch sind eigentliche mathematische Entwicklungen in
ihnen nicht enthalten. Wohl aber bieten sie manche beachtenswerte
Äußerung über schwierige Begriffe, wie über den Grenzbegriff und das
Unendliche. »Stetig«, sagt Aristoteles z. B., »ist ein Ding, wenn die
Grenze eines jeden von zwei aufeinander folgenden Teilen, in der sie sich
berühren, eine und die nämliche wird.« Er löste ferner das Paradoxon vom
Durchlaufen unendlich vieler Raumpunkte in endlicher Zeit dadurch, daß er
innerhalb der endlichen Zeit unendlich viele Zeitteilchen von unendlich
kleiner Dauer annahm. Das Unendliche ist ferner für ihn nichts Wirkliches,

Page 117

sondern es gibt nur Endliches von beliebiger Größe und von beliebiger
Kleinheit275.
Am meisten Erfolg hatte man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft dort
aufzuweisen, wo die rasch emporblühende Mathematik Anwendung finden
konnte. Wie die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der
Astronomie, so waren die Anfänge der Mechanik von dem Erreichen einer
gewissen Stufe des mathematischen Denkens abhängig. Dem Verlauf der
mechanischen Vorgänge angemessene Begriffe entwickeln sich daher weit
später als das Vermögen, die Gesetze der Mechanik anzuwenden, ohne sich
ihrer klar bewußt zu sein. Das letztere mußte nämlich schon bei der
frühesten Ausübung jeder gewerblichen Tätigkeit eintreten.
Mit den Grundfragen der Mechanik hat sich die griechische Philosophie
schon in der vorsokratischen Zeit beschäftigt. Insbesondere wandte man
sich den Problemen der Schwere und der Bewegung zu276. Auch daß aus der
Bewegung, infolge der damit verbundenen Reibung, Wärme hervorgeht,
wurde frühzeitig erkannt. Anaxagoras wollte sogar das Licht der Gestirne
aus diesem Vorgange herleiten (s. S. 77).
Zu den alltäglichsten Erscheinungen, die vor allem dazu angetan sind, das
Nachdenken wachzurufen, gehört die Bewegung frei fallender Körper.
Diese Erscheinung, von der ausgehend später Newton zur Entdeckung des
Weltgesetzes geführt wurde, faßte Aristoteles irrig auf. Bezeichnend für
seine ganze Geistesrichtung ist es, daß er nicht von der Erscheinung selbst,
sondern von begrifflichen Festsetzungen ausging und bei diesen stehen
blieb. Er betrachtet zunächst die Bewegung im allgemeinen und
unterscheidet zwei Arten derselben, die begrenzte, geradlinige, und die
unbegrenzte, kreisförmige. Letztere, als die angeblich vollkommenere,
schreibt er den himmlischen Körpern zu. Die geradlinige Bewegung wird
aus einem entweder zum Zentrum hin oder vom Zentrum fort gerichteten
Streben der Körper erklärt, und so werden die Begriffe Leichtigkeit und
Schwere abgeleitet. Die erstere Eigenschaft wird der Luft und dem Feuer,
die zweite dem Wasser und der Erde, d. h. allen flüssigen und festen
Körpern zugeschrieben. Aus diesen Erklärungen folgt nun für Aristoteles
mit zwingender Notwendigkeit, daß der schwerere Körper, weil sein
Streben zum Zentrum ein größeres sei, sich schneller abwärts bewegen
müsse als der leichtere. Hieraus wurde dann später geschlossen, daß die
Körper genau in demselben Verhältnis schneller fielen, je größer ihr

Page 118

Gewicht sei, so daß beispielsweise ein hundertpfündiges Stück Eisen auch
hundertmal so schnell zur Erde gelange wie ein solches von einem Pfund
Gewicht. Jeder, ohne Voreingenommenheit angestellte Versuch, hätte diesen
Schluß als unhaltbar dartun müssen. Trotzdem blieb er, wenn schon sich hin
und wieder Zweifel regten, in Geltung, bis Galilei ihn durch seine
Fallversuche glänzend widerlegte.
Man kann277 die Unterscheidung zwischen irdischen und himmlischen,
sowie zwischen natürlichen und erzwungenen Bewegungen in erster Linie
als das Hindernis ansehen, das der Entwicklung der Mechanik im Altertum
und Mittelalter im Wege stand. Erst als diese Schranken fielen, war die
Errichtung der neueren Mechanik möglich. Zu den Schwächen der antiken
Mechanik rechnet auch der Umstand, daß man nicht zu einer klaren
Vorstellung von dem Begriff des Beharrungsvermögens gelangte. Zwar
finden sich Ansätze278, doch hielten alle Physiker an der Annahme fest, ein
Körper könne sich unmöglich bewegen, wenn nicht eine äußere Kraft oder
die ihm innewohnende Schwere und Leichtigkeit auf ihn wirkten279. Den
letzteren Begriff vermieden wenigstens die Atomisten, die alle Körper als
schwer betrachteten.
Über den Inhalt der mechanischen Lehren des Aristoteles sei noch einiges
im einzelnen mitgeteilt. Die Art der Darstellung besteht darin, daß der
Philosoph an Erfahrungstatsachen eine Anzahl von Fragen anknüpft280, die
er selten auf mathematischem Wege, wie später mit so großem Erfolge
Archimedes, sondern meist, ausgehend von bestimmten Definitionen,
durch dialektische Kunststücke zu lösen sucht. Den Stoff zu seinen
Untersuchungen bieten ihm das Rad, der Hebel, das Ruder, die Zange, die
Wage und andere bekannte Werkzeuge. Die Beantwortung der Fragen
geschieht oft wieder in Frageform. So heißt es im 6. Kapitel: »Warum das
an sich kleine Steuer, am Ende des Schiffes angebracht, eine so große
Gewalt hat? Weil vielleicht das Steuer ein Hebel ist, die Last das Meer und
der Steuermann das Bewegende«.

Page 119

Abb. 14. Der Tragbalken bei Aristoteles.

Auffallend erscheint es Aristoteles zunächst, daß eine große Last durch
eine kleine Kraft bewegt werden kann, wie beim Hebel. Die an diesem
Werkzeug sich das Gleichgewicht haltenden Lasten setzt Aristoteles ganz
richtig den Längen der Hebelarme umgekehrt proportional. Den Grund für
dieses Gesetz findet er darin, daß die kleinere Last, ihrer größeren
Entfernung vom Stützpunkt entsprechend, einen größeren Kreisbogen
durchlaufen müsse. Auf den Hebel wird auch der Keil und der Tragbalken
zurückgeführt. Letzteres geschieht (Abb. 14) durch folgende Erörterung:
»Zwei Leute tragen auf einer Stange AB eine Last G.« Warum, fragt
Aristoteles, wird der am stärksten gedrückt, dem G am nächsten ist? AB
sagt er darauf, wird hier gebraucht wie ein Hebel. »Der G nächste Träger
bei A ist das Bewegte, der andere Träger bei B ist das Bewegende. Und je
weiter dieser von der Last entfernt ist, desto leichter bewegt er.« Den
einarmigen Hebel hat Aristoteles nicht als eine besondere Art betrachtet.
Ein wichtiger Abschnitt des aristotelischen Werkes ist auch derjenige, der
den Satz vom Parallelogramm der Bewegungen enthält. »Wenn etwas«,
heißt es dort, »nach irgendeinem Verhältnis bewegt wird, so daß es eine
Linie durchlaufen muß, so wird diese Gerade die Diagonale einer Figur
sein, welche durch die nach dem gegebenen Verhältnis zusammengesetzten
Linien bestimmt wird. Sei zum Beispiel das Verhältnis der Bewegung
dasjenige, welches AB zu AC hat. Es werde also A nach B getrieben, AB
aber nach CG. Ebenso gelangt in derselben Zeit A nach D, in welcher AD
nach EF gelangt. Ist dann das Verhältnis der Bewegung in letzterem Falle
dasselbe, d. h. verhält sich AD : AE wie AB : AC, so ist das kleine
Parallelogramm dem größeren ähnlich; und es wird folglich die Diagonale
AF in die Diagonale AG fallen. Hieraus wird also offenbar, daß ein auf der
Diagonale nach zwei Richtungen bewegter Gegenstand notwendig in dem
Verhältnis der Seiten bewegt wird. Ändern dagegen zwei Bewegungen in
jedem Augenblick ihr Verhältnis, so kann der Körper unmöglich eine
geradlinige, sondern er muß eine krummlinige Bewegung durchlaufen.«
Auch der Satz, daß die Bewegung im Kreise aus zwei Bewegungen, die
nach dem Mittelpunkt und in der Richtung der Tangente erfolgen,

Page 120

zusammengesetzt gedacht werden kann, ist auf Aristoteles
zurückzuführen. Ferner hat sich Aristoteles mit dem Problem des Stoßes
beschäftigt, das erst durch Wallis, Wren und Huygens seine Lösung
finden sollte. Er stellt nämlich die Frage, weshalb ein geringer Stoß auf
einen Keil viel ausrichten könne, während ein gegen den gleichen Keil
ausgeübter Druck nur wenig leiste281.

Abb. 15. Der Satz vom Parallelogramm der Bewegungen.

In exakt-wissenschaftlicher Hinsicht sind dem Aristoteles noch zwei
Verdienste zuzuschreiben. Einmal war er wohl einer der ersten, der seine
Erörterungen durch Zeichnungen zu unterstützen suchte. Ferner befindet
sich bei ihm der Keim zu dem Gedanken, die in Beziehung zu setzenden
Größen mit Buchstaben zu bezeichnen.

Die Anfänge der Akustik und der Optik.

Ein anderes Gebiet, das sich gleichfalls schon im Altertum der exakten
Behandlung zugänglich erwies, war die Akustik. So hatten z. B. die
Pythagoreer erkannt, daß die Längen von gleich dicken und in gleichem
Maße gespannten Saiten, wenn sich Konsonanzen ergeben sollen, in einem
einfachen Verhältnis stehen müssen. Dieses Verhältnis fanden sie für die
Oktave gleich 1 : 2. Und zwar geschah dies mit Hilfe eines Monochords.
Der Apparat besaß die Einrichtung, daß eine Saite über einen Steg geführt
und durch Gewichte beliebig gespannt werden konnte. In dieser Vorrichtung
begegnet uns der erste Apparat, vermittelst dessen auf experimentellem
Wege ein Naturgesetz gefunden wurde. Auch bei Aristoteles finden wir
einige zutreffende Vorstellungen über akustische Vorgänge. Aristoteles
schreibt z. B. der Luft die vermittelnde Rolle bei den Schallerscheinungen
zu und führt die letzteren auf Schwingungen zurück, die sich bis zu
unserem Ohre fortpflanzen. »Ein Ton«, sagt er, »entsteht nicht dadurch, daß
der tönende Körper der Luft, wie einige glauben, eine gewisse Form

Page 121

einprägt, sondern dadurch, daß er die Luft auf eine angemessene Weise in
Bewegung setzt. Die Luft wird dabei zusammengedrückt und
auseinandergezogen und durch die Stöße des tönenden Körpers immer
wieder fortgestoßen, so daß sich der Schall nach allen Richtungen
ausbreitet.« Auch das Echo wurde von Aristoteles ganz richtig als ein
Reflex erkannt.
Die gleiche Anschauung, die er sich vom Schall gebildet, übertrug
Aristoteles auf das Gebiet der Optik. Vor ihm hatte sich die wunderliche
Vorstellung entwickelt, das Sehen sei eine Art Tasten, bei dem das Auge
sich aktiv verhalte und sozusagen Fühlfäden nach den Körpern hin
erstrecke. Nach den ältesten Ansichten ist das Auge sogar feuriger Natur.
Auch bei den Indern begegnen wir dieser Meinung. So schreibt Susruta
der Linse, die häufig als das Hauptorgan des Auges betrachtet wurde,
ewiges Feuer zu282. In Übereinstimmung damit betrachteten die ältesten
griechischen Philosophen, wie die Pythagoreer, das Sehen als eine heiße
Ausdünstung, die vom Auge nach dem wahrgenommenen Gegenstande
strömen sollte.
Aristoteles wendet dagegen ein283, daß man dann auch während der Nacht
zum Sehen befähigt sein müsse. Ähnlich wie beim Schall die Luft zur
Übermittlung erforderlich sei, setze auch die Lichtempfindung zwischen
dem Auge und dem gesehenen Gegenstande ein Medium voraus, das die
Wirkung zu übertragen vermöge. Das Innere des Auges ist ferner nach
Aristoteles deshalb durchsichtig, weil sich der Sitz des Sehvermögens auf
der hinteren Seite befinde. Auch an eine Erklärung der Farben wagt sich
Aristoteles. Sie sollen aus der Mischung von Weiß und Schwarz, die er als
Grundfarben bezeichnet, hervorgehen, ein Gedanke, der später oft
wiederkehrte. Er wendet sich dann gegen die Annahme, die Farben seien
Ausflüsse der farbigen Körper. »Man muß nicht annehmen,« fügt er hinzu,
»daß alles durch Berührung empfunden wird. Sondern es ist besser zu
sagen, die Empfindung des Sehens erfolge durch eine Bewegung des
Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.« Es begegnet uns also
hier schon im Keime der Widerstreit zwischen der Emanations- und der
Vibrationstheorie, der sich durch das 17. und 18. Jahrhundert hindurchzog
und erst im 19. entschieden wurde284. Trotz mancher Unrichtigkeiten, die
sich bei Aristoteles finden, hat kaum ein anderer Denker des Altertums
solch klare Vorstellungen über optische Dinge entwickelt, wie er. Daher

Page 122

knüpft selbst Goethe in seiner Schrift »Zur Farbenlehre« wieder an ihn an
und gibt dort eine Darstellung der aristotelischen Ansichten über das Licht
und die Farben285.
Erwähnt sei noch, daß die von den Atomisten (Leukipp, Demokrit)
geschaffenen optischen Vorstellungen einen Rückschritt bedeuteten. Die
Atomisten fielen eigentlich in die alten Vorstellungen zurück. Sie kehrten
das Verhältnis aber um und ließen Abbilder der Dinge von den
Gegenständen sich loslösen und ins Auge strömen. Mit beiden
Anschauungen brach Aristoteles, indem er die Bedeutung des Mediums
für den Vorgang des Sehens erkannte. Im Mittelalter glaubte man von jeder
physikalischen Erklärung absehen zu dürfen, da die Seele keiner äußeren
Beihilfe bedürfe286. Man nahm vielmehr beim Sehen eine unvermittelte
Fernwirkung an und schuf damit einen Begriff, der lange dazu dienen
mußte, einen aus mechanischen Prinzipien nicht zu erklärenden Vorgang
wenigstens mit einem Worte zu verbinden.
Obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Mechanik, der Optik und der
Akustik ganz besonders zu wissenschaftlichen Beobachtungen und zu
Versuchen anregt, finden wir bei Aristoteles, wie fast überall im Altertum,
nur geringe Ansätze nach dieser Richtung. Stets wird an die Meinungen
früherer angeknüpft, darauf werden Tatsachen der gewöhnlichen Erfahrung
herangezogen und daraus auf dialektischem Wege, unter Gedankensprüngen
und logischen Kunstgriffen, ein Ergebnis gewonnen, das sich dem
herrschenden System anpaßt, oft aber auch auf eine bloße Worterklärung
hinausläuft. Das Ergebnis der so geübten Spekulation sucht Aristoteles
mitunter wieder durch neue Beispiele aus der Erfahrung zu stützen. Das
Unzulängliche seines Verfahrens scheint ihm indessen manchmal selbst
zum Bewußtsein gekommen zu sein. So sagt er an einer Stelle: »Noch sind
die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht. Wenn sie es aber dereinst
sein werden, ist der Beobachtung mehr zu trauen, als der Spekulation und
letzterer nur insoweit, als sie mit den Erscheinungen Übereinstimmendes
ergibt.«

Das Himmelsgebäude nach Aristoteles.

Page 123

Auf dem Gebiete der Astronomie hat Aristoteles den soeben erwähnten
Grundsatz, den im übrigen erst die neuere Naturforschung zur vollen
Geltung brachte, auch hin und wieder befolgt287. Andererseits verleugnet er
in seinem, von diesem Gebiete handelnden Werke an manchen Stellen die
an ihm gewohnte Denkart nicht. So bemüht er sich, aus Vernunftgründen
darzutun, daß es nur ein Himmelsgewölbe geben könne und daß das
Universum ohne Ursprung und unvergänglich sei. Sehr klar ist seine
Zusammenstellung der Gründe für die Kugelgestalt der Erde. Der
betreffende Abschnitt möge hier in etwas freierer Wiedergabe folgen288:
»Daß die Erde eine Kugel ist, ergibt sich auch aus der Sinneswahrnehmung.
Bei den Mondfinsternissen ist nämlich die abgrenzende Linie, welche der
Schatten der Erde zeigt, immer gekrümmt. Ferner ist durch das Erscheinen
der Sterne nicht bloß augenfällig, daß die Erde rund ist, sondern auch, daß
sie nicht eben groß sein kann. Wenn wir nämlich nur eine geringe
Ortsveränderung gegen Süden oder Norden vornehmen, so zeigen die
Sterne über unserem Haupte eine große Veränderung, denn einige Sterne
werden in Ägypten gesehen, hingegen in den nördlichen Ländern nicht.
Und diejenigen Sterne, welche in den nördlichen Gegenden immerwährend
am Himmel stehen, gehen in den südlichen unter. Folglich ist die Erde nicht
nur kugelförmig, sondern auch nicht groß, denn sonst würde sich bei einer
nur so geringen Ortsveränderung nicht die beschriebene Erscheinung
zeigen. Es ist daher nicht unglaublich, daß die Gegend um die Säulen des
Herkules mit jener von Indien zusammenhängt und daß es auf diese Weise
nur ein Meer gibt. Ferner behaupten die Mathematiker, daß der Umfang der
Erde etwa 400000 Stadien betrage. Auch daraus würde folgen, daß die Erde
nicht nur kugelförmig, sondern im Vergleich zu den übrigen Gestirnen nicht
groß ist.«
Gleichzeitig mit der Lehre von der Kugelgestalt der Erde entstand die
Vorstellung, daß es Antipoden geben müsse. Schon die Pythagoreer sollen
dies angenommen haben289. Als der »Erfinder« des Wortes Antipoden wird
Platon genannt. Daß die Erde in ihrem ganzen Umfange bewohnt sei, wird
indessen nicht etwa als Tatsache, sondern nur als nicht zu umgehende
Annahme hingestellt.
Von eigener Beobachtung eines seltenen astronomischen Ereignisses zeugt
folgende Stelle, die gleichfalls im Wortlaute mitgeteilt sei290: »Wir haben
nämlich gesehen, wie der Mond einmal halbkreisförmig war und unter

Page 124

dem Mars vorüberging. Letzterer verschwand an der dunklen Hälfte des
Mondes und kam an der beleuchteten wieder hervor. In gleicher Weise
berichten solches, auch bezüglich der übrigen Gestirne, diejenigen, die
schon seit einer sehr langen Reihe von Jahren Beobachtungen angestellt
haben, nämlich die Ägypter und die Babylonier, von denen wir viele
beglaubigte Nachrichten betreffs eines jeden Gestirns besitzen.«
Die Kugelform legt Aristoteles nicht nur der Erde, sondern auch dem
Himmelsgewölbe bei. Letzteres müsse notwendig kugelförmig sein, denn
die Kugel sei sowohl für das Wesen des Universums die am meisten
ansprechende, als auch von Natur aus die ursprünglich erste Form291. Für die
Welt nimmt Aristoteles räumliche Begrenzung an. Die Gestirne seien aus
Äther gebildet, dessen Bewegung die kreisförmige sei, während den
irdischen Elementen die geradlinige zukomme. Die fünf Planeten, die
Sonne und der Mond sollen, wie schon Eudoxos behauptet, jeder in seiner
eigenen Sphäre bewegt werden. An diesen Sphären, unter denen man sich
konzentrische, die im Mittelpunkte ruhende Erde umgebende Kugelschalen
vorstellte, sind diese sieben Weltkörper befestigt, während die Fixsterne
eine gemeinsame Sphäre besitzen und ihre gegenseitige Lage innerhalb
dieser Sphäre nicht ändern.
Astrologische Vorstellungen kommen in den Schriften des Aristoteles
nicht vor. Zwar hatte Platon die Ansicht vertreten, daß die Gestirne
göttliche Wesen seien. Aristoteles teilte diese Ansicht, sowie die Lehre
von der Sterndeutung jedoch nicht, wenn auch den Griechen damals schon
die astronomischen und die astrologischen Lehren der Chaldäer bekannt
waren. Auch Eudoxos, der sich zur Zeit Platons eingehend mit der
Astronomie befaßte, verhielt sich diesen Lehren gegenüber ablehnend. Erst
in der späteren, als hellenistisch bezeichneten Periode wurde die Astrologie
zu einer herrschenden geistigen Strömung.
Um die Ungleichheiten in der Bewegung der Planeten zu erklären, hatte
schon Eudoxos, der Begründer der Theorie der homozentrischen Sphären,
für jeden Wandelstern mehrere Sphären eingeführt. Für jedes dieser
Gestirne mußte, da es wie die Fixsterne auf- und unterging, eine der
Fixsternbewegung entsprechende Sphäre angenommen werden. Eine
zweite, deren größter Kreis in die Ekliptik fiel, bewegte den Planeten dann
entgegengesetzt zur täglichen Drehung, also von West nach Ost, in einer
Zeit, innerhalb welcher der Planet den Tierkreis durchläuft. Weitere Sphären

Page 125

waren zur Erklärung der Stillstände und der zeitweiligen
Rückwärtsbewegung von Ost nach West nötig. Für den Mond und für die
Sonne waren gleichfalls zwei Sphären nicht ausreichend. Im ganzen
benötigte Eudoxos zur Darstellung der Bewegungen der Himmelskörper
27 Sphären. Zu diesen fügte Kalippos 7 und Aristoteles noch 22 weitere
hinzu. Dadurch wurde der Mechanismus so verwickelt, daß man ihn endlich
aufgab und durch die Epizyklentheorie ersetzte.
Eine Rekonstruktion der Anschauungen des Eudoxos verdanken wir
Schiaparelli 292. Es handelt sich bei der Annahme der Sphären um keine
mystischen Ungereimtheiten, sondern um eine kinetische Hilfsvorstellung
zur möglichst genauen Beschreibung der beobachteten Vorgänge. Man darf
bei der Beurteilung älterer Hypothesen nie vergessen, daß auch unsere
modernen Theorien im Grunde genommen solche Hilfsvorstellungen sind,
die mit dem Fortschreiten der Wissenschaft oft durch neue Vorstellungen
verdrängt werden. Man darf ferner wohl annehmen, daß Eudoxos selbst
seine Hilfsvorstellung als das betrachtete, was sie war, und daß erst Spätere
seinen homozentrischen Sphären Wirklichkeit beigemessen haben.
Bezeichnend ist auch der Ausdruck, der bei den alten Schriftstellern oft
wiederkehrt, daß man für die Bewegung der Himmelskörper Theorien
aufgestellt habe, »um die Erscheinungen zu retten«, d. h. sie mit einer, den
Verstand befriedigenden, kinetischen Darstellung in Einklang zu bringen.
Hielt man an dem Grundsatz fest, am Himmel seien nur gleichmäßige und
kreisförmige Bewegungen möglich, so boten die Sphärentheorie und später
die Epizyklentheorie eine Lösung der den alten Astronomen gestellten
Aufgabe, die dem damaligen Stande des Wissens entsprach.
Die Vorstellung, die Erde und der Himmel seien kugelförmig, führte schon
im Altertum zur Verfertigung von Globen. Zuerst begegnen uns
Himmelsgloben. Ein solcher ist uns in dem »Farnesischen Globus«
erhalten geblieben. Er wird im Nationalmuseum zu Neapel aufbewahrt und
bildet die Marmorkugel, welche der »Farnesische Atlas« trägt. Dieser
Globus ist vermutlich eine Nachbildung einer von Eudoxos hergestellten
Sphäre. Auf dem Farnesischen Globus sind die Sternbilder in reliefartiger
Darstellung gemeißelt. Nach der Lage des Frühlingspunktes zu urteilen,
stammt das Kunstwerk aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Später
haben die Araber, unter Benutzung der griechischen Sternverzeichnisse, in
der Anfertigung von Himmelsgloben Hervorragendes geleistet. Von solchen

Page 126

aus dem 13. Jahrhundert stammenden Globen sind mehrere erhalten293. Die
Verfertigung von Erdgloben kam erst im Zeitalter der Entdeckungen auf, als
sich der geographische Gesichtskreis über die gesamte Erde auszudehnen
begann294. Die von den Himmelskörpern ausgehende Wärme und ihr Licht
führt Aristoteles darauf zurück, daß »die Luft unterhalb der Sphäre erhitzt
wird«. »Denn,« fügt er hinzu, »von Natur aus versetzt Bewegung sowohl
Hölzer als auch Steine und Eisen in Feuerhitze295.« Aber nicht nur die Erde
und das Himmelsgewölbe sind nach Aristoteles kugelförmig, sondern er
legt diese Form den Gestirnen ganz allgemein bei296. Die Ansicht, letztere
müßten eine Art Sphärenmusik erzeugen, kann er nicht teilen. Denn
übermäßiges Geräusch, meint er, zerstöre selbst die widerstandsfähigsten
Körper297. Bei der Erklärung des Flimmerns fällt er in die an anderer Stelle
von ihm bestrittene Sehtheorie zurück. Er meint nämlich, die Planeten
besäßen ein ruhiges Licht, weil sie nahe seien und der »Blick sie deshalb in
seiner vollen Kraft erreiche«. »Hingegen auf die Fixsterne gerichtet,« fährt
er fort, »wankt der Blick wegen der Länge des Abstandes, daher flimmern
die am Himmel fest eingefügten Sterne, die Planeten aber nicht298.«
Was endlich die Kometen anbetrifft, so rechnete Aristoteles sie nicht zu
den Himmelskörpern, sondern er hielt sie für Gebilde der irdischen
Atmosphäre. Welchen Wert man dieser Meinung beilegte und wie sehr die
Kometen das allgemeine Interesse fesselten, geht daraus hervor, daß noch
am Ende des 17. Jahrhunderts in manchen Ländern kein Professor angestellt
wurde, wenn er nicht öffentlich erklärte, daß er außer mit den übrigen
Grundsätzen des Aristoteles auch mit dessen Ansichten über die Kometen
einverstanden sei299.
Bis auf Aristoteles zurückzuverfolgen ist auch eine andere Lehre
(orientalischen Ursprungs), die in ihren letzten Konsequenzen das
paradoxeste Erzeugnis des menschlichen Geistes darstellt, die Lehre von
der steten Wiederkehr300. Aristoteles spricht an einigen Stellen seiner
Werke den Gedanken aus, ähnlich der Bewegung der Gestirne vollziehe
sich alles irdische Geschehen periodisch in stetem Kreislauf. So finde z. B.
auch ein steter Wechsel zwischen Meer und Land statt301. Spätere
Philosophen, so die Stoiker, waren schon, wie später Nietzsche, in
maßloser Übertreibung eines an sich richtigen Gedankens, auf die
sonderbare Lehre gekommen, daß in großen Weltperioden in steter Folge
selbst das Einzelwesen in seiner ganz bestimmten Individualität, z. B. ein

Page 127

bestimmtes Dorf, ein Sokrates usw. mit allen gleichzeitigen Wesen,
Dingen und Erscheinungen wiederkehren müsse302. Erklärlich wird dieser
Irrgang des menschlichen Geistes daraus, daß für die Gestirne, denen man
einen maßgebenden Einfluß auf alles Werden und Vergehen zuschrieb, eine
Rückkehr in die Anfangsstellung angenommen wurde. Sobald diese erreicht
sei, sollten sich alle Geschehnisse in der gleichen Folge von neuem
abspielen. Man unternahm es sogar, auf Grund der vorhandenen
Beobachtungen die Rückkehr der Planeten in dasselbe Ortsverhältnis zu
berechnen. Aristarch hatte dafür einen Zeitablauf von 2484 Jahren
angenommen. Andere hatten Jahrmillionen herausgerechnet. Unter den
Neueren hat sich selbst Tycho mit der Berechnung dieses »annus
mundanus« genannten Zeitraumes befaßt und 25816 Jahre gefunden. Ganz
aufgegeben wurde dieser Gedanke wohl erst, als man erkannte, daß die Zahl
der Planeten weit größer ist, als bisher angenommen war.
Zu den astronomischen Grundlagen der Lehre von der steten Wiederkehr ist
auch Hipparchs Entdeckung der Präzession der Nachtgleichen zu rechnen.
Sie führte gleichfalls auf eine Periode von etwa 25000 Jahren, die als
platonisches Jahr bezeichnet wurde. (Siehe a. spät. Stelle.)
Außer den astronomischen kommen auch geophysische Grundlagen für
diese Lehre in Betracht, indem man die regelmäßige Wiederkehr gewaltiger
Überflutungen oder auch von Perioden gesteigerter vulkanischer Tätigkeit
voraussetzte. Gewöhnlich wurden diese Ereignisse in der Art miteinander
verbunden, daß man die irdischen Katastrophen an die periodisch
wiederkehrenden astronomischen Erscheinungen knüpfte303.
Um die regelmäßige Wiederkehr der Überflutungen zu erklären, dachte man
sich entweder die Erde von Adern und Spalten durchzogen, die das Wasser
in sich aufnehmen und sich wieder leeren sollten, oder man nahm an, daß
sich in den oberen Schichten der Atmosphäre die Luft in Wasser
verwandele. Zu den Anhängern dieser Auffassung gehörte Aristoteles, der
sich mit den meteorologischen Erscheinungen eingehend beschäftigte.

Die Grundzüge der physischen Erdkunde und der Geologie.

In seinen vier Büchern über die Meteorologie beschreibt und erörtert
Aristoteles das Auftreten der Kometen und der Sternschnuppen, welche er

Page 128

als Erzeugnisse unserer Atmosphäre betrachtet, die Gestalt und die Höhe
der Wolken, die Bildung von Tau, Eis, Schnee, die Entstehung der Winde
und des Gewitters usw.
Im ersten Buche304 spricht Aristoteles von Erscheinungen, die wohl nur
dahin gedeutet werden können, daß es sich um das Nordlicht handelt. Er
erzählt, daß man in klaren Nächten mitunter Schlünde erblicke, die
blutigrote Fackeln hinauszuschleudern schienen. Die Erscheinung mache
den Eindruck, als ob sie von einem weit entfernten Brande herrühre.
Weniger bestimmt lassen sich einige bei Plinius und Seneca
vorkommende Stellen auf das Nordlicht deuten.
Erdbeben werden nach Aristoteles durch eingeschlossene Luft erzeugt.
Sehr ausführlich wird vom Regenbogen gehandelt. Aristoteles sucht diese
Erscheinung einzig aus der Reflexion des Lichtes abzuleiten. Die
Wassertröpfchen, meint er, seien Spiegelchen, die indessen infolge ihrer
Kleinheit nicht die Form, sondern nur die Farbe des leuchtenden
Gegenstandes, gemischt mit ihrer eigenen Farbe, zurückwürfen. Dem
Regenbogen werden nur die drei Farben rot, grün und violett
zugeschrieben. Doch zeige sich zwischen rot und grün eine fahle Farbe (das
Gelb). Auch die Beziehung des Regenbogens zur Sonnenhöhe wird erörtert
und es wird erwähnt, daß es um Mittag im Sommer in Griechenland keinen
Regenbogen gebe. Den Mondregenbogen, sagt Aristoteles, habe er in 50
Jahren nur zweimal beobachtet. Die Erscheinung sei so selten, weil sie nur
bei Vollmond eintrete. Auch der künstliche Regenbogen, der sich im
zerstäubten Wasser zeigt, findet Erwähnung.
Die ersten geologischen Vorstellungen begegneten uns schon bei Thales
und bei Empedokles (s. S. 70). Bei dem mit vielen Teilen der Erde
bekannt gewordenen Demokrit hatten diese Vorstellungen eine
erstaunliche Höhe erreicht. Man kann das aus der auf Demokrit
zurückgehenden Darstellung schließen, welche Aristoteles über die
geologischen Vorgänge gibt. Seine Worte lauten305: »Nicht immer sind
dieselben Orte der Erde feucht oder trocken, sondern sie verändern sich je
nach dem Entstehen und dem Verschwinden der Flüsse. Ebenso verändert
sich das Verhältnis des festen Landes zum Meere. Wo festes Land ist, da
wird Meer, und wo jetzt Meer ist, da entsteht wiederum festes Land306. Man
muß annehmen, daß dies periodenweise geschieht307.

Page 129

Da die ganze natürliche Entstehung eines Landes allmählich und
in Zeiträumen vor sich geht, die im Vergleich mit unserem Leben
außerordentlich lang sind, so bemerken wir nichts davon 3 0 8 .
Ägypten z. B. scheint immer trockner geworden zu sein. Das ganze Land
muß wohl als eine Anschwemmung des Niles betrachtet werden. Ähnlich
verhält es sich mit Argos. Vor alters war diese Landschaft sumpfig und fast
unbewohnt. Heute dagegen ist sie angebaut. Was von dieser engbegrenzten
Gegend gilt, das geschieht auch bei ganzen Ländern. Einige nehmen an, daß
die Ursache solcher Vorgänge eine Veränderung des ganzen
Himmelsgebäudes ist, als sei dies dem Wechsel unterworfen. Oder man
behauptet, das Meer nehme ab, indem es austrockne. Dabei übersieht man,
daß gleichzeitig Teile der Erde trocken werden, während das Meer andere
überflutet309.«
Die Annahme, daß die Menge des Meeres geringer werde und das Meer
schließlich ganz verschwinden müsse, rührt von Demokrit her. Letzterer
ist zu dem großartigen Gedanken, daß die Konfiguration der Erdoberfläche
sich im Lauf der geologischen Perioden ändere, schon vor Aristoteles
gelangt310. Auch die Ansicht, daß die geologischen Änderungen auf
kosmologische Ursachen zurückzuführen seien, rührt von Demokrit her.
Aristoteles verwirft sie, weil er den Himmel als den Ort des
unveränderlichen Seins betrachtet. Wir sehen aus alledem, daß Demokrits
Naturauffassung in vielem höher steht als diejenige des Aristoteles und
sich der unseren nähert, denn die Einwirkung kosmischer Vorgänge auf die
säkularen Änderungen der Erdoberfläche wird heute nicht mehr in Abrede
gestellt. Ferner entspricht Demokrits Annahme einer steten Verringerung
der auf der Erde befindlichen Wassermenge den heutigen geologischen
Vorstellungen. Das Ende dieses Vorgangs würde darin bestehen, daß alles
Wasser durch die Verwitterung und andere Veränderungen der Gesteine
gebunden ist.
Daß das Meer nicht etwa dadurch verschwindet, daß es sich durch die
Sonne in Dampf verwandelt, war Demokrit ganz klar, denn er wußte, daß
das Wasser des Meeres immer wieder in Gestalt von Regen auf die Erde
herabfällt. Dies ist aus seiner Erklärung der Nilüberschwemmungen
ersichtlich311.

Page 130

Es ist anzunehmen, daß Demokrits ganz klare Lehre vom Kreislauf des
Wassers der von Aristoteles gegebenen Darstellung zugrunde gelegen hat.
Sie lautet: »Einige behaupten, daß die Flüsse nicht allein in das Meer
fließen, sondern auch aus demselben.« Das Wasser des Meeres verdampfe
und steige nach oben. Dort werde es durch Abkühlung wieder verdichtet
und falle infolgedessen wieder zur Erde herunter312.
Für das Entstehen der ersten geologischen Anschauungen ist der Umstand
von großer Bedeutung gewesen, daß das Land, in dem das älteste
Kulturvolk der Ägypter wohnte, alle Anzeichen dafür darbot, daß es sich in
langsamer, stetiger Änderung befindet. Die Erinnerungen und
Aufzeichnungen der Ägypter umfaßten einen Zeitraum von Jahrtausenden,
der wohl erkennen ließ, daß sich das Land am unteren Lauf des Niles
fortgesetzt nach Norden ausdehnte313. Die salzigen Seen auf der Landenge
von Suez konnten kaum anders denn als Überbleibsel des Meeres gedeutet
werden. Auf das allmähliche Emportauchen Ägyptens aus dem Meere
wiesen auch die in seinen gebirgigen Teilen sich findenden Versteinerungen
hin. Trotzdem ist es erstaunlich, daß man auf Grund von einer immerhin nur
geringen Summe von Beobachtungen im Altertum schon zu einer so klaren
Einsicht in die geologischen Vorgänge gelangt ist, wie sie uns bei
Eratosthenes, bei Aristoteles, der allerdings nur berichtet, und ganz
besonders bei Demokrit begegnet. Es läßt sich nicht verkennen, daß diese
antiken Anfänge der geologischen Wissenschaft auf ihre eigentliche
Begründung im 16. und 17. Jahrhundert von nicht geringem Einfluß
gewesen sind, wie an späterer Stelle gezeigt werden soll. Dieser Einfluß
geht so weit, daß zwischen den am klarsten von Demokrit entwickelten
Lehren des Altertums eine besonders durch Aristoteles vermittelte
Wirkung auf die Geologie der Neuzeit nachzuweisen ist.

Die vier aristotelischen Elemente.

Am Schlusse seiner »Meteorologie« handelt Aristoteles von den vier
Elementen. Ausführlichere Darlegungen über diesen Gegenstand enthält die
Schrift über »Entstehen und Vergehen«. Daß nur vier Elemente möglich
seien, beweist Aristoteles auf spekulativem Wege. Seine Ausführungen
sind für die Beurteilung der aristotelischen Denkweise so bezeichnend, daß
wir auf sie etwas näher eingehen wollen314.

Page 131

Es gibt, meint er, vier Grundempfindungen: warm, kalt, feucht und trocken.
Diese Empfindungen werden paarweise vereint wahrgenommen.
Mathematisch betrachtet, können sich sechs solcher Vereinigungen (sechs
Kombinationen zu zwei) bilden. Doch sind zwei als sich widersprechend
unmöglich, nämlich die Vereinigung warm und kalt und die Vereinigung
feucht und trocken. Es bleiben folglich nur vier Gegensätze bestehen, und
dementsprechend sind nur vier Elemente möglich. Dem Gegensatz kalt und
trocken entspricht die Erde, kalt und feucht das Wasser, warm und feucht
die Luft, warm und trocken das Feuer. Durch die Mischung dieser vier
Elemente entstehen nun nach Aristoteles sämtliche irdischen Stoffe315.
Ferner kommt jedem Element sein bestimmter »natürlicher« Ort zu, gegen
den hin es sich bewegt.
Die Materie setzt Aristoteles als gegeben voraus. Sie kann nicht etwa aus
dem Nichts entstehen, auch sich nicht vermehren oder sich vermindern316.
Sie ist vielmehr nur der Veränderung fähig. Veränderungen werden dadurch
hervorgerufen, daß Ungleichartiges oder Gegensätzliches aufeinander wirkt.
Dies setzt Berührung voraus. Letztere braucht nicht immer eine
unmittelbare zu sein. Es kann vielmehr auch eine Vermittlung durch eine
Zwischensubstanz stattfinden, von der jeder Teil den zunächst liegenden in
Bewegung setzt. In letzter Linie beruht jede Veränderung, einerlei ob sie
qualitativ oder quantitativ ist, auf Bewegungen. Ist ein Körper einmal in
Bewegung, so ist kein Grund denkbar, daß er stillstehen sollte, wenn er
keinen Widerstand findet. Indes auch das Ruhende widerstrebt und verharrt
an seinem Orte317.
In all diesen Sätzen begegnen uns schon Keime und Vorahnungen, die sich
später ganz oder teilweise bewahrheiten sollten. Der Andeutung des
Gesetzes von der Erhaltung der Materie trat auch schon eine Vorahnung des
Energiegesetzes zur Seite. Sie begegnet uns in dem Ausspruch, daß die in
der Natur vorhandene Bewegung weder entstehen noch vergehen könne318.
Man darf indessen nicht außer Acht lassen, daß Aristoteles mitunter rein
zufällig das Richtige trifft. So, wenn er sagt, die Luft bestehe aus zwei
Bestandteilen. In der Nähe des Erdbodens herrsche nämlich ein feuchter
und kühler, in der Höhe dagegen ein trockner und warmer vor.
Für das Entstehen gibt es nach Aristoteles drei Ursachen, den Stoff, als
das dem Werden zugrunde Liegende, die Form als Zweck und die
Bewegung als Veranlassung. Die den Stoff gestaltende Form ist nach

Page 132

Aristoteles für die Lebewesen mit dem, was wir Seele nennen, einerlei.
Die Artunterschiede der Seele sollen die Stufenreihe der Lebewesen
bestimmen. Die niedrigste Seelenstufe ist die vegetative. Sie beschränkt
sich auf die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung und ist in den
Pflanzen wirksam. Die Tierseele ist außerdem der Empfindung fähig, zu
welcher bei dem Menschen noch die Vernunft hinzutritt. Der Mensch selbst
erscheint dem Aristoteles als Zweck und Mittelpunkt der ganzen
Schöpfung. In ihm gelangt das göttliche Empfinden zum Bewußtsein319. Die
Seele ist indessen für Aristoteles nichts für sich Bestehendes. Sondern sie
ist an den Stoff gebunden, ohne selbst körperlich zu sein. Sie ist es, welche
aus dem Stoff den Leib aufbaut und bewirkt, daß letzterer zweckmäßig
eingerichtet ist.
Die Lehre von den vier Elementen genügte schon den Hippokratikern und
auch Platon, um daraus die Entstehung der Krankheiten abzuleiten. Da der
Körper aus Erde, Feuer, Luft und Wasser zusammengesetzt sei, so müsse
ein Zuviel oder Zuwenig von einem dieser Grundstoffe, sowie eine
Veränderung ihres Sitzes Aufruhr, d. h. Krankheit, zur Folge haben.
Auch Aristoteles führt einige Krankheiten auf ein Übermaß an
Feuchtigkeit, andere auf ein Zuviel an Wärme zurück. In den Lungen
häufen sich nach ihm mit zunehmendem Alter erdige Bestandteile an, durch
die das Feuer endlich erlischt und der Tod eintritt.
Die Elemente sind bei Aristoteles nicht etwa Grundstoffe im heutigen
Sinne. Andererseits verwirft er aber auch den Hylozoismus der ionischen
Naturphilosophen (»daß nur Eines, z. B. Luft, das Sämtliche sei, ist nicht
möglich«)320. Aristoteles ist der Ansicht, daß es »eine Substanz der
sinnlich wahrnehmbaren Körper gibt, die aber immer mit einer
Gegensätzlichkeit verbunden ist, aus welcher die sogenannten Elemente
entstehen«321.

Die Begründung der Zoologie.

Während die Mathematik und die Astronomie schon vor dem Auftreten des
Aristoteles die ersten Stufen ihrer Entwicklung zurückgelegt hatten und in
zielbewußter Weise die Lösung bestimmter Aufgaben anstrebten, war das
Gleiche bezüglich der beschreibenden Naturwissenschaften noch nicht der

Page 133

Fall. Zwar waren die Grundlagen auch auf diesem Gebiete wie auf
demjenigen der Astronomie in der sich unmittelbar aufdrängenden
Beobachtung gegeben. Dem Aristoteles und seiner Schule blieb indes die
erste denkende Erfassung und die systematische Gestaltung der noch wenig
zusammenhängenden naturgeschichtlichen Einzelkenntnisse vorbehalten.
Das wichtigste zoologische Werk des Aristoteles ist seine Tierkunde322. Es
ist ein grundlegendes Werk und das bedeutendste zoologische Buch des
Altertums. Es enthält nicht nur Beschreibungen der Tiere, sondern es geht
auch auf den Bau und die Verrichtungen der Organe, sowie auf die
Entwicklung und die Lebensweise ein. Eine kurze Betrachtung möge uns
eine Probe von dem Wissen des Aristoteles und der Art, wie er seinen
Gegenstand behandelt, bieten. Begonnen wird mit der Beschreibung des
menschlichen Körpers. Zur Erforschung der inneren Organe mußte jedoch
das Tier dienen, da man sich noch nicht an die Zergliederung menschlicher
Leichen heranwagte. Die anatomischen Kenntnisse des Aristoteles sind
infolgedessen noch gering.
Das Herz, von dem er sagt, es enthalte von allen Eingeweiden allein Blut,
ist ihm auch allein das Organ, in dem das Blut bereitet wird323. Vom Herzen
aus läßt er diese Flüssigkeit sich durch den ganzen Körper verbreiten, ohne
jedoch damit die Vorstellung von einem Kreislauf zu verbinden324. Das Blut
ist ihm ferner der Träger der dem Menschen eingepflanzten Wärme. Die
Aufgabe der Atmung soll darin bestehen, diese Wärme auf das richtige Maß
herabzumindern. Man darf sich nicht wundern, daß die Anschauungen des
Aristoteles noch so weit von den heute als richtig erkannten und
jedermann geläufigen abweichen. Denn gerade die Erforschung der
Vorgänge, die sich in den Lebewesen abspielen, hat den späteren
Jahrhunderten die größten Schwierigkeiten gemacht, so daß wir selbst
zurzeit noch kaum zu einem befriedigenden Einblick in den Zusammenhang
dieser Vorgänge gelangt sind. Die Aufdeckung eines solchen
Zusammenhanges ist nämlich vor allem von den Fortschritten der Chemie
und der Physik abhängig gewesen, Wissenschaften, die zur Zeit des
Aristoteles erst im Keime vorhanden waren. So konnte, um hier nur eins
zu erwähnen, der Vorgang der Atmung und der Entstehung tierischer
Wärme erst richtig gedeutet werden, nachdem man die Zusammensetzung
und die Rolle der atmosphärischen Luft erkannt hatte. Und dies geschah
erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, an der Schwelle des letzten

Page 134

Abschnittes der Geschichte der Naturwissenschaften. Es ist Verdienst
genug, daß Aristoteles die Fragen nach den Verrichtungen, sowie nach der
Entwicklung der organischen Wesen325 gestellt und dadurch späteren
Geschlechtern den Anlaß geboten hat, die Erforschung dieser Dinge weiter
zu betreiben. So ist die Entwicklung des Hühnchens im Ei ein Problem, das
schon Aristoteles beschäftigte. Die eingehendere Untersuchung wurde
indes erst 2000 Jahre später wieder aufgenommen und erst in neuester Zeit,
auf Grund der Vervollkommnung aller Hilfsmittel, zu einem gewissen
Abschluß geführt.
Mit Recht mag es dagegen Verwunderung erregen, daß Aristoteles nicht
nur die niederen, sondern selbst höher entwickelte Tiere durch Urzeugung
entstehen ließ. Es begegnet uns auch hier wieder ein Problem, das wir durch
den Verlauf der Jahrhunderte in seinen Wandlungen verfolgen werden, bis
es endlich im neuesten Zeitalter seine Lösung gefunden hat. Zwar ist es
begreiflich, wenn Aristoteles Läuse aus Fleisch und Wanzen aus
tierischen Feuchtigkeiten herleitet. Man höre aber, welch sonderbare
Vorstellungen er sich über die Entstehung der Aale gebildet hat: »Sie
legen«, sagt er326, »keine Eier. Und man hat noch nie in ihnen einen der
Fortpflanzung dienenden Teil entdecken können. Es gibt sumpfige Teiche,
in denen sie wieder entstehen, wenn auch das Wasser und der Schlamm
herausgeschafft sind, sobald diese Teiche wieder durch den Regen gefüllt
werden. Die Aale gehen nämlich aus Regenwürmern hervor, die sich von
selbst aus dem Schlamme bilden.« Zur Entschuldigung mag es
demgegenüber dienen, daß die Fortpflanzung der Aale bis in die neueste
Zeit hinein ein dunkles Gebiet der Zoologie gewesen ist.
Keineswegs nahm aber Aristoteles die Urzeugung für die niederen Tiere
als den einzigen Weg der Entstehung an. So sagt er von den Insekten
ausdrücklich, sie zeugten, entständen aber auch spontan. Die Urzeugung
war ihm und späteren Zoologen ein Glaubenssatz, um aus der Verlegenheit,
in die man häufig durch Unkenntnis der obwaltenden Verhältnisse geraten
war, herauszukommen. Über den Vorgang der Entwicklung selbst läßt
Aristoteles sich in seiner Schrift über die Zeugung und Entwicklung der
Tiere mit folgenden zutreffenden Worten aus: »Entweder entstehen alle
Teile des Tieres auf einmal; oder sie entstehen nacheinander wie die
Maschen eines Netzes. Daß letzteres geschieht, ist deutlich. Denn man
sieht, daß manche Teile schon vorhanden sind, andere aber noch nicht. Es

Page 135

ist unzweifelhaft, daß man sie nicht nur etwa ihrer Kleinheit wegen nicht
sieht. Obgleich die Lunge nämlich einen größeren Umfang hat als das Herz,
so zeigt sie sich doch später als dieses327«.
Bezüglich der anatomischen Kenntnisse des Aristoteles sei
hervorgehoben, daß er die schneckenförmige Gestalt des inneren Ohres und
die Verbindung zwischen dem Gehörorgan und der Mundhöhle kannte. Vom
Innern des Auges, sagt er, es bestehe aus einer Flüssigkeit, welche das
Sehen vermittle. Um diese sei eine schwarze und außerhalb der letzteren
eine weiße Haut vorhanden. Beim Gehirn unterscheidet er die stärkere, dem
Schädel anliegende Haut von der schwächeren, welche das Gehirn
unmittelbar umschließt328.
Auch die Drüsen der Verdauungsorgane hat Aristoteles im ganzen richtig
beschrieben und sie sogar bei einigen Wirbellosen gekannt. Ferner hat er
seine Schriften durch Zeichnungen erläutert und soll hierin vorbildlich
gewesen sein. Andererseits wußte Aristoteles Nerven und Sehnen noch
nicht scharf genug zu unterscheiden. Die Bedeutung der Muskeln war ihm
noch nicht bekannt. Er führte vielmehr die Bewegungen der Glieder auf die
Tätigkeit der Sehnen zurück und betrachtete das Fleisch als das Organ für
die Empfindung.
Es sind etwa 500 Tierformen, die Aristoteles in den auf uns gelangten
Schriften erwähnt; doch lassen sich diese Formen nicht sämtlich
identifizieren. So werden zwar mehrere Arten von Vierhändern
unterschieden, mit den menschenähnlichen Affen war man zur Zeit des
Aristoteles jedoch noch nicht bekannt329. Auch wußte man sehr wenig von
den niederen Tieren. Doch bewältigt und beherrscht Aristoteles die ihm
bekannten Formen, – und das ist sein wesentlichstes Verdienst –, indem er
sie in ein der Natur entsprechendes, wissenschaftliches System gliedert, das
erst durch Cuvier im Beginn des 19. Jahrhunderts eine wesentliche
Verbesserung gefunden hat. Es erscheint deshalb gerechtfertigt, auf diesen
ersten und auch gleich so wohlgelungenen Versuch eines natürlichen
Systems der Tiere etwas näher einzugehen.
Zunächst teilte Aristoteles das gesamte Tierreich in Bluttiere und
Blutlose. Ging er auch hierbei von der unrichtigen Annahme aus, daß die
rote Farbe ein notwendiges Kennzeichen des Blutes sei, so decken sich
doch tatsächlich seine beiden großen Gruppen, wie wir aus ihrer weiteren

Page 136

Einteilung erkennen, mit unseren heutigen Wirbeltieren und Wirbellosen.
Die Bluttiere zerfallen bei Aristoteles in lebendig gebärende Vierfüßler
(Säugetiere), Vögel, eierlegende Vierfüßler (unsere heutigen Klassen der
Reptilien und Amphibien, zu denen er ganz richtig trotz des Fehlens der
Gliedmaßen, wegen ihrer sonstigen Beschaffenheit, die, Schlangen rechnet)
und in die von den Fischen scharf abgesonderten Waltiere. Für letztere gibt
er an, daß sie durch Lungen atmen und lebendig gebären. »Die lebendig
gebärenden Vierfüßler«, sagt Aristoteles, »sind fast alle dicht behaart. Sie
sind ferner entweder vielzehig wie der Löwe, der Hund und der Panther,
oder zweihufig wie Schaf, Ziege und Hirsch. Oder sie besitzen nur einen
Huf wie das Pferd. Den Tieren, welche Hörner tragen, hat die Natur meist
zwei Hufe verliehen. Ein Einhufer mit Hörnern ist uns niemals zu Gesicht
gekommen. Auch im Gebiß weichen die Tiere untereinander und vom
Menschen vielfach ab. Zähne besitzen alle lebendig gebärenden Vierfüßler.
Und zwar haben sie in beiden Kiefern entweder zusammenhängende
Zahnreihen oder unterbrochene. Allen Hörnertragenden fehlen nämlich die
Vorderzähne im Oberkiefer. Doch gibt es auch Arten mit unvollkommenen
Zahnreihen ohne Hörner, wie das Kamel. Manche haben Hauzähne, z. B.
der Eber. Ferner gibt es Tiere mit Reißzähnen, wie der Löwe, Panther und
Hund. Hauzähne und Hörner zugleich besitzt kein Tier. Auch kommen nicht
Reißzähne neben Hauzähnen und Hörnern vor.«
Obgleich Aristoteles hier manche Mitteilungen und Verallgemeinerungen
über die Zähne und den Bau der Füße bei den Säugetieren macht, gelangt er
doch nicht etwa zur Aufstellung von Ordnungen oder Unterordnungen im
heutigen Sinne. Bei den Vögeln indessen unterscheidet er die Ordnung der
Raubvögel von den Ordnungen der Schwimm- und der Stelzvögel.
Besonders gekennzeichnet wird die Gruppe der Vögel noch durch folgende
Bemerkungen: »Sie allein unter allen Tieren sind zweibeinig wie der
Mensch, sie haben weder Hände noch Vorderfüße, sondern Flügel. Das sind
Organe, welche dieser Tierklasse eigentümlich sind. Alle haben
mehrspaltige Füße. In der Regel sind die Zehen getrennt. Bei den
Schwimmvögeln aber sind die gegliederten, deutlich gesonderten Zehen
durch Schwimmhäute verbunden. Die Vögel, welche hoch fliegen, haben
sämtlich vier Zehen, von denen meistens drei nach vorn und eine nach
hinten gestellt sind. Einige haben zwei nach vorn und zwei nach hinten
gerichtete Zehen.«

Page 137

Für seine fünfte und letzte Gruppe, die Fische nämlich, hebt er das
Vorhandensein von Kiemen und Flossen hervor330. Auch ist ihm bekannt,
daß nicht nur die Waltiere, sondern auch gewisse Haie lebendige Junge zur
Welt bringen. Ja, er zeigt sich mit Verhältnissen in der Entwicklung der
Haie vertraut, welche erst in neuerer Zeit ihre Bestätigung gefunden haben.
So erzählt er, daß es unter den Haien eierlegende und lebendig gebärende
gäbe, und unter den letzteren auch solche, bei denen der Fötus mit dem
Uterus wie bei den Säugetieren durch einen Mutterkuchen verbunden sei (s.
Abb. 16). Diese Tatsache wurde erst im 19. Jahrhundert durch Johannes
Müller an Mustela laevis wieder entdeckt331.
Unter den Blutlosen (Wirbellosen) gelten ihm als die entwickeltsten die
Kopffüßler (Tintenfische), mit deren Bau und Lebensweise er sich
eingehend befaßt. »Sie besitzen«, sagt er, »Füße, die sich am Kopf
befinden, einen Mantel, der das Innere umschließt, und Flossen rings um
den Mantel. Es sind acht mit Saugnäpfen versehene Füße vorhanden. Einige
Arten, wie die Sepien, haben außerdem zwei lange Fangarme. Mit diesen
ergreifen sie die Nahrung und führen sie zum Maule. Bei Sturm befestigen
sie diese Arme wie Anker an einem Felsen und lassen sich so von den
Wogen hin und hertreiben. Auf die Füße folgt bei allen der Kopf, in dessen
Mitte sich das mit zwei Zähnen versehene Maul befindet. Darüber liegen
die großen Augen, und zwischen diesen eine knorpelige Masse, welche das
Gehirn einschließt.«

Abb. 16. Der Embryo des glatten Hais des Aristoteles.
Dp, der Mutterkuchen in Verbindung mit dem Uterus332.

Dann folgen die Krebse, von Aristoteles Weichschalige genannt. Die
dritte Gruppe bilden die Kerbtiere. Aristoteles begreift darunter sämtliche

Page 138

Tiere mit geringeltem Körper, also nicht nur die Insekten, sondern auch die
Spinnen, die Tausendfüßler und die Gliederwürmer. Er hebt hervor, daß der
Körper aller Insekten in drei Abschnitte zerfällt, den Kopf, den Körperteil,
welcher Magen und Darm enthält, und drittens den dazwischen liegenden
Abschnitt, dem bei anderen Tieren Brust und Rücken entsprechen. »Außer
den Augen«, fährt Aristoteles fort, »haben die Insekten kein deutliches
Sinnesorgan. Manche besitzen einen Stachel, der sich entweder innerhalb
des Körpers befindet, wie bei den Bienen und Wespen, oder außerhalb, wie
beim Skorpion333. Letzterer ist allein unter allen Insekten lang geschwänzt;
ferner besitzt er Scheren. Einige Insekten haben über den Augen Fühler, z.
B. die Schmetterlinge und die Käfer. Im Innern findet sich ein Darm, der in
der Regel bis zum After gerade verläuft, mitunter aber auch gewunden ist.«
Bei den Insekten fesseln Aristoteles besonders der Bau und die
Lebensweise der Honigbiene. Er erwähnt, daß sie das Bienenbrot an den
Schenkeln einträgt und den Honig in ihre Zellen speit. Er erzählt von dem
Bau der Waben, den Maden und Puppen und kennt die Herkunft, sowie die
Rolle, die das sogenannte Vorwachs besitzt, so daß wir vor Swammerdam,
welcher durch die Anwendung des Mikroskops und durch die Befolgung
der Grundsätze der neueren Naturforschung zu einem weit tieferen Einblick
befähigt war, kaum eine gleich gute Schilderung dieses wichtigen Insektes
antreffen.
Die vierte Gruppe, ausgezeichnet durch harte Schalen, die einen weichen
ungegliederten Körper umschließen, bilden die Schnecken und die
Muscheln, die von Aristoteles als Schaltiere zusammengefaßt werden.
Der fünften und letzten Gruppe, den Seewalzen, Seesternen und
Schwämmen, wird eine vermittelnde Stellung zwischen dem Tier- und
Pflanzenreiche zugewiesen.
Viele Betrachtungen, die Aristoteles in seinen zoologischen Schriften
anstellt, lassen erkennen, daß er, wenn auch vom teleologischen
Standpunkt, doch schon von dem Gedanken geleitet wird, den die neuere
Biologie als Erhaltungsmäßigkeit bezeichnet. Das Wort soll ausdrücken,
daß Lebensweise, Aufenthaltsort und Einrichtung eines Tieres einander
entsprechen. Nicht minder stehen aber die einzelnen Organe zueinander und
zum Gesamtbau in einem gewissen Verhältnis, das Cuvier, der größte
Zoologe der Neuzeit, als die Korrelation der Organe bezeichnet hat. In
welchem Maße Cuvier und die neuere Biologie hierin mit Aristoteles

Page 139

übereinstimmen, lassen z. B. dessen Betrachtungen über die Zähne
erkennen. Sie lauten334: »Die Zähne haben die Tiere im allgemeinen zur
Zerkleinerung der Nahrung, dann aber auch als Waffen zu Angriff und
Abwehr. Von denen, die sie zu Schutz und Trutz besitzen, haben einige
Hauer wie der Eber, andere scharf ineinander greifende Zähne. Die Stärke
dieser Tiere beruht auf ihren Zähnen. Diese müssen also scharf sein und
zweckmäßig ineinander greifen, damit sie sich nicht durch gegenseitige
Reibung abstumpfen. Ferner haben die spitzzähnigen ein weit geschlitztes
Maul. Da nämlich ihre Wehr im Beißen besteht, haben sie ein weites Maul
nötig, denn sie werden mit um so mehr Zähnen und um so stärker beißen, je
weiter das Maul geschlitzt ist335.«
Auch über die Ernährung der Tiere wie über diejenige der Pflanzen hatte
sich Aristoteles schon Vorstellungen gebildet, die viel Zutreffendes
enthalten. Sämtliche Bestandteile des Körpers läßt er durch die
Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsmittel entstehen336. Für einzelne
Substanzen wie das Fett, die Galle usw. gebe es wahrscheinlich auch
bestimmte Nährstoffe. Diese sollen aus dem Blute durch die Wandungen
der Adern hindurchsickern und auf diese Weise an den Ort gelangen, wo sie
abgeschieden werden. Das Fett entstehe aus mehliger und süßer Nahrung,
die sich leicht in Fett umwandele. Als die wichtigste Ausscheidung des
Blutes betrachtet Aristoteles den Samen. Er enthalte neben Wasser und
Erde vor allem den warmen, lebenerregenden Luftgeist, das Pneuma (s. S.
102). Wie sich die Erde in ein Mineral verwandeln könne, so verwandele
die im Samen enthaltene Erde sich in einen Menschen. Tiere mit starken
Knochen läßt Aristoteles aus einem besonders erdhaltigen Samen
hervorgehen. Seele und Körper der Lebewesen bilden nach ihm eine
Einheit, allerdings nur in dem Sinne, daß der Körper das Organ der Seele
ist337. Dafür spreche auch, daß manche Tiere, die man zerschneide, in jedem
ihrer Teile weiterleben.

Aristoteles über die Pflanzen.

In seinem Bestreben, das gesamte Wissen seiner Zeit vom Standpunkte des
Philosophen zu sammeln, zu prüfen und systematisch zu gliedern, konnte
Aristoteles auch an der Pflanzenwelt nicht achtlos vorübergehen. Leider
ist indessen seine diesem Gegenstande gewidmete »Theorie der Pflanzen«

Page 140

verloren gegangen. Was wir an Ansichten des Aristoteles über die Natur
der Pflanzen kennen, sind vereinzelte, aber immerhin zahlreiche
Äußerungen des Philosophen, die sich in seinen übrigen Werken zerstreut
finden338. Von besonderem Interesse ist, was Aristoteles über die
Verwandtschaft der Tiere mit den Pflanzen sagt339. Die Natur geht allmählich
vom Unbeseelten zum Beseelten über. Auf die unbeseelten Dinge läßt sie
zunächst die Pflanzen folgen. Unter diesen unterscheide sich die eine von
der anderen darin, daß sie teils mehr, teils weniger Anteil am Leben zeige.
Vergleiche man die Pflanzen mit den leblosen Dingen, so seien erstere wie
beseelt, dagegen erscheine die Pflanze im Vergleich zum Tiere wie
unbeseelt. Und doch sei der Übergang zwischen Pflanze und Tier
ununterbrochen. Denn bei einigen Wesen des Meeres könne man zweifeln,
ob sie Tiere oder Pflanzen seien. Auch über die Teilbarkeit der Pflanzen und
der Tiere stellt Aristoteles Betrachtungen an340. »Nimmt man von einer
Zahl«, sagt er, »eine Zahl weg, so bleibt eine andere Zahl. Die Pflanzen
dagegen und viele Tiere bleiben bestehen, wenn man sie teilt.« Die niederen
Tiere und die Pflanzen stimmen, wie Aristoteles richtig hervorhebt, eben
darin überein, daß ihnen die Einheit der Organisation fehlt. Infolgedessen
können abgetrennte Teile des Organismus fortleben und sich zu
selbständigen Wesen entwickeln341. Auch darin seien sie einander ähnlich,
daß bei beiden der Hauptzweck die Fortpflanzung sei und alle
Einrichtungen sich auf diesen Zweck zurückführen ließen.
Auch über die Ernährung der Pflanzen hat Aristoteles nachgedacht. Die
Wurzeln nennt er ein Analogon des Mundes, da beide die Nahrung
einnehmen342. Die Erde enthalte eine für die Pflanze zubereitete Nahrung
und diene ihr sozusagen als Bauch, während die Tiere gleichsam die Erde
als Inhalt des Darms in sich trügen, aus dem sie, wie die Pflanzen mit den
Wurzeln, mit etwas Ähnlichem die Nahrung aufnehmen müßten343. Wem
fällt bei dieser originellen, im Grunde aber richtigen Auffassung des
Philosophen nicht die so treffende Benennung der Darmzotten als innere
Wurzeln des Tieres ein? Ein ähnliches Verhältnis, wie für die Ernährung
von Tier und Pflanze, nimmt Aristoteles für die Entwicklung an. Er sagt
nämlich: »Wie sich die Gewächse des Bodens bedienen, so bedienen sich
die Embryonen des Uterus«344.
Was die Entstehung anbetrifft, so wird auch für die Pflanzen angenommen,
daß sie entweder aus Samen oder von selbst entständen. Letzteres geschehe,

Page 141

wenn die Erde oder Pflanzenteile faulten. Was endlich die Sexualität
anlangt, so meint Aristoteles, bei den Pflanzen sei das Männliche und das
Weibliche nicht getrennt; sie zeugten daher aus sich selbst. Das Gleiche
finde gewissermaßen bei den Tieren statt. Denn wenn sie zeugen wollten, so
werde sozusagen ein Tier aus zweien. Die Tiere seien somit gleichsam
Pflanzen, in denen das Männliche und das Weibliche voneinander
geschieden sei. Aus den zerstreuten Bemerkungen des Aristoteles
erkennen wir somit, daß das Nachdenken über botanische Dinge rege
geworden war und manche wertvolle Beobachtung und Verallgemeinerung
vorlag. Der erste, dem wir ein zusammenhängendes Werk über die Pflanzen
verdanken, ist denn auch ein Schüler des großen Philosophen, Theophrast.
Dieser nimmt der Botanik gegenüber eine ähnliche Bedeutung ein, wie sie
Aristoteles für die Zoologie besitzt.

Theophrast begründet die Botanik.

Über das Leben des Theophrast sind wir besonders durch Diogenes
Laertios und durch Plutarch unterrichtet. Doch sind seine
Lebensumstände wenig bekannt und durch Sagen und Übertreibungen
verdunkelt. Theophrast wurde 371 v. Chr. zu Eresos auf der Insel Lesbos
geboren. Er widmete sich der Philosophie. Und zwar schloß er sich zuerst
an die Atomisten (Leukipp), dann an Platon und schließlich an
Aristoteles an. Theophrast nannte man ihn seiner Beredsamkeit wegen345.
Nach dem Tode des Aristoteles, dessen Lieblingsschüler und langjähriger
Freund er war, übernahm Theophrast die Führung der von Aristoteles in
Athen gegründeten Philosophenschule, die er zur höchsten Blüte brachte.
Theophrast genoß in Athen das größte Ansehen. Sein Ruhm drang auch
ins Ausland, so daß Ptolemäos der Lagide ihn nach Alexandrien zu
ziehen suchte. Wie sehr man Theophrast in seinem Vaterlande schätzte,
geht auch aus folgender Erzählung hervor. Theophrast wurde des Mangels
an Religion beschuldigt. Man gab indessen dieser Klage nicht nur keine
Folge, sondern es fehlte nicht viel, daß der Kläger selbst in den
Anklagezustand gesetzt wurde346.
War Theophrast auch nicht an schöpferischer Kraft mit Aristoteles zu
vergleichen, so überragte er ihn durch den Umfang seiner

Page 142

naturwissenschaftlichen Einzelkenntnisse. Auf die Beobachtung zahlreicher
Einzelfälle, wodurch man allein zur Bildung richtiger Begriffe gelangen
könne, legte er den größten Wert. Wo Theophrast nur fremde
Beobachtungen zu Gebote stehen, verhält er sich durchaus kritisch und
macht aus etwaigem Zweifel kein Hehl. Sein Fleiß war unermüdlich und
begleitete ihn bis ins höchste Alter. Sterbend klagte er noch im Hinblick auf
das Aufhören seiner wissenschaftlichen Tätigkeit über die Kürze des
menschlichen Lebens347. Das Altertum pries auch seine Umgangsformen.
Cicero läßt ihn sagen, die rauhe Tugend allein mache keineswegs die
Glückseligkeit aus. Er galt ferner als einer der bedeutendsten Redner, der
vortrefflich und wohlberechnet seine Worte mit seinen Gebärden und
seinem Mienenspiel in Einklang zu bringen wußte.
Von einem ganz ungewöhnlichen Fleiße legt auch die Zahl seiner Schriften
Zeugnis ab348. Leider sind die wichtigsten verloren gegangen. Sie erstreckten
sich auf Mathematik, Astronomie, Botanik, Mineralogie und alle Teile des
von Aristoteles gegründeten philosophischen Systems. Theophrast starb
286 v. Chr. Er ist also 85 Jahre alt geworden. Seiner Schule soll er einen
Pflanzengarten und eine Halle, in welcher der Unterricht stattfinden sollte,
vermacht haben349.
Außer dem botanischen Hauptwerk, dessen neun Bücher vollständig auf
uns gekommen sind, und mit dessen Inhalt wir uns im nachfolgenden in der
Hauptsache bekannt machen wollen, verfaßte Theophrast noch eine
Schrift »Von den Ursachen der Pflanzen«. Sie ist leider nur unvollständig
vorhanden. Die Schrift von den Ursachen der Pflanzen (περὶ φυτῶν αἰτίαι)
verhielt sich zur Geschichte der Pflanzen ähnlich wie die mehr
philosophischen zu den beschreibenden Büchern, die Aristoteles über die
Tierkunde verfaßt hatte350.
Vor Aristoteles hatte man sich den Gewächsen, soweit sie nicht dem
unmittelbaren Unterhalt von Mensch und Tier dienten, vorzugsweise aus
medizinischem Interesse zugewandt. Das Sammeln der Pflanzen und ihre
Verarbeitung zu heilkräftigen Säften wurde berufsmäßig von den schon
erwähnten Rhizotomen (Wurzelschneidern) betrieben. Es waren dies die
Vorläufer unserer heutigen Pharmazeuten. Jetzt wandte sich das
wissenschaftliche Interesse neben der Tierwelt auch dem Pflanzenreiche zu.
Wenn wir von der verloren gegangenen Schrift des Aristoteles über die
Theorie der Pflanzen absehen, lieferte Theophrast die erste, eingehende

Page 143

Bearbeitung der den Griechen bekannten Gewächse unter Berücksichtigung
ihrer Lebensbedingungen, sowie der allgemeinen Morphologie. Die Schrift,
auf die wir jetzt näher eingehen wollen, führt den Titel: Naturgeschichte der
Gewächse351.
Was beim Lesen dieses Buches zunächst auffällt, ist das Fehlen genauer
Beschreibungen, die erst später in immer höherem Grade als das
nächstliegende Ziel der botanischen Wissenschaft erkannt wurden. Oft fehlt
eine Beschreibung der zur Besprechung gelangenden Pflanze ganz, da
Theophrast sie als den Lesern hinreichend bekannt voraussetzt. In anderen
Fällen beschränkt er sich darauf, augenfällige Eigentümlichkeiten
hervorzuheben, so daß es später oft schwer, ja manchmal unmöglich
gewesen ist, selbst nachdem man die Flora Griechenlands genauer kennen
gelernt hatte, die Identität der einzelnen Pflanzen festzustellen. Als gegen
den Ausgang des Mittelalters die Botanik eine Weiterentwicklung erfuhr,
war man zunächst in der Vorstellung befangen, alle Pflanzen, über welche
die Alten, insbesondere der später zu erwähnende Dioskurides
geschrieben, seien auch im westlichen Europa zu finden. Erst nachdem man
sich lange in dieser Richtung abgemüht und nur in wenigen Fällen etwas
erreicht hatte, weil man der geographischen Verbreitung der Gewächse noch
nicht die gebührende Beachtung schenkte, ging man zur möglichst genauen
Beschreibung der Pflanzen über. So entstanden die Kräuterbücher der ersten
neueren Botaniker. Die Schwierigkeit, die von den Alten beschriebenen
Pflanzen zu identifizieren, wurde noch durch den Umstand vergrößert, daß
sich die Flora der in Betracht kommenden Länder im Laufe der
Jahrtausende durch Wanderungen, durch klimatische Änderungen und ganz
besonders durch die Einwirkung des Menschen geändert hatte352.
Das den Griechen zur Zeit des Theophrast floristisch bekannt gewordene
Gebiet war ein sehr beträchtliches. War man doch durch die Züge
Alexanders des Großen auch mit Persien, Baktrien und Indien bekannt
geworden, während man schon vorher über die in Vorderasien und Ägypten
vorkommenden Pflanzen vieles erfahren hatte. Allerdings lernten die
Griechen auf ihren Eroberungszügen die Naturkörper zunächst mehr im
Vorübergehen kennen und achteten fast nur auf das, was auf den fremden
Märkten ihr Erstaunen hervorrief353.
Ein neues Licht haben die Untersuchungen Bretzls auf die botanischen
Ergebnisse des Alexanderzuges geworfen354. Das griechische Heer wurde

Page 144

von Gelehrten begleitet. Ihre Aufzeichnungen bildeten einen Teil dessen,
was man heute das »Generalstabswerk« über den indischen Feldzug nennen
würde. Dieses Werk ist leider verloren, doch sind Auszüge in Theophrasts
Geschichte der Pflanzen355 übergegangen. Von den fremden
Vegetationsbildern, welche Theophrast genauer schildert und mit der
Vegetation der Länder des östlichen Mittelmeeres vergleicht, ist vor allem
die Mangroveformation des persischen Golfes zu nennen. Theophrast gibt
eine genaue Beschreibung der eigenartigen Pflanzen jener Formation. Er
schildert die Lebensweise der Mangrovegewächse, die auf Stelzenwurzeln
weit über das Meeresufer hinauswachsen, so richtig, daß neuere Reisende,
wie Schweinfurth, seine Angaben nur bestätigen konnten. Einen
»Glanzpunkt« nennt Bretzl die Beschreibung, welche Theophrast vom
indischen Feigenbaum gegeben, der mit seinen, von den Ästen her in die
Erde eindringenden, Stützwurzeln einem Walde gleicht. Daß es sich bei den
Stützen, welche die fast horizontal sich ausbreitenden Äste in den Boden
hinabsenden, um eigentliche Wurzeln handelt, erkannte schon Theophrast,
wie er auch das Bambusrohr als eine Schilfart erkennt und das vom Rande
her einreißende Blatt der Banane sehr zutreffend mit den Schwungfedern
eines Vogels vergleicht.
Wahrscheinlich sind die Griechen auch mit der Baumwolle erst nach den
Zügen Alexanders genauer bekannt geworden, während in Ägypten die
Baumwollweberei schon früh anzutreffen war. Durch die Beobachtungen,
die man auf dem Alexanderzuge anstellte, wurden die Griechen auch mit
der Tatsache vertraut, daß gewisse Pflanzen Bewegungen ausführen, wie
man sie bisher nur bei den Tieren kannte. Es handelt sich um die
periodischen Bewegungen der Blattfiedern von Tamarindus indica. Diese
Bewegungen werden in ihren einzelnen Stadien so genau beschrieben, daß
sie bis zum Beginn der neueren physiologischen Untersuchungen über
diesen Gegenstand die beste Schilderung sind, die wir über den
Pflanzenschlaf besitzen. Die betreffende Stelle lautet bei Theophrast 356:
»Der Baum besitzt zahlreiche Fiederblättchen. Sie legen sich während der
Nacht leise zusammen. Bei Sonnenaufgang öffnen sie sich, und um Mittag
entfaltet sich der Baum völlig. Am Nachmittage ziehen sich die Blättchen
allmählich wieder zusammen und in der Nacht schließt sich die Pflanze
wieder. Man sagt dort zu Lande, sie schlafe.«

Page 145

Dadurch, daß die Griechen die Pflanzenwelt vom Mittelmeerbecken bis in
die tropischen Gebiete Asiens kennen lernten, wurden sie nicht nur mit
gewissen Grundtatsachen der Pflanzengeographie, sondern auch schon mit
einigen wichtigen, pflanzengeographischen Gesetzen bekannt, so daß es
nicht ganz zutreffend ist, die Anfänge dieser Wissenschaft auf A. v.
Humboldt zurückzuführen. Die Erscheinung, daß die Flora ihren
Charakter mit der Erhebung des Bodens über das Meer ändert, hatten die
Griechen schon in ihrer Heimat beobachtet. Sie hatten dort bemerkt, daß
sich an die Mittelmeerflora mit ihren immergrünen Gewächsen zunächst
eine Laubwaldregion, darüber Nadelholzwälder und noch höher hinauf eine
Region anschloß, die wir heute als alpin bezeichnen würden. Die gleiche
Erscheinung nahmen sie noch deutlicher wahr, als sie an den Fuß der Berge
gelangten, die Indien vom Rumpf des asiatischen Kontinentes trennen. Dort
herrschte noch die tropische Flora mit ihren Palmen und Bananen in reicher
Fülle. Unmittelbar darüber erblickten die Griechen Pflanzen, die sie an
diejenigen der Mittelmeerländer erinnerten. Dann folgten wieder
Laubhölzer, Nadelhölzer und alpine Pflanzen. Einen ähnlichen Wechsel der
Flora nahmen sie wahr, als sie die Pflanzen nördlicher Landstriche mit
denen südlicher verglichen. Dieser Vergleich drängte sich ihnen nicht nur in
Europa, sondern auch in Asien auf. Auch hier fanden sie in den nördlicher
gelegenen Teilen die mächtigen dunklen Nadelholzwaldungen wieder, die
sie als charakteristisch für das mittlere Europa betrachtet hatten.
In Theophrasts »Geschichte der Pflanzen« überwiegt das praktische
Interesse häufig das wissenschaftliche. Die Beschreibung gewisser
technischer Verrichtungen, wie der Gewinnung von Holzkohle, Pech, Harz
und Spezereien, ferner der Verwendung der Holzarten, insbesondere aber
der Wirkung von Pflanzen auf den menschlichen Körper, nehmen
dementsprechend einen breiten Raum ein357. Aber auch von der
geographischen Verbreitung, den Krankheiten, der Lebensdauer, dem
Einfluß des Klimas, sowie der Ernährung der Pflanzen ist die Rede. Daß
dabei zu einer Zeit, in der man kaum beobachten, geschweige denn mit
Pflanzen experimentieren gelernt hatte, manche irrtümliche Ansicht
ausgesprochen wird, ist leicht begreiflich. So führt Theophrast die
Erscheinung, daß die Bäume, wenn sie dicht gedrängt stehen, keinen
kräftigen Wuchs aufweisen, sondern dünn und lang werden, nicht auf den
Einfluß des Lichtes, sondern auf Mangel an Nahrung zurück. An
Krankheiten der Pflanzen erwähnt er den Wurmstich, den Rost des

Page 146

Getreides und den Honigtau. Letzteren leitet er aus einem zu großen
Feuchtigkeitsgehalt der Pflanzen ab, während es sich in der Tat um
Ausscheidungen von Blattläusen handelt. Als eine Wirkung des Klimas
betrachtet Theophrast die Erscheinung, daß in heißen Ländern der
jährliche Laubfall bei Pflanzen unterbleibt, die in den Mittelmeerländern ihr
Laub im Winter verlieren. Dies sei z. B. bei dem Feigenbaum und dem
Weinstock der Fall358.
Als Ernährungsorgane werden nicht nur die Wurzeln, sondern auch die
Blätter betrachtet. Die Ernährung soll auf beiden Flächen durch Einsaugung
vor sich gehen. Das Wachstum der Blätter und das Ansetzen der Früchte
stehen, wie Theophrast sehr richtig bemerkt, in solchem Verhältnis, daß,
wenn der eine Vorgang stattfindet, der andere zurückgehalten wird359. Auch
die Möglichkeit, daß sich die eine Pflanzenart in eine andere umwandele,
ein häufig wiederkehrender Irrtum, wird bei Theophrast erörtert. So sagt
er: »Die wilde Minze soll sich in Gartenminze umändern, auch soll sich der
Weizen in Lolch verwandeln.« Von der Sexualität der Pflanzen vermochte
er sich ebensowenig wie das übrige Altertum eine klare Vorstellung zu
machen. Doch erwähnt er, daß man bei den Dattelpalmen das Ansetzen von
Früchten dadurch fördere, daß man die stauberzeugenden Zweige über die
fruchttragenden hänge:
»Manche Bäume«, sagt er, »werfen ihre Früchte vor der Reife ab, wogegen
man auch Anstalten trifft. Bei den Datteln besteht das Hilfsmittel darin, daß
man die männliche Blüte der weiblichen nähert, denn jene macht, daß die
Früchte dauern und reif werden. Es geschieht dies aber auf folgende Weise:
Blüht die männliche Pflanze, so schneidet man die Blütenscheide ab und
schüttelt sie mit dem Staube auf die weibliche Frucht. Wird diese so
behandelt, so dauert sie aus und fällt nicht ab.« Anknüpfend an diese und
ähnliche Beobachtungen der Alten begründete in der neueren Zeit
Camerarius die Lehre von der Sexualität der Pflanzen.
Ein Verdienst erwarb sich Theophrast auch durch die begriffliche
Bestimmung, sowie die Morphologie der wichtigsten Pflanzenorgane. Z. B.
begegnet uns bei ihm der Begriff des gefiederten Blattes, das man bis dahin
für einen Zweig gehalten hatte. Dagegen gelang es ihm nicht, eine
naturgemäße Einteilung des Pflanzenreichs zu schaffen und damit das zu
leisten, was Aristoteles für die Zoologie getan. Theophrast unterscheidet
Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter und spricht innerhalb dieser vier

Page 147

Gruppen wieder von zahmen und wilden Pflanzen. So überschreibt er z. B.
ein Kapitel: »Von den wilden Bäumen«, während er ein anderes mit den
Worten beginnt: »Jetzt soll von den Gewächsen der Flüsse, Sümpfe und
Teiche die Rede sein.« Immerhin werden bei seiner Einteilung der Kräuter
mitunter natürliche Gruppen angedeutet. Endlich verdanken wir dem
Theophrast auch eine Reihe wertvoller Mitteilungen über den Bau und die
Entwicklung der Pflanzen. Sie erscheinen ihm als lebende Wesen, welche
als Voraussetzungen des Lebens Wärme und Feuchtigkeit in sich bergen.
Daher ist er auch bemüht, eine Ähnlichkeit im Bau der Pflanzen und der
Tiere nachzuweisen. Als innere Teile der Pflanzen unterscheidet er Rinde,
Holz und Mark. Diese Teile seien aus Fasern, Adern, Fleisch und Saft
gebildet. Das Fleisch entspricht dem, was wir heute als Parenchym oder
Grundgewebe bezeichnen. Die Fasern sind dagegen die Gefäßbündel.
Theophrast bemerkt sogar, daß sie mitunter regelmäßig angeordnet, bei
anderen Pflanzen, wie den Gräsern und Palmen, dagegen unregelmäßig im
Fleisch (Grundgewebe) zerstreut seien.
Auch über die Entwicklung der Pflanzen finden sich bei Theophrast
einige Beobachtungen. Er weist darauf hin, daß der Keim sowohl Wurzel
als Stamm enthält360, und daß die Wurzel zuerst aus dem Samen
hervorbricht. Darauf entwickle sich der Stamm, dessen erste Blätter durch
einfachere Gestalt von den späteren abwichen. Treffend wird ferner
bemerkt, daß das Winklige und die Gliederung mit dem Fortschreiten der
Entwicklung zunehmen361. Daß uns die Botanik bei Theophrast sofort als
eine ziemlich entwickelte Wissenschaft entgegentritt, darf uns nicht in
Erstaunen setzen, denn ohne Zweifel konnte Theophrast auf Vorgänger
fußen, die er zum Teil auch erwähnt362. Neben Theophrast wären zwar
noch einige Mitglieder der peripatetischen Schule zu nennen, die sich mit
Botanik beschäftigt haben. Da sich aber nicht viel mehr als ihre Namen und
die Titel ihrer Schriften erhielten, wollen wir uns mit dem weiteren
Schicksal der botanischen Wissenschaft erst wieder befassen, wenn sie uns
bei den Römern von neuem begegnen wird.
Wie für die Tiere so sahen die Griechen auch für die Pflanzen, als eine
besondere Art der Vermehrung, die Urzeugung an. Man nahm sie nicht nur
für kleinere Pflanzen, sondern mitunter selbst für Bäume in Anspruch.
Theophrast war dieser Ansicht gegenüber indes schon skeptisch. Er suchte
angebliche Fälle von Urzeugung auf die Verbreitung der Samen durch

Page 148

Regengüsse, Vögel, Überschwemmungen oder durch den Wind
zurückzuführen. Auch darauf weist er hin, daß manche Samen ihrer
geringen Größe wegen leicht übersehen werden. Die Fortpflanzung durch
Samen erklärt er für die gewöhnliche. Der Pflanzensamen sei dem
tierischen Ei zu vergleichen. Beide enthielten die erste Nahrung des Keimes
in sich. Daß aber Urzeugung insbesondere bei kleineren Pflanzen
vorkomme, stellt er nicht in Abrede. Er nimmt vielmehr an, daß Pflanzen
sowohl wie Tiere bei der Zersetzung von Stoffen unter dem Einfluß von
Feuchtigkeit und Wärme entstehen können.

Theophrast als der Begründer der Mineralogie.

Auch die dritte der beschreibenden Naturwissenschaften, die Mineralogie,
fand ihre erste Bearbeitung in demselben Zeitalter, in welchem die Zoologie
und die Botanik ins Leben gerufen wurden. Dies geschah gleichfalls durch
Theophrast, und zwar in seinem Werke »Über die Steine«363. Jedoch
handelt es sich hier in noch höherem Grade wie in der Botanik um eine
Zusammenstellung von chemischen und mineralogischen
Einzelkenntnissen, in deren Besitz man durch die Ausübung
hüttenmännischer Prozesse gelangt war. Mit dem Eisen war man schon in
der mykenischen Zeit bekannt. Obgleich Griechenland reich an Eisenerz
war, benutzte man das Metall anfangs nur zu Schmuckgegenständen (z. B.
zu Ringen). Nachdem man es härten gelernt hatte, diente es auch zur
Herstellung von Waffen. Bei Homer ist meist von Bronze die Rede, doch
wird das Eisen auch öfters erwähnt364. Auch das Silbererz des Laurions
wurde seit recht frühen Zeiten abgebaut. Die dortigen Bergwerke besaßen
ausgedehnte Schächte und Stollen mit Holzzimmerung. Ihre reichen
Erträgnisse ermöglichten es Athen, zur Abwehr der Perser, Rüstungen von
einem Umfange zu betreiben, wie sie sich ein solch kleiner Staat sonst
schwerlich hätte auferlegen können. Es handelte sich am Laurion um
silberhaltige Bleierze, aus denen man zunächst, wie es noch heute
geschieht, durch Rösten und darauffolgendes Niederschmelzen das rohe
Blei gewann. Ein der Treibarbeit entsprechendes Verfahren lieferte dann,
infolge der Oxydation des Bleies zu Glätte, das Silber365.
Theophrast hebt bei der Besprechung der Mineralien hervor, daß sie sich
besonders in der Farbe und im Gewichte unterscheiden. Zu den Mineralien

Page 149

rechnet er auch die Korallen, die im Meere entständen. Ferner erwähnt er
ein Mineral, das wie der Bernstein Holz, indessen auch Erz und Eisen
anziehe. Theophrast nennt es Lynkurion. Es ist nicht aufgeklärt, welchen
Stoff er damit gemeint hat. Manchen Mineralien wurden auch heilkräftige
Wirkungen zugeschrieben. So wurde der Rauch von Gagat, einer sehr
bituminösen Braunkohle, eingeatmet, um epileptische Anfälle zu
bekämpfen. Malachitpulver diente als Mittel gegen gewisse Erkrankungen
der Augen usw.366.
Als dasjenige Volk, das als erstes in den Mittelmeerländern Bergbau
betrieben haben soll, werden seit alters die Phönizier bezeichnet. Sie waren
es, die in dem an Erzen reichsten Lande des alten Europas, in Spanien, den
Metallreichtum durch Betriebe größeren Umfangs aufschlossen. In der
griechischen Literatur ist von Bergwerken zuerst bei Herodot die Rede.
Bei Homer findet sich jedenfalls noch keine Andeutung367.
Genauere Kenntnis über den Bergbau im Altertum hat man erhalten,
seitdem man den Betrieb verlassener alter Bergwerke in Spanien und am
Laurion wieder aufnahm. Es geschah dies um die Mitte des 19.
Jahrhunderts. Am Laurion hat man zahlreiche Tagebaue und Stollen, sowie
an 2000 Schächte wieder aufgedeckt. Man fand auch die Geräte, welche die
Alten beim Bergbau benutzten, z. B. Grubenlampen, eiserne Hämmer,
Meißel, Brechstangen usw. Die Schächte gehen bis über hundert Meter in
die Tiefe. Ein weiteres Eindringen wird die Ansammlung von
Grubenwasser verhindert haben. Auch in Ton geformte Nachbildungen, die
sich auf den Betrieb beziehen, hat man ausgegraben. Diese archäologischen
Funde ergänzen die erhaltene Literatur in solchem Maße, daß wir uns von
dem bis in das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichenden Bergbau und
Hüttenbetrieb der Athener ein zutreffendes und deutliches Bild machen
können368.

Einfluß und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.

Wir haben uns in diesem Abschnitt insbesondere ein Bild von den
Leistungen des Aristoteles und desjenigen, der vor allem auf dem Gebiete
der Naturwissenschaften in seine Fußtapfen trat, des Theophrast, gemacht.
Bevor wir uns dem alexandrinischen Zeitalter zuwenden, sei noch ein Wort

Page 150

über die Bedeutung des Aristoteles gesagt. Sein Einfluß hat sich auf 2000
Jahre erstreckt, und jedes Zeitalter hat, wenn auch in sehr verschiedener
Weise, zu ihm, wie zu der griechischen Philosophie und Naturwissenschaft
überhaupt, Stellung nehmen müssen. Die Schätzung, welche sie gefunden
haben, ist eine recht wechselnde gewesen, je nach dem Standpunkt, den die
Beurteiler einnahmen. Während des größten Teiles des Mittelalters galt
Aristoteles als unanfechtbare Autorität. Noch Dante erkennt ihn voll an
und nennt ihn il maestro di color che sanno369. Der Ansturm, der sich zu
Beginn der neueren Zeit gegen Aristoteles erhob, betraf weniger ihn
selbst als seine mittelalterlichen Anhänger und Ausleger, die manchen
eigenen Irrtum durch seine Autorität zu decken suchten.
Ein scharfer Gegensatz zu Aristoteles entstand erst mit dem immer
konsequenter werdenden Bemühen, die Natur aus mechanischen Prinzipien
zu erklären, unter Beseitigung des Zweckbegriffs, der in der aristotelischen
Philosophie dasjenige ist, um das sich alles dreht. Aufs Schärfste verurteilt
wurde demgemäß Aristoteles im Jahrhundert der Aufklärung, der Zeit der
französischen Materialisten und des l'homme machine. Es gehörte damals
zum guten Ton, von den nutzlosen Hirngespinsten des Aristoteles zu
reden, ohne seine Schriften gelesen zu haben. Eine Ausnahme bildete
damals Cuvier, der ihm für seine Leistungen auf zoologischem Gebiete
geradezu Bewunderung zollte. Mit der Überwindung des reinen
Materialismus durch das erneute Emporblühen der Philosophie stellte sich
ein Rückschlag ein. Es war vor allem Hegel 370, der den großen Stagiriten
wieder anerkannte: »Aristoteles ist,« sagt Hegel, »in die ganze Masse des
realen Universums eingedrungen und hat ihre Zerstreuung dem Begriffe
untergeordnet.« Ziehen wir von diesem Ausspruch Hegels soviel ab, daß
wir für die Tat das Wollen setzen, so ist die Bedeutung des Aristoteles
richtig erfaßt. In ihm begegnet uns ein Mensch, der sich die Erklärung des
Weltganzen und der Natur im einzelnen zum Ziele machte und diese
Aufgabe in umfassender Weise zu lösen suchte. Ihn dabei an dem Maßstabe
des modernen Naturforschers zu messen, wie es in England371 geschehen, ist
nicht gerecht.
Durch Aristoteles wurde zum ersten Male ein Lehrgebäude errichtet, das
die Ergebnisse der Beobachtung und der Erfahrung, zwar unter allzu starker
Hervorhebung bloßer Denkbegriffe, indes unter Vermeidung religiöser,
mystischer und nationaler Vorurteile, umfaßt. In diesem allgemein

Page 151

wissenschaftlichen Grundzug liegt die Bedeutung und die treibende Kraft
seiner Lehre. Das war es, was Aristoteles die Wirkung für alle Zeiten und
auf alle Völker sicherte.
Ganz abgesehen von dieser allgemeinen Bedeutung des Aristoteles wird
man zugeben müssen, daß in seinen Werken eine Menge von
Einzelkenntnissen zusammengestellt und gesichtet sind. Mit Recht nennen
daher die Herausgeber372 der Tierkunde des Aristoteles dieses
bedeutendste naturwissenschaftliche Werk des Altertums eine »Biologie der
gesamten Tierwelt, gegründet auf eine große Menge von Einzelkenntnissen,
belebt durch den großartigen Gedanken, alles tierische Leben als einen Teil
des Weltalls in allen seinen unendlichen Abwandlungen zu einem
einheitlichen Gemälde zusammenzufassen, und erfüllt von der
Weltanschauung, für die Gesetze des natürlichen Geschehens einen
vernünftigen Endzweck vorauszusetzen.«
Auch für die Entstehung der Geschichte der Wissenschaften als einer
besonderen Disziplin ist Aristoteles grundlegend gewesen. Er war es, der
z. B. Eudemos zur Abfassung seiner Geschichte der Mathematik anregte
(s. S. 81) und andere seiner Schüler veranlaßte, dasselbe für die Heilkunde
und die Physik zu unternehmen.

Page 152

4. Das alexandrinische Zeitalter.
Wir haben uns in den ersten Abschnitten diejenige Periode in ihren
Grundzügen vergegenwärtigt, in der die Keime der Naturwissenschaften
entstanden, eine Periode, die in der zusammenfassenden,
systematisierenden Tätigkeit des Aristoteles ihren Höhepunkt erreichte.
Frühzeitig traten uns geistige Regungen in den ionischen Kolonien
entgegen, wo die Berührung des Griechentums mit der älteren,
orientalischen Kultur besonders innig war. Zu Hauptsitzen der Wissenschaft
wurden darauf Athen und die blühenden Städte Unteritaliens, dort durch
Aristoteles und seine Schule, hier durch die Pythagoreer.
Wie Alexander durch gewaltige Machtentfaltung die Welt, so hatte
Aristoteles das gesamte Wissen seiner Zeit zu umspannen gesucht. Zu
einer dauernden Beherrschung der übrigen Völker waren die Griechen
indessen nicht imstande. Mit dem Tode des großen Eroberers zerfiel auch
sein Reich. Anders gestalteten sich die Dinge auf dem Gebiete der
Wissenschaft. Hier kann wohl von einer das Altertum überdauernden
Herrschaft der Griechen die Rede sein. Sie wurden die Lehrer der alten
Völker, während Rom die Rolle der Weltbeherrscherin zufiel.
Bei den Griechen hatte die persönliche Eigenart eine bisher unerreichte
Bedeutung erlangt, doch war die Schaffenskraft dieses Volkes nicht mehr
die frühere, nachdem es seine politische Selbständigkeit verloren hatte.
Zwar machte sich diese Schwächung mehr auf dem Gebiete der Kunst, vor
allem auf dem der Dichtkunst, und weniger auf dem Gebiete der
Wissenschaften bemerkbar. Doch zeigte sich hier eine andere, eigenartige
Erscheinung. Während des nationalen und wirtschaftlichen Niederganges,
der im Mutterlande selbst, schon im dritten Jahrhundert, eintrat, wurde
nämlich das gelehrte Griechentum kosmopolitisch. Der Hauptsitz
griechischer Weisheit wurde gleichzeitig von Athen nach Alexandrien
verlegt, das durch seine günstige Lage, seinen Reichtum, sowie durch das
Interesse, das die ägyptischen Herrscher bekundeten, besonders geeignet
war, die weitere Pflege der Wissenschaften zu übernehmen.

Page 153

Sehr eng gestalteten sich seit der Hellenisierung Vorderasiens auch die
schon seit Jahrhunderten vorhandenen Beziehungen der griechischen zur
babylonischen Wissenschaft. Die Griechen rechneten sich den Besuch der
Tempelschulen Babylons geradezu als Ehre an. Besonders rege war dieser
Verkehr unter der Herrschaft der Seleukiden und der Ptolemäer.
Die Herrschaft über Ägypten war nach dem Tode Alexanders (323 v. Chr.)
in die Hände des Ptolemäos Lagi übergegangen. Dieser Fürst, dessen
Geschlecht den ägyptischen Thron inne hatte, bis im Jahre 30 v. Chr. das
Land römische Provinz wurde, zog viele griechische Gelehrte, insbesondere
aus Athen, an seinen Hof. Er wurde dadurch der Begründer der
alexandrinischen Akademie, die berufen war, die Wissenschaft durch eine
Reihe von Jahrhunderten zu fördern und sie für die nachfolgenden Zeiten zu
erhalten. Die äußeren Einrichtungen für jene gelehrte Körperschaft fanden
ihre Vollendung durch Ptolemäos Philadelphos. Letzterer errichtete ein
prächtiges Gebäude, das den Gelehrten Wohnungen und Räume zur
Ausübung ihrer Tätigkeit bot. Auch gründete er die berühmte
alexandrinische Bibliothek. In einem in der Nähe des Königsschlosses
gelegenen Garten wurden Tiere aus den tropischen Regionen Afrikas,
darunter auch riesige Schlangen, unterhalten.
Der dritte Ptolemäos, welcher den Beinamen Euergetes führte (247–222
v. Chr.), hat der Bibliothek den Bücherschatz hinzugefügt, den einst
Aristoteles und Theophrast besaßen373. In späteren Zeiten umfaßte die
große Bibliothek des alexandrinischen Museums etwa 400000 Rollen. Dazu
kam noch eine zweite Büchersammlung im Serapeion. Bei der Belagerung
Alexandriens durch Cäsar (47 v. Chr.) wurden die dort befindlichen
Bücherschätze, die Cäsar nach Rom zu schaffen beabsichtigte, teilweise
zerstört. Später wurden sie durch Einverleibung der pergamenischen
Bibliothek um 200000 Rollen bereichert374.
Fast sämtliche Gelehrte der alten Zeit, von denen noch die Rede sein wird,
gehörten entweder der alexandrinischen Akademie an, oder standen mit ihr
in mehr oder weniger enger Fühlung. Im allgemeinen ist das Wirken dieser
Männer indes nicht mehr grundlegend, sondern auf die Erhaltung und die
Fortentwicklung aller während des Altertums gewonnenen Ansätze
gerichtet gewesen. Ihre Arbeiten betrafen dementsprechend nicht nur die
Mathematik und die Naturwissenschaften, sondern das ganze Gebiet des
damaligen Wissens, von der Philosophie und anderen Gebieten des reinen

Page 154

Denkens bis zu der Beschäftigung mit den konkretesten Dingen, gehörte zu
ihrem Bereich. Häufig beschränkten sie sich auf bloßes Kommentieren der
vorhandenen Schriften, wie es bezüglich der Zoologie und der Botanik der
Fall war. Wo aber das deduktive Verfahren Anwendung finden konnte, wie
auf dem Gebiete der reinen Mathematik, fand eine Fortentwicklung der
übermittelten Keime statt. Auch einige Teilgebiete der Physik erfuhren eine
namhafte Förderung. Vor allem gilt dies von der Physik der Gase. In der
späteren alexandrinischen Zeit begegnen uns endlich die Anfänge der
Alchemie und somit die Wurzeln der chemischen Wissenschaft.
Als Mathematiker sind unter den Mitgliedern der alexandrinischen
Akademie besonders Euklid, Apollonios und Diophant zu nennen. Als
Astronomen wirkten Hipparch und Ptolemäos, während die Physik durch
Ktesibios und Heron gefördert wurde.

Die Begründung eines Systems der Mathematik.

Zu den frühesten Mitgliedern der alexandrinischen Schule gehört Euklid
(Eukleides), dessen Name eng mit der Geschichte der Mathematik
verbunden ist, einer Wissenschaft, die nicht etwa erst in der neueren Zeit,
sondern auch schon im Altertum in hohem Grade das Emporblühen der
Naturwissenschaften bedingt hat. Die Lebensumstände Euklids sind wenig
bekannt. Bezüglich seines Geburtsortes, sowie seines Studienganges
schwanken die Angaben375. Sicher ist, daß Euklid zu Beginn der
Ptolemäerzeit, also um 300 v. Chr., in Alexandrien gelebt hat. Dem
Ptolemäos Lagi gegenüber, der das mathematische Studium erleichtert zu
sehen wünschte, soll er den bekannten Ausspruch: »Es gibt keinen
Königsweg zur Mathematik!« getan haben.
Unter den auf uns gekommenen Werken Euklids nehmen die »Elemente«
den ersten Platz ein. Sie wurden wegen ihrer Vollständigkeit und ihrer
strengen Beweisführung in solchem Grade als mustergültig anerkannt, daß
sie bis in die neueste Zeit hinein sehr oft dem Anfangsunterricht zugrunde
gelegt wurden. In seine »Elemente« hat Euklid im wesentlichen das
damals bekannte mathematische Wissen aufgenommen und es, wo dies
noch nicht geschehen war, auf strenge Beweise gestützt. Das Werk umfaßt

Page 155

die Geometrie der Ebene und des Raumes und geht auch auf die Lehre von
den Zahlen, als der Grundlage allen Messens, ein.
Eine genauere Inhaltsangabe der 13 Bücher, in welche die »Elemente«
Euklids zerfallen, findet sich bei Cantor (Gesch. d. Mathematik Bd. I. S.
221–252)376. Das 1. Buch handelt von den Linien, Dreiecken und
Parallelogrammen. Den Abschluß bildet der pythagoreische Lehrsatz. Das
2. Buch gipfelt in der Aufgabe, für jede gegebene, geradlinige Figur ein
gleich großes Quadrat zu zeichnen. Im folgenden Buch wird dann die Lehre
vom Kreise behandelt. Das vierte handelt von den ein- und
umgeschriebenen Vielecken. Die Konstruktion des Fünfecks macht die
Anwendung des goldenen Schnitts erforderlich. Das 6. Buch ist dadurch
besonders fesselnd, daß uns darin die erste Lösung einer Maximum-
Aufgabe begegnet. Es wird nämlich gezeigt, daß x(a - x) seinen größten
Wert erhält, wenn x = a/2 wird.
Im 7., 8. und 9. Buche findet sich die Lehre von den Zahlen. Begonnen wird
mit teilerfremden Zahlen und solchen, die ein gemeinsames Maß besitzen.
Die Auffindung geschieht wie heute durch fortgesetzte Teilung des
letztmaligen Divisors durch den erhaltenen Rest. Ferner werden die
Proportionen und die Primzahlen untersucht und z. B. bewiesen, daß es
unendlich viele Primzahlen gibt. Dann lehrt Euklid die Summierung der
geometrischen Reihe und befaßt sich mit Untersuchungen über irrationale
Zahlen. Das 12. Buch handelt von der Pyramide, dem Kegel, dem Zylinder
und der Kugel. Euklid läßt den Zylinder durch Drehung eines Rechtecks
um eine feststehende Seite und den Kegel, sowie die Kugel durch eine
entsprechende Drehung eines Dreiecks bzw. eines Halbkreises entstehen. Er
erwähnt zwar, daß sich die Inhalte von Kugeln wie die Kuben ihrer
Durchmesser verhalten, den Inhalt der Kugel vermochte jedoch erst
Archimedes zu bestimmen. Auch findet sich bei Euklid schon die
Bemerkung, daß man durch den schrägen Schnitt eines Zylinders oder eines
Kegels eine wie ein Schild aussehende Kurve (die Ellipse) erhalte377.
Das 13. Buch endlich handelt von den Polyedern, die sich aus regelmäßigen
Vielecken bilden lassen. Es schließt mit der Bemerkung, daß es nur fünf
regelmäßige Polyeder geben könne, nämlich das Tetraeder, das Oktaeder
und das Ikosaeder, die von Dreiecken begrenzt sind, den Würfel und das
von Fünfecken eingeschlossene Dodekaeder378.

Page 156

Die Klarheit und die strenge Form der Beweisführung, die Euklid
geschaffen, sind den späteren griechischen Mathematikern eigen geblieben.
Doch fehlt ihnen meist noch der Sinn für eine allgemeinere Fassung der
Probleme. Soviel Fälle bezüglich der Lage von Linien in einer Aufgabe
möglich sind, soviel Probleme waren auch für die griechische Mathematik
vorhanden379. Daher sehen wir oft ihre hervorragendsten Schöpfer sämtliche,
mitunter sehr zahlreichen Fälle eines Problems erledigen, ohne durch eine
Erweiterung der Begriffe zu allgemeineren Sätzen zu gelangen. Daß der
neueren Mathematik in dieser Hinsicht gelang, was der griechischen versagt
blieb, liegt daran, daß erst in der viel später entstehenden Verknüpfung der
Geometrie mit der Algebra ein Mittel zur allgemeineren Lösung
mathematischer Aufgaben gewonnen wurde.
Die Bedeutung der Euklidischen »Elemente« wird durch folgende Worte
treffend gekennzeichnet: »Was der Alexandriner Euklid um 300 vor
Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, ist auch heute in Form und Inhalt der
eiserne Bestand der Schulmathematik. Nur wenig Zusätze sind dem
Euklidischen System eingegliedert worden. Stolzer als ein Denkmal von
Stein, schärfer und reiner in der Linienführung als irgend ein Kunstwerk,
hat es sich der Jetztzeit erhalten. Was der junge Grieche durchdenken,
lernen und üben mußte, das arbeitet mit gleicher Andacht heute der
strebsame Schüler durch380.«
Euklid hatte das mathematische Wissen seiner Zeit in ein System
gebracht381. Er hatte zwar viel Eigenes hinzugefügt. Der weitere Ausbau und
die Erschließung neuer Gebiete erfolgte jedoch durch Archimedes. In ihm
begegnet uns der genialste Mathematiker des Altertums. Zwischen
Aristoteles, dem Hauptrepräsentanten des vorigen Zeitabschnitts, und
Archimedes liegt ein Zeitraum von etwa hundert Jahren. Dieser Zeitraum
ist geschichtlich dadurch von Bedeutung, daß seit dem Eroberungszuge
Alexanders der Orient mit den Völkern des Mittelmeeres in die engste
Fühlung kam, während gleichzeitig ein neues Reich, dasjenige der Römer,
zunächst das westliche Mittelmeerbecken, später aber die gesamte alte
Kulturwelt zu umfassen strebte. Eine ähnliche Expansivkraft entfaltete auf
dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft das Griechentum, das überall,
im fernen Orient, in Ägypten, in Italien, ja selbst an den Küsten des
westlichen Mittelmeeres seine Stützpunkte fand. Griechentum und
Römerherrschaft sollten dann im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte die

Page 157

Bindemittel abgeben, welche die so verschiedenartigen Völker Südeuropas,
Vorderasiens und Nordafrikas bis zu einem gewissen Grade zu einer
staatlichen, geistigen und Handelsgemeinschaft verband, einer
Gemeinschaft, welche den Boden für die so überraschend schnelle, alles
bezwingende Ausbreitung des Christentums bereiten half.

Das Leben und die Bedeutung des Archimedes.

Bevor wir uns mit dem weiteren Ausbau der reinen und der angewandten
Mathematik durch Archimedes beschäftigen, wollen wir uns in aller
Kürze die bisherige Entwicklung der Mathematik vergegenwärtigen und
dann einen Blick auf die Lebensverhältnisse des großen Mathematikers
werfen.
Überwog im 4. Jahrhundert v. Chr. noch der philosophierende, auf die
Entwicklung von umfassenden Lehrsystemen gerichtete Grundzug des
griechischen Geistes, so tritt uns in dem auf Alexander den Großen
folgenden Zeitabschnitt mehr die Richtung auf das Empirische und
Nützliche, in Verbindung mit einer raschen Entwicklung der Mathematik
und einer Beschränkung der Spekulation auf ein bescheideneres Maß,
entgegen. Neben den Forderungen des praktischen Lebens (Handel,
Vermessungen usw.) waren es drei Probleme der reinen Wissenschaft,
welche die Mathematik bei den Griechen schon vor Archimedes 382 auf eine
ungewöhnliche Höhe gebracht hatten. Es waren dies die Quadratur des
Kreises, die Würfelverdoppelung und die Dreiteilung des Winkels. So
hatten die vergeblichen Versuche, den Kreis zu quadrieren, Hippokrates
zur Auffindung des Satzes geführt, der noch jetzt unter dem Namen der
Lunulae (kleine Monde) Hippokratis bekannt ist. Hippokrates 383 hatte mit
Hilfe des erweiterten pythagoreischen Lehrsatzes bewiesen, daß sich zwei
von krummen Linien begrenzte Flächen auf ein aus geraden Linien
gebildetes Flächenstück zurückführen lassen384. Die Würfelverdoppelung
oder das Delische Problem forderte, die Seite (a) eines Würfels zu finden,
der doppelt so groß ist wie ein gegebener Würfel. Anders ausgedrückt,
wenn x3 = 2a2 gegeben ist, soll x durch Konstruktion gefunden werden. Das
Bemühen, dies Problem zu lösen, wurde durch die Auffindung einer Anzahl
neuer Kurven (Cissoide, Konchoide, Kegelschnitte) belohnt. Auch das

Page 158

Problem der Dreiteilung des Winkels führte zur Auffindung neuer,
bestimmte Eigenschaften aufweisender und auf Grund derselben
konstruierbarer, krummer Linien. Eine Zusammenfassung der
mathematischen Kenntnisse der Griechen erfolgte durch Euklid, von dem
zu Beginn des vorigen Abschnitts die Rede gewesen ist.

Abb. 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten.

Über Archimedes ist wenig Zuverlässiges bekannt. Er wurde um 287 v.
Chr. in Syrakus geboren, gehört also in die für Sizilien so bewegte Zeit der
großen Entscheidungskämpfe, welche Rom und Karthago um die
Weltherrschaft führten. Die Geschichtsschreiber dieser Periode, Livius,
Polybios und Plutarch, sind es auch, denen wir die meisten Nachrichten
über Archimedes verdanken. Was diese und andere über ihn erzählen,
setzt sich indessen zum großen Teil aus Anekdoten zusammen, mit denen
das Altertum das Leben seiner berühmten Männer, insbesondere seiner
hervorragenden Denker, auszuschmücken liebte. Archimedes war nach
Plutarch 385 ein Verwandter Hierons II., des Tyrannen von Syrakus. Sein
Vater war Astronom und machte ihn sehr früh mit astronomischen
Beobachtungen vertraut. Archimedes lebte, ohne ein öffentliches Amt zu
bekleiden, ganz der Wissenschaft. Eine Zeitlang hielt er sich in Ägypten
auf. Dort war nach dem Tode Alexanders des Großen in der
alexandrinischen Akademie, zu der man Archimedes rechnen kann, eine
Stätte hellenischer Weisheit emporgeblüht, die berufen war, in den
nachfolgenden Jahrhunderten die Fackel der Wissenschaft hochzuhalten.
Die alexandrinische Schule soll deshalb auch noch in einem späteren
Abschnitt Gegenstand der Betrachtung sein. In Alexandrien zählte
Archimedes zu den Schülern des Mathematikers Konon. Diesem soll
Archimedes auch nach seiner Rückkehr nach Syrakus, wo er den größten
Teil seines Lebens zubrachte, Schriften zur Durchsicht geschickt haben,

Page 159

auch stand er mit ihm in regelmäßigem brieflichen Verkehr. Seine
Beziehungen zu den syrakusanischen Machthabern veranlaßten ihn, sein
außerordentliches Geschick in mechanischen Dingen auf die
Vervollkommnung der Schleuderwerkzeuge und anderer Kriegsgeräte zu
verwenden. Die Alten schrieben Archimedes die Erfindung zahlreicher
Maschinen zu. Unter diesen werden der Flaschenzug und die
Archimedische Schraube genannt. Letztere findet noch heute in Ägypten
zum Bewässern der dem Nil benachbarten Ländereien Verwendung. Bei
manchen Angaben, insbesondere denjenigen, die sich auf die von
Archimedes geleitete Verteidigung seiner Vaterstadt beziehen, ist es nicht
leicht, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. Archimedes dürfte
z. B. wohl selbst die Wirkung der Brennspiegel besser gekannt haben als
die späteren Schriftsteller, die ihm das Unmögliche zuschrieben, er habe die
Schiffe der Belagerer mit Brennspiegeln in Brand gesetzt. Es wird ferner
erzählt, Hieron habe ihn aufgefordert, vermittelst einer geringen Kraft eine
große Last zu bewegen. Dies habe Archimedes zur Erfindung des
Flaschenzuges geführt, mit dem er dann vor den Augen des erstaunten
Königs eine schwer beladene Triëre ohne Anstrengung an das Land zog.
Vielleicht hat Archimedes auch zu diesem Zwecke die Schraube ohne
Ende in Verbindung mit einer Zahnradübersetzung benutzt386, einen Apparat,
den uns die vorstehende Abbildung vorführt.
Große Bewunderung erregte ferner eine Art Planetarium, das Archimedes
konstruierte. Im Mittelpunkt befand sich die Erde. Mond, Sonne und
Planeten wurden durch einen, wahrscheinlich hydraulisch betriebenen,
Mechanismus um den Zentralkörper herumgeführt. Cicero erwähnt dieses
Kunstwerk, das als Vorbild für die im Mittelalter (z. B. an der Uhr des
Straßburger Münsters) entstandenen Planetarien diente387.
Ausführlicher lauten die Berichte über die letzten Lebensjahre des
Archimedes, da sie in die Zeit der Belagerung von Syrakus fallen. Hierbei
hat Archimedes, den Nachrichten der Geschichtsschreiber388 zufolge, eine
wichtige Rolle gespielt und schließlich ein trauriges Ende gefunden. Auch
bezüglich der über diese Begebenheit auf uns gelangten Nachrichten sind
Wahrheit und Dichtung vermengt. Der zweite punische Krieg, der über das
Schicksal Siziliens entscheiden sollte, hatte im Jahre 218 v. Chr. mit einem
Siegeslauf Hannibals begonnen, wie ihn die Welt seit den Tagen Alexanders
nicht gesehen. Bald jedoch wandte sich das Glück, und während Hannibal

Page 160

sich nur durch geschickte Züge in Italien zu halten wußte, brachten die
Römer eine Stadt Siziliens nach der andern zu Fall, bis sich endlich die
ganze Insel in ihren Händen befand. Am meisten Schwierigkeiten bereitete
dem römischen Feldherrn Marcellus die Stadt Syrakus. Daß sie viele
Monate der Belagerung zu trotzen vermochte, wird vor allem den
Verteidigungsmaßregeln des Archimedes zugeschrieben. Wurfmaschinen
von ganz hervorragender Wirkung und Treffsicherheit, die nach Plutarch
Steinblöcke von Zentnerschwere auf große Entfernung schleuderten,
schreckten die Stürmenden zurück. Dem Angriff der Flotte suchte man mit
Feuerbränden zu begegnen. Spätere Berichterstatter haben daraus die
erwähnte, völlig unglaubwürdige Erzählung gemacht, Archimedes habe
die Schiffe der Belagerer mit Hilfe von Hohlspiegeln in Brand gesetzt.
Als endlich die Römer Syrakus einnahmen und die Soldaten, voll Wut über
die erlittenen Mühsale und Verluste, ein furchtbares Gemetzel anstellten,
zählte Archimedes zu den Opfern. Über sein Ende, das Marcellus sehr
betrübt haben soll, lauten die Berichte verschieden. Am bekanntesten ist die
Erzählung, Archimedes sei, in Nachdenken über ein mathematisches
Problem versunken, von einem römischen Soldaten niedergestoßen worden.
Seine letzten Worte sollen »Noli turbare circulos meos« gelautet haben. Das
Grab des Gelehrten wurde mit einem Stein geschmückt, in den die von dem
Zylinder eingeschlossene Kugel eingemeißelt war. So soll Archimedes es
selbst gewünscht haben, ein Zeichen, welchen Wert er auf seine Entdeckung
legte, daß der Inhalt der Kugel zum Inhalt des umschließenden Zylinders
sich wie 2 : 3 verhält. Dieses Grabmal, das Marcellus errichten ließ,
wurde später von Cicero in einem sehr vernachlässigten Zustande wieder
aufgefunden und der Vergessenheit entrissen389.
Seine Bewunderung für den größten Mathematiker des Altertums hat
Cicero in die Worte gekleidet, Archimedes habe mehr Genie besessen,
als mit der menschlichen Natur verträglich zu sein scheine390. An
Vielseitigkeit und Genialität kann ihm unter den Neueren vielleicht nur
Gauß an die Seite gestellt werden391.
Die Probleme, welche etwa 100 Jahre nach Aristoteles den Archimedes
beschäftigten, betrafen insbesondere das Gebiet der Statik. Sie wurden nach
echt naturwissenschaftlichem Verfahren, d. h. gestützt auf Versuche und
mathematische Ableitung und deshalb mit dem besten Erfolge, behandelt.
Seine Werke sind daher als das hervorragendste Erzeugnis des griechischen

Page 161

Geistes auf exaktem Gebiete zu bezeichnen. Es scheint kein Zufall zu sein,
daß diese Werke nicht in dem vorwiegend der Kunst und der Philosophie
zugewandten Mutterlande, sondern in Großgriechenland entstanden sind,
wo der Handel blühte und eine gewisse, die forschende Tätigkeit
begünstigende Nüchternheit des Verstandes vorherrschte.

Die griechische Mathematik erreicht in Archimedes und in
Apollonios ihren Höhepunkt.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Archimedes 392 ist in gleicher Weise
auf den Gebieten der reinen Mathematik und der Mechanik zu suchen.
Außer dem soeben erwähnten, wichtigen Satze über den Inhalt der Kugel
und des sie umschließenden Zylinders, deren Oberflächenverhältnis er
gleichfalls auffand, lieferte Archimedes eine Arbeit über die
Kreismessung, die eine Berechnung der Zahl π enthält. Diese Arbeit ist,
sowohl nach ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Geometrie, als auch
für die Geschichte der Rechenkunst, von Wichtigkeit. Sein Verfahren ist das
in der elementaren Geometrie noch jetzt gelehrte. Ausgehend von dem
Satze, daß der Umfang des Kreises kleiner als der Umfang des
umschriebenen und größer als derjenige des eingeschriebenen regelmäßigen
Vielecks ist, berechnet Archimedes als Grenzwerte für π die Zahlen 3,141
und 3,142. Es sind dies die Werte, die sich für den Umfang des ein- und
umgeschriebenen regelmäßigen 96-Ecks ergeben. Das erwähnte Verfahren
wird als Exhaustionsverfahren bezeichnet, könnte aber auch die
Integrationsmethode der alten Mathematik genannt werden. Aus dem
Bestreben, bei derartigen Aufgaben die Grenzwerte beliebig nahe zu
rücken, ohne dazu umständliche, zeitraubende Berechnungen nötig zu
haben, ist im 17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung erwachsen.
Auch mit isoperimetrischen Problemen, d. h. Aufgaben, bei denen es sich
um die Bestimmung größter oder kleinster Werte handelt, beschäftigte sich
schon das Altertum. So war schon vor Aristoteles bekannt, daß der Kreis
unter allen Flächen gleichen Umfangs den größten Flächeninhalt und die
Kugel unter allen Körpern von gleicher Oberfläche den größten Rauminhalt
besitzt393.

Page 162

Das Exhaustionsverfahren wurde von den Alten nicht nur auf krummlinige
Figuren, sondern auch auf Flächen und auf Raumgebilde angewandt. Das
Verfahren lief stets darauf hinaus, den Unterschied zwischen der zu
messenden Linie, Fläche oder Raumgröße und den diesen Formen sich
nähernden, leicht zu berechnenden Hilfsgebilden immer kleiner zu machen.
Man erhielt eine noch größere Sicherheit, wenn man zwei Hilfsgebilde, z.
B. das ein- und umgeschriebene Polygon beim Kreise, wählte und auf diese
Weise zwei Grenzwerte für die zu messende Größe ermittelte. Was den
Inhalt des Kreises anbetrifft, so bewies Archimedes, daß er gleich
demjenigen eines rechtwinkeligen Dreiecks ist, dessen eine Kathete gleich
dem Halbmesser und dessen andere gleich dem Umfang des Kreises ist.
Die Behandlung ebener Figuren wurde von Archimedes jedoch über das
Gebiet der elementaren Mathematik hinausgeführt, indem er den Inhalt der
Parabel und der Ellipse berechnen lehrte und die Eigenschaften von Kurven
höherer Ordnung, wie der Spiralen, ermittelte. Mit Hilfe der soeben
besprochenen Exhaustionsmethode wies Archimedes z. B. nach, daß das
Parabelsegment 4/3 eines Dreiecks von gleicher Grundlinie und Höhe
beträgt. Für die Ellipse zeigte er, daß sich ihre Fläche zur Fläche eines mit
der großen Achse als Durchmesser geschlagenen Kreises wie die kleine
Achse zur großen Achse verhält usw. Die merkwürdigste Schrift über die
Kurven ist sein Buch von den Schneckenlinien. Die nach ihm als
archimedische Spirale bezeichnete Schneckenlinie definiert er mit
folgenden Worten: »Wenn eine gerade Linie in einer Ebene um einen ihrer
Endpunkte, der unbeweglich bleibt, mit gleichförmiger Geschwindigkeit
sich dreht, und wenn gleichzeitig in der bewegten Linie ein Punkt vom
unbewegten Endpunkte aus sich gleichförmig bewegt, so beschreibt dieser
Punkt eine Schneckenlinie.« Eine derartige, zuerst bei Hippias
anzutreffende Verbindung von zwei bestimmt gekennzeichneten
Bewegungen stellte eine nicht geringe Bereicherung der Wissenschaft dar394.
Auch gelang es Archimedes, durch ein ähnliches Verfahren, wie er es
beim Kreise und bei der Parabel anwandte, die Quadratur der
Schneckenlinie zu finden. Sogar das Tangentenproblem vermochte er für
diese Kurve zu lösen, indem er zeigte, wie die Berührungslinie an irgend
einen ihrer Punkte gezogen werden kann.

Page 163

Daß Archimedes sich schon einer Methode bediente, die in ihrem Wesen
unserem heutigen Integrationsverfahren entsprach, läßt sich noch deutlicher,
als aus den hier besprochenen Werken, aus der vor kurzem durch Heiberg
entdeckten Methodenlehre (Ephodion) ersehen395. Es hat den Anschein, als
ob Archimedes die im Ephodion enthaltene Infinitesimalmethode
gewissermaßen nur zu seinem Privatgebrauch entwickelt hätte, weil die
Anwendung der Unendlichkeitsbegriffe bei den Mathematikern, welche die
Einwände der Philosophen fürchteten, verpönt war. Als vollgültig wurde für
die hier in Betracht kommenden Probleme nur das Exhaustionsverfahren
angesehen. In dieses kleidete Archimedes, offenbar der herrschenden
Schule zuliebe, Sätze, die er zunächst ausgehend von der Mechanik oder
mit Hilfe seiner Infinitesimalmethode gefunden hatte. Als Beispiel dafür
verdient der Satz vom Zylinderhuf genannt zu werden396. Für diesen gibt
Archimedes einen mechanischen Beweis, einen Beweis nach dem
Exhaustionsverfahren und einen solchen mit Hilfe seiner jetzt bekannt
gewordenen Infinitesimalmethode. Letztere bestand darin, daß er die
Flächen auf Gerade und die Körper auf Flächen zurückführte, wie es unter
den neueren Mathematikern zuerst Cavalieri getan. Erläutert wird die neue
Methode unter anderem an dem Satz vom Flächeninhalt des
Parabelsegments und an mehreren Sätzen über Volum- und
Schwerpunktsbestimmungen.
Ein Buch des Archimedes über das Siebeneck im Kreise und ein anderes
über die Berührung von Kreisen sind leider verlorengegangen. Von
hervorragender Wichtigkeit sind die erhalten gebliebenen archimedischen
Schriften über die Kugel und den Zylinder. Es wird darin bewiesen, daß die
Kugeloberfläche dem Vierfachen ihres größten Kreises gleich ist (O = 4 r2
π). Ferner wird die Oberfläche der Kalotte oder des Kugelabschnittes
berechnet. Und endlich wird gezeigt, daß ein Zylinder, der zur Grundfläche
einen größten Kreis der Kugel, zur Höhe aber den Durchmesser der Kugel
hat, mit anderen Worten, daß ein der Kugel umschriebener Zylinder seinem
Inhalt nach sich zur Kugel selbst wie 3 : 2 verhält. Die Oberfläche dieses
Zylinders fand Archimedes gleich dem Anderthalbfachen der
Kugeloberfläche. Die betreffende Figur hat nicht nur auf seinem Grabstein
Platz gefunden. Sie erhielt sich auch auf Münzen der Stadt Syrakus.
Seine Untersuchungen über die Kugel führten Archimedes endlich noch
auf die Rotationskörper, welche durch die Umdrehung von Kegelschnitten

Page 164

entstehen, seine Konoide und Sphäroide. Auch in diesen Fällen bediente er
sich der Exhaustionsmethode, indem er die zu kubierenden Körper in
Scheiben von gleicher Dicke zerlegte und die ein- und umgeschriebenen
Zylinder summierte. Die erhaltenen Summen stellen Grenzwerte dar, die
sich dem zu ermittelnden Rauminhalt um so mehr nähern, je geringer der
Abstand der Schnitte ist.
Über die Kegelschnitte hatte schon Euklid geschrieben. Doch hat sich um
die Begründung dieses Gegenstandes keiner unter den alexandrinischen
Mathematikern ein so großes Verdienst erworben wie Apollonios von
Pergä. Er war ein Zeitgenosse von Archimedes und Eratosthenes. Seine
Werke entstanden in der Zeit von 240–200 v. Chr. Erhalten ist nur das
bedeutendste, als κωνικά (Kegelschnitte) bezeichnete Werk. In diesem
zeigte Apollonios, daß die als Ellipse, Parabel und Hyperbel bezeichneten
Kurven auf der Oberfläche eines Kegels entstehen, wenn durch letzteren
Ebenen gelegt werden. Auch das schwierige Gebiet der Asymptoten, die
sich den Ästen der Hyperbel nähern, ohne sie zu schneiden, hat
Apollonios erschlossen. Seine acht Bücher über die Kegelschnitte397
erregten nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern auch bei den späteren
Geschlechtern die größte Bewunderung, wenn auch von einigen
Verkleinerern dem Apollonios mit Unrecht vorgeworfen wurde, daß er
sich zu sehr auf die von Euklid und Archimedes geschaffenen, indes
verlorengegangenen Vorarbeiten über diesen Gegenstand gestützt habe398.
Besteht doch eine grundlegende Neuerung des Apollonios schon darin,
daß er sich nicht wie seine Vorgänger auf den geraden Kegel beschränkte,
sondern nachwies, daß alle Schnitte auch an dem schiefen Kegel
hervorgebracht werden können. Auch war er der erste, welcher an den
Kegelschnitten die Mehrzahl derjenigen Eigenschaften nachwies, die man
heute aus den Gleichungen dieser Kurven ableitet. Der Inhalt seines Werkes
ist der Hauptsache nach folgender. Zunächst wird der Kegel als die
Oberfläche definiert, welche durch eine Linie entsteht, wenn man sie in
einer Kreisperipherie herumführt, während diese Linie zugleich durch einen
festen, außerhalb der Ebene des Kreises liegenden Punkt geht. Jeder
Schnitt, welcher durch den festen Punkt geht, erzeugt ein Dreieck. Liegt in
der Schnittebene auch die Verbindungsgrade zwischen dem Mittelpunkt des
Kreises und dem festen Punkt, welcher die Spitze des Kegels bildet, so
nennt man das entstandene Dreieck, weil es jene Verbindungsgrade oder die
Achse enthält, ein Achsendreieck. Neue Schnittebenen liefern dann, je nach

Page 165

ihrer Richtung, die verschiedenen Kegelschnittkurven auf der Oberfläche
des Kegels. Es werden sodann Betrachtungen über konjungierte
Durchmesser, über die Tangente an irgendeinen Punkt des Kegelschnittes,
sowie über die Asymptoten der Hyperbel angestellt. Eingehend wird auch
von denjenigen Punkten gehandelt, die wir heute als die Brennpunkte der
Kegelschnitte bezeichnen. Bewiesen wird der wichtige Satz über die
Gleichheit der Winkel, welche die Normallinie mit den beiden
Brennstrahlen des Berührungspunktes bildet, sowie auch der Satz von der
Konstanz der Summe, bzw. der Differenz der Brennstrahlen. Die
betreffenden Abschnitte des Werkes enthalten also fast sämtliche
grundlegenden Sätze der Lehre von den Kegelschnitten.
Auf dem Satz, daß die Summe der Brennstrahlen gleich der großen Achse
ist (r + r' = 2a), beruht bekanntlich die gebräuchliche Fadenkonstruktion der
Ellipse. Dies Verfahren findet sich jedoch noch nicht bei Apollonios,
sondern es kam erst weit später auf. Hinsichtlich der Hyperbel sei bemerkt,
daß man vor Apollonios die Zusammensetzung der Kurve aus zwei Ästen
nicht kannte, sondern die Untersuchungen immer nur an einem Ast
anstellte. Apollonios selbst führte den zweiten Ast noch unter einem
besonderen Namen auf. Die Quadratur der Hyperbel gelang den alten
Mathematikern nicht. Sie erfolgte erst, als im 17. Jahrhundert neuere, die
höhere Mathematik ausmachende Methoden gefunden waren.
Den Höhepunkt des Werkes bildet das Buch, das von größten und kleinsten
Werten handelt, die in Verbindung mit den Kegelschnitten auftreten399.
Insbesondere sind es Untersuchungen über die längsten und kürzesten
Linien, die von irgendeinem Punkte der Ebene an einen Kegelschnitt
gezogen werden können.
Infinitesimalbetrachtungen, die sich schon bei Euklid und Archimedes
finden, vermochten die Alten noch nicht zu einer allgemeinen Methode zu
erweitern. Die alte Mathematik hat vielmehr in den Werken des
Archimedes und des Apollonios das erreicht, was ohne den Besitz der
Infinitesimalmethode und des analytischen Kalkuls, die erst im 16. und 17.
Jahrhundert zu allgemeinerer Anwendung gelangten, zu erreichen möglich
war400. Mit der Lehre von den Kegelschnitten wurde für die spätere
Entwicklung der Astronomie und der Mechanik eine wichtige Grundlage
geschaffen. Das gleiche gilt auch von der Trigonometrie, die aus den
Bedürfnissen der Astronomie entsprang und von den späteren

Page 166

Alexandrinern begründet wurde. Wie wir später sehen werden, konnte
Aristarch, als er den Sonnenabstand aus gegebenen Stücken eines
Dreiecks ohne die Hilfsmittel der Trigonometrie berechnete, die gesuchte
Größe nur auf umständlichem Wege durch Näherungswerte bestimmen.
Anhangsweise sei hier noch eine Schrift des Archimedes erwähnt, die
früher viel gelesen wurde und auch heute noch Beachtung verdient. Es ist
dies seine »Sandesrechnung«. Zum Verständnis der in dieser Schrift
gelösten Aufgabe müssen wir vorausschicken, daß die Griechen etwas
unserem heutigen Ziffernsystem Entsprechendes noch nicht besaßen. Die
Zahlen wurden durch Buchstaben bezeichnet. Größere Zahlen zu schreiben,
war daher sehr unbequem, weil man das Prinzip des Stellenwertes, das erst
durch Vermittlung der Araber aus dem Orient nach Europa gelangte, noch
nicht kannte und auch noch kein Zeichen für die Null besaß. Es ist
erstaunlich, wie weit es die Alten trotzdem in der Arithmetik gebracht
haben. Wagte sich Archimedes doch sogar an die geometrische Reihe 1,
1
/4, 1/16, 1/64..., deren Summe er gleich 4/3 fand. Sie diente ihm bei der
Berechnung der Fläche des Parabelabschnittes. Auch vermochte er es
schon, schwierige Quadratwurzeln zu berechnen401.
In der Sandesrechnung402 wird gezeigt, daß sich jede, noch so große Menge
durch eine Zahl ausdrücken läßt. Indem Archimedes die Abmessungen der
aristarchischen Fixsternsphäre zugrunde legt, berechnet er, wieviel
Sandkörner von bestimmter Größe darin Platz finden können. Die meisten
Sternkundigen verstanden zur Zeit des Archimedes unter dem Ausdruck
Welt eine Kugel, deren Zentrum der Mittelpunkt der Erde und deren Radius
eine gerade Linie zwischen den Mittelpunkten von Erde und Sonne ist. In
seiner Schrift »Wider die Sternkundigen«, so erzählt uns Archimedes,
suchte nun Aristarch von Samos zu beweisen, daß die Welt ein Vielfaches
der oben bezeichneten Kugel ist. Er sei zu der Annahme gelangt, die
Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich, die Erde aber werde in einer
Kreislinie um die Sonne, die inmitten der Erdbahn stehe, herumgeführt.
»Der Durchmesser der Fixsternkugel möge sich«, sagt Archimedes, »zu
demjenigen der Welt (in dem zuerst erwähnten Sinne) verhalten, wie der
letztere zum Durchmesser der Erde.« Er behauptet dann, wenn es auch eine
Sandkugel gäbe von der Größe dieser aristarchischen Fixsternsphäre, so
lasse sich doch eine Zahl angeben, deren Größe selbst die Menge der
Körner in der gedachten Kugel übertreffe. Nach einigen Voraussetzungen

Page 167

über den Umfang der Erde, das Größenverhältnis von Erde und Sonne, aus
dem, nach Bestimmung des scheinbaren Sonnendurchmessers, die
Entfernung der Sonne zu 10000 Erdhalbmessern ermittelt wird, berechnet
Archimedes die Zahl der Sandkörner, die innerhalb der Fixsternsphäre
Platz finden, auf 1063 oder 1000 Dezillionen.

Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.

An hervorragenden Mathematikern besaß das Altertum keinen Mangel. Wir
brauchen neben Archimedes nur Euklid und Apollonios zu nennen. Es
gab aber niemanden bis in die neuere Periode der Geschichte der
Wissenschaften, der ähnliche Leistungen auf dem Gebiete der Mechanik
vollbracht hätte wie Archimedes. Letzterer muß als der Hauptbegründer
dieser Wissenschaft bezeichnet werden. Es sind die wichtigsten Sätze vom
Hebel, vom Schwerpunkt und aus der Hydrostatik, die uns bei
Archimedes, zum ersten Male klar ausgedrückt, begegnen. Die Gesetze
vom gleicharmigen Hebel spricht Archimedes in folgenden Worten aus:
a) Gleich schwere Größen, in ungleichen Entfernungen wirkend, sind nicht
im Gleichgewicht, sondern die in der größeren Entfernung wirkende sinkt.
b) Ungleich schwere Größen sind, bei gleichen Entfernungen, nicht im
Gleichgewicht, sondern die schwerere wird sinken.
c) Wenn ungleich schwere Größen in ungleichen Entfernungen im
Gleichgewicht sind, so befindet sich die schwerere in der kleineren
Entfernung.
d) Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht, sobald sie ihren
Entfernungen umgekehrt proportional sind.
An den letzten, das Hebelgesetz zum Ausdruck bringenden Satz knüpft sich
das Archimedes zugeschriebene Wort: »Gib mir einen Ort, wo ich mich
hinstellen kann, und ich will die Erde bewegen403.«
Die Schwerpunktsbestimmungen dehnt Archimedes im zweiten Teile der
Abhandlung vom Gleichgewicht404 sogar auf das Parabelsegment aus,
nachdem er zuvor die Quadratur der Parabel gelehrt hat. In den Büchern,
die von den schwimmenden Körpern handeln, leitet er aus den

Page 168

Grundeigenschaften der Flüssigkeiten, nämlich der leichten
Verschiebbarkeit ihrer Teilchen und der Druckfortpflanzung, eine Reihe von
Sätzen ab, von denen die wichtigsten folgendermaßen lauten:
a) Die Oberfläche einer jeden zusammenhängenden Flüssigkeit im
Zustande der Ruhe ist sphärisch, und ihr Mittelpunkt fällt mit dem
Mittelpunkt der Erde zusammen.
b) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt einerlei Gewicht mit einer
Flüssigkeit haben, sinken, in diese eingetaucht, so weit ein, daß nichts von
ihnen über die Oberfläche der Flüssigkeit hervorragt.
c) Jeder feste Körper, der leichter ist als eine Flüssigkeit und in diese
eingetaucht wird, sinkt so tief, daß die Masse der Flüssigkeit, die dem
eingesunkenen Teil an Volumen gleich ist, ebensoviel wiegt wie der ganze
Körper.
d) Wenn Körper, die leichter sind als eine Flüssigkeit, in diese eingetaucht
werden, so erheben sie sich wieder mit einer Kraft, die gleich ist dem
Gewichte des dem Körper gleichen Volumens Flüssigkeit, vermindert um
das Gewicht des Körpers selbst.
e) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt schwerer als eine Flüssigkeit
sind und in diese eingetaucht werden, sinken, solange sie noch tiefer
kommen können, und werden in der Flüssigkeit um so viel leichter, wie das
Gewicht einer Masse Flüssigkeit von der Größe des eingetauchten Körpers
beträgt.
Das zuletzt erwähnte Gesetz, das archimedische Prinzip, ist für die
Mechanik der Flüssigkeiten von derselben fundamentalen Bedeutung wie
das Hebelgesetz für die Mechanik der festen Körper405. Auf das nach ihm
benannte hydrostatische Prinzip soll Archimedes nach der Erzählung des
Vitruv 406 durch einen besonderen Anlaß gekommen sein. Danach hatte
Hieron aus einer abgewogenen Menge Gold einen Kranz anfertigen lassen.
Als man ihm nun hinterbrachte, daß ein Teil des Goldes unterschlagen und
durch Silber ersetzt worden sei, wurde Archimedes zu Rate gezogen, um
den Betrug nachzuweisen. »Dieser, eifrig damit beschäftigt,« fährt Vitruv
fort, »kam zufällig in ein Bad. Als er dort in die gefüllte Wanne stieg,
bemerkte er, daß das Wasser in gleichem Maße austrat, in welchem er
seinen Körper in die Wanne niederließ. Sobald er auf den Grund dieser

Page 169

Erscheinung gekommen war, verweilte er nicht länger, sondern sprang, von
Freude getrieben, aus dem Bad und rief, nackend seinem Hause zulaufend,
mit lauter Stimme: Εὕρηκα! εὕρηκα! (Ich habe es gefunden!).«
Die Lösung des von Hieron gestellten Problems, der sogenannten
Kronenrechnung, erzählt Vitruv mit folgenden Worten: »Dann soll
Archimedes, von jener Entdeckung ausgehend, zwei Klumpen von
demselben Gewicht, das der Kranz besaß, den einen von Gold, den andern
von Silber, hergestellt haben. Hierauf füllte er ein weites Gefäß bis zum
obersten Rande mit Wasser und senkte dann den Silberklumpen hinein,
worauf das Wasser in gleichem Maße ausfloß, wie der Klumpen in das
Gefäß getaucht wurde. Nachdem er den Klumpen wieder herausgenommen
hatte, füllte er das Wasser um so viel wieder auf, als es weniger geworden
war, und maß dabei die zugegebene Menge. Daraus ergab sich, welches
Gewicht Silber einem bestimmten Rauminhalt Wasser entspricht. Nachdem
er dies erforscht hatte, senkte er den Goldklumpen in das volle Gefäß und
füllte das verdrängte Wasser vermittelst eines Hohlmaßes nach. Es ergab
sich, daß diesmal von dem Wasser um soviel weniger abgeflossen war, wie
der Goldklumpen einen minder großen Rauminhalt besaß als ein
Silberklumpen von gleichem Gewicht. Nachdem er hierauf das Gefäß
abermals gefüllt und den Kranz selbst in das Wasser gesenkt hatte, fand er,
daß mehr Wasser bei dem Kranze als bei dem gleichschweren Goldklumpen
abfloß, und entzifferte aus dem, was mehr bei dem Kranze abfloß, die
Beimischung an Silber und machte so die Unterschlagung offenbar.«
Im weiteren Verlaufe seiner Abhandlung über das Schwimmen untersucht
Archimedes die Stabilität gewisser schwimmender Körper, wie des
Kugelabschnitts und des parabolischen Konoids, wobei es ihm offenbar
mehr auf eine Betätigung seines mathematischen Geschicks als auf eine
Bereicherung der Mechanik ankam.
Auch mit Schwerpunktsbestimmungen befaßte sich Archimedes. So war
ihm bekannt, daß der Punkt, in welchem sich zwei Seitenhalbierende
treffen, der Schwerpunkt des Dreiecks ist. Überhaupt erweisen sich die
mathematischen Hilfsmittel des Archimedes den ihn beschäftigenden
mechanischen Problemen gegenüber als der überlegene Teil, während in der
neueren Periode mitunter das umgekehrte Verhältnis obwaltete, so daß der
von Leibniz herrührende Ausspruch: »Wer in die Werke des Archimedes

Page 170

eindringt, wird die Entdeckungen der Neueren weniger bewundern« wohl
gerechtfertigt erscheint.

Fortschritte der Optik und Akustik.

Durch die bedeutenden Fortschritte der Mathematik wurden vor allem die
Physik, die Astronomie und die mathematische Geographie gefördert. Die
ältesten Ansichten über den Schall und über das Licht haben wir bei den
Pythagoreern und bei Aristoteles kennen gelernt. Den Alexandrinern, die
ja besonders zur Zusammenfassung des Wissens neigten, verdanken wir die
erste zusammenfassende Bearbeitung der Optik. Diese Bearbeitung wird
dem Euklid zugeschrieben. Sie erfolgte in zwei Büchern, der »Optik« und
der »Katoptrik«, und ist wohl der erste Versuch, die Geometrie, unter
Benutzung des Satzes von der geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes und
des Reflexionsgesetzes, auf die Erklärung der scheinbaren Größe, der
Gestalt, der Spiegelung und anderer optischen Erscheinungen
anzuwenden407. Von Interesse ist der Satz408, daß »von Hohlspiegeln, welche
gegen die Sonne gehalten werden, Feuer erzeugt wird«. Doch wird
irrtümlich behauptet, die Entzündung erfolge im Krümmungsmittelpunkt.

Page 171

Abb. 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach Euklid410.

Euklid sucht dies geometrisch durch obige Figur409 (Abb. 18) darzutun und
bemerkt zu seiner Konstruktion: »Alle Strahlen, die von der Sonne (ΔΕΖ)
aus durch das Zentrum Θ des Spiegels (ΑΒΓ) gehen, fallen in das Zentrum
Θ zurück. Durch diese Strahlen wird daher im Zentrum die Sonnenwärme
gesammelt und infolgedessen ein dort befindlicher Körper entzündet.« Die
Annahme, daß die Sonnenstrahlen parallel in den Hohlspiegel fallen, hätte
Euklid zur Auffindung des richtigen Verhältnisses leiten müssen. Den
Irrtum Euklids erkannte schon Apollonios 411.
Die Spiegelung an Konkav- und Konvexspiegeln wird von Euklid dahin
erläutert, daß an ihnen, wie an ebenen Spiegeln, die Strahlen unter gleichen
Winkeln zurückgeworfen werden. Zur Erläuterung dient folgende
Abbildung412. Auch mit einem der bekanntesten Versuche über die Brechung
des Lichtes war Euklid schon vertraut. Er berichtet darüber mit folgenden
Worten413: »Legt man einen Gegenstand auf den Boden eines Gefäßes und
schiebt letzteres so weit zurück, daß der Gegenstand eben verschwindet, so
wird dieser wieder sichtbar, wenn wir Wasser in das Gefäß gießen.«

Abb. 19. Die Spiegelung an einem Konkav- (links) und an einem Konvex-
Spiegel (rechts) nach der Darstellung Euklids.

Page 172

Wie die Geometrie von gewissen Grundsätzen ausgeht, die sich auf wenige
Axiome zurückführen lassen, so geht auch die Optik Euklids von einer
Anzahl – es sind acht – Grunderfahrungen aus, aus denen Euklid seine
Theoreme durch geometrische Konstruktion ableitet. Die wichtigsten der
von Euklid hervorgehobenen optischen Grundtatsachen sind die folgenden:
Die Lichtstrahlen414 sind gerade Linien. Die von den Strahlen
eingeschlossene Figur ist ein Kegel, dessen Spitze im Auge liegt, während
der Grundfläche dieses Kegels die Umgrenzung des gesehenen
Gegenstandes entspricht. Unter größerem Winkel gesehene Gegenstände
erscheinen größer als unter kleinerem Winkel gesehene, oder die scheinbare
Größe eines Gegenstandes hängt von dem Sehwinkel ab.
Auch in der Katoptrik wird von bestimmten Erfahrungssätzen – es sind
deren 7 – ausgegangen. Aus ihnen werden etwa 30 Theoreme abgeleitet.
Höchstwahrscheinlich sind die optischen Schriften Euklids in sehr
verdorbener Gestalt auf uns gekommen. Sie waren indes trotz mancher
Mängel und Unrichtigkeiten bis zur Zeit Keplers, der die Optik um ein
Bedeutendes förderte, allgemein im Gebrauch.
Auch mit akustischen Problemen hat man sich in Alexandrien befaßt.
Hatten die Pythagoreer die Erscheinung der Konsonanz und Dissonanz von
Tönen einfach als Tatsache hingenommen, so finden wir bei Euklid zum
ersten Male das Bestreben, sich von der Ursache dieser merkwürdigen
Erscheinung Rechenschaft zu geben. Dissonanz ist für ihn die Unfähigkeit
der Töne, sich zu mischen, wodurch der Klang für das Gehör rauh werde,
während konsonierende Töne sich zu mischen vermöchten. Euklid kommt
damit vorahnend der später gegebenen Erklärung nahe415.

Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde.

Im engsten Zusammenhange mit dem Fortschreiten der gesamten Kultur,
der politischen Entwicklung und den übrigen Wissenschaften erreichte in
diesem Zeitalter die Erdkunde eine Höhe, die sie bis zum Beginn der
Neuzeit nicht überschritten hat. Vor allem kommt für das alexandrinische
Zeitalter in Betracht, daß das Verkehrs- und Nachrichtenwesen den
damaligen Gelehrten schon ausgedehnte Reisen und weitreichende
Erkundigungen gestattete. Die Bekanntschaft mit dem fernen Osten wurde

Page 173

der wissenschaftlichen Erdkunde durch den Alexanderzug erschlossen. Daß
die auf diesem Zuge gesammelten Erfahrungen die Grundlagen der
Pflanzengeographie entstehen ließen, haben wir schon an früherer Stelle
gesehen. Afrika wurde seit der Ptolemäerzeit immer weiter von Ägypten
aus erschlossen. Nach Norden hatte sich der geographische Gesichtskreis
fast bis zum Lande der Mitternachtssonne erweitert.
Mit den nördlichen Ländern Europas wurde das Altertum besonders durch
die Reisen des Massiliers Pytheas, eines Zeitgenossen Alexanders des
Großen, bekannt. Pytheas unternahm eine Forschungsreise bis zur
Nordspitze Britanniens. Die frühere Annahme, er sei bis nach Island
vorgedrungen, hat man nicht aufrechterhalten können. Jedenfalls brachte er
aber Kunde von der Erscheinung, daß im hohen Norden in der
Mittsommerzeit die Sonne nicht untergehe. Im Zusammenhange damit
erwähnt er das sagenhafte Thule416.
Der geographische Gesichtskreis der Alten hat sich also von der südlichen
Halbkugel bis zum nördlichen Polarkreis erstreckt417. Die Ergebnisse der
alten Forschungsreisen waren besonders wertvoll, wo es sich, wie bei
Pytheas, um einen Mann handelte, der mit physikalischen und
astronomischen Kenntnissen ausgerüstet war. Leider sind eigene Schriften
von Pytheas nicht erhalten und die von ihm gewonnenen Ergebnisse nur
zum geringen Teil durch Fragmente bei anderen Schriftstellern
bekanntgeworden418.
Verarbeitet wurde das reiche, durch die Züge Alexanders und durch
Entdeckungsreisen gleich derjenigen des Pytheas gewonnene Material
durch Dikaiarchos, einen Schüler des Aristoteles, und etwa ein halbes
Jahrhundert später am umfassendsten durch Eratosthenes. Dikäarch
schätzte die Breite der den Alten bekannten Welt von Meroë bis zum
Polarkreis auf 40000 Stadien. (Die Länge des attischen Stadiums belief sich
auf 177,6 Meter.) Die Längenausdehnung von den Säulen des Herkules (der
Straße von Gibraltar) bis zur Mündung des Ganges wurde von ihm auf
60000 Stadien veranschlagt419.
Nach Dikäarch (350–290) sollten die Säulen des Herkules, die Straße von
Messina, die peloponnesische Halbinsel, die Südküste Kleinasiens und
Indien auf dem nämlichen Breitenkreise liegen und dieser sollte die
Ökumene, d. h. den als bewohnt angenommenen Teil der Erde, etwa

Page 174

halbieren. Die Orientierungsfehler, die Dikäarch bei der Feststellung
dieser Linie beging, waren also nicht unerheblich.
Von Dikäarch rühren auch die ersten Höhenbestimmungen her, die über
bloße Schätzungen hinausgingen. Anfangs hatten die Alten übertriebene
Vorstellungen von der Höhe der Gebirge. So ließ Aristoteles die Höhen
des Kaukasusgebirges noch 4 Stunden, nachdem die Sonne für den Fuß des
Gebirges untergegangen war, in ihrem Lichte glänzen, und Plinius schätzte
die Alpen zehnmal zu hoch420. Er hätte eine solche Übertreibung vermeiden
können, wenn er die Werte mehr beachtet hätte, die Dikäarch und nach
ihm Eratosthenes schon für bedeutende Höhen ermittelt hatte. So
bestimmte Dikäarch die Höhe des Pelion (1620 Meter) und die Höhe von
Akrokorinth (575 Meter) annähernd richtig. Als allgemeines Ergebnis hob
er schon hervor, daß solche Werte im Vergleich zum Durchmesser der Erde
verschwindend klein seien. Dikäarch ist wohl als der Begründer der
mathematischen Erdkunde bezeichnet worden421. Dieser Ehrentitel bleibt
indessen besser dem etwa ein halbes Jahrhundert nach ihm lebenden
Eratosthenes vorbehalten.
Eratosthenes wurde 275 v. Chr. in Kyrene geboren. Ptolemäos III
Euergetes berief ihn nach Alexandria und ernannte ihn zum Bibliothekar
der großen alexandrinischen Bibliothek. Des Eratosthenes Hauptwerk war
seine »Erdbeschreibung«, das erste wissenschaftliche Werk über
Geographie, das indes nur aus Bruchstücken bei Strabon bekannt ist422. Es
zerfiel in drei Bücher. Das erste handelte von der physikalischen, das zweite
von der mathematischen Geographie, während das dritte die Chorographie,
d. h. die Beschreibung der einzelnen Länder, enthielt. Außerdem hat
Eratosthenes auch auf den Gebieten der Astronomie Hervorragendes
geleistet. Vorhanden ist ferner ein Brief, in dem er sich mit dem berühmten
delischen Problem der Verdoppelung des Würfels beschäftigt. Auch eine
Regel zur Auffindung der Primzahlen rührt von ihm her. Im Jahre 220 v.
Chr. soll Eratosthenes in Alexandrien Armillen423 aufgestellt und damit
den Abstand der Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges, das sind 47,7
Bogengrade, ermittelt haben.
Nachdem man erkannt hatte, daß die Erde die Gestalt einer Kugel besitzt,
lag der Gedanke nahe, die Größe dieser Kugel zu bestimmen. Der Ruhm,
den richtigen Weg zu einer solchen Messung eingeschlagen und auf ihm

Page 175

ein, im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln annähernd richtiges,
Ergebnis gefunden zu haben, gebührt gleichfalls dem Eratosthenes 424.
Bei größerer Ausdehnung der Reisen mußte es den Alten auffallen, daß die
täglichen Kreise, welche bekannte Sterne beschreiben, nicht überall die
gleiche Neigung zur Ebene des Horizontes besitzen. Insbesondere konnte
ihnen dies nicht lange bezüglich der Sonne verborgen bleiben. So wußte
Eratosthenes, daß dies Gestirn zur Zeit der Sommersonnenwende im
südlichen Ägypten mittags durch den Zenit geht, während es in Alexandrien
an diesem Tage einen südlich vom Zenit gelegenen Punkt durchläuft.
Infolgedessen zeigte der Gnomon an dem Mittag jenes Tages in Syene425
keinen Schatten. Anknüpfend an diese, ihm bekannte Tatsache, ging
Eratosthenes bei der Lösung seiner Aufgabe von einigen Voraussetzungen
aus, die zwar nicht ganz zutreffend sind, der Wahrheit aber doch so nahe
kommen, daß bei dem nur rohen Verfahren, um das es sich hier handelt, das
Ergebnis dadurch nicht wesentlich beeinflußt wird. Zunächst war dies die
Annahme, daß die Erde eine vollkommene Kugel sei. Ferner, daß die
genannten Städte auf demselben Meridian gelegen seien, während sie in
Wahrheit einen Längenunterschied von mehreren Graden426 aufweisen.

Abb. 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe dienende Instrument der Alten427.

In A (Abb. 20) befindet sich das Instrument, das die Alten bei der
Bestimmung der Sonnenhöhe gewöhnlich benutzten. Es war dies eine
halbkugelige Höhlung, aus deren Mitte sich ein Gnomon (GC) erhob.
Dieses Werkzeug wurde so aufgestellt, daß der Gnomon senkrecht zum
Horizonte stand, also die Verlängerung des Erdradius bildete. Der Winkel
EDA (Abb. 21) ließ sich auf einer Gradeinteilung ablesen. Er war gleich

Page 176

dem zu messenden Bogen AB des Meridians (siehe Abb. 21).
Eratosthenes fand nun EDA gleich 1/50 des Kreisumfanges oder gleich 7°
12'. Er schätzte ferner die Strecke Syene-Alexandrien auf 5000 Stadien.
Genauere Landesvermessungen gab es nämlich nur für das untere Ägypten,
so daß Eratosthenes auf die Angabe von Reisenden angewiesen war,
welche die Entfernungen in Tagesmärschen aufgezeichnet hatten428. Der
Umfang der Erde ergab sich somit gleich 5000 × 50 = 250000 Stadien, eine
Größe, die sich in heutigem Maße auf etwa 45000 Kilometer beläuft,
während der wahre Wert 40000 Kilometer beträgt429. Diese
wissenschaftliche Tat des Eratosthenes erregte die Bewunderung des
Altertums, das nur in den besprochenen Messungen des Aristarch etwas
Ähnliches aufzuweisen hatte.

Abb. 21. Die Gradmessung des Eratosthenes.

Das Nächstliegende wäre nun gewesen, die Gradmessung auf einem nicht
lediglich abgeschätzten, sondern genauer gemessenen Teil des Meridians zu
wiederholen. Eine solche Untersuchung gelangte jedoch erst viel später zur
Ausführung.
Wie Dikäarch, so hat auch Eratosthenes die Messung der Erdoberfläche
durch die Bestimmung der sie überragenden Höhen zu ergänzen gesucht.
Eratosthenes verfuhr dabei wie Dikäarch auf trigonometrischem Wege
und gelangte zu dem Ergebnis, daß es sich bei den höchsten von ihm
gemessenen Berghöhen um Werte von etwa 10 Stadien handele.

Die Anfänge der heliozentrischen Lehre.

Page 177

Daß schon während der ersten Periode der alexandrinischen Akademie die
Astronomie zur Wissenschaft heranreifte, indem sie sich von der
Spekulation der messenden Beobachtung zuwandte, ersehen wir vor allem
aus den im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Arbeiten der
Alexandriner Aristyllos und Timocharis, sowie des mit der
alexandrinischen Schule in enger Fühlung stehenden Aristarchos von
Samos. Dem letzteren gebührt das Verdienst, die heliozentrische Theorie in
voller Klarheit entwickelt zu haben. Daran, daß die Erde im Mittelpunkt der
Welt ruhe, haben zuerst die Pythagoreer gezweifelt. Unter ihnen entwickelte
Philolaos eine Theorie430, nach der sich die Erde innerhalb eines Tages um
ein Zentralfeuer drehe. Auf diese Weise wurde die tägliche Bewegung des
Himmels als eine nur scheinbare erklärt. Sobald man das Zentralfeuer in die
Mitte der Erdkugel verlegte, hatte man den einen Bestandteil der
koppernikanischen Lehre, nämlich die Drehung unseres Weltkörpers um
seine Achse, schon vorweggenommen.
Der Kern dieser Lehre, die Umlaufsbewegung der Erde und der übrigen
Planeten um die Sonne, läßt sich heute in seiner allmählichen Entwicklung
zurückverfolgen. Den Ausgang bilden die Beobachtungen an Venus und
Merkur. Sie führten, wie wir sahen431, zu der Lehre des Herakleides
Pontikos, nach welcher diese Himmelskörper um die Sonne kreisen. Von
dieser Lehre, die früher wohl den Ägyptern zugeschrieben wurde, hat
Koppernikus nach seinen eigenen Worten sehr wohl gewußt. Von hier aus
konnte man leicht zu einer richtigen Auffassung des Weltsystems gelangen,
wenn man die Sonne als Mittelpunkt der Bahnen auch der übrigen Planeten
betrachtete. Sieht man von den heute schwer sicherzustellenden
Spekulationen der Pythagoreer ab, so war es vor allem Aristarch, der die
heliozentrische Weltansicht mit voller Klarheit aussprach. Ihn soll die
Überzeugung, daß die Sonne weit größer als die Erde und der Mond sei, zur
Aufstellung seines Systems geführt haben. Auch ohne eine Kenntnis der
Gesetze der Dynamik fühlte Aristarch sozusagen durch, daß es ungereimt
sei, den Umlauf eines gewaltigen Weltkörpers um einen im Verhältnis
winzig kleinen anzunehmen. Koppernikus fügte zu diesem Grund noch
den hinzu, daß die Sonne als Leuchte der Welt auch in deren Mitte gehöre432.
Bis zum Ende der ersten, etwa bis Aristoteles reichenden Periode der
griechischen Astronomie hatte die Spekulation überwuchert. Zum Glück
traten jedoch in der alexandrinischen Schule, und im Zusammenhange mit

Page 178

dieser, Männer auf, die sich mit nüchternem Sinne der Erforschung der
Himmelserscheinungen zuwandten. Die Astronomie ging damit von den
durch mangelhafte Beobachtung gestützten Philosophemen zum messenden
Verfahren über und erhob sich dadurch auf die Stufe einer Wissenschaft im
strengen Sinne des Wortes. Als diejenigen unter den Griechen, die zuerst
diesen Weg beschritten haben, sind die Alexandriner Aristyll und
Timocharis und vor allem der schon erwähnte Aristarch von Samos zu
nennen. Mit der Forschertätigkeit dieser Männer heben zwei Probleme an,
die seitdem den menschlichen Geist beschäftigt haben und mit immer
größerer Schärfe ihrer Lösung zugeführt worden sind. Es sind dies die
Topographie des Fixsternhimmels, d. h. die genaue Bestimmung möglichst
vieler Sternörter, sowie die Ermittelung der Abmessungen der Erde und
unseres Planetensystems, zunächst der Entfernung der Sonne und des
Mondes. In welchem Maße die Ägypter und ganz besonders die Chaldäer
den alexandrinischen Astronomen durch das Sammeln eines reichen, sich
über lange Zeiträume erstreckenden Beobachtungsmaterials vorgearbeitet
hatten, wurde an früherer Stelle dargetan.
Aristyll und Timocharis, die ihre Beobachtungen um das Jahr 300 v. Chr.
anstellten, bedienten sich der Armillen, d. h. geteilter Kreise, von denen der
eine in der Ebene des Äquators lag, während der andere um die Weltachse
gedreht werden konnte. Mit Hilfe dieses Apparates bestimmten sie die Lage
einzelner Sterne, indem sie ihre Deklination oder den Bogenabstand vom
Äquator bis auf Bruchteile von Graden ermittelten und gleichzeitig den Ort
der Sterne auf den Frühlingspunkt bezogen. Das von ihnen herrührende
Verzeichnis, das bis auf wenige Angaben verlorengegangen ist, gab 170
Jahre später Hipparch die Möglichkeit, das Vorrücken der Nachtgleichen
zu entdecken433. Timocharis bediente sich bei seinen astronomischen
Beobachtungen auch der Stundenangaben. Die (babylonische) Zwölfteilung
des Tages läßt sich bei den Griechen nicht vor Alexander dem Großen
nachweisen434. Vorher richtete man sich im praktischen Leben nach der
Länge des eigenen Schattens und verabredete z. B. eine Zusammenkunft für
die Tageszeit, wann der Schatten 6 oder 8 Fuß lang sei.

Page 179

Abb. 22. Aristarchs Verfahren, die Entfernung des Mondes und der Sonne zu
bestimmen.

Über die Größenverhältnisse des Planetensystems hat Aristarch die ersten
Untersuchungen angestellt. Er war ohne Zweifel einer der bedeutendsten
Astronomen seiner Zeit. Von seinem Leben ist indessen keine nähere Kunde
auf uns gelangt. Aristarch wurde um das Jahr 270 v. Chr. in Samos
geboren. Das einzige, was von seinen Schriften erhalten blieb, sind Teile
einer Abhandlung, die von der Größe und den Entfernungen des Mondes
und der Sonne handelt435. Die Abstände dieser Weltkörper von der Erde
verhalten sich nach Aristarch etwa wie 1 : 19, während das wahre
Verhältnis annähernd 1 : 400 ist. Zu seinem Ergebnis gelangte Aristarch
durch folgende Überlegung. Erscheint von einem Punkte E der Erde (siehe
Abb. 22) der Mond genau zur Hälfte von der Sonne beleuchtet, so bildet
jener Punkt E mit den Mittelpunkten des Mondes und der Sonne ein
rechtwinkliges Dreieck, in welchem der Abstand des Mondes eine Kathete
(ME) und die Entfernung der Sonne die Hypotenuse (ES) ist. Der Winkel
bei E mißt nun nach Aristarch 87°, während er in Wahrheit viel weniger
von einem Rechten abweicht und sich auf 89° 50' beläuft. Das gesuchte
Verhältnis, das Aristarch auf mühsame Weise in die Grenzen 1 : 18 und 1 :
20 einschloß, ist gleich dem Cosinus des Winkels bei E, unter dem beide
Weltkörper in dem angegebenen Falle von der Erde aus gesehen werden
(EM : ES, siehe Abb. 22).
Auch die Raumverhältnisse der Weltkörper berechnete Aristarch. So fand
er, daß der Mond etwa 25 (statt 48) mal so klein, die Sonne dagegen 300
(statt 1300000) mal so groß wie die Erde sei436.
Der Weg, auf dem Aristarch seine Aufgabe zu lösen suchte, ist, theoretisch
genommen, zwar richtig. Daß sich trotzdem ein Resultat ergab, das von
dem heute gültigen Wert in solch erheblichem Maße abwich, ist aus
mehreren Umständen zu erklären. Einmal war man zu jener Zeit noch nicht

Page 180

imstande, solch kleine Winkelunterschiede wie diejenigen, um die es sich
hier handelt, zu messen. Zum andern aber besitzt die gesuchte Grenze
zwischen dem beleuchteten und dem dunklen Teile des Mondes keine
hinlängliche Schärfe. Immerhin verdiente Aristarch in vollem Maße die
Anerkennung, die ihm das Altertum dieser Bestimmung wegen zollte. Daß
Aristarch die heliozentrische Theorie 11/2 Jahrtausende vor Koppernikus
klar aussprach, geht auch aus einer Äußerung des Archimedes hervor. Sie
lautet: »Aristarch gelangt zu der Annahme, die Fixsterne samt der Sonne
seien unbeweglich. Die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne,
die in der Mitte der Erdbahn stehe, herumgeführt437.«
Zu den Vorläufern des Koppernikus ist auch der Pythagoreer Niketas zu
rechnen. Auf ihn führt Koppernikus selbst die Anregung zurück, die ihn
veranlaßte, den geozentrischen Standpunkt aufzugeben. Von der Lehre des
Niketas gibt uns eine kurze Bemerkung Kunde, die sich bei Cicero findet
und auf die sich später Koppernikus berufen hat. Sie lautet: »Niketas aus
Syrakus nimmt an, wie Theophrast erzählt, daß der Himmel, die Sonne,
der Mond und die Sterne stillstehen, und daß sich außer der Erde nichts im
Weltall bewegt. Die Erde dreht sich um eine Achse. Dadurch scheint sich
der Himmel zu bewegen.« Ohne Zweifel ist dies ein deutliches Zeugnis
dafür, daß man im frühen Altertum, wenn auch nur vereinzelt, den Versuch
gemacht hat, die scheinbare tägliche Umdrehung des Himmels aus einer
Rotation der Erde zu erklären. Auch auf Plutarch konnte sich
Koppernikus berufen, da Plutarch in seiner Schrift »Von den Meinungen
der Philosophen« die astronomischen Lehren des Philolaos und des
Herakleides Pontikos erwähnt sowie an anderer Stelle auch auf die
Ansichten Aristarchs bezug genommen hat.

Fortschritte der messenden Astronomie.

Die bedeutendste Förderung während des vorchristlichen Abschnittes des
alexandrinischen Zeitalters erfuhr die Astronomie durch Hipparch. Seine
wissenschaftliche Tätigkeit fällt etwa in die Zeit von 160–125 v. Chr. Von
seinem Leben ist wenig bekannt. Er lebte in Rhodos, hielt sich
wahrscheinlich aber auch in Ägypten auf438. Hipparch erleichterte die
Arbeit des Astronomen vor allem dadurch, daß er als trigonometrisches

Page 181

Hilfsmittel eine Sehnentafel schuf. Sie enthielt für die Winkel im Kreise
den Wert der zugehörigen Sehnen, in Teilen des Halbmessers ausgedrückt.
Die Berechnung war sehr mühsam. Sie geschah, indem man von den
Sehnen der Winkel 120°, 90°, 72°, 60°, 36° ausging. Diese Sehnen ließen
sich als Seiten des regelmäßigen 3-, 4-, 5-, 6- und 10-Ecks leicht in Teilen
des Radius ausdrücken. Mit Hilfe des Pythagoreischen Lehrsatzes und eines
Hilfssatzes bestimmte man dann die Sehnen von halben Bogen, sowie die
Sehnen von Bogensummen und Bogendifferenzen und gelangte so zu einer
Tafel von zahlreichen Bogen nebst den entsprechenden Sehnen. Anfangs
wies diese Tafel bedeutende Lücken auf, die man indessen durch
Interpolation nach und nach ausfüllte. Erst von Ptolemäos wurden die
Sehnen aller Winkel, nach halben Graden fortschreitend, mit hinreichender
Genauigkeit bestimmt. Seine Tafel, die einen wesentlichen Teil des 11/2
Jahrtausende die Astronomie beherrschenden Ptolemäischen Werkes
ausmachte, hat während jenes langen Zeitraumes den Astronomen an Stelle
unserer heutigen trigonometrischen Tabellen große Dienste geleistet.
Ptolemäos teilte den Radius in 60 Teile und führte diese Teilung
sexagesimal weiter. Die Sehnen wurden dann für die verschiedenen Winkel
in Sechzigsteln des Radius ausgedrückt. So wurden feststehende
Verhältnisse gewonnen, da die absolute Größe des Radius und der Sehnen
nicht in Betracht kam. Es kam auch vor, daß Ptolemäos mitunter statt der
ganzen die halben Sehnen benutzte, doch blieb die konsequente
Durchführung dieser Maßregel, die ja die Einführung der Sinusfunktion
bedeutet haben würde, den Indern vorbehalten.
Die Trigonometrie beschränkte sich bei den Alten auf das rechtwinklige
Dreieck. Die Ausdehnung der trigonometrischen Funktionen auf Winkel
von 90°-180° erfolgte erst durch die Araber, die auch die Trigonometrie des
schiefwinkligen Dreiecks begründeten439. Kamen solche Dreiecke für die
alten Astronomen in Betracht, so wurden sie in rechtwinklige Dreiecke, die
man berechnen konnte, zerlegt.
Aus den Fortschritten, welche die Mathematik im alexandrinischen Zeitalter
erfuhr, zog unter allen Wissenschaften die Astronomie auch weiterhin den
größten Nutzen. Es begann für sie die Periode der systematischen,
messenden Beobachtungen. Und wenn das Ergebnis auch noch nicht in der
allgemeinen Annahme des wahren Weltsystems bestand, so gelangte man

Page 182

doch zur klaren Auffassung vieler, nur vermöge exakter Messung
wahrnehmbarer Erscheinungen. Vor allem ist hier Hipparch zu nennen, der
für die Astronomie dieselbe Bedeutung besitzt, die Aristoteles hinsichtlich
der Zoologie und Archimedes in bezug auf die Mechanik zugeschrieben
werden muß.
Während der ersten Entwicklungsstadien der Astronomie hatte man sich
darauf beschränkt, die Stellung der wichtigeren Fixsterne dadurch
festzulegen, daß man am Himmel gewisse Figuren einzeichnete. Mitunter
brachten diese Sternbilder auch äußerliche Ähnlichkeiten zum Ausdruck,
wie z. B. beim Wagen.
In die Blütezeit der alexandrinischen Schule fällt nun der Versuch einer
genaueren, durch Winkelmessung ermittelten Ortsbestimmung der
wichtigsten Fixsterne. Man bezog ihre Stellungen auf die Punkte, in denen
die Ekliptik den Himmelsäquator schneidet, und bestimmte bei einer
größeren Anzahl auch den Abstand vom Äquator bis auf Teile eines Grades.
Ein solches, von Aristyll und Timocharis herrührendes
Fixsternverzeichnis, das etwa 150 Angaben umfaßte, befand sich in den
Händen des Hipparch, als plötzlich, im Jahre 134 v. Chr., ein seltenes
astronomisches Ereignis, nämlich das Auftreten eines neuen Sternes erster
Größe, eintrat440. Bot aber die Fixsternregion, die Aristoteles als den Ort
des unwandelbaren Seins bezeichnet hatte, derartige plötzliche
Veränderungen dar, so mußte sich in den Astronomen der Wunsch nach
einer genauen Topographie des Himmels regen, um auf solche Weise
späteren Zeiten eine stete Kontrolle zu ermöglichen. In den auf jenes
Ereignis folgenden Jahren bestimmte deshalb Hipparch etwa tausend
Sternörter441. Hipparch löste dadurch nicht nur die gestellte Aufgabe,
sondern er machte außerdem die wichtige Entdeckung, daß der Frühlings-
und der Herbstpunkt ihre Lage langsam ändern. Für einen der
hervorragendsten Sterne des Tierkreises, die Spica in der Jungfrau nämlich,
ergab sich, daß er 6° vom Herbstpunkte entfernt war, während der 170 Jahre
früher gemessene Abstand 8° betrug. Die Breite der Fixsterne war dagegen
unverändert geblieben. Dieses Vorrücken der Äquinoktialpunkte442 glaubte
Hipparch aus seinen und den älteren Beobachtungen auf mindestens einen
Grad für ein Jahrhundert, also auf 36'' für das Jahr ansetzen zu dürfen,
während es in Wahrheit 50'' beträgt.

Page 183

Die Arbeiten, in denen Hipparch von der Präzession der Nachtgleichen
handelt, sind leider bis auf dasjenige, was der »Almagest« darüber bringt,
verlorengegangen. Nach Tannery beläuft sich der von Hipparch
gefundene Betrag des Vorrückens auf 1° 23' 25'' für das Jahrhundert443. Auf
die Entdeckung der Präzession gründet sich die Vorstellung von einem
26000 Jahre umfassenden Zeitraum (dem platonischen Jahr), der mit der
Lehre von der steten Wiederkehr in Beziehung gebracht wurde. Auf diese
Lehre abzielende Andeutungen finden sich schon bei Platon, später auch
bei Cicero, Seneca und anderen Schriftstellern des Altertums. Die
Vorstellung, daß die Natur einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel
unterliegt, hatte ja auch manches für sich. Die Kirchenväter verhielten sich
jedoch ihr gegenüber ablehnend, weil sie den christlichen Vorstellungen
nicht entsprach. Unter den Arabern finden sich dagegen wieder Anhänger
der Lehre von der steten Wiederkehr444.
Auch daß sich die Erde in der Sonnennähe schneller bewegt als in der
Sonnenferne, wurde von Hipparch beobachtet, wenn er auch diese
Bewegung auf unser Zentralgestirn übertrug, an dem sie ja scheinbar
vorsichgeht. Da man im Altertum an der aristotelischen Voraussetzung
festhielt, daß die Bewegung der Himmelskörper gleichförmig und in
Kreisen erfolge, so erklärte Hipparch die beobachtete Erscheinung aus der
Epizyklentheorie, indem er die Sonne einen Kreis durchlaufen ließ, dessen
Mittelpunkt sich auf einem größeren, um die Erde gespannten Kreise
fortbewegen sollte.
Die genauere Erforschung der scheinbaren Sonnenbewegung führte
Hipparch ferner zu der Entdeckung, daß die Länge des Jahres, d. h. der
Zeit zwischen zwei Durchgängen des Sonnenzentrums durch den
Frühlingspunkt, nicht, wie vor ihm angenommen, 3651/4 Tage beträgt,
sondern daß sie etwas kürzer ist445.
Eine schärfere Bestimmung der Mond- und der Planetenbewegungen, wie
sie am Himmelsgewölbe vorsichzugehen scheinen, hat Hipparch
gleichfalls in Angriff genommen. Die Lösung dieser Aufgabe gelang jedoch
erst mehrere Jahrhunderte später dem Ptolemäos, dessen Bedeutung für
die astronomische Wissenschaft späterer Würdigung vorbehalten bleibt.
Auch das durch die Zahlenmystik der Pythagoreer angeregte, schon von
Aristarch behandelte Problem, die Entfernungen und die Größe der

Page 184

Himmelskörper zu bestimmen, beschäftigte Hipparch. Behufs der Lösung
dieser Aufgabe führte er den Begriff der Parallaxe ein. Man versteht
darunter den Winkel, unter dem der Erdhalbmesser von dem Gestirne aus
erscheint, dessen Abstand gemessen werden soll. Hipparchs
Bestimmungen ergaben für die Entfernung des Mondes 59 Erdhalbmesser.
Dieser Wert kommt der Wahrheit ziemlich nahe446, während die von
Hipparch herrührenden Werte für die Entfernung und die Größe der Sonne
von der Wirklichkeit erheblich abweichen.
Die wichtigsten Lehren der antiken Astronomie wurden nach dem von
Hipparch gewonnenen Standpunkte von Geminos zusammengestellt.
Geminos aus Rhodos lebte um 70 v. Chr. in Rom. Seine Einführung in die
Astronomie (εἰσαγωγή) wurde 1590 unter dem Titel Elementa astronomiae
herausgegeben447. Sie zeugt von großer Sachkunde, ist frei von allem
hergebrachten Aberglauben, kurz, durchaus wissenschaftlich gehalten.
Einen entschieden ablehnenden Standpunkt nimmt Geminos manchen
herrschenden Lehren gegenüber ein. So spricht er sich z. B. dahin aus, daß
die Hitze des Sommers nicht von dem Hundsstern (Sirius) abhänge, sondern
in dem Stande der Sonne ihre Ursache habe. Für Geminos liegen ferner die
Fixsterne nicht sämtlich in einer Sphäre. Ihre Entfernung von der Erde
werde wohl sehr verschieden sein. Es fehle uns nur an einem Mittel, diese
Verschiedenheit wahrzunehmen. Das Werk des Geminos hat späteren
Zeiten als wertvolle Quelle für die antike Astronomie gedient.

Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie.

Page 185

Abb. 23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon.

Die geschilderten Fortschritte der Astronomie trugen dazu bei, daß auch die
Geographie immer mehr einen wissenschaftlichen Grundzug erhielt. Dies
sprach sich vor allem darin aus, daß man sich der astronomischen
Ortsbestimmung zu bedienen anfing. Anfangs waren die geographischen
Karten bloße Itinerarien, d. h. sie wurden auf Grund der von den Reisenden
angegebenen Wegelängen und der eingeschlagenen Himmelsrichtung
entworfen. Während Eratosthenes bei seiner Bearbeitung der
Länderkunde sich auf die Angabe der Polhöhe eines Ortes oder einer
Landschaft beschränkte, führte Hipparch die Bestimmung nach
geographischer Länge und Breite ein. Um die Breite eines Ortes zu finden,
brauchte man nur die Höhe der Sonne um Mittag während der Zeit der Tag-
und Nachtgleiche zu ermitteln und den so erhaltenen Winkel von 90°
abzuziehen. Dazu bediente man sich des Gnomons. Bei diesen Messungen,
die bis auf 1–2 Bogenminuten genau erfolgten, begingen die alten
Astronomen einen Fehler von 16 Bogenminuten, ein Wert, der dem
Halbmesser der Sonne gleichkommt. Den Ursprung dieses Fehlers erläutert
Abb. 23. Sie läßt erkennen, daß aus dem Schatten als Höhenwinkel der
Winkel BDA resultiert, während die wahre Sonnenhöhe BCA ist448.
Hipparch teilte den Äquator in 360 Grade. Als Anfangsmeridian wählte er
denjenigen, welcher die Insel Rhodos schneidet, da er hier einen Teil seiner
Beobachtungen angestellt hatte. Während die Breite, nachdem man ihren
Zusammenhang mit der Polhöhe erkannt, leicht bestimmt werden konnte,
machte die Feststellung der Länge Schwierigkeiten. Diese wurden noch im

Page 186

Zeitalter Newtons lebhaft empfunden und erst durch die immer weiter
gehende Vervollkommnung der Chronometer gehoben. Auch Hipparch
brachte eine Art von chronometrischem Verfahren in Vorschlag. Unter der
Voraussetzung, daß der Eintritt einer Himmelserscheinung, z. B. der Beginn
einer Mondfinsternis, von allen Bewohnern eines Erdteils in demselben
Augenblick gesehen wird, sollte die Zeit des Eintritts für verschiedene Orte
festgestellt und aus dem Unterschied der Ortszeiten der Unterschied der
Längen berechnet werden.

Abb. 24. Stereographische und orthographische Projektion.

Für die kartographische Darstellung bediente sich Hipparch zur Abbildung
des Himmels der stereographischen449, zur Abbildung von Ländern meist der
orthographischen Projektion. Bei der ersten Projektionsart wird eine Ebene
zwischen das Auge und die abzubildende krumme Fläche gebracht. Jeder
Strahl, der einen Punkt der letzteren mit dem Auge verbindet, schneidet jene
Ebene. Infolgedessen projizieren sich die Punkte der krummen Fläche in
der Weise auf die Ebene, daß das Auge von dem Bilde auf der Ebene
denselben Eindruck bekommt, den es von der krummen Fläche, z. B. der
Halbkugel des Himmels, erhält. Bei der orthographischen Projektion
dagegen wird von jedem Punkte der darzustellenden krummen Fläche eine
Senkrechte auf die Projektionsebene gefällt. Das Bild auf dieser macht also
den Eindruck, den die krumme Fläche einem weit entfernten Auge bietet.

Die Begründung einer Physik der Gase und der Flüssigkeiten.

Während die Astronomie und die Geographie sich mächtig entwickelten
und im 2. Jahrhundert nach dem Beginn der christlichen Zeitrechnung
innerhalb derselben alexandrinischen Akademie durch Ptolemäos eine
zweite Blütezeit erlebten, schien die wissenschaftliche Mechanik nach den

Page 187

hoffnungsvollen Anfängen, die man dem Archimedes verdankte, zum
Stillstande verurteilt zu sein, obgleich sich auch diese Wissenschaft für die
Anwendung des durch die Mathematik gebotenen, deduktiven Verfahrens
so sehr eignete. Abgesehen von der Schwerpunktsbestimmung körperlicher
Gebilde – Archimedes hatte sich hierbei auf Flächen beschränkt – machte
die theoretische Mechanik kaum wesentliche Fortschritte. Jene
Bestimmungen rühren von Pappos von Alexandrien her, der im 4.
nachchristlichen Jahrhundert lebte und somit einer späteren Periode
angehört.
Pappos befaßte sich nach dem Vorbilde des Archimedes auch mit der
Untersuchung von Rotationskörpern und kam dabei auf einen wichtigen
allgemeinen Satz, der später unter dem Namen der Guldinschen Regel
bekannt geworden ist. Pappos fand nämlich, daß der Inhalt eines
Rotationskörpers aus der Fläche der sich drehenden Figur und dem von
ihrem Schwerpunkt beschriebenen Kreise berechnet werden kann. Diese
Regel wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen und von Guldin (1577–
1643), nach dem sie heute die Guldinsche Regel genannt wird, von neuem
gefunden.
Weit mehr als um die Fortbildung der theoretischen hat man sich während
der alexandrinischen Zeit um die der praktischen Mechanik bemüht. Man
versah z. B. die Wasseruhren mit einer Zeigervorrichtung und erfand die
Feuerspritze450. Diese besaß, nach einem im 18. Jahrhundert aufgefundenen,
aus der römischen Kaiserzeit herstammenden Exemplar451 zu urteilen, schon
im Altertum eine im wesentlichen der heutigen entsprechende Einrichtung.
(Abb. 25.)
Auch gewann man damals einige Kenntnis von der Natur der Gase und der
Dämpfe. Besonders verdient um dieses Gebiet machte sich Heron von
Alexandrien, dessen Name noch heute in einem bekannten Apparat unserer
physikalischen Sammlungen, dem Heronsball, fortlebt452. Herons Tätigkeit
fällt vielleicht um das Jahr 100 v. Chr. Doch ist die Frage, welchem
Zeitalter er eigentlich angehört hat, noch immer nicht mit Bestimmtheit
gelöst. Näheres über diese »Heronische Frage« enthält die Einleitung der
unten erwähnten Ausgabe der Werke Herons (s. S. 192 Anm. 4). Sein
Verdienst bestand darin, daß er zahlreiche Erfindungen der alten Physiker
und Techniker zusammenstellte und dadurch die Entwicklung, welche die
Physik seit dem 16. Jahrhundert nahm, in hohem Grade befruchtete. Von

Page 188

eigenen Erfindungen Herons ist in seinen Schriften kaum die Rede. Seine
»Pneumatik« ist das erste auf uns gelangte Werk453, das sich mit Versuchen
über die Eigenschaften der Luft und der gespannten Dämpfe beschäftigt.
Daß Heron auf diesem Gebiete zahlreiche Vorgänger besaß, ist daraus
ersichtlich, daß er seine »Pneumatik« mit folgenden Worten beginnt: »Die
Beschäftigung mit Luft- und Wasserkünsten ist von den alten Philosophen
und Mathematikern hoch geschätzt worden. Es ist daher notwendig, das seit
alters darüber Bekannte in gehörige Ordnung zu bringen ...«

Abb. 25. Die Feuerspritze nach Heron.

Unter den Vorläufern Herons ist als einer der frühesten, der uns
bekanntgeworden ist, Ktesibios von Alexandrien zu nennen (um 140 v.
Chr.).
Letzterer fand einen Nachahmer in Philon von Byzanz. Bei ihm findet sich
schon die Beschreibung des Heronsballs, der also eigentlich als Philonsball
bezeichnet werden müßte454. Auch das Thermoskop begegnet uns schon bei
Philon 455. Philons »Pneumatik« und Herons »Mechanik« waren bis vor
kurzem nur in spärlichen Fragmenten bekannt. Da entdeckte man, daß
arabische Übersetzungen der griechischen Texte existieren. So wurde man456
1894 mit der »Mechanik« Herons und 1897 mit der »Pneumatik« des
Philon von Byzanz bekannt. Die Gesamtausgabe der Werke Herons ist für
die Geschichte der Mathematik sowie der reinen und der angewandten
Naturwissenschaften von großer Bedeutung. Das Automatenwerk Herons
ist auch kunstgeschichtlich von Wichtigkeit, da es manchen Aufschluß über
die antiken Bühneneinrichtungen gibt457. Heron beschreibt in seiner
»Pneumatik« eine große Anzahl von Apparaten, welche durch erwärmte

Page 189

Luft oder Dampf in Bewegung gesetzt werden. Die Abbildungen, von
denen wir einige hier wiedergeben, rühren nicht von Heron selbst, sondern
von einem späteren Herausgeber her458.
Handelt es sich zum Teil auch um physikalische Spielereien, so begegnet
uns doch manches, was den Anstoß zu späteren Erfindungen gegeben hat.
Insbesondere gilt dies von einem Apparat, bei dem der Dampf in derselben
Weise einen Körper in drehende Bewegung versetzt, wie es das
ausströmende Wasser bei den Reaktionsrädern bewirkt. Die Maschine
Herons (Abb. 26) besteht aus einem Kessel, von dem zwei senkrechte
Röhren ausgehen. Zwischen ihnen befindet sich eine drehbare Halbkugel
mit zwei Ansätzen, aus welchen der in die Halbkugel geleitete Dampf in
tangentialer Richtung entweicht. Dadurch wird die Kugel in Drehung
versetzt.

Abb. 26. Heron verwendet den Dampf zum Betriebe einer maschinellen
Einrichtung.

Den nach ihm benannten Ball (s. Abb. 27) beschreibt Heron in folgender
Weise: »In die Öffnung eines Gefäßes wird eine Röhre eingelötet, die fast
bis auf den Boden reicht und in eine enge Mündung ausläuft. Durch eine
seitliche Öffnung gießen wir Wasser in das Gefäß. Darauf blasen wir in
diese Öffnung hinein, während wir auf die enge Mündung der senkrechten
Röhre den Finger legen. Schließen wir dann die seitliche Öffnung und
nehmen wir den Finger von der senkrechten Röhre fort, so wird in ihr das
Wasser durch die hineingeblasene, zusammengepreßte Luft
emporgetrieben.«

Page 190

Abb. 27. Der Heronsball.

Endlich sei hier noch Herons Abbildung des Hebers wiedergegeben (s.
Abb. 28). »Befindet sich«, sagt Heron in seiner Erläuterung dieses
Apparates, »die Hebermündung in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel, so
wird der Heber, obgleich er voll Wasser ist, nicht fließen, sondern gefüllt
bleiben. Es ist nämlich, wie bei einer Wage, das Wasser in diesem Falle im
Gleichgewicht, indem es bestrebt ist, auf der Seite θβ sich zu heben und auf
Seite βγ sich zu senken. Ist aber die äußere Mündung des Hebers niedriger
als der Wasserspiegel, so fließt das Wasser aus, da das in dem Abschnitte κβ
befindliche Wasser, das schwerer ist als das in βθ, letzteres überwältigt und
anzieht.«

Page 191

Abb. 28. Herons Abbildung eines Hebers.

Was die Natur der Luft betrifft, so meint Heron, daß sie aus Teilchen
bestehe, die wie die Körnchen des Sandes durch leere Zwischenräume
getrennt seien. Dies beweise zumal der Umstand, daß sich noch Luft in eine
Kugel zu der darin vorhandenen füllen lasse, was darauf beruhe, daß die
neuen Luftteilchen an Stelle der leeren Räume treten. Wolle man annehmen,
die Luft fülle den vorhandenen Raum ganz aus, so würde eine Kugel beim
Hineinbringen einer weiteren Luftmenge platzen müssen. Gäbe es keine
Vakua, fügt Heron noch hinzu, so könnten weder Licht noch Wärme durch
Wasser oder andere Flüssigkeiten dringen. Wenn nämlich die Flüssigkeit
keine Poren hätte, die Strahlen also mit Gewalt ins Wasser drängen, so
müßten volle Gefäße überlaufen459. Jeder Körper besteht deshalb, nach
Heron, aus kleinen Teilchen und dazwischen befindlichen leeren Räumen.
Ein kontinuierliches Vakuum sei dagegen ohne Mitwirkung einer äußeren
Kraft nicht möglich460. Daß die Luft ein Körper ist, beweist Heron, indem
er ein leeres Gefäß umgekehrt ins Wasser taucht. Auch bemerkt er, die Luft
habe eine eigentümliche Spannkraft, indem sie sich, wie ein trockener
Schwamm, nach dem Zusammendrücken wieder ausdehne.
Zu welch überraschenden Kunststücken man diese Kenntnisse zu verwerten
wußte, zeigt uns die, durch nebenstehende Abbildung (29) erläuterte, auf
der Ausdehnung und der Zusammenziehung der Luft beruhende
Vorrichtung.

Page 192

Wird auf dem Altar E ein Feuer angezündet, so treibt die erwärmte Luft
infolge ihrer Ausdehnung das Wasser, das sich in der Kugel P befindet, in
das aufgehängte, mit einem Drehwerk verbundene Gefäß M. Letzteres sinkt
infolge seiner Gewichtszunahme und öffnet die Tür. Nach dem Erkalten der
Luft strömt das Wasser durch die Röhre L nach P zurück, und die Tür wird
durch das Gegengewicht D geschlossen, während das Gefäß M in seine
frühere Lage zurückkehrt.

Abb. 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel461.

Sowohl eine Beschreibung in Herons »Pneumatica«, als auch die
archäologischen Funde liefern den Beweis, daß man im späteren Altertum
schon Orgeln mit Klaviaturen besaß, die man wie unsere heutigen Orgeln
und Klaviere benutzte (Abb. 30). Sie wurden durch Wasser betrieben, mit
dessen Hilfe man die Luft in einem Kasten zusammenpreßte (Wasserorgel
oder hydraulus). Eine aus Ton verfertigte Orgel wurde vor einiger Zeit in
Karthago aufgefunden. Sie läßt außer den Einrichtungen, die zur
Herstellung des Luftstromes dienen, drei Reihen von Orgelpfeifen und eine
Klaviatur erkennen462.

Page 193

Abb. 30. Wasserorgel oder hydraulus.

Heron bringt ferner eine Beschreibung der Feuerspritze, deren
Rekonstruktion in Abb. 25 wiedergegeben wurde (s. S. 191). Seine
Beschreibung lautet: »Es seien αβγδ und εζηθ zwei bronzene Stiefel, deren
Inneres für zwei Kolben ausgedrechselt ist. Die Kolben müssen luftdicht in
die Stiefel passen. Letztere seien durch das an beiden Enden offene Rohr
ξοδζ miteinander verbunden. Außerhalb der Stiefel, aber innerhalb dieses
Rohres, sollen Klappenventile π und ρ derart angebracht sein, daß sie sich
nach der Außenseite öffnen können. Die Stiefel sollen auch auf dem Boden
runde Löcher haben, die mit kleinen, geschliffenen Scheibchen bedeckt
werden. Letztere sind durch Stifte und Häkchen so angebracht, daß sie sich
wohl auf- und abbewegen, aber sich nicht von den Öffnungen seitlich
entfernen können. Mit den Kolben seien Kolbenstangen und ein Querbalken
verbunden. Mit dem Rohre, das die beiden Stiefel verbindet, stehe ein
vertikales Steigrohr in Verbindung. Dieses verzweige sich bei ϛ zu einem
Doppelarm, der zu einer drehbaren Mündung führt463.« Die beschriebene
Vorrichtung stimmt also mit der heutigen Feuerspritze überein, nur daß der
Windkessel fehlt.
Ein Teil der zahlreichen, in Herons »Pneumatica« beschriebenen Versuche
stammt von Philon von Byzanz, der gleich Heron ein Schüler des
Ktesibios war. Da einige von diesen Versuchen eine grundlegende
Bedeutung haben, so seien sie hier angeführt. So stellte Philon ein
Thermoskop her, das auf der Ausdehnung der Luft durch die Wärme

Page 194

beruhte. In eine Bleikugel a wurde das doppelt gebogene Rohr b (s. Abb.
31) luftdicht eingefügt. Das andere Ende des Rohres mündete unter Wasser.
Brachte man die Bleikugel in die Sonne, so strömte die Luft durch b aus.
Wurde dagegen die Bleikugel abgekühlt, so gelangte Wasser durch b in die
Kugel a464.

Abb. 31. Philons Thermoskop.

Abb. 32. Philons Saugkerze.

Die Abbildung 32 zeigt uns Philons Saugkerze. In dem Gefäße a befindet
sich Wasser und eine brennende Kerze. Über diese wird d gestülpt465. »Man
wird«, sagt Philon, »bald das Wasser aufwärtssteigen sehen. Dies
geschieht, weil die in d enthaltene Luft durch die Bewegung des Feuers
verflüchtigt wird. Das Wasser steigt empor, je nach der Quantität Luft,
welche verflüchtigt wird.« Daß stets nur eine gewisse Menge Luft
verschwindet, entging also der Beobachtung des alten Physikers. Immerhin
begegnet uns hier schon derselbe Versuch, den im 18. Jahrhundert Scheele

Page 195

und andere anstellten, um zu beweisen, daß die Luft aus zwei verschiedenen
Gasen zusammengesetzt ist.

Weitere Fortschritte der Mechanik.

Abb. 33. Herons Flaschenzug.

Heron hat auch über die Mechanik der festen Körper ein Werk
geschrieben, das lange als verloren galt und nur auszugsweise durch den
späteren Alexandriner Pappos (um 300 n. Chr.) erhalten geblieben ist466.
Wie Pappos mitteilt, hat Heron in diesem Werk die fünf Potenzen
behandelt, nämlich den Hebel, das Rad an der Welle, den Keil, die Schraube
und den Flaschenzug. So wird, um ein Beispiel zu bringen, der Flaschenzug
mit folgenden Worten beschrieben: »Wenn wir eine Last aufziehen wollen,
so müssen wir an einem daran gebundenen Seil mit einer Kraft ziehen,
welche der Last gleich ist. Wenn wir aber das eine Ende des Seils an einem
festen Ort anbinden und das andere Ende um eine an der Last befestigte
Rolle legen, so werden wir die Last leichter bewegen. Und wenn wir an
dem festen Ort eine zweite Rolle anbringen und das Seil auch um diese
legen, werden wir die Last noch leichter bewegen. Aber wir bringen nicht
die einzelnen Rollen an dem festen Ort, sondern, um ihre Achse drehbar, in
einem hölzernen Gehäuse an, das wir eine Flasche nennen, und binden
diese Flasche mit einem Seile an den festen Ort. Diejenigen Rollen, die mit

Page 196

der Last verbunden werden sollen, schließen wir in eine andere, der ersten
gleiche Flasche ein467. Je zahlreicher die Rollen, desto leichter läßt sich die
Last heben.« An anderer Stelle löst Heron die Aufgabe, durch
Zahnradübertragungen vermöge der Kraft 5 die Last 1000 zu heben (s. Abb.
17)468.

Abb. 34. Herons Wegmesser469.

Durch eine ähnliche Übertragung finden wir schon bei Heron das Prinzip
des Taxameters gelöst. Seine Einrichtung ist aus Abb. 34 ersichtlich. An der
Nabe des Rades befindet sich ein Stift, der das horizontale, mit 8 Speichen
versehene Rad EZ jedesmal um eine Speiche weiter dreht. Einer
Umdrehung des Rades EZ entspricht eine Fortbewegung des über EZ
befindlichen Zahnrades um einen Zahn. Die Übertragung erfolgt durch das
Schneckengewinde über EZ. Diese Übertragung wiederholt sich so oft, daß
eine Umdrehung des letzten Zeigers mehrere tausend Umdrehungen des
Wagenrades oder auch direkt den zurückgelegten Weg in Stadien anzeigt470.
Neuerdings ist die Mechanik Herons nach einer arabischen Handschrift in
französischer Übersetzung herausgegeben worden471. Heron bringt nicht nur
die Beschreibung und die Theorie der fünf einfachen Maschinen, sondern er
beschäftigt sich auch eingehend mit Schwerpunktsbestimmungen. So findet
er den Schwerpunkt des Dreiecks als den Schnittpunkt der
Mitteltransversalen, die sich im Verhältnis 2 : 1 teilen. Um den
Schwerpunkt des unregelmäßigen Vierecks zu finden, zerlegt er es durch

Page 197

eine Diagonale in zwei Dreiecke, verbindet deren Schwerpunkte und teilt
dann diese Verbindungslinie im umgekehrten Verhältnis der Gewichte
dieser Dreiecke.
Beim Hebel und beim Flaschenzug untersucht Heron das Verhältnis des
Kraftweges zum Lastwege oder das der Zeiten, welche die Last, je nach
dem Kraftgewinn, zum Emporsteigen auf eine bestimmte Höhe gebraucht.
Er gelangt dabei zu dem Gesetz, das wir heute als die goldene Regel der
Mechanik bezeichnen. Die Fassung, welche er diesem Gesetz gibt, lautet:
»Das Verhältnis der Zeiten ist gleich dem umgekehrten Verhältnis der
bewegenden Kräfte472.« Nicht so klar ist Heron die Theorie der Schraube
und des Keiles geworden. Hier vermag er das Verhältnis von Kraft zu Last
nicht anzugeben. Es rührt dies daher, daß er Keil und Schraube nicht auf die
schiefe Ebene zurückführt, sondern sich vergeblich abmüht, sie aus der
Hebelwirkung zu erklären. Die schiefe Ebene wird von ihm nicht zu den
einfachen Maschinen gerechnet und gleichfalls in ihrer Wirkung noch nicht
richtig erkannt473.

Die wissenschaftlichen Grundlagen der Vermessungskunde.

Eine besondere Würdigung verdienen noch Herons Bemühungen um die
Ausgestaltung der Feldmeßkunst. Heron verfaßte eine Schrift »Über die
Dioptra«474. Es ist das ein Meßapparat, in dem wir das Urbild des heutigen
Theodolithen erblicken müssen. Eine Rekonstruktion des interessanten
Instrumentes ist in nebenstehender Abbildung wiedergegeben475. Die
Hauptteile waren die auf dem Stativ ruhende Platte ΑΒ und das Zahnrad
ΓΔ, welches durch die Archimedische Schraube ΕΖ in Bewegung gesetzt
wurde und dadurch eine Drehung des ganzen Instrumentes um eine
vertikale Achse ermöglichte. Eine zweite Archimedische Schraube befand
sich über ΚΛ. Man erkennt, daß sie die Aufgabe hatte, vermittelst des
vertikal gestellten, halbkreisförmigen Zahnrades die oberste, mit dem
Visierlineal versehene Platte um eine horizontale Achse zu drehen. Da die
Platte nicht unmittelbar auf dem halbkreisförmigen Zahnrade aufsaß,
sondern an eine rechteckige Fortsetzung des letzteren angeschlossen war, so
konnte die Drehung um die horizontale Achse vermittelst der oberen
Archimedischen Schraube so lange fortgesetzt werden, bis die große Platte
eine senkrechte Stellung eingenommen hatte. Es ließ sich somit jeder

Page 198

Horizontal- und jeder Höhenwinkel mit Hilfe dieses Apparates messen, so
daß die Dioptra zur Lösung von Aufgaben der Feldmeßkunst vortrefflich
geeignet war. Die Einstellungen wurden durch Wasserwage und Bleisenkel
vermittelt. Ferner besaß das Diopterlineal, um auch kleinere Winkel noch
ablesen zu können, eine bedeutende Länge.

Abb. 35. Herons Winkelmeßapparat.

Von den zahlreichen Aufgaben, für welche Heron in seiner Schrift das
einzuschlagende Meß- und Berechnungsverfahren angibt, seien hier nur
einige erwähnt. Die wichtigste Aufgabe war die Aufnahme eines Feldes von
beliebiger Umgrenzung. Heron verfuhr dabei wie folgt: Zunächst wurde
ein großes Rechteck so abgesteckt, daß es innerhalb der Umgrenzung lag
(siehe Abb. 36). Dann wurde für viele Punkte der Umgrenzung der
senkrechte Abstand von der zugewandten Seite des großen Rechtecks
gemessen. Auf diese Weise wurde der außerhalb des Rechtecks liegende
Teil des zu messenden Feldes in kleinere Abschnitte von möglichst
regelmäßiger Form zerlegt, deren Flächeninhalt leicht annähernd
ausgemessen werden konnte.

Page 199

Abb. 36. Herons Vermessung eines Feldes.

Ein Blick auf die Abbildung lehrt uns, daß Heron hier mit rechtwinkligen
Koordinaten arbeitet, und daß er die umgrenzende Linie recht genau in den
Plan einzeichnen konnte, wenn er nur recht viele Senkrechte von den
Punkten der Linie aus nach den Rechteckseiten errichtete und ausmaß.
Weiter zeigt Heron, wie man die Breite eines Flusses ermittelt, ohne ihn zu
überschreiten. In einem andern Abschnitt wird die Aufgabe gelöst, ein Feld
mit Hilfe eines Planes wieder abzustecken, wenn die Umfriedigung mit
Ausnahme weniger Grenzsteine verlorengegangen ist476. Ein Abschnitt (30)
entwickelt die Heronsche Formel für die Fläche eines Dreiecks, dessen drei
Seiten gegeben sind. Sie lautet:
∆ = √(((a + b + c)/2) · ((a + b - c)/2) · ((a + c - b)/2) · ((b + c - a)/2)))
Ob Heron diese Formel selbst gefunden oder anderen entlehnt hat, ist nicht
bekannt. Auch weiß man nicht, wie groß sein Anteil an der Konstruktion
der Dioptra ist. Sicherlich bestand die Feldmeßkunst in Ägypten schon
Jahrtausende vor Heron. Doch waren ihre Regeln zum Teil recht
mangelhaft, so daß man477 annimmt, daß Heron, auf den Arbeiten seiner
Vorgänger fußend, ein amtliches, zahlreiche Verbesserungen aufweisendes
Lehrbuch der Feldmeßkunst lieferte. Dieses hat dann auch den Römern als
Handbuch gedient. Stand doch bei diesem Volke die Vermessungskunde,
wie bei dem praktischen Grundzuge der Römer nicht anders zu erwarten ist,
in hoher Blüte. Wie hätte sich z. B. die Anlage ausgedehnter
Wasserleitungen ermöglichen lassen, wenn die Kunst des Nivellierens, für
welche man sich ebenfalls der Dioptra bediente, den Römern nicht geläufig
gewesen wäre.

Page 200

Während der griechische Text der »Dioptra« schon seit 1858 bekannt ist,
entdeckte man erst 1896 Herons »Metrika«, ein Werk, das seit dem 6.
Jahrhundert verschollen war. Die »Metrika« Herons 478 stellen ein Handbuch
dar, das eine Anweisung zur Teilung und Berechnung von Flächen enthält,
während die »Dioptra«479 Herons die Beschreibung der wichtigsten
geodätischen Hilfsmittel und eine Anzahl von Aufgabenbeispielen lieferte.
Zu den Aufgaben, deren Lösung Heron bringt, gehört außer den
Nivellierungen auch die Absteckung von Geraden zwischen zwei Punkten,
von denen der eine nicht vom andern aus gesehen werden kann. Die
Aufgabe war schon im Altertum praktisch wichtig, z. B. wenn es galt, einen
Tunnel durch einen Berg zu graben. Daß die alten Ingenieure schon
Tunnelbauten von beträchtlicher Länge ausführten, beweist die im Jahre
1884 erfolgte Freilegung eines Tunnels von etwa 1000 m Länge durch den
Kastroberg (auf Samos).
Wie Heron die Aufgabe löste, einen Berg zu durchstechen, wenn die
Mündungspunkte des Durchstichs gegeben sind, zeigt uns Abb. 37. Wir
sehen, daß er sich auch hierbei wieder eines Systems von rechtwinkligen
Koordinaten bediente.
Heron schließt seine Darstellung mit den zuversichtlichen Worten: »Wird
der Tunnel auf diese Weise hergestellt, so werden sich die Arbeiter von
beiden Seiten treffen.«

Abb. 37. Herons Tunnelaufgabe.

Der Tunnel durch den Kastroberg ist durch deutsche Forschungen wieder
entdeckt worden. Er hatte den Zweck, eine jenseits des Berges befindliche

Page 201

Quelle mit der Stadt zu verbinden. Diese Anlage, die Herodot als ein
Wunderwerk preist, entstand zur Zeit des Polykrates. Sie verdient auch
deshalb Bewunderung, weil die Arbeit ja ohne die modernen Sprengmittel
geleistet werden mußte480.
Ein weiteres Beispiel für den Tunnelbau der Alten bietet der noch jetzt
vorhandene Abfluß (Emissar) des Albaner Sees. Dieser Abflußkanal ist ein
Stollen von 1200 m Länge. Seine Breite beträgt 11/2 m, seine Höhe 2–3 m481.
Als eine Ingenieurarbeit größeren Umfangs ist aus der griechischen
Geschichte die Trockenlegung des Kopaissees unter Alexander dem
Großen zu erwähnen482.
Bei Heron begegnen uns auch die ersten Anweisungen darüber, wie man
sich beim Bergbau unter der Erde zu orientieren hat. Aus diesen Anfängen
hat sich, besonders seit dem Zeitalter Agricolas, des Begründers der
neueren Mineralogie (16. Jahrhundert), die Markscheidekunst entwickelt.
Durch Herons Schriften wird man am besten mit dem konkreten Messen
und Rechnen seiner Zeit und mit den damals gebräuchlichen Maßen
bekannt. Für das kaufmännische Rechnen fehlt es leider an einer ähnlichen
Überlieferung483. Doch begegnet uns bei Heron die schon im alten Ägypten
gepflegte Verteilungs- und Gesellschaftsrechnung. Bekannt ist
beispielsweise Herons Brunnenaufgabe. Es wird darin nach der Zeit
gefragt, innerhalb deren durch mehrere Röhren ein Behälter mit Wasser
gefüllt werden kann, wenn man die Füllzeit für jede einzelne Röhre kennt.
Heron hat auch eine Katoptrik geschrieben. Sie läßt uns erkennen, daß
schon im Altertum die Ansicht bestand, daß die Natur nichts vergeblich tue.
Von diesem Prinzip ausgehend, wurde die gradlinige Ausbreitung des
Lichtes erklärt. Die gleiche Betrachtungsweise leitete Heron bei dem
Nachweise, daß der Weg, den das einfallende und das reflektierte Licht
zurücklegt, nur dann ein Minimum ist, wenn der Einfallswinkel gleich dem
Reflexionswinkel ist484.

Naturbeschreibung und Heilkunde im alexandrinischen
Zeitalter.

Page 202

Bei der Beurteilung der Schriften eines Ptolemäos, Euklid und Heron
läßt es sich schwer entscheiden, was diese Männer auf den von ihnen
behandelten Gebieten Eigenes, Neues geschaffen, und was sie ihren
Zeitgenossen und Vorgängern entlehnt haben. Es kann indessen auch gar
nicht die Aufgabe der hier gebotenen, zusammenhängenden Darstellung
einer Geschichte der Wissenschaften sein, im einzelnen Prioritätsansprüche
gegeneinander abzuwägen. Diese, in der Regel wenig fruchtbringende
Aufgabe muß der historischen Einzelforschung überlassen bleiben, eine
Einschränkung, die hier auch gleich für die Behandlung späterer Perioden
der Wissenschaft gemacht sei. Für uns ist es viel wichtiger, in den
jeweiligen Stand der Kenntnisse einzudringen und den logischen
Zusammenhang, die bedingenden Ursachen aufzuweisen. Für diesen Zweck
war die etwas ausführlichere Darstellung, die wir den genannten drei
alexandrinischen Gelehrten gewidmet haben, von Wert.
Während die Astronomie, die Mathematik und einige Zweige der Physik
von den Alexandrinern sehr gepflegt und gefördert wurden, wandten sie den
beschreibenden Naturwissenschaften eine geringere Anteilnahme zu.
Vielleicht ist dies in der kommentatorischen Gelehrsamkeit der
Alexandriner begründet. Bestand doch ihre Hauptaufgabe darin,
Handschriften zu vergleichen, zu erläutern und zu ergänzen. So sagt
Plinius von ihnen: »In den Schulen sitzen und Vorträge anhören, war
angenehmer, als durch Einöden zu gehen und Tag für Tag neue Pflanzen zu
suchen485.« Als selbständige Wissenschaft hörte die Botanik auf. Sie bestand
in der alexandrinischen Schule nur noch als ein Zweig der Heilkunde, als
Heilmittellehre, weiter. Es war deshalb von Bedeutung für die Entwicklung
der Botanik, daß auch die Geographen dieses Zeitalters der Pflanzenwelt
ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Vor allem ist hier Strabon als der größte
unter den Geographen der spätalexandrinischen Schule zu nennen. Wenn
dieser Mann auch nicht selbst Pflanzenkenner war, so nahm er doch die
Pflanzen- und die Tierwelt als Gegenstand seiner Wissenschaft mit Recht in
Anspruch, so daß seit Strabons Auftreten die Bedeutung der Botanik für
die allgemeine Erdkunde stets gewürdigt worden ist.
In höherem Maße als die Botanik wurde die Anatomie bei den
Alexandrinern gepflegt. An erster Stelle sind hier Herophilos (um 300 v.
Chr.) und Erasistratos 486 (um 280 v. Chr.) zu nennen. Von Herophilos,
einem der bedeutendsten Ärzte des Altertums487, rührt die erste eingehendere

Page 203

Untersuchung des Auges her, während Erasistratos die blutführenden
Venen von den, nach damaliger Ansicht, mit Pneuma gefüllten Arterien
unterschied. Erasistratos war auch nahe daran, den Kreislauf des Blutes
zu erkennen. Er scheiterte nur an dem soeben erwähnten Irrtum, daß die
Arterien das Pneuma (den Luftgeist) enthielten. Andererseits erkannte er
ganz richtig das Herz als den Ausgangspunkt der Gefäße, sowie das Gehirn
als die Ursprungsstelle der Nerven. Vor allem wurde die Anatomie dadurch
auf eine sichere Grundlage gestellt, daß man die Sehnen von den Nerven
unterschied und letztere als die Organe der Empfindung sowie die Muskeln
als die Werkzeuge der Bewegung kennenlernte. Allerdings waren die
Alexandriner in ihren Mitteln nicht sehr wählerisch, da sie selbst vor
Vivisektionen an Menschen nicht zurückscheuten488.

Page 204

5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
Weit später als in Griechenland und in dem von Griechen bewohnten Süden
Italiens entwickelte sich eine höhere geistige Kultur in Mittelitalien. Die
Hauptmasse der Bevölkerung dieses Teiles der Apenninenhalbinsel war in
vorgeschichtlichen Zeiten, als ein den Hellenen und Kelten verwandtes
Volk, über die Alpen eingedrungen. Sie war dort zunächst mit den
Etruskern, einem Volk, dessen Abstammung zweifelhaft ist, in Berührung
getreten. Erst weit später machte sich der Einfluß der in Süditalien
bestehenden griechischen Ansiedelungen auf die mittelitalischen
Völkerschaften geltend. Es geschah dies erst, nachdem letztere unter der
Führung Roms eine staatliche Einigung erfahren hatten.
Während man sich in den unserer Zeitrechnung vorangehenden
Jahrhunderten in der Stille des alexandrinischen Gelehrtentempels die Welt
zu erkennen mühte, hatte man sie von Mittelitalien aus durch die Gewalt
der Waffen unterjocht. Griechenland war schon länger als ein Jahrhundert
römische Provinz, als im Jahre 30 v. Chr. Ägypten dasselbe Schicksal
ereilte. Die politische Umgestaltung dieses Landes vollzog sich jedoch
allmählich, da der römische Einfluß sich schon lange vor jenem Zeitpunkt
in stetig wachsendem Maße geltendgemacht hatte. Diese Umgestaltung war
daher auch für die Wissenschaften nicht von solch einschneidender
Bedeutung, wie später das Hereinbrechen entfesselter, barbarischer Horden.
In dem Maße nämlich, wie die Römer das dem Osten sein geistiges
Gepräge verleihende Griechenland politisch überwanden, nahmen sie den
Inhalt der griechischen Bildung in sich auf. Sie wurden die Herren, aber
zugleich die Schüler der Griechen. Auch aus den reichen literarischen
Schöpfungen der Semiten und der Ägypter vermochten die Römer zu
schöpfen489. Meister sind sie auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft
indessen nicht geworden. Weit mehr entsprach ihrem ganzen Sinne sowie
ihren Bedürfnissen eine Fortentwicklung der Technik. Auf diesem Felde
haben sie, wie die großartigen Überreste ihrer Werke noch heute bezeugen,
die Griechen zweifelsohne übertroffen. Doch erfuhr die wissenschaftliche
Grundlage der Technik, die Mechanik nämlich, durch die Römer keinen
wesentlichen Fortschritt. Wurde auch während der Kaiserzeit Rom,

Page 205

nachdem es zum politischen Mittelpunkt der Welt geworden, neben
Alexandria mehr und mehr zu einem Sitz der Wissenschaften, so kann man
doch von einem römischen Zeitalter der letzteren nicht sprechen. Darüber,
sich die Elemente der griechischen Bildung anzueignen, sind die Römer
kaum hinausgekommen, während in dem römisch gewordenen Alexandria
ein neuer, bedeutender Aufschwung die ersten Jahrhunderte unserer
Zeitrechnung ausfüllt.
Als der Hellenismus etwa um die Zeit des zweiten punischen Krieges das
römische Geistesleben zu durchdringen begann, hatte die römische Literatur
noch keine Schöpfung von einiger Bedeutung aufzuweisen. Ein mit
wissenschaftlichen Dingen sich befassendes Prosaschrifttum fehlte ihr bis
zu dem angegebenen Zeitpunkt noch fast gänzlich. Was auf diesem Gebiete
vorhanden war, betraf lediglich die Grundlagen des Rechtswesens, die
Führung von Chroniken, den Kultus und die engeren Bedürfnisse des
praktischen Lebens. Vom größten Einfluß auf die Literatur des römischen
Volkes wurde seine Berührung mit den Griechen, zunächst mit den
Kolonien Süditaliens und später mit dem griechischen Mutterlande.
Eingeleitet wurde die Berührung zwischen Römer- und Griechentum durch
den Handel. Zu einer innigeren Durchdringung kam es jedoch erst durch
den kriegerischen Zusammenstoß, der die römischen Heere in die
griechischen Kolonien und nach Hellas führte und umgekehrt zahlreiche
Griechen sowie griechische Kunst- und Wissensschätze nach Rom gelangen
ließ. Diese Umwälzungen begannen im 3. vorchristlichen Jahrhundert mit
dem tarentinischen (282–272) und dem ersten punischen Kriege (264–241).
Um 200 folgte die Besiegung Makedoniens, und wenige Jahrzehnte später
wurde durch Aemilius Paulus dem einst dem römischen an Umfang und
Bedeutung gleichen makedonischen Reiche durch die Schlacht bei Pydna
(168 v. Chr.) ein Ende bereitet. Zahlreiche Geiseln, zumeist vornehmen und
gebildeten hellenischen Familien entsprossen, kamen infolge dieses Sieges
nach Rom. Eins der wertvollsten Beutestücke, welche der Sieger
heimbrachte, war die Bibliothek des makedonischen Königs. Infolge dieser
Geschehnisse bildete sich in Rom ein stetig wachsender Kreis von
Freunden griechischer Bildung, die voll Bewunderung den Vorträgen nach
Rom gewanderter Rhetoren und Philosophen lauschten. Aus dieser
geistigen Verbrüderung trat mit immer größerer Deutlichkeit das Bestreben
hervor, durch die Vereinigung der realen römischen Macht mit dem Inhalt
des griechischen Geisteslebens innerhalb eines einzigen Staatsgebildes ein

Page 206

von den bisherigen engen nationalen Schranken befreites Weltbürgertum
entstehen zu lassen.
Unter den Männern, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, ohne sie
jedoch nur im geringsten hemmen zu können, ist besonders Marcus
Portius Cato zu nennen. Dem Haß, mit dem er in jeder Sitzung des Senats
die Zerstörung Karthagos forderte, kam seine Erbitterung gegen griechische
Bildung und griechisches Geistesleben gleich. Aus dieser Stellungnahme
erwuchsen Catos »Unterweisungen«, ein Werk, das eine Art Enzyklopädie
darstellte und zeigen sollte, daß die ältere römische Literatur es mit der
besonders ihrer Neuheit wegen so hoch eingeschätzten griechischen wohl
aufnehmen könne. Von Catos »Unterweisungen« sind nur einige
Fragmente erhalten geblieben. Dagegen besitzen wir in seinem Buche über
die Landwirtschaft (De agricultura) das älteste auf unsere Zeit gekommene
Werk des lateinischen Prosaschrifttums. Es ist eine der wichtigsten Quellen
für die an späterer Stelle ausführlich zu besprechende »Naturgeschichte«
des Plinius gewesen.
Von dem die Hellenen beherrschenden Streben, im Einzelnen das
Allgemeine, die Idee zu finden, gingen die Römer später zu einem mehr
empirischen, oft unkritischen Beobachten des Äußerlichen über und
gelangten auf diesem Wege mitunter zu Plattheiten, wie sie uns bei Cicero
begegnen, der da meinte, die Naturwissenschaft suche entweder nach
Dingen, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand zu
wissen brauche. Es sind manche Vermutungen darüber ausgesprochen
worden, weshalb die Römer das von den Griechen begonnene Werk nicht
fortgesetzt haben, so daß auf die Begründung der Wissenschaften
unmittelbar ihr weiterer Ausbau gefolgt wäre. Die einen erblicken die
Ursache dieser Erscheinung in dem Fehlen der experimentellen
Forschungsweise, obgleich doch, wie wir sahen, die Ansätze zu einer
solchen in der Blütezeit der alexandrinischen Periode wohl vorhanden
waren. Andere meinen, die Römer, welche zwar die berufenen Erben der
Griechen gewesen seien, hätten bei ihrer Aufgabe, die Welt zuerst zu
erobern und sie dann zu beherrschen, weder Zeit noch Sinn für die
Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen gehabt. Auch den Mangel an
Werkzeugen für die wissenschaftliche Arbeit, wie sie die neuere Zeit in
Fülle hervorbrachte, hat man dafür verantwortlich machen wollen, daß die

Page 207

Wissenschaft nach ihrer Begründung zunächst keine wesentlichen
Fortschritte aufwies.
Die Einflüsse, welche die in Frage stehenden sowie ähnliche Erscheinungen
in der Entwicklung der Zivilisation und des Geisteslebens herbeigeführt
haben, sind für uns, die wir solch entlegene Zeiten durch ein sehr getrübtes
Medium erblicken, nicht mehr scharf erkennbar. Jedenfalls haben hier nicht
nur eine oder einige der genannten Ursachen mitgespielt, sondern es hat ein
Zusammenwirken zahlreicher Umstände stattgefunden. Die natürlichen
Anlagen, die auch bei nahe verwandten Völkern nicht immer die gleichen
sind, sowie die Macht der politischen und der religiösen Verhältnisse
werden jedenfalls hierbei in erster Linie den Ausschlag gegeben haben. So
war490 »die ganze Geistesanlage der Römer nach wesentlich anderen
Gebieten gerichtet als dem der reinen Wissenschaft«. Und selbst als Rom
Weltreich geworden, betonte Cicero, daß die griechischen Mathematiker
auf dem Gebiete der reinen Geometrie das Glänzendste geleistet, während
sich die Römer nur auf die Ausübung des Rechnens und des Ausmessens
beschränkt hätten491.

Meßkunst und Astronomie bei den Römern.

Die Römer hielten die Feldmeßkunst für wenigstens eben so alt wie Rom.
Sie wurde zuerst von Priestern ausgeübt, um das zu den Tempeln gehörende
Land abzugrenzen. In der Kaiserzeit war die Feldmeßkunst sehr entwickelt.
Wer sie ausüben wollte, mußte eine Schule durchmachen und eine Prüfung
ablegen492.

Page 208

Abb. 38. Der Meßapparat der Römer.

Abb. 39. Die Rekonstruktion der Groma.

Die ersten Kenntnisse in der Feldmeßkunst verdankten die Römer sehr
wahrscheinlich den Etruskern. Als Meßapparat benutzten sie ein
Winkelkreuz, das aus zwei in der horizontalen Ebene sich schneidenden
Linealen bestand. Eine Abbildung dieses Apparates wurde auf dem Grabe
eines römischen Feldmessers gefunden493. An den Enden der Lineale
befanden sich Lote. Die alten Italer vermochten mit Hilfe dieses
Instrumentes, der Groma, und der Meßstange schon die Breite eines Flusses

Page 209

von einem Ufer aus zu bestimmen, ohne den Fluß zu überschreiten. Für
diese Aufgabe war sogar eine bestimmte Bezeichnung im Gebrauch494. Das
erwähnte, von den Römern benutzte Winkelmeßinstrument haben neuere
Ausgrabungen ans Licht gebracht. Die nebenstehende Abbildung 38 stellt
ein bei der Limesforschung495 entdecktes Exemplar dar. Die Abbildung 39
zeigt uns eine Rekonstruktion. Das Instrument496 der Römer bedeutet gegen
Herons Dioptra einen Rückschritt. Sie benutzten es zur Festlegung der
Nord-Süd-Linie und zum Abstecken rechter Winkel. Als Nivellierlineal
bedienten sie sich einer Art Kanalwage. Besonders fand die Groma
Verwendung, wenn es sich darum handelte, eine Niederlassung oder eine
Flur durch ein System rechtwinklig sich schneidender Wege einzuteilen.
Einen Aufschwung erfuhr die Mathematik zur Zeit Cäsars. Es zeigten sich
die Anfänge einer eigenen mathematischen Literatur, wie denn auch Cäsar
selbst als Schriftsteller auf mathematischem Gebiete tätig gewesen ist. Hat
doch Plinius ein von Cäsar verfaßtes und »De astris« betiteltes Werk
vielfach als Quelle für das XVIII. Buch seiner »Naturgeschichte« benutzt.
Cäsar hatte sich zwei große Aufgaben auf dem Gebiete der angewandten
Mathematik gestellt. Er wollte den in die größte Verwirrung geratenen
römischen Kalender verbessern und eine Vermessung des ganzen römischen
Reiches ins Werk setzen.
Bis zum Jahre 46 v. Chr. hatte man in Rom nach Mondjahren gerechnet und
durch ziemlich regelloses Einschieben von Schaltmonaten den Kalender
den Jahreszeiten anzupassen gesucht. Der Fehler war indessen schließlich
so groß geworden, daß um die Zeit Cäsars der Tag der
Frühlingsnachtgleiche 85 Tage vor die wirkliche Nachtgleiche, also mitten
in den Winter fiel. Nach der Rückkehr von dem ägyptischen Feldzug (47 v.
Chr.) regelte Cäsar den Kalender unter Mitwirkung des alexandrinischen
Astronomen Sosigenes. Es gelangte die Zeitrechnung zur Einführung, von
der uns das Dekret von Kanopus schon Kunde gibt497. Das Jahr wurde
nämlich in der Folge zu 365 Tagen gerechnet und im 4. Jahre, jedesmal vor
dem 24. Februar, dem dies sextus ante calendas Martis, ein Tag als
bissextus (daher auch annus bissextilis) eingeschaltet.
Die von Cäsar geplante Vermessung des römischen Reiches ist
wahrscheinlich auch durch alexandrinische Gelehrte angeregt worden. Die
Verpachtung der Provinzen, die Heereszüge und die Ausdehnung der
Kriegs- und Handelsflotte ließen diese Arbeit als dringend erforderlich

Page 210

erscheinen. Da Cäsar indessen vorzeitig durch Mörderhand hinweggerafft
wurde, blieb die Ausführung dem Augustus vorbehalten. Die Vermessung,
welche der Augustus nahestehende Feldherr und Staatsmann Agrippa
leitete, wurde nach fast dreißigjähriger Arbeit im Jahre 20 v. Chr. beendet
und besaß für Italien, Griechenland und Ägypten einen ziemlich hohen
Grad von Genauigkeit, während andere Länder nur durch Leute, die man
Dimensoren nannte, ausgeschritten wurden. Ihr Ergebnis war eine gewaltige
Karte, welche in einer für diesen Zweck errichteten Säulenhalle »der Welt
die Welt als Schauspiel« darbot498. Neuerdings sind Zweifel darüber
entstanden, ob diese auch wohl nach Agrippa benannte Karte auf Grund
genauerer Messungen entworfen wurde. Indessen, selbst wenn es
unentschieden bleibt, welchen Wert die Karte besessen, so ist Agrippas
Unternehmen doch ohne Zweifel das Vorbild für spätere, den orbis terrarum
umfassende Karten gewesen. Von diesen ist noch heute ein Exemplar
erhalten, das offenbar für strategische Zwecke gedient hat. Es ist unter dem
Namen der Tabula Peutingeriana bekannt, enthält die Heerstraßen für das
ganze römische Reich und befindet sich in Wien499. Abb. 40 zeigt den Teil,
der die Balkanhalbinsel darstellt.

Abb. 40. Peutingers Karte (Balkanhalbinsel).

Die ganze Karte (Abb. 40 stellt ein Stück aus der Mitte dar), besteht aus
einer Rolle von 11 Pergamentblättern und ist etwa 7 m lang und 0,3 m hoch.
Die eigentümliche Verzerrung in der Richtung Ost-West ist aus der
Rollenform zu erklären. Bei dem Entwurf trat nämlich offenbar der
kartographische Gesichtspunkt hinter dem rein praktischen, eine bequeme
Übersicht über die Wege zu haben, zurück. Durch die hakenförmigen

Page 211

Unterbrechungen der Wege (Itinerarien) sind die Stationen angedeutet. Ihre
Entfernungen sind durch Zahlen bezeichnet. Meist handelt es sich um
römische Meilen, das sind 1000 Schritte (milia passuum) oder 1482 m500.
Mit astronomischen Dingen haben sich die Römer erst verhältnismäßig spät
und meist nur aus praktischen Gründen beschäftigt. Mit den Sonnenuhren
wurden sie501 erst um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, mit den
Wasseruhren etwa ein Jahrhundert später bekannt, während die Chaldäer
sich der Sonnenuhren schon 750 v. Chr. bedienten502.

Die Pflege der »Ingenieurmechanik«.

Wie die Mathematik und die Astronomie, so wurde auch die Mechanik bei
den Römern weniger ihrer selbst, als ihres praktischen Nutzens wegen
gepflegt. Es erwuchs ein Gebiet, das die Bezeichnung Ingenieurkunst oder
Ingenieurmechanik verdient und bei den Römern zu hoher Blüte gedieh503.
Einen guten Einblick in die Ingenieurmechanik der Römer erhält man durch
das den wenig zutreffenden Titel »Über die Architektur« tragende Werk
Vitruvs 504. M. Vitruvius Pollio lebte zur Zeit des Augustus. Er befaßte
sich besonders mit dem Bau von Kriegsmaschinen und wurde von
Augustus mit der Leitung des Bauwesens betraut. Eine kurze
Inhaltsangabe des Werkes von Vitruv möge uns den damaligen Stand des
Wissens erläutern. Vitruv beginnt damit, daß er für den Ingenieur eine
vielseitige wissenschaftliche Ausbildung verlangt. Er soll nicht nur in der
Mathematik bewandert, sondern auch mit den Grundzügen des Rechtes und
mit der Heilkunde vertraut sein. Komme doch letztere schon in Frage, wenn
es sich um die Wahl passender und gesunder Bauplätze handle.
Sehr zutreffend ist auch, was Vitruv über das Verhältnis zwischen Theorie
und Praxis sagt: »Diejenigen, die ohne Wissenschaft nur nach mechanischer
Fertigkeit strebten, haben sich durch ihre Arbeiten niemals maßgebenden
Einfluß erwerben können. Umgekehrt scheinen diejenigen, die sich
lediglich auf die Wissenschaft verlassen haben, dem Schatten nachgejagt zu
sein. Nur die, welche Theorie und Praxis gründlich beherrschen, haben die
volle Rüstung, um das Ziel, das sie sich gesteckt haben, zu erreichen.«

Page 212

Die in diesen Worten ausgesprochene Mahnung gilt bis auf den heutigen
Tag505.

Abb. 41. Römisches Hebezeug506.

Im zweiten Buche bespricht Vitruv die Baumaterialien. Geschildert wird
das Brennen und das Löschen des Kalkes. Auch die Puzzolanerde, die mit
Kalk vermischt für Wasserbauten Verwendung fand, wird erwähnt. Dann
folgen Angaben über den Bau von Häusern, Tempeln, Bädern usw. In einem
Abschnitte über die Wandmalerei werden als geeignete Farben Zinnober,
Kupfergrün und Ocker genannt. Das achte Buch handelt von den Quellen
und der Anlage von Wasserleitungen. Erwähnung finden auch bittere
Quellen und Erdölquellen sowie der Asphaltsee bei Babylon, welcher das
Bindematerial für die dortigen Bauten lieferte. Im neunten Buche ist
besonders von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede,
während das letzte von Pumpwerken, Feuerspritzen und anderen Maschinen
handelt. Von den praktisch-physikalischen Instrumenten ist die
Schnellwage, die auch heute noch den Namen der römischen Wage führt,
wohl dasjenige, das die Römer selbständig erfunden haben und schon in der
altrömischen Zeit anwandten507. Abb. 42 zeigt uns zwei in Pompeji
entdeckte Schnellwagen. Sie werden, wie die Mehrzahl der in Pompeji
gemachten Funde, im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt. Die
Erfindung der römischen Wage reicht mindestens bis in das 3. Jahrhundert
v. Chr. zurück. Das Laufgewicht wurde sehr oft künstlerisch gestaltet,

Page 213

indem man diesem Teil der Wage die Form einer Frucht (Granatapfel) oder
einer Büste (Merkur) gab.

Abb. 42. Römische Schnellwagen.

Die Leistungen der Römer gingen auf den Gebieten der Architektur und der
Ingenieurkunst (Brückenbau, Schiffsbau, Anlage von Wasserleitungen,
Heerstraßen, kriegstechnischen Arbeiten) jedenfalls über das rein
handwerksmäßige Schaffen hinaus. Diese Leistungen setzen nämlich
wissenschaftlich und praktisch vorgebildete Architekten und Ingenieure
voraus. Besondere Schulen, wie sie für Philosophie, Rhetorik, Jurisprudenz
und Medizin bestanden, gab es für die Ingenieure zwar nicht. Wer das
Ingenieurfach ergreifen wollte, wurde in jugendlichem Alter einem
Fachmann in die Lehre gegeben. Voraussetzung für die Erlernung der
Ingenieurkunst waren Kenntnisse in der Mathematik, der Optik, der
Astronomie, der Geschichte und im Rechtswesen. Während der Kaiserzeit
wirkten in Rom neben den Lehrern für Rhetorik, Heilkunde usw. auch
solche, die in der Mechanik und in der Architektur unterrichteten. Für
Gehalt und Lehrsäle sorgte der Staat. Auch befreite er wohl die Väter, die
ihre Söhne die Ingenieurkunst erlernen lassen wollten, von der Zahlung der
Steuern. Die gleiche Vergünstigung erhielten Ingenieure, die sich als Lehrer
in ihrem Fache auszeichneten. Wie sehr man die Bedeutung der Ingenieure
zu würdigen wußte, beweist folgende Stelle aus einem Briefe, den Kaiser
Konstantin (323–337) an einen seiner Statthalter richtete. Sie lautet: »Wir
brauchen möglichst viele Ingenieure. Da es an solchen mangelt, veranlasse

Page 214

zu diesem Studium Personen, die ungefähr 18 Jahre alt sind und die zur
allgemeinen Bildung nötigen Wissenschaften bereits kennengelernt haben.
Befreie die Eltern von den Steuern und gewähre den Schülern ausreichende
Mittel508.«
Die Mechanik hatte also, wo es sich um praktische Anwendungen handelte,
zur Zeit der Alexandriner und der Römerherrschaft schon manche Frucht
gezeitigt. Anders stand es um die Mechanik als wissenschaftliche Disziplin.
Welch unvollkommene Vorstellungen in mechanischen Dingen die meisten
Schriftsteller des Altertums hegten, davon läßt sich manches Beispiel
nachweisen. So erzählt Plinius folgende Fabel von dem Schiffshalter
(Echineis remora), einem Fisch des Mittelmeeres, der eine Anzahl
Saugnäpfe auf der Stirn trägt, mit denen er sich an Schiffen und anderen
Gegenständen festhält: »Mögen die Stürme wüten und die Wogen rasen,
dieses kleine Geschöpf spottet ihrer Wut, zähmt ihre Kraft und zwingt ein
Schiff zu stehen, während kein Tau und kein Anker dazu imstande sind.
Und zwar hemmt es den Ansturm und bezwingt es die Elemente nicht durch
eigene Arbeit oder Gegenwirkung, sondern einzig und allein dadurch, daß
es sich anhängt.«
Eine solche Unklarheit herrschte also bezüglich eines so einfachen
mechanischen Begriffes, daß ein Schriftsteller wie Plinius, lange nachdem
die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der Mechanik durch
Archimedes getan waren, derartige Fabeln ohne Widerspruch aufnahm.
Hierin zeigt sich aber auch, daß Archimedes auf das physikalische
Denken der auf ihn folgenden Jahrhunderte einen nur geringen Einfluß
ausgeübt hat. Das volle Verständnis für seine Werke sowie die Fähigkeit, an
das von ihm Geleistete anzuknüpfen und darauf weiterzubauen, scheint in
den nächsten anderthalb Jahrtausenden mit geringen Ausnahmen gefehlt zu
haben.

Die Literatur während der Kaiserzeit.

Die Literatur eines Volkes ist stets nicht nur von seiner Eigenart und
fremden Einflüssen, sondern auch von dem Gange der politischen
Entwicklung in hohem Grade abhängig gewesen. Diese Abhängigkeit war
im Altertum weit größer als in der Neuzeit, in der das geistige Leben

Page 215

weniger an nationale Schranken gebunden ist und die Freiheit der
Einzelpersönlichkeit erheblich zugenommen hat. Wie im alten Athen, in
Alexandria und in anderen wissenschaftlichen Mittelpunkten, so war auch
im kaiserlichen Rom die Stellung, welche das Oberhaupt des Staates zu
Kunst und Wissenschaft einnahm, für das Gedeihen dieser Gebiete von
großer Bedeutung. Schon Augustus, der die kaiserliche Gewalt
begründete, brachte der Literatur Interesse und Verständnis entgegen. Hat er
sich doch selbst als Dichter und als Prosaschriftsteller versucht. Augustus
wußte auch in vollem Maße zu würdigen, daß die Literatur der staatlichen
Macht, von der sie abhängt, entweder dienstbar gemacht oder durch eine
verkehrte Behandlung in einen Gegensatz zur Staatsgewalt gebracht werden
kann, wodurch die letztere stets mehr oder minder Abbruch erleidet.
Auf die reiche Entfaltung der römischen Literatur im Augusteischen
Zeitalter folgten unter der Herrschaft des finsteren Tiberius und des dem
Cäsarenwahn verfallenen Caligula Jahrzehnte, die weniger günstig waren.
Der lähmende Druck, der damals auf allen Kreisen lastete, machte sich auch
auf dem Gebiete des geistigen Schaffens fühlbar. Er wich erst, als nach dem
Tode Neros mit Vespasian ein milder Herrscher den Kaiserthron bestieg,
auf den ihm – leider nur für wenige Jahre – sein Sohn Titus folgte. Plinius
stand zu beiden in naher Beziehung, insbesondere zu Titus. Zwar ist dieser
erst in dem Jahre zur Regierung gekommen, in dem Plinius starb. Doch
hat Titus schon bei Lebzeiten seines Vaters wie im Staats- so auch im
wissenschaftlichen Leben einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Während
Vespasian noch in erster Linie Kriegsmann war, hatte sich Titus mit der
gelehrten Bildung seines Zeitalters schon in dem Maße befreundet, daß er,
wie Plinius berichtet, ein Gedicht über das Erscheinen eines Kometen
verfaßte.
Ein Erzeugnis dieses für die Literatur so günstigen Zeitalters der Kaiser aus
dem Hause der Flavier ist die »Naturgeschichte« des Plinius. Sie ist das
umfassendste Denkmal, das wir von den naturwissenschaftlichen
Kenntnissen der Römer besitzen und enthält zahlreiche Angaben, die ohne
die gewissenhaften Aufzeichnungen des Plinius verlorengegangen wären.
Sie wurde, wie aus der Vorrede zu entnehmen ist, im 77. oder 78. Jahre n.
Chr. vollendet.

Page 216

Plinius.

Cajus Plinius Secundus Major wurde im Jahre 23 n. Chr. zu Como
geboren. Er empfing den Beinamen Major (der Ältere), um ihn von seinem
gleichfalls als Schriftsteller bekanntgewordenen Neffen gleichen Namens,
der den Zusatz Minor (der Jüngere) erhielt, zu unterscheiden. Plinius kam
frühzeitig nach Rom, wo er sich den Pomponius Mela zum Vorbild erkor.
Dieser hatte es verstanden, mit einer verantwortungsvollen amtlichen
Tätigkeit eine große Vorliebe zum literarischen Schaffen zu verbinden.
Hierin ist ihm Plinius gefolgt. Gleich Pomponius Mela war er
militärischer Befehlshaber. Von Vespasian wurde er häufig als Berater zu
den Regierungsgeschäften herangezogen. In jüngeren Jahren hat ihn der
Kriegsdienst auch nach Germanien geführt. Obgleich er höhere Ämter
bekleidete und stets im Drange der Geschäfte lebte, fand Plinius doch
Muße, das Wissen seiner Zeit in einem Sammelwerke zu umspannen. In der
an Titus gerichteten Widmung sagt er von seinem Unternehmen: »Der
Weg, den ich wandeln werde, ist unbetreten; keiner von uns, keiner von den
Griechen hat es unternommen, allein das Ganze der Natur zu behandeln.
Gelingt mir mein Unternehmen nicht, so ist es doch großartig und schön,
danach gestrebt zu haben.«
Die »Naturgeschichte« wird um 77 n. Chr. ziemlich abgeschlossen gewesen
sein. Da ihr Verfasser bald darauf plötzlich aus seiner Tätigkeit
herausgerissen wurde, so erfolgte die Herausgabe durch seinen Neffen, den
schon erwähnten Plinius Secundus Minor. Offenbar hat dieser nur
wenig an dem Werk geändert. Er nennt es509 ein »weitläufiges gelehrtes
Werk, das nicht minder mannigfaltig wie die Natur selbst ist«.
Bekannt ist das tragische Ende des Plinius. Als er sich im Jahre 79 n. Chr.
in der Nähe von Neapel aufhielt, begann plötzlich jener furchtbare
Ausbruch des Vesuvs, durch den Herculanum und Pompeji vernichtet
wurden. Der unerschrockene Römer ließ sich nicht abhalten, der Stätte des
Verderbens zuzueilen; mag ihn nun Pflichtgefühl oder Wißbegierde dazu
getrieben haben. Nach der Landung ist er dann der Wut der entfesselten
Elemente zum Opfer gefallen.
Die Katastrophe selbst hat der jüngere Plinius in einem an den
Geschichtsschreiber Tacitus gerichteten Briefe geschildert. Aus diesem
mögen einige Stellen hier Platz finden:

Page 217

»Du bittest mich, dir den Tod meines Oheims zu schildern, eines Mannes,
der das Glück hatte, große Taten zu vollbringen und herrliche Bücher zu
schreiben. Ein wunderbares Geschick fügte es, daß er beim Untergange
einer herrlichen Landschaft den Tod fand. Sein Andenken wird jedoch ewig
leben.
Mein Onkel befand sich mit der Flotte, die er als Admiral befehligte, bei
Misenum. Am 22. August meldete man ihm, daß sich eine Wolke von
ungewöhnlicher Gestalt zeige. Sie hatte das Aussehen einer Pinie, deren
Stamm sich himmelhoch erhebt und deren Zweige sich schirmartig
ausbreiten. Mit dem Eifer eines Naturforschers, der etwas zu untersuchen
wünscht, befahl mein Oheim, sogleich ein Schiff zur Abfahrt bereit zu
machen. Noch bevor er es bestiegen, erhielt er einen am Fuße des Vesuvs
geschriebenen Brief, in dem er um Hilfe gebeten wurde. Infolgedessen
mußte die ganze Flotte auslaufen. Mein Oheim steuerte auf dem
Admiralsschiff kühn der Gefahr entgegen und beobachtete vom Verdeck
aus den Verlauf der furchtbaren Erscheinung. Gleichzeitig diktierte er seine
Beobachtungen einem Schreiber. Als man sich der Unglücksstätte näherte,
fiel die Asche immer dichter und heißer auf die Schiffe. Sogar Stücke von
Bimsstein und Lava mengten sich darunter. Man landete in Stabiae.
Unterdessen wurde es Nacht. Vom Vesuv brachen die Flammen hoch
empor. Gleichzeitig bebte die Erde, so daß das Haus, in dem sich Plinius
mit seiner Begleitung aufhielt, ins Wanken geriet. Man verließ das Haus,
nachdem sich jeder zum Schutze gegen den Steinregen ein Kissen über den
Kopf gebunden hatte. Als man dem Schwefelqualm und der Feuersglut zu
entkommen suchte, sank Plinius plötzlich erschöpft nieder. Einmal gelang
es ihm noch, sich mit Hilfe zweier Sklaven wieder aufzurichten. Dann
brach er sterbend zusammen.«
Auch über die Persönlichkeit und die Arbeitsweise seines Onkels hat der
jüngere Plinius einiges mitgeteilt510. Was ihn danach auszeichnete, war ein
unglaublicher Fleiß. Er schlief nur wenig und aß auch nur wenig, und zwar
nach der Sitte der Väter ganz einfach. Auch auf seinen Reisen studierte er
unermüdlich. Dabei hatte er seinen Schreiber stets neben sich.
Die literarische Fruchtbarkeit des Plinius war eine ganz ungewöhnliche.
Außer der »Naturgeschichte« hat er noch eine Reihe anderer Werke
geschrieben, die indessen verlorengegangen oder nur in Fragmenten, d. h.
als Bestandteile anderer Werke, erhalten geblieben sind. So verfaßte

Page 218

Plinius während seines Aufenthaltes in Germanien ein Werk, das von den
Kriegen handelt, welche die Römer auf germanischem Boden geführt
haben.

Die Quellen des Plinius.

Aus nicht weniger als 2000 Werken hat Plinius den Stoff für seine
»Naturgeschichte« geschöpft. Seine Leistung verdient um so größere
Anerkennung, als er nur die Stunden, die ihm die Geschäfte übrig ließen,
also besonders, wie er selbst erzählt, die Nacht, auf sein Werk verwenden
konnte. Ohne Plinius würden wir von manchen Schriften keine Kenntnis
besitzen. Andererseits muß aber betont werden, daß Plinius sich nicht auf
die Stufe selbständigen Forschens und Denkens erhebt. Er bringt sogar
manches, was er offenbar nicht einmal richtig verstanden hat. Oft wird
Wahres und Falsches von ihm miteinander vermengt. Man gewinnt den
Eindruck, daß Plinius sein Wissen weniger aus der Natur, sondern
vorzugsweise aus Büchern geschöpft hat, was bei einem Manne, der schon
einen Spaziergang als Zeitvergeudung betrachtete, nicht wundernehmen
kann.
Das Verzeichnis der Quellen, aus denen Plinius nach seiner Angabe
schöpfte, umfaßt 146 römische und 327 fremde Schriftsteller. Unter diesen
befinden sich viele, deren Schriften ganz verlorengegangen sind und von
denen man auch nicht einmal die Namen wüßte, wenn Plinius sie nicht
unter seinen Gewährsmännern aufzählte.
Unter den römischen Schriftstellern, auf welchen Plinius fußt, ist vor
allem Marcus Terentius Varro (116–27 v. Chr.) zu nennen. Er hat eine
ganze Anzahl von Wissenschaften enzyklopädisch bearbeitet. Seine
Schriften sind das Vorbild für die im Mittelalter so häufig anzutreffenden
Werke über die »sieben freien Künste« gewesen511. Wie Cato, so bemühte
sich auch Varro, den alten Wissensschatz zu sammeln und ihn der
eindringenden griechischen Literatur gegenüber in seiner Selbständigkeit
und in seinem wahren Werte hervortreten zu lassen. Unter den
Varronischen Schriften, die Plinius benutzt hat, ist vor allem das Werk
über die Landwirtschaft zu nennen (Rerum rusticarum libri III). Varro
handelt darin vom Ackerbau, von der Viehzucht, den Bienen, den Fischen

Page 219

und dem Wild. Wenn sich Varro auch an Cato (s. S. 210) anlehnt, so
entwickelt er doch überall ein sicheres, auf reicher Erfahrung und
umspannendem Wissen gegründetes Urteil. Von besonderem Interesse ist
eine Stelle512, in der man eine Art Vorwegnahme der Bazillentheorie
erblicken kann. Varro vermutet nämlich, in sumpfigen Gegenden
entstünden Lebewesen, die so winzig seien, daß man sie nicht sehen könne.
Diese Geschöpfe sollen nach ihm durch den Mund und die Nase in den
Körper eindringen und schwere Krankheiten verursachen.
Der Wert solcher mit unseren heutigen Anschauungen sich teilweise
deckenden Vorstellungen wird von philologischer Seite oft überschätzt.
Varros Meinung ist für die Begründung der modernen Bazillentheorie
sicherlich belanglos gewesen, eben so wenig wie die Ansichten Epikurs 513
Lamarck oder Darwin zur Aufstellung ihrer Theorien veranlaßten.
Trotzdem haben divinatorische Eingebungen, wie sie uns in der
Entwicklung der Wissenschaften so oft begegnen, ein Anrecht darauf, in der
Geschichte des menschlichen Geistes genannt zu werden. Ihr Wert ist
unbestritten. Nur darf man sie in ihrer Bedeutung nicht derart überschätzen,
daß man sie mit sicheren neuzeitlichen Forschungsergebnissen in Parallele
zu stellen sucht.
Unter den medizinischen Schriftstellern, die Plinius den Stoff für seine der
Heilkunde gewidmeten Bücher geliefert haben, ist neben Hippokrates,
Erasistratos und vielen anderen besonders Cornelius Celsus (etwa 35 v.
Chr. bis etwa 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie Varro und schon lange
vor ihm Cato suchte Celsus das Wissen seiner Zeit in einer Enzyklopädie
zusammenzufassen. Sie erhielt den Titel »Artes«. Erhalten geblieben ist nur
der Teil, der von der Heilkunde handelt. Auf diesem Gebiete vermochte es
Celsus, ohne selbst Arzt zu sein, auf Grund von Erfahrungen eigene
Anschauungen zu entwickeln. Als griechische Quellen hat Celsus neben
den Hippokratischen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften
benutzt. Mit diesen und den Schriften Galens hat man das medizinische
Buch des Celsus auf eine Linie zu stellen514. Es behandelt in klarer,
schmuckloser Darstellung zunächst die Lebensweise, darauf die
Krankheiten und endlich deren Heilung durch Arzneien und chirurgische
Eingriffe515. So beschreibt Celsus das Verfahren des Unterbindens, das die
Hippokratischen Schriften noch nicht erwähnen, wenn man auch schon
sehr früh blutstillende Mittel, die verklebend oder zusammenziehend

Page 220

wirkten, benutzte. Derartige Mittel finden nämlich schon bei Homer
Erwähnung516.
Sehr zutreffend hat Celsus unter anderem die Krankheiten der Leber und
des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten empfohlene
Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln ist selbst
heute noch von Wert517.
Einer etwas späteren Zeit als Celsus gehört Asklepiades an. Er war
hellenischer Herkunft518 und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. in
Rom. Asklepiades wirkte dort zuerst als Lehrer der Beredsamkeit. Später
erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird als der Erfinder der
Tracheotomie genannt. Anklänge an die moderne Zellentheorie enthält
seine Lehre, daß die Lebewesen aus einer sehr großen Zahl von Körperchen
zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in steter Bewegung und
Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr Verhalten und ihre
Beschaffenheit Gesundsein und Krankheit bedingen.
Auch den als Schöpfer der Äneïde bekannten Virgil erwähnt Plinius als
Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer »Georgika« genannten
Dichtung schildert und preist nämlich Virgil das Leben auf dem Lande. In
der Hauptsache handeln die »Georgika« vom Ackerbau, der Baumpflege,
der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich und
in der fesselnden Sprache des Dichters geschildert.
Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die Plinius als seine
Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: Thales, Aristoteles,
Theophrast, Demokrit, Hipparch, Herophilos, Eudoxos, Pytheas,
Juba usw. Juba war nach Besiegung seines Vaters als Geisel aus Numidien
nach Rom gekommen. Dort widmete er sich ganz den Wissenschaften.
Auch Plutarch und andere Schriftsteller gehen häufig auf Juba zurück,
von dessen Schriften nur noch Fragmente erhalten sind.
Die Frage nach den Quellen, die Plinius benutzte, hat eine umfangreiche
Literatur hervorgerufen. Insbesondere hat man das Verhältnis eingehend
erörtert, in dem Plinius zu Aristoteles, zu Cato und zu Varro steht519.
Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen
Plinius und der griechischen Literatur zuzuschreiben ist, wird Juba
betrachtet. Letzterer ging auf Aristoteles und Theophrast zurück und

Page 221

hatte für Plinius hinsichtlich der griechischen Literatur etwa die
Bedeutung, die Varro für ihn bezüglich der römischen besaß.
Gebricht der »Naturgeschichte« des Plinius auch die Einheitlichkeit des
Aufbaues, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen fortschreitende
Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. Plinius beginnt seine
Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie den
Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde im
allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der Geographie
und der Völkerkunde. Im Anschluß daran werden die Tiere, beginnend mit
den Säugetieren und schließend mit den Insekten, behandelt. Es folgen die
Bücher über die Pflanzen sowie über die dem Pflanzenreich entstammenden
Heilmittel und ihre Wirkungen. Den Schluß bilden die Bücher
mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen sowie den Mineralfarben sind je
ein besonderes Buch gewidmet. In den letzten Büchern wird die
Verwendung der Metalle und der Gesteine zu künstlerischen Zwecken
eingehend unter Aufzählung zahlreicher hervorragender Kunstwerke
geschildert520.
Unter den Geographen, auf die sich Plinius stützte, ist vor allem
Pomponius Mela, ein Zeitgenosse des Kaisers Claudius, zu nennen.
Seine »Chorographie« (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr 43
n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das uns erhalten
geblieben ist521. Pomponius beschreibt, den Küsten folgend, die Länder
und enthält über die mathematische Geographie, mit der Plinius sein Werk
anhebt, fast nichts.

Die »Naturgeschichte« des Plinius.

Wir gehen jetzt zu Plinius selbst über. In seiner »Naturgeschichte«, die 37
Bücher umfaßt, stellt er sich die Aufgabe, das in den zahlreichen erwähnten
Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln und zu sichten. Durch die
mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich ein großes Verdienst
erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt und den Stoff nicht
immer beherrscht. So hält er beispielsweise die fabelhaftesten Nachrichten
über afrikanische Völker für erwähnenswert. Er berichtet von einem dieser
Volksstämme, seine Angehörigen besäßen keine Köpfe, sondern trügen

Page 222

Mund und Augen auf der Brust. Der Grundgedanke, welcher das Werk
durchzieht, ist der, daß die Natur des Menschen wegen alles erzeugt zu
haben scheine. Die beschriebenen Naturkörper werden daher kaum als
solche, sondern vorzugsweise in ihrer Beziehung zum Menschen
betrachtet522. Über den Menschen selbst spricht er sich in folgenden, für ihn
charakteristischen Worten aus: »Die anderen Tiere fühlen sich sogleich im
Besitz ihres Wesens. Nur der Mensch kann nichts ohne Unterweisung. Er
allein kennt Ehrgeiz, Habsucht, sorgt für sein Grab, ja sogar für die Zukunft
nach seinem Tode. Keinem Geschöpf raubt die Angst so die Besinnung. Bei
keinem wird die Wut heftiger. Alle anderen Tiere leben mit ihresgleichen in
Frieden. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander,
ebensowenig die Seeungeheuer. Aber fürwahr, dem Menschen schafft das
größte Leid der Mensch«523.
Daß Plinius übrigens sich des öfteren auch mit den Gegenständen selbst
bekannt machte und sich eine eigene Meinung bildete, geht aus
verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Manches von den Dingen, über
die er berichtet, wird ihm auch das vielgestaltige Leben der Kaiserzeit ganz
von selbst aufgedrängt haben. Gar manches Tier, das er beschreibt, wurde
zur Befriedigung der Schaulust, für die Arena oder für den Gaumen aus den
entferntesten Teilen des Orbis antiquus nach der Welthauptstadt gebracht.
Ähnlich stand es mit den Pflanzen. Erzählt doch Plinius von einem
botanischen Garten524, den ein römischer Gelehrter unterhielt, um die
Wirkungen der Kräuter kennen zu lernen. Unter seiner Anleitung ist
Plinius mit zahlreichen heilkräftigen Pflanzen bekannt geworden.
Zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist die Ansicht getreten, daß das
Menschengeschlecht viel weiter verbreitet sei, als man früher glaubte, ja,
daß es Gegenfüßler geben müsse. »Die Wissenschaft und die Meinung des
großen Haufens«, sagt Plinius 525, »befinden sich in gewaltigem
Widerspruch. Jener zufolge wird die Erde ringsum von Menschen bewohnt,
so daß sie mit den Füßen gegeneinander stehen und den Himmel alle
gleichmäßig über dem Scheitel haben. Nach der anderen Meinung fragt
man, weshalb denn die Antipoden nicht abfielen. Als ob nicht die
Gegenfrage zur Hand wäre, warum jene sich nicht verwundern, daß wir
nicht abfallen. Am meisten aber sträubt sich der große Haufe, wenn man
ihm glaublich machen will, daß auch das Wasser gewölbt sei. Und doch ist

Page 223

nichts augenfälliger, denn überall bilden hängende Tropfen sich zu kleinen
Kugeln.«
Aus der Tatsache, daß der längste Tag in Alexandrien 14, in Italien 15 und
in Britannien 17 Stunden hat, folgert Plinius, daß die dem Pol
benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des
Wintersolstitiums dagegen eben so lange Nacht haben müssen526. Bei
Plinius finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der
Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, daß auf dem Meere zuerst
der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird.
Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der
Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war,
hat man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis der
Sonne zu den Planeten gehegt. Infolgedessen blieben die bei den Griechen
entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren
Schriftstellern nicht unbeachtet. Koppernikus konnte seine Lehre daher
unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Anschauungen
anknüpfen527.
Dem Monde und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine
nachweisbaren Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die
Römer, wie wir aus der »Naturgeschichte« des Plinius ersehen, solche zu.
So heißt es dort528: »Daß beim Aufgang des Hundes der Einfluß dieses
Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer
wüßte das nicht? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird
unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.« Daß der Mond
bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt, hatte man
wohl erkannt, doch erklärte man diese Erscheinung in einem durchaus
mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des Odems ansah.
Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle Körper füllen.
Plinius behauptet sogar, daß bei zunehmendem Monde die Muscheln
größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper mehre und
mindere sich wie das Licht dieses Gestirnes529. »Ebbe und Flut des Meeres«,
sagt Plinius, »haben bei aller Abwechslung doch ihre Ursache nur in der
Sonne und in dem Monde. Indessen treten die Gezeiten nie wieder zu
derselben Stunde ein wie am Tage zuvor, weil sie dem gierigen Gestirn, das
alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht, gewissermaßen dienstbar sind.
Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten. Auch tritt die Flut zwei Stunden

Page 224

später ein, als sich der Mond aus der Mittagslinie abwärts senkt, da die
Wirkungen aller Erscheinungen am Himmel erst später zur Erde gelangen,
als die Erscheinungen selbst stattfinden. Die offene, große Fläche des
Meeres empfindet die Macht des weithin wirkenden Gestirns
nachdrücklicher als engbegrenzte Räume. Daher werden weder Seen noch
Flüsse auf solche Weise in Bewegung versetzt530.«
Die Zahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten,
gibt Plinius auf 1600 an531. Sie sollen aus dem das All umgebenden Feuer
entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle Räume
durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in der
Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden mit dem
Wasser als viertem Element, im Raume. Zwischen der Erde und dem
Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten.
Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich
keine weniger irrten als gerade sie.
Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet. In
dieser Vorstellung gab es keinen Raum mehr für die anthropomorphen
Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der Priester
festhielt. Ein unüberwindlicher Zwiespalt zwischen Wissen und Glauben
war somit auch im Altertum das Ergebnis der ganzen geistigen
Entwicklung. Dem Fortschreiten der Erkenntnis hat sich indessen stets der
religiöse Glaube anzupassen gesucht. So hat im Altertum der Gang der
Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der Religion
vorgearbeitet. Hatten in dem gewonnenen Weltbilde die vielen Gottheiten
der früheren Zeit keinen Raum mehr, so mußte, wie Plinius es ausdrückt,
die Welt selbst als Gottheit gelten. Dem pantheistischen Standpunkte des
Plinius entspricht seine Auffassung, daß, wenn man von einer Gottheit
rede, damit nur die Natur gemeint sein könne. Von der Auffassung, die Welt
sei ein Ganzes, zu dem Glauben, daß die Welt zwar nicht Gott selbst, wohl
aber die Kundgebung eines einzigen Gottes sei, war aber nur ein Schritt.
Und dieser führte in dem Zeitalter, von dem wir handeln, zur Begründung
des Monotheismus. Weil der alte Götterglaube für den Gebildeten
überwunden war, fehlte es an einem innerlichen Verhältnis zwischen Gott-
Natur und dem Menschen. Daher das Unbefriedigte und der pessimistische
Grundzug, welcher der christlichen Religion in jener Zeit den geeignetsten
Boden bereitete. Bezeichnet es doch Plinius als den einzigen Trost

Page 225

gegenüber der Unvollkommenheit des Daseins, daß der Mensch diesem
Dasein jederzeit freiwillig entsagen könne.
Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei
Plinius einen Rückgang gegen Aristoteles und Theophrast. Manche
zoologische Mitteilung älterer Schriftsteller, die Aristoteles in das Gebiet
der Fabel verwiesen hatte, nimmt Plinius unbedenklich wieder auf. Von
einem systematischen Aufbau der Zoologie und der Botanik ist bei ihm
nicht die Rede. Bezüglich der letzteren bleibt er weit hinter Theophrast
zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen den reinen
Nützlichkeitsstandpunkt vertritt. Er unterscheidet nämlich Arzneipflanzen,
Spezereien usw. Eine richtige Auffassung finden wir hingegen bei Plinius
bezüglich derjenigen Tiere, die Aristoteles »Blutlose« genannt hatte.
»Daß die Insekten kein Blut haben«, sagt er, »gebe ich zu, doch besitzen sie
dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit, die für sie Blut ist.«
Seine der Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen. Nicht
etwa, daß er in ihnen die höchste Stufe pflanzlicher Organisation erblickt
hätte, sondern weil sie zuerst die einfachsten Bedürfnisse des Menschen
befriedigten. Zunächst bespricht er (12. und 13. Buch) die
bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geographischen
Vorkommen. Dann handelt er vom Weinstock, vom Ölbaum und von den
Obstbäumen. Ein Buch ist den Zierpflanzen und den Bienenpflanzen
gewidmet. Letztere unterscheidet er in empfehlenswerte und in solche, die
den Honig verderben.
Am ausführlichsten werden die Arzneipflanzen behandelt. Plinius ist dabei
von dem Gedanken durchdrungen, daß auch das unscheinbarste Kraut seine,
wenn auch oft noch verborgenen, Heilkräfte haben müsse. Wie hier, so ist
auch an den übrigen Stellen der »Naturgeschichte« der leitende Gedanke
der, daß die Natur alles um des Menschen willen erzeugt habe. Das
Nützlichkeitsprinzip beherrscht also die Darstellung, die dementsprechend
oft recht trocken ist und nicht selten auf eine bloße Aufzählung hinausläuft.
Stellenweise erhebt sie sich jedoch auch zu rhetorischem Schwung, zumal
wo Plinius seine stoische Weltanschauung durchblicken läßt oder, wo er
sich als laudator temporis acti, d. h. als Lobredner auf die gute alte Zeit, zu
erkennen gibt.

Page 226

Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des Plinius ist
Theophrast. So entnahm er z. B. Theophrast die Schilderung der
indischen Pflanzenwelt. Doch geschah es ohne tieferes Urteil und
Verständnis. Das Feine und Exakte ist zumeist verwischt und kaum
merklich hebt sich bei Plinius dieser Teil aus der Menge der übrigen
Einzelheiten ab532. Eigene Beobachtungen kann Plinius in Anbetracht
seiner oben erwähnten Lebensweise nicht oft gemacht haben. Wenn er
gelegentlich in seinem Werke von Erfahrungen spricht, so ist damit wohl in
den meisten Fällen ihm mündlich zuteil gewordene Auskunft gemeint. Die
Zahl der bei Plinius vorkommenden Pflanzen ist eine recht beträchtliche.
Sie beläuft sich auf nahezu tausend, etwa das Doppelte der bei
Dioskurides aufgezählten Arten533. Es entspricht das zwar dem
enzyklopädischen Grundsatz des Plinius, verdient aber immerhin
Beachtung, wenn wir bedenken, daß Linné den Pflanzenreichtum der
ganzen Erde auf nur 10000 Arten schätzte.
Auch über die Wirkung, welche die »Naturgeschichte« des Plinius auf die
Nachwelt ausgeübt, und über die Würdigung, die das Werk erfahren hat,
mögen hier einige Bemerkungen Platz finden. Hatte doch die
»Naturgeschichte« für die gesamten nachchristlichen Jahrhunderte bis zum
Wiederaufleben der Wissenschaften eine Bedeutung wie nur wenige
Bücher. Sie war die wichtigste Quelle für jede Belehrung über
naturwissenschaftliche und viele andere Dinge. Dies dauerte so lange, bis
man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autorität und
Bücherweisheit einschätzen lernte und damit die Grundlagen für einen
Neubau der Naturwissenschaften zu schaffen begann.
Daß die Elemente des alten Wissens nicht nur manches wertvolle Stück für
diesen Neubau lieferten, sondern auch durch ihre Unzulänglichkeit den
Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben haben, wird bei der Beurteilung der
antiken Schriften oft vergessen. Daher rührt es, daß das Urteil je nach der
Stellung, die man einnimmt, außerordentlich schwankend und
widerspruchsvoll ist. Es gilt das von Plinius nicht minder wie von
Theophrast, Aristoteles und viele andere. Man hat sie bald hoch
gepriesen, bald herabgesetzt, selten aber sie nach Gebühr gewürdigt.
Selbst ein Cuvier und ein Buffon, Forscher, die zu den bedeutendsten der
Neuzeit zählen, haben Plinius ihre Anerkennung nicht versagt. So schreibt
Buffon in seiner großen »Naturgeschichte«, der er ein Wort des Plinius

Page 227

voranstellt, über diesen: »Sein Werk umfaßt nicht nur die Tiere, die
Pflanzen und die Mineralien, sondern auch die Erd- und Himmelskunde, die
Medizin, die Entwicklung des Handels und der Künste, kurz alle
Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie bewandert Plinius sich auf allen
Gebieten zeigt. Erhabenheit der Gedanken und Schönheit des Ausdrucks
vereinigen sich bei ihm mit tiefer Gelehrsamkeit.«
Auch A. v. Humboldt, der uns im 2. Bande seines »Kosmos« eine
Geschichte der physischen Weltanschauung hinterließ, hat für Plinius
Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die »Naturgeschichte«, dem das
Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu stellen habe, als das großartige
Unternehmen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des Werkes habe
dem Verfasser ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man möchte
hinzufügen, daß Plinius für seine Zeit das versucht hat, was v. Humboldt
im »Kosmos« anstrebte. Und wenn Plinius selbst sein Werk als eine
Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken, daß dieses Wort seit dem
Altertum seine Bedeutung gewechselt hat. Es bedeutete nämlich etwa soviel
wie »Vollkreis und Inbegriff der allgemeinen Wissenschaften«534, während
man heute eine Art Wörter- und Nachschlagebuch darunter versteht. Neuere
geschichtliche Darstellungen, deren Verfasser die »Naturgeschichte«
vielleicht nicht einmal genauer kennen, haben Plinius mitunter als
enzyklopädischen Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei
verfielen sie selbst in den Fehler, zu Nachbetern der absprechenden Urteile
zu werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und
seine Schriftsteller (besonders von naturwissenschaftlicher Seite) in Umlauf
gesetzt wurden. Heute ist dagegen eine sachlichere Würdigung der
geschichtlichen Entwicklung im Entstehen begriffen, so daß man es wohl
allgemein ablehnen würde, wenn jemand Plinius oder Aristoteles an dem
Maße eines neueren Forschers messen wollte. Um den richtigen Maßstab zu
gewinnen, müssen wir sie aus der Zeit, die sie erzeugt hat, zu verstehen
suchen und ihre Werke mit denen der nämlichen oder einer noch
naheliegenden Periode vergleichen. Dabei richtet sich der Blick zunächst
auf die christliche und die arabische Literatur des Mittelalters. Und wenn
man die »Naturgeschichte« des Plinius mit einem Erzeugnis jener
Literatur, das das gleiche Ziel verfolgt, z. B. mit dem »Buch der Natur« des
Konrad Megenberg, vergleicht, dann erscheint das Werk des Römers in
einer ganz anderen und vor allem in der richtigen Beleuchtung.

Page 228

Der Anerkennung, die man der »Naturgeschichte« des Plinius während des
ganzen Mittelalters zollte, entspricht es, daß aus diesem Zeitraum eine
große Zahl von Handschriften – es sind nicht weniger als zweihundert – auf
uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings keine einzige vollständig.
Sie sind sogar oft sehr fragmentarisch. Sämtliche neueren Handschriften
lassen übrigens erkennen, daß sie auf einen Archetyp (d. h. die nämliche
alte Vorlage) zurückzuführen sind.

Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.

Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei den
Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle
medizinische und landwirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Wichtig
war es auch, daß man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis dahin
von einem Eindringen in den Bau und die Verrichtungen des menschlichen
Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach Aristoteles, dessen
anatomisches Wissen, wie wir sahen, wenigstens in bezug auf den
Menschen, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Auch
bemerkte man, daß ihre Verzweigungen dicht nebeneinander liegen. Da
man die Arterien jedoch beim Zerschneiden des toten Körpers leer fand, so
glaubte man, daß es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft zu
führen. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten
Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahren Verlauf erst
Harvey im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt Galen 535
(131–201 n. Chr.). Galen wurde in Pergamon geboren. Er empfing seine
Ausbildung in Griechenland, übte aber die ärztliche Kunst in Rom aus (von
164–201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über Anatomie, für die er
schätzenswerte Beiträge auf Grund zootomischer Untersuchungen lieferte.
Galen erkannte die Anatomie und die Physiologie als die Grundlagen der
Heilkunde und bemühte sich schon, physiologische Fragen auf
experimentellem Wege zu entscheiden536. Die Bewegung des Blutes
schildert er folgendermaßen, wobei wir uns der heutigen Bezeichnungweise
bedienen wollen537: »Durch die Venen gelangt das Blut zum rechten Teile
des Herzens. Mittels der Wärme des Herzens werden die noch brauchbaren
Teile von den unbrauchbaren geschieden. Die letzteren werden durch die
Lungenarterie zu den Lungen geführt und beim Ausatmen entfernt, während

Page 229

gleichzeitig die Lungen Pneuma aus der Atmosphäre anziehen538. Das
Pneuma gelangt durch die Lungenvenen zum linken Herzen, verbindet sich
hier mit dem Blut, das durch die Herzscheidewand treten sollte, und wird
alsdann durch die Aorta in alle Teile des Körpers und endlich wieder in die
Venen zurückgeführt.«
Von dem großen Kreislauf des Blutes hatte Galen 539 also schon eine
Vorstellung, während ihm unbekannt blieb, daß die ganze Masse des Blutes
nach Vollendung dieses Kreislaufs durch die Lungen getrieben wird. An die
Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des Luftsauerstoffs, die erst
durch die fortschreitende Einsicht in den chemischen Prozeß ermöglicht
wurde, tritt bei Galen die Annahme des mystischen Pneumas. Darunter
dachte man sich nicht die Luft selbst, sondern ein ihr innewohnendes,
belebendes Prinzip.
Über die Fortschritte, welche die Anatomie zur Zeit der Römerherrschaft
erfahren, gibt uns das Werk Galens die beste Auskunft540. Es verdient auch
deshalb besondere Beachtung, weil es die einzige ausführliche, aus dem
Altertum vorhandene Darstellung der Anatomie ist. Galen beginnt mit der
Anatomie des Gehirns und der daraus entspringenden Nervenpaare. Es folgt
die Beschreibung des Auges, der Zunge und der Lippen. Die Bewegung
wird aus dem Verhalten der Muskeln erklärt, von denen Galen angibt, daß
sie sich zusammenziehen und wieder erschlaffen541. Zu sehr wichtigen
physiologischen Ergebnissen gelangte Galen, weil er sich als einer der
ersten des vivisektorischen Versuchs bediente. So finden wir in seinem
Buche die Wirkungen geschildert, welche das Durchschneiden des
Glossopharyngeus (Zungenschlundkopfnerv), des Seh- und des
Gehörnerven zur Folge hat. Besonders fesselnd sind die an dem
Zungenschlundkopfnerven vorgenommenen Experimente. Galen erwähnt,
daß sich auf jeder Seite der Zunge zwei Nerven befinden. Schneide man das
eine Paar durch, so sei die ganze Zunge der willkürlichen Bewegung
beraubt, während die Durchschneidung nur eines dieser Nerven nur die
Hälfte der Zunge lähme542. Das zweite Nervenpaar, sagt Galen weiter,
vereinige sich nicht mit den Muskeln, sondern verteile sich in der Decke der
Zunge und vermittle die Empfindung. »Der Nerv bringt die
Geschmacksempfindung vom Gehirn herab«, heißt es bei ihm.
Hervorzuheben ist auch Galens Beschreibung des Lidhebemuskels und
ganz besonders seine anatomische Untersuchung der Nerven und Muskeln

Page 230

des Kehlkopfs, eine Untersuchung, bei der es ihm vor allem auf die
Feststellung des Wesens der Stimmbildung ankam.
Ein Buch Galens handelt von den Venen und den Arterien, ein zweites von
den Fortpflanzungsorganen. Auch der Fötus mit seinen Hüllen und die
Plazenta (Mutterkuchen) werden beschrieben.

Page 231

Abb. 43. Chirurgische Instrumente.

Ist es für die Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung, daß ein
Galen in einem umfassenden Lehrgebäude das Ganze der griechischen
Heilkunde zur Darstellung brachte, so ist es von rein wissenschaftlichem
Standpunkt das Verfahren Galens, das unser höchstes Interesse
beansprucht. War er es doch, der zuerst in größerem Umfange durch seine
an lebenden Tieren ausgeführten Untersuchungen sich der Erforschung der
Verrichtungen des Organismus zuwandte. Mit Recht verdient deshalb
Galen als der Begründer der experimentellen Physiologie bezeichnet zu
werden543. In welchem Grade die Heilkunde schon durch die Leistungen der
Mechaniker gefördert wurde, zeigen uns die aus dem Altertum erhaltenen
ärztlichen Bestecke (Abb. 43). Erwähnt sei noch, daß Galen, wie
Jahrhunderte vor ihm die Verfasser der hippokratischen Schriften, auf die
hygienisch-diätetische Seite der Heilkunde großen Wert legte. Galen hat
eingehend seine Ansichten über die Wirkung der Luft und der
Nahrungsmittel entwickelt und auch Schlaf und Wachen, Ruhe, Bewegung
und Gemütszustände vom ärztlichen Standpunkte aus gewürdigt. In dieser
prophylaktischen Richtung folgte ihm im Mittelalter die Schule von
Salerno544.
Erst dadurch, daß Galen zu einem im ganzen richtigen Verständnis des
Wesens der Muskeln, Sehnen und Nerven gelangte, wurde die Heilkunde
auf die Stufe einer Wissenschaft emporgehoben. Vor allem war es die
Chirurgie, die aus der gewonnenen Einsicht in den anatomischen Bau des
Körpers Nutzen zog. Die Zoologie und die Botanik büßten dagegen im
Vergleich zu der Behandlung, die Aristoteles und Theophrast diesen
Gebieten angedeihen ließen, an Wissenschaftlichkeit ein und wurden nur
noch mit Rücksicht auf das medizinische Bedürfnis gefördert. So entstand,
kurz bevor Plinius schrieb, die Arzneimittellehre des Dioskurides 545. In

Page 232

ihr finden wir etwa 600 Pflanzen erwähnt, die indes so oberflächlich
beschrieben sind, daß es meist schwer hält, die Arten sicher zu erkennen.
Bei den Bearbeitern der Schriften des Dioskurides finden wir nämlich als
einen Grundzug, der uns bei allen naturwissenschaftlichen Schriftstellern
des Mittelalters begegnet, daß man dem Wort eine fast größere Bedeutung
zuschrieb als dem Dinge selbst. Genaue Überlieferung der Namen,
möglichst vollständige Aufzählung der Synonyme, der volkstümlichen und
der Geheimbezeichnungen nehmen in jenen Schriften den ersten Platz ein.
Ja, es gab Schriftsteller, deren Hauptgegenstand die Nomenklatur der
Pflanzen und im Anschluß daran angestellte Betrachtungen über
Besonderheiten der Grammatik und der Synonymik war546. Die Botanik
berücksichtigte Dioskurides nur insoweit, als es sein Zweck erforderte.
Die bei manchem seiner Vorgänger übliche alphabetische Anordnung der
Pflanzen verwarf er, um sie nach ihm natürlich erscheinenden Gruppen
zusammenzustellen. Doch begegnete ihm dabei mancher Mißgriff. Freilich
ist es schwer, zu entscheiden, was er selbst gefunden und was er seinen
Vorgängern entlehnt hat.
Das Werk des Dioskurides blieb für das gesamte Mittelalter und noch
darüber hinaus von großer Bedeutung. »Was einer späteren Zeit«, sagt
Meyer in seiner Geschichte der Botanik547, »Linnés Systema naturae
wurde, das war für jene Zeit die Arzneimittellehre des Dioskurides; nur
mit dem Unterschiede, daß man auf Linnés Werk fortzubauen nicht lange
säumte, auf dem des Dioskurides dagegen wie auf einem Ruhekissen
schlummerte.« Indessen galt Dioskurides nicht nur für das Mittelalter als
unanfechtbare Autorität auf dem erwähnten Gebiete, sondern noch die
Begründer der neueren Botanik knüpften im Anfange des 16. Jahrhunderts
vielfach an ihn an. Sie waren dabei von dem Bemühen geleitet, die von
Dioskurides beschriebenen Pflanzen wieder aufzufinden, wodurch die
Liebe zur Natur zu neuem Leben erweckt wurde.
Während die Griechen sich auf dem Gebiete der Pflanzenkunde mehr als
Theoretiker erwiesen, haben die Römer, ihrem auf das Nützliche gerichteten
Sinne entsprechend, vorzugsweise die angewandte Botanik gefördert548. Eine
Anregung dazu empfingen sie von den Karthagern. Dort entstand schon im
6. Jahrhundert v. Chr., also lange vor den griechischen Georgikern, Magos
Werk über die Landwirtschaft, das der römische Senat später ins
Lateinische übersetzen ließ. Die Bedeutung der Karthager auf diesem

Page 233

Gebiete ist wohl auf ihre Abhängigkeit von der phönizischen Kultur
zurückzuführen549. Der Sinn für die Pflanzenkunde wurde bei den Römern
auch dadurch gefördert, daß sie sich mit besonderer Vorliebe dem
Gartenbau zuwandten. So kamen bei ihnen auch die Fensterbeete auf,
welche die jungen Pflanzen vor Kälte schützten, aber durch ihre
Marienglasscheiben die Sonnenstrahlen hindurchließen550.
Berühmt waren die Gärten, welche Kaiser Hadrian bei seinem Landsitz in
Tibur, dem heutigen Tivoli, unterhielt. Auch die Landsitze, mit denen die
römischen Großen die felsigen Gestade des Mittelmeers umsäumten,
erhielten reichen gärtnerischen Schmuck. Die römischen Gärten wiesen
jedoch auch manche Künsteleien auf, so daß sich Stimmen erhoben, die,
wie z. B. Horaz, die Rückkehr zur Natur predigten.
Eins der besten Werke über die Landwirtschaft verfaßte M. Portius Cato,
der durch sein Bemühen, die Römer zur Einfachheit und Sittenreinheit
zurückzuführen, bekannt gewordene Zensor. Das Werk551 beginnt mit dem
Lobe des Landbaues und enthält Vorschriften über die Obstzucht, den
Anbau des Getreides und die Pflege anderer nützlicher Gewächse552. Wir
haben es schon als eine der Quellen, aus denen Plinius schöpfte,
gewürdigt.

Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.

Vom medizinischen Standpunkte aus hat sich auch der als Anatom und Arzt
zu großer Berühmtheit gelangte Galen mit den Pflanzen beschäftigt. Auf
seinen Reisen, die ihn nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten und
Palästina führten, bemühte er sich, alle Pflanzen, denen man Heilwirkungen
zuschrieb, an ihrem natürlichen Standorte zu beobachten und zu sammeln.
Welchen Wert man diesem Gegenstande beimaß, geht auch daraus hervor,
daß die römischen Kaiser jener Zeit Kräutersammler auf Kreta unterhielten,
weil die Arzneipflanzen dieser Insel besonders hoch geschätzt waren.
Galen bekämpfte diese Meinung und vertrat die Ansicht, daß Italien
ebenso wirksame Arzneipflanzen beherberge.
Durch manchen archäologischen Fund ist unsere Zeit mit den Pflanzen
selbst bekannt geworden, mit denen sich das Altertum beschäftigte. Zu
jenen, welche die Mumiensärge Ägyptens lieferten, sind vor allem die

Page 234

pflanzlichen Reste getreten, die bei der Ausgrabung Pompejis zutage
gefördert wurden. Sie sind im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und
zum Teil so gut erhalten, daß sie identifiziert werden konnten553.
Ein besonderes Interesse, das mitunter selbst gekrönte Häupter beherrschte,
wandte man im Altertum der Erforschung giftiger Pflanzen zu. König
Attalos von Pergamon, so erzählt uns Plutarch 554, baute giftige Gewächse
an, wie Bilsenkraut, Nieswurz, Schierling, Sturmhut, und machte ein
besonderes Studium daraus, ihre Säfte kennen zu lernen und zu sammeln.
Überhaupt wetteiferte Pergamon eine Zeitlang in der Pflege der
Wissenschaften mit Alexandrien.

Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneca.

Außer Plinius sind insbesondere noch zwei andere römische Schriftsteller
zu nennen, die über die Naturwissenschaften geschrieben haben, Lukrez
und Seneca. Lucretius Carus (er starb 55 v. Chr.) hat seine
naturphilosophischen, auf Epikur zurückgreifenden Anschauungen in
einem Lehrgedicht entwickelt, das manche beachtenswerte Stelle enthält. Es
führt den Titel »De rerum natura«, wurde unter den literarischen
Erzeugnissen der voraugusteischen Zeit hoch geschätzt und ist sowohl der
Form als dem Inhalt nach griechischen Mustern entlehnt. Als seine Quellen
nennt Lukrez neben Empedokles, dem »herrlichsten Schatz des
gabenreichen sizilischen Eilands«, vor allem Epikur. Aus den Schriften
dieses Mannes, welcher »die anderen Weisen überstrahle wie die Sonne die
Sterne verdunkle, habe er die goldenen Worte entnommen«, welche uns
sein Lehrgedicht biete. Eine dankbare Aufgabe für einen Dichter war es
wohl kaum, die mechanische Weltanschauung poetisch zu entwickeln. Um
so mehr verdient die Art, wie Lukrez sie löste und durch die er den Kranz
der Musen davontrug, unsere Bewunderung. Es ist nicht nur die Schönheit
der Gleichnisse und die lebensvolle Schilderung gewaltiger
Naturerscheinungen, die uns in seinem Werke fesselt, sondern vor allem die
Genialität der auf der Ablehnung alles Götter- und Aberglaubens
beruhenden Lebensauffassung. Bezüglich seiner Auffassung der
Naturvorgänge555 müssen wir uns hier auf einige Andeutungen beschränken.

Page 235

Nichts entsteht aus nichts, sagt Lukrez mit Demokrit und Epikur, wenn
selbst die Götter es wollten. Sondern die Natur erzeugt stets das eine aus
dem andern. Die Dinge läßt Lukrez aus unendlich feinen Teilchen
bestehen. Sonst sei z. B. das allmähliche Dünnerwerden der im Gebrauch
befindlichen, metallenen Gegenstände ganz unerklärlich. Da bei absoluter
Raumerfüllung Bewegung unmöglich sei, so müsse man annehmen, die
Teilchen seien nicht dicht zusammengedrängt, sondern durch leere
Zwischenräume geschieden. Alles sei ferner schwer. Im leeren Raume
müsse selbst die Flamme schwer sein. Ihr Emporsteigen sei dadurch
bedingt, daß der Lufthauch sie trotz ihrer natürlichen Schwere in die Höhe
treibe, wie ja auch das schwere Holz im Wasser emporschnelle. Schall,
Licht und Wärme sind für Lukrez körperliche Ausflüsse. Sonderbar ist
seine, dem Epikur entlehnte Bildertheorie. Wir nehmen nach ihr die Dinge
wahr, indem sich dünne Häutchen von ihrer Oberfläche lösen und durch die
Lüfte zu unserem Auge schwimmen. Die magnetischen Erscheinungen
werden gleichfalls aus der Annahme erklärt, daß feine Teilchen von dem
Magneten ausströmen. Selbst den Blitz läßt Lukrez aus glatten und
winzigen Teilchen bestehen.
Eine Andeutung des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft
kann man in folgenden Zeilen erblicken:
»Denn er (der Stoff) vermehrt sich nie, noch vermindert er sich
durch Zerstörung,
Ferner war die Bewegung, die jetzt in den Urelementen
Herrscht, schon von jeher da, und so wird sie auch künftig noch
da sein. –
Denn kein Platz ist vorhanden, nach welchem die Teile des
Urstoffs
Könnten entfliehen, kein Platz, von wo aus erneuerte Kräfte
Brächen herein, die Natur und Bewegung der Dinge zu
ändern556.«

Interessant ist, wie Lukrez das Verhältnis von Empfindung und Materie
erörtert. Er schreibt die Empfindung nämlich nicht den Atomen, sondern
nur ihrer Zusammenfassung zu. Denn, so meint er, die Menschenatome
könnten doch nicht weinen und lachen. Indem er das tut, erhebt sich
Lukrez über den krassen Materialismus der demokritischen Lehre. Des

Page 236

weiteren bringt er bemerkenswerte Anschauungen über Gegenstände der
physikalischen Geographie. So erklärt er den gleichmäßigen Bestand des
Meeres als eine Folge des Kreislaufs des Wassers. Nach seiner Annahme
gelangt das Wasser aus dem Meere auf unterirdischem Wege in die Gebirge
zurück557 und speist dort unter Abgabe des Salzgehaltes die Quellen. Die
Erdbeben werden darauf zurückgeführt, daß die Erde mit Höhlungen,
Strömen, Sümpfen und geborstenem Gestein ausgefüllt sei. Durch den
Einsturz der Höhlen entständen Erschütterungen, die man als Erdbeben
bezeichne.
Nicht minder merkwürdig als die Schrift des Lukrez sind die558
»Quaestiones naturales« des römischen Dichters und Philosophen Seneca,
der im Jahre 65 n. Chr. starb.
Seneca meint, das Gesicht sei der trügerischste Sinn, da z. B. ein Ruder im
Wasser wie gebrochen erscheine. Den Regenbogen hält er für das
Spiegelbild der Sonne, denn einige Spiegel, sagt er, sind so beschaffen, daß
sie die Gegenstände zu einer entsetzlichen Größe ausdehnen. Bei Seneca
findet sich auch die einzige Stelle, welche darauf hindeutet, daß die Alten
das Prisma gekannt und das Spektrum beobachtet haben. Seneca sagt
nämlich, wenn man Glasstücke mit mehreren Kanten anfertige und die
Sonnenstrahlen auf sie fallen lasse, so erblicke man die Farben des
Regenbogens. Er erwähnt ferner mit Wasser gefüllte Glaskugeln und ihre
Eigenschaft, dahinter befindliche Gegenstände vergrößert zu zeigen559.
Dafür, daß die Römer mit den optischen Eigenschaften geschliffener Gläser
bekannt waren, soll auch eine Angabe des Plinius sprechen. Es heißt dort,
daß Nero sich eines Smaragds bediente, um besser sehen zu können. Dieser
Stein sei konkav und dadurch geeignet gewesen, »die Sehstrahlen zu
sammeln«560. Man hat auch bei Ausgrabungen (so in Pompeji) linsenförmig
geschliffene Gläser gefunden und nimmt an, daß sie als Brenngläser gedient
haben. Auch bei den Ausgrabungen in Ninive hat man eine plankonvexe
Linse aus Bergkristall entdeckt, die angeblich auch optischen Zwecken
gedient hat561.
Der Schall ist für Seneca ein Druck der Luft. Er begegnet sich in dieser,
annähernd das Richtige treffenden Anschauung mit Vitruv, der im
Gegensatz zu dem, alles als Ausflüsse auffassenden Lukrez den Schall als
eine Lufterschütterung betrachtet. Diese Erschütterung läßt Vitruv ähnlich
entstehen, wie sich durch einen Stein im Wasser die Wellenkreise bilden.

Page 237

Nur entständen die Wellen beim Schall nicht allein in der Fläche, sondern
sie dehnten sich auch in die Breite und in die Höhe (somit kugelförmig)
aus.
Im 3. Buche findet sich ein Anklang an den als Apokatastasis bezeichneten
periodischen Wechsel. Die Erde sollte danach562 verbrennen, wenn alle
Wandelsterne im Krebse zusammenkämen und somit eine gerade Linie
bildeten. Dagegen würde eine allgemeine Überschwemmung eintreten,
wenn sich diese Konstellation im Steinbock wiederhole.
Die Höhe der Naturanschauung Senecas zeigt sich besonders in den
Ansichten, die er über die Kometen entwickelt563. Seine Zeitgenossen, sagt
er, seien der Meinung, die Kometen entständen aus verdichteter Luft. Er
aber halte sie für »ewige Werke der Natur«, und zwar deshalb, weil auch
ihnen ein Kreislauf eigen sei.
Von Beobachtungsgabe und Scharfsinn zeugen auch die Ansichten, die
Seneca über die geologischen Erscheinungen entwickelt. Die Erdbeben
werden teils auf den Einsturz von Höhlungen des Erdinnern, teils auf dort
angesammelte Gase zurückgeführt. Die Vulkane stellen die Verbindung
zwischen der Oberfläche und dem glutflüssigen Erdinnern her. Unter den
Vulkanen, welche Seneca aufzählt, findet der Vesuv keine Erwähnung,
während Strabon ihn wegen der in seiner Nähe sich findenden Schlacken
als einen erloschenen Vulkan betrachtete. Manche Bemerkungen Senecas
über die lösende und die abtragende Tätigkeit des Wassers und die Bildung
von Ablagerungen stimmen mit den neueren geologischen Anschauungen
gut überein und »verraten durchweg ein gesundes Urteil«564. Auch Vitruv
äußert in seiner Schrift »De architectura« die Ansicht, daß in der Nähe des
Vesuvs das Innere der Erde glühend sein müsse. Er schließt dies daraus, daß
bei Bajae heiße Dämpfe aus dem Boden entweichen. Vitruv erwähnt ferner
auf Grund der Überlieferungen, daß die Glut des Erdinnern in alten Zeiten
Ausbrüche des Vesuvs veranlaßt habe, daher rühre auch wohl der Bimsstein
in der Nähe von Pompeji, der infolge der Hitze aus einem anderen Steine
entstanden sei. Vitruv erwähnt auch, daß es Quellen gäbe, die vermöge
ihrer Säure Blasensteine aufzulösen vermöchten, wie der Essig die
Eierschalen löse565.

Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.

Page 238

Über die mineralogischen und die chemischen Kenntnisse der Römer
erfahren wir manches durch Plinius 566. Eingehender befaßt sich dieser mit
dem Glase. Er schildert seine Herstellung aus Sand, Soda (Nitrum) und
Muschelschalen567. Auch ist ihm bekannt, daß man mit Kugeln aus Glas oder
Kristall sowie mit kugeligen, mit Wasser gefüllten Glasgefäßen in der
Sonne Hitze erzeugen kann568. Die Römer stellten sogar Treibhäuser mit
gläsernen Wänden her, um auf diese Weise frühzeitig frisches Gemüse zu
erhalten. Aus Glas verfertigte Spiegel finden gleichfalls schon bei Plinius
Erwähnung. Neuere Ausgrabungen haben solche auch zutage gefördert. Der
Belag dieser antiken Spiegel besteht bald aus reinem Blei569, bald aus
anderen Metallen.
Auch über die wichtigsten Farbstoffe und ihre Verwendung berichtet
Plinius. Er erwähnt den Krapp und den Indigo, mit denen man die Wolle
färbte. Wie man in Indien den Indigo gewinnt, ist ihm indessen nicht
bekannt. Am weitesten hatten es in der Kunst zu färben nach Plinius die
Ägypter gebracht. Er erzählt von ihnen, daß sie die Stoffe vor dem Färben
mit besonderen Flüssigkeiten (Beizen) behandelten.
Plinius kannte auch schon die Seife. Er erzählt, daß sie von den Galliern
und den Germanen durch Kochen von Talg mit Pflanzenasche hergestellt
werde. Wahrscheinlich wurde die Aschenlauge durch Zusatz von Kalk
kaustisch gemacht570.
Mancherlei über die chemischen Kenntnisse zur Zeit der Römerherrschaft
erfahren wir auch durch die um 75 n. Chr. entstandene Arzneimittellehre
des Dioskurides. So spricht dieser vom Verzinnen von Kesseln571. Daß
gewisse Mineralien beim Übergießen mit Essig Gas entwickeln, war im
Altertum bekannt. Plinius knüpft daran die Bemerkung, der Essig sei
stärker als das Feuer, denn er bezwinge Felsen, die dem Feuer Widerstand
leisteten572.

Page 239

6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
In die Zeit der römischen Weltherrschaft fällt eine nochmalige Blüteperiode
der alexandrinischen Akademie. Die mit ihr verbundene große Bibliothek
war zwar im Jahre 47 v. Chr. zum größten Teile vernichtet worden. Als
Ersatz dafür gelangten zahlreiche Rollen der pergamenischen Bibliothek
nach Alexandrien (s. S. 153). Eine zweite kleinere Bibliothek befand sich
dort im Serapeion. Sie wurde gegen das Ende des 4. Jahrhunderts bei einem
von den Christen hervorgerufenen Aufstand zerstört. Trotzdem blieb
Alexandrien noch lange über das 4. nachchristliche Jahrhundert hinaus die
bedeutendste Hochschule des Orients573.

Das ptolemäische Weltsystem.

Als ruhmvollster Name unter den alexandrinischen Gelehrten der
nachchristlichen Jahrhunderte leuchtet uns derjenige des Ptolemäos
entgegen. Mit seinen Verdiensten um die Fortentwicklung der Astronomie
und der Geographie haben wir uns zunächst zu beschäftigen.
Ptolemäos lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandrien. Er hat sich als
Mathematiker, Astronom, Physiker und Geograph die größten Verdienste
erworben. Wahrscheinlich ist er in Ptolemais in Oberägypten geboren. Im
übrigen ist über sein Leben fast nichts bekannt. Ptolemäos hat zahlreiche
Schriften verfaßt, die zum Teil im Original, zum Teil in arabischer oder in
lateinischer Sprache erhalten geblieben sind. Die wichtigsten sind die
»Erdbeschreibung«, der »Almagest« (das astronomische Hauptwerk) und
die »Optik«.
Das Weltsystem des Aristarch war zwar ein glücklicher Einfall gewesen;
die heliozentrische Auffassung allein vermochte jedoch noch nicht, der
genaueren Beschreibung der sich am Himmel abspielenden Vorgänge eine
sichere Grundlage zu bieten. Dies System konnte daher im Altertum keine
allgemeine Geltung finden, zumal es an den mechanischen Begriffen fehlte,
welche damit in Einklang gebracht werden mußten. So erhob Ptolemäos

Page 240

den später auch Koppernikus und Galilei gegenüber gemachten, von
letzterem aber entkräfteten Einwand, daß eine Drehung der Erde um ihre
Achse die Ablenkung eines senkrecht in die Höhe geworfenen Körpers zur
Folge haben müßte. Ferner galt der von Aristoteles herrührende Satz, daß
die Bewegungen der Himmelskörper, weil die letzteren göttlich und ewig
seien, gleichmäßig und im Kreise vor sich gehen müßten, dem Ptolemäos,
wie dem gesamten Altertum, als eine unumstößliche Wahrheit. Zwar hatte
es den Anschein, als ob sich die Planeten, sowie die Sonne und der Mond
am Fixsternhimmel bald schneller, bald langsamer bewegten; erstere
schienen sogar zeitweilig stillzustehen und sich bald vor-, bald rückwärts zu
bewegen.
Die Unregelmäßigkeit der jährlichen Sonnenbewegung machte sich dem
Ptolemäos vor allem darin bemerkbar, daß die Sonne 178 Tage und 18
Stunden gebraucht, um im Verlaufe des Winterhalbjahres vom Herbstpunkt
zum Frühlingspunkt zu gelangen, während sie die andere Hälfte der
Ekliptik, also den Weg vom Frühlings- zum Herbstpunkt, in weit längerer
Zeit, nämlich in 186 Tagen und 11 Stunden, zurücklegt574. Diese als die erste
Ungleichheit bezeichnete Unregelmäßigkeit entspringt, wie wir heute
wissen, daraus, daß die Himmelskörper sich nicht in Kreisen, sondern in
Ellipsen bewegen. Die zweite Ungleichheit, die nur bei den Planeten
auftritt, wird dadurch hervorgerufen, daß wir unsere Beobachtungen von
der Erde aus anstellen, die sich ihrerseits wieder um die Sonne bewegt.
Dieser Umstand ist es, der die scheinbaren Stillstände und Rückgänge der
Planeten verursacht. Auch daß an dem Monde eine als Evektion bezeichnete
Ungleichheit in die Erscheinung tritt, bemerkte Ptolemäos schon575. Wir
führen sie heute auf Störungen zurück, welche die Mondbewegung durch
die Sonne erleidet. Sie ist die bedeutendste unter den Unregelmäßigkeiten
der Mondbewegung und erreicht einen Betrag von mehr als einem Grad.
Schon Platon hatte es als die wichtigste Aufgabe der Astronomie
bezeichnet, die beobachteten, scheinbar unregelmäßigen Bewegungen auf
gleichförmige zurückzuführen, da, wie er sagte, keine Ursache dafür
vorhanden sei, daß die himmlischen Körper sich anders als gleichförmig
bewegen sollten. Der erste, der eine Lösung der von Platon gestellten
Aufgabe versuchte, war sein Schüler Eudoxos von Knidos. Er bediente
sich dazu der Theorie der homozentrischen Sphären; und es gelang ihm so,
die zweite Ungleichheit als ein gesetzmäßig bestimmtes

Page 241

Bewegungsphänomen darzustellen. Nach Eudoxos ist jeder Planet auf
einer rotierenden Sphäre befestigt. Die Pole dieser Sphäre liegen in einer
zweiten Sphäre, die ebenfalls um eine Achse rotiert. Es kam nun darauf an,
die Geschwindigkeiten jener Sphären und die Lage ihrer Achsen so zu
wählen, daß dadurch dem tatsächlichen Verlauf der Erscheinungen
möglichst Rechnung getragen wurde. Zu diesem Zwecke mußten für den
Mond und für die Sonne je drei und für jeden Planeten vier Sphären
angenommen werden. Am besten gelang es auf diese Weise, die
Bewegungen der entfernteren Planeten Saturn und Jupiter gewissermaßen
in eine Regel zu fassen. Die größten Schwierigkeiten bereitete der Mars, an
dem später Tycho und Kepler den wahren Ablauf der
Planetenbewegungen nach endlosen Mühen entdecken sollten.
Um die Theorie mit den Erscheinungen in besseren Einklang zu bringen,
wurde später die Zahl der Sphären noch vermehrt576. Einen anderen Weg
schlugen Hipparch und Ptolemäos ein. Sie benutzten zur Auflösung der
ersten Ungleichheit exzentrische Kreise und zur Bewältigung der zweiten
Ungleichheit den Epizykel577. Hipparch erklärte die Erscheinung, daß die
Sonne auf ihrer jährlichen Bahn eine größte und eine geringste
Geschwindigkeit annimmt, indem er die Erde aus dem Mittelpunkt rückte
und die Sonne um sie in gleichförmiger Bewegung einen exzentrischen
Kreis beschreiben ließ. Die Größe der Exzentrizität ließ sich nun leicht so
wählen, daß damit dem Verlauf der Erscheinungen Rechnung getragen
wurde. Die Annahme von exzentrischen Kreisen hatte aber nicht einmal die
Bewegung des Mondes, geschweige denn diejenige der Planeten zu
erklären vermocht. Ptolemäos griff deshalb einen Gedanken auf, den der
Mathematiker Apollonios geäußert hatte, und nahm zwei oder mehr
Kreisbewegungen zu Hilfe. Zur Erklärung diene Abb. 44. Es sei E die Erde,
um die mit einem Radius R = Mm ein exzentrischer Kreis gezogen ist. Auf
letzterem bewegt sich indes nicht der in Frage kommende Himmelskörper,
sondern der Mittelpunkt der Kreisbahn p q t s, in der erst der Planet mit
gleichförmiger Geschwindigkeit sich bewegt. Diese Kreisbahn wird der
Epizykel, die Theorie daher die Epizyklentheorie genannt. Es ist ersichtlich,
daß der Himmelskörper, von der Erde gesehen, sich in p rascher bewegt als
in t, wo seine Bewegung derjenigen des Epizykels entgegengesetzt ist.
Auch ist klar, daß trotz der gleichförmig gedachten Bewegung, mit deren
Annahme der Forderung Platons Genüge geleistet war, scheinbare
Stillstände und Rückgänge eintreten können. Es kam nur darauf an, das

Page 242

Verhältnis von r und ME zu R, sowie die Umlaufszeiten um M und m so zu
wählen, daß dem Verlauf der Erscheinungen durch die hypothetischen
Bewegungen Genüge geleistet war und erstere aus den angenommenen
Verhältnissen berechnet werden konnten. Stimmten dann die Berechnungen
mit neuen, auf Grund der Rechnung angestellten Beobachtungen nicht
überein, so führte man einen dritten Epizykel ein, dessen Mittelpunkt den
Kreis p q t s beschrieb. Durch eine Verknüpfung derartiger
Kreisbewegungen läßt sich offenbar jede, nach einem bestimmten Gesetze
auf beliebiger Bahn ablaufende Bewegung darstellen.

Abb. 44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie.

Ptolemäos wandte die Epizyklentheorie zunächst auf die Erklärung der
Mondbewegung an. Daß die Entfernung des Mondes von der Erde
beträchtlichen Schwankungen unterworfen ist, hatte sich ihm aus der
Tatsache ergeben, daß der scheinbare Durchmesser des Mondes nach seinen
Beobachtungen zwischen 311/3 und 351/3 Minuten schwankt. Aristoteles
hatte also recht, wenn er behauptete, »daß derselbe Diskus, bei sich
gleichbleibender Entfernung vom Auge, den Mond bald bedecke, bald
nicht«.
Um die Ungleichheiten des Mondumlaufes zu erklären, ließ Ptolemäos
das Gestirn einen Epizykel beschreiben, der sich innerhalb eines Zeitraumes
vollziehen sollte, in welchem der Mond zu demselben Endpunkte seiner
großen Bahnachse zurückkehrt. Der Mittelpunkt dieses Epizykels umlief

Page 243

die Erde in einem Kreislauf, der gegen die Ekliptik, der Neigung der
Mondbahn entsprechend, schief gerichtet war. Die Zeitdauer dieses
Kreislaufs währte bis zur Rückkehr zu den Knoten, den Punkten, in denen
die Ekliptik und die Mondbahn sich schneiden. Auf diese Weise erzielte
Ptolemäos, daß sich Rechnung und Beobachtung, wenigstens für den
damaligen Stand der astronomischen Wissenschaft, in etwa deckten.
Dasselbe Ziel suchte Ptolemäos bezüglich der Planetenbewegung unter
Zuhilfenahme der Epizyklen und der exzentrischen Kreise zu erreichen.
Doch waren die Schwierigkeiten hier fast noch größer.
So lange man die Epizyklentheorie als bloße Hilfshypothese ansah und
benutzte, ließ sich gegen sie nichts einwenden. Wir bedienen uns noch
heute zur Beschreibung von Naturvorgängen mancher Fiktionen, die dem
Fortschritt der Erkenntnis nur dann gefährlich werden, wenn wir uns daran
gewöhnen, in ihnen den wahren Grund der Erscheinungen zu erblicken.
Erinnert sei nur an die Annahme magnetischer und elektrischer Fluida, an
deren wirkliches Vorhandensein kein Physiker glaubt, obgleich sie einer
elementaren Beschreibung der magnetischen und der elektrischen Vorgänge
zugrunde gelegt werden. Mit der zunehmenden Kompliziertheit solcher
Hypothesen wird indes ihre Anwendung immer mehr erschwert. So trug
schon aus dieser Ursache die Epizyklentheorie den Keim des Todes in sich,
wenn auch ihre Herrschaft noch lange dauern sollte. Denn selbst
Koppernikus war, nachdem er die Sonne, wie er sich ausdrückt, auf ihren
königlichen Thron in die Mitte der sie umkreisenden Gestirne gesetzt hatte,
sofort gezwungen, sich der Epizykel wieder als Hilfskonstruktion zu
bedienen, weil er an der Vorstellung einer kreisförmigen Bewegung der
Planeten festhielt.
Zwar kam bei Annahme der heliozentrischen Lehre die sogenannte zweite
Ungleichheit in Fortfall, da sie ja daraus entsprang, daß man die Erde als
den Mittelpunkt der Bewegungen betrachtete. Anders stand es mit der
ersten Ungleichheit, welche daraus hervorgeht, daß die Himmelskörper sich
nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Da Koppernikus an die
Möglichkeit einer anderen als der kreisförmigen Bewegung noch gar nicht
dachte, so blieb ihm zur Erklärung der ersten Ungleichheit nichts anderes
übrig, als auf sie die Epizyklentheorie anzuwenden. Das astronomische und
das trigonometrische Wissen seiner Zeit legte Ptolemäos, nachdem es
durch ihn eine beträchtliche Vermehrung erfahren, in einem Lehrbuche

Page 244

nieder, das von den Arabern Almagest578 genannt wurde und dem gesamten
Mittelalter in astronomischer Hinsicht als ein Evangelium galt.
Das Bedürfnis nach einer Verbesserung der von Ptolemäos mitgeteilten
Planetentafeln machte sich schon im Mittelalter geltend. Um das Jahr 1250
berief daher König Alfons von Kastilien eine Anzahl Gelehrter, welche
neue astronomische Tafeln, die sogenannten alfonsinischen, entwarfen, die
einen wesentlichen Fortschritt gegenüber denjenigen des Ptolemäos
bedeuteten. An der Epizyklentheorie wurde indes trotz ihrer wachsenden
Kompliziertheit nicht gerüttelt, was Alfons zu dem Ausspruch veranlaßt
haben soll, die Welt wäre einfacher geworden, wenn Gott ihn bei ihrer
Erschaffung zu Rate gezogen hätte.
Außer der vorstehend skizzierten, dem damaligen Standpunkte der
Astronomie genügenden Epizyklentheorie finden wir im Almagest die
schon von den älteren alexandrinischen Astronomen sowie von Hipparch
in Angriff genommene Bestimmung der Fixsternörter fortgesetzt579. Das von
Ptolemäos entworfene Verzeichnis580 umfaßt 1022 Sterne, die nach ihrer
Lage innerhalb der von den Griechen angenommenen Sternbilder, sowie
nach Länge und Breite bestimmt sind.
Auch die Untersuchung der von Hipparch entdeckten und ihrer Größe
nach gleich etwa einem Grad für das Jahrhundert angegebenen Präzession
der Tag- und Nachtgleichen wurde von Ptolemäos wieder aufgenommen.
Eine Bestätigung dieser Erscheinung war nämlich sehr wichtig, da
Hipparch sich nur auf die wenig genauen Beobachtungen der älteren
Alexandriner stützen konnte.
Bevor wir die Schilderung der astronomischen Verdienste des Ptolemäos
beenden, sei noch einiges aus dem Inhalt des Almagest mitgeteilt, woraus
sich der Standpunkt, den die Sternkunde in Alexandrien erreicht hatte,
ermessen läßt. Die Erde ist eine Kugel. Sie befindet sich in der Mitte des
Himmels, kann aber im Vergleich zu den Himmelsräumen nur als ein Punkt
betrachtet werden. Während die Erde unbeweglich feststeht, bewegen sich
die Gestirne in kreisförmigen Bahnen. Dies sind die Sätze, welche an der
Spitze des Werkes stehen. Die Länge des Jahres wird im Almagest zu 365
Tagen 5 Stunden und 55 Minuten angegeben. Die Erde ist 39 mal so groß
wie der Mond, während die Sonne den Mond 6600 mal an Größe

Page 245

übertreffen sollte. Bezüglich der Entfernungen wird angegeben, daß der
Mond 59, die Sohne dagegen 1210 Erdhalbmesser von uns entfernt sei.
Die Abstände der Gestirne von der Erde regeln sich nach Ptolemäos
folgendermaßen: Auf den Mond folgt zunächst Merkur, dann Venus und
darauf die Sonne. Die weitere Reihenfolge ist Mars, Jupiter und Saturn. Auf
diese sieben Wandelsterne, deren Zahl erst durch Herschels Entdeckung
des Uranus vermehrt wurde, folgen die Fixsterne.
An die Beschreibung dieses seinen Namen tragenden Weltsystems schließt
sich eine Darstellung der Grundzüge der ebenen und der sphärischen
Trigonometrie, der wichtigsten Hilfswissenschaft der Astronomen.

Hilfswissenschaften der Astronomie.

Die astronomischen Leistungen des Ptolemäos wurden dadurch
ermöglicht, daß die beiden wichtigsten Hilfswissenschaften der Astronomie,
die Mathematik und die Meßkunde, bedeutende Fortschritte aufzuweisen
hatten. Die wichtigste Vorarbeit auf dem Gebiete der Mathematik lieferte
der Astronom Menelaos von Alexandrien, dessen Sternbeobachtungen im
Almagest Erwähnung finden. Menelaos verfaßte ein Werk über die
Berechnung der Sehnen, das verloren ging, und ein zweites, »Sphärik«
genannt, welches die Grundzüge der sphärischen Trigonometrie
entwickelte, indessen nur in Übersetzungen bekannt geworden ist581.
Menelaos bringt schon den Satz, daß in jedem sphärischen Dreieck die
Summe der drei Winkel größer als zwei Rechte ist. Er zeigt, daß gleichen
Seiten desselben sphärischen Dreiecks gleiche, ungleichen Seiten ungleiche
Winkel gegenüberliegen, und zwar den größeren Seiten die größeren
Winkel. Sein Werk enthält die wichtigsten Sätze über die Kongruenz
sphärischer Dreiecke, ferner diejenigen Sätze über Transversalen im ebenen
und im sphärischen Dreieck, die man noch jetzt als die Sätze des
Menelaos bezeichnet. Ptolemäos vollendete, was Hipparch und
Menelaos auf dem Gebiete der ebenen und der sphärischen Trigonometrie
begonnen hatten. Er gab dieser Wissenschaft für den astronomischen
Gebrauch eine Form, die sich, wie seine Lehre, länger als ein Jahrtausend
erhalten hat.

Page 246

Als der letzte unter den großen Mathematikern des Altertums ist Diophant
von Alexandrien zu nennen. Dieser schrieb ein Werk über Arithmetik, das
etwa zur Hälfte erhalten geblieben ist582. Er betitelte es ἀριθμητικά und
erschloß damit ein bisher kaum betretenes Gebiet.
Bei Diophant begegnen uns schon gewisse Zeichen und Abkürzungen,
während vor ihm die Rechnungen zumeist nur durch Worte
auseinandergesetzt wurden und höchstens gewisse Fachausdrücke (wie bei
den alten Ägyptern) wiederkehren. Für die Unbekannte (unser x)
gebrauchte Diophant z. B. das Sigma, ς, den einzigen griechischen
Buchstaben, der keine bestimmte Zahl bedeutete. Für die zweite Potenz
lautet sein Zeichen δῦ (δύναμίς = Quadrat), für die dritte kῦ (κύβος =
Würfel). Für die sechste Potenz schrieb Diophant κῦ κῦ. Höhere Potenzen
kommen bei ihm nicht vor. Für die Subtraktion verwendet er ein besonderes
Zeichen (⋔ = umgekehrtes ψ). Zu addierende Größen dagegen werden ohne
ein Zeichen nebeneinander gestellt. Selbst ein Gleichheitszeichen (ι als
Abkürzung von ἴσοι, gleich) fehlt nicht583. Diese Beispiele zeigen zur
Genüge, daß uns bei Diophant schon ein Verfahren begegnet, das seine
hervorragenden Erfolge erklärlich macht. Ein wesentlicher Mangel der
diophantischen Algebra besteht darin, daß sie den Gegensatz von positiv
und negativ noch nicht kennt. Dies hat darin seinen Grund, daß Diophant
nur Differenzen bildet, bei welchen der Minuend größer als der Subtrahend
ist. Eine größere Zahl von einer kleineren abzuziehen, die algebraische
Operation, die ja zum Begriff der negativen Zahl geführt hat, erschien ihm
als etwas Unmögliches. Führte die Lösung einer Gleichung auf negative
Werte, so erklärte Diophant einen derartigen Fall für unzulässig. Eine
Rolle spielte diese Beschränkung besonders bei der Auflösung
quadratischer Gleichungen, mit der Diophant sich sehr vertraut zeigt. Bei
ihm begegnet uns auch die erste kubische Gleichung. Doch bleibt der Fall
vereinzelt. Auch ließ sich die betreffende Gleichung auf einen niedrigeren
Grad reduzieren584. Diophant gibt die Lösung, ohne jedoch sein Verfahren
anzudeuten.
Was Diophant vor allem auszeichnet, ist die Art, in der er sich bei fast
allen Problemen von den Einzelfällen loslöst und sich zur allgemeineren
Betrachtung erhebt.

Page 247

Die Stellung, die Diophant in der Entwicklung der Wissenschaften
einnimmt, ist infolgedessen eine ganz einzigartige. Einmal treten uns seine
Schöpfungen, die von allem, was vor ihnen liegt, so sehr verschieden sind,
ganz unvermittelt entgegen. »Eine ganz andere Luft weht in den Schriften
dieses Arithmetikers als in denjenigen der klassischen Geometer«585. Und
wie es an nachweisbaren Vorstufen und Vorläufern fehlt, so mangelt es in
dem auf Diophant folgenden Jahrtausend auch an Mathematikern, die das
von ihm Begonnene fortgesetzt hätten. Erst zu Beginn der neueren Periode
vermochte man an Diophant anzuknüpfen und eine höhere Mathematik zu
schaffen, deren wichtigstes Element, wie bei Diophant, allgemeine Zahlen,
für sich betrachtet und in ihrer Beziehung zu geometrischen und
physikalischen Größen, sind.
Diophant lebte vermutlich im 3. nachchristlichen Jahrhundert, jedenfalls
ist aber sein Werk später als die Schriften des Ptolemäos verfaßt. Auf die
Entwicklung der alten Astronomie hat es keinen Einfluß ausgeübt586.
Die Förderung, welche die Meßkunde bei den Vorgängern des Ptolemäos
erfahren hatte, wußte dieser sich nicht weniger als die mathematischen
Fortschritte zunutze zu machen. Im Jugendzeitalter der Astronomie wird
man wohl die Entfernungen am Himmelsgewölbe nach Mondbreiten
abgeschätzt und dabei wahrscheinlich zwei um ein Scharnier drehbare
Stäbe, in deren Treffpunkt sich das Auge des Beobachters befand, gebraucht
haben. Die Alexandriner benutzten zwei Arten von
Winkelmeßinstrumenten. Bei der einen kam eine geradlinige, bei der
anderen die Kreisteilung in Anwendung. Zur ersten Art gehört das
parallaktische Lineal, auch Regula Ptolemaica genannt, das Ptolemäos im
Almagest beschreibt. Es besteht aus einem lotrecht und drehbar
aufgestellten Stabe, um dessen oberen Endpunkt sich ein gleich langer Stab
mit Dioptern, zum Anvisieren des Gestirnes, bewegen ließ. Am unteren
Ende des senkrechten Stabes war ein dritter drehbarer Stab mit
Längseinteilung angebracht. Dieser Stab ließ sich in einer Rille des
Diopterlineals verschieben. Bei jeder Höhenmessung konnte die Lage des
Diopterlineals auf der Gradeinteilung des zweiten beweglichen Lineals
abgelesen und danach der entsprechende Winkel aus der Sehnentafel
entnommen werden.

Page 248

Abb. 45. Das parallaktische Lineal.

Indessen bediente sich Ptolemäos nach dem Beispiel von Aristyll und
Timocharis (300 v. Chr.) auch der mit Gradeinteilung versehenen,
miteinander verbundenen Kreise, der sogenannten Armillen. Eratosthenes
hatte 220 v. Chr. in Alexandrien Armillen von bedeutender Größe errichtet
und vermittelst dieser Instrumente den Abstand der Wendekreise zu 11/83
des Kreisumfanges bestimmt. Eine der von Ptolemäos benutzten Armillen
zeigt uns die Abbildung 46587 auf S. 256. Sie bestand aus einem aus Kupfer
oder Bronze verfertigten Ring, der in 360 Grade geteilt war. Der Ring war
in senkrechter Lage auf einer Säule errichtet und fiel mit dem Meridian
zusammen. Diesem Ringe war ein zweiter drehbarer Ring mit zwei
diametral gegenüber befindlichen Vorsprüngen eingepaßt. Wollte man z. B.
die Mittagshöhe der Sonne messen, so wurde der innere Ring gedreht, bis
der Schatten des einen Vorsprunges auf den anderen Vorsprung fiel. Eine
Armillarsphäre (Ringkugel) bestand aus zwei festverbundenen,
rechtwinklig zueinander stehenden Kreisen, von denen der eine in der
Ebene des Meridians, der andere in der Ebene des Himmelsäquators lag. In
dem Meridiankreis war ein dritter Kreis drehbar angebracht, dessen
Drehachse mit der Weltachse zusammenfiel. In diesem dritten Kreise
befand sich, konzentrisch und verschiebbar, ein vierter. Durch Diopter
wurde ein Anvisieren ermöglicht, während Gradeinteilungen ein Ablesen
der Deklination und des Stundenwinkels gestatteten. Dem Instrument lag
also der Gedanke zugrunde, die an der Himmelskugel erkannten Kreise und

Page 249

Kreisbewegungen im kleinen nachzubilden. Zum Messen von Winkeln
diente auch wohl der astronomische Ring oder das Astrolabium588. Es
bestand aus zwei konzentrischen, gegeneinander verschiebbaren Ringen,
die mit je zwei gegenüberstehenden Dioptern versehen waren. Wollte man
Horizontalwinkel messen, so wurde der Ring hingelegt. Handelte es sich
um das Messen von Höhenwinkeln, so hing man ihn auf.

Abb. 46. Solstitial-Armille des Ptolemäos. Schematische Skizze nach dem
Almagest.

Außer den Armillen benutzte Ptolemäos, wie die chaldäischen
Astronomen, auch aus Stein verfertigte Mauerquadranten, die in der Ebene
des Meridians errichtet waren.
Wir erkennen, daß schon bei den frühesten astronomischen Beobachtungen
der Forscher wesentlich auf die Geschicklichkeit des Mechanikers
angewiesen war. Die Entwicklung der Astronomie ist daher mit der steten
Vervollkommnung und mit der wachsenden Genauigkeit der
Meßwerkzeuge Hand in Hand gegangen589. Schon die Herstellung der
Ringinstrumente, welche die Alexandriner benutzten, erforderte eine
hervorragende Fertigkeit. »Noch jetzt«, so lautet das Urteil eines
hervorragenden Kenners der Präzisionsmechanik, »würde nur von einem
geschickten, mit einer Drehbank ausgerüsteten Arbeiter die auch nur für
primitive Beobachtungen genügende Genauigkeit solcher Meßinstrumente
zu erwarten sein«590.

Page 250

Die für die Astronomie gleich wichtige Zeitbestimmung erfolgte, wie es
schon bei den Chaldäern geschah, durch Wassermessung. Schon im 5.
Jahrhundert v. Chr. begnügte man sich nicht mehr mit einer Abschätzung
der Tagesstunden aus der Länge des Schattens, sondern man baute
Wasseruhren (Klepsydren). Ja sogar solche mit Weckvorrichtung begegnen
uns schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert591. Die hierbei Verwendung
findenden Instrumente vervollkommnete der um 270 v. Chr. lebende
Alexandriner Ktesibios, der auch als der Erfinder der Feuerspritze, der
Wasserorgeln usw. genannt wird, und der in Heron einen Fortsetzer seiner
Arbeiten fand. Damit die Öffnung, durch welche das Wasser bei seinen
Uhren strömte, unverändert blieb, stellte Ktesibios diese Öffnung nicht in
gewöhnlichem Metall, sondern in Gold oder Edelstein her. Ferner sorgte er
für ein konstantes Niveau des Wassers in dem Abflußgefäß, damit in
gleichen Zeiten stets gleiche Mengen ausströmten. Mitunter wurden durch
das ausströmende Wasser Gegenstände gehoben, die ihre Bewegung wieder
auf ein Räder- oder Zeigerwerk übertrugen.

Fortschritte der Geographie.

Wie durch Hipparch, so erfuhr auch durch Ptolemäos die Geographie
eine bedeutende Förderung. Das von letzterem um 140 n. Chr. geschaffene
Lehrbuch592 dieser Wissenschaft genoß, gleich dem Almagest, bis gegen das
Ende des Mittelalters eine unbestrittene Herrschaft. Durch beide Schriften
ist Ptolemäos einer der großen Lehrer für alle Zeiten geworden, da an den
»Almagest« und die »Geographie« die großen Entdeckungen anknüpften,
welche die Neuzeit auf astronomischem und geographischem Gebiete
gemacht hat. Wie der »Almagest«, so enthält auch die »Geographie« eine
erstaunliche Fülle von Tatsachen. Nicht weniger als 5000 Punkte des
damals bekannten Teiles der Erdoberfläche werden nämlich in der
»Geographie« nach Länge und Breite angegeben. Und zwar sind nicht nur
Städte, sondern auch Flußmündungen, Berge und andere bemerkenswerte
Orte berücksichtigt. Die Ermittelung der Breite geschah mit einer solchen
Genauigkeit, daß die nach Ptolemäos' Angaben entworfenen Karten in
meridionaler Richtung nur geringe Verzerrungen aufweisen. Ptolemäos
selbst hat Anleitungen für die Ortsbestimmung und das Entwerfen von
Karten gegeben. Die den alten Handschriften seiner Geographie

Page 251

beigegebenen Karten (10 über Europa, 5 über Afrika und 12 über Asien)
entstammen indessen erst dem 6. Jahrhundert, wenn sie auch zweifellos auf
antike Vorlagen zurückgehen. »Sie sind«, sagt Ritter 593, »die Grundlage
aller neueren Landkarten geworden. Ohne sie würden die unserigen
schwerlich ihren jetzigen Grad von Vollkommenheit erlangt haben.«
Das bei den Alten übliche Verfahren der Längenbestimmung wurde schon
erörtert594. Es lieferte sehr unvollkommene Ergebnisse595. Auch wechselte
man schon im Altertum mit der Lage des Nullmeridians. So rechnete
Ptolemäos nicht nach dem durch die Insel Rhodos gezogenen Meridian,
sondern er verlegte den Anfang der Zählung nach den »glücklichen Inseln«
des äußersten Westens. Diese Einrichtung bot den Vorzug, daß für die in
Betracht kommenden Gegenden der Erde die Unterscheidung zwischen
westlicher und östlicher Länge in Wegfall kam.
Bei der kartographischen Darstellung des ihm bekannten Teiles der
Erdoberfläche konnte Ptolemäos ihre Krümmung nicht mehr
unberücksichtigt lassen. Es galt daher, eine Methode zu benutzen, welche
Teile einer Kugelfläche in der Ebene zu zeichnen ermöglichte. Diese
Aufgabe löste Ptolemäos, indem er eine Projektionsart empfahl, die
grundlegend für die weitere Entwicklung der Kartographie gewesen ist.
Marinus von Tyrus, der Vorgänger des Ptolemäos, hatte die Parallel- und
die Längenkreise sämtlich als gerade Linien und die letzteren parallel
zueinander gezeichnet. Die Längengrade wurden dadurch für die nördlichen
Gegenden der Erde viel zu groß, was Ptolemäos durch sein
Projektionsverfahren zu vermeiden suchte. Ptolemäos erläutert es mit
folgenden Worten: »Es wird richtig sein, zwar die Meridiane als gerade
Linien zu zeichnen, die Breitengrade dagegen als Stücke von Kreisen, die
um ein und dasselbe Zentrum gezogen sind. Dieses wird senkrecht über den
Nordpol gedacht. Von dort aus wird man die Meridiane als gerade Linien
zeichnen müssen, damit die annähernde Ähnlichkeit mit der Kugelfläche
gesichert wird. Dies geschieht dadurch, daß die Meridiane senkrecht zu den
Breitenkreisen bleiben und in dem gemeinsamen Pole zusammenlaufen«596.
Während der mathematische Teil der Erdkunde infolge der bedeutenden
Fortschritte der Astronomie sehr gefördert wurde, blieb auch die physische
Erdkunde nicht zurück. Von großem Einfluß war hier die Erweiterung des
Gesichtskreises durch die römischen Eroberungszüge und der dadurch

Page 252

bedingte kosmopolitische Zug, welcher die gesamte Erde als Wohnsitz des
Menschen aufzufassen lehrte. Insbesondere spricht sich dieser Zug in
Strabon aus, von dessen Erdbeschreibung Humboldt 597 sagt, sie übertreffe
an Mannigfaltigkeit und Großartigkeit alle geographischen Arbeiten des
Altertums. Strabon läßt Inseln und ganze Kontinente, in Übereinstimmung
mit den Ansichten der heutigen Geologen, durch vulkanische Kräfte
emporgehoben werden. »Nicht nur kleine Inseln können gehoben werden«,
heißt es bei Strabon 598, »sondern auch große, ja selbst Festland«. Von
Sizilien sagt er, man möchte es »nicht für ein Bruchstück Italiens halten,
sondern vermuten, es sei durch das Feuer des Ätna aus der Tiefe
emporgehoben worden«. Doch erörtert Strabon auch die Möglichkeit, daß
Sizilien durch ein Erdbeben von Italien getrennt worden sei. Als Beweis,
daß Inseln auf vulkanischem Wege entstehen, führt er an, daß sich im Jahre
196 v. Chr. in der Nähe von Thera, dem heutigen Santorin, unter
Feuererscheinung eine Insel von 12 Stadien Umfang erhoben habe. Wie
Sizilien, so betrachtete Strabon auch Capri und andere der Küste
benachbarte Inseln als frühere Teile des Festlandes, während inmitten des
Meeres gelegene Inseln, wie jene Neubildung in der Nähe Theras, durch
vulkanische Tätigkeit entstanden sein sollten.
Bei Strabon begegnet uns übrigens auch zuerst die Ansicht, daß die
Vulkane Sicherheitsventile der Erde seien. Die Alten wollten nämlich
beobachtet haben, daß Sizilien in Zeiten einer erhöhten Tätigkeit der in der
Nähe dieser Insel liegenden Vulkane und des Ätna weniger unter Erdbeben
zu leiden habe.
Auch die Versteinerungen werden von Strabon richtig gedeutet. So tritt er
bei der Besprechung der linsenförmigen Nummuliten des Kalksteins, aus
dem die Pyramiden von Gizeh erbaut sind, der Meinung entgegen, daß es
sich hier um erhärtete Überreste von den Speisen der Erbauer handeln
könne. Schon Eratosthenes habe erwähnt, daß Tausende von Stadien vom
Meere entfernt Schnecken und Muscheln gefunden würden599. Man müsse
daher annehmen, daß einst große Teile des Festlandes für eine gewisse Zeit
überschwemmt gewesen und dann wieder trocken geworden seien. Der
Boden des Meeres sei ferner uneben wie die Oberfläche des Landes und das
Meer infolgedessen von verschiedener Tiefe.
Als Beweis für eine außerordentliche, in historischer Zeit erfolgte
Verschiebung der Meeresküste erwähnt Strabon von einer früheren

Page 253

Seestadt südlich der Pomündung, daß sie 90 Stadien vom Ufer entfernt
liege. Seit jener Zeit ist diese Küste bekanntlich um einen weiteren
erheblichen Betrag meerwärts hinausgeschoben worden, so daß Ravenna,
das z. B. zur Zeit Strabons noch Seestadt war, jetzt sieben Kilometer von
der Küste entfernt liegt.
Strabon besitzt auch bezüglich der erodierenden Tätigkeit des Wassers, der
Ursache von Ebbe und Flut, sowie der Abnahme der Temperatur mit der
Erhebung richtige Vorstellungen. Er ahnt sogar das Vorhandensein einer
zweiten Kontinentalmasse neben der von Europa, Asien und Afrika
gebildeten, wenn er sagt: »Es ist wohl möglich, daß in demselben
gemäßigten Erdgürtel, welcher durch das Atlantische Meer geht, außer der
von uns bewohnten Welt noch eine andere oder selbst mehrere liegen.«
Columbus ließ sich dagegen von der Vorstellung leiten, daß eine Fahrt
nach Westen unmittelbar zu den östlichen Gestaden des asiatischen
Festlandes führen müsse.
Auch bei den Römern war man auf dem Gebiete der physikalischen
Geographie gegen den Ausgang des Altertums zu ziemlich klaren
Vorstellungen gelangt. So verdankt man dem Vitruvius 600 eine im ganzen
richtige Theorie der Quellenbildung nebst einer darauf beruhenden
Anweisung zur Auffindung von Quellen, während Seneca 601 die durch das
Wasser auf der Erdoberfläche hervorgerufenen Veränderungen recht gut
schildert und die Springfluten darauf zurückführt, daß bei ihnen außer dem
Monde auch die Sonne zur Wirkung gelangt.
Nicht gering waren ferner die Kenntnisse auf dem Gebiete der Länderkunde
während der letzten Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung. Was die
Kenntnis der einzelnen Länder anbelangt, so ergänzt die Erdbeschreibung
Strabons in glücklicher Weise diejenige des Ptolemäos. Strabon hat
mehr die europäischen, Ptolemäos dagegen mehr die asiatischen Länder
berücksichtigt. Nur in bezug auf das nördliche und östliche Germanien ist
der Bericht des Ptolemäos wieder als der reichhaltigere zu bezeichnen.
»Ptolemäos eröffnete«, sagt Ranke 602, »durch seine Beschreibung der
Länder jenseits des Rheines und der Donau gleichsam eine neue Welt.« Er
zerstörte ferner den Wahn, daß das Kaspische Meer in das Weltmeer münde
und wies die Abgeschlossenheit jenes Beckens nach. Seine Darstellung
stützte Ptolemäos besonders auf die geographischen Kenntnisse der
Phönizier und auf die Berichte, welche ihm der Karawanenhandel zuführte.

Page 254

Auch die Züge Alexanders, die gewaltige Ausdehnung der
Römerherrschaft, sowie die Reisen, welche die damaligen Geographen im
Gefolge der Heere, der Statthalter und Gesandtschaften unternahmen,
hatten eine Fülle von Material geliefert. So wußte man z. B. über Indien zur
Zeit des Ptolemäos viel mehr als zur Zeit Mercators am Schlusse des 16.
Jahrhunderts603.
Nach Herodots Erzählung (IV, 42) ließ der ägyptische König Necho um
600 v. Chr. phönizische Schiffer vom Roten Meere aus Afrika umsegeln
und durch die Straße von Gibraltar nach Ägypten zurückkehren. Die Fahrt
soll 3 Jahre gedauert haben. Herodots Erzählung ist oft angezweifelt
worden. Soviel ist indes gewiß, daß im Altertum der Äquator überschritten
wurde. Denn die Schiffer sagten aus, bei ihrer Fahrt um Lybien herum nach
Westen habe die Sonne um Mittag zur rechten Hand, also im Norden,
gestanden. Herodot fügt dieser Angabe hinzu, er könne das nicht glauben;
vielleicht gäbe es andere, die es glauben könnten. Diese Erzählung
Herodots hat man als einen Beweis dafür betrachtet, daß die Fahrt
wirklich stattgefunden hat604.
Die Quelle, aus welcher Ptolemäos bei der Abfassung seiner, acht Bücher
umfassenden, Geographie besonders schöpfte, waren die Reiseberichte des
Marinus aus Tyrus605. In den phönizischen Häfen besaß man auf Grund des
ausgedehnten Handels, der von dort aus getrieben wurde, eine ausgedehnte
Kenntnis aller von phönizischen Schiffen besuchten Länder, Inseln und
Meere. Nach diesem Material entwarf Marinus eine Karte, die sich unter
dem Namen der Tyrischen Weltkarte in der Bibliothek zu Alexandrien
befand.
Die Längen- und die Breitengrade waren bei Marinus gerade Linien, die
sich unter rechten Winkeln schnitten. Für den damals bekannten Teil der
Erde (30.-40. Breitengrad) ergab diese Projektionsart, die man wohl als die
»platte« bezeichnet, ein Netz von Rechtecken. Für den Äquator als
mittleren Breitengrad würde das Netz aus Quadraten bestanden haben.
Marinus von Tyrus wurde durch seine Plattkarte der Begründer der
mathematischen Geographie. Er ging von einem Gradkreuz aus, das er aus
dem Meridian und dem Breitenparallel von Rhodos (36°) bildete und zu
einem Netz rechtwinklig sich schneidender Linien erweiterte.

Page 255

Ptolemäos sagt von Marinus, auf dessen Arbeiten er sich besonders
stützt, dieser habe einen so großen Reichtum an Nachrichten der Alten und
der Neueren zusammengebracht und so viele Reiseberichte und Werke
berücksichtigt, wie keiner seiner Vorgänger. Dementsprechend sind auch
die Angaben, die Ptolemäos von den asiatischen Ländern macht, weit
reichhaltiger als diejenigen, welche durch die römischen Geographen auf
uns gekommen sind. So nennt Ptolemäos viele Städte, Flüsse und Berge
der Insel Ceylon (Taprobane), von der Plinius kaum etwas zu erzählen
weiß. Ptolemäos kennt auch die Sundainseln. Vorderindien ist ihm so gut
bekannt, daß er von 39 Orten nicht nur die Lage, sondern auch die Dauer
des längsten Tages nach genaueren Beobachtungen angibt. Die Flüsse und
Berge Indiens, die er nennt, sind den Europäern bis ins 16. Jahrhundert
hinein unbekannt geblieben.
Die geographischen Kenntnisse der Phönizier, auf denen Ptolemäos fußte,
erstreckten sich also keineswegs nur auf die Meere und die Küsten, sondern
auch auf das Innere der Kontinente. Sogar der Weg über Land vom Euphrat
über Baktrien und ein hohes Gebirge, das sich bis nach China erstrecke,
wird beschrieben606.

Weitere Fortschritte der Physik.

Wir haben die Fortschritte, welche die Astronomie und die mit ihr
emporblühende Geographie in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten
erlebten, als die wichtigsten wissenschaftlichen Ereignisse an die Spitze
dieses Zeitraumes gestellt. Es gilt jetzt, der Naturlehre und der
Naturbeschreibung, die weniger hervortreten, eine kurze Darstellung zu
widmen. Die Mechanik hatte in der vorchristlichen Zeit in Archimedes
und in Heron ihren Höhepunkt erreicht. Als ihr Hauptvertreter während des
jetzt zu schildernden Zeitraumes ist der Alexandriner Pappos zu nennen,
der sich auch um die Weiterbildung der Mathematik verdient gemacht hat.
Pappos lebte gegen das Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Sein auf uns
gekommenes Werk besteht aus 8 Büchern und führt den Namen »Die
Sammlung«607. Besonders das letzte Buch bringt geometrisch begründete
Lehren der Mechanik, wie die Lehre vom Schwerpunkt und von der
schiefen Ebene. Es behandelt auch die Aufgabe, eine gegebene Last durch
eine gegebene Kraft mit Hilfe von Zahnrädern zu bewegen, deren

Page 256

Durchmesser in gewissen Verhältnissen stehen. Das 7. Buch des Pappos
enthält jenen wichtigen Satz, der unter dem Namen der Guldinschen Regel
erst im 17. Jahrhundert wieder allgemeiner bekannt wurde, den Satz
nämlich, daß der Inhalt eines Rotationskörpers gleich dem Produkt aus der
rotierenden Fläche und dem Wege ihres Schwerpunktes ist. Erwähnt sei
ferner noch, daß sich bei Pappos in solch ausgedehntem Maße die
Verwendung von Buchstaben zur Bezeichnung allgemeiner Zahlen findet,
wie bei keinem Schriftsteller vor ihm, so daß uns bei Pappos schon die
Elemente der Buchstabenrechnung begegnen.
Von der Förderung der Optik und der Akustik während der ersten Blütezeit
der alexandrinischen Schule wurde an früherer Stelle gehandelt.
Bemerkenswert ist, daß die Optik auch während der zweiten Blütezeit
erheblich gefördert wurde. Und zwar geschah dies durch denselben
Ptolemäos, dessen Verdienste auf dem Gebiete der Astronomie und der
Geographie wir soeben als so hervorragend anerkannt haben608. Wir finden
nämlich bei Ptolemäos einen der merkwürdigsten Ansätze zu der dem
Altertum im übrigen nur wenig geläufigen induktiven Behandlung einer
physikalischen Erscheinung.
Es handelt sich um die Ablenkung, die ein Lichtstrahl beim Übergange aus
einem Mittel in ein zweites von anderer Dichte erfährt, während das Licht
sich in ein- und derselben Substanz geradlinig fortpflanzt. Selbst der
frühesten Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß diese Brechung um so
größer ist, je schräger das Licht die Grenzfläche zwischen beiden Mitteln
trifft. Der erste Schritt auf dem Wege des induktiven Verfahrens mußte
darin bestehen, daß man die Erscheinung messend verfolgte und für eine
Reihe von Einfallswinkeln die Größe der entsprechenden Brechungswinkel
durch den Versuch bestimmte. Letzteres geschah durch Ptolemäos. Mit
einem für diesen Zweck verfertigten Werkzeug maß er für die
Einfallswinkel von 10°, 20°, 30° usw. die zugehörigen Brechungswinkel.
Sein Apparat bestand aus einer Scheibe, die in Grade geteilt war und bis
zum Mittelpunkt in Wasser tauchte (Abb. 47). Das Verfahren war folgendes:
Ein Lichtstrahl BC wurde durch eine Marke B des über dem Wasserspiegel
MN befindlichen Scheibenstückes nach dem Mittelpunkte C der Scheibe
geleitet. An dieser Stelle fand beim Eintritt in das Wasser die Brechung
statt. Der gebrochene Strahl CD setzte seinen Weg unter Wasser fort, bis er
den Umfang der Scheibe in einem auf der Gradeinteilung abzulesenden

Page 257

Punkt D wieder traf. Die Werte, welche Ptolemäos auf solche Weise
erhielt, sind in folgender Tabelle zusammengestellt:
Einfallswinkel (α) Brechungswinkel (β)
10° 8° (statt 7° 29')
20° 15° 30' ( » 14° 51')
30° 22° 30' (» 22° –)
40° 29° ( » 28° 49')
50° 35° ( » 34° 3')
60° 40° 30' ( » 40° 30')
70° 45° 50' ( » 44° 48')
80° 50° ( » 47° 36')

Abb. 47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel.

Der Brechungsexponent für den Übergang des Lichtes aus Luft in Wasser
ergibt sich daraus gleich 1,31, während dieser Wert nach neueren
Messungen 1,33 beträgt609. Das Ergebnis war also im Hinblick auf die Art
des Verfahrens recht genau, ein Beweis, daß eins der wichtigsten
Erfordernisse der exakten Forschung, die Schärfe der Messung nämlich,
dem Ptolemäos nicht mangelte.
Ptolemäos benutzte sein Ergebnis auch zur Erklärung einer
astronomischen Erscheinung. Er schloß nämlich, daß der Lichtstrahl auch
beim Durchgange durch die Atmosphäre eine Brechung erleidet, die vom
Zenith nach dem Horizont allmählich zunimmt und unter dem Namen der

Page 258

atmosphärischen Refraktion bekannt ist. Diese Refraktion machte sich ihm
z. B. dadurch bemerklich, daß er die Poldistanz eines Gestirnes beim Auf-
und Untergang kleiner fand als zur Zeit der oberen Kulmination.
Nach dem Messen besteht der nächste Schritt auf dem Wege des induktiven
Verfahrens in dem Auffinden einer gesetzmäßigen Beziehung zwischen den
gegebenen und den gefundenen Größen. Ptolemäos hat auch diesen Schritt
auf dem Gebiete der Physik zu machen versucht. Wenn es ihm auch nicht
gelang, die gefundenen Beziehungen auf einen mathematischen Ausdruck
zurückzuführen, so sprach er doch das Grundgesetz der Dioptrik dahin aus,
daß der Lichtstrahl beim Übergänge aus einem dünneren in ein dichteres
Mittel zum Einfallslote hin gebrochen wird. Er findet es sogar
wahrscheinlich, daß für je zwei Stoffe stets ein bestimmtes Verhältnis
zwischen dem Einfalls- und Brechungswinkel obwaltet.
Nachdem das Problem der Brechung soweit gefördert war, hat es lange
geruht. Zwar beschäftigte es die gerade auf dem Gebiete der Optik sehr
tätigen Araber610. Doch gelangten diese nicht wesentlich über Ptolemäos
hinaus. Auch Johann Kepler hat sich damit befaßt, indem er nach einem
später zu beschreibenden Verfahren Messungen über die Brechung anstellte
und den Begriff des Grenzwinkels einführte. Seine Lösung fand das
Problem indes erst im 17. Jahrhundert durch Snellius, den wir als den
Entdecker des Brechungsgesetzes kennen lernen werden.
Erwähnung verdient auch des Damianos Schrift über die Optik611. Über die
Lebensumstände Damians ist nichts Näheres bekannt. Seine Schrift über
die Optik ist jedenfalls später als diejenige des Ptolemäos verfaßt.
Eigentümlich ist die Begründung, welche Damian über die optischen
Ansichten der Griechen bringt. Es sollen hier deshalb einige Stellen in
freier Übersetzung Platz finden:
»Die Gestalt unserer Augen, die nicht wie die übrigen Sinneswerkzeuge
hohl und dadurch für die Aufnahme von irgend etwas eingerichtet, sondern
kugelförmig sind, beweist, daß eine Ausstrahlung von uns ausgeht. Daß
diese Ausstrahlung Licht ist, das zeigen die von den Augen aufleuchtenden
Blitze. Bei den Nachttieren erscheinen die Augen bei Nacht sogar
leuchtend. Noch deutlicher wird diese Ansicht, wenn wir die Gleichartigkeit
unseres Sehorgans mit der Sonne dargelegt haben werden.

Page 259

Da die Sehstrahlen, die von unserem Auge ausgehen, möglichst schnell zu
dem sichtbaren Gegenstande gelangen sollen, so müssen sie sich in gerader
Linie bewegen. Und ferner, wenn sie davon möglichst viel erfassen sollen,
werden sie in Kreisform darauf losgehen. Denn alles was den lebenden
Wesen nützlich ist, pflegt die Natur zu tun. Um die sichtbaren Gegenstände
in Kreisform zu treffen, müssen die Sehstrahlen entweder die Gestalt eines
Zylinders oder eines Kegels haben. Ein Zylinder kann nicht in Betracht
kommen, weil dann nicht Gegenstände erfaßt werden könnten, die größer
als das Auge sind. Die Sehstrahlen haben daher die Gestalt eines Kegels.
Die geradlinige Fortbewegung des Sehstrahls, seine Zurückwerfung und
seine in große Entfernung reichende und zeitlos sich vollziehende
Fortbewegung: Dies alles kann man auch an den Sonnenstrahlen
beobachten. Auch vermag unser Sehstrahl durch diejenigen Gegenstände,
durch welche die Sonnenstrahlen hindurchdringen, wie Glas und Wasser,
gleichfalls seinen Weg zu nehmen.«
Nach der Betrachtung der Fortschritte, die sich besonders unter der
Mitwirkung des Ptolemäos auf dem Gebiete der Astronomie, der
Geographie und der Physik vollzogen, wollen wir uns in großen Zügen den
Besitz vergegenwärtigen, über den das Altertum während der römisch-
alexandrinischen Periode in den übrigen Zweigen der Naturwissenschaften
verfügte.
Während die Mechanik, die Optik und die Akustik ihre Grundlagen
erhielten, blieb man auf den Gebieten der Wärme, des Magnetismus und der
Elektrizität bei einigen rohen Beobachtungen und dunklen Deutungen
stehen. Der Magnetstein und seine Eigenschaft, das Eisen anzuziehen,
waren schon dem frühesten griechischen Altertum bekannt. Da man der
Seele das Vermögen, etwas zu bewegen, zuschrieb, glaubte man, daß der
Magnet, ähnlich wie das Tier und die Pflanze, beseelt sei612.
Auch die Eigenschaft des Magneten, durch andere Stoffe hindurch zu
wirken, konnte nicht lange verborgen bleiben. So erzählt Lukrez, der in
seinem Werke »De rerum natura« die magnetischen Erscheinungen mit
behaglicher Breite schildert: »Ich sah eiserne Spän' aufkochen und wallen
in ehernen Schalen, wenn der magnetische Stein denselbigen untergelegt
ward«613. Auch die bei Uneingeweihten das größte Staunen erregenden,
schon Platon bekannten Ketten, welche aus eisernen, magnetisch

Page 260

gemachten Ringen bestanden, die nicht ineinander griffen, sondern sich nur
berührten, beschreibt Lukrez. Er wagt sich sogar an eine Erklärung der
magnetischen Erscheinungen. Wie von manchen Körpern, so sollen auch
vom Magneten Teilchen ausströmen, welche die benachbarte Luft
zurückdrängen. Infolgedessen »stürzen urplötzlich des Eisens Stoffe sich
hin nach dem Leeren, und also geschieht es«614. Daß der Magnet zwei Pole
besitzt, und zwischen diesen eine Indifferenzzone liegt, scheint den Alten
entgangen zu sein615. Auch die Richtkraft kannten sie nicht, während die
Chinesen mit ihr schon vor Beginn unserer Zeitrechnung vertraut waren.
Die Grunderscheinung der Reibungselektrizität ist den alten Völkern
jedenfalls bekannt geworden, sobald sie durch den Handel in den Besitz des
Bernsteins gelangten, da dieser in besonders auffallender Weise nach dem
Reiben leichte Körperchen anzieht. So sagt Plinius: »Übrigens zieht
Bernstein, wenn er durch Reiben mit den Fingern Lebenswärme erhalten
hat, trockene Blätter, Spreu und Bast gerade so an wie der Magnet das
Eisen«616. Den Bernstein nannten die Alten Elektrum. Aus diesem Worte ist
die Bezeichnung »Elektrizität« für die am Bernstein zuerst beobachtete
Eigenschaft entstanden.
Auch an anderen Stoffen scheinen die Alten jene Eigenschaft gelegentlich
bemerkt zu haben617, doch ahnten sie keinen Zusammenhang zwischen ihr
und dem Gewitter. Zwar erblickten die Philosophen in dem Blitz und dem
Donner nicht mehr, wie das in den Anschauungen einer heidnischen
Naturreligion befangene Volk, das Geschoß und die Stimme des Zeus. Man
war aber auch noch weit entfernt von einer richtigen Deutung der
Erscheinung. Anaximander z. B. hielt den Blitz für die in den Wolken
verdichtete Luft, die plötzlich mit Geräusch hervorbreche.
Plinius spricht vom Blitz und vom Donner mit folgenden Worten: »Bricht
der Wind aus einer größeren Höhlung einer herabgedrückten Wolke hervor,
so nennt man ihn Orkan. Hat sich der Wind in dem Augenblicke, in dem er
die Wolke durchbrach, entzündet, so ist er ein Blitz. Daß man den Blitz eher
sieht, als man den Donner hört, obgleich sie zugleich entstehen, ist gewiß
nicht zu verwundern, da das Licht schneller ist als der Schall. Blitz und
Donner erfolgen gleichzeitig, so hat es die Natur geordnet«618.
Auch mit den stillen elektrischen Entladungen, die man als Elmsfeuer
bezeichnet, waren die Alten wohl bekannt. Plinius beschreibt die

Page 261

Erscheinung folgendermaßen: »Es entstehen sogar auch Sterne zu Wasser
und zu Lande. Ich selbst sah bei dem nächtlichen Wachtdienst der Soldaten
auf den Speeren außerhalb des Walles einen Lichtschein von dieser Gestalt
haften. Auch auf die Rahen und andere Teile der Schiffe setzen sich
dergleichen Sterne mit einem eigentümlichen, vernehmbaren Ton, wobei
sie, wie Vögel, ihren Sitz oft wechseln«619.
Aus manchen Literaturstellen und antiken Einrichtungen (vergoldete
Spitzen von Tempeln, mit Kupfer beschlagene Stangen) glaubte man
schließen zu dürfen, daß die alten Völker schon Blitzableiter verwendet
hätten. Aus der Kritik des vorhandenen Materials ergibt sich jedoch, daß
von einer bewußten Anwendung von Blitzableitern vor Benjamin
Franklin nicht die Rede sein kann620.
Auch das Phänomen der tierischen Elektrizität war den Alten wohl bekannt.
Es entzog sich aber gleichfalls ihrer Einsicht. Gelang doch eine Erklärung
der atmosphärischen Erscheinungen aus den Gesetzen der
Reibungselektrizität erst im 18. Jahrhundert, während ein Verständnis der
Gesetze der tierischen Elektrizität erst in der neuesten Periode, nach der
Entdeckung des Galvanismus, anbrach. »Dem Zitterrochen steht ein
gefährliches Gift zu Gebote«, schreibt der griechische Verfasser eines im 2.
Jahrhundert n. Chr. entstandenen Werkes621, »von Natur ist er schwach und
so langsam, daß es aussieht, als könne er nur kriechen. Er besitzt auf jeder
Seite ein Gewebe, das denjenigen, der es berührt, sogleich jeder Kraft
beraubt, sein Blut erstarren macht und seine Glieder lähmt.« Plinius ahnt
schon, daß man es hier mit einem Vorgang ganz eigener Art zu tun hat,
wenn er sagt622: »Der Zitterrochen lähmt selbst aus der Ferne, sobald er nur
mit der Lanze berührt wird, den stärksten Arm. Man ersieht daraus, daß es
unsichtbare Kräfte gibt.« Daß auch der menschliche Körper wie die Lanze
diese eigentümliche Wirkung fortzuleiten vermag, ist zwar eine Entdeckung
der neueren Zeit, doch erwähnt ein anderer Schriftsteller des Altertums, daß
schon Erschütterung eintritt, wenn man Wasser aus einem Gefäß, in dem
sich ein Zitterrochen befindet, auf die Hand oder den Fuß gieße623.
Die Heilkunde versäumte nicht, aus dieser merkwürdigen Erscheinung
Nutzen zu ziehen. So finden wir bei Galen berichtet, daß er einem an
Kopfschmerzen leidenden Menschen einen lebenden Zitterrochen genähert,
und daß dieser sich als schmerzstillendes Mittel erwiesen habe624. Avicenna

Page 262

(Ibn Sina), der arabische Bearbeiter der Schriften Galens, wiederholt
diese Angabe.

Die Anfänge der Chemie.

Erfreute sich die Physik im Altertum wenigstens auf einigen ihrer Gebiete
schon einer wissenschaftlichen Behandlung, so war dies bezüglich der
Chemie noch nicht der Fall. Hier konnte ein Einblick in das Wesen der
Erscheinungen nur auf Grund zahlreicher, zielbewußter Versuche erlangt
werden, und einer solchen Forschungsrichtung erwies sich die ältere
Periode wenig geneigt. Was wir über die Anfänge der Chemie berichten
können, ist, daß man durch die Heilkunde und durch die Gewerbe,
insbesondere den Hüttenbetrieb, allmählich mit einer Anzahl von
chemischen Vorgängen bekannt wurde, ohne daß es gelang, eine
Verknüpfung dieser Vorgänge unter sich oder mit anderen Gruppen von
Erscheinungen zu finden. Alle Erklärungen, die man für die stofflichen
Veränderungen aufstellte, hatten nur den Wert bloßer Philosopheme, zu
deren Prüfung man noch keine Mittel besaß.
Den größten Einfluß auf die weitere Beschäftigung mit chemischen Dingen
hat wohl jene Lehre gehabt, welche die Welt auf einen einzigen Urstoff
zurückführte, der sich den Sinnen in vier Erscheinungsformen, als Feuer,
Erde, Luft und Wasser, offenbaren sollte. Im Einklang mit dieser Lehre
stand auch das gegen den Ausgang des Altertums auftretende Bestreben,
unedle Metalle in edle zu verwandeln, ein Problem, das während des
ganzen Mittelalters als Ziel und Zweck der Chemie betrachtet wurde.
Die Kenntnis und die Verwendung der Metalle war im Altertum schon eine
recht ausgedehnte. Blei z. B., das gleich dem Eisen sich nur selten als
solches findet und aus Bleiglanz dargestellt wurde, fand schon im alten
Rom zu Wasserleitungsröhren Verwendung. Zinn und Zink waren nicht in
reinem Zustande, sondern nur als Bestandteile von Legierungen bekannt.
Diese wurden erhalten, indem man Zinnstein oder den zinkhaltigen Galmei
den Kupfererzen bei ihrer Verhüttung zusetzte. Auch die Gewinnung des
Quecksilbers durch Erhitzen von Zinnober mit Eisen war schon dem
Altertum geläufig.

Page 263

Die Darstellung von chemischen Präparaten, soweit sie nicht durch bloße
Oxydation entstehen, war kaum möglich, so lange man sich nicht im
Besitze der Mineralsäuren befand. Mit ihrer Darstellung waren die Alten
jedoch noch nicht vertraut. Die einzige ihnen bekannte Säure war eine
organische, die Essigsäure.
Die Tatsache, daß Marmor und Kalkstein beim Glühen eine neue Substanz
liefern, die, mit Wasser in Verbindung gebracht, ein vorzügliches
Baumaterial abgibt, wußte man indes wohl zu verwerten. In der späteren
Römerzeit finden wir auch Zement in Anwendung, ohne den manches
gewaltige Bauwerk nicht ausführbar gewesen wäre. Auch daß der gebrannte
Kalk die Soda ätzender macht, war schon im Altertum bekannt625. Dagegen
blieb die chemische Natur gasförmiger Substanzen in Dunkel gehüllt. Zwar
bemerkte man, daß bei der Gärung und an manchen Stellen der Erde ein
Gas auftritt, das zur Atmung nicht geeignet ist. Es kam jedoch niemandem
in den Sinn, in dieser Luftart ein von der natürlichen Luft verschiedenes
Gas zu erkennen.
Einen gewaltigen Anstoß zur Beschäftigung mit stofflichen Veränderungen
rief der Gedanke hervor, durch geeignete Behandlung könne aus unedlen
Metallen Edelmetall gewonnen werden. Eine gewissermaßen theoretische
Grundlage fand dieses Streben in den Lehren des Platon und des
Aristoteles. Das alchemistische Problem begegnet uns schon in den ersten
Jahrhunderten n. Chr. in Ägypten bei Gelehrten der alexandrinischen
Schule. Es stützte sich auf die, während einer langen vorhergehenden
Periode rein empirisch erworbenen, nicht unbeträchtlichen Kenntnisse über
die Metalle, ihre Gewinnung und ihre wichtigsten Legierungen.
Auch für die Folgezeit kann man wohl sagen, daß die Geschichte der
Alchemie und diejenige der Metallurgie im wesentlichen zusammenfallen626.
Die Ägypter unterschieden nach Lepsius in ihren Inschriften acht
mineralische Erzeugnisse, die sie für besonders wertvoll hielten. Es waren
vor allem das Gold, die als Elektrum bezeichnete Legierung von Gold und
Silber, das Silber und der Lapis lazuli.
Bei den ersten Alchemisten spielte das Blei eine große Rolle. Da man aus
dem Rohblei Silber abzuscheiden vermochte, glaubte man, das Blei sei für
die Erzeugung von anderen Metallen hervorragend geeignet. Zinn findet
sich zwar in den Bronzen der alten Ägypter. Wahrscheinlich kannten sie das

Page 264

reine Zinn aber nicht627. Auch das Quecksilber, das seiner merkwürdigen
Eigenschaften wegen bei den Alchemisten die größte Rolle spielte, war den
alten Ägyptern wohl noch nicht bekannt. Es kam erst bei den Griechen und
Römern in Gebrauch. Plinius nennt es eine beständige Flüssigkeit und ein
Gift für alles628.
Nachdem durch lange Zeiträume chemische, vor allem metallurgische
Einzelkenntnisse gesammelt waren, begegnet uns bald nach Beginn der
christlichen Zeitrechnung die bestimmte, als Alchemie bezeichnete
Richtung, deren Ziel die Umwandlung unedler Stoffe in edle Metalle war.
Die älteste ägyptische Handschrift, die uns davon Kenntnis gibt, stammt aus
dem 3. Jahrhundert n. Chr. Die Alchemie tritt uns darin in Verbindung mit
der Astrologie entgegen. Darauf deutet auch hin, daß dem Gold die Sonne,
dem Silber der Mond und den übrigen Metallen die Planeten entsprachen.
Aus der Beobachtung, daß man durch Zusammenschmelzen unedler
Metalle dem Golde und dem Silber ähnliche Legierungen erhält, daß aus
Rohblei durch geeignete Behandlung wirkliches Silber und aus Amalgam
Gold abgeschieden werden kann, hatte sich nämlich die Annahme von der
Möglichkeit, unedle Metalle in edle zu verwandeln, gebildet. Bei dem
Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß hielt man die genannten
Vorgänge für wirkliche Umwandlungen der Stoffe. Da man nun durch
Verbesserung der hüttenmännischen Betriebe eine größere Ausbeute
erzielte, so lag der Gedanke nahe, ob nicht durch geeignete Behandlung das
gesamte Rohmaterial in edles Metall verwandelt werden könne. Die
Periode, in welcher die Erforschung stofflicher Veränderungen von diesem
Bestreben geleitet wurde, hat man als das Zeitalter der Alchemie
bezeichnet.
Die ersten alchemistischen Regungen begegneten uns schon bei den
Alexandrinern. Aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert sind nämlich
Schriften alexandrinischen Ursprungs bekannt geworden, die sich mit dem
Problem der Metallveredelung beschäftigen629. Von den Gelehrten des
unterjochten Ägyptens und den nestorianischen Schulen Vorderasiens ging
zweifelsohne für die Araber der Antrieb aus, sich mit dem gleichen Problem
zu befassen. Schon das Wort Chemie deutet vielleicht darauf hin. Es ist
nämlich gleichlautend mit einer alten Benennung Ägyptens. Wie Plutarch
berichtet, haben die Bewohner dieses Land der schwarzen Farbe seines

Page 265

Erdreichs wegen chêmi genannt. Auch die Bezeichnung »schwarze Kunst«
würde dadurch vielleicht ihre Erklärung finden.
Nach neueren philologischen Untersuchungen ist diese Ableitung
zweifelhaft geworden. Man ist heute geneigt, mit Zosimos, einem
alchemistischen Schriftsteller des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, das
Wort Chemie von Chemes abzuleiten, den Zosimos als den Verfasser des
ersten chemischen Buches bezeichnet. Eine dritte Auffassung geht dahin,
daß das Wort χύμα, welches »Metallguß« bedeutet, das Stammwort für
»Chemie« sei630. Bei diesem Stande der ganzen Frage wird man sich also
wohl dahin entscheiden müssen, daß der Ursprung des Wortes Chemie
völlig dunkel ist.
Die alexandrinischen Gelehrten, sowie auch später die Araber, die sich mit
chemischen Vorgängen befaßten, ließen sich in ihren Anschauungen von
den Theorien leiten, die Platon und Aristoteles über die Natur der
Materie entwickelt hatten.
Die praktische Grundlage, auf der sich die Alchemie erhob, war neben der
hüttenmännischen Gewinnung der Metalle, vor allem die Verarbeitung der
Edelmetalle zu Schmuckgegenständen. In dieser Industrie regte sich seit
den frühesten Zeiten das Bestreben, Minderwertiges an die Stelle von
Wertvollem zu setzen und auf diese Weise den Käufer zu übervorteilen.
Man erreichte dies entweder dadurch, daß man dem Golde und dem Silber
andere Metalle beimengte oder daß man Metalle und Legierungen
oberflächlich färbte, um ihnen ein dem Golde oder dem Silber ähnliches
Aussehen zu verleihen. Als ein Mittel dieser Art diente zum Beispiel die
Verbindung des Arsens mit dem Schwefel, die in der Mineralogie noch
heute den Namen Auripigment führt. Auch das Quecksilber, mit dem man
in Kleinasien und durch den von den Karthagern in Spanien betriebenen
Bergbau bekannt wurde, fand zur Herstellung von Legierungen und
oberflächlichen Veränderungen schon lange vor dem Beginn der
christlichen Zeitrechnung Verwendung. Wenn man all diese Praktiken, an
die sich bald gewisse Vorstellungen und Spekulationen anschlossen, schon
mit dem Namen Chemie belegen will, so geht die chemische Wissenschaft
in ihren Anfängen bis tief ins Altertum zurück. Das Bekanntwerden mit
Stoffen, welche die Metalle oberflächlich veränderten, führte ganz von
selbst zum Suchen nach einem, die gewünschten Veränderungen
hervorrufenden Universalmittel. So entstand die Lehre vom »Stein der

Page 266

Weisen«, dem man, ohne ihn gefunden zu haben, später immer neue
Wirkungen beilegte, insbesondere diejenige, Krankheiten zu heilen und das
Leben zu verlängern631.
Eine wichtige Rolle spielte bei jenen Veränderungen das Quecksilber. Es ist
begreiflich, daß ein so sonderbares Metall bei seiner Entdeckung angestaunt
wurde und die Phantasie erregte. Welch universelle Bedeutung man dem
Quecksilber zuschrieb, beweist die Stelle eines Briefes aus dem 4.
nachchristlichen Jahrhundert632. Sie lautet: »Was ich lernen möchte, lehre es
mich. Das ist das Werk, das Du kannst, die Transmutation. Das Quecksilber
nimmt doch auf jede Art das Aussehen aller Körper an. Es bleicht alle
Körper und zieht ihre Seelen an, nimmt sie durch Sieden in sich und
bemächtigt sich ihrer. Ist es doch dazu geeignet, weil es in sich selbst die
Prinzipien alles Flüssigen enthält. Wenn es die Transmutation durchgemacht
hat, bereitet es alle Farbenwechsel vor. Es bildet den feststehenden Grund,
während doch die Farben keine eigentliche Grundlage haben. Das
Quecksilber wird, indem es seinen eigenen Grund verliert, ein
abänderungsfähiges Etwas, und zwar abänderungsfähig durch die auf die
metallischen Körper ausgeübten Behandlungen.«
Die hellenistischen Schriftsteller nennen als den Begründer der Alchemie
den Hermes Trismegistos (den Dreimalgrößten)633. Es ist das eine
durchaus mystische, auch wohl mit einem der ägyptischen Hauptgötter
(Ptah, Thot) identifizierte Persönlichkeit. Dem Hermes wurden zahllose
Werke (20000 und mehr) zugeschrieben. Ausdrücke wie hermetische Kunst,
hermetischer Verschluß, hermetische Bücher erinnern noch heute an ihn.
Auch Tafeln wurden auf Hermes zurückgeführt. Unter ihnen trug die
berühmteste die Überschrift: De operatione solis, d. h. vom Machen der
Sonne (des Goldes). Von dem mystischen Inhalt dieser im Mittelalter
hochgeschätzten Tafel geben folgende Zeilen eine Vorstellung: »Wie alle
Dinge wurden aus Einem, so sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen
Dinge. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es
in seinem Bauche. Seine Nährerin ist die Erde. Du scheide das Erdige vom
Feurigen, die dunstartigen Teile von den dichten, so gewinnst du das
Rühmlichste der ganzen Welt«634.
Bestimmtere, wenn auch nur spärliche Überreste werden auf einen
alexandrinischen Schriftsteller namens Zosimos zurückgeführt. Er war in
Panopolis (Oberägypten) geboren und lebte um 300 n. Chr. Zosimos ist

Page 267

ohne Zweifel auf die Entwicklung der Alchemie von großem Einfluß
gewesen. In einem umfangreichen Werke stellte er die Kenntnisse seiner
Vorgänger und seine eigenen Erfahrungen zusammen. Doch handelt es sich
zumeist um kaum verständliche, in mystischen Ausdrücken niedergelegte
Rezepte. Nach Zosimos waren diese Rezepte in Ägypten entstanden. Sie
befanden sich im Besitz der Priesterschaft und wurden auf das strengste
geheimgehalten. Wer in die alchemistische Kunst eindringen wollte, mußte
eine Reihe von sittlichen Vorbedingungen erfüllen. Er mußte reinen Sinnes
und frei von Habgier sein. Er mußte sich ferner aus tiefster Seele in seinen
Gegenstand versenken können635. Erfolg hatte nur, wer nach Erkenntnis
strebte, nicht aber der Ungelehrte oder gar derjenige, der von unlauterer
Gesinnung erfüllt war. Eine weitere Vorbedingung bestand darin, daß man
»die richtige Zeit und die glücklichen Augenblicke« wählte. Um sie
herbeizuführen, waren nicht nur Beschwörungen, Zaubermittel und Gebete,
sondern auch die Mitwirkung der Planeten erforderlich.

Abb. 48. Von Zosimos geschilderter Destillierapparat.

Jene Werke des Zosimos, die in Bruchstücken durch syrische Manuskripte
bekannt geworden sind, enthalten manches über die von den Alchemisten
benutzten Apparate, wie Öfen, Destilliervorrichtungen usw.
Was die planetarischen Einflüsse betrifft, so stützt sich Zosimos besonders
auf Hermes Trismegistos. Die wirksamste Sphäre sollte diejenige des
Merkur sein, weil der Schattenkegel der Erde gerade bis zu ihm reiche636.

Page 268

An einer Stelle beschreibt Zosimos, wie sich erhitztes Quecksilber und
Schwefel zu Zinnober vereinigen, der zunächst eine schwarze Masse bilde,
die erst beim Sublimieren rot werde. Wird Zinnober mit gewissen Zutaten
in einem geschlossenen Gefäß erhitzt, so steigt aus dem Zinnober das
Quecksilber als »Silberwasser« oder »göttliches Wasser« empor. Es ist ein
furchtbar giftiges, in der Hitze nicht festzuhaltendes Pneuma, das beim
Abkühlen seinen »flüchtigen Schwung« verliert und sich an dem Deckel
des Gefäßes in Form von Tropfen festsetzt637.
Die von Zosimos im Anschluß an Hermes entwickelte Lehre von dem
Einfluß der Planeten auf das Gelingen des »heiligen Werkes« findet sich im
5. Jahrhundert bei dem Neuplatoniker Olympiodor zu einem System
entwickelt638. Er schrieb nämlich jedes von den sieben Metallen den den
Alten gleichfalls nur in der heiligen Siebenzahl bekannten Planeten zu. Das
Gold entsprach bei ihm der Sonne, das

Silber dem Monde,
Kupfer der Venus,
Eisen dem Mars,
Zinn dem Jupiter,
Quecksilber dem Merkur,
Blei dem Saturn.

Das Gestirn sowie das entsprechende Metall erhielten dasselbe Zeichen639.
Diese mystischen Beziehungen zwischen der Alchemie und der Astrologie
wurden später von den Arabern mit Vorliebe weiter gepflegt.
Man hat sich bemüht, durch archäologische Nachforschungen in Ägypten
Stätten nachzuweisen, wo man chemische Prozesse ausübte, sozusagen die
Laboratorien jenes ersten alchemistischen Zeitalters und die in diesen
Stätten zur Anwendung kommenden Gerätschaften. Der Erfolg ist bisher
nur ein geringer gewesen. So beschreibt Berthelot nach den Angaben
Masperos eine Stätte, die an eine Grabkammer stößt und die, nach allen
Anzeichen zu urteilen, während des 6. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung
als Laboratorium gedient hat. Die Wände jener Stätte waren angeräuchert,
und am Boden befand sich ein Herd aus Bronze und allerlei Gerät aus
Bronze, Alabaster und anderen Mineralien.

Page 269

Unter den noch vorhandenen Überresten der alchemistischen Literatur sind
vor allem die Schriften, die fälschlich unter dem Namen Demokrits gehen,
und zwei in Theben in Ägypten aufgefundene Papyrusurkunden zu nennen.
Das Werk des Pseudo-Demokrit ist ursprünglich wohl um 200 v. Chr. in
Ägypten entstanden; es enthielt eine Zusammenfassung des gesamten
chemisch-technischen Wissens jener Zeit640, aber noch nicht Alchemistisches
(nach v. Lippmann). Unter den aus dieser Quelle stammenden
Bearbeitungen ist vor allem ein umfangreiches Werk zu nennen, das sich
»Demokrits Physik und Mystik« betitelt. Was davon auf uns gekommen ist,
erweist sich als lückenhaft und entstellt. Der Neuzeit wurden die pseudo-
demokritischen Lehren genauer erst im 16. Jahrhundert bekannt641.
Aus den erhaltenen Fragmenten geht hervor, daß »Demokrits Physik und
Mystik« besonders über Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Purpur
handelte. Ein Beispiel möge uns einen Begriff von dem Inhalt geben. Es
lautet642: »Nimm Quecksilber, fixiere es mit Magnesia. Wirf die weiße Erde
auf Kupfer. Wirfst du gelbes Silber darauf, so erhältst du Gold. Die Natur
besiegt die Natur.«
Der demokritische Spruch:
Eine Natur vergewaltigt die andere,
Eine Natur besiegt die andere

ist für die Goldmacherkunst durch alle Jahrhunderte das Leitwort geblieben.
Ein ganz neues Licht haben die Papyrusfunde der thebanischen
Ausgrabungen auf die Vorgeschichte der Alchemie geworfen. Diese Funde
wurden 1828 beim Aufdecken eines Grabes gemacht. Sie gelangten mit
zahlreichen anderen Papyrusrollen nach Europa, fanden aber erst
neuerdings Beachtung. Die in Leyden befindliche Urkunde wurde 1885 und
die Stockholmer 1913 veröffentlicht. Beide Papyri stammen aus dem 3.
Jahrhundert n. Chr. und enthalten im wesentlichen Vorschriften, welche die
Verfälschung der edlen Metalle, das Färben mit Purpur und Waid (Isatis
tinctoria), sowie die Edelsteine und Perlen betreffen. So enthält der
Stockholmer Papyrus Anweisungen, den Perlen den verloren gegangenen
Glanz wiederzugeben. Andere Vorschriften betreffen die Anfertigung von
Perlen aus Glimmer und anderem minderwertigen Material. Sie werden als
»besser als die echten« angepriesen.

Page 270

Abb. 49. Eine Probe aus dem Stockholmer Papyrus.

Von der Herstellung goldähnlicher Legierungen handeln Rezepte, denen
nachgerühmt wird, daß selbst Fachmänner über die Herkunft des
Erzeugnisses getäuscht würden643. Die erste Seite des berühmten
Stockholmer Papyrus ist in Abb. 49 teilweise wiedergegeben. Sie betrifft,
wie aus der Überschrift hervorgeht, die Darstellung des Silbers (Ἀργύρου
ποίησις) und beginnt mit den Worten: χαλκόν τὸν Κύπριον τὸν ἤδη
εἰρκασμένος ...
Die Übersetzung der hier gebotenen Textprobe lautet folgendermaßen:
»Schön bearbeitetes und abgeputztes Kupfer tauche in ein scharfes
Alaunbad und laß es drei Tage darin erweichen. Dann schmilz es zusammen
mit einer Mine (= 43,6 g) Erz aus chiischer Erde, nachdem Du
kapadokisches Salz und kristallinischen Alaun zu 200 Drachmen644
beigemischt hast. Schmilz es sorgsam, und es wird kostbar sein. Dazu gib
nicht mehr als 20 Drachmen schönen und reinen Silbers; das wird die ganze
Mischung unlöslich erhalten.«
Den Ausgangspunkt für die Legierungen bildet meist das Kupfer. Es wird
durch Arsen-, Blei- oder Zinnverbindungen zu Silber geweißt (der Vorgang
wird λεύκωσις genannt). Die oberflächliche Vergoldung des Kupfers erfolgt
durch Quecksilber (Feuervergoldung). Auch die im Mittelalter wieder
anzutreffende Vorschrift, Blattgold in Eiweiß zu verteilen und mit dieser
Tinte Manuskripte anzufertigen, findet sich unter den Rezepten.
Wieder andere Abschnitte betreffen die Vermehrung (Verdoppelung,
Verdreifachung) des Silbers645.
Die Ausführungen über Farbstoffe und Färberei, die sich im Stockholmer
Papyrus befinden, lassen den hohen Stand erkennen, den die chemische
Technik dieser Gebiete schon im Altertum erreicht hatte. Die zum Färben

Page 271

bestimmte Wolle wird durch Waschen und Kochen unter Zusatz von
Seifenwurzel, Kalkwasser oder Sodalösung gereinigt. Dann wird die Wolle
gebeizt, wozu in der Hauptsache Alaun oder alaunhaltige Mineralien
genommen werden. Die Farbstoffe wie auch die übrigen Materialien
werden vor dem Gebrauch geprüft. Und zwar prüft man das Aussehen, das
Verhalten beim Zerreiben, zu Lösungsmitteln usw. Endlich folgt die
Auflösung, die Erzielung bestimmter Nuancen und das Färben selbst.
Gefärbt wird fast nur Wolle, und zwar mit syrischem Kermes (Scharlach),
Krapp, Schöllkraut und Purpur. Die Indigo enthaltende Waidpflanze diente
zum Blaufärben. Durch geeignete Mischungen von Waid und Kermes
erzielte man täuschende Nachahmungen von Purpur. Die betreffende
Vorschrift schließt mit den Worten: »Du wirst sehen, der Purpur wird
unbeschreiblich schön.«
Zu den wenigen Vorgängern, welche die Verfasser des Leydener und des
Stockholmer Papyrus flüchtig anführen, gehört auch der oben erwähnte
Pseudo-Demokritos.
Die Anfänge der Chemie lassen schon zwei Einflüsse erkennen, die ihre
Entwicklung bis in die neuere Zeit bestimmt haben. Es war dies erstens das
Bestreben, die entdeckten Tatsachen und ersonnenen Verfahrungsweisen
geheim zu halten, und zweitens die Verknüpfung dieses Gebietes mit Magie
und Mystik. Erklärlich wird dies daraus, daß die chemischen Vorgänge in
ganz besonderem Maße den Charakter des Rätselhaften und Wunderbaren
tragen und erst nach langem Forschen wissenschaftlich erfaßbar wurden.
Ferner handelte es sich um Gebiete, auf denen Gewinnsucht, Aberglaube
und Betrug seit alters eine große Rolle spielten. Begegnet uns doch die
Verwendung gold- und silberähnlicher Legierungen zu Zwecken der
Falschmünzerei schon im frühen Altertum.
Die Geheimhaltung der Vorschriften wird schon im Stockholmer Papyrus
verlangt und die so viel spätere Mappae clavicula stellt den Eid der
Geheimhaltung sogar an die Spitze. Durch die Geheimhaltung wollte der
Chemiker nicht nur seine Kenntnisse, sondern vor allem auch sich selbst
persönlich schützen. Drohten ihm doch Anfeindungen von der Kirche, von
den Regierenden und der besonders abergläubischen Masse. Wie die
Chemie seit den Tagen der Renaissance aus diesen Fesseln befreit und in
der Neuzeit zu einer führenden Stellung auf dem Gebiet der Wissenschaften

Page 272

und der Technik emporgehoben wurde, soll Gegenstand der späteren
Betrachtungen sein.

Der Übergang vom Altertum zum Mittelalter.

Mit der zweiten Blüteperiode der alexandrinischen Schule und dem mehr
kommentierenden Verhalten, das die Folgezeit den Naturwissenschaften
entgegenbrachte, ist die Entwicklung, welche diese Wissenschaften im
Altertum erfuhren, beendet. Es trat nunmehr eine lange Zeit des
Stillstandes, ja des Verlustes an manchem erworbenen Besitz ein, die sich
etwa mit demjenigen Zeitraum deckt, den man in der Weltgeschichte als das
Mittelalter bezeichnet. Erst im 13. Jahrhundert mehren sich, abgesehen von
vereinzelten, insbesondere bei den Syrern und den Arabern anzutreffenden
Bestrebungen, auf die wir näher eingehen werden, die Anzeichen, die auf
ein Wiederaufleben der Wissenschaften schließen lassen. Und erst,
nachdem man das Studium der alten Literatur auf allen Gebieten
aufgenommen, nachdem in Italien und den benachbarten Ländern im 15.
und 16. Jahrhundert die Kunst geblüht, nachdem endlich der geographische
Gesichtskreis sich über die ganze Erde ausgedehnt, sowie die allgemeine
Kultur sich beträchtlich gehoben hatte, sehen wir mit dem Anfange des 17.
Jahrhunderts eine neue Blüte der Naturwissenschaften anheben, welche
dem geistigen Leben der letztverflossenen Jahrhunderte den Stempel
aufgedrückt hat. Ja, dieser neue Aufschwung ist so eng mit der gesamten
Kultur unseres Zeitalters verknüpft, daß ein abermaliger Verfall der
Wissenschaften zugleich das Ende dieser Kultur bedeuten würde. Man hat
viel nach den Gründen der Erscheinung gesucht, daß die Wissenschaft und
die Kultur des Altertums untergegangen sind und das menschliche
Geschlecht während eines Zeitraums von tausend Jahren fast dem
Stillstande verfallen war. Ist doch unsere Zeit von dem Gefühl beherrscht,
daß sich die Menschheit auf der Bahn, die sie seit dem Ausgang des
Mittelalters eingeschlagen hat, in einem unaufhaltsamen Fortschritt zu
weiterer Erkenntnis und höherer Gesittung befindet. Ein wichtiger Grund,
der diesem Gefühle Sicherheit verleiht, besteht darin, daß die neuere
Wissenschaft eine gewaltige Technik ins Leben rief, wie sie das Altertum,
während dessen das gewerbliche Schaffen wesentlich auf der Stufe eines
noch nicht von wissenschaftlichen Grundsätzen durchdrungenen

Page 273

Handwerks verblieb, nicht kannte. Dadurch, daß sich in der Neuzeit der
Mensch auf dem Wege des experimentellen Verfahrens zum Herren der
Naturkräfte machte, erfuhr die Wissenschaft eine weit innigere
Verschmelzung mit der gesamten Kultur, als dies im Altertum der Fall
gewesen.
Es hat nicht an Verkleinerern der wissenschaftlichen Leistungen des
Altertums gefehlt646. Man darf jedoch nicht vergessen, daß im Altertum
mangels jedweder Vorarbeit überall erst die Grundlagen geschaffen werden
mußten. Mag man auch zugeben, daß die Alten auf den Gebieten der
Mathematik, der Dichtkunst und der Philosophie mehr leisteten als auf
demjenigen der Naturwissenschaften, so kann sie deshalb doch kein
Vorwurf treffen. Ihre Beobachtungen konnten nicht weiter gehen, als die
unbewaffneten Sinne reichen. Und das bloße Nachdenken auf Grund einer
nur oberflächlichen, nicht durch besondere Hilfsmittel geschärften
Beobachtung, sowie der Mangel einer induktiven Forschungsweise mußten
auf manchen Irrweg führen. Eine rühmliche Ausnahme machten wieder die
Araber, unter denen sich auch bedeutende Experimentatoren befanden. Erst
als gegen das Ende des Mittelalters allgemeiner das Bewußtsein
durchbrach, »daß bloßes Spekulieren nichts helfe, daß nicht nur die
Tatsachen, sondern auch ihre Gründe erkundet werden müßten«, erstand
eine im modernen Sinne ausgeübte Forschung647.
Es ist ferner zu bedenken, daß es im Altertum an einem folgerichtig
durchgeführten Verfahren der wissenschaftlichen Forschung noch gebrach.
Ihr Wesen ist damit noch lange nicht erschöpft, daß man von der Erfahrung
ausgeht, wie es im Altertum schon viele forderten. Es besteht vielmehr
darin, daß der Forscher seine Vorstellungen, die aus der Untersuchung der
Erfahrungswelt entspringen, unausgesetzt und möglichst vollkommen den
Tatsachen anzupassen sucht. Den Alten fehlte es nicht an solchen
Vorstellungen, wohl aber fehlte es noch an der Einsicht, daß nur der
unausgesetzte Vergleich der Ideen mit den Erscheinungen, die Abänderung
der Idee, ihre deduktive Gestaltung, ihr Ersatz durch eine neue Vorstellung,
wenn die alte nicht genügt, das Wesen der Naturwissenschaft ausmachen.
Hat sich doch gerade das Festhalten an einer Idee einem Vorurteil zuliebe
als das größte Hemmnis für den Fortschritt erwiesen.
Die erwähnten Mängel des Altertums gehören zu den Ursachen, daß
politische und religiöse Umwälzungen von solchem Umfang eintraten, wie

Page 274

sie der neueren Kulturwelt, der vielleicht andere Gefahren drohen,
hoffentlich erspart bleiben werden. Es war der durch eine jahrhundertlange
Zersetzung vorbereitete, durch den Ansturm der germanischen Stämme
herbeigeführte Zerfall des Römerreiches, sowie die Überwindung des
Heidentums – oder der angesichts der Unhaltbarkeit des Götterglaubens
eingetretenen Indifferenz – durch das Christentum und den Islam. Von
diesen wirkte das erstere mehr innerlich, indes nachhaltiger, während der
Islam, das Feuer und das Schwert mit dem Bekehrungseifer648 verbindend,
unmittelbar in die Geschicke eines großen Teiles der Welt eingriff. Mit dem
zunächst zersetzenden Wirken all dieser Einflüsse beginnt für die
allgemeine Geschichte wie für die Geschichte der Wissenschaften das
Mittelalter, dem wir uns jetzt zuwenden wollen.

Page 275

7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
Der tiefste Eingriff, den die Entwicklung der allgemeinen Kultur und der
Wissenschaft erlitt, bestand in der Vernichtung des römischen Weltreichs
durch die germanischen Völker. Die meisten Städte wurden zerstört. An die
Stelle des Städtewesens, das in Griechenland und in Italien zu hoher Blüte
gelangt war und allein die feineren, auf Kunst und Wissenschaft gerichteten
Kräfte zu entwickeln vermochte, trat wieder eine mehr ländliche, den
geistigen Bestrebungen abholde Lebensweise. Die Bevölkerung der Städte,
wie diejenige der Mittelmeerländer im allgemeinen, verminderte sich trotz
des Zuflusses von neuen, erobernd einbrechenden Völkermassen.
Unermeßlich waren auch die Verluste an den seit Jahrhunderten
aufgespeicherten Schätzen der Kunst und Wissenschaft. Hatte doch Rom z.
B. zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts, von den ältesten Zeiten
abgesehen, noch nie einen Feind in seinen Mauern beherbergt. Zwar hatten
blutige Kämpfe in seinen Straßen getobt, doch waren Verwüstung und
Plünderung bis dahin von Rom ferngehalten worden. Das erste Ereignis
dieser Art erfolgte durch Alarich und seine Westgoten im Jahre 410.
»Ungeheuer war der Eindruck auf die Zeitgenossen. Die römische Welt
zuckte von Riesenschmerz überwältigt zusammen«649. Auf diese erste
Verwüstung folgten andere, weit schlimmere. Nicht nur Rom, sondern auch
andere Zentren der geistigen und künstlerischen Bestrebungen wurden von
solchen Ereignissen heimgesucht. Unter diesen Verhältnissen war der
Zerfall des gewaltigen römischen Weltreichs unausbleiblich. Der Historiker,
der es liebt, seinen Einteilungen in die Augen springende Ereignisse
zugrunde zu legen, läßt daher das Mittelalter mit dem Eintritt der
Völkerwanderung oder mit der Errichtung der ersten germanischen
Herrschaft auf italischem Boden beginnen. In der Geschichte der
Wissenschaften hat man wohl nach ähnlichen, epochemachenden
Ereignissen gesucht und die Auflösung der Philosophenschule zu Athen
oder die Eroberung Alexandriens durch die Araber im Jahre 642 als solche
betrachtet (so Heller in seiner Gesch. der Physik). Man darf jedoch nicht
vergessen, daß auf diesem Gebiet die Ereignisse geräuschlos vor sich

Page 276

gehen, daß es wohl von den Katastrophen der Weltgeschichte beeinflußt
wird, aber niemals den Charakter einer ruhigen Entwicklung verleugnet.
Der Geist der zweiten alexandrinischen Blüteperiode war um das Jahr 600
längst erloschen. Die alexandrinischen Gelehrten verstanden die alten
Schätze, von denen das meiste schon vernichtet war, kaum noch zu hüten.
Seitdem moralische Fäule auf der einen und das der Welt mit ihrem Wissen
abgewandte Christentum auf der anderen Seite das Leben immer mehr
durchdrangen, also schon eine ganze Reihe von Jahrzehnten vor dem
endgültigen Siege des germanischen Elementes, fanden auch in Rom die
Wissenschaften nicht mehr die frühere Pflege. Rom und Alexandrien
wurden Hauptsitze der christlichen Kirche. Und diese kehrte sich, da es ihr
Ziel war, die antiken Elemente zu überwinden und neue an deren Stelle zu
setzen, in mißverstandener Auslegung der heiligen Schriften auch gegen die
antike Wissenschaft. Das Verhältnis der Seele zu Gott und gar nichts
anderes sollte erkannt werden; dies allein hielt man für erkennbar. Der
Verstand dagegen galt als machtlos. Nur die durch Gottes Gnade
geschehene Offenbarung sollte imstande sein, die Menschen zu
erleuchten650. »Forschung«, sagt Tertullian 651, »ist nach dem Evangelium
nicht mehr vonnöten«. Und Eusebius meint von den Naturforschern seiner
Zeit: »Nicht aus Unkenntnis der Dinge, die sie bewundern, sondern aus
Verachtung ihrer nutzlosen Arbeit denken wir gering von ihrem
Gegenstande und wenden unsere Seele der Beschäftigung mit besseren
Dingen zu.« Konnten doch diese Kirchenväter der ältesten christlichen Zeit
selbst Meinungen heidnischer Philosophen für ihre Ansicht ins Feld führen,
wie diejenige des Sokrates, der die menschliche Seele mit ihren inneren
Zuständen für den einzigen, des Nachdenkens würdigen Gegenstand erklärt
hatte.
Mit einem wahren Ingrimm wandten sich die ersten christlichen Gelehrten
gegen den von Leukipp, Demokrit und Epikur herrührenden Versuch
einer mechanischen Welterklärung. »Es wäre mir besser«, ruft Augustinus
aus, »ich hätte den Namen Demokrits nie vernommen!« Die Atomisten
werden als blinde und bedauernswerte Menschen bezeichnet. Besonders
eifert gegen sie der alexandrinische Bischof Dionysios der Große in
seiner Schrift »Über die Natur«652. Die Mitteilungen, welche Dionysios
über die Lehren der Atomisten macht, dienen trotz ihrer polemischen

Page 277

Richtung als wertvolle Quelle über diesen wichtigen Abschnitt der
griechischen Philosophie.
Dionys bekämpft die Atomisten vor allem, indem er die Zweckmäßigkeit
der Welt betont und für das Kunstwerk, als das sie dem Menschen erscheint,
in Gott den Künstler und Schöpfer erblickt. Kann doch nicht einmal, so
etwa lauten einige seiner Ausführungen, ein Kleid oder ein Haus von selbst
entstehen, sondern es bedarf dazu einer geregelten Leitung. Und nun soll
das große, aus Erde und Himmel bestehende Haus, der Kosmos, die
Ordnung selbst, aus dem Chaos geworden sein. Zu den Gestirnen
übergehend, sagt er: »Aber wenn auch jene Elenden es nicht wollen, so ist
es doch, wie die Gerechten glauben, der große Gott, der sie gemacht hat
und durch seine Worte ihre Bahn leitet.« Weder der Bau der menschlichen
Organe und ihr Zusammenwirken, noch weniger aber die geistige Tätigkeit
sind, wie Dionys ausführt, mit der Atomenlehre vereinbar. Der Philosoph
könne seine Vernunft doch nicht von den vernunftlosen Atomen erhalten
haben.
Während Dionys der mechanischen Naturerklärung gegenüber den
Standpunkt des eifernden Theologen einnimmt und mit Gründen ficht, die
sich der wissenschaftlichen Erörterung entziehen, erhebt Lactantius gegen
die atomistische Lehre physikalische und philosophische Einwürfe.
Lactantius fragt, woher denn jene Teilchen stammen sollten und wie sich
ihr Dasein beweisen lasse, da niemand sie gesehen oder gefühlt habe. Aber,
selbst das Vorhandensein der Atome zugegeben, würden diese leichten und
runden Teilchen doch keinen Zusammenhang äußern und feste Körper
bilden können. Wolle man, um dieser Schwierigkeit zu begegnen, den
Atomen Ecken und Haken beilegen, so habe man keine Atome mehr, da
solche Hervorragungen doch abgetrennt werden könnten. Das Bemühen,
die Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu erklären oder es auch nur zu
verfolgen, wurde abgelehnt. Und dieser Standpunkt, den die Kirche
einnahm, hat sich, mit wenigen Zugeständnissen an die Fortschritte der
Wissenschaft, durch lange Zeiträume in ihr erhalten. »Je mehr653 die Macht
der christlichen Lehre fortschreitet, um so mehr schwindet das Verständnis
für die kausale Erklärungsweise. Das Wunder reicht überall aus. Was also
sollen die Bemühungen, Erklärungen aufzufinden?«
Dies Verhalten, das die Kirchenlehrer der naturwissenschaftlichen
Erklärungs- und Betrachtungsweise gegenüber einnahmen, ist bei dem

Page 278

Ansehen, das ihre Schriften bis in die neuere Zeit genossen haben, für die
weitere Entwicklung von schlimmen Folgen gewesen. Es erregte auch sehr
oft den Fanatismus der Menge, die sich keineswegs mit dem Streit der
Meinungen begnügte, sondern nicht nur gegen die Wissenschaft, sondern
auch gegen ihre Denkmäler und Schätze zu Felde zog. So wurde z. B.,
lange bevor die Araber Alexandrien einnahmen, in dieser Stadt, unter der
Führung eines christlichen Patriarchen, die wertvolle Bibliothek des
Serapeions den Flammen überliefert. Schon im 3. Jahrhundert hatte ein
Patriarch die Gelehrten der alexandrinischen Akademie vertrieben. Unter
Kaiser Julian durften sie zurückkehren. Indessen unter Theodosios
begann die Verfolgung von neuem. Damals war es, daß der Patriarch
Theophilos sich von dem Kaiser die Erlaubnis erwirkte, das Serapeion
zerstören zu dürfen. Mit dem gleichen Unverstand, wie gegen die weltliche
Wissenschaft, verfuhren die ersten Bekenner des neuen Glaubens auch
gegen die von den Alten überlieferte Heilkunde. Krankheit wurde mit Gebet
und Beschwörung bekämpft oder gar als eine Strafe Gottes betrachtet, in
die man sich willenlos fügen müsse, während glückliche Heilungen als
Teufelswerk galten.
Sogar die Lehre von der Kugelgestalt der Erde, eine Lehre, die auf ein Alter
von Jahrhunderten zurückblicken konnte und die allein die geographische
Ortsbestimmung ermöglicht hatte, ging im Mittelalter, nachdem
Kirchenväter wie Lactantius sie verdammt hatten, verloren oder wurde
wenigstens durch mystische Vorstellungen verdunkelt. So begegnen wir der
Ansicht, daß die Erde ein Hügel sei, um den sich die Sonne im Laufe eines
Tages bewege. Augustin sprach sich gegen die Existenz von Antipoden
aus, weil ein Geschlecht dieser Art in der heiligen Schrift unter den
Abkömmlingen Adams nicht aufgeführt werde. Bei Rhabanus Maurus
besitzt die Erde eine radförmige Gestalt und wird vom Ozean umflossen.
Welcher Rückschritt gegenüber den Astronomen der alexandrinischen
Schule! Befanden sich die Gelehrten des frühen Mittelalters mit ihrer
Weltauffassung doch fast wieder auf dem naiven Standpunkt, den Hesiod
im 8. Jahrhundert v. Chr. einnahm. Erst seit dem 8. nachchristlichen
Jahrhundert etwa schrieb man der Erde die Gestalt einer Kugel zu. In einer
Hinsicht wirkten die Kirchenväter übrigens auch Gutes. Sie verhielten sich
nämlich im allgemeinen den astrologischen Lehren gegenüber, die während
der Kaiserzeit das astronomische Wissen verdunkelt hatten, ablehnend. Dies
geschah zwar weniger aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern weil es

Page 279

frevelhaft sei, Menschen- und Völkerschicksal aus den Sternen erkennen zu
wollen654.
In demselben Maße bildungsfeindlich wie die ersten Christen, wenn auch
aus anderen Gründen, verhielt sich die zweite Macht, die von der Welt auf
den Trümmern der Antike Besitz ergriffen hatte, das Germanentum. Seine
Träger waren Volksstämme, die erst von dem Augenblicke an, in dem sie
mit der alten Kultur in Berührung kamen, in das Licht der Geschichte
traten. Ihnen galten nicht nur die zivilisierten Bewohner des südlichen
Europas, sondern auch deren Geisteserzeugnisse zunächst als feindliche
Mächte. So erzählt Prokop von den Goten, die nach den langen Wirren der
Völkerwanderung in Italien zuerst wieder geordnete Verhältnisse schufen,
sie seien der Ansicht gewesen, daß derjenige, der die Rute des Lehrers
gefürchtet, keinem Schwert und keinem Speer mehr festen Blickes
begegnen könne.
Bedenkt man nun, daß diese beiden Mächte, das Christentum und das
Germanentum, das eine geistig, das andere physisch, von dem
abendländischen Teil der alten Welt Besitz ergriffen, während bald darauf
im Morgenlande der Islam mit ähnlichen Tendenzen ins Leben trat, so läßt
es sich begreifen, daß die im Altertum gegründete Wissenschaft in dem
Geistesleben des Mittelalters zunächst keinen Platz fand. Man wird
vielmehr darüber staunen, daß diese Wissenschaft Kraft genug besaß, nicht
gänzlich unterzugehen, sondern unter der Asche fortzuglimmen, bis sie, seit
dem 13. Jahrhundert etwa, von neuem entfacht wurde.
Einer Fortentwicklung der vom Altertum geschaffenen Anfänge wirkte
nicht nur das geschilderte Streben entgegen, welches dem Christentum und
dem Germanentum zu Beginn ihres Auftretens innewohnte, es brach auch
eine Summe von Geschehnissen über die alte Welt herein, die an
Furchtbarkeit nicht ihresgleichen hatten und das südliche Europa in einen
Trümmerhaufen verwandelten, so daß dort der Wohlstand, der doch bis zu
einem gewissen Grade die Vorbedingung aller Kunst und Wissenschaft ist,
vernichtet wurde.
Während sich das oströmische Reich einer gewissen Beständigkeit erfreute,
wurde der Westen ein Spielball der germanischen Stämme. Auf die
Verwüstung durch die Goten folgte der Einfall der Vandalen, die überall
Ruinen als die Spur ihrer Züge zurückließen. »Sie zerstörten alles«,

Page 280

berichtet der Chronist von ihnen, »was sie fanden. Die Pest konnte nicht
verheerender sein. Auch wütete eine fürchterliche Hungersnot, so daß die
Überlebenden die Körper der Gestorbenen verzehrten.« Es klingt kaum
glaublich, wenn uns die Geschichtsschreiber jener Zeiten erzählen, daß man
Festungen durch den Leichengeruch zur Übergabe zwang, indem man die
Gefangenen vor den Wällen niedermetzelte.
Fast zur selben Zeit, als die Vandalen Rom plünderten, wurde Oberitalien
durch die Hunnen verwüstet, deren Zug durch die von Aëtius gewonnene
Schlacht bei Châlons nach Süden abgelenkt worden war. Nach diesen
völkermordenden Kriegen nahmen todbringende Seuchen von dem aus
vielen Wunden blutenden Europa Besitz. Vielleicht war infolge der
vorhergegangenen Ereignisse eine allgemeine Schwächung der
europäischen Menschheit eingetreten und dadurch der Pest der Boden
bereitet worden. Zum ersten Male hatte diese Geißel unter Marc Aurel
ihren Zug durch das römische Reich gehalten und weit mehr Opfer
gefordert, als die Seuchen der Neuzeit. Nach dem von Prokop, dem
Geheimschreiber Belisars, hinterlassenen Bericht wütete sie volle 50 Jahre
im ganzen römischen Reiche dermaßen, daß in Italien stellenweise die
Weinstöcke und das Getreide vermoderten, weil es an Arbeitskräften fehlte.
Allmählich erhoben sich indes aus der Verworrenheit und der Verwüstung,
welche die ersten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichnen und das
Erlahmen des wissenschaftlichen Geistes begreiflich erscheinen lassen,
gefestigte Verhältnisse. Rom war dadurch, daß es im 5. Jahrhundert in den
Besitz der kirchlichen Vorherrschaft gelangt war, wieder, wenn auch in
anderem Sinne als im Altertum, zum geachteten Mittelpunkt des
Abendlandes und die römische Sprache zur Weltsprache geworden.
Benedikt von Nursia hatte im Anfang des 6. Jahrhunderts das
Klosterwesen in Westeuropa begründet. Der Gedanke, sich um der
Erfüllung religiöser Pflichten willen von der Welt zurückzuziehen, ist
orientalischen Ursprungs und schon dem Heidentum des Orients geläufig.
Er ergriff mit besonderer Macht die ersten Christen, welche die Satzungen
der neuen Religion mit den Forderungen und Schwierigkeiten des Lebens
nicht in Einklang zu bringen vermochten. So sehen wir bald nach der
Ausbreitung des Christentums Tausende sich in entlegene Teile Syriens und
Ägyptens zurückziehen. Es entstand ein von bestimmten Regeln abhängiges
Mönchstum, das für jene Zeiten eine berechtigte Erscheinung war und die

Page 281

Erhaltung der geistigen Kultur begünstigte. Schon um die Mitte des 4.
Jahrhunderts verbreitete sich das Mönchswesen besonders durch den
Bischof Basilius den Großen in Kleinasien und auf der Balkanhalbinsel.
Bald fand es auch im weströmischen Reiche Eingang, wo namentlich
Augustinus für diese Form des religiösen Lebens den Boden bereitet
hatte. Benedikt von Nursia gebührt das Verdienst, daß er zuerst die
umherschweifenden, zuchtlosen, dem Mönchstum ergebenen Scharen zum
Zusammenleben und zu geordneter Tätigkeit zwang. Die Beschäftigung mit
den Wissenschaften bezeichnete er als eine der wichtigsten Pflichten seines
Ordens. »Den Klöstern«, sagt Lindner 655, »verdanken wir alles oder das
weitaus meiste, was von antik-lateinischen Schriften und selbst von den
alten germanischen auf uns gekommen ist, sie haben den Rückweg zum
Altertum offen gehalten.«
Zwar, das Studium der nicht philosophischen Schriften des Altertums wurde
von den kirchlichen Machthabern nur ungern gesehen. So begegnet uns um
1200 ein Verbot656, welches den Mönchen das Lesen naturwissenschaftlicher
Schriften als sündhaft untersagte. Im ganzen war jedoch die Tätigkeit der
Orden auf die Erhaltung der alten Schriftwerke und die Ausbreitung der
Bildung gerichtet, so daß die Benediktiner mit Recht den Wahlspruch »Ex
scholis omnis nostra salus« führten.
Auch im politischen Leben Italiens machte die Brandung, welche dort
Jahrhunderte gewütet, endlich einer ruhigen Entwicklung Platz. Während
der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts herrschten hier die Ostgoten. Unter
ihrem großen König Theoderich (475–526), der eine Verschmelzung des
germanischen mit dem römischen Element herbeizuführen suchte, erlebte
das Land sogar einen kurzen Aufschwung. Der wissenschaftliche Sinn
wurde von neuem lebendig, die Schulen blühten und die Gelehrten wurden
wieder geachtet657. In diesem Zeitraum verdienen besonders Cassiodor und
Boëthius Erwähnung.
Cassiodor wurde in Süditalien geboren und war um 500 Theoderichs
Geheimschreiber und Ratgeber. Nach der Besiegung der Ostgoten durch die
Byzantiner zog er sich in die klösterliche Einsamkeit zurück. Durch ihn und
Benedikt von Nursia, der im Jahre 529 das Kloster zu Monte Cassino bei
Neapel gestiftet hatte, wurde an Stelle der früheren Beschaulichkeit der
Mönche rege Tätigkeit als oberster Grundsatz hingestellt. Unermüdlich
wurden in schöner Schrift die im Besitze der Klöster befindlichen Werke

Page 282

auf Pergament übertragen und so neben manchem Wertlosen doch auch das
Wertvolle der Nachwelt erhalten. Cassiodor selbst empfiehlt das
Abschreiben von Büchern den Mönchen als die verdienstlichste Arbeit.
Seine letzte Schrift verfaßte er im 93. Lebensjahre. Er hinterließ 12 Bücher
Briefe658 und eine Enzyklopädie659 der sogenannten sieben freien Künste
(Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und
Astronomie). Indessen handelt es sich für ihn nicht um eine ausführliche
Darstellung dieser Wissenszweige, sondern mehr um eine Aufzählung
derjenigen griechischen und lateinischen Schriftsteller, deren Studium dem
Anfänger zu empfehlen sei.
Das Urbild derartiger, im Mittelalter so häufigen Sammelwerke über die
freien Künste rührt von Marcus Terentius Varro her, der im 1.
Jahrhundert v. Chr. lebte und neun Wissenschaften enzyklopädisch
behandelte660. Außer den genannten hatte er nämlich auch die Medizin und
die Baukunst in Betracht gezogen.
Der in einer Geschichte der Wissenschaften Erwähnung verdienende
Genosse Cassiodors war der aus altem römischen Geschlecht
entstammende Boëthius. Nachdem er in seiner Vaterstadt die höchsten
Ämter bekleidet, fiel er in Ungnade und wurde nach längerer
Gefangenschaft enthauptet. Im Kerker entstand seine berühmte Schrift
»Über die Tröstungen der Philosophie«, ein Werk, das in viele Sprachen
übersetzt wurde661. Boëthius machte das Studium der griechischen
Schriftsteller wieder zugänglich, indem er sie in das Lateinische übersetzte
und erläuterte. Cassiodor, der Geschichtsschreiber der Ostgotenzeit, hat
der Nachwelt eine Stelle aus einem Briefe Theoderichs an Boëthius
aufbewahrt, welche den König wie den Empfänger in gleicher Weise ehrt.
»In deinen Übertragungen«, heißt es in diesem Schreiben, »wird die
Astronomie des Ptolemäos, sowie die Geometrie des Euklid lateinisch
gelesen. Platon, der Erforscher göttlicher Dinge, und Aristoteles, der
Logiker, streiten in der Sprache Roms. Auch Archimedes, den
Mechaniker, hast du lateinisch wiedergegeben. Welche Wissenschaften und
Künste auch das fruchtbare Griechenland erzeugte, Rom empfing sie in
vaterländischer Sprache durch deine Vermittlung«662.
Lieblingsgebiete des Boëthius waren die Musik und die Akustik. Er stellte
zahlreiche Versuche mit dem Monochord und mit Pfeifen an und schrieb ein
Werk über die Musik663, in dem manche klare Anschauung entwickelt ist.

Page 283

Wichtiger ist dieses Buch dadurch, daß wir uns nach ihm eine gewisse
Vorstellung von der Tonkunst des Altertums und des früheren Mittelalters
machen können. Auch der Astronomie und der Physik brachten die
gebildeteren Goten, geschichtlichen Berichten zufolge, ein großes Interesse
entgegen.
Leider sollte dieser hoffnungsvolle Ansatz, den der italische Boden
gezeitigt, noch in der Blüte geknickt werden. Ebenso rasch, wie das
Ostgotenreich emporgekommen war, wurde es durch die furchtbaren
Kriege, welche der oströmische Kaiser gegen die Ostgoten führte, wieder
hinweggefegt. Zehn Jahre später fiel das verwüstete Italien in die Hände der
Langobarden. Einen ähnlichen Aufschwung, wie zur Zeit der Ostgoten, hat
es unter der, Jahrhunderte dauernden Herrschaft dieses Volkes nicht wieder
erlebt. Doch fand in dieser verhältnismäßig ruhigen Zeit eine allmähliche
Verschmelzung des germanischen Elementes mit dem römischen statt,
wodurch die Vorbedingung für eine höhere Kultur geschaffen wurde.
Neben Cassiodor und Boëthius verdient für dieses Zeitalter der Bischof
Isidor von Sevilla erwähnt zu werden. Er wurde im Jahre 570 in Cartagena
geboren und starb 636. In einem, aus 20 Büchern bestehenden Werk, das
den Titel »Origines« (die Ursprünge) führt, gab er, wie es Cassiodor und
Martianus Capella getan, eine Art Enzyklopädie der Wissenschaften
heraus. Die »Origines« berücksichtigen nicht nur die freien Künste, das
Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) und das Quadrivium
(Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie), sondern auch die
Medizin, die Naturgeschichte, die Geographie usw. Das Werk verdrängte
die Enzyklopädien des Cassiodor und des Martianus Capella und war
neben Plinius und Aristoteles bis gegen das Ende des Mittelalters für alle
späteren Sammelwerke die wichtigste Fundgrube. Es führt auch wohl den
Titel »Die Etymologien« (Libri originum seu etymologiarum).
Dementsprechend finden wir für alle Gegenstände die Etymologien des
Namens an die Spitze gestellt, ja oft allein gegeben. In den meisten Fällen
waren die Wortableitungen jedoch sehr willkürlich und wertlos.
Männer, wie die Genannten, haben das Vorhandene nicht vermehrt,
sondern, wie Plinius, als literarische Sammler gewirkt. Als solche sind sie
aber für die Erhaltung des Wissens und des wissenschaftlichen Interesses
für das ganze Mittelalter von Bedeutung gewesen. Fast allen lag daran, die
Beschäftigung mit den Wissenschaften in weitere Kreise zu tragen, indem

Page 284

sie für die Verbreitung und Verbesserung des Schulwesens wirkten. Das ist
nicht nur Cassiodor und Rhabanus Maurus, sondern auch Isidor von
Sevilla nachzurühmen.
Wie die Klöster zu Mittelpunkten literarischer Beschäftigung wurden, so
fand in ihnen auch, zumal in den sich erst der Kultur erschließenden
germanischen Ländern, die Heilkunde eine Stätte. Die Mönche bereiteten
Arzneien nicht nur für ihren eigenen Gebrauch, sondern auch für die
Bewohner der Umgegend. Die heilbringenden Kräuter wurden in
besonderen Gärten im Schutze der Klostermauern gezogen. Genauere
Angaben besitzt man über den Kräutergarten des Klosters St. Gallen, aus
dem schon im 9. Jahrhundert die benachbarten Dörfer mit Arzneien versorgt
wurden. Von den zahlreichen Kräutern, die man in St. Gallen zu diesem
Zwecke zog, seien beispielsweise Salbei, Raute, Minze und Fenchel
genannt. Ein selbständiges Apothekenwesen entwickelte sich im
germanischen Kulturbereich erst im späteren Mittelalter664. Im Altertum
hatte der Arzt die Arzneien in der Regel selbst bereitet.

Page 285

8. Das arabische Zeitalter.
Ein neuer Anlaß zur Beschäftigung mit der Wissenschaft des Altertums
sollte im Abendlande nicht mehr, wie zur Zeit Theoderichs, auf eigenem
Boden ersprießen, sondern von einem orientalischen Volke ausgehen, das
bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte. Diese Erscheinung ist eine der
merkwürdigsten, die uns in der Entwicklung der Wissenschaften begegnet,
weshalb wir ihr eine etwas eingehendere Betrachtung schenken müssen.
Während das Christentum die abendländischen Völker durchdrang,
bemächtigte sich der Islam des gesamten Orients. Die Ausbreitung der
neuen Lehre erfolgte durch Feuer und Schwert und ging Hand in Hand mit
der Errichtung eines Weltreiches durch die Araber. Auch die letzteren traten,
wie die ersten Bekenner des Christentums, den vorhandenen
Bildungselementen zunächst feindlich gegenüber. Von fanatischem Eifer
verblendet, soll der Kalif Omar dem arabischen Feldherrn, der Alexandrien
eroberte, den Befehl zur Vernichtung der noch vorhandenen Bücherschätze
mit den Worten gegeben haben: »Wenn diese Bücher das enthalten, was im
Koran steht, so sind sie unnütz, wenn sie etwas anderes enthalten, so sind
sie schädlich. Sie sind deshalb in beiden Fällen zu verbrennen.«
Nach anderen Nachrichten665 soll dieses Wort bei der Eroberung Persiens
gefallen sein. Bei diesem Ausspruch und manchen anderen, geschichtlichen
Persönlichkeiten zugeschriebenen Worten ist der Nachweis, daß es sich um
eine verbürgte Äußerung handelt, in vielen Fällen nicht zu erbringen. Wenn
sie trotzdem, wie beispielsweise Galileis Wort: »Und sie bewegt sich
doch«, in der Geschichte der Wissenschaften Erwähnung finden, so
geschieht dies, weil sie häufig Personen, Zeitverhältnisse oder geistige
Strömungen vortrefflich kennzeichnen.
Wie groß der Verlust an Bücherschätzen infolge der von den Arabern zu
Beginn ihres Auftretens bewiesenen Zerstörungswut gewesen ist, läßt sich
nicht mehr ermessen. Diese Verluste begannen übrigens in Alexandria
schon weit früher, nämlich zur Zeit der Belagerung durch Julius Caesar.
Unter Kleopatra wurden sie jedoch durch die Erwerbung der
pergamenischen Bibliothek ausgeglichen. Die Zerstörung des Serapeions

Page 286

fand unter Theodosios statt. Es wurde jedoch soviel gerettet, daß eine
neue Bibliothek gegründet werden konnte. Mit den etwa noch vorhanden
gewesenen Überresten an literarischen Schätzen scheinen dann die Araber
bei der Eroberung Alexandriens nicht allzu glimpflich umgegangen zu sein,
wenn auch die Nachrichten über den von ihnen bewiesenen Vandalismus
ohne Zweifel stark übertrieben sind666. Im allgemeinen waren die Bekenner
des Islams nämlich duldsamer als die Christen. Während letztere die
Unterworfenen zur Bekehrung zwangen und keine Religion neben der
christlichen anerkannten, war der Islam mehr darauf bedacht, zu herrschen.
Die Christen behielten unter dieser Herrschaft ihre Glaubensfreiheit, ja
selbst ihre Kirchen und Klöster. Der Islam ließ den unterworfenen Völkern
mehr ihre Eigenart. Auch behielten die von ihm unterjochten Städte als
Mittelpunkte des geistigen Lebens und eines größeren Wohlstandes ihre
Bedeutung, während das Abendland durch die Germanen einer mehr
ländlichen, naturalwirtschaftlichen Lebensweise anheimfiel. Die Kultur des
Morgenlandes erlitt daher durch den Islam in ihrer Entwicklung keine solch
gewaltsame Unterbrechung, wie sie das Abendland erfuhr. Die
morgenländische Kultur des Mittelalters verdient auch die Bezeichnung
einer arabischen weniger ihrer Eigenart wegen als dem Umstande, daß die
Sprache der Araber die herrschende wurde. Mit dieser Erkenntnis fällt auch
die Paradoxie, die darin liegen würde, wenn man einem bis dahin
unbekannten Nomadenvolke alle Schöpfungen, welche der Orient im
Mittelalter hervorbrachte, zuschreiben wollte.
Die Araber verstanden es vortrefflich, dasjenige, was die unterjochten
Völker an Kulturelementen besaßen, zu sammeln und zu sichten. Nachdem
sie in der kurzen Zeit vom Auftreten Mohammeds bis zum Beginn des 8.
Jahrhunderts Syrien, Palästina, Ägypten, Persien, Nordafrika und Spanien
erobert hatten, nahmen sie die Bildungselemente, die sie in diesen Ländern
vorfanden, in sich auf, um sie später den abendländischen Völkern zu
übermitteln. Den letzteren blieb es vorbehalten, auf diesen Grundlagen
erfolgreich weiter zu bauen, was die Araber nur in bescheidenem Maße
vermocht hatten. Es ist ein Verdienst der arabischen Literatur, wichtige
Teile der griechischen Wissenschaft erhalten und sie durch das Dunkel des
Mittelalters in die neuere Zeit hinüber gerettet zu haben.
Nach dem Untergange der alten Kultur wurden die Wissenschaften in
Syrien und Persien in griechisch-christlichen und jüdischen Schulen

Page 287

gepflegt. Als die Araber diese Länder eroberten, fanden sie dort ein reiches
geistiges Leben vor667. Wahrscheinlich ist aber bei dem ersten Anprall die
ältere Literatur jener Länder zum Teil vernichtet worden, so daß man sich
bei dem erwachenden Interesse für wissenschaftliche Dinge veranlaßt sah,
auf die griechischen Originale zurückzugehen, woraus sich z. B. das später
zu erwähnende Verhalten des Kalifen Al Mamûn erklärt668. Mit dem
Übersetzen ging das Kommentieren Hand in Hand. So soll Ibn Sina
(Avicenna, 980–1037) die Schriften des Aristoteles in 20 Bänden
kommentiert haben. Seine Arbeit ging verloren, doch blieb sein Kommentar
zu den aristotelischen Schriften über die Tiere in lateinischer Übersetzung
(von Michael Scotus) erhalten.
Trotz aller Verfolgungen, denen die griechische Wissenschaft ausgesetzt
gewesen, fanden sich also im Orient doch noch zahlreiche, wertvolle
Überreste. Vor allem war es die zur Zeit der Eroberungskriege der Araber in
Syrien und Persien verbreitete christliche Sekte der Nestorianer, die sich um
die Erhaltung dieser Überreste ein großes Verdienst erworben hatte669. Seit
dem Zeitalter Alexanders hatten sich viele Griechen in den bedeutenderen
Städten Syriens und Persiens niedergelassen und ihr Wissen und ihre
Sprache in Vorderasien verbreitet. Mit dem Griechentum berührte sich dort
alsbald das jüdische Element. Beide wurden nach Beginn unserer
Zeitrechnung durch die Ausbreitung des christlichen Glaubens noch enger
verbunden. Der den Griechen eigene Drang, überall, wo sie in fremden
Ländern sich niederließen, als Lehrer ihrer neuen Landsleute aufzutreten,
empfing dadurch eine neue Anregung. Die Schulen wurden christlich,
behielten aber ihre Richtung auf die Pflege und Verbreitung der weltlichen
Wissenschaft, getreu dem Geiste des Griechentums, bei.
Als Sitz einer Akademie sei Edessa erwähnt. Dort entstand auch eine
bedeutende Bibliothek. Vom 5. Jahrhundert etwa an wurden die Werke des
Aristoteles, sowie griechische Schriften über Medizin, Mathematik,
Astronomie usw. ins Syrische übertragen. Die Syrer sind als die
unmittelbaren Schüler der Griechen zu betrachten. Eine nennenswerte
Förderung der Wissenschaften scheint durch die Syrer aber nicht
stattgefunden zu haben. Ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie die
Kenntnisse und Anschauungen der Alten den Arabern übermittelten. Die in
Mesopotamien entstandenen Nestorianerschulen blühten vom 5. bis ins 11.
Jahrhundert. Und hier war es, wo die Elemente der antiken Wissenschaft,

Page 288

darunter auch diejenigen der Alchemie, den Arabern bekannt wurden, durch
die sie dann nach Spanien und darauf zu den übrigen Ländern Europas
gelangten. Durch die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen sind die
syrischen Gelehrten Mesopotamiens vielleicht auf die Erfindung des
sogenannten griechischen Feuers gelangt, das seit dem Ende des 7.
Jahrhunderts bei Belagerungen und in Seeschlachten benutzt wurde670.
Das griechische Feuer wurde im Jahre 678 durch einen Syrer in
Konstantinopel eingeführt und bestand vermutlich aus einer Mischung von
leichtflüchtigen Erdölen, Asphalt und gebranntem Kalk. Letzterer bewirkte,
daß sich die Masse beim Zusammentreffen mit Wasser entzündete. Die
Verwendung von Salpeter zu Zündsätzen, Raketen usw. ist hingegen erst
weit später anzusetzen671.
Von den syrischen Handschriften, die sich mit chemischen Dingen
beschäftigen, sind noch mehrere erhalten und durch Berthelot ihrem Inhalt
nach bekannt geworden. Es gehört dahin eine Aufzählung672 der Metalle, der
sieben Erden, der zwölf als Amulette dienenden Steine und einer Anzahl
zum Färben des Glases dienender Mineralien. Als Amulette, denen man
Zauberkräfte zuschrieb, galten z. B. der Amethyst (gegen Trunkenheit) und
der Bernstein (gegen die Gelbsucht). Eine zweite syrische Handschrift673
kann als das älteste methodische Buch über Chemie betrachtet werden.
Seine Abschnitte sind überschrieben: Die Bearbeitung des Kupfers, des
Quecksilbers, des Bleies, des Eisens usw. Die syrische Alchemie besteht in
der Hauptsache aus der Übersetzung griechischer Quellenschriften. In der
erwähnten Aufzählung finden sich dem Namen jedes Metalls der Name
eines bestimmten Planeten und einer bestimmten Gottheit beigefügt.
Dogmatische Streitigkeiten riefen einen Gegensatz zwischen den syrischen,
an der Lehre des Bischofs Nestorios 674 festhaltenden Christen und der
Hierarchie von Alexandrien und Byzanz hervor. Die Bedrückung, welche
die in Syrien an den Schulen wirkenden Gelehrten infolgedessen erfuhren,
veranlaßte diese Männer, sich in den persischen Christengemeinden, und
zwar besonders in Mesopotamien, niederzulassen und dort im 5.
Jahrhundert neue Pflanzstätten zu gründen675. Dadurch wurden die
Nestorianer die Vermittler zwischen dem Osten und dem Westen der alten
Welt. Die in Indien entstandenen Wissenselemente fanden nämlich in
Persien Eingang und wurden später den Arabern und durch sie Europa
übermittelt.

Page 289

Als in Bagdad unter Almansur das Kalifat allen Glanz des Morgenlandes
um sich verbreitete, wurden die Nestorianer, sowie andere griechische
Gelehrte an den Hof gezogen und damit betraut, die in ihrem Besitz
befindlichen Wissensschätze ins Arabische zu übertragen. Die
mohammedanischen Machthaber scheint dabei zuerst mehr eine Art von
Sammeleifer als ein Verständnis für die Bedeutung des Errungenen geleitet
zu haben. So wird z. B. berichtet, daß Harun al Raschid, der zur Zeit
Karls des Großen lebende Kalif aus dem Hause des Omejaden, sich von
den griechischen Kaisern alles ausgebeten habe, was ihr Land an
philosophischen Werken besaß. Die Stellung, welche die Araber diesen
Werken gegenüber einnahmen, war zunächst die blinde Achtung gegenüber
der Autorität. Wie der Koran in der Religion und im Leben, so dienten die
vorhandenen, insbesondere die griechischen Vorbilder ihnen als unbedingte
Richtschnur für das Studium der Wissenschaften. Bei diesem Grundzug
ihres Wesens war zwar ein wesentlicher Fortschritt nicht zu erwarten, doch
hatte die von ihnen geübte Überschätzung das Gute im Gefolge, daß ihre
Literatur in erster Linie der Erhaltung der gewonnenen Geistesschätze
diente. Darauf und weniger auf dem Inhalt an eigenen Gedanken beruht die
weltgeschichtliche Bedeutung der arabischen Literatur676.
Die Begierde, Bücher zu sammeln, war in den Ländern, in denen die
arabische Kultur aufblühte, allgemein. So gab es in Bagdad angeblich über
hundert Buchhandlungen, und viele Privatleute besaßen größere
Bibliotheken. Es entstanden sogar gelehrte Gesellschaften, wie sie uns im
Abendlande erst mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften zu Beginn der
neueren Zeit begegnen. Auch der Mittelstand war in den Städten bemüht,
sich die Elemente der Bildung anzueignen, für deren Ausbreitung Schulen
sorgten. Während in Rom zur Kaiserzeit etwa 30 öffentliche Bibliotheken
vorhanden waren, bestanden in Bagdad deren weit mehr. Die Lehrer, die an
den mohammedanischen Schulen wirkten, wurden vom Staate besoldet.
Legten sie ihrem Vortrage auch meist Bücher zugrunde, so gestaltete sich
der Unterricht, der meist das theologische und das juristische Gebiet betraf,
doch zu einem belehrenden Gespräch mit den Schülern. Er befand sich also
auf einer hohen Stufe. Als weiteres Ausbildungsmittel waren ausgedehnte
Studienreisen üblich. Solche Reisen gaben wieder den Anlaß zur
Entstehung vortrefflicher geographischer Werke. Mit offenem Blicke
schildern ihre Verfasser nicht nur die topographischen, sondern auch die
klimatologischen Verhältnisse der besuchten Länder, sowie ihre

Page 290

Erzeugnisse. Ja, wir besitzen arabische Berichte, die uns sogar über den
Zustand von Mainz, Fulda und anderen deutschen Städten des frühen
Mittelalters wertvolle Aufschlüsse geben.
Auch das Interesse für mechanische Dinge war bei den Arabern nicht
gering. So übersandte, wie Einhard berichtet, Harun al Raschid Karl
dem Großen unter den zur Krönungsfeier bestimmten Geschenken eine
Wasseruhr, die ein Zeigerwerk besaß und die Stunden dadurch ankündete,
daß eine Metallkugel in ein aus Erz gefertigtes Becken fiel677.
Tatsache ist, daß die Präzisionsmechanik bei den Arabern einen hohen Grad
der Ausbildung erreicht hatte und daß sie bei der Herstellung von
verschiedenen Arten der Wasseruhren »ein fabelhaftes Talent an den Tag
legten«678.
Nicht minder groß war die Vorliebe, welche der Sohn und Nachfolger
Haruns, der Kalif Al Mamûn, für die Wissenschaft bekundete. Er
errichtete in Bagdad eine Sternwarte und gründete in zahlreichen Städten
seines Reiches Schulen und Bibliotheken. Hatte schon Harun eigene
Übersetzer angestellt, so gründete sein Nachfolger zu diesem Zwecke ein
förmliches Institut, zu dem eine große Anzahl, der verschiedenen Sprachen
kundiger, Gelehrten vereinigt wurden. In Syrien, Armenien und Ägypten
wurden durch besondere Abgesandte Bücher aufgekauft. Vor allem übertrug
man sämtliche Werke des Aristoteles und des Galen. Auch Euklid,
Ptolemäos und Hippokrates lernte man kennen. Selbst aus dem
Persischen und dem Indischen wurde eifrig übersetzt. Nach einem
erfolgreichen Kriege gegen den byzantinischen Kaiser legte Al-Mamûn
letzterem die Bedingung auf, ihm von sämtlichen, in den Bibliotheken des
griechischen Reiches befindlichen Werken je ein Exemplar zu überlassen,
damit diese Werke ins Arabische übertragen würden. Darunter befand sich
auch das oben erwähnte astronomische Hauptwerk des Ptolemäos, das in
der Folge Almagest genannt wurde.

Mathematische Geographie und Astronomie bei den Arabern.

Die Araber haben oft bewiesen, daß sie sich den Alten gegenüber nicht bloß
rezeptiv verhalten wollten. So wurde z. B. die Messung eines Breitengrades
zur Bestimmung des Erdumfanges unter Al Mamûn wieder vorgenommen

Page 291

und zwar, ohne daß man sich an das von den Griechen geschaffene
Verfahren klammerte679. Ein wesentlicher Fortschritt dem Eratosthenes
gegenüber lag bei diesem Unternehmen nämlich darin, daß die zugrunde
gelegte Strecke nicht in Tagereisen ausgedrückt, sondern in der Richtung
des Meridians mit Hilfe der Meßschnur ausgemessen wurde. Man fand die
Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten Messung gleich 562/3
arabischen Meilen680 oder gleich etwa 113040 m, woraus sich der
Erdumfang zu 40700 km berechnet.

Page 292

Abb. 50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges.

Albiruni (um 1000) berichtet über das eingeschlagene Verfahren mit
folgenden Worten681: »Man wähle einen Ort in einer ebenen Wüste und
bestimme dessen Breite. Dann ziehe man die Mittagslinie und schreite längs
derselben nach dem Polarstern. Miß den Weg in Ellen. Dann miß die Breite
des zweiten Ortes. Ziehe die Breite des ersten davon ab und dividiere die
Differenz durch den Abstand der Orte in Parasangen. Das Resultat,
multipliziert mit 360, ergibt den Umfang der Erde in Parasangen.«
Von Interesse ist ein zweites Verfahren, das Albiruni zur Ermittlung des
Erdumfanges anwandte. Es besteht darin, daß man einen hohen Berg
besteigt, der sich in der Nähe des Meeres befindet, und von hier aus durch
Beobachtung des Sonnenunterganges den Winkel α, d. h. die Depression
(Abb. 50) bestimmt. Albiruni zeigt dann weiter, wie man aus diesem
Winkel und der Höhe des Berges den Radius der Erde durch
trigonometrische Rechnung ermittelt. Eine solche Bestimmung hat er
wirklich ausgeführt. Er hat in Indien einen Berg, der 652 Ellen über das
Meer emporragt, bestiegen und den Winkel gemessen, den die nach dem
Horizont gerichtete Sehlinie mit der Horizontalen auf dem Gipfel bildet.
Dieser Winkel wurde mit Hilfe des Astrolabs gefunden und belief sich auf
34'. Aus diesem Werte und der Höhe des Berges wurde der Radius und die
Länge eines Grades berechnet. Die Berechnung ergab für den Umfang der
Erde etwa 5600 Meilen682, das sind 41550 km.

Page 293

Auf Befehl des Al Mamûn, der die erwähnte Gradmessung in der Nähe
des Roten Meeres anstellen ließ, wurde auch die Schiefe der Ekliptik mit
großer Genauigkeit ermittelt. Der gefundene Wert belief sich auf 23° 35'.
Heute beträgt er 23° 27'. Die Änderung beläuft sich also in einem
Jahrhundert auf etwa 48''.
Die Astronomie fand bei den Arabern eine zusammenfassende Bearbeitung
durch den unter Al Mamûn lebenden Alfragani oder Alfergani. Dem
Werk, das Melanchthon 1537 unter dem Titel »Alfragani rudimenta
astronomiae« aus dem Nachlaß Regiomontans herausgab, lag zwar der
Almagest zugrunde, es zeigt aber, daß sein Verfasser ein fleißiger Astronom
war, der die Methoden seiner Vorgänger zu verbessern suchte. Auch
beschrieb Alfragani die zu seiner Zeit gebrauchten astronomischen
Instrumente. Er stellte seine Beobachtungen auf der von Al Mamûn
errichteten Sternwarte an und wurde dabei häufig von dem Kalifen
unterstützt.
Alfragani wurde weit übertroffen durch den etwa ein Jahrhundert später
lebenden Al Battani (Albategnius haben ihn seine Übersetzer genannt).
Al Battani war prinzlichen Geblütes und hat sich nicht nur um die
Astronomie, sondern auch um die Einführung der trigonometrischen
Funktionen große Verdienste erworben. Seine Beobachtungen, die er etwa
von 880–910 anstellte, wurden von den Arabern als die genauesten
gepriesen. Albattani hat viele Angaben des Ptolemäos nachgeprüft und
verbessert. Das von ihm verfaßte Werk »Über die Bewegung der Sterne«
erschien in lateinischer Übersetzung und mit Zusätzen Regiomontans im
Jahre 1537. Aus diesem Werke ist die Bezeichnung Sinus, für das Verhältnis
der halben Sehne zum Radius, in die mathematische Literatur aller Völker
übergegangen. Die mit der Anwendung der ganzen Sehnen verknüpfte
rechnerische Unbequemlichkeit, welche der Almagest aufwies, kam damit
in Fortfall. Die trigonometrischen Sätze nehmen ferner bei Albattani mehr
den Charakter für die Rechnung bestimmter Formeln an. Aus sin α/cos α = D
wird sin α = D/√(1 + D2) berechnet und α dann in den Sinustafeln
aufgefunden. Auch der Bruch cos α/sin α wird einer Rechnung zugrunde
gelegt. Bedeutet nämlich α die Höhe der Sonne über dem Horizont und ist h
die Höhe eines Schattenmessers, l die Länge des Schattens, dann ist l/h =
cos α/sin α = ctg α; oder l = h cotg α.

Page 294

Abb. 51. Trigonometrische Berechnungen.

Albattani berechnete danach die Länge von l bei einer bestimmten Höhe
von h (= 12) für α = 1°, 2°, 3° usw. Er erhielt auf diese Weise eine kleine
Tabelle für die Kotangenten der ganzen Winkel.
Die Trigonometrie erscheint als eines der Gebiete, das die Araber nicht nur
wegen ihrer Beziehung zur Astronomie, sondern auch seiner selbst wegen
mit Vorliebe angebaut haben. Auf die Tangensfunktion mußte schon
Albattani kommen, als er den Stab h horizontal in der Wand AB befestigte
und das Verhältnis der Schattenlänge l zu der Länge des Stabes h zur
Bestimmung des Winkels α benutzte. Daß sich die Tangensfunktion zur
Berechnung von Dreiecken vorzüglich eignet, wurde bald nach Albattani
erkannt683.

Abb. 52. Einführung der Tangensfunktion.

Ihren Höhepunkt erreichte die Trigonometrie der Araber um 1250 in dem
Werke »Über die Figur der Schneidenden«. Es wird darin das rechtwinklige
und, ausgehend vom Sinussatz, das schiefwinklige Dreieck behandelt. Auch
die Trigonometrie des schiefwinkligen sphärischen Dreiecks wird in dem
genannten Werke in den Grundzügen entwickelt. Der weitere Ausbau der

Page 295

Trigonometrie, vor allem die Formulierung des so wichtigen Cosinussatzes,
erfolgte erst einige hundert Jahre später, als im Abendlande die
Wissenschaften wieder auflebten, durch Regiomontan.
Wir haben an früherer Stelle den hohen Grad von Kunstfertigkeit erwähnt,
den die alexandrinischen Mechaniker bei der Herstellung astronomischer
Meßinstrumente, insbesondere der Astrolabien, bewiesen. In dieser Kunst
war die praktische Astronomie der Araber derjenigen der Griechen
mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen684. Neben den
ringförmigen Astrolabien benutzten die Araber als Meßwerkzeuge auch
Quadranten und Halbkreise, ferner parallaktische Lineale und Instrumente,
welche die trigonometrischen Funktionen, wie den Sinus und den Sinus
versus, anzeigten685. Die Einführung dieser Funktionen in die Astronomie ist
an den Namen Al Battanis (Albategnius) geknüpft, der in den Jahren 882–
910 seine Beobachtungen anstellte und Tabellen entwarf686. Auf Grund der
astronomischen Beobachtungen der arabischen Sternwarten in Damaskus
und Bagdad wurde eine Revision der ptolemäischen Tafeln vorgenommen687.
Die Blüte der arabischen Wissenschaft war keine kurze, wie man hin und
wieder behauptet hat, denn ein Jahrhundert später begegnen wir wieder
einem hervorragenden Astronomen Ibn Junis (gestorben 1008), der in
Kairo auf Befehl des Kalifen Al Hâkim wertvolle astronomische Tafeln
über die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten anfertigte.
Auch dort stand den Astronomen eine mit großer Freigebigkeit
eingerichtete Sternwarte zu Gebote. Auf Grund der Sternverzeichnisse
verstand man es, vortreffliche Himmelsgloben aus Silber oder Kupfer
anzufertigen, von denen einige erhalten geblieben sind. Eine weitgehende
Genauigkeit der Winkelmessung suchte man dadurch zu erreichen, daß man
den mit der Gradeinteilung versehenen Instrumenten gewaltige
Dimensionen gab. So soll ein in Bagdad aufgestellter Sextant, mit dem man
im Jahre 992 die Schiefe der Ekliptik maß, einen Radius von 58 Fuß gehabt
und einzelne Sekunden angezeigt haben. Auch das Verfahren, zum Messen
der Kulmination bestimmte Instrumente fest im Meridian aufzustellen,
indem man Mauerquadranten errichtete, treffen wir bei den Arabern. Sogar
ein Instrument mit einem Horizontalkreis, über dem zwei Quadranten
drehbar angebracht waren, findet man bei ihnen in Gebrauch. Dieses
Instrument, dem später Tychos Azimutalquadrant im wesentlichen
entsprach, ermöglichte es, von zwei Gestirnen gleichzeitig Azimut und

Page 296

Höhe zu bestimmen. Jene »drehenden Quadranten« der Araber und Tychos
Instrument sind grundlegend für die Konstruktion des heutigen Theodoliten
gewesen.
Die Astronomie, die immer mehr in Astrologie ausartete, die Mathematik
und die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik, ferner auch die
Chemie in ihrem ersten, von mystischen Vorstellungen durchwebten
Gewande, waren die Gebiete, denen sich die Araber mit Vorliebe
zuwandten. Auf diesen haben sie, zumal was die, wenn auch nicht ihrem
Ursprunge, so doch ihrer ersten Entwicklung nach vorwiegend arabische
Wissenschaft der Chemie betrifft, anerkennenswerte Leistungen
aufzuweisen.
Eine Anregung zur Beschäftigung mit der Mathematik empfingen die
Araber nicht nur durch die griechischen Schriften, die von einem
vorzugsweise für die Geometrie veranlagten Volke herrührten, sondern in
nicht geringerem Maße von den Indern, die sich durch ihre rechnerische
Begabung auszeichneten. Von den letzteren erhielten sie, soweit die
vorliegenden, noch mangelhaften Angaben zu schließen gestatten,
vermutlich auch das auf dem Stellenwert beruhende Ziffernsystem, das wir
noch heute als das arabische bezeichnen, weil die Araber es den
abendländischen Völkern übermittelt haben. Auch die Algebra, soweit sie
indischen Ursprungs ist, erfuhr durch die Araber eine wesentliche
Fortbildung.
Von den griechischen Mathematikern ist Euklid für die Entwicklung der
Mathematik bei den Arabern von großem Einfluß gewesen. Zur
Weiterentwicklung der Arithmetik wurden sie besonders durch die
Übernahme des indischen Ziffernsystems angeregt. Die indischen
Zahlzeichen verbreiteten sich übrigens schon sehr früh von Alexandrien aus
nach Rom688.
Bevor wir auf die Weiterentwicklung der Mathematik durch die Araber
näher eingehen, sei noch erwähnt, daß gegen den Ausgang des Mittelalters
das westliche Europa, wahrscheinlich gleichfalls durch Vermittlung dieses
Volkes, in den Besitz der in Ostasien erfundenen Bussole und sehr
wahrscheinlich auch des Schießpulvers gelangt ist. Eine Nachricht über die
Bussole begegnet uns in einer chinesischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert
n. Chr. Dort wird der Magnet als ein Stein bezeichnet, mit dem man der

Page 297

Nadel Richtung gebe689. Ferner ist nachgewiesen, daß die Chinesen schon im
12. Jahrhundert n. Chr. mit der Erscheinung der magnetischen Deklination
bekannt waren. Die betreffende Stelle der chinesischen Literatur lautet690:
»Wenn man die Spitze einer Nadel mit dem Magnetstein bestreicht, so zeigt
sie nach Süden, jedoch nicht genau, sondern etwas nach Osten. Die
Abweichung beträgt etwa 1/24 des Kreisumfanges (also etwa 15°).«
Daß die Bussole durch den Schiffer Flavio Gioja aus Amalfi erfunden
oder in Europa bekannt geworden sei, hat sich als eine der vielen, in der
Geschichte der Wissenschaften vorkommenden Legenden erwiesen. Es
unterliegt keinem Zweifel, daß man mit dem Gebrauche der Magnetnadel in
Europa lange vor dem im 14. Jahrhundert lebenden Gioja bekannt war. So
erwähnt ein provenzalisches, im 12. Jahrhundert entstandenes Buch691, daß
der Schiffer, wenn er weder Mond noch Sterne sehen könne, sich nach der
Magnetnadel richte. Auch in einer um 1180 entstandenen Schrift692 heißt es,
die Eisennadel erlange durch die Berührung mit dem Magneten die
Fähigkeit, nach Norden zu zeigen, was für den Schiffer wichtig sei. Gioja
gebührt vielleicht das Verdienst, daß er die Nadel mit der Windrose
verbunden und damit für den Gebrauch geeigneter gemacht hat693. Ob die
Bussole in Europa selbständig erfunden ist oder durch die Vermittlung der
Araber von Ostasien nach dort gelangte, ließ sich bisher nicht mit
Sicherheit nachweisen. Letztere Annahme ist aber bei dem regen
Handelsverkehr, den die Länder des Islams mit Indien und China
unterhielten, die wahrscheinlichere694.
Interessant ist auch, wie sich die Anbringung der Magnetnadel allmählich
immer praktischer gestaltete. Zuerst ließ man die Nadel schwimmen. So
heißt es an einer Stelle695 in dem 1232 verfaßten »Buche des Schatzes der
Kaufleute in Kenntnis der Steine«: »Wenn die Nacht so dunkel ist, daß die
Kapitäne keinen Stern wahrnehmen können, um sich zu orientieren, so
füllen sie ein Gefäß mit Wasser und stellen dieses im Innern des Schiffes,
gegen den Wind geschützt, auf; dann nehmen sie eine Nadel und stecken sie
in einen Strohhalm, derart, daß beide ein Kreuz bilden. Dieses werfen sie
auf das in dem erwähnten Gefäß befindliche Wasser und lassen es auf
dessen Oberfläche schwimmen. Hierauf nehmen sie einen Magneten,
nähern ihn der Wasseroberfläche und geben ihrer Hand eine Drehung.
Dabei dreht sich die Nadel auf der Wasseroberfläche; dann ziehen sie ihre

Page 298

Hände plötzlich und rasch zurück, worauf die Nadel nach zwei Punkten,
nämlich Nord und Süd, zeigt.«
Die nächste Verbesserung bestand darin, daß man den Magneten auf einer
Nadel schweben ließ. Die Verbindung des Magneten mit der Windrose, die
man auf solche Weise beweglich machte, erfolgte wahrscheinlich im 14.
Jahrhundert. Seine Vollendung erhielt der Kompaß, als ihn Cardanus (im
16. Jahrhundert) mit der nach ihm benannten Aufhängung versah696.
Wie mit der Bussole verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem
Schießpulver, das in China weit früher als in Europa bekannt war. Die
älteste Nachricht, welche die europäische Literatur über das Pulver
aufweist, enthält wohl das Manuskript des Marcus Graecus 697. Es gibt an,
man solle Schwefel, Kolophonium oder Kohle und Salpeter
zusammenreiben und mit dieser Mischung lange Röhren füllen. Zünde man
die Mischung dann an, so flögen die Röhren in die Luft oder sie würden mit
donnerähnlichem Knall zerplatzen.
Nach M. Graecus wurden 1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel, 6 Teile
Salpeter gepulvert, mit Öl gebunden und dann in ein Rohr gefüllt. Nach
einer anderen dort mitgeteilten Vorschrift wurden 1 Teil Schwefel, 2 Teile
Linden- oder Weidenkohle und 6 Teile Salpeter gepulvert und zur Füllung
einer Art Rakete benutzt, um »fliegendes Feuer« herzustellen698. Derartige
Raketen wurden auch gegen feindliche Schiffe geschleudert, um sie in
Brand zu stecken699.

Die Rechenkunst der Araber.

Zur Beschäftigung mit der Mathematik gelangten die Araber dadurch, daß
ihnen die Schriften der Griechen und der Inder bekannt wurden.
Ptolemäos und Euklid, Apollonios, Heron und Diophant wurden in
zahlreichen arabischen Übersetzungen verbreitet700. Welche Rolle hierbei
christlich-griechische Schulen spielten, die unter dem Einfluß der Sekte der
Nestorianer in Syrien entstanden waren, haben wir schon erwähnt. Im 8.
Jahrhundert gelangte ein Auszug aus dem Werke des Inders Brahmagupta
nach Bagdad. Dieser Auszug wurde um 820 durch Mohammed ibn Musa
Alchwarizmi einer Umarbeitung unterzogen.

Page 299

Ibn Musa (ben Musa), der bekannteste arabische Mathematiker, lebte
unter Al Mamûn. Er war nicht nur an der Herausgabe indischer Werke,
sondern auch an einer Neubearbeitung der ptolemäischen Tafeln, sowie an
der erwähnten arabischen Gradmessung beteiligt701. Ferner schrieb Ibn
Musa über die Rechenkunst und die Algebra. Ein Übersetzer des Buches
über die Rechenkunst hat aus Alchwarizmi den Namen Algorithmus
gemacht, der noch jetzt für jedes zur Regel gewordene Rechnungsverfahren
benutzt wird.
Den Ziffern wird von Ibn Musa nach indischem Vorbild ein Stellenwert
beigelegt. Übersteigt beim Addieren die Summe der Ziffern 9, so sollen die
Zehner der folgenden Stelle zugerechnet und an der ursprünglichen Stelle
nur das geschrieben werden, was unter 10 übrig ist. »Bleibt nichts übrig«,
fährt Ibn Musa fort, »so setze den Kreis (die Null), damit die Stelle nicht
leer sei. Der Kreis muß sie einnehmen, damit nicht durch das Leersein die
Zahl der Stellen vermindert und die zweite für die erste gehalten wird«702.
Ibn Musas Werk über die »Algebra« ist das erste, das diese Bezeichnung
trägt. Das Wort Algebra bedeutet soviel wie Ergänzung und bezieht sich auf
die Auflösung der Gleichungen. Das Verfahren der Ergänzung (Algebr)
besteht darin, daß man, um die negativen Glieder aus einer Gleichung zu
entfernen, auf beiden Seiten die gleichen, positiven Werte hinzufügt.
Das Buch war weniger für den wissenschaftlichen als für den praktischen
Gebrauch bestimmt. Dies geht auch aus folgenden Worten hervor, mit
denen Ibn Musa sein Buch einleitet: »Die Liebe zu den Wissenschaften,
durch die Gott den Al Mamûn, den Beherrscher der Gläubigen,
ausgezeichnet hat, und seine Freundlichkeit gegen die Gelehrten haben
mich ermuntert, ein kurzes Werk über Rechnungen durch Ergänzung und
Reduktion zu schreiben. Hierbei beschränke ich mich auf das Leichteste
und das, was die Menschen am meisten bei Teilungen, Erbschaften,
Handelsgeschäften, Ausmessung von Ländereien usw. gebrauchen.«
Ibn Musa unterscheidet sechs Arten von Gleichungen, die in heutiger
Schreibweise folgendermaßen lauten würden:
bx = c
ax2 = c
x2 + bx = c
x2 = bx + c

Page 300

x2 + c = bx
ax2 = bx
Für die Gleichung x2 + c = bx gibt er die Lösung:
x = b/2 ± √((b/2)2 - c).
Er erwähnt, daß die Aufgabe für den Fall, daß c > (b/2)2 unmöglich sei.
Auch die Regel de tri, und zwar nach indischen Mustern, ist in dem Werke
behandelt, das nicht nur für die arabische, sondern auch für die Entwicklung
der abendländischen Mathematik von großer Wichtigkeit gewesen ist.

Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft.

Nach der Eroberung Spaniens errichteten die Araber das Kalifat zu
Cordova, das für den westlichen Teil ihres Reiches eine ähnliche Bedeutung
erhielt, wie sie Bagdad für den Osten besaß. Handel und Gewerbe gelangten
zu hoher Blüte. Prächtige Bauten entstanden. Neue Pflanzen, vor allem die
Dattelpalme, wurden verbreitet. In Spanien war es, wo die Berührung der
abendländischen Christenheit mit der Wissenschaft des Islams
vorzugsweise stattfand. Von hier erfolgte die Wiederbelebung der gelehrten
Studien in den christlichen Ländern, die im 9. und 10. Jahrhundert die
griechischen Schriftsteller in arabischer Übersetzung und kommentiert von
arabischen Gelehrten, wie Avicenna und Averroes, kennen lernten.
Avicenna (Ibn Sina lautet sein arabischer Name) lebte von 980–1037 in
Persien. Als Philosoph schließt er sich an Alfarabi an, welcher die
platonische und die aristotelische Philosophie zu übermitteln gesucht und
der Astrologie diejenige Form gegeben hat, die sie durch das ganze
Mittelalter behielt703. Avicenna befaßte sich besonders mit der Medizin.
Was seine Zeit auf diesen Gebieten an Kenntnissen besaß, vereinigte er in
einem großen Werk, dem Kanon704.
Die Bedeutung des Averroes (Ibn Roschd, 1120–1198) besteht vor allem
darin, daß er die Werke des Aristoteles dem arabischen und christlichen
Mittelalter zugänglich machte. Seine Verehrung für diesen Philosophen war
so groß, daß er behauptete, die Welt sei erst durch die Geburt des
Aristoteles vollständig geworden. Trotzdem kann man Averroes eine

Page 301

gewisse Selbstständigkeit bei seinem Philosophieren nicht absprechen705.
Seine ganze Naturauffassung trägt einen, man könnte fast sagen, modernen
Grundzug. Gott und die Materie sind danach ewig. Eine Schöpfung aus dem
Nichts, die beliebte Vorstellung orientalisch-christlicher Mystik, ist
undenkbar. Das Geistige ist dasjenige, was die Materie bewegt und ihre
Form bestimmt. Auch die menschliche Seele ist nichts anderes als die
formbestimmende Kraft unseres Seins. Daß die Kirche solche Lehren als
ketzerisch verwarf, läßt sich wohl denken. Es ist sogar wahrscheinlich, daß
man die Naturanschauung des Averroes, weil sie mit den physikalischen
Lehren des Aristoteles verknüpft wurde, durch das zeitweilige Verbot der
physikalischen Schriften dieses Philosophen zu bekämpfen suchte.
Für die hohe Blüte der Wissenschaft unter der westarabischen Herrschaft
spricht auch, daß in Cordova um das Jahr 900 eine hohe Schule mit einer
Bibliothek von mehreren hunderttausend Bänden entstand. Ähnliches
wurde in anderen, unter der maurischen Herrschaft durch Handel und
Wohlstand emporblühenden Plätzen, wie Granada, Toledo und Salamanca,
geschaffen. Aus allen Teilen des übrigen Westeuropas zogen Wißbegierige
an diese Stätten, denen man daheim nichts an die Seite zu stellen hatte.
Nachdem die Araber in Süditalien Fuß gefaßt hatten, wußte der hochsinnige
Staufenkaiser Friedrich II. auch dort arabische Weisheit wohl zu
schätzen. Auf seine Anregung wurde der Almagest nach einer arabischen
Handschrift ins Lateinische übersetzt. Den Naturwissenschaften wandte
dieser Kaiser, gleichfalls auf arabischen Quellen, jedoch auch auf eigenen
Beobachtungen fußend, ein großes Interesse zu. So entstand sein Werk über
die Jagd mit Vögeln, in dem er an manchen Stellen den zoologischen
Betrachtungen eine anatomische Begründung zu geben wußte706. Das Buch
enthält eine gute Beschreibung des Vogelskeletts, sowie eine Anatomie der
Eingeweide. Es handelt von den mechanischen Bedingungen des Fliegens,
den Wanderungen der Vögel usw. Die Anleitung zur anatomischen
Untersuchung des Vogels verdankte der Kaiser wohl den Gelehrten der
medizinischen Schule zu Salerno.
Friedrich II. soll auch als erster Herrscher die Zerlegung menschlicher
Leichen gestattet haben, weil er von der Überzeugung durchdrungen war,
daß nur dadurch eine Förderung der Heilkunde zu erwarten sei.

Page 302

Optik und Mechanik bei den Arabern.

Wie schon erwähnt, wurde neben der Mathematik und der Astronomie
besonders die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik von den
Arabern gepflegt. Das auf diesem Gebiete teils gesammelte, teils erworbene
Wissen ist uns am vollständigsten in dem Werke des im 11. Jahrhundert in
Spanien lebenden Physikers Alhazen (Ibn al Haitam) übermittelt
worden707. Dieses Werk stand in hohem Ansehen und verdient es, daß wir
uns mit seinem Inhalt etwas eingehender beschäftigen, um uns einen
Begriff von den damaligen Kenntnissen zu verschaffen. Zunächst handelt
Alhazen von dem Organ des Sehens. Zwar hatten sich schon die
Alexandriner mit dem Bau des Auges befaßt. Die Beschreibung, die uns
Alhazen liefert, ist jedoch die erste, die den Namen einer anatomischen
verdient. Die noch heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die Hauptteile
des Auges, wie Humor vitreus (Glaskörper), Cornea (Hornhaut), Retina
(Netzhaut) usw. gehen auf Alhazens Optik zurück.
Das Verhältnis von Linse und Netzhaut in seiner Bedeutung für das
Zustandekommen des Bildes zu erkennen, blieb allerdings späteren
Untersuchungen vorbehalten. Wie aus der beistehenden, der Ausgabe
Risners entnommenen Abbildung ersichtlich ist, verlegte Alhazen die
Linse in die Mitte des Auges. Dorthin sollten alle, die vordere Wölbung des
Auges senkrecht treffenden Strahlen gelangen. Nur diese Strahlen
vermitteln nach seiner Annahme das deutliche Sehen und werden von der
Linse empfunden708. Die Gesamtheit dieser Strahlen bildet die Sehpyramide.
Ihre Spitze liegt also im Mittelpunkte des Auges, während ihre Grundfläche
die Oberfläche des gesehenen Gegenstandes ist.

Abb. 53. Alhazens Darstellung des Auges.

Page 303

Im 2. Buche werden die 22 Eigenschaften untersucht, welche das Auge an
den Körpern unterscheide, nämlich Licht, Farbe, Entfernung, Gestalt,
Größe, Zahl, Bewegung, Ruhe, Durchsichtigkeit usw.
Das Licht braucht nach Alhazens Annahme zu seiner Fortpflanzung Zeit.
Auch den optischen Täuschungen widmet er eine Betrachtung709.
In der Behandlung der Reflexion und der Brechung, denen das Werk der
Hauptsache nach gewidmet ist, zeigt sich ein Fortschritt den Griechen
gegenüber710. Nicht nur ebene, sondern auch sphärische, zylindrische und
konische Konkav- und Konvexspiegel werden zur Erzeugung von Bildern
herangezogen und Lage und Größe der letzteren bestimmt. Für sämtliche
untersuchten Spiegel fand Alhazen das Reflexionsgesetz bestätigt. Er
kennt die Lage des Brennpunktes, den Euklid noch in den
Krümmungsmittelpunkt verlegt hatte. Auch mit der Tatsache, daß nicht alle
Strahlen in einem und demselben Punkte vereinigt werden, zeigt sich
Alhazen vertraut. Seine Messungen an der Brennkugel führten zu dem
Ergebnis, daß bei jeder glatten, durchsichtigen Kugel aus Glas oder einer
ähnlichen Masse die Strahlen in einer Entfernung von der Kugel vereinigt
werden, die etwa ein Viertel des Durchmessers beträgt. Selbst die
Eigenschaft des Rotationsparaboloids, die vom Brennpunkte ausgehenden
Strahlen parallel zu reflektieren, wird erörtert. In Alhazens Optik711 wird
ferner auf die Erscheinung hingewiesen, daß ein aus durchsichtigem
Material verfertigtes Kugelsegment die Gegenstände größer erscheinen läßt.

Abb. 54. Alhazen untersucht die Brechung.

Page 304

Hatte Ptolemäos gefunden, daß jedem Einfallswinkel ein bestimmter
Brechungswinkel entspricht, so fügte Alhazen die Erkenntnis hinzu, daß
der einfallende und der gebrochene Strahl mit dem Einfallslot in einer
Ebene liegen. Die ältere Annahme, daß das Verhältnis zwischen dem
Einfalls- und dem Brechungswinkel ein konstantes sei, erkennt Alhazen
nur für kleine Werte als richtig an. Bei seinen Untersuchungen über die
Brechung des Lichtes bediente er sich eines Apparates, der dem von
Ptolemäos (siehe S. 265) benutzten entspricht. Er nahm eine kreisförmige
Scheibe aus Kupfer, die einen Rand mit Gradeinteilung besaß (siehe Abb.
54). In dem Rande befand sich eine Öffnung c. Eine zweite Öffnung (d) war
in einer nahe der Mitte der Scheibe gelegenen Platte angebracht. Dieser
Apparat wurde bis zum Mittelpunkt in die Flüssigkeit getaucht. Fiel dann
ein Lichtstrahl durch die beiden Öffnungen c und d, so traf er die
Flüssigkeit im Mittelpunkt der Scheibe, auf deren Rand der Einfallswinkel
und der Brechungswinkel abgelesen werden konnten.
Aus der Spiegelung und der Brechung erklärt Alhazen einige wichtige
astronomische Erscheinungen. So wird die Dämmerung auf die Reflexion
des Lichtes zurückgeführt. Die Tatsache, daß die Dämmerung nur so lange
dauert, bis die Sonne sich 19° unter dem Horizont befindet, gibt Alhazen
ein Mittel an die Hand, die Höhe unserer Atmosphäre zu bestimmen712. Es
sei M, so führt er aus, die äußerste Luftschicht, welche den Strahl SM noch
zu reflektieren vermag, und A der Ort des Beobachters. Der Winkel HMS,
den der Sonnenstrahl SM mit dem Horizont bildet, beträgt dann 19°. Nach
dem Reflexionsgesetz ist nun ∡BMC = ∡AMC. Da ferner die Summe der
drei Winkel bei M = 180° ist, so ergibt sich für den Winkel AMC der Wert
(180° - 19°)/2 = 80° 30'. Da die Seite AC = r bekannt ist, so ist das
rechtwinklige Dreieck ACM bestimmt. Die gesuchte Höhe ergibt sich,
wenn man aus den gegebenen Stücken die Hypotenuse MC berechnet (MC
= r : sin 80° 30') und davon r abzieht. MD = h ist also = (r : sin 80° 30') - r.
Diese Größe beträgt nach der Berechnung Alhazens 52000 Schritt (5–6
Meilen), während wir dafür 10 Meilen annehmen713.

Page 305

Abb. 55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.

Gegen diese Berechnung läßt sich ein Einwand erheben, den Alhazen
selbst schon hätte machen können. Er wußte nämlich, daß ein Lichtstrahl,
der schräg in die Atmosphäre einfällt, keine gerade Linie beschreibt,
sondern, da er auf immer dichtere, das Licht in wachsendem Maße
brechende Schichten trifft, einen krummen Weg nimmt. Diese, mit dem
Namen der astronomischen Refraktion bezeichnete Erscheinung war schon
dem Ptolemäos bekannt. Man führte sie im Altertum jedoch nicht auf die
zunehmende Dichte der Atmosphäre, sondern auf die in ihr enthaltenen
Dünste zurück. Das Funkeln der Sterne rührt nach Alhazen von raschen
Änderungen in der Atmosphäre her, während die Erscheinung, daß Mond
und Sonne in der Nähe des Horizontes abgeplattet erscheinen, aus der
astronomischen Refraktion erklärt wird.
Außer der »Optik« gibt es auch eine kleinere Abhandlung Alhazens, in der
er von der Durchsichtigkeit und über die Natur des Lichtes handelt. Sie
beginnt mit folgenden Worten714: »Die Behandlung des ‚Was‘ des Lichtes
gehört zu den Naturwissenschaften. Aber die Behandlung des ‚Wie‘, der
Strahlung des Lichtes, bedarf der mathematischen Wissenschaften wegen
der Linien, auf denen sich das Licht ausbreitet. Ebenso verhält es sich mit
den durchsichtigen Körpern, in die das Licht eindringt. Die Behandlung des
‚Was‘ ihrer Durchsichtigkeit gehört zu den Naturwissenschaften und die
Behandlung des ‚Wie‘, der Ausbreitung des Lichtes in ihnen, zu den
mathematischen Wissenschaften.« Von Interesse sind auch die in dieser
Schrift entwickelten Ansichten über den Grad der Durchsichtigkeit, für die
es nach Alhazen keine Grenzen gibt.
Durch Alhazen wurde man besonders auf die vergrößernde Kraft gläserner
Kugelsegmente aufmerksam715. Es ist sehr wohl möglich, daß sein Hinweis

Page 306

auf die Herstellung von Brillen geführt hat. Wenn sich Alhazen auch auf
die antiken Optiker stützt, so ragt er über Ptolemäos als den letzten und
bedeutendsten, den wir erwähnt haben, doch hinaus. Während die frühere
Geschichtsschreibung Alhazen nur gering einschätzte716, ist sein Verdienst
und die Selbständigkeit, die er in vielen Teilen seiner Schriften zeigt, durch
die neuere Forschung gewürdigt worden717.
Neben der Optik wurde auch die Mechanik von den Arabern gepflegt. So
begegnen uns bei ihnen genauere Bestimmungen der spezifischen
Gewichte. Eine aus dem 12. Jahrhundert herrührende Tabelle718 enthält
folgende Werte:
Gold 19,05 (statt 19,26 nach neuerer Bestimmung ),
Quecksilber 13,56 ( » 13,59 » » » ),
Kupfer 8,66 ( » 8,85 » » » ),
Blei 11,32 ( » 11,35 » » » ),
Seewasser 1,041 ( » 1,027 » » » ),
Blut 1,033 ( » 1,045 » » » ).
Die Bestimmungen erfolgten vermittelst der Wage oder eines Gefäßes, das
die von einer gewogenen Menge des zu untersuchenden Körpers verdrängte
Menge Wassers zu finden gestattet. Für Flüssigkeiten bediente man sich des
Aräometers, das schon die späteren Alexandriner zu diesem Zwecke
benutzten719.
Die Wägungen waren schon recht genau. Bei einem Gesamtgewicht von
mehr als zwei Kilogramm wurden noch 0,06 g angezeigt720.
Diese Leistungen der Araber verdienen um so mehr Bewunderung, wenn
man bedenkt, daß zur selben Zeit das christliche Abendland meist noch von
scholastischen Zänkereien erfüllt war. So befindet sich z. B. in dem
Hauptwerk des Thomas von Aquino 721 unter mehreren hundert Kapiteln
nur ein einziges, das von den »natürlichen Wirkungen der Dinge« handelt,
während sich eine ganze Anzahl mit der Nahrung, der Verdauung und dem
Schlaf der Engel beschäftigen. Derselbe Thomas von Aquino, den die
Scholastiker als ihren großen Meister verehrten, erklärte das Streben nach
Erkenntnis der Dinge für Sünde, soweit es nicht auf die Erkenntnis Gottes
abziele722.

Page 307

Die Chemie im arabischen Zeitalter.

Große Verdienste haben sich die Araber auch um die Entwicklung der
Chemie erworben. Zwar wurde man schon lange vor ihnen durch
hüttenmännisches und gewerbliches Schaffen mit einer Reihe stofflicher
Veränderungen vertraut. Auch empfingen zweifelsohne die Araber die erste
Anregung zu ihrer Beschäftigung mit der Chemie in Syrien, Mesopotamien
und Ägypten, wo man zahlreiche Erfahrungen gesammelt hatte. Bei den
späteren Alexandrinern und den Arabern finden wir indes die Beschäftigung
mit den stofflichen Veränderungen losgelöst von den alltäglichen
Nützlichkeitszwecken und in den Dienst eines Strebens gestellt, das einen
Ansporn verlieh, wie es kein rein wissenschaftliches Interesse in höherem
Grade vermocht hätte.
Zahlreiche, aus dem Orient stammende, chemische Kenntnisse gelangten
durch die Araber nach Spanien. Von hier aus wurden sie dem christlichen
Abendlande übermittelt, wo sie einen besonders günstigen Boden fanden.
Seit dem 13. Jahrhundert stand infolgedessen die alchimistische Kunst in
Frankreich, in Deutschland und in England in Blüte. Eine nicht geringe
Zahl von Kenntnissen, die sich auf das Verhalten und die Verarbeitung der
Metalle beziehen, war zweifelsohne im Abendlande selbst aus dem
Altertum ins Mittelalter hinüber gerettet worden. Man darf daher die Rolle,
welche die Araber gespielt haben, auch nicht zu hoch einschätzen. So
existiert noch heute ein Manuskript aus der Zeit Karls des Großen 723, das
den Titel »Compositiones ad tingenda« führt und Vorschriften über das
Färben von Mosaiken und Häuten, über das Vergolden, das Löten usw.
enthält. Unter den Manuskripten des 10. Jahrhunderts ist man ferner mit
einem größeren Werke über Färberei (Mappae clavicula) bekannt geworden,
das nach Berthelot keine Spur von arabischer Beeinflussung zeigt. Die
Vorschriften, welche diese abendländischen Schriften des Mittelalters
enthalten, sind vielmehr oft wörtlich den griechischen Alchemisten
entnommen. Die Mappae clavicula enthält nämlich Vorschriften, die mit
solchen der kürzlich bekannt gewordenen antiken chemischen Urkunden
(des Leydener und des Stockholmer Papyrus, s. S. 279) wörtlich
übereinstimmen. Die frühere Meinung, daß man es in der Alchemie
ausschließlich mit einer Schöpfung der Araber zu tun habe, hat sich somit
als unhaltbar erwiesen. Trotzdem ist das Verdienst der Araber auf dem

Page 308

Gebiete der Alchemie nicht gering einzuschätzen. Sie haben diese
Wissenschaft, wie sie ihnen aus dem Altertum überkommen war, nicht nur
erhalten und verbreitet, sie haben sie auch fortgeführt und wesentlich
bereichert.
Bereits im 8. und 9. Jahrhundert erlangte die arabische Literatur über
Alchemie einen bedeutenden Umfang. Etwas später haben die schon
erwähnten arabischen Gelehrten (s. S. 312) Alfarabi und Avicenna neben
vielem anderen auch über Alchemie geschrieben. Avicenna, den spätere
Alchemisten als einen ihrer Gewährsmänner ausgaben, erklärte, Gold und
Silber entständen unter dem Einfluß des Mondes und der Sonne aus den
Dünsten der Erde mit allen ihren besonderen Eigenschaften, die kein
Mensch künstlich nachzuahmen vermöge. Auch den astrologischen Lehren
gegenüber hat sich Avicenna skeptisch verhalten724.
Über die chemischen Einzelkenntnisse der Araber erfahren wir manches aus
dem um 975 von Abu Mansur verfaßten »Buch der pharmakologischen
Grundsätze«725. Abu Mansur erwähnt z. B. die Anwendung des
Gipsverbandes bei Knochenbrüchen, ein Verfahren, das die neuere Medizin
erst im 19. Jahrhundert wieder aufnahm. Trinkbares Wasser, heißt es an
einer anderen Stelle des Buches, läßt sich durch Destillation von
Meerwasser in ähnlicher Weise bereiten, wie man Rosenwasser destilliert.
Hatte man die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und
Auripigment) schon im Altertum unterschieden, so bringt uns das Buch
Abu Mansurs eine der ersten Nachrichten über den weißen Arsenik. Die
Arsenikverbindungen werden als flüchtig und giftig, aber als heilkräftig
bezeichnet. Das Gleiche wird beim Quecksilber hervorgehoben, das in
Form von Salbe gegen Ungeziefer empfohlen wird. Die mineralischen
Säuren finden dagegen bei Abu Mansur noch keine Erwähnung. Es ist
daher wohl anzunehmen, daß sie zu seiner Zeit noch nicht dargestellt
waren. Die Salpetersäure und das Königswasser begegnen uns in der
Literatur des Mittelalters zuerst im 13. Jahrhundert726. Diese chemischen
Agentien können auch nicht viel früher bekannt geworden sein, weil der
Salpeter dem Altertum unbekannt war und erst um 1200 durch die Araber
als »Salz von China« nach Europa gelangte. In China selbst ist dieses Salz
zu explosiven Mischungen wahrscheinlich nicht schon vor Beginn unserer
Zeitrechnung, sondern erst viel später angewendet worden727.

Page 309

Durch die Araber wurde auch der Anbau des Zuckerrohrs von Indien nach
den westlichen Kulturländern verbreitet. Das Zuckerrohr hatte man durch
den Zug Alexanders des Großen kennen gelernt. Die Bereitung des
festen Zuckers wurde erst mehrere hundert Jahre n. Chr. erfunden728. Seit
etwa 750 n. Chr. wurde das Zuckerrohr in Ägypten angebaut. Bald nach der
Entdeckung Amerikas wurde es nach St. Domingo verpflanzt. So sehen wir,
wie die Ausbreitung einer Pflanze, die uns eine der wichtigsten organischen
Verbindungen liefert, aufs engste mit dem Gange der geschichtlichen
Ereignisse verknüpft ist.
Technisch und wissenschaftlich von großer Wichtigkeit, aber auch von
unheilvollen Folgen war die früher den arabischen Chemikern und Ärzten
zugeschriebene Entdeckung, daß sich durch Destillation aus dem Wein der
berauschende Stoff dieses Getränkes absondern läßt. Später nannte man ihn
Al-kohol und nahm ihn zum größten Unsegen für die Menschheit unter die
Arzneimittel auf729. Insbesondere wurde der Alkohol als Vorbeugungsmittel
gegen die großen Seuchen (Pest, schwarzer Tod) betrachtet, die im
Mittelalter Europa heimsuchten.
Als der bedeutendste arabische Schriftsteller des alchemistischen Zeitalters
hat lange Zeit Geber gegolten, der während der ersten Hälfte des 8.
Jahrhunderts gelebt haben soll. Er wurde als der Verfasser einer Anzahl
Schriften genannt, die in lateinischer Übersetzung auf uns gekommen
seien730. Diese Schriften, insbesondere das »Summa perfectionis magisterii«
betitelte Hauptwerk, sind in der Form, in der sie sich erhalten haben, im
christlichen Europa etwa seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Nach den
Untersuchungen731 Berthelots und Steinschneiders sind Gebers Person
und seine Bedeutung in geschichtlicher Hinsicht sehr in Dunkel gehüllt.
Diejenigen arabischen Originalschriften, als deren Verfasser er allenfalls
angesehen werden kann, enthalten nämlich wenig von dem Inhalt der später
unter seinem Namen gehenden lateinischen Übersetzungen. Eine Probe aus
einer dieser Schriften hat Berthelot mitgeteilt732. Danach handelt es sich
meist um marktschreierische Anpreisungen und unklare Darstellungen.
Geber empfiehlt in seinen Schriften, seine Mitteilungen geheim zu halten.
Er beruft sich oft auf seinen religiösen Standpunkt als Muselmann, um dem
etwaigen Verdacht, daß er übertreibe oder schwindele, zu begegnen. Die
Metalle vergleicht Geber mit lebenden Wesen, wie es schon die
alexandrinischen Alchemisten taten. Auch begegnet uns bei ihm die Lehre,

Page 310

daß jedes Ding neben seinen äußeren, erkennbaren noch geheime (okkulte)
Eigenschaften habe. So sagt er »Das Blei ist im Äußeren kalt und trocken
und im Innern warm und feucht, während das Gold warm und feucht ist im
Äußern, dagegen kalt und trocken im Innern«. Dem entspricht die
Anschauung, die uns bei Rhases begegnet, nach der das Kupfer in seinen
verborgenen Eigenschaften Silber sei. Wem es gelänge, die rote Farbe aus
dem Kupfer auszuscheiden, der führe es in das Silber, das es seiner
verborgenen Natur nach sei, zurück. Eine kurze Darstellung des Inhalts der
Pseudo-Geberschen Schriften733 wird am besten über das Ziel und den
Umfang der chemischen Kenntnisse des späteren Mittelalters belehren,
wenn sich auch, in Anbetracht der großen Unvollständigkeit, in der die
Literatur des Mittelalters durchforscht ist, nicht sicher feststellen läßt,
wieviel die Verfasser jener Schriften selbständig gefunden und was sie
früheren Schriftstellern entlehnt haben.
Die wichtigste Tatsache, die uns in den Pseudo-Geberschen Werken
begegnet, ist die, daß man mit der Salpetersäure, der Schwefelsäure und
dem Königswasser bekannt ist, während sich das Altertum nur im Besitz
der Essigsäure befand. Die erstgenannten Säuren erhielt man durch Erhitzen
von Salzen und Salzgemischen, eine Darstellungsart, die für die
Schwefelsäure bis zur Erfindung des englischen Verfahrens die einzige
blieb. Salpetersäure erhielt man durch Erhitzen eines Gemenges von
Salpeter und Vitriol. Ein Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure lieferte das
Königswasser, dessen Eigenschaft, das Gold, den König der Metalle,
aufzulösen, den Alchemisten nicht entging. Die Herstellung einer solchen
Lösung hatte man lange angestrebt, weil man sich von ihr die Heilung aller
Krankheiten versprach.
Auf Grund der Kenntnis der Mineralsäuren konnte sich nun eine Chemie
entwickeln, die auf nassem Wege verfuhr, während man bis dahin
vorzugsweise eine Chemie der Schmelzprozesse betrieben hatte. So
gelangte man durch Auflösen von Silber und anderen Metallen in
Salpetersäure zum Höllenstein und vielen Salzen, welche den Alten, wie z.
B. die Salze des Quecksilbers, nicht bekannt waren. Es bedarf kaum der
Erwähnung, daß die erhaltenen Verbindungen zunächst sehr unrein waren.
Doch kannte man auch schon die wichtigsten Verrichtungen, die auf eine
Reindarstellung der gewonnenen Präparate abzielten. Es waren dies außer
der Destillation, die man schon bei den Alexandrinern erwähnt findet, vor

Page 311

allem das Umkristallisieren, die Sublimation und das Filtrieren. Auch
Wasserbäder und Öfen zu chemischem Gebrauch finden sich in den Pseudo-
Geberschen Werken beschrieben734.
Mit dem chemischen Verhalten der Metalle waren die Verfasser jener Werke
weit besser als das Altertum bekannt; sie stellten z. B. aus den Metallen eine
Reihe von Sauerstoffverbindungen her. So finden wir bei ihnen die erste
Nachricht über die Gewinnung des Quecksilberoxyds735, einer Substanz, die
in der späteren Entwicklung der Chemie die größte Rolle gespielt hat. Nicht
nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Schwefel wußte man die Metalle zu
verbinden. Die entstandenen Sulfide fand man schwerer als das zur
Verwendung kommende Metall, während man unrichtigerweise annahm,
daß mit der Oxydation eine Verminderung des Stoffes verbunden sei.
Auch in der Kenntnis der Verbindungen der Leichtmetalle war man in
dieser Periode einen Schritt weiter gekommen. Pottasche wurde durch
Verbrennen von Weinstein, Soda nach dem bis zur Einführung des
Leblancprozesses üblichen Verfahren (Einäschern von Seepflanzen)
dargestellt. Durch einen Zusatz von Kalk machte man die Lösungen dieser
beiden Salze ätzend und erhielt so Kalilauge und Natronlauge736. Letztere
dienten zur Auflösung von Schwefel, der aus der alkalischen Lösung durch
Säuren in feinster Verteilung als Schwefelmilch wieder ausgefällt wurde737.
Die chemischen Einzelkenntnisse suchte man auch unter den Gesichtspunkt
einer Theorie (sie ist durch E. v. Lippmann in seiner »Alchemie« als
alexandrinisch nachgewiesen) zu bringen, die bei dem damals noch
herrschenden Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß die Wahrheit
allerdings noch gänzlich verfehlte. Die Metalle hielt man für Gemenge von
Quecksilber und Schwefel738. Der Schwefel (Sulphur) war in den Metallen,
wie in den brennbaren Substanzen überhaupt, der Träger der Brennbarkeit.
Er sollte den Metallen auch die Farbe verleihen. Mercurius (Quecksilber)
dagegen galt als derjenige Grundbestandteil, der die Schmelzbarkeit, den
Glanz und die Dehnbarkeit bedingte. Unter dem Sulphur und dem
Mercurius der Alchemisten muß man sich indessen nicht den gemeinen
Schwefel und das gewöhnliche Quecksilber vorstellen. Diese Elemente
bestanden nur vorwiegend aus Sulphur, beziehungsweise Mercurius, waren
aber nicht damit identisch. Der gemeine Schwefel und der Sulphur der
Alchemisten verhielten sich vielmehr zueinander etwa wie die Steinkohle
und das Element Kohlenstoff. In den edlen Metallen sollte Mercurius

Page 312

überwiegen. Durch Abänderung des Verhältnisses dieser vermeintlichen
Bestandteile konnten die Metalle ineinander übergeführt werden. So nahm
das Kupfer eine Stelle zwischen Gold und Silber ein. Es mußte sich daher
leicht in das eine oder in das andere umwandeln lassen. Durch Erhitzen mit
Galmei739 wurde es dem Golde, durch Zusammenschmelzen mit Arsenik
dem Silber angenähert. Die auf solche Weise herbeigeführte Änderung der
roten Farbe in Gelb und Weiß hielt man für den Beginn des Überganges in
ein anderes Metall740. Zinn war reiner und enthielt mehr Mercurius als Blei.
Daß letzteres sich durch Zusatz von Quecksilber in Zinn umwandeln lasse,
galt als Tatsache. Bei allem weiteren Herumprobieren verfolgte man das
Ziel, zunächst einen Stoff herzustellen, mit dem die Metallverwandlung
völlig gelingen sollte. Diesen hypothetischen Stoff nannte man den Stein
der Weisen. Die späteren Alchemisten des christlichen Abendlandes legten
ihm die wunderbarsten Wirkungen bei. Da sie, wie auch die späteren
arabischen Alchemisten im wesentlichen den gleichen, soeben entwickelten
Ansichten huldigten und da zunächst auch keine bedeutende Vermehrung
der Einzelkenntnisse stattfand, so kann von einem nennenswerten
Fortschritt der Chemie im weiteren Verlaufe dieser Periode kaum die Rede
sein. Vielmehr fand zwischen den beiden Pseudowissenschaften, der
Alchemie und der Astrologie, eine immer größere Verschmelzung unter
gleichzeitiger Durchtränkung mit mystischen Elementen statt.
Die Frage, woher das in den Pseudo-Geberschen Schriften enthaltene
Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts »in
völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren
Entwicklung« entgegentritt, gehört auch heute noch zu den dunkelsten in
der Geschichte der Chemie741.

Die Pflege der Naturbeschreibung und der Heilkunde.

Wir wenden uns jetzt den Verdiensten zu, die sich die Araber um die
Erhaltung der alten naturgeschichtlichen Schriften erworben haben. Von
einem wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Zoologie und der
Botanik kann im Zeitalter dieses Volkes nicht die Rede sein, zumal die
Araber vor anatomischen Untersuchungen geradezu einen Abscheu hegten.
Auf dem Gebiete der menschlichen Anatomie beschränkten sie sich daher
ganz auf Aristoteles und Galen, während sie sich bei der Beschäftigung

Page 313

mit der Tier- und Pflanzenwelt, wie das spätere Altertum, vorzugsweise von
dem Bestreben leiten ließen, den Schatz der Heilmittel kennen zu lernen
und zu vermehren.
Von dem gleichen Standpunkt aus wandten die Araber den Mineralien ihr
Interesse zu. Ein Bild von den mineralogischen Kenntnissen und
Anschauungen der Araber erhält man aus der im 13. Jahrhundert
entstandenen Kosmographie des Ibn Mahmud al Qazwini 742. Danach
entstehen die durchsichtigen Mineralien aus Flüssigkeiten, die übrigen aus
der Mischung des Wassers mit der Erde. Das Wasser soll ebenso zu Stein
werden, wie sich Wasser aus der Luft verdichtet. »Wenn es möglich ist«,
sagt Al Qazwini, »daß das Wasser Luftform annimmt, so muß es auch
möglich sein, daß es die Form des Wassers ablegt und diejenige der Erde
annimmt.« Die Besprechung im einzelnen wird mit der Bemerkung
eingeleitet, daß nicht alle, sondern nur die wunderbarsten Eigenschaften der
Mineralien beschrieben werden sollen. Unter diesen Eigenschaften sind vor
allem Heil- und Zauberwirkungen verstanden. So heißt es vom Bleiglanz:
»Aristoteles sagt: Dies ist ein bekannter Stein, der in vielen Gruben
gewonnen wird. Es ist ein bleihaltiges Mineral; als Augenpulver ist es gut
für die Augen, es verschönt sie und beseitigt das Fließen der Tränen.« Die
Eigenschaften des Bergkristalls werden mit folgenden Worten beschrieben:
»Der Bergkristall ist eine Art Glas, nur daß er härter ist. Die Könige
benutzen Gefäße aus Bergkristall auf Grund der Überzeugung, daß das
Trinken daraus gesund sei.«
Die Darstellung des roten Quecksilberoxyds durch längeres Erhitzen des
Quecksilbers war bekannt. Die entstehende rote Masse wurde indessen für
künstlichen Zinnober gehalten. Der natürliche Zinnober entstehe dagegen
durch die Vereinigung von Quecksilber und Schwefel im Innern der Erde.
Unter den Eigenschaften des Alauns wird erwähnt, daß er Blutungen zum
Stillstand bringe. Weiter heißt es: »Wenn die Färber ein Kleid färben
wollen, tauchen sie es zuvor in Alaun. Die Farbe geht dann nie wieder
weg.« Besondere Zauberkräfte wurden dem Amethyst beigelegt: »Das ist
ein Stein, der das Feuer auslöscht, wenn er darin liegt. Legt man ihn unter
die Zunge und trinkt ein berauschendes Getränk darüber weg, so steigen die
Dünste nicht zu Kopf, und man wird nicht betrunken.« Interessant ist, daß
das Bohren mit Diamanten schon Erwähnung findet. Die Werkleute
befestigen nach Al Qazwini Stücke des Diamanten an den Rand des

Page 314

Bohrers und bohren damit die harten Steine. Mit einem auf geeignete Weise
gefaßten Diamanten dringt ferner der Arzt in die Harnröhre ein, um steinige
Konkretionen zu zerbröckeln. Vom Magneten wird berichtet: »Im indischen
Ozean befindet sich eine Insel aus diesem Mineral. Wenn die Schiffe in die
Nähe gelangen und etwas an ihnen aus Eisen ist, so fliegt es wie ein Vogel
fort und heftet sich an den Magneten.« Die Kosmographie Al Qazwinis
gestattet auch einen Einblick in die zoologischen Kenntnisse und
Anschauungen der Araber. Auch auf diesem Gebiete sind die letzteren im
wesentlichen nur die Vermittler zwischen dem Altertum und der neueren
Zeit gewesen. Selbständige Leistungen und neue Auffassungen lassen sich
in den auf uns gekommenen arabischen Schriften zoologischen Inhalts
kaum nachweisen, wenn es auch an einzelnen zutreffenden Bemerkungen
nicht fehlt. So sagt Al Qazwini an einer Stelle, jedes Tier besitze die
Glieder, die zu seinem Körper stimmen und solche Gelenke, welche zu
seinen Bewegungen passen. Auch sei die Haut so beschaffen, wie es der
Schutz der Tiere erfordere.
Die Einzelkenntnis der Tierformen erhielt durch die Araber eine bedeutende
Erweiterung, da sich ihre Forschungsreisen nach China, Südasien,
Ostafrika, ja selbst bis Sumatra und Java erstreckten. Wie in den zur Zeit
des Mittelalters im Abendlande entstandenen zoologischen Schriften743, so
nahmen auch in den Kosmographien der Araber die Tierfabeln einen großen
Raum ein. Die Erzählung von dem Walfisch, der für eine Insel gehalten
wird, an welcher die Schiffe landen, begegnet uns mit der Abänderung, daß
die Rolle dieses Tieres bei den Arabern eine riesige Seeschildkröte
einnimmt.
Neben den arabischen Bearbeitungen der Naturgeschichte der Tiere sind die
Übersetzungen der Werke des Aristoteles und des Galen zu nennen. Ibn
Sina (Avicenna), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts lebte, soll sämtliche
Schriften des Aristoteles in 20 Bänden erläutert haben. Ein Kommentar zu
den von Aristoteles verfaßten Büchern über die Tiere hat sich in
lateinischer Übersetzung erhalten744. Auch Ibn Roschd (Averroes), der
gleich Avicenna für die Philosophie des Mittelalters von hervorragender
Bedeutung war, schrieb Kommentare zu den naturgeschichtlichen Schriften
des Aristoteles.
Rein botanische Werke entstanden bei den Arabern ebensowenig wie bei
den auf Theophrast folgenden griechischen Schriftstellern. Die

Page 315

Pflanzenkunde verfolgte auch bei ihnen fast ausschließlich praktische
Zwecke, indem sie als Heilmittelkunde, Ackerbau oder Gartenbaulehre
auftrat. Gleichzeitig schleppte sie dabei einen immer mehr anschwellenden,
auf Nomenklatur und Synonymik hinauslaufenden Wust philologischer
Gelehrsamkeit mit sich. Von den Schriften griechischen Ursprungs wurde
besonders Dioskurides ins Arabische übersetzt und kommentiert. Zu
allgemeineren Betrachtungen über die Pflanze hat sich wohl nur Avicenna
erhoben. Letzterer unterschied drei Stufen der Beseelung: die Pflanzen-, die
Tier- und die Menschenseele. Der Pflanzenseele schrieb er eine ernährende,
eine auf das Wachstum gerichtete und eine erzeugende Kraft zu.
Unter den auf Landwirtschaft bezüglichen arabischen Schriften ist das Werk
von Ibn Alawwâm zu nennen, von dem noch mehrere vollständige
Handschriften vorhanden sind. Es entstand im 12. Jahrhundert in Spanien
und handelt vom Boden, von der Düngung und der Bewässerung, ferner
von der Baumzucht, vom Getreide- und vom Gartenbau745. Am genauesten
wird über die Baumzucht berichtet. Zahlreiche Arten der Veredelung
werden beschrieben und zum Teil durch Abbildungen erläutert. Ein
besonderer Abschnitt handelt von dem Alter der Bäume. Viele, die Pflanzen
und ihre Verbreitung betreffenden Mitteilungen finden sich auch in der
umfangreichen geographischen Literatur der Araber zerstreut.
Im 14. Jahrhundert ragt das Reisewerk Ibn Batutas, das demjenigen
Marco Polos an die Seite gestellt werden kann, hervor746. Sein Verfasser
bereiste nicht nur die Mittelmeerländer, sondern gelangte auch nach Indien
und China. Es wird manche Pflanze der bereisten Länder beschrieben und
ihre Verwendung gewürdigt. Doch hat Ibn Batuta seine Kenntnisse mehr
auf den Marktplätzen als in der freien Natur gesammelt, so daß der
botanische Inhalt des Werkes dem geographischen gegenüber an Bedeutung
zurücktritt.
Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Anschluß an die Chemie und die
Botanik auch die Heilkunde bei den Arabern eifrig gefördert wurde. Sie
knüpften dabei an die ihnen von den Griechen (Galen) und von den Indern
übermittelten Kenntnisse an. Was sie neu schufen, war insbesondere die
Pharmazie, die im 8. Jahrhundert, in enger Verbindung mit der Chemie, in
den arabischen Ländern zuerst als selbständige Wissenschaft aufkam747.
Auch auf den Gebieten der Krankenpflege, des Hospitalwesens und der
Heilmittellehre ist manches auf die Araber zurückzuführen. Da ihnen ihre

Page 316

Satzungen die Zergliederung von Leichen verboten, blieben sie hinsichtlich
der Anatomie auf Galen angewiesen. Daß die Chirurgie bei ihnen dennoch
Fortschritte machte, ist auf indische Einflüsse zurückzuführen. Die
Bearbeitung, welche Galens Schriften durch Ibn Sina (Avicenna) erfuhr,
erschien um das Jahr 1000 unter dem Namen des »Kanon« und blieb für das
Mittelalter maßgebend, bis Paracelsus die Werke Avicennas den
Flammen übergab. Auch auf dem Gebiete der Augenheilkunde haben sich
die Araber Verdienste erworben. Zwar fußten sie auf der von den Griechen
geschaffenen Grundlage. Doch versahen sie diesen Teil der Medizin »mit
eigenen Zutaten« und gestalteten ihn »nach eigenem Plan«748.
Nachdem die arabische Kultur ihren anregenden Einfluß auf das christliche
Abendland ausgeübt hatte, ging sie einem raschen Verfall entgegen. Das
mächtige Kalifat von Bagdad löste sich in eine Anzahl kleinerer Reiche auf.
Durch den im 13. Jahrhundert daherbrausenden mongolischen Völkerstrom
wurden aber auch sie vernichtet. »Bis heute hat sich der Orient von den
Schlägen jener grausigen Zeit noch nicht wieder erholen können749.«
Ähnlich erging es der maurischen Herrschaft in Spanien. Die kleinen
Reiche mohammedanischen Bekenntnisses, die sich dort gebildet hatten,
wurden durch die von Norden her vordringende christliche Bevölkerung
unterjocht. Dadurch wurde über die blühende Halbinsel zunächst der Fluch
der Verödung gebracht. Die fanatische Zerstörungswut, welche die ersten
Christen, wie auch die Araber im Beginn ihrer Laufbahn an den Schätzen
der Wissenschaft ausließen, schien wieder aufgelebt zu sein. Als nach der
Vereinigung von Kastilien und Aragon Granada fiel, ging z. B. die dortige
große Bibliothek mit ihren Hunderttausenden von Bänden in Flammen auf,
ein unersetzlicher Verlust, da sie zahlreiche arabische Ausgaben der alten
Schriftsteller enthielt. Nach der durch die Mongolen herbeigeführten
Vernichtung der arabischen Kultur in Vorderasien fand die arabische
Wissenschaft zwar Zufluchtsstätten in Syrien und in Ägypten. Die arabische
Literatur bildete aber seitdem kein Ganzes mehr, sondern sie fristete nur
noch in den einzelnen Ländern ein Sonderdasein750. Die Astronomie sank zu
einer Art Küsterdienst an den Moscheen herab. Die Naturwissenschaften
endeten in Zauberspuk und Spielereien. Schließlich gerieten Syrien und
Ägypten in die Hände der osmanischen Sultane. Ein Glück war es noch
immerhin, daß die Osmanen während der Blüte ihrer Herrschaft im
Gegensatz zu den sinnlos wütenden Mongolen die Pflege der geistigen
Güter nicht vernachlässigten. Muhammed, der Eroberer Konstantinopels,

Page 317

hat sich sogar eingehender mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt. Doch
hatte damals der Orient schon längst die Führung auf den Gebieten des
geistigen Lebens an den Occident, vor allem an Italien, abgetreten.
Indessen nicht nur die Befehdung durch andere Staaten brachte die
Entwicklung der arabischen Kultur zum Stillstand. Es fehlte ihr vielmehr,
gleich allen übrigen, dem Orient entsprungenen älteren Kulturen, an innerer
Kraft, um dauernd Neues aus sich hervorzubringen. So kam es, daß mit dem
Nachlassen des arabischen Einflusses gegen das Ende des Mittelalters der
Orient aufhörte, in der allgemeinen Geistesentwicklung eine Rolle zu
spielen. Die Führung ging vielmehr um jenen Zeitpunkt auf das Abendland
mit seinen in Italien, Deutschland, England und Frankreich nach der
Völkerwanderung seßhaft gewordenen Bewohnern germanischer
Abstammung über.

Page 318

9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-
germanischen Kultur.
Während die arabische Wissenschaft und Literatur vom 9. bis zum 12.
Jahrhundert einen fast ununterbrochenen Aufschwung nahm, finden wir
während dieses Zeitraums im Abendlande nur unbedeutende Reste einer
früheren Epoche und nur selten neue verheißungsvolle Ansätze. Was dort an
Kenntnissen und an Kunstübung vorhanden war, kann in der Hauptsache
nur als ein Überbleibsel der römischen Kulturwelt gelten, dem die
germanischen Völker zunächst wenig hinzuzufügen wußten.
Kennzeichnend für diese gesamte Periode in der Entwicklung des
westlichen Europas ist das Übergewicht der religiösen Vorstellungen auf
geistigem Gebiete und dasjenige der Kirche im gesamten öffentlichen
Leben gegenüber allen anderen Regungen und Institutionen. Alle
Wissenschaften sollten zur Erhöhung der Ehre Gottes beitragen. In
Wahrheit dienten sie der Kirche und ihren Machthabern. Die sieben freien
Künste oder das Trivium und das Quadrivium umfaßten die Summe des
damaligen gelehrten Wissens unter jenem einen und einzigen
Gesichtspunkt. Grammatik trieb man, um die Kirchensprache zu verstehen,
Rhetorik, um sie anwenden zu können. Die Arithmetik offenbarte in
mystischer Deutung die Geheimnisse der Zahlen. Die Hauptaufgabe der
Astronomie bestand darin, den kirchlichen Kalender festzustellen. Auch die
unter den sieben freien Künsten aufgeführte Musik verleugnete nicht ihren
kirchlichen Charakter. Was man im Mittelalter anfangs an astronomischen
Kenntnissen besaß, waren nur spärliche Reste der griechisch-römischen
Literatur über diesen Gegenstand. Zumal die germanischen Völker hatten
nichts Eigenes auf dem Gebiete der Astronomie geschaffen. Erst durch die
Berührung mit den Arabern trat hierin eine Änderung ein.
Daß die Araber schon so frühzeitig wissenschaftliche astronomische
Kenntnisse besaßen, liegt daran, daß sie bald nach ihrem Auftreten in der
Geschichte mit dem wichtigsten astronomischen Werk des Altertums, dem
Almagest, bekannt geworden waren. Dadurch wurden sie in die Lage
gesetzt, die vorbildliche griechische Wissenschaft fortzuführen und
wesentlich zu bereichern.

Page 319

Die nördlichen Länder Europas, die sich im frühen Mittelalter der Kultur
erschlossen, lernten die Astronomie dagegen durch das wissenschaftlich
ganz unbedeutende Werk des Martianus Capella kennen, das man dem
Unterrichte im Quadrivium zugrunde legte. Es vermittelte einige
Kenntnisse über die Sternbilder, die Planeten, die Sphärenharmonie, die
Jahreszeiten usw., gab aber nirgends eine Begründung, sondern überall nur
Zusammenfassungen. Außerdem wurde man mit einfachen astrologischen
Texten griechischen Ursprungs durch lateinische Vermittlung bekannt. Das
selbstgewonnene Wissen war so geringfügig, daß man nicht einmal zu
Begriffen wie den Äquinoktien und den Solstitien gelangt war751. Neben
Martianus Capella war Plinius in Geltung. Auf diese beiden stützten
sich besonders Isidor von Sevilla und Rhabanus Maurus.
Erst nach und nach begann, von den Arabern angefacht, ein
wissenschaftlicher Geist sich in den nördlichen Ländern Europas
auszubreiten. Unter seinem Einfluß entstanden die Schriften des gleich zu
erwähnenden Gerbert, des späteren Papstes Sylvester II. (940–1003). Auch
ging man damals unter Benutzung der im Altertum geschaffenen Armillen
und Astrolabien zu eigenen messenden Beobachtungen über. Auch mit der
Sonnenuhr wurde der germanische Kulturkreis erst durch die Alten bekannt.
Zuerst geschah dies in England und Irland im 7. Jahrhundert. In
Deutschland verfertigte Gerbert die erste Sonnenuhr für Otto III. Er
schrieb auch ein Buch über diesen Gegenstand. Erst seit dem 15.
Jahrhundert wurden in Deutschland die zahlreichen Sonnenuhren an Burgen
und an Kirchen angebracht, die oft noch heute erhalten sind. Sie bestanden
aus einer vertikalen Scheibe mit einem Gnomon, der mit ihr einen Winkel
von 45° bildete.
Auch die Wagen, darunter die Schnellwagen, die in der Merowingerzeit
aufkamen und heute noch als Grabbeilagen gefunden werden, lassen schon
durch die Form erkennen, daß sie nach römischem Vorbild geschaffen
waren.
Während das wissenschaftliche Denken in den Ländern einer neuen, auf
den Trümmern der Antike sich entwickelnden germanischen Kultur nur in
engster Anlehnung an die vom Altertum empfangenen spärlichen
Dokumente erfolgte, verhielt es sich mit den im Mittelalter
emporblühenden Gewerben wesentlich anders. Auf diesem Boden waren es
nicht selten die Kelten, deren Erbe die Germanen übernahmen und

Page 320

selbständig vermehrten. Dies galt z. B. vom Bergbau, den die Kelten vor
dem Eindringen der Germanen in Mitteleuropa schon auf eine ziemlich
hohe Stufe gebracht hatten. In der Salzgewinnung trat kaum ein Rückgang
ein. In der frühesten Zeit gewann man Salz, indem man nach dem Zeugnis
römischer Schriftsteller brennendes Holz mit dem Wasser salzhaltiger
Quellen übergoß. Um den Besitz solcher Quellen führten germanische
Stämme nicht selten untereinander Kämpfe. Später dampfte man die Soole
in irdenen Töpfen ein; schließlich kam der Pfännereibetrieb auf. Seit der
Zeit der Merowinger wurde Salz in zahlreichen größeren Betrieben
gewonnen.
Bergbauliche Überreste, welche den Abbau der Erze bezeugen, reichen bis
in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Nach Tacitus erzeugte Deutschland
indessen nur wenig Eisen und weder Gold noch Silber. Urkundlich bezeugt
wird der Abbau von Eisenerzlagern erst seit dem 8. Jahrhundert, so der auf
dem Wetzlarer Gebiet im Jahre 780. Er reicht indessen viel weiter zurück.
Auch Gold wird man früh in den Flüssen der Alpen durch Waschen
gewonnen haben. Zunächst gab es nur Tagebau. Tiefbau war erst mit der
Einrichtung größerer Betriebe möglich, und im 12. Jahrhundert war man
mit der Herstellung von Schächten und Stollen schon ziemlich vertraut.
Das Ausschmelzen der Metalle aus den Erzen setzte die Gewinnung von
Holzkohle voraus. Mit ihrer Hilfe wurden die Eisenerze in Vertiefungen
oder auf besonderen Herden niedergeschmolzen. Man erhielt durch diesen,
als Rennarbeit bezeichneten Prozeß, der anfangs durch Gebläse mit
Handbetrieb unterhalten wurde, sogenannte Luppen von schmiedbarem
Eisen. Indem man die Vertiefung, um die Flamme zusammenzuhalten, mit
einer ringförmigen Mauer versah und diese nach und nach erhöhte,
entstanden die Hochöfen, die uns in ihrer Urgestalt etwa zu Beginn des 15.
Jahrhunderts begegnen. Ihr Erzeugnis war das kohlenstoffreiche Gußeisen,
das erst durch weitere hüttenmännische Prozesse in Schmiedeeisen
umgewandelt werden mußte.
Mit dem Abbau von Silber, Kupfer, Zinn und Blei wurde man in
Mitteleuropa erst verhältnismäßig spät bekannt. Der Goslarer Bergbau auf
Silber und Blei begann unter Otto dem Ersten 752. Zinn wurde in Böhmen
etwa seit dem 13. Jahrhundert abgebaut. Um diese Zeit besaß der
Silberbergbau in Mitteleuropa schon eine große Ausdehnung. Er wurde

Page 321

nicht nur am Harz, sondern auch in der Gegend von Meißen, in Freiberg, im
Jura und in den Alpen betrieben.
Zwischen diesen Anfängen der metallurgischen Technik und der
Wissenschaft bestand zunächst nur eine sehr geringe Fühlung. Erst seit dem
15. Jahrhundert, nachdem Agricola seine gelehrten Werke über den
Bergbau geschrieben hatte, begannen die Gelehrten sich diesem für das
Emporblühen der neueren Naturwissenschaft so wichtigen Gebiete
menschlicher Tätigkeit zuzuwenden.
Die Elemente der Bildung, welche die Römer nach Frankreich, England
und Deutschland gebracht hatten, waren durch die Ereignisse der
Völkerwanderung zum größten Teile vernichtet worden. Als nach der
Beendigung der Wanderungen in Deutschland und im nördlichen Gallien
das Reich der Franken entstand, und die Ausbreitung des Christentums
durch diese politische Schöpfung sehr gefördert wurde, befanden sich die
genannten Länder daher wieder im Zustande tiefer Unkultur. Der Gefahr
einer Zersplitterung entging das neue Reich dadurch, daß es in die Hände
der Pippiniden gelangte. Diese setzten der Überschwemmung Westeuropas
durch die Araber einen Damm entgegen und begründeten eine christlich-
germanische Bildung in ihrem, sich immer gewaltiger ausdehnenden
Reiche. Durch die tatkräftige, persönliche Anteilnahme, die Karl der
Große trotz seiner zahlreichen Kriege für die Wissenschaft bekundete, kam
die geistige Entwicklung des Abendlandes in etwas schnelleren Fluß.
Insbesondere scheint sich nach der Eroberung Italiens in dem Kaiser der
Wunsch geregt zu haben, seinem eigenen Lande literarische Hilfsmittel
zuzuführen und dadurch das Wissen zu fördern. Auch von Britannien her
wurde die gelehrte Bildung in Deutschland während jenes Zeitalters günstig
beeinflußt. Gregor der Große hatte um 600 nach diesem entlegenen
Lande eine Anzahl Benediktinermönche gesandt, und diese hatten dort
durch Urbarmachen des Bodens und Milderung der Sitten große Aufgaben
gelöst, daneben aber auch die Pflege der Wissenschaften nicht verabsäumt.
Nachdem diese Mönche sich auf solche Weise im nördlichen Europa einen
Stützpunkt geschaffen, traten sie belehrend und bekehrend unter den
germanischen Stämmen Mitteleuropas auf. Der hervorragendste unter ihnen
war Winfried oder Bonifazius 753. Seine Schüler gründeten die
Klosterschule zu Fulda. Ein anderer britischer Mönch, Alkuin, unterwies
den Kaiser in gelehrten Dingen. Und so kam es, daß dieser, von dem

Page 322

günstigen Einfluß der Mönche auf die besiegten Völker überzeugt, die
Wirksamkeit dieser Männer nach Kräften förderte. Gelehrte Ausländer
wurden an den Hof gezogen und eine Art Akademie gebildet, die indessen
fast ausschließlich aus Briten bestand. Die Schulen sollten nach der Absicht
Karls nicht ausschließlich der Erziehung der Geistlichen dienen, sondern
Bildung in weitere Kreise tragen.
Alkuin wurde berufen, eine Palastschule zu leiten. Sie umfaßte Schüler
sehr verschiedenen Alters und Standes, die der Kaiser für leitende
Stellungen ausersehen hatte. Auf Alkuin ist wahrscheinlich auch die
Anordnung zurückzuführen, daß die Geistlichen ein bestimmtes Maß von
wissenschaftlichen Kenntnissen haben sollten.
Den Gedanken, allgemeine Volksschulen zu gründen, hat der Kaiser
indessen noch nicht gehegt. Die Klosterschulen zu Fulda, zu St. Gallen und
Corvey wurden zu wissenschaftlichen Pflanzstätten ihrer Zeit und ihres
Landes. Der gelehrte Leiter der ersteren, Rhabanus Maurus, welcher den
Ehrennamen primus Germaniae praeceptor erhielt, hinterließ ein
Sammelwerk754, das unter anderem einen Abriß der Naturkunde bietet. Man
erkennt, daß dieses Wissen weit geringer war als dasjenige des Altertums.
Der Abriß des Rhabanus Maurus enthält nämlich nichts Eigenes, sondern
fußt auf den Schriften der Alten, deren Inhalt in verdorbener Darstellung
wiedergegeben wird.
Sein Werk verfaßte Rhabanus Maurus in der Absicht, wie er sagt, nach
Art der Alten über die Natur der Dinge und den Ursprung ihrer
Benennungen zu schreiben. Daraus wird die vorwiegend grammatisch-
philologische Behandlung erklärlich, die nicht nur seinen Vorgängern
anhaftete, sondern bis in die neuere Zeit hinein überwog. Dadurch, daß
Rhabanus Maurus ferner alle Dinge in Beziehung zur biblischen
Überlieferung brachte, kam in sein Werk jener mystisch-allegorische Zug,
der fast alle Schriften des Mittelalters kennzeichnet. Die erste Hälfte
handelt von Gott, den Engeln, vom christlichen Leben und Gebräuchen. Im
zweiten Teile ist von der Astronomie, der Geographie, der Medizin und
anderen Wissenschaften die Rede. Ein Buch handelt in neun Kapiteln vom
Ackerbau, vom Getreide, von den Hülsenfrüchten, vom Weinstock, von den
Bäumen, von den aromatischen Kräutern und vom Gemüse. Es sind im
ganzen etwa hundert Pflanzen, die nach ihrem Vorkommen und ihren
Eigenschaften betrachtet werden.

Page 323

Ein Seitenstück zu diesem botanischen Buche bildet das »Capitulare de
villis et cortis imperialibus«, eine ausführliche Verordnung über die
Verwaltung der kaiserlichen Güter. Es finden sich darin unter anderem auch
die Pflanzen verzeichnet, die in den Gärten des Kaisers gezogen werden
sollten. Das Capitulare de villis ist eine der wichtigsten Quellen für die
agrarischen Verhältnisse der Karolingischen Zeit.
Vorgeschrieben war z. B. der Bau von Krapp und Waid zum Färben, sowie
der Anbau der Kardendistel, die bei der Bereitung des Tuches benutzt
wurde. An Bäumen sollten die kaiserlichen Domänen neben Apfel-, Birn-
und Kirschbäumen auch Kastanien, Pfirsiche, Mandel- und
Maulbeerbäume, den Lorbeer und den Nußbaum ziehen.
Als das Frankenreich zerfiel und Kriege ohne Ende zwischen den neu
entstandenen Reichen, sowie Fehden im Innern und zur Abwehr von außen
herandrängender Feinde herrschten, wurden die geringen
wissenschaftlichen Ansätze welche insbesondere die Regierung des großen
Kaisers gezeitigt hatte, zum größten Teile wieder vernichtet. Vieles ist
gänzlich verloren gegangen, anderes besaß nicht mehr die Kraft zu weiterer
Entfaltung, weil das geistige Interesse durch den Wetteifer, der zwischen
der Theologie und der scholastischen Philosophie entbrannte, völlig in
Anspruch genommen wurde.
Erwähnenswert für die Zeit zwischen Karl dem Großen und Albertus
Magnus ist Hildegard, die Äbtissin des Klosters zu Disibodenberg, die
meist als Hildegard von Bingen bezeichnet wird. Sie ist die Verfasserin
von vier Büchern »Physica«. Ihr Werk enthält nicht nur die ersten Anfänge
vaterländischer Tier- und Pflanzenkunde, sondern es bietet
überraschenderweise eine, nicht allein aus Dioskurides geschöpfte,
sondern auch aus der Überlieferung des Volkes hervorgegangene
Heilmittellehre.
Die »Physica« wurden um 1150 geschrieben und enthalten viel
Selbstbeobachtetes. In der Hauptsache bieten sie eine Flora und Fauna des
Nahegebietes. Die Deutung der beschriebenen Arten, für welche die zu
jener Zeit beim Volke üblichen Namen gebraucht werden, ist meist nicht
leicht und häufig unsicher755. Hildegard hat fast alle heutigen Obstarten,
vor allem aber die im »Capitulare« aufgezählten Pflanzen berücksichtigt

Page 324

und erweist sich weniger von den Alten beeinflußt als zahlreiche Verfasser
späterer botanischer Bücher.
Auf das Zeitalter Karls des Großen folgte eine Periode, in welcher das
Abendland fast ausschließlich in der Bekämpfung des Orients aufging.
Dann erst setzte eine stetige Aufwärtsbewegung ein. Zwar hatten die
Kreuzzüge dem westlichen Europa manche Wunde geschlagen; sie hatten
aber auch den Gesichtskreis in ähnlicher Weise erweitert, wie es zur Zeit
des Griechentums die Züge Alexanders bewirkt hatten. Waren ferner in den
vorhergehenden Jahrhunderten geistige Anregungen besonders von den
mohammedanischen Bewohnern Spaniens ausgegangen, so kam man jetzt
mit der während des Stillstandes der germanischen Völker ihre Blütezeit
erlebenden islamitischen Kultur auch vom südlichen Italien her in
Berührung. Dieser Einfluß erstreckte sich nicht nur auf den Norden der
Halbinsel, sondern er wurde, zum Teil infolge der Romfahrten, auch auf den
nördlich der Alpen gelegenen Teil Europas ausgedehnt. Auch von Byzanz
und dem Orient selbst gelangten mannigfache Anregungen nach Mittel- und
Westeuropa.
Wir haben im vorhergehenden Abschnitt erfahren, daß die Araber die von
den Griechen und den Indern empfangenen Kenntnisse nicht nur zu
erhalten, sondern auch weiterzuentwickeln und mit ihren eigenen
Geistesschöpfungen zu einer gewaltigen Literatur zu verschmelzen
verstanden. Diese arabische Literatur war während des späteren
Mittelalters, wenn auch meist in lateinischer Übersetzung, im Abendlande
die herrschende. Da der Hauptgegenstand der arabischen oder aus
arabischen Quellen entstandenen Schriften neben der Heilkunde die
Astronomie und die Mathematik war, so ist es begreiflich, daß sich zu
Beginn der Renaissance das Abendland zunächst diesen Wissenschaften
zuwandte.
Die erste Bekanntschaft mit den von den Arabern gehüteten Geistesschätzen
machte das Abendland in dem seit 711 im mohammedanischen Besitze
befindlichen Spanien. Dorthin strömten aus Frankreich, England und
Mitteleuropa wissensdurstige Männer in großer Zahl, um die erworbenen
Kenntnisse später ihrer Heimat zuzuführen. Unter diesen Männern seien
Gerbert, der spätere Papst Sylvester der Zweite und Gerhard von
Cremona genannt.

Page 325

Durch Gerbert (940–1003) und seine Schüler lernte man unsere heutigen,
noch jetzt arabisch genannten Ziffern kennen756.
Gerhard von Cremona (1114–1187) lieferte die erste Übersetzung des
Almagest, jenes von Ptolemäos verfaßten Hauptwerks der Astronomie,
das dieser Wissenschaft im Altertum und im Mittelalter ihre Bahnen
vorgezeichnet hat757.
Auch die Elemente Euklids wurden aus dem Arabischen übersetzt758. Das
mathematische Werk Ibn Musas und die arabischen Schriften, die sich auf
Aristoteles bezogen, wurden durch Johannes von Sevilla (um 1150) in
lateinischer Übersetzung den Abendländern zugänglich gemacht. Von der
aristotelischen Philosophie empfing man allerdings nur einen höchst
verderbten Abklatsch. Dies wird begreiflich, wenn man bedenkt, daß das
griechische Original zuerst ins Arabische, dann ins Castilianische und
endlich ins Lateinische übersetzt, und daß ferner manche schwierige Stelle
nicht verstanden und infolgedessen unrichtig wiedergegeben wurde.
Nach Italien gelangten die mathematischen Kenntnisse der Araber um das
Jahr 1200 durch Leonardo von Pisa 759. Die Geschichte dieses Mannes und
seines mathematischen Werkes zeigt uns, wie eng die Entwicklung und die
Ausbreitung der Wissenschaften mit den jeweiligen Kulturzuständen
verbunden sind. Leonardos Vaterstadt Pisa war um 1200, infolge der im
Zeitalter der Kreuzzüge entstandenen Beziehungen zum Orient, die
mächtigste Handelsstadt Italiens geworden. Ihr Reichtum hatte mitgewirkt,
um die ersten, noch heute jeden Besucher entzückenden Schöpfungen der
neueren italienischen Kunst entstehen zu lassen. Der Handel entsprang
praktischen Bedürfnissen und verfolgte materielle Ziele. Er suchte daher
jeden geistigen Fortschritt, insbesondere auf dem Gebiete der Mathematik,
unmittelbar nutzbringend zu machen. Zu diesem Zwecke studierte
Leonardo, der Sohn eines Pisaner Handelsherrn, auf seinen
Geschäftsreisen, die ihn nach Sizilien, Griechenland, Ägypten und Syrien
führten, die in jenen Ländern gebräuchlichen Rechnungsweisen. So
entstand um 1200 das mathematische Hauptwerk des Mittelalters,
Leonardos »Liber abaci«, mit dem die Geschichte der Mathematik wohl
einen neuen Zeitabschnitt beginnen läßt760.
In der Einleitung sagt Leonardo, die früheren Methoden seien ihm,
verglichen mit derjenigen der Inder, als ebensoviele Irrtümer erschienen. Er

Page 326

habe daher das indische Verfahren seinem Werke zugrunde gelegt, habe
eigenes hinzugefügt, auch manches aus der geometrischen Kunst des
Euklid verwendet, damit das Geschlecht der Lateiner hinfort nicht mehr
unwissend in diesen Dingen befunden werde761.
Die ersten Abschnitte handeln von den Grundoperationen mit ganzen
Zahlen und Brüchen. Zum ersten Male begegnet uns der Bruchstrich, der
auch als Zeichen für die Division gebraucht wird. An die ägyptische
Bruchrechnung erinnert die im Liber abaci vorkommende Zerlegung von
Brüchen in eine Summe von Stammbrüchen. Die weiteren Abschnitte
befassen sich mit Regel de tri, Gesellschafts- und Mischungsrechnung,
Potenzen und Wurzeln und endlich mit den Aufgaben der »Algebra und
Almukabala«, d. h. der Lehre von den Gleichungen, die im engen Anschluß
an Ibn Musa behandelt werden. Im einzelnen enthält das Buch
Leonardos auch manches, was dem Verfasser angehört; vor allem ist
dieser Herr über den von ihm behandelten Stoff, den er in eigener, sicherer
Auffassung seinen Landsleuten übermittelt.
Gleichzeitig mit den mathematischen wurden auch naturwissenschaftliche
Kenntnisse von den Arabern dem Abendlande übermittelt. Infolgedessen
treten hier zu Beginn des 12. Jahrhunderts Männer auf, die sich der
Alchemie und der von den Arabern besonders gepflegten Optik widmeten.
Unter ihnen sind vor allem Albertus Magnus und Roger Bacon zu
nennen, mit denen wir uns noch eingehend beschäftigen werden. Nach dem
Vorbild der Araber wurde ferner die Heilkunde im 12. Jahrhundert in
Salerno wieder zu einer Wissenschaft erhoben, während die Behandlung der
Krankheiten in den christlichen Ländern bis dahin vorzugsweise eine
Domäne des frommen Aberglaubens gewesen war.
Auf dem Gebiete der Optik verdient vor allem Vitello (Witelo)
Erwähnung. Er stammte aus Polen und schrieb in der zweiten Hälfte des 13.
Jahrhunderts ein Werk über Optik, in dem er die Lehren Alhazens in
Verbindung mit den von Euklid und Ptolemäos herrührenden Sätzen
vortrug. Vitellos Werk wurde wiederholt gedruckt762. Es gehört zu den
umfangreichsten, die über Optik geschrieben sind, enthält aber wenig
Eigenes. Später hat Kepler seine optischen Untersuchungen an Vitello
angeknüpft und sie in einem »Zusätze zu Vitello« betitelten Werk
veröffentlicht763.

Page 327

Vergegenwärtigen wir uns, daß um 1200 der große, von den älteren Völkern
geschaffene Schatz von Anregungen und Keimen, die nur der
Weiterentwicklung harrten, den romanischen und den germanischen
Völkern durch die Verbreitung der arabischen Literatur zugänglich gemacht
war, so läßt es sich begreifen, daß dieser Zeitpunkt von der neueren
historischen Forschung wohl als ein Markstein in der Geschichte der
Wissenschaften hingestellt worden ist764.
Von nicht geringem Einfluß war auch die Erweiterung des geographischen
Gesichtskreises durch die Reisen765 des Venezianers Marco Polo. Marco
Polo gelangte bis nach Peking und im Süden bis nach Sumatra. Er brachte
viele Jahre (1275–1292) im Dienste eines mongolischen Fürsten zu und
richtete seine Aufmerksamkeit auf alles, was ihm in den fremden Ländern
begegnete. Seine Mitteilungen erstrecken sich auf sämtliche drei
Naturreiche. Er erwähnt zahlreiche Edelsteine und Halbedelsteine. Durch
ihn wurde erst allgemein bekannt, daß sich die Steinkohle als Brennstoff
verwenden läßt. Auch auf das Petroleum, die Tusche, das Porzellan lenkte
er die Aufmerksamkeit. Aus dem Pflanzenreich erwähnt Marco Polo
zahlreiche Drogen, Arzneimittel, aromatische Stoffe, Farbhölzer, den Indigo
usw. Die Verarbeitung des Bambus, der Baumwolle und der Seide werden
geschildert. Zahlreich sind auch die Mitteilungen über die Fauna des ganzen
asiatischen Kontinents. Die Angaben erstrecken sich auf das Zebu, den
Yack, verschiedene Pferderassen, Elefant, Rhinozeros, Moschustier,
menschenähnliche Affen, Tiger, Schlangen usw. Von den Angaben über die
Vogelwelt interessiert besonders die Erwähnung eines Riesenvogels auf
Madagaskar, dessen Flügel sechzehn Schritt gespannt haben sollen766.
Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in dieser
wie in jeder anderen Periode war auch das Emporblühen des Handels. Der
Handel hob sich insbesondere durch die enge Fühlung, in die Italien,
Deutschland und Frankreich sowohl unter sich wie mit dem Morgenlande
traten. Mit dem Handel blühte das Städtewesen empor. Der in den Städten
sich mehrende Wohlstand weckte die Teilnahme weiterer Kreise an
geistigen Dingen. Reiche Städte haben auch stets die Wissenschaften im
wohlverstandenen eigenen Interesse begünstigt. Gegen den Ausgang des
Mittelalters entwickelten sich solche Städte besonders in Italien, wo in
erster Linie Venedig, Pisa, Florenz und Genua zu nennen sind. Sie besaßen
staatliche Macht und führten, wenn auch unter gegenseitiger Befehdung,

Page 328

durch das Streben, ihren Einfluß weithin auszudehnen, zur regsten
Entfaltung aller gewerblichen, kommerziellen und künstlerischen Tätigkeit.
In hoher Blüte stand z. B. die Kunst Metalle zu gießen und Glas zu formen.
Etwas später entstanden im Norden städtische Gemeinwesen, die nicht nur
Handelsemporien, sondern gleichzeitig die Pflegestätten eines ganz neuen
Geistes waren. Die gewaltige Hansa und der rheinische Städtebund sind
hier vor allem zu nennen. »Es ist«, sagt Ranke, »eine prächtige,
lebensvolle Entwicklung, die sich damit anbahnt. Die Städte bilden eine
Weltmacht, an welche die bürgerliche Freiheit und die großen
Staatsbildungen anknüpfen«767. Als fernere Umstände, die für die gesamte
Entwicklung von Bedeutung waren, sind das Schwinden der Sklaverei, der
Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft768 und endlich, vor allem für
das Gebiet der Geisteskultur, die Einführung der Papiererzeugung in Europa
zu nennen, alles Geschehnisse des 13. Jahrhunderts, in dem somit eine
ganze Reihe von Grundlagen für die gegen das Ende des Mittelalters vor
sich gehende Neugestaltung des staatlichen und geistigen Lebens
geschaffen wurde. Gleichzeitig begegnen uns der erste große Dichter der
Neuzeit in Dante und die ersten vorurteilsfreieren Denker des christlichen
Abendlandes in Albertus Magnus und Roger Bacon, deren Leben und
Wirken uns in den nächsten Abschnitten am besten in die Denkweise und
die wissenschaftlichen Bemühungen dieses Zeitraumes einführen werden.
Auch die bildnerische Kunst erlebte im 13. und 14. Jahrhundert ihre
Wiedergeburt. Zunächst geschah dies auf dem Boden Italiens. Es braucht
nur an die Schöpfungen Nicolo Pisanos und Giottos erinnert zu
werden769, deren Erzeugnisse auf dem Gebiete der Bildhauerkunst und der
Malerei noch heute in ergreifender Weise Zeugnis von der Gewalt jener
künstlerischen Regungen des 13. und 14. Jahrhunderts ablegen, die auch in
den zahlreichen gotischen Domen jenes Zeitraums ihren unvergänglichen
Ausdruck fanden.

Die Wiederbelebung der alten Literatur.

Die Schwelle des 13. Jahrhunderts bedeutet nach Chamberlains Ausdruck
den Zeitpunkt, an dem »die Menschheit unter der Führung der Germanen«
ein neues geistiges Leben begann. Aus diesem Grunde hält dieser
Verherrlicher der Kulturmission des Germanentums es für angezeigt, das

Page 329

Jahr 1200 als die Grenzscheide zwischen dem Mittelalter und der neueren
Zeit zu betrachten. Jedenfalls erscheint es berechtigt, den Beginn der
Renaissance bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückzuverlegen.
Auch auf dem Gebiete des Bildungswesens fand die neue Zeit ihren
Ausdruck. Hochschulen nach dem Muster der arabischen gelehrten Schulen
entstanden in Neapel, Salerno und Bologna, darauf in Paris, Oxford und
Cambridge. Im 14. Jahrhundert folgte Deutschland mit der Gründung der
Universitäten zu Prag, Wien und Heidelberg. Zwar waren auch sie anfangs
vorwiegend Stätten scholastischen Gezänks. Die Gelehrten waren jedoch
vom klösterlichen Zwange befreit worden, ein Umstand, der für die Folge
von großer Bedeutung war. Um der Beengung zu entgehen, welche die
Kirche während des Mittelalters jeder wissenschaftlichen Betätigung
auferlegte, erfand man den Satz von der zwiefachen Wahrheit. Man
verstand darunter die Lehre, es könne etwas in kirchlichen Dingen als wahr
gelten, was in der Wissenschaft als falsch bewiesen sei. Dieselbe Person
durfte somit, je nachdem sie sich auf den Standpunkt des Philosophen oder
des Theologen stellte, ein und dieselbe Ansicht für richtig halten und sie in
demselben Atemzuge verdammen770.
Man darf dieses auf den ersten Blick ganz unmoralisch erscheinende
Verhalten nicht allzusehr verurteilen. Gilt doch auch heute noch für
manchen der Satz, daß Glauben und Wissen als unvereinbare Gebiete scharf
zu trennen sind, während man sich auf der anderen Seite bemüht, beide
miteinander zu versöhnen. Man muß daher den zuerst in Paris und in Padua
aufkommenden Satz von der zwiefachen Wahrheit als den ersten Versuch
der Forschung ansehen, sich aus den Banden der Kirche zu befreien. Diese
Lehre ist, sagt einer ihrer Beurteiler771, »ein Denkmal des forschenden
Geistes, sich ein freies, weites Gebiet zu verschaffen«. Insbesondere
gelangte der Geist der wiederauflebenden Wissenschaften in zwei Männern
zum Ausdruck, deren Lebensumstände und Verdienste uns zunächst
beschäftigen sollen. Es waren dies Albertus Magnus in Deutschland und
sein Zeitgenosse Roger Bacon in England.
Beide Männer gehören dem 13. Jahrhundert an. Es war die Zeit des großen
Staufenkaisers Friedrichs des Zweiten und seines vergeblichen Ringens mit
dem Papsttum. In das 13. Jahrhundert fallen einerseits die letzten
Kreuzzüge und das Umsichgreifen der von fanatischen Mönchen geübten
Ketzergerichte, während auf der anderen Seite Handel und Gewerbe, sowie

Page 330

die Schulen aufzublühen begannen. Auch auf dem Gebiete des geistigen
Werdens war diese Zeit erfüllt von Gegensätzen. Bis gegen das 13.
Jahrhundert hatte im Mittelalter ausschließlich die Macht der Kirche und
ihrer Dogmen gegolten. Die philosophischen Schriften des Altertums,
insbesondere die Logik des Aristoteles, hatten Geltung, weil sie
spitzfindigen, theologischen Streitigkeiten zu dienen vermochten. Was
indessen die naturwissenschaftlichen Werke des Aristoteles anbetraf, so
war fast jede Erinnerung an sie verloren gegangen. Auch die Auffassung
von der Natur war zu einem Zerrbilde geworden. Hatten die älteren
Kirchenväter sie zum Teil noch als einen Spiegel göttlicher Weisheit
angesehen, so hatte später eine geradezu verächtliche Vorstellung Platz
gegriffen. Die Natur erschien dem Menschen des eigentlichen Mittelalters
im trüben Widerschein einer Teufelslehre, geeignet, ihn mit Sinnenlust zu
umstricken und von seiner, im Überirdischen ruhenden Bestimmung
abzulenken.
Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck auf ein so geartetes Geschlecht
das überraschend schnell erfolgende Bekanntwerden der
naturgeschichtlichen Schriften des Aristoteles zu Beginn des 13.
Jahrhunderts ausüben mußte. In lateinischer, teils aus dem Arabischen, teils
aus griechischen Originalen geschöpfter Übersetzung, verbreiteten sie sich
bald über das ganze Abendland. Mit den griechischen Originalen war man
im Verlauf der späteren Kreuzzüge in Konstantinopel und an anderen Orten
des Orients bekannt geworden772. Wie ganz anders stellte sich in diesen, die
Gemüter wie eine neue Offenbarung ergreifenden Werken die Welt dar. Sie
war hier nicht die Inkarnation des Bösen und die Quelle der Verdammnis,
sondern »ein wunderbar harmonisches, ineinander greifendes Geflecht
vernünftiger Zwecke und Mittel«773, deren Erforschung als die würdigste
Aufgabe des denkenden Menschen hingestellt wurde. Daß die Kirche der
geschilderten Bewegung der Geister gegenüber nicht gleichgültig blieb, läßt
sich denken. So verfügte sie z. B. im Jahre 1209 in Paris, daß bei Strafe der
Exkommunikation weder die naturwissenschaftlichen Schriften des
Aristoteles, noch die Kommentare dazu, sei es öffentlich, sei es
insgeheim, gelesen werden dürften.

Albertus Magnus.

Page 331

Ein Mann war es vor allem, in welchem die Naturphilosophie des
Aristoteles einen begeisterten Vertreter fand. Das war Albertus
Magnus. Das Bild seines Lebens und Wirkens wird uns deshalb am besten
in den geschilderten Zeitraum zu versetzen vermögen.
Albertus Magnus, dessen eigentlicher Name Albert von Bollstätt
lautet, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einem schwäbischen
Städtchen geboren774. Er empfing seine Vorbildung in Padua. Später lehrte er
an der Dominikanerschule zu Köln, zeitweilig auch an der Universität in
Paris, wo sein Orden einige Lehrstühle besetzen durfte. In die Zeit seines
Kölner Aufenthaltes fallen die Ausschachtungsarbeiten zur
Fundamentierung des Domes. In Paris fand er einen solchen Zulauf, daß
kein Gebäude die Schar seiner Hörer zu fassen vermochte. An
Wissensdrang fehlte es im 13. Jahrhundert also nicht, wohl aber an einem
würdigen Gegenstand zur Befriedigung dieses Dranges. Handelte es sich
doch nur um Schriftwerke, die durch Übersetzungen bekannt wurden. Ihr
Inhalt war es, welcher das damalige Wissen ausmachte. Jede selbständige
Regung wurde durch einen Autoritätsglauben niedergehalten, wie ihn kein
Zeitalter in solchem Grade wieder besessen hat. Verfolgung und Tod trafen
denjenigen, der sich gegen diesen Autoritätsglauben, der alles mit Blindheit
geschlagen zu haben schien, auflehnte. Man darf daher auch von Albertus
Magnus nicht allzuviel Eigenes erwarten, wenn er auch zu den
hervorragendsten Gelehrten gehört, die uns in der Geschichte des
Mittelalters begegnen. Ihm ist es vor allem zu danken, daß man auf dem
Gebiete der Naturwissenschaften wieder an die Schriften des Altertums
anknüpfte. Und zwar begann man auf den griechischen Texten zu fußen, die
zum Teil um diese Zeit schon von Konstantinopel aus in das Abendland
gelangten, während man vorher die arabischen Bearbeitungen in das
Lateinische übertragen hatte, eine zwiefache Hinüberleitung, durch welche
der Inhalt entstellt und unrichtig übermittelt worden war.
Was man vor Albertus Magnus an Kenntnissen über die Tier- und
Pflanzenwelt besaß, verdiente kaum noch den Namen einer Zoologie und
Botanik. Einiges Interesse brachte man zwar den in der Bibel erwähnten
Geschöpfen entgegen, die in dem »Physiologus«, einem sehr verbreiteten,
in vielen Bearbeitungen vorhandenen Buche, behandelt wurden775. Es
enthielt indessen die unglaublichsten Fabeln. Trotzdem erfüllte der
Physiologus fast 1000 Jahre die Rolle eines elementaren zoologischen

Page 332

Lehrbuches776, wenn auch nicht eines solchen in unserem Sinne, da er in den
Schulen in erster Linie zu religiös erbaulichen Zwecken benutzt wurde777.
Berücksichtigt sind besonders Säugetiere und Vögel, ferner einige Reptilien
und Amphibien und nur ein Geschöpf aus der Reihe der Gliedertiere,
nämlich die Ameise. An Pflanzen kommen der Feigenbaum, der Schierling
und die Nießwurz in Betracht. Auch einige Mineralien werden erwähnt; es
sind der Diamant, der Achat, der »indische Stein«, welcher die Wassersucht
heilen sollte, und die feuerbringenden Steine.
Noch dürftiger erscheint dieser Inhalt, wenn man bedenkt, daß der
Physiologus nicht etwa eine einigermaßen vollständige Schilderung der
erwähnten Geschöpfe enthält, sondern meist nur Hinweise auf Bibelstellen,
einzelne Züge aus der Lebensweise, Erzählungen und Fabeln. So wird vom
Panther erzählt, daß er bunt sei, nach der Sättigung drei Tage schlafe, dann
mit Gebrüll erwache und einen so angenehmen Geruch verbreite, daß alle
Tiere zu ihm kämen; nur der Drache sei sein Feind. Der Prophet Hosea
sage: Ich werde wie ein Löwe sein dem Hause Juda und wie ein Panther
dem Hause Ephraim usw. An die meisten Tierfabeln werden moralische
Bemerkungen geknüpft. Von den Affen heißt es, man fange sie, indem man
sie veranlasse, sich die Augen mit Leim zu verschmieren. So jage uns der
Teufel mit dem Leim der Sünde. Wie der Biber sich die Hoden abbeiße,
wenn man ihn verfolge, so solle der Mensch seine bösen Leidenschaften
austilgen usw. Auch bloße Fabelwesen, wie die Sirenen und das in der Bibel
mehrfach erwähnte Einhorn, bilden einen Gegenstand verschiedener
Ausgaben des Physiologus. Welch gewaltiger Abstand zwischen dem
mittelalterlich-kirchlichen Naturwissen und demjenigen der Blütezeit des
griechischen Geisteslebens bestand, braucht nach dieser Probe nicht weiter
ausgeführt zu werden.
Der älteste Physiologus entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandrien.
Auf dieser griechischen Schrift beruhen eine Anzahl orientalischer
Bearbeitungen der biblischen Zoologie. Albertus Magnus schöpfte aus
einem lateinischen Physiologus, der auch ins Althochdeutsche und andere
nordische Sprachen übersetzt wurde. In erster Linie ist aber das zoologische
Werk Alberts, das in 26 Bücher zerfällt, eine Wiedergabe der zoologischen
Schriften des Aristoteles. Indessen verraten insbesondere die letzten
Bücher eine größere Selbständigkeit. Auch die Naturgeschichte des
gleichfalls dem 13. Jahrhundert angehörenden Thomas von Cantimpré

Page 333

hat Albert benutzt, doch ist dasjenige, was er selbst uns bietet, weit
durchgearbeiteter. Daß sich bei ihm noch die alten anatomischen
Unrichtigkeiten des Aristoteles finden, darf nicht wundernehmen. So
nennt er gleichfalls die Sehnen Nerven und legt ihnen die eigentliche
bewegende Kraft bei. Er läßt sie aus dem Herzen entspringen, während er
von den eigentlichen Nerven noch keine Vorstellung hat778.
Albertus Magnus hat eine sehr umfangreiche literarische Tätigkeit
entfaltet779. Eine allerdings nur mangelhafte Ausgabe seiner sämtlichen
Werke rührt von Jammy her; sie erschien in 21 Foliobänden im Jahre 1651.
Der 2., 5. und 6. Band enthalten die naturwissenschaftlichen Schriften. Der
2. Band enthält neben einer Wiedergabe der aristotelischen Physik die
Grundzüge der Himmelskunde und fünf Bücher über die Mineralien.
Bemerkenswert ist, daß Albert die Milchstraße für eine Anhäufung kleiner
Sterne hielt, sowie seine Meinung, das Erscheinen der Kometen könne nicht
mit den Geschicken einzelner Menschen verknüpft sein. Der 5. Band bringt
Geographisches, sowie die sieben Bücher über die Pflanzen.
Hervorgehoben sei eine Äußerung über die Antipoden. Nur rohe
Unwissenheit, meint Albertus, könne behaupten, daß diejenigen fallen
müßten, die uns die Füße zukehrten. Der 6. Band der Gesamtausgabe
endlich umfaßt die 26 zoologischen Bücher.
Das Verdienst Alberts besteht darin, daß er über alle Dinge, über die er
aristotelische Schriften kannte, ausführlich schrieb. Dabei leiteten ihn
einerseits offener Sinn und liebevolle Hingabe an die Natur. Andererseits
beengte ihn das Streben, die Naturauffassung des Altertums mit den
Dogmen der katholischen Kirche in Einklang zu bringen. Aus dieser
Abhängigkeit sich zur Freiheit des Denkens durchzuringen, war ihm nicht
gegeben. Den Vortrag der aristotelischen Lehren wußte Albertus mit
seinen eigenen Ansichten in der Weise zu vereinigen, daß er zunächst dem
Aristoteles folgt und dann jedesmal hinzufügt, er wolle eine Disgression
einschalten. Als eine solche ist das ganze zweite Buch der Botanik zu
betrachten780. Es beginnt mit den Worten: »Das alles – nämlich den Inhalt
des ersten Buches – haben die alten Naturforscher begründet. Doch scheint
das etwas verworren zu sein. Ich werde daher von neuem beginnen und die
allgemeine Botanik nach der Ordnung der Natur geben.«
Daß Albertus auch auf anderen Gebieten nach Selbständigkeit strebte781,
bezeugen die Worte, mit denen er die spezielle Botanik einleitet. Sie lauten:

Page 334

»Was ich hier schreibe, habe ich teils selbst erfahren, teils verdanke ich es
Leuten, von denen ich überzeugt bin, daß sie nur das vorbringen, was sie
selbst erfahren haben.« Bei dem Wissen von den Einzelwesen handele es
sich allein um Erfahrung, da hier Vernunftschlüsse nicht möglich seien.
Trotzdem finden sich, besonders bei der Beschreibung der Tiere, dem Geist
der Zeit entsprechend, manche alten Fabeln wieder.
Sein Werk über die Pflanzen schrieb Albert in Anlehnung an eine Schrift782,
die damals für aristotelisch gehalten wurde. Es umfaßt sieben umfangreiche
Bücher und gehört zu den bedeutendsten älteren Werken botanischen
Inhalts. Von Aristoteles, dem Begründer der Botanik, bis auf die Zeit
Alberts des Großen war diese Wissenschaft immer tiefer gesunken; mit
Albert erstand sie »wie der Phönix aus seiner Asche«783. Zuerst befaßt sich
Albert mit den Grundzügen der allgemeinen Botanik. Insbesondere
beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Pflanze beseelt ist. Sie ist es, führt
er aus, gleich jedem Körper, der sich aus eigener Kraft bewegt. Ohne jene
Bewegung sei kein Wachstum, keine Ernährung und keine Fortpflanzung
möglich. Auf diese Funktionen beschränke sich indes die Tätigkeit der
Pflanzenseele. Diesem geringen Umfang ihrer Tätigkeit entspreche auch die
geringe äußere Verschiedenheit der Pflanzenteile, sowie das Vermögen der
Pflanze, aus jedem ihrer Teile wie aus dem Samen neues zu erzeugen.
Bemerkenswert sind auch die Äußerungen Alberts über den Schlaf der
Pflanzen. Wenn die Pflanze während des Winters infolge der Kälte
zusammengezogen und ihr Saft und ihre Wärme nach innen zurückgedrängt
seien, so schlafe sie. Daß einige Pflanzen ihre Blüten abends
zusammenlegen und bei Tagesanbruch wieder öffnen, wird auch als Schlaf
gedeutet.
Bezüglich der Sexualität räumt Albert den Pflanzen nur eine sehr entfernte
Ähnlichkeit mit den Tieren ein. Das Wachstum der Pflanzen, so meint er im
Hinblick auf die Eiche, die Zeder und andere Bäume, scheine wie das der
Mineralien an kein bestimmtes Maß gebunden zu sein. Das Fehlen der
Sinnes- und der Bewegungsorgane, durch die sich das höhere tierische
Leben bekunde, sei der Grund, weshalb die Wurzel, als Mund der Pflanze,
in die Erde gesenkt sei. Ströme die Nahrung nicht von selbst herbei,
umgäbe sie die Wurzel nicht unablässig, so könne die Pflanze gar keine
Nahrung zu sich nehmen. Würde ferner die geringe Eigenwärme der
Pflanze nicht von außen durch die Sonnenwärme unterstützt, so würde jene

Page 335

allein nicht hinreichen, den eingesogenen Nahrungsstoff zu verdauen und
zum Wachstum und zur Fortpflanzung geeignet zu machen.
Da also die Pflanze ihre Nahrung auf weit einfachere Weise zu sich nimmt
und in sich verteilt wie das Tier, so hat sie nach Albert weder Adern, noch
einen Magen, sondern nur Poren, wie sie auch das Tier unsichtbar auf seiner
ganzen Oberfläche besitze. Alberts Kenntnisse in der speziellen Botanik,
die er im 6. Buche bekundet, sind nicht gering. Doch teilt er mit vielen
Schriftstellern des Altertums den Glauben an eine Umwandlung der
Pflanzen. So sollen sich infolge des Alterns oder infolge mehr oder weniger
guter Nahrung die Getreidearten ineinander umwandeln können. Auch
entständen durch die Fäulnis einer Pflanze andere Arten. So überziehe sich
ein kränkelnder Baum mit Parasiten, namentlich mit Misteln.
Alberts Darstellung der allgemeinen Botanik ist der erste Versuch einer
solchen. Denn was er in der Schrift des Nikolaos vorfand, hat sein
Unternehmen eher ungünstig beeinflußt als gefördert. Es verstrichen
Jahrhunderte, bevor ein zweites, dem seinigen vergleichbares Werk
erschien. »Die Fehler des letzteren verschuldete sein Zeitalter, die Vorzüge
gehören ihm allein an«784. In seiner speziellen Botanik handelt Albert von
den Bäumen und Sträuchern, den Stauden und Kräutern. Die Anordnung ist
die alphabetische. Die Schärfe der Beobachtungen ist anzuerkennen.
Beschreibungen von einer Genauigkeit, wie sie uns im Altertum nicht
begegnet, widmete er z. B. der Esche und der Erle, dem Mohn, dem
Borretsch und der Rose.
Seit Albertus Magnus war man auch bestrebt, die von den Alten
beschriebenen Pflanzen wieder aufzufinden. Dies Bemühen war jedoch nur
von geringem Erfolg, da einmal die vorhandenen Beschreibungen meist
nicht hinlänglich genau waren, um danach die Arten feststellen zu können,
und da man ferner, ohne Berücksichtigung der geographischen Verbreitung,
die Pflanzen Griechenlands und Kleinasiens in Mitteleuropa suchte.
Immerhin war es ein großer Fortschritt, daß man sich mit den Naturkörpern
wieder unmittelbar zu beschäftigen begann. Die Wiederbelebung der
beschreibenden Naturwissenschaften war in erster Linie die Folge eines
solchen Bemühens. Dieses führte weiterhin zur Anlegung von botanischen
Gärten und zur Herausgabe von Kräuterbüchern, den ersten botanischen
Dingen, die uns an der Schwelle der neueren Zeit begegnen.

Page 336

Von Albert dem Großen bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Botanik im übrigen nur gering785.
Manche Nachricht über neue Pflanzen gelangte aus den durch die
Kreuzzüge dem Abendlande erschlossenen Ländern nach Europa, jedoch
ohne daß dadurch die wissenschaftliche Einsicht wesentlich gefördert
worden wäre. Auch durch die Reisen Marco Polos in Ostasien erfuhr die
spezielle Pflanzenkenntnis eine nicht unbeträchtliche Erweiterung, wenn es
sich naturgemäß in den Mitteilungen dieses Mannes auch in erster Linie um
solche Pflanzen handelte, die für den Handel in Betracht kamen.
Wie die botanischen, so enthalten auch die zoologischen Schriften des
Albertus zahlreiche Angaben über eigene Beobachtungen. Insbesondere
gilt dies von der deutschen Tierwelt. Es finden sich z. B. recht gute
Schilderungen des Maulwurfs, der Spitzmaus, des Eichhörnchens und des
Igels. Albert führt fast alle deutschen Nager auf und zeichnet das Treiben
des Eichhörnchens ganz musterhaft. Sehr zutreffend beschreibt er auch das
Gebiß der Nagetiere. Erwähnung findet auch der Eisbär. Vom Walroß wird
erzählt, daß es lange Eckzähne besitze, und daß man seine Haut zu Riemen
zerschneide, die in Deutschland in den Handel kämen. Ferner wird der
Grönlandwal beschrieben und sein Fang geschildert. Die Robben und die
Delphine bezeichnet Albert als »Säugetiere mit festen Knochen, lebenden
Jungen und einer Luftröhre«. Er fügt hinzu: »Die Angaben der Alten
übergehe ich, denn sie stimmen mit denen erfahrener Leute nicht überein.«
Über die Gliedertiere macht Albertus sogar die Angabe, daß sich beim
Krebs und Skorpion ein dem Rückenmark entsprechender Strang findet, der
auf der Bauchseite durch den Körper läuft. Das Treiben des Ameisenlöwen
schildert er mit folgenden Worten: »Der Ameisenlöwe ist nicht vorher eine
Ameise, wie viele sagen. Denn ich habe oft beobachtet und habe es häufig
Freunden gezeigt, daß dieses Tier Zeckengestalt hat. Es versteckt sich im
Sande und gräbt darin eine halbkugelförmige Höhle, in deren Pol sein
Mund ist. Läuft nun eine Ameise futtersuchend darüber, so fängt und frißt
er sie. Dem haben wir oft zugesehen«786.
Albertus Magnus war auch einer der ersten, der sich in Deutschland auf
dem Gebiete der Chemie schriftstellerisch betätigte, ohne sich jedoch über
die Araber zu erheben. Daß unedle Metalle sich in edle verwandeln lassen,
war für ihn eine ausgemachte Sache. Dies geht aus dem von ihm verfaßten
Werk »De rebus metallicis et mineralibus« mit Bestimmtheit hervor.

Page 337

Albertus glaubte auch an die Darstellbarkeit eines Elixiers, das imstande
sei, allen Metallen die schönste Goldfarbe zu verleihen. Er warnte zwar vor
scheinbaren Umwandlungen, indessen wurden durch das hohe Ansehen, das
er genoß, die alchemistischen Bestrebungen gefördert787.
Auszüge aus dem Werke »De rebus metallicis et mineralibus« sind durch
Kopp bekannt geworden788. Aus ihnen geht hervor, daß es sich bei
Albertus Magnus zum Teil um rein aristotelische, zum Teil um arabische
Meinungen und Anschauungen handelt. Er nimmt an, daß die Metalle wie
alles aus den vier Elementen zusammengesetzt sind. Bestehen sie auch
zunächst aus Schwefel und Quecksilber, so ist ersterer doch wieder aus Luft
und Feuer, das Quecksilber dagegen aus Wasser und Erde entstanden.

Roger Bacon.

Ein fast noch höheres Interesse als der »Doctor universalis«, wie man
Albertus Magnus nannte, beansprucht Roger Bacon, der »Doctor
mirabilis«. Seine Schriften umfassen nicht nur die Naturbeschreibung, die
Chemie und die Physik, sondern alle Wissenszweige, insbesondere auch die
Philosophie und die Theologie. Der englische Franziskanermönch Roger
Bacon ist ferner einer der ersten in der Reihe der Märtyrer, welche die
Geschichte seit der Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften
aufzuweisen hat.
Roger Bacon wurde im Jahre 1214 geboren789. Er studierte in Paris und
dann in Oxford, wo er später ein Lehramt bekleidete. Von großem Einfluß
auf die Entwicklung Bacons war Petrus Peregrinus, der in Paris lehrte
und als Experimentator gerühmt wurde. Bacon sagt von ihm, was dunkel
sei, ziehe Peregrinus als Meister des Experiments ans Tageslicht790. Auch
daß dieser für seine Zeit seltene Mann keine Wortgefechte liebte, sondern
Beweise und Tatsachen verlangte, war für Peregrinus charakteristisch und
für Bacon, der das Wort »Scientia experimentalis« prägte, von
bestimmendem Einfluß791. Schon Gerbert 792 hatte übrigens die
Beschäftigung mit der Natur als Gegengewicht gegen die scholastischen
Streitereien empfohlen. Bacon tat dasselbe, indes mit größerem
Nachdruck793. Als Quellen für seine Naturlehre benutzte Bacon die
Griechen (Aristoteles, Euklid, Ptolemäos), die Römer (Plinius,

Page 338

Boëthius, Cassiodor) und die Araber. Unter den letzteren sind vor allem
Avicenna (Ibn Sina) und Al Farabi zu nennen. Das Werk des letzteren,
das eine Art Enzyklopädie darstellt, hatte Gerhard von Cremona unter
dem Titel »Liber de scientiis« ins Lateinische übersetzt. Bacon besaß nicht
nur die umfassende Gelehrsamkeit eines Albertus Magnus, sondern er
zeichnete sich vor diesem durch größere Klarheit und Freiheit des Denkens
aus. In seiner Schrift über die Nichtigkeit der Magie794 bekämpfte Bacon
den Glauben an die Zauberei. Den Anhängern dieses Glaubens verdankte er
selbst gegen das Ende seines Lebens eine zehnjährige Kerkerhaft. Sehr
wahrscheinlich hat jedoch die Anklage auf Zauberei seinem Orden nur als
Vorwand gedient, um ihn daran zu hindern, daß er fortfuhr, gegen die
kirchlichen Mißstände zu eifern. Besaß doch Bacon die Kühnheit, auf eine
Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern, sowie auf eine kritische
Behandlung der heiligen Schrift auf Grund der Urtexte zu dringen.
Daß die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht viel anders gewesen
sind als heute, lassen folgende Stellen aus Bacons »Compendium studii
theologiae« erkennen: »Das Haupthindernis für das Studium der Weisheit
ist die unermeßliche Verderbnis, die in allen Ständen herrscht. Der ganze
Klerus ist dem Hochmut, der Unzucht und der Habsucht ergeben. Wo
Kleriker zusammenkommen, geben sie dem Laien Ärgernis. Die Fürsten
und Herren drücken und plündern sich gegenseitig und richten das ihnen
untertänige Volk durch Krieg und Steuern zugrunde. In den Königreichen
geht man nur auf Vergrößerung aus. Man kümmert sich nicht darum, ob
etwas mit Recht oder mit Unrecht erreicht wird, wenn man nur seinen Plan
durchsetzt. Die oberen Stände dienen nur dem Bauch und den fleischlichen
Lüsten. Das Volk wird durch dies schlechte Beispiel aufgereizt und zu Haß
und Treubruch veranlaßt, oder es wird durch das schlechte Beispiel der
Großen verdorben. Unzucht und Genußsucht sind schlimmer, als man es
schildern kann. Bei den Kaufleuten herrschen List, Betrug, maßlose
Falschheit usw.« So sieht Bacons Sittengemälde aus dem 14. Jahrhundert
aus.
Was Bacon anstrebte, war eine freiere Gestaltung des religiösen Lebens.
Und zwar geschah dies fast zur selben Zeit, als die Albigenser
Südfrankreichs ihren Abfall von der Kirche schwer büßen mußten. Wenn
Bacons Mahnung auch verhallte und nicht imstande war, einen Sturm zu
entfesseln, wie ihn z. B. das Auftreten eines Huß zur Folge hatte, so

Page 339

verdient Bacon doch unter den Vorboten der Reformationsbewegung
genannt zu werden. Daß er sich der Autorität des Aristoteles nicht
unbedingt unterwarf, war für die damalige Zeit ein nicht geringeres
Verbrechen.
Andererseits vermag auch Bacon es nicht, sich gänzlich von den Fesseln
der griechischen Philosophie und der mittelalterlichen Theologie zu
befreien. So hält er mit Aristoteles an dem Glauben fest, daß die Welt
räumlich begrenzt sei. Er sucht auch dialektisch zu beweisen, daß es nicht
mehrere Welten oder gar eine unendliche Welt geben könne. Erst viel
später, bei Giordano Bruno, tritt uns der Begriff des unendlichen Alls
entgegen. Wie Aristoteles, so weist auch Bacon mit dialektischen
Gründen die Lehre vom Vakuum zurück, das die von Aristoteles
bekämpften Anhänger der Atomenlehre als notwendige Voraussetzung für
die Bewegung der Atome angenommen hatten795. Als Herrin der
Wissenschaften gilt Bacon nicht die Philosophie, sondern die Theologie.
Wenn ein Wissen, meint er, der heiligen Schrift widerspricht, so ist es
irrig796. Innerhalb dieser Beschränkung verlangt er eine Erneuerung der
Wissenschaften und eine Begründung der Naturwissenschaften auf
Beobachtung und Versuch. Manches, was später, im 16. Jahrhundert, sein
Namensvetter Francis Bacon gesagt hat, klingt an die schon von Roger
Bacon ausgesprochenen Mahnungen und Forderungen an. »Diejenigen, die
in den Wissenschaften neue Bahnen einschlugen«, sagt Roger Bacon 797,
»hatten alle Zeit mit Widerspruch und Hindernissen zu kämpfen. Doch
erstarkte die Wahrheit und wird erstarken bis zu den Tagen des Antichrist.«
Für die Wissenschaft gibt es nach Bacon drei Wege, die Erfahrung, das
Experiment und den Beweis. Insbesondere wird die Mathematik gepriesen,
aber auch der Sprache, als dem formalen Ausdruck des Denkens, wird die
größte Bedeutung beigelegt. So heißt es bei ihm: »Wir müssen bedenken,
daß Worte den größten Eindruck ausüben. Fast alle Wunder sind durch das
Wort vollbracht worden. In den Worten äußert sich die höchste
Begeisterung. Deshalb haben Worte, welche tief gedacht, lebhaft
empfunden, gut berechnet und mit Nachdruck gesprochen werden, eine
bedeutende Gewalt.«
Selbst wenn man annimmt, daß Bacons Wissen vollständig auf den alten
Schriftstellern und den Arabern beruhe, muß man doch zugeben798, daß er
kein bloßer Kompilator war, sondern das Vorhandene zu prüfen, sich

Page 340

anzueignen und selbständig wiederzugeben verstand. Sein Hauptverdienst
bleibt aber, daß er zu den ersten Männern zählt, die auf den Weg des
eigenen Forschens im Gegensatz zum Autoritätsglauben, hingewiesen
haben, wenn es ihm selbst auch noch an Mitteln gebrach, diesen Weg
unbeirrt zu verfolgen. Aus diesem Mangel an Befriedigung eines
vorhandenen Dranges entspringt eine gewisse Sehnsucht, die sich darin
ausspricht, daß Bacons Schriften mit häufigen Ausblicken auf eine größere
Herrschaft des Menschen über die Natur erfüllt sind799. Dieser Grundzug
seines Wesens wird uns im 17. Jahrhundert bei seinem Namensvetter Franz
Bacon wieder begegnen. Und es erscheint nicht ausgeschlossen, daß
letzterer Roger mehr zu verdanken hat, als er durchblicken läßt800. Man
kann dies als wahrscheinlich annehmen, ohne damit den späteren Bacon
etwa des Plagiats bezichtigen zu wollen.
Bacons Hauptwerk führt den Titel »Opus majus«. Es wurde 1267 vollendet
und von Bacon dem Papste801 gewidmet802. Im ersten Teil des Opus majus
spricht Bacon von den Hauptursachen der herrschenden Unwissenheit. Als
solche gelten ihm die Eitelkeit und der Autoritätsglaube, die
althergebrachten Vorurteile und die zahlreichen unrichtigen und
unzulänglichen Begriffe. Der zweite Abschnitt bietet einen Überblick über
die Fundamente, welche die Griechen und die Araber geschaffen. Im
Mittelpunkte dieser Darstellung steht selbstverständlich Aristoteles, von
dem in freimütiger Kritik gezeigt wird, daß seine Schriften weder
erschöpfend noch frei von Fehlern seien. Um die bisherigen Leistungen
würdigen zu können, fordert Bacon im dritten Abschnitt das Studium der
Urtexte an Stelle des bis dahin üblichen Lesens lateinischer und arabischer
Übersetzungen. Vor allem stellt er diese Forderung in bezug auf die Bibel
und die Schriften des Aristoteles auf. Der vierte Abschnitt handelt von der
Mathematik, einschließlich der Astronomie und ihrer Anwendungen.
Bacon erkannte die Fehlerhaftigkeit des julianischen Kalenders und
machte dem Oberhaupt der Kirche Verbesserungsvorschläge. Der
julianische Kalender, so führt er aus, rechne das Jahr zu 3651/4 Tagen. Es
sei aber erwiesen, daß es kürzer sei und in 130 Jahren ein Tag zuviel
gerechnet werde.
Der nächste Abschnitt, der sich auf Alhazen stützt, handelt von der Optik.
Die Reflexionen durch parabolische Spiegel, sowie die Anatomie und
Physiologie des Auges sind so klar und treffend dargestellt, daß diese

Page 341

Abschnitte besonders den fortgeschrittenen Standpunkt Bacons erkennen
lassen. Den eigentlichen Vorgang des Sehens verlegt er in das Gehirn, mit
der Begründung, daß sich nur so die Vereinigung der in den beiden Augen
entstehenden Sinneseindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung erklären
lasse803.
Bacons optische Kenntnisse gingen über diejenigen Alhazens hinaus. So
ist Bacon die sphärische Aberration bekannt, d. h. die Tatsache, daß
Strahlen, die parallel der Achse einfallen, sich nur dann in einem Punkte
schneiden, wenn sie den Spiegel in gleichem Abstände vom optischen
Mittelpunkte treffen. Auch mit der Brennkugel804 und den Konvexspiegeln
befaßt er sich in Anlehnung an Alhazen. Ferner untersucht Bacon, ob der
Brennpunkt eines Hohlspiegels im Kugelmittelpunkte oder im
Halbierungspunkte des Radius liegt. Er entscheidet sich für das letztere,
also für die richtige Ansicht, und bemerkt ganz zutreffend, eigentlich könne
nicht von einem Punkte der Strahlenvereinigung die Rede sein, sondern nur
von einer kleinen Stelle. Damit ist schon das Wesen der Katakaustik
angedeutet805.
Von der Fata morgana heißt es, sie werde von manchen für eine teuflische
Gaukelei gehalten, während sie aus natürlichen Ursachen zu erklären sei.
Bacon beschreibt ferner die Instrumente zur Bestimmung des
Durchmessers von Mond und Sonne. Die Größe der Erde stehe zur Größe
des Himmels und der übrigen Gestirne in gar keinem Verhältnis. So sei die
Sonne 170 mal so groß wie die Erde. Auch die Milchstraße bestehe aus
vielen, zusammengedrängten Sternen, deren Licht sich mit dem der Sonne
mische. Ebbe und Flut sollen dadurch zustande kommen, daß die
Mondstrahlen beim senkrechten Auffallen die Dünste aufsaugen, auf deren
Anwesenheit auch das Funkeln der Sterne zurückgeführt wird. Die
Erscheinung, daß eine Flutwelle auch auf der dem Monde
entgegengesetzten Seite der Erde entsteht, erklärt Bacon auf folgende
Weise. Er nimmt an, die Fixsternsphäre sei fest; daher werfe sie die Strahlen
des Mondes zurück. Diese reflektierten Strahlen treffen dann die dem
Monde entgegengesetzte Seite der Erde und rufen dort dieselbe
Erscheinung hervor, die sie beim direkten Einfallen erzeugen. Nach dieser
Vorstellung sind der Fixsternhimmel und somit die Welt räumlich begrenzt.
Hatte doch auch Aristoteles angenommen, daß die Fixsterne ihr Licht von
der Sonne erhalten. Der Gedanke von der Unendlichkeit des Weltalls und

Page 342

der Vielzahl der Sonnen- und Weltsysteme konnte erst nach der
Begründung des Kopernikanischen Systems aufkommen.
Der Regenbogen wird von Bacon in Anlehnung an Aristoteles und
Avicenna zu erklären gesucht. Daß der Regenbogen verschwindet, sobald
die Sonne sich 42° über den Horizont erhebt, ist Bacon bekannt. Für das
runde Sonnenbildchen, das entsteht, wenn die Sonne durch unregelmäßige
Öffnungen in dunkle Räume scheint, kann er keine Erklärung finden. Das
Licht erfordert nach seiner Meinung Zeit und besteht nicht in einer
Absonderung von Teilchen, da sonst die leuchtenden Substanzen wie der
Moschus sich verflüchtigen müßten. Zur Erläuterung der Art, wie das Licht
sich fortpflanzt, führt Bacon folgenden, schon Alhazen bekannten
Versuch an. Werden drei Lichter vor die enge Öffnung eines Schirmes
gestellt, so kreuzen sich die Strahlen in dieser Öffnung. Bacon betrachtete
dies als einen Beweis dafür, daß sich die Spezies, d. h. dasjenige, worin er
die Natur des Lichtes erblickte, nicht vermischen. Wir würden dafür heute
sagen, daß die Lichtstrahlen, ohne sich gegenseitig zu stören, durch einen
Punkt hindurchgehen.
Der sechste Abschnitt ist der Wissenschaft vom Experiment gewidmet. Er
beginnt mit den Worten: »Ohne eigene Erfahrung (Versuche) ist keine
tiefere Erkenntnis möglich«806. Das Experiment wird hier schon als das
wichtigste Mittel hingestellt, die Theorie zu stützen und sie zu neuen
Folgerungen zu führen. Den Schluß des Werkes (7. Teil) bilden
Betrachtungen über die Aufgabe der Wissenschaft, die Menschheit nicht nur
zur Erkenntnis, sondern auch zu höheren sittlichen Zielen zu leiten. Von
besonderem Interesse ist die Stellung, die Bacon der Mathematik
gegenüber einnimmt. Er nennt sie das Tor und den Schlüssel der übrigen
Wissenschaften. Die mathematischen Grundwahrheiten sind seiner
Meinung nach dem Menschen eingeboren. Nur durch die Mathematik
können wir zur vollen Wahrheit gelangen807. In den übrigen Wissenschaften
herrscht umso weniger Irrtum und Zweifel, je mehr wir sie auf die
Mathematik zu gründen verstehen808.
Bacons Schriften sind von phantastischen Ausblicken in die Zukunft
erfüllt. So schreibt er: »Es können Wasserfahrzeuge gemacht werden,
welche rudern ohne Menschen, so daß sie, während ein einziger Mensch sie
regiert, mit einer größeren Schnelligkeit dahinfahren, als wenn sie voll
schiffbewegender Leute wären. Auch können Wagen gebaut werden, die

Page 343

ohne Tiere mit einem unermeßlichen Ungestüm in Bewegung gesetzt
werden«809. Wie Bacon sich indessen die Ausführung dieser Gedanken
dachte, gibt er nicht an. Es würde daher verfehlt sein, wollte man solchen
Aussprüchen, wie es wohl geschehen ist, eine weitergehende Bedeutung
beimessen.
Ferner finden sich Bemerkungen, auf Grund deren man Bacon die Priorität
hinsichtlich der Erfindung des Fernrohres zugeschrieben hat. Da aber nicht
erwiesen ist, daß Versuche oder auch nur eine klare Einsicht in die
Grundzüge der Konstruktion vorlagen, so sind solche Ansprüche, die von
englischer Seite herrühren, zurückzuweisen, ohne daß hierdurch die
Bedeutung des eigenartigen Mannes eine Schmälerung erlitte. Bacon
konnte in Wirklichkeit nicht einmal mit dem Gebrauch der Brillen bekannt
sein. Diese kamen wahrscheinlich erst um 1280 auf810. Wohl die erste
handschriftliche Erwähnung findet sich in einem Briefe vom Jahre 1299.
Jemand sagt dort, daß er ohne Brille, die vor kurzem zum Besten alter Leute
mit geschwächtem Sehvermögen erfunden sei, weder lesen noch schreiben
könne.
Gleich allen seinen Zeitgenossen, war Bacon in dem Glauben an die
Möglichkeit der Metallveredelung befangen, wie er auch von dem
Gedanken durchdrungen war, daß die Gestirne einen Einfluß auf die Erde
und das Schicksal der Menschen ausüben.
Die astrologischen Lehren, zu denen das 13. Jahrhundert im Anschluß an
das Altertum und an das frühe Mittelalter gelangt war, finden sich daher bei
Bacon in großer Ausführlichkeit entwickelt. Die Astrologie hatte damals
ihren Höhepunkt erreicht. Später büßte sie an überzeugender Kraft ein, bis
sie im 17. Jahrhundert aus der gelehrten Bildung ganz verschwand. Man
muß sich eigentlich wundern, daß sich bei einem im übrigen so
hervorragenden Geist wie Bacon keine Zweifel regten. Da die
astrologischen Lehren besonders geeignet sind, den Geist des Mittelalters
zu kennzeichnen, soll noch einiges daraus in der ihnen von Bacon
gegebenen Fassung Platz finden.
Die Astrologen teilten den Himmel in zwölf »Häuser«. Jeder Planet (Mond
und Sonne eingerechnet) hat ein »Haus«, in dem er erschaffen ist. Der
Löwe ist das Haus der Sonne, der Krebs das des Mondes, die Jungfrau
dasjenige des Merkur usw. Jedem der fünf Planeten ist außerdem noch eins

Page 344

der fünf übrigen Häuser zugeteilt. Jupiter und Venus sind Glückssterne,
Mars und Saturn Unglückssterne.
Von großem Einfluß sind die Konjunktionen der Planeten, d. h. ihr
Zusammentreffen in einem und demselben Hause. Solche Konjunktionen
zeigen Thronwechsel, Hungersnot und ähnliche Ereignisse an. Sie wirken
auch auf den einzelnen Menschen. Zwar sollen sie nicht den Willen
bestimmen. Wohl aber sollen die Himmelskräfte den Körper und, bei dem
engen Zusammenhang von Leib und Seele, auch letztere beeinflussen.
Bacon schloß sich auch den orientalischen Lehren an, nach welchen
bestimmte Planeten über gewissen Reichen dominieren, z. B. Saturn über
Indien, Jupiter über Babylon, Merkur über Ägypten, der Mond über Asien.
Vielleicht ist es auf astrologische Vorstellungen zurückzuführen, daß der
Halbmond das Abzeichen der Türkei geworden ist.
Was den chemischen Inhalt der Baconischen Schriften811 anbetrifft, so
verdient hervorgehoben zu werden, daß Bacon ein Gemenge erwähnt,
dessen Entzündung eine furchtbare Erschütterung hervorbringe. Als einen
Bestandteil dieses Gemenges nennt er Salpeter812. Offenbar haben wir es hier
mit dem Schießpulver zu tun, das um diese Zeit von Ostasien her seinen
Weg nach Europa gefunden hatte. Es wurde zuerst in Bergwerken zum
Sprengen gebraucht813. Seit dem 14. Jahrhundert führte das Pulver eine
Umwälzung in der Art der Kriegsführung herbei, die von großem Einfluß
auf die politische Gestaltung Europas wurde814.
Gewissermaßen gehört Bacon auch zu den geistigen Urhebern der großen
Entdeckungsreisen. Er vertrat nämlich die Ansicht, Asien erstrecke sich so
weit nach Osten, daß seine östliche Küste durch eine kurze Fahrt über den
atlantischen Ozean erreicht werden könne. Diese Ansicht Bacons nebst
ihrer Begründung nahm Pierre d'Ailly in sein »Imago mundi« betiteltes
Werk815 auf. Und es ist bekannt, daß Columbus später insbesondere auch
durch das Lesen dieses Werkes zu seiner Fahrt nach Westen angeregt
wurde816.
Aus allem geht hervor, daß wir es in Bacon mit einem hochbedeutenden
Menschen zu tun haben, der in der Entwicklung der Wissenschaften eine
hervorragende Rolle gespielt und die Bewunderung, die man ihm gezollt,
verdient hat817. Bacon ist einer der wenigen, das Dunkel des christlichen
Mittelalters durchdringenden Sterne. Daß er sich nicht völlig von den

Page 345

Vorurteilen seiner Zeit frei zu machen wußte, darf die Anerkennung, die wir
ihm spenden müssen, nicht beeinträchtigen.

Auswüchse des mitteltalterlichen Denkens.

Auf dem Gebiete der Wissenschaften tritt die Eigenart des Mittelalters
besonders in den Bestrebungen der Astrologen und der Alchemisten zutage.
Astrologie und Alchemie sind Wörter, bei deren Klang man sich sofort in
jene Zeit, von der wir handeln, zurückversetzt fühlt. Nicht nur die mit
diesen Namen bezeichneten Pseudowissenschaften, sondern mitunter auch
Magie und Nekromantie waren damals Gegenstand von
Universitätsvorlesungen.
Die größten alchemistischen Torheiten bezüglich der Wirkung der Materia
prima oder des Steins der Weisen gingen von Raymundus Lullus aus.
Lullus, der Doctor illuminatissimus, wurde um 1230 geboren. Seine
Schriften, oder vielmehr was an solchen unter seinem Namen ging, fanden
besonders im 14. Jahrhundert zahlreiche Leichtgläubige. Als eine Ausgeburt
der Phantasie des Lullus begegnet uns seine Lehre von der Multiplikation.
Der Stein der Weisen verwandelt danach zunächst die 1000fache Menge
Quecksilber in Materia prima. Und dies konnte mehrfach wiederholt
werden, bis nach einer gewissen Abschwächung der verwandelnden Kraft
die Materia prima die 1000fache Menge Quecksilber in reines Gold
verwandelte. In Anbetracht derartiger Übertreibungen des alchemistischen
Gedankens kann es nicht wundernehmen, wenn er sich zu dem Ausspruch
verstieg: »Mare tingerem, si Mercurius esset« (das Meer würde ich in Gold
verwandeln, wenn es aus Quecksilber bestände).
Unter den Auswüchsen und Irrungen, die uns im Mittelalter begegnen, sind
neben der Alchemie, der Astrologie und der Magie der Hexenglauben zu
nennen. Auch von dieser so unheilvollen, in der Hand des kirchlichen
Fanatismus oft zur furchtbarsten Geißel818 gewordenen Verirrung wurde die
Menschheit durch das Emporkommen einer naturwissenschaftlichen
Weltanschauung in Jahrhunderte dauerndem Kampf befreit. Zu den ersten,
die den Kampf gegen die Astrologie aufnahmen, zählt der in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts lebende Pico von Mirandola.

Page 346

Pico von Mirandola gehörte den humanistischen Gelehrten an, die im
allgemeinen der Astrologie zugetan waren, da letztere ja dem späteren
Altertum entsprungen war. Gehörte doch selbst Melanchthon zu ihren
Anhängern, während Luther sich von den Sterndeutereien abwandte und
sie für grobe Lügen erklärte, denen gegenüber man bei seinem einfachen
Verstande bleiben müsse. Aus diesem heraus ist auch Pico von
Mirandolas Einspruch hervorgegangen. Will man sich von der
Trüglichkeit aller Wahrsagerei überzeugen, so frage man die Sterndeuter
und die Handlinienbeschauer zu gleicher Zeit und sehe, wie sie einander
widersprechen. Ihre Wetterprophezeiungen sind nicht minder unzuverlässig.
So und ähnlich lauten seine Gründe. Daß der Himmel die allgemeine
Ursache des irdischen Geschehens sei, erkennt Pico an. Alles Besondere
müsse aber aus den nächstliegenden Ursachen erklärt werden.
Über das Unheil, das die astrologische Lehre anrichtete, sagt Pico, sie
zerstöre die Philosophie, verfälsche die Heilkunde, untergrabe die Religion,
erzeuge den Aberglauben, begünstige die Abgötterei, verunreinige die
Sitten, verleumde den Himmel und mache den Menschen zum
unglücklichen Sklaven von Vorurteilen und Verführern.
Schon ein Jahrhundert vor Pico hat einer der größten unter den
Humanisten, Francesco Petrarca, den Kampf gegen die Astrologie, die
Magie und andere Ausflüsse des Aberglaubens geführt. Sein Bemühen war
jedoch nicht minder erfolglos gewesen wie dasjenige seines Nachfolgers.
Beide Männer haben indessen das Verdienst, daß sie den späteren
Geschlechtern die Waffen in diesem Kampfe geschmiedet haben819.
Mit ähnlichen überzeugenden Gründen, wie Pico von Mirandola die
Astrologie, bekämpfte der Arzt Jacob Weyer den Hexenglauben und die
damit im Zusammenhange stehenden Verfolgungen. Er wies z. B. nach, daß
das Alpdrücken eine Folge körperlicher Zustände sei und nicht etwa durch
einen Dämon veranlaßt werde. Er erkannte die Rolle, welche die Phantasie,
sowie die Neigung der Frauen zur Hysterie beim Zustandekommen
abergläubischer Vorstellungen spielt. Doch fand er nur wenig Anhänger und
zahlreiche Widersacher. Die angeblichen Hexen wurden noch bis in das 18.
Jahrhundert hinein von Geistlichen, Inquisitoren und der fanatisierten
Menge verfolgt und verbrannt.

Page 347

Das Heilmittel für all diese Gebrechen der Zeit konnten nur die
Naturwissenschaften sein. Sie waren zwar auf dem Marsche. Um die
Beseitigung von Aberglauben und Vorurteilen, sowie um Anerkennung als
Bildungsmittel für die breite Masse des Volkes mußten sie aber noch lange,
ja selbst bis auf den heutigen Tag ringen.

Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert.

Von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Vorstellungen, die um
die Mitte des 14. Jahrhunderts herrschten, erhält man ein in mancher
Hinsicht zutreffendes Bild durch Megenbergs Buch der Natur.
Konrad von Megenberg wurde um 1309 in der Maingegend geboren. Er
empfing seine Vorbildung in Deutschland und Paris, wo er den Doktorgrad
erwarb. Darauf lehrte er in Wien und schließlich wirkte er als Kanonikus in
Regensburg. Dort schrieb er sein Werk, das er um 1350 bekannt gab820. Er
starb in Jahre 1374.
Megenbergs Hauptquelle ist eine von Thomas von Cantimpré um 1250
verfaßte Schrift: Über die Natur der Dinge (De naturis rerum). Sie bietet
eine Übersicht über das damalige Wissen von den lebenden und den
leblosen Naturgegenständen. Und zwar ist Cantimprés Buch das erste
Werk dieser Art, welches das Mittelalter hervorbrachte821. In zwanzig
Büchern behandelt Thomas die Anatomie des Menschen, die Tiere, die
Pflanzen, die Metalle und Edelsteine, die vier Elemente und das
Himmelsgewölbe mit den sieben Planeten. Das Werk ist indessen nicht auf
eigene Anschauung gegründet, sondern aus den verschiedensten
Schriftstellern geschöpft. Am meisten benutzt sind Aristoteles, Galen
und Plinius. Aber auch Theophrast, Isidor von Sevilla und die
Kirchenväter werden herangezogen.
Megenbergs Buch der Natur lehnt sich so eng an die besprochene Schrift
des Thomas an, daß es als eine gekürzte und dem Fortschritt des seitdem
verflossenen Jahrhunderts Rechnung tragende deutsche Bearbeitung
bezeichnet werden kann822. Doch hat Megenberg, wie er ausdrücklich
bemerkt, wenn ihn das Buch des Thomas im Stiche ließ, auch andere
Bücher benutzt. Dabei ist er durchaus kein bloßer Kompilator. Er weist
sogar manches, was Thomas unbeanstandet aufnimmt, als unglaubwürdig

Page 348

zurück. Daß er trotzdem an Wunder, Zauberei und Beschwörungen glaubt,
muß man auf Rechnung des Geistes seiner Zeit setzen. So ist das Buch
Megenbergs eins der geeignetsten Zeugnisse für das vor dem
Wiederaufleben der Wissenschaften selbst bei aufgeklärten Männern
anzutreffende Fühlen und Denken. Einige Mitteilungen aus dem Inhalt des
Buches mögen dies des Näheren dartun.
Der erste Abschnitt betrifft den Menschen. Es sind die Lehren des
Aristoteles und des Galen, die uns hier in derjenigen Gestalt begegnen,
die sie durch spätere Schriftsteller erfahren haben823. Das Gehirn soll von
Natur kalt, das Herz dagegen warm sein. Das Gehirn liege oberhalb des
Herzens, damit seine Kälte durch die Wärme des Herzens gemildert werden
könne. Die Natur lasse zuerst das Herz entstehen und danach das Gehirn.
Vom Auge heißt es, es sei von dünnen Häuten umgeben. Diese umschlössen
die kristallinische Feuchtigkeit, auf welcher die Sehkraft beruhe. Der
Sehnerv wird als eine hohle Ader bezeichnet, deren Aufgabe es sei, den
Augen die eigentliche geistige Sinnestätigkeit zuzuführen. Man sieht, es
sind verworrene Vorstellungen, aus denen nicht ersichtlich ist, wie sich
Megenberg den Vorgang des Sehens eigentlich denkt. Über das Herz und
die Lungen äußert er sich mit folgenden Worten: Das Herz ist das erste
Lebendige und das letzte Organ, das stirbt. Es besitzt zwei Kammern, eine
rechte und eine linke. Sie bergen das Blut und die besonderen Geister,
welche das Leben bedingen. Die Geister und das Blut strömen durch die
Adern vom Herzen zu den übrigen Organen hin. Das Herz ist der Lunge
angelagert, weil die weiche Lunge durch ihre Tätigkeit, Luft aufzunehmen,
das Herz kühl halten kann, so daß es nicht in seiner eigenen Hitze erstickt.
Eine genauere Unterscheidung zwischen Adern, Nerven und Sehnen findet
auch bei Megenberg noch nicht statt.
Der zweite Abschnitt handelt »von den Himmeln und den sieben Planeten«.
Außerhalb des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt sind,
unterscheidet Megenberg noch zwei Sphären, den Wälzer und den
Feuerhimmel. Nach innen folgen die sieben Planetenhimmel, von denen
jeder nur einen Stern trägt. Alles bewegt sich in verschiedenen Zeiträumen
um den Mittelpunkt der Welt, die Erde. Jeder Planet hat seine besonderen
Eigenschaften und Wirkungen. So ist Jupiter warm und trocken. Deshalb
macht er das Erdreich fruchtbar und bringt ein gutes Jahr, wenn er in seiner
vollen Kraft und günstigsten Stellung scheint. Mars ist heiß und trocken;

Page 349

daher erhitzt er der Menschen Herz und macht sie zornig. Der Sonne
werden fünfzehn Eigenschaften zugeschrieben, die dann in allegorischer
Weise auf die heilige Jungfrau bezogen werden.
Hinsichtlich der Kometen begegnen wir einer Auffassung, die von
Aristoteles bis zu Tychos und Keplers Zeiten die herrschende blieb. Ein
Komet ist danach kein eigentlicher Stern, sondern ein »Feuer, das im
obersten Luftreich brennt«. Genährt wird dieses Feuer durch fettigen, der
Erde entstammenden Dunst. Die Dauer des Kometen hängt davon ab, wie
lange dieser Dunst in hinreichender Menge nachströmt. Betrachtete man die
Kometen als atmosphärische Erscheinungen, so war die Annahme, daß sie
auf die Erde eine tiefere Wirkung als die Gestirne ausüben, ganz
folgerichtig. Der Komet muß für das Land, dem er den Schweif zukehrt
»ein Hungerjahr bringen, weil dem Boden dort die Feuchtigkeit entzogen
wird«. Die Milchstraße endlich wird ganz zutreffend auf »zahlreiche, nahe
beieinander befindliche Sterne zurückgeführt, deren Schein vereint
leuchtet«.
Megenberg bespricht dann die atmosphärischen Vorgänge. Der Wind wird
nicht etwa als eine Bewegung der Luft in ihrer ganzen Masse aufgefaßt,
sondern als ein »angesammelter irdischer Dunst« betrachtet, der sich durch
die Luft bewegt. Aus dem irdischen fetten Dunst, der gegen die Wolken
stößt, sucht Megenberg auch Blitz und Donner zu erklären. Die Kraft des
Anpralls bewirke die Entzündung, d. h. den Blitz. Der Regenbogen endlich
wird als eine Spiegelung des Sonnenlichtes in den Wolken aufgefaßt. Durch
die Annahme von Dünsten im Innern der Erde wird, unter Zurückweisung
alter Fabeleien, auch das Erdbeben erklärt. Auf die in den Höhlen der
Gebirge befindlichen Dünste sollen die Gestirne, besonders Mars und
Jupiter in der Art wirken, daß sie ihren Andrang gegen die Wände der
einschließenden Hohlräume vermehren. Dadurch komme eine
Erschütterung der Erde zustande. Megenberg berichtet dann über ein
starkes Erdbeben, das 1348 in den Alpen und in Süddeutschland verspürt
wurde. In demselben Jahre wurde Europa durch den schwarzen Tod
heimgesucht, das »größte Sterben, das je nach oder vielleicht auch vor
Christi Geburt dagewesen«. Allein in Wien seien an dieser Seuche 40000
Menschen in wenigen Monaten zugrunde gegangen. Megenberg ist nun
geneigt, zwischen dem Erdbeben und jener Krankheit einen ursächlichen
Zusammenhang anzunehmen. Bei dem Erdbeben entweiche nämlich

Page 350

giftiger Dunst aus dem Innern der Erde. Das Weltbild, das sich das
Mittelalter nach dem Vorgange der Alten geschaffen und wie es uns in
Megenbergs Schrift entgegentritt, wird durch eine Schilderung der Tiere,
der Pflanzen und der wichtigsten anorganischen Naturkörper
vervollständigt. Auf die Beschreibung des Tieres im allgemeinen, die ganz
im Geiste und oft in wörtlicher Übereinstimmung mit Aristoteles gehalten
ist, folgen Mitteilungen über das Aussehen und die Lebensweise der
einzelnen Geschöpfe. Von einer systematischen Einteilung nach irgend
welchen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist dabei noch keine Rede. Die
Anordnung ist vielmehr die alphabetische. Auch wird über manches
Tierwunder berichtet, das sich später als eine Ausgeburt der Phantasie
älterer Schriftsteller erwiesen hat. So wird auch die alte Geschichte des
Physiologus von dem Walfisch, dessen Rücken für eine Insel gehalten wird,
wieder aufgefrischt. Manche Bemerkung über einheimische Tiere beruht
auf eigener Beobachtung oder wenigstens auf der Beobachtung
Mitlebender. Doch fehlen auch nicht Angaben alter Schriftsteller, die ohne
Nachprüfung aufgenommen werden, so heißt es beim Pferde, Aristoteles
sage, aus dem Haare dieses Tieres entstehe im Wasser ein Wurm. Nicht
selten wird aber derartigen Mitteilungen ein treuherziges: »Das glaube ich
nicht« hinzugefügt, so der Erzählung des Plinius, daß der Luchs durch eine
Wand zu sehen vermöge.
Die nächsten Abschnitte handeln – gleichfalls in alphabetischer Folge – von
den Bäumen und von den Kräutern. Die Beschreibungen beschränken sich
auf den äußeren Habitus der ganzen Pflanze und das Aussehen der Früchte.
Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die physiologischen Wirkungen, die
von den Pflanzen ausgehen. Zur Erklärung dieser wunderbaren Wirkungen
genügt nach Megenberg jedoch nicht die Mischung der in den Kräutern
enthaltenen Elemente, sondern er nimmt daneben den Einfluß der Gestirne
an. Oft komme auch der Einfluß der heiligen Worte in Betracht, mit denen
man Gott anrufe, und durch die man die Kräuter beschwöre und segne, wie
man ja auch das Weihwasser einsegne.
Durch den göttlichen Willen haben auch die Steine wunderbare
Eigenschaften und Kräfte, vor allem besitzen sie einen segenbringenden
Einfluß. Manche Mineralien sind giftwidrig, ja sie zeigen sogar durch
Ausschwitzungen an, ob sich Gift in der Nähe befindet. Der Karneol
besänftigt den Zorn und stillt Blutungen. Offenbar wurde ihm seit jeher

Page 351

diese Eigenschaft seiner roten Farbe wegen zugeschrieben. Auch bei den
übrigen Mineralien werden die Eigenschaften ganz obenhin erwähnt,
dagegen um so ausführlicher wird ihre Verwendung zu Amuletten
gewürdigt, ohne daß Megenberg Zweifel an der Richtigkeit der an die
Mineralien sich knüpfenden, damals herrschenden, abergläubischen
Vorstellungen kamen.
Wir haben das Buch der Natur etwas eingehender gewürdigt, weil eine
derartige Probe lehrreicher ist als lange Betrachtungen über den Geist des
Mittelalters. Erst wenn wir uns den geistigen Besitz und das Fühlen und
Denken jener Zeit an einem Schriftsteller wie Megenberg oder Thomas
von Cantimpré vergegenwärtigt haben, können wir den Umschwung
ermessen, der mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften eintrat und der
neueren mit Koppernikus, Galilei und Kepler anhebenden
Naturforschung den Weg bereiten half.

Page 352

10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
Bis zur Beendigung der Kreuzzüge hatte Westeuropa unter einer
überwiegend kirchlichen Führung gestanden. Probleme religiöser und
scholastisch-philosophischer Art nahmen während dieser Zeit das Denken
vorzugsweise in Anspruch. Das nunmehr eintretende Sinken der Hierarchie
hatte zur Folge, daß man sich auch anderen Gegenständen zuwandte.
Es sind vor allem zwei mächtige neue Bewegungen von nie versiegender
Wirkung, welche die europäische Menschheit gegen den Ausgang des
Mittelalters ergreifen, die Wiederbelebung des klassischen Altertums und
die durch die Entdeckungsreisen erfolgende Ausdehnung des
geographischen Gesichtskreises über die gesamte Erde.
Vorbereitet wurde der große geistige Umschwung, dessen Vorboten bis in
das 13. Jahrhundert zurückreichen, durch einen wirtschaftlichen Vorgang,
nämlich durch das Emporblühen des Städtewesens. Vor allem sind hier Pisa,
Florenz, Venedig und Genua zu nennen. Diese waren durch den Handel zu
Wohlstand und Macht und schließlich sogar zu einer meerbeherrschenden
Stellung gelangt. Die Berührung mit sämtlichen Völkern des Mittelmeeres,
das Emporblühen der Kunst und der Gewerbe, kurz die Erweiterung des
gesamten Gesichtskreises brachten es mit sich, daß an diesen Stätten die
Nacht des Mittelalters zuerst der Morgenröte eines neuen, besseren Tages
wich.
Die ältere Geschichtsschreibung liebte es, die Renaissance als ein fast
blitzartiges Aufleuchten hinzustellen, wodurch das tiefe Dunkel des
Mittelalters verscheucht und von Italien aus das übrige Europa allmählich
erhellt worden sei. Es war dies die besonders durch Burkhardt 824 vertretene
Anschauung. Burkhardt stand noch allzusehr unter dem Einflüsse
Vasaris, des frühesten Geschichtsschreibers der Renaissance. Vasari 825, der
um die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, stand offenbar den von ihm
geschilderten Begebenheiten zeitlich noch zu nahe, um ein zutreffendes,
allgemeines Urteil fällen zu können. Auch war er bestrebt, die von ihm
behandelte Epoche der vorangehenden Zeit gegenüber in hellem Glanze
hervortreten zu lassen826.

Page 353

Die neuesten Forschungen über die Entwicklung des geistigen Lebens und
der Kunst lassen immer deutlicher erkennen, daß sich zwischen Mittelalter
und Renaissance keine scharfe Grenze ziehen läßt. Vielmehr reicht die
Bewegung, die wir mit dem Worte Renaissance kennzeichnen, in ihren
Anfängen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Auch war sie keineswegs auf
den Boden Italiens beschränkt. Erlebte sie auch dort ihre höchste Blüte, so
begegnet uns die Wiedergeburt der Künste und der Wissenschaften doch
auch in Frankreich, in Deutschland und den Niederlanden. Und zwar lassen
sich auch in diesen Ländern das Streben nach selbständiger Auffassung und
eine dadurch bedingte Abkehr von der bisherigen Denkweise,
gewissermaßen eine allmähliche Umwertung der Werte, bis in das 13.
Jahrhundert zurückverfolgen. Dennoch darf man, im Gegensatz zur älteren
historischen Schule (Burkhardt, Voigt, Libri) nicht so weit gehen, die
Renaissance »als das Resultat und die feinste Blüte des Mittelalters« zu
bezeichnen827. Ist doch die Renaissance, die wenn auch lange vorbereitete,
allmähliche Überwindung derjenigen Momente, welche das christliche
Mittelalter kennzeichnen. Als diese im geistigen Leben des Mittelalters
überwiegenden Momente werden stets gelten müssen: erstens die
Unterordnung der wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung unter
den Einfluß der Kirche, ferner die Herrschaft der Autorität des
geschriebenen Wortes und drittens die Abkehr von realistischer und die
Versenkung in die spiritualistische Denkweise.
Die Wiederbelebung der römischen und der griechischen Literatur erfolgte
seit dem 14. Jahrhundert in immer größerem Umfange und führte zu einer
wachsenden Vertiefung in den Geist der Antike. Es entstand die Richtung,
die man als den Humanismus bezeichnet. Brachte sie den
Naturwissenschaften auch keinen unmittelbaren Gewinn, so bewirkte sie
doch, daß mit den erwähnten mittelalterlichen Elementen, welche das
Denken bisher gefangen hielten, gebrochen und für die Behandlung und die
Darstellung wissenschaftlicher Gegenstände Vorbilder gewonnen wurden.
Es wurde, wie ein hervorragender Geschichtsschreiber der Periode des
Humanismus sagt828, »die vergessene Tiefe der Vorzeit heraufbeschworen
und diese in ihren edelsten Schöpfungen noch einmal durchlebt«. Das Land,
wo der Humanismus seine erste Blüte erlebte, war Italien. Dort waren
nämlich die Scholastik, die romantische Poesie und die gotische Baukunst
nie zur vollständigen Herrschaft gelangt und immer noch eine Erinnerung

Page 354

an das Altertum übrig geblieben, die endlich im 15. Jahrhundert alle Geister
ergriff und der Literatur ein neues Leben einhauchte829.
Auf dem Boden Italiens hatte die Berührung der antiken Welt mit dem
germanischen Elemente vorzugsweise stattgefunden. War Italien dabei auch
von vielen Völkern zertreten worden, so hatten sich doch manche Reste und
Vermächtnisse der alten Kultur in die neue Zeit hinübergerettet. Die
führenden Männer, denen wir die Wiederbelebung dieser Keime verdanken,
waren vor allem Petrarka und Boccaccio. In den Beginn der großen
literarischen Epoche, welche diese Männer verkörpern, gehört der
bewundertste Dichter der italienischen Nation, Dante. Geboren wurde
Dante 1265 in Florenz; er starb im Jahre 1321. Dante hat zwar von den
besten römischen Dichtern, wie Horaz, Ovid und Vergil, manche
Anregung empfangen, doch gehört er noch nicht zu den Erneuerern der
alten Literatur. Seine Bildung beruht vielmehr noch vorzugsweise auf dem
Trivium und dem Quadrivium der mittelalterlichen Philosophen. Der Geist,
der aus Dante spricht, ist aus der Vereinigung der Scholastik mit der
provenzalischen Romantik hervorgegangen. Und diesen Geist verrät auch
sein geniales Meisterwerk, die göttliche Komödie. Sie ist nicht nur als ein
hervorragendes Werk der Dichtkunst, sondern auch als eine Fundgrube für
den Stand der Kenntnisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu schätzen830. Es
war nicht viel mehr als eine dunkle Ahnung, mit der Dante das Wesen der
Antike erfaßte, in ihre Tiefen ist er noch nicht eingedrungen. Das geschah
erst durch Francesco Petrarka 831.
Petrarkas Vater besaß einige Schriften Ciceros. Sie und die Dichtungen
Vergils, die das Mittelalter nie vergessen hatte, kamen dem jungen
Petrarka in die Hände und wurden von ihm weniger des Inhalts als des
Wohllauts der Sprache und des beredten Ausdrucks wegen mit Begeisterung
gelesen. Da man nur einen kleinen Teil der Schriften Ciceros besaß – die
Briefe z. B. waren in Vergessenheit geraten –, so begann Petrarka, als er
heranwuchs, nach den verschollenen Werken des von ihm so hoch verehrten
Schriftstellers zu suchen. Sein Umherstöbern in alten Klosterbibliotheken
wurde mit Erfolg belohnt. Er selbst begab sich ans Abschreiben und wußte
zahlreiche Männer in den Dienst seiner Bestrebungen zu stellen. Nach
Spanien, Frankreich, Deutschland und Britannien, ja selbst nach
Griechenland sandte er die Aufforderung, nach bestimmten, verschollenen
Schriften zu forschen. Oft fügte er seinen Bitten und Mahnungen auch

Page 355

Geldbeträge bei. Die Schriften der Alten wurden aber nicht nur gesammelt
und vervielfältigt, man betrachtete sie auch als Muster für den Ausdruck
und bemühte sich, den eigenen Ausdruck danach zu vervollkommnen.
Petrarka wandte sein Interesse nicht nur den Literaturwerken, sondern
auch allen übrigen antiken Überresten, wie Bauwerken, Münzen usw. zu, an
denen der Boden Italiens so reich ist. Auch auf die griechische Kultur
lenkten Petrarka und seine Nachfolger die Aufmerksamkeit des
Abendlandes. Zwar fehlte es im 14. Jahrhundert zunächst noch sehr an der
Kenntnis der griechischen Sprache. Hierin trat aber eine Änderung nach
dem Fall Konstantinopels ein, da viele griechische Flüchtlinge infolge
dieses Ereignisses sich nach Italien wandten. Der treueste und eifrigste
Jünger Petrarkas war Giovanni Boccaccio. Der Eifer von den alten
Schätzen zu sammeln, was noch zu retten war, wurde fast durch die
Besorgnis übertroffen, daß es schon zu spät sein möchte. Daß diese
Besorgnis sehr gerechtfertigt war, beweist Boccaccios Bericht über seinen
Besuch der Bibliothek zu Monte Cassino. Er fand sie in einem
vernachlässigten Raume und weder durch Schlösser noch durch Türen
abgesperrt. Als er die Codices öffnete, bemerkte er Verstümmelungen aller
Art. Weinend vor Unwillen verließ er den Raum. Seine Frage, warum man
die herrlichen Schätze so schmählich behandle, wurde von den Mönchen
dahin beantwortet, daß man das herausgeschnittene Pergament zu Psaltern
und Breven verwende, die an Frauen und Kinder verkauft würden832. Und
das geschah in Monte Cassino, einer Pflanzstätte der Gelehrsamkeit.

Die Wissenschaften im Zeitalter des Humanismus.

Auf die Zeit des Beginns des Humanismus folgte seine Ausbreitung. Sie
geschah besonders durch Wanderlehrer und durch die Gründung von
Gelehrtenrepubliken nach platonischem Muster. Es ist als eine große Tat der
ersten Humanisten zu betrachten, daß sie die Fürsten, vor allem die
Mediceer, ja den gesamten Adel des Landes, aber nicht minder das
wohlhabende Bürgertum der italienischen Stadtrepubliken für ihre
Bemühungen zu begeistern wußten. Dies war um so schwieriger, als ja zu
jener Zeit die beweglichen Lettern noch nicht der Wissenschaft Flügel
verliehen hatten, sondern die gehobenen literarischen Schätze noch durch
Abschreiben vervielfältigt werden mußten. Per Humanismus fand auch an

Page 356

den Universitäten und bei den kirchlichen Machthabern eine Heimstätte.
Vor allem war es Papst Nikolaus V., der nach mediceischem Vorbilde
große Mittel für literarische Bestrebungen hergab. Auf seine Anregung hin
wandte man sich besonders der griechischen Literatur zu. An Stelle der
alten scholastischen Bearbeitungen traten jetzt im Abendlande die
wirklichen aristotelischen und platonischen Schriften. Papst Nikolaus,
dem es in erster Linie auf das Sammeln der Bücher ankam, der Begründer
der großen, dem Ansehen des Papsttums entsprechenden vatikanischen
Bibliothek, zog viele griechische Gelehrte nach Rom und ließ nach dem
Fall Konstantinopels durch reisende Händler zahlreiche Bücher in
Griechenland und in Kleinasien aufkaufen. Seitdem die humanistischen
Bestrebungen durch Nikolaus V. ihren Mittelpunkt in Rom gefunden
hatten, dehnte sich ihr Einfluß auch nördlich von den Alpen aus. Mit den
Gelehrten waren zahlreiche griechische Texte, darunter z. B. die Werke des
Archimedes, von Konstantinopel nach Italien gelangt. Der Humanismus
erlebte jetzt nicht nur hier die Zeit seiner höchsten Blüte, sondern auch im
übrigen Europa, vor allem in Deutschland, wo er durch den Kardinal
Nicolaus von Cusa besonders Eingang fand, sowie in England.
Hatte Papst Nikolaus V. die humanistischen Studien mehr aus Liebhaberei
und in der Absicht gefördert, Rom zum Mittelpunkt auch für die geistigen
Bestrebungen zu machen, so bestieg bald nach ihm in Pius II. 833 ein
wirklicher Humanist den päpstlichen Stuhl. Er wandte sich der Geographie
und der Geschichte zu, suchte beide Wissenschaften in Beziehung zu setzen
und schuf eine Kosmographie, die auch Columbus angeregt hat834.
Pius II. verdient um so mehr Anerkennung, als die übrigen Humanisten
dem wissenschaftlichen Vermächtnis des Altertums zunächst wenig
Interesse und Verständnis entgegenbrachten. Mathematik,
Naturwissenschaften und Medizin, kurz, strengere Wissenschaften fanden
nur geringe Beachtung. Der Humanismus war herrschende Mode geworden
und diese verlangte schöngeistige Leistungen. Das größte Gewicht wurde
bei allem literarischen Schaffen auf die Form gelegt, und durch dieses
Bestreben erlangte, wiederum unter der Führung Petrarkas und
Boccaccios, die heimatliche Sprache eine solche Vollendung, daß Galilei
und seine Schüler es vorzogen, in der Sprache ihres Landes zu schreiben,
während in Deutschland und den übrigen Ländern unter den Gelehrten

Page 357

kaum jemand daran dachte, sich einer anderen Sprache als der lateinischen
zu bedienen.
Trotz aller Bestrebungen der Päpste, Rom zum Mittelpunkt der
humanistischen Bestrebungen zu machen, gebührt Florenz der Ruhm, nicht
nur die Wiege, sondern in der Folge auch der bedeutendste Hort des
Humanismus gewesen zu sein. Die Geschicke von Florenz hingen während
des gesamten 15. Jahrhunderts auf das Engste mit der über ungemessene
Reichtümer verfügenden, gleichzeitig aber für Kunst und Wissenschaft
begeisterten Familie der Mediceer zusammen. In Cosmo und in seinem
Enkel Lorenzo, dem »Prächtigen«, fanden die Künstler und die Gelehrten
Gönner, die ihren Bestrebungen nicht nur eine jederzeit offene Hand,
sondern auch ein volles Verständnis entgegenbrachten. Cosmo selbst war
der Stifter einer Akademie, in der sich die geistig und künstlerisch
hervorragenden Männer aneinanderschlossen. Dem Beispiele der Päpste
und der Mediceer folgte, wie nicht anders zu erwarten, alles, was Anspruch
auf Reichtum und vornehme Herkunft machte. Auch die Frauen nahmen
einen hervorragenden Anteil an dieser Bewegung, die ihre Kehrseite leider
in den politischen und sittlichen Zuständen des damaligen Italiens fand. Die
Freude, welche jene Bewegung in ihrer Lebensfülle hervorruft, wandelt sich
in Anbetracht mancher Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung
mitunter in das Gefühl des Schauderns, während die älteren Schilderer jenes
Zeitalters jene Kehrseite zu wenig beachteten und in dem Gemälde, das sie
uns von der Renaissance entwarfen, nur die lichten Seiten hervortreten
ließen835.
Es war für die weitere Entwicklung des geistigen Lebens von der größten
Bedeutung, daß mit dem Einsetzen der humanistischen Strömung die
Erfindung des Buchdrucks und die Errichtung der ersten Universitäten auf
deutschem Boden zusammenfielen. Das Universitätswesen war im 13.
Jahrhundert in Spanien, Italien, Frankreich und England herangeblüht. In
Deutschland fehlte es zwar nicht an Privat-, Pfarr- und Stadtschulen, eine
weitergehende wissenschaftliche Bildung und akademische Würden
konnten aber nur im Auslande erlangt werden. Eine Änderung trat erst ein,
als Karl IV., gestützt auf Erfahrungen, die er selbst in Paris gemacht hatte,
die erste deutsche Universität in Prag (1348) begründete. Noch in
demselben Jahrhundert wurden die Universitäten zu Wien (1365) und
Heidelberg (1386) ins Leben gerufen. Auch die norddeutschen Städte

Page 358

wollten nicht zurückstehen. Unter ihnen sind vor allem Köln und Erfurt zu
nennen, weil sie gleichfalls noch im 14. Jahrhundert in ihren Mauern
Hochschulen gründeten.
Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Institute war, mit heutigem
Maßstabe gemessen, allerdings noch gering. Ihre wichtigste Aufgabe
erblickten sie in der Vorbildung der Geistlichkeit. Im Zusammenhange
damit war im Universitätswesen der geistliche Einfluß der überwiegende.
Die freie Forschung sollte sich an diesen Stätten erst allmählich und mit
Überwindung des hartnäckigsten Widerstandes entwickeln. Im 15.
Jahrhundert und weit darüber hinaus übte Hand in Hand mit der Kirche die
scholastische Philosophie eine fast unbestrittene, jedes freiere Geistesleben
einengende Herrschaft aus. Der Universitätsunterricht regte nicht zum
Forschen an, sondern er vermittelte wesentlich durch Diktate und
Disputierübungen Wortglauben und Autoritätsdünkel.
Durch das Eindringen des Humanismus in Deutschland wurden die
deutschen Universitäten wesentlich gehoben. Sie übernahmen die Pflege
jener neuen Richtung, wodurch ein freierer Zug in die bisherigen Stätten
scholastischen Gezänkes, theologischer Disputierwut und Unduldsamkeit
kam. Am erfreulichsten trat dieser günstige Einfluß in der Um- und
Fortbildung des Unterrichts in die Erscheinung. Man schuf bessere
Lehrbücher, ersetzte das Diktieren und Auswendiglernen durch fleißige
Lektüre der durch bessere Textkritik geläuterten, alten Schriften und kehrte
mit offenerem Blick zu den Erscheinungen zurück, die Natur- und
Menschenleben darboten. Auch das Emporblühen einer volkstümlichen
Kunst wirkte in dem Deutschland des 15. Jahrhunderts befreiend und
fördernd836. Erlebte doch Deutschland damals in Albrecht Dürer eine
Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wie wir sie in Italien an
Lionardo da Vinci bewundern.
Die hervorragendsten unter den Humanisten Mitteleuropas waren
Agricola, Erasmus von Rotterdam, dem wir die erste griechische
Ausgabe des Neuen Testaments verdanken, Reuchlin, der die hebräischen
Studien ins Leben rief, und Melanchthon. Letzterer entfaltete eine
ähnliche Tätigkeit wie Rhabanus Maurus und hat deshalb in der
Geschichte des Bildungswesens gleichfalls den Ehrentitel eines Praeceptor
Germaniae erhalten. Er setzte sich vor allem das Ziel, in der Philosophie
eine Reformation durch das Zurückgehen auf die echten Schriften des

Page 359

Aristoteles zu bewirken, wie sie Luther in der Theologie dadurch
herbeizuführen suchte, daß er einzig und allein das reine Evangelium als die
wahre Quelle des religiösen Glaubens hinstellte837.
In Deutschland wurde Wittenberg zum Mittelpunkt des Humanismus. Von
hier ging auch, durch letzteren gefördert, diejenige freiere Gestaltung des
religiösen Lebens aus, die für das mittlere und nördliche Europa einen
Aufschwung von nie gesehenem Umfang einleiten sollte. Hatte doch bis
dahin die hierarchische Gewalt nicht nur die Normen für den Glauben,
sondern alle weltlichen Einrichtungen und Anschauungen beherrscht. Daß
diese Gewalt ins Wanken geriet, mußte nicht nur in den Zuständen jener
Zeit, sondern auch im Reiche der Gedanken eine unermeßliche Veränderung
hervorbringen838. Zu diesen beiden Elementen, der Renaissance, die erst
wieder »das Auge für den Menschen und für die Dinge öffnete«839 und als
das Grundelement bezeichnet werden muß, und zu der Reformation trat die
Naturwissenschaft hinzu, um im Verein mit ihnen die Weltanschauung und
die Welt von Grund aus umzugestalten. An die Stelle der Lehre wurde die
Forschung und an die Stelle des Himmels die veredelte Weltlichkeit gesetzt.
Die Verheißung lautete nicht mehr »Unsterblichkeit«, sondern »ewiger
Ruhm«840.
Der Angriff des Humanismus gegen die Scholastik ging besonders von
Erasmus von Rotterdam aus. Er machte den Kampf gegen die
Scholastiker der Klöster und der Universitäten zu seiner Lebensaufgabe.
Sein »Lob der Narrheit« ist voll Spott und Bitterkeit gegen die Fesseln,
welche die Philosophie und die Theologie jener Zeit beengten und jede freie
Regung erstickten841. Das Büchlein, das in zahllosen Auflagen erschien und
in viele Sprachen übersetzt wurde, hat besonders dazu beigetragen, dem 16.
Jahrhundert eine antiklerikale Richtung zu geben842. Mit dem populären
Angriff verband Erasmus den gelehrten. Wie die Humanisten Italiens
forderte er, man solle die Wissenschaften aus den Schriften des Altertums
erlernen, so die Naturgeschichte aus Plinius, die Erdbeschreibung aus
Platon, die Gottesgelehrtheit nicht aus den Kirchenvätern, sondern aus
dem neuen Testamente, usw. Es war also noch kein Kampf gegen den
Autoritätsglauben, der mit den Humanisten anhob, sondern zunächst nur ein
Zurückgehen auf ursprüngliche, reinere Quellen. Indes schon diese
Wandlung, obgleich so maßvoll in ihren Zielen, ging nicht ohne den
heftigsten Widerstand von seiten der kirchlichen Scholastiker vor sich.

Page 360

Mit welcher Erbitterung gekämpft wurde, zeigt uns der Lebensgang eines
Hutten. Daß es den Führern an Siegeszuversicht und an Begeisterung für
die große Sache nicht fehlte, bekundet uns derselbe Hutten durch sein
Wort: »O Jahrhundert, die Studien blühen, die Geister erwachen; es ist eine
Lust zu leben«843. Dieses Erwachen der Geister machte sich zunächst
weniger durch Neuschöpfungen geltend, als dadurch, daß man den
Unterricht naturgemäßer gestaltete und auf wertvolleren Grundlagen
errichtete, sowie vor allem dadurch, daß das ausschließlich kirchliche
Denken, die »hierarchische Weltansicht«, wenn auch nicht gebrochen, so
doch eingeschränkt und daneben wenigstens die Duldung anders gearteter
Ansichten erkämpft wurde.
Fast unvermittelt schloß sich an das Zeitalter des Humanismus für die
Naturwissenschaften die Periode an, die auch den alten Schriftstellern keine
unbedingte Autorität zuerkannte, mit dem Glauben brach und an seine
Stelle die freie, unabhängige Forschung setzte. Diese Periode wird in
Deutschland vor allem durch Koppernikus und durch Paracelsus, sowie
durch die Begründung der neueren Naturbeschreibung (Brunfels, Bock,
Gesner und Agricola) eröffnet. Mit dem Wirken dieser Männer werden
wir uns in den nächsten Abschnitten eingehend zu befassen haben.
Die Wiederbelebung der Wissensschätze des Altertums kam auf
naturwissenschaftlichem Gebiete vor allem der Astronomie zu gute, für
welche selbst die Kirche immer ein, wenn auch zunächst nur praktisches,
Interesse bewiesen hatte. Kleriker wie Laien waren nämlich ängstlich
darauf bedacht, eine Verschiebung der Fasttage auf profane Tage, wie sie
jede Unvollkommenheit des Kalenders mit sich bringen mußte, zu
vermeiden. So waren, um ein Beispiel zu erwähnen, die Begleiter
Magelhaens in hohem Grade bestürzt, als sich nach der ersten
Weltumsegelung bei ihrem Eintreffen in Spanien aus der Schiffsrechnung
ergab, daß man um einen Tag hinter dem Kalender zurückgeblieben war
und infolgedessen zu unrechter Zeit gefastet hatte. Anfangs glaubte man an
einen Irrtum, bis man die Notwendigkeit einer solchen Erscheinung einsah
und infolgedessen später die Datumsgrenze einführte844.

Nicolaus von Cusa.

Page 361

Bei der Wiederbelebung der naturwissenschaftlichen Forschung spielte in
diesem Zeitalter der Kardinal Nicolaus von Cusa eine bedeutende Rolle.
Wie einst Roger Bacon, so machte er845 Vorschläge zur Verbesserung des
Kalenders, sowie der alfonsinischen Tafeln, ohne jedoch damit
durchzudringen. Nicolaus von Cusa wurde im Jahre 1401 zu Cues an der
Mosel als Sohn eines armen Fischers geboren. Seiner Begabung wegen fand
er Unterstützung, studierte in Padua und zeichnete sich durch große, mit
gewandtem Wesen vereinigte Gelehrsamkeit aus. In päpstlichem Auftrage
reiste er nach Konstantinopel und brachte von dort wertvolle griechische
Manuskripte nach Italien. Hier war er auch mit dem fast gleichaltrigen
Paolo Toscanelli (geb. 1397 zu Florenz) bekannt geworden, welcher,
durch die alten Schriftsteller angeregt, die beobachtende Astronomie auf
europäischem Boden zu neuem Leben erweckte. Toscanelli hatte im
Dome zu Florenz einen Gnomon angebracht, mit dem er die Kulmination
der Sonne auf die Sekunde genau zu ermitteln vermochte. Die Einrichtung
bestand in einer Platte, die sich 270 Fuß über dem Boden des Domes
befand. Sie besaß eine Öffnung, durch welche ein Sonnenstrahl auf den
Boden fiel. Nicolaus von Cusa zählte zu den Schülern Toscanellis, der
auch eine, leider verloren gegangene, Seekarte entwarf. Sie ist sehr
wahrscheinlich von Behaim bei der Anfertigung seines Globus verwertet
worden. Zur Zeit Toscanellis kamen wahrscheinlich auch die ersten in
Kupfer gestochenen Karten auf. Daran schlossen sich noch vor Ablauf des
15. Jahrhunderts die ersten in Holz geschnittenen und gedruckten Karten846.
In Italien wurde Nicolaus von Cusa mit den aristotelischen Schriften im
griechischen Original bekannt, und zwar geschah dies zu einer Zeit, als man
in Deutschland nur die arabisch-lateinischen Bearbeitungen des
Aristoteles kannte. Die Folge war, daß Nicolaus sich um die Ausbreitung
des Humanismus in seiner deutschen Heimat sehr verdient gemacht hat. Im
Verein mit dem Papste Nicolaus V. bemühte er sich, griechische Werke
durch Übersetzung ins Lateinische zugänglicher zu machen. So hat er an
der Herausgabe des Archimedes auf Grund des griechischen Originals
hervorragenden Anteil genommen. Bei seiner Beschäftigung mit
Mathematik, Mechanik und Astronomie knüpfte er überall an Euklid,
Archimedes und andere alte Schriftsteller an. Er war es auch, der zuerst
unter den Neueren die eingewurzelte Ansicht, daß die Erde der Mittelpunkt
der Welt sei, erschütterte. Nach seiner Lehre ist sie ein Gestirn und befindet
sich, wie alles in der Natur, in Bewegung.

Page 362

Gleich einer Stelle aus dem Dialog des Galilei mutet es uns an, wenn
Nicolaus von Cusa 847 schreibt: »Es ist jetzt klar, daß die Erde sich
wirklich bewegt, wenn wir es gleich nicht bemerken, da wir die Bewegung
nur durch den Vergleich mit etwas Unbeweglichem wahrnehmen.« Auf den
Gedanken, daß die Fixsterne ein solches Unbewegliches sind, kam
Nicolaus von Cusa indessen nicht. Er würde sonst den Kern der
koppernikanischen Lehre vorweg genommen haben. »Wüßte jemand
nicht,« so fährt er fort, »daß das Wasser fließt und sähe er das Ufer nicht,
wie würde er, wenn er in einem auf dem Wasser dahingleitenden Schiffe
steht, bemerken, daß das Schiff sich bewegt? Da es daher jedem, er mag auf
der Erde, der Sonne oder einem anderen Sterne sich befinden, vorkommen
wird, als stände er im unbeweglichen Mittelpunkte, während alles um ihn
her sich bewege, so würde er in der Sonne, im Monde, im Mars stehend,
immer wieder andere Pole angeben.«
Die Bewegung der Erde um die Sonne hat Nicolaus von Cusa indessen
noch nicht gelehrt. Auch gründen sich seine Behauptungen oft mehr auf
allgemeine Überlegungen, denn auf Beobachtungen und mathematische
Schlüsse. Blieb somit sein System848 auch weit von der Wahrheit entfernt, so
wurde doch zum erstenmal an der durch tausendjähriges Bestehen
geheiligten Autorität des Ptolemäos gerüttelt und der großen Umwälzung,
die 100 Jahre später durch Koppernikus auf dem Gebiete der Astronomie
eintrat, vorgearbeitet849.
Auch um die Kartographie hat Nicolaus von Cusa sich Verdienste
erworben. Sogar der Versuch, eine Weltkarte zu entwerfen, rührt von ihm
her. Er bediente sich dabei der Kegelprojektion. Seine Karte, die während
der Renaissancezeit sehr geschätzt wurde, ist noch in mehreren Exemplaren
erhalten850.
Auch mit mechanischen Dingen hat sich Nicolaus von Cusa beschäftigt.
So erdachte er zur Bestimmung der Tiefe eines Gewässers ein Bathometer.
Eine leichte Kugel sollte mit einem Gewichte beschwert und dadurch zum
Untersinken gebracht werden. Beim Berühren des Bodens sollte sich das
Gewicht loslösen und die Kugel emporsteigen. Aus dem für beide
Bewegungen erforderlichen Zeitaufwand konnte man dann die Tiefe des
Gewässers berechnen. Nicolaus von Cusa ist einer der ersten gewesen,
der verlangte, man solle bei allen Untersuchungen messend verfahren. Er
knüpft diese Bemerkung an seine Betrachtungen über die Wage851 und

Page 363

erläutert sie durch Beispiele. So heißt es, man könne leicht feststellen, ob
die Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft oder aus dem Boden bekämen. Man
brauche nur die Samen und die erforderliche Menge Erde abzuwägen und
die Wägung nach dem Heranwachsen der Pflanze zu wiederholen. Solche
Anregungen blieben jedoch zunächst noch vereinzelt. Sie wurden oft von
denen, die sie aussprachen, nicht einmal verfolgt. So sollten noch zwei
Jahrhunderte verfließen, bis Stephan Hales als der Erste die Methode des
Wägens und des Messens in ausgedehnten Versuchsreihen auf
pflanzenphysiologische Vorgänge anwandte.

Lionardo da Vinci.

Ein ähnliches Verhältnis wie zwischen dem Cusaner und Koppernikus
begegnet uns auf dem Boden Italiens zwischen Lionardo da Vinci und
Galilei. Lionardo da Vinci wurde im Jahre 1452 in der Nähe von
Florenz geboren. (Er starb 1519.) Da er frühzeitig künstlerische Begabung
zeigte, führte ihn sein Vater einem Meister zu, bei dem er malen und
modellieren, sowie Metall gießen und Gold schmieden lernte. Ein späterer
Kunsthistoriker852 erzählt, Lionardo sei die Darstellung einer kleinen
Nebenfigur auf dem Gemälde dieses Meisters in solchem Grade gelungen,
daß letzterer sich verschworen habe, keinen Pinsel mehr anzurühren, weil
ihn ein Knabe übertroffen. Im beginnenden Mannesalter entwickelte
Lionardo eine Vielseitigkeit sondergleichen. Er vereinigte mit
körperlichen Vorzügen ungewöhnliche Verstandesschärfe und Genialität des
künstlerischen Wirkens. Als Architekt, Bildhauer und Maler hat er Werke
von unübertroffener Schönheit geschaffen853.
Der Herzog Ludwig Sforza zog Lionardo nach Mailand. Den Anlaß
dazu bot ein Sieg, den letzterer als Violinspieler in einem musikalischen
Wettstreit errungen hatte. Und wie lohnte der Künstler die fürstliche Gunst!
Er beteiligte sich mit Eifer an dem Bau des Mailänder Domes und gründete,
indem er schon damals seine Vorliebe für die mathematisch-
naturwissenschaftliche Richtung bekundete, eine Art Akademie. Auch die
Schöpfung des Abendmahles, jenes Kolossalgemäldes, durch das sich
Lionardo mit Raphael und Michel Angelo auf eine Stufe stellte, fällt in
die Zeit seines Aufenthalts in Mailand.

Page 364

Später sehen wir Lionardo da Vinci an verschiedenen Orten seines
Vaterlandes als Ingenieur und Architekt mit Arbeiten großen Umfangs, wie
Kanalbauten854, der Anlage von Befestigungswerken, sowie der Anfertigung
von Maschinen aller Art – selbst Flugmaschinen fehlen nicht – beschäftigt.
Aus dieser, auf das Praktische gerichteten Tätigkeit erklärt es sich, daß er
viel über mechanische Probleme nachgedacht und Schriften darüber verfaßt
hat, die allerdings infolge ungünstiger Umstände die Entwicklung der
Wissenschaften wenig beeinflußt und erst in neuerer Zeit ihre Würdigung
gefunden haben855. Diese Aufzeichnungen enthalten nämlich manche
bemerkenswerten Ansätze, die zu den Arbeiten Galileis hinüberleiten.
Zwölf Codices von Lionardos Manuskripten werden in der Bibliothek der
französischen Akademie aufbewahrt. Vorher befanden sie sich in der
Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Von dort wurden sie 1796 von den
Franzosen nach Paris gebracht, wo sie Venturi eingehend studierte. Er
bezeichnete die dreizehn Folianten mit den Buchstaben A bis N. Im Jahre
1815 erhielt die Ambrosiana den Codex atlanticus (N), der sich besonders
mit technischen Dingen befaßt, zurück. Mit der Veröffentlichung dieses
wertvollen Nachlasses wurde erst 1881 begonnen: Les manuscrits de
Lionarde de Vinci, publiés en facsimilés avec transcription littérale,
traduction française etc. Im Druck erschienen war vor dem Ende des 19.
Jahrhunderts nur Lionardos Abhandlung über die Malkunst (1651).
Lionardos wissenschaftliche und technische Bedeutung wurde anfangs
kaum beachtet. Erst nachdem Libri und Venturi darauf hingewiesen
hatten, fand Lionardo auch auf diesen Gebieten die verdiente
Anerkennung, die allerdings nicht selten in ein kritikloses Überschätzen
ausartete856.
Unter den alten Schriftstellern, auf welchen Lionardo da Vinci fußt, ist
besonders Heron zu nennen. Er findet sich im Codex Atlanticus auch
zitiert. W. Schmidt wies darauf hin, daß manche Ausführungen
Lionardos augenfällig mit solchen der Heronschen Pneumatik
übereinstimmen (Math. Bibl. [3.] III. 180–187).
Eine genauere Untersuchung über die Quellen, welche Lionardo benutzt
hat, verdankt man dem französischen Physiker P. Duhem (Études sur
Léonard de Vinci, ceux qu'il a lus et ceux qui l'ont lu. Paris 1906.).
Danach hat da Vinci weit mehr gelesen, als es den Anschein hat. Er zitiert

Page 365

nämlich sehr selten. Infolgedessen kann man seine Quellen nur schwer
ermitteln.
Nach Duhem (Études sur Léonard de Vinci, Troisième série. Paris 1913)
und nach den »Origines de la Statique« (2 Bde. Paris 1905/6) desselben
Verfassers hat die Scholastik auf dem Gebiete der Mechanik weit mehr
geleistet als man bisher anzunehmen geneigt war. Duhem kommt zu dem
Ergebnis, daß die dynamischen Lehren, die im 14. Jahrhundert insbesondere
von französischen Scholastikern ausgingen, die Grundlagen gebildet haben,
auf der Galilei und seine unmittelbaren Vorgänger weiter arbeiten konnten.
Bei der Beurteilung der Ergebnisse Duhems darf aber nicht vergessen
werden, daß der französische Historiker dazu neigt, dasjenige besonders
hoch einzuschätzen, was für das eigene Land und Volk als rühmlich gelten
kann. Unter den Scholastikern, die zu richtigen dynamischen Vorstellungen
gelangten, ist auch Albert von Sachsen zu nennen. Er erkannte etwa
1368, daß der freie Fall ein Beispiel für die gleichförmig beschleunigte
Bewegung sei. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es den
Scholastikern mehr um spekulative Definitionen als um die Untersuchung
physikalischer Vorgänge zu tun war857.
Auf dem Gebiete der Mechanik stützte sich Lionardo auf Heron, Vitruv
und auf die mittelalterlichen Lehrbücher des Jordanus Nemorarius und
anderer. Die Lehre vom Erdschwerpunkt und die Gleichgewichtstheorie der
Meere läßt sich auf Albert von Sachsen zurückführen, den Lionardo
auch gelegentlich zitiert. Bezüglich der Erklärung von Ebbe und Flut stützt
sich Lionardo auf den Scholastiker Themon. Andererseits hat Lionardo
aber auch einen nachweisbaren Einfluß auf Roberval, Cardano, Palissy
und andere ausgeübt858.
Bekannt ist Lionardos Ausspruch, daß die Mechanik das Paradies der
mathematischen Wissenschaften sei, weil man durch die Mechanik erst zu
den Früchten dieser Wissenschaften gelange. Lionardo da Vinci handelt
aber auch nach diesem Ausspruch, dessen Bedeutung erst die nächsten
Jahrhunderte in vollem Maße gewürdigt haben. So untersucht er die
Wirkung des Hebels für den Fall, daß die Kräfte in beliebiger Richtung auf
ihn wirken. Die Rolle und das Rad an der Welle werden auf den Hebel
zurückgeführt. Seine auf das Praktische gerichtete Tätigkeit brachte es mit
sich, daß er theoretisch und durch Versuche den Einfluß untersuchte, den
der Reibungswiderstand auf die Bewegung der Maschinen ausübt. Es sind

Page 366

die ersten genaueren Untersuchungen dieser Art, die uns bei Lionardo
begegnen. Ferner werden der freie Fall und der Fall auf der schiefen Ebene
in Betracht gezogen, wenn auch hier Galilei die erschöpfende Behandlung
vorbehalten blieb. In einigen Äußerungen Lionardos lassen sich schon die
Keime des Trägheits- und des Energiegesetzes erkennen; so, wenn er sagt,
jedes Ding »trachte in seinem gegebenen Zustande zu verharren« oder der
bewegte Körper besitze »Wirkungsfähigkeit« und »wuchte in der Richtung
seiner Bewegung«.
Für die einfachen Maschinen sprach Lionardo schon das Prinzip aus, daß
die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte sich umgekehrt wie die virtuellen
Geschwindigkeiten verhalten859. Seine klare Auffassung des
Beharrungsvermögens bezeugen folgende Sätze : »Keine vernunftlose
860

Sache bewegt sich von selbst.« »Jeder Impuls neigt zu ewiger Dauer.«
Ferner stellt Lionardo die Möglichkeit des Perpetuum mobile861 in Abrede
und entwickelt unter Ablehnung aller Wunder- und Geheimkräfte,
insbesondere der scholastischen qualitates occultae, den Kraftbegriff in
einem fast modernen Sinne. So heißt es bei Lionardo da Vinci: »Kraft ist
Ursache der Bewegung und die Bewegung ist die Ursache der Kraft«. Wenn
er letztere eine geistige Wesenheit nennt, die sich mit den schweren
Körpern verbinde, so erläutert er dies mit folgenden Worten: »Geistig, sage
ich, weil in ihr unsichtbares Leben ist, weil der Körper, in dem sie geboren
wird, weder in der Form noch im Gewichte wächst. Die berührte Saite einer
Laute bewegt ein wenig eine andere gleiche Saite von gleicher Stimme
einer anderen Laute. Du wirst dies sehen durch Auflegen eines Strohhalmes
auf die zweite Saite862.«

Page 367

Abb. 56. Lionardos Hygrometer.

Beobachtungen, die Lionardo beim Wägen hygroskopischer Substanzen
machte, führten ihn zur Konstruktion eines, wenn auch noch recht
unvollkommenen Hygrometers. An den Enden eines zweiarmigen Hebels
brachte er zwei gleich schwere Kugeln an, von denen die eine mit Wachs,
die zweite dagegen mit Baumwolle überzogen war. Nahm die Feuchtigkeit
der Luft zu, so sank die zweite Kugel. Der Ausschlag konnte auf einer
ringförmigen Skala abgelesen werden.
Ein Seitenstück zu diesem Feuchtigkeitsmesser ist der von Lionardo
abgebildete und beschriebene Windmesser863. Er besteht aus einem mit
Gradeinteilung versehenen Quadranten, der, wie aus der Abbildung
ersichtlich ist, mit einer beweglichen Platte verbunden wird. Diese wird
durch den Wind gehoben, so daß man die jeweilige Stärke des Windes auf
der Gradeinteilung ablesen kann. Die gleiche Einrichtung besaß das fast
200 Jahre später erfundene Pendelanemometer Hookes, der bisher als der
Erfinder dieses Instrumentes galt864.

Page 368

Abb. 57. Lionardos Windmesser.

Auch die Theorie der Reibung und das schwierige Gebiet der
Festigkeitslehre865 beschäftigten Lionardo da Vinci, der auf fast allen
Gebieten der Naturwissenschaft Anschauungen entwickelte, die ihn als
einen seine Zeit und deren Denken überragenden Geist erkennen lassen.
So spricht er sich über die Rolle, welche die Luft bei der Verbrennung und
der Atmung spielt, mit folgenden Worten aus: »Wo eine Flamme entsteht,
da erzeugt sich ein Luftstrom um sie. Dieser dient dazu, die Flamme zu
erhalten. Das Feuer zerstört ohne Unterlaß die Luft, durch die es unterhalten
wird. Sobald die Luft nicht geeignet ist, die Flamme zu unterhalten, kann in
ihr kein Geschöpf leben. Die Flamme disponiert zuerst die Materie, aus der
sie entsteht, und kann sich dann davon ernähren. Indem sie Nahrung für die
Flamme wird, formt sie sich in sie um.« Daß Lionardo mit diesen
Erklärungen fast überall den wahren Sachverhalt traf, setzt geradezu in
Erstaunen. Um das Zuströmen der Luft zu erhöhen und dadurch die
Leuchtkraft zu vergrößern, erfand Lionardo den Lampenzylinder. Auch die
Idee des Fallschirmes, »mit dem sich ein Mensch aus beliebiger Höhe
herunterlassen könne«, ist auf Lionardo zurückzuführen. Der Gedanke
wurde erst dreihundert Jahre später verwirklicht866.
Auf die Versteinerungen und andere geologische Dinge, z. B. die
Entstehung der Schichten durch Ablagerung, sowie auf mineralogische
Fragen war Lionardo gelegentlich der Wasserbauten, die er als Ingenieur
ausführte, aufmerksam geworden.

Page 369

Die Versteinerungen, die man, entgegen den Lehren der Alten, immer noch
meist für Naturspiele hielt, wurden von ihm als Überreste von Lebewesen
gedeutet.
Um Lionardo voll zu würdigen, muß man bedenken, daß er einem vom
Mystizismus noch ganz durchdrungenen Zeitalter angehörte. So mußte er in
seinen Betrachtungen über die Versteinerungen besonders die Ansicht
zurückweisen, daß die Versteinerungen als Naturspiele unter dem Einfluß
der Sterne hervorgebracht seien. Auch zwei andere Vorstellungen seiner
Zeit, die Quadratur des Zirkels und das Perpetuum mobile, bekämpfte
Lionardo schon mit wissenschaftlichen Gründen.
Seine Tätigkeit als Künstler hat ihn veranlaßt, sich eingehend mit
anatomischen Studien zu befassen. Zu diesem Zwecke setzte er sich mit
einem Arzte in Verbindung867. Die Frucht der gemeinsamen Tätigkeit des
Künstlers und des Naturforschers sind etwa 800 Bilder, die wir als die
ersten, naturgetreuen anatomischen Zeichnungen ansprechen müssen868. Sie
betreffen vor allem das Knochen- und das Muskelsystem. Doch sind auch
Abbildungen der inneren Organe (Herz, Leber usw.) vorhanden.
Lionardo war wohl der erste, der sich eingehender mit Untersuchungen
über die Mechanik des Körpers beschäftigte. Er studierte die Beugung und
Streckung der Glieder, sowie das Gehen ganz im Sinne der heutigen
Physiologie. Ferner setzte er auseinander, wie die Beschäftigung auf die
Haltung wirkt, und welche Muskeln beim Werfen, Heben, Tragen usw. in
Betracht kommen. Mit Vorliebe belehrte er sich und seine Schüler auf dem
Fechtboden über die verschiedenen Bewegungen des Körpers. Aus
künstlerischem Drange hat sich Lionardo auch mit der Anatomie des
Pferdes beschäftigt869.
Eine der wichtigsten unter den wissenschaftlichen Grundlagen der Kunst
hat Lionardo erst geschaffen. Das ist die Lehre von der Perspektive, um
die sich außer ihm auch die Brüder van Eyck und Battista Alberti
verdient gemacht haben. Daß die Alten mit den Lehren der Perspektive
nicht vertraut waren, haben schon Lessing 870 und Lambert nachgewiesen.
Lambert pries Lionardo als »den ersten, der an die Verfeinerung der
Malkunst und an die Perspektive gedacht« habe. Dem Verfahren lag
folgender Gedanke zugrunde. Bringt man zwischen das Auge und den
Gegenstand, den man perspektivisch richtig zeichnen will, eine

Page 370

durchsichtige Tafel, so wird jeder Lichtstrahl die Tafel in einem bestimmten
Punkte schneiden. Die Gesamtheit dieser Schnittpunkte gibt uns das
perspektivische Bild, und die Lehre von der Perspektive läuft darauf hinaus,
wie man ein solches Bild zeichnet, ohne die zur Erläuterung dienende Tafel
zu benutzen.
Vom Auge handelt Lionardo eingehender im Manuskript D871. Seine
Ausführungen betreffen die Größe des Gesichtswinkels und den Vorgang
des Sehens. Aus Versuchen wird geschlossen, daß der Gesichtssinn seinen
Sitz in den Endigungen des Sehnerven habe (Manuskript D. S. 3). Zu dieser
Erkenntnis war übrigens auch schon Roger Bacon gelangt. Im Manuskript
C wird die Lehre vom Schatten durch viele Zeichnungen erläutert. Hier wie
überall finden sich nur Ansätze. Ihre Bedeutung liegt darin, daß stets
experimentell und geometrisch verfahren, und daß jedes Problem frei von
vorgefaßten Meinungen in Angriff genommen wird.
Bemerkenswert sind auch Lionardos gelegentliche Äußerungen über
astronomische Gegenstände. Von der Erde heißt es, sie müsse den
Bewohnern des Mondes und anderer Gestirne als Himmelskörper
erscheinen, auch befinde sie sich nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn,
ebensowenig wie sie die Mitte des Weltalls einnehme. »Die Erde«, heißt es
an einer Stelle872, »ist ein Stern ähnlich wie der Mond.« Und ferner: »Mache
Gläser, um den Mond groß zu sehen«873.

Abb. 58. Lionardos Erläuterung des Sehens874.

Das Sehen führt Lionardo darauf zurück, daß das Auge nach Art einer
Camera obscura Bilder hervorbringe. Er erläutert dies in folgender Weise:
»Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines
beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles Zimmer treten. Dann fange man

Page 371

dieses Bild auf einem weißen Papier, das man in dem dunklen Raum nahe
der Öffnung anbringt, auf. Man wird dann den Gegenstand auf dem Papier
in seiner wirklichen Gestalt und Farbe sehen, aber viel kleiner und
umgekehrt. Es sei ABCDE der von der Sonne erleuchtete Gegenstand. ST
sei der Schirm, der die Strahlen auffängt. Weil die Strahlen gerade sind,
wird der von A ausgehende nach K, der von E ausgehende nach F gelangen.
Dasselbe findet bei der Pupille statt«. Dazu bemerkt er noch beim Studium
der Natur des Auges875: »Hier sind die Figuren, die Farben, alle Wirkungen
des Weltalls in einem Punkt gesammelt, und dieser Punkt ist ein solches
Wunder! O staunenswerte Notwendigkeit! Du zwingst mit deinem Gesetz
alle Wirkungen, auf kürzestem Wege an ihren Ursachen teilzuhaben.
Schreibe in deiner Anatomie, wie in dem winzigen Raume des Auges das
Bild der sichtbaren Dinge wiedergeboren wird und sich in seiner
Ausdehnung wiederherstellt«.
Ähnlich tief empfunden zeigt sich die Darstellung Lionardos an vielen
Stellen seiner Aufzeichnungen. Man wird an die später von Fechner
entwickelten Anschauungen erinnert, wenn man bei Lionardo da Vinci
liest, die Erde sei gleichsam ein organisches Wesen, das Meer ihr Herz und
das Wasser ihr Blut. Und wenn er schließlich das Wasser als den »Kärrner
der Natur« bezeichnet, so dürfte der moderne Geologe kaum einen
treffenderen Ausdruck für die Rolle des flüssigen Elementes finden.
Die Sonne hielt Lionardo für einen sehr heißen Weltkörper. Auch wußte er
das sogenannte aschfarbene Licht des Mondes, das wir neben der
leuchtenden Sichel wahrnehmen, aus dem Wiederschein des von der Sonne
auf die Erde gelangenden Lichtes zu erklären876.
Leider haben sich die Aufzeichnungen Lionardo da Vincis nirgends zu
einer abgeschlossenen, in sich abgerundeten Leistung verdichtet. Es sind
meist geistreiche, treffende Einzeleinfälle, die erst die neuere Zeit voll
Staunen über die Eigenart des Menschen, dem sie entstammen, der
Vergessenheit entrissen hat. Die gelehrte Zunft würde ihn wohl schwerlich
verstanden und gewürdigt haben. Für sie galt in erster Linie die Autorität,
die Lionardo mit den Worten geißelt: »Wer sich auf die Autorität beruft,
verwendet nicht seinen Geist, sondern sein Gedächtnis«. »Das Experiment
irrt nie«, ruft er den Zeitgenossen zu, »sondern es irren nur eure Urteile«.
Auf den Weg, den seiner Meinung nach die Forschung zu gehen hat, weist
Lionardo mit folgenden Worten hin: »Der Interpret der Wunderwerke der

Page 372

Natur ist die Erfahrung. Sie täuscht niemals; es ist nur unsere Auffassung,
die zuweilen sich selbst täuscht. Wir müssen die Erfahrung in der
Verschiedenheit der Fälle und der Umstände solange zu Rate ziehen, bis wir
daraus eine allgemeine Regel ziehen können. Wenngleich die Natur mit der
Ursache beginnt und mit dem Experiment endet, so müssen wir doch den
entgegengesetzten Weg verfolgen, d. h. wir beginnen mit dem Experiment
und müssen mit diesem die Ursache untersuchen«877.
Diese Worte bekunden, daß Lionardo schon ein Jahrhundert vor Francis
Bacon die Induktion für die allein sichere Methode der Naturwissenschaft
hielt. Auf Grund dieser Erkenntnis vermochte er es, einen
bewunderungswürdig tiefen Einblick in die Natur zu tun. Die
Vorstellungen, zu denen er gelangte, blieben leider in seinen Manuskripten
vergraben, sonst würde sein Einfluß auf die Entwicklung der neueren
Naturwissenschaft ein ganz anderer gewesen sein, worauf schon A. v.
Humboldt hinwies.
Haben Männer wie Lionardo da Vinci 878 und Nicolaus von Cusa auch
keine derartigen Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen, wie
Koppernikus und Galilei, welche das zur Ausführung brachten, wozu
jenen das volle Vermögen fehlte, so erkennen wir doch aus der Betrachtung,
die wir ihnen widmeten, daß das Wirken der großen Begründer der
Wissenschaft kein unvermitteltes ist und keineswegs mit dem bisher
Erstrebten und Erreichten außer Beziehung steht. Jene Großen haben häufig
das, was ihre Zeitgenossen zwar ahnten, aber nur unvollkommen zum
Ausdruck zu bringen vermochten, in voller Klarheit erfaßt und so
begründet, daß es zum unveräußerlichen Besitz der Menschheit wurde. Auf
dieser Errungenschaft bauten dann bescheidenere Kräfte weiter, bis ihr
unverdrossenes Mühen, das für den Fortgang der Entwicklung aber
unumgänglich nötig ist und nicht gering geachtet werden darf, wieder
einem der Großen auf dem Gebiete der Wissenschaft den Weg geebnet. So
hatte auch die Astronomie, bevor Koppernikus sein Wirken begann, in
Deutschland eine besondere Pflege durch Peurbach und Regiomontan
gefunden. Diese Männer, die ihrerseits wieder an die Alten anknüpften,
haben Koppernikus besonders dadurch vorgearbeitet, daß sie die
Beobachtungskunst förderten.

Page 373

Das Wiedererwachen der astronomischen Wissenschaft.

Die Astronomie war zwar durch Cusa und Toscanelli zu neuem Leben
erweckt worden. An Einsicht und an Kenntnissen standen diese Männer
jedoch tief unter Hipparch und Ptolemäos. Die astronomische
Wissenschaft mußte zunächst wieder auf diejenige Höhe gebracht werden,
die sie im Altertum zur Zeit der Alexandriner besaß. Daß dies geschah, war
vor allem das Verdienst Peurbachs, des Begründers der beobachtenden
und rechnenden Astronomie im Abendlande879. Georg Peurbach wurde im
Jahre 1423 in Oberösterreich geboren. Als Zwanzigjähriger war er in Rom
mit Nicolaus von Cusa in Berührung gekommen. Um 1450 kehrte er
nach Wien, wo er studiert hatte, zurück und erhielt dort den Lehrstuhl für
Astronomie und Mathematik.
Peurbach übersetzte den Almagest. Er erkannte, daß eine Verbesserung der
vorhandenen Planetentafeln die erste Bedingung für jeden weiteren
Fortschritt der Astronomie sei. Die Abweichungen, die sich zwischen den
alfonsinischen Tafeln880 und Peurbachs Beobachtungen ergaben, erreichten
für den Mars z. B. Werte von mehreren Graden. Auch die trigonometrischen
Tafeln des Almagest erfuhren durch Peurbach eine wesentliche
Verbesserung, indem er statt der Sehne den Sinus einführte und eine
Berechnung für alle Werte von 10 zu 10 Sekunden unter Zugrundelegung
eines Radius von 60000 Einheiten lieferte.

Abb. 59. Peurbachs Quadratum geometricum881.

Page 374

Für seine astronomischen Messungen benutzte Peurbach das »Quadratum
geometricum« (s. Abb. 59). Dies ist ein quadratischer Rahmen, an dem ein
bewegliches Lineal mit Dioptervorrichtungen angebracht ist. Die Seiten des
Quadrats waren in 120 Abschnitte eingeteilt. Auf diese Weise ließ sich die
Tangente des beobachteten Winkels mit ziemlicher Genauigkeit ablesen.
Mit dem Almagest, dem Hauptwerk der griechischen Astronomie, war das
Abendland zuerst durch die im 10. und 11. Jahrhundert in Spanien
entstandenen arabischen Hochschulen bekannt geworden. Der Almagest,
die Schriften des Euklid und des Aristoteles wurden von hier aus den
Hochschulen des christlichen Abendlandes in lateinischer Übersetzung
zugänglich. Durch diese Übertragung und die Vermengung mit Zutaten aller
Art hatte der ursprüngliche Text natürlich manche Änderung erlitten und
dadurch viel von seinem Werte eingebüßt. Auch die Astronomie der
Griechen hatte durch die Araber keine wesentliche Förderung, dagegen eine
Vermengung mit astrologischen Zutaten erfahren und so an
wissenschaftlichem Gehalt Einbuße erlitten. Es war daher ein wichtiges
Ereignis, daß im 15. Jahrhundert das astronomische Werk des Ptolemäos
von Griechenland nach Italien gelangte. Peurbach war zwar auf das
griechische Manuskript aufmerksam geworden882. Er benutzte aber dennoch
den aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten minderwertigen Text,
da er die griechische Sprache nicht verstand. Erst sein begabter Schüler,
sein Nachfolger auf dem Wiener Lehrstuhl, Johann Müller aus
Königsberg883, genannt Regiomontanus (1436–1476) fußte auf dem
griechischen Text des Almagest. Er gab im Jahre 1475 neue Tafeln heraus,
die nicht nur für die Astronomie, sondern auch für die Entdeckungsreisen
jener Zeit ein wichtiges Hilfsmittel wurden.
Regiomontan war ferner in Deutschland einer der ersten, der das Studium
der Algebra förderte. Auch soll er die alte Hypothese von der Erdbewegung,
die ihm schon wenigstens 60 Jahre vor Koppernikus zu gleicher Zeit mit
Cusa »in den Sinn gekommen sei, zum besseren Verständnis der
Astronomie wieder hervorgeholt haben«884. In mechanischen Dingen, erzählt
sein Biograph885 weiter, war er einer der ersten, der »eine künstliche
Einrichtung mit Rädern, durch welche die eigentliche Bewegung der Sterne
wiedergegeben wurde, zu vieler Verwunderung anfertigte«. Ferner stellte
Regiomontan einen parabolischen Brennspiegel von fünf Fuß
Durchmesser aus Metall her. Regiomontans Tafeln wurden von ihm als

Page 375

»Ephemeriden« bezeichnet. Sie erschienen 1473, umfaßten den Zeitraum
von 1474–1560 und enthielten für Sonne und Mond die Längen- und
außerdem für den Mond die Breitenangaben. Ferner boten sie ein
Verzeichnis der für die Zeit von 1475–1530 zu erwartenden Finsternisse.
Große Verdienste hat sich Regiomontan auch um die Trigonometrie, die
wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, erworben. Er war es, der die
Tangensfunktion, mit welcher die Araber gleichfalls schon vertraut waren,
im Abendlande einführte. Ein weiterer Fortschritt bestand darin, daß er sich
der dezimalen Teilung bediente, indem er für seine Tangententafeln den
Radius r = 100000 zugrunde legte. Unzweifelhaft schöpfte Regiomontan
bei seiner Darstellung der Trigonometrie auch aus arabischen Quellen.
Doch ist der Zusammenhang im einzelnen nicht mehr nachzuweisen, da er
in der Darstellung wie in der Fortbildung des empfangenen Wissenstoffes
sehr selbständig verfuhr. Sein trigonometrisches Hauptwerk »De triangulis«
entstand 1464. Durch letzteres lernte das Abendland den Sinussatz und die
Tangensfunktion kennen. Auch entwickelte Regiomontan als erster darin
den allgemeinen sphärischen Cosinussatz.
Regiomontans Tafeln waren in den Händen von Bartholomäos Diaz,
sowie in denen Vasco da Gamas auf seinem Wege nach Ostindien. Sie
halfen Columbus den neuen Weltteil entdecken. Amerigo Vespucci
benutzte sie, um 1499 Längenbestimmungen in Südamerika auszuführen.
So sehen wir, wie dasjenige, was der stille Gelehrte in einsamen
Nachtwachen erdacht und erforscht, die kühnen Seefahrer und
Konquistadoren befähigte, dem europäischen Teil der Menschheit die Erde
in ihrem ganzen Umfange zu erschließen. Trotz der schon um das Jahr 1200
erfolgten Einführung des Kompasses wagten nämlich die Portugiesen,
selbst nachdem Heinrich der Seefahrer die Entdeckungsreisen organisiert
hatte, zunächst nicht, von der Küstenschiffahrt abzugehen. Viele Jahre
kamen ihre Fahrzeuge nicht über Kap Bojador hinaus, weil man dort ein
Riff sah, dessen Brandung sich weit hinaus ins Meer erstreckte. Dem
Ungewissen, das die Wasserwüste des atlantischen Ozeans in sich barg,
vermochte man erst zu begegnen, nachdem die Astronomie der Schiffahrt
die zur Ortsbestimmung geeigneten Hilfsmittel verliehen hatte.
Zu diesen gehörte in erster Linie der Kreuz- oder Jakobsstab (siehe Abb.
60), ein Werkzeug, das zum Messen von Winkeln auf bewegter See
geeigneter war als die von Ptolemäos und Koppernikus benutzten

Page 376

Instrumente, unter denen das mit Kreisteilung versehene Astrolabium886 und
das parallaktische Lineal an erster Stelle zu nennen sind887. Der Kreuz- oder
Jakobsstab mit verschiebbarem Querriegel, den Regiomontan benutzte,
besaß eine Länge von 21/2 Metern. Seine Anwendung hat man bis ins 14.
Jahrhundert zurück verfolgen können. Waren die erwähnten
Meßinstrumente fest aufgestellt und von hinlänglicher Größe, so ließen sich
ziemlich scharfe Messungen damit anstellen. Tycho, dessen Arbeiten
infolge ihrer Genauigkeit die Entdeckungen Keplers erst ermöglichten,
berichtet, an seinen Astrolabien noch eine sechstel Bogenminute abgelesen
zu haben.

Abb. 60. Der Kreuzstab888.

Wahrscheinlich hat der Nürnberger Martin Behaim (1459 bis 1506), dem
man den ersten neueren Erdglobus verdankt, den Kreuzstab nach Portugal
gebracht und letzteren zu Messungen auf bewegter See empfohlen889. Aus
Abbildung 61 ersehen wir den Gebrauch dieses Instrumentes. Der Querstab
a wurde so lange verschoben, bis das am Ende des Längsstabes b
befindliche Auge die beiden Gegenstände, deren Winkelabstand gefunden
werden sollte, über die Enden von a anvisierte; b trug eine Skala, von der
man unmittelbar die jeder Stellung entsprechenden Winkel ablesen konnte.
Mit einiger Zuverlässigkeit vermochte man indes um diese Zeit nur die
geographische Breite zu bestimmen. Hinsichtlich der Länge mußte man
sich mit einem Abschätzen begnügen. Die enge Beziehung, in welche zu
Beginn des neueren Zeitalters die Astronomie zur Nautik trat, war beiden
Gebieten sehr förderlich. Während der nächsten Jahrhunderte wurde die
Mitarbeit der Astronomen außerdem durch hohe Belohnungen angeregt,
welche die Schiffahrt treibenden Nationen auf die Lösung praktisch
wichtiger Aufgaben setzten. Geister ersten Ranges, wie Galilei und Euler,
verschmähten es nicht, ihre Arbeit in den Dienst dieser Sache zu stellen.

Page 377

Abb. 61. Schematische Erläuterung des Kreuzstabes.

Den ersten, noch erhaltenen Globus, fertigte Behaim 1492 an890. Erhalten
sind auch noch Globen aus den Jahren 1515, 1520 und 1532. Mercator
machte aus der Herstellung vorzüglicher Erd- und Himmelsgloben schon
ein Gewerbe. Zu seinen Abnehmern gehörten Kaiser Karl V. und andere
Fürsten. Von Mercator herrührende Globen finden sich noch in Duisburg,
Nürnberg, Weimar und Wien891.
Das Duisburger Museum, das sich bemüht, die Werke Mercators entweder
im Original oder in Nachbildungen zu erwerben, besitzt einen von ihm
verfertigten Erd- und Himmelsglobus. Sie wurden 1908 bei einem
toskanischen Edelmann gefunden und gelangten durch Kauf in den Besitz
des Museums. Der Erdglobus stammt aus dem Jahre 1541, der andere ist
1551 hergestellt. Auf ihm sind die Sternbilder farbenprächtig ausgeführt.
Während die früheren Globen aus Holz oder Metall verfertigt waren,
benutzte Mercator eine Mischung aus Gips, Sägespänen und Leim, die er
auf eine aus Stäben hergestellte Hohlkugel auftrug.
Die Anregung zu den Entdeckungsreisen ist nicht nur auf die Fortschritte
der Astronomie und die Bedürfnisse des Handels, sondern auch auf die
Lektüre der alten Schriftsteller zurückzuführen. Insbesondere gilt dies von
Columbus. Die von den Alten herrührenden Nachrichten, welche die
allmähliche Ausdehnung ihres geographischen Horizontes erkennen lassen,
waren ihm durch das Weltbuch Alliacos 892 geläufig geworden. Je weiter die
Alten die östlichen Grenzen Asiens hinaus verlegt hatten, um so größer war
die Wahrscheinlichkeit, daß eine Fahrt nach Westen bald zu bewohnten
Ländern führen würde.
Dieser Gedanke erfüllte außer Columbus besonders den italienischen
Astronomen Toscanelli, dessen Lieblingsprojekt die Verbindung Europas

Page 378

und Asiens auf dem Seewege nach Westen war. Toscanelli war der
Meinung, daß die asiatische Küste höchstens 120 Längengrade von
Lissabon entfernt sein könne. Er stand mit Columbus in Briefwechsel und
hat ihn in einem Schreiben vom 25. VI. 1474 von der Durchführbarkeit des
Gedankens, der ihn erfüllte, zu überzeugen gewußt. Nach allem, was an
eigenen und fremden Überlegungen, von denen sich Columbus leiten ließ,
bekannt geworden, muß man seine Entdeckungsreisen über die früheren
Unternehmungen dieser Art stellen. Welche Schwierigkeiten es zu
überwinden galt, braucht hier nicht des näheren erörtert zu werden. Erinnert
sei nur an die Versammlung zu Salamanca, welche den Plan des Columbus
prüfen sollte. Was mag letzterer wohl empfunden haben, als man ihm
entgegenhielt, wenn es auch gelingen sollte, zu den seiner Ansicht nach
vorhandenen Gegenfüßlern hinunter zu fahren, so würde es doch unmöglich
sein, wieder nach Spanien hinauf zu gelangen?
Daß sich trotz des gelehrten, am Buchstaben klebenden Dünkels, der nicht
etwa nur diese Versammlung erfüllte, das Neue siegreich Bahn brach, ist
vor allem der Erfindung der Buchdruckerkunst, sowie dem Umstande zu
verdanken, daß man im Latein eine Weltsprache besaß, die einen raschen
Austausch der Gedanken zwischen den Angehörigen aller Völker
ermöglichte.
Es war um 1450, als Gutenberg das erste, mit beweglichen Lettern
hergestellte Buch herausgab. In Paris, in Nürnberg und an anderen Orten
entstanden darauf große Druckereien, die für die damalige gelehrte Welt
arbeiteten. Mit der Ausbreitung des Buchdruckes verringerte sich
allmählich der Abstand zwischen dem zunftmäßigen Gelehrten- und dem
Laientum. Die Errungenschaften des Forschens und Denkens wurden
immer mehr zu einem Gemeingut.
Eins der glänzendsten Beispiele für die Vereinigung geistigen und
gewerblichen Schaffens und für das Zusammengehen des gebildeten
Bürgertums mit Künstlern und Gelehrten bot vor allem Nürnberg, wo
vorübergehend auch Regiomontan und Behaim wirkten. Für
Regiomontan errichtetete ein Nürnberger Kaufherr mit fürstlicher
Freigebigkeit eine Sternwarte, die von hervorragenden Mechanikern mit
Astrolabien, Armillarsphären und anderen astronomischen Instrumenten
ausgerüstet wurde. Öffentliche Vorträge belebten das Interesse für die
Mathematik und die Naturwissenschaften. Eine im Jahre 1470, kurz vor der

Page 379

Ankunft Regiomontans in Nürnberg gegründete Druckerei wurde bald die
bedeutendste in Deutschland893. Behaim übermittelte die gewonnenen
astronomischen Kenntnisse den seefahrenden Völkern. Er hielt sich von
1480–1484 in Portugal auf, zur Zeit, als auch Columbus dort weilte, und
stand den Portugiesen bei ihren Unternehmungen zur Seite. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß Diaz, Columbus und da Gama ihm die
Bekanntschaft mit den Ephemeriden Regiomontans, sowie manche
Belehrung über die Kunst, nach der Beobachtung der Sterne zu segeln,
verdanken894.
Man darf jedoch neben den gelehrten Deutschen, die hier, wie so oft in der
Entwicklung der Wissenschaften, wohl den Gedanken, aber nicht die Tat
brachten, den Portugiesen Pedro Nunez aus Coimbra nicht vergessen. Er
war es, der zuerst ein Werk schuf, in dem die Nautik auf wissenschaftliche
Grundlagen gestellt wurde (De arte atque ratione navigandi). Er war es
ferner, der die Genauigkeit der Ablesung an den astronomischen
Instrumenten verbesserte. Der Nonius wird nach ihm fälschlich so benannt.
Der Erfinder dieser Einrichtung ist Pierre Vernier (1580–1637).

Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.

Auch die beschreibenden Naturwissenschaften, die Zoologie und die
Botanik, erfuhren gegen den Anfang des Mittelalters manche Förderung.
Das Wiederaufleben der alten Literatur, insbesondere das Bekanntwerden
mit den zoologischen Schriften des Aristoteles, den man vorher ja nur aus
arabischen und lateinischen Bearbeitungen kannte, war auch hier von
Einfluß. Noch wichtiger war es aber, daß man sich immer mehr mit offenen
Sinnen der eigenen Beobachtung zuwandte und nach naturgetreuer
Darstellung des Gesehenen strebte. Erinnert sei nur an die oben erwähnten
anatomischen Abbildungen Lionardo da Vincis. Die Ausdehnung des
geographischen Gesichtskreises führte dazu, daß man schon gegen den
Ausgang des Mittelalters mit zahlreichen neuen Tieren und Pflanzen
bekannt wurde. Das Wiederaufleben des wissenschaftlichen Sinnes machte
sich auf dem Gebiete der Botanik nicht nur durch die zunehmende Neigung
für eigenes Beobachten, sondern auch durch das allmähliche Zurücktreten
der Rücksicht auf die Nutzanwendung der Pflanzen geltend. Das
Beobachtungsvermögen wurde insbesondere durch zwei Umstände

Page 380

gefördert. Es waren dies die Einrichtung botanischer Gärten und die
Anfertigung von Herbarien.
Den ersten botanischen Garten der neueren Zeit legte ein venetianischer
Arzt895 im Jahre 1333 an, nachdem ihm die Republik dazu einen wüsten
Platz überlassen hatte. Der erste Universitätsgarten begegnet uns in Padua.
Er wurde 1545 gegründet. Einige Jahre später folgte Pisa. Und noch
während des 16. Jahrhundert ahmten viele Universitäten des übrigen
Europas das von Italien gegebene Beispiel nach896.
Nicht minder wichtig für die Erweckung selbsttätiger Beobachtung und
Forschung war das Aufkommen der Herbarien. Ein eigentlicher Erfinder
dieser Einrichtung läßt sich wohl nicht angeben. Die ersten Nachrichten
über umfangreichere Sammlungen getrockneter Pflanzen stammen aus dem
16. Jahrhundert897. Die älteste Anweisung zur Einrichtung von Herbarien
begegnet uns nach Meyer (Gesch. der Botanik. Bd. IV. S. 267) indes erst
zu Beginn des 17. Jahrhunderts. »Im Winter«, heißt es dort, »muß man, da
fast alle Pflanzen umkommen, die Wintergärten betrachten. So nenne ich
die Bücher, in denen man getrocknete Pflanzen, auf Papier geklebt,
verwahrt.«
Ein weiteres Mittel, die Beobachtung anzuregen, war das Abbilden von
Pflanzen und anderen Naturkörpern. Zwar, das Altertum hatte sich dieses
Mittels ebenso bedient wie der Pflanzengärten. Kennt man doch noch heute
mit Abbildungen versehene Ausgaben des Dioskurides, die aus dem 6.
Jahrhundert stammen. Während des Mittelalters hatte die philologische
Gelehrsamkeit und der Autoritätsglauben indessen die Wissenschaft in
solchem Maße überwuchert, daß die Kunst, das Studium der Natur durch
Abbildungen zu fördern, erst wieder zu neuem Leben erweckt werden
mußte.
Zu den ältesten gedruckten Büchern mit Abbildungen von Naturkörpern
gehört auch Konrad Megenbergs »Buch der Natur«, auf das wir schon an
anderer Stelle eingegangen sind. Megenbergs Buch enthält in Holzschnitt
hergestellte, charakteristische Abbildungen von Säugetieren, Vögeln,
Bäumen und Kräutern, unter denen sich z. B. Ranunculus acris, Viola
odorata, Convallaria majalis und andere recht gut erkennen lassen.
Allerdings fehlt es bei der Beschreibung der Meeresungeheuer, der

Page 381

wunderlichen Menschen und anderer Dinge nicht an Abbildungen, die nur
als fratzenhafte Phantasieerzeugnisse gelten können.
Erwähnenswert ist auch der gegen 1485 erschienene »Ortus sanitatis«
(Garten der Gesundheit), der zahlreiche, oft nachträglich kolorierte
Abbildungen enthält, von denen manche der Natur ziemlich nahe kommen,
während die Abbildungen exotischer Pflanzen meist erfunden sind898.
Wir haben hiermit die Betrachtung desjenigen Zeitabschnitts beendet, in
dem das Wiederaufleben der Wissenschaften anhob. Zwar stützte man sich
noch auf allen Gebieten auf die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts aus
reinerer Quelle fließenden Kenntnisse der Alten. Doch gab man sich nicht
mehr wie früher gänzlich der Autorität gefangen. Selbstbeobachten, eigenes
Forschen wurde in den hervorragendsten Köpfen dieses Zeitalters zum
Losungswort. Und wenn auch noch kein neues Gebäude der Wissenschaften
erstand, so wurde doch auf allen Gebieten mit den Vorarbeiten begonnen
und die Tätigkeit des nachfolgenden Zeitalters erst ermöglicht, dessen
Aufgabe es war, die Fundamente der neueren Naturwissenschaft zu legen.
Wenn wir uns die hier skizzierte Entwicklung vergegenwärtigen, welche die
Wissenschaft seit ihrem Wiederaufleben im 14. und 15. Jahrhundert
genommen, so sehen wir, daß sie nicht mehr in solchem Maße wie früher
von den Geschicken eines oder einiger Völker abhängt, sondern daß ihr
Gang stetiger und weniger als bisher durch gewaltsame Ereignisse der
äußeren Geschichte beeinflußt erscheint. Die Geschichte der
Wissenschaften ist auch in der Folge nicht so eng mit dem Gange der
Weltgeschichte verknüpft wie in den früheren Perioden, in denen wir häufig
genötigt waren, das Verständnis der Wissenschaftsgeschichte durch
Heranziehen der allgemeinen Geschichte zu erschließen.

Page 382

11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch
Koppernikus899.
Das 16. Jahrhundert war auf allen Gebieten eine Zeit der Vorbereitung. Nur
zögernd und langsam, gleichsam tastend, entwickelte sich während dieses
Zeitraumes die neuere Methode der Naturforschung. Das 17. Jahrhundert
bietet uns dagegen das Schauspiel eines nie vorher gesehenen Siegeslaufes
unter der Führung eines Galilei, Kepler und Newton. Nunmehr vollzog
sich die innige Verschmelzung der Naturwissenschaften mit der
Mathematik, sowie die Ausgestaltung einer streng induktiven
Forschungsweise. Durch diese beiden Momente wurde ein Umschwung
herbeigeführt, wie ihn die Geschichte der Wissenschaften nicht wieder
erlebt hat.
Das wichtigste Ereignis des 16. Jahrhunderts ist die Aufstellung des
heliozentrischen Weltsystems durch Koppernikus und die hierdurch
herbeigeführte Umgestaltung des gesamten Weltbildes. Nicolaus
Koppernikus wurde am 19. Februar (alten Stils) des Jahres 1473 in Thorn
geboren. Polen und Deutsche haben sich um den Ruhm gestritten, ihn zu
den Ihren zählen zu dürfen. Ein solcher Streit ist müßig. Koppernikus war
einer der großen Geister, die durch ihr Wirken der Welt gehören. Tatsache
ist, daß Thorn zur Zeit seiner Geburt unter polnischer Oberhoheit stand, im
übrigen aber, was den gebildeten Teil der Bevölkerung anbetraf, eine
deutsche Stadt war. Die Mutter des Koppernikus ist deutscher Abkunft
gewesen. Über die Stammeszugehörigkeit des Vaters läßt sich dagegen
keine sichere Entscheidung treffen. Soviel ist jedoch gewiß, daß
Koppernikus selbst in seinem Fühlen und Denken ein Deutscher war und
sich in allen Dokumenten, die auf uns gelangt sind, wenn er nicht Latein
schrieb, der deutschen Sprache bediente.
Nachdem Koppernikus das Vaterhaus verlassen, bereitete er sich in
Krakau für den medizinischen Beruf vor. Bei der Vielseitigkeit, mit der man
in früheren Jahrhunderten die Universitätsstudien betrieb, wurde er indes
auch mit der Mathematik und mit der Astronomie vertraut. Auf letzterem
Gebiete genoß die Universität Wien, wo Peurbach und Regiomontan

Page 383

gelehrt hatten, einen vorzüglichen Ruf. Dorthin begab sich deshalb nach
Beendigung seiner medizinischen Studien der spätere Reformator der
astronomischen Wissenschaft. Zum Glück für letztere war Koppernikus
nicht gezwungen, sofort dem ärztlichen Berufe nachzugehen. Er war
nämlich dadurch günstig gestellt, daß sein Oheim mütterlicherseits, der
Bischof von Ermeland, sich seiner annahm und ihm später eine
Domherrenstelle des Frauenburger Kapitels verschaffte. Von 1495–1505
hielt sich Koppernikus meist in Italien auf. Dort war im Zeitalter der
Renaissance die Astronomie emporgeblüht. In Florenz war unter den
Mediceern die erste Akademie nach platonischem Vorbild entstanden.
Sternwarten wurden errichtet und Lehrstellen geschaffen. In Italien hatte
auch Nicolaus von Cusa seine Anregungen empfangen und sie von dort
nach Deutschland verpflanzt. Diesem Vorbild folgte Koppernikus, indem
er sich in Italien fast ein Jahrzehnt in der praktischen Astronomie
vervollkommnete. Doch ist aus diesem langen Abschnitt seines Lebens, der
für die Entwicklung seiner wissenschaftlichen Vorstellungen ohne Zweifel
von großer Bedeutung gewesen ist, sehr wenig bekannt geworden. Auch
von den astronomischen Hilfsmitteln, deren sich Koppernikus bediente,
weiß man nur wenig. Jedenfalls besaßen sie keinen hohen Grad von
Genauigkeit. Wie die astronomischen Instrumente im Zeitalter des
Koppernikus beschaffen waren, erfahren wir aus dem von dem
Astronomen Apian 900 um jene Zeit verfaßten »Instrument-Buch«.
Der Gedanke, der seinem System zugrunde liegt, bemächtigte sich des
Koppernikus, sobald er in der Blütezeit des Mannesalters selbständig
forschend an die Natur herantrat. Diesen Gedanken zu verfolgen und zu
begründen, erschien ihm als eine Aufgabe, wohl wert, sein ganzes übriges
Leben in stiller Forscherarbeit ihr zu widmen. Seit der im Jahre 1505
erfolgten Rückkehr aus Italien bis zu seinem Tode am 24. Mai des Jahres
1543 blieb er deshalb, von einigen kleinen Reisen abgesehen, in seinem
Bistum. Ein beschauliches Leben hat Koppernikus jedoch in dieser
Zurückgezogenheit nicht geführt. Die Zeit, welche ihm die mit dem
Domherrnamt verbundenen Pflichten übrig ließen, war der Armenpraxis in
Frauenburg und der sorgfältigen Ausarbeitung jenes großen Werkes
gewidmet, in dem er seine Theorie, sowie die jahrelangen Beobachtungen,
auf die er sie stützte, niedergelegt hat.

Page 384

Das für die neuere Astronomie grundlegende Hauptwerk des Koppernikus
erhielt den Titel »Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper«. In der
an den Papst gerichteten Vorrede wird der Anlaß zu dem Werke und seine
Geschichte mitgeteilt. Wir erfahren daraus, daß die Schrift »bis in das vierte
Jahrneunt hinein«901 verborgen blieb, bis sie zum Druck gelangte. Obgleich
Koppernikus um das Jahr 1530 den Ausbau der heliozentrischen Lehre
beendet hatte, schwankte er, ob er mit seinen Ansichten an die
Öffentlichkeit treten sollte. »Die Verachtung«, sagt er, »die ich wegen der
Neuheit und der scheinbaren Widersinnigkeit meiner Meinung zu
befürchten hatte, bewog mich fast, das fertige Werk beiseite zu legen.«
Jedoch hatten befreundete Astronomen, sowie Geistliche, die sich mit
Astronomie beschäftigten, Kenntnis von dem Werk erhalten. Ihrem
Drängen nach Veröffentlichung setzte Koppernikus nicht nur aus dem
erwähnten Grunde anfangs Widerstand entgegen, sondern er zögerte auch,
weil ihn der Wunsch beseelte, wirklich Besseres an die Stelle des
Vorhandenen zu setzen. Kam es ihm doch vor allem darauf an, der
beobachtenden Astronomie einen Dienst zu erweisen und ihr das neue
Lehrgebäude in einem solch vollkommenen Zustande zu übermitteln, daß es
an die Stelle des alten, mit den praktischen Bedürfnissen eng verwachsenen
Systems treten konnte. Von einem völligen Gelingen blieb Koppernikus,
wie er wohl selbst am besten wußte, indes noch weit entfernt. Auch mochte
er wohl ahnen, welchen Sturm sein Versuch entfesseln sollte. Galt es doch,
einer seit Jahrtausenden geheiligten Anschauung den Boden zu entziehen902
und an ihre Stelle eine neue Lehre zu setzen, welche der bisher den
wesentlichsten Teil der Welt ausmachenden Erde eine nur bescheidene
Stelle unter zahllosen Körpern gleichen, ja selbst höheren Ranges
einräumte. Ganz zu geschweigen der Gefahr, der eine solche Neuerung
ausgesetzt war, als ketzerisch verdammt zu werden.
Erst ein Jahr vor seinem Tode vermochte man Koppernikus zur
Herausgabe seiner »Kreisbewegungen«903 zu bestimmen. Osiander,
welcher den in Nürnberg erfolgenden Druck des Buches überwachte, hielt
es, ohne von Koppernikus hierzu ermächtigt zu sein, für geraten, in einer
besonderen Einleitung das Ganze als eine bloße Hypothese hinzustellen.
Wenn die Wissenschaft Hypothesen ersinne, so beanspruche sie damit
keineswegs, daß man nun auch davon überzeugt sei. Sie wolle nur eine
Grundlage für ihre Berechnungen schaffen. Hypothesen brauchten also

Page 385

nicht einmal wahrscheinlich zu sein. Es genüge vielmehr, daß sie eine
Rechnung ermöglichen, die zu den Beobachtungen paßt. Mit diesen
Ausführungen hat Osiander dasjenige, was wir heute als bloße
Arbeitshypothese bezeichnen, durchaus richtig gekennzeichnet. Daß eine
Abschwächung seiner Lehre jedoch durchaus nicht im Sinne des Verfassers
lag, geht aus der von Koppernikus herrührenden Vorrede deutlich genug
hervor. Er sei, sagt er, entgegen der Meinung der Astronomen, ja beinahe
gegen den gemeinen Menschenverstand dazu gekommen, sich eine
Bewegung der Erde vorzustellen. Zu dieser Annahme habe ihn der Umstand
veranlaßt, daß die Astronomen bei ihren Untersuchungen sich über die
Bewegungen der Himmelskörper gar nicht einig seien und die Gestalt der
Welt und die Symmetrie ihrer Teile bisher nicht hätten finden können. Man
habe zur Erklärung der astronomischen Erscheinungen die verschiedensten
Arten von Bewegungen angenommen. Die einen bedienten sich nur der
konzentrischen, die anderen der exzentrischen und epizyklischen904 Kreise.
Doch sei das Erstrebte dadurch nicht erreicht worden. Endlich habe er
durch viele und fortgesetzte Beobachtungen gefunden, daß, wenn die
Bewegungen der übrigen Wandelsterne auf einen Kreislauf der Erde
bezogen, und dieser dem Kreislauf jedes Gestirns zugrunde gelegt werde,
nicht nur die Erscheinungen der Wandelsterne daraus folgten, sondern daß
dann auch die Gesetze und Größen der Gestirne und ihre Bahnen so
zusammenhingen, daß in keinem Teile des Systems ohne Verwirrung der
übrigen Teile und des ganzen Weltalls irgend etwas geändert werden könne.
Die Astronomen möchten die neue Lehre prüfen, und er zweifle nicht, daß
sie ihm beipflichten würden. Damit aber Gelehrte und Ungelehrte sähen,
daß er durchaus niemandes Urteil scheue, so wolle er sein Werk lieber dem
Papste als irgend einem andern widmen.
Die Anregung zu seinem System empfing Koppernikus offenbar aus den
Schriften der Alten. Nachdem er über die Unzulänglichkeit der bestehenden
Theorien nachgedacht, durchforschte er alle Schriften, deren er habhaft
werden konnte, um festzustellen, ob nicht irgend jemand einmal andere
Ansichten als die herrschenden über die Bewegungen der Weltkörper
geäußert habe. Da fand er denn zuerst bei Cicero, daß Nicetas geglaubt
habe, die Erde bewege sich. Nachher fand er auch bei Plutarch, daß andere
ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Hierdurch veranlaßt, fing er an,
über die Bewegung der Erde nachzudenken, obgleich diese Ansicht ihm
zuerst selbst widersinnig zu sein schien.

Page 386

Indessen nicht nur unbestimmte Meinungen, sondern auch einen recht
brauchbaren Ansatz zu seiner Theorie fand Koppernikus bei den Alten
vor. Es war ihm nämlich die Meinung einiger alten Schriftsteller begegnet,
daß Venus und Merkur sich um die Sonne als ihren Mittelpunkt bewegten
und deswegen von ihr nicht weiter fortgehen könnten, als es die Kreise ihrer
Bahnen erlaubten. Koppernikus nennt Martianus Capella (5.
Jahrhundert nach Chr. Geb.) als seinen Gewährsmann. Es heißt bei ihm:
»Venus und Merkur bewegen sich nicht um die Erde, die nicht für alle
Planetenbahnen den Mittelpunkt bildet, wenngleich sie unzweifelhaft der
Mittelpunkt der Welt ist. Beide Planeten gehen zwar täglich auf und unter,
sie bewegen sich aber um die Sonne. In dieser, die viel größer als die Erde
ist, haben sie ihren Bahnmittelpunkt.« Martianus Capella verlegte gleich
anderen Berichterstattern den Ursprung der erwähnten Lehre nach Ägypten.
Neuere Forschungen haben jedoch den Beweis geliefert, daß sie auf
Herakleides Pontikos, einen Schüler Platons, zurückzuführen ist905.
Herakleides war auch darin ein Vorläufer des Koppernikus, daß er die
tägliche, scheinbare Bewegung der Himmelkugel aus einer Drehung der
Erde von West nach Ost erklärte. Ihre Fortsetzung fanden diese Lehren
durch Aristarch von Samos. Aristarch 906 setzte die Sonne, die er für 300
mal so groß wie die Erde hielt, in den Mittelpunkt und ließ die Erde sich in
jährlichem Umlauf um die Sonne bewegen. Die heliozentrische Weltansicht
war dem Altertum also wohl bekannt. Sie fand sogar den Beifall vieler, trug
indes ihrem Urheber, ganz ähnlich, wie es später den ersten erklärten
Anhängern des koppernikanischen Systems erging, von gegnerischer Seite
eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein. Doch konnte die heliozentrische
Theorie im Altertum nicht recht Wurzel schlagen, da sie noch nicht
imstande war, den Anforderungen der praktischen Astronomie zu genügen.
Letztere erblickte ihre Aufgabe ja weniger darin, die beobachteten
Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Planeten zu erklären, als sie
genau zu messen und im voraus zu bestimmen.
Indem nun Koppernikus von der Ansicht des Martianus Capella
ausging und Saturn, Jupiter und Mars auf denselben Mittelpunkt, die Sonne
nämlich, bezog, gleichzeitig aber die große Ausdehnung der Bahnen der
genannten Planeten berücksichtigte, die außer den Bahnen des Merkur und
der Venus auch die der Erde umschließen, gelangte er zu seiner Erklärung
der Planetenbewegung. Es stehe nämlich fest, führt er des weiteren aus, daß
Saturn, Jupiter und Mars der Erde immer dann am nächsten seien, wenn sie

Page 387

des Abends aufgingen, d. h. wenn sie in Opposition zur Sonne ständen, oder
die Erde sich zwischen ihnen und der Sonne befinde. Dagegen seien Mars
und Jupiter am weitesten von der Erde entfernt, wenn sie des Abends
untergingen, wir also die Sonne zwischen ihnen und der Erde hätten. Dies
beweise hinreichend, daß der Mittelpunkt ihrer Bahn die Sonne und somit
derselbe sei, um den auch Venus und Merkur kreisen. Da somit alle
Planeten sich um einen Mittelpunkt bewegen, sei es notwendig, daß der
Raum, der zwischen dem Kreise der Venus und dem des Mars übrig bleibe,
die Erde mit dem sie begleitenden Monde aufnehme. Er scheue sich daher
nicht, zu behaupten, daß die Erde mit dem sie umkreisenden Monde
zwischen den Planeten einen großen Kreis in jährlicher Bewegung um die
Sonne durchlaufe. Auf solche Weise finde die Bewegung der Sonne in der
Bewegung der Erde ihre Erklärung. Die Welt aber sei so groß, daß die
Entfernung der Planeten von der Sonne, mit der Fixsternsphäre verglichen,
verschwindend klein sei. Er halte dies alles für leichter begreiflich, als wenn
der Geist durch eine fast endlose Menge von Kreisen verwirrt werde, was
diejenigen herbeiführten, welche die Erde in den Mittelpunkt der Welt
setzten.

Abb. 62. Das koppernikanische Weltsystem.
(Aus Koppernikus' Werk über die Bewegung der Weltkörper.)

Koppernikus bringt dann die vorstehend wiedergegebene Abbildung (62)
seines Weltsystems und erläutert sie mit folgenden Worten: »Die erste und
höchste von allen Sphären ist diejenige der Fixsterne, die sich selbst und

Page 388

alles übrige enthält und daher unbeweglich ist. Es folgt der äußerste Planet,
Saturn907, der in 30 Jahren seinen Lauf vollendet; hierauf Jupiter mit einem
zwölfjährigen Umlauf; dann Mars, der in zwei Jahren seine Bahn
beschreibt. Die vierte Stelle nimmt der jährliche Kreislauf ein, in dem die
Erde mit der Mondbahn enthalten ist. An fünfter Stelle kreist Venus in neun
Monaten. Den sechsten Platz nimmt Merkur ein, der in einem Zeitraum von
80 Tagen seinen Umlauf vollendet. In der Mitte aber von allem steht die
Sonne. Denn wer möchte in diesem schönsten Tempel diese Leuchte an
einen anderen oder besseren Ort setzen?«
»So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Throne sitzend, die sie
umkreisende Familie der Gestirne. Wir finden also in dieser Anordnung
einen harmonischen Zusammenhang, wie er anderweitig nicht gefunden
werden kann. Denn hier kann man bemerken, warum das Vor- und
Zurückgehen beim Jupiter größer erscheint als beim Saturn und kleiner als
beim Mars und wiederum bei der Venus größer als beim Merkur.
Außerdem, warum Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie des Abends
aufgehen, der Erde näher sind als bei ihrem Verschwinden in den Strahlen
der Sonne. Vorzüglich aber scheint Mars, wenn er des Nachts am Himmel
steht, an Größe dem Jupiter gleich zu sein, während er bald darauf unter den
Sternen zweiter Größe gefunden wird. Und dies alles ergibt sich aus
derselben Ursache, nämlich aus der Bewegung der Erde. Daß aber an den
Fixsternen nichts davon in die Erscheinung tritt, ist ein Beweis für die
unermeßliche Entfernung dieser Sterne, eine Entfernung, welche selbst die
Bahn der Erde oder das Abbild dieser Bahn am Himmel für unsere Augen
verschwinden läßt908.«
Die Grundlagen seines Systems hat Koppernikus am klarsten in einem
»kurzen Abriß«909 niedergeschrieben, den er wahrscheinlich schon bald nach
1530 verfaßte. Er stellt diese Grundlagen in folgenden Sätzen zusammen:

1. Es gibt nur einen Mittelpunkt für die Gestirne und ihre Bahnen.
2. Der Erdmittelpunkt ist nicht auch der Mittelpunkt für die Welt, sondern
nur für die Mondbahn und für die Schwere.
3. Alle Planeten bewegen sich um die im Mittelpunkte ihrer Bahnen
stehende Sonne. In sie fällt also der Weltmittelpunkt.
4. Der Abstand Erde – Sonne ist gegenüber dem Durchmesser des
Fixsternhimmels verschwindend klein.

Page 389

5. Was als eine Bewegung am Himmel erscheint, leitet sich von einer
Bewegung der Erde her. Sie dreht sich nämlich täglich völlig um ihre
Axe. Dabei behalten ihre beiden Pole dauernd dieselbe Lage bei.
6. Was uns als eine Bewegung der Sonne erscheint, leitet sich auch nicht
von diesem Gestirn, sondern von der Erde und ihrer Bahn her, in der
sie sich um die Sonne ebenso bewegt, wie die übrigen Planeten es tun.
7. Das Vorschreiten und Zurückbleiben der Planeten ist nicht ihre eigene,
sondern nur eine Folge der Erdbewegung.

Wie die ältere, so entsprach auch die neuere, von Koppernikus
entwickelte Theorie den Beobachtungen bei weitem nicht in dem Maße, als
ihr Begründer anfangs hoffen mochte. Es lag das daran, daß er gleich den
Alten daran festhielt, die Bewegung der Himmelskörper erfolge
gleichmäßig und im Kreise. Aristoteles hatte dies gelehrt. Für ihn und
alle, die sich nach ihm mit der Astronomie befaßten, Koppernikus
eingeschlossen, war dies ein von vornherein feststehender Satz. Die Welt ist
kugelförmig, die Erde ist gleichfalls kugelförmig, die Bewegung der
Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und im Kreise. So
lauten die Überschriften der wichtigsten Abschnitte des koppernikanischen
Werkes. Und warum verhält es sich so? Weil Kreis und Kugel die
vollkommensten Formen sind und kein Grund für eine ungleichförmige
Bewegung vorliegt, lautet die Antwort. Auch Kepler war, wie wir sehen
werden, anfangs in dem erwähnten Vorurteil befangen. Ihm gelang es aber,
sich davon frei zu machen. Als er eingesehen, daß die Beobachtungen sich
mit den hergebrachten Anschauungen nicht in Einklang bringen ließen,
machte er die Annahme, daß sich die Planeten nicht in Kreisen, sondern in
Ellipsen bewegen und daß ihre Bewegung ungleichförmig sei. Jetzt waren
alle Widersprüche, in denen die heliozentrische Theorie sich den
Beobachtungen gegenüber befand, gelöst, und diese Theorie damit erst
lebensfähig geworden. Was ihr Begründer gut zu erklären wußte, waren vor
allem das scheinbare Zurückgehen und Stillstehen der Planeten, sowie die
Veränderungen in der scheinbaren Größe dieser Himmelskörper, die
besonders beim Mars beträchtlich sind. Zur Erklärung anderer
Ungleichmäßigkeiten blieb jedoch nichts weiter übrig, als auf die
Epizyklentheorie unter Beibehaltung der Sonne als Mittelpunkt des ganzen
Systems zurückzugreifen.

Page 390

Wir erkennen, daß eine neue Wahrheit bei ihrer Entdeckung selten vollendet
ist. Sie geht gewöhnlich nicht aus dem Hirn eines einzelnen, sondern als
Errungenschaft des Geistes einer Zeit aus den Bemühungen mehrerer, oft
sogar zahlreicher Forscher und Denker hervor.

Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre.

Für die Richtigkeit seines Weltsystems konnte Koppernikus noch keine
schlagenden Beweise, sondern lediglich die größere Einfachheit ins Feld
führen. Dem Einwand, daß die jährliche Bewegung der Erde sich in einer
scheinbaren Veränderung der Fixsternörter offenbaren müsse, wußte er nur
dadurch zu begegnen, daß er diese Himmelskörper in eine Entfernung
versetzte, gegen welche der Durchmesser der Erdbahn verschwindend klein
sei. Das Einzige, was Koppernikus den Angriffen seiner Gegner
gegenüberstellen konnte, waren Gründe der Vernunft. »Es ist«, sagt er,
»wahrscheinlicher, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, als daß alle
Planeten mit ihren verschiedenen Entfernungen, alle herumschweifenden
Kometen und das unendliche Heer der Fixsterne dieselbe regelmäßige
vierundzwanzigstündige Bewegung um die Erde ausführen«.
Eigentliche Beweise, sowohl für die Drehung als auch für den Umlauf der
Erde, haben erst spätere Jahrhunderte gebracht und dadurch die
koppernikanische Lehre auf den Rang einer unumstößlichen Wahrheit
erhoben910. Neben ihrer Einfachheit konnte Koppernikus für seine Theorie
wie Aristarch auch den Umstand ins Feld führen, daß die Sonne der bei
weitem größere Weltkörper sei. Das Größenverhältnis von Mond, Erde,
Sonne ist nach Koppernikus gleich 1 : 43 : 6937911. Ferner nahm
Koppernikus die Entfernung der Sonne auf Grund von Beobachtungen,
die nach dem von Aristarch herrührenden Verfahren angestellt wurden, zu
1197 Erdhalbmessern an. Auch dieses Ergebnis blieb weit hinter der
Wahrheit zurück. Erst im 18. Jahrhundert fand man durch Messungen,
welche die Vorübergänge der Venus vor der Sonnenscheibe zum Ausgang
nahmen, einen zuverlässigen Wert für jenes Grundmaß der Astronomie.
Dieser übertraf den von Koppernikus angegebenen Wert fast um das
Zwanzigfache.

Page 391

Das Erscheinen der »Kreisbewegungen«, deren erste Druckbogen
Koppernikus noch auf dem Sterbebette gelesen haben soll, veranlaßte
durchaus nicht einen solchen Aufruhr unter den Geistern, wie man es in
Anbetracht der Wichtigkeit der darin ausgesprochenen Ansichten wohl hätte
erwarten können. Dies hatte mehrere Gründe. Die zeitgenössische
Astronomie beachtete die Neuerung wenig. Einige dem Koppernikus
befreundete Astronomen ausgenommen, hielt man an der ptolemäischen
Lehre fest, zu der man überdies in jener Zeit, die noch keine Lehrfreiheit
kannte, verpflichtet war. Ferner gaben die dem neuen System noch
anhaftenden Unvollkommenheiten den berufsmäßigen Astronomen, denen
der praktische Wert ausschlaggebend sein mußte, ein gewisses Recht,
zunächst das Hergebrachte in Geltung zu belassen. Brachte doch das
heliozentrische System dem rechnenden Astronomen zunächst kaum
nennenswerte Vorteile. Koppernikus hatte es verstanden, seine Neuerung
in einer alles Polemische ausschließenden Weise vorzutragen und jedes
Hinüberspielen auf das Gebiet biblischer und religiöser Anschauungen zu
vermeiden. So kam es, daß auch die Kirche, die von einer astronomischen
Neuerung wohl eine Verbesserung ihres Kalenders erhoffte, das Buch, dem
ja sogar eine Widmung an den Papst voranging, duldete und dem Gegensatz
kein Gewicht beilegte, in den es, vom Standpunkt des starren Wortglaubens
aus betrachtet, zur biblischen Überlieferung trat.
»Es scheint mir,« schrieb Koppernikus in jener Widmung, »daß die
Kirche aus meinen Arbeiten einigen Nutzen ziehen kann. War doch unter
Leo X. die Verbesserung des Kalenders nicht möglich, weil die Größe des
Jahres und die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht genau bestimmt
waren. Ich habe gesucht, diese näher zu bestimmen. Was ich darin geleistet
habe, überlasse ich dem Urteile Deiner Heiligkeit und der gelehrten
Mathematiker.« Der großen Masse, selbst der Gebildeten, fehlte bei der
damals herrschenden Unkenntnis in naturwissenschaftlichen Dingen
durchaus das Vermögen, mit eigenem Urteil an die neue Lehre
heranzutreten. Deshalb läßt sich die Äußerung Luthers wohl
entschuldigen, der da meinte: »Der Narr will die ganze Astronomie
umkehren. Aber die heilige Schrift sagt uns, daß Josua die Sonne stillstehen
hieß und nicht die Erde.« Daran, daß diese Neuerung auf dem Gebiete der
Astronomie der Kirche schaden, geschweige denn das religiöse Gefühl
beeinträchtigen könnte, hat Luther schwerlich gedacht. Etwas ängstlicher
war schon Melanchthon, der auch mehr Verständnis für das Unerhörte

Page 392

jener Neuerung besaß. Selbst ein eifriger Astrologe, hatte er das Gebäude
der damaligen Astronomie in seinem Lehrbuch der Physik zur Darstellung
gebracht. Die neue heliozentrische Ansicht hielt er für so gottlos, daß er sie
zu unterdrücken empfahl912. Auch der viel später lebende Francis Bacon,
den übertriebene Schilderungen als den Begründer der neueren
Naturwissenschaft gefeiert haben, war ein erklärter Gegner des
Koppernikus, und zwar zu einer Zeit, als die Frage nach der Richtigkeit
des heliozentrischen Systems die Geister bewegte. Erst damals, im Zeitalter
Galileis, nahm die Kirche zu dieser Frage entschieden Stellung und verbot
die »Kreisbewegungen«. Der bezügliche Erlaß stammt aus dem Jahre 1616
und wurde amtlich erst 1822 wieder aufgehoben, nachdem sein Bestehen
jedoch fast in Vergessenheit geraten war. Er lautet: »Die heilige
Kongregation913 hat in Erfahrung gebracht, daß die falsche, der Heiligen
Schrift völlig widersprechende Lehre der Pythagoreer, von der Bewegung
der Erde, wie sie Koppernikus und einige andere vorgetragen haben,
gegenwärtig verbreitet und vielfach angenommen wird. Damit sich eine
derartige Lehre nicht zum Schaden der katholischen Wahrheit ausbreitet,
beschloß die heilige Kongregation daß die Bücher des Koppernikus und
alle anderen, die dasselbe lehren, bis zur Verbesserung zu verbieten sind.
Sie werden daher alle durch diesen Erlaß verboten und verdammt.«
Zu den ersten Anhängern der koppernikanischen Lehre gehörte der
Dominikanermönch Giordano Bruno 914, Spinozas Vorläufer in der
Begründung einer pantheistischen Weltanschauung. Seinen divinatorischen
Blicken erweiterte sich das Fixsterngewölbe zu einem in Raum und Zeit
unendlichen Universum. Bruno war auch der erste, der die Fixsterne als
Sonnen und als Mittelpunkte ungezählter, dem unseren gleichartiger
Planetensysteme ansah.
Er hat manches intuitiv vorweggenommen, was erst spätere Zeiten auf
Grund der Beobachtung sichergestellt haben. So nahm er an, daß nicht nur
die Erde, sondern auch die Sonne um ihre Axe rotiere. Von der Erde
behauptet er, daß sie an den Polen abgeplattet sein müsse. Die Präzession
der Nachtgleichen erklärte er mit folgenden Werten: »Bei den unabsehbar
mannigfaltig ineinandergreifenden Bewegungen der Weltkörper kann es
nicht ausbleiben, daß auch die scheinbar festesten Punkte ihre gegenseitige
Lage nach und nach verschieben. Die Erde wird also ihre Lage zum
Himmelspol verändern915«. Die Kometen betrachtete Bruno als eine

Page 393

besondere Gattung der Planeten. Da die Kometen ganz ohne Regel
erschienen, so sei auch die Zahl der unsere Sonne umkreisenden Planeten
noch nicht festgestellt916. Die Welten und die Weltsysteme endlich sind nach
Bruno stetigen Änderungen unterworfen. Ewig ist nur die der Welt zu
Grunde liegende schaffende Energie. Darin spricht sich schon eine gewisse
Ahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie aus. Brunos lange als
Schwärmerei betrachtete Lehre von der Beseeltheit nicht nur der All-
Materie, sondern auch der individuellen Beseeltheit der einzelnen
Weltkörper hat neuerdings Fechner zur Anerkennung zu bringen gesucht.
Daß die Erde selbst ein lebendes Wesen ist, schloß Bruno aus ihrer
Bewegung und daraus, daß sie lebende Wesen hervorbringt. Auch die
übrigen Weltkörper sind belebt und ein Schauplatz des Lebens. Daß sich
letzteres in denselben Formen wie auf der Erde offenbart, darf man
allerdings nicht annehmen.
Man hat Bruno als den ersten monistischen Philosophen der neueren Zeit
zu betrachten. In seinen Schriften kam die geistige Eigenart der
italienischen Renaissance besonders zum Ausdruck. Der Lebensauffassung
jener Zeit entsprach auch seine, im Gegensatz zum Christentum stehende
Lehre vom heroischen Affekt. Die neue astronomische Ansicht, die sich ihm
und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im Sinne
der »Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet917.
Giordano Brunos Reformation des Himmels: Lo spaccio (Die
Vertreibung) della bestia trionfante (verdeutscht und erläutert von L.
Kuhlenbeck, Leipzig 1889), ist eine Moralphilosophie, die an die
Betrachtung der wichtigsten Sternbilder anknüpft. Die in italienischer
Sprache erschienenen Werke Brunos gab P. de Lagarde (Göttingen 1888)
heraus. Die astronomische Weltanschauung betrifft besonders das Werk Del
infinito Universo et de i mondi918. Einige charakteristische Sätze aus diesem
Werk mögen uns noch etwas eingehender mit Brunos Vorstellungen
bekannt machen: »In dem unermeßlichen zusammenhängenden Raum, der
alles in sich hegt und trägt, gibt es unzählige, dieser Welt ähnliche
Weltkörper. Von ihnen ist der eine nicht mehr in der Mitte des Universums
als der andere. Als unendliches All ist es ohne Mitte und ohne Umfang. Wie
um unsere Sonne sieben Wandelsterne kreisen, so gibt es weitere Sonnen,
die Mittelpunkte für andere Planetensysteme sind. Jeder dieser Weltkörper
dreht sich um sein eigenes Zentrum. Trotzdem erscheint er seinen

Page 394

Bewohnern als eine stillstehende Welt, um die sich alle übrigen Gestirne
drehen. In Wahrheit gibt es so viel Welten wie wir Fixsterne sehen. Sie
befinden sich alle in dem einen Himmel, dem einen Allumfasser, wie unsere
Welt, die wir bewohnen.«
Daß es unendlich viele Einzelwelten geben müsse, folgert Bruno aus dem
Wesen Gottes, dem er ein unendliches Können zuschreibt.

Astronomie und wissenschaftliche Erdkunde.

In engster Beziehung zur Astronomie hat sich die wissenschaftliche
Erdkunde, d. h. eine Erdkunde, die mehr sein wollte, als eine bloße
Beschreibung der Länder und ihrer Erzeugnisse, entwickelt. Sie fand in
dem auf Koppernikus folgenden Zeitalter in Deutschland einen
hervorragenden Vertreter in Gerhard Kremer oder Mercator, wie er sich
selbst, nach damaliger Sitte seinen Namen latinisierend, nannte919 und in
Sebastian Münster.
Münster verfaßte eine »Cosmographia, Beschreibung aller Länder«. Die
darin enthaltenen Karten haben die Grundlage gebildet, von der die
Kartographie in Deutschland ihren Ausgang nahm920.
Mercator wurde 1512 in einem flandrischen Städtchen geboren, wo sich
seine, aus Jülich stammenden Eltern vorübergehend aufhielten. Als
Arbeitsfeld wählte er, angeregt durch Gemma Frisius 921, mit dem er
während seiner Studienzeit verkehrte, die mathematische Geographie, als
deren Neubegründer er von vielen Seiten anerkannt wurde922. Mit der
Anfertigung von Landkarten, Globen und astronomischen Instrumenten
erwarb sich Mercator seinen Unterhalt. Von 1552 bis zu seinem 1594
erfolgenden Tode lebte er in Duisburg, wo er neben seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit mathematischen Unterricht am Gymnasium
erteilte.
Sein erstes größeres Werk war ein Erdglobus, auf dessen Verfertigung er ein
und ein halbes Jahr verwendete. Zehn Jahre später (1551) lieferte
Mercator einen großen Himmelglobus. Zu seinen Verehrern zählte auch
Karl V. Dieser Monarch nahm an den Fortschritten der Astronomie und
Geographie solch lebhaften Anteil, daß er während der Belagerung einer

Page 395

Festung mit Apianus ein Gespräch über diese Wissenschaften führen
konnte, während die Kugeln rechts und links von ihnen einschlugen.
Mit Apianus und Mercator beginnt für die Kartographie eine neue Zeit.
Vor ihnen hatte man sich mit einem Abschätzen der Entfernungen und mit
Itinerarien begnügt, sowie sich abgemüht, das neu erworbene Wissen mit
dem des Ptolemäos in Einklang zu bringen. Jetzt entstanden Karten, die
auf genaueren Vermessungen beruhten. Unter diesen sind vor allem
Apians 923 »Bayrische Landtafeln« zu nennen. Sie erschienen 1568 auf 24
Blättern (Holzschnitt; Maßstab 1 : 144000) und gelten als das topograhische
Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Kein Land wurde in jener Zeit mit
gleicher Treue dargestellt.
Was Apian für ein engbegrenztes Stück der Erde leistete, strebte der
belgische Geograph Ortelius 924 für den gesamten Erdkreis an. In seinem
»Theatrum orbis terrarum« (53 Karten in Kupferstich, Antwerpen 1570)
schuf er ein Werk, das sich von Ptolemäos freimachte. Die Mehrzahl jener
von Ortelius herausgegebenen 53 Karten war nach den besten Arbeiten
anderer Kartographen verfertigt.
Fast zu selben Zeit (1569) vollendete Mercator seine große Weltkarte. Es
war dies ein für die Geschichte der Erdkunde und der Nautik
hochbedeutsames Ereignis. Von diesem Zeitpunkt, sagt Mercators
Biograph, datiert die Reform der Kartographie, die kein zweites Werk von
gleicher Bedeutung zu verzeichnen hat. Die Vorschriften, die Mercator
den Seefahrern für die Benutzung seiner Karte gab, gelten auch heute
noch925.
Ein für jene Zeit großes Verdienst erwarb sich Mercator dadurch, daß er
die damals noch in hohem Ansehen stehende Geographie des Ptolemäos
an Stelle der ungenauen Karten älterer Geographen mit Karten versah, die
sich den Angaben des Ptolemäos genau anschlossen. Eine Sammlung von
Karten europäischer Länder vereint mit Karten einzelner Erdteile und
Übersichten der ganzen Erde veranstaltete Mercator mit seinem Sohne926.
Sie erschien 1595 unter dem von Mercator gewählten Titel »Atlas«927, der
seitdem für derartige Sammlungen gang und gäbe geblieben ist.
Die Grundsätze der Kartographie entwickelte Mercator 928 so klar, wie es
kein anderer vor ihm vermocht hatte. Er war der erste, der die Bedingungen,
die jede Projektionsart voraussetzt, genauer untersuchte, und den Begriff

Page 396

der Konformität aufstellte, d. h. der Forderung, daß eine ebene Figur die
größtmögliche Ähnlichkeit mit der Kugelfläche erhalten müsse. Da die
Alten immer nur Teile der Erdoberfläche darzustellen hatten, und ihre
Projektionsarten dieser Aufgabe anpaßten, war Mercator, als es galt, die
ganze Erde kartographisch darzustellen, vor eine ganz neue Aufgabe
gestellt. Er löste sie durch das nach ihm benannte Verfahren in der
trefflichsten, für den Gebrauch geeignetsten Weise. »Wenn,« sagt
Mercator in der Erläuterung, die er seiner Weltkarte hinzufügt, »von den
vier Beziehungen, die zwischen zwei Orten in Ansehung ihrer
gegenseitigen Lage stattfinden, nämlich Breitenunterschied,
Längenunterschied, Richtung und Entfernung, auch nur zwei berücksichtigt
werden, so treffen auch die übrigen genau zu, und es kann nach keiner Seite
hin ein Fehler begangen werden, wie dies bei den gewöhnlichen Seekarten
so vielfach und zwar um so mehr, je höher die Breiten sind, der Fall sein
muß.« Mercator erzielte diesen Vorteil dadurch, daß er die Erdoberfläche
auf einen die Erde im Äquator berührenden Zylinder projizierte, dessen
Achse der Erdachse parallel ist. Die Ausbreitung, welche dadurch die
Längengrade nach den Polen hin erfahren, wird durch eine in demselben
Verhältnis stattfindende Ausdehnung der Breitengrade ausgeglichen. Eine
solche Karte ist winkeltreu, d. h. sie gibt die Winkel so wieder, wie sie auf
der Erdoberfläche erscheinen; sie wahrt auch die Formähnlichkeit
(Konformität) der Ländergestalten929 sie ist jedoch nicht flächentreu, da ihr
Maßstab mit der Entfernung vom Äquator wächst.

Page 397

12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen
Naturwissenschaften.
Wie auf dem astronomischen, so machte sich auch auf den übrigen
Gebieten der Naturwissenschaft während des 16. Jahrhunderts das
Bestreben geltend, die Fesseln der Autorität zu sprengen und Beobachtung
und Nachdenken an ihre Stelle zu setzen. Eine zweite epochemachende Tat,
die sich derjenigen des Koppernikus an die Seite stellen ließe, haben wir
jedoch in dieser Periode nicht zu verzeichnen.
Als Physiker ist unter den Zeitgenossen des Koppernikus vor allem
Maurolykus (1494–1575) zu nennen. Er lehrte in Messina und entstammte
einer derjenigen Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels diese
Stadt verlassen hatten, um sich den Verfolgungen der Türken zu entziehen.
Maurolykus machte sich um die Mathematik verdient, indem er in einem
umfangreichen Sammelwerke alles das zusammenfaßte, was er selbst an
mathemathischem Wissen den griechischen und arabischen Schriftstellern
verdankte. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich durch die Herausgabe
der archimedischen Werke, sowie von Schriften des Apollonios, dessen
Lehre von den Kegelschnitten durch ihn sogar erweitert wurde. Sein
mathematisches Können betätigte Maurolykus ferner auf dem Gebiete der
Optik, das sich von jeher für die mathematische Behandlung besonders
geeignet erwiesen hatte. Sein optisches Werk, das er Ȇber Licht und
Schatten« betitelte930, enthält manchen Fortschritt und viele
Richtigstellungen früherer Irrtümer. Maurolykus ist z. B. der erste
Physiker, der die Wirkung der Linse im Auge erklärt, indem er dartut, daß
sich die Strahlen hinter der Linse schneiden. Die Kurz- und Übersichtigkeit
leitet er aus einem übermäßigen oder zu geringen Grad der
Linsenkrümmung ab. Wenn er damit auch nicht ganz das Wesen der Sache
traf, da man heute Unregelmäßigkeiten in den Abmessungen des Augapfels
als den Grund dieser Mängel betrachtet, so erschloß sich doch ein
theoretisches Verständnis der Brillen, die schon seit dem 13. Jahrhundert im
Gebrauch waren.

Page 398

Ein schönes Beispiel, wie verschieden ein und dasselbe Problem in
aristotelischem Sinne und im Geiste der neueren, den wissenschaftlichen
Grundsätzen sich erschließenden Zeit behandelt wurde, bietet die Erklärung
des runden Sonnenbildchens. Es ist eine allbekannte Erscheinung, daß die
Sonnenstrahlen, die durch eine unregelmäßig gestaltete Öffnung senkrecht
auf eine ebene Fläche fallen, dort ein kreisförmiges Bild hervorrufen. Die
Aristoteliker waren mit ihrer Erklärung, welche die Hohlheit des nicht
durch genügende Induktion gestützten philosophischen Denkens treffend
dartut, bald fertig. Sie schrieben die Erscheinung einer »Zirkularnatur« des
Sonnenlichtes zu, setzten also an Stelle der Erklärung ein Wort, welches das
bezeichnet, was zu erläutern ist. Geht man dagegen von der Tatsache aus,
daß jeder Punkt der Sonnenoberfläche Licht aussendet und ein Bild von der
Gestalt der Öffnung gibt, so werden die unzähligen Bilder, die sich
teilweise decken, insgesamt ein Flächengebilde entstehen lassen, das sich
als eine Projektion des leuchtenden Körpers darstellt. Daher muß das
Bildchen bei einer Sonnenfinsternis, der Gestalt der Sonnenscheibe
entsprechend, sichelförmig erscheinen, wie es die Beobachtung auch
dartut931.
Die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildchens aus der »zirkulären
Natur« des Sonnenlichtes ist ein treffendes Beispiel für das, was man eine
»verborgene Qualität«, eine »qualitas occulta« genannt hat. Solch
unbestimmte Begriffe führten die Aristoteliker während des ganzen
Mittelalters, oft genug einer einzigen Erscheinung wegen, ein, wenn sie
eine aus den Tatsachen entspringende Erklärung nicht zu geben
vermochten.
Etwas später fällt die Wirksamkeit des Italieners Johann Baptista Porta
(1538–1615). Dieser Mann ist typisch für diejenige Stufe einer Disziplin,
auf der sie noch nicht zu strengerer Wissenschaftlichkeit gelangt ist. Wir
finden bei Porta und seinen Zeitgenossen, die sich mit physikalischen und
chemischen Dingen beschäftigen, eine Verquickung von Richtigem und
Unrichtigem, von Klarheit mit Mystik und Aberglauben, die heute,
nachdem das Niveau der gesamten Bildung ein so viel höheres geworden
ist, eigentümlich anmutet. Das Streben dieser Männer nach größerer
Einsicht ging ferner mit einem marktschreierischen Treiben Hand in Hand,
durch das sie ihr eigenes Ansehen und das ihrer Wissenschaft den
Zeitgenossen gegenüber heben wollten.

Page 399

Das Buch, in dem Porta, ganz dem Geschmacke seiner Zeit entsprechend,
die Naturwissenschaften behandelt, ist »Die natürliche Magie« betitelt932. Es
ähnelt in manchen Teilen einem modernen Zauberbuche, da es dem
Verfasser nicht selten darauf ankommt, den Leser zu unterhalten oder durch
das Überraschende der Erscheinung in Verwunderung zu setzen. Wichtig
ist, daß Porta in seinem Buche eine von ihm getroffene Verbesserung der
Camera obscura beschreibt. Bis dahin hatte man bei diesem Apparat das
Licht durch eine Öffnung auf einen dahinter befindlichen Schirm fallen
lassen. Porta brachte in der vergrößerten Öffnung eine Linse an, wodurch
die Bilder bedeutend an Schärfe gewannen933.
Von Interesse ist ferner eine von Porta herrührende Einrichtung, den
Dampf zum Heben von Wasser zu benutzen. Das Wasser befindet sich in
einem Gefäß; der Dampf drückt auf die Oberfläche des Wassers und treibt
es durch ein heberartiges, bis auf den Boden tauchendes Rohr aus dem
Behälter heraus. Eine derartige Vorrichtung, die gegen das Dampfrad
Herons keinen wesentlichen Fortschritt bedeutet, als die erste Stufe der
Dampfmaschine zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt. Doch läßt sich nicht
verkennen, daß man durch die von Heron und Porta beschriebenen
Versuche mit der Wirkung gespannter Dämpfe vertraut wurde, und daß
dadurch der Gedanke, diese Wirkung auf die einfachen Maschinen der
Mechanik zu übertragen, allmählich heranreifte. Erst von diesem Fortschritt
an, den wir später zu betrachten haben, kann von einer eigentlichen
Dampfmaschine die Rede sein.
Es zeigt sich hier wie auch bei Galilei und anderen Forschern, daß die
Physik der Gase und der Flüssigkeiten im 17. Jahrhundert besonders infolge
der Anregungen ausgebaut wurde, die man dem Altertum in Herons
Schriften verdankte934. So schuf Porta eine »Pneumatik«, die zwar keine
bloße Wiedergabe der »Pneumatik« Herons ist, indessen auf ihn
zurückgeht935. Auch Schwenter (s. folg. Seite) hat in seinen
»Erquickstunden« manche Angaben Herons, besonders diejenigen, die in
Herons Druckwerken enthalten sind, verwertet. Dasselbe gilt von Schott,
dem Freunde Guerickes, und seiner 1657 erschienenen »Mechanica
hydraulico-pneumatica«. Sogar de Caus, dem die Franzosen die Erfindung
der Dampfmaschine zuschreiben möchten, geht auf Heron zurück936. Selbst
die Wasserkünste der fürstlichen Gärten des 17. Jahrhunderts sind teilweise
den von Heron ausgehenden Anregungen zu verdanken.

Page 400

Auch den magnetischen Erscheinungen wandte man jetzt eine größere
Aufmerksamkeit zu. Indessen gerade dieses Gebiet wurde von Porta und
Männern verwandten Geistes noch außerordentlich mit Mystik und
Aberglauben verwoben. Mit der Deklination, deren Größe Porta für Italien
gleich 9° östlich angibt, war man schon vor Columbus bekannt geworden.
Letzterer machte die Beobachtung, daß sich die Deklination (sie war damals
im ganzen Gebiete des Mittelmeeres östlich) bei einer Reise nach Westen
verringerte und schließlich in eine westliche überging. Auf Grund dieser
Erkenntnis suchte sich Columbus auf seiner zweiten Reise, wenn die
Schiffsrechnung unsicher war, durch einen Vergleich der Deklinationen zu
orientieren. Es war dies der erste, später oft wiederholte Versuch, die
Deklination zur Auffindung der geographischen Länge zu verwerten. Eine
brauchbare Lösung des Längenproblems, das schon Hipparch und
Ptolemäos große Schwierigkeiten bereitet hatte, sollte jedoch nicht auf
diesem Wege, sondern erst durch die Erfindung genauer Chronometer
ermöglicht werden. Das zweite Element des tellurischen Magnetismus, die
Erscheinung nämlich, daß die um eine horizontale Achse drehbare Nadel
eine geneigte Lage einnimmt, hat zuerst der Engländer Norman genauer
beobachtet. Er gab im Jahre 1576 die Größe dieser, als Inklination
bezeichneten Neigung für London zu 71° 50' an937. Auf die wechselnde
Intensität des Erdmagnetismus wurde man dann gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts aufmerksam, so daß erst seit dieser Zeit eine allseitige, auch
das Quantitative in der Erscheinung berücksichtigende Kenntnis dieser
Naturkraft Platz greifen konnte.
Unter den Männern, die etwas später die Naturwissenschaften ganz im
Geiste Portas behandelten, ist Daniel Schwenter zu nennen (geboren
1585; gestorben 1636 als Professor der Mathematik in Altdorf). Sein
bekanntes Werk, »Die mathematischen und philosophischen
Erquickstunden« , ist ein würdiges Seitenstück zu Portas »Magia
938

naturalis« und erscheint besonders geeignet, um den Standpunkt, den die
Naturwissenschaften zumal in Deutschland vor der großen, durch Galilei,
Kepler und ihre Mitarbeiter hervorgerufenen Umwälzung einnahmen,
erkennen zu lassen.
Bezeichnend ist zunächst, daß Schwenter es für nötig hält, die
Beschäftigung mit der Natur gegen den Vorwurf zu verteidigen, es handele
sich dabei um eine unnütze, ja kindliche Tätigkeit. Ein Kind, sagt er, werfe

Page 401

wohl einen Stein ins Wasser und freue sich über die vielen Kreise. Das sei
eine kindliche Freude. Die Ursache dieser Erscheinung nachzuweisen, sei
dagegen kein Kinderwerk. Einige Beispiele mögen dartun, wie
unzulänglich und unbestimmt die Ansichten waren, die man an der
Schwelle des 17. Jahrhunderts noch hegte. Wir werden dann den großen
Fortschritt, den die Wissenschaft um jene Zeit durch die Begründung der
induktiven Forschungsweise erfuhr, um so besser würdigen können. So ist
das ganze Wissen Schwenters über die Fallbewegung in folgenden Sätzen
enthalten939: »Wenn ein Körper fällt, so bewegt er sich um so geschwinder,
je näher er der Erde kommt. Je höher der Körper herabfällt, eine um so
größere Gewalt besitzt er. Denn alles was schwer ist, eilt nach der
Philosophen Meinung unverhindert zu seinem natürlichen Ort, d. i. zum
Zentrum der Erde, wie der Mensch, der in sein Vaterland zurückkehrt, um
so begieriger ist, je näher er kommt, und daher um so mehr eilt. Dazu
kommt noch eine andere natürliche Ursache. Die Luft nämlich, die von der
Kugel zerteilt wird, eilt über der Kugel geschwind wieder zusammen und
treibt sie immer stärker an. Was aber schon bewegt ist, läßt sich leichtlich
weiter und geschwinder bewegen«. Ein Fortschritt dem Aristoteles
gegenüber ist in diesen Auffassungen nirgends zu bemerken. Im Gegenteil,
man muß sie als rein aristotelisch bezeichnen. Nicht minder gilt dies von
Schwenters Auffassung der Wurfbewegung. Er setzt sie aus drei
Bewegungen zusammen, die er als genötigte, als gemischte und als
natürliche Bewegung bezeichnet. Danach treibt z. B. das Pulver die Kugel
in einer genötigten Bewegung schräg aufwärts, bis der höchste Punkt der
Flugbahn erreicht wird. Dann fängt, »nachdem eine solche gewalttätige
Bewegung schier ihr Ende nehmen will, die gemischte Bewegung durch
einen Bogen an«. Endlich gehe die Kugel in die natürliche Bewegung über
und falle senkrecht auf die Erde. Aus dieser Theorie sucht Schwenter die
Erfahrungstatsache abzuleiten, daß die größte Schußweite bei einem Winkel
von 45° erzielt wird.
Interessant sind auch die Bemerkungen über den senkrechten Schuß. Er
verleihe dem Geschoß weit mehr Gewalt als der horizontale Schuß, »weil
das Feuer von Natur über sich begehre«. Wenn ferner das Geschütz in die
Höhe gerichtet werde, so presse die Kugel das Pulver und widerstrebe der
Gewalt des Pulvers auch mehr. Dadurch werde bewirkt, daß sich das Pulver
gleichsam erzürne, ehe es die Kugel austreibe. Endlich werde eine schwere

Page 402

Kugel, welche widerstreben könne, viel weiter getrieben als eine leichte, z.
B. eine solche von Holz, die nicht widerstreben könne.
Die Tatsache, daß die Kugel beim senkrechten Schuß in der Nähe des
Geschützes wieder niederfällt, wird als Beweismittel gegen die
koppernikanische Lehre verwertet940: »So die Kugel 2 Minuten in der Luft
bleibt, müßte indessen der Böller 30 deutsche Meilen gelaufen sein. Dies ist
unmöglich, denn man würde dann keine Kugel mehr finden«. Die
Koppernikaner, sagt Schwenter, seien zwar der Ansicht, die Luft bewege
sich mit der Erde und zwar mit der gleichen Geschwindigkeit wie die Erde.
Die empor geworfene Kugel müsse daher von der Luft getrieben nicht weit
von dem Böller niederfallen. »Es ist aber«, fügt Schwenter hinzu, »nicht
glaublich, ja unmöglich, daß die Luft imstande ist, eine schwere Kugel in
solch kurzer Zeit 30 Meilen fortzutreiben.« Diese Schwierigkeit stand der
Annahme des koppernikanischen Systems also noch 100 Jahre nach seiner
Aufstellung im Wege. Sie konnte erst durch die allgemeine Anerkennung
des Beharrungsgesetzes gehoben werden.
In dem optischen Teil werden die Camera obscura, das Glasprisma, die
Lichtbrechung und der Regenbogen abgehandelt. Trotzdem Schwenter
den letzteren auch an Springbrunnen und an mit Regentropfen bedeckten
Spinnengeweben beobachtet hat, hält er ihn dennoch für ein übernatürliches
Werk. Der Regenbogen ist für ihn »ein Spiegel, in dem der menschliche
Verstand seine Unwissenheit am hellen Tage sehen kann«. Die Physiker
hätten »durch ihr vielfältiges Nachsinnen nichts anderes darin gefunden, als
daß sie noch das Wenigste, so in der Natur verborgen sei, ausspekuliert
hätten«.
Gelegentlich der von ihm für glaubwürdig gehaltenen Erzählung von den
Brennspiegeln des Archimedes bemerkt Schwenter, daß man auch durch
eine Anzahl flacher Spiegel Pulver entzünden könne, wenn man die
Sonnenstrahlen durch die Spiegel sämtlich auf einen Punkt werfe.
In dem Abschnitt, der von der Wärme handelt, beschreibt Schwenter auch
ein Instrument, mit dem man den Grad der Hitze und der Kälte messen
könne. Er bringt in ein Gefäß mit langem Halse etwas Wasser und kehrt das
Gefäß dann unter Wasser um, so daß die Flüssigkeit einen Teil des Halses
füllt. Im Winter, sagt Schwenter, steigt das Wasser hoch herauf, so daß es
fast den ganzen Hohlraum füllt; im Sommer dagegen sinkt es tief herab.

Page 403

Schwenter ist noch mit Porta der Ansicht, daß sich das Wasser durch
einen Heber über hohe Berge leiten lasse. Man solle, meint er, eine Röhre
über den Berg legen und an der höchsten Stelle der Röhre einen Trichter
anbringen. Verstopfe man dann die beiden Mündungen der Röhre, so könne
man sie ganz mit Wasser füllen. Nach diesen Vorbereitungen sei es nur
nötig, die Mündungen gleichzeitig zu öffnen. Das Wasser werde dann fort
und fort aus dem Behälter, in den man die eine Mündung getaucht, durch
die Röhre ausströmen, wenn nur die zweite Mündung tiefer gelegen sei.
Jeder Versuch würde Porta und Schwenter gelehrt haben, daß über einen
»Berg« von 10 Metern Höhe das Wasser nicht durch einen Heber geführt
werden kann.
Daß Schwenter indessen fremde Angaben auch nachprüft, geht aus
manchen Stellen seiner Schrift hervor. So hat ihm jemand mitgeteilt, das
Wasser steige aus einem tiefer befindlichen Gefäß in ein höher gelegenes,
wenn man beide Gefäße durch einen wollenen Faden verbinde. Schwenter
bemerkt dazu: »Ich finde durch den Versuch, daß diese Kunst nicht angeht,
denn es ist damit wie mit einem Heber beschaffen. Das Wasser läuft
nämlich nicht durch das wollene Band, wenn sein Ende nicht tiefer liegt als
der Wasserspiegel, in den das andere Ende eintaucht«.
Wir haben Schwenters Werk etwas ausführlicher behandelt, nicht etwa,
weil es die Wissenschaft durch neue Gedanken oder Entdeckungen
bereichert hätte, sondern weil wenige von den in Deutschland zu Beginn
des 17. Jahrhunderts verfaßten Schriften über das gesamte Gebiet der
Naturlehre so geeignet sind, uns eine Vorstellung von dem Wissensstand
und den Anschauungen zu geben, die damals herrschten. Im gleichen Sinne
wie Porta und Schwenter wirkten während der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts in Deutschland Athanasius Kircher, Kaspar Schott und
andere Männer. Sie alle waren Gelehrte von oft polyhistorischem Wissen,
die uns wohl dickleibige, zur Beurteilung jener Zeit wichtige Folianten
hinterlassen, die Wissenschaft selbst aber weder durch neue Ideen, noch
durch Entdeckungen bereichert haben. Insbesondere der gelehrte Jesuit
Kircher verdient mehr als bloße Erwähnung.
Athanasius Kircher wurde in der Nähe von Fulda im Jahre 1601
geboren. Er wirkte als Professor der Mathematik zunächst an der
Universität Würzburg, später in Rom, wo er 1680 starb. Von Kirchers
zahlreichen Schriften sind besonders drei hervorzuheben, weil sie uns einen

Page 404

Einblick in den damaligen Zustand der Naturwissenschaften gewähren. Es
ist das Werk vom Licht und vom Schatten (Ars magna lucis et umbrae
1646), ferner ein Werk über den Magnetismus (Magnes, sive de arte
magnetica 1643) und drittens die für die Entwicklung der geologischen
Vorstellungen wichtige Schrift über »Die unterirdische Welt« (Mundus
subterraneus 1664).
In dem optischen Werke Kirchers wird u. a. schon auf die Fluoreszenz
hingewiesen. Kircher nahm sie an dem wässerigen Auszug wahr, den man
aus einem mexikanischen Holz, dem »Nierenholz«, herstellt941. Diese
Lösung zeigte im auffallenden Lichte eine tiefblaue Farbe, während die
Flüssigkeit beim Hindurchblicken farblos wie Brunnenwasser aussah. Unter
Umständen erschien sie auch grün oder rötlich. Eine Erklärung dieser
auffallenden Erscheinung vermochte Kircher nicht zu geben.
Sehr ausführlich handelt er von dem bononischen (Bologneser) Leuchtstein.
Ein Alchemist hatte den in der Nähe von Bologna vorkommenden
Schwerspat unter Beimengung reduzierender Mittel im Ofen erhitzt und
wahrgenommen, daß der Rückstand im Dunkeln leuchtet, wenn er vorher
von der Sonne beschienen wurde. Die Entdeckung942 erregte, wie
begreiflich, das größte Aufsehen. Auch Galilei beschäftigte sich damit. Er
meinte, sie spreche deutlich gegen die Ansicht, daß das Licht eine
unkörperliche Qualität sei, weil der Stein das Sonnenlicht aufnehme, als ob
es ein Körper wäre, und es nach und nach wieder zurückgebe. Kircher ist
derselben Meinung. Er stellte den Bologneser Stein her, indem er den Spat
mit Eiweiß und Leinöl mischte und das Gemenge glühte.
Überraschende Entdeckungen sind fast immer in ihrer Tragweite
überschätzt und zu kühnen, nicht stichhaltigen Erklärungen verwertet
worden. Dies gilt auch von dem Bologneser Leuchtstein. So schrieb
Kircher dem Auge die gleichen Eigenschaften zu, die dieser Stein besitzt,
um die von ihm zuerst geschilderten physiologischen oder subjektiven
Farben zu erklären. Gemeint ist die Erscheinung, daß das Auge, nachdem es
längere Zeit auf farbige Gegenstände und dann auf eine weiße Fläche
gerichtet wird, die Umrisse jener Gegenstände in gewissen Farben erblickt.
Dies sollte daher rühren, daß das Auge, wie der Leuchtstein, das Licht
einsauge und es allmählich wieder ausstrahle. Ein Zeitgenosse Kirchers
suchte sogar das graue Licht des von der Sonne nicht beleuchteten Teiles

Page 405

der Mondoberfläche durch die Annahme zu erklären, daß auch der Mond
ein Bologneser Stein sei.
Von gutem Beobachtungsvermögen zeugen Kirchers Bemerkungen über
den Farbenwechsel des Chamäleons. Er brachte das Tier auf weiße und rote
Tücher und zeigte, daß sein Farbenwechsel dadurch beeinflußt wird.
Bei Kircher begegnet uns ferner eine genaue Beschreibung der Laterna
magica. Man hat ihn daher als den Erfinder dieses Apparats bezeichnet,
wahrscheinlich aber mit Unrecht943. Kircher bediente sich schon der
transparenten Glasbilder. Ein erbauliches Beispiel für seinen theologischen
Eifer möge nicht unerwähnt bleiben. Die Zauberlaterne erscheint ihm
nämlich als ein vortreffliches Mittel, Gottlose durch Vorführung des Teufels
auf den rechten Weg zurückzubringen.
Kirchers Werk über den Magneten steht hinter der viel früher
erschienenen, den gleichen Gegenstand behandelnden Schrift des
Engländers Gilbert weit zurück. Hervorzuheben ist Kirchers Verfahren,
mittelst der Wage die Tragkraft des Magneten zu bestimmen. Auch stellt er
die durch Jesuitenmissionäre im Auslande gemachten Beobachtungen über
Größe und Änderungen der Deklination in einer Tabelle zusammen. Wie
kritiklos indessen auch auf diesem Gebiete Kircher und Schwenter
häufig verfahren, geht daraus hervor, daß sie die alte Fabel, daß der Magnet
durch gewisse Pflanzen seine Kraft verliere, ohne Nachprüfung aufnehmen.
Der Magnet verliert, sagt Schwenter, durch Feuer und durch Knoblauch
seine Kraft. »Wie die Erfahrung bezeugt« setzt er sogar hinzu.
Wie Schwenter handelt Kircher im übrigen bei der Besprechung der
magnetischen Erscheinungen oft von Spielereien, deren Schilderung mit
starken Übertreibungen und Fabeln aller Art durchsetzt ist. Beide
Schriftsteller erörtern beispielsweise die Möglichkeit, vermittelst des
Magneten eine Art Telegraphie zu bewerkstelligen. Zwei Personen, von
denen die eine in Paris, die andere in Rom sein könne, müsse man mit
kräftigen Magneten ausrüsten. Bei genügender Stärke werde der eine
Magnet auf den anderen zu wirken vermögen. Es sei dann nur erforderlich,
unter jeder Nadel eine Scheibe mit Buchstaben anzubringen. Der
Sprechende habe nur seine Nadel auf die verschiedenen Buchstaben
einzustellen, um die Nadel des Empfängers zu den gleichen Einstellungen
zu veranlassen. Kurz, es ist der Grundgedanke des Zeigertelegraphen, der

Page 406

uns hier entwickelt wird. Nur schade, daß das Mittel zur Übertragung nicht
ausreichte. Das sah auch Schwenter ein, denn er fügt hinzu: »Die
Invention ist schön, aber ich achte nicht davor, daß ein Magnet solcher
Tugend auf der Welt gefunden werde.«
Das bedeutendste Ereignis der folgenden Periode ist die Begründung der
Dynamik durch Galilei. Auch dies geschah nicht unvermittelt. Fanden sich
schon bei Lionardo da Vinci klare, wenn auch noch nicht hinreichend
durchgearbeitete Begriffe auf diesem Gebiete der Physik, z. B. bezüglich
des Fallens über die schiefe Ebene944 vor, so mehren sich die Ansätze, je
weiter wir uns dem Auftreten Galileis nähern. Vor allem greift eine
bessere, schon auf physikalischen Grundsätzen beruhende Auffassung der
Wurfbewegung Platz. Man erkennt, daß die Bahn des geworfenen Körpers
eine einzige krumme Linie ist, nicht aber aus geraden und krummen
Stücken besteht, wie die Peripatetiker behaupteten, sowie daß die größte
Wurfweite bei einem Elevationswinkel von 45° erzielt wird945. Auch die
Meinung der Aristoteliker, daß ein Körper um so schneller falle, je schwerer
er ist, wird schon vor Galilei, der sie glänzend widerlegt, durch den
Italiener Tartaglia erschüttert. Dieser lehrte, daß Körper von
verschiedenem Gewicht beim freien Fall in gleichen Zeiten gleiche
Strecken zurücklegen, sowie daß ein im Kreise geschwungener Gegenstand
beim Aufhören der Zentralbewegung sich in tangentialer Richtung
fortbewegt.
Obwohl man solche Vorarbeiten als die Anzeichen des beginnenden
Umschwunges hoch bewerten muß, ist doch erst Galilei als der eigentliche
Begründer der Dynamik zu betrachten, weil durch ihn wie mit einem
Schlage fast alles beseitigt wurde, was jener Wissenschaft an
Verschwommenheit und aristotelischer Betrachtungsweise noch anhaftete.
Für die Chemie sollte ein entsprechender Fortschritt noch lange auf sich
warten lassen. Zwar wurde er hier durch anerkennenswerte Leistungen weit
mehr vorbereitet als die fast unvermittelt uns entgegentretenden
Errungenschaften Galileis. Die Umgestaltung zur exakten Wissenschaft
vollzog sich aber trotzdem auf dem Gebiete der Chemie erst im Verlauf des
18. Jahrhunderts. Während nämlich die Grundlagen der Mathematik, der
Astronomie und der Statik der neueren Epoche schon in wissenschaftlicher
Gestalt vom Altertum überliefert wurden, war die Alchemie, deren
Grundlagen zwar auch im Altertum, wenn auch erst in den letzten

Page 407

Jahrhunderten dieses Zeitraums entstanden, doch im wesentlichen ein
Erzeugnis des Mittelalters und, dem Hange jener Zeit entsprechend, durch
mystische Zusätze stark getrübt. Wie Roger Bacon und Albertus
Magnus wandelten die Vertreter der Chemie zu Beginn der neueren Zeit
noch ganz in den vom Mittelalter vorgezeichneten Bahnen. An den Stein
der Weisen, dessen Herstellung nach wie vor das Hauptziel aller
Bemühungen blieb, knüpfte man die abenteuerlichsten Hoffnungen. Der
Stein sollte nicht nur, wie bei den älteren Alchemisten, beim
Zusammenschmelzen mit unedlen Metallen Gold erzeugen, und zwar
unbegrenzte Mengen, oder wenigstens 1000 × 1000 Teile, sondern er sollte
auch das Leben verlängern, dem Alter die Jugend zurückgeben und alle
Krankheiten heilen. Doch begegnen uns diese Vorstellungen auch schon in
weit früherer Zeit946.
Von der Überzeugung, daß die Darstellung der Materia prima gelungen, und
Gold mit ihrer Hilfe dargestellt sei, war man übrigens fest durchdrungen.
Die Alchemie erlangte sogar eine gewisse politische Bedeutung. An den
Fürstenhöfen besaßen Männer, die sich angeblich im Besitze des
Geheimnisses befanden, großen Einfluß. Nachdem z. B. die englische
Regierung die Gelehrten und die Geistlichen aufgefordert hatte, die Hilfe
Gottes zu erflehen, damit die Herstellung des Steins der Weisen endlich
gelinge und man die Staatsschulden bezahlen könne947, gedieh die Sache
bald darauf schon weiter. Dasselbe Land nahm nämlich keinen Anstand, aus
alchemistischem Golde geprägte Münzen in Umlauf zu bringen. Doch war
man, zumal in den geschädigten Nachbarländern, aufgeklärt genug, um bald
zu erkennen, daß es sich hier um eine arge Täuschung handelte948.
So bildete denn während des langen Zeitraums von mehr als einem
Jahrtausend das Suchen nach Gold949 die treibende Kraft für die chemische
Wissenschaft. Denn als eine Wissenschaft müssen wir die Chemie auf jener
Entwicklungsstufe gelten lassen, wenn auch als eine rein empirisch
betriebene. Wurden doch während dieses ausgedehnten Zeitraums eine
unübersehbare Fülle von Tatsachen über das chemische Verhalten der
Körper beobachtet, eine Unzahl neuer Verbindungen hergestellt, die
wichtigsten chemischen Operationen ausgebildet, kurz eine breite
Grundlage geschaffen, die für die spätere Errichtung eines Lehrgebäudes
ganz unerläßlich war. Wir dürfen ferner bei der Beurteilung der
Alchemisten nicht vergessen, daß viele von ihnen von einem heißen, wenn

Page 408

auch noch unklaren Streben nach dem Eindringen in die für sie mit dem
tiefen Schleier des Geheimnisvollen und Unerklärlichen verhüllte Natur
erfüllt waren und weiter, daß auch heute noch die Hoffnung auf materiellen
Gewinn oder wenigstens auf Nutzen für das Gemeinwohl für sehr viele
wissenschaftliche Unternehmungen, insbesondere für diejenigen, welche
der Staat mit seinen Mitteln fördert, die wichtigste Triebfeder ist.
Zu den eifrigsten Beschützern der Alchemisten und der Astrologen gehörte
der deutsche Kaiser Rudolf II., der auf den Lebensgang des großen
Kepler einen solch tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat. Als Rudolf II. im
Jahre 1612 starb, fand man in seinem Nachlaß große Mengen Gold und
Silber, die als Erzeugnisse der alchemistischen Kunst betrachtet wurden.
Wenige Jahre später berichtet van Helmont, ein Mann, von dessen
Ehrlichkeit in wissenschaftlichen Dingen wir überzeugt sein dürfen, der
aber ein ganz unklarer Phantast war, daß es ihm gelungen sei, acht Unzen
Quecksilber mit 1/4 Gran der gesuchten Substanz, die auf eine etwas
mysteriöse Weise in seine Hände gelangt war, in Gold zu verwandeln.
Unter den ersten, die sich von der Alchemie, wie auch von der Astrologie,
abwandten, ist der an anderer Stelle wegen seiner Verdienste um die
Geologie genannte Franzose Palissy (1510 bis 1590) zu nennen. Für
seinen Zeitgenossen Rabelais waren die Astrologen und die Alchemisten
sogar ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden Spottes. Etwa zur selben
Zeit wandte sich auch Lionardo da Vinci gegen die »lügnerische und
verderbliche Kunst der Alchemie und ihre betrügerischen Anhänger«. Er
bestritt, daß Schwefel und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien und
erklärte die künstliche Darstellung des Goldes für ebenso unmöglich wie
die Quadratur des Kreises und das Perpetuum mobile950.
Daß die alchemistischen Bestrebungen stets von neuem Nahrung fanden,
und sich bis in das 18. Jahrhundert951 hinein fortsetzen konnten, so daß wir
auf sie noch zurückkommen müssen, darf unter solchen Umständen nicht
wundernehmen. Die Chemie erhielt jedoch in dieser Periode, wenn sich ihr
Gesamtcharakter zunächst auch wenig änderte, eine Anregung, die für ihre
weitere Entwicklung von Bedeutung werden sollte. Als zweite wichtige, die
Erzeugung des Steines der Weisen immer mehr in den Hintergrund
drängende Aufgabe wurde es nämlich betrachtet, geeignete Präparate zum

Page 409

Heilen der Krankheiten herzustellen. Es beginnt damit das Zeitalter der
medizinischen oder Jatrochemie.
Der Hauptvertreter der Jatrochemie war Paracelsus. Dieser merkwürdige
Mann, dessen Lebenslauf hier nicht eingehender betrachtet werden kann,
wenn er auch ein Stück Kulturgeschichte zu entrollen geeignet ist, wurde im
Jahre 1493 zu Einsiedeln in der Schweiz geboren. Theophrastus
Paracelsus (von Hohenheim) bekleidete eine Zeitlang eine Professur in
Basel, führte jedoch im übrigen ein unstätes Leben, bis er 1541 gänzlich
mittellos starb. Sein ganzes Auftreten kennzeichnet ihn als einen Vertreter
des reformatorischen Geistes jener Zeit, der sich keineswegs auf das
kirchliche Gebiet beschränkte. Insbesondere wandte sich Paracelsus gegen
die anerkannten wissenschaftlichen Autoritäten, die bislang auf dem
Gebiete der Chemie und dem der Medizin gegolten hatten. Paracelsus
spricht es unumwunden aus, daß der wahre Zweck der Chemie nicht darin
bestehe, Gold zu machen, sondern daß es ihre Aufgabe sei, Arzneien zu
bereiten, die man bis dahin nach dem Vorgange Galens fast ausschließlich
dem Pflanzenreiche entnommen hatte. In etwas theatralischer Weise
übergab Paracelsus, als er seine Vorlesungen in Basel gegen alles
Herkommen in deutscher Sprache eröffnete, ältere Werke, deren Inhalt er
bekämpfte, den Flammen. Und zwar geschah dies, bald nachdem Luther
die Brücke dadurch hinter sich vernichtet hatte, daß er die päpstliche
Bannbulle öffentlich verbrannte.
Paracelsus hat bis vor kurzem als umherschweifender, dem Trunke
ergebener Charlatan gegolten. Die neuere Paracelsusforschung952 hat mit
dieser Auffassung gebrochen. Der Wandertrieb des Paracelsus ist aus einer
gründlichen Abkehr vom herkömmlichen Bücherstudium und aus seinem
Triebe zur Naturerkenntnis zu erklären. Paracelsus begründet sein ihm oft
zum Vorwurf gemachtes Verhalten mit folgenden Worten: »Mir ist not, daß
ich mich verantworte von wegen meines Landfahrens. Daß ich so gar
nirgends bleiblich bin, zeichnet den Weg derer, die den Büchern den
Rücken wenden und in die Natur hinaustreten. Mein Wandern hat mir wohl
erschlossen, daß keinem sein Meister im Haus wachset noch seinen Lehrer
hinter dem Ofen hat. Die Künste sind nicht verschlossen in Eines Vaterland,
sondern ausgeteilt durch die ganze Welt, sie sind nicht in einem Menschen
oder an einem Ort, sie müssen zusammengeklaubt werden und gesucht, da
sie sind. Die Kunst geht keinem nach, aber ihr muß nachgegangen werden.

Page 410

Wie mag hinter dem Ofen ein guter Kosmographus wachsen oder ein
Geograph?« An einer andern Stelle sagt er: »Die Weisheit ist eine Gabe
Gottes. Da er sie hingibt, in demselbigen soll man sie suchen. Also auch da
er die Kunst hinlegt, da soll sie gesucht werden ... Die Schrift wird
erforschet durch ihre Buchstaben, die Natur aber von Land zu Land, so oft
ein Land so oft ein Blatt. Also ist Codex Naturae, also muß man ihre Blätter
umkehren«953.
Paracelsus verhielt sich den Anhängern Luthers und Zwinglis
gegenüber ebenso ablehnend wie gegen das Papsttum und seine Lehre. Er
stand über den kirchlichen Streitereien seiner Zeit. Seine Frömmigkeit war
eine rein menschliche, sein Herz erfüllt von der Liebe zum Nächsten. Diese
solle die Berufstätigkeit des Arztes durchdringen954.
Am größten ist der Einfluß des Paracelsus auf die damalige, häufig nur
auf verderbter Überlieferung der alten Literatur beruhende Heilkunde
gewesen. Die Werke Galens, das hervorragendste Erzeugnis der antiken
Heilwissenschaft, hatten nämlich einen großen Umweg gemacht, um nach
Mitteleuropa zu gelangen. Die Araber hatten sie überliefert. Die
Erläuterungen waren vorzugsweise in Spanien und Italien entstanden, und
schließlich waren Galens Werke noch in jenes barbarische Latein
übertragen, das vor dem Emporblühen des Humanismus die Schriftsprache
der mitteleuropäischen Universitäten war. Als Lehrbuch wurde besonders
der um das Jahr 1000 entstandene Kanon des Avicenna (Ibn Sina) benutzt,
ein umfangreiches Werk, welches das Ganze der antiken und
frühmittelalterlichen Chemie und Medizin umfaßte955.
Diesem Zustande machte Paracelsus durch sein kühnes Auftreten ein
Ende. Er war es, der zuerst die in bloßer Buchgelehrsamkeit erstarrte
Heilkunde wieder als reine Erfahrungswissenschaft auffassen lehrte956. Im
Verkehr mit Bergleuten, Handwerkern und den auf sich angewiesenen, der
Natur noch unbefangen gegenüberstehenden Bewohnern einsamer Wälder
und Gebirge sammelte er seine Kenntnisse. Der Natur müsse man
nachgehen von Land zu Land, und die Augen, die »an der Erfahrenheit
Lust« hätten, seien die wahren Professoren. In Paracelsus lebte ein tiefer
Geist, der aber »von dem einen Punkte, den er ergriffen, die Welt erobern zu
können meinte: viel zu weit ausgreifend, selbstgenügsam, trotzig und
phantastisch«957. Auf die wunderlichen medizinischen Vorstellungen des
Paracelsus näher einzugehen, nach denen z. B. eine schaffende Kraft alle

Page 411

Lebenstätigkeiten regelt, ihrerseits aber wieder in einem engen
Zusammenhange mit den Gestirnen steht, verbietet sich von selbst. Die
Verbindung der Heilkunde mit der Chemie ergibt sich nach Paracelsus
daraus, daß die Krankheiten auf Änderungen in der chemischen
Zusammensetzung des Körpers zurückzuführen seien. Chemisch wirksame
Mittel müßten also den normalen Zustand wieder herbeiführen können. Alle
Krankheiten sind von diesem Gesichtspunkte aus entweder durch Zufuhr
oder durch Beseitigung des im gegebenen Falle in Betracht kommenden
Elementes heilbar. Fieber wird auf ein Überwiegen von Sulfur (Schwefel),
Gicht auf die Ausscheidung von Mercurius (Quecksilber) zurückgeführt,
Elemente, die nach der Lehre des Paracelsus neben Sal (Salz) die
Grundbestandteile aller Dinge sind. Kupfervitriol, Quecksilberchlorid, die
schon vor Paracelsus als Heilmittel empfohlenen Verbindungen des
Antimons und zahlreiche andere, teils giftige, teils ungiftige Präparate
wandern damit in das Arsenal der ärztlichen Heilmittel. Aus den oben
genannten drei Elementen sind nach Paracelsus alle Mineralien, Pflanzen
und Tiere zusammengesetzt. Es ist im wesentlichen die alte, auf die
aristotelischen Elemente zurückzuführende Lehre der Alchemisten. Der
Sulfur war für Paracelsus das Prinzip der Verbrennlichkeit, Mercurius
bedingte die Verflüchtigung, Sal endlich galt als der feuerbeständige Anteil,
der nach dem Verbrennen übrig bleibt.
Seit dem Zeitalter der Jatrochemie entwickelt sich der Stand der chemisch
vorgebildeten Pharmazeuten, aus dem manches für den weiteren Ausbau der
Wissenschaft bedeutende Talent hervorgegangen ist. Waren doch seit dem
Verschwinden der schwarzen Küche der Adepten bis gegen das Ende des
18. Jahrhunderts die Apotheken vorzugsweise diejenigen Stätten, von denen
die praktische Beschäftigung mit der Chemie und die Fortbildung dieser
Wissenschaft ihren Ausgang nahmen.
Schon Kaiser Friedrich II. erließ eine Verordnung, nach der die Arznei
genau nach Vorschrift des Arztes und zwar zu einem bestimmten Preise
herzustellen war. In Deutschland entstanden die ersten eigentlichen
Apotheken erst gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Einrichtung
breitete sich indessen nur langsam aus, denn die Gründung der ersten
Apotheke in Berlin erfolgte erst im Jahre 1488. Weit später folgten die
nordischen Länder (Schweden 1552)958.

Page 412

Mit der Entwicklung der Chemie ist das Emporblühen der Mineralogie stets
eng verknüpft gewesen. Um 1500 begegnet uns das erste, sogar deutsch
geschriebene mineralogische Lehrbuch, das nicht ein bloßer Abklatsch der
aus dem Altertum überkommenen Werke ist, sondern Selbständigkeit und
Beobachtungsgabe verrät. Es führt den Namen »Bergbüchlein«959 und wurde
dem lange Zeit als Verfasser zahlreicher chemischer Schriften geltenden
Basilius Valentinus zugeschrieben. Wir haben es indessen bei diesem
nicht mit einer historischen, sondern mit einer erst später (um 1600)
erdichteten Persönlichkeit zu tun.
Auch Paracelsus schrieb über die Mineralien. Als der eigentliche Vater der
neueren Mineralogie ist jedoch Georg Bauer zu betrachten. Er wurde
1494 in Zwickau geboren, wo er auch einige Jahre als Rektor einer Schule
vorstand, und nannte sich, nach der damaligen Gelehrtenmode seinen
Namen latinisierend, Agricola. Später studierte er in Leipzig und Italien
Heilkunde und wirkte von 1527 an zuerst in Joachimstal, später in
Chemnitz als Arzt. Er starb im Jahre 1555.
Das Interesse für den Bergbau und das Hüttenwesen seiner Heimat
bewogen Agricola, die Zeit, welche der Beruf ihm übrig ließ, auf die
Beobachtung jener Zweige der Gewerbtätigkeit zu verwenden und alles,
was er vorfand, mit den mineralogischen Kenntnissen der Alten, deren
Schriften ihm bekannt waren, zu vergleichen. Agricolas Aufmerksamkeit
wurde auch dadurch auf die Mineralogie gelenkt, daß in der alten Literatur
metallische Heilmittel erwähnt werden, deren man sich besonders bei
äußeren Krankheiten bediente. Er sammelte daher alle mineralogischen
Kenntnisse der Alten in der Hoffnung, damit seinen, im gewerblichen
Leben stehenden Zeitgenossen nützen zu können. Zu seinem Erstaunen
ward er aber gewahr, daß ohne jedes Zutun der zunftmäßigen Wissenschaft
in den deutschen Gebirgsländern eine Kenntnis der Metalle, Mineralien und
Gesteine, sowie der metallurgischen Prozesse entstanden war, die eine neue,
den Alten fast unbekannte Welt bedeutete. Es galt nur, die Erfahrungen,
Entdeckungen und Erfindungen, die man im Verlauf des Mittelalters
gemacht hatte, in der Sprache der Gelehrten darzustellen, um so eine neue
Wissenschaft den früheren anzureihen. »Dies getan zu haben und zwar mit
eigener Einsicht und dem unabhängigen Eifer, der allein wissenschaftliche
Erfolge zu sichern vermag, ist Agricolas Verdienst. Er hatte das Glück,
nicht Anfänge oder zweifelhafte Versuche, sondern erprobte und

Page 413

zusammenhängende Kenntnisse, beinahe Systeme der Mineralogie und der
Metallurgie darbieten zu können, die eine Grundlage der späteren Studien
geworden sind960.«
Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann Agricola nicht betrachtet
werden. Jedenfalls sprach er sich offen gegen ihre Grundlehre aus, daß die
Metalle aus Sulfur und Mercurius beständen. Auch äußerte er sich über die
Möglichkeit der Metallverwandlung sehr zurückhaltend. Die Ergebnisse
seiner Bemühungen legte Agricola in mehreren Schriften nieder, die, wie
Werner, der Lehrer Alexanders von Humboldt und Leopolds von
Buch dankbar anerkannte, das Fundament der Mineralogie bis zur
neuesten, insbesondere durch die drei genannten Forscher begründeten
Epoche dieser Wissenschaft gewesen sind. Das bedeutendste unter den
Werken Agricolas ist das erst im Jahre 1556 vier Monate nach dem Tode
des Verfassers erschienene Bergwerksbuch961. Es bietet ein vollständiges
Bild des damaligen Berg- und Hüttenwesens, sowie der Probierkunde und
enthält zahlreiche treffliche Holzschnitte, die nicht nur die
hüttenmännischen Prozesse, sondern auch geologische Einzelheiten, wie
Erzgänge, Durchsetzungen, Verwerfungen usw. darstellen.

Abb. 63. Hüttenwerk nach Agricola.

Die Verwendung des Kompasses zu bergmännischen Zwecken wird in dem
Buche zum ersten Male geschildert. Agricola bringt auch eine Abbildung
des bergmännischen Kompasses. Das Verfahren, mit seiner Hilfe Gruben

Page 414

anzulegen nennt er Marktscheidern. Etwas später begegnet uns die erste
ausführliche Anleitung zu dieser Kunst962.
Die maschinellen Einrichtungen, die Agricola beschreibt, unterscheiden
sich nur wenig von den aus dem Altertum bekannten. Doch tritt schon
deutlich das Bemühen hervor, an die Stelle der Menschenkraft diejenige der
Tiere oder der unorganischen Natur zu setzen. Die Pumpen z. B. werden
durch Wasserkraft betrieben, ebenso größere Hämmer, wie die aus
Agricolas Werk herrührende Abb. 63 erkennen läßt. Die
Ventilationsapparate werden durch den Wind in Bewegung gesetzt usw.
Man faßte also im Mittelalter die großen Aufgaben, welche der Technik
harrten, schon ins Auge, wenn auch die Lösungen, zu denen man gelangte,
noch recht unvollkommen waren963.
Von den neueren metallurgischen Verfahrungsweisen erwähnt Agricola
auch den Amalgamationsprozeß, der für die Ausbeutung der neuentdeckten,
an Gold und Silber reichen Länder Amerikas später eine solch große
Bedeutung gewinnen sollte. Zwar war man schon im Altertum mit dem
Verhalten des Quecksilbers gegen Gold und Silber bekannt. Die
Verwendung des erstgenannten Metalles zur Gewinnung der Edelmetalle
aus dem Muttergestein blieb jedoch der Neuzeit vorbehalten. Erfunden ist
das Amalgamationsverfahren in Deutschland964. In großem Maßstabe wurde
es aber zuerst in Mexiko965 und in Peru966 angewandt. D'Acosta beschrieb es
in seiner Natur- und Sittengeschichte Indiens967, die uns auch über die ersten
Entdeckungen auf botanischem und zoologischem Gebiete Auskunft gibt.
Das Silbererz wurde der Einwirkung von Kochsalz und Quecksilber
ausgesetzt und das gewonnene Amalgam durch Erhitzen zerlegt. Agricola
bringt auch Mitteilungen über das Erdöl968.
Zu der Zeit, als Agricola schrieb, glaubte man noch allgemein, die Welt sei
noch heute im wesentlichen in dem Zustande, in dem Gott sie erschaffen
habe. War es doch kein geringes Wagnis, dem in der Bibel enthaltenen
Schöpfungsbericht zu widersprechen, an dem selbst die Gebildeten damals
blindlings festhielten969. Dem gegenüber vertrat Agricola die Anschauung,
daß die Gesteine und die Mineralien den Naturkräften ihren Ursprung
verdanken. Durch welche Kräfte er sich die Berge entstanden denkt,
schildert er mit folgenden Worten970: »Da wir sehen, daß die Gänge durch
das Gestein der Gebirge gehen, so muß ich zunächst die Entstehung der
letzteren und darauf den Ursprung der Gänge auseinandersetzen. Die Hügel

Page 415

und die Berge werden durch zwei Ursachen hervorgebracht, nämlich durch
den Andrang der Gewässer und durch die Kraft der Winde. Zerstört und
aufgelöst werden die Hügel und die Berge durch drei Ursachen, denn zu
den beiden soeben genannten kommt noch die innere Glut der Erde hinzu.
Daß die Gewässer die meisten Berge erzeugen, liegt klar vor Augen. Sie
spülen zunächst die weiche Erde fort. Dann reißen sie die härtere Erde weg
und endlich wälzen sie die Steine herab. Indem sie auf diese Weise
Höhlungen hervorrufen, bewirken sie in vielen Menschenaltern, daß das
stehenbleibende Land bedeutend hervorragt. Von dem steilen Abhang
solcher Hervorragungen werden dann durch häufige Regengüsse erdige
Massen so lange abgelöst, bis sich ein steiler Abhang in einen geneigten
verwandelt.« Agricola schildert somit schon ganz zutreffend den
talbildenden Vorgang, den man als Erosion bezeichnet, sowie die Abtragung
der Gebirge. Hätte er schon eine Vorstellung von der gebirgsbildenden
Tätigkeit des Vulkanismus gehabt, so würden seine Anschauungen sich den
heutigen noch mehr genähert haben. Er fährt dann fort: »Auch die
Vertiefungen, die jetzt die Meere aufnehmen, waren einst nicht sämtlich
vorhanden. An vielen Stellen war Land, bevor die Kraft der Winde das in
der Brandung aufbrausende Meer in das Land hineintrieb. In gleicher Weise
zerstört auch der Andrang der Gewässer die Hügel und die Berge
vollständig. Obgleich all diese Veränderungen in großem Maße stattfinden,
bemerkt man sie gewöhnlich nicht, da sie infolge der langen Zeiträume, die
sie beanspruchen, aus dem Gedächtnis der Menschen schwinden.«
Diese Worte erinnern an diejenigen des Aristoteles (S. 124), den
Agricola an vielen Stellen seiner Schriften zitiert.
Auch Avicenna (S. 312) hat eine Theorie der Entstehung der Gebirge
gegeben, die mit derjenigen Agricolas fast übereinstimmt, weil beide
direkt oder durch Vermittlung auf dieselben alten Schriftsteller
zurückgingen. Über die Ansichten Avicennas berichtet Lyell 971.
Danach erwähnt Avicenna als Ursache der Gebirgsbildung die Erdbeben,
durch die »Land erhoben wird und einen Berg bildet«. Eine weitere Ursache
ist nach ihm wie nach Agricola »die Aushöhlung durch Wasser, wodurch
Hohlräume entstehen und bewirkt wird, daß das angrenzende Land
hervorragt und ein Gebirge bildet«.

Page 416

Die zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften unter dem Einfluß der
antiken Schriftsteller entstandenen geologischen Elemente fanden ihre
Fortsetzung besonders durch Steno, von dem an einer späteren Stelle die
Rede sein wird.
Ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Bergwerksbuches veröffentlichte
Agricola sein grundlegendes Buch über die Mineralien972. In diesem Werk
begründete er das erste, auf den äußerlichen Kennzeichen beruhende
Verfahren zum Bestimmen der Mineralien. Trotz aller Unvollkommenheiten
verdient es doch Beachtung, weil die späteren Versuche von dem System
Agricolas ausgingen. Agricola berücksichtigt Farbe, Glanz,
Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch und die Wirkung auf den Tastsinn
(Fettigkeit, Glätte, Rauhigkeit usw.). Ferner kommen für ihn als Mittel zur
genauen Beschreibung der Mineralien die Zähigkeit, Biegsamkeit, Schwere
und Spaltbarkeit in Betracht. Seine Angaben über die Gestalt der Mineralien
sind noch sehr unbestimmt. Er unterscheidet tafelförmige, eckige (drei- bis
sechseckige und vieleckige) und gewissen Gegenständen ähnliche
Mineralien (pfeilförmig, sternförmig, linsenförmig usw.). Die
Brauchbarkeit dieser Übersicht wurde für spätere Mineralogen dadurch
erhöht, daß jedes der erwähnten Kennzeichen nicht nur angegeben, sondern
durch typische Mineralien erläutert und auf diese Weise gute
Vergleichspunkte geschaffen wurden.
Schon während des Altertums hatte man die Versteinerungen von den
Mineralien unterschieden und erstere ganz richtig als die Überreste
organischer Wesen gedeutet. Im Mittelalter dagegen war man auf Grund der
aristotelischen Lehre von der elternlosen Zeugung niederer Tiere zu der
sonderbaren Vorstellung gelangt, daß die Versteinerungen einem im
Erdinnern wirkenden Bildungstrieb, einer vis plastica oder formativa, ihren
Ursprung verdankten973. Es dauerte Jahrhunderte, bis die im 15. Jahrhundert
wieder auflebende Wissenschaft sich von dieser Lehre frei zu machen
wußte. Ihren letzten Ausläufern begegnen wir sogar noch um die Mitte des
18. Jahrhunderts. Nach Agricolas Auffassung waren also die
Versteinerungen Überreste von Organismen. Insbesondere macht Agricola
diesen Ursprung für fossiles Holz, Blattabdrücke, Knochen und die
bekannten Fischabdrücke des Mannsfelder Kupferschiefers geltend.
Dagegen hält er die in den Gesteinen eingeschlossenen Muscheln,
Ammonshörner und Belemniten für »verhärtete Wassergemenge.«

Page 417

Auch in Frankreich und in Italien, wo es geringere Schwierigkeiten bot, die
Ähnlichkeit fossiler Konchylien mit noch jetzt in den benachbarten Meeren
lebenden Arten zu erkennen, neigten aufgeklärte Zeitgenossen Agricolas
der richtigen Annahme zu, daß die Versteinerungen organischen Ursprungs
seien. Erst als die Geologie ihr Hauptziel in der Deutung des mosaischen
Schöpfungsberichtes erblickte und die Versteinerungen für die wichtigsten
Zeugen der Sintflut ausgab, fand diese Lehre allgemeinen Anklang. Die
heute geltende Ansicht findet sich wohl zuerst bei Lionardo da Vinci und
vor allem bei dem in Verona lebenden Arzt Fracastoro (1483–1553) ganz
klar ausgesprochen. Als man in Verona, bei der Errichtung von Bauten,
Muscheln aus dem Erdinnern zutage förderte, erklärte Fracastoro, daß es
sich hier weder um die Schöpfungen einer vis plastica noch um Zeugen der
Sintflut handeln könne. Etwaige Beweisstücke einer allgemeinen
Überflutung müßten nämlich, wie er ausführt, die Oberfläche der Erde
bedecken, während die gefundenen Dokumente tief im Boden gefunden
seien. Als einzige Annahme bleibe übrig, daß die Versteinerungen von
Geschöpfen herrühren, die an der Stelle, wo sie sich befinden, früher gelebt
haben und so erkennen lassen, daß das Meer einst dort wogte, wo jetzt
festes Land ist.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts begegnen uns auch die ersten, mit
Abbildungen versehenen Werke über Versteinerungen, unter denen
dasjenige Gesners, des deutschen Plinius, hervorzuheben ist974. Allerdings
gelangte auch er hinsichtlich der Versteinerungen zu keiner klaren Ansicht.
Er vergleicht sie zwar mit Pflanzen und Tieren, ohne sie indessen bestimmt
als Überreste organischer Wesen anzusprechen975.
Den Standpunkt Fracastoros vertrat unter den Schriftstellern, die im 16.
Jahrhundert über Gegenstände der Geologie schrieben, vor allem der
Franzose Bernhard Palissy. In einem, klares Denken und vorurteilsfreie
Beobachtung bezeugenden Werke weist er darauf hin976, daß manche
Versteinerungen den noch jetzt lebenden Tieren und Pflanzen gleichen und
offenbar an Orten entstanden sind, die früher vom Meere oder von süßem
Wasser bedeckt waren977.
Die häufig anzutreffende Annahme, daß Lionardo da Vinci, Fracastoro
und Palissy lediglich durch eigenes, vorurteilsfreies Denken zu richtigen
Vorstellungen über die Versteinerungen und den Wechsel von Meer und
Land gekommen seien, ist nicht zutreffend. Auch diese Männer empfingen

Page 418

die Anregung zu ihren Spekulationen ganz offenbar aus den Schriften der
Alten, besonders aus den Büchern des Aristoteles, welche der Neuzeit die
Vorstellungen übermittelten, zu denen die griechischen Forscher, besonders
Demokrit, in geologischen Dingen gelangt waren. Palissy bedient sich in
seinem »Discours admirable« betitelten Buche der Form des Dialogs. Seine
eigenen Ansichten legt er der »Praxis«, die gegnerischen der »Theorie« in
den Mund. Auf einen Einwurf der »Theorie« antwortet Palissy: »Wie wäre
es möglich, daß Holz sich in Stein verwandelt, wenn es sich nicht längere
Zeit in mineralhaltigen Gewässern befunden hätte. Wären letztere nicht
ebenso flüssig und fein wie die gewöhnlichen, so hätten sie nicht in das
Holz eindringen und es in allen seinen Teilen durchtränken können, ohne
ihm irgendwie seine ursprüngliche Form zu nehmen. Wie das Holz, so
wurden auch die Muscheln in Stein verwandelt, ohne ihre Form zu
verlieren«.
Palissy war ein einfacher Töpfer. Er hatte indessen bei dem gelehrten
Cardanus gelesen, daß die Schalen der Muscheln an vielen Orten dadurch
versteinert seien, daß die Substanz sich änderte, während die Form erhalten
blieb978. Wie es kommt, daß die versteinerten Organismen sich nicht nur an
der Oberfläche der Erde finden, sondern das ganze Gebirge durchsetzen,
schildert Palissy zutreffend mit folgenden Worten: »Die versteinerten
Organismen wurden an demselben Orte erzeugt, an dem wir sie finden und
zwar zu einer Zeit, während sich an der Stelle der Felsen nur Schlamm und
Wasser vorfand. Letzterer ist seitdem mit den Organismen versteinert. Und
zwar versteinerten die Erde und der Schlamm durch dieselbe Kraft, die
auch die Fossilien erzeugt hat, nämlich durch die alles durchdringenden
Minerallösungen.« In einem Punkte urteilt Palissy richtiger als Cardanus.
Letzterer glaubte nämlich mit den meisten Gelehrten seiner Zeit, soweit sie
nicht die Versteinerungen für bloße Naturspiele oder »Schöpfungsübungen
Gottes« hielten, die versteinerten Organismen seien Überbleibsel einer die
gesamte Erde bis zu den Spitzen der Berge bedeckenden Flut, also
gewissermaßen Zeugen der Sintflut. Gegen diese Ansicht wendet sich
Palissy mit dem Hinweis darauf, daß sich die Fossilien nicht nur an der
Oberfläche der Erde befänden, sondern auch an den tiefsten Stellen, an die
man durch das Ausbrechen der Steine gelange. »Durch welches Tor«, fragt
er seine Gegner, »drang denn das Meer ein, um die Fossilien in das Innere
der dichtesten Felsen zu tragen?«

Page 419

13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
Naturwissenschaften.
Nicht nur für die anorganischen Naturwissenschaften, einschließlich der
Mineralogie und der Geologie, wurden im 16. Jahrhundert Grundlagen
geschaffen, auf denen sich mit Erfolg weiter bauen ließ, sondern das
Gleiche gilt auch von den übrigen Gebieten der Naturbeschreibung, der
Botanik, der Zoologie, sowie der Lehre vom Bau und von den
Verrichtungen des menschlichen Körpers. Diese Gebiete wurden zunächst
durch das Bekanntwerden der auf sie bezüglichen Schriften der Alten zu
neuem Leben erweckt. Dann trat aber für sie noch ein zweiter günstiger
Umstand hinzu. Infolge der Entdeckungsreisen und durch die daran sich
anknüpfenden neuen Handelsverbindungen wurde nämlich die europäische
Menschheit mit einer solchen Fülle neuer Naturerzeugnisse bekannt, wie es
nie zuvor in gleichem Maße geschehen war.

Naturbeschreibung und Entdeckungsreisen.

Die Geschichte der Entdeckungsreisen gilt schon in der üblichen, mehr das
Persönliche und Zufällige schildernden Darstellung als eine der
fesselndsten Episoden der Weltgeschichte. Sie gewinnt aber außerordentlich
an allgemeinem Interesse, wenn wir sie in ursächliche Beziehung zu dem
Gange der wissenschaftlichen Entwicklung setzen. Letztere ist es, welche
die Entdeckungsreisen bedingt hat, um andererseits durch sie auch wieder
den gewaltigsten Impuls zu empfangen.
Wir haben schon an anderer Stelle erfahren, daß die Schiffahrt gegen den
Ausgang des Mittelalters durch die Einführung des Kompasses, sowie die
Entwicklung der Astronomie und der auf astronomischen Prinzipien
beruhenden nautischen Instrumente viel von ihren Gefahren und
Zufälligkeiten verloren hatte. Infolgedessen vermochte die Nautik sich auch
weitere Ziele zu stecken. Da der Verkehr zu Lande mit den südlichen und
östlichen Teilen Asiens, die ja schon im Altertum in den Gesichtskreis der

Page 420

Europäer getreten waren und für Europa gegen den Ausgang des
Mittelalters immer mehr an Bedeutung gewannen, in hohem Grade
mühsam, kostspielig und gefährlich war, so regte sich in weiterschauenden
Männern der Gedanke, ob jene asiatischen Länder nicht durch eine Fahrt
nach Westen oder durch eine Umschiffung Afrikas zu erreichen seien.
Dieser Gedanke fand den günstigsten Boden in Portugal und Spanien, die
durch ihre Lage mehr als Italien auf das offene Meer hinausgewiesen waren
und durch das Übergewicht, das Venedig im Mittelmeere ausübte, auf neue
Wege für ihren Handel hingedrängt wurden.
In Portugal wurde dieses Streben besonders durch Heinrich »den
Seefahrer«979 unterstützt. Um diesen scharten sich gelehrte und kühne
Männer, unter anderen der Geograph und Astronom Martin Behaim 980 aus
Nürnberg. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann das Vordringen
entlang der Westküste Afrikas. Das Auftauchen bewaldeter Vorgebirge
zerstörte zunächst das mittelalterliche Vorurteil, daß in der Nähe des
Äquators alles Leben von der Glut der Sonne versengt sei. Ferner bemerkte
man, daß die Küste Afrikas immer weiter nach Osten zurückweicht,
wodurch die Hoffnung, einen östlichen Seeweg nach Indien zu entdecken,
neue Nahrung empfing. Durch Bartholomeo Diaz, der 1486 die
Südspitze des dunklen Erdteils erreichte, und durch Vasco da Gama, der
1498 nach der Umschiffung Afrikas in Ostindien landete, wurde diese
Hoffnung endlich verwirklicht. Rasch breiteten sich die Herrschaft und der
Handel der Portugiesen über das südliche Asien und die im Südosten dieses
Kontinentes gelegenen Inseln aus.
Mit welcher Fülle von neuen Naturerzeugnissen die europäische
Menschheit dadurch bekannt wurde, kann hier nur angedeutet werden. An
den Küsten und auf den Inseln Ostafrikas fielen besonders die gewaltigen
Dracaenen und der riesige Brotfruchtbaum (Adansonia digitata) auf. In
Ceylon gelangte man in den Besitz der Zimtwälder. Man wurde mit der
wunderbaren maledivischen Nuß, mit dem Gewürznelkenbaum und
denjenigen Pflanzen bekannt, welche die Muskatnüsse, den Kampfer,
Benzoe, Indigo, Strychnin usw. liefern. In nicht geringerem Maße wurde
die Wissenschaft durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tierformen
bereichert. Und der gelehrte Clusius (geb. zu Arras 1526) unternahm es,
das Wichtigste über die neuen fremdländischen Naturerzeugnisse
zusammenzustellen981. Bei Clusius begegnen uns zum ersten Male, in

Page 421

Abbildungen und Beschreibungen, der fliegende Hund, der Molukkenkrebs,
die gewaltigen, plumpen, zur Ordnung der Waltiere gehörenden Sirenen,
der heute ausgestorbene Dodo, jener unbeholfene Vogel, den Vasco da
Gama auf den Mascarenen in so großer Menge antraf. Auch die Bewohner
Amerikas, seine Faultiere, Gürteltiere und Kolibris und endlich die so
abenteuerlich gestalteten Fische, die das Meer der Tropen beleben, schildert
Clusius.
Den Portugiesen wurde der indische Handel durch die Niederländer
entrissen, deren Seegeltung so machtvoll emporwuchs, nachdem sie das
spanische Joch abgeschüttelt hatten. Die wissenschaftliche Erforschung der
neuentdeckten Länder nahm unter diesem Volke, das auch daheim den
regsten wissenschaftlichen Sinn bekundete, einen bedeutenden
Aufschwung. War doch auch Clusius ein Niederländer.
Der Gedanke, durch eine Seefahrt nach Westen die Küsten Ost- und
Südasiens zu erreichen, tauchte im Renaissancezeitalter zuerst in dem
Florentiner Astronomen Toscanelli (1397–1482) auf. Dieser Mann, der
auch durch seine Einwirkung auf Nicolaus von Cusa zum
Wiederaufleben der Astronomie in Deutschland beigetragen hatte, wußte
den großen Genuesen, dem Europa die Entdeckung der westlichen
Hemisphäre verdankt, für seinen Gedanken zu erwärmen. Dennoch sollten
zehn Jahre nach dem Tode Toscanellis verfließen, bis Columbus nach
Überwindung zahlloser Schwierigkeiten in Westindien landete. Schon auf
der ersten Reise wurde man mit dem Tabak, der Yamswurzel und dem Mais
bekannt. Bald folgte die Entdeckung der Ananas, von Agave Americana,
Theobroma Cacao, der Batate, der Sonnenblume, von Manihot und
zahlreichen anderen, wichtigen und charakteristischen amerikanischen
Pflanzen.
Nachdem Cabot (1497) das nordamerikanische Festland, Cabral (1500)
Brasilien entdeckt hatten, und Cortez und Pizzaro erobernd in das Innere
des neuen Kontinentes eingedrungen waren, begann eine sorgfältige
naturgeschichtliche Erforschung der entdeckten Länder. Vor allem waren es
gelehrte Kleriker, die sich dieser Aufgabe mit Eifer und Erfolg widmeten.
So schrieb der Jesuit d'Acosta eine »Natur- und Sittengeschichte der
Indier«, in der auch die gewaltigen fossilen Knochen Südamerikas
Erwähnung finden. d'Acosta hielt sie für Überreste von Riesen und
erörtert ganz ernsthaft die Frage, wie die Tiere Amerikas nach ihrem

Page 422

heutigen Wohnsitz gelangten, da sie doch in der Arche Noahs
eingeschlossen gewesen seien.
Mit noch größerem Eifer als den Pflanzen und den Tieren wandte man sich
den Bodenschätzen der neu entdeckten Länder zu. In Mexiko und Peru
wurde der Bergbau bald mit so großem Erfolge betrieben, daß die Einfuhr
des dort gewonnenen Edelmetalls in Europa umgestaltend auf die
wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Erdteils wirkte. Auf die Erschließung
des neuen Kontinentes folgte ein Austausch seiner Erzeugnisse mit
denjenigen der alten Welt. So wird der Tabak schon 1559 in Portugal
gebaut982, um in Europa zunächst als Mittel gegen Geschwüre Verwendung
zu finden. Zu den ersten, die ihn rauchten, gehörte der große Naturforscher
Gesner. Die neue Welt empfing dagegen u. a. den Kaffeebaum, das
Zuckerrohr und die Obstarten.
Hand in Hand mit der unendlichen Bereicherung, welche die Wissenschaft
durch die Entdeckungsreisen erfuhr, ging ein Aufschwung der gesamten
Kultur und eine Erweiterung des gesamten Gesichtskreises, wie ihn kein
früheres oder späteres Zeitalter erfahren. Der Handel hörte auf, das
Privilegium einiger mächtigen süd- und mitteleuropäischen Städte zu sein
und wurde Welthandel. Die Mittelmeerländer waren nicht fürder eine Welt
für sich, sondern die ganze Erde wurde zu einer Domäne der weißen Rasse.
Und innerhalb dieser Rasse erlangte endlich immer mehr das germanische
Element das Übergewicht. Waren doch die Völker germanischen Stammes
den Romanen an Tatkraft überlegen, an Intelligenz mindestens gleichwertig,
und endlich durch ihre Wohnsitze am offenen Weltmeer auf die
Fortentwicklung des durch die Entdecker und Konquistadoren eröffneten
Welthandels ganz besonders hingewiesen. Alles Momente, welche in
Verbindung mit der im nördlichen Europa entstehenden Glaubens- und
Gewissensfreiheit, die Verpflanzung der in Italien wiedergeborenen
Wissenschaft nach Mittel- und Nordwesteuropa ganz besonders
begünstigten.

Die Erneuerung der Botanik.

Wir wenden uns nach diesen allgemeineren Ausführungen den organischen
Naturwissenschaften im einzelnen zu. Daß man im Zeitalter der

Page 423

Renaissance und der Entdeckungsreisen die Augen öffnen lernte und die
Fesseln des Autoritätsglaubens und der Büchergelehrsamkeit abstreifte, ist
für die weitere Entwicklung der beschreibenden Naturwissenschaften von
großem Einfluß gewesen. Waren diese Wissenszweige früher nur nebenbei
und meist zu Heilzwecken gepflegt worden, so bot sich jetzt eine solche
Fülle von neuem Material, daß die Tätigkeit derjenigen, die sich der
Naturbeschreibung widmeten, dadurch vollauf in Anspruch genommen
wurde. Damit trat die Beziehung dieser Fächer zur Heilkunde, ihrer eigenen
Bedeutung gegenüber, allmählich zurück.
Besonders für die Botanik trat im 16. Jahrhundert der Zeitpunkt ein, in dem
dieser Wissenszweig sich über die Grenzen der Heilmittellehre hinaus
entwickelte, da man die Pflanzen ihrer selbst wegen zu betrachten begann983.
Auch wurde mit dem lange herrschenden Vorurteil gebrochen, als hätten die
Alten schon die ganze Fülle der Pflanzenwelt erschöpft. Der Trieb nach
eigener wissenschaftlicher Betätigung äußerte sich auf botanischem Gebiete
in diesem Zeitalter vor allem darin, daß eine Anzahl von Spezialfloren mit
Abbildungen, die sogenannten Kräuterbücher, entstanden. In weiten
Kreisen wurde diesen Erzeugnissen des emporblühenden Buchgewerbes
Interesse entgegengebracht. Infolgedessen verwandten die Verleger die
größte Sorgfalt auf die Ausstattung der Kräuterbücher mit musterhaften
Abbildungen. Und in dem Maße, wie die Kunst des Holzschnittes auf
diesem Gebiete Fortschritte machte, nahm auch die Fähigkeit des
Beschreibens mit zutreffenden Worten einen Aufschwung. Infolge der
wachsenden Pflanzenkenntnis und der Verschärfung der Beobachtung
wurde aber auch die natürliche Verwandtschaft immer mehr durchgefühlt,
so daß man häufig zur Vereinigung verwandter Arten zu Gattungen, ja
selbst ähnlicher Gattungen zu familienähnlichen Gruppen gelangte. Einen
Ansatz zu dieser Art von Systematik hatte zwar schon das Altertum zu
verzeichnen, indem z. B. Theophrast verschiedene Arten von Eichen,
Fichten usw. zusammenfaßte. Da jedoch die allgemeine Botanik, abgesehen
von dem vereinzelt gebliebenen Bemühen des Albertus Magnus, keine
Fortschritte gemacht hatte, so verfuhr man bei diesen ersten Schritten an der
Schwelle der Neuzeit mehr intuitiv, ohne imstande zu sein, die gewonnenen
Begriffe durch klare Definitionen festzuhalten.
Der im vorstehenden kurz gekennzeichnete Fortschritt der Botanik ist vor
allem das Verdienst einiger deutschen Gelehrten, die man wohl als die Väter

Page 424

der Pflanzenkunde bezeichnet hat. Sie heißen Brunfels, Bock und Fuchs.
Mit demselben Rechte, mit dem man Agricola den Vater der neueren
Mineralogie genannt hat, kann man die Genannten als die Begründer der
neueren Botanik bezeichnen. Ihre Kräuterbücher wurden dadurch veranlaßt,
daß die kommentatorischen Bemühungen, die man auf die botanischen
Werke der Alten verwendet hatte, aus mehreren Gründen gescheitert waren.
Bei dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Alten war man nämlich an ihre
botanischen Schriften in der Meinung herangetreten, daß die darin
abgehandelten Pflanzen das gesamte Pflanzenreich darstellten. Des
weiteren suchte man die von den Alten beschriebenen Pflanzen, ohne von
der geographischen Verbreitung eine klare Vorstellung zu besitzen, in
Mitteleuropa, wo sie bei der bedeutenden Verschiedenheit der Floren
Griechenlands und Deutschlands nur zum kleinsten Teil gefunden werden
konnten. Erst als man die Unhaltbarkeit jener Voraussetzungen einsah,
verlegte man sich auf das genaue Beschreiben derjenigen Gewächse, die
man in der Heimat vorfand.
An der Spitze der neueren Botaniker steht Otto Brunfels. Brunfels
wurde um 1490 in der Nähe von Mainz geboren und empfing dort gelehrten
Unterricht. Nachdem er einige Zeit ein Schulamt bekleidet, erwarb er die
Würde eines Doktors der Medizin984. Sein Hauptverdienst um die Botanik
besteht darin, mit Hilfe eines hervorragenden Künstlers die erste Sammlung
naturgetreuer, künstlerisch vollendeter Pflanzenabbildungen herausgegeben
zu haben. Das Werk erschien unter dem Titel »Herbarum vivae eicones« im
Jahre 1532. Es enthielt mehrere hundert Abbildungen in so sicheren
Umrissen, daß die dargestellten Pflanzen gar nicht verkannt werden
konnten. Es handelte sich dabei in erster Linie um die wildwachsenden,
häufiger vorkommenden Pflanzen der oberrheinischen Tiefebene.
Der Text, den Brunfels diesen Abbildungen beigegeben, ist von
geringerem Wert. Er lehnt sich noch in der Hauptsache an die älteren
Schriftsteller an und ist bestrebt, die heimatlichen Pflanzen mit den von
Dioskurides, Plinius und Galen beschriebenen zu identifizieren.
Brunfels gab seinem Kräuterbuche folgende Einrichtung. Unter jede
Abbildung setzte er zuerst einen deutschen Namen. Hinzugefügt wurden
dann die lateinischen und die griechischen Benennungen, sowie Angaben
aus Theophrast, Dioskurides, Plinius usw. Den Schluß bildeten
Mitteilungen über die Wirkungen der Pflanzen.

Page 425

Gewisse Versuche, die heimatlichen Pflanzen naturgetreu abzubilden,
wurden übrigens in Deutschland schon vor Brunfels im 15. Jahrhundert
gemacht. Vorbildlich war nach dieser Richtung vor allem die Kunst eines
Albrecht Dürer (1471–1528). Die Pflanzendarstellungen, die sich auf
seinen Gemälden, sowie denjenigen mancher älteren deutschen Künstler
finden, waren recht naturgetreu. Dürer liebte es, auf seinen Bildern als
Beiwerk Pflanzen und Tiere zu malen. Er folgte darin einem damals
herrschenden Brauche. Im ganzen hat Dürer etwa 180 verschiedene
Pflanzen und Tiere dargestellt. Zumal im reiferen Alter des Künstlers zeigen
diese Bilder, wie z. B. Veilchen, Pfingstrosen, Lilien usw., einen
unübertrefflichen Grad von Naturwahrheit. »Dürer gebührt daher in der
Geschichte der naturkundlichen Illustration, die freilich erst geschrieben
werden muß, ein dauernder Ehrenplatz«985.
Kunst und Wissenschaft wetteiferten somit darin, die Naturkunde wieder
auf eigene Beobachtung zu gründen und sich von den überkommenen
Schriften der Alten, die bis zum 15. Jahrhundert als einzige Quelle dem
Studium zugrunde gelegt wurden, frei zu machen. Daß trotzdem der
neueren Wissenschaft nur nach und nach die Flügel wuchsen, hat die
verschiedensten Gründe.
Ein Mitarbeiter des Brunfels ist Hieronymus Bock 986. Bock wurde 1498
in der Nähe von Zweibrücken geboren, studierte alte Sprachen und wurde
durch den Pfalzgrafen von Zweibrücken mit der Aufsicht über dessen
Garten betraut. Zu gleicher Zeit bekleidete er die Stelle eines Lehrers.
Bock stellte botanische Wanderungen in der Eifel, dem Hunsrück, den
Vogesen, dem Jura, den Schweizer Alpen an und beobachtete überall die
dort wachsenden Pflanzen mit der größten Sorgfalt. Sein Fehler, dem
jedoch sein Zeitgenosse Fuchs, wie wir gleich hören werden, entgegentrat,
bestand darin, daß er den von ihm aufgefundenen Pflanzen griechische und
lateinische Namen der alten Botaniker beilegte, mit welchen diese ganz
andere, in Südeuropa heimische Gewächse bezeichnet hatten.
Bock wagt sogar den Versuch einer natürlichen Anordnung und stellt zum
Beispiel die Lippenblüter, die Kompositen und die meisten Kreuzblüter
zusammen. Das Werk, das ihn in der Geschichte der Botanik unsterblich
gemacht hat, führt den Titel »New Kreutterbuch«987. Es erschien zuerst im
Jahre 1539, und zwar ohne Abbildungen, während die späteren Auflagen
mit solchen versehen waren. Die Abbildungen Bocks bleiben hinter

Page 426

denjenigen des Brunfels zurück, dafür hat es aber Bock in der Kunst des
Beschreibens viel weiter gebracht als jener, so daß er sich den Ruhm
erwarb, er vermöge in seinen Beschreibungen die Natur wirklich zu malen.
Vor allem versteht es Bock, den ganzen Habitus der Pflanze vortrefflich zu
beschreiben, während er auf die Beschreibung der Blumen und Früchte
geringere Sorgfalt verwendet. Auch berücksichtigt er keine Pflanze, die er
nicht selbst gesehen, »soviel derselben im Teutschen Land ihm zu handen
gestoßen«. Auch das Vorkommen und die Zeit des Blühens der
beschriebenen Pflanzen findet man berücksichtigt. Ferner erklärt sich Bock
entschieden gegen die alphabetische Anordnung, durch welche ähnliche
Pflanzen getrennt würden. Im ganzen hat Bock sechshundert Pflanzen
beschrieben.
Als Probe möge hier seine Beschreibung der Ackerwinde (Convolvulus
arvensis) und der Zaunwinde (Convolvulus sepium) Platz finden. Sie lautet:
»Zwei gemeine Windenkräuter wachsen in unserem Land allenthalben mit
weißen Schellen- oder Glockenblumen. Das größte sucht seine Wohnung
gern bei den Zäunen, kriecht über sich, wickelt und windet sich. Das kleine
Glockenkraut (C. arvensis) ist dem großen in der Wurzel, den runden
Stengeln, den Blättern und den Glocken gleich, in allen Dingen aber dünner
und kürzer. Etliche Glockenblumen an diesem Gewächs werden ganz weiß,
etliche schön leibfarben, mit braunroten Strömlein gemalt. Diese wachsen
in dürren Wiesen und Gärten. Es schadet dadurch, daß es mit seinem
Kriechen und Umwickeln andere Gartenkräuter zu Boden drückt. Auch ist
es schwer auszurotten«.
Die Anordnung der Pflanzen in den Kräuterbüchern war meist die
alphabetische. Allmählich entwickelte sich aber auf Grund der zahllosen
Einzelbeobachtungen das Gefühl für die Zusammengehörigkeit des
Ähnlichen und damit die Voraussetzung zur Begründung eines natürlichen
Systems. So wurden bald die Nadelhölzer, die Lippenblüter, die Korbblüter
und andere Familien als natürliche Gruppen herausgefühlt, ein großer
Fortschritt gegen die Einteilung in Bäume, Sträucher und Kräuter, der wir
im Altertum zumeist begegnen. Das medizinische Element nahm jedoch in
den Kräuterbüchern immer noch einen breiten Raum ein, wie es auch bei
der Anlage botanischer Gärten maßgebend war. Naiv genug mutet uns noch
manches in den Kräuterbüchern, diesen Erstlingserzeugnissen der neueren
botanischen Wissenschaft an. So beginnt Bock mit folgenden Worten:

Page 427

»Nach Erkundigung aller Geschrift erfindet sichs klar, daß der allmächtige
Gott und Schöpfer der allererste Gärtner, Pflanzer und Baumann aller
Gewächse ist.« Sodann wird Adam als der zweite Botaniker gepriesen,
weil er alle Pflanzen mit ihrem rechten Namen belegt habe. Auf ihn folgen
die Botaniker Kain, Noah usw.
Als dritter in der Reihe der Begründer der neueren Botanik ist der Bayer
Leonhard Fuchs zu nennen. Er wurde 1501 geboren, studierte wie seine
Vorgänger Medizin und alte Sprachen und gab im Jahre 1542 seine
berühmte »Historia stirpium«, eine Beschreibung vieler in Deutschland
wild wachsender Pflanzen heraus, zu denen noch etwa 100 Gartenpflanzen
kamen. Das Werk stellt sich denjenigen von Bock und Brunfels als
ebenbürtig an die Seite. Fuchs war ein sehr gelehrter Mann. Seine
eindringende Gelehrsamkeit ließ ihn die Mängel, die den arabischen
Schriften über Medizin und Botanik und ihren lateinischen Nachahmungen
anhafteten, klar erkennen. Er drang deshalb darauf, daß man in der Medizin
auf die griechischen Urschriften, in der Botanik aber auf die Natur selbst
zurückgehen solle. Letzteres erschien ihm als der einzige Ausweg, aus der
Verwirrung herauszukommen, welche durch die Übertragung der alten
Pflanzennamen auf die heimatlichen Gewächse entstanden war988.
Unter den Botanikern des 16. Jahrhunderts ist auch der Niederländer
Dodonaeus zu nennen, wie denn überhaupt die Niederländer frühzeitig
unter den Neubegründern der Naturwissenschaften und der Philosophie
hervorragten, eine Erscheinung die sicherlich in der geographischen Lage
des Wohnsitzes und in der staatlichen und religiösen Entwicklung dieses
Volkes begründet ist.
Dodonaeus wurde 1517 in Mecheln geboren. Sein Hauptwerk989, »Die
Naturgeschichte der Gewächse«, erschien im Jahre 1583. Was Dodonaeus
unter den zeitgenössischen Botanikern besonders hervorhob, war das
bewußte Streben, eine wissenschaftliche Anordnung der Pflanzen zu finden.
Zwar blieb es bei einem rohen Versuch, doch hat er viele Gattungen und
Familien und manche wenig ins Auge fallende verwandtschaftliche
Beziehungen der Pflanzen schon erkannt. Die Pflanzen, die er beschreibt,
gehören teils der heimatlichen Flora an, teils sind sie den Gärten
entnommen, die von den Niederländern schon damals sehr gepflegt und
infolge der ausgedehnten Handelsbeziehungen dieses Volkes mit mancher
seltenen Art versehen wurden990. Selbst Dodonaeus vergleicht noch die ihm

Page 428

vorliegenden Pflanzen mit den von den alten Schriftstellern erwähnten.
Doch hindert ihn das nicht, seine eigenen Beschreibungen auf genaue und
eingehende Beobachtungen zu stützen, so daß seine Beschreibungen
ausführlicher als diejenigen irgendeines seiner Vorgänger ausgefallen sind.
Weit vielseitiger und vorgeschrittener als die genannten Männer war der
große Polyhistor Konrad Gesner, ein Mann, der für sein Zeitalter etwa die
Bedeutung besaß, wie sie Albert dem Großen für das 13. Jahrhundert
beizumessen ist. Konrad Gesner wurde im Jahre 1516 in Zürich als der
Sohn eines armen Kürschners geboren. Er erhielt jedoch mit Unterstützung
seines Oheims eine gute Schulbildung. Sein Oheim, der ein großer
Gartenfreund war, erweckte auch in dem jungen Gesner die Liebe zur
Naturwissenschaft. Gesner studierte in Straßburg und Paris Medizin und
Naturwissenschaften. Bedenkt man, daß derselbe Mann auch praktischer
Arzt war und eine Zeitlang eine Professur der griechischen Sprache
bekleidete, so erhalten wir einen Begriff von der vielseitigen
Gelehrsamkeit, die uns in der auf das Emporblühen des Humanismus
folgenden Zeit so häufig begegnet. Seine Neigung zur universalen Bildung
brachte ihn mit den mannigfaltigsten älteren und neueren Schriftwerken in
Berührung991. Zunächst verwaltete Gesner ein Lehramt. Dann ließ er sich
als Arzt in Zürich nieder, wo er gleichzeitig eine Professur für Philosophie
bekleidete. Erst 1558 erhielt er die sichere und besser besoldete Professur
für Naturgeschichte. Aber schon wenige Jahre später, im Dezember 1565
wurde er durch die Pest dahingerafft.
Das Lebenswerk Gesners ist eine große Naturgeschichte der Pflanzen und
Tiere, ein Unternehmen, das Zeit und Kräfte des Einzelnen trotz
unermüdlicher Arbeit bei weitem überstieg. Für die Naturgeschichte der
Pflanzen hat Gesner im wesentlichen nur die Abbildungen, etwa 1500 an
der Zahl, gesammelt und gezeichnet oder zeichnen lassen. Das große
Verdienst, das er sich trotzdem um die Botanik erworben hat, besteht darin,
daß uns in seinen Abbildungen zum ersten Male genaue Zeichnungen der
Blütenteile und der Früchte begegnen, die seine Vorgänger fast ganz
vernachlässigt hatten992.
Aus Gesners Briefen geht hervor, daß er diesen Teilen der Pflanze
besonderen Wert beilegte, wenn es sich um die Verwandtschaft handelte. Er
unterscheidet auch mit klaren Worten Gattungen und Arten. »Ich halte
dafür«, sagt er, »daß es fast keine Pflanzen gibt, die nicht eine Gattung

Page 429

bilden, welche wieder in zwei oder mehr Arten zu teilen ist«993. Auch der
Begriff der Spielart begegnet uns schon bei Gesner. Als ihm einst ein
Zweig von Ilex aquifolium gesandt wurde, dessen Blätter nur eine Spitze
aufwiesen, bat er den Einsender festzustellen, ob diese Abweichung
konstant sei oder nicht.
Der Gedanke, medizinisch wertvolle und auch andere Pflanzen nicht, nur
vom Zufall geleitet, im Freien zu suchen, sondern sie in Gärten anzubauen,
um dadurch jederzeit über sie verfügen zu können, begegnet uns zu allen
Zeiten. Von den Gärten, welche Theophrast und Mithridates unterhalten
haben sollen, können wir uns keine Vorstellung mehr machen. Besser sind
wir durch die Kapitularien über die Gärten zur Zeit Karls des Großen
unterrichtet994. Von dem Kalifen Abdurrahman I. wird erzählt, daß er
einen botanischen Garten bei Cordova anlegen und ihn mit Gewächsen
Asiens bepflanzen ließ995. Die Gärten, die in Salerno und in Venedig im 14.
Jahrhundert entstanden, dienten wohl nur medizinischen Zwecken. Den
venetianischen Garten legte ein Arzt an, um »die für seine Kunst
erforderlichen Kräuter zur Hand zu haben«996. Ein im eigentlichen Sinne
botanisches Forschungsmittel von höchstem Werte wurde aus solchen
Gärten erst, als man sie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als ein
notwendiges Lehrmittel der Universitäten zu betrachten anfing und
gleichzeitig die Botanik über eine bloße Heilmittellehre hinaushob.
Die ersten Universitätsgärten entstanden in Padua und Pisa997. In Pisa waren
es die Mediceer, die Land für einen solchen Garten zur Verfügung stellten
und dafür sogar Samen und Pflanzen im fernen Orient sammeln ließen.
Bald darauf erhielten auch Florenz und Bologna botanische Gärten. In
Venedig sorgten die Cornaros und die Morosinis durch ihren
weitverzweigten Handel und die Anlage von Gärten gleichfalls für die
Belebung des botanischen Interesses. Nachdem die reichen italienischen
Handelsstädte ein solch rühmliches Beispiel in der Pflege der mit ihren
Interessen Hand in Hand gehenden Naturwissenschaft gegeben, wollten
auch die übrigen Länder in der Betätigung dieses Sinnes nicht
zurückstehen. So entstanden denn in Montpellier, in Bern, Basel, Straßburg,
Antwerpen, Leipzig, Nürnberg und an manchen anderen Orten, teils in
Verbindung mit Universitäten, teils aus privaten Mitteln, noch im 16.
Jahrhundert Einrichtungen, die als botanische Gärten bezeichnet werden
können.

Page 430

Etwa zur selben Zeit begegnet uns zum erstenmale das Verfahren, Pflanzen
zu pressen und in Herbarien auf Papier geklebt aufzubewahren. Das
Herbarium Bauhins (1550–1624) wird noch heute in Basel gezeigt998. Als
der Erfinder der Herbarien gilt Luca Ghini, der von 1534–1544 in
Bologna lehrte999.

Die Erneuerung der Zoologie.

Wie auf botanischem, so regte sich auch auf zoologischem Gebiete das
Bestreben, über das von den Alten überlieferte Maß an Kenntnissen
hinauszuschreiten und die bekannten Tierformen, deren Zahl sich durch
Entdeckungsreisen immerfort vergrößerte, auf Grund eigener Beobachtung
zu beschreiben und mit möglichster Naturtreue darzustellen. So entstanden
mehrere umfassende Werke, wie diejenigen des Schweizers Konrad
Gesner (1516–1565) und des Italieners Aldrovandi (1522–1607).
Weit größer als in der Botanik war Gesners Einfluß auf die Entwicklung
der Zoologie. Hier gebührt ihm das große Verdienst, zum ersten Male die zu
seiner Zeit bekannten Tierformen vom Standpunkte des Naturforschers aus
geschildert zu haben. Dies geschah in seiner großen, vom Jahre 1551 ab
erschienenen Geschichte der Tiere (Historiae animalium lib. V). Von den
fünf Foliobänden behandelt der erste die Säugetiere, der zweite die
eierlegenden Vierfüßer, der dritte die Vögel und der vierte die Fische und
Wassertiere. Ein fünfter, die Insekten behandelnder Band wurde aus
Gesners Nachlaß zusammengestellt. Gesner, dem sein Vaterland das erste
Naturalienkabinett verdankt, beschrieb in seinem Werke den äußeren Bau
der Tiere unter Berücksichtigung ihres Vorkommens, ihrer Lebensweise,
des Nutzens, den sie gewähren usw. Seine Anordnung ist die alphabetische,
was in bezug auf Systematik gegen Aristoteles, der die großen natürlichen
Gruppen, wie wir sahen, schon erkannt hatte, einen offenbaren Rückschritt
bedeutet. Doch macht sich bei Gesner das Bestreben geltend, die Zoologie
von den gerade auf diesem Gebiete so sehr überwuchernden Fabeln zu
reinigen. Letztere werden zwar gewissenhaft angeführt, doch geschieht dies
nicht, ohne daß Bedenken dagegen erhoben werden.
Während Albert der Große das zoologische Wissen im engen Anschluß
an die dem Abendlande übermittelten naturwissenschaftlichen Schriften des

Page 431

Aristoteles wiederzugeben suchte, ging Gesners Plan dahin, unter
Einschränkung des in den mittelalterlichen Schriften überwuchernden,
philologischen Verbalismus, alles was man zu seiner Zeit vom Tierreich
wußte, zusammenfassend darzustellen. Gleichzeitig suchte er jede Tierform,
die er zum Gegenstande seiner Betrachtung machte, unter Berücksichtigung
der Medizin und der Kulturgeschichte zu schildern. War auch die
Anordnung, die er innerhalb der großen, natürlichen, schon Aristoteles
geläufigen Gruppen befolgte, die alphabetische, so erkennt er doch selbst
an, daß ein solches Verfahren sich nur aus Gründen der Bequemlichkeit
empfiehlt und naturwissenschaftlich von keinem Wert sei. Jedes Geschöpf
wird in Gesners Geschichte der Tiere nach folgenden Gesichtspunkten
behandelt. Der erste Abschnitt gilt der Nomenklatur. Der zweite ist der
wertvollste; er betrifft das Vorkommen und bringt die Beschreibung des
Tieres. Dann folgt eine Schilderung der biologischen Erscheinungen unter
Berücksichtigung der Krankheiten. Hieran schließt sich eine Schilderung
des seelischen Lebens, d. h. der dem Instinkt entspringenden Handlungen.
Die folgenden Abschnitte handeln dann von dem Nutzen der Tiere,
insbesondere ihrer Jagd, Haltung und Zähmung, ferner von ihrer Nahrung,
den Heilmitteln, die sie etwa darbieten usw. Mitunter fehlen auch nicht die
Fabeln, Wundergeschichten und Weissagungen, die man von jeher an
manche Tierarten geknüpft hatte. Solche Mitteilungen gibt Gesner
indessen mehr der Vollständigkeit halber und nicht etwa kritiklos wie
manche seiner Vorgänger. Dabei versäumt er selten, das Unwahrscheinliche
zurückzuweisen oder wenigstens seinem Zweifel Ausdruck zu verleihen.
Besteht doch der große Fortschritt, der sich bei Gesner geltend macht,
darin, daß er seine Beschreibungen nach planmäßiger Beobachtung abfaßte,
während man vor ihm die eigene Beobachtung nur gelegentlich zur
Bestätigung der überlieferten Angaben anwandte und diesen stets den
ausschlaggebenden Wert beimaß. Ferner beschränkt sich Gesner nicht auf
eine Beschreibung des äußeren Körperbaues, sondern er geht auch auf
anatomische Eigentümlichkeiten ein. Doch werden diese noch nicht durch
Vergleichen in Beziehung gesetzt, so daß es an einer wissenschaftlichen
Verwertung der anatomischen Kenntnisse zur festeren Begründung
natürlicher Gruppen bei Gesner noch fehlt.
In bezug auf die Abbildungen ragt sein Werk über alle früheren
zoologischen Schriften hervor. Unter den Künstlern, die ihm zur Seite
standen, ist Albrecht Dürer zu nennen.

Page 432

Beruht das Werk Gesners auch zum größten Teile auf der Verarbeitung des
zu seiner Zeit vorhandenen zoologischen Wissens, so ist ihm deshalb doch
nicht etwa der Vorwurf der bloßen Kompilation zu machen. »Das Talent zu
einer solchen«, sagt Ranke 1000, »ist nicht so häufig, wie man meint. Soll sie
der Wissenschaft dienen, so muß sie nicht allein aus vielseitiger Lektüre
hervorgehen, sondern auf echtem Interesse und eigener Kunde beruhen und
durch feste Gesichtspunkte geregelt sein. Ein Talent dieser Art von der
größten Befähigung war Konrad Gesner«.
Gesner ist als der früheste deutsche Zoologe zu bezeichnen. Sein Werk
über das Tierreich1001 ist die Grundlage für die neuere Zoologie geworden.
Gesners Grundsatz war, nichts zu wiederholen und nichts fortzulassen. Da
ein einzelner die unermeßliche Arbeit nicht bewältigen konnte, setzte er
zahlreiche einheimische und auswärtige Hilfskräfte in Bewegung. War
somit auch sein Werk in erster Linie die Leistung eines geschickten, seinen
Stoff beherrschenden Sammlers, so ist doch sein Nutzen für das Leben nicht
minder wie für die Wissenschaft ein bedeutender gewesen. Dem Menschen
hat Gesner keinen Platz innerhalb des Tierreiches angewiesen.
Auf dem Boden Italiens erstand Gesner ein gleichstrebender Genosse in
dem etwas jüngeren Aldrovandi. Auch er versuchte eine enzyklopädische
Darstellung der Tierkunde, die zwar im ganzen die Arbeit Gesners nicht
erreicht, in Hinsicht auf die anatomischen Verhältnisse und die Anordnung
indessen einen Fortschritt darbietet1002. Den Versuch einer mehr
systematischen, auf die großen aristotelischen Gruppen zurückgehenden
Anordnung des Tierreichs hatte in der Zeit zwischen dem Erscheinen des
Gesnerschen Werkes und desjenigen Aldrovandis mit gutem Erfolge der
Engländer Edward Wotton (geboren in Oxford 1492) gemacht. Auf dieser
Grundlage konnte Aldrovandi fußen. Wotton gab im Jahre 1552 eine
Schrift »Über die Verschiedenheiten der Tiere«1003 heraus, die nicht nur eine
allgemeine Schilderung des tierischen Organismus und seiner Teile enthält,
sondern auch eine auf den Grundzügen der natürlichen Verwandtschaft
beruhende Übersicht bietet. Gleich Aristoteles beginnt Wotton die Reihe
der blutführenden Tiere mit dem Menschen. Es begegnen uns die Gruppen
der Einhufer, der Zweihufer und der Spaltfüßer. Die eierlegenden Vierfüßer
werden mit den Schlangen zusammengefaßt. Die niederen Tiere werden in
Insekten, Weichtiere (Kopffüßer), Krustentiere, Schaltiere und Pflanzentiere

Page 433

eingeteilt. Zu letzteren rechnet Wotton schon die Seesterne, Medusen,
Holothurien und Schwämme.
Wotton machte also, im Anschluß allerdings an Aristoteles, zum ersten
Male unter den Neueren den Versuch einer naturgemäßen Einteilung des
gesamten Tierreichs, und hierin folgte ihm Aldrovandi, der im Jahre 1599
die Herausgabe seines großen zoologischen Werkes begann. Es sollte zwar
die ganze Naturgeschichte umfassen, doch konnte Aldrovandi selbst nur
fünf Bände erscheinen lassen, nämlich drei Bände über die Vögel, einen
Band über die Insekten und endlich einen Band über die »übrigen
Blutlosen«. Die weiteren Bände wurden von anderen Zoologen
herausgegeben.
Aldrovandi konnte infolge der ausgedehnten Entdeckungsreisen seines
Zeitalters manche Tierform berücksichtigen, die Gesner noch nicht kannte,
doch verfuhr er im allgemeinen mehr kompilatorisch und weniger kritisch
als sein großer Vorgänger. Trotz seines Strebens nach besserer
systematischer Gruppierung bringt er es noch fertig, die Fledermaus und
den Strauß zu einer Abteilung der »Vögel mittlerer Natur« zu vereinigen,
während schon Wotton die Fledermäuse den Säugetieren zugerechnet
hatte.
Ein weiterer, wichtiger Fortschritt auf zoologischem Gebiete bestand darin,
daß man sich nicht mehr auf das Beschreiben der äußeren Form
beschränkte, sondern in den Bau der Tiere einzudringen suchte. Wir finden
bei Aldrovandi schon Abbildungen des Skeletts, der Muskulatur, sowie
der Eingeweide. So wird z. B. das Skelett des Adlers abgebildet. Beim
Huhn sind mehrere, allerdings nur ungenaue Zeichnungen zur Erläuterung
des inneren Baues beigegeben. Das Skelett der Fledermaus und des
Straußes finden sich gleichfalls unter den Zeichnungen, die mitunter
anatomische Einzelheiten, wie die Zunge mit ihrer Muskulatur beim
Spechte, das Brustbein des Schwans und anderes mehr betreffen. Die
Muskulatur wird bei mehreren Vögeln genauer beschrieben.
Groß waren die Opfer, welche die Naturhistoriker jener Zeit mitunter
bringen mußten, um ihre Pläne zu verwirklichen. So beschäftigte
Aldrovandi, wie er in der Vorrede mitteilt, zur Herstellung seiner
Originalfiguren 30 Jahre einen Maler gegen ein Gehalt von 200
Goldstücken. Außerdem setzte er noch mehrere Zeichner und

Page 434

Holzschneider in Tätigkeit. Das Verdienst von Männern wie Gesner und
Aldrovandi ist darum besonders hoch zu schätzen, weil sie zuerst Klarheit
und Übersicht in dem immer mehr anschwellenden zoologischen Material
zu schaffen suchten und in weiteren Kreisen ein lebhaftes Interesse für die
Tierkunde und damit für die Naturkunde im allgemeinen erweckten.

Das Wiederaufleben der Anatomie.

Das Wiederaufleben der Anatomie läßt sich bis in das 13. Jahrhundert
zurückverfolgen. Ein besonderes Interesse wandte der freigeistige
Staufenkaiser Friedrich II. 1004 diesen Wissenszweigen zu. Er verfaßte eine
Schrift über die Falken1005, ließ ausländische Tiere nach Europa kommen und
gestattete die anatomische Untersuchung menschlicher Leichen. In den
nachfolgenden Jahrhunderten wurden diese Zergliederungen zu
medizinischen und rein wissenschaftlichen Zwecken immer häufiger
ausgeübt. Wurde schon dadurch der Sinn für die Natur erschlossen und das
Studium von der bloßen Buchgelehrsamkeit abgelenkt, so steigerte sich das
Interesse für die Anatomie dadurch um ein Bedeutendes, daß nicht nur die
Gelehrten, sondern auch die großen Künstler der Renaissance mit offenem
Auge und frei von Vorurteilen in den Wunderbau des Organismus
einzudringen suchten. Hier ist vor allem, als einer der größten unter ihnen,
Lionardo da Vinci zu nennen. Seine anatomischen Zeichnungen sind von
einer derartigen Vollendung und Treue, daß sie alles bisher auf diesem
Gebiete Geleistete übertrafen. Die Zeit für eine Neubegründung der
Anatomie, ohne Rücksicht auf die Autorität Galens und aufgebaut auf
selbständige Erforschung der Natur, war also gekommen. Diese
Neubegründung erfolgte durch die Italiener Fallopio ( † 1562) und
Eustachio ( † 1571)1006, vor allem aber durch den Niederländer Vesal.
Letzterer ist als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Anatomie
des Menschen zu nennen.
Andreas Vesal (1514–1564) war der Sprößling einer aus Wesel
stammenden deutschen Ärztefamilie. Er wurde in Brüssel geboren. Schon
als Knabe wandte sich der spätere Professor der Anatomie und Chirurgie
und Leibarzt Kaiser Karls V. der anatomischen Untersuchung kleinerer
Tiere zu. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters hatten zwar hin und
wieder Zergliederungen menschlicher Leichen stattgefunden; man verfolgte

Page 435

dabei indes keinen anderen Zweck als den, die Lehren Galens, der eine
unbedingte Autorität genoß, als richtig zu bestätigen. Wie schwierig es
selbst später war, sich Material zum Studium der Anatomie zu verschaffen,
geht unter anderem daraus hervor, daß der junge Vesal, um in den Besitz
eines menschlichen Skeletts zu gelangen, einen Gehenkten mit Gefahr
seines Lebens vom Galgen entwenden mußte.
Ähnlich lagen die Verhältnisse in Deutschland. So galt es als eine Aufsehen
erregende Neuerung, daß im Jahre 1526 ein Anatom einen menschlichen
Kopf zergliederte1007. Es blieb aber zunächst bei solchen gelegentlichen
Versuchen, die Anatomie auf die Untersuchung von Leichen zu gründen.
Erst Vesal brach gänzlich mit den alten Vorurteilen, indem er das
Lehrgebäude der Anatomie von Grund aus und sogleich in fast
unübertrefflicher Weise als reine Erfahrungswissenschaft errichtete.
Sein großes Hauptwerk führt den Titel »Über den Bau des menschlichen
Körpers«. Als es erschien, hatte Vesal noch nicht das dreißigste Lebensjahr
überschritten. Durch scharfe Erfassung und klare Wiedergabe des
Gegenstandes, durch Ursprünglichkeit des Inhalts und Schönheit der
sprachlichen Darstellung ragt sein Werk weit über alle ähnlichen
Erzeugnisse jener Periode hervor und erregte die höchste Bewunderung der
späteren Jahrhunderte. Die meisterhaften Abbildungen des Werkes, die
besonders zu seiner großen Verbreitung beitrugen, rühren von einem
Schüler1008 Tizians her. Um dem Leser einen Begriff von ihrer
naturgetreuen Ausführung zu geben, ist in der nachfolgenden Abbildung 64
eine der zahlreichen, das Muskelsystem betreffenden Tafeln wiedergegeben.
Das Abhängigkeitsverhältnis, in das Vesal zum Hofe Karls V. geriet, hat
ihn leider gehindert, seine Untersuchungen zu vollenden. Auch hatte er am
Hofe von den Anhängern Galens zu leiden1009.
Im Beginn seiner Laufbahn hatte Vesal mehrere Male in Padua die
Anatomie nach Galen vorgetragen, sich dann aber entschieden davon
losgesagt. Seine wissenschaftliche Überzeugung über die anerkannte
Autorität zu setzen, war damals kein geringes Wagnis. Freunde hatten ihn
vor der Herausgabe seines großen Werkes gewarnt. Als es erschienen war,
erhob sich zunächst ein Sturm der Entrüstung. Man erklärte Vesal für einen
wahnsinnigen Ketzer. Das Buch wurde der Inquisition vorgelegt. Vesal
verließ deshalb Italien. Später lebte er in Spanien als Leibarzt Philipp des

Page 436

Zweiten. Schließlich wurde er, vielleicht infolge neuer Verfolgungen
seitens der Inquisition, schwermütig1010.
Vesal beschränkte sich keineswegs auf den Menschen, sondern er flocht
zahlreiche Hinweise auf die Anatomie der Tiere in seine Darstellung ein. Es
war das um so weniger zu verwundern, als er ja von der anatomischen
Untersuchung der Tiere ausgegangen und sich erst später der Anatomie des
Menschen zugewandt hatte. Vesals Hauptwerk erschien 15431011. Die sieben
Bücher behandeln: 1. Das Skelett. 2. Bänder und Muskeln. 3. Gefäße. 4.
Nerven. 5. Eingeweide. 6. Herz. 7. Gehirn und Sinnesorgane.
Große Verdienste um die Fortbildung der Anatomie auf der von Vesal
geschaffenen Grundlage hat sich auch Eustachio erworben. Doch ist
bezeichnend, daß dieser, obgleich auch ihm die Abweichungen seiner
Befunde von den Angaben Galens klar zutage lagen, lieber eine
Veränderlichkeit des Körperbaues annehmen als der gefeierten Autorität des
Altertums Abbruch tun wollte.

Page 437

Abb. 64. Abbildung aus Vesals De humani corporis fabrica. 1543.
(Zweite, das Muskelsystem betreffende Tafel.)

Vor dem Auftreten eines Vesal und Eustachio waren bei dem großen
Mangel auf eigener Anschauung beruhender anatomischer Kenntnisse
erfolgreiche chirurgische Eingriffe kaum möglich. Erst nach der durch diese
Männer bewirkten Erneuerung der Anatomie konnte sich aus den bis dahin
üblichen, rohen, ja oft barbarischen Operationsverfahren eine auf
wissenschaftlicher Grundlage beruhende Chirurgie entwickeln. Daß dies
geschah, war vor allem das Verdienst von Ambroise Paré (1517–1590),
der sich den Ehrennamen eines Reformators dieses Zweiges der Medizin
verdient hat.
Paré war gleich Vesal Militärchirurg und als solcher dem Stande der
gelehrten Ärzte verhaßt, zumal er kein Latein verstand. Sein hervorragendes
Buch über Schußwunden (1545) ist das erste in französischer Sprache
geschriebene wissenschaftliche medizinische Werk1012. Paré wandte bei
Amputationen zuerst das Verfahren des Abbindens der Arterien an. Vor ihm
hatte man sich der Cauterisation mittelst des Glüheisens bedient. Auch der
Gebrauch des Bruchbandes ist auf Paré zurückzuführen. Die Feindschaft
der Ärztezunft wurde besonders heftig, als Paré die Wirksamkeit einiger
der gebräuchlichsten Arzneien anzweifelte. Trotzdem wurde Paré vom
Könige sehr geschätzt. Er soll einer der wenigen Hugenotten gewesen sein,
die der König in der Bartholomäusnacht zu schonen befahl.

Page 438

Die Erkenntnis, daß sich ein volles Verständnis der Form erst durch das
Studium ihrer Entwicklung erschließen läßt, begegnet uns gleichfalls schon
im 16. Jahrhundert, wenn sich auch diese Erkenntnis erst in späteren
Perioden, gestützt auf die Verschärfung, welche der Gesichtssinn durch das
Mikroskop erfuhr, allseitig Bahn brechen konnte. So wird die Entwicklung
des Hühnchens im Ei, ein Problem, das schon Aristoteles beschäftigt
hatte, zum Gegenstand eingehender Untersuchungen gemacht. Dies geschah
durch den verdienten italienischen Anatomen Fabricio 1013. Er bemerkte
auch, daß sich die Klappen der Venen nach dem Herzen zu öffnen. Diese
Entdeckung hat nebst anderen, die Organe des Kreislaufs betreffenden
Beobachtungen1014 einen der größten Fortschritte des 17. Jahrhunderts, die
Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey nämlich, vorbereitet.
Hiermit schließt der erste Teil dieser Schilderung, die von den Anfängen bis
gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts geführt hat. Der zweite Band wird
die Begründung der neueren Naturwissenschaft, die etwa mit der Schwelle
des 17. Jahrhunderts anhebt, zur Darstellung bringen.

Page 439

Verzeichnis der im I. Bande enthaltenen Abbildungen.
Figur aus
1. Gleichschenkliges Dreieck
2. Geometrische Elemente aus Cantor, Bd. I. 1880, S. 58, Abb. 6
altägyptischen Verzierungen u. 7.
3. Keilschriftprobe
4. Babylonischer Grenzstein
5. Der Tierkreis von Dendera
6. Altbabylonisches Gewicht nach Layard.
7. Wage, einem altägyptischen Ibel, Die Wage im Altertum und
Totenbuche entnommen Mittelalter.
8. Gewinnung von Eisen nach A. de Rochas, Les origines de la
altägyptischen Wandgemälden science et ses premières
applications.
9. Geometrische Konstruktionen der
Inder
10. Die Quadratur des Kreises bei den
Indern
11. Radkarte der Erde
12. Der Satz des Hippokrates
13. Konstruktion zur Lösung des Cantor, Geschichte der
delischen Problems Mathematik. Bd. I. 1880. Fig. 34.
14. Der Tragbalken des Aristoteles
15. Der Satz vom Parallelogramm der
Kräfte
16. Der Embryo des glatten Hais des Claus, Lehrbuch der Zoologie.
Aristoteles 1883. S. 677.
17. Vorrichtung zum Heben großer Heronausgabe von Schmidt. Op.
Lasten II. 1 Fig. 62.

Page 440

18. Das Verhalten des Hohlspiegels Euklidausgabe von Heiberg und
nach Euklid Menge. Bd. 7.
19. Die Spiegelung an einem Konkav- desgl.
und einem Konvex-Spiegel nach
der Darstellung Euklids
20. Das zum Messen der Sonnenhöhe Schaubach, Geschichte der
dienende Instrument der Alten griechischen Astronomie. Tab. III
Fig. 2.
21. Die Gradmessung des Eratosthenes
22. Aristarchs Verfahren, die
Entfernungen des Mondes und der
Sonne zu bestimmen
23. Breitenbestimmung mit dem Peschel, Geschichte d. Erdkunde
Gnomon 1877. S. 44.
24. Stereographische und
orthographische Projektion
25. Die Feuerspritze nach Heron Herons Pneumatik. Ausgabe v.
Schmidt. Bd. I. Fig. 29.
26. Heron verwendet den Dampf zum Herons Pneumatik. Ausgabe v.
Betreiben einer maschinellen Schmidt
Einrichtung
27. Der Heronsball desgl.
28. Herons Abbildung eines Hebers desgl.
29. Herons Automat zum Öffnen der Mach, Prinzipien der Wärmelehre.
Tempel Leipzig 1896. S. 5.
30. Wasserorgel
31. Philons Thermoskop Heronausgabe v. Schmidt. Fig.
115.
32. Philons Saugkerze desgl.
33. Herons Flaschenzug Opera omnia. Ausgabe v. Schmidt.
Bd. II. S. 102.
34. Herons Wegmesser
35. Herons Winkelmeßapparat Jahrbuch des kaiserl. deutschen
archäolog. Instituts. Bd. XIV

Page 441

1899. 3. Heft.
36. Herons Vermessung eines Feldes Herons Opera omnia. Ausgabe v.
Schmidt.
37. Herons Tunnelaufgabe desgl.
38. Der Meßapparat der Römer Neue Jahrbücher f. d. klass.
Altertum. Bd. 13 (1904).
39. Die Rekonstruktion der Groma desgl.
40. Peutingers Karte
41. Römisches Hebezeug Gerland u. Traumüller, Geschichte
der physikal. Experimentierkunst.
1899. Fig. 58.
42. Römische Schnellwagen desgl.
43. Chirurgische Instrumente
44. Zur Erläuterung der
Epizyklentheorie
45. Das parallaktische Lineal Montucla, Histoire des
mathématiques. Bd. I. S. 307.
46. Solstitial-Armille des Ptolemäos Repsold, Zur Geschichte der
astronomischen Meßwerkzeuge.
47. Ptolemäos mißt die
Brechungswinkel
48. Destillierapparat
49. Probe aus dem Stockholmer
Papyrus
50. Albirunis Bestimmung des Archiv für Geschichte der
Erdumfanges Naturwissenschaften und der
Technik. Bd. I. S. 66.
51. Trigonometrische Berechnungen
52. Einführung der Tangensfunktion
53. Alhazens Darstellung des Auges Gerland u. Traumüller, Geschichte
der physikal. Experimentierkunst.
Fig. 62.
54. Alhazen untersucht die Brechung Gerland u. Traumüller, Geschichte
der physikal. Experimentierkunst.

Page 442

Fig. 65.
55. Alhazen bestimmt die Höhe der
Atmosphäre
56. Lionardo da Vincis Hygrometer Gerland u. Traumüller. Fig. 99.
57. Lionardos Windmesser
58. Lionardos Erläuterung des Sehens
59. Peurbachs Quadratum Repsold, Zur Geschichte der
geometricum astronomischen Meßwerkzeuge.
Fig. 7.
60. Der Kreuzstab Repsold, a. a. O. Fig. 12.
61. Schematische Erläuterung des
Kreuzstabes
62. Das Koppernikanische Weltsystem Aus Koppernikus Werk über die
Bewegung der Weltkörper.
63. Hüttenwerk nach Agricola
64. Das Muskelsystem darstellende Aus Vesals Werk: De humani
Tafel corporis fabrica.

Page 443

Namen- und Sachverzeichnis.
A.

Abendstern, 25.
Aberration, sphärische, 358.
Abu Mansur, 321.
Acosta D', 440, 449.
Ägyptische Bauwerke, 3.
Ägyptische Kultur, 2.
Äquinoktialpunkte, 36.
Agricola, 437, 443.
Ahmes, 7, 11.
Akustik, 115.
Alaun, 50.
Albattani, 304, 306.
Albertus Magnus, 346-353, 443.
Albiruni, 303.
Alchemie, 278, 353, 363, 431, 432.
Alchemistische Theorien, 325.
Aldrovandi, 460, 461.
Alfarabi, 312.
Alfons von Kastilien, 251.
Alfragani, 304.
Algebra, 57, 253, 311.
Alhazen, 314, 315, 316, 357.
Alkmäon, 101.
Alkohol, 322.
Alkuin, 336.
Alliaco, 398.
Almagest, 33, 255, 302.
Altäre, 53.
Altertum, Verfall, 283.
Amalgamationsprozeß, 440.

Page 444

Amulette, 300.
Anatomie, 59, 102, 206, 235, 326, 366, 462, 463, 464.
Anaxagoras, 76, 77, 98.
Anaximander, 36, 67, 79, 90, 100, 269.
Antipoden, 118, 227, 289.
Apianus, 404, 418.
Apokatastasis, 243.
Apollonios, 248.
Apotheken, 48, 60, 437.
Arabische Kultur, 331.
Archimedes, 218.
Aristarch von Samos, 92, 93, 122, 408.
Aristophanes, 89.
Aristoteles, 28, 69, 73, 74, 78, 97-151, 233, 345, 355.
Aristoteliker, 421.
Armillen, 255, 256.
Arsenik, 321.
Aryabhatta, 52, 58.
Arzneipflanzen, 230.
Asklepiades, 208.
Astrolabium, 306, 396.
Astrologie, 16, 24, 31, 364.
Astronomie, 20, 332, 393.
–, griechische, 80.
–, Ursprung, 20.
–, Wiedererwachen, 393.
Astronomische Meßwerkzeuge, 256.
–, Urkunden, 26.
Asymptoten, 86.
Atmosphäre, Höhe, 317.
Atome, 71, 75, 241.
Attalos, 240.
Aufgang, heliakischer, 22.
Auge, 315, 389, 420.
Augustin, 289, 287.
Averroes, 313.
Avicenna, 270, 312, 321, 435, 442, 443.

Page 445

B.

Bacon, Francis, 414.
Bacon, Roger, 353-362.
Bartholomeo Diaz, 447.
Bäume, 230.
Baumzucht, 329.
Bazillentheorie, 223.
Behaim, 396, 397, 447.
Benedikt von Nursia, 271.
Bergbau, 334, 437, 440.
Bernstein, 268.
Berosos, 368.
Bessarion, 394.
Bibel, 18.
Bibliothek, alexandrinische, 297.
Bibliotheken, 301, 302.
Blitzableiter, 269.
Blütenteile, 456.
Blutkreislauf, 234.
Boccaccio, 372, 373.
Bock, 458.
Boëthius, 293.
Bologneser Leuchtstein, 429.
Botanik, Erneuerung, 450.
Botanische Gärten, 400, 457.
Brahmagupta, 52, 56, 310.
Brechung, 260, 265, 316.
Brennglas, 58.
Brennkugel, 358.
Brennspiegel, 58, 395, 428.
Brillen, 318, 360.
Bronze, 42.
Brüche, 19.
Brunfels, 451, 452.
Brunnenaufgabe, 205.
Buffon, 231.

Page 446

Bussole, 308.

C.

Caesar, 213.
Camera obscura, 423, 426.
Capitulare de villis, 337.
Cardanus, 74, 445.
Cassiodor, 292.
Cato, 210, 239.
Celsus, 223.
Celtes, 214.
Chaldäer, 32, 33, 37, 89.
Chemes, 274.
China, 60.
Chinesische Astronomie, 61.
Chirurgie, 48, 466.
Chronometer, 424.
Cicero, 210, 407.
Clusius, 448.
Columbus, 261, 362, 375, 398, 423, 424, 448.

D.

Damianos, 266.
Dämmerung, 317.
Dante, 372.
Datumsgrenze, 379.
De Caus, 423.
Deklination, 423.
Delisches Problem, 85.
Demokrit, 71, 73, 75, 78, 99.
Destillation, 50, 321.
Destillierapparat, 276.
Deszendenzlehre, Keime, 100.
Diamanten, 328.
Dionysios der Große, 287.
Diophant, 56, 57, 253, 254.

Page 447

Dioptra, 201, 203.
Dioskurides, 231, 238, 245, 337, 401.
Dodonaeus, 455.
Doppelelle, babylonische, 38.
Doppelstunden, 24.
Dreiecksberechnung, 11.
Dreiteilung eines Winkels, 84.
Dürer, 377, 452, 460.
Dynamik, Begründung, 430.

E.

Einhardt, 302.
Eisen, 41.
Ekliptik, Schiefe, 90.
Elemente, 70, 436.
Ellipse, 87.
Elmsfeuer, 269.
Emissar, 204.
Empedokles, 70, 76, 97-99.
Entdeckungsreisen, 362, 398, 448, 449.
Enzyklopädie, 292.
Ephemeriden, 395.
Epikur, 75, 100.
Epizyklentheorie, 120, 249, 250.
Erasistratos, 206, 233.
Erasmus v. Rotterdam, 378.
Eratosthenes, 255.
Erdbeben, 368.
Erde, Bewegung, 381.
–, Gestalt, 96, 117, 227, 289.
Erdkern, 70.
Eudemos, 81, 95.
Eudoxos, 78, 119, 120, 248.
Euklid, 82.
Eutokios, 85.
Evektion, 247.

Page 448

Exhaustionsmethode, 84.
Experimente, 79, 235, 356, 359, 391.

F.

Fabricio, 466.
Fallversuche, 412.
Farbenwechsel, 429.
Färber, 327.
Färberei, 280, 320.
Fechner, 415.
Feldmeßkunst, 200, 211.
Fernrohr, 360.
Feuervergoldung, 280.
Fibonacci, 339.
Finsternisse, 65.
Flaschenzug, 198.
Flavio Gioja, 308.
Fluorescenz, 428.
Fracastoro, 444.
Francesco Petrarca, 364.
Friedrich II., 313, 437, 462.
Fuchs, 454.

G.

Galen, 233-237, 239, 270.
Galle, 103.
Gas, 277.
Gassendi, 75.
Geber, 322.
Gebirgsbildung, 442.
Gegenerde, 94.
Geld, 14.
Geminos, 31.
Gemma Frisius, 417.
Geologie, 70, 391, 411.
Geometrie, 6, 53, 66.

Page 449

Gerbert, 333.
Gerhard von Cremona, 338.
Germanentum, 290.
Gesner, 447, 449, 455, 460.
Gewichte, 38.
Gewichtsstücke, 39.
Gewitter, 269, 367.
Gezeiten, 358.
Gift, 240.
Gilbert, 424.
Giordano Bruno, 415.
Glas, 44, 244.
Gleichungen, 9, 56, 254, 311, 340.
Globus, 120, 397, 417.
Gnomon, 36, 61, 67, 89, 380.
Gold, 43.
Gradmesser, 303.
Grenzstein, 26.
Groma, 212.
Guldinsche Regel, 264.

H.

Hammurabi, 45.
Harmonie, 80.
Harmonie der Sphären, 91.
Hartmann, 424.
Haustiere, 49.
Hebelgesetz, 113.
Heber, 194, 427.
Hebezeug, römisches, 216.
Heilkunde, Anfänge, 45, 101, 236, 294, 314, 330, 435.
Heilmittel, 46, 60.
Heilvorschriften, 46.
Hekataeos, 67.
Hellenismus, 209.
Helmont, van, 433.

Page 450

Herakleides Pontikos, 78, 92, 93, 94, 96.
Heraklit, 70.
Herbarien, 401, 458.
Hermes Trismegistos, 275.
Herodot, 6, 36, 45, 89, 262.
Heron, 58, 193, 205, 257.
Herophilos, 206, 233.
Herons Automaten, 195.
Herons Ball, 193.
Herons Dampfkugel, 193.
Heronsche Formel, 203.
Hesiod, 68, 96.
Hettiter, 16.
Hexenglauben, 364.
Hieroglyphenschrift, 3.
Hildegard von Bingen, 337.
Himmelsgebäude, 118.
Himmelsgloben, 120, 306.
Hipparch, 37, 122, 248, 251.
Hippias von Elis, 87.
Hippokrates von Chios, 83, 84, 89.
Hippokrates aus Kos, 102.
Hochöfen, 234.
Höllenstein, 324.
Homer, 96.
Horaz, 239.
Humanismus, 372, 374.
Humboldt, 232.
Hutten, 378.
Hüttenwesen, 437.
Hygrometer, 386.
Hyperbel, 86, 87.

J.

Jahr, 88.
Jatrochemie, 433, 434.

Page 451

Ibn al Haitam, 314.
Ibn Alawwâm, 329.
Ibn Batuta, 329.
Ibn Junis, 306.
Ibn Musa, 311.
Ibn Roschd, 329.
Ibn Sina, 298, 312, 328, 330.
Indien, 51.
Indigo, 245.
Ingenieur, 217, 218.
Ingenieurmechanik, 13, 215.
Inhaltsbestimmungen, 11.
Inklination, 424.
Insekten, 230.
Instrumente, chirurgische, 236.
Johannes von Sevilla, 339.
Jordanus Nemorarius, 430.
Irrationalität, 83.
Isidor von Sevilla, 294.
Islamitische Kultur, 338.
Jupiter, 34.

K.

Kaiserzeit, 219.
Kalender, 88, 89, 213, 357.
Kanäle, 13.
Karl der Große, 335.
Karten, 380.
Kartographie, 259, 381, 417, 419.
Katakaustik, 358.
Kegelschnitte, 86.
Keilschriftfunde, 16, 17, 25.
Kepler, 92, 411.
Kirchenväter, 286.
Kircher, 427-429.
Knochenbrüche, 48.

Page 452

Königswasser, 321.
Kombinationslehre, 57.
Kometen, 61, 121, 243, 367.
Kompaß, 61.
Konformität, 419.
Konjunktionen, 34, 361.
Koppernikus, 403-414.
Krankheiten, 101.
Kräuterbücher, 453, 454.
Kreis, 5, 7.
Kreta, 63.
Ktesibios, 257.
Kugel, 87.
Kulturpflanzen, 49.
Kupfer, 14, 42, 43.

L.

Lactantius, 287, 288.
Länderkunde, 261.
Landwirtschaft, 238.
Längenbestimmungen, 395.
Längenproblem, 424.
Laterna magica, 429.
Leidener Papyros, 279.
Leonardo von Pisa, 339.
Leukipp, 71, 73.
Levi ben Gerson, 396.
Liber abaci, 340.
Licht, 318.
Lionardo da Vinci, 382-392, 400.
Literatur, babylonisch-assyrische, 18.
Literatur, indische, 52.
Luca Ghini, 458.
Lucretius Carus, 74, 100, 240, 242, 268.
Luft, 194.
Lunulae Hippokratis, 83.

Page 453

Luther, 414.

M.

Magie, 422.
Magnet, 268, 429, 430.
Mago, 238.
Marco Polo, 329, 341.
Marcus Graecus, 310.
Marinus, 259, 262, 263.
Martianus Capella, 294, 333, 407, 408.
Maschinen, 385.
Maße, 38.
Mathematik, Anfänge, 7.
–, griechische, 78.
Maurolykus, 420, 421.
Mechanik, 111, 218, 385.
Mediceer, 375.
Megenberg, 232, 365, 368, 369, 401.
Melanchthon, 414.
Menächmos, 87.
Menelaos, 252.
Mensch, 226.
Mercator, 397, 417, 418, 419.
Meßapparat, 212.
Metallurgie, Anfänge, 40.
Metallveredelung, 278.
Meteoriten, 77.
Metrologie, 38.
Milchstraße, 358.
Mine, 38.
Mineralien, 327, 369, 442.
Mineralogie, Neubegründung, 438.
Mönchstum, 291.
Mond, 37, 88, 90.
Mondbewegung, 31, 35.
Monddistanzen, 404.

Page 454

Mondfinsternis, 33.
Morgenstern, 25.
Musik, 293.
Münster, 417.

N.

Naturalienkabinett, 458.
Naturerklärung, 71.
– philosophie, 69.
Nestorianer, 299, 300.
Nicetas, 407.
Nicolaus von Cusa, 379, 382.
Nikolaus V., 374.
Nippurtafeln, 17.
Nonius, 400.
Norman, 424.
Null, 56.
Nullmeridian, 258.

O.

Obelisk, 14.
Observatorium, 5.
Oenopides, 89.
Olympiodor, 277.
Optik, 341.
Opus majus, 357.
Osiander, 406.

P.

Paläontologie, Anfänge, 443.
Palissy, 438, 444, 445.
Pappos, 198, 264.
Papyrus Ebers, 48.
– Rhind, 7.
Parabel, 86, 87.

Page 455

Paracelsus, 42, 434-436.
Parallaktisches Lineal, 255.
Parallelogrammgesetz, 114.
Paré, 466.
Peregrinus, 353.
Perpetuum mobile, 386.
Perspektive, 389.
Petrarka, 372, 373.
Peurbach, 393.
Peutingers Karte, 214.
Pflanzenabbildungen, 451.
– beschreibungen, 351, 453.
– kenntnis, 47, 59, 97.
Pflanzen, Anordnung, 455.
–, Beseelung, 70.
–, Nahrung, 382.
–, Schlaf, 350.
–, Sexualität, 350.
Philolaos, 92, 93, 94.
Philon, 197.
Philons Saugkerze, 197.
Phönizier, 63.
Phosphoreszenz, 428.
Physiologie, 388.
Physiologus, 347.
Pico von Mirandola, 363.
Pierre d'Ailly, 362.
Pius II., 375.
Planeten, 32, 34, 66, 90, 91, 114, 247, 248, 251.
Platon, 78, 85, 92, 95, 96, 102, 118, 119, 248, 268.
Plattkarte, 268.
Plinius, 206, 210, 218, 220-232, 239, 244, 245, 268, 270.
Plinius der Jüngere, 221.
Plutarch, 407.
Pneuma, 207.
Polyeder, reguläre, 82.
Pompeji, 240, 243.

Page 456

Pomponios Mela, 220, 226.
Positionssystem, 56.
Präzession der Nachtgleichen, 122, 252, 415.
Projektionsart, 262.
Proklos, 81.
Prokop, 289.
Proportionen, 82.
Pseudo-Demokritos, 281, 278.
– -Gebersche Schriften, 323.
Ptolemäos, 35, 246-266.
Pyramiden, 4, 12, 87.
Pythagoras, 79-82, 101.
Pythagoreer, 80, 91.
Pythagoreischer Lehrsatz, 9, 53.

Q.

Qazwini, 327.
Quadratrix, 87.
Quadratum geometricum, 393.
Quadratur des Kreises, 54, 84.
Quadrivium, 332.
Quecksilber, 272.
Quecksilberoxyd, 324, 327.
Quellen, 242.

R.

Radkarte der Erde, 67.
Raymundus Lullus, 363.
Rechenkunst, 20, 56.
Reformation, 355, 377.
Refraktion, atmosphärische, 266, 318.
Regenbogen, 359, 428.
Regiomontanus, 394, 395, 399.
Reguläre Körper, 81.
Reihen, 9, 56.
Renaissance, 334, 371.

Page 457

Rennarbeit, 334.
Rhabanus Maurus, 289, 336.
Rhases, 323.
Römer, 208.
Rudolf II., 433.

S.

Salpeter, 300.
– säure, 321, 323.
Salzgewinnung, 334.
Saros, 37, 65.
Sehen, 116, 315, 389, 390.
Sehstrahlen, 267.
Seife, 245.
Seilspannen, 54.
Seneca, 242, 243, 261.
Sexagesimalsystem, 18.
Sinus, 59.
Sirius, 22.
Snellius, 268.
Sonnenbewegung, 247.
– bildchen, 421.
– jahr, 22.
– uhren, 62, 215, 333.
Sosigenes, 213.
Spektrum, 242.
Spezifische Gewichte, 318.
Sphären, homozentrische, 118.
Sphärenmusik, 121.
Spiegel, parabolische, 357.
Spielart, 456.
Sumerer, 15.
Summierungsformel, 10.
Susruta, 59, 64, 115.

Sch.

Page 458

Schall, 243.
Schaltjahr, 29.
Schattenmessung, 67.
Schießpulver, 59, 310, 361.
Schnellwagen, 217.
Schott, 427.
Schwenter, 424, 427.

St.

Städtewesen, 342.
Stein der Weisen, 275, 326, 431.
Sterne, Zahl, 229.
Sternwarte, 399.
Stereometrie, 87.
Stockholmer Papyrus, 279, 320.
Strabon, 206, 259, 260.

T.

Tacitus, 221.
Tafeln von Senkereh, 19.
Tartaglia, 431.
Telegraphen, 430.
Tell el Amarna-Tafeln, 16.
Thales, 64, 65, 67, 79.
Theophrast, 97, 107, 230.
Thermoskop, 197.
Thomas von Cantimpré, 348, 365.
Tiefenmesser, 382.
Tiere, Anordnung, 461.
–, Naturgeschichte, 459, 460.
Tierfabeln, 328, 347.
Tierformen, 328.
– kreis von Dendera, 27.
– kreisbilder, 25, 36.
– system, koisches, 103.
– zeichnungen, 452.

Page 459

Timäos, 95, 102.
Töpferei, 44.
Toscanelli, 380, 448.
Tragbalken, 113.
Transmutation, 275.
Treibhäuser, 244.
Trigonometrie, 4, 37, 58, 253, 305, 395.
Trivium, 332.
Tunnelaufgabe, 204.
– bauten, 203.
Tycho, 95, 122.
Tyrische Weltkarte, 262.

U.

Universitäten, 344, 376.
Universum, unendliches, 416.
Untergang, heliakischer, 22.

V.

Variation, 250.
Varro, 222, 223, 292.
Vasari, 371.
Vasco da Gama, 447.
Vedas, 53.
Venus, 25, 35.
Verbrennung, 387.
Vermessung des römischen Reiches, 213.
Vernier, 400.
Versteinerungen, 260, 380, 443, 445.
Vesal, 366, 463.
Vesuvausbruch, 221.
Virgil, 224.
Vitello, 341.
Vitruv, 95, 215, 216, 244, 261.
Vögel, 314.
Vulkane, 248, 260.

Page 460

W.

Wagen, 39, 333, 382.
Walfisch, 368.
Waltiere, 99.
Wasserbäder, 324.
– orgel, 196.
– uhren, 23, 257, 302.
Wegmesser, 199.
Weltanschauung, heliozentrische, 93.
– bild des Mittelalters, 367.
– entstehungslehre, 68, 72.
– karte, 381, 418.
– system, heliozentrisches, 402, 409 bis 413.
Weyer, Jacob, 364.
Wiederkehr, stete, 121.
Windmesser, 387.
Winkelmeßinstrumente, 255.
Wirbelbewegung, 77.
Wissenschaften, ihr Verfall, 285.
Wohnungshygiene, 47.
Wotton, 461.
Wurfbewegung, 425, 430.
Würfelverdoppelung, 85.
Wurzeln, 57.

Z.

Zahlenmystik, 80.
Zahnkaries, 46.
Zahnradübertragung, 199.
Zeitmessung, 23.
Zellentheorie, 224.
Zentralfeuer, 93.
Ziffernsystem, indisches, 305.
Zink, 42, 271.
Zinn, 42, 271.

Page 461

Zitterrochen, 270.
Zoologie, Anfänge, 99, 458.
Zosimos, 274, 276, 277.
Zucker, 322.
Zweckbegriff, 73, 74.

Page 462

Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen1015.
(Aufgenommen, soweit der Raum es erlaubte.)
Zu S. 2: In Anmerkung 2 muß es heißen »Siehe auch A. Wiedemann
(Wi)«.
Zu S. 11: Bezügl. der Dreiecksberechnung ist die Hypothese zu beachten,
die M. Simon in seiner Geschichte der Mathematik im Altertum 1909 auf
S. 46 gibt. Danach würde es sich nicht um gleichschenklige, sondern um
rechtwinklige Dreiecke handeln (Wü).
Zu S. 14: Über die ältere Geschichte der Metalle findet sich eine sehr
ausführliche Darstellung in dem Anhang zur »Alchemie« von Lippmanns.
Kupfer wurde danach in Ägypten schon in der Steinzeit zu Geräten
verwandt (S. 539). Silber und Eisen lernte man erst später kennen (Li).
Zu S. 15: Die Herkunft der Sumerer ist nicht sicher festgestellt. Sie sind
nicht semitischen Ursprungs und hatten schon vor 3000 eine hohe
Kulturstufe erreicht, u. a. besaßen sie eine ausgebildete Schrift, die
Keilschrift (Li).
Zu S. 19: vergleiche man E. Hoppe, Mathematik und Astronomie im
klassischen Altertum S. 17 u. f. (Wü).
Zu S. 19: Es verdiente schon hier erwähnt zu werden, daß die Araber neben
dem Sexagesimalsystem auch das Dezimalsystem benutzt haben (Wi).
Zu S. 31 (Dauer des synodischen Monats): Die genaue Übereinstimmung
beruht darauf, daß eine sehr große Anzahl von Umläufen genommen wurde
und nicht etwa darauf, daß die Beobachtungen bis auf Sekunden genau
waren. Es wäre wohl angebracht, hierauf besonders hinzuweisen (Wi).
Zu S. 38, unten: Die Übereinstimmung ist sicher Zufall. Sie rührt daher, daß
die menschliche Elle rund 1/2 m lang ist. Die Assyriologen haben aber stets
die Neigung zum Geheimnisvollen gehabt (Wi).
Zu S. 43 Anm. 3: Man vergleiche damit die von derjenigen Wilsers zum
Teil abweichende Ansicht, die E. von Lippmann in seiner »Alchemie«

Page 463

über die ältere Geschichte des Kupfers entwickelt. Die Meinungen der
Forscher gehen hier, zumal was das Auftauchen von Kupfer in Nord- und
Mitteleuropa betrifft, noch stark auseinander.
Zu S. 50, Anm. 2: Nach E. v. Lippmann hat sich die Destillation aus
unvollkommenen Anfängen entwickelt, so daß sich bestimmte Angaben
über ihren Ursprung nicht machen lassen. Die ältesten Abbildungen und
Beschreibungen von Destillierapparaten finden sich in Schriften, die
angeblich im 1. Jahrh. n. Chr. entstanden sind (»Alchemie«, S. 46–48).
Zu S. 60 (Ayur-Veda): Die Entstehung der Veden fällt in die Zeit von 1500
bis 500 v. Chr. Das Wort Veda bedeutet das Wissen.
Zu S. 67: Über seine Methode der Schattenmessung für beliebige Winkel
vergleiche man E. Hoppe, Math. u. Astr. i. klass. Altertum (Wü). Danach
hat Thales (nach Plutarch) seinen Stab bei irgendeiner Sonnenhöhe in den
Endpunkt des Schattens gesteckt und gelehrt, daß die Schattenlänge des
Stabes sich zur Schattenlänge der Pyramide verhalte wie die Länge des
Stabes zur Höhe der Pyramide.
Zu S. 80, unten: Näheres über die fünf regelmäßigen Körper (platonische
Körper) siehe bei E. v. Lippmann (Alchemie, S. 127).
Zu S. 90: Die früheren Angaben über die Schiefe der Ekliptik sind nach v.
Lippmanns Mitteilung vermutlich babylonischer Herkunft. Ob tatsächlich
chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. den ziemlich richtigen Wert
von 23° 52' für die Schiefe der Ekliptik kannten, bleibe dahingestellt (Li).
Zu S. 113: Über die Frage der Echtheit der »mechanischen Probleme« siehe
die Anm. auf S. 128.
Auf S. 115 heißt es richtiger 2 : 1 statt 1 : 2.
Zu S. 116: Das Wort Rückschritt ist hier nicht zeitlich zu nehmen, da
Leukipp und Demokrit ihre Vorstellungen vor Aristoteles entwickelten.
Zu S. 123: Das Nordlicht ist auch in unseren Zeiten, wenn auch sehr selten
im südlichen Europa beobachtet worden.
Zu S. 128, Anm. 2: Mit Recht warnt auch E. Wiedemann davor, solchen
Vorahnungen und Andeutungen einen zu hohen Wert beizumessen. »Ich
stehe«, bemerkt er, »ihnen sehr skeptisch gegenüber, denn man kann im
Altertum alles finden, positiv und negativ«.

Page 464

Zu S. 156: Bezüglich des 14. und 15. Buches der »Elemente«, die nicht von
Euklid herrühren, findet man das Nähere in E. Hoppes Mathematik und
Astronomie im klassischen Altertum 1911, S. 314 u. f. (Wü).
Zu S. 171 (Archimedisches Prinzip): Hierzu sind die Dissertationen von
Th. Ibel, Die Wage im Altertum und Mittelalter, Erlangen 1908 und von H.
Bauerreiß »Zur Geschichte des spezifischen Gewichtes im Altertum und
Mittelalter«, Erlangen 1914 zu vergleichen (Wi).
Zu S. 178, Anm. 2: Nach Hoppe, Math. u. Astr. i. klass. Altertum, S. 283,
beläuft sich der Wert des griechischen Stadiums auf 185,136 m und
derjenige des kleinen pharaonischen Stadiums auf 174,5 m. Siehe auch
Decourdemanche, Traité pr. d. poids et mesures. 1909. p. 134 (Wü).
Zu S. 183, Anm. 1: Da der Hang zur Astrologie zu dem Bilde, das man sich
im übrigen von Hipparch als kühlem Forscher macht, wenig paßt, so hat
man seine Beschäftigung mit astrologischen Dingen wohl angezweifelt. Sie
kann aber heute für ihn wie auch für Ptolemäos als erwiesen betrachtet
werden.
Zu S. 189: Ob Hipparch die stereographische Projektion kannte, ist nach
Hoppe, Math. u. Astron. i. klass. Altertum nicht sicher (Wü). Siehe dort S.
325.
Zu S. 200: Schreibweise ist Theodolit. Die Herkunft des Wortes ist
unbekannt.
Zu S. 215: Ausführliches über die Uhren findet sich bei E. Wiedemann
und J. Würschmidt (Wü).
Zu S. 228, Anm. 1: Günther und mit ihm auch Würschmidt und andere
bevorzugen die Schreibweise Copernicus. Siehe indessen die Anm. 1 auf S.
403. Die erwünschte Einigung in solchen Dingen ist kaum herbeizuführen,
da in der gesamten Literatur die verschiedenen Schreibweisen
nebeneinanderlaufen.
Zu S. 251, Anm. 1: Der Heibergsche Text ist dem von Halma vorzuziehen
(Wi).
Zu S. 256: Über die Geschichte des Astrolabs berichtet ausführlich Josef
Frank in den Sitzungsberichten der physikalisch-medizinischen Sozietät zu

Page 465

Erlangen (Bd. 50. 51. 1918/19). Die Abhandlung ist durch eine Anzahl
Abbildungen erläutert.
Das ursprünglich für die Aufnahme der Sterne bestimmte Instrument erhielt
allmählich verschiedene Abänderungen, die alle als Astrolabien bezeichnet
werden und sich in den älteren astronomischen Werken abgebildet finden.

Page 466

Einfachste Form eines Astrolabiums nach Peschel.
(Gesch. d. Erdk. S. 386.)

Zu S. 261: Ob der Verfasser der Naturales quaestiones mit dem Tragöden
Seneca identisch ist, steht immer noch nicht fest (Li).
Zu S. 264, Anm. 2: Nach E. Wiedemann ist die »Optik« des Ptolemäos
vor Govi wohl auch von anderen, z. B. Venturi, bemerkt worden.
Zu S. 271: Über die Kenntnis und Verwendung von Zink und Zinn im
Altertum siehe von Lippmanns »Alchemie« v. S. 577–600.
Zu S. 274: Über die ersten Erwähnungen der Chemie und ihres Namens
sowie über die Herkunft des Namens Chemie handelt E. v. Lippmann
sehr ausführlich in seiner »Alchemie« S. 282–314. Etwas Sicheres läßt sich
danach über die Herkunft des Namens »Chemie« nicht feststellen.
Auch v. Lippmann gibt als älteste Quelle für das Vorkommen des Namens
»Chemie« Zosimos an. Dieser gehört danach schon dem 3. Jahrhundert an.
Er schrieb eine Anzahl griechischer Werke, die, wenn auch in entstellter
Form, zum Teil noch erhalten sind und ausdrücklich die Chemie als Kunst
des Gold- und Silbermachens erwähnen (Chem. Ztg. 1914, S. 685). Die
Ableitung des Wortes Chemie von Chemes findet sich nach v. Lippmann
bei Zosimos jedoch nicht.
Zu S. 275: Ebenso unsicher wie die Ableitungen des Wortes »Chemie« sind
alle Nachrichten über den »Stein der Philosophen« oder »der Weisen«.

Page 467

Nach von Lippmann kommt diese Bezeichnung zuerst in Schriften vor,
die wahrscheinlich im 1. nachchristlichen Jahrhundert entstanden sind
(»Alchemie« S. 51).
Zu S. 277: Dunkel sind nach v. Lippmann auch die mystischen
Beziehungen zwischen der Alchemie und der Astrologie, wie sie sich in der
auf S. 277 gegebenen Zusammenstellung der Metalle mit bestimmten
Planeten ausgesprochen finden.
Z. S. 303: Al Biruni (973–1048 etwa) war Mathematiker, Astronom und
Geograph. Er hat besonders wissenschaftliche Beziehungen der arabischen
Welt zu Indien vermittelt.
Meisterhaft schilderte Al Biruni die Dämmerungserscheinungen, unter
denen auch das Zodiakallicht deutlich erkennbar ist.
Die kupferrote Mondfarbe, die bei einer totalen Mondfinsternis infolge des
Erdscheins auftritt, vermochten weder Al Biruni noch die übrigen
arabischen Astronomen zu erklären. (Nach Meyerhofs Sammelbericht; S. S.
314.)
Zu S. 304: Albattanis Werk wurde von Nallino arabisch und lateinisch in
trefflicher Bearbeitung herausgegeben (Wi).
Z. S. 310: Zu Marcus Graecus' Schrift schreibt v. Lippmann: »Sie ist
erst um 1250 verfaßt. Berthelots Angabe, Marcus Graecus habe den
Salpeter gekannt, ist ganz unhaltbar. Diels ist ihm mit Unrecht gefolgt«.
(Li.)
Z. S. 310, unten: Man kann ein ganzes Verzeichnis der Umschreibungen des
Namens Alchwarizmi zusammenstellen. Ruska (Zur ältesten arabischen
Algebra und Rechenkunst, Heidelberg 1917) führt etwa ein Dutzend solcher
Umschreibungen an.
Der vollständige Name lautet Muhammed ibn Musa Alchwarizmi.
Z. S. 311: Ausführlicher über Ibn Musa handelt die Schrift von Ruska:
Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst, Heidelberg 1917
(Sitzungsber. d. Heidelb. Akad. d. Wissensch.).
Nach Ruska sind über die Grundlagen der arabischen Algebra viele sich
ausschließende Ansichten geäußert worden. Eine genauere Vergleichung der
Texte und der Übersetzungen war danach nötig. Eine Algebra im heutigen

Page 468

Sinne hat Ibn Musa nicht geschrieben. Sein Buch will weiter nichts sein,
als eine auf zahlreiche Musterbeispiele gestützte Einführung in das
angewandte Rechnen (a. a. O. S. 7). Woher Ibn Musa seinen Stoff hat,
deutet er nirgends an.
Die verschiedenen Übersetzungen der Ausdrücke algabr und almukabalah
vermögen keine klare Vorstellung von ihrem mathematischen Sinn zu
geben. Cantor spricht von Wiederherstellung und Gegenüberstellung,
Ruska dagegen von Ergänzung und Ausgleichung. In dem Abschnitt, der
von den sechs Formen der Gleichungen handelt, wird nämlich gesagt, daß
jede andere Gleichung durch das erwähnte Verfahren auf eine der sechs
Normalformen gebracht werden könne.
Zu S. 314: Bezüglich der Optik der Araber kommt der neueste Standpunkt
in Meyerhofs zusammenfassenden Abhandlungen zum Ausdruck (Wi):
Siehe M. Meyerhof, »Die Optik der Araber« i. d. Zeitschrift f.
ophthalmologische Optik. Berlin, Verlag v. J. Springer 1920.
Z. S. 314: In Ergänzung der im vorliegenden Werk gegebenen Darstellung
sei nach diesem Sammelbericht noch auf folgendes hingewiesen:
Die Verfasser der seit dem 8. Jahrhundert in arabischer Sprache
entstandenen Literatur waren zum allergeringsten Teile Araber, dagegen
vorwiegend Perser, Syrer, Ägypter, Mesopotamier, und zwar nicht nur
Mohammedaner, sondern auch Christen und Juden.
Die bedeutendste optische Schrift der Araber, der Thesaurus Opticae des
Alhazen (Ibn al-Haitham) ist zwar seit dem 13. Jahrhundert der
abendländischen Welt bekannt. Die genauere Erforschung der arabischen
Optik auf Grund der Übersetzung der Urtexte erfolgte jedoch erst in den
letzten Jahrzehnten und zwar auf ophthalmologischem Gebiete durch J.
Hirschberg, auf physikalischem durch E. Wiedemann. Leider ist der
arabische Urtext der Optik Alhazens trotz aller Bemühungen bisher noch
nicht gefunden worden.
Die Lebensgeschichte Alhazens ist von E. Wiedemann getreulich nach
den arabischen Gelehrtenbiographien dargestellt worden. (Archiv f. d.
Gesch. d. Naturw. u. d. Technik 1910. 3, S. 1–53.)
Die Übersetzung ins Lateinische, welche der Risner'schen Ausgabe
zugrunde liegt, ist vermutlich im 13. Jahrhundert entstanden.

Page 469

Eine genauere Inhaltsangabe der 7 Bücher gibt M. Meyerhof in seinem
Sammelbericht in der Zeitschr. f. ophthalmolog. Optik. VIII (1920) Heft 3.
Z. S. 315: Bei der Darstellung der Anatomie des Auges stützt sich Alhazen
im wesentlichen auf Galen. Wie er unterscheidet er 3 Feuchtigkeiten
(Kammerwasser, Linse, Glaskörper) und 4 Häute. Die Linse verlegt auch
Alhazen in den Mittelpunkt des Auges.
Z. S. 316: Im Gegensatz zu den meisten Griechen und seinen arabischen
Fachgenossen stellt Alhazen vollbewußt die Theorie auf, daß das Sehen
durch Strahlen zustande kommt, die in gerader Linie vom Gegenstande zum
Auge hinziehen (Meyerhof, a. a. O. S. 42).
Z. S. 317: Daß das Licht zu seiner Fortpflanzung Zeit gebraucht, glaubt
Alhazen daraus schließen zu dürfen, daß die Farben des Farbenkreisels
(der schon Ptolemäos bekannt war) bei rascher Umdrehung nicht mehr
einzeln unterschieden werden (a. a. O. S. 43).
Z. S. 318: Daß die Gestirne in der Nähe des Horizontes größer erscheinen
als im Zenit erklärt Alhazen als eine optische Täuschung. Diese entstehe
dadurch, daß das Auge die Größe der Gegenstände nach derjenigen des
Gesichtswinkels und der mutmaßlichen Entfernung schätzt. Letztere
erscheint am Horizont wegen der dazwischen liegenden Gegenstände
größer. Aus dem gleichen Grunde erscheine das Himmelsgewölbe
abgeplattet (a. a. O. S. 45).
Die erste Erwähnung der Dunkelkammer findet sich in der von E.
Wiedemann übersetzten Schrift Alhazens »Über die Gestalt des
Schattens«. Es heißt dort nämlich: »Tritt das Licht der Sonne zur Zeit ihrer
Verfinsterung aus einem engen runden Loche heraus und gelangt zu einer
gegenüber liegenden Wand, so hat das Bild Sichelgestalt«. Den Beweis gibt
Alhazen durch eine ausführliche Abhandlung (Übersetzt v. E.
Wiedemann). Sein Kommentator Kemal al-Din, der etwa 300 Jahre
später lebte, entwickelt die Theorie der Camera sehr eingehend. J.
Würschmidt nimmt an, daß die abendländischen Gelehrten die
Erfahrungen der Araber über die Dunkelkammer übernahmen.
Die Tatsache, daß bei einer Sonnenfinsternis hinter einer engen Öffnung ein
sichelförmiges Bild der Sonne entsteht, war schon im Altertum bekannt.

Page 470

In seiner Schrift »Über Brennspiegel nach Kegelschnitten« (herausgegeben
von J. L. Heiberg und E. Wiedemann, Bibl. math. III. Folge, Bd. 10,
Heft 3) erwähnt Alhazen die Beobachtung der Alten, daß Spiegel von der
Form eines Umdrehungsparaboloids alle Strahlen in einem Punkte
vereinigen und wirksamer sind, als alle anderen Spiegel. Die Entdeckung
soll von Diokles um 350 v. Chr. gemacht worden sein. Alhazen vermißt
die theoretische Konstruktion, die er dann vollständig gibt. Indessen hatte
schon Appollonios die richtige Lage des Brennpunktes bei paraboloiden
Hohlspiegeln festgestellt.
Z. B. 318: Einen guten Überblick über den Stand, den die Augenheilkunde
bei den Arabern erreicht hatte, gibt eine von C. Prüfer und M. Meyerhof
in der Zeitschrift »Der Islam« (6. Jahrg. 3. Heft 1915) herausgegebene
ausführliche Abhandlung über diesen Gegenstand.
Z. S. 319: Daraus, daß in dieser Tabelle der Alkohol fehlt, schließt von
Lippmann, daß man um 1120 den Alkohol noch nicht kannte. Nach ihm ist
dieser gar keine arabische Entdeckung, sondern eine verhältnismäßig späte
abendländische. Bisher war man allgemein der Ansicht, daß der Alkohol
schon seit dem 9. Jahrhundert den Arabern bekannt gewesen sei.
Über die Geschichte des Aräometers siehe auch v. Lippmanns
Abhandlung in der Chemiker-Zeitg. 1912, Nr. 68.
Z. S. 319: »Über Wagen bei den Arabern« handelt E. Wiedemann
(Sitzsber. d. Phys. Mediz. Soziet. in Erlangen Bd. 37, 1905, S. 388 u. f.).
Wiedemann berichtet dort von der Verwendung physikalischer Kenntnisse
zu allerhand Betrügereien. So stellte man Wagen her, deren Balken hohl
war und etwas Quecksilber enthielt. In einem arabischen Werk, das eine
Reihe von Taschenspielerkunststücken schildert, heißt es: »Soll das Gold
leicht erscheinen, so läßt man das Quecksilber nach der Seite der Gewichte
fließen«. Auch dadurch wurde betrogen, daß der Bankier einen Ring trug, in
dem sich ein Magnetstein befand. Diesen brachte er beim Wägen in
geeigneter Weise an die eiserne Zunge der Wage. Daß derartige
Betrügereien recht alt waren, geht auch daraus hervor, daß schon der Koran
dagegen eifert.
Zu S. 318 und 327: Al Qazwini und Al Khazini sind zwei verschiedene
arabische Schriftsteller. Al Khazini lebte um 1130. Von ihm rühren die
sehr genauen Bestimmungen einer Anzahl von spezifischen Gewichten her.

Page 471

Al Qazwini, der Verfasser des Steinbuches, lebte etwa hundert Jahre
später. Er schrieb eine große Erdbeschreibung: »Die Wunder der Schöpfung
und die Denkmäler der Länder«. Sein vollständiger Name lautet: Zakarija
ibn Muhammad ibn Mahmud al-Qazwini.
Die arabischen Steinbücher enthalten auch Vorschriften zur Gravierung von
Planetenbildern auf die den einzelnen Planeten zugeteilten Steine. Bei
jedem der sieben Planeten wird angegeben, bei welcher Konstellation das
genau beschriebene Planetenbild in den dem Planeten geweihten Stein
graviert werden soll und welche Wirkung das Amulett hat, wenn noch
gewisse rituelle Vorschriften erfüllt werden. Dem Saturn entspricht ein
Stein in einem Ring aus Blei, dem Mars ein Stein in einem Ring aus Eisen
usw. Näheres bei J. Ruska, Griechische Planetendarstellungen in
arabischen Steinbüchern. (Sitzgsber. d. Heidelb. Akad. d. Wiss., Heidelberg
1919.)
Zu S. 320, 8. Z. v. oben: Neben Spanien verdient Sizilien Erwähnung, da
auch von hier aus die arabische Wissenschaft dem Abendlande übermittelt
wurde (Wi).
Z. S. 322: Über Geber berichtet ausführlicher und dem Ergebnis der
neuesten Forschungen entsprechend v. Lippmann in seiner »Alchemie«.
Zu S. 322: Nach v. Lippmann ist der Alkohol eine Erfindung des
Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde und
zwar wahrscheinlich in Italien (Alchemie 472). Das Wort »Kohol«
bezeichnet ursprünglich ein sehr feines Pulver. Al ist der arabische Artikel.
Näheres siehe bei v. Lippmann, Chemiker-Zeitung 1913, S. 1313, ebd.
1917, S. 865.
Z. S. 325: Es sei bemerkt, daß die Gleichungen unter 2) nur zur Erläuterung
dienen. Die Salzsäure, durch die hier die Zerlegung bewirkt wird, war
damals noch nicht bekannt.
Z. S. 326: Wunderbare Wirkungen wurden dem Stein der Weisen indessen
auch schon von den frühesten griechischen Alchemisten beigelegt (Li).
Zu S. 327, unten: Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Araber recht
gute botanische Kenntnisse besaßen (Wi).
Z. S. 330: Über die medizinischen Kenntnisse bei den Arabern hat
ausführlich G. Seidel in den Sitzungsber. d. phys. med. Sozietät in Erlangen

Page 472

berichtet (Bd. 47, S. 1915).
Z. S. 352: Die Albertus Magnus zugeschriebenen, eigentlich
alchemistischen Werke sind nach v. Lippmann Fälschungen.
Zu S. 390: Inbezug auf die Optik Lionardos sei auf Werners in Erlangen
erschienene Dissertation hingewiesen. Werner weist nach, daß sich in den
optischen Studien Lionardo da Vincis zahlreiche Andeutungen finden,
die auf seine Bekanntschaft mit den Schriften Alhazens schließen lassen.
Zu S. 401: »Ortus« wird im Mittelalter häufig statt »Hortus« gebraucht.

Page 473

FOOTNOTES:
[1] Berthold hat diese Arbeit nicht vollendet. Sie wurde später Gerland (-1800) und
Würschmidt (1800–1900) übertragen.
[2] Die Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Semitischen wurde besonders durch Erman
dargetan, der die ältesten Verbalformen verglich und zahlreiche Übereinstimmungen auffand.
Daß der altägyptische Typus von dem der Neger stark abweicht, hat Virchow durch die
Untersuchung der Königsmumien nachgewiesen (Ber. d. Berl. Akad. von 1888).
[3] Siehe auch Wiedemann, Ägyptische Geschichte 1884. S. 22, sowie E. Meyer,
Geschichte des Altertums 1. Bd. 1909. S. 44.
[4] Näheres über den Namen und über die Geographie des alten Ägyptens findet man in
Paulys Realencykl. d. klass. Altertumswiss. Bd. I. S. 978.
[5] G. Maspero, Gesch. d. morgenländischen Völker im Altertum. Leipzig 1877. S. 63.

[6] So entstand z. B. aus der Eule , die in der Hieroglyphenschrift m bedeutet, das Zeichen

(hieratisch) und schließlich (demotisch). Der demotischen Schrift bediente man sich in
der griechisch-römischen Zeit besonders im Verkehr.
[7] Z. B. Athanasius Kircher (1601–1680), der sich auch um die Naturwissenschaften
verdient gemacht hat (s. a. anderen Stellen dieses Werkes).
[8] E. Meyer, Geschichte des Altertums. 1909. I. Band. S. 54. Siehe auch an späterer Stelle
dieses Bandes.
[9] Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. 1904. S. 386.
[10] Nach Nissen und Lockyer. Siehe die Abhandlung Charliers i. d. Zeitschr. der morgenl.
Gesellschaft. 1904. S. 386 u. f. Danach wiederholte sich ähnliches bei den älteren christlichen
Kirchen. Ihre Achse wurde mitunter gegen den Punkt des Horizontes gerichtet, an welchem die
Sonne am Gedenktage des Heiligen der betreffenden Kirche unterging. Charlier will auf diese
Weise das Alter von Kirchen auf astronomischem Wege bestimmt haben.
[11] M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I (1880). S. 59.
[12] G. Maspero, Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum. Übersetzt von R.
Pietschmann. Leipzig 1877. S. 54.
[13] Um ihre Entzifferung hat sich zuerst Thomas Young und später Champollion die
größten Verdienste erworben.
[14] Lepsius, Denkmäler II. 50.
[15] In Tell el-Amarna in Mittelägypten.
[16] Herodot II. 109.
[17] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten. Tübingen
1869.

Page 474

[18] Der Papyrus Rhind des Britischen Museums in London, den der Schreiber Ahmes des
Hyksoskönigs Ra-a-us verfaßte. Die Entstehung dieser Schrift fällt zwischen 1700 und 2000 v.
Chr. Das Dokument wurde übersetzt und erläutert herausgegeben von Eisenlohr, Leipzig
1877. Eine eingehende Besprechung seines Inhalts findet sich in M. Cantors Vorlesungen über
Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S. 19–52.
[19] J. Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 52.
[20] Eisenlohr, Ein mathematisches Handbuch der alten Ägypter (2. Ausgabe). S. 46–48.
[21] Schak im 38. und 40. Band der Zeitschrift für ägyptische Sprache.
[22] Cantor im Archiv für Mathematik und Physik. 8. Bd. 1904.
[23] Cantor, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I (1880). S. 37.
[24] Näheres über das Verfahren und die erhaltenen Exemplare siehe bei Cantor, Vorlesungen
über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 43–45; 109–112 usw.
[25] Cantor, Bd. I. S. 46.
[26] Eisenlohr, Papyrus. S. 125.
[27] Cantor, Bd. I. S. 58. Abb. 6 u. 7.
[28] M. Cantor, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 59.
[29] Cantor, a. a. O. Bd. I. S. 59. Siehe auch S. 9.
[30] Er lautet Seqt. Siehe Cantor, Gesch. d. Mathem. Bd. I S. 52, sowie Eisenlohr, a. a. O. S.
135 (Anm. 3).
[31] Tropfke, Gesch. d. Elementarmathematik. Bd. I. S. 74.
[32] C. Merkel, Die Ingenieurtechnik im Altertum. Berlin. J. Springer. 1900. An dies größere
Werk lehnen sich die »Bilder aus der Ingenieurtechnik« an, die Merkel als 60. Bändchen der
Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« veröffentlichte (B. G. Teubner. Leipzig 1904).
[33] Ist doch bekannt, welche Mühe es kostete, den Obelisken von Heliopolis auf dem Platze
vor der Peterskirche in Rom mit Hilfe zahlreicher Göpel und Flaschenzüge aufzurichten.
Dieser Obelisk ist eine einzige Steinmasse von über 300000 kg Gewicht. Näheres siehe bei
Beck in seinen Beiträgen zur Geschichte des Maschinenbaus. Berlin 1899. S. 192.
[34] Siehe »Der alte Orient.« I., herausgegeben von der vorderasiatischen Gesellschaft.
[35] Ort zwischen Kairo und Theben, wo eine Anzahl Keilschrifttafeln entdeckt wurden. Sie
befinden sich zum Teil im Museum der vorderasiatischen Altertümer in Berlin. In einem der
Briefe (um 1400 v. Chr.) findet sich die erste Erwähnung Jerusalems. Die Berliner Sammlung
enthält auch zahlreiche Tafeln der ältesten babylonischen Zeit (3000 v. Chr.). Bei ihrer
Auffindung waren die Schriftzüge durch Auflagerungen unkenntlich; nach Anwendung
verschiedener Reinigungsverfahren traten sie mit voller Deutlichkeit hervor. Erwähnenswert ist
auch ein sumerisch-babylonisches Wörterbuch.
Von den Tell el-Amarna-Tafeln gelangten etwa 200 nach Berlin; die wertvollsten sind in
London. Siehe auch C. Niebuhr, Die Amarna-Zeit. »Der Orient« I. 2. Heft. Berlin 1899.
[36] Hettitische Schriftdenkmäler wurden in Nordsyrien und in Boghaz-Kiri (Kappadozien)
gefunden. Sie bilden einen Teil der Berliner Sammlung vorderasiatischer Altertümer. Die
Hettiter haben Bedeutendes auf dem Gebiete der Metallurgie geleistet. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß durch sie metallurgische Kenntnisse, z. B. die Art der Gewinnung des

Page 475

Eisens, nach Ägypten und nach Babylonien gelangt sind (E. Reyer, Altorientalische
Metallurgie. Zeitschrift der orientalischen Gesellschaft. 1884. S. 149).
[37] Merkel, »Die Ingenieurtechnik des Altertums«, enthält darüber und über den Wasserbau
der übrigen alten Völker (Chinesen, Griechen, Römer) das Nähere.
[38] F. X. Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907. Der Inhalt der
astrologischen Keilschriftfunde wurde im III. Bande des Londoner Inschriftenwerkes
veröffentlicht. Die Übersetzung der astronomischen Keilschrifttafeln begann 1874.
[39] Bezold, Ninive und Babylon, Monographien zur Weltgeschichte. 1903. Mit 102
Abbildungen.
[40] A. H. Layard, Niniveh and its remains (1848).
[41] Die Nippurtexte wurden unter der Oberleitung Hilprechts veröffentlicht: The Babylonian
expedition of the university of Pennsylvania, Philadelphia.
[42] Siehe S. 19.
[43] Beispiele führt Cantor Bd. I. S. 71 in größerer Zahl an. So heißt es Samuel I. 18: Saul hat
tausend geschlagen, David aber zehntausend. Und an anderer Stelle: Tausend mal tausend
dienten ihm (Daniel 7. 10).
[44] Auf den Tafeln sind die Zahlen selbstverständlich ohne Zeichen nebeneinander gestellt.
Unter den neubabylonischen Tafeln der Berliner Sammlung findet sich der Grundriß eines
größeren Gebäudes. Auf diesem Grundriß sind die Abmessungen durch Zahlen nach dem
Sexagesimalsystem verzeichnet, z. B. 11 · 60 + 40 (= 700).
[45] Nach E. v. Lippmann ist es sogar sehr unwahrscheinlich.
[46] Siehe auch Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 76.
[47] Theo Smyrnaeus (ed. Ed. Hiller). Leipzig 1878. S. 177.
[48] Wilhelm Spiegelberg, Orientalistische Literaturzeitung, 1902. S. 6. Es fand sich unter
einer großen Menge Ostraka (durch Einritzen beschriebene Tonscherben), welche die
Straßburger Bibliothek erwarb, und wurde von Spiegelberg entziffert. Der Text ist demotisch.
[49] Geht ein Gestirn gleichzeitig mit der Sonne auf, so spricht man von seinem heliakischen
oder Frühaufgang. Dabei ist der wahre Frühaufgang, der wohl ermittelt, aber nicht beobachtet
werden kann, von dem sichtbaren Frühaufgang zu unterscheiden. Letzterer Zeitpunkt tritt ein,
wenn das Gestirn schon etwas vor dem Aufgang der Sonne erscheint, so daß es in der
Dämmerung wahrzunehmen ist. Der Zeitunterschied beläuft sich auf etwa 20 Tage. Ähnlich
liegen die Verhältnisse beim heliakischen Untergang.
[50] Der Beginn der ersten ägyptischen Kalenderordnung wird in das Jahr 4241 v. Chr. verlegt.
(E. Meyer, Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. Sendschrift der deutschen
Orientgesellschaft.)
[51] Der Sirius (Sothis) galt daher als der Stern der Isis, welche die Überschwemmung dadurch
bewirkte, daß sie, die große Naturgöttin, eine Träne in den Strom fallen ließ. Siehe auch die
Abhandlung »Die Nilschwelle« von W. Capelle in den neuen Jahrbüchern f. d. klass.
Altertum. 1914. S. 317.
[52] Näheres über die Sothisperiode und andere im Altertum gebräuchliche Ären, d. h. der
Einrichtung, die Jahre von einem allgemein anerkannten, festen Zeitpunkt ab zu rechnen,
enthält Paulys Real-Encycl. d. klass. Altertumswissensch. unter »Aera« (1898. S. 606).

Page 476

[53] Ideler, Über die Sternkunde der Chaldäer. Abhandlungen der Berliner Akad. d.
Wissensch. 1814/15. S. 214.
Wie die alten Astronomen hierbei verfuhren, hat Pappus in seinem Kommentar zum V. Buche
des Almagest geschildert.
[54] K. F. Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier. In den Beiträgen zur alten
Geschichte. Bd. I (1902). S. 350.
[55] Vielleicht haben die Babylonier die Wasserwägung auf den Durchgang der Sonne durch
den Meridian bezogen und so den durch die Schiefe der Sphäre bedingten Fehler vermieden.
[56] Siehe K. F. Ginzel a. a. O. S. 351.
[57] E. Meyer, Geschichte des Altertums. Bd. III. 1901. S. 132.
[58] Arabischer Name des astronomischen Hauptwerkes von Ptolemäos.
[59] E. Meyer, Geschichte des Altertums. Bd. I. S. 527.
[60] C. Bezold, Die Astrologie der Babylonier in Bolls Sternglaube und Sterndeutung. B. G.
Teubner, Leipzig. 1918. S. 9.
[61] So erscheinen die Plejaden in der Siebenzahl auf der Stele (Grabsäule) eines Königs des 7.
vorchristlichen Jahrhunderts.
[62] E. Meyer, Geschichte des Altertums. I (2). S. 369.
[63] Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[64] Eine ausführliche Abhandlung von Rieß über die Astrologie im Altertum enthält Paulys
Reallexik. d. klass. Altert. Bd. II (1896). S. 1802.
[65] A. H. Sayce, The astronomy and astrology of the Babylonians with translations. London
1874. Siehe auch Cantor I. S. 38 (3. Aufl. 1907).
[66] Nach Simplicius, Kommentar zu Aristoteles »De coelo«.
[67] Wolf, Geschichte der Astronomie. S. 10.
[68] H. Suter, Die Geschichte der mathematischen Wissenschaften. Zürich 1873. S. 18.
[69] R. Lepsius, Das bilingue Dekret von Kanopus. Berlin 1866. Die betreffende Inschrift
wurde von Lepsius im Jahre 1866 in Unterägypten gefunden.
[70] Die aus dem Altertum auf uns überkommenen Nachrichten über die Astronomie der
Babylonier hat Ideler zusammengestellt: Über die Sternkunde der Chaldäer (Abhandlungen
der Berliner Akademie d. Wissensch. v. 1814/15).
Die in Idelers Schrift zusammengestellten und erläuterten Fragmente waren bis zur
Entzifferung der Keilschriftfunde, also bis 1870 etwa, die wichtigste Quelle für die Geschichte
der babylonischen Astronomie.
[71] F. Boll, Astronomische Beobachtungen im Altertum. Neue Jahrbücher f. d. klass. Altert.
1917. S. 17.
[72] Siehe Ginzel, »Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier und ihre kulturhistorische
Bedeutung«; in den Beiträgen zur alten Geschichte (Klio). 1 Bd. (1901).
[73] Nach Ginzel a. a. O. S. 191.
[74] Siehe Ginzel a. a. O. (Klio).

Page 477

[75] »Was auf diesem Gebiete die Assyriologie geleistet, gehört zu den erstaunlichsten
Ergebnissen der Altertumsforschung und bildet einen der größten Triumphe der
Keilschriftenentzifferung« (Bezold, Ninive und Babylon 1903. S. 89). Unter den Männern,
welche die Astronomie und die Keilschriftenkunde in einer Person vereinigen, ist besonders F.
X. Kugler zu nennen.
[76] Nach Kugler.
[77] F. X. Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
[78] Nach Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[79] Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[80] Wie Geminos mitteilt. Wann Geminos lebte, ist nicht genau bekannt (100 v.-100 n.
Chr.). Er stammte aus Rhodos und schrieb eine Einführung in die Astronomie (εἰσαγωγὴ εἰς τὰ
φαινόμενα). Eine Ausgabe mit deutscher Übersetzung veröffentlichte K. Manitius. Leipzig
1898.
[81] Wie die Bewegung der Gestirne, so galt auch das Verhalten gewisser Tiere als Omen. In
Babylon hat, nach dem Inhalt mancher Keilschrifttexte zu urteilen, der Skorpion in dieser
Hinsicht eine Rolle gespielt, wie sie heute beim Volke noch der Spinne zugeschrieben wird.
Aus dem Verhalten der Skorpione suchte man z. B. das Schicksal der Heere oder den Verlauf
öffentlicher Angelegenheiten vorherzusagen. (Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin und der
Naturwissensch. 1906. S. 326.)
[82] Siehe Diodors von Sizilien historische Bibliothek, übersetzt von J. F. Wurm. Stuttgart
1827. Buch II. Kap. 30.
[83] Eingehender handelt von der kulturgeschichtlichen Bedeutung der babylonischen und der
ägyptischen Priesterschaft E. Meyer im 1. Bande (1,2) seiner Geschichte des Altertums.
[84] Nach Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Assyriologische, astronomische und,
astralmythologische Untersuchungen. I. Buch: Entwicklung der babylonischen Planetenkunde
von ihren Anfängen bis auf Christus. Münster 1907. S. 41.
[85] Siehe Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
[86] Kugler, Im Bannkreis Babels. S. 57.
[87] Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 10.
[88] Berosos war Priester in Babylon. Er gibt selbst an, daß er unter Alexander, dem Sohne
Philipps, gelebt habe. Näheres siehe in Christ, Geschichte der griechischen Literatur. 1889. S.
412.
[89] K. A. v. Zittel, Geschichte der Geologie u. Paläontologie. 1899. S. 2.
Die Aufzeichnungen des Berosos (Christ, a. a. O.) erregten bei den Juden und den Christen
besonderes Interesse durch die mit der Bibel übereinstimmenden, jetzt auch durch
Keilschrifttexte bestätigten Mythen von der Sündflut, dem Turmbau zu Babel usw.
[90] Nach Ginzel, Das astronomische Wissen der Babylonier. (Klio. 1901.)
[91] Nach einer von H. Winckler aufgestellten, jedoch sehr fragwürdigen Ansicht. Nach
Winckler begann das babylonische Jahr mit dem Frühlingsäquinoktium. Nun wandern die
Äquinoktialpunkte in 26000 Jahren durch den ganzen Tierkreis. Der Frühlingspunkt verweilt
somit in jedem Tierkreisbild etwa 2000 Jahre. In Anbetracht des großen Zeitraums, über den
sich die babylonischen Beobachtungen erstreckten, konnte die Wanderung der Äquinoktien den

Page 478

Babyloniern nach Winckler nicht entgehen. Als ihre Beobachtungen, soweit Urkunden
darüber vorliegen, begannen, befand sich der Frühlingspunkt im Stier. Im 8. Jahrhundert v. Chr.
war die Frühjahrssonne in den Widder getreten, während sie jetzt schon in den Fischen steht.
Damit hängt vielleicht zusammen, daß die Aufzählung der Sternbilder in dem bekannten Verse:
Sunt aries taurus ... mit dem Widder beginnt. Daß die Namen der Tierkreisbilder zum Teil mit
babylonischen Benennungen zusammenfallen, weist darauf hin, daß sie, wenn auch auf
Umwegen, von den Babyloniern auf uns gelangt sind. (S. auch Bezold, Ninive u. Babylon.
1903.)
[92] F. H. Kugler, Im Bannkreis Babels. Münster 1910.
[93] Ginzel, Das astronomische Wissen der Babylonier (Klio. 1901. S. 209).
[94] Dies entspricht auch einer Angabe des Josephus (Antiquit. I, 8). Siehe auch Kugler a. a.
O. S. 117.
[95] A. Boeckh, Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße und Maße des
Altertums in ihrem Zusammenhange. Berlin 1838.
[96] Siehe den Artikel »Gewichte« von Lehmann-Haupt in Paulys Reallexikon der klass.
Altertumskunde. Supplement-Bd. III. (1918.) S. 588–654.
[97] Lehmann ist geneigt, hier eine absichtliche Verknüpfung anzunehmen. Beiträge zur alten
Geschichte. Bd. I. (1902.) S. 355.
[98] C. F. Lehmann, Über die Beziehungen zwischen Zeit- und Raummessung im
babylonischen Sexagesimalsystem (Klio. Bd. I. S. 381 u. f.).
[99] Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier schon das Gewicht aus dem
Längenmaß abgeleitet hätten und auf das Bedenkliche derartiger Spekulationen, wie sie
Lehmann und besonders Winckler (s. S. 36) anstellten, hingewiesen. Siehe u. a. E. Meyer,
Geschichte d. Altertums. 1909. S. 518.
[100] Das Medizinalgewicht, das der Verfasser des Papyrus Ebers seinen Rezepten als Einheit
zugrunde legt, betrug nach F. Hultsch (Griech. u. röm. Metr. 1882, S. 374 u. 376) ungefähr 6
g und das kleinste Gewicht namens pek 0,71 g. Vgl. R. Lepsius, Abhandl. d. Berliner
Akademie, 1871. S. 41–43 und F. Chabas, Recherches sur les poids, mésures et monnaies des
anc. Egypt. Paris 1876. S. 21, 38.
[101] Näheres über die Geschichte der Wage, der Gewichte und des Wägens enthält die Schrift:
Th. Ibel, Die Wage im Altertum und Mittelalter. Erlangen 1908.
[102] Lepsius, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften. Abhandl. d. Akademie d.
Wissensch. zu Berlin. 1871. S. 111.
[103] A. Rössing, Geschichte der Metalle. 1901.
[104] A. de Rochas, Les origines de la science et ses premières applications.
[105] Rössing, Geschichte der Metalle. S. 11.
[106] Die erste schriftliche Erwähnung findet das Zink bei Paracelsus. Er nannte es »ein gar
fremdes Metall, sonderlich seltsamer als die anderen«.
[107] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in spätägyptischen Gräbern
gefunden. Die Römer unterschieden es als Plumbum candidum von dem Blei, das sie als
Plumbum nigrum bezeichneten.
[108] Rössing, a. a. O. S. 3. In manchen untersuchten Bronzen ist das Zinn ganz oder zum
Teil durch Antimon ersetzt. Entweder wurde dieses Metall in Form von Antimonerz bei der

Page 479

Verhüttung der Kupfererze zugesetzt oder man war im Altertum schon mit der Gewinnung des
metallischen Antimons vertraut. Die letztere Ansicht vertritt Helm. Siehe den Jahresbericht
über die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 1902. III. S. 26–82. (Stadlers
Literaturbericht.)
Einen bei den Ausgrabungen in Sakkara zutage geförderten Bronzebarren von der Form, wie
ihn die alten Abbildungen zeigen, untersuchte Berthelot (Comptes Rendus 1905. S. 183),
Quelques métaux trouvés dans les fouilles archéologiques en Egypte. Dieser Barren enthielt
87,5% Kupfer und 11,47% Zinn. Der Rest bestand aus Blei und Patina.
[109] E. Gerland im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 304.
[110] Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. 1909. S. 300.
[111] L. Wilser in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften.
1907. S. 487. Nach A. Ludwig stammt das Wort aus dem Hebräischen (Zeitschr. f. d. Kunde
des Morgenlandes. 1905. Bd. XIX. S. 239–240).
[112] Rössing, Geschichte der Metalle. S. 14, sowie die Abhandlung Eisen und Stahl in Indien
von Dr. E. Schultze im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 350.
[113] A. H. Layard, Niniveh and its remains. London 1849.
[114] A. C. Kisa, Die Erfindung des Glasblasens. Jahrbuch für Altertumskunde I. S. 1.
[115] Herodot II. 84.
[116] Kodex Hammurabis. Siehe Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d.
Naturwissenschaften. 1903. Heft 1. S. 90. Hammurabi (Chammurabi) regierte von 1958–
1916. Er hat die herrschenden Rechtsgrundsätze zusammengestellt. Das Gesetzbuch
Hammurabis wurde 1901 gefunden.
[117] Die Staroperation, der man bisher ein Alter von etwa 2000 Jahren zuschrieb, ist infolge
dieser Erwähnung in der Gesetzessammlung Hammurabis um weitere 2000 Jahre
zurückzudatieren. Siehe H. Magnus, Zur Kenntnis der im Gesetzbuche des Hammurabi
erwähnten Augenoperationen. Deutsche med. Wochenschrift. 1903. Nr. 23.
Es läßt sich mit Bestimmtheit annehmen, daß diese Gesetze schon vor ihrer Kodifizierung
durch lange Zeiträume hindurch Geltung besaßen. Der 118. Paragraph der Sammlung
Hammurabis lautet:
»Wenn ein Chirurg jemandem eine schwere Wunde mit dem kupfernen Skorpionpfriemen
macht und den Menschen tötet oder den Star eines Menschen mit dem kupfernen
Skorpionpfriemen öffnet und das Auge des Menschen wird zerstört, seine Hände soll man ihm
abhauen.«
[118] Diodor, I. 82, 3.
[119] In einem altbabylonischen Texte wird Bilsenkraut als »die Pflanze, welche die Glieder
lähmt« und »Fett vom Baume« (Harz) empfohlen. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d.
Naturwissensch. 1904. S. 221.
[120] F. v. Oefele, Zwei medizinische Keilschrifttexte in Urschrift, Umschrift und
Übersetzung. (Mitteil. zur Gesch. der Med. u. d. Naturwissensch. 1904. S. 217 u. f.)
[121] H. A. Nielsen, Die Straßenhygiene im Altertum. Arch. f. Hygiene. Bd. 43 (1902). S.
85–115.
[122] Eine Liste der in Ägypten und in Palästina angebauten Pflanzen enthält die Abhandlung
von Warburg, »Geschichte und Entwicklung der angewandten Botanik« (Berichte der

Page 480

Deutschen botanischen Gesellschaft. 1901. S. 153). Für Ägypten kommen unter anderen in
Betracht: drei Weizenarten, zwei Gerstenarten, Knoblauch, Porree, Schalotten, Lein, Papyrus,
Ölbaum, Weinstock, Dattel, Feige, Melonen, Kürbis, Artischocke, Spargel, Rettich,
Ackererbse, Pferdebohne, Linse, Kohl, Fenchel, Anis, Absynth, Schlafmohn, Rizinus,
Granatapfel. Die meisten dieser Pflanzen wurden auch in Palästina angebaut, wo man auch
schon das Pfropfen verstand. Als Werkzeuge sind der Pflug, die Egge, Sicheln, Hecheln und
Dreschbretter nachgewiesen.
[123] Im Papyrus Ebers finden sich einige Andeutungen, die erkennen lassen, daß die alten
Ägypter die Heilung von Wunden durch Nähte förderten. Die erste Beschreibung dieses
Verfahrens findet sich bei Celsus. Siehe Gurlts Geschichte der Chirurgie, sowie Erhardt,
Die in der Chirurgie gebräuchlichen Nähte und Knoten in historischer Darstellung.
(Volkmanns klin. Vorträge Nr. 580/81.)
[124] Tierärztliches Zentralblatt. 1903. Nr. 18.
[125] R. Burckhardt, Geschichte d. Zoologie. S. 12. Leipzig, Göschensche Buchhandlung.
1907.
[126] Eduard Meyer, Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. (Sendschrift der
deutschen Orientgesellschaft.)
[127] v. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergange aus Asien. Berlin 1902. S.
520.
[128] Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst.
Engelmann, Leipzig 1899. S. 9.
[129] Meyer, Geschichte der Chemie. S. 16.
[130] Ein ausführlicher Artikel über Industrie und Handel im Altertum findet sich im 9. Bande
von Paulys Reallexikon, S. 1381–1535. Der Verfasser ist Gummerus.
[131] Von den Vorstellungen der Alten über Indien handelt sehr ausführlich Wecker in Paulys
Reallexik. d. klass. Altert. Bd. IX. (1914). S. 1264–1325. Die beste Darstellung der antiken
Kenntnisse über Indien findet sich in der »Geographie« des Ptolemäos (s. a. spät. Stelle).
[132] Nach Arrian.
[133] Lassen, Indische Altertumskunde. II. 511.
[134] Cantor, I. 509.
[135] Bürk in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft. Bd. 55 u. 56.
[136] Kap. I. 4. in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft. 56. Bd.
(1902.) S. 328.
[137] Die Konstruktion von Altären unter Verwendung rechtwinkliger Dreiecke, deren Seiten
sich wie ganze Zahlen verhalten, geht vielleicht in das 8. vorchristliche Jahrhundert zurück.
Mitteil. z. Geschichte d. Medizin u. Naturwissenschaften. 1906. S. 473.
[138] Vor allem des Apastamba Sulbasutra.
[139] Siehe Zeuthens Bemerkungen in der Biblioth. mathem. (3. Folge). V. 97–112.
[140] Cantor, Über die älteste indische Mathematik. Arch. f. Math. und Physik. 1904.
[141] Ap. Sulb. Sutra. III. 2. Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. Bd. 55 u. 56. Abhandlung Bürks.
[142] Siehe S. 19.

Page 481

[143] Cantor, Über die älteste indische Mathematik i. Arch. f. Math. u. Phys. 8. Bd. (1904).
[144] Siehe S. 6.
[145] Cantor, a. a. O. S. 71.
[146] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
[147] Siehe Arneth, Die Geschichte der reinen Mathematik. S. 143.
[148] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 540.
[149] Sie findet sich bei Aryabhatta (geb. 476 n. Chr.), dem ältesten indischen Astronomen,
dessen Schriften auf unsere Zeit gekommen sind.
[150] Das Nirukta.
[151] Roth, »Indische Feuerzeuge«. Zeitschrift der morgenländischen Gesellschaft. 1889.
[152] Aristophanes, Wolken. v. 766 u. f. Aristophanes erzählt dort, ein Schuldner habe
seinen Gläubiger dadurch geprellt, daß er die Wachstafel, welche die Forderung enthielt,
mittelst einer der Linsen geschmolzen habe, die zum Erzeugen von Feuer gebraucht würden.
[153] Über die »Schießpulverfrage im alten Indien«, siehe die Mitteilungen zur Gesch. d. Med.
u. d. Naturwissensch. 1905. S. 1 u. f.
[154] Hoernle, Studies in the Medicine of ancient India. Oxford 1907.
[155] E. v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge. 1906.
[156] Berendes, Das Apothekenwesen, seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung.
Stuttgart 1907.
[157] Ein Sanskrittext, der sich gegen den Genuß des Fleisches, der gegohrenen Getränke und
gegen die geschlechtliche Liebe wendet, findet sich in der Zeitschrift der deutschen
morgenländischen Gesellschaft, Jahrg. 1907, in der Übersetzung wiedergegeben.
[158] S. Hirschberg, Der Starstich der Inder. Zeitschr. f. prakt. Augenheilk. Januarheft 1909.
[159] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 413.
[160] Siehe auch W. Förster, Die Astronomie des Altertums und Mittelalters. Berlin 1876.
[161] Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 11.
[162] Der Jesuitenorden, dem ja neben der Verteidigung auch die Verbreitung des katholischen
Glaubens oblag, ließ sich schon im 16. Jahrhundert in den außereuropäischen Ländern nieder.
In China gewann er besonderen Einfluß dadurch, daß er für die Kalenderrechnung, die dort
sehr in Unordnung geraten war, eine Neuordnung auf astronomischer Grundlage schuf. Eine
solche Neuordnung war deshalb sehr wichtig, weil man eine verworrene Zeitrechnung als ein
ungünstiges Omen für die Verwaltung und damit die Zukunft des Staates ansah.
[163] Baden-Powell, History of natural philosophy. London 1834. S. 11.
[164] Siehe auch H. Löschner, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer Geschichte und
Konstruktion nebst Aufstellung einer Fehlertheorie. Graz 1905.
[165] Mitteilungen zur Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften. 1908. S. 351.
[166] Näheres enthält die Abhandlung R. Ehrenfelds in den Mitteilungen zur Gesch. der
Medizin und der Naturwissenschaften. 1908. S. 144 u. f.
[167] Auch H. Winckler wendet sich in einer Abhandlung über die Bedeutung der Phönizier
für die Kulturen des Mittelmeeres (Zeitschr. f. Sozialwissenschaft. 1903. Bd. IV. Nr. 6 u. 7)

Page 482

gegen die Auffassung, als ob die Phönizier die Buchstabenschrift erfunden hätten. Er ist der
Ansicht, daß sich das Verständigungsmittel geistigen Lebens an dessen Mittelpunkt entwickelt
haben wird und die phönizische Schrift im Anschluß an die Keilschriftliteratur entwickelt ist.
Übrigens haben auch die arischen Perser die zu monumentalen Inschriften beibehaltene
Keilschrift zu einer Buchstabenschrift umgestaltet (L. Wilser in den Mitteil. z. Gesch. d. Med.
u. Naturwissensch. 1905. S 32). Die ältesten uns erhaltenen Inschriften im griechischen
Alphabet und in griechischer Sprache gehen kaum über den Anfang des 7. vorchristlichen
Jahrhunderts hinaus. Siehe Beloch, Griechische Geschichte. Bd. I. 2. S. 2. 1913.
[168] K. Suter, Geschichte der mathemat. Wissenschaften. Zürich 1878.
[169] Im Archiv für Geschichte der Philosophie (1902. S. 311) hat Peithmann in einer
Abhandlung über die Naturphilosophie vor Sokrates neuerdings die Anschauung zu begründen
versucht, daß Thales sich nicht als Philosoph, sondern nur als Astronom und Ingenieur
verdient gemacht habe. Nach Peithmann hat es den Anschein, daß erst Aristoteles den Thales
unverdientermaßen zu einem Philosophen gemacht hat. Die Ansicht wird nach v. Lippmann
jedoch nicht allgemein anerkannt.
[170] Cantor, Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S. 113.
[171] A. a. O. S. 114.
[172] Ein Verzeichnis der von den antiken Schriftstellern erwähnten Finsternisse findet sich in
Paulys Reallexikon der klass. Altertumswiss. im 6. Bande auf S. 2352–2364. Dort findet sich
auch (S. 2339–2364) ein ausführlicher, von Boll verfaßter Beitrag über die Finsternisse. Die
erste verbürgte Nachricht betrifft eine Mondfinsternis, die am 19. 3. 721 in Babylon beobachtet
wurde.
[173] Siehe oben S. 35.
[174] Thales hat die am 18. Mai 603 eingetretene große Sonnenfinsternis wahrscheinlich in
Ägypten beobachtet. Er konnte deshalb damit rechnen, daß etwas mehr als 18 Jahre später eine
neue Finsternis stattfinden würde. Sie fand denn auch am 22. Mai 585 statt (H. Diels, Antike
Technik. 1914. S. 3). Siehe auch J. Zech, Astronomische Untersuchungen über die wichtigsten
Finsternisse, welche von den Schriftstellern des Altertums erwähnt werden. Leipzig 1853.
[175] Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 5.
[176] Nach Plutarch, Vol. III, pag. 174, ed. Didot, sowie nach Plinius XXXVI. 12.
[177] A. Forbiger, Handbuch der alten Geographie. I. 44.
[178] Aristot., Metaphys. I, 3.
[179] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. I. (5. Aufl.) S. 35.
[180] E. Meyer, Alte Geschichte. Bd. IV. 1901. S. 199.
[181] Zeller, Die Philosophie der Griechen. 5. Aufl. Bd. I. S. 769.
[182] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I (1854). S. 45.
[183] Zeller, Über die griechischen Vorgänger Darwins. Abhandlungen d. kgl. Akademie d.
Wissensch. zu Berlin. 1878. S. 115.
[184] E. Meyer a. a. O.
[185] So heißt es bei Plutarch, Strom. VII. Dox. Gr. S. 581.
[186] S. auch Windelband, Die Lehre vom Zufall. Berlin 1870.

Page 483

[187] A. Brieger, Die Urbewegung der Atome und die Weltentstehung bei Leukipp und
Demokrit. Halle 1884.
[188] E. Meyer, Alte Geschichte. Bd. V. 1902. S. 340.
[189] Gesammelt durch Mullach, Berlin 1843. (Völlig veraltet; s. auch Diels'
»Vorsokratiker«).
Ist auch die Zahl der authentischen Fragmente nur klein, so sind wir über Demokrits Lehren
doch besser unterrichtet als über die Ansichten zahlreicher anderen Philosophen. Man hat mit
Recht bemerkt, daß er eifriger ausgeschrieben als abgeschrieben wurde (F. A. Lange, Gesch.
d. Materialismus. 1873. Bd. I. S. 11). Zumal durch Aristoteles und durch Lukrez sind wir
mit Demokrits Anschauungen ziemlich genau bekannt. Selbst in der Überlieferung erscheinen
sie als »so klar und folgerichtig, daß sich das kleinste Bruchstück mit Leichtigkeit dem Ganzen
einfügen läßt« (Lange, a. a. O.).
[190] Lucretius Carus, De rerum natura. S. an späterer Stelle dies. Buches.
[191] 5. Buch. 181–194.
[192] 5. Buch. 419 u. f.
[193] Cardanus, De subtilitate. lib. XI. (Cardani operum tom. III. Lugduni 1663. p. 549.) Auf
diese Stelle machte mich Leopold Löwenheim aufmerksam. Siehe auch die von ihm
herausgegebene Schrift: Die Wissenschaft Demokrits und ihr Einfluß auf die moderne
Naturwiss. Von Louis Löwenheim. Berlin 1914.
[194] Über diese Zusammenhänge siehe auch die soeben erwähnte Schrift Löwenheims.
Über den Einfluß, den die demokritischen Anschauungen auf die weitere Entwicklung der
Wissenschaften ausgeübt haben, wurden von Louis Löwenheim eingehende Untersuchungen
angestellt. Löwenheims Arbeit ist bisher nur im Auszuge (s. S. 74 Anm. 2) veröffentlicht. Sie
ist dem Verfasser nach dem Erscheinen seines Werkes durch den Sohn des verstorbenen
Forschers im Manuskript zugestellt worden, um bei einer neuen Auflage berücksichtigt zu
werden. Dies konnte an mehreren Stellen dieses Bandes geschehen.
[195] Fr. Schultze in der Zeitschrift Kosmos. 1877. 8. u. 9. Heft.
[196] Siehe auch H. C. Liepmann, Die Mechanik der Leukipp-Demokritischen Atome.
Leipzig 1885.
[197] Schaubach, Anaxagorae fragmenta. Lipsiae 1817. Mullachius, Fragm. phil. graec.
Parisiis. I u. II. 1860–1867. Vor allem aber Diels' »Vorsokratiker«.
[198] D. h. Vernunft, hier Weltvernunft.
[199] Es besaß die Größe eines Mühlsteins und wird auch von Plutarch und Plinius erwähnt.
[200] Anaxagoras nahm an, daß die Sonne mehrere Male so groß sei wie der Peloponnes und
daß der Mond ihr an Größe etwa gleich komme. Letzterer sei wie die Erde ein Wohnsitz
lebender Wesen.
[201] Lange, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 57.
[202] Man darf den hier gerügten Mangel der Alten aber auch nicht übertreiben, wie es z. B.
Du Bois Reymond (Kulturgeschichte und Naturwissenschaft) getan hat. Daß das Experiment
auch im Altertum eine Rolle spielte, und zumal bei den Alexandrinern zu wichtigen
Ergebnissen führte, darf nicht verkannt werden. Im Mittelalter waren insbesondere die Araber
bemüht, die ihnen von den Griechen übermittelten Wissenschaften durch experimentelle

Page 484

Untersuchungen weiter auszubauen. Siehe auch E. Wiedemann, Über das Experiment im
Altertum und Mittelalter (Unterrichtsblätter für Mathem. und Naturwissensch. 1906. Nr. 4–6).
[203] Cantor, Geschichte der Mathematik. 1880. Bd. I. 128 u. 158.
[204] Näheres siehe bei Diels, Antike Technik, S. 21.
[205] H. Vogt, Die Geometrie des Pythagoras. Siehe Bibl. math. (3. Folge) 9. Bd. S. 15 u. f.
Danach sind neuerdings auch Zweifel erhoben, ob Pythagoras mit der Konstruktion der fünf
regulären Körper schon vertraut gewesen. Auch mit dem Begriff des Irrationalen wurden die
Griechen wahrscheinlich erst viel später bekannt.
[206] Die Griechen haben schon über die Entwicklung der Mathematik geschrieben. Eudemos,
ein Schüler des Aristoteles, verfaßte eine Geschichte der Astronomie und der Geometrie, die
bis auf wenige, auch die erwähnten Angaben über Thales enthaltende Bruchstücke verloren
gegangen ist. Ferner schrieb Theophrast von Eresos eine Geschichte der Mathematik. Sie ist
leider ganz verloren gegangen (Suter, Geschichte der mathematischen Wissenschaften. 1873.
S. 21). Die Fragmente des Eudemos wurden von L. Spengel gesammelt und herausgegeben:
Eudemi fragmenta, quae supersunt. Berlin 1866. Zu erwähnen ist auch Menon. Er war
gleichfalls ein Schüler des Aristoteles und schrieb eine Geschichte der Medizin. Die erhaltenen
Bruchstücke veröffentlichte Diels (Suppl. Arist. III, 1. Berlin 1893).
[207] Tropfke, Geschichte der Mathematik. II. S. 5.
[208] Proclos, ed. Friedlein. S. 379.
[209] Tropfke, II. 88.
[210] Nach Angaben von Platon (Timäos) und Vitruv (De architectura). Näheres siehe
Tropfke. II. 400.
[211] H. Vogt, Die Entdeckungsgeschichte des Irrationalen. Biblioth. mathemat. 10. Bd. S 97.
[212] Siehe Paulys Reallex. d. klass. Altert. Bd. VIII.
[213] Über Hippokrates siehe Brettschneider, Die Geometrie und die Geometer vor Euklid.
Leipzig 1870.
[214] Antiphon um 430 v. Chr. Siehe Cantor, Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik. I.
172. (1880.)
[215] Die wichtigsten Mitteilungen über die verschiedenen Wege, wie die Alten das delische
Problem lösten, verdanken wir dem Eutokios, welcher die Schriften des Archimedes
kommentierte, Archimedes, ed. Heiberg, III., S. 104.
[216] Diese Konstruktion, welche Eutokios in seinen Erläuterungen zu Archimedes bringt,
wird Platon zugeschrieben. Archimedes, ed. Heiberg, III., S. 66–70.
[217] Näheres bringt die von Cantor (Bd. I. S. 199) nach Eutokios gegebene Darstellung der
von Menächmos gefundenen Sätze.
[218] Ging man ähnlich wie bei der Ableitung der Parabel vor, stellte aber die Bedingung, daß
von den an die Gerade anzutragenden Rechtecken stets ein Stück übrig bleibt, so ergab sich als
geometrischer Ort die Ellipse (ἐλλείπειν heißt übrig bleiben). Überragten dagegen die
Rechtecke die Gerade, so ergab sich die Hyperbel (ὑπερβάλλειν heißt überragen).
[219] Hippias von Elis.
[220] Näheres Cantor, I. 167.
[221] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 5.

Page 485

[222] Beide Sätze werden Platons Schüler Eudoxos von Knidos zugeschrieben.
[223] Diese Entdeckung wird auf Aristaeos (um 320 v. Chr.), der ebenfalls der platonischen
Schule angehörte, zurückgeführt. Er soll auch das erste Werk über die Kegelschnitte
geschrieben haben. Cantor I, 211.
[224] Eine ausführliche Darstellung mit zahlreichen Literaturangaben enthält Paulys
Realenzykl. f. d. klass. Altertum in Bd. II. (1896.) S. 1828–1862. Sie rührt von Hultsch her.
[225] F. Cumont, Babylon und die griechische Astronomie. Neue Jahrbücher f. d. klass.
Altertum. 1911. S. 1.
[226] Aristophanes, Wolken. 615–619.
[227] Es ist wahrscheinlich, daß Meton sich hierzu der Tabellen bediente, welche die Chaldäer
Jahrhunderte vorher für die Mondbewegung und die Finsternisse entworfen hatten.
[228] Das Wichtigste über die Hilfsmittel, welche im Altertum für die Zeitmessung zur
Verfügung standen, bringt die Realenzykl. d. klass. Altertumswiss. von Pauly-Wissowa-
Kroll (8. Bd. Sp. 2416–2433) in dem Beitrag »Horologium« von A. Rehm.
[229] Der Name Ekliptik (ἑκλειπτικός κύκλος) ist im Altertum erst spät in Gebrauch
gekommen.
[230] Um 560 v. Chr. Siehe auch Darmstädter, Handbuch der Geschichte der
Naturwissenschaften.
[231] Derartigen Versuchen, die Abstände der Planeten in eine mathematische Regel zu fassen,
begegnet man bis ins 18. Jahrhundert (Titiussche Regel; 1766).
[232] August Boeckh, Philolaos des Pythagoreers Lehren nebst den Bruchstücken seines
Werkes. Berlin, Vossische Buchhandlung. 1819.
[233] Schiaparelli, Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum. 1873. Übersetzt von Curtze.
[234] Dies gilt z. B. von Anaxagoras, der nach der Begründung der pythagoreischen Schule
lebte.
[235] Schiaparelli, a. a. O. S. 7.
[236] Platon erklärte im »Timäos«: »Vom Ganzen, welches kugelförmig ist, zu behaupten,
daß es einen Ort unten, den anderen oben habe, ziemt keinem Verständigen« (siehe »Timäos«,
62 u. 63).
[237] Er lebte etwa von 390–310 und war den Pythagoreern in mancher Hinsicht
geistesverwandt. Er verfaßte zahlreiche Schriften, von denen nur die Titel und Fragmente
bekannt sind. Letztere den Titeln zuzuweisen, ist schwierig und oft nicht möglich. Über
Herakleides siehe auch Gomperz, Griechische Denker. I, 98.
[238] Siehe die spätere Darstellung und Abbildung des Tychonischen Systems.
[239] Vitruv, De architectura. Von den meisten Schriftstellern wird der Ursprung dieser Lehre
den Ägyptern zugeschrieben. Koppernikus selbst kannte sie durch Martianus Capella
(siehe an späterer Stelle bei Koppernikus).
[240] Platons »Timäos«. 38.
[241] Siehe S. 93.
[242] Ein ausführlicher, von Boll herrührender Beitrag über die Fixsterne findet sich in
Paulys Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. VI. Bd. S. 2407–2431.

Page 486

[243] Platons Phaedon. cap. 58. Leipzig, Wilhelm Engelmann. 1852.
[244] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 5.
[245] Ausg. v. Sturz, Vers 160–163. Seine Worte lauten: »Jetzt zuvörderst vernimm des Alls
vierfältige Wurzeln: Feuer und Wasser und Erd' und des Äthers unendliche Höhe. Daraus ward,
was da war, was da sein wird, oder was nun ist.«
[246] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 51.
[247] Plut. V. cap. 26.
[248] Aristoteles, De gen. animalium. Bd. I. S. 23.
[249] Aristoteles, De part. anim. I. S. 640a.
[250] Aristoteles, De generatione animalium. V. 8.
[251] Diogenes Laertius IX. 47.
[252] E. Dacqué, Der Deszendenzgedanke u. seine Geschichte. München 1903.
[253] Die auf Epikur und Demokrit zurückzuführenden Verse des Lucretius lauten
folgendermaßen:
Denn wer nur immer sich jetzo erfreut der belebenden Lüfte,
Den hat entweder List oder Stärke beschützt oder Schnelle
Seit seiner frühesten Jugend und so sein Geschlecht stets erhalten.
Viele jedoch existieren, die unserem Schutz es verdanken,
Daß sie erhalten blieben, dem sichern Verderben entrissen.
–––––––––––––––––––––––
Denen jedoch von alledem nichts die Natur hat gegeben,
Daß sie aus eigener Kraft vermochten ihr Leben zu fristen,
Diese sind selber zur Beute geworden.

[254] E. Meyer, Geschichte d. Altert. Bd. IV. 1901. S. 205.
[255] Über die den Alkmäon betreffenden Fragmente siehe die Angaben von Meyer in seiner
Geschichte des Altertums Bd. IV. 1901. S. 207.
[256] Th. Beck, Hippokrates' Erkenntnisse. Jena 1907.
[257] Platons Protagoras. Kap. III.
[258] Hippokrates aus Kos lebte um 400 v. Chr.
[259] Als Corpus Hippocraticum sind der Nachwelt etwa 100 griechische und 30 lateinische
Schriften übermittelt worden. Mit völliger Sicherheit lassen sich nur wenige Bücher auf
Hippokrates selbst zurückführen. Man hat übrigens nie alle für echt gehalten. Näheres siehe
in dem sehr ausführlichen Beitrag über Hippokrates in Paulys Reallexik. d. klass. Altert. Bd.
VIII (1913). S. 1801–1852.
[260] Beck, Hippokrates' Erkenntnisse. Jena 1907. Das Werk enthält außer einer Untersuchung
über die Entstehung und die Bedeutung der Hippokratischen Sammlung eine Auslese der
wertvollsten Stellen mit Bezugnahme auf die moderne Heilkunde.
[261] Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. I (1875). S. 141.
Nach den Ansichten, die Platon im »Timäos« entwickelt, bewirkt das Herz die Verknüpfung
der Adern. Es ist die Quelle des durch alle Glieder heftig herumgetriebenen Blutes. Zur
Abkühlung des Herzens dienen die Lungen.

Page 487

[262] In der lateinischen Fassung von Schiller seinen »Räubern« als Motto vorangestellt:
Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat. Quae ferrum non sanat, ignis sanat.
[263] R. Burckhardt, Geschichte der Zoologie. S. 18.
[264] Stahr, Das Leben des Aristoteles, als I. Teil von Stahrs Aristotelia. Halle 1830.
[265] Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs Amyntas von Mazedonien.
[266] E. Meyer, Gesch. d. Altertums. V. Bd. 1902. S. 338.
[267] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 172.
[268] Ein Talent hatte in Reichsmünze den Wert von etwa 4700 Mark.
[269] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 33.
[270] Heller, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 48.
[271] Gedruckt wurden die Schriften des Aristoteles zuerst im Jahre 1473 in Rom, und zwar
in lateinischer Übersetzung. 1493 erschien die erste gedruckte griechische Ausgabe.
Augenblicklich gilt als beste die im Auftrage der Berliner Akademie der Wissenschaften
veranstaltete Ausgabe von Bekker. Eine griechisch-deutsche (unvollendete) Ausgabe rührt
von Prantl her. Sie erschien in Leipzig bei Wilhelm Engelmann und wurde der hier gegebenen
Darstellung der aristotelischen Lehren besonders zugrunde gelegt.
[272] Diese Schrift ist indessen als nichtaristotelisch erkannt.
[273] Zeller, Die Philosophie der Griechen.
[274] Ein Beispiel dafür findet sich nach Eucken in de gener. et corr. (328,23). Aristoteles
meint dort, wenn ein großes Quantum mit einem sehr kleinen vereinigt werde, so entstehe
keine Mischung, sondern das kleinere schlüge in das größere um. So werde ein Tropfen Wein
in zehntausend Maß Wasser geradezu zu Wasser.
[275] Eine Zusammenstellung der auf die Mathematik bezüglichen Stellen hat schon Biancani
veröffentlicht: Aristoteles loca mathematica. 1615.
[276] E. Haas, Grundfragen der antiken Dynamik (Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. d.
Technik. 1908. 1. Heft).
[277] Mit Haas a. a. O. (Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. Technik. 1908. S. 47.)
[278] Besonders bei Plutarch und bei Lukrez.
[279] Haas a. a. O. S. 44.
[280] Daher lautet der Titel des Werkes auch »Quaestiones mechanicae«.
[281] Mechanische Probleme. Ausg. von Poselger 1881. S. 34.
[282] Haas, Antike Lichttheorien (Archiv für Geschichte d. Philos. 20. Bd. 1907. 3. Heft.)
[283] Aristoteles, Über die Sinne. Kap. II.
[284] Wilde, Über die Optik der Griechen. Berlin 1832.
[285] Die aristotelische Schrift über die Farben gilt allerdings nach neueren Untersuchungen
als unecht.
[286] Haas, a. a. O. S. 386.
Platon hatte die Lehre von den Sehstrahlen und den Abbildern zu einer Theorie der
Zusammenstrahlung (Synergie) verschmolzen.

Page 488

[287] Wolff, Geschichte der Astronomie, S. 42.
[288] Nach der Ausgabe von Prantl.
[289] Nach Diog. Laertius VIII, 26, der aber wenig zuverlässig ist.
[290] Nach der Übersetzung von Prantl, Aristoteles' vier Bücher über das Himmelsgebäude.
Leipzig 1857. Verlag von W. Engelmann. S. 180–181.
[291] De coelo II, 4.
[292] Schiaparelli, Le sfere omocentriche di Eudosso, di Calippo e d'Aristotele. Mailand
1876; deutsch von Horn. Abhandl. z. Gesch. d. Math. 1. Heft.
[293] Siehe Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 195.
[294] Siehe Martin Behaim, 1492.
[295] De coelo II, 7.
[296] De coelo II, 8.
[297] De coelo II, 9.
[298] De coelo II, 8.
[299] Kaiser, Der Sternenhimmel. Berlin 1850.
[300] Daß Nietzsche dieser ἀποκατάστασις genannten Lehre einen besonderen Wert beilegte,
ist bekannt genug.
[301] E. v. Lasaulx, Die Geologie der Griechen und Römer. München 1851. S. 32.
[302] Auch im Neuen Testament findet sich ein Anklang an diese Lehre (Apostelgeschichte 3.
21).
[303] S. Günther, Die antike Apokatastasis. Sitzungsber. d. k. bayer. Akad. d. Wissensch.
math. phys. Kl. 1916. S. 83–111.
[304] Kap. 4 u. 5.
[305] Arist., Meteor. I, 14.
[306] Ähnliche Anschauungen entwickelten auch Strabon und Eratosthenes. S. a. spät.
Stelle. Strabon knüpfte seine Theorien an seine Kenntnis der vulkanischen Erscheinungen an,
während Eratosthenes von der Beobachtung von Versteinerungen im Innern der Kontinente
ausging.
[307] Die Begründung, die Aristoteles hierfür gibt, sei übergangen. Er spricht von der
Blütezeit und dem Alter der einzelnen Teile der Erdoberfläche.
[308] Aristoteles führt dann des Näheren aus, weshalb die Erinnerung an solche Vorgänge
selbst im Gedächtnis der Völker, die vor dem eindringenden Meere zurückwichen oder in
neuentstandene Länder einwanderten, nicht festgehalten worden ist.
[309] Barthélemy St. Hilaire erklärt diese Darlegungen des Aristoteles in der Vorrede zu
seinem Werke »Météorologie d'Aristote«. Paris 1863, für geradezu bewunderungswürdig.
[310] Ovid hat diesen Gedanken in seinen »Metamorphosen« in poetischer Form zum
Ausdruck gebracht (XV, 260 u. f.). Es heißt dort:
260 So auch hat gar oft sich gewendet der Gegenden Schicksal.
Ich sah selber als Meer, was fester und trockener Boden
Vormals war; ich sah aus Wogen gewordene Länder.

Page 489

Fern ab lagen vom Meer in der See einheimische Muscheln,
265 Und man entdeckte sogar auf Gebirgshöhen Anker der Vorzeit.
Was erst Ebene war, das schuf der Gewässer Herabsturz
Um zum Tal, und der Berg ward niedergeschwemmt in die Fläche.
Vordem sumpfiges Land ist lechzend von trockenem Sande,
269 Während von stehendem Sumpf feucht ist, was früher gedürstet.

Zu 265: Pomponius Mela berichtet, im Innern Numidiens seien »Reste von Schnecken, von
den Fluten abgeschliffenes und von Strandsteinen nicht unterscheidbares Gestein, in Felsen
haftende Anker(?), sowie andere Zeichen dafür gefunden worden, daß einst das Meer bis in
diese Gegend gereicht habe«.
[311] Diodori bibliotheca historica I, 39. Dieser Darstellung der geologischen Ansichten
Demokrits ist die oben erwähnte Schrift Löwenheims (siehe S. 75) zugrunde gelegt.
[312] Aristoteles bemerkt an dieser Stelle, daß er es lächerlich finde, wenn einige annehmen,
die Sonne werde durch die feuchten Dünste ernährt und mache deswegen ihren Umlauf, da ihr
nicht immer dieselben Orte die Nahrung liefern könnten.
[313] So sagt Plutarch: »Die Insel Pharos, die einst eine Tagfahrt von Ägypten entfernt war,
ist jetzt ein Teil des Landes. Sie bewegte sich aber nicht an das Land heran, sondern das
dazwischen liegende Meer wich vor dem, festes Land bildenden Flusse zurück.« Weiter
bemerkt Plutarch: »Ägypten war nämlich ein Meer. Daher findet man noch jetzt viele
Muscheln in den Schächten und auf den Bergen. Alle Quellen und Brunnen haben salziges und
bitteres Wasser als Rest des ehemaligen Meeres« (Plutarch, »Über Isis und Osiris«,
herausgegeben von Parthey, Berlin 1850. S. 70 u. 71).
[314] Auch Platon entwickelte schon die Lehre von den vier Elementen, sowie Ansichten über
die Stoffe, aus denen sich die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere zusammensetzen.
Alchemistische Vorstellungen begegnen uns bei Platon und bei Aristoteles noch nicht,
dennoch sind ihre Lehren von der Natur der Stoffe von großem Einfluß auf die Entstehung der
Alchemie gewesen. Näheres hierüber enthält die Abhandlung O. E. v. Lippmanns,
Chemisches und Physikalisches aus Platon (Journal für praktische Chemie, Bd. 76. S. 513 u.
f.). Siehe auch v. Lippmanns Abhandlungen und Vorträge zur Gesch. d. Naturwiss. Bd. II,
Leipzig 1913.
[315] Von den chemischen Kenntnissen des Aristoteles und seinen Vorstellungen handelt E.
v. Lippmann im Archiv für die Gesch. der Naturwiss. u. d. Technik. 1910. Bd. 2. S. 235–300.
[316] Nach der »Physik«, nach »Entstehen und Vergehen« und der Schrift »Über das
Himmelsgebäude«. Die betreffenden Stellen hat O. E. v. Lippmann im zweiten Bande des
Archivs für die Gesch. d. Naturwissensch. u. d. Technik zusammengestellt. Dort findet man auf
S. 235–300 eine große Zahl weiterer, die Hauptgedanken des Aristoteles wiedergebender
Zitate.
[317] Mechanische Probleme. S. 9 u. 32. Die in dieser Schrift entwickelten allgemeinen
Ansichten entsprechen denjenigen der älteren peripatetischen Schule. Trotzdem wird die
Schrift nicht für echt aristotelisch gehalten, weil die Probleme und Lösungen im einzelnen auf
praktische Anwendungen hinzielen. Dies gilt nämlich als unaristotelisch und entspricht mehr
der Richtung Stratons, der nach dem Tode des Theophrast die Leitung der peripatetischen
Schule übernommen hatte. Über grundlegende kritische und erklärende Ausgaben siehe
Paulys Reallex. der klass. Altertumswiss. II. Bd. (1896) S. 1012–1055 (Aristoteles).
[318] »Physik« VIII, 1 und »Metaphysik« XII, 6.

Page 490

Man darf solche Vorahnungen nicht zu hoch einschätzen, vor allem aber sie nicht den
neuzeitlichen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung als gleichwertig zur Seite stellen.
Andererseits läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß sie häufig durch die Jahrhunderte
hindurch anregend und befruchtend gewirkt haben. Man vergleiche z. B. hierzu die
Beziehungen des Koppernikus zu den alten Schriftstellern.
[319] Aristoteles, Politik. I, 8.
[320] Aristoteles, Zwei Bücher über Entstehen und Vergehen. Übersetzung von Prantl.
Leipzig, W. Engelmann. 1857. S. 451.
[321] A. a. O. S. 437.
[322] Aristoteles' Tierkunde, kritisch berichtigter Text mit deutscher Übersetzung, sachlicher
und sprachlicher Erklärung und vollständigem Index von H. Aubert und Fr. Wimmer. 2
Bände. Mit 7 lithograph. Tafeln. Gr. 8. Leipzig, Verlag von Wilh. Engelmann. 1868.
[323] Aristoteles, Teile der Tiere. III, 4.
[324] Als Probe für die Art, wie Aristoteles die anatomischen Verhältnisse betrachtet, möge
folgende Stelle aus seiner Schrift über die Teile der Tiere dienen (Aristoteles, Vier Bücher
über die Teile der Tiere. Griechisch und Deutsch; herausgegeben von Franzius. Leipzig, W.
Engelmann. 1853):

»Da das Blut eine Flüssigkeit ist, so muß notwendig ein Gefäß da sein, für welchen
Zweck die Natur die Adern bildete. Für diese muß notwendig ein einziger Anfang sein.
Denn, wenn es sein kann, ist einer besser als viele. Das Herz aber ist der Anfang der
Adern, denn sie entspringen offenbar aus diesem, nicht aber gehen sie durch das Herz
hindurch, und dessen Beschaffenheit als eines verwandten Teiles ist aderartig.«

[325] Aristoteles, 5 Bücher von der Zeugung und Entwicklung der Tiere, übersetzt und
erklärt von H. Aubert und Fr. Wimmer. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1860.
[326] Nach einem von O. Lenz in seiner Zoologie der Griechen und Römer mitgeteilten
Auszug. S. dort S. 519.
[327] Lenz, a. a. O. S. 137.
[328] Zwischen der von Aristoteles erwähnten harten und weichen Haut (dura und pia mater)
befindet sich noch die sehr zarte Spinnwebenhaut (Arachnoïdea).
[329] S. Günther, Geschichte der antiken Naturwissenschaft. Handbuch der klass.
Altertumswissensch. Bd. V. 1. Abt. S. 100. Selbst den Elefanten, der bald darauf zu
Kriegszwecken in die Mittelmeerländer eingeführt wurde, kannte Aristoteles nur vom
Hörensagen (Beloch, Griech. Geschichte).
[330] Er unterscheidet Knorpelfische (Haie) und Grätenfische.
[331] Vgl. J. Müller, Über den glatten Hai des Aristoteles. Abhandl. der Berliner Akademie.
1840.
[332] Claus, Lehrbuch der Zoologie. 1883. S. 677.
[333] Der Name Insekten, welcher heute die sechsfüßigen Arthropoden bezeichnet, wurde von
Aristoteles in viel weiterem Sinne gebraucht; er rechnete auch die Spinnentiere, sowie die
Tausendfüßler und Eingeweidewürmer, kurz alle Geschöpfe mit Einschnitten rings um den
Körper, zu den Insekten.
[334] Im dritten Buch der Schrift »Über die Teile der Tiere«.

Page 491

[335] H. Stadler zieht einen Vergleich mit dieser Betrachtungsweise des Aristoteles und
derjenigen moderner Biologen (Biologie und Teleologie, in den neuen Jahrbüchern für das
klass. Altert. 1910. S. 147). Als Beispiel führt er folgende Stelle aus dem Lehrbuch der
Zoologie von Schmeil an: »Schließt die Katze das Maul, so greifen die Zähne des Oberkiefers
dicht an denen des Unterkiefers entlang. Da die Zähne aneinander vorbeigleiten, reiben sich
ihre Kronen nicht ab, sie bleiben also stets scharf und schneidend, wie dies für ein Raubtier
notwendig ist. Wenn die Katze gähnt, sieht man, daß ihr Maul weit gespalten ist. Sie vermag
daher ihre Zähne tief in das Opfer einzuschlagen.« Ähnlich drückt sich auch Goethe in seiner
Metamorphose der Tiere aus (siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 3. Aufl.
W. Engelmann 1908. S. 4).
[336] Tierkunde I, 69.
[337] De anima. I, 4 u. 5.
[338] Eine Sammlung dieser Fragmente aristotelischer Pflanzenkunde gab Wimmer heraus.
Fr. Wimmer, phytologiae Aristotelicae fragmenta. Breslau 1838. Eine Übersetzung dieser
Fragmente findet sich in E. Meyer, Geschichte der Botanik, Bd. I. S. 94 u. f.
[339] Histor. animal VIII. cap. 1.
[340] De anima. cap. 6.
[341] De part. animal. 4, 5.
[342] De animalibus II. cap. 1.
[343] De part. animal. II. cap. 3.
[344] Politic. VII. cap. 16.
[345] Diogenes Laert. 5, 38, 51.
Diogenes Laertios schrieb im 3. Jahrhundert n. Chr. »Zehn Bücher über das Leben, die
Lehren und Aussprüche der in der Philosophie berühmten Männer«. Das Werk ist indessen nur
oberflächlich und wenig zuverlässig.
Von Plutarch rührt eine Schrift her, die unter dem Titel »Über die Meinungen der
Philosophen« bekannt ist. Wahrscheinlich ist das Vorhandene nur ein Auszug einer Schrift des
Plutarch.
Trotz ihrer Unvollkommenheiten sind die erwähnten Schriften wichtige Quellen, weil sie über
manches berichten, was anderweitig nicht mehr festgestellt werden kann.
[346] Diogenes 39, 37.
[347] Cicero, tuscul. disput. 3. 28.
[348] Diogenes führt 227 Titel an.
[349] Zeller, Philos. der Griechen. II. 2. S. 642.
[350] Über die Schriften des Theophrast siehe auch W. Christ, Griechische
Literaturgeschichte. Nördlingen 1889. S. 435 u. f.
[351] Theophrast, Naturgeschichte der Gewächse, übersetzt und erläutert von K. Sprengel.
1822. Die Hauptausgabe seiner Werke rührt von Wimmer her. Breslau und Leipzig 1842–
1862. Theophrasti Eresii Opera, quae supersunt, omnia. – Theophrast fußt auf Schriften
anderer, die jedoch nicht auf uns gelangt sind.

Page 492

[352] Eine Untersuchung über die einigermaßen sicher zu bestimmenden Pflanzen des
Theophrast findet sich in Sprengels Geschichte der Botanik. I. S. 58–90.
[353] Strabon sagt von den Nachrichten der Griechen über Indien: Was sie sahen, erkannten
sie nur auf den Feldzügen im Vorbeigehen. Buch 15. Ausgabe von Grosskurd. Bd. III. S. 108.
[354] H. Bretzl, Botanische Forschungen des Alexanderzuges. Mit 11 Abb. und 4 Karten.
Gedruckt mit Unterstützung der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Leipzig,
B. G. Teubner. 1903. 412 Seiten.
[355] ἱστορίαι τῶν φυτῶν.
[356] Hist. plant. IV. 7, 8. Siehe Bretzl a. a. O. S. 121.
[357] Die Wirkung der Pflanzen auf den Menschen wird im 9. Buch geschildert, das aber
gerade in diesen Teilen unecht ist (H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S.
86).

Page 493

[358] Gesch. der Pflanzen. 1, 5.
[359] Von den Ursachen der Pflanzen. 2, 14.
[360] Gesch. d. Pflanzen. 8, 2.
[361] O. Warburg, Berichte der Deutsch. bot. Gesellschaft XIX (1901). S. 153.
[362] Ursache d. Pflanzen. I. 5, 5.
[363] Περὶ λίθων. Theophrasti Eresii Opera. Griechisch und lateinisch von F. Wimmer.
[364] Beloch, Griechische Geschichte. I, 1. S 212.
[365] Böckh, Abhandlungen der Berliner Akademie. 1814/15. S. 104. Die von den Athenern
aufgehäuften Schlacken enthalten noch 10% Blei und 0,004% Silber; sie werden neuerdings
wieder auf diese beiden Metalle verarbeitet. (Siehe Dammer, Handbuch der chemischen
Technologie. 1895. II. Band. S. 549.)
[366] H. Fühner, Beiträge zur Geschichte der Edelsteinmedizin. Berichte der Deutschen
pharmazeutischen Gesellschaft. 1901. S. 435 u. f. 1902. S. 86 u. f.
Siehe auch Lenz, Mineralogie der alten Griechen und Römer. 1861.
[367] Siehe das Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde von O. Schrader unter
»Bergwerk«.
[368] C. v. Ernst, Über den Bergbau im Laurion. Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch der
k. k. Bergakademien zu Leoben und Pribram. 1902. Die Abhandlung stützt sich auf das
Gutachten Cordellas, der Jahrzehnte lang die Wiederaufnahme und den Betrieb der Bergwerke
des Laurions leitete.
[369] Der Meister derjenigen, die Wissenschaft treiben.
[370] Auch in der neuesten Phase der Biologie begegnet uns eine Wiederbelebung
aristotelischer Gedanken. Siehe an späterer Stelle (Bd. IV).
[371] J. Tyndall, Religion und Wissenschaft. Autorisierte Übersetzung. Hamburg 1874.
[372] Aubert und Wimmer.
[373] Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 223. Leipzig 1880.
[374] Genaueres über die alexandrinische Bibliothek und die übrigen Bibliotheken des
Altertums findet man in Paulys Reallexikon d. klass. Altertums. Bd. III (1899). S. 405 u. f.
[375] Euklid ist oft mit einem Zeitgenossen Platons, Euklid von Megara, verwechselt
worden.
[376] Vgl. auch Cantor, Euklid und sein Jahrhundert (Leipzig 1867). Eine neuere Ausgabe
sämtlicher Werke Euklids rührt von Heiberg und Menge her (Leipzig 1883–1896).
[377] Heiberg, Euklidstudien. S. 88.
[378] Siehe die merkwürdige Anwendung, die später Kepler von den fünf regelmäßigen
Körpern zur Begründung einer astronomischen Lehre machte.
[379] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten.
[380] Tropfke, Gesch. d. Elementarmath. Bd. II. S. 3.
[381] Mehrere Handschriften enthalten noch ein 14. und 15. Buch. Sie werden indessen nicht
Euklid, sondern Hypsikles von Alexandria (um 150–120) zugeschrieben. Wahrscheinlich

Page 494

rührt aber nur das erste Buch von ihm her. Beide handeln von den regelmäßigen Körpern.
Näheres siehe bei Cantor, Gesch. d. Math. I (1907). S. 358.
[382] Einen ausführlichen Beitrag über Archimedes bringt Hultsch in Paulys Realenzykl.
d. klass. Altert. Bd. II (1896). S. 507.
[383] Hippokrates stammte aus Chios. Er lebte in der zweiten Hälfte des 5. vorchristlichen
Jahrhunderts in Athen.
[384] Siehe S. 83.
[385] Nach Cantor (Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 253) ist es wahrscheinlich, daß er von
niederer Abkunft war.
[386] W. Schmidt, Aus der antiken Mechanik (Jahrbuch für das klassische Altertum). Bd. 13
(1904). S. 329.
Die Abbildung (Abb. 17 S. 159) ist der Heronausgabe von Schmidt entnommen (Op. II, 1.
Fig. 62).
[387] O. Spieß, Archimedes von Syrakus. Mitteilungen zur Geschichte der Mediz. u.
Naturwiss. III. Bd. S. 230.
Siehe auch Cicero, De rep. I, 14 und die Abhandlung von F. Hultsch, Über den
Himmelsglobus des Archimedes, in Schlömilchs Zeitschr. H. XXII. A. 106–108.
[388] Polybios, Geschichte. Übersetzt von Haakh. Stuttgart 1868. 8. Buch. Kapitel 5–9.
Plutarchos: Marcellus 14–19.
[389] Cicero erzählt diese Begebenheit (Tusculanae disputationes V. 23) mit folgenden
Worten: »Als ich in Sizilien Quästor war, fand ich das Grab des Archimedes, das die
Syrakusaner selbst nicht kannten. Mir waren nämlich einige kleine Verse in der Erinnerung, die
man auf dem Grabmal eingemeißelt hatte. Die Verse weisen darauf hin, daß sich an dem
oberen Teile des Monumentes eine Kugel mit einem Zylinder befindet. Nun bemerkte ich unter
den vielen Gräbern, die sich vor dem nach Agrigent führenden Tor befinden, eine kleine Säule,
die nur wenig aus dem Gestrüpp hervorragte und auf der sich das Bild einer Kugel mit einem
Zylinder befand. Sogleich sagte ich zu den Syrakusanern, von denen mich die vornehmsten
begleiteten, dies sei das gesuchte Grabmal. Wir ließen den Platz mit Hacken erschließen und
säubern. Darauf erschien auf der Vorderseite des Sockels jene Inschrift. Die vornehmste und
einst so gelehrte Stadt Großgriechenlands besäße also keine Kenntnis von dem Grabe ihres
größten Denkers, wenn nicht ein Fremder es ihren Bürgern gezeigt hätte.«
[390] De republica I, 22.
[391] So urteilt auch H. Diels in dem Archimedes gewidmeten Abschnitt seines Buches
»Antike Technik«.
[392] Archimedes' von Syrakus vorhandene Werke. Aus dem Griechischen übersetzt und mit
erläuternden und kritischen Anmerkungen begleitet von Ernst Nizze. Stralsund 1824. Eine
neuere Archimedesausgabe rührt von Heiberg her. Sie erschien im Jahre 1880: J. L.
Heiberg, Archimedis opera omnia cum comentariis Eutocii. Leipzig, bei B. G. Teubner. Eine
neue erweiterte Ausgabe erfolgte 1910.
Eutokios, der einen Teil der Archimedischen Schriften kommentierte, lebte zur Zeit
Justinians (um 550 n. Chr.).
[393] Nach Simplicius. Siehe auch die Abhandlung von W. Schmidt über Isoperimetrie im
Altertum (Bibl. math. 1901. S. 5).

Page 495

[394] Hippias von Elis lebte um 420 v. Chr. Seine unter dem Namen der Quadratrix bekannte
Linie ließ Hippias durch die Verbindung einer drehenden mit einer fortschreitenden
Bewegung entstehen. Mit Hilfe dieser Linie hoffte man zur Quadratur des Kreises zu gelangen.
Näheres bei Cantor, Gesch. d. Math. I (1907). S. 197.
[395] Heiberg entdeckte sie in einem in Konstantinopel aufbewahrten Palimpsest und
veröffentlichte sie in der Zeitschrift »Hermes«. Berlin 1907. S. 235 u. f.
In der neuen Archimedesausgabe von Heiberg (1913) findet sich die »Methodenlehre« mit
lateinischer Übersetzung (Bd. II. S. 427). Eine deutsche Übersetzung veröffentlichte Heiberg
mit Zeuthen in der Bibl. mathem. III. Folge. VII (1907). S. 322 u. f.
[396] Heiberg, a. a. O. S. 302.
[397] Des Apollonios Schrift über die Kegelschnitte wurde 1861 in deutscher Bearbeitung
von H. Balsam herausgegeben. Die in der Ursprache erhaltenen Schriften gab Heiberg
heraus (Leipzig 1891–1893). Das Werk über die Kegelschnitte umfaßt 8 Bücher. Die ersten
vier sind in der Ursprache, Buch 5–7 in arabischer Übersetzung erhalten. Das achte dagegen ist
verlorengegangen. Eine gute Bearbeitung rührt von dem englischen Astronomen Halley her
(1710), der das Werk unter Beifügung des griechischen Textes, soweit er vorhanden war, ins
Lateinische übersetzte und verlorengegangene Teile zu rekonstruieren suchte.
[398] Die ersten Ansätze zur Erforschung der Kegelschnitte finden sich schon bei dem im 4.
Jahrhundert v. Chr. lebenden Menächmos.
[399] Das 5. Buch.
[400] Daß Archimedes bei Volum- und Flächenbestimmungen sich schon einer dem
Verfahren Cavalieris entsprechenden Infinitesimalmethode bediente, und zwar neben den
üblichen Beweisverfahren, hat die Entdeckung des »Ephodion« bewiesen (s. S. 164).
[401] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. I. S. 253.
[402] Eine gekürzte Wiedergabe enthält Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher.
Verlag von Wilhelm Engelmann. Leipzig 1908. S. 10.
[403] δός μοι ποῦ στῶ καὶ κινῶ τὴν γὴν (Pappus VIII, 11, ed. Hultsch).
[404] Archimedes' Werke. Ausgabe von Nizze. S. 26 ff.
[405] Die erwähnten hydrostatischen Grundgesetze finden sich in Archimedes' erstem Buch
von den schwimmenden Körpern. Siehe die Archimedesausgabe von Nizze. S. 225–228.
[406] Vitruvius, de architectura IX. Übersetzt von V. Reber. Stuttgart 1865.
[407] Euklids Optik und Katoptrik wurde 1557 zu Paris griechisch und lateinisch
herausgegeben. Eine neuere Ausgabe von Gregory erschien im Jahre 1703. Die Hauptausgabe
rührt von Heiberg und Menge her. Bibl. Teubn. 1883.
[408] 30. Theorem der Katoptrik Euklids.
[409] Euklids Optik und Katoptrik findet sich im 7. Bande der Gesamtausgabe von Heiberg
und Menge.
[410] Gesamtausgabe Bd. 7. S. 343. Siehe auch die Abhandlung von Würschmidt in den
Commemoration Essays, Oxford 1914.
[411] E. Wiedemann, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter (Vortrag).
[412] Gesamtausgabe Bd. 7.

Page 496

[413] 7. Erfahrungssatz der Katoptrik.
[414] Eigentlich müßte man Sehstrahlen sagen, da nach der Vorstellung Euklids die Strahlen
aus dem Auge kommen.
[415] Von Smith und Helmholtz.
[416] Nach Stadler handelt es sich hier nicht um eine Insel, sondern um Skandinavien
(Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1911. S. 86). Auch Island oder die Shetlandsinseln galten wohl
für Thule. Siehe Peschels Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 2.
[417] Genauere Angaben über die räumliche Begrenzung der griechischen und der römischen
Erdkunde enthält der erste Abschnitt von Peschels Geschichte der Erdkunde.
[418] Die von ihm erhaltenen Fragmente gab M. Fuhr heraus. Darmstadt 1841.
[419] Beloch, Griechische Geschichte. Bd. III. 1. Abt. S. 476 (1904).
[420] Plin. lib. II. cap. 65. Plinius verweist an dieser Stelle auch auf die Angaben
Dikäarchs.
Aus der Angabe des Aristoteles würde sich für den Kaukasus eine Höhe von etwa 70000 m
ergeben haben.
[421] A. Gercke und E. Norden, Einleitung in die Altertumswissenschaft. II. Bd. S. 314. B.
G. Teubner. 1912.
[422] Siehe Bernhardy, Eratosthenica, Berlin 1822, eine Sammlung von Bruchstücken der
Schriften des Eratosthenes. Eratosthenes starb um 194 v. Chr. Bernhardys Schrift ist
veraltet. Doch fehlt eine neuere zusammenhängende Darstellung aller Fragmente. Ferner H.
Berger, Die geographischen Fragmente des Eratosthenes. Leipzig 1880.
[423] Siehe S. 180.
[424] Siehe auch Günther, Die Erdmessung des Eratosthenes (in der Deutschen Rundschau
für Geographie und Statistik. III. Band).
[425] 3 Am ersten Nilkatarakt, fast unter dem nördlichen Wendekreis gelegen (das heutige
Assuan).
[426] Alexandria liegt um 3° 14' westlich von Syene.
[427] Das Skaphium. Siehe Schaubach, Geschichte der griechischen Astronomie. Tab. III.
Fig. 2.
[428] S. Cantor, Bd. I. S. 283.
[429] Näheres siehe bei Lepsius, Das Stadium und die Gradmessung des Eratosthenes auf
Grundlage der ägyptischen Maße, in der Zeitschrift für ägyptische Sprache u. Altertumskunde.
1877. 1. Heft. S. 3–8. Nach Lepsius kann es keinem Zweifel unterliegen, daß das Stadium des
Eratosthenes eine Länge von 180 Metern besaß. A. a. O. S. 7. Dies war die Länge des
griechischen Stadiums. Das ägyptische Stadium belief sich auf 179 Meter.
[430] Siehe S. 93.
[431] Siehe S. 95.
[432] Koppernikus, De revolutionibus I, 10.
[433] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[434] G. Bilfinger, Die antiken Stundenangaben. Stuttgart 1888. S. 74.

Page 497

[434] Aristarchos, Über die Größen und Entfernungen der Sonne und des Mondes. Übersetzt
und erläutert von A. Nokk. Als Beilage zu dem Freiburger Lyzeumsprogramm von 1854.
Aristarchs Schrift wurde durch eine 1488 erschienene lateinische Übersetzung bekannt. Den
griechischen Text hat erst 1688 Wallis nach einem Manuskript veröffentlicht. Erneut wurde
der griechische Text dann 1856 durch E. Nizze herausgegeben. Eine Ausgabe des griechischen
Textes mit deutscher Übersetzung wird von K. Manitius vorbereitet.
[436] Aristarch, Über die Größen usw., Lehrsatz 15–18.
[437] Des Archimedes Sandesrechnung (Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. S.
13).
[438] Über Hipparch handelt ein Artikel von A. Rehm in der Realenzyklopädie des
klassischen Altertums von Pauly-Wissowa-Kroll. 8. Bd. Sp. 1666–1681.
Hipparchs »Geographische Fragmente« wurden von H. Berger gesammelt und bearbeitet;
eine weitere Sammlung von Fragmenten liegt bisher nicht vor. Daß sich wissenschaftliche
Bedeutung wohl mit astrologischen Vorstellungen vereinigen läßt, hat Hipparch ähnlich wie
später Kepler bewiesen. Im Original erhalten ist von Hipparch nur ein Jugendwerk von
geringerer Bedeutung (Τῶν Ἀρατοῦ καὶ Εὐδόξου φαινομένων ἐξηγησέων βιβλία).
[439] J. Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 223.
[440] Der neue Stern trat, wie auch aus chinesischen Berichten hervorgeht, im Sternbilde des
Skorpions auf.
[441] F. Boll, Die Sternkataloge des Hipparch und des Ptolemäos (Bibl. math. Jahrg. 1901. S.
185). Nach Boll umfaßte Hipparchs Katalog 850 Sterne.
[442] Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß die Erdachse innerhalb eines Zeitraums von
etwa 26000 Jahren einen Kegelmantel beschreibt. Infolgedessen ändert der Himmelsäquator,
der sich als eine Projektion des Erdäquators darstellt, gleichfalls seine Lage innerhalb
derselben Periode. Der Vorgang wird als Präzession oder Vorrücken der Nachtgleichen
bezeichnet, weil dabei der Frühlings- und der Herbstpunkt langsam ihren Ort im Sinne der
täglichen Umdrehung ändern.
[443] Mitteilungen zur Gesch. d. Mediz. u. d. Naturwissenschaften. Nr. 53 (1913). S. 431.
[444] Siehe auch S. 121 dieses Bandes.
[445] Hipparch nahm die Dauer des tropischen Jahres zu 365 Tagen 5 Stunden 55' an,
während sie in Wahrheit 365 Tage 5 Stunden 48' 51'' beträgt.
[446] Die mittlere Entfernung zwischen den Mittelpunkten von Mond und Erde beträgt 60,27
Halbmesser des Erdäquators oder 384400 km.
[447] Durch den in Jever geborenen Hildericus. Eine spätere Ausgabe besorgte 1819 Halma
im Anschluß an seine Ptolemäosausgabe.
[448] Genaueres über diese Messungen siehe in Peschels Geschichte der Erdkunde. München
1877. S. 43–45.
[449] Die stereographische Projektion wurde auch von Ptolemäos empfohlen. Ob Hipparch
sie kannte, ist nach Hoppe nicht sicher.
[450] Die Erfindung der Feuerspritze wird dem Ktesibios (um 150 v. Chr.) zugeschrieben.
Siehe Vitruvius, De architectura X, 7.
[451] 1795 in der Nähe von Civitavecchia ausgegraben.

Page 498

[452] Einen sehr ausführlichen Artikel über Heron enthält Paulys Realenzyklopädie f. d.
klass. Altert. Bd. VIII (1913). S. 992–1080.
[453] Herons von Alexandria Pneumatica et Automata. Griechisch und deutsch herausgegeben
von Wilhelm Schmidt. Teubner, Leipzig 1899.
Herons »Pneumatik« wurde 1575 durch Commandinus aus dem Griechischen ins
Lateinische übersetzt und im Druck herausgegeben (Heronis Alexandrini Spiritualium liber. A
Federico Commandino Urbinate. Ex Graeco nuper in Latinum conversus. Urbini 1575). Der
Urtext wurde zuerst 1693 von Thévenot veröffentlicht.
[454] W. Schmidt, Aus der antiken Mechanik. Neue Jahrbücher für das klassische Altertum.
Bd. 13 (1904). S. 329.
[455] W. Schmidt, Die Geschichte des Thermoskops (Abhandl. z. Gesch. d. Mathem. Bd.
VIII. S. 161–173).
[456] Durch Carra de Vaux. Dieser gilt jedoch als wenig zuverlässig.
[457] Heronis Alexandrini Opera quae supersunt omnia. Leipzig, B. G. Teubner. Bd. I:
Druckwerke und Automatentheater, griechisch und deutsch herausgegeben von W. Schmidt.
1899. Bd. II: Herons Mechanik und Katoptrik, herausgegeben und erläutert von L. Nix und
W. Schmidt. 1901. Bd. III: Herons Vermessungslehre und Dioptra, griechisch und deutsch
von H. Schoene. 1903.
[458] Baldo v. Urbino.
[459] Ausgabe von Schmidt. S. 24.
[460] Ausgabe von Schmidt. S. 29.
[461] Heronis Alexandrini spiritualium liber. Amstelodami 1680. Siehe auch Mach, Die
Prinzipien der Wärmelehre. Leipzig 1896. S. 5.
[462] Das »Klavier« der alten Römer (Mitteil. zur Geschichte d. Medizin u. Naturwiss. 1905.
S. 342). Der Bau der Wasserorgeln hat sich während des Mittelalters im oströmischen Reich
erhalten, so daß die Konstruktion nicht, wie man früher annahm, gegen den Ausgang des
Mittelalters von neuem entdeckt werden mußte.
[463] Schmidt, a. a. O. S. 133.
[464] Heronis Alexandrini opera, ed. Schmidt. S. 475.
[465] Ausgabe von Schmidt. Abb. 115.
[466] Pappi Alexandrini collectionis lib. VIII, ed. F. Hultsch. Berlin 1878. Über die vor
kurzem entdeckte arabische Bearbeitung der Mechanik Herons siehe die folgende Seite.
[467] Ausgabe von Schmidt. Bd. II. S. 102.
[468] Papp. Kap. X. Heron, Opera omnia, Ausgabe v. Schmidt. Bd. II. 1. Teil. S. 259.
[469] Diels, Ant. Technik, Abb. 28.
[470] Näheres über derartige antike Automaten enthält Diels' Antike Technik im 3. Abschnitt.
Leipzig, B. G. Teubner. 1914.
[471] Von Carra de Vaux im Journal asiatique X, 1–2. Von dem griechischen Text sind nur
einige Fragmente vorhanden. Bd. II der Opera omnia (Ausg. v. Schmidt) enthält die
Übersetzung der Mechanik nach der arabischen Bearbeitung dieser Schrift Herons. Die
Katoptrik wurde nach einem lateinischen Text übersetzt.

Page 499

[472] Journal asiatique IX, 2. S. 264 u. f.
[473] Eine gute Übersicht über das physikalische Wissen Herons bietet die
Programmabhandlung von F. Knauff, Sophiengymnasium, Berlin. Ostern 1900.
[474] Der griechische Text wurde 1858 von Venturi und Vincent mit französischer
Übersetzung herausgegeben, und zwar in den Notices et extraits des manuscrits de la
bibliothèque impériale XIX, 2. Paris 1858. Dioptra heißt etwa Sehrohr oder Instrument zum
Visieren durch zwei sich gegenüberstehende Öffnungen (siehe die Abb. 35).
[475] Sie rührt von Hermann Schöne her und wurde im Jahrbuch des Kaiserl. deutschen
archäolog. Institutes (Bd. XIV. 1899. Heft 3) veröffentlicht.
[476] Siehe Abschn. 25 des Heronschen Werkes sowie Cantor, Geschichte der Mathematik.
Bd. I. S. 324.
[477] Siehe Cantor, Geschichte der Mathematik. I (1907). S. 382 u. f.
[478] Heronis Alexandrini Opera, quae supersunt omnia. Ausgabe von Schmidt. Bd. I-III.
Leipzig 1889, 1900, 1903. Die »Metrika« finden sich im III. Bande; sie wurden von R.
Schöne 1896 entdeckt.
[479] Siehe S. 200. Anm. 3.
[480] Diels, Antike Technik. S. 9.
[481] E. Merkel, Die Ingenieurtechnik im Altertum. 1899. S. 151.
[482] F. Zink, Die Entwicklung der Entwässerungen mit offenen Gräben und Drainagen von
den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. – Drainierungsanlagen mit Tonröhren wurden in
Babylonien schon um 1900 v. Chr. hergestellt.
[483] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
[484] Haas, Antike Lichttheorien, im Archiv für Geschichte d. Philosophie. 20. Bd. (1907). S.
356.
[485] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 215.
[486] Einen ausführlichen Beitrag über Erasistratos enthält Paulys Realenzyklopädie f. d.
klass. Altertum. Bd. VI (1909). S. 333. Er rührt von Wellmann her.
[487] Wie Diels (Antike Technik, S. 24) angibt, maß Herophilos den Puls seiner Kranken
mit Hilfe einer Taschenwasseruhr.
[488] Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. I. S. 233.
[489] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 26.
[490] Nach einem Ausspruch Cantors (Gesch. d. Math. Bd. I. S. 45).
[491] Cicero, Tuscul. disput. Lib. I. 2, 5.
[492] Siehe Cantor, Röm. Agrimensoren. Leipzig 1875.
[493] Die betreffende Grabschrift wurde im XIV. Bande der II. Serie der Abhandlungen der
Turiner Akademie veröffentlicht.
[494] Siehe Cantor, Bd. I. S. 456.
[495] In der Nähe von Regensburg.
[496] Näheres siehe bei Schmidt, Neue Jahrbücher f. d. klassische Altertum. Bd. 13 (1904). S.
329. Ferner Bibl. math. 3. Folge. 4. Bd. Die Frage, ob die römischen Feldmesser von Heron

Page 500

abhängig waren, wird von Schmidt außer Betracht gelassen.
[497] Siehe S. 4 dieses Bandes.
[498] Plinius, Hist. nat. III. 2.
[499] Ihr früherer Besitzer hieß Peutinger. Er lebte im Anfang des 16. Jahrhunderts in
Augsburg und erhielt die Karte von Konrad Celtes, der sie 1500 aufgefunden hatte.
Entworfen wurde die Karte im Jahre 375 n. Chr. Celtes war einer der bedeutendsten
Humanisten Deutschlands. Er bevorzugte die Realien des Altertums gegenüber den
literarischen Erzeugnissen.
[500] Eine neuere Ausgabe der Karte mit Erläuterungen rührt von K. Miller her. Stuttgart
1916.
[501] Plinius, VII. 60. Siehe auch Bilfinger, Die antiken Stundenangaben. Stuttgart 1888. S.
75.
[502] H. Löschner, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer Geschichte und Konstruktion. Graz
1905. Das Buch enthält zahlreiche Quellenangaben.
[503] C. Merkel, Die Ingenieurmechanik im Altertum. Mit 261 Abbild. Springer, Berlin 1903.
[504] Vitruvius, Zehn Bücher über die Architektur. Übersetzt von Reber. Stuttgart 1865.
[505] Beherzigenswert sind die Worte, welche Diels an sie knüpft, wenn er sagt, es sei der
Archimedische Punkt der Pädagogik, in der Jugend weltoffene Anschauung und praktische
Fertigkeit, verbunden mit Wissen und wissenschaftlicher Einsicht, zu wecken (Antike Technik,
1914. S. 32).
[506] Terquem, La science romaine à l'époque d'Auguste. Paris 1885. S. 75. Fig. 9.
[507] Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. S. 56.
Leipzig 1899. W. Engelmann.
[508] C. Köhne, Die Ausbildung der Ingenieure in der römischen Kaiserzeit. Mitteil. z.
Gesch. d. Medizin u. d. Naturw. 1907. S. 17.
[509] Epistol. III, 5.
[510] Epistol. III, 5.
[511] Siehe Abschnitt 7 dieses Bandes.
[512] Rerum rustic. libri tres. I. 12, 2.
[513] Siehe S. 100 dieses Bandes.
[514] Haeser, Lehrbuch der Gesch. d. Medizin. Jena 1875. 1. Bd. S. 254.
[515] Cornelius Celsus, Über die Grundfragen der Medizin, als 3. Band von Voigtländers
Quellenbüchern herausgegeben von Dr. Th. Meyer-Steineg. Celsus war kein Arzt, wenn er
auch eins der besten medizinischen Werke geschrieben hat. Er wurde wahrscheinlich in Verona
geboren und starb in Rom.
[516] Siehe Heeger, Zur Geschichte der Blutstillung im Altertum und Mittelalter (Wiener klin.
Wochenschrift 1910. S. 1006 u. 1079). Über Parés Verfahren der Arterienunterbindung siehe
später.
[517] Pron, Les maladies de l'estomac et du foie et leur traitement dans Celse. La France
Médic. 1910. S. 374.

Page 501

[518] Seine Vaterstadt war Prusa in Bithynien.
[519] Montigny, Quaestiones in Plinii nat. hist. de animalibus libros. 1844, und Müntzer,
Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. des Plinius. 1897.
[520] In einem Plinius gewidmeten Bande der »Klassiker der Naturwissenschaft und
Technik«, die bei Eugen Diederichs in Jena erscheinen, habe ich dasjenige aus der
»Naturgeschichte« zusammengestellt, was besonders geeignet ist, von dem wissenschaftlichen
Geist des Altertums, soweit er sich in Plinius spiegelt, und den Errungenschaften jener Zeit
ein Bild zu geben. Die Herausgabe ist durch den Krieg verzögert worden, wird aber
voraussichtlich im nächsten Jahre erfolgen.
[521] Eine Handschrift, nach der die übrigen angefertigt wurden, findet sich im Vatikan. Ein
von Dr. H. Philipp herrührender Auszug erschien als 11. und 31. Band von Voigtländers
Quellenbüchern.
[522] Als Beispiel diene der 6. Abschnitt von Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher.
Leipzig, W. Engelmann. 1908.
[523] Plinius, VII. 1.
[524] Einen ausführlichen Artikel über Gartenbau im allgemeinen enthält Paulys
Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. im VII. Bande auf S. 768–841.
[525] Plinius, Naturgeschichte. II. 65.
[526] Plinius, Naturgeschichte. II. 75.
[527] Koppernikus erwähnt, er habe bei Cicero und Plutarch gelesen, daß die
heliozentrische Lehre im Altertum Anhänger gefunden habe. Copernicus, De revolutionibus
(Ausg. v. Curtze). S. 6.
[528] Plinius, Naturgeschichte. II. 40.
[529] A. a. O. II. 99.
[530] A. a. O. II. 97.
[531] A. a. O. XI. 3.
[532] Nach H. Bretzl, Die botanischen Forschungen des Alexanderzuges. Leipzig 1903. Siehe
auch S. 142 dieses Bandes.
[533] E. Meyer, Geschichte der Botanik. 4 Bände. 1854.
[534] v. Humboldt, Kosmos. Bd. II. 1847. S. 230.
[535] Galen fußte besonders auf Erasistratos, einem der bedeutendsten Anatomen der
vorchristlichen Zeit (geb. 280 v. Chr.), der auch den Bau des Gehirns untersucht haben soll.
Sein Zeitgenosse Herophilos lieferte eine genaue Beschreibung des Auges.
[536] A. Hirsch, Geschichte d. Medizin. S. 10.
[537] H. Haeser, Lehrbuch d. Gesch. d. Medizin. Jena 1853. Bd. I. S. 154.
[538] Galen meint, daß man den belebenden Bestandteil der Luft, den er als Pneuma
bezeichnet, später noch entdecken werde.
[539] Galen war ein außerordentlich fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller. Man kennt
(nach Christ, Geschichte der griech. Literatur, S. 630) mehr als 350 Galensche Schriften, von
denen 118 echte und 45 zweifelhafte erhalten sind. Die meisten sind medizinischen Inhalts.
Geschätzt war vor allem eine kurz gefaßte Therapeutik (τέχνη ἰατρική), die im Mittelalter unter

Page 502

dem Namen »Mikrotechnikum« bekannt war. Außerdem hat Galen auch Schriften
philosophischen und grammatischen Inhalts verfaßt, z. B. Kommentare zu Platons
»Timaeos«, zu Aristoteles und zu Theophrast. Die Hauptausgabe der Galenschen Schriften
ist die Aldina (1525; ed. Chartrier, Paris 1679). Eine ausführliche Darstellung der Bedeutung
Galens enthält Paulys Realenzyklopädie des klass. Altert. Bd. VII. S. 578–591.
[540] Galenos. Sieben Bücher Anatomie des Galen. ΑΝΑΤΟΜΙΚΩΝ ΕΓΧΕΙΡΗΣΕΩΝ
ΒΙΒΛΙΟΝ Θ - ΕΙ. Zum ersten Male veröffentlicht nach den Handschriften einer arabischen
Übersetzung des 9. Jahrh. n. Chr., ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med.
Max Simon. I. Band: Arabischer Text. Einleitung zum Sprachgebrauch, Glossar mit 2
Faksimiletafeln. LXXXI u. 362 S. gr. 8o u. 2 Tafeln. II. Band: Deutscher Text. Kommentar,
Einleitung zur Anatomie des Galen. Sach- und Namenregister. – Leipzig, J. C. Hinrichs, 1906.
LXVIII u. 366 S. gr. 8o.
Die ersten 8 Bücher von Galens Anatomie und ein Stück des 9. Buches sind im griechischen
Urtext bekannt. In ihnen werden die Gliedmaßen, Kopf, Hals, Rumpf, die Organe der
Verdauung und die Atmungswerkzeuge beschrieben. Das 9.-15. Buch, die Simon nach der
arabischen Handschrift herausgegeben hat, waren bisher so gut wie unbekannt. Das 9. Buch
bringt die Beschreibung des Gehirns. Im 10. werden die Augen, die Zunge und die Speiseröhre,
im 11. der Kehlkopf, im 12. die Geschlechtsorgane beschrieben. Buch 13 handelt von den
Gefäßen, Buch 14 und 15 von den Nerven. Es handelt sich in diesen sieben Büchern fast
überall um eigene anatomische Untersuchungen am lebenden und toten Tiere, wobei stets auf
den Menschen bezuggenommen wird. An manchen Stellen wird der berühmte alexandrinische
Anatom Erasistratos zitiert. Ausdrücklich wird gefordert, daß jeder, der über Anatomie liest,
es nicht versäumen solle, die einzelnen Dinge am Tierkörper mit eigenen Augen anzusehen.
[541] Bd. II der Ausgabe von Simon. S. 45.
[542] Bd. II der Ausgabe von Simon. S. 94.
Der häufig anzutreffende Zusatz Klaudios zu Galenos ist nicht berechtigt. Der große Arzt ist
nicht Klaudios Galenos, sondern nur Galenos zu benennen. Siehe Mitteil. zur Gesch. d.
Med. u. d. Naturwissenschaft. 1902. S. 3.
[543] H. Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. I (1875). S. 364.
Unter anderem hat Galen schon versucht, sich eine Vorstellung von dem Sitz der einzelnen
Funktionen des Gehirns zu machen, indem er die Gehirnmasse schichtenweise abtrug. Siehe
Falk, Galens Lehre vom Nervensystem. Leipzig 1871.
[544] Näheres siehe Gerster-Braunfels, Abriß der Geschichte der Jatrohygiene vom
Altertum durchs deutsche Mittelalter bis zur Neuzeit.
[545] Dioskorides lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Die authentische Namensform ist
Dioskurides; Dioskorides ist aber die allgemein übliche. Er war Grieche und besuchte als
Arzt im Gefolge römischer Heere viele Länder. Seine Werke wurden griechisch und lateinisch
von Sprengel herausgegeben. Leipzig 1829. (Diese Ausgabe ist völlig überholt durch die
neuere von Wellmann.) Sie sind in vielen Handschriften erhalten. Berühmt ist der mit
Abbildungen versehene Kodex der Wiener Bibliothek aus dem 6. Jahrhundert, der in
Konstantinopel für Maximilian II. erworben wurde. (Siehe W. Christ, Geschichte der
griechischen Literatur. München 1889. S. 629.) Zu beachten ist auch der Artikel über
Dioskorides von M. Wellmann in Pauly-Wissowas Realenzyklopädie. V. 1131.
[546] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. II. S. 113.
[547] Bd. II. S. 94.

Page 503

[548] O. Warburg, Geschichte der angewandten Botanik (Berichte der Deutsch. bot.
Gesellsch. XIX [1901]. S. 159).
[549] Warburg, a. a. O. – Das Wichtigste über den Ackerbau bei den alten Völkern enthält der
Artikel »Ackerbau« in Paulys Realenzyklopädie der klass. Altertumswiss. 1894. S. 261 u. f.
[550] Seneca erwähnt solche Beete als neuere Erfindung.
[551] Cato, De re rustica. Eine treffliche Ausgabe rührt von Keil (1892) her. Cato starb 149 v.
Chr.
[552] Auch Marcus Terentius Varro, der zur Zeit Ciceros lebte, schrieb ein Buch über die
Landwirtschaft. Näheres siehe unter den Quellen des Plinius. Varros »De re rustica« wurde
1884 gleichfalls von Keil herausgegeben.
[553] L. Wittmack, Die in Pompeji gefundenen pflanzlichen Reste. Englers Botanische
Jahrbücher. 33. Bd. (1903). S. 38–63. Identifiziert wurden unter anderem: Allium Cepa,
Amygdalus communis, Castanea vesca, Corylus Avellana, Iuglans regia, Lens esculenta, Olea
europaea, Panicum italicum, Panicum miliaceum, Phoenix dactylifera, Pinus Picea, Pisum
sativum, Prunus persica, Triticum vulgare, Vicia Faba, Vitis vinifera.
Es handelt sich bei diesen Resten um Samen und Früchte.
Auf den Wandgemälden Pompejis sind etwa 50 Pflanzen dargestellt, die sich identifizieren
ließen, während dies bei manchen nicht möglich war. Comes, Darstellung der Pflanzen in den
Malereien von Pompeji. Stuttgart 1895.
[554] Plutarch, Vita Demetrii.
[555] Vergil widmete Lukrez die Worte: »Felix, qui potuit rerum cognoscere causas«, ein
Ausspruch, der später auf Newton angewandt wurde. Siehe Vergils Georgica II, 490.
[556] Lucretius. Deutsch von Max Seydel. München, R. Oldenbourg, 1881. 2. Gesang, V. 258
u. f.
[557] Nach Vitruv dagegen werden die Quellen durch das in den Boden sickernde
Regenwasser gespeist.
[558] allerdings wohl vielfach interpolierten.
[559] Quaest. natur. 1, 6.
[560] Plinius, Hist. nat. 37, 5. Diese Stelle ist jedoch unklar und ihre Deutung nur unsicher.
[561] Poggendorffs Ergänzungsband 4. S. 452.
[562] Nach einer Mitteilung des Berosos.
[563] Seneca, Quaestiones VII. 22 u. 23.
[564] A. v. Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899. S. 10.
[565] Vitruv, De architectura 8, 3.
[566] Die chemischen Kenntnisse des Plinius in E. v. Lippmanns Abhandlungen u. Vorträge
zur Geschichte der Naturwissenschaften. Leipzig 1906. Im 2. Bande der Abhandlungen und
Vorträge von Lippmanns (Leipzig 1913) findet sich in der zweiten Abteilung Wichtiges über
die chemischen und physikalischen Kenntnisse der Griechen zusammengestellt.
[567] Plinius 36, 64.
[568] Plinius 36, 66 u. 67.

Page 504

[569] Jahresbericht über die Fortschr. d. klass. Altertumswiss. 1902. Bd. III. S. 26–82
(Stadlers Bericht).
[570] E. v. Meyer, Geschichte der Chemie. 1914. S. 17.
[571] E. v. Lippmann, Abhandlungen u. Vorträge z. Gesch. d. Naturwissenschaften. Leipzig
1906. S. 56.
[572] Die bekannten Erzählungen über das »Auflösen« der glühend gemachten Felsen mit
Essig durch Hannibal, u. dgl., gehen jedoch nach v. Lippmann auf die rein abergläubische
Vorstellung zurück, daß der Essig von äußerster Kälte sei und daß deshalb das
Zusammentreffen dieses Extrems mit der Glut des Feuers auch ganz außergewöhnliche
Wirkungen bedinge.
[573] Über die alexandrinischen Bücherschätze und deren Schicksale siehe auch Ritschel,
Breslau 1838, sowie F. Schemmel, Die Hochschule von Alexandrien im 4. u. 5. Jahrh. n. Chr.
Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1909. S. 438. Nach der dort gegebenen Darstellung
wurde die große Bibliothek mit ihren 400000 Bänden erst 272 n. Chr. zerstört.
[574] Johannes Frischauf, Grundriß der theoretischen Astronomie und der Geschichte der
Planetentheorien. 2. Auflage. Leipzig 1903. S. 104. Die Änderung der Geschwindigkeit der
scheinbaren Sonnenbewegung erklärt sich daraus, daß die Erde im Winter der Sonne näher ist
als im Sommer.
[575] Frischauf, a. a. O. S. 103.
[576] Durch Kalippos.
[577] Der exzentrische, mit dem Epizykel verbundene Kreis wurde als der deferierende Kreis
bezeichnet.
[578] Aus dem arabischen Artikel und dem ersten Wort des griechischen Titels (ἡ μεγίστη
σύνταξις) entstanden. Die Übersetzung ins Arabische fand spätestens um 827 statt. Seit dem
12. Jahrhundert wurde der Almagest wiederholt ins Lateinische übertragen. Eine ungenügende
Ausgabe des griechischen Textes nebst einer Übersetzung ins Französische veranstaltete
Halma (2 Bde., Paris 1813–1816). Eine griechisch-lateinische Ausgabe besorgten Wilberg
und Grashof, Essen 1838–1845. Unter den neueren Schriftstellern, die den Almagest
zugänglich gemacht haben, ist neben Heiberg besonders Manitius zu nennen (Des Claudius
Ptolemaeus Handbuch der Astronomie. Aus dem Griechischen übersetzt und mit erklärenden
Anmerkungen versehen von Karl Manitius. Leipzig 1912. B. G. Teubner).
[579] Die Zahl der mit bloßem Auge sichtbaren Fixsterne beläuft sich auf 4-5000. Hipparch
stellte das erste wissenschaftliche Fixsternverzeichnis mit Angabe der Positionen und der
Größenverhältnisse auf.
[580] Es bildet das 7. Buch des Almagest und wurde 1795, übersetzt und erläutert,
herausgegeben von J. E. Bode: J. E. Bode, Claudius Ptolemäus' Beobachtung und
Beschreibung der Gestirne. Berlin 1795.
[581] Die beste Ausgabe rührt von Halley her. Sie erschien in Oxford im Jahre 1758.
[582] Eine lateinische Übersetzung von Xylander (Basel 1575) vermittelte zuerst die
Kenntnis von Diophants Werken.
[583] M. Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 402.
[584] Diophant, lib. VI. 19. Näheres siehe Cantor, I. S. 407.
[585] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten. S. 10.

Page 505

[586] Die erste brauchbare Ausgabe rührt von Halley her. Sie erschien in Oxford im Jahre
1758.
[587] Aus Repsold, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge. 1908.
[588] D. h. Sternfasser. Über noch vorhandene Astrolabien gibt der Bericht über die
Ausstellung im South Kensington Museum (Berlin 1877. S. 394 u. f.) Auskunft.
Nach dem Almagest (V, 1) war das von Ptolemäos benutzte Astrolab eine Art Armillarsphäre,
da es aus einem System teils fester, teils beweglicher, mit Absehen (Dioptern) versehener
Ringe bestand.
[589] Im einzelnen hat dies neuerdings Repsold dargetan. S. S. 256.
[590] Repsold, a. a. O. S. 6.
[591] Diels, Antike Technik. S. 25. In dem noch erhaltenen Turm der Winde in Athen befand
sich eine Wasseruhr, während außen eine Sonnenuhr und eine Wetterfahne angebracht waren.
Unter dem Gesimse sind die acht Hauptwinde allegorisch dargestellt. Auf sie zeigt der Pfeil der
Wetterfahne je nach der Richtung des herrschenden Windes.
[592] Herausgegeben von Nobbe. 3 Bde., Leipzig 1843–1845. Eine deutsche Übersetzung
findet sich im 1. Bande der »alten Geographie« von Georgii (Stuttgart 1838) auf dem Titel als
Anhang angekündigt, ist aber nie erschienen. Eine Übersetzung der Kapitel 21–24 findet sich
im Jahresbericht des Kgl. Gymnasiums zu Chemnitz von 1909. Sie rührt von Th. Schöne her.
[593] C. Ritter, Geschichte der Erdkunde u. d. Entdeckungen. Berlin 1861.
[594] Siehe S. 189.
[595] So hatte Marinus die Längenausdehnung der den Alten bekannten Welt (von den
glückseligen Inseln bis zur Südostküste Chinas) auf 225° angegeben. Ptolemäos beschränkte
diese Ausdehnung auf 180°. Ihr tatsächlicher Wert ist 140°.
[596] Siehe die Abhandlung von Th. Schöne über »Die Gradnetze des Ptolemäos im ersten
Buche seiner Geographie.« Chemnitz 1909 (Programmbeilage des Kgl. Gymnasiums).
[597] Strabons Erdbeschreibung, übersetzt von Forbiger, Stuttgart 1856–1862. Eine neuere
Ausgabe veranstaltete Meineke, Leipzig 1866.
Siehe A. v. Humboldt, Examen critique de l'histoire de la géographie. I. 152–154. Strabon
war griechischer Abstammung, lebte indes meist in Rom. Er wurde 63 v. Chr. geboren und
lernte einen großen Teil des römischen Weltreichs durch eigene Anschauung kennen; er schrieb
in griechischer Sprache.
[598] Im 3. Abschnitt seines I. Buches.
[599] Eratosthenes erblickte auch in den Salzseen der Landenge von Suez den Beweis dafür,
daß diese Landenge früher vom Meere bedeckt war.
[600] Vitruvius, De architectura VIII, 1.
[601] Seneca, Naturales quaestiones III, 5 und 28. Seneca, römischer Dichter und Philosoph,
lebte von 4 v. Chr. bis 65 n. Chr. Eine Übersetzung seiner Werke veranstalteten Moser und
Pauly, Stuttgart 1828–1855. Eine neuere Ausgabe rührt von Haase her (Teubner, 1893 und
1895).
[602] L. v. Ranke, Weltgeschichte III, 313.
[603] O. Peschel, Geschichte der Erdkunde. S. 12.

Page 506

[604] C. Ritter, Gesch. der Erdkunde und Entdeckungen. Berlin 1861.
[605] Marinus aus Tyrus lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. kurz vor Ptolemäos. Er bemühte
sich, für jeden Ort die Länge und die Breite festzustellen.
[606] Die in den auf uns gekommenen Handschriften »der Geographie« enthaltenen Karten
rühren allerdings nicht von Ptolemäos selbst, sondern von einem jüngeren Zeitgenossen her,
der die vorhandenen Karten einer Durchsicht und Verbesserung unterzog.
[607] Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab Fr. Hultsch heraus. Berlin 1875–1878.
Im Jahre 1871 erschien das VII. und VIII. Buch mit deutscher Übersetzung von Gerhardt.
[608] Über die eigentümlichen Schicksale der »Optik« des Ptolemäos berichtet Wilde in
seiner Geschichte der Optik, Bd. I. S. 51 u. f. Danach war das Werk Roger Bacon,
Regiomontan und auch noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt. Dann galt es lange als
verloren, bis es vor einigen Jahrzehnten in einer lateinischen Übersetzung aus dem Arabischen
wiederentdeckt wurde. Eine kritische Ausgabe besorgte Gilberto Govi: L'ottica di Claudio
Tolemeo. Torino 1885.
[609] Die Werte in Klammern sind aus dem Brechungsindex n = 1,3335 berechnet (nach J.
Hirschberg, Zeitschr. f. Psychologie u. Physiologie der Sinnesorgane. XVI. S. 331).
[610] Alhazen im 7. Buche seiner Optik. Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[611] Sie wurde griechisch und deutsch von R. Schöne herausgegeben (Berlin 1897).
[612] So heißt es bei Aristoteles (de anima I. 2): »Auch Thales scheint die Seele für etwas
Bewegendes gehalten zu haben, da er von dem Magneten sagt, daß er eine Seele besitze, weil
er das Eisen bewegt.«
[613] Lukrez VI, v. 1043–1044. Lukrez lebte von 98 bis 55 v. Chr. Seine aus sechs Büchern
bestehende Schrift »De rerum natura« befaßt sich mit den Grundlehren der Physik, der
Psychologie und der Ethik. Von den Ausgaben sei hier diejenige Lachmanns erwähnt. 4. Aufl.
Berlin 1871. Eine Übersetzung rührt von Seydel (München 1881) her.
[614] Lukrez VI, v. 1005–1006.
[615] Eingehend berichtet über die Kenntnisse der Alten auf dem Gebiete der magnetischen
und elektrischen Erscheinungen unter Anführung zahlreicher Literaturstellen A. v.
Urbanitzky im 34. Bande der Elektrotechnischen Bibliothek. Wien, A. Hartlebens Verlag,
1887.
[616] Plinius, Naturgeschichte, Buch 37, Kap. 12.
[617] So erwähnt Theophrast in seinem Buche über die Steine einen Edelstein, welcher durch
Reiben elektrisch werde.
[618] Plinius, Naturgeschichte, Buch 2, Kap. 50 u. 55.
[619] Plinius, Naturgeschichte, Buch 2, Kap. 37.
[620] R. Hennig im Archiv f. Gesch. d. Naturw. u. Technik. Bd. II. Heft 1.
[621] Oppian, de piscat. 2. 43.
[622] Plinius, 32, 1 u. 2.
[623] Aelian, 9, 14.
[624] Galeni opera, ed. C. S. Kühne. Bd. XII. S. 365.
[625] Meyer, Gesch. d. Chemie. S. 16.

Page 507

[626] Siehe auch Berthelot, Les origines de l'Alchimie. Paris 1885. Berthelot gilt als
einseitig und durch neuere Forschungen, vor allem die v. Lippmanns, überholt.
[627] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in ägyptischen Gräbern
gefunden.
[628] Liquor aeternus, venenum rerum omnium.
[629] Der Urtext dieser Schriften nebst französischer Übersetzung wurde von Berthelot in
den Jahren 1887 und 1888 unter dem Titel »Collection des anciens alchimistes grecs«
veröffentlicht.
Berthelot (Die Chemie im Altertum u. Mittelalter. Deutsch von Kalliwoda und Strunz.
1909. S. 5) hat Texte griechischer Chemiker, sowie diejenigen von syrischen und arabischen
veröffentlicht und zugänglich gemacht, darunter auch Handschriften, die bis dahin in den
Bibliotheken von Paris, London und Leyden vergraben und vergessen waren.
Etwas anders, wie auf dieser Seite angegeben, stellt sich der Beginn der Alchemie nach v.
Lippmann dar. Näheres darüber siehe im Anhange und in v. Lippmanns »Alchemie«.
[630] Diels, Antike Technik. S. 111.
[631] Siehe die hiervon abweichende Meinung v. Lippmanns in dessen »Alchemie«.
[632] Berthelot a. a. O. S. 20.
[633] Einen Beitrag über Hermes Trismegistos enthält Paulys Realenzyklopädie d. klass.
Altert. im VIII. Bande auf S. 792–822.
[634] Kopp, Beiträge zur Geschichte der Alchemie. S. 377.
[635] Berthelot, Collection des anciens alchemistes grecs. Paris 1888.
[636] Berthelot, Collection des anciens alchemistes grecs. II. 272 u. 274.
[637] Berthelot, Collect. II. 276.
[638] Eine ihm zugeschriebene Abhandlung führt den Titel: »Der alexandrinische Philosoph
über Zosimos, Hermes und die Philosophen.«
[639] In ähnlicher Weise wurden die 12 Edelsteine, die man unterschied, den 12
Tierkreisbildern zugeteilt. »Alle irdischen Dinge und alles irdische Geschehen waren in
himmlischen Vorbildern vorgezeichnet« (M. Berthelot, Die Chemie im Altertum u.
Mittelalter. Deutsch von Kalliwoda u. Strunz. 1909. XV). Nach E. v. Lippmann sind
manche der von Berthelot herrührenden Angaben einseitig und unzuverlässig. Siehe v.
Lippmanns »Alchemie«.
[640] Die in syrischer Sprache übermittelten Lehren Demokrits sind in einigen in England
befindlichen Manuskripten vorhanden. Näheres darüber siehe in E. v. Lippmanns
Entstehung und Ausbreitung der Alchemie. Berlin 1919. S. 40 u. f.
[641] E. v. Lippmann, Alchemie. S. 31.
[642] Ausführlicher bei E. v. Lippmann, Alchemie. S. 32.
[643] Stockholmer Papyrus (Ausg. v. Lagercrantz). S. 4.

[644] Eine Drachme = 41/2 g.
[645] Eine genaue Analyse des Inhalts beider Papyri gibt E. v. Lippmann in seiner Alchemie
auf S. 1–26. Nach Diels, Antike Technik S. 21, läuft die Vermehrung der Metalle nicht etwa

Page 508

lediglich auf Betrug, sondern ursprünglich auf die Vorstellung hinaus, daß das Metall sich
ähnlich vermehren lassen müsse wie ein in die Erde gepflanztes Samenkorn.
[646] So sagt H. v. Mohl in einer 1863 gehaltenen Rede von den Alten: »Sie blieben in den
Naturwissenschaften auf einer durchaus kindlichen Stufe und bieten ein Beispiel dafür, daß der
höchste philosophische Scharfsinn unfähig ist, in den Naturwissenschaften etwas zu leisten,
wenn er sich nicht auf die genaue Erforschung der Körper stützt.« Wie Mohl, so urteilten die
meisten Naturforscher während des größten Teiles des 19. Jahrhunderts. Erst in den letzten
Jahrzehnten, nachdem der Sinn für die Geschichte der Wissenschaften bei ihren Vertretern
lebendiger wurde, ist man anderer Ansicht geworden. Und der ganze Gang unserer bisherigen
Betrachtung hat zur Genüge gezeigt, daß ein Urteil, wie dasjenige v. Mohls, in seiner
Allgemeinheit wenigstens, nicht zutrifft.
[647] Lindner, Weltgeschichte. I. 34.
[648] Dieser richtete sich nur gegen die Heiden, nicht aber gegen Christen, Juden und Parsen
(Bem. von E. Wiedemann).
[649] Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung. I. 96.
[650] K. Lasswitz, Geschichte der Atomistik. Bd. I. S. 12.
[651] Tertullian, De praescr. haeretic. cap. 7.
[652] Bedeutende Fragmente dieser Schrift sind als Bestandteile der Werke von Eusebius auf
uns gekommen (Ausgabe von Dindorf, Leipzig 1867. Bd. II. S. 321). Eine Übersetzung dieser
Fragmente enthält: Georg Roch, Die Schrift des alexandrinischen Bischofs Dionysios des
Großen »Über die Natur«. Leipzig 1882.
[653] So sagt Lasswitz in seiner trefflichen Darstellung der Atomistik im Mittelalter (K.
Lasswitz, Gesch. d. Atomistik. Bd. I. S. 29).
[654] Nach v. Lippmann bestritten die Kirchenväter, daß die Sterne die Ereignisse bewirken.
Daß letztere dagegen durch die Bewegungen der Gestirne angezeigt würden, hielt man wohl
für möglich.
[655] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 305.
[656] Erlassen auf der Kirchenversammlung zu Paris vom Jahre 1209. Siehe auch v.
Humboldts Kosmos II. S. 31, sowie die bezügliche Anmerkung.
[657] Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. I. S. 82.
[658] Variarum (epistolarum) libri XII.
[659] De artibus ac disciplinis liberalium literarum.
[660] Siehe den Abschnitt über die Quellen des Plinius, S. 222 dies. Bds.
[661] De consolatione philosophiae. Herausgeg. von Peiper 1871.
[662] Cassiodorus, Varia I. 45.
[663] Boëthius, Fünf Bücher über Musik. Deutsch von Oscar Paul, Leipzig 1880.
[664] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[665] Ich verdanke darüber Herrn Prof. E. Wiedemann folgende Bemerkung: Es scheint, als
ob ein Ereignis, das sich in Persien abgespielt hat, auf Ägypten übertragen wurde. Ibn
Khaldun, ein arabischer Historiker, bemerkt: Wir wissen, daß die Mohammedaner bei der
Eroberung Persiens eine Unzahl von Büchern vorfanden und daß ihr Feldherr Saad Ibn Abi

Page 509

Waggâs beim Kalifen Omar anfragte, ob diese Bücher mit der Beute an die Gläubigen zu
verteilen seien. Omar antwortete: »Wirf sie ins Wasser. Enthalten sie etwas, was zur Wahrheit
führt, so haben wir von Gott, was uns noch besser dahin leitet. Enthalten sie aber Falsches, so
sind wir derselben ledig.« Infolge dieses Befehles vernichtete man die Bücher durch Wasser
oder Feuer.
[666] Genaueres über das wechselnde Schicksal der in Alexandrien aufbewahrten
Bücherschätze siehe bei Ritschl, S. 188, Anm. 1.
[667] Wüstenfeld, Die Akademien der Araber und ihre Lehrer. Göttingen 1837.
[668] S. 304.
[669] Die Nestorianer waren um 450 aus dem byzantinischen Reich vertrieben worden. Durch
sie wurden die Araber mit den syrischen Übersetzungen astrologischer und alchemistischer
Schriften bekannt. Eine selbständige alchemistische Literatur als Fortsetzung der griechischen
und syrischen schufen die Araber wohl erst während der Herrschaft der Abbasiden (750–1258).
Man kann wohl mit E. v. Lippmann (Alchemie S. 357) annehmen, daß die Araber, sobald sie
auf das Treiben der Goldmacher aufmerksam wurden, sich der Alchemie nicht aus
wissenschaftlichem Interesse zuwandten, sondern weil sie durch die Aussicht auf Gewinn dazu
verlockt wurden.
[670] M. Berthelot, Die Chemie im Altertum und im Mittelalter. Herausgegeben von E.
Kalliwoda und F. Strunz. Leipzig und Wien 1909. Berthelots Buch ist nach E. v.
Lippmann zum Teil wenig zuverlässig.
[671] Siehe v. Lippmann, Über das Feuerbuch des Marcus Graecus in der »Alchemie«.
1919. S. 477 u. f.
[672] Das Manuskript befindet sich im Britischen Museum. Näheres siehe in v. Lippmanns
»Alchemie«.
[673] Sie befindet sich in Cambridge. Siehe Berthelot a. a. O. S. 43.
[674] Nestorios war in Syrien geboren. Er war ein Anhänger des Anastasios, dessen Lehre
für Ketzerei erklärt wurde.
[675] Unter diesen ist die Schule zu Nisibis zu nennen und die Akademie von Dschondisabur,
die bereits im 6. Jahrhundert in hoher Blüte stand.
[676] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 107.
[677] Heller, Geschichte der Physik. 1882. Bd. I. S. 160.
[678] Über die Zeiteinteilung und den Uhrenbau der Araber haben E. Wiedemann und F.
Hauser eine sehr ausführliche Darstellung gegeben: Über die Uhren im Bereich der
islamischen Kultur. E. Harras, Halle 1915. 272 S. – Nach Wiedemann und Hauser ist
Einhards Erzählung nicht ganz zutreffend.
[679] S. Günther, Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen
Geographie. 1877. S. 59.
[680] Peschel, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 122.
[681] E. Wiedemann, Bestimmungen des Erdumfanges von Al Beruni (Archiv für
Geschichte der Naturwiss. u. der Technik). I. Bd. (1908). S. 66.
[682] E. Wiedemann a. a. O. S. 69.

Page 510

[683] Abul Wafa (940–998). Siehe v. Braunmühl, Vorlesungen über Geschichte der
Trigonometrie. S. 55.
[684] Repsold, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge. Leipzig 1908. S. 11.
[685] Sédillot, Mémoire sur les instrumens astronomiques des Arabes. Paris 1841.
[686] C. Brockelmann, Geschichte der arabischen Literatur. 1898/1902. Bd. I. S. 222.
[687] C. Brockelmann, Bd. I. S. 220.
[688] C. Brockelmann, Gesch. d. arabischen Literatur. Bd. I (1898). S. 215.
[689] Klaproth, Sur l'invention de la Boussole. 1834.
Neuere Untersuchungen verlegen die chinesischen Angaben über den Kompaß bis ins 4.
Jahrhundert v. Chr. zurück. Siehe E. Gerland, Der Kompaß bei den Arabern und im
christlichen Mittelalter. Die Chinesen benutzten den Kompaß zuerst bei Landreisen; auf
Seereisen wurde er wohl nicht vor dem 3. Jahrhundert n. Chr. gebraucht.
[690] Heller, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 210.
[691] La Bible von Guyot de Provins.
[692] Von Alexander Neckam. Die betreffende Stelle lautet: »Nautae enim mare legentes,
cum beneficium claritatis solis in tempore nubilo non sentiunt, aut etiam cum caligine
nocturnarum tenebrarum mundus obvolvitur, et ignorant in quem mundi cardinem prova tendat,
acum super magnetem ponunt, quae circulariter circumvolvitur usque dum ejus motu cessante
cuspis ipsius septentrionalem plagam respiciat.« Siehe Hellmann, Die Anfänge der
magnetischen Beobachtungen. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Bd. 32.
Berlin 1907. In der Übersetzung lautet die Stelle: »Wenn die Seeleute bei nebligem Wetter die
Sonne nicht sehen oder bei Nacht nicht wissen, nach welcher Himmelsrichtung das Schiff sich
bewegt, so bringen sie eine Nadel über einem Magneten an. Diese dreht sich so lange, bis ihre
Spitze, nachdem die Nadel zur Ruhe gekommen ist, nach Norden zeigt.«
[693] A. Breusing, Flavio Gioja und der Schiffskompaß. In der Zeitschr. d. Gesellsch. f.
Erdkunde zu Berlin. Bd. IV. 1869.
[694] Siehe E. Wiedemann, Zur Geschichte des Kompasses bei den Arabern. Verhandl. d.
Deutschen physik. Gesellschaft zu Berlin. 1907. Bd. 9. S. 764–773. Wiedemann gibt darin
unter anderem eine Stelle aus dem Jahre 1232 an, aus der hervorgeht, daß man dem Eisen
durch Reiben mit dem Magnetstein die Eigenschaft gab, sich in die Nord-Südrichtung
einzustellen.
[695] Nach der Übersetzung von E. Wiedemann.
[696] Von den Verbesserungen, welche der Kompaß in der neuesten Zeit erfuhr, wird an
späterer Stelle die Rede sein.
[697] Das Manuskript befindet sich in Paris.
[698] Marcus Graecus, Liber ignium. Berthelot, Chimie au moyen âge. Bd. I. S. 108.
[699] Näheres darüber siehe bei Diels, Antike Technik. S. 97 u. f. Die obige nach Diels, der
wieder Berthelot gefolgt ist, gegebene Darstellung wird von E. v. Lippmann bestritten.
(Siehe dessen Abhandlungen und Vorträge Bd. I.) Nach v. Lippmann ist Marcus Graecus'
Schrift erst um 1250 verfaßt. Siehe auch die neueste Schrift von Ruska über diesen
Gegenstand. Näheres siehe im Anhang des vorliegenden Bandes und in v. Lippmanns
»Alchemie« S. 477 u. f.

Page 511

[700] So pflegte Ibn al Haitam (Alhazen) in jedem Jahre den Euklid und den Almagest
abzuschreiben, um von dem Erlös zu leben. Siehe E. Wiedemann, Ibn al Haitam, ein
arabischer Gelehrter. Leipzig 1906. S. 152.
[701] Die Übersetzung wurde 1857 in der Bibliothek zu Cambridge entdeckt und bildet das I.
Heft der von dem Fürsten Boncompagni herausgegebenen Trattati d'aritmetica.
[702] Trattati d'aritmetica I. 8.
[703] Alfarabi verfaßte eine enzyklopädische Darstellung der Wissenschaften, die arabisch
und in lateinischen Übersetzungen erhalten ist (De scientiis). Näheres enthält die Abhandlung
von E. Wiedemann, Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften. XI. Erlangen 1907.
(Sitzungsberichte der physikalisch-medizinischen Sozietät in Erlangen. 39. Bd.)
[704] Dieser erschien, ins Lateinische übersetzt, im Druck zuerst in Venedig im Jahre 1493.
[705] E. Renan, Averroes et l'Averroisme. Paris 1852.
[706] Reliqua librorum Friderici II. imperatoris de arte venandi cum avibus. Ed. J. G.
Schneider. T. I. II. Lipsiae 1788/89. Siehe auch Carus, Geschichte der Zoologie. München
1872. S. 206, und Burkhardt, Geschichte der Zoologie. Leipzig 1907. S. 45.
[707] Opticae thesaurus Alhazeni Arabis libri VII, nunc primum editi a Frederico Risnero.
Basileae 1572. Vergleiche auch Schnaase, Die Optik Alhazens. Programm des Friedrichs-
Gymnasiums zu Stargard. 1889. Alhazens vollständiger Name lautet Abû Alî Muhammed ben
el Hasan ibn el Haitam el Basri. Eine arabische, mit Abbildungen versehene Handschrift seines
Werkes wird in Leyden aufbewahrt. Risners Übersetzung ist eine gekürzte, indes getreue
Wiedergabe des Originals.
Über eine spätere arabische Bearbeitung von Alhazens Optik hat E. Wiedemann ausführlich
berichtet. Siehe das Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. d. Technik. 1912. S. 1–53.
[708] Diese Ansicht begründet er fälschlich damit, daß die Zerstörung der Linse eine
Vernichtung der Sehkraft zur Folge habe, während die Verletzungen anderer Teile des Auges
seiner Meinung nach eine solche Wirkung nicht hervorbringen.
[709] Im 3. Buche seiner Optik.
[710] Siehe auch Schnaases »Alhazen« in den Schriften der Danziger Gesellschaft. N. Folge.
Bd. VII. S. 140.

Page 512

[711] Optic. Thes. VII. 48.
[712] In einem Anhange zum Optic. Thesaur.
[713] Alhazen nahm den Erdumfang gleich 4800 (statt 5400) Meilen an.
[714] Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. 1882. Baarmann, »Über das Licht« von Ibn al
Haitam.
[715] Optic. Thesaur. VII. 48. Siehe auch Schnaase, »Alhazen«, in den Schriften der Danziger
Natf. Gesellschaft. N. Folge. Bd. VII. S. 140.
[716] Montucla z. B.
[717] Besonders durch Schnaase und E. Wiedemann.
[718] Die Tabelle findet sich bei Al Khazini her, der im Jahre 1137 ein die »Wage der
Weisheit« betiteltes Buch verfaßte. Siehe Wiedemanns Annalen. Bd. 20. S. 539.
[719] Näheres siehe Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen
Experimentierkunst. Leipzig, Wilh. Engelmann. 1899. S. 71 u. f.
[720] E. Wiedemann, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter (Vortrag).
[721] Starb 1274.
[722] Summa theologiae. Venet. 1593. T. XI. p. 407.
[723] In der Bibliothek zu Lucca. Siehe Berthelot a. a. O. S. 28.
[724] E. v. Lippmann, Alchemie. S. 405.
[725] Eine Übersetzung erschien in den »Historischen Studien«, Jahrg. 1893. Einen Auszug
brachte E. v. Lippmann unter der Überschrift »Chemie vor tausend Jahren« in der Zeitschrift
f. angewandte Chemie. 1901. H. 26; siehe auch dessen Abhandlungen und Vorträge.
[726] Näheres siehe bei E. v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der
Naturwissenschaften. Leipzig 1906. S. 139.
[727] E. v. Lippmann a. a. O. S. 132.
[728] Nach E. v. Lippmann (a. a. O. S. 263) in der Zeit zwischen 300 und 600 n. Chr. Geb.
[729] Über die Ergebnisse der neuesten Untersuchungen, die v. Lippmann hierüber angestellt
hat, siehe den Anhang dieses Bandes.
[730] Deutsche Ausgaben erschienen 1710 in Erfurt und 1751 in Wien. Eine Aufzählung der
Schriften Gebers siehe bei Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher.
1840. S. 12 u. 13.
[731] Siehe auch E. v. Lippmann in der Zeitschrift f. angewandte Chemie. 1901. H. 26.
[732] Berthelot a. a. O. S. 61.
[733] Die wichtigsten sind die »Summa perfectionis magisterii«, die Schrift »de inventione
veritatis« und die »Alchimia Geberi«. In der letzteren wird die Zubereitung der Salpetersäure
und des Königswassers beschrieben. Nach Berthelot ist es unrichtig, wenn man annimmt, die
genauere Kenntnis unserer Mineralsäuren und ihrer Salze sei auf die arabischen Autoren des
12. und 13. Jahrhunderts zurückzuführen. Vielmehr wurden die »komplizierten und
umständlichen Darstellungsmethoden von damals erst im lateinischen Abendland im Laufe des
14. und 15. Jahrhunderts entwirrt«.

Page 513

Die Ergebnisse der Forschungen Berthelots erscheinen in neuester Zeit durch die von E. v.
Lippmann in seiner »Alchemie« über Geber veröffentlichten Untersuchungen in mancher
Hinsicht anfechtbar. Siehe den Anhang des vorliegenden Bandes.
[734] Siehe auch die Abhandlung von E. Wiedemann, Über chemische Apparate bei den
Arabern; erschienen in Diergart, Beiträge aus der Geschichte der Chemie.
[735] H. Kopp, Geschichte der Chemie. Bd. I. S. 53.
[736] Na2CO3 + Ca(OH)2 = 2 NaOH + CaCO3.
[737]
6 KOH + 12 S = K2S2O3 + 2 K2S5 + 3 H2O
K2S2O3 + 2 HCl = 2 KCl + SO2 + S + H2O
K2S5 + 2 HCl = 2 KCl + H2S + 4 S.
[738] In den echten Schriften Gebers ist nach Berthelot diese Theorie noch nirgends erwähnt
(a. a. O. S. 65).
[739] Die Kenntnis des metallischen Zinks läßt sich nicht weiter als bis gegen den Ausgang des
Mittelalters zurückverfolgen. Nach E. v. Lippmann (siehe dessen »Alchemie«) ist das
metallische Zink sogar erst in der Neuzeit bekannt geworden. Die Legierung von Kupfer und
Zink, das Messing, war dagegen schon zur römischen Kaiserzeit bekannt. Mitteil. z. Gesch. d.
Med. u. d. Naturwissensch. 1903. S. 150 u. 174.
[740] Zur Erläuterung diene folgende von Berthelot (a. a. O. S. 66) wiedergegebene Stelle:
»Das Kupfer wird von einem trüben und dicken Quecksilber und einem trüben und roten
Schwefel erzeugt. – Das Zinn wird von einem klaren Quecksilber, das kurze Zeit mit einem
weißen und klaren Schwefel gekocht wird, erzeugt. Wenn die Kochung von langer Dauer ist,
gewinnt man Silber usw. Diese Erzeugung der Metalle wird im Schoß der Erde allerdings in
dem langen Zeitraum von hundert Jahren vollendet, aber die Kunst kann die Vollendung
abkürzen. Sie wird also in einigen Stunden oder in einigen Minuten in Erfüllung gehen.«
[741] E. v. Lippmann, Alchemie. 1919. S. 487. Ferner Stillmann und Sudhoff.
[742] Eine unvollendet gebliebene Übersetzung wurde nach der Wüstenfeldschen
Textausgabe von H. Ethé im Jahre 1868 herausgegeben. Den Abschnitt, der von den Steinen
handelt, hat (1895) J. Ruska übersetzt und erläutert. Er wurde hier zugrunde gelegt.
[743] Siehe über den »Physiologus« an späterer Stelle.
[744] Siehe Carus, Geschichte der Zoologie. S. 173.
[745] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 263.
[746] Ins Englische übersetzt von S. Lee. London 1829.
Ins Französische von Defremerie u. Sanguinetti. Paris 1854. Neue Aufl. ebd. 1913.
[747] Näheres enthält: Berendes, Das Apothekenwesen, seine Entstehung und geschichtliche
Entwicklung. Stuttgart 1907. S. 61.
[748] Siehe Hirschberg, Über das älteste arabische Lehrbuch der Augenheilkunde (Berichte
der Berliner Akademie der Wissenschaften. 1903).
Ferner J. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde. Zweites Buch. 1. Abteil. Geschichte
der Augenheilkunde bei den Arabern. Leipzig, W. Engelmann. 1905.
[749] C. Brockelmann, Gesch. d. arab. Literatur. Bd. II (1902). S. 3.

Page 514

[750] C. Brockelmann a. a. O. Bd. II. S. 6.
[751] F. Boll im Reallexikon der germanischen Altertumskunde von Hoops (1911–1918)
unter »Astronomie«.
[752] Hoops, Reallexikon des german. Altertums.
[753] Er wurde 754 in Friesland erschlagen und in Fulda beigesetzt.
[754] De Universo libri. XXII.
[755] L. Geisenheyner, Über die Physika der heiligen Hildegard und die in ihr enthaltene
älteste Naturgeschichte des Nahegaues. Berichte über die Versammlungen des Botan. und des
Zoolog. Vereins f. Rheinland-Westfalen. 1911. Bonn. Vgl. auch die Veröffentlichungen von
Ch. Singer, Oxford (siehe Mitteil. z. Gesch. d. Med. 1919. S. 338).
[756] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 13.
[757] Vgl. H. Würschmidt, Archiv f. Gesch. d. Mathem. 1913.
[758] Durch den englischen Mönch Atelhart um 1120.
[759] Auch Fibonacci oder Bonacci genannt. Fibonacci bedeutet Sohn Bonaccis (filius
Bonacci).
[760] Cantor, Bd. II. S. 3.
[761] Eine ausführliche Inhaltsangabe des Liber abaci gibt Cantor in seiner Geschichte der
Mathematik. Bd. II. S. 7–32.
[762] Am bekanntesten ist die Ausgabe von F. Risner. Basel 1572.
[763] Ad Vitellonem Paralipomena, quibus astronomiae pars optica traditur. Francof. 1604.
[764] So auch von Cantor in seiner großen Geschichte der Mathematik.
[765] Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 13. Jahrhundert. Zum ersten Male
vollständig nach den besten Ausgaben deutsch mit einem Kommentar, von Aug. Bürck.
Leipzig 1845.
[766] Reste und Eier riesiger, ausgestorbener Vögel sind bekanntlich später in Madagaskar
gefunden worden (Äpyornis). Ein Auszug über die zoologischen Angaben Marco Polos findet
sich in Carus, Geschichte der Zoologie. München 1872. S. 197 u. f.
Unter dem Titel »Chemisches bei Marco Polo« hat E. v. Lippmann eine Abhandlung in der
Zeitschrift für angewandte Chemie veröffentlicht. 1908. 34. Heft.
[767] Die Gründung der Städte bedeutet eine der fruchtbarsten Errungenschaften des
Mitteltalters. Dadurch erfolgte eine Loslösung der Arbeit von der Scholle. Vor der Entwicklung
der Städtefreiheiten besaß im Mittelalter niemand Rechte und ausgiebige Lebensquellen, der
nicht mit der Scholle verknüpft war. Siehe Grupp im 2. Bande seiner Kulturgeschichte d.
Mittelalters.
[768] Der älteste bekannt gewordene Geldwechsel stammt aus dem Jahre 1207. Siehe Grupp,
Kulturgeschichte d. Mittelalters. 1894. Bd. II. S. 56. Im Orient waren Wechsel,
Geldanweisungen und Abrechnungsanstalten weit älter.
[769] Beide gehören der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an.
[770] Diese Lehre war aber nicht allgemein angenommen. (Bemerkung von Würschmidt.)

Page 515

[771] M. Maywald, Die Lehre von der zwiefachen Wahrheit, ein Beitrag zur Geschichte der
scholastischen Philosophie. Berlin 1861. Siehe auch J. Tyndall, Religion und Wissenschaft,
sowie Langes Geschichte des Materialismus.
[772] Jourdain, Geschichte der aristotelischen Schriften im Mittelalter, übersetzt von Ad.
Stahr. Halle 1831.
[773] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S.
[774] In Lauingen. Als Geburtsjahr ist neuerdings mit großer Wahrscheinlichkeit das Jahr 1207
nachgewiesen (Enders im Histor. Jahrbuch der Görresgesellschaft. 1910. S. 293).
[775] Siehe auch Peters, Der griechische Physiologus und seine orientalischen Übersetzungen.
Berlin 1898. Das genannte Werk enthält auch eine Geschichte der merkwürdigen Schrift.
[776] M. Goldstaub, Der Physiologus und seine Weiterbildung, besonders in der lateinischen
und byzantinischen Literatur. Philologus, 1901. Supplementband 8, 3.
[777] H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 86.
[778] Carus, Geschichte der Zoologie. S. 231.
[779] Eingehender wird Albertus Magnus gewürdigt in E. Meyer, Geschichte der Botanik.
Bd. IV. S. 9–84. Vgl. auch Fellner, Albertus Magnus als Botaniker. Wien 1881.
Eine kritische Ausgabe der botanischen Schriften rührt von E. Meyer und K. Jessen her:
Alberti Magni de vegetabilibus libri VII. Berlin 1867.
[780] H. Stadler, Albertus Magnus als selbständiger Naturforscher (Forschungen zur
Geschichte Bayerns. Bd. 14. S. 95–114).
[781] H. Stadler a. a. O.
[782] Des Nikolaos Damaskenos.
[783] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 40.
Anzuerkennen waren jedoch die Verdienste der Araber um die Botanik. (Bem. von E.
Wiedemann.)
[784] E. Meyer, Geschichte der Botanik.
[785] Auch nach Warburg (Berichte der Deutschen botan. Gesellschaft. 1901. S. 153) hat das
Mittelalter weder für die wissenschaftliche, noch für die angewandte Botanik neue Bahnen
erschlossen, wenn auch die Araber auf dem Gebiete der Heilmittellehre manche neue Tatsache
fanden.
[786] Nach H. Stadler, Albertus Magnus von Cöln als Naturforscher und das Kölner
Autogramm seiner Tiergeschichte. Leipzig 1908.
Nach der Kölner Handschrift, welche nach Stadler von den vorhandenen Handschriften die
beste ist, hat der Genannte eine Ausgabe der Tiergeschichte des Albertus Magnus
veranstaltet: Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI. Nach der Cölner Urschrift. Erster
Band, Buch I-XII enthaltend. Münster i. W., Aschendorff. 1916.
[787] Die Albertus Magnus zugeschriebenen, eigentlich alchemistischen Werke sind nach E.
v. Lippmann als Fälschungen zu betrachten.
[788] Kopp, Beiträge z. Geschichte der Chemie. 3, 64 u. f.
[789] Das Geburtsjahr steht nicht fest. Die Angaben schwanken zwischen 1210 und 1214.
Doch nimmt man wohl meist 1214 an. (Feier in Oxford 1914. Vgl. »Die Roger Bacon-

Page 516

Commem.«.)
[790] Sebastian Vogl, Die Physik Roger Bacons. Inaug.-Dissertation. Erlangen 1906.
[791] Von Peregrinus ist noch eine Schrift über den Magneten erhalten. Peregrinus
unterschied die Pole des Magneten und wies die Anziehung der ungleichnamigen Pole nach.
[792] Gerbert war in Frankreich geboren. Er besuchte die arabischen Hochschulen in Sevilla
und Cordova und wurde im Jahre 999 zum Papst gewählt; als solcher führte er den Namen
Sylvester II.
[793] Vogl a. a. O.
[794] Epistola de secretis artis et naturae operibus atque nullitate magiae. 1260. Eine Ausgabe
dieser Schrift erschien im Jahre 1542 in Paris.
Ausführlich über Bacon handelt Siebert, Roger Bacon, sein Leben und seine Philosophie.
Marburg 1861.
[795] Bacon, Opus tert. cap. 43. Siehe auch K. Werner, Die Kosmologie und allgemeine
Naturlehre des Roger Baco. Wien 1879.
[796] Opus majus cap. 1.
[797] Opus majus cap. 13.
[798] Vogl, Die Physik Roger Bacons.
[799] Bacon erklärt die Förderung des geistigen und materiellen Wohlseins als Zweck
sämtlicher Wissenschaften. Doch gibt es nach Bacon ein noch höheres Ziel, das er in dem
Wort ausspricht: »Humana nihil valent nisi applicentur ad divina« (Opus majus p. 108).
[800] Döring, Die beiden Bacon (Archiv für Geschichte der Philosophie. 1904. S. 341).
[801] Clemens IV.
[802] Eine Neuausgabe veranstaltete J. H. Bridges. London 1897–1909. 3 Bände. Das Werk
enthält den lateinischen Text und eine ausführliche Analyse jedes Kapitels in englischer
Sprache, ferner eine Einleitung über das Leben und die Bedeutung Bacons.
Eine ältere unzuverlässige Ausgabe wurde von Jebb (London 1733) herausgegeben.
Zur Feier des 700. Geburtstags Bacons erschien 1914 ein Erinnerungsband, der Abhandlungen
über Bacons wissenschaftliche Tätigkeit und Bedeutung enthält (Oxford, Clarendon press,
1914). Genannt seien: F. Picavet (Paris), La place de Roger Bacon parmi les philosophes du
XIIIe siècle. – E. Smith (New York), The place of R. Bacon in the history of mathematics. –
E. Wiedemann (Erlangen), R. Bacon und seine Verdienste um die Optik. – Pierre Duhem
(Bordeaux), Roger Bacon et l'horreur du vide. – Pattison Muir (Cambridge), Roger Bacon,
his relations to alchemie and chemistry.
[803] »Visio non completur in oculis, sed in nervo« heißt es bei ihm (Opus majus V cap. 2).
[804] Die Brennkugel erwähnen schon Aristoteles und Plinius.
[805] J. Würschmidt, Roger Bacons Art des wissenschaftlichen Arbeitens, dargestellt nach
seiner Schrift »De speculis« (Roger Bacon Commemoration Essays IX).
[806] Sine experientia nihil sufficienter sciri potest.
[807] Opus majus IV cap. 3.
[808] Ein Wort, das lebhaft an Kants späteren, oft zitierten Ausspruch erinnert.

Page 517

[809] De secretis operibus artis et naturae, cap. 4.
[810] Als Erfinder wird ein Salvino degli Armati in Florenz genannt. Nach anderer
Nachricht ist Alexander de Spina als Erfinder der Brillen zu betrachten. Beide Angaben sind
unrichtig. Soviel ist jedoch sicher, daß die ersten Brillen in Italien gemacht wurden und daß
dies gegen das Ende des 13. Jahrhunderts geschah (Wilde, Optik. Bd. I. S. 96).
Daß der geschliffene Smaragd, mittels dessen Nero die Zirkusspiele besah, ein Spiegel war,
hat schon Lessing nachzuweisen gesucht: Lessing, Antiquarische Briefe. 45. Die Erzählung
kommt bei Plinius vor (Nat. hist. XXXVII. S. 84. Sillig).
[811] Sie werden neuerdings als nicht echt betrachtet (E. v. Lippmann).
[812] Nach einer Untersuchung von H. W. L. Hime (R. B. Essays, Oxford 1914) hat er aus
Salpeter, Kohlenpulver und Schwefel eine explosible Mischung wohl zufällig hergestellt und
die Explosion des Gemisches beobachtet. Die Zusammensetzung des Gemisches hat er
anagrammatisch mitgeteilt, wohl um das Geheimnis nicht allgemein zugänglich zu machen und
Schwierigkeiten bei der kurz zuvor gegründeten Inquisition wegen dieser gefährlichen Kunst
zu vermeiden. (J. Würschmidt, Mon.-Hefte f. d. nat. Unterr. 1915, 264.)
[813] Nach E. v. Lippmann ist dies jedoch nicht zutreffend.
[814] Die Feuerwaffe wurde sehr wahrscheinlich in Deutschland erfunden. Ihr Erfinder ist
nicht bekannt. Sicher ist nur, daß sich die neue Erfindung im 14. Jahrhundert schnell durch
ganz Europa bis nach Asien verbreitete. Ariost wütet im »Orlando furioso« gegen die
»verruchte, dumme Teufelskunst«, von der er sagt:
»Durch dich ging jeder Waffenruhm verloren,
Die Ritterehre ward zum eitlen Dunst!«

[815] Das Buch war eine der Enzyklopädien des Mittelalters. Es entstand im Anfang des 15.
Jahrhunderts. Columbus wurde dadurch mit der Ansicht des Aristoteles und des Strabon
bekannt, daß die Ostküste Asiens durch eine Fahrt nach Westen zu erreichen sein müsse.
[816] Tschackert, Peter von Ailly. Gotha 1877. S. 335.
[817] Siehe K. Werner, Die Kosmologie und allgemeine Naturlehre des Roger Baco. Wien
1879.
[818] »Seit die Inquisition ihre Ketzerverfolgungen anfing und seit fanatische Pfaffenwut alle
selbständigen Gedanken auszurotten trachtete, fielen vier Jahrhunderte lang zahlreiche
Schlachtopfer in ganz Europa.« M. Carrierre, Die philosophische Weltanschauung der
Reformationszeit. Stuttg. 1847. S. 87.
[819] Näheres über Pico von Mirandola siehe bei M. Carrierre, Die philosophische
Weltanschauung der Reformationszeit. 1847.
[820] Es wurde 1862 nach den Handschriften von Fr. Pfeiffer veröffentlicht. Die neueste
auszugsweise Bearbeitung rührt von H. Schulz her: Conrad von Megenberg, Das Buch der
Natur. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. In neuhochdeutscher Sprache bearbeitet
und mit Anmerkungen versehen von H. Schulz. Greifswald 1897.
[821] Es sind noch zahlreiche Handschriften vorhanden, so in Breslau, Wolfenbüttel, Gotha,
Paris, London usw. Siehe Carus, Geschichte der Zoologie. S. 214.
Über das Verhältnis Konrads von Megenbergs zu Thomas schreibt H. Stadler bei der
Besprechung der ersten Auflage dieses Werkes in den Neuen Jahrbüchern f. d. klass. Altert.
1911. S. 86: »Es ist natürlich bei Konrad von Megenberg nicht an eine direkte Benutzung

Page 518

des Aristoteles, Galen, Plinius oder gar des Theophrast, den kein mittelalterlicher Autor
wirklich kennt, zu denken, sondern alle diese Autorenzitate Megenbergs stammen aus
Thomas von Cantimpré.« Es existieren neben den vollständigen Handschriften (in Paris und
München) des Werkes dieses Autors gekürzte. »Eine Handschrift letzterer Form übersetzte
Konrad und fügte gelegentlich eine naive Kritik, eine erweiterte Moralisation und auch einige
wenige sachliche Bemerkungen hinzu.«
[822] Daß es eine große Verbreitung fand, beweisen die zahlreichen Handschriften, die sich
noch heute besonders in Süddeutschland finden. Auch erschien es bis 1500 sechsmal im Druck.
Megenbergs »Buch der Natur« ist eine Übersetzung des Thomas von Cantimpré und darf
nicht als selbständige Arbeit betrachtet werden (H. Stadler, Albertus Magnus, Thomas
von Cantimpré und Vinzenz von Beauvais, Natur und Kultur. 1906. S. 86–90).
[823] Siehe Ausgabe von Schulz, Vorrede. VI.
[824] J. Burkhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. Derselbe, Geschichte der
Renaissance in Italien.
[825] Giorgio Vasari, Vite di più eccellente pittori, scultori ed architetti. Florenz 1550.
Dasselbe deutsch 1832–1849. 6 Bände.
[826] W. Goetz, Mittelalter und Renaissance. Historische Zeitschrift. Bd. 98 (1907). S. 30.
[827] W. Goetz a. a. O. S. 50.
[828] G. Voigt im Vorwort zu seinem Werke: Die Wiederbelebung des klassischen Altertums.
Berlin 1859.
[829] Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. I. S. 174 u. f.
[830] Siehe auch Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. II. S. 173.
[831] G. Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums. Berlin 1859.
[832] G. Voigt nach Benvenuti Insolensis Comment. in Dantes Comoed.
[833] Auch unter dem Namen Enea Silvio bekannt.
[834] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 277.
[835] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 291.
[836] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 314.
[837] Lange, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 189.
[838] J. Ranke, Die Geschichte des Zeitalters d. Reformation. Bd. IV. S. 4.
[839] A. Harnack, Geschichte d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. S. 3.
[840] A. Harnack a. a. O. S. 3.
[841] Das »Lob der Narrheit« (Encomium moriae) fand in Holbein einen seiner Bedeutung
würdigen Illustrator.
[842] Ranke a. a. O. S. 178.
[843] Das Wort, mit dem Hutten sein Denkschreiben an den Humanisten Pirkheimer schloß.
[844] Peschel, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 386.
[845] Auf dem Konzil zu Basel im Jahre 1437.

Page 519

[846] Das Original der ersten gedruckten Karte von Deutschland befindet sich im
Germanischen Museum in Nürnberg. Die Karte (1491) rührt von Nicolaus von Cusa her.
Die erste in Holz geschnittene Karte (Weltkarte) stammt aus dem Jahre 1475.
[847] De docta ignorantia. II. 1 u. 2.
[848] Nach diesem System wurde der Erde eine dreifache Bewegung beigelegt, diejenige um
ihre Achse, um zwei im Äquator befindliche Pole und die Bewegung um die Weltpole.
[849] Über »Nicolaus von Cusa und seine Beziehungen zur mathematischen und physischen
Geographie« äußert sich Günther in den Jahrbüchern über die Fortschritte der Mathematik
(Jahrg. 1899) mit folgenden Worten: »Er zertrümmerte die Kristallsphären der Griechen,
verkündete die Wesensgleichheit der Erde mit anderen Weltkörpern, lehrte die Bewegung der
Erde und entwarf als erster unter den Neueren eine Landkarte in richtigem geometrischen
Netz.«
[850] Max Jacobi, Das Weltgebäude des Kardinals Nicolaus von Cusa. Ein Beitrag zur
Geschichte der Naturphilosophie und Kosmologie in der Frührenaissance. Berlin 1904.
[851] De staticis experimentis dialogus.
[852] Vasari.
[853] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 288.
[854] Er schuf den Kanal von Martesano, welcher den Tessin mit der Adda verbindet.
[855] Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. T. III. Dühring, Kritische
Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. Berlin 1873. S. 12 ff.
[856] Vgl. H. Grothe, Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph. Berlin 1874.
[857] H. Wieleitner, Das Gesetz vom freien Fall in der Scholastik, bei Descartes und Galilei.
Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin u. d. Naturwiss. Nr. 58. S. 488.
[858] Siehe auch Fritz Schuster, Zur Mechanik Leonardo da Vincis (Hebelgesetz, Rolle,
Tragfähigkeit von Ständern und Trägern). In.-Diss. Erlangen 1915. 153 Seiten.
[859] Siehe auch E. v. Lippmann in der Zeitschrift f. Naturwissensch. 72. Bd. S. 291. Siehe
auch dessen Abhandlungen u. Vorträge.
[860] Eine Zusammenstellung der wichtigsten Sätze aus dem großen, von der französischen
Akademie herausgegebenen Manuskriptenwerk Lionardo da Vincis hat Marie Herzfeld
unter dem Titel »Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet« herausgegeben. Jena
1906.
Das Buch M. Herzfelds enthält 745 Notizen Lionardos, die nach bestimmten
Gesichtspunkten geordnet sind: Über die Wissenschaft; Von der Natur, ihren Kräften und
Gesetzen; Sonne, Mond und Erde; Menschen, Tiere und Pflanzen; Philosophische Gedanken;
Aphorismen, Allegorien; Entwürfe zu Briefen; Allegorische Naturgeschichte; Fabeln; Schöne
Schwänke; Prophezeiungen. Bei jeder Notiz ist auf die betreffende Manuskriptstelle
hingewiesen.
[861] Auch gegen die alchemistischen Bestrebungen wendet sich Lionardo.
[862] Manuskript A. Fol. 22 v.
[863] Siehe F. M. Feldhaus, Leonardo, der Techniker u. Erfinder. E. Diederichs, Jena 1913.
Mit 9 Tafeln und 131 Abbildungen im Text. S. 118.

Page 520

[864] L. Darmstädter, Handbuch zur Geschichte der Naturwissenschaften u. der Technik.
Berlin 1908. S. 136. Dort wird das Jahr 1667 als das Jahr der Erfindung angegeben.
[865] Siehe F. M. Feldhaus, Leonardo, der Techniker und Erfinder.
[866] Durch Lenormand im Jahre 1783.
[867] E. v. Lippmann, da Vinci (Abhandl. u. Vortr. 1906. S. 346).
[868] Eingehender handelt von der »Anatomie des Lionardo da Vinci« M. Roth im Archiv für
Anatomie u. Physiologie. Jahrg. 1907. Anat. Abteil. Suppl.-Bd. S. 1–122.
[869] Mit den biologischen Kenntnissen und Anschauungen Lionardo da Vincis befaßt sich
de Toni in seiner Schrift »La Biologia in Leonardo da Vinci«. Discorso letto nell' adunanza
solenne del R. Istituto Veneto, il 24 maggio 1903. De Toni erblickt den Ausgang der zahllosen
Studien Lionardos in der Künstlernatur, die sich in die Gegenstände vertieft, um sie der
Wirklichkeit entsprechend darzustellen. In Lionardos anatomischen Tafeln sind nach de Toni
die Muskeln stellenweise so genau abgebildet, wie in den besten modernen Werken.
Das gleiche Thema behandelt M. Holl in der Inaugurationsrede »Ein Biologe aus der Wende
des 15. Jahrhunderts«. Graz 1905. Holl weist besonders auf die methodischen Grundsätze
Lionardos hin und erwähnt als solche seine vergleichende Methode, die Anwendung des
Experiments, die Bezugnahme auf die Funktionen des Organismus und die Altersveränderung
der Organe usw.
[870] Im »Laokoon« und in den »Briefen antiquarischen Inhalts«.
[871] Les manuscrits de Léonard de Vinci. Paris 1881.
[872] Manuskript F. Fol. 69.
[873] Manuskript CA. Fol. 190v.
[874] Gerland u. Traumüller, Abb. 100.
[875] Manuskript CA. Fol. 345v. in der Übersetzung von M. Herzfeld auf S. 42.
[876] Nach E. Wiedemann hat Lionardo da Vinci sehr viel von den Arabern übernommen
und ist sein schriftlicher Nachlaß zum großen Teile eine Sammlung von Notizen.
[877] Manuskript E. Fol. 55 v.
[878] Max Jacobi, Nicolaus von Cusa und Lionardo da Vinci, zwei Vorläufer des Nicolaus
Coppernicus. Altpr. Monatsschr. Bd. 39. Heft 3 u. 4.
[879] Einen Vorläufer besaß Peurbach in Johann von Gmunden (1380 bis 1442), der vor
Peurbach an der Wiener Hochschule lehrte und wohl als der Vater der deutschen Astronomie
bezeichnet wurde. Nach E. v. Lippmann erhob die Universität Protest gegen diese erstmalige
Einrichtung einer Professur für Mathematik. Dieser Protest wurde aber durch den einsichtigen
Kaiser Maximilian I. abschlägig beschieden.
[880] Alfons X. von Kastilien hatte um 1250 die ptolemäischen Planetentafeln durch neue
Tafeln ersetzen lassen.
[881] Repsold, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W. Engelmann, Leipzig 1907.
Abt. 7. – Vgl. hierzu Gerbert (J. Würschmidt, Archiv f. Gesch. d. Math. 1919), der
gleichfalls sich des Quadratum geometr. bediente. Er hatte es zweifellos von den Arabern
übernommen.
[882] Die Anregung empfing Peurbach durch den großen Humanisten Bessarion (um 1500),
durch dessen Vermittlung zahlreiche Werke aus Konstantinopel nach Italien gelangten.

Page 521

[883] Es handelt sich um einen kleinen Ort dieses Namens in Unterfranken.
[884] So berichtet Doppelmayr in seinem Werk »Historische Nachrichten« von den
Nürnberger Mathematicis und Künstlern. 1730. S. 22.
[885] Siehe Doppelmayr a. a. O.
[886] Ein mit Gradteilung und Dioptern versehener Ring, in dem sich eine drehbare, gleichfalls
mit Dioptern versehene Scheibe befindet. Eine derartige Vorrichtung wurde schon von
Hipparch zum Messen von Winkeln benutzt.
[887] Montucla, Histoire des mathémat. Paris. An VII. Tome I. p. 307.
[888] Repsold, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W. Engelmann, Leipzig 1907.
Als Erfinder des Jakobsstabes gilt der Astronom Levi ben Gerson. Er hat dadurch (1325) ein
bequemes Mittel für Ortsbestimmungen auf See geschaffen.
[889] Breusing in der Zeitschrift für Erdkunde. Berlin 1868. Über Behaims Globus, sowie
andere Globen aus dem Zeitalter der großen Entdeckungsreisen siehe: Matteo Fiorini, Erd-
und Himmelsgloben, ihre Geschichte und Konstruktion; frei bearbeitet von S. Günther.
Leipzig 1895. Kapitel V. Globen fertigten auch schon die Araber an, z. B. Edrisi im 12.
Jahrhundert.
[890] Eine Abbildung enthält das Werk von Ghillany: »Geschichte des Seefahrers M.
Behaim«. Nürnberg 1853.
[891] Plastische Darstellungen der Erde fertigte man übrigens auch schon im Altertum an (s.
Peschels Gesch. d. Erdk. 1877. S. 51), und die Araber stellten Himmelsgloben her.
[892] Pierre d'Ailly (Petrus de Alliaco) lebte von 1350 bis 1420. Er war ein hoher
kirchlicher Würdenträger. In seinem Weltbuch (Imago mundi) findet sich die antike, von
Roger Bacon wiederholte Ansicht, Asien erstrecke sich so weit nach Osten, daß seine Küste
von Spanien aus in wenigen Tagen zu erreichen sei (Tschackert, Peter von Ailly. Gotha 1877.
S. 335).
[893] Doppelmayr, Historische Nachrichten von den Nürnberger Mathematikern und
Künstlern. 1730.
[894] E. F. Apelt, Die Reformation der Sternkunde von N. v. Cusa bis auf Kepler. Jena 1852.
S. 58. Behaims Verdienst um die Entwicklung und die Übermittelung der wissenschaftlichen
Nautik wird heute geringer eingeschätzt. Siehe die Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d.
Naturwiss. Nr. 60. S. 21.
[895] E. Meyer, Geschichte d. Botanik. Bd. IV. S. 255. Zoologische Gärten finden sich schon
bei den Arabern (E. Wiedemann).
[896] Der Leydener Garten wurde 1577, der Heidelberger 1593 eingerichtet.
[897] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 273, ist geneigt, den Italiener Luca
Ghini, der in Bologna lehrte, als den Erfinder der Herbarien zu betrachten.
In Leyden ist noch ein Herbarium von Rauwolf vorhanden, der 1573 in den Orient reiste.
(Mitteilung von E. Wiedemann.)
[898] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 284.
[899] Es ist archivalisch festgestellt, daß der Name Koppernigk lautete. Das Titelblatt des
1543 in Nürnberg gedruckten Werkes enthält zwar den Namen Copernicus. Es scheint hier
aber ein Versehen des Herausgebers (Rheticus) vorzuliegen. Die richtige Schreibweise würde

Page 522

Coppernicus oder Koppernikus lauten. Siehe Max Jacobi, »Koppernikus oder
Kopernikus«. Artikel in der »Täglichen Rundschau« v. 14. 8. 1907.
[900] Apian lebte von 1495–1552. Er wurde von Kaiser Karl V. hoch geschätzt und
verfertigte für diesen eine Maschine, durch deren Bewegung man den Lauf der Planeten
darstellen konnte. Auch empfahl er dunkle Gläser zur Beobachtung der Sonne, in der
Hoffnung, auf diese Weise den Vorübergang von Venus und Merkur sehen zu können. Auch der
Vorschlag, die Monddistanzen zum Bestimmen der geographischen Länge zu benutzen, rührt
von Apian her (Cosmographia § 5).
[901] Anspielung auf das Horazische nonumque prematur in annum.
[902] »Dem Reformator«, sagt Schiaparelli (Die Vorläufer des Koppernikus im Altertum, S.
87), »der ein wesentlich neues Weltschema zur Geltung bringen wollte, konnte es nicht
genügen, nur eine allgemeine Idee auseinanderzusetzen, sondern ihm fiel die Pflicht zu, seine
Idee bis zu demselben Grade der Vollendung auszuarbeiten, bis zu dem Ptolemäos die seinige
gebracht hatte.«
[903] Nicolai Copernici Torinensis, De revolutionibus orbium coelestium, libri VI. Eine
Übersetzung von C. L. Menzzer hat der Koppernikus-Verein zu Thorn im Jahre 1879
herausgegeben.
[904] In dem Bestreben, die ungleichförmig erscheinenden Bewegungen der Planeten auf
gleichförmige Bewegungen zurückzuführen, nahm man an, diese Himmelskörper beschrieben
Kreise, deren Mittelpunkt sich gleichzeitig der Peripherie eines zweiten Kreises entlang
bewege; die so entstandenen Linien nennt man Epizyklen.
[905] Siehe S. 180 u. f. d. Bds.
[906] Schiaparelli, Die Vorläufer des Koppernikus im Altertum, übersetzt von M. Curtze.
[907] Die außerhalb des Saturn befindlichen Planeten Uranus und Neptun wurden erst 1781,
beziehungsweise 1846 entdeckt.
[908] Die hierin liegende Schwierigkeit wurde erst von Bessel gehoben, der nachwies, daß die
Fixsterne in der Tat infolge der jährlichen Bewegung der Erde ihren Ort, wenn auch in sehr
geringem Maße, verändern.
[909] Die Schrift galt lange als verschollen. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckt
und (1878) herausgegeben. Näheres siehe in dem von A. Kistner herrührenden Bd. 39 von
Voigtländers Quellenbüchern.
[910] Die Drehung der Erde wurde durch Fallversuche, sowie den Foucaultschen
Pendelversuch nachgewiesen, während die Fortbewegung im Raume aus der Aberration und
der Fixsternparallaxe geschlossen wurde.
[911] Anstatt 1 : 49 : 1300000.
[912] In seiner, sechs Jahre nach dem Tode des Koppernikus veröffentlichten Schrift »Initia
doctrinae physicae 1549« (Die Anfangsgründe der Naturlehre) beschuldigt Melanchthon den
Koppernikus, daß er lediglich zur Befriedigung seiner Eitelkeit Irrlehren, die schon das
Altertum als bloße Gedankenspiele erkannt habe, verbreitete (L. Prowe, Nicolaus
Coppernicus. Bd. I, 2. S. 232). In den späteren Auflagen seiner »Naturlehre« hat
Melanchthon diesen Vorwurf zwar abgeschwächt, den ablehnenden Standpunkt gegen die
heliozentrische Lehre aber beibehalten. Melanchthon ließ sich von der Überzeugung leiten,
daß auch in den Fragen der Naturwissenschaft die Bibel maßgebend sei. Siehe die Abhandlung

Page 523

von E. Wohlwill: »Melanchthon und Copernicus«. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturw.
1904. S. 260 u. f.
[913] Die kirchliche Behörde, der das Zensoramt oblag und die mißliebige Bücher auf den
Index, d. h. das Verzeichnis der verbotenen Bücher setzte.
[914] Giordano Bruno wurde zu Nola im Jahre 1548 geboren. Er durchwanderte lehrend
Europa, geriet jedoch mit den herrschenden kirchlichen Dogmen in Widerspruch und wurde,
weil er nicht widerrufen wollte, 1600 von der Inquisition zu Rom den Flammen übergeben.
Siehe Landsbeck, Bruno, der Märtyrer der neuen Weltanschauung. Leipzig 1890.
[915] De Immenso. L. III. c. 5.
[916] Wie klein erscheint Hegel dagegen, der aus spekulativen Gründen annahm, daß es nicht
mehr als 7 Planeten geben könne.
[917] Dilthey, G. Bruno und Spinoza. Archiv der Philosophie. 1894. S. 269 u. f.
[918] Übersetzt von Kuhlenbeck 1893.
[919] Breusing, Gerhard Kremer, genannt Merkator, der deutsche Geograph. Duisburg 1869.
H. Averdunk und J. Müller-Reinhard, Gerhard Mercator und die Geographen unter seinen
Nachkommen. J. Perthes, Gotha 1914. VIII u. 188 S.
[920] Die »Kosmographie« erschien 1544 in Basel (zuletzt 1628). Sie kam auch lateinisch
(1550), französisch, italienisch usw. heraus.
[921] Professor der Medizin und der Astronomie in Löwen; lebte von 1535 bis 1577.
[922] Siehe Breusings zitierte Schrift S. 35.
[923] Philipp Apian (1531–1589), Sohn des Astronomen Peter Apian (zu deutsch
Bienewitz).
[924] 1526–1598.
[925] Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium emendata accommodata.
Duisburgi mense Augusto, 1569. Auf 8 Blättern, im ganzen 1,26 m hoch und 2 m breit. Die
Karte wurde nach den Originalen in der Stadtbibliothek zu Breslau im Jahre 1891 von der
Gesellschaft für Erdkunde in Berlin herausgegeben.
[926] Rumold Mercator.
[927] Atlas sive cosmographicae meditationes de Fabrica mundi et fabricati figura. Duysburgi
Clivorum 1595.
[928] In seiner Schrift »Über die geographische Kunst«.
[929] Die Bedingung der Konformität aufgestellt zu haben, gilt gewöhnlich als ein Verdienst
Lamberts (siehe a. a. St.). Mercator spricht sie aber fast mit denselben Worten aus. Die
Bedingung der Konformität ist dann erfüllt, wenn das Verhältnis zwischen den Breiten- und
Längengraden überall auf der Karte gewahrt bleibt.
[930] Maurolykus, De lumine et umbra. Venedig 1575.
[931] Die Erklärung des Maurolykus beruht gleichfalls auf der geradlinigen Fortpflanzung
des Lichtes; jeder Punkt der Öffnung wird dabei als die Spitze eines von der Sonne
ausgehenden Strahlenkegels betrachtet, der auf der andern Seite der Öffnung seine Fortsetzung
findet.
[932] J. P. Portae Neapolitani, Magia naturalis. 1553 (nicht mehr vorhanden). 1560. 1589.

Page 524

[933] Eine Beschreibung der schon viel älteren Lochkamera findet sich auch bei Lionardo da
Vinci. Sie lautet: »Wenn die Bilder von beleuchteten Gegenständen durch ein kleines Loch in
ein sehr dunkles Zimmer fallen, so sieht man diese Bilder im Innern des Zimmers auf weißem
Papier, das in einiger Entfernung von dem Loche aufgestellt ist, in voller Form und Farbe. Sie
sind aber in der Größe verringert und stehen auf dem Kopfe.« Die Umkehrung des Bildes
leitete Lionardo da Vinci ganz richtig von dem Gang der Lichtstrahlen ab.
Von früheren abendländischen Gelehrten haben sich Vitello, Peckham und Roger Bacon
mit der Abbildung der Sonne durch verschieden gestaltete Öffnungen beschäftigt; im 14.
Jahrhundert hat sich Levi ben Gerson der Camera obscura zu Beobachtungen bei Sonnen-
und Mondfinsternissen bedient, Maurolykus im 15. Jahrhundert eine genügend richtige
Abbildung der Sonne durch eine enge Öffnung gegeben.
Von den arabischen Gelehrten hat schon Alkindi (750–800) den Strahlengang für den Fall der
Lochkamera untersucht, dann haben der große Ihn al Haitam und sein ebenfalls bedeutender
Kommentator Kamâl al Dîn die Theorie ausführlich entwickelt. (J. Würschmidt, Zeitschr.
f. math. u. naturwiss. Unters. 1915, 466.)
[934] W. Schmidt, Heron von Alexandrien im 17. Jahrhundert. In den Abhandlungen z.
Gesch. d. Mathem. 8. Heft (1898). S. 195.
[935] Porta, Pneumaticorum libri tres. Neapoli 1601.
[936] Seine Vorrichtung, mit Hilfe gespannter Dämpfe Wasser zu heben, kann noch nicht als
Dampfmaschine bezeichnet werden. Außerdem ist es zweifelhaft, ob de Caus ein Franzose
oder ein Deutscher war.
[937] Gilbert, De magnete. I, 1. Von dem Deutschen Georg Hartmann (1489–1564) rührt
eine noch ältere, aber ganz ungenaue Beobachtung der Inklination her (9 Grad anstatt etwa 70
Grad).
[938] Deliciae physico-mathematicae. Nach dem Tode Schwenters erschienen. Eine
Übersetzung rührt von Harsdörffer her.
[939] A. a. O. 3. Teil XIX.
[940] A. a. O. 11. Teil XVIII.
[941] Dieses Holz hatten Jesuiten in Mexiko kennen gelernt; es wurde Nierenholz (lignum
nephriticum) genannt, weil man es gegen Nieren- und Blasenkrankheiten anwandte.
Ausführlicher hat G. Berthold über die Geschichte der Fluoreszenz in Poggendorffs
Annalen der Physik und Chemie, Bd. 158 (1876) S. 620, berichtet. Danach rührt die älteste
Nachricht über die Fluoreszenz eines Aufgusses des lignum nephriticum von Monardes (16.
Jahrh.) her. Auch Boyle, Grimaldi, Newton und andere haben sich mit dem Phänomen
beschäftigt. Newton hat zuerst den Aufguß in homogenem Lichte untersucht. Eingehender
geschah dies durch E. Wünsch (Versuche und Beobachtungen über die Farben. Leipzig 1792).
Bei Musschenbroek findet sich die Bemerkung, daß Erdöl dieselbe Erscheinung zeige wie
der Aufguß des Nierenholzes (Introductio ad philos. nat. 1762. Bd. II. S. 739). Goethe
beschrieb sie an dem Aufguß der frischen Rinde der Roßkastanie (Nachträge zur Farbenlehre.
Nr. 10). Da indessen die Erklärung dieser Erscheinung nicht gelang, geriet sie in Vergessenheit,
bis sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Gegenstande sehr eingehender
Experimentaluntersuchungen gemacht wurde. (Siehe Bd. IV.)
[942] Sie soll um 1630 erfolgt sein.
[943] Siehe Wilde, Geschichte der Optik. Bd. I. S. 294.

Page 525

[944] Schon im 13. Jahrhundert versuchte der Deutsche Jordanus Nemorarius, mechanische
Probleme auf dynamischem Wege zu lösen (Liber Jordani Nemorarii de ponderibus.
Herausgegeben von Peter Apian, 1533). Näheres siehe Gerland und Traumüller,
Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Leipzig, W. Engelmann. 1899. S. 78 u. f.
[945] Tartaglia, Nuova scienza (Venedig 1537).
[946] Nach v. Lippmann.
[947] Dies geschah im Jahre 1423.
[948] Übrigens betrieb Karl VII. von Frankreich, dem die Engländer den Thron zugunsten ihres
Königs Heinrich VI. streitig machten, dieselbe Art von Falschmünzerei.
Siehe auch H. Schelenz: »Hermes und seine Kunst, Alchemie in England«. Pharmazeutische
Post. Wien 1902. Nr. 6. Danach wurde im Jahre 1440 einer englischen Firma sogar das Privileg
zur Herstellung von künstlichem Gold gegeben. Doch sank dadurch der Wert der englischen
Goldmünzen um die Hälfte. Nach v. Lippmann handelte es sich um gefälschte Münzen.
[949] Es lehrte, sagt Chamberlain treffend, schärfer beobachten, verdoppelte die
Erfindungsgabe, flößte die kühnsten Hypothesen ein und schenkte endlose Ausdauer und
Todesverachtung (Chamberlain, Grundlagen. S. 756).
[950] Siehe in v. Lippmanns Werk »Die Alchemie« (1919) den Abschnitt, der von der
Alchemie nach 1300 handelt (S. 495 u. f.).
[951] Vereinzelt selbst bis ins 19. Jahrhundert. So entstand 1894 in Paris eine Société
hermétique und bald darauf eine Société alchimique. Fristeten diese Regungen ihr Dasein
immer wieder durch ihre Verbindung mit Mystik und Okkultismus, so erhielten sie neue
Nahrung durch die Umwandlungen, die man am Radium und den radioaktiven Stoffen
entdeckte.
[952] Besonders die Studien Sudhoffs.
[953] Siehe F. Strunz, Theophrastus Paracelsus, sein Leben und seine Persönlichkeit. Ein
Beitrag zur Geistesgeschichte der deutschen Renaissance. Leipzig, E. Diederichs. 1903.
[954] Siehe E. Sudhoffs Bericht über die neuesten Wertungen Hohenheims in den Mitteil.
z. Gesch. d. Medizin u. Naturwiss. 1904. S. 475.
[955] Im Druck erschien es zuerst 1493 und zuletzt in Basel in fünf Bänden 1523, also kurz
bevor Paracelsus dort auftrat.
[956] Voll Selbstbewußtsein sprach er einst das Wort: »Engländer, Franzosen, Italiener, ihr mir
nach, nicht ich euch!«
[957] Strunz a. a. O.
[958] Über die Anfänge des Apothekenwesens im frühen Mittelalter siehe S. 294 d. Bds.
[959] Es wurde im Jahre 1505 veröffentlicht. Der Titel lautet: »Ein wolgeordnet vñ nutzlich
büchlin wie man Bergwerck sůchen und finden sol / von allerley Metall / mit seinen figuren /
nach gelegenheyt, des gebijrges / artlych angezeygt / Mit anhangenden Bercknamen / den
anfahenden Bergleuten vast dienstlich.« In dem Buch spricht »Daniel der Bergner stendig /
zum jungen Knappjo«. Einen Abdruck dieses seltenen Werkes hat die »Zeitschrift für
Bergrecht« in Band XXVI gebracht.
Siehe die Besprechung von O. Vogel in den Mitteilungen z. Gesch. d. Medizin u. d.
Naturwiss. 1909. S. 299. Ferner W. Jacobi, Das älteste Lehrbuch für den Bergbau. Der
Erzbergbau. 1909. Heft 3. S. 52.

Page 526

[960] Beckmann, Geschichte der Erfindungen. Bd. III.
Siehe auch Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. V. S. 348.
[961] Agricolas Bergwerksbuch. Übersetzt von Bechius 1621. Vgl. auch Agricolas
mineralogische Schriften, übersetzt und mit Anmerkungen von E. Lehmann. Freiburg 1816.
Der Titel des Originalwerkes lautet: De re metallica libri XII. 1556. Ein Jahr nach dem
Erscheinen von Agricolas »De re metallica« wurde eine deutsche Übersetzung von Ph. Beck
unter dem Titel »Vom Bergwerk XII Bücher« herausgegeben. Sie erlebte mehrere Auflagen
(1580, 1621). Eine neuere deutsche Übersetzung gibt es nicht, wohl aber eine vorzügliche
englische vom Jahre 1912 (O. Vogel, Stahl und Eisen. Jahrg. 1916. S. 405).
[962] Vom Marktscheiden, kurzer und gründlicher Unterricht durch E. Reinhard. Erfurt 1574.
[963] Über die Anregungen, die der Bergbau im Laufe der Kulturgeschichte der
Naturwissenschaft und der Technik gegeben hat, berichtete E. Gerland im Archiv für
Geschichte der Naturwissensch. u. der Technik. Jahrg. 1910. S. 301 u. f.
[964] Lindner, Gesch. Bd. IV. S. 431.
[965] Seit 1566.
[966] Seit 1574.
[967] Historia natural y moral de las Indias.
[968] Näheres siehe in den Mitteilungen z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwiss. Nr. 59. S. 592.
[969] Diejenigen Stellen der Bibel, welche der Entwicklung der Geologie besonders hinderlich
waren, lauten nach der Ausgabe von E. Kautzsch, Die Heilige Schrift des Alten Testaments,
1896, S. 1 und S. 750:
Da sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort, so daß das
Trockne sichtbar wird. Und so geschah es, und Gott nannte das Trockne Erde, die Ansammlung
der Gewässer aber nannte er Meer. (Die Schöpfung der Welt. Text S. 1.)
Ehe die Berge geboren, und die Erde und der Erdkreis ‚hervorgebracht wurden‘ und von
Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, o Gott. (Text S. 750. Ps. 90.)
[970] Agricola, De ortu et causis subterraneorum. Basileae 1546. Liber tertius, p. 36.
[971] Principles of geology. 11. Aufl. Bd. I. London 1872. S. 27–28.
[972] Georgius Agricola, De natura fossilium. Basel 1546.
[973] Als Begründer dieser irrigen Ansicht ist Avicenna (980–1037) zu betrachten. Auch
Albertus Magnus huldigte ihr. Doch meinte er, Tiere und Pflanzen könnten auch wohl an
solchen Orten zu Stein erhärten, wo eine steinmachende Kraft vorhanden sei. (Zittel,
Geschichte d. Geol. u. Paläont. 1899. S. 15.)
[974] Konrad Gesner, De omni rerum fossilium genere. 1565.
[975] Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899. S. 18.
[976] Palissy, Discours admirable de la nature des eaux et fontaines, des métaux, des sels et
salines, des pierres, des terres, du feu et des émaux. Paris 1580. Nach E. v. Lippmann wird
seine Originalität neuerdings stark bezweifelt.
[977] Zittel, a. a. O. S. 22.
[978] Nach Löwenheim stimmen Palissy und Cardanus mitunter fast wörtlich überein.
Siehe S. 74 u. 75.

Page 527

[979] Den jüngsten Sohn König Johanns des Ersten.
[980] Siehe S. 399.
[981] Exoticorum libri X.
[982] Sprengel, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 352.
[983] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 290.
[984] Eine ausführliche Schilderung des Lebenslaufes von Brunfels und seiner Verdienste um
die Botanik enthält die Abhandlung von F. W. E. Roth: »Otto Brunfels, 1489–1534, ein
deutscher Botaniker«. Botanische Zeitung 1901. S. 191 u. f. Brunfels trat als Kartäusermönch
mit den bedeutendsten Humanisten, darunter mit Ulrich von Hutten, in Verbindung. Mit
Hilfe des letzteren entfloh Brunfels dem Kloster, um offen als Lutheraner aufzutreten. Später
wirkte er als Lehrer am Gymnasium in Straßburg. Er starb im Jahre 1534, nachdem er einige
Jahre vorher die medizinische Doktorwürde erworben hatte.
[985] S. Killermann, Dürers Pflanzen- und Tierzeichnungen und ihre Bedeutung für die
Naturgeschichte. Heft 119 der Studien zur deutschen Kunstgeschichte. Mit 22 Tafeln.
Straßburg 1910.
[986] Brunfels lernte, wahrscheinlich im Jahre 1533, die Sammlungen Bocks kennen und
veranlaßte ihn zur Herausgabe des Kräuterbuches.
[987] Hieronymus Bock (1498–1554), New Kreuterbuch von Underscheidt, Würkung und
Namen der Kreuter, so in teutschen Landen wachsen.
[988] Einige der von Fuchs zum ersten Male abgebildeten deutschen Arten seien hier
aufgezählt: Ligustrum vulgare, Salvia pratensis, Hordeum vulgare, Avena sativa, Convolvulus
arvensis, Lysimachia Nummularia, Cyclamen europaeum, Lilium candidum, Paris quadrifolia,
Daphne Merzereum, Saponaria officinalis, Euphorbia Cyparissias, Prunus spinosa, Clematis
Vitalba, Ranunculus acris, Digitalis purpurea, Genista tinctoria, Orchis Morio, Equisetum
arvense, Pteris aquilina usw.
[989] Dodonaei stirpium historiae pemptades sex sive libri XXX. Antwerpiae, ex officina
Christophori Plantini, 1583, in fol.
[990] Von der Einführung amerikanischer Pflanzen handelt S. Killermann in der Naturwiss.
Wochenschrift. 1909. S. 193. Danach ist der Mais in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
nach Europa gekommen. Die Agave americana wurde nach Caesalpin 1561 eingeführt.
Weitere Angaben finden sich über Nicotiana tabacum, Solanum tuberosum, Capsicum annuum
usw.
Mitgebracht hat den Mais übrigens schon Columbus, wie er (nach E. v. Lippmann) selbst
bezeugt.
[991] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 325.
[992] Conradi Gesneri, Opera botanica. 2 Bde. Nürnberg 1751–1771. Dieser Nachlaß
Gesners wurde also erst lange nach seinem Tode herausgegeben (durch Schmiedel).
[993] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 334.
[994] Siehe S. 337.
[995] A. v. Humboldt, Kosmos. Bd. II. S. 256.
[996] Pro herbis necessariis artis suae.
[997] 1540 und 1547.

Page 528

[998] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 270.
[999] H. Schelenz, Über Kräutersammlungen und das älteste deutsche Herbarium.
Verhandlungen der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte. 1906. II. 2.
[1000] L. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 5. Bd. 4. Aufl. S. 346.
[1001] Conradi Gesneri, Historiae animalium libri, opus philosophis, medicis, grammaticis,
philologis, poetis et omnibus rerum linguarumque variarum studiosis utilissimum simul
jucundissimumque.
[1002] Ulisse Aldrovandi wurde 1522 in Bologna geboren. Er gründete dort 1567 einen
botanischen Garten. Sein Nachfolger in der Leitung dieses Gartens war der Botaniker
Caesalpin. Aldrovandi, Opera omnia. 13 Bde.
[1003] De differentiis animalium.
[1004] Nach Dantes Inferno ruht Friedrich II. in einem feurigen Grabe.
[1005] Siehe S. 313.
[1006] Eustachio lieferte unter anderem eine genaue Untersuchung des Gehörorgans und
entdeckte dabei den Steigbügel (um 1546). Hammer und Amboß waren schon früher
aufgefunden (um 1480). Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. II. S. 61.
[1007] L. v. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. V. S. 345.
[1008] Namens Johann Stephan von Calcar. Jedoch ist dessen Autorschaft nicht
sichergestellt. Siehe Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwiss. 1903. S. 282.
[1009] Sprengel, Geschichte der Arzneikunde. Bd. III. § 46–78.
[1010] Wunderlich, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859. S. 70.
[1011] De humani corporis fabrica libri VII. Basel 1543.
[1012] Wunderlich, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859.
[1013] Fabricio ab Aquapendente (1537–1619), De formatione ovi.
[1014] Zum Beispiel, daß die Herzscheidewand, durch die Galen das Blut aus dem rechten in
den linken Ventrikel hindurchtreten ließ, undurchdringlich ist.
[1015] Sie rühren zum größten Teile von E. Wiedemann (Wi), E. v. Lippmann (Li) und J.
Würschmidt (Wü) her.

Page 529

Einige Auszüge aus den Besprechungen der ersten Auflage.
Des Verfassers Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften hat in
zweiter Auflage G. W. A. Kahlbaum (I, 160 und III, 75) in
anerkennendster Weise besprochen und zugleich die Gefühle
ausgesprochen, die angesichts der Erfolge dieses Werkes jeden Historiker
der Naturwissenschaften beseelen müssen. Aus den gleichen Gründen
begrüßen wir es heute freudigst, daß unser Gesellschaftsmitglied und
Mitarbeiter den zweiten Teil dieses Buches zu einem vierbändigen Werke
ausgestalten will und davon bereits den ersten Band vorzulegen vermag.
(H. Stadler in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und
der Naturwissenschaften, Bd. X, 2. Heft.)

Der soeben erschienene 2. Band dieses großen Werkes behandelt die Zeit
von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, also jene Epoche, in welcher
die Grundlagen der neueren Naturwissenschaften gelegt wurden. Auch in
diesem Bande hat sich der Verfasser mit Erfolg bemüht, eine Darstellung zu
schaffen, die nicht nur dem Historiker dient, sondern für jeden anregend ist,
der sich überhaupt für die Naturwissenschaften interessiert.
(Kölnische Zeitung, 20. Februar 1911.)

Ähnlich wie Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik ein
»standard work« allerersten Ranges bleiben werden, so wird auch
Dannemanns Werk von bleibendem Wert sein, das für den
Geschichtsforscher wie für den Mediziner, für den Lehrer wie für den
Techniker großen Nutzen haben und dessen Lektüre für jeden, der sich für
die Naturwissenschaften interessiert, eine Quelle hohen Genusses bilden
wird.
(Monatsschrift für höhere Schulen, 1911, 6. Heft.)

Page 530

Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die überraschende
Belesenheit des Autors oder seine Gabe, selbst die schwierigsten Probleme
wissenschaftlicher Forschung nicht nur dem Kenner, sondern auch dem
interessierten Laien leichtfaßlich in ernst-vornehmer Form vorzutragen.
(Pharmazeutische Zeitung, 1911, Nr. 13.)

Besonders dankenswert erscheint, wie Dannemann in allen diesen
Wissenschaften die verbindenden großen Gedanken herauszuschälen weiß,
die im hohen Maße geeignet sind, die Vertreter der einzelnen
naturwissenschaftlichen Disziplinen vor Einseitigkeit zu bewahren.
(Ärztliche Rundschau, 1910, XX. Jahrgang, Nr. 47.)

Dem Techniker, dem Lehrer, dem Arzte, jedem, der sich lebhafter für
Naturwissenschaften interessiert, vor allem also auch unseren Studierenden,
dürfte das Buch eine unerschöpfliche Quelle des Genusses und der
Anregung sein. Einen ganz besonderen Wert besitzt das Werk dadurch, daß
es gewissermaßen den Rahmen für Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften abgibt und so die Beziehungen aufweist, durch welche die
einzelnen Gebiete sich gegenseitig beeinflußt haben.
Für die Hebung der Kultur unseres Volkes kann dieses Buch, das die
Wissenschaft und ihre Erfolge als etwas Werdendes vorstellt, von größtem
Nutzen sein, da es die Erfolge fortschrittlichen Denkens gegenüber den
Schwächen dogmatischer Gesinnung aufs deutlichste vergegenwärtigt.
(Prometheus, 26. November 1910, XXII. Jahrgang.)

L'ouvrage me paraît excellent; il a d'ailleurs une qualité inappréciable; c'est
de n'avoir pas d'équivalent.
(Revue générale des Sciences. Paris 15. III. 1912.)

Das Gesamtwerk, dessen Inhalt durch gute Register und
Literaturverzeichnisse übersichtlich zusammengehalten wird, liegt nun,
auch in äußerlich schönem Gewande, vollständig vor; es gehört fraglos zu

Page 531

den besten, bestgeschriebenen, originellsten und
nutzbringendsten der neueren naturwissenschaftlichen Literatur
und ist mehr als jedes andere geeignet, den immer unheilvoller
hervortretenden Folgen der völligen Zersplitterung unter den
Naturforschern abzuhelfen und deren allgemeine Fortbildung wieder zu
heben. Es gereicht dem Verfasser zur Ehre, nicht minder aber auch der
ganzen deutschen Literatur.
(Prof. Dr. E. O. von Lippmann in der Chemiker-Zeitung
1913.)

Seit Jahren empfehle ich meinen Hörern in der einführenden Vorlesung über
experimentelle Chemie das Dannemannsche ausgezeichnete, noch nicht
nach Gebühr verbreitete Werk »Die Naturwissenschaften in ihrer
Entwicklung und in ihrem Zusammenhange«.
(Dr. A. Stock, Prof. a. d. Univ. Berlin und am Kaiser-Wilh.-Inst.
Dahlem, in d. Monatsschrift f. d. chem. u. biol. Unterr. 1920.)

Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig.

Von dem Verfasser erschienen ferner:
Leitfaden für die Übungen im chemischen Unterricht der
oberen Klassen höherer Lehranstalten. 6. Aufl. B. G. Teubner,
Leipzig 1920.

Page 532

Aus der Werkstatt großer Forscher. 430 Seiten. 3. Aufl. Leipzig
1908. Wilhelm Engelmann.
Gebunden M. 9.– und 50% V.-T.-Z.
»Es sei jeder, der sich bisher noch nicht mit diesem vortrefflichen Werke bekannt gemacht hat, darauf
hingewiesen, die sehr wertvolle Bekanntschaft nicht länger hinauszuschieben.«
(Prof. Dr. Wilh. Ostwald.)

Der naturwissenschaftliche Unterricht auf praktisch-
heuristischer Grundlage. Hannover 1907. Hahnsche Buchhandlung.
Geh. M. 6.–, geb. M. 6.80.
»Das Werk entwickelt in recht überzeugender Weise die Bedeutung und die Grundzüge des praktisch-
heuristischen Verfahrens. – Der Arbeit kann das Verdienst nicht vorenthalten werden, mit
Gründlichkeit und Energie für eine gute Sache eingetreten zu sein.«
(J. Norrenberg, in der Zeitschrift für lateinloses Schulwesen 1908.)

Naturlehre für höhere Lehranstalten, auf Schülerübungen
gegründet. Hannover 1908. Hahnsche Buchhandlung.
»Der Verfasser hat so alle Momente vereinigt, die zur Erteilung eines zeitgemäßen Unterrichts von
Belang sind und zwar so, daß zu dem neuen Plane ein Übergang von dem bestehenden her möglich
ist.«
(Deutsche Literaturzeitung. 1909, Nr. 5.)

Handbuch für den physikalischen Unterricht. J. Beltz,
Langensalza 1919.
»Was in diesem Buche gesagt wird, faßt alle lebenskräftigen Reformgedanken der letzten Jahre in
geschickter Weise zusammen.«
(R. Winderlich, i. d. Ztschr. f. d. math. u. naturw. Unterr.)

Page 533

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN IN LEIPZIG

Geschichte der physikalischen Experimentierkunst von Prof. Dr.
E. Gerland und Prof. Dr. F. Traumüller. Mit 425 Abbildungen zum
größten Teil in Wiedergabe nach den Originalwerken. (XVI und 442 Seiten,
gr. 8.)
Geheftet M. 14.–. In Halbfranz gebunden M. 17.–.
Aus den Besprechungen:
»Das treffliche Buch darf weder in der Bibliothek einer mittleren oder höheren Lehranstalt, noch in
der eines Experimentalphysikers fehlen.«
(Monatshefte f. Mathematik und Physik. 1900. Heft 1.)
»Eine eingehende Kenntnis der Geschichte der Physik läßt den Lehrer erst den wahren Wert der
einzelnen Tatsachen, Begriffe und Theorien erkennen, liefert ihm überaus dankbare Mittel, den
Unterricht kräftig zu beleben, und macht ihn auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die der
menschliche Geist bei dem ersten Eindringen in die einzelnen Gebiete der Physik zu überwältigen
hat. Das vorliegende Werk erschließt in trefflicher Weise ein neues und wichtiges Gebiet der
Geschichte der Physik; es darf in der Hausbibliothek keines Lehrers fehlen, dem sein Unterricht und
die ihm anvertraute wissensdurstige Jugend am Herzen liegt.«
(Hahn-Machenheimer, Zeitschr. f. d. physik. u. chem. Unterricht. März 1900. Heft
2.)

Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge von Purbach
bis Reichenbach 1450–1830 von Joh. A. Repsold. 1. Band. Mit 171
Abbildungen (VIII und 132 Seiten gr. 8). M. 16.–.
Aus den Besprechungen:
»Das Buch, das sich überall als eine reiche Quelle der Belehrung über die Zweckdienlichkeit und die
sachgemäße Verwendung der Instrumente, sowie über die Vorteile und Nachteile der einzelnen
Konstruktionen darbietet, wird gewiß nicht verfehlen einen dauernden, großen Nutzen für die
Wissenschaft zu stiften.«
(Astronomische Nachrichten, Bd. 177, Nr. 6.)
»Ein höchst interessantes, lehrreiches Werk ist es, das der Verfasser, der wie kein anderer dazu
berufen war, es zu schreiben, den Mechanikern und Astronomen darbietet.«
(Zeitschrift für Instrumentenkunde. XXVIII. Jahrg., Sept. 1908.)

Auf vorstehende Preise 50% Verleger-Teuerungszuschlag.

Page 534

Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und
weitere Anmerkungen:
In der Legende zu Abb. 5: in "Ste = Steinbock;" das "e" ergänzt
(da Abkürzung so im Bild enthalten).
In "Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus
vorstehender Abbildung ersichtlich" stand "darstellten" statt
"herstellten".
Statt Boncompagni stand Boncampagni.
in "woher das in den Pseudo-Geberschen Schriften enthaltene
Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13.
Jahrhunderts »in völliger Vollendung und demnach als das
Ergebnis einer längeren Entwicklung« entgegentritt": « hinter
"entgegentritt" entfernt.
In "Nur durch die Mathematik können wir zur vollen Wahrheit
gelangen": "zur" war "zu".
In "die Renaissance »als das Resultat und die feinste Blüte des
Mittelalters« zu bezeichnen": « nach "Mittelalters" hinzugefügt.
In "Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier
schon das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten" stand
"Zeit" statt "Seite".
In "König Attalos von Pergamon, so erzählt uns
Plutarch[1016], baute giftige Gewächse an": "an" hinzugefügt.
In "Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab Fr. Hultsch
heraus. Berlin 1875–1878" stand als Enddatum 1875 statt 1878.
In "Die Stellung, welche die Araber diesen Werken gegenüber
einnahmen," Komma hinter "Araber" entfernt.
In "Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer
zweiten Messung gleich 562/3 arabischen Meilen[1017] oder
gleich etwa 113040 m, woraus sich der Erdumfang zu 40700 km
berechnet." stand bei der letzten Angabe "m" statt "km", was aber
nicht zur dargestellten Berechnung passt.

Page 535

In "Die neue astronomische Ansicht, die sich ihm und den
Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im Sinne
der »Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet" fehlte das
beendende Anführungszeichen, ergänzt hinter "Welt".
Fußnote 772: Seitenzahl im Original nicht lesbar.
Anführungszeichen eingefügt vor: "Der G nächste Träger bei A
ist das Bewegte, der andere Träger bei B ist das Bewegende.", um
Zitat zu vervollständigen.
Anführungszeichen eingefügt vor: "Man lasse durch eine kleine
Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines beleuchteten Gegenstandes
in ein dunkles Zimmer treten.", um Zitat zu vervollständigen.

Page 536

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, I. BAND ***

Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright royalties.
Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license,
apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic
works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and
trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not
be used if you charge for an eBook, except by following the terms of
the trademark license, including paying royalties for use of the Project
Gutenberg trademark. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the trademark license is very easy. You may
use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative
works, reports, performances and research. Project Gutenberg eBooks
may be modified and printed and given away—you may do practically
ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S.
copyright law. Redistribution is subject to the trademark license,
especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

Page 537

THE FULL PROJECT GUTENBERG™ LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
any other work associated in any way with the phrase “Project
Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing
Project Gutenberg electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg electronic
work, you indicate that you have read, understand, agree to and accept
all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg electronic works in your possession. If
you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg
electronic work and you do not agree to be bound by the terms of this
agreement, you may obtain a refund from the person or entity to whom
you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people
who agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg electronic
works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the

Page 538

collection of Project Gutenberg electronic works. Nearly all the
individual works in the collection are in the public domain in the
United States. If an individual work is unprotected by copyright law in
the United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg mission of promoting free
access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg works
in compliance with the terms of this agreement for keeping the Project
Gutenberg name associated with the work. You can easily comply with
the terms of this agreement by keeping this work in the same format
with its attached full Project Gutenberg License when you share it
without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country other than the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg work (any work on which
the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the phrase
“Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, performed,
viewed, copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
and most other parts of the world at no cost and with almost no
restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
under the terms of the Project Gutenberg™ License included with

Page 539

this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located
in the United States, you will have to check the laws of the
country where you are located before using this eBook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg electronic work is derived
from texts not protected by U.S. copyright law (does not contain a
notice indicating that it is posted with permission of the copyright
holder), the work can be copied and distributed to anyone in the United
States without paying any fees or charges. If you are redistributing or
providing access to a work with the phrase “Project Gutenberg”
associated with or appearing on the work, you must comply either with
the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or obtain
permission for the use of the work and the Project Gutenberg
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg License for all works posted
with the permission of the copyright holder found at the beginning of
this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide
access to or distribute copies of a Project Gutenberg work in a format
other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official

Page 540

version posted on the official Project Gutenberg website
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means of
obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain
Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg electronic works provided
that:

• You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from the
use of Project Gutenberg works calculated using the method you
already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to the
owner of the Project Gutenberg trademark, but he has agreed to donate
royalties under this paragraph to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days
following each date on which you prepare (or are legally required to
prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly
marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation at the address specified in Section 4, “Information about
donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation.”

• You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he does
not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. You
must require such a user to return or destroy all copies of the works
possessed in a physical medium and discontinue all use of and all
access to other copies of Project Gutenberg™ works.

• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
receipt of the work.

Page 541

• You comply with all other terms of this agreement for free distribution
of Project Gutenberg™ works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™
electronic work or group of works on different terms than are set forth
in this agreement, you must obtain permission in writing from the
Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of the
Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend
considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and
proofread works not protected by U.S. copyright law in creating the
Project Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project
Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they may be
stored, may contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete,
inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -
Except for the “Right of Replacement or Refund” described in
paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
the owner of the Project Gutenberg™ trademark, and any other party
distributing a Project Gutenberg™ electronic work under this
agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and
expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO
REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH
OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY
DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT,
CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES

Page 542

EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you
discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it,
you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by
sending a written explanation to the person you received the work
from. If you received the work on a physical medium, you must return
the medium with your written explanation. The person or entity that
provided you with the defective work may elect to provide a
replacement copy in lieu of a refund. If you received the work
electronically, the person or entity providing it to you may choose to
give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu
of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF
MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If
any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law
of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the
Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the
Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™
electronic works in accordance with this agreement, and any
volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability,
costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly
from any of the following which you do or cause to occur: (a)

Page 543

distribution of this or any Project Gutenberg work, (b) alteration,
modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg work,
and (c) any Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

Page 544

links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Page 545

Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.

This website includes information about Project Gutenberg, including
how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

Page 546

back

Page 547

back

Page 548

back

Page 549

back

Page 550

back

Page 551

back

Page 552

back

Page 553

back

Page 554

back

Page 555

back

Page 556

back

Page 557

back

Page 558

back

Page 559

back

Page 560

back

Page 561

back

Page 562

back

Page 563

back

Page 564

back

Page 565

back

Page 566

back

Page 567

back

Page 568

back

Page 569

back

Page 570

back

Page 571

back

Page 572

back

Page 573

back

Page 574

back

Page 575

back

Page 576

back

Page 577

back

Page 578

back

Page 579

back

Page 580

Page 581

back

Page 582

back

Page 583

back

Page 584

back

Page 585

back

Page 586

back

Page 587

back

Page 588

back

Page 589

back

Page 590

back

Page 591

back

Page 592

back

Page 593

back

Page 594

back

Page 595

back

Page 596

back

Page 597

back

Page 598

back

Page 599

back

Page 600

back

Page 601

back

Page 602

back

Page 603

back

Page 604

back

Page 605

back

Page 606

back

Page 607

back

Page 608

back

Page 609

Page 610

back

Page 611

Page 612

back

Page 613

PDF language

한국어 https://pdftoflip.com/view.php?t=ad46bc8a4b2c1553e1110617ddde8dc4&bl=ko Translating…
Português https://pdftoflip.com/view.php?t=ad46bc8a4b2c1553e1110617ddde8dc4&bl=pt Translating…
Русский https://pdftoflip.com/view.php?t=ad46bc8a4b2c1553e1110617ddde8dc4&bl=ru Translating…
العربية https://pdftoflip.com/view.php?t=ad46bc8a4b2c1553e1110617ddde8dc4&bl=ar Translating…