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The Project Gutenberg eBook of Der Marquis de Sade und
seine Zeit.
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Author: Iwan Bloch
Release date: June 25, 2022 [eBook #68400]
Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Original publication: Germany: Verlag von H. Barnsdorf, 1922
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/68400
Credits: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS
DE SADE UND SEINE ZEIT. ***
seine Zeit.
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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Title: Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Author: Iwan Bloch
Release date: June 25, 2022 [eBook #68400]
Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Original publication: Germany: Verlag von H. Barnsdorf, 1922
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/68400
Credits: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS
DE SADE UND SEINE ZEIT. ***
Page 4
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich
originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie
fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts verschoben.
In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an einer Stelle (zwischen ‚Die
Namen von Vol-‘ und ‚IV, 8; V, 252 u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe
der Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich widerspiegelt,
wiederhergestellt.
Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ noch traditionell
einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend
ihrer Schreibweise im Text, getrennt angegeben.
Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt
gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
erscheinen.
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich
originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie
fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts verschoben.
In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an einer Stelle (zwischen ‚Die
Namen von Vol-‘ und ‚IV, 8; V, 252 u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe
der Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich widerspiegelt,
wiederhergestellt.
Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ noch traditionell
einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend
ihrer Schreibweise im Text, getrennt angegeben.
Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt
gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
erscheinen.
Page 5
Studien zur Geschichte
des
menschlichen Geschlechtslebens
I.
Der Marquis de Sade und seine
Zeit.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
des
menschlichen Geschlechtslebens
I.
Der Marquis de Sade und seine
Zeit.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Page 6
Der Marquis de Sade
und seine Zeit.
Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte
des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer
Beziehung auf die Lehre von der
Psychopathia Sexualis.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
und seine Zeit.
Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte
des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer
Beziehung auf die Lehre von der
Psychopathia Sexualis.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
Page 7
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Alle Rechte vorbehalten.
Page 8
Manuldruck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig.
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig.
Page 9
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort Seite I.
Einleitung „ 1.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen
Geschlechtslebens: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2. —
Die Liebe als historisches Problem. S. 11. — Die Liebe als
metaphysisches Problem. S. 20. —
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27.
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S. 30. —
Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35. — Das
französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. — Adel und
Geistlichkeit S. 48. — Die Pariser Polizeiberichte über die
Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. — Die Jesuiten S. 63. — Die
schwarze Messe S. 67. — Die Nonnenklöster S. 72. — Die Frau im
18. Jahrhundert S. 76. — Die Litteratur S. 88. — Die Kunst im 18.
Jahrhundert S. 107. — Die Mode S. 119. — Prostitution und
Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert S. 124. — Bordelle, geheime
pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. — Das Freudenhaus
der Madame Gourdan S. 127. — Justine Paris und das Hôtel du
Roule S. 132. — Das Bordell der Richard S. 138. — Ein
Negerbordell S. 138. — Die „petites maisons“ S. 139. — Die
geheimen pornologischen Klubs S. 141. — Die Freudenmädchen S.
144. — Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S.
162. — Die Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. — Tribadie im 18.
Jahrhundert S. 178. — Die Paederastie S. 202. — Flagellation und
Aderlass S. 209. — Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und
Geheimmittel im 18. Jahrhundert S. 214. — Gastronomie und
Alkoholismus im 18. Jahrhundert S. 234. — Diebstahl und
Vorwort Seite I.
Einleitung „ 1.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen
Geschlechtslebens: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2. —
Die Liebe als historisches Problem. S. 11. — Die Liebe als
metaphysisches Problem. S. 20. —
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27.
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S. 30. —
Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35. — Das
französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. — Adel und
Geistlichkeit S. 48. — Die Pariser Polizeiberichte über die
Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. — Die Jesuiten S. 63. — Die
schwarze Messe S. 67. — Die Nonnenklöster S. 72. — Die Frau im
18. Jahrhundert S. 76. — Die Litteratur S. 88. — Die Kunst im 18.
Jahrhundert S. 107. — Die Mode S. 119. — Prostitution und
Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert S. 124. — Bordelle, geheime
pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. — Das Freudenhaus
der Madame Gourdan S. 127. — Justine Paris und das Hôtel du
Roule S. 132. — Das Bordell der Richard S. 138. — Ein
Negerbordell S. 138. — Die „petites maisons“ S. 139. — Die
geheimen pornologischen Klubs S. 141. — Die Freudenmädchen S.
144. — Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S.
162. — Die Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. — Tribadie im 18.
Jahrhundert S. 178. — Die Paederastie S. 202. — Flagellation und
Aderlass S. 209. — Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und
Geheimmittel im 18. Jahrhundert S. 214. — Gastronomie und
Alkoholismus im 18. Jahrhundert S. 234. — Diebstahl und
Page 10
Räuberwesen S. 238. — Der Giftmord S. 243. — Mord und
Hinrichtungen S. 246. — Ethnologische und historische Vorbilder S.
267. — Italienische Zustände im 18. Jahrhundert S. 277. — Papst
Pius VI. S. 286. — Die Königin Karoline von Neapel S. 288. —
II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292.
Die Vorfahren S. 292. — Petrarca’s Laura S. 292. — Die übrigen
Vorfahren S. 294. — Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298. —
Die Jugendzeit S. 301. — Das Gefängnisleben des Mannes S. 307.
— Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 — Der Skandal zu
Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. — Einkerkerung in
Vincennes und in der Bastille S. 322. — Teilnahme an der
Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. — Der Tod S. 344. —
III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348.
„Justine“ und „Juliette“. Geschichte der Entstehung S. 348. — Die
Vorrede S. 350. — Analyse der „Justine“ S. 351. — Analyse der
„Juliette“ S. 362. — Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393. —
Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. — Charakter der
Werke des Marquis de Sade S. 400. — Die Philosophie des Marquis
de Sade S. 403. —
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431.
Wollust und Grausamkeit S. 431. — Anthropophagie und
Hypochorematophilie S. 432. — Weitere sexualpathologische Typen
bei Sade S. 435. — Versuch einer Aufstellung von erotischen
Individualitäten S. 440. — Sorgfalt im Arrangement obscöner
Gruppen S. 441. — Das Mysterium des Lasters S. 442. — Die Lüge
als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. — Sade’s Ansicht über
die Natur der sexuellen Entartung S. 444. — Unsere Definition des
Sadismus S. 446. — Beurteilung des Menschen Sade nach seinem
Leben und seinen Schriften S. 450. —
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19.
Jahrhundert Seite 459.
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S. 459.
— Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. — Charles de
Villers S. 466. — Despaze S. 471. — Der Sadismus in der Litteratur
S. 471. — Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S. 486. — Fall
von Hypochorematophilie S. 488. — Statuenschändung S. 488. —
Hinrichtungen S. 246. — Ethnologische und historische Vorbilder S.
267. — Italienische Zustände im 18. Jahrhundert S. 277. — Papst
Pius VI. S. 286. — Die Königin Karoline von Neapel S. 288. —
II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292.
Die Vorfahren S. 292. — Petrarca’s Laura S. 292. — Die übrigen
Vorfahren S. 294. — Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298. —
Die Jugendzeit S. 301. — Das Gefängnisleben des Mannes S. 307.
— Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 — Der Skandal zu
Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. — Einkerkerung in
Vincennes und in der Bastille S. 322. — Teilnahme an der
Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. — Der Tod S. 344. —
III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348.
„Justine“ und „Juliette“. Geschichte der Entstehung S. 348. — Die
Vorrede S. 350. — Analyse der „Justine“ S. 351. — Analyse der
„Juliette“ S. 362. — Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393. —
Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. — Charakter der
Werke des Marquis de Sade S. 400. — Die Philosophie des Marquis
de Sade S. 403. —
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431.
Wollust und Grausamkeit S. 431. — Anthropophagie und
Hypochorematophilie S. 432. — Weitere sexualpathologische Typen
bei Sade S. 435. — Versuch einer Aufstellung von erotischen
Individualitäten S. 440. — Sorgfalt im Arrangement obscöner
Gruppen S. 441. — Das Mysterium des Lasters S. 442. — Die Lüge
als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. — Sade’s Ansicht über
die Natur der sexuellen Entartung S. 444. — Unsere Definition des
Sadismus S. 446. — Beurteilung des Menschen Sade nach seinem
Leben und seinen Schriften S. 450. —
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19.
Jahrhundert Seite 459.
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S. 459.
— Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. — Charles de
Villers S. 466. — Despaze S. 471. — Der Sadismus in der Litteratur
S. 471. — Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S. 486. — Fall
von Hypochorematophilie S. 488. — Statuenschändung S. 488. —
Page 11
Körperliche Gebrechen als Reizmittel S. 488. — Sadistische
Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. — Affäre Michel Bloch S. 489. —
Wort-Sadismus S. 491. — Nachahmung des Marseiller Skandals S.
492. — Schluss S. 493. —
VI. Bibliographie Seite 507.
Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. — Affäre Michel Bloch S. 489. —
Wort-Sadismus S. 491. — Nachahmung des Marseiller Skandals S.
492. — Schluss S. 493. —
VI. Bibliographie Seite 507.
Page 12
Vorwort.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk
beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von
A. Eulenburg („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26,
vom 25. März 1889, S. 497–515), dem geschätzten Neurologen und
hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von
Eulenburg im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die
wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist
auch in Frankreich durch die Studie des Dr. Marciat über den Marquis de
Sade (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten
Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem
G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig
Beachtung gefunden hatten. Mit P. Ginisty’s dankenswerter Publikation
unedierter Briefe der Marquise und des Marquis de Sade (in der „Grande
Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher
so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“
der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis de Sade
beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein
bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis
empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“
unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb
Eulenburg („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die
Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes
fortwährend auf de Sade und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste
wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe
Zeit.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk
beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von
A. Eulenburg („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26,
vom 25. März 1889, S. 497–515), dem geschätzten Neurologen und
hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von
Eulenburg im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die
wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist
auch in Frankreich durch die Studie des Dr. Marciat über den Marquis de
Sade (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten
Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem
G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig
Beachtung gefunden hatten. Mit P. Ginisty’s dankenswerter Publikation
unedierter Briefe der Marquise und des Marquis de Sade (in der „Grande
Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher
so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“
der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis de Sade
beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein
bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis
empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“
unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb
Eulenburg („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die
Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes
fortwährend auf de Sade und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste
wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe
Zeit.
Page 13
Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten aller
Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem
Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im
beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit
Macaulay zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen
Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft
erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt
des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die
Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem
Herzen die Menschen. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht
nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein
Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste
wissenschaftliche Originalwerk über den Marquis de Sade in einer lebenden
europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre
Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares
„document humain“ zu liefern, das dem Erforscher der Menschennatur von
einigem Nutzen sein könne. Es ist geschrieben für den Arzt — ich selbst bin
ein solcher — für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den
Philosophen — für alle die, welche im sozialen Sinne thätig sind und das
Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine
„moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch
ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der
physischen Liebe mit Plato und Hegel nur ein Uebergangsstadium zu einer
höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles
erreichbare Material über den Marquis de Sade zusammengetragen. Nichts
dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine
Werke als Objekte der geschichtlichen Erfahrung aufgefasst und damit —
wie ich glaube — einen neuen Weg zur Erkenntnis der
sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen
die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom W. Roscher dem Herausgeber des
„Hermaphroditus“ von Antonius Panormita, dem gelehrten und ehrlichen F.
C. Forberg eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn
Parent-Duchatelet sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit
einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden
Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem
Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im
beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit
Macaulay zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen
Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft
erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt
des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die
Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem
Herzen die Menschen. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht
nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein
Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste
wissenschaftliche Originalwerk über den Marquis de Sade in einer lebenden
europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre
Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares
„document humain“ zu liefern, das dem Erforscher der Menschennatur von
einigem Nutzen sein könne. Es ist geschrieben für den Arzt — ich selbst bin
ein solcher — für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den
Philosophen — für alle die, welche im sozialen Sinne thätig sind und das
Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine
„moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch
ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der
physischen Liebe mit Plato und Hegel nur ein Uebergangsstadium zu einer
höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles
erreichbare Material über den Marquis de Sade zusammengetragen. Nichts
dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine
Werke als Objekte der geschichtlichen Erfahrung aufgefasst und damit —
wie ich glaube — einen neuen Weg zur Erkenntnis der
sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen
die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom W. Roscher dem Herausgeber des
„Hermaphroditus“ von Antonius Panormita, dem gelehrten und ehrlichen F.
C. Forberg eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn
Parent-Duchatelet sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit
einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden
Page 14
Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines Forschers
nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten
kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr
Geliebten: „Niemand lügt so viel, als der Entrüstete“. (Fr. Nietzsche
„Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man muss es erforschen, aufdecken und die
Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im
übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das
Weltgericht, sie führt nicht hinab zu Minos und Rhadamanthys, sondern sie
führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie
ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
Berlin, den 15. Dezember 1899.
Der Verfasser.
nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten
kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr
Geliebten: „Niemand lügt so viel, als der Entrüstete“. (Fr. Nietzsche
„Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man muss es erforschen, aufdecken und die
Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im
übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das
Weltgericht, sie führt nicht hinab zu Minos und Rhadamanthys, sondern sie
führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie
ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
Berlin, den 15. Dezember 1899.
Der Verfasser.
Page 15
Vorwort zur dritten Auflage.
Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig
durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
Berlin, den 15. Januar 1901.
Der Verleger.
Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig
durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
Berlin, den 15. Januar 1901.
Der Verleger.
Page 16
Vorwort zur vierten Auflage.
Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“
bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, welche
das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen Presse
gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat seinen Siegeszug
durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte ein wissenschaftliches
Buch eine so universelle Verbreitung gefunden haben!
Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt zum
Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen voll
und ganz beschieden sein!
Berlin, den 15. Dezember 1905.
Der Verleger.
Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“
bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, welche
das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen Presse
gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat seinen Siegeszug
durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte ein wissenschaftliches
Buch eine so universelle Verbreitung gefunden haben!
Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt zum
Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen voll
und ganz beschieden sein!
Berlin, den 15. Dezember 1905.
Der Verleger.
Page 17
Vorwort zur fünften Auflage.
Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und
zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und
erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt zuteil
geworden ist
Berlin, im Juli 1914.
Der Verleger.
Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und
zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und
erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt zuteil
geworden ist
Berlin, im Juli 1914.
Der Verleger.
Page 18
Einleitung.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des
menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des
menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als
eine Naturerscheinung entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität
unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen
Notwendigkeit, ein Objekt der Geschichte, jenes Prozesses, der, um mit
einem geistesgewaltigen Worte Hegel’s zu reden, den „Fortschritt im
Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles
menschliche Geschehen, die Freiheit, welche mit dem absoluten Geist, der
höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das physische,
das historische und das metaphysische Problem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen
Methode Hegel’s folgen, sind diese Probleme ebenso viele Stufen der
Entwickelung, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen der
menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der
sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den
bereits Plato erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen.
Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung der Natur und als
Erscheinung des absoluten Geistes, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit
und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer
Die Aufgaben einer Wissenschaft des
menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des
menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als
eine Naturerscheinung entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität
unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen
Notwendigkeit, ein Objekt der Geschichte, jenes Prozesses, der, um mit
einem geistesgewaltigen Worte Hegel’s zu reden, den „Fortschritt im
Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles
menschliche Geschehen, die Freiheit, welche mit dem absoluten Geist, der
höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das physische,
das historische und das metaphysische Problem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen
Methode Hegel’s folgen, sind diese Probleme ebenso viele Stufen der
Entwickelung, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen der
menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der
sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den
bereits Plato erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen.
Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung der Natur und als
Erscheinung des absoluten Geistes, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit
und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer
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wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir besitzen ausgezeichnete
Werke über das menschliche Geschlechtsleben in naturwissenschaftlicher
und metaphysischer Beziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet
fortwährender geistiger Befruchtung des natürlichen Geschehens, welches
sich in der Geschichte darstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und
doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des
Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns
im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese
„Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln
durchgängig die Liebe als historisches Problem, aber nicht ohne
Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als
einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen
Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen
können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen
Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
Werke über das menschliche Geschlechtsleben in naturwissenschaftlicher
und metaphysischer Beziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet
fortwährender geistiger Befruchtung des natürlichen Geschehens, welches
sich in der Geschichte darstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und
doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des
Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns
im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese
„Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln
durchgängig die Liebe als historisches Problem, aber nicht ohne
Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als
einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen
Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen
können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen
Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
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1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.
Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten
Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein
Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und
rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein
physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der
„Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach G.
Herman[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen
Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als
wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel
und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das
„Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker
eine grosse Rolle.
Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind
Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des Aristophanes im
platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine
andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von
Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche,
sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von
diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden
ist. Mannweib (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus
dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste
Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei Empedokles eine ganz
besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem
Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe
hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden
der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden
Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft
gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als
in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren
Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das
Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten
Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein
Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und
rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein
physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der
„Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach G.
Herman[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen
Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als
wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel
und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das
„Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker
eine grosse Rolle.
Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind
Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des Aristophanes im
platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine
andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von
Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche,
sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von
diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden
ist. Mannweib (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus
dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste
Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei Empedokles eine ganz
besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem
Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe
hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden
der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden
Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft
gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als
in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren
Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das
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Fortschreiten der Macht der Liebe werden verschiedene
Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das
wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein
die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und
Lebensfähigkeit in sich trugen. — Wie die oben erwähnten
kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz
sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die
Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer
naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus
ausgebildet worden ist.
Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und
kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass
die physische Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung
selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist,
nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt.
Die Zwitterbildung, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in
einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der
geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die
Geschlechtstrennung. Nach Haeckel[3] findet sich der Hermaphroditismus
nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen
Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern
aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die
ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür
liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch
heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren
Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder
erscheint.
Die Geschlechtstrennung, der Gonochorismus, wie Haeckel dies nennt,
erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf
verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen
sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt
entwickeln sich durch geschlechtliche Zuchtwahl, die Selectio sexualis, die
sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen
Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die
Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der
Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das
wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein
die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und
Lebensfähigkeit in sich trugen. — Wie die oben erwähnten
kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz
sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die
Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer
naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus
ausgebildet worden ist.
Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und
kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass
die physische Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung
selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist,
nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt.
Die Zwitterbildung, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in
einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der
geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die
Geschlechtstrennung. Nach Haeckel[3] findet sich der Hermaphroditismus
nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen
Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern
aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die
ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür
liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch
heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren
Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder
erscheint.
Die Geschlechtstrennung, der Gonochorismus, wie Haeckel dies nennt,
erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf
verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen
sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt
entwickeln sich durch geschlechtliche Zuchtwahl, die Selectio sexualis, die
sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen
Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die
Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der
Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
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Hierbei unterliegt die morphologische Ausbildung der menschlichen
Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten
„biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle
Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie,
der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der
Entwickelungsgeschichte von Kölliker und Hertwig findet man die
zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
In der Beschreibung der ausgebildeten männlichen und weiblichen
Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von Kobelt[5] bisher noch nicht
übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in
dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von K. von
Bardeleben (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]
Die Entstehung der sekundären Geschlechtscharaktere ist Gegenstand
der Darstellung in dem berühmten Buche von Charles Darwin.[7]
Aus diesen anatomischen Substraten der menschlichen Liebe wird man
die Physiologie derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das
Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des
organischen Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von
Hensen.[8]
Der Fundamentalvorgang aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, die
älteste Quelle der Liebe ist die Wahlverwandtschaft zweier verschiedener
erotischer Zellen: der männlichen Spermazelle und der weiblichen Eizelle,
das, was Haeckel[9] den „erotischen Chemotropismus“ genannt hat. Der
Zweck und das Endziel der physischen Liebe ist die Verschmelzung oder
Verwachsung dieser beiden erotischen Zellen. „Alle anderen Verhältnisse
und alle die übrigen, höchst zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei
den höheren Tieren den geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von
untergeordneter und sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem
einfachsten, primären Kopulations- und Befruchtungsprozess
hinzugetreten.“ — „Ueberall ist die Verwachsung zweier Zellen das einzige,
ursprünglich treibende Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den
grössten Einfluss auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse
aus. Wir dürfen wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess
diesem an Umfang und Intensität der differenzierenden Wirkung nur
entfernt an die Seite zu stellen ist.“ (Haeckel.)
Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten
„biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle
Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie,
der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der
Entwickelungsgeschichte von Kölliker und Hertwig findet man die
zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
In der Beschreibung der ausgebildeten männlichen und weiblichen
Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von Kobelt[5] bisher noch nicht
übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in
dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von K. von
Bardeleben (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]
Die Entstehung der sekundären Geschlechtscharaktere ist Gegenstand
der Darstellung in dem berühmten Buche von Charles Darwin.[7]
Aus diesen anatomischen Substraten der menschlichen Liebe wird man
die Physiologie derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das
Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des
organischen Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von
Hensen.[8]
Der Fundamentalvorgang aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, die
älteste Quelle der Liebe ist die Wahlverwandtschaft zweier verschiedener
erotischer Zellen: der männlichen Spermazelle und der weiblichen Eizelle,
das, was Haeckel[9] den „erotischen Chemotropismus“ genannt hat. Der
Zweck und das Endziel der physischen Liebe ist die Verschmelzung oder
Verwachsung dieser beiden erotischen Zellen. „Alle anderen Verhältnisse
und alle die übrigen, höchst zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei
den höheren Tieren den geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von
untergeordneter und sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem
einfachsten, primären Kopulations- und Befruchtungsprozess
hinzugetreten.“ — „Ueberall ist die Verwachsung zweier Zellen das einzige,
ursprünglich treibende Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den
grössten Einfluss auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse
aus. Wir dürfen wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess
diesem an Umfang und Intensität der differenzierenden Wirkung nur
entfernt an die Seite zu stellen ist.“ (Haeckel.)
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Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist,
gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen beim
Menschen, welche sich in Form des Geschlechtstriebes[10] äussern. Diesen
dunkeln Begriff hat Moll in höchst geistvoller Weise aufgehellt.[11] Er
zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen Menschen in zwei
Komponenten, den Detumeszenztrieb und den Kontrektationstrieb. Der
Detumeszenztrieb drängt zu einer örtlichen Funktion an den Genitalien,
und zwar beim Manne zur Samenentleerung. Er ist als ein peripherer
organischer Drang zur Entleerung eines Sekretes aufzufassen. Der
Kontrektationstrieb drängt den Mann zur körperlichen und geistigen
Annäherung an das Weib, das letztere ebenso zur Annäherung an den
Mann. Phylogenetisch ist die Detumeszenz als Mittel zur Fortpflanzung das
Primäre, weil sie bei niederen und höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär
kam die Kontrektation hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung
verbanden. In der individuellen Entwickelung des Menschen ist die
Anwesenheit der Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das
Primäre. Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.
Der Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion
der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus dem
Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen,
ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen sieht.
Nunmehr geht Moll[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen Frage
über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von der grössten
Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen Ererbtem und
Erworbenem in der Geschlechtsliebe. Dies ist der Punkt, in welchem wir
ganz und gar von Moll abweichen, weil wir durch die geschichtliche
Betrachtung zu ganz anderer Auffassung geführt werden als Moll, welcher
durch seine allerdings ingeniöse naturwissenschaftliche Argumentation zu
beweisen sucht, dass neben dem Detumeszenztriebe — woran wir nicht
zweifeln — auch die mannigfaltigsten Erscheinungen des
Kontrektationstriebes ererbt sind. Kurz, Moll ist geneigt, sowohl die
physischen als auch die pathologischen Erscheinungen des
Geschlechtstriebes zum grössten Teile auf Vererbung zurückzuführen,
während nach seiner Ansicht die erworbenen Faktoren nur eine sehr geringe
Rolle spielen. Normaler und abnormer Geschlechtstrieb („konträre
Sexualempfindung“, Homosexualität) erklären sich nach Moll eher aus der
Vererbung als auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir
gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen beim
Menschen, welche sich in Form des Geschlechtstriebes[10] äussern. Diesen
dunkeln Begriff hat Moll in höchst geistvoller Weise aufgehellt.[11] Er
zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen Menschen in zwei
Komponenten, den Detumeszenztrieb und den Kontrektationstrieb. Der
Detumeszenztrieb drängt zu einer örtlichen Funktion an den Genitalien,
und zwar beim Manne zur Samenentleerung. Er ist als ein peripherer
organischer Drang zur Entleerung eines Sekretes aufzufassen. Der
Kontrektationstrieb drängt den Mann zur körperlichen und geistigen
Annäherung an das Weib, das letztere ebenso zur Annäherung an den
Mann. Phylogenetisch ist die Detumeszenz als Mittel zur Fortpflanzung das
Primäre, weil sie bei niederen und höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär
kam die Kontrektation hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung
verbanden. In der individuellen Entwickelung des Menschen ist die
Anwesenheit der Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das
Primäre. Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.
Der Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion
der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus dem
Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen,
ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen sieht.
Nunmehr geht Moll[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen Frage
über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von der grössten
Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen Ererbtem und
Erworbenem in der Geschlechtsliebe. Dies ist der Punkt, in welchem wir
ganz und gar von Moll abweichen, weil wir durch die geschichtliche
Betrachtung zu ganz anderer Auffassung geführt werden als Moll, welcher
durch seine allerdings ingeniöse naturwissenschaftliche Argumentation zu
beweisen sucht, dass neben dem Detumeszenztriebe — woran wir nicht
zweifeln — auch die mannigfaltigsten Erscheinungen des
Kontrektationstriebes ererbt sind. Kurz, Moll ist geneigt, sowohl die
physischen als auch die pathologischen Erscheinungen des
Geschlechtstriebes zum grössten Teile auf Vererbung zurückzuführen,
während nach seiner Ansicht die erworbenen Faktoren nur eine sehr geringe
Rolle spielen. Normaler und abnormer Geschlechtstrieb („konträre
Sexualempfindung“, Homosexualität) erklären sich nach Moll eher aus der
Vererbung als auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir
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wollen nicht leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen
vererbt werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis
gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine viel geringere Rolle spielt,
als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die stete Wirkung äusserer
Einflüsse. Dies auf geschichtlichem Wege zu erweisen, ist unsere Aufgabe
und wird schon im vorliegenden Bande mehr als einmal zu Tage treten.
Aber auch das rein naturwissenschaftliche Räsonnement vermag diesen
Standpunkt zu rechtfertigen und zu befestigen, wie die ganz vortreffliche
kleine Schrift von K. Neisser aufs evidenteste dartut.[13]
Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher
geschlechtlicher Perversionen vertritt R. v. Krafft-Ebing in seinem
ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“,
während hinwiederum von Schrenk-Notzing, sich mehr unserem Standpunkt
nähernd, die Suggestion als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten
betrachtet.[14]
Krafft-Ebing hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte
menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des Irrenarztes einer
eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.
Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne
die Onanie eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche von
Rohleder[15] die erste kritische und als solche mustergiltige Bearbeitung
gefunden hat.
Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen
Beziehungen des Menschen werden auch durch das Studium jener
körperlichen Vorgänge dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf
die sexuellen Akte ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der
Stoffwechsel und die psychischen Vorgänge.[16] Gerade aus der
Untersuchung der Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem
des Geruchs und Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer
Zustände ergeben. Eine experimentale Psychologie der Liebe existiert nicht.
[17] Was bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten
wurde, ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie
z. B. die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“
von Julius Duboc. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die aber
noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige
vererbt werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis
gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine viel geringere Rolle spielt,
als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die stete Wirkung äusserer
Einflüsse. Dies auf geschichtlichem Wege zu erweisen, ist unsere Aufgabe
und wird schon im vorliegenden Bande mehr als einmal zu Tage treten.
Aber auch das rein naturwissenschaftliche Räsonnement vermag diesen
Standpunkt zu rechtfertigen und zu befestigen, wie die ganz vortreffliche
kleine Schrift von K. Neisser aufs evidenteste dartut.[13]
Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher
geschlechtlicher Perversionen vertritt R. v. Krafft-Ebing in seinem
ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“,
während hinwiederum von Schrenk-Notzing, sich mehr unserem Standpunkt
nähernd, die Suggestion als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten
betrachtet.[14]
Krafft-Ebing hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte
menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des Irrenarztes einer
eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.
Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne
die Onanie eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche von
Rohleder[15] die erste kritische und als solche mustergiltige Bearbeitung
gefunden hat.
Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen
Beziehungen des Menschen werden auch durch das Studium jener
körperlichen Vorgänge dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf
die sexuellen Akte ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der
Stoffwechsel und die psychischen Vorgänge.[16] Gerade aus der
Untersuchung der Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem
des Geruchs und Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer
Zustände ergeben. Eine experimentale Psychologie der Liebe existiert nicht.
[17] Was bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten
wurde, ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie
z. B. die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“
von Julius Duboc. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die aber
noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige
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Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer
Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie auch
in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden können
— das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über die
intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ (Havelock
Ellis.)
Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der
psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet
unzweifelhaft das von der Anthropologie und Ethnologie gesammelte
Material, wie es in dem klassischen Werke von Ploss und Bartels[18]
vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den
soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.
Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was wir
zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen
Geschlechtskrankheiten des Menschen.
Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie auch
in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden können
— das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über die
intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ (Havelock
Ellis.)
Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der
psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet
unzweifelhaft das von der Anthropologie und Ethnologie gesammelte
Material, wie es in dem klassischen Werke von Ploss und Bartels[18]
vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den
soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.
Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was wir
zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen
Geschlechtskrankheiten des Menschen.
Page 26
2. Die Liebe als historisches Problem.
Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. Sie
ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer Freiheit
fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und den aus der
Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der Gesellschaft,
des Rechtes und der Moral, der Religion, der Sprache und Dichtung. Es ist
wichtig zu betonen, dass es auf diesem Gebiete keine Kausalität, keine
Gesetze in naturwissenschaftlichem Sinne geben kann, dass die von
Herbert Spencer inaugurierte „organische Methode“ der Soziologie den
geschichtlichen Erscheinungen nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei
der Betrachtung sozialer Phänomene keine Gesetze, sondern nur
Rhythmen[19]. „Den Schritt vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute
noch nicht wagen, wenn wir gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen
letzten Endes auf (uns noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“
(Stein.) Trotzdem ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser
soziale Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und
Voraussetzungen regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das
Gepräge bestimmter Gesetzlichkeit an. Achelis (a. a. O. S. 68) macht in
dieser Beziehung auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über
Wiederkehr derselben Vergehen, über den wahren Zusammenhang von
Moral und wirtschaftlichen Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also
auch, insofern die Liebe als geschichtliche und soziologische Erscheinung
in Betracht kommt, nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig
wiederkehrenden Formen und Typen des Geschehens.
Die Liebe als eine soziale Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft,
erscheint wesentlich in den beiden Formen der Ehe und der Prostitution.
Eduard Westermarck, Professor an der Universität in Helsingfors, hat
das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der menschlichen
Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den besten kulturhistorischen
und soziologischen Werken eines Buckle, Tylor, F. A. Lange u. a. ebenbürtig
an die Seite zu stellen.[20] Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise
mit der gediegensten wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die
Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. Sie
ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer Freiheit
fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und den aus der
Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der Gesellschaft,
des Rechtes und der Moral, der Religion, der Sprache und Dichtung. Es ist
wichtig zu betonen, dass es auf diesem Gebiete keine Kausalität, keine
Gesetze in naturwissenschaftlichem Sinne geben kann, dass die von
Herbert Spencer inaugurierte „organische Methode“ der Soziologie den
geschichtlichen Erscheinungen nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei
der Betrachtung sozialer Phänomene keine Gesetze, sondern nur
Rhythmen[19]. „Den Schritt vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute
noch nicht wagen, wenn wir gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen
letzten Endes auf (uns noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“
(Stein.) Trotzdem ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser
soziale Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und
Voraussetzungen regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das
Gepräge bestimmter Gesetzlichkeit an. Achelis (a. a. O. S. 68) macht in
dieser Beziehung auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über
Wiederkehr derselben Vergehen, über den wahren Zusammenhang von
Moral und wirtschaftlichen Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also
auch, insofern die Liebe als geschichtliche und soziologische Erscheinung
in Betracht kommt, nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig
wiederkehrenden Formen und Typen des Geschehens.
Die Liebe als eine soziale Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft,
erscheint wesentlich in den beiden Formen der Ehe und der Prostitution.
Eduard Westermarck, Professor an der Universität in Helsingfors, hat
das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der menschlichen
Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den besten kulturhistorischen
und soziologischen Werken eines Buckle, Tylor, F. A. Lange u. a. ebenbürtig
an die Seite zu stellen.[20] Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise
mit der gediegensten wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die
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überall wiederkehrende primitive soziologische Form und das soziologische
Endziel der Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von
Bachofen, Mc.-Lennan, Morgan, Lubbock, Bastian, Lippert, Kohler, Post
vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen
Ungebundenheit, der sogenannten Promiscuität für immer ein Ende. Die
„Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46–130) gehört zu den
glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf
die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in
soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten
Einfluss ausüben.
Nach Westermarck kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen
Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel und
ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem durch
den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung
gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe
kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der
Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der Jungen
und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit aller
Wahrscheinlichkeit bezeichnet Westermarck die menschliche Ehe als ein
von den affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe. Ferner weist er
nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden Völkerschaften die
geschlechtlichen Beziehungen sich am wenigsten der Promiscuität nähern.
Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, dass mit dem Fortschreiten der
Kultur die ausserehelichen Beziehungen der Geschlechter zugenommen
haben. Demgemäss hat in Europa die Zahl der Ehelosen eine Zunahme, das
Durchschnittsalter der Eheschliessung eine Hinaufschraubung erfahren.
Allerdings ist die Lebenslänglichkeit der Ehe durchaus nicht ganz
allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen
Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied
geben. Bei sehr vielen anderen jedoch — auch solchen auf niedrigster Stufe
— bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, dass dem
Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im allgemeinen
nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des
Menschengeschlechts stetig zu.
Während die Ehe als die eminent soziale Form der Liebe zu betrachten
ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben gekleidet
Endziel der Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von
Bachofen, Mc.-Lennan, Morgan, Lubbock, Bastian, Lippert, Kohler, Post
vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen
Ungebundenheit, der sogenannten Promiscuität für immer ein Ende. Die
„Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46–130) gehört zu den
glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf
die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in
soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten
Einfluss ausüben.
Nach Westermarck kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen
Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel und
ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem durch
den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung
gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe
kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der
Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der Jungen
und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit aller
Wahrscheinlichkeit bezeichnet Westermarck die menschliche Ehe als ein
von den affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe. Ferner weist er
nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden Völkerschaften die
geschlechtlichen Beziehungen sich am wenigsten der Promiscuität nähern.
Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, dass mit dem Fortschreiten der
Kultur die ausserehelichen Beziehungen der Geschlechter zugenommen
haben. Demgemäss hat in Europa die Zahl der Ehelosen eine Zunahme, das
Durchschnittsalter der Eheschliessung eine Hinaufschraubung erfahren.
Allerdings ist die Lebenslänglichkeit der Ehe durchaus nicht ganz
allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen
Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied
geben. Bei sehr vielen anderen jedoch — auch solchen auf niedrigster Stufe
— bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, dass dem
Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im allgemeinen
nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des
Menschengeschlechts stetig zu.
Während die Ehe als die eminent soziale Form der Liebe zu betrachten
ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben gekleidet
Page 28
hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut antisoziale Erscheinung die
Prostitution bezeichnet werden. Man nennt sie, wie bekannt, ein
„notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande der modernen
Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution existiert noch nicht.
Das grosse achtbändige Werk von Dufour[21] enthält zwar eine grosse
Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich unübersichtlich
zusammengestellt. Zudem verliert auch diese Zusammenstellung jeden Wert
durch den gänzlichen Mangel der genauen Quellennachweise. Nur aus einer
gleichmässig die Ergebnisse der Soziologie, Hygiene und
Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen Darstellung der
Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über die Ursache und die Abhilfe
dieses sozialen Uebels gewinnen lassen. Besonders Bebel’s Werk „Die Frau
und der Sozialismus“ hat manche unrichtigen Anschauungen über die
Ursachen der Prostitution verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die
wirtschaftliche Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt.
Demgegenüber sei nur auf die gediegene, aus langjähriger Erfahrung
hervorgegangene Arbeit über Prostitution von G. Behrend[22] hingewiesen,
der ganz andere Ursachen derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer
fast stets erworbenen Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass
man meist die veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen
Ursachen ansieht. Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben
Behrend ist B. Tarnowsky[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen
Ergebnissen wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die
Armut die nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch A. Hegar hat
den Versuch gemacht, Bebels Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in
seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des
„geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]
Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl
Lombroso unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften
Zusammenhange zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert,
dass die „Donna delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo
nato“, des „geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass
daher die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern
ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was
wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der
Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der
„geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den
Prostitution bezeichnet werden. Man nennt sie, wie bekannt, ein
„notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande der modernen
Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution existiert noch nicht.
Das grosse achtbändige Werk von Dufour[21] enthält zwar eine grosse
Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich unübersichtlich
zusammengestellt. Zudem verliert auch diese Zusammenstellung jeden Wert
durch den gänzlichen Mangel der genauen Quellennachweise. Nur aus einer
gleichmässig die Ergebnisse der Soziologie, Hygiene und
Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen Darstellung der
Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über die Ursache und die Abhilfe
dieses sozialen Uebels gewinnen lassen. Besonders Bebel’s Werk „Die Frau
und der Sozialismus“ hat manche unrichtigen Anschauungen über die
Ursachen der Prostitution verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die
wirtschaftliche Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt.
Demgegenüber sei nur auf die gediegene, aus langjähriger Erfahrung
hervorgegangene Arbeit über Prostitution von G. Behrend[22] hingewiesen,
der ganz andere Ursachen derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer
fast stets erworbenen Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass
man meist die veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen
Ursachen ansieht. Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben
Behrend ist B. Tarnowsky[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen
Ergebnissen wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die
Armut die nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch A. Hegar hat
den Versuch gemacht, Bebels Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in
seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des
„geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]
Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl
Lombroso unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften
Zusammenhange zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert,
dass die „Donna delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo
nato“, des „geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass
daher die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern
ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was
wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der
Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der
„geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den
Page 29
äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr
Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch Lombrosos wertvolle
Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von
Prostitution und Verbrechen.
Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen Recht spiegelt sich vor allem
in der sogenannten Frauenfrage wieder. Nimmt man, wie wir gesehen
haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft und als das soziologische
Endziel der Liebe, so ist eine allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die
völlige Aufhebung aller gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen
Unterschiede zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst.
Denn die Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge
für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie eine
Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich trotz glänzender
Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen Verschiedenheiten von
Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das Zugeständnis grösserer
Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten an die Frauen wohl
vereinbar, besonders angesichts des grossen Ueberschusses der Zahl
derselben über diejenige der Männer, sowie der späten Heiraten der
letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ ist für uns in dem einen Satze
beschlossen: Die Frau ist die gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige
Gefährtin des Mannes.
Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib
hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige
Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, den
Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe und
ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. Für
Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch
unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die
Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen
integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und Rudeck hat Recht,
wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten Kultur“ bezeichnet,
deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu wiederspiegelt wie auf
geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische Beurteilung
geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten und bei
verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, ist eine längst
bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine kritische Untersuchung
Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch Lombrosos wertvolle
Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von
Prostitution und Verbrechen.
Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen Recht spiegelt sich vor allem
in der sogenannten Frauenfrage wieder. Nimmt man, wie wir gesehen
haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft und als das soziologische
Endziel der Liebe, so ist eine allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die
völlige Aufhebung aller gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen
Unterschiede zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst.
Denn die Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge
für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie eine
Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich trotz glänzender
Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen Verschiedenheiten von
Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das Zugeständnis grösserer
Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten an die Frauen wohl
vereinbar, besonders angesichts des grossen Ueberschusses der Zahl
derselben über diejenige der Männer, sowie der späten Heiraten der
letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ ist für uns in dem einen Satze
beschlossen: Die Frau ist die gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige
Gefährtin des Mannes.
Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib
hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige
Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, den
Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe und
ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. Für
Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch
unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die
Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen
integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und Rudeck hat Recht,
wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten Kultur“ bezeichnet,
deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu wiederspiegelt wie auf
geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische Beurteilung
geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten und bei
verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, ist eine längst
bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine kritische Untersuchung
Page 30
gewisse Normen feststellen können, die Allgemeingültigkeit beanspruchen.
Mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts entwickelt sich auch
eine Ethik des Sexuallebens. So führt Westermarck in seiner „Geschichte
der menschlichen Ehe“ den stringenten Nachweis, dass das Schamgefühl
etwas sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung ist.
Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen
zwischen Liebe und Religion. G. Herman, dessen Buch wir oben
erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf
sexueller Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst
interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und
Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden
sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der
Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst
ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse Mystik mit ihren
sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“,
die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen,
sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als
die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas
Wahres in Nietzsches Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift
zu trinken: — er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die
meisten erotischen Epidemien sind religiösen Ursprungs.
Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern
gewissermassen nationale Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die
Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des
Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven
Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der Sprache. In ihr
werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden
Worte sichtbar. Abel hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten
Versuch einer derartigen linguistischen Erforschung der Liebe gemacht.[28]
Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen,
hebräischen und russischen Sprache.
Die Sprache führt uns zur Dichtung. Die Werke der Literatur bieten uns
ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über
die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine
historische Psychologie der Liebe. Sie bietet, wie Stein (a. a. O. S. 33) sagt,
„den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen
Mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts entwickelt sich auch
eine Ethik des Sexuallebens. So führt Westermarck in seiner „Geschichte
der menschlichen Ehe“ den stringenten Nachweis, dass das Schamgefühl
etwas sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung ist.
Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen
zwischen Liebe und Religion. G. Herman, dessen Buch wir oben
erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf
sexueller Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst
interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und
Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden
sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der
Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst
ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse Mystik mit ihren
sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“,
die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen,
sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als
die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas
Wahres in Nietzsches Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift
zu trinken: — er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die
meisten erotischen Epidemien sind religiösen Ursprungs.
Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern
gewissermassen nationale Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die
Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des
Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven
Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der Sprache. In ihr
werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden
Worte sichtbar. Abel hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten
Versuch einer derartigen linguistischen Erforschung der Liebe gemacht.[28]
Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen,
hebräischen und russischen Sprache.
Die Sprache führt uns zur Dichtung. Die Werke der Literatur bieten uns
ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über
die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine
historische Psychologie der Liebe. Sie bietet, wie Stein (a. a. O. S. 33) sagt,
„den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen
Page 31
Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre wissenschaftliche Schätze zu
heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte
Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder
dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.
Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die
materielle Kultur einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches
Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden
nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten
Wirkungen aus.
So ist die Liebe als geschichtliche Erscheinung unendlich reich an
Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen
lassen als sie die rein physische Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir
daher
heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte
Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder
dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.
Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die
materielle Kultur einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches
Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden
nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten
Wirkungen aus.
So ist die Liebe als geschichtliche Erscheinung unendlich reich an
Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen
lassen als sie die rein physische Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir
daher
Page 32
3. Die Liebe als metaphysisches Problem.
Dass der menschlichen Liebe eine höhere Bedeutung innewohnt,
leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten
dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und
zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige innere
Wesen der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don
Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt —
Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.
Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre
Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, Arthur Schopenhauer und
Eduard von Hartmann haben die gleiche metaphysische Betrachtung über
die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele Nachbeter
fand. A. Schopenhauer[29] erblickt die Bedeutung der Liebe in der Erfüllung
der Zwecke der Gattung, welche in der Reihenfolge und dem endlosen
Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die sämtlichen Liebeshändel der
gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen
Menschengeschlechts ernstliche meditatio compositionis generationis
futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes“. Dabei verlarvt sich
aber der Gattungszweck, indem er in der Gestalt der Geschlechtsliebe
eingeht in den persönlichen Zweck der Individuen und erscheint als deren
höchstes Glück, als der Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten
Form, in den überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das
unerschöpfliche Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und
dramatischen, als der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros
spielt seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die
Liebenden die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres
persönlichen Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn.
Dass der menschlichen Liebe eine höhere Bedeutung innewohnt,
leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten
dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und
zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige innere
Wesen der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don
Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt —
Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.
Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre
Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, Arthur Schopenhauer und
Eduard von Hartmann haben die gleiche metaphysische Betrachtung über
die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele Nachbeter
fand. A. Schopenhauer[29] erblickt die Bedeutung der Liebe in der Erfüllung
der Zwecke der Gattung, welche in der Reihenfolge und dem endlosen
Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die sämtlichen Liebeshändel der
gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen
Menschengeschlechts ernstliche meditatio compositionis generationis
futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes“. Dabei verlarvt sich
aber der Gattungszweck, indem er in der Gestalt der Geschlechtsliebe
eingeht in den persönlichen Zweck der Individuen und erscheint als deren
höchstes Glück, als der Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten
Form, in den überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das
unerschöpfliche Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und
dramatischen, als der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros
spielt seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die
Liebenden die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres
persönlichen Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn.
Page 33
Es ist ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der
Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen
und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit
seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung und
Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens zum
Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und ruhigen
Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es ist das Thema
des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist
er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, und das Verbrechen die
Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das
Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert
prachtvoll E. v. Hartmann[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal das
Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit auch
desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust
überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die
Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein
gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht seine
Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur ihr
Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
Wer, wie wir, den Begriff der Liebe evolutionistisch fasst, kann eine
solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist richtig,
dass das rein Physische der Liebe mehr Unlust als Lust mit sich bringt
durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen wie Schaum.
Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer Entwickelung, deren
Ende gerade dem Individuum die grösste Seligkeit verheisst. Die physische
Liebe ist nur der als solcher notwendige Durchgangspunkt zu dem
wirklichen Endziele, der platonischen Liebe. Das metaphysische Endziel
der Liebe ist die Erkenntnis, die vollendete Freiheit. „Und Adam erkannte
Eva“ heisst es tiefsinnig in der Bibel!
Platos und Hegels Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit
erleuchtet. Ganz richtig bemerkt Wigand[31], dass die platonische Liebe der
natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt ist, sondern die
Liebe zum sinnlichen und körperlichen Schönen ist die Leiter und die
Leiterin zur Liebe und Erkenntnis alles unsichtbaren Schönen und Guten in
Natur- und Menschenwelt, in Kunst und Wissenschaft von Stufe zu Stufe
Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen
und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit
seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung und
Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens zum
Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und ruhigen
Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es ist das Thema
des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist
er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, und das Verbrechen die
Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das
Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert
prachtvoll E. v. Hartmann[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal das
Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit auch
desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust
überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die
Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein
gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht seine
Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur ihr
Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
Wer, wie wir, den Begriff der Liebe evolutionistisch fasst, kann eine
solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist richtig,
dass das rein Physische der Liebe mehr Unlust als Lust mit sich bringt
durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen wie Schaum.
Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer Entwickelung, deren
Ende gerade dem Individuum die grösste Seligkeit verheisst. Die physische
Liebe ist nur der als solcher notwendige Durchgangspunkt zu dem
wirklichen Endziele, der platonischen Liebe. Das metaphysische Endziel
der Liebe ist die Erkenntnis, die vollendete Freiheit. „Und Adam erkannte
Eva“ heisst es tiefsinnig in der Bibel!
Platos und Hegels Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit
erleuchtet. Ganz richtig bemerkt Wigand[31], dass die platonische Liebe der
natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt ist, sondern die
Liebe zum sinnlichen und körperlichen Schönen ist die Leiter und die
Leiterin zur Liebe und Erkenntnis alles unsichtbaren Schönen und Guten in
Natur- und Menschenwelt, in Kunst und Wissenschaft von Stufe zu Stufe
Page 34
bis zur letzten Sprosse dieser Leiter, zur Anschauung der Allgesetzlichkeit,
des Absoluten.
Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen,
welche die göttliche Diotima im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, die
ewig und unvergänglich sind.
„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die Liebe zu legen oder von einem
anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem einzelnen Schönen
beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige,
gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien zu allen
schönen Gestalten und von den schönen Gestalten zu den schönen Sitten
und Handlungsweisen, und von den schönen Sitten zu den schönen
Kenntnissen, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis
gelangt, welche von nichts anderem als eben von jenem Schönen selbst die
Kenntnis ist, und man also zuletzt jenes selbst, was schon ist, erkenne. Und
an dieser Stelle des Lebens, lieber Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem
Menschen erst lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut.“ (Platons
Symposion 210, 11.)
Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen
Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt sich zu
höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen
physischer und geistiger Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder wahren
und echten Liebe wurzelt.[32]
Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses
Sachverhaltes sagt Schopenhauer in den „Paränesen und Maximen“:
„Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer
Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines
vergänglichen und scheinbaren.“
Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick
erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische
Methode Hegels, des „Weltphilosophen“, wie ihn C. L. Michelet nennt, des
Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
Für Hegel ist auch der Begriff der Gattung evolutionistisch.[33] Das
Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen
Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck
des Absoluten.
Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen,
welche die göttliche Diotima im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, die
ewig und unvergänglich sind.
„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die Liebe zu legen oder von einem
anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem einzelnen Schönen
beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige,
gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien zu allen
schönen Gestalten und von den schönen Gestalten zu den schönen Sitten
und Handlungsweisen, und von den schönen Sitten zu den schönen
Kenntnissen, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis
gelangt, welche von nichts anderem als eben von jenem Schönen selbst die
Kenntnis ist, und man also zuletzt jenes selbst, was schon ist, erkenne. Und
an dieser Stelle des Lebens, lieber Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem
Menschen erst lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut.“ (Platons
Symposion 210, 11.)
Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen
Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt sich zu
höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen
physischer und geistiger Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder wahren
und echten Liebe wurzelt.[32]
Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses
Sachverhaltes sagt Schopenhauer in den „Paränesen und Maximen“:
„Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer
Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines
vergänglichen und scheinbaren.“
Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick
erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische
Methode Hegels, des „Weltphilosophen“, wie ihn C. L. Michelet nennt, des
Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
Für Hegel ist auch der Begriff der Gattung evolutionistisch.[33] Das
Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen
Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck
Page 35
fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die
Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer
Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe
der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. Es ist die Gattung in der
Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die
Gattung wirklich.
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat,
in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab
wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die
Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe
weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. Das
Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch
nicht weiter. In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem
unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter wird die Gattung nicht wahrhaft
objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein. Das einzelne
Individuum vergeht wirklich, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel
der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint,
hört nicht auf zu vergehen. So wird vermöge des blossen Lebens der
Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt
nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt
Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess
nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck
der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der
Individuen, als das wahrhaft Allgemeine. Es gibt nur eine Form, die das
Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: der Begriff. Es gibt nur
eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen:
das Denken. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine
wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich
die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie
Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer
Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe
der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. Es ist die Gattung in der
Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die
Gattung wirklich.
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat,
in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab
wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die
Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe
weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. Das
Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch
nicht weiter. In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem
unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter wird die Gattung nicht wahrhaft
objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein. Das einzelne
Individuum vergeht wirklich, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel
der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint,
hört nicht auf zu vergehen. So wird vermöge des blossen Lebens der
Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt
nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt
Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess
nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck
der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der
Individuen, als das wahrhaft Allgemeine. Es gibt nur eine Form, die das
Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: der Begriff. Es gibt nur
eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen:
das Denken. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine
wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich
die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie
Page 36
löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe erzeugt und dadurch die
Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe Erzeugen und Erkennen in einem
Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits Plato erkannt
hat, wenn er Sokrates das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der
philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist
unsere wahrhaft allgemeine Tätigkeit, unsere wirkliche Gattung, die in uns
entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von
den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit
Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur
Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem
reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die
Wärme des Gefühls fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts
Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr
Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe Erzeugen und Erkennen in einem
Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits Plato erkannt
hat, wenn er Sokrates das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der
philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist
unsere wahrhaft allgemeine Tätigkeit, unsere wirkliche Gattung, die in uns
entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von
den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit
Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur
Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem
reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die
Wärme des Gefühls fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts
Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr
Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
Page 37
I.
Das Zeitalter des Marquis de Sade.
Der Marquis de Sade, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in
diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts.
Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken,
das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen
seltsamen, dem Namen nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben,
wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn
zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären.
Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis de Sade schon
ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten
Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das
tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die äusseren Bedingungen,
das Milieu erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben
heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen
ausübte. Denn es ist „jedesmal von entscheidender Bedeutung, aus welchem
Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten
Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-
psychologische, sondern nur die sozial-psychologische Auffassung kann zu
einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit Sades führen. Eine wahrhaft
wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur
auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der
einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns
auf Grund unserer Studien über den Marquis de Sade durchaus den
Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36],
dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer
Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die
Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt,
Das Zeitalter des Marquis de Sade.
Der Marquis de Sade, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in
diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts.
Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken,
das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen
seltsamen, dem Namen nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben,
wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn
zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären.
Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis de Sade schon
ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten
Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das
tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die äusseren Bedingungen,
das Milieu erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben
heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen
ausübte. Denn es ist „jedesmal von entscheidender Bedeutung, aus welchem
Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten
Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-
psychologische, sondern nur die sozial-psychologische Auffassung kann zu
einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit Sades führen. Eine wahrhaft
wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur
auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der
einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns
auf Grund unserer Studien über den Marquis de Sade durchaus den
Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36],
dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer
Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die
Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt,
Page 38
dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer
unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden
psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den
letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des
gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der stetigen Wechselwirkung
des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft ist diese Hypothese
zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten Tatsache erhoben. Hier ist
in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie
Selbstbestimmung entscheidend, sondern gewohnheitsgemässe Anpassung,
das Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen, ohne dass der
Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten
und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils
organische Entwickelungen ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen
seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen
trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des
Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“
Das sind aber Gedanken Hegels, das ist Hegels Lehre vom objektiven Geist,
aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene
Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene
„Selbstbewegung des Begriffs“. Hegel, dieser grösste Denker des
neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein
Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern
wird. Nach den Stürmen der Schopenhauer-Hartmann’schen und
Nietzsche’schen Philosophie wird die Sonne Hegel’schen Geistes über der
Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere
Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe
ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der
Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr
herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur
widerstreitet. Hegel, nicht Schopenhauer, ist der „wahre und echte
Thronerbe Kants“.
So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem
Abschnitt die Fäden aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis
de Sade mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist
zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine
beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der
grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was
unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden
psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den
letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des
gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der stetigen Wechselwirkung
des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft ist diese Hypothese
zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten Tatsache erhoben. Hier ist
in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie
Selbstbestimmung entscheidend, sondern gewohnheitsgemässe Anpassung,
das Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen, ohne dass der
Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten
und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils
organische Entwickelungen ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen
seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen
trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des
Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“
Das sind aber Gedanken Hegels, das ist Hegels Lehre vom objektiven Geist,
aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene
Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene
„Selbstbewegung des Begriffs“. Hegel, dieser grösste Denker des
neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein
Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern
wird. Nach den Stürmen der Schopenhauer-Hartmann’schen und
Nietzsche’schen Philosophie wird die Sonne Hegel’schen Geistes über der
Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere
Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe
ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der
Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr
herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur
widerstreitet. Hegel, nicht Schopenhauer, ist der „wahre und echte
Thronerbe Kants“.
So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem
Abschnitt die Fäden aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis
de Sade mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist
zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine
beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der
grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was
Page 39
Sade von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben
hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen
Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, sondern wir erklären die Werke des
Marquis de Sade aus jener Zeit, aus allen innerlichen und äusserlichen
Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.
hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen
Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, sondern wir erklären die Werke des
Marquis de Sade aus jener Zeit, aus allen innerlichen und äusserlichen
Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.
Page 40
1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in
Frankreich.
Sade nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument
corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil
sagen, dass es gefährlich sei „in einem verderbten Jahrhundert tugendhaft
sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der
allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten
Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat Hegel gefunden. Er sagt in
seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in
der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle
Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich
die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, — ein
Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben
schamloses Unrecht wird“. Sind nicht Sades Werke ein getreuer Spiegel
dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch
überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des
Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht schamloses Unrecht?
Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen frivolen Zeitaltern, deren Wesen ein
bedeutender Schüler Hegels, Kuno Fischer, in vollendeter Weise geschildert
hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter
beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz
von neuem wieder anfangen könne. Fichte nannte es einst die vollendete
Sündhaftigkeit. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen
sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten
Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem
neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig
abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche
übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden,
da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es
ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch
abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend
einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt
Frankreich.
Sade nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument
corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil
sagen, dass es gefährlich sei „in einem verderbten Jahrhundert tugendhaft
sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der
allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten
Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat Hegel gefunden. Er sagt in
seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in
der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle
Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich
die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, — ein
Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben
schamloses Unrecht wird“. Sind nicht Sades Werke ein getreuer Spiegel
dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch
überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des
Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht schamloses Unrecht?
Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen frivolen Zeitaltern, deren Wesen ein
bedeutender Schüler Hegels, Kuno Fischer, in vollendeter Weise geschildert
hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter
beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz
von neuem wieder anfangen könne. Fichte nannte es einst die vollendete
Sündhaftigkeit. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen
sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten
Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem
neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig
abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche
übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden,
da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es
ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch
abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend
einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt
Page 41
keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa der Selbstsucht ohne
ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der
Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum
vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die vollendete
Sündhaftigkeit des Katholizismus, diese letzte ist die vollendete
Sündhaftigkeit des Königtums.
Der Genuss à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch
aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in
Frankreich der Egoismus so gross wie unter dem ancien régime und
während der Revolution. Der Minister Saint-Fond, eine getreue Kopie eines
Ministers unter Ludwig XV. sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde
ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse.
Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften
befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der
Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader
lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet Sade
charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser
Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und
Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten
der Bevölkerung. Adolf Schmidt, der seine Schilderung der Revolutionszeit
aus authentischen, zeitgenössischen Dokumenten schöpft, sagt darüber[40]:
„Das war der scharf ausgeprägte Egoismus, die Selbstsucht und Habgier,
die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen
des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand
durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen
Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit
zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man
wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den
glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit,
über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl,
Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen
um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein
gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der
Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen
übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte
persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“.
Ebenso spricht der berühmte Mercier, der Cicerone Schopenhauers bei
ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der
Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum
vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die vollendete
Sündhaftigkeit des Katholizismus, diese letzte ist die vollendete
Sündhaftigkeit des Königtums.
Der Genuss à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch
aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in
Frankreich der Egoismus so gross wie unter dem ancien régime und
während der Revolution. Der Minister Saint-Fond, eine getreue Kopie eines
Ministers unter Ludwig XV. sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde
ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse.
Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften
befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der
Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader
lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet Sade
charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser
Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und
Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten
der Bevölkerung. Adolf Schmidt, der seine Schilderung der Revolutionszeit
aus authentischen, zeitgenössischen Dokumenten schöpft, sagt darüber[40]:
„Das war der scharf ausgeprägte Egoismus, die Selbstsucht und Habgier,
die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen
des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand
durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen
Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit
zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man
wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den
glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit,
über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl,
Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen
um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein
gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der
Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen
übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte
persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“.
Ebenso spricht der berühmte Mercier, der Cicerone Schopenhauers bei
Page 42
dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. Wir
werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in
seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in
der geschlechtlichen Lust. Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert
der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust. Moreau[42] unterscheidet
drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und
Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite
umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im
Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und
Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen
ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in
das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen
Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten
Ludwig.
„Wollust! das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die
besten Kenner dieser Zeit, Edmond und Jules de Goncourt.[43] Das ist sein
Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die
Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine
Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und
sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem
Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten
und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten
Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese
Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende
ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig
geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der
Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der
göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“
Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen
auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die
Systematisierung der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es
vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben
zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die
Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein
physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige
werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in
seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in
der geschlechtlichen Lust. Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert
der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust. Moreau[42] unterscheidet
drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und
Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite
umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im
Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und
Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen
ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in
das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen
Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten
Ludwig.
„Wollust! das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die
besten Kenner dieser Zeit, Edmond und Jules de Goncourt.[43] Das ist sein
Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die
Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine
Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und
sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem
Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten
und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten
Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese
Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende
ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig
geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der
Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der
göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“
Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen
auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die
Systematisierung der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es
vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben
zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die
Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein
physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige
Page 43
Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der grossen glorreichen und
unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr
jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und
verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und
erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des
Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit
nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des
Marquis de Sade aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so
liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit Sades die
Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen
Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich
zusammensetzen.
unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr
jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und
verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und
erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des
Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit
nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des
Marquis de Sade aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so
liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit Sades die
Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen
Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich
zusammensetzen.
Page 44
2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und
bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der
wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die
Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg sensualistisch und
materialistisch gerichtet. Sehr drastisch lässt Sade die Dubois sagen
(Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der Geschlechtsgenuss!“
Die Philosophie spielt in den Werken Sades eine grosse Rolle. Sehr häufig
kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der
Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.).
Einen sehr grossen Teil der Bücher Sades nehmen langatmige
philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu
würdigen haben. Dabei verfährt Sade sehr eklektisch und unkritisch. Er
nennt z. B. in einem Atem Spinoza, Vanini und Holbach, den Verfasser des
„Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann Buffon (Philosophie dans le
Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren
Materialismus macht. Die Namen von Voltaire (Juliette I, 88) und
Montesquieu (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Montesquieu ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An Rousseaus Ideen klingt
der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande,
sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242).
Den grössten Einfluss scheint La Mettrie auf Sade ausgeübt zu haben.
Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis de Sade,
wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit
Vorliebe Gedanken La Mettries zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die
Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der
philosophischen Analyse. Hierbei wird La Mettrie ausdrücklich erwähnt
(Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden La Mettrie den Ideen Sades
am nächsten gekommen.
Montesquieu und Voltaire hatten die sensualistische Philosophie Lockes
in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus Pierre Bayles
die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und
bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der
wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die
Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg sensualistisch und
materialistisch gerichtet. Sehr drastisch lässt Sade die Dubois sagen
(Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der Geschlechtsgenuss!“
Die Philosophie spielt in den Werken Sades eine grosse Rolle. Sehr häufig
kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der
Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.).
Einen sehr grossen Teil der Bücher Sades nehmen langatmige
philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu
würdigen haben. Dabei verfährt Sade sehr eklektisch und unkritisch. Er
nennt z. B. in einem Atem Spinoza, Vanini und Holbach, den Verfasser des
„Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann Buffon (Philosophie dans le
Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren
Materialismus macht. Die Namen von Voltaire (Juliette I, 88) und
Montesquieu (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Montesquieu ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An Rousseaus Ideen klingt
der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande,
sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242).
Den grössten Einfluss scheint La Mettrie auf Sade ausgeübt zu haben.
Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis de Sade,
wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit
Vorliebe Gedanken La Mettries zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die
Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der
philosophischen Analyse. Hierbei wird La Mettrie ausdrücklich erwähnt
(Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden La Mettrie den Ideen Sades
am nächsten gekommen.
Montesquieu und Voltaire hatten die sensualistische Philosophie Lockes
in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus Pierre Bayles
die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere
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entgegengestellt hatte. Während bei den englischen Philosophen, sowie bei
Voltaire und Montesquieu die sensualistischen Anschauungen nur
theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich
Erkenntnislehre blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den
Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das
praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der
Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist
nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines
Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der
Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine
Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der
Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre
Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von La Mettrie und Holbach
formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des
18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen Kirche
und Religion, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums.
Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse
angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im
18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der
Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt Barruel, ein
fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit
langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von
Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es
gab daher politische und religiöse Philosophen. Der Hauptrepräsentant der
politischen Philosophie ist Mirabeau, der leidenschaftliche Anwalt des
dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine
Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous
voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie
sehr der Atheismus eines La Mettrie und Holbach[45] ins Volk gedrungen
war, beweist folgender von Dutard erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei
Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere
stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit
einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene,
„du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ — „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist
ja der gute Gott!“ — „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt
keinen guten Gott mehr!“ — Man schritt daher konsequenterweise zu
praktischer Ausführung dessen, was der Marquis de Sade als Einer von
Voltaire und Montesquieu die sensualistischen Anschauungen nur
theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich
Erkenntnislehre blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den
Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das
praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der
Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist
nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines
Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der
Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine
Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der
Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre
Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von La Mettrie und Holbach
formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des
18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen Kirche
und Religion, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums.
Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse
angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im
18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der
Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt Barruel, ein
fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit
langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von
Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es
gab daher politische und religiöse Philosophen. Der Hauptrepräsentant der
politischen Philosophie ist Mirabeau, der leidenschaftliche Anwalt des
dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine
Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous
voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie
sehr der Atheismus eines La Mettrie und Holbach[45] ins Volk gedrungen
war, beweist folgender von Dutard erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei
Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere
stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit
einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene,
„du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ — „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist
ja der gute Gott!“ — „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt
keinen guten Gott mehr!“ — Man schritt daher konsequenterweise zu
praktischer Ausführung dessen, was der Marquis de Sade als Einer von
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Vielen in seinen Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung
der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November
1793 sagt Cloots, dass die Religion das grösste Hindernis der
Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen
anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die
Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. — Feierlich schwor am 7.
November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof Gobel mit einem
Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum
ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem
Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der
seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in
Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit
dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen
Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die
Gottheit zu einer Vielheit von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern
gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei Sade oft
abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern
jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze
atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in
der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die
„Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn
längst verherrlicht. So erwähnt Sade (Juliette IV, 198) La Mettries Schrift
„Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint
ist. Hier entwickelt La Mettrie die Regeln für den Genuss der physischen
Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist,
wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt
erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren
allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische,
religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und
konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis
de Sade zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über
zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche,
Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der
Persönlichkeit und der Werke des Marquis de Sade beizutragen vermögen.
der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November
1793 sagt Cloots, dass die Religion das grösste Hindernis der
Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen
anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die
Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. — Feierlich schwor am 7.
November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof Gobel mit einem
Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum
ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem
Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der
seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in
Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit
dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen
Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die
Gottheit zu einer Vielheit von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern
gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei Sade oft
abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern
jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze
atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in
der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die
„Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn
längst verherrlicht. So erwähnt Sade (Juliette IV, 198) La Mettries Schrift
„Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint
ist. Hier entwickelt La Mettrie die Regeln für den Genuss der physischen
Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist,
wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt
erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren
allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische,
religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und
konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis
de Sade zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über
zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche,
Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der
Persönlichkeit und der Werke des Marquis de Sade beizutragen vermögen.
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3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.
Die Jugend des Marquis de Sade gehört der Regierungszeit Ludwigs
XV. an, sein Mannesalter der Zeit Ludwigs XVI. Er war 34 Jahre alt, als der
verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774).
Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18.
Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache Laws unter dem
Regenten ihren Anfang nahm, unter Ludwig XV. zu dem Verluste der
wichtigsten Kolonien und unter Ludwig XVI. zur Revolution führte, die
einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu
bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die
Genusssucht und die geschlechtlichen Ausschweifungen des Königtums
werden besonders von Sade gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder
in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust
betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt Moreau mit
Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts
gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch
und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben.
Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für
das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par
excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner
Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft Ludwigs
XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden Goncourts, auf
deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie Moreau sagt, eine
„beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer
grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich
in seinem berühmten Hirschpark das Vorbild aller geheimen Bordelle, die
auch in den Werken des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielen. Man
denke sich: ein König unterhält ein eigenes Bordell für seinen
Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was Sade in seinen Werken
gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? —
Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht
zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu
Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise
Die Jugend des Marquis de Sade gehört der Regierungszeit Ludwigs
XV. an, sein Mannesalter der Zeit Ludwigs XVI. Er war 34 Jahre alt, als der
verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774).
Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18.
Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache Laws unter dem
Regenten ihren Anfang nahm, unter Ludwig XV. zu dem Verluste der
wichtigsten Kolonien und unter Ludwig XVI. zur Revolution führte, die
einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu
bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die
Genusssucht und die geschlechtlichen Ausschweifungen des Königtums
werden besonders von Sade gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder
in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust
betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt Moreau mit
Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts
gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch
und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben.
Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für
das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par
excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner
Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft Ludwigs
XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden Goncourts, auf
deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie Moreau sagt, eine
„beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer
grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich
in seinem berühmten Hirschpark das Vorbild aller geheimen Bordelle, die
auch in den Werken des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielen. Man
denke sich: ein König unterhält ein eigenes Bordell für seinen
Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was Sade in seinen Werken
gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? —
Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht
zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu
Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise
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de Pompadour für den König eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu
erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des
Bordells war eine gewisse Bertrand, der Lieferant von jungen Mädchen
hiess Lebel. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem
Hause. Nach dem Tode der Pompadour wurde es sehr bevölkert (très
peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die Pompadour,
da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war,
unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben
lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu
entstand der sogenannte Hirschgarten (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der
Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die,
wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden,
Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in
dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den
infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten.
Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche
Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man
das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer
kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und
Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den
entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen
aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu
bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und
zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es
wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million
Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe
gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe
also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im
Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger
Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass
der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die
Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber
die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte
umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen,
allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien
der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien
eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und
erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des
Bordells war eine gewisse Bertrand, der Lieferant von jungen Mädchen
hiess Lebel. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem
Hause. Nach dem Tode der Pompadour wurde es sehr bevölkert (très
peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die Pompadour,
da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war,
unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben
lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu
entstand der sogenannte Hirschgarten (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der
Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die,
wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden,
Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in
dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den
infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten.
Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche
Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man
das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer
kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und
Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den
entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen
aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu
bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und
zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es
wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million
Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe
gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe
also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im
Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger
Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass
der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die
Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber
die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte
umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen,
allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien
der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien
eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und
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anderer menschlichen Ungeheuer nur blosse Vorbilder solcher Auftritte, die
im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger,
durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch
Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede
Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den
Marquis de Sade an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch
ist, was Moreau nach dem „Journal de Barbier“, nach Sismondi u. a. über
jene eigentümliche Verknüpfung von Religion und Wollust berichtet, welche
Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig
XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit
Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen
Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres
christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner
Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu
entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in
Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem
sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem
Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet
und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten
Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins
Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria
und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein
anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] Ludwig XV. besass auch,
was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für
das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-
Plaisirs“, La Ferté. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort
unter Ludwig XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als Ludwig
XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit
den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr La Ferté
vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte
dann: „Wer sind Sie?“ — „Sire, ich heisse La Ferté.“ - „Was wollen Sie von
mir?“ — „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät
entgegenzunehmen.“ — „Weshalb?“ - „Weil — weil ich der Intendant —
der Menus —“ „Was heisst Menus?“ — „Sire, es sind die Menus-Plaisirs
Eurer Majestät“. — „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im
Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König
den Rücken zu und ging.[58] Ludwig XV. hatte aber an seinen eigenen
im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger,
durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch
Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede
Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den
Marquis de Sade an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch
ist, was Moreau nach dem „Journal de Barbier“, nach Sismondi u. a. über
jene eigentümliche Verknüpfung von Religion und Wollust berichtet, welche
Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig
XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit
Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen
Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres
christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner
Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu
entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in
Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem
sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem
Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet
und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten
Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins
Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria
und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein
anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] Ludwig XV. besass auch,
was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für
das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-
Plaisirs“, La Ferté. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort
unter Ludwig XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als Ludwig
XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit
den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr La Ferté
vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte
dann: „Wer sind Sie?“ — „Sire, ich heisse La Ferté.“ - „Was wollen Sie von
mir?“ — „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät
entgegenzunehmen.“ — „Weshalb?“ - „Weil — weil ich der Intendant —
der Menus —“ „Was heisst Menus?“ — „Sire, es sind die Menus-Plaisirs
Eurer Majestät“. — „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im
Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König
den Rücken zu und ging.[58] Ludwig XV. hatte aber an seinen eigenen
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Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner Untertanen
kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle
obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die
Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
Ludwig XVI. und seine Gemahlin Marie Antoinette sind persönlich von
dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer
Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des
Königs, der Graf von Artois in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so
konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und
besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer
Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte
wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und
unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und
Unklugheiten Marie Antoinettes verdächtige und verabscheuenswerte
Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt Ludwigs XVI.
erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken
verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61]
Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen Marie
Antoinette und ihrem Schwager d’Artois (späteren König Karl X.). Die
Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina
geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf d’Artois war allerdings ein Hauptteilnehmer an den
von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie
der Herzog von Orléans, Philippe Egalité. Auf den berüchtigten nächtlichen
Promenaden im Palais Royal war der Graf von Artois eine gewöhnliche
Erscheinung. „Der Herr Graf von Artois, der an diesen modernen
Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens
und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den
„Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt Rétif de la Bretonne, dass im
Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von
Orléans, der Graf von Artois und andere häufig besuchten. „Dort gab man
sich allen Infamien hin, welche nachher von de Sade in seinem
schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben
wurden.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche Sade schildert.
[63] Als die Gemahlin des Grafen d’Artois 1775 in Paris einzog, wurde sie
von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem
kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle
obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die
Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
Ludwig XVI. und seine Gemahlin Marie Antoinette sind persönlich von
dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer
Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des
Königs, der Graf von Artois in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so
konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und
besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer
Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte
wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und
unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und
Unklugheiten Marie Antoinettes verdächtige und verabscheuenswerte
Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt Ludwigs XVI.
erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken
verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61]
Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen Marie
Antoinette und ihrem Schwager d’Artois (späteren König Karl X.). Die
Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina
geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf d’Artois war allerdings ein Hauptteilnehmer an den
von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie
der Herzog von Orléans, Philippe Egalité. Auf den berüchtigten nächtlichen
Promenaden im Palais Royal war der Graf von Artois eine gewöhnliche
Erscheinung. „Der Herr Graf von Artois, der an diesen modernen
Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens
und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den
„Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt Rétif de la Bretonne, dass im
Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von
Orléans, der Graf von Artois und andere häufig besuchten. „Dort gab man
sich allen Infamien hin, welche nachher von de Sade in seinem
schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben
wurden.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche Sade schildert.
[63] Als die Gemahlin des Grafen d’Artois 1775 in Paris einzog, wurde sie
von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem
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durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer Beweis
dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine öffentliche geworden war:
Célébrons tous à Paris
Un vaillant enfant de France;
Au moment qu’il entre en danse —,
Zeste, il vous a fait un fils!
C’est un vi..... c’est un vi.....
C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons,
On dirait qu’elle n’y touche,
Mais en nuptiale couche
A des talents non moins bons.
Le beau con.... le beau con...
Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux
En riant Bacchus s’avance;
Déjà dans la cuve immense,
S’entassent ses raisins doux.
Allons fou.... allons fou.....
Allons, allons fouler tous.[64]
Sade nennt (Juliette IV, 16) Marie Antoinette „la première putain de
France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu beschimpfen
(Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), wie er überhaupt
gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass hegt (Jul. IV,
16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette V, 340). Darüber
hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der Erde vertilgen, welche
die Völker berauben, und mochte eine „république universelle“ begründen.
(Jul. V, 119).
dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine öffentliche geworden war:
Célébrons tous à Paris
Un vaillant enfant de France;
Au moment qu’il entre en danse —,
Zeste, il vous a fait un fils!
C’est un vi..... c’est un vi.....
C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons,
On dirait qu’elle n’y touche,
Mais en nuptiale couche
A des talents non moins bons.
Le beau con.... le beau con...
Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux
En riant Bacchus s’avance;
Déjà dans la cuve immense,
S’entassent ses raisins doux.
Allons fou.... allons fou.....
Allons, allons fouler tous.[64]
Sade nennt (Juliette IV, 16) Marie Antoinette „la première putain de
France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu beschimpfen
(Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), wie er überhaupt
gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass hegt (Jul. IV,
16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette V, 340). Darüber
hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der Erde vertilgen, welche
die Völker berauben, und mochte eine „république universelle“ begründen.
(Jul. V, 119).
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4. Adel und Geistlichkeit.
Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis de Sade die
Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben
dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden,
Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische
Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem
Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen
einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich
rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite
Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht
verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die Begünstigung des Adels von
Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen
angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen
Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren
erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen
Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre Jugend in Luxus und
Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das
Institut der Abbés ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man
überall fand und die nichts war.“[67] Mercier[68] erzählt, dass Paris voll von
Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch
dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge
und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als
„Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in
allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch
eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unter Ludwig XVI.
aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts
entwirft der berühmte Gastronom Brillat-Savarin[69]: „Wenn eine adlige
Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam
anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung
hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er
mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus
Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis de Sade die
Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben
dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden,
Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische
Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem
Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen
einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich
rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite
Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht
verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die Begünstigung des Adels von
Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen
angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen
Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren
erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen
Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre Jugend in Luxus und
Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das
Institut der Abbés ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man
überall fand und die nichts war.“[67] Mercier[68] erzählt, dass Paris voll von
Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch
dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge
und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als
„Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in
allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch
eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unter Ludwig XVI.
aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts
entwirft der berühmte Gastronom Brillat-Savarin[69]: „Wenn eine adlige
Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam
anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung
hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er
mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus
Page 53
der Abbés. Aber es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge
Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer — durch eine
leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines
Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde,
Geliebten und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! — Die Abbés
waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig,
Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind
fette Betbrüder geworden.“ Sade hat diesen Typus im Abbé Chabert
(Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter
gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten Manuels über
die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.
Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der
„Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in Brillat-Savarin einen liebevollen
Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst
den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den
Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie
waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge
einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten
Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der
Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck
erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen. Sie haben
die Gicht.“[70]
Die Vertreter des Klerus sind in Sades Romanen die Verüber der
allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt Sade die Schandtaten, die
Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte
Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten. Und er
hat Grund dazu. Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des
französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden wir uns stets auf
authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der
Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der Polizei reden und geben
Sade Recht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl
weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.
So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die
übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die
Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die
einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt
Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer — durch eine
leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines
Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde,
Geliebten und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! — Die Abbés
waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig,
Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind
fette Betbrüder geworden.“ Sade hat diesen Typus im Abbé Chabert
(Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter
gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten Manuels über
die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.
Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der
„Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in Brillat-Savarin einen liebevollen
Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst
den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den
Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie
waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge
einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten
Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der
Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck
erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen. Sie haben
die Gicht.“[70]
Die Vertreter des Klerus sind in Sades Romanen die Verüber der
allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt Sade die Schandtaten, die
Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte
Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten. Und er
hat Grund dazu. Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des
französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden wir uns stets auf
authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der
Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der Polizei reden und geben
Sade Recht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl
weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.
So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die
übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die
Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die
einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt
Page 54
und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die Priester! Wer ist der
grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die
Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns
bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des
Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und
Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen? Und
wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen? Wir
verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das
Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und
Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den Romanen Sades
veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der
Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir
erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143),
beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I,
238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und
Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den Kardinälen Albani und
Bernis in Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und
Gotteslästerer, Sade lässt sogar — ein Unikum in seinen Werken — im
vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des
Kardinals Bernis vorlesen (S. 162–169). Wir gehen dazu über, aus den
Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis de Sade nicht
Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so
schimpflicher Weise blosstellt.
grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die
Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns
bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des
Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und
Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen? Und
wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen? Wir
verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das
Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und
Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den Romanen Sades
veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der
Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir
erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143),
beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I,
238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und
Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den Kardinälen Albani und
Bernis in Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und
Gotteslästerer, Sade lässt sogar — ein Unikum in seinen Werken — im
vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des
Kardinals Bernis vorlesen (S. 162–169). Wir gehen dazu über, aus den
Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis de Sade nicht
Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so
schimpflicher Weise blosstellt.
Page 55
5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit
der Geistlichen.
Pierre Manuel hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris
dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch
getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche
der grossen Revolution genannt werden darf. Adolf Schmidt, einer der
besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher
selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte
wie Manuel zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von Manuel als
eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
Manuel hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police
sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten
über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die
wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst
die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle
verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst nicht sie entehren. Denn der
keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.“ Kann die
Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als
Manuel es mit diesen Worten getan hat?
Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des
Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den
Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten.
Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
Franziskaner (S. 295–297): 12. Februar 1760. Der Bruder François
Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de
Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische
umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora,
sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
der Geistlichen.
Pierre Manuel hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris
dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch
getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche
der grossen Revolution genannt werden darf. Adolf Schmidt, einer der
besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher
selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte
wie Manuel zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von Manuel als
eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
Manuel hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police
sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten
über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die
wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst
die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle
verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst nicht sie entehren. Denn der
keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.“ Kann die
Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als
Manuel es mit diesen Worten getan hat?
Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des
Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den
Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten.
Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
Franziskaner (S. 295–297): 12. Februar 1760. Der Bruder François
Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de
Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische
umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora,
sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
Page 56
Bernhardiner (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux,
Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque.
Kommissar Mutel u. s. w.
Karmeliter (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-
Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il
prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin,
Kommissar Duruiman u. s. w.
Dominikaner (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im
Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar
Mutel u. s. w.
Kapuziner (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch
aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon
cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und
Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle
beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten,
da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
Rekollekten (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763.
Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn
geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter
dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit
7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie,
sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau
u. s. w.
Minimen (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf
die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Feuillantiner: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei
Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean
Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque.
Kommissar Mutel u. s. w.
Karmeliter (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-
Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il
prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin,
Kommissar Duruiman u. s. w.
Dominikaner (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im
Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar
Mutel u. s. w.
Kapuziner (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch
aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon
cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und
Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle
beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten,
da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
Rekollekten (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763.
Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn
geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter
dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit
7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie,
sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau
u. s. w.
Minimen (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf
die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Feuillantiner: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei
Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean
Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
Page 57
Augustiner (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause
Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der
Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre
alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-
Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue
du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe
gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich
ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand.
Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine
geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und
schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich
erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber
bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit
unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit
enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor
Marais.
18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
Praemonstratenser (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von
der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Büsser von Nazareth (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der
Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar
Mutel u. s. w.
Theatiner (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der
Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
Entre la chair et la chemise
Il faut cacher le bien qu’en fait.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Coelestiner (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von
Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der
Sunamitin auferweckt.
Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der
Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre
alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-
Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue
du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe
gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich
ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand.
Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine
geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und
schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich
erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber
bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit
unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit
enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor
Marais.
18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
Praemonstratenser (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von
der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Büsser von Nazareth (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der
Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar
Mutel u. s. w.
Theatiner (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der
Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
Entre la chair et la chemise
Il faut cacher le bien qu’en fait.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Coelestiner (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von
Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der
Sunamitin auferweckt.
Page 58
Barmherzige Brüder (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François
Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor
Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
Oratorianer (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der
Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel
abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder.
Kommissar Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Geneviève (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre
Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar
Sirebeau u, s. w.
2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich
zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen einer
Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von ihm in
der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]
Eremiten (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster
Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet.
Kommissar Mutel u. s. w.[74]
Christliche Schulen (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder
Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, welche
ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, Kommissar
Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Antoine (S. 312): 27. September 1765. François
Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche
eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.
Jesuiten (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, 52
Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. Kommissar
Mutel u s. w.[75]
Dekane, Würdenträger und Domherren (S. 313–315): 3. April 1764.
Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien gleicher
Ansicht mit Rubens zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 Pfund
Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.
14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei
der Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau
Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor
Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
Oratorianer (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der
Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel
abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder.
Kommissar Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Geneviève (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre
Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar
Sirebeau u, s. w.
2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich
zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen einer
Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von ihm in
der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]
Eremiten (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster
Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet.
Kommissar Mutel u. s. w.[74]
Christliche Schulen (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder
Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, welche
ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, Kommissar
Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Antoine (S. 312): 27. September 1765. François
Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche
eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.
Jesuiten (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, 52
Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. Kommissar
Mutel u s. w.[75]
Dekane, Würdenträger und Domherren (S. 313–315): 3. April 1764.
Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien gleicher
Ansicht mit Rubens zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 Pfund
Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.
14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei
der Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau
Page 59
u. s. w.
8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus
una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.
3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der
Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den
Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.
Pfarrer (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der
Lambert, per cuncta cava corporis libidinem recipientem. Kommissar
Mutel u. s. w.
22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina
latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Abbés (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie
Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum dritten
Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen Brief in
Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den Göttern zeigte,
und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen zu haben, bis in
den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, einen Schemel bei Hofe
haben sollte.
Doktoren der Sorbonne (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui
truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.
23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans
bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.
Erzieher (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des
Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges inierunt
benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Auswärtige Priester (S. 319–320): 28. Oktober 1762. François
Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie
kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den
Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. —
Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig.
Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente
geben eine genügende Erklärung und — Rechtfertigung für den
Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in Sades Romanen zukommt,
8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus
una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.
3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der
Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den
Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.
Pfarrer (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der
Lambert, per cuncta cava corporis libidinem recipientem. Kommissar
Mutel u. s. w.
22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina
latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Abbés (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie
Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum dritten
Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen Brief in
Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den Göttern zeigte,
und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen zu haben, bis in
den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, einen Schemel bei Hofe
haben sollte.
Doktoren der Sorbonne (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui
truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.
23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans
bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.
Erzieher (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des
Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges inierunt
benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Auswärtige Priester (S. 319–320): 28. Oktober 1762. François
Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie
kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den
Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. —
Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig.
Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente
geben eine genügende Erklärung und — Rechtfertigung für den
Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in Sades Romanen zukommt,
Page 60
und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos von Sade bedacht
wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen
von Predigern der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser
frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.
Manuel bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein Bischof in
derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von
einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen
geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des
Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den
Erzbischof von Lyon bei Sade zu suchen haben.[76]
Ausser diesen Berichten Manuels existiert noch ein sehr grosses Werk
über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach
der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille
gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in
zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung
von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris.
Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände
umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten
wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den
Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.
In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des Pfarrers von Bagnolet und
der Mademoiselle Mimie. In der Autographensammlung von Lucas-
Montigny befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, M. de
Inigué an den Polizeiintendanten Le Noir[78]:
Le clerc de Inigué.
Conflans, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!
Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft
eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn
es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich
sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.
Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und
ergebener Diener.
Antoine E. L., Erzbischof von Paris.
wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen
von Predigern der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser
frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.
Manuel bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein Bischof in
derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von
einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen
geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des
Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den
Erzbischof von Lyon bei Sade zu suchen haben.[76]
Ausser diesen Berichten Manuels existiert noch ein sehr grosses Werk
über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach
der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille
gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in
zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung
von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris.
Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände
umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten
wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den
Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.
In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des Pfarrers von Bagnolet und
der Mademoiselle Mimie. In der Autographensammlung von Lucas-
Montigny befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, M. de
Inigué an den Polizeiintendanten Le Noir[78]:
Le clerc de Inigué.
Conflans, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!
Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft
eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn
es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich
sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.
Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und
ergebener Diener.
Antoine E. L., Erzbischof von Paris.
Page 61
Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des
Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die
Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“
Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser
Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir
werden in das Bordell der Madame Richard geführt. Sapho (so heisst das
junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der
Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen
doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer
unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn
um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit
Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche
sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von
Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette
befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit
geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main
sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche
„Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die
Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.
Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen
Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte
Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser Diözese.
Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer von ihnen ist ein
Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une femme.[80]
Auch durch Gedichte und Bilder wurde die sexuelle Liederlichkeit des
Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der Exjesuit
Cerutti geleistet, wenn er sagt[81]:
Des mensonges sacrés le commerce sordide
Partout du sacerdoce a grossi le trésor.
Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or.
Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse;
Contemplez les bûchers que Rome canonise;
Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.
Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:
On a choisi cinq Evêques paillards,
Tous cinq ronges de vérole et de chancre,
Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die
Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“
Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser
Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir
werden in das Bordell der Madame Richard geführt. Sapho (so heisst das
junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der
Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen
doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer
unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn
um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit
Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche
sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von
Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette
befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit
geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main
sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche
„Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die
Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.
Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen
Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte
Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser Diözese.
Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer von ihnen ist ein
Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une femme.[80]
Auch durch Gedichte und Bilder wurde die sexuelle Liederlichkeit des
Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der Exjesuit
Cerutti geleistet, wenn er sagt[81]:
Des mensonges sacrés le commerce sordide
Partout du sacerdoce a grossi le trésor.
Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or.
Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse;
Contemplez les bûchers que Rome canonise;
Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.
Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:
On a choisi cinq Evêques paillards,
Tous cinq ronges de vérole et de chancre,
Page 62
Pour réformer des Moines trop gaillards.
Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher
man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse
betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie
aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das
zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren
hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf
derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims
(De la Roche-Aymon) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben
einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem
Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von
Arles (de Jumilhac) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den
Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht
die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (Dillon) auf
sich. Der Erzbischof von Toulouse (de Brienne) ist in seinem Amtszimmer
und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen
mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich
überreicht der Erzbischof von Bourges (Phelyppeaux) einer jungen Dame
einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines
Freudenmädchens trägt.
Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher
man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse
betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie
aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das
zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren
hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf
derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims
(De la Roche-Aymon) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben
einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem
Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von
Arles (de Jumilhac) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den
Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht
die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (Dillon) auf
sich. Der Erzbischof von Toulouse (de Brienne) ist in seinem Amtszimmer
und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen
mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich
überreicht der Erzbischof von Bourges (Phelyppeaux) einer jungen Dame
einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines
Freudenmädchens trägt.
Page 63
6. Die Jesuiten.
In seinen „persischen Briefen“ lässt Montesquieu den Rica auch eine
Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher erklärt.
Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, welche
„die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; welche in ihrer
Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der Liebe
hervorbringen kann, sie nebeneinander stellen, mit einander vergleichen
und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich noch, wenn
sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der Spiessgesell so
vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so nackt hingemalt
werden!“[83]
Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18.
Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, die
Wollust durch die Religion zu legitimieren, und die eigenen unsittlichen
Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu kleiden. Der Jesuit
hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen aufzusuchen. In seiner
Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde es ihm leicht gemacht,
seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu befriedigen, die als „göttliche
Eingebungen“ gegen polizeiliche Recherchen zur Genüge geschützt waren.
Schon im 17. Jahrhundert musste Cornelius Jansen gegen die
jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden
schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern
Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der Jesuit
Benzi lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas monialium tangere,
esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. In Konsequenz dieser
Vorschriften schändete de la Chaise, der Beichtvater Ludwigs XIV. die
Hofdamen und führte dem Könige von England Maitressen zu[86]. Junge
Damen in Holland liessen sich von Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso
die Hofdamen zu Lissabon unter Nunez.[87] Der Jesuit Herreau lehrte 1642,
dass es erlaubt sei, sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies
seinen Schülern und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16.
In seinen „persischen Briefen“ lässt Montesquieu den Rica auch eine
Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher erklärt.
Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, welche
„die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; welche in ihrer
Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der Liebe
hervorbringen kann, sie nebeneinander stellen, mit einander vergleichen
und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich noch, wenn
sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der Spiessgesell so
vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so nackt hingemalt
werden!“[83]
Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18.
Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, die
Wollust durch die Religion zu legitimieren, und die eigenen unsittlichen
Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu kleiden. Der Jesuit
hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen aufzusuchen. In seiner
Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde es ihm leicht gemacht,
seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu befriedigen, die als „göttliche
Eingebungen“ gegen polizeiliche Recherchen zur Genüge geschützt waren.
Schon im 17. Jahrhundert musste Cornelius Jansen gegen die
jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden
schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern
Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der Jesuit
Benzi lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas monialium tangere,
esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. In Konsequenz dieser
Vorschriften schändete de la Chaise, der Beichtvater Ludwigs XIV. die
Hofdamen und führte dem Könige von England Maitressen zu[86]. Junge
Damen in Holland liessen sich von Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso
die Hofdamen zu Lissabon unter Nunez.[87] Der Jesuit Herreau lehrte 1642,
dass es erlaubt sei, sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies
seinen Schülern und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16.
Page 64
Jahrhundert die Damen in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im
Jahre 1789 wieder nachgeahmt wurde.[89]
Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der
Apologie des Mordes durch Sade in nichts nachgibt, sei auf die Abhandlung
ihres Urhebers J. de Mariana[90], sowie auf die berühmten, die ganze
Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres provinciales“
von Blaise Pascal verwiesen (Cologne 1657). Auch im 18. Jahrhundert
erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern unzüchtige
Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So schrieb der letzte
Ordensgeneral vor der Aufhebung, Lorenzo Ricci, in einem im Brüsseler
Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten sich gegenüber den
jungen und — reichen Witwen zu benehmen haben. Sie sollen sich alle
mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten Heirat abzuhalten, indem
sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, die Gefahr für ihre Seele
u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber trotz alledem die jungen Witwen
grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe haben, wenn sie sich in dem Falle
befinden: melius est nubere quam uri, dann darf ein kluger und diskreter
Pater ihnen seine Dienste gegen die Verlockungen des Fleisches anbieten.
[91]
Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten Jean
Baptiste Girard und seinem Beichtkind Cathérine Cadière zu Toulon, die
im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure Literatur
gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild gedient.[93]
Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces concernant le
Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ (1731) niedergelegt.
Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten Situationen verbildlicht haben;
seine Zusammenstellung wird dem Marquis d’Argens, dem Grafen Caylus,
sowie Mirabeau zugeschrieben. Auch hat man behauptet, dass der Marquis
de Sade zu seiner „Justine“ durch obiges Werk angeregt worden sei.[94]
Der Jesuit Girard hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger in
Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet, in welche
die schöne und fromme Katharina Cadière, Tochter eines reichen
Kaufmanns, eintrat. Es gelang Girard, durch die Anwendung der
raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen und
dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen.
Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste geistige
Jahre 1789 wieder nachgeahmt wurde.[89]
Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der
Apologie des Mordes durch Sade in nichts nachgibt, sei auf die Abhandlung
ihres Urhebers J. de Mariana[90], sowie auf die berühmten, die ganze
Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres provinciales“
von Blaise Pascal verwiesen (Cologne 1657). Auch im 18. Jahrhundert
erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern unzüchtige
Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So schrieb der letzte
Ordensgeneral vor der Aufhebung, Lorenzo Ricci, in einem im Brüsseler
Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten sich gegenüber den
jungen und — reichen Witwen zu benehmen haben. Sie sollen sich alle
mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten Heirat abzuhalten, indem
sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, die Gefahr für ihre Seele
u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber trotz alledem die jungen Witwen
grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe haben, wenn sie sich in dem Falle
befinden: melius est nubere quam uri, dann darf ein kluger und diskreter
Pater ihnen seine Dienste gegen die Verlockungen des Fleisches anbieten.
[91]
Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten Jean
Baptiste Girard und seinem Beichtkind Cathérine Cadière zu Toulon, die
im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure Literatur
gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild gedient.[93]
Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces concernant le
Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ (1731) niedergelegt.
Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten Situationen verbildlicht haben;
seine Zusammenstellung wird dem Marquis d’Argens, dem Grafen Caylus,
sowie Mirabeau zugeschrieben. Auch hat man behauptet, dass der Marquis
de Sade zu seiner „Justine“ durch obiges Werk angeregt worden sei.[94]
Der Jesuit Girard hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger in
Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet, in welche
die schöne und fromme Katharina Cadière, Tochter eines reichen
Kaufmanns, eintrat. Es gelang Girard, durch die Anwendung der
raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen und
dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen.
Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste geistige
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Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens, in deren
Verlaufe Girard dasselbe schwängerte, aber sofort nach jesuitischer Moral
durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern wusste.
Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem er aber zur
allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.
Dies Urteil veranlasste Voltaire zu dem sarkastischen Ausspruche:
Le P. Girard, rempli de flamme,
D’une fille a fait une femme;
Mais le parlement, plus habile,
D’une femme a fait une fille.
Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière
darstellte, die Verse:
Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle:
Ah, Girard est plus heureux qu’elle.
Verlaufe Girard dasselbe schwängerte, aber sofort nach jesuitischer Moral
durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern wusste.
Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem er aber zur
allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.
Dies Urteil veranlasste Voltaire zu dem sarkastischen Ausspruche:
Le P. Girard, rempli de flamme,
D’une fille a fait une femme;
Mais le parlement, plus habile,
D’une femme a fait une fille.
Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière
darstellte, die Verse:
Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle:
Ah, Girard est plus heureux qu’elle.
Page 66
7. Die schwarze Messe.
Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult der
sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer „Personifikation des
physischen Begattungs-Mysteriums“ als Protest gegen die ausschliessliche
Herrschaft der „metaphysischen Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte
dieser merkwürdigen Sekte, die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen
Félicien Rops einen ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch
festhaltenden Künstler besessen hat, ist von G. Legué[96] und vor allem von
Stanislaus Przybyszewski[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan
und Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen
Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom
Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der
Begeisterung und des Rausches.
Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt
geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat er
geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische Bewegung
gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der heilige Phallus mit
seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“ Das war die Zeit der
naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam das juden-griechische
Christentum und predigte die übernatürliche, asketische Vaterschafts-
Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam von der Natur los. „Sie
zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur, die sich nach aussen in
Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie beschützt all’ das, was die
Natur ausstossen will, den Schmutz, die Hässlichkeit, die Krankheit, den
Krüppel und den Kastrierten“. Aber die Natur lässt sich nicht austreiben.
Und so musste auch die Kirche nachgeben und schliesslich den heidnischen
Kultus mit dem ihrigen verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der
Ceres Libera wurden bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer
Ausgelassenheit gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte
das Volk zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das
Fest des Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) — Reste des
Phalluskultus verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten
Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult der
sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer „Personifikation des
physischen Begattungs-Mysteriums“ als Protest gegen die ausschliessliche
Herrschaft der „metaphysischen Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte
dieser merkwürdigen Sekte, die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen
Félicien Rops einen ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch
festhaltenden Künstler besessen hat, ist von G. Legué[96] und vor allem von
Stanislaus Przybyszewski[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan
und Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen
Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom
Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der
Begeisterung und des Rausches.
Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt
geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat er
geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische Bewegung
gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der heilige Phallus mit
seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“ Das war die Zeit der
naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam das juden-griechische
Christentum und predigte die übernatürliche, asketische Vaterschafts-
Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam von der Natur los. „Sie
zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur, die sich nach aussen in
Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie beschützt all’ das, was die
Natur ausstossen will, den Schmutz, die Hässlichkeit, die Krankheit, den
Krüppel und den Kastrierten“. Aber die Natur lässt sich nicht austreiben.
Und so musste auch die Kirche nachgeben und schliesslich den heidnischen
Kultus mit dem ihrigen verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der
Ceres Libera wurden bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer
Ausgelassenheit gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte
das Volk zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das
Fest des Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) — Reste des
Phalluskultus verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten
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von obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den
Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“ Der
eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus im
südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan den
ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der
„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der
obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen die
christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester, wo sie sie nur
auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu obscönsten Zwecken,
und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die Parodie des katholischen Kultus.
In ihren Zusammenkünften, ihren parodistischen Messen ist bereits der
satanistische Sabbat völlig, sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize
musste bei der Aufnahme allen katholischen Glauben abschwören, das
Kreuz bespeien, der Taufe und der Oelung entsagen“. Trotz der
Verfolgungen der Kirche erhielt sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo
potest peccare ab umbilico et inferius“ fand besonders unter
„unbefriedigten“ Priestern Anhänger. Die Sünde durch die Sünde töten! Das
war ihr grosses Prinzip der geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle
Weiber, die mit ihm sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h.
Maitressen der Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der
Flagellantismus, die Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche
Hysterie bis aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre
Triumphe. Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen
geblieben und hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der
Neuzeit ist sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die
„Adamiten“ oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt
versammeln, das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben,
die schon 1421 auf einer Insel im Flusse Luschwitz von Johannes Ziska
ausgerottet wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des
Chrudimer Kreises als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde
deshalb gewählt, weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus
Marokko kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die
„Oneidagemeinde“ oder die den alten Namen der „Perfekti“ wieder
erneuernden „Perfektionisten“ im Staate New-York (seit 1831). Noch heute
wird der Satans-Kult in Paris gefeiert, wie dies die Werke von Huysmans[99]
u. a. schildern.
Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“ Der
eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus im
südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan den
ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der
„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der
obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen die
christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester, wo sie sie nur
auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu obscönsten Zwecken,
und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die Parodie des katholischen Kultus.
In ihren Zusammenkünften, ihren parodistischen Messen ist bereits der
satanistische Sabbat völlig, sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize
musste bei der Aufnahme allen katholischen Glauben abschwören, das
Kreuz bespeien, der Taufe und der Oelung entsagen“. Trotz der
Verfolgungen der Kirche erhielt sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo
potest peccare ab umbilico et inferius“ fand besonders unter
„unbefriedigten“ Priestern Anhänger. Die Sünde durch die Sünde töten! Das
war ihr grosses Prinzip der geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle
Weiber, die mit ihm sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h.
Maitressen der Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der
Flagellantismus, die Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche
Hysterie bis aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre
Triumphe. Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen
geblieben und hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der
Neuzeit ist sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die
„Adamiten“ oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt
versammeln, das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben,
die schon 1421 auf einer Insel im Flusse Luschwitz von Johannes Ziska
ausgerottet wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des
Chrudimer Kreises als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde
deshalb gewählt, weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus
Marokko kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die
„Oneidagemeinde“ oder die den alten Namen der „Perfekti“ wieder
erneuernden „Perfektionisten“ im Staate New-York (seit 1831). Noch heute
wird der Satans-Kult in Paris gefeiert, wie dies die Werke von Huysmans[99]
u. a. schildern.
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Berühmt wurde der Prozess der Magdalaine Bavent im 17. Jahrhundert,
der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit
brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé Guibourg, bei dem Racine, Lord
Buckingham und die Marquise de Montespan die schwarze Messe
hörten[101].
Der Marquis de Sade bekundet sich in seinen Romanen als einen
fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen
in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.) wird eine
solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert. Ein Mädchen wird
als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische festgebunden, mit zum
Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt auf einen grossen Tisch
gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss wird mit einem Kruzifix
geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss die absurdesten Mysterien
des Christentums“. Dann wird auf den Nates der Justine eine Messe
gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist, ergreift sie der Mönch
Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der Hostienaberglauben mit
den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der
„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit
Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum
tribadum gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der
Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche eine
schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano filiae
inseritur.
der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit
brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé Guibourg, bei dem Racine, Lord
Buckingham und die Marquise de Montespan die schwarze Messe
hörten[101].
Der Marquis de Sade bekundet sich in seinen Romanen als einen
fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen
in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.) wird eine
solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert. Ein Mädchen wird
als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische festgebunden, mit zum
Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt auf einen grossen Tisch
gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss wird mit einem Kruzifix
geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss die absurdesten Mysterien
des Christentums“. Dann wird auf den Nates der Justine eine Messe
gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist, ergreift sie der Mönch
Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der Hostienaberglauben mit
den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der
„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit
Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum
tribadum gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der
Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche eine
schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano filiae
inseritur.
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8. Die Nonnenklöster.
Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert
schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen können. Das
bei Sade (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster Panthémont in Paris
existierte wirklich! „Das grosse Kloster des 18. Jahrhunderts nach dem
Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche Erziehungshaus der ‚Filles de
France‘, ist das Kloster Panthémont, das Fürstenkloster der rue de Grenelle,
wo die Prinzessinnen erzogen wurden, wohin der höchste Adel seine
Töchter schickt.“[102] Panthémont war das teuerste aller Klöster. Die
gewöhnliche Pension für junge Mädchen betrug 600 Livres, die
aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende des Jahrhunderts stieg sie auf
800 bezw. 1000 Livres, welche letztere Summe die mit der Aebtissin
speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.
Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das
über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende Wort:
Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter Buchstabe. Die
Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten die weltlichen
Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. Aber es fand
trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch die Laienschwestern
wurden auch die Nonnen über die Ereignisse ausserhalb des Klosters
unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben dem Kloster nicht fern, wie
auch der Verkehr mit den jesuitischen Beichtvätern und das intime
Zusammensein so vieler junger und alter Frauen gewiss die aus früheren
Jahrhunderten bekannten sexuellen Verirrungen in Nonnenklöstern nicht
haben aufhören lassen. Wenn die Gebrüder Goncourt sich darüber wundern,
dass im Kloster Panthémont ein Buch wie die „Confidences d’une jolie
femme“ der Mademoiselle d’Albert geschrieben werden konnte, mit seinen
wenig moralischen Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die
Goncourts in ihrer bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die
„gute, alte Zeit“ eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht
anerkennen. Freilich haben wir gerade über die französischen
Nonnenklöster wenig zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das
Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert
schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen können. Das
bei Sade (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster Panthémont in Paris
existierte wirklich! „Das grosse Kloster des 18. Jahrhunderts nach dem
Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche Erziehungshaus der ‚Filles de
France‘, ist das Kloster Panthémont, das Fürstenkloster der rue de Grenelle,
wo die Prinzessinnen erzogen wurden, wohin der höchste Adel seine
Töchter schickt.“[102] Panthémont war das teuerste aller Klöster. Die
gewöhnliche Pension für junge Mädchen betrug 600 Livres, die
aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende des Jahrhunderts stieg sie auf
800 bezw. 1000 Livres, welche letztere Summe die mit der Aebtissin
speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.
Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das
über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende Wort:
Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter Buchstabe. Die
Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten die weltlichen
Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. Aber es fand
trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch die Laienschwestern
wurden auch die Nonnen über die Ereignisse ausserhalb des Klosters
unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben dem Kloster nicht fern, wie
auch der Verkehr mit den jesuitischen Beichtvätern und das intime
Zusammensein so vieler junger und alter Frauen gewiss die aus früheren
Jahrhunderten bekannten sexuellen Verirrungen in Nonnenklöstern nicht
haben aufhören lassen. Wenn die Gebrüder Goncourt sich darüber wundern,
dass im Kloster Panthémont ein Buch wie die „Confidences d’une jolie
femme“ der Mademoiselle d’Albert geschrieben werden konnte, mit seinen
wenig moralischen Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die
Goncourts in ihrer bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die
„gute, alte Zeit“ eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht
anerkennen. Freilich haben wir gerade über die französischen
Nonnenklöster wenig zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das
Page 70
Kloster Panthémont nur eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.
[104] Aber was beweist das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu
Tage. Sie war es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur
französischen Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar
blickenden Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte
gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für das
ancien régime begeisterten Buckle.[105] Man denke an das früher
Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch
beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst
Tocqueville, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen des 18.
Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il compromettait par
sa conduite“, was Buckle als besonders bemerkenswert hervorhebt.[106] Was
ferner die Goncourts ganz übersehen haben, ist der entscheidende Umstand,
dass das Treiben in den Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung
in Theaterstücken wurde, wie Lanjons „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der
Dragoner und die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die
ungeheure Verbreitung der Tribadie in Frankreich im 18. Jahrhundert, die
wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den
geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der
berühmte Roman Diderots „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen der
Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen
Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]
So dürfen wir Sade schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus
dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und
unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade
Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels,
und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als
„bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).
Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die
Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen.
Gorani, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von
wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die
Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der Nonnen von Prato
(bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18.
Jahrhunderts ans Licht gezogen. v. Reumont gibt darüber folgende
Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in
[104] Aber was beweist das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu
Tage. Sie war es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur
französischen Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar
blickenden Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte
gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für das
ancien régime begeisterten Buckle.[105] Man denke an das früher
Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch
beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst
Tocqueville, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen des 18.
Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il compromettait par
sa conduite“, was Buckle als besonders bemerkenswert hervorhebt.[106] Was
ferner die Goncourts ganz übersehen haben, ist der entscheidende Umstand,
dass das Treiben in den Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung
in Theaterstücken wurde, wie Lanjons „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der
Dragoner und die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die
ungeheure Verbreitung der Tribadie in Frankreich im 18. Jahrhundert, die
wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den
geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der
berühmte Roman Diderots „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen der
Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen
Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]
So dürfen wir Sade schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus
dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und
unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade
Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels,
und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als
„bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).
Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die
Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen.
Gorani, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von
wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die
Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der Nonnen von Prato
(bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18.
Jahrhunderts ans Licht gezogen. v. Reumont gibt darüber folgende
Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in
Page 71
Dominikanerinnen-Klöstern Unordnungen schlimmster Art sich
gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von
fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für
die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen
Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten
Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch.
Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen
Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der
vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das
Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess
unterwerfen. Zugleich liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den
Frauenklöstern ihres Ordens untersagen und im Falle von Ungehorsam den
Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so
grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien
angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche
Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den
Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei
auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des
edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, Scipione de’ Ricci (nicht
zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral Lorenzo Ricci) von Potter.[111]
gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von
fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für
die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen
Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten
Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch.
Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen
Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der
vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das
Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess
unterwerfen. Zugleich liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den
Frauenklöstern ihres Ordens untersagen und im Falle von Ungehorsam den
Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so
grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien
angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche
Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den
Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei
auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des
edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, Scipione de’ Ricci (nicht
zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral Lorenzo Ricci) von Potter.[111]
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9. Die Frau im 18. Jahrhundert.
Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der
Frau. Mit Recht meint Georg Brandes[112], dass die Goncourts, diese so fein
empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der
Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der
„Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der Goncourts
über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten
kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr
die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft
und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene
Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt,
der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt,
das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die Frau.“ Vom Anfang bis zum
Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die
Regierung der Mesdames de Prie, de Mailly, de Châteauroux, de
Pompadour, du Barry, de Polignac. Im Staat, in der Politik, in der
Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten
des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer
Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten
„Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer Du Deffand, Necker, Lespinasse,
Geoffrin, im Salon des Grandval, gaben Frauen als die Schöpferinnen
dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der
wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete
Gesellschaft“ geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür,
dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie,
dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe
unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse
der Frauen ganz gut eine Verachtung des weiblichen Geschlechts bestehen
kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der
Frau. Mit Recht meint Georg Brandes[112], dass die Goncourts, diese so fein
empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der
Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der
„Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der Goncourts
über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten
kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr
die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft
und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene
Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt,
der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt,
das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die Frau.“ Vom Anfang bis zum
Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die
Regierung der Mesdames de Prie, de Mailly, de Châteauroux, de
Pompadour, du Barry, de Polignac. Im Staat, in der Politik, in der
Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten
des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer
Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten
„Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer Du Deffand, Necker, Lespinasse,
Geoffrin, im Salon des Grandval, gaben Frauen als die Schöpferinnen
dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der
wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete
Gesellschaft“ geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür,
dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie,
dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe
unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse
der Frauen ganz gut eine Verachtung des weiblichen Geschlechts bestehen
kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Page 73
Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust
geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der
Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei.
(Goncourts a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu
rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im
Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer Quinault, unter
den unzüchtigen Reden eines Duclos und Saint-Lambert, berauscht von den
Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit
von der Scham sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich
befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen
Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus
und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von
Helvétius u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von Buffon in der
berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht
wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und
diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich
darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung
solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz,
schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt
eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich
nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher
Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur
Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. Bernards
berühmte Nachäffung des Ovid, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles
Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours
platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces
d’habitude“ jener Zeit. Der Abbé Galiani sagt: „Die Frauen dieser Zeit
lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist
eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen
Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der
geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen
Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles
Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu
erhöhen.[118]
geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der
Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei.
(Goncourts a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu
rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im
Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer Quinault, unter
den unzüchtigen Reden eines Duclos und Saint-Lambert, berauscht von den
Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit
von der Scham sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich
befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen
Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus
und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von
Helvétius u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von Buffon in der
berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht
wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und
diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich
darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung
solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz,
schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt
eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich
nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher
Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur
Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. Bernards
berühmte Nachäffung des Ovid, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles
Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours
platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces
d’habitude“ jener Zeit. Der Abbé Galiani sagt: „Die Frauen dieser Zeit
lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist
eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen
Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der
geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen
Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles
Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu
erhöhen.[118]
Page 74
Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse
vor. Immer wieder wird von Sade in seinen Romanen betont, wie sehr durch
die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und
gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese
Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. Mercier erzählt[119], dass die
grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien
Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen
bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der
Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei
selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen,
Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene
Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen
und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein
Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz
vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren
gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte Schamlosigkeit des Weibes. Mit 30
Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb
nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die
Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes
Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So
jauchzen und freuen sich auch die Frauen in Sades Romanen, dass sie
Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der
„putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart
empfindende Seele wie Madame Roland kennt kein Gefühl der
Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und
ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren
Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer
Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei Sade
(Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize
beschreibt?
Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich
männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites
maisons der Roués mieteten, um wie die Goncourts sich ausdrücken, „die
Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen
ihr Vergnügen suchten. Rétif de la Bretonne glaubte die Gräfin d’Egmont in
vor. Immer wieder wird von Sade in seinen Romanen betont, wie sehr durch
die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und
gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese
Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. Mercier erzählt[119], dass die
grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien
Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen
bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der
Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei
selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen,
Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene
Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen
und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein
Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz
vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren
gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte Schamlosigkeit des Weibes. Mit 30
Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb
nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die
Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes
Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So
jauchzen und freuen sich auch die Frauen in Sades Romanen, dass sie
Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der
„putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart
empfindende Seele wie Madame Roland kennt kein Gefühl der
Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und
ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren
Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer
Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei Sade
(Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize
beschreibt?
Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich
männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites
maisons der Roués mieteten, um wie die Goncourts sich ausdrücken, „die
Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen
ihr Vergnügen suchten. Rétif de la Bretonne glaubte die Gräfin d’Egmont in
Page 75
einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] Umgekehrt war es
keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise
hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl
noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin,
nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind
gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in
der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich,
doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder
brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die Du
Barry! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in
Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame Gourdan, von dem
später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf Jean
Du Barry kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur
Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe
Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd
auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort,
das Wort „s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die
sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt
wurde sie durch die berühmten „Convulsionen“, jene merkwürdigen
hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis
1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten
den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese
so berühmten Abbé Paris zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt
bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu
nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof
mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen,
Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette
convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die
Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher,
als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen
aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé
Bécherand ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“
eine erotische Färbung. Dulaure hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die
Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie
diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle
Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen
keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise
hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl
noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin,
nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind
gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in
der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich,
doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder
brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die Du
Barry! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in
Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame Gourdan, von dem
später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf Jean
Du Barry kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur
Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe
Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd
auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort,
das Wort „s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die
sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt
wurde sie durch die berühmten „Convulsionen“, jene merkwürdigen
hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis
1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten
den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese
so berühmten Abbé Paris zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt
bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu
nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof
mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen,
Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette
convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die
Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher,
als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen
aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé
Bécherand ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“
eine erotische Färbung. Dulaure hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die
Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie
diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle
Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen
Page 76
Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren Anfällen
„niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und
zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent,
zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive
Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden
jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin
moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten,
und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten,
ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit
ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“
von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.
Die Hysterie („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den
französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame
Abricossoff zeigt.[128] Sauvages hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen
dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das
weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria
libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere
Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in
einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“,
die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden
Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein
notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine
Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der
Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten
nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf,
die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität.
Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren
Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie
begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu
verderben. Die Typen der Gestalten Sades lebten! Darüber kann kein
Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren
Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das
Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum
Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren
Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter
„niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und
zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent,
zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive
Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden
jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin
moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten,
und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten,
ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit
ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“
von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.
Die Hysterie („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den
französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame
Abricossoff zeigt.[128] Sauvages hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen
dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das
weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria
libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere
Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in
einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“,
die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden
Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein
notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine
Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der
Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten
nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf,
die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität.
Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren
Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie
begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu
verderben. Die Typen der Gestalten Sades lebten! Darüber kann kein
Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren
Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das
Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum
Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren
Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter
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Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer — Liebe aus dem
Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage
des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden Goncourts, dass
diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die
dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche
Persönlichkeiten bezeugt wird. Die Goncourts nennen den Herzog von
Choiseul, den Marquis de Louvois, den seine Geliebte, Madame de Blot,
folternden Grafen de Frise als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine
vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das
weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für Sades
Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der
Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor
Sade, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen,
in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener
mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in
der Schreckenszeit unter Chaumettes Leitung die „theosophischen Orgien
der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die
Maillard, die Moncoro, die Aubry auf sehr irdische Weise verehrt wurden,
da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die
„flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser Schiller mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten
Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie
sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La
République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst:
De ces effrayantes femelles
Les intarissables mamelles
Comme de publiques gamelles,
Offrent à boire à tout passant;
Et la liqueur qui toujours coule,
Et dont l’abominable foule
Avec avidité se saoule,
Ce n’est pas du lait, mais du sang.[134]
Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage
des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden Goncourts, dass
diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die
dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche
Persönlichkeiten bezeugt wird. Die Goncourts nennen den Herzog von
Choiseul, den Marquis de Louvois, den seine Geliebte, Madame de Blot,
folternden Grafen de Frise als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine
vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das
weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für Sades
Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der
Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor
Sade, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen,
in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener
mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in
der Schreckenszeit unter Chaumettes Leitung die „theosophischen Orgien
der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die
Maillard, die Moncoro, die Aubry auf sehr irdische Weise verehrt wurden,
da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die
„flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser Schiller mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten
Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie
sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La
République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst:
De ces effrayantes femelles
Les intarissables mamelles
Comme de publiques gamelles,
Offrent à boire à tout passant;
Et la liqueur qui toujours coule,
Et dont l’abominable foule
Avec avidité se saoule,
Ce n’est pas du lait, mais du sang.[134]
Page 78
Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen
bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie sie
in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten Einfluss
ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, de facto aber
sich geltend machte. Und doch war die Missachtung des Weibes nie so
gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten alle geistreichen
Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der Frau, das z. B. die junge Gräfin
Crigny zur Teilnahme an Sektionen trieb[135], wenn dabei sichtlich das
Familienleben zerstört wurde, wenn der Schwerpunkt des weiblichen
Wirkens ausserhalb des eignen Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir
im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor
uns haben, und es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die
wahre Schätzung des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die
sogenannte Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern
wird.
Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: Montesquieu,
Rousseau, Voltaire und Diderot haben die Verachtung des Weibes gepredigt.
Man denke nur an Voltaires bitter-sarkastische Aeusserungen über seine
treue Freundin Madame Du Châtelet. Das Weib ist nach Rousseau nur zum
Vergnügen des Mannes geschaffen worden. Nach Montesquieu hat der
Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur Anmut, und Diderot sah in der
Frau einzig und allein ein Objekt der Sinnenlust. „So ist die Frau nach
Diderot eine Courtisane, nach Montesquieu ein anmutiges Kind, nach
Rousseau ein Gegenstand des Vergnügens, nach Voltaire — Nichts.“[136]
Als in der Revolution Condorcet und Siéyès für die häusliche und politische
Emanzipation der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch
die mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18.
Jahrhunderts, durch Mirabeau, Danton und Robespierre.“ Und für
Napoléon I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: eine Frau tun
zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner der Frau im 18.
Jahrhundert, Rétif de la Bretonne, äussert oft in starken Worten seine
Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache dieser Verachtung ist klar.
Die Ehe ist, wie Westermarck in seinem klassischen Werke zur Evidenz
nachgewiesen hat, dasjenige Institut, dem die Menschheit ihre sittliche
Vervollkommnung verdankt, sie ist das absolut sittliche Institut. In der Ehe
ist das Weib dem Manne ebenbürtig, weil es ihn ergänzt. Ausserhalb der
Ehe kann das Weib den Mann nicht ersetzen, wird folglich alsbald
bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie sie
in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten Einfluss
ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, de facto aber
sich geltend machte. Und doch war die Missachtung des Weibes nie so
gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten alle geistreichen
Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der Frau, das z. B. die junge Gräfin
Crigny zur Teilnahme an Sektionen trieb[135], wenn dabei sichtlich das
Familienleben zerstört wurde, wenn der Schwerpunkt des weiblichen
Wirkens ausserhalb des eignen Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir
im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor
uns haben, und es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die
wahre Schätzung des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die
sogenannte Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern
wird.
Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: Montesquieu,
Rousseau, Voltaire und Diderot haben die Verachtung des Weibes gepredigt.
Man denke nur an Voltaires bitter-sarkastische Aeusserungen über seine
treue Freundin Madame Du Châtelet. Das Weib ist nach Rousseau nur zum
Vergnügen des Mannes geschaffen worden. Nach Montesquieu hat der
Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur Anmut, und Diderot sah in der
Frau einzig und allein ein Objekt der Sinnenlust. „So ist die Frau nach
Diderot eine Courtisane, nach Montesquieu ein anmutiges Kind, nach
Rousseau ein Gegenstand des Vergnügens, nach Voltaire — Nichts.“[136]
Als in der Revolution Condorcet und Siéyès für die häusliche und politische
Emanzipation der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch
die mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18.
Jahrhunderts, durch Mirabeau, Danton und Robespierre.“ Und für
Napoléon I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: eine Frau tun
zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner der Frau im 18.
Jahrhundert, Rétif de la Bretonne, äussert oft in starken Worten seine
Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache dieser Verachtung ist klar.
Die Ehe ist, wie Westermarck in seinem klassischen Werke zur Evidenz
nachgewiesen hat, dasjenige Institut, dem die Menschheit ihre sittliche
Vervollkommnung verdankt, sie ist das absolut sittliche Institut. In der Ehe
ist das Weib dem Manne ebenbürtig, weil es ihn ergänzt. Ausserhalb der
Ehe kann das Weib den Mann nicht ersetzen, wird folglich alsbald
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minderwertig erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den
unleugbaren Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem
Wesen scheitern. Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der
Verringerung der sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe
entgegenbringt. Dies zu sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber
nach vollendeter Emanzipation des Weibes bestätigt werden.
unleugbaren Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem
Wesen scheitern. Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der
Verringerung der sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe
entgegenbringt. Dies zu sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber
nach vollendeter Emanzipation des Weibes bestätigt werden.
Page 80
10. Die Litteratur.
Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem
Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst nicht
unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer Weise zu
einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem ancien
régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt in der
französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche Fabliaux beweisen,
allein erst im 18. Jahrhundert begann man an die Stelle der gesunden,
derben Natur und Naivität dieser älteren Produkte der Zotologie Gemälde
der Sinnlichkeit zu setzen, deren raffinierte Absichtlichkeit einer
erschlafften Gesellschaft zu giftigem Reizmittel diente.“[138] Das 18.
Jahrhundert hat den grössten Teil der heute existierenden pornographisches
Litteratur hervorgebracht, an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher
mehr als alle anderen vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen.
Den Löwenanteil an dieser Produktion pornographischer Werke
beansprucht die Zeit von 1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle
Aubertin als die Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“
bezeichnete, in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur
durch eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese
Bücher machen den Kultus des Fleisches zu ihrem Hauptthema. Sie kennen
nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten Varietäten
des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die Dirne ehrbarer als
die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich mit obscönen Büchern so
beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ ruft Jules Janin aus[140], „dass
sogar Männer wie Voltaire, Rousseau, Diderot, Montesquieu und Mirabeau
dem Geschmacke der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz
vor und während der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren
geistigen Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren
pornographische Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet
Mercier[141]: „Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und
Kupferstiche gleicherweise die Scham und den guten Geschmack
verhöhnen. Ueberall verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf
Tischkörben, an den Seiten der Brücken, in den Türen der Theater, auf den
Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem
Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst nicht
unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer Weise zu
einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem ancien
régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt in der
französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche Fabliaux beweisen,
allein erst im 18. Jahrhundert begann man an die Stelle der gesunden,
derben Natur und Naivität dieser älteren Produkte der Zotologie Gemälde
der Sinnlichkeit zu setzen, deren raffinierte Absichtlichkeit einer
erschlafften Gesellschaft zu giftigem Reizmittel diente.“[138] Das 18.
Jahrhundert hat den grössten Teil der heute existierenden pornographisches
Litteratur hervorgebracht, an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher
mehr als alle anderen vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen.
Den Löwenanteil an dieser Produktion pornographischer Werke
beansprucht die Zeit von 1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle
Aubertin als die Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“
bezeichnete, in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur
durch eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese
Bücher machen den Kultus des Fleisches zu ihrem Hauptthema. Sie kennen
nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten Varietäten
des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die Dirne ehrbarer als
die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich mit obscönen Büchern so
beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ ruft Jules Janin aus[140], „dass
sogar Männer wie Voltaire, Rousseau, Diderot, Montesquieu und Mirabeau
dem Geschmacke der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz
vor und während der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren
geistigen Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren
pornographische Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet
Mercier[141]: „Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und
Kupferstiche gleicherweise die Scham und den guten Geschmack
verhöhnen. Ueberall verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf
Tischkörben, an den Seiten der Brücken, in den Türen der Theater, auf den
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Boulevards. Das Gift ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten
Erzeugnisse der Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und
ohne Scheu den öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind
gewissermassen privilegierte Zotenhändler; denn jeder Titel, der nicht ein
unflätiger ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen. Die
Jugend saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller
Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte Palais-
Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. Dieses Zentrum
aller Lustgenüsse war auch der Hauptmarkt für die obscönen Schriften,
welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut von Lustreizen
überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der Pariser Damen
wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch Bérard eine interessante
Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf die ungeheure
Verbreitung der Werke des Marquis de Sade wirft: „Ich erinnere mich, dass
eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich gebeten hatte, ihr für
sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen aufs Land zu besorgen,
auf dieser Liste vermerkt hatte: ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘, in
welchem Buche sie wahrscheinlich ein pädagogisches Werk
vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige Schriften in überreicher Fülle
vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und wird auch wohl heute noch der
Fall sein. Parent-Duchatelet erfuhr von Peuchet, einem ehemaligen
Archivar der Polizeipräfektur, dass Napoleon I. zu Ende seines Konsulats
alle derartigen im Besitze von Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen
und zu vernichten befahl. Nur ein Exemplar von jedem wurde in der
Nationalbibliothek aufbewahrt. Diese Angabe Peuchets ist nach Parent-
Duchatelet begründet, dem von dem Bibliothekar Van-Praët das
Verzeichnis der Bücher vorgelegt wurde, sowie diese selbst in einem
Winkel des Erdgeschosses der Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
Von obscönen Büchern ist denn auch bei Sade recht häufig die Rede.
Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette (S. 96
ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches Claude
durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ eine
ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt darüber: „Man
macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne Bilder und Bücher wir
dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier des Chartreux“, ein mehr
„scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen Abfassung der Verfasser
trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben soll.“ — Zweitens die
Erzeugnisse der Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und
ohne Scheu den öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind
gewissermassen privilegierte Zotenhändler; denn jeder Titel, der nicht ein
unflätiger ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen. Die
Jugend saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller
Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte Palais-
Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. Dieses Zentrum
aller Lustgenüsse war auch der Hauptmarkt für die obscönen Schriften,
welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut von Lustreizen
überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der Pariser Damen
wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch Bérard eine interessante
Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf die ungeheure
Verbreitung der Werke des Marquis de Sade wirft: „Ich erinnere mich, dass
eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich gebeten hatte, ihr für
sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen aufs Land zu besorgen,
auf dieser Liste vermerkt hatte: ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘, in
welchem Buche sie wahrscheinlich ein pädagogisches Werk
vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige Schriften in überreicher Fülle
vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und wird auch wohl heute noch der
Fall sein. Parent-Duchatelet erfuhr von Peuchet, einem ehemaligen
Archivar der Polizeipräfektur, dass Napoleon I. zu Ende seines Konsulats
alle derartigen im Besitze von Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen
und zu vernichten befahl. Nur ein Exemplar von jedem wurde in der
Nationalbibliothek aufbewahrt. Diese Angabe Peuchets ist nach Parent-
Duchatelet begründet, dem von dem Bibliothekar Van-Praët das
Verzeichnis der Bücher vorgelegt wurde, sowie diese selbst in einem
Winkel des Erdgeschosses der Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
Von obscönen Büchern ist denn auch bei Sade recht häufig die Rede.
Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette (S. 96
ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches Claude
durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ eine
ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt darüber: „Man
macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne Bilder und Bücher wir
dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier des Chartreux“, ein mehr
„scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen Abfassung der Verfasser
trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben soll.“ — Zweitens die
Page 82
„Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes, der Ausführung nach
schlechtes Buch. — Drittens die „Education de Laure“, ein elendes
Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, Mordtaten und „goûts
cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, „das bezaubernde Buch des
Marquis d’Argens“ mit den Bildern von Caylus, das einzige von diesen vier
Büchern, welches Wollust mit Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden
Juliette und Clairwil bei dem Mönche noch zahllose „elende kleine
Broschüren, die in den Cafés und Bordellen ausliegen“, zu denen auch die
Werke des „nichtigen Mirabeau“ gehören.
Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion
schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit diese sie
während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, einer
„solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette I, 32).
Sade hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner Lektüre
hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des Erzbischofs von
Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, 263.)
Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die
wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen
bibliographischen Werke von Gay[145] und Cohen[146] vermitteln eine
weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der wir
nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
In Pierre Joseph Bernard (1708–1775), von Voltaire „Gentil-Bernard“
genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien die
„L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung der
ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf dem
Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind mit einem
Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind nur ein
Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und die Deutlichkeit der
Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen lassen. Bernard erteilte in
seinem Gedicht einen ganzen Kursus der raffiniertesten Geschlechtsliebe, in
dem er auch das Lesen schlüpfriger Schriftsteller empfahl.[149]
Der jüngere Crébillon (Claude Prosper Jolyot de Crébillon 1707–1777)
kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven Schriftstellerei im 18.
Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften sind charakterisiert durch
einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in der Wollust“.[150] Am
schlechtes Buch. — Drittens die „Education de Laure“, ein elendes
Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, Mordtaten und „goûts
cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, „das bezaubernde Buch des
Marquis d’Argens“ mit den Bildern von Caylus, das einzige von diesen vier
Büchern, welches Wollust mit Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden
Juliette und Clairwil bei dem Mönche noch zahllose „elende kleine
Broschüren, die in den Cafés und Bordellen ausliegen“, zu denen auch die
Werke des „nichtigen Mirabeau“ gehören.
Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion
schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit diese sie
während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, einer
„solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette I, 32).
Sade hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner Lektüre
hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des Erzbischofs von
Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, 263.)
Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die
wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen
bibliographischen Werke von Gay[145] und Cohen[146] vermitteln eine
weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der wir
nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
In Pierre Joseph Bernard (1708–1775), von Voltaire „Gentil-Bernard“
genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien die
„L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung der
ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf dem
Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind mit einem
Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind nur ein
Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und die Deutlichkeit der
Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen lassen. Bernard erteilte in
seinem Gedicht einen ganzen Kursus der raffiniertesten Geschlechtsliebe, in
dem er auch das Lesen schlüpfriger Schriftsteller empfahl.[149]
Der jüngere Crébillon (Claude Prosper Jolyot de Crébillon 1707–1777)
kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven Schriftstellerei im 18.
Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften sind charakterisiert durch
einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in der Wollust“.[150] Am
Page 83
berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon den Inhalt verkündigt.[151]
Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris 1735), „Les amours de Zeo
Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), in denen die Liebesabenteuer
des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. Ferner „La nuit et le moment“
(Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris 1751), „Les égarements du
cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. In Crébillons Romanen macht
sich bereits die Neigung bemerkbar, die gemeinste Sinnlichkeit durch
Umkleidung mit einem philosophischen Gewande zu verschönern und zu
rechtfertigen.
Jean François Marmontel (1723–1799) hat in seinen „Incas“ den Typus
des antiklerikalen Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen Inhalt auf
spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen unverkennbar
eingewirkt hat.[152]
Die bei Sade von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt im
Anschlusse an den Fall Girard (Dirrag) und Cadière (Eradicée) die
sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, schreibt Sade
diesen Roman dem Marquis d’Argens und die Bilder dem Grafen Caylus
zu, welche Ansicht auch von Gay geteilt wird. Wahrscheinlicher ist aber die
vom Abbé Sephe und von Barbier zuerst entdeckte Urheberschaft des
Kriegskommissars de Montigni (genannt Lucas-Montigni). Statt Caylus soll
Antoine Pesne, der bekannte Hofmaler Friedrichs des Grossen, die
obscönen Bilder gezeichnet haben.[154]
André Robert Andréa de Nerciat (1739–1800) war zwei Jahre lang
(1780–1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 an)
Vertrauter der Königin Karoline von Neapel. Er schrieb die berüchtigte
„Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und als Fortsetzung
derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ (Paris an V). Seine obscönste
Schrift ist der „Diable au Corps“ (Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche
Schrift eines Doktor „Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der
„joyeuse faculté phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der
Verfasser im Vorwort versichert.[155]
Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton
gehörte, beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die
hervorragendsten Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen
billigen Ruhm zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten
Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris 1735), „Les amours de Zeo
Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), in denen die Liebesabenteuer
des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. Ferner „La nuit et le moment“
(Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris 1751), „Les égarements du
cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. In Crébillons Romanen macht
sich bereits die Neigung bemerkbar, die gemeinste Sinnlichkeit durch
Umkleidung mit einem philosophischen Gewande zu verschönern und zu
rechtfertigen.
Jean François Marmontel (1723–1799) hat in seinen „Incas“ den Typus
des antiklerikalen Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen Inhalt auf
spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen unverkennbar
eingewirkt hat.[152]
Die bei Sade von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt im
Anschlusse an den Fall Girard (Dirrag) und Cadière (Eradicée) die
sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, schreibt Sade
diesen Roman dem Marquis d’Argens und die Bilder dem Grafen Caylus
zu, welche Ansicht auch von Gay geteilt wird. Wahrscheinlicher ist aber die
vom Abbé Sephe und von Barbier zuerst entdeckte Urheberschaft des
Kriegskommissars de Montigni (genannt Lucas-Montigni). Statt Caylus soll
Antoine Pesne, der bekannte Hofmaler Friedrichs des Grossen, die
obscönen Bilder gezeichnet haben.[154]
André Robert Andréa de Nerciat (1739–1800) war zwei Jahre lang
(1780–1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 an)
Vertrauter der Königin Karoline von Neapel. Er schrieb die berüchtigte
„Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und als Fortsetzung
derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ (Paris an V). Seine obscönste
Schrift ist der „Diable au Corps“ (Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche
Schrift eines Doktor „Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der
„joyeuse faculté phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der
Verfasser im Vorwort versichert.[155]
Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton
gehörte, beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die
hervorragendsten Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen
billigen Ruhm zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten
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Altertumsforscher Caylus hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie
Mirabeau und Diderot haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit
durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden.
Besonders Mirabeau wird vom Marquis de Sade öfter genannt, und es ist
kein Zweifel, dass Mirabeaus „Education de Laure“ das Vorbild der
„Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon Eulenburg
erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat Mirabeau die
Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich für seine
Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w. bezahlen
lässt. Ein drittes obscönes Buch Mirabeaus ist „Erotica Biblion“ (Rom
1783).
In Denis Diderots „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen
schlüpfrige Geschichten vor, die Diderot „tief unter Crébillon herabsetzen“.
[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt Diderot eine Schilderung des
Klosterlebens, in der tribadische und andere lasterhafte Ausschweifungen
der Nonnen und Oberinnen beschrieben werden. Auch die „Bijoux
indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen Inhalt. Insbesondere hat vielleicht
die auch bei Sade wiederkehrende Vorliebe Diderots für paradoxe
Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
Choderlos de Laclos war nach Nodier der „Petron einer weniger
litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen
Petronius war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159] schildern
die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als Freund des
berüchtigten Philippe Egalité aus eigenster Anschauung kennen gelernt
hatte. Charles Nodier erzählt in einer interessanten Notiz „über einige
satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man ihm in seiner Jugend in
verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere „unreine und lasterhafte
Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt habe.“ Nach ihm verdienen die
„Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal (der Verachtung) wie die
„scheusslichen Obscönitäten eines frechen Nachahmers des Herrn Laclos,
des Marquis de Sade, welchem der Preis eines Ekel erregenden Cynismus
gebührt.“[160]
Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels
schildernd, hat J. B. Louvet de Couvray in seinem „Faublas“[161] den Typus
des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen Liebesabenteuern spielt
die der Wirklichkeit (des Chevalier d’Eon) entlehnte künstliche Effeminatio
Mirabeau und Diderot haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit
durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden.
Besonders Mirabeau wird vom Marquis de Sade öfter genannt, und es ist
kein Zweifel, dass Mirabeaus „Education de Laure“ das Vorbild der
„Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon Eulenburg
erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat Mirabeau die
Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich für seine
Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w. bezahlen
lässt. Ein drittes obscönes Buch Mirabeaus ist „Erotica Biblion“ (Rom
1783).
In Denis Diderots „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen
schlüpfrige Geschichten vor, die Diderot „tief unter Crébillon herabsetzen“.
[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt Diderot eine Schilderung des
Klosterlebens, in der tribadische und andere lasterhafte Ausschweifungen
der Nonnen und Oberinnen beschrieben werden. Auch die „Bijoux
indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen Inhalt. Insbesondere hat vielleicht
die auch bei Sade wiederkehrende Vorliebe Diderots für paradoxe
Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
Choderlos de Laclos war nach Nodier der „Petron einer weniger
litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen
Petronius war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159] schildern
die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als Freund des
berüchtigten Philippe Egalité aus eigenster Anschauung kennen gelernt
hatte. Charles Nodier erzählt in einer interessanten Notiz „über einige
satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man ihm in seiner Jugend in
verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere „unreine und lasterhafte
Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt habe.“ Nach ihm verdienen die
„Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal (der Verachtung) wie die
„scheusslichen Obscönitäten eines frechen Nachahmers des Herrn Laclos,
des Marquis de Sade, welchem der Preis eines Ekel erregenden Cynismus
gebührt.“[160]
Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels
schildernd, hat J. B. Louvet de Couvray in seinem „Faublas“[161] den Typus
des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen Liebesabenteuern spielt
die der Wirklichkeit (des Chevalier d’Eon) entlehnte künstliche Effeminatio
Page 85
des Helden eine Rolle, die auch bei Sade am Schlusse der Juliette
Verwendung findet, wo Noirceuil als Frau verkleidet einen Mann heiratet.
Neben dem Marquis de Sade ist der berühmteste erotische Schriftsteller
der Revolutionszeit der ungemein produktive Restif (Rétif de la Bretonne).
Paul Lacroix hat diesem merkwürdigen Manne ein Muster- und
Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162], das jeder
Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen wird. Wir
werden später Rétif de la Bretonne als einen der ersten Schriftsteller über
Sade zu würdigen haben. Hier interessiert er uns nur als ein gleichzeitig mit
Sade wirkender Autor, von dem dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst
geblieben ist. Es ist offenbar Rétif, den Sade an einer Stelle in seiner
Abhandlung über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R...
überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem
Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen
Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte Abenteuer in
schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als eine grosse
Weitschweifigkeit, für die ihm nur die — Pfefferhändler dankbar sein
werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile Sades nicht etwas Konkurrenzneid
im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass Rétif über Sade nicht besser
dachte. Auch mochte sich wohl der hochgeborene Marquis weit erhaben
dünken über dem aus niedrigstem Stande hervorgegangenen Rétif.
In der Tat hat Rétif de la Bretonne (1734 bis 1806), wenn er auch den
Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption auch
der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt gewissermassen die
Schriften des Marquis de Sade nach dieser Richtung hin, mit dem er sonst
viele Aehnlichkeit hat. Eulenburg macht darüber folgende interessante
Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich näher als die trotz allem
grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus steht jener ‚Rousseau du
ruisseau‘“, Rétif de la Bretonne, über den Dessoir urteilt: „Er wurde von
wütendster Sinnlichkeit gepeitscht und durch den Götzendienst des eigenen
Ich in eine Art Exhibitionismus hineingetrieben. Daher hat er wie kein
Zweiter verstanden, die Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der
Geschlechtsliebe zu analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten
Kultus zu widmen.“ Da haben wir im Keime den literarischen de Sade, nur
schwächlicher, passiver, sozusagen unblutiger. Wäre Rétif eine mehr aktiv
und impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten
Verwendung findet, wo Noirceuil als Frau verkleidet einen Mann heiratet.
Neben dem Marquis de Sade ist der berühmteste erotische Schriftsteller
der Revolutionszeit der ungemein produktive Restif (Rétif de la Bretonne).
Paul Lacroix hat diesem merkwürdigen Manne ein Muster- und
Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162], das jeder
Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen wird. Wir
werden später Rétif de la Bretonne als einen der ersten Schriftsteller über
Sade zu würdigen haben. Hier interessiert er uns nur als ein gleichzeitig mit
Sade wirkender Autor, von dem dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst
geblieben ist. Es ist offenbar Rétif, den Sade an einer Stelle in seiner
Abhandlung über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R...
überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem
Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen
Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte Abenteuer in
schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als eine grosse
Weitschweifigkeit, für die ihm nur die — Pfefferhändler dankbar sein
werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile Sades nicht etwas Konkurrenzneid
im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass Rétif über Sade nicht besser
dachte. Auch mochte sich wohl der hochgeborene Marquis weit erhaben
dünken über dem aus niedrigstem Stande hervorgegangenen Rétif.
In der Tat hat Rétif de la Bretonne (1734 bis 1806), wenn er auch den
Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption auch
der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt gewissermassen die
Schriften des Marquis de Sade nach dieser Richtung hin, mit dem er sonst
viele Aehnlichkeit hat. Eulenburg macht darüber folgende interessante
Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich näher als die trotz allem
grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus steht jener ‚Rousseau du
ruisseau‘“, Rétif de la Bretonne, über den Dessoir urteilt: „Er wurde von
wütendster Sinnlichkeit gepeitscht und durch den Götzendienst des eigenen
Ich in eine Art Exhibitionismus hineingetrieben. Daher hat er wie kein
Zweiter verstanden, die Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der
Geschlechtsliebe zu analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten
Kultus zu widmen.“ Da haben wir im Keime den literarischen de Sade, nur
schwächlicher, passiver, sozusagen unblutiger. Wäre Rétif eine mehr aktiv
und impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten
Page 86
ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre
Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein
zweiter de Sade aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen an
Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen gewesen
wäre. Nicht umsonst ertönt bei Rétif aus allen Tonarten das Lob dieser
ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois délicieuse,
quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch zur
Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er ein
leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen
zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen
Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft
gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er erzählt
höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute, 6. Dezember
1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an Hemden. Ein alter
blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war zerrissen und voll
von Flecken. Dabei liebt Rétif die Reinlichkeit sehr bei den — Frauen. Er
spricht immer wieder davon, giebt in seinem „Pornographe“ genaue
Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert mit Befriedigung die
grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser Prostituierten.[166]
Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der
eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete.
So erzählt Graf Alexander von Tilly in seinen Memoiren[167], dass Rétif de
la Bretonne zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner erotischen
Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr wichtig ist ferner
das Verhältnis Rétifs zu Mathieu François Pidanzat de Mairobert (1727–
1779), dem berühmten Verfasser des „Espion anglais“ und dem Sammler
der Materialien zu den „Mémoires secrets de Bachaumont.“ Dieser liess
nicht nur einzelne Werke in der geheimen Druckerei Rétifs herstellen,
sondern war selbst Mitarbeiter an dessen eigenen Schriften. So rührt von
ihm die wertvolle Abhandlung über die 16 Klassen der Prostituierten und
über die Zuhälter in Rétifs „Pornographe“ her. Auch für die
„Contemporaines“, den „Hibou“, und die „Malédiction paternelle“ hat
Pidanzat de Mairobert zahlreiche Notizen beigesteuert[168].
Das ohne Zweifel wertvollste Werk Rétifs sind die „Nuits de Paris“[169],
eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des Sittenlebens der
Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige Darstellung der moralischen
Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein
zweiter de Sade aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen an
Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen gewesen
wäre. Nicht umsonst ertönt bei Rétif aus allen Tonarten das Lob dieser
ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois délicieuse,
quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch zur
Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er ein
leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen
zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen
Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft
gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er erzählt
höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute, 6. Dezember
1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an Hemden. Ein alter
blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war zerrissen und voll
von Flecken. Dabei liebt Rétif die Reinlichkeit sehr bei den — Frauen. Er
spricht immer wieder davon, giebt in seinem „Pornographe“ genaue
Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert mit Befriedigung die
grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser Prostituierten.[166]
Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der
eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete.
So erzählt Graf Alexander von Tilly in seinen Memoiren[167], dass Rétif de
la Bretonne zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner erotischen
Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr wichtig ist ferner
das Verhältnis Rétifs zu Mathieu François Pidanzat de Mairobert (1727–
1779), dem berühmten Verfasser des „Espion anglais“ und dem Sammler
der Materialien zu den „Mémoires secrets de Bachaumont.“ Dieser liess
nicht nur einzelne Werke in der geheimen Druckerei Rétifs herstellen,
sondern war selbst Mitarbeiter an dessen eigenen Schriften. So rührt von
ihm die wertvolle Abhandlung über die 16 Klassen der Prostituierten und
über die Zuhälter in Rétifs „Pornographe“ her. Auch für die
„Contemporaines“, den „Hibou“, und die „Malédiction paternelle“ hat
Pidanzat de Mairobert zahlreiche Notizen beigesteuert[168].
Das ohne Zweifel wertvollste Werk Rétifs sind die „Nuits de Paris“[169],
eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des Sittenlebens der
Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige Darstellung der moralischen
Page 87
Physiognomie von Paris“ am Ende des 18. Jahrhunderts, das wahre
„Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt eine 20jährige Arbeit erfordert
hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder, sagt Rétif, was ich in der Nacht
gesehen hatte.“ Lacroix gibt eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes
dieses „nächtlichen Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser
Stelle nicht näher eingehen können.
In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794–1797. 16 Bde.) hat Rétif de la
Bretonne die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als dies in
ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und Rousseaus „Héloise“
geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte Band („Mon
Calendrier“), in welchem Rétif Tag für Tag alle Frauen aufzeichnet, deren
Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er zu — Müttern gemacht
hat.[170]
In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten
„Contemporaines“ [171] , eine Sammlung von Erzählungen, die auf
wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen den
Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu nennen.
Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.
„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la
Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen von Tilly die
„Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige
Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem
Laster notwendig vernichtet wird.
Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die
Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner
Fuss Rétif bezaubert hatte. Ueberhaupt ist Rétif ausgesprochener
Fussfetischist. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte er eine
fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der Held dieses
Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant de têtes, était
chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne d’enfermer un si joli pied,
que mes yeux, une fois fixés sur ce pied charmant, ne purent s’en
détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu ne foules pas les tapis de Perse et
de Turquie, un brillant équipage ne te garantit pas de la fatigue de porter un
corps, chef-d’œuvre des Grâces: tu marches en personne, mais tu vas avoir
un trône dans mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine
„Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt eine 20jährige Arbeit erfordert
hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder, sagt Rétif, was ich in der Nacht
gesehen hatte.“ Lacroix gibt eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes
dieses „nächtlichen Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser
Stelle nicht näher eingehen können.
In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794–1797. 16 Bde.) hat Rétif de la
Bretonne die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als dies in
ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und Rousseaus „Héloise“
geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte Band („Mon
Calendrier“), in welchem Rétif Tag für Tag alle Frauen aufzeichnet, deren
Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er zu — Müttern gemacht
hat.[170]
In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten
„Contemporaines“ [171] , eine Sammlung von Erzählungen, die auf
wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen den
Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu nennen.
Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.
„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la
Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen von Tilly die
„Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige
Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem
Laster notwendig vernichtet wird.
Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die
Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner
Fuss Rétif bezaubert hatte. Ueberhaupt ist Rétif ausgesprochener
Fussfetischist. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte er eine
fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der Held dieses
Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant de têtes, était
chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne d’enfermer un si joli pied,
que mes yeux, une fois fixés sur ce pied charmant, ne purent s’en
détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu ne foules pas les tapis de Perse et
de Turquie, un brillant équipage ne te garantit pas de la fatigue de porter un
corps, chef-d’œuvre des Grâces: tu marches en personne, mais tu vas avoir
un trône dans mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine
Page 88
Geschichte der hübschen Frauenfüsse. In allen übrigen Werken kehren
immer diese kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages
„Fanchette“ wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an
Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung.
Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis de Sade
erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789, 3
Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten
Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten
Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in dem
Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde des horreurs“. Die
unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne allen
Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet die
unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen Henkers“.
[173] Alexander Dumas der Aeltere, der im Jahre 1851 auf Veranlassung von
Paul Lacroix im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“ eine ganz harmlose
Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden Rétif und seine Tochter Agnes
waren, wurde von der Familie Rétif de la Bretonne verklagt und zu einer
Geldstrafe verurteilt.[174]
Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle
anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse
gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten
Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter obscöner
Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie. Poème
lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es enthält
sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor Le Noir bekam die strengsten
Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes zu
verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise von
9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen:
Vous les voulez... je vais souiller mes rimes,
Poétiser en jargon ordurier...
Toi dont les feux raniment la nature,
Qui, maîtrisant l’homme et les animaux,
Brûle en secret le cuistre et le héros,
Sois ma déesse, adorable Luxure!
Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile
vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser
immer diese kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages
„Fanchette“ wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an
Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung.
Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis de Sade
erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789, 3
Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten
Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten
Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in dem
Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde des horreurs“. Die
unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne allen
Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet die
unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen Henkers“.
[173] Alexander Dumas der Aeltere, der im Jahre 1851 auf Veranlassung von
Paul Lacroix im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“ eine ganz harmlose
Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden Rétif und seine Tochter Agnes
waren, wurde von der Familie Rétif de la Bretonne verklagt und zu einer
Geldstrafe verurteilt.[174]
Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle
anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse
gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten
Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter obscöner
Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie. Poème
lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es enthält
sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor Le Noir bekam die strengsten
Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes zu
verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise von
9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen:
Vous les voulez... je vais souiller mes rimes,
Poétiser en jargon ordurier...
Toi dont les feux raniment la nature,
Qui, maîtrisant l’homme et les animaux,
Brûle en secret le cuistre et le héros,
Sois ma déesse, adorable Luxure!
Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile
vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser
Page 89
eröffnet den Reigen dieser Glücklichen mit Fräulein Dubois, einer
Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen Arnoux und
Clairon, letztere mit dem Grafen Valbelle, Madame Allard mit dem Duc de
Mazarin. Auch die Opernsängerin Fräulein Vestris hat ihre Freude daran.
Gegen Ende dieses ersten Gesanges erscheinen die Herzoginnen und
Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen. Zuletzt wird die
unersättliche Libido der alten Polignac de Paulien geschildert.
Der zweite Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer jungen
Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum Opfer
fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen die
sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von
Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall gegen
Tribadie und Paederastie. Der alte Duc d’Elbœuf war einer der ersten, der
die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum Schluss Excurs
über Syphilis.
Der dritte Gesang ist fast ganz der Rolle der Syphilis in der Liebe
gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst dieses
galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“ werden
gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten. Herr de
Montazet, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der Duchesse de
Mazarin genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über den Herzog
von Orléans und Madame de Montesson wird die Liaison zwischen der
verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren de l’Aigle und de
Melfort enthüllt, welche letzteren von der Herzogin syphilitisch angesteckt
wurden. Der Prinz de Beauffremont fiel in Ungnade, weil er sich mit einem
Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des Aretino, des Erfinders der
„plastischen Stellungen“.
Der vierte Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten
Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die Paris,
Carlier, Rokingston, Montigny, d’Héricourt und Gourdan. Beschreibung
der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und Tisch“ müssen
sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter für die
„Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und Gesundheit
verloren hat.
Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen Arnoux und
Clairon, letztere mit dem Grafen Valbelle, Madame Allard mit dem Duc de
Mazarin. Auch die Opernsängerin Fräulein Vestris hat ihre Freude daran.
Gegen Ende dieses ersten Gesanges erscheinen die Herzoginnen und
Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen. Zuletzt wird die
unersättliche Libido der alten Polignac de Paulien geschildert.
Der zweite Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer jungen
Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum Opfer
fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen die
sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von
Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall gegen
Tribadie und Paederastie. Der alte Duc d’Elbœuf war einer der ersten, der
die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum Schluss Excurs
über Syphilis.
Der dritte Gesang ist fast ganz der Rolle der Syphilis in der Liebe
gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst dieses
galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“ werden
gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten. Herr de
Montazet, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der Duchesse de
Mazarin genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über den Herzog
von Orléans und Madame de Montesson wird die Liaison zwischen der
verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren de l’Aigle und de
Melfort enthüllt, welche letzteren von der Herzogin syphilitisch angesteckt
wurden. Der Prinz de Beauffremont fiel in Ungnade, weil er sich mit einem
Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des Aretino, des Erfinders der
„plastischen Stellungen“.
Der vierte Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten
Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die Paris,
Carlier, Rokingston, Montigny, d’Héricourt und Gourdan. Beschreibung
der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und Tisch“ müssen
sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter für die
„Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und Gesundheit
verloren hat.
Page 90
Im fünften Gesang werden zunächst die Syphilophoben ermutigt. Alle
Frauen haben ja nicht die Syphilis. Montesquieu war im Feuer ebenso wie
Rousseau und Marmontel. Grosses Lob des Dorat, des „poète foutromane“.
Exkurs über die Holländer, die nur das Geld lieben. Schilderung der
unkeuschen Kardinäle. Spinola schläft bei Palestrina, Albani bei Altieri,
Bernis bei Saint-Croix, Borghese ist B..... Auch die Kaiserinnen Maria
Theresia und Katharina II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von
Polen und die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer,
dass die „Dames de France“, die Tanten Ludwigs XVI. im Zölibat leben.
Agyroni ist der Held des sechsten Gesanges[176]. Dieser Charlatan hat
den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche
medizinische Details wie in Robés Gedicht über Syphilis. Schliesslich wird
wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177]
Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen
Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (= Phallus),
[178] ein Wort, welches Papst Benedikt XIV. beständig im Munde hatte. Als
ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes vorhielt, erwiderte er:
„Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis es nicht mehr schmutzig ist.“
Das französische Gedicht besteht aus fünf Gesängen, deren Inhalt ganz kurz
dieser ist:
Rodric empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen
beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna Capponi. Dann gerät es
in ein Nonnenkloster, in die Hände der Lucrezia, der Tochter Alexanders VI.
Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem Papste
geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen Gespräch
zwischen ihm und seiner Tochter.
Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den
Romanen des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielt, sogar in einem
eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179]
Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des 18.
Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die Sitten war
gewaltig, und der Marquis de Sade selbst hat diesen Einfluss der Litteratur
empfunden. Er hat selbst eine treffende Charakteristik derselben zu geben
versucht, die erkennen lässt, dass er die Bedeutung dieser pornographischen
Litteratur wohl erkannt hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der Ninon-de-
Frauen haben ja nicht die Syphilis. Montesquieu war im Feuer ebenso wie
Rousseau und Marmontel. Grosses Lob des Dorat, des „poète foutromane“.
Exkurs über die Holländer, die nur das Geld lieben. Schilderung der
unkeuschen Kardinäle. Spinola schläft bei Palestrina, Albani bei Altieri,
Bernis bei Saint-Croix, Borghese ist B..... Auch die Kaiserinnen Maria
Theresia und Katharina II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von
Polen und die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer,
dass die „Dames de France“, die Tanten Ludwigs XVI. im Zölibat leben.
Agyroni ist der Held des sechsten Gesanges[176]. Dieser Charlatan hat
den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche
medizinische Details wie in Robés Gedicht über Syphilis. Schliesslich wird
wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177]
Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen
Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (= Phallus),
[178] ein Wort, welches Papst Benedikt XIV. beständig im Munde hatte. Als
ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes vorhielt, erwiderte er:
„Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis es nicht mehr schmutzig ist.“
Das französische Gedicht besteht aus fünf Gesängen, deren Inhalt ganz kurz
dieser ist:
Rodric empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen
beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna Capponi. Dann gerät es
in ein Nonnenkloster, in die Hände der Lucrezia, der Tochter Alexanders VI.
Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem Papste
geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen Gespräch
zwischen ihm und seiner Tochter.
Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den
Romanen des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielt, sogar in einem
eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179]
Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des 18.
Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die Sitten war
gewaltig, und der Marquis de Sade selbst hat diesen Einfluss der Litteratur
empfunden. Er hat selbst eine treffende Charakteristik derselben zu geben
versucht, die erkennen lässt, dass er die Bedeutung dieser pornographischen
Litteratur wohl erkannt hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der Ninon-de-
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Lenclos, der Marion-de-Lorme, der Marquise de Sévigné und de Lafare, der
Chaulieu, der St.-Evremond, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft fing
endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit Buffon ‚nur das
Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte bald den Ton in
den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die galanten Schwätzer
nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes Jahrhundert, das von den
Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei und der Verehrung der
Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten. Sie fanden es einfacher,
diese Frauen zu amüsieren und zu verderben, als ihnen zu dienen und sie zu
verherrlichen. Sie schufen Ereignisse, Gemälde, Konversation mehr nach
dem Geiste der Zeit und entwickelten in einem angenehmen, leichten und
bisweilen selbst philosophischen Stile den Zynismus und die Immoralität.“
Chaulieu, der St.-Evremond, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft fing
endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit Buffon ‚nur das
Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte bald den Ton in
den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die galanten Schwätzer
nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes Jahrhundert, das von den
Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei und der Verehrung der
Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten. Sie fanden es einfacher,
diese Frauen zu amüsieren und zu verderben, als ihnen zu dienen und sie zu
verherrlichen. Sie schufen Ereignisse, Gemälde, Konversation mehr nach
dem Geiste der Zeit und entwickelten in einem angenehmen, leichten und
bisweilen selbst philosophischen Stile den Zynismus und die Immoralität.“
Page 92
11. Die Kunst im 18. Jahrhundert.
Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer
Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen
dazu, die Sinne zu erregen. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger als
ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen. Denn
niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der Kunst
den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen
Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden, sowie
an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter „Nudités.“
Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich der
Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft Georg Brandes: „Was man unter
Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende. Man
opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der kalten
Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer Ludwigs
XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten ein
unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden die
unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘
abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem die
tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut
befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen
Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und
Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen, alles
wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und
übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in der
Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich
wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu
Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige Pan
schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der Malerkunst
entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild Rubens
Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und schweren
Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten Trachten,
und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel, ein Liebeln und
Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer
Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen
dazu, die Sinne zu erregen. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger als
ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen. Denn
niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der Kunst
den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen
Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden, sowie
an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter „Nudités.“
Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich der
Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft Georg Brandes: „Was man unter
Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende. Man
opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der kalten
Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer Ludwigs
XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten ein
unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden die
unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘
abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem die
tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut
befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen
Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und
Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen, alles
wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und
übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in der
Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich
wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu
Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige Pan
schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der Malerkunst
entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild Rubens
Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und schweren
Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten Trachten,
und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel, ein Liebeln und
Page 93
Flüstern aufweisen, einen Hintergrund schattiger Gänge, mit stillen
Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen Rasenteppichen.
Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse
Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren
gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine Falte sich
verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine
gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war alles
auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter der Schösse
verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat das gepuderte
Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige Bewegung es in
Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen überliess man
sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in Boudoirs. Wie Tee
und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch das orientalische
Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für seine bekannteste und
berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche Lehnsessel verdrängt den
hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader Rückwand. Das
Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche wollüstig das
Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus reich verzierten
Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften Möbeln. Das
ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182]
Noch deutlicher als die Architektur bringt die Malerei des 18.
Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues
zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern des 18.
Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. Boucher, Watteau,
Fragonard, Lancret, der Maler der „fêtes galantes“, verschmähten die
einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines Lebrun und Nicolas
Mignard. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind nicht mehr mythologische
Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich gern den Beschauern nackt im
Bade oder auf dem Ruhelager zeigen. Diese vorgeblichen Najaden und
koketten Schäferinnen mit entblösstem Busen, mit mehr oder weniger
aufgehobenem Kleide, sind Frauen der Zeit, Dämchen „fort en vogue aux
petites soirées de Trianon et de Luciennes“.[183]
Richard Muther hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der
Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese erotische Richtung in der
französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert. Er sagt
u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten Watteaus hatte die Redoute
Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen Rasenteppichen.
Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse
Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren
gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine Falte sich
verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine
gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war alles
auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter der Schösse
verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat das gepuderte
Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige Bewegung es in
Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen überliess man
sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in Boudoirs. Wie Tee
und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch das orientalische
Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für seine bekannteste und
berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche Lehnsessel verdrängt den
hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader Rückwand. Das
Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche wollüstig das
Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus reich verzierten
Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften Möbeln. Das
ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182]
Noch deutlicher als die Architektur bringt die Malerei des 18.
Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues
zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern des 18.
Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. Boucher, Watteau,
Fragonard, Lancret, der Maler der „fêtes galantes“, verschmähten die
einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines Lebrun und Nicolas
Mignard. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind nicht mehr mythologische
Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich gern den Beschauern nackt im
Bade oder auf dem Ruhelager zeigen. Diese vorgeblichen Najaden und
koketten Schäferinnen mit entblösstem Busen, mit mehr oder weniger
aufgehobenem Kleide, sind Frauen der Zeit, Dämchen „fort en vogue aux
petites soirées de Trianon et de Luciennes“.[183]
Richard Muther hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der
Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese erotische Richtung in der
französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert. Er sagt
u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten Watteaus hatte die Redoute
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begonnen. Um Mitternacht, unter der Anführung Bouchers, wurde der
Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der Kotillon. Man hatte
zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich selbst zu bemühen, will man
nur noch zusehen, so wie der Pascha, Opium rauchend, apathisch in seinem
Harem sitzt. Auch Balletteusen tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So
beginnt am Schlusse des Rokoko die eigentlich galante Kunst, das
Tableauvivant. Stramme Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke
müssen den vornehmen Herren Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst
zu blasiert geworden .... Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als
einer der feinsten des Jahrhunderts ist Fragonard, der nervöse Charmeur, zu
feiern, in dem sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die
ganze Grazie des Rokoko sammelt... Wenn der Name Fragonard genannt
wird, denkt man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte
Jupons, an lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an
feine Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten,
Küsse und Liebesspiel.“
„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt Fragonard
selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er befand
sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf dem Lande.
Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild, und gestand
mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee er angeben
würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer Schaukel.
Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes sehe — oder
auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“ Diesem seltsamen
Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das erste, das den
eigentlichen Fragonard zeigt.... Fragonard ist der Pierrot lunaire, der beim
Morgengrauen blass und geisterhaft seine Sprünge macht. Manche seiner
Bilder, so toll sie sind, haben etwas von Gebeten. Altäre sind errichtet,
Opferflammen züngeln lohend gen Himmel, und bleiche Menschen legen
weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen Eros nieder. Da heben Weiber
flehend ihre Hände zu Satan empor und beten, ihnen das Geheimnis neuer
unbekannter Sensationen zu enthüllen.
Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem
gedruckten Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der
daher im 18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die bildliche
Darstellung der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „Le réalisme
Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der Kotillon. Man hatte
zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich selbst zu bemühen, will man
nur noch zusehen, so wie der Pascha, Opium rauchend, apathisch in seinem
Harem sitzt. Auch Balletteusen tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So
beginnt am Schlusse des Rokoko die eigentlich galante Kunst, das
Tableauvivant. Stramme Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke
müssen den vornehmen Herren Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst
zu blasiert geworden .... Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als
einer der feinsten des Jahrhunderts ist Fragonard, der nervöse Charmeur, zu
feiern, in dem sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die
ganze Grazie des Rokoko sammelt... Wenn der Name Fragonard genannt
wird, denkt man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte
Jupons, an lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an
feine Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten,
Küsse und Liebesspiel.“
„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt Fragonard
selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er befand
sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf dem Lande.
Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild, und gestand
mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee er angeben
würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer Schaukel.
Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes sehe — oder
auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“ Diesem seltsamen
Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das erste, das den
eigentlichen Fragonard zeigt.... Fragonard ist der Pierrot lunaire, der beim
Morgengrauen blass und geisterhaft seine Sprünge macht. Manche seiner
Bilder, so toll sie sind, haben etwas von Gebeten. Altäre sind errichtet,
Opferflammen züngeln lohend gen Himmel, und bleiche Menschen legen
weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen Eros nieder. Da heben Weiber
flehend ihre Hände zu Satan empor und beten, ihnen das Geheimnis neuer
unbekannter Sensationen zu enthüllen.
Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem
gedruckten Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der
daher im 18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die bildliche
Darstellung der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „Le réalisme
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de la peinture, se traduisant dans les actes et les paroles, les livres et les
chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en surexcitant le
sens génital“[185]. Und der Marquis de Sade, der in seinen Romanen alles
aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern vermag, lässt Saint-Fond
(Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie ausrufen: „O wie nötig hier ein
Maler wäre, um der Nachwelt dieses wollüstige und göttliche Bild zu
überliefern!“
So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités eines
Fragonard und Lancret bald die Schmutzbilder in der erschrecklichsten
Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich für ihre Liebhaber nackt
und in irgend einer plastischen Stellung malen liessen, war nichts seltenes.
Bekannt ist die Geschichte der O’Morphi, einer Maitresse Ludwigs XV. und
Insassin des Hirschparks, deren Besitz der König dem berühmten
Abenteurer Casanova auf folgende Weise verdankte[186]. Casanova hatte
bei einem seiner zahlreichen Liebesabenteuer in Paris auch die
Bekanntschaft einer flämischen Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche
eine junge Schwester von hervorragender Schönheit besass, in die
Casanova sich sterblich verliebte, und deren Reize er enthusiastisch
schildert. Er bekam Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und
ein deutscher Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs
Louisdors. Die Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf
dem Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den
Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte und
mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel Kunst
und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken konnte.“ Ein
Freund Casanova’s bekam Lust, eine Copie dieses Bildes zu besitzen. Der
Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr von Saint-Quentin so
schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun hatte, als sie dem König zu
zeigen. „Seine allerchristliche Majestät, ein grosser Kenner auf diesem
Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen überzeugen, ob der Maler treu
kopiert hätte, und wenn das Original ebenso schön war, wie die Copie, dann
wusste der Enkel des heiligen Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“
So verlor Casanova seine Geliebte an den König Ludwig XV., der sie nach
Zahlung von 1000 Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark
unterbrachte, wo sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam,
das „gleich so vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn
chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en surexcitant le
sens génital“[185]. Und der Marquis de Sade, der in seinen Romanen alles
aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern vermag, lässt Saint-Fond
(Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie ausrufen: „O wie nötig hier ein
Maler wäre, um der Nachwelt dieses wollüstige und göttliche Bild zu
überliefern!“
So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités eines
Fragonard und Lancret bald die Schmutzbilder in der erschrecklichsten
Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich für ihre Liebhaber nackt
und in irgend einer plastischen Stellung malen liessen, war nichts seltenes.
Bekannt ist die Geschichte der O’Morphi, einer Maitresse Ludwigs XV. und
Insassin des Hirschparks, deren Besitz der König dem berühmten
Abenteurer Casanova auf folgende Weise verdankte[186]. Casanova hatte
bei einem seiner zahlreichen Liebesabenteuer in Paris auch die
Bekanntschaft einer flämischen Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche
eine junge Schwester von hervorragender Schönheit besass, in die
Casanova sich sterblich verliebte, und deren Reize er enthusiastisch
schildert. Er bekam Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und
ein deutscher Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs
Louisdors. Die Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf
dem Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den
Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte und
mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel Kunst
und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken konnte.“ Ein
Freund Casanova’s bekam Lust, eine Copie dieses Bildes zu besitzen. Der
Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr von Saint-Quentin so
schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun hatte, als sie dem König zu
zeigen. „Seine allerchristliche Majestät, ein grosser Kenner auf diesem
Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen überzeugen, ob der Maler treu
kopiert hätte, und wenn das Original ebenso schön war, wie die Copie, dann
wusste der Enkel des heiligen Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“
So verlor Casanova seine Geliebte an den König Ludwig XV., der sie nach
Zahlung von 1000 Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark
unterbrachte, wo sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam,
das „gleich so vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn
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so lange die Königin lebte, erfuhr man nie, wohin die natürlichen Kinder
Ludwig’s XV. kamen.“
Dieses berühmte Bild zeigte Casanova später einer französischen
Nonne in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, und diese
Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova malen!
[187]
Nach Parent-Duchatelet[188] vertrieb man während des vorigen
Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen die
unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum bekümmerte.
Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher die schändlichsten
Karikaturen auf Ludwig XVI., Marie Antoinette und andere Personen. Man
könnte daher wohl sagen, dass die Orte der Unzucht zu den politischen
Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen hätten. Unter der
Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen Bilder nicht nur in
den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten sich nicht, in den
Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die frechsten Kupferstiche
aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der Paederastie, der seltsamsten
Wollust den Blicken aller Vorübergehenden preisgegeben wurden.
Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden,
verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis de Sade
durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“
gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.
Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet
die „Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach
immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings
ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem Jahrhundert
unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren die „vestes de
petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke zugeknöpft
wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen. Aber bei den
Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den Rock auf und
zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer Weste, welche
den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben darstellten. Diese
raffinierte Idee macht selbst den bekannten Ausspruch des Ben Akiba
illusorisch.
Ludwig’s XV. kamen.“
Dieses berühmte Bild zeigte Casanova später einer französischen
Nonne in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, und diese
Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova malen!
[187]
Nach Parent-Duchatelet[188] vertrieb man während des vorigen
Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen die
unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum bekümmerte.
Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher die schändlichsten
Karikaturen auf Ludwig XVI., Marie Antoinette und andere Personen. Man
könnte daher wohl sagen, dass die Orte der Unzucht zu den politischen
Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen hätten. Unter der
Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen Bilder nicht nur in
den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten sich nicht, in den
Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die frechsten Kupferstiche
aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der Paederastie, der seltsamsten
Wollust den Blicken aller Vorübergehenden preisgegeben wurden.
Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden,
verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis de Sade
durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“
gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.
Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet
die „Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach
immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings
ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem Jahrhundert
unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren die „vestes de
petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke zugeknöpft
wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen. Aber bei den
Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den Rock auf und
zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer Weste, welche
den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben darstellten. Diese
raffinierte Idee macht selbst den bekannten Ausspruch des Ben Akiba
illusorisch.
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Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken.
Bei Sade ist auch die Defaecation wie alles Schmutzige und Widerliche ein
Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird von Männern und
Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man es glauben? Auch der Akt
der Defaecation wurde den Parisern im 18. Jahrhundert bildlich vor Augen
geführt. Konnte es ausbleiben, dass einige, besonders starker Reize
bedürftige Wüstlinge auch an diesem Akte Gefallen fanden und ihn zur
Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten? Johann Friedrich Reichardt erzählt,
dass den Vorübergehenden an allen Ecken die schmutzigsten und
niederträchtigsten Poissardenlieder und Gespräche, mit ekelhaften
illuminierten Holzschnitten, die alle den schmutzigsten Ausleerungsakt
scheusslich natürlich darstellten, angeboten und aufgedrungen wurden. Bei
den Parisern sei dies Letzte nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten
(?), ernsthaftesten Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in
die Tasche stecken[190].
Auch in der Skulptur machte sich, wenn gleich natürlich in
beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein
Sinnlichen geltend. Mit den drei Coustou’s „versinkt die Kunst in die
Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck sinnlicher
Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das wollüstige Beben
und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste. Die Frauen werden
dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der wollüstigen Erschlaffung
lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen am Hofe Ludwig’s XV. und der
Pompadour“[191]. Der berühmte Houdon, nach Arsène Houssaye der „letzte
Ausdruck (expression) des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle
Ideen, alle Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“,
seine „Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.
André Grétry, der Hauptvertreter der französischen Musik des 18.
Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit liebte,
zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft, sondern
nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis de Sade ein Mensch seiner Zeit war,
der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem der Umstand, dass auch
er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen Manie ergriffen war: der
Theaterwut, der Mimomanie! de Sade hat nicht nur zahlreiche
Theaterstücke geschrieben, sondern auch dilettantische
Theateraufführungen veranstaltet.
Bei Sade ist auch die Defaecation wie alles Schmutzige und Widerliche ein
Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird von Männern und
Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man es glauben? Auch der Akt
der Defaecation wurde den Parisern im 18. Jahrhundert bildlich vor Augen
geführt. Konnte es ausbleiben, dass einige, besonders starker Reize
bedürftige Wüstlinge auch an diesem Akte Gefallen fanden und ihn zur
Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten? Johann Friedrich Reichardt erzählt,
dass den Vorübergehenden an allen Ecken die schmutzigsten und
niederträchtigsten Poissardenlieder und Gespräche, mit ekelhaften
illuminierten Holzschnitten, die alle den schmutzigsten Ausleerungsakt
scheusslich natürlich darstellten, angeboten und aufgedrungen wurden. Bei
den Parisern sei dies Letzte nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten
(?), ernsthaftesten Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in
die Tasche stecken[190].
Auch in der Skulptur machte sich, wenn gleich natürlich in
beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein
Sinnlichen geltend. Mit den drei Coustou’s „versinkt die Kunst in die
Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck sinnlicher
Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das wollüstige Beben
und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste. Die Frauen werden
dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der wollüstigen Erschlaffung
lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen am Hofe Ludwig’s XV. und der
Pompadour“[191]. Der berühmte Houdon, nach Arsène Houssaye der „letzte
Ausdruck (expression) des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle
Ideen, alle Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“,
seine „Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.
André Grétry, der Hauptvertreter der französischen Musik des 18.
Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit liebte,
zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft, sondern
nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis de Sade ein Mensch seiner Zeit war,
der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem der Umstand, dass auch
er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen Manie ergriffen war: der
Theaterwut, der Mimomanie! de Sade hat nicht nur zahlreiche
Theaterstücke geschrieben, sondern auch dilettantische
Theateraufführungen veranstaltet.
Page 98
Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in
Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum
verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche
Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss, zu
jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es in
Bachaumont’s Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem
Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar
in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die Pompadour
wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die Damen
studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an ihrer Privatbühne
aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu niedlichen Intriguen und
galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des Pierrot und der Colombine zu
tragen.“ (Muther).
Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor der
Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir haben schon
auf Lanjon’s Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und während der
Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen, gegen das
Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl dieser
sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die scheusslichsten
sind von Guigoud Pigale („Le triomphe de la raison publique“), Léonard
Bourdon („Le tombeau des imposteurs et l’inauguration du temple de la
vérité sansculotide, dédiée au Pape“), Sylvain Maréchal („Le jugement
dernier des rois“), Desbarreaux („Les potentats foudroyés par la montagne
et la raison ou la déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke
zanken sieh die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin
Katharina sagt zum Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser
antwortet: Vous avez un avaloir où les grands morceaux passent aisément.
Hierauf giebt jene dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser
antwortet durch einen Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und
schmutzigen Reden fort. Der Marquis de Sade hatte ein weiteres Vorbild für
seine obscönen Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine
Mitgefangenen spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“
(London 1788, 2 Bände), für welches sogar Grandval, Caylus, Crébillon
und Piron Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen
Worten und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach
Mercier im Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter
Wilder und eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines
Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum
verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche
Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss, zu
jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es in
Bachaumont’s Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem
Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar
in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die Pompadour
wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die Damen
studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an ihrer Privatbühne
aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu niedlichen Intriguen und
galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des Pierrot und der Colombine zu
tragen.“ (Muther).
Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor der
Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir haben schon
auf Lanjon’s Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und während der
Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen, gegen das
Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl dieser
sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die scheusslichsten
sind von Guigoud Pigale („Le triomphe de la raison publique“), Léonard
Bourdon („Le tombeau des imposteurs et l’inauguration du temple de la
vérité sansculotide, dédiée au Pape“), Sylvain Maréchal („Le jugement
dernier des rois“), Desbarreaux („Les potentats foudroyés par la montagne
et la raison ou la déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke
zanken sieh die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin
Katharina sagt zum Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser
antwortet: Vous avez un avaloir où les grands morceaux passent aisément.
Hierauf giebt jene dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser
antwortet durch einen Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und
schmutzigen Reden fort. Der Marquis de Sade hatte ein weiteres Vorbild für
seine obscönen Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine
Mitgefangenen spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“
(London 1788, 2 Bände), für welches sogar Grandval, Caylus, Crébillon
und Piron Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen
Worten und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach
Mercier im Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter
Wilder und eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines
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zahlreichen Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung
vollzogen. Der Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen
„voyeurs“ der Hauptstadt, die auch in Sade’s Romanen vertreten sind. „La
vue des plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon La Mettrie in seiner
„L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess endlich die
beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der Wilde ein Kerl aus
der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine Hure war, die sich sehr
ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen Zuschauern auf diese Art
verdient hatten.[194]
Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und
Tänzerinnen bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie
wir später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die
„Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen
anzuknüpfen“[195].
vollzogen. Der Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen
„voyeurs“ der Hauptstadt, die auch in Sade’s Romanen vertreten sind. „La
vue des plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon La Mettrie in seiner
„L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess endlich die
beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der Wilde ein Kerl aus
der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine Hure war, die sich sehr
ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen Zuschauern auf diese Art
verdient hatten.[194]
Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und
Tänzerinnen bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie
wir später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die
„Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen
anzuknüpfen“[195].
Page 100
12. Die Mode.
Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet
werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus, viele
Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine
Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die Moden, die ja in
Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider tragen,
die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen der Flora, sollten
gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. — Das ist die Rolle,
welche der Marquis de Sade durch den Minister Saint-Fond (Juliette II,
197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe Saint-Fond empfiehlt der Juliette,
sie sollte sich, um den letzten Rest von Scham zu ersticken, halbnackt dem
Publikum auf der Promenade zeigen (Juliette III, 125).
Auch hier lässt de Sade die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des Saint-
Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es noch
Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen auf
den Champs-Elysées, vollständig nackt, nur mit einer dünnen Gaze
bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten Brüsten. Bei
diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man führte diese
Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter und heftigem
Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]
Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert
von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen einer
üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf merkwürdige
Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die Natur zu verbessern
und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren Haaren das Weiss des
Alters verliehen.[197] Die Goncourts schildern unübertrefflich[198] die
unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18. Jahrhundert mit ihren
bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und Verhüllungen, die
gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die
Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode
huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater Girard erschienen die
Bänder à la Cadière, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire
Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet
werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus, viele
Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine
Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die Moden, die ja in
Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider tragen,
die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen der Flora, sollten
gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. — Das ist die Rolle,
welche der Marquis de Sade durch den Minister Saint-Fond (Juliette II,
197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe Saint-Fond empfiehlt der Juliette,
sie sollte sich, um den letzten Rest von Scham zu ersticken, halbnackt dem
Publikum auf der Promenade zeigen (Juliette III, 125).
Auch hier lässt de Sade die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des Saint-
Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es noch
Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen auf
den Champs-Elysées, vollständig nackt, nur mit einer dünnen Gaze
bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten Brüsten. Bei
diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man führte diese
Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter und heftigem
Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]
Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert
von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen einer
üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf merkwürdige
Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die Natur zu verbessern
und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren Haaren das Weiss des
Alters verliehen.[197] Die Goncourts schildern unübertrefflich[198] die
unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18. Jahrhundert mit ihren
bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und Verhüllungen, die
gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die
Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode
huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater Girard erschienen die
Bänder à la Cadière, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire
Page 101
darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den
„rubans à la Cadière“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende
die „rubans à la Cagliostro.“
Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr
traten die Nuditäten in der Mode hervor. Der Cult der Gaze, die Vorliebe für
ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die Kleidung der
„Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das Kleid zog sich
immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur Schulter
entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen um die
entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In den
öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die nur mit
einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen geschmückten
Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher der Eröffnung des
Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem Tage mehrere Göttinnen in
so leichten und durchsichtigen Kostümen erschienen, dass man alles sehen
konnte, was man sehen wollte. Die Baronin de V... traf einmal in den
Champs-Elysées eine ebensolche „nackte“ Dame am Arme eines
vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher Berichterstatter schrieb: „Besuchen
Sie einmal das Konzert im Theater de la rue Feydeau, und Sie werden von
der Menge Juwelen und Gold geblendet werden, womit die Damen bedeckt
sind. Betrachten Sie diese brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden
leicht bemerken, dass sie entweder gar keine oder höchstens nur halbe
Hemden tragen. Der ganze Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist
bloss. Verschiedene haben ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite
hinaufgeschürzt, so dass sie auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz,
die Indecenz der Trachten dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame
Tallien erschien auf dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht
nur den Kopf, die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie
hatte sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder
Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque,
deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte Therese
Cabarrus, die Geliebte Tallien’s, in Paris eingeführt, nachdem sie schon
während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer
überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“
entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich nach dem
Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur Revolutionszeit
nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke der Muskeln für das
„rubans à la Cadière“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende
die „rubans à la Cagliostro.“
Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr
traten die Nuditäten in der Mode hervor. Der Cult der Gaze, die Vorliebe für
ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die Kleidung der
„Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das Kleid zog sich
immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur Schulter
entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen um die
entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In den
öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die nur mit
einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen geschmückten
Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher der Eröffnung des
Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem Tage mehrere Göttinnen in
so leichten und durchsichtigen Kostümen erschienen, dass man alles sehen
konnte, was man sehen wollte. Die Baronin de V... traf einmal in den
Champs-Elysées eine ebensolche „nackte“ Dame am Arme eines
vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher Berichterstatter schrieb: „Besuchen
Sie einmal das Konzert im Theater de la rue Feydeau, und Sie werden von
der Menge Juwelen und Gold geblendet werden, womit die Damen bedeckt
sind. Betrachten Sie diese brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden
leicht bemerken, dass sie entweder gar keine oder höchstens nur halbe
Hemden tragen. Der ganze Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist
bloss. Verschiedene haben ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite
hinaufgeschürzt, so dass sie auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz,
die Indecenz der Trachten dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame
Tallien erschien auf dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht
nur den Kopf, die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie
hatte sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder
Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque,
deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte Therese
Cabarrus, die Geliebte Tallien’s, in Paris eingeführt, nachdem sie schon
während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer
überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“
entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich nach dem
Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur Revolutionszeit
nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke der Muskeln für das
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höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in Herkulesse, die Wollust
wird brutal.[203]
Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert
einen Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und
Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige
Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche Teil,
der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, so sehr die
Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen Weiber der Freude die
Manier, eben diesen Teil, den die verschämte Sittsamkeit bescheiden in den
gehörigen Hintergrund zurückzieht, recht frechlüstig zu präsentieren, und
durch Bewegungen im Gange alle seine Formen recht anschaulich zu
machen.“[204] Unter Ludwig XVI war bei den Frauen jene das Gesäss stark
hervortretenlassende Mode sehr verbreitet, von der Dulaure sagt, dass er die
Trägerinnen der „Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals
besang Piron in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche
Sinnlichkeit folgendermassen[206]:
L’aimable C.. de Briséis
N’a point de pareil ni de prix!
Plus rond qu’une boule d’ivoire —
Le croira qui le voudra croire.
J’en ai presque mes sens ravis
Mon cœur de joie en est épris
Et j’ai toujours dans ma mémoire.
L’aimable C...!
Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse
Effeminatio in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen,
Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, Silber
und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind so elastisch,
schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und von Rosenduft
umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene Amoretten
wären“[207].
Andererseits war die immer mehr um sich greifende Tribadie Ursache
besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten
sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der
Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes Kostüm.
Mercier erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft über die Moden
wird brutal.[203]
Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert
einen Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und
Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige
Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche Teil,
der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, so sehr die
Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen Weiber der Freude die
Manier, eben diesen Teil, den die verschämte Sittsamkeit bescheiden in den
gehörigen Hintergrund zurückzieht, recht frechlüstig zu präsentieren, und
durch Bewegungen im Gange alle seine Formen recht anschaulich zu
machen.“[204] Unter Ludwig XVI war bei den Frauen jene das Gesäss stark
hervortretenlassende Mode sehr verbreitet, von der Dulaure sagt, dass er die
Trägerinnen der „Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals
besang Piron in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche
Sinnlichkeit folgendermassen[206]:
L’aimable C.. de Briséis
N’a point de pareil ni de prix!
Plus rond qu’une boule d’ivoire —
Le croira qui le voudra croire.
J’en ai presque mes sens ravis
Mon cœur de joie en est épris
Et j’ai toujours dans ma mémoire.
L’aimable C...!
Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse
Effeminatio in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen,
Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, Silber
und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind so elastisch,
schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und von Rosenduft
umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene Amoretten
wären“[207].
Andererseits war die immer mehr um sich greifende Tribadie Ursache
besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten
sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der
Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes Kostüm.
Mercier erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft über die Moden
Page 103
spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen Tribaden sind, welche
die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann zu frisieren, Hüte und
Männerstiefel zu tragen.“[209]
die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann zu frisieren, Hüte und
Männerstiefel zu tragen.“[209]
Page 104
13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18.
Jahrhundert.
In Paris hat der Marquis de Sade seine Studien für die beiden
berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er den
grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser Ereignisse
und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, und die
Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in seinen Werken
sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu überraschender Weise aus
der Betrachtung der Prostitution und des Geschlechtslebens in Paris
ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, was Montesquieu im 106ten
persischen Briefe sagt, dass es die „sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man
die „raffiniertesten Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen
Bordelle bei Sade mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast
durchweg auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen
sind Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese
Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.
Jahrhundert.
In Paris hat der Marquis de Sade seine Studien für die beiden
berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er den
grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser Ereignisse
und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, und die
Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in seinen Werken
sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu überraschender Weise aus
der Betrachtung der Prostitution und des Geschlechtslebens in Paris
ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, was Montesquieu im 106ten
persischen Briefe sagt, dass es die „sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man
die „raffiniertesten Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen
Bordelle bei Sade mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast
durchweg auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen
sind Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese
Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.
Page 105
14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und
Prostituierte.
In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis de Sade das Bordell der
Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und
Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause
hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante
Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das
Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit
dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig,
die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und
ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt,
als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre
Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell
versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später
selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen
(maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen
Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus
der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris
liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen
wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien,
Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder Serails, wie de Sade sie
nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien
gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt
ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die
vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von
Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33
ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343
ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich
zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).
Alcide Bonneau meint, dass der Hirschpark dem Marquis de Sade als
Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens
auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-
Prostituierte.
In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis de Sade das Bordell der
Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und
Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause
hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante
Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das
Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit
dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig,
die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und
ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt,
als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre
Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell
versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später
selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen
(maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen
Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus
der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris
liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen
wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien,
Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder Serails, wie de Sade sie
nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien
gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt
ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die
vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von
Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33
ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343
ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich
zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).
Alcide Bonneau meint, dass der Hirschpark dem Marquis de Sade als
Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens
auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-
Page 106
Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis de Sade doch
ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine
Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in
mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für
Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode Ludwig’s XV. 34 Jahre
alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir
allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der
ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt,
versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.
Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis de Sade
seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der
Wirklichkeit entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit
näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische
Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen
pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im
Folgenden geschildert werden.
ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine
Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in
mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für
Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode Ludwig’s XV. 34 Jahre
alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir
allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der
ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt,
versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.
Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis de Sade
seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der
Wirklichkeit entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit
näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische
Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen
pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im
Folgenden geschildert werden.
Page 107
a. Das Freudenhaus der Madame Gourdan.[211]
Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen
Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das
Freudenhaus der Madame Gourdan in der Rue des deux Portes, das unter
den Regierungen Ludwig’s XV. und Ludwig’s XVI. als Bordell für den Hof
und die vornehmen Fremden galt.
Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus,
welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen
versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
1. Das Serail. Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de
corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein
mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die
Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs
genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un
pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruft
Pidanzat de Mairobert bei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass
dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ bei Sade hergegeben
hat. Ebenso lässt de Sade in seinen Romanen häufig den Preis der Liebe
vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher
genau analysieren.
2. Die „Piscine“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man
zuerst die in der Provinz und in Paris für die Gourdan aufgegriffenen
Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich
gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich
verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte
„Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem Madame Gourdan
etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder
zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquis de
Sade dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden
lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca
sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten
Mustern. — Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des
Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen
Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das
Freudenhaus der Madame Gourdan in der Rue des deux Portes, das unter
den Regierungen Ludwig’s XV. und Ludwig’s XVI. als Bordell für den Hof
und die vornehmen Fremden galt.
Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus,
welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen
versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
1. Das Serail. Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de
corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein
mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die
Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs
genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un
pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruft
Pidanzat de Mairobert bei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass
dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ bei Sade hergegeben
hat. Ebenso lässt de Sade in seinen Romanen häufig den Preis der Liebe
vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher
genau analysieren.
2. Die „Piscine“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man
zuerst die in der Provinz und in Paris für die Gourdan aufgegriffenen
Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich
gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich
verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte
„Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem Madame Gourdan
etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder
zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquis de
Sade dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden
lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca
sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten
Mustern. — Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des
Page 108
monstres“, die durch ihren scharfen Geruch Impotente wieder potent
machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. — Das
„Spezificum“ des Doktor Guilbert de Préval (von welchem Charlatan
später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn
es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich!
Madame Gourdan injicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen,
um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuelles Tuberkulin des 18.
Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.
3. Das „Cabinet de Toilette“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses
Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
4. Die „Salle de bal.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in
das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der Gourdan
unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und
Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das
Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie
„Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen
Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in
Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die
vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben
Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr
unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der
Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in
Ausdrücken und Handlungen.
5. Die „Infirmerie.“ Das war das Gemach für Impotente, deren
erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde.
Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder
und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke,
auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein
Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas
bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle
Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten
dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum
Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich
bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la
Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte.
Man sieht, dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des
machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. — Das
„Spezificum“ des Doktor Guilbert de Préval (von welchem Charlatan
später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn
es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich!
Madame Gourdan injicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen,
um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuelles Tuberkulin des 18.
Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.
3. Das „Cabinet de Toilette“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses
Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
4. Die „Salle de bal.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in
das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der Gourdan
unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und
Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das
Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie
„Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen
Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in
Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die
vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben
Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr
unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der
Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in
Ausdrücken und Handlungen.
5. Die „Infirmerie.“ Das war das Gemach für Impotente, deren
erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde.
Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder
und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke,
auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein
Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas
bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle
Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten
dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum
Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich
bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la
Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte.
Man sieht, dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des
Page 109
Marquis de Sade in jener Zeit nicht vereinzelt war. —- Auch für die Frauen
war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein
waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina
eingeführt wurden. Mairobert konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker
diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische
Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch
machten.“ — Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den
Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die Gourdan trieb
mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem
Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der
Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war
unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den
Nonnenklöstern nicht übertrieben. — Grosser schwarzer Ringe, der
sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation
der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt,
was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal
von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen
und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe
schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die
Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und
dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht Ricord, sondern Pidanzat de
Mairobert, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
6. Die „Chambre de la question“. — Das war ein Kabinet, in welches
man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die
Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten,
was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
7. Der „Salon des Vulcan“. — In ihm befand sich ein Fauteuil von
sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine
Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten
Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine
Erfindung des Herrn de Fronsac, Sohnes des Herzogs von Richelieu,
welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen
Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom
Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der
„Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe,
durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von
war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein
waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina
eingeführt wurden. Mairobert konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker
diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische
Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch
machten.“ — Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den
Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die Gourdan trieb
mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem
Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der
Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war
unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den
Nonnenklöstern nicht übertrieben. — Grosser schwarzer Ringe, der
sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation
der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt,
was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal
von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen
und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe
schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die
Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und
dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht Ricord, sondern Pidanzat de
Mairobert, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
6. Die „Chambre de la question“. — Das war ein Kabinet, in welches
man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die
Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten,
was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
7. Der „Salon des Vulcan“. — In ihm befand sich ein Fauteuil von
sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine
Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten
Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine
Erfindung des Herrn de Fronsac, Sohnes des Herzogs von Richelieu,
welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen
Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom
Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der
„Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe,
durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von
Page 110
Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium des Lasters
finden wir auch bei de Sade wieder.
Die Gourdan war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie
konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In
Villiers-le-Bel hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie
selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren.
Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders
raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das
„Kloster“.
Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die
Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon
deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man
sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die Gourdan gehörte zu der
zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell
von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden.
Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die
körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später
einen solchen Bericht mitteilen.[213]
Im Hause der Gourdan wurden die Maitressen für die vornehme Welt
herangebildet. So hatte die spätere Gräfin Du Barry ihre glänzende
Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der Gourdan zu verdanken. Aber
auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme
Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der Gourdan
entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.
finden wir auch bei de Sade wieder.
Die Gourdan war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie
konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In
Villiers-le-Bel hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie
selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren.
Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders
raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das
„Kloster“.
Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die
Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon
deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man
sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die Gourdan gehörte zu der
zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell
von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden.
Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die
körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später
einen solchen Bericht mitteilen.[213]
Im Hause der Gourdan wurden die Maitressen für die vornehme Welt
herangebildet. So hatte die spätere Gräfin Du Barry ihre glänzende
Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der Gourdan zu verdanken. Aber
auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme
Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der Gourdan
entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.
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b. Justine Paris und das Hôtel du Roule.
Am 14. November 1773 hielt Madame Gourdan auf ihre verstorbene
Kollegin Justine Paris eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S.
401 bis 412) abgedruckt ist und so voll sadischen Geistes ist, dass wir einen
kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede
concipierte der Prinz Conti, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien
régime. Ausgeführt wurde sie von der Gourdan, welche die Rede bei einer
Orgie in Conti’s Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-
puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè,
Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame
Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte
das charakteristische Motto:
La vérole, o mon Dieu,
M’a criblé jusq’aux os.
Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als
einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous
n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den
Romanen des Marquis de Sade fast auf jeder Seite findet, schleunigst in die
Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie
in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der
Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald
berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie
phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig
(emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach Italien und
ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie
durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt.
Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend,
die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern
und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines
Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
Sollte dem Marquis de Sade diese Leichenrede ganz unbekannt
geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in
Am 14. November 1773 hielt Madame Gourdan auf ihre verstorbene
Kollegin Justine Paris eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S.
401 bis 412) abgedruckt ist und so voll sadischen Geistes ist, dass wir einen
kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede
concipierte der Prinz Conti, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien
régime. Ausgeführt wurde sie von der Gourdan, welche die Rede bei einer
Orgie in Conti’s Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-
puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè,
Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame
Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte
das charakteristische Motto:
La vérole, o mon Dieu,
M’a criblé jusq’aux os.
Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als
einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous
n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den
Romanen des Marquis de Sade fast auf jeder Seite findet, schleunigst in die
Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie
in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der
Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald
berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie
phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig
(emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach Italien und
ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie
durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt.
Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend,
die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern
und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines
Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
Sollte dem Marquis de Sade diese Leichenrede ganz unbekannt
geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in
Page 112
Madame Paris und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu
finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der
Welt und als Idealhure gefeiert wird.
Casanova, dieser geniale Schilderer, dessen historische
Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von Barthold[214]
überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche
im Bordell der Paris im Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und
führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser
Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der
mehr systematischen Beschreibung des Hauses Gourdan hier Platz finden
möge.[215] „Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch
unbekannt. Die Besitzerin hatte es elegant möbliert und hielt zwölf bis
vierzehn ausgezeichnete Nymphen. Man fand bei ihr alle wünschenswerten
Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, Einsamkeit in
herrlichen Gebüschen; ihr Koch war vortrefflich, ihre Weine ausgezeichnet.
„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der
aber Alle befriedigte.
„Durch die Polizei geschützt, war sie weit genug von Paris entfernt, um
überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der
Mittelklasse standen.
„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle
Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.
„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf
für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese
Schilderung Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen
Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“
übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris
„einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“,
ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei
geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der
genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen
Pariser Freudenhäusern nirgends ein Koch erwähnt wird, dass die
Reihenfolge der übrigen Epitheta bei Casanova und de Sade genau dieselbe
finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der
Welt und als Idealhure gefeiert wird.
Casanova, dieser geniale Schilderer, dessen historische
Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von Barthold[214]
überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche
im Bordell der Paris im Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und
führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser
Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der
mehr systematischen Beschreibung des Hauses Gourdan hier Platz finden
möge.[215] „Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch
unbekannt. Die Besitzerin hatte es elegant möbliert und hielt zwölf bis
vierzehn ausgezeichnete Nymphen. Man fand bei ihr alle wünschenswerten
Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, Einsamkeit in
herrlichen Gebüschen; ihr Koch war vortrefflich, ihre Weine ausgezeichnet.
„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der
aber Alle befriedigte.
„Durch die Polizei geschützt, war sie weit genug von Paris entfernt, um
überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der
Mittelklasse standen.
„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle
Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.
„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf
für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese
Schilderung Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen
Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“
übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris
„einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“,
ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei
geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der
genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen
Pariser Freudenhäusern nirgends ein Koch erwähnt wird, dass die
Reihenfolge der übrigen Epitheta bei Casanova und de Sade genau dieselbe
Page 113
ist, endlich dass Casanova, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis
1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im
Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat
und auch früher den Marquis de Sade nicht gekannt hat, dass ferner seine
Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich
daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb
kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch
getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten
wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis
de Sade hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der Justine Paris
geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns
gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt
sich, dass die Werke des Marquis de Sade ebenso ein Objekt der
Kulturgeschichte wie der Medizin sind. Dieser merkwürdige Mensch hat
uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn
verstehen, um ihn erklären zu können, und wir überzeugten uns bald, dass
auch der Arzt hier die wichtigste Belehrung nur aus der Kulturgeschichte
empfangen kann. Das Individuum de Sade wird erleuchtet durch den
geschichtlichen Menschen.
Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung Casanova’s
zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher:
‚Nach Chaillot‘.
„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über
dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus
einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns
anständig, öffnete und wir fuhren hinein.
„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch
Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie
uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.
„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in
welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und
gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.
1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im
Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat
und auch früher den Marquis de Sade nicht gekannt hat, dass ferner seine
Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich
daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb
kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch
getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten
wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis
de Sade hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der Justine Paris
geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns
gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt
sich, dass die Werke des Marquis de Sade ebenso ein Objekt der
Kulturgeschichte wie der Medizin sind. Dieser merkwürdige Mensch hat
uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn
verstehen, um ihn erklären zu können, und wir überzeugten uns bald, dass
auch der Arzt hier die wichtigste Belehrung nur aus der Kulturgeschichte
empfangen kann. Das Individuum de Sade wird erleuchtet durch den
geschichtlichen Menschen.
Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung Casanova’s
zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher:
‚Nach Chaillot‘.
„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über
dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus
einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns
anständig, öffnete und wir fuhren hinein.
„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch
Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie
uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.
„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in
welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und
gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.
Page 114
„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr
anmutige Verbeugung.
„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen
braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.
„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.
„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.
„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit
einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir
gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen
würde.
„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er
den Freuden der Liebe dienen konnte.
Madame Paris sagte:
„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und
halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der
Ruhe und der Gesundheit.“
„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.
„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung
erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns
zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.
„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.
Schliesslich lassen sich Casanova und sein Freund dazu bewegen, die
Nacht in dem Bordell zu verleben.
Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18.
Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de
l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die
mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,
Est un temple charmant consacré par l’Amour;
C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse
Va porter son encens an dieu de la tendresse.
anmutige Verbeugung.
„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen
braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.
„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.
„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.
„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit
einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir
gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen
würde.
„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er
den Freuden der Liebe dienen konnte.
Madame Paris sagte:
„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und
halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der
Ruhe und der Gesundheit.“
„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.
„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung
erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns
zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.
„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.
Schliesslich lassen sich Casanova und sein Freund dazu bewegen, die
Nacht in dem Bordell zu verleben.
Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18.
Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de
l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die
mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,
Est un temple charmant consacré par l’Amour;
C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse
Va porter son encens an dieu de la tendresse.
Page 115
Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A la
nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire
eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die Paris ihren
Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte,
ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:
Des noms mignards, respirant la luxure,
Feront an cœur la première blessure;
Margot sera la charmant Aglaé,
Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,
Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,
Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire
eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die Paris ihren
Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte,
ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:
Des noms mignards, respirant la luxure,
Feront an cœur la première blessure;
Margot sera la charmant Aglaé,
Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,
Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,
Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
Page 116
c. Das Bordell der Richard.[216]
Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von Geistlichen besucht.
Madame Richard hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch junge
Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab ihr den
Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe florierte
glänzend. Madame Richard wurde die Lieferantin von jungen Mädchen für
ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ Eine erotische
Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.
Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von Geistlichen besucht.
Madame Richard hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch junge
Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab ihr den
Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe florierte
glänzend. Madame Richard wurde die Lieferantin von jungen Mädchen für
ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ Eine erotische
Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.
Page 117
d. Ein Negerbordell.
Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei
Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen
Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). Neger
und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner in Venedig
eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des Cardoville bei Grenoble,
wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses Wüstlings geführt wird, sind
zwei Neger als Helfershelfer bei diesen Orgien thätig. (Justine IV, 331.) —
Im dritten Bande von „Aline et Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein
obscönes Bild, drei nackte Weiber darstellend und einen Mann, der die
Genitalien des einen Weibes berührt, während von vier dabei stehenden
Negern zwei mit wildem Ausdruck Keulen schwingen.
Die Neger sind auch keine Erfindung Sade’s! Es existierte schon vor
1790 in Paris ein Negerbordell! Dies befand sich im Hause einer Mlle.
Isabeau, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, welches
letztere Haus einem gewissen Marchand gehörte. In diesem Bordell waren
Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab keine festen Preise,
sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man die Sklavinnen einer
Karawane verkauft.“[217]
Fraxi meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht
den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in
mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare
dieser schwarzen Schönheiten. Auch Hagen macht in seiner „Sexuellen
Osphresiologie“ (S. 179–181) ausführliche Mitteilungen über diese Vorliebe
der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf Geruchsreize
zurückführt.
Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei
Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen
Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). Neger
und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner in Venedig
eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des Cardoville bei Grenoble,
wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses Wüstlings geführt wird, sind
zwei Neger als Helfershelfer bei diesen Orgien thätig. (Justine IV, 331.) —
Im dritten Bande von „Aline et Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein
obscönes Bild, drei nackte Weiber darstellend und einen Mann, der die
Genitalien des einen Weibes berührt, während von vier dabei stehenden
Negern zwei mit wildem Ausdruck Keulen schwingen.
Die Neger sind auch keine Erfindung Sade’s! Es existierte schon vor
1790 in Paris ein Negerbordell! Dies befand sich im Hause einer Mlle.
Isabeau, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, welches
letztere Haus einem gewissen Marchand gehörte. In diesem Bordell waren
Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab keine festen Preise,
sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man die Sklavinnen einer
Karawane verkauft.“[217]
Fraxi meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht
den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in
mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare
dieser schwarzen Schönheiten. Auch Hagen macht in seiner „Sexuellen
Osphresiologie“ (S. 179–181) ausführliche Mitteilungen über diese Vorliebe
der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf Geruchsreize
zurückführt.
Page 118
e. Die „petites maisons“.
Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18.
Jahrhunderts auf das berühmte Werk von Rétif de la Bretonne
verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790),
erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, wo
nach Rétif’s Erzählung der Herzog von Orléans, der Graf von Artois sich
den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten hingaben, wo man
„Bestialitäten“ beging, die später der Marquis de Sade in seinem „exécrable
roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu beschrieben habe.[220]
Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem
Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust bei
sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren und
reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“
gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature.
Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte zum
vornehmen Ton bei Jung und Alt. Casanova lernte in Paris den 80jährigen
Chevalier d’Arzigny kennen, den „Aeltesten der petits maîtres“, der sich rot
schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke pomadisierte, die
Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und ein Gebiss von
Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner Geliebten zärtlich
zugetan, die ihm sein kleines Haus führte, in welchem er stets in
Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die sämtlich jung, sämtlich
liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für die seinige aufgaben“.[221]
Auch der Marquis de Sade besass im Jahre 1772 auf der butte Saint-
Roch sein „petite maison“.[222]
Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18.
Jahrhunderts auf das berühmte Werk von Rétif de la Bretonne
verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790),
erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, wo
nach Rétif’s Erzählung der Herzog von Orléans, der Graf von Artois sich
den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten hingaben, wo man
„Bestialitäten“ beging, die später der Marquis de Sade in seinem „exécrable
roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu beschrieben habe.[220]
Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem
Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust bei
sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren und
reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“
gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature.
Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte zum
vornehmen Ton bei Jung und Alt. Casanova lernte in Paris den 80jährigen
Chevalier d’Arzigny kennen, den „Aeltesten der petits maîtres“, der sich rot
schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke pomadisierte, die
Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und ein Gebiss von
Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner Geliebten zärtlich
zugetan, die ihm sein kleines Haus führte, in welchem er stets in
Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die sämtlich jung, sämtlich
liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für die seinige aufgaben“.[221]
Auch der Marquis de Sade besass im Jahre 1772 auf der butte Saint-
Roch sein „petite maison“.[222]
Page 119
f. Die geheimen pornologischen Klubs.
Das, was der Marquis de Sade in der „Société des amis du crime“
geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den
Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es
gab in Paris geheime Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des
praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit
den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der
geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.
Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder
die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub.
Gegründet wurde er vom Herrn von Chambonas.[223] Diese geheime
Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle
Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an
den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“
waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die
einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit
geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des Glückes führen liessen.
[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten
Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs war
Moët, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer
der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von
Dühren „Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub
das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de
l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis
(Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das
„Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige
Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“
= femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser
une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour,
intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende
Verse:
L’isle de la Félicité
N’est pas une chimère;
Das, was der Marquis de Sade in der „Société des amis du crime“
geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den
Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es
gab in Paris geheime Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des
praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit
den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der
geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.
Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder
die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub.
Gegründet wurde er vom Herrn von Chambonas.[223] Diese geheime
Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle
Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an
den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“
waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die
einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit
geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des Glückes führen liessen.
[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten
Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs war
Moët, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer
der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von
Dühren „Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub
das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de
l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis
(Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das
„Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige
Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“
= femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser
une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour,
intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende
Verse:
L’isle de la Félicité
N’est pas une chimère;
Page 120
C’est où règne la volupté
Et de l’amour la mère;
Frères, courons, parcourons
Tous les flots de Cythère
Et nous la trouverons.[226]
Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen
heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis
zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem
Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]
Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten,
der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de
plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript
gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich
diese „sociétés de cynisme“, wie die Goncourts sie nennen, wälzten.[228]
Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte
Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine
Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen
Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.
Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der
Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das
einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen
Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ de Sade’s
Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten
Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit
zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche
„cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden,
die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte
hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise,
linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive
puerorum nachher zur Reinigung benutzen.
In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer,
Frauen und — Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten.
Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal
erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die
Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der
Et de l’amour la mère;
Frères, courons, parcourons
Tous les flots de Cythère
Et nous la trouverons.[226]
Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen
heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis
zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem
Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]
Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten,
der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de
plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript
gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich
diese „sociétés de cynisme“, wie die Goncourts sie nennen, wälzten.[228]
Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte
Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine
Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen
Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.
Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der
Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das
einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen
Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ de Sade’s
Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten
Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit
zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche
„cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden,
die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte
hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise,
linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive
puerorum nachher zur Reinigung benutzen.
In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer,
Frauen und — Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten.
Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal
erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die
Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der
Page 121
Unzucht und die Verbrechen, die man ihr nacheinander aufzählt, begehen
würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in
die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen
Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt
werden.[229]
würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in
die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen
Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt
werden.[229]
Page 122
g. Die Freudenmädchen.
Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen,
dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen
Wollust das Jahrhundert der Dirne ist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert.
Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je
raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“
(I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-
Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese
erwidert (S. 52–53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher
Ausschweifungen, welche stets bereit sind, sich ihrem Temperament oder
ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe,
die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne
sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen,
weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft
liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die
ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich
fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es
freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese
Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“.
Das ist das, was die Goncourts „den Verlust seines guten Rufes geniessen“
nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts
erklären.
Rétif de la Bretonne erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem
„Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur
Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch
nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch
die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den
Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren
Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit
einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass
Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen
der Wollust. Achtet Euch!“[230]
Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen,
dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen
Wollust das Jahrhundert der Dirne ist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert.
Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je
raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“
(I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-
Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese
erwidert (S. 52–53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher
Ausschweifungen, welche stets bereit sind, sich ihrem Temperament oder
ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe,
die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne
sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen,
weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft
liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die
ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich
fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es
freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese
Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“.
Das ist das, was die Goncourts „den Verlust seines guten Rufes geniessen“
nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts
erklären.
Rétif de la Bretonne erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem
„Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur
Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch
nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch
die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den
Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren
Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit
einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass
Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen
der Wollust. Achtet Euch!“[230]
Page 123
Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So
sprach ein Chevalier de Forges bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in
den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine
Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort
finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in
den Armen einer Prostituierten.[231]
Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt
sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der Polizei ihnen gegenüber
wieder. Wir sahen, dass de Sade das Bordell der Duvergier ausdrücklich
durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der
Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem
Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen
bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon
Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des Abbé Prévost, mit welcher
übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des
18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab
und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte
Polizei-Inspektor Marais dem Könige Ludwig XV. über die Dirnen von
Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht
fehlte. Parent-Duchatelet hat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom
Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass
die Duldung der Polizei in Betreff der öffentlichen Dirnen und Häuser
unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern
jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie
Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn
Klagen angebracht wurden.
„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen
und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich
von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die
grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.
„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine
Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare
und ihrer Diener abhing.
„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des
verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren
sprach ein Chevalier de Forges bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in
den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine
Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort
finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in
den Armen einer Prostituierten.[231]
Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt
sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der Polizei ihnen gegenüber
wieder. Wir sahen, dass de Sade das Bordell der Duvergier ausdrücklich
durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der
Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem
Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen
bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon
Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des Abbé Prévost, mit welcher
übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des
18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab
und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte
Polizei-Inspektor Marais dem Könige Ludwig XV. über die Dirnen von
Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht
fehlte. Parent-Duchatelet hat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom
Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass
die Duldung der Polizei in Betreff der öffentlichen Dirnen und Häuser
unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern
jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie
Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn
Klagen angebracht wurden.
„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen
und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich
von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die
grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.
„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine
Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare
und ihrer Diener abhing.
„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des
verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren
Page 124
minder roh und eilig war“.
Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene
Zustände, wie sie de Sade in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit.
Nach Parent-Duchatelet[234] wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen
abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer
Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses
Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in
sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in
die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die
Geschöpfe erreichen, welche junge Leute des einen und des andern
Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem
Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein
Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift
deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.
So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen
gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei
gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der
Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu
keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.
Eine zügellose Frechheit, ein beispielloses Aergernis war die Folge.
Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der
Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und
bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran,
dass der Marquis de Sade diese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der
kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris
zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der
widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.
Jetzt wurde die Dirne zur „Göttin der Vernunft“, die alle anbeten
müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater
der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es
schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur
war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig,
und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „Die
Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil
werden!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen
Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene
Zustände, wie sie de Sade in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit.
Nach Parent-Duchatelet[234] wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen
abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer
Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses
Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in
sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in
die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die
Geschöpfe erreichen, welche junge Leute des einen und des andern
Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem
Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein
Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift
deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.
So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen
gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei
gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der
Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu
keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.
Eine zügellose Frechheit, ein beispielloses Aergernis war die Folge.
Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der
Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und
bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran,
dass der Marquis de Sade diese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der
kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris
zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der
widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.
Jetzt wurde die Dirne zur „Göttin der Vernunft“, die alle anbeten
müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater
der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es
schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur
war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig,
und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „Die
Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil
werden!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen
Page 125
Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den
Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen
Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die
„Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich
zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und
steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796
der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar,
geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen
Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit
diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier
einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung,
die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal
und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich
völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“
Unzucht dar.[236]
Hier wurde das Ideal, das der Marquis de Sade in seinen Romanen
aufstellt, verwirklicht: Die Massensuggestion der Wollust! Zu dem
unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die
unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um
auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden
hinabzuziehen. Diese Infection der Moral durch das Gift der Wollust hat
Rétif de la Bretonne sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des
Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und
spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber
durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize
bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich
sogar, strafbare Freiheiten — und unsere Kinder, die Zeugen der
Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit
dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die
Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter
stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen
lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf
dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige
Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch
schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht
die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft
noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse
Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen
Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die
„Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich
zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und
steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796
der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar,
geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen
Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit
diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier
einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung,
die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal
und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich
völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“
Unzucht dar.[236]
Hier wurde das Ideal, das der Marquis de Sade in seinen Romanen
aufstellt, verwirklicht: Die Massensuggestion der Wollust! Zu dem
unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die
unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um
auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden
hinabzuziehen. Diese Infection der Moral durch das Gift der Wollust hat
Rétif de la Bretonne sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des
Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und
spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber
durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize
bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich
sogar, strafbare Freiheiten — und unsere Kinder, die Zeugen der
Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit
dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die
Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter
stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen
lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf
dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige
Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch
schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht
die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft
noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse
Page 126
zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser
Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe
besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem
Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges — Kinder haben es vor
Augen — und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom
zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A.
Schmidt nach Polizeiberichten — wir betonen das, weil das Factum sonst
kaum glaublich erscheint — dass im Oktober 1793 alltäglich der
Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater
Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von 7 bis 14
und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den
Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren
dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das
entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese
Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen
grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist
kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht
wurde. de Sade, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt
wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die
entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar
die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im
Opernhause „nackte Bälle“, bei denen nur das Gesicht maskiert war,
feierten[239], wo die Zahl der täglichen Dirnenbälle auf mehrere Hundert
stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau
getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so
betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000.
Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen
werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien
régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen,
Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.
Mercier erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz
besonderen Reiz ausüben[242]. La Mettrie ruft emphatisch aus:
„Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus
magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten
Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe
besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem
Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges — Kinder haben es vor
Augen — und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom
zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A.
Schmidt nach Polizeiberichten — wir betonen das, weil das Factum sonst
kaum glaublich erscheint — dass im Oktober 1793 alltäglich der
Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater
Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von 7 bis 14
und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den
Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren
dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das
entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese
Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen
grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist
kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht
wurde. de Sade, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt
wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die
entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar
die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im
Opernhause „nackte Bälle“, bei denen nur das Gesicht maskiert war,
feierten[239], wo die Zahl der täglichen Dirnenbälle auf mehrere Hundert
stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau
getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so
betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000.
Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen
werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien
régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen,
Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.
Mercier erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz
besonderen Reiz ausüben[242]. La Mettrie ruft emphatisch aus:
„Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus
magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten
Page 127
Tänzerin Camargo und der Jalé[243]. d’Alembert meinte derb-cynisch, dass
das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen
„eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]
Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von Casanova
erzählte Erlebnisse. Sein Freund Patu führte ihn zu einer berühmten
Sängerin der Oper, der Mademoiselle Le Fel, beliebt in ganz Paris und
Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste
kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. — „Ich bete sie an,“
sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich
(Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ —
„Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von Anneci, der
zweite der des Grafen von Egmont und der jüngste verdankt sein Leben
Maisonrouge, der eben die Romainville geheiratet hat.“ — „Ach,
entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ —
„Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie
dies sagte, sah sie Patu an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes
Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende
Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
„Mademoiselle Le Fel war gleichwohl nicht frech und gehörte sogar
der guten Gesellschaft an, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile
erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich
gewusst haben, dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren. Die grossen
Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre
Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen
zahlten. Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je
fruchtbarer sie waren.“[245]
Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah
Casanova bei Lani, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge
Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und
von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie
mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über
Kopfschmerz. Während Casanova ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine
ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das
ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in
anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen
Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten
das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen
„eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]
Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von Casanova
erzählte Erlebnisse. Sein Freund Patu führte ihn zu einer berühmten
Sängerin der Oper, der Mademoiselle Le Fel, beliebt in ganz Paris und
Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste
kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. — „Ich bete sie an,“
sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich
(Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ —
„Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von Anneci, der
zweite der des Grafen von Egmont und der jüngste verdankt sein Leben
Maisonrouge, der eben die Romainville geheiratet hat.“ — „Ach,
entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ —
„Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie
dies sagte, sah sie Patu an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes
Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende
Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
„Mademoiselle Le Fel war gleichwohl nicht frech und gehörte sogar
der guten Gesellschaft an, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile
erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich
gewusst haben, dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren. Die grossen
Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre
Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen
zahlten. Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je
fruchtbarer sie waren.“[245]
Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah
Casanova bei Lani, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge
Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und
von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie
mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über
Kopfschmerz. Während Casanova ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine
ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das
ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in
anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen
Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten
Page 128
hatte, sagte Casanova: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“
Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen
ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]
Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage,
sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“.
Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen
„verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere
Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen
waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es
verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend
verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die
berühmtesten Dirnen von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg
der Theaterwelt angehören.[248]
Die Opernsängerin La Guerre war jene Dame, für welche der Herzog
von Bouillon in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.
Die Dirne La Prairie gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem
Marschall Prinzen von Soubise in dessen „petite maison“ nackt zeigen
mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“
Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame
ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete
hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den
schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“,
bemerkte der Abbé kaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass
er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.
Die berühmte Mademoiselle Du Thé war anfänglich als „Rosalie“
Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog
von Chartres in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von
diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort
mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete,
die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese
Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die
Geliebte des Grafen von Artois. Ein junger in sie verliebter Musketier, der
keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:
Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen
ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]
Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage,
sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“.
Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen
„verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere
Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen
waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es
verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend
verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die
berühmtesten Dirnen von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg
der Theaterwelt angehören.[248]
Die Opernsängerin La Guerre war jene Dame, für welche der Herzog
von Bouillon in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.
Die Dirne La Prairie gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem
Marschall Prinzen von Soubise in dessen „petite maison“ nackt zeigen
mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“
Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame
ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete
hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den
schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“,
bemerkte der Abbé kaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass
er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.
Die berühmte Mademoiselle Du Thé war anfänglich als „Rosalie“
Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog
von Chartres in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von
diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort
mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete,
die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese
Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die
Geliebte des Grafen von Artois. Ein junger in sie verliebter Musketier, der
keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:
Page 129
Du Thé tu cherches à plaire
A qui peut t’enrichir;
Moi qui suis mousquetaire
Je n’ai rien à t’offrir.
Mais je sais faire usage
D’un moment de loisir,
Un homme de mon âge
Ne paie qu’en plaisir.[249]
Die Du Thé schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des
Polizeiinspektors Marais vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte
die Du Thé keinen Sou! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen,
um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]
Die Schauspielerin Dubois von der Comédie française hatte einen
Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527
zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie
mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach
dem Gelde und nach dem Vergnügen.“
Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis de Sade
beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die
Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000
Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.
Die La Chanterie, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer
seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als
Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar
einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der
Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht
ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den
Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui
m’a donné la chaude-p...!“[251]
Neben den Theaterdamen erfreuten sich die Modistinnen und
Verkäuferinnen einer grossen Beliebtheit. Die „jeunes ouvrières“ kommen
denn auch bei de Sade mehr als einmal vor. Rétif de la Bretonne hat diese
Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken
geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den
Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-
Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame Devilliers,
die für die Gräfin du Barry arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin
A qui peut t’enrichir;
Moi qui suis mousquetaire
Je n’ai rien à t’offrir.
Mais je sais faire usage
D’un moment de loisir,
Un homme de mon âge
Ne paie qu’en plaisir.[249]
Die Du Thé schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des
Polizeiinspektors Marais vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte
die Du Thé keinen Sou! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen,
um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]
Die Schauspielerin Dubois von der Comédie française hatte einen
Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527
zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie
mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach
dem Gelde und nach dem Vergnügen.“
Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis de Sade
beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die
Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000
Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.
Die La Chanterie, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer
seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als
Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar
einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der
Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht
ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den
Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui
m’a donné la chaude-p...!“[251]
Neben den Theaterdamen erfreuten sich die Modistinnen und
Verkäuferinnen einer grossen Beliebtheit. Die „jeunes ouvrières“ kommen
denn auch bei de Sade mehr als einmal vor. Rétif de la Bretonne hat diese
Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken
geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den
Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-
Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame Devilliers,
die für die Gräfin du Barry arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin
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gewesen, bevor sie in das Bordell der Gourdan eintrat. Das Leben und
Treiben dieser Modistinnen schildert Rétif besonders in „Le Quadragénaire“
(Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach Parent-Duchatelet[253] traten Lustdirnen
während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man
rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die
sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen
Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz
eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte.
Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was
in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder-
und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte
aber nur einige Stühle und — eine spanische Wand hatten. Die Berichte
jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die
täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien
veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger
Mensch mehr besuchen.
Dass in den Restaurationen, Cafés, Kneipen u. s. w. die Prostitution
kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. Casanova pflegte, wenn
er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne
zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8.
Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w.,
welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte,
wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche
Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen
Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar
nicht kannten.[254]
Auch das Zuhältertum war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt.
Der Marquis de Sade zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den Dorval
(Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz
von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht Peuchet in seiner
Encyclopädie von den Zuhältern und Rétif de la Bretonne ebenso in seinem
1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen
Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift
übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können
nicht ohne Beschützer bestehen. — Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den
ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und
Treiben dieser Modistinnen schildert Rétif besonders in „Le Quadragénaire“
(Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach Parent-Duchatelet[253] traten Lustdirnen
während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man
rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die
sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen
Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz
eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte.
Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was
in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder-
und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte
aber nur einige Stühle und — eine spanische Wand hatten. Die Berichte
jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die
täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien
veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger
Mensch mehr besuchen.
Dass in den Restaurationen, Cafés, Kneipen u. s. w. die Prostitution
kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. Casanova pflegte, wenn
er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne
zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8.
Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w.,
welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte,
wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche
Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen
Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar
nicht kannten.[254]
Auch das Zuhältertum war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt.
Der Marquis de Sade zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den Dorval
(Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz
von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht Peuchet in seiner
Encyclopädie von den Zuhältern und Rétif de la Bretonne ebenso in seinem
1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen
Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift
übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können
nicht ohne Beschützer bestehen. — Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den
ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und
Page 131
gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein
Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm
loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und
Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter
diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal
haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So
muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber
gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]
Zahlreich waren endlich die Unterhändlerinnen, Kupplerinnen,
Begleiterinnen u. s. w., dieses notwendige Correlat der Prostitution, das
natürlich bei Sade in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten
des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“
von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige
Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben
konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei
anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die
verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]
Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen
„maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“,
„mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit
1796 auf.[257]
In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht
reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier
den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten
geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des Knaben- und
Mädchenhandels im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste
schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk
gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für
Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16.
Bande der „Nuits de Paris“ giebt Rétif de la Bretonne ausführliche
Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah
1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im
„zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die
Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben
die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen
vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt Rétif, „wie man ein Tier bezahlt.
Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm
loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und
Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter
diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal
haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So
muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber
gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]
Zahlreich waren endlich die Unterhändlerinnen, Kupplerinnen,
Begleiterinnen u. s. w., dieses notwendige Correlat der Prostitution, das
natürlich bei Sade in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten
des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“
von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige
Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben
konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei
anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die
verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]
Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen
„maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“,
„mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit
1796 auf.[257]
In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht
reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier
den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten
geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des Knaben- und
Mädchenhandels im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste
schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk
gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für
Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16.
Bande der „Nuits de Paris“ giebt Rétif de la Bretonne ausführliche
Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah
1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im
„zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die
Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben
die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen
vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt Rétif, „wie man ein Tier bezahlt.
Page 132
Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche
dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon
unter dem ancien régime existierte und — horribile dictu — eine
Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete, der davon
vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher
niemals unterdrückt. Der Censor Mairobert kannte alle Details und machte
Rétif damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen
teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.
[259]
Rétif de la Bretonne hat sich vielfach mit der Organisation der
Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770,
1786), einem Buche, in dem man nach Parent-Duchatelet „Fragen von
Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“
Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers Lewis Moore, des
Advokaten Linguet und des königlichen Censors Pidanzat de Mairobert.
[260] Rétif schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder
weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche alle (!) öffentlichen
Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf
ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge
finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in
verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt
die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den
äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die
Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder
dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem
Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder
Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf
Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde
wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit
gab ein vielleicht von Rétif’s Schrift begeisterter Anonymus in einer
Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris
heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf
Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine Superiorin haben
sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf
fünfhundert (!) beschränkt.[261]
dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon
unter dem ancien régime existierte und — horribile dictu — eine
Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete, der davon
vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher
niemals unterdrückt. Der Censor Mairobert kannte alle Details und machte
Rétif damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen
teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.
[259]
Rétif de la Bretonne hat sich vielfach mit der Organisation der
Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770,
1786), einem Buche, in dem man nach Parent-Duchatelet „Fragen von
Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“
Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers Lewis Moore, des
Advokaten Linguet und des königlichen Censors Pidanzat de Mairobert.
[260] Rétif schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder
weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche alle (!) öffentlichen
Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf
ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge
finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in
verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt
die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den
äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die
Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder
dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem
Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder
Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf
Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde
wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit
gab ein vielleicht von Rétif’s Schrift begeisterter Anonymus in einer
Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris
heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf
Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine Superiorin haben
sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf
fünfhundert (!) beschränkt.[261]
Page 133
Rétif’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses
Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. Robert nahm in
einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“
(Paris, an X, 2 Bände) den Plan Rétif’s wieder auf und schlug für diese Art
von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis de Sade, der
vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses
Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.)
besitzt unter anderen auf Sade sich beziehenden Autographen und
Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars,
in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die
„Folterkammern“ — jede derselben dient einer besonderen Art von
Folterung — genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den
Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien
getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder
Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“
beschrieben.[262]
Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. Robert nahm in
einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“
(Paris, an X, 2 Bände) den Plan Rétif’s wieder auf und schlug für diese Art
von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis de Sade, der
vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses
Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.)
besitzt unter anderen auf Sade sich beziehenden Autographen und
Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars,
in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die
„Folterkammern“ — jede derselben dient einer besonderen Art von
Folterung — genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den
Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien
getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder
Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“
beschrieben.[262]
Page 134
15. Das Palais-Royal und andere öffentliche
Dirnenlokale.
Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die Dirnenstadt von
Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. Jahrhundert, ein
gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches Objekt, das „mit seinen
Spielhäusern, seinen royalistischen und jacobinischen Verschwörern, seinen
Dirnen und Banditen, seiner vornehmen und doch verkommenen
Kundschaft, seinem Luxus und seinem Elend eine kleine, aber keineswegs
schöne Welt für sich darstellte.“[263]
Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis
1634 von Lemercier an der Stelle der ehemaligen Hôtels de Mercœur und
de Rambouillet für den Kardinal de Richelieu erbaut und später eine Zeit
lang von Ludwig XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es seinem Enkel,
dem Herzog von Chartres schenkte, wodurch es an die Familie Orléans
kam. Der Regent Philipp von Orléans inaugurierte das Palais-Royal als
Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen für die vornehme
Welt. Sein Urenkel, Herzog Louis Philipp Joseph von Orléans, der
berüchtigte Philippe-Egalité liess in den Jahren 1781 bis 1786 den Palast
gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt annahm und sich zu
einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, Kaufhallen,
Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen
Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal waren im
Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de Montpensier“, an
deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre du Palais-Royal
lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden umgaben den
prächtigen Garten des Palais-Royal, der in Form eines Parallelogrammes
sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Theater der
„Comédie française“ erbaut.[264]
In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution
jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche
Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, also
vor dem Umbau aussah, erzählt Casanova[265]: „Neugierig auf diesen so
Dirnenlokale.
Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die Dirnenstadt von
Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. Jahrhundert, ein
gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches Objekt, das „mit seinen
Spielhäusern, seinen royalistischen und jacobinischen Verschwörern, seinen
Dirnen und Banditen, seiner vornehmen und doch verkommenen
Kundschaft, seinem Luxus und seinem Elend eine kleine, aber keineswegs
schöne Welt für sich darstellte.“[263]
Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis
1634 von Lemercier an der Stelle der ehemaligen Hôtels de Mercœur und
de Rambouillet für den Kardinal de Richelieu erbaut und später eine Zeit
lang von Ludwig XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es seinem Enkel,
dem Herzog von Chartres schenkte, wodurch es an die Familie Orléans
kam. Der Regent Philipp von Orléans inaugurierte das Palais-Royal als
Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen für die vornehme
Welt. Sein Urenkel, Herzog Louis Philipp Joseph von Orléans, der
berüchtigte Philippe-Egalité liess in den Jahren 1781 bis 1786 den Palast
gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt annahm und sich zu
einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, Kaufhallen,
Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen
Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal waren im
Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de Montpensier“, an
deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre du Palais-Royal
lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden umgaben den
prächtigen Garten des Palais-Royal, der in Form eines Parallelogrammes
sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Theater der
„Comédie française“ erbaut.[264]
In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution
jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche
Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, also
vor dem Umbau aussah, erzählt Casanova[265]: „Neugierig auf diesen so
Page 135
vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen ziemlich hübschen
Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, welche ihn umgaben,
viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier und dort Bänke, auf
denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und Kleinigkeiten verkaufte.
Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man für einen Sou vermietete,
Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, Mädchen und Männer, die allein
oder in Gesellschaft frühstückten, Kellner, welche schnell die unter
Laubwerk verborgenen Treppen hinauf und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte
Casanova die Namen aller Dirnen, die dort herumspazierten.
Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante
und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de
Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat Gerhard Anton
von Halem, dem Freunde der Grafen Stolberg und Verfasser der Geschichte
des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. Schon beim
Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] Als die
Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in Ringelreihen
und sangen ein Chanson mit dem Refrain:
Viva l’amour
Viva l’amour!
Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von
Epikurs Gärten:
„Fremdling! hier wird dir wohl sein!
Das grösste Gut ist hier Wollust,“
würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen
Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las man
schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und wenn ich
Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen Sie an keinen
unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal überlassen. Sehen
Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die Braune und die
Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie Ihre Augen, um
nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der Abend hebt, nicht
ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, die sie so freundlich
darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, Ihre Ohren, um weder jenes
sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, parolette e dolci stille di pianto o
Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, welche ihn umgaben,
viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier und dort Bänke, auf
denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und Kleinigkeiten verkaufte.
Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man für einen Sou vermietete,
Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, Mädchen und Männer, die allein
oder in Gesellschaft frühstückten, Kellner, welche schnell die unter
Laubwerk verborgenen Treppen hinauf und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte
Casanova die Namen aller Dirnen, die dort herumspazierten.
Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante
und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de
Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat Gerhard Anton
von Halem, dem Freunde der Grafen Stolberg und Verfasser der Geschichte
des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. Schon beim
Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] Als die
Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in Ringelreihen
und sangen ein Chanson mit dem Refrain:
Viva l’amour
Viva l’amour!
Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von
Epikurs Gärten:
„Fremdling! hier wird dir wohl sein!
Das grösste Gut ist hier Wollust,“
würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen
Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las man
schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und wenn ich
Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen Sie an keinen
unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal überlassen. Sehen
Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die Braune und die
Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie Ihre Augen, um
nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der Abend hebt, nicht
ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, die sie so freundlich
darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, Ihre Ohren, um weder jenes
sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, parolette e dolci stille di pianto o
Page 136
sospiri, jene lockenden „Viquets“ (wie geht’s) und „good night, my dear
Sir!“ noch den Sirenengesang zu vernehmen:
„Aimons au moment du réveil,
Aimons au lever de l’Aurore,
Aimons au coucher du soleil,
Durant la nuit aimons encore.“
Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass
das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der
Freudenmädchen. Halem’s Schilderung ist deswegen von Interesse, weil ihr
die Ehre widerfahren ist, von Arthur Chuquet, dem treuen Teutophilen,
Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, ins Französische
übersetzt zu werden[267]. Halem, der Mitglied des Jakobinerklubs wurde,
berichtet auch haarsträubende Dinge über die sittliche Korruption in dem
Hause, wo er Wohnung genommen hatte.
Wenn im Jahre 1772 der Marquis de Carraccioli noch bemerkt, dass das
Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die der
Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der Oper,
besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande der Oper
(1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den Bau von
Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an diesem Orte.
[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender Dunkelheit,
während der Revolution und des Direktoriums alle jene scheusslichen
Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. Das Palais-Royal
wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], die „Kloake von Paris“,
wie es Mercier in „Le nouveau Paris“ und Rétif de la Bretonne in seinem
grossen Werke über das Palais-Royal geschildert haben. Rétif hat das Leben
im Palais-Royal untersucht wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur
Nicolas“ schreibt er 1796: „Man weiss, dass das neue Palais-Royal das
allgemeine Rendez-vous der Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust,
Prostitution, des Spiels, der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten,
und daher das Zentrum für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser
berühmte Bazar zog mich nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an,
sondern auch durch die Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]
Mercier wünscht lebhaft, dass doch Lavater, der berühmte
Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein
möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst im
Sir!“ noch den Sirenengesang zu vernehmen:
„Aimons au moment du réveil,
Aimons au lever de l’Aurore,
Aimons au coucher du soleil,
Durant la nuit aimons encore.“
Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass
das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der
Freudenmädchen. Halem’s Schilderung ist deswegen von Interesse, weil ihr
die Ehre widerfahren ist, von Arthur Chuquet, dem treuen Teutophilen,
Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, ins Französische
übersetzt zu werden[267]. Halem, der Mitglied des Jakobinerklubs wurde,
berichtet auch haarsträubende Dinge über die sittliche Korruption in dem
Hause, wo er Wohnung genommen hatte.
Wenn im Jahre 1772 der Marquis de Carraccioli noch bemerkt, dass das
Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die der
Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der Oper,
besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande der Oper
(1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den Bau von
Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an diesem Orte.
[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender Dunkelheit,
während der Revolution und des Direktoriums alle jene scheusslichen
Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. Das Palais-Royal
wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], die „Kloake von Paris“,
wie es Mercier in „Le nouveau Paris“ und Rétif de la Bretonne in seinem
grossen Werke über das Palais-Royal geschildert haben. Rétif hat das Leben
im Palais-Royal untersucht wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur
Nicolas“ schreibt er 1796: „Man weiss, dass das neue Palais-Royal das
allgemeine Rendez-vous der Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust,
Prostitution, des Spiels, der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten,
und daher das Zentrum für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser
berühmte Bazar zog mich nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an,
sondern auch durch die Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]
Mercier wünscht lebhaft, dass doch Lavater, der berühmte
Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein
möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst im
Page 137
innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die
Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und Niemand
täusche sich dort. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit all seiner
Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich um Unterscheidung
sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle studieren müsse. „Ich
behaupte nun, dass Herr Lavater sehr grosse Mühe haben würde, eine Frau
von Stellung von einer unterhaltenen Dirne zu unterscheiden, und dass der
gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne grosses Studieren mehr davon weiss
als er.“ Dort betrachtet man sich mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der
Welt üblich als in Paris, und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut,
man ruft sich an, man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso
ihre Gatten, ihre Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man
lacht sich ins Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im
Wirbel mit fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. Ja, in
Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien
machen müssen.[271]
Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten
dort ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön
oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um 5 Uhr
abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein,
nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst
von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, und überlasse
meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee
verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder thöricht! So sieht man in der
Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen
folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften
Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine
andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind
meine Dirnen.“ So spricht Diderot im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach
der Uebersetzung unseres Goethe. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem
Palais-Royal und eine merkwürdige Vergleichung.
Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen
Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. Hier
suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass Männer,
die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen
Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd
Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und Niemand
täusche sich dort. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit all seiner
Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich um Unterscheidung
sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle studieren müsse. „Ich
behaupte nun, dass Herr Lavater sehr grosse Mühe haben würde, eine Frau
von Stellung von einer unterhaltenen Dirne zu unterscheiden, und dass der
gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne grosses Studieren mehr davon weiss
als er.“ Dort betrachtet man sich mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der
Welt üblich als in Paris, und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut,
man ruft sich an, man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso
ihre Gatten, ihre Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man
lacht sich ins Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im
Wirbel mit fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. Ja, in
Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien
machen müssen.[271]
Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten
dort ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön
oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um 5 Uhr
abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein,
nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst
von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, und überlasse
meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee
verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder thöricht! So sieht man in der
Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen
folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften
Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine
andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind
meine Dirnen.“ So spricht Diderot im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach
der Uebersetzung unseres Goethe. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem
Palais-Royal und eine merkwürdige Vergleichung.
Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen
Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. Hier
suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass Männer,
die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen
Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd
Page 138
ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des
Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution
gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, hatte sich
damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes Gedicht feiert
diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des Palais-Royal.[273]
Vivent les nuits étoilées
De ce jardin enchanteur
Où nos femmes sont voilées,
Aux dépens de la pudeur!
Dessous ces fraiches allées
La moins sage est à l’abri
De la honte et du mari.
Ce mélange d’impudence,
De tendresse et de gaîté,
Depuis quelque temps en France,
Fait notre amabilité.
La prude et froide décence
Combat, brouille tous les goûts;
La licence les joint tous.
Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der
schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen
Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt, die
höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel der
beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in der „Allée
de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden und Arcaden
tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt, verfolgt und
umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen Teilen der Welt. Hier
war das Eldorado der Prostitution. Hier waren ihre Schlupfwinkel in Gestalt
zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen, Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier
lernte Rétif de la Bretonne von seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan
Guilbert de Préval, der in alle Geheimnisse und Arten der Wollust im
Palais-Royal eingeweiht war, „die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu
amüsieren“ kennen oder „wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer
abrichtet“. Rétif konnte aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der
Seufzerallee aufschreiben, er kannte auch die „Huris“, die
„Exsunamitinnen“, die „Berceuses“, die „Chanteuses“, die „Converseuses“,
lauter „dem 18. Jahrhundert eigentümliche moralische Phänomene“ oder
wie wir heute sagen würden, lauter verschiedene sexualpathologische
Typen. Rétif’s Werk über das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck
Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution
gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, hatte sich
damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes Gedicht feiert
diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des Palais-Royal.[273]
Vivent les nuits étoilées
De ce jardin enchanteur
Où nos femmes sont voilées,
Aux dépens de la pudeur!
Dessous ces fraiches allées
La moins sage est à l’abri
De la honte et du mari.
Ce mélange d’impudence,
De tendresse et de gaîté,
Depuis quelque temps en France,
Fait notre amabilité.
La prude et froide décence
Combat, brouille tous les goûts;
La licence les joint tous.
Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der
schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen
Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt, die
höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel der
beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in der „Allée
de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden und Arcaden
tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt, verfolgt und
umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen Teilen der Welt. Hier
war das Eldorado der Prostitution. Hier waren ihre Schlupfwinkel in Gestalt
zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen, Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier
lernte Rétif de la Bretonne von seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan
Guilbert de Préval, der in alle Geheimnisse und Arten der Wollust im
Palais-Royal eingeweiht war, „die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu
amüsieren“ kennen oder „wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer
abrichtet“. Rétif konnte aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der
Seufzerallee aufschreiben, er kannte auch die „Huris“, die
„Exsunamitinnen“, die „Berceuses“, die „Chanteuses“, die „Converseuses“,
lauter „dem 18. Jahrhundert eigentümliche moralische Phänomene“ oder
wie wir heute sagen würden, lauter verschiedene sexualpathologische
Typen. Rétif’s Werk über das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck
Page 139
(bei A. Christiaens in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der
Verfasser sagt über den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine
Geschichte!“ — Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein,
machen Sie nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen,
des Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und Buffon hat Sie für den
Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen Wesen
erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische Geschöpfe
schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über Stuten, Eselinnen
und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des Palais-Royal sind sehr
hübsch, besonders die jungen. Was die Alten betrifft, so ist es damit wie
überall: ein altes Tier ist niemals schön. — Wie es sich auch verhalte, wir
werden Ihnen merkwürdige, unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als
vor sechs Monaten. Aber vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem
Gesichte, dem Alter, dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und
Talenten dieser Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen
haben.“ Hierauf beschreibt Rétif 32 Freudenmädchen aus der „Allée des
Soupirs“, die man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde
erblickt. Er erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei
häufig die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit
fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des Palais-
Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters, die anmutigen
Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz der
Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain ein
magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch
Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche der
Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten. Nachdem wir
alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr, in dem
Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein zu soupiren,
dass nur die öffentlichen Mädchen dort blieben. Wir beobachteten sie
neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins der
zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete ihnen
über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.
Die Sunamitinnen trugen ihren Namen nach der bekannten
Beischläferin des Königs David, welche durch ihre Lebenswärme die
Kräfte des alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen
Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke
zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und
Verfasser sagt über den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine
Geschichte!“ — Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein,
machen Sie nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen,
des Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und Buffon hat Sie für den
Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen Wesen
erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische Geschöpfe
schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über Stuten, Eselinnen
und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des Palais-Royal sind sehr
hübsch, besonders die jungen. Was die Alten betrifft, so ist es damit wie
überall: ein altes Tier ist niemals schön. — Wie es sich auch verhalte, wir
werden Ihnen merkwürdige, unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als
vor sechs Monaten. Aber vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem
Gesichte, dem Alter, dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und
Talenten dieser Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen
haben.“ Hierauf beschreibt Rétif 32 Freudenmädchen aus der „Allée des
Soupirs“, die man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde
erblickt. Er erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei
häufig die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit
fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des Palais-
Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters, die anmutigen
Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz der
Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain ein
magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch
Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche der
Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten. Nachdem wir
alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr, in dem
Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein zu soupiren,
dass nur die öffentlichen Mädchen dort blieben. Wir beobachteten sie
neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins der
zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete ihnen
über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.
Die Sunamitinnen trugen ihren Namen nach der bekannten
Beischläferin des Königs David, welche durch ihre Lebenswärme die
Kräfte des alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen
Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke
zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und
Page 140
vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter
Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der Kur
eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste Mal war
die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein aromatisches Bad
steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines Körpers vor. Dann legte
sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn zu Bette und legte zu beiden
Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut die seinige berührte. Ein paar
Mädchen konnten diesen Dienst nur 8 Nächte hintereinander versehen,
dann lösten ein paar frische sich ab und die beiden ersten ruhten aus,
badeten sich die ersten beiden Tage, und vergnügten sich 14 Tage lang, bis
die Reihe wieder an sie kam. Der Alte musste nicht nur das dienstthuende,
sondern auch die ausruhenden Mädchen bezahlen, im ganzen drei
Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs Francs und die Matrone behielt die
zwölf übrigen für sich. Man gab sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche
Keuschheit dieser Sunamitinnen unangetastet blieb. Denn sonst würden die
Lebensverlängerinnen, besonders während der Schwangerschaft, schädlich
statt nützlich sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen
Mädchens, so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch
eine beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der
„Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente zu
diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo sie
mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine
Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“, und
würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben, die sie
von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht wurde,
konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode des
sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der
Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]
Auch in der „Justine“ des Marquis de Sade muss die Titelheldin einem
greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine II,
228).
Der dritte Band von Rétif’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“
und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an
der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten
mussten.
Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der Kur
eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste Mal war
die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein aromatisches Bad
steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines Körpers vor. Dann legte
sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn zu Bette und legte zu beiden
Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut die seinige berührte. Ein paar
Mädchen konnten diesen Dienst nur 8 Nächte hintereinander versehen,
dann lösten ein paar frische sich ab und die beiden ersten ruhten aus,
badeten sich die ersten beiden Tage, und vergnügten sich 14 Tage lang, bis
die Reihe wieder an sie kam. Der Alte musste nicht nur das dienstthuende,
sondern auch die ausruhenden Mädchen bezahlen, im ganzen drei
Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs Francs und die Matrone behielt die
zwölf übrigen für sich. Man gab sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche
Keuschheit dieser Sunamitinnen unangetastet blieb. Denn sonst würden die
Lebensverlängerinnen, besonders während der Schwangerschaft, schädlich
statt nützlich sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen
Mädchens, so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch
eine beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der
„Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente zu
diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo sie
mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine
Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“, und
würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben, die sie
von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht wurde,
konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode des
sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der
Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]
Auch in der „Justine“ des Marquis de Sade muss die Titelheldin einem
greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine II,
228).
Der dritte Band von Rétif’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“
und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an
der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten
mussten.
Page 141
Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt Mercier[275]. In
einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich während
der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes Zeichen beim
Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von Wohlgerüchen der
Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso schön als — leicht
gekleidete Nymphen, die dann — die Verdauung befördern halfen. Eine
„satanisch geistreiche“ Erfindung.
Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer
Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe Hundert
vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, welche einem
zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht in den
hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele Spezialitäten der
Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes Dienerinnen der
Venus gemacht wurden[276].
In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der
wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf der
Prostitution, für die Soldatendirne. Der Garten, die Gallerie und andere
öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden „ebenso ekelhafte als
ruhestörende Tummelplätze des Militärs und der Freudenmädchen. Auf die
schamloseste Weise ergingen sie sich beiderseits öffentlich und rudelweise
in den schmutzigsten Handlungen und Zoten, so dass die Passage gehemmt
ward und kein anständiger Mensch sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe
des Jahres gestaltete sich auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends
zu einem ähnlichen Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und
liederlichen Weibsbildern, die, den Skandal nicht achtend, hier offen
Unzucht trieben und Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der
Stadt feierten die Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in
der Garde waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste,
um auf Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]
Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten
eines der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18.
Jahrhundert. Mairobert ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments
du luxe et de la volupté française n’approchent pas d’une sorte de spectacle
qui s’est établi naturellement et sans frais, bien supérieur, suivant moi, par
l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. Ce sont les promenades
nocturnes du Palais-Royal.“[279]
einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich während
der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes Zeichen beim
Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von Wohlgerüchen der
Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso schön als — leicht
gekleidete Nymphen, die dann — die Verdauung befördern halfen. Eine
„satanisch geistreiche“ Erfindung.
Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer
Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe Hundert
vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, welche einem
zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht in den
hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele Spezialitäten der
Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes Dienerinnen der
Venus gemacht wurden[276].
In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der
wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf der
Prostitution, für die Soldatendirne. Der Garten, die Gallerie und andere
öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden „ebenso ekelhafte als
ruhestörende Tummelplätze des Militärs und der Freudenmädchen. Auf die
schamloseste Weise ergingen sie sich beiderseits öffentlich und rudelweise
in den schmutzigsten Handlungen und Zoten, so dass die Passage gehemmt
ward und kein anständiger Mensch sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe
des Jahres gestaltete sich auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends
zu einem ähnlichen Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und
liederlichen Weibsbildern, die, den Skandal nicht achtend, hier offen
Unzucht trieben und Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der
Stadt feierten die Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in
der Garde waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste,
um auf Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]
Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten
eines der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18.
Jahrhundert. Mairobert ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments
du luxe et de la volupté française n’approchent pas d’une sorte de spectacle
qui s’est établi naturellement et sans frais, bien supérieur, suivant moi, par
l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. Ce sont les promenades
nocturnes du Palais-Royal.“[279]
Page 142
Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen
Vergnügungslokale, die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von
kurzer Dauer waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein
Entrée erhoben. Die Vaux-hall d’été und d’hiver, das Colisée waren die
besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 bis 3
Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse erfreuen
konnte.
Ein italienischer Artist Torré oder Torres eröffnete das Vaux-hall d’été
im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk,
Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an
kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.
Das Vaux-hall d’hiver befand sich im westlichen Teile des Stadtteils
Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. April
1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen Tänzerinnen
aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben werden.
Das Colisée war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang,
Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen der
Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der
Vermählung des Dauphins (späteren Ludwig XVI.) eröffnet. Schon 1778
ging das Etablissement ein.
Nach Dulaure war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der
vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war
der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte dort
von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]
Vergnügungslokale, die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von
kurzer Dauer waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein
Entrée erhoben. Die Vaux-hall d’été und d’hiver, das Colisée waren die
besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 bis 3
Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse erfreuen
konnte.
Ein italienischer Artist Torré oder Torres eröffnete das Vaux-hall d’été
im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk,
Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an
kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.
Das Vaux-hall d’hiver befand sich im westlichen Teile des Stadtteils
Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. April
1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen Tänzerinnen
aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben werden.
Das Colisée war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang,
Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen der
Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der
Vermählung des Dauphins (späteren Ludwig XVI.) eröffnet. Schon 1778
ging das Etablissement ein.
Nach Dulaure war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der
vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war
der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte dort
von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]
Page 143
16. Die Onanie im 18. Jahrhundert.
Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution und
nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die
hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und
beginnen mit der gewöhnlichsten, der Onanie.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei Sade lautet, kehrt fast
auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine über den
Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im Kloster diese Praktiken
erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung durch Manustupration. Diese
wollüstige Erregung, die man sich jeden Augenblick ohne einen anderen
verschaffen könne, sei der beste Trost über alles Leid, da die Onanie mit
Sicherheit alle Schmerzempfindungen zum Verschwinden bringe. (Justine I,
5). Delbène, die Oberin des Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine
sehr wollüstige Frau, hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger
daran gewöhnt, den Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In
der „Société des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für
Masturbation“ (Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch
die „französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292).
Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans
le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen
Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie
bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“
(Philosophie dans le Boudoir I, 43). —[281]
Mairobert lässt die Madame Richard sich in charakteristischer Weise
über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. Diese so
raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und Mitglied der
Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei den Alten sehr in
Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, werde immer mehr
Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der — Philosophie. In den
berühmten Bordellen der Florence, der Paris, der Gourdan, der Brisson,
könne man diese Künste sehen. „Viele treiben auch einfache und mutuelle
Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution und
nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die
hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und
beginnen mit der gewöhnlichsten, der Onanie.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei Sade lautet, kehrt fast
auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine über den
Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im Kloster diese Praktiken
erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung durch Manustupration. Diese
wollüstige Erregung, die man sich jeden Augenblick ohne einen anderen
verschaffen könne, sei der beste Trost über alles Leid, da die Onanie mit
Sicherheit alle Schmerzempfindungen zum Verschwinden bringe. (Justine I,
5). Delbène, die Oberin des Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine
sehr wollüstige Frau, hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger
daran gewöhnt, den Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In
der „Société des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für
Masturbation“ (Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch
die „französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292).
Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans
le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen
Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie
bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“
(Philosophie dans le Boudoir I, 43). —[281]
Mairobert lässt die Madame Richard sich in charakteristischer Weise
über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. Diese so
raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und Mitglied der
Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei den Alten sehr in
Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, werde immer mehr
Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der — Philosophie. In den
berühmten Bordellen der Florence, der Paris, der Gourdan, der Brisson,
könne man diese Künste sehen. „Viele treiben auch einfache und mutuelle
Page 144
Onanie, um keine Kinder zu bekommen oder die syphilitische Ansteckung
zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert La Mettrie die
„voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle Onanie
zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das folgende
boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles,
Et l’on s’en plaint chaque jour:
Savez-vous pourquoi ces belles
Sont si froides en amour?
Ces Dames se font entr’elles,
Par un généreux retour
Ce qu’on appelle un doigt de cour.
Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie
im 18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von Simon André
Tissot über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten
Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres
Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten
französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner
Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl
auch infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu
europäischer Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der
damaligen Zeit fast verschlungen wurde.“[286]
zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert La Mettrie die
„voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle Onanie
zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das folgende
boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles,
Et l’on s’en plaint chaque jour:
Savez-vous pourquoi ces belles
Sont si froides en amour?
Ces Dames se font entr’elles,
Par un généreux retour
Ce qu’on appelle un doigt de cour.
Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie
im 18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von Simon André
Tissot über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten
Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres
Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten
französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner
Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl
auch infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu
europäischer Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der
damaligen Zeit fast verschlungen wurde.“[286]
Page 145
17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert.
Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in
Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir
glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen hat,
wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier spiegeln
die Werke de Sade’s getreu das Bild jener Zeit wieder und belehren über die
Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen Liebe.
Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der
wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters
Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm
vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter
Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse
erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette
und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138–150 auch
III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III,
306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline
von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche
Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische
Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III,
284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).
Auch an Andeutungen zu einer Erklärung der Tribadie lässt es Sade
nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand
betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens
wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat
die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60–64).
Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem
Geschicke. Wenigstens hebt Sade bei einer anderen Tribade Madame de
Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist
„die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois
pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und
Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch
Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in
Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir
glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen hat,
wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier spiegeln
die Werke de Sade’s getreu das Bild jener Zeit wieder und belehren über die
Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen Liebe.
Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der
wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters
Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm
vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter
Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse
erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette
und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138–150 auch
III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III,
306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline
von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche
Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische
Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III,
284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).
Auch an Andeutungen zu einer Erklärung der Tribadie lässt es Sade
nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand
betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens
wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat
die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60–64).
Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem
Geschicke. Wenigstens hebt Sade bei einer anderen Tribade Madame de
Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist
„die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois
pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und
Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch
Page 146
die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). Sade behauptet, dass fast
alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den
Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich
angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous,
il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“.
(Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt
auch Mirabeau in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch Diderot mit seiner
„Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit
nicht überboten. Mairobert hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere
hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden
Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18.
Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une
jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles
Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im
„Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines
Bauern, war von der Madame Gourdan für ihr Bordell eingefangen worden.
Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem
grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die
königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater
unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger.
Mairobert, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die
sich Mademoiselle Sapho nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist
aber mit Sicherheit anzunehmen, dass Mairobert, als königlicher Censor in
alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession
d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall
stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur
und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine
ausführliche Besprechung widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel,
faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne
zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer
Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie
alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den
Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich
angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous,
il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“.
(Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt
auch Mirabeau in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch Diderot mit seiner
„Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit
nicht überboten. Mairobert hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere
hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden
Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18.
Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une
jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles
Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im
„Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines
Bauern, war von der Madame Gourdan für ihr Bordell eingefangen worden.
Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem
grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die
königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater
unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger.
Mairobert, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die
sich Mademoiselle Sapho nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist
aber mit Sicherheit anzunehmen, dass Mairobert, als königlicher Censor in
alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession
d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall
stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur
und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine
ausführliche Besprechung widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel,
faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne
zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer
Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie
Page 147
sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses,
mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de
l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en
cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs;
contre une petite sœur que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und
beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen
wir an, Sapho wäre nicht von der Gourdan entführt worden, wäre weiter so
streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum
Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche
zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie
gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester
gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden
wäre. Die Gewohnheit, das Erworbensein der conträrsexuellen Gefühle
spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter
überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause
zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame Gourdan eine
Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft
schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen
sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden
aufgenommen und von der Gourdan nach Paris gebracht, wo sie zunächst
bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau
die erste Prostituierung der Gourdan’schen Novizen besorgen musste.
Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens
vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und
richtete folgenden charakteristischen Brief an die Gourdan[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner
Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem
diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer
eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese
Acquisition mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die Gourdan sofort Madame de
Furiel, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden
Brief:
mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de
l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en
cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs;
contre une petite sœur que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und
beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen
wir an, Sapho wäre nicht von der Gourdan entführt worden, wäre weiter so
streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum
Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche
zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie
gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester
gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden
wäre. Die Gewohnheit, das Erworbensein der conträrsexuellen Gefühle
spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter
überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause
zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame Gourdan eine
Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft
schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen
sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden
aufgenommen und von der Gourdan nach Paris gebracht, wo sie zunächst
bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau
die erste Prostituierung der Gourdan’schen Novizen besorgen musste.
Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens
vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und
richtete folgenden charakteristischen Brief an die Gourdan[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner
Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem
diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer
eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese
Acquisition mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die Gourdan sofort Madame de
Furiel, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden
Brief:
Page 148
„Madame,
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt
— für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten
Geschmack haben — denn ich kann eine meinen Neigungen ganz
entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne
Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas
zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten
pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von
höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin
überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls
senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel
angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete
Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
Ihre Gourdan.“
Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an
die Furiel verkauft.
Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame de
Furiel. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper
und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte
zunächst der Zahnarzt der Furiel Saphos Mund, brachte die Zähne in
Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann
erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und
Füssen und Entfernen der Hühneraugen und — überflüssigen Haare;
Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle
Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement
alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen.
Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen,
frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern
und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade,
d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern
geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus
Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt
— für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten
Geschmack haben — denn ich kann eine meinen Neigungen ganz
entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne
Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas
zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten
pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von
höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin
überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls
senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel
angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete
Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
Ihre Gourdan.“
Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an
die Furiel verkauft.
Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame de
Furiel. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper
und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte
zunächst der Zahnarzt der Furiel Saphos Mund, brachte die Zähne in
Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann
erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und
Füssen und Entfernen der Hühneraugen und — überflüssigen Haare;
Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle
Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement
alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen.
Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen,
frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern
und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade,
d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern
geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus
Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper
Page 149
anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre neue
Kleidung. So wurde sie zu Madame de Furiel geführt.
Madame de Furiel empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine
Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas
beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus
darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein
wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit
einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche,
bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon
einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie.
Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit
illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce
clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per
duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.
Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der
lesbischen Liebe, rief Madame de Furiel zwei Kammerfrauen, von denen
sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem
deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die Furiel Sapho Aufklärungen
über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im
„Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt
Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders
jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand
dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem
sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem
erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in
den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar.
Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher
und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue
befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten
werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben
musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas
hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim
Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie
das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer
Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an
jedem Tage drei Stunden.
Kleidung. So wurde sie zu Madame de Furiel geführt.
Madame de Furiel empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine
Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas
beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus
darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein
wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit
einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche,
bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon
einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie.
Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit
illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce
clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per
duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.
Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der
lesbischen Liebe, rief Madame de Furiel zwei Kammerfrauen, von denen
sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem
deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die Furiel Sapho Aufklärungen
über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im
„Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt
Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders
jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand
dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem
sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem
erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in
den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar.
Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher
und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue
befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten
werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben
musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas
hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim
Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie
das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer
Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an
jedem Tage drei Stunden.
Page 150
Nach dieser Erzählung versprach Madame de Furiel unserer Sapho
schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden,
Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die
Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte
sich Sapho bereit.
Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose.
Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten
Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den
übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den
Corridoren: „Die Furiel hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein
Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“
Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien
der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen
Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von
runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht
empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war
dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in
die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. Sie schwebte ganz in
der Luft, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]
Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem
2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge
bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber
befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden
Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar
stand die Büste der Sappho, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten
und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von Houdon
angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) d’Eon, der
„berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die
Büsten der von Sappho besungenen griechischen Tribaden, der Thelesyle,
Amythone, Kydno, Megare, Pyrrhine, Andromeda, Cyrine u. s. w. In der
Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form,
auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach
türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen
tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une
mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“
und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs
schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden,
Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die
Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte
sich Sapho bereit.
Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose.
Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten
Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den
übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den
Corridoren: „Die Furiel hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein
Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“
Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien
der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen
Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von
runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht
empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war
dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in
die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. Sie schwebte ganz in
der Luft, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]
Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem
2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge
bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber
befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden
Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar
stand die Büste der Sappho, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten
und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von Houdon
angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) d’Eon, der
„berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die
Büsten der von Sappho besungenen griechischen Tribaden, der Thelesyle,
Amythone, Kydno, Megare, Pyrrhine, Andromeda, Cyrine u. s. w. In der
Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form,
auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach
türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen
tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une
mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“
und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs
Page 151
geschmückt, welche die verschiedenen geheimen Teile des Weibes
darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in Buffon’s
„Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet
waren.
Die Aufnahme unserer Sapho gestaltete sich folgendermassen: Alle
Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“
trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite
und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor
geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das
heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch
duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen
fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu
den Füssen der Präsidentin Mademoiselle Raucourt, einer berühmten
Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“,
Madame Furiel sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier
ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie
hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat
bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer
gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns
zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen
zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass
sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie
vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten
Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den
von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von
allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von
den auf der Marmortafel aufgezeichneten dreissig Reizen des Weibes sie
besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische
Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]
Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,
De reproduire en soi le superbe modèle.
D’Hélène qui jadis embrasa l’univers,
Etale en sa faveur trente charmes divers!
Que la couvrant trois fois chacun par intervalle
Et le blanc et le noir et le rouge mêlés
Offrent autant de fois aux yeux émerveillés,
D’une même couleur la nuance inégale.
Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour
La nature prodigue, avare tour à tour,
darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in Buffon’s
„Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet
waren.
Die Aufnahme unserer Sapho gestaltete sich folgendermassen: Alle
Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“
trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite
und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor
geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das
heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch
duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen
fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu
den Füssen der Präsidentin Mademoiselle Raucourt, einer berühmten
Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“,
Madame Furiel sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier
ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie
hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat
bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer
gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns
zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen
zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass
sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie
vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten
Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den
von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von
allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von
den auf der Marmortafel aufgezeichneten dreissig Reizen des Weibes sie
besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische
Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]
Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,
De reproduire en soi le superbe modèle.
D’Hélène qui jadis embrasa l’univers,
Etale en sa faveur trente charmes divers!
Que la couvrant trois fois chacun par intervalle
Et le blanc et le noir et le rouge mêlés
Offrent autant de fois aux yeux émerveillés,
D’une même couleur la nuance inégale.
Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour
La nature prodigue, avare tour à tour,
Page 152
Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre
De ses dimensions lui trace la mesure:
Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits,
D’un ensemble divin les contrastes parfaits.
Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire,
Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur,
Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire,
Que son poil des entours relève la blancheur.
Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille.
La chevelure longue et la taille et la main,
Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille.
Elevé soit son front, étendu soit son sein:
Que la nymphe surtout aux fesses rebondies,
Présente aux amateurs formes bien arrondies:
Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser,
Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer,
Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible,
Annonce du plaisir l’accès étroit pénible.
Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis,
Soient doucement gonflés et jamais applatis.
Un petit nez plaît fort, une tête petite.
Un tétin repoussant le baiser qu’il invite;
Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats
Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]
Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas
mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h.
mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine
Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das Resultat.
Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser Beschluss wurde
dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, worauf Sapho als
Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin einen Eid ablegen musste,
nie mit Männern zu verkehren und nie die Mysterien der Versammlung zu
verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte eines goldenen Ringes von Madame
Furiel und der Sapho ihr Name eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin,
Mademoiselle Raucourt eine Aufnahmerede,[301] deren Inhalt in Kürze
angegeben werde.
„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese
Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. d’Eon. Diese
d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen Geschlechte
Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der Rede gelten.
Zunächst verbreitete sich die Raucourt über den Ursprung der „Secte
anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule eingerichtet.
De ses dimensions lui trace la mesure:
Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits,
D’un ensemble divin les contrastes parfaits.
Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire,
Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur,
Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire,
Que son poil des entours relève la blancheur.
Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille.
La chevelure longue et la taille et la main,
Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille.
Elevé soit son front, étendu soit son sein:
Que la nymphe surtout aux fesses rebondies,
Présente aux amateurs formes bien arrondies:
Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser,
Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer,
Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible,
Annonce du plaisir l’accès étroit pénible.
Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis,
Soient doucement gonflés et jamais applatis.
Un petit nez plaît fort, une tête petite.
Un tétin repoussant le baiser qu’il invite;
Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats
Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]
Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas
mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h.
mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine
Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das Resultat.
Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser Beschluss wurde
dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, worauf Sapho als
Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin einen Eid ablegen musste,
nie mit Männern zu verkehren und nie die Mysterien der Versammlung zu
verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte eines goldenen Ringes von Madame
Furiel und der Sapho ihr Name eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin,
Mademoiselle Raucourt eine Aufnahmerede,[301] deren Inhalt in Kürze
angegeben werde.
„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese
Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. d’Eon. Diese
d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen Geschlechte
Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der Rede gelten.
Zunächst verbreitete sich die Raucourt über den Ursprung der „Secte
anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule eingerichtet.
Page 153
Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des Collegiums
der Vestalinnen, verkörperten das beständige Priestertum der Tribadie,
wenn auch nur als ein schwaches Abbild der wahren lesbischen Liebe
wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de formules puériles.“
Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall
Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher als ein
Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, dans les
instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, dans ceux de
sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les comestibles.“ Dann helfe
man sich gegenseitig und werde einander unentbehrlich,[302] und das neue
Leben triumphiere über alle Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die
Busskleider verwandeln sich in Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen
Geisselung würden zu Orgien; denn die Flagellation sei ein mächtiges
Reizmittel der Wollust. So wird man im Kloster Tribade.
Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und
eifrig Propaganda für denselben machen. Die Raucourt nennt jetzt die
bekanntesten Tribaden: die Herzogin von Urbsrex, die Marquise de
Terracenès, Madame de Furiel (die Beschützerin unserer Sapho und
Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de Téchul[303] (die sich als
Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei den
Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle Clairon (berühmte
Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin Arnould, die
deutsche Tribade Sonck (unterhalten von einem Bruder des preussischen
Königs).
Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der
Arnould und der Raucourt in die lesbische Liebeskunst eingeweiht wurde.
Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. Der
Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz und
illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft und
hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und Geburt ein
Genuss?
Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden.
Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei
der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus einer
Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue Schülerinnen aus.
der Vestalinnen, verkörperten das beständige Priestertum der Tribadie,
wenn auch nur als ein schwaches Abbild der wahren lesbischen Liebe
wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de formules puériles.“
Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall
Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher als ein
Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, dans les
instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, dans ceux de
sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les comestibles.“ Dann helfe
man sich gegenseitig und werde einander unentbehrlich,[302] und das neue
Leben triumphiere über alle Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die
Busskleider verwandeln sich in Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen
Geisselung würden zu Orgien; denn die Flagellation sei ein mächtiges
Reizmittel der Wollust. So wird man im Kloster Tribade.
Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und
eifrig Propaganda für denselben machen. Die Raucourt nennt jetzt die
bekanntesten Tribaden: die Herzogin von Urbsrex, die Marquise de
Terracenès, Madame de Furiel (die Beschützerin unserer Sapho und
Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de Téchul[303] (die sich als
Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei den
Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle Clairon (berühmte
Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin Arnould, die
deutsche Tribade Sonck (unterhalten von einem Bruder des preussischen
Königs).
Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der
Arnould und der Raucourt in die lesbische Liebeskunst eingeweiht wurde.
Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. Der
Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz und
illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft und
hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und Geburt ein
Genuss?
Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden.
Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei
der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus einer
Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue Schülerinnen aus.
Page 154
„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer
jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie länger,
ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, eine wirkliche
Rose ohne Dornen durch das ganze Leben.“
Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen
und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“,
besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder
gesungen wurden, meist aus den Werken der Sappho. Als alle berauscht
waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer
im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder
aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste,
sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus
renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que
l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die
Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen,
welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als
Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern
und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame de
Furiel und Sapho.[306]
Fräulein Raucourt,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten
Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.
Sie verliess den Marquis de Bièvre, dessen Maitresse sie gewesen war, um
fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich
vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur
machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als
„l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.
Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten
sapphischen Brief der Raucourt mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die
Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen
zu lassen:
„An Madame de Ponty,
Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
Brüssel, 21. Messidor.
Sonntag, 10. Juli.
jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie länger,
ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, eine wirkliche
Rose ohne Dornen durch das ganze Leben.“
Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen
und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“,
besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder
gesungen wurden, meist aus den Werken der Sappho. Als alle berauscht
waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer
im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder
aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste,
sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus
renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que
l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die
Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen,
welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als
Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern
und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame de
Furiel und Sapho.[306]
Fräulein Raucourt,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten
Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.
Sie verliess den Marquis de Bièvre, dessen Maitresse sie gewesen war, um
fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich
vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur
machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als
„l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.
Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten
sapphischen Brief der Raucourt mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die
Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen
zu lassen:
„An Madame de Ponty,
Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
Brüssel, 21. Messidor.
Sonntag, 10. Juli.
Page 155
Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief
vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der
Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde
Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt
hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist
doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so
sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest,
und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig
bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass
ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich
wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig;
für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben.
— Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach
englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet
worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an
diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht
gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher
Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem
Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die
Boudoirs. — Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen
hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte.
Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen
würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich
gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner
inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich,
dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen
bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche
Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen.
Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer
wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz
zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in
der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich
habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern
hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine
Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir
in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so
etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr
vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der
Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde
Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt
hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist
doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so
sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest,
und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig
bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass
ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich
wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig;
für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben.
— Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach
englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet
worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an
diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht
gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher
Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem
Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die
Boudoirs. — Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen
hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte.
Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen
würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich
gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner
inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich,
dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen
bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche
Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen.
Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer
wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz
zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in
der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich
habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern
hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine
Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir
in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so
etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr
Page 156
kehrte ich zurück und machte Toilette, um bei dem Praefekten zu
soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war
illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20
Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr
hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine
Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in
Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche,
wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe
ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure,
vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich
komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von
den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten
wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend
finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger
Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich
mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein
tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette!
noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner
Enthaltsamkeit.. Es ist zum Sterben.“[308]
Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich
erhalten:[309]
Pour te fêter, belle Raucourt,
Que n’ai-je obtenu la puissance
De changer vingt fois en un jour
Et de sexe et de jouissance!
Qui, je voudrais, pour t’exprimer
Jusqu’à quel degré tu m’es chère,
Etre jeune homme pour t’aimer,
Et jeune fille pour te plaire.
Wer war aber die Mlle. d’Eon, deren Büste im Tribadenheiligtum der
„Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins d’Eon
bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Vorkommnisse,
dessen wir kurz gedenken wollen.
Der Chevalier d’Eon[310] war ein talentvoller burgundischer Landjunker,
der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, litterarischen Dilettanten,
vor Allem aber zum Liebling hochadliger Familien emporgearbeitet hatte.
Er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines
soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war
illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20
Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr
hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine
Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in
Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche,
wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe
ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure,
vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich
komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von
den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten
wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend
finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger
Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich
mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein
tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette!
noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner
Enthaltsamkeit.. Es ist zum Sterben.“[308]
Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich
erhalten:[309]
Pour te fêter, belle Raucourt,
Que n’ai-je obtenu la puissance
De changer vingt fois en un jour
Et de sexe et de jouissance!
Qui, je voudrais, pour t’exprimer
Jusqu’à quel degré tu m’es chère,
Etre jeune homme pour t’aimer,
Et jeune fille pour te plaire.
Wer war aber die Mlle. d’Eon, deren Büste im Tribadenheiligtum der
„Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins d’Eon
bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Vorkommnisse,
dessen wir kurz gedenken wollen.
Der Chevalier d’Eon[310] war ein talentvoller burgundischer Landjunker,
der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, litterarischen Dilettanten,
vor Allem aber zum Liebling hochadliger Familien emporgearbeitet hatte.
Er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines
Page 157
Geschickes führte aber seine eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung
herbei. Als Ludwig XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges
einen geheimen Agenten Douglas nach Petersburg schickte, gesellte man
diesem d’Eon bei, der — auf Wunsch Conti’s oder des Königs Frauentracht
anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der
Kaiserin eigenhändige Briefe Ludwigs XV. in die Hände spielte, das
Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer
Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung
seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging dann
wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch als Mann
durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen Gesandten Guerchy
in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in seinem Besitze
befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung auszuliefern. Es
gelang jedoch Ludwig XV. den Chevalier vorläufig durch eine Rente von
12000 Livres zu beschwichtigen, und damit dieser sich gegen seine Feinde
schützen könne, riet der König ihm in einem unter dem 4. Oktober 1763
geschriebenen Briefe, dass er wieder Frauenkleider anlegen solle, was aber
d’Eon noch nicht befolgte. Nach dem Tode des Königs wiederholte d’Eon
seine Drohungen, als er Gefahr lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht
eine neue Person in dieser Komödie auf. Das war kein Geringerer als der
Autor der „Hochzeit des Figaro“, Beaumarchais, der als Abgesandter König
Ludwig’s XVI. nach London ging, um d’Eon zur Auslieferung der
Geheimpapiere zu bewegen. Schon scheint die Rückkehr d’Eons gesichert,
die Auslieferung der Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn
des ehemaligen französischen Gesandten Guerchy, dass er das Andenken
des Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es
immer wagen sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.
Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf —
wahrscheinlich Beaumarchais selbst, — auf den Einfall, alle
Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man d’Eon zu der öffentlichen
Erklärung vermöchte: er sei überhaupt kein Mann, sondern ein — Weib.
Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: alle Vergehen
wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen Anfeindungen Guerchy’s
würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau
entschuldbar und jede Forderung von Genugthuung als Narretei erscheinen.
In den Friedens-Unterhandlungen Beaumarchais’ war es mithin der erste
und der entscheidende Punkt, d’Eon zu der unumwundenen, feierlichen
herbei. Als Ludwig XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges
einen geheimen Agenten Douglas nach Petersburg schickte, gesellte man
diesem d’Eon bei, der — auf Wunsch Conti’s oder des Königs Frauentracht
anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der
Kaiserin eigenhändige Briefe Ludwigs XV. in die Hände spielte, das
Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer
Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung
seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging dann
wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch als Mann
durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen Gesandten Guerchy
in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in seinem Besitze
befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung auszuliefern. Es
gelang jedoch Ludwig XV. den Chevalier vorläufig durch eine Rente von
12000 Livres zu beschwichtigen, und damit dieser sich gegen seine Feinde
schützen könne, riet der König ihm in einem unter dem 4. Oktober 1763
geschriebenen Briefe, dass er wieder Frauenkleider anlegen solle, was aber
d’Eon noch nicht befolgte. Nach dem Tode des Königs wiederholte d’Eon
seine Drohungen, als er Gefahr lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht
eine neue Person in dieser Komödie auf. Das war kein Geringerer als der
Autor der „Hochzeit des Figaro“, Beaumarchais, der als Abgesandter König
Ludwig’s XVI. nach London ging, um d’Eon zur Auslieferung der
Geheimpapiere zu bewegen. Schon scheint die Rückkehr d’Eons gesichert,
die Auslieferung der Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn
des ehemaligen französischen Gesandten Guerchy, dass er das Andenken
des Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es
immer wagen sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.
Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf —
wahrscheinlich Beaumarchais selbst, — auf den Einfall, alle
Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man d’Eon zu der öffentlichen
Erklärung vermöchte: er sei überhaupt kein Mann, sondern ein — Weib.
Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: alle Vergehen
wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen Anfeindungen Guerchy’s
würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau
entschuldbar und jede Forderung von Genugthuung als Narretei erscheinen.
In den Friedens-Unterhandlungen Beaumarchais’ war es mithin der erste
und der entscheidende Punkt, d’Eon zu der unumwundenen, feierlichen
Page 158
Versicherung zu bestimmen, er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur
durch wunderbare Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben
umgethan habe.[311]
So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande,
ein Unicum in der Weltgeschichte:
„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer
Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon
vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und
Fräulein Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig,
vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und
des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am
Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier
Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer
Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital,
Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits — sind über folgende Vertrags-
Bestimmungen einig geworden:
Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)
Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)
Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.
Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde,
fordere ich im Namen Sr. Majestät, dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines
Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre. Und
ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf
aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein
ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit
widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange
ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute
unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich
immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines
Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das
wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor
der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung
[312]
bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen , als sie
durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre
Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter
diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach
Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht
blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die
Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in
einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
durch wunderbare Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben
umgethan habe.[311]
So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande,
ein Unicum in der Weltgeschichte:
„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer
Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon
vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und
Fräulein Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig,
vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und
des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am
Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier
Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer
Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital,
Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits — sind über folgende Vertrags-
Bestimmungen einig geworden:
Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)
Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)
Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.
Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde,
fordere ich im Namen Sr. Majestät, dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines
Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre. Und
ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf
aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein
ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit
widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange
ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute
unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich
immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines
Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das
wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor
der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung
[312]
bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen , als sie
durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre
Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter
diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach
Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht
blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die
Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in
einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
Page 159
d’Eon verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob
aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte.
So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen.
Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von —
Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in
ganz Frankreich — mit Ausnahme der Eingeweihten — als Mädchen.[313]
Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel
der Vesta“ errichteten. Casanova erklärt geradezu: „Der König wusste und
hat es stets gewusst, dass er (d’Eon) eine Frau sei, und der ganze Streit, den
dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten
hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich
dadurch zu unterhalten.“[314]
Louvet de Couvray lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom
Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur
rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich — enthüllt.
Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen
Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. Sade
hat mehrere solche Typen geschildert.
Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus
einer Bemerkung des Grafen von Tilly über die lesbische Freundin eines
Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de
rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai
l’immoralité, d’en rire.“[315]
aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte.
So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen.
Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von —
Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in
ganz Frankreich — mit Ausnahme der Eingeweihten — als Mädchen.[313]
Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel
der Vesta“ errichteten. Casanova erklärt geradezu: „Der König wusste und
hat es stets gewusst, dass er (d’Eon) eine Frau sei, und der ganze Streit, den
dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten
hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich
dadurch zu unterhalten.“[314]
Louvet de Couvray lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom
Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur
rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich — enthüllt.
Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen
Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. Sade
hat mehrere solche Typen geschildert.
Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus
einer Bemerkung des Grafen von Tilly über die lesbische Freundin eines
Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de
rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai
l’immoralité, d’en rire.“[315]
Page 160
18. Die Paederastie.
Der Marquis de Sade singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten.
Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der
„Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in
der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe.
Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui
d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich
die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung
mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich
mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er
gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie
mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den
Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein
durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass
gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt.
Er ist, soweit wir uns erinnern, der einzige Typus mit hereditärer sexueller
Inversion, den de Sade gezeichnet hat. Alle übrigen haben die sexuellen
Perversitäten während des Lebens allmählig erworben. Wir sind überzeugt,
dass Sade, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer
Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit
schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme,
der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least
durch Geisteskrankheit, ist die Regel. — Bressac entwickelt (Justine I. 162–
164) die Theorie, dass der Pathicus, der er ist, von Natur ein ganz anderer
Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für
angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. Es wäre eine
„stupidité“, sie zu bestrafen! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der
Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen
dürfte. „Ah! sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous
f.... des culs, aurait-elle aussi justement proportionné leur orifice à nos
membres; cet orifice n’est-il pas rond comme eux, quel être assez ennemi
du bon sens peut imaginer qu’un trou ovale puisse avoir été créé par la
Der Marquis de Sade singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten.
Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der
„Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in
der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe.
Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui
d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich
die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung
mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich
mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er
gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie
mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den
Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein
durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass
gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt.
Er ist, soweit wir uns erinnern, der einzige Typus mit hereditärer sexueller
Inversion, den de Sade gezeichnet hat. Alle übrigen haben die sexuellen
Perversitäten während des Lebens allmählig erworben. Wir sind überzeugt,
dass Sade, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer
Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit
schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme,
der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least
durch Geisteskrankheit, ist die Regel. — Bressac entwickelt (Justine I. 162–
164) die Theorie, dass der Pathicus, der er ist, von Natur ein ganz anderer
Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für
angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. Es wäre eine
„stupidité“, sie zu bestrafen! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der
Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen
dürfte. „Ah! sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous
f.... des culs, aurait-elle aussi justement proportionné leur orifice à nos
membres; cet orifice n’est-il pas rond comme eux, quel être assez ennemi
du bon sens peut imaginer qu’un trou ovale puisse avoir été créé par la
Page 161
nature pour des membres ronds. Ses intentions se lisent dans cette
difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). —
Selbst die Tribaden fröhnen bei Sade der griechischen Liebe, sei es mit
künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. — Die Verbreitung dieses
Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie
sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne
valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“
Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung
gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr
als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass
„le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in
Frankreich gefunden. Mirabeau versichert, dass während der Regierung
Heinrich’s III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les
portiques du Louvre“, und dass unter Ludwig XIV. die Paederastie ihre
bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] Heinrich III. war selbst
homosexuell gewesen. Heinrich IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf,
konnte es aber nicht hindern, dass später unter Ludwig XIII. der
homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte
zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. Philipp von
Orléans, Bruder Ludwigs XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in
wie unglücklicher Ehe durch Philipp’s Vorliebe für Männer seine Frau, die
deutsche Fürstentochter Elisabeth Charlotte von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘
genannt, mit ihm lebte. Was Ludwig XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass
verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit
lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung
einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings
bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise
ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, Pierre de la
Porte, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal
Mazarin im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König
bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache
nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten
Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von Bussy-Rabutin
bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über
difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). —
Selbst die Tribaden fröhnen bei Sade der griechischen Liebe, sei es mit
künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. — Die Verbreitung dieses
Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie
sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne
valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“
Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung
gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr
als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass
„le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in
Frankreich gefunden. Mirabeau versichert, dass während der Regierung
Heinrich’s III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les
portiques du Louvre“, und dass unter Ludwig XIV. die Paederastie ihre
bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] Heinrich III. war selbst
homosexuell gewesen. Heinrich IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf,
konnte es aber nicht hindern, dass später unter Ludwig XIII. der
homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte
zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. Philipp von
Orléans, Bruder Ludwigs XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in
wie unglücklicher Ehe durch Philipp’s Vorliebe für Männer seine Frau, die
deutsche Fürstentochter Elisabeth Charlotte von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘
genannt, mit ihm lebte. Was Ludwig XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass
verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit
lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung
einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings
bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise
ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, Pierre de la
Porte, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal
Mazarin im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König
bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache
nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten
Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von Bussy-Rabutin
bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über
Page 162
einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von Grammont, der
Malteserritter de Tilladet, Manicamp, der Marquis de Biran als
„Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour
voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent
supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng
vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui
durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn
einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass
dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil
ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben
hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu
lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er
bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die
ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier
Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte.
Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe
von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die
Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der
Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht
eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause
statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein
Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit
Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm
anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil
gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn Bouchard von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass
dieser „cour était extrêment impie et débauchée, surtout pour les garçons.
M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur
donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et
quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou
six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir
geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch
„undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie Havelock Ellis
und Symonds annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von
Orléans gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn Elisabeth
Charlotte von der Pfalz über eben diesen Herzog von Orléans schreibt:
„Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach
Malteserritter de Tilladet, Manicamp, der Marquis de Biran als
„Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour
voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent
supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng
vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui
durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn
einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass
dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil
ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben
hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu
lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er
bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die
ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier
Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte.
Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe
von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die
Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der
Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht
eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause
statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein
Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit
Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm
anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil
gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn Bouchard von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass
dieser „cour était extrêment impie et débauchée, surtout pour les garçons.
M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur
donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et
quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou
six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir
geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch
„undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie Havelock Ellis
und Symonds annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von
Orléans gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn Elisabeth
Charlotte von der Pfalz über eben diesen Herzog von Orléans schreibt:
„Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach
Page 163
nichts; das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir
Bouchard’s obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe
auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn
Ludwig XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen
homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass
er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem
genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei
Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der
auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben
gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet Dupin, der Regierungscommissar
des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch
schändlichere Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die
Paederastie häufen sich in schreckenerregender Weise. — Die Sodomiterei
und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die
Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-
généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt Rétif de la Bretonne
in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der
Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.
[325]
Rétif sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und
weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die
grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch
jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der
grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden
à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken
Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
Bouchard’s obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe
auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn
Ludwig XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen
homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass
er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem
genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei
Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der
auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben
gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet Dupin, der Regierungscommissar
des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch
schändlichere Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die
Paederastie häufen sich in schreckenerregender Weise. — Die Sodomiterei
und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die
Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-
généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt Rétif de la Bretonne
in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der
Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.
[325]
Rétif sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und
weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die
grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch
jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der
grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden
à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken
Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
Page 164
19. Flagellation und Aderlass.
Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der
Marquis de Sade ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen nur
die grossen Flagellationsszenen in der „Justine“ und „Juliette“ (Justine III,
129; Juliette II, 138–150 zwischen Frauen; Juliette V, 335). Juliette
besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen den
Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie darin besteht,
junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs Blut zu geisseln,
wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. (Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis de Sade hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien
gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften über
den Flagellantismus von Meibom und Boileau (Juliette V, 169). Diese
Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es gewesen sind,
welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. Er wundert sich
deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des Weibes dieses der aktiven
Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen habe (?)[327], und er lässt
durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung aussprechen, dass die Frauen
auch dieser Spezialität bis zu dem „point où je le désire“ ausbilden möchten
(Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert teilt
Cooper mit[328]. Voltaire erwähnt die Rute oft in seinen Schriften,
namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen kann. Auch in
den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die
Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden.
In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge
Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei dem
Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen Schwestern
straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, wie die
heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der
Marquis de Sade ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen nur
die grossen Flagellationsszenen in der „Justine“ und „Juliette“ (Justine III,
129; Juliette II, 138–150 zwischen Frauen; Juliette V, 335). Juliette
besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen den
Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie darin besteht,
junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs Blut zu geisseln,
wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. (Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis de Sade hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien
gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften über
den Flagellantismus von Meibom und Boileau (Juliette V, 169). Diese
Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es gewesen sind,
welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. Er wundert sich
deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des Weibes dieses der aktiven
Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen habe (?)[327], und er lässt
durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung aussprechen, dass die Frauen
auch dieser Spezialität bis zu dem „point où je le désire“ ausbilden möchten
(Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert teilt
Cooper mit[328]. Voltaire erwähnt die Rute oft in seinen Schriften,
namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen kann. Auch in
den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die
Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden.
In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge
Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei dem
Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen Schwestern
straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, wie die
heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Page 165
Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf,
um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall der
Théroigne de Méricourt, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ öffentlich
von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber den
Verstand verlor. Auch nach dem Sturze Robespierre’s wurden von den Anti-
Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „Rutenklub“
bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit
entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu
diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen
kann.
Ueber Jean Jacques Rousseau’s Vorliebe für diese Art geschlechtlicher
Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf verzichten,
die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle Lambercier
nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. Krafft-Ebing
verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten Jahrhunderts ist nach
Cooper reich an Geschichten von Prügelstrafen, die namentlich bei dem
schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber einige causes célèbres
dieser Art berichtet ebenfalls Cooper.
England ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen
Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war Theresa Berkley in
London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst
erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen
Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her
shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped,
fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, furse-
brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, phlebotomized
and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt sie für die Ausübung der
aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine Negerin und eine Zigeunerin. Sie
erfand eine Maschine, auf der die Männer festgebunden wurden und die
eine sehr sinnreich-wollüstige Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs.
Berkley’s memoirs, representing a man upon it quite naked. A woman is
sitting in a chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed:
she is manualizing his embolon, whilst Mrs. Berkley is birching his
posteriors. The female acting as frictrix, was intended for Fisher, a fine, tall,
um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall der
Théroigne de Méricourt, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ öffentlich
von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber den
Verstand verlor. Auch nach dem Sturze Robespierre’s wurden von den Anti-
Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „Rutenklub“
bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit
entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu
diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen
kann.
Ueber Jean Jacques Rousseau’s Vorliebe für diese Art geschlechtlicher
Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf verzichten,
die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle Lambercier
nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. Krafft-Ebing
verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten Jahrhunderts ist nach
Cooper reich an Geschichten von Prügelstrafen, die namentlich bei dem
schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber einige causes célèbres
dieser Art berichtet ebenfalls Cooper.
England ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen
Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war Theresa Berkley in
London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst
erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen
Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her
shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped,
fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, furse-
brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, phlebotomized
and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt sie für die Ausübung der
aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine Negerin und eine Zigeunerin. Sie
erfand eine Maschine, auf der die Männer festgebunden wurden und die
eine sehr sinnreich-wollüstige Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs.
Berkley’s memoirs, representing a man upon it quite naked. A woman is
sitting in a chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed:
she is manualizing his embolon, whilst Mrs. Berkley is birching his
posteriors. The female acting as frictrix, was intended for Fisher, a fine, tall,
Page 166
dark haired girl, all must remember who visited Charlotte Street at that day,
as well as the good humoured blonde, Willis; the plump, tight, frisky and
merry arsed Thurlow. Grenville with the enormous bubbies; Bentinc, with
breadth of hip and splendour of buttock; Olive, the gipsy, whose brown
skin, wicked black eye, and medicean form would melt an anchorite; the
mild and amiable Palmer with luxuriant and well fledged wount, from
whose tufted honors many a noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the
pleasing and complaisant, who, if birch was a question, could both give and
take.“[331] Die Berkley starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis
1836 über 10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die
Dr. Vance, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von
Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde
vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau Berkley
in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt
fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete
von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis de Sade ganz
ähnliche Maschinen vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden
werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst
interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in
demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das
Geschlechtsleben in England, vorzüglich in London untersuchen, das
manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten
darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der Aderlass bei
Sade spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf
Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann,
dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen
lassen. Sade verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders
schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und
sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte
Operation. Brissaud erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses
in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den
Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St.
Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:
as well as the good humoured blonde, Willis; the plump, tight, frisky and
merry arsed Thurlow. Grenville with the enormous bubbies; Bentinc, with
breadth of hip and splendour of buttock; Olive, the gipsy, whose brown
skin, wicked black eye, and medicean form would melt an anchorite; the
mild and amiable Palmer with luxuriant and well fledged wount, from
whose tufted honors many a noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the
pleasing and complaisant, who, if birch was a question, could both give and
take.“[331] Die Berkley starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis
1836 über 10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die
Dr. Vance, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von
Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde
vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau Berkley
in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt
fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete
von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis de Sade ganz
ähnliche Maschinen vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden
werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst
interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in
demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das
Geschlechtsleben in England, vorzüglich in London untersuchen, das
manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten
darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der Aderlass bei
Sade spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf
Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann,
dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen
lassen. Sade verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders
schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und
sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte
Operation. Brissaud erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses
in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den
Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St.
Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:
Page 167
Seigneur du jour Saint Valentin
Fait le sang net soir et matin
Et la saignée du jour devant
Garde des fièvres en tout l’an.
Raulin pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu
heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von Dyes u. A. in unseren
Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht
kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines Broussais und
Bouillaud mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir
auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. Brierre de Boismont
berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem
After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in
den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich
seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser
Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und
einfach die Handlungen des Grafen Gernande nachgeahmt hat. Später
werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen
einzelner Vorkommnisse in Sade’s Romanen bringen.
Fait le sang net soir et matin
Et la saignée du jour devant
Garde des fièvres en tout l’an.
Raulin pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu
heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von Dyes u. A. in unseren
Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht
kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines Broussais und
Bouillaud mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir
auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. Brierre de Boismont
berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem
After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in
den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich
seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser
Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und
einfach die Handlungen des Grafen Gernande nachgeahmt hat. Später
werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen
einzelner Vorkommnisse in Sade’s Romanen bringen.
Page 168
20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und
Geheimmittel im 18. Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet Sade in seinen
Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht
deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie
dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert
zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche
Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei Sade künstlicher Anregung und
sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein
Mangel an den verschiedensten Aphrodisiaca zur Belebung der
entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse
reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer
Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon
„composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt
sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand
reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“
Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden
„stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der
Orgie gespritzt. — Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt Sade
auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure,
Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft
werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit
Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).
Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der
Madame Gourdan reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort
wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in
Beziehung auf den Marquis de Sade von Wichtigkeit sind und ihr
Hauptbestandteil, die Canthariden nach Binz eine „berüchtigte Rolle im
Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein
Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis
schon von Dioscurides (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten
Geheimmittel im 18. Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet Sade in seinen
Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht
deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie
dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert
zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche
Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei Sade künstlicher Anregung und
sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein
Mangel an den verschiedensten Aphrodisiaca zur Belebung der
entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse
reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer
Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon
„composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt
sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand
reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“
Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden
„stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der
Orgie gespritzt. — Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt Sade
auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure,
Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft
werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit
Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).
Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der
Madame Gourdan reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort
wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in
Beziehung auf den Marquis de Sade von Wichtigkeit sind und ihr
Hauptbestandteil, die Canthariden nach Binz eine „berüchtigte Rolle im
Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein
Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis
schon von Dioscurides (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten
Page 169
Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles Stimulans. Soll doch
schon der römische Dichter Lucretius infolge des Genusses eines
cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. Ambroise Paré
berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu Paré’s Zeit war der
Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die
Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo
besonders Catharina von Medici dieselben in Frankreich einführte. Am
Hofe Heinrich’s III. und Karl’s IX., fanden dieselben reichliche
Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von
Richelieu, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen
Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die
nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten
Regierungsjahren Ludwig’s XV. Mode wurden[338]. Gerade in diese Zeit
fällt die Affäre des Marquis de Sade in Marseille, bei der diese Bonbons
eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der
Madame Du Barry, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren
höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.
Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht
Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch
sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der
Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu
Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der
Wirkung beobachtet werden.[339]
Die Kosmetik erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer
besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur
höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre
1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf
Vermietungsstände für Sonnenschirme zu errichten, damit die für den zarten
Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch
diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die
Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet,
dass Casanova gewiss Recht hatte, wenn er — der von Zeit zu Zeit gern
den Charlatan spielte — der Herzogin von Chartres, die an Acne des
Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr
milde Abführmittel — was gewiss sehr zweckmässig war — und die
schon der römische Dichter Lucretius infolge des Genusses eines
cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. Ambroise Paré
berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu Paré’s Zeit war der
Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die
Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo
besonders Catharina von Medici dieselben in Frankreich einführte. Am
Hofe Heinrich’s III. und Karl’s IX., fanden dieselben reichliche
Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von
Richelieu, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen
Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die
nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten
Regierungsjahren Ludwig’s XV. Mode wurden[338]. Gerade in diese Zeit
fällt die Affäre des Marquis de Sade in Marseille, bei der diese Bonbons
eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der
Madame Du Barry, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren
höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.
Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht
Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch
sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der
Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu
Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der
Wirkung beobachtet werden.[339]
Die Kosmetik erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer
besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur
höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre
1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf
Vermietungsstände für Sonnenschirme zu errichten, damit die für den zarten
Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch
diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die
Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet,
dass Casanova gewiss Recht hatte, wenn er — der von Zeit zu Zeit gern
den Charlatan spielte — der Herzogin von Chartres, die an Acne des
Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr
milde Abführmittel — was gewiss sehr zweckmässig war — und die
Page 170
Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches im vorigen Jahrhundert bei
Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
Als Enthaarungsmittel erwähnt der Marquis de Sade das Rusma, das
„dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung
als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen
lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes
orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma
Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen
Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist
die Vorschrift von J. J. Plenck, einem berühmten Dermatologen des 18.
Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse
Interesse, welches der Marquis de Sade allen Gegenständen der Medicin
und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm
zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später
werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines
Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser
Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass Sade sich über
die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.
Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die
sogenannten falschen Jungfrauschaften, deren grosse Häufigkeit
ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende
Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder
zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses
Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In
dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14.
Jahrhunderts lebenden französischen Arztes Heinrich de Mondeville, dessen
für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden
Schriften von J. Pagel im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden,
findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]:
„Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen.
Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind
(antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder
infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, um denen,
die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als
öffentliche Dirnen zu erscheinen. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen,
die nicht verheiratet, aber unseligerweise defloriert sind, ihre Zuflucht, um
Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
Als Enthaarungsmittel erwähnt der Marquis de Sade das Rusma, das
„dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung
als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen
lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes
orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma
Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen
Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist
die Vorschrift von J. J. Plenck, einem berühmten Dermatologen des 18.
Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse
Interesse, welches der Marquis de Sade allen Gegenständen der Medicin
und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm
zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später
werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines
Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser
Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass Sade sich über
die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.
Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die
sogenannten falschen Jungfrauschaften, deren grosse Häufigkeit
ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende
Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder
zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses
Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In
dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14.
Jahrhunderts lebenden französischen Arztes Heinrich de Mondeville, dessen
für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden
Schriften von J. Pagel im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden,
findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]:
„Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen.
Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind
(antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder
infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, um denen,
die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als
öffentliche Dirnen zu erscheinen. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen,
die nicht verheiratet, aber unseligerweise defloriert sind, ihre Zuflucht, um
Page 171
als unverfälschte Jungfern dazustehen, wenn es dazu kommt, sich mit dem
von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie
auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in
dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge
davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus
vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut
und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in
dem adstringirende Pflanzen, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich
und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man
vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen
Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es
fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück
Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit
Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte
von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18.
Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das
„Jungfrauenwasser“ der Madame Gourdan berichtet. Auch Sade kennt
verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt
ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren
will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette
eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben
soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die
Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]
Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene
Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und
alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals
die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt
und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen,
von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig
waren die Schminken, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un
rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das
Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der
Schreckenszeit.[348]
(Die Marquise klingelt)
Marton
von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie
auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in
dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge
davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus
vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut
und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in
dem adstringirende Pflanzen, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich
und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man
vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen
Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es
fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück
Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit
Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte
von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18.
Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das
„Jungfrauenwasser“ der Madame Gourdan berichtet. Auch Sade kennt
verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt
ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren
will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette
eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben
soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die
Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]
Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene
Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und
alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals
die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt
und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen,
von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig
waren die Schminken, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un
rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das
Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der
Schreckenszeit.[348]
(Die Marquise klingelt)
Marton
Page 172
Gnädige Frau —
Marquise
Marton ich stehe auf —
Marton
Hier bin ich, gnädige Frau —
Marquise
Mein Kind, was giebt’s Neues?
Marton
Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen
losbrechen soll —
Marquise
Warum nicht gar?
Marton
Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja
sogar —
Marquise
Weiberraub ja sogar — ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man
—
Marton
Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten
werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als
unglückliche Opfer ihrer Lüste —
Marquise (sehr lebhaft).
Ich zittre — Marton — kleide mich doch an — Marton — mein Rot!
geschwind mein Rot! Himmel! wie ich aussehe — bleich —
niedergeschlagen — ich sehe scheusslich aus — sie werden mich
töten!.... —
Marquise
Marton ich stehe auf —
Marton
Hier bin ich, gnädige Frau —
Marquise
Mein Kind, was giebt’s Neues?
Marton
Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen
losbrechen soll —
Marquise
Warum nicht gar?
Marton
Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja
sogar —
Marquise
Weiberraub ja sogar — ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man
—
Marton
Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten
werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als
unglückliche Opfer ihrer Lüste —
Marquise (sehr lebhaft).
Ich zittre — Marton — kleide mich doch an — Marton — mein Rot!
geschwind mein Rot! Himmel! wie ich aussehe — bleich —
niedergeschlagen — ich sehe scheusslich aus — sie werden mich
töten!.... —
Page 173
Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich
ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen der
Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans au
témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta dans le
lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft des 18.
Jahrhunderts auf kosmetischem Gebiete war das Bad. Die
Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen
mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser und
wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen
Sade’s steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins Bad.
Die Schriften des Marquis de Sade gewähren uns ein erschreckendes
Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der
Kosmetik aufweisenden Abortiv- und Praeventivmittel im 18. Jahrhunderte.
Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen
Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus Galliot’s
Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung
der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate
mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en France, de la décroissance
de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger
l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le
foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel,
welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern
oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene
Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf
eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie
dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die
Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein
vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den
malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“
geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen Sade’s Mittel und Wege,
um die Frucht im Mutterleibe zu töten. Sade erwähnt die Sabina als ein
vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und
gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist
dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie
lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche
Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand
verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).
ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen der
Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans au
témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta dans le
lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft des 18.
Jahrhunderts auf kosmetischem Gebiete war das Bad. Die
Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen
mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser und
wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen
Sade’s steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins Bad.
Die Schriften des Marquis de Sade gewähren uns ein erschreckendes
Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der
Kosmetik aufweisenden Abortiv- und Praeventivmittel im 18. Jahrhunderte.
Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen
Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus Galliot’s
Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung
der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate
mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en France, de la décroissance
de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger
l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le
foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel,
welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern
oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene
Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf
eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie
dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die
Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein
vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den
malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“
geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen Sade’s Mittel und Wege,
um die Frucht im Mutterleibe zu töten. Sade erwähnt die Sabina als ein
vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und
gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist
dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie
lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche
Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand
verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).
Page 174
Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der
antivenerischen Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen
Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller
Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und
die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien.
Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir
pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls
war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. Casanova hatte
es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.
[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome
hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als
Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten
Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden.
(Juliette I, 238–240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie
ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die
Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt
Sade am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen
syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden
Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach
Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit
de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183–184).
Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den
Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne
Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei
durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln
auf der Strasse feilboten.[353]
Wir haben früher schon den Charlatan Agirony und das „Spezificum des
Doktor Préval“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan
des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse
erweckt, als Guilbert de Préval derjenige war, welcher Rétif de la Bretonne
in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des
Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich
wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion
anglais“ ausführlich erzählt.[355]
Préval studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis
ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte
antivenerischen Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen
Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller
Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und
die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien.
Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir
pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls
war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. Casanova hatte
es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.
[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome
hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als
Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten
Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden.
(Juliette I, 238–240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie
ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die
Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt
Sade am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen
syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden
Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach
Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit
de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183–184).
Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den
Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne
Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei
durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln
auf der Strasse feilboten.[353]
Wir haben früher schon den Charlatan Agirony und das „Spezificum des
Doktor Préval“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan
des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse
erweckt, als Guilbert de Préval derjenige war, welcher Rétif de la Bretonne
in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des
Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich
wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion
anglais“ ausführlich erzählt.[355]
Préval studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis
ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte
Page 175
dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 Jahre mit der Therapie
der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares
Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!)
Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen
„Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika
und — Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“
zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau
fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich
diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose
der Syphilis, wozu es z. B. Madame Gourdan benutze. Die Ankündigung
dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe
der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357]
Man liess den Herrn Préval kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien,
wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären,
verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch
machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu
beweisen. Préval ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche.
In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit
inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt
wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel
eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird,
ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes
Ursache dieser Immunität war. Parent-Duchatelet[359] „könnte noch die
Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im
Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es
waren der Herzog von Chartres, der Graf de la Marche, der Marschall
Richelieu, der Herzog von Nivernois und andere „Cavaliere“. Auch der
Herzog von Zweibrücken liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig
ausfielen. Préval wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die
Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm
zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen
bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen
Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der Préval aus der Liste ihrer
Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit
der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser
Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät
der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares
Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!)
Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen
„Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika
und — Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“
zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau
fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich
diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose
der Syphilis, wozu es z. B. Madame Gourdan benutze. Die Ankündigung
dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe
der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357]
Man liess den Herrn Préval kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien,
wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären,
verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch
machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu
beweisen. Préval ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche.
In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit
inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt
wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel
eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird,
ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes
Ursache dieser Immunität war. Parent-Duchatelet[359] „könnte noch die
Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im
Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es
waren der Herzog von Chartres, der Graf de la Marche, der Marschall
Richelieu, der Herzog von Nivernois und andere „Cavaliere“. Auch der
Herzog von Zweibrücken liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig
ausfielen. Préval wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die
Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm
zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen
bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen
Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der Préval aus der Liste ihrer
Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit
der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser
Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät
Page 176
aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung der letzteren
am 13. August 1777 bestätigt und Préval ausserdem noch zu einer
Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen
kann, so ist doch die Begründung desselben sehr fragwürdiger Natur. An
einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu
prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche
kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den
der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum
mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine
Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und
bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten
leiden müssten.“ Schon Girtanner, der sich in seinem Werke überall als
einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines
solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des
menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche
ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund
wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu
bewirken!“[360] Parent-Duchatelet, der diesem Gutachten der Pariser
medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von Proksch mit
Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der
Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die
Furcht vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein
soll, dann dürfen wir diese Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18.
Jahrhundert wie — heute: der Condom. Wir haben bereits mehrere Male auf
den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem
in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die
alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes
d’Angleterre“. Als Casanova in Marseille ankam und nach seiner
Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne
suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das
Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er
mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte
die Schöne „feinere zu drei Francs das Stück“, welche „die Händlerin nur
dutzendweise verkaufte“ worauf Casanova sich bereit erklärte, das ganze
am 13. August 1777 bestätigt und Préval ausserdem noch zu einer
Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen
kann, so ist doch die Begründung desselben sehr fragwürdiger Natur. An
einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu
prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche
kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den
der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum
mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine
Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und
bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten
leiden müssten.“ Schon Girtanner, der sich in seinem Werke überall als
einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines
solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des
menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche
ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund
wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu
bewirken!“[360] Parent-Duchatelet, der diesem Gutachten der Pariser
medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von Proksch mit
Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der
Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die
Furcht vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein
soll, dann dürfen wir diese Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18.
Jahrhundert wie — heute: der Condom. Wir haben bereits mehrere Male auf
den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem
in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die
alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes
d’Angleterre“. Als Casanova in Marseille ankam und nach seiner
Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne
suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das
Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er
mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte
die Schöne „feinere zu drei Francs das Stück“, welche „die Händlerin nur
dutzendweise verkaufte“ worauf Casanova sich bereit erklärte, das ganze
Page 177
Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe ein paar Specimina von
einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]
Der Condom wurde von dem unter Karl II. lebenden Londoner Arzt Dr.
Conton erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der
Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes
vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer
bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger
Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und
dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und
geschmeidig gemacht.[363]
Proksch macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser
Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der
Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz
aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel
zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste
Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von
einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826
erschien nämlich ein päpstliches Breve (Leo XII.), welches diese Erfindung
verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die
Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ Proksch
übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser
verweisen. — „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus
Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese
tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden,
von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar
keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer
geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] Proksch, dieser
ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen
Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die
Condome aus Kautschuk die sichersten Schutzmittel gegen alle durch
naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365]
Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser
Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass
Alles in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche
Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle
diese Einwürfe hat Proksch im humansten Sinne widerlegt. Der Arzt, der
einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]
Der Condom wurde von dem unter Karl II. lebenden Londoner Arzt Dr.
Conton erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der
Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes
vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer
bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger
Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und
dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und
geschmeidig gemacht.[363]
Proksch macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser
Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der
Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz
aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel
zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste
Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von
einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826
erschien nämlich ein päpstliches Breve (Leo XII.), welches diese Erfindung
verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die
Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ Proksch
übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser
verweisen. — „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus
Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese
tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden,
von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar
keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer
geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] Proksch, dieser
ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen
Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die
Condome aus Kautschuk die sichersten Schutzmittel gegen alle durch
naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365]
Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser
Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass
Alles in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche
Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle
diese Einwürfe hat Proksch im humansten Sinne widerlegt. Der Arzt, der
Page 178
die Gesundheit des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen
Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines
Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt.
Er muss auch einen Missbrauch seiner Ratschläge von sich abweisen, der
ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden
erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und
andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung
getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile,
sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (Proksch.)
Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das
sind die Surrogate des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die
künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes
ersetzen sollen, vor allem die ledernen Phalli oder Godmichés, die
„Consolateurs“, wie sie bei der Gourdan heissen die „bijoux indiscrets“,
„bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo,
Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366]
Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen
Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht
blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den
vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] Sade
beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie
kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie
sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer
Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen,
waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie
diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und
welche Garnier folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à
Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend
secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme
en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre
liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se
répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus
complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus
gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame
de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le
Boudoir II, 31).
Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines
Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt.
Er muss auch einen Missbrauch seiner Ratschläge von sich abweisen, der
ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden
erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und
andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung
getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile,
sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (Proksch.)
Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das
sind die Surrogate des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die
künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes
ersetzen sollen, vor allem die ledernen Phalli oder Godmichés, die
„Consolateurs“, wie sie bei der Gourdan heissen die „bijoux indiscrets“,
„bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo,
Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366]
Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen
Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht
blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den
vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] Sade
beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie
kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie
sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer
Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen,
waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie
diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und
welche Garnier folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à
Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend
secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme
en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre
liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se
répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus
complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus
gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame
de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le
Boudoir II, 31).
Page 179
Garnier meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche in
Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt
wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im
„Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das
ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes
d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.
Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt
wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im
„Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das
ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes
d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.
Page 180
21. Gastronomie und Alkoholismus im 18.
Jahrhundert.
„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind
auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis de
Sade ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach einer
Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a beaucoup
déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). „Nur viel essen
macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil (Juliette II, 72). Die
„diners énormes“ sind daher recht häufig in Sade’s Romanen (Juliette II,
268). Clairwil ist ebenso „capriciös in den Ausschweifungen der Tafel wie
in denen des Bettes, in beiden gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur
von Geflügel und Wildpret, trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und
Kaffee. Elle mangeait excessivement.“ (Juliette II, 151).
„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen Trunk
auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). Ambroise sagt
bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus leiht, kommen immer
der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu der fürchterlichen Orgie beim
Minister Saint-Fond präparieren sich die Teilnehmer durch die
„ausgesuchtesten Weine und die opulentesten Speisen“ (Juliette II, 15), und
auch während der Orgien lässt man sich zu den Unmässigkeiten des Comus
und der Cypris durch „fremde Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette
und die Königin Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen
zwei Flaschen Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit
begründet, dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein
entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach der
kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, ihr Bild
steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem Vorbilde des
von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen Wein verschiedener
Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser Punsch und 10 Tassen
Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden der Liebe macht (Justine III,
231–232).
Jahrhundert.
„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind
auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis de
Sade ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach einer
Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a beaucoup
déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). „Nur viel essen
macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil (Juliette II, 72). Die
„diners énormes“ sind daher recht häufig in Sade’s Romanen (Juliette II,
268). Clairwil ist ebenso „capriciös in den Ausschweifungen der Tafel wie
in denen des Bettes, in beiden gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur
von Geflügel und Wildpret, trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und
Kaffee. Elle mangeait excessivement.“ (Juliette II, 151).
„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen Trunk
auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). Ambroise sagt
bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus leiht, kommen immer
der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu der fürchterlichen Orgie beim
Minister Saint-Fond präparieren sich die Teilnehmer durch die
„ausgesuchtesten Weine und die opulentesten Speisen“ (Juliette II, 15), und
auch während der Orgien lässt man sich zu den Unmässigkeiten des Comus
und der Cypris durch „fremde Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette
und die Königin Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen
zwei Flaschen Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit
begründet, dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein
entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach der
kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, ihr Bild
steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem Vorbilde des
von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen Wein verschiedener
Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser Punsch und 10 Tassen
Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden der Liebe macht (Justine III,
231–232).
Page 181
Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen
Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des grands
cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, vorzüglich in der
Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu bereiten wusste.“ Die
Indigestion war oft die „Strafe der grossen Esser“. Der Feldzug des Prinzen
Soubise in Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als
durch seine Siege“. Der Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete
Omelette, die 100 Thaler kostete.[374] Voltaire sprach sich sehr scharf gegen
die überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die
nach seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse,
welche unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal
stattgefunden hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung Ludwigs XVI.
wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt und in
regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, der „den
Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die Gänge unter sich
teilten und die spanischen und Kapweine, welche das Werk krönten“.[377]
Nach Brillat-Savarin waren die Chevaliers und die Abbés die grössten
Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et philosophiques“ wurden Mode,
die aber, wie Paul Lacroix bemerkt, ebenso sehr der Gastronomie gewidmet
waren.[378]
Präsident Henault, der intime Freund der Madame Du Deffand, war
bekannt durch seine vortrefflichen Diners. Voltaire redet ihn einmal an:
Henault, fameux par vos soupers!
Rétif beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre bei
Grimod de la Reynière fils“[379] und berichtete über mehrere „pikante“
Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan Guilbert de Préval,
wo der Dichter Robé seine cynischen Poeme vorlas, bei Herrn de
Morfontaine und beim Grafen de Gémonville.[380] Ganz wie heute nahmen
schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren „Freundinnen“ ein
„vorbereitendes“ Souper ein. Casanova schildert ein solches Souper in
Marseille.[381]
Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen zur
Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert Reichardt[382]. „Der
sehr besonnene und von jeder Uebertreibung entfernte Geschichtschreiber
fügt der Darstellung von den blutigen Septembertagen, indem er von den
Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des grands
cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, vorzüglich in der
Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu bereiten wusste.“ Die
Indigestion war oft die „Strafe der grossen Esser“. Der Feldzug des Prinzen
Soubise in Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als
durch seine Siege“. Der Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete
Omelette, die 100 Thaler kostete.[374] Voltaire sprach sich sehr scharf gegen
die überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die
nach seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse,
welche unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal
stattgefunden hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung Ludwigs XVI.
wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt und in
regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, der „den
Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die Gänge unter sich
teilten und die spanischen und Kapweine, welche das Werk krönten“.[377]
Nach Brillat-Savarin waren die Chevaliers und die Abbés die grössten
Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et philosophiques“ wurden Mode,
die aber, wie Paul Lacroix bemerkt, ebenso sehr der Gastronomie gewidmet
waren.[378]
Präsident Henault, der intime Freund der Madame Du Deffand, war
bekannt durch seine vortrefflichen Diners. Voltaire redet ihn einmal an:
Henault, fameux par vos soupers!
Rétif beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre bei
Grimod de la Reynière fils“[379] und berichtete über mehrere „pikante“
Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan Guilbert de Préval,
wo der Dichter Robé seine cynischen Poeme vorlas, bei Herrn de
Morfontaine und beim Grafen de Gémonville.[380] Ganz wie heute nahmen
schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren „Freundinnen“ ein
„vorbereitendes“ Souper ein. Casanova schildert ein solches Souper in
Marseille.[381]
Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen zur
Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert Reichardt[382]. „Der
sehr besonnene und von jeder Uebertreibung entfernte Geschichtschreiber
fügt der Darstellung von den blutigen Septembertagen, indem er von den
Page 182
von Wut, Blut und Branntwein trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die
mit Säbel und Beil, mit Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung
des Marseiller Marsches ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie
wilde Tiere mordeten, folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan,
dass die Getränke, welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem
besonderen Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut
erzeugte, und diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur
vernünftigen Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im
Kloster Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes
zu trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit
vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein
umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la
liberté)“.
Merkwürdig ist, dass der Marquis de Sade in seinen Romanen bereits
den Typus des Vegetarianers und des Antialkoholisten gezeichnet hat. Der
erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich J. Newtons’s
Schrift „Return to nature or defence of vegetable regime“, die 1811 in
London erschien. Sade führt in Bandole einen typischen Vegetarianer und
Antialkoholisten vor, der allerdings diese Enthaltsamkeit aus sexuellen
Gründen übte. Er isst wenig, und nur Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja,
dieser Bandole ist bereits ein Vorläufer von Leopold Schenk. Zwar
entwickelt er keine vollständige „Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass
die Frau nur dann geschwängert wird, wenn sie eine gesunde und leichte
Nahrung geniesst. Auch Zamé in „Aline et Valcour“ ist enragierter
Vegetarianer, der sich des Fleischgenusses „par humanité et par régime“
enthält. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel,
die sich nur von Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit
erfreuen. Die jungen Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und
frisch. Ihr Leben verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und
sie werden durchaus glücklich.[383]
mit Säbel und Beil, mit Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung
des Marseiller Marsches ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie
wilde Tiere mordeten, folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan,
dass die Getränke, welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem
besonderen Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut
erzeugte, und diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur
vernünftigen Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im
Kloster Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes
zu trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit
vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein
umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la
liberté)“.
Merkwürdig ist, dass der Marquis de Sade in seinen Romanen bereits
den Typus des Vegetarianers und des Antialkoholisten gezeichnet hat. Der
erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich J. Newtons’s
Schrift „Return to nature or defence of vegetable regime“, die 1811 in
London erschien. Sade führt in Bandole einen typischen Vegetarianer und
Antialkoholisten vor, der allerdings diese Enthaltsamkeit aus sexuellen
Gründen übte. Er isst wenig, und nur Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja,
dieser Bandole ist bereits ein Vorläufer von Leopold Schenk. Zwar
entwickelt er keine vollständige „Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass
die Frau nur dann geschwängert wird, wenn sie eine gesunde und leichte
Nahrung geniesst. Auch Zamé in „Aline et Valcour“ ist enragierter
Vegetarianer, der sich des Fleischgenusses „par humanité et par régime“
enthält. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel,
die sich nur von Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit
erfreuen. Die jungen Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und
frisch. Ihr Leben verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und
sie werden durchaus glücklich.[383]
Page 183
22. Diebstahl und Räuberwesen.
Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit
einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis de
Sade deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, übt das
Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der „berühmtesten
Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet hat. (Juliette II, 193).
Dieser wird durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden
unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen verführen und berauben lässt.
Er empfindet einen besonderen sexuellen Genuss, wenn er bei der
Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein kann. Seine Theorie und
Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später besprechen. — Die
Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti ist ebenfalls der
Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der Diebstahl eine Wonne ist,
kommen noch mehrere vor.[384]
Ungeheuerlich war ja die Geldgier im Frankreich des 18. Jahrhunderts,
was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt:
„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur
Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, man entehrt
sich, wenn man nicht reich ist. Gold ist Alles und das übrige ohne Gold ist
nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich vor meinen
Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige es ihm mit
Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das Geld“. Graf
Tilly sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un siècle dont le devise
pourrait être: laissons là les parchemins: nous parlerons un autre jour de vos
vertus. Montrez moi de l’or“. Das Geld ist der „universelle Motor“ dieser
Zeit geworden, wie Madame du Hausset sagt[385]. Die Räuber und Diebe,
von denen es auch in Sade’s Romanen wimmelt, bildeten die wirksame
Staffage der Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der
Prostitution in der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen
Diebstahl, Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und
blieben fast während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung.
Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche
Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit
einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis de
Sade deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, übt das
Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der „berühmtesten
Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet hat. (Juliette II, 193).
Dieser wird durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden
unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen verführen und berauben lässt.
Er empfindet einen besonderen sexuellen Genuss, wenn er bei der
Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein kann. Seine Theorie und
Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später besprechen. — Die
Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti ist ebenfalls der
Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der Diebstahl eine Wonne ist,
kommen noch mehrere vor.[384]
Ungeheuerlich war ja die Geldgier im Frankreich des 18. Jahrhunderts,
was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt:
„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur
Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, man entehrt
sich, wenn man nicht reich ist. Gold ist Alles und das übrige ohne Gold ist
nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich vor meinen
Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige es ihm mit
Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das Geld“. Graf
Tilly sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un siècle dont le devise
pourrait être: laissons là les parchemins: nous parlerons un autre jour de vos
vertus. Montrez moi de l’or“. Das Geld ist der „universelle Motor“ dieser
Zeit geworden, wie Madame du Hausset sagt[385]. Die Räuber und Diebe,
von denen es auch in Sade’s Romanen wimmelt, bildeten die wirksame
Staffage der Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der
Prostitution in der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen
Diebstahl, Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und
blieben fast während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung.
Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche
Page 184
Diebstähle und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die
Massnahmen der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die
Gefängnisse und deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der
10. Aug. und die Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen
entsetzlichen Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu
angethan, die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu
machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder
Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten
immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den
zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen
fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf den
Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry im
Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von
Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess und
sogar durch öffentliche Anschläge zum Eintritt in ihre Reihen einluden,
indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in Aussicht stellten!
In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete sich der Zustand in Paris
zu einem geradezu unerträglichen. Die Verbrechen vermehrten sich
dermassen, dass „tagtäglich Diebstähle und Morde begangen wurden“. Das
Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer der Spitzbuben und Betrüger
diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. Zu Anfang dieses Jahres lagerten
zahlreiche Räuberbanden um Paris. Eine Menge von Raub- und
Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter Grausamkeit ausgeführt“
verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser Bourdroux war besonders
berüchtigt als Führer einer solchen Bande. Die Ueberfälle von Seiten der
Räuberbanden „geschahen meist mit unerhörter Keckheit, die Häuser
wurden förmlich erstürmt, die Insassen sämtlich auf grässliche Weise
ermordet, und dann erst die Plünderung vollzogen“.[388]
Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und
Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung der
Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der Liederlichkeit
gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, zumal die der
niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den Banden der
Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren Besucher
ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt würden; ferner
die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen der Faulheit, der
Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die Spielhäuser.[389]
Massnahmen der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die
Gefängnisse und deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der
10. Aug. und die Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen
entsetzlichen Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu
angethan, die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu
machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder
Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten
immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den
zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen
fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf den
Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry im
Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von
Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess und
sogar durch öffentliche Anschläge zum Eintritt in ihre Reihen einluden,
indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in Aussicht stellten!
In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete sich der Zustand in Paris
zu einem geradezu unerträglichen. Die Verbrechen vermehrten sich
dermassen, dass „tagtäglich Diebstähle und Morde begangen wurden“. Das
Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer der Spitzbuben und Betrüger
diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. Zu Anfang dieses Jahres lagerten
zahlreiche Räuberbanden um Paris. Eine Menge von Raub- und
Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter Grausamkeit ausgeführt“
verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser Bourdroux war besonders
berüchtigt als Führer einer solchen Bande. Die Ueberfälle von Seiten der
Räuberbanden „geschahen meist mit unerhörter Keckheit, die Häuser
wurden förmlich erstürmt, die Insassen sämtlich auf grässliche Weise
ermordet, und dann erst die Plünderung vollzogen“.[388]
Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und
Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung der
Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der Liederlichkeit
gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, zumal die der
niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den Banden der
Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren Besucher
ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt würden; ferner
die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen der Faulheit, der
Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die Spielhäuser.[389]
Page 185
In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen
durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle Unterhaltung
drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. Die Straflosigkeit der
Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen Beispiels oder zerstörte alle
Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein und Haben, von Mein und Dein.
In dem Meere der allgemeinen Verderbnis ging jeder Anflug von
Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten machten sich aus Eitelkeit
und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters und des Verbrechens. „Der
Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen sich am Pranger gegen „alle
Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht nur in ihren Zurufen, sondern
auch in ihren Gebärden und Handlungen so überaus schamlos, frech und
gemein, dass man schliesslich anordnen musste: allen ausgestellten Weibern
die Hände und die Röcke festzubinden!“ Schmidt betont besonders die
„grauenhafte Thatsache“, dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein
Teil der blutigen und unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt
und empfohlen, der andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es
eine vollständige Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der
Revolutionszeit: man würde sicher nach allen Richtungen hin zu
schaudererregenden Ziffern kommen.“[390]
Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und
Räubereien in Sades Romanen verstehen.
durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle Unterhaltung
drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. Die Straflosigkeit der
Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen Beispiels oder zerstörte alle
Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein und Haben, von Mein und Dein.
In dem Meere der allgemeinen Verderbnis ging jeder Anflug von
Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten machten sich aus Eitelkeit
und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters und des Verbrechens. „Der
Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen sich am Pranger gegen „alle
Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht nur in ihren Zurufen, sondern
auch in ihren Gebärden und Handlungen so überaus schamlos, frech und
gemein, dass man schliesslich anordnen musste: allen ausgestellten Weibern
die Hände und die Röcke festzubinden!“ Schmidt betont besonders die
„grauenhafte Thatsache“, dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein
Teil der blutigen und unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt
und empfohlen, der andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es
eine vollständige Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der
Revolutionszeit: man würde sicher nach allen Richtungen hin zu
schaudererregenden Ziffern kommen.“[390]
Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und
Räubereien in Sades Romanen verstehen.
Page 186
23. Der Giftmord.
Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller
Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra
zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen.
Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die
Brinvilliers und die Voisin geschlechtlich ausschweifende Weiber waren.
Sade, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen
Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der
Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt
er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere
sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord
wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen.
Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen
Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es
merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel
Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel
unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg
Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal
par excellence. (Juliette III, 220 ff.) Sade hat sie deutlich als krankhaft
entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall
der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem
cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild
der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzen Garten mit
Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga,
Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du
crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine
krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust
bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der
ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison
royal), durch welches nach Sade unter Ludwig XV. viele Mitglieder der
königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile,
verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“,
„Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im
Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller
Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra
zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen.
Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die
Brinvilliers und die Voisin geschlechtlich ausschweifende Weiber waren.
Sade, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen
Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der
Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt
er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere
sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord
wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen.
Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen
Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es
merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel
Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel
unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg
Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal
par excellence. (Juliette III, 220 ff.) Sade hat sie deutlich als krankhaft
entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall
der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem
cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild
der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzen Garten mit
Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga,
Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du
crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine
krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust
bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der
ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison
royal), durch welches nach Sade unter Ludwig XV. viele Mitglieder der
königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile,
verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“,
„Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im
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Grossen, ebenso Noirceuil, der der Brinvilliers einen Lobhymnus singt
(Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison
royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski
Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die
Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit
Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung Ludwig’s XIV. eine
wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen
Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande
eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé Guibourg, der
Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und
Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7.
April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“
oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit
Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die
Giftmischerin Marie Madeleine Marquise de Brinvilliers, die auch der
Marquis de Sade sehr häufig erwähnt.[392] Es ist interessant, dass dieses
teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen
Autobiographie ergab, von frühester Jugend an in sexuellen
Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete. Eine unersättliche
Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das
Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts
weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das
Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei
weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und
Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren
Ausschweifungen lernte die Brinvilliers von ihrem Geliebten de Sainte-
Croix die Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust
betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und
zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie
am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche
in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madame de Sévigné in ihren Briefen
erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und
dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
(Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison
royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski
Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die
Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit
Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung Ludwig’s XIV. eine
wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen
Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande
eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé Guibourg, der
Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und
Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7.
April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“
oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit
Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die
Giftmischerin Marie Madeleine Marquise de Brinvilliers, die auch der
Marquis de Sade sehr häufig erwähnt.[392] Es ist interessant, dass dieses
teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen
Autobiographie ergab, von frühester Jugend an in sexuellen
Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete. Eine unersättliche
Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das
Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts
weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das
Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei
weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und
Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren
Ausschweifungen lernte die Brinvilliers von ihrem Geliebten de Sainte-
Croix die Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust
betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und
zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie
am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche
in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madame de Sévigné in ihren Briefen
erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und
dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
Page 188
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in
erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten
Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive Voisin, die
Vigouroux, des Œillets, Delagragne sind die berühmtesten
Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies
Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die
bekanntesten Giftmischer sind Desrues und seine Frau, die sich um jeden
Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege
stehenden Personen griffen.[394] Sade, der alle ihm naheliegenden Vorbilder
benutzt hat, lässt auch diesen Desrues zusammen mit dem grossen Räuber
Cartouche als Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch
Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI,
323). Ebenso erzählt Rétif de la Bretonne im vierten Bande der „Année des
dames nationales“ (S. 1166 ff.) die Affaire Desrues.
erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten
Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive Voisin, die
Vigouroux, des Œillets, Delagragne sind die berühmtesten
Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies
Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die
bekanntesten Giftmischer sind Desrues und seine Frau, die sich um jeden
Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege
stehenden Personen griffen.[394] Sade, der alle ihm naheliegenden Vorbilder
benutzt hat, lässt auch diesen Desrues zusammen mit dem grossen Räuber
Cartouche als Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch
Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI,
323). Ebenso erzählt Rétif de la Bretonne im vierten Bande der „Année des
dames nationales“ (S. 1166 ff.) die Affaire Desrues.
Page 189
24. Mord und Hinrichtungen.
Des Marquis de Sade Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das
ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und nach
ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination
geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz in
seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: Wollust
und Blut! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! Deshalb wirken
seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns aus ihnen eine Welt der
Hölle an. Denn der Schrecken verging, alle wirklichen Qualen jener Zeit
sind dahin und die ungeheuren Ströme von Blut in die dunkle Erde
hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber in Sade’s Werken lebt jener
Schrecken noch, da wird er vielleicht für ewige Zeit bis zur Vernichtung der
Welt leben: „Justine“ und „Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen
Zeit. Leichengeruch weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des
18. Jahrhunderts wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies ein Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier ist es
das Gemälde der Zeit. Wir wollen Sade Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Und das können wir nur, indem wir ihn erkennen. Denn die Erkenntnis ist
das Höchste in der Welt. Sie allein führt zur Gerechtigkeit, nicht das blosse
dumpfe Gefühl, welches sich von solchem Graus mit Abscheu abwendet.
Schon Jules Janin sagte, dass der Marquis de Sade ein Objekt der „histoire
naturelle“ sei, dass man über ihn schreiben müsse, wie man die
Monographie des Skorpions oder der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte
wissenschaftliche Analyse kann das Wesen dieses Mannes erleuchten und
das endgiltige Urteil über ihn feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem
Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der
unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor der
Revolution die Grausamkeit derselben depravierend auf die Zuschauer, so
wirkte während der Revolution die Massenhaftigkeit der Enthauptungen
vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte der edle Beccaria in seiner
Des Marquis de Sade Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das
ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und nach
ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination
geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz in
seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: Wollust
und Blut! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! Deshalb wirken
seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns aus ihnen eine Welt der
Hölle an. Denn der Schrecken verging, alle wirklichen Qualen jener Zeit
sind dahin und die ungeheuren Ströme von Blut in die dunkle Erde
hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber in Sade’s Werken lebt jener
Schrecken noch, da wird er vielleicht für ewige Zeit bis zur Vernichtung der
Welt leben: „Justine“ und „Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen
Zeit. Leichengeruch weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des
18. Jahrhunderts wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies ein Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier ist es
das Gemälde der Zeit. Wir wollen Sade Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Und das können wir nur, indem wir ihn erkennen. Denn die Erkenntnis ist
das Höchste in der Welt. Sie allein führt zur Gerechtigkeit, nicht das blosse
dumpfe Gefühl, welches sich von solchem Graus mit Abscheu abwendet.
Schon Jules Janin sagte, dass der Marquis de Sade ein Objekt der „histoire
naturelle“ sei, dass man über ihn schreiben müsse, wie man die
Monographie des Skorpions oder der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte
wissenschaftliche Analyse kann das Wesen dieses Mannes erleuchten und
das endgiltige Urteil über ihn feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem
Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der
unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor der
Revolution die Grausamkeit derselben depravierend auf die Zuschauer, so
wirkte während der Revolution die Massenhaftigkeit der Enthauptungen
vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte der edle Beccaria in seiner
Page 190
klassischen Schrift „Ueber Verbrechen und Strafen“, die jeder
Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die Hinrichtungen, für den
grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel werden und die Menschen
grausam machen.[396] Das französische Volk, von Natur zur Grausamkeit
geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade ausgesetzt als jedes andere.
Die grossen Geister jener Zeit erkannten dies wohl. So verdammt
Montesquieu im „Esprit des lois“ die Foltern und die schrecklichen Martern
bei der Hinrichtung, und Voltaire hörte niemals auf, gegen diese
Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen
hauptsächlich die Vierteilung, das Rad und der Galgen gebräuchlich. Die
mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass sie sogar von den
Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des Grafen de Lally im
Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der Hinrichtung war das
Rad, das denn auch bei Sade öfter vorkommt. Der unglückliche Delinquent
wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der Henker zerbrach ihm mit
einer schweren eisernen Stange die Knochen der oberen und unteren
Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser Geschicklichkeit, um sich den
Beifall der Zuschauer (les suffrages des spectateurs) zu erwerben.[398]
Sodann wurde der Delinquent in die Speichen des Rades geflochten und
sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der
schauerlichen Hinrichtung des Damiens kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von
Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und
genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen
auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des
Strassenräubers Cartouche und seiner Bande (27. November 1721), des
Räubers Nivet und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des
Deschauffonis, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der
Gattenmörderin Lescombat durch den Galgen (1755), des Damiens durch
Vierteilung (1757), des Giftmörders Desrues und seiner Frau durch das Rad
(1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und
verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge
versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft
leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am
Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die Hinrichtungen, für den
grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel werden und die Menschen
grausam machen.[396] Das französische Volk, von Natur zur Grausamkeit
geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade ausgesetzt als jedes andere.
Die grossen Geister jener Zeit erkannten dies wohl. So verdammt
Montesquieu im „Esprit des lois“ die Foltern und die schrecklichen Martern
bei der Hinrichtung, und Voltaire hörte niemals auf, gegen diese
Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen
hauptsächlich die Vierteilung, das Rad und der Galgen gebräuchlich. Die
mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass sie sogar von den
Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des Grafen de Lally im
Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der Hinrichtung war das
Rad, das denn auch bei Sade öfter vorkommt. Der unglückliche Delinquent
wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der Henker zerbrach ihm mit
einer schweren eisernen Stange die Knochen der oberen und unteren
Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser Geschicklichkeit, um sich den
Beifall der Zuschauer (les suffrages des spectateurs) zu erwerben.[398]
Sodann wurde der Delinquent in die Speichen des Rades geflochten und
sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der
schauerlichen Hinrichtung des Damiens kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von
Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und
genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen
auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des
Strassenräubers Cartouche und seiner Bande (27. November 1721), des
Räubers Nivet und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des
Deschauffonis, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der
Gattenmörderin Lescombat durch den Galgen (1755), des Damiens durch
Vierteilung (1757), des Giftmörders Desrues und seiner Frau durch das Rad
(1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und
verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge
versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft
leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am
Page 191
wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen Peripetien der
Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter,
umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten
seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in
weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner
Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das
Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit
Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen
überschüttete.[399]
Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden ist,
war die des unglücklichen Robert François Damiens, der am 5. Januar 1757
einen Mordversuch auf den König Ludwig XV. machte und dafür am 28.
März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode
gebracht wurde. Thomas Carlyle, dieser, was den Ausdruck des Affects
betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen Revolution,
bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit in den Ruf aus:
„Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, wie glänzende von
Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll Mitleid über der
Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass tausend Hinrichtungen mit der
Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution des armen Damiens
aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit und das Mitleid der
Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien régime selbst durch die
während der Revolution geflossenen Ströme von Blut kaum gelöscht
worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten derselben vernehmen, dann
wird uns ein Blick in die Grausamkeit der französischen Volksseele
eröffnet, der mit einem Schlage die Werke eines Marquis de Sade
begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst der Revolution
vorherahnen lässt.
Ueber die Hinrichtung des Damiens besitzen wir den Bericht eines
Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
An Damiens wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder
Heinrich’s IV., François Ravaillac, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) wurde
zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit glühenden
Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in die Wunden
geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs und
Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde
Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter,
umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten
seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in
weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner
Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das
Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit
Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen
überschüttete.[399]
Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden ist,
war die des unglücklichen Robert François Damiens, der am 5. Januar 1757
einen Mordversuch auf den König Ludwig XV. machte und dafür am 28.
März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode
gebracht wurde. Thomas Carlyle, dieser, was den Ausdruck des Affects
betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen Revolution,
bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit in den Ruf aus:
„Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, wie glänzende von
Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll Mitleid über der
Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass tausend Hinrichtungen mit der
Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution des armen Damiens
aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit und das Mitleid der
Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien régime selbst durch die
während der Revolution geflossenen Ströme von Blut kaum gelöscht
worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten derselben vernehmen, dann
wird uns ein Blick in die Grausamkeit der französischen Volksseele
eröffnet, der mit einem Schlage die Werke eines Marquis de Sade
begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst der Revolution
vorherahnen lässt.
Ueber die Hinrichtung des Damiens besitzen wir den Bericht eines
Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
An Damiens wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder
Heinrich’s IV., François Ravaillac, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) wurde
zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit glühenden
Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in die Wunden
geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs und
Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde
Page 192
der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum Grève-
Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, waren von
einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die „weder Hass
noch Mitleid“ bezeugte. Charles Monselet berichtet: „Wohin auch der Blick
sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, immer wieder die Menge.
Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die Menge in den ersten Häusern
der Rue de la Mortellerie! Die Menge in der Rue de la Vannerie! Die Menge
in der Rue de la Tannerie! Die Menge an der Kreuzung der Rue de l’Epine
und der Rue de Mouton! Die Menge an allen Ausgängen des Platzes. Auf
dem Platze selbst eine compakte Menge, bestehend aus allen möglichen
Elementen, aber vor allem aus dem Pöbel. In den Fenstern eine
geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren und grosse Damen, grosse
Damen besonders, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen im
Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] Um 4½ Uhr nahm dann jenes
grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen blosse Schilderung uns — wir
wollen dies nicht verschweigen — noch heute Thränen des Mitleids und des
Wehs über die unsäglichen Leiden eines längst in Staub Zerfallenen
entlockt hat.
In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, auf
welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen zeigte, sondern
nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von den sechs Henkern mit
eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass der Rumpf vollkommen
fixiert war. Darauf fesselte man ihm die rechte Hand und liess sie in einem
schwefligen Feuer verbrennen, wobei der Bejammernswerte ein
entsetzliches Geschrei erhob. Man sah (nach Monselet), während die Hand
verbrannt wurde, die Haare des Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil
emporrichten! Darauf zwickte man wieder den Körper mit glühenden
Zangen und riss ihm Fleischstücke aus der Brust und an anderen Stellen
aus, goss dann flüssiges Blei und kochendes Oel in die frischen Wunden,
was, wie es in den „Mémoires“ von Richelieu heisst, die Luft auf dem
ganzen Grève-Platze durch den entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr
befestigte man um Oberarme und Oberschenkel, um Hand- und
Fussgelenke grosse Taue, die mit dem Geschirr von vier Pferden verbunden
wurden, welche an den vier Ecken der Plattform standen. Dann trieb man
diese Pferde an, die so den Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese
waren nicht gewohnt, solche Henkersdienste zu tun. Mehr als eine Stunde
hieb man auf sie ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten
Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, waren von
einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die „weder Hass
noch Mitleid“ bezeugte. Charles Monselet berichtet: „Wohin auch der Blick
sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, immer wieder die Menge.
Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die Menge in den ersten Häusern
der Rue de la Mortellerie! Die Menge in der Rue de la Vannerie! Die Menge
in der Rue de la Tannerie! Die Menge an der Kreuzung der Rue de l’Epine
und der Rue de Mouton! Die Menge an allen Ausgängen des Platzes. Auf
dem Platze selbst eine compakte Menge, bestehend aus allen möglichen
Elementen, aber vor allem aus dem Pöbel. In den Fenstern eine
geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren und grosse Damen, grosse
Damen besonders, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen im
Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] Um 4½ Uhr nahm dann jenes
grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen blosse Schilderung uns — wir
wollen dies nicht verschweigen — noch heute Thränen des Mitleids und des
Wehs über die unsäglichen Leiden eines längst in Staub Zerfallenen
entlockt hat.
In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, auf
welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen zeigte, sondern
nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von den sechs Henkern mit
eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass der Rumpf vollkommen
fixiert war. Darauf fesselte man ihm die rechte Hand und liess sie in einem
schwefligen Feuer verbrennen, wobei der Bejammernswerte ein
entsetzliches Geschrei erhob. Man sah (nach Monselet), während die Hand
verbrannt wurde, die Haare des Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil
emporrichten! Darauf zwickte man wieder den Körper mit glühenden
Zangen und riss ihm Fleischstücke aus der Brust und an anderen Stellen
aus, goss dann flüssiges Blei und kochendes Oel in die frischen Wunden,
was, wie es in den „Mémoires“ von Richelieu heisst, die Luft auf dem
ganzen Grève-Platze durch den entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr
befestigte man um Oberarme und Oberschenkel, um Hand- und
Fussgelenke grosse Taue, die mit dem Geschirr von vier Pferden verbunden
wurden, welche an den vier Ecken der Plattform standen. Dann trieb man
diese Pferde an, die so den Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese
waren nicht gewohnt, solche Henkersdienste zu tun. Mehr als eine Stunde
hieb man auf sie ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten
Page 193
abzureissen. Nur die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die
„nombre prodigieux de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier
ein menschliches Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor,
die alle zugleich in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des Damiens
steigerte sich zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser
Mensch.“ Wieder blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von
den Richtern die Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der
Gelenke zu erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der
Unglückliche „hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“
schrie aber nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm
entgegengehaltenen Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf
ihn einsprachen. Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“,
wurde der linke Schenkel zuerst abgerissen. Das Volk klatschte in die
Hände! Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“
gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder an
zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen hatte,
wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des Unseligen wurde
schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst beim Abreissen des
linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war nur der zuckende Rumpf
übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen Haare plötzlich weiss geworden
waren. Er lebte noch! Während man die Haare abschnitt und die vier
Gliedmassen sammelte, stürzten die Beichtväter zu ihm. Aber Henri Sanson
(der Scharfrichter) hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass Damiens
soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt
der zuverlässige Bretonne, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und den
Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ Dieser
Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die
Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male in
die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen
Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder in den
Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden auf einem
Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde zerstreut.[404]
„Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der — man möge es glauben —
die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hat, was die Dauer
derselben anbetrifft.“ So schliesst der Herzog von Croy, ein Augenzeuge,
seinen Bericht, den wir fast wörtlich übersetzt haben. Und Monselet ruft
aus: „Dass man mir nicht mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des
„nombre prodigieux de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier
ein menschliches Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor,
die alle zugleich in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des Damiens
steigerte sich zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser
Mensch.“ Wieder blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von
den Richtern die Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der
Gelenke zu erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der
Unglückliche „hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“
schrie aber nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm
entgegengehaltenen Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf
ihn einsprachen. Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“,
wurde der linke Schenkel zuerst abgerissen. Das Volk klatschte in die
Hände! Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“
gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder an
zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen hatte,
wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des Unseligen wurde
schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst beim Abreissen des
linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war nur der zuckende Rumpf
übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen Haare plötzlich weiss geworden
waren. Er lebte noch! Während man die Haare abschnitt und die vier
Gliedmassen sammelte, stürzten die Beichtväter zu ihm. Aber Henri Sanson
(der Scharfrichter) hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass Damiens
soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt
der zuverlässige Bretonne, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und den
Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ Dieser
Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die
Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male in
die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen
Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder in den
Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden auf einem
Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde zerstreut.[404]
„Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der — man möge es glauben —
die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hat, was die Dauer
derselben anbetrifft.“ So schliesst der Herzog von Croy, ein Augenzeuge,
seinen Bericht, den wir fast wörtlich übersetzt haben. Und Monselet ruft
aus: „Dass man mir nicht mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des
Page 194
achtzehnten Jahrhunderts spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig
befleckt mit dem Blute des Damiens!“ Noch einige andere Nachrichten von
Augenzeugen teilen wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine
infernalische Ruchlosigkeit zur Seite stellen, wie sie selbst ein Sade kaum
hat schildern können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten,
wirklich geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an
den entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war
unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der entfernten
Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu der
glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem Gerichtsplatz
zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden mit einem
rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern zu sehen. Am
meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der Frauenzimmer, die
sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem grässlichen Schauspiel
nachzugehen, sich daran zu weiden, und es mit aller seiner Schrecklichkeit
bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung zu betrachten, während alle
Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht wegwandten.“[405]
Madame du Hausset erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar
während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres.
Casanova, der einer von den Ausländern war, welche der Execution
beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche Illustration
zu der Lehre Sade’s ist, dass die Qualen eines Anderen die eigne Wollust
aufstacheln. Casanova erzählt: „Am 28. März, dem Tage des Märtyrertums
von Damiens, holte ich die Damen schon früh bei der Lambertini ab, und da
der Wagen uns kaum fassen konnte, nahm ich ohne Schwierigkeit meine
reizende Freundin auf den Schoss und wir begaben uns so nach dem
Grèveplatze. Die drei Damen drängten sich zusammen, so viel sie
vermochten und nahmen die erste Reihe an dem Fenster ein; sie bückten
sich dabei und stützten sich auf die Arme, um uns nicht zu verhindern, über
ihre Köpfe hinwegzusehen. Das Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und
die Damen standen auf dem zweiten. Um über sie wegsehen zu können,
mussten wir uns auf dieselbe Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir
sie überragt haben. Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese
näheren Umstände an. Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu
erraten, die ich ihnen verschweigen muss.
befleckt mit dem Blute des Damiens!“ Noch einige andere Nachrichten von
Augenzeugen teilen wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine
infernalische Ruchlosigkeit zur Seite stellen, wie sie selbst ein Sade kaum
hat schildern können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten,
wirklich geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an
den entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war
unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der entfernten
Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu der
glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem Gerichtsplatz
zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden mit einem
rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern zu sehen. Am
meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der Frauenzimmer, die
sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem grässlichen Schauspiel
nachzugehen, sich daran zu weiden, und es mit aller seiner Schrecklichkeit
bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung zu betrachten, während alle
Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht wegwandten.“[405]
Madame du Hausset erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar
während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres.
Casanova, der einer von den Ausländern war, welche der Execution
beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche Illustration
zu der Lehre Sade’s ist, dass die Qualen eines Anderen die eigne Wollust
aufstacheln. Casanova erzählt: „Am 28. März, dem Tage des Märtyrertums
von Damiens, holte ich die Damen schon früh bei der Lambertini ab, und da
der Wagen uns kaum fassen konnte, nahm ich ohne Schwierigkeit meine
reizende Freundin auf den Schoss und wir begaben uns so nach dem
Grèveplatze. Die drei Damen drängten sich zusammen, so viel sie
vermochten und nahmen die erste Reihe an dem Fenster ein; sie bückten
sich dabei und stützten sich auf die Arme, um uns nicht zu verhindern, über
ihre Köpfe hinwegzusehen. Das Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und
die Damen standen auf dem zweiten. Um über sie wegsehen zu können,
mussten wir uns auf dieselbe Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir
sie überragt haben. Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese
näheren Umstände an. Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu
erraten, die ich ihnen verschweigen muss.
Page 195
„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen
Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des Damiens ist zu bekannt, als
dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung zu
lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur empören.
Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] musste ich die
Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das
herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper hatte;
aber die Lambertini und die dicke Alte machten nicht die geringste
Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? Ich
musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, der
Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte sie
gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der Anblick
der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. Die
Thatsache ist, dass Tiretta die fromme Alte während der Zeit der
Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht war
das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung
machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr stand,
hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu schlagen, um nicht
die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in der Ordnung; allein als
ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite machte, bemerkte ich,
dass Tiretta die Vorsicht zu weit getrieben hatte.“[408]
Jeder Commentar zu der Erzählung Casanova’s ist überflüssig. Dass es
sich nicht um einen momentanen Anfall von Satyriasis gehandelt, sondern
um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung begleitende und
durch sie hervorgerufene wollüstige Ekstase, geht mit aller Evidenz daraus
hervor, dass diese scheusslichen sexuellen Manöver zwei Stunden lang
dauerten, wie Casanova ausdrücklich hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde
wiederholt und ohne einen Widerstand.“
Dass Ludwig XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten
dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die
Hinrichtung des Giftmischers Desrues, der am 6. Mai 1772 gerädert und
dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge an,
„spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable spectacle“, und
die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer vermietet.“[411]
Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes
Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass Sade alle Greuel der
Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des Damiens ist zu bekannt, als
dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung zu
lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur empören.
Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] musste ich die
Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das
herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper hatte;
aber die Lambertini und die dicke Alte machten nicht die geringste
Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? Ich
musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, der
Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte sie
gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der Anblick
der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. Die
Thatsache ist, dass Tiretta die fromme Alte während der Zeit der
Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht war
das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung
machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr stand,
hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu schlagen, um nicht
die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in der Ordnung; allein als
ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite machte, bemerkte ich,
dass Tiretta die Vorsicht zu weit getrieben hatte.“[408]
Jeder Commentar zu der Erzählung Casanova’s ist überflüssig. Dass es
sich nicht um einen momentanen Anfall von Satyriasis gehandelt, sondern
um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung begleitende und
durch sie hervorgerufene wollüstige Ekstase, geht mit aller Evidenz daraus
hervor, dass diese scheusslichen sexuellen Manöver zwei Stunden lang
dauerten, wie Casanova ausdrücklich hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde
wiederholt und ohne einen Widerstand.“
Dass Ludwig XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten
dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die
Hinrichtung des Giftmischers Desrues, der am 6. Mai 1772 gerädert und
dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge an,
„spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable spectacle“, und
die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer vermietet.“[411]
Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes
Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass Sade alle Greuel der
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Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und nur von
Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder im Gefängnis
sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, die Erstürmung der
Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles (5. Oktober 1789), die
blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren 1790 und 1791, lassen
erkennen, welche Rolle die Frauen bei den Hinrichtungen und Morden
spielen würden, und dass keineswegs den französischen Frauen des Volkes
der Blutdurst und die Grausamkeit eigentümlich war. In Avignon war der
Streit zwischen den päpstlichen Aristokraten und dem patriotischen Volke
aufs heftigste entbrannt. Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche
Galgen“ seine Opfer, um bald nach Ankunft des berüchtigten Jourdan von
dem „patriotischen“ Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791
wurde Avignon dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung
von „sechs leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab
sich einer derselben, l’Escuyer in die Cordelierskirche, um dort die
Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu
sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der
aristokratisch-päpstlichen Andächtigen, worunter viele Weiber waren. Ein
tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da l’Escuyer nicht floh, zum
tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum tausendfüssigen Treten,
mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln,
Scheren und anderen weiblichen zugespitzten Instrumenten. Grässlich zu
sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen, der
Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken;
die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins.
— l’Escuyers Freunde stürzen wie Hiobsboten zu Jourdan und der
Nationalmacht. Aber der schwerfällige Jourdan will sich vorerst der
Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als
man in der Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; l’Escuyer, ganz
allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von
Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt noch
einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] Nun
folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des
„Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat.
Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und
in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen
befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), der
Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder im Gefängnis
sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, die Erstürmung der
Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles (5. Oktober 1789), die
blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren 1790 und 1791, lassen
erkennen, welche Rolle die Frauen bei den Hinrichtungen und Morden
spielen würden, und dass keineswegs den französischen Frauen des Volkes
der Blutdurst und die Grausamkeit eigentümlich war. In Avignon war der
Streit zwischen den päpstlichen Aristokraten und dem patriotischen Volke
aufs heftigste entbrannt. Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche
Galgen“ seine Opfer, um bald nach Ankunft des berüchtigten Jourdan von
dem „patriotischen“ Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791
wurde Avignon dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung
von „sechs leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab
sich einer derselben, l’Escuyer in die Cordelierskirche, um dort die
Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu
sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der
aristokratisch-päpstlichen Andächtigen, worunter viele Weiber waren. Ein
tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da l’Escuyer nicht floh, zum
tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum tausendfüssigen Treten,
mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln,
Scheren und anderen weiblichen zugespitzten Instrumenten. Grässlich zu
sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen, der
Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken;
die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins.
— l’Escuyers Freunde stürzen wie Hiobsboten zu Jourdan und der
Nationalmacht. Aber der schwerfällige Jourdan will sich vorerst der
Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als
man in der Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; l’Escuyer, ganz
allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von
Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt noch
einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] Nun
folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des
„Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat.
Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und
in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen
befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), der
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berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die grosse
Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend
hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern liess.
Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die die Sprache keine
Namen besitzt.“ — Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher
Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, diesen Glacièreturm. Nur dies
ist klar, dass viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr.
1791 der General Choisi in Avignon einrückte und Jourdan absetzte, da
fand man im Eisturme „hundertdreissig Leichname von Männern und
Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt,
konnte ihr Kind nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend
unter Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
Unverkennbar hat der Marquis de Sade diesen Eisturm von Avignon,
der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit
ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des
Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt.
So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen
Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176,
221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August
1792, von der Carlyle sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der
Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und
Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich
wieder gezeigt habe, kam jene Septemberwelt „dunkel, voll Nebel, wie eine
Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792
nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen
nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den
Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem
Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss.
Schrecklich ist die Stunde, ruft Carlyle aus, wenn die Seele des Menschen
in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt,
welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker
sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir
sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich
anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals
vergessen“.[413]
Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend
hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern liess.
Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die die Sprache keine
Namen besitzt.“ — Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher
Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, diesen Glacièreturm. Nur dies
ist klar, dass viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr.
1791 der General Choisi in Avignon einrückte und Jourdan absetzte, da
fand man im Eisturme „hundertdreissig Leichname von Männern und
Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt,
konnte ihr Kind nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend
unter Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
Unverkennbar hat der Marquis de Sade diesen Eisturm von Avignon,
der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit
ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des
Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt.
So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen
Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176,
221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August
1792, von der Carlyle sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der
Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und
Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich
wieder gezeigt habe, kam jene Septemberwelt „dunkel, voll Nebel, wie eine
Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792
nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen
nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den
Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem
Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss.
Schrecklich ist die Stunde, ruft Carlyle aus, wenn die Seele des Menschen
in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt,
welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker
sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir
sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich
anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals
vergessen“.[413]
Page 198
Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen
hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke
gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher
Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul
der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch
grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird
nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde
niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder
erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das
laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin Lamballe wird der
schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner
Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln
von Schnurrbart — grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich
hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von Jourgniac’s 38stündiger
Todesangst[414], von Matons Erlebnissen vor seiner „Résurrection“[415] und
von dem Dritten im Bunde, dem armen Abbé Sicard.[416] Diese drei könnten
wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit
sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen
Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber
„die anderen Tausendundneunundachtzig, worunter Zweihundertzwei
Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für
immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in
den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei
Carlyle nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die
„grands terroristes“, die grossen Schreckensmänner, Gestalten der Hölle,
die Fouché, Collot, Couthon in Lyon, die Saint-André in Brest, die Maiquet
in Orange, Lebon (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen
Lebon) in Arras und Carrier in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach Carlyle)
schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch
wie die Gestalten des Marquis de Sade in — Wollust.
Schon Brunet hat den grössten der grossen Terroristen, Jean Baptiste
Carrier als einen derjenigen bezeichnet, die Sade als Vorbild für die
blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche
„letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].
hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke
gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher
Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul
der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch
grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird
nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde
niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder
erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das
laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin Lamballe wird der
schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner
Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln
von Schnurrbart — grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich
hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von Jourgniac’s 38stündiger
Todesangst[414], von Matons Erlebnissen vor seiner „Résurrection“[415] und
von dem Dritten im Bunde, dem armen Abbé Sicard.[416] Diese drei könnten
wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit
sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen
Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber
„die anderen Tausendundneunundachtzig, worunter Zweihundertzwei
Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für
immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in
den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei
Carlyle nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die
„grands terroristes“, die grossen Schreckensmänner, Gestalten der Hölle,
die Fouché, Collot, Couthon in Lyon, die Saint-André in Brest, die Maiquet
in Orange, Lebon (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen
Lebon) in Arras und Carrier in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach Carlyle)
schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch
wie die Gestalten des Marquis de Sade in — Wollust.
Schon Brunet hat den grössten der grossen Terroristen, Jean Baptiste
Carrier als einen derjenigen bezeichnet, die Sade als Vorbild für die
blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche
„letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].
Page 199
Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen Fleury[421]
haben dies vollauf bestätigt. Carrier war ein Schlächter und Henker aus
Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten
und Oberaufseherin Caron sich den widerlichsten Orgien hingab. Er
„stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un
volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er liess
schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken. In seinem Serail
an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem
Briefe Julliens an Robespierre heisst, seine Nächte mit „frechen
Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten,
während die Caron diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert
worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der
Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei
hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen
müde ward und zu den „Noyades“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt
geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im
Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf
ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt
Carrier, „wurde senkrecht vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte
eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit
aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die
Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche
Grandmaison, der Helfershelfer Carrier’s, die Finger abhauen![422] Man
warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen
beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser
Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die
Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren
jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen
heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden
und hineingeworfen. Das sind die „republikanischen Hochzeiten“ (mariages
républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen
wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer
liegenden Cadaver stürzen, da ruft Carrier aus: „Quel torrent
révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein
Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“
Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il
haben dies vollauf bestätigt. Carrier war ein Schlächter und Henker aus
Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten
und Oberaufseherin Caron sich den widerlichsten Orgien hingab. Er
„stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un
volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er liess
schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken. In seinem Serail
an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem
Briefe Julliens an Robespierre heisst, seine Nächte mit „frechen
Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten,
während die Caron diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert
worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der
Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei
hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen
müde ward und zu den „Noyades“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt
geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im
Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf
ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt
Carrier, „wurde senkrecht vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte
eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit
aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die
Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche
Grandmaison, der Helfershelfer Carrier’s, die Finger abhauen![422] Man
warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen
beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser
Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die
Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren
jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen
heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden
und hineingeworfen. Das sind die „republikanischen Hochzeiten“ (mariages
républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen
wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer
liegenden Cadaver stürzen, da ruft Carrier aus: „Quel torrent
révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein
Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“
Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il
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passait les nuits en orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘
ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren,
und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder
unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am
Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“
(Carlyle).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem
Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie Sade und mit
ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach
der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle
Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor
dem ‚flambeau de la philosophie‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In Lyon, wo Collot-d’Herbois haust, „fliessen die Gossen auf der Place
des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen
dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um
auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse
erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in
Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim
Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so
zur Gewohnheit geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794.
Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, Mordbanden
wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden
Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen,
die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf
andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum
Schuster Simon mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des
düsteren Saint-Just, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im
Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder
(Verguiaud).
In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern
vergewaltigt (Madame Roland in ihren Memoiren); aus den Haaren
guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon
war nach Montgaillard eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher
Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein
ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren,
und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder
unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am
Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“
(Carlyle).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem
Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie Sade und mit
ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach
der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle
Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor
dem ‚flambeau de la philosophie‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In Lyon, wo Collot-d’Herbois haust, „fliessen die Gossen auf der Place
des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen
dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um
auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse
erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in
Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim
Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so
zur Gewohnheit geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794.
Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, Mordbanden
wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden
Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen,
die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf
andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum
Schuster Simon mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des
düsteren Saint-Just, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im
Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder
(Verguiaud).
In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern
vergewaltigt (Madame Roland in ihren Memoiren); aus den Haaren
guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon
war nach Montgaillard eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher
Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein
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ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem Gebrauch.
Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der
Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]
Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich
im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu
furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert.
Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der
unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es Houssaye in
erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein
Name (7. Thermidor) ganz besonders: André Chénier.
La sainte guillotine va tous les jours!
Und endlich kommt jener neunte Thermidor, der das Ende der
Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen Robespierre,
jener Tag, dem Marie-Joseph Chénier in der wunderbaren „Hymne du 9
thermidor“ begeistert zujauchzt:
Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance:
Tu vins purifier un sol ensanglanté:
Pour la seconde fois tu fis luire a la France
Les rayons de la Liberté!
Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der
Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]
Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich
im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu
furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert.
Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der
unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es Houssaye in
erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein
Name (7. Thermidor) ganz besonders: André Chénier.
La sainte guillotine va tous les jours!
Und endlich kommt jener neunte Thermidor, der das Ende der
Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen Robespierre,
jener Tag, dem Marie-Joseph Chénier in der wunderbaren „Hymne du 9
thermidor“ begeistert zujauchzt:
Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance:
Tu vins purifier un sol ensanglanté:
Pour la seconde fois tu fis luire a la France
Les rayons de la Liberté!
Page 202
25. Ethnologische und historische Vorbilder.
Der Marquis de Sade war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er
während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen
Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher
kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken
antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle,
welche bei Sade die Ethnologie spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten
Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell
Frankreich an, wo J. F. Lafitau im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk
dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux
mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich Voltaire in
einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les
mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse
Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen
hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur
die bekannten Namen eines Bouguer, La Condamine, Bougainville, La
Pérouse, Marchand, d’Auteroche, Duhalde, Charlevoix, Savary, Le
Vaillant, Volney, Dumont. Man fing an — zwar noch in roher und primitiver
Weise — die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen
und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel
man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation.
Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres Seume.
Lafitau schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten
gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben
haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie
religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine
Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen,
welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der
Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen
ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine
Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren
unterscheidet.“[429]
Der Marquis de Sade war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er
während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen
Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher
kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken
antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle,
welche bei Sade die Ethnologie spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten
Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell
Frankreich an, wo J. F. Lafitau im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk
dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux
mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich Voltaire in
einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les
mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse
Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen
hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur
die bekannten Namen eines Bouguer, La Condamine, Bougainville, La
Pérouse, Marchand, d’Auteroche, Duhalde, Charlevoix, Savary, Le
Vaillant, Volney, Dumont. Man fing an — zwar noch in roher und primitiver
Weise — die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen
und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel
man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation.
Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres Seume.
Lafitau schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten
gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben
haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie
religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine
Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen,
welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der
Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen
ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine
Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren
unterscheidet.“[429]
Page 203
Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei Sade. Er
rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen
findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich
durch grosse Schamlosigkeit auszeichnen, um dadurch der von ihm
gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122–28).
James Cook hat in der Südsee überall die Paederastie verbreitet gefunden.
Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn
man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort
ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist.
Die Grausamkeit der Frauen ist in der ganzen Welt eine und dieselbe.
Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von Sade immer und immer
wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre
Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab
sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem
dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud.
I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste
Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und
liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte.
Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie
erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete
(ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S.
157.) Auch erzählt Sade öfter die bekannte Geschichte des Amerigo
Vespucci (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren
Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich
dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und
Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans
le Boud. I, 157).[430] So bringt Sade für alle Laster ethnologische Beispiele
in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle
Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel
Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken,
die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert
Cook’s Reisen, Paw’s „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“
(Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in
Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu
prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser
Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer
sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua
rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen
findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich
durch grosse Schamlosigkeit auszeichnen, um dadurch der von ihm
gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122–28).
James Cook hat in der Südsee überall die Paederastie verbreitet gefunden.
Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn
man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort
ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist.
Die Grausamkeit der Frauen ist in der ganzen Welt eine und dieselbe.
Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von Sade immer und immer
wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre
Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab
sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem
dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud.
I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste
Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und
liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte.
Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie
erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete
(ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S.
157.) Auch erzählt Sade öfter die bekannte Geschichte des Amerigo
Vespucci (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren
Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich
dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und
Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans
le Boud. I, 157).[430] So bringt Sade für alle Laster ethnologische Beispiele
in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle
Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel
Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken,
die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert
Cook’s Reisen, Paw’s „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“
(Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in
Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu
prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser
Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer
sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua
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ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ der Weiber vorschrieb. Sparta,
Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar,
Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von
überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus Peloutier’s
berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von
Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von
den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser
Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle
Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein
Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie
z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das
seither oft citierte Werk von Brantôme, wobei er ausnahmsweise aufs
genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des
Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).
Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer
Scheusale verwertet Sade. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem
Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen
Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist.
Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann
verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere
Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache
Verbindung Nero, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann
heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter
Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin Theodora
nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich
dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet
(Juliette IV, 341).
Ueberaus häufig citirt Sade den berüchtigten Marschall Gilles Laval de
Retz (Rais — z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 —
über den Bossard und de Maulle eine ausgezeichnete Monographie geliefert
haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter
Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die
bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind,
verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige
Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen
und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast,
Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar,
Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von
überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus Peloutier’s
berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von
Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von
den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser
Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle
Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein
Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie
z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das
seither oft citierte Werk von Brantôme, wobei er ausnahmsweise aufs
genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des
Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).
Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer
Scheusale verwertet Sade. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem
Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen
Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist.
Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann
verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere
Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache
Verbindung Nero, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann
heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter
Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin Theodora
nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich
dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet
(Juliette IV, 341).
Ueberaus häufig citirt Sade den berüchtigten Marschall Gilles Laval de
Retz (Rais — z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 —
über den Bossard und de Maulle eine ausgezeichnete Monographie geliefert
haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter
Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die
bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind,
verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige
Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen
und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast,
Page 205
Kinderräuber, Mörder, Sadist, Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses
Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in
scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen,
entweder durch einen Knecht oder durch Gilles de Retz selber, der Hals
abgeschnitten, wobei Gilles den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig
genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und
riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des
Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures,
des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er
den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit
wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom
Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch
die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in
magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse,
ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis vicium et
peccatum sodomiticum commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum
et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium
sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft
zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte
auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt
Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden
Sade’s über ihre Unthaten. Schon Eulenburg hat hervorgehoben, dass der
Marquis de Sade nicht nur dem Marschall Retz an „verschiedenen Stellen
von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm
auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine),
der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall
Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des Gilles de
Rais zu Tode zu martern.[434]
Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer
Fülle ähnlicher Gestalten! Sade schildert, wenn er auch auf ethnologische
Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung
des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr
seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem
Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. Michelet,
„gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch
Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft
zum Morde führten“.[435] Michelet erzählt, dass ein Parlamentsrat ein
Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in
scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen,
entweder durch einen Knecht oder durch Gilles de Retz selber, der Hals
abgeschnitten, wobei Gilles den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig
genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und
riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des
Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures,
des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er
den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit
wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom
Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch
die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in
magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse,
ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis vicium et
peccatum sodomiticum commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum
et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium
sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft
zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte
auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt
Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden
Sade’s über ihre Unthaten. Schon Eulenburg hat hervorgehoben, dass der
Marquis de Sade nicht nur dem Marschall Retz an „verschiedenen Stellen
von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm
auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine),
der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall
Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des Gilles de
Rais zu Tode zu martern.[434]
Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer
Fülle ähnlicher Gestalten! Sade schildert, wenn er auch auf ethnologische
Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung
des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr
seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem
Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. Michelet,
„gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch
Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft
zum Morde führten“.[435] Michelet erzählt, dass ein Parlamentsrat ein
Page 206
junges Mädchen grausam misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete
seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar
wurde, sich selbst.
Sade erwähnt sehr häufig den Grafen Charolais (z. B. Philosophie dans
le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser
Graf von Charolais (1700–1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach
Moreau den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er
liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm
zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner
Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als
mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das
Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches
Vergnügen.[437] Auch der Abbé de Beauffremont soll die Menschen von den
Dächern heruntergeschossen haben.[438] Sade hat ebenfalls diese eigenartige
Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen.
Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne
geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).
Nach Michelet (a. a. O.) liebte dieser Charolais das schöne Geschlecht
nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz von Condé, hatte schon
ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter
Santeul, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von Bourgogne und
den Grafen Charolais diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten
sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame de Prie. Eines
Tages erschien, wie Michelet erzählt, bei derselben eine Madame de Saint-
S., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et
Charolais la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die
Unglückliche noch einmal in das Haus der de Prie locken und wurde
diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und
inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren.
Ausdrücklich erwähnt Michelet, dass der Herzog von Bourgogne diese
grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar
in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier
Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch
sehr wahrscheinlich.
Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und
Entlehnung. Die Goncourts erzählen von dem Herzog von Richelieu, dem
seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar
wurde, sich selbst.
Sade erwähnt sehr häufig den Grafen Charolais (z. B. Philosophie dans
le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser
Graf von Charolais (1700–1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach
Moreau den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er
liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm
zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner
Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als
mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das
Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches
Vergnügen.[437] Auch der Abbé de Beauffremont soll die Menschen von den
Dächern heruntergeschossen haben.[438] Sade hat ebenfalls diese eigenartige
Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen.
Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne
geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).
Nach Michelet (a. a. O.) liebte dieser Charolais das schöne Geschlecht
nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz von Condé, hatte schon
ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter
Santeul, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von Bourgogne und
den Grafen Charolais diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten
sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame de Prie. Eines
Tages erschien, wie Michelet erzählt, bei derselben eine Madame de Saint-
S., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et
Charolais la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die
Unglückliche noch einmal in das Haus der de Prie locken und wurde
diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und
inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren.
Ausdrücklich erwähnt Michelet, dass der Herzog von Bourgogne diese
grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar
in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier
Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch
sehr wahrscheinlich.
Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und
Entlehnung. Die Goncourts erzählen von dem Herzog von Richelieu, dem
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Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes Vergnügen
bereitete, die von ihm gequälten Menschen weinen zu sehen.[439] Bei Sade
(Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster
geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu
machen.
Der berüchtigte Anthropophage Blaize Ferrage, genannt Seyé, scheint
ebenfalls dem Marquis de Sade als Vorbild gedient zu haben. Dieser
Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der
Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer
ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu
sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern
seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782
zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am
folgenden Tage hingerichtet.[440] Sade schildert ebenfalls einen solchen
Anthropophagen, der wie Ferrage im Gebirge sein Wesen treibt. Das ist
Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).
Brunet erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.
[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der
Graf von Potocki, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis de
Sade“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt
worden sein. In Lyon waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass
zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und Michelet mit Recht in
seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht
ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines
verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
Wir können diese Bemerkung Brunet’s noch durch eine merkwürdige
Stelle bei Sade bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die
Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der
die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen
Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt Sade ausdrücklich,
dass dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei.
Es sei keine Fabel (Justine IV, 64–71).
Jean Paul Marat, auf den der Marquis de Sade am 29. September 1793
eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel
Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis
bereitete, die von ihm gequälten Menschen weinen zu sehen.[439] Bei Sade
(Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster
geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu
machen.
Der berüchtigte Anthropophage Blaize Ferrage, genannt Seyé, scheint
ebenfalls dem Marquis de Sade als Vorbild gedient zu haben. Dieser
Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der
Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer
ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu
sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern
seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782
zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am
folgenden Tage hingerichtet.[440] Sade schildert ebenfalls einen solchen
Anthropophagen, der wie Ferrage im Gebirge sein Wesen treibt. Das ist
Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).
Brunet erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.
[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der
Graf von Potocki, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis de
Sade“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt
worden sein. In Lyon waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass
zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und Michelet mit Recht in
seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht
ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines
verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
Wir können diese Bemerkung Brunet’s noch durch eine merkwürdige
Stelle bei Sade bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die
Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der
die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen
Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt Sade ausdrücklich,
dass dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei.
Es sei keine Fabel (Justine IV, 64–71).
Jean Paul Marat, auf den der Marquis de Sade am 29. September 1793
eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel
Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis
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manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er
„geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von
dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“
Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen Massenmorde an
und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die
Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des
Marquis de Sade antreffen.
Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen
deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine
Autobiographie des Marquis de Sade“ seien, dass Justine identisch sei mit
der Mademoiselle Aroût, Juliette mit der Gräfin de Bray.[443]
Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen
Excrementen, der in Sade’s Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja
auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen
vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden
kann. Unter Ludwig XIV. trug der Intendant Bullion immer eine goldene
Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war!
[444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist
ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.
„geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von
dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“
Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen Massenmorde an
und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die
Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des
Marquis de Sade antreffen.
Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen
deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine
Autobiographie des Marquis de Sade“ seien, dass Justine identisch sei mit
der Mademoiselle Aroût, Juliette mit der Gräfin de Bray.[443]
Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen
Excrementen, der in Sade’s Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja
auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen
vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden
kann. Unter Ludwig XIV. trug der Intendant Bullion immer eine goldene
Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war!
[444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist
ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.
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26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.
Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis
de Sade mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre
aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der
italienischen Zustände, die mehr als drei Bände der „Juliette“ in Anspruch
nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.)
Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener
Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche
mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau
durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘,
diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin
Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie
dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft,
exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten
Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der
Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer
beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser
versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“
Trotz dieser Versicherung kommen in Sade’s Erzählung sehr viele
Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren
Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein Kern von Wahrheit ist auch
hier nachweisbar, bestimmte von Sade geschilderte Verhältnisse sind wieder
auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert
einen kurzen Blick werfen wollen.
Italien ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen,
raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den
spezifisch katholischen Ländern, an den Stätten der Askese und des
Coelibats gediehen ist. Brauchen wir an Pietro Aretino, an Papst Alexander
VI., an Lucrecia und Cesare Borgia, an Giulio Romano und Augusto und
Annibale Carracci, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu
erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer
in Boccaccio’s „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine
Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis
de Sade mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre
aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der
italienischen Zustände, die mehr als drei Bände der „Juliette“ in Anspruch
nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.)
Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener
Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche
mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau
durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘,
diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin
Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie
dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft,
exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten
Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der
Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer
beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser
versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“
Trotz dieser Versicherung kommen in Sade’s Erzählung sehr viele
Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren
Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein Kern von Wahrheit ist auch
hier nachweisbar, bestimmte von Sade geschilderte Verhältnisse sind wieder
auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert
einen kurzen Blick werfen wollen.
Italien ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen,
raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den
spezifisch katholischen Ländern, an den Stätten der Askese und des
Coelibats gediehen ist. Brauchen wir an Pietro Aretino, an Papst Alexander
VI., an Lucrecia und Cesare Borgia, an Giulio Romano und Augusto und
Annibale Carracci, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu
erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer
in Boccaccio’s „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine
Page 210
Jesuiten. Die Renaissance und der Jesuitismus bezeichnen eine neue
Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten
kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der
folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird.
Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Der Marquis de Sade schildert die Verbreitung der Prostitution in Italien
als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht,
wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei
den grossen mit Ausschweifungen verbundenen Festen in den Häusern des
Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen
Ansehens erfreuten. Sade berichtet denn auch häufig über solche
Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff
einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine wahre Hure
nennen, die 23000 Mal — gesündigt habe![446] Casanova fand die Gärten
des Grafen Friedrich Borromeo auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt
mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in
Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne
Geschlecht an“. — Bologna, dessen sittliche Corruption auch von Sade
geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und
tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben
in Venedig, von dem der Marquis de Sade schreckliche Dinge erzählt
(Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest
welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in
der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die
Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats
die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt?
Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere
Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die
Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik,
erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der
Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden
Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es
ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im
Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern,
entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten?
Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich
sättigen? Nach Venedig ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge;
Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten
kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der
folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird.
Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Der Marquis de Sade schildert die Verbreitung der Prostitution in Italien
als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht,
wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei
den grossen mit Ausschweifungen verbundenen Festen in den Häusern des
Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen
Ansehens erfreuten. Sade berichtet denn auch häufig über solche
Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff
einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine wahre Hure
nennen, die 23000 Mal — gesündigt habe![446] Casanova fand die Gärten
des Grafen Friedrich Borromeo auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt
mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in
Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne
Geschlecht an“. — Bologna, dessen sittliche Corruption auch von Sade
geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und
tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben
in Venedig, von dem der Marquis de Sade schreckliche Dinge erzählt
(Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest
welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in
der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die
Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats
die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt?
Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere
Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die
Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik,
erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der
Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden
Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es
ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im
Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern,
entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten?
Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich
sättigen? Nach Venedig ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge;
Page 211
verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue,
kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der
Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der
raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte
und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur ein bestimmt
ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448]
Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des
ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige
erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus
der Nobili.[449] Montesquieu schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die
Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit
gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld
auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu
befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne
Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt
führen.“[450] Casanova berichtet interessante Einzelheiten über das Leben
und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten
Courtisane Juliette. Sade erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines
alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei Casanova kommen ebenfalls
die galanten Abenteuer des Prokurators Bragadin vor.[451]
Italien ist das gelobte Land der Paederastie, noch heute. Drastisch sagt
der Marquis de Sade, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter:
„Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil
aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen
Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens
betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J.
Winckelmann beweist. Schon Dante erwähnt im 15. und 16. Gesange des
„Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst
Sixtus IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie
und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle
baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen,
worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf Sixtus IV. fand
der folgende obscöne Vers Anwendung:
Roma quod inverso delectaretur amore
Nomen ab inverso nomine fecit Amor.
kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der
Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der
raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte
und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur ein bestimmt
ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448]
Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des
ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige
erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus
der Nobili.[449] Montesquieu schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die
Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit
gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld
auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu
befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne
Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt
führen.“[450] Casanova berichtet interessante Einzelheiten über das Leben
und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten
Courtisane Juliette. Sade erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines
alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei Casanova kommen ebenfalls
die galanten Abenteuer des Prokurators Bragadin vor.[451]
Italien ist das gelobte Land der Paederastie, noch heute. Drastisch sagt
der Marquis de Sade, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter:
„Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil
aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen
Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens
betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J.
Winckelmann beweist. Schon Dante erwähnt im 15. und 16. Gesange des
„Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst
Sixtus IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie
und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle
baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen,
worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf Sixtus IV. fand
der folgende obscöne Vers Anwendung:
Roma quod inverso delectaretur amore
Nomen ab inverso nomine fecit Amor.
Page 212
Sixtus war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger
Schauspiele. Sein angeblicher Neffe Pietro Riario, wahrscheinlich aber sein
Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls
Paederast. Michel Angelo soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der
Maler Giovanni Antonio Razzi (1479–1564) bekam wegen dieser
Neigungen den Beinamen il Sodoma.[454] Papst Julius III. (1550–1555) ist
ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de
sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un
mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses
collègues.“[455]
Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung.
Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden.
Casanova erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte.
Ebenso von einem Knaben Petronius, der als ein gewerbsmässiger
Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal Brancaforte, einer der
grössten Wüstlinge der Welt, der nach Casanova „nicht aus den Bordellen
herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit
seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte
gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen
hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige
Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe
er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren.
Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist
ungeheuer! — Es ist monströs! — Ach, meine Teure, Sie haben eine
abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456]
Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von Casanova mitgeteilt.
Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in
keinem anderen Lande. In Neapel „bieten sich abends auf der Via Toledo
junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen
dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ Moll,
der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas
mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. Casper berichtet 1854,
dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den
Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten
wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]
Schauspiele. Sein angeblicher Neffe Pietro Riario, wahrscheinlich aber sein
Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls
Paederast. Michel Angelo soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der
Maler Giovanni Antonio Razzi (1479–1564) bekam wegen dieser
Neigungen den Beinamen il Sodoma.[454] Papst Julius III. (1550–1555) ist
ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de
sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un
mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses
collègues.“[455]
Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung.
Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden.
Casanova erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte.
Ebenso von einem Knaben Petronius, der als ein gewerbsmässiger
Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal Brancaforte, einer der
grössten Wüstlinge der Welt, der nach Casanova „nicht aus den Bordellen
herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit
seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte
gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen
hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige
Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe
er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren.
Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist
ungeheuer! — Es ist monströs! — Ach, meine Teure, Sie haben eine
abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456]
Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von Casanova mitgeteilt.
Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in
keinem anderen Lande. In Neapel „bieten sich abends auf der Via Toledo
junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen
dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ Moll,
der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas
mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. Casper berichtet 1854,
dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den
Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten
wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]
Page 213
Dass der italienische Klerus des 18. Jahrhunderts einen grossen Anteil
an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter
anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der
Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. Gorani, dessen
mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben
und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr
bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien
unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und
22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen
Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten
seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder.
„Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ Gorani berichtet über
verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster
seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich,
dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen
gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit Boccaccio’s Zeiten
nicht anders geworden. Casanova berichtet darüber aus dem 18.
Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein Mönch in Chiozza in
ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als
Casanova noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der
Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären
überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut
haben.[459] Das scheussliche Unwesen der Castraten für geistliche Zwecke
ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.
Zoophilie und Sodomie waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr
verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis de Sade lässt denn auch
bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine
grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir
aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach Metzger die
Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren
Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal Bellarmin trieb seit 1624 mit Weibern
verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der
Streu.“[461]
Einzelne von Sade erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18.
Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der
„Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von Francavilla
an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter
anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der
Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. Gorani, dessen
mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben
und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr
bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien
unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und
22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen
Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten
seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder.
„Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ Gorani berichtet über
verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster
seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich,
dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen
gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit Boccaccio’s Zeiten
nicht anders geworden. Casanova berichtet darüber aus dem 18.
Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein Mönch in Chiozza in
ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als
Casanova noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der
Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären
überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut
haben.[459] Das scheussliche Unwesen der Castraten für geistliche Zwecke
ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.
Zoophilie und Sodomie waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr
verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis de Sade lässt denn auch
bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine
grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir
aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach Metzger die
Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren
Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal Bellarmin trieb seit 1624 mit Weibern
verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der
Streu.“[461]
Einzelne von Sade erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18.
Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der
„Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von Francavilla
Page 214
geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen Granden
sind historisch. Casanova berichtet ebenfalls, dass Francavilla, „ein
entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre
1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und
schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische
Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut
unterhielten“[462]. Der bei Sade (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal
Bernis wird auch von Casanova als sehr unheilig geschildert.
Leopold I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de
France“ (Juliette IV, 36) soll nach Sade ebenfalls ein erotisches Scheusal
gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein
Wort mitgeredet. Casanova, der ein fesselndes Bild von dem
Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über Leopold aus, dass er „eine
entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463]
Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes Pius VI.
und der Königin Karoline von Neapel bei Sade.
sind historisch. Casanova berichtet ebenfalls, dass Francavilla, „ein
entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre
1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und
schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische
Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut
unterhielten“[462]. Der bei Sade (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal
Bernis wird auch von Casanova als sehr unheilig geschildert.
Leopold I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de
France“ (Juliette IV, 36) soll nach Sade ebenfalls ein erotisches Scheusal
gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein
Wort mitgeredet. Casanova, der ein fesselndes Bild von dem
Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über Leopold aus, dass er „eine
entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463]
Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes Pius VI.
und der Königin Karoline von Neapel bei Sade.
Page 215
1. Papst Pius VI.
Dieser Papst war nach Sade (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem
Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält
(IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss
dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren
Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und
legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr
geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).
War Pius VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht
werden.
Pius VI. (1775–1798), vorher Giovanni Angelo, Graf Braschi, war einer
der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen,
blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art
von Koketterie und trug vor allem seine schönen — Beine zur Schau, indem
er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass
wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine
schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:
Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.
Luxuriante coma, luxuriante pede.
Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig
anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer
Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem
Gepränge. Draussen war Pius ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter
Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello,
quanto è bello! Und man behauptete, dass Pius sich dadurch mehr
geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der
Kardinal Bernis nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen
müsse.[464] Auch Coletta schildert diesen Papst als einen „bildschönen
Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er
war im Gegensatz zu seinem Vorgänger Clemens XIV. den Jesuiten
zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so
begünstigte er nach Casanova (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt
Dieser Papst war nach Sade (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem
Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält
(IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss
dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren
Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und
legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr
geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).
War Pius VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht
werden.
Pius VI. (1775–1798), vorher Giovanni Angelo, Graf Braschi, war einer
der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen,
blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art
von Koketterie und trug vor allem seine schönen — Beine zur Schau, indem
er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass
wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine
schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:
Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.
Luxuriante coma, luxuriante pede.
Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig
anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer
Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem
Gepränge. Draussen war Pius ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter
Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello,
quanto è bello! Und man behauptete, dass Pius sich dadurch mehr
geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der
Kardinal Bernis nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen
müsse.[464] Auch Coletta schildert diesen Papst als einen „bildschönen
Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er
war im Gegensatz zu seinem Vorgänger Clemens XIV. den Jesuiten
zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so
begünstigte er nach Casanova (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt
Page 216
nach Gorani selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer
natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht
ganz rein und sagt, dass Pius VI. seine Zeit zwischen den religiösen
Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.
[468]
natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht
ganz rein und sagt, dass Pius VI. seine Zeit zwischen den religiösen
Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.
[468]
Page 217
2. Die Königin Karoline von Neapel.
Die Königin Karoline von Neapel schildert der Marquis de Sade als
vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der
Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König Ferdinand IV., zeichnen
sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in
verschiedenen von Sade geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B.
bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet
werden. (Juliette VI, 1.)[469]
Hier hat der Marquis de Sade wirklich durchaus „nach der Natur“
geschildert. Man darf sagen, dass von Helfert’s Aufsehen erregender
Versuch einer Ehrenrettung der Königin Karoline von Neapel[470]
vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der Helfert’schen
Ausführungen durch Moritz Brosch wohl definitiv dargethan hat.[471]
Danach bestehen die von Gorani, Coletta und vielen anderen dargebotenen
Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin Karoline zu Recht.
Coletta sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass,
rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust
verblendet wurde“.[472]
Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779
bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders
gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto
seiner Memoiren gilt:
Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,
Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.
Je vais le déchirer....
Karoline ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer
Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab
sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten
Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses
„unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie
krank. Einmal schrie ihr Gemahl Ferdinand ihr durch’s Schlüsselloch zu:
Die Königin Karoline von Neapel schildert der Marquis de Sade als
vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der
Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König Ferdinand IV., zeichnen
sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in
verschiedenen von Sade geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B.
bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet
werden. (Juliette VI, 1.)[469]
Hier hat der Marquis de Sade wirklich durchaus „nach der Natur“
geschildert. Man darf sagen, dass von Helfert’s Aufsehen erregender
Versuch einer Ehrenrettung der Königin Karoline von Neapel[470]
vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der Helfert’schen
Ausführungen durch Moritz Brosch wohl definitiv dargethan hat.[471]
Danach bestehen die von Gorani, Coletta und vielen anderen dargebotenen
Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin Karoline zu Recht.
Coletta sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass,
rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust
verblendet wurde“.[472]
Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779
bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders
gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto
seiner Memoiren gilt:
Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,
Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.
Je vais le déchirer....
Karoline ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer
Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab
sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten
Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses
„unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie
krank. Einmal schrie ihr Gemahl Ferdinand ihr durch’s Schlüsselloch zu:
Page 218
„Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous
a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans
sa colère et lancée parmi nous“.[473]
Besonders berüchtigt wurde Karolinen’s Verhältnis zu der berühmten
Lady Emma Hamilton, der Geliebten Nelson’s. Coletta’s Urteil über diese
tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern
bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma
sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il
bagno il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie“.
[474]
Die von Sade beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und
Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden.
Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren Nelson’s an diesen Stätten ein solches
üppiges Fest veranstaltet.
Auch der grosse Massenmord, von dem Sade spricht, ist historisch. Am
18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen
Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele
verwundet wurden.
Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit
ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach Gorani
soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben,
wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die
Königin Karoline. Nelson sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine
tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen
oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach Gorani muss Neapel lauter
Gestalten aus den Romanen des Marquis de Sade enthalten haben. Der
Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die
Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend
Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die
Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre
Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die
öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die
schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich
und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse
a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans
sa colère et lancée parmi nous“.[473]
Besonders berüchtigt wurde Karolinen’s Verhältnis zu der berühmten
Lady Emma Hamilton, der Geliebten Nelson’s. Coletta’s Urteil über diese
tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern
bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma
sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il
bagno il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie“.
[474]
Die von Sade beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und
Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden.
Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren Nelson’s an diesen Stätten ein solches
üppiges Fest veranstaltet.
Auch der grosse Massenmord, von dem Sade spricht, ist historisch. Am
18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen
Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele
verwundet wurden.
Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit
ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach Gorani
soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben,
wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die
Königin Karoline. Nelson sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine
tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen
oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach Gorani muss Neapel lauter
Gestalten aus den Romanen des Marquis de Sade enthalten haben. Der
Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die
Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend
Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die
Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre
Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die
öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die
schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich
und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse
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Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass
ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.
König Ferdinand IV. von Neapel war nach Gorani ein Lüstling von
grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und
zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche
Liebesverhältnisse zu unterhalten, während Acton und die Königin Karoline
ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]
Wir sehen, dass auch hier der Marquis de Sade wiederum die
Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher
einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten
Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.
ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.
König Ferdinand IV. von Neapel war nach Gorani ein Lüstling von
grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und
zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche
Liebesverhältnisse zu unterhalten, während Acton und die Königin Karoline
ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]
Wir sehen, dass auch hier der Marquis de Sade wiederum die
Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher
einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten
Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.
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II.
Das Leben des Marquis de Sade.
Die Vorfahren.
1. Petrarca’s Laura.
Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro
Per la pietà del suo Fattore i rai,
Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai,
Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro.
Es war der Tag, da um des Heilands Wunden
Die Sonne einen Trauerflor getragen,
Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen,
Von Deinen schönen Augen überwunden.
Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von
Francesco Petrarca, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner Laura,
der Madonna Laura, der Vielgeliebten? Jener Laura, der wir die duftigsten
Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie
kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten
Gefühle in ein Buch über den Marquis de Sade? Jene Laura, die Petrarca an
dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April)
in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine
Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter Audibert de Noves, war die
Gemahlin eines Hugo de Sade, des Stammvaters der Familie de Sade.[477]
So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation
selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen
Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in
Das Leben des Marquis de Sade.
Die Vorfahren.
1. Petrarca’s Laura.
Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro
Per la pietà del suo Fattore i rai,
Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai,
Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro.
Es war der Tag, da um des Heilands Wunden
Die Sonne einen Trauerflor getragen,
Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen,
Von Deinen schönen Augen überwunden.
Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von
Francesco Petrarca, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner Laura,
der Madonna Laura, der Vielgeliebten? Jener Laura, der wir die duftigsten
Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie
kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten
Gefühle in ein Buch über den Marquis de Sade? Jene Laura, die Petrarca an
dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April)
in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine
Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter Audibert de Noves, war die
Gemahlin eines Hugo de Sade, des Stammvaters der Familie de Sade.[477]
So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation
selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen
Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in
Page 221
derselben Familie zu greller Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange
Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes
et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des
Hauses derer de Sade blieb Laura der Schutzengel derselben und vereint
mit Petrarca, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden
Verehrung. Sie war nach Janin die „weisse Dame“ des Hauses de Sade, der
Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser
edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen
Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines
Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, Petrarca, ewig Ruhm und Dank! Selbst
der Marquis de Sade, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von
dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de
Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)
Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes
et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des
Hauses derer de Sade blieb Laura der Schutzengel derselben und vereint
mit Petrarca, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden
Verehrung. Sie war nach Janin die „weisse Dame“ des Hauses de Sade, der
Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser
edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen
Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines
Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, Petrarca, ewig Ruhm und Dank! Selbst
der Marquis de Sade, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von
dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de
Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)
Page 222
2. Die übrigen Vorfahren.
Hugo de Sade, der Gatte Laura’s, der Stammvater der Familie, genannt
„der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen Paul de Sade Erzbischof
von Marseille wurde und der Vertraute der Königin Jolande von Aragonien.
Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.
Hugo oder Hugonin de Sade, der dritte Sohn des ersten Hugo de Sade
und der schönen Laura war der Stammvater der drei Zweige des Hauses,
der von Mazan, Eiguières und Tarascon.
Sein ältester Sohn Jean de Sade war ein gelehrter Jurist, der von
Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments
der Provence ernannt wurde, während sein Bruder Elzéar de Sade,
Grosskanzler des Gegenpapstes Benedikt XIII., dem Kaiser Sigismund so
grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den
kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.
Pierre de Sade, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste
Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen
schlechten Elementen.
Jean Baptiste de Sade, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb
„Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er
starb am 21. Dezember 1707.
Joseph de Sade, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei
Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens,
nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und
in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier
von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im
Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.
Hippolyte de Sade, dem Voltaire zu seiner Hochzeit am 12. November
1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben
Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776)
Hugo de Sade, der Gatte Laura’s, der Stammvater der Familie, genannt
„der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen Paul de Sade Erzbischof
von Marseille wurde und der Vertraute der Königin Jolande von Aragonien.
Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.
Hugo oder Hugonin de Sade, der dritte Sohn des ersten Hugo de Sade
und der schönen Laura war der Stammvater der drei Zweige des Hauses,
der von Mazan, Eiguières und Tarascon.
Sein ältester Sohn Jean de Sade war ein gelehrter Jurist, der von
Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments
der Provence ernannt wurde, während sein Bruder Elzéar de Sade,
Grosskanzler des Gegenpapstes Benedikt XIII., dem Kaiser Sigismund so
grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den
kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.
Pierre de Sade, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste
Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen
schlechten Elementen.
Jean Baptiste de Sade, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb
„Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er
starb am 21. Dezember 1707.
Joseph de Sade, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei
Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens,
nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und
in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier
von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im
Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.
Hippolyte de Sade, dem Voltaire zu seiner Hochzeit am 12. November
1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben
Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776)
Page 223
und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. Er starb vor
Cadix im Jahre 1788.
Jacques François Paul Alphonse de Sade, der Onkel unseres Marquis de
Sade, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb
ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der
dritte Sohn von Gaspar François de Sade und widmete sich dem Studium
der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und
Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane
und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame de la Popelinière,
der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter
Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des
18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den
wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“
Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse
zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger
Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in
dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne
Laura wurde für François de Sade der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in
Saumane schrieb er jenes Werk über Petrarca und seine Laura, welches
noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung
zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem
Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François
Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche
Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder
inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen
„Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb
den 31. Dezember 1778.
Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis de Sade
sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist
häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des
Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des
Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem
Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem
galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis de Sade
war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe
Cadix im Jahre 1788.
Jacques François Paul Alphonse de Sade, der Onkel unseres Marquis de
Sade, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb
ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der
dritte Sohn von Gaspar François de Sade und widmete sich dem Studium
der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und
Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane
und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame de la Popelinière,
der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter
Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des
18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den
wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“
Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse
zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger
Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in
dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne
Laura wurde für François de Sade der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in
Saumane schrieb er jenes Werk über Petrarca und seine Laura, welches
noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung
zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem
Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François
Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche
Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder
inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen
„Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb
den 31. Dezember 1778.
Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis de Sade
sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist
häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des
Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des
Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem
Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem
galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis de Sade
war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe
Page 224
huldigte, so machte der Neffe die Wollust in Theorie und Praxis zu seiner
Lebensaufgabe.
Der Vater des Marquis de Sade, der Graf Jean Baptiste François Joseph
de Sade wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn
ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach
London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine
Verheiratung mit Marie Eléonore de Maillé, der Nichte des Kardinals
Richelieu, Hofdame der Prinzessin Condé. Auch der grosse Condé hatte
eine Maillé geheiratet. Der Comte de Sade wurde 1738 zum
Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das
Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die
Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes
vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere
Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken,
sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741–1746.
Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis de Sade, der sich
als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist
Louis-Marie de Sade, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu
Pathen den Prinzen Condé und die Prinzessin Conti, wurde Offizier, als
welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte
beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück,
wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen
Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und
wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein,
kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9.
Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]
Lebensaufgabe.
Der Vater des Marquis de Sade, der Graf Jean Baptiste François Joseph
de Sade wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn
ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach
London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine
Verheiratung mit Marie Eléonore de Maillé, der Nichte des Kardinals
Richelieu, Hofdame der Prinzessin Condé. Auch der grosse Condé hatte
eine Maillé geheiratet. Der Comte de Sade wurde 1738 zum
Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das
Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die
Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes
vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere
Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken,
sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741–1746.
Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis de Sade, der sich
als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist
Louis-Marie de Sade, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu
Pathen den Prinzen Condé und die Prinzessin Conti, wurde Offizier, als
welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte
beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück,
wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen
Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und
wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein,
kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9.
Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]
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3. Die Kindheit des Marquis de Sade.
Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der
merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen
Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des
grossen Condé, wo Donatien Alphonse François, Marquis[483] de Sade
geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie
ihn Michelet und nach ihm Taine genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er
zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre
darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und
ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-
Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses
Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen
Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung.
Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen,
Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist
als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der
Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der
Persönlichkeit des Knaben Sade, die alle wenig verbürgt sind. Nach
Uzanne[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit
zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse schwarze Augen
hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre
des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche
verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche
Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. Lacroix verleiht
ihm eine „zierliche Figur, blaue Augen und blonde, schön frisierte
Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der
junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen,
die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn
zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche
Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend,
dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen
Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der
merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen
Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des
grossen Condé, wo Donatien Alphonse François, Marquis[483] de Sade
geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie
ihn Michelet und nach ihm Taine genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er
zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre
darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und
ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-
Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses
Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen
Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung.
Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen,
Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist
als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der
Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der
Persönlichkeit des Knaben Sade, die alle wenig verbürgt sind. Nach
Uzanne[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit
zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse schwarze Augen
hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre
des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche
verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche
Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. Lacroix verleiht
ihm eine „zierliche Figur, blaue Augen und blonde, schön frisierte
Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der
junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen,
die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn
zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche
Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend,
dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen
Page 226
musste. Sein Vater liess ihn stets nach der neusten Mode gekleidet
einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende
Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der
Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher
Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr
aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis de Sade wenigstens als Jüngling
eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches
Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les
fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis
de Sade darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere
Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht
ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der
Sammlung des Herrn de la Porte stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild,
stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt
die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn
H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische
Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten
Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“
(1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis de Sade das Collège
Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem
deutschen Autor, der das Leben Sade’s mit kühner Phantasie aus seinen
Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein
Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches
System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien
lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter
Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze
Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von
Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack
immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass Sade die Musik sehr liebte, bestätigt
Paul Lacroix[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die
Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende
Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der
Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher
Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr
aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis de Sade wenigstens als Jüngling
eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches
Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les
fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis
de Sade darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere
Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht
ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der
Sammlung des Herrn de la Porte stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild,
stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt
die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn
H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische
Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten
Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“
(1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis de Sade das Collège
Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem
deutschen Autor, der das Leben Sade’s mit kühner Phantasie aus seinen
Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein
Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches
System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien
lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter
Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze
Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von
Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack
immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass Sade die Musik sehr liebte, bestätigt
Paul Lacroix[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die
Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
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Janin meint, dass Sade schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die Schule
verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als Maximilian de Robespierre in
dieselbe eintrat.[491]
verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als Maximilian de Robespierre in
dieselbe eintrat.[491]
Page 228
4. Die Jugendzeit.
Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis de Sade in das
Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim
Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän in
einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen Krieg in
Deutschland mitmachte. Er soll nach Lacroix[492] erst im Jahre 1766 nach
Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm „mehrere
Jugendthorheiten“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten suchte.
Marciat[493] hat nachgewiesen, dass Sade bereits im Jahre 1763 wieder in
Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften Autographensammlung
von Michelet aus Bordeaux, befand sich ein Brief des Marquis de Sade,
datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem als der Tag seiner Heirat
der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht nach Marciat für dieses
Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des Marquis, Louis-Marie de Sade
im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment Soubise wurde. Wenn dieser erst
1767 geboren wäre, so würde er mit 16 Jahren Lieutenant gewesen sein.
Die Rückkehr des Marquis de Sade und seine Heirat fand also im Jahre
1763 statt.
Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen Jacob nach den
Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn Lefébure sehr ausführlich
erzählt worden.[494] Marciat ist geneigt, derselben vom psychologischen
Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, da sie die Erklärung für
die moralische Entartung (déviation) des Marquis de Sade liefere. Wir
können dem nicht beistimmen. Mag auch jenes Ereignis, das wir gleich
darstellen werden, irgend einen Einfluss in dieser Beziehung auf Sade
ausgeübt haben: seine sittliche Depravation war schon vorher da. Als er
nach Paris zurückkehrte, warf der Vater ihm bereits einige
„Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat bisher daran gedacht, dass der
Marquis de Sade den ganzen 7jährigen Krieg mitgemacht hat und ganz
sicher teilnahm an jener „schrecklichen Entsittlichung, welche durch die
Anwesenheit des französischen Heeres“ in Deutschland gepflanzt und
genährt wurde[495] und deren auch Casanova in seinen Memoiren gedenkt.
Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis de Sade in das
Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim
Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän in
einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen Krieg in
Deutschland mitmachte. Er soll nach Lacroix[492] erst im Jahre 1766 nach
Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm „mehrere
Jugendthorheiten“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten suchte.
Marciat[493] hat nachgewiesen, dass Sade bereits im Jahre 1763 wieder in
Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften Autographensammlung
von Michelet aus Bordeaux, befand sich ein Brief des Marquis de Sade,
datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem als der Tag seiner Heirat
der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht nach Marciat für dieses
Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des Marquis, Louis-Marie de Sade
im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment Soubise wurde. Wenn dieser erst
1767 geboren wäre, so würde er mit 16 Jahren Lieutenant gewesen sein.
Die Rückkehr des Marquis de Sade und seine Heirat fand also im Jahre
1763 statt.
Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen Jacob nach den
Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn Lefébure sehr ausführlich
erzählt worden.[494] Marciat ist geneigt, derselben vom psychologischen
Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, da sie die Erklärung für
die moralische Entartung (déviation) des Marquis de Sade liefere. Wir
können dem nicht beistimmen. Mag auch jenes Ereignis, das wir gleich
darstellen werden, irgend einen Einfluss in dieser Beziehung auf Sade
ausgeübt haben: seine sittliche Depravation war schon vorher da. Als er
nach Paris zurückkehrte, warf der Vater ihm bereits einige
„Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat bisher daran gedacht, dass der
Marquis de Sade den ganzen 7jährigen Krieg mitgemacht hat und ganz
sicher teilnahm an jener „schrecklichen Entsittlichung, welche durch die
Anwesenheit des französischen Heeres“ in Deutschland gepflanzt und
genährt wurde[495] und deren auch Casanova in seinen Memoiren gedenkt.
Page 229
Der Vater wollte ferner den Sohn verheiraten, um ihn aus seinem
lasterhaften Leben herauszureissen, wie doch deutlich aus allen Berichten
hervorgeht. Wenn Eulenburg[496] meint, dass sich bei de Sade die
„krankhafte Veränderung“ im Alter von 26 Jahren äusserte, so ist das auch
nicht ganz zutreffend, da er schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763,
wegen mehrerer „débauches“, die also nicht so ganz harmlos gewesen sein
müssen, ins Gefängnis kam. Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu
sexuellen Ausschweifungen bei Sade durch das Kriegsleben erweckt
worden ist und durch das tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde,
ohne dass wir nötig haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften
Geisteszustandes zu denken.
Herr von Montreuil, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine
langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis de Sade verbunden
war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich hübsch
und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere Figur
verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und dunklen
Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, ohne
„Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz ihrer
Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von
„himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis de
Sade die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick fügte es,
dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des Präsidenten Montreuil
nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere krank war. Er verliebte sich
sofort leidenschaftlich in die erstere, die den Musikenthusiasten besonders
durch ihren schönen Gesang und ihr wunderbares Harfenspiel für sich
einnahm. Als Sade bei einem zweiten Besuche die ältere Schwester kennen
lernte, fühlte er gegen dieselbe nur Abneigung und erklärte, dass er die
jüngere heiraten wolle. Hierzu verweigerte der Präsident seine
Zustimmung, und so liess der Comte de Sade seinen Sohn wählen zwischen
Unterwerfung unter seinen Willen und einer sofortigen Abreise zur Armee
mit der Aussicht auf Enterbung und Verstossung. So wurde der Marquis,
dessen Appell an das Herz der Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte
und heroische Erwiderung“ fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten.
Schon damals erwiderte die Jüngere die Liebe de Sade’s und hatte
vergeblich durch Bitten und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen
lasterhaften Leben herauszureissen, wie doch deutlich aus allen Berichten
hervorgeht. Wenn Eulenburg[496] meint, dass sich bei de Sade die
„krankhafte Veränderung“ im Alter von 26 Jahren äusserte, so ist das auch
nicht ganz zutreffend, da er schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763,
wegen mehrerer „débauches“, die also nicht so ganz harmlos gewesen sein
müssen, ins Gefängnis kam. Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu
sexuellen Ausschweifungen bei Sade durch das Kriegsleben erweckt
worden ist und durch das tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde,
ohne dass wir nötig haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften
Geisteszustandes zu denken.
Herr von Montreuil, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine
langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis de Sade verbunden
war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich hübsch
und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere Figur
verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und dunklen
Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, ohne
„Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz ihrer
Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von
„himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis de
Sade die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick fügte es,
dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des Präsidenten Montreuil
nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere krank war. Er verliebte sich
sofort leidenschaftlich in die erstere, die den Musikenthusiasten besonders
durch ihren schönen Gesang und ihr wunderbares Harfenspiel für sich
einnahm. Als Sade bei einem zweiten Besuche die ältere Schwester kennen
lernte, fühlte er gegen dieselbe nur Abneigung und erklärte, dass er die
jüngere heiraten wolle. Hierzu verweigerte der Präsident seine
Zustimmung, und so liess der Comte de Sade seinen Sohn wählen zwischen
Unterwerfung unter seinen Willen und einer sofortigen Abreise zur Armee
mit der Aussicht auf Enterbung und Verstossung. So wurde der Marquis,
dessen Appell an das Herz der Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte
und heroische Erwiderung“ fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten.
Schon damals erwiderte die Jüngere die Liebe de Sade’s und hatte
vergeblich durch Bitten und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen
Page 230
gesucht. Lacroix legt ausführlich dar, wie Sade nur mit dem Gedanken des
sofortigen Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere
Schwester geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten
Schwester im Einverständnis war. Frau von Montreuil, die vom Anfang an
die Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter
in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der
Demoralisation des Marquis de Sade gewesen ist, wie Marciat annimmt.
Sicher erklärt sie die Ehefeindlichkeit, welche uns in allen Schriften Sade’s
entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, der Lacroix die Wärme des
Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei Veranlassung gab, haben die
soeben von Paul Ginisty veröffentlichten „Lettres inédites de la Marquise
de Sade“ gezeigt, die für die Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis
des Charakters des Marquis de Sade sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart
sich in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit
leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht aufhört mit
heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und zu beten, wenn er
— wie dies gewöhnlich geschah — diese Liebe mit rohen, unedlen Worten
und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese Frau, die Zeugin des
lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch hervorgerufenen grossen
Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu lieben, war ihm bei der Flucht
aus dem Gefängnisse behilflich und erwies ihm in seinem Gefängnisleben
tausend Dienste, die nur eine hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet
wirklich darauf hin, dass der Marquis de Sade etwas von dem an sich hatte,
was er selbst als die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen
unwiderstehlich anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat Ginisty
ausführlich dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm
seine Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst.
Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du auf
mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ Sade
schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt
lügen?“[498]
Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht
Wunder nehmen, dass der Marquis de Sade, nachdem er vergeblich den
Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von Montreuil zu erkunden gesucht
hatte, sich nach Lacroix[499] schon im ersten Jahre seiner Ehe in den Strudel
sofortigen Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere
Schwester geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten
Schwester im Einverständnis war. Frau von Montreuil, die vom Anfang an
die Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter
in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der
Demoralisation des Marquis de Sade gewesen ist, wie Marciat annimmt.
Sicher erklärt sie die Ehefeindlichkeit, welche uns in allen Schriften Sade’s
entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, der Lacroix die Wärme des
Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei Veranlassung gab, haben die
soeben von Paul Ginisty veröffentlichten „Lettres inédites de la Marquise
de Sade“ gezeigt, die für die Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis
des Charakters des Marquis de Sade sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart
sich in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit
leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht aufhört mit
heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und zu beten, wenn er
— wie dies gewöhnlich geschah — diese Liebe mit rohen, unedlen Worten
und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese Frau, die Zeugin des
lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch hervorgerufenen grossen
Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu lieben, war ihm bei der Flucht
aus dem Gefängnisse behilflich und erwies ihm in seinem Gefängnisleben
tausend Dienste, die nur eine hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet
wirklich darauf hin, dass der Marquis de Sade etwas von dem an sich hatte,
was er selbst als die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen
unwiderstehlich anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat Ginisty
ausführlich dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm
seine Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst.
Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du auf
mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ Sade
schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt
lügen?“[498]
Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht
Wunder nehmen, dass der Marquis de Sade, nachdem er vergeblich den
Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von Montreuil zu erkunden gesucht
hatte, sich nach Lacroix[499] schon im ersten Jahre seiner Ehe in den Strudel
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wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit und seine Reichtümer
mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit vergeudete, und die
„Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs von Fronsac und des
Prinzen Lamballe wurde, aber es auch nicht verschmähte, sich mit Lakaien
zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. Eingeweiht in die „Geheimnisse
der petites maisons und der Bordelle“ suchte er seine Gefährten in dem
Ersinnen neuer raffinierter Lüste zu übertreffen. Das war jene Zeit, in
welcher ein deutscher Autor den Marquis de Sade zum Arrangeur der
Orgien des Hirschparks macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber
glaubwürdig sein kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde
Sade, der erst 23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer
„petite maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr
zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung
des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und
bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom 2.
November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung Nachricht
gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen Priester zu
sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich bin, beklage ich
mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die göttliche Strafe;
meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, soll meine einzige
Beschäftigung sein.“[501] Schon damals muss er ein obscönes Buch
geschrieben haben. Denn in diesem Briefe spricht er von dem Datum des
„unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni stamme, während er sich
am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst im Juni jenes genannte Haus
aufgesucht. Darauf habe er sich drei Monate auf dem Lande aufgehalten
und sei acht Tage nach seiner Rückkehr verhaftet worden. Welche seiner
Schriften de Sade hier im Auge hat, ist vorläufig noch nicht festzustellen.
Wenn Cabanès (a. a. O. Seite 262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so
ist das eben mit dem bis heute vorliegenden litterarischen und
archivalischen Material nicht zu beweisen. Indessen geht doch aus dem
vorliegenden wichtigen Briefe mit aller Sicherheit hervor, dass Sade
frühzeitig, schon mit 23 Jahren, anfing, pornographische Schriften zu
verfassen.
Vielleicht hat Marciat Recht mit der Annahme, dass dieser an den
Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen
Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier eine der
bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden religiösen
mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit vergeudete, und die
„Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs von Fronsac und des
Prinzen Lamballe wurde, aber es auch nicht verschmähte, sich mit Lakaien
zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. Eingeweiht in die „Geheimnisse
der petites maisons und der Bordelle“ suchte er seine Gefährten in dem
Ersinnen neuer raffinierter Lüste zu übertreffen. Das war jene Zeit, in
welcher ein deutscher Autor den Marquis de Sade zum Arrangeur der
Orgien des Hirschparks macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber
glaubwürdig sein kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde
Sade, der erst 23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer
„petite maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr
zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung
des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und
bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom 2.
November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung Nachricht
gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen Priester zu
sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich bin, beklage ich
mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die göttliche Strafe;
meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, soll meine einzige
Beschäftigung sein.“[501] Schon damals muss er ein obscönes Buch
geschrieben haben. Denn in diesem Briefe spricht er von dem Datum des
„unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni stamme, während er sich
am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst im Juni jenes genannte Haus
aufgesucht. Darauf habe er sich drei Monate auf dem Lande aufgehalten
und sei acht Tage nach seiner Rückkehr verhaftet worden. Welche seiner
Schriften de Sade hier im Auge hat, ist vorläufig noch nicht festzustellen.
Wenn Cabanès (a. a. O. Seite 262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so
ist das eben mit dem bis heute vorliegenden litterarischen und
archivalischen Material nicht zu beweisen. Indessen geht doch aus dem
vorliegenden wichtigen Briefe mit aller Sicherheit hervor, dass Sade
frühzeitig, schon mit 23 Jahren, anfing, pornographische Schriften zu
verfassen.
Vielleicht hat Marciat Recht mit der Annahme, dass dieser an den
Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen
Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier eine der
bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden religiösen
Page 232
Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet an den
Gefängnispriester Griffet vom 4. November 1763 erhalten (veröffentlicht
im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei Cabanès). Es heisst in
demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, welcher
einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre Dienste nöthig
hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis de Sade, ein junger Mann
von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie möglich zu besuchen, und wenn
Sie mit ihm gesprochen haben, so werden Sie mir einen Gefallen thun,
wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
Gefängnispriester Griffet vom 4. November 1763 erhalten (veröffentlicht
im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei Cabanès). Es heisst in
demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, welcher
einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre Dienste nöthig
hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis de Sade, ein junger Mann
von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie möglich zu besuchen, und wenn
Sie mit ihm gesprochen haben, so werden Sie mir einen Gefallen thun,
wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
Page 233
5. Das Gefängnisleben des Mannes.
Aehnlich einem neueren französischen Dichter, Paul Verlaine, hat der
Marquis de Sade, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen
grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den
letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 Jahre in
11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein
Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers
verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer
Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des
Marquis de Sade können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen
bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen
schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war.
Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den
Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war
Aehnlich einem neueren französischen Dichter, Paul Verlaine, hat der
Marquis de Sade, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen
grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den
letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 Jahre in
11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein
Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers
verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer
Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des
Marquis de Sade können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen
bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen
schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war.
Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den
Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war
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1. Die Affäre Keller (3. April 1768).
Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die
wichtigste ist die der Madame du Deffand in einem nur 10 Tage nach dem
Ereignis geschriebenen Briefe an Horace Walpole, den englischen Dichter
und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine
tragische und sehr sonderbare Geschichte! — Ein gewisser Comte de Sade,
Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer
grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen
bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie
aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in
der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den
folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle
Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer,
wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden.
Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine
anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche
zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die
Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut
bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich
die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken
und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder,
untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung
gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper
Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen
und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und
sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich
beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der
Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn
de Sade. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man
weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser
Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten
von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser
abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der
Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die
wichtigste ist die der Madame du Deffand in einem nur 10 Tage nach dem
Ereignis geschriebenen Briefe an Horace Walpole, den englischen Dichter
und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine
tragische und sehr sonderbare Geschichte! — Ein gewisser Comte de Sade,
Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer
grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen
bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie
aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in
der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den
folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle
Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer,
wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden.
Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine
anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche
zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die
Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut
bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich
die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken
und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder,
untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung
gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper
Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen
und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und
sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich
beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der
Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn
de Sade. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man
weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser
Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten
von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser
abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der
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Salbe festzustellen. — Das ist die Tragödie, die Sie etwas unterhalten mag.“
Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame Du Deffand: „Seit gestern
kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn de Sade. Das Dorf, in
dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und
zerschnitt die Unglückliche am selben Tage und goss ihr „Balsam“ auf die
Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und
legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer
Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von
Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem
Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess Sade verhaften, der sich mit
grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte,
da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe,
die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung
des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer
Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen
Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis
niedergeschrieben wurde und die Marquise Du Deffand, wie der zweite
Brief beweist, genau informiert war, als den glaubwürdigsten bezeichnen.
Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr
von einander ab, dass Marciat mit Recht daraus schliesst, dass das
eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt
wird. — Jules Janin[505] erzählt, dass der Marquis de Sade in Arcueil eine
in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite
maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit
doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so
dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3.
April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine
Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem
nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, Rosa Keller,
Witwe eines gewissen Valentin begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot
suchte. Sade redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that
sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach
Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines
abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen
bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde
sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut
gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“,
Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame Du Deffand: „Seit gestern
kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn de Sade. Das Dorf, in
dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und
zerschnitt die Unglückliche am selben Tage und goss ihr „Balsam“ auf die
Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und
legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer
Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von
Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem
Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess Sade verhaften, der sich mit
grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte,
da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe,
die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung
des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer
Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen
Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis
niedergeschrieben wurde und die Marquise Du Deffand, wie der zweite
Brief beweist, genau informiert war, als den glaubwürdigsten bezeichnen.
Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr
von einander ab, dass Marciat mit Recht daraus schliesst, dass das
eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt
wird. — Jules Janin[505] erzählt, dass der Marquis de Sade in Arcueil eine
in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite
maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit
doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so
dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3.
April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine
Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem
nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, Rosa Keller,
Witwe eines gewissen Valentin begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot
suchte. Sade redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that
sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach
Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines
abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen
bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde
sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut
gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“,
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worauf die Orgie mit den beiden Freudenmädchen begann. — Dann folgt
die Schilderung der Flucht der Keller, des Auflaufs, der Verhaftung der
Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“
auffand.
Diese Darstellung giebt auch Eulenburg[506] und findet darin jene
„eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die
freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck
‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer
Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als
präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen
bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein
nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in
„Stimmung“ zu bringen“.
Lacroix berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass
die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame
Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte,
welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu
der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845,
fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die
Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder
zusammenklebte.[508]
Rétif de la Bretonne, der den Marquis de Sade seit 1768 kannte, giebt in
den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere
Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der
Marquis de Sade die Keller auf der Place des Victoires getroffen hatte,
führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“
eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der
Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der
Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll
uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur
einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als
Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter
Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die
Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der
Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein
Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu
die Schilderung der Flucht der Keller, des Auflaufs, der Verhaftung der
Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“
auffand.
Diese Darstellung giebt auch Eulenburg[506] und findet darin jene
„eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die
freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck
‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer
Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als
präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen
bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein
nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in
„Stimmung“ zu bringen“.
Lacroix berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass
die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame
Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte,
welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu
der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845,
fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die
Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder
zusammenklebte.[508]
Rétif de la Bretonne, der den Marquis de Sade seit 1768 kannte, giebt in
den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere
Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der
Marquis de Sade die Keller auf der Place des Victoires getroffen hatte,
führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“
eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der
Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der
Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll
uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur
einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als
Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter
Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die
Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der
Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein
Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu
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entfliehen. Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen
hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in
einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint Rosa Keller das Opfer einer indecenten
und abscheulichen Mystification geworden zu sein. Cabanès hat von
Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten
in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge
sich viel einfacher abgespielt hätten. Rosa Keller sei, erschreckt durch den
Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem
Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten
zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von Brierre de Boismont[510], die
Marciat auf die Affäre Keller bezieht, die wir aber für einen besonderen
Fall halten. Brierre de Boismont erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von
einem Freunde, der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte und von
diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine
Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck
angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der
Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem
Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen
durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine
splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden.
Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste
waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die
Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren
„in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen
Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten
Marquis de Sade in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem
Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem
Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette
und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle
Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche
Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie
unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511]
hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in
einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint Rosa Keller das Opfer einer indecenten
und abscheulichen Mystification geworden zu sein. Cabanès hat von
Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten
in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge
sich viel einfacher abgespielt hätten. Rosa Keller sei, erschreckt durch den
Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem
Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten
zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von Brierre de Boismont[510], die
Marciat auf die Affäre Keller bezieht, die wir aber für einen besonderen
Fall halten. Brierre de Boismont erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von
einem Freunde, der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte und von
diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine
Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck
angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der
Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem
Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen
durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine
splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden.
Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste
waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die
Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren
„in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen
Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten
Marquis de Sade in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem
Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem
Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette
und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle
Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche
Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie
unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511]
Page 238
Nach Brierre de Boismont wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die
Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre Keller verlief für den Marquis de Sade sehr glimpflich.
Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-
Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem
Rosa Keller ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären
der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von
allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen
Neigungen freien Lauf. Herr von Montreuil erwirkte schliesslich eine
polizeiliche Verbannung des Marquis de Sade auf sein Schloss La Coste in
der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der
Beauvoisin vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen
Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte,
auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging
die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen
Schwester anzukündigen. Sade, den die Begierde nach dem Besitze dieser
Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau
Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der
Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass
alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien.
Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet
aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung
finden werde. So fasste er nach Lacroix den Plan, eine besondere Missethat
zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie
dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses
Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als
Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre Keller verlief für den Marquis de Sade sehr glimpflich.
Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-
Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem
Rosa Keller ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären
der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von
allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen
Neigungen freien Lauf. Herr von Montreuil erwirkte schliesslich eine
polizeiliche Verbannung des Marquis de Sade auf sein Schloss La Coste in
der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der
Beauvoisin vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen
Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte,
auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging
die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen
Schwester anzukündigen. Sade, den die Begierde nach dem Besitze dieser
Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau
Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der
Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass
alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien.
Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet
aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung
finden werde. So fasste er nach Lacroix den Plan, eine besondere Missethat
zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie
dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses
Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als
Page 239
2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).
Bachaumont’s geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den
folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf de Sade, der
im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne
machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte,
soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen
schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele
Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne
Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren
gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses
Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen
Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu
einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der
Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade
missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm
drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den
Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]
Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach Lacroix,[514] der die
Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der
Marquis de Sade mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit
Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte.
Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen
gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem
alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den
Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. Sade liess
sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm
bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin,
nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von
Montreuil beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So
fuhren sie nach einer Stunde davon.
Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig,
da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht
Bachaumont’s geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den
folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf de Sade, der
im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne
machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte,
soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen
schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele
Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne
Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren
gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses
Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen
Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu
einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der
Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade
missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm
drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den
Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]
Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach Lacroix,[514] der die
Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der
Marquis de Sade mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit
Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte.
Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen
gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem
alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den
Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. Sade liess
sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm
bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin,
nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von
Montreuil beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So
fuhren sie nach einer Stunde davon.
Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig,
da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht
Page 240
belästigt“ wurden.
Rétif de la Bretonne verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den
Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die
verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass Rétif, der stets einen
glühenden Hass gegen den Marquis de Sade gehegt hat, Niemanden an den
Folgen dieser Orgie sterben lässt.[515]
Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu
Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen,
da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter
hervorgehoben wird.[516]
Vor einigen Monaten hat Dr. Cabanès in seiner Studie über den Marquis
de Sade ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans
Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten
aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „Darstellung der
Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der
Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.“ Nach diesem
Bericht weilte der Marquis de Sade im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen
drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende
des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes
Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes
am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster
Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine
strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner
Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten
Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten,
zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre
Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen
heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von
einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter
begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen
berichtete, dass ein Mann, von dem man ihr gesagt habe, dass es der
Marquis de Sade sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im
Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine
von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“
worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten
Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung
Rétif de la Bretonne verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den
Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die
verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass Rétif, der stets einen
glühenden Hass gegen den Marquis de Sade gehegt hat, Niemanden an den
Folgen dieser Orgie sterben lässt.[515]
Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu
Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen,
da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter
hervorgehoben wird.[516]
Vor einigen Monaten hat Dr. Cabanès in seiner Studie über den Marquis
de Sade ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans
Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten
aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „Darstellung der
Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der
Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.“ Nach diesem
Bericht weilte der Marquis de Sade im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen
drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende
des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes
Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes
am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster
Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine
strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner
Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten
Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten,
zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre
Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen
heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von
einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter
begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen
berichtete, dass ein Mann, von dem man ihr gesagt habe, dass es der
Marquis de Sade sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im
Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine
von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“
worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten
Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung
Page 241
durch zwei Gerichtschemiker die Abwesenheit jeder Art von Gift oder
reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung
beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer
gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen
Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit
des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem
Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare
Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der
Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der
angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8.
August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der
Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig
beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und
schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten,
einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese
Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (Cabanès a. a. O.
S. 266–272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die
ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre,
deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch
die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht
aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so
berühmten Affäre der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle
durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die
Freudenmädchen.
Der Marquis de Sade wurde vom Parlament in Aix am 11. September
1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in
contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den
Kanzler Maupeou zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517]
Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben
und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder
sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch
den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er
mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer,
heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach
dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen
reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung
beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer
gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen
Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit
des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem
Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare
Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der
Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der
angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8.
August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der
Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig
beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und
schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten,
einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese
Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (Cabanès a. a. O.
S. 266–272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die
ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre,
deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch
die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht
aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so
berühmten Affäre der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle
durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die
Freudenmädchen.
Der Marquis de Sade wurde vom Parlament in Aix am 11. September
1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in
contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den
Kanzler Maupeou zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517]
Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben
und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder
sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch
den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er
mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer,
heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach
dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen
Page 242
zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und am 8. Dezember
1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch
Vermittelung des Grafen Marmora, Gesandter des Königs von Sardinien in
Paris, an den Grafen de la Tour, Generalkommandant von Savoyen, und
liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf
de Mazan zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so lebhafter
Geist nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere,
Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach
diesen Wünschen. de la Tour berichtet, dass Sade zwei Zimmer bekam,
welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden
waren. de Sade hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772
versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773
erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in
zahlreichen Briefen den Festungskommandanten de Launay, ihrem Gatten
doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon
die Flucht des Marquis vor, sodass Marmora in einem Briefe vom 1. März
1773 de la Tour bitten musste, für strengere Bewachung de Sade’s Sorge zu
tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem
Marquis, die Wachsamkeit de Launay’s einzuschläfern, der über die
angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an de la Tour in mehreren
Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15
entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht
ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte de Sougy („Baron de
l’Allée“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach
Italien.[519] de Sade liess dem Gouverneur, Herrn de Launay, einen
ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er
indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. Letztere, nicht seine
Schwägerin, wie Eulenburg annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im
Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und
Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie
aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und
von Cabanès veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (Cabanès a. a. O. S.
282 bis 284). Doch war dies vergeblich.
1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch
Vermittelung des Grafen Marmora, Gesandter des Königs von Sardinien in
Paris, an den Grafen de la Tour, Generalkommandant von Savoyen, und
liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf
de Mazan zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so lebhafter
Geist nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere,
Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach
diesen Wünschen. de la Tour berichtet, dass Sade zwei Zimmer bekam,
welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden
waren. de Sade hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772
versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773
erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in
zahlreichen Briefen den Festungskommandanten de Launay, ihrem Gatten
doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon
die Flucht des Marquis vor, sodass Marmora in einem Briefe vom 1. März
1773 de la Tour bitten musste, für strengere Bewachung de Sade’s Sorge zu
tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem
Marquis, die Wachsamkeit de Launay’s einzuschläfern, der über die
angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an de la Tour in mehreren
Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15
entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht
ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte de Sougy („Baron de
l’Allée“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach
Italien.[519] de Sade liess dem Gouverneur, Herrn de Launay, einen
ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er
indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. Letztere, nicht seine
Schwägerin, wie Eulenburg annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im
Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und
Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie
aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und
von Cabanès veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (Cabanès a. a. O. S.
282 bis 284). Doch war dies vergeblich.
Page 243
3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.
Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes
Leben führte, wurde Sade verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm
der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur
von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu
gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus
der von Ginisty mitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang
ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen. Sade wurde
nach Aix gebracht, wo ihn der Advokat Siméon glänzend verteidigte und
unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch
den Einfluss der Präsidentin Montreuil, die mit Recht Sade’s Freiheit mehr
fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig
gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns
wohl bekannte Polizeiinspektor Marais. Es gelang dem Marquis, bei einem
Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu
entfliehen. Ginisty teilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr
romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber bald darauf (7.
September) von Marais auf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal
ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre
1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend des 14. Juli 1789 nach
Charenton gebracht, soll er nach Lacroix am Tage der Erstürmung der
Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber
erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung
befreit worden sein.
Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis
de Sade im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu
seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas
eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.
In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte
Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er
selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein
Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies
Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes
Leben führte, wurde Sade verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm
der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur
von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu
gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus
der von Ginisty mitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang
ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen. Sade wurde
nach Aix gebracht, wo ihn der Advokat Siméon glänzend verteidigte und
unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch
den Einfluss der Präsidentin Montreuil, die mit Recht Sade’s Freiheit mehr
fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig
gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns
wohl bekannte Polizeiinspektor Marais. Es gelang dem Marquis, bei einem
Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu
entfliehen. Ginisty teilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr
romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber bald darauf (7.
September) von Marais auf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal
ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre
1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend des 14. Juli 1789 nach
Charenton gebracht, soll er nach Lacroix am Tage der Erstürmung der
Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber
erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung
befreit worden sein.
Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis
de Sade im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu
seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas
eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.
In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte
Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er
selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein
Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies
Page 244
empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion Fossé
d’Arcosse im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen,
wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au
monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire,
une seule fois par semaine.“[525]
Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm
Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar
Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu
besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man
musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten
schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der
Polizeileutnant Le Noir diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den
persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren
stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die
Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] Sade
heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit
ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu
überschütten.
Marciat findet in dem Leben des Marquis de Sade vor seiner
Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine
unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen
Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz
überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51.
Lebensjahre, die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes
unmöglich machte, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse.
Dafür spricht auch die krankhaft gesteigerte Reizbarkeit, das unendliche
Misstrauen, welches sich in den von Ginisty veröffentlichten Briefen an
seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau
die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen
der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche
bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der Gefangenschaft
als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert
Schüle in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den
Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten
der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der
Zelle konnte die Phantasie Sade’s sich ungezügelt in Bildern der Wollust
d’Arcosse im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen,
wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au
monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire,
une seule fois par semaine.“[525]
Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm
Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar
Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu
besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man
musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten
schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der
Polizeileutnant Le Noir diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den
persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren
stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die
Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] Sade
heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit
ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu
überschütten.
Marciat findet in dem Leben des Marquis de Sade vor seiner
Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine
unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen
Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz
überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51.
Lebensjahre, die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes
unmöglich machte, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse.
Dafür spricht auch die krankhaft gesteigerte Reizbarkeit, das unendliche
Misstrauen, welches sich in den von Ginisty veröffentlichten Briefen an
seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau
die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen
der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche
bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der Gefangenschaft
als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert
Schüle in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den
Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten
der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der
Zelle konnte die Phantasie Sade’s sich ungezügelt in Bildern der Wollust
Page 245
und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange
Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes
konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden
Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern
bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie
universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und
Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von
zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese Graphomanie scheint uns
das Bild einer gewissen geistigen Schwäche, die in dieser Zeit sich bei Sade
ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare
Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las
unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte
aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche
einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen
lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der
Analyse aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber
klein in der allgemeinen Synthese, dem wahrhaft philosophischen Denken.
Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten Tagebücher Sade’s
von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden,
verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur
Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den
Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt,
gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“
(Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung
seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.
Von Interesse ist, dass der Marquis de Sade, wie es scheint, im
Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im
April 1864 wurde bei der von Charavay veranstalteten Auktion der
litterarischen Schätze des Grafen H. de M. ein Brief von 2 Seiten gezeigt,
den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis de Sade
geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.
[530]
Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen
Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen Mirabeau, der
zu gleicher Zeit wie Sade in Vincennes interniert war und hier seine
obscönen Bücher schrieb.
Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes
konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden
Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern
bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie
universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und
Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von
zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese Graphomanie scheint uns
das Bild einer gewissen geistigen Schwäche, die in dieser Zeit sich bei Sade
ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare
Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las
unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte
aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche
einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen
lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der
Analyse aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber
klein in der allgemeinen Synthese, dem wahrhaft philosophischen Denken.
Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten Tagebücher Sade’s
von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden,
verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur
Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den
Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt,
gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“
(Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung
seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.
Von Interesse ist, dass der Marquis de Sade, wie es scheint, im
Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im
April 1864 wurde bei der von Charavay veranstalteten Auktion der
litterarischen Schätze des Grafen H. de M. ein Brief von 2 Seiten gezeigt,
den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis de Sade
geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.
[530]
Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen
Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen Mirabeau, der
zu gleicher Zeit wie Sade in Vincennes interniert war und hier seine
obscönen Bücher schrieb.
Page 246
Ein merkwürdiger Brief Mirabeau’s über dieses Zusammensein mit dem
Marquis de Sade hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche
Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr de Sade“, so heisst es in diesem
Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die
geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich
würde von Herrn de Rougemont (dem Gouverneur) begünstigt, und damit
ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat
mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die
Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein
Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und
eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken
schreiben wird. — Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu
öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu
wohnen“.
Marquis de Sade hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche
Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr de Sade“, so heisst es in diesem
Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die
geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich
würde von Herrn de Rougemont (dem Gouverneur) begünstigt, und damit
ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat
mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die
Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein
Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und
eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken
schreiben wird. — Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu
öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu
wohnen“.
Page 247
6. Teilnahme an der Revolution und litterarische
Tätigkeit.
Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des
Marquis de Sade ab, der ihr von vornherein viele Sympathien
entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er
„die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen
wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm
einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor
der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten
der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches
Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, de Launay, eine grosse
Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt.
Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis de Sade am 4. Juli nach
Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen
Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29.
März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung
entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von
seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine
Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach Lacroix nahm er
sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte
zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue
Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den
Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den
Grafen Clermont-Tonnerre als gleichgesinnten Lebemann ins Herz
geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis
de Sade durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige
materielle Lage geriet. Cabanès bemerkt noch nach einer Notiz im
„Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa
maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa Justine
tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de
sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que
c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur
Tätigkeit.
Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des
Marquis de Sade ab, der ihr von vornherein viele Sympathien
entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er
„die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen
wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm
einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor
der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten
der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches
Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, de Launay, eine grosse
Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt.
Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis de Sade am 4. Juli nach
Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen
Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29.
März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung
entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von
seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine
Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach Lacroix nahm er
sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte
zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue
Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den
Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den
Grafen Clermont-Tonnerre als gleichgesinnten Lebemann ins Herz
geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis
de Sade durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige
materielle Lage geriet. Cabanès bemerkt noch nach einer Notiz im
„Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa
maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa Justine
tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de
sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que
c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur
Page 248
son visage pâle, lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on
parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve.
On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles
d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son
maintien et de sensibilité dans son jeu; Molé avait été son maître.“ Auf der
oben erwähnten, durch Charavay veranstalteten Auction im Jahre 1864
figurierte ein an den Repräsentanten Rabaut Saint-Etienne gerichteter, mit
einer Empfehlung von Ant. de Bernard-Saint-Afriques versehener Brief
vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis de Sade um eine
Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er
vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei
dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die
Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des
hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823–1824, 4 Bde.) enthält
einen Brief Sade’s vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des
Herrn de la Porte befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung
des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm
verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius
gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus
Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die
verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu
verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In
den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des
Marquis de Sade an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren
1790 bis 1793, auf die O. Uzanne durch François Coppée und Georges
Monval aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über Sade
veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme
verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein
einziges von Sade’s zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es
war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen
des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540]
Jedenfalls gehörte auch Sade nach Uzanne zu den zahlreichen „auteurs
dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.
Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die
berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade, seine obscönen Romane,
die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner
Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum
parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve.
On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles
d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son
maintien et de sensibilité dans son jeu; Molé avait été son maître.“ Auf der
oben erwähnten, durch Charavay veranstalteten Auction im Jahre 1864
figurierte ein an den Repräsentanten Rabaut Saint-Etienne gerichteter, mit
einer Empfehlung von Ant. de Bernard-Saint-Afriques versehener Brief
vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis de Sade um eine
Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er
vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei
dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die
Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des
hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823–1824, 4 Bde.) enthält
einen Brief Sade’s vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des
Herrn de la Porte befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung
des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm
verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius
gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus
Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die
verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu
verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In
den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des
Marquis de Sade an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren
1790 bis 1793, auf die O. Uzanne durch François Coppée und Georges
Monval aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über Sade
veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme
verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein
einziges von Sade’s zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es
war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen
des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540]
Jedenfalls gehörte auch Sade nach Uzanne zu den zahlreichen „auteurs
dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.
Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die
berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade, seine obscönen Romane,
die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner
Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum
Page 249
grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten
Auflage nur obscön ist, ohne die blutigen Details der späteren, und
besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet Marciat,
dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit,
diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch
in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst:
écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im
Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“
und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der
„Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen
Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis de Sade,
die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im
Gefängnis concipiert, in der Revolution ausgeführt und nach den äusseren
Eindrücken derselben verändert wurden.
Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis de Sade
zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in
einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in
Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les
Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline
et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für
mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen,
die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet
hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine
angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer
Streitschrift gegen einen gewissen Villeterque.[545] Marciat macht darauf
aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem
Sade schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher
seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl
angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach Marciat
bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B.
bei Voltaire und Mirabeau. Und man kann Sade daraus keinen besonderen
Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit
nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf
Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“
überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des
Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]
Auflage nur obscön ist, ohne die blutigen Details der späteren, und
besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet Marciat,
dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit,
diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch
in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst:
écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im
Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“
und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der
„Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen
Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis de Sade,
die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im
Gefängnis concipiert, in der Revolution ausgeführt und nach den äusseren
Eindrücken derselben verändert wurden.
Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis de Sade
zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in
einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in
Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les
Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline
et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für
mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen,
die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet
hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine
angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer
Streitschrift gegen einen gewissen Villeterque.[545] Marciat macht darauf
aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem
Sade schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher
seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl
angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach Marciat
bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B.
bei Voltaire und Mirabeau. Und man kann Sade daraus keinen besonderen
Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit
nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf
Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“
überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des
Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]
Page 250
Ueber das Privatleben des Marquis de Sade während der
Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann
eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein
ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis
de Sade im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein
Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die
„hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547]
Cabanès berichtet — freilich ohne Quellenangabe — dass, als die
aufrührerischen Bauern 1790 de Sade’s Schloss Lacoste zerstörten, man in
diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen
Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der
berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent
die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte,
welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen
Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] Rétif de la Bretonne, der
die Affäre Keller und den Marseiller Skandal nach Paris in die
Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren
Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres
zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht
„Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de
S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers
rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet,
dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war...
Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae
quandoque virgis caedebatur ...“[549]
Eine andere Geschichte Rétifs, in der Sade unter dem Namen Bénavent
vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung
seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess,
die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad
steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust
hingab.[550] Der Bibliophile Jacob hält es für zweifellos, dass Rétif den
Marquis de Sade persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit
ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.
Besonders bemerkenswert ist die politische Thätigkeit des Marquis de
Sade während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen
Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in
Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann
eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein
ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis
de Sade im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein
Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die
„hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547]
Cabanès berichtet — freilich ohne Quellenangabe — dass, als die
aufrührerischen Bauern 1790 de Sade’s Schloss Lacoste zerstörten, man in
diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen
Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der
berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent
die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte,
welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen
Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] Rétif de la Bretonne, der
die Affäre Keller und den Marseiller Skandal nach Paris in die
Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren
Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres
zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht
„Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de
S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers
rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet,
dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war...
Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae
quandoque virgis caedebatur ...“[549]
Eine andere Geschichte Rétifs, in der Sade unter dem Namen Bénavent
vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung
seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess,
die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad
steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust
hingab.[550] Der Bibliophile Jacob hält es für zweifellos, dass Rétif den
Marquis de Sade persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit
ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.
Besonders bemerkenswert ist die politische Thätigkeit des Marquis de
Sade während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen
Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in
Page 251
„Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 in der Bastille
geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande
vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten,
Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss
geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu
zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits
die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum
und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer
der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der
Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der
Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit Clermont-Tonnerre haben wir
schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section
des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion
des Robespierre. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu
Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion
aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins
und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die
Freunde Robespierre’s waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. Sade
war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis
gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein
wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? —
Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] — Er hielt sich aber, eingedenk seiner
Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion
die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium
der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.
Sade war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen Marat, auf den
er nach dessen Ermordung durch Charlotte Corday die noch erhaltene
Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der
er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert
(29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild Marat’s schrieb er die Verse:
Du vrai républicain unique et chère idole,
De ta perte, Marat, ton image console.
Qui chérit un grand homme adopte ses vertus,
Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]
Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis de
Sade von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen
geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande
vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten,
Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss
geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu
zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits
die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum
und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer
der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der
Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der
Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit Clermont-Tonnerre haben wir
schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section
des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion
des Robespierre. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu
Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion
aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins
und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die
Freunde Robespierre’s waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. Sade
war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis
gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein
wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? —
Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] — Er hielt sich aber, eingedenk seiner
Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion
die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium
der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.
Sade war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen Marat, auf den
er nach dessen Ermordung durch Charlotte Corday die noch erhaltene
Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der
er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert
(29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild Marat’s schrieb er die Verse:
Du vrai républicain unique et chère idole,
De ta perte, Marat, ton image console.
Qui chérit un grand homme adopte ses vertus,
Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]
Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis de
Sade von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen
Page 252
Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste des
ci-devant nobles“ von Jacques Dulaure, die im Jahre 1791 erschien, findet
sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis de Sade (Biographie
universelle)[554]. Nach Cabanès behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei,
und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der
Herrschaft von Robespierre und Fouquier-Tinville bestehen liess.“
(Cabanès a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus
politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz
überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du
libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher
Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht
sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den
grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den
Marquis de Sade menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen
ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern,
obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot
gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6.
Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und
nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und
Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch Rovère seine
Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den
Besitz einiger Geldmittel gelangte.
Sade lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen
Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg
gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein
Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren
Verbleib, besonders was das Exemplar des Barras anbetrifft, man genaue
Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten
Hauptwerke des Marquis de Sade ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei
allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein
grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und
Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum
Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden
Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis de Sade einen Roman „Zoloë et ses
deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges
Pamphlet gegen Joséphine de Beauharnais (Zoloë), die Damen Tallien
(Laurenda) und Visconti (Volsange), gegen Bonaparte (Baron d’Orsec),
ci-devant nobles“ von Jacques Dulaure, die im Jahre 1791 erschien, findet
sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis de Sade (Biographie
universelle)[554]. Nach Cabanès behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei,
und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der
Herrschaft von Robespierre und Fouquier-Tinville bestehen liess.“
(Cabanès a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus
politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz
überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du
libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher
Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht
sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den
grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den
Marquis de Sade menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen
ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern,
obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot
gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6.
Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und
nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und
Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch Rovère seine
Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den
Besitz einiger Geldmittel gelangte.
Sade lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen
Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg
gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein
Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren
Verbleib, besonders was das Exemplar des Barras anbetrifft, man genaue
Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten
Hauptwerke des Marquis de Sade ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei
allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein
grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und
Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum
Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden
Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis de Sade einen Roman „Zoloë et ses
deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges
Pamphlet gegen Joséphine de Beauharnais (Zoloë), die Damen Tallien
(Laurenda) und Visconti (Volsange), gegen Bonaparte (Baron d’Orsec),
Page 253
Barras (Vicomte de Sabar), einen Senator (Fessinot) u. s. w., welche
Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht
hingeben.
Wegen dieses Pasquills wurde Sade am 15. Ventôse des Jahres IX (5.
März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den
Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese
Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die,
dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren,
die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. Sade wurde nach
diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-
Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal
erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und
keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt
erzählt dann weiter, dass Sade in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu
unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre
überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem
Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf
Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton
gebracht. (Cabanès, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren
wiederholt confisciert worden.
Aulard hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“
(Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen
Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem
Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man
öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton
unterbrachte. So wurde der Dichter Th. Desorgues, der ein Chanson gegen
Napoleon mit dem Refrain:
Oui, le grand Napoléon
Est un grand caméléon
verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche
Schicksal traf den Forstmeister de Laage, sowie den Abbé Fournier. Beide
wurden in Bicêtre eingesperrt. (Cabanès S. 294–295). Bei Sade hatte man
ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler
obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich Marciat mit Recht
bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht
Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht
hingeben.
Wegen dieses Pasquills wurde Sade am 15. Ventôse des Jahres IX (5.
März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den
Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese
Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die,
dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren,
die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. Sade wurde nach
diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-
Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal
erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und
keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt
erzählt dann weiter, dass Sade in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu
unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre
überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem
Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf
Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton
gebracht. (Cabanès, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren
wiederholt confisciert worden.
Aulard hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“
(Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen
Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem
Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man
öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton
unterbrachte. So wurde der Dichter Th. Desorgues, der ein Chanson gegen
Napoleon mit dem Refrain:
Oui, le grand Napoléon
Est un grand caméléon
verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche
Schicksal traf den Forstmeister de Laage, sowie den Abbé Fournier. Beide
wurden in Bicêtre eingesperrt. (Cabanès S. 294–295). Bei Sade hatte man
ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler
obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich Marciat mit Recht
bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht
Page 254
den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. Sade, der
wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in
seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der
„Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]
Ueber den Aufenthalt des Marquis de Sade im Irrenhaus zu Charenton
besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig
ein Gutachten des berühmten Irrenarztes Royer-Collard[560] über den
Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.
Paris, den 2. August 1808.
Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator
und Polizeiminister.
Gnädiger Herr,
Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren,
in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht,
wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir
anvertraut ist.
In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität
unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit
die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von
dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. Dieser Mann ist nicht
geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters, und dieses
kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss der
strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen
Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu
trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt
das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr de Sade geniesst
hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von
Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie
bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die
Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft
Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen
Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau
zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.
wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in
seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der
„Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]
Ueber den Aufenthalt des Marquis de Sade im Irrenhaus zu Charenton
besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig
ein Gutachten des berühmten Irrenarztes Royer-Collard[560] über den
Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.
Paris, den 2. August 1808.
Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator
und Polizeiminister.
Gnädiger Herr,
Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren,
in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht,
wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir
anvertraut ist.
In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität
unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit
die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von
dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. Dieser Mann ist nicht
geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters, und dieses
kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss der
strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen
Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu
trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt
das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr de Sade geniesst
hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von
Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie
bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die
Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft
Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen
Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau
zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.
Page 255
Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der
Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen zu
lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen
tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. Herr de Sade ist
der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt die Rollen
und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die Schauspieler und
Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet sie in der grossen
Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen Vorstellungen verfügt er
stets über eine gewisse Zahl von Eintrittsbillets und macht inmitten
seiner Gehilfen die Honneurs im Saale.
Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors
zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen
Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.
Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen
Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller
Art, welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge
erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, in
welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt sich
eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? Werden
die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne in
Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit
infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem Hause
nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn nicht
sehen?
Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug
finden wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn
de Sade anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den Irren
verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend
Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach Bicêtre
zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, Eurer
Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder ein festes
Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, in der zahlreiche
Kranke behandelt werden, und wo eine beständige Ueberwachung und
die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.
Royer-Collard, D. M.[561]
Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen zu
lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen
tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. Herr de Sade ist
der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt die Rollen
und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die Schauspieler und
Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet sie in der grossen
Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen Vorstellungen verfügt er
stets über eine gewisse Zahl von Eintrittsbillets und macht inmitten
seiner Gehilfen die Honneurs im Saale.
Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors
zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen
Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.
Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen
Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller
Art, welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge
erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, in
welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt sich
eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? Werden
die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne in
Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit
infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem Hause
nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn nicht
sehen?
Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug
finden wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn
de Sade anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den Irren
verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend
Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach Bicêtre
zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, Eurer
Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder ein festes
Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, in der zahlreiche
Kranke behandelt werden, und wo eine beständige Ueberwachung und
die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.
Royer-Collard, D. M.[561]
Page 256
Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis de Sade blieb in
Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den dortigen
Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit vorzog. Nach der
„Biographie universelle“ war er der besondere Günstling des Direktors von
Charenton, des Abbé Coulmier. Dadurch würden die grossen Freiheiten, die
er sich gestatten durfte, die Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich
werden. Er hatte also Ursache, die Bemühungen des Dr. Royer-Collard, ihn
aus der Anstalt zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende
merkwürdige Adresse zeugt[562]:
„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem
Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen mit
ihm sprach. Die erste ist für Herrn de Sade und bittet darum, dass man
möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des Herrn de
Sade in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet und die Pflege
hat, die sein Befinden erfordert. Seine Vorgesetzten sind mit seinem
Betragen durchaus zufrieden.
Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches
bestätigt, dass der Zustand des Herrn de Sade sein Verbleiben in Charenton
notwendig macht.
Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von
heute Morgen.“
Vielleicht ist Sade selbst, wie Marciat vermutet[563], der Anstifter dieser
Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil der Anklagen von
Royer-Collard aus einer Meinungsverschiedenheit, wenn nicht Rivalität
zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. Dieser, der Abbé
Coulmier, war nach der „Biographie universelle“ ein Mann von sehr
leichtfertigen Sitten. Royer-Collard’s wiederholte Klagen über das
Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot desselben zur Folge.
Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! Royer-Collard erlangte
endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser einer Irrenanstalt wenig
angemessenen Unterhaltungen.[564]
Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis de
Sade als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente veröffentlicht.[565]
Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den dortigen
Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit vorzog. Nach der
„Biographie universelle“ war er der besondere Günstling des Direktors von
Charenton, des Abbé Coulmier. Dadurch würden die grossen Freiheiten, die
er sich gestatten durfte, die Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich
werden. Er hatte also Ursache, die Bemühungen des Dr. Royer-Collard, ihn
aus der Anstalt zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende
merkwürdige Adresse zeugt[562]:
„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem
Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen mit
ihm sprach. Die erste ist für Herrn de Sade und bittet darum, dass man
möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des Herrn de
Sade in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet und die Pflege
hat, die sein Befinden erfordert. Seine Vorgesetzten sind mit seinem
Betragen durchaus zufrieden.
Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches
bestätigt, dass der Zustand des Herrn de Sade sein Verbleiben in Charenton
notwendig macht.
Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von
heute Morgen.“
Vielleicht ist Sade selbst, wie Marciat vermutet[563], der Anstifter dieser
Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil der Anklagen von
Royer-Collard aus einer Meinungsverschiedenheit, wenn nicht Rivalität
zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. Dieser, der Abbé
Coulmier, war nach der „Biographie universelle“ ein Mann von sehr
leichtfertigen Sitten. Royer-Collard’s wiederholte Klagen über das
Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot desselben zur Folge.
Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! Royer-Collard erlangte
endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser einer Irrenanstalt wenig
angemessenen Unterhaltungen.[564]
Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis de
Sade als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente veröffentlicht.[565]
Page 257
Seine Graphomanie trieb Sade bei jeder Gelegenheit zu dichterischen
Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste er
zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals Maury, Erzbischofs
von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ bei Charenton
gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis ablegen möge:
Semblable au fils de l’Eternel
Par une bonté peu commune,
Sous l’apparence d’un mortel
Venant consoler l’infortune,
Votre âme, pleine de grandeur,
Toujours ferme, toujours égale,
Sous la pourpre pontificale
Ne dédaigne point le malheur.[566]
Ueber den Eindruck der Persönlichkeit des Marquis de Sade während
seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte
Nachrichten vor. Janin schildert recht lebhaft den corrumpierenden
Einfluss, den Sade in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche
Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] Lacroix
erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige
noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten
Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt,
und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral,
ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt
sind, keinerlei Widerwillen dagegen empfanden, sich an den Autor der
‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu
sprechen.“ Charles Nodier, der den Marquis de Sade einmal flüchtig sah,
erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis
zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was
Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen
durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und
Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur
Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der
„Biographie universelle“ bewahrte Sade bis zu seinem Tode seine
schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er
obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort
eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine
liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein
robuster Greis ohne jede Schwäche.
Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste er
zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals Maury, Erzbischofs
von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ bei Charenton
gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis ablegen möge:
Semblable au fils de l’Eternel
Par une bonté peu commune,
Sous l’apparence d’un mortel
Venant consoler l’infortune,
Votre âme, pleine de grandeur,
Toujours ferme, toujours égale,
Sous la pourpre pontificale
Ne dédaigne point le malheur.[566]
Ueber den Eindruck der Persönlichkeit des Marquis de Sade während
seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte
Nachrichten vor. Janin schildert recht lebhaft den corrumpierenden
Einfluss, den Sade in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche
Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] Lacroix
erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige
noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten
Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt,
und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral,
ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt
sind, keinerlei Widerwillen dagegen empfanden, sich an den Autor der
‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu
sprechen.“ Charles Nodier, der den Marquis de Sade einmal flüchtig sah,
erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis
zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was
Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen
durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und
Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur
Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der
„Biographie universelle“ bewahrte Sade bis zu seinem Tode seine
schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er
obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort
eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine
liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein
robuster Greis ohne jede Schwäche.
Page 258
7. Der Tod.
Der Marquis de Sade starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres
1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren Krankheit,
die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Ueber diese
Krankheit berichtet de Sade schon in einem Briefe vom 17. Juni 1808 an
den Kaiser Napoléon. Der Brief ist gegenwärtig im Besitze des Herrn Noël
Charavay, der Cabanès die Einsicht und den Abdruck (Cabanès a. a. O. S.
312) gestattete. de Sade beklagt sich in demselben bitterlich darüber, dass er
seit 20 Jahren in drei verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben
führe. Er sei 70 Jahre alt, fast blind, von der Gicht heimgesucht (der
Krankheit aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und
Magenschmerzen, die ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die
Zeugnisse der Aerzte von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine
Majestät an, ihm endlich die Freiheit zu geben. — Eine von Dr. Ramon,
dem Arzte de Sade’s, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an
„Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven
von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis de Sade an
den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine Gesundheit seit
einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. Er sei aber noch zwei Tage
vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende selbst sei schnell eingetreten,
im Beginne eines „adynamischen und ganggränösen Fiebers“. Interessant
ist die weitere Mitteilung, dass, da der Sohn Armand de Sade anwesend sei,
die Behörde es wohl nicht nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu
ergreifen, da der Sohn selbst gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines
Vaters vernichten würde. (Cabanès a. a. O. S. 311–312). Am Abend vorher
hatte er noch diese Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich
„die Schüler Gall’s auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare
Beute, die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten
menschlichen Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte
sprechen hören. Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine
merkwürdige Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und
Verbrechen, von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte
ihn für den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen
Der Marquis de Sade starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres
1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren Krankheit,
die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Ueber diese
Krankheit berichtet de Sade schon in einem Briefe vom 17. Juni 1808 an
den Kaiser Napoléon. Der Brief ist gegenwärtig im Besitze des Herrn Noël
Charavay, der Cabanès die Einsicht und den Abdruck (Cabanès a. a. O. S.
312) gestattete. de Sade beklagt sich in demselben bitterlich darüber, dass er
seit 20 Jahren in drei verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben
führe. Er sei 70 Jahre alt, fast blind, von der Gicht heimgesucht (der
Krankheit aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und
Magenschmerzen, die ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die
Zeugnisse der Aerzte von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine
Majestät an, ihm endlich die Freiheit zu geben. — Eine von Dr. Ramon,
dem Arzte de Sade’s, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an
„Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven
von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis de Sade an
den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine Gesundheit seit
einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. Er sei aber noch zwei Tage
vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende selbst sei schnell eingetreten,
im Beginne eines „adynamischen und ganggränösen Fiebers“. Interessant
ist die weitere Mitteilung, dass, da der Sohn Armand de Sade anwesend sei,
die Behörde es wohl nicht nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu
ergreifen, da der Sohn selbst gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines
Vaters vernichten würde. (Cabanès a. a. O. S. 311–312). Am Abend vorher
hatte er noch diese Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich
„die Schüler Gall’s auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare
Beute, die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten
menschlichen Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte
sprechen hören. Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine
merkwürdige Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und
Verbrechen, von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte
ihn für den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen
Page 259
Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse ‚ce
modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das Jules Janin
zuerst veröffentlicht hat:[571]
„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande
geöffnet werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in
dem Zimmer, in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem
Holzsarge, der erst nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll.
Dann soll ein Bote zu dem Holzhändler Lenormand in Versailles,
Boulevard de l’Egalité No. 101, geschickt werden, damit er selbst mit
einem Wagen komme und meine Leiche unter seiner Begleitung auf
diesem Wagen in das Gehölz auf meinem Landgute Malmaison,
Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht werde, wo sie ohne jede
Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet werden soll, das sich
rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die grosse Allée von
der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube soll durch den
Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn Lenormand
geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung fortgehen
soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner Verwandten oder
Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen ihrer Liebe geben
wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit die Spuren meines
Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, wie ich hoffe, dass mein
Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht werden wird.
Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und
Gesundheit, am 30. Januar 1806.
D.-A.-F. Sade.“[572]
Marciat meint, dass dieses Testament den Marquis de Sade am Ende
seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen
Lebens war: als einen vollkommenen Atheisten.
modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das Jules Janin
zuerst veröffentlicht hat:[571]
„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande
geöffnet werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in
dem Zimmer, in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem
Holzsarge, der erst nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll.
Dann soll ein Bote zu dem Holzhändler Lenormand in Versailles,
Boulevard de l’Egalité No. 101, geschickt werden, damit er selbst mit
einem Wagen komme und meine Leiche unter seiner Begleitung auf
diesem Wagen in das Gehölz auf meinem Landgute Malmaison,
Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht werde, wo sie ohne jede
Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet werden soll, das sich
rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die grosse Allée von
der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube soll durch den
Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn Lenormand
geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung fortgehen
soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner Verwandten oder
Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen ihrer Liebe geben
wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit die Spuren meines
Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, wie ich hoffe, dass mein
Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht werden wird.
Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und
Gesundheit, am 30. Januar 1806.
D.-A.-F. Sade.“[572]
Marciat meint, dass dieses Testament den Marquis de Sade am Ende
seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen
Lebens war: als einen vollkommenen Atheisten.
Page 260
III.
Die Werke des Marquis de Sade.
„Justine“ und „Juliette“.
1. Geschichte der Entstehung.
Die Hauptwerke des Marquis de Sade, denen er seine „herostratische
Unsterblichkeit“ dankt, wie Eulenburg sagt, und denen wir eine besondere
Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und „Juliette“,
anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter dem Titel „La
nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu suivi de l’Histoire de Juliette,
sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande (Paris, Bertrandet?) 1797 10
Bände in 18o, davon 4 der „Justine“, 6 der „Juliette“ angehörend. Selbst die
Titel sind, wie Nodier (a. a. O.) sagt „obscön geworden“.
Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis de
Sade zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline et
Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine Freiheit
erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der „Justine“, die
eine mit einem Titelbild von Chéry, die zweite schon vergrösserte mit
einem solchen von Texier und 12 obscönen Bildern. Die dritte Auflage im
Jahre 1792 wurde von Cazin gedruckt[573] und ist noch cynischer als die
beiden ersten, da z. B. Bressac seine Greuelthaten an der Mutter statt wie
früher an der Tante verübt. Eine vierte Ausgabe erschien 1794.
Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese
Angaben sind für das Studium des Marquis de Sade entbehrlich, da die
Die Werke des Marquis de Sade.
„Justine“ und „Juliette“.
1. Geschichte der Entstehung.
Die Hauptwerke des Marquis de Sade, denen er seine „herostratische
Unsterblichkeit“ dankt, wie Eulenburg sagt, und denen wir eine besondere
Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und „Juliette“,
anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter dem Titel „La
nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu suivi de l’Histoire de Juliette,
sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande (Paris, Bertrandet?) 1797 10
Bände in 18o, davon 4 der „Justine“, 6 der „Juliette“ angehörend. Selbst die
Titel sind, wie Nodier (a. a. O.) sagt „obscön geworden“.
Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis de
Sade zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline et
Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine Freiheit
erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der „Justine“, die
eine mit einem Titelbild von Chéry, die zweite schon vergrösserte mit
einem solchen von Texier und 12 obscönen Bildern. Die dritte Auflage im
Jahre 1792 wurde von Cazin gedruckt[573] und ist noch cynischer als die
beiden ersten, da z. B. Bressac seine Greuelthaten an der Mutter statt wie
früher an der Tante verübt. Eine vierte Ausgabe erschien 1794.
Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese
Angaben sind für das Studium des Marquis de Sade entbehrlich, da die
Page 261
grosse vereinigte Ausgabe der „Justine“ und „Juliette“ im Jahre 1797 nicht
nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist, in welcher die
Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen entwickelt
werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen kann. In dieser
Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou les malheurs de la Vertu
par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797) vier Bände, die „Histoire de
Juliette ou les prospérités du vice par le Marquis de Sade“ (En Hollande
1797), sechs Bände. Die „Justine“ enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne
Abbildungen, zu denen noch 4 Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen
104 Abbildungen sind. Als Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig
bezeichnende Spruch gewählt:
On n’est point criminel pour faire la peinture
Des bizarres penchants qu’inspire la nature.
Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt wurde.
[574]
nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist, in welcher die
Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen entwickelt
werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen kann. In dieser
Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou les malheurs de la Vertu
par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797) vier Bände, die „Histoire de
Juliette ou les prospérités du vice par le Marquis de Sade“ (En Hollande
1797), sechs Bände. Die „Justine“ enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne
Abbildungen, zu denen noch 4 Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen
104 Abbildungen sind. Als Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig
bezeichnende Spruch gewählt:
On n’est point criminel pour faire la peinture
Des bizarres penchants qu’inspire la nature.
Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt wurde.
[574]
Page 262
2. Die Vorrede.
Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, dass die
Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor verstorben sei
und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon zu Lebzeiten
desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben des Werkes
veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer Abdruck des Originals.
Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in einem „philosophischen
Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der Schriftsteller, dem alle
„Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, dürfe von allen möglichen
Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch machen. „Nur die Dummen
nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend erschrickt nicht über die
Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur eine weitere Förderung. Man
wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. Aber wer wird schreien? Die
Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein
Buch wird eine lebhaftere Erwartung erwecken und das Interesse so
anhaltend fesseln. In keinem sind die Herzensregungen der Lüstlinge
geschickter dargestellt und die Einfälle ihrer Phantasie so lebenswahr
ausgeführt. Nirgendwo ist geschrieben, was man hier lesen wird. Haben wir
daher nicht Grund zu glauben, dass dies Werk bis in die fernste Zukunft
dauern wird? Die Tugend selbst, müsste sie auch einen Augenblick zittern,
muss vielleicht einmal ihre Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein
so pikantes Werk zu besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem
stärksten und kühnsten System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen
verbunden ist.“
Man sieht, dass der Marquis de Sade selbst von der Einzigartigkeit
seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein alle
ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun dazu über,
uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu machen. Wir
sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache keine zuverlässige
Analyse des Sade’schen Hauptwerkes existiert, dass vielmehr, trotzdem so
viel davon gesprochen wird, zu den bestunbekannten Dingen gehört.[575]
Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, dass die
Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor verstorben sei
und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon zu Lebzeiten
desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben des Werkes
veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer Abdruck des Originals.
Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in einem „philosophischen
Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der Schriftsteller, dem alle
„Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, dürfe von allen möglichen
Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch machen. „Nur die Dummen
nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend erschrickt nicht über die
Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur eine weitere Förderung. Man
wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. Aber wer wird schreien? Die
Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein
Buch wird eine lebhaftere Erwartung erwecken und das Interesse so
anhaltend fesseln. In keinem sind die Herzensregungen der Lüstlinge
geschickter dargestellt und die Einfälle ihrer Phantasie so lebenswahr
ausgeführt. Nirgendwo ist geschrieben, was man hier lesen wird. Haben wir
daher nicht Grund zu glauben, dass dies Werk bis in die fernste Zukunft
dauern wird? Die Tugend selbst, müsste sie auch einen Augenblick zittern,
muss vielleicht einmal ihre Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein
so pikantes Werk zu besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem
stärksten und kühnsten System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen
verbunden ist.“
Man sieht, dass der Marquis de Sade selbst von der Einzigartigkeit
seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein alle
ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun dazu über,
uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu machen. Wir
sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache keine zuverlässige
Analyse des Sade’schen Hauptwerkes existiert, dass vielmehr, trotzdem so
viel davon gesprochen wird, zu den bestunbekannten Dingen gehört.[575]
Page 263
3. Analyse der „Justine“.
Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert
werden. Die Tugend, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer
ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel
des Romans. —
Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers,
die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris
erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod
und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster
zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu
verschaffen.
Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr
hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt,
naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie
und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes
Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden
sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit
reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der
tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide
von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen
wieder zu treffen.
Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt.
Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer
Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu
verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg,
dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen
zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen
vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des
Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand
entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine
gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren
Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten
Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert
werden. Die Tugend, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer
ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel
des Romans. —
Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers,
die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris
erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod
und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster
zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu
verschaffen.
Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr
hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt,
naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie
und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes
Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden
sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit
reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der
tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide
von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen
wieder zu treffen.
Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt.
Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer
Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu
verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg,
dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen
zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen
vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des
Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand
entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine
gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren
Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten
Page 264
gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände dieser Megäre
geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame
Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die
Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „Man fordert nicht die
Tugend von uns, sondern nur deren Maske“. Daher „bin ich (Delmonse)
eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia.
Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige
Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie
Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war
weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und
verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie
fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“
Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht
und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber
wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der
Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll
und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse
abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird
zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen
Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig
präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male,
indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen,
und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache.
Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben,
und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.
Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle
möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden
zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem 60
Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich zu
einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine sich
weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu folgen,
wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin und
Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: Der
Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse Lobrede
auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt sei. (Justine I,
88–99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande entflieht Justine
geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame
Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die
Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „Man fordert nicht die
Tugend von uns, sondern nur deren Maske“. Daher „bin ich (Delmonse)
eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia.
Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige
Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie
Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war
weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und
verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie
fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“
Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht
und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber
wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der
Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll
und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse
abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird
zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen
Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig
präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male,
indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen,
und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache.
Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben,
und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.
Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle
möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden
zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem 60
Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich zu
einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine sich
weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu folgen,
wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin und
Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: Der
Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse Lobrede
auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt sei. (Justine I,
88–99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande entflieht Justine
Page 265
mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der Erschiessung gerettet
hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen giebt. Sie steigen in einem
Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die arme Justine vom Regen in die
Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent enthüllt sich als ein bösartiger
Lüstling. Schon im Hotel schleicht er herbei, um Justine bei der
Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses zu beobachten. Bei
anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und kommen in einen
Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen Schlag mit dem Stocke,
so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt seine Lüste an ihr und lässt sie in
einem traurigen Zustande und bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur
das Gebet die unglückliche Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch
versteckt, da sie das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und
wird so unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem
jungen Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien
Jasmin. Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber
wieder befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe
zugeführt. Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die
ihren Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr
schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu
rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so dass
die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine von einer
heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten und im höchsten
Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt die Annäherung
Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften Grundsätzen bekannt zu
machen und ihren Charakter zu verderben. Auch veranstaltet er in ihrer
Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er die eigene Mutter vergewaltigt.
Er kündigt darauf Justine an, dass er seine Mutter beseitigen wolle, die ihm
schon längst im Wege sei. Das Entsetzliche geschieht dann auch inmitten
wildester Ausschweifungen. Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde
teilzunehmen, soll ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem
Städtchen Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin
geleitete Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine
sehr freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist
36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen
Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein
ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet sich
noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine Pension
hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen giebt. Sie steigen in einem
Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die arme Justine vom Regen in die
Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent enthüllt sich als ein bösartiger
Lüstling. Schon im Hotel schleicht er herbei, um Justine bei der
Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses zu beobachten. Bei
anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und kommen in einen
Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen Schlag mit dem Stocke,
so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt seine Lüste an ihr und lässt sie in
einem traurigen Zustande und bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur
das Gebet die unglückliche Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch
versteckt, da sie das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und
wird so unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem
jungen Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien
Jasmin. Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber
wieder befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe
zugeführt. Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die
ihren Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr
schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu
rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so dass
die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine von einer
heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten und im höchsten
Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt die Annäherung
Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften Grundsätzen bekannt zu
machen und ihren Charakter zu verderben. Auch veranstaltet er in ihrer
Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er die eigene Mutter vergewaltigt.
Er kündigt darauf Justine an, dass er seine Mutter beseitigen wolle, die ihm
schon längst im Wege sei. Das Entsetzliche geschieht dann auch inmitten
wildester Ausschweifungen. Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde
teilzunehmen, soll ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem
Städtchen Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin
geleitete Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine
sehr freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist
36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen
Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein
ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet sich
noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine Pension
Page 266
und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen zwischen
12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. Rodin
unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder Lehrer wird
zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden können.
Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie das geheime
Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s Neigungen zu teilen,
er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, die sich in einem cabinet
d’aisance aufhält, et defaecatione filiae delectatur. Da im weiteren Verlaufe
ihres Aufenthaltes in diesem Hause der Wollust Justine den Anerbietungen
der Geschwister hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu
entfliehen sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen
Rombeau zu ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen
Experimenten benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen
Orgien die — Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit
einer Brandmarkung davon und wird fortgejagt.
Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der
Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein
kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber von
dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das Kind
sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich auf sein
Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen Schlosse. Er
hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und sie dabei sofort
zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 Monaten von ihm
erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich hat er 30
Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und Vegetarier und hält
auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit sie Kinder bekommen.
Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, und lässt sie nachher 9
Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse hoch. Das sind seine
conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann dem Gebärakt bei, was ihm
stets besonderen Genuss bereitet, und führt selbst allerlei Operationen dabei
aus, u. a. die Sectio caesarea. Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist,
von Cœur-de-Fer befreit, den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die
Freiheit giebt.
Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, dessen
Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als gefährlicher Wüstling
und Paederast entpuppt, der mit den nicht weniger ausschweifenden
12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. Rodin
unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder Lehrer wird
zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden können.
Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie das geheime
Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s Neigungen zu teilen,
er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, die sich in einem cabinet
d’aisance aufhält, et defaecatione filiae delectatur. Da im weiteren Verlaufe
ihres Aufenthaltes in diesem Hause der Wollust Justine den Anerbietungen
der Geschwister hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu
entfliehen sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen
Rombeau zu ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen
Experimenten benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen
Orgien die — Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit
einer Brandmarkung davon und wird fortgejagt.
Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der
Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein
kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber von
dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das Kind
sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich auf sein
Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen Schlosse. Er
hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und sie dabei sofort
zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 Monaten von ihm
erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich hat er 30
Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und Vegetarier und hält
auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit sie Kinder bekommen.
Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, und lässt sie nachher 9
Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse hoch. Das sind seine
conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann dem Gebärakt bei, was ihm
stets besonderen Genuss bereitet, und führt selbst allerlei Operationen dabei
aus, u. a. die Sectio caesarea. Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist,
von Cœur-de-Fer befreit, den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die
Freiheit giebt.
Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, dessen
Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als gefährlicher Wüstling
und Paederast entpuppt, der mit den nicht weniger ausschweifenden
Page 267
Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische Orgien feiert. Zwei „Serails“
von Knaben und Mädchen sind im Kloster, die von einer Messalina namens
Victorine beaufsichtigt werden. Bei den nun geschilderten
Ausschweifungen sind die verschiedensten sexualpathologischen Typen
vertreten. Einer sucht seine Befriedigung darin, Frauen zu ohrfeigen, ein
Anderer liebt besonders Menstruirende, ein dritter den Geruch der Achseln.
Der Mönch Jérôme sagt: „Ich möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich
möchte sie lebend essen, ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut
geschlürft.“ Justine, die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft
geschlossen hat, wird von dieser mit den geradezu raffinierten
Einrichtungen dieses klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden
Vorschriften und den Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt
gemacht. Die Mönche vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens,
Kochens, Räderns, Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen
den zahlreichen Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben
gehalten, so von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange
wollustreiche und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner
Thätigkeit hat es ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester
besonderes Vergnügen bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu
lassen. Er ist auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in
Paderborn und Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach
Sizilien, wo die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen
das verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt,
der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch des
Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen
Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. Von
Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich zurück,
wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit hat, die dortige
Corruption zu studieren.
Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger
Mädchen. Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum
Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an die
Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs Dorothée
d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des Besitzers einer
einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste ausplündert und bestialisch
ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, mit ihrem Manne in sehr schlechtem
Einvernehmen und bittet Justine, mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder
von Knaben und Mädchen sind im Kloster, die von einer Messalina namens
Victorine beaufsichtigt werden. Bei den nun geschilderten
Ausschweifungen sind die verschiedensten sexualpathologischen Typen
vertreten. Einer sucht seine Befriedigung darin, Frauen zu ohrfeigen, ein
Anderer liebt besonders Menstruirende, ein dritter den Geruch der Achseln.
Der Mönch Jérôme sagt: „Ich möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich
möchte sie lebend essen, ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut
geschlürft.“ Justine, die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft
geschlossen hat, wird von dieser mit den geradezu raffinierten
Einrichtungen dieses klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden
Vorschriften und den Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt
gemacht. Die Mönche vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens,
Kochens, Räderns, Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen
den zahlreichen Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben
gehalten, so von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange
wollustreiche und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner
Thätigkeit hat es ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester
besonderes Vergnügen bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu
lassen. Er ist auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in
Paderborn und Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach
Sizilien, wo die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen
das verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt,
der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch des
Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen
Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. Von
Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich zurück,
wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit hat, die dortige
Corruption zu studieren.
Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger
Mädchen. Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum
Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an die
Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs Dorothée
d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des Besitzers einer
einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste ausplündert und bestialisch
ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, mit ihrem Manne in sehr schlechtem
Einvernehmen und bittet Justine, mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder
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einmal in eine Falle gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern
das an ihnen zu begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich
jedes Mal nach vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin
besorgen muss, die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll
ihren und seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und
umgarnen. Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages
kommt ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter
d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande,
ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und
befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen Frauen,
deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in schauerlichster
Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame Gernande zu
tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in der Familie
Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr de Verneuil
kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter Cécile und
Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere Spezialität des
sexuellen Genusses. Er bezahlt reiche Frauen und bestiehlt arme! Er
veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer „Ottomane sacrée“, über der ein
Bild Gottes hängt, das Veranlassung zu schrecklichen Gotteslästerungen
giebt. Nach mehreren ähnlichen Szenen, wobei Justine einmal in einen
tiefen Brunnen fällt, aber wieder herausgezogen wird, und Bressac grosse
Reden gegen die Unsterblichkeit der Seele hält, werden die Tochter und die
Frau Verneuils getötet. Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent
wieder, dessen Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er
sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin
bei seinen Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm
eingesperrt und muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel
auflecken. Nach der unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und
begegnet ausserhalb Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann
Justine die Börse raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer
Bettlerbande, bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast
und Jesuit Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz
weitläufig erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt
auch aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot
geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt.
Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem
hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls ein
das an ihnen zu begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich
jedes Mal nach vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin
besorgen muss, die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll
ihren und seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und
umgarnen. Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages
kommt ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter
d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande,
ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und
befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen Frauen,
deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in schauerlichster
Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame Gernande zu
tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in der Familie
Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr de Verneuil
kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter Cécile und
Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere Spezialität des
sexuellen Genusses. Er bezahlt reiche Frauen und bestiehlt arme! Er
veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer „Ottomane sacrée“, über der ein
Bild Gottes hängt, das Veranlassung zu schrecklichen Gotteslästerungen
giebt. Nach mehreren ähnlichen Szenen, wobei Justine einmal in einen
tiefen Brunnen fällt, aber wieder herausgezogen wird, und Bressac grosse
Reden gegen die Unsterblichkeit der Seele hält, werden die Tochter und die
Frau Verneuils getötet. Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent
wieder, dessen Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er
sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin
bei seinen Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm
eingesperrt und muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel
auflecken. Nach der unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und
begegnet ausserhalb Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann
Justine die Börse raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer
Bettlerbande, bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast
und Jesuit Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz
weitläufig erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt
auch aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot
geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt.
Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem
hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls ein
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gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein Schloss
gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe seines Schlosses,
wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche Geräte, Krucifixe,
Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses Scheusal als sexuellen Sport
das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen seiner weiblichen Opfer, da dies
ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie Roland an sich selbst öfters erprobt
hat und Justinen demonstriert, die ihn aber zur rechten Zeit wieder
abschneiden muss. Schliesslich wird Justine von Roland in einen mit Toten
gefüllten Abgrund hinabgestossen, aus dem sie am folgenden Tage, da er
das Schloss verlässt, von seinem menschlicheren Nachfolger Deville
gerettet wird. Eines Tages wird die ganze Falschmünzerbande verhaftet,
nach Grenoble gebracht und zum Galgen verurteilt. Justine wird aber durch
die aufopfernde Thätigkeit eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am
Gerichtshofe in Grenoble, befreit, der auch eine Sammlung für sie
veranstaltet.
In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur Baronin
avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis zu Paris, die
sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ einführt und sie zur
Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten sucht. Justine verrät
diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn er ist bereits von der den
Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. Justine wird auf der Landstrasse
von drei Männern überfallen, die sie in ein Landhaus des Erzbischofs von
Grenoble führen, in dem die rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert.
Dieser Erzbischof ist natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und
Grausamkeit; ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat
sich einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den
Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam
paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois wieder
eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und ins Lyoner
Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch den wieder
einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, Cardoville,
zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft von
Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine wird
eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen an ihr
die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten laufen. Danach
legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen Stacheln besetztes
Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu wilden Ausbrüchen
gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe seines Schlosses,
wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche Geräte, Krucifixe,
Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses Scheusal als sexuellen Sport
das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen seiner weiblichen Opfer, da dies
ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie Roland an sich selbst öfters erprobt
hat und Justinen demonstriert, die ihn aber zur rechten Zeit wieder
abschneiden muss. Schliesslich wird Justine von Roland in einen mit Toten
gefüllten Abgrund hinabgestossen, aus dem sie am folgenden Tage, da er
das Schloss verlässt, von seinem menschlicheren Nachfolger Deville
gerettet wird. Eines Tages wird die ganze Falschmünzerbande verhaftet,
nach Grenoble gebracht und zum Galgen verurteilt. Justine wird aber durch
die aufopfernde Thätigkeit eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am
Gerichtshofe in Grenoble, befreit, der auch eine Sammlung für sie
veranstaltet.
In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur Baronin
avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis zu Paris, die
sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ einführt und sie zur
Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten sucht. Justine verrät
diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn er ist bereits von der den
Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. Justine wird auf der Landstrasse
von drei Männern überfallen, die sie in ein Landhaus des Erzbischofs von
Grenoble führen, in dem die rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert.
Dieser Erzbischof ist natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und
Grausamkeit; ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat
sich einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den
Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam
paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois wieder
eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und ins Lyoner
Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch den wieder
einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, Cardoville,
zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft von
Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine wird
eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen an ihr
die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten laufen. Danach
legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen Stacheln besetztes
Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu wilden Ausbrüchen
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derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine ins Gefängnis
zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des Wüstlings
Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der Gefängniswärter, für
den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, entschlüpfen.
Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit
vier Herren. Es ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft
Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir alles
das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und auf ihm
nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine
verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, wohin
sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung versehen,
und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà bien ici les
Malheurs de la Vertu!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, là, mes amis, les
Prospérités du Vice!“
Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre
eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die Sie alles
wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage aufs Land. Aber
Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; um sich von der
Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu überzeugen, dass es keine
extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht in einen Salon des Schlosses,
setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf einem Stuhle Platz, und Juliette
fängt an zu erzählen.
zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des Wüstlings
Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der Gefängniswärter, für
den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, entschlüpfen.
Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit
vier Herren. Es ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft
Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir alles
das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und auf ihm
nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine
verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, wohin
sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung versehen,
und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà bien ici les
Malheurs de la Vertu!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, là, mes amis, les
Prospérités du Vice!“
Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre
eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die Sie alles
wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage aufs Land. Aber
Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; um sich von der
Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu überzeugen, dass es keine
extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht in einen Salon des Schlosses,
setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf einem Stuhle Platz, und Juliette
fängt an zu erzählen.
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4. Analyse der „Juliette“.
Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“,
die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung der
„Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft infernalischen
Bildern schildert.
Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont
erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“
seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame
Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die Juliette
und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende Freundin Euphrosine
in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht. Sie besitzt „le
tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und ist von einer
„deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen Mädchen von 8 bis 15
Jahren ihr materialistisches und antimoralisches System der Philosophie,
hat Holbach und La Mettrie studiert, definiert das Gewissen als ein
„Vorurteil, das durch die Erziehung eingepflanzt wird“, spricht von Nerven-
und Elektricitätsfluida, objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w.
Sie inszeniert grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de
Volmar, „die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die
17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie, sowie
Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und bescheiden.
Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird die Virginität
ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène vermittelst eines
Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze Gesellschaft nachts durch
ein Grab in der Kirche in die Katakomben des Klosters hinab. In diesen
befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern versehener, künstlerisch
ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige Laurette ihrer Defloration harrt
neben zwei Mönchen, dem 30jährigen Abbé Ducroz, Grossvikar des
Erzbischofs von Paris, der besonders mit der Aufsicht über das Kloster
Panthémont betraut ist, und dem 36jährigen Pater Télème, einem
Franziskaner und Beichtvater der Novizen und Pensionärinnen des Klosters.
Mit cynischer Offenheit erklärt die Delbène der erstaunten Juliette, dass
Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“,
die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung der
„Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft infernalischen
Bildern schildert.
Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont
erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“
seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame
Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die Juliette
und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende Freundin Euphrosine
in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht. Sie besitzt „le
tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und ist von einer
„deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen Mädchen von 8 bis 15
Jahren ihr materialistisches und antimoralisches System der Philosophie,
hat Holbach und La Mettrie studiert, definiert das Gewissen als ein
„Vorurteil, das durch die Erziehung eingepflanzt wird“, spricht von Nerven-
und Elektricitätsfluida, objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w.
Sie inszeniert grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de
Volmar, „die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die
17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie, sowie
Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und bescheiden.
Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird die Virginität
ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène vermittelst eines
Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze Gesellschaft nachts durch
ein Grab in der Kirche in die Katakomben des Klosters hinab. In diesen
befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern versehener, künstlerisch
ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige Laurette ihrer Defloration harrt
neben zwei Mönchen, dem 30jährigen Abbé Ducroz, Grossvikar des
Erzbischofs von Paris, der besonders mit der Aufsicht über das Kloster
Panthémont betraut ist, und dem 36jährigen Pater Télème, einem
Franziskaner und Beichtvater der Novizen und Pensionärinnen des Klosters.
Mit cynischer Offenheit erklärt die Delbène der erstaunten Juliette, dass
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man sich hier mit den Priestern zum Zwecke sexueller Ausschweifungen
und Grausamkeiten (horreurs, atrocités), versammle, möglichst fern von der
Oberwelt. Hier werden die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun
folgenden Orgien spielt die natürliche und künstliche Paedicatio inter
mulieres et viros eine grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten
Mädchen empfohlen mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais
de maladies, et des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem
Tische festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit
den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die
arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen. Die
Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette
mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man in
den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von ihr
ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer
Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.
Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der
Delbène sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer
gewissen Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich
befindet. Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester
Justine.
Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer
erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert (S.
135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen Bürgern u. s. w.,
ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als „Poissarde“ gekleidet und
kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie schliesst Freundschaft mit
Fatime, einer 16jährigen Prostituierten, deren Spezialität das Bestehlen
ihrer Kunden ist, wozu einer der berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie
angeleitet hat, der sich durch seine Spione über alle in Paris ankommenden
Fremden unterrichten, diese durch Dirnen verführen und berauben lässt,
wobei er heimlich zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt
bereits 30 Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche
Deutsche Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch
Weine berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse
ausgesetzt. Dorval, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus post coitum
alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine Theorie und
Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire de la société.“
und Grausamkeiten (horreurs, atrocités), versammle, möglichst fern von der
Oberwelt. Hier werden die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun
folgenden Orgien spielt die natürliche und künstliche Paedicatio inter
mulieres et viros eine grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten
Mädchen empfohlen mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais
de maladies, et des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem
Tische festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit
den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die
arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen. Die
Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette
mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man in
den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von ihr
ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer
Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.
Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der
Delbène sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer
gewissen Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich
befindet. Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester
Justine.
Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer
erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert (S.
135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen Bürgern u. s. w.,
ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als „Poissarde“ gekleidet und
kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie schliesst Freundschaft mit
Fatime, einer 16jährigen Prostituierten, deren Spezialität das Bestehlen
ihrer Kunden ist, wozu einer der berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie
angeleitet hat, der sich durch seine Spione über alle in Paris ankommenden
Fremden unterrichten, diese durch Dirnen verführen und berauben lässt,
wobei er heimlich zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt
bereits 30 Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche
Deutsche Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch
Weine berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse
ausgesetzt. Dorval, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus post coitum
alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine Theorie und
Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire de la société.“
Page 273
Darauf lässt er Fatime und Juliette in eine dunkle Folterkammer werfen, wo
er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt und dann unter ungeheurer
erotischer Erregung seinerseits ihnen das Todesurteil verkündet, das an dem
bereitstehenden Galgen vollzogen werden soll. Es wird dann an Beiden eine
Scheinhinrichtung vollzogen. Dorval befriedigt seine Lust an den
Scheintoten, die darauf nackt in einem Wagen zur Duvergier
zurückgebracht werden.
Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von
Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter
Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer dritten
Frau mit Ruthen gepeitscht.
Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit
schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch den
Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die
Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und
grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss,
dass seine Frauen — er besitzt deren bereits die 18te — Zeuginnen aller
seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein müssen.
Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen während
dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese muss dann
ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden Mahl
Noirceuil und seine Maitressen bedienen.
Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich habe
Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines Bankerotts.
Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über sein ganzes
Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände übergehen lassen!
Consequent meinen Principien habe ich mich ihm vorgezogen. Er ist im
Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres Rente. Nach diesem
Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück gut machen, in das ich
Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend. Ich werde das nicht tun; denn
ich verabscheue die Tugend zu sehr. Dies richtet unübersteigliche
Schranken zwischen uns auf. Ich kann Sie nicht wiedersehen.“ — Nach
dieser gemütlichen Auseinandersetzung des Verderbers ihres Vaters bricht
Juliette in ein Jubelgeschrei aus: „Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch
das Opfer Deiner Laster bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine
Grundsätze an.“ — „O, Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ — „Lass mich
er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt und dann unter ungeheurer
erotischer Erregung seinerseits ihnen das Todesurteil verkündet, das an dem
bereitstehenden Galgen vollzogen werden soll. Es wird dann an Beiden eine
Scheinhinrichtung vollzogen. Dorval befriedigt seine Lust an den
Scheintoten, die darauf nackt in einem Wagen zur Duvergier
zurückgebracht werden.
Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von
Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter
Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer dritten
Frau mit Ruthen gepeitscht.
Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit
schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch den
Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die
Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und
grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss,
dass seine Frauen — er besitzt deren bereits die 18te — Zeuginnen aller
seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein müssen.
Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen während
dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese muss dann
ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden Mahl
Noirceuil und seine Maitressen bedienen.
Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich habe
Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines Bankerotts.
Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über sein ganzes
Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände übergehen lassen!
Consequent meinen Principien habe ich mich ihm vorgezogen. Er ist im
Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres Rente. Nach diesem
Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück gut machen, in das ich
Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend. Ich werde das nicht tun; denn
ich verabscheue die Tugend zu sehr. Dies richtet unübersteigliche
Schranken zwischen uns auf. Ich kann Sie nicht wiedersehen.“ — Nach
dieser gemütlichen Auseinandersetzung des Verderbers ihres Vaters bricht
Juliette in ein Jubelgeschrei aus: „Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch
das Opfer Deiner Laster bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine
Grundsätze an.“ — „O, Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ — „Lass mich
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alles erfahren!“ — „Dein Vater, Deine Mutter!“ — „Was denn?“ — „Ihre
Existenz konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz
hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in
meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung
ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe
Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ — „Was macht das? Ich urteile
über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir keine
solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr Mörder bist,
entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“ Die Idee, de devenir la
putain du bourreau de tous ses parents, verursacht ihr höchste Wonne.
Noirceuil, hoch erfreut, eine solche Gesinnungsgenossin gefunden zu
haben, behält sie bei sich in seinem Hause. Sie besucht aber immer noch
das Bordell der Duvergier. Diese hält auch ein Absteigequartier für
vornehme, sich prostituierende Damen und junge Mädchen, die alle mit
einem mehr oder weniger hohen Grade von Nymphomanie behaftet sind
und ihr Leben teils in der Predigt und Messe, teils im Bordell verbringen.
Darunter befinden sich wieder verschiedene sexualpathologische Typen.
Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter eines Parlamentsrates, verkauft
gern ihre „pucelage antiphysique“ und eine Frau liebt nur den Umgang mit
Priestern.[578] Noirceuil bekommt jeden Abend von der Duvergier eine
Jungfrau geliefert, die in Gegenwart Juliettens, der beiden Knaben und
seiner Gattin ein Opfer seiner Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier
Juliette und sechs andere Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär
Mondor teilnehmen. Mondor, ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf
endloser Vorbereitungen, um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine
tribadische Szene der sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und
durch defaecatio in os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette
stiehlt diesem erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr
nach dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist
und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen Gode
anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne vorher diese
Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht ohne nachher einen
grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen Nützlichkeit zu halten. —
Juliette trifft sich dann im Auftrage der Duvergier mit drei jungen
Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine, um zu einem Herzog
Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die Flagellation von
Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist, wofür derselbe seinen
Existenz konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz
hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in
meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung
ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe
Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ — „Was macht das? Ich urteile
über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir keine
solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr Mörder bist,
entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“ Die Idee, de devenir la
putain du bourreau de tous ses parents, verursacht ihr höchste Wonne.
Noirceuil, hoch erfreut, eine solche Gesinnungsgenossin gefunden zu
haben, behält sie bei sich in seinem Hause. Sie besucht aber immer noch
das Bordell der Duvergier. Diese hält auch ein Absteigequartier für
vornehme, sich prostituierende Damen und junge Mädchen, die alle mit
einem mehr oder weniger hohen Grade von Nymphomanie behaftet sind
und ihr Leben teils in der Predigt und Messe, teils im Bordell verbringen.
Darunter befinden sich wieder verschiedene sexualpathologische Typen.
Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter eines Parlamentsrates, verkauft
gern ihre „pucelage antiphysique“ und eine Frau liebt nur den Umgang mit
Priestern.[578] Noirceuil bekommt jeden Abend von der Duvergier eine
Jungfrau geliefert, die in Gegenwart Juliettens, der beiden Knaben und
seiner Gattin ein Opfer seiner Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier
Juliette und sechs andere Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär
Mondor teilnehmen. Mondor, ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf
endloser Vorbereitungen, um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine
tribadische Szene der sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und
durch defaecatio in os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette
stiehlt diesem erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr
nach dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist
und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen Gode
anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne vorher diese
Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht ohne nachher einen
grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen Nützlichkeit zu halten. —
Juliette trifft sich dann im Auftrage der Duvergier mit drei jungen
Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine, um zu einem Herzog
Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die Flagellation von
Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist, wofür derselbe seinen
Page 275
Opfern grosse Summen bezahlt. Auch lacerat digitis cunnum, bindet um
Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst brennendes Oel über die nackten
Leiber der vier Mädchen. Juliette bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse
Summe, trennt sich dann endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im
Hause Noirceuils, ab und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin,
der Kammerdiener des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines
Tages sieht, sie überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von
Noirceuil durch Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und
veranlasst, dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die
Diebin denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem
Gedanken wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen
des ihr aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt
Juliette mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr
Verbrechertalent ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben
sie sich zu einem Souper bei diesem Minister.
Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer
Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“
angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine
Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt, „nicht
ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident d’Albert ist
ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame Noirceuil, vier
Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen frisierte Knaben servieren.
Jeder der drei Wüstlinge hat also je zwei Knaben zu seiner Verfügung.
d’Albert verspricht Julietten einen Sicherheitsbrief, der sie gegen jede
gerichtliche Verfolgung, für welches Verbrechen es auch sei, schütze, und
Saint-Fond sichert ihr das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der
gebührenden Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem
seinem Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet
zu werden. Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am
Firmament die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er
leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er hasst
die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen. In sexueller
Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit atque ejaculatio ejus
maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der Typus eines schönen,
kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben. Er ist Alkoholist. Im
Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau des Noirceuil auf
schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen Körper mit Spiritus
Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst brennendes Oel über die nackten
Leiber der vier Mädchen. Juliette bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse
Summe, trennt sich dann endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im
Hause Noirceuils, ab und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin,
der Kammerdiener des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines
Tages sieht, sie überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von
Noirceuil durch Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und
veranlasst, dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die
Diebin denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem
Gedanken wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen
des ihr aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt
Juliette mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr
Verbrechertalent ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben
sie sich zu einem Souper bei diesem Minister.
Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer
Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“
angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine
Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt, „nicht
ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident d’Albert ist
ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame Noirceuil, vier
Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen frisierte Knaben servieren.
Jeder der drei Wüstlinge hat also je zwei Knaben zu seiner Verfügung.
d’Albert verspricht Julietten einen Sicherheitsbrief, der sie gegen jede
gerichtliche Verfolgung, für welches Verbrechen es auch sei, schütze, und
Saint-Fond sichert ihr das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der
gebührenden Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem
seinem Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet
zu werden. Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am
Firmament die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er
leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er hasst
die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen. In sexueller
Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit atque ejaculatio ejus
maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der Typus eines schönen,
kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben. Er ist Alkoholist. Im
Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau des Noirceuil auf
schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen Körper mit Spiritus
Page 276
ein, steckt brennende Lichter in omnia orifica corporis, so dass sie am
ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie schliesslich, wobei unter dem
Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen Anwesenden dem Todeskampfe
zuschauen. Juliette wird dann von dem Minister Saint-Fond zur Arrangeurin
seiner geheimen Orgien bestimmt, richtet sich mit seinem Gelde ein grosses
Hôtel in der Rue du Faubourg Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches
Landgut oberhalb von Sceaux, eine sehr wollüstig eingerichtete „petite
maison“ an der Barrière Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz
bestimmt ist. Sie wird als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde
Gesellschaft eingeführt, hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei
Nachtwärterinnen, eine Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei
Dienerinnen, drei Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und
zwölf — Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der
Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der
Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der sich oft
der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu beseitigen.
Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord 30000 Francs
bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht für sie eine
Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien — denn man
tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper — es giebt zwei Soupers
in der Woche — werden das Stück mit 20000 Francs bezahlt. Juliette erhält
also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen Einkünften, eine
monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von Saint-Fond für die
allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen auf 20 oder 30000
Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000 Francs. Saint-Fond fügt
noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu. Er kann dies ja mit
Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist, sondern das des Staates, den er
ausplündert.
Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen
Boudoirs der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette
in der vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen
Vergnügungen auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch
Juliette seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil
seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden und ante
oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein Genuss für
Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais, j’incestais,
j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf folgt ein luxuriöses
ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie schliesslich, wobei unter dem
Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen Anwesenden dem Todeskampfe
zuschauen. Juliette wird dann von dem Minister Saint-Fond zur Arrangeurin
seiner geheimen Orgien bestimmt, richtet sich mit seinem Gelde ein grosses
Hôtel in der Rue du Faubourg Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches
Landgut oberhalb von Sceaux, eine sehr wollüstig eingerichtete „petite
maison“ an der Barrière Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz
bestimmt ist. Sie wird als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde
Gesellschaft eingeführt, hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei
Nachtwärterinnen, eine Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei
Dienerinnen, drei Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und
zwölf — Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der
Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der
Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der sich oft
der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu beseitigen.
Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord 30000 Francs
bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht für sie eine
Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien — denn man
tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper — es giebt zwei Soupers
in der Woche — werden das Stück mit 20000 Francs bezahlt. Juliette erhält
also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen Einkünften, eine
monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von Saint-Fond für die
allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen auf 20 oder 30000
Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000 Francs. Saint-Fond fügt
noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu. Er kann dies ja mit
Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist, sondern das des Staates, den er
ausplündert.
Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen
Boudoirs der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette
in der vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen
Vergnügungen auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch
Juliette seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil
seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden und ante
oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein Genuss für
Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais, j’incestais,
j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf folgt ein luxuriöses
Page 277
Mahl, bei dem kleine Mädchen brennende Lichter ano inseruntur, so dass
sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen werden auf den
Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette wünscht noch eine
jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische Gehilfin, worauf man
sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen englischen Schönheit bekannt
macht. Diese, den Freuden der Tafel bis zum Uebermass huldigende
Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und Männerfeindin. Sie verübt
nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie liebt passive und aktive
Flagellation in gleicher Weise, was sie gleich bei einer tribadischen Orgie
mit Juliette und vier anderen Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert
Saint-Fond noch den Henker von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der
geheimen Hinrichtungen. Der Gedanke, mit einem veritablen Henker
zusammen zu sein, erregt in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von
Delcour, der ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und
zum Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum
facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour die
entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter Saint-Fond’s,
dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade deswegen zum Opfer
ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem begehrlichen Ansinnen
des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser hat die beiden Frauen bei
der Königin Marie-Antoinette verleumdet, die ihm drei Millionen (!) für
ihre Ermordung zur Verfügung stellt. Nachdem die ganze Familie in die
Falle gelockt ist, wird sie zunächst gezwungen, die scheusslichsten Arten
von Incest mit einander zu begehen. Dann werden Vater, Mutter und
Kinder, einer nach dem anderen, hingemordet. Recht langsam muss der
Henker Delcour der Tochter des Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-
Fond als ihr Paedico maximam habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal
schwarz drapieren lassen, in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae
befinden. Die Köpfe der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der
Königin gebracht zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die
— Nates! Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein
Mädchen Fulvie wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen,
die Glieder zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit
scharfen Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine
Kaffeemühle dreht, in kleine Stücke zerschnitten.
Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des
ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei Clairwil
sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen werden auf den
Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette wünscht noch eine
jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische Gehilfin, worauf man
sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen englischen Schönheit bekannt
macht. Diese, den Freuden der Tafel bis zum Uebermass huldigende
Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und Männerfeindin. Sie verübt
nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie liebt passive und aktive
Flagellation in gleicher Weise, was sie gleich bei einer tribadischen Orgie
mit Juliette und vier anderen Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert
Saint-Fond noch den Henker von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der
geheimen Hinrichtungen. Der Gedanke, mit einem veritablen Henker
zusammen zu sein, erregt in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von
Delcour, der ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und
zum Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum
facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour die
entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter Saint-Fond’s,
dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade deswegen zum Opfer
ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem begehrlichen Ansinnen
des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser hat die beiden Frauen bei
der Königin Marie-Antoinette verleumdet, die ihm drei Millionen (!) für
ihre Ermordung zur Verfügung stellt. Nachdem die ganze Familie in die
Falle gelockt ist, wird sie zunächst gezwungen, die scheusslichsten Arten
von Incest mit einander zu begehen. Dann werden Vater, Mutter und
Kinder, einer nach dem anderen, hingemordet. Recht langsam muss der
Henker Delcour der Tochter des Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-
Fond als ihr Paedico maximam habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal
schwarz drapieren lassen, in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae
befinden. Die Köpfe der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der
Königin gebracht zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die
— Nates! Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein
Mädchen Fulvie wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen,
die Glieder zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit
scharfen Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine
Kaffeemühle dreht, in kleine Stücke zerschnitten.
Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des
ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei Clairwil
Page 278
und Juliette in coitu zwei Männer erschiessen. Saint-Fond erdrosselt in
derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas, Dormon und
Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre Verlobten, werden
nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird „in einem
Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den Zähnen, worauf
er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird. Faustine, die mit den
Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor Schreck. Delnos wird von
Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas wird lebend „gepfählt“.
Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie „Jésus, ce plat coquin de
Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein natürlicher Sohn des Saint-Fond,
der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso lässt Saint-Fond die Mutter des
Marquis umbringen, um sich in den Besitz ihres grossen Vermögens zu
setzen.
Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines
Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines
braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser
sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die
heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und —
benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer
anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen, die
Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle Ausgänge
verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz des
Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady
Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die Stirne
wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte den Bauern
selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt oder gerädert
worden wäre!
Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte
Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“
ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet. Die Einrichtung
desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137). Nach Vorlesung der 45
Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die grössten Verbrecher und
Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft aufgenommen werden, wird
Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische Ausschweifungen folgen, an
denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark beteiligt ist. Episcopus in
nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae alterius mammam defaecat.
derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas, Dormon und
Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre Verlobten, werden
nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird „in einem
Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den Zähnen, worauf
er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird. Faustine, die mit den
Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor Schreck. Delnos wird von
Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas wird lebend „gepfählt“.
Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie „Jésus, ce plat coquin de
Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein natürlicher Sohn des Saint-Fond,
der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso lässt Saint-Fond die Mutter des
Marquis umbringen, um sich in den Besitz ihres grossen Vermögens zu
setzen.
Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines
Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines
braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser
sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die
heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und —
benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer
anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen, die
Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle Ausgänge
verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz des
Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady
Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die Stirne
wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte den Bauern
selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt oder gerädert
worden wäre!
Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte
Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“
ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet. Die Einrichtung
desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137). Nach Vorlesung der 45
Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die grössten Verbrecher und
Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft aufgenommen werden, wird
Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische Ausschweifungen folgen, an
denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark beteiligt ist. Episcopus in
nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae alterius mammam defaecat.
Page 279
Julia clysteribus excitatur. Ein Mann lässt sich eine grosse Zahl von Nadeln
in die testes et nates stossen. Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos,
aures, nares, spatia interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae,
quam paedicat. Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil
trinkt das Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In vier Sälen
für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese
scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste
begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters fehlt
es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste Vergnügen hat,
der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der „f...... en bouche“!
Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend
Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre zwölf
Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder die zahllosen
männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die Harems der
„Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem unersättlichen
Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht noch allerlei
sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen bei dem
Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit sie
entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei — Testikel hat und er ihnen
gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene und auch ein
grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat dieser Diener Gottes
ein kleines Separatlogis, in dem die beiden Freundinnen gute Weine,
mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte pornographische
Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und „Martinets“. Aber
lange soll die Freude des braven Mönches nicht dauern. Er wird eines Tages
von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt und ablatione membri virilis
facta, das Clairwil als Godmiché benutzt, getötet.
Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole, ein
schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige
Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier,
dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater durch
Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen Grundsatzes
sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. Bernole ist ihr wirklicher Vater
und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt der Gedanke eines Incestes
mit diesem Elenden in der zartfühlenden jungen Dame auf. Sie realisiert
diese Idee und lässt sich absichtlich von ihrem eigenen Vater schwängern,
in die testes et nates stossen. Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos,
aures, nares, spatia interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae,
quam paedicat. Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil
trinkt das Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In vier Sälen
für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese
scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste
begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters fehlt
es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste Vergnügen hat,
der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der „f...... en bouche“!
Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend
Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre zwölf
Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder die zahllosen
männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die Harems der
„Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem unersättlichen
Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht noch allerlei
sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen bei dem
Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit sie
entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei — Testikel hat und er ihnen
gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene und auch ein
grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat dieser Diener Gottes
ein kleines Separatlogis, in dem die beiden Freundinnen gute Weine,
mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte pornographische
Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und „Martinets“. Aber
lange soll die Freude des braven Mönches nicht dauern. Er wird eines Tages
von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt und ablatione membri virilis
facta, das Clairwil als Godmiché benutzt, getötet.
Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole, ein
schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige
Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier,
dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater durch
Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen Grundsatzes
sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. Bernole ist ihr wirklicher Vater
und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt der Gedanke eines Incestes
mit diesem Elenden in der zartfühlenden jungen Dame auf. Sie realisiert
diese Idee und lässt sich absichtlich von ihrem eigenen Vater schwängern,
Page 280
den sie dann in Gegenwart der sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil,
Saint-Fond und Clairwil erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der
Tochter Saint-Fond’s, die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen,
bereits von ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht
ist, trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss
einer Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei
„Satansmessen“ gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen
Bekanntschaft sie durch Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat
die Manie, kleine Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden
zu lassen, sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo
sanguis decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist
er ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass ein
Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann; das
macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur zum
vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede Generation
nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach zwei
Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!
Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest
empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im
Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin
Durand, die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden
Person hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als fünf
Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald sie aufhört,
lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle dieser blutdürstigen
Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die Geheimnisse der
Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen werden ausgeführt, die
von den Messalinen bejubelt und durch anthropophagische und
fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil cor pueri eripit et vaginae
inserit.)
So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur noch an
den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack findet. Sie
ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer vertraulichen
Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er will Frankreich
entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern lassen! Dies macht
selbst die hartgesottene Juliette schaudern. Saint-Fond bemerkt es und zieht
sich wütend zurück. Juliette empfängt von Noirceuil ein Billet mit der
Saint-Fond und Clairwil erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der
Tochter Saint-Fond’s, die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen,
bereits von ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht
ist, trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss
einer Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei
„Satansmessen“ gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen
Bekanntschaft sie durch Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat
die Manie, kleine Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden
zu lassen, sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo
sanguis decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist
er ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass ein
Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann; das
macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur zum
vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede Generation
nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach zwei
Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!
Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest
empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im
Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin
Durand, die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden
Person hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als fünf
Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald sie aufhört,
lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle dieser blutdürstigen
Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die Geheimnisse der
Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen werden ausgeführt, die
von den Messalinen bejubelt und durch anthropophagische und
fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil cor pueri eripit et vaginae
inserit.)
So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur noch an
den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack findet. Sie
ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer vertraulichen
Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er will Frankreich
entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern lassen! Dies macht
selbst die hartgesottene Juliette schaudern. Saint-Fond bemerkt es und zieht
sich wütend zurück. Juliette empfängt von Noirceuil ein Billet mit der
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Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu
verderben trachte und dass sie daher so schnell wie möglich Paris verlassen
möge. So verlässt sie Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei
der Flucht aus: „O verhängnisvolle Tugend! Du hast mich wieder einmal
einen Augenblick getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man
mich nochmals zu den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird.
Ersticken wir die Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen
zu verderben. Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz
verderbten Welt zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen
Corruption schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres,
ihre Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als
Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der
Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und
viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange, der
über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie, nachdem
sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben enthüllt hat.
In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst Thränen entlockt,
sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena in ihrer neuen
Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche kleine Rede“ hat
Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine Zeit lang das ihr allerdings
neue eheliche Leben ertragen hat, siegt ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und
Aberglauben“. Sie versüsst sich die zwei mit dem „harmlosen“ Manne
verlebten „monotonen“ Jahre durch heimliche Excesse, besonders durch
tribadische Genüsse, bis sie bei einer Messe den famosen Abbé Chabert,
eines der früheren Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die alte Herrlichkeit wieder. Feste und
Orgien werden gefeiert, obgleich Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen
das Leben zu geben, um „das Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch
fängt dessen Existenz schon an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt,
dass Saint-Fond ihr nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen,
vergiftet ihren Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und
seine Witwe als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen
mit vielen Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt
ihre Tochter bei Chabert zurück.
Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina!
Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern ihr
Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich überall als
verderben trachte und dass sie daher so schnell wie möglich Paris verlassen
möge. So verlässt sie Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei
der Flucht aus: „O verhängnisvolle Tugend! Du hast mich wieder einmal
einen Augenblick getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man
mich nochmals zu den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird.
Ersticken wir die Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen
zu verderben. Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz
verderbten Welt zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen
Corruption schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres,
ihre Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als
Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der
Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und
viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange, der
über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie, nachdem
sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben enthüllt hat.
In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst Thränen entlockt,
sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena in ihrer neuen
Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche kleine Rede“ hat
Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine Zeit lang das ihr allerdings
neue eheliche Leben ertragen hat, siegt ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und
Aberglauben“. Sie versüsst sich die zwei mit dem „harmlosen“ Manne
verlebten „monotonen“ Jahre durch heimliche Excesse, besonders durch
tribadische Genüsse, bis sie bei einer Messe den famosen Abbé Chabert,
eines der früheren Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die alte Herrlichkeit wieder. Feste und
Orgien werden gefeiert, obgleich Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen
das Leben zu geben, um „das Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch
fängt dessen Existenz schon an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt,
dass Saint-Fond ihr nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen,
vergiftet ihren Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und
seine Witwe als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen
mit vielen Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt
ihre Tochter bei Chabert zurück.
Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina!
Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern ihr
Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich überall als
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solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin, der „regelmässigsten
und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das fromme abergläubische Volk,
das wenig Sinn für Vergnügungen hat, gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer
Ankunft lässt sie die Signora Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der
Stadt benachrichtigen, dass eine junge und hübsche Französin zu
„vermieten“ sei. Alsbald kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in
hellen Scharen zu der Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von
Chablais sagt, bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller
Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier so
etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich warten,
dessen Manie das — Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser der
Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen
Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des
Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten
Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani soll sie
als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen zunächst nach
Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird und ihnen die
Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich zustatten kommt. In
Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs höchste entwickelt und
beteiligen sich an einer derartigen Orgie in einem Nonnenkloster. Die Reise
über die Apenninen verschafft ihnen die Bekanntschaft mit einem sieben
Fuss drei Zoll hohen Riesen und anthropophagischen Ungeheuer. Minski —
so heisst das Scheusal — lebt als „Eremit des Apennin“ in einem
befestigten Hause auf der Insel eines Teiches. Die Stühle in diesem Hause
sind aus menschlichen Knochen angefertigt; das Haus selbst ist voll von
Skeletten. In unterirdischen Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten
Opfer eingesperrt. Minski stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat
grosse Reisen gemacht, um die „Unzucht und die Verbrechen auf der
ganzen Erde zu studieren und nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die
Einsamkeit zurückgezogen, um im Verborgenen seinen verbrecherischen
Gelüsten freien Lauf zu lassen. Er ist hauptsächlich Menschenfresser und
schreibt dieser lieblichen Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er
lauert den Reisenden auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf
seinem Tische serviert werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und
Sbrigani sollen diesem Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er
ihnen die Honneurs in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten
Harems, die Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die
und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das fromme abergläubische Volk,
das wenig Sinn für Vergnügungen hat, gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer
Ankunft lässt sie die Signora Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der
Stadt benachrichtigen, dass eine junge und hübsche Französin zu
„vermieten“ sei. Alsbald kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in
hellen Scharen zu der Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von
Chablais sagt, bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller
Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier so
etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich warten,
dessen Manie das — Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser der
Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen
Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des
Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten
Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani soll sie
als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen zunächst nach
Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird und ihnen die
Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich zustatten kommt. In
Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs höchste entwickelt und
beteiligen sich an einer derartigen Orgie in einem Nonnenkloster. Die Reise
über die Apenninen verschafft ihnen die Bekanntschaft mit einem sieben
Fuss drei Zoll hohen Riesen und anthropophagischen Ungeheuer. Minski —
so heisst das Scheusal — lebt als „Eremit des Apennin“ in einem
befestigten Hause auf der Insel eines Teiches. Die Stühle in diesem Hause
sind aus menschlichen Knochen angefertigt; das Haus selbst ist voll von
Skeletten. In unterirdischen Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten
Opfer eingesperrt. Minski stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat
grosse Reisen gemacht, um die „Unzucht und die Verbrechen auf der
ganzen Erde zu studieren und nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die
Einsamkeit zurückgezogen, um im Verborgenen seinen verbrecherischen
Gelüsten freien Lauf zu lassen. Er ist hauptsächlich Menschenfresser und
schreibt dieser lieblichen Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er
lauert den Reisenden auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf
seinem Tische serviert werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und
Sbrigani sollen diesem Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er
ihnen die Honneurs in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten
Harems, die Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die
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Liebenswürdigkeit Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu
lassen; wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es
jeden Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein
extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden
Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit
gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die
Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes
satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der
Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse eines
besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht heraus,
ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es ist Ihre
Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen
Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist in ein
Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante
Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt einige
Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger werfen.
Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen auf einmal
erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht amüsant, und
Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr Ueberraschungen,
aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani teilt ihre Befürchtungen.
Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt dem Menschenfresser
Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass er betäubt wird, denn
„ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie raubt aus seinen Schränken
alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise und Raymonde, mit. So
kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und Silber, nach Florenz.
Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und
einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen
Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren, Sitten
und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder der Marie-
Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute la morgue
allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter zu einer Orgie,
die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino veranstalten und bei
der Juliette sehr hochmütig als „Französin“ auftritt, eingeladen. Leopold,
dieser „grand successeur de la première putain de France“ betreibt als Sport
die künstliche Herbeiführung des Abortus der von ihm geschwängerten
Frauen. Heute aber hat er etwas ganz Besonderes darzubieten. Er bewirtet
lassen; wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es
jeden Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein
extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden
Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit
gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die
Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes
satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der
Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse eines
besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht heraus,
ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es ist Ihre
Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen
Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist in ein
Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante
Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt einige
Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger werfen.
Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen auf einmal
erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht amüsant, und
Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr Ueberraschungen,
aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani teilt ihre Befürchtungen.
Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt dem Menschenfresser
Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass er betäubt wird, denn
„ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie raubt aus seinen Schränken
alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise und Raymonde, mit. So
kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und Silber, nach Florenz.
Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und
einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen
Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren, Sitten
und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder der Marie-
Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute la morgue
allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter zu einer Orgie,
die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino veranstalten und bei
der Juliette sehr hochmütig als „Französin“ auftritt, eingeladen. Leopold,
dieser „grand successeur de la première putain de France“ betreibt als Sport
die künstliche Herbeiführung des Abortus der von ihm geschwängerten
Frauen. Heute aber hat er etwas ganz Besonderes darzubieten. Er bewirtet
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Juliette mit einer Aufführung von Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die
Köpfe fallen nach dem Takte und à la ritournelle!
Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer
sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher
nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie dort.
Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel. Tizians „Venus“
in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die obscönen Darstellungen in
der Malerei, wobei die „Venus von Medici“, der „Hermaphrodit“, „Caligula
caressant sa sœur“ erwähnt werden.
Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter
ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen
Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen,
Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen
Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und des
Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den gewöhnlichen
Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer Selbstironie eine
die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode auf dem Priapus“.
Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die Herzogin von Grillo.
Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester, Mönche, Abbés u. s. w.
sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese auf die Idee, alle
Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in Brand zu stecken. Sie
will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und den Grafen Bracciani, den
ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen. Ghigi lässt besonders gern die
Menschen aufhängen, da er als Zuschauer gerade dadurch sexuell erregt
wird, und führt auf Verlangen Juliettens und der Borghese eine solche Szene
vor. Bracciani, dieser grosse Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“
ein Mädchen. Endlich werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei
mehr als 20000 Menschen umkommen, und Olympia und Juliette in
grösster sexueller Erregung zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei
einer Orgie im Hause der Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein
Eunuch, ein Hermaphrodit, ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner
Knabe von 4 Jahren, eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein
Truthahn! Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im
Moment der Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat
natürlich in ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie
Köpfe fallen nach dem Takte und à la ritournelle!
Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer
sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher
nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie dort.
Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel. Tizians „Venus“
in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die obscönen Darstellungen in
der Malerei, wobei die „Venus von Medici“, der „Hermaphrodit“, „Caligula
caressant sa sœur“ erwähnt werden.
Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter
ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen
Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen,
Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen
Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und des
Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den gewöhnlichen
Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer Selbstironie eine
die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode auf dem Priapus“.
Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die Herzogin von Grillo.
Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester, Mönche, Abbés u. s. w.
sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese auf die Idee, alle
Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in Brand zu stecken. Sie
will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und den Grafen Bracciani, den
ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen. Ghigi lässt besonders gern die
Menschen aufhängen, da er als Zuschauer gerade dadurch sexuell erregt
wird, und führt auf Verlangen Juliettens und der Borghese eine solche Szene
vor. Bracciani, dieser grosse Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“
ein Mädchen. Endlich werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei
mehr als 20000 Menschen umkommen, und Olympia und Juliette in
grösster sexueller Erregung zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei
einer Orgie im Hause der Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein
Eunuch, ein Hermaphrodit, ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner
Knabe von 4 Jahren, eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein
Truthahn! Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im
Moment der Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat
natürlich in ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie
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zum Feuertode verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig
verbrannt.
Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit seinem
früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt über den
kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält, was Pius VI., der
selbst als schrecklicher Atheist und als ein geschlechtliches Ungeheuer
geschildert wird, mit grossem Beifall aufnimmt. Bisweilen versucht er
zwar, sie zu unterbrechen, wird aber durch ein: „Schweig, alter Affe!“
eingeschüchtert und ruft nach Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man
hat mir zwar gesagt, dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht
erwartet. Ein solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer
Frau.“ Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen.
Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen, lässt
sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei sie sehr
cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit einer sehr
intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine materialistischen
und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581] Beim nächsten Male
wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert. Der Papst celebriert
selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse einige Menschen getötet
werden. Juliette siedelt nunmehr in das Schlafgemach des heiligen Vaters
über und benutzt die Gelegenheit einer in der grossen Gallerie
stattfindenden sexuellen Unterhaltung, um den Papst zu bestehlen. Hierauf
reist sie mit Empfehlungen an die königliche Familie nach Neapel ab.
Unterwegs wird sie von den Räubern des berüchtigten Brisa-Testa
überfallen, auf dessen Schloss geführt und mit ihren Begleitern in einem
dunklen Verliess eingesperrt. Sie hören von der blutdürstigen Frau des
Räuberhauptmanns sprechen, der sie geopfert werden sollen. Juliette
erkennt in derselben ihre alte Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester
des Brisa-Testa ist, aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine
lange Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland,
Sibirien und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen
und Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais
tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht.
Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den
Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach
Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält ihm
einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel und
verbrannt.
Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit seinem
früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt über den
kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält, was Pius VI., der
selbst als schrecklicher Atheist und als ein geschlechtliches Ungeheuer
geschildert wird, mit grossem Beifall aufnimmt. Bisweilen versucht er
zwar, sie zu unterbrechen, wird aber durch ein: „Schweig, alter Affe!“
eingeschüchtert und ruft nach Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man
hat mir zwar gesagt, dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht
erwartet. Ein solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer
Frau.“ Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen.
Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen, lässt
sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei sie sehr
cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit einer sehr
intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine materialistischen
und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581] Beim nächsten Male
wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert. Der Papst celebriert
selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse einige Menschen getötet
werden. Juliette siedelt nunmehr in das Schlafgemach des heiligen Vaters
über und benutzt die Gelegenheit einer in der grossen Gallerie
stattfindenden sexuellen Unterhaltung, um den Papst zu bestehlen. Hierauf
reist sie mit Empfehlungen an die königliche Familie nach Neapel ab.
Unterwegs wird sie von den Räubern des berüchtigten Brisa-Testa
überfallen, auf dessen Schloss geführt und mit ihren Begleitern in einem
dunklen Verliess eingesperrt. Sie hören von der blutdürstigen Frau des
Räuberhauptmanns sprechen, der sie geopfert werden sollen. Juliette
erkennt in derselben ihre alte Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester
des Brisa-Testa ist, aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine
lange Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland,
Sibirien und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen
und Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais
tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht.
Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den
Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach
Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält ihm
einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel und
Page 286
dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung, dieser
„halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen Ausfällen
gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die Königin Charlotte
(Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche Tribade, deren Reize
„d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten Bekanntschaft kennen lernt,
bei der es zu einer tribadischen Szene zwischen den beiden kommt und der
Godmiché sowie die defaecatio ad os eine Rolle spielen. Ferdinand ist
Nekrophile. Paedicat cadaver eines von ihm erdrosselten Pagen. Die
herrlichen Umgebungen Neapels, die aber auch die Erinnerungen an die
Greuel Nero’s wachrufen, werden durch Orgien am Cap Misenum, in
Puzzoli, in den Ruinen der Insel Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im
Venustempel zu Bajae geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese
gemeinen Fischern hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen
von Francavilla, einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. — Er
veranstaltet ein üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig
ausgestattete Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und
— automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die
Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und
Liköre“ bacchantisch wütet. — Bei einem Besuch des Antikenmuseums in
Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer
Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden König
Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die Ruinen von
Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli, der
Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno ein Haus
für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er findet
hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen Befriedigung
mit — Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen Weiber bei einer
tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter hat. Natürlich
werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus laceratis. Sorrent,
Castellamare und die blaue Grotte werden dann besucht. Und auf Capri
ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners der Insel, des Kaisers
Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten Zeit nach Neapel zurück, um
ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei dem es wild hergeht und 400
Personen getötet werden. Karoline und Juliette schmieden ein Complott
gegen den König Ferdinand, das durch den folgenden von der Königin
unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet wird: „Ich werde meinem Gatten
alle Schätze stehlen und sie derjenigen geben, die mir das Gift liefern wird,
„halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen Ausfällen
gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die Königin Charlotte
(Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche Tribade, deren Reize
„d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten Bekanntschaft kennen lernt,
bei der es zu einer tribadischen Szene zwischen den beiden kommt und der
Godmiché sowie die defaecatio ad os eine Rolle spielen. Ferdinand ist
Nekrophile. Paedicat cadaver eines von ihm erdrosselten Pagen. Die
herrlichen Umgebungen Neapels, die aber auch die Erinnerungen an die
Greuel Nero’s wachrufen, werden durch Orgien am Cap Misenum, in
Puzzoli, in den Ruinen der Insel Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im
Venustempel zu Bajae geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese
gemeinen Fischern hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen
von Francavilla, einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. — Er
veranstaltet ein üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig
ausgestattete Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und
— automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die
Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und
Liköre“ bacchantisch wütet. — Bei einem Besuch des Antikenmuseums in
Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer
Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden König
Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die Ruinen von
Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli, der
Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno ein Haus
für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er findet
hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen Befriedigung
mit — Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen Weiber bei einer
tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter hat. Natürlich
werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus laceratis. Sorrent,
Castellamare und die blaue Grotte werden dann besucht. Und auf Capri
ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners der Insel, des Kaisers
Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten Zeit nach Neapel zurück, um
ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei dem es wild hergeht und 400
Personen getötet werden. Karoline und Juliette schmieden ein Complott
gegen den König Ferdinand, das durch den folgenden von der Königin
unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet wird: „Ich werde meinem Gatten
alle Schätze stehlen und sie derjenigen geben, die mir das Gift liefern wird,
Page 287
das notwendig ist, um ihn in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag
wird durch eine tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König
erfreut Juliette noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt
zwei Frauen auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf
einander stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das
Merkwürdigste aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen
Aufführungen etwas ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder
Hinrichtungen! Das ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder
Eingeladene hat seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben
verschiedenen Arten von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick,
Rad, Pfählung, Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der
Loge 50 Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und
jeder Art der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen
Druck auf einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den
Glockenton benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des
Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton:
Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt und
schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist herrlich! Die
Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten Combinationen zu
finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden 1176 Personen vom
Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass das alles ganz genau
so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung gesehen hätten, wir sie
nicht treuer hätten beschreiben können! Dieses Schauspiel begeistert
Juliette und Clairwil zu einem besonders pikanten Verbrechen. Sie
schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia Borghese Verderben. Auf einer
Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden
auf die ahnungslose Olympia, entkleiden sie und werfen sie in den Krater
hinein, worauf sich ihre sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft
macht. Bei dieser erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt
ihre Kleider!“ ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem
sie alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. —
Inzwischen hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette
in Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach
Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der die
Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit allen
Schätzen entflieht.
wird durch eine tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König
erfreut Juliette noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt
zwei Frauen auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf
einander stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das
Merkwürdigste aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen
Aufführungen etwas ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder
Hinrichtungen! Das ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder
Eingeladene hat seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben
verschiedenen Arten von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick,
Rad, Pfählung, Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der
Loge 50 Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und
jeder Art der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen
Druck auf einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den
Glockenton benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des
Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton:
Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt und
schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist herrlich! Die
Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten Combinationen zu
finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden 1176 Personen vom
Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass das alles ganz genau
so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung gesehen hätten, wir sie
nicht treuer hätten beschreiben können! Dieses Schauspiel begeistert
Juliette und Clairwil zu einem besonders pikanten Verbrechen. Sie
schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia Borghese Verderben. Auf einer
Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden
auf die ahnungslose Olympia, entkleiden sie und werfen sie in den Krater
hinein, worauf sich ihre sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft
macht. Bei dieser erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt
ihre Kleider!“ ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem
sie alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. —
Inzwischen hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette
in Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach
Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der die
Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit allen
Schätzen entflieht.
Page 288
Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die aber
Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem sie ihr
vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach der Ermordung
sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie dachte nicht daran,
Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste sterben.“ Der Vorfall
wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen mit Matrosen, denen die
Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von Ancona hingeben, vergessen.
Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli in einer Kirche den
Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses blutdürstige Scheusal
besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine Opfer ins Meer stürzen
lässt, oder sie auch wie die unglückliche Raymonde in einen
Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen gefressen werden. Aber er
treibts nicht mehr lange. Die Durand und Juliette vergiften ihn und seine
Genossen und bemächtigen sich seiner ungeheuren Reichtümer.
Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame
Gourdan errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der
vornehmen Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur
Schilderung sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter
Prokurator von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind.
Aber es darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der
Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit, da er
die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und eine
„Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte stürzt
Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs
erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen und
ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an
Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten
Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses Mannes
grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher nicht
beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche Liebhaber in
einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der Durand mit einem
Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und Tatzen“ die Zanetti. —
Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in ihren Allüren ganz Mann. Sie hat
einen kunstvollen Phallus construirt, der mit Spitzen für mehrere orificia
corporis versehen ist. — Ganz eigentümliche Gewohnheiten hat ein
gewisser Cornaro. Er befriedigt sich an kleinen Knaben, aber nur, wenn
deren — Mutter und Tante zugegen sind. Er giebt ein „anthropophagisches
Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem sie ihr
vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach der Ermordung
sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie dachte nicht daran,
Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste sterben.“ Der Vorfall
wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen mit Matrosen, denen die
Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von Ancona hingeben, vergessen.
Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli in einer Kirche den
Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses blutdürstige Scheusal
besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine Opfer ins Meer stürzen
lässt, oder sie auch wie die unglückliche Raymonde in einen
Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen gefressen werden. Aber er
treibts nicht mehr lange. Die Durand und Juliette vergiften ihn und seine
Genossen und bemächtigen sich seiner ungeheuren Reichtümer.
Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame
Gourdan errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der
vornehmen Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur
Schilderung sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter
Prokurator von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind.
Aber es darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der
Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit, da er
die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und eine
„Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte stürzt
Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs
erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen und
ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an
Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten
Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses Mannes
grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher nicht
beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche Liebhaber in
einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der Durand mit einem
Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und Tatzen“ die Zanetti. —
Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in ihren Allüren ganz Mann. Sie hat
einen kunstvollen Phallus construirt, der mit Spitzen für mehrere orificia
corporis versehen ist. — Ganz eigentümliche Gewohnheiten hat ein
gewisser Cornaro. Er befriedigt sich an kleinen Knaben, aber nur, wenn
deren — Mutter und Tante zugegen sind. Er giebt ein „anthropophagisches
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Souper“, bei dem die Durand, Juliette und Laurentia, die „verderbteste,
lascivste und geistreichste Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und
Negerinnen, Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen
assistieren bei den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro
zu dem Ausruf begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses
détails!“ — Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste
Satire des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et
dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit langem
gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu prostituiren. —
Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat es besonders auf gravide
Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode martert, indem er ihnen
allmählich die Nahrung entzieht. — Der Senator Contanini bringt seine
Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man spiegelt ihm später ihren Tod
vor, um sie als Prostituirte auszubilden. Auch mit Giften und
Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute Geschäfte. Sie
werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer Orgie geladen und
geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt die Freuden der
lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen Sturm, der auf
offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais einer vornehmen
Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der Rat der Zehn
stellt sich ein.
Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird
aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert. Juliette
geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende Rückkehr
nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt, dass er ihre nun
schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls nach Paris bringe, damit
sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde. Die Freude des Wiedersehens
mit Noirceuil ist gross. Dieser hält gleich eine seiner grossen Reden und
sagt, dass Juliette ihn noch tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn
verlassen habe. Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern
dann ihr Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein
Bordell ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die
Waren herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft
grandiosen Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die
Kaiserin Theodora zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche
unter Gebet, Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre
Tochter und ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser
lascivste und geistreichste Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und
Negerinnen, Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen
assistieren bei den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro
zu dem Ausruf begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses
détails!“ — Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste
Satire des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et
dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit langem
gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu prostituiren. —
Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat es besonders auf gravide
Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode martert, indem er ihnen
allmählich die Nahrung entzieht. — Der Senator Contanini bringt seine
Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man spiegelt ihm später ihren Tod
vor, um sie als Prostituirte auszubilden. Auch mit Giften und
Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute Geschäfte. Sie
werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer Orgie geladen und
geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt die Freuden der
lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen Sturm, der auf
offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais einer vornehmen
Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der Rat der Zehn
stellt sich ein.
Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird
aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert. Juliette
geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende Rückkehr
nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt, dass er ihre nun
schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls nach Paris bringe, damit
sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde. Die Freude des Wiedersehens
mit Noirceuil ist gross. Dieser hält gleich eine seiner grossen Reden und
sagt, dass Juliette ihn noch tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn
verlassen habe. Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern
dann ihr Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein
Bordell ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die
Waren herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft
grandiosen Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die
Kaiserin Theodora zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche
unter Gebet, Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre
Tochter und ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser
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in der Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie,
die Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren,
werden die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter
grässlichen Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!
Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern,
nachdem sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut
Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat, alle
Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt habe.
Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden Apotheose des
Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich jetzt seht, meine
Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen leidenschaftlich. Dieses
allein reizt meine Sinne, und ich werde seine Grundsätze bis zum letzten
Tage meines Lebens verkünden. Frei von jeder religiösen Furcht, erhaben
über die Gesetze durch meine Verschwiegenheit und meine Reichtümer,
möchte ich die göttliche oder menschliche Gewalt kennen lernen, die mir
meine Wünsche verbieten könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die
Gegenwart elektrisiert mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass
der Rest meines Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem
noch übertreffen wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit
sie sich über alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und
wird immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer,
die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die
erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält sich
die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte wieder.
Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern. Ein
Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen darf. O
meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus deren
Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“
Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint.
Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils und
Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“
beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen
Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man bringt
Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom Blitz
erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters. Die Natur
hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück. Während sie
die Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren,
werden die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter
grässlichen Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!
Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern,
nachdem sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut
Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat, alle
Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt habe.
Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden Apotheose des
Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich jetzt seht, meine
Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen leidenschaftlich. Dieses
allein reizt meine Sinne, und ich werde seine Grundsätze bis zum letzten
Tage meines Lebens verkünden. Frei von jeder religiösen Furcht, erhaben
über die Gesetze durch meine Verschwiegenheit und meine Reichtümer,
möchte ich die göttliche oder menschliche Gewalt kennen lernen, die mir
meine Wünsche verbieten könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die
Gegenwart elektrisiert mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass
der Rest meines Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem
noch übertreffen wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit
sie sich über alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und
wird immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer,
die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die
erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält sich
die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte wieder.
Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern. Ein
Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen darf. O
meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus deren
Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“
Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint.
Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils und
Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“
beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen
Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man bringt
Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom Blitz
erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters. Die Natur
hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück. Während sie
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noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel verüben, erscheint
plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche. Sie hat einen grossen Teil
des in Venedig konfiszierten Vermögens gerettet. Zum Schluss wird
Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert wird Erzbischof, der Marquis wird
Gesandter in Konstantinopel und der Chevalier bekommt eine Rente von
400000 Livres. Juliette und die Durand folgen ihrem geliebten Noirceuil zu
neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn Jahren glänzender Erfolge des Lasters
Juliette stirbt.
„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der betitle
sie: Die Wonne des Lasters!“
plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche. Sie hat einen grossen Teil
des in Venedig konfiszierten Vermögens gerettet. Zum Schluss wird
Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert wird Erzbischof, der Marquis wird
Gesandter in Konstantinopel und der Chevalier bekommt eine Rente von
400000 Livres. Juliette und die Durand folgen ihrem geliebten Noirceuil zu
neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn Jahren glänzender Erfolge des Lasters
Juliette stirbt.
„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der betitle
sie: Die Wonne des Lasters!“
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5. Die „Philosophie dans le Boudoir“.
Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“
erschien zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de
Justine“ in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden
mit 10 Bildern und seitdem öfter.
Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von
Mirabeau und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des Nicolas Chorier.
Das Hauptthema: die Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster wird in
Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab und
zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen
unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen
Erörterungen.
Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die
Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch
widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren
Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch
kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter als
Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in
Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf
diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch
zum Glück zu leiten im Stande ist.
„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein
möge, verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen
Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in
Fesseln hält.
„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten
worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften Moral
erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der
glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie es
thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern eingeprägt
wurden.
Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“
erschien zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de
Justine“ in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden
mit 10 Bildern und seitdem öfter.
Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von
Mirabeau und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des Nicolas Chorier.
Das Hauptthema: die Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster wird in
Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab und
zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen
unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen
Erörterungen.
Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die
Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch
widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren
Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch
kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter als
Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in
Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf
diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch
zum Glück zu leiten im Stande ist.
„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein
möge, verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen
Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in
Fesseln hält.
„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten
worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften Moral
erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der
glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie es
thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern eingeprägt
wurden.
Page 293
„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine
anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden
leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch der
Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, wenn
Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen
bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur eine
Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes und
Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man seinem
Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich der Mensch,
welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese Weise aus den
Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im
ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier
de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit ihr in
Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv und tritt
in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des Dolmancé zurück.
Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit seiner geistreichen
Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er ist nach Mirvels
Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften Lebenswandel hart
geworden und besitzt anstatt des Herzens nur tierische Begierden. Er ist
Paederast und hört nicht auf, in Apologien dieses Lasters zu schwelgen.
Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine
Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange
unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im Laster
erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral ausgeredet und sie
so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung anvertrauen will. So soll
sie denn heute — die ganze Handlung spielt sich im Laufe eines einzigen
Tages ab — in die Mysterien des Venusdienstes und — Sodoms eingeweiht
werden. Eugenie kommt und verrät ihre wahre Natur sofort durch das
Bekenntnis, dass sie ihre Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé
erscheint als Letzter und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange
Scham heuchelt, zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen
und weiblichen Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt
darauf in den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“
Unterricht. Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der
Chevalier und ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass
anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden
leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch der
Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, wenn
Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen
bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur eine
Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes und
Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man seinem
Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich der Mensch,
welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese Weise aus den
Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im
ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier
de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit ihr in
Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv und tritt
in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des Dolmancé zurück.
Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit seiner geistreichen
Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er ist nach Mirvels
Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften Lebenswandel hart
geworden und besitzt anstatt des Herzens nur tierische Begierden. Er ist
Paederast und hört nicht auf, in Apologien dieses Lasters zu schwelgen.
Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine
Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange
unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im Laster
erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral ausgeredet und sie
so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung anvertrauen will. So soll
sie denn heute — die ganze Handlung spielt sich im Laufe eines einzigen
Tages ab — in die Mysterien des Venusdienstes und — Sodoms eingeweiht
werden. Eugenie kommt und verrät ihre wahre Natur sofort durch das
Bekenntnis, dass sie ihre Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé
erscheint als Letzter und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange
Scham heuchelt, zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen
und weiblichen Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt
darauf in den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“
Unterricht. Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der
Chevalier und ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass
Page 294
Eugenie das Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend,
als Eugenie sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt
hat, kommt ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter
den Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von
einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische geht,
muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden
durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.
als Eugenie sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt
hat, kommt ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter
den Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von
einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische geht,
muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden
durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.
Page 295
6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.
„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind die
Werke, denen der Marquis de Sade seinen herostratischen Ruhm verdankt.
Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und erträglich im
Vergleich mit den eben genannten. Marciat nennt deshalb die in ihnen zum
Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den „kleinen Sadismus“.
[585]
„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an
avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre
1795. Girouard wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von Sade
beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung
verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman heimlich
gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau Girouard’s.
Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem Titel in den
Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler Maradan die
Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und brachte das Werk so in
den Handel.[586] Es ist, wie Marciat richtig vermutet, unzweifelhaft ein
Vorbild der „Justine et Juliette“, da es fast dieselben Charaktere schildert.
Valcour, ein tugendhafter junger Mann liebt Aline, die edle Tochter der
edlen Frau des grausamen und lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser
möchte seine Tochter gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten,
zumal da er schon früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter
hält, diesem alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn
dieser Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten
geben, um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft
zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de Blamont
wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, Dolbourg
wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa und Leonore sind
zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. Leonore, die überall Glück
hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch an sonstigen interessanten
Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis auf die Vergiftung und einige
„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind die
Werke, denen der Marquis de Sade seinen herostratischen Ruhm verdankt.
Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und erträglich im
Vergleich mit den eben genannten. Marciat nennt deshalb die in ihnen zum
Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den „kleinen Sadismus“.
[585]
„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an
avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre
1795. Girouard wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von Sade
beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung
verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman heimlich
gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau Girouard’s.
Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem Titel in den
Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler Maradan die
Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und brachte das Werk so in
den Handel.[586] Es ist, wie Marciat richtig vermutet, unzweifelhaft ein
Vorbild der „Justine et Juliette“, da es fast dieselben Charaktere schildert.
Valcour, ein tugendhafter junger Mann liebt Aline, die edle Tochter der
edlen Frau des grausamen und lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser
möchte seine Tochter gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten,
zumal da er schon früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter
hält, diesem alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn
dieser Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten
geben, um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft
zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de Blamont
wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, Dolbourg
wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa und Leonore sind
zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. Leonore, die überall Glück
hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch an sonstigen interessanten
Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis auf die Vergiftung und einige
Page 296
Flagellationsszenen enthält „Aline et Valcour“ keine Schilderungen von
Grausamkeiten.[587]
Quérard meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert habe
und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]
Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques
et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine
Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“,
„Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in denen
der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich aber
siegt die Tugend. Der Marquis de Sade handelt über diese Sammlung in
seiner polemischen Schrift gegen Villeterque.[589]
Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb Sade die „Idée sur les
Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die
Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine
historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde der
Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die Geschichte
ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten Roman
schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück oder
Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über die cynische
Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, als ungerechtfertigt
zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es verabscheut werde. Die
gefährlichsten Werke sind die, welche es verschönern und in glänzenden
Farben schildern. Nein, es muss in seiner ganzen Nacktheit vor Augen
stehen, damit es in seinem wahren Wesen erkannt und gemieden werde.
Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches Sade die Ungnade
Napoléon’s zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in Paris.
Zoloé ist Josephine de Beauharnais, die Gattin Bonaparte’s. Sie wird als
eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre Freundin Laureda
(Madame Tallien), eine Spanierin, ist „ganz Feuer und ganz Liebe“, sehr
reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste befriedigen. Sie und
Volsange (Mad. Visconti) nehmen mit Zoloé an den Orgien mit
ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt man
Bonaparte in dem Baron d’Orsec und Barras in dem Vicomte de Sabar. Ein
Wort allein würde genügt haben, wie Cabanès sagt, um den Verfasser zu
enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la vertu). Er erklärt
Grausamkeiten.[587]
Quérard meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert habe
und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]
Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques
et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine
Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“,
„Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in denen
der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich aber
siegt die Tugend. Der Marquis de Sade handelt über diese Sammlung in
seiner polemischen Schrift gegen Villeterque.[589]
Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb Sade die „Idée sur les
Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die
Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine
historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde der
Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die Geschichte
ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten Roman
schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück oder
Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über die cynische
Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, als ungerechtfertigt
zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es verabscheut werde. Die
gefährlichsten Werke sind die, welche es verschönern und in glänzenden
Farben schildern. Nein, es muss in seiner ganzen Nacktheit vor Augen
stehen, damit es in seinem wahren Wesen erkannt und gemieden werde.
Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches Sade die Ungnade
Napoléon’s zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in Paris.
Zoloé ist Josephine de Beauharnais, die Gattin Bonaparte’s. Sie wird als
eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre Freundin Laureda
(Madame Tallien), eine Spanierin, ist „ganz Feuer und ganz Liebe“, sehr
reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste befriedigen. Sie und
Volsange (Mad. Visconti) nehmen mit Zoloé an den Orgien mit
ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt man
Bonaparte in dem Baron d’Orsec und Barras in dem Vicomte de Sabar. Ein
Wort allein würde genügt haben, wie Cabanès sagt, um den Verfasser zu
enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la vertu). Er erklärt
Page 297
in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons en historien. Ce n’est pas
notre faute si nos tableaux sont chargés des couleurs de l’immoralité, de la
perfidie et de l’intrigue. Nous avons peint les hommes d’un siècle qui n’est
plus. Puisse celui-ce en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux les
charmes de la vertu!“
Von den Komödien des Marquis de Sade sind nur „Oxtiern ou les
Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des Verbrechens
gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“ (Manuscript), eine
Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.
notre faute si nos tableaux sont chargés des couleurs de l’immoralité, de la
perfidie et de l’intrigue. Nous avons peint les hommes d’un siècle qui n’est
plus. Puisse celui-ce en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux les
charmes de la vertu!“
Von den Komödien des Marquis de Sade sind nur „Oxtiern ou les
Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des Verbrechens
gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“ (Manuscript), eine
Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.
Page 298
7. Charakter der Werke des Marquis de Sade.
Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis de Sade gilt, was
Macaulay von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. Burney sagt. Es ist kein
Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine Aufgabe. Wer sich überzeugen will,
eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die ausschliessliche
Beschäftigung mit dem rein Geschlechtlichen im Menschen hervorbringt,
der lese die Werke des Marquis de Sade. Man wird dies aus der blossen
Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“ gegeben haben, entnehmen
können. Und dann hat Sade das gethan, was Fritz Friedmann in seiner
lesenswerten Studie über „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ als eine „litterarische Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das kalte und
nackte Verbrechen zum Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht!
Diese Verbindung des Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven
Vorgängen aller Art muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine
Einbildungskraft ohnegleichen tausendfach variirt wird. Schon Janin hat
erkannt, dass de Sade die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die
vielleicht jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte
ein pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch
den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen und rein
mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592]. Diese enorme
Einbildungskraft spricht sich nach Eulenburg ferner aus in dem „bizarren
Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten, vielgliedrigen
Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden Ausgestaltung mit all
ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl der nacheinander
auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert durchgeführten allmählichen
Steigerung und mit der fast nie versagenden Treue der Erinnerung und
Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der Sade’schen Werke, den
Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette IV, 87) bezeichnet, die endlosen,
immer wiederkehrenden, immer dasselbe wiederholenden philosophischen
Discussionen und Dialoge.
Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft
ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen, stupide Hyperbeln
Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis de Sade gilt, was
Macaulay von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. Burney sagt. Es ist kein
Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine Aufgabe. Wer sich überzeugen will,
eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die ausschliessliche
Beschäftigung mit dem rein Geschlechtlichen im Menschen hervorbringt,
der lese die Werke des Marquis de Sade. Man wird dies aus der blossen
Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“ gegeben haben, entnehmen
können. Und dann hat Sade das gethan, was Fritz Friedmann in seiner
lesenswerten Studie über „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ als eine „litterarische Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das kalte und
nackte Verbrechen zum Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht!
Diese Verbindung des Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven
Vorgängen aller Art muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine
Einbildungskraft ohnegleichen tausendfach variirt wird. Schon Janin hat
erkannt, dass de Sade die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die
vielleicht jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte
ein pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch
den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen und rein
mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592]. Diese enorme
Einbildungskraft spricht sich nach Eulenburg ferner aus in dem „bizarren
Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten, vielgliedrigen
Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden Ausgestaltung mit all
ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl der nacheinander
auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert durchgeführten allmählichen
Steigerung und mit der fast nie versagenden Treue der Erinnerung und
Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der Sade’schen Werke, den
Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette IV, 87) bezeichnet, die endlosen,
immer wiederkehrenden, immer dasselbe wiederholenden philosophischen
Discussionen und Dialoge.
Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft
ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen, stupide Hyperbeln
Page 299
einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf
einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei Testikel
(Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel werden 1176
Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22–26) u. s. w. u. s. w. Nicht
selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen erwarten lässt,
grobe chronologische und geographische Irrtümer. So lässt er Moses die
Geschichte Loths während der Gefangenschaft der Juden zu Babylon
schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und Pompeji und
Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]
Mögen also auch die Werke des Marquis de Sade in kulturhistorischer
und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein, wie
wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend. Die
Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen auf ein
schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer Betrachtung und
wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine verderbliche Wirkung
ausüben, wie schon Janin erkannt hat, wenn er in beredten Worten diese
Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht. Weniger gefährlich sind die
den Werken beigegebenen obscönen Bilder. Nach Renouvier sollen die
berühmten Künstler Chéry und Carrée die Zeichnungen zu diesem „Werke
eines Maniakus geliefert haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.
[594] Wir haben die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines
Pariser Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also
nicht beurteilen, ob diese den Angaben Renouviers entsprechen. Nach den
der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir nur dem
Urteil beistimmen, welches der geistreiche Eulenburg über diese Bilder
gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit des Dargestellten ist
der künstlerische Wert dieser Illustrationen überaus gering. Grobe Fehler
der Zeichnung, der Perspektive, gänzlicher Mangel an Individualisierung,
dürftige, fast ärmliche Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl
der Bilder, denen man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen
an die oft recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein
immerhin zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn
schon Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts
zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten von
Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser ausgeführt
sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le boudoir“ in der uns
vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen sich auch andere
einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei Testikel
(Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel werden 1176
Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22–26) u. s. w. u. s. w. Nicht
selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen erwarten lässt,
grobe chronologische und geographische Irrtümer. So lässt er Moses die
Geschichte Loths während der Gefangenschaft der Juden zu Babylon
schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und Pompeji und
Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]
Mögen also auch die Werke des Marquis de Sade in kulturhistorischer
und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein, wie
wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend. Die
Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen auf ein
schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer Betrachtung und
wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine verderbliche Wirkung
ausüben, wie schon Janin erkannt hat, wenn er in beredten Worten diese
Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht. Weniger gefährlich sind die
den Werken beigegebenen obscönen Bilder. Nach Renouvier sollen die
berühmten Künstler Chéry und Carrée die Zeichnungen zu diesem „Werke
eines Maniakus geliefert haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.
[594] Wir haben die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines
Pariser Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also
nicht beurteilen, ob diese den Angaben Renouviers entsprechen. Nach den
der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir nur dem
Urteil beistimmen, welches der geistreiche Eulenburg über diese Bilder
gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit des Dargestellten ist
der künstlerische Wert dieser Illustrationen überaus gering. Grobe Fehler
der Zeichnung, der Perspektive, gänzlicher Mangel an Individualisierung,
dürftige, fast ärmliche Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl
der Bilder, denen man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen
an die oft recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein
immerhin zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn
schon Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts
zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten von
Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser ausgeführt
sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le boudoir“ in der uns
vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen sich auch andere
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pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch schlechte Bilder aus wie
z. B. Mirabeau’s „Ma conversion“. Die Neuzeit leistet dank ihrer
verbesserten Technik darin leider mehr.
z. B. Mirabeau’s „Ma conversion“. Die Neuzeit leistet dank ihrer
verbesserten Technik darin leider mehr.
Page 301
8. Die Philosophie des Marquis de Sade.
Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte Philosoph des
Lasters. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie Stirner und
Nietzsche, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die „Herrenmoral“
und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene — wir möchten es
so nennen — „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen, teuflischen
Verbrechens finden wie bei Sade.
Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis de Sade
für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und Ethiker zu
einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis. Diese Werke sind
vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, was alles im Leben mit dem
Geschlechtstriebe zusammenhängt, der, wie der Marquis de Sade mit
unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, fast alle menschlichen Verhältnisse in
irgend einer Weise beeinflusst. Jeder, der die soziologische Bedeutung der
Liebe untersuchen will, muss die Hauptwerke des Marquis de Sade gelesen
haben. Nicht neben dem Hunger, sondern mehr als der Hunger regiert die
Liebe die Welt!
Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in
den Romanen des Marquis de Sade soll durch eine gewisse geistige Tünche
verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in grosser
Ausführlichkeit entwickelten philosophischen Betrachtungen. In ihnen
offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie d’Alembert
sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“ Delbène meint:
„Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern auch analysieren.
Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören als sie selbst zu
geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben kann, ist es
göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme sagt, dass die in
Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische Discussionen
unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten beging,
bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette III, 45). Diese
theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur „Entwickelung der
Seele“ (Justine IV, 173).
Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte Philosoph des
Lasters. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie Stirner und
Nietzsche, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die „Herrenmoral“
und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene — wir möchten es
so nennen — „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen, teuflischen
Verbrechens finden wie bei Sade.
Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis de Sade
für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und Ethiker zu
einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis. Diese Werke sind
vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, was alles im Leben mit dem
Geschlechtstriebe zusammenhängt, der, wie der Marquis de Sade mit
unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, fast alle menschlichen Verhältnisse in
irgend einer Weise beeinflusst. Jeder, der die soziologische Bedeutung der
Liebe untersuchen will, muss die Hauptwerke des Marquis de Sade gelesen
haben. Nicht neben dem Hunger, sondern mehr als der Hunger regiert die
Liebe die Welt!
Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in
den Romanen des Marquis de Sade soll durch eine gewisse geistige Tünche
verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in grosser
Ausführlichkeit entwickelten philosophischen Betrachtungen. In ihnen
offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie d’Alembert
sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“ Delbène meint:
„Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern auch analysieren.
Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören als sie selbst zu
geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben kann, ist es
göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme sagt, dass die in
Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische Discussionen
unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten beging,
bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette III, 45). Diese
theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur „Entwickelung der
Seele“ (Justine IV, 173).
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Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es bei
de Sade nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor gewöhnlichen
Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine ganz
ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, um eine direkt aus dem
Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt“[597]. Daher
wird ein kurzer Blick auf das philosophische System des Marquis de Sade
gerechtfertigt sein.
Alle Anschauungen Sade’s entspringen, wie dies nicht anders zu
erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten Materialismus. Er
vergöttert die Natur, die er stets als das gute Prinzip der ihr feindlichen
Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene Kraft bewegt,
und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, um ohne eine
„erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. Die beständige
Bewegung der Materie erklärt alles. Wozu brauchen wir einen Beweger
(moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das Weltall ist eine
Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig und succesive
auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine Grenze. Ueberall
ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande zu einem andern in
Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander verschiedene neue
Formen annehmen. (Juliette I, 72–73.)
Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle
körperlichen und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als
„aktives“ und als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist
sie teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper
herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. —
Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). Der „Geist“
könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den Eindrücken des
Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im Alter, unterliegt also
allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. (Juliette I, 86.) Noch leichter
macht sich Bressac die Beweisführung. Als der Körper der toten Frau des
Grafen Gernande noch eine zuckende Bewegung macht, ruft er entzückt
aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu ihrer Bewegung keine Seele braucht!“
(Justine IV, 40.)
Die Unsterblichkeit der Seele ist daher natürlich eine Chimäre. Dieses
blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, Bösewichtern
gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur dort ist Tugend,
de Sade nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor gewöhnlichen
Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine ganz
ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, um eine direkt aus dem
Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt“[597]. Daher
wird ein kurzer Blick auf das philosophische System des Marquis de Sade
gerechtfertigt sein.
Alle Anschauungen Sade’s entspringen, wie dies nicht anders zu
erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten Materialismus. Er
vergöttert die Natur, die er stets als das gute Prinzip der ihr feindlichen
Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene Kraft bewegt,
und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, um ohne eine
„erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. Die beständige
Bewegung der Materie erklärt alles. Wozu brauchen wir einen Beweger
(moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das Weltall ist eine
Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig und succesive
auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine Grenze. Ueberall
ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande zu einem andern in
Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander verschiedene neue
Formen annehmen. (Juliette I, 72–73.)
Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle
körperlichen und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als
„aktives“ und als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist
sie teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper
herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. —
Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). Der „Geist“
könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den Eindrücken des
Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im Alter, unterliegt also
allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. (Juliette I, 86.) Noch leichter
macht sich Bressac die Beweisführung. Als der Körper der toten Frau des
Grafen Gernande noch eine zuckende Bewegung macht, ruft er entzückt
aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu ihrer Bewegung keine Seele braucht!“
(Justine IV, 40.)
Die Unsterblichkeit der Seele ist daher natürlich eine Chimäre. Dieses
blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, Bösewichtern
gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur dort ist Tugend,
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wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette erlaubt sich gegenüber der
Delbène die schüchterne Frage, ob der Gedanke der Unsterblichkeit nicht
tröstlich für manche Unglückliche sei. Delbène antwortet, dass man seine
Wünsche nicht zum Massstabe der Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut,
glaube an das allgemeine Gesetz, füge Dich mit Resignation in den
Gedanken, dass Du in den Schoss der Natur zurückkehrst, um in anderen
Formen wieder aus ihm hervorzugehen. Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem
Grabe Virgil’s, und es ist besser, für immer vernichtet zu werden, als in der
sogenannten Hölle zu brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was
wird aus mir werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese
Dunkelheit macht mich schaudern.“ — „Was warst Du vorher, vor Deiner
Geburt? Dasselbe wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein.
Aber littest Du? Nein. Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern für
die Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83–85.)[598]
Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die
man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die Seele
ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in die
Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht Saint-
Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus „bösen
Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, das Uebel,
die Unordnung und das Verbrechen. Das Böse existierte vor Erschaffung
der Welt und wird nachher existieren. Warum ist das Alter schlechter als die
Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen Elemente in den Busen
der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich anschicken. Saint-Fond
glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach dem Tode erwarte, also an
eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse gewesen ist, dem wird die
Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. Die Tugendhaften werden
grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine Hölle, dann ist der Gedanke
an den Himmel nicht fern. Thatsächlich glaubt Saint-Fond an das Jenseits,
an Belohnungen und Strafen. Um nun zu verhindern, dass seine Opfer in
den Himmel kommen, schliesst er sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle
Weise ein und lässt sie mit ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele
dem Teufel verschreiben, quam chartam membro suo ano eorum inserit,
wobei die Betreffenden schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.)
Clairwil dagegen erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette
II, 292 ff.)
Delbène die schüchterne Frage, ob der Gedanke der Unsterblichkeit nicht
tröstlich für manche Unglückliche sei. Delbène antwortet, dass man seine
Wünsche nicht zum Massstabe der Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut,
glaube an das allgemeine Gesetz, füge Dich mit Resignation in den
Gedanken, dass Du in den Schoss der Natur zurückkehrst, um in anderen
Formen wieder aus ihm hervorzugehen. Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem
Grabe Virgil’s, und es ist besser, für immer vernichtet zu werden, als in der
sogenannten Hölle zu brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was
wird aus mir werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese
Dunkelheit macht mich schaudern.“ — „Was warst Du vorher, vor Deiner
Geburt? Dasselbe wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein.
Aber littest Du? Nein. Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern für
die Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83–85.)[598]
Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die
man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die Seele
ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in die
Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht Saint-
Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus „bösen
Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, das Uebel,
die Unordnung und das Verbrechen. Das Böse existierte vor Erschaffung
der Welt und wird nachher existieren. Warum ist das Alter schlechter als die
Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen Elemente in den Busen
der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich anschicken. Saint-Fond
glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach dem Tode erwarte, also an
eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse gewesen ist, dem wird die
Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. Die Tugendhaften werden
grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine Hölle, dann ist der Gedanke
an den Himmel nicht fern. Thatsächlich glaubt Saint-Fond an das Jenseits,
an Belohnungen und Strafen. Um nun zu verhindern, dass seine Opfer in
den Himmel kommen, schliesst er sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle
Weise ein und lässt sie mit ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele
dem Teufel verschreiben, quam chartam membro suo ano eorum inserit,
wobei die Betreffenden schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.)
Clairwil dagegen erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette
II, 292 ff.)
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Nach dem Vorgange Holbach’s, der jede religiöse Regung als geistige
Verirrung bezeichnete, wird Sade nicht müde, über die Begriffe „Gott“ und
„Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein Atheismus geberdet
sich „in konsequenter Weise zugleich als fanatischer Misotheismus, der von
dem bekannten Worte: ‚si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur
Gebrauch zu machen scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott
blasphemisch zu beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer
solchen Chimäre und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das
einzige Unrecht, das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein
Blut kocht bei seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden
Schatten aller Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche
Aberglaube auf der Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des
Klerikalismus und der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss
die auch im Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des
unglücklichen Dreyfus nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf
die verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von
einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in
kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen
und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser
behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese
Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die in
der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. Und
wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle Welt zerstreut
als das odium generis humani. Bei den Juden darf man Gott nicht suchen.
Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber vielleicht bei den Christen?
Doch hier findet Delbène noch grössere Absurditäten. Jesus ist nach ihr
entschieden schlauer als Moses. Dieser lässt das Wunder durch Gott
geschehen. Jener macht es selbst! La religion prouve le prophète, et le
prophète la religion.
Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die
Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene
Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des
gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender
Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, ohne
dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als wirklich
vorhandene Objekte ansieht, so ist das Einbildung, und diese Einbildung ist
die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die Imagination besteht aus
Verirrung bezeichnete, wird Sade nicht müde, über die Begriffe „Gott“ und
„Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein Atheismus geberdet
sich „in konsequenter Weise zugleich als fanatischer Misotheismus, der von
dem bekannten Worte: ‚si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur
Gebrauch zu machen scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott
blasphemisch zu beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer
solchen Chimäre und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das
einzige Unrecht, das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein
Blut kocht bei seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden
Schatten aller Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche
Aberglaube auf der Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des
Klerikalismus und der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss
die auch im Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des
unglücklichen Dreyfus nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf
die verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von
einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in
kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen
und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser
behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese
Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die in
der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. Und
wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle Welt zerstreut
als das odium generis humani. Bei den Juden darf man Gott nicht suchen.
Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber vielleicht bei den Christen?
Doch hier findet Delbène noch grössere Absurditäten. Jesus ist nach ihr
entschieden schlauer als Moses. Dieser lässt das Wunder durch Gott
geschehen. Jener macht es selbst! La religion prouve le prophète, et le
prophète la religion.
Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die
Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene
Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des
gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender
Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, ohne
dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als wirklich
vorhandene Objekte ansieht, so ist das Einbildung, und diese Einbildung ist
die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die Imagination besteht aus
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„objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches anzeigen, und die Erinnerung
besteht aus „reellen Ideen“, die uns wirklich existierende Dinge anzeigen.
Gott ist nun das Produkt der Imagination, der „erschöpften
Einbildungskraft“ derer, die zu träge sind, um die lange Reihe der Ursachen
und Wirkungen zu durchdenken und mit einem kühnen Salto mortale zu
einer letzten Ursache greifen, deren Wirkung alle anderen Ursachen sind,
die selbst aber keine Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“
einer „débile imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale
Existenz zu denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der
Menschen aussaugt. (Juliette I, 49–62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht
existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich
befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber vom
Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an
das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine
Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber
lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange
gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden ruhen
müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie nach
Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung der Materie
inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach Massgabe ihrer Kraft
zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und fortzuführen, wie wir dies in
dem unseren Sinnen fassbaren Universum erblicken, in welchem wir eine
Unzahl von Weltkörpern um und über uns sehen, deren Anblick uns
überrascht, deren gleichmässiger, geregelter Gang uns mit Bewunderung
und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann noch einen fremden,
ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da die bewegende und
schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst befindet? Diese Natur ist
aber an und für sich nichts anderes als eine wirkende Materie (ib. I, 58).
Nach allem dem ist dieser Gott ein launenhaftes Wesen, welches das von
ihm geschaffene Geschöpf dem Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch
ein Ungeheuer ist ein solcher Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören.
Nicht zufrieden mit einer so grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen,
um ihn zu bekehren, er verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran,
dieser hohe Gott, ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich,
indem er das Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu
trotzen vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren,
zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über
besteht aus „reellen Ideen“, die uns wirklich existierende Dinge anzeigen.
Gott ist nun das Produkt der Imagination, der „erschöpften
Einbildungskraft“ derer, die zu träge sind, um die lange Reihe der Ursachen
und Wirkungen zu durchdenken und mit einem kühnen Salto mortale zu
einer letzten Ursache greifen, deren Wirkung alle anderen Ursachen sind,
die selbst aber keine Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“
einer „débile imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale
Existenz zu denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der
Menschen aussaugt. (Juliette I, 49–62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht
existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich
befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber vom
Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an
das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine
Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber
lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange
gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden ruhen
müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie nach
Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung der Materie
inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach Massgabe ihrer Kraft
zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und fortzuführen, wie wir dies in
dem unseren Sinnen fassbaren Universum erblicken, in welchem wir eine
Unzahl von Weltkörpern um und über uns sehen, deren Anblick uns
überrascht, deren gleichmässiger, geregelter Gang uns mit Bewunderung
und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann noch einen fremden,
ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da die bewegende und
schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst befindet? Diese Natur ist
aber an und für sich nichts anderes als eine wirkende Materie (ib. I, 58).
Nach allem dem ist dieser Gott ein launenhaftes Wesen, welches das von
ihm geschaffene Geschöpf dem Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch
ein Ungeheuer ist ein solcher Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören.
Nicht zufrieden mit einer so grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen,
um ihn zu bekehren, er verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran,
dieser hohe Gott, ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich,
indem er das Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu
trotzen vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren,
zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über
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uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt seinem einzigen
Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen sterblichen
weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser Sohn Gottes
müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden
Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in einem
Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen Tode
retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören wir, was er spricht!
Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis offenbart er
uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche That lässt er uns seine
Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit, einige
Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von Jerusalem leistet,
dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher Zeit er sich vom alten
ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so
weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich
ist; er verbindet mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens,
des heiligen Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen
seien nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um
uns zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und
setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während eines
Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. Er
speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen gehaltenen
Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um sich von
ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder dreier seiner
Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte Taschenspielerkunststücke
aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler schämen müsste. Dabei aber
verflucht er alle, die ihm nicht glauben wollen, und verspricht den
Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt nichts Geschriebenes, spricht
sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch bringt er durch seine
aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird endlich gekreuzigt. In
seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen Gläubigen, zu erscheinen,
so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen — essen zu lassen. Er lässt sich
also hinrichten, ohne dass sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser
erhabene Gott, auch nur das Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen
Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die
Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen auffallenden
Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen
wir den Leichnam, verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres
Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen sterblichen
weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser Sohn Gottes
müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden
Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in einem
Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen Tode
retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören wir, was er spricht!
Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis offenbart er
uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche That lässt er uns seine
Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit, einige
Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von Jerusalem leistet,
dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher Zeit er sich vom alten
ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so
weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich
ist; er verbindet mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens,
des heiligen Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen
seien nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um
uns zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und
setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während eines
Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. Er
speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen gehaltenen
Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um sich von
ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder dreier seiner
Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte Taschenspielerkunststücke
aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler schämen müsste. Dabei aber
verflucht er alle, die ihm nicht glauben wollen, und verspricht den
Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt nichts Geschriebenes, spricht
sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch bringt er durch seine
aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird endlich gekreuzigt. In
seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen Gläubigen, zu erscheinen,
so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen — essen zu lassen. Er lässt sich
also hinrichten, ohne dass sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser
erhabene Gott, auch nur das Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen
Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die
Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen auffallenden
Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen
wir den Leichnam, verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres
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Mittel, um an dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen,
die neue Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die
Weiber und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch
will in dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen
Gott glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das
Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit
halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in den
Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen werden
zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern verkündet, so
wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten Tugend erhoben.
Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der Benennung
„Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die ist, dass ein
sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines Galimathias, ein
Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie dans le Boudoir I,
60–64.) — Man darf sich nicht wundern, wenn nach diesen Anschauungen
der Marquis de Sade oft die Heiligenschändung für ein Pflichtgebot erklärt
und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, Heiligenbilder, Crucifixe
u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen lässt, dass es sein grösstes
Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, gegen dieses Phantom unflätige Worte
auszustossen. Dieser möchte gern eine Art ausfindig machen, um diese
dégoûtante chimère noch mehr zu insultieren, und ist wie Moberti böse
darüber, dass es gar keinen Gott giebt, so dass er in solchen Augenblicken
seine Existenz herbeiwünscht (Philosophie dans le Boudoir I, 125–126).
Von diesen theoretischen Maximen gelangt der Marquis de Sade zur
Begründung einer praktischen Lebensphilosophie, eben der „Philosophie
des Lasters.“
Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu
verwirklichen, muss eine zweckentsprechende Paedagogik gehandhabt
werden. Der Marquis de Sade hat richtig erkannt, dass die Jugend
verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit
überhaupt. Diese Jugend, von der Alexander von Humboldt in seinen
unvergleichlichen Briefen an den König Friedrich Wilhelm IV. sagt, dass sie
das „unzerstörbare uralte sich immer erneuernde Institut der Menschheit“
sei[600], die muss man nach Sade für sich gewinnen. „C’est dans la jeunesse
qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie les préjugés inculqués dès
l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn Sade in der „Philosophie dans le
die neue Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die
Weiber und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch
will in dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen
Gott glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das
Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit
halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in den
Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen werden
zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern verkündet, so
wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten Tugend erhoben.
Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der Benennung
„Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die ist, dass ein
sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines Galimathias, ein
Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie dans le Boudoir I,
60–64.) — Man darf sich nicht wundern, wenn nach diesen Anschauungen
der Marquis de Sade oft die Heiligenschändung für ein Pflichtgebot erklärt
und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, Heiligenbilder, Crucifixe
u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen lässt, dass es sein grösstes
Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, gegen dieses Phantom unflätige Worte
auszustossen. Dieser möchte gern eine Art ausfindig machen, um diese
dégoûtante chimère noch mehr zu insultieren, und ist wie Moberti böse
darüber, dass es gar keinen Gott giebt, so dass er in solchen Augenblicken
seine Existenz herbeiwünscht (Philosophie dans le Boudoir I, 125–126).
Von diesen theoretischen Maximen gelangt der Marquis de Sade zur
Begründung einer praktischen Lebensphilosophie, eben der „Philosophie
des Lasters.“
Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu
verwirklichen, muss eine zweckentsprechende Paedagogik gehandhabt
werden. Der Marquis de Sade hat richtig erkannt, dass die Jugend
verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit
überhaupt. Diese Jugend, von der Alexander von Humboldt in seinen
unvergleichlichen Briefen an den König Friedrich Wilhelm IV. sagt, dass sie
das „unzerstörbare uralte sich immer erneuernde Institut der Menschheit“
sei[600], die muss man nach Sade für sich gewinnen. „C’est dans la jeunesse
qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie les préjugés inculqués dès
l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn Sade in der „Philosophie dans le
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Boudoir“ gewissermassen einen Leitfaden der Erziehung zum Laster nach
dem Vorbilde von Mirabeau’s „Education de Laure“ geschaffen, in dem er
seine theoretischen Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung
in der Verführung und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. —
Die Erziehung muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch
welche die „jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren
Stelle den Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen
sie in den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden.
Wenn es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln
zu wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le
Boud. II, 62 ff.) Sade hat richtig erkannt, dass die Gewohnheit in der
Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen
Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle
lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! Dann
wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man nicht
mehr entbehren kann. Das Laster muss eine Tugend werden! Und die
Tugend ein Laster! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen Blicken
aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine Nerven
durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, in welcher
das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst Du neue ruchlose
Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner perversen Gelüste. So
gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege zu den letzten
Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt machen, zögern
und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss für immer verloren
geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, deren gefährliche
Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der Hydra gleicht,
deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ Diese Worte ruft
Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, 27–30.) Diese selbst
wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, ihre eigene Tochter und
Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, deren verderbliche
Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik des Grafen Belmor zur
Anschauung gebracht werden.
So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt,
von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.
Liebe und Ehe sind für Sade chimärische Begriffe. Mit einer Art von
jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten der Liebe, die
dem Vorbilde von Mirabeau’s „Education de Laure“ geschaffen, in dem er
seine theoretischen Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung
in der Verführung und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. —
Die Erziehung muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch
welche die „jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren
Stelle den Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen
sie in den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden.
Wenn es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln
zu wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le
Boud. II, 62 ff.) Sade hat richtig erkannt, dass die Gewohnheit in der
Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen
Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle
lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! Dann
wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man nicht
mehr entbehren kann. Das Laster muss eine Tugend werden! Und die
Tugend ein Laster! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen Blicken
aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine Nerven
durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, in welcher
das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst Du neue ruchlose
Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner perversen Gelüste. So
gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege zu den letzten
Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt machen, zögern
und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss für immer verloren
geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, deren gefährliche
Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der Hydra gleicht,
deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ Diese Worte ruft
Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, 27–30.) Diese selbst
wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, ihre eigene Tochter und
Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, deren verderbliche
Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik des Grafen Belmor zur
Anschauung gebracht werden.
So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt,
von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.
Liebe und Ehe sind für Sade chimärische Begriffe. Mit einer Art von
jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten der Liebe, die
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moralische und die physische. Eine Frau kann moralisch ihren Geliebten
oder Gatten anbeten und physisch und temporär denjenigen lieben, der ihr
den Hof macht. Zudem hat die Frau von Temperament stets mehrere
Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène, diese grosse Paedagogin des
Lasters, monologisiert lange für die Nutzlosigkeit der Moral für junge
Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich im Anfang erstaunt: Ist ein
weibliches Wesen besser oder schlechter, wenn sie einen gewissen
Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat? Nach ihr müssen die Sitten
das individuelle Glück verbürgen. Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein
Mädchen nicht zwingen, die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es glücklich
ist und danach brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich
hingiebt, um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es
glücklich. Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.
[601] (Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die
Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der
ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die
Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der
Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine
„conventionelle Mode“, deren erster Ursprung nur ein „raffinement du
libertinage“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und
Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete
zurückhält.[602] Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen ist das einzig
wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die
Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der
beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen. Und da
auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von Andern
abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten in keiner
Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem Gewissen
Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I, 109–131.)
Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die
Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches genossen
und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der Erinnerung der
Menschen. Man hat Lucretia sehr bald vergessen, während man sich
Theodoras und Messalina’s erinnert, die in tausend und abertausend
Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber den
blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem
Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln der
oder Gatten anbeten und physisch und temporär denjenigen lieben, der ihr
den Hof macht. Zudem hat die Frau von Temperament stets mehrere
Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène, diese grosse Paedagogin des
Lasters, monologisiert lange für die Nutzlosigkeit der Moral für junge
Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich im Anfang erstaunt: Ist ein
weibliches Wesen besser oder schlechter, wenn sie einen gewissen
Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat? Nach ihr müssen die Sitten
das individuelle Glück verbürgen. Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein
Mädchen nicht zwingen, die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es glücklich
ist und danach brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich
hingiebt, um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es
glücklich. Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.
[601] (Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die
Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der
ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die
Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der
Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine
„conventionelle Mode“, deren erster Ursprung nur ein „raffinement du
libertinage“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und
Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete
zurückhält.[602] Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen ist das einzig
wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die
Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der
beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen. Und da
auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von Andern
abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten in keiner
Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem Gewissen
Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I, 109–131.)
Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die
Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches genossen
und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der Erinnerung der
Menschen. Man hat Lucretia sehr bald vergessen, während man sich
Theodoras und Messalina’s erinnert, die in tausend und abertausend
Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber den
blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem
Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln der
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Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil werden
würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin und die
Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe selbst als ein
Vergehen.[603]
Sehr merkwürdig sind bei Sade die vielfachen Anklänge an die Ideen
eines Malthus. Die heute ja zu einer brennenden Frage gewordene
Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach einem Bericht,
den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899 entnehmen,
veröffentlichte Professor Rossignol in Bordeaux vor kurzem das im Jahre
1767 herausgekommene Werk des Abbé Joubert „Die Entvölkerung und die
Mittel ihr abzuhelfen“. Es geht daraus hervor, dass fast im ganzen vorigen
Jahrhundert diese Frage die Geister beschäftigte. Schon 1700 bis 1715
wurde eine thatsächliche Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das
Parlament von Dijon hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die
Gefahren der Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als
Ursachen der Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter
Ammen, schlechte gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen;
Missbrauch geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden
Klassen sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen
Aufwand fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor,
die Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders
die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und
Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.
Auch bei Sade sind hauptsächlich Frauen die Vertreterinnen des
Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die
Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung
würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit und
Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig Tausende
von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet sogar, dass dem
Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner Rasse sehr fern
liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von Einzelnen geduldet
werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz aufbinden können,
welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht vernunftgemässer,
wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu sehen, als zu altern
und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit ist ein „schwaches
Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“ für die ursprüngliche
würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin und die
Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe selbst als ein
Vergehen.[603]
Sehr merkwürdig sind bei Sade die vielfachen Anklänge an die Ideen
eines Malthus. Die heute ja zu einer brennenden Frage gewordene
Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach einem Bericht,
den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899 entnehmen,
veröffentlichte Professor Rossignol in Bordeaux vor kurzem das im Jahre
1767 herausgekommene Werk des Abbé Joubert „Die Entvölkerung und die
Mittel ihr abzuhelfen“. Es geht daraus hervor, dass fast im ganzen vorigen
Jahrhundert diese Frage die Geister beschäftigte. Schon 1700 bis 1715
wurde eine thatsächliche Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das
Parlament von Dijon hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die
Gefahren der Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als
Ursachen der Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter
Ammen, schlechte gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen;
Missbrauch geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden
Klassen sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen
Aufwand fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor,
die Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders
die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und
Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.
Auch bei Sade sind hauptsächlich Frauen die Vertreterinnen des
Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die
Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung
würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit und
Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig Tausende
von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet sogar, dass dem
Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner Rasse sehr fern
liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von Einzelnen geduldet
werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz aufbinden können,
welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht vernunftgemässer,
wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu sehen, als zu altern
und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit ist ein „schwaches
Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“ für die ursprüngliche
Page 311
Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht ausstürbe. Nur die
Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung und alle Uebel,
die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege, Seuchen, Hungersnöte[604],
Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen u. s. w. bewirken positiv die
Verminderung der Menschenrasse, während jene Handlung, die ein
blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen bezeichnet, dass um
seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches Feuer zu Grunde gegangen
ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern lobenswert ist; denn sie verbindet
zwei nützliche Dinge, sie schafft Vergnügen und hindert die Vermehrung
der Menschenrasse. (Phil. dans le Boud. I, 100–101.) Daher ist eine der
Hauptsünden aller Regierungen die Vermehrung der Bevölkerung, die
ohnehin nicht den Reichtum des Staates bildet, da sie alsbald in höherem
Grade wachsen wird als die Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr
werdet erkennen, was daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben
seit jeher Mittel gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen,
indem sie Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne
Almosen liessen (ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s
allzugrosse Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl
zwinge und die überzähligen getötet werden müssten, die
gleichgeschlechtliche Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht
sich diese vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben
genannten Werke von Rossignol auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution.
Madame Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie
unsere modernen Malthusianer, die längst über Malthus’ späte Heiraten und
„moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten Praeventivmittel
(Condome, éponges etc....)[605] — Der entschlossenste Malthusianer ist
Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen kräftigen Aderlass nötig
habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen vertrieben werden, die
Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen zerstört werden, und ein
Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende Hungersnot müssen das
Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei Drittel der Bevölkerung
beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein derartiger Versuch wird von der
Borghese in Rom ausgeführt. Es werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen
mehr als 20000 Menschen umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“
entwickelt der Bischof ein vollkommenes System des praktischen
Malthusianismus. Erstens muss der Kindermord nicht nur gestattet, sondern
sogar befohlen werden. Zweitens müssen Regierungskommissare jährliche
Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung und alle Uebel,
die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege, Seuchen, Hungersnöte[604],
Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen u. s. w. bewirken positiv die
Verminderung der Menschenrasse, während jene Handlung, die ein
blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen bezeichnet, dass um
seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches Feuer zu Grunde gegangen
ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern lobenswert ist; denn sie verbindet
zwei nützliche Dinge, sie schafft Vergnügen und hindert die Vermehrung
der Menschenrasse. (Phil. dans le Boud. I, 100–101.) Daher ist eine der
Hauptsünden aller Regierungen die Vermehrung der Bevölkerung, die
ohnehin nicht den Reichtum des Staates bildet, da sie alsbald in höherem
Grade wachsen wird als die Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr
werdet erkennen, was daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben
seit jeher Mittel gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen,
indem sie Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne
Almosen liessen (ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s
allzugrosse Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl
zwinge und die überzähligen getötet werden müssten, die
gleichgeschlechtliche Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht
sich diese vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben
genannten Werke von Rossignol auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution.
Madame Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie
unsere modernen Malthusianer, die längst über Malthus’ späte Heiraten und
„moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten Praeventivmittel
(Condome, éponges etc....)[605] — Der entschlossenste Malthusianer ist
Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen kräftigen Aderlass nötig
habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen vertrieben werden, die
Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen zerstört werden, und ein
Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende Hungersnot müssen das
Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei Drittel der Bevölkerung
beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein derartiger Versuch wird von der
Borghese in Rom ausgeführt. Es werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen
mehr als 20000 Menschen umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“
entwickelt der Bischof ein vollkommenes System des praktischen
Malthusianismus. Erstens muss der Kindermord nicht nur gestattet, sondern
sogar befohlen werden. Zweitens müssen Regierungskommissare jährliche
Page 312
Rundreisen bei allen Bauern machen und alle überflüssigen, die zulässige
Zahl überschreitenden Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die
durch die Revolution gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder
genommen werden; es muss wieder unters Joch. Viertens totale
Unterdrückung aller öffentlichen Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens
Ehrung der Coelibatäre, Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller
geschworenen Feinde der Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt
werden! Sechstens einfache Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV,
280–293.)
Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R.
Malthus erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis de Sade,
der gleich Malthus die Gefahren der Uebervölkerung schildert, kann also
als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die französischen
Physiokraten wie Quesnay in seinen „Maximes générales“ und Mirabeau in
der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich mit den
Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen wie Malthus
entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst gebührt, in einer
Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre diese zuerst
formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in den Mittelpunkt der
Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen erst aufgedeckt hat.“[607]
Jedenfalls hat auch der Marquis de Sade dieser wichtigen Frage ein
lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass er nicht blos Personen
geschildert hat, die Praeventiv- und sogar positiv destruktiven Massregeln
in der Populationistik das Wort reden, beweist Zamé in „Aline et Valcour“,
der den Incest und die Paederastie verbietet, die Klöster aufhebt, indem er
die Nonne mit dem Paederasten vergleicht, die beide „frustrent la société“.
Auch sorgt er für Findel- und Waisenhäuser und unterdrückt den sich
breitmachenden Egoismus.[608]
Seine Theorien des Verbrechens, welche mit den malthusianischen
Ideen aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis de Sade an
verschiedenen Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten
aber in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus
einer im Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“
erklärt Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord
verändert nur die Form der Materie, vernichtet diese letztere aber nicht.
Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen von der
Zahl überschreitenden Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die
durch die Revolution gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder
genommen werden; es muss wieder unters Joch. Viertens totale
Unterdrückung aller öffentlichen Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens
Ehrung der Coelibatäre, Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller
geschworenen Feinde der Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt
werden! Sechstens einfache Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV,
280–293.)
Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R.
Malthus erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis de Sade,
der gleich Malthus die Gefahren der Uebervölkerung schildert, kann also
als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die französischen
Physiokraten wie Quesnay in seinen „Maximes générales“ und Mirabeau in
der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich mit den
Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen wie Malthus
entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst gebührt, in einer
Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre diese zuerst
formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in den Mittelpunkt der
Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen erst aufgedeckt hat.“[607]
Jedenfalls hat auch der Marquis de Sade dieser wichtigen Frage ein
lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass er nicht blos Personen
geschildert hat, die Praeventiv- und sogar positiv destruktiven Massregeln
in der Populationistik das Wort reden, beweist Zamé in „Aline et Valcour“,
der den Incest und die Paederastie verbietet, die Klöster aufhebt, indem er
die Nonne mit dem Paederasten vergleicht, die beide „frustrent la société“.
Auch sorgt er für Findel- und Waisenhäuser und unterdrückt den sich
breitmachenden Egoismus.[608]
Seine Theorien des Verbrechens, welche mit den malthusianischen
Ideen aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis de Sade an
verschiedenen Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten
aber in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus
einer im Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“
erklärt Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord
verändert nur die Form der Materie, vernichtet diese letztere aber nicht.
Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen von der
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Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.) — Noch
anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens. Die Natur
hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w. gemacht. Dabei will
sie auch verschiedene Schicksale derselben, und es wird von ihr bestimmt,
dass die Einen glücklich werden, die Anderen unglücklich. Letztere sollen
von den Glücklichen gequält und gefoltert werden. Das Verbrechen liegt
also im „Plane der Natur“ und ist ihr so nötig wie Krieg, Pest und
Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil findet das ganze Geheimnis der
Civilisation darin, dass die Schurken und Schlauen sich bereichern, die
Dummen unterdrückt werden. Der Schwache ist von Natur schwach und
dem Starken auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Man handelt also
gegen die Natur, wenn man als Starker dem Schwachen hilft, statt ihn zu
quälen und zu vernichten (Juliette I, 311–312).
In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die
Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie können im
allgemeinen auf vier verschiedene Hauptverbrechen zurückgeführt werden,
auf die Verleumdung, den Diebstahl, die Sittlichkeitsverbrechen und den
Mord.
Die Verleumdung trifft entweder einen schlechten oder einen
tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man über
ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften
Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders wird
auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein läuterndes
und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend erst ins rechte
Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran gelegen sein, die
Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften Handlungen werden
dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht gefährlich im sozialen
Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die Laster der schlechten
Menschen als auch die Tugenden der guten ans Licht zu fördern, darf somit
nicht bestraft werden. (Phil. dans le Boud. II, 78–81.)
Der Diebstahl war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt,
z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend
betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit
erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat sogar
Völker gegeben, wo der Bestohlene bestraft wurde, weil er sein Eigentum
nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz durch ein Gesetz zu
anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens. Die Natur
hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w. gemacht. Dabei will
sie auch verschiedene Schicksale derselben, und es wird von ihr bestimmt,
dass die Einen glücklich werden, die Anderen unglücklich. Letztere sollen
von den Glücklichen gequält und gefoltert werden. Das Verbrechen liegt
also im „Plane der Natur“ und ist ihr so nötig wie Krieg, Pest und
Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil findet das ganze Geheimnis der
Civilisation darin, dass die Schurken und Schlauen sich bereichern, die
Dummen unterdrückt werden. Der Schwache ist von Natur schwach und
dem Starken auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Man handelt also
gegen die Natur, wenn man als Starker dem Schwachen hilft, statt ihn zu
quälen und zu vernichten (Juliette I, 311–312).
In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die
Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie können im
allgemeinen auf vier verschiedene Hauptverbrechen zurückgeführt werden,
auf die Verleumdung, den Diebstahl, die Sittlichkeitsverbrechen und den
Mord.
Die Verleumdung trifft entweder einen schlechten oder einen
tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man über
ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften
Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders wird
auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein läuterndes
und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend erst ins rechte
Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran gelegen sein, die
Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften Handlungen werden
dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht gefährlich im sozialen
Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die Laster der schlechten
Menschen als auch die Tugenden der guten ans Licht zu fördern, darf somit
nicht bestraft werden. (Phil. dans le Boud. II, 78–81.)
Der Diebstahl war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt,
z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend
betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit
erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat sogar
Völker gegeben, wo der Bestohlene bestraft wurde, weil er sein Eigentum
nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz durch ein Gesetz zu
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sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die Thüren geöffnet werden,
welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen Besitz zu sichern.[609]
Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen zu züchtigen als den Dieb.
(Phil. dans le Boud. II, 81–84.) Nach Dorval, diesem grossen Diebe und
Theoretiker seines Berufes, ist die Macht die erste Ursache des Diebstahls.
Der Mächtige bestiehlt den Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze
gegen den Diebstahl sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt
„juridiquement“. Die Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung
bezahlen lässt, die eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der
Priester stiehlt, indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und
Mensch bezahlen lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den
reellen Wert verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von
Steuern. Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den
verschiedenen Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende
der Regierung Ludwig’s XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich
bezahlte, wovon nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich
sind 500 Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203–222.)
Alcide Bonneau macht darauf aufmerksam, dass Proudhon in seinem
berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben
Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei Sade, entwickelt. Proudhon
zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610] Im 18.
Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie Roscher ausführlich darlegt.[611]
Auch die Sittlichkeitsverbrechen müssen in einem republikanischen
Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran
liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht.
Die Schamhaftigkeit ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der
Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist als
der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute nackt,
ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung durch
Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt werden,
von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die
Prostitution ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze. Sie wird
deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten für die Genüsse,
die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber empfinden, Geschenke
annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn der Mann bekommt in
den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie zu erhalten im Stande
welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen Besitz zu sichern.[609]
Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen zu züchtigen als den Dieb.
(Phil. dans le Boud. II, 81–84.) Nach Dorval, diesem grossen Diebe und
Theoretiker seines Berufes, ist die Macht die erste Ursache des Diebstahls.
Der Mächtige bestiehlt den Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze
gegen den Diebstahl sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt
„juridiquement“. Die Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung
bezahlen lässt, die eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der
Priester stiehlt, indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und
Mensch bezahlen lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den
reellen Wert verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von
Steuern. Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den
verschiedenen Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende
der Regierung Ludwig’s XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich
bezahlte, wovon nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich
sind 500 Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203–222.)
Alcide Bonneau macht darauf aufmerksam, dass Proudhon in seinem
berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben
Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei Sade, entwickelt. Proudhon
zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610] Im 18.
Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie Roscher ausführlich darlegt.[611]
Auch die Sittlichkeitsverbrechen müssen in einem republikanischen
Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran
liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht.
Die Schamhaftigkeit ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der
Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist als
der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute nackt,
ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung durch
Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt werden,
von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die
Prostitution ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze. Sie wird
deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten für die Genüsse,
die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber empfinden, Geschenke
annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn der Mann bekommt in
den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie zu erhalten im Stande
Page 315
ist. Ebenso, wie wir allen Männern das Recht zum Genusse einräumen,
müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im Naturzustande der
Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso wie dies im
Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem brennenden
Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit, Kinder ohne
Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle Menschen haben
eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die Freiheit des Genusses
muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet werden. Durch
Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich verschönert. (!!)
Der Ehebruch ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die
„Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt. Die
Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische Beispiele
bewiesen.
Ebenso ist die Blutschande, der Incest eine Tugend! Sie „dehnt die
Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!). Die
Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet sie überall
beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum werden zahlreiche
ethnologische Beweise dafür beigebracht. — Diese Sitte müsste sogar zum
Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die „Brüderlichkeit“ als Basis dient.
Wie konnten auch die Menschen so einfältig sein, gerade denen, die berufen
sind, einander am meisten zu lieben, dies nicht zu gestatten. Die
Gemeinschaft der Weiber schliesst natürlicherweise auch die Blutschande in
sich.
Die Notzucht ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger schädlich
als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während jene es nur
verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine Handlung, die früher
oder später mittelst einer kirchlichen Sanction doch von einem Anderen
begangen worden wäre.
Die Paederastie zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität des
Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die Tribadie ein
Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten in hoher Achtung. Die
Paederastie, insbesondere war stets bei kriegerischen Völkern im
Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst. (Phil. dans le Boud. II, 84–
114.)
müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im Naturzustande der
Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso wie dies im
Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem brennenden
Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit, Kinder ohne
Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle Menschen haben
eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die Freiheit des Genusses
muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet werden. Durch
Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich verschönert. (!!)
Der Ehebruch ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die
„Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt. Die
Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische Beispiele
bewiesen.
Ebenso ist die Blutschande, der Incest eine Tugend! Sie „dehnt die
Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!). Die
Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet sie überall
beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum werden zahlreiche
ethnologische Beweise dafür beigebracht. — Diese Sitte müsste sogar zum
Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die „Brüderlichkeit“ als Basis dient.
Wie konnten auch die Menschen so einfältig sein, gerade denen, die berufen
sind, einander am meisten zu lieben, dies nicht zu gestatten. Die
Gemeinschaft der Weiber schliesst natürlicherweise auch die Blutschande in
sich.
Die Notzucht ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger schädlich
als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während jene es nur
verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine Handlung, die früher
oder später mittelst einer kirchlichen Sanction doch von einem Anderen
begangen worden wäre.
Die Paederastie zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität des
Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die Tribadie ein
Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten in hoher Achtung. Die
Paederastie, insbesondere war stets bei kriegerischen Völkern im
Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst. (Phil. dans le Boud. II, 84–
114.)
Page 316
Endlich ist als vierte Gattung der sogenannten und angeblichen
„Verbrechen“ der Mord zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob
diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen
Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer
republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord
durch einen Mord gerächt werden soll.
Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn
zwischen den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein
Unterschied. Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt
sich, stirbt ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner
organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses Verbrechen,
ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen Unterschied erfunden.
Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf sein, welches zu schaffen
die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die schaffenden Stoffe der Natur
gerade diejenigen, die aus der Auflösung anderer Körper hervorgehen. Die
Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist aber nur eine Veränderung der Form,
der Uebergang von einer Existenz zur andern, die Metempsychose des
Pythagoras. Also ist das Töten kein Verbrechen, da eine Veränderung keine
Vernichtung ist. Sobald ein Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben
sofort kleinere Tiere. (!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten,
dass die Hülfe, die wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre
Zwecke fördert. Es sind Naturtriebe, dass der Mensch den anderen töte, wie
die Pest, die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns
den Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein
Verbrechen gegen die Natur.
Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde
Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens.
Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich,
belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch
als Verbrechen.
In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt
der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen
übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei Viertel
der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der
Uebriggebliebenen eintreten.
„Verbrechen“ der Mord zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob
diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen
Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer
republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord
durch einen Mord gerächt werden soll.
Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn
zwischen den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein
Unterschied. Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt
sich, stirbt ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner
organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses Verbrechen,
ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen Unterschied erfunden.
Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf sein, welches zu schaffen
die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die schaffenden Stoffe der Natur
gerade diejenigen, die aus der Auflösung anderer Körper hervorgehen. Die
Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist aber nur eine Veränderung der Form,
der Uebergang von einer Existenz zur andern, die Metempsychose des
Pythagoras. Also ist das Töten kein Verbrechen, da eine Veränderung keine
Vernichtung ist. Sobald ein Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben
sofort kleinere Tiere. (!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten,
dass die Hülfe, die wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre
Zwecke fördert. Es sind Naturtriebe, dass der Mensch den anderen töte, wie
die Pest, die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns
den Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein
Verbrechen gegen die Natur.
Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde
Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens.
Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich,
belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch
als Verbrechen.
In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt
der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen
übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei Viertel
der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der
Uebriggebliebenen eintreten.
Page 317
Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate
betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um die
Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten. Alle
intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der Natur“
unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem Morde am
meisten hin. Hierfür führt Sade zahlreiche Beispiele an. Z. B. wirft man in
China die Kinder, die man nicht behalten will, ins Wasser, und der berühmte
Reisende Duhalde giebt die Zahl der täglich so Ausgesetzten auf mehr als
30000 an! Ist es nicht sehr weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen
in einer Republik Dämme entgegenzusetzen? In Monarchien muss die
Bevölkerung begünstigt werden, weil die Tyrannen nur durch die Zahl der
Einwohner reich werden können. Revolutionen sind nichts anderes als die
Wirkung der Uebervölkerung.
Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige
Dich“, sagte Ludwig XV. zu Charolais, der einen Menschen zur
Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich töten
wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in diesen
„erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man ihn nicht
bestrafen.
Diese vom Marquis de Sade entwickelten Ideen entspringen keineswegs
dem Gehirn eines Wahnsinnigen. Es sind ganz ähnliche Ideen von den
grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt worden.
Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl gar Verwirrung
des öffentlichen Rechtsgefühls durch Revolutionen“ aus.[612] Es ist
bemerkenswert, dass der Marquis de Sade in seinen vorrevolutionären
Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und Morde keine oder doch
nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während unter den Eindrücken der
Revolution beide in sein System der sexuellen Theorien aufgenommen
wurden.
betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um die
Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten. Alle
intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der Natur“
unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem Morde am
meisten hin. Hierfür führt Sade zahlreiche Beispiele an. Z. B. wirft man in
China die Kinder, die man nicht behalten will, ins Wasser, und der berühmte
Reisende Duhalde giebt die Zahl der täglich so Ausgesetzten auf mehr als
30000 an! Ist es nicht sehr weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen
in einer Republik Dämme entgegenzusetzen? In Monarchien muss die
Bevölkerung begünstigt werden, weil die Tyrannen nur durch die Zahl der
Einwohner reich werden können. Revolutionen sind nichts anderes als die
Wirkung der Uebervölkerung.
Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige
Dich“, sagte Ludwig XV. zu Charolais, der einen Menschen zur
Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich töten
wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in diesen
„erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man ihn nicht
bestrafen.
Diese vom Marquis de Sade entwickelten Ideen entspringen keineswegs
dem Gehirn eines Wahnsinnigen. Es sind ganz ähnliche Ideen von den
grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt worden.
Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl gar Verwirrung
des öffentlichen Rechtsgefühls durch Revolutionen“ aus.[612] Es ist
bemerkenswert, dass der Marquis de Sade in seinen vorrevolutionären
Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und Morde keine oder doch
nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während unter den Eindrücken der
Revolution beide in sein System der sexuellen Theorien aufgenommen
wurden.
Page 318
IV.
Theorie und Geschichte des Sadismus.
1. Wollust und Grausamkeit.
Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit
ist nach dem Marquis de Sade kein unmittelbarer. Zuerst ist die Wollust da.
Diese erstickt zunächst das Mitleid im Menschen, macht das Herz hart und
gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der Wollust ganz
aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die
Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und
erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der Schmerz die Nerven
heftiger angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der
Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung.
Die Natur spricht uns niemals von Anderen, sondern nur von uns. Es giebt
nichts Egoistischeres als ihre Stimme. Sie preist uns das Suchen der Lust
an, und es ist ihr einerlei, ob dies Anderen angenehm ist oder nicht.
Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem
Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist ein
angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust seiner
Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge der
Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist nichts
anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht verdorben
hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der Männer,
eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe. Die
überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt
Theorie und Geschichte des Sadismus.
1. Wollust und Grausamkeit.
Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit
ist nach dem Marquis de Sade kein unmittelbarer. Zuerst ist die Wollust da.
Diese erstickt zunächst das Mitleid im Menschen, macht das Herz hart und
gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der Wollust ganz
aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die
Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und
erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der Schmerz die Nerven
heftiger angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der
Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung.
Die Natur spricht uns niemals von Anderen, sondern nur von uns. Es giebt
nichts Egoistischeres als ihre Stimme. Sie preist uns das Suchen der Lust
an, und es ist ihr einerlei, ob dies Anderen angenehm ist oder nicht.
Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem
Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist ein
angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust seiner
Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge der
Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist nichts
anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht verdorben
hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der Männer,
eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe. Die
überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt
Page 319
Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein grausames Schauspiel an, ein
Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen
Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere
Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für
den Giftmord und die Flagellation.
Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns
Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist.
Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes oder
das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es ist
nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust ist
(Phil. dans le Boudoir I, 148–158, Juliette II, 94–102.)
Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen
Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere
Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für
den Giftmord und die Flagellation.
Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns
Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist.
Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes oder
das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es ist
nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust ist
(Phil. dans le Boudoir I, 148–158, Juliette II, 94–102.)
Page 320
2. Anthropophagie und Hypochorematophilie.
Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es die
Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für schnellen
Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise genossen hat,
kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die unverdaulichste und
ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den Körper zerrüttet. Daher
füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit Wasser und Brot (Juliette II, 323
ff.). Auch Minski schreibt dem Genusse von Menschenfleisch eine
aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette III, 313).
Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die
Aneignung und der Genuss abgetrennter Körperteile, eine Art von
anthropophagischem Fetischismus. So werden die Gesässe der bei den
Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger
Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst die
Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, 235).
Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches Claude
zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass sie semper
penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch so sehr in ihrer
Phantasie habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach ihrem Tode wirklich in
ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) Dieses anthropophagische
Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der von ihr getöteten Knaben
(Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz derselben heraus und gebraucht es
als Phallus (Juliette III, 252)[614]. Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa,
Cornaro sind Anthropophagen (Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
Kannibalische Gelüste gehörten nach Bettelheim offenbar zu dem
Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von Chaulnes,
der wegen einer Liebesaffäre mit Beaumarchais in Streit geriet, übrigens
bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs gröblichste beschimpfte,
brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde diesen Beaumarchais töten,
und wenn ich ihm erst den Degen in den Leib gerannt und das Herz mit den
Zähnen ausgerissen haben werde, mag diese Mesuard sehen, was aus ihr
Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es die
Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für schnellen
Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise genossen hat,
kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die unverdaulichste und
ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den Körper zerrüttet. Daher
füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit Wasser und Brot (Juliette II, 323
ff.). Auch Minski schreibt dem Genusse von Menschenfleisch eine
aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette III, 313).
Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die
Aneignung und der Genuss abgetrennter Körperteile, eine Art von
anthropophagischem Fetischismus. So werden die Gesässe der bei den
Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger
Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst die
Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, 235).
Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches Claude
zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass sie semper
penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch so sehr in ihrer
Phantasie habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach ihrem Tode wirklich in
ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) Dieses anthropophagische
Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der von ihr getöteten Knaben
(Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz derselben heraus und gebraucht es
als Phallus (Juliette III, 252)[614]. Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa,
Cornaro sind Anthropophagen (Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
Kannibalische Gelüste gehörten nach Bettelheim offenbar zu dem
Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von Chaulnes,
der wegen einer Liebesaffäre mit Beaumarchais in Streit geriet, übrigens
bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs gröblichste beschimpfte,
brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde diesen Beaumarchais töten,
und wenn ich ihm erst den Degen in den Leib gerannt und das Herz mit den
Zähnen ausgerissen haben werde, mag diese Mesuard sehen, was aus ihr
Page 321
wird.“ In der ersten Fassung des Goethe’schen „Clavigo“ heisst es
ebenfalls:
„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach
seinem Blute u. s. w.“[615]
Die Hypochorematophilie[616] spielt ebenfalls bei Sade eine grosse
Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der
Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor,
Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange lässt
sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch diese liebliche
Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, sondern von abgelebten
Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor einer ist, als letztes
Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man aus den mehr als
merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: „Man täuscht sich
im allgemeinen über die Entleerungen des caput mortuum unserer
Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern sogar sehr angenehm.
Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie in allen übrigen
Körperbestandteilen. An nichts gewöhnt man sich so leicht als an den
Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est absolument la saveur
piquante de l’olive. Man muss allerdings zuerst ein wenig die Imagination
nach dieser Richtung hin beeinflussen! Aber wenn man so weit ist, so ist es
ein höchst wonnevoller und aufregender Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die
sexuelle Hypochorematophilie hat mit dem Kotschmieren der
Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade diese seltsame und ekelerregende
Monomanie bildet den besten Beweis für unsere Anschauung, dass alle
diese Dinge bei Geistesgesunden vorkommen können, wie ja auch aus den
Ausführungen Sades hervorgeht. Nach Taxil bilden die „stercoraires“, wie
man sie nennt, nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen
Häusern sind zu diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und
gesunde junge Leute wiederholen aus Nachahmungstrieb die krankhaften
Handlungen schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges
Leben sich berühmt gemacht hatten.“[617]
ebenfalls:
„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach
seinem Blute u. s. w.“[615]
Die Hypochorematophilie[616] spielt ebenfalls bei Sade eine grosse
Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der
Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor,
Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange lässt
sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch diese liebliche
Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, sondern von abgelebten
Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor einer ist, als letztes
Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man aus den mehr als
merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: „Man täuscht sich
im allgemeinen über die Entleerungen des caput mortuum unserer
Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern sogar sehr angenehm.
Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie in allen übrigen
Körperbestandteilen. An nichts gewöhnt man sich so leicht als an den
Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est absolument la saveur
piquante de l’olive. Man muss allerdings zuerst ein wenig die Imagination
nach dieser Richtung hin beeinflussen! Aber wenn man so weit ist, so ist es
ein höchst wonnevoller und aufregender Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die
sexuelle Hypochorematophilie hat mit dem Kotschmieren der
Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade diese seltsame und ekelerregende
Monomanie bildet den besten Beweis für unsere Anschauung, dass alle
diese Dinge bei Geistesgesunden vorkommen können, wie ja auch aus den
Ausführungen Sades hervorgeht. Nach Taxil bilden die „stercoraires“, wie
man sie nennt, nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen
Häusern sind zu diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und
gesunde junge Leute wiederholen aus Nachahmungstrieb die krankhaften
Handlungen schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges
Leben sich berühmt gemacht hatten.“[617]
Page 322
3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.
Schon vor R. v. Krafft-Ebing gebührt ohne Zweifel dem Marquis de
Sade das Verdienst, fast alle sexualpathologischen Typen, die es giebt, in
seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein Zweifel, dass diese
grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten sexuellen Perversionen,
die genaue Individualisierung der einzelnen Typen auf der aus dem Leben
schöpfenden Beobachtung beruht.
Sämtliche Sinne dienen bei Sade der Erregung sexueller Gefühle.
Beginnen wir mit dem Gehör. Es giebt auch einen Wort-Sadismus! Es ist
nach Dolmancé angenehm und aufregend, stark tönende Worte von
unflätiger Bedeutung im Rausche der Wollust auszusprechen, weil sie die
Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; sondern variire sie ins
Unendliche, damit sie um so mehr Skandal erregen. Es verursacht eine ganz
eigene Wonne, wenn man in Gegenwart tugendhafter Leute sich durch
Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu demoralisieren vermag, zu
ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie nicht gutwillig hören
wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. dans le Boud. I, 146–147.)
So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie erfreut aus: Comme tu
blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben Gelegenheit der stummen
Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure donc! (Phil. dans le Boud. I, 125
und 129.)
Das Gesicht nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti
liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast ihn
besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die
zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu
beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind
ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer „die
Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz
aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu.
(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem
blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Schon vor R. v. Krafft-Ebing gebührt ohne Zweifel dem Marquis de
Sade das Verdienst, fast alle sexualpathologischen Typen, die es giebt, in
seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein Zweifel, dass diese
grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten sexuellen Perversionen,
die genaue Individualisierung der einzelnen Typen auf der aus dem Leben
schöpfenden Beobachtung beruht.
Sämtliche Sinne dienen bei Sade der Erregung sexueller Gefühle.
Beginnen wir mit dem Gehör. Es giebt auch einen Wort-Sadismus! Es ist
nach Dolmancé angenehm und aufregend, stark tönende Worte von
unflätiger Bedeutung im Rausche der Wollust auszusprechen, weil sie die
Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; sondern variire sie ins
Unendliche, damit sie um so mehr Skandal erregen. Es verursacht eine ganz
eigene Wonne, wenn man in Gegenwart tugendhafter Leute sich durch
Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu demoralisieren vermag, zu
ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie nicht gutwillig hören
wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. dans le Boud. I, 146–147.)
So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie erfreut aus: Comme tu
blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben Gelegenheit der stummen
Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure donc! (Phil. dans le Boud. I, 125
und 129.)
Das Gesicht nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti
liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast ihn
besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die
zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu
beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind
ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer „die
Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz
aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu.
(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem
blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Page 323
Der Geruchssinn wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms,
deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen Mädchen und
Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. Das Beriechen der
weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette III, 54), ebenso der
Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die Nase urinieren (Juliette III,
51).[619]
Der Geschmack findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind
deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). Die
„Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie
(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen
Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr
thätig.
Der Tastsinn wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu einer Orgie
benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der verschiedenen
Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die ja zum
grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die
bemerkenswertesten heraus. — Den Exhibitionismus predigt Dolmancé,
indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu
enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, 147.)
Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche die
Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die
Befriedigung grausamer Gelüste findet auf die verschiedenste Weise statt:
durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen zwei
Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt eine
Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225–230). Ein Anderer wieder
empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche Schein-
Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem
Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III,
65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). Die
aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar in einem
eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen grausamen
Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der
Incisionen (Justine III, 223).
deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der Freunde des
Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen Mädchen und
Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. Das Beriechen der
weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette III, 54), ebenso der
Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die Nase urinieren (Juliette III,
51).[619]
Der Geschmack findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind
deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). Die
„Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie
(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen
Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr
thätig.
Der Tastsinn wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu einer Orgie
benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der verschiedenen
Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die ja zum
grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die
bemerkenswertesten heraus. — Den Exhibitionismus predigt Dolmancé,
indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu
enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, 147.)
Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche die
Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die
Befriedigung grausamer Gelüste findet auf die verschiedenste Weise statt:
durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen zwei
Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt eine
Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225–230). Ein Anderer wieder
empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche Schein-
Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem
Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III,
65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). Die
aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar in einem
eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen grausamen
Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der
Incisionen (Justine III, 223).
Page 324
Die Zoophilie wird von Sade als sexuelles Raffinement hochgepriesen.
„Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals im Augenblick der
Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous comble alors la
volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich im vierten Bande der
Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer Dogge, um die sexuellen
Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist Nekrophile, er befriedigt sich an der Leiche
eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die Statuenschändung wird erwähnt.
Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. (Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung bizarrer Einfälle den sexuellen
Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König von
Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an einer anderen
Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), Vespoli liebt besonders
Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer Prokurator Menstruierende (ib.
VI, 147), ein Dritter die Depilation der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter
steckt brennende Lichter in die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt
sich auf den Särgen früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
Seltsame Naturerzeugnisse und Naturerscheinungen dienen der Wollust.
Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene Genüsse
(Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die Sinne. (ib. IV,
258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des Vesuvs (Jul. VI, 35), der
Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch geschichtliche Erinnerungen werden im selben Sinne verwertet.
Man ahmt die Thaten des Tiberius, des Nero und der Theodora nach
(Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den historisch
denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, 340–341), im
Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
„Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals im Augenblick der
Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous comble alors la
volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich im vierten Bande der
Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer Dogge, um die sexuellen
Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist Nekrophile, er befriedigt sich an der Leiche
eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die Statuenschändung wird erwähnt.
Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. (Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung bizarrer Einfälle den sexuellen
Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König von
Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an einer anderen
Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), Vespoli liebt besonders
Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer Prokurator Menstruierende (ib.
VI, 147), ein Dritter die Depilation der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter
steckt brennende Lichter in die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt
sich auf den Särgen früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
Seltsame Naturerzeugnisse und Naturerscheinungen dienen der Wollust.
Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene Genüsse
(Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die Sinne. (ib. IV,
258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des Vesuvs (Jul. VI, 35), der
Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch geschichtliche Erinnerungen werden im selben Sinne verwertet.
Man ahmt die Thaten des Tiberius, des Nero und der Theodora nach
(Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den historisch
denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, 340–341), im
Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
Page 325
4. Versuch einer Aufstellung von erotischen
Individualitäten.
Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer
Beziehung ist der Versuch des Marquis de Sade, die einzelnen Neigungen
der Personen in seinen Romanen aus ihrer körperlichen Beschaffenheit
abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares
Rodin und Coelestine.
„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen,
lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen
atmete Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde
durum erat.“ (Justine I, 252.)
Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine.
„Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl
gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste
Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem perlongam,
anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches Temperament, viel
Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les goûts‘, besonders die
Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur als Pathica hin“. (Justine
I, 253.)
Wie man sieht, schildert der Marquis de Sade die Coelestine als sehr
behaart. Genau dieselbe Eigenschaft legt Tardieu den erotisch besonders
stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer „abondance du
système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der Augen, dem
wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken roten Lippen
und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste und Geschlechtsteile.
Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet sich nach Tardieu durch einen
starren, gierigen Blick aus, hat blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen
Mund, blasse Gesichtsfarbe, indecente Manieren und nimmt eine
herausfordernde Haltung an.[620]
Individualitäten.
Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer
Beziehung ist der Versuch des Marquis de Sade, die einzelnen Neigungen
der Personen in seinen Romanen aus ihrer körperlichen Beschaffenheit
abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares
Rodin und Coelestine.
„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen,
lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen
atmete Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde
durum erat.“ (Justine I, 252.)
Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine.
„Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl
gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste
Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem perlongam,
anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches Temperament, viel
Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les goûts‘, besonders die
Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur als Pathica hin“. (Justine
I, 253.)
Wie man sieht, schildert der Marquis de Sade die Coelestine als sehr
behaart. Genau dieselbe Eigenschaft legt Tardieu den erotisch besonders
stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer „abondance du
système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der Augen, dem
wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken roten Lippen
und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste und Geschlechtsteile.
Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet sich nach Tardieu durch einen
starren, gierigen Blick aus, hat blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen
Mund, blasse Gesichtsfarbe, indecente Manieren und nimmt eine
herausfordernde Haltung an.[620]
Page 326
5. Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen.
Da an den Orgien in den Romanen des Marquis de Sade stets zahlreiche
Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere
Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person ihre
Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und die
auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène sagt:
Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man geniesst
dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I, 6). Auch die
Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher obscöner Gruppen
(Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le Boudoir“, diesem Lehrbuche
des Sexualgenusses, werden natürlich der Schülerin Eugenie von Madame
St.-Ange und insbesondere von Dolmancé diese Arrangements ausführlich
eröffnet. Madame de St.-Ange führt dann Eugenie in eine Nische, deren
Wände aus Spiegelglas bestehen und die „die verschiedenen Stellungen
tausendfach wiederholen und so die eigenen Genüsse den Augen der auf
einer Ottomane sich ihnen Hingebenden recht deutlich machen, da kein
Körperteil auf diese Weise verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden
lauter ähnliche Gruppen und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen,
lauter wunderbare Gemälde, der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I,
40.) Ein ganz besonderes Stück ist die „Cavalcade“, welche der
lebenslustige Mönch Clément in der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen
zwei auf allen Vieren kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.)
Aehnliche obscöne Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“
und „Juliette“ wieder.
Da an den Orgien in den Romanen des Marquis de Sade stets zahlreiche
Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere
Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person ihre
Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und die
auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène sagt:
Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man geniesst
dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I, 6). Auch die
Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher obscöner Gruppen
(Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le Boudoir“, diesem Lehrbuche
des Sexualgenusses, werden natürlich der Schülerin Eugenie von Madame
St.-Ange und insbesondere von Dolmancé diese Arrangements ausführlich
eröffnet. Madame de St.-Ange führt dann Eugenie in eine Nische, deren
Wände aus Spiegelglas bestehen und die „die verschiedenen Stellungen
tausendfach wiederholen und so die eigenen Genüsse den Augen der auf
einer Ottomane sich ihnen Hingebenden recht deutlich machen, da kein
Körperteil auf diese Weise verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden
lauter ähnliche Gruppen und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen,
lauter wunderbare Gemälde, der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I,
40.) Ein ganz besonderes Stück ist die „Cavalcade“, welche der
lebenslustige Mönch Clément in der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen
zwei auf allen Vieren kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.)
Aehnliche obscöne Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“
und „Juliette“ wieder.
Page 327
6. Das Mysterium des Lasters.
Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das
einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). Man muss sie nur mit
einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird. Dieses
Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette wundert sich über das
Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie in der „Gesellschaft der
Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus den Schluss, dass der Mensch
nichts in der Welt so sehr achte, wie seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.)
Darum finden alle Orgien an dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen
Schlössern, in Höhlen, unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am
und auf dem Meere, in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird
der Anthropophage Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem
wohlbefestigten Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313).
Für Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“
und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt
(Philosophie dans le Boudoir II, 153).
Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das
einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). Man muss sie nur mit
einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird. Dieses
Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette wundert sich über das
Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie in der „Gesellschaft der
Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus den Schluss, dass der Mensch
nichts in der Welt so sehr achte, wie seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.)
Darum finden alle Orgien an dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen
Schlössern, in Höhlen, unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am
und auf dem Meere, in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird
der Anthropophage Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem
wohlbefestigten Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313).
Für Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“
und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt
(Philosophie dans le Boudoir II, 153).
Page 328
7. Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion.
Die Lüge ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution und
der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf mit
Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass man sich
auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die Sucht zu
lügen, sagt Parent-Duchatelet, ist bei den öffentlichen Mädchen allgemein
und ein Kind der immer falschen Stellung, des peinlichen Zustandes, worin
sie leben, der Meinung, die man, wie sie wissen, von ihnen hegt... Man
muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen sehr vorsichtig sein“.[621] Ein
anderer ausgezeichneter Kenner der Prostitution äussert sich noch schärfer:
„Die Prostituierte lügt aus Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei
vollkommen gleichgiltigen Dingen, nach denen sie gefragt wird, sie lügt
selbst dort, wo es leicht ist, sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne
Rücksicht darauf, ob sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es
unter Umständen selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
Fast alle Helden und Heldinnen der Sade’schen Romane lügen. Die
Lüge ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft
der Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei
der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59). Allen
diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss. Zwar
rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht sofort von
der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange bezweifelt
wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig falsch und
lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein, in der man mit
Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen und nur ihre Tugenden
zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein. Denn dann würde man ihnen
gegenüber im Nachteil sein. Die Heuchelei und die Lüge sind uns von der
Gesellschaft auferlegt worden. Niemand ist so verderbt wie ich. Und doch
halten mich alle für anständig“. (Philosophie dans le Boudoir II, S. 7–8.)
Die Delmonse proklamiert ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der
Wollust (Justine I, 28–29).
Die Lüge ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution und
der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf mit
Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass man sich
auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die Sucht zu
lügen, sagt Parent-Duchatelet, ist bei den öffentlichen Mädchen allgemein
und ein Kind der immer falschen Stellung, des peinlichen Zustandes, worin
sie leben, der Meinung, die man, wie sie wissen, von ihnen hegt... Man
muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen sehr vorsichtig sein“.[621] Ein
anderer ausgezeichneter Kenner der Prostitution äussert sich noch schärfer:
„Die Prostituierte lügt aus Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei
vollkommen gleichgiltigen Dingen, nach denen sie gefragt wird, sie lügt
selbst dort, wo es leicht ist, sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne
Rücksicht darauf, ob sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es
unter Umständen selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
Fast alle Helden und Heldinnen der Sade’schen Romane lügen. Die
Lüge ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft
der Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei
der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59). Allen
diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss. Zwar
rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht sofort von
der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange bezweifelt
wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig falsch und
lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein, in der man mit
Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen und nur ihre Tugenden
zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein. Denn dann würde man ihnen
gegenüber im Nachteil sein. Die Heuchelei und die Lüge sind uns von der
Gesellschaft auferlegt worden. Niemand ist so verderbt wie ich. Und doch
halten mich alle für anständig“. (Philosophie dans le Boudoir II, S. 7–8.)
Die Delmonse proklamiert ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der
Wollust (Justine I, 28–29).
Page 329
8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen
Entartung.
Die Mehrzahl der von Sade geschilderten sexuell perversen
Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten
Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement zu
diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch ist ja
die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf gerichtet, die
junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den conträrsexualen
Genüssen bekannt zu machen, und Sade schildert mit richtiger Erkenntnis,
wie diese Novize der Wollust alle Lehren begierig in sich aufnimmt und
praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass die Einbildungskraft der Stachel
des Vergnügens sei und immer neue Arten der geschlechtlichen
Befriedigung erfinde. (Phil. dans le Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-
Ange ist die Einbildungskraft die „capricieuse portière de notre esprit“,
Feindin aller Regel, Anbeterin der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr
gelehrigen Eugenie muss man der Imagination freien Lauf lassen in Bezug
auf die unnatürlichen Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem
Massstabe des „Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr
drastisch schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen
gegen die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran
bekommen und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen
anderen vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel
der Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico
geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein —
anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch
das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, 67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der hereditären Natur
der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die
sexuelle Perversion des Menschen eine Funktion seiner Organe sei. Daher
ist der sexuell perverse Mensch ein Kranker, er ist „wie eine hysterische
Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen anderen
Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist zu beklagen,
Entartung.
Die Mehrzahl der von Sade geschilderten sexuell perversen
Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten
Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement zu
diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch ist ja
die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf gerichtet, die
junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den conträrsexualen
Genüssen bekannt zu machen, und Sade schildert mit richtiger Erkenntnis,
wie diese Novize der Wollust alle Lehren begierig in sich aufnimmt und
praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass die Einbildungskraft der Stachel
des Vergnügens sei und immer neue Arten der geschlechtlichen
Befriedigung erfinde. (Phil. dans le Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-
Ange ist die Einbildungskraft die „capricieuse portière de notre esprit“,
Feindin aller Regel, Anbeterin der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr
gelehrigen Eugenie muss man der Imagination freien Lauf lassen in Bezug
auf die unnatürlichen Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem
Massstabe des „Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr
drastisch schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen
gegen die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran
bekommen und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen
anderen vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel
der Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico
geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein —
anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch
das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, 67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der hereditären Natur
der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die
sexuelle Perversion des Menschen eine Funktion seiner Organe sei. Daher
ist der sexuell perverse Mensch ein Kranker, er ist „wie eine hysterische
Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen anderen
Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist zu beklagen,
Page 330
aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr vervollkommnet
sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der Organisation
des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird aus den
Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, den Göttern
und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass ein bestimmter
Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, ein bestimmter Grad
von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern genügen, um aus
einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung zu machen. (Justine
II, 212–213.) Ebenso meint Bressac, dass der Pathicus von Natur ein
Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für
angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen Struktur“. Es wäre eine
Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis 164).
sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der Organisation
des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird aus den
Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, den Göttern
und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass ein bestimmter
Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, ein bestimmter Grad
von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern genügen, um aus
einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung zu machen. (Justine
II, 212–213.) Ebenso meint Bressac, dass der Pathicus von Natur ein
Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für
angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen Struktur“. Es wäre eine
Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis 164).
Page 331
9. Unsere Definition des Sadismus.
Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher
geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben bei
anderen Autoren an.
Lacassagne erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei
welchem der Sexualtrieb erregt oder befriedigt wird unter dem Einflusse
des Zerstörungstriebes.[623]
Nach R. v. Krafft-Ebing ist der Sadismus jene Form der Perversion der
Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin findet,
Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. Er stellt
dem Sadismus den Masochismus (nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch)
gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, von einem Anderen
herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt zu werden.[624] Er
betrachtet Masochismus und Sadismus als die „Grundformen
psychosexualer Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen
des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten
können.“[625]
Demgegenüber macht v. Schrenck-Notzing geltend, dass zunächst der
Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis
de Sade und von Sacher-Masoch nicht so scharf durchgeführt sei, wie dies
v. Krafft-Ebing annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion oft
bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem
einzigen höheren Begriffe, der Algolagnie (von ἄλγος = Schmerz und
λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als aktive
Algolagnie, den Masochismus als passive Algolagnie. Es giebt aber nach
diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die onanistische
Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die visuelle
Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen),
zoophile und bestiale Algolagnie, nekrophile Algolagnie, endlich die ideelle
oder symbolische Algolagnie, bei welcher „der Schmerz ohne jede
Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner selbst willen
eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive Bethätigung.“[626]
Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher
geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben bei
anderen Autoren an.
Lacassagne erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei
welchem der Sexualtrieb erregt oder befriedigt wird unter dem Einflusse
des Zerstörungstriebes.[623]
Nach R. v. Krafft-Ebing ist der Sadismus jene Form der Perversion der
Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin findet,
Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. Er stellt
dem Sadismus den Masochismus (nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch)
gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, von einem Anderen
herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt zu werden.[624] Er
betrachtet Masochismus und Sadismus als die „Grundformen
psychosexualer Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen
des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten
können.“[625]
Demgegenüber macht v. Schrenck-Notzing geltend, dass zunächst der
Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis
de Sade und von Sacher-Masoch nicht so scharf durchgeführt sei, wie dies
v. Krafft-Ebing annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion oft
bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem
einzigen höheren Begriffe, der Algolagnie (von ἄλγος = Schmerz und
λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als aktive
Algolagnie, den Masochismus als passive Algolagnie. Es giebt aber nach
diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die onanistische
Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die visuelle
Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen),
zoophile und bestiale Algolagnie, nekrophile Algolagnie, endlich die ideelle
oder symbolische Algolagnie, bei welcher „der Schmerz ohne jede
Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner selbst willen
eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive Bethätigung.“[626]
Page 332
Thoinot giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die
Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen Genuss
darin findet, Schmerzen von sehr verschiedenen Graden einem Anderen
zuzufügen, sei es, dass er selbst sie zufügt, oder zufügen lässt oder, ohne
dass er der Urheber derselben ist, dabei zuschaut. Diese leidende Person
muss immer ein menschliches Wesen sein.“[627]
Thoinot und von Schrenck-Notzing stimmen darin überein, dass die
Verbindung von Grausamkeit und Wollust der höhere Begriff ist, dem die
anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus nicht
etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser eine
Form der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber Thoinot Unrecht, dass er
den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie setzt) nur
menschlichen Wesen gegenüber angewendet wissen will.
A. Eulenburg hat wohl noch vor von Schrenck-Notzing darauf
aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die
Worte Lagnänomanie (= Sadismus) und Machlänomanie (= Masochismus)
ersetzt, sehr viele Ab- und Unterarten umfasst. Auch er betont, dass „sich
das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, und aus
Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen kann.“ Ferner
erinnert Eulenburg an die Mittelformen, wobei „das Individuum zum
Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame Handlungen
vornimmt noch solche erduldet — wohl aber dergleichen von Anderen
provociert, sie mit ansieht und durch den Anblick, oder unter Umständen
schon durch die blosse Vorstellung des Anblicks in die gewünschte
Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von ideeller oder illusionärer
Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner ist die Begehung grausamer
Akte gegen Tiere in Betracht zu ziehen. Schliesslich erklärt Eulenburg das
Beobachtungsmaterial für „noch bei Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine allgemeine und für
alle Fälle zutreffende Definition des Sadismus zu finden, die kurz und
prägnant den Grundton der Sade’schen Werke ausdrückt und unter die sich
alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der Zoo- und Nekrophilie,
der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen lassen. Bedenkt man, dass
in den Werken des Marquis de Sade auch alle wirklichen und ideellen
destruktiven Vorgänge in der lebenden und toten Natur als Ursachen
sexueller Erregung und Befriedigung betrachtet werden, wie Mord, Folter,
Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen Genuss
darin findet, Schmerzen von sehr verschiedenen Graden einem Anderen
zuzufügen, sei es, dass er selbst sie zufügt, oder zufügen lässt oder, ohne
dass er der Urheber derselben ist, dabei zuschaut. Diese leidende Person
muss immer ein menschliches Wesen sein.“[627]
Thoinot und von Schrenck-Notzing stimmen darin überein, dass die
Verbindung von Grausamkeit und Wollust der höhere Begriff ist, dem die
anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus nicht
etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser eine
Form der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber Thoinot Unrecht, dass er
den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie setzt) nur
menschlichen Wesen gegenüber angewendet wissen will.
A. Eulenburg hat wohl noch vor von Schrenck-Notzing darauf
aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die
Worte Lagnänomanie (= Sadismus) und Machlänomanie (= Masochismus)
ersetzt, sehr viele Ab- und Unterarten umfasst. Auch er betont, dass „sich
das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, und aus
Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen kann.“ Ferner
erinnert Eulenburg an die Mittelformen, wobei „das Individuum zum
Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame Handlungen
vornimmt noch solche erduldet — wohl aber dergleichen von Anderen
provociert, sie mit ansieht und durch den Anblick, oder unter Umständen
schon durch die blosse Vorstellung des Anblicks in die gewünschte
Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von ideeller oder illusionärer
Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner ist die Begehung grausamer
Akte gegen Tiere in Betracht zu ziehen. Schliesslich erklärt Eulenburg das
Beobachtungsmaterial für „noch bei Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine allgemeine und für
alle Fälle zutreffende Definition des Sadismus zu finden, die kurz und
prägnant den Grundton der Sade’schen Werke ausdrückt und unter die sich
alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der Zoo- und Nekrophilie,
der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen lassen. Bedenkt man, dass
in den Werken des Marquis de Sade auch alle wirklichen und ideellen
destruktiven Vorgänge in der lebenden und toten Natur als Ursachen
sexueller Erregung und Befriedigung betrachtet werden, wie Mord, Folter,
Page 333
Nekrophilie, Zoophilie, aber auch Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche,
Feuersbrünste, Diebstähle u. s. w., so wird man den typischen Sadismus
folgendermassen definieren:
Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene
Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses
mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären)
Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge
und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen
und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und die
Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus
diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst
ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen lässt,
oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder
unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.
Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht
wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden
Ereignissen.
Feuersbrünste, Diebstähle u. s. w., so wird man den typischen Sadismus
folgendermassen definieren:
Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene
Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses
mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären)
Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge
und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen
und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und die
Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus
diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst
ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen lässt,
oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder
unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.
Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht
wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden
Ereignissen.
Page 334
10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem
Leben und seinen Schriften.
Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis de Sade geisteskrank oder
nicht?
Heute, wo die hereditäre und krankhafte Natur der sogenannten
conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung
des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur zu
leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen einer
Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als unsere feste,
aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des modernen Lebens
geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die Mehrzahl der sexuellen perversen
Personen für geistig gesund halten und ihre Perversion auf Verführung und
geschlechtliche Ueberreizung zurückführen. Die Anschauungen v. Krafft-
Ebing’s, der die hereditäre Natur vieler sexueller Perversionen vertritt,
werden gegenüber den durchaus berechtigten Ausführungen v. Schrenck-
Notzing’s, der die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung
u. dgl. m. verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie
weitere Studien erweisen werden. Selbst von Krafft-Ebing sagt einmal
(Arch. f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer Tardieus bekannte Studie,
Caspers gerichtsärztliche Werke, Legrand du Saulles Mitteilungen in den
Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird zugeben
müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit geistiger
Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie Moll richtig bemerkt,
hervor, dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten geschlechtlichen
Perversitäten an sich nicht als Beweis einer Geisteskrankheit ansieht.[629]
Was speziell den Sadismus betrifft, so bemerkt auch Eulenburg, ein
Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, namentlich
aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu betrachten
seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter ihnen, die
eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl ausnahmslos,
obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund hingerichtet hat
Leben und seinen Schriften.
Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis de Sade geisteskrank oder
nicht?
Heute, wo die hereditäre und krankhafte Natur der sogenannten
conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung
des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur zu
leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen einer
Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als unsere feste,
aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des modernen Lebens
geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die Mehrzahl der sexuellen perversen
Personen für geistig gesund halten und ihre Perversion auf Verführung und
geschlechtliche Ueberreizung zurückführen. Die Anschauungen v. Krafft-
Ebing’s, der die hereditäre Natur vieler sexueller Perversionen vertritt,
werden gegenüber den durchaus berechtigten Ausführungen v. Schrenck-
Notzing’s, der die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung
u. dgl. m. verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie
weitere Studien erweisen werden. Selbst von Krafft-Ebing sagt einmal
(Arch. f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer Tardieus bekannte Studie,
Caspers gerichtsärztliche Werke, Legrand du Saulles Mitteilungen in den
Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird zugeben
müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit geistiger
Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie Moll richtig bemerkt,
hervor, dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten geschlechtlichen
Perversitäten an sich nicht als Beweis einer Geisteskrankheit ansieht.[629]
Was speziell den Sadismus betrifft, so bemerkt auch Eulenburg, ein
Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, namentlich
aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu betrachten
seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter ihnen, die
eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl ausnahmslos,
obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund hingerichtet hat
Page 335
(was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger als einen Justizmord
ansehen möchte).“[630]
Ueber den Geisteszustand des Marquis de Sade, der bekanntlich von
Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei
Aerzte geäussert, Dr. Marciat in Lyon und Professor A. Eulenburg in
Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das
eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über Sade geliefert. Er kommt
zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der Mehrzahl nach
sich kaum in der Lage befunden haben würden, de Sade vor dem
Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung beraubt‘ zu
erklären und ihn der unzweifelhaften gerichtlichen Verurteilung damit zu
entziehen.“[631] Marciat kommt zu einem ähnlichen Resultat. Der Marquis
de Sade war „nicht geisteskrank im genauen Sinne des Wortes“. Höchstens
könnte man an moral insanity denken, aber nur im Hinblick auf die
Hauptwerke. Aber „man muss sich erinnern, dass Mirabeau, Musset und
viele Andere auch sehr schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die Marciat
eventuell zulassen würde, hat Eulenburg (a. a. O. S. 514) bereits
zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich „lediglich
durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der natürlichen
sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus entspringende
Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige Störungen der
Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr „immer und überall die
auf angeborener Anlage beruhende Abschwächung der Intelligenz neben der
Gefühlsstörung hervortritt und dass es sich demnach um Fälle angeborenen
Schwachsinns, meist auf degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
Wir glauben, dass speziell bei Sade jene Form der Entartung in Betracht
kommen könnte, welche Kraepelin als „impulsives Irresein“ bezeichnet. Es
sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung
krankhafter Neigungen und Triebe eigentümlich ist.“ Dieselben können
entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen
Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei ohne klaren
Beweggrund. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des
Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete
des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten die häufige Verbindung
krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe entgegen.“ Die geistige
ansehen möchte).“[630]
Ueber den Geisteszustand des Marquis de Sade, der bekanntlich von
Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei
Aerzte geäussert, Dr. Marciat in Lyon und Professor A. Eulenburg in
Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das
eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über Sade geliefert. Er kommt
zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der Mehrzahl nach
sich kaum in der Lage befunden haben würden, de Sade vor dem
Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung beraubt‘ zu
erklären und ihn der unzweifelhaften gerichtlichen Verurteilung damit zu
entziehen.“[631] Marciat kommt zu einem ähnlichen Resultat. Der Marquis
de Sade war „nicht geisteskrank im genauen Sinne des Wortes“. Höchstens
könnte man an moral insanity denken, aber nur im Hinblick auf die
Hauptwerke. Aber „man muss sich erinnern, dass Mirabeau, Musset und
viele Andere auch sehr schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die Marciat
eventuell zulassen würde, hat Eulenburg (a. a. O. S. 514) bereits
zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich „lediglich
durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der natürlichen
sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus entspringende
Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige Störungen der
Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr „immer und überall die
auf angeborener Anlage beruhende Abschwächung der Intelligenz neben der
Gefühlsstörung hervortritt und dass es sich demnach um Fälle angeborenen
Schwachsinns, meist auf degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
Wir glauben, dass speziell bei Sade jene Form der Entartung in Betracht
kommen könnte, welche Kraepelin als „impulsives Irresein“ bezeichnet. Es
sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung
krankhafter Neigungen und Triebe eigentümlich ist.“ Dieselben können
entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen
Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei ohne klaren
Beweggrund. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des
Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete
des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten die häufige Verbindung
krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe entgegen.“ Die geistige
Page 336
Begabung braucht keine schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen.
Doch ist in schweren Fällen meist Schwachsinn vorhanden. In allen Fällen
findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit,
eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn,
Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den
Entwickelungsjahren hervor und zeitigt auch später meist periodische
Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach Kraepelin das Bestehen des
impulsiven Irreseins nur dort annehmen, wo wirklich der triebartige
Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel hervortritt und wo
auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer
krankhaften Veranlagung erkennbar sind. Kraepelin lässt die Möglichkeit
zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande
geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger
sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und
spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das
Leben und die Werke des Marquis de Sade mit der Absicht zu untersuchen,
daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur
wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. Sade war ein Provenzale und besass als solcher das südlich heisse
Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die Heredität ist wenig nachweisbar. Doch ist
wahrscheinlich, dass Sade die Neigung zum galanten Leben und zur
Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb
de Sade schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der
Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber Sade’s Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen
Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass Sade mit 17 Jahren, also im Beginn der
Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie
weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter
dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen
Armee auch die Ausschweifungen des Marquis de Sade ihren Anfang
nahmen.
Doch ist in schweren Fällen meist Schwachsinn vorhanden. In allen Fällen
findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit,
eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn,
Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den
Entwickelungsjahren hervor und zeitigt auch später meist periodische
Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach Kraepelin das Bestehen des
impulsiven Irreseins nur dort annehmen, wo wirklich der triebartige
Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel hervortritt und wo
auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer
krankhaften Veranlagung erkennbar sind. Kraepelin lässt die Möglichkeit
zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande
geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger
sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und
spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das
Leben und die Werke des Marquis de Sade mit der Absicht zu untersuchen,
daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur
wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. Sade war ein Provenzale und besass als solcher das südlich heisse
Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die Heredität ist wenig nachweisbar. Doch ist
wahrscheinlich, dass Sade die Neigung zum galanten Leben und zur
Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb
de Sade schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der
Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber Sade’s Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen
Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass Sade mit 17 Jahren, also im Beginn der
Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie
weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter
dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen
Armee auch die Ausschweifungen des Marquis de Sade ihren Anfang
nahmen.
Page 337
5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben Sade’s, welche
Marciat ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis de Sade bei den
beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar
getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine
körperliche und psychische Schädigung auf Sade ausgeübt hat. (S. oben S.
324.)
8. Dass Sade eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus
der Beobachtung des Freundes von Brierre de Boismont hervor.
9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten,
die während des Gefängnislebens Sades’s hervortreten: das Misstrauen, die
Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis de
Sade solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die
Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl
nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis de Sade, so ergiebt sich
Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von Eulenburg hervorgehoben ist der blosse
Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und
der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details,
die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende
Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen
geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der
Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben Michelet und nach ihm Taine („Les origines de la
France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis de Sade
als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters,
insofern er nach eigener Lektüre und Beobachtung alle geschichtlich
nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des
Marciat ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis de Sade bei den
beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar
getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine
körperliche und psychische Schädigung auf Sade ausgeübt hat. (S. oben S.
324.)
8. Dass Sade eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus
der Beobachtung des Freundes von Brierre de Boismont hervor.
9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten,
die während des Gefängnislebens Sades’s hervortreten: das Misstrauen, die
Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis de
Sade solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die
Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl
nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis de Sade, so ergiebt sich
Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von Eulenburg hervorgehoben ist der blosse
Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und
der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details,
die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende
Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen
geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der
Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben Michelet und nach ihm Taine („Les origines de la
France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis de Sade
als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters,
insofern er nach eigener Lektüre und Beobachtung alle geschichtlich
nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des
Page 338
Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit unleugbarem Scharfsinn
beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. Krafft-Ebing in Form
einer wissenschaftlichen Monographie gethan hat, das hat schon hundert
Jahre früher der Marquis de Sade in Form eines Romans geleistet.
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen kulturhistorischen und
zeitgeschichtlichen Wert, indem sie alle Phasen, Nüancen und
Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des
ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im
ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von Sade vorgetragene Theorie des Lasters ist ein Produkt der
Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und
die „Philosophie dans le Boudoir“, hat Sade durchaus moralische Ansichten
entwickelt.
18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche
Andeutungen, dass Sade in ihnen vorzüglich Tendenzschriften gegen das
ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften
auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig
genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere
scheinbare Inkonsequenzen — beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I,
141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an
Ausschweifungen (Juliette III, 283–284) — vorkommen.
20. Sade zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der
zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als philosophischer Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig.
Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung
besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis de Sade
war nicht geisteskrank. Er war eine vielleicht durch Heredität
neuropathische Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu,
frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen
durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe
geistige Begabung zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent
beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. Krafft-Ebing in Form
einer wissenschaftlichen Monographie gethan hat, das hat schon hundert
Jahre früher der Marquis de Sade in Form eines Romans geleistet.
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen kulturhistorischen und
zeitgeschichtlichen Wert, indem sie alle Phasen, Nüancen und
Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des
ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im
ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von Sade vorgetragene Theorie des Lasters ist ein Produkt der
Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und
die „Philosophie dans le Boudoir“, hat Sade durchaus moralische Ansichten
entwickelt.
18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche
Andeutungen, dass Sade in ihnen vorzüglich Tendenzschriften gegen das
ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften
auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig
genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere
scheinbare Inkonsequenzen — beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I,
141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an
Ausschweifungen (Juliette III, 283–284) — vorkommen.
20. Sade zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der
zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als philosophischer Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig.
Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung
besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis de Sade
war nicht geisteskrank. Er war eine vielleicht durch Heredität
neuropathische Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu,
frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen
durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe
geistige Begabung zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent
Page 339
geschädigt wurde, so dass besonders in den philosophischen Deduktionen
seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von geistiger Schwäche deutlich
hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer
Beobachtungsgabe ein Gemälde der Zeit entwerfen, viel weniger sichtbar
ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von
Sade’s berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur
Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen Sade als
Persönlichkeit und Sade als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil
überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern,
dass die Einbildungskraft sexuell perverser Personen fast stets
ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art,
Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden
enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren
versuchten. Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien
sexuelle Orgien, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es
nicht erwiesen ist, dass der Marquis de Sade die Thaten eines Gilles de
Retz, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen
möchten, wie Eulenburg dies thut, oder diejenigen eines Charolais
ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen
Zustandes Sade’s, die sich im ganzen mit der Eulenburg’schen deckt, als die
einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen
plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza
irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das
wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte,
doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]
seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von geistiger Schwäche deutlich
hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer
Beobachtungsgabe ein Gemälde der Zeit entwerfen, viel weniger sichtbar
ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von
Sade’s berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur
Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen Sade als
Persönlichkeit und Sade als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil
überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern,
dass die Einbildungskraft sexuell perverser Personen fast stets
ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art,
Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden
enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren
versuchten. Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien
sexuelle Orgien, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es
nicht erwiesen ist, dass der Marquis de Sade die Thaten eines Gilles de
Retz, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen
möchten, wie Eulenburg dies thut, oder diejenigen eines Charolais
ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen
Zustandes Sade’s, die sich im ganzen mit der Eulenburg’schen deckt, als die
einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen
plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza
irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das
wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte,
doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]
Page 340
V.
Geschichte des Sadismus im 18. und
19. Jahrhundert.
1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des
Marquis de Sade.
Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen
Schriften des Marquis de Sade wenigstens unter dem Direktorium öffentlich
verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und in den
Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte den
Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt es nicht
Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke unter
Napoleon I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige Nachdrucke
sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue Konfiskationen
vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember 1843[637]
trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem Besitze dieser
berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert suchten sogar die
Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen, weil sie dann sicher
waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden. Lalanne erzählt davon ein
ergötzliches Beispiel.[638] Unser Goethe sah auf dem Frankfurter Marktplatz
einen verbotenen französischen Roman verbrannt werden, und ruhte nicht
eher, als bis er ein Exemplar erlangt hatte. Dabei war nach seiner Erzählung
dieses Exemplar durchaus nicht das einzige, welches nach dieser Exekution
gekauft wurde.[639]
Geschichte des Sadismus im 18. und
19. Jahrhundert.
1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des
Marquis de Sade.
Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen
Schriften des Marquis de Sade wenigstens unter dem Direktorium öffentlich
verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und in den
Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte den
Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt es nicht
Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke unter
Napoleon I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige Nachdrucke
sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue Konfiskationen
vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember 1843[637]
trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem Besitze dieser
berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert suchten sogar die
Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen, weil sie dann sicher
waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden. Lalanne erzählt davon ein
ergötzliches Beispiel.[638] Unser Goethe sah auf dem Frankfurter Marktplatz
einen verbotenen französischen Roman verbrannt werden, und ruhte nicht
eher, als bis er ein Exemplar erlangt hatte. Dabei war nach seiner Erzählung
dieses Exemplar durchaus nicht das einzige, welches nach dieser Exekution
gekauft wurde.[639]
Page 341
Bereits im Jahre 1797 schreibt Villers über die Verbreitung der
„Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man verlangt
es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden vergriffen, neu
aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift, in verhängnisvollstem
Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren die Schriften de Sade’s
verbreitet. Villers sah in Lübeck bei einem Buchhändler „noch drei
Exemplare“. Hamburg, wo Villers seine Abhandlung für den dort
erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war der hauptsächlichste Ort
für den Druck und Nachdruck der französischen erotischen und
pornographischen Autoren. Janin schildert im Jahre 1834 in anschaulicher
Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften des Marquis de Sade unter
dem ersten Kaiserreich und unter der Restauration waren. Und er wagt auch
nur von ihnen zu sprechen, weil er weiss, dass seine Leser diese Werke
längst kennen. „Denn, man täusche sich nicht darüber, der Marquis de Sade
ist überall; er ist in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter
anderen unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht
bei der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis de
Sade gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten
verbreitet.“[641]
Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis de Sade
betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus den
Jahren 1791–1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800
Francs.[642] Herr Joachim Gomez de la Cortina in Madrid bezahlte nach der
Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908) die 10 Bände
der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe Ausgabe findet
sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser Buchhändler
Techener im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein Pariser Antiquar bot
kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de Petit“ dieser Ausgabe für
1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni 1900 S. 123.) In der Neuzeit
wurden besonders von der Firma Gay und Doucé in Brüssel Neudrucke
veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150 Francs,
die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem deutschen
Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise von 120
Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und „Aline et
Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute noch trotz
ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen Westens verbreitet
„Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man verlangt
es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden vergriffen, neu
aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift, in verhängnisvollstem
Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren die Schriften de Sade’s
verbreitet. Villers sah in Lübeck bei einem Buchhändler „noch drei
Exemplare“. Hamburg, wo Villers seine Abhandlung für den dort
erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war der hauptsächlichste Ort
für den Druck und Nachdruck der französischen erotischen und
pornographischen Autoren. Janin schildert im Jahre 1834 in anschaulicher
Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften des Marquis de Sade unter
dem ersten Kaiserreich und unter der Restauration waren. Und er wagt auch
nur von ihnen zu sprechen, weil er weiss, dass seine Leser diese Werke
längst kennen. „Denn, man täusche sich nicht darüber, der Marquis de Sade
ist überall; er ist in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter
anderen unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht
bei der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis de
Sade gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten
verbreitet.“[641]
Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis de Sade
betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus den
Jahren 1791–1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800
Francs.[642] Herr Joachim Gomez de la Cortina in Madrid bezahlte nach der
Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908) die 10 Bände
der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe Ausgabe findet
sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser Buchhändler
Techener im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein Pariser Antiquar bot
kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de Petit“ dieser Ausgabe für
1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni 1900 S. 123.) In der Neuzeit
wurden besonders von der Firma Gay und Doucé in Brüssel Neudrucke
veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150 Francs,
die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem deutschen
Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise von 120
Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und „Aline et
Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute noch trotz
ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen Westens verbreitet
Page 342
und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia verbo) geheimer Bordelle
und vornehmer Absteigequartiere. So fand der frühere Chef der Pariser
Sittenpolizei, Macé, in einer „maison de rendez-vous“ einer Wittwe F.... in
der pornographischen Bücher- und Bildersammlung auch die „Justine“ des
Marquis de Sade.[644]
Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen
Schilderungen im Druck ungleich verderblicher wirken als das gesprochene
Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen auf zwei
Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf das Gehör. Lino
Ferriani hat in einer wertvollen Schrift[645] sich eingehend mit dem
namenlosen Schaden beschäftigt, den die pornographischen Schriften und
Bilder in jungen Seelen anstiften.
Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften — ein Uebel, das
fortzeugend Böses gebärt — zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten
sexuellen Perversionen miterzeugen helfen. Schon der heilige Basilius sagte
in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer sich an schlechte Lektüre
gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen That.“ Höchst bemerkenswert
ist das Geständnis des berüchtigten Marschalls Gilles de Rais, der erzählt,
dass er in der Bibliothek seines Grossvaters einen Sueton gefunden und
darin gelesen habe, wie Tiberius, Caracalla und andere Caesaren Kinder
gemartert hätten. „Sur quoi je voulus imiter les dits Césars, et le même soir
me mit à le faire en suivant les images de la leçon et du livre“[646]. Ein
Masochist erklärt in seiner von von Krafft-Ebing mitgeteilten
Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften des Sacher-
Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei Disponierten
beigetragen haben“[647]. Auch Eulenburg warnt davor, den „vergiftenden
Einfluss der überhandnehmenden pornographischen Litteratur und einer
gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes sensationelle Verbrechen,
zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl. berichtet, zu
unterschätzen.“[648]
Es ist sicher, dass die Schriften des Marquis de Sade noch heute auf
schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben
vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst Janin so
dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass
Saint-Just sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen Grausamkeiten hat
inspirieren lassen, und dass Napoléon I. die Lektüre der Sade’schen Werke
und vornehmer Absteigequartiere. So fand der frühere Chef der Pariser
Sittenpolizei, Macé, in einer „maison de rendez-vous“ einer Wittwe F.... in
der pornographischen Bücher- und Bildersammlung auch die „Justine“ des
Marquis de Sade.[644]
Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen
Schilderungen im Druck ungleich verderblicher wirken als das gesprochene
Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen auf zwei
Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf das Gehör. Lino
Ferriani hat in einer wertvollen Schrift[645] sich eingehend mit dem
namenlosen Schaden beschäftigt, den die pornographischen Schriften und
Bilder in jungen Seelen anstiften.
Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften — ein Uebel, das
fortzeugend Böses gebärt — zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten
sexuellen Perversionen miterzeugen helfen. Schon der heilige Basilius sagte
in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer sich an schlechte Lektüre
gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen That.“ Höchst bemerkenswert
ist das Geständnis des berüchtigten Marschalls Gilles de Rais, der erzählt,
dass er in der Bibliothek seines Grossvaters einen Sueton gefunden und
darin gelesen habe, wie Tiberius, Caracalla und andere Caesaren Kinder
gemartert hätten. „Sur quoi je voulus imiter les dits Césars, et le même soir
me mit à le faire en suivant les images de la leçon et du livre“[646]. Ein
Masochist erklärt in seiner von von Krafft-Ebing mitgeteilten
Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften des Sacher-
Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei Disponierten
beigetragen haben“[647]. Auch Eulenburg warnt davor, den „vergiftenden
Einfluss der überhandnehmenden pornographischen Litteratur und einer
gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes sensationelle Verbrechen,
zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl. berichtet, zu
unterschätzen.“[648]
Es ist sicher, dass die Schriften des Marquis de Sade noch heute auf
schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben
vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst Janin so
dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass
Saint-Just sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen Grausamkeiten hat
inspirieren lassen, und dass Napoléon I. die Lektüre der Sade’schen Werke
Page 343
seinen Soldaten verboten hat[650], so kann nicht bezweifelt werden, dass die
Schriften praktische Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort
und fort die in ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei
gewissen Lesern hervorrufen. Was Sade für das vornehme Wüstlingstum ist,
das sind manche entsetzlichen Hintertreppenromane, die die
schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern
u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die Lustmörder und
Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke. Man forsche nur nach, und man wird
mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch auf die
Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches erklären
können, was sonst unerklärlich sein würde.
Schriften praktische Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort
und fort die in ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei
gewissen Lesern hervorrufen. Was Sade für das vornehme Wüstlingstum ist,
das sind manche entsetzlichen Hintertreppenromane, die die
schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern
u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die Lustmörder und
Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke. Man forsche nur nach, und man wird
mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch auf die
Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches erklären
können, was sonst unerklärlich sein würde.
Page 344
2. Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“.
Zwei bedeutende französische Schriftsteller, Rétif de la Bretonne und
Charles Villers eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“. Zunächst
beschäftigen wir uns mit Rétif’s „L’Anti-Justine, ou les délices de l’amour.
Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“ Au Palais-Royal 1798, chez feue
la veuve Girouard, très-connue. (2 Bände in 12o.) Auf dem Titel werden 60
Bilder angegeben, die aber nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die Rétif
in der Vorrede ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. Monselet
glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt
worden sei, nach dem Bibliophilen Jacob giebt es aber sechs bekannte
Exemplare dieses Werkes, das Rétif in seiner kleinen Druckerei fertigstellte.
Drei zum Teil unvollständige von diesen sechs Exemplaren besitzt die
Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser Nationalbibliothek, welche aus der
grossen Confiscation stammen, die der erste Consul im Jahre 1803 bei den
Buchhändlern des Palais-Royal und in den Bordellen vornehmen liess,
wobei bestimmt wurde, dass zwei Exemplare jedes pornographischen
Werkes auf der Nationalbibliothek secretiert werden sollten; die übrigen
wurden vernichtet.[651] Eins von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein
reicher englischer Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek
des Herrn Cigongne und kam dann in den Besitz des Herzogs von Aumale.
Heute ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet
wurden, (2 Bände in 18o mit schlechten kolorierten Lithographien; die
anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12o mit Gravuren) sehr verbreitet[652].
Rétif veröffentlichte das Werk unter dem Namen des bekannten Advokaten
Linguet, den er als Jean Pierre Linguet die Erklärung abgeben lässt, dass er
dieses „schlechte Buch“ in guter Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der
Verfasser der „Cacomonade“ nicht Jean Pierre, sondern Simon Nicolas
Henri Linguet.
Nach Monselet enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus
dem eignen Leben Rétifs und bildet ein Supplément zum „Monsieur
Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei einigen
die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ — „Des Conditions du
Zwei bedeutende französische Schriftsteller, Rétif de la Bretonne und
Charles Villers eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“. Zunächst
beschäftigen wir uns mit Rétif’s „L’Anti-Justine, ou les délices de l’amour.
Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“ Au Palais-Royal 1798, chez feue
la veuve Girouard, très-connue. (2 Bände in 12o.) Auf dem Titel werden 60
Bilder angegeben, die aber nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die Rétif
in der Vorrede ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. Monselet
glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt
worden sei, nach dem Bibliophilen Jacob giebt es aber sechs bekannte
Exemplare dieses Werkes, das Rétif in seiner kleinen Druckerei fertigstellte.
Drei zum Teil unvollständige von diesen sechs Exemplaren besitzt die
Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser Nationalbibliothek, welche aus der
grossen Confiscation stammen, die der erste Consul im Jahre 1803 bei den
Buchhändlern des Palais-Royal und in den Bordellen vornehmen liess,
wobei bestimmt wurde, dass zwei Exemplare jedes pornographischen
Werkes auf der Nationalbibliothek secretiert werden sollten; die übrigen
wurden vernichtet.[651] Eins von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein
reicher englischer Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek
des Herrn Cigongne und kam dann in den Besitz des Herzogs von Aumale.
Heute ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet
wurden, (2 Bände in 18o mit schlechten kolorierten Lithographien; die
anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12o mit Gravuren) sehr verbreitet[652].
Rétif veröffentlichte das Werk unter dem Namen des bekannten Advokaten
Linguet, den er als Jean Pierre Linguet die Erklärung abgeben lässt, dass er
dieses „schlechte Buch“ in guter Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der
Verfasser der „Cacomonade“ nicht Jean Pierre, sondern Simon Nicolas
Henri Linguet.
Nach Monselet enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus
dem eignen Leben Rétifs und bildet ein Supplément zum „Monsieur
Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei einigen
die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ — „Des Conditions du
Page 345
Mariage“ — „Du Dédommagement“ — „Du chef-d’œuvre de tendresse
paternelle“ — „D’une nouvelle Actrice“. — Das Buch strotzt von
Obscönitäten, die aber nach Rétif einen moralischen Zweck verfolgen und
eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“ bilden sollten. „Il est
destiné à ramener les maris blases auxquels les femmes n’inspirent plus
rien. Tel est le but de cette étonnante production que le nom de Linguet
rendra immortelle.“ Er will die Frauen vor der Grausamkeit bewahren. Die
„Anti-Justine“ ist deswegen ebenso obscön wie die „Justine“, damit die
Männer für diese einen Ersatz ohne die Grausamkeiten des Sade’schen
Werkes haben. Er hält die Publikation dieses „Antidots“ für dringend
notwendig (urgente). Es muss also damals wohl die Verbreitung der
„Justine“ eine ausserordentliche gewesen sein. Rétif erklärt endlich noch in
der cynischsten Weise die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk
beigegeben werden sollten.[654]
paternelle“ — „D’une nouvelle Actrice“. — Das Buch strotzt von
Obscönitäten, die aber nach Rétif einen moralischen Zweck verfolgen und
eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“ bilden sollten. „Il est
destiné à ramener les maris blases auxquels les femmes n’inspirent plus
rien. Tel est le but de cette étonnante production que le nom de Linguet
rendra immortelle.“ Er will die Frauen vor der Grausamkeit bewahren. Die
„Anti-Justine“ ist deswegen ebenso obscön wie die „Justine“, damit die
Männer für diese einen Ersatz ohne die Grausamkeiten des Sade’schen
Werkes haben. Er hält die Publikation dieses „Antidots“ für dringend
notwendig (urgente). Es muss also damals wohl die Verbreitung der
„Justine“ eine ausserordentliche gewesen sein. Rétif erklärt endlich noch in
der cynischsten Weise die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk
beigegeben werden sollten.[654]
Page 346
3. Charles de Villers.[655]
Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse
Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen
französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt der edle
Karl von Villers, der wie Adalbert von Chamisso der Unsrige geworden ist,
eine ganz hervorragende Stelle ein. Charles François Dominique de Villers,
geboren den 4. November 1765 in dem lothringischen Städtchen Bolchen
von französischen Eltern aus dem Languedoc, war anfangs Offizier, ging
nach Deutschland, wo er in Lübeck von seiner Freundin Dorothea Schlözer,
der Tochter des berühmten Göttinger Historikers und der ersten deutschen
Frau, die (am 17. September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors
(der Philosophie) erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt
wurde, dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen
Senators Rodde war. Diese Frau erschloss unserem Villers das Verständnis
für deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel
des Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie
in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung dieses
Mannes, der für die direkten geistigen Beziehungen zwischen Deutschland
und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über Luther, Kant und
über die Provinz Westfalen sicher mehr gethan hat als Chamisso, ins rechte
Licht zu setzen, genügt es, daran zu erinnern, dass Goethe von Villers in
einem Brief an Reinhard sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons
herüber und hinüber sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im
ästhetischen Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] Viller’s Beispiel
hat bekanntlich Benjamin Constant und Frau von Staël zu gleichen
teutophilen Bestrebungen ermuntert.
Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene
französische Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter Villers
war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und
deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen
Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft
bekannt zu machen. Besonders war Hamburg auch schon vor der
Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse
Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen
französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt der edle
Karl von Villers, der wie Adalbert von Chamisso der Unsrige geworden ist,
eine ganz hervorragende Stelle ein. Charles François Dominique de Villers,
geboren den 4. November 1765 in dem lothringischen Städtchen Bolchen
von französischen Eltern aus dem Languedoc, war anfangs Offizier, ging
nach Deutschland, wo er in Lübeck von seiner Freundin Dorothea Schlözer,
der Tochter des berühmten Göttinger Historikers und der ersten deutschen
Frau, die (am 17. September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors
(der Philosophie) erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt
wurde, dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen
Senators Rodde war. Diese Frau erschloss unserem Villers das Verständnis
für deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel
des Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie
in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung dieses
Mannes, der für die direkten geistigen Beziehungen zwischen Deutschland
und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über Luther, Kant und
über die Provinz Westfalen sicher mehr gethan hat als Chamisso, ins rechte
Licht zu setzen, genügt es, daran zu erinnern, dass Goethe von Villers in
einem Brief an Reinhard sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons
herüber und hinüber sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im
ästhetischen Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] Viller’s Beispiel
hat bekanntlich Benjamin Constant und Frau von Staël zu gleichen
teutophilen Bestrebungen ermuntert.
Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene
französische Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter Villers
war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und
deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen
Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft
bekannt zu machen. Besonders war Hamburg auch schon vor der
Page 347
Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten
wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische
Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier gaben
Bandus (Marie Jean Louis Amable de Bandus, lebte von 1791 bis 1802 in
Hamburg), Boudens de Vanderbourg und Villers vom Januar 1797 bis zum
Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal politique, littéraire
et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren auf 24 Bände brachte. Die
Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]
Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre
1797 die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“,
welche M. L. Hoffmann mit Recht dem Charles de Villers zuschreibt. Eine
Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis de
Sade wurde im Jahre 1877 von A. P. Malassis veranstaltet, der wir in der
Analyse folgen.[659]
Villers erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ viel
verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit den
Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches erspart
werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine. Speziell ist er von
einer Dame zur Lektüre des Buches und zum Bericht über dasselbe
aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal Ekel und
Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die „grosse
Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende
durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es
bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu haben
und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es war
ohne Zweifel unserem Jahrhundert vorbehalten, es hervorzubringen. Denn
dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen
Erschütterungen concipiert werden, die Frankreich heimgesucht haben. Es
ist eine der widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis, eines der
stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. 14). In der That ist
das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf die bizarrsten und
grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte Grausamkeit. Es giebt
Werke, die von den Grazien inspiriert zu sein scheinen. Dieses haben die
Furien inspiriert. „Es ist mit Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern,
was Robespierre unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser
Tyrann, als Couthon, Saint-Just, Collot, seine Minister, der Mordthaten und
wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische
Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier gaben
Bandus (Marie Jean Louis Amable de Bandus, lebte von 1791 bis 1802 in
Hamburg), Boudens de Vanderbourg und Villers vom Januar 1797 bis zum
Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal politique, littéraire
et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren auf 24 Bände brachte. Die
Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]
Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre
1797 die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“,
welche M. L. Hoffmann mit Recht dem Charles de Villers zuschreibt. Eine
Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis de
Sade wurde im Jahre 1877 von A. P. Malassis veranstaltet, der wir in der
Analyse folgen.[659]
Villers erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ viel
verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit den
Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches erspart
werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine. Speziell ist er von
einer Dame zur Lektüre des Buches und zum Bericht über dasselbe
aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal Ekel und
Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die „grosse
Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende
durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es
bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu haben
und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es war
ohne Zweifel unserem Jahrhundert vorbehalten, es hervorzubringen. Denn
dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen
Erschütterungen concipiert werden, die Frankreich heimgesucht haben. Es
ist eine der widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis, eines der
stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. 14). In der That ist
das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf die bizarrsten und
grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte Grausamkeit. Es giebt
Werke, die von den Grazien inspiriert zu sein scheinen. Dieses haben die
Furien inspiriert. „Es ist mit Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern,
was Robespierre unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser
Tyrann, als Couthon, Saint-Just, Collot, seine Minister, der Mordthaten und
Page 348
Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas wie
Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der zahlreichen,
noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie nur einige
Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben zu können.
Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ (S. 16.)
Villers setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen Theorien
des Marquis de Sade auseinander und sagt, dass dieses Buch „alle
pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich
überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den
Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur auf
Scheusale wie Robespierre und Couthon Eindruck machen könne, nicht für
gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller anständigen
Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, damit alle noch
vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. „Ich werde drei
Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, und sie ins
Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare nur noch in
Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische Hoffnung!
Villers kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher Weise die
Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das Zartgefühl
„selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt und dumm sei,
lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge enthalte, und dass
es sogar das Theorem in Boileau’s „Art poétique“ verleugne:
Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,
Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge
noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke
so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man von
einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung eines solchen
Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein Publikum, um ihn
zu kaufen?“ (S. 22–23.)
Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen
Villers ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.
Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der zahlreichen,
noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie nur einige
Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben zu können.
Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ (S. 16.)
Villers setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen Theorien
des Marquis de Sade auseinander und sagt, dass dieses Buch „alle
pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich
überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den
Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur auf
Scheusale wie Robespierre und Couthon Eindruck machen könne, nicht für
gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller anständigen
Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, damit alle noch
vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. „Ich werde drei
Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, und sie ins
Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare nur noch in
Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische Hoffnung!
Villers kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher Weise die
Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das Zartgefühl
„selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt und dumm sei,
lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge enthalte, und dass
es sogar das Theorem in Boileau’s „Art poétique“ verleugne:
Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,
Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge
noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke
so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man von
einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung eines solchen
Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein Publikum, um ihn
zu kaufen?“ (S. 22–23.)
Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen
Villers ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.
Page 349
4. Despaze.
Der Dichter Despaze (gestorben 1814) erwähnt den Marquis de Sade
ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren als
Verkünder seiner schrecklichen Theorien:
Si votre sœur vous plaît, oubliez tout le reste
Savourez avec joi les douceurs de l’inceste;
Servez-vous du poison, et du fer et du feu;
La vertu n’est qu’un nom, le vice n’est qu’un jeu.
Telle est, de point en point, son infâme doctrine.
L’ami de la morale, en parcourant Justine,
Noir roman que l’enfer semble avoir inventé,
Se trouble, et malgré lui demande, épouvanté,
Comment le monstre affreux qui traça ces peintures,
Ne l’a pas expié dans l’horreur des tortures?[660]
Der Dichter Despaze (gestorben 1814) erwähnt den Marquis de Sade
ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren als
Verkünder seiner schrecklichen Theorien:
Si votre sœur vous plaît, oubliez tout le reste
Savourez avec joi les douceurs de l’inceste;
Servez-vous du poison, et du fer et du feu;
La vertu n’est qu’un nom, le vice n’est qu’un jeu.
Telle est, de point en point, son infâme doctrine.
L’ami de la morale, en parcourant Justine,
Noir roman que l’enfer semble avoir inventé,
Se trouble, et malgré lui demande, épouvanté,
Comment le monstre affreux qui traça ces peintures,
Ne l’a pas expié dans l’horreur des tortures?[660]
Page 350
5. Der Sadismus in der Litteratur.
Der Marquis de Sade hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden.
Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche
einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis de Sade deutlich erkennen
lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der
Sade’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach Gay
„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der
Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. Toulotte verfasste Roman „Le
Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux
par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12o). Das Buch enthält
mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist sonst aber
uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch Urteil vom 12.
Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen
sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de la vertu“
(2 Bände in 8o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug aus der Vorrede des
Marquis de Sade aus dessen echter „Justine“. Diese Erzählung, in welcher
Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte ihre wenig erbaulichen
Grundsätze verkünden, soll von einem sehr untergeordneten Autor, dem
Vielschreiber Raban verfasst und von einem Verleger Bordeaux (Fr. M. J.)
veröffentlicht worden sein. Das Buch wurde öffentlich angekündigt. Der
Skandal war gross. Die Obrigkeit schritt ein und der Verleger wurde zu
sechs Monaten Gefängnis und 2000 Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der Sade’schen Romane direkt
gefährlich geworden zu sein scheint, ist Jacques Baron Révérony de Saint-
Cyr, wohl der erste sadistische Autor. Er wurde im Jahre 1767 geboren,
wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer Schriftsteller,
Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen Werken und Romanen. Er
starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn haben die Werke Sade’s
offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in seinem Roman „Pauliska ou la
Der Marquis de Sade hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden.
Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche
einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis de Sade deutlich erkennen
lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der
Sade’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach Gay
„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der
Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. Toulotte verfasste Roman „Le
Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux
par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12o). Das Buch enthält
mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist sonst aber
uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch Urteil vom 12.
Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen
sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de la vertu“
(2 Bände in 8o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug aus der Vorrede des
Marquis de Sade aus dessen echter „Justine“. Diese Erzählung, in welcher
Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte ihre wenig erbaulichen
Grundsätze verkünden, soll von einem sehr untergeordneten Autor, dem
Vielschreiber Raban verfasst und von einem Verleger Bordeaux (Fr. M. J.)
veröffentlicht worden sein. Das Buch wurde öffentlich angekündigt. Der
Skandal war gross. Die Obrigkeit schritt ein und der Verleger wurde zu
sechs Monaten Gefängnis und 2000 Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der Sade’schen Romane direkt
gefährlich geworden zu sein scheint, ist Jacques Baron Révérony de Saint-
Cyr, wohl der erste sadistische Autor. Er wurde im Jahre 1767 geboren,
wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer Schriftsteller,
Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen Werken und Romanen. Er
starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn haben die Werke Sade’s
offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in seinem Roman „Pauliska ou la
Page 351
Perversité moderne, mémoires récents d’une Polonaise“, Lemierre et chez
Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12o mit 2 Bildern in der Art von Chaillu)
schildert er ähnliche grausame Akte aus Wollust wie der Marquis de Sade,
hinter dem er aber weit zurückbleibt.[664] Nach Cohen enthalten auch die
übrigen Romane dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de
l’imagination“ Paris 1797–1798 (2 Bde. in 12o) und „La Torrent des
passions, ou les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.)
Schilderungen und Doctrine im Genre des Marquis de Sade[665].
„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis de Sade in
seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von Borel (P. Borel, Le
Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, Capo de
Feuillade schrieb, dass die „Lelia“ der George Sand ihm ähnliche
Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis de Sade. Proudhon
nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige Tochter des
Marquis de Sade.[667] Wie wir sahen, hat übrigens Proudhon selbst über den
Diebstahl ähnliche Ansichten wie Sade entwickelt.
Der französische Sozialist Fourier entwickelt eine sadistische Theorie
der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig besitzen: einen
époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur, von dem sie ein Kind
hat; einen favori, ausserdem noch beliebig viele amants, die gesetzlich
keine besonderen Rechte haben. Gegen Uebervölkerung wird diese
harmonische Welt durch vier organische Mittel geschützt: la régime
gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice intégral, und — les
mœurs phanérogames![668]
Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten
und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum
genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf Nordau’s
„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
Baudelaire ist nach Bourget „ein Wollüstling; und Vorstellungen, die bis
zum Sadismus verderbt sind, erregen denselben Mann, der den erhobenen
Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten der
gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die
kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse
der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten
seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger
Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12o mit 2 Bildern in der Art von Chaillu)
schildert er ähnliche grausame Akte aus Wollust wie der Marquis de Sade,
hinter dem er aber weit zurückbleibt.[664] Nach Cohen enthalten auch die
übrigen Romane dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de
l’imagination“ Paris 1797–1798 (2 Bde. in 12o) und „La Torrent des
passions, ou les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.)
Schilderungen und Doctrine im Genre des Marquis de Sade[665].
„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis de Sade in
seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von Borel (P. Borel, Le
Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, Capo de
Feuillade schrieb, dass die „Lelia“ der George Sand ihm ähnliche
Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis de Sade. Proudhon
nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige Tochter des
Marquis de Sade.[667] Wie wir sahen, hat übrigens Proudhon selbst über den
Diebstahl ähnliche Ansichten wie Sade entwickelt.
Der französische Sozialist Fourier entwickelt eine sadistische Theorie
der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig besitzen: einen
époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur, von dem sie ein Kind
hat; einen favori, ausserdem noch beliebig viele amants, die gesetzlich
keine besonderen Rechte haben. Gegen Uebervölkerung wird diese
harmonische Welt durch vier organische Mittel geschützt: la régime
gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice intégral, und — les
mœurs phanérogames![668]
Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten
und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum
genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf Nordau’s
„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
Baudelaire ist nach Bourget „ein Wollüstling; und Vorstellungen, die bis
zum Sadismus verderbt sind, erregen denselben Mann, der den erhobenen
Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten der
gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die
kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse
der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten
seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger
Page 352
Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) Baudelaire besingt die
„geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
Quelquefois pour apaiser
Ta rage mystérieuse,
Tu prodigues, serieuse,
La morsure et le baiser.[670]
„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von Barbey d’Aurévilly sind eine
Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in
der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel
anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass
sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
Echt sadistische Typen schildert Paulhan in seinem Buche „Le nouveau
mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57–99). Ein
reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen
fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine
Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch
geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst wenn ich
reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den Anblick
körperlicher Leiden. Paulhan meint sogar, dass „im Geiste eines Menschen
unserer eigenen Zeit eine gewisse Freude daran erwacht, die Ordnung der
Natur zu stören, die früher nicht mit solcher Stärke aufgetreten zu sein
scheint“.[671]
Aehnliche Theorien werden in Joseph Péladan’s „Vice suprême“, dem
„äussersten Laster“ entwickelt.
Die von Sade so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei
dem Decadenten Maurice Barrès. Er lässt seine „kleine Prinzessin“
erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein war,
meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in warmen
Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir Lustschauer
über den ganzen Körper“, und ähnlich wie Sade seine Helden an Personen
mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge und
Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch Barrès von diesen
Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als
Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde, sie zu
lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen hatte.“[672]
„geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
Quelquefois pour apaiser
Ta rage mystérieuse,
Tu prodigues, serieuse,
La morsure et le baiser.[670]
„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von Barbey d’Aurévilly sind eine
Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in
der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel
anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass
sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
Echt sadistische Typen schildert Paulhan in seinem Buche „Le nouveau
mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57–99). Ein
reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen
fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine
Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch
geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst wenn ich
reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den Anblick
körperlicher Leiden. Paulhan meint sogar, dass „im Geiste eines Menschen
unserer eigenen Zeit eine gewisse Freude daran erwacht, die Ordnung der
Natur zu stören, die früher nicht mit solcher Stärke aufgetreten zu sein
scheint“.[671]
Aehnliche Theorien werden in Joseph Péladan’s „Vice suprême“, dem
„äussersten Laster“ entwickelt.
Die von Sade so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei
dem Decadenten Maurice Barrès. Er lässt seine „kleine Prinzessin“
erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein war,
meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in warmen
Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir Lustschauer
über den ganzen Körper“, und ähnlich wie Sade seine Helden an Personen
mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge und
Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch Barrès von diesen
Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als
Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde, sie zu
lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen hatte.“[672]
Page 353
J. K. Huysmans rollt in seinem Roman „à rebours“ das
Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf. Dem
Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa
sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine
schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes
schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café und lässt
ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein Freudenhaus, wo
seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert. Während der Knabe
von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt die Wirtin des
Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr zu führen. Der
Decadent antwortet: „Ich suche einfach einen Mörder anzufertigen.
Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und gewöhne ihn an
Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später wird er stehlen, um zu
Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch morden. Dann wird mein
Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit den Worten: „So, nun gehe.
Thu den Anderen, was du nicht willst, dass sie dir thun. Mit diesem
Grundsatz kommst du weit.“
In Huysmans’ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte von
Gilles de Rays, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten Jahrhunderts, auf
den nach Nordau Moreau de Tours’ Werk über die Geschlechtsverirrungen
die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf dem Sondergebiete der
Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker aufmerksam gemacht hat,
und dies giebt Huysmans Gelegenheit, mit Schweinebehagen im
schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
Auf einen typischen sadistischen Dichter, der Nordau anscheinend
entgangen ist, hat Alcide Bonneau aufmerksam gemacht. Es ist dies Emile
Chevé, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“ veröffentlichte,
in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende Verherrlichung des Marquis de
Sade und des Sadismus darstellt. Wir zitieren einige der charakteristischsten
Verse aus dem sehr langen Gedichte:[674]
Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;
Il aime à le verser dans des luttes sauvages;
Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant
Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.
Partout où le sang coule, où plane la terreur,
Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,
Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;
Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf. Dem
Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa
sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine
schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes
schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café und lässt
ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein Freudenhaus, wo
seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert. Während der Knabe
von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt die Wirtin des
Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr zu führen. Der
Decadent antwortet: „Ich suche einfach einen Mörder anzufertigen.
Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und gewöhne ihn an
Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später wird er stehlen, um zu
Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch morden. Dann wird mein
Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit den Worten: „So, nun gehe.
Thu den Anderen, was du nicht willst, dass sie dir thun. Mit diesem
Grundsatz kommst du weit.“
In Huysmans’ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte von
Gilles de Rays, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten Jahrhunderts, auf
den nach Nordau Moreau de Tours’ Werk über die Geschlechtsverirrungen
die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf dem Sondergebiete der
Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker aufmerksam gemacht hat,
und dies giebt Huysmans Gelegenheit, mit Schweinebehagen im
schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
Auf einen typischen sadistischen Dichter, der Nordau anscheinend
entgangen ist, hat Alcide Bonneau aufmerksam gemacht. Es ist dies Emile
Chevé, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“ veröffentlichte,
in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende Verherrlichung des Marquis de
Sade und des Sadismus darstellt. Wir zitieren einige der charakteristischsten
Verse aus dem sehr langen Gedichte:[674]
Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;
Il aime à le verser dans des luttes sauvages;
Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant
Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.
Partout où le sang coule, où plane la terreur,
Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,
Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;
Page 354
La brise des charniers nous flatte et nous caresse.
L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas
———————————————
Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin
—————————————
Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,
Le drame palpitant des angoisses secrètes,
——————————————
Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,
Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.
————————————————
Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,
Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,
D’un Olympe de boue effroyable Titan,
Dans la férocité mit le plaisir suprême!
Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir
Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;
Nul ne pourra jamais après toi réunir,
En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.
————————————————
Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons
Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.
Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,
Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!
Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,
Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.
Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!
——————————————————
L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours
Utopistes niais dont la sensiblerie,
Rêve un monde baigné d’éternelles amours,
Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,
Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,
Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,
Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,
Tout être humain en lui renferme un cannibale.
Paul Bourget lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude
Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir
diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und zart
L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas
———————————————
Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin
—————————————
Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,
Le drame palpitant des angoisses secrètes,
——————————————
Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,
Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.
————————————————
Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,
Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,
D’un Olympe de boue effroyable Titan,
Dans la férocité mit le plaisir suprême!
Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir
Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;
Nul ne pourra jamais après toi réunir,
En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.
————————————————
Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons
Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.
Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,
Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!
Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,
Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.
Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!
——————————————————
L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours
Utopistes niais dont la sensiblerie,
Rêve un monde baigné d’éternelles amours,
Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,
Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,
Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,
Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,
Tout être humain en lui renferme un cannibale.
Paul Bourget lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude
Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir
diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und zart
Page 355
zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt, und mich
mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese Glieder mit Blut
besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls erzitterten, — und ihren
Schmerz... Nein, das werde ich nie thun, weil bei mir, dem Kulturmenschen
in der Periode des Niederganges, die Handlung nie die Schwester der
Begierde sein kann.... Himmel! wie oft habe ich mir das schon geträumt,
und nichts schafft mir Linderung als dieser Traum.“[675]
Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani ou deux
nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren gedruckt wurde,
und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren nachgedruckt ward.
Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze des Schriftstellers
Paul Lindau, der es A. Moll zur Durchsicht liess. Dieser teilt mit, das in
dem Nachdruck der Autor als A. D. M. bezeichnet wird. Es soll Alfred de
Musset sein, und „man glaubt, dass Musset sich als der ehemalige Geliebte
der George Sand an dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der
Heldin Gamiani eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.
[676] Wir sahen schon oben, dass Capo de Feuillade ebenfalls die George
Sand sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die
Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem
Vorbilde von Apulejus’ „goldnem Esel“.[677]
Auch die deutsche Litteratur weist einige sadistische Specimina auf. So
hat Heinrich von Kleist in seiner „Penthesilea“ ein von rasender Liebeswut
ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich ihren geliebten Achilles mit
einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden zerreissen lässt, und
Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
Penthesilea! meine Braut! was thust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
Doch sie —
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]
Ein deutscher Roman, in dem der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt
wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das berüchtigte
Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald Chesterfield
mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese Glieder mit Blut
besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls erzitterten, — und ihren
Schmerz... Nein, das werde ich nie thun, weil bei mir, dem Kulturmenschen
in der Periode des Niederganges, die Handlung nie die Schwester der
Begierde sein kann.... Himmel! wie oft habe ich mir das schon geträumt,
und nichts schafft mir Linderung als dieser Traum.“[675]
Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani ou deux
nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren gedruckt wurde,
und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren nachgedruckt ward.
Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze des Schriftstellers
Paul Lindau, der es A. Moll zur Durchsicht liess. Dieser teilt mit, das in
dem Nachdruck der Autor als A. D. M. bezeichnet wird. Es soll Alfred de
Musset sein, und „man glaubt, dass Musset sich als der ehemalige Geliebte
der George Sand an dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der
Heldin Gamiani eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.
[676] Wir sahen schon oben, dass Capo de Feuillade ebenfalls die George
Sand sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die
Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem
Vorbilde von Apulejus’ „goldnem Esel“.[677]
Auch die deutsche Litteratur weist einige sadistische Specimina auf. So
hat Heinrich von Kleist in seiner „Penthesilea“ ein von rasender Liebeswut
ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich ihren geliebten Achilles mit
einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden zerreissen lässt, und
Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
Penthesilea! meine Braut! was thust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
Doch sie —
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]
Ein deutscher Roman, in dem der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt
wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das berüchtigte
Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald Chesterfield
Page 356
(Altona 1862 kl. 8o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest, Jac. Casanova).
Es soll dies eine Autobiographie der berühmten Sängerin Wilhelmine
Schröder-Devrient (1804–1860) sein. Der Roman schildert in Briefen an
einen Arzt die Fortschritte, welche die Sängerin in der Ars amandi macht.
Die „Justine“ des Marquis de Sade hat besonders den zweiten Band des
Werkes beeinflusst, aus dem wir daher das in dieser Richtung Wichtigste
mitteilen. In Budapest lernt die Schröder-Devrient eine gewisse Anna
kennen, eine Demimondaine und genaue Kennerin der seit langer Zeit
berüchtigten Corruption in der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach
ihrer Ansicht über die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe,
von der sie aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr
darauf den Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies
bereitet der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa
wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen, bei
der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so ausschliesslich
reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten und die Männer noch
viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in Dienst und präpariert sie im
Kaiserbade für den amor lesbicus. Der Gedanke an die künstliche
Defloration von Rosa bereitet ihr schon im voraus eine unendliche Wonne,
und am selben Abend vollzieht sie diesen Akt in Gesellschaft ihrer
Freundinnen Anna und Nina mit einem „doppelten“ künstlichen Phallus,
während Anna nach der Operation „das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr
besuchen sie die berühmtesten Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus
der Resi Luft feiern sie mit Damen und Herren der vornehmen Budapester
Gesellschaft eine grosse Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber
sonst nackt erscheinen, und deren Einzelheiten zum grossen Teil der
„Justine“ des Marquis de Sade entnommen werden. Die Schröder-Devrient
lernt hier einen gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue
defloriert, und die Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer
Räuberbande im Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“
spielt. Die Schröder-Devrient kommt darauf in Begleitung von Rosa nach
Florenz, wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn,
kennen lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und sie
in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine Kirche
führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen, Knaben und
verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper der beiden
Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild der „Juliette“
Es soll dies eine Autobiographie der berühmten Sängerin Wilhelmine
Schröder-Devrient (1804–1860) sein. Der Roman schildert in Briefen an
einen Arzt die Fortschritte, welche die Sängerin in der Ars amandi macht.
Die „Justine“ des Marquis de Sade hat besonders den zweiten Band des
Werkes beeinflusst, aus dem wir daher das in dieser Richtung Wichtigste
mitteilen. In Budapest lernt die Schröder-Devrient eine gewisse Anna
kennen, eine Demimondaine und genaue Kennerin der seit langer Zeit
berüchtigten Corruption in der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach
ihrer Ansicht über die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe,
von der sie aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr
darauf den Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies
bereitet der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa
wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen, bei
der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so ausschliesslich
reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten und die Männer noch
viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in Dienst und präpariert sie im
Kaiserbade für den amor lesbicus. Der Gedanke an die künstliche
Defloration von Rosa bereitet ihr schon im voraus eine unendliche Wonne,
und am selben Abend vollzieht sie diesen Akt in Gesellschaft ihrer
Freundinnen Anna und Nina mit einem „doppelten“ künstlichen Phallus,
während Anna nach der Operation „das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr
besuchen sie die berühmtesten Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus
der Resi Luft feiern sie mit Damen und Herren der vornehmen Budapester
Gesellschaft eine grosse Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber
sonst nackt erscheinen, und deren Einzelheiten zum grossen Teil der
„Justine“ des Marquis de Sade entnommen werden. Die Schröder-Devrient
lernt hier einen gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue
defloriert, und die Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer
Räuberbande im Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“
spielt. Die Schröder-Devrient kommt darauf in Begleitung von Rosa nach
Florenz, wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn,
kennen lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und sie
in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine Kirche
führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen, Knaben und
verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper der beiden
Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild der „Juliette“
Page 357
deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese Memoiren zum Teil
auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen aus Paris und
London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders die Laufbahn einer
gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und zahlreicher sadistischer
Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie mit dem Sänger Sarolta
nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt. Sie besucht eine Frau Meredyth,
eine reiche Lebedame, die sie mit allen öffentlichen und geheimen Freuden
Londons bekannt macht, sie nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly
Saloon, ins Holborn Casino, in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie
als Prostituierte in den Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin
die verlockendsten Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer
geliebten Rosa treu. Hier endet die Erzählung. — Der Einfluss Sade’s ist
unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des
Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei Sade
kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs. Meredyth
eine Gesellschaft von Frauen drei Tage lang nackt auf! Und das im
englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten Bande (S. 177)
spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn von H...“, von
dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a. als von „wahrem
Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes Buch auszunehmen
scheint.
In Sacher-Masoch’s „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber
neben Narda stellt Sacher-Masoch eine Afrikanerin, die dieselbe noch an
Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz geschnitzt,
berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen Leibes, in dem
grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen Funkeln ihrer
wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen Menschen
getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! — Lass mich
sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll. Mein Herz
verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]
Eulenburg zitiert den modernen Dichter Detlev von Liliencron, der „die
im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische
Entladung“ in folgenden Versen schildert:
Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,
Feuer und Flammen entlodern der Haft,
Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,
Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]
auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen aus Paris und
London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders die Laufbahn einer
gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und zahlreicher sadistischer
Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie mit dem Sänger Sarolta
nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt. Sie besucht eine Frau Meredyth,
eine reiche Lebedame, die sie mit allen öffentlichen und geheimen Freuden
Londons bekannt macht, sie nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly
Saloon, ins Holborn Casino, in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie
als Prostituierte in den Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin
die verlockendsten Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer
geliebten Rosa treu. Hier endet die Erzählung. — Der Einfluss Sade’s ist
unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des
Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei Sade
kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs. Meredyth
eine Gesellschaft von Frauen drei Tage lang nackt auf! Und das im
englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten Bande (S. 177)
spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn von H...“, von
dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a. als von „wahrem
Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes Buch auszunehmen
scheint.
In Sacher-Masoch’s „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber
neben Narda stellt Sacher-Masoch eine Afrikanerin, die dieselbe noch an
Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz geschnitzt,
berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen Leibes, in dem
grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen Funkeln ihrer
wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen Menschen
getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! — Lass mich
sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll. Mein Herz
verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]
Eulenburg zitiert den modernen Dichter Detlev von Liliencron, der „die
im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische
Entladung“ in folgenden Versen schildert:
Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,
Feuer und Flammen entlodern der Haft,
Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,
Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]
Page 358
Auch in Kretzers Roman „Drei Weiber“, in Karl Bleibtreu’s Novellen
„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. Conrad’s „Die klugen Jungfrauen“
werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im
modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman die
„Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande, Ehebruch
studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche Erziehung,
überreizte Nerven zurückgeführt und — verteidigt.“[682]
Dass einzelne Doctrinen des Marquis de Sade sich bei neueren
deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B. bei
Stirner und Nietzsche, ist ja bekannt.
Von Nietzsche, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur die
folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: Wink. — Aus alten
florentinischen Novellen, überdies — aus dem Leben. buona femmina e
mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: Ueber allen
Gesetzen — Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut
und Böse.[684] Auf Nietzsche’s allmählich schon zum Ueberdruss werdende
„Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher einzugehen,
halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten der übrigen
„Bildungsphilister“.
Ein noch grösserer Sophist als der Marquis de Sade und Nietzsche ist
Max Stirner, der leider die dialektische Methode für seine geistigen Salti
morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das Ich auf eine
geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets gross, um seine
Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken. „Ob, was Ich denke
und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es menschlich, liberal,
human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was frag’ Ich danach? Wenn
es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich darin befriedige, dann
belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt Mir gleich.“ — „Es giebt
keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus! — Wir sind allzumal
vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein Mensch, der ein Sünder
wäre!“ — „Eigner bin Ich Meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich
Mich als Einzigen weiss. Im Einzigen kehrt selbst der Eigene in sein
schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere
Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl
Meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewusstseins.
Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem
„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. Conrad’s „Die klugen Jungfrauen“
werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im
modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman die
„Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande, Ehebruch
studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche Erziehung,
überreizte Nerven zurückgeführt und — verteidigt.“[682]
Dass einzelne Doctrinen des Marquis de Sade sich bei neueren
deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B. bei
Stirner und Nietzsche, ist ja bekannt.
Von Nietzsche, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur die
folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: Wink. — Aus alten
florentinischen Novellen, überdies — aus dem Leben. buona femmina e
mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: Ueber allen
Gesetzen — Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut
und Böse.[684] Auf Nietzsche’s allmählich schon zum Ueberdruss werdende
„Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher einzugehen,
halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten der übrigen
„Bildungsphilister“.
Ein noch grösserer Sophist als der Marquis de Sade und Nietzsche ist
Max Stirner, der leider die dialektische Methode für seine geistigen Salti
morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das Ich auf eine
geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets gross, um seine
Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken. „Ob, was Ich denke
und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es menschlich, liberal,
human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was frag’ Ich danach? Wenn
es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich darin befriedige, dann
belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt Mir gleich.“ — „Es giebt
keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus! — Wir sind allzumal
vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein Mensch, der ein Sünder
wäre!“ — „Eigner bin Ich Meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich
Mich als Einzigen weiss. Im Einzigen kehrt selbst der Eigene in sein
schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere
Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl
Meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewusstseins.
Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem
Page 359
vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt,
und Ich darf sagen:
Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685]
Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein „Sparren“,
mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens, die
Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und selbst die Blutschande ist
nichts anderes. „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl, diese bleiche Tugend
zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend in der Tugend grau
gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für Stirner ebenfalls ein Nichts. „Ich
aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich mir’s selbst nicht
verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor dem Morde als vor einem
‚Unrecht‘ fürchte.“
Schon H. Ströbel hat hervorgehoben, dass Stirner’s Theorie des
Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen
Holbach, La Mettrie und Helvetius erinnere.[686] Wir können uns dem
Gedanken nicht verschliessen, dass Stirner auch die Schriften des Marquis
de Sade gekannt hat. Denn weder Holbach noch La Mettrie und Helvetius
verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt sadische Gedanken.
und Ich darf sagen:
Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685]
Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein „Sparren“,
mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens, die
Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und selbst die Blutschande ist
nichts anderes. „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl, diese bleiche Tugend
zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend in der Tugend grau
gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für Stirner ebenfalls ein Nichts. „Ich
aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich mir’s selbst nicht
verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor dem Morde als vor einem
‚Unrecht‘ fürchte.“
Schon H. Ströbel hat hervorgehoben, dass Stirner’s Theorie des
Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen
Holbach, La Mettrie und Helvetius erinnere.[686] Wir können uns dem
Gedanken nicht verschliessen, dass Stirner auch die Schriften des Marquis
de Sade gekannt hat. Denn weder Holbach noch La Mettrie und Helvetius
verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt sadische Gedanken.
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6. Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen.
Dass die Schriften des Marquis de Sade viele Proselyten gemacht
haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen
Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden und
manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“ zum
Vorbilde zu haben scheinen. Nach Eulenburg fehlt es bis in die Gegenwart
hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen, natürlich nur im
Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in regelmässiger Wiederkehr
nicht allzu selten die Polizei und die Gerichte beschäftigenden, öfters mit
wahrhaft bestialischen Akten der Verstümmelung, mit Anthropophagie,
Nekromanie u. s. w. verbundenen Lustmorde an Kindern und Frauen
beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die Zeit der Spezialitäten, weiss sich
auch auf diesem Gebiete eigenartige Spezialisten zu züchten. Der Eine
verschafft sich durch Erwürgen von Mädchen und Frauen eines wollüstigen
Reiz; der Andere schlitzt der Geschändeten den Leib auf, um gewisse
Eingeweide herauszureissen; noch Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder
verzehren kannibalisch Stücke der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste
und Genitalien). Die nicht ganz so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren
Opfern — ausschliesslich jungen Mädchen — Schnitt- und Stichwunden an
verschiedenen Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um
sich durch den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu
erregen (die vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von
Augsburg und des ‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687]
In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder Vacher, der
1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat Lacassagne alle „sadistischen
Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich
ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder
„Jack the Ripper“, den Paul Lindau in Amerika bereits in einem
Sensationsdrama verewigt sah (Eulenburg a. a. O. S. 109), über Ben Ali in
New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von Pont-Laval
u. a. m.[688]
Dass die Schriften des Marquis de Sade viele Proselyten gemacht
haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen
Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden und
manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“ zum
Vorbilde zu haben scheinen. Nach Eulenburg fehlt es bis in die Gegenwart
hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen, natürlich nur im
Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in regelmässiger Wiederkehr
nicht allzu selten die Polizei und die Gerichte beschäftigenden, öfters mit
wahrhaft bestialischen Akten der Verstümmelung, mit Anthropophagie,
Nekromanie u. s. w. verbundenen Lustmorde an Kindern und Frauen
beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die Zeit der Spezialitäten, weiss sich
auch auf diesem Gebiete eigenartige Spezialisten zu züchten. Der Eine
verschafft sich durch Erwürgen von Mädchen und Frauen eines wollüstigen
Reiz; der Andere schlitzt der Geschändeten den Leib auf, um gewisse
Eingeweide herauszureissen; noch Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder
verzehren kannibalisch Stücke der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste
und Genitalien). Die nicht ganz so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren
Opfern — ausschliesslich jungen Mädchen — Schnitt- und Stichwunden an
verschiedenen Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um
sich durch den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu
erregen (die vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von
Augsburg und des ‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687]
In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder Vacher, der
1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat Lacassagne alle „sadistischen
Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich
ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder
„Jack the Ripper“, den Paul Lindau in Amerika bereits in einem
Sensationsdrama verewigt sah (Eulenburg a. a. O. S. 109), über Ben Ali in
New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von Pont-Laval
u. a. m.[688]
Page 361
Eine weitere Aufzählung derartiger Attentate geben Brierre de
Boismont[689], ferner A. Moll[690], v. Krafft-Ebing[691], auf die wir den Leser
verweisen.
Wir heben nur einige ganz direkt an Szenen aus Sade’s Romanen
erinnernde Fälle hervor.
a) Fall von Hypochorematophilie.
Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner
Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste, auf
die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste seiner Libido
an. — Nach v. Krafft-Ebing a. a. O. S. 67 (Vergl. die ähnliche Szene bei
Juliette Bd. III, S. 54.)[692]
b) Statuenschändung.
Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines
Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und über
Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. — Nach von Krafft-
Ebing a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334).
c) Körperliche Gebrechen als Reizmittel.
Der berühmte französische Schriftsteller Charles Baudelaire hatte
Liebesverhältniss mit hässlichen, widerwärtigen Personen, Negerinnen,
Zwergdamen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er den
Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Füsse küssen
zu dürfen. — Nach v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen etc.“
(Unzweifelhafte Entlehnungen aus Sade).
d) Sadistische Venaesectio. (Affäre T.....).[693]
Ein 36jähriger Kommandant, der ein Verhältnis mit einer jungen Dame
angeknüpft hatte, zwang dieselbe, nachdem er sie mit Schimpfworten
überhäuft hatte, unter schrecklichen Drohungen, sich Blutegel an die
Boismont[689], ferner A. Moll[690], v. Krafft-Ebing[691], auf die wir den Leser
verweisen.
Wir heben nur einige ganz direkt an Szenen aus Sade’s Romanen
erinnernde Fälle hervor.
a) Fall von Hypochorematophilie.
Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner
Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste, auf
die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste seiner Libido
an. — Nach v. Krafft-Ebing a. a. O. S. 67 (Vergl. die ähnliche Szene bei
Juliette Bd. III, S. 54.)[692]
b) Statuenschändung.
Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines
Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und über
Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. — Nach von Krafft-
Ebing a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334).
c) Körperliche Gebrechen als Reizmittel.
Der berühmte französische Schriftsteller Charles Baudelaire hatte
Liebesverhältniss mit hässlichen, widerwärtigen Personen, Negerinnen,
Zwergdamen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er den
Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Füsse küssen
zu dürfen. — Nach v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen etc.“
(Unzweifelhafte Entlehnungen aus Sade).
d) Sadistische Venaesectio. (Affäre T.....).[693]
Ein 36jähriger Kommandant, der ein Verhältnis mit einer jungen Dame
angeknüpft hatte, zwang dieselbe, nachdem er sie mit Schimpfworten
überhäuft hatte, unter schrecklichen Drohungen, sich Blutegel an die
Page 362
Geschlechtsteile und den Anus ansetzen oder sich zur Ader zu lassen.
Sobald Blut floss, verwandelte sich seine Wut in Zärtlichkeit, und er zwang
sie, ihm zu Willen zu sein.
Ein verheirateter Mann stellte sich Krafft-Ebing mit zahlreichen
Schnittwunden an den Armen vor und gab an, dass, wenn er sich seiner
jungen nervösen Frau nähern wolle, er sich stets zuvor einen Schnitt
beibringen müsse. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich erst bei ihr die
sexuelle Erregung einstelle.[694] (Vergl. „Juliette“ III, 233 ff.).
e) Affäre Michel Bloch.[695]
Die Einzelheiten über diese echt sadistische Affäre finden wir in der
Pariser Zeitung „Gil Blas“ (Nummern vom 14. und 16. August 1891). Die
Anklage richtete sich gegen einen in Paris wohlbekannten Michel Bloch,
Diamantenmakler, vielfachen Millionär, Besitzer der Herrschaft La Marche
u. s. w., einen Mann von etwa 60 Jahren, glücklich verheiratet, Vater einer
18jährigen und einer 16jährigen Tochter. Mitangeklagt war eine Kupplerin
Frau Marchand, bei der die Zusammenkünfte Bloch’s mit seinen Opfern
gewöhnlich stattfanden. Die erste Zusammenkunft Bloch’s mit der Klägerin
Claudine Buron gestaltete sich folgendermassen. Das Mädchen wurde in
ein Zimmer der Marchand geführt und musste sich mit zwei
Altersgenossinnen, die sie dort vorfand (schon früheren Bekanntschaften
Bloch’s) vollständig entkleiden. Ganz nackt, ein Spitzentaschentuch in der
Hand, betraten alle drei ein blaues Zimmer, in dem ein älterer Herr sie
erwartete. Dieser Herr, den Clientinnen des Hauses unter dem Namen
„l’homme qui pique“ bekannt, war der Angeklagte Bloch. Er empfing seine
Opfer, nachlässig auf einem Sopha hingestreckt, in einem Rosa-Atlas-
Peignoir, das reich mit weissen Spitzen garniert war. Die Mädchen mussten
sich ihm einzeln, stillschweigend und mit einem Lächeln auf den Lippen
(dies war ausdrücklich verlangt) nähern; man reichte ihm Nadeln,
Batisttaschentücher und eine Art Geissel. Die Novize, Claudine Buron,
musste vor ihm niederknieen; er stach ihr in die Brüste, ins Gesäss, fast in
alle Teile des Körpers im Ganzen gegen hundert Nadeln. Dann faltete er ein
Taschentuch dreieckig zusammen und befestigte es mit etwa zwanzig
Nadeln auf dem Busen des jungen Mädchens, so dass ein Zipfel zwischen
die Brüste, die beiden übrigen auf die Schultern zu liegen kamen, und riss
Sobald Blut floss, verwandelte sich seine Wut in Zärtlichkeit, und er zwang
sie, ihm zu Willen zu sein.
Ein verheirateter Mann stellte sich Krafft-Ebing mit zahlreichen
Schnittwunden an den Armen vor und gab an, dass, wenn er sich seiner
jungen nervösen Frau nähern wolle, er sich stets zuvor einen Schnitt
beibringen müsse. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich erst bei ihr die
sexuelle Erregung einstelle.[694] (Vergl. „Juliette“ III, 233 ff.).
e) Affäre Michel Bloch.[695]
Die Einzelheiten über diese echt sadistische Affäre finden wir in der
Pariser Zeitung „Gil Blas“ (Nummern vom 14. und 16. August 1891). Die
Anklage richtete sich gegen einen in Paris wohlbekannten Michel Bloch,
Diamantenmakler, vielfachen Millionär, Besitzer der Herrschaft La Marche
u. s. w., einen Mann von etwa 60 Jahren, glücklich verheiratet, Vater einer
18jährigen und einer 16jährigen Tochter. Mitangeklagt war eine Kupplerin
Frau Marchand, bei der die Zusammenkünfte Bloch’s mit seinen Opfern
gewöhnlich stattfanden. Die erste Zusammenkunft Bloch’s mit der Klägerin
Claudine Buron gestaltete sich folgendermassen. Das Mädchen wurde in
ein Zimmer der Marchand geführt und musste sich mit zwei
Altersgenossinnen, die sie dort vorfand (schon früheren Bekanntschaften
Bloch’s) vollständig entkleiden. Ganz nackt, ein Spitzentaschentuch in der
Hand, betraten alle drei ein blaues Zimmer, in dem ein älterer Herr sie
erwartete. Dieser Herr, den Clientinnen des Hauses unter dem Namen
„l’homme qui pique“ bekannt, war der Angeklagte Bloch. Er empfing seine
Opfer, nachlässig auf einem Sopha hingestreckt, in einem Rosa-Atlas-
Peignoir, das reich mit weissen Spitzen garniert war. Die Mädchen mussten
sich ihm einzeln, stillschweigend und mit einem Lächeln auf den Lippen
(dies war ausdrücklich verlangt) nähern; man reichte ihm Nadeln,
Batisttaschentücher und eine Art Geissel. Die Novize, Claudine Buron,
musste vor ihm niederknieen; er stach ihr in die Brüste, ins Gesäss, fast in
alle Teile des Körpers im Ganzen gegen hundert Nadeln. Dann faltete er ein
Taschentuch dreieckig zusammen und befestigte es mit etwa zwanzig
Nadeln auf dem Busen des jungen Mädchens, so dass ein Zipfel zwischen
die Brüste, die beiden übrigen auf die Schultern zu liegen kamen, und riss
Page 363
das so festgesteckte Tuch mit einem brutalen Griff plötzlich ab. Nun erst,
wie es scheint, recht erhitzt, fiel er über das junge Mädchen her, peitschte
sie, riss ihr Büschel von Haaren am Unterleib aus, presste ihr die
Brustwarzen u. s. w. und — befriedigte sich endlich an ihr vor den Augen
ihrer Genossinnen. Diese hatten während der Zeit ihm den Schweiss von
der Stirne abtrocknen und plastische Stellungen annehmen müssen. Alle
drei wurden nun entlassen und empfingen von Herrn Bloch ein Honorar von
40 Francs. — Derartige Sitzungen wiederholten sich noch mehrmals. —
Bloch, der als ein Mann von abschreckendem säuferartigen Aussehen, mit
fliehender Stirn, gelber Perrücke, kleinen bläulichen Augen, roter Plattnase
und Knebelbart geschildert wird, legte sich bei den Verhandlungen anfangs
aufs Leugnen, lachte dann, als man ihn an die Einzelheiten der obigen
Szene erinnerte, und nahm eine Miene der Verwunderung darüber an, dass
man um solche Lumpereien so viel Aufhebens mache. Der Gerichtshof
verurteilte ihn zu einem halben Jahre Gefängnis und 200 Francs Geldbusse,
ausserdem civilrechtlich zu einem Schadenersatz von 1000 Francs an
Claudine Buron; seine Helfershelferin, die Marchand, zu einem Jahre
Gefängnis. (Vergl. die ähnlichen Szenen in „Juliette“ II, 284; III, 55.)
f) Wort-Sadismus.
Ein dem Anschein nach sehr respectabler älterer Herr knüpft im Palais-
Royal Garten, den er regelmässig besucht, mit einem für seine Zwecke
geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, lässt sich auf
derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung von ihr nieder
und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in ihm einen Kunden
wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und unzweideutiger zu
ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst“ er vor Entzücken, händigt
seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein, und empfiehlt sich[696]. (Vergl.
„Philosophie dans le Boudoir“ I, 129 u. ö.).
g) Nachahmung des Marseiller Skandals.[697]
Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses
Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der Marquis
de Sade im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte. Der Gesandte hatte
wie es scheint, recht erhitzt, fiel er über das junge Mädchen her, peitschte
sie, riss ihr Büschel von Haaren am Unterleib aus, presste ihr die
Brustwarzen u. s. w. und — befriedigte sich endlich an ihr vor den Augen
ihrer Genossinnen. Diese hatten während der Zeit ihm den Schweiss von
der Stirne abtrocknen und plastische Stellungen annehmen müssen. Alle
drei wurden nun entlassen und empfingen von Herrn Bloch ein Honorar von
40 Francs. — Derartige Sitzungen wiederholten sich noch mehrmals. —
Bloch, der als ein Mann von abschreckendem säuferartigen Aussehen, mit
fliehender Stirn, gelber Perrücke, kleinen bläulichen Augen, roter Plattnase
und Knebelbart geschildert wird, legte sich bei den Verhandlungen anfangs
aufs Leugnen, lachte dann, als man ihn an die Einzelheiten der obigen
Szene erinnerte, und nahm eine Miene der Verwunderung darüber an, dass
man um solche Lumpereien so viel Aufhebens mache. Der Gerichtshof
verurteilte ihn zu einem halben Jahre Gefängnis und 200 Francs Geldbusse,
ausserdem civilrechtlich zu einem Schadenersatz von 1000 Francs an
Claudine Buron; seine Helfershelferin, die Marchand, zu einem Jahre
Gefängnis. (Vergl. die ähnlichen Szenen in „Juliette“ II, 284; III, 55.)
f) Wort-Sadismus.
Ein dem Anschein nach sehr respectabler älterer Herr knüpft im Palais-
Royal Garten, den er regelmässig besucht, mit einem für seine Zwecke
geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, lässt sich auf
derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung von ihr nieder
und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in ihm einen Kunden
wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und unzweideutiger zu
ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst“ er vor Entzücken, händigt
seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein, und empfiehlt sich[696]. (Vergl.
„Philosophie dans le Boudoir“ I, 129 u. ö.).
g) Nachahmung des Marseiller Skandals.[697]
Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses
Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der Marquis
de Sade im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte. Der Gesandte hatte
Page 364
schon öfter Excentricitäten im Genre des Marquis de Sade begangen. Eines
Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem Souper ein, bei dem er an diese
Mädchen stark irritierende Substanzen verteilte, die sie in eine hochgradig
wollüstige Aufregung versetzten.
Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis de
Sade noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen nur noch,
dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten Berlins“ ein
sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698]
Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem Souper ein, bei dem er an diese
Mädchen stark irritierende Substanzen verteilte, die sie in eine hochgradig
wollüstige Aufregung versetzten.
Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis de
Sade noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen nur noch,
dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten Berlins“ ein
sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698]
Page 365
Schluss.
Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis de Sade eine
Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die ganz
anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der aberwitzigen
antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften finden. Der Marquis
de Sade ist der Erste gewesen, der bewusst alle Erscheinungen der Natur
und des sozialen Geschehens unter dem Gesichtspunkte des menschlichen
Geschlechtslebens betrachtet hat. Ueber den entsetzlichen Bildern
entarteter Geschlechtslust, welche aus einer genauen Kenntnis
sexualpathologischer Phaenomene entsprungen sind, darf jene eben
angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei des Marquis de Sade nicht
vergessen werden. Sie verdient in kulturhistorischer, nationalökonomischer,
juristischer und ärztlicher Beziehung die ernsteste Beachtung des
wissenschaftlichen Forschers. Es giebt auch hier nur, wie Eulenburg — der
mit seiner wertvollen Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in
Deutschland die Sade-Forschung inauguriert hat — sich ausdrückt, ein
Objekt und ein Problem des Erkennens. Ein geistvoller Psychiater, Dr. Paul
Naecke in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die
Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer klarer
und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf die Bildung des
Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu Tage.“[699] Wir fügen
hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des sexuellen Faktors in
Gesellschaft und Staat. Wir haben selten ein solches Denkerurteil gehört,
wie uns gegenüber ein berühmter Anthropologe, der früher mehrere Jahre in
Paris gelebt hatte, über die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte.
Er führte zu unserem nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen
Erscheinungen, wie sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage
traten, auf zwei Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche
Verbreitung der sexuellen Perversionen aller Art und auf den — Absynth!
Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis de Sade eine
Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die ganz
anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der aberwitzigen
antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften finden. Der Marquis
de Sade ist der Erste gewesen, der bewusst alle Erscheinungen der Natur
und des sozialen Geschehens unter dem Gesichtspunkte des menschlichen
Geschlechtslebens betrachtet hat. Ueber den entsetzlichen Bildern
entarteter Geschlechtslust, welche aus einer genauen Kenntnis
sexualpathologischer Phaenomene entsprungen sind, darf jene eben
angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei des Marquis de Sade nicht
vergessen werden. Sie verdient in kulturhistorischer, nationalökonomischer,
juristischer und ärztlicher Beziehung die ernsteste Beachtung des
wissenschaftlichen Forschers. Es giebt auch hier nur, wie Eulenburg — der
mit seiner wertvollen Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in
Deutschland die Sade-Forschung inauguriert hat — sich ausdrückt, ein
Objekt und ein Problem des Erkennens. Ein geistvoller Psychiater, Dr. Paul
Naecke in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die
Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer klarer
und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf die Bildung des
Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu Tage.“[699] Wir fügen
hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des sexuellen Faktors in
Gesellschaft und Staat. Wir haben selten ein solches Denkerurteil gehört,
wie uns gegenüber ein berühmter Anthropologe, der früher mehrere Jahre in
Paris gelebt hatte, über die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte.
Er führte zu unserem nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen
Erscheinungen, wie sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage
traten, auf zwei Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche
Verbreitung der sexuellen Perversionen aller Art und auf den — Absynth!
Page 366
Dies ist ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“
der ehemalige Dominikaner Hyacinthe Loyson und der Schriftsteller Yves
Guyot den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den, wie uns
scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt hätte, und
Frankreich daher nach Mirabeau’s Rezept zunächst entkatholisiert werden
müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit. Denn die Ursache des Triumphes
der schwarzen Bande in Frankreich ist nach unserer Ueberzeugung vor
allem die geradezu grauenhafte geschlechtliche Entartung in Frankreich,
von der man in Deutschland kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse
Frankreich stürzt sich mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse
Ekstasen, und bedarf der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige
des Brodes. Es ist kein Zufall, dass z. B. Maurice Barrès, dieser dekadente
Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt. Nur
vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man gewisse
direkt an sadistische Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen und
Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie z. B. die
planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen Dreyfus.
Mercier bekommt vom General Boisdeffre den Auftrag, ein belastendes
Document gegen Dreyfus herzustellen. Er lässt dasselbe durch den
berüchtigten Esterhazy schreiben und dann in den Papierkorb der deutschen
Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation und Deportation
eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze Generalstab, und nicht
weniger die Herren Drumont und Rochefort genaue Kenntnis hatten. Aber
das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch weiter gemartert werden. Man
entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm ungeniessbare, widerliche
Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die Untreue seiner Frau vor;
schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit ein Wort auf Papier, so wurde
ihm dieses entrissen; schliesslich legte man ihn in Ketten, die ins Fleisch
schnitten. Max Nordau hat mit Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen
Grausamkeiten gegen einen Unschuldigen die ganze Lügner- und
Fälscherbande in echt sadistischer Weise geradezu berauschte.[700] Er hat
auch darauf aufmerksam gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden
Antidreyfusards aus Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie
bei der Dreyfus-Affäre zeigten sich auch in der Affäre Voulet-Chanoine
sadistische Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden
hatten ihren Vorgesetzten, den Obersten Klobb, mitten in Afrika einfach
erschiessen lassen. Auch sie fanden — so unglaublich es klingt — in der
der ehemalige Dominikaner Hyacinthe Loyson und der Schriftsteller Yves
Guyot den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den, wie uns
scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt hätte, und
Frankreich daher nach Mirabeau’s Rezept zunächst entkatholisiert werden
müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit. Denn die Ursache des Triumphes
der schwarzen Bande in Frankreich ist nach unserer Ueberzeugung vor
allem die geradezu grauenhafte geschlechtliche Entartung in Frankreich,
von der man in Deutschland kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse
Frankreich stürzt sich mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse
Ekstasen, und bedarf der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige
des Brodes. Es ist kein Zufall, dass z. B. Maurice Barrès, dieser dekadente
Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt. Nur
vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man gewisse
direkt an sadistische Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen und
Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie z. B. die
planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen Dreyfus.
Mercier bekommt vom General Boisdeffre den Auftrag, ein belastendes
Document gegen Dreyfus herzustellen. Er lässt dasselbe durch den
berüchtigten Esterhazy schreiben und dann in den Papierkorb der deutschen
Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation und Deportation
eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze Generalstab, und nicht
weniger die Herren Drumont und Rochefort genaue Kenntnis hatten. Aber
das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch weiter gemartert werden. Man
entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm ungeniessbare, widerliche
Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die Untreue seiner Frau vor;
schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit ein Wort auf Papier, so wurde
ihm dieses entrissen; schliesslich legte man ihn in Ketten, die ins Fleisch
schnitten. Max Nordau hat mit Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen
Grausamkeiten gegen einen Unschuldigen die ganze Lügner- und
Fälscherbande in echt sadistischer Weise geradezu berauschte.[700] Er hat
auch darauf aufmerksam gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden
Antidreyfusards aus Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie
bei der Dreyfus-Affäre zeigten sich auch in der Affäre Voulet-Chanoine
sadistische Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden
hatten ihren Vorgesetzten, den Obersten Klobb, mitten in Afrika einfach
erschiessen lassen. Auch sie fanden — so unglaublich es klingt — in der
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nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche Verteidiger, die von
Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer Verhältnisse u. s. w.
faselten.[701] — In allen diesen Dingen macht sich jenes „eigentümliche
gallokeltische Element des französischen Volkscharakters bemerkbar, dem
neben dem frivol-erotischen auch der lüstern-grausame Zug von jeher nicht
fehlte und der in Voltaire’s Kennzeichnung seiner Landsleute als
‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten Ausdruck findet.“[702]
Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande auch
ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der zunehmenden
sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem
Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem
deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein
gewaltiger Unterschied, und schon Kurtz hat darauf aufmerksam gemacht,
dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast zwischen beiden
Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung der germanischen
Sitte und Zucht bei Tacitus und der bei Gregor von Tours in dessen
Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber edle Einfalt, Gradheit der
Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, Heilighaltung der Ehe, Treue,
Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale Entartung der merowingischen Zeit,
brutale Zuchtlosigkeit, treulose Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke,
Mordpläne, Giftmischerei, Unersättlichkeit nach Schätzen,
Ausschweifungen im geschlechtlichen Leben. Und obschon die
schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes den Kreisen des
Hoflebens angehören, so behauptet Kurtz ganz richtig, dass Entartung auch
im Volke eingerissen war.[703] Schon Salvian von Marseille († 485 n. Chr.),
der von der sittlichen Verwilderung seiner Zeit in Frankreich ein
schreckliches, aber getreues Bild entwirft, behauptet, dass Gott den
deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil sie frömmer als die Römer
seien.[704]
Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder
durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll in
Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr Platz
greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.
Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten
deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer E. Kraepelin teilen, dass
die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten erworben und nicht
Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer Verhältnisse u. s. w.
faselten.[701] — In allen diesen Dingen macht sich jenes „eigentümliche
gallokeltische Element des französischen Volkscharakters bemerkbar, dem
neben dem frivol-erotischen auch der lüstern-grausame Zug von jeher nicht
fehlte und der in Voltaire’s Kennzeichnung seiner Landsleute als
‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten Ausdruck findet.“[702]
Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande auch
ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der zunehmenden
sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem
Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem
deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein
gewaltiger Unterschied, und schon Kurtz hat darauf aufmerksam gemacht,
dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast zwischen beiden
Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung der germanischen
Sitte und Zucht bei Tacitus und der bei Gregor von Tours in dessen
Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber edle Einfalt, Gradheit der
Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, Heilighaltung der Ehe, Treue,
Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale Entartung der merowingischen Zeit,
brutale Zuchtlosigkeit, treulose Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke,
Mordpläne, Giftmischerei, Unersättlichkeit nach Schätzen,
Ausschweifungen im geschlechtlichen Leben. Und obschon die
schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes den Kreisen des
Hoflebens angehören, so behauptet Kurtz ganz richtig, dass Entartung auch
im Volke eingerissen war.[703] Schon Salvian von Marseille († 485 n. Chr.),
der von der sittlichen Verwilderung seiner Zeit in Frankreich ein
schreckliches, aber getreues Bild entwirft, behauptet, dass Gott den
deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil sie frömmer als die Römer
seien.[704]
Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder
durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll in
Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr Platz
greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.
Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten
deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer E. Kraepelin teilen, dass
die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten erworben und nicht
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angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie sexuelle Dinge und
Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In der dritten Szene von
Molière’s „La Critique de l’Ecole des Femmes“ kommt ein Zwiegespräch
vor, das auf eine höchst naive Weise diese Wahrheit ausdrückt:
„Climène. — Il a une obscénité qui n’est pas supportable.
Elise. — Comment dites-vous ce mot-là, madame?
Climène. — Obscénité, madame.
Elise. — Ah! mon dieu, obscénité. Je ne sais ce que ce mot veut dire;
mais je le trouve le plus joli du monde.“
Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, fast jeden
Menschen! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine lange
Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist Manches „le
plus joli du monde.“
Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche
mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt, statt
dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten sind für die
Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der Entartungen des
Geschlechtstriebes. Eine traurige Wahrheit spricht Rétif de la Bretonne in
der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus, wenn er schreibt: „Fontenelle
sagte: ‚Es giebt keinen Kummer, der gegen eine Stunde Lektüre Stand
hielte.‘ — Nun ist aber von allen Lektüren diejenige der erotischen Werke
die anziehendste (la plus entraînante), besonders wenn dieselben mit
ausdrucksvollen (expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die
Worte beherzigen, die Emile Zola, dieser freie und grosse Geist, an einen
Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den „Doktor
Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „Ich schreibe nicht für junge Mädchen,
und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne gut ist, die noch in der
Entwickelung begriffen sind. — Später, wenn das Leben sie frei macht,
werden sie lesen, was sie wollen.“[705] Den verderblichen Einfluss der
modernen naturalistischen Litteratur schildert Seved Ribbing in seinem
ausgezeichneten Buche über die „sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir
jedem Paedagogen empfehlen möchten.[706]
Auch die Kunst hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der Wollust
und der sexuellen Perversion gestellt. Seved Ribbing versichert, dass er
Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In der dritten Szene von
Molière’s „La Critique de l’Ecole des Femmes“ kommt ein Zwiegespräch
vor, das auf eine höchst naive Weise diese Wahrheit ausdrückt:
„Climène. — Il a une obscénité qui n’est pas supportable.
Elise. — Comment dites-vous ce mot-là, madame?
Climène. — Obscénité, madame.
Elise. — Ah! mon dieu, obscénité. Je ne sais ce que ce mot veut dire;
mais je le trouve le plus joli du monde.“
Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, fast jeden
Menschen! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine lange
Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist Manches „le
plus joli du monde.“
Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche
mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt, statt
dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten sind für die
Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der Entartungen des
Geschlechtstriebes. Eine traurige Wahrheit spricht Rétif de la Bretonne in
der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus, wenn er schreibt: „Fontenelle
sagte: ‚Es giebt keinen Kummer, der gegen eine Stunde Lektüre Stand
hielte.‘ — Nun ist aber von allen Lektüren diejenige der erotischen Werke
die anziehendste (la plus entraînante), besonders wenn dieselben mit
ausdrucksvollen (expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die
Worte beherzigen, die Emile Zola, dieser freie und grosse Geist, an einen
Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den „Doktor
Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „Ich schreibe nicht für junge Mädchen,
und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne gut ist, die noch in der
Entwickelung begriffen sind. — Später, wenn das Leben sie frei macht,
werden sie lesen, was sie wollen.“[705] Den verderblichen Einfluss der
modernen naturalistischen Litteratur schildert Seved Ribbing in seinem
ausgezeichneten Buche über die „sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir
jedem Paedagogen empfehlen möchten.[706]
Auch die Kunst hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der Wollust
und der sexuellen Perversion gestellt. Seved Ribbing versichert, dass er
Page 369
öfter bei einem Besuche von Studenten oder anderen jungen Männern
Wände und Schreibtisch derselben mit Abbildungen mehr oder weniger
entblösster Frauen bedeckt gefunden habe, mit Photographien der Fräulein
X. und Y., von Kunstreiterinnen, Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne
Kleidung in den unglaublichsten Stellungen und Verrichtungen dargestellt
sind.“ Rechnet man noch allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit
„Cigarrenetuis, Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen
eingeschmuggelt, wohl auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt
werden, so findet man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise
arbeitet.“[707] Nach Eulenburg existiert sogar ein Sadismus in der Kunst
oder „mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik
ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender Schöpfungen
in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt Rodin’s „Pforte der Danteschen
Hölle“, Frémiet’s „Gorilla, der ein Weib raubt“, Galliard-Sansonetti’s
„Brunhild“, Rochegrosse’s „Andromache“, „Jacquerie“, „Eroberung
Babylons“, Albert Keller’s „Mondschein“, Richir’s „Verderbtheit“ und
Klinger’s „Salome“.[708] Dass J. J. Winckelmann durch das Studium des
griechischen Altertums und der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich
bekehrte, ist uns sehr wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm
so sehr geliebten „Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur
Gewissheit geworden. Hössli sagt in seinem gedankenreichen Werke über
den „Eros“[709]: „Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das
Studium der Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London,
Paris, Rom und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte
sein, welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der
naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“
Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem
überboten durch die direkte Verführung, von der sich behaupten lässt, dass
sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen vermag. Tarnowsky
erklärt paederastische Kreise als „mächtige Centren für die Propaganda der
Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung und Beispiel“ junge Subjekte
verführen. In Paris werden zehn- bis zwölfjährige Kinder durch
Ueberredung und Drohungen allmählich zur Masturbation und Sodomie
verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden herangebildet — „les petits
Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und angesichts dieser Thatsachen denkt man
an Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den
Teufel durch Beelzebub austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen
Wände und Schreibtisch derselben mit Abbildungen mehr oder weniger
entblösster Frauen bedeckt gefunden habe, mit Photographien der Fräulein
X. und Y., von Kunstreiterinnen, Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne
Kleidung in den unglaublichsten Stellungen und Verrichtungen dargestellt
sind.“ Rechnet man noch allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit
„Cigarrenetuis, Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen
eingeschmuggelt, wohl auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt
werden, so findet man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise
arbeitet.“[707] Nach Eulenburg existiert sogar ein Sadismus in der Kunst
oder „mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik
ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender Schöpfungen
in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt Rodin’s „Pforte der Danteschen
Hölle“, Frémiet’s „Gorilla, der ein Weib raubt“, Galliard-Sansonetti’s
„Brunhild“, Rochegrosse’s „Andromache“, „Jacquerie“, „Eroberung
Babylons“, Albert Keller’s „Mondschein“, Richir’s „Verderbtheit“ und
Klinger’s „Salome“.[708] Dass J. J. Winckelmann durch das Studium des
griechischen Altertums und der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich
bekehrte, ist uns sehr wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm
so sehr geliebten „Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur
Gewissheit geworden. Hössli sagt in seinem gedankenreichen Werke über
den „Eros“[709]: „Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das
Studium der Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London,
Paris, Rom und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte
sein, welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der
naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“
Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem
überboten durch die direkte Verführung, von der sich behaupten lässt, dass
sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen vermag. Tarnowsky
erklärt paederastische Kreise als „mächtige Centren für die Propaganda der
Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung und Beispiel“ junge Subjekte
verführen. In Paris werden zehn- bis zwölfjährige Kinder durch
Ueberredung und Drohungen allmählich zur Masturbation und Sodomie
verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden herangebildet — „les petits
Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und angesichts dieser Thatsachen denkt man
an Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den
Teufel durch Beelzebub austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen
Page 370
hereditären Urninge leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste
aller sexuellen Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.
Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt
Tarnowsky ebenfalls (S. 70).
Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von Hobbes in
seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus
nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. Nam ut
aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi impossibile.“
Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die altrömischen
Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde auch die Zahl
der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir in den
Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder bekommen.
Hobbes kannte die menschliche Natur zu schlecht.
Wie die einzelnen sexuellen Perversionen allmählich erworben werden,
schildert unübertrefflich Tarnowsky: „Der entsittlichte Mensch wendet Alles
an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht, das
Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle Sinne
werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt, um die
geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen. Unter
diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie vor, als
zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die Erregung
steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf mit einem
Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch äusserer und
innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften hinzugezogen
u. s. w.“[711]
Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des Molière’schen
„le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses erfahrenen Kenners
des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das Laster in den Augen der
Mehrheit nicht nur verführerisch durch die Kraft, Neuheit oder
Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es verleiht in der Sphäre der
eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem Wüstling einen gewissen Anstrich
von Epikuräismus, Ausgesuchtheit, Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor
anderen Menschen, die anscheinend weniger entwickelt, aber sittsamer und
enthaltsamer sind.“[712]
aller sexuellen Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.
Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt
Tarnowsky ebenfalls (S. 70).
Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von Hobbes in
seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus
nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. Nam ut
aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi impossibile.“
Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die altrömischen
Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde auch die Zahl
der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir in den
Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder bekommen.
Hobbes kannte die menschliche Natur zu schlecht.
Wie die einzelnen sexuellen Perversionen allmählich erworben werden,
schildert unübertrefflich Tarnowsky: „Der entsittlichte Mensch wendet Alles
an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht, das
Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle Sinne
werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt, um die
geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen. Unter
diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie vor, als
zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die Erregung
steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf mit einem
Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch äusserer und
innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften hinzugezogen
u. s. w.“[711]
Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des Molière’schen
„le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses erfahrenen Kenners
des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das Laster in den Augen der
Mehrheit nicht nur verführerisch durch die Kraft, Neuheit oder
Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es verleiht in der Sphäre der
eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem Wüstling einen gewissen Anstrich
von Epikuräismus, Ausgesuchtheit, Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor
anderen Menschen, die anscheinend weniger entwickelt, aber sittsamer und
enthaltsamer sind.“[712]
Page 371
Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise
entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des
Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen
kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder
eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der
Verführung durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel.
Schon Seved Ribbing betont, dass nur die Aufklärung, d. h. geistige
Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne
(a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das wahre
Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken, den
Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen gelernt.
Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand, den W. Stern mit
grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen will.[713] Er will die Ethik
ganz auf die Gemütswelt basieren. Das ist Utopie. Nur wo der Geist, der
Begriff in der Welt herrscht, kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die
wahre geistige Natur des Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie
hebt es nur mit sich empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt
man alles in „einer eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des
Wirklichen“.[714] Schön sagt Hegel, dass gerade „aus dem Ueberdruss an
den Bewegungen der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur
Betrachtung und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder
die Liebe, noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und
Religion an und für sich vermögen die dem Menschen innewohnende
Sehnsucht nach dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen.
„Die Seligkeit des Erkennens ist die höchste menschliche Befriedigung, sie
ist die unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt;
sie ist das, was ich den absoluten Genuss nenne. Die Sehnsucht nach dem
Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im Wissen befriedigen; in
allen früheren Formen der Befriedigung, in dem natürlichen Genusse, in der
Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion, konnte sich das wahre
Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede dieser Formen blieb mit einem
Widerspruch behaftet, der erst in der Philosophie sich zur vollen
Befriedigung auflöste.“[715]
Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen
Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen englischen
Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen Lebenskünstler
Buckle und Lecky. Nach Letzterem versteht es sich von selbst, dass „jeder
entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des
Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen
kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder
eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der
Verführung durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel.
Schon Seved Ribbing betont, dass nur die Aufklärung, d. h. geistige
Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne
(a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das wahre
Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken, den
Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen gelernt.
Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand, den W. Stern mit
grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen will.[713] Er will die Ethik
ganz auf die Gemütswelt basieren. Das ist Utopie. Nur wo der Geist, der
Begriff in der Welt herrscht, kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die
wahre geistige Natur des Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie
hebt es nur mit sich empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt
man alles in „einer eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des
Wirklichen“.[714] Schön sagt Hegel, dass gerade „aus dem Ueberdruss an
den Bewegungen der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur
Betrachtung und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder
die Liebe, noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und
Religion an und für sich vermögen die dem Menschen innewohnende
Sehnsucht nach dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen.
„Die Seligkeit des Erkennens ist die höchste menschliche Befriedigung, sie
ist die unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt;
sie ist das, was ich den absoluten Genuss nenne. Die Sehnsucht nach dem
Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im Wissen befriedigen; in
allen früheren Formen der Befriedigung, in dem natürlichen Genusse, in der
Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion, konnte sich das wahre
Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede dieser Formen blieb mit einem
Widerspruch behaftet, der erst in der Philosophie sich zur vollen
Befriedigung auflöste.“[715]
Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen
Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen englischen
Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen Lebenskünstler
Buckle und Lecky. Nach Letzterem versteht es sich von selbst, dass „jeder
Page 372
Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des Vorstellungsvermögens
vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden befördert, und ist es
ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung im höchsten Grad besitzt.
Ein ungebildeter Mensch kann sich von den ihm fremd gebliebenen
Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen und Existenzen keine
Vorstellung machen, während jede Erweiterung des Wissens eine
Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles mit sich bringt. —
Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die Vergegenwärtigung des
Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt, erleichtert auch die
Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen, und erzeugt daher
Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der intellectuellen Sympathie
ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen und gebildeten Geistes.“[716]
Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher
manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder
bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, die Sinnlichkeit zu
schüren, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende
katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere
Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der
siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des Spinoza als
eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
„Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod;
und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das
Leben.“
Was nach dem Tode sein wird, das hat Sokrates in den herrlichen
Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber sind
im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende und der
Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des Septimius
Severus gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir unausgesetzt
an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist als durch
geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die „Seligkeit des
Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein Bekenntnis
ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des 18. Jahrhunderts,
der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich nicht, beneiden Sie
vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für glühende und
gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen der
vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden befördert, und ist es
ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung im höchsten Grad besitzt.
Ein ungebildeter Mensch kann sich von den ihm fremd gebliebenen
Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen und Existenzen keine
Vorstellung machen, während jede Erweiterung des Wissens eine
Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles mit sich bringt. —
Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die Vergegenwärtigung des
Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt, erleichtert auch die
Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen, und erzeugt daher
Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der intellectuellen Sympathie
ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen und gebildeten Geistes.“[716]
Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher
manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder
bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, die Sinnlichkeit zu
schüren, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende
katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere
Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der
siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des Spinoza als
eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
„Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod;
und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das
Leben.“
Was nach dem Tode sein wird, das hat Sokrates in den herrlichen
Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber sind
im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende und der
Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des Septimius
Severus gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir unausgesetzt
an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist als durch
geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die „Seligkeit des
Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein Bekenntnis
ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des 18. Jahrhunderts,
der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich nicht, beneiden Sie
vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für glühende und
gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen der
Page 373
Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück auf
Erden giebt.“
Erden giebt.“
Page 374
VI.
Bibliographie.
1. Romane und Novellen.
1. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791, 2 Bände in
o
8 , 283 und 191 Seiten. Titelbild von Chéry. (Erwähnt im Katalog von Pixérécourt unter No. 1239)
Neudruck als „Liber Sadicus“ Paris 1884 in 8o 340 Seiten (bei I. Liseux). Auch englisch.
2. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791. 2 Bände in
o
12 . Kleines Titelbild von Texier. Einige Exemplare dieser Ausgabe enthalten 12 obscöne Bilder mit
Totenköpfen, Ketten und Hinrichtungsinstrumenten. Enthält bereits die ersten textlichen
Vergröberungen.
3. Justine ou les Malheurs de la vertu, à Londres (Paris, Cazin). 1792. 2 Bände in 16o von 337
und 288 Seiten. Hübsches Titelbild nach Chéry und 5 obscöne Bilder ohne Namen. Aus der geheimen
Druckerei von Cazin. Hier sind ganze Szenen umgearbeitet.
4. Justine ou les Malheurs de la vertu, 3me édition (4me) corrigée et augmentée, à Philadelphie,
1704, 2 Bände in 18o, mit 8 obscönen Bildern, unter ihnen ein allegorisches Titelbild ohne Namen.
Im Vorwort ein „avis de l’éditeur“ und eine Widmung des Autors „A ma bonne Amie“. Sehr schöne
Ausgabe.
5. Justine ou les Malheurs de la vertu, à Londres (Paris) 1797, 4 Bände in 18o mit 6 Bildern und
neuen Episoden. Eine typographische Luxusausgabe.
6. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, 1800, 4 Bände, in 18o von 136, 134 und 132
Seiten, 12 obscöne Bilder, von denen 4 Titelbilder sind. Nachdruck der Ausgabe Cazin von 1792.
7. Juliette ou la Suite de Justine, 1ère édition S. L. 1796, in 8o 4 Bände. — Ferner Kehl 1797
(ohne Bilder) und 1798 (60 Bilder) 6 Bände in 18o.
8. La Nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu, suivi de l’Histoire de Juliette sa sœur, ou les
Prospérités du vice, Hollande (Paris, Bertrandet oder Didot?), 1797, 10 Bände in 18o. Die „Justine“
umfasst 4, die „Juliette“ 6 Bände. Ein Titelbild und 100 Bilder, bei dem 2ten Nachdruck 104. Am
Ende von Band VI Anweisung an den Buchbinder betreffs Reihenfolge der Bilder, fehlt meistens. Die
Bibliographie.
1. Romane und Novellen.
1. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791, 2 Bände in
o
8 , 283 und 191 Seiten. Titelbild von Chéry. (Erwähnt im Katalog von Pixérécourt unter No. 1239)
Neudruck als „Liber Sadicus“ Paris 1884 in 8o 340 Seiten (bei I. Liseux). Auch englisch.
2. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, chez les Libraires associés, 1791. 2 Bände in
o
12 . Kleines Titelbild von Texier. Einige Exemplare dieser Ausgabe enthalten 12 obscöne Bilder mit
Totenköpfen, Ketten und Hinrichtungsinstrumenten. Enthält bereits die ersten textlichen
Vergröberungen.
3. Justine ou les Malheurs de la vertu, à Londres (Paris, Cazin). 1792. 2 Bände in 16o von 337
und 288 Seiten. Hübsches Titelbild nach Chéry und 5 obscöne Bilder ohne Namen. Aus der geheimen
Druckerei von Cazin. Hier sind ganze Szenen umgearbeitet.
4. Justine ou les Malheurs de la vertu, 3me édition (4me) corrigée et augmentée, à Philadelphie,
1704, 2 Bände in 18o, mit 8 obscönen Bildern, unter ihnen ein allegorisches Titelbild ohne Namen.
Im Vorwort ein „avis de l’éditeur“ und eine Widmung des Autors „A ma bonne Amie“. Sehr schöne
Ausgabe.
5. Justine ou les Malheurs de la vertu, à Londres (Paris) 1797, 4 Bände in 18o mit 6 Bildern und
neuen Episoden. Eine typographische Luxusausgabe.
6. Justine ou les Malheurs de la vertu, en Hollande, 1800, 4 Bände, in 18o von 136, 134 und 132
Seiten, 12 obscöne Bilder, von denen 4 Titelbilder sind. Nachdruck der Ausgabe Cazin von 1792.
7. Juliette ou la Suite de Justine, 1ère édition S. L. 1796, in 8o 4 Bände. — Ferner Kehl 1797
(ohne Bilder) und 1798 (60 Bilder) 6 Bände in 18o.
8. La Nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu, suivi de l’Histoire de Juliette sa sœur, ou les
Prospérités du vice, Hollande (Paris, Bertrandet oder Didot?), 1797, 10 Bände in 18o. Die „Justine“
umfasst 4, die „Juliette“ 6 Bände. Ein Titelbild und 100 Bilder, bei dem 2ten Nachdruck 104. Am
Ende von Band VI Anweisung an den Buchbinder betreffs Reihenfolge der Bilder, fehlt meistens. Die
Page 375
Zahl der Bilder ist in vielen Exemplaren eine geringere als 104, meist 100. Häufige Nachdrucke des
Werkes schon in den ersten Jahren nach Erscheinen, mit Lithographien, z. B. eine durch Colnet
besorgte. Die modernen in Belgien seit 1830 veranstalteten Ausgaben haben denselben Titel und
dasselbe Datum. (Eine vollendet im Oktober 1875 zu Brüssel.)
9. La Philosophie dans le boudoir ou les Instituteurs libertins, Dialogue. Ouvrage posthume de
l’auteur de Justine. A Londres (Paris), aux dépens de la Compagnie, MDCCXCXC (für 1795), 2
Bände klein 18o, 290 und 216 Seiten, 1 Titelbild und 4 obscöne Bilder. Diese Ausgabe neuerdings in
Belgien mehrere Male (1868 u. ö.) nachgedruckt. Motto: La mère en prescrira la lecture à sa fille.
10. La Philosophie dans le boudoir, ou les Instituteurs immoraux, Ouvrage Posthume par l’auteur
de Justine. London, aux dépens de la Compagnie MDCCCV. 2 Bände, klein 8o, 203 und 191 Seiten,
10 obscöne Lithographien.
11. La Philosophie dans le boudoir, Londres (Paris), 1830, 2 Bände in 18o mit 10 Lithographien.
In einigen Exemplaren schlechte Photographien.
12. Aline et Valcour ou le Roman philosophique. Ecrit à la Bastille un an avant la Révolution de
France. Orné de quatorze gravures. Par le Citoyen S***. A Paris, Chez Girouard, Libraire, rue du
Bout-du-Monde, no. 47, 1793. 4 Bände in 18o (8 Teile) XIV, 315, 503, 575, 374 Seiten. 14 nicht
obscöne Bilder.
13. Aline et Valcour ou le Roman philosophique. Ecrit à la Bastille un an avant la Révolution de
France. Orné de quatorze gravures. Par le Citoyen S***. A Paris. Chez la veuve Girouard, Libraire,
au Palais Egalité, Galerie de Bois, No. 196. 1795. — Eine andere gleiche Ausgabe desselben Jahres
enthält 16 Bilder. Im Vorwort 7 lateinische Verse aus Lucrez.
14. Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille, un an avant la Révolution, par
le Citoyen S***. Paris, Maradan, 1795, 8 Teile in 18o mit Bildern und neuem Titelbild (Veritas
impavida). Von „Aline et Valcour“ existieren mehrere Neudrucke. Letzte Ausgabe, Brüssel 1883 bei
J. J. Gay, 4 Bände in 8o.
15. Valmor et Lydia ou Voyage autour du monde de deux amants qui se cherchent, Paris, Pigoreau
ou Leroux, an VII, 3 Bände in 12o. Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour.“
16. Alzonde et Koradin, Paris, Cercoux et Montardier, 1799, 2 Bände in 18o. Abgekürzte Copie
von „Aline et Valcour“.
17. La Marquise de Ganges, Paris, Béchet, 1813, 2 Bände in 12o. Langweiliger Roman, der dem
Marquis de Sade zugeschrieben wird, (von Pigoreau in der „Petite Bibliographie biographico-
romancière“ Paris Oktober 1831 S. 309.) Nach Quérard hat de Sade hier eine historische Thatsache
verändert, indem er die Marquise zum Werkzeug und Opfer ihrer unwürdigen Schwäger und ihres
Gatten werden lässt. Das Motto des Werkes lautet: „Le ciel qui ne laisse rien d’impuni sur la terre,
vengera la vertu des outrages dont le crime cherche à l’écraser.“ Gay citirt die folgende Stelle, die
nach seiner Ansicht sadischen Geistes ist: „Le crime est si cruel à peindre, les couleurs dont un
historien fidèle doit le nuancer, sont à la fin si sombres et si lugubres, qu’au lieu de l’offrir à nu, en
préférerait souvent se laisser deviner ou se tracer lui même plus par les faits qui le constituent que par
les crayons dégoûtants, dont en est forcé de le dessiner. Il est si facile d’éluder les lois; il est tant de
crimes secrets qu’elles n’atteignent pas, et l’homme puissant les brave avec tant d’audace.“ Gay
„Bibliogr. de l’amour“ IV, S. 428–429.
Werkes schon in den ersten Jahren nach Erscheinen, mit Lithographien, z. B. eine durch Colnet
besorgte. Die modernen in Belgien seit 1830 veranstalteten Ausgaben haben denselben Titel und
dasselbe Datum. (Eine vollendet im Oktober 1875 zu Brüssel.)
9. La Philosophie dans le boudoir ou les Instituteurs libertins, Dialogue. Ouvrage posthume de
l’auteur de Justine. A Londres (Paris), aux dépens de la Compagnie, MDCCXCXC (für 1795), 2
Bände klein 18o, 290 und 216 Seiten, 1 Titelbild und 4 obscöne Bilder. Diese Ausgabe neuerdings in
Belgien mehrere Male (1868 u. ö.) nachgedruckt. Motto: La mère en prescrira la lecture à sa fille.
10. La Philosophie dans le boudoir, ou les Instituteurs immoraux, Ouvrage Posthume par l’auteur
de Justine. London, aux dépens de la Compagnie MDCCCV. 2 Bände, klein 8o, 203 und 191 Seiten,
10 obscöne Lithographien.
11. La Philosophie dans le boudoir, Londres (Paris), 1830, 2 Bände in 18o mit 10 Lithographien.
In einigen Exemplaren schlechte Photographien.
12. Aline et Valcour ou le Roman philosophique. Ecrit à la Bastille un an avant la Révolution de
France. Orné de quatorze gravures. Par le Citoyen S***. A Paris, Chez Girouard, Libraire, rue du
Bout-du-Monde, no. 47, 1793. 4 Bände in 18o (8 Teile) XIV, 315, 503, 575, 374 Seiten. 14 nicht
obscöne Bilder.
13. Aline et Valcour ou le Roman philosophique. Ecrit à la Bastille un an avant la Révolution de
France. Orné de quatorze gravures. Par le Citoyen S***. A Paris. Chez la veuve Girouard, Libraire,
au Palais Egalité, Galerie de Bois, No. 196. 1795. — Eine andere gleiche Ausgabe desselben Jahres
enthält 16 Bilder. Im Vorwort 7 lateinische Verse aus Lucrez.
14. Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille, un an avant la Révolution, par
le Citoyen S***. Paris, Maradan, 1795, 8 Teile in 18o mit Bildern und neuem Titelbild (Veritas
impavida). Von „Aline et Valcour“ existieren mehrere Neudrucke. Letzte Ausgabe, Brüssel 1883 bei
J. J. Gay, 4 Bände in 8o.
15. Valmor et Lydia ou Voyage autour du monde de deux amants qui se cherchent, Paris, Pigoreau
ou Leroux, an VII, 3 Bände in 12o. Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour.“
16. Alzonde et Koradin, Paris, Cercoux et Montardier, 1799, 2 Bände in 18o. Abgekürzte Copie
von „Aline et Valcour“.
17. La Marquise de Ganges, Paris, Béchet, 1813, 2 Bände in 12o. Langweiliger Roman, der dem
Marquis de Sade zugeschrieben wird, (von Pigoreau in der „Petite Bibliographie biographico-
romancière“ Paris Oktober 1831 S. 309.) Nach Quérard hat de Sade hier eine historische Thatsache
verändert, indem er die Marquise zum Werkzeug und Opfer ihrer unwürdigen Schwäger und ihres
Gatten werden lässt. Das Motto des Werkes lautet: „Le ciel qui ne laisse rien d’impuni sur la terre,
vengera la vertu des outrages dont le crime cherche à l’écraser.“ Gay citirt die folgende Stelle, die
nach seiner Ansicht sadischen Geistes ist: „Le crime est si cruel à peindre, les couleurs dont un
historien fidèle doit le nuancer, sont à la fin si sombres et si lugubres, qu’au lieu de l’offrir à nu, en
préférerait souvent se laisser deviner ou se tracer lui même plus par les faits qui le constituent que par
les crayons dégoûtants, dont en est forcé de le dessiner. Il est si facile d’éluder les lois; il est tant de
crimes secrets qu’elles n’atteignent pas, et l’homme puissant les brave avec tant d’audace.“ Gay
„Bibliogr. de l’amour“ IV, S. 428–429.
Page 376
18. Pauline et Belval ou les Victimes d’un amour criminel, anecdote parisienne du XVIIIe siècle,
avec romances et figures Paris an VI (1798), 3 Bände in 12o, und Paris, chez Chambon, 1817, 2
Bände in 12o mit Bildern. — Nach Pigoreau von Sade.
19. L’Etourdi, Lampsaque, 1784. 2 Bände in 18o. Nach Paul Lacroix von Sade. Enthält ein
Kapitel („La comédie“) über Sade’s Theater in La Coste. Wird auch dem Andréa de Nerciat
zugeschrieben. Neuausgabe Brüssel (Gay et Doucé) 1882, 2 Bände kl. 8o. 138 und 104 S.; mit 2
Titelbildern von Chauvet. Vgl. Gay-Lemonnyer „Bibliogr. de l’am.“ II, 176.
20. Les Crimes de l’Amour ou le Délire des passions; Nouvelles historiques et tragiques,
précédées d’une Idée sur les Romans et ornées de gravures, par D. A. F. Sade, auteur d’Aline et
Valcour. A Paris, chez Massé, an VIII. 2 Bände in 8o und 4 Bände in 12o. 4 Titelbilder. Motto, aus
den „Nights“ von Young entlehnt: Amour, fruit délicieux que le ciel permet à la terre de produire
pour le bonheur de la vie, pourquoi faut-il que tu fasses naître des crimes, et pourquoi l’homme
abuse-t-il de tout? — Die Titel der 11 in dieser Sammlung enthaltenen Novellen lauten: Juliette et
Raunai, ou la Conspiration d’Amboise — La Double épreuve — Miss Henriette Stralsond —
Faxelange — Florville et Courval — Rodrigue — Laurence et Antonio — Ernestine — Dorgeville,
ou le Criminel par vertu — La comtesse de Sancerre — Eugène de Franval.
21. Zoloé et ses deux acolythes (sic) ou Quelques Décades de la vie de trois jolies femmes.
Histoire véritable du siècle dernier, par un contemporain. A. Turin (Paris) chez tous les marchands
de nouveautés. De l’Imprimerie de l’auteur. Thermidor, an VIII, in 12. Ein Titelbild, welches
Josephine de Beauharnais, Madame Tallien und die Visconti darstellt (Laureda, Volsange sind die
beiden letzteren, Zoloé die erstere).
22. Zoloé et ses deux Acolytes Discours aux Manes de Marat L’Auteur des Crimes de l’Amour à
Villeterque Avec Notices Biographiques Bruxelles Chez tous les Libraires 1867 und 1870, in 12o. CII
und 178 S. Titelbild von F. Rops.
23. Dorci ou la Bizarrerie du Sort, Conte inédit de de Sade, chez Charavay Paris 12o, 1 Titelbild,
1881, enthält auch An. France „Notice sur de Sade“, 22 Seiten.
24. L’Auteur des Crimes de l’Amour à Villeterque, folliculaire. Paris, Massé an IX, in 12o, 19 S.
(Antwort auf einen Angriff von Villeterque im Journal de Paris von 1800.)
25. Couplets chantés à Son Eminence le Cardinal Maury, le 6 octobre 1812 à la maison de santé
près de Charenton, in Revue rétrospective Paris 1833. Bd. I, S. 262 ff.
2. Dramatische Werke.
26. Oxtiern ou les Malheurs du libertinage, drame en 3 actes et en prose, par D. A. F. S.
Versailles, Blaizot, an VIII, in 8o, 48 Seiten. (Im November 1791 und Dezember 1799 aufgeführt.)
3. Manuscripte.
27. Trente „Contes“.
avec romances et figures Paris an VI (1798), 3 Bände in 12o, und Paris, chez Chambon, 1817, 2
Bände in 12o mit Bildern. — Nach Pigoreau von Sade.
19. L’Etourdi, Lampsaque, 1784. 2 Bände in 18o. Nach Paul Lacroix von Sade. Enthält ein
Kapitel („La comédie“) über Sade’s Theater in La Coste. Wird auch dem Andréa de Nerciat
zugeschrieben. Neuausgabe Brüssel (Gay et Doucé) 1882, 2 Bände kl. 8o. 138 und 104 S.; mit 2
Titelbildern von Chauvet. Vgl. Gay-Lemonnyer „Bibliogr. de l’am.“ II, 176.
20. Les Crimes de l’Amour ou le Délire des passions; Nouvelles historiques et tragiques,
précédées d’une Idée sur les Romans et ornées de gravures, par D. A. F. Sade, auteur d’Aline et
Valcour. A Paris, chez Massé, an VIII. 2 Bände in 8o und 4 Bände in 12o. 4 Titelbilder. Motto, aus
den „Nights“ von Young entlehnt: Amour, fruit délicieux que le ciel permet à la terre de produire
pour le bonheur de la vie, pourquoi faut-il que tu fasses naître des crimes, et pourquoi l’homme
abuse-t-il de tout? — Die Titel der 11 in dieser Sammlung enthaltenen Novellen lauten: Juliette et
Raunai, ou la Conspiration d’Amboise — La Double épreuve — Miss Henriette Stralsond —
Faxelange — Florville et Courval — Rodrigue — Laurence et Antonio — Ernestine — Dorgeville,
ou le Criminel par vertu — La comtesse de Sancerre — Eugène de Franval.
21. Zoloé et ses deux acolythes (sic) ou Quelques Décades de la vie de trois jolies femmes.
Histoire véritable du siècle dernier, par un contemporain. A. Turin (Paris) chez tous les marchands
de nouveautés. De l’Imprimerie de l’auteur. Thermidor, an VIII, in 12. Ein Titelbild, welches
Josephine de Beauharnais, Madame Tallien und die Visconti darstellt (Laureda, Volsange sind die
beiden letzteren, Zoloé die erstere).
22. Zoloé et ses deux Acolytes Discours aux Manes de Marat L’Auteur des Crimes de l’Amour à
Villeterque Avec Notices Biographiques Bruxelles Chez tous les Libraires 1867 und 1870, in 12o. CII
und 178 S. Titelbild von F. Rops.
23. Dorci ou la Bizarrerie du Sort, Conte inédit de de Sade, chez Charavay Paris 12o, 1 Titelbild,
1881, enthält auch An. France „Notice sur de Sade“, 22 Seiten.
24. L’Auteur des Crimes de l’Amour à Villeterque, folliculaire. Paris, Massé an IX, in 12o, 19 S.
(Antwort auf einen Angriff von Villeterque im Journal de Paris von 1800.)
25. Couplets chantés à Son Eminence le Cardinal Maury, le 6 octobre 1812 à la maison de santé
près de Charenton, in Revue rétrospective Paris 1833. Bd. I, S. 262 ff.
2. Dramatische Werke.
26. Oxtiern ou les Malheurs du libertinage, drame en 3 actes et en prose, par D. A. F. S.
Versailles, Blaizot, an VIII, in 8o, 48 Seiten. (Im November 1791 und Dezember 1799 aufgeführt.)
3. Manuscripte.
27. Trente „Contes“.
Page 377
28. Le Portefeuille d’un homme de lettres, (4 Bände, geschrieben 1788 in der Bastille).
29. Conrad; historischer Roman aus der Albigenserzeit. (Confisciert 1801.)
30. Marcel; Roman.
31. Isabelle de Bavière; ein historischer Roman, in Charenton verfasst.
32. Adélaide de Brunswick; ein historischer Roman eben dort geschrieben. Beide Romane düster,
aber ohne Blasphemien und Obscönitäten.
33. 5 Hefte Bemerkungen, Gedanken, Auszüge, Lieder u. s. w. aus der Zeit des letzten
Aufenthaltes in Charenton.
34. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage, écrites en 20 soirées, de 7 à 10
heures, et finies le 12 November 1785. Ein Manuscript des Marquis de Sade besitzt gegenwärtig der
Marquis de V.—, dessen Grossvater es von Armoux de St. Maximin erhielt, der bei der Zerstörung der
Bastille zugegen war und dieses kostbare Manuscript in dem Raume fand, in dem der Marquis de
Sade gefangen gesessen hatte. Pisanus Fraxi (Index librorum prohibitorum, London 1877 S. 422–
424) beschreibt es folgendermassen: Das Manuscript besteht aus einer Reihe von Papierstücken, 4½
Zoll oder 11 Zentimeter breit, alle zusammengeheftet und eine Rolle von 121⁄10 Meter bildend. Jedes
Stück Papier ist auf beiden Seiten beschrieben mit der Handschrift des Marquis de Sade und so
kleiner Schrift, dass man die Buchstaben mit einem Vergrösserungsglase lesen muss. Das Manuscript
enthält eine kurze Vorrede und 52 Kapitel; es werden darin die Thaten einer Gesellschaft von
Wüstlingen beider Geschlechter erzählt, die zwei Häuser in der Nachbarschaft von Paris hat und
enorm reich ist. Der Roman ist so obscön wie die „Justine“, aber nicht so reich an philosophischen
Excursen. Er schliesst: „terminée le 25. Nov. 1783.“[718] Fraxi hält dies Ms. für die von Rétif de la
Bretonne häufig erwähnte „Théorie du libertinage“. Gegenwärtig befindet sich dies Manuscript in
den Händen eines Marseiller Buchhändlers, der es für 5000 Frcs. zum Verkauf anbietet.[719]
35. Entwurf einer Bordelleinrichtung, im Besitz des Pariser Bibliophilen M. H. B.[720] Dieses
Project des Marquis de Sade erwähnt Rétif de la Bretonne in „Monsieur Nicolas“ Bd. XVI, S. 4783.
36. Julia ou la Mariage sans femme, folie-vaudeville en 1 acte. Katalog der dramatischen
Bibliothek des Herrn de Soleinne No. 3879. Die Handschrift gleicht derjenigen des Marquis de Sade.
Obscönes Stück, das die Paederastie verherrlicht.
37. Le Misanthrope par amour ou Sophie et Desfrancs, comédie en 5 actes et en vers. Aufgeführt
im Théâtre-Français im Jahre 1790.
38. L’Homme dangereux ou le Suborneur, comédie en 1 acte et en vers de dix syllabes.
Aufgeführt im Théâtre Favart 1790.
39. La France f....., comédie lubrique et royaliste, no. 5796 (1796), in 8o gedruckt. Wird von Paul
Lacroix (im Katalog Soleinne unter No. 3876) dem Marquis de Sade zugeschrieben. Das Stück muss
erst nach 1796 gedruckt worden sein, wie die folgenden Verse beweisen:
Buonaparte règne en maître
A sa guise il nous fait des lois
Puis, en despote, il nous les donne,
Petit-fils d’un petit bourgois,
Assis sur le trône des rois,
Que lui manque-t-il? la couronne.
Das deutet auf die Zeit des Consulates. Das Stück figuriert in verschiedenen Katalogen (Saint-
Mauris, Baillet, Leber No. 5016 und Pixérécourt’s Katalog des Jahres 1839 S. 368). Am Anfang der
29. Conrad; historischer Roman aus der Albigenserzeit. (Confisciert 1801.)
30. Marcel; Roman.
31. Isabelle de Bavière; ein historischer Roman, in Charenton verfasst.
32. Adélaide de Brunswick; ein historischer Roman eben dort geschrieben. Beide Romane düster,
aber ohne Blasphemien und Obscönitäten.
33. 5 Hefte Bemerkungen, Gedanken, Auszüge, Lieder u. s. w. aus der Zeit des letzten
Aufenthaltes in Charenton.
34. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage, écrites en 20 soirées, de 7 à 10
heures, et finies le 12 November 1785. Ein Manuscript des Marquis de Sade besitzt gegenwärtig der
Marquis de V.—, dessen Grossvater es von Armoux de St. Maximin erhielt, der bei der Zerstörung der
Bastille zugegen war und dieses kostbare Manuscript in dem Raume fand, in dem der Marquis de
Sade gefangen gesessen hatte. Pisanus Fraxi (Index librorum prohibitorum, London 1877 S. 422–
424) beschreibt es folgendermassen: Das Manuscript besteht aus einer Reihe von Papierstücken, 4½
Zoll oder 11 Zentimeter breit, alle zusammengeheftet und eine Rolle von 121⁄10 Meter bildend. Jedes
Stück Papier ist auf beiden Seiten beschrieben mit der Handschrift des Marquis de Sade und so
kleiner Schrift, dass man die Buchstaben mit einem Vergrösserungsglase lesen muss. Das Manuscript
enthält eine kurze Vorrede und 52 Kapitel; es werden darin die Thaten einer Gesellschaft von
Wüstlingen beider Geschlechter erzählt, die zwei Häuser in der Nachbarschaft von Paris hat und
enorm reich ist. Der Roman ist so obscön wie die „Justine“, aber nicht so reich an philosophischen
Excursen. Er schliesst: „terminée le 25. Nov. 1783.“[718] Fraxi hält dies Ms. für die von Rétif de la
Bretonne häufig erwähnte „Théorie du libertinage“. Gegenwärtig befindet sich dies Manuscript in
den Händen eines Marseiller Buchhändlers, der es für 5000 Frcs. zum Verkauf anbietet.[719]
35. Entwurf einer Bordelleinrichtung, im Besitz des Pariser Bibliophilen M. H. B.[720] Dieses
Project des Marquis de Sade erwähnt Rétif de la Bretonne in „Monsieur Nicolas“ Bd. XVI, S. 4783.
36. Julia ou la Mariage sans femme, folie-vaudeville en 1 acte. Katalog der dramatischen
Bibliothek des Herrn de Soleinne No. 3879. Die Handschrift gleicht derjenigen des Marquis de Sade.
Obscönes Stück, das die Paederastie verherrlicht.
37. Le Misanthrope par amour ou Sophie et Desfrancs, comédie en 5 actes et en vers. Aufgeführt
im Théâtre-Français im Jahre 1790.
38. L’Homme dangereux ou le Suborneur, comédie en 1 acte et en vers de dix syllabes.
Aufgeführt im Théâtre Favart 1790.
39. La France f....., comédie lubrique et royaliste, no. 5796 (1796), in 8o gedruckt. Wird von Paul
Lacroix (im Katalog Soleinne unter No. 3876) dem Marquis de Sade zugeschrieben. Das Stück muss
erst nach 1796 gedruckt worden sein, wie die folgenden Verse beweisen:
Buonaparte règne en maître
A sa guise il nous fait des lois
Puis, en despote, il nous les donne,
Petit-fils d’un petit bourgois,
Assis sur le trône des rois,
Que lui manque-t-il? la couronne.
Das deutet auf die Zeit des Consulates. Das Stück figuriert in verschiedenen Katalogen (Saint-
Mauris, Baillet, Leber No. 5016 und Pixérécourt’s Katalog des Jahres 1839 S. 368). Am Anfang der
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70er Jahre dieses Jahrhunderts wurde ein Neudruck von wenigen Exemplaren (Strassburg 1871, 12o,
VIII, 118) veranstaltet. Die Personen der Komödie sind Frankreich, England, die Vendée, der Herzog
von Orléans, der Graf de Puisaye, der König von Preussen, Kaiser Franz II. und König Karl IV. von
Spanien. Das Stück ist dem Polizeiminister mit folgenden Worten gewidmet: „Devine si tu peux, et
choisis si tu l’oses.“ Die Vorrede beginnt: „J’ai cherché à être lu par tout le monde. Si mon ouvrage
va jusqu’à la postérité, je la supplie de ne pas me juger sur le style, mais sur le fond. Lecteurs, ne
vous prévenez pas contre le titre; femmes aimables pardonnez-le moi! plus vous me lirez, plus je
réclame votre indulgence. Libertins, hommes de lettres, politiques, historiens, philosophes, patriotes,
royalistes, étrangers, lisez-moi; j’écris pour vous tous. Et vous, souveraine, de ma pensée, vous que
j’adore, si vous me devinez, ne craignez rien pour le sentiment. J’ai écrit avec ma plume; mon cœur
n’y est pour rien.“ Das obscöne Stück enthält zahlreiche Noten mit Anspielungen auf zeitgenössische
Ereignisse. Echt sadisch ist das Geständnis: „Lorsqu’il s’agit du bien, qu’importe comment on
l’opère? N’avez vous jamais pris de poison pour vous guerir?“ Unter den zahlreichen bissigen
Ausfällen gegen hervorragende Zeitgenossen sind hervorzuheben: „Notre Brutus de Douay (Merlin),
de mauvais mari devint mauvais père, autant qu’il était mauvais Français. — Notre Caïn (J. M.
Chénier) dénonça son frère Abel, et le fit assassiner, non par la jalousie de ses succès, mais pour
avoir ses ouvrages, qu’il nous donne comme les siens.“
40. L’Epreuve, comédie en 1 acte et en vers. Confisziert 1782 wegen anstössiger Stellen.
41. L’École des jaloux; le Boudoir. Aufgeführt 1791 im Théâtre Favart.
42. Cléontine ou la fille malheureuse, drame en 3 actes et en prose. 1792?
43. Le Prévaricateur ou le Magistrat du temps passé.
44. Le Capricieux ou l’Homme inégal. Angenommen vom Théâtre Louvois, aber vom Autor
zurückgezogen.
45. Les Jumelles, 2 actes et en vers.
46. Les Antiquaires, 1 acte et en prose.
47. Henriette et Saint-Clair ou la Force du sang. Drame.
48. L’Egarement de l’infortune.
49. Le Père de famille.
Ueber diese drei letzten Manuscripte schreibt die Marquise de Sade im Jahre 1787 an ihren
Gatten (Ginisty a. a. O. S. 28): „J’ai lu Henriette, et j’y ai reconnu l’auteur de l’Egarement de
l’infortune. Je la trouve bonne foncièrement et faite pour faire le plus grand effet vis à vis ceux qui
ont de l’âme. Elle ne révoltera que les âmes pusillanimes qui ne sentiront pas la position et la
situation. Elle est assez différente du Père de famille pour n’être pas crue calquée dessus. En général,
elle a de grandes beautés. Voila mon avis sur une simple lecture. Je la relirai encore plus d’une fois,
parce que j’aime à la folie tout ce qui vient de toi, étant trop partiale pour en juger sévèrement.“
Danach fällt die Abfassung dieser Manuscripte in das Ende der 80er Jahre.
50. Franchise et trahison.
51. Fanny ou les Effets du désespoir.
52. Entwurf eines Gladiatorenschauspiels.
Diese und noch zahlreiche andere Manuscripte befinden sich im Besitze der Familie de Sade.
Durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung der Briefe der Marquise de Sade durch Paul Ginisty ist
hoffentlich diejenige der übrigen auf den Marquis de Sade sich beziehenden Schriftstücke inauguriert
VIII, 118) veranstaltet. Die Personen der Komödie sind Frankreich, England, die Vendée, der Herzog
von Orléans, der Graf de Puisaye, der König von Preussen, Kaiser Franz II. und König Karl IV. von
Spanien. Das Stück ist dem Polizeiminister mit folgenden Worten gewidmet: „Devine si tu peux, et
choisis si tu l’oses.“ Die Vorrede beginnt: „J’ai cherché à être lu par tout le monde. Si mon ouvrage
va jusqu’à la postérité, je la supplie de ne pas me juger sur le style, mais sur le fond. Lecteurs, ne
vous prévenez pas contre le titre; femmes aimables pardonnez-le moi! plus vous me lirez, plus je
réclame votre indulgence. Libertins, hommes de lettres, politiques, historiens, philosophes, patriotes,
royalistes, étrangers, lisez-moi; j’écris pour vous tous. Et vous, souveraine, de ma pensée, vous que
j’adore, si vous me devinez, ne craignez rien pour le sentiment. J’ai écrit avec ma plume; mon cœur
n’y est pour rien.“ Das obscöne Stück enthält zahlreiche Noten mit Anspielungen auf zeitgenössische
Ereignisse. Echt sadisch ist das Geständnis: „Lorsqu’il s’agit du bien, qu’importe comment on
l’opère? N’avez vous jamais pris de poison pour vous guerir?“ Unter den zahlreichen bissigen
Ausfällen gegen hervorragende Zeitgenossen sind hervorzuheben: „Notre Brutus de Douay (Merlin),
de mauvais mari devint mauvais père, autant qu’il était mauvais Français. — Notre Caïn (J. M.
Chénier) dénonça son frère Abel, et le fit assassiner, non par la jalousie de ses succès, mais pour
avoir ses ouvrages, qu’il nous donne comme les siens.“
40. L’Epreuve, comédie en 1 acte et en vers. Confisziert 1782 wegen anstössiger Stellen.
41. L’École des jaloux; le Boudoir. Aufgeführt 1791 im Théâtre Favart.
42. Cléontine ou la fille malheureuse, drame en 3 actes et en prose. 1792?
43. Le Prévaricateur ou le Magistrat du temps passé.
44. Le Capricieux ou l’Homme inégal. Angenommen vom Théâtre Louvois, aber vom Autor
zurückgezogen.
45. Les Jumelles, 2 actes et en vers.
46. Les Antiquaires, 1 acte et en prose.
47. Henriette et Saint-Clair ou la Force du sang. Drame.
48. L’Egarement de l’infortune.
49. Le Père de famille.
Ueber diese drei letzten Manuscripte schreibt die Marquise de Sade im Jahre 1787 an ihren
Gatten (Ginisty a. a. O. S. 28): „J’ai lu Henriette, et j’y ai reconnu l’auteur de l’Egarement de
l’infortune. Je la trouve bonne foncièrement et faite pour faire le plus grand effet vis à vis ceux qui
ont de l’âme. Elle ne révoltera que les âmes pusillanimes qui ne sentiront pas la position et la
situation. Elle est assez différente du Père de famille pour n’être pas crue calquée dessus. En général,
elle a de grandes beautés. Voila mon avis sur une simple lecture. Je la relirai encore plus d’une fois,
parce que j’aime à la folie tout ce qui vient de toi, étant trop partiale pour en juger sévèrement.“
Danach fällt die Abfassung dieser Manuscripte in das Ende der 80er Jahre.
50. Franchise et trahison.
51. Fanny ou les Effets du désespoir.
52. Entwurf eines Gladiatorenschauspiels.
Diese und noch zahlreiche andere Manuscripte befinden sich im Besitze der Familie de Sade.
Durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung der Briefe der Marquise de Sade durch Paul Ginisty ist
hoffentlich diejenige der übrigen auf den Marquis de Sade sich beziehenden Schriftstücke inauguriert
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worden. Ihm ist im Jahre 1900 Cabanès mit seiner wertvollen Studie gefolgt, die neue zahlreiche
archivalische Dokumente zur Sade-Biographie beibringt. Die Sade-Forschung, welche in der letzten
Zeit in ein lebhafteres Tempo zu geraten scheint, bedarf dringend weiteren Materials zum Studium
eines der merkwürdigsten Menschen und Schriftsteller.
4. Schriften im Sinne des Marquis de Sade.
53. L’Anti-Justine ou les Délices de l’Amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. Epigraphe:
Casta placent superis. — Manibus puris sumite (cunnos). Avec soixante figures. Première partie.
Fleuron: Tête de faune couronnée de feuilles et de raisins. Au Palais-Royal: chez feu la veuve
Girouard, très-connue. 1798. Deux parties in 12. Mehrere Neudrucke in Brüssel, einer (1863) in 2
Bänden, in-18o, mit schlechten colorierten Lithographien, die andern sorgfältiger, in-12o, mit
Gravüren. Weitere Neudrucke „conformes à l’édition originale“ s. l. (Brüssel 1864) 12o, VIII, 260 S.
(6 obsc. Gravüren); s. l. (Brüssel, 16 mittelm. Lithogr.); s. l. (Brüssel J. Gay) 16o; Amsterdam chez
de Kick (Brüssel) 12o 2 Bde. VIII, 114 und 166 S.; 6 freie Bilder; s. l. (Amsterdam) 2 versch.
Ausgaben, (eine blosser Text, andere mit 38 freien Bildern); Brüssel 1890 XVI, 103, 143 S. (in 1 Bd.)
8o ohne Bilder. — In der Vorrede heisst es über Sade: „Blasé sur les femmes, depuis longtemps, la
Justine de Dsds. me tomba sous la main; elle me mit en feu... Personne n’a été plus indigné que moi
des ouvrages de l’infame de Sades, que je lis dans une prison. Ce scélérat ne présente les délices de
l’amour, qu’accompagnés de tourments, de la mort même.“ Der Zweck des Verfassers (Rétif de la
Bretonne) ist ein anderer: „Mon but est de faire un livre plus savoureux que les siens, et que les
épouses pourront faire lire à leurs maris; un livre où les sens parleront an cœur; où le libertinage n’ait
rien de cruel pour le sexe des Grâces, où l’amour, ramené à la Nature, exempt de scrupules et de
préjugés, ne présente que des images riantes et voluptueuses.“ Die auf dem Titel angegebenen 60
Bilder fehlen.
54. Pauliska, ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une Polonaise. Paris, Lemierre et
chez Courcier, an VI (1798), 2 Bände in 12o. 2 Bilder nach Art des Chaillu. Verfasser ist Jacques
Baron Révérony de Saint-Cyr (1767–1829). Das eine Bild stellt eines Mann dar, der vor einer Frau
kniet und ihren Arm beisst, bis das Blut kommt; das zweite zwei Frauen und ein Kind inmitten des
Brandes und Zusammensturzes eines Schlosses. — Im „Tribunal d’Apollon“ Petit Dictionnaire des
auteurs contemporains (Paris, an VIII, 2 Bde.) wurde der Roman sofort als einer „à la Sade“
qualificiert. Mit Bezug auf die Stellung des Verfassers im Géniecorps wird hinzugefügt: „De grâce,
citoyen Révéroni, employez votre génie au génie.“
55. Sabina d’Herfeld ou les Dangers de l’imagination. Paris 1757–1758. 2 Bände in 12o. Verf.
Révérony de Saint-Cyr.
56. Le Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie. Paris, Barba, 1818. 2 Bde. Verf.
Révérony de Saint-Cyr.
57. Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux par T......e (E.
L. J. Toulotte), Paris, Pigoreau, 1803, 4 Bände in 12o.
58. Justine ou les Malheurs de la vertu avec préface par Marquis de Sade. Paris, Olivier, Impr.
Maltesse, 1835, 2 Bände in 8o, und Paris, bei Bordeaux, éditeur, Hôtel Bullion, 1836, 2 Bände in 8o.
archivalische Dokumente zur Sade-Biographie beibringt. Die Sade-Forschung, welche in der letzten
Zeit in ein lebhafteres Tempo zu geraten scheint, bedarf dringend weiteren Materials zum Studium
eines der merkwürdigsten Menschen und Schriftsteller.
4. Schriften im Sinne des Marquis de Sade.
53. L’Anti-Justine ou les Délices de l’Amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. Epigraphe:
Casta placent superis. — Manibus puris sumite (cunnos). Avec soixante figures. Première partie.
Fleuron: Tête de faune couronnée de feuilles et de raisins. Au Palais-Royal: chez feu la veuve
Girouard, très-connue. 1798. Deux parties in 12. Mehrere Neudrucke in Brüssel, einer (1863) in 2
Bänden, in-18o, mit schlechten colorierten Lithographien, die andern sorgfältiger, in-12o, mit
Gravüren. Weitere Neudrucke „conformes à l’édition originale“ s. l. (Brüssel 1864) 12o, VIII, 260 S.
(6 obsc. Gravüren); s. l. (Brüssel, 16 mittelm. Lithogr.); s. l. (Brüssel J. Gay) 16o; Amsterdam chez
de Kick (Brüssel) 12o 2 Bde. VIII, 114 und 166 S.; 6 freie Bilder; s. l. (Amsterdam) 2 versch.
Ausgaben, (eine blosser Text, andere mit 38 freien Bildern); Brüssel 1890 XVI, 103, 143 S. (in 1 Bd.)
8o ohne Bilder. — In der Vorrede heisst es über Sade: „Blasé sur les femmes, depuis longtemps, la
Justine de Dsds. me tomba sous la main; elle me mit en feu... Personne n’a été plus indigné que moi
des ouvrages de l’infame de Sades, que je lis dans une prison. Ce scélérat ne présente les délices de
l’amour, qu’accompagnés de tourments, de la mort même.“ Der Zweck des Verfassers (Rétif de la
Bretonne) ist ein anderer: „Mon but est de faire un livre plus savoureux que les siens, et que les
épouses pourront faire lire à leurs maris; un livre où les sens parleront an cœur; où le libertinage n’ait
rien de cruel pour le sexe des Grâces, où l’amour, ramené à la Nature, exempt de scrupules et de
préjugés, ne présente que des images riantes et voluptueuses.“ Die auf dem Titel angegebenen 60
Bilder fehlen.
54. Pauliska, ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une Polonaise. Paris, Lemierre et
chez Courcier, an VI (1798), 2 Bände in 12o. 2 Bilder nach Art des Chaillu. Verfasser ist Jacques
Baron Révérony de Saint-Cyr (1767–1829). Das eine Bild stellt eines Mann dar, der vor einer Frau
kniet und ihren Arm beisst, bis das Blut kommt; das zweite zwei Frauen und ein Kind inmitten des
Brandes und Zusammensturzes eines Schlosses. — Im „Tribunal d’Apollon“ Petit Dictionnaire des
auteurs contemporains (Paris, an VIII, 2 Bde.) wurde der Roman sofort als einer „à la Sade“
qualificiert. Mit Bezug auf die Stellung des Verfassers im Géniecorps wird hinzugefügt: „De grâce,
citoyen Révéroni, employez votre génie au génie.“
55. Sabina d’Herfeld ou les Dangers de l’imagination. Paris 1757–1758. 2 Bände in 12o. Verf.
Révérony de Saint-Cyr.
56. Le Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie. Paris, Barba, 1818. 2 Bde. Verf.
Révérony de Saint-Cyr.
57. Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux par T......e (E.
L. J. Toulotte), Paris, Pigoreau, 1803, 4 Bände in 12o.
58. Justine ou les Malheurs de la vertu avec préface par Marquis de Sade. Paris, Olivier, Impr.
Maltesse, 1835, 2 Bände in 8o, und Paris, bei Bordeaux, éditeur, Hôtel Bullion, 1836, 2 Bände in 8o.
Page 380
Verfasser Raban. Eine buchhändlerische Speculation, die nur durch den Titel an den gleichnamigen
Roman des Marquis de Sade erinnert. Verwässerte Imitation desselben.
59. Aus den Memoiren einer Sängerin. Boston. Reginald Chesterfield (Verlagsbureau Altona) kl.
o
8 , 2 Bände, VII, 244 und 251 S. Bd. I erschien 1862 (nach Fraxi 1868) und 1870. Bd. II 1875. —
Neudruck, Bucarest, Jacob Casanova (sic!) 2 Bde.
Soll Autobiographie der Schröder-Devrient sein. Das einzige uns bekannte deutsche Buch im
Genre der Schriften des Marquis de Sade.
60. Virilités par Émile Chevet, Paris, A. Lemerre, 1882, in 18o. Sammlung von Gedichten.
Besonders „Le Fauve“ ist eine glühende Apologie des Sadismus und des Marquis de Sade.
Betreffs der übrigen sadistischen Romane verweisen wir auf das betr. Kapitel in Abschnitt IV.
61. Im Fructidor des Jahres VII liess Prévost, Direktor des Théâtre sans prétention ein Stück
„Justine ou les Malheurs de la vertu“ ankündigen, dessen Aufführung die Polizei verbot.
5. Schriften über den Marquis de Sade und den
Sadismus.
62. Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la vertu par Charles Villers Paris
1877. Kl. 8o 23 S. Neuausgabe von A. P. Malassis. Das Original erschien im Jahre 1797 im
„Spectateur du Nord“ Band IV.
63. Interessante Mitteilungen über die Theateraufführungen Sades in Charenton, Brief vom 23.
Mai 1810 an Madame Cochelet, an den Direktor Coulmier in „Revue anecdotique“, Bd. X (Nouvelle
Série, Bd. I) 1860. S. 101 bis 106.
64. Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la République des Lettres en France ou Journal
d’un observateur, Bd. VI, S. 162–163. (Affäre von Marseille.)
65. Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole, depuis comte d’Orford, écrites dans les
années 1766 à 1780 etc. Nouv. édit. corrigée. Paris 1812. Bd. I, S. 225 bis 227; 228–229 (Affäre
Keller).
66. Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la Bretonne par P. L. Jacob,
bibliophile. Paris 1875 S. 413–423 (Rétif’s Beziehungen zum Marquis de Sade nach Stellen aus
seinen Schriften).
67. Détention du marquis de Sade in: Revue rétrospective Bd. I, Paris 1833 S. 256 ff.
68. L’espion Anglais London 1784 Bd. II, S. 393 bis 395 (Affären von Marseille und der Keller).
69. Journal de la cour et de Paris, depuis le 28 novembre 1732 jusqu’au 30 novembre 1733 in:
Revue rétrospective Bd. VII, 1836 S. 118–119 (Voltaire und die Familie Sade).
70. Histoire physique, civile et morale de Paris par J. A. Dulaure. Paris 1821 Bd. VI, S. 224.
(Urteil über den Marquis de Sade).
71. Charles Nodier „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à l’histoire de la révolution et de
l’empire“. Paris 1831 Bd. II, S. 57–60. (Ueber die Persönlichkeit Sade’s).
Roman des Marquis de Sade erinnert. Verwässerte Imitation desselben.
59. Aus den Memoiren einer Sängerin. Boston. Reginald Chesterfield (Verlagsbureau Altona) kl.
o
8 , 2 Bände, VII, 244 und 251 S. Bd. I erschien 1862 (nach Fraxi 1868) und 1870. Bd. II 1875. —
Neudruck, Bucarest, Jacob Casanova (sic!) 2 Bde.
Soll Autobiographie der Schröder-Devrient sein. Das einzige uns bekannte deutsche Buch im
Genre der Schriften des Marquis de Sade.
60. Virilités par Émile Chevet, Paris, A. Lemerre, 1882, in 18o. Sammlung von Gedichten.
Besonders „Le Fauve“ ist eine glühende Apologie des Sadismus und des Marquis de Sade.
Betreffs der übrigen sadistischen Romane verweisen wir auf das betr. Kapitel in Abschnitt IV.
61. Im Fructidor des Jahres VII liess Prévost, Direktor des Théâtre sans prétention ein Stück
„Justine ou les Malheurs de la vertu“ ankündigen, dessen Aufführung die Polizei verbot.
5. Schriften über den Marquis de Sade und den
Sadismus.
62. Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la vertu par Charles Villers Paris
1877. Kl. 8o 23 S. Neuausgabe von A. P. Malassis. Das Original erschien im Jahre 1797 im
„Spectateur du Nord“ Band IV.
63. Interessante Mitteilungen über die Theateraufführungen Sades in Charenton, Brief vom 23.
Mai 1810 an Madame Cochelet, an den Direktor Coulmier in „Revue anecdotique“, Bd. X (Nouvelle
Série, Bd. I) 1860. S. 101 bis 106.
64. Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la République des Lettres en France ou Journal
d’un observateur, Bd. VI, S. 162–163. (Affäre von Marseille.)
65. Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole, depuis comte d’Orford, écrites dans les
années 1766 à 1780 etc. Nouv. édit. corrigée. Paris 1812. Bd. I, S. 225 bis 227; 228–229 (Affäre
Keller).
66. Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la Bretonne par P. L. Jacob,
bibliophile. Paris 1875 S. 413–423 (Rétif’s Beziehungen zum Marquis de Sade nach Stellen aus
seinen Schriften).
67. Détention du marquis de Sade in: Revue rétrospective Bd. I, Paris 1833 S. 256 ff.
68. L’espion Anglais London 1784 Bd. II, S. 393 bis 395 (Affären von Marseille und der Keller).
69. Journal de la cour et de Paris, depuis le 28 novembre 1732 jusqu’au 30 novembre 1733 in:
Revue rétrospective Bd. VII, 1836 S. 118–119 (Voltaire und die Familie Sade).
70. Histoire physique, civile et morale de Paris par J. A. Dulaure. Paris 1821 Bd. VI, S. 224.
(Urteil über den Marquis de Sade).
71. Charles Nodier „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à l’histoire de la révolution et de
l’empire“. Paris 1831 Bd. II, S. 57–60. (Ueber die Persönlichkeit Sade’s).
Page 381
72. Petite Bibliographie biographico-romancière etc. par Pigoreau Paris, Octobre 1821 S. 309.
(Ueber Leben und Schriften.)
73. J. S. Ersch, „Supplément à la France littéraire de 1771–1796“, Hamburg 1802 S. 412.
74. J. S. Ersch, „La France littéraire“ Hamburg 1798 Bd. III, S. 221–222.
75. Jules Janin „Le Marquis de Sade“ in: Revue de Paris. Bd. XI, 1834, S. 321–360.
Nachgedruckt in den „Catacombes“ Bd. I, 1839 und abgekürzt in „Le Livre“ Paris 1870 S. 279–292.
Auch deutsch Leipzig 1835 8o.
76. Paul L. Jacob, bibliophile „La Vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“
Revue de Paris 1837. Bd. XXXVIII, S. 135–144. Später als eine der „Dissertations sur quelques
points curieux de l’Histoire et de l’Histoire littéraire par le Bibliophile Jacob“ wieder erschienen.
Endlich nochmals abgedruckt in „Curiosités de l’Histoire de France, 2e série: Les Procès célèbres.“
Paris 1858, in 12o S. 225 ff.
77. Le Marquis de Sade, Paris, chez les Marchands de nouveautés, 1834. Ein Band in 12o VIII,
62 S. mit einem Phantasieporträt des Marquis de Sade aus der Sammlung des Herrn de la Porte. Das
Datum ist falsch, da diese Publikation nur ein Nachdruck der Artikel von Janin und Lacroix ist,
letzterer aber erst 1837 seine Abhandlung schrieb.
78. Dictionnaire des Athées par Sylvain Maréchal 2e éd, par J. Lalande, Bruxelles 1833
Supplément S. 84. (Sade als Atheist).
79. Biographie universelle ancienne et moderne (Michaud) Paris 1863. Bd. 37, S. 217–224.
(Artikel des jüngeren Michaud).
80. Biographie universelle et portative des contemporains depuis 1788 jusqu à nos jours. Paris
1836. Band V, S. 698–699.
81. Biographie générale Bd. XLII. (Artikel von J. M. r. i.)
82. Jules Renouvier „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris 1863 S. 269. (Obscöne Bilder
zu den Werken Sade’s).
83. Le Marquis de Sade, l’Homme et ses écrits. Etude bio-bibliographique. Sadopolis, chez Justin
Valcourt, à l’enseigne de la „Vertu malheureuse“, l’an 0000 (Bruxelles, J. Gay, 1866) in 12o, 72 S.,
Verfasser P. G. Brunet. Confisziert 1874. Enthält den Anhang: Le Discours prononcé à la Section des
Piques, par Sade, citoyen de cette section et membre de la Société populaire. — Die Schrift ist wieder
abgedruckt in „Zoloé et ses deux Acolytes etc.“ (Siehe No. 22.)
84. Index librorum prohibitorum being Notes bio-biblio-iconographical and critical on curious
and uncommon Books by Pisanus Fraxi, London 1877. S. 30–39 (Analyse von „Aline et Valcour“
Mitteilungen über Sade), S. 406–410 (Analyse von „Zoloé et ses deux Acolytes“) S. 422–424 (Ueber
ein Sade’sches Manuscript).
85. Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des Lasters. Kritische
Ausgabe nach dem Französischen des Marquis de Sade. Leipzig Carl Minde (1874) kl. 8o 155 S. Im
wesentlichen ein Phantasieprodukt, doch nicht ohne einige treffende Bemerkungen.
86. Die Schule der Wonne. Aus dem Französischen des Werkes „La philosophie dans le boudoir“
vom Marquis de Sade, Verfasser von „Justine und Juliette“ Leipzig. Carl Minde. (1875?) Enthält eine
Analyse der philosophischen Excurse in der „Philosophie dans le Boudoir“ und ebenfalls schätzbare
Bemerkungen.
(Ueber Leben und Schriften.)
73. J. S. Ersch, „Supplément à la France littéraire de 1771–1796“, Hamburg 1802 S. 412.
74. J. S. Ersch, „La France littéraire“ Hamburg 1798 Bd. III, S. 221–222.
75. Jules Janin „Le Marquis de Sade“ in: Revue de Paris. Bd. XI, 1834, S. 321–360.
Nachgedruckt in den „Catacombes“ Bd. I, 1839 und abgekürzt in „Le Livre“ Paris 1870 S. 279–292.
Auch deutsch Leipzig 1835 8o.
76. Paul L. Jacob, bibliophile „La Vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“
Revue de Paris 1837. Bd. XXXVIII, S. 135–144. Später als eine der „Dissertations sur quelques
points curieux de l’Histoire et de l’Histoire littéraire par le Bibliophile Jacob“ wieder erschienen.
Endlich nochmals abgedruckt in „Curiosités de l’Histoire de France, 2e série: Les Procès célèbres.“
Paris 1858, in 12o S. 225 ff.
77. Le Marquis de Sade, Paris, chez les Marchands de nouveautés, 1834. Ein Band in 12o VIII,
62 S. mit einem Phantasieporträt des Marquis de Sade aus der Sammlung des Herrn de la Porte. Das
Datum ist falsch, da diese Publikation nur ein Nachdruck der Artikel von Janin und Lacroix ist,
letzterer aber erst 1837 seine Abhandlung schrieb.
78. Dictionnaire des Athées par Sylvain Maréchal 2e éd, par J. Lalande, Bruxelles 1833
Supplément S. 84. (Sade als Atheist).
79. Biographie universelle ancienne et moderne (Michaud) Paris 1863. Bd. 37, S. 217–224.
(Artikel des jüngeren Michaud).
80. Biographie universelle et portative des contemporains depuis 1788 jusqu à nos jours. Paris
1836. Band V, S. 698–699.
81. Biographie générale Bd. XLII. (Artikel von J. M. r. i.)
82. Jules Renouvier „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris 1863 S. 269. (Obscöne Bilder
zu den Werken Sade’s).
83. Le Marquis de Sade, l’Homme et ses écrits. Etude bio-bibliographique. Sadopolis, chez Justin
Valcourt, à l’enseigne de la „Vertu malheureuse“, l’an 0000 (Bruxelles, J. Gay, 1866) in 12o, 72 S.,
Verfasser P. G. Brunet. Confisziert 1874. Enthält den Anhang: Le Discours prononcé à la Section des
Piques, par Sade, citoyen de cette section et membre de la Société populaire. — Die Schrift ist wieder
abgedruckt in „Zoloé et ses deux Acolytes etc.“ (Siehe No. 22.)
84. Index librorum prohibitorum being Notes bio-biblio-iconographical and critical on curious
and uncommon Books by Pisanus Fraxi, London 1877. S. 30–39 (Analyse von „Aline et Valcour“
Mitteilungen über Sade), S. 406–410 (Analyse von „Zoloé et ses deux Acolytes“) S. 422–424 (Ueber
ein Sade’sches Manuscript).
85. Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des Lasters. Kritische
Ausgabe nach dem Französischen des Marquis de Sade. Leipzig Carl Minde (1874) kl. 8o 155 S. Im
wesentlichen ein Phantasieprodukt, doch nicht ohne einige treffende Bemerkungen.
86. Die Schule der Wonne. Aus dem Französischen des Werkes „La philosophie dans le boudoir“
vom Marquis de Sade, Verfasser von „Justine und Juliette“ Leipzig. Carl Minde. (1875?) Enthält eine
Analyse der philosophischen Excurse in der „Philosophie dans le Boudoir“ und ebenfalls schätzbare
Bemerkungen.
Page 382
87. Idée sur les Romans par D. A. F. de Sade publiée avec préface, notes et documents inédits par
Octave Uzanne Paris 1876 Edouard Rouveyre gr. 8o XLVIII, 50 S. Die „Préface“ enthält eine
Biographie Sade’s und eine Bibliographie von 37 Nummern, sowie einige Briefe des Marquis de
Sade an die Direktion der Comédie Française. Dann folgt der Abdruck der „Idée sur les Romans“ mit
Anmerkungen.
88. Le Livre par J. Janin, Paris 1870. 8o S. 291 (Testament)
89. Cazin, sa vie et ses éditions, Cazinopolis 1863 kl. 8o S. 149. (Ueber die zweite Ausgabe der
„Justine“.)
90. Les Crimes de l’amour. Précédé d’un Avant-propos, suivi des Idées sur les romans, de l’auteur
des crimes de l’amour à Villeterque, d’une notice bio-bibliographique du marquis de Sade: l’homme
et ses écrits et du discours prononcé par le marquis de Sade à la section des Piques. gr. 8o Bruxelles
Gay et Doucé 1881, VI, 273 S. Eine sehr schätzbare Kollection von Sadiana. Von uns im Text stets
als „Les Crimes de l’Amour etc.“ zitiert. Inhalt: Abdruck der historischen Novelle „Juliette et Raunai
ou la conspiration d’Amboise“ (aus der Novellensammlung „Les crimes de l’amour“) S. 1–96; die
„Idée sur les Romans“ S. 97–135. „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque folliculaire“. S. 137–
153; „Le Marquis de Sade, l’homme et ses écrits“ S. 155–264 (neuer und bedeutend vermehrter
Abdruck der Brunet’schen Bio-Bibliographie); „Section des Piques. Discours etc. par Sade, citoyen
de cette section, et membre de la Société populaire“, S. 265–272.
91. La curiosité littéraire et bibliographique 1e et 3e série. Paris 1882. Enthält im 1. Bande kurz
Analyse der „Justine“, im 3. Bande S. 131–169 eine zwar sehr unvollständige, aber an treffenden
Bemerkungen reiche Analyse der „Juliette“, sowie S. 169–176 den Abdruck des sadistischen
Gedichtes „Le Fauve“ von E. Chevé.
92. A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft VII. Jahrgang No. 26, vom 25. März
1899 S. 497–515. Eine geistvolle Studie, welche die Sade-Forschung in Deutschland eröffnet. Inhalt:
Allgemeines über die Bedeutung des Marquis de Sade S. 497–499; das Leben S. 499–504; die Werke
S. 504 bis 507; geistig-sittliches Niveau und Zusammenhang mit anderen Zeitrichtungen S. 507–512;
krankhafter Geisteszustand de Sades S. 512–515.
93. Lettres inédites de la Marquise de Sade par Paul Ginisty in: La Grande Revue 3e Année No.
1. Paris 1er janvier 1899 S. 1–31. — Höchst wertvolle Studie über das Verhältnis zwischen dem
Marquis de Sade und seiner Frau, nebst neuen Beiträgen zur Lebensgeschichte.
94. Le Marquis de Sade et le Sadisme par le Dr. Marciat in: „Vacher l’éventreur et les crimes
sadiques“ par A. Lacassagne Lyon et Paris 1899 gr. 8o S. 185 bis 237 und S. 411. Eine schätzbare
Abhandlung mit mehreren neuen Beiträgen und originellen Bemerkungen.
95. R. v. Krafft Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis“ 2.
Auflage Stuttgart 1891; enthält ein Kapitel „Ueber Masochismus und Sadismus“ S. 1–45.
96. Léo Taxil „La corruption fin de siècle“ Nouv. édit. Paris 1894. Enthält S. 213–246 ein Kapitel
„Le sadisme“ mit einer Biographie des Marquis de Sade.
97. A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 108–125. Reich an lichtvollen
Bemerkungen über den Sadismus.
98. Le Sadisme au point de vue de la médecine légale, les crimes sadiques par A. Lacassagne in:
Vacher l’éventreur etc. Lyon et Paris 1899, S. 239 bis 282.
99. Brierre de Boismont „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ in:
Gaz. médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849.
Octave Uzanne Paris 1876 Edouard Rouveyre gr. 8o XLVIII, 50 S. Die „Préface“ enthält eine
Biographie Sade’s und eine Bibliographie von 37 Nummern, sowie einige Briefe des Marquis de
Sade an die Direktion der Comédie Française. Dann folgt der Abdruck der „Idée sur les Romans“ mit
Anmerkungen.
88. Le Livre par J. Janin, Paris 1870. 8o S. 291 (Testament)
89. Cazin, sa vie et ses éditions, Cazinopolis 1863 kl. 8o S. 149. (Ueber die zweite Ausgabe der
„Justine“.)
90. Les Crimes de l’amour. Précédé d’un Avant-propos, suivi des Idées sur les romans, de l’auteur
des crimes de l’amour à Villeterque, d’une notice bio-bibliographique du marquis de Sade: l’homme
et ses écrits et du discours prononcé par le marquis de Sade à la section des Piques. gr. 8o Bruxelles
Gay et Doucé 1881, VI, 273 S. Eine sehr schätzbare Kollection von Sadiana. Von uns im Text stets
als „Les Crimes de l’Amour etc.“ zitiert. Inhalt: Abdruck der historischen Novelle „Juliette et Raunai
ou la conspiration d’Amboise“ (aus der Novellensammlung „Les crimes de l’amour“) S. 1–96; die
„Idée sur les Romans“ S. 97–135. „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque folliculaire“. S. 137–
153; „Le Marquis de Sade, l’homme et ses écrits“ S. 155–264 (neuer und bedeutend vermehrter
Abdruck der Brunet’schen Bio-Bibliographie); „Section des Piques. Discours etc. par Sade, citoyen
de cette section, et membre de la Société populaire“, S. 265–272.
91. La curiosité littéraire et bibliographique 1e et 3e série. Paris 1882. Enthält im 1. Bande kurz
Analyse der „Justine“, im 3. Bande S. 131–169 eine zwar sehr unvollständige, aber an treffenden
Bemerkungen reiche Analyse der „Juliette“, sowie S. 169–176 den Abdruck des sadistischen
Gedichtes „Le Fauve“ von E. Chevé.
92. A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft VII. Jahrgang No. 26, vom 25. März
1899 S. 497–515. Eine geistvolle Studie, welche die Sade-Forschung in Deutschland eröffnet. Inhalt:
Allgemeines über die Bedeutung des Marquis de Sade S. 497–499; das Leben S. 499–504; die Werke
S. 504 bis 507; geistig-sittliches Niveau und Zusammenhang mit anderen Zeitrichtungen S. 507–512;
krankhafter Geisteszustand de Sades S. 512–515.
93. Lettres inédites de la Marquise de Sade par Paul Ginisty in: La Grande Revue 3e Année No.
1. Paris 1er janvier 1899 S. 1–31. — Höchst wertvolle Studie über das Verhältnis zwischen dem
Marquis de Sade und seiner Frau, nebst neuen Beiträgen zur Lebensgeschichte.
94. Le Marquis de Sade et le Sadisme par le Dr. Marciat in: „Vacher l’éventreur et les crimes
sadiques“ par A. Lacassagne Lyon et Paris 1899 gr. 8o S. 185 bis 237 und S. 411. Eine schätzbare
Abhandlung mit mehreren neuen Beiträgen und originellen Bemerkungen.
95. R. v. Krafft Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis“ 2.
Auflage Stuttgart 1891; enthält ein Kapitel „Ueber Masochismus und Sadismus“ S. 1–45.
96. Léo Taxil „La corruption fin de siècle“ Nouv. édit. Paris 1894. Enthält S. 213–246 ein Kapitel
„Le sadisme“ mit einer Biographie des Marquis de Sade.
97. A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 108–125. Reich an lichtvollen
Bemerkungen über den Sadismus.
98. Le Sadisme au point de vue de la médecine légale, les crimes sadiques par A. Lacassagne in:
Vacher l’éventreur etc. Lyon et Paris 1899, S. 239 bis 282.
99. Brierre de Boismont „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ in:
Gaz. médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849.
Page 383
100. Bemerkungen über Sadismus an verschiedenen Stellen bei von Schrenck-Notzing. „Die
Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes u. s. w.“ Stuttgart 1892,
R. von Krafft-Ebing „Psychopathia sexualis“ 5. Aufl. Stuttgart 1890 u. ö., A. Moll „Die konträre
Sexualempfindung“ 2. Aufl. Berlin 1893 u. ö., A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“
Berlin 1898 Bd. I, (der zweite Band soll speziell den Sadismus behandeln), B. Tarnowsky. „Die
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886.
101. W. Russalkow „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ Leipzig 1899, speziell:
„Der Masochismus“ S. 45–56, der „Sadismus“ S. 57–77.
102. Etude sur la Flagellation au point de vue médical et historique Paris 1899, Prachtwerk.
103. L. Thoinot „Attentats aux mœurs et perversions du sens génital“ Paris 1898.
104. Ganz kurze Erwähnungen des Marquis de Sade in Mercier’s „Nouveau Tableau de Paris“,
Houssaye’s „Notre Dame de Thermidor“, Michelet’s „Histoire de la Révolution“, Maxime du Camp’s
„Paris, sa vie, ses fonctions et ses organes“ Bd. V., Piazzolli’s „Catalogue de livres rares et curieux“
Mailand 1880 S. 394–396, Thevenot de Morande’s „Gazette noire par un homme qui n’est pas blanc“
1784, Soulié’s „Mémoires du Diable“, Meyer’s „Fragmente aus Paris“, Bd. I, „Dictionnaire
Larousse“, H. Taine’s „Origines de la France contemporaine“, in Tullio Dandolo’s „Schizzi litterari“
Turin 1840, „Chronik des Œil de Bœuf“ Bd. VIII (Marseiller Affaire); O. L. B. Wolff „Allg.
Geschichte des Romans“ (über „Justine“); Jean de Villiot „La flagellation à travers le Monde“ Paris
1900 Bd. II (Aff. Keller); „Denkwürdigkeiten der Marie Antoinette“ Leipzig 1836; Böttiger’s
„Sabina“ Ausgabe von 1810 (in einer Anmerkung); Frusta „Der Flagellantismus und die
Jesuitenbeichte“ Stuttgart 1849; „Magazin für Litteratur“ Jahrg. 1891; Karl Goldmann
„Masochismus und Sadismus in der Litteratur“; Oettinger’s „Moniteur des Dates“, Artikel „Sade“
105. Le Marquis de Sade, ses aventures, ses œuvres, passions mystérieuses, folies, érotiques.
Arthème Fayard, éditeur, 78 boulevard Saint-Michel, Paris O. J. lex. 8o. 932 Seiten, 116 Bilder. Ein
Hintertreppenroman von riesigem Umfange, dessen 5 Teile folgende Titel haben: 1. L’orgie de
Marseille, 2. La femme écorchée vive, 3. Les faux bonnets rouges, 4. L’or tout-puissant, 5. Le
pensionnaire de Charenton. — Das Ganze eine seltsam-romantische Mischung von Dichtung und
Wahrheit, unter Benutzung historischer Werke wie Michelet’s „Histoire de la révolution“ u. s. w. Die
Bilder sind sehr schlecht und zum Teil abschreckend.
106. La marquise de Sade par Rachilde. Ein moderner Roman, der von A. Eulenburg „Sexuale
Neuropathie“ S. 86 zitiert wird.
Nachträge.
107. Jeanne Laisné, ou le Siège de Beaucis, tragédie en 5 actes. Mit 8 gegen 3 Stimmen im
Théâtre-Français abgelehnt (1791), wegen einer Verherrlichung Ludwig’s XI. MS.
108. Les Ruses d’amour, comédie épisodique, en 1 acte, en prose. MS.
109. Euphemie de Melen, ou le Siège d’Alger: trag. en 1 acte, en vers. MS.
110. Azelis ou la coquette punie, comédie féerie en 1 acte, en vers libres. Angenommen im
Théâtre de la rue de Bondi (1790). MS.
111. Divertissement. MS.
112. Tancrède, scène lyrique, en vers. MS.
Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes u. s. w.“ Stuttgart 1892,
R. von Krafft-Ebing „Psychopathia sexualis“ 5. Aufl. Stuttgart 1890 u. ö., A. Moll „Die konträre
Sexualempfindung“ 2. Aufl. Berlin 1893 u. ö., A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“
Berlin 1898 Bd. I, (der zweite Band soll speziell den Sadismus behandeln), B. Tarnowsky. „Die
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886.
101. W. Russalkow „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ Leipzig 1899, speziell:
„Der Masochismus“ S. 45–56, der „Sadismus“ S. 57–77.
102. Etude sur la Flagellation au point de vue médical et historique Paris 1899, Prachtwerk.
103. L. Thoinot „Attentats aux mœurs et perversions du sens génital“ Paris 1898.
104. Ganz kurze Erwähnungen des Marquis de Sade in Mercier’s „Nouveau Tableau de Paris“,
Houssaye’s „Notre Dame de Thermidor“, Michelet’s „Histoire de la Révolution“, Maxime du Camp’s
„Paris, sa vie, ses fonctions et ses organes“ Bd. V., Piazzolli’s „Catalogue de livres rares et curieux“
Mailand 1880 S. 394–396, Thevenot de Morande’s „Gazette noire par un homme qui n’est pas blanc“
1784, Soulié’s „Mémoires du Diable“, Meyer’s „Fragmente aus Paris“, Bd. I, „Dictionnaire
Larousse“, H. Taine’s „Origines de la France contemporaine“, in Tullio Dandolo’s „Schizzi litterari“
Turin 1840, „Chronik des Œil de Bœuf“ Bd. VIII (Marseiller Affaire); O. L. B. Wolff „Allg.
Geschichte des Romans“ (über „Justine“); Jean de Villiot „La flagellation à travers le Monde“ Paris
1900 Bd. II (Aff. Keller); „Denkwürdigkeiten der Marie Antoinette“ Leipzig 1836; Böttiger’s
„Sabina“ Ausgabe von 1810 (in einer Anmerkung); Frusta „Der Flagellantismus und die
Jesuitenbeichte“ Stuttgart 1849; „Magazin für Litteratur“ Jahrg. 1891; Karl Goldmann
„Masochismus und Sadismus in der Litteratur“; Oettinger’s „Moniteur des Dates“, Artikel „Sade“
105. Le Marquis de Sade, ses aventures, ses œuvres, passions mystérieuses, folies, érotiques.
Arthème Fayard, éditeur, 78 boulevard Saint-Michel, Paris O. J. lex. 8o. 932 Seiten, 116 Bilder. Ein
Hintertreppenroman von riesigem Umfange, dessen 5 Teile folgende Titel haben: 1. L’orgie de
Marseille, 2. La femme écorchée vive, 3. Les faux bonnets rouges, 4. L’or tout-puissant, 5. Le
pensionnaire de Charenton. — Das Ganze eine seltsam-romantische Mischung von Dichtung und
Wahrheit, unter Benutzung historischer Werke wie Michelet’s „Histoire de la révolution“ u. s. w. Die
Bilder sind sehr schlecht und zum Teil abschreckend.
106. La marquise de Sade par Rachilde. Ein moderner Roman, der von A. Eulenburg „Sexuale
Neuropathie“ S. 86 zitiert wird.
Nachträge.
107. Jeanne Laisné, ou le Siège de Beaucis, tragédie en 5 actes. Mit 8 gegen 3 Stimmen im
Théâtre-Français abgelehnt (1791), wegen einer Verherrlichung Ludwig’s XI. MS.
108. Les Ruses d’amour, comédie épisodique, en 1 acte, en prose. MS.
109. Euphemie de Melen, ou le Siège d’Alger: trag. en 1 acte, en vers. MS.
110. Azelis ou la coquette punie, comédie féerie en 1 acte, en vers libres. Angenommen im
Théâtre de la rue de Bondi (1790). MS.
111. Divertissement. MS.
112. Tancrède, scène lyrique, en vers. MS.
Page 384
113. La Tour mystérieuse, opéra-comique en 1 acte. MS.
114. La Fête de l’amitié, prologue. MS.
115. L’hommage de la reconnaissance, vaudeville en 1 acte (In Charenton aufgeführt). MS.
116. „Journal de l’amateur de livres.“ Paris 1849. Bd. III, S. 3–6 (Ueber „Zoloé et ses deux
Acolytes“).
117. „Journal de la librairie“ Paris 1815. S. 38.
118. „Les fous célèbres“ in 18o, 1840. (Mit Phantasiebild Sade’s).
119. Le Livre. Sept. 1883. S. 589 (Nachrichten über „Aline et Valcour“).
120. A. Cabanès „La prétendue folie du Marquis de Sade“ in: Le Cabinet Secret de l’Histoire, 8o,
Paris, A. Maloine, 1900 S. 259–320. — Ein neuer, höchst wichtiger Beitrag zur Sade-Forschung.
Enthält hauptsächlich neues Material zur Lebensgeschichte de Sade’s aus dem Archiv der
auswärtigen Angelegenheiten und dem Archiv des Irrenhauses in Charenton. In Kürze werden wir
wohl neuen Veröffentlichungen entgegensehen dürfen.
121. — bl —, Recension meines Werkes in: Zeitschrift für Bücherfreunde, IV. Jahrgang, Heft 2/3
(Mai/Juni 1900) S. 122–124. — Vortreffliche, höchst schätzbare Correcturen und Nachträge
enthaltende Kritik der vorliegenden Schrift. Der Verfasser ist ein genauer Sade-Kenner.
122. Menabrea „Les Origines féodales dans les Alpes occidentales“ Turin 1865, 4o, S. 573 ff. —
(Ueber de Sade’s Aufenthalt in Fort Miolans).
123. Alfred Bégis „Notes de Police“ über den Aufenthalt Sade’s in der Bastille in: „Nouvelle
Revue“ November-December 1880 S. 528 ff.
124. L’Amateur d’Autographes 1863 S. 279; 1864 S. 105–106; 1866 (Briefe und Mitteilungen
über de Sade).
125. M. A. Baudot „Notes historiques“ publiées par Mme Edgar Quinet S. 62–65 (über
Désorgues, de Laage, Abbé Fournier und den Marquis de Sade als Opfer der napoleonischen
Polizeiwillkür).
126. Oswald Zimmermann „Die Wonne des Leids. Beiträge zur Erkenntnis des menschlichen
Empfindens in Kunst und Leben.“ 2. Auflage, Leipzig, C. Reissner 1885 enthält S. 107–114 ein
Kapitel „Die Association von Wollust und Grausamkeit“, aber auch sonst vielfache Erörterungen
über das Verhältnis zwischen Schmerz und Wollust.
127. Justine, or the Misfortunes of Virtue, by the Marquis de Sade for the first time translated
from the French original edition (Holland, 1791) Paris, J. Liseux, 1883, 8o 400 S. — Englische
Ausgabe des „Liber Sadicus“ von J. Liseux. — Nach „Z. f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 122
wurden in letzter Zeit „Justine“ und „Juliette“ mehrfach ins Englische übertragen.
128. Episodischer Auszug der Nouvelle Justine. Darüber heisst es in „Z. f. Bücherfreunde“
a. a. O. S. 121–122: „Eine Analyse der ‚Juliette‘, vermischt mit biographischen Details über deren
Verfasser, leitet auch einen episodischen Auszug des Werkes ein, der vor kurzem erschienen ist und
der Ankündigung nach auch in das Deutsche übersetzt werden sollte. Es würde dies die erste
Uebersetzung eines Werkes Sade’s in das Deutsche sein.“
129. Le Libertin hollandais. Ein jüngst in Brüssel neugedruckter Roman, dessen Verfasser
angeblich der Marquis de Sade ist. (Z. f. B. S. 123.)
114. La Fête de l’amitié, prologue. MS.
115. L’hommage de la reconnaissance, vaudeville en 1 acte (In Charenton aufgeführt). MS.
116. „Journal de l’amateur de livres.“ Paris 1849. Bd. III, S. 3–6 (Ueber „Zoloé et ses deux
Acolytes“).
117. „Journal de la librairie“ Paris 1815. S. 38.
118. „Les fous célèbres“ in 18o, 1840. (Mit Phantasiebild Sade’s).
119. Le Livre. Sept. 1883. S. 589 (Nachrichten über „Aline et Valcour“).
120. A. Cabanès „La prétendue folie du Marquis de Sade“ in: Le Cabinet Secret de l’Histoire, 8o,
Paris, A. Maloine, 1900 S. 259–320. — Ein neuer, höchst wichtiger Beitrag zur Sade-Forschung.
Enthält hauptsächlich neues Material zur Lebensgeschichte de Sade’s aus dem Archiv der
auswärtigen Angelegenheiten und dem Archiv des Irrenhauses in Charenton. In Kürze werden wir
wohl neuen Veröffentlichungen entgegensehen dürfen.
121. — bl —, Recension meines Werkes in: Zeitschrift für Bücherfreunde, IV. Jahrgang, Heft 2/3
(Mai/Juni 1900) S. 122–124. — Vortreffliche, höchst schätzbare Correcturen und Nachträge
enthaltende Kritik der vorliegenden Schrift. Der Verfasser ist ein genauer Sade-Kenner.
122. Menabrea „Les Origines féodales dans les Alpes occidentales“ Turin 1865, 4o, S. 573 ff. —
(Ueber de Sade’s Aufenthalt in Fort Miolans).
123. Alfred Bégis „Notes de Police“ über den Aufenthalt Sade’s in der Bastille in: „Nouvelle
Revue“ November-December 1880 S. 528 ff.
124. L’Amateur d’Autographes 1863 S. 279; 1864 S. 105–106; 1866 (Briefe und Mitteilungen
über de Sade).
125. M. A. Baudot „Notes historiques“ publiées par Mme Edgar Quinet S. 62–65 (über
Désorgues, de Laage, Abbé Fournier und den Marquis de Sade als Opfer der napoleonischen
Polizeiwillkür).
126. Oswald Zimmermann „Die Wonne des Leids. Beiträge zur Erkenntnis des menschlichen
Empfindens in Kunst und Leben.“ 2. Auflage, Leipzig, C. Reissner 1885 enthält S. 107–114 ein
Kapitel „Die Association von Wollust und Grausamkeit“, aber auch sonst vielfache Erörterungen
über das Verhältnis zwischen Schmerz und Wollust.
127. Justine, or the Misfortunes of Virtue, by the Marquis de Sade for the first time translated
from the French original edition (Holland, 1791) Paris, J. Liseux, 1883, 8o 400 S. — Englische
Ausgabe des „Liber Sadicus“ von J. Liseux. — Nach „Z. f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 122
wurden in letzter Zeit „Justine“ und „Juliette“ mehrfach ins Englische übertragen.
128. Episodischer Auszug der Nouvelle Justine. Darüber heisst es in „Z. f. Bücherfreunde“
a. a. O. S. 121–122: „Eine Analyse der ‚Juliette‘, vermischt mit biographischen Details über deren
Verfasser, leitet auch einen episodischen Auszug des Werkes ein, der vor kurzem erschienen ist und
der Ankündigung nach auch in das Deutsche übersetzt werden sollte. Es würde dies die erste
Uebersetzung eines Werkes Sade’s in das Deutsche sein.“
129. Le Libertin hollandais. Ein jüngst in Brüssel neugedruckter Roman, dessen Verfasser
angeblich der Marquis de Sade ist. (Z. f. B. S. 123.)
Page 385
130. The Double Life of Cuthbert Cockerton, Esq. Attorney-at-law of the city of London. His
History and that of his daughter and some curious anecdotes of other ladies and their lovers. From
The Original Ms. Dated 1798. Penzane Jn the Year of our Lord. 1894 (1900) 8o, 450 Seiten. — Nach
der Vorrede ein unter dem Einflusse der Schriften Sade’s entstandenes Werk. Wenn es echt wäre,
würde es das früheste sadistische Werk in England sein. Es ist höchstwahrscheinlich neueren
Ursprungs.
131. The Sword and Womankind. Being a study of the Influence of „The Queen of Weapons“
upon the moral and social statuts of women. Adapted from Ed. de Beaumont’s „L’Epée et les
Femmes“ with additions and an index by Alfred Allison M. A., Oxon, and an etched frontispice by
Albert Bessé. Paris 1900 8o, 360 S. — Interessantes Werk über Masochismus des Weibes. Kapitel XI
des dritten Teiles handelt von den „Lady-Killers.“
132. The Pleasures of Cruelty being a sequel to the reading of Justine et Juliette by the Marquis
de Sade. Paris et London 1898. 8o 3 Bände 84, 122, 114 Seiten. — Exquisit sadistische Erzählung.
133. G. Brunet „Fantaisies bibliographiques“, Paris, J. Gay, 1864. 12o. (Enthält Bemerkungen
über „Zoloé“).
134. L’Esprit des mœurs au XVIIIe siècle; ou la petite Maison prov. en 3 a. et en pr., traduit du
Congo; par M. d’Unsi-Terma (Mérard de St. Just). Lampsaque (Paris) 1790, 8o 40 und 120 S. — Ein
sehr freies und seltenes Stück. Auch bekannt unter dem Titel „La folle journée“. Zuerst in Bd. II der
„Espiègleries, joyeusetés etc.“ (Londres 1777), aber nur in 2 Akten veröffentlicht. Enthält
Anspielungen auf zeitgenössische Persönlichkeiten. Wiedergedruckt im „Théâtre gaillard“. Ausg. von
Brüssel 1865 (Bd. II, S. 81–182). — Paul Lacroix (im „Catalogue Soleinne“ unter Nr. 3865) glaubt
nicht, dass ein solches obscönes Stück von Mérard de St.-Just geschrieben sein könne, und schreibt
es seinem Inhalt nach dem Marquis de Sade zu, besonders die Ausgabe von 1790 in 3 Acten.
135. Elica, ou les Malheurs de la vertu, par J. A. Gardy, Paris, Tiger, 1813, 1818, in 18o. —
Inhalt mir unbekannt, dem Titel nach aber offenbar von „Justine, ou les Malheurs de la vertu“
beeinflusst.
136. The Inutility of Virtue. Translated from the French by Dr. —, of Magdalene College, Oxford.
London: Published as the Act directs, By Madame Le Duck, Mortimer Street; And to be had of all
Respectable Booksellers. 1830. Price 2 l. 2 s. — 12o 72 S., 9 obscöne, gut ausgeführte Kupfer.
Veröffentlicht von J. B. Brookes. — Neudruck von W. Dugdale um 1860 mit dem folgenden neuen
Titel:
„O Virtue! What art thou but an empty name?“
Brutus.
„The Inutility of Virtue, A Tale of Lust and Licentiousness, Exemplified in the History of a Young
and Beautiful Lady, Modest and Virtuous, who, by a Series of Unfortunate Circumstances, is first
Ravished by a Robber, Then become successively the victim of Lust and Sensuality; till overpowered
by Debauchery, her passions become Predominant, her Mind remaining Pure, while her Body is
contaminated. The whole richly and beautifully Narrated, and illustrated with Numerous Elegant
Engravings. Showing the Triumphs of Vice, and the Degradation of Virtue. London, Printed for the
Society of Vice.“ 8o 59 S., 8 schlechte, colorierte obscöne Lithographien, keine Copien der früheren
Bilder. — Im Anfange der „Justine“ fällt bekanntlich die Titelheldin in die Hände von Briganten.
History and that of his daughter and some curious anecdotes of other ladies and their lovers. From
The Original Ms. Dated 1798. Penzane Jn the Year of our Lord. 1894 (1900) 8o, 450 Seiten. — Nach
der Vorrede ein unter dem Einflusse der Schriften Sade’s entstandenes Werk. Wenn es echt wäre,
würde es das früheste sadistische Werk in England sein. Es ist höchstwahrscheinlich neueren
Ursprungs.
131. The Sword and Womankind. Being a study of the Influence of „The Queen of Weapons“
upon the moral and social statuts of women. Adapted from Ed. de Beaumont’s „L’Epée et les
Femmes“ with additions and an index by Alfred Allison M. A., Oxon, and an etched frontispice by
Albert Bessé. Paris 1900 8o, 360 S. — Interessantes Werk über Masochismus des Weibes. Kapitel XI
des dritten Teiles handelt von den „Lady-Killers.“
132. The Pleasures of Cruelty being a sequel to the reading of Justine et Juliette by the Marquis
de Sade. Paris et London 1898. 8o 3 Bände 84, 122, 114 Seiten. — Exquisit sadistische Erzählung.
133. G. Brunet „Fantaisies bibliographiques“, Paris, J. Gay, 1864. 12o. (Enthält Bemerkungen
über „Zoloé“).
134. L’Esprit des mœurs au XVIIIe siècle; ou la petite Maison prov. en 3 a. et en pr., traduit du
Congo; par M. d’Unsi-Terma (Mérard de St. Just). Lampsaque (Paris) 1790, 8o 40 und 120 S. — Ein
sehr freies und seltenes Stück. Auch bekannt unter dem Titel „La folle journée“. Zuerst in Bd. II der
„Espiègleries, joyeusetés etc.“ (Londres 1777), aber nur in 2 Akten veröffentlicht. Enthält
Anspielungen auf zeitgenössische Persönlichkeiten. Wiedergedruckt im „Théâtre gaillard“. Ausg. von
Brüssel 1865 (Bd. II, S. 81–182). — Paul Lacroix (im „Catalogue Soleinne“ unter Nr. 3865) glaubt
nicht, dass ein solches obscönes Stück von Mérard de St.-Just geschrieben sein könne, und schreibt
es seinem Inhalt nach dem Marquis de Sade zu, besonders die Ausgabe von 1790 in 3 Acten.
135. Elica, ou les Malheurs de la vertu, par J. A. Gardy, Paris, Tiger, 1813, 1818, in 18o. —
Inhalt mir unbekannt, dem Titel nach aber offenbar von „Justine, ou les Malheurs de la vertu“
beeinflusst.
136. The Inutility of Virtue. Translated from the French by Dr. —, of Magdalene College, Oxford.
London: Published as the Act directs, By Madame Le Duck, Mortimer Street; And to be had of all
Respectable Booksellers. 1830. Price 2 l. 2 s. — 12o 72 S., 9 obscöne, gut ausgeführte Kupfer.
Veröffentlicht von J. B. Brookes. — Neudruck von W. Dugdale um 1860 mit dem folgenden neuen
Titel:
„O Virtue! What art thou but an empty name?“
Brutus.
„The Inutility of Virtue, A Tale of Lust and Licentiousness, Exemplified in the History of a Young
and Beautiful Lady, Modest and Virtuous, who, by a Series of Unfortunate Circumstances, is first
Ravished by a Robber, Then become successively the victim of Lust and Sensuality; till overpowered
by Debauchery, her passions become Predominant, her Mind remaining Pure, while her Body is
contaminated. The whole richly and beautifully Narrated, and illustrated with Numerous Elegant
Engravings. Showing the Triumphs of Vice, and the Degradation of Virtue. London, Printed for the
Society of Vice.“ 8o 59 S., 8 schlechte, colorierte obscöne Lithographien, keine Copien der früheren
Bilder. — Im Anfange der „Justine“ fällt bekanntlich die Titelheldin in die Hände von Briganten.
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Dieses Buch ist gewissermassen eine weitere Ausführung und Nachahmung jener Episode der
„Justine“ und offenbar unter dem Einflusse der Schriften des Marquis de Sade entstanden.
137. Josef von Görres „Die christliche Mystik“ Regensburg 1842, Bd. IV, 2te Abteilung, S. 421–
470, Kapitel: „Der Zeugungstrieb und die Blutgier als Anknüpfungspunkte dämonischer Rapporte“.
— Lesenswert wegen der merkwürdigen Auffassung und Erklärung der sadistischen Erscheinungen.
138. Le Tartuffe libertin, ou le Triomphe du vice. A. Cythère, chez le gardien du temple (gegen
1831). 18o 107 S. Mit 6 schlechten erotischen Lithographien. Sehr obscöne Schrift mit sadistischen
Maximen, die man, offenbar ohne sie gelesen zu haben, dem Marquis de Sade zuschrieb. Denn es ist
darin von Personen der Zeit des Bürgerkönigs Louis-Philippe die Rede. — Englische Uebersetzung,
London ohne J. (1840) 8o mit 4 Bildern. — Französischer Neudruck: Le Tartufe (sic.) Libertin ou le
Triomphe du Vice (Par le Marquis de Sade). En Hollande Chez Les Libraires Associés 1789 in: Le
Parc-aux-Cerfs Episcopal-Histoire Edifiante et Curieuse du Séminaire de Vénus etc. Brüssel 1876
(bei Vital Puissant) 12o 180 S. (Inhalt: 1) Le Bordel Episcopal; 2) Le Tartufe Libertin; 3) La Bulle
d’Alexandre VI.; 4) Les Réclusières de Vénus).
2. Nachtrag
(Zusätze des Verlegers).
139. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage par le Marquis de Sade. Publié pour
la première fois d’après le manuscrit original, avec des annotations scientifiques par le Dr. Eugène
Dühren. Paris, Club des Bibliophiles MCMIV. Ein starker Band in Lex. 8o von IV und 543 Seiten.
Privatdruck in 200 Exemplaren. Sehr schöne Ausgabe. Vergl. auch No. 36.
140. Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend. Aus dem Französischen zum
ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 4 Bände in 1 Band.
Gr. 8o. 420 Seiten. — Die Geschichte der Juliette oder die Vorteile des Lasters. Aus dem
Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck.
6 Bände in 1 Band. Gr. 8o. 607 Seiten. In 550 in der Maschine numerierten Exemplaren hergestellt.
141. Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit von Dr. Eugen Dühren. Gr. 8o.
480 Seiten. Berlin 1902.
142. Rétif de la Bretonne, Der Mensch, der Schriftsteller, der Reformator. Von Dr. Eugen Dühren.
Gr. 8o 515 Seiten. Berlin 1906.
„Justine“ und offenbar unter dem Einflusse der Schriften des Marquis de Sade entstanden.
137. Josef von Görres „Die christliche Mystik“ Regensburg 1842, Bd. IV, 2te Abteilung, S. 421–
470, Kapitel: „Der Zeugungstrieb und die Blutgier als Anknüpfungspunkte dämonischer Rapporte“.
— Lesenswert wegen der merkwürdigen Auffassung und Erklärung der sadistischen Erscheinungen.
138. Le Tartuffe libertin, ou le Triomphe du vice. A. Cythère, chez le gardien du temple (gegen
1831). 18o 107 S. Mit 6 schlechten erotischen Lithographien. Sehr obscöne Schrift mit sadistischen
Maximen, die man, offenbar ohne sie gelesen zu haben, dem Marquis de Sade zuschrieb. Denn es ist
darin von Personen der Zeit des Bürgerkönigs Louis-Philippe die Rede. — Englische Uebersetzung,
London ohne J. (1840) 8o mit 4 Bildern. — Französischer Neudruck: Le Tartufe (sic.) Libertin ou le
Triomphe du Vice (Par le Marquis de Sade). En Hollande Chez Les Libraires Associés 1789 in: Le
Parc-aux-Cerfs Episcopal-Histoire Edifiante et Curieuse du Séminaire de Vénus etc. Brüssel 1876
(bei Vital Puissant) 12o 180 S. (Inhalt: 1) Le Bordel Episcopal; 2) Le Tartufe Libertin; 3) La Bulle
d’Alexandre VI.; 4) Les Réclusières de Vénus).
2. Nachtrag
(Zusätze des Verlegers).
139. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage par le Marquis de Sade. Publié pour
la première fois d’après le manuscrit original, avec des annotations scientifiques par le Dr. Eugène
Dühren. Paris, Club des Bibliophiles MCMIV. Ein starker Band in Lex. 8o von IV und 543 Seiten.
Privatdruck in 200 Exemplaren. Sehr schöne Ausgabe. Vergl. auch No. 36.
140. Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend. Aus dem Französischen zum
ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 4 Bände in 1 Band.
Gr. 8o. 420 Seiten. — Die Geschichte der Juliette oder die Vorteile des Lasters. Aus dem
Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck.
6 Bände in 1 Band. Gr. 8o. 607 Seiten. In 550 in der Maschine numerierten Exemplaren hergestellt.
141. Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit von Dr. Eugen Dühren. Gr. 8o.
480 Seiten. Berlin 1902.
142. Rétif de la Bretonne, Der Mensch, der Schriftsteller, der Reformator. Von Dr. Eugen Dühren.
Gr. 8o 515 Seiten. Berlin 1906.
Page 387
Namen-Register.
A.
Abel, C., 18.
Abricossoff, Madame, 83, 213.
Achelis, Th., 11, 12, 27, 28, 267.
Agrippa, Cornelius, 220.
Agirony, 105, 225.
l’Aigle, de, 104.
Albani, Kardinal, 52, 105.
d’Albert, Mademoiselle, 73.
Albert, Henri, 495, 496.
d’Alembert, 152, 404.
Alexander VI., Papst, 106, 278, 384.
Allard, Madame, 103.
Altieri, Kardinal, 105.
Amythone, 187.
Andromeda, 187.
Anneci, Herzog von, 152.
Apulejus, 480.
Aremberg, Prosp. v., 496.
A.
Abel, C., 18.
Abricossoff, Madame, 83, 213.
Achelis, Th., 11, 12, 27, 28, 267.
Agrippa, Cornelius, 220.
Agirony, 105, 225.
l’Aigle, de, 104.
Albani, Kardinal, 52, 105.
d’Albert, Mademoiselle, 73.
Albert, Henri, 495, 496.
d’Alembert, 152, 404.
Alexander VI., Papst, 106, 278, 384.
Allard, Madame, 103.
Altieri, Kardinal, 105.
Amythone, 187.
Andromeda, 187.
Anneci, Herzog von, 152.
Apulejus, 480.
Aremberg, Prosp. v., 496.
Page 388
Aretino, P., 104, 278.
d’Argens, Marquis, 66, 74, 91, 94.
Aristophanes, 3.
Arnould, Schauspielerin, 156, 192.
Arnoux, 103.
Aroût, Mademoiselle, 277.
d’Artagnan, 383.
Artois, Graf von, 45, 46, 47, 140, 155.
d’Arzigny, Chevalier, 140.
Aubertin, Ch., 89.
Aubry, 85.
Aulard, 338.
Aumale, Duc. d’, 465.
l’Auteroche, 267.
Avé-Lallemant, 240.
Avicenna, 220.
B.
Bachaumont, 117, 316.
Bachofen, 13.
Bagnolet, Pfarrer von, 60.
Bandus, M. J. L. A. de, 468.
Barbey d’Aurévilly, 475.
Barbier, 44, 94.
Bardeleben, K. von, 6.
Barras, 336, 337, 399.
d’Argens, Marquis, 66, 74, 91, 94.
Aristophanes, 3.
Arnould, Schauspielerin, 156, 192.
Arnoux, 103.
Aroût, Mademoiselle, 277.
d’Artagnan, 383.
Artois, Graf von, 45, 46, 47, 140, 155.
d’Arzigny, Chevalier, 140.
Aubertin, Ch., 89.
Aubry, 85.
Aulard, 338.
Aumale, Duc. d’, 465.
l’Auteroche, 267.
Avé-Lallemant, 240.
Avicenna, 220.
B.
Bachaumont, 117, 316.
Bachofen, 13.
Bagnolet, Pfarrer von, 60.
Bandus, M. J. L. A. de, 468.
Barbey d’Aurévilly, 475.
Barbier, 44, 94.
Bardeleben, K. von, 6.
Barras, 336, 337, 399.
Page 389
Barrès, M., 475, 476. 493.
Barruel, 37, 38.
Barry, Madame du, 77, 81, 132, 157, 217.
Barry, Graf Jean du, 82.
Bartels, M., 11, 223.
Barthold, F. W., 134, 280.
Basilius, 462.
Bastian, A., 13.
Báthory, Elisabeth, 272.
Baudelaire, Ch., 474, 488.
Bavant, Magdalaine, 70.
Bayle, P., 36, 189, 383.
Beauffremont, Prince de, 104, 273.
Beauharnais, Josephine de, 337, 399.
Beaumarchais, 198 ff., 434.
Beauvoisin, 315.
Bebel, A., 14, 15.
Beccaria, C., 248.
Bécherand, Abbé, 82.
Bechterew, W. v., 82, 245.
Behrend, G., 15, 443.
Bellarmin, 285.
Ben Akiba, 115.
Ben Ali, 487.
Benedikt XIII., Papst, 294.
Benedikt XIV., Papst, 106.
Barruel, 37, 38.
Barry, Madame du, 77, 81, 132, 157, 217.
Barry, Graf Jean du, 82.
Bartels, M., 11, 223.
Barthold, F. W., 134, 280.
Basilius, 462.
Bastian, A., 13.
Báthory, Elisabeth, 272.
Baudelaire, Ch., 474, 488.
Bavant, Magdalaine, 70.
Bayle, P., 36, 189, 383.
Beauffremont, Prince de, 104, 273.
Beauharnais, Josephine de, 337, 399.
Beaumarchais, 198 ff., 434.
Beauvoisin, 315.
Bebel, A., 14, 15.
Beccaria, C., 248.
Bécherand, Abbé, 82.
Bechterew, W. v., 82, 245.
Behrend, G., 15, 443.
Bellarmin, 285.
Ben Akiba, 115.
Ben Ali, 487.
Benedikt XIII., Papst, 294.
Benedikt XIV., Papst, 106.
Page 390
Benzi, 64.
Bérard, 90.
Bergh, R., 224.
Berkley, Theresa, 211/12.
Bernard, P. J., 79, 92, 93.
Bernard-Saint-Afriques, A. de, 329.
Bernis, Cardinal, 52, 105, 188, 285, 287.
Bertrand, 41.
Bettelheim, A., 201, 434.
Bièvre, Marquis de, 194.
Binz, C., 216.
Biran, Marquis de, 205.
Blanchon, J., 189.
Blanquet, 44.
Bleibtreu, K., 484.
Blennerhasset, 86.
Bloch, J., 232.
Bloch, Michel, 489.
Blot, Madame de, 85.
Boccaccio, 278, 284.
Boileau, 209, 470.
Boisdeffre, 495.
Bois-Reymond, E. du, 77, 503.
Bonaparte, 337, 399.
Bonneau, A., 126, 425, 477.
Borde, Cl., 106.
Bérard, 90.
Bergh, R., 224.
Berkley, Theresa, 211/12.
Bernard, P. J., 79, 92, 93.
Bernard-Saint-Afriques, A. de, 329.
Bernis, Cardinal, 52, 105, 188, 285, 287.
Bertrand, 41.
Bettelheim, A., 201, 434.
Bièvre, Marquis de, 194.
Binz, C., 216.
Biran, Marquis de, 205.
Blanchon, J., 189.
Blanquet, 44.
Bleibtreu, K., 484.
Blennerhasset, 86.
Bloch, J., 232.
Bloch, Michel, 489.
Blot, Madame de, 85.
Boccaccio, 278, 284.
Boileau, 209, 470.
Boisdeffre, 495.
Bois-Reymond, E. du, 77, 503.
Bonaparte, 337, 399.
Bonneau, A., 126, 425, 477.
Borde, Cl., 106.
Page 391
Bordeaux, 472.
Borel, P., 473.
Borgia, Cesare, 278.
Borghese, Kardinal, 105, 179.
Borromeo, Graf Friedrich, 279.
Bossard, 271.
Bouchard, 206, 207.
Boucher, 110.
Bougainville, 267.
Bouguer, 267.
Bouillaud, 214.
Bouillon, Duc de, 154.
Bourdon, G., 117.
Bourdroux, 241.
Bourget, P., 474, 478, 479.
Bourgogne, Herzog von, 274.
Bourgoing, 287.
Bouvier, 62.
Bragadin, 281.
Brancaforte, 283.
Brandes, G., 76, 108, 109.
Brantôme, 270.
Braschi, G. A. Graf, siehe Pius VI.
Bray, Comtesse de, 277.
Brienne, de, 63.
Brierre de Boismont, 214, 313, 314, 455, 488, 489.
Borel, P., 473.
Borgia, Cesare, 278.
Borghese, Kardinal, 105, 179.
Borromeo, Graf Friedrich, 279.
Bossard, 271.
Bouchard, 206, 207.
Boucher, 110.
Bougainville, 267.
Bouguer, 267.
Bouillaud, 214.
Bouillon, Duc de, 154.
Bourdon, G., 117.
Bourdroux, 241.
Bourget, P., 474, 478, 479.
Bourgogne, Herzog von, 274.
Bourgoing, 287.
Bouvier, 62.
Bragadin, 281.
Brancaforte, 283.
Brandes, G., 76, 108, 109.
Brantôme, 270.
Braschi, G. A. Graf, siehe Pius VI.
Bray, Comtesse de, 277.
Brienne, de, 63.
Brierre de Boismont, 214, 313, 314, 455, 488, 489.
Page 392
Brillat-Savarin, 50, 236.
Brinvilliers, Marquise de, 243 ff.
Brissaud, 213.
Brisson, Madame, 177.
Brosch, Moritz, 288.
Broussais, 214.
Brücke, E. W. v., 190.
Brunet, G., 262, 275, 276.
Buckingham, Lord, 71.
Buckle, Th., 12, 73, 74, 87, 504.
Buffon, 36, 78, 107, 188, 416.
Bullion, 277.
Burney, 400.
Bussy-Rabutin, 205.
C.
Cabanès, 298, 306, 307, 308, 313, 318, 319, 321, 322, 326, 328, 329,
332, 338, 345, 346, 347, 399, 452.
Cabarrus, Thérèse, (Mad. Tallien), 122.
Cadière, Cathérine, 66, 67, 94, 120.
Cagliostro, 120.
Camargo, Tänzerin, 152.
Camp, Maxime, du, 146, 155.
Capo de Feuillade, 479.
Capponi, Donna, 106.
Caracalla, 462.
Carlier, 104.
Brinvilliers, Marquise de, 243 ff.
Brissaud, 213.
Brisson, Madame, 177.
Brosch, Moritz, 288.
Broussais, 214.
Brücke, E. W. v., 190.
Brunet, G., 262, 275, 276.
Buckingham, Lord, 71.
Buckle, Th., 12, 73, 74, 87, 504.
Buffon, 36, 78, 107, 188, 416.
Bullion, 277.
Burney, 400.
Bussy-Rabutin, 205.
C.
Cabanès, 298, 306, 307, 308, 313, 318, 319, 321, 322, 326, 328, 329,
332, 338, 345, 346, 347, 399, 452.
Cabarrus, Thérèse, (Mad. Tallien), 122.
Cadière, Cathérine, 66, 67, 94, 120.
Cagliostro, 120.
Camargo, Tänzerin, 152.
Camp, Maxime, du, 146, 155.
Capo de Feuillade, 479.
Capponi, Donna, 106.
Caracalla, 462.
Carlier, 104.
Page 393
Carlyle, Th., 250, 259, 260, 262, 264.
Caron, 263.
Carracci, Augusto u. Annibale, 278.
Carraccioli, Marquis de, 166.
Carrée, 402.
Carrier, J. B., 262, 263 ff.
Cartouche, 246, 249.
Casanova, J. de, 43, 59, 79, 112, 113, 119, 134, 135, 136, 140, 141,
152, 153, 164, 201, 202, 217, 218, 224, 255 ff., 279, 281 ff., 302, 317.
Casper, J. L., 283, 451.
Caylus, Graf, 66, 91, 94, 95, 118.
Cazin, 349.
Cérutti, 38, 62.
Chaillu, 473.
Chaise, de la, 64.
Chambonas, de, 141.
Chamisso, A. v., 466, 467.
Chanoine, 496.
Chantilly, Schauspielerin, 87.
Charavay, 326, 329, 345.
Charlevoix, 267.
Charolais, Graf, 278 ff., 429, 458.
Chartres, Duc de, 155, 163, 227.
Chartres, Duchesse de, 217.
Château-fort, Opernsängerin, 156.
Château-neuf, Opernsängerin, 156.
Caron, 263.
Carracci, Augusto u. Annibale, 278.
Carraccioli, Marquis de, 166.
Carrée, 402.
Carrier, J. B., 262, 263 ff.
Cartouche, 246, 249.
Casanova, J. de, 43, 59, 79, 112, 113, 119, 134, 135, 136, 140, 141,
152, 153, 164, 201, 202, 217, 218, 224, 255 ff., 279, 281 ff., 302, 317.
Casper, J. L., 283, 451.
Caylus, Graf, 66, 91, 94, 95, 118.
Cazin, 349.
Cérutti, 38, 62.
Chaillu, 473.
Chaise, de la, 64.
Chambonas, de, 141.
Chamisso, A. v., 466, 467.
Chanoine, 496.
Chantilly, Schauspielerin, 87.
Charavay, 326, 329, 345.
Charlevoix, 267.
Charolais, Graf, 278 ff., 429, 458.
Chartres, Duc de, 155, 163, 227.
Chartres, Duchesse de, 217.
Château-fort, Opernsängerin, 156.
Château-neuf, Opernsängerin, 156.
Page 394
Châteauroux, Duchesse de, 77
Château-vieux, Opernsängerin, 156.
Chaulieu, 107.
Chaulnes, Herzog von, 434.
Chaumette, 85.
Chénier, André, 266.
Chénier, Marie-Joseph, 266.
Chéry, 349, 402.
Cheve, E., 477.
Choderlos de Laclos, 96.
Choiseul, Herzog von, 85.
Chorier, Nicolas, 398.
Chuquet, A., 166.
Cigogne, 465.
Clairon, 103, 192.
Clemens XIV., Papst, 287.
Clermont-Tonnerre, Graf, 328, 334.
Cloots, 38.
Cohen, Henry, 92, 94, 473.
Coletta, P., 287, 288.
Collot, d’Herbois, 262, 265, 469.
Condé, Prinz von, 274, 297, 298.
Condorcet, 87.
Conrad, M. G., 484.
Constant, B., 467.
Conti, Prinz, 132, 198, 297.
Château-vieux, Opernsängerin, 156.
Chaulieu, 107.
Chaulnes, Herzog von, 434.
Chaumette, 85.
Chénier, André, 266.
Chénier, Marie-Joseph, 266.
Chéry, 349, 402.
Cheve, E., 477.
Choderlos de Laclos, 96.
Choiseul, Herzog von, 85.
Chorier, Nicolas, 398.
Chuquet, A., 166.
Cigogne, 465.
Clairon, 103, 192.
Clemens XIV., Papst, 287.
Clermont-Tonnerre, Graf, 328, 334.
Cloots, 38.
Cohen, Henry, 92, 94, 473.
Coletta, P., 287, 288.
Collot, d’Herbois, 262, 265, 469.
Condé, Prinz von, 274, 297, 298.
Condorcet, 87.
Conrad, M. G., 484.
Constant, B., 467.
Conti, Prinz, 132, 198, 297.
Page 395
Conton, 229.
Cook, J., 268.
Cooper, W. M., 209, 211.
Coppee, Fr. 330.
Corday, Charl., 335.
Corniger, Franciscus, 189.
Cortina, J. G. de la, 461.
Coulmier, Abbé, 341, 342.
Coustou, 116.
Couthon, 469, 470.
Crébillon, Cl. Pr. Jolyot de, 93, 96, 118.
Crigny, Gräfin, 86.
Croy, Duc de, 254.
Cyrine, 187.
D.
Damiens, R. Fr., 249 ff.
Dante, 281.
Danton, 87.
Darimajou, 60.
Darwin, Ch., 6.
Delagragne, 246.
Desbarreaux, 117.
Deschauffonis, 249.
Desorgues, Th., 338.
Despaze, 471.
Cook, J., 268.
Cooper, W. M., 209, 211.
Coppee, Fr. 330.
Corday, Charl., 335.
Corniger, Franciscus, 189.
Cortina, J. G. de la, 461.
Coulmier, Abbé, 341, 342.
Coustou, 116.
Couthon, 469, 470.
Crébillon, Cl. Pr. Jolyot de, 93, 96, 118.
Crigny, Gräfin, 86.
Croy, Duc de, 254.
Cyrine, 187.
D.
Damiens, R. Fr., 249 ff.
Dante, 281.
Danton, 87.
Darimajou, 60.
Darwin, Ch., 6.
Delagragne, 246.
Desbarreaux, 117.
Deschauffonis, 249.
Desorgues, Th., 338.
Despaze, 471.
Page 396
Desrues, 246, 249, 257.
Dessoir, M., 98.
Devilliers, Madame, 157.
Diderot, 74, 87, 89, 95, 96, 168, 170.
Dillen, 63.
Dinaux, 142.
Dioscorides, 216.
Diotima, 22.
Dittrich, 479.
Dorat, 105.
Douglas, 198.
Dreyfus, Alfred, 408, 495.
Drujon, 397, 459, 472.
Drumont, J., 495.
Duboc, Julius, 10.
Dubois, Schauspielerin, 103, 155.
Du Châtelet, Madame, 87.
Duclos, 78.
Du Deffand, Marquise, 77, 308, 310.
Dufour, P., 14.
Duhalde, 267, 429.
Dulaure, J. A., 83, 123, 141, 142, 175, 176, 217, 277, 335.
Dumas, Alexandre der Aeltere, 102.
Dumont, 267.
Dupin, 208.
Dutard, 38.
Dessoir, M., 98.
Devilliers, Madame, 157.
Diderot, 74, 87, 89, 95, 96, 168, 170.
Dillen, 63.
Dinaux, 142.
Dioscorides, 216.
Diotima, 22.
Dittrich, 479.
Dorat, 105.
Douglas, 198.
Dreyfus, Alfred, 408, 495.
Drujon, 397, 459, 472.
Drumont, J., 495.
Duboc, Julius, 10.
Dubois, Schauspielerin, 103, 155.
Du Châtelet, Madame, 87.
Duclos, 78.
Du Deffand, Marquise, 77, 308, 310.
Dufour, P., 14.
Duhalde, 267, 429.
Dulaure, J. A., 83, 123, 141, 142, 175, 176, 217, 277, 335.
Dumas, Alexandre der Aeltere, 102.
Dumont, 267.
Dupin, 208.
Dutard, 38.
Page 397
Du Thé, Mademoiselle, 155.
Dyes, 214.
E.
d’Egmont, Comtesse, 81.
d’Egmont, Comte, 152.
Eisenhart, H., 422.
d’Elbœuf, Duc, 104.
Elisabeth, Charlotte, von der Pfalz, 205, 207.
Ellis Havelock, 10, 11, 177, 202, 207.
d’Eon, 95, 187, 191, 197.
Empedokles, 8.
l’Escuyer, 258 ff., 373.
Esterhazy, 495.
Eulenburg, A., 95, 98, 216, 271, 272, 293, 302, 311, 321, 348, 401
ff., 408, 443, 448, 449, 451, 455, 458, 463, 474, 483, 484, 486, 487,
491, 492, 496, 500.
F.
Faverolle, 41.
Ferdinand IV., König von Neapel, 288 ff.
Ferrage, Blaize, 275.
Ferriani, L., 462.
Feuerbach, L., 18.
Fichte, 31.
Fischer, K., 24, 31, 504.
Fleury, Comte, 263, 264.
Dyes, 214.
E.
d’Egmont, Comtesse, 81.
d’Egmont, Comte, 152.
Eisenhart, H., 422.
d’Elbœuf, Duc, 104.
Elisabeth, Charlotte, von der Pfalz, 205, 207.
Ellis Havelock, 10, 11, 177, 202, 207.
d’Eon, 95, 187, 191, 197.
Empedokles, 8.
l’Escuyer, 258 ff., 373.
Esterhazy, 495.
Eulenburg, A., 95, 98, 216, 271, 272, 293, 302, 311, 321, 348, 401
ff., 408, 443, 448, 449, 451, 455, 458, 463, 474, 483, 484, 486, 487,
491, 492, 496, 500.
F.
Faverolle, 41.
Ferdinand IV., König von Neapel, 288 ff.
Ferrage, Blaize, 275.
Ferriani, L., 462.
Feuerbach, L., 18.
Fichte, 31.
Fischer, K., 24, 31, 504.
Fleury, Comte, 263, 264.
Page 398
Floegel, 69.
Florence, 177.
Fontenelle, 498.
Forberg, F. C.. 194, 207.
Forges, Chevalier de, 145.
Fouché., 262.
Fouquier-Tinville, 335.
Fourier, Chr., 473.
Fournier, 338.
Fragonard, 110, 111, 112.
Francavilla, Fürst von, 285.
Fraxi, 66, 90, 139, 211, 212, 300.
Frémiet, 500.
Frenzel, K., 77, 96.
Friedländer, B., 233.
Friedmann, Fr., 406, 484.
Friedrich der Große, 94.
Friedrich Wilhelm IV., 414.
Friese, Comte de, 85.
Fronsac, Duc de, 131, 306.
Furiel, Madame de, 183–194.
G.
Gagnières, 290.
Galiani, Abbé, 79.
Galien, J., 186.
Florence, 177.
Fontenelle, 498.
Forberg, F. C.. 194, 207.
Forges, Chevalier de, 145.
Fouché., 262.
Fouquier-Tinville, 335.
Fourier, Chr., 473.
Fournier, 338.
Fragonard, 110, 111, 112.
Francavilla, Fürst von, 285.
Fraxi, 66, 90, 139, 211, 212, 300.
Frémiet, 500.
Frenzel, K., 77, 96.
Friedländer, B., 233.
Friedmann, Fr., 406, 484.
Friedrich der Große, 94.
Friedrich Wilhelm IV., 414.
Friese, Comte de, 85.
Fronsac, Duc de, 131, 306.
Furiel, Madame de, 183–194.
G.
Gagnières, 290.
Galiani, Abbé, 79.
Galien, J., 186.
Page 399
Gall, 345.
Galliard-Sansonetti, 500.
Galliot, 223.
Garnier, P., 62, 179, 441.
Gay, J., 92, 94, 472.
Gay und Doucé, 461.
Gémonville, Graf de, 236.
Geoffrin, Madame, 77.
Gerland, E., 178.
Ginisty, P., 304, 305, 321, 324, 328.
Girard, J. B., 66, 67, 94, 120.
Girtanner, Chr., 226, 228.
Gobel, 38.
Goethe, J. W. von, 168, 434, 460, 467.
Goldsmith, Oliver 422.
Goncourt, E. u. J. de, 34, 41, 72, 85, 93, 120, 142, 143, 145, 166,
274, 275.
Gorani, 75, 284, 287 ff., 385.
Gourdan, Madame, 81, 104, 127, 132, 133, 135, 157, 177 180, 182,
183, 216, 220.
Grammont, Duc de, 205.
Grandmaison, 264.
Grandval, 75, 118.
Grässe, 118.
Gregor von Tours, 497.
Grétry, A., 116.
Griffet, 307.
Galliard-Sansonetti, 500.
Galliot, 223.
Garnier, P., 62, 179, 441.
Gay, J., 92, 94, 472.
Gay und Doucé, 461.
Gémonville, Graf de, 236.
Geoffrin, Madame, 77.
Gerland, E., 178.
Ginisty, P., 304, 305, 321, 324, 328.
Girard, J. B., 66, 67, 94, 120.
Girtanner, Chr., 226, 228.
Gobel, 38.
Goethe, J. W. von, 168, 434, 460, 467.
Goldsmith, Oliver 422.
Goncourt, E. u. J. de, 34, 41, 72, 85, 93, 120, 142, 143, 145, 166,
274, 275.
Gorani, 75, 284, 287 ff., 385.
Gourdan, Madame, 81, 104, 127, 132, 133, 135, 157, 177 180, 182,
183, 216, 220.
Grammont, Duc de, 205.
Grandmaison, 264.
Grandval, 75, 118.
Grässe, 118.
Gregor von Tours, 497.
Grétry, A., 116.
Griffet, 307.
Page 400
Grimod de la Reynière, fils, 236.
Guerchy, 198.
Guibourg, Abbé, 71, 244.
Guillotin, J., 262.
Guyot, J., 499.
Guzmann, Pater, 187.
H.
Haeckel, E., 5, 6, 7.
Hagen, Alb., 106, 139, 173.
Halem, G. A. von, 164–166.
Haller, A. von, 179.
Hamilton, Lady, Emma, 289.
Hammonic, 213.
Harenberg, 64.
Hartmann, E. v., 20, 21, 29.
Hausset, Madame du, 239, 255.
Hegar, A., 15.
Hegel, 1, 22, 24, 29, 30, 503.
Heinrich III., 204, 216.
Heinrich IV., 204, 251.
Heinse, W., 232.
Helfert, v., 288.
Helvétius, 78, 486.
Hensen, V., 6.
d’Héricourt, 104.
Guerchy, 198.
Guibourg, Abbé, 71, 244.
Guillotin, J., 262.
Guyot, J., 499.
Guzmann, Pater, 187.
H.
Haeckel, E., 5, 6, 7.
Hagen, Alb., 106, 139, 173.
Halem, G. A. von, 164–166.
Haller, A. von, 179.
Hamilton, Lady, Emma, 289.
Hammonic, 213.
Harenberg, 64.
Hartmann, E. v., 20, 21, 29.
Hausset, Madame du, 239, 255.
Hegar, A., 15.
Hegel, 1, 22, 24, 29, 30, 503.
Heinrich III., 204, 216.
Heinrich IV., 204, 251.
Heinse, W., 232.
Helfert, v., 288.
Helvétius, 78, 486.
Hensen, V., 6.
d’Héricourt, 104.
Page 401
Herman, G., 3, 17, 67, 71.
Herondas, 232.
Herreau, 65.
Hertwig, O., 6.
Hieronymus, 433.
Hobbes, 501.
Hoffmann, M. L., 468.
Holbach, 36, 37, 38, 363, 408, 486.
Hössli, H., 500.
Houdon, 116, 187.
Houssaye, Arsène, 116, 121, 266.
Humboldt, Al. von, 414.
Huysmans, J. C., 70, 476, 477.
Hyrtl, J., 220.
I.
Inigué, de, 60.
Isabeau, Mademoiselle, 139.
J.
Jack, the Ripper, 487.
Jacob, Biblioph., 97, 99, 101, 102, 124, 140, 141, 145, 156, 157, 160,
161, 167, 208, 301, 333, 335, 464, 465.
Jalé, 152.
Janin, J., 89, 151, 247, 293, 295, 301, 310, 336, 346, 401, 402, 460,
461.
Jansen, Cornelius, 64.
Herondas, 232.
Herreau, 65.
Hertwig, O., 6.
Hieronymus, 433.
Hobbes, 501.
Hoffmann, M. L., 468.
Holbach, 36, 37, 38, 363, 408, 486.
Hössli, H., 500.
Houdon, 116, 187.
Houssaye, Arsène, 116, 121, 266.
Humboldt, Al. von, 414.
Huysmans, J. C., 70, 476, 477.
Hyrtl, J., 220.
I.
Inigué, de, 60.
Isabeau, Mademoiselle, 139.
J.
Jack, the Ripper, 487.
Jacob, Biblioph., 97, 99, 101, 102, 124, 140, 141, 145, 156, 157, 160,
161, 167, 208, 301, 333, 335, 464, 465.
Jalé, 152.
Janin, J., 89, 151, 247, 293, 295, 301, 310, 336, 346, 401, 402, 460,
461.
Jansen, Cornelius, 64.
Page 402
Jolande, Königin v. Arragonien, 294.
Joubert, Abbé, 418.
Jourdan, 258 ff.
Jourgniac, 261.
Julius III., Papst, 282.
Jullien, 263.
Jumilhac, de, 63.
K.
Kant, 467.
Karl II., 229.
Karl IX., 216.
Karl X., 45.
Karoline, Königin von Neapel, 94, 179, 286, 288 ff.
Katharina von Medici, 216.
Keben, G., 240.
Keller, Albert, 500.
Keller, Rosa, 308, 311 ff., 332.
Kleist, H. v., 480.
Klinger, M., 500.
Klobb, Oberst, 496.
Kobelt, G. L., 6.
Kobert, R., 215, 217.
Kohut, 245.
Kölliker, A., 6.
Kraepelin, E., 453, 454, 498.
Joubert, Abbé, 418.
Jourdan, 258 ff.
Jourgniac, 261.
Julius III., Papst, 282.
Jullien, 263.
Jumilhac, de, 63.
K.
Kant, 467.
Karl II., 229.
Karl IX., 216.
Karl X., 45.
Karoline, Königin von Neapel, 94, 179, 286, 288 ff.
Katharina von Medici, 216.
Keben, G., 240.
Keller, Albert, 500.
Keller, Rosa, 308, 311 ff., 332.
Kleist, H. v., 480.
Klinger, M., 500.
Klobb, Oberst, 496.
Kobelt, G. L., 6.
Kobert, R., 215, 217.
Kohut, 245.
Kölliker, A., 6.
Kraepelin, E., 453, 454, 498.
Page 403
Krafft-Ebing, R. von, 9, 211, 435, 446, 447, 450, 451, 456, 463, 488,
489.
Kretzer, 484.
Kühn, J., 14.
Kurtz, 497.
Kurtzel, A., 66.
Kydno, 187.
L.
Laage, de, 338.
Lacassagne, A., 272, 299, 446, 448, 487.
La Chanterie, Mademoiselle, 156.
Lacome, 156.
La Condamine, 267.
Lacour, 43.
Lacretelle, 273.
Lacroix, Paul (Bibliophile), 46, 90, 97, 100, 102, 166, 293, 298, 299,
301, 304, 305, 312, 315, 316, 320, 323, 328, 343.
Lafare, Marquise de, 107.
La Ferté, 45.
Lafitau, J. F., 267.
La Guerre, Opernsängerin, 154.
Lairtullier, 86.
Lalanne, L., 460.
Lally, Graf de, 248.
Lamballe, Pinzessin, 261, 306.
Lambercier, Mademoiselle, 211.
489.
Kretzer, 484.
Kühn, J., 14.
Kurtz, 497.
Kurtzel, A., 66.
Kydno, 187.
L.
Laage, de, 338.
Lacassagne, A., 272, 299, 446, 448, 487.
La Chanterie, Mademoiselle, 156.
Lacome, 156.
La Condamine, 267.
Lacour, 43.
Lacretelle, 273.
Lacroix, Paul (Bibliophile), 46, 90, 97, 100, 102, 166, 293, 298, 299,
301, 304, 305, 312, 315, 316, 320, 323, 328, 343.
Lafare, Marquise de, 107.
La Ferté, 45.
Lafitau, J. F., 267.
La Guerre, Opernsängerin, 154.
Lairtullier, 86.
Lalanne, L., 460.
Lally, Graf de, 248.
Lamballe, Pinzessin, 261, 306.
Lambercier, Mademoiselle, 211.
Page 404
La Mettrie, 36, 38, 39, 62, 118, 152, 177, 363.
Lancret, 110, 112.
Lange, F. A., 12.
Lani, Balletmeister, 153.
Lanjon, 74, 117.
La Pérouse, 267.
La Prairie, Mademoiselle, 154.
Launay, de, 321, 327.
Laura (Petrarca’s), 292 ff.
Lavater, 167.
Law, J., 40, 120.
Lebel, 41.
Lebon, 262.
Lebrun, 110.
Lecky, W. E. H., 504, 505.
Lefébure, 302.
Le Fel, Mademoiselle, 152, 153.
Legrand du Saulle, 451.
Legué, G., 68.
Lemercier, 163.
Lemonnyer, 57, 74, 92.
Le Noir, 60, 101, 103.
Leo XII., Papst, 230.
Leopold I., Großhzg. v. Toskana, 286.
Lescombat, 249.
Lespinasse, Mademoiselle, 77.
Lancret, 110, 112.
Lange, F. A., 12.
Lani, Balletmeister, 153.
Lanjon, 74, 117.
La Pérouse, 267.
La Prairie, Mademoiselle, 154.
Launay, de, 321, 327.
Laura (Petrarca’s), 292 ff.
Lavater, 167.
Law, J., 40, 120.
Lebel, 41.
Lebon, 262.
Lebrun, 110.
Lecky, W. E. H., 504, 505.
Lefébure, 302.
Le Fel, Mademoiselle, 152, 153.
Legrand du Saulle, 451.
Legué, G., 68.
Lemercier, 163.
Lemonnyer, 57, 74, 92.
Le Noir, 60, 101, 103.
Leo XII., Papst, 230.
Leopold I., Großhzg. v. Toskana, 286.
Lescombat, 249.
Lespinasse, Mademoiselle, 77.
Page 405
Letorières, Vicomte de, 159.
Le Vaillant, 267.
Lewin, L., 215.
Liliencron, D. von, 483.
Limore, 59.
Lindau, P., 479, 487.
Linguet, 161, 461, 465.
Lippert, J., 13.
Lipps, F. G., 10.
Lombroso, C., 15, 16, 239.
Lotheissen, 163, 276.
Louvet de Couvray, J. B., 97, 202.
Louvois, Marquis de, 85.
Loyson, H., 494.
Lubbock, J., 13.
Lucas-Montigny, 60, 94.
Lucretius, 216, 417.
Lucrezia, Borgia, 106, 278.
Ludwig XIII., 204.
Ludwig XIV., 64, 109, 163, 204, 205, 244, 277, 425.
Ludwig XV., 32, 40, 41, 44, 45, 60, 82, 110, 112, 113, 116, 117, 126,
127, 146, 197, 198, 207, 217, 244, 250, 257, 429.
Ludwig XVI., 40, 45, 49, 105, 114, 127, 175, 198.
Luther, 467.
M.
Macaulay, Th. B., 400.
Le Vaillant, 267.
Lewin, L., 215.
Liliencron, D. von, 483.
Limore, 59.
Lindau, P., 479, 487.
Linguet, 161, 461, 465.
Lippert, J., 13.
Lipps, F. G., 10.
Lombroso, C., 15, 16, 239.
Lotheissen, 163, 276.
Louvet de Couvray, J. B., 97, 202.
Louvois, Marquis de, 85.
Loyson, H., 494.
Lubbock, J., 13.
Lucas-Montigny, 60, 94.
Lucretius, 216, 417.
Lucrezia, Borgia, 106, 278.
Ludwig XIII., 204.
Ludwig XIV., 64, 109, 163, 204, 205, 244, 277, 425.
Ludwig XV., 32, 40, 41, 44, 45, 60, 82, 110, 112, 113, 116, 117, 126,
127, 146, 197, 198, 207, 217, 244, 250, 257, 429.
Ludwig XVI., 40, 45, 49, 105, 114, 127, 175, 198.
Luther, 467.
M.
Macaulay, Th. B., 400.
Page 406
Macé, 462.
Maillard, 85.
Maillé, Marie, Eléonore de, 297.
Mailly, Madame de, 77.
Mainländer, Ph., 23.
Maiquet, 262.
Maisonrouge, 152.
Maizeau, 383.
Malassis, A. P., 192, 468.
Malthus, 418, 420, 421.
Manicamp, 205.
Manuel, P., 45, 50, 52, 53, 57, 60.
Maradan, Buchhänd., 397.
Marais, Polizei-Inspektor, 146, 155, 322.
Marat, J. P., 146, 276, 322, 335.
Marchand, 139, 252, 267.
Marche, Graf de la, 227.
Marciat, 299, 301, 302, 304, 310, 313, 316, 320, 324, 326, 330–332,
338, 342, 343, 347, 397, 422, 451, 452, 454, 463.
Maréchal, S., 117.
Mariana, J. de, 65.
Marie-Antoinette, 45, 47, 114.
Maria Theresia, Kaiserin, 105.
Marion de Lorme, 107.
Marmontel, J. Fr., 97, 105.
Marmora, 320, 321.
Maillard, 85.
Maillé, Marie, Eléonore de, 297.
Mailly, Madame de, 77.
Mainländer, Ph., 23.
Maiquet, 262.
Maisonrouge, 152.
Maizeau, 383.
Malassis, A. P., 192, 468.
Malthus, 418, 420, 421.
Manicamp, 205.
Manuel, P., 45, 50, 52, 53, 57, 60.
Maradan, Buchhänd., 397.
Marais, Polizei-Inspektor, 146, 155, 322.
Marat, J. P., 146, 276, 322, 335.
Marchand, 139, 252, 267.
Marche, Graf de la, 227.
Marciat, 299, 301, 302, 304, 310, 313, 316, 320, 324, 326, 330–332,
338, 342, 343, 347, 397, 422, 451, 452, 454, 463.
Maréchal, S., 117.
Mariana, J. de, 65.
Marie-Antoinette, 45, 47, 114.
Maria Theresia, Kaiserin, 105.
Marion de Lorme, 107.
Marmontel, J. Fr., 97, 105.
Marmora, 320, 321.
Page 407
Maton, 261.
Maulle, R. de, 276.
Maupeou, 320.
Maury, Kardinal, 343.
Mayeur, 41.
Mazarin, Duchesse de, 104.
Mazarin, Kardinal, 205.
Mazarin, Duc de, 103, 320.
Mc-Lennan, 13.
Medwin, Th., 230.
Megare, 187.
Meibom, 209.
Melfort, de, 104.
Mercier, Cl. Fr. X., 180.
Mercier, L. S., 33, 49, 80, 89, 118, 123, 152, 166, 167, 173, 220.
Mercier, General, 495.
Méricourt, Théroigne de, 210.
Messalina, 417.
Metzger, 285.
Michel-Angelo, 282.
Michelet, C. L., 24.
Michelet, J., 273, 274, 276, 298, 301, 334, 456.
Mignard, 110.
Mimie, Mademoiselle, 60.
Mirabeau, 37, 44, 66, 87, 89, 92, 95, 106, 180, 204, 224, 326, 332,
393, 408, 414, 421, 452, 494, 496.
Maulle, R. de, 276.
Maupeou, 320.
Maury, Kardinal, 343.
Mayeur, 41.
Mazarin, Duchesse de, 104.
Mazarin, Kardinal, 205.
Mazarin, Duc de, 103, 320.
Mc-Lennan, 13.
Medwin, Th., 230.
Megare, 187.
Meibom, 209.
Melfort, de, 104.
Mercier, Cl. Fr. X., 180.
Mercier, L. S., 33, 49, 80, 89, 118, 123, 152, 166, 167, 173, 220.
Mercier, General, 495.
Méricourt, Théroigne de, 210.
Messalina, 417.
Metzger, 285.
Michel-Angelo, 282.
Michelet, C. L., 24.
Michelet, J., 273, 274, 276, 298, 301, 334, 456.
Mignard, 110.
Mimie, Mademoiselle, 60.
Mirabeau, 37, 44, 66, 87, 89, 92, 95, 106, 180, 204, 224, 326, 332,
393, 408, 414, 421, 452, 494, 496.
Page 408
Mirbeau, O., 496.
Moebius, P. J., 211.
Moët, 142.
Molière, 498, 502.
Moll, A., 7, 8, 9, 205, 207, 208, 275, 282, 283, 416, 479, 488.
Moncaut, C., 82, 110, 120.
Moncoro, 85
Mondeville, Heinrich, de, 219.
Mondor, 219.
Monselet, Ch., 251 ff., 464.
Montazet, de, 104.
Montespan, Marquise de, 71.
Montesquieu, 36, 63, 64, 87, 89, 105, 124, 248, 281.
Montesson, Madame de, 104, 222.
Montgaillard, 266.
Montgolfier, Gebrüder, 177.
Montigny, 94, 104.
Montreuil, de, 303 ff., 315, 317, 322.
Monval, G., 330.
Moore, Lewis, 161.
Moreau, (de Tours) P., 33, 40, 41, 43, 144, 273, 477.
Morfontaine, de, 236.
Morgan, 13.
Musset, A. de, 452, 479.
Muther, R., 110, 117, 123.
Moebius, P. J., 211.
Moët, 142.
Molière, 498, 502.
Moll, A., 7, 8, 9, 205, 207, 208, 275, 282, 283, 416, 479, 488.
Moncaut, C., 82, 110, 120.
Moncoro, 85
Mondeville, Heinrich, de, 219.
Mondor, 219.
Monselet, Ch., 251 ff., 464.
Montazet, de, 104.
Montespan, Marquise de, 71.
Montesquieu, 36, 63, 64, 87, 89, 105, 124, 248, 281.
Montesson, Madame de, 104, 222.
Montgaillard, 266.
Montgolfier, Gebrüder, 177.
Montigny, 94, 104.
Montreuil, de, 303 ff., 315, 317, 322.
Monval, G., 330.
Moore, Lewis, 161.
Moreau, (de Tours) P., 33, 40, 41, 43, 144, 273, 477.
Morfontaine, de, 236.
Morgan, 13.
Musset, A. de, 452, 479.
Muther, R., 110, 117, 123.
Page 409
N.
Naecke, P., 494.
Nagel, W., 6.
Napoléon I., 87, 91, 345, 399, 459, 463.
Necker, Madame, 77.
Neisser, K., 9.
Nemours, Duc de, 383.
Nelson, 289, 290.
Nero, 270, 439.
Nerciat, A. R. A. de, 94, 143.
Nevizan, Jean de, 189.
Newton, 237.
Nietzsche, Fr., 18, 29, 403, 484, 485.
Ninon-de-Lenclos, 107.
Nivernois, Duc de, 227.
Nivet, 249.
Nodier, Ch., 96, 344, 348.
Nordau, M., 474, 475, 477, 495.
Noves, A. de, 293.
Nunez, 65.
O.
Œillets, des, 246.
d’Oppy, Madame, 132.
Orford, 281.
Orléans, der Regent Philipp von, 163.
Naecke, P., 494.
Nagel, W., 6.
Napoléon I., 87, 91, 345, 399, 459, 463.
Necker, Madame, 77.
Neisser, K., 9.
Nemours, Duc de, 383.
Nelson, 289, 290.
Nero, 270, 439.
Nerciat, A. R. A. de, 94, 143.
Nevizan, Jean de, 189.
Newton, 237.
Nietzsche, Fr., 18, 29, 403, 484, 485.
Ninon-de-Lenclos, 107.
Nivernois, Duc de, 227.
Nivet, 249.
Nodier, Ch., 96, 344, 348.
Nordau, M., 474, 475, 477, 495.
Noves, A. de, 293.
Nunez, 65.
O.
Œillets, des, 246.
d’Oppy, Madame, 132.
Orford, 281.
Orléans, der Regent Philipp von, 163.
Page 410
Orléans, Herzog Philipp von, 46, 47, 101, 163, 201, 206, 207.
Orléans, Herzog Philipp Égalité von, 46, 94, 104, 140, 163.
Ovid, 79, 146.
P.
Pagel, J. L., 219.
Palestrina, Kardinal, 105.
Paré, Ambroise, 216.
Parent-Duchatelet, A. J. B., 90, 91, 114, 146, 147, 149, 151, 157,
159, 160, 161, 174, 443.
Paris, Abbé, 82.
Paris, Justine, 104, 132 ff., 177.
Pascal, Blaise, 65.
Paschkis, H., 218, 220.
Patu, 152.
Paulhan, 475.
Paw, 269.
Péladan, J., 475.
Pelletier, 335.
Peloutier, 270.
Pesne, A., 94.
Petrarca, Francesco, 292 ff.
Petronius, 96, 282.
Peuchet, 90, 96, 158.
Phelyppeaux, 63.
Pidanzat de Mairobert, M. Fr., 46, 100, 101, 127, 130, 160, 161,
174, 177, 180, 181, 186, 189.
Orléans, Herzog Philipp Égalité von, 46, 94, 104, 140, 163.
Ovid, 79, 146.
P.
Pagel, J. L., 219.
Palestrina, Kardinal, 105.
Paré, Ambroise, 216.
Parent-Duchatelet, A. J. B., 90, 91, 114, 146, 147, 149, 151, 157,
159, 160, 161, 174, 443.
Paris, Abbé, 82.
Paris, Justine, 104, 132 ff., 177.
Pascal, Blaise, 65.
Paschkis, H., 218, 220.
Patu, 152.
Paulhan, 475.
Paw, 269.
Péladan, J., 475.
Pelletier, 335.
Peloutier, 270.
Pesne, A., 94.
Petrarca, Francesco, 292 ff.
Petronius, 96, 282.
Peuchet, 90, 96, 158.
Phelyppeaux, 63.
Pidanzat de Mairobert, M. Fr., 46, 100, 101, 127, 130, 160, 161,
174, 177, 180, 181, 186, 189.
Page 411
Pigale, G., 117.
Piper, 487.
Pius VI., Papst, 71, 286 ff.
Piron, 118, 123.
Plato, 2, 22, 23, 25.
Plenck, J. J., 218.
Ploss, 10, 223.
Polignac, Madame de, 77, 104.
Pomeroy, 487.
Pompadour, Marqse. de, 41, 42, 77, 116.
Popelinière, Madame de la, 295.
Porte, de la, 300, 329.
Porte, Pierre de la, 205.
Post, 13.
Potocki, Graf von, 275.
Préval, Guilbert de, 128, 170, 225 ff., 236.
Prévost, Abbé, 146.
Prie, Madame de, 77, 274.
Proksch, J. K., 105, 226, 228–229, 281.
Proudhon, 425, 473.
Przybyszewski, St., 68.
Pyrrhine, 187.
Q.
Quérard, 398.
Quesnay, 421.
Piper, 487.
Pius VI., Papst, 71, 286 ff.
Piron, 118, 123.
Plato, 2, 22, 23, 25.
Plenck, J. J., 218.
Ploss, 10, 223.
Polignac, Madame de, 77, 104.
Pomeroy, 487.
Pompadour, Marqse. de, 41, 42, 77, 116.
Popelinière, Madame de la, 295.
Porte, de la, 300, 329.
Porte, Pierre de la, 205.
Post, 13.
Potocki, Graf von, 275.
Préval, Guilbert de, 128, 170, 225 ff., 236.
Prévost, Abbé, 146.
Prie, Madame de, 77, 274.
Proksch, J. K., 105, 226, 228–229, 281.
Proudhon, 425, 473.
Przybyszewski, St., 68.
Pyrrhine, 187.
Q.
Quérard, 398.
Quesnay, 421.
Page 412
Quinault, Mademoiselle, 78.
R.
Raban, 472.
Rabaud, Saint-Etienne, 329.
Rabelais, 437.
Racine, 71.
Ramdohr, 80.
Ramon, Arzt, 345.
Raucourt, Mademoiselle, 188, 191, 194, 197.
Raulin, 213.
Ravaillac, Fr., 251.
Reichardt, J. F., 115, 237, 468.
Reinhardt, 467.
Renouvier, J., 121, 402.
Rétif de la Bretonne, 46, 71, 87, 97 ff., 140, 145, 149, 156, 157,
159, 160, 161, 162, 166, 170, 173, 208, 246, 254, 312, 317, 332, 333,
464, 465, 466, 498.
Retz (Rais), Gilles de, 271 ff., 458, 462, 477.
Reumont, A. von, 75.
Révérony de Saint-Cyr, J., Baron, 472.
Riario, P., 282.
Ribbing, S., 499, 502.
Ricci, Lorenzo, 65, 76.
Ricci, Scipione de, 76.
Richard, Madame, 61, 138, 367.
Richelieu, Kardinal von, 163, 297.
R.
Raban, 472.
Rabaud, Saint-Etienne, 329.
Rabelais, 437.
Racine, 71.
Ramdohr, 80.
Ramon, Arzt, 345.
Raucourt, Mademoiselle, 188, 191, 194, 197.
Raulin, 213.
Ravaillac, Fr., 251.
Reichardt, J. F., 115, 237, 468.
Reinhardt, 467.
Renouvier, J., 121, 402.
Rétif de la Bretonne, 46, 71, 87, 97 ff., 140, 145, 149, 156, 157,
159, 160, 161, 162, 166, 170, 173, 208, 246, 254, 312, 317, 332, 333,
464, 465, 466, 498.
Retz (Rais), Gilles de, 271 ff., 458, 462, 477.
Reumont, A. von, 75.
Révérony de Saint-Cyr, J., Baron, 472.
Riario, P., 282.
Ribbing, S., 499, 502.
Ricci, Lorenzo, 65, 76.
Ricci, Scipione de, 76.
Richard, Madame, 61, 138, 367.
Richelieu, Kardinal von, 163, 297.
Page 413
Richelieu, Duc de, 131, 216, 252, 275.
Richir, 500.
Ricord, 130.
Ritti, Arzt, 328.
Robé, 105.
Robert, 162.
Robespierre, 85, 87, 210, 263, 266, 301, 334, 335, 469, 470.
Roche-Aymon, De la, 63.
Rochefort, 495.
Rochegrosse, 500.
Rodde, 467.
Rodin, 500.
Rohleder, H., 7, 10, 178.
Rockingston, 104.
Roland, Madame, 80, 266.
Romano, G., 278.
Rops, Félicien, 68.
Roscher, W., 421, 425, 474.
Rosenbaum, J., 232.
Roskoff, G., 497.
Rossignol, 418, 420.
Rougemont, de, 327.
Rousseau, J. J., 36, 87, 89, 101, 105, 210.
Rovère, 336.
Royer-Collard, A. A., 339–341.
Rubens, 57.
Richir, 500.
Ricord, 130.
Ritti, Arzt, 328.
Robé, 105.
Robert, 162.
Robespierre, 85, 87, 210, 263, 266, 301, 334, 335, 469, 470.
Roche-Aymon, De la, 63.
Rochefort, 495.
Rochegrosse, 500.
Rodde, 467.
Rodin, 500.
Rohleder, H., 7, 10, 178.
Rockingston, 104.
Roland, Madame, 80, 266.
Romano, G., 278.
Rops, Félicien, 68.
Roscher, W., 421, 425, 474.
Rosenbaum, J., 232.
Roskoff, G., 497.
Rossignol, 418, 420.
Rougemont, de, 327.
Rousseau, J. J., 36, 87, 89, 101, 105, 210.
Rovère, 336.
Royer-Collard, A. A., 339–341.
Rubens, 57.
Page 414
Rudeck, W., 17, 122.
Russalkow, 483, 489.
S.
Sacher-Masoch, L. v., 446, 447, 483.
Sachsen, Marschall, Moritz von, 87.
Sade, D. A. F., Marquis de, S. 27 u. a. v. O.
— Armand, 297, 345.
Sade, Elzéar de, 294.
Sade, Gaspar François de, 295, 296.
Sade, Hippolyte de, 293.
Sade, Hugo de, 294.
Sade, Hugonin de, 294.
Sade, Jacques François Paul Alphonse de, 295.
Sade, Jean de, 294.
Sade, Jean Baptiste, 294, 298.
Sade, Jean Baptiste François Joseph de, 296, 297.
Sade, Joseph de, 294.
Sade, Louis Marie de, 297, 301.
Sade, Paul de, 294.
Sade, Pierre de, 294.
Saint-Albin, Erzbischof von Cambrai, 59.
Saint-André, 262.
Saint-Croix, Kardinal, 105.
Sainte-Croix, de, 245.
St.-Evremond, 107.
Russalkow, 483, 489.
S.
Sacher-Masoch, L. v., 446, 447, 483.
Sachsen, Marschall, Moritz von, 87.
Sade, D. A. F., Marquis de, S. 27 u. a. v. O.
— Armand, 297, 345.
Sade, Elzéar de, 294.
Sade, Gaspar François de, 295, 296.
Sade, Hippolyte de, 293.
Sade, Hugo de, 294.
Sade, Hugonin de, 294.
Sade, Jacques François Paul Alphonse de, 295.
Sade, Jean de, 294.
Sade, Jean Baptiste, 294, 298.
Sade, Jean Baptiste François Joseph de, 296, 297.
Sade, Joseph de, 294.
Sade, Louis Marie de, 297, 301.
Sade, Paul de, 294.
Sade, Pierre de, 294.
Saint-Albin, Erzbischof von Cambrai, 59.
Saint-André, 262.
Saint-Croix, Kardinal, 105.
Sainte-Croix, de, 245.
St.-Evremond, 107.
Page 415
Saint-Just, 265, 463, 469.
Saint-Lambert, 78.
Saint-Quentin, de, 113.
Salionci, 187.
Salvian, 497.
Sand, George, 473, 479.
Sanson, 254.
Santeul, 274.
Sappho, 10, 187, 193.
Sauvages, 83.
Savary, 267.
Schenk, Leopold, 238.
Scheer, J., 88, 302.
Schiller, 85.
Schloezer, Dorothea, 466.
Schmidt, A., 32, 52, 89, 122, 148, 150, 151, 174, 208, 241, 242.
Schmitt, 262.
Schopenhauer, A., 20, 23, 29, 33.
Schrank, J., 226.
Schrenck-Notzing, von, 9, 447, 448, 451, 458.
Schröder-Devrient, W., 480–482.
Schüle, A., 239, 324.
Sénac de Meilhan, 103.
Sephé, Abbé, 94.
Septimius Severus, 505.
Seume, 267.
Saint-Lambert, 78.
Saint-Quentin, de, 113.
Salionci, 187.
Salvian, 497.
Sand, George, 473, 479.
Sanson, 254.
Santeul, 274.
Sappho, 10, 187, 193.
Sauvages, 83.
Savary, 267.
Schenk, Leopold, 238.
Scheer, J., 88, 302.
Schiller, 85.
Schloezer, Dorothea, 466.
Schmidt, A., 32, 52, 89, 122, 148, 150, 151, 174, 208, 241, 242.
Schmitt, 262.
Schopenhauer, A., 20, 23, 29, 33.
Schrank, J., 226.
Schrenck-Notzing, von, 9, 447, 448, 451, 458.
Schröder-Devrient, W., 480–482.
Schüle, A., 239, 324.
Sénac de Meilhan, 103.
Sephé, Abbé, 94.
Septimius Severus, 505.
Seume, 267.
Page 416
Sévigné, Marquise de, 107, 130, 245.
Sicard, Abbé, 261.
Siéyès, Abbé, 87.
Sigismund, Kaiser, 294.
Sinibaldus, 189.
Sismondi, 44.
Sixtus IV., Papst, 282.
Sodoma (G. A. Razzi), 282.
Sokrates, 23, 26, 505.
Sonck, Fräulein, 192.
Soubise, Prinz von, 154.
Souffrance, 70.
Sougy de (Baron de l’Allée), 321.
Spencer, H., 11.
Spinola, Kardinal, 105.
Spinoza, 36, 505.
Staël, Madame de, 467.
Statius, 417.
Stein, L., 11, 12, 19.
Stern, W., 503.
Stirner, M., 403, 484, 486.
Stolberg, Grafen, 164.
Stratz, C. H., 190.
Ströbel, H., 486.
Sueton, 462.
Sunamitinnen, 171 ff.
Sicard, Abbé, 261.
Siéyès, Abbé, 87.
Sigismund, Kaiser, 294.
Sinibaldus, 189.
Sismondi, 44.
Sixtus IV., Papst, 282.
Sodoma (G. A. Razzi), 282.
Sokrates, 23, 26, 505.
Sonck, Fräulein, 192.
Soubise, Prinz von, 154.
Souffrance, 70.
Sougy de (Baron de l’Allée), 321.
Spencer, H., 11.
Spinola, Kardinal, 105.
Spinoza, 36, 505.
Staël, Madame de, 467.
Statius, 417.
Stein, L., 11, 12, 19.
Stern, W., 503.
Stirner, M., 403, 484, 486.
Stolberg, Grafen, 164.
Stratz, C. H., 190.
Ströbel, H., 486.
Sueton, 462.
Sunamitinnen, 171 ff.
Page 417
Symonds, J. A., 207.
T.
Tacitus, 497.
Taine, H., 298.
Tallien, Madame, 121, 337, 399.
Tardieu, 440, 441, 451.
Tarnowsky, B., 15, 435, 458, 488, 500, 502.
Taxil, 130, 435, 462.
Techener, 461.
Téchul, Marquis de, 192.
Teniers, 96.
Terracenès, Marquis de, 192.
Terrai, Abbé, 154, 192.
Tertullian, 419.
Texier, 349.
Thelesyle, 187.
Theodora, Kaiserin, 271, 417, 439.
Thoinot, 447, 448.
Tiberius, 439, 462.
Tilladet, de, 205.
Tilly, A. Graf von, 98, 99, 101, 202.
Tissot, S. A., 178.
Tocqueville, A., 73.
Torré, Artist, 175.
Toulotte, E. L. J., 472.
T.
Tacitus, 497.
Taine, H., 298.
Tallien, Madame, 121, 337, 399.
Tardieu, 440, 441, 451.
Tarnowsky, B., 15, 435, 458, 488, 500, 502.
Taxil, 130, 435, 462.
Techener, 461.
Téchul, Marquis de, 192.
Teniers, 96.
Terracenès, Marquis de, 192.
Terrai, Abbé, 154, 192.
Tertullian, 419.
Texier, 349.
Thelesyle, 187.
Theodora, Kaiserin, 271, 417, 439.
Thoinot, 447, 448.
Tiberius, 439, 462.
Tilladet, de, 205.
Tilly, A. Graf von, 98, 99, 101, 202.
Tissot, S. A., 178.
Tocqueville, A., 73.
Torré, Artist, 175.
Toulotte, E. L. J., 472.
Page 418
Tour, de la, Graf, 320, 321.
Tylor, E., 12.
U.
Ulrich, O., 466.
Urbsrex, Duchesse de, 192.
Uzanne, 98, 107, 127, 197, 298, 328, 330, 331, 397.
V.
Vacher, 487.
Valbelle, Graf, 103.
Valentin, 311.
Vance, 212.
Vanderbourg, B. de, 468.
Vanini, 36.
Van-Praët, 91.
Venette, 187.
Vergniaud, 265.
Verlaine, Paul, 307.
Vespucci, Amerigo, 269.
Vestris, Mademoiselle, 103.
Vicetelly, 202.
Vigouroux, 246.
Villers, Ch. de, 97, 460, 464, 466–471.
Villeterque, 331, 398.
Visconti, Madame, 337, 399.
Voisin, 243, 246.
Tylor, E., 12.
U.
Ulrich, O., 466.
Urbsrex, Duchesse de, 192.
Uzanne, 98, 107, 127, 197, 298, 328, 330, 331, 397.
V.
Vacher, 487.
Valbelle, Graf, 103.
Valentin, 311.
Vance, 212.
Vanderbourg, B. de, 468.
Vanini, 36.
Van-Praët, 91.
Venette, 187.
Vergniaud, 265.
Verlaine, Paul, 307.
Vespucci, Amerigo, 269.
Vestris, Mademoiselle, 103.
Vicetelly, 202.
Vigouroux, 246.
Villers, Ch. de, 97, 460, 464, 466–471.
Villeterque, 331, 398.
Visconti, Madame, 337, 399.
Voisin, 243, 246.
Page 419
Volney, 267.
Voltaire, 36, 67, 87, 89, 92, 209, 218, 267, 295, 332, 496.
Voulet, 496.
W.
Walpole, H., 308.
Watteau, 110.
Weber, C. J., 56, 279, 285, 287.
Weinhold, K. A., 420.
Westermarck, E., 12, 13, 17, 87.
Wigand, F. W., 22.
Winckelmann, J. J., 281, 500.
Wolff, Peter Phil., 64, 65.
Wrede, R., 66.
Z.
Ziska, J., 70.
Zola, E., 499.
Zweibrücken, Herzog von, 227.
Voltaire, 36, 67, 87, 89, 92, 209, 218, 267, 295, 332, 496.
Voulet, 496.
W.
Walpole, H., 308.
Watteau, 110.
Weber, C. J., 56, 279, 285, 287.
Weinhold, K. A., 420.
Westermarck, E., 12, 13, 17, 87.
Wigand, F. W., 22.
Winckelmann, J. J., 281, 500.
Wolff, Peter Phil., 64, 65.
Wrede, R., 66.
Z.
Ziska, J., 70.
Zola, E., 499.
Zweibrücken, Herzog von, 227.
Page 420
FUSSNOTEN:
[1] „Genesis“. Das Gesetz der Zeugung Bd. III. Leipzig 1899. S. 10.
[2] G. Herman a. a. O. S. 8.
[3] Ernst Haeckel „Anthropogenie“ Bd. II, Leipzig 1891. S. 793.
[4] Ueber „Hermaphroditismus“ und „Gonochorismus“ handelt Haeckel
ausführlich in seiner „Generellen Morphologie“ Leipzig 1866. Bd. II. S. 58–71.
[5] G. L. Kobelt „Die männlichen und weiblichen Wollustorgane des Menschen
und einiger Säugetiere“. Freiburg 1844.
[6] Bisher erschienen Bd. VII Abt. 1 Teil 2: „Die weiblichen Geschlechtsorgane“
von Dr. W. Nagel.
[7] „Die Abstammung des Menschen u. die geschlechtl. Zuchtwahl“ übersetzt
von J. V. Carus. 5. Auflage. Stuttgart 1890.
[8] Victor Hensen „Physiologie der Zeugung“ in Hermann’s „Handbuch der
Physiologie.“ Bd. VI. Leipzig 1880.
[9] „Anthropogenie“ Bd. II. S. 793.
[10] Eine allgemeine, übersichtliche Darstellung des Geschlechtstriebes nach
seiner physischen Erscheinungsweise giebt H. Rohleder in seinen „Vorlesungen
über Sexualtrieb und Sexualleben des Menschen“. Berlin 1901.
[11] Albert Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis.“ Bd. I. Berlin 1897.
S. 1–95.
[12] M. a. a. O. S. 96–310.
[13] Karl Neisser „Die Entstehung der Liebe“. Wien 1897.
[14] „Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des
Geschlechtssinnes“. Stuttgart 1892.
[15] H. Rohleder „Die Masturbation.“ Berlin 1899.
[16] Eine zusammenfassende Behandlung dieser drei Faktoren giebt Havelock
Ellis „Mann u. Weib.“ Leipzig 1894.
[17] Sappho hat in einer ihrer berühmten Oden eine Psychophysik der Liebe
gegeben. Vergl. F. G. Lipps „Grundriss der Psychophysik.“ Leipzig 1899. S. 143.
[18] „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde.“ 6. Auflage, Leipzig 1899.
[19] Vergl. hierüber: L. Stein „Wesen und Aufgabe der Soziologie“ 1898. — Th.
Achelis „Soziologie“ Leipzig 1899.
[20] E. Westermarck „Geschichte der menschlichen Ehe“. A. d. Engl. von L.
Katscher und R. Grazer. 2. Auflage. Berlin 1902.
[21] P. Dufour „Histoire de la prostitution“ 8 Bde. Brüssel. 1851–54. — Eine
recht gute Arbeit über die Prostitution im 19. Jahrhundert ist das Werk von Dr.
Jul. Kühn „Die Prostitution im 19. Jahrhundert“. 4. Aufl. Leipzig 1897. —
[1] „Genesis“. Das Gesetz der Zeugung Bd. III. Leipzig 1899. S. 10.
[2] G. Herman a. a. O. S. 8.
[3] Ernst Haeckel „Anthropogenie“ Bd. II, Leipzig 1891. S. 793.
[4] Ueber „Hermaphroditismus“ und „Gonochorismus“ handelt Haeckel
ausführlich in seiner „Generellen Morphologie“ Leipzig 1866. Bd. II. S. 58–71.
[5] G. L. Kobelt „Die männlichen und weiblichen Wollustorgane des Menschen
und einiger Säugetiere“. Freiburg 1844.
[6] Bisher erschienen Bd. VII Abt. 1 Teil 2: „Die weiblichen Geschlechtsorgane“
von Dr. W. Nagel.
[7] „Die Abstammung des Menschen u. die geschlechtl. Zuchtwahl“ übersetzt
von J. V. Carus. 5. Auflage. Stuttgart 1890.
[8] Victor Hensen „Physiologie der Zeugung“ in Hermann’s „Handbuch der
Physiologie.“ Bd. VI. Leipzig 1880.
[9] „Anthropogenie“ Bd. II. S. 793.
[10] Eine allgemeine, übersichtliche Darstellung des Geschlechtstriebes nach
seiner physischen Erscheinungsweise giebt H. Rohleder in seinen „Vorlesungen
über Sexualtrieb und Sexualleben des Menschen“. Berlin 1901.
[11] Albert Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis.“ Bd. I. Berlin 1897.
S. 1–95.
[12] M. a. a. O. S. 96–310.
[13] Karl Neisser „Die Entstehung der Liebe“. Wien 1897.
[14] „Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des
Geschlechtssinnes“. Stuttgart 1892.
[15] H. Rohleder „Die Masturbation.“ Berlin 1899.
[16] Eine zusammenfassende Behandlung dieser drei Faktoren giebt Havelock
Ellis „Mann u. Weib.“ Leipzig 1894.
[17] Sappho hat in einer ihrer berühmten Oden eine Psychophysik der Liebe
gegeben. Vergl. F. G. Lipps „Grundriss der Psychophysik.“ Leipzig 1899. S. 143.
[18] „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde.“ 6. Auflage, Leipzig 1899.
[19] Vergl. hierüber: L. Stein „Wesen und Aufgabe der Soziologie“ 1898. — Th.
Achelis „Soziologie“ Leipzig 1899.
[20] E. Westermarck „Geschichte der menschlichen Ehe“. A. d. Engl. von L.
Katscher und R. Grazer. 2. Auflage. Berlin 1902.
[21] P. Dufour „Histoire de la prostitution“ 8 Bde. Brüssel. 1851–54. — Eine
recht gute Arbeit über die Prostitution im 19. Jahrhundert ist das Werk von Dr.
Jul. Kühn „Die Prostitution im 19. Jahrhundert“. 4. Aufl. Leipzig 1897. —
Page 421
Rabutaux’ besonders durch eine vorzügliche Bibliographie (von Paul Lacroix)
sich auszeichnende „Prostitution en Europe“ Paris 1851 reicht nur bis zum 16.
Jahrhundert.
[22] In „Eulenburg’s Real-Encyclopaedie der gesamten Heilkunde“ 3. Auflage,
Berlin u. Wien 1898 Bd. 19. S. 436–450.
[23] Tarnowsky „Prostitution u. Abolitionismus“ Hamburg 1890.
[24] A. Hegar „Der Geschlechtstrieb“ Stuttgart 1894.
[25] C. Lombroso „Das Weib als Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg 1894.
[26] W. Rudeck „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland“. 2.
Aufl. m. 58 Illustr. Berlin 1905.
[27] Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse.“ 4. Auflage. Leipzig 1895 S. 111.
— L. Feuerbach hat in seinem Aufsatze „Ueber die Glorie der heiligen Jungfrau
Maria“ (Werke Bd. I Leipzig 1845) das Verhältnis zwischen Religion und Liebe
sehr deutlich gemacht. Vgl. auch das interessante Werk von Laurent-Nagour,
„Okkultismus und Liebe“ Berlin 1903.
[28] C. Abel „Ueber den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen Sprachen“
Berlin 1872. Samml. gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge von
Virchow u. Holtzendorf No. 158/159.
[29] „Die Welt als Wille u. Vorstellung“ ed. E. Griesebach Bd. 2. Leipzig 1891.
„Metaphysik der Geschlechtstriebe“ S. 623–668.
[30] E. v. Hartmann „Philosophie des Unbewussten.“ 6. Auflage. Berlin 1874. S.
671–681.
[31] W. Wigand „Die wahre Bedeutung der platonischen Liebe.“ Berlin 1877. S.
27.
[32] „Neben der physischen Zeugung wandelt die geistige in der Welt“, sagt Ph.
Mainländer. („Die Philosophie der Erlösung“ Leipzig 1894 Bd. II S. 489.)
[33] Hegel’s Ideen hat am klarsten und überzeugendsten entwickelt Kuno
Fischer „System der Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre.“ 2.
Auflage. Heidelberg 1865. S. 527–530. Vgl. jetzt auch K. Fischer „Geschichte
der neuern Philosophie“, Jubiliäumsausgabe, Heidelberg 1899. Bd. VIII (Hegel)
S. 556–561.
[34] Diese Einleitung enthält die Grundzüge einer „Philosophie der Liebe nach
dialektischer Methode“, die wir später in weiterer Ausführung darzustellen die
Absicht haben.
[35] Th. Achelis „Soziologie“ Leipzig 1899. S. 37.
[36] Achelis a. a. O. S. 73–74.
[37] M. Schasler, „Populäre Gedanken aus Hegels Werken“ Berlin 1870 S. 213.
[38] K. Fischer „Diotima. Die Idee des Schönen“. Stuttgart 1852. S. 67 ff.
[39] a. a. O.: „Les voilà, les voilà, ces monstres de l’ancien régime? Nous ne les
avons pas promis beaux, mais vrais, nous tenons parole“.
[40] Adolf Schmidt „Pariser Zustände während der Revolutionszeit 1789–1800.“
Bd. I. Jena 1874 S. 19.
sich auszeichnende „Prostitution en Europe“ Paris 1851 reicht nur bis zum 16.
Jahrhundert.
[22] In „Eulenburg’s Real-Encyclopaedie der gesamten Heilkunde“ 3. Auflage,
Berlin u. Wien 1898 Bd. 19. S. 436–450.
[23] Tarnowsky „Prostitution u. Abolitionismus“ Hamburg 1890.
[24] A. Hegar „Der Geschlechtstrieb“ Stuttgart 1894.
[25] C. Lombroso „Das Weib als Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg 1894.
[26] W. Rudeck „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland“. 2.
Aufl. m. 58 Illustr. Berlin 1905.
[27] Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse.“ 4. Auflage. Leipzig 1895 S. 111.
— L. Feuerbach hat in seinem Aufsatze „Ueber die Glorie der heiligen Jungfrau
Maria“ (Werke Bd. I Leipzig 1845) das Verhältnis zwischen Religion und Liebe
sehr deutlich gemacht. Vgl. auch das interessante Werk von Laurent-Nagour,
„Okkultismus und Liebe“ Berlin 1903.
[28] C. Abel „Ueber den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen Sprachen“
Berlin 1872. Samml. gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge von
Virchow u. Holtzendorf No. 158/159.
[29] „Die Welt als Wille u. Vorstellung“ ed. E. Griesebach Bd. 2. Leipzig 1891.
„Metaphysik der Geschlechtstriebe“ S. 623–668.
[30] E. v. Hartmann „Philosophie des Unbewussten.“ 6. Auflage. Berlin 1874. S.
671–681.
[31] W. Wigand „Die wahre Bedeutung der platonischen Liebe.“ Berlin 1877. S.
27.
[32] „Neben der physischen Zeugung wandelt die geistige in der Welt“, sagt Ph.
Mainländer. („Die Philosophie der Erlösung“ Leipzig 1894 Bd. II S. 489.)
[33] Hegel’s Ideen hat am klarsten und überzeugendsten entwickelt Kuno
Fischer „System der Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre.“ 2.
Auflage. Heidelberg 1865. S. 527–530. Vgl. jetzt auch K. Fischer „Geschichte
der neuern Philosophie“, Jubiliäumsausgabe, Heidelberg 1899. Bd. VIII (Hegel)
S. 556–561.
[34] Diese Einleitung enthält die Grundzüge einer „Philosophie der Liebe nach
dialektischer Methode“, die wir später in weiterer Ausführung darzustellen die
Absicht haben.
[35] Th. Achelis „Soziologie“ Leipzig 1899. S. 37.
[36] Achelis a. a. O. S. 73–74.
[37] M. Schasler, „Populäre Gedanken aus Hegels Werken“ Berlin 1870 S. 213.
[38] K. Fischer „Diotima. Die Idee des Schönen“. Stuttgart 1852. S. 67 ff.
[39] a. a. O.: „Les voilà, les voilà, ces monstres de l’ancien régime? Nous ne les
avons pas promis beaux, mais vrais, nous tenons parole“.
[40] Adolf Schmidt „Pariser Zustände während der Revolutionszeit 1789–1800.“
Bd. I. Jena 1874 S. 19.
Page 422
[41] L. S. Mercier „Le nouveau Paris“. Band IV. Paris 1800. S. 190.
[42] Paul Moreau (de Tours) „Des aberrations du sens génésique“ 4. éd. Paris
1887. S. 13.
[43] Edmond et Jules de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle“. Paris
1898. S. 151.
[44] „Histoire du clergé pendant la révolution française“ par l’Abbé Barruel,
London 1793 S. 2–3.
[45] Nach Barruel a. a. O. S. 4 hatte sogar Cérutti, der eine Apologie des
Jesuitismus schrieb, sterbend geäussert: Le seul regret que j’emporte en
mourant, c’est de laisser encore une religion sur la terre.
[46] A. Schmidt a. a. O. Bd. III 1876 S. 229.
[47] Schmidt a. a. O. III S. 236.
[48] a. a. O. S. 58.
[49] E. u. J. Goncourt „Les maîtresses de Louis XV“. Paris 1860. 2 Bde. — „La
duchesse de Châteauxroux et ses sœurs“. Paris 1878. — Neuerdings erschien
Comte Fleury „Louis XV intime et ses petites maîtresses.“ Paris 1899.
[50] „Le Parc au Cerf, ou l’Origine de l’affreux Deficit.“ Paris 1798 (von
François Mayeur de Saint Paul). Vgl. ferner Faverolle „Le Parc aux cerfs,
Histoire secrète des jeunes demoiselles qui y ont été renfermées.“ Paris 1808, 4
Bde.
[51] J. A. Dulaure, Histoire physique, civile et morale de Paris. Bd. V. Paris
1821. S. 367–369.
[52] „Geschichte des Privatlebens Ludwig’s XV.“ Teil III. Berlin 1781. S. 17–18.
[53] Casanova erzählt in seinen Memoiren (ed. Alvensleben-Schmidt, Bd. V, S.
126), dass der Hirschpark von Niemandem besucht werden durfte, ausser von
den bei Hofe vorgestellten Damen.
[54] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des
Lasters“. Leipzig 1874. S. 31 ff.
[55] In neuerer Zeit hat Louis Lacour, zuerst in der „Revue française“ Jahrg.
1858, Bd. XIV S. 546 ff., später in einer selbständigen Schrift „Le Parc-aux-
cerfs du roi Louis XV“ (Paris 1859) sehr interessante kritische Untersuchungen
über den Hirschpark veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Ausgaben
über den kolossalen Luxus in diesem königlichen Bordelle sehr übertrieben
waren. In Wirklichkeit war der „Hirschpark“ nach Lacour ein sehr versteckt
gelegenes Haus in der Rue Saint-Méderic, welches höchst einfach, ohne jeden
Luxus eingerichtet war. — Der Inhalt eines ein Jahr später veröffentlichten
Werkes von Albert Blanquet „Le Parc-aux-cerfs“ (Paris, 1860, 5 Bände) ist mir
nicht bekannt. Nach dem Umfange vermute ich in demselben einen Roman. —
Ein sehr merkwürdiges, den verschiedensten Quellen entnommenes Kapitel über
den Hirschpark findet sich bei Th. F. Debray „Histoire de la prostitution et de la
débauche“ Paris o. J. S. 686–698.
[56] Moreau a. a. O. S. 59–60.
[42] Paul Moreau (de Tours) „Des aberrations du sens génésique“ 4. éd. Paris
1887. S. 13.
[43] Edmond et Jules de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle“. Paris
1898. S. 151.
[44] „Histoire du clergé pendant la révolution française“ par l’Abbé Barruel,
London 1793 S. 2–3.
[45] Nach Barruel a. a. O. S. 4 hatte sogar Cérutti, der eine Apologie des
Jesuitismus schrieb, sterbend geäussert: Le seul regret que j’emporte en
mourant, c’est de laisser encore une religion sur la terre.
[46] A. Schmidt a. a. O. Bd. III 1876 S. 229.
[47] Schmidt a. a. O. III S. 236.
[48] a. a. O. S. 58.
[49] E. u. J. Goncourt „Les maîtresses de Louis XV“. Paris 1860. 2 Bde. — „La
duchesse de Châteauxroux et ses sœurs“. Paris 1878. — Neuerdings erschien
Comte Fleury „Louis XV intime et ses petites maîtresses.“ Paris 1899.
[50] „Le Parc au Cerf, ou l’Origine de l’affreux Deficit.“ Paris 1798 (von
François Mayeur de Saint Paul). Vgl. ferner Faverolle „Le Parc aux cerfs,
Histoire secrète des jeunes demoiselles qui y ont été renfermées.“ Paris 1808, 4
Bde.
[51] J. A. Dulaure, Histoire physique, civile et morale de Paris. Bd. V. Paris
1821. S. 367–369.
[52] „Geschichte des Privatlebens Ludwig’s XV.“ Teil III. Berlin 1781. S. 17–18.
[53] Casanova erzählt in seinen Memoiren (ed. Alvensleben-Schmidt, Bd. V, S.
126), dass der Hirschpark von Niemandem besucht werden durfte, ausser von
den bei Hofe vorgestellten Damen.
[54] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des
Lasters“. Leipzig 1874. S. 31 ff.
[55] In neuerer Zeit hat Louis Lacour, zuerst in der „Revue française“ Jahrg.
1858, Bd. XIV S. 546 ff., später in einer selbständigen Schrift „Le Parc-aux-
cerfs du roi Louis XV“ (Paris 1859) sehr interessante kritische Untersuchungen
über den Hirschpark veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Ausgaben
über den kolossalen Luxus in diesem königlichen Bordelle sehr übertrieben
waren. In Wirklichkeit war der „Hirschpark“ nach Lacour ein sehr versteckt
gelegenes Haus in der Rue Saint-Méderic, welches höchst einfach, ohne jeden
Luxus eingerichtet war. — Der Inhalt eines ein Jahr später veröffentlichten
Werkes von Albert Blanquet „Le Parc-aux-cerfs“ (Paris, 1860, 5 Bände) ist mir
nicht bekannt. Nach dem Umfange vermute ich in demselben einen Roman. —
Ein sehr merkwürdiges, den verschiedensten Quellen entnommenes Kapitel über
den Hirschpark findet sich bei Th. F. Debray „Histoire de la prostitution et de la
débauche“ Paris o. J. S. 686–698.
[56] Moreau a. a. O. S. 59–60.
Page 423
[57] Aehnliche fromme Ausrufe bei gleicher Gelegenheit in Mirabeau, „Ma
conversion“. London 1783 S. 12.
[58] „Chronique sécrète de Paris sous le règne de Louis XVI. (1774)“ in „Revue
rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 46.
[59] P. Manuel „La police de Paris dévoilée“. Bd. II. Paris L’an II. S. 86 u. 200.
[60] P. Lacroix, „XVIIIme Siècle. Institutions, Usages et Costumes“ Paris 1875.
S. 35.
[61] „Les amours de Charlot et Toinete“. Paris (Londres) 1779.
[62] „L’espion Anglais ou Correspondance secrète entre Milord All’ eye et
Milord All’ ear.“ London 1784. Bd. II, S. 82 (von M. Fr. Pidanzat de Mairobert;
das wertvollste, durchweg authentische Werk über die Sittenlosigkeit
Frankreichs im 18. Jahrhundert).
[63] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Réstif de la
Bretonne“ par P. L. Jacob Bibliophile. Paris 1875. S. 422.
[64] L’espion anglais II. S. 117.
[65] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
[66] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
[67] Dulaure a. a. O. Bd. V. S. 435.
[68] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. Bd. I. Hamburg 1781. S. 180.
[69] Brillat-Savarin „Physiologie des Geschmackes.“ 2. Aufl. Braunschweig.
1866. S. 363.
[70] Brillat-Savarin a. a. O. S. 362.
[71] A. Schmidt „Tableaux de la Révolution Française.“ Leipzig 1867. Bd. I. S.
125.
[72] Pierre Manuel „La Police de Paris dévoilée, Tome I. A Paris L’an second de
la liberté.“ „De la Police sur les prêtres.“ S. 292–321.
[73] Dieser lakonische, aber vielsagende Bericht erinnert fast wörtlich an ein
deutsches Epigramm des 18. Jahrhunderts:
„Gestern schwor ich unter tausend Küssen
Im Genusse ihrer Zärtlichkeit
Ewige Verschwiegenheit —
Heute muss es der Chirurgus wissen!“
(Siehe C. J. Weber „Demokritos“ Stuttgart 1868 Bd. V. S. 166.)
[74] Der „Portier des Chartreux ou Histoire de Dom Bougre“ ist ein die
Paederastie verherrlichender Roman, der dem Marquis de Sade von einigen
zugeschrieben wird. Dies ist aber unmöglich, da die erste Ausgabe dieses Buches
1745 erschien, als de Sade erst fünf Jahre alt war. Vgl. Le C. d’J...
„Bibliographie des ouvrages relatifs à l’amour etc.“ Neue Ausgabe von J.
Lemonnyer, Lille 1897 Bd. II S. 496 (citiert als Lemonnyer).
conversion“. London 1783 S. 12.
[58] „Chronique sécrète de Paris sous le règne de Louis XVI. (1774)“ in „Revue
rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 46.
[59] P. Manuel „La police de Paris dévoilée“. Bd. II. Paris L’an II. S. 86 u. 200.
[60] P. Lacroix, „XVIIIme Siècle. Institutions, Usages et Costumes“ Paris 1875.
S. 35.
[61] „Les amours de Charlot et Toinete“. Paris (Londres) 1779.
[62] „L’espion Anglais ou Correspondance secrète entre Milord All’ eye et
Milord All’ ear.“ London 1784. Bd. II, S. 82 (von M. Fr. Pidanzat de Mairobert;
das wertvollste, durchweg authentische Werk über die Sittenlosigkeit
Frankreichs im 18. Jahrhundert).
[63] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Réstif de la
Bretonne“ par P. L. Jacob Bibliophile. Paris 1875. S. 422.
[64] L’espion anglais II. S. 117.
[65] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
[66] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
[67] Dulaure a. a. O. Bd. V. S. 435.
[68] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. Bd. I. Hamburg 1781. S. 180.
[69] Brillat-Savarin „Physiologie des Geschmackes.“ 2. Aufl. Braunschweig.
1866. S. 363.
[70] Brillat-Savarin a. a. O. S. 362.
[71] A. Schmidt „Tableaux de la Révolution Française.“ Leipzig 1867. Bd. I. S.
125.
[72] Pierre Manuel „La Police de Paris dévoilée, Tome I. A Paris L’an second de
la liberté.“ „De la Police sur les prêtres.“ S. 292–321.
[73] Dieser lakonische, aber vielsagende Bericht erinnert fast wörtlich an ein
deutsches Epigramm des 18. Jahrhunderts:
„Gestern schwor ich unter tausend Küssen
Im Genusse ihrer Zärtlichkeit
Ewige Verschwiegenheit —
Heute muss es der Chirurgus wissen!“
(Siehe C. J. Weber „Demokritos“ Stuttgart 1868 Bd. V. S. 166.)
[74] Der „Portier des Chartreux ou Histoire de Dom Bougre“ ist ein die
Paederastie verherrlichender Roman, der dem Marquis de Sade von einigen
zugeschrieben wird. Dies ist aber unmöglich, da die erste Ausgabe dieses Buches
1745 erschien, als de Sade erst fünf Jahre alt war. Vgl. Le C. d’J...
„Bibliographie des ouvrages relatifs à l’amour etc.“ Neue Ausgabe von J.
Lemonnyer, Lille 1897 Bd. II S. 496 (citiert als Lemonnyer).
Page 424
[75] Hierzu bemerkt Manuel: „Ich finde nur einen Jesuiten bei den Dirnen. Es
wäre mir angenehm gewesen, ihnen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“
Diese Gerechtigkeit werden wir ihnen weiter unten in gebührender Weise zu Teil
werden lassen. Die Jesuiten waren zu klug, um sich in Bordellen ertappen zu
lassen.
[76] Casanova fand die Gräfin Limore als Maitresse „in Gesellschaft des Herrn
von Saint-Albin, Erzbischofs von Cambrai, eines hochbetagten Liebhabers, der
für sie die ganzen Einkünfte seines Erzbistums verschwendete“. „Jacob
Casanova v. Seingalt’s Memoiren“ Deutsch v. L. v. Alvensleben u. C. F. Schmidt
Bd. XIII. S. 99.
[77] „La Chasteté du Clergé dévoilée, ou Procès-verbaux des séances du clergé
chez les filles de Paris, trouvés à la Bastille.“ Paris 1790. 2 Bde. Einer der
Verfasser war Dominique Darimajou, Referendar am Rechnungshofe.
[78] Mitgeteilt in „Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 153–154.
[79] „L’espion Anglais.“ Bd. X. London 1784. Brief XIV „Suite et fin de la
Confession d’une jeune fille.“ S. 309–327.
[80] Etwas anders sagt La Mettrie „Œuvres philosophiques“, 1741 citirt nach P.
Garnier „Onanisme“ Paris 1888 S. 122: „Tout est femme dans ce qu’on aime,
l’empire de l’amour ne connaît d’autres bornes que celles du plaisir.“ — Eine
erotische Novelle „Confession galante d’une femme du Monde“ (Brüssel 1873)
hat das Motto: „Dans la femme aimée tout est c..“
[81] Vgl. „Manuel des Confesseurs ou les Diaconales“. Par Bouvier, Verviers o.
J. (Titelblatt).
[82] „L’espion anglais“ London 1784 Bd. I S. 241 ff.
[83] Montesqieu’s „Persische Briefe“ deutsch von A. Strodtmann, Berlin 1866 S.
247 (Brief 134).
[84] Peter Philipp Wolf „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Zürich 1790. Bd.
II. S. 390.
[85] J. C. Harenberg „Pragmatische Geschichte des Ordens der Jesuiten.“ Bd. II.
Kap. 7. Abschn. XII. § 437. S. 1412 zitiert nach Wolf a. a. O.
[86] Wolf a. a. O. Bd. II. S. 321 u. 428.
[87] Wolf a. a. O. Bd. I S. 201 u. Bd. II S. 403.
[88] Wolf a. a. O. Bd. II S. 281.
[89] Wolf a. a. O. I S. 240.
[90] Juan de Mariana „De rege et regis institutione“, Toledo 1599.
[91] Wolf a. a. O. Bd. III. S. 290.
[92] Eine zuverlässige Darstellung giebt A. Kurtzel: „Der Jesuit Girard und seine
Heilige. Ein Beitrag zur geistlichen Geschichte des vorigen Jahrhunderts“ in
„Histor. Taschenbuch“ von Friedr. Raumer. N. F. 4. Jahrg. Leipzig 1843. S. 413–
485. Dort auch zahlreiche literarische Nachweise. Die gründlichste neuere
kritisch-bibliographische Untersuchung findet sich bei P. Fraxi „Centuria
librorum absconditorum“ London 1879 S. 225–253.
wäre mir angenehm gewesen, ihnen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“
Diese Gerechtigkeit werden wir ihnen weiter unten in gebührender Weise zu Teil
werden lassen. Die Jesuiten waren zu klug, um sich in Bordellen ertappen zu
lassen.
[76] Casanova fand die Gräfin Limore als Maitresse „in Gesellschaft des Herrn
von Saint-Albin, Erzbischofs von Cambrai, eines hochbetagten Liebhabers, der
für sie die ganzen Einkünfte seines Erzbistums verschwendete“. „Jacob
Casanova v. Seingalt’s Memoiren“ Deutsch v. L. v. Alvensleben u. C. F. Schmidt
Bd. XIII. S. 99.
[77] „La Chasteté du Clergé dévoilée, ou Procès-verbaux des séances du clergé
chez les filles de Paris, trouvés à la Bastille.“ Paris 1790. 2 Bde. Einer der
Verfasser war Dominique Darimajou, Referendar am Rechnungshofe.
[78] Mitgeteilt in „Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 153–154.
[79] „L’espion Anglais.“ Bd. X. London 1784. Brief XIV „Suite et fin de la
Confession d’une jeune fille.“ S. 309–327.
[80] Etwas anders sagt La Mettrie „Œuvres philosophiques“, 1741 citirt nach P.
Garnier „Onanisme“ Paris 1888 S. 122: „Tout est femme dans ce qu’on aime,
l’empire de l’amour ne connaît d’autres bornes que celles du plaisir.“ — Eine
erotische Novelle „Confession galante d’une femme du Monde“ (Brüssel 1873)
hat das Motto: „Dans la femme aimée tout est c..“
[81] Vgl. „Manuel des Confesseurs ou les Diaconales“. Par Bouvier, Verviers o.
J. (Titelblatt).
[82] „L’espion anglais“ London 1784 Bd. I S. 241 ff.
[83] Montesqieu’s „Persische Briefe“ deutsch von A. Strodtmann, Berlin 1866 S.
247 (Brief 134).
[84] Peter Philipp Wolf „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Zürich 1790. Bd.
II. S. 390.
[85] J. C. Harenberg „Pragmatische Geschichte des Ordens der Jesuiten.“ Bd. II.
Kap. 7. Abschn. XII. § 437. S. 1412 zitiert nach Wolf a. a. O.
[86] Wolf a. a. O. Bd. II. S. 321 u. 428.
[87] Wolf a. a. O. Bd. I S. 201 u. Bd. II S. 403.
[88] Wolf a. a. O. Bd. II S. 281.
[89] Wolf a. a. O. I S. 240.
[90] Juan de Mariana „De rege et regis institutione“, Toledo 1599.
[91] Wolf a. a. O. Bd. III. S. 290.
[92] Eine zuverlässige Darstellung giebt A. Kurtzel: „Der Jesuit Girard und seine
Heilige. Ein Beitrag zur geistlichen Geschichte des vorigen Jahrhunderts“ in
„Histor. Taschenbuch“ von Friedr. Raumer. N. F. 4. Jahrg. Leipzig 1843. S. 413–
485. Dort auch zahlreiche literarische Nachweise. Die gründlichste neuere
kritisch-bibliographische Untersuchung findet sich bei P. Fraxi „Centuria
librorum absconditorum“ London 1879 S. 225–253.
Page 425
[93] Die älteste derartige Erzählung erschien bereits 1729: „Les amours de
Sainfroid Jesuite, et d’Eulalie fille devote. Histoire véritable. Suivie de quelques
nouvelles nouvelles.“ A la Haye 1729.
[94] R. Wrede „Die Körperstrafen bei allen Völkern von den ältesten Zeiten bis
zur Gegenwart.“ Dresden 1899. S. 167. P. Fraxi bemerkt: „The Marquis de Sade
no doubt had it in mind when writing several of his cruelest chapters“ a. a. O. S.
253.
[95] G. Herman „Genesis.“ Das Gesetz der Zeugung. Bd. III. Leipzig 1899. S.
84 ff.
[96] G. Legué „Médecins et empoisonneurs au XVIIe siècle“ Paris 1896. S.
139–168.
[97] St. Przybyszewski „Die Entstehung und der Kult der Satanskirche“ in „Die
Kritik“ 1879 No. 134, 135, 148, 149, 150.
[98] Vgl. Floegel, Geschichte des Grotesk-Komischen. 5. Aufl. m. 41 z. Teil
sehr interess. Abbildungen. Leipzig 1888. S. 205 ff.
[99] J. C. Huysmans „La-bas“ Paris 1891. „En route“ Paris 1887. Siehe Näheres
bei Herman a. a. O. S. 113 ff.
[100] „Histoire de Magdalaine Bavent, religieuse du monastère de Saint Louis
de Louviers etc.“ Paris 1652. Die Geschichte der Magdalaine Bavent ist auch zu
einem neueren Roman verarbeitet worden: „Le Couvent de Gomorrhe“ von
Jacques Souffrance, Paris o. J.
[101] Schilderung derselben bei Herman a. a. O. S. 110 ff.
[102] E. u. J. de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle.“ Paris 1898. S. 17.
[103] E. u. J. Goncourt a. a. O. S. 10.
[104] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV. S. 110.
[105] H. Th. Buckle „Geschichte der Zivilisation in England.“ Deutsch von A.
Ruge. Leipzig und Heidelberg 1874. Bd. I. S. 227 ff.
[106] Buckle a. a. O. S. 229.
[107] F. Lotheissen „Zur Sittengeschichte Frankreichs.“ Leipzig 1885. S. 136.
[108] Z. B. „Les Nonnes galantes“ des Marquis d’Argens. La Haye 1740. —
„Les délices du cloître ou la nonne éclairée.“ 1760. — Wie sehr gesucht von den
Wüstlingen die Liebe einer „femme dévote“ im 18. Jahrhundert war, schildern
übrigens die Goncourts selbst sehr anschaulich a. a. O. S. 455. ff. Vergl. endlich
noch „Lettres galantes et philosophiques de deux Nonnes, publiées par un apôtre
du libertinage.“ Au Paraclet 1777, und unzählige andere, die Corruption in den
Nonnenklöstern schildernde Schriften, die man bei Lemonnyer a. a. O. findet.
[109] Joseph Gorani „Mémoires secrets et critiques des cours et des mœurs des
principaux etats de l’Italie.“ Paris 1794 Bd. II. S. 86.
[110] Alfred v. Reumont „Geschichte Toskanas seit dem Ende des florentinischen
Freistaates.“ Gotha 1877. Bd. II. S. 173 ff.
[111] „Vie de Scipion de Ricci“ par de Potter, Brüssel 1825. Bd. I. Anhang Note
13 bis Note 47. S. 331–500 (Ausführliches Verhör der Angeklagten) — Auch bei
Sainfroid Jesuite, et d’Eulalie fille devote. Histoire véritable. Suivie de quelques
nouvelles nouvelles.“ A la Haye 1729.
[94] R. Wrede „Die Körperstrafen bei allen Völkern von den ältesten Zeiten bis
zur Gegenwart.“ Dresden 1899. S. 167. P. Fraxi bemerkt: „The Marquis de Sade
no doubt had it in mind when writing several of his cruelest chapters“ a. a. O. S.
253.
[95] G. Herman „Genesis.“ Das Gesetz der Zeugung. Bd. III. Leipzig 1899. S.
84 ff.
[96] G. Legué „Médecins et empoisonneurs au XVIIe siècle“ Paris 1896. S.
139–168.
[97] St. Przybyszewski „Die Entstehung und der Kult der Satanskirche“ in „Die
Kritik“ 1879 No. 134, 135, 148, 149, 150.
[98] Vgl. Floegel, Geschichte des Grotesk-Komischen. 5. Aufl. m. 41 z. Teil
sehr interess. Abbildungen. Leipzig 1888. S. 205 ff.
[99] J. C. Huysmans „La-bas“ Paris 1891. „En route“ Paris 1887. Siehe Näheres
bei Herman a. a. O. S. 113 ff.
[100] „Histoire de Magdalaine Bavent, religieuse du monastère de Saint Louis
de Louviers etc.“ Paris 1652. Die Geschichte der Magdalaine Bavent ist auch zu
einem neueren Roman verarbeitet worden: „Le Couvent de Gomorrhe“ von
Jacques Souffrance, Paris o. J.
[101] Schilderung derselben bei Herman a. a. O. S. 110 ff.
[102] E. u. J. de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle.“ Paris 1898. S. 17.
[103] E. u. J. Goncourt a. a. O. S. 10.
[104] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV. S. 110.
[105] H. Th. Buckle „Geschichte der Zivilisation in England.“ Deutsch von A.
Ruge. Leipzig und Heidelberg 1874. Bd. I. S. 227 ff.
[106] Buckle a. a. O. S. 229.
[107] F. Lotheissen „Zur Sittengeschichte Frankreichs.“ Leipzig 1885. S. 136.
[108] Z. B. „Les Nonnes galantes“ des Marquis d’Argens. La Haye 1740. —
„Les délices du cloître ou la nonne éclairée.“ 1760. — Wie sehr gesucht von den
Wüstlingen die Liebe einer „femme dévote“ im 18. Jahrhundert war, schildern
übrigens die Goncourts selbst sehr anschaulich a. a. O. S. 455. ff. Vergl. endlich
noch „Lettres galantes et philosophiques de deux Nonnes, publiées par un apôtre
du libertinage.“ Au Paraclet 1777, und unzählige andere, die Corruption in den
Nonnenklöstern schildernde Schriften, die man bei Lemonnyer a. a. O. findet.
[109] Joseph Gorani „Mémoires secrets et critiques des cours et des mœurs des
principaux etats de l’Italie.“ Paris 1794 Bd. II. S. 86.
[110] Alfred v. Reumont „Geschichte Toskanas seit dem Ende des florentinischen
Freistaates.“ Gotha 1877. Bd. II. S. 173 ff.
[111] „Vie de Scipion de Ricci“ par de Potter, Brüssel 1825. Bd. I. Anhang Note
13 bis Note 47. S. 331–500 (Ausführliches Verhör der Angeklagten) — Auch bei
Page 426
A. Gelli „Memorie de Scipione de’ Ricci.“ Florenz 1865. Bd. I. S. 54 ff.
[112] G. Brandes „Essays“. 2. Band. 2. Auflage Leipzig, Verlag von H. Barsdorf
1897. S. 278.
[113] E. u. J. de Goncourt. „La femme au dix-huitième siècle;“ Paris 1898. B.
471.
[114] Eine ausgezeichnete Schilderung dieser Salons entwirft Karl Frenzel
„Renaissance und Rococo.“ Berlin 1876 in dem Aufsatze „Pariser
Gesellschaftsleben im achtzehnten Jahrhundert“ S. 298–331. — Vergl. auch E.
du Bois-Reymond „Darwin versus Galiani“ in „Reden“. Bd. I. Leipzig 1886. S.
211 ff. — Den Einfluss der Salons kann man deutlich bei Sade in dem Bedürfnis
der zahllosen „philosophischen Diskussionen“ erkennen.
[115] „Mémoires de Mme. d’Epinay“ Bd. I cit. nach E. u. J. de Goncourt a. a. O.
S. 159.
[116] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 175.
[117] E. u. J. Goncourt a. a. O. S. 181.
[118] Casanova erzählt in seinen Memoiren, dass ein gewisser Blondel seine
eigene Frau nicht bei sich, sondern getrennt in einer „petite maison“ wohnen
liess, damit sie ihm als Maitresse erschiene und so der Umgang mit ihr ihm mehr
Genuss verschaffte. („Jacob Casanova von Seingalt’s Memoiren.“ Deutsch von
L. v. Alvensleben u. C. F. Schmidt. Bd. XIII, S. 97.)
[119] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. Hamburg 1781. Bd. II, S. 6–7.
[120] Friedr. Wilh. Basil. Ramdohr „Venus Urania“, Leipzig 1798. Bd. III, Abt.
2, S. 288.
[121] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 173.
[122] F. Lotheisen „Litteratur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der
Revolution 1789–94.“ Wien 1872. S. 56.
[123] Rétif de la Bretonne „La fille entretenue et vertueuse, ou les progrès de la
vertu“. Paris 1774. S. 175 ff.
[124] Rétif de la Bretonne „Die Zeitgenossinnen.“ Berlin 1781. Bd. VI, S. 9–10.
[125] Cénac Moncaut „Histoire de l’amour dans les temps modernes“. Paris
1863. S. 396.
[126] W. von Bechterew „Suggestion und ihre soziale Bedeutung.“ Leipzig 1899.
S. 29–30.
[127] J. A. Dulaure. „Histoire physique, civile et morale de Paris“. Paris 1821.
Bd. V, S. 145–147.
[128] Mad. G. Abricosoff „L’hystérie an XVIIe et XVIIIe siècle.“ Paris 1897.
[129] Abricossoff a. a. O. S. 73–74.
[130] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 194.
[131] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 196.
[132] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 198.
[112] G. Brandes „Essays“. 2. Band. 2. Auflage Leipzig, Verlag von H. Barsdorf
1897. S. 278.
[113] E. u. J. de Goncourt. „La femme au dix-huitième siècle;“ Paris 1898. B.
471.
[114] Eine ausgezeichnete Schilderung dieser Salons entwirft Karl Frenzel
„Renaissance und Rococo.“ Berlin 1876 in dem Aufsatze „Pariser
Gesellschaftsleben im achtzehnten Jahrhundert“ S. 298–331. — Vergl. auch E.
du Bois-Reymond „Darwin versus Galiani“ in „Reden“. Bd. I. Leipzig 1886. S.
211 ff. — Den Einfluss der Salons kann man deutlich bei Sade in dem Bedürfnis
der zahllosen „philosophischen Diskussionen“ erkennen.
[115] „Mémoires de Mme. d’Epinay“ Bd. I cit. nach E. u. J. de Goncourt a. a. O.
S. 159.
[116] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 175.
[117] E. u. J. Goncourt a. a. O. S. 181.
[118] Casanova erzählt in seinen Memoiren, dass ein gewisser Blondel seine
eigene Frau nicht bei sich, sondern getrennt in einer „petite maison“ wohnen
liess, damit sie ihm als Maitresse erschiene und so der Umgang mit ihr ihm mehr
Genuss verschaffte. („Jacob Casanova von Seingalt’s Memoiren.“ Deutsch von
L. v. Alvensleben u. C. F. Schmidt. Bd. XIII, S. 97.)
[119] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. Hamburg 1781. Bd. II, S. 6–7.
[120] Friedr. Wilh. Basil. Ramdohr „Venus Urania“, Leipzig 1798. Bd. III, Abt.
2, S. 288.
[121] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 173.
[122] F. Lotheisen „Litteratur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der
Revolution 1789–94.“ Wien 1872. S. 56.
[123] Rétif de la Bretonne „La fille entretenue et vertueuse, ou les progrès de la
vertu“. Paris 1774. S. 175 ff.
[124] Rétif de la Bretonne „Die Zeitgenossinnen.“ Berlin 1781. Bd. VI, S. 9–10.
[125] Cénac Moncaut „Histoire de l’amour dans les temps modernes“. Paris
1863. S. 396.
[126] W. von Bechterew „Suggestion und ihre soziale Bedeutung.“ Leipzig 1899.
S. 29–30.
[127] J. A. Dulaure. „Histoire physique, civile et morale de Paris“. Paris 1821.
Bd. V, S. 145–147.
[128] Mad. G. Abricosoff „L’hystérie an XVIIe et XVIIIe siècle.“ Paris 1897.
[129] Abricossoff a. a. O. S. 73–74.
[130] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 194.
[131] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 196.
[132] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 198.
Page 427
[133] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 199. — Ein Teil der „Justine“ spielt in
Grenoble.
[134] Vergl. das Kapitel „Les furies de guillotine“ bei E. Lairtullier, „Les
femmes célèbres de 1789 à 1795“. Paris 1840. Bd. II, S. 199–207.
[135] Lady Blennerhassett, „Frau von Staël.“ Berlin 1887. Bd. I, 6. 63.
[136] E. Legouvé, „Histoire morale des femmes.“ Paris 1864. S. 4.
[137] Das unglaublichste Beispiel der Verachtung der Frau findet sich bei Buckle
a. a. O. I. S. 219–20, wo erzählt wird, dass die Schauspielerin Chantilly, die eben
den Dichter Favart geheiratet hatte, von der französischen Regierung
gezwungen wurde, gleichzeitig die Maitresse des Marschalls Moritz von Sachsen
zu werden.
[138] Johannes Scherr, „Allgemeine Geschichte der Litteratur“. Stuttgart 1887.
Bd. I, S. 267.
[139] Charles Aubertin, „L’esprit public au XVIIIe siècle.“ Paris 1873. S. 481.
[140] J. Janin, „Le marquis de Sade.“ Revue de Paris 1834. Bd. XI, S. 333.
[141] A. Schmidt a. a. O, Bd. II. Jena 1875. S. 86 ff.
[142] Paul Lacroix a. a. O. S. 506.
[143] P. Fraxi „Index librorum prohibitorum.“ London 1877. S. XXIX
[144] A. J. B. Parent-Duchatelet, „Die Sittenverderbnis des weiblichen
Geschlechts in Paris“, übers. von G. W. Becker, Leipzig 1837. Bd. II. S. 183.
[145] Comte d’J*** (J. Gay) „Bibliographie des ouvrages relatifs à l’Amour
etc.“ 3. éd. Turin 1871. 6 Bde. Neuerdings hat J. Lemonnyer eine neue vierte
Ausgabe dieses höchst schätzbaren Werkes veranstaltet (Lille 1897–1900, 4
Bände), die wohl durch Nachträge, sowie durch vortreffliche Indices
vervollkommnet ist, andrerseits aber zahlreiche drastische Zitate der alten
Auflage fortgelassen hat, so dass die dritte Auflage immer noch unentbehrlich
ist.
[146] Henry Cohen „Guide de l’amateur de livres à figures et à vignettes du
XVIIIe siècle“ 3. éd. Paris 1876. Neue Auflage 1880. Das Buch zeigt viele
Mängel.
[147] „Œuvres de Gentil-Bernard“. Paris 1834. Bd. I, S. 25–88.
[148] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 154. est certaine. a. a. O. Gesang II, S. 51.
[149] L’Amour a ses auteurs — Agens secrets, dont l’atteinte est certaine,
a. a. O. Gesang II, S. 51.
[150] E. u. J. de Goncourt a. a. O. 201. Sade erwähnt Crébillons „Sopha“,
„Tanzai“, „Les égarements du cœur“, als Romane „qui flattaient le vice et
s’éloignaient de la vertu“, in „Idée sur les Romans“ ed. O. Uzanne, Paris 1878.
S. 23.
[151] „Le sopha, conte moral“ (!) A la Haye 1742. Nachgeahmt in „Le canapé
couleur de feu“. London 1745.
[152] „Les Incas“. Paris 1767. Sade erwähnt Marmontel in „Idée sur les Romans
etc.“ S. 24–25.
Grenoble.
[134] Vergl. das Kapitel „Les furies de guillotine“ bei E. Lairtullier, „Les
femmes célèbres de 1789 à 1795“. Paris 1840. Bd. II, S. 199–207.
[135] Lady Blennerhassett, „Frau von Staël.“ Berlin 1887. Bd. I, 6. 63.
[136] E. Legouvé, „Histoire morale des femmes.“ Paris 1864. S. 4.
[137] Das unglaublichste Beispiel der Verachtung der Frau findet sich bei Buckle
a. a. O. I. S. 219–20, wo erzählt wird, dass die Schauspielerin Chantilly, die eben
den Dichter Favart geheiratet hatte, von der französischen Regierung
gezwungen wurde, gleichzeitig die Maitresse des Marschalls Moritz von Sachsen
zu werden.
[138] Johannes Scherr, „Allgemeine Geschichte der Litteratur“. Stuttgart 1887.
Bd. I, S. 267.
[139] Charles Aubertin, „L’esprit public au XVIIIe siècle.“ Paris 1873. S. 481.
[140] J. Janin, „Le marquis de Sade.“ Revue de Paris 1834. Bd. XI, S. 333.
[141] A. Schmidt a. a. O, Bd. II. Jena 1875. S. 86 ff.
[142] Paul Lacroix a. a. O. S. 506.
[143] P. Fraxi „Index librorum prohibitorum.“ London 1877. S. XXIX
[144] A. J. B. Parent-Duchatelet, „Die Sittenverderbnis des weiblichen
Geschlechts in Paris“, übers. von G. W. Becker, Leipzig 1837. Bd. II. S. 183.
[145] Comte d’J*** (J. Gay) „Bibliographie des ouvrages relatifs à l’Amour
etc.“ 3. éd. Turin 1871. 6 Bde. Neuerdings hat J. Lemonnyer eine neue vierte
Ausgabe dieses höchst schätzbaren Werkes veranstaltet (Lille 1897–1900, 4
Bände), die wohl durch Nachträge, sowie durch vortreffliche Indices
vervollkommnet ist, andrerseits aber zahlreiche drastische Zitate der alten
Auflage fortgelassen hat, so dass die dritte Auflage immer noch unentbehrlich
ist.
[146] Henry Cohen „Guide de l’amateur de livres à figures et à vignettes du
XVIIIe siècle“ 3. éd. Paris 1876. Neue Auflage 1880. Das Buch zeigt viele
Mängel.
[147] „Œuvres de Gentil-Bernard“. Paris 1834. Bd. I, S. 25–88.
[148] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 154. est certaine. a. a. O. Gesang II, S. 51.
[149] L’Amour a ses auteurs — Agens secrets, dont l’atteinte est certaine,
a. a. O. Gesang II, S. 51.
[150] E. u. J. de Goncourt a. a. O. 201. Sade erwähnt Crébillons „Sopha“,
„Tanzai“, „Les égarements du cœur“, als Romane „qui flattaient le vice et
s’éloignaient de la vertu“, in „Idée sur les Romans“ ed. O. Uzanne, Paris 1878.
S. 23.
[151] „Le sopha, conte moral“ (!) A la Haye 1742. Nachgeahmt in „Le canapé
couleur de feu“. London 1745.
[152] „Les Incas“. Paris 1767. Sade erwähnt Marmontel in „Idée sur les Romans
etc.“ S. 24–25.
Page 428
[153] „Thérèse philosophe ou mémoires pour servir à l’histoire de M. Dirrag et
de Mlle. Eradicée“ à la Haye s. a. (1748).
[154] Henry Cohen a. a. O. col. 477. Caylus hat übrigens sehr viele schlüpfrige
Romane geschrieben, was in jener Zeit seinen wohlverdienten Ruhm als
Archaeolog nicht beeinträchtigen konnte.
[155] Vgl. die vortreffliche „Bibliographie anecdotique et raisonnée de tous les
ouvrages d’Andréa de Nerciat“ par M. de C., Bibliophile Anglais, London 1876,
wo auch die übrigen, hier nicht genannten Werke von Nerciat besprochen
werden.
[156] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in „Die Zukunft“. Bd. VII. 1899,
No. 26. S. 507. Nach neueren Forschungen soll weder die „Education de Laure“
noch „Ma conversion“ von Mirabeau geschrieben worden sein. Lemonnyer
a. a. O. III. S. 1019.
[157] Carl Frenzel „Diderot“ in „Renaissance und Rococo“. Berlin 1876. S. 284.
[158] „La Réligieuse“. Paris 1798. Das Modell für die tribadische Aebtissin in
Diderot’s „Réligieuse“ soll die Aebtissin von Chelle gewesen sein, eine Tochter
des Regenten, (H. Ellis u. J. A. Symonds „Das konträre Geschlechtsgefühl“
Leipzig 1896. S. 285).
[159] Choderlos de Laclos „Les liaisons dangereuses“. Paris u. Amsterdam
1782. 4 Bände.
[160] „Les crimes de l’amour. Precédé d’un avant-propos etc.“ Brüssel 1881. S.
158. Nach Villers wurde sogar, wie wir später sehen werden, die „Justine“ von
einigen dem Laclos zugeschrieben.
[161] „Les amours du Chevalier de Faublas“, 3 éd. An VI de la République.
(Erste Ausgabe 1787).
[162] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de la
Bretonne“ par P. L. Jacob, Bibliophile. Paris 1875.
[163] de Sade „Idée sur les Romans“ éd. O. Uzanne. Paris 1878. S. 31.
[164] Der Graf v. Tilly nennt ihn in seinen Memoiren (II, 430) den „Teniers des
Romans“.
[165] A. Eulenburg a. a. O. S. 512.
[166] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 54 u. 56.
[167] Memoiren des Grafen Alexander von Tilly, A. d. Französischen. Berlin
1826. Bd. II. S. 426–430.
[168] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 33, 103, 161, 180, 441.
[169] „Les nuits de Paris, ou le Spectateur nocturne“. A Londres, Et se trouve a
Paris 1788–1794, 16 Teile in 8 Bänden (mit 18 Bildern).
[170] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 394.
[171] „Les Contemporaines ou aventures des plus jolies Femmes de l’âge
présent.“ Leipzig und Paris 1780–1782, 17 Bände; „Les contemporaines-du-
commun, ou aventures des belles Marchandes etc.“ ebenda 1782–1783, 13
Bände: „Les contemporaines-par-gradation“ ebenda 1783, 12 Bände.
de Mlle. Eradicée“ à la Haye s. a. (1748).
[154] Henry Cohen a. a. O. col. 477. Caylus hat übrigens sehr viele schlüpfrige
Romane geschrieben, was in jener Zeit seinen wohlverdienten Ruhm als
Archaeolog nicht beeinträchtigen konnte.
[155] Vgl. die vortreffliche „Bibliographie anecdotique et raisonnée de tous les
ouvrages d’Andréa de Nerciat“ par M. de C., Bibliophile Anglais, London 1876,
wo auch die übrigen, hier nicht genannten Werke von Nerciat besprochen
werden.
[156] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in „Die Zukunft“. Bd. VII. 1899,
No. 26. S. 507. Nach neueren Forschungen soll weder die „Education de Laure“
noch „Ma conversion“ von Mirabeau geschrieben worden sein. Lemonnyer
a. a. O. III. S. 1019.
[157] Carl Frenzel „Diderot“ in „Renaissance und Rococo“. Berlin 1876. S. 284.
[158] „La Réligieuse“. Paris 1798. Das Modell für die tribadische Aebtissin in
Diderot’s „Réligieuse“ soll die Aebtissin von Chelle gewesen sein, eine Tochter
des Regenten, (H. Ellis u. J. A. Symonds „Das konträre Geschlechtsgefühl“
Leipzig 1896. S. 285).
[159] Choderlos de Laclos „Les liaisons dangereuses“. Paris u. Amsterdam
1782. 4 Bände.
[160] „Les crimes de l’amour. Precédé d’un avant-propos etc.“ Brüssel 1881. S.
158. Nach Villers wurde sogar, wie wir später sehen werden, die „Justine“ von
einigen dem Laclos zugeschrieben.
[161] „Les amours du Chevalier de Faublas“, 3 éd. An VI de la République.
(Erste Ausgabe 1787).
[162] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de la
Bretonne“ par P. L. Jacob, Bibliophile. Paris 1875.
[163] de Sade „Idée sur les Romans“ éd. O. Uzanne. Paris 1878. S. 31.
[164] Der Graf v. Tilly nennt ihn in seinen Memoiren (II, 430) den „Teniers des
Romans“.
[165] A. Eulenburg a. a. O. S. 512.
[166] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 54 u. 56.
[167] Memoiren des Grafen Alexander von Tilly, A. d. Französischen. Berlin
1826. Bd. II. S. 426–430.
[168] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 33, 103, 161, 180, 441.
[169] „Les nuits de Paris, ou le Spectateur nocturne“. A Londres, Et se trouve a
Paris 1788–1794, 16 Teile in 8 Bänden (mit 18 Bildern).
[170] P. L. Jacob Bibliophile a. a. O. S. 394.
[171] „Les Contemporaines ou aventures des plus jolies Femmes de l’âge
présent.“ Leipzig und Paris 1780–1782, 17 Bände; „Les contemporaines-du-
commun, ou aventures des belles Marchandes etc.“ ebenda 1782–1783, 13
Bände: „Les contemporaines-par-gradation“ ebenda 1783, 12 Bände.
Page 429
[172] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 87.
[173] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 315.
[174] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 316.
[175] Der Verfasser war Senac de Meilhan, dem ebenfalls der „Portier des
Chartreux“ zugeschrieben wird. (Jacob, Bibl. a. a. O. S. 460). Später erschienen
zahlreiche neue Auflagen, die letzte in Brüssel 1866.
[176] Er war Verfasser einer populären Schrift über die Therapie der Syphilis.
Siehe J. K. Proksch „Die Litteratur über die venerischen Krankheiten.“ Bonn
1889. Bd. I. S. 472, wo angeführt ist: Agyrony „Des bons effets d’un remède
végétal antivénérien, autorisé par lettres patentes du Roi, enrégistrées au
Parlament etc.“ Paris 1771.
[177] „L’observateur anglais.“ London 1778. Bd. 4, Brief III vom 21. Juli 1776.
S. 40–47.
[178] Dieses Gedicht findet man in dem seltenen Buche „Il Libro del perchè“
(1757). Die französische Version „Parapilla“, um deren Autorschaft sich Charles
Borde und Mirabeau streiten, ist abgedruckt in den „Contes-Grivois du dix-
huitième siècle.“ Brüssel o. J. (H. Kistemaeckers) S. 27–67.
[179] „L’art de péter etc.“ En Westphalie 1776. Ueber die „Scatologie“, eine
besondere Liebhaberei der Franzosen vergl. A. Hagen „Sexuelle
Osphresiologie“ Chorlottenburg 1901 (Verlag von H. Barsdorf) S. 115 ff.
[180] „Idée sur les Romans“ ed. Uzanne etc. S. 22.
[181] Auch in den Romanen des Marquis de Sade ist fast immer das Sopha,
selten das Bett, das Lager der Liebe.
[182] G. Brandes „Die Hauptströmungen der Litteratur des 19. Jahrhunderts“.
Bd. I, 8. Aufl. S. 42–44. Leipzig 1900. Verlag H. Barsdorf.
[183] Cenac Moncaut a. a. O. S. 394.
[184] „Geschichte der Malerei“ von R. Muther, Leipzig 1900. Bd. V, S. 88–93.
[185] Garnier a. a. O. S. 125.
[186] J. Casanova v. Seingalt a. a. O. Band V, S. 121 ff.
[187] J. Casanova a. a. O. Band XI, S. 109 u. 128.
[188] J. B. Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 182.
[189] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. II, S. 157.
[190] J. F. Reichardt’s „vertraute Briefe aus Paris, geschrieben in den Jahren
1802 und 1803.“ Hamburg 1805. Bd. II, S. 14.
[191] Arsène Houssaye „Histoire de l’art français au dix-huitième siècle“. Paris
1860. S. 29.
[192] Arsène Houssaye a. a. O. S. 418.
[193] J. G. Th. Grässe „Geschichte der Poesie Europas und der bedeutendsten
aussereuropäischen Länder vom Anfang des sechzehnten Jahrhunderts bis auf
die neueste Zeit.“ Leipzig 1850. S. 271.
[173] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 315.
[174] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 316.
[175] Der Verfasser war Senac de Meilhan, dem ebenfalls der „Portier des
Chartreux“ zugeschrieben wird. (Jacob, Bibl. a. a. O. S. 460). Später erschienen
zahlreiche neue Auflagen, die letzte in Brüssel 1866.
[176] Er war Verfasser einer populären Schrift über die Therapie der Syphilis.
Siehe J. K. Proksch „Die Litteratur über die venerischen Krankheiten.“ Bonn
1889. Bd. I. S. 472, wo angeführt ist: Agyrony „Des bons effets d’un remède
végétal antivénérien, autorisé par lettres patentes du Roi, enrégistrées au
Parlament etc.“ Paris 1771.
[177] „L’observateur anglais.“ London 1778. Bd. 4, Brief III vom 21. Juli 1776.
S. 40–47.
[178] Dieses Gedicht findet man in dem seltenen Buche „Il Libro del perchè“
(1757). Die französische Version „Parapilla“, um deren Autorschaft sich Charles
Borde und Mirabeau streiten, ist abgedruckt in den „Contes-Grivois du dix-
huitième siècle.“ Brüssel o. J. (H. Kistemaeckers) S. 27–67.
[179] „L’art de péter etc.“ En Westphalie 1776. Ueber die „Scatologie“, eine
besondere Liebhaberei der Franzosen vergl. A. Hagen „Sexuelle
Osphresiologie“ Chorlottenburg 1901 (Verlag von H. Barsdorf) S. 115 ff.
[180] „Idée sur les Romans“ ed. Uzanne etc. S. 22.
[181] Auch in den Romanen des Marquis de Sade ist fast immer das Sopha,
selten das Bett, das Lager der Liebe.
[182] G. Brandes „Die Hauptströmungen der Litteratur des 19. Jahrhunderts“.
Bd. I, 8. Aufl. S. 42–44. Leipzig 1900. Verlag H. Barsdorf.
[183] Cenac Moncaut a. a. O. S. 394.
[184] „Geschichte der Malerei“ von R. Muther, Leipzig 1900. Bd. V, S. 88–93.
[185] Garnier a. a. O. S. 125.
[186] J. Casanova v. Seingalt a. a. O. Band V, S. 121 ff.
[187] J. Casanova a. a. O. Band XI, S. 109 u. 128.
[188] J. B. Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 182.
[189] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. II, S. 157.
[190] J. F. Reichardt’s „vertraute Briefe aus Paris, geschrieben in den Jahren
1802 und 1803.“ Hamburg 1805. Bd. II, S. 14.
[191] Arsène Houssaye „Histoire de l’art français au dix-huitième siècle“. Paris
1860. S. 29.
[192] Arsène Houssaye a. a. O. S. 418.
[193] J. G. Th. Grässe „Geschichte der Poesie Europas und der bedeutendsten
aussereuropäischen Länder vom Anfang des sechzehnten Jahrhunderts bis auf
die neueste Zeit.“ Leipzig 1850. S. 271.
Page 430
[194] „Die Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern der alten und neuen
Welt etc.“ Neue Auflage o. O. S. 161.
[195] Casanova a. a. O. Bd. VIII, S. 140.
[196] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire“. Paris 1855. S. 422.
[197] Cénac Moncaut a. a. O. S. 396.
[198] E. u. J. de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle,“ S. 313–370.
[199] J. u. E. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire.“ S. 420.
[200] J. Renouvier „Histoire de l’art pendant la Revolution.“ Paris 1863. S. 476.
— „Schon mehr als 2000 Jahre tragen die Frauen Hemden,“ schrieb ein
Journalist jener Zeit, „das ist zum Sterben langweilig.“ Er wollte die Frauen
lieber ohne Hemd sehen, vollkommen nackt als „lebende Statuen“. Vergl. A.
Houssaye „Notre-Dame de Thermidor.“ Paris 1806. S. 421.
[201] W. Rudeck „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland.“ 2.
Aufl. 1905. Mit 58 Illustrationen. S. 85.
[202] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 66.
[203] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire“. S. 183.
[204] „Eros.“ Stuttgart 1849. Bd. I, S. 234. — Die Italiener haben das
Sprichwort:
Donna cui camminando il cul traballa
Se puttana non è, proverbio falla.
[205] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 585.
[206] „Eros“. S. 233.
[207] Muther a. a. O. Bd. V, S. 46.
[208] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 184.
[209] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie etc.“ S. 32,
Anmerkung.
[210] „La curiosité littéraire et bibliographique.“ Paris 1882. S. 148–149.
[211] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II. Brief 24. S. 386–401. Vgl. auch
die „Correspondance de Madame Gourdan“, herausgegeben von Octave Uzanne,
Brüssel 1883, mit einer Einleitung über die „Sérails“ des 18. Jahrhunderts (S. I-
LVIII).
[212] Nachträglich finden wir, dass auch Mairobert nicht der Erfinder dieses
Wortspiels war, sondern dass schon viel früher eine Frau, Madame de Sévigné, in
einem Briefe die Condome „cuirasses contre la volupté et toiles d’araignée
contre le mal“ nennt. (L. Taxil „La corruption fin de siècle“. Paris 1894. S. 211).
[213] Dass die Gourdan die körperliche Beschaffenheit ihrer Mädchen genau
kennen musste, beweist ein Brief eines Engländers an sie, der die Reize der
Welt etc.“ Neue Auflage o. O. S. 161.
[195] Casanova a. a. O. Bd. VIII, S. 140.
[196] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire“. Paris 1855. S. 422.
[197] Cénac Moncaut a. a. O. S. 396.
[198] E. u. J. de Goncourt „La femme au dix-huitième siècle,“ S. 313–370.
[199] J. u. E. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire.“ S. 420.
[200] J. Renouvier „Histoire de l’art pendant la Revolution.“ Paris 1863. S. 476.
— „Schon mehr als 2000 Jahre tragen die Frauen Hemden,“ schrieb ein
Journalist jener Zeit, „das ist zum Sterben langweilig.“ Er wollte die Frauen
lieber ohne Hemd sehen, vollkommen nackt als „lebende Statuen“. Vergl. A.
Houssaye „Notre-Dame de Thermidor.“ Paris 1806. S. 421.
[201] W. Rudeck „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland.“ 2.
Aufl. 1905. Mit 58 Illustrationen. S. 85.
[202] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 66.
[203] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directoire“. S. 183.
[204] „Eros.“ Stuttgart 1849. Bd. I, S. 234. — Die Italiener haben das
Sprichwort:
Donna cui camminando il cul traballa
Se puttana non è, proverbio falla.
[205] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 585.
[206] „Eros“. S. 233.
[207] Muther a. a. O. Bd. V, S. 46.
[208] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 184.
[209] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie etc.“ S. 32,
Anmerkung.
[210] „La curiosité littéraire et bibliographique.“ Paris 1882. S. 148–149.
[211] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II. Brief 24. S. 386–401. Vgl. auch
die „Correspondance de Madame Gourdan“, herausgegeben von Octave Uzanne,
Brüssel 1883, mit einer Einleitung über die „Sérails“ des 18. Jahrhunderts (S. I-
LVIII).
[212] Nachträglich finden wir, dass auch Mairobert nicht der Erfinder dieses
Wortspiels war, sondern dass schon viel früher eine Frau, Madame de Sévigné, in
einem Briefe die Condome „cuirasses contre la volupté et toiles d’araignée
contre le mal“ nennt. (L. Taxil „La corruption fin de siècle“. Paris 1894. S. 211).
[213] Dass die Gourdan die körperliche Beschaffenheit ihrer Mädchen genau
kennen musste, beweist ein Brief eines Engländers an sie, der die Reize der
Page 431
gewünschten Person ausführlich beschreibt. („La chronique scandaleuse“. Band
II, Seite 127.)
[214] F. W. Barthold „Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob Casanova’s
Memoiren“. Berlin 1846. 2 Bände.
[215] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 60 ff.
[216] „L’espion anglais“. London 1784. Bd. X, S. 363 ff.
[217] „Les bordels de Paris.“ 1790. S. 17.
[218] P. Fraxi a. a. O. S. XXXVIII.
[219] Rétif de la Bretonne „Le Pornographe, ou Idées d’un honnête homme sur
un projet de règlement pour les prostituées.“ A la Haye 1769.
[220] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous les
ouvrages de Rétif de la Bretonne.“ Paris 1875. S. 422.
[221] J. Casanova a. a. O. VIII. S. 163. (III, 257).
[222] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 421–422.
[223] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 227–228. Die Schrift „L’ordre hermaphrodite,
ou les secrets de la sublime Félicité, avec un discours prononcé par le chevalier
H..., orateur au jardin d’Éden, chez Nicolas Martin, au Grand Mât,“ 1748, war
uns nicht zugänglich.
[224] E. u. J. de Goncourt, „La femme etc.“ S. 176.
[225] Dulaure a. a. O. S. 227.
[226] Arthur Dinaux „Les sociétés badines.“ Paris 1867. Bd. I, S. 301–314.
[227] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 176. Die Ausschweifungen derselben hat
Andréa de Nerciat in seinen „Aphrodites“, einem „theoretischen und praktischen
Kursus der Wollust“ beschrieben. (Lampsaque [Paris] 1793.)
[228] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 177.
[229] Die geheimen pornologischen Klubs wurden auch nach Russland
verpflanzt. In Moskau existierte unter Katharina II. ein „Club physique“ und ein
„Club d’Adam“. Siehe Moreau a. a. O. S. 63.
[230] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 395.
[231] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV, S. 111. Eine ähnliche
Stelle hat auch Ovid in der „Ars amandi.“
[232] Das Manuscript derselben befindet sich in der Nationalbibliothek, Dép.
des mss. fr., 11395; suppl. fr., 2996 (Maxime du Camp. „Paris, ses organes, ses
fonctions et sa vie etc.“ Paris 1875. Bd. III, S. 323). —
[233] A. B. Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 205–206.
[234] Parent-Duchatelet a. a. O. II. S. 209–210.
[235] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 64.
[236] A. Schmidt a. a. O. II, S. 85.
[237] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 239.
II, Seite 127.)
[214] F. W. Barthold „Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob Casanova’s
Memoiren“. Berlin 1846. 2 Bände.
[215] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 60 ff.
[216] „L’espion anglais“. London 1784. Bd. X, S. 363 ff.
[217] „Les bordels de Paris.“ 1790. S. 17.
[218] P. Fraxi a. a. O. S. XXXVIII.
[219] Rétif de la Bretonne „Le Pornographe, ou Idées d’un honnête homme sur
un projet de règlement pour les prostituées.“ A la Haye 1769.
[220] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous les
ouvrages de Rétif de la Bretonne.“ Paris 1875. S. 422.
[221] J. Casanova a. a. O. VIII. S. 163. (III, 257).
[222] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 421–422.
[223] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 227–228. Die Schrift „L’ordre hermaphrodite,
ou les secrets de la sublime Félicité, avec un discours prononcé par le chevalier
H..., orateur au jardin d’Éden, chez Nicolas Martin, au Grand Mât,“ 1748, war
uns nicht zugänglich.
[224] E. u. J. de Goncourt, „La femme etc.“ S. 176.
[225] Dulaure a. a. O. S. 227.
[226] Arthur Dinaux „Les sociétés badines.“ Paris 1867. Bd. I, S. 301–314.
[227] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 176. Die Ausschweifungen derselben hat
Andréa de Nerciat in seinen „Aphrodites“, einem „theoretischen und praktischen
Kursus der Wollust“ beschrieben. (Lampsaque [Paris] 1793.)
[228] E. u. J. de Goncourt a. a. O. S. 177.
[229] Die geheimen pornologischen Klubs wurden auch nach Russland
verpflanzt. In Moskau existierte unter Katharina II. ein „Club physique“ und ein
„Club d’Adam“. Siehe Moreau a. a. O. S. 63.
[230] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 395.
[231] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV, S. 111. Eine ähnliche
Stelle hat auch Ovid in der „Ars amandi.“
[232] Das Manuscript derselben befindet sich in der Nationalbibliothek, Dép.
des mss. fr., 11395; suppl. fr., 2996 (Maxime du Camp. „Paris, ses organes, ses
fonctions et sa vie etc.“ Paris 1875. Bd. III, S. 323). —
[233] A. B. Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 205–206.
[234] Parent-Duchatelet a. a. O. II. S. 209–210.
[235] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 64.
[236] A. Schmidt a. a. O. II, S. 85.
[237] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 239.
Page 432
[238] A. Schmidt a. a. O. II, S. 66.
[239] Jules Janin a. a. O. S. 332.
[240] A. Schmidt a. a. O. II, S. 67.
[241] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 13.
[242] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. I, S. 393–395.
[243] La Mettrie „L’art de jouir“. A Cythère 1751. S. 103.
[244] „La chronique scandaleuse.“ Bd. IV, S. 190. Bei einem am 15. Juni 1731
von dem Direktor der Oper, Gruer veranstalteten Feste tanzten die Camargo und
mehrere andere Tänzerinnen vollkommen nackt vor der Festversammlung. (Max
Schönau „Allerlei Koulissenscherze.“ Charlottenburg o. J. S. 65–67.)
[245] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 50–51.
[246] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 52.
[247] Casanova a. a. O. V, 114–116.
[248] „Dialogue entre M. le Comte de Lau.... et Mylord All’Eye, au sujet des
filles les plus célèbres de la Capitale.“ In: „L’Espion anglais.“ Bd. II, S. 86–113.
[249] Diese ausführlicheren Nachrichten über die Du Thé entnehmen wir der
„Correspondance sécrète, politique et littéraire etc.“ London 1787. Bd. I, S. 57 u.
58.
[250] Maxime du Camp a. a. O. Bd. III, S. 324.
[251] Ein höchst interessantes Werk über die Pariser Theaterheldinnen des 18.
Jahrhunderts sind P. Lacome’s „Thèmes variés. Les étoiles du passé“, Paris 1897.
—
Ueber einen höchst obscönen Witz der berühmten Schauspielerin Arnould über
die verrufenen Opernsängerinnen Château-neuf, Château-vieux und Château-
fort vergl. „L’espion anglais“ II, S. 86. Ueber das pornographische Poëm einer
anderen Schauspielerin P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 8,
Anmerkung.
[252] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous ouvrages
de Rétif de la Bretonne“. Paris 1875. Seite 145–147.
[253] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 127.
[254] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 233. — Ueber Soldatendirnen und
einige andere Klassen von Prostituierten weiter unten.
[255] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 70. — Es gab sogar vornehme Zuhälter,
z. B. den Vicomte de Letorières. (Maxime du Camp. a. a. O. S. 324.)
[256] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 81–82.
[257] Parent-Duchatelet a. a. O. I. 184.
[258] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 38 ff.
[259] P. L. Jacob, Bibliographie a. a. O; S. 340–341. Casanova erzählt, dass
Graf Jean Du Barry einer Dame in Bologna 100000 Taler für ihre 14jährige
Tochter bot (XVII, S. 198).
[239] Jules Janin a. a. O. S. 332.
[240] A. Schmidt a. a. O. II, S. 67.
[241] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 13.
[242] L. S. Mercier „Tableau de Paris“. I, S. 393–395.
[243] La Mettrie „L’art de jouir“. A Cythère 1751. S. 103.
[244] „La chronique scandaleuse.“ Bd. IV, S. 190. Bei einem am 15. Juni 1731
von dem Direktor der Oper, Gruer veranstalteten Feste tanzten die Camargo und
mehrere andere Tänzerinnen vollkommen nackt vor der Festversammlung. (Max
Schönau „Allerlei Koulissenscherze.“ Charlottenburg o. J. S. 65–67.)
[245] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 50–51.
[246] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 52.
[247] Casanova a. a. O. V, 114–116.
[248] „Dialogue entre M. le Comte de Lau.... et Mylord All’Eye, au sujet des
filles les plus célèbres de la Capitale.“ In: „L’Espion anglais.“ Bd. II, S. 86–113.
[249] Diese ausführlicheren Nachrichten über die Du Thé entnehmen wir der
„Correspondance sécrète, politique et littéraire etc.“ London 1787. Bd. I, S. 57 u.
58.
[250] Maxime du Camp a. a. O. Bd. III, S. 324.
[251] Ein höchst interessantes Werk über die Pariser Theaterheldinnen des 18.
Jahrhunderts sind P. Lacome’s „Thèmes variés. Les étoiles du passé“, Paris 1897.
—
Ueber einen höchst obscönen Witz der berühmten Schauspielerin Arnould über
die verrufenen Opernsängerinnen Château-neuf, Château-vieux und Château-
fort vergl. „L’espion anglais“ II, S. 86. Ueber das pornographische Poëm einer
anderen Schauspielerin P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 8,
Anmerkung.
[252] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous ouvrages
de Rétif de la Bretonne“. Paris 1875. Seite 145–147.
[253] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 127.
[254] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 233. — Ueber Soldatendirnen und
einige andere Klassen von Prostituierten weiter unten.
[255] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 70. — Es gab sogar vornehme Zuhälter,
z. B. den Vicomte de Letorières. (Maxime du Camp. a. a. O. S. 324.)
[256] Parent-Duchatelet a. a. O. I, S. 81–82.
[257] Parent-Duchatelet a. a. O. I. 184.
[258] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 38 ff.
[259] P. L. Jacob, Bibliographie a. a. O; S. 340–341. Casanova erzählt, dass
Graf Jean Du Barry einer Dame in Bologna 100000 Taler für ihre 14jährige
Tochter bot (XVII, S. 198).
Page 433
[260] P. L. Jacob, Bibliographie a. a. O. S. 99–103. — Neue vortreffliche
Ausgabe des „Pornographe“ von H. Mireur, Brüssel 1879 (mit Einleitung).
[261] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 139–140.
[262] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 235–236.
[263] F. Lotheissen „Literatur und Gesellschaft in Frankreich etc.“ Wien 1872. S.
43.
[264] P. Joanne „Paris Diamant.“ Paris 1895. S. 33 u. 100.
[265] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 37–38. II, 176.
[266] G. A. von Halem „Ein Blick auf einen Teil Deutschlands, der Schweiz und
Frankreichs bei einer Reise vom Jahre 1790.“ Hamburg 1791. Bd. II, S. 1 u. S.
20.
[267] A. Chuquet „Paris en 1790. Voyage de Halem, traduction, introduction et
notes.“ Paris 1890.
[268] P. Lacroix „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et costumes.“ Paris 1875.
S. 368. Auf Seite 359 dieses Prachtwerkes findet sich eine colorierte Abbildung,
die ein anziehendes Bild vom Leben und Treiben im Garten des Palais-Royal
gewährt.
[269] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directorat.“ S. 210.
[270] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 340.
[271] L. S. Mercier „Tableau de Paris.“ Bd. I, S. 267–271.
[272] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. I, S. 202.
[273] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 213.
[274] Rétif de la Bretonne „Le Palais-Royal.“ Bd. II, S. 17–230. „Die
Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern etc.“ o. O. u. J. S. 161–163. —
Vgl. auch Hagen, die sexuelle Osphresiologie. Die Beziehungen des
Geruchssinnes und der Gerüche zur menschlichen Geschlechtstätigkeit. 2. Aufl.
Leipzig 1906. S. 191 ff.
[275] „Eros.“ Bd. I, S. 412.
[276] „Eros.“ Bd. I, S. 156.
[277] A. Schmidt a. a. O. II, S. 70.
[278] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 70.
[279] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II, S. 81.
[280] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 285; S. 307–310.
[281] Wie richtig de Sade beobachtet hat, wenn er in der „Justine“ (I, 5) die
Onanie als ein Linderungsmittel von Schmerzen bezeichnet, beweisen die
Ausführungen von Dr. Havelock Ellis in seinem neuesten Werke
„Geschlechtstrieb und Schamgefühl.“ Leipzig 1900. S. 272 ff., wo er über
mehrere Fälle von Masturbation zur Beseitigung von Schmerzen berichtet.
[282] „L’espion anglais.“ Bd. X, S. 271–272.
Ausgabe des „Pornographe“ von H. Mireur, Brüssel 1879 (mit Einleitung).
[261] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 139–140.
[262] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 235–236.
[263] F. Lotheissen „Literatur und Gesellschaft in Frankreich etc.“ Wien 1872. S.
43.
[264] P. Joanne „Paris Diamant.“ Paris 1895. S. 33 u. 100.
[265] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 37–38. II, 176.
[266] G. A. von Halem „Ein Blick auf einen Teil Deutschlands, der Schweiz und
Frankreichs bei einer Reise vom Jahre 1790.“ Hamburg 1791. Bd. II, S. 1 u. S.
20.
[267] A. Chuquet „Paris en 1790. Voyage de Halem, traduction, introduction et
notes.“ Paris 1890.
[268] P. Lacroix „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et costumes.“ Paris 1875.
S. 368. Auf Seite 359 dieses Prachtwerkes findet sich eine colorierte Abbildung,
die ein anziehendes Bild vom Leben und Treiben im Garten des Palais-Royal
gewährt.
[269] E. u. J. de Goncourt „Histoire de la société française pendant le
Directorat.“ S. 210.
[270] P. L. Jacob, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 340.
[271] L. S. Mercier „Tableau de Paris.“ Bd. I, S. 267–271.
[272] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. I, S. 202.
[273] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 213.
[274] Rétif de la Bretonne „Le Palais-Royal.“ Bd. II, S. 17–230. „Die
Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern etc.“ o. O. u. J. S. 161–163. —
Vgl. auch Hagen, die sexuelle Osphresiologie. Die Beziehungen des
Geruchssinnes und der Gerüche zur menschlichen Geschlechtstätigkeit. 2. Aufl.
Leipzig 1906. S. 191 ff.
[275] „Eros.“ Bd. I, S. 412.
[276] „Eros.“ Bd. I, S. 156.
[277] A. Schmidt a. a. O. II, S. 70.
[278] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 70.
[279] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II, S. 81.
[280] Dulaure a. a. O. Bd. V, S. 285; S. 307–310.
[281] Wie richtig de Sade beobachtet hat, wenn er in der „Justine“ (I, 5) die
Onanie als ein Linderungsmittel von Schmerzen bezeichnet, beweisen die
Ausführungen von Dr. Havelock Ellis in seinem neuesten Werke
„Geschlechtstrieb und Schamgefühl.“ Leipzig 1900. S. 272 ff., wo er über
mehrere Fälle von Masturbation zur Beseitigung von Schmerzen berichtet.
[282] „L’espion anglais.“ Bd. X, S. 271–272.
Page 434
[283] La Mettrie „L’art de jouir.“ A Cythère 1751. S. 131.
[284] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 167.
[285] S. A. Tissot „De l’onanisme, ou dissertation sur les maladies produites par
la masturbation.“ Lausanne 1760.
[286] H. Rohleder „Die Masturbation.“ Berlin 1899. S. 19.
[287] Garnier a. a. O. S. 432 berichtet, dass Haller eine Clitoris von 7 Zoll
Länge gesehen habe, ja dass Phantasten sogar eine von einem — Fuss Länge
gesehen haben wollen!
[288] Die Franzosen bezeichnen mit dem Worte „Sodomie“ unsere Paederastie,
während wir bekanntlich unter „Sodomie“ die Unzucht zwischen Mensch und
Tier verstehen.
[289] „Ma conversion.“ London 1783. S. 165–168
[290] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. X, Lettre IX „Confession d’une
jeune fille.“ S. 179–208; Lettre XI „Suite de la confession d’une jeune fille.“ S.
248–275; Lettre XIV „Suite et fin de la confession d’une jeune fille“.
[291] Wir finden in den Werken über Psychopathia sexualis den Spiegel nirgends
erwähnt, der nach unserer Ansicht oft sehr viel Unheil anrichtet.
[292] Hier bediente sich Sapho — sagte Mairobert — wie auch später eines viel
obscöneren Ausdrucks.
[293] a. a. O. S. 190.
[294] Hier sieht man wieder deutlich, wie der Marquis de Sade nach der
Wirklichkeit gearbeitet hat. Dieses Reinigen der orificia corporis durch junge
Mädchen kommt in seinen Romanen unzählige Male vor.
[295] Hierzu macht Mairobert folgende interessante Anmerkung: „Il y a grande
apparence, que cette statue et le globe sont creux et remplis d’un air plus léger
que celui de l’atmosphère du salon, en sorte qu’ils sont dans un parfait équilibre.
Voila comme d’habiles physiciens présents à ce récit expliquèrent ce prodige qui
tient beaucoup du roman. Ils citent même l’ouvrage d’un père Joseph Galien,
dominicain, ancien professeur de philosophie et de théologie dans l’université
d’Avignon qui en 1755 a publié ‚L’art de naviger dans les airs‘ établi sur des
principes de physique et de géométrie.“ Bei E. Gerland „Geschichte der
Physik“. Leipzig 1892. S. 199, finden wir diesen Galien als Vorläufer der
Montgolfier nicht erwähnt, sondern nur den Pater Guzman in Lissabon.
[296] Ueber den Chevalier d’Eon siehe weiter unten.
[297] Gemeint ist das berühmte Werk von Nicolaus Venette (1633–1698) „De la
genération de l’homme, ou tableau de l’amour conjugal“. Amsterdam 1688 unter
dem Pseudonym Salionci; später unter wahrem Namen zahlreiche Neuauflagen.
[298] Hierbei wurde ein Vers des Kardinals Bernis erwähnt. — Der Kardinal
Bernis kommt auch bei Sade vor.
[299] Diese Darstellung Mairobert’s ist nicht ganz richtig. Ursprünglich war das
Gedicht altfranzösisch, von Jean de Nevizan verfasst. Franciscus Corniger
übertrug es dann ins Lateinische. Später entstanden zahlreiche französische
Nachübersetzungen z. B. von J. Blanchon. Man findet diese Versionen in dem
[284] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 167.
[285] S. A. Tissot „De l’onanisme, ou dissertation sur les maladies produites par
la masturbation.“ Lausanne 1760.
[286] H. Rohleder „Die Masturbation.“ Berlin 1899. S. 19.
[287] Garnier a. a. O. S. 432 berichtet, dass Haller eine Clitoris von 7 Zoll
Länge gesehen habe, ja dass Phantasten sogar eine von einem — Fuss Länge
gesehen haben wollen!
[288] Die Franzosen bezeichnen mit dem Worte „Sodomie“ unsere Paederastie,
während wir bekanntlich unter „Sodomie“ die Unzucht zwischen Mensch und
Tier verstehen.
[289] „Ma conversion.“ London 1783. S. 165–168
[290] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. X, Lettre IX „Confession d’une
jeune fille.“ S. 179–208; Lettre XI „Suite de la confession d’une jeune fille.“ S.
248–275; Lettre XIV „Suite et fin de la confession d’une jeune fille“.
[291] Wir finden in den Werken über Psychopathia sexualis den Spiegel nirgends
erwähnt, der nach unserer Ansicht oft sehr viel Unheil anrichtet.
[292] Hier bediente sich Sapho — sagte Mairobert — wie auch später eines viel
obscöneren Ausdrucks.
[293] a. a. O. S. 190.
[294] Hier sieht man wieder deutlich, wie der Marquis de Sade nach der
Wirklichkeit gearbeitet hat. Dieses Reinigen der orificia corporis durch junge
Mädchen kommt in seinen Romanen unzählige Male vor.
[295] Hierzu macht Mairobert folgende interessante Anmerkung: „Il y a grande
apparence, que cette statue et le globe sont creux et remplis d’un air plus léger
que celui de l’atmosphère du salon, en sorte qu’ils sont dans un parfait équilibre.
Voila comme d’habiles physiciens présents à ce récit expliquèrent ce prodige qui
tient beaucoup du roman. Ils citent même l’ouvrage d’un père Joseph Galien,
dominicain, ancien professeur de philosophie et de théologie dans l’université
d’Avignon qui en 1755 a publié ‚L’art de naviger dans les airs‘ établi sur des
principes de physique et de géométrie.“ Bei E. Gerland „Geschichte der
Physik“. Leipzig 1892. S. 199, finden wir diesen Galien als Vorläufer der
Montgolfier nicht erwähnt, sondern nur den Pater Guzman in Lissabon.
[296] Ueber den Chevalier d’Eon siehe weiter unten.
[297] Gemeint ist das berühmte Werk von Nicolaus Venette (1633–1698) „De la
genération de l’homme, ou tableau de l’amour conjugal“. Amsterdam 1688 unter
dem Pseudonym Salionci; später unter wahrem Namen zahlreiche Neuauflagen.
[298] Hierbei wurde ein Vers des Kardinals Bernis erwähnt. — Der Kardinal
Bernis kommt auch bei Sade vor.
[299] Diese Darstellung Mairobert’s ist nicht ganz richtig. Ursprünglich war das
Gedicht altfranzösisch, von Jean de Nevizan verfasst. Franciscus Corniger
übertrug es dann ins Lateinische. Später entstanden zahlreiche französische
Nachübersetzungen z. B. von J. Blanchon. Man findet diese Versionen in dem
Page 435
pikanten Buche von Cl. Fr. X. Mercier „Eloge du sein des femmes“ Nouvelle
édition. Brüssel 1879. Kapitel II, S. 35 ff. — Bayle hat im Artikel „Hélène“
seines berühmten Wörterbuchs nur die ersten sechs Verse zitiert, dem Scharfsinn
des Lesers das Erraten der übrigen überlassend. Eine deutsche und spanische
Version siehe im „Eros“. Stuttgart 1849. Bd. I, S. 231–234. Vergleiche ferner die
Aufzählung dieser 30 Schönheiten in dem alten Werke „Geneanthropeia Jo.
Benedicti Sinibaldi Archiatri et Professoris Romani.“ Rom 1642 col. 147. Auch
die Aloysia Sigaea kennt dieselben.
[300] Kenner — und deren soll es nicht wenige geben — brauchen wir wohl
kaum auf die vortrefflichen ästhetischen Werke von E. W. v. Brücke „Schönheit
und Fehler der menschlichen Gestalt“ Wien 1891, und C. H. Stratz „Die
Schönheit des weiblichen Körpers.“ 7. Auflage. Stuttgart 1900 hinzuweisen.
[301] „Apologie de la secte Anandryne ou Exhortation à une jeune tribade par
Mlle de Raucourt, prononcée le 23. mars 1778“. „L’espion anglais.“ X, 208–228.
Hier gilt die Rede zwar einer Mlle Aurore. Doch ist anzunehmen, dass die
Raucourt immer dieselben Gedanken vorbrachte.
[302] Auch diese Schilderung ist wieder ein Beweis für unsere Ansicht von dem
allmählichen Erworbenwerden der Homosexualität. Man gewöhnt sich an den
neuen Reiz, der allmählich unentbehrlich wird. Man beachte, dass dieses
Bekenntnis aus dem Munde einer echten Anhängerin des amor lesbicus kommt,
die nicht etwa temporäre Tribade war.
[303] Poulet-Malassis hat in seiner Ausgabe dieser Abschnitte des „Espion
Anglais“ („Anandria, ou Confession de mademoiselle Sapho“ Lesbos [Brüssel]
1866) den Schlüssel zu diesen Namen gegeben. „Furiel“ ist Mme de Fleury,
„Urbsrex“ ist die Herzogin von Villeroy; „Terracenès“ ist die Marquise de
Senecterre und „Téchul“ ist die Marquise de Luchet.
[304] Dass der Marquis de Sade stets Gelegenheit nimmt, seine Helden,
besonders vor den Orgien mit einer grossen Rede über dieselben paradieren zu
lassen, haben wir schon öfter hervorgehoben.
[305] „Eros“ Bd. II. S. 413.
[306] Fr. C. Forberg giebt eine kurze lateinische Darstellung dieser Feier und
berichtet, dass in London am Ende des vorigen Jahrhunderts eine ähnliche Secte
existiert habe. („Antonii Panormitae Hermaphroditus“ Coburg 1824 S. 365–
366.)
[307] Françoise Clairien, genannt Saucerotte, genannt Raucourt, geboren zu
Dombasle in Lothringen am 29. November 1753, starb in Paris am 15. Januar
1815. Sie erschien zum ersten Male am 23. September 1772 auf der Bühne als
„Dido“.
[308] „Le livre moderne“ herausgegeben von Octave Uzanne, Paris 1891 Bd. IV
S. 245–247.
[309] „La chronique scandaleuse“ Paris 1789. Bd. III. S. 32 und 280.
[310] Charles Geneviève Louis Auguste André Thimothée d’Eon de Beaumont
geb. 1728 zu Tonnerre in Burgund, gestorben 1810 in London.
[311] d’Eon stellt allerdings die Sache so dar, als ob Beaumarchais von ihm zum
Besten gehalten sei und wirklich an seine weibliche Natur geglaubt habe.
édition. Brüssel 1879. Kapitel II, S. 35 ff. — Bayle hat im Artikel „Hélène“
seines berühmten Wörterbuchs nur die ersten sechs Verse zitiert, dem Scharfsinn
des Lesers das Erraten der übrigen überlassend. Eine deutsche und spanische
Version siehe im „Eros“. Stuttgart 1849. Bd. I, S. 231–234. Vergleiche ferner die
Aufzählung dieser 30 Schönheiten in dem alten Werke „Geneanthropeia Jo.
Benedicti Sinibaldi Archiatri et Professoris Romani.“ Rom 1642 col. 147. Auch
die Aloysia Sigaea kennt dieselben.
[300] Kenner — und deren soll es nicht wenige geben — brauchen wir wohl
kaum auf die vortrefflichen ästhetischen Werke von E. W. v. Brücke „Schönheit
und Fehler der menschlichen Gestalt“ Wien 1891, und C. H. Stratz „Die
Schönheit des weiblichen Körpers.“ 7. Auflage. Stuttgart 1900 hinzuweisen.
[301] „Apologie de la secte Anandryne ou Exhortation à une jeune tribade par
Mlle de Raucourt, prononcée le 23. mars 1778“. „L’espion anglais.“ X, 208–228.
Hier gilt die Rede zwar einer Mlle Aurore. Doch ist anzunehmen, dass die
Raucourt immer dieselben Gedanken vorbrachte.
[302] Auch diese Schilderung ist wieder ein Beweis für unsere Ansicht von dem
allmählichen Erworbenwerden der Homosexualität. Man gewöhnt sich an den
neuen Reiz, der allmählich unentbehrlich wird. Man beachte, dass dieses
Bekenntnis aus dem Munde einer echten Anhängerin des amor lesbicus kommt,
die nicht etwa temporäre Tribade war.
[303] Poulet-Malassis hat in seiner Ausgabe dieser Abschnitte des „Espion
Anglais“ („Anandria, ou Confession de mademoiselle Sapho“ Lesbos [Brüssel]
1866) den Schlüssel zu diesen Namen gegeben. „Furiel“ ist Mme de Fleury,
„Urbsrex“ ist die Herzogin von Villeroy; „Terracenès“ ist die Marquise de
Senecterre und „Téchul“ ist die Marquise de Luchet.
[304] Dass der Marquis de Sade stets Gelegenheit nimmt, seine Helden,
besonders vor den Orgien mit einer grossen Rede über dieselben paradieren zu
lassen, haben wir schon öfter hervorgehoben.
[305] „Eros“ Bd. II. S. 413.
[306] Fr. C. Forberg giebt eine kurze lateinische Darstellung dieser Feier und
berichtet, dass in London am Ende des vorigen Jahrhunderts eine ähnliche Secte
existiert habe. („Antonii Panormitae Hermaphroditus“ Coburg 1824 S. 365–
366.)
[307] Françoise Clairien, genannt Saucerotte, genannt Raucourt, geboren zu
Dombasle in Lothringen am 29. November 1753, starb in Paris am 15. Januar
1815. Sie erschien zum ersten Male am 23. September 1772 auf der Bühne als
„Dido“.
[308] „Le livre moderne“ herausgegeben von Octave Uzanne, Paris 1891 Bd. IV
S. 245–247.
[309] „La chronique scandaleuse“ Paris 1789. Bd. III. S. 32 und 280.
[310] Charles Geneviève Louis Auguste André Thimothée d’Eon de Beaumont
geb. 1728 zu Tonnerre in Burgund, gestorben 1810 in London.
[311] d’Eon stellt allerdings die Sache so dar, als ob Beaumarchais von ihm zum
Besten gehalten sei und wirklich an seine weibliche Natur geglaubt habe.
Page 436
[312] d’Eon wollte hier einschalten: „als das Geschlecht der Dame durch
Zeugen, Aerzte, Matronen und rechtsförmliche Urkunden erwiesen erscheint“,
ein Zusatz, den Beaumarchais tilgte.
[313] Die ganze Darstellung der „Affaire d’Eon“ nach A. Bettelheim
„Beaumarchais“, Frankfurt a. M. 1876. S. 356–370.
[314] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 87. Ueber den Aufenthalt des Chevalier
d’Eon in England vgl. den dritten Band dieser Studien („Das Geschlechtsleben
in England“, Bd. II, Cap. 7), sowie die Schrift von H. Vizetelly „The true story of
the Chevalier d’Eon“, London 1895.
[315] H. Ellis u. J. A. Symonds „Das conträre Geschlechtsgefühl“ Leipzig 1896.
S. 186.
[316] „Bougre“ kommt von „Bulgar“, da man der Sekte der Bulgaren die erste
Einführung des Lasters in Frankreich zuschrieb.
[317] „Erotica Biblion“ Cap. Kadhésh. Amsterdam 1890 (Neudruck) S. 114.
[318] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 Bd. I. S.
460.
[319] Vgl. Bussy-Rabutin „Histoire amoureuse des Gaules“ Edition Auguste
Poitevin Paris 1858 Bd. II S. 254–261.
[320] H. Ellis u. J. A. Symonds a. a. O. S. 127.
[321] A. Moll „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage Berlin 1893 S. 68.
[322] F. C. Forberg a, a. O. S. 164.
[323] „Eros“ I, S. 602. — Die „Hermaphroditen“ waren ein Paederasten-Club,
wie aus der Schrift „Description de l’Isle des Hermaphrodites“ Köln 1724
hervorgeht. Vergl. ferner bezüglich der Verbreitung der Paederastie im 18.
Jahrhundert die „Anecdotes pour servir à l’Histoire Sécrète des Ebugors“.
Medoso MMMCCCXXXIII.
[324] A. Schmidt a. a. O. Bd. II S. 87–88.
[325] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 460. Diese Schrift enthält 6 Capitel: I.
Des filles de joie; II. Des Sodomites; III. De la Bestialité; IV. De l’Inceste; V. Du
Gamahuchage; VI. De quelques autres abus qui nuisent à la population.
[326] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘.“ I, S. 499.
[327] Angesichts der Vorgänge im Potsdamer Waisenhause und anderer kultur-
historischer Thatsachen erscheint diese Meinung des Marquis de Sade etwas
sonderbar.
[328] W. M. Cooper „Der Flagellantismus und die Flagellanten“. Deutsch von
H. Dohrn. Dresden 1899. S. 102–108.
[329] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 35–36. — Vergl. auch P. J. Moebius „J.
J. Rousseau’s Krankengeschichte“. Leipzig 1889. Und K. G. Lenz, Ueber
Rousseaus Verbindung mit Weibern. 2. Aufl. Berlin 1906. p. 8 ff.
[330] P. Fraxi a. a. O. S. XLIV.
Zeugen, Aerzte, Matronen und rechtsförmliche Urkunden erwiesen erscheint“,
ein Zusatz, den Beaumarchais tilgte.
[313] Die ganze Darstellung der „Affaire d’Eon“ nach A. Bettelheim
„Beaumarchais“, Frankfurt a. M. 1876. S. 356–370.
[314] J. Casanova a. a. O. Bd. V, S. 87. Ueber den Aufenthalt des Chevalier
d’Eon in England vgl. den dritten Band dieser Studien („Das Geschlechtsleben
in England“, Bd. II, Cap. 7), sowie die Schrift von H. Vizetelly „The true story of
the Chevalier d’Eon“, London 1895.
[315] H. Ellis u. J. A. Symonds „Das conträre Geschlechtsgefühl“ Leipzig 1896.
S. 186.
[316] „Bougre“ kommt von „Bulgar“, da man der Sekte der Bulgaren die erste
Einführung des Lasters in Frankreich zuschrieb.
[317] „Erotica Biblion“ Cap. Kadhésh. Amsterdam 1890 (Neudruck) S. 114.
[318] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 Bd. I. S.
460.
[319] Vgl. Bussy-Rabutin „Histoire amoureuse des Gaules“ Edition Auguste
Poitevin Paris 1858 Bd. II S. 254–261.
[320] H. Ellis u. J. A. Symonds a. a. O. S. 127.
[321] A. Moll „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage Berlin 1893 S. 68.
[322] F. C. Forberg a, a. O. S. 164.
[323] „Eros“ I, S. 602. — Die „Hermaphroditen“ waren ein Paederasten-Club,
wie aus der Schrift „Description de l’Isle des Hermaphrodites“ Köln 1724
hervorgeht. Vergl. ferner bezüglich der Verbreitung der Paederastie im 18.
Jahrhundert die „Anecdotes pour servir à l’Histoire Sécrète des Ebugors“.
Medoso MMMCCCXXXIII.
[324] A. Schmidt a. a. O. Bd. II S. 87–88.
[325] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 460. Diese Schrift enthält 6 Capitel: I.
Des filles de joie; II. Des Sodomites; III. De la Bestialité; IV. De l’Inceste; V. Du
Gamahuchage; VI. De quelques autres abus qui nuisent à la population.
[326] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘.“ I, S. 499.
[327] Angesichts der Vorgänge im Potsdamer Waisenhause und anderer kultur-
historischer Thatsachen erscheint diese Meinung des Marquis de Sade etwas
sonderbar.
[328] W. M. Cooper „Der Flagellantismus und die Flagellanten“. Deutsch von
H. Dohrn. Dresden 1899. S. 102–108.
[329] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 35–36. — Vergl. auch P. J. Moebius „J.
J. Rousseau’s Krankengeschichte“. Leipzig 1889. Und K. G. Lenz, Ueber
Rousseaus Verbindung mit Weibern. 2. Aufl. Berlin 1906. p. 8 ff.
[330] P. Fraxi a. a. O. S. XLIV.
Page 437
[331] P. Fraxi a. a. O. S. XLIV-XLV. Dort findet sich auch eine Abbildung dieses
merkwürdigen „Berkley Horse“.
[332] Vgl. „Studien“ Bd. III. Das Geschlechtsleben in England. Zweiter Teil.
Kap. 6.
[333] G. Abricossoff a. a. O. S. 70. — Dass der Aderlass eine Modesache bei
Aerzten und Laien war, bemerkt Dr. P. Hamonic („La Chirurgie et la Médecine
d’autrefois“ Paris 1900 S. 90–91): „Le XVIIIe siècle a marqué l’apogée de la
saignée. Jamais la phlébotomie n’a autant prévalu en chirurgie et en médecine.
On pratiquait cette opération dans les circonstances les plus diverses. On en avait
fait une panacée qui guérissait tout. Elle était plus répandue que la purgation.
Bien des gens se faisaient saigner préventiment pour éviter des maladies qu’ils
n’avaient pas, d’autres par habitude; il en était même qui n’obéissaient qu’à la
mode.“
[334] „Gazette médicale de Paris“ vom 21. Juli 1849 S. 560.
[335] Ein uraltes Mittel der Perser ist das Gummi von Ferula Asa foetida
(Stinkasant, Teufelsdreck), welches „beim Beischlafe zum höchsten Genusse
verhilft, wenn man den Penis damit einreibt.“ (R. Kobert „Historische Studien
aus dem pharmakologischen Institut in Dorpat“. Halle. 1893. Bd. III S. 188).
[336] Ueber das Opium als sexuelles Stimulans urteilt man heute anders. L.
Lewin bemerkt darüber: „Durch einmalige oder nur kurze Zeit gereichte mittlere
Opiummengen soll die Geschlechtstätigkeit erhöht werden. Diese Angabe muss
insofern als unrichtig angesehen werden, als wohl während des Opiumrausches
dem Opiumraucher eine Reihe von wollüstigen Bildern in der abnorm erregten,
ungeordneten und wirren Sinnesthätigkeit auftauchen können, dass aber die
dadurch hervorgerufenen Erectionen schnell vorübergehen und hiermit wohl
nicht eine erhöhte Libido sexualis oder Potentia coeundi verbunden ist. Zu
bemerken ist freilich, dass von Opiophagen eine erhebliche Steigerung der
geschlechtlichen Funktionen in der ersten Zeit des Opiumgebrauches angegeben
wird. Dieselbe macht später einer Impotenz Platz.“ (Artikel „Opium“ in
Eulenburg’s „Real-Encyklopädie der gesamten Heilkunde“. Wien und Leipzig
1898 Bd. XVII S. 625.) — In einem der folgenden Bände dieser Studien
gedenken wir über die Aphrodisiaca in cultur- und sittengeschichtlicher
Beziehung zu handeln.
[337] C. Binz „Vorlesungen über Pharmakologie“ 2. Auflage. Berlin 1891 S.
690.
[338] „Eros“ Bd. I. S. 41–42.
[339] R. Kobert „Lehrbuch der Pharmakotherapie“. 1897. S. 488.
[340] Dulaure a. a. O. Bd. V. S. 434.
[341] Casanova a. a. O. S. 137.
[342] L. Waldenburg und C. E. Simon,„Handbuch der allgemeinen und
speziellen Arzneiverordnungslehre“ 7. Auflage. Berlin 1870 S. 177. Viele
Männer epilirten sich am ganzen Körper (H. Paschkis „Kosmetik für Aerzte“
Wien 1893 S. 28.) — Vgl. Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in
der Türkei. Berlin 1903. Bd. 2, p. 132.
[343] „La chronique scandaleuse“. Paris 1791. Bd. I, S. 139.
merkwürdigen „Berkley Horse“.
[332] Vgl. „Studien“ Bd. III. Das Geschlechtsleben in England. Zweiter Teil.
Kap. 6.
[333] G. Abricossoff a. a. O. S. 70. — Dass der Aderlass eine Modesache bei
Aerzten und Laien war, bemerkt Dr. P. Hamonic („La Chirurgie et la Médecine
d’autrefois“ Paris 1900 S. 90–91): „Le XVIIIe siècle a marqué l’apogée de la
saignée. Jamais la phlébotomie n’a autant prévalu en chirurgie et en médecine.
On pratiquait cette opération dans les circonstances les plus diverses. On en avait
fait une panacée qui guérissait tout. Elle était plus répandue que la purgation.
Bien des gens se faisaient saigner préventiment pour éviter des maladies qu’ils
n’avaient pas, d’autres par habitude; il en était même qui n’obéissaient qu’à la
mode.“
[334] „Gazette médicale de Paris“ vom 21. Juli 1849 S. 560.
[335] Ein uraltes Mittel der Perser ist das Gummi von Ferula Asa foetida
(Stinkasant, Teufelsdreck), welches „beim Beischlafe zum höchsten Genusse
verhilft, wenn man den Penis damit einreibt.“ (R. Kobert „Historische Studien
aus dem pharmakologischen Institut in Dorpat“. Halle. 1893. Bd. III S. 188).
[336] Ueber das Opium als sexuelles Stimulans urteilt man heute anders. L.
Lewin bemerkt darüber: „Durch einmalige oder nur kurze Zeit gereichte mittlere
Opiummengen soll die Geschlechtstätigkeit erhöht werden. Diese Angabe muss
insofern als unrichtig angesehen werden, als wohl während des Opiumrausches
dem Opiumraucher eine Reihe von wollüstigen Bildern in der abnorm erregten,
ungeordneten und wirren Sinnesthätigkeit auftauchen können, dass aber die
dadurch hervorgerufenen Erectionen schnell vorübergehen und hiermit wohl
nicht eine erhöhte Libido sexualis oder Potentia coeundi verbunden ist. Zu
bemerken ist freilich, dass von Opiophagen eine erhebliche Steigerung der
geschlechtlichen Funktionen in der ersten Zeit des Opiumgebrauches angegeben
wird. Dieselbe macht später einer Impotenz Platz.“ (Artikel „Opium“ in
Eulenburg’s „Real-Encyklopädie der gesamten Heilkunde“. Wien und Leipzig
1898 Bd. XVII S. 625.) — In einem der folgenden Bände dieser Studien
gedenken wir über die Aphrodisiaca in cultur- und sittengeschichtlicher
Beziehung zu handeln.
[337] C. Binz „Vorlesungen über Pharmakologie“ 2. Auflage. Berlin 1891 S.
690.
[338] „Eros“ Bd. I. S. 41–42.
[339] R. Kobert „Lehrbuch der Pharmakotherapie“. 1897. S. 488.
[340] Dulaure a. a. O. Bd. V. S. 434.
[341] Casanova a. a. O. S. 137.
[342] L. Waldenburg und C. E. Simon,„Handbuch der allgemeinen und
speziellen Arzneiverordnungslehre“ 7. Auflage. Berlin 1870 S. 177. Viele
Männer epilirten sich am ganzen Körper (H. Paschkis „Kosmetik für Aerzte“
Wien 1893 S. 28.) — Vgl. Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in
der Türkei. Berlin 1903. Bd. 2, p. 132.
[343] „La chronique scandaleuse“. Paris 1791. Bd. I, S. 139.
Page 438
[344] F. Hering „Kosmetik nach Heinrich de Mondeville“. Inauguraldissertation.
Berlin 1898. S. 17–18. (Unter der Aegide von J. Pagel).
[345] Nach J. Hyrtl „Handbuch der topographischen Anatomie“ 7. Auflage.
Wien 1882 Bd. II, S. 191 sprechen auch Avicenna und Cornelius Agrippa von
Mitteln, deren Gebrauch ein zerstörtes Hymen reproduzieren soll. In unseren
kulturhistorischen Studien über die Aphrodisiaca werden wir diese interessante
Frage weiter verfolgen.
[346] Weitere Mitteilungen über die Restauration der Virginität findet man im
zweiten Bande dieser Studien: das Geschlechtsleben in England. Bd. 1, S. 370–
377.
[347] P. Paschkis „Kosmetik für Aerzte“. Wien 1893 S. 27.
[348] „Eros“ II. S. 261.
[349] H. Paschkis a. a. O. S. 23.
[350] H. Ploss und M. Bartels „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde“ 6.
Auflage. Leipzig 1899. Bd. I, S. 750.
[351] „Les bordels de Paris“. Paris 1790. S. 17. — „Höre Hortense“, sagt der
Graf in Mirabeaus „Ma conversion“ (S. 175 ff.) zu einer Dirne, „Ich habe von
Dir einen Tripper bekommen. Das ist ja eine Regel. Ich beklage mich nicht
darüber. Denn es ist ‚le bonbon du métier‘.“
[352] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 226. Dass die Ansteckung auf diesem Wege
erfolgen kann, bestätigt auch R. Bergh, der selbst einen solchen Fall beobachtet
hat. („Ueber Ansteckung und Ansteckungswege bei Syphilis“, Hamburg und
Leipzig 1888. S. 21.)
[353] Parent-Duchatelet a. a. O. II, S. 227. — Eine höchst witzige Anecdote
über eine Madame D**. erzählt die „chron. scand.“ (IV, S. 10): „On disait à un
souper que Madame D**. avait la petite vérole (Blattern). Je n’en suis pas
étonné, répondit quelqu’un, je l’ai toujours connue très modeste.“ — Grande
vérole ist nämlich Syphilis.
[354] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 340 und S. 44.
[355] „L’espion anglais“. Bd. VI, S. 217–235. „Historique du spécifique du
Docteur Guilbert de Préval“.
[356] Es war eine Auflösung von Sublimat in Kalkwasser. (Chr. Girtanner
„Abhandlung über die Venerische Krankheit“ Göttingen 1789 Bd. III, S. 782.)
[357] Parent-Duchatelet a. a. O. II, S. 229.
[358] J. K. Proksch „Geschichte der venerischen Krankheiten“ Bonn 1895 Bd.
II, S. 509; J. Schrank „Die Prostitution in Wien.“ Bd. I, S. 237. Wien 1886.
[359] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 230.
[360] Girtanner a. a. O. Bd. III, S. 781.
[361] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien 1872.
S. 48 ff. — Die Litteratur über die „Affaire Guilbert de Préval“ bei Girtanner
a. a. O. S. 782 und J. K. Proksch „Die Litteratur über die venerischen
Krankheiten“. Bonn 1889. Bd. I, S. 473. — Als Kuriosum möge hier Linguet’s
„Cacomonade, histoire politique et morale“ Köln 1769 erwähnt werden, eine
Berlin 1898. S. 17–18. (Unter der Aegide von J. Pagel).
[345] Nach J. Hyrtl „Handbuch der topographischen Anatomie“ 7. Auflage.
Wien 1882 Bd. II, S. 191 sprechen auch Avicenna und Cornelius Agrippa von
Mitteln, deren Gebrauch ein zerstörtes Hymen reproduzieren soll. In unseren
kulturhistorischen Studien über die Aphrodisiaca werden wir diese interessante
Frage weiter verfolgen.
[346] Weitere Mitteilungen über die Restauration der Virginität findet man im
zweiten Bande dieser Studien: das Geschlechtsleben in England. Bd. 1, S. 370–
377.
[347] P. Paschkis „Kosmetik für Aerzte“. Wien 1893 S. 27.
[348] „Eros“ II. S. 261.
[349] H. Paschkis a. a. O. S. 23.
[350] H. Ploss und M. Bartels „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde“ 6.
Auflage. Leipzig 1899. Bd. I, S. 750.
[351] „Les bordels de Paris“. Paris 1790. S. 17. — „Höre Hortense“, sagt der
Graf in Mirabeaus „Ma conversion“ (S. 175 ff.) zu einer Dirne, „Ich habe von
Dir einen Tripper bekommen. Das ist ja eine Regel. Ich beklage mich nicht
darüber. Denn es ist ‚le bonbon du métier‘.“
[352] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 226. Dass die Ansteckung auf diesem Wege
erfolgen kann, bestätigt auch R. Bergh, der selbst einen solchen Fall beobachtet
hat. („Ueber Ansteckung und Ansteckungswege bei Syphilis“, Hamburg und
Leipzig 1888. S. 21.)
[353] Parent-Duchatelet a. a. O. II, S. 227. — Eine höchst witzige Anecdote
über eine Madame D**. erzählt die „chron. scand.“ (IV, S. 10): „On disait à un
souper que Madame D**. avait la petite vérole (Blattern). Je n’en suis pas
étonné, répondit quelqu’un, je l’ai toujours connue très modeste.“ — Grande
vérole ist nämlich Syphilis.
[354] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 340 und S. 44.
[355] „L’espion anglais“. Bd. VI, S. 217–235. „Historique du spécifique du
Docteur Guilbert de Préval“.
[356] Es war eine Auflösung von Sublimat in Kalkwasser. (Chr. Girtanner
„Abhandlung über die Venerische Krankheit“ Göttingen 1789 Bd. III, S. 782.)
[357] Parent-Duchatelet a. a. O. II, S. 229.
[358] J. K. Proksch „Geschichte der venerischen Krankheiten“ Bonn 1895 Bd.
II, S. 509; J. Schrank „Die Prostitution in Wien.“ Bd. I, S. 237. Wien 1886.
[359] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. II, S. 230.
[360] Girtanner a. a. O. Bd. III, S. 781.
[361] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien 1872.
S. 48 ff. — Die Litteratur über die „Affaire Guilbert de Préval“ bei Girtanner
a. a. O. S. 782 und J. K. Proksch „Die Litteratur über die venerischen
Krankheiten“. Bonn 1889. Bd. I, S. 473. — Als Kuriosum möge hier Linguet’s
„Cacomonade, histoire politique et morale“ Köln 1769 erwähnt werden, eine
Page 439
Paraphrase von Voltaire’s bekannter cynischer Anecdote über den Ursprung der
Syphilis im 4. Kap. des „Candide“.
[362] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 226.
[363] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien 1872.
S. 48.
[364] J. K. Proksch a. a. O. S. 50.
[365] Proksch a. a. O. S. 50–51. „Unter 48 Condomen der verschiedensten
Grösse, die ich mir von Verschleissern und ohne eine Auswahl zu meinen
Experimenten anschaffte, fand ich keinen einzigen, welchen ich als schlecht
gemacht und unsicher bezeichnen könnte. Die meisten Condome liessen sich
mittelst einer Compressionsluftpumpe bis an das Vierfache des Volums, welches
sie im Zustande der Contraction hatten, ausdehnen, ehe sie mit einem starken
Knalle platzten; kein einziger Condom barst, wenn ich die Ausdehnung seines
Umfanges nur bis auf das Dreifache trieb, was ich an allen durch genaue
Messungen sicher stellte. Bemerkenswert war bei diesen Versuchen der
Umstand, dass die Condome nach einer stärkeren Ausdehnung knapp vor der
Stelle abrissen, wo ich sie mittelst eines Bändchens an die Compressions-
Luftpumpe befestigt hatte. Wäre es mir also möglich gewesen, die Condome auf
eine Weise zu befestigen, die es zugelassen hätte, die ganzen Condome zu
erweitern, so würde ich gewiss noch bedeutendere Ausdehnungen erzielt haben.“
Auch rasche und ungleichmässige Ausdehnungen ergaben dasselbe Resultat
wodurch nach Proksch sichergestellt ist, dass, wenn „die Condome aus
Kautschuk im unversehrten Zustande verkauft werden, sie durch den Beischlaf
unmöglich zerrissen werden können, auch wenn sie noch so ungeschickt
angelegt und gebraucht werden, und dass sie selbst bei ihrer stärksten
Ausdehnung impermeabel bleiben. Damit sind die gewichtigsten Einwände,
welche gegen die Schutzfähigkeit der Condome bis nun gethan wurden,
widerlegt.“
[366] J. A. Dulaure hat in seinem grossen Werke „Des divinités génératrices ou
du culte du Phallus chez les Anciens et Modernes“ Nouv. édit. Paris 1885 eine
ausführliche Darstellung der Geschichte des Phalluscultus gegeben. —
Wertvolle Beiträge dazu auch bei J. Rosenbaum „Geschichte der Lustseuche im
Altertume“. 7. Auflage. Berlin 1904. S. 59–70.
[367] Dr. Iwan Bloch. „Kannten die Alten die Contagiosität venerischer
Krankheiten?“ Deutsche med. Wochenschr. 1899 No. 5, teilt eine interessante
Stelle aus den kürzlich wieder aufgefundenen Mimiamben des hellenistischen
Dichters Herondas mit. In dem Mimiambus „Die beiden Freundinnen“ oder
„Das vertrauliche Gespräch“ handelt es sich um einen Lederphallus, den die
Frauen der Insel Kos unter einander zur Befriedigung ihrer Lüste benutzen,
welche Unsitte damals selbst unter den ehrbaren Bürgerinnen ganz verbreitet
war, wie aus dem Gespräche zweier Freundinnen hervorgeht. — Die
Behauptung Bloch’s, dass die Syphilis im Altertums nicht existiert habe, scheint
uns noch entschieden weiterer Beweise bedürftig zu sein.
[368] Selbst dieses Instrument wurde zu einer Satire gegen das Königtum
missbraucht, in der Schrift „Le Godmiché Royal“ Paris 1790.
[369] W. Heinse in seiner Uebersetzung des „Petronius. Begebenheiten des
Enkolp.“ Neue Ausgabe. Leipzig 1898. Bd. I, S. 70.
Syphilis im 4. Kap. des „Candide“.
[362] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 226.
[363] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien 1872.
S. 48.
[364] J. K. Proksch a. a. O. S. 50.
[365] Proksch a. a. O. S. 50–51. „Unter 48 Condomen der verschiedensten
Grösse, die ich mir von Verschleissern und ohne eine Auswahl zu meinen
Experimenten anschaffte, fand ich keinen einzigen, welchen ich als schlecht
gemacht und unsicher bezeichnen könnte. Die meisten Condome liessen sich
mittelst einer Compressionsluftpumpe bis an das Vierfache des Volums, welches
sie im Zustande der Contraction hatten, ausdehnen, ehe sie mit einem starken
Knalle platzten; kein einziger Condom barst, wenn ich die Ausdehnung seines
Umfanges nur bis auf das Dreifache trieb, was ich an allen durch genaue
Messungen sicher stellte. Bemerkenswert war bei diesen Versuchen der
Umstand, dass die Condome nach einer stärkeren Ausdehnung knapp vor der
Stelle abrissen, wo ich sie mittelst eines Bändchens an die Compressions-
Luftpumpe befestigt hatte. Wäre es mir also möglich gewesen, die Condome auf
eine Weise zu befestigen, die es zugelassen hätte, die ganzen Condome zu
erweitern, so würde ich gewiss noch bedeutendere Ausdehnungen erzielt haben.“
Auch rasche und ungleichmässige Ausdehnungen ergaben dasselbe Resultat
wodurch nach Proksch sichergestellt ist, dass, wenn „die Condome aus
Kautschuk im unversehrten Zustande verkauft werden, sie durch den Beischlaf
unmöglich zerrissen werden können, auch wenn sie noch so ungeschickt
angelegt und gebraucht werden, und dass sie selbst bei ihrer stärksten
Ausdehnung impermeabel bleiben. Damit sind die gewichtigsten Einwände,
welche gegen die Schutzfähigkeit der Condome bis nun gethan wurden,
widerlegt.“
[366] J. A. Dulaure hat in seinem grossen Werke „Des divinités génératrices ou
du culte du Phallus chez les Anciens et Modernes“ Nouv. édit. Paris 1885 eine
ausführliche Darstellung der Geschichte des Phalluscultus gegeben. —
Wertvolle Beiträge dazu auch bei J. Rosenbaum „Geschichte der Lustseuche im
Altertume“. 7. Auflage. Berlin 1904. S. 59–70.
[367] Dr. Iwan Bloch. „Kannten die Alten die Contagiosität venerischer
Krankheiten?“ Deutsche med. Wochenschr. 1899 No. 5, teilt eine interessante
Stelle aus den kürzlich wieder aufgefundenen Mimiamben des hellenistischen
Dichters Herondas mit. In dem Mimiambus „Die beiden Freundinnen“ oder
„Das vertrauliche Gespräch“ handelt es sich um einen Lederphallus, den die
Frauen der Insel Kos unter einander zur Befriedigung ihrer Lüste benutzen,
welche Unsitte damals selbst unter den ehrbaren Bürgerinnen ganz verbreitet
war, wie aus dem Gespräche zweier Freundinnen hervorgeht. — Die
Behauptung Bloch’s, dass die Syphilis im Altertums nicht existiert habe, scheint
uns noch entschieden weiterer Beweise bedürftig zu sein.
[368] Selbst dieses Instrument wurde zu einer Satire gegen das Königtum
missbraucht, in der Schrift „Le Godmiché Royal“ Paris 1790.
[369] W. Heinse in seiner Uebersetzung des „Petronius. Begebenheiten des
Enkolp.“ Neue Ausgabe. Leipzig 1898. Bd. I, S. 70.
Page 440
[370] Garnier a. a. O. S. 378.
[371] Derselbe Autor erzählt a. a. O. S. 125, dass die Chinesen auch diese
Wollustapparate schon erfunden hatten, bevor sie mit Europäern in Berührung
kamen, und dass man heute in Tient-sin künstliche männliche Glieder in
„natürlichen Farben“ verkauft, sowie Bilder, welche Frauen darstellen, wie sie
von „Tröstern“ Gebrauch machen. Selbst auf Porzellan wurden derartige Szenen
gemalt. — Wir selbst haben in letzter Zeit mehrfach im Besitz von jungen
Kaufleuten eine hektographierte Zeichnung gesehen, auf der dieser Apparat in
Form einer grossen Maschine dargestellt war, die von einer Frau zum Zwecke
der sexuellen Befriedigung in Bewegung gesetzt wird. So ähnlich wird man sich
Sade’s „automatische Godmichés“ zu denken haben. — „Analuma, eigentlich
die Gesellschaft der unverheirateten jungen Damen, ist ein sinnig-
euphemistisch-verschämter Ausdruck für den Penis.“ (B. Friedländer „Notizen
über Samoa“. Zeitschr. für Ethnologie. 1899. S. 31).
[372] Garnier a. a. O. S. 373.
[373] Paul Lacroix „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ Paris
1875. S. 389.
[374] Paul Lacroix a. a. O. S. 390.
[375] ib. S. 388.
[376] Paul Lacroix a. a. O. S. 11.
[377] Brillat-Savarin „Physiologie des Geschmacks“, übersetzt von Carl Vogt. 2.
Aufl. Braunschweig 1866. S. 269.
[378] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 263.
[379] ib. S. 269.
[380] ib. S. 56.
[381] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 224 ff.
[382] J. F. Reichardt a. a. O. Bd. III. S. 77–78.
[383] „Aline et Valcour“ Brüssel 1883 Bd. II, S. 293.
[384] Es ist eine interessante Frage, ob die Kleptomanie vornehmer Damen nicht
mit sexuellen Perversitäten zusammenhängt, wie wir vermuten, nach den
blossen Schilderungen, die Sade von der Wollust des Diebstahls entwirft. Der
Fall Lombroso’s, in dem ein 15jähriges Mädchen stets während der Menstruation
von Kleptomanie ergriffen wurde, spricht auch dafür. („Das Weib als
Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg 1894. S. 527.)
[385] A. Bettelheim a. a. O. S. 615. — Wie diese Geldgier den moralischen und
physischen Menschen corrumpiert, schildert unübertrefflich A. Schüle
„Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Auflage. Leipzig 1880. S. 194.
[386] G. Keben „Die Prostitution und ihre Beziehungen zur modernen
realistischen Litteratur“. Zürich 1892 S. 52 führt ein bemerkenswertes Wort von
Avé-Lallemant an: „Mehrere Räuber verfluchten auf dem Schaffot die Bordelle
als die Ursache ihres Unglücks.“
[387] A. Schmidt a a. O. Bd. II, S. 33–36.
[371] Derselbe Autor erzählt a. a. O. S. 125, dass die Chinesen auch diese
Wollustapparate schon erfunden hatten, bevor sie mit Europäern in Berührung
kamen, und dass man heute in Tient-sin künstliche männliche Glieder in
„natürlichen Farben“ verkauft, sowie Bilder, welche Frauen darstellen, wie sie
von „Tröstern“ Gebrauch machen. Selbst auf Porzellan wurden derartige Szenen
gemalt. — Wir selbst haben in letzter Zeit mehrfach im Besitz von jungen
Kaufleuten eine hektographierte Zeichnung gesehen, auf der dieser Apparat in
Form einer grossen Maschine dargestellt war, die von einer Frau zum Zwecke
der sexuellen Befriedigung in Bewegung gesetzt wird. So ähnlich wird man sich
Sade’s „automatische Godmichés“ zu denken haben. — „Analuma, eigentlich
die Gesellschaft der unverheirateten jungen Damen, ist ein sinnig-
euphemistisch-verschämter Ausdruck für den Penis.“ (B. Friedländer „Notizen
über Samoa“. Zeitschr. für Ethnologie. 1899. S. 31).
[372] Garnier a. a. O. S. 373.
[373] Paul Lacroix „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ Paris
1875. S. 389.
[374] Paul Lacroix a. a. O. S. 390.
[375] ib. S. 388.
[376] Paul Lacroix a. a. O. S. 11.
[377] Brillat-Savarin „Physiologie des Geschmacks“, übersetzt von Carl Vogt. 2.
Aufl. Braunschweig 1866. S. 269.
[378] P. L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 263.
[379] ib. S. 269.
[380] ib. S. 56.
[381] Casanova a. a. O. Bd. XI, S. 224 ff.
[382] J. F. Reichardt a. a. O. Bd. III. S. 77–78.
[383] „Aline et Valcour“ Brüssel 1883 Bd. II, S. 293.
[384] Es ist eine interessante Frage, ob die Kleptomanie vornehmer Damen nicht
mit sexuellen Perversitäten zusammenhängt, wie wir vermuten, nach den
blossen Schilderungen, die Sade von der Wollust des Diebstahls entwirft. Der
Fall Lombroso’s, in dem ein 15jähriges Mädchen stets während der Menstruation
von Kleptomanie ergriffen wurde, spricht auch dafür. („Das Weib als
Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg 1894. S. 527.)
[385] A. Bettelheim a. a. O. S. 615. — Wie diese Geldgier den moralischen und
physischen Menschen corrumpiert, schildert unübertrefflich A. Schüle
„Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Auflage. Leipzig 1880. S. 194.
[386] G. Keben „Die Prostitution und ihre Beziehungen zur modernen
realistischen Litteratur“. Zürich 1892 S. 52 führt ein bemerkenswertes Wort von
Avé-Lallemant an: „Mehrere Räuber verfluchten auf dem Schaffot die Bordelle
als die Ursache ihres Unglücks.“
[387] A. Schmidt a a. O. Bd. II, S. 33–36.
Page 441
[388] A. Schmidt a. a. O. II, S 39–43.
[389] A. Schmidt a. a. O. II, 51.
[390] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 56. — Schmidt macht darauf aufmerksam,
dass die einmal erweckten verbrecherischen Neigungen sich in einem Teile der
französischen und besonders der Pariser Bevölkerung forterbten und daher in
jedem späteren, die Bande der bürgerlichen Ordnung lockernden Zeitpunkt mit
Unwiderstehlichkeit und Heftigkeit wieder hervorbrachen.
[391] G. Hermann a. a. O. S. 111.
[392] A. Kohut „Berühmte und berüchtigte Giftmischerinnen“. Berlin 1893. S.
55–65.
[393] Ueberraschend ähnlich (wenn auch natürlich in anderem Sinne) heisst es
bei W. v. Bechterew „Suggestion und ihre soziale Bedeutung“ Leipzig 1899, S.
82 von der Suggestion überhaupt: „Es kann nicht zweifelhaft sein, dass
suggestive Mikroben in gewissen Fällen gleich verderbenbringend wirken
müssen wie physische Infektion... Der ‚psychische Bacillus‘ der Suggestion
kann je nach seinem inneren Gehalt segenbringende, aber auch schädliche und
verheerende Wirkungen entfalten.“
[394] „L’espion anglais“. Bd. VI. London 1783. S. 1–15. („Exécution de
Desrues et son histoire“.)
[395] Jules Janin a. a. O. S. 322.
[396] Cesare Beccaria „Ueber Verbrechen und Strafen“, übersetzt von M.
Waldeck. Berlin 1870. S. 63.
[397] Paul Lacroix „XVIIIe siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ Paris
1875. S. 307 — Adlige wurden enthauptet.
[398] Paul Lacroix a. a. O. S. 307.
[399] P. Lacroix a. a. O. S. 309.
[400] Th. Carlyle „Die französische Revolution“ übersetzt von Franz Kwest.
Halle 1899 Bd. II, S. 419.
[401] „Assassinat de Louis XV. et supplice de Damiens“ (Extrait par Lemonty
des Mémoires manuscrits du duc de Croy Bd. XIV) in „Revue rétrospective“
Paris 1833 Bd. I, S. 357–370.
[402] Charles Monselet „Le Supplice de Damiens“ in: Bibliothèque choisie
Band 1154 Paris 1873 S. 119.
[403] Monselet sagt hier: „Ich erzähle, gestützt auf Documente von
unbestreitbarer Authenticität. Ich übertreibe nichts, was infam sein würde! Ich
mildere sogar den Ausdruck und lasse nur die blossen Thatsachen reden. Ich bin
zu dieser Erklärung genötigt, um fortfahren zu können.“ (a. a. O. S. 128.)
[404] Monselet a. a. O. S. 130.
[405] „Geschichte des Privatlebens Ludwigs XIV. u. s. w.“ A. d. Französ. Berlin
u. Stettin 1781. Bd. III, S. 113.
[406] F. W. Barthold a. a. O. S. 261.
[389] A. Schmidt a. a. O. II, 51.
[390] A. Schmidt a. a. O. Bd. II, S. 56. — Schmidt macht darauf aufmerksam,
dass die einmal erweckten verbrecherischen Neigungen sich in einem Teile der
französischen und besonders der Pariser Bevölkerung forterbten und daher in
jedem späteren, die Bande der bürgerlichen Ordnung lockernden Zeitpunkt mit
Unwiderstehlichkeit und Heftigkeit wieder hervorbrachen.
[391] G. Hermann a. a. O. S. 111.
[392] A. Kohut „Berühmte und berüchtigte Giftmischerinnen“. Berlin 1893. S.
55–65.
[393] Ueberraschend ähnlich (wenn auch natürlich in anderem Sinne) heisst es
bei W. v. Bechterew „Suggestion und ihre soziale Bedeutung“ Leipzig 1899, S.
82 von der Suggestion überhaupt: „Es kann nicht zweifelhaft sein, dass
suggestive Mikroben in gewissen Fällen gleich verderbenbringend wirken
müssen wie physische Infektion... Der ‚psychische Bacillus‘ der Suggestion
kann je nach seinem inneren Gehalt segenbringende, aber auch schädliche und
verheerende Wirkungen entfalten.“
[394] „L’espion anglais“. Bd. VI. London 1783. S. 1–15. („Exécution de
Desrues et son histoire“.)
[395] Jules Janin a. a. O. S. 322.
[396] Cesare Beccaria „Ueber Verbrechen und Strafen“, übersetzt von M.
Waldeck. Berlin 1870. S. 63.
[397] Paul Lacroix „XVIIIe siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ Paris
1875. S. 307 — Adlige wurden enthauptet.
[398] Paul Lacroix a. a. O. S. 307.
[399] P. Lacroix a. a. O. S. 309.
[400] Th. Carlyle „Die französische Revolution“ übersetzt von Franz Kwest.
Halle 1899 Bd. II, S. 419.
[401] „Assassinat de Louis XV. et supplice de Damiens“ (Extrait par Lemonty
des Mémoires manuscrits du duc de Croy Bd. XIV) in „Revue rétrospective“
Paris 1833 Bd. I, S. 357–370.
[402] Charles Monselet „Le Supplice de Damiens“ in: Bibliothèque choisie
Band 1154 Paris 1873 S. 119.
[403] Monselet sagt hier: „Ich erzähle, gestützt auf Documente von
unbestreitbarer Authenticität. Ich übertreibe nichts, was infam sein würde! Ich
mildere sogar den Ausdruck und lasse nur die blossen Thatsachen reden. Ich bin
zu dieser Erklärung genötigt, um fortfahren zu können.“ (a. a. O. S. 128.)
[404] Monselet a. a. O. S. 130.
[405] „Geschichte des Privatlebens Ludwigs XIV. u. s. w.“ A. d. Französ. Berlin
u. Stettin 1781. Bd. III, S. 113.
[406] F. W. Barthold a. a. O. S. 261.
Page 442
[407] Das Attentat des Damiens soll auf Anstiften der Jesuiten erfolgt sein.
Vergl. P. P. Wolf „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Bd. III, S. 316.
[408] J. Casanova a. a. O. Bd. VIII. S. 74–76.
[409] S. 77.
[410] „Revue rétrospective.“ Bd. I. S. 370.
[411] „L’espion anglais.“ Bd. VI. S. 14.
[412] Thomas Carlyle „Die französische Revolution.“ Halle 1899. Bd. II, S. 67–
68.
[413] Th. Carlyle a. a. O. Bd. II, S. 165 und 185.
[414] Jourgniac St.-Méard „Mon Agonie de trente-huit heures“ in „Histoire
parlamentaire de la Révolution Française“. Paris 1835. Bd. XVIII, S. 103–135.
[415] Maton de la Varenne „Ma résurrection“ ibid. S. 135–156.
[416] Abbé Sicard „Relation adressée à un de ses amis“ ibid. S. 98–103.
[417] Th. Carlyle a. a. O. S. 196. — Mercier sah aus einem Haufen von Leichen
einen Fuss hervorragen. „Ich sah jenen Fuss“, sagt er, „ich werde ihn wieder
erkennen am grossen Tage des Gerichts, wenn der Ewige, auf seinen Donnern
thronend, richten wird über beide, Könige und Septembermänner.“ („Le nouveau
Paris.“ Paris 1800. Bd. VI, S. 21.)
[418] Die Guillotine, deren Erfindung irrtümlich dem Arzte Joseph-Ignace
Guillotin (1738–1814) zugeschrieben wird, war schon im Mittelalter bekannt.
Die Köpfmaschine der französischen Revolution war nach den Vorschlägen des
Chirurgen Louis von dem deutschen Mechaniker Schmitt angefertigt worden und
wurde zum ersten Male im April 1792 auf dem Grèveplatz aufgestellt. Vergl. G.
Korn „Joseph-Ignace Guillotin“ Inauguraldissertation. Berlin 1891, S. 20.
[419] Th. Carlyle a. a. O. Bd. II. „Schrecken an der Tagesordnung“. S. 358–398.
[420] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 262.
[421] Comte Fleury „Les grands Terroristes. Carrier à Nantes (1793–1794).“
Paris 1897. Besonders Seite 197–202.
[422] Comte Fleury a. a. O. S. 121.
[423] Comte Fleury a. a. O. S. 175.
[424] Auch über die Priester äusserte sich Carrier fast in denselben obscönen
Ausdrücken, deren sich Sade ihnen gegenüber bedient. So sagte er von 60
verurteilten Priestern aus Angres: „Pas tant de mystère, f... tous ces bougres-là à
l’eau.“ (Fleury a. a. O. S. 112.)
[425] Carlyle a. a. O. II, S. 374.
[426] Carlyle a. a. O. Bd. II, S. 402. — Ein Exemplar von Sades „Philosophie
dans le Boudoir“ (Londres 1795. 2 vols. in 16o), das in Menschenhaut
eingebunden ist, wird jetzt in Paris für 500 frs. ausgeboten.
[427] Arsène Houssaye „Notre-Dame de Thermidor“ Paris 1806. S. 361–368.
[428] Th. Achelis „Moderne Völkerkunde“. Stuttgart 1896. S. 3.
Vergl. P. P. Wolf „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Bd. III, S. 316.
[408] J. Casanova a. a. O. Bd. VIII. S. 74–76.
[409] S. 77.
[410] „Revue rétrospective.“ Bd. I. S. 370.
[411] „L’espion anglais.“ Bd. VI. S. 14.
[412] Thomas Carlyle „Die französische Revolution.“ Halle 1899. Bd. II, S. 67–
68.
[413] Th. Carlyle a. a. O. Bd. II, S. 165 und 185.
[414] Jourgniac St.-Méard „Mon Agonie de trente-huit heures“ in „Histoire
parlamentaire de la Révolution Française“. Paris 1835. Bd. XVIII, S. 103–135.
[415] Maton de la Varenne „Ma résurrection“ ibid. S. 135–156.
[416] Abbé Sicard „Relation adressée à un de ses amis“ ibid. S. 98–103.
[417] Th. Carlyle a. a. O. S. 196. — Mercier sah aus einem Haufen von Leichen
einen Fuss hervorragen. „Ich sah jenen Fuss“, sagt er, „ich werde ihn wieder
erkennen am grossen Tage des Gerichts, wenn der Ewige, auf seinen Donnern
thronend, richten wird über beide, Könige und Septembermänner.“ („Le nouveau
Paris.“ Paris 1800. Bd. VI, S. 21.)
[418] Die Guillotine, deren Erfindung irrtümlich dem Arzte Joseph-Ignace
Guillotin (1738–1814) zugeschrieben wird, war schon im Mittelalter bekannt.
Die Köpfmaschine der französischen Revolution war nach den Vorschlägen des
Chirurgen Louis von dem deutschen Mechaniker Schmitt angefertigt worden und
wurde zum ersten Male im April 1792 auf dem Grèveplatz aufgestellt. Vergl. G.
Korn „Joseph-Ignace Guillotin“ Inauguraldissertation. Berlin 1891, S. 20.
[419] Th. Carlyle a. a. O. Bd. II. „Schrecken an der Tagesordnung“. S. 358–398.
[420] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 262.
[421] Comte Fleury „Les grands Terroristes. Carrier à Nantes (1793–1794).“
Paris 1897. Besonders Seite 197–202.
[422] Comte Fleury a. a. O. S. 121.
[423] Comte Fleury a. a. O. S. 175.
[424] Auch über die Priester äusserte sich Carrier fast in denselben obscönen
Ausdrücken, deren sich Sade ihnen gegenüber bedient. So sagte er von 60
verurteilten Priestern aus Angres: „Pas tant de mystère, f... tous ces bougres-là à
l’eau.“ (Fleury a. a. O. S. 112.)
[425] Carlyle a. a. O. II, S. 374.
[426] Carlyle a. a. O. Bd. II, S. 402. — Ein Exemplar von Sades „Philosophie
dans le Boudoir“ (Londres 1795. 2 vols. in 16o), das in Menschenhaut
eingebunden ist, wird jetzt in Paris für 500 frs. ausgeboten.
[427] Arsène Houssaye „Notre-Dame de Thermidor“ Paris 1806. S. 361–368.
[428] Th. Achelis „Moderne Völkerkunde“. Stuttgart 1896. S. 3.
Page 443
[429] Th. Achelis a. a. O. S. 4.
[430] Siehe Chr. Girtanner, a. a. O. Bd. I, S. 57–59.
[431] „Gilles de Rays, maréchal de France, dit Barbe-Bleue (1404–1440)“ par
l’abbé E. Bossard et R. de Maulle. Paris 1886.
[432] A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie. Leipzig 1895“ S. 116.
[433] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon u. Paris
1899. Seite 246–247.
[434] A. Eulenburg „sexuale Neuropathie“ S. 116. — Die dort erwähnte
ungarische „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory, die im 17. Jahrhundert lebte, ist Sade
nicht bekannt gewesen. Vergl. „Die Blutgräfin (Elisabeth Báthory) ein Sitten-
und Charakterbild“ von R. A. von Elsberg. Breslau 1893.
[435] J. Michelet „Histoire de France (Louis XV.)“ Bd. XVII. Paris 1879. S. 126
ff.
[436] Paul Moreau a. a. O. S. 64.
[437] Ch. J. D. de Lacretelle „Histoire de France pendant le 18me siècle“ Paris
1819. Bd. I, S. 271.
[438] „Biographie universelle“ Paris 1844. Bd. VII, S. 673. Die hier erzählte
Anekdote über Charolais teilt auch Sade mit (Phil. dans le Boud. II, 131).
[439] E. u. J. de Goncourt „La femme etc.“ S. 275.
[440] A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“. Berlin 1808. Bd. I, S.
701.
[441] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 239. — Dort wird auch auf
die „blutigen Ausschweifungen“ des im 17. Jahrhundert lebenden Duc
d’Epernon hingewiesen.
[442] F. Lotheissen „Litteratur und Gesellschaft“ u. s. w. S. 104.
[443] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des
Lasters.“ Leipzig 1874. S. 14 und 18.
[444] J. A. Dulaure „Histoire physique, civile et morale de Paris“. Paris 1821.
Bd. V, S. 19.
[445] Dies ist ein Nachdruck einer scatologischen Gedichtsammlung „Merdiana,
recueil propre à certain usage“ Paris 1803. Die „Bibliotheca Scatologica“ (Paris
1853) enthält u. a. auch zahlreiche Titel von Schriften, die den menschlichen
Excrementen alles erdenkliche Lob zollen.
[446] C. J. Weber „Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834. Bd. III, S. 209.
[447] J. Casanova a. a. O. Bd. XVII, S. 104 und 189.
[448] F. W. Barthold a. a. O. S. 56. — Ein bezeichnendes Sprichwort der
Venetianer heisst: La mattina una messetta, l’apodimar una bassetta, e la sera
una donnetta. — Vgl. auch. Thomas Medwin, „Lord Byron-Erinnerungen“. 3.
Auflage. S. 47 ff. Leipzig 1900. Verlag von H. Barsdorf.
[449] Sehr viel Material in dieser Beziehung enthalten die auf Kosten des Earl of
Orford gedruckten „Leggi e Memoire Venete sulla Prostituzione fine alla caduta
[430] Siehe Chr. Girtanner, a. a. O. Bd. I, S. 57–59.
[431] „Gilles de Rays, maréchal de France, dit Barbe-Bleue (1404–1440)“ par
l’abbé E. Bossard et R. de Maulle. Paris 1886.
[432] A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie. Leipzig 1895“ S. 116.
[433] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon u. Paris
1899. Seite 246–247.
[434] A. Eulenburg „sexuale Neuropathie“ S. 116. — Die dort erwähnte
ungarische „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory, die im 17. Jahrhundert lebte, ist Sade
nicht bekannt gewesen. Vergl. „Die Blutgräfin (Elisabeth Báthory) ein Sitten-
und Charakterbild“ von R. A. von Elsberg. Breslau 1893.
[435] J. Michelet „Histoire de France (Louis XV.)“ Bd. XVII. Paris 1879. S. 126
ff.
[436] Paul Moreau a. a. O. S. 64.
[437] Ch. J. D. de Lacretelle „Histoire de France pendant le 18me siècle“ Paris
1819. Bd. I, S. 271.
[438] „Biographie universelle“ Paris 1844. Bd. VII, S. 673. Die hier erzählte
Anekdote über Charolais teilt auch Sade mit (Phil. dans le Boud. II, 131).
[439] E. u. J. de Goncourt „La femme etc.“ S. 275.
[440] A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“. Berlin 1808. Bd. I, S.
701.
[441] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 239. — Dort wird auch auf
die „blutigen Ausschweifungen“ des im 17. Jahrhundert lebenden Duc
d’Epernon hingewiesen.
[442] F. Lotheissen „Litteratur und Gesellschaft“ u. s. w. S. 104.
[443] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne des
Lasters.“ Leipzig 1874. S. 14 und 18.
[444] J. A. Dulaure „Histoire physique, civile et morale de Paris“. Paris 1821.
Bd. V, S. 19.
[445] Dies ist ein Nachdruck einer scatologischen Gedichtsammlung „Merdiana,
recueil propre à certain usage“ Paris 1803. Die „Bibliotheca Scatologica“ (Paris
1853) enthält u. a. auch zahlreiche Titel von Schriften, die den menschlichen
Excrementen alles erdenkliche Lob zollen.
[446] C. J. Weber „Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834. Bd. III, S. 209.
[447] J. Casanova a. a. O. Bd. XVII, S. 104 und 189.
[448] F. W. Barthold a. a. O. S. 56. — Ein bezeichnendes Sprichwort der
Venetianer heisst: La mattina una messetta, l’apodimar una bassetta, e la sera
una donnetta. — Vgl. auch. Thomas Medwin, „Lord Byron-Erinnerungen“. 3.
Auflage. S. 47 ff. Leipzig 1900. Verlag von H. Barsdorf.
[449] Sehr viel Material in dieser Beziehung enthalten die auf Kosten des Earl of
Orford gedruckten „Leggi e Memoire Venete sulla Prostituzione fine alla caduta
Page 444
della republica“ Venedig 1780–1872.
[450] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“ Wien 1872,
S. 26.
[451] J. Casanova a. a. O. I, 125 ff und III, 186.
[452] Näheres bei A. Moll „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage. Berlin
1893. S. 44.
[453] H. Fuchs, Richard Wagner u. d. Homosexualität. Berlin 1903. S. 16–20.
[454] A. Moll a. a. O. S. 56–62.
[455] 4: „Histoire des Papes. Crimes, Meurtres, Empoisonnements, Parricides,
Adultères, Incestes etc.“ Paris 1843. Bd. 7, S. 197.
[456] J. Casanova a. a. O. Bd. II, S. 41 und 177 und XVII, S. 186.
[457] A. Moll a. a. O. S. 51–52. — Italien hat auch den berühmtesten aller
Paederasten-Romane hervorgebracht, das äusserst selten gewordene Buch
„Alcibiade fanciullo a scuola“, Oranges 1652. (Französisch: „Alcibiade Enfant à
l’Ecole“. Amsterdam 1866.)
[458] Joseph Gorani „Mémoires secrets et critiques des cours et des mœurs des
principaux états de l’Italie“. Paris 1794. Bd. I, S. 79, 85–86.
[459] J. Casanova a. a. O. II, 15 und 45.
[460] „Eros“. Bd. II, S. 350.
[461] C. J. Weber „Das Papsttum und die Päpste“. Stuttgart 1834. Bd. III S. 157.
[462] J. Casanova a. a. O. XVII, S. 126–27.
[463] J. Casanova a. a. O. Bd XVII, S. 134; 177 ff.
[464] Bourgoing „Mémoires historiques et philosophiques sur Pie VI et son
pontificat“ Paris An 7 de la République. S. 101 bis 111.
[465] P. Coletta „Geschichte des Königreich Neapel“ 2. Aufl. Cassel 1855. Bd. I,
S. 246.
[466] C. J. Weber a. a. O. Bd. III, S. 255.
[467] J. Gorani a. a. O. Bd. II, S. 357.
[468] Bourgoing a. a. O. S. 120–121. — Der Lüstling und Klosterprior Severino
bei Sade wird als Verwandter des Papstes Pius VI. bezeichnet (Justine II, 176.)
[469] Karoline nennt sich in ihren Briefen Charlotte. Daher heisst sie auch bei
Sade so.
[470] v. Helfert „Maria Karoline von Oesterreich, Königin von Neapel“, Wien
1884.
[471] M. Brosch „Königin Maria Karolina von Neapel“ in: Historische
Zeitschrift Bd. 53. München und Leipzig 1885. S. 72–94.
[472] P. Coletta a. a. O. Bd. I, S. 240.
[473] J. Gorani a. a. O. Bd. I, S. 96, 135, 209, 256–64. — J. Gorani, geboren 15.
Febr. 1740 in Mailand, starb nach einem abenteuerlichen Leben am 13.
Dezember 1819 in Genf.
[450] J. K. Proksch „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“ Wien 1872,
S. 26.
[451] J. Casanova a. a. O. I, 125 ff und III, 186.
[452] Näheres bei A. Moll „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage. Berlin
1893. S. 44.
[453] H. Fuchs, Richard Wagner u. d. Homosexualität. Berlin 1903. S. 16–20.
[454] A. Moll a. a. O. S. 56–62.
[455] 4: „Histoire des Papes. Crimes, Meurtres, Empoisonnements, Parricides,
Adultères, Incestes etc.“ Paris 1843. Bd. 7, S. 197.
[456] J. Casanova a. a. O. Bd. II, S. 41 und 177 und XVII, S. 186.
[457] A. Moll a. a. O. S. 51–52. — Italien hat auch den berühmtesten aller
Paederasten-Romane hervorgebracht, das äusserst selten gewordene Buch
„Alcibiade fanciullo a scuola“, Oranges 1652. (Französisch: „Alcibiade Enfant à
l’Ecole“. Amsterdam 1866.)
[458] Joseph Gorani „Mémoires secrets et critiques des cours et des mœurs des
principaux états de l’Italie“. Paris 1794. Bd. I, S. 79, 85–86.
[459] J. Casanova a. a. O. II, 15 und 45.
[460] „Eros“. Bd. II, S. 350.
[461] C. J. Weber „Das Papsttum und die Päpste“. Stuttgart 1834. Bd. III S. 157.
[462] J. Casanova a. a. O. XVII, S. 126–27.
[463] J. Casanova a. a. O. Bd XVII, S. 134; 177 ff.
[464] Bourgoing „Mémoires historiques et philosophiques sur Pie VI et son
pontificat“ Paris An 7 de la République. S. 101 bis 111.
[465] P. Coletta „Geschichte des Königreich Neapel“ 2. Aufl. Cassel 1855. Bd. I,
S. 246.
[466] C. J. Weber a. a. O. Bd. III, S. 255.
[467] J. Gorani a. a. O. Bd. II, S. 357.
[468] Bourgoing a. a. O. S. 120–121. — Der Lüstling und Klosterprior Severino
bei Sade wird als Verwandter des Papstes Pius VI. bezeichnet (Justine II, 176.)
[469] Karoline nennt sich in ihren Briefen Charlotte. Daher heisst sie auch bei
Sade so.
[470] v. Helfert „Maria Karoline von Oesterreich, Königin von Neapel“, Wien
1884.
[471] M. Brosch „Königin Maria Karolina von Neapel“ in: Historische
Zeitschrift Bd. 53. München und Leipzig 1885. S. 72–94.
[472] P. Coletta a. a. O. Bd. I, S. 240.
[473] J. Gorani a. a. O. Bd. I, S. 96, 135, 209, 256–64. — J. Gorani, geboren 15.
Febr. 1740 in Mailand, starb nach einem abenteuerlichen Leben am 13.
Dezember 1819 in Genf.
Page 445
[474] A. Gagnières „La Reine Marie-Caroline de Naples d’après les documents
nouveaux.“ Paris 1886. S. 31. — J. C. Jeaffreson hat in seinem vortrefflichen
kritischen Werke über „Lady Hamilton and Lord Nelson“ (London 1888) die
wirkliche Natur des Verhältnisses zwischen Emma und Karoline vollkommen
übergangen. — Ueber das Verhältnis beider vgl. auch das ausführliche Kapitel
(III, 3) im zweiten Bande von „Das Geschlechtsleben in England“ („Studien“
Bd. 3.)
[475] Gagnières a. a. O. S. 66.
[476] J. Gorani a. a. O. Bd. I, S. 39–41, S. 20 ff; S. 98.
[477] K. M. Sauer „Geschichte der italienischen Litteratur“. Leipzig 1883. S. 63.
[478] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft. 1899. Nr. 26, S.
499.
[479] J. Janin „Le Marquis de Sade“. Revue de Paris. Bd. XI. Paris 1834. S.
327.
[480] „Journal de la cour et de Paris, depuis le 28. Novembre 1732 jusqu’au 30.
Novembre 1733 in: Revue rétrospective.“ Paris 1836. Bd. VII, S. 118–119.
[481] J. Janin a. a. O. S. 328.
[482] Die Darstellung der Genealogie des Marquis de Sade im wesentlichen
nach „Biographie ancienne et moderne.“ Paris 1837. Bd. 37, S. 217–224. In
neuerdings veröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv des Irrenhauses
Charenton werden noch als zweiter Sohn des Marquis de Sade Armande, als
dritter Jean Baptiste Joseph David de Sade genannt. Vgl. A. Cabanes „La
prétendue folie du marquis de Sade“ in: Le Cabinet secret de l’Histoire, 4me
Série, Paris 1900, S. 316 u. ö.
[483] Er hätte eigentlich nach dem Tode seines Vaters den Titel „Comte“
annehmen müssen, war aber als Marquis de Sade berüchtigt geworden, so dass
ihm dieser Name blieb.
[484] P. Lacroix „XVIIIe Siècle etc.“ Paris 1875. S. 258 bis 259.
[485] O. Uzanne „Idée sur les Romans par D. A. F. de Sade“ Paris 1878 S. XIV-
XV.
[486] Marciat „Le marquis de Sade et le Sadisme“ in: Lacassagne „Vacher
l’Eventreur et les crimes sadiques“ Lyon 1889 S. 187.
[487] „Justine und Juliette u. s. w.“ Leipzig 1874 S. 11.
[488] „Les crimes de l’amour u. s. w.“ Brüssel 1881. S. 237.
[489] P. Fraxi a. a. O. S. 39.
[490] „La vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“ par Paul L.
Jacob, Bibliophile, in „Revue de Paris“ 1837. Bd. 38, S. 138.
[491] J. Janin a. a. O. S. 331.
[492] P. Lacroix a. a. O. S. 137.
[493] Marciat a. a. O. S. 187–188.
[494] P. Lacroix a. a. O. S. 137–139.
nouveaux.“ Paris 1886. S. 31. — J. C. Jeaffreson hat in seinem vortrefflichen
kritischen Werke über „Lady Hamilton and Lord Nelson“ (London 1888) die
wirkliche Natur des Verhältnisses zwischen Emma und Karoline vollkommen
übergangen. — Ueber das Verhältnis beider vgl. auch das ausführliche Kapitel
(III, 3) im zweiten Bande von „Das Geschlechtsleben in England“ („Studien“
Bd. 3.)
[475] Gagnières a. a. O. S. 66.
[476] J. Gorani a. a. O. Bd. I, S. 39–41, S. 20 ff; S. 98.
[477] K. M. Sauer „Geschichte der italienischen Litteratur“. Leipzig 1883. S. 63.
[478] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft. 1899. Nr. 26, S.
499.
[479] J. Janin „Le Marquis de Sade“. Revue de Paris. Bd. XI. Paris 1834. S.
327.
[480] „Journal de la cour et de Paris, depuis le 28. Novembre 1732 jusqu’au 30.
Novembre 1733 in: Revue rétrospective.“ Paris 1836. Bd. VII, S. 118–119.
[481] J. Janin a. a. O. S. 328.
[482] Die Darstellung der Genealogie des Marquis de Sade im wesentlichen
nach „Biographie ancienne et moderne.“ Paris 1837. Bd. 37, S. 217–224. In
neuerdings veröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv des Irrenhauses
Charenton werden noch als zweiter Sohn des Marquis de Sade Armande, als
dritter Jean Baptiste Joseph David de Sade genannt. Vgl. A. Cabanes „La
prétendue folie du marquis de Sade“ in: Le Cabinet secret de l’Histoire, 4me
Série, Paris 1900, S. 316 u. ö.
[483] Er hätte eigentlich nach dem Tode seines Vaters den Titel „Comte“
annehmen müssen, war aber als Marquis de Sade berüchtigt geworden, so dass
ihm dieser Name blieb.
[484] P. Lacroix „XVIIIe Siècle etc.“ Paris 1875. S. 258 bis 259.
[485] O. Uzanne „Idée sur les Romans par D. A. F. de Sade“ Paris 1878 S. XIV-
XV.
[486] Marciat „Le marquis de Sade et le Sadisme“ in: Lacassagne „Vacher
l’Eventreur et les crimes sadiques“ Lyon 1889 S. 187.
[487] „Justine und Juliette u. s. w.“ Leipzig 1874 S. 11.
[488] „Les crimes de l’amour u. s. w.“ Brüssel 1881. S. 237.
[489] P. Fraxi a. a. O. S. 39.
[490] „La vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“ par Paul L.
Jacob, Bibliophile, in „Revue de Paris“ 1837. Bd. 38, S. 138.
[491] J. Janin a. a. O. S. 331.
[492] P. Lacroix a. a. O. S. 137.
[493] Marciat a. a. O. S. 187–188.
[494] P. Lacroix a. a. O. S. 137–139.
Page 446
[495] J. Scherr „Deutsche Kultur- und Sittengeschichte“ 9. Auflage. Leipzig
1887. S. 449.
[496] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 514 Anmerkung.
[497] Paul Ginisty „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ in: „La Grande
Revue“ 1899 Nr. 1, S. 1–31.
[498] P. Ginisty a. a. O. S. 17.
[499] a. a. O. S. 140.
[500] „Justine und Juliette“ S. 33–34.
[501] Marciat a. a. O. S. 190. Cabanes a. a. O. S. 261 bis 263.
[502] Cabanès a. a. O. S. 263.
[503] Cabanès sagt ähnlich: „S’il en avait eu le loisir, le marquis de Sade aurait
pu donner à son autobiographie ce titre, que devait illustrer plus tard Silvio
Pellico: Mes Prisons.“
[504] „Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole depuis comte
d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc.“ Nouv. ed. corrigée. Paris
1812. Bd. I. S. 225–227; 228–229 (Brief 46 vom 12. und 13. April 1768).
[505] J. Janin a. a. O. S. 348.
[506] a. a. O. S. 500–501.
[507] a. a. O. S. 141.
[508] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la
Bretonne“ S. 418. — Dort auch die Erzählung Rétif’s.
[509] Cabanès a. a. O. S. 265–266.
[510] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ in
Gazette médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849. S. 559–560.
[511] Hier bildet Sade selbst das Vorbild für den aderlasswütigen Grafen
Gernande in der „Justine“.
[512] P. Lacroix a. a. O. S. 142.
[513] Marciat a. a. O. S. 194.
[514] Lacroix a. a. O. S. 143.
[515] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la
Bretonne.“ S. 420.
[516] „Marseille à la fin de l’ancien régime“ par F. Dollieule etc. Marseille 1896.
S. 49. — Casanova a. a. O. Bd. X. S. 224 ff.
[517] Marciat a. a. O. S. 195.
[518] Lacroix a. a. O. S. 144.
[519] Cabanès a. a. O. S. 272–282.
[520] Eulenburg a. a. O. S. 501.
[521] P. Ginisty a. a. O. S. 2–3.
1887. S. 449.
[496] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 514 Anmerkung.
[497] Paul Ginisty „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ in: „La Grande
Revue“ 1899 Nr. 1, S. 1–31.
[498] P. Ginisty a. a. O. S. 17.
[499] a. a. O. S. 140.
[500] „Justine und Juliette“ S. 33–34.
[501] Marciat a. a. O. S. 190. Cabanes a. a. O. S. 261 bis 263.
[502] Cabanès a. a. O. S. 263.
[503] Cabanès sagt ähnlich: „S’il en avait eu le loisir, le marquis de Sade aurait
pu donner à son autobiographie ce titre, que devait illustrer plus tard Silvio
Pellico: Mes Prisons.“
[504] „Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole depuis comte
d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc.“ Nouv. ed. corrigée. Paris
1812. Bd. I. S. 225–227; 228–229 (Brief 46 vom 12. und 13. April 1768).
[505] J. Janin a. a. O. S. 348.
[506] a. a. O. S. 500–501.
[507] a. a. O. S. 141.
[508] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la
Bretonne“ S. 418. — Dort auch die Erzählung Rétif’s.
[509] Cabanès a. a. O. S. 265–266.
[510] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ in
Gazette médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849. S. 559–560.
[511] Hier bildet Sade selbst das Vorbild für den aderlasswütigen Grafen
Gernande in der „Justine“.
[512] P. Lacroix a. a. O. S. 142.
[513] Marciat a. a. O. S. 194.
[514] Lacroix a. a. O. S. 143.
[515] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de la
Bretonne.“ S. 420.
[516] „Marseille à la fin de l’ancien régime“ par F. Dollieule etc. Marseille 1896.
S. 49. — Casanova a. a. O. Bd. X. S. 224 ff.
[517] Marciat a. a. O. S. 195.
[518] Lacroix a. a. O. S. 144.
[519] Cabanès a. a. O. S. 272–282.
[520] Eulenburg a. a. O. S. 501.
[521] P. Ginisty a. a. O. S. 2–3.
Page 447
[522] „Les crimes de l’amour.“ S. 181–182.
[523] P. Ginisty a. a. O. S. 3 ff.
[524] P. Ginisty a. a. O. S. 7–8.
[525] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 182
[526] P. Ginisty a. a. O. S. 14.
[527] P. Ginisty a. a. O. S. 24 und 27.
[528] H. Schüle „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Aufl. Leipzig 1880. S.
221–225.
[529] Einzelnes hat sich aus den Tagebüchern noch erhalten. So teilt Cabanès
a. a. O. S. 287–288 einige Urteile Sade’s über — geistige Getränke mit, von
denen er verschiedene Sorten Branntwein aufzählt und als „gut“, „schlecht“,
„abscheulich“, „nichts wert“ und „mittelmässig“ bezeichnet; ferner ein kurzes
Verzeichnis seiner täglichen Ausgaben, unter denen solche für Orangenparfüm,
Briefporto, Lichter, Federn, Blumen figuriren.
[530] Marciat a. a. O. S. 197.
[531] „Détention du marquis de Sade“ in: Revue rétrospective. Bd. I, Paris 1833,
S. 256.
[532] Cabanès a. a. O. S. 288.
[533] Wie Dr. Ritti, der gegenwärtige Arzt von Charenton an Dr. Cabanès unter
dem 27. December 1899 schreibt, ist es auch möglich, dass de Sade Charenton
verliess, als diese Anstalt auf Befehl des „Comité du Salut public“ geschlossen
wurde.
[534] P. Ginisty a. a. O. S. 31. — Sie starb in einsamer Zurückgezogenheit am 7.
Juli 1810 zu Echauffour.
[535] O. Uzanne a. a. O. S. XLVIII.
[536] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 183. Cabanès a. a. O. S. 291–292.
[537] ibidem S. 179.
[538] J. Janin a. a. O. S. 353.
[539] O. Uzanne a. a. O. S. XLV-XLVIII.
[540] Uzanne S. XXVI.
[541] J. Janin a. a. O. S. 353.
[542] Das von dem Verf. dieses Buches entdeckte Manuscript von Sades erstem
Roman „Les 120 journées de Sodome ou l’école du libertinage“ wurde
gleichfalls in der Bastille, in der Zeit vom 22. Oktober bis zum 27. November
1785 verfasst. Es erschien im Jahre 1904 in 200 Exemplaren als Privatdruck. A.
d. U.
[543] O. Uzanne a. a. O. S. XXIX.
[544] Uzanne, ibid. S. 47 und 49.
[545] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 138 ff.
[546] Marciat a. a. O. S. 203.
[523] P. Ginisty a. a. O. S. 3 ff.
[524] P. Ginisty a. a. O. S. 7–8.
[525] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 182
[526] P. Ginisty a. a. O. S. 14.
[527] P. Ginisty a. a. O. S. 24 und 27.
[528] H. Schüle „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Aufl. Leipzig 1880. S.
221–225.
[529] Einzelnes hat sich aus den Tagebüchern noch erhalten. So teilt Cabanès
a. a. O. S. 287–288 einige Urteile Sade’s über — geistige Getränke mit, von
denen er verschiedene Sorten Branntwein aufzählt und als „gut“, „schlecht“,
„abscheulich“, „nichts wert“ und „mittelmässig“ bezeichnet; ferner ein kurzes
Verzeichnis seiner täglichen Ausgaben, unter denen solche für Orangenparfüm,
Briefporto, Lichter, Federn, Blumen figuriren.
[530] Marciat a. a. O. S. 197.
[531] „Détention du marquis de Sade“ in: Revue rétrospective. Bd. I, Paris 1833,
S. 256.
[532] Cabanès a. a. O. S. 288.
[533] Wie Dr. Ritti, der gegenwärtige Arzt von Charenton an Dr. Cabanès unter
dem 27. December 1899 schreibt, ist es auch möglich, dass de Sade Charenton
verliess, als diese Anstalt auf Befehl des „Comité du Salut public“ geschlossen
wurde.
[534] P. Ginisty a. a. O. S. 31. — Sie starb in einsamer Zurückgezogenheit am 7.
Juli 1810 zu Echauffour.
[535] O. Uzanne a. a. O. S. XLVIII.
[536] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 183. Cabanès a. a. O. S. 291–292.
[537] ibidem S. 179.
[538] J. Janin a. a. O. S. 353.
[539] O. Uzanne a. a. O. S. XLV-XLVIII.
[540] Uzanne S. XXVI.
[541] J. Janin a. a. O. S. 353.
[542] Das von dem Verf. dieses Buches entdeckte Manuscript von Sades erstem
Roman „Les 120 journées de Sodome ou l’école du libertinage“ wurde
gleichfalls in der Bastille, in der Zeit vom 22. Oktober bis zum 27. November
1785 verfasst. Es erschien im Jahre 1904 in 200 Exemplaren als Privatdruck. A.
d. U.
[543] O. Uzanne a. a. O. S. XXIX.
[544] Uzanne, ibid. S. 47 und 49.
[545] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 138 ff.
[546] Marciat a. a. O. S. 203.
Page 448
[547] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 163.
[548] Cabanès a. a. O. S. 280–290.
[549] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de la
Bretonne“. S. 421.
[550] ibid. S. 422–423.
[551] Jules Michelet „Histoire de la révolution française“. Paris 1869. Bd. VI, S.
220.
[552] „Discours prononcé à la fête décernée par la Section des Piques, aux
mânes de Marat et de Le Pelletier, par Sade, citoyen, de cette section et membre
de la Société populaire“ abgedruckt in „Les crimes de l’amour etc.“ S. 265–272.
[553] „Revue rétrospective.“ Paris 1833. Bd. I, S. 257.
[554] Ueber den hochinteressanten Inhalt dieser Liste vergl. P. L. Jacob,
Bibliophile „Curiosités de l’histoire de France“. Paris 1858. („La liste des nobles
de Dulaure“. S. 265–348.)
[555] J. Janin a. a. O. S. 352.
[556] Biogr. universelle. S. 222.
[557] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 263.
[558] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 161 ff.
[559] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 172 ff.
[560] Antoine Athanase Royer-Collard geb. 7. Februar 1768, seit 1806 Arzt der
Irrenanstalt in Charenton, † 27. November 1825.
[561] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 165–169.
[562] „Revue rétrospective“. Paris 1833. Bd. I. S. 263.
[563] Marciat a. a. O. S. 214.
[564] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 170.
[565] Abgedruckt bei Marciat a. a. O. S. 215.
[566] „Revue rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 262.
[567] J. Janin a. a. O. S. 357.
[568] P. Lacroix a. a. O. S. 136.
[569] Charles Nodier „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à l’histoire de
la révolution et de l’empire“ Paris 1831, Bd. II, S. 57 und S. 60.
[570] J. Janin a. a. O. S. 358. Nach Cabanès fand diese phrenologische
Untersuchung später statt, und zwar bei der Exhumation der Leiche. (Cabanès S.
312.)
[571] J. Janin „Le Livre“ Paris 1870. S. 291–292.
[572] Sogar über die Kosten des Begräbnisses dieses merkwürdigen Mannes hat
sich in Charenton ein Dokument erhalten. Sie betrugen 65 Livres. (Sarg 10 L.,
Grab 6 L., Träger 8 L., Prediger 6 L., Wachskerzen 9 L., für die Kapelle 6 L.,
Steinkreuz auf dem Grab 20 L.) Cabanès a. a. O. S. 312.
[548] Cabanès a. a. O. S. 280–290.
[549] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de la
Bretonne“. S. 421.
[550] ibid. S. 422–423.
[551] Jules Michelet „Histoire de la révolution française“. Paris 1869. Bd. VI, S.
220.
[552] „Discours prononcé à la fête décernée par la Section des Piques, aux
mânes de Marat et de Le Pelletier, par Sade, citoyen, de cette section et membre
de la Société populaire“ abgedruckt in „Les crimes de l’amour etc.“ S. 265–272.
[553] „Revue rétrospective.“ Paris 1833. Bd. I, S. 257.
[554] Ueber den hochinteressanten Inhalt dieser Liste vergl. P. L. Jacob,
Bibliophile „Curiosités de l’histoire de France“. Paris 1858. („La liste des nobles
de Dulaure“. S. 265–348.)
[555] J. Janin a. a. O. S. 352.
[556] Biogr. universelle. S. 222.
[557] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 263.
[558] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 161 ff.
[559] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 172 ff.
[560] Antoine Athanase Royer-Collard geb. 7. Februar 1768, seit 1806 Arzt der
Irrenanstalt in Charenton, † 27. November 1825.
[561] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 165–169.
[562] „Revue rétrospective“. Paris 1833. Bd. I. S. 263.
[563] Marciat a. a. O. S. 214.
[564] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 170.
[565] Abgedruckt bei Marciat a. a. O. S. 215.
[566] „Revue rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 262.
[567] J. Janin a. a. O. S. 357.
[568] P. Lacroix a. a. O. S. 136.
[569] Charles Nodier „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à l’histoire de
la révolution et de l’empire“ Paris 1831, Bd. II, S. 57 und S. 60.
[570] J. Janin a. a. O. S. 358. Nach Cabanès fand diese phrenologische
Untersuchung später statt, und zwar bei der Exhumation der Leiche. (Cabanès S.
312.)
[571] J. Janin „Le Livre“ Paris 1870. S. 291–292.
[572] Sogar über die Kosten des Begräbnisses dieses merkwürdigen Mannes hat
sich in Charenton ein Dokument erhalten. Sie betrugen 65 Livres. (Sarg 10 L.,
Grab 6 L., Träger 8 L., Prediger 6 L., Wachskerzen 9 L., für die Kapelle 6 L.,
Steinkreuz auf dem Grab 20 L.) Cabanès a. a. O. S. 312.
Page 449
[573] „Cazin, sa vie et ses éditions“ Cazinopolis 1863. S. 140.
[574] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203.
[575] Gegen Ende des Jahres 1905 erschien hingegen eine vollständige deutsche
Uebersetzung der „Justine und Juliette“ als Privatdruck. A. d. U.
[576] Hier dürfte wohl eine Anspielung auf den Aufenthalt des Marquis de Sade
in Deutschland, der mit in jenes Jahr fällt, zu finden sein.
[577] In diesem Hinrichtungssaale liest ein Abbé die „Philosophie dans le
Boudoir“, die bekanntlich erst im Jahre 1795 zum ersten Male erschien. Diese
Lektüre der „Philosophie dans le Boudoir“ wird schon in der Cazin-Ausgabe der
„Justine“ von 1792 erwähnt, als ersteres Werk noch gar nicht erschienen war.
Das „beweist, dass Sade die ‚Philosophie‘ längst vor der ‚Justine‘ im Manuscript
beendet hatte, sie jedoch aus irgend welchen Gründen, vielleicht weil sie dem
‚professeur du crime‘ in der ersten Fassung zu ‚milde‘ erschien, erst später
herausgeben wollte.“ („Zeitschrift f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 123.)
[578] Sollte hier nicht Madame Richard das Vorbild gewesen sein?
[579] Unzweifelhaft eine Erinnerung an den schrecklichen Tod l’Escuyer’s in
der Franziskanerkirche zu Avignon. (1790.)
[580] Die Sodomie mit Ziegen muss ein uraltes spezifisch italienisches Laster
sein. Die italienischen Soldaten, welche 1562 unter dem Herzog von Nemours
Lyon belagerten, führten eine Unzahl Ziegen mit sich „couvertes de caparaçons
de velours verts, avec de gros galons d’or“, zum Zwecke der Sodomie. (P. Bayle
„Dictionnaire hist. et crit.“ éd. Des Maizeau, Amsterdam. 1740. Bd. I. Art.
„Bathyllus“). Nach d’Artagnan waren es zweitausend Ziegen! („Mémoires de
Mr. d’Artagnan“, Cologne 1701. Bd. I, S. 466.)
[581] Es gab wirklich einen Papst, der seine Ueberzeugung als Atheist offen
ausgesprochen hat. Das war Alexander VI. Vergl. C. J. Weber „Das Papsttum
und die Päpste“ Stuttgart 1834 Bd. III, S. 157.
[582] Hier klingen offenbar Eindrücke aus Gorani’s 1794 erschienenen
Memoiren nach.
[583] Vergl. Anmerkung auf Seite 383.
[584] Dies Kapitel ist sichtlich dem Dialog III („Anatomie“) der „Aloysia
Sigaea“ nachgebildet. Vergl. „Les dialogues de Luisa Sigea etc.“ Paris 1881. Bd.
I, S. 47–71.
[585] Marciat a. a. O. S. 218.
[586] F. Drujon in „Le Livre“ herausgegeb. von O. Uzanne Sept. 1883 (Bibliogr.
moderne) S. 589.
[587] Der Recensent in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (Mai/Juni 1900 S.
123) bemerkt hierzu: „Dühren hält ‚Aline et Valcour‘ für ziemlich zahm. Im
Vergleich zu der ‚Nouvelle Justine‘ und der ‚Philosophie‘ ist der Roman es auch;
aber in den Geschmacksrichtungen der Hauptpersonen und in einzelnen Scenen
(z. B. Band III bei dem Verhör der Leonore durch den, den köstlich
bezeichnenden Namen Dom Crispe Brutaldi Barbaribos de Torturentia
führenden Grossinquisitor) atmet er ganz Sadischen Geist aus.“
[588] „La France littéraire“ Paris 1827. Bd. 8, S. 303.
[574] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203.
[575] Gegen Ende des Jahres 1905 erschien hingegen eine vollständige deutsche
Uebersetzung der „Justine und Juliette“ als Privatdruck. A. d. U.
[576] Hier dürfte wohl eine Anspielung auf den Aufenthalt des Marquis de Sade
in Deutschland, der mit in jenes Jahr fällt, zu finden sein.
[577] In diesem Hinrichtungssaale liest ein Abbé die „Philosophie dans le
Boudoir“, die bekanntlich erst im Jahre 1795 zum ersten Male erschien. Diese
Lektüre der „Philosophie dans le Boudoir“ wird schon in der Cazin-Ausgabe der
„Justine“ von 1792 erwähnt, als ersteres Werk noch gar nicht erschienen war.
Das „beweist, dass Sade die ‚Philosophie‘ längst vor der ‚Justine‘ im Manuscript
beendet hatte, sie jedoch aus irgend welchen Gründen, vielleicht weil sie dem
‚professeur du crime‘ in der ersten Fassung zu ‚milde‘ erschien, erst später
herausgeben wollte.“ („Zeitschrift f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 123.)
[578] Sollte hier nicht Madame Richard das Vorbild gewesen sein?
[579] Unzweifelhaft eine Erinnerung an den schrecklichen Tod l’Escuyer’s in
der Franziskanerkirche zu Avignon. (1790.)
[580] Die Sodomie mit Ziegen muss ein uraltes spezifisch italienisches Laster
sein. Die italienischen Soldaten, welche 1562 unter dem Herzog von Nemours
Lyon belagerten, führten eine Unzahl Ziegen mit sich „couvertes de caparaçons
de velours verts, avec de gros galons d’or“, zum Zwecke der Sodomie. (P. Bayle
„Dictionnaire hist. et crit.“ éd. Des Maizeau, Amsterdam. 1740. Bd. I. Art.
„Bathyllus“). Nach d’Artagnan waren es zweitausend Ziegen! („Mémoires de
Mr. d’Artagnan“, Cologne 1701. Bd. I, S. 466.)
[581] Es gab wirklich einen Papst, der seine Ueberzeugung als Atheist offen
ausgesprochen hat. Das war Alexander VI. Vergl. C. J. Weber „Das Papsttum
und die Päpste“ Stuttgart 1834 Bd. III, S. 157.
[582] Hier klingen offenbar Eindrücke aus Gorani’s 1794 erschienenen
Memoiren nach.
[583] Vergl. Anmerkung auf Seite 383.
[584] Dies Kapitel ist sichtlich dem Dialog III („Anatomie“) der „Aloysia
Sigaea“ nachgebildet. Vergl. „Les dialogues de Luisa Sigea etc.“ Paris 1881. Bd.
I, S. 47–71.
[585] Marciat a. a. O. S. 218.
[586] F. Drujon in „Le Livre“ herausgegeb. von O. Uzanne Sept. 1883 (Bibliogr.
moderne) S. 589.
[587] Der Recensent in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (Mai/Juni 1900 S.
123) bemerkt hierzu: „Dühren hält ‚Aline et Valcour‘ für ziemlich zahm. Im
Vergleich zu der ‚Nouvelle Justine‘ und der ‚Philosophie‘ ist der Roman es auch;
aber in den Geschmacksrichtungen der Hauptpersonen und in einzelnen Scenen
(z. B. Band III bei dem Verhör der Leonore durch den, den köstlich
bezeichnenden Namen Dom Crispe Brutaldi Barbaribos de Torturentia
führenden Grossinquisitor) atmet er ganz Sadischen Geist aus.“
[588] „La France littéraire“ Paris 1827. Bd. 8, S. 303.
Page 450
[589] „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque folliculaire“ in: Les crimes
de l’amour etc. Brüssel 1881. S. 137–153.
[590] Fritz Friedmann „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ Berlin 1889, S. 8.
[591] J. Janin a. a. O. S. 358.
[592] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513.
[593] Man trifft also auch bei Sade — wenn auch seltener — die sprichwörtliche
Ignoranz der Franzosen in der Geschichte und Geographie.
[594] J. Renouvier „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris. 1863. S. 269.
[595] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 209–210.
[596] A. Eulenburg a. a. O. S. 504.
[597] A. Eulenburg a. a. O. S. 499.
[598] Interessant ist der hier hervortretende Zusammenhang zwischen
Materialismus und Pessimismus, der bei Sade mehr als einmal zu finden ist.
[599] A. Eulenburg a. a. O. S. 509–510.
[600] „Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense“. 3.
Auflage. Leipzig 1860. S. 190.
[601] A. Moll sagt („Untersuchungen über die Libido sexualis“. Bd. I, 202): „Ich
habe den Eindruck, dass die Reizstärke, die die Jungfrauschaft bezw. Keuschheit
des Weibes auf den Mann ausübt, auch bei uns abnimmt. Zum grossen Teile sind
es heute mehr soziale Gründe oder die Eitelkeit, die den Mann hindern, ein
defloriertes Mädchen zu heiraten. Die eigentlich abstossende Wirkung der
Defloration durch einen anderen Mann ist nicht immer in genügender Stärke
vorhanden.“
[602] Am bekanntesten wurden die „schrecklichen Folgen“ der sexuellen
Abstinenz durch die erotischen Träume und Wahnideen des Pfarrers von Cours
bei Réole in Guyenne, die Buffon in seiner „Histoire naturelle“ geschildert hat
und die man am ausführlichsten im „Espion Anglais“, Bd. I, London 1784, S.
409 bis 456 dargestellt findet.
[603] Merkwürdiger Weise hat man auch vom Standpunkt der Moral aus die Ehe
ein Verbrechen genannt. So z. B. Statius in den berühmten Versen der „Thebais“
Lib. II, 232–234:
Tacite subit ille supremus
Virginitatis amor, primaeque modestia culpae
Confundit vultus. Tunc ora rigantur honestis
Imbribus.
[604] Aehnlich Tertullian „De anima“ Cap. 30: Fames bella et voragines
civitatum pro remedio deputanda.
[605] Einen sehr merkwürdigen Versuch, die Kindererzeugung unmittelbar zu
beschränken, hat Weinhold empfohlen. Es soll nämlich jeder Jüngling im 14.
Jahre infibuliert werden. Die Vorhaut wird vorgezogen, sanft zwischen zwei
durchlöcherte Metallplatten eingeklemmt, mit einer hohlen Nadel durchstochen,
de l’amour etc. Brüssel 1881. S. 137–153.
[590] Fritz Friedmann „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ Berlin 1889, S. 8.
[591] J. Janin a. a. O. S. 358.
[592] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513.
[593] Man trifft also auch bei Sade — wenn auch seltener — die sprichwörtliche
Ignoranz der Franzosen in der Geschichte und Geographie.
[594] J. Renouvier „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris. 1863. S. 269.
[595] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 209–210.
[596] A. Eulenburg a. a. O. S. 504.
[597] A. Eulenburg a. a. O. S. 499.
[598] Interessant ist der hier hervortretende Zusammenhang zwischen
Materialismus und Pessimismus, der bei Sade mehr als einmal zu finden ist.
[599] A. Eulenburg a. a. O. S. 509–510.
[600] „Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense“. 3.
Auflage. Leipzig 1860. S. 190.
[601] A. Moll sagt („Untersuchungen über die Libido sexualis“. Bd. I, 202): „Ich
habe den Eindruck, dass die Reizstärke, die die Jungfrauschaft bezw. Keuschheit
des Weibes auf den Mann ausübt, auch bei uns abnimmt. Zum grossen Teile sind
es heute mehr soziale Gründe oder die Eitelkeit, die den Mann hindern, ein
defloriertes Mädchen zu heiraten. Die eigentlich abstossende Wirkung der
Defloration durch einen anderen Mann ist nicht immer in genügender Stärke
vorhanden.“
[602] Am bekanntesten wurden die „schrecklichen Folgen“ der sexuellen
Abstinenz durch die erotischen Träume und Wahnideen des Pfarrers von Cours
bei Réole in Guyenne, die Buffon in seiner „Histoire naturelle“ geschildert hat
und die man am ausführlichsten im „Espion Anglais“, Bd. I, London 1784, S.
409 bis 456 dargestellt findet.
[603] Merkwürdiger Weise hat man auch vom Standpunkt der Moral aus die Ehe
ein Verbrechen genannt. So z. B. Statius in den berühmten Versen der „Thebais“
Lib. II, 232–234:
Tacite subit ille supremus
Virginitatis amor, primaeque modestia culpae
Confundit vultus. Tunc ora rigantur honestis
Imbribus.
[604] Aehnlich Tertullian „De anima“ Cap. 30: Fames bella et voragines
civitatum pro remedio deputanda.
[605] Einen sehr merkwürdigen Versuch, die Kindererzeugung unmittelbar zu
beschränken, hat Weinhold empfohlen. Es soll nämlich jeder Jüngling im 14.
Jahre infibuliert werden. Die Vorhaut wird vorgezogen, sanft zwischen zwei
durchlöcherte Metallplatten eingeklemmt, mit einer hohlen Nadel durchstochen,
Page 451
sodass ein 4 bis 5 Zoll langer Bleidraht eingeführt werden kann. Dessen Enden
werden hernach zusammengelötet und die Lötstelle gestempelt. Die Infibulation
dauert so lange, bis der Betroffene genug besitzt, um zu heiraten oder uneheliche
Kinder zu ernähren. Gegen eigenmächtiges Oeffnen harte Strafe und wiederholte
Visitation. Weinhold versichert, die Operation, die selbst bei Juden möglich sei
(?), ohne den geringsten Nachteil für die Gesundheit bei Onanisten u. s. w.
vollzogen zu haben. Vergl. Karl August Weinhold „Von der Uebervölkerung in
Mitteleuropa“ Leipzig 1827; „Ueber das menschliche Elend, welches durch
Missbrauch der Zeugung herbeigeführt wird“ 1828 u. a. m.
[606] W. Roscher „System der Volkswirtschaft“ 20. Auflage Stuttgart 1892. S.
734.
[607] H. Eisenhart „Geschichte der Nationalökonomik“ 2. Auflage. Jena 1891.
S. 80.
[608] Marciat a. a. O. S. 224 — Wie sehr das Bevölkerungsproblem die
Menschen des 18. Jahrhunderts beschäftigte, beweisen auch die bekannten
Anfangsworte des im Jahre 1766 erschienenen „Vicar of Wakefield“ von Oliver
Goldsmith: „Meine Meinung war stets, ein wackerer Mann, der sich verheiratet
und eine hübsche Nachkommenschaft auferzieht, leiste der Gesellschaft grössere
Dienste, als einer, der ledig bleibt und blos von der Bevölkerung plaudert“.
[609] Hier spricht Sade also von dem Verbrechen als einem Verbrechen,
nachdem er es vorher für eine naturgemässe und nützliche Handlung erklärt hat.
[610] „La curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. Paris 1882. S.
139–142.
[611] W. Roscher a. a. O. S. 192 ff.
[612] W. Roscher a. a. O. S. 185.
[613] Der heilige Hieronymus schildert als Augenzeuge, dass die Atticoten in
Britannien sich von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den
Hintern als besondere Leckerbissen genossen. (R. Andree, „Die
Anthropophagie“. Leipzig 1887. S. 14.)
[614] Bei den Menschenopfern der alten Mexikaner wurde zuerst das Herz den
lebenden Opfern aus der Brust herausgerissen. (R. Andree a. a. O. S. 74.)
[615] A. Bettelheim „Beaumarchais“. Frankfurt a. M. 1886. S. 176 und 207.
[616] So bezeichnen wir den Kotfetischismus und die Leidenschaft, Kot zu
essen, nach dem griechischen Wort τό ὑποχώρημα = Kot.
[617] B. Tarnowsky „Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“
Berlin 1886 S. 70.
[618] Rabelais schildert in seiner „Gargantua“ ein „weltliches Kloster“, in dem
vor den Zimmern der Frauen Haaraufputzer und Parfümeure stehen, „durch
deren Hände die Männer gingen, wenn sie die Frauen besuchen wollten“ und die
zugleich alle Morgen die Zimmer mit wohlriechenden Essenzen besprengten. (F.
E. Schneegans, „Die Abtei Thélème in Rabelais’ Gargantua“. Neue Heidelb.
Jahrbücher. Heidelberg 1898. Bd. VIII, S. 143–159). Vielleicht ist der Name des
Paters Thélème im ersten Band der „Juliette“ diesem Kloster entlehnt.
werden hernach zusammengelötet und die Lötstelle gestempelt. Die Infibulation
dauert so lange, bis der Betroffene genug besitzt, um zu heiraten oder uneheliche
Kinder zu ernähren. Gegen eigenmächtiges Oeffnen harte Strafe und wiederholte
Visitation. Weinhold versichert, die Operation, die selbst bei Juden möglich sei
(?), ohne den geringsten Nachteil für die Gesundheit bei Onanisten u. s. w.
vollzogen zu haben. Vergl. Karl August Weinhold „Von der Uebervölkerung in
Mitteleuropa“ Leipzig 1827; „Ueber das menschliche Elend, welches durch
Missbrauch der Zeugung herbeigeführt wird“ 1828 u. a. m.
[606] W. Roscher „System der Volkswirtschaft“ 20. Auflage Stuttgart 1892. S.
734.
[607] H. Eisenhart „Geschichte der Nationalökonomik“ 2. Auflage. Jena 1891.
S. 80.
[608] Marciat a. a. O. S. 224 — Wie sehr das Bevölkerungsproblem die
Menschen des 18. Jahrhunderts beschäftigte, beweisen auch die bekannten
Anfangsworte des im Jahre 1766 erschienenen „Vicar of Wakefield“ von Oliver
Goldsmith: „Meine Meinung war stets, ein wackerer Mann, der sich verheiratet
und eine hübsche Nachkommenschaft auferzieht, leiste der Gesellschaft grössere
Dienste, als einer, der ledig bleibt und blos von der Bevölkerung plaudert“.
[609] Hier spricht Sade also von dem Verbrechen als einem Verbrechen,
nachdem er es vorher für eine naturgemässe und nützliche Handlung erklärt hat.
[610] „La curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. Paris 1882. S.
139–142.
[611] W. Roscher a. a. O. S. 192 ff.
[612] W. Roscher a. a. O. S. 185.
[613] Der heilige Hieronymus schildert als Augenzeuge, dass die Atticoten in
Britannien sich von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den
Hintern als besondere Leckerbissen genossen. (R. Andree, „Die
Anthropophagie“. Leipzig 1887. S. 14.)
[614] Bei den Menschenopfern der alten Mexikaner wurde zuerst das Herz den
lebenden Opfern aus der Brust herausgerissen. (R. Andree a. a. O. S. 74.)
[615] A. Bettelheim „Beaumarchais“. Frankfurt a. M. 1886. S. 176 und 207.
[616] So bezeichnen wir den Kotfetischismus und die Leidenschaft, Kot zu
essen, nach dem griechischen Wort τό ὑποχώρημα = Kot.
[617] B. Tarnowsky „Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“
Berlin 1886 S. 70.
[618] Rabelais schildert in seiner „Gargantua“ ein „weltliches Kloster“, in dem
vor den Zimmern der Frauen Haaraufputzer und Parfümeure stehen, „durch
deren Hände die Männer gingen, wenn sie die Frauen besuchen wollten“ und die
zugleich alle Morgen die Zimmer mit wohlriechenden Essenzen besprengten. (F.
E. Schneegans, „Die Abtei Thélème in Rabelais’ Gargantua“. Neue Heidelb.
Jahrbücher. Heidelberg 1898. Bd. VIII, S. 143–159). Vielleicht ist der Name des
Paters Thélème im ersten Band der „Juliette“ diesem Kloster entlehnt.
Page 452
[619] Vgl. auch den „Ergänzungsband“: Hagen, Dr. Alb. „Die sexuelle
Osphresiologie. Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche zur
menschlichen Geschlechtsthätigkeit“, der dieses Thema ergiebig behandelt.
Charlottb. 1901. Verlag von H. Barsdorf. — 2. Aufl. Berlin 1906.
[620] P. Garnier „Onanisme“ 6. Auflage. Paris 1888 S. 76–77.
[621] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 63.
[622] G. Behrend. Artikel „Prostitution“ in Eulenburg’s „Real-Encyclopädie der
gesamten Heilkunde“. 3. Aufl. Berlin und Wien 1898. Bd. XIX, S. 437
[623] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“. S. 239.
[624] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 1 und 45.
[625] R. v. Krafft-Ebing a. a. O. S. 48.
[626] v. Schrenck-Notzing „Litteraturzusammenstellung über die Psychologie
und Psychopathologie der Vita sexualis“. (3. Forts.) Zeitschrift für Hypnotismus.
Bd. 9, Heft 2. Leipzig 1899. S. 111–112.
[627] A. Lacassagne a. a. O. S. 239.
[628] A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 112. Das Wort
„Lagnänomanie“ leitet Eulenburg von λαγνός (wollüstig) αἰνός (wild), und
μανία ab; „Machlänomanie“ von μάχλος (wollüstig vom weiblichen Geschlecht)
αἰνος und μανία.
[629] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 S. 557.
[630] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 115.
[631] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513–514.
[632] Marciat a. a. O. S. 216. Neuerdings hat auch Cabanès die Frage der
Geisteskrankheit des Marquis de Sade berührt und sie verneint. Nach ihm litt
derselbe mehr an „Satyro-graphomanie“ als an wirklicher Erotomanie. Cabanès
a. a. O. S. 260.
[633] E. Kraepelin „Psychiatrie“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. II, S. 557–560.
[634] v. Schrenck-Notzing a. a. O. S. 111.
[635] Tarnowsky erklärt den Marquis de Sade für einen „geborenen Paederasten“
(?), der am Schlusse seines Lebens in „Altersblödsinn“ verfiel. Seine Werke
enthalten nur „Ratschläge eines Geisteskranken“. („Die krankhaften
Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886, S. 70–71). Ein kühnes
Urteil!
[636] F. Drujon „Catalogue des ouvrages, écrits et dessins poursuivis, supprimes
ou condamnés“ Paris 1879 S. 13, S. 111, S. 216.
[637] „Catalogue des écrits, gravures et dessins condamnés depuis 1814
jusqu’au 1er janvier 1850“ Paris 1850 S. 109.
[638] L. Lalanne „Curiosités bibliographiques“ Paris 1857. S. 401.
[639] E. Edwards „Libraries and founders of libraries“ London 1864 S. 85.
Osphresiologie. Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche zur
menschlichen Geschlechtsthätigkeit“, der dieses Thema ergiebig behandelt.
Charlottb. 1901. Verlag von H. Barsdorf. — 2. Aufl. Berlin 1906.
[620] P. Garnier „Onanisme“ 6. Auflage. Paris 1888 S. 76–77.
[621] Parent-Duchatelet a. a. O. Bd. I, S. 63.
[622] G. Behrend. Artikel „Prostitution“ in Eulenburg’s „Real-Encyclopädie der
gesamten Heilkunde“. 3. Aufl. Berlin und Wien 1898. Bd. XIX, S. 437
[623] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“. S. 239.
[624] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 1 und 45.
[625] R. v. Krafft-Ebing a. a. O. S. 48.
[626] v. Schrenck-Notzing „Litteraturzusammenstellung über die Psychologie
und Psychopathologie der Vita sexualis“. (3. Forts.) Zeitschrift für Hypnotismus.
Bd. 9, Heft 2. Leipzig 1899. S. 111–112.
[627] A. Lacassagne a. a. O. S. 239.
[628] A. Eulenburg „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 112. Das Wort
„Lagnänomanie“ leitet Eulenburg von λαγνός (wollüstig) αἰνός (wild), und
μανία ab; „Machlänomanie“ von μάχλος (wollüstig vom weiblichen Geschlecht)
αἰνος und μανία.
[629] A. Moll „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 S. 557.
[630] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 115.
[631] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513–514.
[632] Marciat a. a. O. S. 216. Neuerdings hat auch Cabanès die Frage der
Geisteskrankheit des Marquis de Sade berührt und sie verneint. Nach ihm litt
derselbe mehr an „Satyro-graphomanie“ als an wirklicher Erotomanie. Cabanès
a. a. O. S. 260.
[633] E. Kraepelin „Psychiatrie“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. II, S. 557–560.
[634] v. Schrenck-Notzing a. a. O. S. 111.
[635] Tarnowsky erklärt den Marquis de Sade für einen „geborenen Paederasten“
(?), der am Schlusse seines Lebens in „Altersblödsinn“ verfiel. Seine Werke
enthalten nur „Ratschläge eines Geisteskranken“. („Die krankhaften
Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886, S. 70–71). Ein kühnes
Urteil!
[636] F. Drujon „Catalogue des ouvrages, écrits et dessins poursuivis, supprimes
ou condamnés“ Paris 1879 S. 13, S. 111, S. 216.
[637] „Catalogue des écrits, gravures et dessins condamnés depuis 1814
jusqu’au 1er janvier 1850“ Paris 1850 S. 109.
[638] L. Lalanne „Curiosités bibliographiques“ Paris 1857. S. 401.
[639] E. Edwards „Libraries and founders of libraries“ London 1864 S. 85.
Page 453
[640] Ch. Villers „Lettre sur le roman intitulé Justine ou les Malheurs de la
Vertu“. Neudruck Paris 1877 S. 12.
[641] J. Janin a. a. O. S. 337.
[642] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 205. Neuerdings wurde die erste Ausgabe
der „Justine“ für 180 Fr. angeboten.
[643] ibidem S. 209.
[644] Léo Taxil „La corruption fin-de-siècle“ Paris 1894 S. 293.
[645] Lino Ferriani „Delinquenti che scrivono“. Como 1899.
[646] Marciat a. a. O. S. 247.
[647] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis“. Stuttgart 1891, S. 9.
[648] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 120.
[649] J. Janin a. a. O. S. 340 ff
[650] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203 und 209.
[651] Paul L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 413–415.
[652] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 211.
[653] Paul L. Jacob etc. S. 415.
[654] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 212–214.
[655] Allen Bibliophilen sei die neueste, schön ausgestattete Monographie von
Ulrich empfohlen. Sie enthält aber merkwürdiger Weise nichts über Villers’
Besprechung der „Justine“. (O. Ulrich „Charles de Villers. Sein Leben und seine
Schriften.“ Leipzig 1899).
[656] „Briefe von Benjamin Constant, Görres, Goethe etc.“ Auswahl aus dem
handschriftlichen Nachlass des Charles de Villers herausgegeben von M. Isler.
Hamburg 1879. S. 98.
[657] Reichard sagt (a. a. O. III, S. 16): „Französische Sendungen,
schweizerische und deutsche Nachdrucke und die Ankündigungen von
Uebersetzungen jagten und kreuzten sich von allen Seiten.“ — Vergl. dazu die
interessante Schrift „La presse périodique française à Hambourg, depuis 1686
jusqu’en 1848.“ Brüssel 1854. — In Hamburg erschien auch im Jahre 1807 jener
berüchtigte ultratribadische Roman „Julie ou j’ai sauvé ma rose“ (2 Bände),
dessen Heldin, nachdem sie mit Energie und Konsequenz die oft mehr als
kühnen Angriffe zahlreicher Männer abgewehrt hat, schliesslich wohl ihrer
ursprünglichen Neigung folgend, eins der vielen Opfer einer gefährlichen
Tribade wird.
[658] M. Isler a. a. O. S. 152.
[659] „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu par
Charles de Villers“. Paris 1877.
[660] „Les Crimes de l’amour etc.“ S. 183–184.
[661] F. Drujon a. a. O. S. 130.
Vertu“. Neudruck Paris 1877 S. 12.
[641] J. Janin a. a. O. S. 337.
[642] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 205. Neuerdings wurde die erste Ausgabe
der „Justine“ für 180 Fr. angeboten.
[643] ibidem S. 209.
[644] Léo Taxil „La corruption fin-de-siècle“ Paris 1894 S. 293.
[645] Lino Ferriani „Delinquenti che scrivono“. Como 1899.
[646] Marciat a. a. O. S. 247.
[647] R. v. Krafft-Ebing „Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia
sexualis“. Stuttgart 1891, S. 9.
[648] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 120.
[649] J. Janin a. a. O. S. 340 ff
[650] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203 und 209.
[651] Paul L. Jacob, Bibliophile a. a. O. S. 413–415.
[652] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 211.
[653] Paul L. Jacob etc. S. 415.
[654] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 212–214.
[655] Allen Bibliophilen sei die neueste, schön ausgestattete Monographie von
Ulrich empfohlen. Sie enthält aber merkwürdiger Weise nichts über Villers’
Besprechung der „Justine“. (O. Ulrich „Charles de Villers. Sein Leben und seine
Schriften.“ Leipzig 1899).
[656] „Briefe von Benjamin Constant, Görres, Goethe etc.“ Auswahl aus dem
handschriftlichen Nachlass des Charles de Villers herausgegeben von M. Isler.
Hamburg 1879. S. 98.
[657] Reichard sagt (a. a. O. III, S. 16): „Französische Sendungen,
schweizerische und deutsche Nachdrucke und die Ankündigungen von
Uebersetzungen jagten und kreuzten sich von allen Seiten.“ — Vergl. dazu die
interessante Schrift „La presse périodique française à Hambourg, depuis 1686
jusqu’en 1848.“ Brüssel 1854. — In Hamburg erschien auch im Jahre 1807 jener
berüchtigte ultratribadische Roman „Julie ou j’ai sauvé ma rose“ (2 Bände),
dessen Heldin, nachdem sie mit Energie und Konsequenz die oft mehr als
kühnen Angriffe zahlreicher Männer abgewehrt hat, schliesslich wohl ihrer
ursprünglichen Neigung folgend, eins der vielen Opfer einer gefährlichen
Tribade wird.
[658] M. Isler a. a. O. S. 152.
[659] „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu par
Charles de Villers“. Paris 1877.
[660] „Les Crimes de l’amour etc.“ S. 183–184.
[661] F. Drujon a. a. O. S. 130.
Page 454
[662] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 210.
[663] „Biographie universelle“ Bd. XXXV, S. 494–495.
[664] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 242.
[665] H. Cohen „Guide de l’amateur de livres etc.“ Col. 418 bis 419.
[666] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 237.
[667] ibidem S. 241.
[668] W. Roscher a. a. O. S. 719.
[669] M. Nordau „Entartung“ Berlin 1892 S. 43–152.
[670] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 109.
[671] Nordau a. a. O. S. 60.
[672] ibidem. S. 115–116.
[673] ibidem S. 105–107.
[674] „La Curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. Paris 1882. S.
169–174.
[675] Paul Bourget „Physiologie der modernen Liebe.“ Deutsch von A. Dittrich.
Budapest 1891. S. 2. Dies Buch ist eine reiche Fundgrube für die Arten und
Raffinerien der modernen französischen Liebe.
[676] A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“ Bd. I, S. 698–699.
Deutsche Uebersetzung: „Gamiani oder zwei Nächte in Ausgelassenheit“. Von
A. D. M. Holland 1873, 8o, 109 S.
[677] Eine wortgetreue Ausgabe der trefflichen Uebersetzung von Rode erschien
kürzlich im Verlage von H. Barsdorf in Leipzig. Vgl. die Ankündigung am
Schluss der „Bibliographie.“
[678] Heinrich von Kleist „Penthesilea“ 23. Auftritt.
[679] „Das einzige Buch Sade’s hielt er zurück, weil er es für mich zu gefährlich
hielt: ich fand es erst nach seinem Tode sorgfältig versteckt in einem Schranke,
welcher einen doppelten Boden hatte. Ich machte mich daran, das Buch zu
lesen... Dieses Buch hat zweierlei Wirkungen, je nach dem Naturell des Lesers
oder der Leserin, je nach der Empfänglichkeit und Auffassungsgabe derselben.
So wie es Duvalin halb blasiert gemacht hatte, so fühlte ich einen Ekel vor
diesen Abscheulichkeiten, die zu lesen mich viel Ueberwindung kostete.“
Memoiren einer Sängerin Bd. II, S. 12–13.
[680] W. Russalkow „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ 3. Aufl.
Leipzig 1899. S. 76.
[681] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 109.
[682] Fritz Friedmann „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ Berlin 1889 S. 27.
[683] Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“ 4. Aufl. Leipzig 1895. S. 108.
(Aphor. 149.)
[684] ibid. S. 109 (Aphor. 155).
[663] „Biographie universelle“ Bd. XXXV, S. 494–495.
[664] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 242.
[665] H. Cohen „Guide de l’amateur de livres etc.“ Col. 418 bis 419.
[666] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 237.
[667] ibidem S. 241.
[668] W. Roscher a. a. O. S. 719.
[669] M. Nordau „Entartung“ Berlin 1892 S. 43–152.
[670] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 109.
[671] Nordau a. a. O. S. 60.
[672] ibidem. S. 115–116.
[673] ibidem S. 105–107.
[674] „La Curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. Paris 1882. S.
169–174.
[675] Paul Bourget „Physiologie der modernen Liebe.“ Deutsch von A. Dittrich.
Budapest 1891. S. 2. Dies Buch ist eine reiche Fundgrube für die Arten und
Raffinerien der modernen französischen Liebe.
[676] A. Moll „Untersuchungen über die Libido sexualis“ Bd. I, S. 698–699.
Deutsche Uebersetzung: „Gamiani oder zwei Nächte in Ausgelassenheit“. Von
A. D. M. Holland 1873, 8o, 109 S.
[677] Eine wortgetreue Ausgabe der trefflichen Uebersetzung von Rode erschien
kürzlich im Verlage von H. Barsdorf in Leipzig. Vgl. die Ankündigung am
Schluss der „Bibliographie.“
[678] Heinrich von Kleist „Penthesilea“ 23. Auftritt.
[679] „Das einzige Buch Sade’s hielt er zurück, weil er es für mich zu gefährlich
hielt: ich fand es erst nach seinem Tode sorgfältig versteckt in einem Schranke,
welcher einen doppelten Boden hatte. Ich machte mich daran, das Buch zu
lesen... Dieses Buch hat zweierlei Wirkungen, je nach dem Naturell des Lesers
oder der Leserin, je nach der Empfänglichkeit und Auffassungsgabe derselben.
So wie es Duvalin halb blasiert gemacht hatte, so fühlte ich einen Ekel vor
diesen Abscheulichkeiten, die zu lesen mich viel Ueberwindung kostete.“
Memoiren einer Sängerin Bd. II, S. 12–13.
[680] W. Russalkow „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ 3. Aufl.
Leipzig 1899. S. 76.
[681] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 109.
[682] Fritz Friedmann „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
Bühne“ Berlin 1889 S. 27.
[683] Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“ 4. Aufl. Leipzig 1895. S. 108.
(Aphor. 149.)
[684] ibid. S. 109 (Aphor. 155).
Page 455
[685] Max Stirner „Der Einzige und sein Eigentum“ 2. Aufl. Leipzig 1892. S.
369, 372, 379.
[686] H. Ströbel „Stirner’s Einziger und sein Eigentum“ in Neuland, Band II, Nr.
2. Berlin 1897 S. 89.
[687] A. Eulenburg a. a. O. S. 117.
[688] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon und Paris
1899 S. 245–282. — Vgl. Laurent, Sadismus und Masochismus. 6. Aufl. Berlin
1904. Anm. d. V.
[689] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ Gaz.
méd. de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849 S. 555 bis 564.
[690] a. a. O. S. 701 ff.
[691] „Psychopathia sexualis“. 5. Aufl. Stuttg. 1890 S. 46 ff.
[692] Einen ähnlichen Fall berichtet Tarnowsky a. a. O. S. 76.
[693] Brierre de Boismont a. a. O. S. 560.
[694] Russalkow a. a. O. S. 76, 77.
[695] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 118–119.
[696] Eulenburg a. a. O. S. 107.
[697] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 264.
[698] „Deutsche medizinische Presse.“ 1899. Nr. 21. Wenn Eulenburg „Sexuale
Neuropathie“ (S. 101) von einem Manne berichtet, der nudas feminas mit
brennenden Lichtern in ano um sich herumtanzen liess, so ist diese Idee ganz
offenbar von Sade suggerirt, der mehrere derartige Scenen schildert.
[699] „Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität“ von
P. Näcke. Archiv für Psychiatrie. Berlin 1899. Bd. 32. Heft 2, S. 356.
[700] Voss. Zeitung vom 31. Juli 1899. — Wenn Herr Henri Albert im „Mercure
de France“ (April 1900) mich wegen dieser Vergleichung der Dreyfusgegner mit
Sadisten verspottet, so erwidere ich ihm, dass dieselbe so nahe liegt, dass ich
sogar nicht einmal die Priorität habe. Denn sein Landsmann Octave Mirbeau hat
in seinem vor meinem Buche erschienenen Roman „Le Jardin des supplices“
Paris 1900 S. XII dieselbe Analogie. „L’affaire Dreyfus nous en est un exemple
admirable, et jamais, je crois, la passion du meurtre et la joie de la chasse à
l’homme, ne s’étaient aussi complètement et cyniquement étalées.“ Nun, Herr
Albert?
[701] Dass auch hier meine Ansicht, dass es sich um zwei Sadisten handelt,
richtig ist, beweisen die geradezu ungeheuerlichen Enthüllungen des
Abgeordneten Vigné in der Sitzung der französischen Deputiertenkammer vom
23. Nov. 1900. Voulet und Chanoine liessen Hunderte von Eingeborenen rein
aus Vergnügen am Morden töten, liessen Hände und Köpfe abschneiden, mit
Lanzen erstechen und dgl. Scheusslichkeiten mehr verüben. Freilich sind nicht
blos Franzosen solche Bluthunde. Auch wir Deutschen haben einen Prinzen
Prosper v. Aremberg!
[702] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ S. 510.
369, 372, 379.
[686] H. Ströbel „Stirner’s Einziger und sein Eigentum“ in Neuland, Band II, Nr.
2. Berlin 1897 S. 89.
[687] A. Eulenburg a. a. O. S. 117.
[688] A. Lacassagne „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon und Paris
1899 S. 245–282. — Vgl. Laurent, Sadismus und Masochismus. 6. Aufl. Berlin
1904. Anm. d. V.
[689] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct génésique“ Gaz.
méd. de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849 S. 555 bis 564.
[690] a. a. O. S. 701 ff.
[691] „Psychopathia sexualis“. 5. Aufl. Stuttg. 1890 S. 46 ff.
[692] Einen ähnlichen Fall berichtet Tarnowsky a. a. O. S. 76.
[693] Brierre de Boismont a. a. O. S. 560.
[694] Russalkow a. a. O. S. 76, 77.
[695] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 118–119.
[696] Eulenburg a. a. O. S. 107.
[697] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 264.
[698] „Deutsche medizinische Presse.“ 1899. Nr. 21. Wenn Eulenburg „Sexuale
Neuropathie“ (S. 101) von einem Manne berichtet, der nudas feminas mit
brennenden Lichtern in ano um sich herumtanzen liess, so ist diese Idee ganz
offenbar von Sade suggerirt, der mehrere derartige Scenen schildert.
[699] „Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität“ von
P. Näcke. Archiv für Psychiatrie. Berlin 1899. Bd. 32. Heft 2, S. 356.
[700] Voss. Zeitung vom 31. Juli 1899. — Wenn Herr Henri Albert im „Mercure
de France“ (April 1900) mich wegen dieser Vergleichung der Dreyfusgegner mit
Sadisten verspottet, so erwidere ich ihm, dass dieselbe so nahe liegt, dass ich
sogar nicht einmal die Priorität habe. Denn sein Landsmann Octave Mirbeau hat
in seinem vor meinem Buche erschienenen Roman „Le Jardin des supplices“
Paris 1900 S. XII dieselbe Analogie. „L’affaire Dreyfus nous en est un exemple
admirable, et jamais, je crois, la passion du meurtre et la joie de la chasse à
l’homme, ne s’étaient aussi complètement et cyniquement étalées.“ Nun, Herr
Albert?
[701] Dass auch hier meine Ansicht, dass es sich um zwei Sadisten handelt,
richtig ist, beweisen die geradezu ungeheuerlichen Enthüllungen des
Abgeordneten Vigné in der Sitzung der französischen Deputiertenkammer vom
23. Nov. 1900. Voulet und Chanoine liessen Hunderte von Eingeborenen rein
aus Vergnügen am Morden töten, liessen Hände und Köpfe abschneiden, mit
Lanzen erstechen und dgl. Scheusslichkeiten mehr verüben. Freilich sind nicht
blos Franzosen solche Bluthunde. Auch wir Deutschen haben einen Prinzen
Prosper v. Aremberg!
[702] A. Eulenburg „Der Marquis de Sade“ S. 510.
Page 456
[703] G. Roskoff „Geschichte des Teufels“. Leipzig 1869, Bd. II, S. 60.
[704] ibidem.
[705] Vossische Zeitung No. 520 vom 4. November 1899.
[706] S. Ribbing „Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen Konsequenzen“. 9.
Aufl. Leipzig 1892. S. 84–94.
[707] a. a. O. S. 94–95.
[708] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 120.
[709] H. Hössli „Eros. Die Männerliebe der Griechen etc.“ 2. Aufl. Münster i. d.
Schweiz 1892. S. 113.
[710] B. Tarnowsky a. a. O. S. 90 und 101.
[711] Tarnowsky a. a. O. S. 141.
[712] a. a. O. S. 147.
[713] W. Stern „Kritische Grundlegung der Ethik als positive Wissenschaft“.
Berlin 1897. S. 238.
[714] E. Du Bois-Reymond „Adalbert v. Chamisso als Naturforscher“. Leipzig
1889. S. 57.
[715] K. Fischer „Diotima“. Stuttgart 1852. S. 4.
[716] W. E. H. Lecky „Sittengeschichte Europas von Augustus bis auf Karl den
Grossen“ übers. von H. Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig und Heidelberg 1879. S. 120–
121.
[717] Eine der schönsten von den vielen halb heidnischen Sagen des
mittelalterlichen Irlands ist die von den Inseln des Lebens und des Todes. In
einem gewissen See in Munster gab es zwei Inseln; in die eine konnte der Tod
nicht dringen, aber Alter und Krankheit und Lebensüberdruss und Paroxysmen
fürchterlichen Leidens waren dort heimisch und verrichteten ihr Werk, bis die
Einwohner ihrer Unsterblichkeit müde, auf die gegenüberliegende Insel als auf
einen Hafen der Ruhe schauen lernten, ihre Barken in das dunkle Gewässer
steuerten, das Ufer erreichten und zur Ruhe gelangten. — Lecky a. a. O. I, S.
183.
[718] Titel und Schluss des Werkes geben also ein verschiedenes Datum an. Dies
deutet auf eine wiederholte Durchsicht des Manuscriptes hin.
[719] Dies Manuscript wurde durch Vermittelung des Autors dieses Werkes
angekauft und im Jahre 1904 zum Druck befördert. Anm. d. Verl.
[720] Ist das der bekannte Bibliophile und Kunsthistoriker Henri Béraldi?
[704] ibidem.
[705] Vossische Zeitung No. 520 vom 4. November 1899.
[706] S. Ribbing „Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen Konsequenzen“. 9.
Aufl. Leipzig 1892. S. 84–94.
[707] a. a. O. S. 94–95.
[708] A. Eulenburg „Neuropathia sexualis“ S. 120.
[709] H. Hössli „Eros. Die Männerliebe der Griechen etc.“ 2. Aufl. Münster i. d.
Schweiz 1892. S. 113.
[710] B. Tarnowsky a. a. O. S. 90 und 101.
[711] Tarnowsky a. a. O. S. 141.
[712] a. a. O. S. 147.
[713] W. Stern „Kritische Grundlegung der Ethik als positive Wissenschaft“.
Berlin 1897. S. 238.
[714] E. Du Bois-Reymond „Adalbert v. Chamisso als Naturforscher“. Leipzig
1889. S. 57.
[715] K. Fischer „Diotima“. Stuttgart 1852. S. 4.
[716] W. E. H. Lecky „Sittengeschichte Europas von Augustus bis auf Karl den
Grossen“ übers. von H. Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig und Heidelberg 1879. S. 120–
121.
[717] Eine der schönsten von den vielen halb heidnischen Sagen des
mittelalterlichen Irlands ist die von den Inseln des Lebens und des Todes. In
einem gewissen See in Munster gab es zwei Inseln; in die eine konnte der Tod
nicht dringen, aber Alter und Krankheit und Lebensüberdruss und Paroxysmen
fürchterlichen Leidens waren dort heimisch und verrichteten ihr Werk, bis die
Einwohner ihrer Unsterblichkeit müde, auf die gegenüberliegende Insel als auf
einen Hafen der Ruhe schauen lernten, ihre Barken in das dunkle Gewässer
steuerten, das Ufer erreichten und zur Ruhe gelangten. — Lecky a. a. O. I, S.
183.
[718] Titel und Schluss des Werkes geben also ein verschiedenes Datum an. Dies
deutet auf eine wiederholte Durchsicht des Manuscriptes hin.
[719] Dies Manuscript wurde durch Vermittelung des Autors dieses Werkes
angekauft und im Jahre 1904 zum Druck befördert. Anm. d. Verl.
[720] Ist das der bekannte Bibliophile und Kunsthistoriker Henri Béraldi?
Page 457
Im Verlage von HERMANN BARSDORF In BERLIN W 30
erschien:
Das
KAMASUTRAM DES
VATSYAYANA
(DIE INDISCHE LIEBESKUNST)
NEBST DEM VOLLSTÄNDIGEN KOMMENTARE DES
YASODHARA.
Aus dem Sanskrit übersetzt und eingeleitet von
RICHARD SCHMIDT
Sechste, verbesserte Auflage. 500 Seiten. Broschiert M. 40.—,
gebunden M. 50.—.
INHALT: I. Allgemeiner Teil. — II. Über den Liebesgenuß. — III.
Über den Verkehr mit Mädchen. — IV. Über die verheirateten
Frauen. — V. Über die fremden Frauen. — VI. Über die Hetären. —
VII. Die Upanisad (d. erot. Geheimlehre).
Das Kamasutram ist das interessanteste Werk aus der ganzen großen
Sanskritliteratur, und es dürfte kein Erzeugnis der Weltliteratur
geben, das so wie das Kamasutram den engen Rahmen der
Indologie sprengt und zu allen Völkern, auch den der Rasse nach
fremdesten, seine allen verständliche Sprache redet. Es führt uns
den Inder in aller Intimität der Häuslichkeit vor; denn der Inder war
von jeher gewöhnt, auch das Allzumenschliche als etwas ganz
Natürliches anzusehen, dessen man sich nicht zu schämen braucht.
erschien:
Das
KAMASUTRAM DES
VATSYAYANA
(DIE INDISCHE LIEBESKUNST)
NEBST DEM VOLLSTÄNDIGEN KOMMENTARE DES
YASODHARA.
Aus dem Sanskrit übersetzt und eingeleitet von
RICHARD SCHMIDT
Sechste, verbesserte Auflage. 500 Seiten. Broschiert M. 40.—,
gebunden M. 50.—.
INHALT: I. Allgemeiner Teil. — II. Über den Liebesgenuß. — III.
Über den Verkehr mit Mädchen. — IV. Über die verheirateten
Frauen. — V. Über die fremden Frauen. — VI. Über die Hetären. —
VII. Die Upanisad (d. erot. Geheimlehre).
Das Kamasutram ist das interessanteste Werk aus der ganzen großen
Sanskritliteratur, und es dürfte kein Erzeugnis der Weltliteratur
geben, das so wie das Kamasutram den engen Rahmen der
Indologie sprengt und zu allen Völkern, auch den der Rasse nach
fremdesten, seine allen verständliche Sprache redet. Es führt uns
den Inder in aller Intimität der Häuslichkeit vor; denn der Inder war
von jeher gewöhnt, auch das Allzumenschliche als etwas ganz
Natürliches anzusehen, dessen man sich nicht zu schämen braucht.
Page 458
BEITRÄGE ZUR INDISCHEN
EROTIK
DAS LIEBESLEBEN DES
SANSKRITVOLKES
nach den Quellen dargestellt von Prof. Dr. RICHARD
SCHMIDT.
Zweite, durchgesehene Auflage. Lex.-8o. 692 Seiten.
Elegant broschiert M. 70.—. Originalband M. 80.—.
INHALT: Die erotische Literatur im Sanskrit. Die Stellung der
Liebe im trivarga und ihre Definition. Der Liebhaber. Die
Liebhaberin. Die Lehre vom Coitus. Die tithis und candrakalas. Die
Liebkosungen. Nägelmale. Zahnmale. Haarzausen. Schläge und
Schreie. Freien und Heiraten. Die verheiratete Frau. Verkehr mit den
Frauen anderer. Die Hetären. Die Geheimlehre auf erotisch-
sexuellem Gebiet usw. usw.
Die „Beiträge zur indischen Erotik“ sind der erste Versuch, alles
zusammenzustellen, was in den bisher bekanntgewordenen
Sanskritwerken über die Liebe gesagt wird.
Es ergänzt das „Kamasutram“.
Zur gefl. Beachtung: Diesem Werke muß mein ausführliches
Verlagsverzeichnis beiliegen, bei evtl. Fehlen wolle man es direkt
vom Verlage gratis und franko verlangen. Jede bessere
Buchhandlung vermittelt den Bezug der darin angezeigten Werke.
HERMANN BARSDORF VERLAG in BERLIN W 30,
Barbarossastraße 21. II.
EROTIK
DAS LIEBESLEBEN DES
SANSKRITVOLKES
nach den Quellen dargestellt von Prof. Dr. RICHARD
SCHMIDT.
Zweite, durchgesehene Auflage. Lex.-8o. 692 Seiten.
Elegant broschiert M. 70.—. Originalband M. 80.—.
INHALT: Die erotische Literatur im Sanskrit. Die Stellung der
Liebe im trivarga und ihre Definition. Der Liebhaber. Die
Liebhaberin. Die Lehre vom Coitus. Die tithis und candrakalas. Die
Liebkosungen. Nägelmale. Zahnmale. Haarzausen. Schläge und
Schreie. Freien und Heiraten. Die verheiratete Frau. Verkehr mit den
Frauen anderer. Die Hetären. Die Geheimlehre auf erotisch-
sexuellem Gebiet usw. usw.
Die „Beiträge zur indischen Erotik“ sind der erste Versuch, alles
zusammenzustellen, was in den bisher bekanntgewordenen
Sanskritwerken über die Liebe gesagt wird.
Es ergänzt das „Kamasutram“.
Zur gefl. Beachtung: Diesem Werke muß mein ausführliches
Verlagsverzeichnis beiliegen, bei evtl. Fehlen wolle man es direkt
vom Verlage gratis und franko verlangen. Jede bessere
Buchhandlung vermittelt den Bezug der darin angezeigten Werke.
HERMANN BARSDORF VERLAG in BERLIN W 30,
Barbarossastraße 21. II.
Page 459
Im Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30 erschien:
Geschichte der öffentlichen
Sittlichkeit in Deutschland.
Von Dr. Wilhelm Rudeck.
Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. 1905. Grosses
Format 514 Seiten mit 58 Illustrationen.
Vornehm ausgestattet Mk. 32 —. In Originalband M. 42 —.
Dr. Wilhelm Rudeck, der bekannte Verfasser von „Medizin und
Recht, ein Handbuch bei Ehescheidungs- und Vaterschaftsklagen,“
wendet sich mit dem vorliegenden Buche einem der auffälligsten
Faktoren der moralischen Entwicklung zu: der Regelung des
sexuellen Lebens innerhalb der Oeffentlichkeit. Die Entwicklung der
Begriffe der öffentlichen Sittlichkeit hat das ganze moralische
Aussehen der bürgerlichen Gesellschaft so vielfach umgestaltet, wie
wohl nur noch die Frömmigkeit und Humanität!
Unter öffentlicher Sittlichkeit versteht der Verfasser die Summe
aller Sitten einer Zeit, in denen Beziehungen zum sexuellen Leben
enthalten sind. In welchen tatsächlich anerkannten und geübten
gesellschaftlichen Normen sich das sexuelle Leben der einzelnen
äussert, ob die Sexualität von der Oeffentlichkeit überhaupt
ausgeschlossen, oder wie sie in ihr geduldet und geordnet wird, das
ist das Thema, das eine Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit zu
behandeln hat.
In diesem Sinne könnte man also den Begriff der öffentlichen
Sittlichkeit dem der öffentlichen Schamhaftigkeit gleichsetzen,
übrigens auch aus dem Grunde, weil es sich selbstverständlich nicht
Geschichte der öffentlichen
Sittlichkeit in Deutschland.
Von Dr. Wilhelm Rudeck.
Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. 1905. Grosses
Format 514 Seiten mit 58 Illustrationen.
Vornehm ausgestattet Mk. 32 —. In Originalband M. 42 —.
Dr. Wilhelm Rudeck, der bekannte Verfasser von „Medizin und
Recht, ein Handbuch bei Ehescheidungs- und Vaterschaftsklagen,“
wendet sich mit dem vorliegenden Buche einem der auffälligsten
Faktoren der moralischen Entwicklung zu: der Regelung des
sexuellen Lebens innerhalb der Oeffentlichkeit. Die Entwicklung der
Begriffe der öffentlichen Sittlichkeit hat das ganze moralische
Aussehen der bürgerlichen Gesellschaft so vielfach umgestaltet, wie
wohl nur noch die Frömmigkeit und Humanität!
Unter öffentlicher Sittlichkeit versteht der Verfasser die Summe
aller Sitten einer Zeit, in denen Beziehungen zum sexuellen Leben
enthalten sind. In welchen tatsächlich anerkannten und geübten
gesellschaftlichen Normen sich das sexuelle Leben der einzelnen
äussert, ob die Sexualität von der Oeffentlichkeit überhaupt
ausgeschlossen, oder wie sie in ihr geduldet und geordnet wird, das
ist das Thema, das eine Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit zu
behandeln hat.
In diesem Sinne könnte man also den Begriff der öffentlichen
Sittlichkeit dem der öffentlichen Schamhaftigkeit gleichsetzen,
übrigens auch aus dem Grunde, weil es sich selbstverständlich nicht
Page 460
um die Oeffentlichkeit des geschlechtlichen Aktes selbst, sondern
um die näheren oder entfernteren Beziehungen zu ihm handelt.
Das beiliegende Inhalts-Verzeichnis bietet einen Ueberblick über
Rudecks hochinteressantes Werk, das soeben in zweiter, vermehrter
und verbesserter Auflage erschien — allein die Illustrationen sind
von 32 auf 58 vermehrt. —
um die näheren oder entfernteren Beziehungen zu ihm handelt.
Das beiliegende Inhalts-Verzeichnis bietet einen Ueberblick über
Rudecks hochinteressantes Werk, das soeben in zweiter, vermehrter
und verbesserter Auflage erschien — allein die Illustrationen sind
von 32 auf 58 vermehrt. —
Page 461
Im Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30 erschien:
Apulejus, der goldne Esel.
Satyrisch-mystischer Roman. Uebersetzt von Rode. Nach dem
Original von 1783. 2 Teile. 7. Aufl. mit 16 Illustrationen. 1922.
Eingeleitet von M. G. Conrad.
Brosch. M. 20.—. Gebd. M. 28.—
Der berühmte antike Sittenroman des Apulejus aus Madaura liegt hier in einer neuen
eleganten Ausgabe vor, welche die vorzügliche Uebersetzung von August Rode mit einem
geistvoll-satyrischen, moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden
Vorwort aus der Feder von M. G. Conrad darbietet. Kein Gebildeter wird ohne hohen
geistigen Genuss dieses dem „Satyricon“ des Petronius ebenbürtige sittengeschichtliche
Kunstwerk lesen, das nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und
Psyche den Leser fesselt. Die frivole Welt des ausgehenden Alterthums wird in diesem
durch die Sorgfalt der Composition ausgezeichneten Romane wieder lebendig. Der bunte
Wechsel der oft sehr verfänglichen Episoden, die merkwürdigen Situationen und
kulturhistorisch wertvollen Schilderungen antiken Lebens, die mit dem glänzenden
Schauspiel der aegyptischen Mysterien schliessen, machen die Lectüre zu einer höchst
spannenden. Die alte, schon von Lucian verwendete Fabel von der Verwandlung eines
Menschen in einen Esel, welche Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel“ verarbeitet
hat, giebt dem Autor die Veranlassung, in der üppigen Lascivität einzelner Scenen und mit
eigenartiger erotisch-satyrischer Phantastik ein getreues Bild der sittlichen Corruption in
der römischen Kaiserzeit vorzuführen.
Apulejus, der goldne Esel.
Satyrisch-mystischer Roman. Uebersetzt von Rode. Nach dem
Original von 1783. 2 Teile. 7. Aufl. mit 16 Illustrationen. 1922.
Eingeleitet von M. G. Conrad.
Brosch. M. 20.—. Gebd. M. 28.—
Der berühmte antike Sittenroman des Apulejus aus Madaura liegt hier in einer neuen
eleganten Ausgabe vor, welche die vorzügliche Uebersetzung von August Rode mit einem
geistvoll-satyrischen, moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden
Vorwort aus der Feder von M. G. Conrad darbietet. Kein Gebildeter wird ohne hohen
geistigen Genuss dieses dem „Satyricon“ des Petronius ebenbürtige sittengeschichtliche
Kunstwerk lesen, das nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und
Psyche den Leser fesselt. Die frivole Welt des ausgehenden Alterthums wird in diesem
durch die Sorgfalt der Composition ausgezeichneten Romane wieder lebendig. Der bunte
Wechsel der oft sehr verfänglichen Episoden, die merkwürdigen Situationen und
kulturhistorisch wertvollen Schilderungen antiken Lebens, die mit dem glänzenden
Schauspiel der aegyptischen Mysterien schliessen, machen die Lectüre zu einer höchst
spannenden. Die alte, schon von Lucian verwendete Fabel von der Verwandlung eines
Menschen in einen Esel, welche Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel“ verarbeitet
hat, giebt dem Autor die Veranlassung, in der üppigen Lascivität einzelner Scenen und mit
eigenartiger erotisch-satyrischer Phantastik ein getreues Bild der sittlichen Corruption in
der römischen Kaiserzeit vorzuführen.
Page 462
Im Verlage von HERMANN BARSDORF in BERLIN W 30
erschien:
Geschichte der öffentlichen
Sittlichkeit in
DEUTSCHLAND
Von Dr. WILHELM RUDECK
Dritte Auflage. 514 Seiten. Lexikon-Oktav. Mit 58 interessanten
Illustrationen. Elegant broschiert M. 32.—. Gebunden M. 42.—.
MEDIZIN, ABERGLAUBE UND
GESCHLECHTSLEBEN IN DER
TÜRKEI
MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER MOSLEMISCHEN
NACHBARLÄNDER UND EHEMALIGEN
VASALLENSTAATEN
Von BERNHARD STERN
Zwei Bände. Lexikon-Oktav. 854 Seiten. Broschiert à M. 32.—,
gebunden à M. 42.—. EINZELN KÄUFLICH. BAND I behandelt
Medizin, Aberglauben. — BAND II das intime Geschlechtsleben.
Eine unerschöpfliche Fundgrube für Ärzte, Kultur- und
Sittenschilderer usw.
erschien:
Geschichte der öffentlichen
Sittlichkeit in
DEUTSCHLAND
Von Dr. WILHELM RUDECK
Dritte Auflage. 514 Seiten. Lexikon-Oktav. Mit 58 interessanten
Illustrationen. Elegant broschiert M. 32.—. Gebunden M. 42.—.
MEDIZIN, ABERGLAUBE UND
GESCHLECHTSLEBEN IN DER
TÜRKEI
MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER MOSLEMISCHEN
NACHBARLÄNDER UND EHEMALIGEN
VASALLENSTAATEN
Von BERNHARD STERN
Zwei Bände. Lexikon-Oktav. 854 Seiten. Broschiert à M. 32.—,
gebunden à M. 42.—. EINZELN KÄUFLICH. BAND I behandelt
Medizin, Aberglauben. — BAND II das intime Geschlechtsleben.
Eine unerschöpfliche Fundgrube für Ärzte, Kultur- und
Sittenschilderer usw.
Page 463
Geschichte der öffentlichen
Sittlichkeit in
RUSSLAND
KULTUR, ABERGLAUBE, SITTEN, GEBRÄUCHE
Von BERNHARD STERN
Zwei Bände. Lexikon-Oktav. Ca. 1000 Seiten. Mit vielen teils farb.
interessanten Illustrationen. Preis für beide Bände broschiert M. 64.
—, gebunden M. 84.—. EINZELN KÄUFLICH: I. Brosch. M. 32.
—, geb. M. 42.—. II. Brosch. M. 32.—, geb. M. 42.—.
ABTEILUNGSÜBERSCHRIFTEN (jede Abteilung zerfällt in
zahlreiche Kapitel). I. BAND: I. Kultur und Aberglaube. II. Die
russische Kirche, der Klerus, die Sekten. III. Russische Laster. IV.
Russische Vergnügungen. V. Russische Leiden. ZWEITER BAND:
VI. Russische Grausamkeit. VII. Weib und Ehe. VIII. Freie Liebe
und wilde Ehe. IX. Unsittlichkeit (Prostitution, Onanie, Päderastie,
Sodomie, Syphilis). X. Dokumente der Unsittlichkeit. (Gesetze
gegen die Unsittlichkeit. Unsittlichkeit in Kunst und Literatur.
Folkloristisches, geheime obszöne Lieder usw., erotische
Erzählungen.)
SEXUELLE VERIRRUNGEN:
SADISMUS UND
MASOCHISMUS
Von Dr. E. LAURENT. Deutsch von DOLOROSA
Zehnte Auflage. 264 Seiten. Elegant brosch. M. 20.—. Originalband
M. 28.—. INHALT: ERSTER TEIL: Wollust und Grausamkeit. Der
Sittlichkeit in
RUSSLAND
KULTUR, ABERGLAUBE, SITTEN, GEBRÄUCHE
Von BERNHARD STERN
Zwei Bände. Lexikon-Oktav. Ca. 1000 Seiten. Mit vielen teils farb.
interessanten Illustrationen. Preis für beide Bände broschiert M. 64.
—, gebunden M. 84.—. EINZELN KÄUFLICH: I. Brosch. M. 32.
—, geb. M. 42.—. II. Brosch. M. 32.—, geb. M. 42.—.
ABTEILUNGSÜBERSCHRIFTEN (jede Abteilung zerfällt in
zahlreiche Kapitel). I. BAND: I. Kultur und Aberglaube. II. Die
russische Kirche, der Klerus, die Sekten. III. Russische Laster. IV.
Russische Vergnügungen. V. Russische Leiden. ZWEITER BAND:
VI. Russische Grausamkeit. VII. Weib und Ehe. VIII. Freie Liebe
und wilde Ehe. IX. Unsittlichkeit (Prostitution, Onanie, Päderastie,
Sodomie, Syphilis). X. Dokumente der Unsittlichkeit. (Gesetze
gegen die Unsittlichkeit. Unsittlichkeit in Kunst und Literatur.
Folkloristisches, geheime obszöne Lieder usw., erotische
Erzählungen.)
SEXUELLE VERIRRUNGEN:
SADISMUS UND
MASOCHISMUS
Von Dr. E. LAURENT. Deutsch von DOLOROSA
Zehnte Auflage. 264 Seiten. Elegant brosch. M. 20.—. Originalband
M. 28.—. INHALT: ERSTER TEIL: Wollust und Grausamkeit. Der
Page 464
Sadismus und die sadistischen Verbrechen: 1. Ursprung des
Sadismus. 2. Ursachen des Sadismus. 3. Formen und
Manifestationen desselben. 4. Sadismus des Weibes. 5.
Leichensadismus. 6. Die sadistischen Verbrechen. 7. Der Sadismus
in der Literatur. 8. In der Weltgeschichte. 9. Der Sadismus der
Massen. 10. Verantwortlichkeit der Sadisten. 11. Gerichtliche
Medizin und Sadismus. 12. Therapie des Sadismus. ZWEITER
TEIL: Wollust und Leiden. Der Masochismus: 1. Begriff des
Masochismus. 2. Ursprung des Masochismus. 3. Ursachen
desselben. 4. Masochismus des Weibes. 5. Formen und Arten des
Masochismus. 6. Masochismus und Selbstmord. 7. Masochismus in
sozialer Hinsicht. 8. Bibliographie.
Dieses zumeist auf französischen Quellen beruhende Werk ist von
der bekannten Schriftstellerin DOLOROSA geradezu meisterhaft
übersetzt, es erfordert aber mehr wie jedes andere Buch
außerordentlich starke Nerven, da der Verfasser in die tiefsten
Abgründe der Nachtseite des menschlichen Lebens hinableuchtet.
Sadismus. 2. Ursachen des Sadismus. 3. Formen und
Manifestationen desselben. 4. Sadismus des Weibes. 5.
Leichensadismus. 6. Die sadistischen Verbrechen. 7. Der Sadismus
in der Literatur. 8. In der Weltgeschichte. 9. Der Sadismus der
Massen. 10. Verantwortlichkeit der Sadisten. 11. Gerichtliche
Medizin und Sadismus. 12. Therapie des Sadismus. ZWEITER
TEIL: Wollust und Leiden. Der Masochismus: 1. Begriff des
Masochismus. 2. Ursprung des Masochismus. 3. Ursachen
desselben. 4. Masochismus des Weibes. 5. Formen und Arten des
Masochismus. 6. Masochismus und Selbstmord. 7. Masochismus in
sozialer Hinsicht. 8. Bibliographie.
Dieses zumeist auf französischen Quellen beruhende Werk ist von
der bekannten Schriftstellerin DOLOROSA geradezu meisterhaft
übersetzt, es erfordert aber mehr wie jedes andere Buch
außerordentlich starke Nerven, da der Verfasser in die tiefsten
Abgründe der Nachtseite des menschlichen Lebens hinableuchtet.
Page 465
Im Verlage von HERMANN BARSDORF in BERLIN W 30
erschien:
Neue Studien zur Geschichte des
menschlichen Geschlechtslebens
(Folge der „Studien zur Geschichte des menschlichen
Geschlechtslebens“ herausgegeben von Dr. EUGEN DÜHREN: 1.
Band: Der Marquis de Sade und seine Zeit. 2.-4. Band: Das
Geschlechtsleben in England.)
ERSTER BAND:
Marias jungfräuliche Mutterschaft
Ein völkerpsychologisches Fragment über Sexualsymbolik
Von A. J. STORFER
Mit Abbildungen. Elegant broschiert M. 12.—. In Originalband
M. 20.—.
Inhalt: I. Einleitung. Über den Stoff. Über die Methode. — II. Analyse. Marias
Darbringung: Der mythische Stoff. Weihe und Tempelprostitution. Fackel, Kerze. Der
Segen des Priesters. Ausgebreitete Arme. Stufensteigen. Weben. Aufgelöstes Haar.
Gottgeweihte Jungfrauen. Schleier, Lilie, Myrte. — Josefs Auserwählung: Der mythische
Stoff. Stab, Rute. Wettbewerb. Sieg. — Marias Verkündigung: Der mythische Stoff.
Schlange. Wort. Zunge. Hauch, Wind. Blick. Strahl, Regen. Flügel. Zweig, Szepter.
Schwert, Einhornjagd, Mühle. — Maria-Symbole: Vorbemerkung. Arche, Schiff. Buch.
Erde, Paradies. Brunnen, Quelle. Gefäß. Stadt, Festung. Tempel, Brautgemach,
Bundeslade. Verschlossen. Tor, Tür, Fenster. Schwarz. — Die phallische Komponente der
Christus-Vorstellung: Vorbemerkung. Ego et pater unum sumus. Die Geburt des Helden.
Der Medizinmann. Vorhaut. Fisch. Esel. Hammer. Kreuz. Tod und Auferstehung. III.
Schluß. Register.
ZWEITER BAND:
erschien:
Neue Studien zur Geschichte des
menschlichen Geschlechtslebens
(Folge der „Studien zur Geschichte des menschlichen
Geschlechtslebens“ herausgegeben von Dr. EUGEN DÜHREN: 1.
Band: Der Marquis de Sade und seine Zeit. 2.-4. Band: Das
Geschlechtsleben in England.)
ERSTER BAND:
Marias jungfräuliche Mutterschaft
Ein völkerpsychologisches Fragment über Sexualsymbolik
Von A. J. STORFER
Mit Abbildungen. Elegant broschiert M. 12.—. In Originalband
M. 20.—.
Inhalt: I. Einleitung. Über den Stoff. Über die Methode. — II. Analyse. Marias
Darbringung: Der mythische Stoff. Weihe und Tempelprostitution. Fackel, Kerze. Der
Segen des Priesters. Ausgebreitete Arme. Stufensteigen. Weben. Aufgelöstes Haar.
Gottgeweihte Jungfrauen. Schleier, Lilie, Myrte. — Josefs Auserwählung: Der mythische
Stoff. Stab, Rute. Wettbewerb. Sieg. — Marias Verkündigung: Der mythische Stoff.
Schlange. Wort. Zunge. Hauch, Wind. Blick. Strahl, Regen. Flügel. Zweig, Szepter.
Schwert, Einhornjagd, Mühle. — Maria-Symbole: Vorbemerkung. Arche, Schiff. Buch.
Erde, Paradies. Brunnen, Quelle. Gefäß. Stadt, Festung. Tempel, Brautgemach,
Bundeslade. Verschlossen. Tor, Tür, Fenster. Schwarz. — Die phallische Komponente der
Christus-Vorstellung: Vorbemerkung. Ego et pater unum sumus. Die Geburt des Helden.
Der Medizinmann. Vorhaut. Fisch. Esel. Hammer. Kreuz. Tod und Auferstehung. III.
Schluß. Register.
ZWEITER BAND:
Page 466
Isoldes Gottesurteil
in seiner erotischen Bedeutung
Von J. J. MEYER, Professor an der Universität Chicago
Mit einleitendem Vorwort von Prof. Dr. RICHARD
SCHMIDT
Ca. 300 Seiten. Elegant broschiert M. 12.—. In Originalband
M. 20.—.
Inhalt: Einleitung. Sitte, Sittlichkeit, Sittsamkeit. Das Weib ist Eigentum. Geringe
Wertschätzung weiblicher Tugend. Warum ist Ehebruch ein Vergehen? Altdeutsche
Anschauung vom Weibe. Anschauung im Mittelalter. Die Anstandspflicht der
mittelalterlichen Frau war Ehebruch und Unzucht. Die mittelalterliche Anschauung von der
Liebe. Sie ist allmächtige Urkraft; bringt Leid; bringt den Tod; bringt Freude und alles
Große; bringt Ehre und ist Pflicht. Die Frau muß „lohnen“. Zorn gegen die, die nicht
„lohnt“. Die „romantische“ Minne unwahr. Wirkliche Treue beim Mann nicht nötig, ja
lächerlich. „Doppelte Moral.“ Verschwiegenheit in der Liebe. Die huote
Rücksichtslosigkeit der Minner. Die Minne und die Religion. Das Mittelalter ist nicht die
Zeit der wirklich romantischen Liebe. Nur Wolfram und Gottfried haben die vertiefte
Liebe. Gottfrieds Anschauung von der Liebe. Ist sein Tristan unsittlich? Parteilichkeit für
die Verliebten. Auch für Gottfried ist die Liebe eine unwiderstehliche Macht. Die Liebe ist
die völlig freie Königin. Die bürgerliche Moral ist eigentlich die schlimmste Unsittlichkeit.
Sein Ideal der Liebe und ihre Herrlichkeit. Gottfrieds idealistischer Pessimismus.
Gottfrieds moralische Rechtfertigung seines Liebespaares. Seine Ansicht von den
Betrügerstückchen der beiden und seine Parteilichkeit für sie. Religion und Liebe bei
Gottfried. Beim Gottesurteil hat Isolde recht! Gott ist hantierlich wie ein Ärmel usw. usw.
Parallelstellen. Register.
Russische Grausamkeit Einst und
jetzt
Ein Kapitel aus der Geschichte der öffentl. Sittlichkeit in
Rußland
Von BERNHARD STERN
in seiner erotischen Bedeutung
Von J. J. MEYER, Professor an der Universität Chicago
Mit einleitendem Vorwort von Prof. Dr. RICHARD
SCHMIDT
Ca. 300 Seiten. Elegant broschiert M. 12.—. In Originalband
M. 20.—.
Inhalt: Einleitung. Sitte, Sittlichkeit, Sittsamkeit. Das Weib ist Eigentum. Geringe
Wertschätzung weiblicher Tugend. Warum ist Ehebruch ein Vergehen? Altdeutsche
Anschauung vom Weibe. Anschauung im Mittelalter. Die Anstandspflicht der
mittelalterlichen Frau war Ehebruch und Unzucht. Die mittelalterliche Anschauung von der
Liebe. Sie ist allmächtige Urkraft; bringt Leid; bringt den Tod; bringt Freude und alles
Große; bringt Ehre und ist Pflicht. Die Frau muß „lohnen“. Zorn gegen die, die nicht
„lohnt“. Die „romantische“ Minne unwahr. Wirkliche Treue beim Mann nicht nötig, ja
lächerlich. „Doppelte Moral.“ Verschwiegenheit in der Liebe. Die huote
Rücksichtslosigkeit der Minner. Die Minne und die Religion. Das Mittelalter ist nicht die
Zeit der wirklich romantischen Liebe. Nur Wolfram und Gottfried haben die vertiefte
Liebe. Gottfrieds Anschauung von der Liebe. Ist sein Tristan unsittlich? Parteilichkeit für
die Verliebten. Auch für Gottfried ist die Liebe eine unwiderstehliche Macht. Die Liebe ist
die völlig freie Königin. Die bürgerliche Moral ist eigentlich die schlimmste Unsittlichkeit.
Sein Ideal der Liebe und ihre Herrlichkeit. Gottfrieds idealistischer Pessimismus.
Gottfrieds moralische Rechtfertigung seines Liebespaares. Seine Ansicht von den
Betrügerstückchen der beiden und seine Parteilichkeit für sie. Religion und Liebe bei
Gottfried. Beim Gottesurteil hat Isolde recht! Gott ist hantierlich wie ein Ärmel usw. usw.
Parallelstellen. Register.
Russische Grausamkeit Einst und
jetzt
Ein Kapitel aus der Geschichte der öffentl. Sittlichkeit in
Rußland
Von BERNHARD STERN
Page 467
279 Seiten mit 12 Illustrationen. Broschiert M. 20.—. Gebunden M.
28.—.
Inhalt: 1. Grausamkeit der Herrschenden. 2. Grausamkeit in der Verwaltung. 3.
Todesstrafen und Gliederstrafen. 4. Prügelstrafen und Züchtigungsinstrumente. 5.
Gefängnisse, Verbannung, Folter. 6. Sklavensinn und Leibeigenschaft. Grausamkeit im
Familienleben.
Die Grausamkeit
Mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren
Von H. RAU
Vierte Auflage. 272 Seiten. Mit 24 Illustrationen. 1921.
Elegant broschiert M. 20.—. Gebunden M. 28.—.
Inhalt: Einleitung. 1. Die Grausamkeit in der Philosophie; 2. in der Psychologie; 3. in der
Religion; 4. in der Rechtspflege; 5. in der Sklaverei; 6. in der Erziehung; 7. im Verbrechen;
8. im Kriege und im Volksleben; 9. in der Gegenwart; 10. in der Literatur. Jedes Kapitel
enthält zahlreiche „Fälle“.
28.—.
Inhalt: 1. Grausamkeit der Herrschenden. 2. Grausamkeit in der Verwaltung. 3.
Todesstrafen und Gliederstrafen. 4. Prügelstrafen und Züchtigungsinstrumente. 5.
Gefängnisse, Verbannung, Folter. 6. Sklavensinn und Leibeigenschaft. Grausamkeit im
Familienleben.
Die Grausamkeit
Mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren
Von H. RAU
Vierte Auflage. 272 Seiten. Mit 24 Illustrationen. 1921.
Elegant broschiert M. 20.—. Gebunden M. 28.—.
Inhalt: Einleitung. 1. Die Grausamkeit in der Philosophie; 2. in der Psychologie; 3. in der
Religion; 4. in der Rechtspflege; 5. in der Sklaverei; 6. in der Erziehung; 7. im Verbrechen;
8. im Kriege und im Volksleben; 9. in der Gegenwart; 10. in der Literatur. Jedes Kapitel
enthält zahlreiche „Fälle“.
Page 468
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS
DE SADE UND SEINE ZEIT. ***
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law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
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apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic
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Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the
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United States. If an individual work is unprotected by copyright law in
the United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
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Gutenberg name associated with the work. You can easily comply with
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without charge with others.
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what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
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EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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from any of the following which you do or cause to occur: (a)
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and (c) any Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
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available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.
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