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Dichtung

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Title: Siddhartha: eine indische Dichtung

Author: Hermann Hesse

Release date: February 1, 2001 [eBook #2499]
Most recently updated: September 11, 2016

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2499

Credits: Produced by Michael Pullen with the assistance of Stefan Langer in
scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora with the
proofreading of this transcription

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA:
EINE INDISCHE DICHTUNG ***

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Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com,

with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in scanning the
original 1922 edition and Dr. Mary Cicora, mcicora@yahoo.com, with the
proofreading of this transcription.

SIDDHARTHA
Eine indische Dichtung

von Hermann Hesse

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ERSTER TEIL

Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet

DER SOHN DES BRAHMANEN
Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im
Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha
auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit
Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn. Sonne bräunte seine
lichten Schultern am Flußufer, beim Bade, bei den heiligen Waschungen,
bei den heiligen Opfern. Schatten floß in seine schwarzen Augen im
Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den
heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim
Gespräch der Weisen. Lange schon nahm Siddhartha am Gespräch der
Weisen teil, übte sich mit Govinda im Redekampf, übte sich mit Govinda in

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der Kunst der Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er,
lautlos das Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu
sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit dem
Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben vom Glanz des
klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens Atman
zu wissen, unzerstörbar, eins mit dem Weltall.

Freude sprang in seines Vaters Herzen über den Sohn, den Gelehrigen,
den Wissensdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm
heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen.

Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn
schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha, den
Starken, den Schönen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit
vollkommenem Anstand sie Begrüßenden.

Liebe rührte sich in den Herzen der jungen Brahmanentöchter, wenn
Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn, mit
dem Königsauge, mit den schmalen Hüften.

Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der
Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte
seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte
alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er seinen Geist,
seine hohen, feurigen Gedanken, seinen glühenden Willen, seine hohe
Berufung. Govinda wußte: dieser wird kein gemeiner Brahmane werden,
kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Händler mit Zaubersprüchen,
kein eitler, leerer Redner, kein böser, hinterlistiger Priester, und auch kein
gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen. Nein, und auch er, Govinda,
wollte kein solcher werden, kein Brahmane, wie es zehntausend gibt. Er
wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten, dem Herrlichen. Und wenn
Siddhartha einstmals ein Gott würde, wenn er einstmals eingehen würde zu

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den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm folgen, als sein Freund, als sein
Begleiter, als sein Diener, als sein Speerträger, sein Schatten.

So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er zur
Lust.

Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur Lust.
Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im bläulichen
Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder im täglichen
Sühnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von vollkommenem
Anstand der Gebärden, von allen geliebt, aller Freude, trug er doch keine
Freude im Herzen. Träume kamen ihm und rastlose Gedanken aus dem
Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der Nacht gefunkelt, aus den
Strahlen der Sonne geschmolzen, Träume kamen ihm und Ruhelosigkeit der
Seele, aus den Opfern geraucht, aus den Versen der Rig-Veda gehaucht, aus
den Lehren der alten Brahmanen geträufelt.

Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte
begonnen zu fühlen, daß die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner
Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und für
alle Zeit ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen werde. Er
hatte begonnen zu ahnen, daß sein ehrwürdiger Vater und seine anderen
Lehrer, daß die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und
beste schon mitgeteilt, daß sie ihre Fülle schon in sein wartendes Gefäß
gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll, der Geist war nicht begnügt,
die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. Die Waschungen waren
gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht
Geistesdurst, sie lösten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer
und die Anrufung der Götter—aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück?
Und wie war das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, der die Welt
erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der All-Eine?

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Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit
untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles
und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? Wem anders war zu opfern, wem
anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem Einzigen, dem Atman?
Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo schlug Sein ewiges Herz,
wo anders als im eigenen Ich, im Innersten, im Unzerstörbaren, das ein
jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es
war nicht Fleisch und Bein, es war nicht Denken noch Bewußtsein, so
lehrten die Weisesten. Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu
mir, zum Atman,—gab es einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte?
Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater,
nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge! Alles wußten
sie, die Brahmanen und ihre heiligen Bücher, alles wußten sie, um alles
hatten sie sich gekümmert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt,
das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die
Ordnungen der Sinne, die Taten der Götter—unendlich vieles wußten sie—
aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und Einzige
nicht wußte, das Wichtigste, das allein Wichtige?

Gewiß, viele Verse der heiligen Bücher, zumal in den Upanishaden des
Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse.
"Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und geschrieben
stand, daß der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem Innersten
eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in diesen Versen,
alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen Worten gesammelt, rein
wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht gering zu achten war das
Ungeheure an Erkenntnis, das hier von unzählbaren Geschlechterfolgen
weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt lag.—Aber wo waren die
Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder Büßer, denen es gelungen
war, dieses tiefste Wissen nicht bloß zu wissen, sondern zu leben? Wo war
der Kundige, der das Daheimsein im Atman aus dem Schlafe

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herüberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in Schritt und Tritt, in Wort
und Tat? Viele ehrwürdige Brahmanen kannte Siddhartha, seinen Vater vor
allen, den Reinen, den Gelehrten, den höchst Ehrwürdigen. Zu bewundern
war sein Vater, still und edel war sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein
Wort, feine und adlige Gedanken wohnten in seiner Stirn—aber auch er, der
so viel Wissende, lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht
auch nur ein Suchender, ein Dürstender? Mußte er nicht immer und immer
wieder an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den
Büchern, an der Wechselrede der Brahmanen? Warum mußte er, der
Untadelige, jeden Tag Sünde abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung
mühen, jeden Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, floß denn
nicht in seinem eigenen Herzen der Urquell? Ihn mußte man finden, den
Urquell im eigenen Ich, ihn mußte man zu eigen haben! Alles andre war
Suchen, war Umweg, war Verirrung.

So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden.

Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor:
"Fürwahr, der Name des Brahman ist Satyam—wahrlich, wer solches weiß,
der geht täglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe, die
himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den letzten
Durst gelöscht. Und von allen Weisen und Weisesten, die er kannte und
deren Belehrung er genoß, von ihnen allen war keiner, der sie ganz erreicht
hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz gelöscht hatte, den ewigen Durst.

"Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber,
komm mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung
pflegen."

Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha,
zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit, das Om
zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers:

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Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele,
Das Brahman ist des Pfeiles Ziel,
Das soll man unentwegt treffen.

Als die gewohnte Zeit der Versenkungsübung hingegangen war, erhob
sich Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der
Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab
nicht Antwort. Siddhartha saß versunken, seine Augen standen starr auf ein
sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig zwischen den
Zähnen hervor, er schien nicht zu atmen. So saß er, in Versenkung gehüllt,
Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman ausgesandt.

Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde
Asketen, drei dürre, erloschene Männer, nicht alt noch jung, mit staubigen
und blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von
Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere
Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiß ein Duft von
stiller Leidenschaft, von zerstörendem Dienst, von mitleidloser
Entselbstung.

Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu
Govinda: "Morgen in der Frühe, mein Freund, wird Siddhartha zu den
Samanas gehen. Er wird ein Samana werden."

Govinda erbleichte, da er die Worte hörte und im unbewegten Gesicht
seines Freundes den Entschluß las, unablenkbar wie der vom Bogen
losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda: Nun
beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein Schicksal zu
sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich wie eine trockene
Bananenschale.

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"O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?"

Siddhartha blickte herüber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er in
Govindas Seele, las die Angst, las die Ergebung.

"O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden.
Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen.
Rede nicht mehr davon."

Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast
saß, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater fühlte,
daß einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es, Siddhartha?
So sage, was zu sagen du gekommen bist."

Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin
gekommen, dir zu sagen, daß mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen
und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein Verlangen.
Möge mein Vater dem nicht entgegen sein."

Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, daß im kleinen Fenster
die
Sterne wanderten und ihre Figur veränderten, ehe das Schweigen in der
Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten
Armen
der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die
Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem
Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt
mein Herz. Nicht möchte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem
Munde hören."

Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit
gekreuzten

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Armen.

"Worauf wartest du?" fragte der Vater.

Sprach Siddhartha: "Du weißt es."

Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager
auf und legte sich nieder.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das
kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha stehen,
mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein helles
Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zurück.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah
den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er hinein,
da stand Siddhartha, unverrückt, mit gekreuzten Armen, an seinen bloßen
Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der
Vater sein Lager auf.

Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien
Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond, im
Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde,
schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrückt Stehenden, füllte
sein Herz mit Zorn, füllte sein Herz mit Unruhe, füllte sein Herz mit Zagen,
füllte es mit Leid.

Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, trat
in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und wie fremd
erschien.

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"Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?"

"Du weißt es."

"Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird,
Abend wird?"

"Ich werde stehen und warten."

"Du wirst müde werden, Siddhartha."

"Ich werde müde werden."

"Du wirst einschlafen, Siddhartha."

"Ich werde nicht einschlafen."

"Du wirst sterben, Siddhartha."

"Ich werde sterben."

"Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?"

"Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht."

"So willst du dein Vorhaben aufgeben?"

"Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird."

Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, daß
Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er kein
Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, daß Siddhartha
schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, daß er ihn schon
jetzt verlassen habe.

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Der Vater berührte Siddharthas Schulter.

"Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du
Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest
du Enttäuschung, dann kehre wieder und laß uns wieder gemeinsam den
Göttern opfern. Nun gehe und küsse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst.
Für mich aber ist es Zeit, an den Fluß zu gehen und die erste Waschung
vorzunehmen."

Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus.
Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang
seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu
tun, wie der Vater gesagt hatte.

Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch stille
Stadt verließ, erhob sich bei der letzten Hütte ein Schatten, der dort
gekauert war, und schloß sich an den Pilgernden an—Govinda.

"Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lächelte.

"Ich bin gekommen," sagte Govinda.

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BEI DEN SAMANAS

Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die dürren Samanas, und
boten ihnen Begleitschaft und Gehorsam an. Sie wurden angenommen.

Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der
Straße. Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenähten
Überwurf. Er aß nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er fastete
fünfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm
von Schenkeln und Wangen. Heiße Träume flackerten aus seinen
vergrößerten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang die Nägel
und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein Blick, wenn er
Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt
mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler handeln, Fürsten zur
Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, Huren sich anbieten, Ärzte
sich um Kranke mühen, Priester den Tag für die Aussaat bestimmen,
Liebende lieben, Mütter ihre Kinder stillen—und alles war nicht den Blick
seines Auges wert, alles log, alles stank, alles stank nach Lüge, alles
täuschte Sinn und Glück und Schönheit vor, und alles war uneingestandene
Verwesung. Bitter schmeckte die Welt. Qual war das Leben.

Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von Durst,
leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von sich selbst
wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe zu finden, im
entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war sein Ziel. Wenn

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alles Ich überwunden und gestorben war, wenn jede Sucht und jeder Trieb
im Herzen schwieg, dann mußte das Letzte erwachen, das Innerste im
Wesen, das nicht mehr Ich ist, das große Geheimnis.

Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, glühend vor
Schmerz, glühend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst
mehr fühlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare troff
das Wasser über frierende Schultern, über frierende Hüften und Beine, und
der Büßer stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren, bis sie
schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im Dorngerank, aus
der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwären der Eiter, und
Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein Blut mehr floß,
bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte.

Siddhartha saß aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig
Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem
beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schläge seines
Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren.

Vom Ältesten der Samanas belehrt, übte Siddhartha Entselbstung, übte
Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog überm
Bambuswald—und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog
über Wald und Gebirg, war Reiher, fraß Fische, hungerte Reiherhunger,
sprach Reihergekrächz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am Sandufer,
und Siddharthas Seele schlüpfte in den Leichnam hinein, war toter Schakal,
lag am Strande, blähte sich, stank, verweste, ward von Hyänen zerstückt,
ward von Geiern enthäutet, ward Gerippe, ward Staub, wehte ins Gefild.
Und Siddharthas Seele kehrte zurück, war gestorben, war verwest, war
zerstäubt, hatte den trüben Rausch des Kreislaufs geschmeckt, harrte in
neuem Durst wie ein Jäger auf die Lücke, wo dem Kreislauf zu entrinnen
wäre, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose Ewigkeit begänne. Er tötete

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seine Sinne, er tötete seine Erinnerung, er schlüpfte aus seinem Ich in
tausend fremde Gestaltungen, war Tier, war Aas, war Stein, war Holz, war
Wasser, und fand sich jedesmal erwachend wieder, Sonne schien oder
Mond, war wieder Ich, schwang im Kreislauf, fühlte Durst, überwand den
Durst, fühlte neuen Durst.

Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg
lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz,
durch das freiwillige Erleiden und Überwinden des Schmerzes, des
Hungers, des Dursts, der Müdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung
durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen
Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal verließ
er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob
auch die Wege vom Ich hinwegführten, ihr Ende führte doch immer zum
Ich zurück. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich entfloh, im Nichts
verweilte, im Tier, im Stein verweilte, unvermeidlich war die Rückkehr,
unentrinnbar die Stunde, da er sich wiederfand, im Sonnenschein oder im
Mondschein, im Schatten oder im Regen, und wieder Ich und Siddhartha
war, und wieder die Qual des auferlegten Kreislaufes empfand.

Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog
sich denselben Bemühungen. Selten sprachen sie anderes miteinander, als
der Dienst und die Übungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu zweien
durch die Dörfer, um Nahrung für sich und ihre Lehrer zu betteln.

"Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang
Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele
erreicht?"

Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du wirst
ein großer Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Übung gelernt, oft

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haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst ein Heiliger sein, o
Siddhartha."

Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was
ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, hätte
ich schneller und einfacher lernen können. In jeder Kneipe eines
Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und Würfelspielern hätte
ich es lernen können."

Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie
hättest du Versenkung, wie hättest du Anhalten des Atems, wie hättest du
Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden
lernen sollen?"

Und Siddhartha sagte leise, als spräche er zu sich selber: "Was ist
Versenkung? Was ist Verlassen des Körpers? Was ist Fasten? Was ist
Anhalten des Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes Entrinnen
aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betäubung gegen den Schmerz
und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht, dieselbe kurze
Betäubung findet der Ochsentreiber in der Herberge, wenn er einige
Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann fühlt er sein
Selbst nicht mehr, dann fühlt er die Schmerzen des Lebens nicht mehr, dann
findet er kurze Betäubung. Er findet, über seiner Schale mit Reiswein
eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha und Govinda finden, wenn sie
in langen Übungen aus ihrem Körper entweichen, im Nicht-Ich verweilen.
So ist es, o Govinda."

Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weißt doch, daß Siddhartha
kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet der
Trinker Betäubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er kehrt
zurück aus dem Wahn und findet alles beim alten, ist nicht weiser

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geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt, ist nicht um Stufen höher
gestiegen."

Und Siddhartha sprach mit Lächeln: "Ich weiß es nicht, ich bin nie ein
Trinker gewesen. Aber daß ich, Siddhartha, in meinen Übungen und
Versenkungen nur kurze Betäubung finde und ebenso weit von der
Weisheit, von der Erlösung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe,
das weiß ich, o Govinda, das weiß ich."

Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald
verließ, um im Dorfe etwas Nahrung für ihre Brüder und Lehrer zu betteln,
begann Siddhartha zu sprechen und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind wir
wohl auf dem rechten Wege? Nähern wir uns wohl der Erkenntnis? Nähern
wir uns wohl der Erlösung? Oder gehen wir nicht vielleicht im Kreise—wir,
die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?"

Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch zu
lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis ist eine
Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen."

Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser ältester
Samana, unser ehrwürdiger Lehrer?"

Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Ältester zählen."

Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana
nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich, wir
werden ebenso alt werden und werden uns üben, und werden fasten, und
werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er nicht, wir
nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es gibt, wird vielleicht
nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir finden Tröstungen, wir

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finden Betäubungen, wir lernen Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns
täuschen. Das Wesentliche aber, den Weg der Wege finden wir nicht."

"Mögest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten
Männern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und
ehrwürdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig beflissenen, so
viel heiligen Männern keiner den Weg der Wege finden?"

Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie Spott
enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas spöttischen
Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der Samanas
verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide Durst, o Govinda,
und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um nichts kleiner
geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedürstet, immer bin ich voll
von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt, Jahr um Jahr, und
habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und habe die frommen
Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda, wäre es ebenso gut,
wäre es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen, wenn ich den
Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hätte. Lange Zeit habe ich
gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu lernen, o Govinda:
daß man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich, in der Tat jenes Ding
nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein Freund, nur ein Wissen, das
ist überall, das ist Atman, das ist in mir und in dir und in jedem Wesen. Und
so beginne ich zu glauben dies Wissen hat keinen ärgeren Feind als das
Wissenwollen, als das Lernen."

Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hände und sprach:
"Mögest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden
beängstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen.
Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die

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Ehrwürdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas,
wenn es so wäre wie du sagst, wenn es kein Lernen gäbe?! Was, o
Siddhartha, was würde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig, was
wertvoll, was ehrwürdig ist?!"

Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer
Upanishad:

Wer nachsinnend, geläuterten Geistes, in Atman sich versenkt,
Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit.

Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm
gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.

Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch übrig von
allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewährt sich? Und er
schüttelte den Kopf.

Einstmals, als die beiden Jünglinge gegen drei Jahre bei den Samanas
gelebt und ihre Übungen geteilt hatten, da erreichte sie auf mancherlei
Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerücht, eine Sage: Einer sei
erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in sich
das Leid der Welt überwunden und das Rad der Wiedergeburten zum Stehen
gebracht. Lehrend ziehe er, von Jüngern umgeben, durch das Land,
besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen, aber mit
heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fürsten beugten sich vor
ihm und würden seine Schüler.

Diese Sage, dies Gerücht, dies Märchen klang auf, duftete empor, hier
und dort, in den Städten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die
Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den

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Ohren der Jünglinge, im Guten und im Bösen, in Lobpreisung und in
Schmähung.

Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erhebt sich die
Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort
und Anhauch genüge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und
wie dann diese Kunde das Land durchläuft und jedermann davon spricht,
viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg machen,
um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land jene Sage,
jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus dem
Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Gläubigen, höchste
Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er hatte
Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zurück, tauchte nie
mehr in den trüben Strom der Gestaltungen unter. Vieles Herrliche und
Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder getan, hatte den
Teufel überwunden, hatte mit den Göttern gesprochen. Seine Feinde und
Ungläubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler Verführer, er bringe
seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer, sei ohne Gelehrsamkeit
und kenne weder Übung noch Kasteiung.

Süß klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten.
Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben—und siehe, hier
schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tönen, trostvoll,
mild, edler Versprechungen voll. Überall, wohin das Gerücht vom Buddha
erscholl, überall in den Ländern Indiens horchten die Jünglinge auf, fühlten
Sehnsucht, fühlten Hoffnung, und unter den Brahmanensöhnen der Städte
und Dörfer war jeder Pilger und Fremdling willkommen, wenn er Kunde
von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni, brachte.

Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda
war die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von

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Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon,
denn der Älteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte
vernommen, daß jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im
Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zurückgewendet
habe, und er hielt nichts von diesem Gotama.

"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war ich
im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten, und in
seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit seinen
eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hören. Wahrlich, da
schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei mir: Möchte doch
auch ich, möchten doch auch wir beide, Siddhartha und ich, die Stunde
erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes Vollendeten vernehmen!
Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin gehen und die Lehre aus dem
Munde des Buddha anhören?"

Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda
würde bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es wäre sein
Ziel, sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Künste
und Übungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich hatte
Govinda zu wenig gekannt, wenig wußte ich von seinem Herzen. Nun also
willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und dorthin gehen, wo
der Buddha seine Lehre verkündet."

Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mögest du immerhin spotten,
Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine Lust erwacht,
diese Lehre zu hören? Und hast du nicht einst zu mir gesagt, nicht lange
mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"

Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme
einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und sagte:
"Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich erinnert.

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Mögest du doch auch des andern dich erinnern, das du von mir gehört hast,
daß ich nämlich mißtrauisch und müde gegen Lehre und Lernen geworden
bin, und daß mein Glaube klein ist an Worte, die von Lehrern zu uns
kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene Lehre zu hören—
obschon ich im Herzen glaube, daß wir die beste Frucht jener Lehre schon
gekostet haben."

Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie
sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe wir sie
vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"

Sprach Siddhartha: "Laß diese Frucht uns genießen und das weitere
abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem Gotama
verdanken, besteht darin, daß er uns von den Samanas hinwegruft! Ob er
uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf laß uns
ruhigen Herzens warten."

An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Ältesten der Samanas seinen
Entschluß zu wissen, daß er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem Ältesten
zu wissen mit der Höflichkeit und Bescheidenheit, welche dem Jüngeren
und Schüler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, daß die beiden
Jünglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte grobe
Schimpfworte.

Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den
Mund zu Govindas Ohr und flüsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten
zeigen, daß ich etwas bei ihm gelernt habe."

Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele,
fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte ihn
stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl ihm,
lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde stumm, sein

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Auge wurde starr, sein Wille gelähmt, seine Arme hingen herab, machtlos
war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas Gedanken aber
bemächtigten sich des Samana, er mußte vollführen, was sie befahlen. Und
so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog segnende Gebärden, sprach
stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und die Jünglinge erwiderten
dankend die Verneigungen, erwiderten den Wunsch, zogen grüßend von
dannen.

Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr
gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana
zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du hättest bald gelernt,
auf dem Wasser zu gehen."

"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha.
"Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufrieden geben!"

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GOTAMA

In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha,
und jedes Haus war gerüstet, den Jüngern Gotamas, den schweigend
Bittenden, die Almosenschale zu füllen. Nahe bei der Stadt lag Gotamas
liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche Kaufherr
Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und den Seinen
zum Geschenk gemacht hatte.

Nach dieser Gegend hatten alle Erzählungen und Antworten hingewiesen,
welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt
zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im ersten
Hause, vor dessen Tür sie bittend stehen blieben, Speise angeboten, und sie
nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau, welche ihnen die Speise
reichte:

"Gerne, du Mildtätige, gerne möchten wir erfahren, wo der Buddha weilt,
der Ehrwürdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und sind
gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus seinem
Munde zu vernehmen."

Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid Ihr hier abgestiegen,
Ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten
Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort möget Ihr, Pilger, die Nacht

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verbringen, denn genug Raum ist daselbst für die Unzähligen, die
herbeiströmen, um aus seinem Munde die Lehre zu hören."

Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist unser
Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter der
Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen Augen
gesehen?"

Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An
vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht,
schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den Haustüren seine
Almosenschale darreicht, wie er die gefüllte Schale von dannen trägt."

Entzückt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hören.
Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen und
brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger und
auch Mönche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana
unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein
beständiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge
heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde
gewohnt, fanden schnell und geräuschlos einen Unterschlupf und ruhten da
bis zum Morgen.

Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch große Schar,
Gläubige und Neugierige, hier genächtigt hatte. In allen Wegen des
herrlichen Haines wandelten Mönche im gelben Gewand, unter den
Bäumen saßen sie hier und dort, in Betrachtung versenkt—oder im
geistlichen Gespräch, wie eine Stadt waren die schattigen Gärten zu sehen,
voll von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der Mönche zog
mit der Almosenschale aus, um in der Stadt Nahrung für die
Mittagsmahlzeit, die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha
selbst, der Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun.

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Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hätte ihm ein Gott ihn
gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte, die
Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.

"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der
Buddha."

Aufmerksam blickte Govinda den Mönch in der gelben Kutte an, der sich
in nichts von den Hunderten der Mönche zu unterscheiden schien. Und bald
erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach und
betrachteten ihn.

Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken,
sein stilles Gesicht war weder fröhlich noch traurig, es schien leise nach
innen zu lächeln. Mit einem verborgenen Lächeln, still, ruhig, einem
gesunden Kinde nicht unähnlich, wandelte der Buddha, trug das Gewand
und setzte den Fuß gleich wie alle seine Mönche, nach genauer Vorschrift.
Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter Blick, seine still
herabhängende Hand, und noch jeder Finger an seiner still herabhängenden
Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte nicht, ahmte nicht
nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe, in einem
unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden.

So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und
die beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner
Ruhe, an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen,
kein Nachahmen, kein Bemühen zu erkennen war, nur Licht und Frieden.

"Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte
Govinda.

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Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre, er
glaubte nicht, daß sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch, ebenso wie
Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre vernommen,
wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand. Aber er blickte
aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern, auf seine Füße, auf
seine still herabhängende Hand, und ihm schien, jedes Glied an jedem
Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete, duftete, glänzte Wahrheit.
Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig bis in die Gebärde seines
letzten Fingers. Dieser Mann war heilig. Nie hatte Siddhartha einen
Menschen so verehrt, nie hatte er einen Menschen so geliebt wie diesen.

Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend
zurück, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu enthalten.
Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner Jünger die
Mahlzeit einnehmen—was er aß, hätte keinen Vogel satt gemacht—und
sahen ihn sich zurückziehen in den Schatten der Mangobäume.

Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig ward
und sich versammelte, hörten sie den Buddha lehren. Sie hörten seine
Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe, war
voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der Herkunft
des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floß und klar
seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die Welt, aber
Erlösung vom Leid war gefunden: Erlösung fand, wer den Weg des Buddha
ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene, lehrte die vier
Hauptsätze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging er den gewohnten
Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen, hell und still schwebte
seine Stimme über den Hörenden, wie ein Licht, wie ein Sternhimmel.

Als der Buddha—es war schon Nacht geworden—seine Rede schloß,
traten manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft,

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nahmen ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er
sprach: "Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkündigt.
Tretet denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu
bereiten."

Siehe, da trat auch Govinda hervor, der Schüchterne, und sprach: "Auch
ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat
um Aufnahme in die Jüngerschaft, und ward aufgenommen.

Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zurückgezogen hatte,
wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha, nicht
steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir den
Erhabenen gehört, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda hat die
Lehre gehört, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber, Verehrter,
willst denn nicht auch du den Pfad der Erlösung gehen? Willst du zögern,
willst du noch warten?"

Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte
vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise, mit
einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den Schritt
getan, nun hast du den Weg erwählt. Immer, o Govinda, bist du mein
Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen. Oft habe
ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt allein tun, ohne
mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein Mann geworden und
wählst selber deinen Weg. Mögest du ihn zu Ende gehen, o mein Freund!
Mögest du Erlösung finden!"

Govinda, welcher noch nicht völlig verstand, wiederholte mit einem Ton
von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber! Sage
mir, wie es ja nicht anders sein kann, daß auch du, mein gelehrter Freund,
deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"

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Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen
Segenswunsch überhört, o Govinda. Ich wiederhole ihn: Mögest du diesen
Weg zu Ende gehen! Mögest du Erlösung finden!"

In diesem Augenblick erkannte Govinda, daß sein Freund ihn verlassen
habe, und er begann zu weinen.

"Siddhartha!" rief er klagend.

Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergiß nicht, Govinda, daß du nun
zu den Samanas des Buddha gehörst! Abgesagt hast du Heimat und Eltern,
abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen,
abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der Erhabene. So
hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich dich verlassen."

Lange noch wandelten die Freunde im Gehölz, lange lagen sie und
fanden nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen
Freund, er möge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas
Lehre nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde.
Siddhartha aber wies ihn jedesmal zurück und sagte: "Gib dich zufrieden,
Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich einen Fehler an
ihr finden?"

Am frühesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner ältesten
Mönche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als
Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe
Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres
Standes zu unterweisen. Da riß Govinda sich los, umarmte noch einmal
den Freund seiner Jugend und schloß sich dem Zuge der Novizen an.

Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.

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Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht
begrüßte und der Blick des Buddha so voll Güte und Stille war, faßte der
Jüngling Mut und bat den Ehrwürdigen um Erlaubnis, zu ihm zu sprechen.
Schweigend nickte der Erhabene Gewährung.

Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergönnt, deine
wundersame Lehre zu hören. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus
der Ferne her, um die Lehre zu hören. Und nun wird mein Freund bei den
Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber trete
meine Pilgerschaft aufs neue an."

"Wie es dir beliebt", sprach der Ehrwürdige höflich.

"Allzu kühn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich möchte den
Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in Aufrichtigkeit
mitgeteilt zu haben. Will mir der Ehrwürdige noch einen Augenblick Gehör
schenken?"

Schweigend nickte der Buddha Gewährung.

Sprach Siddhartha: "Eines, o Ehrwürdigster, habe ich an deiner Lehre vor
allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist bewiesen;
als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene Kette zeigst
du die Welt als eine ewige Kette, gefügt aus Ursachen und Wirkungen.
Niemals ist dies so klar gesehen, nie so unwiderleglich dargestellt worden;
höher wahrlich muß jedem Brahmanen das Herz im Leibe schlagen, wenn
er, durch deine Lehre hindurch, die Welt erblickt als vollkommenen
Zusammenhang, lückenlos, klar wie ein Kristall, nicht vom Zufall
abhängig, nicht von Göttern abhängig. Ob sie gut oder böse, ob das Leben
in ihr Leid oder Freude sei, möge dahingestellt bleiben, es mag vielleicht
sein, daß dies nicht wesentlich ist—aber die Einheit der Welt, der
Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und

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Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens
und des Sterbens, dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o
Vollendeter. Nun aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und
Folgerichtigkeit aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch
eine kleine Lücke strömt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas
Neues, etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht
bewiesen werden kann: das ist deine Lehre von der Überwindung der Welt,
von der Erlösung. Mit dieser kleinen Lücke, mit dieser kleinen
Durchbrechung aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder
zerbrochen und aufgehoben. Mögest du mir verzeihen, wenn ich diesen
Einwand ausspreche."

Still hatte Gotama ihm zugehört, unbewegt. Mit seiner gütigen, mit seiner
höflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du hast die
Lehre gehört, o Brahmanensohn, und wohl dir, daß du über sie so tief
nachgedacht hast. Du hast eine Lücke in ihr gefunden, einen Fehler. Mögest
du weiter darüber nachdenken. Laß dich aber warnen, du Wißbegieriger, vor
dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an
Meinungen nichts gelegen, sie mögen schön oder häßlich, klug oder töricht
sein, jeder kann ihnen anhängen oder sie verwerfen. Die Lehre aber, die du
von mir gehört hast, ist nicht eine Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt
für Wißbegierige zu erklären. Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlösung
vom Leiden. Diese ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."

"Mögest du mir, o Erhabener, nicht zürnen", sagte der Jüngling. "Nicht
um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu dir gesprochen.
Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen gelegen. Aber laß mich
dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick habe ich an dir gezweifelt.
Ich habe nicht einen Augenblick gezweifelt, daß du Buddha bist, daß du das
Ziel erreicht hast, das höchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen
und Brahmanensöhne unterwegs sind. Du hast die Erlösung vom Tode

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gefunden. Sie ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem
eigenen Wege, durch Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis,
durch Erleuchtung. Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und—so ist
mein Gedanke, o Erhabener—keinem wird Erlösung zu teil durch Lehre!
Keinem, o Ehrwürdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und
sagen können, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtung!
Vieles enthält die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie,
rechtschaffen zu leben, Böses zu meiden. Eines aber enthält die so klare, die
so ehrwürdige Lehre nicht: sie enthält nicht das Geheimnis dessen, was der
Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den Hunderttausenden. Dies ist es,
was ich gedacht und erkannt habe, als ich die Lehre hörte. Dies ist es,
weswegen ich meine Wanderschaft fortsetze—nicht um eine andere, eine
bessere Lehre zu suchen, denn ich weiß, es gibt keine, sondern um alle
Lehren und alle Lehrer zu verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder
zu sterben. Oftmals aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und
dieser Stunde, da meine Augen einen Heiligen sahen."

Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem
Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.

"Mögen deine Gedanken," sprach der Ehrwürdige langsam, "keine
Irrtümer sein! Mögest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die
Schar meiner Samanas gesehen, meiner vielen Brüder, welche ihre Zuflucht
zur Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du,
daß es diesen allen besser wäre, die Lehre zu verlassen und in das Leben
der Welt und der Lüste zurückzukehren?"

"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "Mögen sie alle
bei der Lehre bleiben, mögen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht mir zu, über
eines andern Leben zu urteilen. Einzig für mich, für mich allein muß ich
urteilen, muß ich wählen, muß ich ablehnen. Erlösung vom Ich suchen wir

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Samanas, o Erhabener. Wäre ich nun einer deiner Jünger, o Ehrwürdiger, so
fürchte ich, es möchte mir geschehen, daß nur scheinbar, nur trügerisch
mein Ich zur Ruhe käme und erlöst würde, daß es aber in Wahrheit
weiterlebte und groß würde, denn ich hätte dann die Lehre, hätte meine
Nachfolge, hätte meine Liebe zu dir, hätte die Gemeinschaft der Mönche zu
meinem Ich gemacht!"

Mit halbem Lächeln, mit einer unerschütterten Helle und Freundlichkeit
sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer
kaum sichtbaren Gebärde.

"Klug bist du, o Samana", sprach der Ehrwürdige.

"Klug weißt du zu reden, mein Freund. Hüte dich vor allzu großer
Klugheit!"

Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes Lächeln blieb
für immer in Siddharthas Gedächtnis eingegraben.

So habe ich noch keinen Menschen blicken und lächeln, sitzen und
schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wünsche auch ich blicken und
lächeln, sitzen und schreiten zu können, so frei, so ehrwürdig, so verborgen,
so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich blickt und schreitet
nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst gedrungen ist. Wohl, auch ich
werde ins Innerste meines Selbst zu dringen suchen.

Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich
meine Augen niederschlagen mußte. Vor keinem andern mehr will ich
meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird
mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.

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Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich,
und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines
Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der mein
Schatten war und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er mir
Siddhartha, mich selbst.

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ERWACHEN

Als Siddhartha den Hain verließ, in welchem der Buddha, der Vollendete,
zurückblieb, in welchem Govinda zurückblieb, da fühlte er, daß in diesem
Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich von ihm
trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfüllte, sann er im langsamen
Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser ließ er sich
bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen
ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist Denken, und
dadurch allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht
verloren, sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in
ihnen ist.

Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, daß er
kein Jüngling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest, daß
eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut verlassen
wird, daß eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch seine ganze
Jugend ihn begleitet und zu ihm gehört hatte: der Wunsch, Lehrer zu haben
und Lehren zu hören. Den letzten Lehrer, der an seinem Wege ihm
erschienen war, auch ihn, den höchsten und weisesten Lehrer, den
Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm trennen müssen,
hatte seine Lehre nicht annehmen können.

Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist
es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und was

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sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?" Und er
fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das Ich
war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es
aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur vor ihm fliehen,
mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding in der Welt hat so viel
meine Gedanken beschäftigt wie dieses mein Ich, dies Rätsel, daß ich lebe,
daß ich einer und von allen andern getrennt und abgesondert bin, daß ich
Siddhartha bin! Und über kein Ding in der Welt weiß ich weniger als über
mich, über Siddhartha!"

Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem
Gedanken erfaßt, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer
hervor, ein neuer Gedanke, der lautete: "Daß ich nichts von mir weiß, daß
Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus einer
Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf der Flucht vor
mir! Atman suchte ich, Brahman suchte ich, ich war gewillt, mein Ich zu
zerstücken und auseinander zu schälen, um in seinem unbekannten
Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den Atman, das Leben, das
Göttliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir dabei verloren."

Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lächeln erfüllte
sein Gesicht, und ein tiefes Gefühl von Erwachen aus langen Träumen
durchströmte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief rasch, wie
ein Mann, welcher weiß, was er zu tun hat.

"O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den
Siddhartha nicht mehr entschlüpfen lassen! Nicht mehr will ich mein
Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt.
Ich will mich nicht mehr töten und zerstücken, um hinter den Trümmern ein
Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch
Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir selbst

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will ich lernen, will ich Schüler sein, will ich mich kennen lernen, das
Geheimnis Siddhartha."

Er blickte um sich, als sähe er zum ersten Male die Welt. Schön war die
Welt, bunt war die Welt, seltsam und rätselhaft war die Welt! Hier war Blau,
hier war Gelb, hier war Grün, Himmel floß und Fluß, Wald starrte und
Gebirg, alles schön, alles rätselvoll und magisch, und inmitten er,
Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich selbst. All dieses, all
dies Gelb und Blau, Fluß und Wald, ging zum erstenmal durchs Auge in
Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras, war nicht mehr der Schleier
der Maya, war nicht mehr sinnlose und zufällige Vielfalt der
Erscheinungswelt, verächtlich dem tief denkenden Brahmanen, der die
Vielfalt verschmäht, der die Einheit sucht. Blau war Blau, Fluß war Fluß,
und wenn auch im Blau und Fluß in Siddhartha das Eine und Göttliche
verborgen lebte, so war es doch eben des Göttlichen Art und Sinn, hier
Gelb, hier Blau, dort Himmel, dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn
und Wesen war nicht irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in
allem.

"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin
Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will, so
verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie Täuschung,
Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er studiert und liebt sie,
Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das Buch der Welt und das Buch
meines eigenen Wesens lesen wollte, ich habe, einem im voraus vermuteten
Sinn zuliebe, die Zeichen und Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der
Erscheinungen Täuschung, nannte mein Auge und meine Zunge zufällige
und wertlose Erscheinungen. Nein, dies ist vorüber, ich bin erwacht, ich bin
in der Tat erwacht und heute erst geboren."

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Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen,
plötzlich, als läge eine Schlange vor ihm auf dem Weg.

Denn plötzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie
ein Erwachter oder Neugeborener war, er mußte sein Leben neu und völlig
von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain Jetavana, den
Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend, schon auf dem
Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und war ihm natürlich
und selbstverständlich erschienen, daß er, nach den Jahren seines
Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater zurückkehre. Jetzt aber,
erst in diesem Augenblick, da er stehen blieb, als läge eine Schlange auf
seinem Wege, erwachte er auch zu dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr,
der ich war, ich bin nicht mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin
nicht mehr Brahmane. Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater
tun? Studieren? Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorüber,
dies alles liegt nicht mehr an meinem Wege."

Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug
lang fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines
Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang
war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt. Nun fühlte er es.
Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn
gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er
nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem
ein, und einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein
wie er. Kein Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht
zu den Handwerkern gehörte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte,
ihre Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zählte
und mit ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine
Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht einer
und allein, auch ihn umgab Zugehörigkeit, auch er gehörte einem Stande

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an, der ihm Heimat war. Govinda war Mönch geworden, und tausend
Mönche waren seine Brüder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben,
sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo war er zugehörig? Wessen
Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er sprechen?

Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer Kälte
und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor, fester
geballt. Er fühlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens gewesen, der
letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder aus, begann rasch
und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause, nicht mehr zum Vater,
nicht mehr zurück.

ZWEITER TEIL—Wilhelm Gundert

meinem Vetter in Japan gewidmet

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KAMALA

Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt war
verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne überm
Waldgebirge aufgehen und überm fernen Palmenstrande untergehen. Er sah
nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein Boot
im Blauen schwimmend. Er sah Bäume, Sterne, Tiere, Wolken,
Regenbogen, Felsen, Kräuter, Blumen, Bach und Fluß, Taublitz im
morgendlichen Gesträuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vögel sangen
und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles, tausendfalt und
bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond geschienen,
immer Flüsse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in den früheren
Zeiten für Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein flüchtiger und
trügerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mißtrauen betrachtet, dazu
bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu werden, da es
nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit lag. Nun aber
weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und erkannte die Sichtbarkeit,
suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht das Wesen, zielte in kein
Jenseits. Schön war die Welt, wenn man sie so betrachtete, so ohne Suchen,
so einfach, so kinderhaft. Schön war Mond und Gestirn, schön war Bach
und Ufer, Wald und Fels, Ziege und Goldkäfer, Blume und Schmetterling.
Schön und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so
erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Mißtrauen. Anders brannte die
Sonne aufs Haupt, anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach

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und Zisterne, anders Kürbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die
Nächte, jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere,
unterm Segel ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. Siddhartha
sah ein Affenvolk im hohen Waldgewölbe wandern, hoch im Geäst, und
hörte seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein
Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im
Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und blitzend
die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und Leidenschaft
duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der ungestüm Jagende
zog.

All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war
nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehörte dazu. Durch sein Auge
lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.

Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im Garten
Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehört, des göttlichen Buddha,
des Abschiedes von Govinda, des Gespräches mit dem Erhabenen. Seiner
eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen hatte, erinnerte er sich
wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde er dessen inne, daß er da
Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar nicht eigentlich wußte. Was er zu
Gotama gesagt hatte: sein, des Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die
Lehre, sondern das Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur
Stunde seiner Erleuchtung erlebt habe—dies war es ja eben, was zu erleben
er jetzt auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mußte er jetzt
erleben. Wohl hatte er schon lange gewußt, daß sein Selbst Atman sei, vom
selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst wirklich
gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen wollen. War
auch gewiß der Körper nicht das Selbst, und nicht das Spiel der Sinne, so
war es doch auch das Denken nicht, nicht der Verstand, nicht die erlernte
Weisheit, nicht die erlernte Kunst, Schlüsse zu ziehen und aus schon

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Gedachtem neue Gedanken zu spinnen. Nein, auch diese Gedankenwelt war
noch diesseits, und es führte zu keinem Ziele, wenn man das zufällige Ich
der Sinne tötete, dafür aber das zufällige Ich der Gedanken und
Gelehrsamkeiten mästete. Beide, die Gedanken wie die Sinne, waren
hübsche Dinge, hinter beiden lag der letzte Sinn verborgen, beide galt es zu
hören, mit beiden zu spielen, beide weder zu verachten noch zu
überschätzen, aus beiden die geheimen Stimmen des Innersten zu
erlauschen. Nach nichts wollte er trachten, als wonach die Stimme ihm zu
trachten beföhle, bei nichts verweilen, als wo die Stimme es riete. Warum
war Gotama einst, in der Stunde der Stunden, unter dem Bo-Baume
niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn traf? Er hatte eine Stimme gehört,
eine Stimme im eigenen Herzen, die ihm befahl, unter diesem Baume Rast
zu suchen, und er hatte nicht Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen
noch Trinken, nicht Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme
gehorcht. So zu gehorchen, nicht äußerm Befehl, nur der Stimme, so bereit
zu sein, das war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.

In der Nacht, da er in der strohernen Hütte eines Fährmanns am Flusse
schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem
gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er: Warum
hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine Arme um
ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und küßte, war es nicht Govinda
mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll eine volle Brust,
an der lag Siddhartha und trank, süß und stark schmeckte die Milch dieser
Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann, nach Sonne und Wald, nach
Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach jeder Lust. Sie machte trunken und
bewußtlos.—Als Siddhartha erwachte, schimmerte der bleiche Fluß durch
die Tür der Hütte, und im Walde klang tief und wohllaut ein dunkler
Eulenruf.

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Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fährmann, ihn
über den Fluß zu setzen. Der Fährmann setzte ihn auf seinem Bambusfloß
über den Fluß, rötlich schimmerte im Morgenschein das breite Wasser.

"Das ist ein schöner Fluß," sagte er zu seinem Begleiter.

"Ja," sagte der Fährmann, "ein sehr schöner Fluß, ich liebe ihn über alles.
Oft habe ich ihm zugehört, oft in seine Augen gesehen, und immer habe ich
von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."

"Ich danke dir, mein Wohltäter," sprach Siddhartha, da er ans andere
Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und
keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und
Samana."

"Ich sah es wohl," sprach der Fährmann, "und ich habe keinen Lohn vor
dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein
anderes Mal geben."

"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.

"Gewiß. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder!
Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Möge deine
Freundschaft mein Lohn sein. Mögest du meiner gedenken, wenn du den
Göttern opferst."

Lächelnd schieden sie voneinander. Lächelnd freute sich Siddhartha über
die Freundschaft und Freundlichkeit des Fährmanns. "Wie Govinda ist er,"
dachte er lächelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe, sind wie
Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf Dank hätten.
Alle sind unterwürfig, alle mögen gern Freund sein, gern gehorchen, wenig
denken. Kinder sind die Menschen."

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Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhütten wälzten
sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kürbiskernen und Muscheln,
schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden Samana.
Am Ende des Dorfes führte der Weg durch einen Bach, und am Rande des
Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als Siddhartha sie
grüßte, hob sie den Kopf, und blickte mit Lächeln zu ihm auf, daß er das
Weiße in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen Segensspruch hinüber, wie
er unter Reisenden üblich ist, und fragte, wie weit der Weg bis zur großen
Stadt noch sei. Da stand sie auf und trat zu ihm her, schön schimmerte ihr
feuchter Mund im jungen Gesicht. Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte,
ob er schon gegessen habe, und ob es wahr sei, daß die Samanas nachts
allein im Walde schliefen und keine Frauen bei sich haben dürfen. Dabei
setzte sie ihren linken Fuß auf seinen rechten und machte eine Bewegung,
wie die Frau sie macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses
auffordert, welchen die Lehrbücher "das Baumbesteigen" nennen.
Siddhartha fühlte sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem
Augenblick wieder einfiel, bückte er sich ein wenig zu dem Weibe herab
und küßte mit den Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er
ihr Gesicht voll Verlangen lächeln und die verkleinerten Augen in
Sehnsucht flehen.

Auch Siddhartha fühlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich
bewegen; da er aber noch nie ein Weib berührt hatte, zögerte er einen
Augenblick, während seine Hände schon bereit waren, nach ihr zu greifen.
Und in diesem Augenblick hörte er, erschauernd, die Stimme seines Innern,
und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lächelnden Gesicht der jungen
Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den feuchten Blick eines
brünstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte er ihre Wange, wandte
sich von ihr und verschwand vor der Enttäuschten leichtfüßig in das
Bambusgehölze.

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An diesem Tage erreichte er vor Abend eine große Stadt, und freute sich,
denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Wäldern gelebt, und
die stroherne Hütte des Fährmanns, in welcher er diese Nacht geschlafen
hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er über sich gehabt hatte.

Vor der Stadt, bei einem schönen umzäunten Haine, begegnete dem
Wandernden ein kleiner Troß von Dienern und Dienerinnen, mit Körben
beladen. Inmitten in einer geschmückten Sänfte, von Vieren getragen, saß
auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die Herrin.
Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah dem Aufzuge
zu, sah die Diener, die Mägde, die Körbe, sah die Sänfte, und sah in der
Sänfte die Dame. Unter hochgetürmten schwarzen Haaren sah er ein sehr
helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten Mund wie eine frisch
aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und gemalt in hohen Bogen,
dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen Hals aus grün und
goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hände lang und schmal mit
breiten Goldreifen über den Gelenken.

Siddhartha sah, wie schön sie war, und sein Herz lachte. Tief verneigte er
sich, als die Sänfte nahe kam, und sich wieder aufrichtend blickte er in das
helle holde Gesicht, las einen Augenblick in den klugen hochüberwölbten
Augen, atmete einen Hauch von Duft, den er nicht kannte. Lächelnd nickte
die schöne Frau, einen Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr
die Diener.

So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden
Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er sich,
und nun erst ward ihm bewußt, wie ihn die Diener und Mägde am Eingang
betrachtet hatten, wie verächtlich, wie mißtrauisch, wie abweisend.

Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
Nicht so werde ich bleiben dürfen, nicht so in den Hain treten. Und er

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lachte.

Den nächsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain
und nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, daß dies der Hain der Kamala
war, der berühmten Kurtisane, und daß sie außer dem Haine ein Haus in der
Stadt besaß.

Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.

Sein Ziel verfolgend, ließ er sich von der Stadt einschlürfen, trieb im
Strom der Gassen, stand auf Plätzen still, ruhte auf Steintreppen am Flusse
aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem Barbiergehilfen, den
er im Schatten eines Gewölbes hatte arbeiten sehen, den er betend in einem
Tempel Vishnus wiederfand, dem er von den Geschichten Vishnu's und der
Lakschmi erzählte. Bei den Booten am Flusse schlief er die Nacht, und früh
am Morgen, ehe die ersten Kunden in seinen Laden kamen, ließ er sich von
dem Barbiergehilfen den Bart rasieren und das Haar beschneiden, das Haar
kämmen und mit feinem Öle salben. Dann ging er im Flusse baden.

Als am Spätnachmittag die schöne Kamala in der Sänfte sich ihrem
Haine näherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing
den Gruß der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging,
winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, daß ein junger Brahmane mit
ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zurück, forderte
den Wartenden auf, ihm zu folgen, führte den ihm Folgenden schweigend in
einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und ließ ihn bei ihr
allein.

"Bist du nicht gestern schon da draußen gestanden und hast mich
begrüßt?" fragte Kamala.

"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begrüßt."

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"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub in
den Haaren?"

"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha
gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein
Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun aber
habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die erste, die mir
noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du. Dies zu sagen, bin ich
zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste Frau, zu welcher Siddhartha
anders als mit niedergeschlagenen Augen redet. Nie mehr will ich meine
Augen niederschlagen, wenn eine schöne Frau mir begegnet."

Kamala lächelte und spielte mit ihrem Fächer aus Pfauenfedern. Und
fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir gekommen?"

"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, daß du so schön bist.
Und wenn es dir nicht mißfällt, Kamala, möchte ich dich bitten, meine
Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich weiß noch nichts von der Kunst,
in welcher du Meisterin bist."

Da lachte Kamala laut.

"Nie ist mir das geschehen, Freund, daß ein Samana aus dem Walde zu
mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, daß ein
Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu
mir kam! Viele Jünglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensöhne sind
darunter, aber sie kommen in schönen Kleidern, sie kommen in feinen
Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So, du
Samana, sind die Jünglinge beschaffen, welche zu mir kommen."

Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch gestern
schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt, habe das Haar

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gekämmt, habe Öl im Haare. Weniges ist, das mir noch fehlt, du
Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel. Wisse,
Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche Kleinigkeiten
sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht erreichen, was ich gestern mir
vorgenommen habe: dein Freund zu sein und die Freuden der Liebe von dir
zu lernen! Du wirst mich gelehrig sehen, Kamala, Schwereres habe ich
gelernt, als was du mich lehren sollst. Und nun also: Siddhartha genügt dir
nicht, so wie er ist, mit Öl im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne
Geld?"

Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genügt noch nicht. Kleider muß
er haben, hübsche Kleider, und Schuhe, hübsche Schuhe, und viel Geld im
Beutel, und Geschenke für Kamala. Weißt du es nun, Samana aus dem
Walde? Hast du es dir gemerkt?"

"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir
nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie
eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und
frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.—Aber sage, schöne
Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der
gekommen ist, um Liebe zu lernen?"

"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen
Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht
weiß, was Frauen sind?"

"O, er ist stark, der Samana, und er fürchtet nichts. Er könnte dich
zwingen, schönes Mädchen. Er könnte dich rauben. Er könnte dir weh tun."

"Nein, Samana, das fürchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein
Brahmane gefürchtet, einer könnte kommen und ihn packen und ihm seine
Gelehrsamkeit, und seine Frömmigkeit, und seinen Tiefsinn rauben? Nein,

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denn die gehören ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er geben will und
wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch mit Kamala, und mit
den Freuden der Liebe. Schön und rot ist Kamalas Mund, aber versuche, ihn
gegen Kamalas Willen zu küssen, und nicht einen Tropfen Süßigkeit wirst
du von ihm haben, der so viel Süßes zu geben versteht! Du bist gelehrig,
Siddhartha, so lerne auch dies: Liebe kann man erbetteln, erkaufen,
geschenkt bekommen, auf der Gasse finden, aber rauben kann man sie
nicht. Da hast du dir einen falschen Weg ausgedacht. Nein, schade wäre es,
wenn ein hübscher Jüngling wie du es so falsch angreifen wollte."

Siddhartha verneigte sich lächelnd. "Schade wäre es, Kamala, wie sehr
hast du recht! Überaus schade wäre es. Nein, von deinem Munde soll mir
kein Tropfen Süßigkeit verloren gehen, noch dir von dem meinen! Es bleibt
also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er hat, was ihm noch
fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde Kamala, kannst du mir
nicht noch einen kleinen Rat geben?"

"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen,
unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen
Rat geben?"

"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, daß ich am raschesten
jene drei Dinge finde?"

"Freund, das möchten viele wissen. Du mußt tun, was du gelernt hast,
und dir dafür Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders kommt
ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"

"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."

"Nichts sonst?"

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"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir für ein Gedicht einen
Kuß geben?"

"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefällt. Wie heißt es denn?"

Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte,
diese Verse:

In ihren schattigen Hain trat die schöne Kamala,

An Haines Eingang stand der braune Samana.

Tief, da er die Lotusblüte erblickte,

Beugte sich jener, lächelnd dankte Kamala.

Lieblicher, dachte der Jüngling, als Göttern zu opfern,

Lieblicher ist es zu opfern der schönen Kamala.

Laut klatschte Kamala in die Hände, daß die goldenen Armringe klangen.

"Schön sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere
nichts, wenn ich dir einen Kuß für sie gebe."

Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres, und
legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene Feige
war. Lange küßte ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fühlte Siddhartha,
wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn beherrschte, ihn
zurückwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten eine lange, eine
wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Küssen stand, jeder vom andern
verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend blieb er stehen, und war
in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt über die Fülle des Wissens und
Lernenswerten, die sich vor seinen Augen erschloß.

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"Sehr schön sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich wäre, gäbe
ich dir Goldstücke dafür. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen so
viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld, wenn
du Kamalas Freund sein willst."

"Wie kannst du küssen, Kamala!" stammelte Siddhartha.

"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern,
Schuhen, Armbändern und allen schönen Dingen. Aber was wird aus dir
werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"

"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie nicht
mehr singen. Ich kann auch Zaubersprüche, aber ich will sie nicht mehr
sprechen. Ich habe die Schriften gelesen—"

"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"

"Gewiß kann ich das. Manche können das."

"Die meisten können es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr gut, daß
du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die Zaubersprüche wirst du
noch brauchen können."

In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flüsterte der
Herrin eine Nachricht ins Ohr.

"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha,
niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich wieder."

Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weißes
Obergewand zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich
Siddhartha von der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus

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gebracht, mit einem Oberkleid beschenkt, ins Gebüsch geführt und
dringlich ermahnt, sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.

Zufrieden tat er, wie ihm geheißen war. Des Waldes gewohnt, brachte er
sich lautlos aus dem Hain und über die Hecke. Zufrieden kehrte er in die
Stadt zurück, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend. In einer
Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tür, bat
schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stück Reiskuchen an.
Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen
bitten.

Stolz flammte plötzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht mehr
stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde und blieb
ohne Speise.

"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier führt," dachte
Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, mühsam und
am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles leicht, leicht
wie der Unterricht im Küssen, den mir Kamala gibt. Ich brauche Kleider
und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele, sie stören einem nicht
den Schlaf."

Längst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am
andern Tage ein.

"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami erwartet,
er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm gefällst, wird er
dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana. Ich habe ihm durch andre
von dir erzählen lassen. Sei freundlich gegen ihn, er ist sehr mächtig. Aber
sei nicht zu bescheiden! Ich will nicht, daß du sein Diener wirst, du sollst
seinesgleichen werden, sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami

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fängt an, alt und bequem zu werden. Gefällst du ihm, so wird er dir viel
anvertrauen."

Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern und
heute nichts gegessen, ließ sie Brot und Früchte bringen und bewirtete ihn.

"Du hast Glück gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tür um die andre
tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"

Siddhartha sagte: "Gestern erzählte ich dir, ich verstünde zu denken, zu
warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nütze. Es ist aber zu
vielem nütze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen, daß die dummen
Samanas im Walde viel Hübsches lernen und können, das Ihr nicht könnet.
Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler, gestern habe ich schon
Kamala geküßt, und bald werde ich ein Kaufmann sein und Geld haben und
all diese Dinge, auf die du Wert legst."

"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stünde es mit dir ohne mich? Was wärest
du, wenn Kamala dir nicht hülfe?"

"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich zu
dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein Vorsatz, bei
dieser schönsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem Augenblick an, da ich
den Vorsatz faßte, wußte ich auch, daß ich ihn ausführen werde. Ich wußte,
daß du mir helfen würdest, bei deinem ersten Blick am Eingang des Haines
wußte ich es schon."

"Wenn ich aber nicht gewollt hätte?"

"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,
so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist es,
wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut nichts, er wartet,

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er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge der Welt hindurch wie der
Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne sich zu rühren; er wird
gezogen, er läßt sich fallen. Sein Ziel zieht ihn an sich, denn er läßt nichts
in seine Seele ein, was dem Ziel widerstreben könnte. Das ist es, was
Siddhartha bei den Samanas gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber
nennen und wovon sie meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt.
Nichts wird von Dämonen bewirkt, es gibt keine Dämonen. Jeder kann
zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er
warten kann, wenn er fasten kann."

Kamala hörte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick seiner
Augen.

"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du sprichst, Freund. Vielleicht
ist es aber auch so, daß Siddhartha ein hübscher Mann ist, daß sein Blick
den Frauen gefällt, daß darum das Glück ihm entgegenkommt."

Mit einem Kuß nahm Siddhartha Abschied. "Möge es so sein, meine
Lehrerin. Möge immer mein Blick dir gefallen, möge immer von dir mir
Glück entgegenkommen!"

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BEI DEN KINDERMENSCHEN

Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er
gewiesen, Diener führten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein Gemach,
wo er den Hausherrn erwartete.

Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark
ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem
begehrlichen Mund. Freundlich begrüßten sich Herr und Gast.

"Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "daß du ein Brahmane bist,
ein Gelehrter, daß du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du
denn in Not geraten, Brahmane, daß du Dienste suchst?"

"Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in Not
gewesen. Wisse, daß ich von den Samanas komme, bei welchen ich lange
Zeit gelebt habe."

"Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein?
Sind nicht die Samanas völlig besitzlos?",

"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst.
Gewiß bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht in Not."

"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"

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"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre
besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben solle."

"So hast du vom Besitz anderer gelebt."

"Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer."

"Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern das Ihre nicht
umsonst; er gibt ihnen seine Waren dafür."

"So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt, so ist
das Leben."

"Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?"

"Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt
Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische."

"Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du
gelernt hast, das du kannst?"

"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."

"Das ist alles?"

"Ich glaube, es ist alles!"

"Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten—wozu ist es gut?"

"Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist Fasten
das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, Siddhartha nicht
fasten gelernt hätte, so müßte er heute noch irgendeinen Dienst annehmen,
sei es bei dir oder wo immer, denn der Hunger würde ihn dazu zwingen. So
aber kann Siddhartha ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine

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Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu
lachen. Dazu, Herr, ist Fasten gut."

"Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick."

Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem
Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"

Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag
niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.

"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses
Blatt schreiben?"

Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab
das Blatt zurück.

Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist gut,
Geduld ist besser."

"Vorzüglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches
werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Für heute bitte ich dich,
sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung."

Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Händlers.
Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm
täglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit
aufgetragen, Siddhartha aber aß nur einmal am Tage, und aß weder Fleisch
noch trank er Wein. Kamaswami erzählte ihm von seinem Handel, zeigte
ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue lernte
Siddhartha kennen, er hörte viel und sprach wenig. Und der Worte Kamalas
eingedenk, ordnete er sich niemals dem Kaufmanne unter, zwang ihn, daß
er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn seinesgleichen behandle.

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Kamaswami betrieb seine Geschäfte mit Sorglichkeit und oft mit
Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete dies alles wie ein Spiel, dessen
Regeln genau zu lernen er bemüht war, dessen Inhalt aber sein Herz nicht
berührte.

Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines
Hausherrn Handel teil. Täglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte,
besuchte er die schöne Kamala, in hübschen Kleidern, in feinen Schuhen,
und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte ihn ihr roter,
kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte, geschmeidige Hand. Ihm, der in
der Liebe noch ein Knabe war und dazu neigte, sich blindlings und
unersättlich in die Lust zu stürzen wie ins Bodenlose, lehrte sie von Grund
auf die Lehre, daß man Lust nicht nehmen kann, ohne Lust zu geben, und
daß jede Gebärde, jedes Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede
kleinste Stelle des Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem
Wissenden Glück bereitet. Sie lehrte ihn, daß Liebende nach einer
Liebesfeier nicht voneinander gehen dürfen, ohne eins das andere zu
bewundern, ohne ebenso besiegt zu sein, wie gesiegt zu haben, so daß bei
keinem von beiden Übersättigung und Öde entstehe und das böse Gefühl,
mißbraucht zu haben oder mißbraucht worden zu sein. Wunderbare Stunden
brachte er bei der schönen und klugen Künstlerin zu, wurde ihr Schüler, ihr
Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines
jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami.

Der Kaufmann übertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und
Verträge, und gewöhnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm
zu beraten. Er sah bald, daß Siddhartha von Reis und Wolle, von Schiffahrt
und Handel wenig verstand, daß aber seine Hand eine glückliche war, und
daß Siddhartha ihn, den Kaufmann, übertraf an Ruhe und Gleichmut, und in
der Kunst des Zuhörenkönnens und Eindringens in fremde Menschen.
"Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist kein richtiger

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Kaufmann und wird nie einer werden, nie ist seine Seele mit Leidenschaft
bei den Geschäften. Aber er hat das Geheimnis jener Menschen, zu welchen
der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein angeborener guter Stern, sei es
Zauber, sei es etwas, das er bei den Samanas gelernt hat. Immer scheint er
mit den Geschäften nur zu spielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie
beherrschen sie ihn, nie fürchtet er Mißerfolg, nie bekümmert ihn ein
Verlust."

Der Freund riet dem Händler: "Gib ihm von den Geschäften, die er für
dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, laß ihn aber auch denselben Anteil
des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er eifriger werden."

Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kümmerte sich wenig
darum. Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmütig hin; traf ihn Verlust, so
lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"

Es schien in der Tat, als seien die Geschäfte ihm gleichgültig. Einmal
reiste er in ein Dorf, um dort eine große Reisernte aufzukaufen. Als er
ankam, war aber der Reis schon an einen andern Händler verkauft. Dennoch
blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf, bewirtete die Bauern,
schenkte ihren Kindern Kupfermünzen, feierte eine Hochzeit mit und kam
überaus zufrieden von der Reise zurück. Kamaswami machte ihm
Vorwürfe, daß er nicht sogleich umgekehrt sei, daß er Zeit und Geld
vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "Laß das Schelten, lieber Freund!
Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht worden. Ist Verlust entstanden, so
laß mich den Verlust tragen. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich
habe vielerlei Menschen kennengelernt, ein Brahmane ist mein Freund
geworden, Kinder sind auf meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre
Felder gezeigt, niemand hat mich für einen Händler gehalten."

"Sehr hübsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber tatsächlich
bist du doch ein Händler, sollte ich meinen! Oder bist du denn nur zu

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deinem Vergnügen gereist?"

"Gewiß," lachte Siddhartha, "gewiß bin ich zu meinem Vergnügen
gereist. Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden
kennengelernt, ich habe Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe
Freundschaft gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen wäre,
so wäre ich sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll Ärger und in Eile
wieder zurückgereist, und Zeit und Geld wäre in der Tat verloren gewesen.
So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude genossen,
habe weder mich noch andre durch Ärger und durch Eilfertigkeit
geschädigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme, vielleicht um eine
spätere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es sei, so werden
freundliche Menschen mich freundlich und heiter empfangen, und ich
werde mich dafür loben, daß ich damals nicht Eile und Unmut gezeigt habe.
Also laß gut sein, Freund, und schade dir nicht durch Schelten! Wenn der
Tag kommt, an dem du sehen wirst: Schaden bringt mir dieser Siddhartha,
dann sprich ein Wort, und Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin
aber laß uns einer mit dem andern zufrieden sein."

Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu
überzeugen, daß er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha aß sein eignes
Brot, vielmehr sie beide aßen das Brot anderer, das Brot aller. Niemals hatte
Siddhartha ein Ohr für Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami machte sich
viele Sorgen. War ein Geschäft im Gange, welchem Mißerfolg drohte,
schien eine Warensendung verloren, schien ein Schuldner nicht zahlen zu
können, nie konnte Kamaswami seinen Mitarbeiter überzeugen, daß es
nützlich sei, Worte des Kummers oder des Zornes zu verlieren, Falten auf
der Stirn zu haben, schlecht zu schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals
vorhielt, er habe alles, was er verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort:
"Wolle mich doch nicht mit solchen Späßen zum Besten haben! Von dir
habe ich gelernt, wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man

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für geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken
habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es von
mir zu lernen."

In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschäfte waren gut,
um ihm Geld für Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein, als
er brauchte. Im übrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde nur bei
den Menschen, deren Geschäfte, Handwerke, Sorgen, Lustbarkeiten und
Torheiten ihm früher fremd und fern gewesen waren wie der Mond. So
leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit allen zu leben, von allen zu
lernen, so sehr ward ihm dennoch bewußt, daß etwas sei, was ihn von ihnen
trenne, und dies Trennende war sein Samanatum. Er sah die Menschen auf
eine kindliche oder tierhafte Art dahinleben, welche er zugleich liebte und
auch verachtete. Er sah sie sich mühen, sah sie leiden und grau werden um
Dinge, die ihm dieses Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine
Lust, um kleine Ehren, er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah
sie um Schmerzen wehklagen, über die der Samana lächelt, und unter
Entbehrungen leiden, die ein Samana nicht fühlt.

Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen
war ihm der Händler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der
Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm
eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzählte, und welcher nicht
halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen ausländischen Händler
behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte, und den
Straßenverkäufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine Münze
betrügen ließ. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um über seine Sorgen zu
klagen oder ihm wegen eines Geschäftes Vorwürfe zu machen, so hörte er
neugierig und heiter zu, wunderte sich über ihn, suchte ihn zu verstehen,
ließ ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm unentbehrlich schien,
und wandte sich von ihm ab, dem Nächsten zu, der ihn begehrte. Und es

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kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln, viele um ihn zu betrügen,
viele um ihn auszuhorchen, viele um sein Mitleid anzurufen, viele um
seinen Rat zu hören. Er gab Rat, er bemitleidete, er schenkte, er ließ sich
ein wenig betrügen, und dieses ganze Spiel und die Leidenschaft, mit
welcher alle Menschen dies Spiel betrieben, beschäftigte seine Gedanken
ebensosehr, wie einst die Götter und das Brahman sie beschäftigt hatten.

Zuzeiten spürte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme, die
mahnte leise, klagte leise, kaum daß er sie vernahm. Alsdann kam ihm für
eine Stunde zum Bewußtsein, daß er ein seltsames Leben führe, daß er da
lauter Dinge tue, die bloß ein Spiel waren, daß er wohl heiter sei und
zuweilen Freude fühle, daß aber das eigentliche Leben dennoch an ihm
vorbeifließe und ihn nicht berühre. Wie ein Ballspieler mit seinen Bällen
spielt, so spielte er mit seinen Geschäften, mit den Menschen seiner
Umgebung, sah ihnen zu, fand seinen Spaß an ihnen; mit dem Herzen, mit
der Quelle seines Wesens war er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie
fern von ihm, lief und lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben
zu tun. Und einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wünschte sich,
es möge doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages
mit Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben,
wirklich zu tun, wirklich zu genießen und zu leben, statt nur so als ein
Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schönen
Kamala, lernte Liebeskunst, übte den Kult der Lust, bei welchem mehr als
irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte von
ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als Govinda ihn einst
verstanden hatte, sie war ihm ähnlicher.

Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die meisten
Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist eine Stille
und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und bei dir daheim

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sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen haben das, und
doch könnten alle es haben."

"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.

"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso
klug wie ich, und hat doch keine Zuflucht in sich. Andre haben sie, die an
Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala, sind wie ein
fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und
taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste
Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre
Bahn. Unter allen Gelehrten und Samanas, deren ich viele kannte, war einer
von dieser Art, ein Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener
Gotama, der Erhabene, der Verkündiger jener Lehre. Tausend Jünger hören
jeden Tag seine Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle
sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."

Kamala betrachtete ihn mit Lächeln. "Wieder redest du von ihm," sagte
sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."

Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von den
dreißig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wußte. Ihr Leib
war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines Jägers; wer
von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Lüste, vieler Geheimnisse
kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha, lockte ihn, wies ihn zurück,
zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft, bis er besiegt
war und erschöpft an ihrer Seite ruhte.

Die Hetäre beugte sich über ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine
müdgewordenen Augen.

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"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen
habe. Du bist stärker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du meine
Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich älter bin, will ich von dir ein
Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana geblieben, dennoch
liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen. Ist es nicht so?"

"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha müde. "Ich bin wie du. Auch du
liebst nicht—wie könntest du sonst die Liebe als eine Kunst betreiben? Die
Menschen von unserer Art können vielleicht nicht lieben. Die
Kindermenschen können es; das ist ihr Geheimnis."

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SANSARA

Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Lüste gelebt, ohne
ihm doch anzugehören. Seine Sinne, die er in heißen Samana-Jahren ertötet
hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum gekostet, hatte Wollust
gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er lange Zeit im Herzen noch
ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die Kluge, richtig erkannt. Immer
noch war es die Kunst des Denkens, des Wartens, des Fastens, von welcher
sein Leben gelenkt wurde, immer noch waren die Menschen der Welt, die
Kindermenschen, ihm fremd geblieben, wie er ihnen fremd war.

Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehüllt fühlte Siddhartha ihr
Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besaß längst ein eigenes Haus
und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt am Flusse. Die
Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie Geld oder Rat
brauchten, niemand aber stand ihm nahe, außer Kamala.

Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Höhe seiner Jugend,
erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der Trennung von
Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze Alleinstehen ohne Lehren
und ohne Lehrer, jene geschmeidige Bereitschaft, die göttliche Stimme im
eigenen Herzen zu hören, war allmählich Erinnerung geworden, war
vergänglich gewesen; fern und leise rauschte die heilige Quelle, die einst
nahe gewesen war, die einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das
er von den Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem

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Vater, dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben:
mäßiges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches
Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Körper noch Bewußtsein ist.
Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war
untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des
Töpfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam
ermüdet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der Askese,
das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter
geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zögernd
und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den
absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam füllt und faulen macht, war
Welt und Trägheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam füllte sie seine
Seele, machte sie schwer, machte sie müde, schläferte sie ein. Dafür waren
seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie gelernt, viel erfahren.

Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht über Menschen
auszuüben, sich mit dem Weibe zu vergnügen, er hatte gelernt, schöne
Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern zu
baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfältig bereitete Speisen zu essen, auch
den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewürze und Süßigkeiten, und den
Wein zu trinken, der träge und vergessen macht. Er hatte gelernt, mit
Würfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Tänzerinnen zuzusehen, sich
in der Sänfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett zu schlafen. Aber
immer noch hatte er sich von den andern verschieden und ihnen überlegen
gefühlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott zugesehen, mit ein wenig
spöttischer Verachtung, mit eben jener Verachtung, wie sie ein Samana stets
für Weltleute fühlt. Wenn Kamaswami kränklich war, wenn er ärgerlich
war, wenn er sich beleidigt fühlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen
geplagt wurde, immer hatte Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam
und unmerklich nur, mit den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten,
war sein Spott müder geworden, war seine Überlegenheit stiller geworden.

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Langsam nur, zwischen seinen wachsenden Reichtümern, hatte Siddhartha
selbst etwas von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer
Kindlichkeit und von ihrer Ängstlichkeit. Und doch beneidete er sie,
beneidete sie desto mehr, je ähnlicher er ihnen wurde. Er beneidete sie um
das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit, welche sie
ihrem Leben beizulegen vermochten, um die Leidenschaftlichkeit ihrer
Freuden und Ängste, um das bange aber süße Glück ihrer ewigen
Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre Kinder, in Ehre oder Geld, in
Pläne oder Hoffnungen verliebt waren diese Menschen immerzu. Er aber
lernte dies nicht von ihnen, gerade dies nicht, diese Kinderfreude und
Kindertorheit; er lernte von ihnen gerade das Unangenehme, was er selbst
verachtete. Es geschah immer öfter, daß er am Morgen nach einem
geselligen Abend lange liegen blieb und sich dumpf und müde fühlte. Es
geschah, daß er ärgerlich und ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit
seinen Sorgen lang weilte. Es geschah, daß er allzu laut lachte, wenn er im
Würfelspiel verlor. Sein Gesicht war noch immer klüger und geistiger als
andre, aber es lachte selten, und nahm einen um den andern jene Züge an,
die man im Gesicht reicher Leute so häufig findet, jene Züge der
Unzufriedenheit, der Kränklichkeit, des Mißmutes, der Trägheit, der
Lieblosigkeit. Langsam ergriff ihn die Seelenkrankheit der Reichen.

Wie ein Schleier, wie ein dünner Nebel senkte sich Müdigkeit über
Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein wenig
trüber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit der Zeit alt
wird, mit der Zeit seine schöne Farbe verliert, Flecken bekommt, Falten
bekommt, an den Säumen abgestoßen wird und hier und dort blöde, fädige
Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues Leben, das er nach
seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt geworden, so verlor es
mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so sammelten sich Falten
und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen, hier und dort schon häßlich
hervorblickend, wartete Enttäuschung und Ekel. Siddhartha merkte es nicht.

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Er merkte nur, dass jene helle und sichere Stimme seines Innern, die einst in
ihm erwacht war und ihn in seinen glänzenden Zeiten je und je geleitet
hatte, schweigsam geworden war.

Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die
Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das törichteste stets
am meisten verachtet und gehöhnt hatte: die Habgier. Auch das Eigentum,
der Besitz und Reichtum hatte ihn schließlich eingefangen, war ihm kein
Spiel und Tand mehr, war Kette und Last geworden. Auf einem seltsamen
und listigen Wege war Siddhartha in diese letzte und schnödeste
Abhängigkeit geraten, durch das Würfelspiel. Seit der Zeit nämlich, da er
im Herzen aufgehört hatte, ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel
um Geld und Kostbarkeiten, das er sonst lächelnd und lässig als eine Sitte
der Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und
Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefürchteter Spieler, wenige wagten es
mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsätze. Er trieb das Spiel aus der
Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern des elenden Geldes
schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre Weise konnte er seine
Verachtung des Reichtums, des Götzen der Kaufleute, deutlicher und
höhnischer zeigen. So spielte er hoch und schonungslos, sich selbst
hassend, sich selbst verhöhnend, strich Tausende ein, warf Tausende weg,
verspielte Geld, verspielte Schmuck, verspielte ein Landhaus, gewann
wieder, verspielte wieder. Jene Angst, jene furchtbare und beklemmende
Angst, welche er während des Würfelns, während des Bangens um hohe
Einsätze empfand, jene Angst liebte er und suchte sie immer zu erneuern,
immer zu steigern, immer höher zu kitzeln, denn in diesem Gefühl allein
noch fühlte er etwas wie Glück, etwas wie Rausch, etwas wie erhöhtes
Leben inmitten seines gesättigten, lauen, faden Lebens.

Und nach jedem großen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging
eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen,

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denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem
Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit bei
Verlusten, er verlor die Geduld gegen säumige Zahler, verlor die
Gutmütigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und Wegleihen
des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf verspielte und
dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher, träumte nachts
zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser häßlichen Bezauberung
erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der Schlafzimmerwand
gealtert und häßlicher geworden sah, so oft Scham und Ekel ihn überfiel,
floh er weiter, floh in neues Glücksspiel, floh in Betäubungen der Wollust,
des Weines, und von da zurück in den Trieb des Häufens und Erwerbens. In
diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich müde, lief er sich alt, lief sich krank.

Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala
gewesen, in ihrem schönen Lustgarten. Sie waren unter den Bäumen
gesessen, im Gespräch, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt,
Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Müdigkeit verbarg. Von Gotama
hatte sie ihn gebeten zu erzählen, und konnte nicht genug von ihm hören,
wie rein sein Auge, wie still und schön sein Mund, wie gütig sein Lächeln,
wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er ihr vom erhabenen
Buddha erzählen müssen, und Kamala hatte geseufzt, und hatte gesagt:
"Einst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha folgen. Ich werde
ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine Zuflucht zu seiner
Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt, und ihn im Liebesspiel
mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt, unter Bissen und unter Tränen,
als wolle sie noch einmal aus dieser eiteln, vergänglichen Lust den letzten
süßen Tropfen pressen. Nie war es Siddhartha so seltsam klar geworden,
wie nahe die Wollust dem Tode verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite
gelegen, und Kamalas Antlitz war ihm nahe gewesen, und unter ihren
Augen und neben ihren Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals,
eine bange Schrift gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen

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Furchen, eine Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie
denn auch Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und
dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte. Müdigkeit
stand auf Kamalas schönem Gesicht geschrieben, Müdigkeit vom Gehen
eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Müdigkeit und beginnende
Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht noch nicht einmal
gewußte Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor dem Herbste, Furcht
vor dem Sterbenmüssen. Seufzend hatte er von ihr Abschied genommen,
die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter Bangigkeit.

Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Tänzerinnen beim
Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den überlegenen
gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und spät
nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, müde und dennoch erregt, dem
Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den Schlaf
gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr ertragen zu können
meinte, voll eines Ekels, von dem er sich durchdrungen fühlte wie vom
lauen, widerlichen Geschmack des Weines, der allzu süßen, öden Musik,
dem allzu weichen Lächeln der Tänzerinnen, dem allzu süßen Duft ihrer
Haare und Brüste. Mehr aber als vor allem anderen ekelte ihm vor sich
selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor dem Weingeruch seines Mundes,
vor der schlaffen Müdigkeit und Unlust seiner Haut. Wie wenn einer, der
allzuviel gegessen oder getrunken hat, es unter Qualen wieder erbricht und
doch der Erleichterung froh ist, so wünschte sich der Schlaflose, in einem
ungeheuren Schwall von Ekel sich dieser Genüsse, dieser Gewohnheiten,
dieses ganzen sinnlosen Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim
Schein des Morgens und dem Erwachen der ersten Geschäftigkeit auf der
Straße vor seinem Stadthause war er eingeschlummert, hatte für wenige
Augenblicke eine halbe Betäubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In
diesen Augenblicken hatte er einen Traum:

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Kamala besaß in einem goldenen Käfig einen kleinen seltenen Singvogel.
Von diesem Vogel träumte er. Er träumte: dieser Vogel war stumm
geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm
auffiel, trat er vor den Käfig und blickte hinein, da war der kleine Vogel tot
und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen Augenblick in
der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, und im gleichen
Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm weh, so, als habe er
mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute von sich geworfen.

Aus diesem Traum auffahrend, fühlte er sich von tiefer Traurigkeit
umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben
dahingeführt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches oder
Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er und leer, wie
ein Schiffbrüchiger am Ufer.

Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehörte,
verschloß die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fühlte den
Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, saß und spürte, wie es in ihm
starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmählich sammelte er seine
Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines Lebens,
von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte. Wann denn
hatte er ein Glück erlebt, eine wahre Wonne gefühlt? O ja, mehrere Male
hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es gekostet, wenn er
von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem Herzen gefühlt:
"Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im Disput mit den
Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte." Da hatte er es in
seinem Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu dem du berufen bist, auf
dich warten die Götter." Und wieder als Jüngling, da ihn das immer höher
emporfliehende Ziel alles Nachdenkens aus der Schar Gleichstrebender
heraus- und hinangerissen hatte, da er in Schmerzen um den Sinn des
Brahman rang, da jedes erreichte Wissen nur neuen Durst in ihm entfachte,

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da wieder hatte er, mitten im Durst, mitten im Schmerze dieses selbe
gefühlt: "Weiter! Weiter! Du bist berufen!" Diese Stimme hatte er
vernommen, als er seine Heimat verlassen und das Leben des Samana
gewählt hatte, und wieder, als er von den Samanas hinweg zu jenem
Vollendeten, und auch von ihm hinweg ins Ungewisse gegangen war. Wie
lange hatte er diese Stimme nicht mehr gehört, wie lange keine Höhe mehr
erreicht, wie eben und öde war sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre,
ohne hohes Ziel, ohne Durst, ohne Erhebung, mit kleinen Lüsten zufrieden
und dennoch nie begnügt! Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu
wissen, sich bemüht und danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu
werden, wie diese Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und ärmer
gewesen als das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre
Sorgen, diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein
Spiel gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komödie. Einzig Kamala
war ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen—aber war sie es noch? Brauchte
er sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War es
notwendig, dafür zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses Spiel hieß
Sansara, ein Spiel für Kinder, ein Spiel, vielleicht hold zu spielen, einmal,
zweimal, zehnmal—aber immer und immer wieder?

Da wußte Siddhartha, daß das Spiel zu Ende war, daß er es nicht mehr
spielen könne. Ein Schauder lief ihm über den Leib, in seinem Innern, so
fühlte er, war etwas gestorben.

Jenen ganzen Tag saß er unter dem Mangobaume, seines Vaters
gedenkend, Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese
verlassen müssen, um ein Kamaswami zu werden? Er saß noch, als die
Nacht angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er:
"Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er
lächelte ein wenig—war es denn notwendig, war es richtig, war es nicht ein
törichtes Spiel, daß er einen Mangobaum, daß er einen Garten besaß?

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Auch damit schloß er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm
Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne
Speise geblieben war, fühlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein
Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den
Speisen. Er lächelte müde, schüttelte sich und nahm Abschied von
diesen Dingen.

In derselben Nachtstunde verließ Siddhartha seinen Garten, verließ die
Stadt und kam niemals wieder. Lange ließ Kamaswami nach ihm suchen,
der ihn in Räuberhand gefallen glaubte. Kamala ließ nicht nach ihm suchen.
Als sie erfuhr, daß Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie sich nicht.
Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein Samana, ein Heimloser,
ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim letzten Zusammensein
gefühlt, und sie freute sich mitten im Schmerz des Verlustes, daß sie ihn
dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz gezogen sich noch einmal so
ganz von ihm besessen und durchdrungen gefühlt hatte.

Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat sie
ans Fenster, wo sie in einem goldenen Käfig einen seltenen Singvogel
gefangen hielt. Sie öffnete die Tür des Käfigs, nahm den Vogel heraus und
ließ ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem fliegenden Vogel. Sie
empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr, und hielt ihr Haus
verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne, daß sie von dem letzten
Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.

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AM FLUSSE

Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte nichts
als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, wie er es nun
viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet
und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er geträumt. Tot war
der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod
hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwamm Wasser
einsaugt, bis er voll ist. Voll war er von Überdruß, voll von Elend, voll von
Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn
trösten konnte.

Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot
zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein Tiger und
fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betäubung brächte,
Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch
irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sünde
und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, die er nicht auf sich
geladen hatte? War es denn noch möglich, zu leben? War es möglich,
nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen, Atem auszustoßen, Hunger
zu fühlen, wieder zu essen, wieder zu schlafen, wieder beim Weibe zu
liegen? War dieser Kreislauf nicht für ihn erschöpft und abgeschlossen?

Siddhartha gelangte an den großen Fluß im Walde, an denselben Fluß,
über welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der Stadt

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des Gotama kam, ein Fährmann geführt hatte. An diesem Flusse machte er
Halt, blieb zögernd beim Ufer stehen. Müdigkeit und Hunger hatten ihn
geschwächt, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn, zu welchem
Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr als die tiefe,
leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wüsten Traum von sich zu schütteln,
diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem jämmerlichen und
schmachvollen Leben ein Ende zu machen.

Über das Flußufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen
Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den
Stamm und blickte in das grüne Wasser hinab, das unter ihm zog und zog,
blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfüllt, sich
loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche Leere
spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare Leere in
seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr gab es für ihn,
als sich auszulöschen, als das mißlungene Gebilde seines Lebens zu
zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Göttern vor die Füße. Dies
war das große Erbrechen, nach dem er sich gesehnt hatte: der Tod, das
Zerschlagen der Form, die er haßte! Mochten ihn die Fische fressen, diesen
Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen, diesen verdorbenen und
verfaulten Leib, diese erschlaffte und mißbrauchte Seele! Mochten die
Fische und Krokodile ihn fressen, mochten die Dämonen ihn zerstücken!

Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht gespiegelt
und spie danach. In tiefer Müdigkeit löste er den Arm vom Baumstamme
und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu lassen, um
endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen, dem Tod
entgegen.

Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten
seines ermüdeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe, die er

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ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte
Anfangswort und Schlußwort aller brahmanischen Gebete, das heilige
"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung".
Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr berührte,
erwachte sein entschlummerter Geist plötzlich, und erkannte die Torheit
seines Tuns.

Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er, so
verirrt und von allem Wissen verlassen, daß er den Tod hatte suchen
können, daß dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte groß werden
können: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib auslöschte! Was alle Qual
dieser letzten Zeiten, alle Ernüchterung, alle Verzweiflung nicht bewirkt
hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da das Om in sein Bewußtsein drang:
daß er sich in seinem Elend und in seiner Irrsal erkannte.

Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wußte um Brahman, wußte um die
Unzerstörbarkeit des Lebens, wußte um alles Göttliche wieder, das er
vergessen hatte.

Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fuß des Kokosbaumes
sank Siddhartha nieder, von der Ermüdung hingestreckt, Om murmelnd,
legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.

Tief war sein Schlaf und frei von Träumen, seit langer Zeit hatte er einen
solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden erwachte,
war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er hörte das leise Strömen des
Wassers, wußte nicht, wo er sei und wer ihn hierher gebracht habe, schlug
die Augen auf, sah mit Verwunderung Bäume und Himmel über sich, und
erinnerte sich, wo er wäre und wie er hierher gekommen sei. Doch bedurfte
er hierzu einer langen Weile, und das Vergangene erschien ihm wie von
einem Schleier überzogen, unendlich fern, unendlich weit weg gelegen,
unendlich gleichgültig. Er wußte nur, daß er sein früheres Leben (im ersten

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Augenblick der Besinnung erschien ihm dies frühere Leben wie eine weit
zurückliegende, einstige Verkörperung, wie eine frühe Vorgeburt seines
jetzigen Ich)—daß er sein früheres Leben verlassen habe, daß er voll Ekel
und Elend sogar sein Leben habe wegwerfen wollen, daß er aber an einem
Flusse, unter einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort
Om auf den Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer
Mensch in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, über
welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf sei
nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein Om-Denken,
ein Untertauchen und völliges Eingehen in Om, in das Namenlose,
Vollendete.

Was für ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewesen! Niemals hatte
ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjüngt! Vielleicht war er wirklich
gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt wiedergeboren?
Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und seine Füße, kannte den
Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner Brust, diesen Siddhartha, den
Eigenwilligen, den Seltsamen, aber dieser Siddhartha war dennoch
verwandelt, war erneut, war merkwürdig ausgeschlafen, merkwürdig wach,
freudig und neugierig.

Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenüber einen Menschen
sitzen, einen fremden Mann, einen Mönch in gelbem Gewande mit
rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den
Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange hatte er
ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Mönche Govinda, den Freund
seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha
genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug sein
Gesicht die alten Züge, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen, von
Ängstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fühlend, das Auge
aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, daß Govinda ihn nicht

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erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar hatte er lange
hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er ihn nicht kannte.

"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bist denn du hierher
gekommen?"

"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an solchen
Orten zu schlafen, wo häufig Schlangen sind und die Tiere des Waldes ihre
Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Jünger des erhabenen Gotama, des
Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen diesen Weg
gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem Orte, wo es
gefährlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu wecken, o Herr, und da
ich sah, daß dein Schlaf sehr tief war, blieb ich hinter den Meinigen zurück
und saß bei dir. Und dann, so scheint es, bin ich selbst eingeschlafen, der
ich deinen Schlaf bewachen wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst
versehen, Müdigkeit hat mich übermannt. Aber nun, da du ja wach bist, laß
mich gehen, damit ich meine Brüder einhole."

"Ich danke dir, Samana, daß du meinen Schlaf behütet hast," sprach
Siddhartha. "Freundlich seid Ihr Jünger des Erhabenen. Nun magst du denn
gehen."

"Ich gehe, Herr. Möge der Herr sich immer wohl befinden."

"Ich danke dir, Samana."

Govinda machte das Zeichen des Grußes und sagte: "Lebe wohl."

"Lebe wohl, Govinda," sagte Siddhartha.

Der Mönch blieb stehen.

"Erlaube, Herr, woher kennst du meinen Namen?"

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Da lächelte Siddhartha.

"Ich kenne dich, o Govinda, aus der Hütte deines Vaters, und aus der
Brahmanenschule, und von den Opfern, und von unsrem Gang zu den
Samanas, und von jener Stunde, da du im Hain Jetavana deine Zuflucht
zum Erhabenen nahmest."

"Du bist Siddhartha!" rief Govinda laut. "Jetzt erkenne ich dich, und
begreife nicht mehr, wie ich dich nicht sogleich erkennen konnte. Sei
willkommen, Siddhartha, groß ist meine Freude, dich wiederzusehen."

"Auch mich erfreut es, dich wiederzusehen. Du bist der Wächter meines
Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafür, obwohl ich keines
Wächters bedurft hätte. Wohin gehst du, o Freund?"

"Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Mönche unterwegs, solange nicht
Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel,
verkündigen die Lehre, nehmen Almosen, ziehen weiter. Immer ist es so.
Du aber, Siddhartha, wo gehst du hin?"

Sprach Siddhartha: "Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir.
Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere."

Govinda sprach: "Du sagst: du pilgerst, und ich glaube dir. Doch verzeih,
o Siddhartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du trägst das Kleid eines
Reichen, du trägst die Schuhe eines Vornehmen, und dein Haar, das nach
wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar eines Pilgers, nicht das
Haar eines Samanas."

"Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge.
Doch habe ich nicht zu dir gesagt, daß ich ein Samana sei. Ich sagte: ich
pilgere. Und so ist es: ich pilgere."

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"Du pilgerst," sagte Govinda. "Aber wenige pilgern in solchem Kleide,
wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich, der
ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen."

"Ich glaube es dir, mein Govinda. Aber nun, heute, hast du eben einen
solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande.
Erinnere dich, Lieber: Vergänglich ist die Welt der Gestaltungen,
vergänglich, höchst vergänglich sind unsere Gewänder, und die Tracht
unserer Haare, und unsere Haare und Körper selbst. Ich trage die Kleider
eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn ich bin ein
Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und Lüstlinge, denn
einer von ihnen bin ich gewesen."

"Und jetzt, Siddhartha, was bist du jetzt?"

"Ich weiß es nicht, ich weiß es so wenig wie du. Ich bin unterwegs. Ich
war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein werde,
weiß ich nicht."

"Du hast deinen Reichtum verloren?"

"Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen.
Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der
Brahmane Siddhartha? Wo ist der Samana Siddhartha? Wo ist der Reiche
Siddhartha? Schnell wechselt das Vergängliche, Govinda, du weißt es."

Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge.
Darauf grüßte er ihn, wie man Vornehme grüßt, und ging seines Weges.

Mit lächelndem Gesicht schaute Siddhartha ihm nach, er liebte ihn noch
immer, diesen Treuen, diesen Ängstlichen. Und wie hätte er, in diesem
Augenblick, in dieser herrlichen Stunde nach seinem wunderbaren Schlafe,

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durchdrungen von Om, irgend jemand und irgend etwas nicht lieben sollen!
Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe und durch das Om
in ihm geschehen war, daß er alles liebte, daß er voll froher Liebe war zu
allem, was er sah. Und eben daran, so schien es ihm jetzt, war er vorher so
sehr krank gewesen, daß er nichts und niemand hatte lieben können.

Mit lächelndem Gesichte schaute Siddhartha dem hinweggehenden
Mönche nach. Der Schlaf hatte ihn sehr gestärkt, sehr aber quälte ihn der
Hunger, denn er hatte nun zwei Tage nichts gegessen, und lange war die
Zeit vorüber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. Mit Kummer, und
doch auch mit Lachen, gedachte er jener Zeit. Damals, so erinnerte er sich,
hatte er sich vor Kamala dreier Dinge gerühmt, hatte drei edle und
unüberwindliche Künste gekonnt: Fasten—Warten—Denken. Dies war sein
Besitz gewesen, seine Macht und Kraft, sein fester Stab, in den fleißigen,
mühseligen Jahren seiner Jugend hatte er diese drei Künste gelernt, nichts
anderes. Und nun hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein,
nicht Fasten, nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie
hingegeben, um das Vergänglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um
Reichtum! Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es,
jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.

Siddhartha dachte über seine Lage nach. Schwer fiel ihm das Denken, er
hatte im Grunde keine Lust dazu, doch zwang er sich.

Nun, dachte er, da alle diese vergänglichsten Dinge mir wieder entglitten
sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst als kleines Kind
gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich, nichts vermag ich, nichts
habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich! Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin,
wo meine Haare schon halb grau sind, wo die Kräfte nachlassen, jetzt fange
ich wieder von vorn und beim Kinde an! Wieder mußte er lächeln. Ja,
seltsam war sein Geschick! Es ging abwärts mit ihm, und nun stand er

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wieder leer und nackt und dumm in der Welt. Aber Kummer darüber konnte
er nicht empfinden, nein, er fühlte sogar großen Anreiz zum Lachen, zum
Lachen über sich, zum Lachen über diese seltsame, törichte Welt.

"Abwärts geht es mit dir!" sagte er zu sich selber, und lachte dazu, und
wie er es sagte, fiel sein Blick auf den Fluß, und auch den Fluß sah er
abwärts gehen, immer abwärts wandern, und dabei singen und fröhlich sein.
Das gefiel ihm wohl, freundlich lächelte er dem Flusse zu. War dies nicht
der Fluß, in welchem er sich hatte ertränken wollen, einst, vor hundert
Jahren, oder hatte er das geträumt?

Wunderlich in der Tat war mein Leben, so dachte er, wunderliche
Umwege hat es genommen. Als Knabe habe ich nur mit Göttern und Opfern
zu tun gehabt. Als Jüngling habe ich nur mit Askese, mit Denken und
Versenkung zu tun gehabt, war auf der Suche nach Brahman, verehrte das
Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Büßern nach, lebte im
Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib absterben.
Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des großen Buddha Erkenntnis
entgegen, ich fühlte Wissen um die Einheit der Welt in mir kreisen wie
mein eigenes Blut. Aber auch von Buddha und von dem großen Wissen
mußte ich wieder fort. Ich ging und lernte bei Kamala die Liebeslust, lernte
bei Kamaswami den Handel, häufte Geld, vertat Geld, lernte meinen Magen
lieben, lernte meinen Sinnen schmeicheln. Viele Jahre mußte ich damit
hinbringen, den Geist zu verlieren, das Denken wieder zu verlernen, die
Einheit zu vergessen. Ist es nicht so, als sei ich langsam und auf großen
Umwegen aus einem Mann ein Kind geworden, aus einem Denker ein
Kindermensch? Und doch ist dieser Weg sehr gut gewesen, und doch ist der
Vogel in meiner Brust nicht gestorben. Aber welch ein Weg war das! Ich
habe durch so viel Dummheit, durch so viel Laster, durch so viel Irrtum,
durch so viel Ekel und Enttäuschung und Jammer hindurchgehen müssen,
bloß um wieder ein Kind zu werden und neu anfangen zu können. Aber es

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war richtig so, mein Herz sagt Ja dazu, meine Augen lachen dazu. Ich habe
Verzweiflung erleben müssen, ich habe hinabsinken müssen bis zum
törichtesten aller Gedanken, zum Gedanken des Selbstmordes, um Gnade
erleben zu können, um wieder Om zu vernehmen, um wieder richtig
schlafen und richtig erwachen zu können. Ich habe ein Tor werden müssen,
um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sündigen müssen, um wieder
leben zu können. Wohin noch mag mein Weg mich führen? Närrisch ist er,
dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht im Kreise. Mag er gehen,
wie er will, ich will ihn gehen.

Wunderbar fühlte er in seiner Brust die Freude wallen.

Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Fröhlichkeit?
Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr
wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon,
daß ich entronnen bin, daß meine Flucht vollzogen ist, daß ich endlich
wieder frei bin und wie ein Kind unter dem Himmel stehe? O wie gut ist
dies Geflohensein, dies Freigewordensein! Wie rein und schön ist hier die
Luft, wie gut zu atmen! Dort, von wo ich entlief, dort roch alles nach Salbe,
nach Gewürzen, nach Wein, nach Überfluß, nach Trägheit. Wie haßte ich
diese Welt der Reichen, der Schlemmer, der Spieler! Wie habe ich mich
selbst gehaßt, daß ich so lang in dieser schrecklichen Welt geblieben bin!
Wie habe ich mich gehaßt, habe mich beraubt, vergiftet, gepeinigt, habe
mich alt und böse gemacht! Nein, nie mehr werde ich, wie ich es einst so
gerne tat, mir einbilden, daß Siddhartha weise sei! Dies aber habe ich gut
gemacht, dies gefällt mir, dies muß ich loben, daß es nun ein Ende hat mit
jenem Haß gegen mich selber, mit jenem törichten und öden Leben! Ich
lobe dich, Siddharta, nach soviel Jahren der Torheit hast du wieder einmal
einen Einfall gehabt, hast etwas getan, hast den Vogel in deiner Brust singen
hören und bist ihm gefolgt!

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So lobte er sich, hatte Freude an sich, hörte neugierig seinem Magen zu,
der vor Hunger knurrte. Ein Stück Leid, ein Stück Elend hatte er nun, so
fühlte er, in diesen letzten Zeiten und Tagen ganz und gar durchgekostet
und ausgespien, bis zur Verzweiflung und bis zum Tode ausgefressen. So
war es gut. Lange noch hätte er bei Kamaswami bleiben können, Geld
erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch mästen und seine Seele verdursten
lassen, lange noch hätte er in dieser sanften, wohlgepolsterten Hölle
wohnen können, wäre dies nicht gekommen: der Augenblick der
vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener äußerste Augenblick,
da er über dem strömenden Wasser hing und bereit war, sich zu vernichten.
Daß er diese Verzweiflung, diesen tiefsten Ekel gefühlt hatte, und daß er
ihm nicht erlegen war, daß der Vogel, die frohe Quelle und Stimme in ihm
doch noch lebendig war, darüber fühlte er diese Freude, darüber lachte er,
darüber strahlte sein Gesicht unter den ergrauten Haaren.

"Es ist gut," dachte er, "alles selber zu kosten, was man zu wissen nötig
hat. Daß Weltlust und Reichtum nicht vom Guten sind, habe ich schon als
Kind gelernt. Gewußt habe ich es lange, erlebt habe ich es erst jetzt. Und
nun weiß ich es, weiß es nicht nur mit dem Gedächtnis, sondern mit meinen
Augen, mit meinem Herzen, mit meinem Magen. Wohl mir, daß ich es
weiß!"

Lange sann er nach über seine Verwandlung, lauschte dem Vogel, wie er
vor Freude sang. War nicht dieser Vogel in ihm gestorben, hatte er nicht
seinen Tod gefühlt? Nein, etwas anderes in ihm war gestorben, etwas, das
schon, lange sich nach Sterben gesehnt hatte. War es nicht das, was er einst
in seinen glühenden Büßerjahren hatte abtöten wollen? War es nicht sein
Ich, sein kleines, banges und stolzes Ich, mit dem er so viele Jahre
gekämpft hatte, das ihn immer wieder besiegt hatte, das nach jeder
Abtötung wieder da war, Freude verbot, Furcht empfand? War es nicht dies,
was heute endlich seinen Tod gefunden hatte, hier im Walde an diesem

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lieblichen Flusse? War es nicht dieses Todes wegen, daß er jetzt wie ein
Kind war, so voll Vertrauen, so ohne Furcht, so voll Freude?

Nun auch ahnte Siddhartha, warum er als Brahmane, als Büßer
vergeblich mit diesem Ich gekämpft hatte. Zu viel Wissen hatte ihn
gehindert, zu viel heilige Verse, zu viel Opferregeln, zu viel Kasteiung, zu
viel Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klügste,
immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der
Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies Priestertum,
in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein Ich sich
verkrochen, dort saß es fest und wuchs, während er es mit Fasten und Buße
zu töten meinte. Nun sah er es, und sah, daß die heimliche Stimme Recht
gehabt hatte, daß kein Lehrer ihn je hätte erlösen können. Darum hatte er in
die Welt gehen müssen, sich an Lust und Macht, an Weib und Geld
verlieren müssen, hatte ein Händler, ein Würfelspieler, Trinker und
Habgieriger werden müssen, bis der Priester und Samana in ihm tot war.
Darum hatte er weiter diese häßlichen Jahre ertragen müssen, den Ekel
ertragen, die Leere, die Sinnlosigkeit eines öden und verlorenen Lebens, bis
zum Ende, bis zur bittern Verzweiflung, bis auch der Lüstling Siddhartha,
der Habgierige Siddhartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer
Siddhartha war aus dem Schlaf erwacht. Auch er würde alt werden, auch er
würde einst sterben müssen, vergänglich war Siddhartha, vergänglich war
jede Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddhartha,
und war voll Freude.

Diese Gedanken dachte er, lauschte lächelnd auf seinen Magen, hörte
dankbar einer summenden Biene zu. Heiter blickte er in den strömenden
Fluß, nie hatte ihm ein Wasser so wohl gefallen wie dieses, nie hatte er
Stimme und Gleichnis des ziehenden Wassers so stark und schön
vernommen. Ihm schien, es habe der Fluß ihm etwas Besonderes zu sagen,
etwas, das er noch nicht wisse, das noch auf ihn warte. In diesem Fluß hatte

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sich Siddhartha ertränken wollen, in ihm war der alte, müde, verzweifelte
Siddhartha heute ertrunken. Der neue Siddhartha aber fühlte eine tiefe
Liebe zu diesem strömenden Wasser, und beschloß bei sich, es nicht so bald
wieder zu verlassen.

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DER FÄHRMANN

An diesem Fluß will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe, über
den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin,
ein freundlicher Fährmann hat mich damals geführt, zu ihm will ich gehen,
von seiner Hütte aus führte mich einst mein Weg in ein neues Leben, das
nun alt geworden und tot ist—möge auch mein jetziger Weg, mein jetziges
neues Leben dort seinen Ausgang nehmen!

Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, in
die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte Perlen
sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel schwimmen,
Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte der Fluß ihn an,
mit grünen, mit weißen, mit kristallnen, mit himmelblauen. Wie liebte er
dies Wasser, wie entzückte es ihn, wie war er ihm dankbar! Im Herzen hörte
er die Stimme sprechen, die neu erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies
Wasser! Bleibe bei ihm! Lerne von ihm! O ja, er wollte von ihm lernen, er
wollte ihm zuhören. Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so
schien ihm, der würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle
Geheimnisse.

Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff
seine Seele. Er sah: dies Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch
immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!

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O wer dies faßte, dies verstünde! Er verstand und faßte es nicht, fühlte nur
Ahnung sich regen, ferne Erinnerung, göttliche Stimmen.

Siddhartha erhob sich, unerträglich wurde das Treiben des Hungers in
seinem Leibe. Hingenommen wanderte er weiter, den Uferpfad hinan, dem
Strom entgegen, lauschte auf die Strömung, lauschte auf den knurrenden
Hunger in seinem Leibe.

Als er die Fähre erreichte, lag eben das Boot bereit, und derselbe
Fährmann, welcher einst den jungen Samana über den Fluß gesetzt hatte,
stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark gealtert.

"Willst du mich übersetzen?" fragte er.

Der Fährmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fuße
wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und stieß ab.

"Ein schönes Leben hast du dir erwählt," sprach der Gast. "Schön muß es
sein, jeden Tag an diesem Wasser zu leben und auf ihm zu fahren."

Lächelnd wiegte sich der Ruderer: "Es ist schön, Herr, es ist, wie du
sagst. Aber ist nicht jedes Leben, ist nicht jede Arbeit schön?"

"Es mag wohl sein. Dich aber beneide ich um die Deine."

"Ach, du möchtest bald die Lust an ihr verlieren. Das ist nichts für
Leute in feinen Kleidern."

Siddhartha lachte. "Schon einmal bin ich heute um meiner Kleider willen
betrachtet worden, mit Mißtrauen betrachtet. Willst du nicht, Fährmann,
diese Kleider, die mir lästig sind, von mir annehmen? Denn du mußt
wissen, ich habe kein Geld, dir einen Fährlohn zu zahlen."

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"Der Herr scherzt," lachte der Fährmann.

"Ich scherze nicht, Freund. Sieh, schon einmal hast du mich in deinem
Boot über dies Wasser gefahren, um Gotteslohn. So tue es auch heute, und
nimm meine Kleider dafür an."

"Und will der Herr ohne Kleider weiterreisen?"

"Ach, am liebsten wollte ich gar nicht weiterreisen. Am liebsten wäre es
mir, Fährmann, wenn du mir eine alte Schürze gäbest und behieltest mich
als deinen Gehilfen bei dir, vielmehr als deinen Lehrling, denn erst muß ich
lernen, mit dem Boot umzugehen."

Lange blickte der Fährmann den Fremden an, suchend.

"Jetzt erkenne ich dich," sagte er endlich. "Einst hast du in meiner Hütte
geschlafen, lange ist es her, wohl mehr als zwanzig Jahre mag das her sein,
und bist von mir über den Fluß gebracht worden, und wir nahmen Abschied
voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein Samana? Deines Namens
kann ich mich nicht mehr entsinnen."

"Ich heiße Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt
gesehen hast."

"So sei willkommen, Siddhartha. Ich heiße Vasudeva. Du wirst, so hoffe
ich, auch heute mein Gast sein und in meiner Hütte schlafen, und mir
erzählen, woher du kommst, und warum deine schönen Kleider dir so lästig
sind."

Sie waren in die Mitte des Flusses gelangt, und Vasudeva legte sich
stärker ins Ruder, um gegen die Strömung anzukommen. Ruhig arbeitete er,
den Blick auf der Bootspitze, mit kräftigen Armen. Siddhartha saß und sah
ihm zu, und erinnerte sich, wie schon einstmals, an jenem letzten Tage

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seiner Samana-Zeit, Liebe zu diesem Manne sich in seinem Herzen geregt
hatte. Dankbar nahm er Vasudevas Einladung an. Als sie am Ufer anlegten,
half er ihm das Boot an den Pflöcken festbinden, darauf bat ihn der
Fährmann, in die Hütte zu treten, bot ihm Brot und Wasser, und Siddhartha
aß mit Lust, und aß mit Lust auch von den Mangofrüchten, die ihm
Vasudeva anbot.

Danach setzten sie sich, es ging gegen Sonnenuntergang, auf einem
Baumstamm am Ufer, und Siddhartha erzählte dem Fährmann seine
Herkunft und sein Leben, wie er es heute, in jener Stunde der Verzweiflung,
vor seinen Augen gesehen hatte. Bis tief in die Nacht währte sein Erzählen.

Vasudeva hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Alles nahm er lauschend
in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen, alle
Freude, alle Not. Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der größten:
er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne daß er ein Wort gesprochen
hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in sich einließ,
still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit Ungeduld erwartete,
nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte. Siddhartha empfand,
welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich zu bekennen, in sein Herz
das eigene Leben zu versenken, das eigene Suchen, das eigene Leiden.

Gegen das Ende von Siddharthas Erzählung aber, als er von dem Baum
am Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, und wie er
nach seinem Schlummer eine solche Liebe zu dem Flusse gefühlt hatte, da
lauschte der Fährmann mit verdoppelter Aufmerksamkeit, ganz und völlig
hingegeben, mit geschloßnem Auge.

Als aber Siddhartha schwieg, und eine lange Stille gewesen war, da sagte
Vasudeva: "Es ist so, wie ich dachte. Der Fluß hat zu dir gesprochen. Auch
dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist gut, das ist sehr gut. Bleibe
bei mir, Siddhartha, mein Freund. Ich hatte einst eine Frau, ihr Lager war

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neben dem meinen, doch ist sie schon lange gestorben, lange habe ich allein
gelebt. Lebe nun du mit mir, es ist Raum und Essen für beide vorhanden."

"Ich danke dir," sagte Siddhartha, "ich danke dir und nehme an. Und
auch dafür danke ich dir, Vasudeva, daß du mir so gut zugehört hast! Selten
sind die Menschen, welche das Zuhören verstehen. Und keinen traf ich, der
es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir lernen."

"Du wirst es lernen," sprach Vasudeva, "aber nicht von mir. Das Zuhören
hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles,
der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch das hast du schon vom
Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu
suchen. Der reiche und vornehme Siddhartha wird ein Ruderknecht, der
gelehrte Brahmane Siddhartha wird ein Fährmann: auch dies ist dir vom
Fluß gesagt worden. Du wirst auch das andere von ihm lernen."

Sprach Siddhartha, nach einer langen Pause: "Welches andere,
Vasudeva?"

Vasudeva erhob sich. "Spät ist es geworden," sagte er, "laß uns schlafen
gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du wirst es lernen,
vielleicht auch weißt du es schon. Sieh, ich bin kein Gelehrter, ich verstehe
nicht zu sprechen, ich verstehe auch nicht zu denken. Ich verstehe nur
zuzuhören und fromm zu sein, sonst habe ich nichts gelernt. Könnte ich es
sagen und lehren, so wäre ich vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein
Fährmann, und meine Aufgabe ist es, Menschen über diesen Fluß zu setzen.
Viele habe ich übergesetzt, Tausende, und ihnen allen ist mein Fluß nichts
anderes gewesen als ein Hindernis auf ihren Reisen. Sie reisten nach Geld
und Geschäften, und zu Hochzeiten, und zu Wallfahrten, und der Fluß war
ihnen im Wege, und der Fährmann war dazu da, sie schnell über das
Hindernis hinweg zubringen. Einige unter den Tausenden aber, einige
wenige, vier oder fünf, denen hat der Fluß aufgehört, ein Hindernis zu sein,

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sie haben seine Stimme gehört, sie haben ihm zugehört, und der Fluß ist
ihnen heilig geworden, wie er es mir geworden ist. Laß uns nun zur Ruhe
gehen, Siddhartha."

Siddhartha blieb bei dem Fährmann und lernte das Boot bedienen, und
wenn nichts an der Fähre zu tun war, arbeitete er mit Vasudeva im
Reisfelde, sammelte Holz, pflückte die Früchte der Pisangbäume. Er lernte
ein Ruder zimmern, und lernte das Boot ausbessern, und Körbe flechten,
und war fröhlich über alles, was er lernte, und die Tage und Monate liefen
schnell hinweg. Mehr aber, als Vasudeva ihn lehren konnte, lehrte ihn der
Fluß. Von ihm lernte er unaufhörlich. Vor allem lernte er von ihm das
Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geöffneter Seele,
ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.

Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte
miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund
der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen.

"Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes
Geheime gelernt: daß es keine Zeit gibt?"

Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Lächeln.

"Ja, Siddhartha," sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: daß der
Fluß überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall,
an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall, zugleich,
und daß es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit,
nicht den Schatten Zukunft?"

"Dies ist es," sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, da sah ich
mein Leben an, und es war auch ein Fluß, und es war der Knabe Siddhartha
vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch Schatten

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getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas frühere
Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr zu
Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat
Wesen und Gegenwart."

Siddhartha sprach mit Entzücken, tief hatte diese Erleuchtung ihn
beglückt. O, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles Sichquälen
und Sichfürchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles Feindliche in der Welt
weg und überwunden, sobald man die Zeit überwunden hatte, sobald man
die Zeit wegdenken konnte? Entzückt hatte er gesprochen, Vasudeva aber
lächelte ihn strahlend an und nickte Bestätigung, schweigend nickte er,
strich mit der Hand über Siddharthas Schulter, wandte sich zu seiner Arbeit
zurück.

Und wieder einmal, als eben der Fluß in der Regenzeit geschwollen war
und mächtig rauschte, da sagte Siddhartha: "Nicht wahr, o Freund, der Fluß
hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme eines
Königs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines Nachtvogels, und
einer Gebärenden, und eines Seufzenden, und noch tausend andere
Stimmen?"

"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschöpfe sind in seiner
Stimme."

"Und weißt du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn es
dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu hören?"

Glücklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha und
sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch
Siddhartha gehört hatte.

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Und von Mal zu Mal ward sein Lächeln dem des Fährmanns ähnlicher,
ward beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Glück durchglänzt,
ebenso aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso
greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Fährmänner sahen, hielten
sie für Brüder. Oft saßen sie am Abend gemeinsam beim Ufer auf dem
Baumstamm, schwiegen und hörten beide dem Wasser zu, welches für sie
kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des
Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, daß beide beim
Anhören des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gespräch von
vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie
beschäftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und daß sie beide im selben
Augenblick, wenn der Fluß ihnen etwas Gutes gesagt hatte, einander
anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide beglückt über dieselbe
Antwort auf dieselbe Frage.

Es ging von der Fähre und von den beiden Fährleuten etwas aus, das
manche von den Reisenden spürten. Es geschah zuweilen, daß ein
Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Fährmänner geblickt hatte,
sein Leben zu erzählen begann, Leid erzählte, Böses bekannte, Trost und
Rat erbat. Es geschah zuweilen, daß einer um Erlaubnis bat, einen Abend
bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhören. Es geschah auch, daß
Neugierige kamen, welchen erzählt worden war, an dieser Fähre lebten
zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die Neugierigen stellten viele
Fragen, aber sie bekamen keine Antworten, und sie fanden weder Zauberer
noch Weise, sie fanden nur zwei alte freundliche Männlein, welche stumm
zu sein und etwas sonderbar und verblödet' schienen. Und die Neugierigen
lachten, und unterhielten sich darüber, wie töricht und leichtgläubig doch
das Volk solche leere Gerüchte verbreite.

Die Jahre gingen hin und keiner zählte sie. Da kamen einst Mönche
gepilgert, Anhänger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie über den

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Fluß zu setzen, und von ihnen erfuhren die Fährmänner, daß sie eiligst zu
ihrem großen Lehrer zurück wanderten, denn es habe sich die Nachricht
verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen letzten
Menschentod sterben, um zur Erlösung einzugehen. Nicht lange, so kam
eine neue Schar Mönche gepilgert, und wieder eine, und sowohl die
Mönche wie die meisten der übrigen Reisenden und Wanderer sprachen von
nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu einem
Kriegszug oder zur Krönung eines Königs von überall und allen Seiten her
die Menschen strömen und sich gleich Ameisen in Scharen sammeln, so
strömten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der große Buddha
seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der große
Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte.

Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des
großen Lehrers, dessen Stimme Völker ermahnt und Hunderttausende
erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges
Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich gedachte er
seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und erinnerte sich mit
Lächeln der Worte, welche er einst als junger Mann an ihn, den Erhabenen,
gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm, stolze und altkluge Worte gewesen,
lächelnd erinnerte er sich ihrer. Längst wußte er sich nicht mehr von
Gotama getrennt, dessen Lehre er doch nicht hatte annehmen können. Nein,
keine Lehre konnte ein wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft
finden wollte. Der aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre
gutheißen, jeden Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den
tausend anderen, welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten.

An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten,
pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schönste der Kurtisanen. Längst
hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zurückgezogen, hatte ihren Garten
den Mönchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur Lehre genommen,

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gehörte zu den Freundinnen und Wohltäterinnen der Pilgernden. Zusammen
mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte sie auf die Nachricht vom
nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg gemacht, in einfachem Kleide,
zu Fuß. Mit ihrem Söhnlein war sie am Flusse unterwegs; der Knabe aber
war bald ermüdet, begehrte nach Hause zurück, begehrte zu rasten, begehrte
zu essen, wurde trotzig und weinerlich.

Kamala mußte häufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen
gegen sie zu behaupten, sie mußte ihn füttern, mußte ihn trösten, mußte ihn
schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter diese mühsame und
traurige Pilgerschaft habe antreten müssen, an einen unbekannten Ort, zu
einem fremden Manne, welcher heilig war und welcher im Sterben lag.
Mochte er sterben, was ging dies den Knaben an?

Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Fähre, als der
kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast nötigte. Auch sie
selbst, Kamala, war ermüdet, und während der Knabe an einer Banane
kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schloß ein wenig die Augen und
ruhte. Plötzlich aber stieß sie einen klagenden Schrei aus, der Knabe sah sie
erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen gebleicht, und unter
ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze Schlange, von welcher
Kamala gebissen war.

Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und
kamen bis in die Nähe der Fähre, dort sank Kamala zusammen, und
vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klägliches
Geschrei, dazwischen küßte und umhalste er seine Mutter, und auch sie
stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Töne Vasudevas Ohr
erreichten, der bei der Fähre stand. Schnell kam er gegangen, nahm die Frau
auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald kamen sie alle
in der Hütte an, wo Siddhartha am Herde stand und eben Feuer machte. Er

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blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben, das ihn wunderlich
erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er Kamala, die er alsbald
erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des Fährmanns lag, und nun
wußte er, daß es sein eigner Sohn sei, dessen Gesicht ihn so sehr gemahnt
hatte, und das Herz bewegte sich in seiner Brust.

Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib
angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingeflößt. Ihr Bewußtsein kehrte
zurück, sie lag auf Siddharthas Lager in der Hütte, Und über sie gebeugt
stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es schien ihr ein Traum
zu sein, lächelnd blickte sie in ihres Freundes Gesicht, nur langsam
erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses, rief ängstlich nach dem
Knaben.

"Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha.

Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom Gift
gelähmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist du geworden.
Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne Kleider mit staubigen
Füßen zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm viel mehr, als du ihm
damals glichest, da du mich und Kamaswami verlassen hast. In den Augen
gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch ich bin alt geworden, alt—kanntest
du mich denn noch?"

Siddhartha lächelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe."

Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er
ist dein Sohn."

Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha nahm
ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und beim Anblick
des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein, das er einst

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gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war. Langsam, mit singender
Stimme, begann er es zu sprechen, aus der Vergangenheit und Kindheit her
kamen ihm die Worte geflossen. Und unter seinem Singsang wurde der
Knabe ruhig, schluchzte noch hin und wieder auf und schlief ein.
Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager. Vasudeva stand am Herd und
kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen Blick zu, den er lächelnd erwiderte.

"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.

Vasudeva nickte, über sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein vom
Herde.

Nochmals erwachte Kamala zum Bewußtsein. Schmerz verzog ihr
Gesicht,
Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erblaßten
Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt.
Kamala fühlte es, ihr Blick suchte sein Auge.

Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, daß auch deine Augen sich
verändert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne ich
noch, daß du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."

Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.

"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"

Er lächelte, und legte seine Hand auf ihre.

"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."

"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flüsternd.

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Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, daß sie
zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu
sehen, um seinen Frieden zu atmen, und daß sie statt seiner nun ihn
gefunden, und daß es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen hätte.
Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen nicht mehr.
Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das Leben erlöschen.
Als der letzte Schmerz ihr Auge erfüllte und brach, als der letzte Schauder
über ihre Glieder lief, schloß sein Finger ihre Lider.

Lange saß er und blickte auf ihr entschlafenes Gesicht. Lange betrachtete
er ihren Mund, ihren alten, müden Mund mit den schmal gewordenen
Lippen, und erinnerte sich, daß er einst, im Frühling seiner Jahre, diesen
Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen hatte. Lange saß er, las
in dem bleichen Gesicht, in den müden Falten, füllte sich mit dem Anblick,
sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen, ebenso weiß, ebenso erloschen, und
sah zugleich sein Gesicht und das ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem
brennenden Auge, und das Gefühl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit
durchdrang ihn völlig, das Gefühl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als
jemals, in dieser Stunde die Unzerstörbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit
jedes Augenblicks.

Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis für ihn bereitet. Doch aß
Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die beiden
Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen. Siddhartha aber
ging hinaus und saß die Nacht vor der Hütte, dem Flusse lauschend, von
Vergangenheit umspült, von allen Zeiten seines Lebens zugleich berührt
und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich, trat an die Hüttentür und
lauschte, ob der Knabe schlafe.

Früh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus
dem

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Stalle und trat zu seinem Freunde.

"Du hast nicht geschlafen," sagte er.

"Nein, Vasudeva. Ich saß hier, ich hörte dem Flusse zu. Viel hat er mir
gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfüllt, mit dem
Gedanken der Einheit."

"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine
Traurigkeit in dein Herz gekommen."

"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich und
glücklich war, bin jetzt noch reicher und glücklicher geworden. Mein Sohn
ist mir geschenkt worden."

"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, laß uns an
die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben
Hügel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich
einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."

Während der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.

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DER SOHN

Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Mutter
beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehört, der ihn als
seinen Sohn begrüßte und ihn bei sich in Vasudevas Hütte willkommen
hieß. Bleich saß er tagelang am Hügel der Toten, mochte nicht essen,
verschloß seinen Blick, verschloß sein Herz, wehrte und sträubte sich gegen
das Schicksal.

Siddhartha schonte ihn und ließ ihn gewähren, er ehrte seine Trauer.
Siddhartha verstand, daß sein Sohn ihn nicht kenne, daß er ihn nicht lieben
könne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, daß der
Elfjährige ein verwöhnter Knabe war, ein Mutterkind, und in Gewohnheiten
des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen, an ein weiches
Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha verstand, daß der Trauernde
und Verwöhnte nicht plötzlich und gutwillig in der Fremde und Armut sich
zufrieden geben könne. Er zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit für ihn,
suchte stets den besten Bissen für ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu
gewinnen, durch freundliche Geduld.

Reich und glücklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm
gekommen war. Da indessen die Zeit hinfloß, und der Knabe fremd und
finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine Arbeit tun
wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas Fruchtbäume beraubte,
da begann Siddhartha zu verstehen, daß mit seinem Sohne nicht Glück und

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Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid und Sorge. Aber er liebte ihn,
und lieber war ihm Leid und Sorge der Liebe, als ihm Glück und Freude
ohne den Knaben gewesen war. Seit der junge Siddhartha in der Hütte war,
hatten die Alten sich in die Arbeit geteilt. Vasudeva hatte das Amt des
Fährmanns wieder allein übernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne
zu sein, die Arbeit in Hütte und Feld.

Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, daß sein Sohn ihn
verstehe, daß er seine Liebe annehme, daß er sie vielleicht erwidere.
Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines
Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und
Launen gequält und ihm beide Reisschüsseln zerbrochen hatte, nahm
Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm.

"Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu dir.
Ich sehe, daß du dich quälst, ich sehe, daß du Kummer hast. Dein Sohn,
Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An ein anderes
Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewöhnt. Nicht wie du ist er
dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und Überdruß, er hat wider
seinen Willen dies alles dahinten lassen müssen. Ich fragte den Fluß, o
Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der Fluß aber lacht, er lacht mich
aus, mich und dich lacht er aus, und schüttelt sich über unser Torheit.
Wasser will zu Wasser, Jugend will zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem
Orte, wo er gedeihen kann. Frage auch du den Fluß, höre auch du auf ihn!"

Bekümmert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen
vielen Runzeln beständige Heiterkeit wohnte.

"Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschämt. "Laß
mir noch Zeit, Lieber! Sieh, ich kämpfe um ihn, ich werbe um sein Herz,
mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch zu ihm soll
einst der Fluß reden, auch er ist berufen."

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Vasudevas Lächeln blühte wärmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er ist
vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er berufen ist,
zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden? Nicht klein wird
sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz, viel müssen solche leiden,
viel irren, viel Unrecht tun, sich viel Sünde aufladen. Sage mir, mein
Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht? Du zwingst ihn nicht? Schlägst ihn
nicht? Strafst ihn nicht?"

"Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht."

"Ich wußte es. Du zwingst ihn nicht, schlägst ihn nicht, befiehlst ihm
nicht, weil du weißt, daß Weich stärker ist als Hart, Wasser stärker als Fels,
Liebe stärker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich. Aber ist es nicht ein Irrtum
von dir, zu meinen, daß du ihn nicht zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn
nicht in Bande mit deiner Liebe? Beschämst du ihn nicht täglich, und
machst es ihm noch schwerer, mit deiner Güte und Geduld? Zwingst du ihn
nicht, den hochmütigen und verwöhnten Knaben, in einer Hütte bei zwei
alten Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist,
deren Gedanken nicht seine sein können, deren Herz alt und still ist und
anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen, nicht
gestraft?"

Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst du,
soll ich tun?"

Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter Haus,
es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine mehr da
sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber daß er zu
anderen Knaben komme, und zu Mädchen, und in die Welt, welche die
seine ist. Hast du daran nie gedacht?"

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"Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich daran
gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes Herz hat, in
diese Welt geben? Wird er nicht üppig werden, wird er nicht sich an Lust
und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtümer seines Vaters wiederholen,
wird er nicht vielleicht ganz und gar in Sansara verloren gehen?"

Hell strahlte des Fährmanns Lächeln auf; er berührte zart Siddharthas
Arm und sagte: "Frage den Fluß darüber, Freund! Höre ihn darüber lachen!
Glaubst du denn wirklich, daß du deine Torheiten begangen habest, um sie
dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn vor Sansara
schützen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch Ermahnung? Lieber,
hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene lehrreiche Geschichte
vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst hier an dieser Stelle
erzählt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor Sansara bewahrt, vor
Sünde, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines Vaters Frömmigkeit, seiner
Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen, sein eigenes Suchen ihn
bewahren können? Welcher Vater, welcher Lehrer hat ihn davor schützen
können, selbst das Leben zu leben, selbst sich mit dem Leben zu
beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden, selbst den bitteren Trank zu
trinken, selber seinen Weg zu finden?

Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht
erspart? Vielleicht deinem Söhnchen, weil du es liebst, weil du ihm gern
Leid und Schmerz und Enttäuschung ersparen möchtest? Aber auch wenn
du zehnmal für ihn stürbest, würdest du ihm nicht den kleinsten Teil seines
Schicksals damit abnehmen können."

Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich
dankte ihm Siddhartha, ging bekümmert in die Hütte, fand lange keinen
Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon gedacht
und gewußt hätte. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun konnte, stärker

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als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, stärker seine Zärtlichkeit,
seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn jemals an irgend etwas so sehr
sein Herz verloren, hatte er je irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so
leidend, so erfolglos, und doch so glücklich?

Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den
Sohn nicht hergeben. Er ließ sich von dem Knaben befehlen, er ließ sich
von ihm mißachten. Er schwieg und wartete, begann täglich den stummen
Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld. Auch Vasudeva
schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmütig. In der Geduld waren
sie beide Meister.

Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, mußte
Siddhartha plötzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in den
Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht lieben,"
hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und hatte sich mit
einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub verglichen, und
dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf gespürt. In der Tat hatte
er niemals sich an einen anderen Menschen ganz verlieren und hingeben
können, sich selbst vergessen, Torheiten der Liebe eines anderen wegen
begehen; nie hatte er das gekonnt, und dies war, wie ihm damals schien, der
große Unterschied gewesen, der ihn von den Kindermenschen trennte. Nun
aber, seit sein Sohn da war, nun war auch er, Siddhartha, vollends ein
Kindermensch geworden, eines Menschen wegen leidend, einen Menschen
liebend, an eine Liebe verloren, einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun
fühlte auch er, spät, einmal im Leben diese stärkste und seltsamste
Leidenschaft, litt an ihr, litt kläglich, und war doch beseligt, war doch um
etwas erneuert, um etwas reicher.

Wohl spürte er, daß diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn eine
Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, daß sie Sansara sei, eine trübe

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Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fühlte er gleichzeitig, war sie nicht
wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen. Auch diese
Lust wollte gebüßt, auch diese Schmerzen wollten gekostet sein, auch diese
Torheiten begangen.

Der Sohn indessen ließ ihn seine Torheiten begehen, ließ ihn werben, ließ
ihn täglich sich vor seinen Launen demütigen. Dieser Vater hatte nichts,
was ihn entzückt, und nichts, was er gefürchtet hätte. Er war ein guter
Mann, dieser Vater, ein guter, gütiger, sanfter Mann, vielleicht ein sehr
frommer Mann, vielleicht ein Heiliger—dies alles waren nicht
Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten. Langweilig war ihm
dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hütte gefangen hielt, langweilig
war er ihm, und daß er jede Unart mit Lächeln, jeden Schimpf mit
Freundlichkeit, jede Bosheit mit Güte beantwortete, das eben war die
verhaßteste List dieses alten Schleichers. Viel lieber wäre der Knabe von
ihm bedroht, von ihm mißhandelt worden.

Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch
kam und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag
erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln geheißen. Der Knabe ging aber nicht
aus der Hütte, er blieb trotzig und wütend stehen, stampfte den Boden,
ballte die Fäuste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem Vater Haß und
Verachtung ins Gesicht.

"Hole du selber dein Reisig!" rief er schäumend, "ich bin nicht dein
Knecht. Ich weiß ja, daß du mich nicht schlägst, du wagst es ja nicht; ich
weiß ja, daß du mich mit deiner Frömmigkeit und deiner Nachsicht
beständig strafen und klein machen willst. Du willst, daß ich werden soll
wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber, höre, ich
will, dir zu Leide, lieber ein Straßenräuber und Mörder werden und zur

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Hölle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du bist nicht mein Vater,
und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen bist!"

Zorn und Gram liefen in ihm über, schäumten in hundert wüsten und
bösen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam erst
spät am Abend wieder.

Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch
ein kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die
Fährleute jene Kupfer- und Silbermünzen aufbewahrten, welche sie als
Fährlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es am
jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen.

"Ich muß ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen
Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht allein
durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir müssen ein Floß bauen,
Vasudeva, um übers Wasser zu kommen."

"Wir werden ein Floß bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu
holen, das der Junge entführt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen, Freund,
er ist kein Kind mehr, er weiß sich zu helfen. Er sucht den Weg nach der
Stadt, und er hat Recht, vergiß das nicht. Er tut das, was du selbst zu tun
versäumt hast. Er sorgt für sich, er geht seine Bahn. Ach, Siddhartha, ich
sehe dich leiden, aber du leidest Schmerzen, über die man lachen möchte,
über die du selbst bald lachen wirst."

Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Händen, und
begann ein Floß aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die
Stämme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinüber,
wurden weit abgetrieben, zogen das Floß am jenseitigen Ufer flußauf.

"Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha.

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Vasudeva sagte: "Es könnte sein, daß das Ruder unsres Bootes verloren
gegangen wäre."

Siddhartha aber wußte, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe
werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu rächen
und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder
mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den
Freund mit Lächeln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein Sohn
dir sagen will? Siehst du nicht, daß er nicht verfolgt sein will?" Doch sagte
er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran, ein neues Ruder zu
zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach dem Entflohenen zu
suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht.

Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der
Gedanke, daß sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der
Knabe längst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch
unterwegs sein sollte, würde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich verborgen
halten. Da er weiter dachte, fand er auch, daß er selbst nicht in Sorge um
seinen Sohn war, daß er im Innersten wußte, er sei weder umgekommen,
noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er ohne Rast, nicht mehr,
um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn vielleicht nochmals zu
sehen. Und er lief bis vor die Stadt.

Als er nahe bei der Stadt auf die breite Straße gelangte, blieb er stehen,
am Eingang des schönen Lustgartens, der einst Kamala gehört hatte, wo er
sie einst, in der Sänfte, zum erstenmal gesehen hatte. Das Damalige stand in
seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen, jung, ein bärtiger nackter
Samana, das Haar voll Staub. Lange stand Siddhartha und blickte durch das
offne Tor in den Garten, Mönche in gelben Kutten sah er unter den schönen
Bäumen gehen.

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Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines
Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Mönchen, sah statt ihrer
den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen Bäumen
gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward, wie er ihren
ersten Kuß empfing, wie er stolz und verächtlich auf sein Brahmanentum
zurückblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann. Er sah
Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Würfelspieler, die Musikanten,
sah Kamalas Singvogel im Käfig, lebte dies alles nochmals, atmete Sansara,
war nochmals alt und müde, fühlte nochmals den Ekel, fühlte nochmals den
Wunsch, sich auszulöschen, genas nochmals am heiligen Om.

Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha
ein, daß das Verlangen töricht war, das ihn bis zu dieser Stätte getrieben
hatte, daß er seinem Sohne nicht helfen konnte, daß er sich nicht an ihn
hängen durfte. Tief fühlte er die Liebe zu dem Entflohenen im Herzen, wie
eine Wunde, und fühlte zugleich, daß ihm die Wunde nicht gegeben war,
um in ihr zu wühlen, daß sie zur Blüte werden und strahlen müsse.

Daß die Wunde zu dieser Stunde noch nicht blühte, noch nicht strahlte,
machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher und
dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig setzte
er sich nieder, fühlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand Leere, sah
keine Freude mehr, kein Ziel. Er saß versunken, und wartete. Dies hatte er
am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld haben, lauschen. Und er saß
und lauschte, im Staub der Straße, lauschte seinem Herzen, wie es müd und
traurig ging, wartete auf eine Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend,
sah keine Bilder mehr, sank in die Leere, ließ sich sinken, ohne einen Weg
zu sehen. Und wenn er die Wunde brennen fühlte, sprach er lautlos das Om,
füllte sich mit Om. Die Mönche im Garten sahen ihn, und da er viele
Stunden kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte,

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kam einer gegangen und legte zwei Pisangfrüchte vor ihm nieder. Der Alte
sah ihn nicht.

Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter
berührte. Alsbald erkannte er diese Berührung, die zarte, schamhafte, und
kam zu sich. Er erhob sich und begrüßte Vasudeva, welcher ihm
nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute, in
die kleinen, wie mit lauter Lächeln ausgefüllten Falten, in die heiteren
Augen, da lächelte auch er. Er sah nun die Pisangfrüchte vor sich liegen,
hob sie auf, gab eine dem Fährmann, aß selbst die andere. Darauf ging er
schweigend mit Vasudeva in den Wald zurück, kehrte zur Fähre heim.
Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner nannte den
Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner sprach von der
Wunde. In der Hütte legte sich Siddhartha auf sein Lager, und da nach einer
Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine Schale Kokosmilch anzubieten,
fand er ihn schon schlafend.

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OM

Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden mußte Siddhartha über
den Fluß setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und keinen
von ihnen sah er, ohne daß er ihn beneidete, ohne daß er dachte: "So viele,
so viel Tausende besitzen dies holdeste Glück—warum ich nicht? Auch
böse Menschen, auch Diebe, und Räuber haben Kinder, und lieben sie, und
werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach, so ohne Verstand
dachte er nun, so ähnlich war er den Kindermenschen geworden.

Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger
stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende der
gewöhnlichen Art übersetzte, Kindermenschen, Geschäftsleute, Krieger,
Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie einst: er
verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken und Einsichten,
sondern einzig von Trieben und Wünschen geleitetes Leben, er fühlte sich
wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und an seiner letzten Wunde
trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen seien seine Brüder, ihre
Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und Lächerlichkeiten verloren das Lächerliche
für ihn, wurden begreiflich, wurden liebenswert, wurden ihm sogar
verehrungswürdig. Die blinde Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den
dummen, blinden Stolz eines eingebildeten Vaters auf sein einziges
Söhnlein, das blinde, wilde Streben nach Schmuck und nach bewundernden
Männeraugen bei einem jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese

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Kindereien, alle diese einfachen, törichten, aber ungeheuer starken, stark
lebenden, stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren für
Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die Menschen
leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun, Kriege
führen, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er konnte sie dafür
lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das Unzerstörbare, das Brahman in
jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer Taten. Liebenswert und
bewundernswert waren diese Menschen in ihrer blinden Treue, ihrer
blinden Stärke und Zähigkeit. Nichts fehlte ihnen, nichts hatte der Wissende
und Denker vor ihnen voraus als eine einzige Kleinigkeit, eine einzige
winzig kleine Sache: das Bewußtsein, den bewußten Gedanken der Einheit
alles Lebens. Und Siddhartha zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies
Wissen, dieser Gedanke so sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht
eine Kinderei der Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein möchte.
In allem andern waren die Weltmenschen dem Weisen ebenbürtig, waren
ihm oft weit überlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zähen, unbeirrten Tun
des Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen überlegen
scheinen können.

Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das
Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens
Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine
Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den
Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können.
Langsam blühte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem
Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der
Welt, Lächeln, Einheit.

Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha
seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zärtlichkeit im Herzen, ließ den

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Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht von selbst
erlosch diese Flamme.

Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha über den
Fluß, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der Stadt zu
gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Fluß floß sanft und leise, es war in
der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang sonderbar: sie lachte! Sie
lachte deutlich. Der Fluß lachte, er lachte hell und klar den alten Fährmann
aus. Siddhartha blieb stehen, er beugte sich übers Wasser, um noch besser
zu hören, und im still ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und
in diesem gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas
Vergessenes, und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem
andern, das er einst gekannt und geliebt und auch gefürchtet hatte. Es glich
dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie er
vor Zeiten, ein Jüngling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den Büßern
gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er
gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater
um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War nicht
sein Vater längst gestorben, allein, ohne seinen Sohn wiedergesehen zu
haben? Mußte er selbst nicht dies selbe Schicksal erwarten? War es nicht
eine Komödie, eine seltsame und dumme Sache, diese Wiederholung,
dieses Laufen in einem verhängnisvollen Kreise?

Der Fluß lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu Ende
gelitten und gelöst ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden
gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der Hütte
zurück, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom Flusse
verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung, und nicht
minder geneigt, über sich und die ganze Welt laut mitzulachen. Ach, noch
blühte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz sich wider das Schicksal,
noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus seinem Leide. Doch fühlte er

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Hoffnung, und da er zur Hütte zurückgekehrt war, spürte er ein
unbesiegbares Verlangen, sich vor Vasudeva zu öffnen, ihm alles zu zeigen,
ihm, dem Meister des Zuhörens, alles zu sagen.

Vasudeva saß in der Hütte und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht mehr
mit dem Fährboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und nicht
nur seine Augen; auch seine Arme und Hände. Unverändert und blühend
war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes.

Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen.
Worüber sie niemals gesprochen hatten, davon erzählte er jetzt, von seinem
Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem Neid
beim Anblick glücklicher Väter, von seinem Wissen um die Torheit solcher
Wünsche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles berichtete er,
alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles ließ sich sagen, alles sich
zeigen, alles konnte er erzählen. Er zeigte seine Wunde dar, erzählte auch
seine heutige Flucht, wie er übers Wasser gefahren sei, kindischer
Flüchtling, willens nach der Stadt zu wandern, wie der Fluß gelacht habe.

Während er sprach, lange sprach, während Vasudeva mit stillem Gesicht
lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhören Vasudevas stärker, als er es
jemals gefühlt hatte, er spürte, wie seine Schmerzen, seine Beängstigungen
hinüberflossen, wie seine heimliche Hoffnung hinüberfloß, ihm von drüben
wieder entgegenkam. Diesem Zuhörer seine Wunde zu zeigen, war
dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kühl und mit dem Flusse eins
wurde. Während er immer noch sprach, immer noch bekannte und
beichtete, fühlte Siddhartha mehr und mehr, daß dies nicht mehr Vasudeva,
nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhörte, daß dieser regungslos
Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum den Regen, daß
dieser Regungslose der Fluß selbst, daß er Gott selbst, daß er das Ewige
selbst war. Und während Siddhartha aufhörte, an sich und an seine Wunde

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zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veränderten Wesen des Vasudeva
von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und darein eindrang, desto
weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er ein, daß alles in Ordnung
und natürlich war, daß Vasudeva schon lange, beinahe schon immer so
gewesen sei, daß nur er selbst es nicht ganz erkannt hatte, ja daß er selbst
von jenem kaum noch verschieden sei. Er empfand, daß er den alten
Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die Götter sieht, und daß dies nicht von
Dauer sein könne; er begann im Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen.
Dabei sprach er immer fort.

Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen,
etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm
schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verständnis und Wissen. Er
nahm Siddharthas Hand, führte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit ihm
nieder, lächelte dem Flusse zu.

"Du hast ihn lachen hören," sagte er. "Aber du hast nicht alles gehört.
Laß uns lauschen, du wirst mehr hören."

Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses.
Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm
Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst
erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen
Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe,
begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend,
jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. Der
Fluß sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, sehnlich floß er
seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.

"Hörst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte.

"Höre besser!" flüsterte Vasudeva.

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Siddhartha bemühte sich, besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein
eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas Bild
erschien und zerfloß, und das Bild Govindas, und andre Bilder, und flossen
ineinander über, wurden alle zum Fluß, strebten alle als Fluß dem Ziele zu,
sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses Stimme klang voll Sehnsucht,
voll von brennendem Weh, voll von unstillbarem Verlangen. Zum Ziele
strebte der Fluß, Siddhartha sah ihn eilen, den Fluß, der aus ihm und den
Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die
Wellen und Wasser eilten, leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall,
dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht,
und jedem folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in
den Himmel, ward Regen und stürzte aus dem Himmel herab, ward Quelle,
ward Bach, ward Fluß, strebte aufs Neue, floß aufs Neue. Aber die
sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll, suchend,
aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude und des
Leides, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert Stimmen,
tausend Stimmen.

Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören
vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, daß er nun das Lauschen zu
Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehört, diese vielen Stimmen
im Fluß, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht
mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von
männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen
des Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der Sterbenden, alles war
eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach
verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen,
alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt.
Alles zusammen war der Fluß des Geschehens, war die Musik des Lebens.
Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluß, diesem tausendstimmigen
Liede lauschte, wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn

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er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie
einging, sondern alle hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand
das große Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß
Om: die Vollendung.

"Hörst du," fragte wieder Vasudevas Blick.

Hell glänzte Vasudevas Lächeln, über all den Runzeln seines alten
Antlitzes schwebte es leuchtend, wie über all den Stimmen des Flusses das
Om schwebte. Hell glänzte sein Lächeln, als er den Freund anblickte, und
hell glänzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe Lächeln auf. Seine
Wunde blühte, sein Leid strahlte, sein Ich war in die Einheit geflossen.

In dieser Stunde hörte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen,
hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des Wissens,
dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, das
einverstanden ist mit dem Fluß des Geschehens, mit dem Strom des Lebens,
voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der Einheit zugehörig.

Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas
Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah, berührte er
dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen und zarten Weise,
und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet, Lieber. Nun sie gekommen
ist, laß mich gehen. Lange habe ich auf diese Stunde gewartet, lange bin ich
der Fährmann Vasudeva gewesen. Nun ist es genug. Lebe wohl, Hütte, lebe
wohl, Fluß, lebe wohl, Siddhartha!"

Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden.

"Ich habe es gewußt," sagte er leise. "Du wirst in die Wälder gehen?"

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"Ich gehe in die Wälder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva
strahlend.

Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer
Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll
Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.

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GOVINDA

Mit anderen Mönchen weilte Govinda einst während einer Rastzeit in dem
Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jüngern des Gotama
geschenkt hatte. Er hörte von einem alten Fährmanne sprechen, welcher
eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen für
einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wählte er
den Weg zur Fähre, begierig diesen Fährmann zu sehen. Denn ob er wohl
sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren
Mönchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht
angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen
nicht erloschen.

Er kam zum Flüsse, er bat den Alten um überfahrt, und da sie drüben aus
dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns
Mönchen und Pilgern, viele von uns hast du schon übergesetzt. Bist nicht
auch du, Fährmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"

Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lächelnd: "Nennst du dich einen
Sucher, o Ehrwürdiger, und bist doch schon hoch in den Jahren, und trägst
das Gewand der Mönche Gotamas?"

"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht
aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine

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Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir ein
Wort sagen, Verehrter?"

Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen
haben? Vielleicht das, daß du allzu viel suchst? Daß du vor Suchen nicht
zum Finden kommst?"

"Wie denn?" fragte Govinda.

"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, daß
sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu finden,
nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte
denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen heißt: ein
Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. Du,
Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat ein Sucher, denn, deinem Ziel
nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht."

"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"

Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwürdiger, vor manchen Jahren, bist du
schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Fluß einen
Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf zu
behüten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."

Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Mönch in des Fährmanns
Augen.

"Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hätte dich auch
diesesmal nicht erkannt! Herzlich grüße ich dich, Siddhartha, herzlich freue
ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr verändert, Freund.—
Und nun bist du also ein Fährmann geworden?"

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Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fährmann, ja. Manche, Govinda,
müssen sich viel verändern, müssen allerlei Gewand tragen, ihrer einer bin
ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in meiner
Hütte."

Govinda blieb die Nacht in der Hütte und schlief auf dem Lager, das einst
Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den Freund
seiner Jugend, vieles mußte ihm Siddhartha aus seinem Leben erzählen.

Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da
sagte Govinda, nicht ohne Zögern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg
fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine Lehre?
Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir leben und
rechttun hilft?"

Sprach Siddhartha: "Du weißt, Lieber, daß ich schon als junger Mann,
damals, als wir bei den Büßern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren und
Lehrern zu mißtrauen und ihnen den Rücken zu wenden. Ich bin dabei
geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine schöne
Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein reicher Kaufmann
war mein Lehrer, und einige Würfelspieler. Einmal ist auch ein wandernder
Jünger Buddhas mein Lehrer gewesen; er saß bei mir, als ich im Walde
eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch von ihm habe ich gelernt,
auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am meisten aber habe ich hier von
diesem Flusse gelernt, und von meinem Vorgänger, dem Fährmann
Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch, Vasudeva, er war kein
Denker, aber er wußte das Notwendige so gut wie Gotama, er war ein
Vollkommener, ein Heiliger."

Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den
Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und weiß es, daß du nicht einem
Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht eine Lehre,

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so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden, welche dein
eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von diesen etwas sagen
möchtest, würdest du mir das Herz erfreuen."

Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je
und je. Ich habe manchmal, für eine Stunde oder für einen Tag, Wissen in
mir gefühlt, so wie man Leben in seinem Herzen fühlt. Manche Gedanken
waren es, aber schwer wäre es für mich, sie dir mitzuteilen. Sieh, mein
Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden habe: Weisheit
ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt
immer wie Narrheit."

"Scherzest du?" fragte Govinda.

"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man
mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben,
man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber
sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als
Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat. Ich
habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für Scherz oder für
Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke ist. Er heißt: Von jeder
Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit läßt
sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist.
Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt
werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des
Runden, der Einheit. Wenn der erhabene Gotama lehrend von der Welt
sprach, so mußte er sie teilen in Sansara und Nirvana, in Täuschung und
Wahrheit, in Leid und Erlösung. Man kann nicht anders, es gibt keinen
andern Weg für den, der lehren will. Die Welt selbst aber, das Seiende um
uns her und in uns innen, ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat,
ganz Sansara oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz

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sündig. Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit
etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies oft und
oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die
zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Böse
und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung."

"Wie das?" fragte Govinda ängstlich.

"Höre gut, Lieber, höre gut! Der Sünder, der ich bin und der du bist, der
ist Sünder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst Nirvana
erreichen, wird Buddha sein—und nun siehe: dies 'Einst' ist Täuschung, ist
nur Gleichnis! Der Sünder ist nicht auf dem Weg zur Buddhaschaft
unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen, obwohl unser
Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiß. Nein, in dem Sünder
ist, ist jetzt und heute schon der künftige Buddha, seine Zukunft ist alle
schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den werdenden, den möglichen,
den verborgenen Buddha zu verehren. Die Welt, Freund Govinda, ist nicht
unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit
begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, alle Sünde trägt
schon die Gnade in sich, alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich,
alle Säuglinge den Tod, alle Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem
Menschen möglich, vom anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege
sei, im Räuber und Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der
Räuber. Es gibt, in der tiefen Meditation, die Möglichkeit, die Zeit
aufzuheben, alles gewesene, seiende und sein werdende Leben als
gleichzeitig zu sehen, und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist
Brahman. Darum scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie
Leben, Sünde wie Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muß so sein, alles
bedarf nur meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden
Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mich nur fördern, kann mir
nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele erfahren, daß

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ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust, des Strebens nach
Gütern, der Eitelkeit, und bedurfte der schmählichsten Verzweiflung, um
das Widerstreben aufgeben zu lernen, um die Welt lieben zu lernen, um sie
nicht mehr mit irgendeiner von mir gewünschten, von mir eingebildeten
Welt zu vergleichen, einer von mir ausgedachten Art der Vollkommenheit,
sondern sie zu lassen, wie sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne
anzugehören.—Dies, o Govinda, sind einige, von den Gedanken, die mir in
den Sinn gekommen sind."

Siddhartha bückte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn
in der Hand.

"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer
bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden,
oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist bloß
ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber weil er
vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und Geist werden
kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich früher vielleicht
gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist
auch Gott, er ist auch Buddha, ich verehre und liebe ihn nicht, weil er
einstmals dies oder jenes werden könnte, sondern weil er alles längst und
immer ist—und gerade dies, daß er Stein ist, daß er mir jetzt und heute als
Stein erscheint, gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder
von seinen Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte,
im Klang, den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit
oder Feuchtigkeit seiner Oberfläche. Es gibt Steine, die fühlen sich wie Öl
oder wie Seife an, und andre wie Blätter, andre wie Sand, und jeder ist
besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman, zugleich
aber und ebensosehr ist er Stein, ist ölig oder saftig, und gerade das gefällt
mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung würdig.—Aber mehr laß
mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem geheimen Sinn nicht gut, es

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wird immer alles gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht, ein
wenig verfälscht, ein wenig närrisch—ja, und auch das ist sehr gut und
gefällt mir sehr, auch damit bin ich sehr einverstanden, daß das, was eines
Menschen Schatz und Weisheit ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."

Schweigend lauschte Govinda.

"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer
Pause zögernd.

"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, daß ich
eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten und
von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben, Govinda,
und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge, und Dinge
kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum sind Lehren
nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche, keine Farben, keine
Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben nichts als Worte.
Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den Frieden zu finden, vielleicht sind
es die vielen Worte. Denn auch Erlösung und Tugend, auch Sansara und
Nirvana sind bloße Worte, Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana wäre;
es gibt nur das Wort Nirvana."

Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein
Gedanke."

Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir
gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht
sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich halte von
Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein Mann mein
Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche Jahre lang einfach
an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte gemerkt, daß des Flusses
Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie erzog und lehrte ihn, der Fluß

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schien ihm ein Gott, viele Jahre lang wußte er nicht, daß jeder Wind, jede
Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer genau so göttlich ist und ebensoviel weiß
und lehren kann wie der verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die
Wälder ging, da wußte er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer,
ohne Bücher, nur weil er an den Fluß geglaubt hatte."

Govinda sagte: "Aber ist das, was du 'Dinge' nennst, denn etwas
Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur
Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß—sind sie denn
Wirklichkeiten?"

"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die
Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind
sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert
macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun
eine Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir
von allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu
erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt
einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und
mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und
Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können."

"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der
Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid,
Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an
Irdisches zu fesseln."

"Ich weiß es", sagte Siddhartha; sein Lächeln strahlte golden. "Ich weiß
es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der Meinungen drin,
im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen, meine Worte von der
Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren Widerspruch zu Gotamas
Worten. Eben darum mißtraue ich den Worten so sehr, denn ich weiß, dieser

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Widerspruch ist Täuschung. Ich weiß, daß ich mit Gotama einig bin. Wie
sollte denn auch Er die Liebe nicht kennen, Er, der alles Menschensein in
seiner Vergänglichkeit, in seiner Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die
Menschen so sehr liebte, daß er ein langes, mühevolles Leben einzig darauf
verwendet hat, ihnen zu helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei
deinem großen Lehrer, ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und
Leben wichtiger als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als
seine Meinungen. Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe,
nur im Tun, im Leben."

Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem
er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir
etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame
Gedanken, nicht alle sind mir sofort verständlich geworden. Dies möge
sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wünsche dir ruhige Tage."

(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein wunderlicher
Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, närrisch klingt seine Lehre.
Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer, reiner, verständlicher,
nichts Seltsames, Närrisches oder Lächerliches ist in ihr enthalten. Aber
anders als seine Gedanken scheinen mir Siddharthas Hände und Füße, seine
Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein Lächeln, sein Gruß, sein Gang. Nie
mehr, seit unser erhabener Gotama in Nirvana einging, nie mehr habe ich
einen Menschen angetroffen, von dem ich fühlte: dies ist ein Heiliger.
Einzig ihn, diesen Siddhartha, habe ich so gefunden. Mag seine Lehre
seltsam sein, mögen seine Worte närrisch klingen, sein Blick und seine
Hand, seine Haut und sein Haar, alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt
eine Ruhe, strahlt eine Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich
an keinem anderen Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen
Lehrers gesehen habe.)

Page 130

Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war,
neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief verneigte er
sich vor dem ruhig Sitzenden.

"Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Männer geworden. Schwerlich
wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe,
Geliebter, daß du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht
gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas mit,
das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf meinen Weg.
Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."

Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen
Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit
Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,
ewiges Nichtfinden.

Siddhartha sah es, und lächelte.

"Neige dich zu mir!" flüsterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich zu
mir her! So, noch näher! Ganz nahe! Küsse mich auf die Stirn, Govinda!"

Während aber Govinda verwundert, und dennoch von großer Liebe und
Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und
seine Stirn mit den Lippen berührte, geschah ihm etwas Wunderbares.
Während seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten
verweilten, während er sich noch vergeblich und mit Widerstreben
bemühte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als Eines
vorzustellen, während sogar eine gewisse Verachtung für die Worte des
Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht stritt, geschah
ihm dieses:

Page 131

Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt dessen
andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß von
Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und
vergingen, und doch alle zugleich dazusein schienen, welche alle sich
beständig veränderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha
waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit unendlich
schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit brechenden
Augen—er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot und voll Falten,
zum Weinen verzogen—er sah das Gesicht eines Mörders, sah ihn ein
Messer in den Leib eines Menschen stechen—er sah, zur selben Sekunde,
diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom Henker mit einem
Schwertschlag abgeschlagen werden—er sah die Körper von Männern und
Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender Liebe—er sah Leichen
ausgestreckt, still, kalt, leer—er sah Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen,
von Elefanten, von Stieren, von Vögeln—er sah Götter, sah Krischna, sah
Agni—er sah alle diese Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen
zueinander, jede der andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie
vernichtend, sie neu gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein
leidenschaftlich schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine
starb doch, jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets
ein neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht
Zeit gelegen wäre—und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten, flossen,
erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und über alle
war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes, wie ein
dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut, eine Schale
oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte, und diese
Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda, in eben diesem
selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah Govinda, dies
Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den strömenden
Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den tausend Geburten

Page 132

und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau dasselbe, war genau das
gleiche, stille, feine, undurchdringliche, vielleicht gütige, vielleicht
spöttische, weise, tausendfältige Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er
selbst es hundertmal mit Ehrfurcht gesehen hatte. So, das wußte Govinda,
lächelten die Vollendeten.

Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde
oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen
Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten wie
von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß schmeckt,
im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch eine kleine
Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er soeben geküßt hatte,
das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles Werdens, alles Seins
gewesen war. Das Antlitz war unverändert, nachdem unter seiner
Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich wieder geschlossen hatte, er
lächelte still, lächelte leise und sanft, vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr
spöttisch, genau, wie er gelächelt hatte, der Erhabene.

Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts wußte,
über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der innigsten
Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief verneigte er sich,
bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen Lächeln ihn an alles
erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt hatte, was jemals in
seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.

Page 133

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA:
EINE INDISCHE DICHTUNG ***

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