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Title: Das Unheimliche

Author: Sigmund Freud

Release date: November 6, 2010 [eBook #34222]
Most recently updated: January 7, 2021

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS
UNHEIMLICHE ***

Anmerkungen zur Transkription:

Page 4

Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V (1919). S. 297–
324.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

Das Unheimliche.
Von SIGM. FREUD.

Page 5

I.

D er Psychoanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhetischen
Untersuchungen, auch dann nicht, wenn man die Ästhetik nicht auf
die Lehre vom Schönen einengt, sondern sie als Lehre von den
Qualitäten unseres Fühlens beschreibt. Er arbeitet in anderen Schichten des
Seelenlebens und hat mit den zielgehemmten, gedämpften, von so vielen
begleitenden Konstellationen abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der
Stoff der Ästhetik sind, wenig zu tun. Hie und da trifft es sich doch, daß er
sich für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, und dann ist
dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhetischen Fachliteratur
vernachlässigtes.
Ein solches ist das »Unheimliche«. Kein Zweifel, daß es zum
Schreckhaften, Angst- und Grauenerregenden gehört, und ebenso sicher ist
es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu bestimmenden Sinne
gebraucht wird, so daß es eben meist mit dem Angsterregenden überhaupt
zusammenfällt. Aber man darf doch erwarten, daß ein besonderer Kern
vorhanden ist, der die Verwendung eines besonderen Begriffswortes
rechtfertigt. Man möchte wissen, was dieser gemeinsame Kern ist, der etwa
gestattet, innerhalb des Ängstlichen ein »Unheimliches« zu unterscheiden.
Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführlichen
Darstellungen der Ästhetik, die sich überhaupt lieber mit den schönen,
großartigen, anziehenden, also mit den positiven Gefühlsarten, ihren
Bedingungen und den Gegenständen, die sie hervorrufen, als mit den
gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen beschäftigen. Von seiten der
ärztlich-psychologischen Literatur kenne ich nur die eine, inhaltsreiche aber
nicht erschöpfende, Abhandlung von E. J e n t s c h (Zur Psychologie des
Unheimlichen, Psychiatr.-neurolog. Wochenschrift 1906 Nr. 22 u. 23).
Allerdings muß ich gestehen, daß aus leicht zu erratenden, in der Zeit
liegenden Gründen die Literatur zu diesem kleinen Beitrag, insbesondere
die fremdsprachige, nicht gründlich herausgesucht wurde, weshalb er denn
auch ohne jeden Anspruch auf Priorität vor den Leser tritt.

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Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlichen betont J e n t s c h
mit vollem Recht, daß die Empfindlichkeit für diese Gefühlsqualität bei
verschiedenen Menschen so sehr verschieden angetroffen wird. Ja, der
Autor dieser neuen Unternehmung muß sich einer besonderen Stumpfheit in
dieser Sache anklagen, wo große Feinfühligkeit eher am Platze wäre. Er hat
schon lange nichts erlebt oder kennen gelernt, was ihm den Eindruck des
Unheimlichen gemacht hätte, muß sich erst in das Gefühl hineinversetzen,
die Möglichkeit desselben in sich wachrufen. Indes sind Schwierigkeiten
dieser Art auch auf vielen anderen Gebieten der Ästhetik mächtig; man
braucht darum die Erwartung nicht aufzugeben, daß sich die Fälle werden
herausheben lassen, in denen der fragliche Charakter von den meisten
widerspruchslos anerkannt wird.
Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welche Bedeutung
die Sprachentwicklung in dem Worte »unheimlich« niedergelegt hat, oder
zusammentragen, was an Personen und Dingen, Sinneseindrücken,
Erlebnissen und Situationen das Gefühl des Unheimlichen in uns wachruft,
und den verhüllten Charakter des Unheimlichen aus einem allen Fällen
Gemeinsamen erschließen. Ich will gleich verraten, daß beide Wege zum
nämlichen Ergebnis führen, das Unheimliche sei jene Art des
Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht.
Wie das möglich ist, unter welchen Bedingungen das Vertraute unheimlich,
schreckhaft werden kann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden.
Ich bemerke noch, daß diese Untersuchung in Wirklichkeit den Weg über
eine Sammlung von Einzelfällen genommen und erst später die Bestätigung
durch die Aussage des Sprachgebrauchs gefunden hat. In dieser Darstellung
werde ich aber den umgekehrten Weg gehen.
Das deutsche Wort »unheimlich« ist offenbar der Gegensatz zu
heimlich, heimisch, vertraut und der Schluß liegt nahe, es sei etwas eben
darum schreckhaft, weil es n i c h t bekannt und vertraut ist. Natürlich ist
aber nicht alles schreckhaft, was neu und nicht vertraut ist; die Beziehung
ist nicht umkehrbar. Man kann nur sagen, was neuartig ist, wird leicht
schreckhaft und unheimlich; einiges Neuartige ist schreckhaft, durchaus
nicht alles. Zum Neuen und Nichtvertrauten muß erst etwas hinzukommen,
was es zum Unheimlichen macht.

Page 7

J e n t s c h ist im ganzen bei dieser Beziehung des Unheimlichen zum
Neuartigen, Nichtvertrauten, stehen geblieben. Er findet die wesentliche
Bedingung für das Zustandekommen des unheimlichen Gefühls in der
intellektuellen Unsicherheit. Das Unheimliche wäre eigentlich immer
etwas, worin man sich sozusagen nicht auskennt. Je besser ein Mensch in
der Umwelt orientiert ist, destoweniger leicht wird er von den Dingen oder
Vorfällen in ihr den Eindruck der Unheimlichkeit empfangen.
Wir haben es leicht zu urteilen, daß diese Kennzeichnung nicht
erschöpfend ist, und versuchen darum, über die Gleichung unheimlich =
nicht vertraut hinauszugehen. Wir wenden uns zunächst an andere
Sprachen. Aber die Wörterbücher, in denen wir nachschlagen, sagen uns
nichts Neues, vielleicht nur darum nicht, weil wir selbst Fremdsprachige
sind. Ja wir gewinnen den Eindruck, daß vielen Sprachen ein Wort für diese
besondere Nuance des Schreckhaften abgeht[1].
L a t e i n i s c h: (nach K. E. G e o r g e s, Kl. Deutschlatein. Wörterbuch
1898) ein unheimlicher Ort – locus suspectus; in unh. Nachtzeit –
intempesta nocte.
G r i e c h i s c h (Wörterbücher von R o s t und von S c h e n k l) ξένος –
also fremd, fremdartig.
E n g l i s c h (aus den Wörterbüchern von L u c a s, B e l l o w, F l ü g e l,
M u r e t - S a n d e r s) uncomfortable, uneasy, gloomy, dismal, uncanny,
ghastly, von einem Hause: haunted, von einem Menschen: a repulsive
fellow.
F r a n z ö s i s c h (S a c h s - V i l l a t t e) inquiétant, sinistre, lugubre,
mal à son aise.
S p a n i s c h (T o l l h a u s e n 1889) sospechoso, de mal aguëro,
lugubre, siniestro.
Das Italienische und Portugiesische scheinen sich mit Worten zu
begnügen, die wir als Umschreibungen bezeichnen würden. Im Arabischen
und Hebräischen fällt unheimlich mit dämonisch, schaurig zusammen.
Kehren wir darum zur deutschen Sprache zurück.

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In D a n i e l S a n d e r s ' Wörterbuch der Deutschen Sprache 1860
finden sich folgende Angaben zum Worte h e i m l i c h, die ich hier
ungekürzt abschreiben und aus denen ich die eine und die andere Stelle
durch Unterstreichung hervorheben will: (I. Bd., p. 729.)

Heimlich, a. (-keit, f. -en): 1. auch Heimelich, heimelig, zum Hause gehörig, nicht fremd,
vertraut, zahm, traut und traulich, anheimelnd etc. a) (veralt.) zum Haus, zur Familie gehörig oder:
wie dazu gehörig betrachtet, vgl. lat. familiaris, vertraut: Die Heimlichen, die Hausgenossen; Der
heimliche Rat. 1. Mos. 41, 45; 2. Sam. 23, 23. 1. Chr. 12, 25. Weish. 8, 4., wofür jetzt: Geheimer (s. d
1.) Rat üblich ist, s. Heimlicher – b) von Thieren zahm, sich den Menschen traulich anschließend.
Ggstz. wild, z. B. Tier, die weder wild noch heimlich sind etc. Eppendorf. 88; Wilde Thier … so man
sie h. und gewohnsam um die Leute aufzeucht. 92. So diese Thierle von Jugend bei den Menschen
erzogen, werden sie ganz h., freundlich etc. Stumpf 608a etc. – So noch: So h. ist's (das Lamm) und
frißt aus meiner Hand. Hölty; Ein schöner, heimelicher (s. c) Vogel bleibt der Storch immerhin.
Linck, Schl. 146. s. Häuslich. 1 etc. – c) traut, traulich anheimelnd; das Wohlgefühl stiller
Befriedigung etc., behaglicher Ruhe u. sichern Schutzes, wie das umschlossne wohnliche Haus
erregend (vgl. Geheuer): Ist dir's h. noch im Lande, wo die Fremden deine Wälder roden? Alexis H.
1, 1, 289; Es war ihr nicht allzu h. bei ihm. Brentano Wehm. 92; Auf einem hohen h–en
Schattenpfade … längs dem rieselnden rauschenden und plätschernden Waldbach. Forster B. 1, 417.
Die H–keit der Heimath zerstören. Gervinus Lit. 5, 375. So vertraulich und heimlich habe ich nicht
leicht ein Plätzchen gefunden. G. 14, 14; Wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemütlich und h.
15, 9; In stiller H–keit, umzielt von engen Schranken. Haller; Einer sorglichen Hausfrau, die mit dem
Wenigsten eine vergnügliche H–keit (Häuslichkeit) zu schaffen versteht. Hartmann Unst. 1, 188;
Desto h–er kam ihm jetzt der ihm erst kurz noch so fremde Mann vor. Kerner 540; Die
protestantischen Besitzer fühlen sich … nicht h. unter ihren katholischen Unterthanen. Kohl. Irl. 1,
172; Wenns h. wird und leise / die Abendstille nur an deiner Zelle lauscht. Tiedge 2, 39; Still und lieb
und h., als sie sich / zum Ruhen einen Platz nur wünschen möchten. W. 11, 144; Es war ihm garnicht
h. dabei 27, 170 etc. – Auch: Der Platz war so still, so einsam, so schatten-h. Scherr Pilg. 1, 170; Die
ab- und zuströmenden Fluthwellen, träumend und wiegenlied-h. Körner, Sch. 3, 320 etc. – Vgl.
namentl. Un-h. – Namentl. bei schwäb., schwzr. Schriftst. oft dreisilbig: Wie »heimelich« war es
dann Ivo Abends wieder, als er zu Hause lag. Auerbach, D. 1, 249; In dem Haus ist mir's so heimelig
gewesen. 4, 307; Die warme Stube, der heimelige Nachmittag. Gotthelf, Sch. 127, 148; Das ist das
wahre Heimelig, wenn der Mensch so von Herzen fühlt, wie wenig er ist, wie groß der Herr ist. 147;
Wurde man nach und nach recht gemütlich und heimelig mit einander. U. 1, 297; Die trauliche
Heimeligkeit. 380, 2, 86; Heimelicher wird es mir wohl nirgends werden als hier. 327; Pestalozzi 4,
240; Was von ferne herkommt … lebt gw. nicht ganz heimelig (heimatlich, freundnachbarlich) mit
den Leuten. 325; Die Hütte, wo / er sonst so heimelig, so froh / … im Kreis der Seinen oft gesessen.
Reithard 20; Da klingt das Horn des Wächters so heimelig vom Thurm / da ladet seine Stimme so
gastlich. 49; Es schläft sich da so lind und warm / so wunderheim'lig ein. 23 etc. – D i e s e W e i s e
v e r d i e n t e a l l g e m e i n z u w e r d e n , u m d a s g u t e W o r t v o r d e m Ve r a l t e n
w e g e n n a h e l i e g e n d e r Ve r w e c h s l u n g m i t 2 z u b e w a h r e n. vgl.: » D i e
Z e c k s s i n d a l l e h . ( 2 ) « H … ? Wa s v e r s t e h e n s i e u n t e r h . . ? – » N u n …
es kommt mir mit ihnen vor, wie mit einem zugegrabenen Brunnen
o d e r e i n e m a u s g e t r o c k n e t e n Te i c h . M a n k a n n n i c h t d a r ü b e r g e h e n ,
o h n e d a ß e s E i n e m i m m e r i s t , a l s k ö n n t e d a w i e d e r e i n m a l Wa s s e r
z u m Vo r s c h e i n k o m m e n . « W i r n e n n e n d a s u n – h . ; S i e n e n n e n ' s h .
W o r i n f i n d e n S i e d e n n , d a ß d i e s e F a m i l i e e t w a s Ve r s t e c k t e s u n d
U n z u v e r l ä s s i g e s h a t ? etc. G u t z k o w R. 2, 61[2]. – d) (s. c) namentl. schles.: fröhlich,

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heiter, auch vom Wetter, s. Adelung und Weinhold. – 2. versteckt, verborgen gehalten, so daß man
Andre nicht davon oder darum wissen lassen, es ihnen verbergen will, vgl. Geheim (2), von welchem
erst nhd. Ew. es doch zumal in der ältern Sprache, z. B. in der Bibel, wie Hiob 11, 6; 15, 8; Weish. 2,
22; 1. Kor. 2, 7 etc. und so auch H–keit statt Geheimnis. Math. 13, 35 etc. nicht immer genau
geschieden wird: H. (hinter Jemandes Rücken) Etwas thun, treiben; Sich h. davon schleichen; H–e
Zusammenkünfte, Verabredungen; Mit h–er Schadenfreude zusehen; H. seufzen, weinen; H. thun, als
ob man etwas zu verbergen hätte; H–e Liebe, Liebschaft, Sünde; H–e Orte (die der Wohlstand zu
verhüllen gebietet). 1. Sam. 5, 6; Das h–e Gemach (Abtritt) 2. Kön. 10, 27; W. 5, 256 etc., auch: Der
h–e Stuhl. Zinkgräf 1, 249; In Graben, in H–keiten werfen. 3, 75; Rollenhagen Fr. 83 etc. – Führte, h.
vor Laomedon / die Stuten vor. B. 161b etc. – Ebenso versteckt, h., hinterlistig und boshaft gegen
grausame Herren … wie offen, frei, theilnehmend und dienstwillig gegen den leidenden Freund.
Burmeister g B 2, 157; Du sollst mein h. Heiligstes noch wissen. Chamisso 4, 56; Die h–e Kunst (der
Zauberei). 3, 224; Wo die öffentliche Ventilation aufhören muß, fängt die h–e Machination an.
Forster, Br. 2, 135; Freiheit ist die leise Parole h. Verschworener, das laute Feldgeschrei der öffentlich
Umwälzenden. G. 4, 222; Ein heilig, h. Wirken. 15; Ich habe Wurzeln / die sind gar h., / im tiefen
Boden / bin ich gegründet. 2, 109; Meine h–e Tücke (vgl. Heimtücke). 30, 344; Empfängt er es nicht
offenbar und gewissenhaft, so mag er es h. und gewissenlos ergreifen. 39, 22; Ließ h. und
geheimnisvoll achromatische Fernröhre zusammensetzen. 375; Von nun an, will ich, sei nichts H–es
mehr unter uns. Sch. 369b. – Jemandes H–keiten entdecken, offenbaren, verrathen; H–keiten hinter
meinem Rücken zu brauen. Alexis. H. 2, 3, 168; Zu meiner Zeit / befliß man sich der H–keit.
Hagedorn 3, 92; Die H–keit und das Gepuschele unter der Hand. Immermann, M. 3, 289; Der H–keit
(des verborgnen Golds) unmächtigen Bann / kann nur die Hand der Einsicht lösen. Novalis. 1, 69;
Sag an, wo du sie verbirgst … in welches Ortes verschwiegener H. Sch. 495b; Ihr Bienen, die ihr
knetet / der H–keiten Schloß (Wachs zum Siegeln). Tieck, Cymb. 3, 2; Erfahren in seltnen H–keiten
(Zauberkünsten). Schlegel Sh. 6, 102 etc. vgl. Geheimnis L. 10, 291 ff.
Zsstzg. s. 1 c, so auch nam. der Ggstz: Ún-: unbehagliches, banges Grauen erregend: Der schier
ihm un-h., gespenstisch erschien. Chamisso 3, 238; Der Nacht un-h. bange Stunden. 4, 148; Mir war
schon lang' un-h., ja graulich zu Mute. 242; Nun fängts mir an, un-h. zu werden. Gutzkow R. 2, 82;
Empfindet ein u–es Grauen. Heine, Verm. 1, 51; Un-h. und starr wie ein Steinbild. Reis, 1, 10; Den
u–en Nebel, Haarrauch geheißen. Immermann M, 3, 299; Diese blassen Jungen sind un-h. und brauen
Gott weiß was Schlimmes. Laube, Band 1, 119; U n h . n e n n t m a n A l l e s , w a s i m
G e h e i m n i s , i m Ve r b o r g n e n … b l e i b e n s o l l t e u n d h e r v o r g e t r e t e n i s t.
S c h e l l i n g, 2, 2, 649 etc. – Das Göttliche zu verhüllen, mit einer gewissen U–keit zu umgeben 658
etc. – Unüblich als Ggstz. von (2), wie es Campe ohne Beleg anführt.

Aus diesem langen Zitat ist für uns am interessantesten, daß das
Wörtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner Bedeutung auch
eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt. Das
heimliche wird dann zum unheimlichen; vgl. das Beispiel von G u t z k o w:
»Wir nennen das unheimlich, Sie nennen's heimlich.« Wir werden
überhaupt daran gemahnt, daß dies Wort heimlich nicht eindeutig ist,
sondern zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein,
einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen und dem
des Versteckten, Verborgen gehaltenen. Unheimlich sei nur als Gegensatz
zur ersten Bedeutung, nicht auch zur zweiten gebräuchlich. Wir erfahren bei

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S a n d e r s nichts darüber, ob nicht doch eine genetische Beziehung
zwischen diesen zwei Bedeutungen anzunehmen ist. Hingegen werden wir
auf eine Bemerkung von S c h e l l i n g aufmerksam, die vom Inhalt des
Begriffes Unheimlich etwas ganz Neues aussagt, auf das unsere Erwartung
gewiß nicht eingestellt war. Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im
Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist.
Ein Teil der so angeregten Zweifel wird durch die Angaben in J a c o b
und W i l h e l m G r i m m: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1877 (IV/2,
p. 874 f) geklärt:

H e i m l i c h; adj. und adv. vernaculus, occultus; mhd. heimelîch, heimlîch, heînlich.
S. 874: In etwas anderem sinne: es ist mir heimlich, wohl, frei von furcht ….
b) heimlich ist auch der von gespensterhaften freie ort …
S. 875: β) vertraut; freundlich, zutraulich.
4. a u s d e m h e i m a t l i c h e n , h ä u s l i c h e n e n t w i c k e l t s i c h w e i t e r d e r
begriff des fremden augen entzogenen, verborgenen, geheimen, eben
auch in mehrfacher Beziehung ausgebildet …
S. 876: »links am see
liegt eine matte heimlich im gehölz.«
Schiller, Tell I, 4.

… frei und für den modernen Sprachgebrauch ungewöhnlich … heimlich ist zu einem verbum des
verbergens gestellt: er verbirgt mich heimlich in seinem gezelt. ps. 27, 5. (… heimliche orte am
menschlichen Körper, pudenda … welche leute nicht stürben, die wurden geschlagen an heimlichen
örten. 1 Samuel 5, 12 …)
c) beamtete, die wichtige und geheim zu haltende ratschläge in staatssachen ertheilen, heiszen
heimliche räthe, das adjektiv nach heutigem sprachgebrauch durch geheim (s. d.) ersetzt: … (Pharao)
nennet ihn (Joseph) den heimlichen rath. 1. Mos. 41, 45;
S. 878. 6. heimlich für die erkenntnis, mystisch, allegorisch: heimliche bedeutung, mysticus,
divinus, occultus, figuratus.
S. 878: anders ist heimlich im folgenden, der erkenntnis entzogen, unbewuszt: …
dann aber ist heimlich auch verschlossen, undurchdringlich in bezug auf erforschung: …

»merkst du wohl? sie trauen mir nicht,
fürchten des Friedländers heimlich gesicht.«
Wallensteins lager, 2. aufz.

Page 11

9. d i e b e d e u t u n g d e s v e r s t e c k t e n , g e f ä h r l i c h e n , d i e i n d e r v o r i g e n
nummer hervortritt, entwickelt sich noch weiter, so dasz heimlich
d e n s i n n e m p f ä n g t , d e n s o n s t u n h e i m l i c h (gebildet nach heimlich 3, b) sp. 874)
h a t: »mir ist zu zeiten wie dem menschen der in nacht wandelt und an gespenster glaubt, jeder
winkel ist ihm heimlich und schauerhaft.« Klinger, theater, 3, 298.

Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz
hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich
zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von heimlich. Halten wir
dies noch nicht recht geklärte Ergebnis mit der Definition des Unheimlichen
von S c h l e i e r m a c h e r zusammen. Die Einzeluntersuchung der Fälle
des Unheimlichen wird uns diese Andeutungen verständlich machen.

Page 12

II.

Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, Eindrücke,
Vorgänge und Situationen herangehen, die das Gefühl des Unheimlichen in
besonderer Stärke und Deutlichkeit in uns zu erwecken vermögen, so ist die
Wahl eines glücklichen ersten Beispiels offenbar das nächste Erfordernis. E.
J e n t s c h hat als ausgezeichneten Fall den »Zweifel an der Beseelung
eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein
lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei« hervorgehoben und sich dabei
auf den Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und Automaten
berufen. Er reiht dem das Unheimliche des epileptischen Anfalls und der
Äußerungen des Wahnsinnes an, weil durch sie in dem Zuschauer
Ahnungen von automatischen – mechanischen – Prozessen geweckt
werden, die hinter dem gewohnten Bilde der Beseelung verborgen sein
mögen. Ohne nun von dieser Ausführung des Autors voll überzeugt zu sein,
wollen wir unsere eigene Untersuchung an ihn anknüpfen, weil er uns im
weiteren an einen Dichter mahnt, dem die Erzeugung unheimlicher
Wirkungen so gut wie keinem anderen gelungen ist.
»Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen durch
Erzählungen hervorzurufen,« schreibt J e n t s c h, »beruht nun darauf, daß
man den Leser im Ungewissen darüber läßt, ob er in einer bestimmten Figur
eine Person oder etwa einen Automaten vor sich habe, und zwar so, daß
diese Unsicherheit nicht direkt in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit
tritt, damit er nicht veranlaßt werde, die Sache sofort zu untersuchen und
klarzustellen, da hiedurch, wie gesagt, die besondere Gefühlswirkung leicht
schwindet. E. T. A. H o f f m a n n hat in seinen Phantasiestücken dieses
psychologische Manöver wiederholt mit Erfolg zur Geltung gebracht.«
Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Erzählung »Der
Sandmann« in den »Nachtstücken« (dritter Band der G r i s e b a c h schen
Ausgabe von H o f f m a n n s sämtlichen Werken), aus welcher die Figur der
Puppe Olimpia in den ersten Akt der O f f e n b a c h schen Oper
»H o f f m a n n s E r z ä h l u n g e n« gelangt ist. Ich muß aber sagen, – und
ich hoffe die meisten Leser der Geschichte werden mir beistimmen – daß

Page 13

das Motiv der belebt scheinenden Puppe Olimpia keineswegs das einzige
ist, welches für die unvergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung
verantwortlich gemacht werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem diese
Wirkung in erster Linie zuzuschreiben wäre. Es kommt dieser Wirkung
auch nicht zustatten, daß die Olimpiaepisode vom Dichter selbst eine leise
Wendung ins Satirische erfährt und von ihm zum Spott auf die
Liebesüberschätzung von seiten des jungen Mannes gebraucht wird. Im
Mittelpunkt der Erzählung steht vielmehr ein anderes Moment, nach dem
sie auch den Namen trägt, und das an den entscheidenden Stellen immer
wieder hervorgekehrt wird: das Motiv des S a n d m a n n e s, der den
Kindern die Augen ausreißt.
Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die
phantastische Erzählung anhebt, kann trotz seines Glückes in der
Gegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an den rätselhaft
erschreckenden Tod des geliebten Vaters knüpfen. An gewissen Abenden
pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnung zeitig zu Bette zu schicken:
Der Sandmann kommt, und wirklich hört das Kind dann jedesmal den
schweren Schritt eines Besuchers, der den Vater für diesen Abend in
Anspruch nimmt. Die Mutter, nach dem Sandmann befragt, leugnet dann
zwar, daß ein solcher anders denn als Redensart existiert, aber eine
Kinderfrau weiß greifbarere Auskunft zu geben: »Das ist ein böser Mann,
der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen und wirft
ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf
herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond
zur Atzung für seine Kinderchen, die sitzen dort im Nest und haben
krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen
Menschenkindlein Augen auf.«
Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war, um so
schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen, so setzte sich
doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Er beschloß zu erkunden, wie
der Sandmann aussehe, und verbarg sich eines Abends, als er wieder
erwartet wurde, im Arbeitszimmer des Vaters. In dem Besucher erkennt er
dann den Advokaten Coppelius, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der
sich die Kinder zu scheuen pflegten, wenn er gelegentlich als Mittagsgast
erschien, und identifiziert nun diesen Coppelius mit dem gefürchteten
Sandmann. Für den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der Dichter

Page 14

bereits zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium des
angstbesessenen Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben, der als real
in der Darstellungswelt der Erzählung aufzufassen ist. Vater und Gast
machen sich an einem Herd mit flammender Glut zu schaffen. Der kleine
Lauscher hört Coppelius rufen: »Augen her, Augen her«, verrät sich durch
seinen Aufschrei und wird von Coppelius gepackt, der ihm glutrote Körner
aus der Flamme in die Augen streuen will, um sie dann auf den Herd zu
werfen. Der Vater bittet die Augen des Kindes frei. Eine tiefe Ohnmacht
und lange Krankheit beenden das Erlebnis. Wer sich für die rationalistische
Deutung des Sandmannes entscheidet, wird in dieser Phantasie des Kindes
den fortwirkenden Einfluß jener Erzählung der Kinderfrau nicht verkennen.
Anstatt der Sandkörner sind es glutrote Flammenkörner, die dem Kinde in
die Augen gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damit die Augen
herausspringen. Bei einem weiteren Besuche des Sandmannes ein Jahr
später wird der Vater durch eine Explosion im Arbeitszimmer getötet; der
Advokat Coppelius verschwindet vom Orte, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student
Nathaniel in einem herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe
Coppola zu erkennen, der ihm in der Universitätsstadt Wettergläser zum
Kauf anbietet und nach seiner Ablehnung hinzusetzt: »Ei nix Wetterglas,
nix Wetterglas! – hab auch sköne Oke – sköne Oke.« Das Entsetzen des
Studenten wird beschwichtigt, da sich die angebotenen Augen als harmlose
Brillen herausstellen; er kauft dem Coppola ein Taschenperspektiv ab und
späht mit dessen Hilfe in die gegenüberliegende Wohnung des Professors
Spalanzani, wo er dessen schöne, aber rätselhaft wortkarge und unbewegte
Tochter Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich bald s o heftig, daß er
seine kluge und nüchterne Braut über sie vergißt. Aber Olimpia ist ein
Automat, an dem Spalanzani das Räderwerk gemacht und dem Coppola –
der Sandmann – die Augen eingesetzt hat. Der Student kommt hinzu, wie
die beiden Meister sich um ihr Werk streiten; der Optiker hat die hölzerne,
augenlose Puppe davongetragen und der Mechaniker, Spalanzani, wirft
Nathaniel die auf dem Boden liegenden blutigen Augen Olimpias an die
Brust, von denen er sagt, daß Coppola sie dem Nathaniel gestohlen. Dieser
wird von einem neuerlichen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen Delirium
sich die Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck
verbindet: »Hui – hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis! Dreh' dich

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Feuerkreis – lustig – lustig! Holzpüppchen hui, schön Holzpüppchen dreh'
dich –.« Damit wirft er sich auf den Professor, den angeblichen Vater
Olimpias, und will ihn erwürgen.
Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel endlich
genesen. Er gedenkt seine wiedergefundene Braut zu heiraten. Sie ziehen
beide eines Tages durch die Stadt, auf deren Markt der hohe Ratsturm
seinen Riesenschatten wirft. Das Mädchen schlägt ihrem Bräutigam vor, auf
den Turm zu steigen, während der das Paar begleitende Bruder der Braut
unten verbleibt. Oben zieht eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was
sich auf der Straße heranbewegt, die Aufmerksamkeit Claras auf sich.
Nathaniel betrachtet dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv, das er in
seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn ergriffen und mit den
Worten: Holzpüppchen dreh' dich, will er das Mädchen in die Tiefe
schleudern. Der durch ihr Geschrei herbeigeholte Bruder rettet sie und eilt
mit ihr herab. Oben läuft der Rasende mit dem Ausruf herum: Feuerkreis
dreh' dich, dessen Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen, die sich
unten ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der plötzlich wieder
erschienen ist. Wir dürfen annehmen, daß es der Anblick seiner Annäherung
war, der den Wahnsinn bei Nathaniel zum Ausbruch brachte. Man will
hinauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, aber Coppelius[3] lacht:
»wartet nur, der kommt schon herunter von selbst.« Nathaniel bleibt
plötzlich stehen, wird den Coppelius gewahr und stürzt sich mit dem
gellenden Schrei: Ja! »Sköne Oke – Sköne Oke« über das Geländer herab.
Sowie er mit zerschmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist der
Sandmann im Gewühl verschwunden.
Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber bestehen
lassen, daß das Gefühl des Unheimlichen direkt an der Gestalt des
Sandmannes, also an der Vorstellung der Augen beraubt zu werden haftet,
und daß eine intellektuelle Unsicherheit im Sinne von J e n t s c h mit dieser
Wirkung nichts zu tun hat. Der Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der
Puppe Olimpia gelten lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Beispiel
des Unheimlichen überhaupt nicht in Betracht. Der Dichter erzeugt zwar in
uns anfänglich eine Art von Unsicherheit, indem er uns, gewiß nicht ohne
Absicht, zunächst nicht erraten läßt, ob er uns in die reale Welt oder in eine
ihm beliebige phantastische Welt einführen wird. Er hat ja bekanntlich das
Recht, das eine oder das andere zu tun, und wenn er z. B. eine Welt, in der

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Geister, Dämonen und Gespenster agieren, zum Schauplatz seiner
Darstellungen gewählt hat, wie S h a k e s p e a r e im Hamlet, Macbeth und
in anderem Sinne im Sturm und im Sommernachtstraum, so müssen wir
ihm darin nachgeben und diese Welt seiner Voraussetzung für die Dauer
unserer Hingegebenheit wie eine Realität behandeln. Aber im Verlaufe der
H o f f m a n n schen Erzählung schwindet dieser Zweifel, wir merken, daß
der Dichter uns selbst durch die Brille oder das Perspektiv des dämonischen
Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in höchsteigener Person
durch solch ein Instrument geguckt hat. Der Schluß der Erzählung macht es
ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich der Advokat Coppelius[3] und also
auch der Sandmann ist.
Eine »intellektuelle Unsicherheit« kommt hier nicht mehr in Frage: wir
wissen jetzt, daß uns nicht die Phantasiegebilde eines Wahnsinnigen
vorgeführt werden sollen, hinter denen wir in rationalistischer
Überlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen mögen, und – der
Eindruck des Unheimlichen hat sich durch diese Aufklärung nicht im
mindesten verringert. Eine intellektuelle Unsicherheit leistet uns also nichts
für das Verständnis dieser unheimlichen Wirkung.
Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daran, daß es
eine schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen oder zu
verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit verblieben und sie
fürchten keine andere Organverletzung so sehr wie die des Auges. Ist man
doch auch gewohnt zu sagen, daß man etwas behüten werde wie seinen
Augapfel. Das Studium der Träume, der Phantasien und Mythen hat uns
dann gelehrt, daß die Angst um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig
genug ein Ersatz für die Kastrationsangst ist. Auch die Selbstblendung des
mythischen Verbrechers O e d i p u s ist nur eine Ermäßigung für die Strafe
der Kastration, die ihm nach der Regel der Talion allein angemessen wäre.
Man mag es versuchen, in rationalistischer Denkweise die Zurückführung
der Augenangst auf die Kastrationsangst abzulehnen; man findet es
begreiflich, daß ein so kostbares Organ wie das Auge von einer
entsprechend großen Angst bewacht wird, ja man kann weitergehend
behaupten, daß kein tieferes Geheimnis und keine andere Bedeutung sich
hinter der Kastrationsangst verberge. Aber man wird damit doch nicht der
Ersatzbeziehung gerecht, die sich in Traum, Phantasie und Mythus
zwischen Auge und männlichem Glied kundgibt, und kann dem Eindruck

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nicht widersprechen, daß ein besonders starkes und dunkles Gefühl sich
gerade gegen die Drohung das Geschlechtsglied einzubüßen erhebt, und
daß dieses Gefühl erst der Vorstellung vom Verlust anderer Organe den
Nachhall verleiht. Jeder weitere Zweifel schwindet dann, wenn man aus den
Analysen an Neurotikern die Details des »Kastrationskomplexes« erfahren
und dessen großartige Rolle in ihrem Seelenleben zur Kenntnis genommen
hat.
Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Auffassung
raten, sich für die Behauptung, die Augenangst sei etwas vom
Kastrationskomplex Unabhängiges gerade auf die H o f f m a n n sche
Erzählung vom »Sandmann« zu berufen. Denn warum ist die Augenangst
hier mit dem Tode des Vaters in innigste Beziehung gebracht? Warum tritt
der Sandmann jedesmal als Störer der Liebe auf? Er entzweit den
unglücklichen Studenten mit seiner Braut und ihrem Bruder, der sein bester
Freund ist, er vernichtet sein zweites Liebesobjekt, die schöne Puppe
Olimpia, und zwingt ihn selbst zum Selbstmord, wie er unmittelbar vor der
beglückenden Vereinigung mit seiner wiedergewonnenen Clara steht. Diese
sowie viele andere Züge der Erzählung erscheinen willkürlich und
bedeutungslos, wenn man die Beziehung der Augenangst zur Kastration
ablehnt, und werden sinnreich, sowie man für den Sandmann den
gefürchteten Vater einsetzt, von dem man die Kastration erwartet[4].
Wir würden es also wagen, das Unheimliche des Sandmannes auf die
Angst des kindlichen Kastrationskomplexes zurückzuführen. Sowie aber
die Idee auftaucht, ein solches infantiles Moment für die Entstehung des
unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen, werden wir auch zum
Versuch getrieben, dieselbe Ableitung für andere Beispiele des
Unheimlichen in Betracht zu ziehen. Im Sandmann findet sich noch das
Motiv der belebt scheinenden Puppe, das J e n t s c h hervorgehoben hat.
Nach diesem Autor ist es eine besonders günstige Bedingung für die
Erzeugung unheimlicher Gefühle, wenn eine intellektuelle Unsicherheit
geweckt wird, ob etwas belebt oder leblos sei, und wenn das Leblose die
Ähnlichkeit mit dem Lebenden zu weit treibt. Natürlich sind wir aber
gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt. Wir erinnern
uns, daß das Kind im frühen Alter des Spielens überhaupt nicht scharf
zwischen Belebtem und Leblosem unterscheidet und daß es besonders
gerne seine Puppe wie ein lebendes Wesen behandelt. Ja, man hört

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gelegentlich von einer Patientin erzählen, sie habe noch im Alter von acht
Jahren die Überzeugung gehabt, wenn sie ihre Puppen auf eine gewisse Art,
möglichst eindringlich, anschauen würde, müßten diese lebendig werden.
Das infantile Moment ist also auch hier leicht nachzuweisen; aber
merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es sich um die Erweckung
einer alten Kinderangst, bei der lebenden Puppe ist von Angst keine Rede,
das Kind hat sich vor dem Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet,
vielleicht es sogar gewünscht. Die Quelle des unheimlichen Gefühls wäre
also hier nicht eine Kinderangst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur
ein Kinderglaube. Das scheint ein Widerspruch; möglicherweise ist es nur
eine Mannigfaltigkeit, die späterhin unserem Verständnis förderlich werden
kann.
E. T. A. H o f f m a n n ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in
der Dichtung. Sein Roman »D i e E l i x i r e d e s T e u f e l s« weist ein
ganzes Bündel von Motiven auf, denen man die unheimliche Wirkung der
Geschichte zuschreiben möchte. Der Inhalt des Romans ist zu reichhaltig
und verschlungen, als daß man einen Auszug daraus wagen könnte. Zu
Ende des Buches, wenn die dem Leser bisher vorenthaltenen
Voraussetzungen der Handlung nachgetragen werden, ist das Ergebnis nicht
die Aufklärung des Lesers, sondern eine volle Verwirrung desselben. Der
Dichter hat zu viel Gleichartiges gehäuft; der Eindruck des Ganzen leidet
nicht darunter, wohl aber das Verständnis. Man muß sich damit begnügen,
die hervorstechendsten unter jenen unheimlich wirkenden Motiven
herauszuheben, um zu untersuchen, ob auch für sie eine Ableitung aus
infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies das Doppelgängertum in all
seinen Abstufungen und Ausbildungen, also das Auftreten von Personen,
die wegen ihrer gleichen Erscheinung für identisch gehalten werden
müssen, die Steigerung dieses Verhältnisses durch Überspringen seelischer
Vorgänge von einer dieser Personen auf die andere, – was wir Telepathie
heißen würden – so daß der eine das Wissen, Fühlen und Erleben des
andern mitbesitzt, die Identifizierung mit einer anderen Person, so daß man
an seinem Ich irre wird oder das fremde Ich an die Stelle des eigenen
versetzt, also Ichverdopplung, Ichteilung, Ichvertauschung – und endlich
die beständige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der nämlichen
Gesichtszüge, Charaktere, Schicksale, verbrecherischen Taten, ja der
Namen durch mehrere aufeinanderfolgende Generationen.

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Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen Arbeit von O.
R a n k eine eingehende Würdigung gefunden[5]. Dort werden die
Beziehungen des Doppelgängers zum Spiegel- und Schattenbild, zum
Schutzgeist, zur Seelenlehre und zur Todesfurcht untersucht, es fällt aber
auch helles Licht auf die überraschende Entwicklungsgeschichte des
Motivs. Denn der Doppelgänger war ursprünglich eine Versicherung gegen
den Untergang des Ichs, eine »energische Dementierung der Macht des
Todes« (O. R a n k) und wahrscheinlich war die »unsterbliche« Seele der
erste Doppelgänger des Leibes. Die Schöpfung einer solchen Verdopplung
zur Abwehr gegen die Vernichtung hat ihr Gegenstück in einer Darstellung
der Traumsprache, welche die Kastration durch Verdopplung oder
Vervielfältigung des Genitalsymbols auszudrücken liebt; sie wird in der
Kultur der alten Ägypter ein Antrieb für die Kunst, das Bild des
Verstorbenen in dauerhaftem Stoff zu formen. Aber diese Vorstellungen
sind auf dem Boden der uneingeschränkten Selbstliebe entstanden, des
primären Narzißmus, welcher das Seelenleben des Kindes wie des
Primitiven beherrscht, und mit der Überwindung dieser Phase ändert sich
das Vorzeichen des Doppelgängers, aus einer Versicherung des Fortlebens
wird er zum unheimlichen Vorboten des Todes.
Die Vorstellung des Doppelgängers braucht nicht mit diesem
uranfänglichen Narzißmus unterzugehen; denn sie kann aus den späteren
Entwicklungsstufen des Ichs neuen Inhalt gewinnen. Im Ich bildet sich
langsam eine besondere Instanz heraus, welche sich dem übrigen Ich
entgegenstellen kann, die der Selbstbeobachtung und Selbstkritik dient, die
Arbeit der psychischen Zensur leistet und unserem Bewußtsein als
»Gewissen« bekannt wird. Im pathologischen Falle des Beachtungswahnes
wird sie isoliert, vom Ich abgespalten, dem Arzte bemerkbar. Die Tatsache,
daß eine solche Instanz vorhanden ist, welche das übrige Ich wie ein Objekt
behandeln kann, also daß der Mensch der Selbstbeobachtung fähig ist,
macht es möglich, die alte Doppelgängervorstellung mit neuem Inhalt zu
erfüllen und ihr mancherlei zuzuweisen, vor allem all das, was der
Selbstkritik als zugehörig zum alten überwundenen Narzißmus der Urzeit
erscheint[6].
Aber nicht nur dieser der Ichkritik anstößige Inhalt kann dem
Doppelgänger einverleibt werden, sondern ebenso alle unterbliebenen
Möglichkeiten der Geschicksgestaltung, an denen die Phantasie noch

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festhalten will, und alle Ichstrebungen, die sich infolge äußerer Ungunst
nicht durchsetzen konnten, sowie alle die unterdrückten
Willensentscheidungen, die die Illusion des freien Willens ergeben haben[7].
Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der
Doppelgängergestalt betrachtet haben, müssen wir uns sagen: Nichts von
alledem macht uns den außerordentlich hohen Grad von Unheimlichkeit,
der ihr anhaftet, verständlich, und aus unserer Kenntnis der pathologischen
Seelenvorgänge dürfen wir hinzusetzen, nichts von diesem Inhalt könnte
das Abwehrbestreben erklären, das ihn als etwas Fremdes aus dem Ich
hinausprojiziert. Der Charakter des Unheimlichen kann doch nur daher
rühren, daß der Doppelgänger eine den überwundenen seelischen Urzeiten
angehörige Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn
hatte. Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter
nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden (H. H e i n e, Die Götter
im Exil).
Die anderen bei H o f f m a n n verwendeten Ichstörungen sind nach dem
Muster des Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. Es handelt sich bei
ihnen um ein Rückgreifen auf einzelne Phasen in der
Entwicklungsgeschichte des Ichgefühls, um eine Regression in Zeiten, da
das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt und vom Anderen
abgegrenzt hatte. Ich glaube, daß diese Motive den Eindruck des
Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es nicht leicht ist, ihren Anteil
an diesem Eindruck isoliert herauszugreifen.
Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als Quelle des
unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann Anerkennung finden.
Nach meinen Beobachtungen ruft es unter gewissen Bedingungen und in
Kombination mit bestimmten Umständen unzweifelhaft ein solches Gefühl
hervor, das überdies an die Hilflosigkeit mancher Traumzustände mahnt.
Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten,
menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet
ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben
konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen
Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste
Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos
herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in

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der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte
nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum dritten Male
dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich
bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter Verzicht auf weitere
Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir verlassene Piazza zurückfand.
Andere Situationen, die die unbeabsichtigte Wiederkehr mit der eben
beschriebenen gemein haben und sich in den anderen Punkten gründlich
von ihr unterscheiden, haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und
Unheimlichkeit zur Folge. Zum Beispiel wenn man sich im Hochwald, etwa
vom Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, einen
markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu der einen, durch
eine bestimmte Formation gekennzeichneten Stelle zurückkommt. Oder
wenn man im unbekannten, dunkeln Zimmer wandert, um die Türe oder
den Lichtschalter aufzusuchen und dabei zum xten Male mit demselben
Möbelstück zusammenstößt, eine Situation, die M a r k T w a i n allerdings
durch groteske Übertreibung in eine unwiderstehlich komische
umgewandelt hat.
An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch mühelos,
daß es nur das Moment der unbeabsichtigten Wiederholung ist, welches das
sonst Harmlose unheimlich macht und uns die Idee des Verhängnisvollen,
Unentrinnbaren aufdrängt, wo wir sonst nur von »Zufall« gesprochen
hätten. So ist es z. B. gewiß ein gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine
in einer Garderobe abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen
Zahl – sagen wir: 62 – erhält oder wenn man findet, daß die zugewiesene
Schiffskabine diese Nummer trägt. Aber dieser Eindruck ändert sich, wenn
beide an sich indifferenten Begebenheiten nahe aneinander rücken, so daß
einem die Zahl 62 mehrmals an demselben Tage entgegentritt, und wenn
man dann etwa gar die Beobachtung machen sollte, daß alles, was eine
Zahlenbezeichnung trägt, Adressen, Hotelzimmer, Eisenbahnwagen u. dgl.
immer wieder die nämliche Zahl wenigstens als Bestandteil, wiederbringt.
Man findet das »unheimlich« und wer nicht stich- und hiebfest gegen die
Versuchungen des Aberglaubens ist, wird sich geneigt finden, dieser
hartnäckigen Wiederkehr der einen Zahl eine geheime Bedeutung
zuzuschreiben, etwa einen Hinweis auf das ihm bestimmte Lebensalter
darin zu sehen. Oder wenn man eben mit dem Studium der Schriften des
großen Physiologen E. H e r i n g beschäftigt ist, und nun wenige Tage

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auseinander Briefe von zwei Personen dieses Namens aus verschiedenen
Ländern empfängt, während man bis dahin niemals mit Leuten, die so
heißen, in Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat vor
kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art gewissen
Gesetzen unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Unheimlichen
aufgehoben werden müßte. Ich getraue mich nicht zu entscheiden, ob es
ihm gelungen ist[8].
Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem infantilen
Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten und muß dafür auf
eine bereitliegende ausführliche Darstellung in anderem Zusammenhange
verweisen. Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich die Herrschaft eines
von den Triebregungen ausgehenden W i e d e r h o l u n g s z w a n g e s
erkennen, der wahrscheinlich von der innersten Natur der Triebe selbst
abhängt, stark genug ist, sich über das Lustprinzip hinauszusetzen,
gewissen Seiten des Seelenlebens den dämonischen Charakter verleiht, sich
in den Strebungen des kleinen Kindes noch sehr deutlich äußert und ein
Stück vom Ablauf der Psychoanalyse des Neurotikers beherrscht. Wir sind
durch alle vorstehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß dasjenige als
unheimlich verspürt werden wird, was an diesen inneren
Wiederholungszwang mahnen kann.
Nun, denke ich aber, ist es Zeit uns von diesen immerhin schwierig zu
beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und unzweifelhafte Fälle des
Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse wir die endgültige
Entscheidung über die Geltung unserer Annahme erwarten dürfen.
Im »Ring des Polykrates« wendet sich der Gast mit Grausen, weil er
merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung geht, jede seiner
Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben wird. Der Gastfreund ist
ihm »unheimlich« geworden. Die Auskunft, die er selbst gibt, daß der allzu
Glückliche den Neid der Götter zu fürchten habe, erscheint uns noch
undurchsichtig, ihr Sinn ist mythologisch verschleiert. Greifen wir darum
ein anderes Beispiel aus weit schlichteren Verhältnissen heraus: In der
Krankengeschichte eines Zwangsneurotikers[9] habe ich erzählt, daß dieser
Kranke einst einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt genommen hatte,
aus dem er sich eine große Besserung holte. Er war aber so klug, diesen
Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers, sondern der Lage seines Zimmers

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zuzuschreiben, welches der Kammer einer liebenswürdigen Pflegerin
unmittelbar benachbart war. Als er dann zum zweiten Mal in diese Anstalt
kam, verlangte er dasselbe Zimmer wieder, mußte aber hören, daß dies
bereits von einem alten Herrn besetzt sei und gab seinem Unmut darüber in
den Worten Ausdruck: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage
später erlitt der alte Herr wirklich einen Schlaganfall. Für meinen Patienten
war dies ein »unheimliches« Erlebnis. Der Eindruck des Unheimlichen
wäre noch stärker gewesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener
Äußerung und dem Unfall gelegen wäre oder wenn der Patient über
zahlreiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In der Tat war
er um solche Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht er allein, alle
Zwangsneurotiker, die ich studiert habe, wußten Analoges von sich zu
erzählen. Sie waren gar nicht überrascht, regelmäßig der Person zu
begegnen, an die sie eben – vielleicht nach langer Pause – gedacht hatten;
sie pflegten regelmäßig am Morgen einen Brief von einem Freund zu
bekommen, wenn sie am Abend vorher geäußert hatten: Von dem hat man
aber jetzt lange nichts gehört, und besonders Unglücks- oder Todesfälle
ereigneten sich nur selten, ohne eine Weile vorher durch ihre Gedanken
gehuscht zu sein. Sie pflegten diesem Sachverhalt in der bescheidensten
Weise Ausdruck zu geben, indem sie behaupteten, »Ahnungen« zu haben,
die »meistens« eintreffen.
Eine der unheimlichsten und verbreitetsten Formen des Aberglaubens ist
die Angst vor dem »bösen Blick«, welcher bei dem Hamburger Augenarzt
S. S e l i g m a n n[10] eine gründliche Behandlung gefunden hat. Die Quelle,
aus welcher diese Angst schöpft, scheint niemals verkannt worden zu sein.
Wer etwas Kostbares und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem
Neid der anderen, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im
umgekehrten Falle empfunden hätte. Solche Regungen verrät man durch
den Blick, auch wenn man ihnen den Ausdruck in Worten versagt, und
wenn jemand durch auffällige Kennzeichen, besonders unerwünschter Art,
vor den anderen hervorsticht, traut man ihm zu, daß sein Neid eine
besondere Stärke erreichen und dann auch diese Stärke in Wirkung
umsetzen wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht zu schaden, und auf
gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die Kraft zu
Gebote steht.

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Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem
Prinzip ab, das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die »Allmacht
der Gedanken« benannt habe. Wir können nun nicht mehr verkennen, auf
welchem Boden wir uns befinden. Die Analyse der Fälle des Unheimlichen
hat uns zur alten Weltauffassung des A n i m i s m u s zurückgeführt, die
ausgezeichnet war durch die Erfüllung der Welt mit Menschengeistern,
durch die narzißtische Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, die
Allmacht der Gedanken und die darauf aufgebaute Technik der Magie, die
Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde Personen und
Dinge (Mana), sowie durch alle die Schöpfungen, mit denen sich der
uneingeschränkte Narzißmus jener Entwicklungsperiode gegen den
unverkennbaren Einspruch der Realität zur Wehre setzte. Es scheint, daß
wir alle in unserer individuellen Entwicklung eine diesem Animismus der
Primitiven entsprechende Phase durchgemacht haben, daß sie bei keinem
von uns abgelaufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste und Spuren zu
hinterlassen, und daß alles, was uns heute als »unheimlich« erscheint, die
Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer Seelentätigkeit rührt
und sie zur Äußerung anregt[11].
Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich den
wesentlichen Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen möchte.
Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Behauptung recht hat,
daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleichgültig von welcher Art, durch
die Verdrängung in Angst verwandelt wird, so muß es unter den Fällen des
Ängstlichen eine Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche
etwas wiederkehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des Ängstlichen wäre
eben das Unheimliche und dabei muß es gleichgültig sein, ob es
ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem anderen Affekt getragen.
Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur des Unheimlichen ist, so
verstehen wir, daß der Sprachgebrauch das Heimliche in seinen Gegensatz,
das Unheimliche übergehen läßt (S. 302), denn dies Unheimliche ist
wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von
alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung
entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt uns jetzt
auch die S c h e l l i n g sche Definition, das Unheimliche sei etwas, was im
Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.

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Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen haben, an der
Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen zu erproben.
Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, was mit
dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und
Gespenstern zusammenhängt. Wir haben ja gehört, daß manche moderne
Sprachen unseren Ausdruck: ein unheimliches Haus gar nicht anders
wiedergeben können als durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es
spukt. Wir hätten eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht
stärksten Beispiel von Unheimlichkeit beginnen können, aber wir taten es
nicht, weil hier das Unheimliche zu sehr mit dem Grauenhaften vermengt
und zum Teil von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum einem anderen Gebiet hat
sich unser Denken und Fühlen seit den Urzeiten so wenig verändert, ist das
Alte unter dünner Decke so gut erhalten geblieben, wie in unserer
Beziehung zum Tode. Zwei Momente geben für diesen Stillstand gute
Auskunft: Die Stärke unserer ursprünglichen Gefühlsreaktionen und die
Unsicherheit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. Unsere Biologie hat es
noch nicht entscheiden können, ob der Tod das notwendige Schicksal jedes
Lebewesens oder nur ein regelmäßiger, vielleicht aber vermeidlicher Zufall
innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle Menschen müssen sterben, paradiert
zwar in den Lehrbüchern der Logik als Vorbild einer allgemeinen
Behauptung, aber keinem Menschen leuchtet er ein und unser Unbewußtes
hat jetzt so wenig Raum wie vormals für die Vorstellung der eigenen
Sterblichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der unableugbaren
Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen die Existenz
über das Lebensende hinaus fort, die staatlichen Gewalten meinen die
moralische Ordnung unter den Lebenden nicht aufrecht erhalten zu können,
wenn man auf die Korrektur des Erdenlebens durch ein besseres Jenseits
verzichten soll, auf den Anschlagsäulen unserer Großstädte werden
Vorträge angekündigt, welche Belehrung spenden wollen, wie man sich mit
den Seelen der Verstorbenen in Verbindung setzen kann, und es ist
unleugbar, daß mehrere der feinsten Köpfe und schärfsten Denker unter den
Männern der Wissenschaft, zumal gegen das Ende ihrer eigenen Lebenszeit,
geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen Verkehr nicht fehle.
Da fast alle von uns in diesem Punkt noch so denken wie die Wilden, ist es
auch nicht zu verwundern, daß die primitive Angst vor dem Toten bei uns
noch so mächtig ist und bereit liegt, sich zu äußern, sowie irgend etwas ihr

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entgegen kommt. Wahrscheinlich hat sie auch noch den alten Sinn, der Tote
sei zum Feind des Überlebenden geworden und beabsichtige, ihn mit sich
zu nehmen, als Genossen seiner neuen Existenz. Eher könnte man bei dieser
Unveränderlichkeit der Einstellung zum Tode fragen, wo die Bedingung der
Verdrängung bleibt, die erfordert wird, damit das Primitive als etwas
Unheimliches wiederkehren könne. Aber die besteht doch auch; offiziell
glauben die sogenannten Gebildeten nicht mehr an das Sichtbarwerden der
Verstorbenen als Seelen, haben deren Erscheinung an entlegene und selten
verwirklichte Bedingungen geknüpft, und die ursprünglich höchst
zweideutige, ambivalente Gefühlseinstellung zum Toten ist für die höheren
Schichten des Seelenlebens zur eindeutigen der Pietät abgeschwächt
worden[12].
Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem
Animismus, der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, der
Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung und dem
Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente, die das
Ängstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich erschöpft.
Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar dann,
wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin, wir
müssen noch hinzutun, daß diese seine Absichten uns zu schaden sich mit
Hilfe besonderer Kräfte verwirklichen werden. Der »Gettatore«, ist ein
gutes Beispiel hiefür, diese unheimliche Gestalt des romanischen
Aberglaubens, die Albrecht S c h a e f f e r in dem Buche »J o s e f
M o n t f o r t« mit poetischer Intuition und tiefem psychoanalytischem
Verständnis zu einer sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit
diesen geheimen Kräften stehen wir bereits wieder auf dem Boden des
Animismus. Die Ahnung solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen
Gretchen den Mephisto so unheimlich werden läßt:

»Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht sogar der Teufel bin.«

Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben Ursprung.
Der Laie sieht hier die Äußerung von Kräften vor sich, die er im

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Nebenmenschen nicht vermutet hat, deren Regung er aber in entlegenen
Winkeln der eigenen Persönlichkeit dunkel zu spüren vermag. Das
Mittelalter hatte konsequenterweise und psychologisch beinahe korrekt alle
diese Krankheitsäußerungen der Wirkung von Dämonen zugeschrieben. Ja,
ich würde mich nicht verwundern zu hören, daß die Psychoanalyse, die sich
mit der Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen Menschen
darum selbst unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir die
Herstellung eines seit vielen Jahren siechen Mädchens – wenn auch nicht
sehr rasch – gelungen war, habe ich's von der Mutter der für lange Zeit
Geheilten selbst gehört.
Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm gelöste
Hand wie in einem Märchen von H a u f f, Füße, die für sich allein tanzen
wie in dem erwähnten Buche von A. S c h a e f f e r, haben etwas ungemein
Unheimliches an sich, besonders wenn ihnen wie im letzten Beispiel noch
eine selbständige Tätigkeit zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese
Unheimlichkeit von der Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt.
Manche Menschen würden die Krone der Unheimlichkeit der Vorstellung
zuweisen, scheintot begraben zu werden. Allein die Psychoanalyse hat uns
gelehrt, daß diese schreckende Phantasie nur die Umwandlung einer
anderen ist; die ursprünglich nichts Schreckhaftes war, sondern von einer
gewissen Lüsternheit getragen wurde, nämlich der Phantasie vom Leben im
Mutterleib.
Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was strenggenommen bereits
in unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus und die
überwundenen Arbeitsweisen des seelischen Apparats enthalten ist, aber
doch einer besonderen Hervorhebung würdig scheint, daß es nämlich oft
und leicht unheimlich wirkt, wenn die Grenze zwischen Phantasie und
Wirklichkeit verwischt wird, wenn etwas real vor uns hintritt, was wir
bisher für phantastisch gehalten haben, wenn ein Symbol die volle Leistung
und Bedeutung des Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr.
Hierauf beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit, die den magischen
Praktiken anhaftet. Das Infantile daran, was auch das Seelenleben der
Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychischen Realität im
Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher sich der Allmacht der Gedanken
anschließt. Mitten in der Absperrung des Weltkrieges kam eine Nummer des
englischen Magazins »Strand« in meine Hände, in der ich unter anderen

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ziemlich überflüssigen Produktionen eine Erzählung las, wie ein junges
Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich ein seltsam geformter
Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. Gegen Abend pflegt sich
dann ein unerträglicher, charakteristischer Gestank in der Wohnung zu
verbreiten, man stolpert im Dunkeln über irgend etwas, man glaubt zu
sehen, wie etwas Undefinierbares über die Treppe huscht, kurz, man soll
erraten, daß infolge der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische
Krokodile im Hause spuken, oder daß die hölzernen Scheusale im Dunkeln
Leben bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine recht einfältige
Geschichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man als ganz
hervorragend.
Zum Schlusse dieser gewiß noch unvollständigen Beispielsammlung
soll eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit erwähnt werden, die,
wenn sie nicht auf einem zufälligen Zusammentreffen beruht, die schönste
Bekräftigung unserer Auffassung des Unheimlichen mit sich bringt. Es
kommt oft vor, daß neurotische Männer erklären, das weibliche Genitale sei
ihnen etwas Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur
alten Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal und
zuerst geweilt hat. »Liebe ist Heimweh«, behauptet ein Scherzwort, und
wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder Landschaft noch im Traume
denkt: Das ist mir bekannt, da war ich schon einmal, so darf die Deutung
dafür das Genitale oder den Leib der Mutter einsetzen. Das Unheimliche ist
also auch in diesem Falle das ehemals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe
u n an diesem Worte ist aber die Marke der Verdrängung.

Page 29

III.

Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen werden sich
beim Leser Zweifel geregt haben, denen jetzt gestattet werden soll sich zu
sammeln und laut zu werden.
Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist,
das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist, und daß
alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. Aber mit dieser Stoffwahl
scheint das Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. Unser Satz verträgt
offenbar keine Umkehrung. Nicht alles was an verdrängte Wunschregungen
und überwundene Denkweisen der individuellen Vorzeit und der
Völkerurzeit mahnt, ist darum auch unheimlich.
Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem Beispiel,
welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges finden läßt, das ihm
widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im H a u f f schen Märchen »Die
Geschichte von der abgehauenen Hand« wirkt gewiß unheimlich, was wir
auf den Kastrationskomplex zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung
des Herodot vom Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die
Prinzessin bei der Hand festhalten will, ihr die abgehauene Hand seines
Bruders zurück, und andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich urteilen,
daß dieser Zug keine unheimliche Wirkung hervorruft. Die prompte
Wunscherfüllung im »Ring des Polykrates« wirkt auf uns sicherlich ebenso
unheimlich wie auf den König von Ägypten selbst. Aber in unseren
Märchen wimmelt es von sofortigen Wunscherfüllungen und das
Unheimliche bleibt dabei aus. Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich
die Frau durch den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß sie
auch so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es vor ihr auf dem Teller.
Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vorwitzigen an der Nase hängen
möge. Flugs baumelt es an ihrer Nase. Das ist sehr eindrucksvoll, aber nicht
im geringsten unheimlich. Das Märchen stellt sich überhaupt ganz offen auf
den animistischen Standpunkt der Allmacht von Gedanken und Wünschen,
und ich wüßte doch kein echtes Märchen zu nennen, in dem irgend etwas
Unheimliches vorkäme. Wir haben gehört, daß es in hohem Grade

Page 30

unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, Puppen, sich beleben, aber in
den A n d e r s e n schen Märchen leben die Hausgeräte, die Möbel, der
Zinnsoldat und nichts ist vielleicht vom Unheimlichen entfernter. Auch die
Belebung der schönen Statue des P y g m a l i o n wird man kaum als
unheimlich empfinden.
Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr
unheimliche Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber wiederum
im Märchen sehr gewöhnlich; wer wagte es unheimlich zu nennen, wenn
z. B. Schneewittchen die Augen wieder aufschlägt? Auch die Erweckung
von Toten in den Wundergeschichten z. B. des Neuen Testaments ruft
Gefühle hervor, die nichts mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die
unbeabsichtigte Wiederkehr des Gleichen, die uns so unzweifelhafte
unheimliche Wirkungen ergeben hat, dient doch in einer Reihe von Fällen
anderen, und zwar sehr verschiedenen Wirkungen. Wir haben schon einen
Fall kennen gelernt, in dem sie als Mittel zur Hervorrufung des komischen
Gefühls gebraucht wird und könnten Beispiele dieser Art häufen. Andere
Male wirkt sie als Verstärkung u. dgl., ferner: woher rührt die
Unheimlichkeit der Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten diese
Momente nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung des
Unheimlichen, wenngleich es dieselben Bedingungen sind, unter denen wir
die Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und können wir wirklich
das Moment der intellektuellen Unsicherheit ganz vernachlässigen, da wir
doch seine Bedeutung für das Unheimliche des Todes zugegeben haben?
So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auftreten des
unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns vorangestellten
stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man könnte zwar sagen, mit
jener ersten Feststellung sei das psychoanalytische Interesse am Problem
des Unheimlichen erledigt, der Rest erfordere wahrscheinlich eine
ästhetische Untersuchung. Aber damit würden wir dem Zweifel das Tor
öffnen, welchen Wert unsere Einsicht in die Herkunft des Unheimlichen
vom verdrängten Heimischen eigentlich beanspruchen darf.
Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Unsicherheiten
weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen widersprechen, sind
dem Bereich der Fiktion, der Dichtung, entnommen. Wir erhalten so einen
Wink, einen Unterschied zu machen zwischen dem Unheimlichen, das man

Page 31

erlebt, und dem Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem
man liest.
Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen,
umfaßt aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich ausnahmslos
unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurückführung auf altvertrautes
Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine wichtige und psychologisch
bedeutsame Scheidung des Materials vorzunehmen, die wir am besten an
geeigneten Beispielen erkennen werden.
Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der prompten
Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte, der Wiederkehr der
Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier das Gefühl des Unheimlichen
entsteht, ist nicht zu verkennen. Wir – oder unsere primitiven Urahnen –
haben dereinst diese Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren von
der Realität dieser Vorgänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr
daran, wir haben diese Denkweisen ü b e r w u n d e n, aber wir fühlen uns
dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben noch in uns
fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun etwas in unserem Leben
e r e i g n e t, was diesen alten abgelegten Überzeugungen eine Bestätigung
zuzuführen scheint, haben wir das Gefühl des Unheimlichen, zu dem man
das Urteil ergänzen kann: Also ist es doch wahr, daß man einen anderen
durch den bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten weiterleben und an der
Stätte ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden u. dgl.! Wer im Gegenteile
diese animistischen Überzeugungen bei sich gründlich und endgültig
erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche dieser Art. Das merkwürdigste
Zusammentreffen von Wunsch und Erfüllung, die rätselhafteste
Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an demselben Ort oder zum gleichen
Datum, die täuschendsten Gesichtswahrnehmungen und verdächtigsten
Geräusche werden ihn nicht irre machen, keine Angst in ihm erwecken, die
man als Angst vor dem »Unheimlichen« bezeichnen kann. Es handelt sich
hier also rein um eine Angelegenheit der Realitätsprüfung, um eine Frage
der materiellen Realität[13].
Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von verdrängten
infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, der
Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche diese Art von
Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein können. Das Unheimliche

Page 32

des Erlebens gehört zumeist der früheren Gruppe an, für die Theorie ist aber
die Unterscheidung der beiden sehr bedeutsam. Beim Unheimlichen aus
infantilen Komplexen kommt die Frage der materiellen Realität gar nicht in
Betracht, die psychische Realität tritt an deren Stelle. Es handelt sich um
wirkliche Verdrängung eines Inhaltes und um die Wiederkehr des
Verdrängten, nicht um die Aufhebung des G l a u b e n s a n d i e
R e a l i t ä t dieses Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle sei ein
gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an seine (materielle)
Realität verdrängt. Aber die letztere Ausdrucksweise dehnt wahrscheinlich
den Gebrauch des Terminus »Verdrängung« über seine rechtmäßigen
Grenzen aus. Es ist korrekter, wenn wir einer hier spürbaren
psychologischen Differenz Rechnung tragen und den Zustand, in dem sich
die animistischen Überzeugungen des Kulturmenschen befinden, als ein –
mehr oder wenig vollkommenes – Ü b e r w u n d e n s e i n bezeichnen.
Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens kommt
zustande, wenn v e r d r ä n g t e infantile Komplexe durch einen Eindruck
wieder belebt werden, oder wenn ü b e r w u n d e n e primitive
Überzeugungen wieder bestätigt scheinen. Endlich darf man sich durch die
Vorliebe für glatte Erledigung und durchsichtige Darstellung nicht vom
Bekenntnis abhalten lassen, daß die beiden hier aufgestellten Arten des
Unheimlichen im Erleben nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man
bedenkt, daß die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den
infantilen Komplexen zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln,
wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht viel
verwundern.
Das Unheimliche der Fiktion – der Phantasie, der Dichtung – verdient
in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem weit reichhaltiger
als das Unheimliche des Erlebens, es umfaßt dieses in seiner Gänze und
dann noch anderes, was unter den Bedingungen des Erlebens nicht
vorkommt. Der Gegensatz zwischen Verdrängtem und Überwundenem kann
nicht ohne tiefgreifende Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung
übertragen werden, denn das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung
seiner Geltung, daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. Das
paradox klingende Ergebnis ist, d a ß i n d e r D i c h t u n g v i e l e s
nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn
es sich im Leben ereignete, und daß in der

Page 33

Dichtung viele Möglichkeiten bestehen
unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben
w e g f a l l e n.
Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine
Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der uns
vertrauten Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie von ihr entfernt. Wir
folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des Märchens z. B. hat den Boden der
Realität von vornherein verlassen und sich offen zur Annahme der
animistischen Überzeugungen bekannt. Wunscherfüllungen, geheime
Kräfte, Allmacht der Gedanken, Belebung des Leblosen, die im Märchen
ganz gewöhnlich sind, können hier keine unheimliche Wirkung äußern,
denn für die Entstehung des unheimlichen Gefühls ist, wie wir gehört
haben, der Urteilsstreit erfordert, ob das überwundene Unglaubwürdige
nicht doch real möglich ist, eine Frage, die durch die Voraussetzungen der
Märchenwelt überhaupt aus dem Wege geräumt ist. So verwirklicht das
Märchen, das uns die meisten Beispiele von Widerspruch gegen unsere
Lösung des Unheimlichen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, daß im
Reiche der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wirken
müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen fürs Märchen noch
andere Momente, die später kurz berührt werden sollen.
Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die minder
phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen doch durch die
Aufnahme von höheren geistigen Wesen, Dämonen oder Geistern
Verstorbener scheidet. Alles Unheimliche, was diesen Gestalten anhaften
könnte, entfällt dann, soweit die Voraussetzungen dieser poetischen Realität
reichen. Die Seelen der Danteschen Hölle oder die Geistererscheinungen in
S h a k e s p e a r e s Hamlet, Macbeth, Julius Caesar mögen düster und
schreckhaft genug sein, aber unheimlich sind sie im Grunde ebensowenig
wie etwa die heitere Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil den
Bedingungen dieser vom Dichter fingierten Realität an und behandeln
Seelen, Geister und Gespenster, als wären sie vollberechtigte Existenzen,
wie wir es selbst in der materiellen Realität sind. Auch dies ist ein Fall, in
dem Unheimlichkeit erspart wird.
Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf den Boden
der gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt er auch alle

Page 34

Bedingungen, die im Erleben für die Entstehung des unheimlichen Gefühls
gelten, und alles was im Leben unheimlich wirkt, wirkt auch so in der
Dichtung. Aber in diesem Falle kann der Dichter auch das Unheimliche
weit über das im Erleben mögliche Maß hinaus steigern und vervielfältigen,
indem er solche Ereignisse vorfallen läßt, die in der Wirklichkeit nicht oder
nur sehr selten zur Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann
gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen Aberglauben, er
betrügt uns, indem er uns die gemeine Wirklichkeit verspricht und dann
doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wie wir
auf eigene Erlebnisse reagiert hätten; wenn wir den Betrug merken, ist es zu
spät, der Dichter hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich muß behaupten,
er hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein Gefühl von
Unbefriedigung, eine Art von Groll über die versuchte Täuschung, wie ich
es besonders deutlich nach der Lektüre von S c h n i t z l e r s Erzählung
»Die Weissagung« und ähnlichen mit dem Wunderbaren liebäugelnden
Produktionen verspürt habe. Der Dichter hat dann noch ein Mittel zur
Verfügung, durch welches er sich dieser unserer Auflehnung entziehen und
gleichzeitig die Bedingungen für das Erreichen seiner Absichten verbessern
kann. Es besteht darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche
Voraussetzungen er eigentlich für die von ihm angenommene Welt gewählt
hat, oder daß er kunstvoll und arglistig einer solchen entscheidenden
Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im ganzen wird aber hier der vorhin
angekündigte Fall verwirklicht, daß die Fiktion neue Möglichkeiten des
unheimlichen Gefühls erschafft, die im Erleben wegfallen würden.
Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen nur auf
das Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. Das Unheimliche
aus verdrängten Komplexen ist resistenter, es bleibt in der Dichtung – von
einer Bedingung abgesehen – ebenso unheimlich wie im Erleben. Das
andere Unheimliche, das aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter
im Erleben und in der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen
Realität stellt, kann ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen
Realitäten einbüßen.
Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit die
Vorrechte der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung des unheimlichen
Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen nicht erschöpft werden.
Gegen das Erleben verhalten wir uns im allgemeinen gleichmäßig passiv

Page 35

und unterliegen der Einwirkung des Stofflichen. Für den Dichter sind wir
aber in besonderer Weise lenkbar, durch die Stimmung, in die er uns
versetzt, durch die Erwartungen, die er in uns erregt, kann er unsere
Gefühlsprozesse von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen
einstellen, und kann aus demselben Stoff oft sehr verschiedenartige
Wirkungen gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und wahrscheinlich von
den berufenen Ästhetikern eingehend gewürdigt worden. Wir sind auf
dieses Gebiet der Forschung ohne rechte Absicht geführt worden, indem wir
der Versuchung nachgaben, den Widerspruch gewisser Beispiele gegen
unsere Ableitung des Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser
Beispiele wollen wir darum auch zurückkehren.
Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz der
Rhampsenit nicht unheimlich wirke wie etwa in der H a u f f schen
»Geschichte von der abgehauenen Hand«. Die Frage erscheint uns jetzt
bedeutsamer, da wir die größere Resistenz des Unheimlichen aus der Quelle
verdrängter Komplexe erkannt haben. Die Antwort ist leicht zu geben. Sie
lautet, daß wir in dieser Erzählung nicht auf die Gefühle der Prinzessin,
sondern auf die überlegene Schlauheit des »Meisterdiebes« eingestellt
werden. Der Prinzessin mag das unheimliche Gefühl dabei nicht erspart
worden sein, wir wollen es selbst für glaubhaft halten, daß sie in Ohnmacht
gefallen ist, aber wir verspüren nichts Unheimliches, denn wir versetzen
uns nicht in sie, sondern in den anderen. Durch eine andere Konstellation
wird uns der Eindruck des Unheimlichen in der N e s t r o y schen Posse
»Der Zerrissene« erspart, wenn der Geflüchtete, der sich für einen Mörder
hält, aus jeder Falltüre, deren Deckel er aufhebt, das vermeintliche Gespenst
des Ermordeten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft: Ich hab' doch nur
e i n e n umgebracht. Zu was diese gräßliche Multiplikation? Wir kennen die
Vorbedingungen dieser Szene, teilen den Irrtum des »Zerrissenen« nicht,
und darum wirkt, was für ihn unheimlich sein muß, auf uns mit
unwiderstehlicher Komik. Sogar ein »wirkliches« G e s p e n s t wie das in
O. W i l d e s Erzählung »Der Geist von Canterville« muß all seiner
Ansprüche, wenigstens Grauen zu erregen, verlustig werden, wenn der
Dichter sich den Scherz macht, es zu ironisieren und hänseln zu lassen. So
unabhängig kann in der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung von der
Stoffwahl sein. In der Welt der Märchen sollen Angstgefühle, also auch
unheimliche Gefühle überhaupt nicht erweckt werden. Wir verstehen das

Page 36

und sehen darum auch über die Anlässe hinweg, bei denen etwas Derartiges
möglich wäre.
Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts anderes
sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche die bei den
meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst geknüpft ist. Die
psychoanalytische Forschung hat sich mit dem Problem derselben an
anderer Stelle auseinandergesetzt.

[1]
Für die nachstehenden Auszüge bin ich Herrn Dr. T h . R e i k
zu Dank verpflichtet.
[2]
Sperrdruck (auch im folgenden) vom Referenten.
[3]
Zur Ableitung des Namens: Coppella = Probiertiegel (die
chemischen Operationen, bei denen der Vater verunglückt); coppo =
Augenhöhle (nach einer Bemerkung von Frau Dr. Rank).
[4]
In der Tat hat die Phantasiebearbeitung des Dichters die
Elemente des Stoffes nicht so wild herumgewirbelt, daß man ihre
ursprüngliche Anordnung nicht wiederherstellen könnte. In der
Kindergeschichte stellen der Vater und Coppelius die durch
Ambivalenz in zwei Gegensätze zerlegte Vaterimago dar; der eine
droht mit der Blendung (Kastration), der andere, der gute Vater, bittet
die Augen des Kindes frei. Das von der Verdrängung am stärksten
betroffene Stück des Komplexes, der Todeswunsch gegen den bösen

Page 37

Vater, findet seine Darstellung in dem Tod des guten Vaters, der dem
Coppelius zur Last gelegt wird. Diesem Väterpaar entsprechen in der
späteren Lebensgeschichte des Studenten der Professor Spalanzani
und der Optiker Coppola, der Professor an sich eine Figur der
Vaterreihe, Coppola als identisch mit dem Advokaten Coppelius
erkannt. Wie sie damals zusammen am geheimnisvollen Herd
arbeiteten, so haben sie nun gemeinsam die Puppe Olimpia verfertigt;
der Professor heißt auch der Vater Olimpias. Durch diese zweimalige
Gemeinsamkeit verraten sie sich als Spaltungen der Vaterimago, d. h.
sowohl der Mechaniker als auch der Optiker sind der Vater der
Olimpia wie des Nathaniel. In der Schreckensszene der Kinderzeit
hatte Coppelius, nachdem er auf die Blendung des Kleinen verzichtet,
ihm probeweise Arme und Beine abgeschraubt, also wie ein
Mechaniker an einer Puppe mit ihm gearbeitet. Dieser sonderbare Zug,
der ganz aus dem Rahmen der Sandmannvorstellung heraustritt, bringt
ein neues Äquivalent der Kastration ins Spiel; er weist aber auch auf
die innere Identität des Coppelius mit seinem späteren Widerpart, dem
Mechaniker Spalanzani hin, und bereitet uns für die Deutung der
Olimpia vor. Diese automatische Puppe kann nichts anderes sein als
die Materialisation von Nathaniels femininer Einstellung zu seinem
Vater in früher Kindheit. Ihre Väter – Spalanzani und Coppola – sind
ja nur neue Auflagen, Reinkarnationen, von Nathaniels Väterpaar; die
sonst unverständliche Angabe des Spalanzani, daß der Optiker dem
Nathaniel die Augen gestohlen (s. o.), um sie der Puppe einzusetzen;
gewinnt so als Beweis für die Identität von Olimpia und Nathaniel ihre
Bedeutung. Olimpia ist sozusagen ein von Nathaniel losgelöster
Komplex, der ihm als Person entgegentritt; die Beherrschung durch
diesen Komplex findet in der unsinnig zwanghaften Liebe zur Olimpia
ihren Ausdruck. Wir haben das Recht, diese Liebe eine narzißtische zu
heißen, und verstehen, daß der ihr Verfallene sich dem realen
Liebesobjekt entfremdet. Wie psychologisch richtig es aber ist, daß der
durch den Kastrationskomplex an den Vater fixierte Jüngling der Liebe
zum Weibe unfähig wird, zeigen zahlreiche Krankenanalysen, deren
Inhalt zwar weniger phantastisch, aber kaum minder traurig ist als die
Geschichte des Studenten Nathaniel.

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E. T. A. H o f f m a n n war das Kind einer unglücklichen Ehe. Als
er drei Jahre war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und
lebte nie wieder mit ihr vereint. Nach den Belegen, die E.
G r i s e b a c h in der biographischen Einleitung zu H o f f m a n n s
Werken beibringt, war die Beziehung zum Vater immer eine der
wundesten Stellen in des Dichters Gefühlsleben.
[5]
O. R a n k, Der Doppelgänger, Imago III, 1914.
[6]
Ich glaube, wenn die Dichter klagen, daß zwei Seelen in des
Menschen Brust wohnen, und wenn die Populärpsychologen von der
Spaltung des Ichs im Menschen reden, so schwebt ihnen diese
Entzweiung, der Ichpsychologie angehörig, zwischen der kritischen
Instanz und dem Ich-Rest vor und nicht die von der Psychoanalyse
aufgedeckte Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und dem
unbewußten Verdrängten. Der Unterschied wird allerdings dadurch
verwischt, daß sich unter dem von der Ichkritik Verworfenen zunächst
die Abkömmlinge des Verdrängten befinden.
[7]
In der H. H. E w e r s schen Dichtung »Der Student von Prag«,
von welcher die R a n k sche Studie über den Doppelgänger
ausgegangen ist, hat der Held der Geliebten versprochen, seinen
Duellgegner nicht zu töten. Auf dem Wege zum Duellplatz begegnet
ihm aber der Doppelgänger, welcher den Nebenbuhler bereits erledigt
hat.
[8]
P. K a m m e r e r, Das Gesetz der Serie, Wien 1919.
[9]
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f.
Psychoanalyse, I, 1909 und Sammlung kl. Schriften, dritte Folge,
1913.
[10]
S. S e l i g m a n n, Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände,
Berlin 1910 u. 1911.
[11]
Vgl. hiezu den Abschnitt III Animismus, Magie und Allmacht
der Gedanken in des Verf. Buch: Totem und Tabu. 1913. Dort auch die
Bemerkung (S. 19 Note): »Es scheint, daß wir den Charakter des
›Unheimlichen‹ solchen Eindrücken verleihen, welche die Allmacht

Page 39

der Gedanken und die animistische Denkweise überhaupt bestätigen
wollen, während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.«
[12]
Vgl.: Das Tabu und die Ambivalenz in »Totem und Tabu«.
[13]
Da auch das Unheimliche des Doppelgängers von dieser
Gattung ist, wird es interessant, die Wirkung zu erfahren, wenn uns
einmal das Bild der eigenen Persönlichkeit ungerufen und unvermutet
entgegentritt. E. M a c h berichtet zwei solcher Beobachtungen in der
»Analyse der Empfindungen«, 1900, Seite 3. Er erschrak das eine Mal
nicht wenig, als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das eigene sei,
das andere Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den
anscheinend Fremden, der in seinen Omnibus einstieg, »Was steigt
doch da für ein herabgekommener Schulmeister ein«. – Ich kann ein
ähnliches Abenteuer erzählen: Ich saß allein im Abteil des
Schlafwagens, als bei einem heftigeren Ruck der Fahrtbewegung die
zur anstoßenden Toilette führende Türe aufging und ein älterer Herr
im Schlafrock, die Reisemütze auf dem Kopf, bei mir eintrat. Ich
nahm an, daß er sich beim Verlassen des zwischen zwei Abteilen
befindlichen Kabinetts in der Richtung geirrt hatte und fälschlich in
mein Abteil gekommen war, sprang auf, um ihn aufzuklären, erkannte
aber bald verdutzt, daß der Eindringling mein eigenes vom Spiegel in
der Verbindungstür entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir die
Erscheinung gründlich mißfallen hatte. Anstatt also über den
Doppelgänger zu erschrecken, hatten beide – M a c h wie ich – ihn
einfach nicht agnosziert. Ob aber das Mißfallen dabei nicht doch ein
Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger als
unheimlich empfindet?

Page 40

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS
UNHEIMLICHE ***

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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
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computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

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Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
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