Die Sternbuben in der Großstadt_ Eine heitere Geschichte (German) Josephine Siebe 1679 downloads.pdf

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Großstadt: Eine heitere Geschichte
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Title: Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Ernst Kutzer

Release date: March 28, 2016 [eBook #51582]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/51582

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski, and the
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
STERNBUBEN IN DER GROSSSTADT: EINE HEITERE GESCHICHTE
***

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Die Sternbuben in der Großstadt

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Die Sternbuben
in der Großstadt

Eine heitere Geschichte
von
Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von E r n s t K u t z e r

Stuttgart
Ve r l a g v o n L e v y & M ü l l e r

Page 6

Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.

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Erstes Kapitel.
Reisepläne auf der Löwengasse.

I m Silbernen Stern zu Breitenwert stand Mina in der großen Küche und
— wunderte sich.
Mina, die schon zwanzig Jahre in dem altberühmten Gasthaus diente, war
eigentlich nie eine Minute müßig, aber jetzt stand sie am Herd, ließ die
Töpfe überkochen und sagte nur immerzu: „Jemine, nein, so etwas, jemine,
jemine!“
Käthle, die Zweitmagd, hielt beim Hühnerrupfen inne und sah ihre ältere
Genossin verdutzt an. So ein Gewundere war ihr noch nicht vorgekommen.
„Sag doch, was ist, was soll das Jeminegerufe?“ fragte sie neugierig.
Da tat Mina einen kellertiefen Seufzer und sprach mit einer Stimme wie
eine Brummglocke: „Unsere Bübles sollen nächste Woche verreisen!“
„Waaas?“ Käthle sperrte Augen und Mund weit auf, vergaß das
Hühnerrupfen und schüttelte vor Verwunderung den Kopf, als wäre sie ein
Apfelbaum, von dem just ein paar Äpfel herunterpurzeln müßten.
„Ja, ja, guck mich nur net an, als wäre ich ein Gespenst!“ rief Mina
barsch. „Unsere Bübles verreisen — nach Leipzig.“
Mina seufzte, Käthle seufzte. Mina aus Sorgen, Käthle, weil sie die
Sache nicht verstand, auch nicht wußte, wo dies Leipzig lag. Auf dem

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Monde vielleicht! Wer konnte alle Städte in der Welt kennen. Aber
schließlich schwätzte Käthle lieber als zu seufzen; sie ermahnte daher
Mina: „Erzähl doch, warum müssen sie verreisen? Ist’s gar eine Strafe?“
„Bewahre, eine Belohnung! Eingeladen sind sie von einer reichen,
vornehmen Dame. Mathes ist ihr Patchen. Ach jemine, die kennt doch
unsere Bübles net, die weiß net, was das für Stricke sind!“
„Jetzt sind sie doch brav!“ rief Käthle entrüstet.
„Na, na!“ Mina sah gar nicht aus, als glaube sie sehr an der Bübles
Bravheit, und das war nicht nett von Mina, denn die ganze Löwengasse, in
der der Silberne Stern stand, fand, die Sternbübles, Mathes und Peter Hinz,
wären jetzt sehr brav. Früher, na ja, da war es etwas anders gewesen, aber
seit einem halben Jahre ließ sich gegen die beiden wahrlich nichts sagen.
Und jetzt behaupteten die Buben sogar, sie würden ein gutes Zeugnis aus
der Schule heimbringen. Und dann durften sie reisen.
Während Mina seufzte, Käthle fragte und die Töpfe zischten und
brodelten, standen die beiden Buben mitten auf der Löwengasse und
erzählten ihren Kameraden von der großen Reise.
Es herbstelte schon, aber der Tag war noch warm, und die Sonne schien
hell in die Löwengasse hinein. Die gute Dame freute sich einmal wieder an
den schönen, alten Häusern und an den jungen, lustigen Kindern, die es in
der Löwengasse gab. Sie dachte vielleicht, ich sehe doch in viele, viele
Gassen hinein, aber so eine wie die Löwengasse gibt es nicht wieder. Ein
bissel krumm und schmal ist sie freilich und manchmal auch etwas
schmutzig, aber sie ist und bleibt doch eine liebe Gasse. Wenn ich nicht
Madame Sonne wäre, weiß der Himmel, ich möchte drin wohnen! Und weil
die Sonne gerade Zeit hatte und mit dem Schlafengehen noch warten
wollte, blinkerte sie ein paar Kindern neckend auf den Nasen herum. Das
störte die wenig; die hörten den Sternbübles zu und riefen gerade: „Reist ihr
wirklich ganz alleine?“
„Freilich, freilich, ganz alleine!“ Es war ein Wunder, daß Mathes und
Peter nicht jeder flugs einen Meter größer wurden, so stolz reckten sie sich.
Die anderen Kinder, es waren Veit, Steffen, Trinle und Kasperle Grill aus
der Linde und Alette Amhag aus der Rose, neben der Gundele Hinz, der
Sternbuben lahmes Schwesterchen, stand, sagten alle miteinander, so eine
weite Reise, das wäre eine feine Sache.
„Und allein reisen wir!“ schrieen die Sternbuben noch einmal.

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„Ich hab’ Angst, ihr kommt net hin,“ rief Trinle Grill. Da seufzte Gundel
gleich verzagt und klagte: „Mir ist so bang um die beiden!“
Heisa, da schauten aber Mathes und Peter gekränkt drein! „Wir kommen
schon hin,“ schrieen sie entrüstet, „und gleich schreiben wir, wenn wir da
sind. Och je, wenn’s doch erst so weit wäre!“
Es standen noch zwei auf der Löwengasse, die auch dem Geschwätz über
die Reise zuhörten, es waren dies Herr August Baldan, Provisor in der
Lindenapotheke, und der immer freundliche Herr August Häferlein, der sein
Lädchen neben dem schönen alten Haus zur Rose hatte. Herr Baldan, der
immer etwas grillig war, brummte über das Geschrei der Kinder, und Herr
Häferlein lächelte dazu, aber plötzlich taten sie alle beide ihren Mund
zugleich auf und fragten: „Sagt mal, Sternbuben, warum reist ihr gerade
nach Leipzig?“
„Weil — weil —“ Mathes sah Peter an und Peter sah Mathes an, und
dann schrieen sie wie aus einem Munde: „Weil wir da eingeladen sind.“
„Na ja, aber von wem denn?“ brummte Herr Baldan.
„Von unserer Pate!“ Die Buben schrieen es wieder zusammen. Eigentlich
war Frau Geheimrat von Ringewald in Leipzig nur die Patin von Mathes,
aber das nahmen die Bübles nicht so genau. Und ehe Herr Baldan nur Luft
schnappen konnte zu einer neuen Frage, erzählten sie so geschwind, wie ein
Hase rennt, von der Frau Pate. Furchtbar reich sei sie und furchtbar
vornehm, und mal wäre sie in Breitenwert gewesen und im Silbernen Stern
krank geworden. Frau Hinz, die Sternwirtin, hatte sie gut und treulich
gepflegt, und weil Mathes gerade ein wunderfitziges kleines Büblein war,
hatte sie viel Spaß an ihm gehabt und hatte den Kleinen noch am Tage vor
ihrer Abreise aus der Taufe gehoben. Und alle Jahre zu Weihnachten kam
eine Kiste mit Spielsachen drin, aber selbst war die Frau Patin nie wieder in
Breitenwert erschienen. „Aber jetzt hat sie geschrieben, wir sollen
kommen,“ rief Peter, und Mathes fügte stolz hinzu: „Sie möcht’ uns arg
gern kennenlernen!“
„Na, die wird sich schön wundern, wenn ihr zwei Löwengäßler
ankommt!“ brummte Herr Baldan. Der hatte heute Regenwetterlaune, aber
den Sternbuben verdarb er mit seinem Gebrumme nicht ihre
purzelvergnügte Sonnenscheinlaune. Die beiden schwätzten so lustig
weiter, als säße der grillige Herr Baldan irgendwo auf dem Glasberg im
Märchen. Sie zählten die Tage bis zur Abfahrt und berichteten allerlei
furchtbar wichtige Dinge; so sagte Mathes: „Wir kriegen neue Hösle.“

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„Ja, und neue Hüte und neue Schuhe,“ schrie Peter.
„Alles neu, sogar neue Sacktüchles!“ Dabei fiel es Mathes ein: ein
Sacktuch kann man manchmal brauchen; er fuhr in seine Tasche und
brachte ein schwärzliches, zusammengeklebtes Lappending zum Vorschein.
„Pfui, aber pfui!“ riefen die drei Mädel entsetzt, und Trinle, die neben
Mathes stand, sprang gleich ein paar Schritte weit. Sie rümpfte ihre kleine
Nase verächtlich und sagte ganz spitzweis: „Soll das ein neues Tüchle
sein?“
„In Leipzig werden sie sich ja recht über die Saubarteles wundern!“
brummte Herr Baldan wieder. Doch diese Rede kränkte Mathes nicht so
sehr wie Trinles Verachtung. Er seufzte tief und versenkte sein mißachtetes
Taschentuch wieder in die Tiefe seiner Tasche.
Und just da fiel Peter etwas ein, über das er ganz plötzlich in ein
unbändiges Lachen ausbrach. Er kreischte vor Vergnügen, tat einen
Luftsprung, krümmte sich wie eine Sichel, wollte etwas sagen, schluckte
und prustete und brachte vor Lachen doch kein Wort heraus.
Die andern sahen ihn verdutzt an, auch Mathes sah erst verwundert drein,
doch auf einmal fiel ihm ein, an was der Bruder denken könnte, und er
stürzte auf ihn zu und tuschelte ihm etwas ins Ohr.
„Freilich, freilich!“ Peter nickte und kicherte, prustete und schluckte,
hielt sich sein Bäuchlein vor Lachen, und Mathes tat ihm alles nach. An
jedem Ende der Löwengasse war das Gelächter der beiden zu hören.
„Sagt’s doch, was habt ihr denn?“ Die andern wurden ungeduldig, sie
wollten auch das große, furchtbar wichtige Geheimnis erfahren. Aber die
Sternbübles brachten kein ganzes Wort heraus. Die schnappten nach Luft
wie ein paar Fischlein, die man auf ein Sofa gesetzt hat, und Herr Baldan
tippte mit dem Finger an seine Stirn und sagte ärgerlich: „Übergeschnappt,
übergeschnappt. Das kommt von der Reise.“
Da dachten Veit und Steffen Grill, hier hilft nur ein handfester Stoß, um
die beiden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und sie pufften die beiden
von rechts und links, klatschten sie auf die Rücken, und das half wirklich.
Mathes gelang es endlich, die große wichtige Neuigkeit zu verraten; er
platzte heraus: „Wir sollen — sollen — Handschuhe kriegen!“
Potzwetter ja, die Sternbübles und Handschuhe!
Selbst Herr Baldan rutschte aus seiner Schlechtwetterlaune heraus und in
das allergrößte Vergnügen hinein. Er lachte mit seinem Freund August

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Häferlein um die Wette, und wenn die beiden sich einmal verpusteten,
lachten die andern umso lauter.
Die Sternbübles strahlten. Sie kamen sich ungeheuer wichtig vor, und es
tat ihnen nur leid, daß sie die Handschuhe noch nicht hatten und sich noch
nicht im ungewohnten Staat ihren Kamerädles zeigen konnten. Sie sagten
das auch, und da fiel auf einmal Alette Amhag etwas ein, und sie rannte
eilfertig in die Rose und kehrte nach zwei Minuten mit einem Kästchen voll
Handschuhe zurück. Feine, zarte Lederhandschuhe waren es, die Alette
noch zu groß waren, und die, wie sie meinte, Mathes und Peter wohl passen
würden. Außer Fäustlingen im Winter bei der allerbittersten Kälte hatten die
Sternbübles noch nie Handschuhe besessen, und als sie jetzt die feinen
rehbraunen Dinger sahen, erschraken sie ordentlich. Die sollten sie
anziehen? Sie sträubten sich heftig, wie Zahnausziehen erschien ihnen das.
„Ihr müßt!“ riefen Alette und Trinle, und Alette, die schon weit in der
Welt herumgekommen war, sagte ernsthaft: „In der großen Stadt trägt man
eben Handschuhe.“
„Flink hinein,“ schrie Herr Baldan, „wir wollen doch mal sehen, wie aus
unsern ruppigen, struppigen Sternbuben ein paar feine Herrles werden!“
Die feinen Herrle stiegen den Buben arg in die Nasen, und jeder streckte
flugs seine Hände nach den Handschuhen aus.
Aber wie Mädels nun mal sind, alle drei zugleich riefen sie entrüstet:
„Pfui, aber pfui, sind eure Hände schmutzig!“
„Wir haben sie doch gewaschen!“ brummte Mathes gekränkt.
„Wann denn?“
„Na, heut früh!“
O jemine, und jetzt war es Nachmittag!
„Ihr müßt an das Brünnle gehen,“ riet Trinle; „wir helfen!“
Da entschlossen sich die Sternbübles zu dem schweren Werk, aber an den
Brunnen brauchten sie nicht zu gehen. Alette nahm sie in die Rose mit
hinein, und nach ein paar Minuten kamen sie mit blitzblank gewaschenen
Händen wieder heraus, und die Handschuhprobe begann.
Das war ein schweres Werk!
Die Finger der Sternbübles, die so gelenkig für allerlei unnütze Dinge
waren, schienen plötzlich steif gefroren zu sein, und die drei Mädels hatten
ihre liebe Not, ehe die Handschuhe saßen. Aber schließlich gelang die
Sache doch, und mit weit gespreizten Fingern standen Mathes und Peter da;
die Handschuhe saßen wunderfein.

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„Ich schenke sie euch für die Reise,“ sagte Alette.
„Ich schenke euch auch was,“ schrie Trinle, vom guten Beispiel der
Freundin angesteckt. Sie stürzte in die Linde hinein und kam nach wenigen
Minuten zurück, und doch meinten die Sternbuben, sie wäre ewiglange
geblieben, so erwartungsvoll waren sie. Sie dachten schon, Trinle würde mit
einem Reisekorb voll Geschenken ankommen, und sie waren herzlich
enttäuscht, als Trinle bei ihrer Rückkehr nur zwei winzige Seidentüchlein in
der Hand hielt.
„Das sind Tüchle für Mädles,“ schrieen sämtliche Buben verächtlich,
selbst Kasperle, der doch erst ein rechter Dreikäsehoch war, schrie mit.
„Unsinn!“ Trinle faßte Peter geschwind beim obersten Jackenknopf und
stopfte dem Buben — eins, zwei, drei — das eine Tüchlein, es war
himmelblau, in die Brusttasche. „Herr Häferlein trägt auch immer da ein
Tüchle,“ sagte sie, „und dann ist’s fein!“
Alle schauten auf Herrn Häferlein. Wirklich, dem guckte ein seidenes
Zipfelchen aus der Brusttasche heraus, und da erklärte Mathes flugs: „Ich
will auch ein Tüchle!“ Er bekam auch eins eingesteckt, das war zur
Abwechslung rosenrot. Und wie die Buben nun mit den Handschuhen an
den weitgespreizten Händen und den seidenen Zipfeln in den
Brusttäschchen einherschritten, auf und ab, sehr würdevoll und feierlich, da
sagten alle, fein sähen sie aus, arg fein! Aber freilich, fein müßten sie in der
großen Stadt einhergehen, sonst machten sie Breitenwert und der
Löwengasse Schande.
„Von mir kriegt ihr noch eine Tüte von den großen Zuckerhimbeeren
zum Abschied,“ versprach Herr Häferlein.
„Ich schenke euch Schokolade,“ rief Alette, und Gundel nickte dazu und
versprach: „Ich auch!“
„Von uns kriegt ihr Malzzucker,“ riefen die Lindenkinder. Den gab
nämlich ihr Vater manchmal her, wenn sie ihn recht darum baten.
„Von mir bekommt ihr Bauchwehtröpfles.“ Herr Baldan lachte. „Ihr
verderbt euch doch den Magen unterwegs, ich kenne das schon! Kinder tun
das immer, zumal wenn sie allein fahren. Da sind Bauchwehtröpfles die
beste Reisegabe,“ versicherte er.
Ein Sturm erhob sich.
Die Kinder fanden alle miteinander, das wäre nicht recht von Herrn
Baldan, so etwas zu sagen. Und alle erzählten sie von Reisen, die sie schon

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gemacht hätten, und bei denen sie putzmunter geblieben und ohne
Bauchwehtröpfle ans Ziel gekommen waren.
Alette Amhag war weit in der Welt herumgekommen; die Grills waren
schon etliche Male zur Großmutter gefahren, zwei Stunden weit, und selbst
die Sternbuben hatten schon mal eine halbe Stunde in einem Zug gesessen.
Und wie sie das alles mit viel Lärm und Geschrei Herrn Baldan erzählten
und der immer entgegnete: „Ja, aber allein seid ihr net gereist,“ da kamen
plötzlich zwei die Löwengasse entlang, die gewöhnlich den langsamen
Schritt liebten. Doch diesmal rannten sie.
Wer kann auch immer wissen, was einem Esel einfällt! Und
Bäckermeisters Esel waren es, die angerannt kamen. Der leere Brotwagen
rasselte und rumpelte hinter ihnen her, und am Gassenende tauchte der
dicke Bäckermeister Hering auf, der laut schrie: „Halten, halten!“
Wenn was los war, mußten die Sternbübles immer dabei sein. Sie
vergaßen Handschuhe und seidene Tüchlein und stellten sich kampfbereit
den Eseln entgegen. Aber die hatten nun mal keine Lust, stehen zu bleiben.
Nach links flog Mathes, nach rechts Peter, Veit und Steffen leisteten ihnen
Gesellschaft, die Mädels kreischten, Herr Häferlein schrie höflich: „Bitte,
stehen bleiben!“ Aber Esel sind sonderbar, die hören nicht immer auf
höfliche Leute.
Herr Baldan machte es gescheiter. Der schrie nicht, bat nicht, drohte
nicht, der stellte sich einfach den Ausreißern entgegen und hielt sie fest.
Bums, da standen sie, bis der Bäckermeister kam und sie heimholte.
Auf der Löwengasse gab es ein großes Wehklagen. Die Sternbübles
stimmten es an, denn weder den alten Hösles noch den neuen Handschuhen
war der Kampf mit den Eseln gut bekommen. Jammernd standen beide da
und hielten die Hände weit ausgestreckt; gerade in den Gassenschmutz
hatten sie damit gegriffen, hin war alle Pracht.
Doch Alette, die sich besser auf Handschuhe verstand, tröstete, die
könnten gereinigt werden, und Gundel versprach: „Ich flick euch die
Hösle,“ und Herr Baldan versicherte: „Ihr werdet noch manchmal in den
Schmutz fallen, ehe ihr nach Leipzig kommt.“
Die Sternbübles sahen sich an. Nun, so etwas kam freilich öfter vor, und
immer war es wieder gut geworden. Warum also weinen?
„So ist’s recht!“ rief Herr Häferlein. „Lacht nur wieder, dann bekommt
ihr auch die Zuckerhimbeeren.“
„Und reisen dürft ihr so weit!“ sagte Trinle Grill sehnsüchtig.

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Die Reise, o jemine, wenn’s nur erst so weit wäre!
Mathes und Peter vergaßen die Esel, die beschmutzten Handschuhe, die
zerrissenen Hösle, alles, und plötzlich stimmten sie, nicht gerade sehr
lieblich, ein Lied an, das Gundel ihnen zur Freude und Übung wohl schon
zwanzigmal vorgesungen hatte.
„Wir reisen in die weite Welt,
Juchheissassa!
Wir haben einen großen Beutel Geld,
Juchheissassa!
Mit Stock und Hut
Und frohem Mut,
Mit ’nem großen Reisesack
Huckepack
Geht’s in die Welt hinaus,
Juchheissassa!
Haben wir genug, kommen wir wieder nach Haus.
Juchheissassa!“

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Zweites Kapitel.
Eine Reise, die keine Reise ist.

A m nächsten Morgen hing den Sternbuben der Himmel voller Geigen.
Es bekümmerte sie kein bißchen, daß es draußen regnete, plitsch,
platsch, immerzu. Sie merkten auch nichts davon, daß unter den Geigen am
Himmel etliche dicke, brummige Baßgeigen waren, bereit, ihnen mit
Gebrumme und Gesumme auf den Kopf zu fallen. Beim Aufstehen
schwätzten sie, als müßten sie an diesem Tage eine Million Wörter und
etliche darüber verbrauchen, und sie merkten gar nicht Minas
Jammermiene, als die in das Zimmer trat. Gleich ein Dutzend Fragen auf
einmal purzelten Mina entgegen, doch die gab darauf keine Antwort,
sondern sagte knurrig: „Seid still, schreit net so, Gundele ist krank. Der
Hals tut ihr weh, das kommt von dem dummen Herumgestehe auf dem
Gäßle.“
Plumps! da lag die erste Brummgeige am Boden.
Gundele krank! Ja, das ging doch gar nicht an! Die Buben mußten doch
auf dem Schulweg mit der sanften Schwester von der Reise reden; dies war
doch das Allerwichtigste auf der ganzen Welt!
Just in diesem Augenblick krabbelte dem Peter ein Nieser ins Näslein,
und er nieste laut und vernehmlich: haizih! „Ich bin auch krank, ich muß zu
Hause bleiben!“ schrie er.
„Haizih, haizih!“ antwortete Mathes. Bei dem klangen die Nieser etwas
sonderbar, aber er schrie doch gewaltig: „Ich bin auch krank, ich kann net in
die Schule gehen.“
„Wir unterhalten Gundele!“ schlug Peter vor.
Aber so ein paar Nieser machten auf Mina keinen Eindruck. Die sagte
kaltblütig: „Wer krank ist, muß ins Bett und Süpple essen, nur Süpple. Na,
und mit der Reise wird es dann wohl nichts werden.“
Haizih! Peter nieste vor Schreck gleich noch einmal, aber er rief doch
sehr flink: „Ich bin net krank, pah, ein Schnüpfle ist net schlimm!“

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„Na denn marsch in die Schule! Gundele laßt ihr jetzt in Ruh, die soll
noch schlafen!“
Die Buben seufzten schwer, aber sie wagten kein Widerwort, denn mit
Mina war schlecht verhandeln an diesem Morgen. Dies merkten sie schon.
Ein paar Minuten später trabten sie der Schule zu, und sie hielten dabei
Ausschau nach den Kameraden. Auch nach Herrn Häferleins Laden
schielten sie hinüber, vielleicht stand der freundliche Kaufmann an der Türe
und war zu einem Schwätzlein bereit. Doch niemand ließ sich blicken.
Nicht einmal Bäckers Esel ging heute auf der Gasse spazieren, es sah auch
niemand zu einem Fenster heraus. Weil nun die Sternbuben nicht mit
jemand anderm von ihrer Reise reden konnten, redeten sie mitsammen. Sie
taten dies so eifrig, als hätten sie sich tausend und einen Tag nicht gesehen,
und darüber vergaßen sie ihren Schulweg.
Bumbum! hub da plötzlich die große Uhr der Marktkirche zu schlagen
an. Lieber Himmel, schon so spät! Der Schreck fuhr den Sternbuben
gewaltig in die Beine, sie begannen zu rennen und rasten mit gesenkten
Köpfen vorwärts, weil sie meinten, es ginge so schneller. Auf einmal
stießen sie aber dabei auf ein unerwartetes Hindernis. Jemand stellte sich
ihnen entgegen, breitete die Arme aus und sagte gemütlich: „Euch laß ich
net vorbei, ihr rennt sonst noch das Kirchtürmle um.“
Die Butterfrau Greinle, die allwöchentlich die Butter in den Silbernen
Stern brachte, war es, die die Buben aufhielt. Sie wollte ein Späßle machen
und dachte nicht an die Schule. Und weil Frau Greinle ein bißchen
schwerhörig war, verstand sie auch nicht gleich, was Mathes und Peter ihr
zuriefen. Die große, dicke Frau hielt die zappelnden Büblein fest und sagte
neckend: „Euch nehm ich mit, euch kann ich gut zur Kartoffelernte
brauchen.“
„Schule!“ schrie Mathes, und Peter kreischte: „Wir müssen rein, wir
müssen rein!“
„Lieber Himmel, Frau Greinle, was machen Sie denn da!“ klang’s von
der Schultreppe her. „Lassen Sie doch die Buben los, es hat ja schon
angefangen!“ Der Schuldiener Hupp rief das sehr laut, und diesmal verstand
es Frau Greinle, und sie gab erschrocken die Buben frei, die heulend die
Treppe emporhasteten. Oben blieben sie aber stehen und klagten: „Jetzt
kriegen wir ’n Strichle, huhuuuh!“
Schuldiener Hupp, der viel zu gut zu allen unnützen Buben und Mädeln
war, tröstete die beiden Schelme. „Ich sag’s eurem Lehrer, nun geht nur!“

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„Ich werd’s sagen!“ Trapp, trapp, kam die große, dicke Butterfrau die
Treppe empor, und da rannten die Buben erschrocken hinein, denn der
Gedanke, von Frau Greinle begleitet in die Klasse zu treten, war ihnen sehr
unangenehm. Sie ahnten schon, sie würden ausgelacht werden, und sie
wurden wirklich ausgelacht. Ihren Kameraden erschien die Geschichte sehr
spaßhaft, selbst der Lehrer lächelte ein wenig, er meinte aber doch: „Etwas
spät scheint ihr aber doch gekommen zu sein.“
Mathes und Peter sahen sich an, eigentlich war’s doch gut gewesen, daß
Frau Greinle sie aufgehalten hatte, denn nun kamen sie ohne Strich oder
Nachsitzen über das Zuspätkommen hinweg.
Aber ach, von den dicken Brummgeigen am Himmel purzelten an diesem
Tage doch noch etliche auf der Sternbuben Köpfe. Sie hatten über der Reise
vergessen, ihre Ranzen richtig zu packen, das Lesebuch fehlte, und Peters
Schreibheft war nicht zu finden, auch hatten beide ein falsches Gedicht
gelernt, und dies konnten sie noch nicht einmal, und in der
Geographiestunde warfen sie beide die Länder, Meere, Städte und Flüsse
durcheinander wie Nüsse in einem Säcklein. Lobstriche gab es darum nicht
an diesem Tage, und Mathes und Peter rutschten gerade noch so knapp am
Nachbleiben vorbei, und sie zogen nach der Schule recht bedrückt heim.
Der Regen hatte nachgelassen, aber Gundel lag immer noch im Bett. Sie
war zwar nicht sehr krank, aber die Mutter gebot doch: „Ihr Buben bleibt
draußen, Gundel muß Ruhe haben.“
Dies war sehr betrüblich, denn die Buben hätten himmelgern mit der
Schwester geschwätzt und hätten mit ihr Reisepläne geschmiedet, auch
machten ihnen die Schularbeiten wenig Spaß ohne Gundels Hilfe. Sie
wollten schon das Arbeiten vergessen, als ihnen noch zur rechten Zeit
einfiel, nur wenn sie bis zuletzt fleißig waren, durften sie reisen. Darum
setzten sie sich gleich nach dem Mittagessen hin und arbeiteten ganz brav
und emsig. Mina, die es sah, sagte zu Käthle: „Wirklich, unsere Buben sind
jetzt arg fleißig, an solchen Tagen haben sie sonst immer ein Dummheitle
gemacht, und heute hört man sie kaum.“
An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie
mal ihre Nasen von den Büchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes
wußte, Peter denkt an die Reise, und Peter wußte dies ebenso von Mathes.
Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da
jemand, der reisen will, einen Koffer haben muß, dachten die Buben auch
an den Koffer. Sie hätten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und

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blitzeblank gewesen wäre, doch ihre Mutter meinte, zwei Büble wie sie
brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden würde schon noch ein
Köfferlein stehen, das gut genug für sie wäre.
Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina
hatte keine Zeit, auch sagte sie: „Das hat noch gute Wege; ehe ihr reist,
rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein paar Tage
auf dem Boden bleiben.“
Mina, die nie reiste, wußte eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah
ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und ließ die Buben stehen. Doch die
dachten, pah, ein Köfferle können wir uns allein vom Boden holen! Und
weil gerade niemand auf das Schlüsselbrett achtete, an dem alle die großen,
dicken Schlüssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte Bund,
und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.
Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken
und Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei
geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten.
Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da
untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht
weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke und
Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine
große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein; namentlich
die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen gestickt waren,
fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein und Tasche zu
wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später mit Köfferlein
und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang streichen.
Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und
in der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und
kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden
bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die
wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei
verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das
Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und Steffen
Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön wären Tasche
und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit als gar nicht.
„Sternbuben, wo soll’s denn hingehen?“ Vor den Kindern blieb ein
kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom
Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das

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Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder
neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann
selbst so herzhaft darüber lachen konnte.
„Nach Leipzig fahren wir,“ schrien die Sternbuben stolz.
„Jemine, jetzt gleich?“
„Ja freilich, jetzt gleich!“
„In einer halben Stunde geht der Zug!“ rief Veit.
„Jemine, da müßt ihr euch aber eilen!“
Die Kinder lachten, und das Bäckerfräulein regte sich auf. Es gehörte
nämlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie könnten zu spät auf
die Bahn kommen. „Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt ihr
fahren?“ Das Bäckerfräulein sah so ängstlich drein, daß den Kindern ihre
Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr lustig,
so auf der Löwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen, mit
dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzählen
alles.
„Sputet euch nur, sputet euch nur!“
Die Kinder rannten wirklich die Löwengasse hinab, und das
Bäckerfräulein winkte und nickte ihnen noch zu, wünschte glückliche
Reise, eine gute Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch
mehr. „Wir wollen auf den Bahnhof gehen,“ riefen sie.
„Ha, fein!“ Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs
marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein
Spaß! Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen
sollte, und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: „Wir reisen nach
Leipzig, jetzt gleich!“
Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Züge hielten da nicht,
und die großen Schnellzüge fuhren immer sehr hochmütig an dem
Städtchen vorbei, und nur die Bummelzüge ruhten sich behaglich ein
Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Löwengäßler
auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemächliches Zügle da, und seine
Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: „Kommt mit, liebe Leute, kommt,
kommt!“
O die Glücklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnsüchtig sahen die
Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wären gern alle miteinander in den
Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!

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„Macht doch, daß ihr hier wegkommt!“ brummte der Beamte an der
Sperre. „Kinder haben hier nichts zu suchen.“
Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man
sich den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der
leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche herum,
vielleicht fand sich doch ein Gröschle, um eine Bahnsteigkarte zu lösen.
Doch das Gröschle — es war längst ausgegeben — fand sich nicht, auch die
Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: „Mal so raus könnte uns
der Schaffner doch lassen!“
Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie
hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu
kaufen. Doch Puppen müssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider
haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier Groschen
waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen — damit kamen vier
Buben auf den Bahnsteig. Sie flüsterte Trinle ihren Plan zu, und obgleich
Trinle auch gern hinausgegangen wäre, sagte sie doch: „Ja, die Buben
sollen gehen.“
Und ein paar Augenblicke später marschierten vier Buben stolz durch die
Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den
Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmütig: „Ich werde
Plätze suchen.“
Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse hinein,
klapp! flog die Türe zu, und Trinle und Alette bekamen Grüße zugewinkt.
Sie nickten wieder und riefen: „Gute Reise!“ bis sie sahen, wie der
Schaffner am Zuge entlang lief und die Türen schloß. Da erschraken sie.
„Kommt raus, kommt raus!“ schrieen sie laut.
Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten eiligst
aussteigen. Steffen suchte die Türe zu öffnen, es ging nicht. Veit versuchte
sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die Lokomotive und —
fort ging der Zug.
Die beiden Mädels schrieen verzweifelt: „Sie fahren weg, sie fahren
weg!“
„Brüllt doch net so!“ rief der Mann an der Sperre unwirsch.
„Was fehlt euch denn?“ fragte der Bahnvorsteher milder.
Da erzählten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und
sagte, die Buben müßten Strafe zahlen, viel.
„Aber sie sind doch gar nicht da!“ jammerte Alette.

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„In Himmelsberg hält der Zug schon, bis dahin ist’s ein halbes Stündle,
da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher müssen sie zahlen, sonst
werden sie eingesperrt.“
Das war ein schlechter Trost.
„Aber wenn sie nun immer weiter fahren?“ rief Trinle weinend.
„Dürfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt;
ich bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder
haben auf ’nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.“
Die Mädel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen
ohne die Buben machte ihnen wenig Spaß. Sie beschrieben allerlei Umwege
und gingen um die Löwengasse herum wie die Katzen um einen heißen
Hirsebrei, sie fürchteten die Frage: Wo sind die Buben?
Diese fuhren unterdessen ein Stücklein in das Land hinein, ohne gerade
viel Vergnügen von der Fahrt zu haben. Daß der Zug in Himmelsberg hielt,
wußten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten
vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die
Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es würde bös werden.
Es wurde auch bös. In Himmelsberg öffnete der Herr Bahnvorsteher den
vieren selbst das Abteil, er ließ ein kräftiges Donnerwetter auf die vier
Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die vier
dachten an ihre schlecht gefütterten Spartöpflein, o weh, wenn sie die bis
auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!
Was war da zu tun?
„Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen.“ Des
Herrn Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterböse aus, dabei war aber
doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, daß Steffen, der es sah, ein
wenig Hoffnung schöpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein
begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie
draußen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.
Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, daß, wenn
sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein konnten.
Würde man sie nicht zurückhalten?
Kein Mensch ließ sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die
vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fünf Minuten lang rannten sie und
redeten kein Wörtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: „Ich
hab’ das Täschle liegen lassen!“
Die schöne, buntgestickte Tasche fuhr mit dem Zug in die weite Welt. —

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Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die
Löwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen.
Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen
Tasche.
„Und der Koffer, wo ist denn der?“ fragte Trinle emsig.
„Veit hat ihn!“
„Nein, du hast ihn, Mathes!“
„Ich net!“
„Ich auch net!“
Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das
Köfferle noch gehabt, später auch noch, als sie sich ausgeruht hatten, aber
dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der
Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.
Tasche weg, Koffer weg, was würde die Mutter dazu sagen!
„Ihr dürft vielleicht net reisen!“ Trinle sah äußerst bekümmert drein,
Alette weinte ein bißchen vor Mitleid, die Buben stöhnten, und der
Abschied von der Löwengasse fiel nicht so vergnügt aus wie die
Begrüßung. Die Sternbübles ließen die Nasen hängen, als sie den Silbernen
Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: „Wir sagen’s morgen
Gundele, und vielleicht sagt’s Gundele der Mutter und vielleicht —“
„Wer hat denn heute den Bodenschlüssel gehabt?“ Die Frage dröhnte den
beiden entgegen wie ein Kanonenschuß. Mina stand im Hausflur und sah
sehr grimmig drein. „Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden
gewesen?“
Nun kam alles heraus.
„Die dürfen net reisen!“ rief Mina entrüstet. „Das schöne, bunte Täschle
haben sie verschleppt und ’s Köfferle von ihrem Großvater dazu. Die
müssen daheimbleiben.“
Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von
Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nächsten Tagen noch ein
Dummheitle machten.
„Dann müssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben,“ schalt Mina.
„Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den Kopf,
zwei solche Unnützle, wie die sind.“
Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumütig, sie
würden schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an
diesem Abend mit besseren Vorsätzen in das Bett, als es Mathes und Peter

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Hinz taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht
einmal mehr die Hösle zerreißen, ganz wunderbar sollte es werden. Und
dann schliefen sie ein und träumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine
Lokomotive ins Bett hinein, und das Bäckerfräulein war Lokomotivführer,
und Mathes saß mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in
der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und schrie,
bis er der Mutter Stimme hörte, die beruhigend an sein Ohr klang: „Buben,
aufstehen, es ist Zeit!“
Hurra, wieder eine Nacht vorbei!
„In sechs Tagen reisen wir!“ schrieen die Buben.
„Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht,“ sagte Mina von der
Türe her.
„Pah, wir sind nie —“
Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Köpfe in die
Waschschüsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht
unbehaglich.
„In sechs Tagen reisen wir!“ Die Buben riefen es Gundele zu, der es
wieder besser ging. „In sechs Tagen!“
„Wenn — wenn ...!“ echote da Mina wieder.

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Drittes Kapitel.
Die Ankunft.

E s war sechs Tage später. Auf einem der vielen Bahnsteige des großen
Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ältere der
beiden, die Frau Geheimrätin von Ringewald, sah sehr blaß und traurig aus,
und ihre Tochter Eva bemühte sich, sie durch allerlei lustige Worte zu
erheitern. „Paß auf, Mutter,“ sagte sie, „die beiden Buben werden uns viel
Spaß machen.“
„Ich weiß nicht recht, Eva,“ antwortete die Geheimrätin, „ob es nicht
eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen
anfangen?“
„O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt,“ rief Eva vergnügt,
und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger Frühlingsmorgen. „In das
Museum führe ich sie, in den zoologischen Garten, überall hin, ich freue
mich schon darauf!“
Die Geheimrätin lächelte wehmütig. Sie wußte genau, daß sich ihre
Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung zu
schaffen gedachte. „Mein gutes Kind, du,“ flüsterte sie leise, „wenn ich
dich nicht hätte!“
Die schöne Eva von Ringewald unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der
galt dem großen Leid, das der Mutter und ihr Leben trübte, und sie sagte
tapfer, sich zum Fröhlichsein zwingend: „Jetzt werden sie gleich kommen,
in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter empfangen,
gelt, mein Goldmuttel?“
Die Geheimrätin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die
Sternbübles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und
lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Türen wurden aufgerissen,
Menschen stiegen aus, da und dort ertönten frohe Willkommrufe,
Gepäckträger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war der
Bahnsteig von lautem Getöse erfüllt. Doch alle hasteten, so schnell sie
konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein paar

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Minuten stand die Geheimrätin mit ihrer Tochter nur noch allein am Zug,
dessen Türen ein paar Schaffner schlossen.
„Sie sind nicht gekommen,“ rief Eva traurig.
„Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wären abgefahren.“ Frau
von Ringewald sah sehr besorgt drein. „Wenn ihnen nur nichts zugestoßen
ist!“ sagte sie ängstlich.
„Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben.“ Eva lief noch einmal den
Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil
hinein: „Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?“
Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bänken
zwei Büblein liegen, die so fest schliefen, als lägen sie um Mitternacht in
ihren Betten.
„Das sind sie,“ rief Eva, „ganz sicher, das sind sie!“
Der Schaffner grinste. „Wollen Sie die abholen, Freileinchen?“
„Ja,“ antwortete Eva, „die Beschreibung paßt.“ Und sie rief laut die
Namen: „Mathes, Peter, wacht auf!“
„Rrrrrr“ schnarchte der eine, „pff, pff“ schnaufte der andere.
Der Schaffner lachte. „Na, die haben einen gesegneten Schlaf,“ meinte
er, „die muß man anders wecken!“
Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die
Buben von den Bänken und stellte sie hin. „Aufwachen!“ schrie er.
Da rissen die Sternbübles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so weit
auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd vorkam,
dachten sie, sie träumten noch, und fanden, ausgeschlafen hätten sie noch
nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und Mathes links auf
der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten alle beide weiter.
Ein zweiter Schaffner und ein Gepäckträger waren inzwischen
herbeigekommen, auch die Geheimrätin stand vor dem Abteil, und alle
miteinander lachten über die verschlafenen Büblein.
„Die können’s!“ sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch in
den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide trugen
die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf den Boden,
daß die Sternbübles nun wirklich munter wurden.
Sie gähnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze
Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus. Das
Brüllen nun verstanden die Sternbübles ausgezeichnet. Daheim in
Breitenwert, in der Löwengasse, sagten die Leute nicht: „Der brüllt wie ein

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Ochse,“ sondern: „Der brüllt wie die Sternbübles,“ wenn jemand zu arg
schrie.
Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter
sah den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist:
Ich kann’s noch lauter.
So ein mörderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von
Leipzig nicht gewöhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der
Zeitungsmann, einer, der Früchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und
alle fragten sie: „Was ist los, was fehlt den beiden?“
Eva versuchte die Buben zu trösten. „Seid doch ruhig!“ bat sie. „Ihr seid
ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!“

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Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.
„Mit denen muß man deutsch reden,“ brummte der erste Schaffner. Und
plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an:
„Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die
Lokomotive!“

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Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still
waren sie beide.
„Endlich!“ sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den
beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo sie
hergekommen sind!
Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu
denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz
zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten Tag
und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub und
Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich
sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter waren
so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive gesteckt.
„Na, nun kommt nur!“ sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über
den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an
der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden, und
so gelangten sie alle an die Sperre.
„Eure Fahrkarten,“ mahnte Eva, „die müßt ihr hier abgeben.“
Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft,
die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die
beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten zu
verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt beide wie
aus einem Munde: „Die Fahrkärtle können wir net zeigen.“
„Aber ihr müßt sie doch abgeben!“ rief Eva.
„Nur heraus damit!“ sagte der Beamte an der Sperre. „Schnell, schnell,
ich mache hier gleich zu!“
„Die Fahrkärtle wollen wir behalten,“ behaupteten die Buben ganz
unverzagt.
„Nein, die müßt ihr abgeben, sonst — sonst —“
„Kommt ihr in die Lokomotive,“ half der Schaffner Eva, die nicht wußte,
was sie den Buben androhen sollte.
Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden
nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da waren
die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte ein wenig
den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: „Na, euch merkt man’s an, daß
ihr noch nicht viel gereist seid!“
„Viel Vergnügen in der großen Stadt!“ rief ihnen der Zeitungsmann noch
spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so

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fröhlich und freundlich: „Danke schön!“ daß Frau von Ringewald dachte,
sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!
Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren
vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt
eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.
Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!
Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn
gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie
gleich recht viele auf einmal.
Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die
rannten alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es
irgendwo brannte oder sonst etwas los war.
Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts,
nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und
ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke drin
hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts zu
kommen!
Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten
Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los.
Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles
wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und als
der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und Eva
sagte: „Hier wohnen wir,“ da ergriff die beiden eine unbeschreibliche
Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief jammernd: „Ich möcht’
heim!“
„Ich auch,“ schrie Peter nicht minder ängstlich.
Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof,
und sie sagte rasch: „Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß
hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!“
Das war ein Wort!
Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber
vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem
Wagen.
Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer
Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes
und Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die

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Schwelle stolperten, brummte Hulda: „Na, die sehen aus, als machten sie
lieber zehn Dummheiten als eine.“
„Aber Hulda!“ sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. „Die Buben sind
so nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher
nicht viel Mühe machen.“
„Naaa!“ Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim
Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.
Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war,
und zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite
des Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus
gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten,
recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer
darin.
„Erst mal waschen!“ sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände
gar nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles
schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei
Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter
dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.
„Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,“ erklärte Hulda, als sie sah,
wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. „Aber erst
wird gewaschen.“
Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige
Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am
hellichten Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei
wundersamen Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht.
Kaum also hatte Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum
Schrank hin, um dessen Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der
Schrank verschlossen, und Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als
ihre Nasen an die Scheiben pressen und alles von außen ansehen.
Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und
Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als Hulda
wieder in das Zimmer trat. „Jemine,“ schrie die, „ihr seht ja immer noch
wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den Schrank habt ihr
ja ganz beschmiert! Ich dacht’ es mir gleich, mit euch beiden kommt nur
Ärger ins Haus.“
Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda
gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. „Jacken aus,“ befahl

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sie grob, und dann strählte und striegelte sie an den Buben herum, daß
denen wirklich Hören und Sehen verging. Da war Mina daheim im
Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob faßte
sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen Hulda ihr
Besuch war. Buben konnte die nämlich kein bißchen leiden, sie behauptete
es wenigstens immer, meinte, die wären alle unnütz, und seit Frau von
Ringewald die Sternbübles eingeladen hatte, war Hulda immer in einer sehr
unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das Stubenmädchen Ida
krank, also mußte Hulda allein für die Gäste sorgen. Wohl wurde es denen
nicht dabei, und am liebsten wären sie eiligst entwischt.
Sie folgten ganz verdattert dem Mädchen ein paar Minuten später in das
Speisezimmer, in dem die Geheimrätin und Eva auf sie warteten.
Das Zimmer war groß und schön eingerichtet. Ein reich geschmückter
Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber zu dem
Tische zu gelangen, mußten Mathes und Peter über spiegelblanken Boden
schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewöhnt. Sie
taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.
Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda
wehrte sich, und klatsch, saßen sie alle drei auf dem Boden, und die Teller
und Gläser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.
Die Geheimrätin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda
schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren viel
zu verdutzt dazu.
„Ich sag’s ja, ich sag’s ja, die Bengels bringen nur Verdruß ins Haus!“
zeterte Hulda und sah die beiden so bitterböse an, daß denen himmelangst
wurde. Sie dachten gerade, es wäre vielleicht am besten, unter den Tisch zu
kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wußte mit sanften Worten
lind zu trösten, und den Sternbuben kam das blonde Fräulein so holdselig
wie eine schöne Märchenfee vor. Sie standen auf und gingen an ihrer Hand
an den Tisch, und weil Hulda, die sich über ihr Gezeter etwas schämte, nun
auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gäste allmählich auf und gaben
Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz gerieten die
Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafür aßen sie
unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: „Ihr hattet unterwegs wohl gar nichts
mit?“
„Doch, zehn Bröter!“ antwortete Mathes.
„Und viele Äpfel!“ ergänzte Peter.

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„Und Schokolade!“
„Und Zuckerhimbeeren von Herrn Häferlein!“
„Und Kuchen!“
„Und —“
„Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen?“ rief Eva ganz
entsetzt. „Euch wird es übel werden.“
Die Buben rissen ihre Münder weit auf. „Übel wird uns net,“ versicherten
sie, verwundert über Evas Entsetzen. „So arg viel war’s doch auch net!“
fügte Peter kleinlaut hinzu.
„Halt nur jedem sein Rucksäckle voll!“ sagte Mathes.
Eva lachte, und selbst über das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein
fröhliches Lächeln, und ihre Heiterkeit fand das allerfröhlichste Echo bei
den Sternbübles; die lächelten nicht, die lachten so herzhaft, daß sie hin und
her wackelten vor Vergnügen. Sie erfüllten den weiten Raum mit
fröhlichem Lärm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, daß die
Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hörte aber auch
das Lachen nicht; sie saß in der Küche, brummte und knurrte wie ein Bär,
dem es in seiner Höhle nicht gefällt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten
Male zur kranken Ida: „Paß auf, von den Jungen kommt uns Ärger ins
Haus; wenn’s noch Mädel wären, aber Jungen! Was fängt man mit denen
an!“ Und dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb
gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.
Ida lachte. „Hulda,“ rief sie, „wenn Sie keine Jungen leiden können,
warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus
kommt?“
„Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will!“ Damit war
das Gespräch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein
Wörtlein mehr an diesem Abend.

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Viertes Kapitel.
Die Trostbuben.

R eisen, Schmausen und Lachen macht müde. Unversehens trat der
Sandmann hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und
sie waren recht froh, als Fräulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten
schon halb schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht
einmal mehr nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten.
Als Frau von Ringewald ein Weilchen später nachsehen kam, fand sie die
beiden schon im festen Schlaf liegen.
Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: „Ich
wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: ‚Es war
einmal —‘ da schliefen sie schon.“
Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön
waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten
lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.
Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube
geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und seinen
Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?
Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte
zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. „Sei nicht traurig,“ bat sie, „unser
Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!“
„Er muß ja wiederkommen!“ wiederholte die Geheimrätin, und eine leise
Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.
„Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!“ Eva zog die Mutter auf
den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so,
während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter
etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von
dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt
gezogen war.
„Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!“ klagte Eva.

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„Darum durfte er uns doch nicht verlassen!“ Frau von Ringewald hatte
dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen, daß
ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war. Heimlich,
ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.
Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen.
Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von
Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren
wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu
beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger
werden, nichts anderes.
Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen
Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es aus,
dann — Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise — ging
er davon, ohne Abschied.
Es wäre wohl anders gekommen, wäre die Mutter dagewesen. Die erfuhr
nie, was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen
war. Der Konsul schwieg darüber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei
langen Jahren nicht.
Eva tröstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: „Unser Fritz
kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.“
Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang für die
Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gütige Antlitz täglich blässer
werden. Die Geheimrätin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war wie
eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und Freude
absperrt.
Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu müde dazu. Auch
nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch da
die Geheimrätin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie könnte die
Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.
Mathes und Peter Hinz als Trostbübles! Dies Amt ihnen zuzutrauen,
darauf wäre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von
Ringewald die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon
recht, die beiden einzuladen, Mutter wird gewiß ihre Freude an ihnen
haben.
Von ihrem hohen Amt, Trostbübles zu sein, ahnten die beiden nichts.
Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Bröter, Äpfel und

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anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei
Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.
Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule,
dann schliefen sie wenn möglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten
sie in aller Herrgottsfrühe auf. Daheim schalt Mina oft über diese dumme
Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wären in den Ferien am besten im
Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.
Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie
Afrika, wachten sie natürlich sehr früh auf und wußten gar nicht, wo sie
waren.
Sie blickten sich eine Weile höchst verdutzt an, meinten, sie tummelten
sich noch in einem Träumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal
ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu
träumen.
„Wir sind verreist!“ schrie Mathes plötzlich.
Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das
Verreistsein so am frühen Morgen war ihm etwas ungemütlich, er hätte
lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darüber stöhnen und
knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. „Das Schlüssele steckt,“
schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.
Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und
begannen höchst vergnügt seine Herrlichkeiten auszuräumen. Nur mal
ansehen, dachten beide.
Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die
beiden schnell wieder weg; Geduld war nichts für sie, und daheim nahmen
sie diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wußten,
was anfangen. Ein bißchen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds
Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie
verrenkten und verdrehten den Gliederpüppchen die Glieder, und dann
räumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel ihnen
schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei deren
Anblick sie in das hellste Entzücken gerieten. Es waren ein paar Mäuse,
eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog. Ähnliche
Tiere hatten die Sternbübles letztes Jahr zu Weihnachten bekommen, die
hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der Löwengasse herumlaufen
müssen, daß ihnen sehr bald die Eingeweide entzweigegangen waren.

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Die Buben drehten nun flink Mäuse, Hahn und Ente auf. Da krähte der
Hahn und schlug mit den Flügeln, die Ente schnatterte, und die ganze
Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still,
Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaßen über dem Spiel
ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Mäuse wieder frisch
aufgezogen herumrannten, tat sich die Türe auf, und herein spazierte Hulda,
die eine Kanne warmes Wasser brachte.
Eine lebendige Maus wäre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie
es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war höchst frech, die lief
dem Mädchen gerade zwischen die Füße.
Hulda schrie fürchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wäre ein Löwe im
Zimmer, und die Buben, die das Geschrei für Spaß ansahen, lachten laut
und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.
Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz
entsetzlich vor Mäusen fürchtete, hielt beide für lebendig. Klatsch! warf sie
den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.
Draußen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrätin,
Eva, selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglück
sei geschehen.
„Was ist mit den Jungen?“ fragte Frau von Ringewald.
„Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen?“ quiekte Ida, die sich noch
ihren Rock zuheftete.
„Mäuse, Mäuse! Die Bengels haben Mäuse mitgebracht, und nu lachen
se noch!“ Hulda schüttelte ihre Röcke, sie fürchtete, die Mäuse wären an ihr
heraufgekrochen. „Sie beißen, sie beißen!“ stöhnte sie.
„Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen,“ rief Eva. „Hulda,
schämen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfuß, laufen vor ein paar
Spielmäusen davon!“
Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmätze mitten in der
Überschwemmung stehen. Die Mäuse, Hahn und Ente hatten das Laufen
eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel.
Mathes und Peter waren sehr verdutzt über Huldas Davonlaufen. Und als
sie die draußen schluchzen und jammern hörten, denn Evas Wort vom
Hasenfuß hatte die treue Seele bitter gekränkt, dachten sie, das Klagen gelte
dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: „Das Krügle ist net ganz
entzwei!“
„Nur der Henkel ist ab!“ erklärte Mathes.

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„Ein paar Sprüngle hat’s,“ fügte Peter hinzu.
„Und laufen tut es vielleicht auch.“ Eva nahm lachend Mathes den Krug
aus der Hand; sie sah den ausgeräumten Spielschrank, die Tiere in der
Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte: „Spielt
ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei uns nicht
Mode!“
Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie stürzten sich
eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Fräulein Eva mochten sie gewiß
nicht kränken.
Rips, raps, rups — ging es. Mathes zog zwei Strümpfe über ein Bein,
Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlüpfen, und dann schrie
Mathes: „Das sind meine!“ und Peter schrie noch lauter: „Meine sind’s!“
Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen
Puff, und die Hösles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.
„Streitet euch doch nicht!“ Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die
Brüder vor Lachen krümmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie
räumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlüssel ab
und sagte plötzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um ihre
Kleidungsstücke rauften: „So, wer jetzt nicht in fünf Minuten fertig ist, der
bekommt kein Frühstück!“
Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte
Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva führte
sie in das Frühstückszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald schon am
zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee einzugießen,
aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft fliegen will.
Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im
bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ruß der
großen Stadt auf Büsche und Bäume niedergesunken; alles sah ein bißchen
schwärzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete
und sorglich geglättete Wege in dem mäßig großen Garten.
Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da
fragte Fräulein Eva, die sehr stolz auf den grünen Winkel war: „Gefällt euch
unser Garten?“
„Noi!“ riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schüttelten so
heftig die Köpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mißfallen blieb.
„Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schön!“ brauste
Hulda empört auf. „Ihr habt wohl gleich ’nen Park am Hause, he?“

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„Aber Hulda!“ Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie
freundlich: „Was gefällt euch denn nicht an unserem Garten?“
Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen
Gärtchen nicht gefiel, wußten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten eben
nur an die Gärten, die sich daheim hinter den Häusern der Löwengasse
hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und freier.
„Man kann net drin spielen,“ platzte endlich Mathes heraus.
„Er ist so — so fein!“ stotterte Peter.
„Natürlich, für euch zwei ist er zu fein!“ Es war gut, daß draußen die
Flurglocke ertönte und Hulda das Zimmer verlassen mußte, sie hätte sonst
gewiß noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen
wäre. Fräulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur
wehmütig hinab. Ach, was wußten so ein paar dumme Breitenwerter Buben
davon, wie froh ein Großstadtkind über so ein grünes Fleckchen sein kann!
„Erzählt einmal von eurem Garten!“ forderte die Geheimrätin auf,
während sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus für ihre Gäste bestrich.
Von ihrem Garten sollten sie erzählen! Die Sternbuben dachten nach. Am
meisten ließ sich vom Lindengarten erzählen, der ein Räuberschlößle hatte,
und gerade wollten sie den Garten ihrer Freunde preisen, als Hulda wieder
das Zimmer betrat. Die brachte Briefe, und darüber vergaßen Mutter und
Tochter den Garten und ihre Gäste, denn jedesmal, wenn Briefe kamen,
schlugen ihnen die Herzen, sie dachten: Vielleicht ist einer von unserm Fritz
dabei!
Auch Hulda, die schon viele Jahre im Hause war, dachte das, sie blieb
darum mitten im Zimmer stehen und wartete, ob die Geheimrätin oder Eva
nicht etwas sagten. Sie blickte still und fragend zu beiden hinüber, die
Sternbuben aber meinten, Hulda blicke sie so unentwegt an. Das machte sie
arg verlegen, und weil sie nicht recht wußten, wie sie sich helfen sollten,
begannen sie ihre Mussemmeln zu essen.
Nun kümmerte sich daheim im Silbernen Stern, wo es alle immer recht
eilig hatten, niemand viel darum, wie die Bübles aßen. Die pflegten daher
oft von ihren Brötern erst das Mus abzuschlecken und dann das nackte Brot
zu essen, wie das Gundel nannte, die oft über diese Art zu essen schalt.
Schön war es auch nicht, niemand konnte das finden. Daheim hatte Trinle
Grill auch schon mal gesagt: „Ihr seid die reinen Saubarteles!“ was auch
nicht schön war, aber in Breitenwert redete man halt so. Doch kein Mensch
hätte dort so ein ungeheures Geschrei erhoben, wie dies Hulda plötzlich tat.

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Die vergaß Briefe und alles, schlug die Hände über dem Kopf zusammen
und schrie wohl zwanzigmal hintereinander: „Pfui, pfui!“
Mathes und Peter erschraken heftig, und Peter klatschte sich seine
Semmel vor Schreck an die Nase, und da sah er nun aus wie ein rechter
kleiner Schmierfink.
Fräulein Eva, die über einem Brief ihrer liebsten Freundin die kleinen
Gäste ganz vergessen hatte, sah auf und rief auch erschrocken: „Pfui!“
Dieser Ruf des lieblichen Fräuleins bekümmerte die Buben sehr. Mathes
stopfte vor Schreck seine Semmel in seine Tasse, schwapp! lief die über;
Peter wollte dem Bruder helfen, dabei riß er seine eigene Tasse um, und
über den zierlich gedeckten Tisch rann ein braunes Flüßlein.
„Sagt’ ich’s nicht, von denen kommt nur Ärger?“ kreischte Hulda. „Auf,
marsch, raus, ihr Schmierfinken, ihr!“
„Halt!“ Frau von Ringewald legte sacht ihre Hand auf die Huldas, die
eben mit hartem Griff Mathes von seinem Stuhle herabzerren wollte. „Mit
Gästen geht man sanfter um, Hulda, und mit Kindern hat man Geduld.“
Über das feine, traurige Gesicht der Geheimrätin lief ein Lächeln, als sie
den Buben die beschmierten, erschrockenen Gesichter streichelte. „Jetzt
geht mit Eva, die wird euch waschen,“ sagte sie tröstend.
Hulda schwieg muckstill, und Eva stand rasch auf, nahm die Buben an
die Hand und führte sie in das Schlafzimmer zurück. Sie dachte dabei, wie
gut doch Mutter ist, und so gut war sie auch immer gegen den wilden
Bruder. Ist’s möglich, kann der eine so gute Mutter wirklich vergessen?
Mathes und Peter waren die Herzen schwer. Die Patentante gefiel ihnen
so gut, und Fräulein Eva gefiel ihnen so gut, und nun waren sie gewiß alle
beide sehr böse, und weil sie das bedrückte, darum seufzte erst Mathes
schauerlich tief und dann Peter noch tiefer. Da kehrten Evas Gedanken zu
den beiden zurück, und sie fragte: „Warum seufzt ihr denn so?“
„Weil — weil du uns böse bist,“ stammelte Mathes.
„Jaa!“ seufzte Peter.
Eva lachte. „Ich bin schon wieder gut,“ versicherte sie, „wenn ihr jetzt
nur brav sein wollt.“
Bei den Sternbübles wurde sehr rasch aus schlecht Wetter gut Wetter. Im
Umsehen stellten sie das Geseufze ein, und Hulda machte ein ganz
verwundertes Gesicht, als ein paar Augenblicke später die Buben blitzblank
und purzelvergnügt wieder zurückkamen und nun ganz säuberlich und

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manierlich aßen und tranken. Sie benahmen sich so nett, daß Eva nach dem
Frühstück sagte, nun würde sie den beiden die Stadt zeigen.
„Mit ’nem Schutzmann als Begleiter, sonst bringen Sie die beiden doch
nicht heil und ganz wieder zurück,“ brummte Hulda.
Aber weder Eva noch die Sternbuben taten, als hörten sie Huldas
Unkenruf. Eva sagte: „Nun macht euch fein, ich tue das auch; in einer
Viertelstunde gehen wir.“
Und schon nach fünf Minuten standen Mathes und Peter im Flur. Sie
hatten sich äußerst fein gemacht, Alettes Handschuhe hatten sie angezogen
und Trinles Tüchle in ihre Brusttaschen gesteckt, und sie waren ein bißchen
geärgert, als Fräulein Eva darüber lachte und meinte, dies alles wäre nicht
nötig.
„Man sieht ihnen eben die Kleinstädter an der Nasenspitze an.“ Das war
Huldas letztes Wort, das den Spaziergängern noch nachhallte. Es kränkte sie
aber nicht, denn draußen sagte Eva: „Wir fahren nun zuerst mit der
Elektrischen in die Stadt hinein; flink, dort oben hält sie, und ich höre sie
schon klingeln!“
Da liefen die Buben wie zwei Windhunde und vergaßen Hulda und ihren
Zorn. Zum erstenmal in einer elektrischen Bahn fahren, das war doch noch
eine Sache!

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Fünftes Kapitel.
Verloren und wiedergefunden.

M anchmal ist doch so eine elektrische Bahn recht boshaft. Da klingelt
sie freundlich und einladend, tut, als würde sie warten und jeden
mitnehmen, und wenn dann einer denkt: Ha, die erreiche ich noch! dann —
schwuppdiwupp! saust sie ihm an der Nase vorbei.
Genau so erging es Fräulein Eva, Mathes und Peter an diesem Morgen
mit der bösen Elektrischen. Nun war das ja nicht weiter schlimm, denn sie
hatten alle drei keine Eile. Fräulein Eva wollte auch gerade sagen: „Die
nächste Bahn kommt bald,“ als sie die beiden Buben heidi! dem Wagen
nachrennen sah.
„So dumm!“ dachte Eva und rief, aber den Buben schienen die Ohren
zugemauert zu sein, und es blieb ihr nichts weiter übrig, als den Ausreißern
nachzurennen; die konnten ja in der wildfremden Stadt wer weiß wohin
laufen! So rasten denn alle drei eine Weile die lange, stille Straße entlang,
und da die Sternbübles flinke Beine hatten, hätte Eva sie sicher nicht
erreicht, wenn ein daherkommender Mann die beiden nicht festgehalten
hätte. Und der ließ nicht los, soviel die beiden sich auch wehrten,
strampelten und zappelten. Als Eva herankam, rief er ihr entgegen: „Ich
hab’ sie. Na, die haben wohl was Nettes ausgefressen?“
Eva, die ganz atemlos war, erzählte, der Mann lachte über die dummen
Kleinstadtbuben, und die schämten sich entsetzlich. Und just da sauste
ihnen allen eine zweite Bahn an den Nasen vorbei.
„Seht ihr, wäret ihr stehengeblieben!“ Der Mann sagte es, und Fräulein
Eva sagte es, und Mathes und Peter senkten reumütig die Nasen, und dazu
ärgerten sie sich gewaltig, denn der Fremde sagte noch, ehe er sie losließ:
„Mit denen nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Die sehen aus, als
machten sie an jedem Tag drei dumme Streiche und am Sonntag sechs!“
O, wie nur jemand so reden kann!
Die Buben waren tiefgekränkt, und ganz still stiegen sie, als nun endlich
wieder eine Bahn kam, hinein und saßen feierlich und steif auf ihren

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Plätzen.
Ein bißchen wirbelig wurde ihnen dabei zumute. Die Bahn fuhr durch
viele, viele Straßen, und alle hatten sie hohe Häuser; wie die Löwengasse
daheim sah keine Straße aus.
Endlich stiegen sie aus. Auf einem freien Platz war es, der ein wenig
einem Ameisenhaufen glich, so viele Menschen liefen da hin und her,
Wagen rollten, die Schaffner der Bahnen klingelten, und die Buben wußten
gar nicht, wohin zuerst schauen.
„Der Platz heißt der Augustusplatz,“ sagte Fräulein Eva, die den kleinen
Gästen alles recht genau erklären wollte.
„So heißt Herr Häferlein,“ rief Mathes, froh, daß er an Breitenwert
denken konnte.
„Wer?“ fragte Eva erstaunt.
„Herr Baldan auch,“ sagte Peter. Und vielleicht hätten beide noch alle
Breitenwerter Auguste aufgezählt, wenn nicht ein Mann sehr grob
geschrieen hätte: „Platz da, ihr dummen Bengels!“ Und puff! bekam
Mathes einen Stoß und Peter einen, und Fräulein Eva zerrte rasch die
beiden vom Fahrdamm herab. „Hier darf man nicht stehen bleiben,“
erklärte sie erschrocken und ging ein paar Schritte über den Platz hin.
„So, nun seht euch einmal um! Dort drüben, das ist unser Museum.“
In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wußten
nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber
dahin, wohin Fräulein Eva blickte, und da sahen sie einen großen Brunnen,
hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schön geziert. Die Wasser sprangen
lustig aus vielerlei Röhren, und die Buben meinten, ein Springbrunnen
würde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen daher vergnügt:
„Das ist fein, arg fein!“
Die Freude der Buben freute Fräulein Eva, denn sie liebte es sehr, in das
Museum zu gehen. Sie versprach darum: „Morgen oder übermorgen gehen
wir zusammen hinein.“
„Kann man das?“ Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wußte
auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.
„Natürlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen
hinein.“
„Muß man da Badehösle anziehen?“ forschte Mathes, dem die Sache
doch sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch
daran, in einen Brunnen zu steigen.

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„Ba—dehösle?“ Nun schaute Fräulein Eva aber verdutzt drein. Sie
schüttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinüber, und
da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser glitzerten
in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. „O ihr Dummerles!“ rief sie.
„Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und wir wollen zusammen in
den Brunnen steigen?“
Weil Fräulein Eva lachte, lachten die Bübles auch; sie taten es sehr
herzhaft und laut, und ein paar Vorübergehende lachten mit. Unter ihnen
war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast ärmlich gekleidet. Der blieb
plötzlich stehen und sah unverwandt zu dem fröhlichen Mädchen und ihren
kleinen Begleitern hinüber. Und als die nun in die Grimmaische Straße
einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet, folgte er
den dreien.
Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklären, was eigentlich
ein Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hörten nicht. Die
sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen
Straße! Den Sternbübles war es zumute, als wären sie in ein buntes
Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut und
nachdrücklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut.
Einmal schrie Mathes: „Peter, guck!“ Dann schrie Peter: „Mathes, guck!“
Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern
fest, drückten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die
Vorübergehenden an, ließen sich selber ein paarmal umrennen, und sie
wären gewiß noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Fräulein Eva sie
nicht fest bei den Händen genommen hätte. Es war freilich schwer, in dem
Straßengewühl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorübergehender schalt
über das Breitmachen. Aber schließlich kamen doch alle drei auf dem
Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und sie
wollte eben ihren Schützlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren
Namen rief.
Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich
die Breitenwerter Gäste ansehen. Das hübsche, lustige Mädchen redete
freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das sie
sahen, so verwirrt, daß sie nur karge Antworten gaben.
„Seht euch ein bißchen um!“ rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer
Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mädchen schwatzten
zusammen, und die Sternbübles standen auf dem Marktplatz von Leipzig

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und sahen sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte
einer schon seine besondere Freude haben. Aber schöne Häuser waren den
Buben noch recht gleichgültig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen
Gefährte aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal
etwas ganz Wunderbares. Eine der vielen Straßen entlang, die alle auf den
Marktplatz einmündeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter
bislang nur aus Bilderbüchern kannten.
Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein
Schokoladenplätzchen.
Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hörte
es, aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzählte, und
da sagte sie nur: „Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Straße!“
Patsch! waren die Bübles still, merkwürdig still sogar.
Eva hörte kein Wörtlein mehr von ihnen, und darum vergaß sie die
beiden über dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider
aber vergaßen Mathes und Peter ihre Beschützerin auch. Schon ihr Gebot,
stille zu sein, hatten sie kaum noch gehört, sie dachten nur an den Neger
und sahen nur den.
Dieser, der eine rote Mütze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf
dem großen Meßplatz Türsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war
es in Leipzig auf dem Meßplatz meist sehr stille, also konnten
Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im
Frühling und Herbst alljährlich Messe war, erstaunten die Leute nicht
sonderlich, wenn Meßleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien
niemand etwas Besonderes zu sein, niemand riß darum den Mund so
sperrangelweit auf, wie es die Sternbübles taten.
Als der Neger in eine Seitenstraße einbog, hatten sie nur den einen
Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und
sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen
einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht
starren konnten.
Der gute Neger nun war das Anstaunen gewöhnt, die beiden Buben aber,
die so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lästig. Er rollte
seine Augen, zeigte seine weißen Zähne und rief auf einmal mit rauher
Stimme: „Fort, ich fresse euch!“
Die Vorübergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken
ungeheuer; sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurück. Ein paar Leute

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blieben lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes
und Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.
Heidi, husch! ging es die Straße entlang. Einer lief hinter dem andern her,
aber statt zurück rannten sie vorwärts, sie kamen an eine Querstraße, liefen
die entlang und wären wohl noch wer weiß wohin gelaufen, wenn sie nicht
über eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem Torweg ablud, gestolpert
wären.
„Himmeldonnerwetter! Nä, ihr Bengels, gennt ihr denn niche sähen!“
schalt der. „’ne Kiste ist doch nich ’n Wassertroppen, den man nich sieht!“
Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen spürten sie es, daß
die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie sich
geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso verwirrt um.
Wo waren sie eigentlich, und wo war Fräulein Eva?
Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die
beiden, nur der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste
abmühte, brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der
beiden sah, fragte er gutmütig: „Nä, warum seid er denn erst gerannt wie ’n
baar Bürstenbinder und steht nu da wie ’n baar Esel im Tanzsaal?“
„Der — der Mohr wollte uns fressen!“ stotterte Mathes, und Peter redete
ihm nach: „Ja, er wollte uns fressen!“
„Herrjeses!“ Der Fuhrmann lachte dröhnend auf. „Nä, so was! Bei uns da
laufen doch die Menschenfresser nich auf der Straße herum! Hört mal, ihr
seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?“
Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmütig dreinsah, faßten die
Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drängten sich an ihn heran und fingen an,
ihm ihr Abenteuer zu erzählen. Leider erzählten sie etwas durcheinander,
und der Fuhrmann wußte nicht recht, wie er Fräulein Eva von Ringewald
und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er nicht, warum
Peter immer versicherte, Hulda würde böse werden.
Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: „Die sind wohl alle von
der Messe, und ihr gehört wohl auch dahin?“
Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe
war, und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem
Finger an seine Stirn und brummelte: „Da rappelt’s wohl? Geht mal lieber
heim zur Mutter!“
„Das ist zu weit,“ schrieen alle beide erschrocken, und Peter fügte
klagend hinzu: „Wir sind doch auf Besuch, und Fräulein Eva ist doch mit

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uns spazierengegangen!“
„So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste
rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?“
Da kam Mathes ein Gedanke. „Auf dem Marktplatz steht sie,“ schrie er
aus Leibeskräften, als wäre der Fuhrmann ganz taub.
Der schrak ordentlich zusammen. „Nä, ihr Schafsköppe,“ murrte er
endlich, „wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich
spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon ’n Stück. Da geht mal die
Straße immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un
am besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf den
Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva ’nen scheenen Gruß, un ihr wäret
viel zu dämlich, um alleine zu laufen.“
Nach dieser überaus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann
seine Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig
davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er hatte
ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. —
Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schützlinge
gemerkt. Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden
um. Aber alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu
sehen. Sie lief die Straße zurück, durch die sie mit den beiden gekommen
war, denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor
dem standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.
Eva fragte ängstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht
gesehen. Nun rannte sie in eine andere Straße hinein, fragte dort wieder
einen Schutzmann. Doch der wußte auch nichts von den Verschwundenen.
Da kehrte sie zum Marktplatz zurück, lief auf und ab in immer
wachsender Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden könnten
vielleicht heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn
jemand in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste
Hoffnung. So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte
sich in einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen
eine Stimme redete: Sie sind nicht da, können nicht den Weg gefunden
haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewiß sitzen sie zu Hause,
sicher ist es so.
Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf
die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete, entgegen:
„Sind sie da?“

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Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. „Besuch ist nicht
gekommen,“ brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie
aufgeregt: „Herrjee, die Jungen sinn weg!“ Und ordentlich stolz über ihre
eigene Klugheit fügte sie hinzu: „Das hab’ ich doch gleich gesagt, mit
denen geht’s schief!“
Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit
zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche
einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas verstörtes
Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: „Die Kinder sind weg, die
uns anvertrauten Kinder?“
Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf
einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: „Ich
lauf’ zur Polizei,“ und wupps! war sie weg.
In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang,
und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren,
obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach, sprang
auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der zu
schimpfen anfing, sagte sie gelassen: „Schimpfen Sie nur nicht, uns sind
zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so ’n bißchen
Gestoße!“
Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: „Jungen sind
verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?“
Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich
sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den
Sternbuben, und daß sie auf einmal — haste nicht gesehen! —
verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und
Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die
wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die
reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der
dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: „I du meine Güte, die müssen
Haue haben, wenn sie gefunden werden!“
„Die dürfte man gar nicht einladen,“ rief eine ältere Frau. „Zwei solche
Rangen im Haus, na, ich danke!“
Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief:
„Wächterstraße!“ Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte, und
sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die Füße und
purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude erreicht hatte,

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stolperte sie über die Schwelle und rief dem wachthabenden Schutzmann
zu: „Sind se da?“
„Ich bin da,“ antwortete der gelassen. „Wer soll denn noch da sein?“
Hulda erzählte und fügte gleich hinzu: „Aber Haue kriegen se tüchtig!“
„Nun, dazu muß man erst die Buben haben!“ meinte der Schutzmann;
„alleweile sind se noch nicht da!“
So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen;
niemand wußte etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.
Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrübt auf den Heimweg,
denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, hätte sie, schon
um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.
Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten würde gewiß
verbrannt sein; da brach sie in Tränen aus, und bitterlich weinend stieg sie
wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch das
hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schürze vor das Gesicht,
schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, daß sie dabei nicht
die Häuser und die Gartenzäune umrannte. Auf einmal aber gab es doch
einen Zusammenstoß. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und
erschrocken ließ sie die Schürze sinken und sah vor sich — die Sternbübles
stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.
Hulda schrie laut vor Überraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte:
„Woher kommt ihr?“ kam Fräulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief:
„Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?“
Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und
Mathes und Peter wußten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten,
darum schwiegen sie und ließen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen
redete zuerst Hulda; die schrie: „Auf der Polizei waren sie nicht.“
„Noi,“ sagte Mathes entrüstet, „wir haben doch nur auf dem Marktplätzle
gestanden!“
„Und dann hat uns der Mann hergebracht,“ erklärte Peter.
„Ja, und ’n Stückle Kuchen hat er uns gekauft.“
„Aber viel war’s net.“ Peter hielt es für besser, das gleich zu sagen, denn
satt war er noch lange nicht.
Weder Fräulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft
zufrieden. Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte:
„Ihr macht die Kinder ja ganz verwirrt, laßt sie einmal erzählen!“

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Da kam es denn heraus, daß Mathes und Peter wirklich den Marktplatz
wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft müssen, aber dann
hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten gewartet
und gewartet und schließlich angefangen zu weinen. Da war ein Mann
gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich gesagt, als
sie nur Evas Namen nannten: „Ach, Eva von Ringewald! Wo die wohnt,
weiß ich, kommt nur mit!“ Er hatte die Buben durch viele Straßen geführt
und ihnen unterwegs, als sie arg über Hunger geklagt, in einem Bäckerladen
ein Stück Kuchen gekauft. Am Anfang der Straße hier hatte er dann
plötzlich gesagt, er müßte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie
könnten nun nicht mehr fehlgehen.
„Wer mag das wohl gewesen sein?“ Mutter und Tochter sahen sich
erstaunt an, und beide forschten: „Wie sah der Mann denn aus?“
„Wie ’n Herr!“ behauptete Mathes.
„Net wie ’n Herr!“ widersprach Peter.
Und mehr wußten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu
sagen. Nur von seiner Freundlichkeit erzählten sie, und daß er sie bereits
auf dem Augustusplatz gesehen hätte, als sie den Springbrunnen
anschauten, den sie für das Museum hielten.
Ein bißchen rätselhaft war die Sache, aber schließlich waren alle im
Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als
Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da
Ida aufgepaßt hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergnügtes Mahl.
Es focht die Buben auch nicht weiter an, daß Frau von Ringewald erklärte,
heute wären sie lange genug draußen gewesen, nachmittags müßten sie in
ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn in Breitenwert
waren sie oft den ganzen langen Tag draußen, und niemand redete davon, es
wäre zu viel. Aber in der großen Stadt war dies wohl anders, und schließlich
war der Spielschrank verlockender als der winzige Garten und die fremde
Straße mit den hohen Häusern. Mathes und Peter sagten darum sehr eifrig,
sie blieben gern daheim, und als Eva sie ermahnte, ein paar Zeilen müßten
sie auch an die Mutter schreiben, erklärten sie: „Wir schreiben ein Briefle,
wir haben’s versprochen.“
Und dann zogen sie nach Tisch vergnügt und froh und sehr tatenlustig in
ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: „Wenn man’s
recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie

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sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich soll’s
nicht wundern.“

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Sechstes Kapitel.
Der böse Brief.

E va hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein
gebracht und sie ermahnt: „Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!“
Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.
Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von
da drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und
Eva saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen
sehen, aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie
vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in ihrer
Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus und
wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: „Erst das Briefle.“
Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als er
die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig.
„Weißt was,“ sagte er, „wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein
Sätzle!“
„Fein,“ erwiderte Mathes, „fang an!“
„Noi, fang du an, du bist älter!“
„Du hast’s gesagt.“
Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den
Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen
könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht, aber
es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den Betten
herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann mahnte
Mathes wieder: „Das Briefle dürfen wir net vergessen.“ Er hatte es nämlich
der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde schreiben.
„Fang an!“ rief Peter.
„Noi, fang du an!“
Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer
zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die
blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie platzen.

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Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann stritten sie
noch kichernd miteinander: „Du hast zuerst gelacht!“
„Noi, du!“
„Du!“
„Du du du!“
Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau
Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz:
„Der Klügere gibt nach. Ich fang’ an.“
„Noi, ich fang’ an!“ Peter wollte nun doch der Klügere sein.
„Ich hab’s zuerst gesagt.“
„Wir wollen losen!“
Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu
Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie
nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen,
falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte einen
fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen sich
höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach ihnen
im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer begann zu
tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf Peter das andere
in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit mehr, Mathes
mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten rosafarbenen Bogen:
„Liebe Mutter!“ „Wir sind hier,“ schrieb Peter darunter, und Mathes fügte
hinzu: „Die Reise war fein.“
„Es geht uns immer gut.“ Peter seufzte über das lange Sätzle, und
Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und
schrieb: „Wir haben uns schon färlaufen.“
„Das erzähl ich,“ schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der
Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das
rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den
Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum,
und Peter schlug vor: „Wir machen Küßle draus.“ Da er die Feder hatte,
schrieb er auch gleich: „Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind
Küßle.“
Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes
kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn etwas
von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also schrieb er

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flink: „Fiele Grüße, und heute hat’s Schokklatenbuhding gegeben. Dein
lieber Sohn Mathes.“
„Fein!“ rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.
Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch
noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch
noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und
kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu
lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen darunter
gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. „Das muß ich schreiben,“ schrie er,
„du darfst es aber net sehen.“
„Doch,“ beharrte Peter, „ich muß es sehen.“
„Erst nachher, halt die Augen zu,“ gebot Mathes, „es wird fein.“
Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den
Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder schrieb,
bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand: „Die Huhldah
hier ist ein äklicher Affe!“
Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen,
und grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter
Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.
„Wir stecken’s schnell ein, das darf niemand lesen.“ Er begann die
Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so viel
sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem Suchen
kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den Herrlichkeiten
darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen, spielten und
spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva kam selbst, die
kleinen Gäste zu rufen, und als sie die Tintenklecksfinger sah, schalt sie:
„Aber pfui, nun flink, wascht euch!“
Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und
während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah sich
Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt, das
Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte: „Fräulein Eva,
sehen Sie nur, wie die’s treiben!“
Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten
mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.
Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas
Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe

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erblickte! Da rief Hulda schon: „Nä, und der gute weiße Tisch, so viele
Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!“
Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man
doch nicht, die kommen von selbst!
Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an
der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.
Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her:
„Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!“
„Net lesen!“ schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: „I wo, so was
tut man doch nicht!“
Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie
legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa, tat,
als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu den
Briefen hin.
„Net lesen,“ schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß
Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: „Was steht
denn so Geheimnisvolles drin?“
„Ich leg’ die Wische nur zusammen,“ brummelte Hulda, aber sie hielt
dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und
plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch
das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.
Doch das Unglück war schon geschehen.
Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf
den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: „Mit den Bengels, Fräulein
Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe
nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se
schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals
nich jemand so geschimpft!“
Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen
Bübles: „Was habt ihr getan?“ fragte sie traurig.
Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen
sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen wütend;
warum war Hulda auch so neugierig gewesen!
„Gebt mir einmal den Brief her,“ sagte Eva, die nicht einmal so recht
verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.
Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und
weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er

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ehrlich: „Ich war’s, ich hab’s geschrieben.“

„Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,“ rief Peter
eifrig, denn ihm war’s zumute, als hätte er den schlimmen Satz
mitgeschrieben.
Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. „Jetzt trocknet euch ab, dann
räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,“ gebot sie kurz.

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Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben ihr
bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!
Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie
lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde hatte sie
den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden sein, ach, das
war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten sie ins Haus,
mehr nicht.
Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am
Kaffeetisch, als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal
wie so oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den
verlorenen Sohn. Wo war er, lebte er noch?
Da legte ihr Eva Mathes’ Brief auf den Tisch. „Lies, was die beiden
wieder angerichtet haben; Hulda hat’s gesehen und ist wütend. Sie sind
doch arg unnütz die beiden.“
Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein
sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. „Es sind halt Kinder!“ erwiderte
sie. „Erzähle einmal, wie kam’s, daß Hulda den Brief gelesen hat?“
Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es
wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: „Und meine
Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?“
„Ein bißchen, ja,“ bekannte Eva. „Ich habe sie mir artiger vorgestellt und
dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.“
„Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben
denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie
reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch
unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na,
und heute früh?“
Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter
unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte
zärtlich: „Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen
gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.“
Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen
anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz
freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem
Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate
hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das
klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um

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Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief
schreiben wollten.
„Ja,“ rief Mathes eifrig, „ich schreib ihn.“
„Das feine Bögle!“ Peter sah bedauernd drein. „Wir streichen’s durch.“
„Das geht auch!“ Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das
schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie
eine Gewitterwolke daherkam. „Den beiden tut’s leid, was sie geschrieben
haben, Hulda,“ sagte Frau von Ringewald, „und sehen Sie, es ist
durchgestrichen.“
„Hm!“ Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie
sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie
sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte
ihnen: „Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend ’ne
Geschichte wird’s schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring’ ich den
Kaffee!“
Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als
wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr
gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst
friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb die
Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten Straßenecke gehen
und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von diesem Ausgang
schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: „Nachher spielen wir zusammen.“
Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald
saß dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie
Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu
suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine
Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem
rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf.
Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil sie
nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.
Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht
so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über dies
und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und seufzte: „Bin
müde.“
„Weißt was?“ schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.
„Wa—aaas denn?“ Peter gähnte schauerlich.
„Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie —“

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„Nuuu!“ Peter pustete laut, er war eingeschlafen.
„Nun sag’ ich’s net,“ knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen
und schlief auch ein.

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Siebentes Kapitel.
Gartenfreundschaft.

A m andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und
wer ausgehen wollte, fragte sich: „Nehme ich nun einen Regenschirm
mit oder nicht?“
Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen
höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei
Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust
und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher
nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem
Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: „Seid stille, Mutter fühlt sich
nicht wohl.“
Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank
war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch
nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und
blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.
„So schlimm ist es nicht,“ sagte die Frau Pate linde, „kommt nur her und
sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.“
Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde
es an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das
riesengroße Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger
Völkerschlacht erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes
Bilderbuch sein sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte
nicht weggehen, ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen,
sie möchten sich etwas im Garten umschauen.
Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen
ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und durchschritten
ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle Winkel hinein,
und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab. Erst die Bäume,
dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur einen einzigen
Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

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So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere
Kerle!
Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer
Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen
beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie
enttäuscht: „Es hängt nichts dran.“
„Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem
Weihnachtsbaum?“ fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.
Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen
sie zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr
spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar
Hampelmänner. „Was macht ihr denn da?“ fragte die eine, die eine rosa
Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.
„Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?“ fragte die
andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.
„Noi!“ riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.
„Nein, wie ihr sprecht!“ Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde
fragte weiter:
„Woher seid ihr denn?“
„Aus Breitenwert.“
„Aus —?“
„Breitenwert,“ wiederholten die Buben laut.
„Den Ort gibt’s gar nicht,“ rief die Braune hochmütig, „den haben wir
noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist’s ein Dorf?“
„Noi, eine Stadt!“
„Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?“
„Beinahe,“ riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien
ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.
„Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem
fremden Garten?“ Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr
Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.
„Wir sind doch Besuch!“ Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu
werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so
fein geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die
beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem
Geschäft gesehen hatten.
„Besuch, bei wem denn?“

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„Bei meiner Pate,“ bemerkte Mathes, „sie hat uns eingeladen.“
„Ist das Frau von Ringewald?“ Die Braune sah auf einmal sehr freundlich
aus. „Die ist reich,“ flüsterte sie wichtig. „Aber wie heißt ihr denn?“
So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann
besannen sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren
die Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen,
was ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.
Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein
Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der
Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer
höher reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.
„Ein Wirtshaus, puh!“ rief die Braune.
„Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!“
Die Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: „Dann
werdet ihr wohl mal Kellner?“
Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte
verächtlich: „Kellnerjungen, Kellnerjungen!“
Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos und
zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein gewaltiger
Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die Blonde an der
rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den Zöpfen der Braunen,
und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die Buben sie tüchtig hin und
her.
Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln
wurde himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.
Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei
sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus einem
der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten hinaussahen. Doch
Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst, und sie ließen ihre
kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben in ihrem Garten in der
Mitte stehen und schalten zornig hinüber: „Pfui, pfui, ihr frechen
Kellnerjungen!“ Und dann begannen sie bitterlich zu weinen; es klang, als
wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie kauerten am Boden nieder
und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben wurde es selbst dabei ganz
wind und weh zumute. So etwas konnten sie nicht vertragen.
„Flennt doch net so!“ riefen sie über das Gitter.
„Ihr — ihr — seid — so — so — grob!“ schluchzten die beiden.

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„Und ihr habt uns geschimpft.“
„Es war doch nicht so schlimm!“
„Doch!“ schrieen die Sternbuben.
„Nein,“ schluchzten die Mädel, „ihr seid doch Wirtshausjungen.“
„Das ist was Feines!“ Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich
schrie er die Mädel an, als wären sie taub. „Bei uns hat schon mal ’n König
gewohnt.“
„Ja, und ’n Herzog und furchtbar viele Grafen,“ fügte Peter hinzu.
Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie
sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. „Wirklich?“
fragten sie.
„Wir lügen doch net!“ Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er
fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. „Fein ist’s
bei uns,“ lobte er, „viele, viele Stuben haben wir, und in einer steht ein Bett
mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin geschlafen.“
„Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und
Birnen,“ rühmte Peter.
Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der Achtung
der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie kannten,
und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das Weinen auf;
mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch unterhalten. Noch
zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher, und die Braune sagte
halb verlegen, halb herablassend: „Erzählt doch mal, wie ist’s denn bei
euch?“
„Na, fein!“ Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein
wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das
Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der
Erinnerung. Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die
Straße, in der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß
war, wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen
Winkel, die da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern
erst! Kein Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die
Spiele, die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.
Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und
lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen plötzlich
wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es wäre, Räuber

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und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: „Wir können’s ja mal zusammen
spielen!“
Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!
„Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr
durch das Haus zu uns,“ riet die Blonde.
„Wir dürfen net auf die Straße.“ Der Vorschlag lockte, aber Mathes und
Peter fanden es doch etwas bedenklich. „Wir klettern über das Gitter,“
schlugen sie vor.
„Könnt ihr das?“ Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht
vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins,
zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann
Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr
Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.
Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, — die
Blonde hieß Irene, die Braune Herta — vergaßen ganz und gar, daß es ihr
allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein
paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.
Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden,
ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. „Recht passen
tut’s net,“ erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz
betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin.
Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in
Breitenwert?
Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: „So wird’s
gemacht und so,“ und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar
Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in
dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe
die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren
kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.
„Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?“ fragte sie verdutzt.
„Über das Gitter.“ Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs
war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben
ein großes Geschrei: „Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!“
Eva lachte. „Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die
Hosen nicht,“ sagte sie, „und verpaßt das Frühstück nicht über eurem
Spiel!“
Das Frühstück vergessen!

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Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken
kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die
Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie
und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene
Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter
kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen,
wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.
Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der
Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem
Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich
dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was
Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer
Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten,
kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten
den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen
beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom
wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber
freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von
Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten,
die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch
naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein
Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.
Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber
als Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer
krank sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen
unmöglich, daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte
heftig seinen Kopf und rief: „Noi, das ist net wahr, ich glaub’s net.“
„Ich auch net,“ schrie Mathes, „ihr flunkert.“
Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen
wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein
Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: „Es ist aber doch wahr!“
„Noi, wir glauben’s net.“
„Aber doch, fragt doch Hulda danach!“
Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie
sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch lauter,
und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus geworden, gar
wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich gekleidetes

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Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. „Aber Herta!“ rief
dieses entsetzt. „Was sind denn das für Jungen, die sind wohl von der
Straße?“
Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren
als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das
Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.
Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und
Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen,
doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen,
und sie rief gekränkt: „Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind
furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir
wieder zusammen, nicht wahr?“
Mathes und Peter nickten eifrig. „Wir klettern wieder über das Gitterle,“
sagte Mathes, „und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt ihr euch aber
ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.“
„Um Himmelswillen!“ schrie Frieda. „Das ist ja gräßlich!“
„Das wird fein,“ jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den
allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären
ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander gezankt.
Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über das Gitter und
winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die Mädel im Hause
verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich: „Manchmal
sind’s Äffles und manchmal sind sie’s net.“
Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein,
überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich
gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt
war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: „Hier kann nur eins
helfen.“
Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der
Mutter, was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?
Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber
nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich
wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst
recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu ihnen
trat.
Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas
angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts

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zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an, ein
bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. „Wo sind
denn Herta und Irene?“ fragte sie.
Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint
hätte, sie wären Straßenjungen.
„Seid ihr darum so niedergeschlagen?“ fragte Eva lächelnd.
Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot,
aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.
Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben
etwas, die verbergen etwas vor mir. „Kommt nun herein,“ sagte sie ein
wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.
Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von
Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: „Geht in eure
Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.“ Dann lief sie davon, und
die beiden blieben allein.
Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers
hingen allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen
sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie an
einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda
manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben.
Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig die
Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur
mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog
den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses
Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen
Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert
darüber.
Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber
Kuchen aus dem Ofen zog. „Hm,“ brummte sie, „was wollt denn ihr hier?“
Das wußten die Buben nun selbst nicht.
„Die Jungen kommen,“ rief Ida, die auch in der Küche war, „weil Sie
immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.“
Das ärgerte Hulda und sie knurrte: „Quitschquatsch, ich bin auch
freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist
mir’s allemal recht. Kommt rein!“ schrie sie Mathes und Peter an, als wollte
sie die verschlingen.

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Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend,
aber da schrie Hulda noch lauter: „Kommt rein, macht die Türe zu; es zieht
mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?“
Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida
immer lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein.
Und dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen
stand ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: „Eßt, eßt, in so ’n
Jungenmagen geht viel und noch was rein.“
„Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!“ Ida lachte und lachte, die
Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: „Gehen Sie man nach oben,
wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste. Nicht
wahr, wir unterhalten uns?“ brüllte sie die Sternbübles an.
Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen,
blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar
Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda,
und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung
begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten dies
und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon gefallen,
wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie erzählten auch
von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt hatten, und
unversehens waren sie bei der Geschichte von dem ausgerissenen Bruder
Fräulein Evas und wußten nicht wie.
„Herrje!“ schrie Hulda erschrocken. „Davon dürft ihr nie ein
Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!“ Sie vergaß
ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach
in ein bitterliches Schluchzen aus. „Der Junge, der Junge, wenn man an den
denkt, bricht’s einem das Herz,“ klagte sie.
Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand
und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig.
Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr
hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm
dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein
gekommen wäre.
„Die Küchles brennen!“ schrie Mathes erschrocken.
„Herrje!“ Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll
dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen
ausbrechen konnte, rief Peter: „Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.“

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„Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!“
Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom
Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser
Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: „Wenn
ich groß bin, geh’ ich ihn suchen.“
„Ich auch!“ Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen
runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug
ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der
Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und
ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und
im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.
Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem
Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie
schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie
angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: „Ich störe wohl?“ rief
Hulda laut „Ja!“ und — die Buben nickten dazu.
So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda
erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen
Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude.
Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im
Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön
das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten
Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. „Wie unser Fritz noch
dabei war, bin ich oft hingegangen,“ sagte sie, „und unser Fräulein Eva
konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch
alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben
wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu
Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals
hat’s angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik
verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut,
aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und
hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!“
Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien
ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie
so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also
fort: „Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau
nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der

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Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt’ auch mit, aber
ich hab’ mich gegrault vor ’n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na,
so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt’ für unsern
Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm;
er wollt’ ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das
nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine
Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie,
wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe
zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die
Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da
siehste, weg war er! Hinterher hat’s dem Herrn Onkel schon leid getan, er
hat suchen lassen, aber ’ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als
unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk’ immer, der ist
in Amerika bei den Schwarzen.“
„Ich such’ ihn,“ schrie Mathes.
„Ich auch!“ Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die
wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. „Ihr seid gute Jungen,“ murmelte
sie. „Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch gut leiden,
ganz gewiß.“
„Wir dich auch,“ schrieen die Buben.
Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben
ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf
Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: „Bei Hulda.“
„Da war’s fein!“ rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: „Sie sagt,
nun wären wir befreundet.“

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Achtes Kapitel.
Auf der Messe.

H ulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an
diesem Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die
Messe zu gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr
froh darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten,
stellte ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: „Die werden
Augen machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen
sie mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei
Arme und sechs Beine.“
Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht
dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf ihren
zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon. Natürlich fuhr
ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei, aber Hulda sagte:
„Warten ist gesund.“ Also warteten sie, denn die Messe lief ja auch nicht
gleich weg nach Huldas Ansicht.
Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie
wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben,
und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch
viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu
zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach
der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer
flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda hatte
gesagt: „Es ist wie ein großer Jahrmarkt,“ und Mathes und Peter dachten
daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und bedeutend
hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten sie sich
zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu sehen, was es
zu sehen gab.
Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf
Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine
Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in

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allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im
Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da
gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe
und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe,
Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige
Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda wurde
immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas
anzusehen, gleich fragte jemand: „Na, junger Herr, was ist gefällig?“
„Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein
Eva geschenkt,“ sagte Hulda. „Aber erst überlegen, denn sonst kommt ’n
Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.“
Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben
mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter
Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar
Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln
stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von
tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: „Abends, wenn die Lampen
brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne
muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist
’n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist’s einem nachher, als hätte man
die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.“
Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen
Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In
kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und
winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie
Hulda. Doch die brummte: „Erst soll’n die mal runterkommen, nä, da laß
ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist ’n Zaubertheater.“
Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder
eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht
mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder
war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit
von ihnen eine heisere Stimme: „Seht wohl, ich bin auch da!“
„Kasperle!“ schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und
dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines
Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und
einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und

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aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem
Breitenwerter Jahrmarkt tat.
„Kasperle,“ riefen die Buben noch einmal, „bist du auch da?“
„Nu freilich!“ antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete.
Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch
sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß
die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: „Hier bleiben
wir nich stehen, das ist ja nur ’ne kleine Schmierbude!“
„Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!“ flehte Kasperle.
„Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen
Se noch wollen.“
„Unsinn!“ brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit
glänzenden Augen: „Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer
bei uns.“
Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann
bleiben sie vor so ’n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.
Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen,
da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern
Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und
haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde
fuchswild darob.
Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her,
und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und lachte,
ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und diese
jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den Lärm der
stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt gab es ein
richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer lustiger,
und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes Frauchen an, vor
der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas, Kupferpfennige und
Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war der Teller schon
ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig auf den Teller, und
die kleine Kasperlefrau knickste tief. „Allerschönsten Dank!“ murmelte sie.
„Ach, ich wollte, die Herrschaften kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen
können wie die Jungen da, dann ist das besser, als wenn Kasperle noch so
laut schreit: „Ich bin da!“

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Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für ein
Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.
„Das war fein!“ sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus:
„Kasperle ist was Feines!“
„Kasperle hat’s arg gut!“ Mathes seufzte auch.

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„Dummer Junge!“ brummte Hulda, „den Leuten geht es schlecht, das
konnte man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so
gelacht haben, sonst wär’ keine Katze weiter gekommen.“
Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?
Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen
erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern
Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine
heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn
selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber
Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen
gab!
Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es
nicht gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.
„Mathes!“ rief da plötzlich Peter, und „Peter!“ rief Mathes, und beide
steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten,
und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: „Wir wünschen
uns was.“
„Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?“
Die Buben nickten lebhaft. „Wir wollen sie — Kasperle geben.“
Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann sich
auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf: „Meinetwegen,
mir ist’s recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr genug, und — Kasperle
kann es gewiß brauchen.“
Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und
Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: „Kasperle, komm raus, wir
wollen dir was schenken!“
Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus
dem Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: „Vielleicht ’ne
Wurst?“
„Noi, das hier!“ Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und
Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die
reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. „Ich freu’ mich, ich freu’
mich!“ schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er sich
auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es klang, als
ob ein Hahn krähte:

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„Kasperle ist ’n armer Mann,
Hat nur sein Flick-Flickröcklein an,
Hat nicht Bett, hat nicht Tisch,
Hat nicht Braten und nicht Fisch.
Trocken Brot am Morgen,
Abends Kummer und Sorgen,
Das ist ’n bißchen wenig,
Doch tauscht er mit kein’ König;
Denn allzeit lustig, allzeit froh
Ist Kasperle, hussaholdrioh!“

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten, und
der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre Schützlinge
gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz dicht
zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und Hulda
sagte befriedigt: „Heute geht’s dem mal gut, aber nun gehen wir hier rein
und trinken Kaffee.“
Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch.
Freilich, so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen
über den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt
rissen sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: „Da ist er, da ist er!“
„Wer denn?“ Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber
den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und
Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.
Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: „Solche laufen hier
oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt’s was zu
sehen!“
Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine
Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich
neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das
Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in
bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.
„Das sind die Zigeuner,“ erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den
Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal
saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.
Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor.
Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so
bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle
im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt,

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hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch
Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun.
Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme
Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für
zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben
selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.
Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich
und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war
ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig
aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich
Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine
hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie
Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber
jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich
tuschelte Mathes dem Bruder zu: „Das ist er!“
Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht.
Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich
zu, und Mathes nickte auch.
„Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?“ fragte Hulda erstaunt. „Kennt ihr
denn jemanden?“
„Ja, den Zigeuner oben,“ flüsterte Mathes, „der hat uns gestern
heimgebracht.“ Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.
„I nä!“ Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der
Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da
murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: „Gestern war er aber
blond!“
„Dann ist er’s eben nich!“ Hulda lachte. „Ihr seid schon ’n paar
Dummchen; wie soll denn ’n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind
doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen
schwarz, dann ist er eben ein anderer.“
Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle
drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen
dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie
hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und
vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: „Er
ist’s doch! Da, er sieht uns.“

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Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda
brummte ärgerlich: „So ’n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch
lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding
fahren, nur schlecht darf’s euch nich werden.“
Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre
ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie
purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.
Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel
eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis endlich
Hulda sagte: „Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.“ Da entschlossen sich die
beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es Löwen und Tiger und noch
viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich für drei Fahrten, und dann
sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe kaufen, inzwischen sollten die
Buben fahren und sie wieder hier am Karussell erwarten. Dies versprachen
die beiden, und sie erstiegen vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum!
ging die Fahrt los.
Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen,
und als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern
den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und
diesmal nickte er wieder. Rundum ging’s, da war wieder der Zigeuner, sie
nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und wieder
nickten sie, und wieder nickte er.
„Wenn’s alle ist, gehen wir zu ihm,“ sagte Peter.
„Da ist Hulda,“ rief Mathes.
Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach
ab, die Fahrt war zu Ende.
„Schon!“ sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem
köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte
ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im Kreise
herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen, konnten sie
Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst die
Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch
obendrein aus. „Das ist doch so,“ erklärte sie, „wenn eins auf dem Karussell
fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun kommt, jetzt
gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!“
Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht
viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das Theater

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hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette Amhags
Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird’s fein. Es wurde
aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!
Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf
roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen
gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken,
fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten
allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum
Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine
Hochzeit, und damit war das Spiel aus.
„Kommt!“ mahnte Hulda.
Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den
bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen,
drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch
drängte, da riefen beide: „Es war so kurz!“
„Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit ’ner Draufgabe hier sitzen!“
murmelte Hulda. „Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir
müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich
dabehalten.“
Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von
dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch
das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein
paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: „Ihr
werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier
geht’s raus!“
Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem
Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag,
der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber
niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells
hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter
glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem
Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und
die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und
immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und
immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen
der Instrumente.

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Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die
Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und
füllten den weiten Platz.
Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig
schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das
Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen,
dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns,
die schönen, sanften Himmelslichter?
Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die
Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine
blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der
ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte,
funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf
und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht
genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber
immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten
sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: „Kommt,
kommt, es ist Zeit!“
Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit
lauter Stimme irgend etwas schrie.
„Dummer Bengel!“ schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. „Junge,
sieh dich doch vor!“ mahnte sie. „Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?“
Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar Schritte
weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor der ein
Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: „Hier gibt’s das
größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!“ Hulda packte Mathes
und zog ihn mit fort. „Nun komm endlich! Herrje, wo ist denn Peter?“
Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und
Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des Vermißten
Namen zu rufen: „Peter, Peter!“
„Peter, Peter!“ riefen gleich ein paar andere Leute mit.
„Peter!“ gröhlte ein langer Bengel, „Peter!“ quiekte ein stubsnäsiges
Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh,
Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt,
er wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas
überlaut: „Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!“

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„Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!“ schrie der lange Bengel, der
vorher laut nach Peter gerufen hatte. „Das sind ja noch Wickelkinder, und
man ’n Schnuller nich vergessen!“
So eine Beleidigung!
Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die
große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in Breitenwert
auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott gefallen ließen.
Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah, rannten die beiden
wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die kleinen, derben
Bubenfäuste auf ihn nieder.
Eine Prügelei auf dem Meßplatz!
Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben
dem großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich
drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht
tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und
fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie auf
einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in der
Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.
„Der Zigeuner,“ sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.
„Jemine, was ihr mir für ’n Schreck eingejagt habt!“ Hulda sah sich nach
dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun
die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem
Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf
einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: „Wo hast du denn die
Töpfe?“
Ja, wo waren die!
„Im Affentheater hab’ ich sie vergessen, du meine Güte!“ jammerte
Hulda. „Den ganzen Korb hab’ ich stehen lassen!“
Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging’s in Hast und
Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die
Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen
ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald
erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie gut,
daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda nämlich
neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: „Nun muß ich gar
noch Eintritt bezahlen,“ sagte sie, „und dann müssen wir das Geld absitzen.
Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!“

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Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der
Gedanke, noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den
größten Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand
groß und breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte
freundlich: „Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat’s gut gefallen bei uns, wenn
Sie sogar den Korb vergessen haben.“
Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das
Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: „Jetzt faßt ihr mich
unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach uns
und weint so sehr wie gestern!“
Wieder ging’s im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der
elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen,
merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie
lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen
ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte,
wären sie vielleicht eingeschlafen.
Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei.
„Endlich!“ rief sie. „Es ist schon so spät!“
Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von
Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um den
leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften in
ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins
Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über seine
eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging es an
diesem Abend so.
Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die Augen
offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach: „Hulda, der
Zigeuner sieht aus wie —“
„Denk’ jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,“ unterbrach ihn Hulda,
„sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk’ lieber ans
Karussell, so ’n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.“
Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in
die Kissen und brummte noch: „Und er sieht doch so aus!“ Dann schlief er
auch ein.

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Neuntes Kapitel.
Noch einmal die Messe.

N ichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten
von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater
und von sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt
durcheinander, und einmal murmelte Peter halblaut: „Die Schule fängt an,
es klingelt schon.“
Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und
ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem
wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren
doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es sehr
sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich wurde
ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die Türe vom
Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den lichten Tag
ins Zimmer scheinen.
„Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!“ rief Hulda. „Sechsmal habe
ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.“
„Uahuah!“ Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte er
auch Hulda und merkte, es war Tag.
Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene
Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es
auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker
geworden, und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte,
war die Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein
paar Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von
ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das
Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig vergessen,
nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie rannten nach
dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.
Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf
die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald

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durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und
erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr
herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: „Ihr dürft
mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf
euch.“
Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie
rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen vor.
Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter in
solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht, redete etwas
von Verlaufen, aber Hulda sagte: „Ach, mit den beiden Zierpuppen von
drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und machen sicher
keine dummen Streiche.“
Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun.
Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst,
und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere
Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in
den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden
nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und
hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das
junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am
liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die
herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich
umschmiegen.
Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre
Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und
feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie
mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ
sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und
bewachte den Schlummer der Kranken.
Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: „Jetzt sieht uns
niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!“ Und husch!
drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei
andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.
Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut
war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf
einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern
viel eher etwas frech und unnütz. „Paßt auf,“ sagte sie zu den Sternbuben,

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„wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt
ihr Geld?“
Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört
doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke
in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: „Haltet gut
damit Haus!“ Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in
Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage
hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch
sehr spaßhaft.
„Annedore wollte mitgehen,“ sagte Irene etwas zaghaft.
„Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.“ Herta sah aus, als
machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle
vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie
der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand,
bekam einen tüchtigen Puff.
„Hallo, da bin ich! Ich darf.“
„Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!“ Herta rümpfte verächtlich die kleine
Nase.
„Ohne Erlaubnis macht’s mir keinen Spaß.“ Annedore zuckte die
Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. „Sind das
die?“ fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes
und Peter die Hand hin und sagte: „Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr
wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta
nur geflunkert?“
Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich
nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war,
darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie
sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom
Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: „Wir
müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.“ Und flink ergriff sie
Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore
folgten.
Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber
in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und
feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene
lachend voraus liefen. „Es ist unpassend, zu rennen,“ sagte sie zu den

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Buben; „vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und
ungezogen.“
Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und
Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und
warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.
„Wir rennen oft bei uns,“ sagte endlich Mathes.
„Na ja, in einer kleinen Stadt!“ Herta sah sehr hochmütig drein. „Ich
habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der
hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß
man natürlich nicht, was sich schickt.“ Und da ihr die Buben auf diese Rede
die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem
Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie
redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und
Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre
Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und
Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die
Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren
froh, als der Meßplatz erreicht war.
Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf
die drei, und Annedore rief: „Ihr geht ja wie Schnecken!“
„Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.“ Herta sagte
es sehr spitz, und dann erzählte sie: „Wir haben uns unterhalten; nicht wahr,
Jungen, es war sehr fein!“
„Noi!“ riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: „Du hast
alleweil allein geschwätzt, wie — wie — ’ne Elster.“
„Pfui, ihr seid aber frech!“ Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in
Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten,
und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft
dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta
noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber
die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber.
Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die
Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte
sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen
noch an.
So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der
Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden

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hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür
aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und
weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht
ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor
ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich
von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe
und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den
Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das
größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da
könnte er spazierengehen.
In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: „Ludwig, Ludwig, der
Kaffee kocht!“ Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen
spornstreichs davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte:
„Das war sie.“
„Wer denn?“ fragte Herta.
„Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.“ Die Frau,
die klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. „Es lohnt sich nicht sehr,
sie anzusehen,“ meinte sie; „meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch
zu mir rein, ich mach’s billig; weil Vormittag ist, kostet es nur ’nen
Groschen.“
Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben,
denn jemand schrie sie an: „Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne
Kinder?“
Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor
Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie ihm
vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne blitzten,
und dann sagte er noch einmal: „Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“
„Die sollen erst bei mich reinkommen,“ rief die Frau mit den
Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah sehr
stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein auf das
andere. „Wir wollen fahren, wir wollen fahren,“ bettelte sie.
Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich, die
Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann war
das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen weiter. Es
gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt und lustig in
ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle fing an zu rufen,
die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen die Zeit, vergaßen den

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Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal surrten und brummten
seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten auf; was war das?
„Die Fabrikpfeifen sind’s, es ist zwölf, wir müssen bald heim,“ sagte
Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort
dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg
dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen:
Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß und
Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken pfeifen,
soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme um sich
herum.
Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.
„Nur noch ein Weilchen,“ sagte Herta. „Noch einmal Karussell und dann
noch Luftschaukel.“
„So viel Geld hab’ ich nicht mehr,“ erklärte Annedore.
Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen.
Sie war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr
ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden heran
und fragte: „Was kostet dies, was kostet das?“ und rannte dann lachend
wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt auf einem
Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie schon zur
Luftschaukel hin. „Jetzt wird’s fein!“ schrie sie. „Kommt flink!“
„Ich fahr nicht mit,“ sagte Irene, „mir wird’s schwindlig.“
Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: „Komm du mit!“ Peter
folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und
kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen höher
und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer sehen,
nun auf die Budendächer, noch höher ging’s hinauf, da schrie Herta
plötzlich: „Ich falle, ich falle!“
Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur
Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch schrie
sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.
Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter
ihnen, auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts,
schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: „Bitte aussteigen!“
Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben
schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus,
sie wußten nicht wie.

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Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: „Ihr
Diener, meine Herrschaften, nicht zu höflich!“
Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder
auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein Mann
klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete sie: „Das
geht bald vorbei. So, nun ist’s gut; na, da sitzt noch Staub.“ Er klopfte an
Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: „Du verlierst dein
Taschentuch, kleines Fräulein.“ Er war überhaupt so freundlich, wie nur
einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu Irene, wünschte ihnen
noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder bedanken konnten, war er
verschwunden.
„Der war nett!“ Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um,
auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht und
dort war er nicht, aber — sie jauchzten laut auf — dort war der Zigeuner.
„Da ist er, da ist er!“ Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte mit
dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich fanden,
sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: „Wer ist da?“
„Der Zigeuner von gestern.“
„Ein echter Zigeuner!“ Peter sah stolz drein. „Ganz echt ist er,“
versicherte er noch.
„Kennt ihr ihn?“
„Hm, vielleicht!“ Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze
Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: „Sag’s
doch, woher kennt ihr ihn?“
Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf
unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte fertig
waren, rief Annedore: „Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt ihr’s gleich,
ob er es ist.“
„Ja, fein! Und wir gehen mit.“ Herta zappelte vor Ungeduld, den
Zigeuner zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: „Ich graule mich.“
„Hier kann er uns doch nichts tun!“ Annedore und Herta zogen die
Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu und
blieben vor ihm stehen. „Guten Tag!“ Mathes zog seine Mütze, Peter zog
seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über sie
beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.
„Guten Tag!“ Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der
Zigeuner an. „Was wollt ihr?“ fragte er, und seine Stimme schnarrte wie

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eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht
geschnarrt.
„Er ist’s net!“ rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und flink
und ein bissel frech Herta heran und fragte: „Haben Sie die Jungen neulich
nach Hause gebracht?“
„Wohin denn?“ Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun
auch greulich. „Zu Ringewalds,“ sagte sie kleinlaut und wich langsam
zurück.
„Nix kennen! Wer sein das?“ Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt
wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu:
„Er ist’s doch!“
In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein
paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie
erschrocken: „Jetzt ist’s eins, wir müssen nach Hause.“
„Ach was, wir essen erst gegen zwei!“ Herta sah ganz unbekümmert aus,
aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: „Wir müssen furchtbar
schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald
wäre krank; wenn die sich nun sorgt!“
Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die
Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam
anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten,
im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch
ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: „Wir fahren alle,
dann geht es flink.“
„Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.“
Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: „Halt, halt!“ und die Buben
ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch
alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.
„Zahlen!“ sagte der Schaffner und sah sie brummig an.
Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren
Handtäschchen nach, da schrie Herta: „Mein Täschchen ist weg!“
„In meinem ist nichts mehr drin,“ klagte Irene.
Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um
und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.
„Na, wird’s bald!“ brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit
dem linken Fuß zuerst aufgestanden.

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Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte:
„Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben’s so eilig, lassen Sie uns
mitfahren.“
„Geht nicht,“ knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, „wer kein
Geld hat, muß aussteigen.“
„Fahr du, Herta,“ rief Annedore rasch, „geh zu Frau von Ringewald und
sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.“
„Nein, nein!“ Herta schluchzte laut. „Das kann ich nicht, das kann ich
nicht.“
Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: „Aussteigen, flink!
Nur wer Geld hat, kann bleiben.“
Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. „Ich geh mit euch,“ sagte sie,
„ich lasse euch nicht im Stich.“
Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu
weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut und
schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf dem
Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die Mädel,
auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben gar
stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein. Dort schalt
Herta böse: „Schämt euch doch, so weint man nicht, das schickt sich nicht!“
„Unsere Beuteles!“ klagte Mathes. „Ganz neu waren sie, und so
schrecklich viel Geld war drin!“
„Ich will — su — suchen gehen,“ schluchzte Peter. Der meinte, es könnte
nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.
„Ihr seid zu dumm!“ Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und
sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine
kleine Dame. „Seid stille,“ fuhr sie die Buben an, „so ein Geschrei schickt
sich nicht!“
So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die
heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte: „Was
fehlt euch, Kinder?“ rief sie heftig: „Das schickt sich nicht, ich schäme
mich mit euch zu gehen; komm, Irene!“ Und blitzschnell bogen beide in
eine andere Straße ein und riefen von dort: „Komm mit uns, Annedore!“
„Nein!“ Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre
rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. „Ich lasse die Jungen nicht im Stich,
die kennen den Weg noch nicht,“ rief sie ärgerlich den Freundinnen nach.

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Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes
feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore:
„Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!“
Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. „Mitgefangen,
mitgehangen, sagt mein Vater immer,“ antwortete sie. „Ihr wißt den Weg
doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?“
„Noi!“ riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: „Seine
Kamerädles läßt man net im Stich!“
„Kamerädles!“ jauchzte Annedore. „Wie fein das klingt! Wir sind
Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher
heim als die andern.“
Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen
und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem
Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die
beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds an.
Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach den
Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.
„Herrje!“ schrie Hulda böse, „ihr —“
„Wir sind schuld,“ unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie,
flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und
dem verlorenen Geld. „Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an
der Luftschaukel stand,“ schloß sie.
„Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach
Hause!“ schrie Hulda. „Ihr seid doch —“
„Sie können nichts dafür,“ unterbrach sie Annedore wieder, und ihre
blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der Blick.
Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: „Sie kann
auch net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem
Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt, sie
wär’ unser Kamerädle.“
„Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und
wenn sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.“
„Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!“ brummelte Hulda.
„Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?“ fragte sie.
„Davongelaufen sind sie!“ Und nun ging das Erzählen an, und Hulda
hätte wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen,
wenn sie nicht gesagt hätte: „Das Mittagessen ist längst fertig.“

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„Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!“ Annedore lief davon, daß ihre
Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an
der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte
traurig: „Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!“
Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn
der Tauwind bläst, Hulda aber sagte: „Lassen Sie sich nur erst erzählen,
Fräulein Eva, wie’s war; ihr Kamerädle, wie sie’s nennen, sagt, sie wären
nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann gibt’s
keine Kirschenspeise nachher.“

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Zehntes Kapitel.
Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

N och ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles.
Mathes und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von
der Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom
größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst
die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am Tisch,
und Eva sagte: „Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein bissel
unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es bestimmt
nicht wiedertun.“
„Bestimmt net!“ rief Mathes.
„Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,“ bat Peter.
„Sagt Tante Eva!“ Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles
eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den
strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. „Na also, dann ist
das ’ne Tantenspeise!“ Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch, und
ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen eifersüchtig:
„Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!“
Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die
Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche Tante
selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre
Briefschreibelust groß wäre.
Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so
stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die
Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die
Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und
oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von
Ringewald saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie
wollte nun von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum
drittenmal ihre Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und

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wenn noch drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären,
den beiden hätte es den größten Spaß gemacht.
Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in
ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die
Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als
Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den
merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald
gerade von dem etwas wissen wollte. „Geige spielt er,“ murmelte sie, und
das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.
Einen Augenblick war’s ganz still im Zimmer.
„Er ist aber kein richtiger Zigeuner,“ erklärte Mathes.
„Warum denn nicht?“ fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere
Gedanken bringen wollte.
„Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und
manchmal macht er so.“ Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen,
hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. „So sieht er
aus,“ riefen beide.
Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen
Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen
überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und
Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt ihr
Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen älteren
Herrn eintreten. „Nun, so lustig?“ fragte der mit einem Gesicht, als krame
er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner
Kommodenschublade heraus.
„Ach, Albert, du bist es!“ Frau von Ringewalds eben noch so heiteres
Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben
standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und
sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.
Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben
nicht an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht
unnütze Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: „Das sind nun wohl
deine Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!“
„Sie sind recht brav,“ rief Eva rasch. „Flink, Mathes, Peter, gebt meinem
Onkel die Hand.“
Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen
daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben

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hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm
dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem, er
sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: „Nun,
wißt ihr denn auch, wer ich bin?“
Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie
fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man
könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.
„Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!“ Herr Buchner konnte Nicken
und Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte,
wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben,
herrschte er sie streng an: „Nun sagt, wer bin ich!“
„Herr Brummerjan!“ riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie
gedacht hatten: sie platzten heraus.
Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief
erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie
schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: „Wie soll ich heißen? Sagt’s noch
einmal!“
„Herr Brummerjan!“ Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus,
Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke hinein.
„So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate!
Das ist ja sehr erfreulich!“ Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und
Frau von Ringewald rief ängstlich: „Aber Jungen, was redet ihr da, wer hat
euch das denn gesagt?“
„Hulda,“ antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen
vergangen war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.
„So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten,
Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.“
„Geht hinaus, geht in die Küche!“ Eva war tief erblaßt, sie schob die
Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden
tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon auf
der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse reden,
dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte laut.
Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht
Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die Küchentüre
an. Hulda öffnete erstaunt. „Na nu, da kommen wohl Stolperhans und
Purzelwu-die-Treppe-runter!“ rief sie. „Ihr seid wohl vor Herrn
Brummerjan ausgerissen?“

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„Er heißt ja net so!“ schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. „Er ist
schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.“ Mathes sah Hulda
ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen
Küchenstuhl nieder.
„Furchtbar bös,“ klagte auch Peter.
„Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?“ jammerte sie.
Die Buben nickten kummervoll. „Du hast es uns doch heute erzählt, und
wie wir’s net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!“
„Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!“ Ida hatte nebenan in
der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das Bügeleisen
in der Hand, rasch herein.
Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: „Ihr
habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?“ Und jedesmal antworteten
Peter und Mathes kläglich: „Ja, wir haben’s gesagt.“ Und Peter fügte hinzu:
„Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!“
„Kann man glauben, daß Jungen so ’ne Dummheit glauben!“ Hulda
stöhnte und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. „Was wird nur
meine liebe gnädige Frau sagen!“ klagte sie.
„Er hat gesagt, du mußt nun fort,“ berichtete Mathes.
„Aus dem Haus!“ Peter nickte mitleidig dazu.
„Ich — aus — dem Haus, hier fort?“ Hulda wurde kreideweiß, und
plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer Hast
die Treppe hinauf.
„Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!“ murmelte Ida ein wenig
schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie
begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei
sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen
wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre
wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. „Und wenn sie den Herrn
Buchner Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,“ rief Ida. „Er hat
sie immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat
er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das
alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,“ schloß Ida.
Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie
lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. „Kommt mit,“
sagte sie freundlich, „wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß noch
etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.“

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„Dann bleibt Hulda,“ flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch.
„Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,“ sagte sie und nickte
Ida zu.
Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und
sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig an, und
wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der elektrischen
Bahn zu. „Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße von mir fort
gehen; versprecht ihr das?“ fragte die junge Tante.
„Ja!“ brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: „Net ein
Schrittle lauf’ ich fort.“
Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden
bereits die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch
das Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei,
drei helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet,
und in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das
Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen
Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und
schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der Messe.
Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von unten bis
oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. „Es ist ein Warenhaus,“
sagte sie, „kommt, wir gehen hinein.“
Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser
gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es anzuschauen.
Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es eigentlich viele,
viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine Mauern dazwischen.
Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man sehen. Aber Treppen
schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte: „Jetzt fahren wir hinauf,“ und
sie schob die Buben geschwinde in eine Kammer, ein Mann schloß die
Türe, es wackelte ein bißchen, und dann machte der Mann wieder die Türe
auf und sagte: „Zweiter Stock.“
Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum
Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen
Dingen tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: „Mein Geld!“
„Uuh!“ ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte,
und er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: „Das
würd’ Gundel freuen!“

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„Bitte, nichts anfassen!“ rief die Verkäuferin streng. „Die Figur kostet
fünfunddreißig Mark.“
„O Gott,“ sagte jemand, „können die zwei dort ihre Münder aufreißen,
schrecklich!“ Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin
lächelte, und Eva wurde verlegen. „Kommt rasch weiter,“ sagte sie, „hier
sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.“
„Wir haben doch kein Geld mehr!“ Die Sternbuben redeten wie daheim
in der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein
bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und die
beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.
„Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas
kaufen könnt,“ versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte
einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst sagte,
dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie auch nie,
nur einen Zettel bekam sie, das war alles.
Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder
vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: „Nun bin ich fertig!“
Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten,
war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der dachte,
ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die Fahrt ging
los, aber — Tante Eva und der Bruder fehlten.
„Nun ist Peter allein gefahren!“ rief Eva oben erschrocken. „Komm, da
geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.“
Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts
ging’s. „Erdgeschoß!“ rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein Peter
war da.
„Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.“ Eva begann ängstlich zu werden.
„Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!“ Sie schob Mathes hinein,
und es ging wieder aufwärts — doch kein Peter war da.
„Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.“ Eva rannte auf den ersten
Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen sagte
sie zu dem Führer: „Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der
ähnlich wie der hier aussieht?“
Der Mann guckte Mathes an und nickte: „Freilich, freilich, so einer war
dabei,“ versicherte er, „der ist erst mit runtergefahren und dann mit rauf.“
Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte.
„Den finden wir schon,“ versicherte er. „Wie ich die Jungen kenne, fährt der

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jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie unten, er
kommt schon wieder.“
Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an
jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an, und
auch da stand kein Peter.
Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter
stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der erste
wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer rief: „Na,
das ist wohl der richtige, dem hört man’s gleich an, wenn er nur schon den
Mund auftut, er ist vom Lande.“
Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und
abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. „Hast
dich wohl gefürchtet?“ fragte Eva linde.
„Noi!“ Peter sah sie strahlend an. „Erst war’s ’n bißchen komisch, aber
dann war’s fein. Mathes, mach’s auch mal!“
„Ja!“ schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl
drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.
„Ihr seid ja schrecklich!“ rief Eva, nun wirklich erzürnt. „Ihr habt mir
doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun haltet
ihr nicht Wort.“
„Hier ist doch net ’s Gäßle!“ murmelte Peter bedrückt. „Und — und — er
ist doch net fortgelaufen!“
„Nein, nur fortgefahren!“ Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur
Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht wieder
ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes nicht zu
warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben hatte ihn
der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. „Da ist der
zweite,“ schrie er Eva zu. „Die Jungen müssen sie anbinden, Fräulein!“
Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den Ausreißer auf,
dankte dem Führer, und dann sagte sie: „Jetzt aber schnell heim. Und wehe
euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir fortgeht! Bitterbitterböse werde
ich dann.“
Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre
Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar,
doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in
ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber
doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte,

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lachte sie sogar ein bißchen. „Nä, nä,“ rief sie, „früh auf der Luftschaukel,
nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte Träume. Eßt nur nich
viel zum Abendbrot, die Fahrerei und ’n voller Magen, das gibt ’ne
schlechte Nacht.“
Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die
Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und
nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als sie
in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch behielt
Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes dagegen
träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen fuhr
er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen
gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen
hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt
wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal
im Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.
Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.
Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich
rief da der brummige Schaffner und schrie: „Zahlen! Wer kein Geld hat,
darf nicht herein.“
Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr
Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter
ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes an
dem Gerüst empor, höher und höher und — plumps! da fiel er herunter.
Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz.
Ganz verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn
draußen stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein
füllte das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem
Fenster, noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach
seine Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett,
sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst
Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum
besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm ein
wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.
„Peter!“ stöhnte er endlich, „Peter!“ Aber er konnte oft Peter rufen, der
hörte ihn nicht. „Wach auf!“ schrie Mathes, aber Peter wachte eben nicht
auf.

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Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett
zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut; trapp,
trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners geklungen
hatte.
Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte laut.
Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber
neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die
Vorhänge zurück und schaute hinaus.
Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.
Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem
Fenster, und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er
riegelte also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen
Licht des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah
niemand auf der Straße gehen, doch da —
Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand
ein Mann, und Mathes sah gerade — dem Zigeuner in das Gesicht.
Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach
wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte
jemand schon munter werden.
Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher
Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes auf
einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst hinaufgeklettert. Es
dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen erfahren konnten, was
eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene Fenster und blickten hinaus;
still und friedsam lag die Straße im Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.
„Sie haben geträumt; ich hab’s ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es
ihnen duselig geworden,“ erklärte Hulda. „Geben Sie ihnen Zuckerwasser,
Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender Zeit!“
Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten jeder
ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda ließ zur
Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht, und einige
Minuten später schliefen die Buben wieder fest.
Draußen sagte Hulda: „Sie haben geträumt.“
„Sicher!“ Eva nickte. „Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder auf
die Messe,“ erklärte sie.
Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: „Ich
hab’ net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.“

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Und dabei blieb er.

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Elftes Kapitel.
Die vielen Bilder.

O ffenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter
Sternbübles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, muß ich
auch dort scheinen. Sie glänzte wieder frühlingsschön am blauen Himmel,
und Mathes und Peter sahen nach dem Frühstück ein wenig betrübt auf die
sonnige Straße hinab. Tante Eva hatte gesagt: „Heute früh wird
daheimgeblieben; ihr mögt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.“
Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die
Buben noch böse, also schien ihnen der Vormittag ein bißchen langweilig.
Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von
Ringewald, sehen nicht gern betrübte Kindergesichter, und sie ändern dann
wohl ihre Meinung.
Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trübselig hinausschauen,
da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier, was
haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer Mutter
und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: „Geh mit ihnen aus, zeig
ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.“
„Nein,“ rief Eva, „heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein
Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich führe sie ins Museum.“
„Auch recht!“ Frau von Ringewald lächelte ein wenig. „Ich bin
neugierig, wie es ihnen dort gefällt.“
Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva
ihnen sagte: „Wir gehen doch spazieren, ins Museum.“
„Hurra! Wo die vielen Bildles sind?“ Mathes und Peter konnten sich
nicht schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch
nur den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: „So schnell geht das nicht, ich habe
noch für Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen hinaus, ihr
müßt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als bis ans
Nachbarhaus zu gehen.“

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Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war
nicht einmal leicht, denn die Straße entlang kam mit flatternden Zöpfen
Annedore. Die winkte und nickte schon von großer Weite, und sie wunderte
sich arg über die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.
Die standen und taten kein Schrittlein über die Hausgrenze hinaus. Sie
wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt
Mathes ihn fest: „Wir dürfen net.“ Danach sahen sich beide an und nickten
sich zu, sie waren nämlich über ihre eigene ungeheure Bravheit selbst
erstaunt.
„Hallo, hallo!“ schrie Annedore.
„Hallo, hallo!“ antworteten die Buben und blieben stehen.
„Seid ihr angewachsen?“
„Noi! Wir dürfen net weiter.“
Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche
Begrüßung.
„Ich will euch nämlich einladen,“ sagte Annedore vergnügt. „Meine
Mutter hat’s erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau
von Ringewald, also geht es. Halb fünf dürft ihr kommen.“
Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas
umständlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen ein,
sonst lief ein Kamerädle dem andern ohne Umstände ins Haus. Immerhin,
der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war verlockend. Sie
sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklärte, sie würde nun gleich auf
Tante Eva warten, um diese zu fragen. „Fein, fein!“ jauchzte sie und hüpfte
hin und her.
„Fein, fein, fein!“ schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Straße
wohnte, konnte gewiß ihr Rufen hören.
„Was ist denn fein?“ Ein dunkler Schatten fiel über die sonnige Straße,
und als die drei aufblickten, sahen sie — den Zigeuner vor sich stehen. Nur
nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak
fürchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so
unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle beide
schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.
„Was ist fein?“ fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt
dabei scheu am Hause entlang.
„Wir sind eingeladen,“ antwortete Peter.

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Der Zigeuner lächelte ein wenig. „Und jetzt geht ihr wohl spazieren —
allein?“
„Noi, mit Tante Eva!“
Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn
heftig am Kittel. „Man darf nicht mit fremden Leuten reden,“ tuschelte sie
ihm zu.
Ob der Zigeuner das gehört hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu,
schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: „Dann ist — eure
Tante wohl wieder — gesund?“
Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief
er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: „Noi, die ist
alleweil noch krank, furchtbar krank!“
Der Zigeuner lief plötzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die
Straße hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog
er in eine andere Straße ein.
„Der Zigeuner war da.“
„Annedore hat uns eingeladen.“
„Er hat mit uns geredet.“
„Ihre Mutter hat’s erlaubt.“
„Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht.“ Mathes drehte den
Kopf, schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und
wußte nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den
Zigeuner nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der
Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten
Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, daß die Sternbuben sie darob
anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzeßchen der Löwengasse, kam sie
ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle Grill.
Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch ein paar
Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.
Mathes rief: „Wie in der Nacht ist er dagestanden, genau so!“
„Ach, das hast du ja geträumt!“
„Noi, ich hab’s net geträumt!“
Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner
erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva, doch
etwas ängstlich geworden: „Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen; das
nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal
kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.“

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Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte,
und dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch
breite, schöne Straßen ging’s, über weite Plätze, auch durch ein paar enge
Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre Schützlinge.
Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei, drei Höfe hatten,
glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben sehr. Noch besser
gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante in einer Konditorei zu
sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an einem Marmortischchen
saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen sie sich ungeheuer
wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da sitzen die Sternbuben
aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie vornehm!
Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum
Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in
die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig
schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten,
um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!
Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie
es Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein
Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum
Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing
kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen, alles
kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die schüchterne
Frage: „Ist das ein Schloß?“
„Ein Schloß ist’s nicht, aber schön ist’s, gelt?“
Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast,
und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie
zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der
Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten
ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und lieblich
war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere Bilder zu
sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche gefielen ihnen,
eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles da. Unten hingen
welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun ist’s zu Ende, da
kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles, große und kleine.
Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es
dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für sie
eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so

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glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie
lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China, weit,
weit in die schöne Welt hinaus.
An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank
vor dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas.
Ganz still waren die, merkwürdig still.
Menschen kamen und gingen vorüber, hinter sich hörte Eva ein leises
Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte gutmütig:
„Die beiden da sind recht müde.“
Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbübles und —
schliefen. Mathes saß noch halb, aber Peter hatte sich auf der Polsterbank
ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.
„Aber Jungen!“ Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. „Steht
auf!“ flüsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts, die
beiden schliefen vergnügt weiter.
„Die müssen kräftiger geweckt werden,“ sagte der alte Herr, und er
beugte sich selbst zu Mathes herab, schüttelte ihn tüchtig und rief ihm
halblaut ins Ohr: „Wach auf!“
Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden
Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem
Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden. Es
gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei.
„Herrjeses, nee!“ rief der, „man kugelt sich doch hier niche auf dem Boden
herum, so was, das schickt sich doch nich!“
„Sie sind müde,“ riefen die Backfische mitleidig.
Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wäre sie selbst
hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und
sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen
ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den
Sternbuben die große Stadt zu zeigen. „Kommt heim,“ murmelte sie und
zog die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb
im Traum, und erst als sie draußen standen im Sonnenlicht, wurden sie
wieder munter.
Vor ihnen lag der weite, schöne Platz im hellen Glanz. Der
Springbrunnen rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, über
den Platz liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der

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elektrischen Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getöse, von
dem ein paar Kleinstadtbuben müde werden konnten.
Eva überlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. „Jetzt
bist du wohl bös, Tante?“ flüsterte er bedrückt.
„Ich konnt’ doch net dafür!“ klagte Peter auf der andern Seite.
„Nein, ich bin nicht böse.“ Eva beugte sich ein wenig vor und fragte
neckend: „Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?“
„Noi, fein war’s!“ riefen beide, und Mathes fügte ehrlich hinzu: „Nur zu
viel Bildles sind drin.“
Der Zoologische Garten wäre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie
begann auf dem Heimweg von den Löwen, Bären, den Affen und vielerlei
Tieren zu erzählen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.
Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so
heraus. Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und
Eva hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder
etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Türe zur Wohnung
aufschloß, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht
anders, als die Buben wären im Zoologischen Garten gewesen, so viel
redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn
gefallen hätte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva habe
es gesagt; und Peter erzählte von den Bären.
Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten,
als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte
dazu, und Eva freute sich über das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist
doch gut, daß die Buben da sind. Und sie war lieb und gütig zu ihnen und
begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem
schönen Hause drei Treppen hoch, und Eva schärfte unten Mathes und Peter
ein, wie sie oben zu klingeln hätten. Sie sollten auch fein höflich sein, der
Mutter Gruß nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und auch nicht
zu wild sein.
So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei
Treppen hinauf. Ein bißchen bänglich war ihnen freilich zumute. Aber oben
ging es dann vergnügter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war
eine fröhliche, gütige Frau, die wohl wußte, Buben sind mal laut, Buben
essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein höflich zu sein wie
Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein
junger Herr, er saß in Obersekunda und hielt es natürlich unter seiner

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Würde, mit der jüngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen
gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein lustig,
und die Sternbuben vergaßen darüber die große Stadt; sie spielten so, wie
sie in Breitenwert mit ihren Kamerädles spielten. Wie sie so mitten drin in
Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf einmal auf; sie hörte
Stimmen draußen, doch die verhallten wieder, und nach ein paar Minuten
kam Marie, das Zimmermädchen, herein und sagte: „Annedore, Herta und
Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen, als ich erzählte, wer bei
dir ist.“
„Mögen sie!“ brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter
und vergaßen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.
Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen
hinunter, und Irene sagte: „Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.“
„Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen,“ rief
Herta.
„Du hast es zuerst gewollt.“
„Nein, du!“
So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn
sie ärgerten sich, daß Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und
nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore
Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. „Sie ist böse mit
uns,“ klagte Irene.
„Daran sind nur die Jungen schuld,“ schalt Herta.
„Wir reden nicht mehr mit ihnen.“
„Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.“
Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit
diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen
wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten gehen
und tun, als wären ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie dachten
sich allerlei aus, womit sie die beiden ärgern wollten, und dabei weinten sie
selber vor Ärger auf der Treppe, während just zur gleichen Zeit Annedore
und ihre Gäste lachten, daß Marie warnte: „Ihr werdet noch platzen vor
Lachen!“
Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden
heimzuholen. „So früh?“ riefen Annedore und ihre Gäste. „Viel zu früh!“
„Nich zu früh, spät ist’s schon. Aber morgen oder übermorgen mögt ihr
weiterspielen bei uns. Fräulein Eva hat’s gesagt, ich soll’s bestellen.“

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Das war noch ein Trost, der den Abschied versüßte.
Vergnügt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten
vergnügt mit Hulda heimwärts. Für alles, was sie zu erzählen hatten, war
der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter
durchaus eine Geschichte fertig erzählen wollte, die Annedore ihnen erzählt
hatte, und die furchtbar komisch war.
Er kam jedoch mit seiner Erzählung nicht zu Ende, denn Mathes schrie
plötzlich: „Da war er wieder!“
„Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so!“ mahnte Hulda.
„Der Zigeuner da, da!“
Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Häusern entlang, er glich in der
tiefen Dämmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.
„I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder geträumt.“ Hulda
brummte es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu ärgern.
„Noi, ich hab’s net geträumt,“ behauptete Mathes genau wie am Morgen.
„Er war’s wieder, er war es ganz bestimmt!“
Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: „Fräulein Eva, mit dem
Zigeuner das ist ’ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich glaube,
wir müssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der Zigeuner
noch und macht Meßleute draus. Man kann nie wissen, was so ’n Zigeuner
denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben den Jungen,
damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.“
Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie
nicht und Peter schrie nicht, niemand und nichts störte Huldas Schlaf. Sie
stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause
stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern emporstarrte.
Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht wirklich der
Zigeuner wieder da, was der nur will?

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Zwölftes Kapitel.
Kasperle muß das Heimweh vertreiben.

H erta und Irene gingen am nächsten Vormittag wirklich in den Garten,
nur um die Buben zu ärgern. So meinten sie; heimlich hofften sie
aber, Mathes und Peter würden sehr nett sein, und sie würden sich wieder
miteinander vertragen, und sie würden sich auch mit Annedore versöhnen,
alles würde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu ärgern
noch sich mit ihnen zu versöhnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten blieb
es still, und als die beiden Mädel zur Mittagstunde mißmutig ihre schönen
Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die
Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen
Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wären gern noch
einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.
An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Küche wie in
einer Menagerie zu. Mathes und Peter brüllten, brummten, kreischten und
schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mußte doch alles
hören! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brüllte wie ein Löwe, und
Hulda sagte, fürchterlich sei es.
Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als
Annedore kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit,
Zoologischen Garten mitzuspielen. Natürlich mußten sie wieder brüllen,
kreischen und quieken, und dieser Lärm lockte Herta und Irene in den
Garten. Und nun konnten sie nicht einmal tun, als wären die da drüben nicht
zu sehen und zu hören, dazu war der Lärm zu groß. Und Annedore war ja
auch dabei, um deren Freundschaft sie bangten.
Sie standen erst von fern, dann kamen sie näher und sagten nun doch
zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. „Wir spielen,“ rief sie
vergnügt.
Mathes vergaß seinen Groll, er fand nämlich, der Zoologische Garten
könnte reicher besetzt sein, und darum rief er über das Gitter den beiden zu:
„Wollt ihr mitspielen?“

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„Ja — wir können, ja!“ Herta sagte es sehr zögernd, und dabei hatte sie
doch die allergrößte Lust mitzutun.
„Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.“
„Pfui, seid ihr grob!“
„Wir sind doch net grob!“
„Ja, grob seid ihr — ihr Kellnerjungen!“
Mathes, der ohnehin ein Löwe sein wollte, brüllte laut vor Zorn; er war
drauf und dran, über das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn zurück.
„Die haben gedacht, du schimpfst sie,“ erklärte sie.
„Sie haben u n s geschimpft!“
Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden,
darum rief sie über das Gitter:
„Das war doch nicht geschimpft!“
„Ich bin kein Kamel!“
„Ich bin kein Stachelschwein!“
„Es ist abscheulich, das zu sagen!“
Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie
lachten mit, lachten so herzhaft, daß ihre gekränkten Nachbarinnen
angesteckt wurden. Sie kamen näher, Annedore erklärte, und über das Gitter
hinweg versöhnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch spielten sie
zusammen. Diesseits waren die Käfige, und jenseits wanderten Herta und
Irene einher und bewunderten die brüllenden wilden Tiere drüben. Sie
waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und Stachelschwein.
Es wurde nach aller Ansicht viel zu früh dunkel, und viel zu früh mußte
Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschloß ein froher
Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein:
morgen ist Sonntag.
Wenn schon die Wochentage so vergnügt waren, wie würde da erst der
Sonntag sein!
Als Mathes und Peter erwachten, hörten sie ein sachtes, sanftes
Rauschen. Unablässig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so
hell wie in den vergangenen Tagen.
Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es draußen, grau der Himmel, naß die
Straße. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter hatten sie
nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als müßte es
so sein; der Gedanke, es könnte ein solcher Regentag kommen, der hatte
ihnen himmelfern gelegen.

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„Vielleicht hört’s auf,“ sagte Mathes.
„Und wir können doch auf die Messe gehen!“ Peter erriet des Bruders
Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nämlich
gestern gesagt: „Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe.“ Und
nun hofften beide, Hulda würde mit ihnen gehen.
Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als hätte sie
Lust dazu. Sie machte ein höchst verdrießliches Gesicht und brummte: „Es
regnet.“
„Es hört sicher bald auf,“ antwortete Peter hoffnungsvoll.
„I nä, das hört nicht auf! Wenn’s so träscht, dann dauert’s immer ’n paar
Tage.“
Das war keine schöne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht
allein, was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum
Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr
Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: „Herr
Brummerjan kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht
gut Kirschen essen!“
„Wir besuchen dich in der Küche,“ riefen die Buben etwas kleinlaut,
denn ihre Freude über diesen Sonntagsbesuch war nicht groß.
„Nä, gibt’s nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen
nicht gerät, denkt meine liebe Frau gar, ich hätt’s absichtlich gemacht.
Heute muß ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu
meiner Schwester.“
„Net auf die Messe?“ fragte Peter enttäuscht.
„Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heißt’s zu Hause bleiben.“
Dies sagte ein Weilchen später auch Tante Eva. Und weil sie selbst
allerlei zu tun hatte, riet sie den Gästen: „Spielt recht fein! Ihr dürft auch
den Spielschrank ganz und gar ausräumen.“
Für Ausräumen nun waren die Buben mehr eingenommen als für
Einräumen. Sie ließen auch wirklich kein Stück im Schrank, sie spielten
dies und das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten
und ein Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr.
Namentlich Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander,
und eine rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts
Seltenes. Sie räumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. „Das
feinste Blättle kriegt Tante Eva,“ sagten sie zueinander, aber auch für Hulda

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suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben
Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.
Draußen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertönten und
Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr, als Ida
die Türe aufriß und ihnen zurief: „Schnell, schnell, ihr sollt mal vor ins
Gartenzimmer kommen!“
Klapp! schlug Ida die Türe wieder zu. Es hatte draußen wieder
geklingelt, darüber vergaß sie zu sagen, was Fräulein Eva ihr aufgetragen
hatte.
Schnell sollten sie kommen! Die Sternbübles ließen Bilder, Farben,
Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hieß rennen, hieß
die Türen kräftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der Sturmwind
kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben erschrocken an
der Türe stehen, denn das Zimmer war voll fremder Menschen.
Da saßen ein paar Damen, da saß auch Herr Brummerjan.
„Kommt nur näher!“ sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter
beiden die Türe öffnete, schob sie vor. „Geht nur, geht!“ mahnte sie.
„Jungen, was habt ihr gemacht!“ rief Eva tief erschrocken.
In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem großen, der
Türe gegenüberhängenden Spiegel. Jemine, was war das!
Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und
Hände gekommen waren, das wußten sie nicht, aber da waren sie.
Besonders Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus,
ganz papageienbunt.
Und die Hände, ach die Hände erst!
Mathes und Peter wären arg gern in ein Mauslöchle oder Fingerhütle
gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck
wie angewurzelt stehen, hörten Gelächter, hörten auch Herrn Brummerjans
verdrießliche Stimme: „Deine Schützlinge sehen nicht gerade sonntäglich
aus, Eva!“
„Geht hinaus!“ Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng,
wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die
rührten sich nicht.
„Ärgern Sie sich nicht, Fräulein von Ringewald, die beiden haben
gemalt, da kommt so etwas vor.“ Die Stimme klang den Buben hold in die
Ohren, und sie sahen flehend zu der schlanken, hübschen Frau auf, die

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neben sie getreten war. „Ich muß euch doch einmal anschauen, denn sonst
ist meine Annedore betrübt.“
Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das
Nebenzimmer. An der Türe drehte sie sich um und bat: „Ich darf, nicht
wahr? Ich möchte doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!“
Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hörten die gütige,
frohe Stimme, und da wagten sich allmählich ein paar Wörtlein aus ihren
Mündern. Annedores Mutter wußte gut, wie man Bübles und Mädles, wenn
der Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein
sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten lustigen
Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen vorübergezogen war,
herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen Stern, ihre Mutter und an
Gundel gedacht. Plötzlich fiel ihnen alles ein. Ihre Mutter sprach anders als
Frau Reinach, und doch meinten sie, die Mutter zu hören. Irgend etwas
zwickte und zwackte da an ihren Herzlein herum, tat weh und machte sie
traurig.
Annedores Mutter strich ihnen sacht über die beschmierten Gesichter.
„Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergnügt.
Übermorgen müßt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon
darauf. Soll ich sie grüßen?“
Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel, nickten
sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schüchtern: „Kann sie net
morgen kommen?“
„Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie
nicht mehr absagen.“
Im Nebenzimmer tönten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte
Frau Reinach noch rasch: „Jetzt muß ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl
und vergeßt das Waschen nicht vor dem Essen.“
Bedrückt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre
schöne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast böse darauf hin.
Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie
beide an den Waschtisch und begannen eine große Rumpelei. Sie wollten
sich sehr schön machen und nahmen dazu ihre Bürstlein zu Hilfe; sie rieben
und rieben, bis Gesichter und Hände krebsrot waren, da endlich fanden sie,
es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief schon an der
Türe ärgerlich: „Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte hab’ ich noch

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um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je, ihr glänzt ja wie ’n
paar Tomaten!“
So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der Pate
noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fühlte sich matt, sie sprach kaum,
nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch Eva
tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter mit
ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten Blicke nicht.
Sie hörten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte eine heisere
Stimme, die immer verdrießlich klang, immer so, als tadele er. Wie gut er es
eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wußte nur seine Schwester. Die
wußte auch, daß der Bruder mit ihr um den verlorenen Sohn litt, wußte, daß
er seine Strenge längst bereute. Eva dagegen grollte dem Onkel bitter, und
darum war sie wie immer in seiner Gegenwart schweigsam.
In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und Klappern.
Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fußboden, dann warf Mathes beinahe
den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan ärgerlich: „Nicht so
laut!“ und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch lauter.
„Die Buben sind schrecklich unerzogen!“ rief der Onkel gereizt. „Sie
sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.“
Und das sagte er gerade, als Ida eine schöne rosenrote süße Speise
brachte, die gar lieblich duftete.
Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wußte Mathes selbst nicht:
sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte helfen, und
da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das feine Gerät lag
zerbrochen am Boden.
„Unausstehlich ist’s!“
Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: „Kommt!“ und führte die
zwei still aus dem Zimmer. „Ida bringt euch den Nachtisch in euer Zimmer,
geht jetzt,“ sagte sie draußen, und dann kehrte sie selbst schnell in das
Speisezimmer zurück. Sie wollte um der Mutter willen den Onkel nicht
ärgern.
Vom Mittagstisch weggeschickt!
Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstüble kam, fand sie die beiden
bitterlich weinend am Fenster stehen.
„Heult nur nicht!“ tröstete sie gutmütig. „Fräulein Eva hat euch
ordentlich viel süße Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen dazu,
kommt nur und eßt!“

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Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aßen den
Nachtisch. Aber Tränen sind keine gute Würze. Das köstliche Gericht
schmeckte ihnen nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fühlten sich
einsam und unglücklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: „Ich
möcht’ heim!“
„Ich auch!“ Peters Tränen salzten die süße Speise. Bissen um Bissen
stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: „Ich will heim!“
Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren
Schützlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbübles am Fenster
stehen. Sie tröstete linde, sagte, sie wäre nicht böse, ließ sich sogar die
Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es fertig zu
machen, und meinte, als sie ihre Gäste verließ, um mit dem Onkel, während
die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.
Heimweh ist aber ein böses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es nicht
so geschwind wieder zum Herztürlein hinaus. Und in den Herzen der
Sternbübles saß das schlimme Ding und erzählte an diesem Regensonntag
immer vom Silbernen Stern und der Löwengasse.
Am liebsten wären beide rutsch! mit der Bahn heimwärts gefahren. An
Regentagen war’s auch lustig in der Löwengasse; da platschte man im
Gäßle herum, ließ Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte
man husch! husch! und sagte dann stolz: „Ich bin unter dem Regen
weggelaufen, kein Tröpfle hat mich getroffen.“ Man sagte das nämlich
auch, wenn man quitschquatschnaß war.
Ja, das Löwengäßle, wenn man doch gleich mal hätte dort sein können!
Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterböse Streitlaune.
„Wir wollen malen,“ sagte Peter.
Mathes brummte: „Ich mag net.“
„Du mußt, deine Bildles sind noch net fertig.“
„Ich mag net.“
„Du bist dumm!“
„Du bist ’n Esel!“
„Ich hau dich!“
„Ich hau wieder!“
Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften
sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch
schwappte das Wasser über die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda
merkte es gleich. Die kam nämlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu

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ihrer Schwester ging. „Buben!“ schrie sie, „rappelt’s bei euch, daß ihr euch
am lieben Sonntagnachmittag prügelt? Na, so was!“ Sie packte beide und
schüttelte sie tüchtig.
„Ich möcht’ heim!“ jammerte Peter.
„Ich auch!“
„I nä, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?“
„Noi, ich hab’ net Heimweh,“ klagte Mathes, „aber ich möcht’ heim.“
„Ich will auch heim!“
„Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn?“
Hulda schüttelte immerzu den Kopf. „Das soll nun jemand begreifen!“
Sie begriff es nicht, und die Sternbübles begriffen auch nicht, was da so
in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten nur
immerzu: „Wir haben net Heimweh!“
„Ach was, papperlapapp! Natürlich habt ihr Heimweh!“ Hulda sah sich
nachdenklich im Zimmer um. „Wißt ihr was?“ rief sie plötzlich und holte
aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. „Darauf schreibt ihr wieder
an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.“
Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er
nicht. Doch Hulda wußte gut zuzureden, und so entschlossen sich die
Buben wirklich, Briefles zu schreiben.
Hulda räumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte die
Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie.
Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe
nennen!
Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in
den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner,
von Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper
brachte, war froh, sie so gut beschäftigt zu finden. Sie versprach ihnen:
„Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.“
Draußen rann und rauschte der Regen unablässig nieder. Der Tag erlosch
frühe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die
Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, daß er sie verjagt hatte, und
er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt freilich keine
Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wäre und gesagt hätte: „Wir
wollen zusammen Haschen spielen,“ verwunderter hätten die Sternbuben
nicht sein können. Da brummte Herr Brummerjan: „Kleinstädter sind’s,
man merkt es!“

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Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: „Nun
spielen wir noch Lotto.“
Vor dem hübschen Bilderlotto riß das Heimweh ein bißchen aus; die
Buben wurden wieder ganz vergnügt. Während Eva mit ihren Gästen im
Wohnzimmer spielte, sagte Hulda gnädig zu Ida: „Ich will mal bei den
Buben aufräumen!“ Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, räumte auf
und — las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.
Die gute Hulda war nämlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen,
was diesmal von ihr in den Briefen stand.
Sie las und freute sich. Da stand: „Hulda liben wir fuhrchbar.“ Na, das
hörte sich doch anders an als „ekliger Affe“. Hulda las die Briefe von
Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein
wenig auf Kriegsfuß stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht
ihr aber arg viele!
Doch was stand denn da?
Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und
ganz bestimmt, er lautete: „Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und erst
hat er mal blond ausgesän.“
„Dumme Jungen!“ brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn
wieder auf, schüttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich
plötzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr war
sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. „So was, das ist doch nicht
möglich!“ Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu
sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin:
„Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Fräulein Eva ähnlich! O du lieber
Himmel, auf was für närrische Gedanken kommt man noch! Nä nä, so was,
so was!“
Hulda vergaß, daß sie das Abendessen herrichten wollte, sie vergaß den
grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer
an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes Kind.
„Fritz, mein Fritz,“ klagte sie, „wärst du doch nicht in die weite Welt
gegangen!“
Draußen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein
Regengüßlein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht und
weinte bittere Tränen hinein, und ein paar tropften auf Mathes Brief, und es
wurden große Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die kam, an das
Abendessen zu erinnern.

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„Hulda!“ rief sie erstaunt, „was ist denn los? Haben gar die Jungen
wieder frech geschrieben?“
„I wo!“ Hulda trocknete sich seufzend die Tränen ab, nahm Mathes’
Brief, steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. „Nett haben
sie geschrieben, ich — ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so allerlei.“
Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte
gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter draußen trapsen hörten.
„Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gnädige Frau
ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?“
„Herrje!“ Hulda rannte zur Türe hinaus, stieß dort mit den Sternbuben
zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!
Zwei Minuten später wußte es die Pate und Tante Eva: Hulda hat
geweint!
„Habt ihr sie geärgert?“ fragte Eva erschrocken.
Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch
unverzagt zu Hulda in die Küche hinab und fragten Hulda sehr eindringlich
nach ihrem Kummer.
„Mir fehlt nichts,“ brummte diese. „Ich war nur mal ’n bißchen traurig,
weil — weil —“
„Weil’s geregnet hat?“ fragte Peter.
„Ja, darum, und nu ist’s wieder gut. Geht nur rauf!“
Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb
wortkarg, behauptete, das Regenwetter wäre ihr in die Glieder gefahren,
und sicher würde es noch drei Tage lang regnen.
Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergnügt wie
sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das böse Heimweh
wieder und quälte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie taten
dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hörte plötzlich
wieder ein schauerliches Gebrüll. Erschrocken lief sie zu ihren kleinen
Gästen hinüber, drehte das Licht an und sah nun beide heulend in ihren
Betten sitzen.
„Aber Buben, was fehlt euch denn?“
„Ich möcht’ heim!“
„Ich will auch heim!“
„Meine Mu—mutter!“
„Mu—u—“ Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er
wühlte schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.

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Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden
Schelme zu trösten. Erst mit guten Worten. Morgen würde die Mutter
schreiben, und morgen würde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das
nicht half, fragte sie: „Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzählen?“
Wutsch! lief das Heimweh zur Türe hinaus; Mathes und Peter wischten
sich die Tränen aus den Augen, und beide riefen: „Ja, aber eine lange!“
„Eine von der Messe,“ bat Mathes.
„Vom Affentheater,“ verlangte Peter.
„Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch
erzählen,“ sagte Eva, „und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also hört!“
„Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr
einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den
Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes
Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig. Und
wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt kam,
da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell fahren.
Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und gingen lieber
zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme Frau nur immer
geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht lustig zuging,
dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im Winkel, und der
Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern Karussells lustig drehten,
wie sie gar nicht leer wurden, und ihr kleines, schäbiges Karussell stand da,
und niemand mochte damit fahren.
Einmal, es war auf einer großen Messe —“
„Hier in Leipzig?“ fragte Peter eifrig.
„Ja, es kann sein, daß es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der
meiner Großmutter die Geschichte erzählt hat, nicht gesagt, wo es war.
Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer großen Messe. Gerade
neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer
ging. Kleine und große Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten nur
wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz verkaufen
müssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen drei
Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner großen
Not!
Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so
verzweifelt neben ihrem Karussell saß. Viele Leute waren auf der Messe,
überall war es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen

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eingenommen. Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder
zusammenpacken und mit ihrem grünen Wäglein, den ein altersschwaches,
mageres Pferdchen zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt
hinausziehen.
Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den
Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem
Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er
sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so
drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor
der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem
Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das
Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm
gewiß gestohlen worden.
Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann
immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank
daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den
Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen
haben?
‚Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,‘ riefen ein paar Buben. ‚Wir
wollen suchen helfen.‘
Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. ‚Bleibt draußen,‘ schrie
er, ‚ich suche ihn allein, er muß doch da sein!‘
Aber Kasperle war nicht da.
Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie;
dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb
verschwunden.
Die Leute draußen murrten: ‚Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann
gehen wir lieber wieder.‘ Und nach und nach wurde es leer vor der Bude,
nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner
Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie
auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte
sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle
Meßbuden eingerissen, so wütend war er.
Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und
immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen
könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten

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müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer
habe ich es doch im Leben!
In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war
es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um,
und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem
Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es
keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.
‚Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.‘
Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz
deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie
zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.
‚Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?‘ fragte die Frau erschrocken.
‚Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein
richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur
nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.‘
Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt
über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage
von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn
seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten
Puppenspieler, gestohlen. ‚Ich war dem sein Liebling,‘ klagte Kasperle, ‚er
nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen
bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser
Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir
echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert
Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt
gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß
es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein
Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich
lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in
einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie
sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen
Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß
mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.‘
‚Du armes, armes Kasperle!‘ sagte die Karussellfrau mitleidig.
‚Nenne mich Zuckerherzele!‘ bat der kleine Kerl. ‚Das hör’ ich so gern,
aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die

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ganze Zeit über beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreißen kann,
dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrät mich nicht.‘
‚Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!‘ rief die
Frau.
‚Siehst du, so nennst du mich recht.‘ Kasperle schlug vor Freude die
Beinchen über dem Kopf zusammen. ‚Ausgerissen, fein!‘ kicherte er, ‚und
nun bleibe ich bei dir und — bimmelbammel! drüben rennt Schnauz, wenn
der mich sieht, bin ich verloren.‘
‚Schnell, versteck dich im Musikkasten.‘ Die Frau ergriff flink Kasperle
und steckte ihn schnell in den Kasten. ‚Es sind ganz bestimmt keine Mäuse
drin,‘ sagte sie.
Es war aber auch die höchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich
vor das Karussell, schnupperte und kläffte laut.
‚Geh weg,‘ rief Frau Katharina erschrocken, ‚ich habe keine Knochen
und Wurststücke für dich, geh, geh!‘
Doch Schnauz rührte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch
ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle,
das kleine, liebe Zuckerherzele, könnte entdeckt werden.
‚Dreh flink dein Karussell!‘ wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz,
der das wohl gehört hatte, kläffte noch lauter.
In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und ihre
drei Enkelkinder, die es hörten, kamen angesprungen. ‚Ich will das Geld
einnehmen,‘ rief Hans, der älteste Bub, ‚ich stelle mich hier hin.‘
Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig.
Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so kläglich war,
so recht dünn und jämmerlich, die klang auf einmal, als kichere jemand
immer dabei. Die Töne hüpften und tanzten. Didididihoppela,
dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhören.
Die Vorübergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen
zuerst angerannt.
‚Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!‘
‚Wir auch!‘ riefen auch ein paar Mädel und klirr! rollten die Groschen
und Sechser in den Hut von Hans.
Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch große Leute kamen, und
alle wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der
ganzen Messe nicht zu hören. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem
Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte,

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schaute neidisch zu ihr hinüber. Er ließ seine Puppen springen und tanzen,
er hatte auch wirklich ein neues, sehr schön gekleidetes Kasperle, doch
wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhörten, sagten sie gewiß: ‚Heute
gefällt uns Kasperle gar nicht, heute ist er langweilig.‘
Und sogar Schnauz läuft heute hinüber, dachte der Mann grimmig, lockte
den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein
wenig die Nase zum Musikkasten heraus. ‚Karussellfrau,‘ fragte er, ‚ist
Schnauz fort?‘
Die Frau nickte. ‚Eingesperrt!‘ tuschelte sie.
‚O lirum larum, dummer Schnauz!‘ jubelte Kasperle. ‚Eingesperrt,
eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Großvater
Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch
vergnügter klingen!‘
Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertönte sein
Kichern.
Auf dem Platz draußen erzählten es sich die Leute. ‚Da, in der Ecke,
neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar nicht
schön, aber so lustig fährt’s sich’s darauf, nicht zu sagen wie!‘
Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens
Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.
‚Großmutter Karussellfrau,‘ wisperte Kasperle, ‚schick erst die Kinder
schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die
verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.‘
Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen
Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll.
Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der
grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle
war und blieb verschwunden.
Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu
Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer
sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige,
alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: ‚So etwas sollte man doch
gar nicht mehr aufstellen!‘ Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten,
dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie
wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.
Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme
Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie

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dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort
bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der
Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen,
wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung
auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war.
Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine
Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete
sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die
engen, düsteren Gassen.
Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder
zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie
gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte
ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. ‚In meiner Jugend, da war es
lustiger,‘ sagte er. ‚Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle
Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch
hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen
worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich
begreif’s ja nicht, wie man sein Herz an so ’n Klapperbalg hängen kann. Au
weh!‘ Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den
dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. ‚So
was! Wo kommt denn die her?‘ brummte er unwirsch.
Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen
Gesicht zum Musikkasten hinaussah. ‚Wart, du Grobian!‘ schalt er. ‚Ein
echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze
Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!‘
‚Ich glaube, hier ist irgendwo ’n Vogel,‘ brummte der Mann. ‚Aber
wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere
Stadt mag’s gut sein.‘
Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder
und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein
Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!
Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen
hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus.
‚Karussellfrau,‘ sagte er, ‚es geht nicht mehr, ich muß fort.‘
‚Zuckerherzele, Goldpünktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das
nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!‘

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‚Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der ist’s,
von dem der Mann vorhin erzählt hat, und nun ich ihn gefunden habe, muß
ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind treu. Leb wohl,
liebe, gute Karussellfrau!‘
Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem
Musikkasten heraus. ‚Vergiß mich nicht,‘ rief er noch einmal, und dann war
er verschwunden.
Und er kam auch nie wieder.
Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine
kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute dort.“

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Dreizehntes Kapitel.
Der Zigeuner.

M it Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh
davonspaziert. Die Buben schliefen vergnügt ein und wachten
vergnügt auf. Sie dachten an Sonnenschein, Messegehen und ähnliche
erfreuliche Dinge, aber das Wetter sagte am Morgen: „Platsch! ich regne
noch.“
Es seufzte niemand so sehr darüber wie Hulda. Die tat, als wäre die
Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen,
ob es nicht heller würde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall. Ein
blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschüssel so groß, und
Hulda erklärte: „Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir können
auf die Messe gehen.“
„Nein,“ erwiderte Eva, „heute nicht, ich werde den Buben unser großes
Völkerschlachtdenkmal zeigen.“
„Messe ist besser,“ rief Hulda. „Sie sollten mit ihnen hingehen.“
„Die Buben waren ja schon zweimal draußen, und von der Stadt haben
sie noch so wenig gesehen.“
„Die haben von der Messe mehr. Ob die Häuser ein Stockwerk haben
oder zehne, ist denen gleich, Fräulein Eva, die Messe ist besser.“
„Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.“
„Nee, Sie müssen mit, Fräulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.“
Eva lachte. „Das ist Unsinn, Hulda,“ sagte sie. „Sie wissen doch, ich
gehe nie auf die Messe.“
„Aber heute, einmal geht’s doch!“ Hulda bettelte um das Messegehen,
wie es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder
davon, und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und
berichteten, jetzt wäre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am
Himmel sei viel größer als eine Bratenschüssel, da bat Hulda wieder: „Gelt,
Fräulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?“

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„Unsinn!“ Eva sagte es zum zweiten Male. „Sie wissen doch, ich mag die
Messe nicht leiden!“ Ganz ärgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und da
geschah etwas höchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz verdutzt
darüber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als wäre das größte
Unglück geschehen.
„Du mußt net so arg flennen.“ Mathes schüttelte sehr mißbilligend seinen
Kopf, und Peter schüttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe hinauf,
suchten Tante Eva und erzählten ihr von Huldas Kummer.
„Sie sagt, sie müßt’ noch mehr Töpfle holen, und ohne die Töpfle wäre
sie unglücklich,“ berichtete Peter wichtig.
Da gab Eva nach. Sie lachte sogar über die Töpfle und Huldas Unglück
und sagte: „Meinetwegen, aber warum ich durchaus Töpfle mitkaufen muß,
weiß ich nicht.“
„Die werden wohl arg teuer sein,“ erklärte Mathes weise. „Alleweil,
wenn’s arg teuer ist auf dem Jahrmärktle, sagt Mina auch, Mutter soll
gehen.“
„Also gut, mag es heute beim Töpflekauf bleiben, das Denkmal sehen
wir uns morgen an!“
Mathes und Peter stiegen vergnügt wieder abwärts in die Küchentiefe
und erzählten Hulda strahlend, Tante Eva würde mitgehen. Von Rechts
wegen hätte nun Hulda höchst vergnügt und fröhlich sein müssen, vielleicht
auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein
Küchlein als Botenlohn geben müssen, doch nichts von allem geschah. Sie
lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so schwer, als
müßte sie einen Mühlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen heraufholen,
just als wäre Töpfle kaufen bitterschwer.
Das war doch sonderbar!
Und reden tat Hulda auch nicht, außerdem wollte sie noch Zucker in die
Fleischsuppe schütten, und es war gut, daß Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.
Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.
Da gingen die Buben wieder in den Garten zurück und schielten hinüber
nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch
nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.
Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten
herumwandern, und sie sagten zueinander: „Sollen wir sie einladen? Ach ja,
vielleicht laden sie uns dann auch ein!“

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Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mädchen im
Garten, und Herta rief gleich den Buben zu: „Heute spielen wir nicht, wir
haben sehr viel zu tun.“
Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was
sie zu tun hätten; die dachten: Na, dann nicht, und kümmerten sich nicht
weiter um die Nachbarinnen.
Die warteten und warteten, endlich rief Herta über das Gitter: „Ihr
Jungen, wir haben heute Gesellschaft!“
„Wir gehen auf die Messe!“ riefen Mathes und Peter zurück.
„Aber bei uns wird’s fein! Es gibt auch Eis.“
„Wir gehen ins Zaubertheater!“
„Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.“
„Tante Eva schenkt uns Geld, wir dürfen uns kaufen, was wir wollen.“
„Wir tanzen auch.“
„Das ist dumm, da fällt man hin!“ rief Peter, dem dies meist geschah.
„Es ist fein, ach, himmlisch ist’s!“
„Noi, dumm ist’s!“
„Pah, ihr ärgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!“
„Wir wollen gar net kommen!“
„Doch, ihr ärgert euch.“
„Noi, wir gehen auf die Messe!“
Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben
ließen ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und
liefen in das Haus zurück.
Herta und Irene sahen sich enttäuscht an. „Sie kommen wieder,“ sagte
Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mädel
mußten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht.
Wenn wir zurückkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort,
sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spät. Kleinlaut
kehrten sie in das Haus zurück, sie ärgerten sich über die dummen Buben
und hätten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei
Freundinnen mit ihren Brüdern, und allen hatten sie erzählt, die Buben
würden kommen, denn sie hatten gemeint, die würden nur zu gern zu ihnen
kommen.
Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer
Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell noch

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allerlei einkaufen gegangen und mit einem tüchtigen Mittagshunger
heimgekommen. Und nach dem Essen rüsteten sie sich zum Messegang.
Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.
Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund Kieselsteine
zerbeißen. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie seufzte, als sie
wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den Messeplatz betraten, und dann
hatte sie gar keine Lust zum Töpflekauf, auch keine, sich etwas anzusehen,
sondern erklärte, Kaffeetrinken wäre am besten.
„Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch
Zeit!“ Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda
seufzte nur und klagte, sie fiele nächstens gleich um vor Kaffeedurst.
Eva von Ringewald ärgerte sich wirklich. Huldas üble Laune begriff sie
gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! „Fehlt Ihnen
etwas?“ fragte sie.
„Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!“
„Ja, aber dann hätten wir doch nicht hierhergehen sollen!“
„Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken dürfen wir nicht
warten, ja nicht, ich halt’s nicht mehr aus.“
Daraus sollte nun einer klug werden. „Hulda kann ja Kaffee trinken, und
wir holen sie ab,“ schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr
lockte als die Kaffeeschenke.
„Nee, nee, alle müssen mit. Und — vielleicht ist auch der Zigeuner da,
den sehen wir uns an.“
Eva gab wieder nach. Sie fühlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem
Herzen, irgend etwas bedrückte sie, und sie wollte die treue Seele nicht
kränken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald
betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrießlich und Eva mit
dem Gedanken: Es wäre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die Messe
zu gehen.
Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saßen wirklich schon mit
ihren Instrumenten da und spielten.
Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schön und
traurig, daß ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und
nur diese eine Geige tönte, leise, zart, unendlich süß; es klang, als weine ein
Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.
Eva ließ sich von Hulda sacht vorwärtsschieben, immer näher der kleinen
Bühne, auf der die Zigeuner saßen. Der, der spielte, drehte dem Saal

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ziemlich den Rücken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine dunklen
Haare waren zu sehen.
Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mühten
sie sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte:
„Leise, leise!“ gingen sie ängstlich auf den Fußspitzen, und es war schon
merkwürdig, daß sie so einen Tisch erreichten, ohne über etwas zu stolpern.
Auch setzen taten sie sich ohne viel Lärm, dann aber wollten sie sprechen,
und wieder mahnte Hulda: „Still, still!“ Ja, sie hielt ihnen sogar den Mund
zu, was beide furchtbar ärgerte. Solche kleine Hosenmätze waren sie doch
wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva bittend an, die sah aber nichts, die
hörte nur die Geige klingen und singen. Ihr liebes Gesicht wurde blaß, und
ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie mußte an den Bruder denken, an den
fernen, verlorenen, der ein Künstler hatte werden wollen. Und die Geige
sang und klang immerzu.
„Das da ist er!“

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Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut,
und sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saßen. Auch Peter hob den
Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner sich
umdrehte und nach dem Tisch hinübersah.
„Er kennt uns!“ riefen die Buben.

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Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang’s;
zwei Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner ließ den Bogen sinken.
Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf.
Totenbleich war sie geworden.
„Er ist’s wirklich und wahrhaftig, Fräulein Eva!“ murmelte Hulda. „Der
dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.“
Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen
fremde Menschen saßen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bühne
nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.
Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges, was Mathes und Peter in die
allerhöchste Aufregung versetzte. An der Türe gaben sich Eva und der
Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und
draußen nahm das bunte Gewühl der Messe sie auf — fort waren sie.
„Der Zigeuner hat Tante Eva geholt,“ schrie Peter. Er sprang auf, Mathes
auch, beide dachten, wir müssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders.
„Bleibt!“ rief sie, „bleibt!“ Und dabei hielt sie die Buben fest.
„Er nimmt Tante Eva mit.“ Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest.
Doch Peter entschlüpfte und lief auch dem Ausgang zu.
„Jemine, was hat man mit euch für ’ne Not!“ jammerte Hulda, und sie
schrie ganz laut: „Peter, Peter, hierbleiben!“
Peter kümmerte sich nicht darum, doch andere Gäste hatten den Ruf
gehört, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Füße. Bums! da lag er,
und der Mann sagte lachend: „Geh du nur zurück, ausreißen auf der Messe
gibt es nicht!“
Beschämt stand Peter auf und sah sich um. Mathes saß neben Hulda am
Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er
kleinlaut zu den beiden andern zurück, er dachte: Nun gibt’s Schelte. Doch
diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: „Setz dich
nur! Ach du lieber Himmel, das ist ’n Wunder, ’n richtiges Wunder!“
Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Tränen kollerten ihr richtig
in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: „Jemine!“ und
„Ach, du lieber Himmel!“
Für die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum
Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drängten: „Hulda,
wir wollen Tante Eva nachgehen.“
„Die findet ihren Weg schon allein!“

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Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann
fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei
lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: „Wir wollen Tante Eva
suchen,“ dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten.
„Wir gehen ins Zaubertheater,“ sagte sie, „und ins Lichtspiel und
meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich weiß nicht was
er frißt; irgend einer, der irgend etwas Komisches frißt, ist immer da.“
„Aber Tante Eva —“
„Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch nach
Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und
Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch ’ne Trommel könnt ihr kaufen
und ’ne Trompete oder sonst was. Wenn’s auch lärmt, das schadet nichts.
Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Köpfen. Nee, vielleicht ist
das ’n Kalb, oder vielleicht sind’s vier Beine und nicht zwei Köpfe, was
auch erstaunlich wunderbar ist.“
„Aber Hulda,“ schrie Mathes, „ein Kalb hat doch immer vier Beine!“
„Ja, ja, meinetwegen sechse!“ Hulda trank und trank aus ihrer Tasse,
dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob
lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die
Tränen über die Backen, und sie brummelte vor sich hin: „Das ist ’n Tag,
ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gnädige Frau sagen!“
Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheißenen
Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: „Komm doch, vielleicht
finden wir Tante Eva dort!“
„Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die
Wachsfiguren sehen.“ Etwas viel hatte sich Hulda schon für diesen
Nachmittag vorgenommen. Der hätte von Gummi sein und sich über drei
Tage hinziehen müssen, um alle Pläne ausführbar zu machen. Und nachher
hatte Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei
langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die nun
dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die
Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: „Jemine, schon so spät!
Wir müssen jetzt rasch nach Hause gehen, und überhaupt, ohne Fräulein
Eva ist es doch nichts!“
Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen.
Hurlebusch! ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange

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Aussuchen sehr. „Sputet euch, schnell, schnell, wir müssen nach Hause, es
wird dunkel!“
„Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel,“ sagte die
Trommelfrau, „das bleibt noch lange hell.“
„Unsinn, gleich wird’s dunkel!“
„Na, so was!“ Die Trommelfrau ärgerte sich. „Sie sind wohl dem heiligen
Petrus seine Tante, daß Sie das besser wissen als unsereins?“ brummte sie.
„Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen für ihr
Geld. Vielleicht noch ’ne kleine Drehorgel gefällig und für jeden ’ne
Mundharmonika?“
Die „jungen Herren“ fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So
waren sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit hätten sie
der Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch
darüber ließ sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel
und eine Trompete, sagte: „Die sind gut!“, zahlte geschwind, und fort ging
es.
Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln,
Peter nicht blasen, und sehr mißvergnügt stiegen beide in den Bahnwagen.
Der bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte
herüber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten
sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon, der
Meßgang war vorbei.
Bum! tönte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein
junges Mädchen rief erschrocken: „Aber man stellt doch auch nicht eine
Trommel auf den Sitz!“
Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mädchen
hatte sich auf die Trommel gesetzt.
Mathes wollte ein großes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: „Sei
nur still, in Leipzig gibt’s noch mehr Trommeln, und zum Vergnügen hat
sich das Fräulein ja nicht hineingesetzt.“
„Nein, wirklich nicht!“ Das junge Mädchen war so rot geworden wie der
Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch hinüber
und warf von da aus bitterböse Blicke auf Mathes. Dazu sagte auch noch
eine alte Dame laut: „Ich finde es recht überflüssig, Kindern solche
Marterwerkzeuge zu kaufen; sie quälen damit nur ihre Umgebung. Ich
würde das nie tun; man müßte so etwas verbieten.“ Streng sah sie zu den
Buben hin.

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„Na, ’ne Trommel geht noch, aber ’ne Trompete!“ brummte aus einer
Ecke heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der
ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.
Erschrocken preßte er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand,
und es war wirklich der Herr in der Ecke. „Der hat nur Spaß gemacht!“
tuschelte Mathes Peter zu.
„Er freut sich über das Trompetle,“ tuschelte Peter zurück. „Weißt du
was?“
„Na, was denn?“
„Ich blas ihm was vor.“
„Aber hier net!“ Mathes sah den kühnen Bruder ganz entsetzt an.
„Doch, hier!“ Peter schielte wieder zu dem Herrn hinüber, wirklich, der
lachte, und die Brillengläser funkelten.
„Wir müssen aussteigen.“ Hulda sprang auf. „Schnell, schnell!“ mahnte
sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.
Die Buben sprangen flink auf, und während sie an der Türe standen und
auf das Halten warteten, bewies Peter, daß der alte, unnütze Sternbüblessinn
noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den Mund und tutete
los.
Greulich klang es.
„Um Himmelswillen!“ Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich
die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: „So was ist nicht erlaubt.“
„Tutuut, tututuut!“
„Blasen ist verboten!“ schrie der Schaffner.
Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: „Das muß man anzeigen.“
Doch da standen Hulda und die Buben schon draußen, und der Wagen
rasselte weiter.
„Tutuut, tututuut!“ klang es ihm nach.
„Junge, bei dir rappelt’s wohl!“ Weiter sagte Hulda nichts, und als in der
stillen Straße, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies und Mathes
auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lärmen, schwieg Hulda
dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hören; sie rannte erst, doch kurz vor dem
Hause ging sie langsam, blieb vor der Türe stehen und flüsterte vor sich hin:
„Der liebe Gott mög’s gut gemacht haben!“
Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus.
Und dann schloß sie innen leise die Türe auf und sagte halblaut: „Macht

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keinen Lärm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal sehen,
ob —“
Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Türe vom Wohnzimmer tat sich
auf, und Eva von Ringewald kam heraus.
„Tante Eva,“ riefen die Buben, „warum bist du mit dem Zigeuner
weggegangen?“
Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und
machte es wie diese draußen auf der Messe, sie lachte und weinte
durcheinander.
„Hulda, o Hulda, du hast es gewußt!“
„Der da war’s.“ Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er
würde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld
bewußt: „Ich war’s net.“
„In deinem Brief hat’s gestanden.“
Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von
dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes’ Brief
sprachen sie, und Hulda sagte, der wäre für sie wie ein Blitz gewesen, und
Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.
Und dann mußten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte,
sie würde sie gleich holen, aber erst müßte Hulda hineingehen.
Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang
dabei so feierlich und so glückselig, als hätte sie eben ein Weihnachtslied
gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer hinein und sagte:
„Hier sind die beiden.“
Ja, da waren die Sternbuben, aber wer saß denn da drinnen neben der
Tante Pate und lächelte ihnen entgegen? — Der Zigeuner war es!
Niemand anders als der Zigeuner!
Und wie sah die Tante Pate aus! Als hätte die liebe Sonne selbst ihr sanft
und linde das bleiche Gesicht geküßt, ihre Augen glänzten, und der
Zigeuner saß neben ihr und hielt ihre Hände fest.
„Kennt ihr mich?“ fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie
er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinüber, auch sie lachte, und
wirklich, jetzt sah er’s wieder, Tante Eva sah aus wie der Zigeuner.
„Das ist dein Bruder,“ rief Mathes, dem Huldas Erzählung einfiel.
„Aber ich bin doch ein Zigeuner!“
„Noi!“ Mathes schüttelte heftig den Kopf, während Peter etwas
zweifelnd dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem

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Fremden hin und sagte innig: „Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber
Bruder!“
Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von
Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren
Mathes und Peter erst später von Hulda. Die saß bei ihnen in ihrem Zimmer
und erzählte ihnen, während sie schmausten, denn das mußten sie allein tun;
drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.
Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam
durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es
anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung
gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er
es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen
wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten.
Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.
„Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,“ schloß Hulda ihre
Erzählung. „Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen
hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann
säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe,
und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts
mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir
soll’s nur recht sein.“
Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch
allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch
kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam
auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben
Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und
als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude
dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich
Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel
angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken
müssen.
Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an
diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr
auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel
einfiel, ihn tröstete: „Morgen kriegst du eine andere,“ da murrte er: „Will
keine!“

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Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen
wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem
Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: „Hast noch Hunger? Tut dir
was weh?“
„Noi — ich will heim!“
Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh
zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße
Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: „Aber wenn du
fährst, dann weine ich.“
Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda
etwas trösten; darum brummte er: „Morgen fahr ich doch noch net, sei nur
net traurig!“

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Vierzehntes Kapitel.
Letzte Tage.

D ie Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwärts. Sie
verlebten noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem großen
Leipzig. Schön waren sie alle, wie Tage es nur sein können in einem Haus,
in das die Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut über die
Heimkehr eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz
besondere Freude, eine, die auch andere froh macht.
Hulda sagte am nächsten Morgen: „Es ist heute wie Feiertag.“
„Ja, wie ein Osterfeiertag,“ antwortete Eva von Ringewald, „ein Ostertag,
an dem man den Frühling schon auf allen Wegen kommen sieht und meint,
so hell habe die Sonne nie geglänzt und so köstlich haben die Veilchen nie
geduftet.“
In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine
Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und
Vergnügtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da saß der
Zigeuner am Frühstückstisch, und er war wieder blond und nicht mehr
schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er
wollte Onkel Fritz genannt sein und schloß mit den Buben gleich eine feste,
gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute früh müßten die
Buben das große Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.
„Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst
versöhnen,“ murmelte Hulda. Sie dachte gewiß, hören kann das kein
Mensch, aber Mathes und Peter hörten manchmal Dinge, die sie eigentlich
nicht hören sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn
Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von
Ringewald sagten beide: „Heute gehen wir nicht.“ Aber dann kam gerade,
als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat, sie
sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.
„Allein?“ Die alte und die junge Tante machten beide höchst bedenkliche
Gesichter, doch Annedore erklärte flink und froh, sie würde schon auf die

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Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man könne ganz ohne
Sorge sein.
„Hoho!“ Onkel Fritz lachte dazu. „Das sind mir Buben, müssen sich
beschützen lassen!“ neckte er.
Mathes und Peter ärgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf
und wollten eben sagen: „Wir können allein gehen,“ als Tante Eva
dazwischenredete. „Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer
Stadt bin, dann lasse ich mich auch führen.“
„Wir passen gegenseitig auf uns auf.“ Annedores freundliches Lachen
verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergnügt,
und beide sagten sie gnädig: „Wir passen auf dich auf.“
In schönster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzählte
Annedore, bei Herta wäre es gestern langweilig gewesen, furchtbar
langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem Augenblick
kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen die Straße
entlang gewippt.
„Da kommen sie!“ rief Herta.
„Wo?“ fragte Irene.
Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war
nichts mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen
um eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden
Zierpüppchen entwischt zu sein.
Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus
sehen. Peter behauptete kühn: „Die freuen sich, die kennen uns wieder.“
Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter
Sternbuben auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden,
jedenfalls waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich
ein Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen.
Hulda redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben
meist, als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. „Wascht euch gut und
geht hinein, es ist ein Gast da,“ flüsterte Ida ihnen zu.
Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem
Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von
Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war
ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war
manch bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem
Neffen die Hand gegeben und gesagt: „So geh denn deinen Weg! Ich hab’

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es eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn
seines Herzens Sehnsucht treibt.“
Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht
Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei eine
bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner
verkleidet spielen zu müssen.
Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz
von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die
kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah, dann
dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all das Leid
der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller Sohn sein, um
seine Schuld wieder gutzumachen.
Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter
nichts. Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr
Brummerjan wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er
freilich nicht, aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar,
sie gingen schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule
saßen, auch nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und
das fanden sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen,
und als er hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu
wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.
Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht
die Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt.
Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor
Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: „Ihr müßt bald
wiederkommen,“ und damit meinten sie die Buben und die Ferientage dazu.
Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz
sagte: „Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer
auf die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie
nicht.“ Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er führte
sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben Fleißfinger in die
Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille Pfeifen in der Nähe, sie
sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen die Fabriken verlassen.
Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen Fenstern; hinter denen bauschten
sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort arbeiteten von früh bis abends
rastlos die fleißigen Männer und Frauen.

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In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straßen meist
lange, einreihige Häuserreihen; wie das Breitenwärter Löwengäßle sah
keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Gärten umsahen,
guckten, ob nicht ein paar Bäume hinter einem Mäuerlein schatteten, da
führten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straßen. Da lagen still und
verträumt Eigenhäuser in schönen Gärten; manch eins sah wie ein kleines
Schloß aus, und die Buben vergaßen beinahe den Silbernen Stern und
wünschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nächsten
Straßenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen,
weil Fritz von Ringewald versprach: „Morgen führ’ ich euch zum Onkel,
dort werdet ihr ein Stück unserer Bücherstadt sehen.“
Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bücherstadt
konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda später, was es
bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein bißchen
von oben herab: „Ach, da sind eben die Häuser mit Büchern vollgestopft
wie mein Wäschesack mit Flickwäsche!“
In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, außerdem hatte der
Onkel Adam nur noch Schulbücher zu verkaufen, und als die Sternbuben
am nächsten Morgen in die Bücherstadt wanderten, dachten sie sich die wie
den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Häuser und wieder Häuser
zu sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die große Pakete geladen wurden,
und die Buben waren schon ein bissel enttäuscht, als Tante Eva in eins der
großen Häuser eintrat. Eine Treppe ging’s hinauf, oben gab es ein paar
Türen mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und als er sie
öffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die eifrig
schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der Herren
führte die Besucher durch allerlei Räume. Zimmer neben Zimmer, und in
allen lagen Bücher hochaufgestapelt bis zur Decke.
„Wenn ihr das alles lesen müßtet!“ sagte Tante Eva neckend.
Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Fräulein kam
und meldete, Herr Buchner hätte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine Karte
mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.
„Dann sehen wir uns also noch nach mehr Büchern um,“ sagte Tante Eva.
Noch mehr Bücher!
Gab es denn die?
Onkel Fritz lachte über die erstaunten Gesichter der Buben. „Ja, ja, wir
gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbüchern.“

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Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine
Straße, und wie in einer Straße liefen die Menschen drin hin und her,
hinaus, herein; es hatten’s alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten
Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bücher, nur Bücher.
Große Ballen Bücher wurden verladen und ausgeladen. Bücher waren in
Sälen aufgestapelt, und wenn Tausende von Büchern auf zwei Beinen
dahergelaufen wären, die Sternbuben hätten sich nicht mehr gewundert.
Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!
Onkel Fritz sagte: „Wenn ihr beide nun alles lernen müßtet, was in den
Büchern steht!“
Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch
noch lernen, was in den Büchern stand! Jemine, das wäre schrecklich!
Mathes seufzte tief. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, und er rief: „Ich
werd’ mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man net
so arg lange lernen.“
Peter schwieg. Die vielen Bücher machten einen gewaltigen Eindruck auf
ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bißchen feierlich zumute,
und als er wieder auf die Straße trat, sah er sich ehrfurchtsvoll nach dem
großen Haus um. Ein Stückchen weiter ging’s, da stand wieder so ein
Riesengebäude, und Onkel Fritz erklärte: „Dort innen werden die Bücher
gedruckt.“
Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann
führte sie alle miteinander in einen großen Saal. Nur hier könnten sie
hineinsehen, sagte er, aber für die Sternbuben war das schon genug. In dem
Saal surrten und sausten große Maschinen, die arbeiteten flinker als hundert
Hände. Weißes Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus, klipp
klapp! Stoß um Stoß. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie redeten
ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet euch,
sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran standen,
sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in dem Saal zur
Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.
Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller
Klang den großen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille.
Sie riefen nicht mehr „Flink!“ und „Sputet euch!“ sie waren stumm
geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele
liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten den
Heimweg an. Unterwegs führten sie die Buben noch in einen großen

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Buchladen. Gegen den wäre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast
wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt hätte. Tante Eva
kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil für der Buben
Heimreise sollte es sein. Während sie kaufte, konnten sich Mathes und
Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bücher wurden
ihm langweilig, sie ängstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er
dachte, es müßte behaglich sein, in so einem großen Buchladen zu sitzen
und jedem, der kam, ein wunderfeines Büchlein zu verkaufen. Tante Eva
mußte ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschloß, und kaum
war er draußen, da rief er: „So ein Lädle will ich mal haben; das gefällt
mir.“
Fritz von Ringewald, der kein Buchhändler hatte werden wollen, weil er
seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: „Dann wirst du etwas Tüchtiges,
Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit
herumgekommen; so viele Buchläden wie in Deutschland habe ich kaum
irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran
erkannte, daß wir vorangehen in der Welt.“ Und ganz leise, nur Eva konnte
es hören, fügte er hinzu: „Dem Onkel hab’ ich manch bitteres, trotziges
Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag —“
„Das Denkmal sehen,“ fiel Eva ein, „sonst fahren sie ab und haben es
nicht gesehen.“
Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Völkerschlachtdenkmal, das
weit draußen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzählte Eva den Buben
von der gewaltigen Schlacht der Völker, von dem großen Befreiungskampf
gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hälse, um das
riesengroße Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel müßte
es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem großen Steinkoloß
standen, schwiegen sie muckstill.
Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schützlingen
hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die nicht
kamen, fragte sie: „Nun, was sagt ihr, gefällt es euch?“
Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter
Löwengäßle das große Steindenkmal von oben bis unten an und riefen
geringschätzig: „Arg groß ist das aber net, unser Kirchturm ist höher!“
Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen, ließ
sie das Denkmal von innen und außen beschauen, und die Bübles nickten
und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel reichte,

Page 147

fanden sie es doch nicht so groß wie den Turm der Breitenwerter
Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst
verschleiert lag, und dieser graue Schleier über der Stadt gefiel den Buben
noch weniger. Eva war ganz ärgerlich. Sie hatte erwartet, die Buben würden
vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wäre so ein gewaltiges
Denkmal ein Pappenstiel.
Auf dem Heimweg — es dämmerte noch, als sie am Hause ankamen, —
trafen sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und
Peter noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mädel rächten sich
für Nichtbeachtung, taten hochmütig, und Herta fragte, als Eva in das Haus
hineingegangen war: „Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo
ward ihr denn?“
„Beim Denkmal waren sie,“ rief Annedore. „Nicht wahr, das ist fein? So
schrecklich groß!“
„Noi,“ sagte Mathes geringschätzig, „so arg groß ist das doch net!“
„Unser Kirchturm ist viel, viel höher.“ Peter sah in die Luft, als erblicke
er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.
Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese
Kleinstadtbuben wollten nicht ihr großes, berühmtes Denkmal anerkennen?
Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrspätzlein zu schelten und zu
streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer weiß noch was.
Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen
manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen
Stern, stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und
schalt, sie sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie
ein paar Dampfkessel, die Mädel kreischten wie die schönen bunten
Papageien im Zoologischen Garten, und plötzlich rannten Mädel und Buben
fuchswild auseinander. Die Gartenfreundschaft war für immer vorbei.
Annedore stand allein auf der stillen Straße. Sie weinte und dachte
grollend: Die Jungen waren zu grob. Nun geh’ ich auch nicht auf den
Bahnhof, wenn sie abfahren.
Am übernächsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in
den die Sternbübles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr
bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wäre
Abschiednehmen eine höchst vergnügliche Sache. Onkel Fritz hatte
nämlich gesagt: „Buben weinen nicht auf Bahnhöfen.“ Und weil Mathes
und Peter nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz fürchterlich

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und seufzten schwer, denn die dummen Tränen saßen ihnen schon in den
Augen und wollten rinnen.
Tante Eva war ein bißchen ängstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht. Sie
gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in einer
großen Stadt waren, können doch allein wer weiß wohin fahren! Mathes
und Peter hatten das Gefühl, ungeheuer klug und welterfahren zu sein; sie
kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein, wie zwei, die
jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertönte ein schriller Pfiff. Der Schaffner
schrie: „Einsteigen!“
Die Türen wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.
In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine
schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den
Taschentüchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. „Fallt nicht
heraus, fallt nicht heraus!“ mahnte sie.
Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hörten auch auf zu weinen, und
weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu
schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat
können die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade bis
nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krümchen hinunter, als
die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.
Aller Abschiedschmerz war längst vergessen, sie freuten sich beide auf
die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die
Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde aus
der Löwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst Frau
Tippelmann und Herr Häferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig voll
Menschen, die alle die Sternbuben begrüßen wollten, denn sicher wußten es
in Breitenwert alle: „Heute kommen sie!“
Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmückt,
und Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war,
schaute zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: „Hurra, sie
kommen!“
Da hielt der Zug, der Schaffner rief: „Breitenwert!“ Doch wenn eine
Dame die Buben nicht ermahnt hätte: „Jetzt müßt ihr aussteigen, schnell, es
ist nur eine Minute Zeit,“ die beiden wären vor lauter Ankunftsfreude sitzen
geblieben.
Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr
weiter, und Mathes und Peter sahen sich um.

Page 149

Es war niemand da!
Es war überhaupt ziemlich still auf dem Bahnhof. Die paar Leute, die
angekommen waren, eilten fort, und schließlich entschlossen sich die
Buben auch durch die Sperre zu gehen. Der Beamte nahm ihre Karten und
sagte — nichts. Er wunderte sich nicht über ihre Heimkehr, es wunderte
sich überhaupt niemand auf dem Bahnhof darüber. Fragend blickten die
Buben jeden an; niemand fragte nach dem Woher und Wohin. Zu einer
Frau, die manchmal in den Silbernen Stern kam, sagten die Buben: „Guten
Tag!“ Da nickte sie, sah auf ihr Köfferlein und fragte so nebenhin: „Ihr holt
wohl Fremde ab?“
Ganz verdattert machten sich die Buben auf den Heimweg. Es war still
im Städtchen, ganz sonderbar kam es den beiden vor. Sie trafen nur wenig
Menschen auf der Gasse, und von diesen wunderte sich auch niemand über
ihre Heimkehr, niemand fiel vor Erstaunen um, niemand sah die
Weitgereisten ehrfürchtig an. Nun bogen sie in die Löwengasse ein. Es
dämmerte schon, und auf der ganzen Gasse ging nur Bäckermeister Herings
Hund spazieren. Aus der Linde und Rose kamen nicht die Kamerädles
herausgestürzt, Herr Häferlein trat nicht vor seine Ladentür, Frau
Tippelmann sah nicht zum Fenster hinaus. Und da war der Silberne Stern.
Kein Kranzgewinde schmückte sein großes, rundes Tor, ganz still lag das
stattliche alte Haus da. Die Buben setzten ihr Köfferlein ab und sahen sich
um; kam denn wirklich niemand, sie zu begrüßen? Sie wollten rufen, aber
sie brachten kein Wort hervor.
Denn plötzlich erfaßte sie beide eine furchtbare Angst. Vielleicht waren
alle aus Breitenwert weggezogen, gestorben oder sonst etwas. Sie ließen
ihren Koffer stehen, rasten durch den Flur, rissen die Küchentüre aus und
schrieen: „Wir sind da!“
„Alle guten Geister! Unsere Bübles!“
„Mathes! Peter!“
Da waren die Mutter und Gundel, Mina, Käthle — alle waren da. Von
einer Bank hopsten Trinle und Kasperle Grill und Alette Amhag herab, Frau
Tippelmann stand auch mitten in der Küche, und alle miteinander fragten:
„Aber wo kommt ihr denn auf einmal her, warum habt ihr nicht
geschrieben?“
Nicht geschrieben?
Mathes griff erschrocken in seine Tasche. Da knisterte ein Brieflein; vor
drei Tagen hatte er es in Leipzig in den Kasten stecken sollen. In dem

Page 150

Brieflein aber stand: „Wir kommen Montag!“
„Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gickgack wieder
heim,“ sagte Frau Tippelmann.
„Zum Kuckuck, welcher Esel hat denn da draußen seinen Koffer auf der
Gasse stehen lassen!“ brüllte Friedrich plötzlich im Flur. Er steckte den
Kopf zur Türe hinein. „Herr Baldan ist eben darüber hingefallen. So ’ne
Dummheit!“
Da sah er die Buben, und plötzlich ging ihm ein Lichtlein auf. „Ihr seid ’s
gewesen!“ rief er. „Na ja, man merkt’s, gescheiter seid ihr net
heimgekommen!“
Die Buben hörten es und hörten es nicht, denn die Mutter hielt sie fest
umschlungen, und Gundel zerrte an ihnen herum, und beide sagten: „Gott
sei Dank, daß ihr wieder da seid, wir haben uns schrecklich gebangt!“
„Wir auch!“ riefen die Kamerädles alle.
„Ich auch!“ sagten Mina und Käthle. —
Das Heimkommen ist eben doch eine schöne Sache, selbst wenn es
keinen feierlichen Empfang gibt!

Page 151

Page 152

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
aufgeführt (vorher/nachher):

... Tasche unde Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ...
... Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ...
... Huldas Tränen floßen aufs neue. Unter Tränen ...
... Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen ...
... Augen, und sie sagte taurig: „Nun habe ich mich wieder ...
... Augen, und sie sagte traurig: „Nun habe ich mich wieder ...
... mein Großvater Schurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ...
... mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ...

Page 153

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
STERNBUBEN IN DER GROSSSTADT: EINE HEITERE GESCHICHTE
***

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