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The Project Gutenberg eBook of Die Traumdeutung
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Die Traumdeutung
Author: Sigmund Freud
Contributor: Otto Rank
Release date: September 12, 2012 [eBook #40739]
Most recently updated: July 5, 2020
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/40739
Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
TRAUMDEUTUNG ***
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Author: Sigmund Freud
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Release date: September 12, 2012 [eBook #40739]
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TRAUMDEUTUNG ***
Page 4
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Änderungen sind im Text so gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint
beim Überfahren mit der Maus. Eine Liste der vorgenommenen
Änderungen findet sich am Ende des Textes.
DIE
TRAUMDEUTUNG.
DIE
TRAUMDEUTUNG
VON
PROF. DR. SIGM. FREUD.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Änderungen sind im Text so gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint
beim Überfahren mit der Maus. Eine Liste der vorgenommenen
Änderungen findet sich am Ende des Textes.
DIE
TRAUMDEUTUNG.
DIE
TRAUMDEUTUNG
VON
PROF. DR. SIGM. FREUD.
Page 5
»FLECTERE SI NEQUEO SUPEROS, ACHERONTA MOVEBO«
VIERTE, VERMEHRTE AUFLAGE
MIT BEITRÄGEN VON
DR. OTTO RANK.
LEIPZIG und WIEN.
FRANZ DEUTICKE
1914.
VERLAGS-NR. 2176.
VIERTE, VERMEHRTE AUFLAGE
MIT BEITRÄGEN VON
DR. OTTO RANK.
LEIPZIG und WIEN.
FRANZ DEUTICKE
1914.
VERLAGS-NR. 2176.
Page 6
Vorbemerkung.
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich
den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben.
Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das erste
Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren
Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die Wahnvorstellung den
Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche
praktische Bedeutung kann der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch
nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma,
und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen,
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.
Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit
verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu
machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich
finden wird, entsprechen ebensovielen Kontaktstellen, an denen das
Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der
Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten, und
denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt,
spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.
Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird
sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten
oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke
unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen
Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden
Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich
den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben.
Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das erste
Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren
Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die Wahnvorstellung den
Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche
praktische Bedeutung kann der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch
nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma,
und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen,
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.
Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit
verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu
machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich
finden wird, entsprechen ebensovielen Kontaktstellen, an denen das
Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der
Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten, und
denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt,
spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.
Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird
sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten
oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke
unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen
Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden
Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den
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Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten
Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen.
Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar
verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens
fremden Einblicken mehr eröffnete als mir lieb sein konnte und als sonst
einem Autor, der nicht Poet, sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt.
Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um
nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse
überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung
nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es
dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser
Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit
mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten
Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben
Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen.
Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen.
Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar
verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens
fremden Einblicken mehr eröffnete als mir lieb sein konnte und als sonst
einem Autor, der nicht Poet, sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt.
Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um
nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse
überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung
nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es
dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser
Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit
mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten
Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben
Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen.
Page 8
Vorwort zur zweiten Auflage.
Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten
Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich
nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden
Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich
keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden
hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes
erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewöhnt
sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den
Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen
abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade an diesem
Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung
unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der
wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß
Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse;
auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der
ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse folgen und nach meinem
Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von
Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht
erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten
und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung
verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach
neun Jahren von neuem vorzunehmen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich
habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten
Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten
Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine
Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist
Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten
Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich
nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden
Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich
keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden
hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes
erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewöhnt
sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den
Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen
abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade an diesem
Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung
unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der
wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß
Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse;
auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der
ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse folgen und nach meinem
Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von
Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht
erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten
und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung
verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach
neun Jahren von neuem vorzunehmen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich
habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten
Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten
Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine
Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist
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aber ungeändert geblieben; es hat, wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit
bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus
der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig
ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens
durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen
Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer
wieder die »Traumdeutung«, an der ich meine Sicherheit wiederfand.
Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also einen sicheren
Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht
folgen wollen.
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die
Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die
Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein
Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für
mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die
ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein
Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters,
also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im
Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich
unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag
es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und
deuten lernt.
Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten
Zusammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet(1).
B e r c h t e s g a d e n, im Sommer 1908.
bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus
der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig
ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens
durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen
Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer
wieder die »Traumdeutung«, an der ich meine Sicherheit wiederfand.
Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also einen sicheren
Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht
folgen wollen.
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die
Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die
Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein
Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für
mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die
ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein
Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters,
also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im
Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich
unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag
es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und
deuten lernt.
Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten
Zusammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet(1).
B e r c h t e s g a d e n, im Sommer 1908.
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Vorwort zur dritten Auflage.
Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches
ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis nach
einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht.
Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die
Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für
dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zu Tage
getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.
Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die
»Traumdeutung« nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb,
bestand die »Sexualtheorie« noch nicht, war die Analyse der
komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die
Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische
Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis
der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre
von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt,
auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen
war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. S t e k e l und
anderen habe ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im
Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt.
So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was
Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten
Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der
Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht an allen Stellen
gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten
zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie nur
Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung unseres
Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches
ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis nach
einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht.
Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die
Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für
dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zu Tage
getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.
Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die
»Traumdeutung« nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb,
bestand die »Sexualtheorie« noch nicht, war die Analyse der
komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die
Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische
Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis
der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre
von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt,
auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen
war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. S t e k e l und
anderen habe ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im
Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt.
So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was
Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten
Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der
Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht an allen Stellen
gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten
zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie nur
Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung unseres
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Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen
Richtungen spätere Auflagen der Traumdeutung – falls sich ein Bedürfnis
nach solchen ergeben würde – von der vorliegenden abweichen werden.
Dieselben müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff
der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und des Folklore suchen,
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur
Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.
Herr O t t o R a n k hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin
ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank
verpflichtet.
W i e n, im Frühjahr 1911.
Richtungen spätere Auflagen der Traumdeutung – falls sich ein Bedürfnis
nach solchen ergeben würde – von der vorliegenden abweichen werden.
Dieselben müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff
der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und des Folklore suchen,
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur
Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.
Herr O t t o R a n k hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin
ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank
verpflichtet.
W i e n, im Frühjahr 1911.
Page 12
Vorwort zur vierten Auflage.
Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. B r i l l in New York eine englische
Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The interpretation of
dreams. G. Allen & Cy., London.]
Herr Dr. Otto R a n k hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt,
sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang
zu Kap. VI.)
W i e n, im Juni 1914.
Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. B r i l l in New York eine englische
Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The interpretation of
dreams. G. Allen & Cy., London.]
Herr Dr. Otto R a n k hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt,
sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang
zu Kap. VI.)
W i e n, im Juni 1914.
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Inhaltsverzeichnis.
Seite
I. D i e w i s s e n s c h a f t l i c h e L i t e r a t u r d e r
T r a u m p r o b l e m e (bis 1900) 1
a) Beziehung des Traumes zum Wachleben 5
b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traume 8
c) Traumreize und Traumquellen 16
d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt? 32
e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 36
f) Die ethischen Gefühle im Traume 49
g) Traumtheorien und Funktion des Traumes 56
h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten 66
II. D i e M e t h o d e d e r T r a u m d e u t u n g . D i e
Analyse eines Traummusters 73
III. D e r T r a u m i s t e i n e W u n s c h e r f ü l l u n g 94
IV. D i e T r a u m e n t s t e l l u n g 103
V. D a s T r a u m m a t e r i a l u n d d i e T r a u m q u e l l e n 124
a) Das Rezente und das Indifferente im Traume 125
b) Das Infantile als Traumquelle 142
c) Die somatischen Traumquellen 165
d) Typische Träume 181
α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit 182
β) Die Träume vom Tod teurer Personen 186
γ) Der Prüfungstraum 204
VI. D i e T r a u m a r b e i t 207
Seite
I. D i e w i s s e n s c h a f t l i c h e L i t e r a t u r d e r
T r a u m p r o b l e m e (bis 1900) 1
a) Beziehung des Traumes zum Wachleben 5
b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traume 8
c) Traumreize und Traumquellen 16
d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt? 32
e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 36
f) Die ethischen Gefühle im Traume 49
g) Traumtheorien und Funktion des Traumes 56
h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten 66
II. D i e M e t h o d e d e r T r a u m d e u t u n g . D i e
Analyse eines Traummusters 73
III. D e r T r a u m i s t e i n e W u n s c h e r f ü l l u n g 94
IV. D i e T r a u m e n t s t e l l u n g 103
V. D a s T r a u m m a t e r i a l u n d d i e T r a u m q u e l l e n 124
a) Das Rezente und das Indifferente im Traume 125
b) Das Infantile als Traumquelle 142
c) Die somatischen Traumquellen 165
d) Typische Träume 181
α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit 182
β) Die Träume vom Tod teurer Personen 186
γ) Der Prüfungstraum 204
VI. D i e T r a u m a r b e i t 207
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a) Die Verdichtungsarbeit 208
b) Die Verschiebungsarbeit 227
c) Die Darstellungsmittel des Traumes 230
d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 252
e) Die Darstellung durch Symbole. – Weitere typische Träume 260
f) Beispiele von Darstellungen. Rechnen und Reden im Traume 292
g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traume 304
h) Die Affekte im Traume 329
i) Die sekundäre Bearbeitung 349
Anhang 1. Traum und Dichtung (O. R a n k) 365
Anhang 2. Traum und Mythus (O. R a n k) 389
VII. Z u r P s y c h o l o g i e d e r T r a u m v o r g ä n g e 403
a) Das Vergessen der Träume 405
b) Die Regression 420
c) Zur Wunscherfüllung 432
d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes.
Der Angsttraum 446
e) Der Primär- und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung 456
f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 472
VIII. L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s :
A. Bis zum Erscheinen dieses Buches (1900) 482
B. Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Ende 1913) 488
b) Die Verschiebungsarbeit 227
c) Die Darstellungsmittel des Traumes 230
d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 252
e) Die Darstellung durch Symbole. – Weitere typische Träume 260
f) Beispiele von Darstellungen. Rechnen und Reden im Traume 292
g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traume 304
h) Die Affekte im Traume 329
i) Die sekundäre Bearbeitung 349
Anhang 1. Traum und Dichtung (O. R a n k) 365
Anhang 2. Traum und Mythus (O. R a n k) 389
VII. Z u r P s y c h o l o g i e d e r T r a u m v o r g ä n g e 403
a) Das Vergessen der Träume 405
b) Die Regression 420
c) Zur Wunscherfüllung 432
d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes.
Der Angsttraum 446
e) Der Primär- und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung 456
f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 472
VIII. L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s :
A. Bis zum Erscheinen dieses Buches (1900) 482
B. Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Ende 1913) 488
Page 15
I.
Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme(2).
Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es
eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und
daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles
psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das
seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen,
die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und
Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf
die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder
Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine
Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das
Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung
an anderem Material in Angriff genommen werden muß.
Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den
gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich
voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben
werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des
Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit
gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es
überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren
Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele
anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem
Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder
eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen
der gebildeten Laien übergegangen.
Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme(2).
Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es
eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und
daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles
psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das
seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen,
die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und
Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf
die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder
Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine
Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das
Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung
an anderem Material in Angriff genommen werden muß.
Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den
gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich
voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben
werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des
Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit
gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es
überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren
Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele
anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem
Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder
eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen
der gebildeten Laien übergegangen.
Page 16
Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den
primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer
Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das
ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der
Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich verweise auf die
bekannten Werke von Sir J. L u b b o c k, H. S p e n c e r, E. B. T y l o r u. a.
und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und
Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns
vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben.
Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar
der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zu
grunde(3). Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt
übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und
Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte
sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht
hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche
Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es
allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen
und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der
Träume, je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen
Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht
unabhängig von der Stellung, die sie der M a n t i k überhaupt einzuräumen
bereit waren.
In den beiden den Traum behandelnden Schriften des A r i s t o t e l e s
ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der
Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer,
da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt
keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des
allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum
wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft.
A r i s t o t e l e s kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große
umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden,
wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes
stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume
primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer
Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das
ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der
Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich verweise auf die
bekannten Werke von Sir J. L u b b o c k, H. S p e n c e r, E. B. T y l o r u. a.
und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und
Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns
vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben.
Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar
der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zu
grunde(3). Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt
übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und
Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte
sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht
hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche
Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es
allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen
und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der
Träume, je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen
Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht
unabhängig von der Stellung, die sie der M a n t i k überhaupt einzuräumen
bereit waren.
In den beiden den Traum behandelnden Schriften des A r i s t o t e l e s
ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der
Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer,
da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt
keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des
allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum
wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft.
A r i s t o t e l e s kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große
umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden,
wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes
stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume
Page 17
sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden
Veränderung im Körper dem Arzte verraten können(4).
Die Alten vor A r i s t o t e l e s hatten den Traum wie erwähnt nicht für
ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung
von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in
der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden,
machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und
wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die
Zukunft zu verkünden, von eitlen, trügerischen und nichtigen, deren
Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.
Die Traumlehre der Alten. – Artemidorus.
G r u p p e (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, p. 390)
gibt eine solche Einteilung der Träume nach M a k r o b i u s und
A r t e m i d o r o s wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine
sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die
Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια, insomnia, die
unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B.
den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσματα, welche die
gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck,
Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die Zukunft;
zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt
(χρηματισμός, oraculum), 2. das Voraussagen eines bevorstehenden
Ereignisses (ὅραμα, visio), 3. der symbolische, der Auslegung bedürftige
Traum (ὄνειρος, somnium). Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte
hindurch erhalten.«
Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe
einer »Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im
allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume
unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter
unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu
einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traumes
durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als
die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum
A r t e m i d o r o s aus D a l d i s, dessen ausführliches Werk uns für die
Veränderung im Körper dem Arzte verraten können(4).
Die Alten vor A r i s t o t e l e s hatten den Traum wie erwähnt nicht für
ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung
von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in
der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden,
machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und
wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die
Zukunft zu verkünden, von eitlen, trügerischen und nichtigen, deren
Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.
Die Traumlehre der Alten. – Artemidorus.
G r u p p e (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, p. 390)
gibt eine solche Einteilung der Träume nach M a k r o b i u s und
A r t e m i d o r o s wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine
sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die
Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια, insomnia, die
unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B.
den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσματα, welche die
gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck,
Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die Zukunft;
zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt
(χρηματισμός, oraculum), 2. das Voraussagen eines bevorstehenden
Ereignisses (ὅραμα, visio), 3. der symbolische, der Auslegung bedürftige
Traum (ὄνειρος, somnium). Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte
hindurch erhalten.«
Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe
einer »Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im
allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume
unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter
unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu
einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traumes
durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als
die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum
A r t e m i d o r o s aus D a l d i s, dessen ausführliches Werk uns für die
Page 18
verloren gegangenen Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen
muß(5).
Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im
vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität
in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens
Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das
Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem
Traume empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas
Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen
psychischen Inhalt entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die
Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der
Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern
abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten
Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch
naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch auch auf
scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren
religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher
Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu
stützen versuchen (H a f f n e r). Die Wertschätzung des Traumlebens von
Seite mancher Philosophenschulen, z. B. der S c h e l l i n g i a n e r, ist ein
deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des
Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft
des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die
psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines
jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur
Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein
Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur
Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem
dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue
Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her
wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von
jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die
muß(5).
Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im
vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität
in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens
Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das
Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem
Traume empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas
Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen
psychischen Inhalt entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die
Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der
Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern
abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten
Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch
naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch auch auf
scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren
religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher
Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu
stützen versuchen (H a f f n e r). Die Wertschätzung des Traumlebens von
Seite mancher Philosophenschulen, z. B. der S c h e l l i n g i a n e r, ist ein
deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des
Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft
des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die
psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines
jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur
Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein
Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur
Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem
dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue
Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her
wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von
jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die
Page 19
Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein
übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der
Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die
Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen und werde
bei jedem der Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung
desselben in der Literatur niedergelegt ist.
Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und
auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu bewältigen, so
muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine
grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner
Darstellung verloren gegangen ist.
Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen,
Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzuhandeln, in der
Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die
Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der
Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den
jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und
etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traumlebens zum
Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck
der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Dingen Aufklärung und
Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu
erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung,
und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte
wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist
ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik
des Schlafzustandes die Veränderung der Funktionsbedingungen für den
seelischen Apparat mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur
des Schlafes hier außer Betracht.
Beziehung zum Wachleben.
Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt
zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:
übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der
Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die
Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen und werde
bei jedem der Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung
desselben in der Literatur niedergelegt ist.
Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und
auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu bewältigen, so
muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine
grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner
Darstellung verloren gegangen ist.
Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen,
Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzuhandeln, in der
Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die
Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der
Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den
jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und
etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traumlebens zum
Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck
der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Dingen Aufklärung und
Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu
erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung,
und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte
wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist
ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik
des Schlafzustandes die Veränderung der Funktionsbedingungen für den
seelischen Apparat mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur
des Schlafes hier außer Betracht.
Beziehung zum Wachleben.
Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt
zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:
Page 20
a) B e z i e h u n g d e s T r a u m e s z u m W a c h l e b e n.
Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er
schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe B u r d a c h, dem wir eine
sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken,
hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten Satze Ausdruck gegeben
(p. 474): ». . . nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen
Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr
geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere
ganze Seele von einem Gegenstand erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser
Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch
genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges
oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen
Kombinationen oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und
symbolisiert die Wirklichkeit.« – J. H. F i c h t e (I, 541) spricht im selben
Sinne direkt von E r g ä n z u n g s t r ä u m e n und nennt diese eine von den
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem Sinne
äußert sich noch L. S t r ü m p e l l in der mit Recht von allen Seiten
hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (p. 16):
»Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt« . . . (p. 17):
»Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen
Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren« . . .
(p. 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume
von dem regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens« . . . .
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des
Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So
H a f f n e r (p. 19): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere
Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen
Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen
Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden
Tages anknüpfte.« W e y g a n d t (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten
Behauptung B u r d a c h s, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der
überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade
ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.«
M a u r y (p. 56) sagt in seiner knappen Formel: »Nous rêvons de ce que
Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er
schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe B u r d a c h, dem wir eine
sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken,
hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten Satze Ausdruck gegeben
(p. 474): ». . . nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen
Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr
geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere
ganze Seele von einem Gegenstand erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser
Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch
genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges
oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen
Kombinationen oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und
symbolisiert die Wirklichkeit.« – J. H. F i c h t e (I, 541) spricht im selben
Sinne direkt von E r g ä n z u n g s t r ä u m e n und nennt diese eine von den
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem Sinne
äußert sich noch L. S t r ü m p e l l in der mit Recht von allen Seiten
hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (p. 16):
»Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt« . . . (p. 17):
»Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen
Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren« . . .
(p. 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume
von dem regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens« . . . .
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des
Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So
H a f f n e r (p. 19): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere
Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen
Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen
Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden
Tages anknüpfte.« W e y g a n d t (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten
Behauptung B u r d a c h s, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der
überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade
ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.«
M a u r y (p. 56) sagt in seiner knappen Formel: »Nous rêvons de ce que
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nous avons vu, dit, desiré ou fait«; J e s s e n in seiner 1855 erschienenen
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: »Mehr oder weniger wird der
Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persönlichkeit,
durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, gewohnte
Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen
bisherigen Lebens.«
Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph I. G. E.
M a a ß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: »Die Erfahrung bestätigt
unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den Dingen träumen, auf
welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. Hieraus sieht man,
daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß
haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner
Einbildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der
Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen
Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinnlichen Begierden und
Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie durch
irgend einen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus den mit ihnen
vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder daß sich diese
Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen.« (Mitgeteilt
von W i n t e r s t e i n im Zbl. f. Ps.-A. . . . .)
Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes
vom Leben. Ich zitiere nach R a d e s t o c k (p. 139): Als Xerxes vor seinem
Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluß durch guten Rat
abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte
schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, A r t a b a n o s, treffend zu
ihm, daß die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im
Wachen denke.
Im Lehrgedichte des L u c r e t i u s, De rerum natura, findet sich (IV,
v. 959) die Stelle:
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: »Mehr oder weniger wird der
Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persönlichkeit,
durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, gewohnte
Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen
bisherigen Lebens.«
Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph I. G. E.
M a a ß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: »Die Erfahrung bestätigt
unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den Dingen träumen, auf
welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. Hieraus sieht man,
daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß
haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner
Einbildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der
Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen
Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinnlichen Begierden und
Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie durch
irgend einen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus den mit ihnen
vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder daß sich diese
Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen.« (Mitgeteilt
von W i n t e r s t e i n im Zbl. f. Ps.-A. . . . .)
Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes
vom Leben. Ich zitiere nach R a d e s t o c k (p. 139): Als Xerxes vor seinem
Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluß durch guten Rat
abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte
schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, A r t a b a n o s, treffend zu
ihm, daß die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im
Wachen denke.
Im Lehrgedichte des L u c r e t i u s, De rerum natura, findet sich (IV,
v. 959) die Stelle:
Page 22
»Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
induperatores pugnare ac proelia obire,« etc. etc.
C i c e r o (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später
M a u r y: »Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et
agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.«
Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von
Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es ist darum am
Platz, der Darstellung von F. W. H i l d e b r a n d t (1875) zu gedenken,
welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes ließen sich überhaupt
nicht anders beschreiben als durch eine »Reihe von Gegensätzen, welche
scheinbar bis zu Widersprüchen sich zuspitzen« (p. 8). »Den ersten dieser
Gegensätze bilden einerseits die s t r e n g e A b g e s c h i e d e n h e i t
o d e r A b g e s c h l o s s e n h e i t des Traumes von dem wirklichen und
wahren Leben und anderseits das stete H i n ü b e r g r e i f e n des einen in
das andere, die stete Abhängigkeit des einen von dem anderen. – Der Traum
ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes,
man möchte sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein,
von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er
macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an
dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz
andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu
schaffen hat . . . .« H i l d e b r a n d t führt dann aus, wie mit dem
Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen »wie hinter einer
unsichtbaren Falltür« verschwindet. Man macht dann etwa im Traume eine
Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon etwas
Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem Exkaiser aufs
liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die interessante Illusion
durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht man die
Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s
auch nie werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St.
Helena am wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
induperatores pugnare ac proelia obire,« etc. etc.
C i c e r o (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später
M a u r y: »Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et
agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.«
Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von
Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es ist darum am
Platz, der Darstellung von F. W. H i l d e b r a n d t (1875) zu gedenken,
welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes ließen sich überhaupt
nicht anders beschreiben als durch eine »Reihe von Gegensätzen, welche
scheinbar bis zu Widersprüchen sich zuspitzen« (p. 8). »Den ersten dieser
Gegensätze bilden einerseits die s t r e n g e A b g e s c h i e d e n h e i t
o d e r A b g e s c h l o s s e n h e i t des Traumes von dem wirklichen und
wahren Leben und anderseits das stete H i n ü b e r g r e i f e n des einen in
das andere, die stete Abhängigkeit des einen von dem anderen. – Der Traum
ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes,
man möchte sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein,
von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er
macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an
dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz
andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu
schaffen hat . . . .« H i l d e b r a n d t führt dann aus, wie mit dem
Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen »wie hinter einer
unsichtbaren Falltür« verschwindet. Man macht dann etwa im Traume eine
Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon etwas
Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem Exkaiser aufs
liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die interessante Illusion
durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht man die
Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s
auch nie werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St.
Helena am wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon
Page 23
hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen
grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt
noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine
persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der
Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes
Fremdes zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander
fortsetzenden Lebensabschnitten.
»Und dennoch,« setzt H i l d e b r a n d t fort, »ebenso wahr und richtig
ist das scheinbare G e g e n t e i l. Ich meine, mit dieser Abgeschlossenheit
und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung und Verbindung
Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was der Traum auch irgend
biete, er nimmt das Material dazu aus der Wirklichkeit und aus dem
Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit sich abwickelt . . . Wie
wunderlich er’s damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen
Welt los und seine sublimsten wie possenhaften Gebilde müssen immer
ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor
Augen getreten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie
bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich
oder innerlich bereits erlebt haben.«
b) D a s T r a u m m a t e r i a l. – D a s G e d ä c h t n i s i m T r a u m e.
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert,
e r i n n e r t wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher
Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse.
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich in einer
ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt
in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit
im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder
Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen, diese Charaktere
eingehend zu würdigen.
grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt
noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine
persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der
Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes
Fremdes zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander
fortsetzenden Lebensabschnitten.
»Und dennoch,« setzt H i l d e b r a n d t fort, »ebenso wahr und richtig
ist das scheinbare G e g e n t e i l. Ich meine, mit dieser Abgeschlossenheit
und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung und Verbindung
Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was der Traum auch irgend
biete, er nimmt das Material dazu aus der Wirklichkeit und aus dem
Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit sich abwickelt . . . Wie
wunderlich er’s damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen
Welt los und seine sublimsten wie possenhaften Gebilde müssen immer
ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor
Augen getreten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie
bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich
oder innerlich bereits erlebt haben.«
b) D a s T r a u m m a t e r i a l. – D a s G e d ä c h t n i s i m T r a u m e.
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert,
e r i n n e r t wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher
Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse.
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich in einer
ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt
in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit
im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder
Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen, diese Charaktere
eingehend zu würdigen.
Page 24
Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auftritt,
welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und Erleben
gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Betreffende geträumt,
aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im
unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl
versucht, an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu
glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene
Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle
aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt
und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen
war(6).
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt D e l b o e u f
aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den Hof seines
Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen halb erstarrt
und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund aufnahm, erwärmte
und in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte.
Außerdem steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu,
das auf der Mauer wuchs und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume
kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum
ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück
und zeigte D e l b o e u f zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich
über die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs
freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loche in
der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße bedeckt von einer
Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung wanderten.
D e l b o e u f s Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. Zu
seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn dieses
Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine richtige
Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges
Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb aber für
D e l b o e u f rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis des Namens
Asplenium genommen hatte.
Das Traumgedächtnis. – Hypermnesie des Traumes.
welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und Erleben
gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Betreffende geträumt,
aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im
unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl
versucht, an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu
glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene
Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle
aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt
und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen
war(6).
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt D e l b o e u f
aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den Hof seines
Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen halb erstarrt
und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund aufnahm, erwärmte
und in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte.
Außerdem steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu,
das auf der Mauer wuchs und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume
kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum
ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück
und zeigte D e l b o e u f zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich
über die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs
freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loche in
der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße bedeckt von einer
Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung wanderten.
D e l b o e u f s Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. Zu
seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn dieses
Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine richtige
Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges
Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb aber für
D e l b o e u f rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis des Namens
Asplenium genommen hatte.
Das Traumgedächtnis. – Hypermnesie des Traumes.
Page 25
Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre später
erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er besucht, ein kleines
Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Erinnerungsgaben in manchen
Gegenden der Schweiz an die Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung
steigt in ihm auf, er öffnet das Herbarium, findet in demselben das
Asplenium seines Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in dem
beigefügten lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang
herstellen. Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei
Jahre vor dem Eidechsentraume – auf der Hochzeitsreise D e l b o e u f
besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich
und D e l b o e u f unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines
Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen
hinzuzuschreiben.
Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilenswert
macht, gestattete D e l b o e u f, noch ein anderes Stück aus dem Inhalt
dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. Eines Tages
im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten Zeitschrift in die
Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug abgebildet sah, wie er ihn
1862 geträumt hatte. Der Band trug die Jahreszahl 1861 und D e l b o e u f
wußte sich zu erinnern, daß er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu
ihren Abonnenten gehört hatte.
Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeutsame
Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer »hypermnestischer«
Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. M a u r y erzählt,
daß ihm eine Zeitlang das Wort M u s s i d a n bei Tag in den Sinn zu
kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei,
aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit
einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus M u s s i d a n, und auf
seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab: M u s s i d a n sei eine
Kreisstadt im D é p a r t e m e n t d e l a D o r d o g n e. Erwacht, schenkte
M a u r y der im Traume erhaltenen Auskunft keinen Glauben; das
geographische Lexikon belehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In
diesem Falle ist das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene
Quelle dieses Wissens aber nicht aufgespürt worden.
erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er besucht, ein kleines
Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Erinnerungsgaben in manchen
Gegenden der Schweiz an die Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung
steigt in ihm auf, er öffnet das Herbarium, findet in demselben das
Asplenium seines Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in dem
beigefügten lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang
herstellen. Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei
Jahre vor dem Eidechsentraume – auf der Hochzeitsreise D e l b o e u f
besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich
und D e l b o e u f unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines
Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen
hinzuzuschreiben.
Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilenswert
macht, gestattete D e l b o e u f, noch ein anderes Stück aus dem Inhalt
dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. Eines Tages
im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten Zeitschrift in die
Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug abgebildet sah, wie er ihn
1862 geträumt hatte. Der Band trug die Jahreszahl 1861 und D e l b o e u f
wußte sich zu erinnern, daß er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu
ihren Abonnenten gehört hatte.
Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeutsame
Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer »hypermnestischer«
Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. M a u r y erzählt,
daß ihm eine Zeitlang das Wort M u s s i d a n bei Tag in den Sinn zu
kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei,
aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit
einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus M u s s i d a n, und auf
seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab: M u s s i d a n sei eine
Kreisstadt im D é p a r t e m e n t d e l a D o r d o g n e. Erwacht, schenkte
M a u r y der im Traume erhaltenen Auskunft keinen Glauben; das
geographische Lexikon belehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In
diesem Falle ist das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene
Quelle dieses Wissens aber nicht aufgespürt worden.
Page 26
J e s s e n erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis aus
älteren Zeiten: »Dahin gehört unter anderem der Traum des älteren
S c a l i g e r (H e n n i n g s l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe der
berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher sich
B r u g n o l u s nannte, im Traume erschien und sich beklagte, daß er
vergessen sei. Obgleich S c a l i g e r sich nicht erinnerte, je etwas von ihm
gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr
nachher in Verona, daß ehemals ein solcher B r u g n o l u s als Kritiker
daselbst berühmt gewesen sei.«
Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die besondere
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum die
Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, erzählt der
M a r q u i s d ’ H e r v e y d e S t . D e n i s (nach Va s c h i d e, p. 232):
»Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem Haar, die ich
mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr eine Stickereiarbeit
zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor, ich meinte sogar, sie zu
wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach dem Erwachen habe ich dieses
Gesicht noch lebhaft vor mir, kann es aber absolut nicht erkennen. Ich
schlafe nun wieder ein; das Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen
Traum spreche ich nun die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht
schon das Vergnügen gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die
Dame, erinnern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich
wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzelheiten zu
besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht verknüpft war.«
Derselbe Autor (bei Va s c h i d e, p. 233) berichtet:
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, die
ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er dieselbe in einer
alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die vorher in der Hand
gehabt zu haben er sich noch immer nicht erinnert.
An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of the
Society for psychical research) soll M y e r s eine ganze Sammlung solcher
hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, jeder, der sich
mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhnliches Phänomen
anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für Kenntnisse und
Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In
älteren Zeiten: »Dahin gehört unter anderem der Traum des älteren
S c a l i g e r (H e n n i n g s l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe der
berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher sich
B r u g n o l u s nannte, im Traume erschien und sich beklagte, daß er
vergessen sei. Obgleich S c a l i g e r sich nicht erinnerte, je etwas von ihm
gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr
nachher in Verona, daß ehemals ein solcher B r u g n o l u s als Kritiker
daselbst berühmt gewesen sei.«
Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die besondere
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum die
Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, erzählt der
M a r q u i s d ’ H e r v e y d e S t . D e n i s (nach Va s c h i d e, p. 232):
»Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem Haar, die ich
mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr eine Stickereiarbeit
zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor, ich meinte sogar, sie zu
wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach dem Erwachen habe ich dieses
Gesicht noch lebhaft vor mir, kann es aber absolut nicht erkennen. Ich
schlafe nun wieder ein; das Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen
Traum spreche ich nun die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht
schon das Vergnügen gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die
Dame, erinnern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich
wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzelheiten zu
besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht verknüpft war.«
Derselbe Autor (bei Va s c h i d e, p. 233) berichtet:
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, die
ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er dieselbe in einer
alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die vorher in der Hand
gehabt zu haben er sich noch immer nicht erinnert.
An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of the
Society for psychical research) soll M y e r s eine ganze Sammlung solcher
hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, jeder, der sich
mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhnliches Phänomen
anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für Kenntnisse und
Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In
Page 27
den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später
berichten werde, komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den
Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte
u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume
bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben. Einen
harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch mitteilen, weil
sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem Traume zugängliche
Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ.
Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß er sich in
einem Kaffeehause eine »Kontuszówka« geben lasse, fragte aber nach der
Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte
antworten, Kontuszówka sei ein polnischer Schnaps, den er im Traume
nicht erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange
bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige
Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur
Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem Plakat und
zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im
Tage hatte passieren müssen.
Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man mit der
Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom Zufalle abhängig
bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Abfassung dieses Buches das
Bild eines sehr einfach gestalteten Kirchturmes, den gesehen zu haben ich
mich nicht erinnern konnte. Ich erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit
voller Sicherheit, auf einer kleinen Station zwischen Salzburg und
Reichenhall. Es war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte
die Strecke im Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als
ich mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, wurde
das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merkwürdigen
Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter örtlicher Beziehung zu
meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen Raum, aus dem mehrere
groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten. Ein Schimmer von Erinnerung,
dem ich nicht recht glauben wollte, sagte mir, es sei ein Eingang in einen
Bierkeller; es gelang mir aber weder aufzuklären, was dieses Traumbild
bedeuten wolle, noch woher es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig
nach Padua, das ich zu meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte
besuchen können. Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war
berichten werde, komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den
Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte
u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume
bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben. Einen
harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch mitteilen, weil
sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem Traume zugängliche
Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ.
Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß er sich in
einem Kaffeehause eine »Kontuszówka« geben lasse, fragte aber nach der
Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte
antworten, Kontuszówka sei ein polnischer Schnaps, den er im Traume
nicht erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange
bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige
Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur
Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem Plakat und
zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im
Tage hatte passieren müssen.
Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man mit der
Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom Zufalle abhängig
bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Abfassung dieses Buches das
Bild eines sehr einfach gestalteten Kirchturmes, den gesehen zu haben ich
mich nicht erinnern konnte. Ich erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit
voller Sicherheit, auf einer kleinen Station zwischen Salzburg und
Reichenhall. Es war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte
die Strecke im Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als
ich mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, wurde
das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merkwürdigen
Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter örtlicher Beziehung zu
meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen Raum, aus dem mehrere
groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten. Ein Schimmer von Erinnerung,
dem ich nicht recht glauben wollte, sagte mir, es sei ein Eingang in einen
Bierkeller; es gelang mir aber weder aufzuklären, was dieses Traumbild
bedeuten wolle, noch woher es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig
nach Padua, das ich zu meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte
besuchen können. Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war
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unbefriedigend geblieben; ich hatte die Fresken G i o t t o s in der
M a d o n n a d e l l ’ A r e n a nicht besichtigen können und machte mitten
auf der dahin führenden Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf Jahre
später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem den Weg
zur Madonna dell’ Arena auf. An der zu ihr führenden Straße, linkerhand
von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der Stelle, wo ich 1895
umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die ich so oft im Traume
gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sandsteinfiguren. Es war in der Tat
der Eingang in einen Restaurationsgarten.
Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Reproduktion
bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des Wachens nicht
erinnert und nicht verwendet wird, ist das K i n d h e i t s l e b e n. Ich werde
nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt und betont haben:
H i l d e b r a n d t (p. 23): »Ausdrücklich ist schon zugegeben worden,
daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns ganz
abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit treu vor die
Seele zurückführt.«
S t r ü m p e l l (p. 40): »Die Sache steigert sich noch mehr, wenn man
bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten und
massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die frühesten
Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokalitäten, Dinge,
Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher Frische wieder
hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf solche Eindrücke, die bei
ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein gewonnen oder sich mit starken
psychischen Werten verbunden haben, und nun später im Traume als
eigentliche Erinnerungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein
sich erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch
solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der
frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein oder keinen
psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie das andere verloren
hatten und deshalb auch sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als
gänzlich fremd und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt
wird.«
M a d o n n a d e l l ’ A r e n a nicht besichtigen können und machte mitten
auf der dahin führenden Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf Jahre
später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem den Weg
zur Madonna dell’ Arena auf. An der zu ihr führenden Straße, linkerhand
von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der Stelle, wo ich 1895
umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die ich so oft im Traume
gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sandsteinfiguren. Es war in der Tat
der Eingang in einen Restaurationsgarten.
Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Reproduktion
bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des Wachens nicht
erinnert und nicht verwendet wird, ist das K i n d h e i t s l e b e n. Ich werde
nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt und betont haben:
H i l d e b r a n d t (p. 23): »Ausdrücklich ist schon zugegeben worden,
daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns ganz
abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit treu vor die
Seele zurückführt.«
S t r ü m p e l l (p. 40): »Die Sache steigert sich noch mehr, wenn man
bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten und
massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die frühesten
Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokalitäten, Dinge,
Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher Frische wieder
hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf solche Eindrücke, die bei
ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein gewonnen oder sich mit starken
psychischen Werten verbunden haben, und nun später im Traume als
eigentliche Erinnerungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein
sich erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch
solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der
frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein oder keinen
psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie das andere verloren
hatten und deshalb auch sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als
gänzlich fremd und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt
wird.«
Page 29
Vo l k e l t (p. 119): »Besonders bemerkenswert ist es, wie gern
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran wir
längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit verloren: der
Traum mahnt uns daran unermüdlich.«
Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten
Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele
mitteilen will.
M a u r y erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt M e a u x als Kind
häufig nach dem nahe gelegenen T r i l p o r t gekommen war, wo sein Vater
den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn der Traum nach
T r i l p o r t und läßt ihn wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein Mann
nähert sich ihm, der eine Art Uniform trägt. M a u r y fragt ihn nach seinem
Namen; er stellt sich vor, er heiße C. . . und sei Brückenwächter. Nach dem
Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde
M a u r y eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Antwort, er
war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.
Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im Traume
auftretenden Kindheitserinnerung berichtet M a u r y von einem Herrn F. . .,
der als Kind in M o n t b r i s o n aufgewachsen war. Dieser Mann beschloß,
25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene
Freunde der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise
träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von M o n t b r i s o n einen
ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der
Herr T., ein Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht
mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in M o n t b r i s o n
angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des Traumes
wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort als den T. des Traumes
erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker gealtert, als sie das Traumbild
gezeigt hatte.
Infantiles und rezentes Material.
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran wir
längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit verloren: der
Traum mahnt uns daran unermüdlich.«
Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten
Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele
mitteilen will.
M a u r y erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt M e a u x als Kind
häufig nach dem nahe gelegenen T r i l p o r t gekommen war, wo sein Vater
den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn der Traum nach
T r i l p o r t und läßt ihn wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein Mann
nähert sich ihm, der eine Art Uniform trägt. M a u r y fragt ihn nach seinem
Namen; er stellt sich vor, er heiße C. . . und sei Brückenwächter. Nach dem
Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde
M a u r y eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Antwort, er
war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.
Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im Traume
auftretenden Kindheitserinnerung berichtet M a u r y von einem Herrn F. . .,
der als Kind in M o n t b r i s o n aufgewachsen war. Dieser Mann beschloß,
25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene
Freunde der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise
träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von M o n t b r i s o n einen
ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der
Herr T., ein Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht
mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in M o n t b r i s o n
angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des Traumes
wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort als den T. des Traumes
erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker gealtert, als sie das Traumbild
gezeigt hatte.
Infantiles und rezentes Material.
Page 30
Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu erinnernde
Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in einem Traume eine
Person, von der ich im Traume wußte, es sei der Arzt meines heimatlichen
Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie vermengte sich aber mit der
Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich
treffe. Welche Beziehung die beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann
im Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem
Arzte dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig
gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die
des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß ich den
Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben
niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe am Kinn mich an seine
Hilfeleistung hätte erinnern können.
Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße Rolle der
Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, wenn mehrere
Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen sich Elemente aus den
allerjüngsten Tagen nachweisen. R o b e r t (p. 46) äußert sogar: »Im
allgemeinen beschäftigt sich der normale Traum nur mit den Eindrücken
der letztvergangenen Tage.« Wir werden allerdings erfahren, daß die von
R o b e r t aufgebaute Theorie des Traumes eine solche Zurückdrängung der
ältesten und Vorschiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die
Tatsache aber, der R o b e r t Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen
Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
N e l s o n meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom Tage
vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, als ob die
Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden Tages nicht
abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.
Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufgefallen,
daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäftigen, erst dann
im Traume auftreten, wenn sie von der Tagesgedankenarbeit einigermaßen
zur Seite gedrängt worden sind. So träumt man in der Regel von einem
lieben Toten nicht die erste Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz
ausfüllt (D e l a g e). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß
H a l l a m, auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und
vertritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.
Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in einem Traume eine
Person, von der ich im Traume wußte, es sei der Arzt meines heimatlichen
Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie vermengte sich aber mit der
Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich
treffe. Welche Beziehung die beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann
im Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem
Arzte dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig
gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die
des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß ich den
Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben
niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe am Kinn mich an seine
Hilfeleistung hätte erinnern können.
Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße Rolle der
Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, wenn mehrere
Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen sich Elemente aus den
allerjüngsten Tagen nachweisen. R o b e r t (p. 46) äußert sogar: »Im
allgemeinen beschäftigt sich der normale Traum nur mit den Eindrücken
der letztvergangenen Tage.« Wir werden allerdings erfahren, daß die von
R o b e r t aufgebaute Theorie des Traumes eine solche Zurückdrängung der
ältesten und Vorschiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die
Tatsache aber, der R o b e r t Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen
Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
N e l s o n meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom Tage
vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, als ob die
Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden Tages nicht
abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.
Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufgefallen,
daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäftigen, erst dann
im Traume auftreten, wenn sie von der Tagesgedankenarbeit einigermaßen
zur Seite gedrängt worden sind. So träumt man in der Regel von einem
lieben Toten nicht die erste Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz
ausfüllt (D e l a g e). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß
H a l l a m, auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und
vertritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.
Page 31
Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlichkeit des
Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des reproduzierten
Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeutsamste, sondern im
Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste der Erinnerung wert
gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren zum Worte kommen, welche
ihrer Verwunderung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.
H i l d e b r a n d t (p. 11): »Denn das ist das Merkwürdige, daß der
Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und tiefgreifenden
Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden Interessen des
vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen Zugaben, sozusagen
aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten oder weiter rückwärts
liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer
Familie, unter dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht
aus unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit
betrübender Gewalt in dasselbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf
der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen
Augenblick mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren,
die spielt eine Rolle in unserem Traume« . . .
S t r ü m p e l l (p. 39): ». . solche Fälle, wo die Zerlegung eines Traumes
Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erlebnissen des vorigen
oder vorletzten Tages stammen, aber doch so unbedeutend und wertlos für
das wache Bewußtsein waren, daß sie kurz nach dem Erleben der
Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen Erlebnisse sind etwa zufällig
gehörte Äußerungen oder oberflächlich bemerkte Handlungen eines
anderen, rasch vorübergegangene Wahrnehmungen von Dingen oder
Personen, einzelne kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl.«
H a v e l o c k E l l i s (1899, p. 727): »The profound emotions of
waking life, the questions and problems on which we spread our chief
voluntary mental energy, are not those which usually present themselves at
once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is concerned,
mostly the trifling, the incidental, the ›forgotten‹ impressions of daily life
which reappear in our dreams. The psychic activities that are awake most
intensely are those that sleep most profoundly.«
B i n z (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlichkeiten
des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung mit den
Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des reproduzierten
Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeutsamste, sondern im
Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste der Erinnerung wert
gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren zum Worte kommen, welche
ihrer Verwunderung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.
H i l d e b r a n d t (p. 11): »Denn das ist das Merkwürdige, daß der
Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und tiefgreifenden
Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden Interessen des
vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen Zugaben, sozusagen
aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten oder weiter rückwärts
liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer
Familie, unter dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht
aus unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit
betrübender Gewalt in dasselbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf
der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen
Augenblick mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren,
die spielt eine Rolle in unserem Traume« . . .
S t r ü m p e l l (p. 39): ». . solche Fälle, wo die Zerlegung eines Traumes
Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erlebnissen des vorigen
oder vorletzten Tages stammen, aber doch so unbedeutend und wertlos für
das wache Bewußtsein waren, daß sie kurz nach dem Erleben der
Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen Erlebnisse sind etwa zufällig
gehörte Äußerungen oder oberflächlich bemerkte Handlungen eines
anderen, rasch vorübergegangene Wahrnehmungen von Dingen oder
Personen, einzelne kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl.«
H a v e l o c k E l l i s (1899, p. 727): »The profound emotions of
waking life, the questions and problems on which we spread our chief
voluntary mental energy, are not those which usually present themselves at
once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is concerned,
mostly the trifling, the incidental, the ›forgotten‹ impressions of daily life
which reappear in our dreams. The psychic activities that are awake most
intensely are those that sleep most profoundly.«
B i n z (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlichkeiten
des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung mit den
Page 32
von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes auszusprechen:
»Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. Warum träumen wir
nicht immer die Gedächtniseindrücke der letztverlebten Tage, sondern
tauchen oft ein ohne irgend erkennbares Motiv in weit hinter uns liegende,
fast erloschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traume das
Bewußtsein so oft den Eindruck g l e i c h g ü l t i g e r Erinnerungsbilder,
während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des
Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine
akute Auffrischung während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?«
Erinnerung an nebensächliche Eindrücke.
Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des
Traumgedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens den
Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So war es
möglich, daß Miß W h i t o n C a l k i n s bei der statistischen Bearbeitung
ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der Anzahl übrig behielt, in
denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat
H i l d e b r a n d t mit der Behauptung recht, daß sich alle Traumbilder uns
genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug
darauf verwendeten, ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich
»ein äußerst mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja
meistens darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den
abgelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die
ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage zu
fördern«. Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von
der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten ließ; er
hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung geleitet.
Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst bedeutsam
für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, daß »nichts, was wir
geistig einmal besessen, ganz und gar verloren gehen kann« (S c h o l z,
p. 34). Oder, wie D e l b o e u f es ausdrückt, »que toute impression même la
plus insignifiante, laisse une trace inaltérable, indéfiniment susceptible de
»Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. Warum träumen wir
nicht immer die Gedächtniseindrücke der letztverlebten Tage, sondern
tauchen oft ein ohne irgend erkennbares Motiv in weit hinter uns liegende,
fast erloschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traume das
Bewußtsein so oft den Eindruck g l e i c h g ü l t i g e r Erinnerungsbilder,
während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des
Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine
akute Auffrischung während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?«
Erinnerung an nebensächliche Eindrücke.
Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des
Traumgedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens den
Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So war es
möglich, daß Miß W h i t o n C a l k i n s bei der statistischen Bearbeitung
ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der Anzahl übrig behielt, in
denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat
H i l d e b r a n d t mit der Behauptung recht, daß sich alle Traumbilder uns
genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug
darauf verwendeten, ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich
»ein äußerst mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja
meistens darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den
abgelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die
ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage zu
fördern«. Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von
der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten ließ; er
hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung geleitet.
Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst bedeutsam
für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, daß »nichts, was wir
geistig einmal besessen, ganz und gar verloren gehen kann« (S c h o l z,
p. 34). Oder, wie D e l b o e u f es ausdrückt, »que toute impression même la
plus insignifiante, laisse une trace inaltérable, indéfiniment susceptible de
Page 33
reparaître au jour«, ein Schluß, zu welchem so viele andere pathologische
Erscheinungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun
diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor
Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu
erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität und
Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage
Bekannten erklären wollen.
Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des Träumens
überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume die Äußerung
einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätigkeit sehen, die sich
Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von P i l c z würden hiezu stimmen,
denen zufolge feste Beziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem
Inhalt der Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe
Eindrücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke
vom Traume reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von
vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu
erinnernden Material verfährt. S t r ü m p e l l macht mit Recht darauf
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das folgende
Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein
ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen. Dies
ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische Verwertung
gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein Erlebnis
ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im Wachen es
vermag. D e l b o e u f erzählt von einem seiner Universitätskollegen, daß er
im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfalle nur
wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder
durchgemacht habe. Miß C a l k i n s erwähnt zweier Träume, welche die
genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten und
ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes
Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses
mitzuteilen(7).
c) T r a u m r e i z e u n d T r a u m q u e l l e n.
Erscheinungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun
diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor
Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu
erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität und
Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage
Bekannten erklären wollen.
Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des Träumens
überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume die Äußerung
einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätigkeit sehen, die sich
Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von P i l c z würden hiezu stimmen,
denen zufolge feste Beziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem
Inhalt der Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe
Eindrücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke
vom Traume reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von
vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu
erinnernden Material verfährt. S t r ü m p e l l macht mit Recht darauf
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das folgende
Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein
ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen. Dies
ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische Verwertung
gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein Erlebnis
ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im Wachen es
vermag. D e l b o e u f erzählt von einem seiner Universitätskollegen, daß er
im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfalle nur
wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder
durchgemacht habe. Miß C a l k i n s erwähnt zweier Träume, welche die
genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten und
ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes
Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses
mitzuteilen(7).
c) T r a u m r e i z e u n d T r a u m q u e l l e n.
Page 34
Was man unter Traumreizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann
durch eine Berufung auf die Volksrede »Träume kommen vom Magen«
verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes erfaßt.
Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes im Schlafe
sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf diese Störung.
Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume nehmen in
den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. Daß das Problem
sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein Gegenstand der
biologischen Forschung geworden war, ist selbstverständlich. Die Alten,
denen der Traum als göttliche Sendung galt, brauchten nach einer
Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem Willen der göttlichen oder
dämonischen Macht erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein
Inhalt. Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz
zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein könne, und
damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung des Traumes der
Psychologie oder vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten
Autoren scheinen anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also
die Quellen des Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß
Leibreize ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern
gelangen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach
ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten
weit auseinander.
Traumreize und Traumquellen.
Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben sich
schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung der Träume
verwendet worden sind.
1. Ä u ß e r e ( o b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
2. I n n e r e ( s u b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
3. I n n e r e r ( o r g a n i s c h e r ) L e i b r e i z.
4. R e i n p s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n.
durch eine Berufung auf die Volksrede »Träume kommen vom Magen«
verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes erfaßt.
Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes im Schlafe
sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf diese Störung.
Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume nehmen in
den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. Daß das Problem
sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein Gegenstand der
biologischen Forschung geworden war, ist selbstverständlich. Die Alten,
denen der Traum als göttliche Sendung galt, brauchten nach einer
Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem Willen der göttlichen oder
dämonischen Macht erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein
Inhalt. Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz
zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein könne, und
damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung des Traumes der
Psychologie oder vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten
Autoren scheinen anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also
die Quellen des Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß
Leibreize ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern
gelangen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach
ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten
weit auseinander.
Traumreize und Traumquellen.
Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben sich
schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung der Träume
verwendet worden sind.
1. Ä u ß e r e ( o b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
2. I n n e r e ( s u b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
3. I n n e r e r ( o r g a n i s c h e r ) L e i b r e i z.
4. R e i n p s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n.
Page 35
ad 1. D i e ä u ß e r e n S i n n e s r e i z e. Der jüngere S t r ü m p e l l,
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits
mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekanntlich die
Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der
Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane behaftet
war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch offenen Sinnespforten
von der Außenwelt abschloß, verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen
wollen, pflegen wir alle eine Situation anzustreben, die jener im
S t r ü m p e l l schen Experiment ähnlich ist. Wir verschließen die
wichtigsten Sinnespforten, die Augen, und suchen von den anderen Sinnen
jeden Reiz oder jede Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten.
Wir schlafen dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir
können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten,
noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir durch
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, »daß die
Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der außerleiblichen
Welt« geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während des Schlafes
zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
unvermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher geeignet
oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es kann stärkeres
Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich vernehmbar machen, ein
riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. Wir können im Schlafe
durch ungewollte Bewegungen einzelne Körperteile entblößen und so der
Abkühlungsempfindung aussetzen oder durch Lageveränderung uns selbst
Druck- und Berührungsempfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege
stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich
bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von
Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und
ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der Reiz als
Traumquelle erkannt werden konnte.
Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder akzidentelle
– Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier nach J e s s e n
(p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch erweckt
entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt uns mitten in
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits
mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekanntlich die
Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der
Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane behaftet
war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch offenen Sinnespforten
von der Außenwelt abschloß, verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen
wollen, pflegen wir alle eine Situation anzustreben, die jener im
S t r ü m p e l l schen Experiment ähnlich ist. Wir verschließen die
wichtigsten Sinnespforten, die Augen, und suchen von den anderen Sinnen
jeden Reiz oder jede Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten.
Wir schlafen dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir
können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten,
noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir durch
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, »daß die
Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der außerleiblichen
Welt« geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während des Schlafes
zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
unvermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher geeignet
oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es kann stärkeres
Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich vernehmbar machen, ein
riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. Wir können im Schlafe
durch ungewollte Bewegungen einzelne Körperteile entblößen und so der
Abkühlungsempfindung aussetzen oder durch Lageveränderung uns selbst
Druck- und Berührungsempfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege
stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich
bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von
Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und
ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der Reiz als
Traumquelle erkannt werden konnte.
Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder akzidentelle
– Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier nach J e s s e n
(p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch erweckt
entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt uns mitten in
Page 36
eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in das Angstgeschrei
eines Menschen verwandeln, das Knarren einer Tür Träume von
räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere
Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß wir nackt umhergehen
oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bette liegen und
die Füße über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns vielleicht,
daß wir am Rande eines schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von
einer steilen Höhe hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das
Kopfkissen, so hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns
unter seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen
wollüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen,
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen . . .
»M e i e r (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle 1758,
p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen würde,
welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde hinlegten und ihm
zwischen die große und die nächste Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen.
Indem er sich dies im Traume vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm
ein Strohhalm zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach
H e n n i n g s (1784, p. 258) ein anderes Mal, als er sein Hemd am Halse
etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehängt würde.
H o f f b a u e r träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer
hinabzufallen und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle
auseinandergegangen und daß er wirklich gefallen war . . . . . G r e g o r y
berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen eine Flasche mit heißem
Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf die Spitze
des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast unerträglich
gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den Kopf gelegten
Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von Indianern skalpiert werde; ein
dritter, der in einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom
gezogen zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ
einen Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde
die Qualen der Folter (M a c n i s h).«
Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt gegründete
Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei einem Schlafenden
durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen dem Reize entsprechende
Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat nach M a c n i s h schon G i r o n
eines Menschen verwandeln, das Knarren einer Tür Träume von
räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere
Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß wir nackt umhergehen
oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bette liegen und
die Füße über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns vielleicht,
daß wir am Rande eines schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von
einer steilen Höhe hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das
Kopfkissen, so hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns
unter seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen
wollüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen,
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen . . .
»M e i e r (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle 1758,
p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen würde,
welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde hinlegten und ihm
zwischen die große und die nächste Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen.
Indem er sich dies im Traume vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm
ein Strohhalm zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach
H e n n i n g s (1784, p. 258) ein anderes Mal, als er sein Hemd am Halse
etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehängt würde.
H o f f b a u e r träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer
hinabzufallen und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle
auseinandergegangen und daß er wirklich gefallen war . . . . . G r e g o r y
berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen eine Flasche mit heißem
Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf die Spitze
des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast unerträglich
gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den Kopf gelegten
Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von Indianern skalpiert werde; ein
dritter, der in einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom
gezogen zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ
einen Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde
die Qualen der Folter (M a c n i s h).«
Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt gegründete
Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei einem Schlafenden
durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen dem Reize entsprechende
Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat nach M a c n i s h schon G i r o n
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d e B u z a r e i n g u e s angestellt. »Er ließ seine Knie unbedeckt und
träumte, daß er in der Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei,
daß Reisende wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des
Nachts kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und
träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war
nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt zu
tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben genannte.«
Äußere Sinnesreize als Traumquellen. – Experimentelle Träume.
M a u r y teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)
1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder gekitzelt. –
Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve wird ihm aufs
Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut mitgeht.
2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken läuten,
dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 versetzt.
3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im Laden von
Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Abenteuer, die er nicht
reproduzieren kann.
4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß man ihm ein
Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der ihn als Kind behandelt
hat.
5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. – Er träumt von den
»Chauffeurs«(8), die sich ins Haus eingeschlichen haben und die Bewohner
zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die Füße ins
Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von A b r a n t é s auf, deren
Sekretär er im Traume ist.
8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. – Er ist in Italien,
schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von O r v i e t o.
9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer Kerze auf
ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet sich wieder in
einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal L a M a n c h e mitgemacht.
träumte, daß er in der Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei,
daß Reisende wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des
Nachts kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und
träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war
nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt zu
tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben genannte.«
Äußere Sinnesreize als Traumquellen. – Experimentelle Träume.
M a u r y teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)
1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder gekitzelt. –
Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve wird ihm aufs
Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut mitgeht.
2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken läuten,
dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 versetzt.
3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im Laden von
Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Abenteuer, die er nicht
reproduzieren kann.
4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß man ihm ein
Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der ihn als Kind behandelt
hat.
5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. – Er träumt von den
»Chauffeurs«(8), die sich ins Haus eingeschlichen haben und die Bewohner
zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die Füße ins
Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von A b r a n t é s auf, deren
Sekretär er im Traume ist.
8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. – Er ist in Italien,
schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von O r v i e t o.
9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer Kerze auf
ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet sich wieder in
einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal L a M a n c h e mitgemacht.
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Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren von
d’H e r v e y, W e y g a n d t u. a. her.
Von mehreren Seiten ist die »auffällige Fertigkeit des Traumes bemerkt
worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt in seine Gebilde
zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon vorbereitete und
eingeleitete Katastrophe bilden« (H i l d e b r a n d t). »In jüngeren Jahren,«
erzählt dieser Autor, »bediente ich mich zu Zeiten, um regelmäßig in
bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten, meist an Uhrwerken
angebrachten Weckers. Wohl zu hundert Malen ist mir’s begegnet, daß der
Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen und
zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze
Traum eben nur auf ihn angelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch
unentbehrliche Pointe, sein natürlich gewiesenes Endziel fände.«
Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht zitieren.
Vo l k e l t (p. 68) erzählt: Einem Komponisten träumte einmal, er halte
Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. Schon ist er
damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit der Frage: »Hast du
mich verstanden?« Dieser schreit wie ein Besessener: »O j a !« Ungehalten
hierüber verweist er ihm das Schreien. Doch schon schreit die ganze
Klasse: »O r j a !« Hierauf: »E u r j o !« Und endlich: »F e u e r j o !« Und
nun erwacht er von wirklichem Feuerjogeschrei auf der Straße.
G a r n i e r (T r a i t é des facultés de l’âme, 1865) bei R a d e s t o c k
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine aus
einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte und der ihn
den Übergang über den T a g l i a m e n t o und die Kanonade der
Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf aufschreckte: »Wir
sind unterminiert.«
Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den M a u r y erlebt hat (p. 161).
Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine Mutter saß neben
ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution,
machte greuliche Mordszenen mit und wurde dann endlich selbst vor den
Gerichtshof zitiert. Dort sah er R o b e s p i e r r e, M a r a t, F o u q u i e r -
T i n v i l l e und alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand
ihnen Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner
Erinnerung nicht fixierten, verurteilt und dann von einer unübersehbaren
d’H e r v e y, W e y g a n d t u. a. her.
Von mehreren Seiten ist die »auffällige Fertigkeit des Traumes bemerkt
worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt in seine Gebilde
zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon vorbereitete und
eingeleitete Katastrophe bilden« (H i l d e b r a n d t). »In jüngeren Jahren,«
erzählt dieser Autor, »bediente ich mich zu Zeiten, um regelmäßig in
bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten, meist an Uhrwerken
angebrachten Weckers. Wohl zu hundert Malen ist mir’s begegnet, daß der
Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen und
zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze
Traum eben nur auf ihn angelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch
unentbehrliche Pointe, sein natürlich gewiesenes Endziel fände.«
Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht zitieren.
Vo l k e l t (p. 68) erzählt: Einem Komponisten träumte einmal, er halte
Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. Schon ist er
damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit der Frage: »Hast du
mich verstanden?« Dieser schreit wie ein Besessener: »O j a !« Ungehalten
hierüber verweist er ihm das Schreien. Doch schon schreit die ganze
Klasse: »O r j a !« Hierauf: »E u r j o !« Und endlich: »F e u e r j o !« Und
nun erwacht er von wirklichem Feuerjogeschrei auf der Straße.
G a r n i e r (T r a i t é des facultés de l’âme, 1865) bei R a d e s t o c k
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine aus
einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte und der ihn
den Übergang über den T a g l i a m e n t o und die Kanonade der
Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf aufschreckte: »Wir
sind unterminiert.«
Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den M a u r y erlebt hat (p. 161).
Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine Mutter saß neben
ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution,
machte greuliche Mordszenen mit und wurde dann endlich selbst vor den
Gerichtshof zitiert. Dort sah er R o b e s p i e r r e, M a r a t, F o u q u i e r -
T i n v i l l e und alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand
ihnen Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner
Erinnerung nicht fixierten, verurteilt und dann von einer unübersehbaren
Page 39
Menge begleitet auf den Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der
Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine
fällt herab; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in
der entsetzlichsten Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen
war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine,
getroffen hatte.
An diesen Traum knüpft sich eine interessante von L e L o r r a i n und
E g g e r in der »Revue philosophique« eingeleitete Diskussion, ob und wie
es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der zwischen der
Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen verstreicht, eine
anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.
Träume auf den Weckreiz.
Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen während des
Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig und allein
eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der Traumliteratur
fremd geblieben ist, wie die Träume zu stande kommen, so wird er
zweifellos mit der Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall
antworten, in dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten
objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung
kann dabei nicht halt machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus
der Beobachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch
irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher
Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den
Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten M a u r y s »une affinité
quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive«. (p. 72.) Man höre z. B.
drei der Weckerträume H i l d e b r a n d t s; man wird sich dann die Frage
vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so verschiedene und warum er
gerade diese Traumerfolge hervorrief:
(p. 37.) »Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und
schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem benachbarten
Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das Gesangbuch unter
dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! es ist ja Sonntag und
Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine
fällt herab; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in
der entsetzlichsten Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen
war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer einer Guillotine,
getroffen hatte.
An diesen Traum knüpft sich eine interessante von L e L o r r a i n und
E g g e r in der »Revue philosophique« eingeleitete Diskussion, ob und wie
es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der zwischen der
Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen verstreicht, eine
anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.
Träume auf den Weckreiz.
Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen während des
Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig und allein
eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der Traumliteratur
fremd geblieben ist, wie die Träume zu stande kommen, so wird er
zweifellos mit der Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall
antworten, in dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten
objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung
kann dabei nicht halt machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus
der Beobachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch
irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher
Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den
Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten M a u r y s »une affinité
quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive«. (p. 72.) Man höre z. B.
drei der Weckerträume H i l d e b r a n d t s; man wird sich dann die Frage
vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so verschiedene und warum er
gerade diese Traumerfolge hervorrief:
(p. 37.) »Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und
schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem benachbarten
Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das Gesangbuch unter
dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! es ist ja Sonntag und
Page 40
der Frühgottesdienst wird bald beginnen. Ich beschließe, an diesem
teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die
Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier
verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Turm
hinansteigen und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke,
die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine ganze
Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu schwingen – und
plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durchdringend – so hell und
durchdringend, daß sie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne
aber kommen von dem Wecker.«
»Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen sind
hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer Schlittenfahrt
zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung erfolgt, der Schlitten
stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum Einsteigen – der
Pelz wird angelegt, der Fußsack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf
meinem Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den
harrenden Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die
kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte
Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das
Spinngewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist’s nichts anderes als der
schrille Ton der Weckerglocke.«
»Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen
Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speisezimmer
schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in Gefahr, das
Gleichgewicht zu verlieren. ›Nimm dich in acht,‹ warne ich, ›die ganze
Ladung wird zur Erde fallen.‹ Natürlich bleibt der obligate Widerspruch
nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt usw., währenddessen ich
noch immer mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an
der Türschwelle erfolgt ein Straucheln – das zerbrechliche Geschirr fällt
und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fußboden umher.
Aber – das endlos sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke,
kein eigentliches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine
Schuldigkeit getan.«
Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objektiven
Sinnesreizes verkenne, ist von S t r ü m p e l l – und fast ebenso von
teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die
Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier
verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Turm
hinansteigen und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke,
die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine ganze
Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu schwingen – und
plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durchdringend – so hell und
durchdringend, daß sie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne
aber kommen von dem Wecker.«
»Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen sind
hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer Schlittenfahrt
zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung erfolgt, der Schlitten
stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum Einsteigen – der
Pelz wird angelegt, der Fußsack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf
meinem Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den
harrenden Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die
kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte
Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das
Spinngewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist’s nichts anderes als der
schrille Ton der Weckerglocke.«
»Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen
Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speisezimmer
schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in Gefahr, das
Gleichgewicht zu verlieren. ›Nimm dich in acht,‹ warne ich, ›die ganze
Ladung wird zur Erde fallen.‹ Natürlich bleibt der obligate Widerspruch
nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt usw., währenddessen ich
noch immer mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an
der Türschwelle erfolgt ein Straucheln – das zerbrechliche Geschirr fällt
und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fußboden umher.
Aber – das endlos sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke,
kein eigentliches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine
Schuldigkeit getan.«
Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objektiven
Sinnesreizes verkenne, ist von S t r ü m p e l l – und fast ebenso von
Page 41
W u n d t – dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche im Schlaf
angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung befindet. Ein
Sinneseindruck wird von uns e r k a n n t, r i c h t i g g e d e u t e t, d. h. unter
die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach allen vorausgegangenen
Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist
und wenn uns die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht.
Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von
dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion.
»Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten
Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben
zuerst für ein Pferd hält.« Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vorstellung mit
Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen.
Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im
Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben
Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl
von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Eindruck
seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen in Betracht
kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder geweckt werden und
welche der möglichen Assoziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies
bleibt auch nach S t r ü m p e l l unbestimmbar und gleichsam der Willkür
des Seelenlebens überlassen.
Illusionstheorie der objektiven Sinnesreize. – Innere Sinnesreize.
Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die
Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu verfolgen ist,
und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der durch den
Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Bedingungen
unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, daß die im Schlafe
eingreifende objektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene
Rolle spielt und daß andere Momente die Auswahl der wachzurufenden
Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die experimentell
erzeugten Träume M a u r y s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich
mitgeteilt habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft und der
übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen
angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung befindet. Ein
Sinneseindruck wird von uns e r k a n n t, r i c h t i g g e d e u t e t, d. h. unter
die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach allen vorausgegangenen
Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist
und wenn uns die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht.
Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von
dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion.
»Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten
Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben
zuerst für ein Pferd hält.« Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vorstellung mit
Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen.
Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im
Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben
Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl
von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Eindruck
seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen in Betracht
kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder geweckt werden und
welche der möglichen Assoziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies
bleibt auch nach S t r ü m p e l l unbestimmbar und gleichsam der Willkür
des Seelenlebens überlassen.
Illusionstheorie der objektiven Sinnesreize. – Innere Sinnesreize.
Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die
Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu verfolgen ist,
und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der durch den
Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Bedingungen
unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, daß die im Schlafe
eingreifende objektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene
Rolle spielt und daß andere Momente die Auswahl der wachzurufenden
Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die experimentell
erzeugten Träume M a u r y s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich
mitgeteilt habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft und der
übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen
Page 42
bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem
experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. Ja
man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des objektiven
Eindruckes, den Traum zu gestalten, zu zweifeln, wenn man erfährt, daß
dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste und entlegenste Deutung
im Traume erfährt. So erzählt z. B. M. S i m o n einen Traum, in dem er
riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare
Geklapper hörte, das ihre aufeinanderschlagenden Kiefer beim Kauen
erzeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster
vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade
Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von G u l l i v e r s Reisen,
Aufenthalt bei den Riesen von B r o b d i n g n a g, wachgerufen hat, sollte
die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises
nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?(9)
ad 2. I n n e r e ( s u b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß die
Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traumerreger
unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und Häufigkeit
nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traumbilder zu erklären,
so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, aber ihnen analog
wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der
Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren
(subjektiven) Erregungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es
ist aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der
Traumätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. »Eine
wesentliche Rolle spielen ferner, wie ich glaube,« sagt W u n d t (p. 363),
»bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und
Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des
dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt sind,
unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich
die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz
übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern.
Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen
wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes
phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus
denen derselbe besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen
experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. Ja
man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des objektiven
Eindruckes, den Traum zu gestalten, zu zweifeln, wenn man erfährt, daß
dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste und entlegenste Deutung
im Traume erfährt. So erzählt z. B. M. S i m o n einen Traum, in dem er
riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare
Geklapper hörte, das ihre aufeinanderschlagenden Kiefer beim Kauen
erzeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster
vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade
Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von G u l l i v e r s Reisen,
Aufenthalt bei den Riesen von B r o b d i n g n a g, wachgerufen hat, sollte
die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises
nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?(9)
ad 2. I n n e r e ( s u b j e k t i v e ) S i n n e s e r r e g u n g.
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß die
Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traumerreger
unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und Häufigkeit
nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traumbilder zu erklären,
so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, aber ihnen analog
wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der
Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren
(subjektiven) Erregungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es
ist aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der
Traumätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. »Eine
wesentliche Rolle spielen ferner, wie ich glaube,« sagt W u n d t (p. 363),
»bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und
Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des
dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt sind,
unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich
die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz
übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern.
Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen
wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes
phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus
denen derselbe besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen
Page 43
Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als
bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die
große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder
leicht anschmiegt.«
Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traumbilder
offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom äußeren Zufalle
abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung zu Gebote, so oft diese
ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den objektiven Sinnesreizen darin
zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer Rolle als Traumerreger, welche
Beobachtung und Experiment bei den letzteren ergeben, nur schwer oder
gar nicht zugänglich sind. Den Haupterweis für die traumerregende Macht
subjektiver Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen
Halluzinationen, die von J o h . M ü l l e r als »phantastische
Gesichtserscheinungen« beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr
lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei
vielen Menschen ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem
Öffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können. M a u r y, der ihnen
im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität mit den
Traumbildern (wie übrigens schon J o h . M ü l l e r) behauptet. Für ihre
Entstehung, sagt M a u r y, ist eine gewisse seelische Passivität, ein Nachlaß
der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.). Es genügt aber, daß
man auf eine Sekunde in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger
Disposition eine hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man
vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das mehrmals wiederholende Spiel
mit dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit,
so gelingt es nach M a u r y häufig, im Traume dieselben Bilder
nachzuweisen, die einem als hypnagogische Halluzinationen vor dem
Einschlafen vorgeschwebt haben (p. 134). So erging es M a u r y einmal mit
einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und
sonderbaren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der
Periode des Einschlafens belästigten und von denen er nach dem Erwachen
sich erinnerte, geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an
Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er
hypnagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die
sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich
bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die
große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder
leicht anschmiegt.«
Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traumbilder
offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom äußeren Zufalle
abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung zu Gebote, so oft diese
ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den objektiven Sinnesreizen darin
zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer Rolle als Traumerreger, welche
Beobachtung und Experiment bei den letzteren ergeben, nur schwer oder
gar nicht zugänglich sind. Den Haupterweis für die traumerregende Macht
subjektiver Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen
Halluzinationen, die von J o h . M ü l l e r als »phantastische
Gesichtserscheinungen« beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr
lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei
vielen Menschen ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem
Öffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können. M a u r y, der ihnen
im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität mit den
Traumbildern (wie übrigens schon J o h . M ü l l e r) behauptet. Für ihre
Entstehung, sagt M a u r y, ist eine gewisse seelische Passivität, ein Nachlaß
der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.). Es genügt aber, daß
man auf eine Sekunde in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger
Disposition eine hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man
vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das mehrmals wiederholende Spiel
mit dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit,
so gelingt es nach M a u r y häufig, im Traume dieselben Bilder
nachzuweisen, die einem als hypnagogische Halluzinationen vor dem
Einschlafen vorgeschwebt haben (p. 134). So erging es M a u r y einmal mit
einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und
sonderbaren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der
Periode des Einschlafens belästigten und von denen er nach dem Erwachen
sich erinnerte, geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an
Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er
hypnagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die
sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich
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an einer reichgedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisenden
mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten und
schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische Halluzination
von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln
entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er
sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen
Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte durchlesen müssen.
Hypnagogische Halluzinationen. – Innerer, organischer Leibreiz.
Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzinationen von
Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im Traum sich
wiederholen, als Ouverture gleichsam, welche die Leitmotive der mit ihr
beginnenden Oper ankündigt.
Auf den nämlichen Wegen wie J o h . M ü l l e r und M a u r y wandelt
ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, G.
T r u m b u l l L a d d. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich 2 bis 5
Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem Schlafe reißen
konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die Gelegenheit, die eben
entschwindenden Netzhautempfindungen mit den in der Erinnerung
überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich jedesmal
eine innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise, daß die
leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die
Umrißzeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen
Traumgestalten brachten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich
gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine
Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien.
Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im
Traume gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen
Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das
man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch
ein Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. L a d d meint, ohne
übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß kaum
ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das Material der
inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für
die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunklen Zimmer, während für
mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten und
schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische Halluzination
von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln
entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er
sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen
Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte durchlesen müssen.
Hypnagogische Halluzinationen. – Innerer, organischer Leibreiz.
Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzinationen von
Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im Traum sich
wiederholen, als Ouverture gleichsam, welche die Leitmotive der mit ihr
beginnenden Oper ankündigt.
Auf den nämlichen Wegen wie J o h . M ü l l e r und M a u r y wandelt
ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, G.
T r u m b u l l L a d d. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich 2 bis 5
Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem Schlafe reißen
konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die Gelegenheit, die eben
entschwindenden Netzhautempfindungen mit den in der Erinnerung
überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich jedesmal
eine innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise, daß die
leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die
Umrißzeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen
Traumgestalten brachten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich
gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine
Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien.
Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im
Traume gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen
Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das
man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch
ein Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. L a d d meint, ohne
übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß kaum
ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das Material der
inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für
die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunklen Zimmer, während für
Page 45
die Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, im erhellten
Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. Der wechselvolle,
unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlichterregung entspricht
genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn
man den Beobachtungen von L a d d Bedeutung beimißt, wird man die
Ergiebigkeit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering
anschlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den
Hauptbestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen
Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant.
ad 3. I n n e r e r , o r g a n i s c h e r L e i b r e i z. Wenn wir auf dem
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast alle
unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum Kunde
von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung – die wir so heißen –
oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen für
uns werden, welche den Erregern der von außen anlangenden Schmerz- und
Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es sind sehr alte
Erfahrungen, welche z. B. S t r ü m p e l l zu der Aussage veranlassen
(p. 107): »Die Seele gelangt im Schlafe zu einem viel tieferen und breiteren
Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblichkeit als im Wachen und ist
genötigt, gewisse Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu
lassen, die aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von
denen sie im Wachen nichts wußte.« Schon A r i s t o t e l e s erklärt es für
sehr wohl möglich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände
aufmerksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt
(kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt,
siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich fern lag,
an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens für
die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten lassen.
(Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren)(10).
Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So z. B.
berichtet T i s s i é nach A r t i g u e s (Essai sur la valeur séméiologique des
rêves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch einige Jahre in
scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heimgesucht wurde und bei
Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. Der wechselvolle,
unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlichterregung entspricht
genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn
man den Beobachtungen von L a d d Bedeutung beimißt, wird man die
Ergiebigkeit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering
anschlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den
Hauptbestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen
Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant.
ad 3. I n n e r e r , o r g a n i s c h e r L e i b r e i z. Wenn wir auf dem
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast alle
unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum Kunde
von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung – die wir so heißen –
oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen für
uns werden, welche den Erregern der von außen anlangenden Schmerz- und
Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es sind sehr alte
Erfahrungen, welche z. B. S t r ü m p e l l zu der Aussage veranlassen
(p. 107): »Die Seele gelangt im Schlafe zu einem viel tieferen und breiteren
Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblichkeit als im Wachen und ist
genötigt, gewisse Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu
lassen, die aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von
denen sie im Wachen nichts wußte.« Schon A r i s t o t e l e s erklärt es für
sehr wohl möglich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände
aufmerksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt
(kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt,
siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich fern lag,
an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens für
die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten lassen.
(Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren)(10).
Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So z. B.
berichtet T i s s i é nach A r t i g u e s (Essai sur la valeur séméiologique des
rêves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch einige Jahre in
scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heimgesucht wurde und bei
Page 46
der die ärztliche Untersuchung dann eine beginnende Herzaffektion
aufwies, welcher sie alsbald erlag.
Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei einer
ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird auf die
Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken hingewiesen, ja
diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen Autoren so sehr in den
Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf die
Literatur (R a d e s t o c k, S p i t t a, M a u r y, M. S i m o n, T i s s i é)
begnügen kann. T i s s i é meint sogar, daß die erkrankten Organe dem
Trauminhalt das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der
Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem
Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation des Todes
unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von
Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten
Alptraume unterworfen, den übrigens B ö r n e r durch Lagerung aufs
Gesicht, durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat
hervorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen
aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung eines
jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von der
Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.
Die Theorie der Organreize und Organempfindungen.
Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, ganz
unverkennbar, daß einzelne der Autoren (M a u r y, W e y g a n d t) durch den
Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt ihrer Träume zur
Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt worden sind.
Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft festgestellten
Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen möchte. Der
Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden – vielleicht bei allen,
vielleicht allnächtlich – einstellt, und das Organerkrankung offenbar nicht
zu seinen unentbehrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber
nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für die
gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle sein mag.
aufwies, welcher sie alsbald erlag.
Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei einer
ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird auf die
Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken hingewiesen, ja
diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen Autoren so sehr in den
Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf die
Literatur (R a d e s t o c k, S p i t t a, M a u r y, M. S i m o n, T i s s i é)
begnügen kann. T i s s i é meint sogar, daß die erkrankten Organe dem
Trauminhalt das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der
Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem
Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation des Todes
unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von
Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten
Alptraume unterworfen, den übrigens B ö r n e r durch Lagerung aufs
Gesicht, durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat
hervorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen
aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung eines
jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von der
Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.
Die Theorie der Organreize und Organempfindungen.
Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, ganz
unverkennbar, daß einzelne der Autoren (M a u r y, W e y g a n d t) durch den
Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt ihrer Träume zur
Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt worden sind.
Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft festgestellten
Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen möchte. Der
Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden – vielleicht bei allen,
vielleicht allnächtlich – einstellt, und das Organerkrankung offenbar nicht
zu seinen unentbehrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber
nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für die
gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle sein mag.
Page 47
Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine Traumquelle
zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und eigentlich für keinen
Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sichergestellt ist, daß das
Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle der Traumreize wird, und
wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlafzustand, von der Außenwelt
abgelenkt, dem Innern des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann,
so liegt es nahe, anzunehmen, daß die Organe nicht erst zu erkranken
brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden, an die
schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als
Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der
Meinung der Ärzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde
nachts, zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen
Komponenten tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste
Quelle für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte
dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in
Traumvorstellungen umsetzen.
Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, welche die
bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das Dunkel, in
welches der Kern unseres Wesens, das »moi splanchnique«, wie T i s s i é es
nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel der Traumentstehung
entsprechen einander zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu
werden. Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum
Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen Anreiz, daß er
Traum und Geistesstörung, die soviel Übereinstimmung in ihren
Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch vereinigen läßt, denn Alterationen
des Gemeingefühles und Reize, die von den inneren Organen ausgehen,
werden auch einer weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der
Psychosen bezichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die
Leibreiztheorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig
angegeben, zurückführen läßt.
Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, den
der Philosoph S c h o p e n h a u e r im Jahre 1851 entwickelt hat. Das
Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn von außen
treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes und der
Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organismus, vom
sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höchstens einen
zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und eigentlich für keinen
Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sichergestellt ist, daß das
Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle der Traumreize wird, und
wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlafzustand, von der Außenwelt
abgelenkt, dem Innern des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann,
so liegt es nahe, anzunehmen, daß die Organe nicht erst zu erkranken
brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden, an die
schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als
Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der
Meinung der Ärzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde
nachts, zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen
Komponenten tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste
Quelle für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte
dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in
Traumvorstellungen umsetzen.
Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, welche die
bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das Dunkel, in
welches der Kern unseres Wesens, das »moi splanchnique«, wie T i s s i é es
nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel der Traumentstehung
entsprechen einander zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu
werden. Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum
Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen Anreiz, daß er
Traum und Geistesstörung, die soviel Übereinstimmung in ihren
Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch vereinigen läßt, denn Alterationen
des Gemeingefühles und Reize, die von den inneren Organen ausgehen,
werden auch einer weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der
Psychosen bezichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die
Leibreiztheorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig
angegeben, zurückführen läßt.
Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, den
der Philosoph S c h o p e n h a u e r im Jahre 1851 entwickelt hat. Das
Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn von außen
treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes und der
Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organismus, vom
sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höchstens einen
Page 48
unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die
übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene
aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu
verschaffen – ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der
Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt
auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion
vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten,
die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht
der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern
versuchten dann S c h e r n e r und nach ihm Vo l k e l t einzudringen, deren
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien aufsparen.
In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat der
Psychiater K r a u s s die Entstehung des Traumes wie der Delirien und
Wahnideen von dem nämlichen Element, der o r g a n i s c h b e d i n g t e n
E m p f i n d u n g, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle des Organismus
denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Traumes oder Wahnbildes
werden könne. Die organisch bedingte Empfindung »läßt sich aber in zwei
Reihen trennen: 1. in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die
spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus immanenten
Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die
Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die
sexuellen und e) die peripherischen« (p. 33 des zweiten Artikels).
Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leibreize
nimmt K r a u s s folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung ruft nach
irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vorstellung wach und
verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, gegen welches sich
aber das Bewußtsein anders verhält als normal. Denn dies schenkt der
Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, sondern wendet sie ganz den
begleitenden Vorstellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser
Sachverhalt solange verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). K r a u s s findet
für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der
T r a n s s u b s t a n t i a t i o n der Empfindungen in Traumbilder (p. 24).
Organischer Leibreiz und typische Träume.
übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene
aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu
verschaffen – ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der
Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt
auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion
vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten,
die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht
der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern
versuchten dann S c h e r n e r und nach ihm Vo l k e l t einzudringen, deren
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien aufsparen.
In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat der
Psychiater K r a u s s die Entstehung des Traumes wie der Delirien und
Wahnideen von dem nämlichen Element, der o r g a n i s c h b e d i n g t e n
E m p f i n d u n g, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle des Organismus
denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Traumes oder Wahnbildes
werden könne. Die organisch bedingte Empfindung »läßt sich aber in zwei
Reihen trennen: 1. in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die
spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus immanenten
Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die
Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die
sexuellen und e) die peripherischen« (p. 33 des zweiten Artikels).
Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leibreize
nimmt K r a u s s folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung ruft nach
irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vorstellung wach und
verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, gegen welches sich
aber das Bewußtsein anders verhält als normal. Denn dies schenkt der
Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, sondern wendet sie ganz den
begleitenden Vorstellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser
Sachverhalt solange verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). K r a u s s findet
für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der
T r a n s s u b s t a n t i a t i o n der Empfindungen in Traumbilder (p. 24).
Organischer Leibreiz und typische Träume.
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Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung wird heute
nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Gesetze der Beziehung
zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals mit dunklen Auskünften,
beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem Boden der Leibreiztheorie die
besondere Aufgabe der Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn
verursachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die
von S c h e r n e r aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft
vor der mißlichen Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch
nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät.
Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener
Traumformen gestaltet, die man als »typische« bezeichnet hat, weil sie bei
so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es sind dies
die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom
Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, daß man nackt oder
schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlafe
gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfen
hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen wird auf
»Zahnreiz« zurückgeführt, womit aber nicht ein krankhafter
Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der Traum zu fliegen
ist nach S t r ü m p e l l, der hierin S c h e r n e r folgt, das von der Seele
gebrauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das
Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist.
Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform des
Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der
Höhe soll darin seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit
des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden aber
als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (S t r ü m p e l l,
p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche liegt offenbar
darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von
Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder
sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation
hergestellt ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die
typischen Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.
nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Gesetze der Beziehung
zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals mit dunklen Auskünften,
beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem Boden der Leibreiztheorie die
besondere Aufgabe der Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn
verursachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die
von S c h e r n e r aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft
vor der mißlichen Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch
nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät.
Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener
Traumformen gestaltet, die man als »typische« bezeichnet hat, weil sie bei
so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es sind dies
die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom
Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, daß man nackt oder
schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlafe
gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfen
hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen wird auf
»Zahnreiz« zurückgeführt, womit aber nicht ein krankhafter
Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der Traum zu fliegen
ist nach S t r ü m p e l l, der hierin S c h e r n e r folgt, das von der Seele
gebrauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das
Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist.
Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform des
Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der
Höhe soll darin seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit
des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden aber
als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (S t r ü m p e l l,
p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche liegt offenbar
darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von
Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder
sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation
hergestellt ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die
typischen Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.
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M. S i m o n hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize auf die
Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): Wenn im
Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am Ausdruck eines
Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen Anlaß sich in dem
Erregungszustand befindet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt wird,
so wird der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem
Affekt angepaßt sind.
Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich im
Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird der Traum
Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der organischen
Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
M o u r l y Vo l d (1896) hat es unternommen, den von der
Leibreiztheorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein
einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die
Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge
mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende Sätze als Ergebnis
mit:
1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr der in der
Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand des Gliedes,
welcher dem realen entspricht.
2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese
immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der
wirklichen entspricht.
3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch einer
fremden Person zuschieben.
4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung gehindert ist.
5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als Tier oder
Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird.
6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken anregen, die
zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. träumt man bei
Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize auf die
Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): Wenn im
Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am Ausdruck eines
Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen Anlaß sich in dem
Erregungszustand befindet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt wird,
so wird der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem
Affekt angepaßt sind.
Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich im
Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird der Traum
Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der organischen
Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
M o u r l y Vo l d (1896) hat es unternommen, den von der
Leibreiztheorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein
einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die
Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge
mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende Sätze als Ergebnis
mit:
1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr der in der
Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand des Gliedes,
welcher dem realen entspricht.
2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese
immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der
wirklichen entspricht.
3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch einer
fremden Person zuschieben.
4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung gehindert ist.
5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als Tier oder
Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird.
6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken anregen, die
zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. träumt man bei
Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
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Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag(11).
Die psychischen Traumquellen.
ad 4. P s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n. Als wir die Beziehungen des
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten
Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben
und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem Wachleben in den
Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psychisches Band, das
den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt uns auch eine nicht zu
unterschätzende Traumquelle, die neben dem im Schlafe interessant
Gewordenen – den während des Schlafes einwirkenden Reizen – ausreichen
sollte, die Herkunft aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den
Widerspruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den
Schläfer von den Interessen des Tages abzieht und daß wir – meistens – von
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann
träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität verloren
haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt
den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne
durch ein »oft«, »in der Regel«, »meistens« Einschränkungen vorzusehen
und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten.
Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlafreizen
zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir im stande sein,
von der Herkunft aller Elemente eines Traumes befriedigende Rechenschaft
zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre gelöst und es bliebe noch die
Aufgabe, den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in
den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige
Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle gelungen und jedem, der
dies versucht hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandteile übrig
geblieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das
Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume sein
Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag(11).
Die psychischen Traumquellen.
ad 4. P s y c h i s c h e R e i z q u e l l e n. Als wir die Beziehungen des
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten
Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben
und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem Wachleben in den
Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psychisches Band, das
den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt uns auch eine nicht zu
unterschätzende Traumquelle, die neben dem im Schlafe interessant
Gewordenen – den während des Schlafes einwirkenden Reizen – ausreichen
sollte, die Herkunft aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den
Widerspruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den
Schläfer von den Interessen des Tages abzieht und daß wir – meistens – von
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann
träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität verloren
haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt
den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne
durch ein »oft«, »in der Regel«, »meistens« Einschränkungen vorzusehen
und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten.
Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlafreizen
zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir im stande sein,
von der Herkunft aller Elemente eines Traumes befriedigende Rechenschaft
zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre gelöst und es bliebe noch die
Aufgabe, den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in
den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige
Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle gelungen und jedem, der
dies versucht hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandteile übrig
geblieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das
Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume sein
Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.
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Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen also alle
in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit Ausnahme etwa der
später zu erwähnenden von S c h e r n e r – eine große Lücke offen, wo es
sich um die Ableitung des für den Traum am meisten charakteristischen
Materials an Vorstellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die
Mehrzahl der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an
der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst zu
verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den
N e r v e n r e i z und den A s s o z i a t i o n s t r a u m, welch letzterer
ausschließlich in der Reproduktion seine Quelle findet (W u n d t, p. 365),
aber sie können den Zweifel nicht loswerden, »ob sie sich ohne
anstoßgebenden Leibreiz einstellen« (Vo l k e l t, p. 127). Auch die
Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt: »In den eigentlichen
Assoziationsträumen kann von einem solchen festen Kerne nicht mehr die
Rede sein. Hier dringt die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des
Traumes ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene
Vorstellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und
Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen
bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren
Durcheinandertaumeln überlassen« (Vo l k e l t, p. 118). Eine Verkleinerung
des psychischen Anteiles an der Traumerregung versucht dann W u n d t,
indem er ausführt, daß man die »Phantasmen des Traumes wohl mit
Unrecht als reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten
Traumvorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen«
(p. 359 u. f.). W e y g a n d t hat sich diese Ansicht angeeignet und sie
verallgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste
Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduktive
Assoziationen (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen
Reizquellen geht T i s s i é (p. 183): Les rêves d’origine absolument
psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves
nous viennent du dehors . . . .
Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph W u n d t
eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, daß in den
meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten oder als
Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
zusammenwirken.
in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit Ausnahme etwa der
später zu erwähnenden von S c h e r n e r – eine große Lücke offen, wo es
sich um die Ableitung des für den Traum am meisten charakteristischen
Materials an Vorstellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die
Mehrzahl der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an
der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst zu
verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den
N e r v e n r e i z und den A s s o z i a t i o n s t r a u m, welch letzterer
ausschließlich in der Reproduktion seine Quelle findet (W u n d t, p. 365),
aber sie können den Zweifel nicht loswerden, »ob sie sich ohne
anstoßgebenden Leibreiz einstellen« (Vo l k e l t, p. 127). Auch die
Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt: »In den eigentlichen
Assoziationsträumen kann von einem solchen festen Kerne nicht mehr die
Rede sein. Hier dringt die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des
Traumes ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene
Vorstellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und
Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen
bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren
Durcheinandertaumeln überlassen« (Vo l k e l t, p. 118). Eine Verkleinerung
des psychischen Anteiles an der Traumerregung versucht dann W u n d t,
indem er ausführt, daß man die »Phantasmen des Traumes wohl mit
Unrecht als reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten
Traumvorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen«
(p. 359 u. f.). W e y g a n d t hat sich diese Ansicht angeeignet und sie
verallgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste
Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduktive
Assoziationen (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen
Reizquellen geht T i s s i é (p. 183): Les rêves d’origine absolument
psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves
nous viennent du dehors . . . .
Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph W u n d t
eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, daß in den
meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten oder als
Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
zusammenwirken.
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Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung durch die
Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle gelöst werden
kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung der nicht aus dem
Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht verwundern. Nicht
nur daß diese allein leicht aufzufinden und selbst durchs Experiment zu
bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der
Traumentstehung durchweg der heute in der Psychiatrie herrschenden
Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird zwar
nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des
Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine
Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte, schreckt den
Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die Zeiten der
Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen
müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter
Kuratel gesetzt und fordert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes
Vermögen verrate. Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von
einem geringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich
zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische
sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen
läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber
das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten
müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.
d) W a r u m m a n d e n T r a u m n a c h d e m E r w a c h e n
v e r g i ß t?
Daß der Traum am Morgen »zerrinnt« ist sprichwörtlich. Freilich ist er
der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur aus der
Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, daß wir
ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da war;
wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte
Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken
dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht, w a s
wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum dem
Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle gelöst werden
kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung der nicht aus dem
Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht verwundern. Nicht
nur daß diese allein leicht aufzufinden und selbst durchs Experiment zu
bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der
Traumentstehung durchweg der heute in der Psychiatrie herrschenden
Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird zwar
nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des
Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine
Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte, schreckt den
Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die Zeiten der
Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen
müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter
Kuratel gesetzt und fordert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes
Vermögen verrate. Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von
einem geringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich
zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische
sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen
läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber
das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten
müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.
d) W a r u m m a n d e n T r a u m n a c h d e m E r w a c h e n
v e r g i ß t?
Daß der Traum am Morgen »zerrinnt« ist sprichwörtlich. Freilich ist er
der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur aus der
Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, daß wir
ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da war;
wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte
Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken
dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht, w a s
wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum dem
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Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als
absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am
Morgen weder vom Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß.
Anderseits kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die
sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und kann mich an einen
eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage
getrennt ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies
alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich.
Das Vergessen der Träume.
Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
S t r ü m p e l l. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, denn
S t r ü m p e l l führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine ganze
Reihe von Gründen zurück.
Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe wirksam,
die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen als Wachende
eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen alsbald zu vergessen,
weil sie zu schwach waren, weil die an sie geknüpfte Seelenregung einen zu
geringen Grad hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall;
sie werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder
aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für
sich allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder;
S t r ü m p e l l gesteht wie auch andere Autoren (C a l k i n s) zu, daß man
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft
waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele
schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im
Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser zu
merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten Traumbilder
sind aber einmalige Erlebnisse(12); diese Eigentümlichkeit wird
gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. Weit bedeutsamer ist
dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit Empfindungen,
Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungsgröße erlangen, ist
es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, sondern Verbindungen und
Vergesellschaftungen passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers
absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der am
Morgen weder vom Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß.
Anderseits kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die
sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und kann mich an einen
eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre vom heutigen Tage
getrennt ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies
alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich.
Das Vergessen der Träume.
Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
S t r ü m p e l l. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, denn
S t r ü m p e l l führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine ganze
Reihe von Gründen zurück.
Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe wirksam,
die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen als Wachende
eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen alsbald zu vergessen,
weil sie zu schwach waren, weil die an sie geknüpfte Seelenregung einen zu
geringen Grad hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall;
sie werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder
aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für
sich allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder;
S t r ü m p e l l gesteht wie auch andere Autoren (C a l k i n s) zu, daß man
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft
waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele
schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im
Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser zu
merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten Traumbilder
sind aber einmalige Erlebnisse(12); diese Eigentümlichkeit wird
gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. Weit bedeutsamer ist
dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit Empfindungen,
Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungsgröße erlangen, ist
es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, sondern Verbindungen und
Vergesellschaftungen passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers
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in seine Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr
schwer, ihn zu merken. »Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein
Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht
und lange fest. Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer
und ebenso selten wie das Verworrene und Ordnungslose.« Nun fehlt den
Träumen in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die
Traumkompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen
Gedächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen
stimmt allerdings nicht ganz, was R a d e s t o c k (p. 168) bemerkt haben
will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten.
Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
S t r ü m p e l l andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum und
Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache
Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher
erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus
dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er
aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im
Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz in
der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es
fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. »Auf diese Weise hebt sich das
Traumgebilde gleichsam von dem Boden unseres Seelenlebens ab und
schwebt im psychischen Raume wie eine Wolke am Himmel, die der neu
belebte Atem rasch verweht« (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der
Umstand, daß mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die
Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die
wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Lichte
der Sonne.
An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume der
Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen überhaupt
wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als Forscher eine Zeitlang
für den Traum interessiert, träumt währenddes auch mehr als sonst, das
heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter und häufiger.
Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die B o n a t e l l i bei
B e n i n i zu den S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl bereits in
schwer, ihn zu merken. »Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein
Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht
und lange fest. Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer
und ebenso selten wie das Verworrene und Ordnungslose.« Nun fehlt den
Träumen in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die
Traumkompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen
Gedächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen
stimmt allerdings nicht ganz, was R a d e s t o c k (p. 168) bemerkt haben
will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten.
Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
S t r ü m p e l l andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum und
Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache
Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher
erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus
dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er
aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im
Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz in
der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es
fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. »Auf diese Weise hebt sich das
Traumgebilde gleichsam von dem Boden unseres Seelenlebens ab und
schwebt im psychischen Raume wie eine Wolke am Himmel, die der neu
belebte Atem rasch verweht« (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der
Umstand, daß mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die
Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die
wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Lichte
der Sonne.
An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume der
Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen überhaupt
wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als Forscher eine Zeitlang
für den Traum interessiert, träumt währenddes auch mehr als sonst, das
heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter und häufiger.
Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die B o n a t e l l i bei
B e n i n i zu den S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl bereits in
Page 56
diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemeingefühles
zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Reproduktion
ungünstig ist und 2. daß die andere Anordnung des Vorstellungsmaterials im
Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wachbewußtsein macht.
Psychologische Charaktere des Traumes.
Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie S t r ü m p e l l
selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen doch
in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen der
Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen einem
Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und ungelöst geblieben
ist. Mit Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der Erinnerung an den
Traum neuerdings besonders bemerkt worden, z. B. daß man einen Traum,
den man am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer
Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen –
Inhalt des Traumes anrührt (R a d e s t o c k, T i s s i é). Die gesamte
Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet
ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man kann
zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, das, was
sie erhalten hat, nicht verfälscht.
Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes spricht
auch S t r ü m p e l l aus: »Dann geschieht es eben leicht, daß das wache
Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des Traumes einfügt:
man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, was der gewesene Traum
nicht enthielt.«
Besonders entschieden äußert sich J e s s e n (p. 547):
»Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung
zusammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bisher
wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es dabei fast
immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen gehabten Traum in
unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken oder zu wollen, die
Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. Selten und vielleicht
niemals ist ein zusammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen,
wie er uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten
Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne
zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Reproduktion
ungünstig ist und 2. daß die andere Anordnung des Vorstellungsmaterials im
Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wachbewußtsein macht.
Psychologische Charaktere des Traumes.
Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie S t r ü m p e l l
selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen doch
in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen der
Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen einem
Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und ungelöst geblieben
ist. Mit Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der Erinnerung an den
Traum neuerdings besonders bemerkt worden, z. B. daß man einen Traum,
den man am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer
Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen –
Inhalt des Traumes anrührt (R a d e s t o c k, T i s s i é). Die gesamte
Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet
ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man kann
zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, das, was
sie erhalten hat, nicht verfälscht.
Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes spricht
auch S t r ü m p e l l aus: »Dann geschieht es eben leicht, daß das wache
Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des Traumes einfügt:
man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, was der gewesene Traum
nicht enthielt.«
Besonders entschieden äußert sich J e s s e n (p. 547):
»Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung
zusammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bisher
wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es dabei fast
immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen gehabten Traum in
unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken oder zu wollen, die
Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. Selten und vielleicht
niemals ist ein zusammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen,
wie er uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten
Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne
Page 57
allen Zusatz und ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des
menschlichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß,
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.«
Fast wie eine Übersetzung dieser Worte J e s s e n s klingen die doch
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. E g g e r (1895):
». . . . . l’observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul moyen
d’éviter toute erreur en pareille matière est de confier au papier sans le
moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de remarquer; sinon, l’oubli
vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est sans gravité; mais l’oubli
partiel est perfide; car si l’on se met ensuite à raconter ce que l’on n’a pas
oublié, on est exposé à compléter par imagination les fragments incohérents
et disjoints fournis par la mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le
récit périodiquement répété s’impose à la créance de son auteur, qui, de
bonne foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les
bonnes méthodes . . .«
Ganz ähnlich S p i t t a (p. 338), der anzunehmen scheint, daß wir
überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, die Ordnung
in die lose miteinander assoziierten Traumelemente einführen – »aus dem
N e b e n e i n a n d e r ein H i n t e r e i n a n d e r, A u s e i n a n d e r machen,
also den Prozeß der logischen Verbindung, der im Traume fehlt,
hinzufügen«.
Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die Treue
unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, der unser
eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung als Quelle kennen,
nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer Erinnerung an den Traum
noch übrig?
e) D i e p s y c h o l o g i s c h e n B e s o n d e r h e i t e n d e s T r a u m e s.
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes von der
Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen Seelentätigkeit
ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas Fremdes, zu dessen
Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, daß wir ebenso gern
menschlichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß,
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.«
Fast wie eine Übersetzung dieser Worte J e s s e n s klingen die doch
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. E g g e r (1895):
». . . . . l’observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul moyen
d’éviter toute erreur en pareille matière est de confier au papier sans le
moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de remarquer; sinon, l’oubli
vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est sans gravité; mais l’oubli
partiel est perfide; car si l’on se met ensuite à raconter ce que l’on n’a pas
oublié, on est exposé à compléter par imagination les fragments incohérents
et disjoints fournis par la mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le
récit périodiquement répété s’impose à la créance de son auteur, qui, de
bonne foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les
bonnes méthodes . . .«
Ganz ähnlich S p i t t a (p. 338), der anzunehmen scheint, daß wir
überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, die Ordnung
in die lose miteinander assoziierten Traumelemente einführen – »aus dem
N e b e n e i n a n d e r ein H i n t e r e i n a n d e r, A u s e i n a n d e r machen,
also den Prozeß der logischen Verbindung, der im Traume fehlt,
hinzufügen«.
Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die Treue
unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, der unser
eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung als Quelle kennen,
nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer Erinnerung an den Traum
noch übrig?
e) D i e p s y c h o l o g i s c h e n B e s o n d e r h e i t e n d e s T r a u m e s.
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes von der
Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen Seelentätigkeit
ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas Fremdes, zu dessen
Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, daß wir ebenso gern
Page 58
sagen: »Mir hat geträumt« wie: »Ich habe geträumt.« Woher rührt diese
»Seelenfremdheit« des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die
Traumquellen sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt,
das in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teil dem
Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es
nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im Traume sind, welche
diesen Eindruck hervorrufen, und kann so eine psychologische
Charakteristik des Traumes versuchen.
Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wachleben
stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als G . T h .
F e c h n e r in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psychophysik
(p. 520, II. T.). Er meint, »weder die einfache Herabdrückung des bewußten
Seelenlebens unter die Hauptschwelle«, noch die Abziehung der
Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außenwelt genüge, um die
Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen Leben gegenüber
aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der S c h a u p l a t z d e r
Träume ein anderer ist als der des wachen
Vo r s t e l l u n g s l e b e n s. »Sollte der Schauplatz der psychophysischen
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so könnte
der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen Grade der
Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein und
müßte übrigens dessen Stoff und dessen Form teilen. Aber es verhält sich
ganz anders.«
Was F e c h n e r mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätigkeit
meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, soviel ich weiß,
den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener Bemerkung aufgezeigt.
Eine anatomische Deutung im Sinne der physiologischen
Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histologische Schichtung
der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist
sich der Gedanke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf
einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hintereinander
eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.
Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die andere der
greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender
Erklärungsversuche zu machen.
»Seelenfremdheit« des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die
Traumquellen sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt,
das in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teil dem
Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es
nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im Traume sind, welche
diesen Eindruck hervorrufen, und kann so eine psychologische
Charakteristik des Traumes versuchen.
Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wachleben
stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als G . T h .
F e c h n e r in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psychophysik
(p. 520, II. T.). Er meint, »weder die einfache Herabdrückung des bewußten
Seelenlebens unter die Hauptschwelle«, noch die Abziehung der
Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außenwelt genüge, um die
Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen Leben gegenüber
aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der S c h a u p l a t z d e r
Träume ein anderer ist als der des wachen
Vo r s t e l l u n g s l e b e n s. »Sollte der Schauplatz der psychophysischen
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so könnte
der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen Grade der
Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein und
müßte übrigens dessen Stoff und dessen Form teilen. Aber es verhält sich
ganz anders.«
Was F e c h n e r mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätigkeit
meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, soviel ich weiß,
den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener Bemerkung aufgezeigt.
Eine anatomische Deutung im Sinne der physiologischen
Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histologische Schichtung
der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist
sich der Gedanke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf
einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hintereinander
eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.
Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die andere der
greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender
Erklärungsversuche zu machen.
Page 59
Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben?
Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigentümlichkeiten
des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens auftritt und als den
Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. Das Charakteristische des
wachen Zustandes ist nach S c h l e i e r m a c h e r (p. 351), daß die
Denktätigkeit in B e g r i f f e n und nicht in B i l d e r n vor sich geht. Nun
denkt der Traum hauptsächlich in Bildern, und man kann beobachten, daß
mit der Annäherung an den Schlaf in demselben Maße, in dem die
gewollten Tätigkeiten sich erschwert zeigen, u n g e w o l l t e
Vo r s t e l l u n g e n hervortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören.
Die Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich
gewollte empfinden, und das mit dieser Z e r s t r e u u n g regelmäßig
verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem
Traume verbleiben und die wir bei der psychologischen Analyse desselben
als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den
Bildern – den hypnagogischen Halluzinationen – haben wir erfahren, daß
sie selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind(13).
Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber doch nicht
ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in geringerem
Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles wird auch im
Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich also durch
Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im Wachen.
Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene Inhaltselemente,
welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind
als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem
Psychiater wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination
können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum
h a l l u z i n i e r t, daß er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser
Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen
Vorstellungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge,
mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die
Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das
mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und
qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.
Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigentümlichkeiten
des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens auftritt und als den
Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. Das Charakteristische des
wachen Zustandes ist nach S c h l e i e r m a c h e r (p. 351), daß die
Denktätigkeit in B e g r i f f e n und nicht in B i l d e r n vor sich geht. Nun
denkt der Traum hauptsächlich in Bildern, und man kann beobachten, daß
mit der Annäherung an den Schlaf in demselben Maße, in dem die
gewollten Tätigkeiten sich erschwert zeigen, u n g e w o l l t e
Vo r s t e l l u n g e n hervortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören.
Die Unfähigkeit zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich
gewollte empfinden, und das mit dieser Z e r s t r e u u n g regelmäßig
verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem
Traume verbleiben und die wir bei der psychologischen Analyse desselben
als wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den
Bildern – den hypnagogischen Halluzinationen – haben wir erfahren, daß
sie selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind(13).
Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber doch nicht
ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in geringerem
Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles wird auch im
Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich also durch
Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im Wachen.
Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene Inhaltselemente,
welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind
als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem
Psychiater wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination
können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum
h a l l u z i n i e r t, daß er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser
Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen
Vorstellungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge,
mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die
Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das
mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und
qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.
Page 60
Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die einzige
Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechenden
Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine Situation, er
stellt etwas als gegenwärtig dar, er d r a m a t i s i e r t eine Idee, wie
S p i t t a (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser Seite des
Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzunimmt, daß man
beim Träumen – in der Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere
Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die
Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe
nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt, regt
sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum
von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität verwechselt wird.
B u r d a c h hat die bisher betrachteten Charaktere des Traumlebens in
folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): »Zu den wesentlichen
Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätigkeit unserer
Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungsvermögen die
Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche Rührungen wären; . . .
b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine
gewisse Passivität zum Einschlafen . . . Die Schlummerbilder werden durch
den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.«
Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele gegen
die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer gewissen
eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. S t r ü m p e l l führt
aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem Mechanismus gemäß
benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs bloße Vorstellungen,
sondern w a h r h a f t e u n d w i r k l i c h e E r l e b n i s s e d e r S e e l e,
wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne auftreten (p. 34). Während
die Seele wachend in Wortbildern und in der Sprache vorstellt und denkt,
stellt sie vor und denkt im Traume in wirklichen Empfindungsbildern
(p. 35). Überdies kommt im Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie
im Wachen Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt
werden (p. 36). Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet
wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies
daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein
zwischen von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen
Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechenden
Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine Situation, er
stellt etwas als gegenwärtig dar, er d r a m a t i s i e r t eine Idee, wie
S p i t t a (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser Seite des
Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzunimmt, daß man
beim Träumen – in der Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere
Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die
Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe
nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt, regt
sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum
von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität verwechselt wird.
B u r d a c h hat die bisher betrachteten Charaktere des Traumlebens in
folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): »Zu den wesentlichen
Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätigkeit unserer
Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungsvermögen die
Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche Rührungen wären; . . .
b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine
gewisse Passivität zum Einschlafen . . . Die Schlummerbilder werden durch
den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.«
Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele gegen
die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer gewissen
eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. S t r ü m p e l l führt
aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem Mechanismus gemäß
benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs bloße Vorstellungen,
sondern w a h r h a f t e u n d w i r k l i c h e E r l e b n i s s e d e r S e e l e,
wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne auftreten (p. 34). Während
die Seele wachend in Wortbildern und in der Sprache vorstellt und denkt,
stellt sie vor und denkt im Traume in wirklichen Empfindungsbildern
(p. 35). Überdies kommt im Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie
im Wachen Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt
werden (p. 36). Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet
wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies
daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein
zwischen von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen
Page 61
unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
a u ß e r d e m den Unterschied zwischen w i l l k ü r l i c h vertauschbaren
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz
der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58).
Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt enthält auch den Grund für ihren
Glauben an die subjektive Traumwelt.
Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden
psychologischen Entwicklungen D e l b o e u f. Wir schenken den
Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen
Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, Proben
anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns
etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und wir träumen dabei
doch. Es gibt nach D e l b o e u f kein stichhaltiges Kriterium dafür, ob etwas
ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, außer – und dies nur in praktischer
Allgemeinheit – der Tatsache des Erwachens. Ich erkläre alles für
Täuschung, was zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist,
wenn ich durch das Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette
liege (p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr
gehalten infolge der nicht einzuschläfernden D e n k g e w o h n h e i t, eine
Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe(14).
Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmenden
Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des Traumlebens
erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemerkungen des alten
B u r d a c h anzuführen, welche auf die Beziehung der schlafenden Seele
zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan sind, vor einer
Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurückzuhalten. »Der Schlaf
erfolgt nur unter der Bedingung,« sagt B u r d a c h, »daß die Seele nicht von
Sinnesreizen angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an
Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an
Interesse dafür(15); mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig,
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
a u ß e r d e m den Unterschied zwischen w i l l k ü r l i c h vertauschbaren
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz
der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58).
Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt enthält auch den Grund für ihren
Glauben an die subjektive Traumwelt.
Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden
psychologischen Entwicklungen D e l b o e u f. Wir schenken den
Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen
Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, Proben
anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns
etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und wir träumen dabei
doch. Es gibt nach D e l b o e u f kein stichhaltiges Kriterium dafür, ob etwas
ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, außer – und dies nur in praktischer
Allgemeinheit – der Tatsache des Erwachens. Ich erkläre alles für
Täuschung, was zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist,
wenn ich durch das Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette
liege (p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr
gehalten infolge der nicht einzuschläfernden D e n k g e w o h n h e i t, eine
Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe(14).
Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmenden
Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des Traumlebens
erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemerkungen des alten
B u r d a c h anzuführen, welche auf die Beziehung der schlafenden Seele
zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan sind, vor einer
Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurückzuhalten. »Der Schlaf
erfolgt nur unter der Bedingung,« sagt B u r d a c h, »daß die Seele nicht von
Sinnesreizen angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an
Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an
Interesse dafür(15); mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig,
Page 62
insofern er zur Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann
schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus
Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht
einschlafen kann« (p. 457).
»Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und zieht sich
von der Peripherie . . . zurück . . . . Indes ist der Zusammenhang nicht ganz
unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst, sondern erst nach dem
Erwachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt werden.
Noch mehr wird die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man
nicht immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern
durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges
Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so
erwacht er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den
Sensationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel eines
Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache
bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines
Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also vom
Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert
worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend die Seele nicht
aufgestört hat« (p. 460 u. ff.).
Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Einwendungen
absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die bisher
gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abgeleiteten
Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben nicht voll zu
decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es möglich sein, die
Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die Situationen des Traumes
in Gedanken zurückzuverwandeln und damit die Aufgabe der
Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach
dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns
diese Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum behält
seine Rätselhaftigkeit unverringert bei.
Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume noch
andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungsmaterial des
Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht S t r ü m p e l l in folgender
Erörterung herauszugreifen (p. 17): »Die Seele verliert mit dem Aufhören
der sinnlich tätigen Anschauung und des normalen Lebensbewußtseins auch
schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus
Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht
einschlafen kann« (p. 457).
»Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und zieht sich
von der Peripherie . . . zurück . . . . Indes ist der Zusammenhang nicht ganz
unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst, sondern erst nach dem
Erwachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt werden.
Noch mehr wird die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man
nicht immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern
durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges
Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so
erwacht er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den
Sensationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel eines
Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache
bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines
Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also vom
Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert
worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend die Seele nicht
aufgestört hat« (p. 460 u. ff.).
Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Einwendungen
absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die bisher
gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abgeleiteten
Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben nicht voll zu
decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es möglich sein, die
Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die Situationen des Traumes
in Gedanken zurückzuverwandeln und damit die Aufgabe der
Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach
dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns
diese Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum behält
seine Rätselhaftigkeit unverringert bei.
Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume noch
andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungsmaterial des
Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht S t r ü m p e l l in folgender
Erörterung herauszugreifen (p. 17): »Die Seele verliert mit dem Aufhören
der sinnlich tätigen Anschauung und des normalen Lebensbewußtseins auch
Page 63
den Grund, in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und
Handlungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle,
Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern
anhaften, unterliegen . . . einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich
ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von
Dingen, Personen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen
Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines derselben
bringt seinen p s y c h i s c h e n Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und
sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher . . . .«
Die Absurdität des Traumes.
Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die selbst
wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurückgeführt wird, soll
nach S t r ü m p e l l einen Hauptanteil an dem Eindruck der Fremdartigkeit
haben, mit dem sich der Traum in unserer Erinnerung dem Leben
gegenüberstellt.
Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf eine der
seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung des
Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich auch über
die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder andere dieser
Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die übrigbleibenden
ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Umständen normale Arbeit
leisten können, kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß
man die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die
psychische Minderleistung im Schlafzustand, und nun kommt der Eindruck,
den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung
entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die
ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag
einflußreiches Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch
stumpfsinnig. Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum
in seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer
im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Verworrenen
und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir nur dem Tatbestand
Handlungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle,
Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern
anhaften, unterliegen . . . einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich
ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von
Dingen, Personen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen
Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines derselben
bringt seinen p s y c h i s c h e n Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und
sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher . . . .«
Die Absurdität des Traumes.
Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die selbst
wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurückgeführt wird, soll
nach S t r ü m p e l l einen Hauptanteil an dem Eindruck der Fremdartigkeit
haben, mit dem sich der Traum in unserer Erinnerung dem Leben
gegenüberstellt.
Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf eine der
seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung des
Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich auch über
die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder andere dieser
Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die übrigbleibenden
ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Umständen normale Arbeit
leisten können, kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß
man die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die
psychische Minderleistung im Schlafzustand, und nun kommt der Eindruck,
den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung
entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die
ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag
einflußreiches Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch
stumpfsinnig. Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum
in seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer
im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Verworrenen
und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir nur dem Tatbestand
Page 64
Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätigkeit im Traum nur sehr
gering anschlagen und insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen
als im Traume aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.
Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen wird an
anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche Urteile über den
Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten Theorie oder
Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der Zeit, daß ich mein eben
ausgesprochenes Resumé durch eine Sammlung von Aussprüchen
verschiedener Autoren – Philosophen und Ärzte – über die psychologischen
Charaktere des Traumes ersetze:
Nach L e m o i n e ist die I n k o h ä r e n z der Traumbilder der einzig
wesentliche Charakter des Traumes.
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas de rêves
absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence,
quelque anachronisme, quelque absurdité.«
Nach H e g e l bei S p i t t a fehlt dem Traume aller objektive verständige
Zusammenhang.
D u g a s sagt: »Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et mentale,
c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant sans contrôle
et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate spirituel.«
»Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im
Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammengehaltenen
Vorstellungslebens« räumt selbst Vo l k e l t ein (p. 14), nach dessen Lehre
die psychische Tätigkeit während des Schlafes keineswegs zwecklos
erscheint.
Die Absurdität der im Traume vorkommenden
Vorstellungsverbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
C i c e r o (De divin. II) tat: Nihil tam praepostere, tam incondite, tam
monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.
F e c h n e r sagt (p. 522): »Es ist, als ob die psychologische Tätigkeit
aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte.«
R a d e s t o c k (p. 145): »In der Tat scheint es unmöglich, in diesem
tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Polizei des
gering anschlagen und insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen
als im Traume aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.
Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen wird an
anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche Urteile über den
Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten Theorie oder
Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der Zeit, daß ich mein eben
ausgesprochenes Resumé durch eine Sammlung von Aussprüchen
verschiedener Autoren – Philosophen und Ärzte – über die psychologischen
Charaktere des Traumes ersetze:
Nach L e m o i n e ist die I n k o h ä r e n z der Traumbilder der einzig
wesentliche Charakter des Traumes.
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas de rêves
absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence,
quelque anachronisme, quelque absurdité.«
Nach H e g e l bei S p i t t a fehlt dem Traume aller objektive verständige
Zusammenhang.
D u g a s sagt: »Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et mentale,
c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant sans contrôle
et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate spirituel.«
»Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im
Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammengehaltenen
Vorstellungslebens« räumt selbst Vo l k e l t ein (p. 14), nach dessen Lehre
die psychische Tätigkeit während des Schlafes keineswegs zwecklos
erscheint.
Die Absurdität der im Traume vorkommenden
Vorstellungsverbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
C i c e r o (De divin. II) tat: Nihil tam praepostere, tam incondite, tam
monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.
F e c h n e r sagt (p. 522): »Es ist, als ob die psychologische Tätigkeit
aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte.«
R a d e s t o c k (p. 145): »In der Tat scheint es unmöglich, in diesem
tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Polizei des
Page 65
vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens und der
Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem Spiele alles
kaleidoskopartig durcheinander.«
H i l d e b r a n d t (p. 45): »Welche wunderlichen Sprünge erlaubt sich
der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu auf den
Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in den Ordnungen
der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, wie man sagt, die
Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Unsinnes das Erwachen
herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei
macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen Vers
hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein
Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem
Auftrage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum
Liechtenstein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen
uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
Freiwillige anwerben.«
B i n z (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken sich
ergebende Traumtheorie: »Unter zehn Träumen sind mindestens neun
absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zusammen,
welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. Schon im
nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine
andere geworden, womöglich noch unsinniger und toller, als sie es schon
vorher war; und so geht das wechselnde Spiel des unvollkommen
schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn
greifen und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des
vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.«
Die oberflächlichen Assoziationen im Traume.
M a u r y (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu den
Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen Vergleich:
»La production de ces images que chez l’homme éveillé fait le plus souvent
naître la volonté, correspond, pour l’intelligence, à ce que sont pour la
motilité certains mouvements que nous offrent la chorée et les affections
Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem Spiele alles
kaleidoskopartig durcheinander.«
H i l d e b r a n d t (p. 45): »Welche wunderlichen Sprünge erlaubt sich
der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu auf den
Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in den Ordnungen
der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, wie man sagt, die
Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Unsinnes das Erwachen
herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei
macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen Vers
hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein
Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem
Auftrage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum
Liechtenstein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen
uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
Freiwillige anwerben.«
B i n z (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken sich
ergebende Traumtheorie: »Unter zehn Träumen sind mindestens neun
absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zusammen,
welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. Schon im
nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine
andere geworden, womöglich noch unsinniger und toller, als sie es schon
vorher war; und so geht das wechselnde Spiel des unvollkommen
schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn
greifen und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des
vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.«
Die oberflächlichen Assoziationen im Traume.
M a u r y (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu den
Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen Vergleich:
»La production de ces images que chez l’homme éveillé fait le plus souvent
naître la volonté, correspond, pour l’intelligence, à ce que sont pour la
motilité certains mouvements que nous offrent la chorée et les affections
Page 66
paralytiques« . . . . Im übrigen ist ihm der Traum »toute une série de
dégradations de la faculté pensante et raisonnante« (p. 27).
Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, welche den
Satz von M a u r y für die einzelnen höheren Seelenleistungen wiederholen.
Nach S t r ü m p e l l treten im Traume – selbstverständlich auch dort, wo
der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logische, auf Verhältnissen und
Beziehungen beruhende Operationen der Seele zurück (p. 26). Nach
S p i t t a (p. 148) scheinen im Traume die Vorstellungen dem
Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. R a d e s t o c k und andere
betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles und des Schlusses.
Nach J o d l (p. 123) gibt es im Traume keine Kritik, keine Korrektur einer
Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe
Autor äußert: »Alle Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume
vor, aber unvollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert.« Die
Widersprüche, in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt,
erklärt S t r i c k e r (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume
vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren
gegangen sind (p. 98) usw. usw.
Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die psychischen
Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, daß ein gewisser
Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. W u n d t, dessen
Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traumprobleme maßgebend
geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. Man könnte nach der Art und
Beschaffenheit des im Traume sich äußernden Restes von normaler
Seelentätigkeit fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die
Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traume am wenigsten gelitten
zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion
des Wachens (vgl. oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der
Absurditäten des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses
Traumlebens erklärt werden soll. Nach S p i t t a ist es das
G e m ü t s l e b e n der Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann
den Traum dirigiert. Als »Gemüt« bezeichnet er »die konstante
Zusammenfassung der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des
Menschen« (p. 84).
dégradations de la faculté pensante et raisonnante« (p. 27).
Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, welche den
Satz von M a u r y für die einzelnen höheren Seelenleistungen wiederholen.
Nach S t r ü m p e l l treten im Traume – selbstverständlich auch dort, wo
der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logische, auf Verhältnissen und
Beziehungen beruhende Operationen der Seele zurück (p. 26). Nach
S p i t t a (p. 148) scheinen im Traume die Vorstellungen dem
Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. R a d e s t o c k und andere
betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles und des Schlusses.
Nach J o d l (p. 123) gibt es im Traume keine Kritik, keine Korrektur einer
Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe
Autor äußert: »Alle Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume
vor, aber unvollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert.« Die
Widersprüche, in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt,
erklärt S t r i c k e r (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume
vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren
gegangen sind (p. 98) usw. usw.
Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die psychischen
Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, daß ein gewisser
Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. W u n d t, dessen
Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traumprobleme maßgebend
geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. Man könnte nach der Art und
Beschaffenheit des im Traume sich äußernden Restes von normaler
Seelentätigkeit fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die
Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traume am wenigsten gelitten
zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion
des Wachens (vgl. oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der
Absurditäten des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses
Traumlebens erklärt werden soll. Nach S p i t t a ist es das
G e m ü t s l e b e n der Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann
den Traum dirigiert. Als »Gemüt« bezeichnet er »die konstante
Zusammenfassung der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des
Menschen« (p. 84).
Page 67
S c h o l z (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
Seelentätigkeiten in der »a l l e g o r i s i e r e n d e n U m d e u t u n g«,
welcher das Traummaterial unterzogen wird. S i e b e c k konstatiert auch im
Traume die »e r g ä n z e n d e D e u t u n g s t ä t i g k e i t« der Seele (p. 11),
welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird. Eine
besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Beurteilung der
angeblich höchsten psychischen Funktion, der des Bewußtseins. Da wir
vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen
Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint S p i t t a, es sei im Traume nur das
Bewußtsein erhalten, nicht auch das S e l b s t bewußtsein. D e l b o e u f
gesteht ein, daß er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.
Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen verknüpfen,
gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt im Traume reiner
und stärker zum Ausdruck. S t r ü m p e l l (p. 70): »Der Traum verläuft
entweder ausschließlich, wie es scheint, nach den Gesetzen nackter
Vorstellungen oder organischer Reize mit solchen Vorstellungen, das heißt,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches
Urteil etwas dabei vermögen.« Die Autoren, deren Ansichten ich hier
reproduziere, stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor:
Die Summe der im Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den
verschiedenen an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele
zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach
W u n d t richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und
inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den
bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln
eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material
wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden und denkenden
Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa W u n d t
und W e y g a n d t). Es ist bloß noch nicht gelungen, die Motive einzusehen,
welche darüber entscheiden, daß die Erweckung der nicht von außen
stammenden Bilder nach diesem oder nach jenem Assoziationsgesetz vor
sich gehe.
Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, welche
die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz besonderer Art
und verschieden von den im wachen Denken tätigen sind. So sagt
Vo l k e l t (p. 15): »Im Traume jagen und haschen sich die Vorstellungen
Seelentätigkeiten in der »a l l e g o r i s i e r e n d e n U m d e u t u n g«,
welcher das Traummaterial unterzogen wird. S i e b e c k konstatiert auch im
Traume die »e r g ä n z e n d e D e u t u n g s t ä t i g k e i t« der Seele (p. 11),
welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird. Eine
besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Beurteilung der
angeblich höchsten psychischen Funktion, der des Bewußtseins. Da wir
vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen
Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint S p i t t a, es sei im Traume nur das
Bewußtsein erhalten, nicht auch das S e l b s t bewußtsein. D e l b o e u f
gesteht ein, daß er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.
Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen verknüpfen,
gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt im Traume reiner
und stärker zum Ausdruck. S t r ü m p e l l (p. 70): »Der Traum verläuft
entweder ausschließlich, wie es scheint, nach den Gesetzen nackter
Vorstellungen oder organischer Reize mit solchen Vorstellungen, das heißt,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches
Urteil etwas dabei vermögen.« Die Autoren, deren Ansichten ich hier
reproduziere, stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor:
Die Summe der im Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den
verschiedenen an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele
zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach
W u n d t richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und
inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den
bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln
eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material
wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden und denkenden
Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa W u n d t
und W e y g a n d t). Es ist bloß noch nicht gelungen, die Motive einzusehen,
welche darüber entscheiden, daß die Erweckung der nicht von außen
stammenden Bilder nach diesem oder nach jenem Assoziationsgesetz vor
sich gehe.
Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, welche
die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz besonderer Art
und verschieden von den im wachen Denken tätigen sind. So sagt
Vo l k e l t (p. 15): »Im Traume jagen und haschen sich die Vorstellungen
Page 68
nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahrnehmbaren
Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nachlässigen, zwanglosen
Assoziationen durchzogen.« M a u r y legt auf diesen Charakter der
Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie
mit gewissen Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt
zwei Hauptcharaktere des »délire«: 1. une action spontanée et comme
automatique de l’esprit; 2. une association vicieuse et irregulière des idées
(p. 126). Von M a u r y selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele
her, in denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
(p é l e r i n a g e) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand er
sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker P e l l e t i e r, dieser gab ihm
nach einem Gespräche eine Schaufel (p e l l e) von Zink und diese wurde in
einem darauffolgenden Traumstück sein großes Schlachtschwert (p. 137).
Ein andermal ging er im Traume auf der Landstraße und las auf den
Meilensteinen die K i l o meter ab, darauf befand er sich bei einem
Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und ein Mann legte
K i l o gewichte auf die Wagschale, um M a u r y abzuwägen; dann sagte
ihm der Gewürzkrämer: »Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel
G i l o l o.« Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume
L o b e l i a sah, dann den General L o p e z, von dessen Tod er kurz vorher
gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie L o t t o spielend(16).
Psychologische Wertschätzung des Traumlebens.
Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung der
psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch von anderer
Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier schwierig. Es will
auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herabsetzer des Traumlebens
versichert (S p i t t a, p. 118), daß dieselben psychologischen Gesetze, die im
Wachen herrschen, auch den Traum regieren, oder wenn ein anderer
(D u g a s) ausspricht: Le rêve n’est pas déraison ni même irraison pure,
solange beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von
ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen
im Traume in Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit
gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht
ohne Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf
Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nachlässigen, zwanglosen
Assoziationen durchzogen.« M a u r y legt auf diesen Charakter der
Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie
mit gewissen Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt
zwei Hauptcharaktere des »délire«: 1. une action spontanée et comme
automatique de l’esprit; 2. une association vicieuse et irregulière des idées
(p. 126). Von M a u r y selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele
her, in denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
(p é l e r i n a g e) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand er
sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker P e l l e t i e r, dieser gab ihm
nach einem Gespräche eine Schaufel (p e l l e) von Zink und diese wurde in
einem darauffolgenden Traumstück sein großes Schlachtschwert (p. 137).
Ein andermal ging er im Traume auf der Landstraße und las auf den
Meilensteinen die K i l o meter ab, darauf befand er sich bei einem
Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und ein Mann legte
K i l o gewichte auf die Wagschale, um M a u r y abzuwägen; dann sagte
ihm der Gewürzkrämer: »Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel
G i l o l o.« Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume
L o b e l i a sah, dann den General L o p e z, von dessen Tod er kurz vorher
gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie L o t t o spielend(16).
Psychologische Wertschätzung des Traumlebens.
Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung der
psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch von anderer
Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier schwierig. Es will
auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herabsetzer des Traumlebens
versichert (S p i t t a, p. 118), daß dieselben psychologischen Gesetze, die im
Wachen herrschen, auch den Traum regieren, oder wenn ein anderer
(D u g a s) ausspricht: Le rêve n’est pas déraison ni même irraison pure,
solange beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von
ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen
im Traume in Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit
gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht
ohne Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf
Page 69
dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil bezieht. Diese
Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urteilen, oder
der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer.
So würdigt H a v e l o c k E l l i s (1899) den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als »an archaïc world of vast
emotions and imperfect thoughts«, deren Studium uns primitive
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. J.
S u l l y (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer noch
weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine Aussprüche
verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, daß er wie
vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten Sinnigkeit des
Traumes überzeugt war. »Now our dreams are a means of conserving these
successive personalities. W h e n a s l e e p w e g o b a c k t o t h e
old ways of looking at things and of feeling about
them, to impulses and activities which long ago
d o m i n a t e d u s .« Ein Denker wie D e l b o e u f behauptet – freilich
ohne den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
eigentlich mit Unrecht: »Dans le sommeil, hormis la perception, toutes les
facultés de l’esprit, intelligence, imagination, mémoire, volonté, moralité,
restent intactes dans leur essence; seulement, elles s’appliquent à des objets
imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur qui joue à volonté les fous
et les sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les démons
et les anges« (p. 222). Am energischesten scheint die Herabsetzung der
psychischen Leistung im Traume der M a r q u i s d ’ H e r v e y bestritten
zu haben, gegen den M a u r y lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir
trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. M a u r y sagt über ihn
(p. 19): »M. le M a r q u i s d ’ H e r v e y prête à l’intelligence, durant le
sommeil, toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire
consister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture au
Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se distingue guère, selon
sa manière de voir, de l’homme qui laisse vaguer sa pensée en se bouchant
les sens; toute la différence qui sépare alors la pensée ordinaire de celle du
dormeur c’est que, chez celui, l’idée prend une forme visible, objective et
ressemble, à s’y méprendre, à la sensation déterminée par les objets
extérieurs; le souvenir revêt l’apparence du fait présent.«
Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urteilen, oder
der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer.
So würdigt H a v e l o c k E l l i s (1899) den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als »an archaïc world of vast
emotions and imperfect thoughts«, deren Studium uns primitive
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. J.
S u l l y (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer noch
weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine Aussprüche
verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, daß er wie
vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten Sinnigkeit des
Traumes überzeugt war. »Now our dreams are a means of conserving these
successive personalities. W h e n a s l e e p w e g o b a c k t o t h e
old ways of looking at things and of feeling about
them, to impulses and activities which long ago
d o m i n a t e d u s .« Ein Denker wie D e l b o e u f behauptet – freilich
ohne den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
eigentlich mit Unrecht: »Dans le sommeil, hormis la perception, toutes les
facultés de l’esprit, intelligence, imagination, mémoire, volonté, moralité,
restent intactes dans leur essence; seulement, elles s’appliquent à des objets
imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur qui joue à volonté les fous
et les sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les démons
et les anges« (p. 222). Am energischesten scheint die Herabsetzung der
psychischen Leistung im Traume der M a r q u i s d ’ H e r v e y bestritten
zu haben, gegen den M a u r y lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir
trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. M a u r y sagt über ihn
(p. 19): »M. le M a r q u i s d ’ H e r v e y prête à l’intelligence, durant le
sommeil, toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire
consister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture au
Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se distingue guère, selon
sa manière de voir, de l’homme qui laisse vaguer sa pensée en se bouchant
les sens; toute la différence qui sépare alors la pensée ordinaire de celle du
dormeur c’est que, chez celui, l’idée prend une forme visible, objective et
ressemble, à s’y méprendre, à la sensation déterminée par les objets
extérieurs; le souvenir revêt l’apparence du fait présent.«
Page 70
M a u r y fügt aber hinzu: »qu’il y a une différence de plus et capitale à
savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi n’offrent pas
l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.«
Bei Va s c h i d e, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von
d’H e r v e y vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender Art
über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. »L’image du rêve est la
copie de l’idée. Le principal est l’idée; la vision n’est qu’accessoire. Ceci
établi, il faut savoir suivre la marche des idées, il faut savoir analyser le
tissu des rêves; l’incohérence devient alors compréhensible, les conceptions
les plus fantasques deviennent des faits simples et parfectement logiques«.
(p. 146.) Und (p. 147): »Les rêves les plus bizarres trouvent même une
explication des plus logiques quand on sait les analyser.«
J. S t ä r c k e hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, W o l f
D a v i d s o n, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136):
»Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben alle
ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Verbindung
manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir oft einen Sprung der
Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch keiner ist.«
Psychologische Wertung des Traumes.
Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt hat in
der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch die
Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschätzung, die den
Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. H i l d e b r a n d t,
der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psychologische Charakteristik
des Traumlebens entwirft, faßt im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte
dieser Reihe zusammen (p. 19): »Es ist der zwischen e i n e r
S t e i g e r u n g, einer nicht selten bis zur V i r t u o s i t ä t sich erhebenden
P o t e n z i e r u n g und anderseits einer entschiedenen, oft bis unter das
Niveau des Menschlichen führenden H e r a b m i n d e r u n g und
S c h w ä c h u n g des Seelenlebens.«
»Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung
bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bisweilen
savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi n’offrent pas
l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.«
Bei Va s c h i d e, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von
d’H e r v e y vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender Art
über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. »L’image du rêve est la
copie de l’idée. Le principal est l’idée; la vision n’est qu’accessoire. Ceci
établi, il faut savoir suivre la marche des idées, il faut savoir analyser le
tissu des rêves; l’incohérence devient alors compréhensible, les conceptions
les plus fantasques deviennent des faits simples et parfectement logiques«.
(p. 146.) Und (p. 147): »Les rêves les plus bizarres trouvent même une
explication des plus logiques quand on sait les analyser.«
J. S t ä r c k e hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, W o l f
D a v i d s o n, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136):
»Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben alle
ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Verbindung
manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir oft einen Sprung der
Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch keiner ist.«
Psychologische Wertung des Traumes.
Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt hat in
der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch die
Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschätzung, die den
Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. H i l d e b r a n d t,
der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psychologische Charakteristik
des Traumlebens entwirft, faßt im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte
dieser Reihe zusammen (p. 19): »Es ist der zwischen e i n e r
S t e i g e r u n g, einer nicht selten bis zur V i r t u o s i t ä t sich erhebenden
P o t e n z i e r u n g und anderseits einer entschiedenen, oft bis unter das
Niveau des Menschlichen führenden H e r a b m i n d e r u n g und
S c h w ä c h u n g des Seelenlebens.«
»Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung
bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bisweilen
Page 71
eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der Empfindung, eine
Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beobachtung, eine
Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches alles als
konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu besitzen
bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat eine wunderbare
Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine
köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem eigentümlichen
idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft im
sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt
uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das Erhabene in
höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten
Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen;
und bisweilen sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke
noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche
Welt uns noch nie und niemals geboten.«
Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem jene
geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung gilt?
Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tiefsinnigen und
feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, Träume, die solche
und die jene Beurteilung verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer
psychologischen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu
sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten Herabsetzung des
Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten Steigerung desselben?
So bequem diese Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den
Bestrebungen aller Traumforscher die Voraussetzung zu grunde zu liegen
scheint, es gäbe eine solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige
Charakteristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen
müßte.
Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener jetzt
hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie und nicht
die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. Aussprüche wie
die von S c h u b e r t, daß der Traum eine Befreiung des Geistes von der
Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der
Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von dem jüngeren F i c h t e(17) u. a.,
welche sämtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu
Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beobachtung, eine
Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches alles als
konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu besitzen
bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat eine wunderbare
Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine
köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem eigentümlichen
idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft im
sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt
uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das Erhabene in
höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten
Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen;
und bisweilen sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke
noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche
Welt uns noch nie und niemals geboten.«
Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem jene
geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung gilt?
Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tiefsinnigen und
feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, Träume, die solche
und die jene Beurteilung verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer
psychologischen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu
sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten Herabsetzung des
Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten Steigerung desselben?
So bequem diese Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den
Bestrebungen aller Traumforscher die Voraussetzung zu grunde zu liegen
scheint, es gäbe eine solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige
Charakteristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen
müßte.
Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener jetzt
hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie und nicht
die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. Aussprüche wie
die von S c h u b e r t, daß der Traum eine Befreiung des Geistes von der
Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der
Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von dem jüngeren F i c h t e(17) u. a.,
welche sämtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu
Page 72
einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum begreiflich; sie
werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern und Frömmlern
wiederholt(18). Mit dem Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist
eine Reaktion in der Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die
ärztlichen Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im
Traume für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen
und nicht zünftige Beobachter – Amateurpsychologen –, deren Beiträge
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychischen
Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der
psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicherweise in
der Traumätiologie die somatischen Reizquellen; für den, welcher der
träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen
hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen
zum Träumen zuzugestehen.
Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist die
des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie beweisenden, gar nicht
seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, von alten Autoren
häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit-
und Ortsentfernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine
Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie H i l d e b r a n d t bemerkt, eben
ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht
anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des
Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit noch eines
anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit
unabhängig sein. Träume wie der oben p. 20 mitgeteilte M a u r y s von
seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen zu beweisen, daß der
Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu
drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im Wachen Denkinhalt
bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten
bestritten worden; seit den Aufsätzen von L e L o r r a i n und E g g e r
»über die scheinbare Dauer der Träume« hat sich hierüber eine interessante
Diskussion angesponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage
wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat(19).
werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern und Frömmlern
wiederholt(18). Mit dem Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist
eine Reaktion in der Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die
ärztlichen Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im
Traume für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen
und nicht zünftige Beobachter – Amateurpsychologen –, deren Beiträge
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychischen
Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der
psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicherweise in
der Traumätiologie die somatischen Reizquellen; für den, welcher der
träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen
hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen
zum Träumen zuzugestehen.
Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist die
des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie beweisenden, gar nicht
seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, von alten Autoren
häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit-
und Ortsentfernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine
Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie H i l d e b r a n d t bemerkt, eben
ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht
anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des
Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit noch eines
anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit
unabhängig sein. Träume wie der oben p. 20 mitgeteilte M a u r y s von
seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen zu beweisen, daß der
Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu
drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im Wachen Denkinhalt
bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten
bestritten worden; seit den Aufsätzen von L e L o r r a i n und E g g e r
»über die scheinbare Dauer der Träume« hat sich hierüber eine interessante
Diskussion angesponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage
wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat(19).
Page 73
Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzunehmen und
zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen vermag, daß er
Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Komponisten die Quelle
neuer Eingebungen werden kann, scheint nach vielfachen Berichten und
nach der von C h a b a n e i x angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein.
Aber wenn auch nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung
vielen, ans Prinzipielle streifenden Zweifeln(20).
Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes ein
Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit hartnäckig
wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man vermeidet es – und
wohl mit Recht –, alles Tatsächliche an diesem Thema abzuleugnen, weil
für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit einer natürlichen
psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.
f) D i e e t h i s c h e n G e f ü h l e i m T r a u m e.
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe ich von
dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem abgesondert, ob
und inwieweit die moralischen Dispositionen und Empfindungen des
Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der
Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit
Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen. Die einen
versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der Traum von den
sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die anderen, daß die moralische
Natur des Menschen auch fürs Traumleben erhalten bleibt.
Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
J e s s e n sagt (p. 553): »Auch besser und tugendhafter wird man nicht im
Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schweigen,
indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Verbrechen,
Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit und ohne
nachfolgende Reue verüben kann.«
zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen vermag, daß er
Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Komponisten die Quelle
neuer Eingebungen werden kann, scheint nach vielfachen Berichten und
nach der von C h a b a n e i x angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein.
Aber wenn auch nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung
vielen, ans Prinzipielle streifenden Zweifeln(20).
Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes ein
Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit hartnäckig
wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man vermeidet es – und
wohl mit Recht –, alles Tatsächliche an diesem Thema abzuleugnen, weil
für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit einer natürlichen
psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.
f) D i e e t h i s c h e n G e f ü h l e i m T r a u m e.
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe ich von
dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem abgesondert, ob
und inwieweit die moralischen Dispositionen und Empfindungen des
Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der
Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit
Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen. Die einen
versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der Traum von den
sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die anderen, daß die moralische
Natur des Menschen auch fürs Traumleben erhalten bleibt.
Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
J e s s e n sagt (p. 553): »Auch besser und tugendhafter wird man nicht im
Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schweigen,
indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Verbrechen,
Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit und ohne
nachfolgende Reue verüben kann.«
Page 74
R a d e s t o c k (p. 146): »Es ist zu berücksichtigen, daß die
Assoziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches
Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach und es herrscht
e t h i s c h e G l e i c h g ü l t i g k e i t v o r.«
Vo l k e l t (p. 23): »Besonders zügellos aber geht es, wie jeder weiß, im
Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träumende selbst aufs
Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles und Urteiles verlustig ist,
so sieht er auch alle anderen und selbst die verehrtesten Personen mitten in
Handlungen, die er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen
zusammenzubringen sich scheuen würde.«
Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die von
S c h o p e n h a u e r, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit seines
Charakters handle und rede. R. Ph. F i s c h e r(21) behauptet, daß die
subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und Leidenschaften in
der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß die moralischen
Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen sich spiegeln.
H a f f n e r (p. 25): »Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . . . wird ein
tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er wird den
Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und allen
Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch in seinen
Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen vor sich hatte.«
S c h o l z (p. 36): »Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Maskierung in
Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst wieder . . . . .
Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein entehrendes Verbrechen
begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über
etwas seiner Natur Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner
Untertanen hinrichten ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser
den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies
damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im
Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum
haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: »Es fällt mir
auch im Traume nicht ein.««
Im Gegensatz hiezu meint P l a t o, diejenigen seien die besten, denen
das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle.
Assoziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches
Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach und es herrscht
e t h i s c h e G l e i c h g ü l t i g k e i t v o r.«
Vo l k e l t (p. 23): »Besonders zügellos aber geht es, wie jeder weiß, im
Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träumende selbst aufs
Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles und Urteiles verlustig ist,
so sieht er auch alle anderen und selbst die verehrtesten Personen mitten in
Handlungen, die er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen
zusammenzubringen sich scheuen würde.«
Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die von
S c h o p e n h a u e r, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit seines
Charakters handle und rede. R. Ph. F i s c h e r(21) behauptet, daß die
subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und Leidenschaften in
der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß die moralischen
Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen sich spiegeln.
H a f f n e r (p. 25): »Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . . . wird ein
tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er wird den
Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und allen
Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch in seinen
Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen vor sich hatte.«
S c h o l z (p. 36): »Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Maskierung in
Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst wieder . . . . .
Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein entehrendes Verbrechen
begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über
etwas seiner Natur Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner
Untertanen hinrichten ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser
den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies
damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im
Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum
haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: »Es fällt mir
auch im Traume nicht ein.««
Im Gegensatz hiezu meint P l a t o, diejenigen seien die besten, denen
das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle.
Page 75
P f a f f sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprichwortes:
»Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir sagen, wie es um
dein Inneres steht.«
Unsittliche Träume.
Die kleine Schrift von H i l d e b r a n d t, der ich bereits so zahlreiche
Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedankenreichste Beitrag
zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der Literatur gefunden,
rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt
ihres Interesses. Auch für H i l d e b r a n d t steht es als Regel fest: Je reiner
das Leben, desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.
Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume bestehen:
»Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, keine noch
so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so scherzhafter
Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur verdächtig wird, so geht uns
doch der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und
Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie verloren. Wie vieles auch von
dem, was am Tage mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag, –
K a n t s kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an
unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden . . . . .
Erklären aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das
Fundamentale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist,
um an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzunehmen,
welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
Ranges im Traume unterliegen« (p. 45 u. ff.).
In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merkwürdige
Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von Autoren
hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, welche meinen,
im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des Menschen, das Interesse
an den unmoralischen Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten
den Versuch, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen, aus
der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu
schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend
gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit
seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für
»Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir sagen, wie es um
dein Inneres steht.«
Unsittliche Träume.
Die kleine Schrift von H i l d e b r a n d t, der ich bereits so zahlreiche
Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedankenreichste Beitrag
zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der Literatur gefunden,
rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt
ihres Interesses. Auch für H i l d e b r a n d t steht es als Regel fest: Je reiner
das Leben, desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.
Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume bestehen:
»Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, keine noch
so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so scherzhafter
Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur verdächtig wird, so geht uns
doch der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und
Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie verloren. Wie vieles auch von
dem, was am Tage mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag, –
K a n t s kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an
unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden . . . . .
Erklären aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das
Fundamentale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist,
um an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzunehmen,
welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
Ranges im Traume unterliegen« (p. 45 u. ff.).
In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merkwürdige
Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von Autoren
hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, welche meinen,
im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des Menschen, das Interesse
an den unmoralischen Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten
den Versuch, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen, aus
der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu
schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den anscheinend
gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit
seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für
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die sich »der kategorische Imperativ« auch in den Traum erstreckt, hätten
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch
verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung der
eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.
Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sicher weiß,
inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Erinnerung an eigene
unmoralische Träume verleugnen kann. Denn über jenen Gegensatz in der
Beurteilung der Traummoralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider
Gruppen Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären,
und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in
den Funktionen des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten
Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der
Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der
Unverantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer
besonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume
zusammentreffen.
Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, hüten
sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume zu
übernehmen. H a f f n e r sagt (p. 24): »Wir sind für Träume nicht
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt ist, auf
welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat . . . Es kann eben
darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.«
Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er
ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so
ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen.
Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung und von
Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt der Träume
bei H i l d e b r a n d t. Nachdem er ausgeführt, daß die dramatische
Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung der
kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen und
die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermengung der
Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen Anschein der
Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß es doch den
ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und -
schulden schlechthin zu leugnen.
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch
verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung der
eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.
Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sicher weiß,
inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Erinnerung an eigene
unmoralische Träume verleugnen kann. Denn über jenen Gegensatz in der
Beurteilung der Traummoralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider
Gruppen Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären,
und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in
den Funktionen des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten
Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der
Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der
Unverantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer
besonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume
zusammentreffen.
Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, hüten
sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume zu
übernehmen. H a f f n e r sagt (p. 24): »Wir sind für Träume nicht
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt ist, auf
welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat . . . Es kann eben
darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.«
Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er
ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so
ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen.
Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung und von
Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt der Träume
bei H i l d e b r a n d t. Nachdem er ausgeführt, daß die dramatische
Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung der
kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen und
die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermengung der
Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen Anschein der
Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß es doch den
ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und -
schulden schlechthin zu leugnen.
Page 77
(p. 49): »Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine
solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht
entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redensart:
Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir allerdings
einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf
welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese
Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker
zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet werden
dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete das Vorhandensein
solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben
wir doch indirekt damit zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht
vollkommen sein würde, wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich
glaube, wir reden hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.«
(p. 52): »Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren erstes
Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher durch die Seele
des Wachenden gezogen wäre.« Von dieser ersten Regung müsse man
sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete es nur nach und spann’s nur
aus, er bearbeitete nur ein Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns
vorgefunden hatte, in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in
Szene: Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während man
das ganze breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem
Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener
ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen
lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden verantwortlich,
nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Prozentsatz.
»Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort
Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, – dann können wir auch
kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im Traume begangene
Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld mit sich führe.«
Kontrastierende Vorstellungen.
In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als
Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also
H i l d e b r a n d t die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er steht
nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wertschätzung der
solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht
entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redensart:
Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir allerdings
einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf
welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese
Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker
zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet werden
dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete das Vorhandensein
solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben
wir doch indirekt damit zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht
vollkommen sein würde, wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich
glaube, wir reden hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.«
(p. 52): »Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren erstes
Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher durch die Seele
des Wachenden gezogen wäre.« Von dieser ersten Regung müsse man
sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete es nur nach und spann’s nur
aus, er bearbeitete nur ein Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns
vorgefunden hatte, in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in
Szene: Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während man
das ganze breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem
Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener
ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen
lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden verantwortlich,
nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Prozentsatz.
»Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort
Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, – dann können wir auch
kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im Traume begangene
Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld mit sich führe.«
Kontrastierende Vorstellungen.
In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als
Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also
H i l d e b r a n d t die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er steht
nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wertschätzung der
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Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken und die nämliche
Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die Frommen und Heiligen
zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge Sünder(22).
An dem allgemeinen Vorkommen dieser k o n t r a s t i e r e n d e n
Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem als
ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung derselben
ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei S p i t t a findet sich
folgende hieher gehörige Äußerung von A. Z e l l e r (Artikel »Irre« in der
allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von E r s c h und G r u b e r)
zitiert (p. 144): »So glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu allen
Zeiten volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein
unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige
Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unterbrächen, ja
die größten Denker haben sich über dieses traumartige, neckende und
peinliche Gesindel von Vorstellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten
Betrachtungen und ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.«
Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von H i l d e b r a n d t, daß
der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres Wesens blicken
lasse, die uns im Zustand des Wachens meist verschlossen bleiben (p. 55).
Dieselbe Erkenntnis verrät K a n t an einer Stelle der Anthropologie, wenn
er meint, der Traum sei wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu
entdecken und uns zu offenbaren, nicht was wir sind, sondern was wir
hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten;
R a d e s t o c k (p. 84) mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart,
was wir uns nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht
einen Lügner und Betrüger schelten. J. E. E r d m a n n äußert: »Mir hat nie
ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, allein was ich
von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich
bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu meiner eigenen großen
Überraschung.« Und ähnlich meint J. H. F i c h t e: »Der Charakter unserer
Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel unserer Gesamtstimmung, als was
wir davon durch die Selbstbeobachtung des Wachens erfahren.« Wir werden
aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen
Bewußtsein fremden Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten
Verfügung des Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem
Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die Frommen und Heiligen
zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge Sünder(22).
An dem allgemeinen Vorkommen dieser k o n t r a s t i e r e n d e n
Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem als
ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung derselben
ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei S p i t t a findet sich
folgende hieher gehörige Äußerung von A. Z e l l e r (Artikel »Irre« in der
allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von E r s c h und G r u b e r)
zitiert (p. 144): »So glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu allen
Zeiten volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein
unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige
Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unterbrächen, ja
die größten Denker haben sich über dieses traumartige, neckende und
peinliche Gesindel von Vorstellungen zu beklagen gehabt, da es ihre tiefsten
Betrachtungen und ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.«
Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von H i l d e b r a n d t, daß
der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres Wesens blicken
lasse, die uns im Zustand des Wachens meist verschlossen bleiben (p. 55).
Dieselbe Erkenntnis verrät K a n t an einer Stelle der Anthropologie, wenn
er meint, der Traum sei wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu
entdecken und uns zu offenbaren, nicht was wir sind, sondern was wir
hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten;
R a d e s t o c k (p. 84) mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart,
was wir uns nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht
einen Lügner und Betrüger schelten. J. E. E r d m a n n äußert: »Mir hat nie
ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, allein was ich
von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich
bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu meiner eigenen großen
Überraschung.« Und ähnlich meint J. H. F i c h t e: »Der Charakter unserer
Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel unserer Gesamtstimmung, als was
wir davon durch die Selbstbeobachtung des Wachens erfahren.« Wir werden
aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen
Bewußtsein fremden Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten
Verfügung des Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem
Page 79
Wachen fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen
wie die von B e n i n i: »Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate
e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte rivivono; cose
e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi« (p. 149) und von
Vo l k e l t: »Auch Vorstellungen, die in das wache Bewußtsein fast
unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht nie wieder der
Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig dem Traum ihre
Anwesenheit in der Seele kundzutun« (p. 105). Endlich ist es hier am Platze
uns zu erinnern, daß nach S c h l e i e r m a c h e r schon das Einschlafen vom
Hervortreten u n g e w o l l t e r Vorstellungen (Bilder) begleitet war.
Als »u n g e w o l l t e Vo r s t e l l u n g e n« dürfen wir nun dies ganze
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den
unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. Ein
wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vorstellungen
auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen Empfinden
erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es
ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, diese
Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.
Das Unterdrückte.
Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vorstellungen
im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der wachenden und der
träumenden Seele lassen sich aus diesem nächtlichen Auftauchen
kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier ist eine neue
Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene Gruppierung der
Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von H i l d e b r a n d t und
anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin
fortsetzen, als daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine
gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen,
und daß im Schlafe etwas wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung
wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der
Traum zeigte so das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des
Menschen, und gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für
unsere Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen
her kann H i l d e b r a n d t dem Traume die Rolle eines W a r n e r s
wie die von B e n i n i: »Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate
e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte rivivono; cose
e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi« (p. 149) und von
Vo l k e l t: »Auch Vorstellungen, die in das wache Bewußtsein fast
unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleicht nie wieder der
Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig dem Traum ihre
Anwesenheit in der Seele kundzutun« (p. 105). Endlich ist es hier am Platze
uns zu erinnern, daß nach S c h l e i e r m a c h e r schon das Einschlafen vom
Hervortreten u n g e w o l l t e r Vorstellungen (Bilder) begleitet war.
Als »u n g e w o l l t e Vo r s t e l l u n g e n« dürfen wir nun dies ganze
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den
unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. Ein
wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vorstellungen
auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen Empfinden
erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es
ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, diese
Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.
Das Unterdrückte.
Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vorstellungen
im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der wachenden und der
träumenden Seele lassen sich aus diesem nächtlichen Auftauchen
kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier ist eine neue
Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene Gruppierung der
Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von H i l d e b r a n d t und
anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin
fortsetzen, als daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine
gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen,
und daß im Schlafe etwas wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung
wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der
Traum zeigte so das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des
Menschen, und gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für
unsere Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen
her kann H i l d e b r a n d t dem Traume die Rolle eines W a r n e r s
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zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele
aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher
unbemerkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und auch
S p i t t a kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn er auf die
Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. der Psyche
zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, was in seinen
Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel
geführt und sich bemüht hat, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu
unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen. Nach dieser
Auffassung könnten wir die »u n g e w o l l t e n« Vorstellungen als die
während des Tages »u n t e r d r ü c k t e n« bezeichnen und müßten in ihrem
Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken.
Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Folgerung. Für
J e s s e n stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume wie im Wachen
und in Fieber- und anderen Delirien »den Charakter einer zur Ruhe gelegten
Willenstätigkeit und eines g e w i s s e r m a ß e n m e c h a n i s c h e n
Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar«
(p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das
Seelenleben des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden
Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht
eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, M a u r y, könnte
man in Zweifel geraten, ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit
zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen,
anstatt sie planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: »Ce sont nos penchants qui
parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux; à
l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il m’arrive assez souvent de
n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe toujours ou pour
mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte et sans remords . . . .
Évidemment les visions qui se déroulent devant ma pensée et qui
constituent le rêve, me sont suggérées par les incitations que je ressens et
que ma volonté absente ne cherche pas à refouler« (p. 113).
Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition
des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen
aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher
unbemerkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und auch
S p i t t a kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn er auf die
Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. der Psyche
zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, was in seinen
Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel
geführt und sich bemüht hat, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu
unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen. Nach dieser
Auffassung könnten wir die »u n g e w o l l t e n« Vorstellungen als die
während des Tages »u n t e r d r ü c k t e n« bezeichnen und müßten in ihrem
Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken.
Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Folgerung. Für
J e s s e n stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume wie im Wachen
und in Fieber- und anderen Delirien »den Charakter einer zur Ruhe gelegten
Willenstätigkeit und eines g e w i s s e r m a ß e n m e c h a n i s c h e n
Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar«
(p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das
Seelenleben des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden
Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht
eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, M a u r y, könnte
man in Zweifel geraten, ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit
zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen,
anstatt sie planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: »Ce sont nos penchants qui
parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux; à
l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il m’arrive assez souvent de
n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe toujours ou pour
mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte et sans remords . . . .
Évidemment les visions qui se déroulent devant ma pensée et qui
constituent le rêve, me sont suggérées par les incitations que je ressens et
que ma volonté absente ne cherche pas à refouler« (p. 113).
Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition
des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen
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Ausdruck nicht geben als mit den Worten M a u r y s (p. 115): »En rêve
l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité et sa misère
natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de
toutes les passions contre lesquelles, à l’état de veille la conscience, le
sentiment d’honneur, la crainte nous défendent.« An anderer Stelle findet er
das treffende Wort (p. 462): »Dans le rêve, c’est surtout l’homme instinctif
que se révèle . . . . L’homme revient pour ainsi dire à l’état de nature quand
il rêve; mais moins les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus l e s
p e n c h a n t s e n d é s a c c o r d avec elles conservent encore sur lui
d’influence dans le rêve.« Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume
ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in
seinen Schriften am heftigsten bekämpft hat.
Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine
psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei M a u r y dadurch
beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten Phänomenen
nichts als Beweise für den »Automatisme psychologique« sehen will, der
nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Automatismus faßt er als
vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit.
Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von S t r i c k e r lautet:
»Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; wenn man
sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die Räuber zwar
imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man aufmerksam darauf gemacht,
daß die Affektentwicklung im Traume die Beurteilung nicht zuläßt, welche
man dem übrigen Trauminhalt schenkt und das Problem wird vor uns
aufgerollt, was an den psychischen Vorgängen im Traume real sein mag, das
heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des
Wachens beanspruchen darf?«
g) T r a u m t h e o r i e n u n d F u n k t i o n d e s T r a u m e s.
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der beobachteten
Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu erklären versucht
und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem umfassenderen
Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traumtheorie heißen dürfen.
l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité et sa misère
natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de
toutes les passions contre lesquelles, à l’état de veille la conscience, le
sentiment d’honneur, la crainte nous défendent.« An anderer Stelle findet er
das treffende Wort (p. 462): »Dans le rêve, c’est surtout l’homme instinctif
que se révèle . . . . L’homme revient pour ainsi dire à l’état de nature quand
il rêve; mais moins les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus l e s
p e n c h a n t s e n d é s a c c o r d avec elles conservent encore sur lui
d’influence dans le rêve.« Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume
ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in
seinen Schriften am heftigsten bekämpft hat.
Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine
psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei M a u r y dadurch
beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten Phänomenen
nichts als Beweise für den »Automatisme psychologique« sehen will, der
nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Automatismus faßt er als
vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit.
Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von S t r i c k e r lautet:
»Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; wenn man
sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die Räuber zwar
imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man aufmerksam darauf gemacht,
daß die Affektentwicklung im Traume die Beurteilung nicht zuläßt, welche
man dem übrigen Trauminhalt schenkt und das Problem wird vor uns
aufgerollt, was an den psychischen Vorgängen im Traume real sein mag, das
heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des
Wachens beanspruchen darf?«
g) T r a u m t h e o r i e n u n d F u n k t i o n d e s T r a u m e s.
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der beobachteten
Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu erklären versucht
und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem umfassenderen
Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traumtheorie heißen dürfen.
Page 82
Die einzelnen Traumtheorien werden sich darin unterscheiden, daß sie den
oder jenen Charakter des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen
und Beziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen
oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der
Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere auf die Teleologie
gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird doch jenen Theorien
entgegenkommen, die mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes
verbunden sind.
Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen gelernt,
die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr oder weniger
verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine Sendung der Götter
sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, war eine vollständige
Theorie des Traumes, die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft
erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung
geworden ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber
darunter auch manche recht unvollständige.
Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu grunde
gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätigkeit im Traume:
1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des Wachens
sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von D e l b o e u f. Hier schläft
die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die vom Wachen
abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, muß sie bei
normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei
diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stande sind, die Unterschiede des
Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus den Bedingungen des
Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang zu
einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man träumt, warum
der komplizierte Mechanismus des seelischen Apparates weiter spielt, auch
wenn er in Verhältnisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint.
Traumlos schlafen, oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben
die einzig zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens.
2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material
oder jenen Charakter des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen
und Beziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen
oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der
Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere auf die Teleologie
gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird doch jenen Theorien
entgegenkommen, die mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes
verbunden sind.
Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen gelernt,
die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr oder weniger
verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine Sendung der Götter
sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, war eine vollständige
Theorie des Traumes, die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft
erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung
geworden ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber
darunter auch manche recht unvollständige.
Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu grunde
gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätigkeit im Traume:
1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des Wachens
sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von D e l b o e u f. Hier schläft
die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die vom Wachen
abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, muß sie bei
normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei
diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stande sind, die Unterschiede des
Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus den Bedingungen des
Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang zu
einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man träumt, warum
der komplizierte Mechanismus des seelischen Apparates weiter spielt, auch
wenn er in Verhältnisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint.
Traumlos schlafen, oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben
die einzig zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens.
2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material
Page 83
annehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere
psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach
D e l b o e u f. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht nicht
bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er dringt vielmehr in
ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich
einen Vergleich mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte
ich sagen, die ersteren Theorien konstruieren den Traum wie eine Paranoia,
die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder
einer Amentia.
Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch den Schlaf
lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist die bei ärztlichen
Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt überhaupt weit
bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für Traumerklärung
vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die h e r r s c h e n d e Theorie des
Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, mit welcher Leichtigkeit gerade
diese Theorie die ärgste Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das
Scheitern an einem der durch den Traum verkörperten Gegensätze,
vermeidet. Da ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist (»ein
allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen« sagt
H e r b a r t s Psychologie über den Traum), so kann sie durch eine Reihe
von Zuständen von immer weitergehender Erweckung bis zur vollen
Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich
durch Absurdität verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken.
Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden ist
oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des Traumes in der
Schilderung von B i n z ausgedrückt finden (p. 43):
»Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und immer
mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden Blutstrom
fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen wach
geworden hervor, während ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt
nun die i s o l i e r t e A r b e i t d e r E i n z e l g r u p p e n vor unser
umnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der
Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen
Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender
psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach
D e l b o e u f. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht nicht
bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er dringt vielmehr in
ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich
einen Vergleich mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte
ich sagen, die ersteren Theorien konstruieren den Traum wie eine Paranoia,
die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder
einer Amentia.
Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch den Schlaf
lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist die bei ärztlichen
Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt überhaupt weit
bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für Traumerklärung
vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die h e r r s c h e n d e Theorie des
Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, mit welcher Leichtigkeit gerade
diese Theorie die ärgste Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das
Scheitern an einem der durch den Traum verkörperten Gegensätze,
vermeidet. Da ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist (»ein
allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen« sagt
H e r b a r t s Psychologie über den Traum), so kann sie durch eine Reihe
von Zuständen von immer weitergehender Erweckung bis zur vollen
Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich
durch Absurdität verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken.
Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden ist
oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des Traumes in der
Schilderung von B i n z ausgedrückt finden (p. 43):
»Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und immer
mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden Blutstrom
fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen wach
geworden hervor, während ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt
nun die i s o l i e r t e A r b e i t d e r E i n z e l g r u p p e n vor unser
umnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der
Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen
Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender
Page 84
Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer
größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer geringer die
Unvernunft des Traumes.«
Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse sicherlich bei allen
modernen Physiologen und Philosophen finden. Am ausführlichsten ist sie
bei M a u r y dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, als stellte sich der
Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach anatomischen Regionen
verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine
bestimmte psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich
möchte hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen
Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu
verhandeln wäre.
Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil über
die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise durch die
Äußerung von B i n z gegeben (p. 357): »Alle Tatsachen, wie wir sehen,
drängen dahin, den Traum als einen k ö r p e r l i c h e n, in allen Fällen
unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vorgang zu
kennzeichnen . . .«
Der Ausdruck »körperlich« mit Beziehung auf den Traum, der seine
Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach mehr als einer
Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traumätiologie, die ja B i n z
besonders nahe lag, wenn er die experimentelle Erzeugung von Träumen
durch Darreichung von Giften studierte. Es liegt nämlich im
Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die Anregung zum
Träumen womöglich ausschließlich von somatischer Seite ausgehen zu
lassen. In extremster Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch
Entfernung der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein
Bedürfnis und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen
durch die neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens
spiegeln könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall
her Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert hat.
So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem Zipfelchen
größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer geringer die
Unvernunft des Traumes.«
Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse sicherlich bei allen
modernen Physiologen und Philosophen finden. Am ausführlichsten ist sie
bei M a u r y dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, als stellte sich der
Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach anatomischen Regionen
verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine
bestimmte psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich
möchte hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen
Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu
verhandeln wäre.
Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil über
die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise durch die
Äußerung von B i n z gegeben (p. 357): »Alle Tatsachen, wie wir sehen,
drängen dahin, den Traum als einen k ö r p e r l i c h e n, in allen Fällen
unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vorgang zu
kennzeichnen . . .«
Der Ausdruck »körperlich« mit Beziehung auf den Traum, der seine
Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach mehr als einer
Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traumätiologie, die ja B i n z
besonders nahe lag, wenn er die experimentelle Erzeugung von Träumen
durch Darreichung von Giften studierte. Es liegt nämlich im
Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die Anregung zum
Träumen womöglich ausschließlich von somatischer Seite ausgehen zu
lassen. In extremster Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch
Entfernung der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein
Bedürfnis und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen
durch die neu anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens
spiegeln könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall
her Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert hat.
So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem Zipfelchen
Page 85
wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit dem geweckten Teil,
froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Reaktion auf die durch den
Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion.
Theorie des partiellen Schlafes der Seele.
Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans bleibt,
als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch noch einen
anderen Sinn. Es ist die W ü r d e eines psychischen Vorganges, die damit
dem Traume abgesprochen werden soll. Das in seiner Anwendung auf den
Traum bereits sehr alte Gleichnis von den »zehn Fingern eines der Musik
ganz unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes
hinlaufen«, veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung die
Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft zumeist
gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar
Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen
Spielers ein Stück Musik produzieren können?
Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig nicht an
Einwänden gefehlt. B u r d a c h meint 1830: »Wenn man sagt, der Traum
sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich weder das Wachen, noch
das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes gesagt, als daß einige Kräfte
der Seele im Traume tätig sind, während andere ruhen. Aber solche
Ungleichheit findet während des ganzen Lebens statt . . .« (p. 483).
An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen
»körperlichen« Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffassung
des Traumes an, die erst 1866 von R o b e r t ausgesprochen wurde und die
bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine Funktion, einen nützlichen
Erfolg anzugeben weiß. R o b e r t nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei
Tatsachen der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des
Traummaterials verweilt haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig von
den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt und daß man so selten
die großen Interessen des Tages mit hinübernimmt. R o b e r t behauptet als
ausschließlich richtig: »Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat,
zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im Sinne liegen
oder den Geist flüchtig streifen« (p. 10). – »Darum kann man meistens den
Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen desselben eben d i e n i c h t
froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Reaktion auf die durch den
Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion.
Theorie des partiellen Schlafes der Seele.
Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans bleibt,
als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch noch einen
anderen Sinn. Es ist die W ü r d e eines psychischen Vorganges, die damit
dem Traume abgesprochen werden soll. Das in seiner Anwendung auf den
Traum bereits sehr alte Gleichnis von den »zehn Fingern eines der Musik
ganz unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes
hinlaufen«, veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung die
Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft zumeist
gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar
Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen
Spielers ein Stück Musik produzieren können?
Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig nicht an
Einwänden gefehlt. B u r d a c h meint 1830: »Wenn man sagt, der Traum
sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich weder das Wachen, noch
das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes gesagt, als daß einige Kräfte
der Seele im Traume tätig sind, während andere ruhen. Aber solche
Ungleichheit findet während des ganzen Lebens statt . . .« (p. 483).
An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen
»körperlichen« Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffassung
des Traumes an, die erst 1866 von R o b e r t ausgesprochen wurde und die
bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine Funktion, einen nützlichen
Erfolg anzugeben weiß. R o b e r t nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei
Tatsachen der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des
Traummaterials verweilt haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig von
den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt und daß man so selten
die großen Interessen des Tages mit hinübernimmt. R o b e r t behauptet als
ausschließlich richtig: »Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat,
zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im Sinne liegen
oder den Geist flüchtig streifen« (p. 10). – »Darum kann man meistens den
Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen desselben eben d i e n i c h t
Page 86
zum genügenden Erkennen des Träumenden
gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen
T a g e s sind.« Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum gelange, ist
also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung gestört wurde
oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Verarbeitung keinen Anspruch
hatte.
Der Traum stellt sich R o b e r t nun dar »als ein körperlicher
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung zum
Erkennen gelangt«. T r ä u m e s i n d A u s s c h e i d u n g e n v o n i m
K e i m e e r s t i c k t e n G e d a n k e n . »Ein Mensch, dem man die
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger,
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, unter
deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Gedächtnisse als fertiges
Ganzes einzuverleiben wäre.« Der Traum leistet dem überbürdeten Gehirn
die Dienste eines Sicherheitsventils. Die T r ä u m e h a b e n h e i l e n d e ,
e n t l a s t e n d e K r a f t (p. 32).
Es wäre mißverständlich, an R o b e r t die Frage zu richten, wie denn
durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele herbeigeführt
werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen beiden
Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des Schlafes eine
solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken i r g e n d w i e als somatischer
Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein besonderer psychischer
Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten.
Übrigens ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der Seele
vorgeht. R o b e r t fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages
ausgearbeitet werden, und »was sich von dem unverdaut im Geiste
liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der
Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu einem
a b g e r u n d e t e n G a n z e n v e r b u n d e n und so dem Gedächtnisse
als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht« (p. 23).
Theorien von Robert und Delage.
In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
R o b e r t s aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort
gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen
T a g e s sind.« Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum gelange, ist
also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung gestört wurde
oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Verarbeitung keinen Anspruch
hatte.
Der Traum stellt sich R o b e r t nun dar »als ein körperlicher
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung zum
Erkennen gelangt«. T r ä u m e s i n d A u s s c h e i d u n g e n v o n i m
K e i m e e r s t i c k t e n G e d a n k e n . »Ein Mensch, dem man die
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger,
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, unter
deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Gedächtnisse als fertiges
Ganzes einzuverleiben wäre.« Der Traum leistet dem überbürdeten Gehirn
die Dienste eines Sicherheitsventils. Die T r ä u m e h a b e n h e i l e n d e ,
e n t l a s t e n d e K r a f t (p. 32).
Es wäre mißverständlich, an R o b e r t die Frage zu richten, wie denn
durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele herbeigeführt
werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen beiden
Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des Schlafes eine
solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken i r g e n d w i e als somatischer
Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein besonderer psychischer
Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten.
Übrigens ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der Seele
vorgeht. R o b e r t fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages
ausgearbeitet werden, und »was sich von dem unverdaut im Geiste
liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der
Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu einem
a b g e r u n d e t e n G a n z e n v e r b u n d e n und so dem Gedächtnisse
als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht« (p. 23).
Theorien von Robert und Delage.
In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
R o b e r t s aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort
Page 87
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb zum
Träumen nach der Theorie R o b e r t s in der Seele selbst, in ihrer
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und R o b e r t urteilt
vollkommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen und
einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur
Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten.
Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus
sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt
werden können (p. 48). So ist der Traum nach R o b e r t doch nicht so ganz
abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein psychischer Vorgang, hat keine
Stelle unter den psychischen Vorgängen des Wachens, er ist ein
allnächtlicher somatischer Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat
eine Funktion zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten
oder wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.
Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Auswahl des
Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, Yv e s
D e l a g e, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beobachten, wie
durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben Dinge ein
Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.
D e l a g e hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person durch
den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem n i c h t träumt,
was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder erst dann, wenn es
anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. Seine Nachforschungen
bei anderen Personen bestätigten ihm die Allgemeinheit dieses
Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser Art, wenn sie sich als
allgemein richtig herausstellte, macht D e l a g e über das Träumen junger
Eheleute: »S’ils ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un
de l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé
d’amour c’est pour être infidèles avec quelque personne indifférente ou
odieuse.« Wovon träumt man nun aber? D e l a g e erkennt das in unseren
Träumen vorkommende Material als bestehend aus Bruchstücken und
Resten von Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung
des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb zum
Träumen nach der Theorie R o b e r t s in der Seele selbst, in ihrer
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und R o b e r t urteilt
vollkommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen und
einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur
Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten.
Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus
sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt
werden können (p. 48). So ist der Traum nach R o b e r t doch nicht so ganz
abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein psychischer Vorgang, hat keine
Stelle unter den psychischen Vorgängen des Wachens, er ist ein
allnächtlicher somatischer Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat
eine Funktion zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten
oder wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.
Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Auswahl des
Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, Yv e s
D e l a g e, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beobachten, wie
durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben Dinge ein
Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.
D e l a g e hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person durch
den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem n i c h t träumt,
was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder erst dann, wenn es
anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. Seine Nachforschungen
bei anderen Personen bestätigten ihm die Allgemeinheit dieses
Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser Art, wenn sie sich als
allgemein richtig herausstellte, macht D e l a g e über das Träumen junger
Eheleute: »S’ils ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un
de l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé
d’amour c’est pour être infidèles avec quelque personne indifférente ou
odieuse.« Wovon träumt man nun aber? D e l a g e erkennt das in unseren
Träumen vorkommende Material als bestehend aus Bruchstücken und
Resten von Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung
des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als
Page 88
unerkannte Reproduktion, als »souvenir inconscient«. Aber dieses
Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von
Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker betroffen haben als
unseren Geist oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald nach ihrem
Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewußt und dabei je
stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten
Traume eine Rolle zu spielen.
Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Eindrücken, die
nebensächlichen und die unerledigten, wie sie R o b e r t hervorhebt, aber
D e l a g e wendet den Zusammenhang anders, indem er meint, diese
Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, traumfähig, sondern
weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen Eindrücke sind
gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach
als neue Eindrücke »autant de ressorts tendus«, die sich während des
Schlafes entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traume
als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker Eindruck
haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit
Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und
Unterdrückung aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die
Triebfeder des Traumes. Im Traume kommt das psychisch
U n t e r d r ü c k t e zum Vorschein(23).
Leider bricht der Gedankengang von D e l a g e an dieser Stelle ab; er
kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume nur die geringste
Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner Traumtheorie
unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom partiellen Schlafen des
Gehirns an: »En somme le rêve est le produit de la pensée errante, sans but
et sans direction, se fixant successivement sur les souvenirs, qui ont gardé
assez d’intensité pour se placer sur sa route et l’arrêter au passage,
établissant entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus
serré selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le
sommeil.«
3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung zu
besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. Aus
der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nützliche
Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von
Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker betroffen haben als
unseren Geist oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald nach ihrem
Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewußt und dabei je
stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten
Traume eine Rolle zu spielen.
Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Eindrücken, die
nebensächlichen und die unerledigten, wie sie R o b e r t hervorhebt, aber
D e l a g e wendet den Zusammenhang anders, indem er meint, diese
Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, traumfähig, sondern
weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen Eindrücke sind
gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach
als neue Eindrücke »autant de ressorts tendus«, die sich während des
Schlafes entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traume
als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker Eindruck
haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit
Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und
Unterdrückung aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die
Triebfeder des Traumes. Im Traume kommt das psychisch
U n t e r d r ü c k t e zum Vorschein(23).
Leider bricht der Gedankengang von D e l a g e an dieser Stelle ab; er
kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume nur die geringste
Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner Traumtheorie
unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom partiellen Schlafen des
Gehirns an: »En somme le rêve est le produit de la pensée errante, sans but
et sans direction, se fixant successivement sur les souvenirs, qui ont gardé
assez d’intensité pour se placer sur sa route et l’arrêter au passage,
établissant entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus
serré selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le
sommeil.«
3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung zu
besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. Aus
der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nützliche
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Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren
psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich
will mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von
B u r d a c h anzuführen, derzufolge der Traum »die Naturtätigkeit der Seele
ist, welche nicht durch die Macht der Individualität beschränkt, nicht durch
Selbstbewußtsein gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird,
sondern die in freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen
Zentralpunkte ist« (p. 486).
Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen sich
B u r d a c h u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die Seele sich
erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also etwa nach Art
eines Ferienurlaubes. B u r d a c h zitiert und akzeptiert darum auch die
liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter N o v a l i s das Walten des
Traumes preist: »Der Traum ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit
und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen
Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft und die
beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches
Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und
so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben
gegeben, doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten.«
Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert noch
eindringlicher P u r k i n j e (p. 456): »Besonders würden die produktiven
Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele der Imagination,
die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammenhang haben. Die Seele
will die Spannungen des wachen Lebens nicht fortsetzen, sondern sie
auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens
entgegengesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen
durch Hoffnungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und
Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel
beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben, vergebliche
Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag
immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt
und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die
schmerzenheilende Wirkung der Zeit.« Wir empfinden es alle, daß der
Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des
psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich
will mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von
B u r d a c h anzuführen, derzufolge der Traum »die Naturtätigkeit der Seele
ist, welche nicht durch die Macht der Individualität beschränkt, nicht durch
Selbstbewußtsein gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird,
sondern die in freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen
Zentralpunkte ist« (p. 486).
Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen sich
B u r d a c h u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die Seele sich
erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also etwa nach Art
eines Ferienurlaubes. B u r d a c h zitiert und akzeptiert darum auch die
liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter N o v a l i s das Walten des
Traumes preist: »Der Traum ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit
und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen
Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft und die
beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches
Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und
so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben
gegeben, doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten.«
Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert noch
eindringlicher P u r k i n j e (p. 456): »Besonders würden die produktiven
Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele der Imagination,
die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammenhang haben. Die Seele
will die Spannungen des wachen Lebens nicht fortsetzen, sondern sie
auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens
entgegengesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen
durch Hoffnungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und
Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel
beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben, vergebliche
Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag
immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt
und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die
schmerzenheilende Wirkung der Zeit.« Wir empfinden es alle, daß der
Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des
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Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der
Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten spendet.
Die Theorie Scherners.
Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus einer
besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei entfalten
kann, zu erklären, ist der von S c h e r n e r 1861 unternommene. Das Buch
S c h e r n e r s, in einem schwülen und schwülstigen Stil geschrieben, von
einer nahezu trunkenen Begeisterung für den Gegenstand getragen, die
abstoßend wirken muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt
einer Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir bereitwillig nach
der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der Philosoph
Vo l k e l t die Lehren S c h e r n e r s uns vorführt. »Es blitzt und leuchtet
wohl aus den mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und
Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden
hiedurch des Philosophen Pfade nicht.« Solche Beurteilung findet die
Darstellung S c h e r n e r s selbst bei seinem Anhänger.
S c h e r n e r gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele gestatten,
ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. Er führt selbst
aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie des Ich entnervt
wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und
Vorstellen verändert werden und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte
kein wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mechanismus
zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traume die als P h a n t a s i e zu
benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und
damit der strengen Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie
nimmt zwar die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber
führt aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens
himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur
reproduktiv, sondern auch p r o d u k t i v. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen
dem Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für
das U n g e m e s s e n e, Ü b e r t r i e b e n e, U n g e h e u e r l i c h e.
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit,
Wendungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten
Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten spendet.
Die Theorie Scherners.
Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus einer
besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei entfalten
kann, zu erklären, ist der von S c h e r n e r 1861 unternommene. Das Buch
S c h e r n e r s, in einem schwülen und schwülstigen Stil geschrieben, von
einer nahezu trunkenen Begeisterung für den Gegenstand getragen, die
abstoßend wirken muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt
einer Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir bereitwillig nach
der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der Philosoph
Vo l k e l t die Lehren S c h e r n e r s uns vorführt. »Es blitzt und leuchtet
wohl aus den mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und
Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden
hiedurch des Philosophen Pfade nicht.« Solche Beurteilung findet die
Darstellung S c h e r n e r s selbst bei seinem Anhänger.
S c h e r n e r gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele gestatten,
ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. Er führt selbst
aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie des Ich entnervt
wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und
Vorstellen verändert werden und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte
kein wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mechanismus
zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traume die als P h a n t a s i e zu
benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und
damit der strengen Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie
nimmt zwar die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber
führt aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens
himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur
reproduktiv, sondern auch p r o d u k t i v. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen
dem Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für
das U n g e m e s s e n e, Ü b e r t r i e b e n e, U n g e h e u e r l i c h e.
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit,
Wendungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten
Page 91
Stimmungsreize des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet
sofort das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der
Traumphantasie f e h l t d i e B e g r i f f s s p r a c h e; was sie sagen will,
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der Anschauungsform hin.
Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, schwerfällig,
unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit ihrer Sprache
dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild
auszudrücken und lieber ein f r e m d e s B i l d wählt, insofern dieses nur
dasjenige Moment des Objektes, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich
auszudrücken im stande ist. Das ist die s y m b o l i s i e r e n d e
T ä t i g k e i t der Phantasie . . . Sehr wichtig ist ferner, daß die
Traumphantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem
Umriß und diesen in freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen
daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so
eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke
auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.
Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische
Tätigkeit vollzieht, ist nach S c h e r n e r vorwiegend das der bei Tag so
dunklen organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der Annahme der
Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie
S c h e r n e r s und die vielleicht übernüchterne Lehre W u n d t s und
anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander verhalten,
sich hier völlig decken. Aber während nach der physiologischen Theorie die
seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend
zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige andere
Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit
diesem Stadium die Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes
beendigt scheint, geben die Leibreize nach S c h e r n e r der Seele nur ein
Material, das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann.
Die Traumbildung fängt für S c h e r n e r dort erst an, wo sie für den Blick
der anderen versiegt.
Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes
sofort das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der
Traumphantasie f e h l t d i e B e g r i f f s s p r a c h e; was sie sagen will,
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der Anschauungsform hin.
Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, schwerfällig,
unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit ihrer Sprache
dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild
auszudrücken und lieber ein f r e m d e s B i l d wählt, insofern dieses nur
dasjenige Moment des Objektes, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich
auszudrücken im stande ist. Das ist die s y m b o l i s i e r e n d e
T ä t i g k e i t der Phantasie . . . Sehr wichtig ist ferner, daß die
Traumphantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem
Umriß und diesen in freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen
daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln und so
eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke
auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.
Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische
Tätigkeit vollzieht, ist nach S c h e r n e r vorwiegend das der bei Tag so
dunklen organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der Annahme der
Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie
S c h e r n e r s und die vielleicht übernüchterne Lehre W u n d t s und
anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander verhalten,
sich hier völlig decken. Aber während nach der physiologischen Theorie die
seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend
zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige andere
Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit
diesem Stadium die Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes
beendigt scheint, geben die Leibreize nach S c h e r n e r der Seele nur ein
Material, das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann.
Die Traumbildung fängt für S c h e r n e r dort erst an, wo sie für den Blick
der anderen versiegt.
Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes
Page 92
Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik vor. Ja
S c h e r n e r meint, worin Vo l k e l t und andere ihm nicht folgen, daß die
Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen
Organismus habe; diese wäre das H a u s. Sie scheint sich aber zum Glück
für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch
umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen, um ein einzelnes Organ zu
bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere
Male stellen einzelne Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so
z. B. im Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
Die Traumphantasie.
Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Körperteile
verwendet. »So findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen
mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
Körben, die Harnblase in runden beutelförmigen oder überhaupt nur
ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den
Träumer den oberen Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer
Tabakspfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette
und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes, der
Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die
Schrittenge der zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen,
von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten
durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu
einem Herrn zu tragen« (Vo l k e l t p. 39). Besonders wichtig ist es, daß am
Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen
demaskiert, indem sie das erregende Organ oder dessen Funktion unverhüllt
hinstellt. So schließt der »Zahnreiztraum« gewöhnlich damit, daß der
Träumer sich einen Zahn aus dem Munde nimmt.
Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß der
Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl die in ihm
enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung nehmen. So führt z. B.
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik vor. Ja
S c h e r n e r meint, worin Vo l k e l t und andere ihm nicht folgen, daß die
Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen
Organismus habe; diese wäre das H a u s. Sie scheint sich aber zum Glück
für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch
umgekehrt ganze Reihen von Häusern benutzen, um ein einzelnes Organ zu
bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere
Male stellen einzelne Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so
z. B. im Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
Die Traumphantasie.
Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Körperteile
verwendet. »So findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen
mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
Körben, die Harnblase in runden beutelförmigen oder überhaupt nur
ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den
Träumer den oberen Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer
Tabakspfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette
und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes, der
Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die
Schrittenge der zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen,
von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten
durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu
einem Herrn zu tragen« (Vo l k e l t p. 39). Besonders wichtig ist es, daß am
Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen
demaskiert, indem sie das erregende Organ oder dessen Funktion unverhüllt
hinstellt. So schließt der »Zahnreiztraum« gewöhnlich damit, daß der
Träumer sich einen Zahn aus dem Munde nimmt.
Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß der
Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl die in ihm
enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung nehmen. So führt z. B.
Page 93
der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, der Harnreiztraum an
schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit,
das Objekt, das er begehrt, werden symbolisch dargestellt oder das Traum-
Ich tritt in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen des eigenen
Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden
oder tobenden Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im
Geschlechtstraume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem
möglichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine
symbolisierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so
erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Vo l k e l t in seinem
schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer verständlich
für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für das ahnungsvolle
Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist.
Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symbolisierenden
Phantasie S c h e r n e r s in den Träumen nicht verbunden. Die Seele spielt
träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man könnte auf die Vermutung
kommen, daß sie unartig spielt. Man könnte aber auch an uns die Frage
richten, ob unsere eingehende Beschäftigung mit S c h e r n e r s Theorie des
Traumes zu irgend etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit
und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu
augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der
Lehre S c h e r n e r s vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto
einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von
seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und
der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen
nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen
durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts- und
beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge
Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat, als
daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem Objekt Inhalt
und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich
sagen, daß es den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum
aufzuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch
Ganglienzellen-Phantastik; die p. 58 zitierte Stelle eines nüchternen und
exakten Forschers wie B i n z, welche schildert, wie die Aurora des
schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit,
das Objekt, das er begehrt, werden symbolisch dargestellt oder das Traum-
Ich tritt in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen des eigenen
Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden
oder tobenden Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im
Geschlechtstraume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem
möglichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine
symbolisierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so
erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Vo l k e l t in seinem
schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer verständlich
für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für das ahnungsvolle
Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist.
Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symbolisierenden
Phantasie S c h e r n e r s in den Träumen nicht verbunden. Die Seele spielt
träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man könnte auf die Vermutung
kommen, daß sie unartig spielt. Man könnte aber auch an uns die Frage
richten, ob unsere eingehende Beschäftigung mit S c h e r n e r s Theorie des
Traumes zu irgend etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit
und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu
augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der
Lehre S c h e r n e r s vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto
einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von
seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und
der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen
nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen
durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts- und
beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge
Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat, als
daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem Objekt Inhalt
und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich
sagen, daß es den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum
aufzuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch
Ganglienzellen-Phantastik; die p. 58 zitierte Stelle eines nüchternen und
exakten Forschers wie B i n z, welche schildert, wie die Aurora des
Page 94
Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht,
steht an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den
S c h e r n e r schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu
können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur
verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der
Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch erheben
kann. Vorläufig kann uns die S c h e r n e r sche Theorie des Traumes in
ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen
welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher
schwankt.
steht an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den
S c h e r n e r schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu
können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur
verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der
Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch erheben
kann. Vorläufig kann uns die S c h e r n e r sche Theorie des Traumes in
ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen
welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher
schwankt.
Page 95
h) B e z i e h u n g e n z w i s c h e n T r a u m u n d
G e i s t e s k r a n k h e i t e n.
Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Beziehungen,
etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, einleitet oder
nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traumleben im Falle der
Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Beziehungen zwischen Traum und
Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese
mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden Reihen von Phänomenen
sind in früheren Zeiten der Medizin – und in der Gegenwart von neuem
wieder – ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei
S p i t t a, R a d e s t o c k, M a u r y und T i s s i é gesammelte Literatur des
Gegenstandes lehrt. Jüngst hat S a n t e d e S a n c t i s diesem
Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zugewendet(24). Dem Interesse
unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu
streifen.
Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum und
Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mitteilen.
H o h n b a u m berichtet (bei K r a u s s), daß der erste Ausbruch des
Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften Traume
herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume in
Verbindung stand. S a n t e d e S a n c t i s bringt ähnliche Beobachtungen
von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen derselben für die
»vraie cause déterminante de la folie«. Die Psychose kann mit dem
wirksamen, die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum mit einem
Schlage ins Leben treten oder sich durch weitere Träume, die noch gegen
Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle von d e
S a n c t i s schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte hysterische
Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand.
F é r é (bei T i s s i é) berichtet von einem Traume, der eine hysterische
Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der
Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste Äußerung
G e i s t e s k r a n k h e i t e n.
Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Beziehungen,
etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, einleitet oder
nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traumleben im Falle der
Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Beziehungen zwischen Traum und
Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese
mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden Reihen von Phänomenen
sind in früheren Zeiten der Medizin – und in der Gegenwart von neuem
wieder – ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei
S p i t t a, R a d e s t o c k, M a u r y und T i s s i é gesammelte Literatur des
Gegenstandes lehrt. Jüngst hat S a n t e d e S a n c t i s diesem
Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zugewendet(24). Dem Interesse
unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu
streifen.
Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum und
Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mitteilen.
H o h n b a u m berichtet (bei K r a u s s), daß der erste Ausbruch des
Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften Traume
herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume in
Verbindung stand. S a n t e d e S a n c t i s bringt ähnliche Beobachtungen
von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen derselben für die
»vraie cause déterminante de la folie«. Die Psychose kann mit dem
wirksamen, die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum mit einem
Schlage ins Leben treten oder sich durch weitere Träume, die noch gegen
Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle von d e
S a n c t i s schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte hysterische
Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand.
F é r é (bei T i s s i é) berichtet von einem Traume, der eine hysterische
Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der
Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste Äußerung
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am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. In anderen
Beispielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die
Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht T h o m a y e r auf
A n g s t t r ä u m e aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen
Anfällen aufgefaßt werden müssen. A l l i s o n hat nächtliche
Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach R a d e s t o c k), bei
der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, während
bei Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten.
Ähnliche Beobachtungen bei d e S a n c t i s (paranoisches Traumäquivalent
bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue
beschuldigen); bei T i s s i é. T i s s i é bringt aus neuerer Zeit eine reiche
Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen
Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen
ableiten. G u i s l a i n beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein
intermittierendes Irresein ersetzt war.
Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psychologie des
Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte beschäftigen wird.
Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traumleben noch
der Psychose angehören kann. G r e g o r y soll auf dieses Vorkommen
zuerst aufmerksam gemacht haben (nach K r a u s s). M a c a r i o (bei
T i s s i é) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach seiner völligen
Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe
seiner Krankheit wieder erlebte.
Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen Traum
und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstimmung der
Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. Nach
M a u r y hat zuerst C a b a n i s in seinen »Rapports du physique et du
moral« auf sie hingewiesen, nach ihm L é l u t, J. M o r e a u und ganz
besonders der Philosoph M a i n e d e B i r a n. Sicherlich ist die
Vergleichung noch älter. R a d e s t o c k leitet das Kapitel, in dem er sie
behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und
Wahnsinn in Analogie bringen. K a n t sagt an einer Stelle: »Der Verrückte
ist ein Träumer im Wachen.« K r a u s s: »Der Wahnsinn ist ein Traum
Beispielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die
Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht T h o m a y e r auf
A n g s t t r ä u m e aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen
Anfällen aufgefaßt werden müssen. A l l i s o n hat nächtliche
Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach R a d e s t o c k), bei
der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, während
bei Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten.
Ähnliche Beobachtungen bei d e S a n c t i s (paranoisches Traumäquivalent
bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue
beschuldigen); bei T i s s i é. T i s s i é bringt aus neuerer Zeit eine reiche
Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen
Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen
ableiten. G u i s l a i n beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein
intermittierendes Irresein ersetzt war.
Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psychologie des
Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte beschäftigen wird.
Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traumleben noch
der Psychose angehören kann. G r e g o r y soll auf dieses Vorkommen
zuerst aufmerksam gemacht haben (nach K r a u s s). M a c a r i o (bei
T i s s i é) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach seiner völligen
Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe
seiner Krankheit wieder erlebte.
Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen Traum
und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstimmung der
Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. Nach
M a u r y hat zuerst C a b a n i s in seinen »Rapports du physique et du
moral« auf sie hingewiesen, nach ihm L é l u t, J. M o r e a u und ganz
besonders der Philosoph M a i n e d e B i r a n. Sicherlich ist die
Vergleichung noch älter. R a d e s t o c k leitet das Kapitel, in dem er sie
behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und
Wahnsinn in Analogie bringen. K a n t sagt an einer Stelle: »Der Verrückte
ist ein Träumer im Wachen.« K r a u s s: »Der Wahnsinn ist ein Traum
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innerhalb des Sinnenwachseins.« S c h o p e n h a u e r nennt den Traum
einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen langen Traum. H a g e n
bezeichnet das Delirium als Traumleben, welches nicht durch Schlaf,
sondern durch Krankheiten herbeigeführt ist. W u n d t äußert in der
»Physiologischen Psychologie«: »In der Tat können wir im Traume fast alle
Erscheinungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.«
Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt S p i t t a (übrigens sehr
ähnlich wie M a u r y) in folgender Reihe auf: »1. Aufhebung oder doch
Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis über den
Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, Mangel des
moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der Sinnesorgane, und
zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im allgemeinen sehr
gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen untereinander lediglich nach
den Gesetzen der Assoziation und Reproduktion, also automatische
Reihenbildung, daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den
Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alle dem resultierend
4. Veränderung beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und
zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).«
R a d e s t o c k fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Material: »Im
Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemeingefühles findet man
die meisten Halluzinationen und Illusionen. Die wenigsten Elemente liefern
wie beim Traume der Geruchs- und Geschmacksinn. – Dem Fieberkranken
steigen in den Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer
Vergangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu haben
schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.« – Die Analogie
von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf einzelne
Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.
Traum und Psychose. – Die Wunscherfüllung.
»Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt der
Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so heben sich
auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, Größe,
Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von Gütern und die
einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen langen Traum. H a g e n
bezeichnet das Delirium als Traumleben, welches nicht durch Schlaf,
sondern durch Krankheiten herbeigeführt ist. W u n d t äußert in der
»Physiologischen Psychologie«: »In der Tat können wir im Traume fast alle
Erscheinungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.«
Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt S p i t t a (übrigens sehr
ähnlich wie M a u r y) in folgender Reihe auf: »1. Aufhebung oder doch
Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis über den
Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, Mangel des
moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der Sinnesorgane, und
zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im allgemeinen sehr
gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen untereinander lediglich nach
den Gesetzen der Assoziation und Reproduktion, also automatische
Reihenbildung, daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den
Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alle dem resultierend
4. Veränderung beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und
zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).«
R a d e s t o c k fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Material: »Im
Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemeingefühles findet man
die meisten Halluzinationen und Illusionen. Die wenigsten Elemente liefern
wie beim Traume der Geruchs- und Geschmacksinn. – Dem Fieberkranken
steigen in den Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer
Vergangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu haben
schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.« – Die Analogie
von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf einzelne
Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.
Traum und Psychose. – Die Wunscherfüllung.
»Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt der
Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so heben sich
auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, Größe,
Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von Gütern und die
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imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung
eben einen psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den
Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein teures Kind verloren,
deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste erlitten, hält sich für
außerordentlich reich, das betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.«
(Diese Stelle R a d e s t o c k s ist die Abkürzung einer feinsinnigen
Ausführung von G r i e s i n g e r [p. 111], die mit aller Klarheit die
W u n s c h e r f ü l l u n g als einen dem Traume und der Psychose
gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen
Untersuchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.)
»Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles sind es,
welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakterisieren.« Die
Ü b e r s c h ä t z u n g der eigenen geistigen Leistungen, die dem nüchternen
Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie dort; dem rapiden
Vo r s t e l l u n g s v e r l a u f des Traumes entspricht die I d e e n f l u c h t
der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Z e i t m a ß. Die S p a l t u n g d e r
P e r s ö n l i c h k e i t im Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei
Personen verteilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume
korrigiert, ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei
halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen Gedanken
von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen
findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen
Träumen (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen
die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein
oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, daß sie
gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in
einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraume vorkommt.
Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn R a d e s t o c k seine wie
vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß »der Wahnsinn,
eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Steigerung des periodisch
wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu betrachten ist« (p. 228).
Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich äußernden
Phänomene möglich ist, hat K r a u s s die Verwandtschaft von Traum und
Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Erregungsquellen) begründen
eben einen psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den
Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein teures Kind verloren,
deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste erlitten, hält sich für
außerordentlich reich, das betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.«
(Diese Stelle R a d e s t o c k s ist die Abkürzung einer feinsinnigen
Ausführung von G r i e s i n g e r [p. 111], die mit aller Klarheit die
W u n s c h e r f ü l l u n g als einen dem Traume und der Psychose
gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen
Untersuchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.)
»Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles sind es,
welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakterisieren.« Die
Ü b e r s c h ä t z u n g der eigenen geistigen Leistungen, die dem nüchternen
Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie dort; dem rapiden
Vo r s t e l l u n g s v e r l a u f des Traumes entspricht die I d e e n f l u c h t
der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Z e i t m a ß. Die S p a l t u n g d e r
P e r s ö n l i c h k e i t im Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei
Personen verteilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume
korrigiert, ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei
halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen Gedanken
von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen
findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen
Träumen (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen
die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein
oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, daß sie
gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in
einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraume vorkommt.
Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn R a d e s t o c k seine wie
vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß »der Wahnsinn,
eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Steigerung des periodisch
wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu betrachten ist« (p. 228).
Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich äußernden
Phänomene möglich ist, hat K r a u s s die Verwandtschaft von Traum und
Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Erregungsquellen) begründen
Page 99
wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grundelement ist nach ihm, wie wir
gehört haben, die o r g a n i s c h b e d i n g t e E m p f i n d u n g, die
Leibreizsensation, das durch Beiträge von allen Organen her zustande
gekommene Gemeingefühl (vgl. P e i s s e bei M a u r y [p. 52]).
Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten reichende
Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu den stärksten
Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, nach welcher sich der
Traum als ein unnützer und störender Vorgang und als Ausdruck einer
herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. Man wird indes nicht erwarten
können, die endgültige Aufklärung über den Traum von den
Seelenstörungen her zu empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch
unbefriedigendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren
sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte
Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren Mechanismus
der Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß
wir auch an der Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen,
das Geheimnis des Traumes aufzuhellen.
Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen
bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe mag dem
Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdestoweniger durch sie
bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer Darstellung der
Behandlung des Traumes in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der
vorstehenden Einleitung erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte
mich außerordentliche Bemühung gekostet und – sehr wenig Nutzen oder
Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren
hat weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die
Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist
in den meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und
unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei
den sogenannten »Traumforschern« gefunden, die von der dem
wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen,
hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben. »Les savants ne sont pas
curieux,« meint der Spötter A n a t o l e F r a n c e. Wenn es in der
gehört haben, die o r g a n i s c h b e d i n g t e E m p f i n d u n g, die
Leibreizsensation, das durch Beiträge von allen Organen her zustande
gekommene Gemeingefühl (vgl. P e i s s e bei M a u r y [p. 52]).
Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten reichende
Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu den stärksten
Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, nach welcher sich der
Traum als ein unnützer und störender Vorgang und als Ausdruck einer
herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. Man wird indes nicht erwarten
können, die endgültige Aufklärung über den Traum von den
Seelenstörungen her zu empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch
unbefriedigendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren
sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte
Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren Mechanismus
der Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß
wir auch an der Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen,
das Geheimnis des Traumes aufzuhellen.
Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen
bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe mag dem
Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdestoweniger durch sie
bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer Darstellung der
Behandlung des Traumes in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der
vorstehenden Einleitung erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte
mich außerordentliche Bemühung gekostet und – sehr wenig Nutzen oder
Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren
hat weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die
Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist
in den meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und
unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei
den sogenannten »Traumforschern« gefunden, die von der dem
wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen,
hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben. »Les savants ne sont pas
curieux,« meint der Spötter A n a t o l e F r a n c e. Wenn es in der
Page 100
Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl berechtigt,
auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses Buches zu
vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in
wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand
und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit
der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, antworten könnte.
Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.
Die Literatur seit 1900.
In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer sind
reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen gedeutet
worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner Aufstellungen
hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zusammenhang meiner
Darstellung eingetragen. Ein zweites Literaturverzeichnis am Ende stellt die
wichtigsten Veröffentlichungen seit dem ersten Erscheinen dieses Buches
zusammen. Das reichhaltige Buch von S a n t e d e S a n c t i s über die
Träume, dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche
zu teil geworden ist, hat sich mit meiner »Traumdeutung« zeitlich gekreuzt,
so daß ich von ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische
Autor von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.
Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an meine
Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philosoph, H.
S w o b o d a, der es unternommen hat, die Entdeckung der biologischen
Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von W i l h . F l i e s s
herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, hat in einer
phantasievollen Schrift(25) mit diesem Schlüssel unter anderm auch das
Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der Träume wäre dabei zu
kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben würde sich durch das
Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener Nacht gerade
eine der biologischen Perioden zum ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine
persönliche Mitteilung des Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst
diese Lehre nicht mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in
auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses Buches zu
vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in
wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand
und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit
der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, antworten könnte.
Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.
Die Literatur seit 1900.
In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer sind
reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen gedeutet
worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner Aufstellungen
hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zusammenhang meiner
Darstellung eingetragen. Ein zweites Literaturverzeichnis am Ende stellt die
wichtigsten Veröffentlichungen seit dem ersten Erscheinen dieses Buches
zusammen. Das reichhaltige Buch von S a n t e d e S a n c t i s über die
Träume, dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche
zu teil geworden ist, hat sich mit meiner »Traumdeutung« zeitlich gekreuzt,
so daß ich von ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische
Autor von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.
Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an meine
Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philosoph, H.
S w o b o d a, der es unternommen hat, die Entdeckung der biologischen
Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von W i l h . F l i e s s
herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, hat in einer
phantasievollen Schrift(25) mit diesem Schlüssel unter anderm auch das
Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der Träume wäre dabei zu
kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben würde sich durch das
Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener Nacht gerade
eine der biologischen Perioden zum ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine
persönliche Mitteilung des Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst
diese Lehre nicht mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in
Page 101
diesem Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige
Beobachtungen zu der Aufstellung S w o b o d a s mitteilen, die mir aber ein
überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher war
mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes zu
finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung durch
die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß also in ihr die
einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, in dem
sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das Träumen findet, ist 1900
in zweiter Auflage unter dem Titel »Phantasien eines Realisten« von
L y n k e u s veröffentlicht worden(26).
Zusatz (1914).
Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niedergeschrieben
worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; mein Beitrag zur
»Traumdeutung« wird in der Literatur nicht mehr übersehen. Allein die
neue Situation macht mir die Fortsetzung des vorstehenden Berichtes erst
recht unmöglich. Die »Traumdeutung« hat eine ganze Reihe neuer
Behauptungen und Probleme gebracht, die nun von den Autoren in
verschiedenster Weise erörtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch
nicht darstellen, ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf
welche die Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur
wertvoll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun
folgenden Ausführungen gewürdigt.
Beobachtungen zu der Aufstellung S w o b o d a s mitteilen, die mir aber ein
überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher war
mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes zu
finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung durch
die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß also in ihr die
einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, in dem
sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das Träumen findet, ist 1900
in zweiter Auflage unter dem Titel »Phantasien eines Realisten« von
L y n k e u s veröffentlicht worden(26).
Zusatz (1914).
Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niedergeschrieben
worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; mein Beitrag zur
»Traumdeutung« wird in der Literatur nicht mehr übersehen. Allein die
neue Situation macht mir die Fortsetzung des vorstehenden Berichtes erst
recht unmöglich. Die »Traumdeutung« hat eine ganze Reihe neuer
Behauptungen und Probleme gebracht, die nun von den Autoren in
verschiedenster Weise erörtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch
nicht darstellen, ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf
welche die Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur
wertvoll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun
folgenden Ausführungen gewürdigt.
Page 102
II.
Die Methode der Traumdeutung.
Die Analyse eines Traummusters.
Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt
erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich anknüpfen
möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume einer Deutung
fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben behandelten Traumprobleme
werden sich mir nur als etwaiger Nebengewinn bei der Erledigung meiner
eigentlichen Aufgabe ergeben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume
deutbar sind, trete ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden
Traumlehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme der
S c h e r n e r schen, denn »einen Traum deuten« heißt, seinen »Sinn«
angeben, ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges,
gleichwertiges Glied in die Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt.
Wie wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des
Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum
ist für sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang,
der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu
allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres guten
Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum
sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht entschließen, dem
Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer dunklen Ahnung geleitet,
scheint sie doch anzunehmen, der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen
verborgenen, er sei zum Ersatze eines anderen Denkvorganges bestimmt,
und es handle sich nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken,
um zur verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
Die Methode der Traumdeutung.
Die Analyse eines Traummusters.
Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt
erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich anknüpfen
möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume einer Deutung
fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben behandelten Traumprobleme
werden sich mir nur als etwaiger Nebengewinn bei der Erledigung meiner
eigentlichen Aufgabe ergeben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume
deutbar sind, trete ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden
Traumlehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme der
S c h e r n e r schen, denn »einen Traum deuten« heißt, seinen »Sinn«
angeben, ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges,
gleichwertiges Glied in die Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt.
Wie wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des
Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum
ist für sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang,
der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu
allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres guten
Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum
sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht entschließen, dem
Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer dunklen Ahnung geleitet,
scheint sie doch anzunehmen, der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen
verborgenen, er sei zum Ersatze eines anderen Denkvorganges bestimmt,
und es handle sich nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken,
um zur verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
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Die symbolische und die Chiffriermethode. – Artemidorus.
Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum zu »deuten«
und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden versucht. Das erste dieser
Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes ins Auge und sucht denselben
durch einen anderen, verständlichen und in gewissen Hinsichten analogen
Inhalt zu ersetzen. Dies ist die s y m b o l i s c h e Traumdeutung; sie
scheitert natürlich von vornherein an jenen Träumen, welche nicht bloß
unverständlich, sondern auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr
Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume
des Pharao angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere
kommen, welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für
die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben.
Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben den
vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder, die zu den
aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens passend
gefunden wird(27). Die Meinung, der Traum beschäftige sich vorwiegend
mit der Zukunft, deren Gestaltung er im voraus ahne – ein Rest der einst
den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung –, wird dann zum
Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes
durch ein »es wird« ins Futurum zu versetzen.
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung findet, dazu
läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das Gelingen bleibt
Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten Intuition, und darum
konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich zu einer Kunstübung
erheben, die an eine besondere Begabung gebunden schien(28). Von
solchem Anspruch hält sich die andere der populären Methoden der
Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie als die »Chiffriermethode«
bezeichnen, da sie den Traum wie eine Art von Geheimschrift behandelt, in
der jedes Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes
Zeichen von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem
Briefe geträumt, aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe
nun in einem »Traumbuche« nach und finde, daß »Brief« mit »Verdruß«,
»Leichenbegängnis« mit »Verlobung« zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann
Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum zu »deuten«
und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden versucht. Das erste dieser
Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes ins Auge und sucht denselben
durch einen anderen, verständlichen und in gewissen Hinsichten analogen
Inhalt zu ersetzen. Dies ist die s y m b o l i s c h e Traumdeutung; sie
scheitert natürlich von vornherein an jenen Träumen, welche nicht bloß
unverständlich, sondern auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr
Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume
des Pharao angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere
kommen, welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für
die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben.
Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben den
vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder, die zu den
aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens passend
gefunden wird(27). Die Meinung, der Traum beschäftige sich vorwiegend
mit der Zukunft, deren Gestaltung er im voraus ahne – ein Rest der einst
den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung –, wird dann zum
Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes
durch ein »es wird« ins Futurum zu versetzen.
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung findet, dazu
läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das Gelingen bleibt
Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten Intuition, und darum
konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich zu einer Kunstübung
erheben, die an eine besondere Begabung gebunden schien(28). Von
solchem Anspruch hält sich die andere der populären Methoden der
Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie als die »Chiffriermethode«
bezeichnen, da sie den Traum wie eine Art von Geheimschrift behandelt, in
der jedes Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes
Zeichen von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem
Briefe geträumt, aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe
nun in einem »Traumbuche« nach und finde, daß »Brief« mit »Verdruß«,
»Leichenbegängnis« mit »Verlobung« zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann
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überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen
Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme.
Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche
dessen Charakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen korrigiert
wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des A r t e m i d o r o s aus
Daldis(29). Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, sondern auch auf die
Person und die Lebensumstände des Träumers Rücksicht genommen, so
daß das nämliche Traumelement für den Reichen, den Verheirateten, den
Redner andere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den
Kaufmann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die
Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern
auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein
Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und
verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der
Chiffriermethode ausgegangen ist(30).
Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes keinen
Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer
Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei der
Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der »Schlüssel«, das
Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man wäre
versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und mit ihnen
das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu
streichen(31).
Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, in
denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahrheit der
Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der heute geltenden
Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum wirklich eine Bedeutung
hat und daß ein wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich
ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin ich auf folgende Weise gelangt:
Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung.
Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme.
Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche
dessen Charakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen korrigiert
wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des A r t e m i d o r o s aus
Daldis(29). Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, sondern auch auf die
Person und die Lebensumstände des Träumers Rücksicht genommen, so
daß das nämliche Traumelement für den Reichen, den Verheirateten, den
Redner andere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den
Kaufmann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die
Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern
auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein
Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und
verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der
Chiffriermethode ausgegangen ist(30).
Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes keinen
Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer
Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei der
Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der »Schlüssel«, das
Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man wäre
versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und mit ihnen
das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu
streichen(31).
Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, in
denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahrheit der
Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der heute geltenden
Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum wirklich eine Bedeutung
hat und daß ein wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich
ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin ich auf folgende Weise gelangt:
Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung.
Page 105
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung gewisser
psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich nämlich
aus einer bedeutsamen Mitteilung von J o s e f B r e u e r weiß, daß für
diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auflösung und
Lösung in eines zusammenfallen(32). Hat man eine solche pathologische
Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus denen sie im
Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der
Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen
Bestrebungen und angesichts der Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien
es mir verlockend, auf dem von B r e u e r eingeschlagenen Wege trotz aller
Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die
Technik des Verfahrens schließlich gestaltet hat und welches die Ergebnisse
der Bemühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten
ausführlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser
psychoanalytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten,
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, die
sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten mir ihre
Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psychische Verkettung
eingeschoben sein kann, die von einer pathologischen Idee her nach
rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum
selbst wie ein Symptom zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete
Methode der Deutung auf ihn anzuwenden.
Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des
Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine
Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken sonst
zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit gesammelter
Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige Lage einnimmt und
die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen
Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm
also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet
und mitteilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten
läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht
zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse
sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an
psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich nämlich
aus einer bedeutsamen Mitteilung von J o s e f B r e u e r weiß, daß für
diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auflösung und
Lösung in eines zusammenfallen(32). Hat man eine solche pathologische
Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus denen sie im
Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der
Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen
Bestrebungen und angesichts der Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien
es mir verlockend, auf dem von B r e u e r eingeschlagenen Wege trotz aller
Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die
Technik des Verfahrens schließlich gestaltet hat und welches die Ergebnisse
der Bemühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten
ausführlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser
psychoanalytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten,
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, die
sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten mir ihre
Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psychische Verkettung
eingeschoben sein kann, die von einer pathologischen Idee her nach
rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum
selbst wie ein Symptom zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete
Methode der Deutung auf ihn anzuwenden.
Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des
Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine
Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken sonst
zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit gesammelter
Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige Lage einnimmt und
die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen
Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm
also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet
und mitteilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten
läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht
zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse
sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an
Page 106
dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte
Auflösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden.
Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere ist
als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. Beim
Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei der
aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte Miene und
die in Falten gezogene Stirn des Nachdenklichen im Gegensatz zur
mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen muß eine
Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende
übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm
aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so zu
benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung
unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die
Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von
Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe
dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die
Deutung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie
man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen,
der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem
hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen
Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen
treten die »ungewollten Vorstellungen« hervor durch den Nachlaß einer
gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) Aktion, die wir auf den
Ablauf unserer Vorstellungen einwirken lassen; als den Grund dieses
Nachlasses pflegen wir »Ermüdung« anzugeben; die auftauchenden
ungewollten Vorstellungen verwandeln sich in visuelle und akustische
Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen von S c h l e i e r m a c h e r u. a.,
p. 34.) Bei dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und
pathologischen Ideen benutzt, verzichtet man absichtlich und willkürlich
auf jene Aktivität und verwendet die ersparte psychische Energie (oder ein
Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden
ungewollten Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der
Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. M a n
Auflösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden.
Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere ist
als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. Beim
Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei der
aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte Miene und
die in Falten gezogene Stirn des Nachdenklichen im Gegensatz zur
mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen muß eine
Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende
übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm
aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so zu
benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung
unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die
Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von
Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe
dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die
Deutung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie
man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen,
der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem
hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen
Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen
treten die »ungewollten Vorstellungen« hervor durch den Nachlaß einer
gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) Aktion, die wir auf den
Ablauf unserer Vorstellungen einwirken lassen; als den Grund dieses
Nachlasses pflegen wir »Ermüdung« anzugeben; die auftauchenden
ungewollten Vorstellungen verwandeln sich in visuelle und akustische
Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen von S c h l e i e r m a c h e r u. a.,
p. 34.) Bei dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und
pathologischen Ideen benutzt, verzichtet man absichtlich und willkürlich
auf jene Aktivität und verwendet die ersparte psychische Energie (oder ein
Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden
ungewollten Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der
Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. M a n
Page 107
macht so die »ungewollten« Vo r s t e l l u n g e n zu
»gewollten«.
Schwierigkeiten des Materials.
Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend »freisteigende« Einfälle
mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint manchen
Personen nicht leicht zu werden. Die »ungewollten Gedanken« pflegen den
heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hindern will, zu entfesseln.
Wenn wir aber unserem großen Dichterphilosophen F r . S c h i l l e r
Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche Einstellung auch die Bedingung
der dichterischen Produktion enthalten. An einer Stelle seines Briefwechsels
mit K ö r n e r, deren Aufspürung O t t o R a n k zu danken ist, antwortet
S c h i l l e r auf die Klage seines Freundes über seine mangelnde
Produktivität: »Der Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem
Zwange, den dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen
Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es scheint
nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn der
Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren schon, zu scharf
mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr unbeträchtlich und sehr
abenteuerlich sein, aber vielleicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt,
wichtig, vielleicht kann sie in einer gewissen Verbindung mit anderen, die
vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied
abgeben: – Alles das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht
so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut
hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand
seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle
herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. – Ihr
Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch
vor dem augenblicklichen vorübergehenden Wahnwitze, der sich bei allen
eigenen Schöpfern findet und dessen längere oder kürzere Dauer den
denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen
über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert.«
(Brief vom 1. Dezember 1788.)
Und doch ist ein »solches Zurückziehen der Wache von den Toren des
Verstandes«, wie S c h i l l e r es nennt, ein derartiges sich in den Zustand
»gewollten«.
Schwierigkeiten des Materials.
Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend »freisteigende« Einfälle
mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint manchen
Personen nicht leicht zu werden. Die »ungewollten Gedanken« pflegen den
heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hindern will, zu entfesseln.
Wenn wir aber unserem großen Dichterphilosophen F r . S c h i l l e r
Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche Einstellung auch die Bedingung
der dichterischen Produktion enthalten. An einer Stelle seines Briefwechsels
mit K ö r n e r, deren Aufspürung O t t o R a n k zu danken ist, antwortet
S c h i l l e r auf die Klage seines Freundes über seine mangelnde
Produktivität: »Der Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem
Zwange, den dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen
Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es scheint
nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn der
Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren schon, zu scharf
mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr unbeträchtlich und sehr
abenteuerlich sein, aber vielleicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt,
wichtig, vielleicht kann sie in einer gewissen Verbindung mit anderen, die
vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied
abgeben: – Alles das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht
so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut
hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand
seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle
herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. – Ihr
Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch
vor dem augenblicklichen vorübergehenden Wahnwitze, der sich bei allen
eigenen Schöpfern findet und dessen längere oder kürzere Dauer den
denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen
über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert.«
(Brief vom 1. Dezember 1788.)
Und doch ist ein »solches Zurückziehen der Wache von den Toren des
Verstandes«, wie S c h i l l e r es nennt, ein derartiges sich in den Zustand
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der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keineswegs schwer.
Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unterweisung
zu stande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch
Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von psychischer
Energie, um den man so die kritische Tätigkeit herabsetzt und mit welchem
man die Intensität der Selbstbeobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich
je nach dem Thema, welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll.
Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, daß
man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen Teilstücke
seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen darf. Frage ich den
noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen zu diesem Traume ein? so
weiß er in der Regel nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich
muß ihm den Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke
eine Reihe von Einfällen, die man als die »Hintergedanken« dieser
Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht
also die von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der
populären, historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch
Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der »Chiffriermethode«. Sie ist
wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese faßt sie den
Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein Konglomerat
von psychischen Bildungen auf.
Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich wohl
bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses Material
möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und Lehre der
Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß ich mich dem
Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von Neuropathen, die
einen Rückschluß auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten,
nötigt mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das Thema, auf
welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheitsgeschichte,
welche der Neurose zu grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein
überlanger Vorbericht und ein Eindringen in das Wesen und die
ätiologischen Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an
und für sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die
Aufmerksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht
vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschließung
der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu schaffen.
Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unterweisung
zu stande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch
Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von psychischer
Energie, um den man so die kritische Tätigkeit herabsetzt und mit welchem
man die Intensität der Selbstbeobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich
je nach dem Thema, welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll.
Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, daß
man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen Teilstücke
seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen darf. Frage ich den
noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen zu diesem Traume ein? so
weiß er in der Regel nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich
muß ihm den Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke
eine Reihe von Einfällen, die man als die »Hintergedanken« dieser
Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht
also die von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der
populären, historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch
Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der »Chiffriermethode«. Sie ist
wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese faßt sie den
Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein Konglomerat
von psychischen Bildungen auf.
Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich wohl
bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses Material
möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und Lehre der
Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß ich mich dem
Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von Neuropathen, die
einen Rückschluß auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten,
nötigt mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das Thema, auf
welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheitsgeschichte,
welche der Neurose zu grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein
überlanger Vorbericht und ein Eindringen in das Wesen und die
ätiologischen Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an
und für sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die
Aufmerksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht
vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschließung
der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu schaffen.
Page 109
Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein Hauptmaterial, so
darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch verfahren. Es bleiben nur
noch jene Träume, die mir gelegentlich von gesunden Personen meiner
Bekanntschaft erzählt worden sind oder die ich als Beispiele in der Literatur
über das Traumleben verzeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen
Träumen die Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht
finden kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären
Chiffriermethode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem
Zusammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin ich auf
meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches und bequemes
Material, das von einer ungefähr normalen Person herrührt und sich auf
mannigfache Anlässe des täglichen Lebens bezieht. Man wird mir sicherlich
Zweifel in die Verläßlichkeit solcher »Selbstanalysen« entgegensetzen. Die
Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen
die Verhältnisse bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der
Beobachtung anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der
Traumdeutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche
Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiß sich
dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden. Aber darüber
muß man sich hinaussetzen können. »Tout psychologiste« schreibt
D e l b o e u f, »est obligé de faire l’aveu même de ses faiblesses s’il croit
par là jeter du jour sur quelque problème obscure.« Und auch beim Leser,
darf ich annehmen, wird das anfängliche Interesse an den Indiskretionen,
die ich begehen muß, sehr bald der ausschließlichen Vertiefung in die
hiedurch beleuchteten psychologischen Probleme Platz machen.
Der Traum von Irmas Injektion.
Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und an ihm
meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht einen Vorbericht
nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für eine ganze Weile meine
Interessen zu den seinigen zu machen und sich mit mir in die kleinsten
Einzelheiten meines Lebens zu versenken, denn solche Übertragung fordert
gebieterisch das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume.
darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch verfahren. Es bleiben nur
noch jene Träume, die mir gelegentlich von gesunden Personen meiner
Bekanntschaft erzählt worden sind oder die ich als Beispiele in der Literatur
über das Traumleben verzeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen
Träumen die Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht
finden kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären
Chiffriermethode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem
Zusammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin ich auf
meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches und bequemes
Material, das von einer ungefähr normalen Person herrührt und sich auf
mannigfache Anlässe des täglichen Lebens bezieht. Man wird mir sicherlich
Zweifel in die Verläßlichkeit solcher »Selbstanalysen« entgegensetzen. Die
Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen
die Verhältnisse bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der
Beobachtung anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der
Traumdeutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche
Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiß sich
dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden. Aber darüber
muß man sich hinaussetzen können. »Tout psychologiste« schreibt
D e l b o e u f, »est obligé de faire l’aveu même de ses faiblesses s’il croit
par là jeter du jour sur quelque problème obscure.« Und auch beim Leser,
darf ich annehmen, wird das anfängliche Interesse an den Indiskretionen,
die ich begehen muß, sehr bald der ausschließlichen Vertiefung in die
hiedurch beleuchteten psychologischen Probleme Platz machen.
Der Traum von Irmas Injektion.
Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und an ihm
meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht einen Vorbericht
nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für eine ganze Weile meine
Interessen zu den seinigen zu machen und sich mit mir in die kleinsten
Einzelheiten meines Lebens zu versenken, denn solche Übertragung fordert
gebieterisch das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume.
Page 110
Vo r b e r i c h t: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaftlich
sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der Beziehungen
zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, zumal für
den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des Arztes ist größer,
seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht die alte Freundschaft mit den
Angehörigen der Kranken zu lockern. Die Kur endete mit einem teilweisen
Erfolg, die Patientin verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre
somatischen Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den
Kriterien, welche die endgültige Erledigung einer hysterischen
Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der Patientin eine Lösung zu,
die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der
Sommerzeit wegen die Behandlung ab. – Eines Tages besuchte mich ein
jüngerer Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma –
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, wie
er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr besser, aber nicht
ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines Freundes Otto oder der
Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf
herauszuhören, etwa daß ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und
führte – ob mit Recht oder Unrecht – die vermeintliche Parteinahme Ottos
gegen mich auf den Einfluß von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie
ich annahm, meine Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde
mir meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen
Ausdruck. Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht
(wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, der unmittelbar
nach dem Erwachen fixiert wurde.
Traum vom 23./24. Juli 1895(33).
Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter ihnen
I r m a, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief zu
beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die »Lösung« noch nicht
akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich
nur deine Schuld. – Sie antwortet: Wenn du wüßtest, was ich für Schmerzen
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaftlich
sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der Beziehungen
zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, zumal für
den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des Arztes ist größer,
seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht die alte Freundschaft mit den
Angehörigen der Kranken zu lockern. Die Kur endete mit einem teilweisen
Erfolg, die Patientin verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre
somatischen Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den
Kriterien, welche die endgültige Erledigung einer hysterischen
Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der Patientin eine Lösung zu,
die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der
Sommerzeit wegen die Behandlung ab. – Eines Tages besuchte mich ein
jüngerer Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma –
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, wie
er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr besser, aber nicht
ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines Freundes Otto oder der
Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf
herauszuhören, etwa daß ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und
führte – ob mit Recht oder Unrecht – die vermeintliche Parteinahme Ottos
gegen mich auf den Einfluß von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie
ich annahm, meine Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde
mir meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen
Ausdruck. Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht
(wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, der unmittelbar
nach dem Erwachen fixiert wurde.
Traum vom 23./24. Juli 1895(33).
Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter ihnen
I r m a, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief zu
beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die »Lösung« noch nicht
akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich
nur deine Schuld. – Sie antwortet: Wenn du wüßtest, was ich für Schmerzen
Page 111
jetzt habe im Halse, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich
erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke,
am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum
Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die
Frauen, die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch
nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde rechts einen
großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen
Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, ausgedehnte
weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung
wiederholt und bestätigt . . . . Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist
sehr bleich, hinkt, ist am Kinn bartlos . . . . Mein Freund O t t o steht jetzt
auch neben ihr und Freund L e o p o l d perkutiert sie über dem Leibchen
und sagt: Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er
spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es macht
nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich
ausscheiden . . . . Wir wissen auch unmittelbar, woher die Infektion rührt.
Freund O t t o hat ihr unlängst, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion
gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen . . . . Propionsäure . . . .
T r i m e t h y l a m i n (dessen Formel ich fett gedruckt vor mir sehe) . . . .
Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig . . . . Wahrscheinlich war
auch die Spritze nicht rein.
Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort klar, an
welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und welches Thema er
behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Auskunft. Die Nachricht, die ich
von Otto über Irmas Befinden erhalten, die Krankengeschichte, an der ich
bis tief in die Nacht geschrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während
des Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und
den Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, was der
Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere mich über die
Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir klagt, da es nicht
dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt habe. Ich lächle über die
unsinnige Idee einer Injektion mit Propionsäure und über den Trost, den Dr.
M. ausspricht. Der Traum erscheint mir gegen sein Ende hin dunkler und
erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke,
am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum
Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die
Frauen, die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch
nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde rechts einen
großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen
Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, ausgedehnte
weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung
wiederholt und bestätigt . . . . Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist
sehr bleich, hinkt, ist am Kinn bartlos . . . . Mein Freund O t t o steht jetzt
auch neben ihr und Freund L e o p o l d perkutiert sie über dem Leibchen
und sagt: Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er
spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es macht
nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich
ausscheiden . . . . Wir wissen auch unmittelbar, woher die Infektion rührt.
Freund O t t o hat ihr unlängst, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion
gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen . . . . Propionsäure . . . .
T r i m e t h y l a m i n (dessen Formel ich fett gedruckt vor mir sehe) . . . .
Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig . . . . Wahrscheinlich war
auch die Spritze nicht rein.
Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort klar, an
welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und welches Thema er
behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Auskunft. Die Nachricht, die ich
von Otto über Irmas Befinden erhalten, die Krankengeschichte, an der ich
bis tief in die Nacht geschrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während
des Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und
den Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, was der
Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere mich über die
Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir klagt, da es nicht
dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt habe. Ich lächle über die
unsinnige Idee einer Injektion mit Propionsäure und über den Trost, den Dr.
M. ausspricht. Der Traum erscheint mir gegen sein Ende hin dunkler und
Page 112
gedrängter, als er zu Beginn ist. Um die Bedeutung von alledem zu
erfahren, muß ich mich zu einer eingehenden Analyse entschließen.
Analyse des Traumes von Irmas Injektion.
A n a l y s e:
D i e H a l l e – v i e l e G ä s t e , d i e w i r e m p f a n g e n . Wir
wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies Haus
war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon die
ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der Traum ist auch auf der
Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem Geburtsfeste meiner
Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem
Geburtstage würden mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu
uns kommen. Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der
Geburtstag meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als
Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen.
I c h m a c h e I r m a Vo r w ü r f e , d a ß s i e d i e L ö s u n g
n i c h t a k z e p t i e r t h a t ; i c h s a g e : We n n d u n o c h
S c h m e r z e n h a s t , i s t e s d e i n e e i g e n e S c h u l d . Das hätte
ich ihr auch im Wachen sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte
damals die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich
darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome
mitzuteilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der
Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin diesem jetzt
glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er mir die Existenz zu
einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unvermeidlichen Ignoranz
Heilerfolge produzieren sollte. – Ich merke aber an dem Satze, den ich im
Traume zu Irma spreche, daß ich vor allem nicht Schuld sein will an den
Schmerzen, die sie noch hat. Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es
nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu
suchen sein?
Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und
M a g e n , e s s c h n ü r t s i e z u s a m m e n . Schmerzen im Magen
gehörten zum Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr
vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und Ekel.
erfahren, muß ich mich zu einer eingehenden Analyse entschließen.
Analyse des Traumes von Irmas Injektion.
A n a l y s e:
D i e H a l l e – v i e l e G ä s t e , d i e w i r e m p f a n g e n . Wir
wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies Haus
war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon die
ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der Traum ist auch auf der
Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem Geburtsfeste meiner
Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem
Geburtstage würden mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu
uns kommen. Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der
Geburtstag meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als
Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen.
I c h m a c h e I r m a Vo r w ü r f e , d a ß s i e d i e L ö s u n g
n i c h t a k z e p t i e r t h a t ; i c h s a g e : We n n d u n o c h
S c h m e r z e n h a s t , i s t e s d e i n e e i g e n e S c h u l d . Das hätte
ich ihr auch im Wachen sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte
damals die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich
darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome
mitzuteilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der
Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin diesem jetzt
glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er mir die Existenz zu
einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unvermeidlichen Ignoranz
Heilerfolge produzieren sollte. – Ich merke aber an dem Satze, den ich im
Traume zu Irma spreche, daß ich vor allem nicht Schuld sein will an den
Schmerzen, die sie noch hat. Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es
nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu
suchen sein?
Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und
M a g e n , e s s c h n ü r t s i e z u s a m m e n . Schmerzen im Magen
gehörten zum Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr
vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und Ekel.
Page 113
Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle spielten bei ihr kaum
eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu dieser Auswahl der
Symptome im Traume entschlossen habe, kann es auch für den Moment
nicht finden.
Sie sieht bleich und gedunsen aus.
Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier eine andere
Person ihr unterschiebt.
Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine
organische Affektion übersehen habe.
Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst beim
Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so viele
Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche andere Ärzte
als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich – ich weiß nicht
woher – ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die
Schmerzen Irmas organisch begründet sind, so bin ich wiederum zu deren
Heilung nicht verpflichtet. Meine Kur beseitigt ja nur hysterische
Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in
der Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch
beseitigt.
Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals
zu sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die
Frauen, die falsche Zähne tragen. Ich denke mir,
sie hat es ja doch nicht nötig.
Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. Der
Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vorgenommene
Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Eindruck von
jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des Mundes aber
gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An diesen Fall knüpfen
sich andere Erinnerungen an ärztliche Untersuchungen und an kleine
Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden zur Lust, enthüllt werden. – Sie
hat es doch nicht nötig, ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma; ich
vermute aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer
Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder
nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein
eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu dieser Auswahl der
Symptome im Traume entschlossen habe, kann es auch für den Moment
nicht finden.
Sie sieht bleich und gedunsen aus.
Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier eine andere
Person ihr unterschiebt.
Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine
organische Affektion übersehen habe.
Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst beim
Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so viele
Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche andere Ärzte
als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich – ich weiß nicht
woher – ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die
Schmerzen Irmas organisch begründet sind, so bin ich wiederum zu deren
Heilung nicht verpflichtet. Meine Kur beseitigt ja nur hysterische
Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in
der Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch
beseitigt.
Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals
zu sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die
Frauen, die falsche Zähne tragen. Ich denke mir,
sie hat es ja doch nicht nötig.
Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. Der
Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vorgenommene
Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Eindruck von
jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des Mundes aber
gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An diesen Fall knüpfen
sich andere Erinnerungen an ärztliche Untersuchungen und an kleine
Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden zur Lust, enthüllt werden. – Sie
hat es doch nicht nötig, ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma; ich
vermute aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer
Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder
nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein
Page 114
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr hoch
schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in
der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster und ihr Arzt, derselbe
Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen Belag habe. Die Person des
Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt
mir ein, daß ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von
dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma
selbst hat es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade
das eine, daß sie am hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre Freundin
ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Vermutung gespielt,
diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren
Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich,
denn sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie s t r ä u b t sich, wie es der
Traum zeigt. Eine andere Erklärung wäre, d a ß s i e e s n i c h t n ö t i g
h a t; sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne
fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich
weder bei Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich,
gedunsen, falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene
Gouvernante; ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu
begnügen. Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge
anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich möchte
sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir
geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich
bleich und als sie einmal eine besonders gute Zeit hatte, war sie
gedunsen(34). Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei anderen
Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden.
Was kann es für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit ihrer Freundin
vertauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen möchte; die andere erweckt
entweder bei mir stärkere Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung
von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine
Lösung nicht akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher
nachgeben. D e r M u n d g e h t d a n n a u c h g u t a u f; sie würde
mehr erzählen als Irma(35).
Wa s i c h i m H a l s e s e h e : e i n e n w e i ß e n F l e c k u n d
verschorfte Nasenmuscheln.
schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in
der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster und ihr Arzt, derselbe
Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen Belag habe. Die Person des
Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt
mir ein, daß ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von
dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma
selbst hat es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade
das eine, daß sie am hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre Freundin
ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Vermutung gespielt,
diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren
Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich,
denn sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie s t r ä u b t sich, wie es der
Traum zeigt. Eine andere Erklärung wäre, d a ß s i e e s n i c h t n ö t i g
h a t; sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne
fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich
weder bei Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich,
gedunsen, falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene
Gouvernante; ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu
begnügen. Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge
anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich möchte
sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir
geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich
bleich und als sie einmal eine besonders gute Zeit hatte, war sie
gedunsen(34). Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei anderen
Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden.
Was kann es für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit ihrer Freundin
vertauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen möchte; die andere erweckt
entweder bei mir stärkere Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung
von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine
Lösung nicht akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher
nachgeben. D e r M u n d g e h t d a n n a u c h g u t a u f; sie würde
mehr erzählen als Irma(35).
Wa s i c h i m H a l s e s e h e : e i n e n w e i ß e n F l e c k u n d
verschorfte Nasenmuscheln.
Page 115
Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas Freundin,
außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten Tochter vor
nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an
den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit.
Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen zu
unterdrücken, und hatte vor wenigen Tagen gehört, daß eine Patientin, die
es mir gleich tat, sich eine ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut
zugezogen hatte. Die Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging,
hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon
verstorbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen
Untergang beschleunigt.
Ich rufe schnell D r. M. hinzu, der die
Untersuchung wiederholt.
Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. Aber
das »schnell« ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung zu fordern.
Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. Ich hatte einmal durch
die fortgesetzte Ordination eines Mittels, welches damals noch als harmlos
galt (Sulfonal), eine schwere Intoxikation bei einer Kranken hervorgerufen
und wandte mich dann eiligst an den erfahrenen älteren Kollegen um
Beistand. Daß ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen
Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte
denselben Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals
daran gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne hier
fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn.
Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den
Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen kann.
D r. M . i s t b l e i c h , o h n e B a r t a m K i n n u n d h i n k t .
Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die Sorge
seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen einer
anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Ausland lebender älterer
Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, wenn ich mich recht
erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich sah. Über ihn kam vor
einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen einer arthritischen Erkrankung
in der Hüfte hinke. Es muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen
außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten Tochter vor
nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an
den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit.
Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen zu
unterdrücken, und hatte vor wenigen Tagen gehört, daß eine Patientin, die
es mir gleich tat, sich eine ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut
zugezogen hatte. Die Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging,
hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon
verstorbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen
Untergang beschleunigt.
Ich rufe schnell D r. M. hinzu, der die
Untersuchung wiederholt.
Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. Aber
das »schnell« ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung zu fordern.
Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. Ich hatte einmal durch
die fortgesetzte Ordination eines Mittels, welches damals noch als harmlos
galt (Sulfonal), eine schwere Intoxikation bei einer Kranken hervorgerufen
und wandte mich dann eiligst an den erfahrenen älteren Kollegen um
Beistand. Daß ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen
Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte
denselben Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals
daran gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne hier
fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn.
Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den
Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen kann.
D r. M . i s t b l e i c h , o h n e B a r t a m K i n n u n d h i n k t .
Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die Sorge
seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen einer
anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Ausland lebender älterer
Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, wenn ich mich recht
erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich sah. Über ihn kam vor
einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen einer arthritischen Erkrankung
in der Hüfte hinke. Es muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen
Page 116
im Traume zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß
ich gegen beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten
einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte,
zurückgewiesen.
Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und
Freund Leopold untersucht sie und weist eine
Dämpfung links unten nach.
Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das
Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. Sie
haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine öffentliche
Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie die im Traume
reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. Während ich mit Otto
über die Diagnose eines Falles debattierte, hatte Leopold das Kind
neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung
beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche
Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspektor B r ä s i g und
seinem Freunde K a r l. Der eine tat sich durch »Fixigkeit« hervor, der
andere war langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto
und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es
offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen
wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger
gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich
die Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kinde zum
Kinderkrankeninstitut. – Die Dämpfung links unten macht mir den
Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem
mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es schwebt mir
außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es könnte auch
eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von Irma haben
möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit ich es übersehen kann, eine
Tuberkulose.
Eine infiltrierte Hautpartie an der linken
S c h u l t e r.
Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den ich
regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben bin. Der
ich gegen beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten
einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte,
zurückgewiesen.
Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und
Freund Leopold untersucht sie und weist eine
Dämpfung links unten nach.
Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das
Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. Sie
haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine öffentliche
Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie die im Traume
reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. Während ich mit Otto
über die Diagnose eines Falles debattierte, hatte Leopold das Kind
neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung
beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche
Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspektor B r ä s i g und
seinem Freunde K a r l. Der eine tat sich durch »Fixigkeit« hervor, der
andere war langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto
und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es
offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen
wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger
gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich
die Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kinde zum
Kinderkrankeninstitut. – Die Dämpfung links unten macht mir den
Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem
mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es schwebt mir
außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es könnte auch
eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von Irma haben
möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit ich es übersehen kann, eine
Tuberkulose.
Eine infiltrierte Hautpartie an der linken
S c h u l t e r.
Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den ich
regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben bin. Der
Page 117
Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich . . . . wie er s p ü r e.
Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens fällt mir auf, wie
ungewöhnlich die Bezeichnung »infiltrierte Hautpartie« klingt. An die
»Infiltration links hinten oben« sind wir gewöhnt; die bezöge sich auf die
Lunge und somit wieder auf Tuberkulose.
T r o t z d e s K l e i d e s . Das ist allerdings nur eine Einschaltung. Die
Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; es ist
irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche Patienten
untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker pflegte man zu
erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider physikalisch
untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine
Neigung, mich hier tiefer einzulassen.
D r. M . s a g t : E s i s t e i n e I n f e k t i o n , a b e r e s m a c h t
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und
das Gift sich ausscheiden.
Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles andere,
sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch eine Art von Sinn.
Was ich an der Patientin gefunden habe, war eine lokale Diphtheritis. Aus
der Zeit der Erkrankung meiner Tochter erinnere ich mich an die
Diskussion über Diphtheritis und Diphtherie. Letztere ist die
Allgemeininfektion, die von der lokalen Diphtheritis ausgeht. Eine solche
Allgemeininfektion weist Leopold durch die Dämpfung nach, welche also
an metastatische Herde denken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei
Diphtherie derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher
an Pyämie.
E s m a c h t n i c h t s, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt gebracht,
daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren organischen Affektion
herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur die Schuld von mir abwälzen
will. Für den Fortbestand diphtheritischer Leiden kann die psychische Kur
nicht verantwortlich gemacht werden. Nun geniert es mich doch, daß ich
Irma ein so schweres Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu
entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des
guten Ausganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost
Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens fällt mir auf, wie
ungewöhnlich die Bezeichnung »infiltrierte Hautpartie« klingt. An die
»Infiltration links hinten oben« sind wir gewöhnt; die bezöge sich auf die
Lunge und somit wieder auf Tuberkulose.
T r o t z d e s K l e i d e s . Das ist allerdings nur eine Einschaltung. Die
Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; es ist
irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche Patienten
untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker pflegte man zu
erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider physikalisch
untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine
Neigung, mich hier tiefer einzulassen.
D r. M . s a g t : E s i s t e i n e I n f e k t i o n , a b e r e s m a c h t
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und
das Gift sich ausscheiden.
Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles andere,
sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch eine Art von Sinn.
Was ich an der Patientin gefunden habe, war eine lokale Diphtheritis. Aus
der Zeit der Erkrankung meiner Tochter erinnere ich mich an die
Diskussion über Diphtheritis und Diphtherie. Letztere ist die
Allgemeininfektion, die von der lokalen Diphtheritis ausgeht. Eine solche
Allgemeininfektion weist Leopold durch die Dämpfung nach, welche also
an metastatische Herde denken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei
Diphtherie derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher
an Pyämie.
E s m a c h t n i c h t s, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt gebracht,
daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren organischen Affektion
herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur die Schuld von mir abwälzen
will. Für den Fortbestand diphtheritischer Leiden kann die psychische Kur
nicht verantwortlich gemacht werden. Nun geniert es mich doch, daß ich
Irma ein so schweres Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu
entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des
guten Ausganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost
Page 118
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich aber hier
über den Traum, was der Aufklärung bedarf.
Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
D y s e n t e r i e: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, daß
Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will ich mich
damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten Erklärungen,
sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig machen? Zu Dysenterie
fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen
jungen Mann mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden übernommen, den
andere Kollegen als einen Fall von »Anämie mit Unterernährung«
behandelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um eine Hysterie handle, wollte
meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte ihn auf eine
Seereise. Nun bekam ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von
ihm aus Ägypten, daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der
Arzt für Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt; aber
ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den Kranken in
die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darmaffektion etwa noch eine
organische zu holen. Dysenterie klingt ferner an Diphtherie an, welcher
Name ††† im Traume nicht genannt wird.
Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: Es wird
noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig mache, denn ich
entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas ganz Ähnliches von
einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er war zur Konsultation mit
diesem Kollegen bei einem schwer Kranken berufen worden und fühlte sich
veranlaßt, dem anderen, der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß
er beim Patienten Eiweiß im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht
irre machen, sondern antwortete beruhigt: D a s m a c h t n i c h t s, Herr
Kollege, d e r Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es ist mir also nicht
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der
Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir
jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Erscheinungen bei seiner
Patientin, der Freundin Irmas, welche eine Tuberkulose befürchten lassen,
auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt oder ist er ihr
»aufgesessen«?
über den Traum, was der Aufklärung bedarf.
Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
D y s e n t e r i e: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, daß
Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will ich mich
damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten Erklärungen,
sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig machen? Zu Dysenterie
fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen
jungen Mann mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden übernommen, den
andere Kollegen als einen Fall von »Anämie mit Unterernährung«
behandelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um eine Hysterie handle, wollte
meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte ihn auf eine
Seereise. Nun bekam ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von
ihm aus Ägypten, daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der
Arzt für Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt; aber
ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den Kranken in
die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darmaffektion etwa noch eine
organische zu holen. Dysenterie klingt ferner an Diphtherie an, welcher
Name ††† im Traume nicht genannt wird.
Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: Es wird
noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig mache, denn ich
entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas ganz Ähnliches von
einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er war zur Konsultation mit
diesem Kollegen bei einem schwer Kranken berufen worden und fühlte sich
veranlaßt, dem anderen, der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß
er beim Patienten Eiweiß im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht
irre machen, sondern antwortete beruhigt: D a s m a c h t n i c h t s, Herr
Kollege, d e r Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es ist mir also nicht
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der
Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir
jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Erscheinungen bei seiner
Patientin, der Freundin Irmas, welche eine Tuberkulose befürchten lassen,
auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt oder ist er ihr
»aufgesessen«?
Page 119
Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht zu
behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner »Lösung« bei Irma
so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in diesem Traume
bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma mit den Worten: Wenn
du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem
Wortlaute der ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung.
Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion
r ü h r t . Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
nachgewiesen wurde.
Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte,
e i n e I n j e k t i o n g e g e b e n . Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte Hotel
geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl fühlte, eine
Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich wieder an den
unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet hat. Ich habe ihm das
Mittel nur zur internen Anwendung während der Morphiumentziehung
geraten; er machte sich aber unverzüglich Kokaininjektionen.
Mit einem Propylpräparat . . . . Propylen . . . .
P r o p i o n s ä u r e . Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt
hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher »Ananas«(36) zu
lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes Otto war. Er hat
nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen zu schenken;
hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon kuriert(37). Diesem Likör
entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich mich weigerte, davon zu
kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche schenken wir den Dienstleuten
und ich, noch vorsichtiger, untersagte es mit der menschenfreundlichen
Bemerkung, sie sollen sich auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl
. . .) hat nun offenbar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl,
Methyl usw. geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich
habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt,
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind vielleicht
gerade in der organischen Chemie gestattet.
behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner »Lösung« bei Irma
so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in diesem Traume
bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma mit den Worten: Wenn
du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem
Wortlaute der ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung.
Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion
r ü h r t . Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
nachgewiesen wurde.
Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte,
e i n e I n j e k t i o n g e g e b e n . Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte Hotel
geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl fühlte, eine
Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich wieder an den
unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet hat. Ich habe ihm das
Mittel nur zur internen Anwendung während der Morphiumentziehung
geraten; er machte sich aber unverzüglich Kokaininjektionen.
Mit einem Propylpräparat . . . . Propylen . . . .
P r o p i o n s ä u r e . Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt
hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher »Ananas«(36) zu
lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes Otto war. Er hat
nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen zu schenken;
hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon kuriert(37). Diesem Likör
entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich mich weigerte, davon zu
kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche schenken wir den Dienstleuten
und ich, noch vorsichtiger, untersagte es mit der menschenfreundlichen
Bemerkung, sie sollen sich auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl
. . .) hat nun offenbar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl,
Methyl usw. geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich
habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt,
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind vielleicht
gerade in der organischen Chemie gestattet.
Page 120
T r i m e t h y l a m i n . Von diesem Körper sehe ich im Traume die
chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als wollte
man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig herausheben.
Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in solcher Weise
aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit einem anderen Freunde,
der seit Jahren um all meine keimenden Arbeiten weiß, wie ich um die
seinigen. Er hatte mir damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie
mitgeteilt und unter anderm erwähnt, eines der Produkte des
Sexualstoffwechsels glaube er im Trimethylamin zu erkennen. Dieser
Körper führt mich also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für
die Entstehung der nervösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte
Bedeutung beilege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn
es mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschuldigen,
werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, an welcher ihre
Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum
gefügt ist! Die andere, welche ich an Irmas Statt im Traume als Patientin
habe, ist auch eine junge Witwe.
Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich so breit
gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen Worte zusammen:
Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf das übermächtige Moment
der Sexualität, sondern auch auf eine Person, an deren Zustimmung ich
mich mit Befriedigung erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten
verlassen fühle. Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so große
Rolle spielt, in dem Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht
vorkommen? Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche
von Affektionen der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der
Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln
zu den weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst an
Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die
P y ä m i e an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.
Man macht solche Injektionen nicht so
l e i c h t f e r t i g . Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar
gegen Freund Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir
chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als wollte
man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig herausheben.
Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in solcher Weise
aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit einem anderen Freunde,
der seit Jahren um all meine keimenden Arbeiten weiß, wie ich um die
seinigen. Er hatte mir damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie
mitgeteilt und unter anderm erwähnt, eines der Produkte des
Sexualstoffwechsels glaube er im Trimethylamin zu erkennen. Dieser
Körper führt mich also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für
die Entstehung der nervösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte
Bedeutung beilege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn
es mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschuldigen,
werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, an welcher ihre
Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum
gefügt ist! Die andere, welche ich an Irmas Statt im Traume als Patientin
habe, ist auch eine junge Witwe.
Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich so breit
gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen Worte zusammen:
Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf das übermächtige Moment
der Sexualität, sondern auch auf eine Person, an deren Zustimmung ich
mich mit Befriedigung erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten
verlassen fühle. Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so große
Rolle spielt, in dem Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht
vorkommen? Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche
von Affektionen der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der
Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln
zu den weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst an
Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die
P y ä m i e an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.
Man macht solche Injektionen nicht so
l e i c h t f e r t i g . Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar
gegen Freund Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir
Page 121
am Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. – Außerdem
deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den verstorbenen Freund,
der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. Ich hatte Injektionen mit
dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich
gegen Otto erhebe, leichtfertig mit jenen chemischen Stoffen umzugehen,
merke ich, daß ich wieder die Geschichte jener unglücklichen Mathilde
berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier
offenbar Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.
Wa h r s c h e i n l i c h w a r a u c h d i e S p r i t z e n i c h t r e i n .
Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern traf
ich zufällig den Sohn einer 82 jährigen Dame, der ich täglich zwei
Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem Lande und
ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung leide. Ich dachte sofort
daran, es handle sich um ein I n f i l t r a t durch Verunreinigung der Spritze.
Es ist mein Stolz, daß ich ihr in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat
gemacht habe; es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch
rein ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich
wieder auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situationen,
mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde auf, deren
Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei Personen im Traume
füreinander einzusetzen.
Bedeutung des Traumes von Irmas Injektion.
Ich habe nun die Traumdeutung vollendet(38). Während dieser Arbeit
hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen der Vergleich
zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten Traumgedanken
die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes der »Sinn« des Traumes
aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum
verwirklicht wird, und die das Motiv des Träumens gewesen sein muß. Der
Traum erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten
Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der Krankengeschichte) in
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. – Außerdem
deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den verstorbenen Freund,
der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. Ich hatte Injektionen mit
dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich
gegen Otto erhebe, leichtfertig mit jenen chemischen Stoffen umzugehen,
merke ich, daß ich wieder die Geschichte jener unglücklichen Mathilde
berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier
offenbar Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.
Wa h r s c h e i n l i c h w a r a u c h d i e S p r i t z e n i c h t r e i n .
Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern traf
ich zufällig den Sohn einer 82 jährigen Dame, der ich täglich zwei
Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem Lande und
ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung leide. Ich dachte sofort
daran, es handle sich um ein I n f i l t r a t durch Verunreinigung der Spritze.
Es ist mein Stolz, daß ich ihr in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat
gemacht habe; es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch
rein ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich
wieder auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situationen,
mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde auf, deren
Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei Personen im Traume
füreinander einzusetzen.
Bedeutung des Traumes von Irmas Injektion.
Ich habe nun die Traumdeutung vollendet(38). Während dieser Arbeit
hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen der Vergleich
zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten Traumgedanken
die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes der »Sinn« des Traumes
aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum
verwirklicht wird, und die das Motiv des Träumens gewesen sein muß. Der
Traum erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten
Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der Krankengeschichte) in
Page 122
mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß
ich nicht schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto
daran schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, indem er
den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für
Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere
Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) zurückführt. Der
Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen
möchte; s e i n I n h a l t i s t a l s o e i n e W u n s c h e r f ü l l u n g ,
s e i n M o t i v e i n W u n s c h.
Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des Traumes
wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunscherfüllung
verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine voreilige
Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärztliche Handlung
zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch Rache an ihm für den
schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und ich finde im Traume einen
Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: die Injektion mit einem
Propylenpräparat. Ich bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache
fort, indem ich ihm seinen verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle.
Ich scheine damit zu sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der
einzige, der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, gefügigeren
vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig
hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine
Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissender gegenübersteht (»es
wird Dysenterie hinzutreten usw.«). Ja, mir scheint, ich appelliere von ihm
weg an einen anderen, Besserwissenden (meinen Freund, der mir vom
Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an
Leopold mich gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie
mir durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich
nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird
mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmerzen fallen
nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen, indem sie meine
Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen gehen mich nichts an,
denn sie sind organischer Natur, durch eine psychische Kur gar nicht
heilbar. Irmas Leiden erklären sich befriedigend durch ihre Witwenschaft
(Trimethylamin!), woran ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch
ich nicht schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto
daran schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, indem er
den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für
Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere
Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) zurückführt. Der
Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen
möchte; s e i n I n h a l t i s t a l s o e i n e W u n s c h e r f ü l l u n g ,
s e i n M o t i v e i n W u n s c h.
Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des Traumes
wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunscherfüllung
verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine voreilige
Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärztliche Handlung
zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch Rache an ihm für den
schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und ich finde im Traume einen
Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: die Injektion mit einem
Propylenpräparat. Ich bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache
fort, indem ich ihm seinen verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle.
Ich scheine damit zu sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der
einzige, der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, gefügigeren
vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig
hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine
Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissender gegenübersteht (»es
wird Dysenterie hinzutreten usw.«). Ja, mir scheint, ich appelliere von ihm
weg an einen anderen, Besserwissenden (meinen Freund, der mir vom
Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an
Leopold mich gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie
mir durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich
nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird
mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmerzen fallen
nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen, indem sie meine
Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen gehen mich nichts an,
denn sie sind organischer Natur, durch eine psychische Kur gar nicht
heilbar. Irmas Leiden erklären sich befriedigend durch ihre Witwenschaft
(Trimethylamin!), woran ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch
Page 123
eine unvorsichtige Injektion von Seite Ottos hervorgerufen worden mit
einem dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas
Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die
Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injektionen
niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen für Irmas
Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu entlasten, stimmen
untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. Das ganze
Plaidoyer – nichts anderes ist dieser Traum – erinnert lebhaft an die
Verteidigung des Mannes, der von seinem Nachbar angeklagt war, ihm
einen Kessel in schadhaftem Zustand zurückgegeben zu haben. Erstens
habe er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon
durchlöchert, wie er ihn entlehnte, drittens hatte er nie einen Kessel vom
Nachbar entlehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei
Verteidigungsarten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen
werden.
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren Beziehung
zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durchsichtig ist: Die
Krankheit meiner Tochter und die einer gleichnamigen Patientin, die
Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in Ägypten reisenden Patienten,
die Sorge um die Gesundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M.,
meine eigenen Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund,
der an Naseneiterungen leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es
sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette:
Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit.
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir Otto die
Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden
Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck für diese flüchtige
Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du nimmst deine
ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst
nicht, was du versprichst. Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur
Verfügung gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem
Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner
Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt.
Bemerkenswerterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche
Erinnerungen, die eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene
Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist
gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes,
einem dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas
Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die
Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injektionen
niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen für Irmas
Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu entlasten, stimmen
untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. Das ganze
Plaidoyer – nichts anderes ist dieser Traum – erinnert lebhaft an die
Verteidigung des Mannes, der von seinem Nachbar angeklagt war, ihm
einen Kessel in schadhaftem Zustand zurückgegeben zu haben. Erstens
habe er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon
durchlöchert, wie er ihn entlehnte, drittens hatte er nie einen Kessel vom
Nachbar entlehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei
Verteidigungsarten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen
werden.
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren Beziehung
zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durchsichtig ist: Die
Krankheit meiner Tochter und die einer gleichnamigen Patientin, die
Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in Ägypten reisenden Patienten,
die Sorge um die Gesundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M.,
meine eigenen Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund,
der an Naseneiterungen leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es
sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette:
Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit.
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir Otto die
Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden
Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck für diese flüchtige
Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du nimmst deine
ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst
nicht, was du versprichst. Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur
Verfügung gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem
Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner
Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt.
Bemerkenswerterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche
Erinnerungen, die eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene
Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist
gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes,
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auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem der
Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu sein, ist
doch unverkennbar.
Der Traum als Wunscherfüllung.
Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes vollständig
aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist.
Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen aus ihm
entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt. Ich kenne
selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedankenzusammenhänge zu
verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei jedem eigenen Traume in
Betracht kommen, halten mich von der Deutungsarbeit ab. Wer mit dem
Tadel für solche Reserve rasch bei der Hand ist, der möge nur selbst
versuchen, aufrichtiger zu sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment
mit der einen neu gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte
Methode der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten
Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. N a c h v o l l e n d e t e r
Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine
Wunscherfüllung erkennen.
Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu sein, ist
doch unverkennbar.
Der Traum als Wunscherfüllung.
Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes vollständig
aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist.
Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen aus ihm
entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt. Ich kenne
selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedankenzusammenhänge zu
verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei jedem eigenen Traume in
Betracht kommen, halten mich von der Deutungsarbeit ab. Wer mit dem
Tadel für solche Reserve rasch bei der Hand ist, der möge nur selbst
versuchen, aufrichtiger zu sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment
mit der einen neu gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte
Methode der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten
Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. N a c h v o l l e n d e t e r
Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine
Wunscherfüllung erkennen.
Page 125
III.
Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf einer
Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen und die reichste
Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, darf man einen
Moment lang verweilen und überlegen, wohin man zunächst sich wenden
soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir diese erste Traumdeutung
überwunden haben. Wir stehen in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis.
Der Traum ist nicht vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines
musikalischen Instrumentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem
Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd,
setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft,
während ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges
psychisches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn aufgebaut.
Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns
dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der Traum laut Angabe der
Traumdeutung einen erfüllten Wunsch darstellt, woher rührt die auffällige
und befremdende Form, in welcher diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist?
Welche Veränderung ist mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus
ihnen der manifeste Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern,
gestaltete? Auf welchem Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen?
Woher stammt das Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher
rühren manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken
bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen dürfen? (Die
Analogie mit dem Kessel, p. 92.) Kann der Traum uns etwas Neues über
unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen
Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf einer
Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen und die reichste
Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, darf man einen
Moment lang verweilen und überlegen, wohin man zunächst sich wenden
soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir diese erste Traumdeutung
überwunden haben. Wir stehen in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis.
Der Traum ist nicht vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines
musikalischen Instrumentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem
Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd,
setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft,
während ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges
psychisches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn aufgebaut.
Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns
dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der Traum laut Angabe der
Traumdeutung einen erfüllten Wunsch darstellt, woher rührt die auffällige
und befremdende Form, in welcher diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist?
Welche Veränderung ist mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus
ihnen der manifeste Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern,
gestaltete? Auf welchem Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen?
Woher stammt das Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher
rühren manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken
bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen dürfen? (Die
Analogie mit dem Kessel, p. 92.) Kann der Traum uns etwas Neues über
unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen
Page 126
korrigieren, an die wir tagsüber geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese
Fragen einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg weiter zu
verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt
darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein, zu erkunden, ob dies ein
allgemeiner Charakter des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt jenes
Traumes (»von Irmas Injektion«), mit dem unsere Analyse begonnen hat,
denn selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen
Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit offen
lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei. Unser
erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer stellt sich vielleicht als
eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt
haben, ein vierter einfach eine Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als
Wunschträume?
Bequemlichkeitsträume.
Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter der
Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich wundern
mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst ein Verständnis
gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam
experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder
sonst stark gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der
mich weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den
gleichen Inhalt hat, nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen
Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß wirklich
trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim
Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu
trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er dient dabei einer
Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt,
durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst
durch den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein
B e q u e m l i c h k e i t s t r a u m. Das Träumen setzt sich an Stelle des
Handelns wie auch sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser,
um den Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen wie mein
Fragen einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg weiter zu
verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt
darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein, zu erkunden, ob dies ein
allgemeiner Charakter des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt jenes
Traumes (»von Irmas Injektion«), mit dem unsere Analyse begonnen hat,
denn selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen
Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit offen
lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei. Unser
erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer stellt sich vielleicht als
eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt
haben, ein vierter einfach eine Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als
Wunschträume?
Bequemlichkeitsträume.
Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter der
Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich wundern
mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst ein Verständnis
gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam
experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder
sonst stark gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der
mich weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den
gleichen Inhalt hat, nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen
Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß wirklich
trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim
Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu
trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er dient dabei einer
Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt,
durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst
durch den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein
B e q u e m l i c h k e i t s t r a u m. Das Träumen setzt sich an Stelle des
Handelns wie auch sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser,
um den Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen wie mein
Page 127
Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille ist der
gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen modifiziert. Da
bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und trank das Wasserglas leer,
das auf dem Kästchen neben meinem Bette stand. Einige Stunden später
kam in der Nacht ein neuer Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im
Gefolge hatte. Um mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir
das Glas holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand.
Ich träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem Gefäße
zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschenkrug, den ich mir
von einer italienischen Reise heimgebracht und seither verschenkt hatte.
Das Wasser in ihm schmeckte aber so salzig (von der Asche offenbar), daß
ich erwachen mußte. Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten
versteht; da Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen
egoistisch sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere
wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist
wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf Seiten
meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der
nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Geschmackes an, von der
ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen wird(39).
Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr
häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir das
zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu träumen,
daß ich außer Bett bin und beim Waschtische stehe. Nach einer Weile
konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht
aufgestanden bin, hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen.
Denselben Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem
jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die
Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen
Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not,
wenn sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf
besonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen’s auf, Sie
müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein
Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H. . . .,
cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spital
bin, brauche ich nicht erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief
gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen modifiziert. Da
bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und trank das Wasserglas leer,
das auf dem Kästchen neben meinem Bette stand. Einige Stunden später
kam in der Nacht ein neuer Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im
Gefolge hatte. Um mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir
das Glas holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand.
Ich träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem Gefäße
zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschenkrug, den ich mir
von einer italienischen Reise heimgebracht und seither verschenkt hatte.
Das Wasser in ihm schmeckte aber so salzig (von der Asche offenbar), daß
ich erwachen mußte. Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten
versteht; da Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen
egoistisch sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere
wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist
wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf Seiten
meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der
nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Geschmackes an, von der
ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen wird(39).
Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr
häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir das
zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu träumen,
daß ich außer Bett bin und beim Waschtische stehe. Nach einer Weile
konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht
aufgestanden bin, hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen.
Denselben Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem
jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die
Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen
Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not,
wenn sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf
besonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen’s auf, Sie
müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein
Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H. . . .,
cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spital
bin, brauche ich nicht erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief
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weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen
eingestanden.
Wunschträume.
Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes selbst
einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig verlaufenen
Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche der
Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen. Sie
pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines
Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat
wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich:
»Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traumes,
den ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traume in einer Loge in der Oper und
interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der
Herr Karl M e y e r und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe
mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der armen Dulderin
klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen
Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres
Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl M e y e r,
dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge
Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.
Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund,
der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt hat, sagt mir
eines Tages: »Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern
geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das
bedeutet.« Freilich weiß ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie
die Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken, daß
sie gern noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden
der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von
ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau
habe unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken
bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten
eingestanden.
Wunschträume.
Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes selbst
einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig verlaufenen
Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche der
Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen. Sie
pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines
Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat
wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich:
»Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traumes,
den ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traume in einer Loge in der Oper und
interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der
Herr Karl M e y e r und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe
mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der armen Dulderin
klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen
Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres
Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl M e y e r,
dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge
Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.
Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund,
der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt hat, sagt mir
eines Tages: »Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern
geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das
bedeutet.« Freilich weiß ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie
die Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken, daß
sie gern noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden
der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von
ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau
habe unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken
bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten
Page 129
Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr Nahrung zu
haben als seinerzeit fürs erste.
Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös
erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt nach
glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in der sich A.
D a u d e t, B o u r g e t, M. P r é v o s t u. a. befinden, die sämtlich sehr
liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die
betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, welche ihnen ihre
Bilder geben; M. P r é v o s t, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem –
Desinfektionsmanne gleich, der am Tage vorher die Krankenzimmer
gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten hatte. Man
meint, den Traum lückenlos übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal
Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen Krankenpflegen.
Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr
häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die sich
nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die ihren Inhalt unverhüllt
zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache Träume, die von
den verworrenen und überreichen Traumkompositionen, welche wesentlich
die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend
abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu
verweilen. Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei
Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder
kompliziert sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach
meiner Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen
ähnliche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten
Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die
Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunutzen.
Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen
und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener gar nicht interessant.
Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den
Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung
bedeutet. Bei meinem Material von eigenen Kindern konnte ich einige
Beispiele von solchen Träumen sammeln.
haben als seinerzeit fürs erste.
Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös
erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt nach
glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in der sich A.
D a u d e t, B o u r g e t, M. P r é v o s t u. a. befinden, die sämtlich sehr
liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die
betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, welche ihnen ihre
Bilder geben; M. P r é v o s t, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem –
Desinfektionsmanne gleich, der am Tage vorher die Krankenzimmer
gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten hatte. Man
meint, den Traum lückenlos übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal
Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen Krankenpflegen.
Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr
häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die sich
nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die ihren Inhalt unverhüllt
zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache Träume, die von
den verworrenen und überreichen Traumkompositionen, welche wesentlich
die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend
abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu
verweilen. Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei
Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder
kompliziert sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach
meiner Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen
ähnliche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten
Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die
Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunutzen.
Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen
und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener gar nicht interessant.
Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den
Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung
bedeutet. Bei meinem Material von eigenen Kindern konnte ich einige
Beispiele von solchen Träumen sammeln.
Page 130
Unverhüllte Wunschträume.
Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) von
Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner damals
8½ jährigen Tochter, den anderen von einem 5¼ jährigen Knaben. Als
Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf einem Hügel
bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche
Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohre war die Simony-Hütte gut
zu erkennen. Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu
sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich den
Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das mit
seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur eines, der
5 jährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg in
Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten mußte:
Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einigemal wiederholt
hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall wollte er
überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen
kam er aber ganz selig auf mich zu und erzählte: Heute nacht habe ich
geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn
nun; er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht
bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede war. Als er dann
merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen und einem Wasserfall
abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht und wurde verstimmt. Der
Traum entschädigte ihn dafür. Ich versuchte Details des Traumes zu
erfahren; sie waren ärmlich. »Man geht sechs Stunden lang auf Stufen
hinauf,« wie er’s gehört hatte.
Auch bei dem 8½ jährigen Mädchen waren auf diesem Ausfluge
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den
12 jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mitgenommen, einen
vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller Sympathien des
kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen
folgenden Traum: Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von uns
ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie
unsere Buben. Dann kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll
Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) von
Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner damals
8½ jährigen Tochter, den anderen von einem 5¼ jährigen Knaben. Als
Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf einem Hügel
bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche
Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohre war die Simony-Hütte gut
zu erkennen. Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu
sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich den
Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das mit
seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur eines, der
5 jährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg in
Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten mußte:
Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einigemal wiederholt
hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall wollte er
überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen
kam er aber ganz selig auf mich zu und erzählte: Heute nacht habe ich
geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn
nun; er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht
bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede war. Als er dann
merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen und einem Wasserfall
abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht und wurde verstimmt. Der
Traum entschädigte ihn dafür. Ich versuchte Details des Traumes zu
erfahren; sie waren ärmlich. »Man geht sechs Stunden lang auf Stufen
hinauf,« wie er’s gehört hatte.
Auch bei dem 8½ jährigen Mädchen waren auf diesem Ausfluge
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den
12 jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mitgenommen, einen
vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller Sympathien des
kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen
folgenden Traum: Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von uns
ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie
unsere Buben. Dann kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll
Page 131
großer Schokoladestangen in blauem und grünem Papiere unter unsere
Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum
ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des Traumes ein,
und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen zu erfahren, für welchen:
Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn, aber das mit den
Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die Mama
lieferte mir hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause
hatten die Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die der
Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama hatte mit
Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen gebracht und
diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war die kleine Szene
entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten Teil des Traumes
verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf
dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder die
Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der
Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
Beisammenseins als die im Traume erwähnten, die von den Brüdern
hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die
Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne
Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.
Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von
befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein 8 jähriges Mädchen. Der Vater
hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dornbach in der
Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal
zu entschädigen. Auf dem Rückwege kamen sie an einer Tafel vorbei,
welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs
Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund
wiederum auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen
kam das 8 jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab’
ich geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem Hameau.
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten
Versprechens im Traume antizipiert.
Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum
ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des Traumes ein,
und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen zu erfahren, für welchen:
Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn, aber das mit den
Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die Mama
lieferte mir hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause
hatten die Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die der
Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama hatte mit
Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen gebracht und
diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war die kleine Szene
entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten Teil des Traumes
verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf
dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder die
Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der
Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
Beisammenseins als die im Traume erwähnten, die von den Brüdern
hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die
Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne
Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.
Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von
befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein 8 jähriges Mädchen. Der Vater
hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dornbach in der
Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal
zu entschädigen. Auf dem Rückwege kamen sie an einer Tafel vorbei,
welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs
Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund
wiederum auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen
kam das 8 jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab’
ich geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem Hameau.
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten
Versprechens im Traume antizipiert.
Page 132
Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
Schönheit Aussees bei meinem damals 3¼ jährigen Töchterchen erregt hat.
Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und die Zeit der
Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle wollte sie das
Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte
sie: Heute nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer
dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.
Mein ältester, damals 8 jähriger Knabe träumt bereits die Realisierung
seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen gefahren und
der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich tags vorher für die
Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
worden sind.
Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der Kinder
gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im folgenden
einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. Mein jüngstes
Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war
darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem
Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlafe rufen: A n n a
F . e u d, E r ( d ) b e e r, H o c h b e e r, E i e r ( s ) p e i s, P a p p. Ihren Namen
gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der
Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit
erscheinen mußte; daß die Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen,
war eine Demonstration gegen die häusliche Sanitätspolizei und hatte
seinen Grund in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die
Kinderfrau ihre Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben
hatte; für dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre
Revanche(40).
Wunschträume kleiner Kinder.
Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Begierde
noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche Quelle der
Enttäuschung, Entsagung und damit der Traumanregung der andere der
großen Lebenstriebe für sie werden kann(41). Hier ein zweites Beispiel
dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen
Schönheit Aussees bei meinem damals 3¼ jährigen Töchterchen erregt hat.
Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und die Zeit der
Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle wollte sie das
Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte
sie: Heute nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer
dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.
Mein ältester, damals 8 jähriger Knabe träumt bereits die Realisierung
seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen gefahren und
der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich tags vorher für die
Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
worden sind.
Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der Kinder
gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im folgenden
einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. Mein jüngstes
Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war
darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem
Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlafe rufen: A n n a
F . e u d, E r ( d ) b e e r, H o c h b e e r, E i e r ( s ) p e i s, P a p p. Ihren Namen
gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der
Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit
erscheinen mußte; daß die Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen,
war eine Demonstration gegen die häusliche Sanitätspolizei und hatte
seinen Grund in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die
Kinderfrau ihre Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben
hatte; für dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre
Revanche(40).
Wunschträume kleiner Kinder.
Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Begierde
noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche Quelle der
Enttäuschung, Entsagung und damit der Traumanregung der andere der
großen Lebenstriebe für sie werden kann(41). Hier ein zweites Beispiel
dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen
Page 133
zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen.
Es scheint ihm hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich:
Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den
Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher
jeden Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom »weißen Soldat«
geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der
Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: H e ( r ) m a n a l l e
K i r s c h e n a u f g e s s e n !(42)
Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen
Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn es
stellt die Frage auf: W o v o n t r ä u m t d i e G a n s ? und beantwortet sie:
Vom K u k u r u z (Mais)(43). Die ganze Theorie, daß der Traum eine
Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten(44).
Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen
Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir
nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruchweisheit redet zwar
manchmal verächtlich genug vom Traume – man meint, sie wolle der
Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: T r ä u m e sind
S c h ä u m e –, aber für den Sprachgebrauch ist der Traum doch vorwiegend
der holde Wunscherfüller. »Das hätt’ ich mir in meinen kühnsten Träumen
nicht vorgestellt,« ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen
übertroffen findet.
Es scheint ihm hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich:
Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den
Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher
jeden Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom »weißen Soldat«
geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der
Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: H e ( r ) m a n a l l e
K i r s c h e n a u f g e s s e n !(42)
Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen
Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn es
stellt die Frage auf: W o v o n t r ä u m t d i e G a n s ? und beantwortet sie:
Vom K u k u r u z (Mais)(43). Die ganze Theorie, daß der Traum eine
Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten(44).
Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen
Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir
nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruchweisheit redet zwar
manchmal verächtlich genug vom Traume – man meint, sie wolle der
Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: T r ä u m e sind
S c h ä u m e –, aber für den Sprachgebrauch ist der Traum doch vorwiegend
der holde Wunscherfüller. »Das hätt’ ich mir in meinen kühnsten Träumen
nicht vorgestellt,« ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen
übertroffen findet.
Page 134
IV.
Die Traumentstellung.
Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung der Sinn
eines j e d e n Traumes sei, also daß es keine anderen als Wunschträume
geben kann, so bin ich des entschiedensten Widerspruches im vorhinein
sicher. Man wird mir entgegenhalten: »Daß es Träume gibt, welche als
Wunscherfüllungen zu verstehen sind, ist nicht neu, sondern längst von den
Autoren bemerkt worden.« (Vgl. R a d e s t o c k [p. 137 bis 138], Vo l k e l t
[p. 110 bis 111], P u r k i n j e [p. 456], T i s s i é [p. 70], M. S i m o n [p. 42
über die Hungerträume des eingekerkerten Barons T r e n c k] und die Stelle
bei G r i e s i n g e r [p. 111].)(45) Daß es aber nichts anderes als
Wunscherfüllungsträume geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte
Verallgemeinerung, die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es
kommen doch reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt
erkennen lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der
pessimistische Philosoph E d . v . H a r t m a n n steht wohl der
Wunscherfüllungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des
Unbewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):
»Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien des wachen
Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das einzige nicht, was den
Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aussöhnen kann:
wissenschaftlicher und Kunst-Genuß . . . .« Aber auch minder unzufriedene
Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume Schmerz und Unlust
häufiger sei als Lust, so S c h o l z (p. 33), Vo l k e l t (p. 80) u. a. Ja die
Damen S a r a h W e e d und F l o r e n c e H a l l a m haben aus der
Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen Ausdruck für das
Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen. Sie bezeichnen 58%
Die Traumentstellung.
Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung der Sinn
eines j e d e n Traumes sei, also daß es keine anderen als Wunschträume
geben kann, so bin ich des entschiedensten Widerspruches im vorhinein
sicher. Man wird mir entgegenhalten: »Daß es Träume gibt, welche als
Wunscherfüllungen zu verstehen sind, ist nicht neu, sondern längst von den
Autoren bemerkt worden.« (Vgl. R a d e s t o c k [p. 137 bis 138], Vo l k e l t
[p. 110 bis 111], P u r k i n j e [p. 456], T i s s i é [p. 70], M. S i m o n [p. 42
über die Hungerträume des eingekerkerten Barons T r e n c k] und die Stelle
bei G r i e s i n g e r [p. 111].)(45) Daß es aber nichts anderes als
Wunscherfüllungsträume geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte
Verallgemeinerung, die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es
kommen doch reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt
erkennen lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der
pessimistische Philosoph E d . v . H a r t m a n n steht wohl der
Wunscherfüllungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des
Unbewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):
»Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien des wachen
Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das einzige nicht, was den
Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aussöhnen kann:
wissenschaftlicher und Kunst-Genuß . . . .« Aber auch minder unzufriedene
Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume Schmerz und Unlust
häufiger sei als Lust, so S c h o l z (p. 33), Vo l k e l t (p. 80) u. a. Ja die
Damen S a r a h W e e d und F l o r e n c e H a l l a m haben aus der
Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen Ausdruck für das
Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen. Sie bezeichnen 58%
Page 135
der Träume als peinlich und nur 28.6% als positiv angenehm. Außer diesen
Träumen, welche die mannigfaltigen peinlichen Gefühle des Lebens in den
Schlaf fortsetzen, gibt es auch Angstträume, in denen uns diese
entsetzlichste aller Unlustempfindungen schüttelt, bis wir erwachen, und
von solchen Angstträumen werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht
(vgl. D e b a c k e r, Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die
Wunschträume unverhüllt gefunden haben.
Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeinerung des
Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes gewonnen
haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich zu machen, ja
diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.
Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwingenden
Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere Lehre nicht
auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes beruht, sondern sich auf
den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die Deutungsarbeit hinter dem
Traume erkannt wird. Stellen wir m a n i f e s t e n und l a t e n t e n
T r a u m i n h a l t einander gegenüber. Es ist richtig, daß es Träume gibt,
deren manifester Inhalt von der peinlichsten Art ist. Aber hat jemand
versucht, diese Träume zu deuten, den latenten Gedankeninhalt derselben
aufzudecken? Wenn aber nicht, dann treffen uns die beiden Einwände nicht
mehr; es bleibt immerhin möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume
sich nach der Deutung als Wunscherfüllungen enthüllen(46).
Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die Lösung
des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites hinzuzunehmen,
etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als einzeln aufknackt. So
stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie können peinliche und Angst-
Träume Wunscherfüllungen sein, sondern wir können auch aus unseren
bisherigen Erörterungen über den Traum eine zweite Frage aufwerfen:
Warum zeigen die Träume indifferenten Inhalts, welche sich als
Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man
nehme den weitläufig behandelten Traum von Irmas Injektion, er ist
keineswegs peinlicher Natur, er ist durch die Deutung als eklatante
Wunscherfüllung zu erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer
Deutung? Warum sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich
macht auch der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck,
daß er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird
Träumen, welche die mannigfaltigen peinlichen Gefühle des Lebens in den
Schlaf fortsetzen, gibt es auch Angstträume, in denen uns diese
entsetzlichste aller Unlustempfindungen schüttelt, bis wir erwachen, und
von solchen Angstträumen werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht
(vgl. D e b a c k e r, Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die
Wunschträume unverhüllt gefunden haben.
Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeinerung des
Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes gewonnen
haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich zu machen, ja
diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.
Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwingenden
Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere Lehre nicht
auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes beruht, sondern sich auf
den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die Deutungsarbeit hinter dem
Traume erkannt wird. Stellen wir m a n i f e s t e n und l a t e n t e n
T r a u m i n h a l t einander gegenüber. Es ist richtig, daß es Träume gibt,
deren manifester Inhalt von der peinlichsten Art ist. Aber hat jemand
versucht, diese Träume zu deuten, den latenten Gedankeninhalt derselben
aufzudecken? Wenn aber nicht, dann treffen uns die beiden Einwände nicht
mehr; es bleibt immerhin möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume
sich nach der Deutung als Wunscherfüllungen enthüllen(46).
Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die Lösung
des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites hinzuzunehmen,
etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als einzeln aufknackt. So
stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie können peinliche und Angst-
Träume Wunscherfüllungen sein, sondern wir können auch aus unseren
bisherigen Erörterungen über den Traum eine zweite Frage aufwerfen:
Warum zeigen die Träume indifferenten Inhalts, welche sich als
Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man
nehme den weitläufig behandelten Traum von Irmas Injektion, er ist
keineswegs peinlicher Natur, er ist durch die Deutung als eklatante
Wunscherfüllung zu erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer
Deutung? Warum sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich
macht auch der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck,
daß er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird
Page 136
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte es
nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung
bedürftige Verhalten des Traumes: die Ta t s a c h e der
T r a u m e n t s t e l l u n g, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon rührt
diese Traumentstellung her?
Der Onkeltraum.
Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befrägt, könnte man auf
verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des Schlafes
ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen entsprechenden
Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser Träume nötigt uns, für
die Traumentstellung eine andere Erklärung zuzulassen. Ich will dies an
einem zweiten Traume von mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache
Indiskretionen erfordert, aber für dies persönliche Opfer durch eine
gründliche Aufhellung des Problems entschädigt.
Vo r b e r i c h t: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Professoren
unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. extraord.
vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir überraschend und erfreute
mich lebhaft als Ausdruck einer durch persönliche Beziehungen nicht
aufzuklärenden Anerkennung von Seite zweier hervorragender Männer. Ich
sagte mir aber sofort, daß ich an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen
dürfe. Das Ministerium hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art
unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus
waren und an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem
vergebens auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund, anzunehmen, daß es
mir besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. Ich
bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit mit
zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel empfiehlt.
Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die Trauben für süß oder
sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für mich hingen.
Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. Seit
längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, die den Arzt
in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken erhebt, und minder
resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den
nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung
bedürftige Verhalten des Traumes: die Ta t s a c h e der
T r a u m e n t s t e l l u n g, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon rührt
diese Traumentstellung her?
Der Onkeltraum.
Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befrägt, könnte man auf
verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des Schlafes
ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen entsprechenden
Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser Träume nötigt uns, für
die Traumentstellung eine andere Erklärung zuzulassen. Ich will dies an
einem zweiten Traume von mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache
Indiskretionen erfordert, aber für dies persönliche Opfer durch eine
gründliche Aufhellung des Problems entschädigt.
Vo r b e r i c h t: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Professoren
unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. extraord.
vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir überraschend und erfreute
mich lebhaft als Ausdruck einer durch persönliche Beziehungen nicht
aufzuklärenden Anerkennung von Seite zweier hervorragender Männer. Ich
sagte mir aber sofort, daß ich an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen
dürfe. Das Ministerium hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art
unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus
waren und an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem
vergebens auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund, anzunehmen, daß es
mir besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. Ich
bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit mit
zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel empfiehlt.
Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die Trauben für süß oder
sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für mich hingen.
Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. Seit
längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, die den Arzt
in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken erhebt, und minder
resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den
Page 137
Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, um seine Angelegenheit zu
fördern. Von einem solchen Besuche kam er zu mir. Er erzählte, daß er
diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn gerade heraus
befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung wirklich –
konfessionelle Rücksichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet,
daß allerdings – bei der gegenwärtigen Strömung – Se. Exzellenz vorläufig
nicht in der Lage sei usw. »Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,«
schloß mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.
Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, der auch
durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei Gedanken und
zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander ablösten. Ich setze
aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da die andere mit der Absicht
nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung des Traumes dienen soll.
I. F r e u n d R . i s t m e i n O n k e l . – Ich empfinde
große Zärtlichkeit für ihn.
II. I c h s e h e s e i n G e s i c h t e t w a s v e r ä n d e r t v o r m i r .
Es ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart,
der es umrahmt, ist besonders deutlich
hervorgehoben.
Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und ein
Bild, die ich übergehe.
Die Deutung des Onkeltraumes.
Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich auf und
sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht abtun und ging mir
den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am Abend Vorwürfe machte:
»Wenn einer deiner Patienten zur Traumdeutung nichts zu sagen wüßte als:
Das ist ein Unsinn, so würdest du es ihm verweisen und vermuten, daß sich
hinter dem Traume eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur
Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso;
deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren
fördern. Von einem solchen Besuche kam er zu mir. Er erzählte, daß er
diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn gerade heraus
befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung wirklich –
konfessionelle Rücksichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet,
daß allerdings – bei der gegenwärtigen Strömung – Se. Exzellenz vorläufig
nicht in der Lage sei usw. »Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,«
schloß mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.
Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, der auch
durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei Gedanken und
zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander ablösten. Ich setze
aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da die andere mit der Absicht
nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung des Traumes dienen soll.
I. F r e u n d R . i s t m e i n O n k e l . – Ich empfinde
große Zärtlichkeit für ihn.
II. I c h s e h e s e i n G e s i c h t e t w a s v e r ä n d e r t v o r m i r .
Es ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart,
der es umrahmt, ist besonders deutlich
hervorgehoben.
Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und ein
Bild, die ich übergehe.
Die Deutung des Onkeltraumes.
Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich auf und
sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht abtun und ging mir
den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am Abend Vorwürfe machte:
»Wenn einer deiner Patienten zur Traumdeutung nichts zu sagen wüßte als:
Das ist ein Unsinn, so würdest du es ihm verweisen und vermuten, daß sich
hinter dem Traume eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur
Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso;
deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren
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Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.« Ich machte
mich also an die Deutung.
»R. ist mein Onkel.« Was kann das heißen? Ich habe doch nur einen
Onkel gehabt, den Onkel Josef(47). Mit dem war’s allerdings eine traurige
Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 30 Jahre her, in
gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, welche das
Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch von der Strafe betroffen.
Mein Vater, der damals aus Kummer in wenigen Tagen grau wurde, pflegte
immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl
aber ein Schwachkopf; so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein
Onkel Josef ist, so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum
glaublich und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein Onkel
hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen blonden Barte
umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn die
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht ihrer
Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar für Haar eine unerfreuliche
Farbenwanderung durch; er wird zuerst rotbraun, dann gelbbraun, dann erst
definitiv grau. In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart meines
Freundes R.; übrigens auch schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen
bemerke. Das Gesicht, das ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines
Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von
G a l t o n, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel möglich,
ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein Schwachkopf ist – wie mein
Onkel Josef.
Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Beziehung
hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. Sie ist doch
nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, mein Freund R.
ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, daß er mit dem Rade
einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese Untat meinen? Das hieße
die Vergleichung ins Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes
Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N.,
und zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist
auch zum Professor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und
gratulierte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. »Gerade Sie sollten sich den
mich also an die Deutung.
»R. ist mein Onkel.« Was kann das heißen? Ich habe doch nur einen
Onkel gehabt, den Onkel Josef(47). Mit dem war’s allerdings eine traurige
Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 30 Jahre her, in
gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, welche das
Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch von der Strafe betroffen.
Mein Vater, der damals aus Kummer in wenigen Tagen grau wurde, pflegte
immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl
aber ein Schwachkopf; so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein
Onkel Josef ist, so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum
glaublich und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein Onkel
hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen blonden Barte
umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn die
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht ihrer
Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar für Haar eine unerfreuliche
Farbenwanderung durch; er wird zuerst rotbraun, dann gelbbraun, dann erst
definitiv grau. In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart meines
Freundes R.; übrigens auch schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen
bemerke. Das Gesicht, das ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines
Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von
G a l t o n, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel möglich,
ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein Schwachkopf ist – wie mein
Onkel Josef.
Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Beziehung
hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. Sie ist doch
nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, mein Freund R.
ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, daß er mit dem Rade
einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese Untat meinen? Das hieße
die Vergleichung ins Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes
Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N.,
und zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist
auch zum Professor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und
gratulierte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. »Gerade Sie sollten sich den
Page 139
Scherz nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst
erfahren haben.« Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: »Das kann man
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie nicht,
daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich erstattet hat?
Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Untersuchung eingestellt
wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch; ich hatte noch alle Mühe,
die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man
im Ministerium diese Angelegenheit gegen mich geltend, um mich nicht zu
ernennen. Sie aber, Sie sind unbescholten.« Da habe ich ja den Verbrecher,
gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein
Onkel Josef stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar,
den einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt auch,
wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub der Ernennung
meiner Freunde R. und N. »konfessionelle« Rücksichten maßgebend sind,
so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die
Zurückweisung der beiden auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht
treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er
macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher;
ich bin aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen, und
bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus R.s Nachricht, was
ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Person hätte machen
müssen.
Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend erledigt, ich
bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der ich zwei
geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur frei zu
halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vorgehen hat sich bereits
ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen im Traume zu würdigen weiß.
Ich würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R. wirklich für einen
Schwachkopf halte, und daß ich an N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre
nicht glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos
mit einem Propylenpräparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie
dort nur mein W u n s c h , d a ß e s s i c h s o v e r h a l t e n m ö g e,
den mein Traum ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch
realisiert, klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier
in geschickter Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie
erfahren haben.« Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: »Das kann man
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie nicht,
daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich erstattet hat?
Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Untersuchung eingestellt
wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch; ich hatte noch alle Mühe,
die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man
im Ministerium diese Angelegenheit gegen mich geltend, um mich nicht zu
ernennen. Sie aber, Sie sind unbescholten.« Da habe ich ja den Verbrecher,
gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein
Onkel Josef stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar,
den einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt auch,
wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub der Ernennung
meiner Freunde R. und N. »konfessionelle« Rücksichten maßgebend sind,
so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die
Zurückweisung der beiden auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht
treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er
macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher;
ich bin aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen, und
bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus R.s Nachricht, was
ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Person hätte machen
müssen.
Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend erledigt, ich
bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der ich zwei
geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur frei zu
halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vorgehen hat sich bereits
ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen im Traume zu würdigen weiß.
Ich würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R. wirklich für einen
Schwachkopf halte, und daß ich an N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre
nicht glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos
mit einem Propylenpräparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie
dort nur mein W u n s c h , d a ß e s s i c h s o v e r h a l t e n m ö g e,
den mein Traum ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch
realisiert, klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier
in geschickter Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie
Page 140
eine gut gemachte Verleumdung, an der »etwas daran ist«, denn Freund R.
hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, und Freund N.
hat mir das Material für die Anschwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch,
ich wiederhole es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig.
Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, auf
welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nachdem mir
eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume warme Zärtlichkeit
für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für meinen Onkel Josef habe ich
zärtliche Gefühle natürlich niemals gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren
lieb und teuer; aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in
Worten aus, die annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume
entsprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn
erscheint mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persönlichkeit
mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem Sinne
übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit
des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem
Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die
Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. Wahrscheinlich ist gerade dies
ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem Widerstand ich an die
Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum
für baren Unsinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen
her weiß ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine kleine
Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so behauptet sie,
der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben. Wenn
meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiß ich, daß es sich
bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie v e r d r ä n g e n wollen.
Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung
etwas enthält, wogegen ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung
erfahre ich, wogegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß
R. ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann
ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben
zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu seinem latenten Inhalt in
diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegensätzliche entstellt ist, so dient
die im Traume manifeste Zärtlichkeit dieser Entstellung oder, mit anderen
Worten, die E n t s t e l l u n g erweist sich hier als absichtlich, als ein Mittel
hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, und Freund N.
hat mir das Material für die Anschwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch,
ich wiederhole es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig.
Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, auf
welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nachdem mir
eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume warme Zärtlichkeit
für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für meinen Onkel Josef habe ich
zärtliche Gefühle natürlich niemals gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren
lieb und teuer; aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in
Worten aus, die annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume
entsprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn
erscheint mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persönlichkeit
mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem Sinne
übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit
des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem
Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die
Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. Wahrscheinlich ist gerade dies
ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem Widerstand ich an die
Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum
für baren Unsinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen
her weiß ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine kleine
Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so behauptet sie,
der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben. Wenn
meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiß ich, daß es sich
bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie v e r d r ä n g e n wollen.
Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung
etwas enthält, wogegen ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung
erfahre ich, wogegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß
R. ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann
ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben
zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu seinem latenten Inhalt in
diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegensätzliche entstellt ist, so dient
die im Traume manifeste Zärtlichkeit dieser Entstellung oder, mit anderen
Worten, die E n t s t e l l u n g erweist sich hier als absichtlich, als ein Mittel
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der Ve r s t e l l u n g. Meine Traumgedanken enthalten eine Schmähung für
R.; damit ich diese nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein
zärtliches Empfinden für ihn.
Die psychische Zensur.
Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die Beispiele
in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche unverhüllte
Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung unkenntlich, verkleidet
ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden
sein, und infolge dieser Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders als
entstellt zum Ausdruck bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem
psychischen Binnenleben das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen.
Wo findet man im sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines
psychischen Aktes? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von
denen die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht
eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre
psychischen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie v e r s t e l l t sich.
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine solche
Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, bin ich zu solchen
Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Entstellung klagt auch
der Dichter:
»Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht
sagen.«
In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der den
Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie
unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unterdrücken,
nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, präventiv,
wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der
Schriftsteller hat die Z e n s u r zu fürchten, er ermäßigt und entstellt darum
den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und Empfindlichkeit
dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des
Angriffes einzuhalten oder in Anspielungen anstatt in direkten
Bezeichnungen zu reden oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter
einer harmlos erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von
Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen,
R.; damit ich diese nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein
zärtliches Empfinden für ihn.
Die psychische Zensur.
Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die Beispiele
in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche unverhüllte
Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung unkenntlich, verkleidet
ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden
sein, und infolge dieser Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders als
entstellt zum Ausdruck bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem
psychischen Binnenleben das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen.
Wo findet man im sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines
psychischen Aktes? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von
denen die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht
eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre
psychischen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie v e r s t e l l t sich.
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine solche
Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, bin ich zu solchen
Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Entstellung klagt auch
der Dichter:
»Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht
sagen.«
In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der den
Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie
unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unterdrücken,
nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, präventiv,
wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der
Schriftsteller hat die Z e n s u r zu fürchten, er ermäßigt und entstellt darum
den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und Empfindlichkeit
dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des
Angriffes einzuhalten oder in Anspielungen anstatt in direkten
Bezeichnungen zu reden oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter
einer harmlos erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von
Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen,
Page 142
während er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die
Zensur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft
die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung
leiten.
Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen den
Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt uns die
Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. Wir würden
also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte
(Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine
den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während
die andere eine Zensur an diesem Traumwunsche übt und durch diese
Zensur eine Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt sich nur, worin
die Machtbefugnis dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre
Zensur ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten
Traumgedanken vor der Analyse nicht bewußt sind, der von ihnen
ausgehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert wird, so liegt
die Annahme nicht fern, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die
Zulassung zum Bewußtsein. Aus dem ersten System könne nichts zum
Bewußtsein gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passiert habe,
und die zweite Instanz lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben
und die ihr genehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber
durchzusetzen. Wir verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom
»Wesen« des Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer
psychischer Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des
Gedacht- oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es
läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.
Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und ihrer
Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auffällige
Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. empfinde, der in der
Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig kongruente Analogie aus
dem politischen Leben der Menschen. Ich versetze mich in ein Staatsleben,
in welchem ein auf seine Macht eifersüchtiger Herrscher und eine rege
öffentliche Meinung miteinander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen
Zensur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft
die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung
leiten.
Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen den
Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt uns die
Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. Wir würden
also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte
(Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine
den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während
die andere eine Zensur an diesem Traumwunsche übt und durch diese
Zensur eine Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt sich nur, worin
die Machtbefugnis dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre
Zensur ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten
Traumgedanken vor der Analyse nicht bewußt sind, der von ihnen
ausgehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert wird, so liegt
die Annahme nicht fern, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die
Zulassung zum Bewußtsein. Aus dem ersten System könne nichts zum
Bewußtsein gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passiert habe,
und die zweite Instanz lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben
und die ihr genehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber
durchzusetzen. Wir verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom
»Wesen« des Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer
psychischer Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des
Gedacht- oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es
läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.
Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und ihrer
Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auffällige
Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. empfinde, der in der
Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig kongruente Analogie aus
dem politischen Leben der Menschen. Ich versetze mich in ein Staatsleben,
in welchem ein auf seine Macht eifersüchtiger Herrscher und eine rege
öffentliche Meinung miteinander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen
Page 143
ihm mißliebigen Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu
zeigen, daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der
Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung
verleihen, zu der sonst kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den
Zugang zum Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen
Erguß von übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des
ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade
nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten(48).
Träume von einem versagten Wunsch.
Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die
Traumdeutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres
seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern
kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem
Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume mit
peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. Wir
sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat,
wenn der peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit
Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen
können wir jetzt auch sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich
etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen
Wunsch der ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja
jeder Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf eine
Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgt, so können
wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle Rätsel bestehen,
welche von den Autoren am Traum bemerkt worden sind.
Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die Analyse
erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinlichen Inhaltes
heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume von
Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein Eindringen in
die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. Ich kann dieser
Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem Wege gehen.
zeigen, daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der
Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung
verleihen, zu der sonst kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den
Zugang zum Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen
Erguß von übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des
ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade
nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten(48).
Träume von einem versagten Wunsch.
Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die
Traumdeutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres
seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern
kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem
Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume mit
peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. Wir
sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat,
wenn der peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit
Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen
können wir jetzt auch sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich
etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen
Wunsch der ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja
jeder Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf eine
Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgt, so können
wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle Rätsel bestehen,
welche von den Autoren am Traum bemerkt worden sind.
Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die Analyse
erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinlichen Inhaltes
heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume von
Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein Eindringen in
die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. Ich kann dieser
Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem Wege gehen.
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Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung nehme,
werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum Thema unserer
Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psychologischen Aufklärungen
geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome gelangt
bin, und erfahre dabei eine unerbittliche Kritik, wie ich sie von den
Fachgenossen wohl nicht schärfer zu erwarten habe. Ganz regelmäßig
erhebt sich der Widerspruch meiner Patienten gegen den Satz, daß die
Träume sämtlich Wunscherfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem
Material an Träumen, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.
»Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,« beginnt eine
witzige Patientin. »Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, dessen Inhalt
ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch n i c h t erfüllt wird. Wie
vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der Traum lautet wie folgt:
Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als etwas
geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, erinnere mich
aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich will
nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das Telephon ist gestört. So
muß ich auf den Wunsch, ein Souper zu geben, verzichten.«
Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur die
Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für den ersten
Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und dem Gegenteil
einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. »Aus welchem Material ist aber dieser
Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die Anregung zu einem Traume
jedesmal in den Erlebnissen des letzten Tages liegt.«
A n a l y s e: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und wolle
darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, Bewegung
machen, strenge Diät halten und vor allem keine Einladungen zu Soupers
mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt sie lachend weiter, er habe am
Stammtisch die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der ihn durchaus
abkonterfeien wolle, weil er einen so ausdrucksvollen Kopf noch nicht
gefunden habe. Ihr Mann habe aber in seiner derben Manier erwidert, er
bedanke sich schön und er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines
schönen jungen Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht(49).
werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum Thema unserer
Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psychologischen Aufklärungen
geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome gelangt
bin, und erfahre dabei eine unerbittliche Kritik, wie ich sie von den
Fachgenossen wohl nicht schärfer zu erwarten habe. Ganz regelmäßig
erhebt sich der Widerspruch meiner Patienten gegen den Satz, daß die
Träume sämtlich Wunscherfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem
Material an Träumen, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.
»Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,« beginnt eine
witzige Patientin. »Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, dessen Inhalt
ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch n i c h t erfüllt wird. Wie
vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der Traum lautet wie folgt:
Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als etwas
geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, erinnere mich
aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich will
nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das Telephon ist gestört. So
muß ich auf den Wunsch, ein Souper zu geben, verzichten.«
Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur die
Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für den ersten
Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und dem Gegenteil
einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. »Aus welchem Material ist aber dieser
Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die Anregung zu einem Traume
jedesmal in den Erlebnissen des letzten Tages liegt.«
A n a l y s e: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und wolle
darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, Bewegung
machen, strenge Diät halten und vor allem keine Einladungen zu Soupers
mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt sie lachend weiter, er habe am
Stammtisch die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der ihn durchaus
abkonterfeien wolle, weil er einen so ausdrucksvollen Kopf noch nicht
gefunden habe. Ihr Mann habe aber in seiner derben Manier erwidert, er
bedanke sich schön und er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines
schönen jungen Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht(49).
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Sie sei jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. Sie
hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was soll das heißen?
Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie ihn
darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr keinen
Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann.
(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu
verbergen. Man denke an die Hypnotisierten B e r n h e i m s, die einen
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven befragt, nicht
etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, sondern eine
offenbar unzureichende Begründung erfinden müssen. So ähnlich wird es
wohl mit dem Kaviar meiner Patientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich
im Leben einen unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch
die Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen
unerfüllten Wunsch?)
Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie sie
eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie ferner, daß
sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, auf die sie eigentlich
eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau immer so lobt. Zum Glück ist
diese Freundin sehr dürr und mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller
Körperformen. Wovon sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von
ihrem Wunsche, etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: »Wann laden
Sie uns wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.«
Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen: »Es ist
gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht hätten: Dich werde
ich natürlich einladen, damit du dich bei mir anessen, dick werden und
meinem Manne noch besser gefallen kannst. Lieber geb’ ich kein Souper
mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben können,
erfüllt also Ihren Wunsch, zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin
nichts beizutragen. Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften
vorgesetzt bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen.« Es
hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was soll das heißen?
Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie ihn
darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr keinen
Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann.
(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu
verbergen. Man denke an die Hypnotisierten B e r n h e i m s, die einen
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven befragt, nicht
etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, sondern eine
offenbar unzureichende Begründung erfinden müssen. So ähnlich wird es
wohl mit dem Kaviar meiner Patientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich
im Leben einen unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch
die Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen
unerfüllten Wunsch?)
Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie sie
eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie ferner, daß
sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, auf die sie eigentlich
eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau immer so lobt. Zum Glück ist
diese Freundin sehr dürr und mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller
Körperformen. Wovon sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von
ihrem Wunsche, etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: »Wann laden
Sie uns wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.«
Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen: »Es ist
gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht hätten: Dich werde
ich natürlich einladen, damit du dich bei mir anessen, dick werden und
meinem Manne noch besser gefallen kannst. Lieber geb’ ich kein Souper
mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben können,
erfüllt also Ihren Wunsch, zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin
nichts beizutragen. Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften
vorgesetzt bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen.« Es
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fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die Lösung
bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt noch nicht
abgeleitet. »Wie kommen Sie zu dem im Traume erwähnten Lachs?«
»Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freundin,« antwortet sie.
Zufällig kenne ich die Dame auch und kann bestätigen, daß sie sich den
Lachs ebensowenig vergönnt wie meine Patientin den Kaviar.
Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung zu, die
durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. Die beiden
Deutungen widersprechen einander nicht, sondern überdecken einander und
ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhnliche Doppelsinnigkeit der
Träume wie aller anderen psychopathologischen Bildungen. Wir haben
gehört, daß die Patientin gleichzeitig mit ihrem Traume von der
Wunschverweigerung bemüht war, sich einen versagten Wunsch im Realen
zu verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch
geäußert, nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in
Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein Wunsch
– nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Erfüllung gehe. Anstatt
dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch nicht erfüllt wird. Der
Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traume nicht sich, sondern
die Freundin meint, wenn sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie
wir sagen können, sich mit ihr i d e n t i f i z i e r t hat.
Die hysterische Identifizierung.
Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen geschaffen.
Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das aufzuklären
bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung ist ein für den
Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wichtiges Moment; auf
diesem Wege bringen es die Kranken zu stande, die Erlebnisse einer großen
Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, in ihren Symptomen
auszudrücken, gleichsam für einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und
alle Rollen eines Schauspieles allein mit ihren persönlichen Mitteln
darzustellen. Man wird mir einwenden, das sei die bekannte hysterische
Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen
bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt noch nicht
abgeleitet. »Wie kommen Sie zu dem im Traume erwähnten Lachs?«
»Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freundin,« antwortet sie.
Zufällig kenne ich die Dame auch und kann bestätigen, daß sie sich den
Lachs ebensowenig vergönnt wie meine Patientin den Kaviar.
Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung zu, die
durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. Die beiden
Deutungen widersprechen einander nicht, sondern überdecken einander und
ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhnliche Doppelsinnigkeit der
Träume wie aller anderen psychopathologischen Bildungen. Wir haben
gehört, daß die Patientin gleichzeitig mit ihrem Traume von der
Wunschverweigerung bemüht war, sich einen versagten Wunsch im Realen
zu verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch
geäußert, nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in
Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein Wunsch
– nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Erfüllung gehe. Anstatt
dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch nicht erfüllt wird. Der
Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traume nicht sich, sondern
die Freundin meint, wenn sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie
wir sagen können, sich mit ihr i d e n t i f i z i e r t hat.
Die hysterische Identifizierung.
Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen geschaffen.
Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das aufzuklären
bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung ist ein für den
Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wichtiges Moment; auf
diesem Wege bringen es die Kranken zu stande, die Erlebnisse einer großen
Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, in ihren Symptomen
auszudrücken, gleichsam für einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und
alle Rollen eines Schauspieles allein mit ihren persönlichen Mitteln
darzustellen. Man wird mir einwenden, das sei die bekannte hysterische
Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen
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Eindruck machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion
gesteigertes Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist
der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein
Geringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie ein
Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit einer
bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf demselben
Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, wenn er eines
Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische Anfall Nachahmung
gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen haben ihn gesehen und
nachgemacht; das ist psychische Infektion. Ja, aber die psychische Infektion
geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr
voneinander als der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich
umeinander, wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute
ihren Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender,
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher Ursache
solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle bekommen,
denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein des Bewußtseins fähiger
Schluß, so würde er vielleicht in die A n g s t ausmünden, den gleichen
Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber auf einem anderen psychischen
Terrain, endet daher in der Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die
Identifizierung ist also nicht simple Imitation, sondern A n e i g n u n g auf
Grund des gleichen ätiologischen Anspruches; sie drückt ein »gleichwie«
aus und bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.
Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt zum
Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identifiziert sich in
ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht ausschließlich – mit
solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Verkehre gestanden hat, oder
welche mit den nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren. Die
Sprache trägt einer solchen Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei
Liebende sind »Eines«. In der hysterischen Phantasie wie im Traume
genügt es für die Identifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt,
ohne daß sie darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den
Regeln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen die
gesteigertes Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist
der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein
Geringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie ein
Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit einer
bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf demselben
Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, wenn er eines
Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische Anfall Nachahmung
gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen haben ihn gesehen und
nachgemacht; das ist psychische Infektion. Ja, aber die psychische Infektion
geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr
voneinander als der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich
umeinander, wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute
ihren Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender,
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher Ursache
solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle bekommen,
denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein des Bewußtseins fähiger
Schluß, so würde er vielleicht in die A n g s t ausmünden, den gleichen
Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber auf einem anderen psychischen
Terrain, endet daher in der Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die
Identifizierung ist also nicht simple Imitation, sondern A n e i g n u n g auf
Grund des gleichen ätiologischen Anspruches; sie drückt ein »gleichwie«
aus und bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.
Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt zum
Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identifiziert sich in
ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht ausschließlich – mit
solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Verkehre gestanden hat, oder
welche mit den nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren. Die
Sprache trägt einer solchen Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei
Liebende sind »Eines«. In der hysterischen Phantasie wie im Traume
genügt es für die Identifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt,
ohne daß sie darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den
Regeln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen die
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Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Ausdruck gibt,
indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch die Schaffung eines
Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identifiziert. Man möchte den
Vorgang noch sprachlich in folgender Weise erläutern: Sie setzt sich an die
Stelle der Freundin im Traum, weil diese sich bei ihrem Manne an ihre
Stelle setzt, weil sie deren Platz in der Wertschätzung ihres Mannes
einnehmen möchte(50).
In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß die
Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen bedeutet,
löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei einer anderen
Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. Ich hatte ihr an
einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei;
am nächsten Tag brachte sie mir einen Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter nach dem gemeinsamen Landaufenthalt fahre. Nun wußte
ich, daß sie sich heftig gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der
Schwiegermutter zu verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr
gefürchteten Gemeinschaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom
Sitze der Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich
ausgewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung
rückgängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der
Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die
Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu haben. Nach
diesem Traume hatte ich unrecht; e s w a r a l s o i h r W u n s c h , d a ß
ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der
T r a u m e r f ü l l t. Der Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, der sich an
dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in Wirklichkeit auf
einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte um die nämliche Zeit
aus dem Material, welches ihre Analyse ergab, geschlossen, daß in einer
gewissen Periode ihres Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames
vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in
ihrer Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr
Wunsch, daß ich unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit
ihrer Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet haben
möchten.
indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch die Schaffung eines
Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identifiziert. Man möchte den
Vorgang noch sprachlich in folgender Weise erläutern: Sie setzt sich an die
Stelle der Freundin im Traum, weil diese sich bei ihrem Manne an ihre
Stelle setzt, weil sie deren Platz in der Wertschätzung ihres Mannes
einnehmen möchte(50).
In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß die
Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen bedeutet,
löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei einer anderen
Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. Ich hatte ihr an
einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei;
am nächsten Tag brachte sie mir einen Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter nach dem gemeinsamen Landaufenthalt fahre. Nun wußte
ich, daß sie sich heftig gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der
Schwiegermutter zu verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr
gefürchteten Gemeinschaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom
Sitze der Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich
ausgewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung
rückgängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der
Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die
Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu haben. Nach
diesem Traume hatte ich unrecht; e s w a r a l s o i h r W u n s c h , d a ß
ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der
T r a u m e r f ü l l t. Der Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, der sich an
dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in Wirklichkeit auf
einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte um die nämliche Zeit
aus dem Material, welches ihre Analyse ergab, geschlossen, daß in einer
gewissen Periode ihres Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames
vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in
ihrer Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr
Wunsch, daß ich unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit
ihrer Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet haben
möchten.
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Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich mir, ein
kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der durch die acht
Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal in einem
kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, daß ein Traum
eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, d a ß e r a l l e
s e i n e P r o z e s s e v e r l o r e n h a b e – er war Advokat – und beklagte
sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: Man kann nicht alle
Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als
Primus in der ersten Bank gesessen, während er irgendwo in der Mitte der
Klasse den Platz gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der
Wunsch fern geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren
möge?
Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir gleichfalls
von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des Wunschtraumes
vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, begann: »Sie erinnern sich,
daß meine Schwester jetzt nur einen Buben hat, den Karl; den älteren, Otto,
hat sie verloren, als ich noch in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling,
ich habe ihn eigentlich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber
natürlich lange nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese
Nacht, d a ß i c h d e n K a r l t o t v o r m i r l i e g e n s e h e . E r
liegt in seinem kleinen Sarge, die Hände gefaltet,
Kerzen rings herum, kurz ganz so wie damals der
k l e i n e O t t o , d e s s e n T o d m i c h s o e r s c h ü t t e r t h a t . Nun
sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie kennen mich ja; bin ich eine so
schlechte Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des einzigen
Kindes wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich
lieber den Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt
habe?«
Auflösung peinlicher Träume.
Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. Nach
kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des Traumes sagen,
die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir dies, weil mir die ganze
Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.
kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der durch die acht
Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal in einem
kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, daß ein Traum
eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, d a ß e r a l l e
s e i n e P r o z e s s e v e r l o r e n h a b e – er war Advokat – und beklagte
sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: Man kann nicht alle
Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als
Primus in der ersten Bank gesessen, während er irgendwo in der Mitte der
Klasse den Platz gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der
Wunsch fern geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren
möge?
Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir gleichfalls
von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des Wunschtraumes
vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, begann: »Sie erinnern sich,
daß meine Schwester jetzt nur einen Buben hat, den Karl; den älteren, Otto,
hat sie verloren, als ich noch in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling,
ich habe ihn eigentlich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber
natürlich lange nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese
Nacht, d a ß i c h d e n K a r l t o t v o r m i r l i e g e n s e h e . E r
liegt in seinem kleinen Sarge, die Hände gefaltet,
Kerzen rings herum, kurz ganz so wie damals der
k l e i n e O t t o , d e s s e n T o d m i c h s o e r s c h ü t t e r t h a t . Nun
sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie kennen mich ja; bin ich eine so
schlechte Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des einzigen
Kindes wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich
lieber den Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt
habe?«
Auflösung peinlicher Träume.
Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. Nach
kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des Traumes sagen,
die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir dies, weil mir die ganze
Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.
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Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles älteren
Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freunden und
Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden Eindruck auf
ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese kaum ausgesprochenen
Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang
wurde durch die Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige
Aufklärung gefunden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer
Patientin geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach
dem Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen
gewendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu dem
Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm
auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber
zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann,
der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt
hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst
ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. Ich
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der Professor ginge in
ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder
einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume: an
dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert
stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und
fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des
kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: Gewiß, damals ist der
Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an
dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie
ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: »Wenn
jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich
hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen wie
damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen
Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich
weiß, daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr
Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute
stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.«
Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, eine
Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freunden und
Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden Eindruck auf
ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese kaum ausgesprochenen
Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang
wurde durch die Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige
Aufklärung gefunden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer
Patientin geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach
dem Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen
gewendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu dem
Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm
auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber
zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann,
der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt
hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst
ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. Ich
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der Professor ginge in
ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder
einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume: an
dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert
stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und
fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des
kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: Gewiß, damals ist der
Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an
dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie
ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: »Wenn
jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich
hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen wie
damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen
Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich
weiß, daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr
Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute
stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.«
Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, eine
Page 151
Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an Liebe nicht
denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in der realen Situation,
welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des ersten, von ihr stärker
geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung für den lange vermißten
Besucher nicht hatte unterdrücken können.
Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere Laune
hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch in ihren
Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam es im
Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre einzige,
15 jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte nicht übel
Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen die
Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das Detail der
Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes anzeigen
müsse(51). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft abends
vorher die Rede auf das englische Wort »box« gekommen war und auf die
mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen, als: Schachtel,
Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus anderen Bestandstücken desselben
Traumes ließ sich nun ergänzen, daß sie die Verwandtschaft des englischen
»box« mit dem deutschen »Büchse« erraten habe und dann von der
Erinnerung heimgesucht worden sei, daß »Büchse« auch als vulgäre
Bezeichnung des weiblichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger
Nachsicht für ihre Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man
also annehmen, daß das Kind in der »Schachtel« eine Frucht im Mutterleibe
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traumbild
wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war
sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich
mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe absterben
möge; ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne
schlug sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen.
Das tote Kind war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit
15 Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr erkennt.
Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.
Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die den Tod
lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen Träumen
denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in der realen Situation,
welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des ersten, von ihr stärker
geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung für den lange vermißten
Besucher nicht hatte unterdrücken können.
Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere Laune
hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch in ihren
Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam es im
Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre einzige,
15 jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte nicht übel
Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen die
Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das Detail der
Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes anzeigen
müsse(51). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft abends
vorher die Rede auf das englische Wort »box« gekommen war und auf die
mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen, als: Schachtel,
Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus anderen Bestandstücken desselben
Traumes ließ sich nun ergänzen, daß sie die Verwandtschaft des englischen
»box« mit dem deutschen »Büchse« erraten habe und dann von der
Erinnerung heimgesucht worden sei, daß »Büchse« auch als vulgäre
Bezeichnung des weiblichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger
Nachsicht für ihre Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man
also annehmen, daß das Kind in der »Schachtel« eine Frucht im Mutterleibe
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traumbild
wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war
sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich
mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe absterben
möge; ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne
schlug sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen.
Das tote Kind war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit
15 Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr erkennt.
Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.
Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die den Tod
lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen Träumen
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nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen Beispielen
zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle diese Träume als
Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem Patienten, sondern
einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft verdanke ich
folgenden Traum, der mir wiederum in der Absicht erzählt wurde, mich von
voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraume
zurückzuhalten. »I c h t r ä u m e,« berichtet mein Gewährsmann, »d a ß
ich, eine Dame am Arm, vor mein Haus komme.
D o r t w a r t e t e i n g e s c h l o s s e n e r Wa g e n , e i n H e r r
tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizeiagent
und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu
o r d n e n . – Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist,
verhaftet zu werden?« – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie
vielleicht, unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? – »Ja, ich
glaube wegen Kindesmordes.« – Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? – »Das
ist richtig.«(52) – Und unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was
ist am Abend vorher vorgegangen? – »Das möchte ich Ihnen nicht gern
erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.« – Ich brauche es aber, sonst
müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. – »Also hören Sie. Ich
habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer Dame zugebracht, die mir
sehr viel bedeutet. Als wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas
zwischen uns vor. Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie
wissen.« – Es ist eine verheiratete Frau? – »Ja.« – Und Sie wollen kein
Kind mit ihr erzeugen? – »Nein, nein, das könnte uns verraten.« – Sie üben
also nicht normalen Koitus? – »Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor der
Ejakulation zurückzuziehen.« – Darf ich annehmen, Sie hätten das
Kunststück in dieser Nacht mehreremal ausgeführt, und seien nach der
Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob es Ihnen
gelungen ist? – »Das könnte wohl sein.« – Dann ist Ihr Traum eine
Wunscherfüllung. Sie erhalten durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind
erzeugt haben, oder was nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind
umgebracht. Die Mittelglieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern
Sie sich, vor einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die
Inkonsequenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine
Befruchtung zu stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal Ei und
zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle diese Träume als
Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem Patienten, sondern
einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft verdanke ich
folgenden Traum, der mir wiederum in der Absicht erzählt wurde, mich von
voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraume
zurückzuhalten. »I c h t r ä u m e,« berichtet mein Gewährsmann, »d a ß
ich, eine Dame am Arm, vor mein Haus komme.
D o r t w a r t e t e i n g e s c h l o s s e n e r Wa g e n , e i n H e r r
tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizeiagent
und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu
o r d n e n . – Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist,
verhaftet zu werden?« – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie
vielleicht, unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? – »Ja, ich
glaube wegen Kindesmordes.« – Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? – »Das
ist richtig.«(52) – Und unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was
ist am Abend vorher vorgegangen? – »Das möchte ich Ihnen nicht gern
erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.« – Ich brauche es aber, sonst
müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. – »Also hören Sie. Ich
habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer Dame zugebracht, die mir
sehr viel bedeutet. Als wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas
zwischen uns vor. Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie
wissen.« – Es ist eine verheiratete Frau? – »Ja.« – Und Sie wollen kein
Kind mit ihr erzeugen? – »Nein, nein, das könnte uns verraten.« – Sie üben
also nicht normalen Koitus? – »Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor der
Ejakulation zurückzuziehen.« – Darf ich annehmen, Sie hätten das
Kunststück in dieser Nacht mehreremal ausgeführt, und seien nach der
Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob es Ihnen
gelungen ist? – »Das könnte wohl sein.« – Dann ist Ihr Traum eine
Wunscherfüllung. Sie erhalten durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind
erzeugt haben, oder was nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind
umgebracht. Die Mittelglieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern
Sie sich, vor einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die
Inkonsequenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine
Befruchtung zu stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal Ei und
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Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als Verbrechen bestraft
wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen
Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich die Seele in den Fötus
hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie
kennen gewiß auch das schaurige Gedicht von L e n a u, welches
Kindermord und Kinderverhütung gleichstellt. – »An L e n a u habe ich
merkwürdigerweise heute vormittag wie zufällig gedacht.« – Auch ein
Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich Ihnen noch eine kleine
Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traume nachweisen. Sie kommen mit der
Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie f ü h r e n Sie also h e i m, anstatt daß Sie in
Wirklichkeit die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die
Wunscherfüllung, die den Kern des Traumes bildet, sich in so
unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus
meinem Aufsatze über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie
erfahren, daß ich den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente
für die Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art eine
unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung bedienen
Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. Übrigens ist auch
die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem
spezifisch weiblichen Verbrechen? – »Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor
Jahren einmal in eine solche Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld
daran, daß ein Mädchen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen
eines Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der
Ausführung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in
begreiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.« – Ich verstehe, diese
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, Sie
hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.
Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum erzählen
hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er beeilte sich ihn
nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes Thema anzuwenden.
Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis übergeben, welches
vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur wenig zu bekennen hatte. Er
träumte nun, ein Bekannter komme aus der Sitzung der Steuerkommission
zu ihm und teile ihm mit, daß alle anderen Steuerbekenntnisse
unbeanständet geblieben seien, das seinige aber habe allgemeines
wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen
Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich die Seele in den Fötus
hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie
kennen gewiß auch das schaurige Gedicht von L e n a u, welches
Kindermord und Kinderverhütung gleichstellt. – »An L e n a u habe ich
merkwürdigerweise heute vormittag wie zufällig gedacht.« – Auch ein
Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich Ihnen noch eine kleine
Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traume nachweisen. Sie kommen mit der
Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie f ü h r e n Sie also h e i m, anstatt daß Sie in
Wirklichkeit die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die
Wunscherfüllung, die den Kern des Traumes bildet, sich in so
unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus
meinem Aufsatze über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie
erfahren, daß ich den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente
für die Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art eine
unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung bedienen
Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. Übrigens ist auch
die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem
spezifisch weiblichen Verbrechen? – »Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor
Jahren einmal in eine solche Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld
daran, daß ein Mädchen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen
eines Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der
Ausführung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in
begreiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.« – Ich verstehe, diese
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, Sie
hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.
Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum erzählen
hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er beeilte sich ihn
nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes Thema anzuwenden.
Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis übergeben, welches
vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur wenig zu bekennen hatte. Er
träumte nun, ein Bekannter komme aus der Sitzung der Steuerkommission
zu ihm und teile ihm mit, daß alle anderen Steuerbekenntnisse
unbeanständet geblieben seien, das seinige aber habe allgemeines
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Mißtrauen erweckt und werde ihm eine empfindliche Steuerstrafe eintragen.
Der Traum ist eine lässig verhüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von
großem Einkommen zu gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte
Geschichte von jenem jungen Mädchen, welchem abgeraten wird, ihrem
Freier zuzusagen, weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe
sicherlich mit Schlägen traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet
dann: Schlüg’ er mich erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft,
daß sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe
verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche
erhebt.
Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, die
meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das Versagen
eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Ungewünschtem
zum Inhalt haben, als »G e g e n w u n s c h t r ä u m e« zusammen, so sehe
ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen lassen, von
denen das eine noch nicht erwähnt worden ist, obwohl es im Leben wie im
Träumen der Menschen eine große Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser
Träume ist der Wunsch, daß ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen
sich regelmäßig im Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im
Widerstand gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kranken
die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorgetragen
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser ebenso
ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen Wunsch versagen,
um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben möge, zu erfüllen. Der
letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt wiederum das
nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung meiner
Behandlung mühsam erkämpft hat gegen den Willen ihrer Angehörigen und
der zu Rate gezogenen Autoritäten, träumt: Z u H a u s e v e r b i e t e
man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie beruft sich
d a n n b e i m i r a u f e i n i h r g e g e b e n e s Ve r s p r e c h e n ,
sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, und
ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine
Rücksicht üben.
Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nachzuweisen,
aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen Rätsel noch ein
Der Traum ist eine lässig verhüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von
großem Einkommen zu gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte
Geschichte von jenem jungen Mädchen, welchem abgeraten wird, ihrem
Freier zuzusagen, weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe
sicherlich mit Schlägen traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet
dann: Schlüg’ er mich erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft,
daß sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe
verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche
erhebt.
Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, die
meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das Versagen
eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Ungewünschtem
zum Inhalt haben, als »G e g e n w u n s c h t r ä u m e« zusammen, so sehe
ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen lassen, von
denen das eine noch nicht erwähnt worden ist, obwohl es im Leben wie im
Träumen der Menschen eine große Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser
Träume ist der Wunsch, daß ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen
sich regelmäßig im Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im
Widerstand gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kranken
die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorgetragen
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser ebenso
ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen Wunsch versagen,
um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben möge, zu erfüllen. Der
letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt wiederum das
nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung meiner
Behandlung mühsam erkämpft hat gegen den Willen ihrer Angehörigen und
der zu Rate gezogenen Autoritäten, träumt: Z u H a u s e v e r b i e t e
man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie beruft sich
d a n n b e i m i r a u f e i n i h r g e g e b e n e s Ve r s p r e c h e n ,
sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, und
ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine
Rücksicht üben.
Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nachzuweisen,
aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen Rätsel noch ein
Page 155
anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. Woher stammen die
Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr natürlich nie etwas
Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder und gerade jener, der den größten
Einfluß auf sie hat, war so liebenswürdig, über mich diesen Ausspruch zu
tun. Der Traum will also erreichen, daß der Bruder recht behalte, und
diesem Bruder Recht verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der
Inhalt ihres Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher
der Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (A u g . S t ä r c k e) geträumt
und gedeutet worden:
»I c h habe und sehe an meinem linken
Zeigefinger einen syphilitischen Primäraffekt an
d e r l e t z t e n P h a l a n g e .«
Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch die
Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten Inhalt
klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe einer Analyse nicht
scheut, erfährt man, daß »Primäraffekt« gleichzusetzen ist einer »prima
affectio« (erste Liebe), und daß das widerliche Geschwür nach den Worten
S t ä r c k e s »sich als Vertreter von mit großem Affekt belegten
Wunscherfüllungen« erweist.
Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß man
leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch längere Zeit
geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Menschen gibt es eine
masochistische Komponente, die durch die Verkehrung ins Gegenteil der
aggressiven, sadistischen entstanden ist. Man heißt solche Menschen
»ideelle« Masochisten, wenn sie die Lust nicht in dem ihnen zugefügten
körperlichen Schmerz, sondern in der Demütigung und seelischen
Peinigung suchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Personen
Gegenwunsch- und Unlustträume haben können, die für sie doch nichts
anderes als Wunscherfüllungen sind, Befriedigung ihrer masochistischen
Neigungen. Ich setze einen solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in
früheren Jahren seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war,
sehr gequält hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus
drei Stücken bestehenden Traum. I. W i e i h n s e i n ä l t e r e r
B r u d e r » s e k i e r t « . II. W i e z w e i E r w a c h s e n e i n
h o m o s e x u e l l e r A b s i c h t m i t e i n a n d e r s c h ö n t u n . III.
Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr natürlich nie etwas
Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder und gerade jener, der den größten
Einfluß auf sie hat, war so liebenswürdig, über mich diesen Ausspruch zu
tun. Der Traum will also erreichen, daß der Bruder recht behalte, und
diesem Bruder Recht verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der
Inhalt ihres Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher
der Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (A u g . S t ä r c k e) geträumt
und gedeutet worden:
»I c h habe und sehe an meinem linken
Zeigefinger einen syphilitischen Primäraffekt an
d e r l e t z t e n P h a l a n g e .«
Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch die
Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten Inhalt
klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe einer Analyse nicht
scheut, erfährt man, daß »Primäraffekt« gleichzusetzen ist einer »prima
affectio« (erste Liebe), und daß das widerliche Geschwür nach den Worten
S t ä r c k e s »sich als Vertreter von mit großem Affekt belegten
Wunscherfüllungen« erweist.
Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß man
leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch längere Zeit
geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Menschen gibt es eine
masochistische Komponente, die durch die Verkehrung ins Gegenteil der
aggressiven, sadistischen entstanden ist. Man heißt solche Menschen
»ideelle« Masochisten, wenn sie die Lust nicht in dem ihnen zugefügten
körperlichen Schmerz, sondern in der Demütigung und seelischen
Peinigung suchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Personen
Gegenwunsch- und Unlustträume haben können, die für sie doch nichts
anderes als Wunscherfüllungen sind, Befriedigung ihrer masochistischen
Neigungen. Ich setze einen solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in
früheren Jahren seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war,
sehr gequält hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus
drei Stücken bestehenden Traum. I. W i e i h n s e i n ä l t e r e r
B r u d e r » s e k i e r t « . II. W i e z w e i E r w a c h s e n e i n
h o m o s e x u e l l e r A b s i c h t m i t e i n a n d e r s c h ö n t u n . III.
Page 156
Der Bruder hat das Unternehmen verkauft, dessen
Leitung er sich für seine Zukunft vorbehalten hat.
Aus letzterem Traume erwacht er mit den peinlichsten Gefühlen, und doch
ist es ein masochistischer Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte:
es geschähe mir ganz recht, wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur
Strafe für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.
Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches.
Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden genügen,
um es – bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig erscheinen zu lassen, daß
auch die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufzulösen
sind. Es wird auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken,
daß man bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von
denen man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das
peinliche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach
identisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung
solcher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte, und welcher von
jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt sehen, es
doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wiederkehrende
Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es gibt
bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht mitteilen möchte, und
Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. Anderseits finden wir
uns berechtigt, den Unlustcharakter all dieser Träume mit der Tatsache der
Traumentstellung in Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese
Träume seien gerade darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen
bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine
Verdrängungsabsicht gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus
ihm geschöpften Wunsch besteht. Die Traumentstellung erweist sich also
tatsächlich als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume
zu Tage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel,
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art verändern:
Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines
( u n t e r d r ü c k t e n , v e r d r ä n g t e n ) W u n s c h e s (54).
Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der Träume
mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume bei dem
Leitung er sich für seine Zukunft vorbehalten hat.
Aus letzterem Traume erwacht er mit den peinlichsten Gefühlen, und doch
ist es ein masochistischer Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte:
es geschähe mir ganz recht, wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur
Strafe für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.
Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches.
Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden genügen,
um es – bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig erscheinen zu lassen, daß
auch die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufzulösen
sind. Es wird auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken,
daß man bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von
denen man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das
peinliche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach
identisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung
solcher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte, und welcher von
jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt sehen, es
doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wiederkehrende
Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es gibt
bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht mitteilen möchte, und
Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. Anderseits finden wir
uns berechtigt, den Unlustcharakter all dieser Träume mit der Tatsache der
Traumentstellung in Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese
Träume seien gerade darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen
bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine
Verdrängungsabsicht gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus
ihm geschöpften Wunsch besteht. Die Traumentstellung erweist sich also
tatsächlich als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume
zu Tage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel,
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art verändern:
Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines
( u n t e r d r ü c k t e n , v e r d r ä n g t e n ) W u n s c h e s (54).
Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der Träume
mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume bei dem
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Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. Doch kann
ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht eine neue Seite des
Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen würde, sondern es handelt sich
bei ihnen um das Verständnis der neurotischen Angst überhaupt. Die Angst,
die wir im Traume empfinden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des
Traumes erklärt. Wenn wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen,
merken wir, daß die Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser
gerechtfertigt wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung,
an welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus dem
Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster einer
gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, warum bei
der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den Kranken weit über
ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung erweist sich dann als
gültig für die Phobie wie für den Angsttraum. Die Angst ist beidemal an die
sie begleitende Vorstellung nur a n g e l ö t e t und stammt aus anderer
Quelle.
Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die letztere
verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die »Angstneurose« (Neurolog.
Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, daß die neurotische Angst
aus dem Sexualleben stammt und einer von ihrer Bestimmung abgelenkten,
nicht zur Verwendung gelangten Libido entspricht. Diese Formel hat sich
seither immer mehr als stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz
ableiten, daß die Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren
zugehörige Libido eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich
späterhin die Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse
einiger Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei
weiteren Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals
auf die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.
ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht eine neue Seite des
Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen würde, sondern es handelt sich
bei ihnen um das Verständnis der neurotischen Angst überhaupt. Die Angst,
die wir im Traume empfinden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des
Traumes erklärt. Wenn wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen,
merken wir, daß die Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser
gerechtfertigt wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung,
an welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus dem
Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster einer
gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, warum bei
der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den Kranken weit über
ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung erweist sich dann als
gültig für die Phobie wie für den Angsttraum. Die Angst ist beidemal an die
sie begleitende Vorstellung nur a n g e l ö t e t und stammt aus anderer
Quelle.
Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die letztere
verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die »Angstneurose« (Neurolog.
Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, daß die neurotische Angst
aus dem Sexualleben stammt und einer von ihrer Bestimmung abgelenkten,
nicht zur Verwendung gelangten Libido entspricht. Diese Formel hat sich
seither immer mehr als stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz
ableiten, daß die Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren
zugehörige Libido eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich
späterhin die Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse
einiger Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei
weiteren Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals
auf die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.
Page 158
V.
Das Traummaterial und die Traumquellen.
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion ersehen
hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns zunächst das
Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen Charakter des Traumes
aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig jede andere wissenschaftliche
Neugierde zum Schweigen, die sich in uns während jener Deutungsarbeit
geregt haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele
gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für
unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir
darüber auch das noch keineswegs voll erledigte Thema der
Wunscherfüllung für eine Weile aus den Augen verlieren.
Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traumdeutung
einen l a t e n t e n Trauminhalt aufdecken können, der an Bedeutsamkeit den
m a n i f e s t e n Trauminhalt weit hinter sich läßt, muß es uns drängen, die
einzelnen Traumprobleme von neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob
sich für uns nicht Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange
man nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.
Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes mit
dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials sind im
einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir erinnern uns auch
jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächtnisses, die so vielfach
bemerkt, aber nicht erklärt worden sind:
1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich bevorzugt
(R o b e r t, S t r ü m p e l l, H i l d e b r a n d t, auch W e e d - H a l l a m);
Das Traummaterial und die Traumquellen.
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion ersehen
hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns zunächst das
Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen Charakter des Traumes
aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig jede andere wissenschaftliche
Neugierde zum Schweigen, die sich in uns während jener Deutungsarbeit
geregt haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele
gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für
unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir
darüber auch das noch keineswegs voll erledigte Thema der
Wunscherfüllung für eine Weile aus den Augen verlieren.
Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traumdeutung
einen l a t e n t e n Trauminhalt aufdecken können, der an Bedeutsamkeit den
m a n i f e s t e n Trauminhalt weit hinter sich läßt, muß es uns drängen, die
einzelnen Traumprobleme von neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob
sich für uns nicht Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange
man nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.
Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes mit
dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials sind im
einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir erinnern uns auch
jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächtnisses, die so vielfach
bemerkt, aber nicht erklärt worden sind:
1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich bevorzugt
(R o b e r t, S t r ü m p e l l, H i l d e b r a n d t, auch W e e d - H a l l a m);
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2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert.
3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheitseindrücke
besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervorholt, die uns
wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für längst vergessen
gehalten worden sind(55).
Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind von den
Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet worden.
a) D a s R e z e n t e u n d d a s I n d i f f e r e n t e i m T r a u m e.
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt auftretenden
Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß ich zunächst die
Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine Anknüpfung an die
Erlebnisse des l e t z t a b g e l a u f e n e n T a g e s aufzufinden ist. Welchen
Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder fremden, jedesmal
bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis dieser Tatsache kann ich
etwa die Traumdeutung damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnisse
des Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies
sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im vorigen
Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von
meinem Onkel mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so
augenfällig, daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu
zeigen, wie regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein
Stück meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle
bedarf.
1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen auf
mich w a r t e n.
Q u e l l e: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
Anschaffung, die sie verlangt, w a r t e n müsse, bis usw.
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert.
3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheitseindrücke
besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervorholt, die uns
wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für längst vergessen
gehalten worden sind(55).
Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind von den
Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet worden.
a) D a s R e z e n t e u n d d a s I n d i f f e r e n t e i m T r a u m e.
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt auftretenden
Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß ich zunächst die
Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine Anknüpfung an die
Erlebnisse des l e t z t a b g e l a u f e n e n T a g e s aufzufinden ist. Welchen
Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder fremden, jedesmal
bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis dieser Tatsache kann ich
etwa die Traumdeutung damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnisse
des Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies
sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im vorigen
Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von
meinem Onkel mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so
augenfällig, daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu
zeigen, wie regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein
Stück meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle
bedarf.
1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen auf
mich w a r t e n.
Q u e l l e: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
Anschaffung, die sie verlangt, w a r t e n müsse, bis usw.
Page 160
2. Ich habe eine M o n o g r a p h i e über eine gewisse (unklar)
Pflanzenart geschrieben.
Q u e l l e: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung eine
M o n o g r a p h i e gesehen über die Gattung Zyklamen.
3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, M u t t e r u n d T o c h t e r, von
denen die letztere meine Patientin war.
Q u e l l e: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre M u t t e r einer Fortsetzung der
Behandlung entgegenstellt.
4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonnement auf
eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet.
Q u e l l e: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß ich ihr
20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin.
5. Ich erhalte eine Z u s c h r i f t vom sozialdemokratischen Komitee, in
der ich als Mitglied behandelt werde.
Q u e l l e: Z u s c h r i f t e n erhalten gleichzeitig vom liberalen
Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
Mitglied ich wirklich bin.
6. Ein Mann auf einem s t e i l e n F e l s e n m i t t e n i m M e e r e in
B ö c k l i n scher Manier.
Q u e l l e: D r e y f u s auf der T e u f e l s i n s e l, gleichzeitig
Nachrichten von meinen Verwandten in E n g l a n d usw.
Die Frage der Periodizität in Träumen.
Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung unfehlbar an
die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich auf Eindrücke
eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit erstrecken kann.
Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht
beanspruchen, doch möchte ich mich für das ausschließliche Vorrecht des
letzten Tages vor dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu
finden vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des
Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung
Pflanzenart geschrieben.
Q u e l l e: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung eine
M o n o g r a p h i e gesehen über die Gattung Zyklamen.
3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, M u t t e r u n d T o c h t e r, von
denen die letztere meine Patientin war.
Q u e l l e: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre M u t t e r einer Fortsetzung der
Behandlung entgegenstellt.
4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonnement auf
eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet.
Q u e l l e: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß ich ihr
20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin.
5. Ich erhalte eine Z u s c h r i f t vom sozialdemokratischen Komitee, in
der ich als Mitglied behandelt werde.
Q u e l l e: Z u s c h r i f t e n erhalten gleichzeitig vom liberalen
Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
Mitglied ich wirklich bin.
6. Ein Mann auf einem s t e i l e n F e l s e n m i t t e n i m M e e r e in
B ö c k l i n scher Manier.
Q u e l l e: D r e y f u s auf der T e u f e l s i n s e l, gleichzeitig
Nachrichten von meinen Verwandten in E n g l a n d usw.
Die Frage der Periodizität in Träumen.
Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung unfehlbar an
die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich auf Eindrücke
eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit erstrecken kann.
Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht
beanspruchen, doch möchte ich mich für das ausschließliche Vorrecht des
letzten Tages vor dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu
finden vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des
Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung
Page 161
überzeugen, daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war,
daß also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außerdem
den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den älteren
Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich nicht davon
überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck und dessen
Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von biologischer
Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. S w o b o d a 18 Stunden)
eingeschoben ist(56). Auch H. E l l i s, der dieser Frage Aufmerksamkeit
geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität der Reproduktion in
seinen Träumen »trotz des Achtens darauf« nicht finden konnte. Er erzählt
einen Traum, in welchem er sich in Spanien befand und nach einem Ort:
D a r a u s, Va r a u s oder Z a r a u s fahren wollte. Erwacht, konnte er sich
an einen solchen Ortsnamen nicht erinnern und legte den Traum bei Seite.
Einige Monate später fand er tatsächlich den Namen Z a r a u s als den einer
Station zwischen S a n S e b a s t i a n und B i l b o a, welche er 250 Tage
vor dem Traume mit dem Zuge passiert hatte (p. 227).
Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus jenen
Erlebnissen, über die »man noch keine Nacht geschlafen hat«.
Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des Tages vor
der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung zum
Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden Zeiten. Der
Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens wählen, wofern nur
von den Erlebnissen des Traumtages (den »rezenten« Eindrücken) zu diesen
früheren ein Gedankenfaden reicht.
Der Traum von der botanischen Monographie.
Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir werden zu
Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen der erwähnten
Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich wähle den Traum von der
Monographie.
T r a u m i n h a l t: I c h h a b e e i n e M o n o g r a p h i e ü b e r
eine gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt
vor mir, ich blättere eben eine eingeschlagene
farbige Ta f e l um. Jedem Exemplar ist ein
daß also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außerdem
den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den älteren
Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich nicht davon
überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck und dessen
Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von biologischer
Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. S w o b o d a 18 Stunden)
eingeschoben ist(56). Auch H. E l l i s, der dieser Frage Aufmerksamkeit
geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität der Reproduktion in
seinen Träumen »trotz des Achtens darauf« nicht finden konnte. Er erzählt
einen Traum, in welchem er sich in Spanien befand und nach einem Ort:
D a r a u s, Va r a u s oder Z a r a u s fahren wollte. Erwacht, konnte er sich
an einen solchen Ortsnamen nicht erinnern und legte den Traum bei Seite.
Einige Monate später fand er tatsächlich den Namen Z a r a u s als den einer
Station zwischen S a n S e b a s t i a n und B i l b o a, welche er 250 Tage
vor dem Traume mit dem Zuge passiert hatte (p. 227).
Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus jenen
Erlebnissen, über die »man noch keine Nacht geschlafen hat«.
Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des Tages vor
der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung zum
Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden Zeiten. Der
Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens wählen, wofern nur
von den Erlebnissen des Traumtages (den »rezenten« Eindrücken) zu diesen
früheren ein Gedankenfaden reicht.
Der Traum von der botanischen Monographie.
Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir werden zu
Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen der erwähnten
Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich wähle den Traum von der
Monographie.
T r a u m i n h a l t: I c h h a b e e i n e M o n o g r a p h i e ü b e r
eine gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt
vor mir, ich blättere eben eine eingeschlagene
farbige Ta f e l um. Jedem Exemplar ist ein
Page 162
getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden,
ähnlich wie aus einem Herbarium.
A n a l y s e: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer
Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
Zyklamen ist die L i e b l i n g s b l u m e meiner Frau. Ich mache mir
Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, i h r Blumen
m i t z u b r i n g e n, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: B l u m e n
m i t b r i n g e n erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst im
Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung verwendet
habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer Absicht des
Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die geheime Gesinnung
des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, welche daran gewöhnt war, zu
ihrem Geburtstage einen Strauß von ihrem Manne vorzufinden, vermißt
dieses Zeichen der Zärtlichkeit an einem solchen Festtag und bricht darüber
in Tränen aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu
erklären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor
die Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran vergessen, und
will fort, ihr B l u m e n zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie
sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in
seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. – Diese
Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie
sich wohl fühlt, und sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in
meiner Behandlung.
Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
geschrieben wie eine M o n o g r a p h i e über eine Pflanze, nämlich einen
Aufsatz über die K o k a p f l a n z e, welcher die Aufmerksamkeit von K.
K o l l e r auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt hat. Ich
hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation selbst
angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter zu verfolgen.
Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu
dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art von
Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom bekommen sollte,
würde ich nach Berlin reisen und mich dort bei meinem Berliner Freunde
von einem Arzte, den er mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der
Operateur, der nicht wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal
ähnlich wie aus einem Herbarium.
A n a l y s e: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer
Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
Zyklamen ist die L i e b l i n g s b l u m e meiner Frau. Ich mache mir
Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, i h r Blumen
m i t z u b r i n g e n, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: B l u m e n
m i t b r i n g e n erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst im
Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung verwendet
habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer Absicht des
Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die geheime Gesinnung
des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, welche daran gewöhnt war, zu
ihrem Geburtstage einen Strauß von ihrem Manne vorzufinden, vermißt
dieses Zeichen der Zärtlichkeit an einem solchen Festtag und bricht darüber
in Tränen aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu
erklären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor
die Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran vergessen, und
will fort, ihr B l u m e n zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie
sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in
seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. – Diese
Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie
sich wohl fühlt, und sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in
meiner Behandlung.
Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
geschrieben wie eine M o n o g r a p h i e über eine Pflanze, nämlich einen
Aufsatz über die K o k a p f l a n z e, welcher die Aufmerksamkeit von K.
K o l l e r auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt hat. Ich
hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation selbst
angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter zu verfolgen.
Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu
dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art von
Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom bekommen sollte,
würde ich nach Berlin reisen und mich dort bei meinem Berliner Freunde
von einem Arzte, den er mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der
Operateur, der nicht wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal
Page 163
rühmen, wie leicht sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains
gestaltet haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser
Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen sich
Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche Leistungen
von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu nehmen. Den
Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich wie ein anderer
entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen,
merke ich erst, daß sich die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis hinter
ihm verbirgt. Kurz nach der Entdeckung K o l l e r s war nämlich mein Vater
an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr.
K ö n i g s t e i n, operiert, Dr. K o l l e r besorgte die Kokainanästhesie und
machte dann die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei
Personen vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt
haben.
Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Erscheinen
dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Laboratoriumsvorstandes
gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des Laboratoriums fand ich auch
angeführt, daß dort die Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des
Kokains durch K. K o l l e r vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß
mein Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich
hatte gerade Doktor K ö n i g s t e i n nach Hause begleitet, mit dem ich in
ein Gespräch über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal,
wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit
ihm aufhielt, kam Professor G ä r t n e r mit seiner jungen Frau hinzu. Ich
konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglückwünschen, wie
b l ü h e n d sie aussehen. Nun ist Professor G ä r t n e r einer der Verfasser
der Festschrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese
erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst
erzählte, war im Gespräche mit Dr. K ö n i g s t e i n, in anderem
Zusammenhange allerdings, erwähnt worden.
Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Trauminhaltes
zu deuten. Ein g e t r o c k n e t e s S p e z i m e n der Pflanze liegt der
Monographie bei, als ob es ein H e r b a r i u m wäre. Ans Herbarium knüpft
sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasialdirektor rief einmal die
gestaltet haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser
Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen sich
Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche Leistungen
von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu nehmen. Den
Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich wie ein anderer
entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen,
merke ich erst, daß sich die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis hinter
ihm verbirgt. Kurz nach der Entdeckung K o l l e r s war nämlich mein Vater
an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr.
K ö n i g s t e i n, operiert, Dr. K o l l e r besorgte die Kokainanästhesie und
machte dann die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei
Personen vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt
haben.
Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Erscheinen
dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Laboratoriumsvorstandes
gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des Laboratoriums fand ich auch
angeführt, daß dort die Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des
Kokains durch K. K o l l e r vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß
mein Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich
hatte gerade Doktor K ö n i g s t e i n nach Hause begleitet, mit dem ich in
ein Gespräch über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal,
wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit
ihm aufhielt, kam Professor G ä r t n e r mit seiner jungen Frau hinzu. Ich
konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglückwünschen, wie
b l ü h e n d sie aussehen. Nun ist Professor G ä r t n e r einer der Verfasser
der Festschrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese
erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst
erzählte, war im Gespräche mit Dr. K ö n i g s t e i n, in anderem
Zusammenhange allerdings, erwähnt worden.
Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Trauminhaltes
zu deuten. Ein g e t r o c k n e t e s S p e z i m e n der Pflanze liegt der
Monographie bei, als ob es ein H e r b a r i u m wäre. Ans Herbarium knüpft
sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasialdirektor rief einmal die
Page 164
Schüler der höheren Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der
Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich
kleine W ü r m e r eingefunden – B ü c h e r w u r m. Zu meiner Hilfeleistung
scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige
Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte
niemals ein besonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner
botanischen Vorprüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur
Bestimmung und – erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn
nicht meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich m e i n e
L i e b l i n g s b l u m e heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.
Ich sehe die Monographie v o r m i r l i e g e n, die ich geschrieben
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb mir
gestern aus Berlin: »Mit deinem Traumbuche beschäftige ich mich sehr
viel. I c h s e h e e s f e r t i g v o r m i r l i e g e n u n d b l ä t t e r e
d a r i n .« Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch
auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!
D i e z u s a m m e n g e l e g t e f a r b i g e T a f e l: Als ich Student der
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus M o n o g r a p h i e n
lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten Mittel,
mehrere medizinische Archive, deren f a r b i g e T a f e l n mein Entzücken
waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit. Als ich dann
selbst zu publizieren begann, mußte ich auch die Tafeln für meine
Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich
ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu
kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung.
Mein Vater machte sich einmal den Scherz, mir und meiner ältesten
Schwester ein Buch mit f a r b i g e n T a f e l n (Beschreibung einer Reise in
Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war erziehlich kaum zu
rechtfertigen. Ich war damals fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren
alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (w i e
e i n e A r t i s c h o c k e, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das
einzige, was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben
ist. Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine
Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich
kleine W ü r m e r eingefunden – B ü c h e r w u r m. Zu meiner Hilfeleistung
scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige
Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte
niemals ein besonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner
botanischen Vorprüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur
Bestimmung und – erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn
nicht meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich m e i n e
L i e b l i n g s b l u m e heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.
Ich sehe die Monographie v o r m i r l i e g e n, die ich geschrieben
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb mir
gestern aus Berlin: »Mit deinem Traumbuche beschäftige ich mich sehr
viel. I c h s e h e e s f e r t i g v o r m i r l i e g e n u n d b l ä t t e r e
d a r i n .« Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch
auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!
D i e z u s a m m e n g e l e g t e f a r b i g e T a f e l: Als ich Student der
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus M o n o g r a p h i e n
lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten Mittel,
mehrere medizinische Archive, deren f a r b i g e T a f e l n mein Entzücken
waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit. Als ich dann
selbst zu publizieren begann, mußte ich auch die Tafeln für meine
Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich
ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu
kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung.
Mein Vater machte sich einmal den Scherz, mir und meiner ältesten
Schwester ein Buch mit f a r b i g e n T a f e l n (Beschreibung einer Reise in
Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war erziehlich kaum zu
rechtfertigen. Ich war damals fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren
alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (w i e
e i n e A r t i s c h o c k e, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das
einzige, was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben
ist. Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine
Page 165
ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog der
Neigung, aus Monographien zu studieren, eine L i e b h a b e r e i, wie sie in
den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke bereits vorkommt).
Ich wurde ein B ü c h e r w u r m (vgl. H e r b a r i u m). Ich habe diese erste
Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf
diesen Kindereindruck zurückgeführt oder vielmehr, ich habe erkannt, daß
diese Kinderszene eine »Deckerinnerung« für meine spätere Bibliophilie
ist(57). Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß man durch
Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein
ansehnliches Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen,
und mein Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine
Neigungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche mit
meinem Freunde Dr. K ö n i g s t e i n zurück. Denn um dieselben Vorwürfe
wie damals, daß ich meinen L i e b h a b e r e i e n zuviel nachgebe, handelte
es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages.
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung dieses
Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, welcher zu ihr
führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das Gespräch mit Dr.
K ö n i g s t e i n erinnert worden, und zwar von mehr als einer Stelle aus.
Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem Gespräche berührt worden
sind, so wird der Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen
Gedankengänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen,
vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter
Kollegen, von meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner
Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann
seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der
vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum bekömmt wieder den
Charakter einer Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der
erst analysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall
zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar
indifferente Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen Akzent. Es heißt
jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche
Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu
meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger
Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf
Neigung, aus Monographien zu studieren, eine L i e b h a b e r e i, wie sie in
den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke bereits vorkommt).
Ich wurde ein B ü c h e r w u r m (vgl. H e r b a r i u m). Ich habe diese erste
Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf
diesen Kindereindruck zurückgeführt oder vielmehr, ich habe erkannt, daß
diese Kinderszene eine »Deckerinnerung« für meine spätere Bibliophilie
ist(57). Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß man durch
Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein
ansehnliches Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen,
und mein Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine
Neigungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche mit
meinem Freunde Dr. K ö n i g s t e i n zurück. Denn um dieselben Vorwürfe
wie damals, daß ich meinen L i e b h a b e r e i e n zuviel nachgebe, handelte
es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages.
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung dieses
Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, welcher zu ihr
führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das Gespräch mit Dr.
K ö n i g s t e i n erinnert worden, und zwar von mehr als einer Stelle aus.
Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem Gespräche berührt worden
sind, so wird der Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen
Gedankengänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen,
vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter
Kollegen, von meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner
Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann
seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der
vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum bekömmt wieder den
Charakter einer Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der
erst analysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall
zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar
indifferente Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen Akzent. Es heißt
jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche
Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu
meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger
Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf
Page 166
die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung
des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die
Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu
untersuchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck
augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite
Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages. Der erste
der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist ein gleichgültiger, ein
Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich
flüchtig berührt, dessen Inhalt mich kaum interessieren dürfte. Das zweite
Erlebnis hatte einen hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem
Freunde, dem Augenarzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm
Andeutungen gemacht, die uns beiden nahegehen mußten, und
Erinnerungen in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten
Erregungen meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses
Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen
nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht
erfolgenden Traum?
Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleichgültigen
Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vorliebe
Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In der
Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht erregende
Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach
dem latenten, durch die Analyse zu Tage geförderten Inhalt beurteile, so bin
ich unversehens zu einer neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe
das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des
Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß
das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das
Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat,
beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu
träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß zum Denken
geboten hätten.
Die Rolle des indifferenten rezenten Eindruckes.
des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die
Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu
untersuchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck
augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite
Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages. Der erste
der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist ein gleichgültiger, ein
Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich
flüchtig berührt, dessen Inhalt mich kaum interessieren dürfte. Das zweite
Erlebnis hatte einen hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem
Freunde, dem Augenarzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm
Andeutungen gemacht, die uns beiden nahegehen mußten, und
Erinnerungen in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten
Erregungen meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses
Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen
nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht
erfolgenden Traum?
Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleichgültigen
Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vorliebe
Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In der
Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht erregende
Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach
dem latenten, durch die Analyse zu Tage geförderten Inhalt beurteile, so bin
ich unversehens zu einer neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe
das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des
Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß
das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das
Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat,
beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu
träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß zum Denken
geboten hätten.
Die Rolle des indifferenten rezenten Eindruckes.
Page 167
Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleichgültigen
Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende mich zum
Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein Phänomen der
Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine als Zensur waltende
psychische Macht zurückgeführt haben. Die Erinnerung an die
Monographie über die Gattung Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob
sie eine A n s p i e l u n g auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz
ähnlich wie im Traume von dem verhinderten Souper die Erwähnung der
Freundin durch die Anspielung »geräucherter Lachs« vertreten wird. Es
fragt sich nur, durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der
Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Verhältnis der
Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist.
In dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von
vornherein gegeben; »geräucherter Lachs« als die Lieblingsspeise der
Freundin gehört ohne weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person
der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen
Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts
gemeinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die
Monographie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche
erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrücken
werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffenden
Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An
die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde ich ohne
Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die
Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den
vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese
Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.
Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende mich zum
Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein Phänomen der
Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine als Zensur waltende
psychische Macht zurückgeführt haben. Die Erinnerung an die
Monographie über die Gattung Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob
sie eine A n s p i e l u n g auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz
ähnlich wie im Traume von dem verhinderten Souper die Erwähnung der
Freundin durch die Anspielung »geräucherter Lachs« vertreten wird. Es
fragt sich nur, durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der
Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Verhältnis der
Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist.
In dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von
vornherein gegeben; »geräucherter Lachs« als die Lieblingsspeise der
Freundin gehört ohne weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person
der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen
Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts
gemeinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die
Monographie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche
erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrücken
werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffenden
Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An
die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde ich ohne
Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die
Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den
vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese
Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.
Page 168
»There needs no ghost, my lord, come from the grave
To tell us this«
heißt es im H a m l e t. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran
erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, G ä r t n e r hieß, daß ich
seine Frau b l ü h e n d fand; ja ich besinne mich eben jetzt nachträglich, daß
eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen F l o r a trägt, eine Weile
im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß
ich über diese Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die
Verknüpfung der beiden Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des
aufregenden, vollzog. Dann stellten sich weitere Beziehungen ein, die des
Kokains, welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr.
K ö n i g s t e i n und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben
habe, vermitteln kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden
Vorstellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis
als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte.
Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine willkürliche
oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre geschehen, wenn
Professor G ä r t n e r mit seiner blühenden Frau nicht hinzugetreten wäre,
wenn die besprochene Patientin nicht F l o r a, sondern A n n a hieße? Und
doch ist die Antwort leicht. Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen
ergeben hätten, so wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist
so leicht, derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und
Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen.
Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt
weiter zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages
keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so
wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger
Eindruck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der »Monographie«
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches gelangt
und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der
Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die
Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen
Schlau bei L e s s i n g darüber zu wundern, »daß nur die Reichen in der
Welt das meiste Geld besitzen«.
To tell us this«
heißt es im H a m l e t. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran
erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, G ä r t n e r hieß, daß ich
seine Frau b l ü h e n d fand; ja ich besinne mich eben jetzt nachträglich, daß
eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen F l o r a trägt, eine Weile
im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß
ich über diese Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die
Verknüpfung der beiden Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des
aufregenden, vollzog. Dann stellten sich weitere Beziehungen ein, die des
Kokains, welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr.
K ö n i g s t e i n und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben
habe, vermitteln kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden
Vorstellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis
als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte.
Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine willkürliche
oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre geschehen, wenn
Professor G ä r t n e r mit seiner blühenden Frau nicht hinzugetreten wäre,
wenn die besprochene Patientin nicht F l o r a, sondern A n n a hieße? Und
doch ist die Antwort leicht. Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen
ergeben hätten, so wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist
so leicht, derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und
Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen.
Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt
weiter zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages
keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so
wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger
Eindruck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der »Monographie«
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches gelangt
und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der
Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die
Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen
Schlau bei L e s s i n g darüber zu wundern, »daß nur die Reichen in der
Welt das meiste Geld besitzen«.
Page 169
Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Darstellung
das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch Wertvolle
gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend erscheinen. In einem
späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, die
Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem
Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des
Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch ungezählte und
regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt
werden. Der Vorgang ist aber so, als ob eine Ve r s c h i e b u n g – sagen
wir: des psychischen Akzentes – auf dem Wege jener Mittelglieder zu
stande käme, bis anfangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen
durch Übernahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu
einer Stärke gelangen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu
erzwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um
die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische Aktionen
handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit auf Tiere
überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der Soldat
einen Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt,
daß im Liebesverhältnis ein um Sekunden verlängerter Händedruck
Seligkeit erzeugt, oder im O t h e l l o ein verlorenes Schnupftuch einen
Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen,
die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, was in
unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, also was wir
denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und wir heißen es
Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Verraten wir hier als das
Ergebnis später anzustellender Betrachtungen, daß der psychische Vorgang,
den wir in der Traumverschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein
krankhaft gestörter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als ein
Vorgang von mehr p r i m ä r e r Natur herausstellen wird.
Die Traumentstellung.
Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der
T r a u m e n t s t e l l u n g (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir
in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen
das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch Wertvolle
gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend erscheinen. In einem
späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, die
Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem
Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des
Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch ungezählte und
regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt
werden. Der Vorgang ist aber so, als ob eine Ve r s c h i e b u n g – sagen
wir: des psychischen Akzentes – auf dem Wege jener Mittelglieder zu
stande käme, bis anfangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen
durch Übernahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu
einer Stärke gelangen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu
erzwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um
die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische Aktionen
handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit auf Tiere
überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der Soldat
einen Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt,
daß im Liebesverhältnis ein um Sekunden verlängerter Händedruck
Seligkeit erzeugt, oder im O t h e l l o ein verlorenes Schnupftuch einen
Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen,
die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, was in
unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, also was wir
denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und wir heißen es
Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Verraten wir hier als das
Ergebnis später anzustellender Betrachtungen, daß der psychische Vorgang,
den wir in der Traumverschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein
krankhaft gestörter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als ein
Vorgang von mehr p r i m ä r e r Natur herausstellen wird.
Die Traumentstellung.
Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der
T r a u m e n t s t e l l u n g (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir
in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen
Page 170
Instanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren
Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat.
Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie
von R o b e r t gebracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die
Tatsache, welche R o b e r t erklären wollte, besteht eben nicht; ihre
Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den
scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen.
Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von R o b e r t einwenden: Wenn
der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis durch besondere
psychische Arbeit von den »Schlacken« der Tageserinnerung zu befreien, so
müßte unser Schlafen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit
verwendet werden, als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten
können. Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen
wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; die
Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel
wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Eindrücke ohne
aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem R o b e r t schen
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir haben
die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten Eindrücke des
Tages – und zwar des letzten Tages – regelmäßig einen Beitrag zum
Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwischen diesem Eindruck und der
eigentlichen Traumquelle im Unbewußten bestehen nicht immer von
vornherein; wie wir gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam
zum Dienste der beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit
hergestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen
gerade nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes
anzubahnen; dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres
eigenen Vorstellungskreises verschieben.
Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Aufklärung
leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht hat, welche
Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum die Erwähnung
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren
Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat.
Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie
von R o b e r t gebracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die
Tatsache, welche R o b e r t erklären wollte, besteht eben nicht; ihre
Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den
scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen.
Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von R o b e r t einwenden: Wenn
der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis durch besondere
psychische Arbeit von den »Schlacken« der Tageserinnerung zu befreien, so
müßte unser Schlafen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit
verwendet werden, als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten
können. Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen
wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; die
Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel
wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Eindrücke ohne
aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem R o b e r t schen
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir haben
die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten Eindrücke des
Tages – und zwar des letzten Tages – regelmäßig einen Beitrag zum
Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwischen diesem Eindruck und der
eigentlichen Traumquelle im Unbewußten bestehen nicht immer von
vornherein; wie wir gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam
zum Dienste der beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit
hergestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen
gerade nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes
anzubahnen; dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres
eigenen Vorstellungskreises verschieben.
Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Aufklärung
leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht hat, welche
Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum die Erwähnung
Page 171
beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem Z w a n g , e i n e
E i n h e i t a u s i h n e n z u g e s t a l t e n; z. B.: Ich stieg eines
Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in welchem ich zwei
Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der eine war ein
einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer vornehmen
Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich machte die beiden
Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging aber während der langen
Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen
Gesprächstoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem
gemeinsamen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte,
seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, er sei von der
Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares Wesen
werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich
erwiderte: Gerade darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen
Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner
Tante – der Mutter einer meiner Patientinnen –, welche damals schwer
krank danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger
Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem
eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich
alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit
weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits
verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war.
(Ich gestehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen
gestanden hatte.) Mein Traum hatte also wiederum Verknüpfungen
zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels derselben
eine einheitliche Situation komponiert.
»Rapprochement forcé« der Traumreize.
Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz aufstellen
daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle vorhandenen
Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammenzusetzen(58). Wir
werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in einem späteren Abschnitt
(über die Traumarbeit) als ein Stück der Ve r d i c h t u n g, eines anderen
psychischen Primärvorganges, kennen lernen.
E i n h e i t a u s i h n e n z u g e s t a l t e n; z. B.: Ich stieg eines
Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in welchem ich zwei
Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der eine war ein
einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer vornehmen
Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich machte die beiden
Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging aber während der langen
Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen
Gesprächstoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem
gemeinsamen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte,
seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, er sei von der
Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares Wesen
werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich
erwiderte: Gerade darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen
Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner
Tante – der Mutter einer meiner Patientinnen –, welche damals schwer
krank danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger
Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem
eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich
alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit
weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits
verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war.
(Ich gestehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen
gestanden hatte.) Mein Traum hatte also wiederum Verknüpfungen
zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels derselben
eine einheitliche Situation komponiert.
»Rapprochement forcé« der Traumreize.
Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz aufstellen
daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle vorhandenen
Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammenzusetzen(58). Wir
werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in einem späteren Abschnitt
(über die Traumarbeit) als ein Stück der Ve r d i c h t u n g, eines anderen
psychischen Primärvorganges, kennen lernen.
Page 172
Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traumerregende
Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein rezentes (und
bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Erlebnis, also die
Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein Gedankengang die
Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die Antwort, die sich aus
zahlreichen Analysen auf das bestimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne.
Der Traumerreger kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die
Denkarbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige
Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen
erkennen lassen, in einem Schema zusammenzustellen.
Die Traumquelle kann sein:
a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im
Traume direkt vertreten ist(59).
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m zu
einer Einheit vereinigt werden(60).
c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indifferenten
Erlebnisses vertreten werden(61).
d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedankengang),
welches dann im Traume r e g e l m ä ß i g durch die Erwähnung eines
rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird(62).
Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Bedingung
festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen rezenten Eindruck
des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung im Traume bestimmte Anteil
kann entweder dem Vorstellungskreis des eigentlichen Traumerregers selbst
angehören, und zwar entweder als wesentlicher oder als unwichtiger
Bestandteil desselben – oder er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten
Eindruckes her, der durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit
dem Kreise des Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die
scheinbare Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die
Alternative zu stande, daß eine Ve r s c h i e b u n g
u n t e r b l i e b e n o d e r v o r g e f a l l e n ist, und wir merken hier, daß
diese Alternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Kontraste des
Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein rezentes (und
bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Erlebnis, also die
Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein Gedankengang die
Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die Antwort, die sich aus
zahlreichen Analysen auf das bestimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne.
Der Traumerreger kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die
Denkarbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige
Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen
erkennen lassen, in einem Schema zusammenzustellen.
Die Traumquelle kann sein:
a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im
Traume direkt vertreten ist(59).
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m zu
einer Einheit vereinigt werden(60).
c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indifferenten
Erlebnisses vertreten werden(61).
d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedankengang),
welches dann im Traume r e g e l m ä ß i g durch die Erwähnung eines
rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird(62).
Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Bedingung
festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen rezenten Eindruck
des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung im Traume bestimmte Anteil
kann entweder dem Vorstellungskreis des eigentlichen Traumerregers selbst
angehören, und zwar entweder als wesentlicher oder als unwichtiger
Bestandteil desselben – oder er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten
Eindruckes her, der durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit
dem Kreise des Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die
scheinbare Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die
Alternative zu stande, daß eine Ve r s c h i e b u n g
u n t e r b l i e b e n o d e r v o r g e f a l l e n ist, und wir merken hier, daß
diese Alternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Kontraste des
Page 173
Traumes zu erklären, wie der medizinischen Theorie des Traumes die Reihe
vom partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.).
Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle, aber
nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für die Zwecke
der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch indifferentes Element
ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden Bedingungen eingehalten
werden, daß 1. der Trauminhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte
erhält; 2. der Traumerreger ein psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In
einem einzigen Falle (a) werden beide Bedingungen durch denselben
Eindruck erfüllt. Zieht man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten
Eindrücke, welche für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind,
diese Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere)
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß die
Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen Wert für
die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affektbetonter
Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. Wir werden
erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten können, worin
dieser Wert r e z e n t e r Eindrücke für die Traumbildung begründet sein
kann(63).
Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß zur
Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Veränderungen
mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor sich gehen können.
Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man
sich endgültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir merken
aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens in die
des Schlafes übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß
noch öfter ergeben wird.
Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerungen
umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie rezent sind
in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß wir im
Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden vorfinden, die zur
Zeit, da sie rezent waren – nach S t r ü m p e l l s Worten keinen psychischen
Wert besaßen, also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die weder
frisch noch psychisch bedeutsam sind?
vom partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.).
Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle, aber
nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für die Zwecke
der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch indifferentes Element
ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden Bedingungen eingehalten
werden, daß 1. der Trauminhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte
erhält; 2. der Traumerreger ein psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In
einem einzigen Falle (a) werden beide Bedingungen durch denselben
Eindruck erfüllt. Zieht man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten
Eindrücke, welche für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind,
diese Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere)
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß die
Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen Wert für
die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affektbetonter
Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. Wir werden
erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten können, worin
dieser Wert r e z e n t e r Eindrücke für die Traumbildung begründet sein
kann(63).
Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß zur
Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Veränderungen
mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor sich gehen können.
Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man
sich endgültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir merken
aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens in die
des Schlafes übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß
noch öfter ergeben wird.
Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerungen
umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie rezent sind
in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß wir im
Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden vorfinden, die zur
Zeit, da sie rezent waren – nach S t r ü m p e l l s Worten keinen psychischen
Wert besaßen, also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die weder
frisch noch psychisch bedeutsam sind?
Page 174
Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die Ergebnisse
der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung lautet nämlich, daß
die Verschiebung, welche das psychisch wichtige Material durch
indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das Denken), hier bereits in
jenen frühen Lebensperioden stattgefunden hat und seither im Gedächtnis
fixiert worden ist. Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht
mehr indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die Wertigkeit vom
psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was wirklich
indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume reproduziert
werden.
Es gibt keine »harmlosen« Träume.
Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, daß
ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traumerreger, also
auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und
Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der Kinder
und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sensationen. Was man
sonst träumt, ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen,
oder es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu
beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der
Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im
Schlafe nicht stören(64). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als
arg, wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart
gestattet, sie haben es »faustdick hinter den Ohren«. Da dies wiederum ein
Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gern die
Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit zu zeigen, will
ich eine Reihe von »h a r m l o s e n« Träumen aus meiner Sammlung hier
der Analyse unterziehen.
Beispiele von »harmlosen« Träumen.
I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu den
Reservierten, zu den »stillen Wassern« gehört, erzählt: I c h h a b e
geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme
und beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau
n i c h t s b e k o m m e . Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein
der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung lautet nämlich, daß
die Verschiebung, welche das psychisch wichtige Material durch
indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das Denken), hier bereits in
jenen frühen Lebensperioden stattgefunden hat und seither im Gedächtnis
fixiert worden ist. Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht
mehr indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die Wertigkeit vom
psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was wirklich
indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume reproduziert
werden.
Es gibt keine »harmlosen« Träume.
Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, daß
ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traumerreger, also
auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und
Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der Kinder
und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sensationen. Was man
sonst träumt, ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen,
oder es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu
beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der
Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im
Schlafe nicht stören(64). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als
arg, wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart
gestattet, sie haben es »faustdick hinter den Ohren«. Da dies wiederum ein
Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gern die
Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit zu zeigen, will
ich eine Reihe von »h a r m l o s e n« Träumen aus meiner Sammlung hier
der Analyse unterziehen.
Beispiele von »harmlosen« Träumen.
I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu den
Reservierten, zu den »stillen Wassern« gehört, erzählt: I c h h a b e
geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme
und beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau
n i c h t s b e k o m m e . Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein
Page 175
Traum nicht aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der
Bericht folgendermaßen: S i e g e h t a u f d e n M a r k t m i t i h r e r
Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt
ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht
mehr zu haben, und will ihr etwas anderes geben
mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab
und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein
eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln
zusammengebunden ist, aber schwarz von Farbe.
Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.
Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirklich
zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen. D i e
F l e i s c h b a n k w a r s c h o n g e s c h l o s s e n, drängt sich einem als
Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht
gemeine Redensart, die – oder vielmehr deren Gegenteil – auf eine
Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat diese
Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen; suchen
wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.
Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt oder
gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist sicher unterscheiden
läßt –, da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die freilich als
Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor allem aber aus dem
Zusammenhange gerissen worden sind(65). Man kann bei der
Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede
des Fleischhauers: D a s i s t n i c h t m e h r z u h a b e n? Von mir
selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, »daß die ältesten
Kindererlebnisse n i c h t m e h r als solche z u h a b e n s i n d, sondern
durch ›Übertragungen‹ und Träume in der Analyse ersetzt werden«. Ich bin
also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter Denk- und
Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. – Woher rührt ihre Trauerrede:
D a s k e n n e i c h n i c h t, das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse
zu zerteilen. »D a s k e n n e i c h n i c h t« hat sie selbst Tags vorher zu
ihrer Köchin gesagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt:
B e n e h m e n S i e s i c h a n s t ä n d i g . Hier wird eine Verschiebung
greifbar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat
sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte aber:
Bericht folgendermaßen: S i e g e h t a u f d e n M a r k t m i t i h r e r
Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt
ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht
mehr zu haben, und will ihr etwas anderes geben
mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab
und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein
eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln
zusammengebunden ist, aber schwarz von Farbe.
Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.
Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirklich
zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen. D i e
F l e i s c h b a n k w a r s c h o n g e s c h l o s s e n, drängt sich einem als
Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht
gemeine Redensart, die – oder vielmehr deren Gegenteil – auf eine
Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat diese
Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen; suchen
wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.
Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt oder
gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist sicher unterscheiden
läßt –, da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die freilich als
Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor allem aber aus dem
Zusammenhange gerissen worden sind(65). Man kann bei der
Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede
des Fleischhauers: D a s i s t n i c h t m e h r z u h a b e n? Von mir
selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, »daß die ältesten
Kindererlebnisse n i c h t m e h r als solche z u h a b e n s i n d, sondern
durch ›Übertragungen‹ und Träume in der Analyse ersetzt werden«. Ich bin
also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter Denk- und
Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. – Woher rührt ihre Trauerrede:
D a s k e n n e i c h n i c h t, das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse
zu zerteilen. »D a s k e n n e i c h n i c h t« hat sie selbst Tags vorher zu
ihrer Köchin gesagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt:
B e n e h m e n S i e s i c h a n s t ä n d i g . Hier wird eine Verschiebung
greifbar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat
sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte aber:
Page 176
»Benehmen Sie sich anständig!« stimmt allein zum übrigen Trauminhalt.
So könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zumutungen wagt und
vergißt, »die Fleischbank zuzuschließen«. Daß wir der Deutung wirklich
auf die Spur gekommen sind, beweist dann der Zusammenklang mit den
Anspielungen, die in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt
sind. Ein Gemüse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird
(länglich ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwarzem
Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber
auch das andere Gemüse – als Zuruf: S c h w a r z e r , r e t t ’ d i c h ! –
scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich
anfangs errieten, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die
Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses
Traumes vollständig zu erkennen; so viel steht fest, daß er sinnreich ist und
keineswegs harmlos(66).
II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: I h r M a n n f r a g t : S o l l m a n
das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden.
Wiederum die Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann
hat so gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie
es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein e k e l h a f t e r Kasten,
der einen s c h l e c h t e n Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann schon vor der
Ehe besessen hat(67) usw., aber den Schlüssel zur Lösung ergibt doch erst
die Rede: E s l o h n t n i c h t . Diese stammt von einem gestern
gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde sie aufgefordert, ihre
Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den Worten: e s l o h n t n i c h t,
ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen, daß sie
gestern während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der sich
ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie
nicht hin, e s l o h n t n i c h t. So ergänzt sich der K a s t e n zum
B r u s t k a s t e n, und die Deutung des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer
körperlichen Entwicklung, da sie anfing, mit ihren Körperformen
unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das
»E k e l h a f t« und den »s c h l e c h t e n T o n« Rücksicht nehmen und uns
daran erinnern, wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers
So könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zumutungen wagt und
vergißt, »die Fleischbank zuzuschließen«. Daß wir der Deutung wirklich
auf die Spur gekommen sind, beweist dann der Zusammenklang mit den
Anspielungen, die in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt
sind. Ein Gemüse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird
(länglich ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwarzem
Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber
auch das andere Gemüse – als Zuruf: S c h w a r z e r , r e t t ’ d i c h ! –
scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich
anfangs errieten, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die
Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses
Traumes vollständig zu erkennen; so viel steht fest, daß er sinnreich ist und
keineswegs harmlos(66).
II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: I h r M a n n f r a g t : S o l l m a n
das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden.
Wiederum die Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann
hat so gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie
es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein e k e l h a f t e r Kasten,
der einen s c h l e c h t e n Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann schon vor der
Ehe besessen hat(67) usw., aber den Schlüssel zur Lösung ergibt doch erst
die Rede: E s l o h n t n i c h t . Diese stammt von einem gestern
gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde sie aufgefordert, ihre
Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den Worten: e s l o h n t n i c h t,
ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen, daß sie
gestern während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der sich
ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie
nicht hin, e s l o h n t n i c h t. So ergänzt sich der K a s t e n zum
B r u s t k a s t e n, und die Deutung des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer
körperlichen Entwicklung, da sie anfing, mit ihren Körperformen
unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das
»E k e l h a f t« und den »s c h l e c h t e n T o n« Rücksicht nehmen und uns
daran erinnern, wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers
Page 177
– als Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten, – in der
Anspielung und im Traume.
III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen
Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, d a ß e r
wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich
i s t. Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden kurzen
Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der Kälte den
schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran »schrecklich« sein.
Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Traumes bringt auch der erste
Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern
vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine
Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem
Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der
Kondom ist der »Überzieher« mit Recht, man zieht ihn ja über; so heißt
man auch einen leichten Rock. Ein Ereignis wie das von der Dame
berichtete wäre für den unverheirateten Mann allerdings »schrecklich«. –
Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.
IV. S i e s t e c k t e i n e K e r z e i n d e n L e u c h t e r ; d i e
Kerze ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut
steht. Die Mädchen in der Schule sagen, sie sei
ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre
Schuld.
Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze in den
Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine durchsichtige
Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegenstand, der die
weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so daß sie nicht gut
steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes (»e s s e i n i c h t i h r e
S c h u l d«). Ob nur die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd
gebliebene junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann
sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Erkenntnis
gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen
vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied
singen oder brüllen: »Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen
Fensterläden mit Apollokerzen . . . .«
Anspielung und im Traume.
III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen
Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, d a ß e r
wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich
i s t. Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden kurzen
Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der Kälte den
schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran »schrecklich« sein.
Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Traumes bringt auch der erste
Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern
vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine
Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem
Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der
Kondom ist der »Überzieher« mit Recht, man zieht ihn ja über; so heißt
man auch einen leichten Rock. Ein Ereignis wie das von der Dame
berichtete wäre für den unverheirateten Mann allerdings »schrecklich«. –
Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.
IV. S i e s t e c k t e i n e K e r z e i n d e n L e u c h t e r ; d i e
Kerze ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut
steht. Die Mädchen in der Schule sagen, sie sei
ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre
Schuld.
Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze in den
Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine durchsichtige
Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegenstand, der die
weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so daß sie nicht gut
steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes (»e s s e i n i c h t i h r e
S c h u l d«). Ob nur die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd
gebliebene junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann
sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Erkenntnis
gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen
vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied
singen oder brüllen: »Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen
Fensterläden mit Apollokerzen . . . .«
Page 178
Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß ihr die
verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Trauminhalt ersetzt
durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den sie einmal im
Pensionat u n g e s c h i c k t ausführte, und zwar vermöge des
Gemeinsamen: g e s c h l o s s e n e F e n s t e r l ä d e n. Die Verbindung des
Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. »Apollo« im
latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, in dem
von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.
V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen
Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich noch
einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von derselben Person
herrührt. I c h h a b e e t w a s g e t r ä u m t, erzählt sie, w a s i c h b e i
Ta g w i r k l i c h g e t a n h a b e , n ä m l i c h e i n e n k l e i n e n
Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so
g e t r ä u m t , w i e e s w i r k l i c h v o r g e f a l l e n i s t . Hier legt die
Erzählerin selbst das Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum
und Wirklichkeit. Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum
Traume, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken
geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns
noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen(68). Es wäre nun
zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei
der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich
wieder um eine kleine b o x (vgl. p. 118 den Traum vom toten Kind in der
Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts mehr hineinging.
Wenigstens nichts Arges diesmal.
In all diesen »harmlosen« Träumen schlägt das sexuelle Moment als
Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema von
prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen.
b) D a s I n f a n t i l e a l s T r a u m q u e l l e.
verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Trauminhalt ersetzt
durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den sie einmal im
Pensionat u n g e s c h i c k t ausführte, und zwar vermöge des
Gemeinsamen: g e s c h l o s s e n e F e n s t e r l ä d e n. Die Verbindung des
Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. »Apollo« im
latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, in dem
von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.
V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen
Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich noch
einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von derselben Person
herrührt. I c h h a b e e t w a s g e t r ä u m t, erzählt sie, w a s i c h b e i
Ta g w i r k l i c h g e t a n h a b e , n ä m l i c h e i n e n k l e i n e n
Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so
g e t r ä u m t , w i e e s w i r k l i c h v o r g e f a l l e n i s t . Hier legt die
Erzählerin selbst das Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum
und Wirklichkeit. Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum
Traume, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken
geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns
noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen(68). Es wäre nun
zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei
der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich
wieder um eine kleine b o x (vgl. p. 118 den Traum vom toten Kind in der
Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts mehr hineinging.
Wenigstens nichts Arges diesmal.
In all diesen »harmlosen« Träumen schlägt das sexuelle Moment als
Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema von
prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen.
b) D a s I n f a n t i l e a l s T r a u m q u e l l e.
Page 179
Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben wir
mit allen Autoren (bis auf R o b e r t) angeführt, daß im Traume Eindrücke
aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über welche das
Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie selten oder wie
häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil
die betreffenden Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer
Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um Eindrücke der
Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege erbracht werden, wozu
sich die Bedingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als
besonders beweiskräftig wird von A. M a u r y die Geschichte eines Mannes
erzählt, welcher eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger
Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise
träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne
daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich
unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen,
daß diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt
wirklich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein
zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungeduldstraum zu
deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für den Konzertabend in
der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach
dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer
gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit reproduzieren, sind natürlich
ohne Analyse nicht aufzudecken.
Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume nur
sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, daß er vor
einiger Zeit im Traume gesehen, s e i n e h e m a l i g e r H o f m e i s t e r
b e f i n d e s i c h i m B e t t e d e r B o n n e, die bis zu seinem elften
Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene fiel ihm noch
im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum seinem älteren
Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des Geträumten bestätigte. Er
erinnere sich sehr gut daran, denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen.
Das Liebespaar pflegte ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu
machen, wenn die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren.
Das kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer –, das im Zimmer
der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.
mit allen Autoren (bis auf R o b e r t) angeführt, daß im Traume Eindrücke
aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über welche das
Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie selten oder wie
häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil
die betreffenden Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer
Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um Eindrücke der
Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege erbracht werden, wozu
sich die Bedingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als
besonders beweiskräftig wird von A. M a u r y die Geschichte eines Mannes
erzählt, welcher eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger
Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise
träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne
daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich
unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen,
daß diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt
wirklich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein
zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungeduldstraum zu
deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für den Konzertabend in
der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach
dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer
gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit reproduzieren, sind natürlich
ohne Analyse nicht aufzudecken.
Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume nur
sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, daß er vor
einiger Zeit im Traume gesehen, s e i n e h e m a l i g e r H o f m e i s t e r
b e f i n d e s i c h i m B e t t e d e r B o n n e, die bis zu seinem elften
Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene fiel ihm noch
im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum seinem älteren
Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des Geträumten bestätigte. Er
erinnere sich sehr gut daran, denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen.
Das Liebespaar pflegte ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu
machen, wenn die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren.
Das kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer –, das im Zimmer
der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.
Page 180
Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne Beihilfe
der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus der Kindheit
enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter p e r e n n i e r e n d e r ist,
der, in der Kindheit zuerst geträumt, später immer wieder von Zeit zu Zeit
während des Schlafes des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten
Beispielen dieser Art kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen,
wenngleich ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht
kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem
Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage
häufig ein gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu
geben vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus Porzellan
vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß dieses Objekt
das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit gewesen war, woran er
sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung erweckt
hätte. Dem geehrten Kollegen vom »gelben Löwen« verdanke ich ein
besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines solchen Traumes.
Nach der Lektüre von N a n s e n s Reisebericht über seine Polarexpedition
träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen
einer Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel
ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche der Traum
allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war,
hörte er eines Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von
Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine
schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar R e i s e n mit »R e i ß e n«
verwechselt, und der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das
beschämende Erlebnis nicht in Vergessenheit geriet.
Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes von
der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten gebliebene
Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen Knaben ein mit
farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa
den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des
der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus der Kindheit
enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter p e r e n n i e r e n d e r ist,
der, in der Kindheit zuerst geträumt, später immer wieder von Zeit zu Zeit
während des Schlafes des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten
Beispielen dieser Art kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen,
wenngleich ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht
kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem
Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage
häufig ein gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu
geben vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus Porzellan
vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß dieses Objekt
das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit gewesen war, woran er
sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung erweckt
hätte. Dem geehrten Kollegen vom »gelben Löwen« verdanke ich ein
besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines solchen Traumes.
Nach der Lektüre von N a n s e n s Reisebericht über seine Polarexpedition
träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen
einer Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel
ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche der Traum
allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war,
hörte er eines Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von
Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine
schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar R e i s e n mit »R e i ß e n«
verwechselt, und der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das
beschämende Erlebnis nicht in Vergessenheit geriet.
Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes von
der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten gebliebene
Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen Knaben ein mit
farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa
den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des
Page 181
Trauminhaltes Anteil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der
Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit
und Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere
Auffassung: Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Artischocke;
zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine Wendung, die einem
anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches damals täglich ans Ohr
schlug); – Herbarium – Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind.
Außerdem kann ich versichern, daß der letzte Sinn des Traumes, den ich
hier nicht ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderszene in intimster
Beziehung steht.
Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die Analyse
belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, als dessen
Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben stammt, so daß
man zu seiner Überraschung i m T r a u m e d a s K i n d m i t s e i n e n
I m p u l s e n w e i t e r l e b e n d f i n d e t.
Das infantile Moment im Onkeltraum.
Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus dem wir
bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine den Traum:
Freund R. ist mein Onkel (p. 106). Wir haben dessen Deutung so weit
gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor ernannt zu werden,
greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die Zärtlichkeit des Traumes
für Freund R. als eine Oppositions- und Trotzschöpfung gegen die
Schmähung der beiden Kollegen, die in den Traumgedanken enthalten war.
Der Traum war mein eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der
Mitteilung fortsetzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch
nicht befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den
Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet
hätte; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung
nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher
und Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist dies
einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den ich fern von mir
glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen glauben, in diesem
Punkte über mich urteilen würden; vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz
Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit
und Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere
Auffassung: Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Artischocke;
zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine Wendung, die einem
anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches damals täglich ans Ohr
schlug); – Herbarium – Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind.
Außerdem kann ich versichern, daß der letzte Sinn des Traumes, den ich
hier nicht ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderszene in intimster
Beziehung steht.
Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die Analyse
belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, als dessen
Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben stammt, so daß
man zu seiner Überraschung i m T r a u m e d a s K i n d m i t s e i n e n
I m p u l s e n w e i t e r l e b e n d f i n d e t.
Das infantile Moment im Onkeltraum.
Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus dem wir
bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine den Traum:
Freund R. ist mein Onkel (p. 106). Wir haben dessen Deutung so weit
gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor ernannt zu werden,
greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die Zärtlichkeit des Traumes
für Freund R. als eine Oppositions- und Trotzschöpfung gegen die
Schmähung der beiden Kollegen, die in den Traumgedanken enthalten war.
Der Traum war mein eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der
Mitteilung fortsetzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch
nicht befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den
Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet
hätte; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung
nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher
und Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist dies
einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den ich fern von mir
glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen glauben, in diesem
Punkte über mich urteilen würden; vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz
Page 182
besessen; aber wenn, so hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel
und Rang eines Professor extraordinarius geworfen.
Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben hat? Da
fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen gehört habe, daß bei
meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den Erstgeborenen glücklichen
Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen großen Mann geschenkt habe.
Solche Prophezeiungen müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel
erwartungsvolle Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte
Weiber, deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der
Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der Prophetin
gewesen sein. Sollte meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen?
Aber da besinne ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren
Jugendjahren, der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war
eines Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf-
oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann
auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse über
ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde abgeschickt, den
Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er erwies sich dem Boten
dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe fragte, ließ er einige Reime über mich
fallen und erklärte es in seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch
einmal »Minister« werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung
kann ich mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des
Bürgerministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen
Doktoren H e r b s t, G i s k r a, U n g e r, B e r g e r u. a. nach Hause
gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar
Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das
Ministerportefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken
jener Zeit sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an
der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten Moment
umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt
verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus
der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürgerministeriums
zurückversetzt und meinen Wunsch von d a m a l s nach seinen Kräften
erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und achtenswerten Kollegen, weil
sie Juden sind, so schlecht behandle, den einen, als ob er ein Schwachkopf,
den anderen, als ob er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme
ich mich, als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des
und Rang eines Professor extraordinarius geworfen.
Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben hat? Da
fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen gehört habe, daß bei
meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den Erstgeborenen glücklichen
Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen großen Mann geschenkt habe.
Solche Prophezeiungen müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel
erwartungsvolle Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte
Weiber, deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der
Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der Prophetin
gewesen sein. Sollte meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen?
Aber da besinne ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren
Jugendjahren, der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war
eines Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf-
oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann
auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse über
ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde abgeschickt, den
Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er erwies sich dem Boten
dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe fragte, ließ er einige Reime über mich
fallen und erklärte es in seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch
einmal »Minister« werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung
kann ich mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des
Bürgerministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen
Doktoren H e r b s t, G i s k r a, U n g e r, B e r g e r u. a. nach Hause
gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar
Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das
Ministerportefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken
jener Zeit sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an
der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten Moment
umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt
verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus
der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürgerministeriums
zurückversetzt und meinen Wunsch von d a m a l s nach seinen Kräften
erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und achtenswerten Kollegen, weil
sie Juden sind, so schlecht behandle, den einen, als ob er ein Schwachkopf,
den anderen, als ob er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme
ich mich, als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des
Page 183
Ministers gesetzt. Welch gründliche Rache an Sr. Exzellenz! Er verweigert
es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze mich
dafür im Traume an seine Stelle.
Sehnsuchtsträume von R o m.
In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, welcher
den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine mächtige
Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. Es handelt sich
hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehnsucht, nach R o m zu
kommen, zu grunde liegt. Ich werde diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit
durch Träume befriedigen müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir
für eine Reise zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in R o m aus
Rücksichten der Gesundheit zu meiden(69). So träume ich denn einmal, daß
ich vom Coupéfenster aus T i b e r und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich
der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem bekannten
Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines Patienten flüchtig
bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand auf einen Hügel und zeigt
mir R o m, vom Nebel halb verschleiert und noch so fern, daß ich mich über
die Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist
reicher, als ich hier ausführen möchte. Das Motiv, »das Gelobte Land von
fern sehen«, ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im
Nebel gesehen habe, ist L ü b e c k; der Hügel findet sein Vorbild in –
G l e i c h e n b e r g. In einem dritten Traume bin ich endlich in R o m, wie
mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung eine keineswegs
städtische Szenerie, e i n e n k l e i n e n F l u ß m i t d u n k l e m
Wa s s e r , a u f d e r e i n e n S e i t e d e s s e l b e n s c h w a r z e
Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen
B l u m e n . I c h b e m e r k e e i n e n H e r r n Z u c k e r (den ich
oberflächlich kenne) u n d b e s c h l i e ß e , i h n u m d e n W e g i n
d i e S t a d t z u f r a g e n . Es ist offenbar, daß ich mich vergebens
bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen
habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente
zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir bekannte R a v e n n a,
das wenigstens eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt R o m den Vorrang
abgenommen hatte. In den Sümpfen um R a v e n n a haben wir die
es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze mich
dafür im Traume an seine Stelle.
Sehnsuchtsträume von R o m.
In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, welcher
den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine mächtige
Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. Es handelt sich
hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehnsucht, nach R o m zu
kommen, zu grunde liegt. Ich werde diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit
durch Träume befriedigen müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir
für eine Reise zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in R o m aus
Rücksichten der Gesundheit zu meiden(69). So träume ich denn einmal, daß
ich vom Coupéfenster aus T i b e r und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich
der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem bekannten
Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines Patienten flüchtig
bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand auf einen Hügel und zeigt
mir R o m, vom Nebel halb verschleiert und noch so fern, daß ich mich über
die Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist
reicher, als ich hier ausführen möchte. Das Motiv, »das Gelobte Land von
fern sehen«, ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im
Nebel gesehen habe, ist L ü b e c k; der Hügel findet sein Vorbild in –
G l e i c h e n b e r g. In einem dritten Traume bin ich endlich in R o m, wie
mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung eine keineswegs
städtische Szenerie, e i n e n k l e i n e n F l u ß m i t d u n k l e m
Wa s s e r , a u f d e r e i n e n S e i t e d e s s e l b e n s c h w a r z e
Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen
B l u m e n . I c h b e m e r k e e i n e n H e r r n Z u c k e r (den ich
oberflächlich kenne) u n d b e s c h l i e ß e , i h n u m d e n W e g i n
d i e S t a d t z u f r a g e n . Es ist offenbar, daß ich mich vergebens
bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen
habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente
zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir bekannte R a v e n n a,
das wenigstens eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt R o m den Vorrang
abgenommen hatte. In den Sümpfen um R a v e n n a haben wir die
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schönsten Seerosen mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt
sie auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem A u s s e e, weil es
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so
nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der T e p l bei K a r l s b a d.
»Karlsbad« setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu
erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen jüdischen
Anekdoten zu erkennen, die so viel tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit
verbergen, und die wir in Gesprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine
ist die Geschichte von der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude
ohne Fahrbillett den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann
ertappt, bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Antwort gibt:
»Wenn’s meine K o n s t i t u t i o n aushält – nach K a r l s b a d.« Nahe dabei
ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen
unkundigen Juden, dem eingeschärft wird, in P a r i s nach dem Wege zur
Rue Richelieu zu fragen. Auch P a r i s war lange Jahre hindurch ein Ziel
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das
Pflaster von P a r i s setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung
anderer Wünsche erreichen werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine
direkte Anspielung an R o m, denn nach R o m führen bekanntlich alle
Wege. Übrigens deutet der Name Z u c k e r wiederum auf K a r l s b a d,
wohin wir doch alle mit der k o n s t i t u t i o n e l l e n Krankheit Diabetes
Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines
Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich
mit ihm zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu
Z u c k e r und Diabetes ergeben.
Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich wieder
nach R o m. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere mich darüber,
daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. Tags vorher hatte ich
meinem Freunde in prophetischer Voraussicht geschrieben, P r a g dürfte für
deutsche Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum
drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in R o m zu treffen anstatt in
einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus der Studentenzeit
stammende Interesse daran, daß in Prag der deutschen Sprache mehr
Duldung gewährt sein möge. Die tschechische Sprache muß ich übrigens in
sie auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem A u s s e e, weil es
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so
nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der T e p l bei K a r l s b a d.
»Karlsbad« setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu
erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen jüdischen
Anekdoten zu erkennen, die so viel tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit
verbergen, und die wir in Gesprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine
ist die Geschichte von der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude
ohne Fahrbillett den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann
ertappt, bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Antwort gibt:
»Wenn’s meine K o n s t i t u t i o n aushält – nach K a r l s b a d.« Nahe dabei
ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen
unkundigen Juden, dem eingeschärft wird, in P a r i s nach dem Wege zur
Rue Richelieu zu fragen. Auch P a r i s war lange Jahre hindurch ein Ziel
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das
Pflaster von P a r i s setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung
anderer Wünsche erreichen werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine
direkte Anspielung an R o m, denn nach R o m führen bekanntlich alle
Wege. Übrigens deutet der Name Z u c k e r wiederum auf K a r l s b a d,
wohin wir doch alle mit der k o n s t i t u t i o n e l l e n Krankheit Diabetes
Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines
Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich
mit ihm zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu
Z u c k e r und Diabetes ergeben.
Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich wieder
nach R o m. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere mich darüber,
daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. Tags vorher hatte ich
meinem Freunde in prophetischer Voraussicht geschrieben, P r a g dürfte für
deutsche Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum
drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in R o m zu treffen anstatt in
einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus der Studentenzeit
stammende Interesse daran, daß in Prag der deutschen Sprache mehr
Duldung gewährt sein möge. Die tschechische Sprache muß ich übrigens in
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meinen drei ersten Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen
Orte Mährens mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer
Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem
Gedächtnis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also auch
diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den Eindrücken
meiner ersten Lebensjahre.
Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am
T r a s i m e n e r s e e vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den Tiber
gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von R o m umgekehrt
war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach der ewigen Stadt
aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade den Plan, nächstes Jahr an
R o m vorbei nach N e a p e l zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den ich bei
einem unserer klassischen Schriftsteller gelesen haben muß: Es ist fraglich,
wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt,
nach R o m zu gehen, der Konrektor W i n c k e l m a n n oder der Feldherr
H a n n i b a l. Ich war ja auf den Spuren H a n n i b a l s gewandelt; es war
mir so wenig wie ihm beschieden, R o m zu sehen, und auch er war nach
K a m p a n i e n gezogen, nachdem alle Welt ihn in R o m erwartet hatte.
H a n n i b a l, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der
Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; wie so viele in jenem Alter,
hatte ich meine Sympathien während der Punischen Kriege nicht den
Römern, sondern dem Karthager zugewendet. Als dann im Obergymnasium
das erste Verständnis für die Konsequenzen der Abstammung aus
landesfremder Rasse erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter den
Kameraden mahnten Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des
semitischen Feldherrn noch höher in meinen Augen. H a n n i b a l und
R o m symbolisierten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit
des Judentums und der Organisation der katholischen Kirche. Die
Bedeutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser
Gemütsleben gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und
Empfindungen jener frühen Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach
R o m zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für
mehrere andere heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung
man mit der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte,
und deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt
scheint wie der Lebenswunsch H a n n i b a l s, in R o m einzuziehen.
Orte Mährens mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer
Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem
Gedächtnis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also auch
diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den Eindrücken
meiner ersten Lebensjahre.
Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am
T r a s i m e n e r s e e vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den Tiber
gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von R o m umgekehrt
war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach der ewigen Stadt
aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade den Plan, nächstes Jahr an
R o m vorbei nach N e a p e l zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den ich bei
einem unserer klassischen Schriftsteller gelesen haben muß: Es ist fraglich,
wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt,
nach R o m zu gehen, der Konrektor W i n c k e l m a n n oder der Feldherr
H a n n i b a l. Ich war ja auf den Spuren H a n n i b a l s gewandelt; es war
mir so wenig wie ihm beschieden, R o m zu sehen, und auch er war nach
K a m p a n i e n gezogen, nachdem alle Welt ihn in R o m erwartet hatte.
H a n n i b a l, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der
Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; wie so viele in jenem Alter,
hatte ich meine Sympathien während der Punischen Kriege nicht den
Römern, sondern dem Karthager zugewendet. Als dann im Obergymnasium
das erste Verständnis für die Konsequenzen der Abstammung aus
landesfremder Rasse erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter den
Kameraden mahnten Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des
semitischen Feldherrn noch höher in meinen Augen. H a n n i b a l und
R o m symbolisierten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit
des Judentums und der Organisation der katholischen Kirche. Die
Bedeutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser
Gemütsleben gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und
Empfindungen jener frühen Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach
R o m zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für
mehrere andere heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung
man mit der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte,
und deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt
scheint wie der Lebenswunsch H a n n i b a l s, in R o m einzuziehen.
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Das infantile Moment zu den Romträumen.
Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich mochte
zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, mich auf seine
Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine Ansichten über die
Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen,
in wie viel bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger
Mensch war, bin ich in deinem Geburtsorte am Samstag in der Straße
spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem
Kopfe. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze
in den Kot und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! »Und was hast du
getan?« Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze
aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft
von dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich
stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber,
die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher
H a n n i b a l s Vater H a m i l k a r(70) B a r k a s, seinen Knaben vor dem
Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem hatte
H a n n i b a l einen Platz in meinen Phantasien.
Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen General noch
ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, so daß es sich
auch hier nur um die Übertragung einer bereits gebildeten Affektrelation auf
einen neuen Träger handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem
lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war T h i e r s’ Konsulat und
Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel
mit den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken
geklebt, und daß damals schon M a s s é n a (als Jude: M e n a s s e) mein
erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung wird wohl auch durch den
Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau hundert Jahre später, aufzuklären
sein.) N a p o l e o n selbst schließt sich durch den Übergang über die Alpen
an H a n n i b a l an. Und vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses
Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen bis auf
Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald kriegerische Verkehr
während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei
dem schwächeren der beiden Gespielen hervorrufen mußte.
Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich mochte
zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, mich auf seine
Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine Ansichten über die
Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen,
in wie viel bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger
Mensch war, bin ich in deinem Geburtsorte am Samstag in der Straße
spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem
Kopfe. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze
in den Kot und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! »Und was hast du
getan?« Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze
aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft
von dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich
stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber,
die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher
H a n n i b a l s Vater H a m i l k a r(70) B a r k a s, seinen Knaben vor dem
Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem hatte
H a n n i b a l einen Platz in meinen Phantasien.
Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen General noch
ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, so daß es sich
auch hier nur um die Übertragung einer bereits gebildeten Affektrelation auf
einen neuen Träger handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem
lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war T h i e r s’ Konsulat und
Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel
mit den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken
geklebt, und daß damals schon M a s s é n a (als Jude: M e n a s s e) mein
erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung wird wohl auch durch den
Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau hundert Jahre später, aufzuklären
sein.) N a p o l e o n selbst schließt sich durch den Übergang über die Alpen
an H a n n i b a l an. Und vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses
Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen bis auf
Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald kriegerische Verkehr
während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei
dem schwächeren der beiden Gespielen hervorrufen mußte.
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Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto häufiger
wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im latenten
Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.
Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Erinnerungen so
reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den alleinigen manifesten
Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Beispiele für dieses Vorkommen
sichergestellt, zu denen ich einige neue hinzufügen kann, die sich wiederum
auf Infantilszenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein
Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort
als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im
Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt
worden, und ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen
analytischen Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen
Kollegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung
im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang
ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen, der ihn
aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen wurde und abließ.
Diese Szene wiederholte ein Traum 23 Jahre später auch mit allen
Einzelheiten der in ihr vorkommenden Empfindungen, veränderte sie aber
dahin, daß der Träumer anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm,
während die Person des Schulkollegen durch eine der Gegenwart
angehörige ersetzt wurde.
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Trauminhalt nur
durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung aus dem Traume
entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele kann nicht sehr
beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kindererlebnisse meistens jede
andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von
der Erinnerung nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen
auf solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei der
psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die in
ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der
Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen, werden solche
Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse vielleicht wenig
Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf
welches sich die Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung
darum nicht abhalten lassen.
wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im latenten
Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.
Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Erinnerungen so
reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den alleinigen manifesten
Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Beispiele für dieses Vorkommen
sichergestellt, zu denen ich einige neue hinzufügen kann, die sich wiederum
auf Infantilszenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein
Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort
als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im
Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt
worden, und ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen
analytischen Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen
Kollegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung
im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang
ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen, der ihn
aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen wurde und abließ.
Diese Szene wiederholte ein Traum 23 Jahre später auch mit allen
Einzelheiten der in ihr vorkommenden Empfindungen, veränderte sie aber
dahin, daß der Träumer anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm,
während die Person des Schulkollegen durch eine der Gegenwart
angehörige ersetzt wurde.
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Trauminhalt nur
durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung aus dem Traume
entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele kann nicht sehr
beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kindererlebnisse meistens jede
andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von
der Erinnerung nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen
auf solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei der
psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die in
ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der
Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen, werden solche
Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse vielleicht wenig
Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf
welches sich die Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung
darum nicht abhalten lassen.
Page 188
I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter des
»G e h e t z t e n«; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisenbahnzug
nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie ihre Freundin
besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen; s i e
l ä u f t a b e r u n d f ä l l t d a b e i i n e i n e m f o r t. – Das bei der
Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener »e i n e H e t z«
nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurückführung auf den bei
Kindern beliebten Scherz, den Satz: »D i e K u h r a n n t e b i s s i e
f i e l« so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was
wiederum ein »Hetzen« ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen
Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose, ersetzen.
II. Von einer anderen folgender Traum: S i e i s t i n e i n e m
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen,
etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt
vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit habe, und
daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf
anderen machen muß. Sie sträubt sich aber und
will sich in das für sie bestimmte Bett – oder was
es ist – nicht legen. Sie steht in einem Winkel und
w a r t e t , d a ß i c h s a g e , e s i s t n i c h t w a h r. D i e
anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei von
i h r . – Daneben, a l s o b s i e v i e l e k l e i n e Q u a d r a t e
m a c h e n w ü r d e.
Aufdeckung von Kindheitserlebnissen bei der Traumdeutung.
Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die Kur und
Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung an die
Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden Stücke
aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine meiner Reden
zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit
einer o r t h o p ä d i s c h e n verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der
Behandlung mitteilen, d a ß i c h v o r l ä u f i g w e n i g Z e i t f ü r s i e
h a b e, ihr aber später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies
machte die alte Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der
»G e h e t z t e n«; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisenbahnzug
nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie ihre Freundin
besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen; s i e
l ä u f t a b e r u n d f ä l l t d a b e i i n e i n e m f o r t. – Das bei der
Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener »e i n e H e t z«
nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurückführung auf den bei
Kindern beliebten Scherz, den Satz: »D i e K u h r a n n t e b i s s i e
f i e l« so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was
wiederum ein »Hetzen« ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen
Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose, ersetzen.
II. Von einer anderen folgender Traum: S i e i s t i n e i n e m
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen,
etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt
vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit habe, und
daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf
anderen machen muß. Sie sträubt sich aber und
will sich in das für sie bestimmte Bett – oder was
es ist – nicht legen. Sie steht in einem Winkel und
w a r t e t , d a ß i c h s a g e , e s i s t n i c h t w a h r. D i e
anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei von
i h r . – Daneben, a l s o b s i e v i e l e k l e i n e Q u a d r a t e
m a c h e n w ü r d e.
Aufdeckung von Kindheitserlebnissen bei der Traumdeutung.
Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die Kur und
Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung an die
Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden Stücke
aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine meiner Reden
zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit
einer o r t h o p ä d i s c h e n verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der
Behandlung mitteilen, d a ß i c h v o r l ä u f i g w e n i g Z e i t f ü r s i e
h a b e, ihr aber später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies
machte die alte Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der
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zur Hysterie bestimmten Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine
Patientin war die jüngste von sechs Geschwistern (daher: m i t f ü n f
a n d e r e n) und als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden
zu haben, daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und
Aufmerksamkeit widme. – Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr,
hat folgende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid
gebracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der
Mann, um sie zu n e c k e n, versicherte: ja (die N e c k e r e i im
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem u n d w a r t e t e
d a r a u f , d a ß e r e n d l i c h s a g e , e s i s t n i c h t w a h r. Nun
läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie mir
wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte Zeit widme,
ein Gedanke, der geizig oder s c h m u t z i g ist. (Die Unreinlichkeit der
Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch Geldgeiz ersetzt; das Wort
»schmutzig« bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich
sage usw., das Wort »schmutzig« im Traume umschreiben soll, so stimmt
das I m - W i n k e l - S t e h e n und das S i c h - n i c h t - i n s - B e t t -
L e g e n dazu als Bestandteil einer Kinderszene, in der sie das Bett
schmutzig gemacht hätte, zur Strafe i n d e n W i n k e l g e s t e l l t wird
unter der Androhung, daß sie der Papa nicht mehr liebhaben werde, die
Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen Quadrate zielen auf ihre kleine
Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in neun Quadrate, glaube
ich, Zahlen so einschreibt, daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15
ergeben.
III. Der Traum eines Mannes: E r s i e h t z w e i K n a b e n , d i e
sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus
den herumliegenden Gerätschaften schließt; einer
der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der
liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen.
Er eilt dem Missetäter mit erhobenem Stocke nach,
um ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau,
die bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine
M u t t e r w ä r e . E s i s t e i n e Ta g l ö h n e r s f r a u , d i e d e m
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie
sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen
Blicke an, so daß er erschreckt davonläuft. An
Patientin war die jüngste von sechs Geschwistern (daher: m i t f ü n f
a n d e r e n) und als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden
zu haben, daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und
Aufmerksamkeit widme. – Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr,
hat folgende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid
gebracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der
Mann, um sie zu n e c k e n, versicherte: ja (die N e c k e r e i im
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem u n d w a r t e t e
d a r a u f , d a ß e r e n d l i c h s a g e , e s i s t n i c h t w a h r. Nun
läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie mir
wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte Zeit widme,
ein Gedanke, der geizig oder s c h m u t z i g ist. (Die Unreinlichkeit der
Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch Geldgeiz ersetzt; das Wort
»schmutzig« bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich
sage usw., das Wort »schmutzig« im Traume umschreiben soll, so stimmt
das I m - W i n k e l - S t e h e n und das S i c h - n i c h t - i n s - B e t t -
L e g e n dazu als Bestandteil einer Kinderszene, in der sie das Bett
schmutzig gemacht hätte, zur Strafe i n d e n W i n k e l g e s t e l l t wird
unter der Androhung, daß sie der Papa nicht mehr liebhaben werde, die
Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen Quadrate zielen auf ihre kleine
Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in neun Quadrate, glaube
ich, Zahlen so einschreibt, daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15
ergeben.
III. Der Traum eines Mannes: E r s i e h t z w e i K n a b e n , d i e
sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus
den herumliegenden Gerätschaften schließt; einer
der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der
liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen.
Er eilt dem Missetäter mit erhobenem Stocke nach,
um ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau,
die bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine
M u t t e r w ä r e . E s i s t e i n e Ta g l ö h n e r s f r a u , d i e d e m
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie
sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen
Blicke an, so daß er erschreckt davonläuft. An
Page 190
ihren Augen sieht man vom unteren Lid das rote
Fleisch vorstehen.
Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich verwertet.
Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße gesehen, von denen
einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um zu schlichten, ergriffen sie
beide die Flucht. – Faßbinderknaben: wird erst durch einen nachfolgenden
Traum erklärt, in dessen Analyse er die Redensart gebraucht: D e m F a ß
d e n B o d e n a u s s c h l a g e n. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen
nach seiner Beobachtung meist die P r o s t i t u i e r t e n. So fügt sich ein
bekannter Klapphornvers von z w e i K n a b e n an: Der andere Knabe, der
hieß Marie (d. h.: war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach der Szene
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benutzte die
Einsamkeit dort, um g e g e n e i n e n B r e t t e r z a u n zu urinieren. Auf
dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr
freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.
Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so handelt es
sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der gräßliche
»A n b l i c k«, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich nur auf die beim
Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in der Kinderzeit
gesehen, in der späteren Erinnerung als »w i l d e s F l e i s c h«, als
»Wunde« wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei Anlässe, bei denen
der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen sehen konnte, beim
H i n w e r f e n und bei deren U r i n i e r e n, und wie aus dem anderen
Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung
oder Drohung des Vaters wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen
bewiesenen sexuellen Neugierde.
IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer jüngeren
Dame.
Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen.
Auf dem Graben sinkt sie dann, wie
z u s a m m e n g e b r o c h e n , i n d i e K n i e . Vi e l e L e u t e
sammeln sich um sie, besonders die
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie
m a c h t v i e l e v e r g e b l i c h e Ve r s u c h e ; e n d l i c h m u ß e s
Fleisch vorstehen.
Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich verwertet.
Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße gesehen, von denen
einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um zu schlichten, ergriffen sie
beide die Flucht. – Faßbinderknaben: wird erst durch einen nachfolgenden
Traum erklärt, in dessen Analyse er die Redensart gebraucht: D e m F a ß
d e n B o d e n a u s s c h l a g e n. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen
nach seiner Beobachtung meist die P r o s t i t u i e r t e n. So fügt sich ein
bekannter Klapphornvers von z w e i K n a b e n an: Der andere Knabe, der
hieß Marie (d. h.: war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach der Szene
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benutzte die
Einsamkeit dort, um g e g e n e i n e n B r e t t e r z a u n zu urinieren. Auf
dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr
freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.
Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so handelt es
sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der gräßliche
»A n b l i c k«, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich nur auf die beim
Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in der Kinderzeit
gesehen, in der späteren Erinnerung als »w i l d e s F l e i s c h«, als
»Wunde« wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei Anlässe, bei denen
der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen sehen konnte, beim
H i n w e r f e n und bei deren U r i n i e r e n, und wie aus dem anderen
Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung
oder Drohung des Vaters wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen
bewiesenen sexuellen Neugierde.
IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer jüngeren
Dame.
Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen.
Auf dem Graben sinkt sie dann, wie
z u s a m m e n g e b r o c h e n , i n d i e K n i e . Vi e l e L e u t e
sammeln sich um sie, besonders die
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie
m a c h t v i e l e v e r g e b l i c h e Ve r s u c h e ; e n d l i c h m u ß e s
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gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker,
der sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster
wirft man ihr einen großen schwer gefüllten Korb
nach (ähnlich einem Einkaufskorbe).
Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie sie als
Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar von dem
Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch das
»Zusammenbrechen« auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen Jahren
R e i t e r i n, in noch jüngeren wahrscheinlich auch P f e r d. Zu dem
Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 17 jährigen Sohn
des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen Krämpfen befallen, im
Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber
die Vorstellung von epileptischen Krämpfen, vom »H i n f a l l e n d e n« hat
große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen
hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. – Wenn eine Frauensperson
vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie
wird eine »G e f a l l e n e«; für unseren Traum wird diese Deutung am
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem G r a b e n, jenem Platze
von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der
E i n k a u f s k o r b gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die
vielen K ö r b e, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und später, wie sie
meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann auch, daß ihr niemand
a u f h e l f e n w i l l, was sie selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner
erinnert der E i n k a u f s k o r b an Phantasien, die der Analyse bereits
bekannt geworden sind, in denen sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat
und nun selbst zu Markte einkaufen geht. Endlich aber könnte der
Einkaufskorb als Zeichen einer d i e n e n d e n P e r s o n gedeutet werden.
Dazu kommen nun weitere Kindheitserinnerungen, an eine K ö c h i n, die
weggeschickt wurde, weil sie stahl; die ist auch so i n d i e K n i e
g e s u n k e n und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem
K u t s c h e r des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese
Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die K u t s c h e r im Traume (die
sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar d u r c h s
F e n s t e r, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Gepäcks auf
der Eisenbahn, an das »F e n s t e r l n« auf dem Lande, an kleine Eindrücke
der sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster
wirft man ihr einen großen schwer gefüllten Korb
nach (ähnlich einem Einkaufskorbe).
Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie sie als
Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar von dem
Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch das
»Zusammenbrechen« auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen Jahren
R e i t e r i n, in noch jüngeren wahrscheinlich auch P f e r d. Zu dem
Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 17 jährigen Sohn
des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen Krämpfen befallen, im
Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber
die Vorstellung von epileptischen Krämpfen, vom »H i n f a l l e n d e n« hat
große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen
hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. – Wenn eine Frauensperson
vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie
wird eine »G e f a l l e n e«; für unseren Traum wird diese Deutung am
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem G r a b e n, jenem Platze
von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der
E i n k a u f s k o r b gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die
vielen K ö r b e, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und später, wie sie
meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann auch, daß ihr niemand
a u f h e l f e n w i l l, was sie selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner
erinnert der E i n k a u f s k o r b an Phantasien, die der Analyse bereits
bekannt geworden sind, in denen sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat
und nun selbst zu Markte einkaufen geht. Endlich aber könnte der
Einkaufskorb als Zeichen einer d i e n e n d e n P e r s o n gedeutet werden.
Dazu kommen nun weitere Kindheitserinnerungen, an eine K ö c h i n, die
weggeschickt wurde, weil sie stahl; die ist auch so i n d i e K n i e
g e s u n k e n und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem
K u t s c h e r des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese
Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die K u t s c h e r im Traume (die
sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar d u r c h s
F e n s t e r, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Gepäcks auf
der Eisenbahn, an das »F e n s t e r l n« auf dem Lande, an kleine Eindrücke
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von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer Dame b l a u e P f l a u m e n
durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich
gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah.
Und nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten
Lebensjahre auf von einer Bonne, die auf dem Lande Liebesszenen mit
einem Diener des Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas
gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem Liebhaber »e x p e d i e r t«,
»h i n a u s g e w o r f e n« wurde (im Traume der Gegensatz:
»h i n e i n g e w o r f e n«), eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren
anderen Wegen her genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer
dienenden Person, wird aber in Wien geringschätzig als die »s i e b e n
Z w e t s c h k e n« bezeichnet. »Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen
und geh’.«
Kinderszenen im latenten Trauminhalt.
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel oder gar
nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten drei
Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen Vorrat. Es
ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für den Traum im
allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßig um neurotische,
speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in
diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht
durch das Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der
Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober
Leidenssymptome unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten Trauminhalt
unvermutet auf eine Infantilszene stoße, und daß mir eine ganze Serie von
Träumen mit einemmal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden
Bahnen einmündet. Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich
noch bei verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den
ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.
Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht habe,
melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und ich träume:
Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise geben
durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich
gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah.
Und nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten
Lebensjahre auf von einer Bonne, die auf dem Lande Liebesszenen mit
einem Diener des Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas
gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem Liebhaber »e x p e d i e r t«,
»h i n a u s g e w o r f e n« wurde (im Traume der Gegensatz:
»h i n e i n g e w o r f e n«), eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren
anderen Wegen her genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer
dienenden Person, wird aber in Wien geringschätzig als die »s i e b e n
Z w e t s c h k e n« bezeichnet. »Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen
und geh’.«
Kinderszenen im latenten Trauminhalt.
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel oder gar
nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten drei
Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen Vorrat. Es
ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für den Traum im
allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßig um neurotische,
speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in
diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht
durch das Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der
Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober
Leidenssymptome unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten Trauminhalt
unvermutet auf eine Infantilszene stoße, und daß mir eine ganze Serie von
Träumen mit einemmal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden
Bahnen einmündet. Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich
noch bei verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den
ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.
Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht habe,
melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und ich träume:
Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise geben
Page 193
zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob
sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich
warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als
Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt
weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den
ich versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn
wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelzbesatz
hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein
Fremder mit langem Gesichte und kurzem
Spitzbarte kommt hinzu und hindert mich am
Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt. Ich
zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
gestickt ist. Er fragt: Wa s gehen Sie die
türkischen (Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir
s i n d a b e r d a n n g a n z f r e u n d l i c h m i t e i n a n d e r.
In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der erste
Roman ein, den ich, vielleicht 13 jährig, gelesen, d. h. mit dem Ende des
ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans und seines Autors
habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun in lebhafter Erinnerung.
Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die
ihm im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben. P é l a g i e
ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in
der Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine der
drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das Leben gibt,
mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der
Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein junger Mann, erzählt die
Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschönheit wurde, äußerte
einmal, als die Rede auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling
genährt: es tue ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht besser
ausgenutzt zu haben. Ich pflege mich der Anekdote zur Erläuterung für das
Moment der N a c h t r ä g l i c h k e i t in dem Mechanismus der
Psychoneurosen zu bedienen. – Die eine der Parzen also reibt die
Handflächen aneinander, als ob sie K n ö d e l machen würde. Eine
sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob
sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich
warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als
Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt
weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den
ich versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn
wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelzbesatz
hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein
Fremder mit langem Gesichte und kurzem
Spitzbarte kommt hinzu und hindert mich am
Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt. Ich
zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
gestickt ist. Er fragt: Wa s gehen Sie die
türkischen (Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir
s i n d a b e r d a n n g a n z f r e u n d l i c h m i t e i n a n d e r.
In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der erste
Roman ein, den ich, vielleicht 13 jährig, gelesen, d. h. mit dem Ende des
ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans und seines Autors
habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun in lebhafter Erinnerung.
Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die
ihm im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben. P é l a g i e
ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in
der Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine der
drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das Leben gibt,
mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der
Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein junger Mann, erzählt die
Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschönheit wurde, äußerte
einmal, als die Rede auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling
genährt: es tue ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht besser
ausgenutzt zu haben. Ich pflege mich der Anekdote zur Erläuterung für das
Moment der N a c h t r ä g l i c h k e i t in dem Mechanismus der
Psychoneurosen zu bedienen. – Die eine der Parzen also reibt die
Handflächen aneinander, als ob sie K n ö d e l machen würde. Eine
sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung
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bedarf! Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinnerung.
Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter
genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich zweifelte die
Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen aneinander – ganz ähnlich
wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
und zeigte mir die schwärzlichen E p i d e r m i s schuppen, die sich dabei
abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein
Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich
ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte:
Du bist der Natur einen Tod schuldig(71). So sind es also wirklich Parzen,
zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich
hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, bis das
Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer meiner
Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine h i s t o l o g i s c h e n
Kenntnisse (E p i d e r m i s) verdanke, könnte sich bei dem Namen
K n ö d e l an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil sie ein
P l a g i a t an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich
aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es einem anderen gehört,
leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, in dem ich wie der
Ü b e r r o c k d i e b behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hörsälen sein
Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos,
weil er sich mir darbot, und nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt
angehören muß, weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken
des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette –
P é l a g i e – P l a g i a t – P l a g i o s t o m e n(72) (H a i f i s c h e) –
F i s c h b l a s e verbindet den alten Roman mit der Affäre K n ö d l und mit
den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten.
(Vgl. M a u r y s Traum vom K i l o – L o t t o, p. 45.) Eine höchst
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im
Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit
hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu erzwingen, gar
nichts heilig wäre, dient nun der teure Name B r ü c k e (Wortbrücke s. o.)
dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine glücklichsten
Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos (»So wird’s Euch an
der Weisheit B r ü s t e n mit jedem Tage mehr g e l ü s t e n«), im vollsten
Gegensatz zu den Begierden, die mich, während ich träume, p l a g e n. Und
Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter
genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich zweifelte die
Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen aneinander – ganz ähnlich
wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
und zeigte mir die schwärzlichen E p i d e r m i s schuppen, die sich dabei
abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein
Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich
ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte:
Du bist der Natur einen Tod schuldig(71). So sind es also wirklich Parzen,
zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich
hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, bis das
Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer meiner
Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine h i s t o l o g i s c h e n
Kenntnisse (E p i d e r m i s) verdanke, könnte sich bei dem Namen
K n ö d e l an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil sie ein
P l a g i a t an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich
aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es einem anderen gehört,
leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, in dem ich wie der
Ü b e r r o c k d i e b behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hörsälen sein
Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos,
weil er sich mir darbot, und nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt
angehören muß, weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken
des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette –
P é l a g i e – P l a g i a t – P l a g i o s t o m e n(72) (H a i f i s c h e) –
F i s c h b l a s e verbindet den alten Roman mit der Affäre K n ö d l und mit
den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten.
(Vgl. M a u r y s Traum vom K i l o – L o t t o, p. 45.) Eine höchst
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im
Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit
hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu erzwingen, gar
nichts heilig wäre, dient nun der teure Name B r ü c k e (Wortbrücke s. o.)
dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine glücklichsten
Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos (»So wird’s Euch an
der Weisheit B r ü s t e n mit jedem Tage mehr g e l ü s t e n«), im vollsten
Gegensatz zu den Begierden, die mich, während ich träume, p l a g e n. Und
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endlich taucht die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen
Name wiederum an etwas Eßbares anklingt (F l e i s c h l, wie K n ö d l) und
an eine traurige Szene, in der E p i d e r m i s s c h u p p e n eine Rolle spielen
(die Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus
der lateinischen K ü c h e, das den Hunger benimmt, das Kokain.
So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen und
das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären, aber ich muß
es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es erfordern würde, zu groß
sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, der direkt zu einem der dem
Gewirre zu grunde liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit
langem Gesichte und Spitzbarte, der mich am Anziehen hindern will, trägt
die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich
t ü r k i s c h e Stoffe eingekauft hat. Er hieß P o p o v i ć, ein verdächtiger
Name, der auch dem Humoristen S t e t t e n h e i m zu einer
andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. (»Er nannte mir seinen
Namen und drückte mir errötend die Hand.«) Übrigens derselbe Mißbrauch
mit Namen wie oben mit P é l a g i e, K n ö d l, B r ü c k e, F l e i s c h l. Daß
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch
behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung,
denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen schwachsinnigen
Witzeleien zum Opfer gefallen. G o e t h e bemerkte einmal, wie
empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich verwachsen fühlt
wie mit seiner H a u t, als H e r d e r auf seinen Namen dichtete:
»Der du von G ö t t e r n abstammst, von Goten oder vom Kote« –
»So seid ihr G ö t t e r b i l d e r auch zu S t a u b.«
Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von Namen nur
diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier ab. – Der Einkauf in
Spalato mahnt mich an einen anderen Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu
zurückhaltend war und die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen
versäumte. (Die Gelegenheit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der
Traumgedanken, die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich:
Man soll sich nichts entgehen lassen, nehmen, was
man haben kann, auch wenn ein kleines Unrecht
dabei mitläuft; man soll keine Gelegenheit
v e r s ä u m e n , d a s L e b e n i s t s o k u r z , d e r To d
Name wiederum an etwas Eßbares anklingt (F l e i s c h l, wie K n ö d l) und
an eine traurige Szene, in der E p i d e r m i s s c h u p p e n eine Rolle spielen
(die Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus
der lateinischen K ü c h e, das den Hunger benimmt, das Kokain.
So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen und
das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären, aber ich muß
es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es erfordern würde, zu groß
sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, der direkt zu einem der dem
Gewirre zu grunde liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit
langem Gesichte und Spitzbarte, der mich am Anziehen hindern will, trägt
die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich
t ü r k i s c h e Stoffe eingekauft hat. Er hieß P o p o v i ć, ein verdächtiger
Name, der auch dem Humoristen S t e t t e n h e i m zu einer
andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. (»Er nannte mir seinen
Namen und drückte mir errötend die Hand.«) Übrigens derselbe Mißbrauch
mit Namen wie oben mit P é l a g i e, K n ö d l, B r ü c k e, F l e i s c h l. Daß
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch
behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung,
denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen schwachsinnigen
Witzeleien zum Opfer gefallen. G o e t h e bemerkte einmal, wie
empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich verwachsen fühlt
wie mit seiner H a u t, als H e r d e r auf seinen Namen dichtete:
»Der du von G ö t t e r n abstammst, von Goten oder vom Kote« –
»So seid ihr G ö t t e r b i l d e r auch zu S t a u b.«
Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von Namen nur
diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier ab. – Der Einkauf in
Spalato mahnt mich an einen anderen Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu
zurückhaltend war und die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen
versäumte. (Die Gelegenheit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der
Traumgedanken, die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich:
Man soll sich nichts entgehen lassen, nehmen, was
man haben kann, auch wenn ein kleines Unrecht
dabei mitläuft; man soll keine Gelegenheit
v e r s ä u m e n , d a s L e b e n i s t s o k u r z , d e r To d
Page 196
u n v e r m e i d l i c h . Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die
Begierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses »carpe diem«
die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume verbergen. Dazu
kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da
die g e i s t i g e N a h r u n g dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen
und selbst die Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.
Ein revolutionärer Traum.
II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise nach
Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden Ischler Zuge
auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen T h u n dastehen, der
wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des Regens im offenen
Wagen angekommen, direkt durch die Eingangstür für Lokalzüge
hinausgetreten und hatte den Türhüter, der ihn nicht kannte und ihm das
Billett abnehmen wollte, mit einer kurzen Handbewegung ohne Erklärung
von sich gewiesen. Ich soll dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren
ist, den Perron wieder verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen,
setze es aber mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die
Zeit, aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege
ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h.
gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas vor, was ich
dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:
»Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
Tänzelein wagen,
Soll er’s nur sagen,
Ich spiel’ ihm eins auf.«
(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung
gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich ohne ihnen
wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolutionäre Gedanken
durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen und zur Erinnerung
an die Komödie von B e a u m a r c h a i s, die ich in der Comédie française
Begierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses »carpe diem«
die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume verbergen. Dazu
kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da
die g e i s t i g e N a h r u n g dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen
und selbst die Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.
Ein revolutionärer Traum.
II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise nach
Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden Ischler Zuge
auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen T h u n dastehen, der
wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des Regens im offenen
Wagen angekommen, direkt durch die Eingangstür für Lokalzüge
hinausgetreten und hatte den Türhüter, der ihn nicht kannte und ihm das
Billett abnehmen wollte, mit einer kurzen Handbewegung ohne Erklärung
von sich gewiesen. Ich soll dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren
ist, den Perron wieder verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen,
setze es aber mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die
Zeit, aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege
ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h.
gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas vor, was ich
dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:
»Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
Tänzelein wagen,
Soll er’s nur sagen,
Ich spiel’ ihm eins auf.«
(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung
gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich ohne ihnen
wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolutionäre Gedanken
durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen und zur Erinnerung
an die Komödie von B e a u m a r c h a i s, die ich in der Comédie française
Page 197
aufführen gesehen. Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe
gegeben haben, geboren zu werden; das Herrenrecht, das der Graf
Almaviva bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere
bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen T h u n
anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich
nicht; er hat jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und i c h bin der
eigentliche Graf N i c h t s t h u n; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige
Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als
Regierungsvertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der
sich durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen
des »Regierungsbeischläfers« zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung
auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse und ich höre
den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir den Herrn mit der
halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Klasse
ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé für mich, aber nicht in einem
durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung
steht. Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem
ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im
Boden anbringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich
erwache auch wirklich um ¾3 Uhr morgens mit Harndrang aus
nachstehendem Traume.
Menschenmenge, Studentenversammlung. – E i n G r a f ( T h u n
o d e r Ta a f f e ) r e d e t . A u f g e f o r d e r t , e t w a s ü b e r d i e
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer
Gebärde für ihre Lieblingsblume den Huflattich
und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt,
eigentlich ein zusammengeknülltes Blattgerippe
i n s K n o p f l o c h . I c h f a h r e a u f , f a h r e a l s o a u f (73),
wundere mich aber doch über diese meine
G e s i n n u n g . Dann undeutlicher: A l s o b e s d i e A u l a w ä r e ,
die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich
b a h n e m i r d e n We g d u r c h e i n e R e i h e v o n s c h ö n
eingerichteten Zimmern, offenbar
Regierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe
zwischen braun und violett, und komme endlich in
einen Gang, in dem eine Haushälterin, ein älteres
dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit
gegeben haben, geboren zu werden; das Herrenrecht, das der Graf
Almaviva bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere
bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen T h u n
anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich
nicht; er hat jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und i c h bin der
eigentliche Graf N i c h t s t h u n; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige
Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als
Regierungsvertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der
sich durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen
des »Regierungsbeischläfers« zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung
auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse und ich höre
den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir den Herrn mit der
halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Klasse
ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé für mich, aber nicht in einem
durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung
steht. Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem
ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im
Boden anbringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich
erwache auch wirklich um ¾3 Uhr morgens mit Harndrang aus
nachstehendem Traume.
Menschenmenge, Studentenversammlung. – E i n G r a f ( T h u n
o d e r Ta a f f e ) r e d e t . A u f g e f o r d e r t , e t w a s ü b e r d i e
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer
Gebärde für ihre Lieblingsblume den Huflattich
und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt,
eigentlich ein zusammengeknülltes Blattgerippe
i n s K n o p f l o c h . I c h f a h r e a u f , f a h r e a l s o a u f (73),
wundere mich aber doch über diese meine
G e s i n n u n g . Dann undeutlicher: A l s o b e s d i e A u l a w ä r e ,
die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich
b a h n e m i r d e n We g d u r c h e i n e R e i h e v o n s c h ö n
eingerichteten Zimmern, offenbar
Regierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe
zwischen braun und violett, und komme endlich in
einen Gang, in dem eine Haushälterin, ein älteres
dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit
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ihr zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für
berechtigt, hier zu passieren, denn sie fragt, ob
sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder
sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben,
und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die
Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten
u n d f i n d e e i n e n s c h m a l e n , s t e i l a u f s t e i g e n d e n We g ,
den ich gehe.
Wieder undeutlich . . . . A l s o b j e t z t d i e z w e i t e A u f g a b e
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus
dem Hause. Ich fahre in einem Einspänner und
gebe ihm Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren.
»Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht mit
Ihnen fahren,« sage ich, nachdem er einen Einwand
gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei
ist es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die
Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach
Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so
e t w a s . N u n s i t z e i c h i m Wa g g o n , d e r ä h n l i c h e i n e m
Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein
eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran
v i o l e t t b r a u n e Ve i l c h e n a u s s t a r r e m S t o f f e , w a s d e n
L e u t e n s e h r a u f f ä l l t . Hier bricht die Szene ab.
Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit
mit einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um
unerkannt zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch
schon ausgeführt. Denken und Erleben ist hier
gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens
auf einem Auge, und ich halte ihm ein männliches
Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten
oder gekauft haben). Ich bin also sein
Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil
e r b l i n d i s t . We n n d e r K o n d u k t e u r u n s s o s i e h t ,
muß er uns als unauffällig entkommen lassen.
berechtigt, hier zu passieren, denn sie fragt, ob
sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder
sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben,
und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die
Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten
u n d f i n d e e i n e n s c h m a l e n , s t e i l a u f s t e i g e n d e n We g ,
den ich gehe.
Wieder undeutlich . . . . A l s o b j e t z t d i e z w e i t e A u f g a b e
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus
dem Hause. Ich fahre in einem Einspänner und
gebe ihm Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren.
»Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht mit
Ihnen fahren,« sage ich, nachdem er einen Einwand
gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei
ist es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die
Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach
Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so
e t w a s . N u n s i t z e i c h i m Wa g g o n , d e r ä h n l i c h e i n e m
Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein
eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran
v i o l e t t b r a u n e Ve i l c h e n a u s s t a r r e m S t o f f e , w a s d e n
L e u t e n s e h r a u f f ä l l t . Hier bricht die Szene ab.
Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit
mit einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um
unerkannt zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch
schon ausgeführt. Denken und Erleben ist hier
gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens
auf einem Auge, und ich halte ihm ein männliches
Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten
oder gekauft haben). Ich bin also sein
Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil
e r b l i n d i s t . We n n d e r K o n d u k t e u r u n s s o s i e h t ,
muß er uns als unauffällig entkommen lassen.
Page 199
Dabei ist die Stellung des Betreffenden und sein
u r i n i e r e n d e s G l i e d p l a s t i s c h g e s e h e n . Darauf das
Erwachen mit Harndrang.
Der ganze T r a u m macht etwa den Eindruck einer Phantasie, die den
Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen Andenken ja durch
das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie überdies durch einen
kleinen Ausflug in die W a c h a u, bei dem ich Emmersdorf kennen gelernt
hatte, welchen Ort ich fälschlich für den Ruhesitz des Studentenführers
F i s c h h o f hielt, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes
weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England, in
das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte
»F i f t y years ago« nach dem Titel eines Gedichtes von Lord T e n n y s o n,
worauf die Kinder zu rektifizieren gewöhnt waren: F i f t e e n years ago.
Diese Phantasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick
des Grafen T h u n hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade
italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude
dahinter vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft,
verworren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen
durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem
1 5 . J a h r e. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoranten Lehrer
eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, der sich
seitdem H e i n r i c h V I I I . von E n g l a n d zum Vorbilde genommen zu
haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir zu, und eine
Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich (W a c h a u !) war
der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener
war der einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner
auffälligen Längenentwicklung die »G i r a f f e« genannt, und der stand,
vom Schultyrannen, dem Professor der d e u t s c h e n Sprache, zur Rede
gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblingsblume
und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume sein muß
(was an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am selben Tage
gebracht hatte, und außerdem an eine Rose von J e r i c h o), mahnt auffällig
an die Szene aus den Königsdramen S h a k e s p e a r e s, die den
Bürgerkrieg der r o t e n und der w e i ß e n Rose eröffnet; die Erwähnung
Heinrichs VIII. hat den Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es
u r i n i e r e n d e s G l i e d p l a s t i s c h g e s e h e n . Darauf das
Erwachen mit Harndrang.
Der ganze T r a u m macht etwa den Eindruck einer Phantasie, die den
Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen Andenken ja durch
das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie überdies durch einen
kleinen Ausflug in die W a c h a u, bei dem ich Emmersdorf kennen gelernt
hatte, welchen Ort ich fälschlich für den Ruhesitz des Studentenführers
F i s c h h o f hielt, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes
weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England, in
das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte
»F i f t y years ago« nach dem Titel eines Gedichtes von Lord T e n n y s o n,
worauf die Kinder zu rektifizieren gewöhnt waren: F i f t e e n years ago.
Diese Phantasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick
des Grafen T h u n hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade
italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude
dahinter vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft,
verworren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen
durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem
1 5 . J a h r e. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoranten Lehrer
eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, der sich
seitdem H e i n r i c h V I I I . von E n g l a n d zum Vorbilde genommen zu
haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir zu, und eine
Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich (W a c h a u !) war
der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener
war der einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner
auffälligen Längenentwicklung die »G i r a f f e« genannt, und der stand,
vom Schultyrannen, dem Professor der d e u t s c h e n Sprache, zur Rede
gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblingsblume
und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume sein muß
(was an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am selben Tage
gebracht hatte, und außerdem an eine Rose von J e r i c h o), mahnt auffällig
an die Szene aus den Königsdramen S h a k e s p e a r e s, die den
Bürgerkrieg der r o t e n und der w e i ß e n Rose eröffnet; die Erwähnung
Heinrichs VIII. hat den Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es
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nicht weit von den Rosen zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen
schieben sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins d e u t s c h, das andere
s p a n i s c h: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – I s a b e l i t a,
no llores que se marchitan las flores. Das Spanische vom F i g a r o her.) Die
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der A n t i s e m i t e n,
die roten das der S o z i a l d e m o k r a t e n geworden. Dahinter eine
Erinnerung an eine antisemitische Herausforderung während einer
Eisenbahnfahrt im schönen Sachsenland (A n g e l s a c h s e n). Die dritte
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem d e u t s c h e n
Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis der
Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der
materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen
Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer Kollege, der
seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu lenken und Massen zu
organisieren, der übrigens auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und
machte uns tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich f u h r a u f
(wie im Traume), wurde s a u g r o b und antwortete, seitdem ich wüßte, daß
er die S c h w e i n e gehütet, w u n d e r t e i c h m i c h n i c h t mehr über
den Ton seiner Reden. (Im Traume w u n d e r e ich mich über meine
deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten
aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der
Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen einer
H e r a u s f o r d e r u n g, das man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die
Sache auf sich beruhen.
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen Schichten.
Was soll es bedeuten, daß der Graf den »Huflattich« proklamiert? Hier muß
ich meine Assoziationsreihe befragen. H u f l a t t i c h – l a t t i c e – S a l a t –
S a l a t h u n d (der Hund, der anderen nicht gönnt, was er doch selber nicht
frißt). Hier sieht man durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: G i r -
a f f e, S c h w e i n, S a u, H u n d; ich wüßte auch auf dem Umwege über
einen Namen zu einem E s e l zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn
auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir – ich weiß
nicht, ob mit Recht – H u f l a t t i c h mit »p i s s e - e n - l i t«; die Kenntnis
kommt mir aus dem G e r m i n a l Z o l a s, in dem die Kinder aufgefordert
werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund – c h i e n – enthält in
schieben sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins d e u t s c h, das andere
s p a n i s c h: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – I s a b e l i t a,
no llores que se marchitan las flores. Das Spanische vom F i g a r o her.) Die
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der A n t i s e m i t e n,
die roten das der S o z i a l d e m o k r a t e n geworden. Dahinter eine
Erinnerung an eine antisemitische Herausforderung während einer
Eisenbahnfahrt im schönen Sachsenland (A n g e l s a c h s e n). Die dritte
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem d e u t s c h e n
Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis der
Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der
materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen
Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer Kollege, der
seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu lenken und Massen zu
organisieren, der übrigens auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und
machte uns tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich f u h r a u f
(wie im Traume), wurde s a u g r o b und antwortete, seitdem ich wüßte, daß
er die S c h w e i n e gehütet, w u n d e r t e i c h m i c h n i c h t mehr über
den Ton seiner Reden. (Im Traume w u n d e r e ich mich über meine
deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten
aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der
Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen einer
H e r a u s f o r d e r u n g, das man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die
Sache auf sich beruhen.
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen Schichten.
Was soll es bedeuten, daß der Graf den »Huflattich« proklamiert? Hier muß
ich meine Assoziationsreihe befragen. H u f l a t t i c h – l a t t i c e – S a l a t –
S a l a t h u n d (der Hund, der anderen nicht gönnt, was er doch selber nicht
frißt). Hier sieht man durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: G i r -
a f f e, S c h w e i n, S a u, H u n d; ich wüßte auch auf dem Umwege über
einen Namen zu einem E s e l zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn
auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir – ich weiß
nicht, ob mit Recht – H u f l a t t i c h mit »p i s s e - e n - l i t«; die Kenntnis
kommt mir aus dem G e r m i n a l Z o l a s, in dem die Kinder aufgefordert
werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund – c h i e n – enthält in
Page 201
seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion (c h i e r, wie
p i s s e r für die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen
drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben G e r m i n a l,
der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat, ist ein ganz
eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Produktion
gasförmiger Exkretionen, F l a t u s genannt, bezieht(74). Und nun muß ich
bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem angelegt ist, von den
B l u m e n aus über das s p a n i s c h e Verslein, die I s a b e l i t a, zu
I s a b e l l a und F e r d i n a n d, über H e i n r i c h V I I I ., die englische
Geschichte zum Kampfe der Armada gegen E n g l a n d, nach dessen
siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der
Inschrift: A f f l a v i t et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische
Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft
gemeinten Überschrift des Kapitels »Therapie« zu nehmen, wenn ich je
dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auffassung und
Behandlung der Hysterie zu geben.
Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführliche
Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. Ich setze
mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener Revolutionszeit,
der auch ein Abenteuer mit einem A d l e r gehabt, an incontinentia alvi
gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, i c h w ä r e n i c h t
b e r e c h t i g t , h i e r die Zensur z u p a s s i e r e n, obwohl ein H o f r a t
(A u l a, consiliarius a u l i c u s) mir den größeren Teil jener Geschichten
erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume verdankt ihre Anregung
dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich einen Moment hineinblicken
konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig im Traume, F r a u e n z i m m e r
(ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haushälterin statte ich einer
geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Bewirtung und die
vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind.
– Der Zug mit der Lampe geht auf G r i l l p a r z e r zurück, der ein
reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notiert und dann in H e r o und
L e a n d e r (des M e e r e s und der Liebe W e l l e n – die A r m a d a und der
S t u r m) verwendet hat(75).
Infantile Wurzeln des revolutionären Traumes.
p i s s e r für die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen
drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben G e r m i n a l,
der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat, ist ein ganz
eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Produktion
gasförmiger Exkretionen, F l a t u s genannt, bezieht(74). Und nun muß ich
bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem angelegt ist, von den
B l u m e n aus über das s p a n i s c h e Verslein, die I s a b e l i t a, zu
I s a b e l l a und F e r d i n a n d, über H e i n r i c h V I I I ., die englische
Geschichte zum Kampfe der Armada gegen E n g l a n d, nach dessen
siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der
Inschrift: A f f l a v i t et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische
Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft
gemeinten Überschrift des Kapitels »Therapie« zu nehmen, wenn ich je
dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auffassung und
Behandlung der Hysterie zu geben.
Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführliche
Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. Ich setze
mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener Revolutionszeit,
der auch ein Abenteuer mit einem A d l e r gehabt, an incontinentia alvi
gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, i c h w ä r e n i c h t
b e r e c h t i g t , h i e r die Zensur z u p a s s i e r e n, obwohl ein H o f r a t
(A u l a, consiliarius a u l i c u s) mir den größeren Teil jener Geschichten
erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume verdankt ihre Anregung
dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich einen Moment hineinblicken
konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig im Traume, F r a u e n z i m m e r
(ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haushälterin statte ich einer
geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Bewirtung und die
vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind.
– Der Zug mit der Lampe geht auf G r i l l p a r z e r zurück, der ein
reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notiert und dann in H e r o und
L e a n d e r (des M e e r e s und der Liebe W e l l e n – die A r m a d a und der
S t u r m) verwendet hat(75).
Infantile Wurzeln des revolutionären Traumes.
Page 202
Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke muß ich
zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, die zu den beiden
Kinderszenen führen, um deren Willen ich den Traum überhaupt
aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, daß es sexuelles
Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung nötigt; man braucht
sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch
sich selbst aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis
behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich
nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren
Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst
verstecken. Ich muß also darum sagen, daß die Analyse diese drei
Traumstücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in
meinem wachen Leben längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt,
der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt
(i c h k o m m e m i r s c h l a u v o r), allerdings die übermütige
Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei
zwar auf allen Gebieten; so geht die Erwähnung von G r a z auf die
Redensart: W a s k o s t e t G r a z ? in der man sich gefällt, wenn man sich
überreich mit G e l d versehen glaubt. Wer an Meister R a b e l a i s’
unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des G a r g a n t u a
und seines Sohnes P a n t a g r u e l denken will, wird auch den angedeuteten
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. Zu
den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich hatte für
diese Reise einen n e u e n Koffer gekauft, dessen Farbe, ein
B r a u n v i o l e t t, im Traume mehrmals auftritt (v i o l e t t b r a u n e
Veilchen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man »Mädchenfänger«
heißt – die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas
N e u e m den L e u t e n a u f f ä l l t, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist
mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll – im
Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das B e t t n a ß gemacht haben,
und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch das
Versprechen g e t r ö s t e t haben, daß ich ihm in N. (der nächsten größeren
Stadt) ein n e u e s schönes, r o t e s Bett kaufen werde. (Daher im Traume
die Einschaltung, daß wir das G l a s i n d e r S t a d t g e k a u f t
h a b e n oder k a u f e n m u ß t e n; was man versprochen hat, m u ß man
halten.) (Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen
zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, die zu den beiden
Kinderszenen führen, um deren Willen ich den Traum überhaupt
aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, daß es sexuelles
Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung nötigt; man braucht
sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch
sich selbst aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis
behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich
nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren
Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst
verstecken. Ich muß also darum sagen, daß die Analyse diese drei
Traumstücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in
meinem wachen Leben längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt,
der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt
(i c h k o m m e m i r s c h l a u v o r), allerdings die übermütige
Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei
zwar auf allen Gebieten; so geht die Erwähnung von G r a z auf die
Redensart: W a s k o s t e t G r a z ? in der man sich gefällt, wenn man sich
überreich mit G e l d versehen glaubt. Wer an Meister R a b e l a i s’
unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des G a r g a n t u a
und seines Sohnes P a n t a g r u e l denken will, wird auch den angedeuteten
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. Zu
den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich hatte für
diese Reise einen n e u e n Koffer gekauft, dessen Farbe, ein
B r a u n v i o l e t t, im Traume mehrmals auftritt (v i o l e t t b r a u n e
Veilchen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man »Mädchenfänger«
heißt – die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas
N e u e m den L e u t e n a u f f ä l l t, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist
mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll – im
Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das B e t t n a ß gemacht haben,
und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch das
Versprechen g e t r ö s t e t haben, daß ich ihm in N. (der nächsten größeren
Stadt) ein n e u e s schönes, r o t e s Bett kaufen werde. (Daher im Traume
die Einschaltung, daß wir das G l a s i n d e r S t a d t g e k a u f t
h a b e n oder k a u f e n m u ß t e n; was man versprochen hat, m u ß man
halten.) (Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen
Page 203
Glases und des weiblichen Koffers, box.) Der ganze Größenwahn des
Kindes ist in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der
Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei einer
früheren Traumdeutung (vgl. den Traum p. 151) aufgefallen. Aus den
Psychoanalysen an Neurotischen haben wir auch den intimen
Zusammenhang des Bettnässens mit dem Charakterzug des Ehrgeizes
erkannt.
Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als ich
sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. Ich
setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der Diskretion
hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in deren
Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber
die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine
furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspielungen
an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder und sind
regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und Erfolge verknüpft, als
wollte ich sagen: Siehst du, ich bin doch etwas geworden. Diese
Kinderszene gibt nun den Stoff für das letzte Bild des Traumes, in dem
natürlich zur Rache die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar
der Vater, da die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom
bedeutet(76), uriniert jetzt vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem
Glaukom mahne ich ihn an das Kokain, das ihm bei der Operation zu gute
kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich
mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das G l a s vorhalten und
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von der
Hysterie, auf die ich stolz bin(77).
Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohnedies mit
dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam ihrer Erweckung
auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Umstand zu gute, daß mein
Coupé kein Klosett besaß, und ich vorbereitet sein mußte, während der
Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich
erwachte dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich
meine, man könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des
eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer anderen
Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traumgedanken erst den
Harndrang hervorgerufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich
Kindes ist in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der
Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei einer
früheren Traumdeutung (vgl. den Traum p. 151) aufgefallen. Aus den
Psychoanalysen an Neurotischen haben wir auch den intimen
Zusammenhang des Bettnässens mit dem Charakterzug des Ehrgeizes
erkannt.
Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als ich
sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. Ich
setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der Diskretion
hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in deren
Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber
die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine
furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspielungen
an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder und sind
regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und Erfolge verknüpft, als
wollte ich sagen: Siehst du, ich bin doch etwas geworden. Diese
Kinderszene gibt nun den Stoff für das letzte Bild des Traumes, in dem
natürlich zur Rache die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar
der Vater, da die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom
bedeutet(76), uriniert jetzt vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem
Glaukom mahne ich ihn an das Kokain, das ihm bei der Operation zu gute
kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich
mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das G l a s vorhalten und
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von der
Hysterie, auf die ich stolz bin(77).
Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohnedies mit
dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam ihrer Erweckung
auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Umstand zu gute, daß mein
Coupé kein Klosett besaß, und ich vorbereitet sein mußte, während der
Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich
erwachte dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich
meine, man könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des
eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer anderen
Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traumgedanken erst den
Harndrang hervorgerufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich
Page 204
durch irgend ein Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die
Zeit dieses Erwachens, ¾3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne
ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden
unentschieden lassen.
Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deutung
zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und Wunscherreger
leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen Träumen wichtige
Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit hineinreichen,
habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch in diesem Zuge eine
wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. Wenn ich diesen
Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum in seinem
manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte zu, in seinem
latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das älteste Erlebte, von dem ich bei
der Analyse der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis
auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber
noch recht schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle
frühester Kindheitserlebnisse für die Traumbildung noch in anderem
Zusammenhang (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.
Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des
Traumgedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des
Nebensächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
T r a u m e n t s t e l l u n g befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, aber
nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen diese
beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns erübrigt, im
Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung finden müssen,
entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder bei jenen
Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die wir später
anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch die
Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen
Blick werfen kann.
Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich hier
hervorheben. Der Traum erscheint häufig m e h r d e u t i g; es können nicht
Zeit dieses Erwachens, ¾3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne
ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden
unentschieden lassen.
Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deutung
zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und Wunscherreger
leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen Träumen wichtige
Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit hineinreichen,
habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch in diesem Zuge eine
wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. Wenn ich diesen
Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum in seinem
manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte zu, in seinem
latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das älteste Erlebte, von dem ich bei
der Analyse der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis
auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber
noch recht schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle
frühester Kindheitserlebnisse für die Traumbildung noch in anderem
Zusammenhang (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.
Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des
Traumgedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des
Nebensächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
T r a u m e n t s t e l l u n g befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, aber
nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen diese
beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns erübrigt, im
Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung finden müssen,
entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder bei jenen
Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die wir später
anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch die
Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen
Blick werfen kann.
Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich hier
hervorheben. Der Traum erscheint häufig m e h r d e u t i g; es können nicht
Page 205
nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen nebeneinander in
ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine Wunscherfüllung die andere
decken, bis man zu unterst auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten
Kindheit stößt; und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
»häufig« nicht richtiger durch »regelmäßig« zu ersetzen ist(78).
c) D i e s o m a t i s c h e n T r a u m q u e l l e n.
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die Probleme
des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die Frage an ihn
richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung die Träume
herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im gesicherten Besitze
eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses,
den gestörte oder beschwerte Verdauung (»Träume kommen aus dem
Magen«), zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des
Schlafens auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß
nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges
noch erübrigt.
Die somatischen Traumquellen nach den Autoren.
Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur den
somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden Abschnitt
(p. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns hier nur an die
Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern brauchen. Wir haben gehört,
daß dreierlei somatische Reizquellen unterschieden werden, die von
äußeren Objekten ausgehenden objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv
begründeten inneren Erregungszustände der Sinnesorgane und die aus dem
Körperinnern stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der
Autoren bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige
psychische Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz
auszuschalten (p. 31). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten
dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir
erfahren, daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen – teils
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom
ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine Wunscherfüllung die andere
decken, bis man zu unterst auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten
Kindheit stößt; und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
»häufig« nicht richtiger durch »regelmäßig« zu ersetzen ist(78).
c) D i e s o m a t i s c h e n T r a u m q u e l l e n.
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die Probleme
des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die Frage an ihn
richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung die Träume
herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im gesicherten Besitze
eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses,
den gestörte oder beschwerte Verdauung (»Träume kommen aus dem
Magen«), zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des
Schlafens auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß
nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges
noch erübrigt.
Die somatischen Traumquellen nach den Autoren.
Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur den
somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden Abschnitt
(p. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns hier nur an die
Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern brauchen. Wir haben gehört,
daß dreierlei somatische Reizquellen unterschieden werden, die von
äußeren Objekten ausgehenden objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv
begründeten inneren Erregungszustände der Sinnesorgane und die aus dem
Körperinnern stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der
Autoren bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige
psychische Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz
auszuschalten (p. 31). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten
dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir
erfahren, daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen – teils
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom
Page 206
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen – durch zahlreiche
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine
Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen
durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in den Träumen
(p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten Umfang angenommene
Zurückführung unserer Traumbilder und Traumvorstellungen auf inneren
Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die
allbekannte Beeinflussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der
Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
»N e r v e n r e i z« und »L e i b r e i z« wären also die somatischen
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen des
Traumes überhaupt.
Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör geschenkt,
welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zulänglichkeit der
somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.
So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tatsächlichen
Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die akzidentellen und äußeren
Nervenreize in Betracht kommen, die im Trauminhalt wiederzufinden
keinerlei Mühe erfordert –, so blieb doch keiner der Einsicht fern, daß der
reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren
Nervenreizen allein wohl nicht zulasse. M i ß M a r y W h i t o n
C a l k i n s hat ihre eigenen Träume und die einer zweiten Person durch
sechs Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur
13.2% respektive 6.7% gefunden, in denen das Element äußerer
Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen
sich auf organische Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns
hier, was uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen
hatte vermuten lassen.
Man beschied sich vielfach, den »Nervenreiztraum« als eine gut
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzuheben.
Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und
A s s o z i a t i o n s t r a u m. Es war aber klar, daß die Lösung
unbefriedigend blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes
nachzuweisen.
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine
Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen
durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in den Träumen
(p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten Umfang angenommene
Zurückführung unserer Traumbilder und Traumvorstellungen auf inneren
Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die
allbekannte Beeinflussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der
Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
»N e r v e n r e i z« und »L e i b r e i z« wären also die somatischen
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen des
Traumes überhaupt.
Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör geschenkt,
welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zulänglichkeit der
somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.
So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tatsächlichen
Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die akzidentellen und äußeren
Nervenreize in Betracht kommen, die im Trauminhalt wiederzufinden
keinerlei Mühe erfordert –, so blieb doch keiner der Einsicht fern, daß der
reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren
Nervenreizen allein wohl nicht zulasse. M i ß M a r y W h i t o n
C a l k i n s hat ihre eigenen Träume und die einer zweiten Person durch
sechs Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur
13.2% respektive 6.7% gefunden, in denen das Element äußerer
Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen
sich auf organische Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns
hier, was uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen
hatte vermuten lassen.
Man beschied sich vielfach, den »Nervenreiztraum« als eine gut
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzuheben.
Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und
A s s o z i a t i o n s t r a u m. Es war aber klar, daß die Lösung
unbefriedigend blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes
nachzuweisen.
Page 207
Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der Häufigkeit der
äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die Unzulänglichkeit in der
Aufklärung des Traumes, die durch die Einführung dieser Art von
Traumquellen zu erreichen ist. Die Vertreter der Lehre sind uns zwei
solcher Aufklärungen schuldig, erstens warum der äußere Reiz im Traume
nicht in seiner wirklichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird
(vgl. die Weckerträume, p. 21), und zweitens warum das Resultat der
Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so
unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage
haben wir von S t r ü m p e l l gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung
von der Außenwelt während des Schlafens nicht im stande ist, die richtige
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, auf
Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen zu
bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108):
»Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während des
Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungskomplex, ein
Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und von der Seele
perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der Seele vom Wachen her
verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungsbilder, also frühere
Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zugehörigen psychischen Werten
hervor. Er sammelt gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl
solcher Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck
seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es
der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe
die Nervenreizeindrücke d e u t e. Das Resultat dieser Deutung ist der
sogenannte N e r v e n r e i z t r a u m, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile
dadurch bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der
Reproduktion seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.«
In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung von
W u n d t, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum größten Teil
von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des allgemeinen Sinnes,
und sind daher zumeist phantastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum
kleineren Teil reine, zu Halluzinationen gesteigerte
Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den
Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet S t r ü m p e l l
das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie »wenn die zehn Finger eines der
äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die Unzulänglichkeit in der
Aufklärung des Traumes, die durch die Einführung dieser Art von
Traumquellen zu erreichen ist. Die Vertreter der Lehre sind uns zwei
solcher Aufklärungen schuldig, erstens warum der äußere Reiz im Traume
nicht in seiner wirklichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird
(vgl. die Weckerträume, p. 21), und zweitens warum das Resultat der
Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so
unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage
haben wir von S t r ü m p e l l gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung
von der Außenwelt während des Schlafens nicht im stande ist, die richtige
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, auf
Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen zu
bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108):
»Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während des
Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungskomplex, ein
Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und von der Seele
perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der Seele vom Wachen her
verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungsbilder, also frühere
Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zugehörigen psychischen Werten
hervor. Er sammelt gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl
solcher Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck
seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es
der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe
die Nervenreizeindrücke d e u t e. Das Resultat dieser Deutung ist der
sogenannte N e r v e n r e i z t r a u m, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile
dadurch bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der
Reproduktion seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.«
In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung von
W u n d t, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum größten Teil
von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des allgemeinen Sinnes,
und sind daher zumeist phantastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum
kleineren Teil reine, zu Halluzinationen gesteigerte
Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den
Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet S t r ü m p e l l
das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie »wenn die zehn Finger eines der
Page 208
Musik ganz unkundigen Menschen über die Tasten des Instruments
hinlaufen«. Der Traum erschiene so nicht als ein seelisches Phänomen, aus
psychischen Motiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines
physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie äußert,
weil der vom Reize betroffene Apparat keiner anderen Äußerung fähig ist.
Auf eine ähnliche Voraussetzung ist z. B. die Erklärung der
Zwangsvorstellungen aufgebaut, die M e y n e r t durch das berühmte
Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen stärker gewölbt
vorspringen, zu geben versuchte.
So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen geworden ist
und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, den schwachen
Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traumreiz, welcher im Schlafe
den seelischen Apparat zur Deutung durch Illusionsbildung auffordert, kann
ungezählt viele solcher Deutungsversuche anregen, also in ungemein
verschiedenen Vorstellungen seine Vertretung im Trauminhalt
erreichen(79). Die Lehre von S t r ü m p e l l und W u n d t ist aber unfähig,
irgend ein Motiv anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren
Reiz und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also die
»sonderbare Auswahl« zu erklären, welche die Reize »oft genug bei ihrer
reproduktiven Wirksamkeit treffen«. (L i p p s, Grundtatsachen des
Seelenlebens, p. 170.) Andere Einwendungen richten sich gegen die
Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe
nicht in der Lage sei, die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu
erkennen. Der alte Physiologe B u r d a c h beweist uns, daß die Seele auch
im Schlafe sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke
richtig zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er
ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende
Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen
Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). B u r d a c h
folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlafzustandes nicht
eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein M a n g e l a n
I n t e r e s s e f ü r s i e anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die
B u r d a c h 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somatischen
Reiztheorie unverändert bei L i p p s im Jahre 1883 wieder. Die Seele
hinlaufen«. Der Traum erschiene so nicht als ein seelisches Phänomen, aus
psychischen Motiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines
physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie äußert,
weil der vom Reize betroffene Apparat keiner anderen Äußerung fähig ist.
Auf eine ähnliche Voraussetzung ist z. B. die Erklärung der
Zwangsvorstellungen aufgebaut, die M e y n e r t durch das berühmte
Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen stärker gewölbt
vorspringen, zu geben versuchte.
So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen geworden ist
und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, den schwachen
Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traumreiz, welcher im Schlafe
den seelischen Apparat zur Deutung durch Illusionsbildung auffordert, kann
ungezählt viele solcher Deutungsversuche anregen, also in ungemein
verschiedenen Vorstellungen seine Vertretung im Trauminhalt
erreichen(79). Die Lehre von S t r ü m p e l l und W u n d t ist aber unfähig,
irgend ein Motiv anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren
Reiz und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also die
»sonderbare Auswahl« zu erklären, welche die Reize »oft genug bei ihrer
reproduktiven Wirksamkeit treffen«. (L i p p s, Grundtatsachen des
Seelenlebens, p. 170.) Andere Einwendungen richten sich gegen die
Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe
nicht in der Lage sei, die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu
erkennen. Der alte Physiologe B u r d a c h beweist uns, daß die Seele auch
im Schlafe sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke
richtig zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er
ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende
Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen
Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). B u r d a c h
folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlafzustandes nicht
eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein M a n g e l a n
I n t e r e s s e f ü r s i e anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die
B u r d a c h 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somatischen
Reiztheorie unverändert bei L i p p s im Jahre 1883 wieder. Die Seele
Page 209
erscheint uns demnach wie der Schläfer in der Anekdote, der auf die Frage
»Schläfst du« antwortet »Nein«, nach der zweiten Anrede, »dann leih’ mir
zehn Gulden« aber sich hinter der Ausrede verschanzt: »Ich schlafe«.
Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traumreizen läßt
sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung zeigt, daß ich durch
äußere Reize nicht zum Träumen genötigt werde, wenngleich diese Reize
im Trauminhalt erscheinen, sobald und für den Fall, daß ich träume. Gegen
einen Haut- oder Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir
verschiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim
Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt war;
die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß
verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungsreize
während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sensation während
des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der
Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in einen
Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um ihn
zu beseitigen. Erst eine vierte mögliche Reaktion ist, daß ich durch den
Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden
aber mindestens ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies
könnte nicht geschehen, wenn nicht das M o t i v d e s T r ä u m e n s
a u ß e r h a l b d e r s o m a t i s c h e n R e i z q u e l l e n l ä g e.
Die S c h e r n e r sche Leibreiztheorie.
In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere Autoren
– S c h e r n e r, dem der Philosoph Vo l k e l t sich anschloß – die
Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische
Aktivität verlegt. S c h e r n e r gab nicht nur eine poetisch nachempfundene,
glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich
bei der Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu
haben, nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen verfährt. In
freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt nach
S c h e r n e r die Traumarbeit dahin, die Natur des Organs, von dem der
»Schläfst du« antwortet »Nein«, nach der zweiten Anrede, »dann leih’ mir
zehn Gulden« aber sich hinter der Ausrede verschanzt: »Ich schlafe«.
Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traumreizen läßt
sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung zeigt, daß ich durch
äußere Reize nicht zum Träumen genötigt werde, wenngleich diese Reize
im Trauminhalt erscheinen, sobald und für den Fall, daß ich träume. Gegen
einen Haut- oder Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir
verschiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim
Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt war;
die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß
verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungsreize
während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sensation während
des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der
Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in einen
Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um ihn
zu beseitigen. Erst eine vierte mögliche Reaktion ist, daß ich durch den
Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden
aber mindestens ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies
könnte nicht geschehen, wenn nicht das M o t i v d e s T r ä u m e n s
a u ß e r h a l b d e r s o m a t i s c h e n R e i z q u e l l e n l ä g e.
Die S c h e r n e r sche Leibreiztheorie.
In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere Autoren
– S c h e r n e r, dem der Philosoph Vo l k e l t sich anschloß – die
Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische
Aktivität verlegt. S c h e r n e r gab nicht nur eine poetisch nachempfundene,
glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich
bei der Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu
haben, nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen verfährt. In
freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt nach
S c h e r n e r die Traumarbeit dahin, die Natur des Organs, von dem der
Page 210
Reiz ausgeht, und die Art dieses Reizes s y m b o l i s c h darzustellen. Es
ergibt sich so eine Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der
Träume, mittels dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle,
Organzustände und Reizzustände geschlossen werden darf. »So drückt das
Bild der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des
hellen und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne
Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den ›Zahnreizträumen‹
entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinabfall
des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im ›Kopfschmerztraum‹ wird
zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines Zimmers
gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen bedeckt ist« (p. 39).
»Diese Symbole werden vom Traume in mehrfacher Auswahl für das
nämliche Organ verwendet; so findet die atmende Lunge in dem
flammenerfüllten Ofen mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen
Kisten und Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder
überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß
am Schlusse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe des
Träumers. So endet der ›Zahnreiztraum‹ gewöhnlich damit, daß der
Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht« (p. 35). Man kann nicht
sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren
gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert,
das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil
beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der
Traumdeutung mittels S y m b o l i k, deren sich die Alten bedienten, nur daß
das Gebiet, aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang
der menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer
wissenschaftlich faßbaren Technik bei der Deutung muß die Anwendbarkeit
der S c h e r n e r schen Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der
Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein
Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat
bereits S c h e r n e r s Anhänger Vo l k e l t die Darstellung des Körpers als
Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung
auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit
ergibt sich so eine Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der
Träume, mittels dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle,
Organzustände und Reizzustände geschlossen werden darf. »So drückt das
Bild der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des
hellen und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne
Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den ›Zahnreizträumen‹
entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinabfall
des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im ›Kopfschmerztraum‹ wird
zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines Zimmers
gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen bedeckt ist« (p. 39).
»Diese Symbole werden vom Traume in mehrfacher Auswahl für das
nämliche Organ verwendet; so findet die atmende Lunge in dem
flammenerfüllten Ofen mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen
Kisten und Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder
überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß
am Schlusse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe des
Träumers. So endet der ›Zahnreiztraum‹ gewöhnlich damit, daß der
Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht« (p. 35). Man kann nicht
sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren
gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert,
das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil
beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der
Traumdeutung mittels S y m b o l i k, deren sich die Alten bedienten, nur daß
das Gebiet, aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang
der menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer
wissenschaftlich faßbaren Technik bei der Deutung muß die Anwendbarkeit
der S c h e r n e r schen Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der
Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein
Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat
bereits S c h e r n e r s Anhänger Vo l k e l t die Darstellung des Körpers als
Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung
auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit
Page 211
begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß
etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.
Von einem Einwand aber wird die S c h e r n e r sche Lehre der
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. Diese
Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach allgemeiner
Annahme während des Schlafens zugänglicher als im Wachen. Man
versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich die Nacht
hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen Organen. Will man sich
diesem Einwand durch die Bedingung entziehen, es müßten vom Auge,
Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um
die Traumtätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese
Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl
von Fällen möglich ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung
des Auf- und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
müßte entweder dieser Traum, wie schon S t r ü m p e l l bemerkt, weit
häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall möglich, der
wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere Motive
wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen
Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits über die
S c h e r n e r sche Theorie hinaus.
Der Wert der Erörterungen von S c h e r n e r und Vo l k e l t liegt darin,
daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes aufmerksam
machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Erkenntnisse zu
verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den Träumen
Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen enthalten sind, daß
Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale
durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden
kann usw. In Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und
leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume,
kann man die Deutung als »Gesichtsreiztraum« kaum abweisen,
ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung in Träumen bestreiten,
welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum, wie der von
S c h e r n e r, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben auf einer Brücke
einander gegenüberstehen, sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte
Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und
etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.
Von einem Einwand aber wird die S c h e r n e r sche Lehre der
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. Diese
Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach allgemeiner
Annahme während des Schlafens zugänglicher als im Wachen. Man
versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich die Nacht
hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen Organen. Will man sich
diesem Einwand durch die Bedingung entziehen, es müßten vom Auge,
Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um
die Traumtätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese
Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl
von Fällen möglich ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung
des Auf- und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
müßte entweder dieser Traum, wie schon S t r ü m p e l l bemerkt, weit
häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall möglich, der
wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere Motive
wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen
Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits über die
S c h e r n e r sche Theorie hinaus.
Der Wert der Erörterungen von S c h e r n e r und Vo l k e l t liegt darin,
daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes aufmerksam
machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Erkenntnisse zu
verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den Träumen
Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen enthalten sind, daß
Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale
durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden
kann usw. In Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und
leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume,
kann man die Deutung als »Gesichtsreiztraum« kaum abweisen,
ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung in Träumen bestreiten,
welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum, wie der von
S c h e r n e r, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben auf einer Brücke
einander gegenüberstehen, sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte
Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und
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einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von
Vo l k e l t, in dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der
wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht zu, daß
man die S c h e r n e r sche Theorie als müßige Erfindung bei Seite wirft,
ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe,
für die vermeintliche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine
andersartige Aufklärung zu erbringen.
Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt.
Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. Wenn
wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material an Träumen
nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum einen ihm
eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv
seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste
Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traumlehre, welche
ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernachlässigt und
dementsprechend den Traum als eine nutzlose und rätselhafte psychische
Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik
gerichtet. Es müßte denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz
verschiedene Arten von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die
andere nur den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es
erübrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung innerhalb
unserer Traumlehre zu verschaffen.
Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den Satz
aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle gleichzeitig
vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu verarbeiten (p. 136).
Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucksfähige Erlebnisse vom
Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen sich ergebenden Wünsche in
einem Traume vereinigt werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der
psychisch wertvolle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des Vortages
zusammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen
Vo l k e l t, in dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der
wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht zu, daß
man die S c h e r n e r sche Theorie als müßige Erfindung bei Seite wirft,
ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe,
für die vermeintliche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine
andersartige Aufklärung zu erbringen.
Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt.
Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. Wenn
wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material an Träumen
nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum einen ihm
eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv
seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste
Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traumlehre, welche
ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernachlässigt und
dementsprechend den Traum als eine nutzlose und rätselhafte psychische
Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik
gerichtet. Es müßte denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz
verschiedene Arten von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die
andere nur den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es
erübrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung innerhalb
unserer Traumlehre zu verschaffen.
Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den Satz
aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle gleichzeitig
vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu verarbeiten (p. 136).
Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucksfähige Erlebnisse vom
Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen sich ergebenden Wünsche in
einem Traume vereinigt werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der
psychisch wertvolle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des Vortages
zusammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen
Page 213
zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion
auf alles, was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden
ist. Soweit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren,
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit,
vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen
Erinnerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden mit den
anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material für die
Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes werden, um es
anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere
Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese
Vereinigung m u ß nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen
körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens
möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein
Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Vertretung
darstellt.
Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den psychischen
Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt eine
Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das aktuelle
Material bestimmt wird.
Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentümlichkeiten,
welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum veränderlich gestalten
können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammenwirken individueller,
physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen Umständen gegebener
Momente darüber entscheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von
intensiverer objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die
habituelle und akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der Intensität
des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken,
daß er im Schlafe nicht stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen,
oder den Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum
zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend
auf alles, was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden
ist. Soweit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren,
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit,
vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen
Erinnerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden mit den
anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material für die
Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes werden, um es
anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere
Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese
Vereinigung m u ß nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen
körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens
möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein
Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Vertretung
darstellt.
Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den psychischen
Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt eine
Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das aktuelle
Material bestimmt wird.
Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentümlichkeiten,
welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum veränderlich gestalten
können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammenwirken individueller,
physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen Umständen gegebener
Momente darüber entscheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von
intensiverer objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die
habituelle und akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der Intensität
des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken,
daß er im Schlafe nicht stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen,
oder den Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum
zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend
Page 214
werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener im
Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich ein
ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte, mich durch
keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die Einmengung äußerer
Erregungsursachen in die Träume sehr selten, während psychische Motive
mich doch offenbar sehr leicht zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich
nur einen einzigen Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive,
schmerzhafte Reizquelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traume
wird es sehr lehrreich werden, nachzusehen, welchen Traumerfolg der
äußere Reiz gehabt hat.
Der Traum vom Reiten.
Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst
zaghaft und ungeschickt, als ob ich nur angelehnt
w ä r e . D a b e g e g n e i c h e i n e m K o l l e g e n P. , d e r i m
Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an etwas
m a h n t (wahrscheinlich, d a ß i c h s c h l e c h t s i t z e). N u n f i n d e
ich mich auf dem höchst intelligenten Roß immer
mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine
Art Polster, das den Raum zwischen Hals und
Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite
so knapp zwischen zwei Lastwagen hindurch.
Nachdem ich die Straße eine Strecke weit geritten
bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst vor
einer kleinen offenen Kapelle, die in der
Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor
einer ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in
derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu
führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde,
d o r t a l s R e i t e r a n z u k o m m e n . Vo r d e m H o t e l s t e h t
ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, der
von mir gefunden wurde, und mich darum
verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal
unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter
Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich ein
ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte, mich durch
keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die Einmengung äußerer
Erregungsursachen in die Träume sehr selten, während psychische Motive
mich doch offenbar sehr leicht zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich
nur einen einzigen Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive,
schmerzhafte Reizquelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traume
wird es sehr lehrreich werden, nachzusehen, welchen Traumerfolg der
äußere Reiz gehabt hat.
Der Traum vom Reiten.
Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst
zaghaft und ungeschickt, als ob ich nur angelehnt
w ä r e . D a b e g e g n e i c h e i n e m K o l l e g e n P. , d e r i m
Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an etwas
m a h n t (wahrscheinlich, d a ß i c h s c h l e c h t s i t z e). N u n f i n d e
ich mich auf dem höchst intelligenten Roß immer
mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine
Art Polster, das den Raum zwischen Hals und
Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite
so knapp zwischen zwei Lastwagen hindurch.
Nachdem ich die Straße eine Strecke weit geritten
bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst vor
einer kleinen offenen Kapelle, die in der
Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor
einer ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in
derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu
führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde,
d o r t a l s R e i t e r a n z u k o m m e n . Vo r d e m H o t e l s t e h t
ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, der
von mir gefunden wurde, und mich darum
verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal
unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter
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Vo r s a t z (undeutlich) w i e : n i c h t s a r b e i t e n ; d a z u e i n e
dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin,
in der ich nichts arbeite.
Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter dem
Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes entstanden ist.
Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede Bewegung
zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der Wurzel des Skrotum
zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei jedem Schritte die
unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust,
die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten sich mit den
Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war nicht recht
fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei
dem Sitze des Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich
sicherlich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist
das R e i t e n. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es ist
die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugänglich ist.
Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst nicht davon, bin
überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen und damals ohne Sattel,
und es behagte mir nicht. Aber in diesem Traume reite ich, als ob ich keinen
Furunkel am Damm hätte, n e i n , g e r a d e w e i l i c h k e i n e n
h a b e n w i l l. Mein Sattel ist der Beschreibung gemäß der Breiumschlag,
der mir das Einschlafen ermöglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die
ersten Stunden des Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem Leiden
verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten
mich aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: »Schlaf
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel an
der Stelle kann man doch nicht reiten!« Und es gelang ihm so; der Schmerz
wurde übertäubt und ich schlief weiter.
Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die hartnäckige
Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vorstellung, den
Furunkel »abzusuggerieren«, wobei er sich benommen wie der
halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat(80), oder
des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht haben; sondern
die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation und des zu ihrer Verdrängung
gebrauchten Bildes dienen ihm auch als Material, um das, was sonst in der
dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin,
in der ich nichts arbeite.
Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter dem
Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes entstanden ist.
Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede Bewegung
zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der Wurzel des Skrotum
zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei jedem Schritte die
unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust,
die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten sich mit den
Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war nicht recht
fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei
dem Sitze des Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich
sicherlich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist
das R e i t e n. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es ist
die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugänglich ist.
Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst nicht davon, bin
überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen und damals ohne Sattel,
und es behagte mir nicht. Aber in diesem Traume reite ich, als ob ich keinen
Furunkel am Damm hätte, n e i n , g e r a d e w e i l i c h k e i n e n
h a b e n w i l l. Mein Sattel ist der Beschreibung gemäß der Breiumschlag,
der mir das Einschlafen ermöglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die
ersten Stunden des Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem Leiden
verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten
mich aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: »Schlaf
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel an
der Stelle kann man doch nicht reiten!« Und es gelang ihm so; der Schmerz
wurde übertäubt und ich schlief weiter.
Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die hartnäckige
Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vorstellung, den
Furunkel »abzusuggerieren«, wobei er sich benommen wie der
halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat(80), oder
des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht haben; sondern
die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation und des zu ihrer Verdrängung
gebrauchten Bildes dienen ihm auch als Material, um das, was sonst in der
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Seele aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes anzuknüpfen und
zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein g r a u e s Pferd, die Farbe des
Pferdes entspricht genau dem p f e f f e r - u n d s a l z f a r b i g e n Dreß, in
dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. S c h a r f
g e w ü r z t e Nahrung ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten
worden, immerhin als Ätiologie dem Z u c k e r vorzuziehen, an den man
bei Furunkulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs
h o h e R o ß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit
der ich große K u n s t s t ü c k e ausgeführt hatte (ich sitze im Traume auf
dem Pferde zuerst wie ein K u n s t r e i t e r tangential), die mich aber
wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat,
wohin sie wollte. So kommt das Roß zur symbolischen Bedeutung einer
Patientin (es ist im Traume h ö c h s t i n t e l l i g e n t). »I c h f ü h l e
m i c h g a n z h e i m i s c h o b e n« geht auf die Stellung, die ich in dem
Hause innehatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde. »I c h h a b e g e m e i n t ,
S i e s i t z e n o b e n f e s t i m S a t t e l«, hat mir mit Beziehung auf
dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser
Stadt vor kurzem gesagt. Es war auch ein K u n s t s t ü c k, mit solchen
Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber
ich weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß (der
Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vorzeigen): –
N i c h t a r b e i t e n u n d n i c h t e s s e n . Bei weiterer Deutung sehe
ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunschsituation des
Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinderstreitszenen, die sich
zwischen mir und einem jetzt in England lebenden, übrigens um ein Jahr
älteren Neffen abgespielt haben mußten. Außerdem hat er Elemente aus
meinen Reisen in Italien aufgenommen; die Straße im Traume ist aus
Eindrücken von Verona und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer
gehende Deutung führt zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere
mich, was bei einer Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen
an das schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war,
und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.
Der Wunsch, den Schlaf fortzusetzen.
zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein g r a u e s Pferd, die Farbe des
Pferdes entspricht genau dem p f e f f e r - u n d s a l z f a r b i g e n Dreß, in
dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. S c h a r f
g e w ü r z t e Nahrung ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten
worden, immerhin als Ätiologie dem Z u c k e r vorzuziehen, an den man
bei Furunkulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs
h o h e R o ß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit
der ich große K u n s t s t ü c k e ausgeführt hatte (ich sitze im Traume auf
dem Pferde zuerst wie ein K u n s t r e i t e r tangential), die mich aber
wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat,
wohin sie wollte. So kommt das Roß zur symbolischen Bedeutung einer
Patientin (es ist im Traume h ö c h s t i n t e l l i g e n t). »I c h f ü h l e
m i c h g a n z h e i m i s c h o b e n« geht auf die Stellung, die ich in dem
Hause innehatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde. »I c h h a b e g e m e i n t ,
S i e s i t z e n o b e n f e s t i m S a t t e l«, hat mir mit Beziehung auf
dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser
Stadt vor kurzem gesagt. Es war auch ein K u n s t s t ü c k, mit solchen
Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber
ich weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß (der
Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vorzeigen): –
N i c h t a r b e i t e n u n d n i c h t e s s e n . Bei weiterer Deutung sehe
ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunschsituation des
Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinderstreitszenen, die sich
zwischen mir und einem jetzt in England lebenden, übrigens um ein Jahr
älteren Neffen abgespielt haben mußten. Außerdem hat er Elemente aus
meinen Reisen in Italien aufgenommen; die Straße im Traume ist aus
Eindrücken von Verona und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer
gehende Deutung führt zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere
mich, was bei einer Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen
an das schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war,
und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.
Der Wunsch, den Schlaf fortzusetzen.
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In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, eine
d i e s m a l von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung abzuwehren,
aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, den
Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu entdecken,
und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens erwachte ich, es
war im Hochsommer in einem tirolischen Höhenort, mit dem Wissen,
geträumt zu haben: D e r P a p s t i s t g e s t o r b e n . Die Deutung dieses
kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht. Ich erinnerte mich nur der
einen Anlehnung für den Traum, daß in der Zeitung kurze Zeit vorher ein
leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit gemeldet worden war. Aber im Laufe des
Vormittags fragt meine Frau: »Hast du heute morgens das fürchterliche
Glockenläuten gehört?« Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte,
aber ich verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines
Schlafbedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, die
den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Interesse für das
Geläute weiter.
Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen fänden
sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung sogenannter
Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in vollen Zügen ist ein
solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend die einzige
Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch – der Durst – das
einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen, wenn
der somatische Reiz für sich allein einen Wunsch zu bilden vermag. Der
Traum der Kranken, die nachts den Kühlapparat von der Wange abwirft,
zeigt eine ungewöhnliche Art, auf Schmerzensreize mit einer
Wunscherfüllung zu reagieren; es scheint, daß es der Kranken
vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu machen, wobei sie ihre
Schmerzen einem Fremden zuschob.
Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hungertraum, aber
er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht des Kindes nach der
Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose Begierde zur Decke für
eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt äußern darf, zu benutzen. Im
Traume vom Grafen T h u n konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein
akzidentell gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten, aber auch
stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung gebracht
d i e s m a l von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung abzuwehren,
aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, den
Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu entdecken,
und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens erwachte ich, es
war im Hochsommer in einem tirolischen Höhenort, mit dem Wissen,
geträumt zu haben: D e r P a p s t i s t g e s t o r b e n . Die Deutung dieses
kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht. Ich erinnerte mich nur der
einen Anlehnung für den Traum, daß in der Zeitung kurze Zeit vorher ein
leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit gemeldet worden war. Aber im Laufe des
Vormittags fragt meine Frau: »Hast du heute morgens das fürchterliche
Glockenläuten gehört?« Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte,
aber ich verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines
Schlafbedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, die
den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Interesse für das
Geläute weiter.
Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen fänden
sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung sogenannter
Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in vollen Zügen ist ein
solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend die einzige
Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch – der Durst – das
einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen, wenn
der somatische Reiz für sich allein einen Wunsch zu bilden vermag. Der
Traum der Kranken, die nachts den Kühlapparat von der Wange abwirft,
zeigt eine ungewöhnliche Art, auf Schmerzensreize mit einer
Wunscherfüllung zu reagieren; es scheint, daß es der Kranken
vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu machen, wobei sie ihre
Schmerzen einem Fremden zuschob.
Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hungertraum, aber
er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht des Kindes nach der
Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose Begierde zur Decke für
eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt äußern darf, zu benutzen. Im
Traume vom Grafen T h u n konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein
akzidentell gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten, aber auch
stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung gebracht
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wird. Und wenn, wie in dem von G a r n i e r berichteten Falle, der erste
Konsul das Geräusch der explodierenden Höllenmaschine in einen
Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin
ganz besonders klar das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich
überhaupt um die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger
Advokat, der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags
einschläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er träumt
von einem gewissen G. Reich in H u s s i a t y n, den er aus dem Konkurs
kennt, aber H u s s i a t y n drängt sich weiter gebieterisch auf; er muß
erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchialkatarrh leidet, heftig –
husten.
Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse ins
Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer
Bequemlichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume –
B e q u e m l i c h k e i t s t r ä u m e; sie dienen der Absicht, den Schlaf
fortzusetzen, anstatt zu erwachen. D e r T r a u m i s t d e r W ä c h t e r
d e s S c h l a f e s , n i c h t s e i n S t ö r e r . Gegen die psychisch
erweckenden Momente werden wir diese Auffassung an anderer Stelle
rechtfertigen; ihre Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren
Reize können wir hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder
überhaupt nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn
sie dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize in
Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie dieselben
anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die
aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten und mit dem
Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in
einen Traum verflochten, u m i h r d i e R e a l i t ä t z u r a u b e n.
Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den
Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will(81).
Konsul das Geräusch der explodierenden Höllenmaschine in einen
Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin
ganz besonders klar das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich
überhaupt um die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger
Advokat, der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags
einschläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er träumt
von einem gewissen G. Reich in H u s s i a t y n, den er aus dem Konkurs
kennt, aber H u s s i a t y n drängt sich weiter gebieterisch auf; er muß
erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchialkatarrh leidet, heftig –
husten.
Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse ins
Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer
Bequemlichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume –
B e q u e m l i c h k e i t s t r ä u m e; sie dienen der Absicht, den Schlaf
fortzusetzen, anstatt zu erwachen. D e r T r a u m i s t d e r W ä c h t e r
d e s S c h l a f e s , n i c h t s e i n S t ö r e r . Gegen die psychisch
erweckenden Momente werden wir diese Auffassung an anderer Stelle
rechtfertigen; ihre Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren
Reize können wir hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder
überhaupt nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn
sie dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize in
Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie dieselben
anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die
aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten und mit dem
Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in
einen Traum verflochten, u m i h r d i e R e a l i t ä t z u r a u b e n.
Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den
Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will(81).
Page 219
Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das
bewußte Ich eingestellt hat und der nebst der
T r a u m z e n s u r (82) d e s s e n Beitrag zum Träumen
darstellt, muß so als Motiv der Traumbildung
jedesmal eingerechnet werden, und jeder gelungene
T r a u m i s t e i n e E r f ü l l u n g d e s s e l b e n . Wie dieser allgemeine,
regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunsch sich zu den
anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener durch den
Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen
Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes
Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der S t r ü m p e l l -
W u n d t schen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit in
der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung,
deren die schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse
in Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es
werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen nur solche
zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches
vereinbar sind. Etwa: Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn
wenn’s die Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den
nun zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschanregungen
erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür
überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern – wenn man so will
– Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Verschiebung
zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der Beugung des normalen
psychischen Vorganges zuzugeben.
Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche.
Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug sind,
um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie – falls überhaupt
Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist – einen festen Punkt für die
Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, zu dem eine
entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe
oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen
Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in
ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In diesem
bewußte Ich eingestellt hat und der nebst der
T r a u m z e n s u r (82) d e s s e n Beitrag zum Träumen
darstellt, muß so als Motiv der Traumbildung
jedesmal eingerechnet werden, und jeder gelungene
T r a u m i s t e i n e E r f ü l l u n g d e s s e l b e n . Wie dieser allgemeine,
regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunsch sich zu den
anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener durch den
Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen
Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes
Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der S t r ü m p e l l -
W u n d t schen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit in
der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung,
deren die schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse
in Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es
werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen nur solche
zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches
vereinbar sind. Etwa: Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn
wenn’s die Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den
nun zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschanregungen
erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür
überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern – wenn man so will
– Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Verschiebung
zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der Beugung des normalen
psychischen Vorganges zuzugeben.
Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche.
Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug sind,
um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie – falls überhaupt
Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist – einen festen Punkt für die
Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, zu dem eine
entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe
oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen
Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in
ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In diesem
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extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein gerade nicht
aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders, als einen
Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die
Aufgabe gestellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle
Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch scheint,
aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier psychischer
Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur erklärlich wird.
Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben v e r d r ä n g t e Wünsche,
die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung das zweite System
sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch gemeint, daß es solche
Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet worden sind; sondern die
Lehre von der Verdrängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf,
behauptet, daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig
aber eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige,
wenn sie von »U n t e r d r ü c k e n« solcher Impulse redet. Die psychische
Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung
durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß
ein solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich die
überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems als
Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen mit
Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden sind, so
wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt, um die Erfüllung
eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder weniger Beibehalt der
Zensur – darzustellen.
Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, während
eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen Traumbildungen
einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die Angst in den Träumen kann
nämlich eine psychoneurotische sein, aus psychosexuellen Erregungen
stammen, wobei die Angst verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese
Angst wie der ganze Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen
Symptoms, und wir stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende
Tendenz des Traumes scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die
Angstempfindung somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und
aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders, als einen
Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die
Aufgabe gestellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle
Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch scheint,
aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier psychischer
Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur erklärlich wird.
Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben v e r d r ä n g t e Wünsche,
die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung das zweite System
sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch gemeint, daß es solche
Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet worden sind; sondern die
Lehre von der Verdrängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf,
behauptet, daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig
aber eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige,
wenn sie von »U n t e r d r ü c k e n« solcher Impulse redet. Die psychische
Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung
durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß
ein solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich die
überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems als
Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen mit
Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden sind, so
wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt, um die Erfüllung
eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder weniger Beibehalt der
Zensur – darzustellen.
Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, während
eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen Traumbildungen
einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die Angst in den Träumen kann
nämlich eine psychoneurotische sein, aus psychosexuellen Erregungen
stammen, wobei die Angst verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese
Angst wie der ganze Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen
Symptoms, und wir stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende
Tendenz des Traumes scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die
Angstempfindung somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und
Page 221
Herzkranken bei zufälliger Atembehinderung), und dann wird sie dazu
benutzt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als
Traum zu verhelfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche
Angstentbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden
scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen
Bildungen, einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig
zusammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im Traume
die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unterdrückten
Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, mit sexueller
Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angstentbindung. Von dem
einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch
gedeutet wird; im anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der
unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst
passende somatische Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier für das
Verständnis ergeben, haben mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren
daher, daß wir mit diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung
und der Verdrängung streifen.
Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leiblichkeit
gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht daß sie den
Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traumgedanken eine
Auswahl aus dem Material auf, welches zur Darstellung im Trauminhalt
dienen soll, indem sie den einen Teil dieses Materials, als zu ihrem Wesen
passend, nahe legt, den anderen fern hält. Überdies ist ja wohl diese
Allgemeinstimmung vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen
psychischen Resten verknüpft. Dabei kann diese Stimmung selbst im
Traume erhalten bleiben, oder überwunden werden, so daß sie, wenn
unlustvoll, ins Gegenteil umschlägt.
Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes – die
Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, so
spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine ähnliche
Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Eindrücke des
Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung herangezogen,
wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungsinhalt der psychischen
Traumquelle eignen, im anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein
wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material behandelt, welches zur
Verwendung kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares
benutzt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als
Traum zu verhelfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche
Angstentbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden
scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen
Bildungen, einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig
zusammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im Traume
die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unterdrückten
Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, mit sexueller
Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angstentbindung. Von dem
einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch
gedeutet wird; im anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der
unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst
passende somatische Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier für das
Verständnis ergeben, haben mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren
daher, daß wir mit diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung
und der Verdrängung streifen.
Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leiblichkeit
gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht daß sie den
Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traumgedanken eine
Auswahl aus dem Material auf, welches zur Darstellung im Trauminhalt
dienen soll, indem sie den einen Teil dieses Materials, als zu ihrem Wesen
passend, nahe legt, den anderen fern hält. Überdies ist ja wohl diese
Allgemeinstimmung vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen
psychischen Resten verknüpft. Dabei kann diese Stimmung selbst im
Traume erhalten bleiben, oder überwunden werden, so daß sie, wenn
unlustvoll, ins Gegenteil umschlägt.
Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes – die
Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, so
spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine ähnliche
Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Eindrücke des
Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung herangezogen,
wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungsinhalt der psychischen
Traumquelle eignen, im anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein
wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material behandelt, welches zur
Verwendung kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares
Page 222
Material die Art seiner Verwendung selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa
ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein,
einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des
Steines, seine Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf
oder welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei
gleichmäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. Auf
diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener
Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten Reizen aus
unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen Träumen und nicht in
jeder Nacht im Traume erscheint(83).
Ein Traum vom Gehemmtsein.
Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte ich
mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, nicht von
der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig geträumt wird
und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht
darauf hatte ich folgenden Traum: I c h gehe in sehr
u n v o l l s t ä n d i g e r To i l e t t e a u s e i n e r Wo h n u n g i m
Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk.
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue
mich, daß ich so flink Treppen steigen kann.
Plötzlich sehe ich, daß ein Dienstmädchen die
Treppen herab und also mir entgegenkommt. Ich
schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes
Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und
komme nicht von der Stelle.
A n a l y s e: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirklichkeit
entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur
durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hochparterre befindet sich
meine ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die
Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe,
gehe ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume
hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette
ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein,
einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des
Steines, seine Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf
oder welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei
gleichmäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. Auf
diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener
Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten Reizen aus
unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen Träumen und nicht in
jeder Nacht im Traume erscheint(83).
Ein Traum vom Gehemmtsein.
Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte ich
mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, nicht von
der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig geträumt wird
und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht
darauf hatte ich folgenden Traum: I c h gehe in sehr
u n v o l l s t ä n d i g e r To i l e t t e a u s e i n e r Wo h n u n g i m
Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk.
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue
mich, daß ich so flink Treppen steigen kann.
Plötzlich sehe ich, daß ein Dienstmädchen die
Treppen herab und also mir entgegenkommt. Ich
schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes
Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und
komme nicht von der Stelle.
A n a l y s e: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirklichkeit
entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur
durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hochparterre befindet sich
meine ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die
Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe,
gehe ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume
hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette
Page 223
gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt; im
Traume war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad
von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist meine
gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traume
anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser Leistung
hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit getröstet. Ferner ist
diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung
in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir – was des Beweises nicht
bedurfte –, daß der Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische
Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke an
das Fliegen im Traume!
Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses; ich
erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person klärt
mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person ist das Dienstmädchen
der alten Dame, die ich täglich zweimal besuche, um ihr Injektionen zu
machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage
dort zu ersteigen habe.
Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in meinen
Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, hat
unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem ich
träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu diesen
Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: Wenn ich in diesem
Hause den Morgenbesuch mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von
Räuspern befallen; das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In
diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich
vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine
Kosten erfolgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes
ermöglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und
mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie
lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde, und
wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie vernehmlich brummen. Auch
versagt sie mir dann für Tage die gewohnte Hochachtung, wenn wir uns
begegnen. Am Vortag des Traumes bekam nun die Partei der Hausmeisterin
eine Verstärkung durch das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer
meinen Besuch bei der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im
Traume war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad
von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist meine
gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traume
anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser Leistung
hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit getröstet. Ferner ist
diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung
in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir – was des Beweises nicht
bedurfte –, daß der Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische
Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke an
das Fliegen im Traume!
Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses; ich
erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person klärt
mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person ist das Dienstmädchen
der alten Dame, die ich täglich zweimal besuche, um ihr Injektionen zu
machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage
dort zu ersteigen habe.
Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in meinen
Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, hat
unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem ich
träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu diesen
Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: Wenn ich in diesem
Hause den Morgenbesuch mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von
Räuspern befallen; das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In
diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich
vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine
Kosten erfolgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes
ermöglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und
mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie
lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde, und
wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie vernehmlich brummen. Auch
versagt sie mir dann für Tage die gewohnte Hochachtung, wenn wir uns
begegnen. Am Vortag des Traumes bekam nun die Partei der Hausmeisterin
eine Verstärkung durch das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer
meinen Besuch bei der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im
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Vorzimmer stellte und die Bemerkung von sich gab: »Herr Doktor hätten
sich heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen.
Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen.« Dies ist
der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend machen
können, um in meinem Traume zu erscheinen.
Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-Treppe-
Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh wie
Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des Rauchens
darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner Hausfrau nicht den
Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen Hause so wenig wie in
dem anderen, die der Traum zu einem Gebilde verschmilzt.
Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis ich
berichten kann, woher der typische Traum von der unvollständigen
Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Ergebnis des mitgeteilten
Traumes, daß die Traumsensation der gehemmten Bewegung überall dort
hervorgerufen wird, wo ein gewisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein
besonderer Zustand meiner Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache
dieses Trauminhaltes sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie
zur Sicherung dieser Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.
d) T y p i s c h e T r ä u m e.
Wir sind im allgemeinen nicht im stande, den Traum eines anderen zu
deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Trauminhalt stehenden
unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch wird die praktische
Verwertbarkeit unserer Methode der Traumdeutung schwer beeinträchtigt.
Nun gibt es aber, so recht im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des
einzelnen, sich seine Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten
und dadurch dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine
gewisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben Weise
geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei
jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich
diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei allen
sich heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen.
Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen.« Dies ist
der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend machen
können, um in meinem Traume zu erscheinen.
Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-Treppe-
Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh wie
Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des Rauchens
darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner Hausfrau nicht den
Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen Hause so wenig wie in
dem anderen, die der Traum zu einem Gebilde verschmilzt.
Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis ich
berichten kann, woher der typische Traum von der unvollständigen
Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Ergebnis des mitgeteilten
Traumes, daß die Traumsensation der gehemmten Bewegung überall dort
hervorgerufen wird, wo ein gewisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein
besonderer Zustand meiner Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache
dieses Trauminhaltes sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie
zur Sicherung dieser Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.
d) T y p i s c h e T r ä u m e.
Wir sind im allgemeinen nicht im stande, den Traum eines anderen zu
deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Trauminhalt stehenden
unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch wird die praktische
Verwertbarkeit unserer Methode der Traumdeutung schwer beeinträchtigt.
Nun gibt es aber, so recht im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des
einzelnen, sich seine Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten
und dadurch dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine
gewisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben Weise
geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei
jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich
diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei allen
Page 225
Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders gut geeignet
scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.
Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, unsere
Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu versuchen und
uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst sich gerade an diesem
Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung der typischen Träume
versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, die uns sonst zum
Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie werden unklar und
unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer Hilfe nicht lösen
können.
Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik abhelfen,
wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. Dann wird dem
Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur einige aus der Gruppe
der typischen Träume behandeln kann und die Erörterung der anderen auf
jenen späteren Zusammenhang verschiebe.
α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.
Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegenwart
Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich dessen gar nicht
geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem Nacktheitstraume nur
dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder
sich verbergen will und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß
man nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinliche
Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der
Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen
einbezogen werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt
sich im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen
möchte und es nicht zu stande bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner
Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben.
Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig deutlich.
Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist selten ein klares
Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, daß sie durch eine
scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.
Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, unsere
Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu versuchen und
uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst sich gerade an diesem
Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung der typischen Träume
versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, die uns sonst zum
Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie werden unklar und
unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer Hilfe nicht lösen
können.
Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik abhelfen,
wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. Dann wird dem
Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur einige aus der Gruppe
der typischen Träume behandeln kann und die Erörterung der anderen auf
jenen späteren Zusammenhang verschiebe.
α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.
Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegenwart
Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich dessen gar nicht
geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem Nacktheitstraume nur
dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder
sich verbergen will und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß
man nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinliche
Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der
Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen
einbezogen werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt
sich im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen
möchte und es nicht zu stande bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner
Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben.
Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig deutlich.
Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist selten ein klares
Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, daß sie durch eine
Page 226
Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: »Ich war im Hemde oder
im Unterrocke.« In der Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß
die dazugehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des
Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine
vorschriftswidrige Adjustierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe
Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte
Zivilhose u. dgl.
Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde mit
unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im typischen
Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst solche Verlegenheit
bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. Die Leute machen ganz
im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es in einem besonders klaren
Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.
Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit der Leute
ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume häufig
vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch nur passen,
daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, oder sich über ihn
entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug ist durch die
Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere, durch irgend
welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke
dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, daß
der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell entstellten Form das
richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines
Märchens geworden, welches uns allen in der A n d e r s e n schen
Fassung(84) bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. F u l d a im
»Talisman« poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im
A n d e r s e n schen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt, die für den
Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen
sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand
bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt,
tun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl nicht
viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständliche Trauminhalt eine
Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu erfinden, in welcher die vor
der Erinnerung stehende Situation sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer
ursprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken dienstbar
im Unterrocke.« In der Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß
die dazugehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des
Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine
vorschriftswidrige Adjustierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe
Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte
Zivilhose u. dgl.
Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde mit
unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im typischen
Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst solche Verlegenheit
bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. Die Leute machen ganz
im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es in einem besonders klaren
Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.
Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit der Leute
ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume häufig
vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch nur passen,
daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, oder sich über ihn
entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug ist durch die
Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere, durch irgend
welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke
dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, daß
der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell entstellten Form das
richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines
Märchens geworden, welches uns allen in der A n d e r s e n schen
Fassung(84) bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. F u l d a im
»Talisman« poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im
A n d e r s e n schen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt, die für den
Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen
sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand
bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt,
tun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl nicht
viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständliche Trauminhalt eine
Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu erfinden, in welcher die vor
der Erinnerung stehende Situation sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer
ursprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken dienstbar
Page 227
gemacht worden. Aber wir werden hören, daß solches Mißverständnis des
Trauminhaltes durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen
Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige
Traumgestaltung anzuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von
Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls
innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle
spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser
der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, der
Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem
solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, läßt
nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung aus der
frühesten Kindheit zu grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit,
daß wir in mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von
fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und
wir haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt(85). An vielen
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre
Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten.
Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer
dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man
nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch
ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis
dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm
zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. Einer meiner Patienten hat in seiner
bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten Lebensjahre bewahrt,
wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner
kleinen Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die
dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern
spielt die Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große
Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu
werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang
erhoben worden ist, die der E x h i b i t i o n i s t e n.
Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären.
Trauminhaltes durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen
Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige
Traumgestaltung anzuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von
Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls
innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle
spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser
der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, der
Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem
solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, läßt
nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung aus der
frühesten Kindheit zu grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit,
daß wir in mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von
fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und
wir haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt(85). An vielen
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre
Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten.
Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer
dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man
nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch
ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis
dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm
zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. Einer meiner Patienten hat in seiner
bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten Lebensjahre bewahrt,
wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner
kleinen Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die
dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern
spielt die Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große
Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu
werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang
erhoben worden ist, die der E x h i b i t i o n i s t e n.
Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären.
Page 228
Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rückschau
später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts anderes als die
Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im
Paradies die Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein
Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die
Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In
dieses Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir
haben bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der
ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten
vierten Jahre) an und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter
ankäme, nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine
Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also
E x h i b i t i o n s t r ä u m e(86).
Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die nicht als
die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen wird, und die
mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung so vieler späterer
Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt; dazu
kommen nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein
Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen
im Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine einfache
Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen, denen unser
sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des
Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die
Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar
geblieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der
Traum für sie einsetzt, »viele fremde Leute«, die sich nicht um das
gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der W u n s c h g e g e n s a t z zu
jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot. »Viele
fremde Leute« finden sich in Träumen übrigens auch häufig in beliebigem
anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als Wunschgegensatz
»Geheimnis«(87). Man merkt, wie auch die Restitution des alten
Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze
Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß
beobachtet, aber die Beobachter sind »viele, fremde, merkwürdig
unbestimmt gelassene Leute«.
später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts anderes als die
Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im
Paradies die Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein
Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die
Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In
dieses Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir
haben bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der
ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten
vierten Jahre) an und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter
ankäme, nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine
Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also
E x h i b i t i o n s t r ä u m e(86).
Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die nicht als
die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen wird, und die
mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung so vieler späterer
Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt; dazu
kommen nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein
Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen
im Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine einfache
Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen, denen unser
sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des
Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die
Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar
geblieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der
Traum für sie einsetzt, »viele fremde Leute«, die sich nicht um das
gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der W u n s c h g e g e n s a t z zu
jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot. »Viele
fremde Leute« finden sich in Träumen übrigens auch häufig in beliebigem
anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als Wunschgegensatz
»Geheimnis«(87). Man merkt, wie auch die Restitution des alten
Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze
Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß
beobachtet, aber die Beobachter sind »viele, fremde, merkwürdig
unbestimmt gelassene Leute«.
Page 229
Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur Sprache.
Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion des zweiten
psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene Inhalt der
Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu ersparen,
hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später nochmals
handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den W i l l e n s k o n f l i k t,
das N e i n, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll die Exhibition
fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unterbrochen werden.
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen und
anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zufällige.
Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungsprozeß, dessen
Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in umgekehrter
Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein
Freund macht mich auf folgende Stelle aus G. K e l l e r s »Grünem
Heinrich« aufmerksam: »Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie
jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er
nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen
erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie
das zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt
von Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde
umherschweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen
des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen
sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, feine und liebe
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie
zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham und
Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im
Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der Traum des
kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat H o m e r jene Lage
aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.«
Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung der
Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Regungen des
Seelenlebens, die in der später prähistorisch gewordenen Kinderzeit
wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und einwandfreien Wünschen des
Heimatlosen brechen im Traume die unterdrückten und unerlaubt
Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion des zweiten
psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene Inhalt der
Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu ersparen,
hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später nochmals
handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den W i l l e n s k o n f l i k t,
das N e i n, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll die Exhibition
fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unterbrochen werden.
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen und
anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zufällige.
Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungsprozeß, dessen
Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in umgekehrter
Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein
Freund macht mich auf folgende Stelle aus G. K e l l e r s »Grünem
Heinrich« aufmerksam: »Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie
jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er
nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen
erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie
das zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt
von Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde
umherschweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen
des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen
sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, feine und liebe
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie
zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham und
Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im
Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der Traum des
kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat H o m e r jene Lage
aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.«
Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung der
Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Regungen des
Seelenlebens, die in der später prähistorisch gewordenen Kinderzeit
wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und einwandfreien Wünschen des
Heimatlosen brechen im Traume die unterdrückten und unerlaubt
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gewordenen Kinderwünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die
Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angsttraum um.
Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über die
Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben verwandelt, ist
gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen Bestandstücke
eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kindererlebnisse
zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß
darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen mich,
ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung
verhilft, die sie im Traume einnimmt. Ich kann die gewünschten
Aufklärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man
die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei
Gedanken, die, anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar
aufeinanderfolgen, gehören zu einer Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie
ein a und ein b, die ich nebeneinander hinschreibe, als eine Silbe: a b,
ausgesprochen werden sollen. Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der
Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe
herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind.
Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang
gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Erinnerung
an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem Termin der
Säuglingszeit bis zum Alter von 2½ Jahren betreut hat, von der mir auch
eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften,
die ich unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und häßlich,
aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen
Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung
angedeihen und mich harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur
Reinlichkeit kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das
Dienstmädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt
sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das Kind dieser
Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt
hat(88).
β) Die Träume vom Tod teurer Personen.
Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angsttraum um.
Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über die
Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben verwandelt, ist
gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen Bestandstücke
eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kindererlebnisse
zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß
darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen mich,
ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung
verhilft, die sie im Traume einnimmt. Ich kann die gewünschten
Aufklärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man
die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei
Gedanken, die, anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar
aufeinanderfolgen, gehören zu einer Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie
ein a und ein b, die ich nebeneinander hinschreibe, als eine Silbe: a b,
ausgesprochen werden sollen. Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der
Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe
herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind.
Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang
gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Erinnerung
an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem Termin der
Säuglingszeit bis zum Alter von 2½ Jahren betreut hat, von der mir auch
eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften,
die ich unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und häßlich,
aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen
Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung
angedeihen und mich harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur
Reinlichkeit kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das
Dienstmädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt
sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das Kind dieser
Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt
hat(88).
β) Die Träume vom Tod teurer Personen.
Page 231
Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden dürfen,
sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern oder
Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von diesen
Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen man im
Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach dem Erwachen
über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei denen man tiefen
Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen
während des Schlafes äußert.
Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; sie haben
keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie analysiert, findet
man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, daß sie dazu
bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu verdecken. So der Traum
der Tante, die den einzigen Sohn ihrer Schwester aufgebahrt vor sich sieht
(p. 116). Das bedeutet nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht,
sondern verbirgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse
geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie
früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen
Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt
des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch im
Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im Traume
enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern
zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei
geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.
Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten Person
vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. Diese bedeuten,
was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die betreffende Person sterben
möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die Gefühle aller Leser und
aller Personen, die Ähnliches geträumt haben, gegen meine Auslegung
sträuben werden, muß ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.
Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen konnten,
daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt darstellen, nicht immer
aktuelle Wünsche sind. Es können auch verflossene, abgetane, überlagerte
und verdrängte Wünsche sein, denen wir nur wegen ihres
Wiederauftauchens im Traume doch eine Art von Fortexistenz zusprechen
müssen. Sie sind nicht tot wie die Verstorbenen nach unserem Begriffe,
sondern wie die Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben,
sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern oder
Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von diesen
Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen man im
Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach dem Erwachen
über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei denen man tiefen
Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen
während des Schlafes äußert.
Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; sie haben
keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie analysiert, findet
man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, daß sie dazu
bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu verdecken. So der Traum
der Tante, die den einzigen Sohn ihrer Schwester aufgebahrt vor sich sieht
(p. 116). Das bedeutet nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht,
sondern verbirgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse
geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie
früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen
Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt
des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch im
Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im Traume
enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern
zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei
geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.
Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten Person
vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. Diese bedeuten,
was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die betreffende Person sterben
möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die Gefühle aller Leser und
aller Personen, die Ähnliches geträumt haben, gegen meine Auslegung
sträuben werden, muß ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.
Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen konnten,
daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt darstellen, nicht immer
aktuelle Wünsche sind. Es können auch verflossene, abgetane, überlagerte
und verdrängte Wünsche sein, denen wir nur wegen ihres
Wiederauftauchens im Traume doch eine Art von Fortexistenz zusprechen
müssen. Sie sind nicht tot wie die Verstorbenen nach unserem Begriffe,
sondern wie die Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben,
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zu einem gewissen Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in
der Schachtel (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es ist
vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich
hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten
Kindheit zu grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines Kind – wann, ist
nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter in der Schwangerschaft,
deren Frucht sie wurde, in eine schwere Verstimmung verfallen war und
dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den Tod gewünscht hatte. Selbst
erwachsen und gravid geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.
Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein Vater
oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so werde ich
diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß er ihnen j e t z t den
Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert nicht so viel; sie begnügt
sich zu schließen, daß er ihnen – irgend einmal in der Kindheit – den Tod
gewünscht habe. Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur
Beruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso
energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie
sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich
muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen(89).
Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister.
Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern
ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein liebevolles
sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen
in der Erfahrung eines jeden sich drängen, und wir so oft feststellen können,
diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher
bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren
Geschwistern zärtlich hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit
in kaum unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat
das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das
jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet
und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und
Rechtsbewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern
der Schachtel (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es ist
vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich
hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten
Kindheit zu grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines Kind – wann, ist
nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter in der Schwangerschaft,
deren Frucht sie wurde, in eine schwere Verstimmung verfallen war und
dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den Tod gewünscht hatte. Selbst
erwachsen und gravid geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.
Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein Vater
oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so werde ich
diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß er ihnen j e t z t den
Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert nicht so viel; sie begnügt
sich zu schließen, daß er ihnen – irgend einmal in der Kindheit – den Tod
gewünscht habe. Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur
Beruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso
energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie
sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich
muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen(89).
Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister.
Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern
ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein liebevolles
sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen
in der Erfahrung eines jeden sich drängen, und wir so oft feststellen können,
diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher
bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren
Geschwistern zärtlich hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit
in kaum unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat
das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das
jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet
und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und
Rechtsbewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern
Page 233
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht
zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch des braven
Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden
wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse
intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere
gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine
Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum nicht »schlecht«, wir heißen
es »schlimm«; es ist unverantwortlich für seine bösen Taten vor unserem
Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen
erwarten, daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit
zurechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die
Moral erwachen werden, daß, mit M e y n e r t zu reden, ein sekundäres Ich
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht
gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen
Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gern von
»Degeneration«; es handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung.
Wo der primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits überlagert
ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell wieder
freigelegt werden. Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen
Charakters mit dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die
Zwangsneurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität,
die als verstärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären
Charakter auferlegt war.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich durch
ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her böse Wünsche
gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in Träumen zu
realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine Kinder
bis zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen jüngere
Geschwister zu beobachten. Das Kind war bisher das einzige, nun wird ihm
angekündigt, daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert
den Ankömmling und äußert dann entschieden: »Der Storch soll es wieder
mitnehmen.«(90)
Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute mit ihrer
zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch des braven
Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden
wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse
intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere
gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine
Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum nicht »schlecht«, wir heißen
es »schlimm«; es ist unverantwortlich für seine bösen Taten vor unserem
Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen
erwarten, daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit
zurechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die
Moral erwachen werden, daß, mit M e y n e r t zu reden, ein sekundäres Ich
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht
gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen
Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gern von
»Degeneration«; es handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung.
Wo der primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits überlagert
ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell wieder
freigelegt werden. Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen
Charakters mit dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die
Zwangsneurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität,
die als verstärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären
Charakter auferlegt war.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich durch
ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her böse Wünsche
gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in Träumen zu
realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine Kinder
bis zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen jüngere
Geschwister zu beobachten. Das Kind war bisher das einzige, nun wird ihm
angekündigt, daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert
den Ankömmling und äußert dann entschieden: »Der Storch soll es wieder
mitnehmen.«(90)
Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute mit ihrer
Page 234
um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die
Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: »A b e r
meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben.« Sollte das Kind erst
später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem
Zeitpunkte erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges
Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen
weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um
diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues
vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling den
Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge dasselbe
Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie
vorhin und in der Zwischenzeit?(91) Natürlich ist dieses Verhalten des
Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache
Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich
in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das
hilflose Neugeborene regen.
Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen im
Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobachtung
Erwachsener auffallen(92).
Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe ich die
Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie jetzt bei
meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 15 Monaten
durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. Ich höre zwar, daß
der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr
die Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor
seinem vollendeten zweiten Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um
Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So
oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig:
Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er
seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu
begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
Zähne(93). Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester haben wir
alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige Kind sich eine
Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: »A b e r
meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben.« Sollte das Kind erst
später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem
Zeitpunkte erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges
Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen
weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um
diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues
vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling den
Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge dasselbe
Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie
vorhin und in der Zwischenzeit?(91) Natürlich ist dieses Verhalten des
Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache
Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich
in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das
hilflose Neugeborene regen.
Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen im
Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobachtung
Erwachsener auffallen(92).
Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe ich die
Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie jetzt bei
meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 15 Monaten
durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. Ich höre zwar, daß
der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr
die Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor
seinem vollendeten zweiten Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um
Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So
oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig:
Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er
seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu
begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
Zähne(93). Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester haben wir
alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige Kind sich eine
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halbe Stunde lang von allen Tanten bestätigen ließ: »Nicht wahr, das kann
die Lucie noch nicht verstehen?« Lucie war die um 2½ Jahre jüngere
Konkurrentin.
Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode der
Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen vermißt. Ich fand
nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestätigung der Regel umdeuten
ließ. Als ich einst einer Dame während einer Sitzung diesen Sachverhalt
erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu
kommen schien, antwortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche
Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit
nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als
damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. »E i n e M e n g e
Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und
Cousinen tummelten sich auf einer Wiese.
Plötzlich bekamen sie Flügel, flogen auf und
w a r e n w e g .« Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung;
es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tode aller Geschwister in
seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu
erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem
Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder zweier Brüder wurden in
diesem Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere
noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort
wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engerl. Im
Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie
die Engel und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine
Engelmacherin bleibt allein, man denke, das einzige nach einer solchen
Schar! Daß sich die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie
wegfliegen, deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob
dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten
bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.
Die Vorstellung des Kindes vom »Totsein«.
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der Kinder
gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme das
die Lucie noch nicht verstehen?« Lucie war die um 2½ Jahre jüngere
Konkurrentin.
Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode der
Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen vermißt. Ich fand
nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestätigung der Regel umdeuten
ließ. Als ich einst einer Dame während einer Sitzung diesen Sachverhalt
erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu
kommen schien, antwortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche
Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit
nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als
damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. »E i n e M e n g e
Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und
Cousinen tummelten sich auf einer Wiese.
Plötzlich bekamen sie Flügel, flogen auf und
w a r e n w e g .« Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung;
es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tode aller Geschwister in
seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu
erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem
Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder zweier Brüder wurden in
diesem Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere
noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort
wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engerl. Im
Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie
die Engel und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine
Engelmacherin bleibt allein, man denke, das einzige nach einer solchen
Schar! Daß sich die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie
wegfliegen, deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob
dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten
bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.
Die Vorstellung des Kindes vom »Totsein«.
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der Kinder
gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme das
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Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber oder
stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen
nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht,
daß die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der unserigen das Wort
und dann nur noch w e n i g anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von
den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, vom Schrecken
des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits
zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode
ist ihm fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem
anderen Kinde: »Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der
Franz gestorben ist,« wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt.
Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange durch das
Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: »Mama, ich
habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich ausstopfen und
stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!«
So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der
unserigen(94).
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des
Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als »fort sein«, die
Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, auf welche Art
diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder
Tod. Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau
weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so
liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide
Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht
sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren,
wenn sie nach mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und
auf ihre Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes »unentdeckte
Land« verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt«, so
scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst
n a c h t r ä g l i c h beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.
Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes
zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch in die Form
stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen
nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht,
daß die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der unserigen das Wort
und dann nur noch w e n i g anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von
den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, vom Schrecken
des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits
zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode
ist ihm fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem
anderen Kinde: »Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der
Franz gestorben ist,« wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt.
Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange durch das
Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: »Mama, ich
habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich ausstopfen und
stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!«
So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der
unserigen(94).
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des
Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als »fort sein«, die
Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, auf welche Art
diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder
Tod. Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau
weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so
liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide
Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht
sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren,
wenn sie nach mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und
auf ihre Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes »unentdeckte
Land« verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt«, so
scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst
n a c h t r ä g l i c h beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.
Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes
zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch in die Form
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zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reaktion auf den
Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der
Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der
gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.
Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister erklärt
wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister als
Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen die Eltern
erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und Erfüller seiner
Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven
wünschen sollte?
Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß die
Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des Elternpaares
betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß also der Mann zumeist
vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich kann das
nicht als regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten
Sinne ist so deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von
allgemeiner Bedeutung fordert. Es verhält sich – grob ausgesprochen – so,
als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob
der Knabe im Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der
Liebe erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man auch
hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins Auge fassen.
Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der Pietät von diesem
Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt.
In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein
Anlaß zur Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das
Zustandekommen von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen,
sind im reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der
Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den
Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die
Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des
vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten
Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der
Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der
gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.
Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister erklärt
wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister als
Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen die Eltern
erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und Erfüller seiner
Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven
wünschen sollte?
Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß die
Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des Elternpaares
betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß also der Mann zumeist
vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich kann das
nicht als regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten
Sinne ist so deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von
allgemeiner Bedeutung fordert. Es verhält sich – grob ausgesprochen – so,
als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob
der Knabe im Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der
Liebe erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man auch
hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins Auge fassen.
Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der Pietät von diesem
Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt.
In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein
Anlaß zur Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das
Zustandekommen von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen,
sind im reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der
Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den
Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die
Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des
vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten
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der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor
anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in
Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf uns
gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und von der
Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche
Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf
des Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater(95) und setzt sich als
Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie
herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage
des Feindes gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein,
durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die
Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann.
Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas
patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter
ist der Wirkung sicher, der wie I b s e n den uralten Kampf zwischen Vater
und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe zu
Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die Tochter
heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet, während sie nach
sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter
gemahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu
entsagen.
Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns Augen.
Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom Tode der Eltern
zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen die Pietät gegen die
Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. Auch sind wir durch die
vorhergehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch
gegen die Eltern aus der frühesten Kindheit ableiten wird.
Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern.
anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in
Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf uns
gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und von der
Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche
Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf
des Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater(95) und setzt sich als
Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie
herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage
des Feindes gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein,
durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die
Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann.
Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas
patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter
ist der Wirkung sicher, der wie I b s e n den uralten Kampf zwischen Vater
und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe zu
Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die Tochter
heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet, während sie nach
sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter
gemahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu
entsagen.
Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns Augen.
Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom Tode der Eltern
zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen die Pietät gegen die
Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. Auch sind wir durch die
vorhergehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch
gegen die Eltern aus der frühesten Kindheit ableiten wird.
Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern.
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Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich diese
Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vorgenommenen
Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche des
Kindes erwachen – soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen
verdienen –, und daß die erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten
infantilen Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit
für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden Mitbewerber,
und wie wenig für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum
Todeswunsch führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister
ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den
Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während beide, wo
der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die
Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung sehr
wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf, der sich ihr
widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden, ist ihm nicht nur die
Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, daß in
allen anderen Stücken seinem Willen nachgegeben wird. So folgt es dem
eigenen sexuellen Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern
ausgehende Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
Sinne wie diese trifft.
Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder pflegt
man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach den ersten
Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner Bekanntschaft
benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um
sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. »Jetzt will ich die Mama sein:
Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich« usw. Ein
besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der
dies Stück Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt:
»Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich
heiraten, und ich will seine Frau sein.« Im Kinderleben schließt dieser
Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe.
Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater
verreist ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu
einer Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit er
seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein Mittel
Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vorgenommenen
Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche des
Kindes erwachen – soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen
verdienen –, und daß die erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten
infantilen Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit
für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden Mitbewerber,
und wie wenig für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum
Todeswunsch führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister
ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den
Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während beide, wo
der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die
Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung sehr
wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf, der sich ihr
widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden, ist ihm nicht nur die
Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, daß in
allen anderen Stücken seinem Willen nachgegeben wird. So folgt es dem
eigenen sexuellen Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern
ausgehende Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
Sinne wie diese trifft.
Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder pflegt
man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach den ersten
Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner Bekanntschaft
benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um
sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. »Jetzt will ich die Mama sein:
Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich« usw. Ein
besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der
dies Stück Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt:
»Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich
heiraten, und ich will seine Frau sein.« Im Kinderleben schließt dieser
Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe.
Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater
verreist ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu
einer Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit er
seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein Mittel
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zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist, denn
das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: »Tote« Leute, wie der Großpapa
z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der
vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neurotiker
dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt hier
mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume
unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt und
verweint. Sie sagt: »Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, es muß
ihnen ja vor mir grausen.« Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich
an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat
ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: E i n L u c h s
oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann
fällt etwas herunter oder sie fällt herunter, und
d a n n t r ä g t m a n d i e M u t t e r t o t a u s d e m H a u s e, wobei
sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser Traum den
Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß
sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor
ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklären.
»Luchsaug« ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind
von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei
Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie
heftig geblutet hat.
Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das verschiedene
psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. In einer
tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, zeigte die
Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, schlug und
beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während sie gegen eine
um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb:
Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem
Schlafe; in dieser Phase begann ich die Behandlung und analysierte ihre
Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder verhüllt vom
Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau
bei, bald sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen;
es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter
das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: »Tote« Leute, wie der Großpapa
z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der
vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neurotiker
dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt hier
mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume
unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt und
verweint. Sie sagt: »Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, es muß
ihnen ja vor mir grausen.« Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich
an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat
ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: E i n L u c h s
oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann
fällt etwas herunter oder sie fällt herunter, und
d a n n t r ä g t m a n d i e M u t t e r t o t a u s d e m H a u s e, wobei
sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser Traum den
Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß
sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor
ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklären.
»Luchsaug« ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind
von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei
Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie
heftig geblutet hat.
Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das verschiedene
psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. In einer
tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, zeigte die
Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, schlug und
beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während sie gegen eine
um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb:
Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem
Schlafe; in dieser Phase begann ich die Behandlung und analysierte ihre
Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder verhüllt vom
Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau
bei, bald sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen;
es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter
Page 241
fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer sich
befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß die
Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit meinen
sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des
psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der
Verworrenheit, die ich als Ü b e r w ä l t i g u n g der zweiten psychischen
Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die erste
Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der Zensur
wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des
Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu verwirklichen; als das
Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische
Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich, warum
die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern hängen.
Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das unbewußte
Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangsneurose fast
existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil ihn die Sorge
quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte
seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten,
falls die Anklage wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen
ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein ebenso
moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die – übrigens zur Heilung
führende – Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen
Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater
auf, die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewußt
geäußert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren stammten.
Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31.
Lebensjahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf
Fremde übertrug. Wer im stande war, seinen eigenen Vater von einem
Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen,
daß er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht
daran, sich in seine Zimmer einzuschließen.
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer sich
befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß die
Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit meinen
sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des
psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der
Verworrenheit, die ich als Ü b e r w ä l t i g u n g der zweiten psychischen
Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die erste
Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der Zensur
wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des
Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu verwirklichen; als das
Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische
Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich, warum
die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern hängen.
Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das unbewußte
Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangsneurose fast
existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil ihn die Sorge
quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte
seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten,
falls die Anklage wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen
ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein ebenso
moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die – übrigens zur Heilung
führende – Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen
Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater
auf, die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewußt
geäußert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren stammten.
Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31.
Lebensjahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf
Fremde übertrug. Wer im stande war, seinen eigenen Vater von einem
Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen,
daß er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht
daran, sich in seine Zimmer einzuschließen.
Page 242
Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern im
Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, und
Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des Elternpaares
gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten und für die
Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Materials an
psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die Psychoneurotiker
sich hierin von anderen normal verbleibenden Menschenkindern scharf
sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen
vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche
Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen
verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die
Vergrößerung kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv
in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur
Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen
durchgreifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche
Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der
Kinderpsychologie verständlich wird.
Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.
Ich meine die Sage vom König Ö d i p u s und das gleichnamige Drama
des S o p h o k l e s. Ö d i p u s, der Sohn des L a ï o s, Königs von Theben,
und der J o k a s t e wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater
verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er
wird gerettet und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er,
seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat
erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der
Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner
vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König L a ï o s zusammen und
erschlägt ihn in rasch entbranntem Streite. Dann kommt er vor T h e b e n,
wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür
von den Thebanern zum König gewählt und mit J o k a s t e s Hand
beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit
der ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite der
T h e b a n e r veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des S o p h o k l e s ein. Die
Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, und
Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des Elternpaares
gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten und für die
Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Materials an
psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die Psychoneurotiker
sich hierin von anderen normal verbleibenden Menschenkindern scharf
sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen
vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche
Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen
verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die
Vergrößerung kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv
in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur
Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen
durchgreifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche
Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der
Kinderpsychologie verständlich wird.
Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.
Ich meine die Sage vom König Ö d i p u s und das gleichnamige Drama
des S o p h o k l e s. Ö d i p u s, der Sohn des L a ï o s, Königs von Theben,
und der J o k a s t e wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater
verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er
wird gerettet und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er,
seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat
erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der
Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner
vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König L a ï o s zusammen und
erschlägt ihn in rasch entbranntem Streite. Dann kommt er vor T h e b e n,
wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür
von den Thebanern zum König gewählt und mit J o k a s t e s Hand
beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit
der ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite der
T h e b a n e r veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des S o p h o k l e s ein. Die
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Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der
Mörder des Laïos aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?
Mörder des Laïos aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?
Page 244
»Wo findet sich
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?«
(Übersetzung von Donner, v. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in der
schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung – der Arbeit
einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ö d i p u s selbst der Mörder des
L a ï o s, aber auch der Sohn des Ermordeten und der J o k a s t e ist. Durch
seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, blendet sich Ö d i p u s und
verläßt die Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt.
König Ö d i p u s ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre tragische
Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermächtigen Willen der
Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil bedrohten
Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit, Einsicht in die
eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele
lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche
tragische Wirkung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit
einer selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben
ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen ein
Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren
Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.
Wenn der König Ö d i p u s den modernen Menschen nicht minder zu
erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die Lösung
wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen Tragödie nicht auf
dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht, sondern in
der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser Gegensatz
erwiesen wird. Es muß eine Stimme in unserem Innern geben, welche die
zwingende Gewalt des Schicksals im Ö d i p u s anzuerkennen bereit ist,
während wir Verfügungen wie in der »Ahnfrau« oder in anderen
Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein
solches Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ö d i p u s
enthalten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige
hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch
über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden,
die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalttätigen
Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon.
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?«
(Übersetzung von Donner, v. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in der
schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung – der Arbeit
einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ö d i p u s selbst der Mörder des
L a ï o s, aber auch der Sohn des Ermordeten und der J o k a s t e ist. Durch
seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, blendet sich Ö d i p u s und
verläßt die Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt.
König Ö d i p u s ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre tragische
Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermächtigen Willen der
Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil bedrohten
Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit, Einsicht in die
eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele
lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche
tragische Wirkung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit
einer selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben
ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen ein
Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren
Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.
Wenn der König Ö d i p u s den modernen Menschen nicht minder zu
erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die Lösung
wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen Tragödie nicht auf
dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht, sondern in
der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser Gegensatz
erwiesen wird. Es muß eine Stimme in unserem Innern geben, welche die
zwingende Gewalt des Schicksals im Ö d i p u s anzuerkennen bereit ist,
während wir Verfügungen wie in der »Ahnfrau« oder in anderen
Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein
solches Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ö d i p u s
enthalten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige
hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch
über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden,
die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalttätigen
Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon.
Page 245
König Ö d i p u s, der seinen Vater L a ï o s erschlagen und seine Mutter
J o k a s t e geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit.
Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, insofern wir nicht
Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere sexuellen Regungen von
unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu
vergessen. Vor der Person, an welcher sich jener urzeitliche
Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrage
der Verdrängung, welche diese Wünsche in unserem Innern seither erlitten
haben. Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des
Ö d i p u s ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen
Innern, in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer
vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verläßt,
. . . »sehet, das ist Ö d i p u s,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!«
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer Schätzung.
Wie Ö d i p u s leben wir in Unwissenheit der die Moral beleidigenden
Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung
möchten wir wohl alle den Blick abwenden von den Szenen unserer
Kindheit(96).
Daß die Sage von Ö d i p u s einem uralten Traumstoffe entsprossen ist,
welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern durch die
ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet sich im Texte
der S o p h o k l e ischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender
Hinweis. J o k a s t e tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die
Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten Ö d i p u s durch die
Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er,
meint sie, etwas bedeute:
»D e n n v i e l e M e n s c h e n s a h e n a u c h i n T r ä u m e n
schon
S i c h z u g e s e l l t d e r M u t t e r: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.«
J o k a s t e geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit.
Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, insofern wir nicht
Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere sexuellen Regungen von
unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu
vergessen. Vor der Person, an welcher sich jener urzeitliche
Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrage
der Verdrängung, welche diese Wünsche in unserem Innern seither erlitten
haben. Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des
Ö d i p u s ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen
Innern, in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer
vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verläßt,
. . . »sehet, das ist Ö d i p u s,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!«
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer Schätzung.
Wie Ö d i p u s leben wir in Unwissenheit der die Moral beleidigenden
Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung
möchten wir wohl alle den Blick abwenden von den Szenen unserer
Kindheit(96).
Daß die Sage von Ö d i p u s einem uralten Traumstoffe entsprossen ist,
welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern durch die
ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet sich im Texte
der S o p h o k l e ischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender
Hinweis. J o k a s t e tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die
Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten Ö d i p u s durch die
Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er,
meint sie, etwas bedeute:
»D e n n v i e l e M e n s c h e n s a h e n a u c h i n T r ä u m e n
schon
S i c h z u g e s e l l t d e r M u t t e r: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.«
Page 246
Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie
damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und verwundert
erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tragödie und das
Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. Die Ö d i p u s f a b e l
ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie
die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so
muß die Sage Schreck und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen.
Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen
sekundären Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden
Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der
Exhibition p. 183 f.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der
menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem
Material wie an jedem anderen mißlingen.
Die Deutung von S h a k e s p e a r e ’ s »Hamlet«.
Auf demselben Boden wie »König Ödipus« wurzelt eine andere der
großen tragischen Dichterschöpfungen, der H a m l e t S h a k e s p e a r e s.
Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich
der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit
auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zu
grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans Licht
gezogen und realisiert; im H a m l e t bleibt sie verdrängt, und wir erfahren
von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch
die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden
Wirkung des moderneren Dramas hat es sich eigentümlicherweise als
vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter des Helden in voller
Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung Hamlets
gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die
Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die
vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach
der heute noch herrschenden, durch G o e t h e begründeten Auffassung
stellt H a m l e t den Typus des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch
die überwuchernde Entwicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird (»Von
des Gedankens Blässe angekränkelt«). Nach anderen hat der Dichter einen
krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden
damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und verwundert
erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tragödie und das
Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. Die Ö d i p u s f a b e l
ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie
die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so
muß die Sage Schreck und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen.
Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen
sekundären Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden
Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der
Exhibition p. 183 f.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der
menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem
Material wie an jedem anderen mißlingen.
Die Deutung von S h a k e s p e a r e ’ s »Hamlet«.
Auf demselben Boden wie »König Ödipus« wurzelt eine andere der
großen tragischen Dichterschöpfungen, der H a m l e t S h a k e s p e a r e s.
Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich
der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit
auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zu
grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans Licht
gezogen und realisiert; im H a m l e t bleibt sie verdrängt, und wir erfahren
von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch
die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden
Wirkung des moderneren Dramas hat es sich eigentümlicherweise als
vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter des Helden in voller
Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung Hamlets
gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die
Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die
vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach
der heute noch herrschenden, durch G o e t h e begründeten Auffassung
stellt H a m l e t den Typus des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch
die überwuchernde Entwicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird (»Von
des Gedankens Blässe angekränkelt«). Nach anderen hat der Dichter einen
krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden
Page 247
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, daß
Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns
überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das
einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der
Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er
mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei
Höflinge in den ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also
bei der Erfüllung der Aufgabe, die der Geist seines Vaters ihm gestellt hat?
Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es die besondere Natur dieser
Aufgabe ist. H a m l e t kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne
vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle
eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner
verdrängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen
sollte, ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch
Gewissensskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst
nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins
Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß;
wenn jemand H a m l e t einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt
sehr wohl dazu, die H a m l e t dann im Gespräche mit O p h e l i a äußert,
die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den
nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren
Gipfeläußerungen im T i m o n v o n A t h e n. Es kann natürlich nur das
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im H a m l e t
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von G e o r g B r a n d e s über
S h a k e s p e a r e (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem
Tode von S h a k e s p e a r e s Vater (1601), also in der frischen Trauer um
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt ist auch,
daß S h a k e s p e a r e s früh verstorbener Sohn den Namen H a m n e t
(identisch mit H a m l e t) trug. Wie H a m l e t das Verhältnis des Sohnes zu
den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahestehende M a c b e t h auf
dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom,
wie selbst der Traum, der Überdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem
vollen Verständnis fordert, so wird auch jede echte dichterische Schöpfung
aus mehr als aus einem Motiv und einer Anregung in der Seele des Dichters
hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur
Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns
überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das
einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der
Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er
mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei
Höflinge in den ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also
bei der Erfüllung der Aufgabe, die der Geist seines Vaters ihm gestellt hat?
Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es die besondere Natur dieser
Aufgabe ist. H a m l e t kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne
vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle
eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner
verdrängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen
sollte, ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch
Gewissensskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst
nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins
Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß;
wenn jemand H a m l e t einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt
sehr wohl dazu, die H a m l e t dann im Gespräche mit O p h e l i a äußert,
die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den
nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren
Gipfeläußerungen im T i m o n v o n A t h e n. Es kann natürlich nur das
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im H a m l e t
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von G e o r g B r a n d e s über
S h a k e s p e a r e (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem
Tode von S h a k e s p e a r e s Vater (1601), also in der frischen Trauer um
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt ist auch,
daß S h a k e s p e a r e s früh verstorbener Sohn den Namen H a m n e t
(identisch mit H a m l e t) trug. Wie H a m l e t das Verhältnis des Sohnes zu
den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahestehende M a c b e t h auf
dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom,
wie selbst der Traum, der Überdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem
vollen Verständnis fordert, so wird auch jede echte dichterische Schöpfung
aus mehr als aus einem Motiv und einer Anregung in der Seele des Dichters
hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur
Page 248
die Deutung der tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des
schaffenden Dichters versucht.
Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten nicht
verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des Traumes
überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume zeigen uns den
recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch den verdrängten
Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur entgeht und unverändert in
den Traum übertritt. Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches
Schicksal ermöglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in
folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir
uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte »uns auch im
Traume nicht einfallen«, und darum ist die Traumzensur gegen dieses
Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung
S o l o n s keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber
kommt dem verdrängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier
besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer S o r g e um das
Leben der teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum
eintragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren.
Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht
und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag angesponnen hat, so läßt man
die Träume vom Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang
mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel
überflüssigerweise fest.
Verhältnis der Ödipusträume zur Angstentwicklung.
Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Personen hat
der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er sich der Zensur –
und der durch sie bedingten Entstellung – entziehen kann. Die nie fehlende
Begleiterscheinung ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume
verspürt werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zu stande, wenn die
Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es
die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus
somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in
schaffenden Dichters versucht.
Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten nicht
verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des Traumes
überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume zeigen uns den
recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch den verdrängten
Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur entgeht und unverändert in
den Traum übertritt. Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches
Schicksal ermöglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in
folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir
uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte »uns auch im
Traume nicht einfallen«, und darum ist die Traumzensur gegen dieses
Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung
S o l o n s keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber
kommt dem verdrängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier
besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer S o r g e um das
Leben der teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum
eintragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren.
Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht
und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag angesponnen hat, so läßt man
die Träume vom Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang
mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel
überflüssigerweise fest.
Verhältnis der Ödipusträume zur Angstentwicklung.
Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Personen hat
der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er sich der Zensur –
und der durch sie bedingten Entstellung – entziehen kann. Die nie fehlende
Begleiterscheinung ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume
verspürt werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zu stande, wenn die
Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es
die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus
somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in
Page 249
welcher Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung
ausübt; es geschieht, u m d i e E n t w i c k l u n g v o n A n g s t o d e r
a n d e r e n F o r m e n p e i n l i c h e n A f f e k t e s z u v e r h ü t e n.
Der Egoismus der Träume.
Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe
Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen erfüllt werden,
sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein täuschender Anschein,
wenn je das Interesse für einen anderen einen Traum hervorgerufen haben
sollte. Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen,
der Analyse unterziehen.
I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: E r h a t e i n e g r o ß e
garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes
Stück Fleisch gebraten war, und das Stück war auf
einmal ganz – nicht zerschnitten – aufgegessen.
Die Person, die es gegessen hat, hat er nicht
g e s e h e n(97).
Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleischmahlzeit
unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen uns darüber
aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach ärztlicher Vorschrift
Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber unartig, und da wurde
ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. Er hatte schon früher einmal
eine solche Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen.
Er wußte, daß er nichts bekommen werde, getraute sich aber auch nicht, mit
einem Worte anzudeuten, daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei
ihm zu wirken; sie äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von
Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist,
deren Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die
hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen
ausübt; es geschieht, u m d i e E n t w i c k l u n g v o n A n g s t o d e r
a n d e r e n F o r m e n p e i n l i c h e n A f f e k t e s z u v e r h ü t e n.
Der Egoismus der Träume.
Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe
Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen erfüllt werden,
sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein täuschender Anschein,
wenn je das Interesse für einen anderen einen Traum hervorgerufen haben
sollte. Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen,
der Analyse unterziehen.
I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: E r h a t e i n e g r o ß e
garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes
Stück Fleisch gebraten war, und das Stück war auf
einmal ganz – nicht zerschnitten – aufgegessen.
Die Person, die es gegessen hat, hat er nicht
g e s e h e n(97).
Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleischmahlzeit
unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen uns darüber
aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach ärztlicher Vorschrift
Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber unartig, und da wurde
ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. Er hatte schon früher einmal
eine solche Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen.
Er wußte, daß er nichts bekommen werde, getraute sich aber auch nicht, mit
einem Worte anzudeuten, daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei
ihm zu wirken; sie äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von
Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist,
deren Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die
hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen
Page 250
Anna, p. 100), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt
anonym.
II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhandlung ein
neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich sonst zu
kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur Weltgeschichte,
berühmte Kunststätten usw.). D i e n e u e S a m m l u n g n e n n t s i c h :
Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I
d e r s e l b e n t r ä g t d e n N a m e n D r. L e c h e r.
In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der Ruhm Dr.
L e c h e r s, des Dauerredners der deutschen Obstruktion im Parlament,
während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt ist der, daß ich vor
einigen Tagen neue Patienten zur psychischen Kur aufgenommen habe, und
nun zehn bis elf Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also
selbst so ein Dauerredner.
III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an unserer
Universität sagt: M e i n S o h n , d e r M y o p . Dann folgt ein Dialog,
aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber dann ein drittes
Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkommen, und für den latenten
Trauminhalt sind Vater und Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich
und meinen Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen
Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln.
IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die sich
hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum:
Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun
im Gesichte und hat vortretende Augen.
Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos verbleibe,
weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, sie erfolgreich
behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu allen Gelegenheiten, die
einen Vorwand abgeben können, beschenkt. Er war am Traumtage zu
Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe.
Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der
B a s e d o w schen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von meinen
Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, daß ich um die
Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im
anonym.
II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhandlung ein
neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich sonst zu
kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur Weltgeschichte,
berühmte Kunststätten usw.). D i e n e u e S a m m l u n g n e n n t s i c h :
Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I
d e r s e l b e n t r ä g t d e n N a m e n D r. L e c h e r.
In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der Ruhm Dr.
L e c h e r s, des Dauerredners der deutschen Obstruktion im Parlament,
während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt ist der, daß ich vor
einigen Tagen neue Patienten zur psychischen Kur aufgenommen habe, und
nun zehn bis elf Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also
selbst so ein Dauerredner.
III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an unserer
Universität sagt: M e i n S o h n , d e r M y o p . Dann folgt ein Dialog,
aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber dann ein drittes
Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkommen, und für den latenten
Trauminhalt sind Vater und Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich
und meinen Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen
Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln.
IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die sich
hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum:
Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun
im Gesichte und hat vortretende Augen.
Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos verbleibe,
weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, sie erfolgreich
behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu allen Gelegenheiten, die
einen Vorwand abgeben können, beschenkt. Er war am Traumtage zu
Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe.
Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der
B a s e d o w schen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von meinen
Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, daß ich um die
Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im
Page 251
Traume realisiert. Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die
Behauptung, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen
die andere, daß er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so
deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die B a s e d o w sche
Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material aus
einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. Wir fuhren,
eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand, in tiefer
Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von unserem
Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit
dem Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, daß wir alle
heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu
übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall große Sympathie für uns
erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des Morbus
B a s e d o w i i an sich trug, – übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und
vortretende Augen, ganz wie im Traume, kein Struma – stellte sich ganz zu
unserer Verfügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in
seiner bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich nicht,
und ging von dannen.
Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß B a s e d o w nicht nur der
Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten Pädagogen. (Im
Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht recht sicher.) Freund Otto
ist aber diejenige Person, die ich gebeten habe, für den Fall, daß mir etwas
zustößt, die körperliche Erziehung meiner Kinder, speziell in der
Pubertätszeit (daher das Nachthemd), zu überwachen. Indem ich nun
Freund Otto im Traume mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers
sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm
ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn
Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische
Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein(98).
Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache an Freund
Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen Träumen schlecht
behandelt zu werden, sondern in folgender Beziehung. Indem ich Otto als
Baron L. im Traume darstelle, habe ich gleichzeitig meine eigene Person
mit einer anderen identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich
Behauptung, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen
die andere, daß er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so
deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die B a s e d o w sche
Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material aus
einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. Wir fuhren,
eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand, in tiefer
Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von unserem
Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit
dem Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, daß wir alle
heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu
übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall große Sympathie für uns
erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des Morbus
B a s e d o w i i an sich trug, – übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und
vortretende Augen, ganz wie im Traume, kein Struma – stellte sich ganz zu
unserer Verfügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in
seiner bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich nicht,
und ging von dannen.
Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß B a s e d o w nicht nur der
Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten Pädagogen. (Im
Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht recht sicher.) Freund Otto
ist aber diejenige Person, die ich gebeten habe, für den Fall, daß mir etwas
zustößt, die körperliche Erziehung meiner Kinder, speziell in der
Pubertätszeit (daher das Nachthemd), zu überwachen. Indem ich nun
Freund Otto im Traume mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers
sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm
ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn
Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische
Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein(98).
Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache an Freund
Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen Träumen schlecht
behandelt zu werden, sondern in folgender Beziehung. Indem ich Otto als
Baron L. im Traume darstelle, habe ich gleichzeitig meine eigene Person
mit einer anderen identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich
Page 252
fordere ja etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. vom Baron L.
gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen
Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren
zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal
Professor werden! Ja selbst das »in späten Jahren« ist eine
Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine
Knaben selbst durch die Pubertät zu geleiten.
γ) Der Prüfungstraum.
Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades ersetzt
sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vorhält, daß er die
rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen den er vergeblich noch im
Schlafe einwendet, daß er ja schon seit Jahren praktiziere, Privatdozent sei
oder Kanzleileiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die
Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten haben, die sich
so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien, an dem »dies irae, dies
illa« der strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch
die »Prüfungsangst« der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind es nicht
mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere
Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalverkettung des Lebens hat
unsere weitere Erziehung übernommen, und nun träumen wir von der
Matura oder von dem Rigorosum, – und wer hat damals nicht selbst als
Gerechter gezagt? – so oft wir erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen
werde, weil wir etwas nicht recht gemacht, nicht ordentlich zu stande
gebracht haben, so oft wir den Druck einer Verantwortung fühlen.
Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden
haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängstliche
gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen
Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren
zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal
Professor werden! Ja selbst das »in späten Jahren« ist eine
Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine
Knaben selbst durch die Pubertät zu geleiten.
γ) Der Prüfungstraum.
Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades ersetzt
sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vorhält, daß er die
rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen den er vergeblich noch im
Schlafe einwendet, daß er ja schon seit Jahren praktiziere, Privatdozent sei
oder Kanzleileiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die
Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten haben, die sich
so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien, an dem »dies irae, dies
illa« der strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch
die »Prüfungsangst« der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind es nicht
mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere
Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalverkettung des Lebens hat
unsere weitere Erziehung übernommen, und nun träumen wir von der
Matura oder von dem Rigorosum, – und wer hat damals nicht selbst als
Gerechter gezagt? – so oft wir erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen
werde, weil wir etwas nicht recht gemacht, nicht ordentlich zu stande
gebracht haben, so oft wir den Druck einer Verantwortung fühlen.
Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden
haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängstliche
Page 253
Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann auftritt, wenn man
vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer
Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit aus der Vergangenheit
herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst als unberechtigt
erwies und durch den Ausgang widerlegt wurde. Es wäre dies ein sehr
auffälliges Beispiel von Mißverständnis des Trauminhaltes durch die wache
Instanz. Die als Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich
bin ja schon Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum
spendet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen;
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast, und es
ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon Doktor usw. Die Angst
aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte aus den Tagesresten.
Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen anstellen
konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben gut gestimmt.
Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin durchgefallen; niemals
hat dieser Gegenstand mir im Traume zu schaffen gemacht, während ich
häufig genug in Botanik, Zoologie oder Chemie geprüft wurde, in welchen
Fächern ich mit gut begründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe
aber durch Gunst des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im
Gymnasialprüfungstraume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft,
wo ich damals glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein
liebenswürdiger Professor – der einäugige Helfer eines anderen Traumes,
vgl. p. 13, – nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den ich ihm
zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht bestehen
solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurückgetreten war und
sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der Offiziersprüfung
durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, berichtet mir, daß er oft
genug von der ersteren, aber nie von der letzteren Prüfung träumt.
Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierigkeit
entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der typischen
Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, welches uns der
Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung nur selten aus. Man
muß sich das bessere Verständnis solcher Träume aus einer größeren Reihe
von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem gewann ich den sicheren
Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon Doktor u. dgl. nicht nur den
vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer
Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit aus der Vergangenheit
herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst als unberechtigt
erwies und durch den Ausgang widerlegt wurde. Es wäre dies ein sehr
auffälliges Beispiel von Mißverständnis des Trauminhaltes durch die wache
Instanz. Die als Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich
bin ja schon Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum
spendet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen;
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast, und es
ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon Doktor usw. Die Angst
aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte aus den Tagesresten.
Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen anstellen
konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben gut gestimmt.
Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin durchgefallen; niemals
hat dieser Gegenstand mir im Traume zu schaffen gemacht, während ich
häufig genug in Botanik, Zoologie oder Chemie geprüft wurde, in welchen
Fächern ich mit gut begründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe
aber durch Gunst des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im
Gymnasialprüfungstraume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft,
wo ich damals glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein
liebenswürdiger Professor – der einäugige Helfer eines anderen Traumes,
vgl. p. 13, – nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den ich ihm
zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht bestehen
solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurückgetreten war und
sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der Offiziersprüfung
durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, berichtet mir, daß er oft
genug von der ersteren, aber nie von der letzteren Prüfung träumt.
Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierigkeit
entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der typischen
Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, welches uns der
Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung nur selten aus. Man
muß sich das bessere Verständnis solcher Träume aus einer größeren Reihe
von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem gewann ich den sicheren
Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon Doktor u. dgl. nicht nur den
Page 254
Trost verdeckt, sondern auch einen Vorwurf andeutet. Derselbe hätte
gelautet: Du bist jetzt schon so alt, schon so weit im Leben, und machst
noch immer solche Dummheiten, Kindereien. Dies Gemenge von
Selbstkritik und Trost würde dem latenten Inhalt der Prüfungsträume
entsprechen. Es ist dann nicht weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen
der »Dummheiten« und »Kindereien« sich in den zuletzt analysierten
Beispielen auf die Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.
gelautet: Du bist jetzt schon so alt, schon so weit im Leben, und machst
noch immer solche Dummheiten, Kindereien. Dies Gemenge von
Selbstkritik und Trost würde dem latenten Inhalt der Prüfungsträume
entsprechen. Es ist dann nicht weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen
der »Dummheiten« und »Kindereien« sich in den zuletzt analysierten
Beispielen auf die Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.
Page 255
VI.
Die Traumarbeit.
Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu erledigen,
knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen manifesten
Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traumdeutung zu
gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, ihr Urteil über den
Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt zu begründen. Nur wir
allein stehen einem anderen Sachverhalt gegenüber; für uns schiebt sich
zwischen den Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues
psychisches Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene l a t e n t e
Trauminhalt oder die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem
manifesten Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns
tritt darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben
hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den
latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche
Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.
Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen
desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der
Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in eine
andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die
Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die
Traumgedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie
erfahren haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift
gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu
übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese
Zeichen nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen
Die Traumarbeit.
Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu erledigen,
knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen manifesten
Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traumdeutung zu
gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, ihr Urteil über den
Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt zu begründen. Nur wir
allein stehen einem anderen Sachverhalt gegenüber; für uns schiebt sich
zwischen den Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues
psychisches Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene l a t e n t e
Trauminhalt oder die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem
manifesten Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns
tritt darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben
hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den
latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche
Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.
Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen
desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der
Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in eine
andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die
Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die
Traumgedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie
erfahren haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift
gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu
übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese
Zeichen nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen
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Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann eine
laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich könnte nun in
die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für
unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das Dach eines Hauses, und
eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist die Person größer als das
Haus, und wenn das Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich
die einzelnen Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen.
Die richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich
gegen das ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen Einsprüche
erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe oder ein Wort zu
ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung durch das Bild darstellbar
ist. Die Worte, die sich so zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos,
sondern können den schönsten und sinnreichsten Dichterspruch ergeben.
Ein solches Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem
Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler begangen, den Rebus als
zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen
unsinnig und wertlos.
a) D i e Ve r d i c h t u n g s a r b e i t.
Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Trauminhalt
und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine großartige
Ve r d i c h t u n g s a r b e i t geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig,
lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der
Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die
Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-,
zwölffache an Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume
wechselnd; sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren
Sinn. In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden
Kompression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das
vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter
dem Traume versteckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits
anführen müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum
vollständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und
lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein
laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich könnte nun in
die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für
unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das Dach eines Hauses, und
eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist die Person größer als das
Haus, und wenn das Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich
die einzelnen Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen.
Die richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich
gegen das ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen Einsprüche
erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe oder ein Wort zu
ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung durch das Bild darstellbar
ist. Die Worte, die sich so zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos,
sondern können den schönsten und sinnreichsten Dichterspruch ergeben.
Ein solches Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem
Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler begangen, den Rebus als
zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen
unsinnig und wertlos.
a) D i e Ve r d i c h t u n g s a r b e i t.
Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Trauminhalt
und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine großartige
Ve r d i c h t u n g s a r b e i t geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig,
lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der
Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die
Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-,
zwölffache an Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume
wechselnd; sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren
Sinn. In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden
Kompression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das
vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter
dem Traume versteckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits
anführen müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum
vollständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und
lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein
Page 257
anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die
Ve r d i c h t u n g s q u o t e ist also – streng genommen – unbestimmbar.
Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen
Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine
ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung
statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht
bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir sehr viel
die ganze Nacht hindurch geträumt und dann das meiste wieder vergessen
haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein
Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an
Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten.
Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der
Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,
wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und daß seine
Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird.
Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe
sehr viel mehr geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. Die
Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies von der
Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie wird durch die
Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen
Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes
für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist eine
durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die untergegangenen
Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir
bereits aus der Analyse der erhalten gebliebenen kennen(99).
Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die Analyse
zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, wird sich bei
jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man denn all das, was einem
bei der Analyse nachträglich einfällt, zu den Traumgedanken rechnen darf,
d. h. annehmen darf, all diese Gedanken seien schon während des
Schlafzustandes tätig gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt?
Ob nicht vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen
entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem
Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst
während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
Ve r d i c h t u n g s q u o t e ist also – streng genommen – unbestimmbar.
Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen
Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine
ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung
statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht
bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir sehr viel
die ganze Nacht hindurch geträumt und dann das meiste wieder vergessen
haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein
Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an
Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten.
Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der
Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,
wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und daß seine
Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird.
Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe
sehr viel mehr geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. Die
Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies von der
Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie wird durch die
Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen
Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes
für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist eine
durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die untergegangenen
Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir
bereits aus der Analyse der erhalten gebliebenen kennen(99).
Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die Analyse
zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, wird sich bei
jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man denn all das, was einem
bei der Analyse nachträglich einfällt, zu den Traumgedanken rechnen darf,
d. h. annehmen darf, all diese Gedanken seien schon während des
Schlafzustandes tätig gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt?
Ob nicht vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen
entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem
Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst
während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
Page 258
jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise
verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer
und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon bei der
Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch eine Kette
solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traumbildung
scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf einen
Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung
unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Gedankenkette
zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von der botanischen
Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung
erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.
Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während des
Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle die
Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander durchlaufen
oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von verschiedenen
Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich meine, es liegt noch
keine Nötigung vor, sich von dem psychischen Zustand bei der
Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur
nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang
leicht ein anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von
Bewußtsein begleiteten Nachdenken in uns wahrnehmen.
Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung beruht,
steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun zu stande?
Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken nur die
wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume vertreten sind,
so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf dem Wege der
A u s l a s s u n g, indem der Traum nicht eine getreuliche Übersetzung oder
eine Projektion Punkt für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst
unvollständige und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht
ist, wie wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir
zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den
Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen
bestimmen die Auswahl derselben?
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise
verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer
und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon bei der
Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch eine Kette
solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traumbildung
scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf einen
Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung
unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Gedankenkette
zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von der botanischen
Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung
erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.
Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während des
Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle die
Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander durchlaufen
oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von verschiedenen
Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich meine, es liegt noch
keine Nötigung vor, sich von dem psychischen Zustand bei der
Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur
nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang
leicht ein anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von
Bewußtsein begleiteten Nachdenken in uns wahrnehmen.
Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung beruht,
steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun zu stande?
Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken nur die
wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume vertreten sind,
so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf dem Wege der
A u s l a s s u n g, indem der Traum nicht eine getreuliche Übersetzung oder
eine Projektion Punkt für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst
unvollständige und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht
ist, wie wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir
zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den
Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen
bestimmen die Auswahl derselben?
Page 259
Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu dessen
Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird für diese
Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den auf p. 128
mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.
T r a u m i n h a l t: I c h h a b e e i n e M o n o g r a p h i e ü b e r
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart
geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere
e b e n e i n e e i n g e s c h l a g e n e f a r b i g e Ta f e l u m . D e m
Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der
Pflanze beigebunden.
Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die b o t a n i s c h e
M o n o g r a p h i e. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; in
einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
M o n o g r a p h i e ü b e r d i e G a t t u n g » Z y k l a m e n « gesehen.
Die Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
»botanische Monographie« erweist sofort ihre Beziehung zu der A r b e i t
ü b e r K o k a i n, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain aus geht
die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu gewissen
Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu meinem
Freunde, dem Augenarzte Dr. K ö n i g s t e i n, der an der Verwertung des
Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K. knüpft sich
weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das ich abends zuvor
mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über die Entlohnung
ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch ist nun der
eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie über Zyklamen ist
gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie ich sehe, erweist
sich die »botanische Monographie« des Traumes als ein m i t t l e r e s
G e m e i n s a m e s zwischen beiden Erlebnissen des Tages, von dem
indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit dem psychisch
bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen
verknüpft.
Überdeterminierung der Traumelemente.
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu dessen
Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird für diese
Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den auf p. 128
mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.
T r a u m i n h a l t: I c h h a b e e i n e M o n o g r a p h i e ü b e r
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart
geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere
e b e n e i n e e i n g e s c h l a g e n e f a r b i g e Ta f e l u m . D e m
Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der
Pflanze beigebunden.
Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die b o t a n i s c h e
M o n o g r a p h i e. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; in
einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
M o n o g r a p h i e ü b e r d i e G a t t u n g » Z y k l a m e n « gesehen.
Die Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
»botanische Monographie« erweist sofort ihre Beziehung zu der A r b e i t
ü b e r K o k a i n, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain aus geht
die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu gewissen
Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu meinem
Freunde, dem Augenarzte Dr. K ö n i g s t e i n, der an der Verwertung des
Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K. knüpft sich
weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das ich abends zuvor
mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über die Entlohnung
ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch ist nun der
eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie über Zyklamen ist
gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie ich sehe, erweist
sich die »botanische Monographie« des Traumes als ein m i t t l e r e s
G e m e i n s a m e s zwischen beiden Erlebnissen des Tages, von dem
indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit dem psychisch
bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen
verknüpft.
Überdeterminierung der Traumelemente.
Page 260
Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung »b o t a n i s c h e
M o n o g r a p h i e«, sondern auch jedes ihrer Elemente »b o t a n i s c h«
und »M o n o g r a p h i e« gesondert geht durch mehrfache Verbindungen
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu »b o t a n i s c h«
gehören die Erinnerungen an die Person des Professors G ä r t n e r, an seine
b l ü h e n d e Frau, an meine Patientin, die F l o r a heißt, und an die Dame,
von der ich die Geschichte mit den vergessenen B l u m e n erzählt habe.
G ä r t n e r führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit
K ö n i g s t e i n; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der beiden
Patientinnen. Von der Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu
den L i e b l i n g s b l u m e n meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im
Titel der bei Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert
»b o t a n i s c h« an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der
Universitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema,
das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft
sogenannten L i e b l i n g s b l u m e, der Artischocke an die von den
vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter »Artischocke«
steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderszene
anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu
Büchern eröffnet habe. »B o t a n i s c h« ist also ein wahrer Knotenpunkt, in
welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammentreffen, die,
wie ich versichern kann, in jenem Gespräche mit Fug und Recht in
Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet sich hier mitten in
einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-Meisterstück
»Ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.«
»M o n o g r a p h i e« im Traume rührt wiederum an zwei Themata, an
die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
Liebhabereien.
Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, daß die
Elemente »botanisch« und »Monographie« darum in den Trauminhalt
Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traumgedanken die
ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also K n o t e n p u n k t e
M o n o g r a p h i e«, sondern auch jedes ihrer Elemente »b o t a n i s c h«
und »M o n o g r a p h i e« gesondert geht durch mehrfache Verbindungen
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu »b o t a n i s c h«
gehören die Erinnerungen an die Person des Professors G ä r t n e r, an seine
b l ü h e n d e Frau, an meine Patientin, die F l o r a heißt, und an die Dame,
von der ich die Geschichte mit den vergessenen B l u m e n erzählt habe.
G ä r t n e r führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit
K ö n i g s t e i n; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der beiden
Patientinnen. Von der Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu
den L i e b l i n g s b l u m e n meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im
Titel der bei Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert
»b o t a n i s c h« an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der
Universitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema,
das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft
sogenannten L i e b l i n g s b l u m e, der Artischocke an die von den
vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter »Artischocke«
steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderszene
anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu
Büchern eröffnet habe. »B o t a n i s c h« ist also ein wahrer Knotenpunkt, in
welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammentreffen, die,
wie ich versichern kann, in jenem Gespräche mit Fug und Recht in
Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet sich hier mitten in
einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-Meisterstück
»Ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.«
»M o n o g r a p h i e« im Traume rührt wiederum an zwei Themata, an
die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
Liebhabereien.
Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, daß die
Elemente »botanisch« und »Monographie« darum in den Trauminhalt
Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traumgedanken die
ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also K n o t e n p u n k t e
Page 261
darstellen, in denen sehr viele der Traumgedanken zusammentreffen, weil
sie mit Bezug auf die Traumdeutung v i e l d e u t i g sind. Man kann die
dieser Erklärung zu grunde liegende Tatsache auch anders aussprechen und
dann sagen: Jedes der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als
ü b e r d e t e r m i n i e r t, als mehrfach in den Traumgedanken vertreten.
Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des Traumes auf
ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die f a r b i g e T a f e l, die
ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse p. 131) auf ein neues Thema, die
Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und auf ein bereits im Traume
vertretenes, meine Liebhabereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in
der ich ein Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar
der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese
Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des
Traumes sind durch die Traumgedanken m e h r f a c h determiniert, sondern
die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch mehrere
Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt der
Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traumgedanken
zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht so, daß
der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen eine Abkürzung
für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste Traumgedanke eine
nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung
Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze Masse der
Traumgedanken unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach welcher die
meist- und bestunterstützten Elemente sich für den Eintritt in den
Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog.
Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich
finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus
der ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von
ihnen in bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.
Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt und
Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches sich durch
besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Beziehungen
auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den ich wegen
Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte. Es wird sich
sie mit Bezug auf die Traumdeutung v i e l d e u t i g sind. Man kann die
dieser Erklärung zu grunde liegende Tatsache auch anders aussprechen und
dann sagen: Jedes der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als
ü b e r d e t e r m i n i e r t, als mehrfach in den Traumgedanken vertreten.
Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des Traumes auf
ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die f a r b i g e T a f e l, die
ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse p. 131) auf ein neues Thema, die
Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und auf ein bereits im Traume
vertretenes, meine Liebhabereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in
der ich ein Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar
der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese
Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des
Traumes sind durch die Traumgedanken m e h r f a c h determiniert, sondern
die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch mehrere
Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt der
Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traumgedanken
zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht so, daß
der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen eine Abkürzung
für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste Traumgedanke eine
nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung
Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze Masse der
Traumgedanken unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach welcher die
meist- und bestunterstützten Elemente sich für den Eintritt in den
Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog.
Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich
finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus
der ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von
ihnen in bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.
Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt und
Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches sich durch
besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Beziehungen
auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den ich wegen
Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte. Es wird sich
Page 262
bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese ausnehmend
geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:
II. »E i n s c h ö n e r T r a u m.«
Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-
Straße, in der sich ein bescheidenes
E i n k e h r w i r t s h a u s b e f i n d e t (was nicht richtig ist). I n d e n
Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist
b a l d P u b l i k u m , b a l d S c h a u s p i e l e r. A m E n d e h e i ß t
es, man müsse sich umziehen, um wieder in die
S t a d t z u k o m m e n . E i n Te i l d e s P e r s o n a l s w i r d i n
die Parterreräume verwiesen, ein anderer in die
des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die
oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig
sind, so daß sie nicht herunter können. Sein
Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über
d e n B r u d e r , d a ß m a n s o g e d r ä n g t w i r d . (Diese Partie
unklar.) E s w a r ü b r i g e n s s c h o n b e i m A n k o m m e n
bestimmt und eingeteilt, wer oben und wer unten
sein soll. Dann geht er allein über die Anhöhe,
welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht,
und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von
der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu
ihm und schimpft über den König von Italien. Am
E n d e d e r A n h ö h e g e h t e r d a n n v i e l l e i c h t e r.
Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach dem
Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklichkeit war.
Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen,
welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.
Die Analyse des »schönen« Traumes.
Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde,
das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der
Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Vereine mit
geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:
II. »E i n s c h ö n e r T r a u m.«
Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-
Straße, in der sich ein bescheidenes
E i n k e h r w i r t s h a u s b e f i n d e t (was nicht richtig ist). I n d e n
Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist
b a l d P u b l i k u m , b a l d S c h a u s p i e l e r. A m E n d e h e i ß t
es, man müsse sich umziehen, um wieder in die
S t a d t z u k o m m e n . E i n Te i l d e s P e r s o n a l s w i r d i n
die Parterreräume verwiesen, ein anderer in die
des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die
oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig
sind, so daß sie nicht herunter können. Sein
Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über
d e n B r u d e r , d a ß m a n s o g e d r ä n g t w i r d . (Diese Partie
unklar.) E s w a r ü b r i g e n s s c h o n b e i m A n k o m m e n
bestimmt und eingeteilt, wer oben und wer unten
sein soll. Dann geht er allein über die Anhöhe,
welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht,
und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von
der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu
ihm und schimpft über den König von Italien. Am
E n d e d e r A n h ö h e g e h t e r d a n n v i e l l e i c h t e r.
Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach dem
Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklichkeit war.
Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen,
welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.
Die Analyse des »schönen« Traumes.
Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde,
das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der
Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Vereine mit
Page 263
anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch vorgetäuschte)
Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem Traume eigentümliche
Sensation der Gehhemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier
wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend
welcher anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes,
welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende
der Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes an
die bekannte meisterhafte Introduktion der »Sappho« von A. D a u d e t.
Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich wie
federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen
Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des Verhältnisses,
durch dessen Schilderung D a u d e t die Jugend mahnen will, eine ernstere
Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft und zweifelhafter
Vergangenheit zu verschwenden(100). Obwohl ich wußte, daß mein Patient
vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten
und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfall
berechtigt zu finden. Auch war es ja in der »Sappho« u m g e k e h r t wie im
Traume; in letzterem war das Steigen anfänglich schwer und späterhin
leicht; im Roman diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht
genommen wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem
Erstaunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt
des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß:
»Rund um Wien« und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das
zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit
hochstehenden Personen anknüpft, dadurch »i n d i e H ö h e k o m m t«,
endlich aber immer mehr »h e r u n t e r k o m m t«. Das Stück hatte ihn
auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, welches den Titel trug:
»Vo n S t u f e z u S t u f e«, und auf dessen Ankündigung eine aus
mehreren Stufen bestehende S t i e g e zu sehen war.
Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schauspielerin
gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Verhältnis unterhalten.
Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. Allein, als er der Dame zuliebe
einen Teil des Sommers in Wien verbrachte, war er in einem kleinen Hotel
in der Nähe a b g e s t i e g e n. Beim Verlassen des Hotels sagte er dem
Kutscher: »Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen
habe« (übrigens auch eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: »Wie kann
Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem Traume eigentümliche
Sensation der Gehhemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier
wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend
welcher anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes,
welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende
der Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes an
die bekannte meisterhafte Introduktion der »Sappho« von A. D a u d e t.
Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich wie
federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen
Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des Verhältnisses,
durch dessen Schilderung D a u d e t die Jugend mahnen will, eine ernstere
Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft und zweifelhafter
Vergangenheit zu verschwenden(100). Obwohl ich wußte, daß mein Patient
vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten
und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfall
berechtigt zu finden. Auch war es ja in der »Sappho« u m g e k e h r t wie im
Traume; in letzterem war das Steigen anfänglich schwer und späterhin
leicht; im Roman diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht
genommen wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem
Erstaunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt
des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß:
»Rund um Wien« und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das
zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit
hochstehenden Personen anknüpft, dadurch »i n d i e H ö h e k o m m t«,
endlich aber immer mehr »h e r u n t e r k o m m t«. Das Stück hatte ihn
auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, welches den Titel trug:
»Vo n S t u f e z u S t u f e«, und auf dessen Ankündigung eine aus
mehreren Stufen bestehende S t i e g e zu sehen war.
Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schauspielerin
gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Verhältnis unterhalten.
Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. Allein, als er der Dame zuliebe
einen Teil des Sommers in Wien verbrachte, war er in einem kleinen Hotel
in der Nähe a b g e s t i e g e n. Beim Verlassen des Hotels sagte er dem
Kutscher: »Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen
habe« (übrigens auch eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: »Wie kann
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man aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein
E i n k e h r w i r t s h a u s.«
An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung eines
Zitats:
»Bei einem Wirte wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste.«
Der Wirt im U h l a n d schen Gedichte ist aber ein A p f e l b a u m.
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:
F a u s t (mit der Jungen tanzend).
Einst hatt’ ich einen s c h ö n e n T r a u m;
Da sah ich einen A p f e l b a u m,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich s t i e g h i n a n.
D i e S c h ö n e.
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfelbaume
und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch obenan unter
den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen Träumer gefesselt
hatte.
Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme des jetzt
bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der Busen der
Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl als die
»S a p p h o« D a u d e t s erscheinen als Anspielung auf die vor kurzem
verlassene Geliebte.
E i n k e h r w i r t s h a u s.«
An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung eines
Zitats:
»Bei einem Wirte wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste.«
Der Wirt im U h l a n d schen Gedichte ist aber ein A p f e l b a u m.
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:
F a u s t (mit der Jungen tanzend).
Einst hatt’ ich einen s c h ö n e n T r a u m;
Da sah ich einen A p f e l b a u m,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich s t i e g h i n a n.
D i e S c h ö n e.
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfelbaume
und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch obenan unter
den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen Träumer gefesselt
hatte.
Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme des jetzt
bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der Busen der
Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl als die
»S a p p h o« D a u d e t s erscheinen als Anspielung auf die vor kurzem
verlassene Geliebte.
Page 265
Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, und
zwar ist dieser o b e n, er selbst u n t e n. Dies ist wieder eine
U m k e h r u n g des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie mir
bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie erhalten. Der
Träumer vermied bei der Reproduktion des Trauminhaltes zu sagen: Der
Bruder sei oben, er selbst »parterre« gewesen. Es wäre eine zu deutliche
Äußerung geworden, denn man sagt bei uns von einer Person, sie ist
»p a r t e r r e«, wenn sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in
ähnlicher Übertragung, wie man »h e r u n t e r g e k o m m e n« gebraucht.
Es muß nun einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traume etwas
umgekehrt dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine andere
Beziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der
Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am
Ende des Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum u m g e k e h r t
verhält wie in der »S a p p h o«. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung
gemeint ist: In der »S a p p h o« trägt der Mann das zu ihm in sexuellen
Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also
u m g e k e h r t um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich nur
in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder auf die Amme, die
schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes trifft es also, die
»S a p p h o« und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.
Wie der Name »S a p p h o« vom Dichter nicht ohne Beziehung auf eine
lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes, in
denen Personen o b e n und u n t e n beschäftigt sind, auf Phantasien
sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte
Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß es
Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die so
im Traume dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an;
dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt es uns, dessen
Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phantasierte Begebenheiten
erscheinen hier – und nicht nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer
psychischer Gebilde als der Träume – zunächst als gleichwertig. Große
Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist
nichts anderes, als der in die Kindheitsszene durch »Zurückphantasieren«
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode
von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, bezieht sich durch
Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses
zwar ist dieser o b e n, er selbst u n t e n. Dies ist wieder eine
U m k e h r u n g des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie mir
bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie erhalten. Der
Träumer vermied bei der Reproduktion des Trauminhaltes zu sagen: Der
Bruder sei oben, er selbst »parterre« gewesen. Es wäre eine zu deutliche
Äußerung geworden, denn man sagt bei uns von einer Person, sie ist
»p a r t e r r e«, wenn sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in
ähnlicher Übertragung, wie man »h e r u n t e r g e k o m m e n« gebraucht.
Es muß nun einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traume etwas
umgekehrt dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine andere
Beziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der
Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am
Ende des Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum u m g e k e h r t
verhält wie in der »S a p p h o«. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung
gemeint ist: In der »S a p p h o« trägt der Mann das zu ihm in sexuellen
Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also
u m g e k e h r t um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich nur
in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder auf die Amme, die
schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes trifft es also, die
»S a p p h o« und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.
Wie der Name »S a p p h o« vom Dichter nicht ohne Beziehung auf eine
lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes, in
denen Personen o b e n und u n t e n beschäftigt sind, auf Phantasien
sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte
Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß es
Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die so
im Traume dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an;
dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt es uns, dessen
Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phantasierte Begebenheiten
erscheinen hier – und nicht nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer
psychischer Gebilde als der Träume – zunächst als gleichwertig. Große
Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist
nichts anderes, als der in die Kindheitsszene durch »Zurückphantasieren«
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode
von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, bezieht sich durch
Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses
Page 266
wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen Standes in höhere
Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche D a u d e t dem Jüngling
erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gestellt
werden sollte(101).
Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines anderen
Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer Behandlung
stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen entsprechend, an
denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume überreichlich sexuelles
Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs ebenso sehr
überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung nicht bis ans Ende
führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere Gruppen ohne
sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.
Der Käfertraum.
III. T r a u m i n h a l t: S i e b e s i n n t s i c h , d a ß s i e z w e i
Maikäfer in einer Schachtel hat, denen sie die
Freiheit geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie
öffnet die Schachtel, die Käfer sind ganz matt;
einer fliegt zum geöffneten Fenster heraus, der
andere aber wird vom Fensterflügel zerquetscht,
während sie das Fenster schließt, wie irgend
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels).
A n a l y s e: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter schläft im
Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend aufmerksam, daß eine
Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt es aber, sie
herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am Morgen. In ihrer
Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes Wasser
werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. Dies sind die beiden an
sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema von der G r a u s a m k e i t
g e g e n T i e r e beschäftigt sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie
in einer gewissen Gegend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das
Getier. Sie legte sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr
A r s e n i k zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein
Nachtfalter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer
Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche D a u d e t dem Jüngling
erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gestellt
werden sollte(101).
Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines anderen
Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer Behandlung
stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen entsprechend, an
denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume überreichlich sexuelles
Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs ebenso sehr
überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung nicht bis ans Ende
führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere Gruppen ohne
sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.
Der Käfertraum.
III. T r a u m i n h a l t: S i e b e s i n n t s i c h , d a ß s i e z w e i
Maikäfer in einer Schachtel hat, denen sie die
Freiheit geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie
öffnet die Schachtel, die Käfer sind ganz matt;
einer fliegt zum geöffneten Fenster heraus, der
andere aber wird vom Fensterflügel zerquetscht,
während sie das Fenster schließt, wie irgend
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels).
A n a l y s e: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter schläft im
Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend aufmerksam, daß eine
Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt es aber, sie
herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am Morgen. In ihrer
Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes Wasser
werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. Dies sind die beiden an
sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema von der G r a u s a m k e i t
g e g e n T i e r e beschäftigt sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie
in einer gewissen Gegend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das
Getier. Sie legte sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr
A r s e n i k zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein
Nachtfalter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer
Page 267
herumflog; ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem
Alter K ä f e r n und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute würde
sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie ist sehr
gutmütig geworden.
Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
Widerspruch, den zwischen A u s s e h e n und Gesinnung, wie er in A d a m
B e d e von der E l i o t dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles und ganz
dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der A r i s t o k r a t,
der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig fühlt und sich ebenso
benimmt. Man kann das den Leuten nicht a n s e h e n. Wer würde i h r
ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen geplagt wird?
In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung anlegte,
litt die Gegend arg unter der M a i k ä f e r p l a g e. Die Kinder wüteten
gegen die Käfer, z e r q u e t s c h t e n sie grausam. Sie hat damals einen
Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß und die Leiber
dann verspeiste. Sie selbst ist im M a i geboren, hat auch im Mai geheiratet.
Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie den Eltern einen Brief nach Hause,
wie glücklich sie sei. Sie war es aber keineswegs.
Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt und
verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, so einen
höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als Mädchen den Hof
gemacht hatte, auch den eines a r i s t o k r a t i s c h e n Verehrers(102).
Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes Buch
von M a u p a s s a n t in die Hand bekommen(103). D e r A r s e n i k, den
ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die A r s e n i k p i l l e n, die dem Duc de
Mora im N a b a b die Jugendkraft wiedergeben.
Zu »Freiheit geben« fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
»Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
Doch geb’ ich dir die F r e i h e i t nicht.«
Zu den »Maikäfern« noch die Rede des K ä t h c h e n s(104):
»Verliebt ja bist du wie ein K ä f e r mir.«
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem
Alter K ä f e r n und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute würde
sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie ist sehr
gutmütig geworden.
Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
Widerspruch, den zwischen A u s s e h e n und Gesinnung, wie er in A d a m
B e d e von der E l i o t dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles und ganz
dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der A r i s t o k r a t,
der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig fühlt und sich ebenso
benimmt. Man kann das den Leuten nicht a n s e h e n. Wer würde i h r
ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen geplagt wird?
In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung anlegte,
litt die Gegend arg unter der M a i k ä f e r p l a g e. Die Kinder wüteten
gegen die Käfer, z e r q u e t s c h t e n sie grausam. Sie hat damals einen
Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß und die Leiber
dann verspeiste. Sie selbst ist im M a i geboren, hat auch im Mai geheiratet.
Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie den Eltern einen Brief nach Hause,
wie glücklich sie sei. Sie war es aber keineswegs.
Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt und
verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, so einen
höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als Mädchen den Hof
gemacht hatte, auch den eines a r i s t o k r a t i s c h e n Verehrers(102).
Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes Buch
von M a u p a s s a n t in die Hand bekommen(103). D e r A r s e n i k, den
ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die A r s e n i k p i l l e n, die dem Duc de
Mora im N a b a b die Jugendkraft wiedergeben.
Zu »Freiheit geben« fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
»Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
Doch geb’ ich dir die F r e i h e i t nicht.«
Zu den »Maikäfern« noch die Rede des K ä t h c h e n s(104):
»Verliebt ja bist du wie ein K ä f e r mir.«
Page 268
Dazwischen Tannhäuser: »Weil du von b ö s e r Lust beseelt –«
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die Furcht, daß
ihm auf der Reise etwas z u s t o ß e, äußert sich in zahlreichen Phantasien
des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren unbewußten Gedanken während
der Analyse eine Klage über seine »Greisenhaftigkeit« gefunden. Der
Wunschgedanke, welchen dieser Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am
besten erraten, wenn ich erzähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume
plötzlich mitten in ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann
gerichteten Imperativ erschreckt wurde: H ä n g ’ d i c h a u f . Es ergab
sich, daß sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen
stelle sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der
Verdrängung wiederkehrte. »Häng’ dich auf,« besagte soviel als »Verschaff
dir eine Erektion um jeden Preis.« Die Arsenikpillen des Dr. J e n k i n s im
N a b a b gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt, daß man
das stärkste Aphrodisiakum, K a n t h a r i d e n, durch Z e r q u e t s c h e n
v o n K ä f e r n bereitet (sogenannte spanische Fliegen). Auf diesen Sinn
zielt der Hauptbestandteil des Trauminhaltes.
Das F e n s t e r öffnen und -schließen ist eine der ständigen Differenzen
mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob. Die
M a t t i g k e i t ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen zu
klagen gehabt hat.
In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die Schrift
hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traumgedanken
wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren augenfällig zu
machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse bis ans Ende geführt
ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit ausführlicher mitgeteilter
Analyse einzugehen, um die Überdeterminierung des Trauminhaltes an ihm
zu erweisen. Ich wähle hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden
an diesem Beispiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der
Traumbildung sich mehr als nur eines Mittels bedient.
Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die mit den
ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also zunächst sich
selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie beim Fenster
untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere Person hergenommen,
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die Furcht, daß
ihm auf der Reise etwas z u s t o ß e, äußert sich in zahlreichen Phantasien
des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren unbewußten Gedanken während
der Analyse eine Klage über seine »Greisenhaftigkeit« gefunden. Der
Wunschgedanke, welchen dieser Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am
besten erraten, wenn ich erzähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume
plötzlich mitten in ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann
gerichteten Imperativ erschreckt wurde: H ä n g ’ d i c h a u f . Es ergab
sich, daß sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen
stelle sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der
Verdrängung wiederkehrte. »Häng’ dich auf,« besagte soviel als »Verschaff
dir eine Erektion um jeden Preis.« Die Arsenikpillen des Dr. J e n k i n s im
N a b a b gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt, daß man
das stärkste Aphrodisiakum, K a n t h a r i d e n, durch Z e r q u e t s c h e n
v o n K ä f e r n bereitet (sogenannte spanische Fliegen). Auf diesen Sinn
zielt der Hauptbestandteil des Trauminhaltes.
Das F e n s t e r öffnen und -schließen ist eine der ständigen Differenzen
mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob. Die
M a t t i g k e i t ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen zu
klagen gehabt hat.
In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die Schrift
hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traumgedanken
wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren augenfällig zu
machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse bis ans Ende geführt
ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit ausführlicher mitgeteilter
Analyse einzugehen, um die Überdeterminierung des Trauminhaltes an ihm
zu erweisen. Ich wähle hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden
an diesem Beispiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der
Traumbildung sich mehr als nur eines Mittels bedient.
Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die mit den
ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also zunächst sich
selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie beim Fenster
untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere Person hergenommen,
Page 269
von jener Dame, mit der ich meine Patientin vertauschen möchte, wie die
Traumgedanken zeigen. Insofern Irma einen diphtheritischen Belag
erkennen läßt, bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert wird,
gelangt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem, durch
die Namensgleichheit mit ihr verknüpft, sich die Person einer durch
Intoxikation verlorenen Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des
Traumes wandelt sich die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß
ihr im Traume gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder,
die wir in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes
untersuchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen
Anlagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen
wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir
untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene
Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse entdecke,
habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch anderen
Personen zusammengetragen.
Sammelpersonen und Mischpersonen.
All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von »Irma« gerate,
treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter der
Traumperson »Irma«, welche so zu einem Sammelbild mit allerdings
widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Vertreterin
dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Personen, indem
ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für Zug an diese Personen
erinnert.
Ich kann mir eine S a m m e l p e r s o n auch auf andere Weise für die
Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist der Dr.
M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des Dr. M., spricht und
handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und sein Leiden sind die einer
anderen Person, meines ältesten Bruders; ein einziger Zug, das blasse
Aussehen, ist doppelt determiniert, indem er in der Realität beiden Personen
gemeinsam ist. Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines
Onkeltraumes. Hier aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet.
Traumgedanken zeigen. Insofern Irma einen diphtheritischen Belag
erkennen läßt, bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert wird,
gelangt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem, durch
die Namensgleichheit mit ihr verknüpft, sich die Person einer durch
Intoxikation verlorenen Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des
Traumes wandelt sich die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß
ihr im Traume gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder,
die wir in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes
untersuchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen
Anlagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen
wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir
untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene
Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse entdecke,
habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch anderen
Personen zusammengetragen.
Sammelpersonen und Mischpersonen.
All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von »Irma« gerate,
treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter der
Traumperson »Irma«, welche so zu einem Sammelbild mit allerdings
widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Vertreterin
dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Personen, indem
ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für Zug an diese Personen
erinnert.
Ich kann mir eine S a m m e l p e r s o n auch auf andere Weise für die
Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist der Dr.
M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des Dr. M., spricht und
handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und sein Leiden sind die einer
anderen Person, meines ältesten Bruders; ein einziger Zug, das blasse
Aussehen, ist doppelt determiniert, indem er in der Realität beiden Personen
gemeinsam ist. Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines
Onkeltraumes. Hier aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet.
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Ich habe nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit Zügen des anderen
vereinigt und dafür das Erinnerungsbild jedes einen um gewisse Züge
verkürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem
G a l t o n seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander
projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht
zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich
werden. Im Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus der zwei
Personen gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der
b l o n d e B a r t hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und
auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen.
Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der Anlaß
ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.
Der Einfall »Dysenterie« im Injektionstraume ist gleichfalls mehrfach
determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleichklang mit
Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den Orient
geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.
Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
Erwähnung von »P r o p y l e n« im Traume. In den Traumgedanken war
nicht »P r o p y l e n«, sondern »A m y l e n« enthalten. Man könnte meinen,
daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung Platz gegriffen
hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient den Zwecken der
Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traumanalyse zeigt. Wenn meine
Aufmerksamkeit bei dem Worte »P r o p y l e n« noch einen Moment
haltmacht, so fällt mir der Gleichklang mit dem Worte »P r o p y l ä e n« ein.
Die P r o p y l ä e n befinden sich aber nicht nur in Athen, sondern auch in
München. In dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals
schwerkranken Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf
P r o p y l e n folgende T r i m e t h y l a m i n des Traumes unverkennbar
wird.
Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und anderswo
bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten Wertigkeit,
wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benutzt werden, und gebe der
Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung von A m y l e n in den
vereinigt und dafür das Erinnerungsbild jedes einen um gewisse Züge
verkürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem
G a l t o n seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander
projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht
zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich
werden. Im Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus der zwei
Personen gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der
b l o n d e B a r t hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und
auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen.
Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der Anlaß
ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.
Der Einfall »Dysenterie« im Injektionstraume ist gleichfalls mehrfach
determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleichklang mit
Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den Orient
geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.
Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
Erwähnung von »P r o p y l e n« im Traume. In den Traumgedanken war
nicht »P r o p y l e n«, sondern »A m y l e n« enthalten. Man könnte meinen,
daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung Platz gegriffen
hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient den Zwecken der
Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traumanalyse zeigt. Wenn meine
Aufmerksamkeit bei dem Worte »P r o p y l e n« noch einen Moment
haltmacht, so fällt mir der Gleichklang mit dem Worte »P r o p y l ä e n« ein.
Die P r o p y l ä e n befinden sich aber nicht nur in Athen, sondern auch in
München. In dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals
schwerkranken Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf
P r o p y l e n folgende T r i m e t h y l a m i n des Traumes unverkennbar
wird.
Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und anderswo
bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten Wertigkeit,
wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benutzt werden, und gebe der
Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung von A m y l e n in den
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Traumgedanken durch P r o p y l e n in dem Trauminhalt gleichsam plastisch
vorzustellen.
Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, der
mich nicht versteht, mir unrecht gibt und mir nach Amylen duftenden Likör
schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines Freundes Wilhelm,
der mich versteht, mir recht geben würde, und dem ich so viel wertvolle
Mitteilungen, auch über die Chemie der Sexualvorgänge, verdanke.
Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders erregen
soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe bestimmt; das
A m y l e n gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Trauminhalt
prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe »Wilhelm« wird
geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die Elemente in ihr
hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto anklingen. In diesem
ganzen Traume rekurriere ich ja von einer Person, die mein Mißfallen
erregt, auf eine andere, die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe
ich Zug für Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das
Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise
der Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt,
gelangt in den Trauminhalt. Auch »A m y l e n« könnte unverwandelt in den
Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe
»Wilhelm«, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser Name
deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von A m y l e n liegt
für die Assoziation »P r o p y l e n«; aus dem Kreise »Wilhelm« kommt ihm
München mit den P r o p y l ä e n entgegen. In P r o p y l e n - P r o p y l ä e n
treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch einen Kompromiß
gelangt dieses mittlere Element dann in den Trauminhalt. Es ist hier ein
m i t t l e r e s G e m e i n s a m e s geschaffen worden, welches mehrfache
Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit Händen, daß die mehrfache
Determinierung das Durchdringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum
Zwecke dieser Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der
Aufmerksamkeit von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der
Assoziation nahe Liegenden vorgenommen worden.
Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traumgedanken
vorzustellen.
Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, der
mich nicht versteht, mir unrecht gibt und mir nach Amylen duftenden Likör
schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines Freundes Wilhelm,
der mich versteht, mir recht geben würde, und dem ich so viel wertvolle
Mitteilungen, auch über die Chemie der Sexualvorgänge, verdanke.
Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders erregen
soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe bestimmt; das
A m y l e n gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Trauminhalt
prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe »Wilhelm« wird
geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die Elemente in ihr
hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto anklingen. In diesem
ganzen Traume rekurriere ich ja von einer Person, die mein Mißfallen
erregt, auf eine andere, die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe
ich Zug für Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das
Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise
der Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt,
gelangt in den Trauminhalt. Auch »A m y l e n« könnte unverwandelt in den
Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe
»Wilhelm«, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser Name
deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von A m y l e n liegt
für die Assoziation »P r o p y l e n«; aus dem Kreise »Wilhelm« kommt ihm
München mit den P r o p y l ä e n entgegen. In P r o p y l e n - P r o p y l ä e n
treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch einen Kompromiß
gelangt dieses mittlere Element dann in den Trauminhalt. Es ist hier ein
m i t t l e r e s G e m e i n s a m e s geschaffen worden, welches mehrfache
Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit Händen, daß die mehrfache
Determinierung das Durchdringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum
Zwecke dieser Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der
Aufmerksamkeit von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der
Assoziation nahe Liegenden vorgenommen worden.
Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traumgedanken
Page 272
vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten (Sammelpersonen,
Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren Gemeinsamen als
Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu die Verdichtung dient
und wodurch sie gefordert wird, werden wir uns erst fragen, wenn wir die
psychischen Vorgänge bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen
wollen. Begnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der
Traum v e r d i c h t u n g als einer bemerkenswerten Relation zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt.
Wort- und Namenverdichtungen.
Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn sie
Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden vom
Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann dieselben
Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also auch
Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und seltsame
Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir einmal ein
Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in welchem eine
physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem Urteil überschätzt
und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken abgehandelt war, da
träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der sich offenbar auf diese
Abhandlung bezog: »D a s i s t e i n w a h r h a f t norekdaler S t i l .«
Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir anfänglich Schwierigkeiten;
es war nicht zweifelhaft, daß es den Superlativen »kolossal, pyramidal«
parodistisch nachgeschaffen war; aber woher es stammte, war nicht leicht
zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungetüm in die beiden Namen N o r a und
E k d a l aus zwei bekannten Schauspielen von I b s e n. Von demselben
Autor, dessen letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher
einen Zeitungsaufsatz über I b s e n gelesen.
II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, der in
eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit ihrem
Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: D a s w i r d i n
e i n e n a l l g e m e i n e n » Maistollmütz « ausgehen. Dabei im Traume
der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine Art Polenta.
Die Analyse zerlegt das Wort in M a i s – t o l l – m a n n s t o l l – O l m ü t z,
welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konversation bei Tisch mit
Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren Gemeinsamen als
Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu die Verdichtung dient
und wodurch sie gefordert wird, werden wir uns erst fragen, wenn wir die
psychischen Vorgänge bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen
wollen. Begnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der
Traum v e r d i c h t u n g als einer bemerkenswerten Relation zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt.
Wort- und Namenverdichtungen.
Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn sie
Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden vom
Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann dieselben
Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also auch
Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und seltsame
Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir einmal ein
Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in welchem eine
physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem Urteil überschätzt
und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken abgehandelt war, da
träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der sich offenbar auf diese
Abhandlung bezog: »D a s i s t e i n w a h r h a f t norekdaler S t i l .«
Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir anfänglich Schwierigkeiten;
es war nicht zweifelhaft, daß es den Superlativen »kolossal, pyramidal«
parodistisch nachgeschaffen war; aber woher es stammte, war nicht leicht
zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungetüm in die beiden Namen N o r a und
E k d a l aus zwei bekannten Schauspielen von I b s e n. Von demselben
Autor, dessen letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher
einen Zeitungsaufsatz über I b s e n gelesen.
II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, der in
eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit ihrem
Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: D a s w i r d i n
e i n e n a l l g e m e i n e n » Maistollmütz « ausgehen. Dabei im Traume
der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine Art Polenta.
Die Analyse zerlegt das Wort in M a i s – t o l l – m a n n s t o l l – O l m ü t z,
welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konversation bei Tisch mit
Page 273
ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter M a i s verbargen sich außer der
Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläumsausstellung die Worte:
M e i ß e n (eine M e i ß n e r Porzellanfigur, die einen Vogel darstellt), M i ß
(die Engländerin ihrer Verwandten war nach O l m ü t z gereist), m i e s =
ekel, übel im scherzhaft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette
von Gedanken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des
Wortklumpens ab.
III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends angeläutet hat,
um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauffolgenden Nacht:
Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um den
Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er
weggegangen ist, läutet es noch immer nicht
kontinuierlich, sondern nur in einzelnen Schlägen.
Der Diener holt den Mann wieder, und der sagt: Es
ist doch merkwürdig, daß auch Leute, die sonst
tutelrein s i n d , s o l c h e A n g e l e g e n h e i t e n n i c h t z u
behandeln verstehen.
Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines der
Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur gekommen,
indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers angereiht hat, das, an
sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stellvertretender Bedeutung
ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem Vater wohnte, schüttete er
einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf den Boden, so daß das Kabel des
Zimmertelegraphen durchtränkt wurde, und das k o n t i n u i e r l i c h e
L ä u t e n den Vater im Schlafe störte. Da das kontinuierliche Läuten dem
Naßwerden entspricht, so werden dann »e i n z e l n e S c h l ä g e« zur
Darstellung des T r o p f e n f a l l e n s verwendet. Das Wort »t u t e l r e i n«
zerlegt sich aber nach drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den
Traumgedanken vertretenen Materien: »T u t e l« = K u r a t e l bedeutet
Vormundschaft; T u t e l (vielleicht »T u t t e l«) ist eine vulgäre
Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandteil »r e i n« übernimmt
die ersten Silben des Zimmertelegraphen, um »Z i m m e r r e i n« zu bilden,
was mit dem Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an
einen der in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt(105).
Wortneubildungen.
Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläumsausstellung die Worte:
M e i ß e n (eine M e i ß n e r Porzellanfigur, die einen Vogel darstellt), M i ß
(die Engländerin ihrer Verwandten war nach O l m ü t z gereist), m i e s =
ekel, übel im scherzhaft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette
von Gedanken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des
Wortklumpens ab.
III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends angeläutet hat,
um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauffolgenden Nacht:
Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um den
Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er
weggegangen ist, läutet es noch immer nicht
kontinuierlich, sondern nur in einzelnen Schlägen.
Der Diener holt den Mann wieder, und der sagt: Es
ist doch merkwürdig, daß auch Leute, die sonst
tutelrein s i n d , s o l c h e A n g e l e g e n h e i t e n n i c h t z u
behandeln verstehen.
Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines der
Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur gekommen,
indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers angereiht hat, das, an
sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stellvertretender Bedeutung
ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem Vater wohnte, schüttete er
einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf den Boden, so daß das Kabel des
Zimmertelegraphen durchtränkt wurde, und das k o n t i n u i e r l i c h e
L ä u t e n den Vater im Schlafe störte. Da das kontinuierliche Läuten dem
Naßwerden entspricht, so werden dann »e i n z e l n e S c h l ä g e« zur
Darstellung des T r o p f e n f a l l e n s verwendet. Das Wort »t u t e l r e i n«
zerlegt sich aber nach drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den
Traumgedanken vertretenen Materien: »T u t e l« = K u r a t e l bedeutet
Vormundschaft; T u t e l (vielleicht »T u t t e l«) ist eine vulgäre
Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandteil »r e i n« übernimmt
die ersten Silben des Zimmertelegraphen, um »Z i m m e r r e i n« zu bilden,
was mit dem Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an
einen der in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt(105).
Wortneubildungen.
Page 274
IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffsreise zum
scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste Station
Hearsing heißt, die nächst weitere aber F l i e ß. Letzteres ist der Name
meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise gewesen ist.
H e a r s i n g aber ist kombiniert aus den Ortsnamen unserer Wiener
Lokalstrecke, die so häufig auf i n g ausgehen: H i e t z i n g, L i e s i n g,
M ö d l i n g (Medelitz, »meae deliciae« der alte Name, also »m e i n e
F r e u d ’«) und dem englischen H e a r s a y = Hörensagen, was auf
Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem indifferenten Traumerreger
des Tages herstellt, einem Gedichte in den »Fliegenden Blättern« von einem
verleumderischen Zwerge, »Sagter Hatergesagt«. Durch Beziehung der
Endsilbe »i n g« zum Namen F l i e ß gewinnt man »V l i s s i n g e n«,
wirklich die Station der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn er von
England zu uns auf Besuch kommt. Der englische Name von
V l i s s i n g e n lautet aber F l u s h i n g, was in englischer Sprache Erröten
bedeutet und an die Patienten mit »Errötensangst« mahnt, die ich behandle,
auch an eine rezente Publikation B e c h t e r e w s über diese Neurose, die
mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat.
V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei gesonderten
Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort »Autodidasker«,
das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen produzierten, kurzen und
harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich dem Professor N., wenn ich ihn
nächstens sehe, sagen muß: »Der Patient, über dessen Zustand ich Sie
zuletzt konsultiert habe, leidet wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie
vermutet haben.« Das neugebildete »A u t o d i d a s k e r« hat nun nicht nur
der Anforderung zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder
vertritt, es soll auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus
dem Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene
Genugtuung zu geben.
Nun zerlegt sich A u t o d i d a s k e r leicht in A u t o r, A u t o d i d a k t
und L a s k e r, an den sich der Name L a s s a l l e schließt. Die ersten dieser
Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Veranlassung des
Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines bekannten Autors
mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist, und der, wie ich erfahren
habe, aus demselben Orte stammt wie ich (J. J. D a v i d). Eines Abends
sprach sie mit mir über den tiefen Eindruck, den ihr die ergreifend traurige
scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste Station
Hearsing heißt, die nächst weitere aber F l i e ß. Letzteres ist der Name
meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise gewesen ist.
H e a r s i n g aber ist kombiniert aus den Ortsnamen unserer Wiener
Lokalstrecke, die so häufig auf i n g ausgehen: H i e t z i n g, L i e s i n g,
M ö d l i n g (Medelitz, »meae deliciae« der alte Name, also »m e i n e
F r e u d ’«) und dem englischen H e a r s a y = Hörensagen, was auf
Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem indifferenten Traumerreger
des Tages herstellt, einem Gedichte in den »Fliegenden Blättern« von einem
verleumderischen Zwerge, »Sagter Hatergesagt«. Durch Beziehung der
Endsilbe »i n g« zum Namen F l i e ß gewinnt man »V l i s s i n g e n«,
wirklich die Station der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn er von
England zu uns auf Besuch kommt. Der englische Name von
V l i s s i n g e n lautet aber F l u s h i n g, was in englischer Sprache Erröten
bedeutet und an die Patienten mit »Errötensangst« mahnt, die ich behandle,
auch an eine rezente Publikation B e c h t e r e w s über diese Neurose, die
mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat.
V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei gesonderten
Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort »Autodidasker«,
das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen produzierten, kurzen und
harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich dem Professor N., wenn ich ihn
nächstens sehe, sagen muß: »Der Patient, über dessen Zustand ich Sie
zuletzt konsultiert habe, leidet wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie
vermutet haben.« Das neugebildete »A u t o d i d a s k e r« hat nun nicht nur
der Anforderung zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder
vertritt, es soll auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus
dem Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene
Genugtuung zu geben.
Nun zerlegt sich A u t o d i d a s k e r leicht in A u t o r, A u t o d i d a k t
und L a s k e r, an den sich der Name L a s s a l l e schließt. Die ersten dieser
Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Veranlassung des
Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines bekannten Autors
mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist, und der, wie ich erfahren
habe, aus demselben Orte stammt wie ich (J. J. D a v i d). Eines Abends
sprach sie mit mir über den tiefen Eindruck, den ihr die ergreifend traurige
Page 275
Geschichte eines verkommenen Talentes in einer der D a v i d schen
Novellen gemacht hatte, und unsere Unterhaltung wendete sich darauf den
Spuren von Begabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen.
Unter der Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die
sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß
gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden können.
In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner
Frau auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter
gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte meinen
Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume führen konnte.
Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame
geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu grunde zu gehen, die den
Kern meiner Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel
L a s k e r und L a s s a l l e auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten(106). Das »Cherchez la
femme«, in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt mich
in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder, der
A l e x a n d e r heißt. Nun merke ich, daß A l e x, wie wir den Namen
abkürzen, fast wie eine Umstellung von L a s k e r klingt, und daß dieses
Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umwegrichtung
über Breslau mitzuteilen.
Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält aber
noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glücklichen
Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem Wege. In dem
Künstlerroman L ’ o e u v r e, der meinen Traumgedanken inhaltlich nahe
liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes
Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen
S a n d o z auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensverwandlung
folgenden Weg eingeschlagen. Z o l a gibt umgekehrt (wie die Kinder so
gern zu tun pflegen) A l o z. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum
ersetzte sich ihm die Silbe A l, die auch den Namen A l e xander einleitet,
durch die dritte Silbe desselben Namens s a n d, und so kam S a n d o z zu
stande. So ähnlich entstand also auch mein A u t o d i d a s k e r.
Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns beiden
gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende Weise in den
Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeitsjahres bekam ich einen
Novellen gemacht hatte, und unsere Unterhaltung wendete sich darauf den
Spuren von Begabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen.
Unter der Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die
sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß
gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden können.
In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner
Frau auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter
gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte meinen
Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume führen konnte.
Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame
geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu grunde zu gehen, die den
Kern meiner Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel
L a s k e r und L a s s a l l e auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten(106). Das »Cherchez la
femme«, in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt mich
in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder, der
A l e x a n d e r heißt. Nun merke ich, daß A l e x, wie wir den Namen
abkürzen, fast wie eine Umstellung von L a s k e r klingt, und daß dieses
Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umwegrichtung
über Breslau mitzuteilen.
Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält aber
noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glücklichen
Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem Wege. In dem
Künstlerroman L ’ o e u v r e, der meinen Traumgedanken inhaltlich nahe
liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes
Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen
S a n d o z auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensverwandlung
folgenden Weg eingeschlagen. Z o l a gibt umgekehrt (wie die Kinder so
gern zu tun pflegen) A l o z. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum
ersetzte sich ihm die Silbe A l, die auch den Namen A l e xander einleitet,
durch die dritte Silbe desselben Namens s a n d, und so kam S a n d o z zu
stande. So ähnlich entstand also auch mein A u t o d i d a s k e r.
Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns beiden
gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende Weise in den
Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeitsjahres bekam ich einen
Page 276
Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im Stiche ließ. Es war ein
schweres organisches Leiden, vielleicht eine Rückenmarksveränderung,
anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre
verlockend gewesen und hätte allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet,
wenn nicht die sexuelle Anamnese, ohne die ich keine Neurose anerkennen
will, vom Kranken so energisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner
Verlegenheit rief ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten
verehre (wie andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten
beuge. Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
»Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.« Da ich
weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen nicht teilt,
hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht meinen
Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die Mitteilung, daß
ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm, sich an einen anderen zu
wenden. Da begann er zu meiner höchsten Überraschung, mich um
Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen habe; er habe sich so sehr
geschämt, und nun enthüllte er mir gerade das Stück sexueller Ätiologie,
das ich erwartet hatte, und dessen ich zur Annahme einer Neurose bedurfte.
Mir war es eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich
mußte mir zugestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung
der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu
sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe und
ich unrecht.
Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunscherfüllung soll
es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? Gerade das ist mein
Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen Befürchtungen, respektive
ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen ich in den
Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf
welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume bezieht, ist von
dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten nicht weitab gelegen.
Dieselbe Alternative der organischen oder der funktionellen Schädigung
durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabesparalyse oder
Neurose, an welch letztere sich die Art des Unterganges von L a s s a l l e
lockerer anreiht.
Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger Deutung
ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie und wegen
schweres organisches Leiden, vielleicht eine Rückenmarksveränderung,
anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre
verlockend gewesen und hätte allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet,
wenn nicht die sexuelle Anamnese, ohne die ich keine Neurose anerkennen
will, vom Kranken so energisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner
Verlegenheit rief ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten
verehre (wie andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten
beuge. Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
»Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.« Da ich
weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen nicht teilt,
hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht meinen
Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die Mitteilung, daß
ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm, sich an einen anderen zu
wenden. Da begann er zu meiner höchsten Überraschung, mich um
Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen habe; er habe sich so sehr
geschämt, und nun enthüllte er mir gerade das Stück sexueller Ätiologie,
das ich erwartet hatte, und dessen ich zur Annahme einer Neurose bedurfte.
Mir war es eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich
mußte mir zugestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung
der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu
sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe und
ich unrecht.
Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunscherfüllung soll
es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? Gerade das ist mein
Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen Befürchtungen, respektive
ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen ich in den
Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf
welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume bezieht, ist von
dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten nicht weitab gelegen.
Dieselbe Alternative der organischen oder der funktionellen Schädigung
durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabesparalyse oder
Neurose, an welch letztere sich die Art des Unterganges von L a s s a l l e
lockerer anreiht.
Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger Deutung
ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie und wegen
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meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle – auch nicht wegen
seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und zur Familie unserer
dorthin verheirateten Freundin –, sondern auch wegen folgender kleinen
Begebenheit, die sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit
jener Vermutung die ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein
Interesse persönlichen Dingen zu. »Wieviel Kinder haben Sie jetzt?« –
»Sechs.« – Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. – »Mädel,
Buben?« – »Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum.« – »Nun,
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung.« – Ich wendete ein, daß sie
bis jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite
Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig wie die früher
gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Eindrücke
sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge verbunden,
und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den Traum nehme, ersetze
ich durch sie die Rede über die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang
mit den Traumgedanken aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten
Besorgnisse meiner Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den
Bemerkungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht
behalten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht
haben möge, verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung
beider gegensätzlichen Glieder der Alternative.
VI. M a r c i n o w s k i: »Heute früh erlebte ich zwischen Traum und
Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer Fülle von
kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich gewissermaßen über ein
Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es
lautet: ›erzefilisch‹ und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes
Zusammenhanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hinüberglitt; er
lautete: ›Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechtsempfindung.‹ Ich wußte
sofort, daß es eigentlich ›erzieherisch‹ heißen solle, schwankte auch einige
Male hin und her, ob es nicht richtiger ›erzifilisch‹ hieße. Dabei fiel mir das
Wort Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, da ich
weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Berührungspunkte
mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ›erzehlerisch‹, das e erklärend,
und zu gleicher Zeit erklärend, daß ich gestern abend von unserer
seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und zur Familie unserer
dorthin verheirateten Freundin –, sondern auch wegen folgender kleinen
Begebenheit, die sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit
jener Vermutung die ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein
Interesse persönlichen Dingen zu. »Wieviel Kinder haben Sie jetzt?« –
»Sechs.« – Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. – »Mädel,
Buben?« – »Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum.« – »Nun,
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung.« – Ich wendete ein, daß sie
bis jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite
Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig wie die früher
gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Eindrücke
sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge verbunden,
und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den Traum nehme, ersetze
ich durch sie die Rede über die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang
mit den Traumgedanken aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten
Besorgnisse meiner Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den
Bemerkungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht
behalten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht
haben möge, verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung
beider gegensätzlichen Glieder der Alternative.
VI. M a r c i n o w s k i: »Heute früh erlebte ich zwischen Traum und
Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer Fülle von
kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich gewissermaßen über ein
Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es
lautet: ›erzefilisch‹ und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes
Zusammenhanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hinüberglitt; er
lautete: ›Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechtsempfindung.‹ Ich wußte
sofort, daß es eigentlich ›erzieherisch‹ heißen solle, schwankte auch einige
Male hin und her, ob es nicht richtiger ›erzifilisch‹ hieße. Dabei fiel mir das
Wort Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, da ich
weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Berührungspunkte
mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ›erzehlerisch‹, das e erklärend,
und zu gleicher Zeit erklärend, daß ich gestern abend von unserer
Page 278
›Erzieherin‹ veranlaßt wurde, über das Problem der Prostitution zu
sprechen, und ich hatte ihr dabei tatsächlich, um ›erzieherisch‹ auf ihr nicht
ganz normal entwickeltes Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von
Hesse ›Über die Prostitution‹ gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das
Problem erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort
›Syphilis‹ nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand,
in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der
Übersetzung ganz logisch: ›Durch meine E r z ä h l u n g habe ich auf meine
E r z i e h e r i n e r z i e h e r i s c h auf deren Empfindungsleben einwirken
wollen, aber habe die Befürchtung, daß es zu gleicher Zeit v e r g i f t e n d
wirken könne.‹ E r z e f i l i s c h = erzäh– (erzieh–) (e r z i f i l i s c h).«
Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der Paranoia
bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen nicht
vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen Zeiten die
Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Sprachen und
artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den Traum wie für die
Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.
Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als solche
von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose Regel, daß
Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial abstammt. Der Wortlaut
der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder leise im Ausdruck
verschoben; häufig ist die Traumrede aus verschiedenen Redeerinnerungen
zusammengestückelt; der Wortlaut dabei das sich gleich gebliebene, der
Sinn womöglich mehr- oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient
nicht selten als bloße Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte
Rede vorfiel(107).
b) D i e Ve r s c h i e b u n g s a r b e i t.
Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation mußte
uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traumverdichtung
sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, welche im
Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervordrängen, in den
Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu
sprechen, und ich hatte ihr dabei tatsächlich, um ›erzieherisch‹ auf ihr nicht
ganz normal entwickeltes Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von
Hesse ›Über die Prostitution‹ gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das
Problem erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort
›Syphilis‹ nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand,
in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der
Übersetzung ganz logisch: ›Durch meine E r z ä h l u n g habe ich auf meine
E r z i e h e r i n e r z i e h e r i s c h auf deren Empfindungsleben einwirken
wollen, aber habe die Befürchtung, daß es zu gleicher Zeit v e r g i f t e n d
wirken könne.‹ E r z e f i l i s c h = erzäh– (erzieh–) (e r z i f i l i s c h).«
Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der Paranoia
bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen nicht
vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen Zeiten die
Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Sprachen und
artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den Traum wie für die
Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.
Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als solche
von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose Regel, daß
Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial abstammt. Der Wortlaut
der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder leise im Ausdruck
verschoben; häufig ist die Traumrede aus verschiedenen Redeerinnerungen
zusammengestückelt; der Wortlaut dabei das sich gleich gebliebene, der
Sinn womöglich mehr- oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient
nicht selten als bloße Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte
Rede vorfiel(107).
b) D i e Ve r s c h i e b u n g s a r b e i t.
Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation mußte
uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traumverdichtung
sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, welche im
Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervordrängen, in den
Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu
Page 279
kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aussprechen. Was in den
Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traume gar
nicht vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam a n d e r s z e n t r i e r t,
sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die
Traumgedanken. So z. B. ist im Traume von der botanischen Monographie
Mittelpunkt des Trauminhaltes offenbar das Element »botanisch«; in den
Traumgedanken handelt es sich um die Komplikationen und Konflikte, die
sich aus verpflichtenden Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer
Folge um den Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu
bringen pflege, und das Element »botanisch« findet in diesem Kerne der
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals
einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines
Patienten ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und U n t e n sein
zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren
sexueller Beziehungen zu n i e d r i g stehenden Personen, so daß nur eines
der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher
Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist im
Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexualität zur
Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausamkeit im
Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung und ohne
Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zusammenhang gerissen und
dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In dem Onkeltraume wiederum
scheint der blonde Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller
Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die wir als den Kern der
Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume machen dann mit gutem
Rechte einen »v e r s c h o b e n e n« Eindruck. Im vollen Gegensatz zu
diesen Beispielen zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der
Traumbildung die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten
können, den sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme
dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere
Verwunderung zu erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des
Normallebens finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderen
herausgegriffen wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit
erlangt hat, so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß
der siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein
Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traume gar
nicht vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam a n d e r s z e n t r i e r t,
sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die
Traumgedanken. So z. B. ist im Traume von der botanischen Monographie
Mittelpunkt des Trauminhaltes offenbar das Element »botanisch«; in den
Traumgedanken handelt es sich um die Komplikationen und Konflikte, die
sich aus verpflichtenden Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer
Folge um den Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu
bringen pflege, und das Element »botanisch« findet in diesem Kerne der
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals
einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines
Patienten ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und U n t e n sein
zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren
sexueller Beziehungen zu n i e d r i g stehenden Personen, so daß nur eines
der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher
Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist im
Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexualität zur
Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausamkeit im
Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung und ohne
Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zusammenhang gerissen und
dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In dem Onkeltraume wiederum
scheint der blonde Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller
Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die wir als den Kern der
Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume machen dann mit gutem
Rechte einen »v e r s c h o b e n e n« Eindruck. Im vollen Gegensatz zu
diesen Beispielen zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der
Traumbildung die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten
können, den sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme
dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere
Verwunderung zu erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des
Normallebens finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderen
herausgegriffen wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit
erlangt hat, so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß
der siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein
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gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß
diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es ist ja
kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der
Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse
betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären,
und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in den
Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zunächst den
Eindruck, als käme die psychische Intensität(108) der einzelnen
Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Betracht, sondern
bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung derselben. Nicht was
in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in den Traum, sondern was in
ihnen mehrfach enthalten, könnte man meinen; das Verständnis der
Traumbildung wird aber durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn
von vornherein wird man nicht glauben können, daß die beiden Momente
der mehrfachen Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der
Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen,
welche in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die
am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von
Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann
der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente
ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft
zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen.
Die Überdeterminierung.
Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Eindruck
verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeterminierung des
Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher Leser dieser
Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung der
Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbstverständlicher
ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traumelementen aus und
verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben knüpfen; kein Wunder dann,
daß in dem so gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente sich
besonders häufig wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten
lassen, werde aber selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache
diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es ist ja
kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der
Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse
betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären,
und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in den
Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zunächst den
Eindruck, als käme die psychische Intensität(108) der einzelnen
Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Betracht, sondern
bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung derselben. Nicht was
in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in den Traum, sondern was in
ihnen mehrfach enthalten, könnte man meinen; das Verständnis der
Traumbildung wird aber durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn
von vornherein wird man nicht glauben können, daß die beiden Momente
der mehrfachen Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der
Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen,
welche in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die
am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von
Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann
der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente
ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft
zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen.
Die Überdeterminierung.
Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Eindruck
verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeterminierung des
Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher Leser dieser
Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung der
Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbstverständlicher
ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traumelementen aus und
verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben knüpfen; kein Wunder dann,
daß in dem so gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente sich
besonders häufig wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten
lassen, werde aber selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache
Page 281
bringen: Unter den Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden
sich viele, die dem Kern des Traumes fernerstehen, und die sich wie
künstliche Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der
Zweck derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und
Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt
würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes oftmals nicht nur
die Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende
Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse
geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl
entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung,
sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten
psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der
einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können
beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie
sich aus dem Traummaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt.
Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine psychische
Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen Elemente ihrer
Intensität entkleidet und anderseits a u f d e m W e g e d e r
Ü b e r d e t e r m i n i e r u n g aus minderwertigen neue Wertigkeiten schafft,
die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der
Traumbildung eine Ü b e r t r a g u n g u n d Ve r s c h i e b u n g d e r
p s y c h i s c h e n I n t e n s i t ä t e n der einzelnen Elemente stattgefunden,
als deren Folge die Textverschiedenheit von Trauminhalt und
Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so supponieren, ist
geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er verdient den Namen
der T r a u m v e r s c h i e b u n g. Traumverschiebung und
T r a u m v e r d i c h t u n g sind die beiden Werkmeister, deren Tätigkeit wir
die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben dürfen.
Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die sich in
den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. Der Erfolg
dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne der
Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine Entstellung
des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber
ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt, welche
die eine psychische Instanz im Gedankenleben gegen eine andere ausübt.
sich viele, die dem Kern des Traumes fernerstehen, und die sich wie
künstliche Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der
Zweck derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und
Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt
würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes oftmals nicht nur
die Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende
Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse
geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl
entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung,
sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten
psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der
einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können
beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie
sich aus dem Traummaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt.
Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine psychische
Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen Elemente ihrer
Intensität entkleidet und anderseits a u f d e m W e g e d e r
Ü b e r d e t e r m i n i e r u n g aus minderwertigen neue Wertigkeiten schafft,
die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der
Traumbildung eine Ü b e r t r a g u n g u n d Ve r s c h i e b u n g d e r
p s y c h i s c h e n I n t e n s i t ä t e n der einzelnen Elemente stattgefunden,
als deren Folge die Textverschiedenheit von Trauminhalt und
Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so supponieren, ist
geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er verdient den Namen
der T r a u m v e r s c h i e b u n g. Traumverschiebung und
T r a u m v e r d i c h t u n g sind die beiden Werkmeister, deren Tätigkeit wir
die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben dürfen.
Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die sich in
den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. Der Erfolg
dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne der
Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine Entstellung
des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber
ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt, welche
die eine psychische Instanz im Gedankenleben gegen eine andere ausübt.
Page 282
Die Traumverschiebung ist eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser
Entstellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die
Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen
Abwehr, zu stande kommt(109).
In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung und
Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, welches der
übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor wird, das würden wir
späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig können wir als eine zweite
Bedingung, der die in den Traum gelangenden Elemente genügen müssen,
angeben, d a ß sie der Zensur des Widerstandes
e n t z o g e n s e i e n. Die Traumverschiebung aber wollen wir von nun an
als unzweifelhafte Tatsache bei der Traumdeutung in Rechnung ziehen.
c) D i e D a r s t e l l u n g s m i t t e l d e s T r a u m e s.
Außer den beiden Momenten der Traum v e r d i c h t u n g und
Traum v e r s c h i e b u n g, die wir bei der Verwandlung des latenten
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam aufgefunden
haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung noch zwei
weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß auf die
Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher möchte ich,
selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege halt zu machen
scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei der Ausführung der
Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, daß es am ehesten gelingen
würde, dieselben klarzustellen und ihre Zuverlässigkeit gegen
Einwendungen zu sichern, wenn ich einen einzelnen Traum zum Muster
nähme, seine Deutung entwickle, wie ich es im Abschnitt II bei dem
Traume von Irmas Injektion gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken,
die ich aufgedeckt habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des Traumes
aus ihnen rekonstruiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese
derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner
eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil
mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten
auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich daran
verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger,
Entstellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die
Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen
Abwehr, zu stande kommt(109).
In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung und
Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, welches der
übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor wird, das würden wir
späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig können wir als eine zweite
Bedingung, der die in den Traum gelangenden Elemente genügen müssen,
angeben, d a ß sie der Zensur des Widerstandes
e n t z o g e n s e i e n. Die Traumverschiebung aber wollen wir von nun an
als unzweifelhafte Tatsache bei der Traumdeutung in Rechnung ziehen.
c) D i e D a r s t e l l u n g s m i t t e l d e s T r a u m e s.
Außer den beiden Momenten der Traum v e r d i c h t u n g und
Traum v e r s c h i e b u n g, die wir bei der Verwandlung des latenten
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam aufgefunden
haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung noch zwei
weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß auf die
Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher möchte ich,
selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege halt zu machen
scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei der Ausführung der
Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, daß es am ehesten gelingen
würde, dieselben klarzustellen und ihre Zuverlässigkeit gegen
Einwendungen zu sichern, wenn ich einen einzelnen Traum zum Muster
nähme, seine Deutung entwickle, wie ich es im Abschnitt II bei dem
Traume von Irmas Injektion gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken,
die ich aufgedeckt habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des Traumes
aus ihnen rekonstruiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese
derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner
eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil
mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten
auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich daran
verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger,
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denn die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn sie
auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. Von der
Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu überzeugen,
vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich nur von
Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum unbekannt
sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß
dies Stück Darstellung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich – an
anderer Stelle – die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit
führen kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen ist(110).
Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthetisch
herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende Material
von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben bilden die
wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll ersetzen und allein
zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für den Traum keine Zensur
gäbe. Den anderen Teil kann man unter dem Namen »K o l l a t e r a l e n«
zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit stellen sie die Wege dar, auf denen
der wirkliche Wunsch, der sich aus den Traumgedanken erhebt, in den
Traumwunsch übergeführt wird. Von diesen »Kollateralen« besteht ein
erster Anteil aus Anknüpfungen an die eigentlichen Traumgedanken,
welche, schematisch genommen, Verschiebungen vom Wesentlichen aufs
Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken,
welche diese durch Verschiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen
Materialien unter sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt
reichen. Ein dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und
Gedankenverbindungen, durch die man bei der Deutungsarbeit vom
Trauminhalt zu den mittleren Kollateralen gerät, und die n i c h t
n o t w e n d i g s ä m t l i c h auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen
sein müssen.
Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von
Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen
Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. Nicht
selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum ausgehen,
aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig steht neben
einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel, durch
Kontrastassoziation mit ihm verbunden.
auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. Von der
Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu überzeugen,
vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich nur von
Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum unbekannt
sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß
dies Stück Darstellung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich – an
anderer Stelle – die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit
führen kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen ist(110).
Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthetisch
herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende Material
von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben bilden die
wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll ersetzen und allein
zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für den Traum keine Zensur
gäbe. Den anderen Teil kann man unter dem Namen »K o l l a t e r a l e n«
zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit stellen sie die Wege dar, auf denen
der wirkliche Wunsch, der sich aus den Traumgedanken erhebt, in den
Traumwunsch übergeführt wird. Von diesen »Kollateralen« besteht ein
erster Anteil aus Anknüpfungen an die eigentlichen Traumgedanken,
welche, schematisch genommen, Verschiebungen vom Wesentlichen aufs
Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken,
welche diese durch Verschiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen
Materialien unter sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt
reichen. Ein dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und
Gedankenverbindungen, durch die man bei der Deutungsarbeit vom
Trauminhalt zu den mittleren Kollateralen gerät, und die n i c h t
n o t w e n d i g s ä m t l i c h auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen
sein müssen.
Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von
Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen
Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. Nicht
selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum ausgehen,
aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig steht neben
einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel, durch
Kontrastassoziation mit ihm verbunden.
Page 284
Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natürlich in
den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden Vorder-
und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedingungen,
Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse dieser
Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei die Stücke
gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa wie treibendes
Eis, so entsteht die Frage, was aus den logischen Banden wird, welche
bishin das Gefüge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traume
das »Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder – oder« und alle anderen
Konjunktionen, ohne die wir Satz und Rede nicht verstehen können?
Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese logischen
Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Darstellung zur
Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen unberücksichtigt und
übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traumgedanken zur Bearbeitung.
Der Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zusammenhang wieder
herzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat.
Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum gearbeitet
ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähnlichen
Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei und
Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen kann, und auch
hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Material, durch dessen
Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Ausdruck zu bringen streben.
Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie gültigen Gesetze des Ausdruckes
gekommen war, bemühte sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus
dem Munde der gemalten Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen
heraushängen, welche als Schrift die Rede brachten, die im Bilde
darzustellen der Maler verzweifelte.
Die Darstellung der logischen Relationen.
Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den Traum den
Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. Es gibt ja
Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen vor sich
gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen wird wie im
wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein; wenn man auf die
Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, daß dies alles
den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden Vorder-
und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedingungen,
Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse dieser
Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei die Stücke
gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa wie treibendes
Eis, so entsteht die Frage, was aus den logischen Banden wird, welche
bishin das Gefüge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traume
das »Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder – oder« und alle anderen
Konjunktionen, ohne die wir Satz und Rede nicht verstehen können?
Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese logischen
Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Darstellung zur
Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen unberücksichtigt und
übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traumgedanken zur Bearbeitung.
Der Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zusammenhang wieder
herzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat.
Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum gearbeitet
ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähnlichen
Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei und
Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen kann, und auch
hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Material, durch dessen
Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Ausdruck zu bringen streben.
Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie gültigen Gesetze des Ausdruckes
gekommen war, bemühte sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus
dem Munde der gemalten Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen
heraushängen, welche als Schrift die Rede brachten, die im Bilde
darzustellen der Maler verzweifelte.
Die Darstellung der logischen Relationen.
Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den Traum den
Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. Es gibt ja
Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen vor sich
gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen wird wie im
wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein; wenn man auf die
Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, daß dies alles
Page 285
Traummaterial ist, nicht Darstellung
i n t e l l e k t u e l l e r A r b e i t i m T r a u m e. Der I n h a l t der
Traumgedanken ist durch das scheinbare Denken des Traumes
wiedergegeben, nicht die B e z i e h u n g e n d e r T r a u m g e d a n k e n
z u e i n a n d e r, in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür
Beispiele erbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle
Reden, die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche
bezeichnet werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte
Nachbildungen von Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des
Traummaterials vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in
den Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz
anderer.
Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denkarbeit, die
nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, ihren Anteil an
der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors werde ich zu Ende
dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich dann ergeben, daß diese
Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken, sondern durch den in gewissem
Sinne bereits fertigen Traum hervorgerufen wird.
Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwischen
den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht finden.
Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es entweder
Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem Inhalt eines der
Traumgedanken; einem Widerspruch z w i s c h e n den Traumgedanken
entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst indirekt vermittelter
Weise.
Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Verwarnung
u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den flatternden Zettel, so
hat sich auch für den Traum die Möglichkeit ergeben, einzelnen der
logischen Relationen zwischen seinen Traumgedanken durch eine
zugehörige Modifikation der eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht
zuzuwenden. Man kann die Erfahrung machen, daß die verschiedenen
Träume in dieser Berücksichtigung verschieden weit gehen; während sich
der eine Traum über das logische Gefüge seines Materials völlig
hinaussetzt, sucht ein anderer dasselbe möglichst vollständig anzudeuten.
Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur
i n t e l l e k t u e l l e r A r b e i t i m T r a u m e. Der I n h a l t der
Traumgedanken ist durch das scheinbare Denken des Traumes
wiedergegeben, nicht die B e z i e h u n g e n d e r T r a u m g e d a n k e n
z u e i n a n d e r, in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür
Beispiele erbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle
Reden, die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche
bezeichnet werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte
Nachbildungen von Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des
Traummaterials vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in
den Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz
anderer.
Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denkarbeit, die
nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, ihren Anteil an
der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors werde ich zu Ende
dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich dann ergeben, daß diese
Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken, sondern durch den in gewissem
Sinne bereits fertigen Traum hervorgerufen wird.
Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwischen
den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht finden.
Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es entweder
Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem Inhalt eines der
Traumgedanken; einem Widerspruch z w i s c h e n den Traumgedanken
entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst indirekt vermittelter
Weise.
Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Verwarnung
u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den flatternden Zettel, so
hat sich auch für den Traum die Möglichkeit ergeben, einzelnen der
logischen Relationen zwischen seinen Traumgedanken durch eine
zugehörige Modifikation der eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht
zuzuwenden. Man kann die Erfahrung machen, daß die verschiedenen
Träume in dieser Berücksichtigung verschieden weit gehen; während sich
der eine Traum über das logische Gefüge seines Materials völlig
hinaussetzt, sucht ein anderer dasselbe möglichst vollständig anzudeuten.
Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur
Page 286
Bearbeitung vorliegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der
Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn
ein solches im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas
Injektion).
Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
versuchen, sie einzeln aufzuzählen.
Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zusammenhang
zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im ganzen gerecht,
daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als Situation oder
Vorgang vereinigt. Er gibt l o g i s c h e n Z u s a m m e n h a n g wieder als
G l e i c h z e i t i g k e i t; er verfährt darin ähnlich wie der Maler, der alle
Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule von A t h e n oder des
P a r n a ß zusammenstellt, die niemals in einer Halle oder auf einem
Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber für die denkende
Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.
Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft er
zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders innigen
Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traumgedanken. Es
ist wie in unserem Schriftsystem: ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben in
einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b nach einer freien Lücke
läßt a als den letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten
eines anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die
Traumkombinationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen
des Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken
in innigerem Zusammenhang stehen.
Darstellung der Kausalbeziehung und der Alternative.
Die K a u s a l b e z i e h u n g e n darzustellen, hat der Traum zwei
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies so und
so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den Nebensatz als
Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als Haupttraum anzufügen.
Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeitfolge auch die umgekehrte sein.
Stets entspricht dem Hauptsatz der breiter ausgeführte Teil des Traumes.
Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn
ein solches im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas
Injektion).
Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
versuchen, sie einzeln aufzuzählen.
Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zusammenhang
zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im ganzen gerecht,
daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als Situation oder
Vorgang vereinigt. Er gibt l o g i s c h e n Z u s a m m e n h a n g wieder als
G l e i c h z e i t i g k e i t; er verfährt darin ähnlich wie der Maler, der alle
Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule von A t h e n oder des
P a r n a ß zusammenstellt, die niemals in einer Halle oder auf einem
Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber für die denkende
Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.
Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft er
zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders innigen
Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traumgedanken. Es
ist wie in unserem Schriftsystem: ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben in
einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b nach einer freien Lücke
läßt a als den letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten
eines anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die
Traumkombinationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen
des Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken
in innigerem Zusammenhang stehen.
Darstellung der Kausalbeziehung und der Alternative.
Die K a u s a l b e z i e h u n g e n darzustellen, hat der Traum zwei
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies so und
so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den Nebensatz als
Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als Haupttraum anzufügen.
Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeitfolge auch die umgekehrte sein.
Stets entspricht dem Hauptsatz der breiter ausgeführte Teil des Traumes.
Page 287
Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat mir
einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin vollständig
mitteilen werde (p. 258 f.). Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und einem
sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert war und etwa
überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der Vortraum lautete so:
Sie geht in die Küche zu den beiden Mägden und
tadelt sie, daß sie nicht fertig werden »mit dem
Bissel Essen«. Dabei sieht sie sehr viel grobes
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der
Küche stehen, und zwar in Haufen aufeinander
g e s t e l l t . D i e b e i d e n M ä g d e g e h e n Wa s s e r h o l e n u n d
müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis
ans Haus oder in den Hof reicht.
Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: S i e s t e i g t v o n
hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends
h ä n g e n b l e i b t usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer
Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen
Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der zweite Teil des
Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der sich viel mit
Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer Überschwemmung –
das Haus stand nahe am Ufer des Flusses – sich eine tödliche Erkrankung
holte. Der Gedanke, der sich hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also:
Weil ich aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen
Verhältnissen stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder
auf und bringt ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin
von hoher Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin,
war mein Lebenslauf so und so.
Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei ungleiche
Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den Gedanken der
beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden Träumen dasselbe
Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus dargestellt würde;
sicherlich gilt dies für die in eine Pollution auslaufende Traumreihe einer
Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis sich einen fortschreitend
deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die beiden Träume sind aus
einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin vollständig
mitteilen werde (p. 258 f.). Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und einem
sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert war und etwa
überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der Vortraum lautete so:
Sie geht in die Küche zu den beiden Mägden und
tadelt sie, daß sie nicht fertig werden »mit dem
Bissel Essen«. Dabei sieht sie sehr viel grobes
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der
Küche stehen, und zwar in Haufen aufeinander
g e s t e l l t . D i e b e i d e n M ä g d e g e h e n Wa s s e r h o l e n u n d
müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis
ans Haus oder in den Hof reicht.
Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: S i e s t e i g t v o n
hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends
h ä n g e n b l e i b t usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer
Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen
Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der zweite Teil des
Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der sich viel mit
Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer Überschwemmung –
das Haus stand nahe am Ufer des Flusses – sich eine tödliche Erkrankung
holte. Der Gedanke, der sich hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also:
Weil ich aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen
Verhältnissen stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder
auf und bringt ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin
von hoher Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin,
war mein Lebenslauf so und so.
Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei ungleiche
Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den Gedanken der
beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden Träumen dasselbe
Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus dargestellt würde;
sicherlich gilt dies für die in eine Pollution auslaufende Traumreihe einer
Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis sich einen fortschreitend
deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die beiden Träume sind aus
Page 288
gesonderten Zentren im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden
einander im Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen
als Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die
andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei
minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume,
sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes verwandelt. Nur wo
wir diese Verwandlung im Traume vor sich gehen sehen, wird der kausale
Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht wo wir bloß merken, es sei an
Stelle des einen jetzt das andere gekommen. Ich sagte, die beiden
Verfahren, Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf dasselbe hinaus; in
beiden Fällen wird die Ve r u r s a c h u n g dargestellt durch ein
N a c h e i n a n d e r, einmal durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das
andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein
anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die Kausalrelation
überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang
unvermeidliche Nacheinander der Elemente.
Die Alternative »Entweder – Oder« kann der Traum überhaupt nicht
ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt in einen
Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür enthält der
Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken heißt es offenbar:
Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas Schmerzen; die Schuld
liegt e n t w e d e r an ihrem Sträuben gegen die Annahme der Lösung o d e r
daran, daß sie unter ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht
ändern kann, o d e r ihre Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer,
sondern organischer Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast
ausschließenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem
Traumwunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder –
Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der
Traumgedanken eingesetzt.
Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein Entweder –
Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten oder ein
Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken nicht etwa eine
Alternative, sondern ein »und«, eine einfache Anreihung, vor. Mit Entweder
– Oder beschreiben wir zumeist einen noch auflösbaren Charakter von
einander im Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen
als Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die
andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei
minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume,
sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes verwandelt. Nur wo
wir diese Verwandlung im Traume vor sich gehen sehen, wird der kausale
Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht wo wir bloß merken, es sei an
Stelle des einen jetzt das andere gekommen. Ich sagte, die beiden
Verfahren, Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf dasselbe hinaus; in
beiden Fällen wird die Ve r u r s a c h u n g dargestellt durch ein
N a c h e i n a n d e r, einmal durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das
andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein
anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die Kausalrelation
überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang
unvermeidliche Nacheinander der Elemente.
Die Alternative »Entweder – Oder« kann der Traum überhaupt nicht
ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt in einen
Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür enthält der
Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken heißt es offenbar:
Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas Schmerzen; die Schuld
liegt e n t w e d e r an ihrem Sträuben gegen die Annahme der Lösung o d e r
daran, daß sie unter ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht
ändern kann, o d e r ihre Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer,
sondern organischer Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast
ausschließenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem
Traumwunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder –
Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der
Traumgedanken eingesetzt.
Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein Entweder –
Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten oder ein
Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken nicht etwa eine
Alternative, sondern ein »und«, eine einfache Anreihung, vor. Mit Entweder
– Oder beschreiben wir zumeist einen noch auflösbaren Charakter von
Page 289
Verschwommenheit an einem Traumelement. Die Deutungsregel für diesen
Fall lautet: Die einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander
gleich zu setzen und durch »und« zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem
ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien weilenden
Freundes gewartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese
Adresse mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des
Telegrammes; das erste Wort ist verschwommen,
etwa v i a,
oder V i l l a, das zweite deutlich: S e z e r n o.
oder sogar (C a s a).
Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich an
unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen Ärger
aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir g e h e i m gehalten; jedes der
Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte läßt sich bei der
Analyse als selbständiger und gleichberechtigter Ausgangspunkt der
Gedankenverkettung erkennen.
In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von einer
bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel – etwa wie die das
Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der Eisenbahnen, –
auf dem zu lesen ist, entweder:
M a n b i t t e t , d i e A u g e n z u z u d r ü c k e n.
oder
M a n b i t t e t , e i n A u g e z u z u d r ü c k e n,
was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
M a n b i t t e t , d i e / e i n A u g e ( n ) z u z u d r ü c k e n.
Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt in der
Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell möglichst
einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über solche
Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren aber mit
solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie meinten, man werde
Fall lautet: Die einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander
gleich zu setzen und durch »und« zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem
ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien weilenden
Freundes gewartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese
Adresse mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des
Telegrammes; das erste Wort ist verschwommen,
etwa v i a,
oder V i l l a, das zweite deutlich: S e z e r n o.
oder sogar (C a s a).
Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich an
unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen Ärger
aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir g e h e i m gehalten; jedes der
Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte läßt sich bei der
Analyse als selbständiger und gleichberechtigter Ausgangspunkt der
Gedankenverkettung erkennen.
In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von einer
bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel – etwa wie die das
Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der Eisenbahnen, –
auf dem zu lesen ist, entweder:
M a n b i t t e t , d i e A u g e n z u z u d r ü c k e n.
oder
M a n b i t t e t , e i n A u g e z u z u d r ü c k e n,
was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
M a n b i t t e t , d i e / e i n A u g e ( n ) z u z u d r ü c k e n.
Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt in der
Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell möglichst
einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über solche
Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren aber mit
solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie meinten, man werde
Page 290
sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher bittet der eine Wortlaut
des Traumes, »ein Auge zuzudrücken«, d. h. Nachsicht zu üben. Die
Bedeutung der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder – Oder
beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der Traumarbeit
nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zweideutigen Wortlaut für
die Traumgedanken herzustellen. So sondern sich die beiden
Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt voneinander.
In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei gleich
große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.
Gegensatz und Widerspruch.
Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von
G e g e n s a t z und W i d e r s p r u c h. Dieser wird schlechtweg
vernachlässigt, das »Nein« scheint für den Traum nicht zu existieren.
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit
zusammengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten
ist(111). In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vordersatz wir
bereits gedeutet haben (»weil ich von solcher Abkunft bin«), steigt die
Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen blühenden Zweig
in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie der Engel einen
Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündigung (sie heißt selbst
Maria) in der Hand trägt, und wie die weißgekleideten Mädchen bei der
Fronleichnamsprozession gehen, während die Straßen mit grünen Zweigen
geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine
Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten
Blüten besetzt, von denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende
ihres Weges, heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich
abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode.
Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die
Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit
der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig (»des Mädchens
des Traumes, »ein Auge zuzudrücken«, d. h. Nachsicht zu üben. Die
Bedeutung der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder – Oder
beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der Traumarbeit
nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zweideutigen Wortlaut für
die Traumgedanken herzustellen. So sondern sich die beiden
Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt voneinander.
In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei gleich
große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.
Gegensatz und Widerspruch.
Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von
G e g e n s a t z und W i d e r s p r u c h. Dieser wird schlechtweg
vernachlässigt, das »Nein« scheint für den Traum nicht zu existieren.
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit
zusammengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten
ist(111). In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vordersatz wir
bereits gedeutet haben (»weil ich von solcher Abkunft bin«), steigt die
Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen blühenden Zweig
in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie der Engel einen
Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündigung (sie heißt selbst
Maria) in der Hand trägt, und wie die weißgekleideten Mädchen bei der
Fronleichnamsprozession gehen, während die Straßen mit grünen Zweigen
geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine
Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten
Blüten besetzt, von denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende
ihres Weges, heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich
abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode.
Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die
Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit
der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig (»des Mädchens
Page 291
Blüten« in den Liedern von der Müllerin bei G o e t h e) stellt die sexuelle
Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher
die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben zu
gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) den
gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich verschiedene
Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen lassen (in
der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des Traumes deutlich
die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche
oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander
schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente
durch die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben.
Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mechanismus
der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies die Relation
der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das »G l e i c h w i e«, die
im Traume wie keine andere mit mannigfachen Mitteln dargestellt werden
kann(112). Die im Traummaterial vorhandenen Deckungen oder Fälle von
»Gleichwie« sind ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein nicht
unbeträchtliches Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche
Deckungen zu schaffen, wenn die vorhandenen der Widerstandszensur
wegen nicht in den Traum gelangen können. Das Verdichtungsbestreben der
Traumarbeit kommt der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.
Ä h n l i c h k e i t, Ü b e r e i n s t i m m u n g, G e m e i n s a m k e i t wird
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu einer
E i n h e i t, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden oder
neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als I d e n t i f i z i e r u n g, den
zweiten als M i s c h b i l d u n g benennen. Die Identifizierung kommt zur
Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Mischbildung, wo Dinge
das Material der Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von
Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.
Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im Traume in
alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von ihr oder von den
gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, die sich auf Personen
erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die den Personen eigentümlich,
Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher
die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben zu
gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) den
gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich verschiedene
Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen lassen (in
der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des Traumes deutlich
die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche
oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander
schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente
durch die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben.
Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mechanismus
der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies die Relation
der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das »G l e i c h w i e«, die
im Traume wie keine andere mit mannigfachen Mitteln dargestellt werden
kann(112). Die im Traummaterial vorhandenen Deckungen oder Fälle von
»Gleichwie« sind ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein nicht
unbeträchtliches Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche
Deckungen zu schaffen, wenn die vorhandenen der Widerstandszensur
wegen nicht in den Traum gelangen können. Das Verdichtungsbestreben der
Traumarbeit kommt der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.
Ä h n l i c h k e i t, Ü b e r e i n s t i m m u n g, G e m e i n s a m k e i t wird
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu einer
E i n h e i t, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden oder
neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als I d e n t i f i z i e r u n g, den
zweiten als M i s c h b i l d u n g benennen. Die Identifizierung kommt zur
Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Mischbildung, wo Dinge
das Material der Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von
Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.
Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im Traume in
alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von ihr oder von den
gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, die sich auf Personen
erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die den Personen eigentümlich,
Page 292
aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, so daß durch die Vereinigung dieser
Züge eine neue Einheit, eine Mischperson, bestimmt erscheint. Die
Mischung selbst kann auf verschiedenen Wegen zu stande gebracht werden.
Entweder die Traumperson hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den
Namen – wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz
analog ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist aus
visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen,
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der zweiten
Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man ihr zuschreibt,
die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, in welche man sie
versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung beginnt der scharfe
Unterschied zwischen Identifizierung und Mischpersonbildung sich zu
verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer
solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traumes der einen
Person zugeschrieben und die andere – in der Regel wichtigere – tritt als
sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin. Der Träumer erzählt etwa:
Meine Mutter war auch dabei (S t e k e l). Ein solches Element des
Trauminhaltes ist dann einem Determinativum in der Hieroglyphenschrift
zu vergleichen, welches nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung
eines anderen Zeichens bestimmt ist.
Ähnlichkeit, Übereinstimmung.
Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder fehlen. In
der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung eben dazu, die
Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt zu wiederholen: A ist
mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich im Traume eine Mischperson
aus A und B, oder stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche
sonst B charakterisiert. Die so gewonnene Traumperson tritt mir im Traume
in irgend welcher neuen Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß
sie sowohl A als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die
betreffende Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden
gemeinsam ist, nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise
erziele ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, die mit
Züge eine neue Einheit, eine Mischperson, bestimmt erscheint. Die
Mischung selbst kann auf verschiedenen Wegen zu stande gebracht werden.
Entweder die Traumperson hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den
Namen – wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz
analog ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist aus
visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen,
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der zweiten
Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man ihr zuschreibt,
die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, in welche man sie
versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung beginnt der scharfe
Unterschied zwischen Identifizierung und Mischpersonbildung sich zu
verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer
solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traumes der einen
Person zugeschrieben und die andere – in der Regel wichtigere – tritt als
sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin. Der Träumer erzählt etwa:
Meine Mutter war auch dabei (S t e k e l). Ein solches Element des
Trauminhaltes ist dann einem Determinativum in der Hieroglyphenschrift
zu vergleichen, welches nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung
eines anderen Zeichens bestimmt ist.
Ähnlichkeit, Übereinstimmung.
Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder fehlen. In
der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung eben dazu, die
Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt zu wiederholen: A ist
mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich im Traume eine Mischperson
aus A und B, oder stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche
sonst B charakterisiert. Die so gewonnene Traumperson tritt mir im Traume
in irgend welcher neuen Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß
sie sowohl A als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die
betreffende Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden
gemeinsam ist, nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise
erziele ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, die mit
Page 293
einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser Person eine
andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen den gleichen
Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese Darstellung durch
Identifizierung auch dazu dienen kann, die Widerstandszensur zu umgehen,
welche die Traumarbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für
die Zensur mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche im Material
mit der einen Person verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person,
welche gleichfalls Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber
nur zu einem Teile desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien
Punkte gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach
beiden Seiten hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch-
und Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der
Traumverdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.
Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dargestellt
ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen verhüllten
Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur unmöglich
gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu gunsten der Darstellbarkeit
eine Verschiebung in betreff des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß
mir die Mischperson mit einem indifferenten Gemeinsamen im Traume
gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs indifferentes Gemeinsame in
den Traumgedanken erschließen.
Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im Traume
verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden Personen
Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer v e r s c h o b e n e n
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß g e w ü n s c h t e
Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer
Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem
Ve r t a u s c h e n derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von
Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche
also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine ist; der
Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person zeigt, die
Irma heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie ich sie nur bei der
anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung
zum Mittelpunkte des Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem
andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen den gleichen
Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese Darstellung durch
Identifizierung auch dazu dienen kann, die Widerstandszensur zu umgehen,
welche die Traumarbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für
die Zensur mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche im Material
mit der einen Person verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person,
welche gleichfalls Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber
nur zu einem Teile desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien
Punkte gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach
beiden Seiten hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch-
und Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der
Traumverdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.
Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dargestellt
ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen verhüllten
Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur unmöglich
gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu gunsten der Darstellbarkeit
eine Verschiebung in betreff des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß
mir die Mischperson mit einem indifferenten Gemeinsamen im Traume
gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs indifferentes Gemeinsame in
den Traumgedanken erschließen.
Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im Traume
verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden Personen
Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer v e r s c h o b e n e n
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß g e w ü n s c h t e
Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer
Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem
Ve r t a u s c h e n derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von
Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche
also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine ist; der
Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person zeigt, die
Irma heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie ich sie nur bei der
anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung
zum Mittelpunkte des Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem
Page 294
Minister, indem ich meine Kollegen nicht besser als er behandle und
beurteile.
Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, daß
jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch.
Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person
vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein Ich durch Identifizierung
hinter jener Person versteckt ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male,
wo mein Ich im Traume erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich
befindet, daß hinter dem Ich eine andere Person durch Identifizierung sich
verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas,
was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu
übertragen. Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen
vorkommt, die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein
Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser
Identifizierungen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme
sich die Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume
mehrfach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen
Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial
verdichten(113).
Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auflösung der
Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlichkeiten, da hier
die Störung durch das im Traume übermächtige Ich entfällt. In einem
meiner Romträume (p. 147) heißt der Ort, an dem ich mich befinde, R o m;
ich erstaune aber über die Menge von deutschen Plakaten an einer
Straßenecke. Letzteres ist eine Wunscherfüllung, zu der mir sofort P r a g
einfällt; der Wunsch selbst mag aus einer heute überwundenen
deutschnationalen Periode der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich
träumte, war in P r a g ein Zusammentreffen mit einem Freunde in Aussicht
genommen; die Identifizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch
eine gewünschte Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in
R o m treffen als in P r a g, für diese Zusammenkunft P r a g und R o m
vertauschen.
Mannigfache Verwertung der Mischbildungen.
beurteile.
Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, daß
jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch.
Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person
vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein Ich durch Identifizierung
hinter jener Person versteckt ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male,
wo mein Ich im Traume erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich
befindet, daß hinter dem Ich eine andere Person durch Identifizierung sich
verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas,
was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu
übertragen. Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen
vorkommt, die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein
Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser
Identifizierungen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme
sich die Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume
mehrfach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen
Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial
verdichten(113).
Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auflösung der
Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlichkeiten, da hier
die Störung durch das im Traume übermächtige Ich entfällt. In einem
meiner Romträume (p. 147) heißt der Ort, an dem ich mich befinde, R o m;
ich erstaune aber über die Menge von deutschen Plakaten an einer
Straßenecke. Letzteres ist eine Wunscherfüllung, zu der mir sofort P r a g
einfällt; der Wunsch selbst mag aus einer heute überwundenen
deutschnationalen Periode der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich
träumte, war in P r a g ein Zusammentreffen mit einem Freunde in Aussicht
genommen; die Identifizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch
eine gewünschte Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in
R o m treffen als in P r a g, für diese Zusammenkunft P r a g und R o m
vertauschen.
Mannigfache Verwertung der Mischbildungen.
Page 295
Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter den
Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge verleihen,
indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt werden, welche
niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. Der psychische
Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar der nämliche, wie
wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder
nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen
Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes selbst
das Maßgebende ist, während die Mischbildung des Traumes durch ein
Moment, welches außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den
Traumgedanken, determiniert wird. Die Mischbildung des Traumes kann in
sehr mannigfaltiger Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten
Ausführung werden nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und
diese Darstellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein
anderes Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich dabei
geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten zwischen
beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd ausfallen oder
selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem Material und Witz
bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind die Objekte, welche zu
einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu disparat, so begnügt sich die
Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit einem deutlicheren Kerne zu
schaffen, an den sich undeutlichere Bestimmungen anfügen. Die
Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht gelungen; die beiden
Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit
der visuellen Bilder. Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus
individuellen Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu
ähnlichen Darstellungen in einer Zeichnung gelangen.
Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf Seite 237,
welcher den Lebenslauf der Patientin »durch die Blume« oder »verblümt«
beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden Zweig in der Hand, der,
wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle Sündigkeit
bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten stehen,
außerdem an K i r s c h blüten; die Blüten selbst, einzeln genommen, sind
K a m e l i e n, wobei dazu das Ganze noch den Eindruck eines
Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge verleihen,
indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt werden, welche
niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. Der psychische
Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar der nämliche, wie
wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder
nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen
Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes selbst
das Maßgebende ist, während die Mischbildung des Traumes durch ein
Moment, welches außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den
Traumgedanken, determiniert wird. Die Mischbildung des Traumes kann in
sehr mannigfaltiger Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten
Ausführung werden nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und
diese Darstellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein
anderes Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich dabei
geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten zwischen
beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd ausfallen oder
selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem Material und Witz
bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind die Objekte, welche zu
einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu disparat, so begnügt sich die
Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit einem deutlicheren Kerne zu
schaffen, an den sich undeutlichere Bestimmungen anfügen. Die
Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht gelungen; die beiden
Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit
der visuellen Bilder. Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus
individuellen Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu
ähnlichen Darstellungen in einer Zeichnung gelangen.
Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf Seite 237,
welcher den Lebenslauf der Patientin »durch die Blume« oder »verblümt«
beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden Zweig in der Hand, der,
wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle Sündigkeit
bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten stehen,
außerdem an K i r s c h blüten; die Blüten selbst, einzeln genommen, sind
K a m e l i e n, wobei dazu das Ganze noch den Eindruck eines
Page 296
e x o t i s c h e n Gewächses macht. Das Gemeinsame an den Elementen
dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traumgedanken. Der blühende
Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke zusammengesetzt, durch welche
sie bewogen wurde oder werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der
Kindheit die Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische
ist eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer
Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin
schafft sich im Traume ein Mittelding aus B a d e k a b i n e n im Seebade,
ländlichen A b o r t häuschen und den B o d e n k a m m e r n unserer
städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung
auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus der
Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in ihrer
Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung war. Ein
Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlichkeiten, in denen
»Kur« gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen
Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt,
nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren,
von diesem Bruder, daß dessen Beine von den s c h w a r z e n
K a v i a r p e r l e n ü b e r s ä t sind. Die Elemente »A n s t e c k u n g« im
moralischen Sinne und die Erinnerung an einen A u s s c h l a g der
Kindheit, der die Beine mit roten anstatt mit s c h w a r z e n Pünktchen
übersät erscheinen ließ, haben sich hier mit den K a v i a r p e r l e n zu
einem neuen Begriff vereinigt, dessen, »w a s s i e v o n i h r e m
B r u d e r b e k o m m e n h a t«. Teile des menschlichen Körpers werden in
diesem Traume behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In
einem von F e r e n c z i mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, das
aus der Person eines A r z t e s und aus einem P f e r d e zusammengesetzt
war und überdies ein N a c h t h e m d anhatte. Das Gemeinsame dieser drei
Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem das Nachthemd als
Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt
war. Es handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer geschlechtlichen
Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische
Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre – damals noch
ungehemmte – Neugierde ausgiebig zu befriedigen.
Umgekehrt, im Gegenteil.
dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traumgedanken. Der blühende
Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke zusammengesetzt, durch welche
sie bewogen wurde oder werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der
Kindheit die Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische
ist eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer
Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin
schafft sich im Traume ein Mittelding aus B a d e k a b i n e n im Seebade,
ländlichen A b o r t häuschen und den B o d e n k a m m e r n unserer
städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung
auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus der
Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in ihrer
Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung war. Ein
Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlichkeiten, in denen
»Kur« gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen
Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt,
nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren,
von diesem Bruder, daß dessen Beine von den s c h w a r z e n
K a v i a r p e r l e n ü b e r s ä t sind. Die Elemente »A n s t e c k u n g« im
moralischen Sinne und die Erinnerung an einen A u s s c h l a g der
Kindheit, der die Beine mit roten anstatt mit s c h w a r z e n Pünktchen
übersät erscheinen ließ, haben sich hier mit den K a v i a r p e r l e n zu
einem neuen Begriff vereinigt, dessen, »w a s s i e v o n i h r e m
B r u d e r b e k o m m e n h a t«. Teile des menschlichen Körpers werden in
diesem Traume behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In
einem von F e r e n c z i mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, das
aus der Person eines A r z t e s und aus einem P f e r d e zusammengesetzt
war und überdies ein N a c h t h e m d anhatte. Das Gemeinsame dieser drei
Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem das Nachthemd als
Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt
war. Es handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer geschlechtlichen
Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische
Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre – damals noch
ungehemmte – Neugierde ausgiebig zu befriedigen.
Umgekehrt, im Gegenteil.
Page 297
Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die Relation
des Widerspruches, Gegensatzes, das »Nein« auszudrücken. Ich gehe daran,
dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. Ein Teil der Fälle, die
sich als »Gegensatz« zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung
einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit
der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden
werden kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt. Ein anderer
Teil der Gegensätze in den Traumgedanken, der etwa unter die Kategorie
»U m g e k e h r t , i m G e g e n t e i l« fällt, gelangt zu seiner Darstellung
im Traume auf folgende merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise.
Das »Umgekehrt« gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert
seine Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen
nahe liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes – gleichsam
nachträglich – u m g e k e h r t wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren
als zu beschreiben. Im schönen Traume von »A u f u n d N i e d e r«
(p. 213) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das Vorbild in
den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der »Sappho«
D a u d e t s; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht, während in
der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer wird. Auch das
»Oben« und »Unten« in bezug auf den Bruder ist verkehrt im Traume
dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von Umkehrung oder Gegensatz,
die zwischen zwei Stücken des Materials in den Traumgedanken besteht,
und die wir darin gefunden haben, daß in der Kindheitsphantasie des
Träumers er von seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der
Held die Geliebte trägt. Auch mein Traum von G o e t h e s Angriff gegen
Herrn M. (p. 313) enthält ein solches »Umgekehrt«, das erst redressiert
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im
Traume hat G o e t h e einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen; in der
Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann,
mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden. Im
Traume rechne ich vom Sterbedatum G o e t h e s an; in der Wirklichkeit
ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus. Der Gedanke,
der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch
dagegen, daß G o e t h e behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter.
Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der
Schwachsinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung (»einem
des Widerspruches, Gegensatzes, das »Nein« auszudrücken. Ich gehe daran,
dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. Ein Teil der Fälle, die
sich als »Gegensatz« zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung
einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit
der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden
werden kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt. Ein anderer
Teil der Gegensätze in den Traumgedanken, der etwa unter die Kategorie
»U m g e k e h r t , i m G e g e n t e i l« fällt, gelangt zu seiner Darstellung
im Traume auf folgende merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise.
Das »Umgekehrt« gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert
seine Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen
nahe liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes – gleichsam
nachträglich – u m g e k e h r t wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren
als zu beschreiben. Im schönen Traume von »A u f u n d N i e d e r«
(p. 213) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das Vorbild in
den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der »Sappho«
D a u d e t s; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht, während in
der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer wird. Auch das
»Oben« und »Unten« in bezug auf den Bruder ist verkehrt im Traume
dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von Umkehrung oder Gegensatz,
die zwischen zwei Stücken des Materials in den Traumgedanken besteht,
und die wir darin gefunden haben, daß in der Kindheitsphantasie des
Träumers er von seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der
Held die Geliebte trägt. Auch mein Traum von G o e t h e s Angriff gegen
Herrn M. (p. 313) enthält ein solches »Umgekehrt«, das erst redressiert
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im
Traume hat G o e t h e einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen; in der
Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann,
mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden. Im
Traume rechne ich vom Sterbedatum G o e t h e s an; in der Wirklichkeit
ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus. Der Gedanke,
der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch
dagegen, daß G o e t h e behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter.
Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der
Schwachsinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung (»einem
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die K e h r s e i t e zeigen«) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf
den Bruder im »Sappho«-Traum). Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig
die Umkehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten
homosexuellen Regungen eingegeben werden.
Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines der
beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungsmittel der
Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein
bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es
doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Relation
des Ich gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders wertvoll
wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von
Entstellung des Darzustellenden zu stande bringt, welches das Verständnis
des Traumes zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum
seinen Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht
selten alles sofort klar wird.
Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu übersehen.
Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, den Ausgang der
Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu Eingang des Traumes
darzustellen und am Ende desselben die Voraussetzungen des Schlusses
oder die Ursachen des Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses
technische Mittel der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe
der Traumdeutung ratlos gegenüber(114).
Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, wenn man
an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach verschiedenen
Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich im Traume eines
jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den infantilen Todeswunsch
gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem Wortlaut: S e i n Va t e r
schimpft mit ihm, weil er so spät nach Hause
k o m m t . Allein der Zusammenhang der psychoanalytischen Kur und die
Einfälle des Träumers beweisen, daß es zunächst lauten muß: E r i s t
b ö s e a u f d e n Va t e r und sodann, daß ihm der Vater auf alle Fälle z u
f r ü h (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater
überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch
gegen den Vater identisch ist (v. S. 192). Der Träumer hatte sich nämlich als
kleiner Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle
den Bruder im »Sappho«-Traum). Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig
die Umkehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten
homosexuellen Regungen eingegeben werden.
Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines der
beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungsmittel der
Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein
bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es
doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Relation
des Ich gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders wertvoll
wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von
Entstellung des Darzustellenden zu stande bringt, welches das Verständnis
des Traumes zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum
seinen Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht
selten alles sofort klar wird.
Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu übersehen.
Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, den Ausgang der
Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu Eingang des Traumes
darzustellen und am Ende desselben die Voraussetzungen des Schlusses
oder die Ursachen des Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses
technische Mittel der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe
der Traumdeutung ratlos gegenüber(114).
Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, wenn man
an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach verschiedenen
Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich im Traume eines
jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den infantilen Todeswunsch
gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem Wortlaut: S e i n Va t e r
schimpft mit ihm, weil er so spät nach Hause
k o m m t . Allein der Zusammenhang der psychoanalytischen Kur und die
Einfälle des Träumers beweisen, daß es zunächst lauten muß: E r i s t
b ö s e a u f d e n Va t e r und sodann, daß ihm der Vater auf alle Fälle z u
f r ü h (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater
überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch
gegen den Vater identisch ist (v. S. 192). Der Träumer hatte sich nämlich als
kleiner Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle
Page 299
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen und war
mit der Drohung gestraft worden: Na wart’, bis der Vater zurückkommt!
Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit.
Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum selbst zum
Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse formale Charaktere
der Traumdarstellung in bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen
formalen Charakteren, die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor
allem die Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen
Traumgebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder ganzer
Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in der Intensität der
einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der
Ausprägung, die man – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der
Realität zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem der
Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten der Realität
wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich bezeichnen wir
überdies den Eindruck, den wir von einem undeutlichen Traumobjekt
empfangen, als »flüchtig«, während wir von den deutlicheren Traumbildern
meinen, daß sie auch durch längere Zeit der Wahrnehmung standgehalten
haben. Es fragt sich nun, durch welche Bedingungen im Traummaterial
diese Unterschiede in der Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des
Trauminhaltes hervorgerufen werden.
Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, die sich
wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes auch
wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, wird man
wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen abgeleiteten
Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität hervorstechen,
oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders lebhaft ausfällt, auf
solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung
hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente des
Traumes, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während des
Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen
mit der Drohung gestraft worden: Na wart’, bis der Vater zurückkommt!
Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit.
Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum selbst zum
Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse formale Charaktere
der Traumdarstellung in bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen
formalen Charakteren, die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor
allem die Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen
Traumgebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder ganzer
Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in der Intensität der
einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der
Ausprägung, die man – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der
Realität zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem der
Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten der Realität
wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich bezeichnen wir
überdies den Eindruck, den wir von einem undeutlichen Traumobjekt
empfangen, als »flüchtig«, während wir von den deutlicheren Traumbildern
meinen, daß sie auch durch längere Zeit der Wahrnehmung standgehalten
haben. Es fragt sich nun, durch welche Bedingungen im Traummaterial
diese Unterschiede in der Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des
Trauminhaltes hervorgerufen werden.
Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, die sich
wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes auch
wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, wird man
wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen abgeleiteten
Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität hervorstechen,
oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders lebhaft ausfällt, auf
solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung
hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente des
Traumes, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während des
Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen
Page 300
stammen, durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht
für die Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren.
Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche
Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe
zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Elemente in den
Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit
zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen als die
bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun
wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine
Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, daß ihre
sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traume einen höheren
Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie darum das Zentrum der
Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Erwartung wird indes durch
die vergleichende Betrachtung von Traum und Traummaterial zerstört. Die
Intensität der Elemente hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts
zu schaffen; es findet zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine
völlige »U m w e r t u n g a l l e r p s y c h i s c h e n W e r t e« statt. Gerade
in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten
Element des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten
Abkömmling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig
dominierte.
Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders determiniert
und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. Zunächst ist es
leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv dargestellt sind,
durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die
Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des Traumes auch die meisten
Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die
bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn wir den
letzten empirisch gewonnenen Satz in nachstehender Form aussprechen:
Die größte Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, für deren Bildung
die ausgiebigste Ve r d i c h t u n g s a r b e i t in Anspruch genommen wurde.
Wir dürfen dann erwarten, daß diese Bedingung und die andere der
Wunscherfüllung auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden
können.
Inhaltliche Darstellung durch die Form des Traumes.
für die Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren.
Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche
Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe
zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Elemente in den
Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit
zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen als die
bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun
wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine
Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, daß ihre
sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traume einen höheren
Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie darum das Zentrum der
Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Erwartung wird indes durch
die vergleichende Betrachtung von Traum und Traummaterial zerstört. Die
Intensität der Elemente hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts
zu schaffen; es findet zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine
völlige »U m w e r t u n g a l l e r p s y c h i s c h e n W e r t e« statt. Gerade
in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten
Element des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten
Abkömmling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig
dominierte.
Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders determiniert
und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. Zunächst ist es
leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv dargestellt sind,
durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die
Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des Traumes auch die meisten
Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die
bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn wir den
letzten empirisch gewonnenen Satz in nachstehender Form aussprechen:
Die größte Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, für deren Bildung
die ausgiebigste Ve r d i c h t u n g s a r b e i t in Anspruch genommen wurde.
Wir dürfen dann erwarten, daß diese Bedingung und die andere der
Wunscherfüllung auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden
können.
Inhaltliche Darstellung durch die Form des Traumes.
Page 301
Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der größeren
oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen Traumelemente,
möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Problem schützen,
welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer Träume oder
Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegensatz von Deutlichkeit:
Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist allerdings unverkennbar, daß
in beiden Skalen die steigenden und fallenden Qualitäten einander im
Vorkommen begleiten. Eine Partie des Traumes, die uns klar erscheint,
enthält zumeist intensive Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus
wenig intensiven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem,
welches die Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich-
Verworrenen bietet, weit komplizierter als das der
Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; ja ersteres entzieht sich
aus später anzuführenden Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen
Fällen merkt man nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit
oder Undeutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt
nichts für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum,
der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar
erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine neue
Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus der
Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als »Phantasien
während des Schlafens« bezeichnet werden durften. Nähere Prüfung ergab,
daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte
wie jeder andere; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch
wieder fallen. Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem
Freunde eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität
vortrug, und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu
verantworten, daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht
mitgeteilt wurde) klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil
über den fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das
wesentliche Stück des Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam
in das erste wache Denken über und übermittelte mir als U r t e i l über den
Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im
Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu
erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen
Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, »weil er so undeutlich und
oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen Traumelemente,
möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Problem schützen,
welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer Träume oder
Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegensatz von Deutlichkeit:
Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist allerdings unverkennbar, daß
in beiden Skalen die steigenden und fallenden Qualitäten einander im
Vorkommen begleiten. Eine Partie des Traumes, die uns klar erscheint,
enthält zumeist intensive Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus
wenig intensiven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem,
welches die Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich-
Verworrenen bietet, weit komplizierter als das der
Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; ja ersteres entzieht sich
aus später anzuführenden Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen
Fällen merkt man nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit
oder Undeutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt
nichts für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum,
der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar
erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine neue
Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus der
Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als »Phantasien
während des Schlafens« bezeichnet werden durften. Nähere Prüfung ergab,
daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte
wie jeder andere; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch
wieder fallen. Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem
Freunde eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität
vortrug, und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu
verantworten, daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht
mitgeteilt wurde) klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil
über den fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das
wesentliche Stück des Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam
in das erste wache Denken über und übermittelte mir als U r t e i l über den
Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im
Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu
erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen
Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, »weil er so undeutlich und
Page 302
verworren sei«, und endlich unter wiederholten Protesten gegen die
Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere Personen
vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt
hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so
ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen in der
Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche
Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte, daß sie
ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, »wer eigentlich der
Vater (des Kindes) sei«(115). Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also
auch hier ein Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses
Inhaltes war in der F o r m des Traumes dargestellt worden. D i e F o r m
des Traumes oder des Träumens wird in ganz
überraschender Häufigkeit zur Darstellung des
verdeckten Inhaltes verwendet.
Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu
demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffiniertesten
Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. wenn
ein Träumer äußert: Hier ist der Traum v e r w i s c h t, und die Analyse eine
infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, die sich nach
der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche
Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der
ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befinde
sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und
kommt in einen Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter
entkleiden, um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: D a n n s i n d e i n i g e
L ü c k e n i m T r a u m , d a f e h l t e t w a s, und am Ende war ein
Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen
mußte. Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener
knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch die
Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die
»Lücken« sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen; »da
fehlt etwas« beschreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er
brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu
sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem Weibe
ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.
Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere Personen
vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt
hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so
ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen in der
Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche
Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte, daß sie
ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, »wer eigentlich der
Vater (des Kindes) sei«(115). Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also
auch hier ein Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses
Inhaltes war in der F o r m des Traumes dargestellt worden. D i e F o r m
des Traumes oder des Träumens wird in ganz
überraschender Häufigkeit zur Darstellung des
verdeckten Inhaltes verwendet.
Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu
demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffiniertesten
Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. wenn
ein Träumer äußert: Hier ist der Traum v e r w i s c h t, und die Analyse eine
infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, die sich nach
der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche
Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der
ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befinde
sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und
kommt in einen Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter
entkleiden, um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: D a n n s i n d e i n i g e
L ü c k e n i m T r a u m , d a f e h l t e t w a s, und am Ende war ein
Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen
mußte. Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener
knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch die
Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die
»Lücken« sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen; »da
fehlt etwas« beschreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er
brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu
sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem Weibe
ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.
Page 303
In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz eines
anderen Träumers ein. Er träumt: I c h g e h e m i t F r l . K . i n d a s
Vo l k s g a r t e n r e s t a u r a n t . . . dann kommt eine dunkle Stelle, eine
Unterbrechung . . . d a n n b e f i n d e i c h m i c h i n e i n e m
Bordellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen
s e h e , e i n e i n H e m d u n d H ö s c h e n.
A n a l y s e: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie er selbst
zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, mit ihr zu
sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen ihnen vor, in der
»man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man
sagen würde: Ich bin ein Mann und du ein Weib«. Im angegebenen
Restaurant war er nur einmal in Begleitung der Schwester seines
Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein
andermal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum Eingang
in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester, seine Schwägerin
und die bereits erwähnte Schwester seines Schwagers, alle drei ihm höchst
gleichgültig, aber alle drei der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er
nur selten besucht, vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.
Die Deutung stützte sich auf die »d u n k l e S t e l l e«,
»U n t e r b r e c h u n g« im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter
Wißbegierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später stellte
sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete Untat ein.
Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem
nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppierung
und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den
latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen,
die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die
derselben Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht
vergessen, daß diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume
dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem Material
zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser homologen
Träume ist dann häufig der entstelltere schüchterne, der nachfolgende ist
dreister und deutlicher.
anderen Träumers ein. Er träumt: I c h g e h e m i t F r l . K . i n d a s
Vo l k s g a r t e n r e s t a u r a n t . . . dann kommt eine dunkle Stelle, eine
Unterbrechung . . . d a n n b e f i n d e i c h m i c h i n e i n e m
Bordellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen
s e h e , e i n e i n H e m d u n d H ö s c h e n.
A n a l y s e: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie er selbst
zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, mit ihr zu
sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen ihnen vor, in der
»man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man
sagen würde: Ich bin ein Mann und du ein Weib«. Im angegebenen
Restaurant war er nur einmal in Begleitung der Schwester seines
Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein
andermal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum Eingang
in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester, seine Schwägerin
und die bereits erwähnte Schwester seines Schwagers, alle drei ihm höchst
gleichgültig, aber alle drei der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er
nur selten besucht, vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.
Die Deutung stützte sich auf die »d u n k l e S t e l l e«,
»U n t e r b r e c h u n g« im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter
Wißbegierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später stellte
sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete Untat ein.
Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem
nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppierung
und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den
latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen,
die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die
derselben Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht
vergessen, daß diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume
dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem Material
zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser homologen
Träume ist dann häufig der entstelltere schüchterne, der nachfolgende ist
dreister und deutlicher.
Page 304
Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von den
Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich bei Josephus
(Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführlicher als in der Bibel
berichtet. Nachdem der König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: »Nach
diesem ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach,
was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich
wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch
mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt hat.« Nach Anhören der
Traumerzählung sagt Josef: »Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach
wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung.«
Fortschreitende Deutlichkeit aufeinanderfolgender Traumbilder.
J u n g, der in seinem »Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes« erzählt,
wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von ihren
Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen weitergeführt
wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, »daß der Schlußgedanke
einer langen Reihe von Traumbildern genau das enthält, was schon im
ersten Bild der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt
den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder erneute
symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen ins Harmlose
usw.« (l. c. p. 87). S c h e r n e r hat diese Eigentümlichkeit der
Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine
Lehre von den Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). »Endlich
aber beobachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreizen
ausgehenden symbolischen Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß
sie bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich
erschöpft hatte, den Reiz selbst respektive sein betreffendes Organ oder
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen organischen
Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht – – –.«
Eine schöne Bestätigung dieses S c h e r n e r schen Gesetzes hat O t t o
R a n k in seiner Arbeit: »Ein Traum, der sich selbst deutet« geliefert. Der
von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte sich aus zwei auch
zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, von denen der zweite
mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins
Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich bei Josephus
(Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführlicher als in der Bibel
berichtet. Nachdem der König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: »Nach
diesem ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach,
was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich
wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch
mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt hat.« Nach Anhören der
Traumerzählung sagt Josef: »Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach
wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung.«
Fortschreitende Deutlichkeit aufeinanderfolgender Traumbilder.
J u n g, der in seinem »Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes« erzählt,
wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von ihren
Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen weitergeführt
wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, »daß der Schlußgedanke
einer langen Reihe von Traumbildern genau das enthält, was schon im
ersten Bild der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt
den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder erneute
symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen ins Harmlose
usw.« (l. c. p. 87). S c h e r n e r hat diese Eigentümlichkeit der
Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine
Lehre von den Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). »Endlich
aber beobachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreizen
ausgehenden symbolischen Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß
sie bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich
erschöpft hatte, den Reiz selbst respektive sein betreffendes Organ oder
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen organischen
Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht – – –.«
Eine schöne Bestätigung dieses S c h e r n e r schen Gesetzes hat O t t o
R a n k in seiner Arbeit: »Ein Traum, der sich selbst deutet« geliefert. Der
von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte sich aus zwei auch
zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, von denen der zweite
mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins
Page 305
einzelne durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die
Beiträge der Träumerin und die Fülle der Beziehungen zwischen den beiden
Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß der erste Traum in
schüchterner Darstellung dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so
daß dieser, der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren
verholfen hatte. R a n k erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht
die Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens
überhaupt.
In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf Sicherheit
oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, kommt man aber
nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich werde späterhin den bisher
nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung aufzudecken haben, von
dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.
In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation und
Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit folgenden
Worten beschrieben werden: »Es ist dann aber, als wäre es gleichzeitig ein
anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.« Was in solcher Weise
die Haupthandlung des Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder
fortgesetzt werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz,
als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den
Traumgedanken wird im Traume durch Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn –
wann).
Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation der
gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will gehen und
kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und stößt fortwährend auf
Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen und man kann
ihn nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen,
und sie versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den
Exhibitionsträumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich
versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe
bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation
bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht
beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen erwarten,
daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welchen
Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial
gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.
Beiträge der Träumerin und die Fülle der Beziehungen zwischen den beiden
Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß der erste Traum in
schüchterner Darstellung dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so
daß dieser, der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren
verholfen hatte. R a n k erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht
die Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens
überhaupt.
In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf Sicherheit
oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, kommt man aber
nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich werde späterhin den bisher
nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung aufzudecken haben, von
dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.
In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation und
Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit folgenden
Worten beschrieben werden: »Es ist dann aber, als wäre es gleichzeitig ein
anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.« Was in solcher Weise
die Haupthandlung des Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder
fortgesetzt werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz,
als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den
Traumgedanken wird im Traume durch Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn –
wann).
Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation der
gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will gehen und
kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und stößt fortwährend auf
Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen und man kann
ihn nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen,
und sie versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den
Exhibitionsträumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich
versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe
bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation
bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht
beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen erwarten,
daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welchen
Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial
gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.
Page 306
Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als Sensation,
sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. Ich halte einen
solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeutung dieses
Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt einen Traum mitteilen, in
dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. D i e Ö r t l i c h k e i t
ist ein Gemenge aus einer Privatheilanstalt und
mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint,
um mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im
Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß
d i e U n t e r s u c h u n g w e g e n d e s Ve r d a c h t e s e r f o l g t ,
d a ß i c h m i r d a s Ve r l o r e n e a n g e e i g n e t . D i e A n a l y s e
zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist
und ärztliche Untersuchung mit einschließt. Im
Bewußtsein meiner Unschuld und meiner
Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich ruhig
m i t d e m D i e n e r. A n e i n e r T ü r e m p f ä n g t u n s e i n
anderer Diener und sagt, auf mich deutend: Den
haben Sie mir mitgebracht, der ist ja ein
anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in
einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der
mich an ein Inferno mit seinen höllischen
Strafaufgaben erinnert. An einem Apparat sehe ich
einen Kollegen eingespannt, der allen Grund hätte,
sich um mich zu bekümmern; er beachtet mich aber
nicht. Es heißt dann, daß ich jetzt gehen kann. Da
finde ich meinen Hut nicht und kann doch nicht
gehen.
Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als ehrlicher
Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traumgedanken muß also
allerlei Material vorhanden sein, welches den Widerspruch dagegen enthält.
Daß ich gehen darf, ist das Zeichen meiner Absolution; wenn also der
Traum am Ende ein Ereignis bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es
wohl nahe, zu schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material
des Widerspruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde,
bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das
Nichtzustandebringen des Traumes ist ein A u s d r u c k des
sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. Ich halte einen
solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeutung dieses
Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt einen Traum mitteilen, in
dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. D i e Ö r t l i c h k e i t
ist ein Gemenge aus einer Privatheilanstalt und
mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint,
um mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im
Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß
d i e U n t e r s u c h u n g w e g e n d e s Ve r d a c h t e s e r f o l g t ,
d a ß i c h m i r d a s Ve r l o r e n e a n g e e i g n e t . D i e A n a l y s e
zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist
und ärztliche Untersuchung mit einschließt. Im
Bewußtsein meiner Unschuld und meiner
Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich ruhig
m i t d e m D i e n e r. A n e i n e r T ü r e m p f ä n g t u n s e i n
anderer Diener und sagt, auf mich deutend: Den
haben Sie mir mitgebracht, der ist ja ein
anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in
einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der
mich an ein Inferno mit seinen höllischen
Strafaufgaben erinnert. An einem Apparat sehe ich
einen Kollegen eingespannt, der allen Grund hätte,
sich um mich zu bekümmern; er beachtet mich aber
nicht. Es heißt dann, daß ich jetzt gehen kann. Da
finde ich meinen Hut nicht und kann doch nicht
gehen.
Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als ehrlicher
Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traumgedanken muß also
allerlei Material vorhanden sein, welches den Widerspruch dagegen enthält.
Daß ich gehen darf, ist das Zeichen meiner Absolution; wenn also der
Traum am Ende ein Ereignis bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es
wohl nahe, zu schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material
des Widerspruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde,
bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das
Nichtzustandebringen des Traumes ist ein A u s d r u c k des
Page 307
W i d e r s p r u c h e s, ein »N e i n«, wonach also die frühere Behauptung zu
korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag(116).
Die Traumhemmung.
In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Bewegung
nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe
Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger
ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die
Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen W i l l e n s k o n f l i k t
dar. Wir werden später hören, daß gerade die motorische Lähmung im
Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen des psychischen Vorganges
während des Träumens gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene
Impuls ist nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im
Schlafe diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen
Vorgang so überaus geeignet zur Darstellung des W o l l e n s und des
»N e i n«, das sich ihm entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst
begreift es sich auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der
Angst so nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst
ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom
Vorbewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln,
das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle Regung.
Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteilsäußerung:
»Das ist ja nur ein Traum« bedeute und welcher psychischen Macht sie
zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle (s. u. p. 350) erörtern. Ich
nehme hier vorweg, daß sie zur Entwertung des Geträumten dienen soll.
Das in der Nähe liegende, interessante Problem, was dadurch ausgedrückt
wird, wenn ein gewisser Inhalt im Traum selbst als »geträumt« bezeichnet
wird, das Rätsel des »Traumes im Traume« hat W. S t e k e l durch die
Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das
»Geträumte« des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität beraubt
werden; was nach dem Erwachen aus dem »Traum im Traume« weiter
geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten
Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das »G e t r ä u m t e« die
Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende Traum
korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag(116).
Die Traumhemmung.
In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Bewegung
nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe
Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger
ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die
Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen W i l l e n s k o n f l i k t
dar. Wir werden später hören, daß gerade die motorische Lähmung im
Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen des psychischen Vorganges
während des Träumens gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene
Impuls ist nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im
Schlafe diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen
Vorgang so überaus geeignet zur Darstellung des W o l l e n s und des
»N e i n«, das sich ihm entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst
begreift es sich auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der
Angst so nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst
ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom
Vorbewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln,
das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle Regung.
Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteilsäußerung:
»Das ist ja nur ein Traum« bedeute und welcher psychischen Macht sie
zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle (s. u. p. 350) erörtern. Ich
nehme hier vorweg, daß sie zur Entwertung des Geträumten dienen soll.
Das in der Nähe liegende, interessante Problem, was dadurch ausgedrückt
wird, wenn ein gewisser Inhalt im Traum selbst als »geträumt« bezeichnet
wird, das Rätsel des »Traumes im Traume« hat W. S t e k e l durch die
Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das
»Geträumte« des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität beraubt
werden; was nach dem Erwachen aus dem »Traum im Traume« weiter
geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten
Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das »G e t r ä u m t e« die
Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende Traum
Page 308
im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer Gewünschten enthält.
Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in einen »Traum im Traume« ist also
gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte
geschehen sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst als eine
Form der Ablehnung.
d) D i e R ü c k s i c h t a u f D a r s t e l l b a r k e i t.
Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie der Traum
die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, griffen dabei aber
mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche Veränderung das
Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir
wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile
entblößt, einer Kompression unterliegt, während gleichzeitig
Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine psychische
Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir
berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten
Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgendwie
nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, indem auf
solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemeinsames zwischen
ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von einer anderen Art der
Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen
erfährt man aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer
Ve r t a u s c h u n g d e s s p r a c h l i c h e n A u s d r u c k e s für den
betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt sich beidemale um
Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet
in verschiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser
Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch ein anderes
substituiert wird, während im anderen Falle ein Element seine Wortfassung
gegen eine andere vertauscht.
Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern ist
auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absurdität, mit
dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Verschiebung erfolgt in der
Regel nach der Richtung, daß ein farbloser und abstrakter Ausdruck des
Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in einen »Traum im Traume« ist also
gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte
geschehen sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst als eine
Form der Ablehnung.
d) D i e R ü c k s i c h t a u f D a r s t e l l b a r k e i t.
Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie der Traum
die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, griffen dabei aber
mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche Veränderung das
Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir
wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile
entblößt, einer Kompression unterliegt, während gleichzeitig
Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine psychische
Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir
berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten
Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgendwie
nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, indem auf
solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemeinsames zwischen
ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von einer anderen Art der
Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen
erfährt man aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer
Ve r t a u s c h u n g d e s s p r a c h l i c h e n A u s d r u c k e s für den
betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt sich beidemale um
Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet
in verschiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser
Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch ein anderes
substituiert wird, während im anderen Falle ein Element seine Wortfassung
gegen eine andere vertauscht.
Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern ist
auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absurdität, mit
dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Verschiebung erfolgt in der
Regel nach der Richtung, daß ein farbloser und abstrakter Ausdruck des
Page 309
Traumgedankens gegen einen bildlichen und konkreten eingetauscht wird.
Der Vorteil und somit die Absicht dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das
Bildliche ist für den Traum d a r s t e l l u n g s f ä h i g, läßt sich in eine
Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung
ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde, wie etwa ein politischer
Leitartikel einer Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit,
auch die Interessen der Verdichtung und der Zensur können bei diesem
Tausche gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare
Traumgedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich
zwischen diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter
als vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf,
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge
anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein
gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die
gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen
Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende
sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der eine
Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, wird dabei
verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten des anderen
einwirken und dies vielleicht von vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des
Dichters. Wenn ein Gedicht in Reimen entstehen soll, so ist die zweite
Reimzeile an zwei Bedingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden
Sinn ausdrücken und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten
Reimzeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht,
den Reim zu finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von
vornherein durch gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck
gewählt haben, der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen
läßt.
In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der
Traumverdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche dem
Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das Wort, als der
Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte
Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benutzen
Der Vorteil und somit die Absicht dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das
Bildliche ist für den Traum d a r s t e l l u n g s f ä h i g, läßt sich in eine
Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung
ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde, wie etwa ein politischer
Leitartikel einer Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit,
auch die Interessen der Verdichtung und der Zensur können bei diesem
Tausche gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare
Traumgedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich
zwischen diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter
als vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf,
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge
anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein
gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die
gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen
Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende
sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der eine
Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, wird dabei
verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten des anderen
einwirken und dies vielleicht von vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des
Dichters. Wenn ein Gedicht in Reimen entstehen soll, so ist die zweite
Reimzeile an zwei Bedingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden
Sinn ausdrücken und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten
Reimzeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht,
den Reim zu finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von
vornherein durch gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck
gewählt haben, der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen
läßt.
In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der
Traumverdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche dem
Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das Wort, als der
Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte
Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benutzen
Page 310
die Vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht
minder ungescheut wie der Traum(117). Daß die Traumverstellung bei der
Verschiebung des Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja
irreführend, wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt
wird; und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen
Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener
Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im
allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft, ob
es:
a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll
(Gegensatzrelation);
b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
c) symbolisch oder ob
d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.
Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung der
Traumarbeit, die j a n i c h t b e a b s i c h t i g t , v e r s t a n d e n zu
werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als etwa
die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
angeführt (»Der Mund geht gut auf« im Injektionstraume; »Ich kann noch
nicht gehen« im letzten Traume, p. 250 usw.). Ich werde nun einen Traum
mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens
eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der
Deutung mittels Symbolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf
bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der
Symbolisierung vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von
sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch
feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Einfall
zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch unabhängig
von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.
Eine mir befreundete Dame träumt: S i e b e f i n d e t s i c h i n d e r
O p e r. E s i s t e i n e Wa g n e r v o r s t e l l u n g , d i e b i s ¾ 8
minder ungescheut wie der Traum(117). Daß die Traumverstellung bei der
Verschiebung des Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja
irreführend, wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt
wird; und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen
Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener
Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im
allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft, ob
es:
a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll
(Gegensatzrelation);
b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
c) symbolisch oder ob
d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.
Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung der
Traumarbeit, die j a n i c h t b e a b s i c h t i g t , v e r s t a n d e n zu
werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als etwa
die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
angeführt (»Der Mund geht gut auf« im Injektionstraume; »Ich kann noch
nicht gehen« im letzten Traume, p. 250 usw.). Ich werde nun einen Traum
mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens
eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der
Deutung mittels Symbolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf
bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der
Symbolisierung vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von
sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch
feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Einfall
zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch unabhängig
von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.
Eine mir befreundete Dame träumt: S i e b e f i n d e t s i c h i n d e r
O p e r. E s i s t e i n e Wa g n e r v o r s t e l l u n g , d i e b i s ¾ 8
Page 311
Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre
stehen Tische, an denen gespeist und getrunken
wird. Ihr eben von der Hochzeitsreise
h e i m g e k e h r t e r Ve t t e r s i t z t a n e i n e m s o l c h e n T i s c h e
mit seiner jungen Frau; neben ihnen ein
A r i s t o k r a t . Vo n d i e s e m h e i ß t e s , d i e j u n g e F r a u
habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht,
ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts
befindet sich ein hoher Turm, der oben eine
Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter
umgeben ist. Dort hoch oben ist der Dirigent mit
den Zügen Hans Richters; er läuft beständig hinter
seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar und leitet
von diesem Posten aus das unten um die Basis des
Tu r m e s a n g e o r d n e t e O r c h e s t e r. S i e s e l b s t s i t z t m i t
e i n e r (mir bekannten) F r e u n d i n i n e i n e r L o g e . I h r e
jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein
großes Stück Kohle hinaufreichen mit der
Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es
so lange dauern werde, und müsse jetzt wohl
erbärmlich frieren. (Etwa als ob die Logen
w ä h r e n d d e r l a n g e n Vo r s t e l l u n g g e h e i z t w e r d e n
müßten.)
Die Verschiebung des sprachlichen Ausdruckes.
Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine Situation
gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der Dirigent das
Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die Schwester
hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine Analyse
verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Beziehungen der
Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich wußte,
daß sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen Laufbahn
vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. Ich entschloß
mich also den Turm im Parkett w ö r t l i c h zu nehmen. Dann kam heraus,
daß der Mann, den sie an H a n s R i c h t e r s Stelle zu sehen gewünscht
stehen Tische, an denen gespeist und getrunken
wird. Ihr eben von der Hochzeitsreise
h e i m g e k e h r t e r Ve t t e r s i t z t a n e i n e m s o l c h e n T i s c h e
mit seiner jungen Frau; neben ihnen ein
A r i s t o k r a t . Vo n d i e s e m h e i ß t e s , d i e j u n g e F r a u
habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht,
ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts
befindet sich ein hoher Turm, der oben eine
Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter
umgeben ist. Dort hoch oben ist der Dirigent mit
den Zügen Hans Richters; er läuft beständig hinter
seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar und leitet
von diesem Posten aus das unten um die Basis des
Tu r m e s a n g e o r d n e t e O r c h e s t e r. S i e s e l b s t s i t z t m i t
e i n e r (mir bekannten) F r e u n d i n i n e i n e r L o g e . I h r e
jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein
großes Stück Kohle hinaufreichen mit der
Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es
so lange dauern werde, und müsse jetzt wohl
erbärmlich frieren. (Etwa als ob die Logen
w ä h r e n d d e r l a n g e n Vo r s t e l l u n g g e h e i z t w e r d e n
müßten.)
Die Verschiebung des sprachlichen Ausdruckes.
Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine Situation
gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der Dirigent das
Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die Schwester
hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine Analyse
verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Beziehungen der
Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich wußte,
daß sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen Laufbahn
vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. Ich entschloß
mich also den Turm im Parkett w ö r t l i c h zu nehmen. Dann kam heraus,
daß der Mann, den sie an H a n s R i c h t e r s Stelle zu sehen gewünscht
Page 312
hätte, die übrigen Mitglieder des Orchesters t u r m h o c h überragt. Dieser
Turm ist als ein M i s c h g e b i l d e d u r c h A p p o s i t i o n zu
bezeichnen; mit seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit
dem Gitter oben, hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im
Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das
spätere Schicksal desselben. »Narrenturm« wäre etwa das Wort, in dem die
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.
Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, konnte
man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den Kohlen, die
ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben Schlüssel
aufzulösen. »Kohle« mußte »heimliche Liebe« bedeuten.
Turm ist als ein M i s c h g e b i l d e d u r c h A p p o s i t i o n zu
bezeichnen; mit seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit
dem Gitter oben, hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im
Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das
spätere Schicksal desselben. »Narrenturm« wäre etwa das Wort, in dem die
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.
Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, konnte
man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den Kohlen, die
ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben Schlüssel
aufzulösen. »Kohle« mußte »heimliche Liebe« bedeuten.
Page 313
»K e i n F e u e r, keine
Kohle
Kann brennen so heiß,
Als wie h e i m l i c h e L i e b e,
Von der niemand was weiß.«
Sie selbst und ihre Freundin waren s i t z e n g e b l i e b e n; die jüngere
Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die Kohle hinauf,
»weil sie doch nicht gewußt habe, d a ß e s s o l a n g e d a u e r n
w i r d«. Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht gesagt; in einer
Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; im Traume dürfen wir den
Satz für sich ins Auge fassen, ihn für zweideutig erklären und hinzufügen,
»bis sie heiratet«. Die Deutung »heimliche Liebe« wird dann unterstützt
durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und
durch die dieser letzteren angedichtete o f f e n e L i e b s c h a f t. Die
Gegensätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer
und der Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort
übrigens ein »H o c h s t e h e n d e r« als Mittelwort zwischen dem
Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.
Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der
Traumgedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: D i e
Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem
eigentümlichen psychischen Material, dessen sich
d e r T r a u m b e d i e n t, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den
verschiedenen Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken
wird diejenige bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt,
und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa
zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form kann sich aber
gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Beziehungen
zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden wären.
Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des
Kohle
Kann brennen so heiß,
Als wie h e i m l i c h e L i e b e,
Von der niemand was weiß.«
Sie selbst und ihre Freundin waren s i t z e n g e b l i e b e n; die jüngere
Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die Kohle hinauf,
»weil sie doch nicht gewußt habe, d a ß e s s o l a n g e d a u e r n
w i r d«. Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht gesagt; in einer
Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; im Traume dürfen wir den
Satz für sich ins Auge fassen, ihn für zweideutig erklären und hinzufügen,
»bis sie heiratet«. Die Deutung »heimliche Liebe« wird dann unterstützt
durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und
durch die dieser letzteren angedichtete o f f e n e L i e b s c h a f t. Die
Gegensätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer
und der Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort
übrigens ein »H o c h s t e h e n d e r« als Mittelwort zwischen dem
Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.
Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der
Traumgedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: D i e
Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem
eigentümlichen psychischen Material, dessen sich
d e r T r a u m b e d i e n t, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den
verschiedenen Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken
wird diejenige bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt,
und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa
zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form kann sich aber
gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Beziehungen
zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden wären.
Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des
Page 314
Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert
haben.
Die Traumsymbolik.
H e r b e r t S i l b e r e r hat einen guten Weg gezeigt, wie man die bei
der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in Bilder
direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit isoliert
studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung und
Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete es sich
ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in
dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen konnte. S i l b e r e r nennt
diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen »autosymbolischen«. Ich gebe
hier einige Beispiele aus der Arbeit von S i l b e r e r wieder, auf welche ich
wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten Phänomene noch an
anderer Stelle zurückkommen werde(118).
»Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine
holprige Stelle auszubessern.
Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln.
Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer
Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. Dieser
Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf der Suche nach
den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseinsformen oder
Daseinsschichten durcharbeitet.
Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, wie um
ein Stück davon zu nehmen.
Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das
›Durcharbeiten‹, von dem die Rede ist . . . . . Die Erklärung des
Symbolgrundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da das
Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich mit
einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt erheischt.
Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen Tortenteile
mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß behutsam
u n t e r die betreffenden Stücke g e s c h o b e n werden (das langsame
›Durcharbeiten‹, um zu den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr
haben.
Die Traumsymbolik.
H e r b e r t S i l b e r e r hat einen guten Weg gezeigt, wie man die bei
der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in Bilder
direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit isoliert
studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung und
Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete es sich
ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in
dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen konnte. S i l b e r e r nennt
diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen »autosymbolischen«. Ich gebe
hier einige Beispiele aus der Arbeit von S i l b e r e r wieder, auf welche ich
wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten Phänomene noch an
anderer Stelle zurückkommen werde(118).
»Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine
holprige Stelle auszubessern.
Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln.
Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer
Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. Dieser
Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf der Suche nach
den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseinsformen oder
Daseinsschichten durcharbeitet.
Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, wie um
ein Stück davon zu nehmen.
Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das
›Durcharbeiten‹, von dem die Rede ist . . . . . Die Erklärung des
Symbolgrundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da das
Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich mit
einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt erheischt.
Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen Tortenteile
mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß behutsam
u n t e r die betreffenden Stücke g e s c h o b e n werden (das langsame
›Durcharbeiten‹, um zu den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr
Page 315
Symbolik in dem Bild. Die Torte des Symbols war nämlich eine Dobos-
Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende Messer durch
verschiedene S c h i c h t e n zu dringen hat (die Schichten des Bewußtseins
und Denkens).
Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. Ich gebe
mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß mir der
Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausgefallen
sind.«
Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es
vollkommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von »Kraut und
Rüben«, also »Durcheinander« und bedeutet demnach »Unordnung«. Ich
habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet
worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine allgemein gültige
Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein bekannter
Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten Teil dieser Symbolik hat
übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen und
Volksgebräuchen gemeinsam.
Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die Traumarbeit
mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles leistet. Zur
Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensurfreien Darstellbarkeit,
wandelt sie eben nur die Wege, die sie im unbewußten Denken bereits
gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Umwandlungen des verdrängten
Materials, die als Witz und Anspielung auch bewußt werden dürfen, und
von denen alle Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich
dann plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen S c h e r n e r s, deren
richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die
Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem
Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen
haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein
regelmäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht,
Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende Messer durch
verschiedene S c h i c h t e n zu dringen hat (die Schichten des Bewußtseins
und Denkens).
Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. Ich gebe
mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß mir der
Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausgefallen
sind.«
Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es
vollkommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von »Kraut und
Rüben«, also »Durcheinander« und bedeutet demnach »Unordnung«. Ich
habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet
worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine allgemein gültige
Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein bekannter
Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten Teil dieser Symbolik hat
übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen und
Volksgebräuchen gemeinsam.
Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die Traumarbeit
mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles leistet. Zur
Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensurfreien Darstellbarkeit,
wandelt sie eben nur die Wege, die sie im unbewußten Denken bereits
gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Umwandlungen des verdrängten
Materials, die als Witz und Anspielung auch bewußt werden dürfen, und
von denen alle Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich
dann plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen S c h e r n e r s, deren
richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die
Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem
Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen
haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein
regelmäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht,
Page 316
deren Gegenstand die Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen
Geschlechtes für den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau
werden. Wie aber S c h e r n e r und Vo l k e l t ganz zutreffend hervorheben,
ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im unbewußten
Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die allerdings die
architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien (reicht doch das
sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren Genitalien hinaus)
beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen
Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen (»Loch«), die jede
Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird
der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck
sexueller Bilder gewählt(119); im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch,
der Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich
vorgearbeitet (der »Weinberg« des Herrn, der »Samen«, der »Garten« des
Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen an die
Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die intimsten
Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die Symptomatik
der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle
Symbolik hinter dem Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten
Versteck verbergen kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn
neurotische Kinder kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern
und Nudeln erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der
Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und
überall wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat,
und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch
Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.
Die Symbolik des Sexuellen.
Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin ein, in
dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der schöne Traum
wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht mehr gefallen.
a) Vortraum: S i e g e h t i n d i e K ü c h e z u d e n b e i d e n
Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig
Geschlechtes für den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau
werden. Wie aber S c h e r n e r und Vo l k e l t ganz zutreffend hervorheben,
ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im unbewußten
Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die allerdings die
architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien (reicht doch das
sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren Genitalien hinaus)
beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen
Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen (»Loch«), die jede
Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird
der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck
sexueller Bilder gewählt(119); im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch,
der Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich
vorgearbeitet (der »Weinberg« des Herrn, der »Samen«, der »Garten« des
Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen an die
Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die intimsten
Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die Symptomatik
der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle
Symbolik hinter dem Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten
Versteck verbergen kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn
neurotische Kinder kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern
und Nudeln erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der
Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und
überall wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat,
und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch
Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.
Die Symbolik des Sexuellen.
Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin ein, in
dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der schöne Traum
wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht mehr gefallen.
a) Vortraum: S i e g e h t i n d i e K ü c h e z u d e n b e i d e n
Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig
Page 317
werden »mit dem Bissel Essen« und sieht dabei so
viel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen,
g r o b e s G e s c h i r r i n H a u f e n z u s a m m e n g e s t e l l t . Späterer
Zusatz: D i e b e i d e n M ä d c h e n g e h e n W a s s e r h o l e n u n d
müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ins
H a u s o d e r i n d e n H o f r e i c h t (120).
b) Haupttraum(121): S i e s t e i g t v o n h o c h h e r a b (122) ü b e r
eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen
Karos vereinigt sind und aus Flechtwerk von
k l e i n e n Q u a d r a t e n b e s t e h e n (123). E s i s t e i g e n t l i c h
nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat immer
Sorge, daß sie Platz für den Fuß findet, und freut
sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt,
d a ß s i e i m G e h e n s o a n s t ä n d i g b l e i b t (124). D a b e i
t r ä g t s i e e i n e n großen Ast i n d e r H a n d (125), e i g e n t l i c h
w i e e i n e n B a u m , d e r d i c k m i t roten Blüten b e s e t z t i s t ,
v e r z w e i g t u n d a u s g e b r e i t e t (126). D a b e i i s t d i e I d e e
K i r s c h blüten , s i e s e h e n a b e r a u c h a u s w i e g e f ü l l t e
Kamelien , d i e f r e i l i c h n i c h t a u f B ä u m e n w a c h s e n .
W ä h r e n d d e s H e r a b g e h e n s h a t s i e z u e r s t einen , d a n n
p l ö t z l i c h zwei , s p ä t e r w i e d e r einen (127). W i e s i e
u n t e n a n l a n g t , s i n d d i e u n t e r e n Blüten s c h o n
z i e m l i c h abgefallen . S i e s i e h t d a n n , u n t e n a n g e l a n g t ,
einen Hausknecht, der einen eben solchen Baum,
sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem Holze
dicke Haarbüschel , d i e w i e M o o s v o n i h m h e r a b h ä n g e n ,
r a u f t . A n d e r e A r b e i t e r h a b e n s o l c h e Äste a u s e i n e m
Garten a b g e h a u e n u n d a u f die Straße g e w o r f e n , w o s i e
herumliegen , s o d a ß viele Leute sich davon nehmen . S i e f r a g t
a b e r , o b d a s r e c h t i s t , o b m a n s i c h a u c h einen nehmen
kann (128). I m G a r t e n s t e h t e i n j u n g e r Mann (von ihr
bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), a u f d e n s i e z u g e h t , u m
i h n z u f r a g e n , w i e m a n s o l c h e Äste in ihren eigenen
Garten u m s e t z e n k ö n n e (129). E r u m f ä n g t s i e , w o r a u f
sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob
man sie denn so umfangen darf. Er sagt, das ist
k e i n U n r e c h t , d a s i s t e r l a u b t (130). E r e r k l ä r t s i c h
viel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen,
g r o b e s G e s c h i r r i n H a u f e n z u s a m m e n g e s t e l l t . Späterer
Zusatz: D i e b e i d e n M ä d c h e n g e h e n W a s s e r h o l e n u n d
müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ins
H a u s o d e r i n d e n H o f r e i c h t (120).
b) Haupttraum(121): S i e s t e i g t v o n h o c h h e r a b (122) ü b e r
eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen
Karos vereinigt sind und aus Flechtwerk von
k l e i n e n Q u a d r a t e n b e s t e h e n (123). E s i s t e i g e n t l i c h
nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat immer
Sorge, daß sie Platz für den Fuß findet, und freut
sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt,
d a ß s i e i m G e h e n s o a n s t ä n d i g b l e i b t (124). D a b e i
t r ä g t s i e e i n e n großen Ast i n d e r H a n d (125), e i g e n t l i c h
w i e e i n e n B a u m , d e r d i c k m i t roten Blüten b e s e t z t i s t ,
v e r z w e i g t u n d a u s g e b r e i t e t (126). D a b e i i s t d i e I d e e
K i r s c h blüten , s i e s e h e n a b e r a u c h a u s w i e g e f ü l l t e
Kamelien , d i e f r e i l i c h n i c h t a u f B ä u m e n w a c h s e n .
W ä h r e n d d e s H e r a b g e h e n s h a t s i e z u e r s t einen , d a n n
p l ö t z l i c h zwei , s p ä t e r w i e d e r einen (127). W i e s i e
u n t e n a n l a n g t , s i n d d i e u n t e r e n Blüten s c h o n
z i e m l i c h abgefallen . S i e s i e h t d a n n , u n t e n a n g e l a n g t ,
einen Hausknecht, der einen eben solchen Baum,
sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem Holze
dicke Haarbüschel , d i e w i e M o o s v o n i h m h e r a b h ä n g e n ,
r a u f t . A n d e r e A r b e i t e r h a b e n s o l c h e Äste a u s e i n e m
Garten a b g e h a u e n u n d a u f die Straße g e w o r f e n , w o s i e
herumliegen , s o d a ß viele Leute sich davon nehmen . S i e f r a g t
a b e r , o b d a s r e c h t i s t , o b m a n s i c h a u c h einen nehmen
kann (128). I m G a r t e n s t e h t e i n j u n g e r Mann (von ihr
bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), a u f d e n s i e z u g e h t , u m
i h n z u f r a g e n , w i e m a n s o l c h e Äste in ihren eigenen
Garten u m s e t z e n k ö n n e (129). E r u m f ä n g t s i e , w o r a u f
sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob
man sie denn so umfangen darf. Er sagt, das ist
k e i n U n r e c h t , d a s i s t e r l a u b t (130). E r e r k l ä r t s i c h
Page 318
d a n n b e r e i t , m i t i h r i n d e n anderen Garten z u g e h e n ,
um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt ihr
etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir
o h n e d i e s d r e i Meter – (später sagt sie: Q u a d r a t m e t e r) o d e r
drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine
Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
a l s o b e r d i e A b s i c h t h ä t t e , s i c h i n ihrem Garten zu
entschädigen , o d e r a l s w o l l t e e r i r g e n d e i n G e s e t z
betrügen , e i n e n Vo r t e i l d a v o n h a b e n , o h n e d a ß s i e
einen Schaden hat. Ob er ihr dann wirklich etwas
z e i g t , w e i ß s i e n i c h t (131).
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber dessen
Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Verhältnisse führen.
Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine besondere
symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit anzunehmen
braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symbolisierungen, welche im
unbewußten Denken bereits fertig enthalten sind, bedient, weil sie wegen
ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den
Anforderungen der Traumbildung besser genügen.
e) D i e D a r s t e l l u n g d u r c h S y m b o l e i m T r a u m e.
W e i t e r e t y p i s c h e T r ä u m e.
Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für die
Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht hat, muß man
sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole wie die »Sigel« der
Stenographie mit ein für allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht
sich vor der Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode
zu entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem
Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des
Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der
Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger
als im Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der
Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols
gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt ihr
etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir
o h n e d i e s d r e i Meter – (später sagt sie: Q u a d r a t m e t e r) o d e r
drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine
Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
a l s o b e r d i e A b s i c h t h ä t t e , s i c h i n ihrem Garten zu
entschädigen , o d e r a l s w o l l t e e r i r g e n d e i n G e s e t z
betrügen , e i n e n Vo r t e i l d a v o n h a b e n , o h n e d a ß s i e
einen Schaden hat. Ob er ihr dann wirklich etwas
z e i g t , w e i ß s i e n i c h t (131).
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber dessen
Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Verhältnisse führen.
Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine besondere
symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit anzunehmen
braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symbolisierungen, welche im
unbewußten Denken bereits fertig enthalten sind, bedient, weil sie wegen
ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den
Anforderungen der Traumbildung besser genügen.
e) D i e D a r s t e l l u n g d u r c h S y m b o l e i m T r a u m e.
W e i t e r e t y p i s c h e T r ä u m e.
Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für die
Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht hat, muß man
sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole wie die »Sigel« der
Stenographie mit ein für allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht
sich vor der Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode
zu entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem
Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des
Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der
Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger
als im Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der
Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols
gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
Page 319
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen(132).
Wir wollen uns also darauf beschränken, zu sagen, daß die Darstellung
durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, daß wir aber
durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symboldarstellung
unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Darstellung
zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merkmale in
begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe von Fällen ist das
Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigentlichen, für welches es
eintritt, offenkundig; in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols
erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den letzten Sinn
der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie weisen darauf hin, daß
dieselbe genetischer Natur ist. Was heute symbolisch verbunden ist, war
wahrscheinlich in Urzeiten durch begriffliche und sprachliche Identität
vereint. Die Symbolbeziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger
Identität. Dabei kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in
einer Anzahl von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht(133).
Eine Anzahl von Symbolen ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt,
andere werden aber in der Gegenwart fortlaufend neugebildet (z. B. das
Luftschiff, der Zeppelin).
Allgemeine Bedeutung der Symbolik.
Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Symbolen
sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig das nämliche
bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen Plastizität des
psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol kann oft genug im
Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu
deuten sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexualsymbol
zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. Wo ihm zur
Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur Auswahl bereit stehen,
wird er sich für jenes Symbol entscheiden, das überdies noch
Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedankenmaterial aufweist, also
eine individuelle Motivierung neben der typisch gültigen gestattet.
Wir wollen uns also darauf beschränken, zu sagen, daß die Darstellung
durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, daß wir aber
durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symboldarstellung
unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Darstellung
zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merkmale in
begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe von Fällen ist das
Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigentlichen, für welches es
eintritt, offenkundig; in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols
erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den letzten Sinn
der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie weisen darauf hin, daß
dieselbe genetischer Natur ist. Was heute symbolisch verbunden ist, war
wahrscheinlich in Urzeiten durch begriffliche und sprachliche Identität
vereint. Die Symbolbeziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger
Identität. Dabei kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in
einer Anzahl von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht(133).
Eine Anzahl von Symbolen ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt,
andere werden aber in der Gegenwart fortlaufend neugebildet (z. B. das
Luftschiff, der Zeppelin).
Allgemeine Bedeutung der Symbolik.
Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Symbolen
sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig das nämliche
bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen Plastizität des
psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol kann oft genug im
Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu
deuten sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexualsymbol
zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. Wo ihm zur
Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur Auswahl bereit stehen,
wird er sich für jenes Symbol entscheiden, das überdies noch
Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedankenmaterial aufweist, also
eine individuelle Motivierung neben der typisch gültigen gestattet.
Page 320
Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit S c h e r n e r die
Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben – selbst H.
E l l i s bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht möglich, daß unsere
Träume von Symbolik erfüllt seien –, so ist doch zuzugeben, daß die
Aufgabe einer Traumdeutung durch die Existenz der Symbole im Traume
nicht nur erleichtert, sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung
nach den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen
Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur Willkür des
Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten
Deutungen von S t e k e l wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven
wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des
Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole und
sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsichtigen
Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der
Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicherheiten, die
unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, rühren zum Teil
von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung
fortschreitend gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen sie gerade
von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben sind oft viel-
und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen Schrift, erst der
Zusammenhang die jedesmal richtige Auffassung ermöglicht. Mit dieser
Vieldeutigkeit der Symbole verbindet sich dann die Eignung des Traumes,
Überdeutungen, zuzulassen in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur
nach sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen
darzustellen.
Beispiele typischer Symbole.
Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: Der
Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich zumeist die
Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. – Alle in die
Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der
Erektion vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen
Waffen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein
Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben – selbst H.
E l l i s bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht möglich, daß unsere
Träume von Symbolik erfüllt seien –, so ist doch zuzugeben, daß die
Aufgabe einer Traumdeutung durch die Existenz der Symbole im Traume
nicht nur erleichtert, sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung
nach den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen
Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur Willkür des
Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten
Deutungen von S t e k e l wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven
wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des
Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole und
sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsichtigen
Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der
Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicherheiten, die
unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, rühren zum Teil
von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung
fortschreitend gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen sie gerade
von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben sind oft viel-
und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen Schrift, erst der
Zusammenhang die jedesmal richtige Auffassung ermöglicht. Mit dieser
Vieldeutigkeit der Symbole verbindet sich dann die Eignung des Traumes,
Überdeutungen, zuzulassen in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur
nach sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen
darzustellen.
Beispiele typischer Symbole.
Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: Der
Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich zumeist die
Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. – Alle in die
Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der
Erektion vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen
Waffen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein
Page 321
häufiges, nicht recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile
(des Reibens und Schabens wegen?). – Dosen, Schachteln, Kästen,
Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib. – Zimmer im Traume sind
zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und
Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob
das Zimmer »offen« oder »verschlossen« ist, wird in diesem
Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras im
»Bruchstück einer Hysterieanalyse«.) Welcher Schlüssel das Zimmer
aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die Symbolik
von Schloß und Schlüssel hat U h l a n d im Lied vom »Grafen Eberstein«
zur anmutigsten Zote gedient. – Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern
zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H. S a c h s
an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz)
verwendet. – Stiegen, Leitern, Treppen respektive das Steigen auf ihnen und
zwar sowohl aufwärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des
Geschlechtsaktes(134). – Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von
Häusern, an denen man sich – häufig unter starker Angst – herabläßt,
entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum
wahrscheinlich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an
Eltern und Pflegepersonen. Die »glatten« Mauern sind Männer; an den
»Vorsprüngen« der Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst
fest. – Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des
Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. »Holz« scheint
überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des
weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel M a d e i r a
bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da »Tisch und Bett« die Ehe
ausmachen, wird im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, und
soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex
transponiert. – Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit
Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der
Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser
Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer
findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl nicht nur
darum, weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist,
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine
Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt
ist(135). Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben im
(des Reibens und Schabens wegen?). – Dosen, Schachteln, Kästen,
Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib. – Zimmer im Traume sind
zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und
Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob
das Zimmer »offen« oder »verschlossen« ist, wird in diesem
Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras im
»Bruchstück einer Hysterieanalyse«.) Welcher Schlüssel das Zimmer
aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die Symbolik
von Schloß und Schlüssel hat U h l a n d im Lied vom »Grafen Eberstein«
zur anmutigsten Zote gedient. – Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern
zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H. S a c h s
an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz)
verwendet. – Stiegen, Leitern, Treppen respektive das Steigen auf ihnen und
zwar sowohl aufwärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des
Geschlechtsaktes(134). – Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von
Häusern, an denen man sich – häufig unter starker Angst – herabläßt,
entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum
wahrscheinlich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an
Eltern und Pflegepersonen. Die »glatten« Mauern sind Männer; an den
»Vorsprüngen« der Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst
fest. – Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des
Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. »Holz« scheint
überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des
weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel M a d e i r a
bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da »Tisch und Bett« die Ehe
ausmachen, wird im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, und
soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex
transponiert. – Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit
Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der
Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser
Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer
findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl nicht nur
darum, weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist,
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine
Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt
ist(135). Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben im
Page 322
Leben oft großen Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche
Sammlungen von ihnen. – Alle komplizierten Maschinerien und Apparate
der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren
Beschreibung sich die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit
erweist. – Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche
mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer als
Genitalbeschreibungen zu erkennen. M a r c i n o w s k i hat eine Reihe von
Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume durch
Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Landschaften
und Räumlichkeiten darstellen sollten. Diese Zeichnungen machen den
Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume sehr
anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne, Landkarten u. dgl. zu
bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als
Darstellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und
ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständnis des Traumes.
(Vgl. hiezu P f i s t e r s Arbeiten über Kryptographie und Vexierbilder.)
Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildungen an
Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. –
Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja
Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr »Kleines«
zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw.
sind häufig Traumdarstellungen der Onanie. – Als ein ganz rezentes
Traumsymbol des männlichen Genitales ist das Luftschiff zu erwähnen,
welches sowohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch
seine Form solche Verwendung rechtfertigt. – Eine Reihe anderer, zum Teil
noch nicht genügend verifizierter Symbole hat S t e k e l angegeben und
durch Beispiele belegt. Die Schriften von S t e k e l, besonders sein Buch:
»Die Sprache des Traumes« enthalten die reichste Sammlung von
Symbolauflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über die
Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und seine
Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber andere seiner
Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser
Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf
die Hervorhebung weniger Beispiele.
R e c h t s und L i n k s sollen nach S t e k e l im Traum ethisch
aufzufassen sein. »Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rechtes,
Sammlungen von ihnen. – Alle komplizierten Maschinerien und Apparate
der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren
Beschreibung sich die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit
erweist. – Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche
mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer als
Genitalbeschreibungen zu erkennen. M a r c i n o w s k i hat eine Reihe von
Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume durch
Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Landschaften
und Räumlichkeiten darstellen sollten. Diese Zeichnungen machen den
Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume sehr
anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne, Landkarten u. dgl. zu
bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als
Darstellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und
ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständnis des Traumes.
(Vgl. hiezu P f i s t e r s Arbeiten über Kryptographie und Vexierbilder.)
Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildungen an
Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. –
Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja
Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr »Kleines«
zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw.
sind häufig Traumdarstellungen der Onanie. – Als ein ganz rezentes
Traumsymbol des männlichen Genitales ist das Luftschiff zu erwähnen,
welches sowohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch
seine Form solche Verwendung rechtfertigt. – Eine Reihe anderer, zum Teil
noch nicht genügend verifizierter Symbole hat S t e k e l angegeben und
durch Beispiele belegt. Die Schriften von S t e k e l, besonders sein Buch:
»Die Sprache des Traumes« enthalten die reichste Sammlung von
Symbolauflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über die
Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und seine
Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber andere seiner
Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser
Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf
die Hervorhebung weniger Beispiele.
R e c h t s und L i n k s sollen nach S t e k e l im Traum ethisch
aufzufassen sein. »Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rechtes,
Page 323
der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexualität, Inzest,
Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne usw. darstellen.
Immer gewertet von dem individuell moralischen Standpunkt des
Träumers« (l. c. p. 466). Die Ve r w a n d t e n überhaupt spielen im Traume
meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser
Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere Schwester bestätigen,
soweit also das Anwendungsgebiet des »Kleinen« reicht. Das
N i c h t e i n h o l e n eines Wagens löst S t e k e l als das Bedauern über eine
nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das G e p ä c k, mit dem man
reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt wird (ibid.). Gerade das
Reisegepäck erweist sich aber häufig als unverkennbares Symbol der
eigenen Genitalien. Auch den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat
S t e k e l fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese
Auflösungen weder genügend sichergestellt, noch allgemein gültig,
wenngleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahrscheinlich
anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein mehrseitig
sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine der
Verallgemeinerungen, welche S t e k e l aufstellt, bezieht sich auf die
doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. »Wo gäbe es ein Symbol,
das – wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt – nicht männlich und
weiblich zugleich gebraucht werden könnte!« Der eingeschobene Satz
nimmt allerdings viel von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn
die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht
überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine
Satz S t e k e l s vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit
zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männliche
wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder
fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von
denen nur die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist.
Lange, feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen
Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als
Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen
Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien unbekannt
ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zugesprochen wird.
Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne usw. darstellen.
Immer gewertet von dem individuell moralischen Standpunkt des
Träumers« (l. c. p. 466). Die Ve r w a n d t e n überhaupt spielen im Traume
meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser
Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere Schwester bestätigen,
soweit also das Anwendungsgebiet des »Kleinen« reicht. Das
N i c h t e i n h o l e n eines Wagens löst S t e k e l als das Bedauern über eine
nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das G e p ä c k, mit dem man
reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt wird (ibid.). Gerade das
Reisegepäck erweist sich aber häufig als unverkennbares Symbol der
eigenen Genitalien. Auch den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat
S t e k e l fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese
Auflösungen weder genügend sichergestellt, noch allgemein gültig,
wenngleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahrscheinlich
anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein mehrseitig
sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine der
Verallgemeinerungen, welche S t e k e l aufstellt, bezieht sich auf die
doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. »Wo gäbe es ein Symbol,
das – wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt – nicht männlich und
weiblich zugleich gebraucht werden könnte!« Der eingeschobene Satz
nimmt allerdings viel von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn
die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht
überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine
Satz S t e k e l s vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit
zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männliche
wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder
fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von
denen nur die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist.
Lange, feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen
Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als
Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen
Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien unbekannt
ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zugesprochen wird.
Page 324
Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen genügen,
um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen(136).
Beispiele sexueller Symbolik. – Der Hut.
Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher Symbole in
Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich es wird, zur
Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der Traumsymbolik
verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch in vielen Fällen
aufdrängt.
1. D e r H u t a l s S y m b o l d e s M a n n e s (d e s m ä n n l i c h e n
G e n i t a l e s)(137)).
(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst
agoraphobischen Frau.)
»Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut
von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist,
dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend), und
zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in
sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere
vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben.«
Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage ich
ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem emporgerichteten
Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen. Daß der Hut ein
Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: »Unter die
Haube kommen!« Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details
über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl gerade
solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung den Weg weisen
müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem
Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h.
nichts von ihnen zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre
Versuchungsphantasien vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten
wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hätte ich ihr schon zu
wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt, geben können.
Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser
Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück und will
um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen(136).
Beispiele sexueller Symbolik. – Der Hut.
Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher Symbole in
Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich es wird, zur
Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der Traumsymbolik
verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch in vielen Fällen
aufdrängt.
1. D e r H u t a l s S y m b o l d e s M a n n e s (d e s m ä n n l i c h e n
G e n i t a l e s)(137)).
(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst
agoraphobischen Frau.)
»Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut
von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist,
dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend), und
zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in
sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere
vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben.«
Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage ich
ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem emporgerichteten
Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen. Daß der Hut ein
Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: »Unter die
Haube kommen!« Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details
über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl gerade
solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung den Weg weisen
müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem
Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h.
nichts von ihnen zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre
Versuchungsphantasien vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten
wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hätte ich ihr schon zu
wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt, geben können.
Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser
Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück und will
Page 325
nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts hingen. Ich bin
des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie
schweigt eine Weile und findet dann den Mut zu fragen, was es bedeute,
daß bei ihrem Manne ein Hode tiefer stehe als der andere, und ob es bei
allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes
aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.
Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen
Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte
ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen
kann(138).
Das »Kleine« als Sexualsymbol.
2. D a s K l e i n e i s t d a s G e n i t a l e – d a s
Überfahrenwerden ist ein Symbol des
G e s c h l e c h t s v e r k e h r e s.
(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.)
»Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein gehen
muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und sieht ihre Kleine
direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie überfahren werden muß.
Man hört die Knochen krachen (dabei ein unbehagliches Gefühl, aber kein
eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie sich aus dem Waggonfenster um, ob
man nicht hinten die Teile sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß
sie die Kleine allein hat gehen lassen.« A n a l y s e. Die vollständige
Deutung des Traumes ist hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem
Zyklus von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen
voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der
Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. – Die Kranke
findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist, als
Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren Leiter
sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab, der Arzt
erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen Strauß Blumen zum
Abschied; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin dieser Huldigung
sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer
Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während ihrer
Mädchenjahre wirklich zugefallen war. – Der nächste Einfall bezieht sich
des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie
schweigt eine Weile und findet dann den Mut zu fragen, was es bedeute,
daß bei ihrem Manne ein Hode tiefer stehe als der andere, und ob es bei
allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes
aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.
Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen
Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte
ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen
kann(138).
Das »Kleine« als Sexualsymbol.
2. D a s K l e i n e i s t d a s G e n i t a l e – d a s
Überfahrenwerden ist ein Symbol des
G e s c h l e c h t s v e r k e h r e s.
(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.)
»Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein gehen
muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und sieht ihre Kleine
direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie überfahren werden muß.
Man hört die Knochen krachen (dabei ein unbehagliches Gefühl, aber kein
eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie sich aus dem Waggonfenster um, ob
man nicht hinten die Teile sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß
sie die Kleine allein hat gehen lassen.« A n a l y s e. Die vollständige
Deutung des Traumes ist hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem
Zyklus von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen
voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der
Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. – Die Kranke
findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist, als
Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren Leiter
sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab, der Arzt
erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen Strauß Blumen zum
Abschied; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin dieser Huldigung
sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer
Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während ihrer
Mädchenjahre wirklich zugefallen war. – Der nächste Einfall bezieht sich
Page 326
auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht die Teile von hinten sieht. In
der Traumfassade müßte man natürlich an die Teile des überfahrenen und
zermalmten Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von
rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen
und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rückwärts
sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie
nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine
vierjährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den
Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale
hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes
wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen mußte.
In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße keinen Mann,
keine sexuelle Beziehung haben (coire = zusammengehen), und das mag sie
nicht. Nach allen ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der
Eifersucht der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.
Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen
Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. Sie
war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr ein Bub
verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es
dann besonders klar, daß das »Kleine« das Genitale bedeutet. Die Mutter
droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung für das
Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die Identifizierung, daß
sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder
bewahrt hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später
verloren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals
früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile
Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervorgehen.
Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine
Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub das Mädel
fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel antwortet: Nein, immer so g’west.
Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, bezieht
sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie der Mutter,
daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.
Daß das »Überfahrenwerden« sexuellen Verkehr symbolisiert, würde
aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahlreichen
der Traumfassade müßte man natürlich an die Teile des überfahrenen und
zermalmten Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von
rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen
und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rückwärts
sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie
nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine
vierjährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den
Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale
hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes
wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen mußte.
In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße keinen Mann,
keine sexuelle Beziehung haben (coire = zusammengehen), und das mag sie
nicht. Nach allen ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der
Eifersucht der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.
Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen
Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. Sie
war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr ein Bub
verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es
dann besonders klar, daß das »Kleine« das Genitale bedeutet. Die Mutter
droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung für das
Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die Identifizierung, daß
sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder
bewahrt hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später
verloren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals
früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile
Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervorgehen.
Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine
Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub das Mädel
fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel antwortet: Nein, immer so g’west.
Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, bezieht
sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie der Mutter,
daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.
Daß das »Überfahrenwerden« sexuellen Verkehr symbolisiert, würde
aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahlreichen
Page 327
anderen Quellen sicher wüßte.
3. D a r s t e l l u n g d e s G e n i t a l e s d u r c h G e b ä u d e ,
S t i e g e n , S c h a c h t e.
(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.)
»Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der Prater
ist, denn man sieht die R o t u n d e, vor dieser einen kleineren Vo r b a u, an
dem ein F e s s e l b a l l o n angebracht ist, der aber ziemlich s c h l a f f
scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er wundert sich darüber,
erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große
Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück
davon a b r e i ß e n, sieht sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken
kann. Er sagt ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann
kann er sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine
T r e p p e in einen S c h a c h t herunter, dessen Wände weich ausgepolstert
sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine längere
Plattform und dann beginnt ein neuer S c h a c h t . . .«
A n a l y s e. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt der
Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast
unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbständig. Die
Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon davor mein Penis,
über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man darf also eingehender
übersetzen, die Rotunde sei das – vom Kind regelmäßig zum Genitale
gerechnete – Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt
ihn der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der
Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der
fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie
stattgefunden hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder
ihn etwa konditionell nehmen: »Wenn ich den Vater um sexuelle
Aufklärung gebeten hätte.« Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir
bald an anderer Stelle finden.
Symbolische Bauten. – Landschaften.
3. D a r s t e l l u n g d e s G e n i t a l e s d u r c h G e b ä u d e ,
S t i e g e n , S c h a c h t e.
(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.)
»Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der Prater
ist, denn man sieht die R o t u n d e, vor dieser einen kleineren Vo r b a u, an
dem ein F e s s e l b a l l o n angebracht ist, der aber ziemlich s c h l a f f
scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er wundert sich darüber,
erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große
Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück
davon a b r e i ß e n, sieht sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken
kann. Er sagt ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann
kann er sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine
T r e p p e in einen S c h a c h t herunter, dessen Wände weich ausgepolstert
sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine längere
Plattform und dann beginnt ein neuer S c h a c h t . . .«
A n a l y s e. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt der
Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast
unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbständig. Die
Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon davor mein Penis,
über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man darf also eingehender
übersetzen, die Rotunde sei das – vom Kind regelmäßig zum Genitale
gerechnete – Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt
ihn der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der
Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der
fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie
stattgefunden hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder
ihn etwa konditionell nehmen: »Wenn ich den Vater um sexuelle
Aufklärung gebeten hätte.« Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir
bald an anderer Stelle finden.
Symbolische Bauten. – Landschaften.
Page 328
Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster Linie
symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal des Vaters.
Aus Gründen der Diskretion habe ich das »Blech« für das andere Material,
mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des
Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten
und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der Gewinn zum
guten Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher dürfte die
Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: (»Wenn ich ihn gefragt
hätte), würde er mich betrogen haben, wie er seine Kunden betrügt.« Für
das A b r e i ß e n, welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit
dient, gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie.
Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben p. 259), sondern stimmt
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegenteil
ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen
Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben
wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht deutet er
sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der Wände als Vagina. Daß
das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina
beschreiben will, setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung
im Zentralblatt f. Psychoanalyse, I, 1, 1910; siehe oben p. 262 Note).
Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Plattform
folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. Er hat eine
Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen aufgegeben
und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der
Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es
plausibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der Einfluß
eines anderen Themas geltend mache, auf welches das Geschäft des Vaters,
sein betrügerisches Vorgehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina
deuten, so daß man eine Beziehung auf die Mutter annehmen könnte.
4. D a s m ä n n l i c h e G e n i t a l e d u r c h P e r s o n e n , d a s
w e i b l i c h e d u r c h e i n e L a n d s c h a f t s y m b o l i s i e r t.
(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mitgeteilt
von B. D a t t n e r.)
. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe
angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit zwei
symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal des Vaters.
Aus Gründen der Diskretion habe ich das »Blech« für das andere Material,
mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des
Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten
und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der Gewinn zum
guten Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher dürfte die
Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: (»Wenn ich ihn gefragt
hätte), würde er mich betrogen haben, wie er seine Kunden betrügt.« Für
das A b r e i ß e n, welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit
dient, gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie.
Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben p. 259), sondern stimmt
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegenteil
ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen
Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben
wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht deutet er
sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der Wände als Vagina. Daß
das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina
beschreiben will, setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung
im Zentralblatt f. Psychoanalyse, I, 1, 1910; siehe oben p. 262 Note).
Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Plattform
folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. Er hat eine
Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen aufgegeben
und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der
Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es
plausibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der Einfluß
eines anderen Themas geltend mache, auf welches das Geschäft des Vaters,
sein betrügerisches Vorgehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina
deuten, so daß man eine Beziehung auf die Mutter annehmen könnte.
4. D a s m ä n n l i c h e G e n i t a l e d u r c h P e r s o n e n , d a s
w e i b l i c h e d u r c h e i n e L a n d s c h a f t s y m b o l i s i e r t.
(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mitgeteilt
von B. D a t t n e r.)
. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe
angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit zwei
Page 329
»Pülchern« einträchtig in eine Kirche(139) gegangen, zu der mehrere
Stufen(140) emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg(141) gewesen und
oben ein dichter Wald(142). Der Wachmann sei mit einem Helm,
Ringkragen und Mantel(143) versehen gewesen. Er habe einen braunen
Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem Wachmann
gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen um die Lenden
gehabt(144). Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg geführt. Dieser sei
beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter
wurde und auf der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.
5. Z u r H a r n s y m b o l i k.
Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe von
Bildern, die F e r e n c z i in einem ungarischen Witzblatt (»Fidibusz«)
aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der Traumtheorie
erkannt hat. O. R a n k hat das nebenstehende als »T r a u m d e r
f r a n z ö s i s c h e n B o n n e« überschriebene Blatt bereits in seiner Arbeit
über die Symbolschichtung im Wecktraum usw. (p. 99) verwertet.
Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge des
Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben die Phasen
eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den Reiz, der zum
Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt
die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im
Schlafzimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den
Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und – sie darf
weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe,
der sich nicht beachtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das
Erwachen und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert
deren Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht
zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimensionen
des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe liefert, wird
immer mächtiger. Im vierten Bild trägt er bereits einen Kahn, dann eine
Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes Dampfschiff! Der Kampf
zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis und dem unermüdlichen
Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von einem mutwilligen Künstler
verbildlicht.
Stufen(140) emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg(141) gewesen und
oben ein dichter Wald(142). Der Wachmann sei mit einem Helm,
Ringkragen und Mantel(143) versehen gewesen. Er habe einen braunen
Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem Wachmann
gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen um die Lenden
gehabt(144). Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg geführt. Dieser sei
beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter
wurde und auf der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.
5. Z u r H a r n s y m b o l i k.
Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe von
Bildern, die F e r e n c z i in einem ungarischen Witzblatt (»Fidibusz«)
aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der Traumtheorie
erkannt hat. O. R a n k hat das nebenstehende als »T r a u m d e r
f r a n z ö s i s c h e n B o n n e« überschriebene Blatt bereits in seiner Arbeit
über die Symbolschichtung im Wecktraum usw. (p. 99) verwertet.
Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge des
Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben die Phasen
eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den Reiz, der zum
Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt
die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im
Schlafzimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den
Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und – sie darf
weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe,
der sich nicht beachtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das
Erwachen und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert
deren Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht
zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimensionen
des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe liefert, wird
immer mächtiger. Im vierten Bild trägt er bereits einen Kahn, dann eine
Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes Dampfschiff! Der Kampf
zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis und dem unermüdlichen
Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von einem mutwilligen Künstler
verbildlicht.
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Page 331
6. E i n S t i e g e n t r a u m.
(Mitgeteilt und gedeutet von O t t o R a n k.)
Demselben Kollegen, von dem der (unten p. 281 f. Anmkg.) angeführte
Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich durchsichtigen
Pollutionstraum:
»Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen,
das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende
der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche Person?) das Kind
auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich
befand ich mich mitten auf der S t i e g e, wo ich das Kind (gleichsam wie in
der Luft) koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein
Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts
zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah
ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen,
Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren
stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener
Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann
hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder
auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann höchst undeutlich so wie
oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen und) erwache durch die
Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten Pollution herrührt.«
D e u t u n g: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden
eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit einige der
ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie die
Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders
gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm
jedoch völlig unbekannt war.
Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen
Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, ihr außereheliches
Kind sei »auf der Stiege gemacht worden«. Der Träumer hatte sich nach
dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und
erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die
Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine
Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus auf der
Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung
(Mitgeteilt und gedeutet von O t t o R a n k.)
Demselben Kollegen, von dem der (unten p. 281 f. Anmkg.) angeführte
Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich durchsichtigen
Pollutionstraum:
»Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen,
das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende
der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche Person?) das Kind
auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich
befand ich mich mitten auf der S t i e g e, wo ich das Kind (gleichsam wie in
der Luft) koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein
Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts
zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah
ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen,
Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren
stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener
Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann
hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder
auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann höchst undeutlich so wie
oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen und) erwache durch die
Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten Pollution herrührt.«
D e u t u n g: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden
eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit einige der
ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie die
Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders
gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm
jedoch völlig unbekannt war.
Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen
Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, ihr außereheliches
Kind sei »auf der Stiege gemacht worden«. Der Träumer hatte sich nach
dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und
erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die
Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine
Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus auf der
Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung
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auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: das Kind sei
wirklich »auf der Kellerstiege gewachsen«.
Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Trauminhalt
vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert werden. Ebenso
leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler Erinnerung, das ebenfalls
im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das jenes
Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und
wo er insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den
Sexualproblemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig
gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des Geländers
hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume
eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß
er nach eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt,
sondern, wie man zu sagen pflegt, »hinunter f l i e g t« oder rutscht. Mit
Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den
Moment der sexuellen Erregung darzustellen. – In diesem Stiegenhaus und
der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch mit den
Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei er sich in
ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.
Stiegenträume.
Weiß man aus F r e u d s sexualsymbolischen Forschungen (siehe
Zentralblatt f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegensteigen im
Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum völlig
durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution,
zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle
Erregung (im Traume dargestellt durch das Hinuntereilen – rutschen – über
die Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der
Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse
Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im
Traume durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte
der Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den
wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der überstarken
libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche
die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum
wirklich »auf der Kellerstiege gewachsen«.
Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Trauminhalt
vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert werden. Ebenso
leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler Erinnerung, das ebenfalls
im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das jenes
Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und
wo er insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den
Sexualproblemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig
gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des Geländers
hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume
eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß
er nach eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt,
sondern, wie man zu sagen pflegt, »hinunter f l i e g t« oder rutscht. Mit
Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den
Moment der sexuellen Erregung darzustellen. – In diesem Stiegenhaus und
der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch mit den
Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei er sich in
ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.
Stiegenträume.
Weiß man aus F r e u d s sexualsymbolischen Forschungen (siehe
Zentralblatt f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegensteigen im
Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum völlig
durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution,
zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle
Erregung (im Traume dargestellt durch das Hinuntereilen – rutschen – über
die Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der
Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse
Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im
Traume durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte
der Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den
wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der überstarken
libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche
die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum
Page 333
Orgasmus und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des
Koitus entlarvt. – Wenn F r e u d als einen der Gründe für die sexuelle
Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider
Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders deutlich dafür zu
sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des Träumers die Rhythmik
seines Sexualaktes, das Auf- und Niederreiben, das im ganzen Traum am
deutlichsten ausgeprägte Element gewesen war.
Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer
realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als »Weibsbilder« gelten,
was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines
Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein
kleines Mädchen vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung
stehen, führt zum Prostituiertenkomplex, wie anderseits der Vorname des
Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum
Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege
geboren = im Koitus erzeugt).
Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf dem
Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über die
infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit zurückzuweisen, und
vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von B e t t n ä s s e n zum Vorbild zu
haben.
7. E i n m o d i f i z i e r t e r S t i e g e n t r a u m.
Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Abstinenten,
dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wiederholt vom
Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die Bemerkung, daß
mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger schädlich wäre als seine
erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beeinflussung provoziert folgenden
Traum:
»Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavierspiel
vernachlässigt, die Etüden von M o s c h e l e s sowie den G r a d u s a d
P a r n a s s u m von C l e m e n t i nicht übt.«
Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die Klaviatur
selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte.
Koitus entlarvt. – Wenn F r e u d als einen der Gründe für die sexuelle
Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider
Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders deutlich dafür zu
sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des Träumers die Rhythmik
seines Sexualaktes, das Auf- und Niederreiben, das im ganzen Traum am
deutlichsten ausgeprägte Element gewesen war.
Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer
realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als »Weibsbilder« gelten,
was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines
Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein
kleines Mädchen vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung
stehen, führt zum Prostituiertenkomplex, wie anderseits der Vorname des
Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum
Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege
geboren = im Koitus erzeugt).
Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf dem
Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über die
infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit zurückzuweisen, und
vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von B e t t n ä s s e n zum Vorbild zu
haben.
7. E i n m o d i f i z i e r t e r S t i e g e n t r a u m.
Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Abstinenten,
dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wiederholt vom
Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die Bemerkung, daß
mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger schädlich wäre als seine
erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beeinflussung provoziert folgenden
Traum:
»Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavierspiel
vernachlässigt, die Etüden von M o s c h e l e s sowie den G r a d u s a d
P a r n a s s u m von C l e m e n t i nicht übt.«
Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die Klaviatur
selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte.
Page 334
Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde.
Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik eine
Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete.
8. »Z u r F r a g e d e r S y m b o l i k i n d e n T r ä u m e n
G e s u n d e r«(145).
»Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig – zuletzt auch von
H a v e l o c k E l l i s(146) – vorgebrachter Einwand lautet, daß die
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber
keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die
psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem
Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. Ja
die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel einfachere,
durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer
Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus
resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält, dunkel und
schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte Traum diene zur
Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von einem nicht neurotischen
Mädchen von eher prüdem und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des
Gespräches erfahre ich, daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat
Hindernisse entgegenstellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt
mir spontan folgenden Traum:
»I a r r a n g e t h e c e n t r e o f a t a b l e w i t h f l o w e r s f o r
a b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen
Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem
Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein
G l ü c k s g e f ü h l empfunden.
»Die ›populäre‹ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu
übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch mit
dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale; sie
stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit dem
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde.
Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik eine
Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete.
8. »Z u r F r a g e d e r S y m b o l i k i n d e n T r ä u m e n
G e s u n d e r«(145).
»Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig – zuletzt auch von
H a v e l o c k E l l i s(146) – vorgebrachter Einwand lautet, daß die
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber
keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die
psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem
Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. Ja
die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel einfachere,
durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer
Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus
resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält, dunkel und
schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte Traum diene zur
Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von einem nicht neurotischen
Mädchen von eher prüdem und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des
Gespräches erfahre ich, daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat
Hindernisse entgegenstellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt
mir spontan folgenden Traum:
»I a r r a n g e t h e c e n t r e o f a t a b l e w i t h f l o w e r s f o r
a b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen
Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem
Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein
G l ü c k s g e f ü h l empfunden.
»Die ›populäre‹ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu
übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch mit
dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale; sie
stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit dem
Page 335
Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also
längst hinter ihr.
»Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ›the c e n t r e of a table‹ ein
ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natürlich nicht
direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Bedeutung der
Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen
des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der
Analyse einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, die
der Ernst des Gespräches ermöglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen
es gewesen seien, antwortete sie zunächst: ›e x p e n s i v e f l o w e r s ;
o n e h a s t o p a y f o r t h e m‹ (teuere Blumen, für die man zahlen
muß), dann, es seien ›l i l i e s o f t h e v a l l e y , v i o l e t s a n d
p i n k s o r c a r n a t i o n s‹ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom
Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort L i l i e in diesem
Traume in seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine;
sie bestätigte diese Annahme, indem ihr zu ›L i l i e‹ ›p u r i t y‹ (Reinheit)
einfiel. ›Va l l e y‹ das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so
wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer
kostbaren Jungfräulichkeit – expensive flowers, one has to pay for them –
verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren Wert zu
würdigen wissen werde. Die Bemerkung ›expensive flowers etc.‹ hat, wie
sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole eine andere
Bedeutung.
»Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ›v i o l e t s‹ suchte
ich mir – recht kühn, wie ich meinte – mit einer unbewußten Beziehung
zum französischen ›v i o l‹ zu erklären. Zu meiner Überraschung assoziierte
die Träumerin ›v i o l a t e‹, das englische Wort für vergewaltigen. Die
zufällige große Wortähnlichkeit von v i o l e t und v i o l a t e – in der
englischen Aussprache unterscheiden sie sich nur durch eine
Akzentverschiedenheit der letzten Silbe – wird vom Traume benutzt, um
›durch die Blume‹ den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration
(auch dieses Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen
masochistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes
Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege zum Unbewußten
längst hinter ihr.
»Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ›the c e n t r e of a table‹ ein
ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natürlich nicht
direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Bedeutung der
Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen
des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der
Analyse einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, die
der Ernst des Gespräches ermöglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen
es gewesen seien, antwortete sie zunächst: ›e x p e n s i v e f l o w e r s ;
o n e h a s t o p a y f o r t h e m‹ (teuere Blumen, für die man zahlen
muß), dann, es seien ›l i l i e s o f t h e v a l l e y , v i o l e t s a n d
p i n k s o r c a r n a t i o n s‹ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom
Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort L i l i e in diesem
Traume in seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine;
sie bestätigte diese Annahme, indem ihr zu ›L i l i e‹ ›p u r i t y‹ (Reinheit)
einfiel. ›Va l l e y‹ das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so
wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer
kostbaren Jungfräulichkeit – expensive flowers, one has to pay for them –
verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren Wert zu
würdigen wissen werde. Die Bemerkung ›expensive flowers etc.‹ hat, wie
sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole eine andere
Bedeutung.
»Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ›v i o l e t s‹ suchte
ich mir – recht kühn, wie ich meinte – mit einer unbewußten Beziehung
zum französischen ›v i o l‹ zu erklären. Zu meiner Überraschung assoziierte
die Träumerin ›v i o l a t e‹, das englische Wort für vergewaltigen. Die
zufällige große Wortähnlichkeit von v i o l e t und v i o l a t e – in der
englischen Aussprache unterscheiden sie sich nur durch eine
Akzentverschiedenheit der letzten Silbe – wird vom Traume benutzt, um
›durch die Blume‹ den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration
(auch dieses Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen
masochistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes
Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege zum Unbewußten
Page 336
führen. Das ›one has to pay for them‹ bedeutet hier das Leiden, mit dem sie
das Weib- und Mutterwerden bezahlen muß.
»Bei ›p i n k s‹, die sie dann ›c a r n a t i o n s‹ nennt, fällt mir die
Beziehung dieses Wortes zum ›Fleischlichen‹ auf. Ihr Einfall dazu lautete
aber ›c o l o u r‹ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die Blumen seien,
welche ihr von ihrem Verlobten h ä u f i g u n d i n g r o ß e n M e n g e n
geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötzlich spontan,
sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern
›i n c a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet
hatte; übrigens ist auch ›colour‹ als Einfall nicht entlegen, sondern durch
die Bedeutung von c a r n a t i o n – F l e i s c h f a r b e, also durch den
Komplex determiniert. Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an
dieser Stelle am größten war, entsprechend dem Umstand, daß die
Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und
Verdrängung bei diesem phallischen Thema am stärksten war. Die
Bemerkung, daß diese Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist
neben der Doppelbedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren
phallischen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird
benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk
auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein
reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das ›expensive flowers, one has to
pay for them‹ eine – wohl wirklich finanzielle – Bedeutung haben. – Die
Blumensymbolik des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das
männliche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration. Es
sei darauf hingewiesen, daß diese sexuelle Blumensymbolik, die ja auch
sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane durch die Blüten,
die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das Blumenschenken unter
Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewußte Bedeutung.
»Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die
Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt ihn dar,
wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der latente Gedanke
könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten, sondern die Braut
deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das
v i o l a t e. So kommt auch die sadistische Libidokomponente zum
Ausdruck. –
das Weib- und Mutterwerden bezahlen muß.
»Bei ›p i n k s‹, die sie dann ›c a r n a t i o n s‹ nennt, fällt mir die
Beziehung dieses Wortes zum ›Fleischlichen‹ auf. Ihr Einfall dazu lautete
aber ›c o l o u r‹ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die Blumen seien,
welche ihr von ihrem Verlobten h ä u f i g u n d i n g r o ß e n M e n g e n
geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötzlich spontan,
sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern
›i n c a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet
hatte; übrigens ist auch ›colour‹ als Einfall nicht entlegen, sondern durch
die Bedeutung von c a r n a t i o n – F l e i s c h f a r b e, also durch den
Komplex determiniert. Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an
dieser Stelle am größten war, entsprechend dem Umstand, daß die
Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und
Verdrängung bei diesem phallischen Thema am stärksten war. Die
Bemerkung, daß diese Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist
neben der Doppelbedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren
phallischen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird
benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk
auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein
reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das ›expensive flowers, one has to
pay for them‹ eine – wohl wirklich finanzielle – Bedeutung haben. – Die
Blumensymbolik des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das
männliche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration. Es
sei darauf hingewiesen, daß diese sexuelle Blumensymbolik, die ja auch
sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane durch die Blüten,
die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das Blumenschenken unter
Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewußte Bedeutung.
»Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die
Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt ihn dar,
wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der latente Gedanke
könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten, sondern die Braut
deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das
v i o l a t e. So kommt auch die sadistische Libidokomponente zum
Ausdruck. –
Page 337
»In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ›I arrange etc.‹ eine
autoerotische, also infantile Bedeutung haben.
»Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um so mehr
wird die Kostbarkeit des ›c e n t r e‹ (sie nennt es ein andermal ›a c e n t r e
p i e c e o f f l o w e r s‹), ihre Jungfräulichkeit hervorgehoben. Auch das
Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum Symbol beitragen. –
Beachtenswert ist die Konzentration des Traumes; nichts ist überflüssig,
jedes Wort ist ein Symbol.
»Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ›I d e c o r a t e t h e
f l o w e r s w i t h g r e e n c r i n k l e d p a p e r .‹ (Ich verziere die
Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ›fancy
paper‹ (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumentöpfe
verkleide. Sie sagt weiter: ›t o h i d e u n t i d y t h i n g s , w h a t e v e r
was to be seen, which was not pretty to the eye;
t h e r e i s a g a p , a l i t t l e s p a c e i n t h e f l o w e r s .‹ Also: ›um
unsaubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt,
ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.‹ ›T h e p a p e r l o o k s l i k e
v e l v e t o r m o s s‹ (›das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‹). Zu
›d e c o r a t e‹ assoziiert sie ›d e c o r u m‹, wie ich es erwartet hatte. Die
grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ›h o p e‹ (Hoffnung),
wieder eine Beziehung zur Gravidität. – In diesem Teile des Traumes
herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern es kommen
Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht sich schön für
ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu
korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß
es sich um die crines pubis handelt.
»Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken des
Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnenliebe und ihren
Organen beschäftigen; sie wird ›für einen Geburtstag zugerichtet‹, d. h.
koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch das lustbetonte
Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel
ein, überkompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer
Jungfräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit
damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die
der Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen
autoerotische, also infantile Bedeutung haben.
»Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um so mehr
wird die Kostbarkeit des ›c e n t r e‹ (sie nennt es ein andermal ›a c e n t r e
p i e c e o f f l o w e r s‹), ihre Jungfräulichkeit hervorgehoben. Auch das
Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum Symbol beitragen. –
Beachtenswert ist die Konzentration des Traumes; nichts ist überflüssig,
jedes Wort ist ein Symbol.
»Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ›I d e c o r a t e t h e
f l o w e r s w i t h g r e e n c r i n k l e d p a p e r .‹ (Ich verziere die
Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ›fancy
paper‹ (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumentöpfe
verkleide. Sie sagt weiter: ›t o h i d e u n t i d y t h i n g s , w h a t e v e r
was to be seen, which was not pretty to the eye;
t h e r e i s a g a p , a l i t t l e s p a c e i n t h e f l o w e r s .‹ Also: ›um
unsaubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt,
ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.‹ ›T h e p a p e r l o o k s l i k e
v e l v e t o r m o s s‹ (›das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‹). Zu
›d e c o r a t e‹ assoziiert sie ›d e c o r u m‹, wie ich es erwartet hatte. Die
grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ›h o p e‹ (Hoffnung),
wieder eine Beziehung zur Gravidität. – In diesem Teile des Traumes
herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern es kommen
Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht sich schön für
ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu
korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß
es sich um die crines pubis handelt.
»Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken des
Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnenliebe und ihren
Organen beschäftigen; sie wird ›für einen Geburtstag zugerichtet‹, d. h.
koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch das lustbetonte
Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel
ein, überkompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer
Jungfräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit
damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die
der Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen
Page 338
Traumes – das Glücksgefühl – zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe
ihre Befriedigung gefunden haben.«
Ich schließe mit dem
9. T r a u m e i n e s C h e m i k e r s,
eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten
gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.
Vo r b e r i c h t. Am Tage vor dem Traume hat er einem Studenten
Aufschluß über die G r i g n a r d sche Reaktion gegeben, bei welcher
Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut reinem Äther
aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der nämlichen Reaktion eine
Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand verbrannte.
Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Apparatur
besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. Er ist
nun in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer: Es ist das
Richtige, es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine Knie werden
weich. Dann greift er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß
nicht wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann
nicht sein. – Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell,
wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich
direkt vor der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr
erregt und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyl.
II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing; soll um ½12 Uhr beim
Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, wacht aber erst
um ½12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; bis du hinkommst, ist es
½1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die ganze Familie um den Tisch
versammelt, besonders deutlich die Mutter und das Stubenmädchen mit
dem Suppentopf. Er sagt sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja
nicht mehr fort.
A n a l y s e: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Beziehung zur
Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht vor der erwarteten
Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er die Auskunft gab, ist ein
besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das
Magnesium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar
nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er
ihre Befriedigung gefunden haben.«
Ich schließe mit dem
9. T r a u m e i n e s C h e m i k e r s,
eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten
gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.
Vo r b e r i c h t. Am Tage vor dem Traume hat er einem Studenten
Aufschluß über die G r i g n a r d sche Reaktion gegeben, bei welcher
Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut reinem Äther
aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der nämlichen Reaktion eine
Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand verbrannte.
Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Apparatur
besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. Er ist
nun in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer: Es ist das
Richtige, es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine Knie werden
weich. Dann greift er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß
nicht wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann
nicht sein. – Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell,
wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich
direkt vor der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr
erregt und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyl.
II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing; soll um ½12 Uhr beim
Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, wacht aber erst
um ½12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; bis du hinkommst, ist es
½1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die ganze Familie um den Tisch
versammelt, besonders deutlich die Mutter und das Stubenmädchen mit
dem Suppentopf. Er sagt sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja
nicht mehr fort.
A n a l y s e: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Beziehung zur
Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht vor der erwarteten
Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er die Auskunft gab, ist ein
besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das
Magnesium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar
nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er
Page 339
selbst sein; – er ist so gleichgültig gegen seine A n a l y s e, wie jener für
seine S y n t h e s e –; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber
ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg
erscheinen!
Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) gemacht wird.
Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine im Traume erinnern an
einen Eindruck von gestern abends. Er traf in der Tanzstunde mit einer
Dame zusammen, die er erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß sie
einmal aufschrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er
ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der
Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das
Weib das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht. Er ist feminin
gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht
es auch mit der Kur. Das sich Befühlen und die Wahrnehmungen an seinen
Knien deuten auf die Onanie und entsprechen seiner Müdigkeit vom Tage
vorher. – Das Rendezvous war wirklich für ½12 Uhr verabredet. Sein
Wunsch, es zu verschlafen und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei
der Onanie) zu bleiben, entspricht seinem Widerstande.
Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese Radikale
auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem zu gebrauchen:
Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber als ich ihm das Radikal:
S c h l e m i h l vorschlage, lacht er sehr und erzählt, daß er während des
Sommers ein Buch von P r é v o s t gelesen und in diesem war im Kapitel:
Les exclus de l’amour allerdings von den »S c h l e m i l i é s« die Rede, bei
deren Schilderung er sich sagte: Das ist mein Fall. – Schlemihlerei wäre es
auch gewesen, wenn er das Rendezvous versäumt hätte.
Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. S c h r ö t t e r hat
1912 über Anregung von H. S w o b o d a bei tief hypnotisierten Personen
Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen großen Teil des
Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den Auftrag brachte, vom
normalen oder abnormen Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum
diese Aufträge aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der
psychoanalytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B.
erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit einer
Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer schäbigen
seine S y n t h e s e –; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber
ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg
erscheinen!
Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) gemacht wird.
Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine im Traume erinnern an
einen Eindruck von gestern abends. Er traf in der Tanzstunde mit einer
Dame zusammen, die er erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß sie
einmal aufschrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er
ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der
Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das
Weib das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht. Er ist feminin
gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht
es auch mit der Kur. Das sich Befühlen und die Wahrnehmungen an seinen
Knien deuten auf die Onanie und entsprechen seiner Müdigkeit vom Tage
vorher. – Das Rendezvous war wirklich für ½12 Uhr verabredet. Sein
Wunsch, es zu verschlafen und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei
der Onanie) zu bleiben, entspricht seinem Widerstande.
Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese Radikale
auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem zu gebrauchen:
Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber als ich ihm das Radikal:
S c h l e m i h l vorschlage, lacht er sehr und erzählt, daß er während des
Sommers ein Buch von P r é v o s t gelesen und in diesem war im Kapitel:
Les exclus de l’amour allerdings von den »S c h l e m i l i é s« die Rede, bei
deren Schilderung er sich sagte: Das ist mein Fall. – Schlemihlerei wäre es
auch gewesen, wenn er das Rendezvous versäumt hätte.
Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. S c h r ö t t e r hat
1912 über Anregung von H. S w o b o d a bei tief hypnotisierten Personen
Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen großen Teil des
Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den Auftrag brachte, vom
normalen oder abnormen Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum
diese Aufträge aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der
psychoanalytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B.
erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit einer
Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer schäbigen
Page 340
R e i s e t a s c h e in der Hand, worauf ein Zettel klebte, bedruckt mit den
Worten: »Nur für Damen.« Der Träumerin war angeblich von Symbolik im
Traume und Traumdeutung niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider
wird die Einschätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die
unglückliche Tatsache gestört, daß Dr. S c h r ö t t e r bald nachher durch
Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine
vorläufige Mitteilung im »Zentralblatt für Psychoanalyse«.
Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, können
wir in der p. 205 abgebrochenen Behandlung der t y p i s c h e n T r ä u m e
fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im Groben in zwei
Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn
haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen
Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von
den typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungstraum bereits
eingehender behandelt.
Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume vom
Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht zu
werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es sind
Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstregung, die
Angst zu sterben. »Abreisen« ist eines der häufigsten und am besten zu
begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du
wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte:
Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts geschehen. Die
Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt daher, daß
die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des Trostes geknüpft ist.
Zahnreizträume.
Der Sinn der »Z a h n r e i z t r ä u m e«, die ich bei meinen Patienten oft
genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich zu
meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig allzu große
Widerstände entgegenstellten.
Worten: »Nur für Damen.« Der Träumerin war angeblich von Symbolik im
Traume und Traumdeutung niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider
wird die Einschätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die
unglückliche Tatsache gestört, daß Dr. S c h r ö t t e r bald nachher durch
Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine
vorläufige Mitteilung im »Zentralblatt für Psychoanalyse«.
Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, können
wir in der p. 205 abgebrochenen Behandlung der t y p i s c h e n T r ä u m e
fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im Groben in zwei
Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn
haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen
Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von
den typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungstraum bereits
eingehender behandelt.
Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume vom
Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht zu
werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es sind
Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstregung, die
Angst zu sterben. »Abreisen« ist eines der häufigsten und am besten zu
begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du
wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte:
Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts geschehen. Die
Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt daher, daß
die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des Trostes geknüpft ist.
Zahnreizträume.
Der Sinn der »Z a h n r e i z t r ä u m e«, die ich bei meinen Patienten oft
genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich zu
meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig allzu große
Widerstände entgegenstellten.
Page 341
Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß bei
Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die
Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume analysieren,
von denen einer gleichzeitig ein »Flugtraum« ist. Beide rühren von
derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, aber im Leben
gehemmter Homosexualität:
E r b e f i n d e t s i c h b e i e i n e r » F i d e l i o « - Vo r s t e l l u n g
im Parkett der Oper, neben L., einer ihm
sympathischen Persönlichkeit, deren Freundschaft
er gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg
hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift sich
dann in den Mund und zieht sich zwei Zähne aus.
Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft »geworfen« würde.
Da es sich um eine Vorstellung des »Fidelio« handelt, liegt das Dichterwort
nahe:
»Wer ein holdes Weib errungen« –
Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu den
Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse besser:
»Wem der g r o ß e W u r f gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein . . .«
Der Traum enthält nun diesen »großen Wurf«, der aber nicht allein
Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die peinliche
Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft schon so oft
Unglück gehabt hat, »hinausgeworfen« wurde, und die Furcht, dieses
Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem er die »Fidelio«-
Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt sich daran das für den
feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer
Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal hintereinander
in sinnlicher Erregung onaniert hat.
Der andere Traum: Zwei ihm bekannte
Universitätsprofessoren behandeln ihn an meiner
Statt. Der eine tut irgend etwas an seinem Gliede;
Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die
Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume analysieren,
von denen einer gleichzeitig ein »Flugtraum« ist. Beide rühren von
derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, aber im Leben
gehemmter Homosexualität:
E r b e f i n d e t s i c h b e i e i n e r » F i d e l i o « - Vo r s t e l l u n g
im Parkett der Oper, neben L., einer ihm
sympathischen Persönlichkeit, deren Freundschaft
er gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg
hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift sich
dann in den Mund und zieht sich zwei Zähne aus.
Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft »geworfen« würde.
Da es sich um eine Vorstellung des »Fidelio« handelt, liegt das Dichterwort
nahe:
»Wer ein holdes Weib errungen« –
Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu den
Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse besser:
»Wem der g r o ß e W u r f gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein . . .«
Der Traum enthält nun diesen »großen Wurf«, der aber nicht allein
Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die peinliche
Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft schon so oft
Unglück gehabt hat, »hinausgeworfen« wurde, und die Furcht, dieses
Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem er die »Fidelio«-
Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt sich daran das für den
feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer
Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal hintereinander
in sinnlicher Erregung onaniert hat.
Der andere Traum: Zwei ihm bekannte
Universitätsprofessoren behandeln ihn an meiner
Statt. Der eine tut irgend etwas an seinem Gliede;
Page 342
er hat Angst vor einer Operation. Der andere stößt
mit einer eisernen Stange gegen seinen Mund, so
daß er ein oder zwei Zähne verliert. Er ist mit vier
seidenen Tüchern gebunden.
Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die
seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm bekannten
Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus ausgeführt, auch
nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit Männern gesucht hat,
stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten
Pubertätsonanie vor.
Über die Symbolik des Zahnreizes.
Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn auszieht und
ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden(147).
Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der »Zahnreiz« zu dieser Bedeutung
gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von unten nach
oben aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht, und
vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die
sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen
einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher
Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten Denkens die
Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut
dabei mit, indem er »Hinterbacken« als Homologe der Wangen anerkennt,
»Schamlippen« neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte
einrahmen. Die Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis
gleichgestellt, die Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit.
Nur ein Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne,
und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung
macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der
Sexualverdrängung geeignet.
Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraumes als
Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln kann, voll
durchsichtig geworden ist(148). Ich gebe so viel, als ich zur Erklärung
weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich muß auch auf einen
mit einer eisernen Stange gegen seinen Mund, so
daß er ein oder zwei Zähne verliert. Er ist mit vier
seidenen Tüchern gebunden.
Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die
seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm bekannten
Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus ausgeführt, auch
nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit Männern gesucht hat,
stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten
Pubertätsonanie vor.
Über die Symbolik des Zahnreizes.
Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn auszieht und
ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden(147).
Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der »Zahnreiz« zu dieser Bedeutung
gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von unten nach
oben aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht, und
vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die
sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen
einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher
Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten Denkens die
Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut
dabei mit, indem er »Hinterbacken« als Homologe der Wangen anerkennt,
»Schamlippen« neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte
einrahmen. Die Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis
gleichgestellt, die Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit.
Nur ein Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne,
und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung
macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der
Sexualverdrängung geeignet.
Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraumes als
Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln kann, voll
durchsichtig geworden ist(148). Ich gebe so viel, als ich zur Erklärung
weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich muß auch auf einen
Page 343
anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen.
In unseren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den
masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen
herunterreißen(149). Ich weiß nicht zu sagen, woher diese Redeweisen
stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde liegt, aber zur ersteren
von den beiden würde sich der »Zahn« sehr gut fügen(150).
Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in denen man
fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten diese Träume?
Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie wir hören werden, in
jedem Falle etwas anderes, nur das Material an Sensationen, das sie
enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle.
Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, muß
man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für das
Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht
schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme ausstreckend durchs
Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm gespielt, indem er es auf den
Knien schaukelte und das Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und
plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder
jauchzen dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders
wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich
nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die
Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen.
Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und
Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus
sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben
besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher
Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten
sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle
Empfindungen wachgerufen worden(151). Um es mit einem bei uns
gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu sagen: es ist
das »Hetzen« in der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen,
Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt
sind. Wie aber jede Mutter weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der
Wirklichkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausgegangen.
In unseren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den
masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen
herunterreißen(149). Ich weiß nicht zu sagen, woher diese Redeweisen
stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde liegt, aber zur ersteren
von den beiden würde sich der »Zahn« sehr gut fügen(150).
Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in denen man
fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten diese Träume?
Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie wir hören werden, in
jedem Falle etwas anderes, nur das Material an Sensationen, das sie
enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle.
Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, muß
man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für das
Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht
schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme ausstreckend durchs
Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm gespielt, indem er es auf den
Knien schaukelte und das Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und
plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder
jauchzen dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders
wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich
nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die
Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen.
Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und
Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus
sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben
besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher
Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten
sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle
Empfindungen wachgerufen worden(151). Um es mit einem bei uns
gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu sagen: es ist
das »Hetzen« in der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen,
Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt
sind. Wie aber jede Mutter weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der
Wirklichkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausgegangen.
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Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der Zustand
unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen von der
Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen und Fallen
hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung
reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also
Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.
Fliegeträume.
Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende Material
von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbetonten
Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten
Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst
typischer Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig
zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne
den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede
Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt. Ihr
Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre Füße vom
Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen ragen ließ. Bei anderen
Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Bedeutung der Sehnsucht: Wenn
ich ein Vöglein wär’; andere wurden so nächtlicherweise zu Engeln in der
Entbehrung, bei Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des
Fliegens mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der
Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir
werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.
Dr. Paul F e d e r n (Wien) hat die bestechende Vermutung
ausgesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind,
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt
beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)
Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder Deutung
abgeneigte Traumexperimentator M o u r l y Vo l d gleichfalls die erotische
Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. II, p. 791). Er nennt
die Erotik das »wichtigste Motiv zum Schwebetraum«, beruft sich auf das
unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen von der
Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen und Fallen
hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung
reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also
Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.
Fliegeträume.
Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende Material
von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbetonten
Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten
Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst
typischer Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig
zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne
den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede
Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt. Ihr
Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre Füße vom
Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen ragen ließ. Bei anderen
Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Bedeutung der Sehnsucht: Wenn
ich ein Vöglein wär’; andere wurden so nächtlicherweise zu Engeln in der
Entbehrung, bei Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des
Fliegens mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der
Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir
werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.
Dr. Paul F e d e r n (Wien) hat die bestechende Vermutung
ausgesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind,
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt
beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)
Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder Deutung
abgeneigte Traumexperimentator M o u r l y Vo l d gleichfalls die erotische
Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. II, p. 791). Er nennt
die Erotik das »wichtigste Motiv zum Schwebetraum«, beruft sich auf das
Page 345
starke Vibrationsgefühl im Körper, welches diese Träume begleitet, und auf
die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder Pollutionen.
Die Träume vom F a l l e n tragen häufiger den Angstcharakter. Ihre
Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast regelmäßig
die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, welches die
Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. Die infantilen
Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft; fast alle Kinder
sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufgehoben und geliebkost;
wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in
ihr Bett genommen.
Personen, die häufig vom S c h w i m m e n träumen, mit großem
Behagen die Wellen teilen usw. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen und
wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer Zeit zu
verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die Träume vom
Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen oder dem anderen
Beispiele erfahren.
Die Deutung der Träume vom F e u e r gibt einem Verbot der
Kinderstube recht, welches die Kinder nicht »zündeln« heißt, damit sie
nicht nächtlicher Weile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich auch ihnen
die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinderjahre zu Grunde. In
dem »Bruchstück einer Hysterieanalyse« 1905(152) habe ich die
vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuertraumes im
Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin gegeben und
gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses
infantile Material verwenden läßt.
Man könnte noch eine ganze Anzahl von »typischen« Träumen
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr des
gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern versteht, so
z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom Gehen durch eine
ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch
die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die
von Verfolgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit
Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den manifesten
Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind u. dgl. Eine
Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material beschäftigen würde,
die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder Pollutionen.
Die Träume vom F a l l e n tragen häufiger den Angstcharakter. Ihre
Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast regelmäßig
die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, welches die
Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. Die infantilen
Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft; fast alle Kinder
sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufgehoben und geliebkost;
wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in
ihr Bett genommen.
Personen, die häufig vom S c h w i m m e n träumen, mit großem
Behagen die Wellen teilen usw. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen und
wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer Zeit zu
verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die Träume vom
Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen oder dem anderen
Beispiele erfahren.
Die Deutung der Träume vom F e u e r gibt einem Verbot der
Kinderstube recht, welches die Kinder nicht »zündeln« heißt, damit sie
nicht nächtlicher Weile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich auch ihnen
die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinderjahre zu Grunde. In
dem »Bruchstück einer Hysterieanalyse« 1905(152) habe ich die
vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuertraumes im
Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin gegeben und
gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses
infantile Material verwenden läßt.
Man könnte noch eine ganze Anzahl von »typischen« Träumen
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr des
gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern versteht, so
z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom Gehen durch eine
ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch
die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die
von Verfolgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit
Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den manifesten
Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind u. dgl. Eine
Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material beschäftigen würde,
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wäre sehr dankenswert. Ich habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu
bieten, die sich aber nicht ausschließlich auf typische Träume beziehen.
Vorwiegen sexueller Wünsche in den latenten Traumgedanken.
I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, desto
bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume
Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum
Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom manifesten
Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, kann sich ein
Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu
registrieren (wie z. B. N ä c k e in seinen Arbeiten über sexuelle Träume).
Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt,
sondern in voller Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der
Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel
Unterdrückung erfahren müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen
Komponenten(153), von keinem anderen erübrigen so viele und so starke
unbewußte Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken.
Man darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe
niemals vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit
übertreiben.
An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen
können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine
unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. der
normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegengesetzte
Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu deuten seien, wie
W. S t e k e l(154) und A l f . A d l e r(155) behaupten, scheint mir eine
ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche
ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht
wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als – im
weitesten Sinne – erotische Bedürfnisse befriedigen, die Hunger- und
Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. Auch die ähnlichen
Aufstellungen, »daß hinter jedem Traum die Todesklausel zu finden sei«
(S t e k e l), daß jeder Traum ein »Fortschreiten von der weiblichen zur
männlichen Linie« erkennen lasse (A d l e r), scheinen mir das Maß des in
der Traumdeutung Zulässigen weit zu überschreiten.
bieten, die sich aber nicht ausschließlich auf typische Träume beziehen.
Vorwiegen sexueller Wünsche in den latenten Traumgedanken.
I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, desto
bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume
Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum
Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom manifesten
Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, kann sich ein
Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu
registrieren (wie z. B. N ä c k e in seinen Arbeiten über sexuelle Träume).
Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt,
sondern in voller Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der
Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel
Unterdrückung erfahren müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen
Komponenten(153), von keinem anderen erübrigen so viele und so starke
unbewußte Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken.
Man darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe
niemals vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit
übertreiben.
An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen
können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine
unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. der
normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegengesetzte
Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu deuten seien, wie
W. S t e k e l(154) und A l f . A d l e r(155) behaupten, scheint mir eine
ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche
ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht
wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als – im
weitesten Sinne – erotische Bedürfnisse befriedigen, die Hunger- und
Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. Auch die ähnlichen
Aufstellungen, »daß hinter jedem Traum die Todesklausel zu finden sei«
(S t e k e l), daß jeder Traum ein »Fortschreiten von der weiblichen zur
männlichen Linie« erkennen lasse (A d l e r), scheinen mir das Maß des in
der Traumdeutung Zulässigen weit zu überschreiten.
Page 347
Daß die auffällig harmlosen Träume durchweg grobe erotische Wünsche
verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet und könnten wir
durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch viele indifferent
scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung etwas Besonderes
anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle
Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B. bei
nachfolgendem Traume einen sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit
vermuten? Der Träumer erzählt: Z w i s c h e n z w e i s t a t t l i c h e n
Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines
H ä u s c h e n , d e s s e n To r e g e s c h l o s s e n s i n d . M e i n e
Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem
Häuschen hin, drückt die Tür ein und dann
schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines
schräg aufsteigenden Hofes.
Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird allerdings
sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, das
Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Symbolik
gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Darstellung eines
Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen
Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, schräg
aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des Träumers
zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die
Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche
besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein junges
Mädchen in den Haushalt des Träumers eingetreten ist, welches sein
Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht hat, als würde es sich
gegen eine derartige Annäherung nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus
zwischen den zwei Palästen ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in
Prag hergenommen und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt
stammende Mädchen hin.
Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, mit der
eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so bekomme ich zur
Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum nicht erinnern. Gleich
darauf steigt aber die Erinnerung an einen anderen unkenntlichen und
indifferenten Traum auf, der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt
hat, und die Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes,
verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet und könnten wir
durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch viele indifferent
scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung etwas Besonderes
anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle
Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B. bei
nachfolgendem Traume einen sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit
vermuten? Der Träumer erzählt: Z w i s c h e n z w e i s t a t t l i c h e n
Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines
H ä u s c h e n , d e s s e n To r e g e s c h l o s s e n s i n d . M e i n e
Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem
Häuschen hin, drückt die Tür ein und dann
schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines
schräg aufsteigenden Hofes.
Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird allerdings
sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, das
Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Symbolik
gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Darstellung eines
Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen
Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, schräg
aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des Träumers
zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die
Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche
besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein junges
Mädchen in den Haushalt des Träumers eingetreten ist, welches sein
Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht hat, als würde es sich
gegen eine derartige Annäherung nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus
zwischen den zwei Palästen ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in
Prag hergenommen und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt
stammende Mädchen hin.
Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, mit der
eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so bekomme ich zur
Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum nicht erinnern. Gleich
darauf steigt aber die Erinnerung an einen anderen unkenntlichen und
indifferenten Traum auf, der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt
hat, und die Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes,
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nämlich wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die
verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein Vielfaches
häufiger sind als die aufrichtigen(156).
Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen im
Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon einmal. Dieses
»Déjà vu« hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. Diese Örtlichkeit
ist dann immer das Genitale der Mutter; in der Tat kann man von keiner
anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man »dort schon einmal
war«. Ein einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die
Mitteilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche eine
Wohnung, in der er schon z w e i m a l gewesen sei. Gerade dieser Patient
hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten
Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und
die Gelegenheit dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden
einzuführen.
Geburtsträume.
Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, oft das
Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser zum Inhalt
haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im
Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im folgenden gebe ich den
Traum eines jungen Mannes wieder, der in der Phantasie schon die
intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern
benutzt.
Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem
ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch
dieses sieht er zuerst leere Landschaft und dann
komponiert er ein Bild hinein, welches dann auch
sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild
stellt einen Acker dar, der vom Instrument tief
aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der
gründlichen Arbeit, die dabei ist, die
blauschwarzen Schollen machen einen schönen
Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine
Pädagogik aufgeschlagen . . . . und wundert sich,
verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein Vielfaches
häufiger sind als die aufrichtigen(156).
Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen im
Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon einmal. Dieses
»Déjà vu« hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. Diese Örtlichkeit
ist dann immer das Genitale der Mutter; in der Tat kann man von keiner
anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man »dort schon einmal
war«. Ein einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die
Mitteilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche eine
Wohnung, in der er schon z w e i m a l gewesen sei. Gerade dieser Patient
hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten
Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und
die Gelegenheit dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden
einzuführen.
Geburtsträume.
Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, oft das
Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser zum Inhalt
haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im
Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im folgenden gebe ich den
Traum eines jungen Mannes wieder, der in der Phantasie schon die
intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern
benutzt.
Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem
ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch
dieses sieht er zuerst leere Landschaft und dann
komponiert er ein Bild hinein, welches dann auch
sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild
stellt einen Acker dar, der vom Instrument tief
aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der
gründlichen Arbeit, die dabei ist, die
blauschwarzen Schollen machen einen schönen
Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine
Pädagogik aufgeschlagen . . . . und wundert sich,
Page 349
daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin
soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er
an mich denken muß.
Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer besonderen
Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:
In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie
s i c h i n s d u n k l e Wa s s e r d o r t , w o s i c h d e r b l a s s e
M o n d i m Wa s s e r s p i e g e l t .
Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung gelangt man,
wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache umkehrt, also
anstatt: sich ins Wasser stürzen, – aus dem Wasser herauskommen, d. h.:
geboren werden(157). Die Lokalität, aus der man geboren wird, erkennt
man, wenn man an den mutwilligen Sinn von »la lune« im Französischen
denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind
hergekommen zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin
sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt »geboren zu werden«? Ich
befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch
die Kur wie n e u g e b o r e n? So wird dieser Traum zur Einladung, die
Behandlung an jenem Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen;
er enthält vielleicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches,
selbst Mutter zu werden(158).
Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung einer
Arbeit von E. J o n e s: »S i e s t a n d a m M e e r e s u f e r u n d
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der
i h r i g e z u s e i n s c h i e n , w ä h r e n d e r i n s Wa s s e r
w a t e t e . D i e s t a t e r s o w e i t , b i s d a s Wa s s e r i h n
bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen
konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und
nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich dann
in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte
verließ sie, und sie ›trat in ein Gespräch mit‹
e i n e m F r e m d e n .«
Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der
Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung
intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste Teil des Traumes
soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er
an mich denken muß.
Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer besonderen
Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:
In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie
s i c h i n s d u n k l e Wa s s e r d o r t , w o s i c h d e r b l a s s e
M o n d i m Wa s s e r s p i e g e l t .
Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung gelangt man,
wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache umkehrt, also
anstatt: sich ins Wasser stürzen, – aus dem Wasser herauskommen, d. h.:
geboren werden(157). Die Lokalität, aus der man geboren wird, erkennt
man, wenn man an den mutwilligen Sinn von »la lune« im Französischen
denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind
hergekommen zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin
sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt »geboren zu werden«? Ich
befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch
die Kur wie n e u g e b o r e n? So wird dieser Traum zur Einladung, die
Behandlung an jenem Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen;
er enthält vielleicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches,
selbst Mutter zu werden(158).
Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung einer
Arbeit von E. J o n e s: »S i e s t a n d a m M e e r e s u f e r u n d
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der
i h r i g e z u s e i n s c h i e n , w ä h r e n d e r i n s Wa s s e r
w a t e t e . D i e s t a t e r s o w e i t , b i s d a s Wa s s e r i h n
bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen
konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und
nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich dann
in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte
verließ sie, und sie ›trat in ein Gespräch mit‹
e i n e m F r e m d e n .«
Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der
Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung
intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste Teil des Traumes
Page 350
war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den Träumen wie in der
Mythologie wird die Entbindung eines Kindes a u s dem Fruchtwasser
gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt des Kindes i n s Wasser
dargestellt; neben vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris,
Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und
Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an die
Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen
Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an den ins Wasser
steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah,
wie sie ihn aus dem Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn
wusch und kleidete und schließlich in ihr Haus führte.
Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche das
Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen
Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes entspricht
dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. Außer der
früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte
des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind i n d a s W a s s e r
und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde liegenden Traumgedanken
tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann v e r l ä ß t das Kind das
Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte
sie; in den Traumgedanken verläßt sie ihren Gatten. (Übersetzt von O.
R a n k.)
Geburts-Rettungsträume.
Einen weiteren Geburtstraum erzählt A b r a h a m von einer jungen,
ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle des
Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins Wasser
(Geburtsweg – Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fußboden auf und
sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das
beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere
Bruder der Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen
Verhältnis gestanden hatte.
R a n k hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburtsträume
sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. Der erotische
Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schichtung der Bedeutung
Mythologie wird die Entbindung eines Kindes a u s dem Fruchtwasser
gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt des Kindes i n s Wasser
dargestellt; neben vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris,
Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und
Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an die
Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen
Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an den ins Wasser
steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah,
wie sie ihn aus dem Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn
wusch und kleidete und schließlich in ihr Haus führte.
Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche das
Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen
Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes entspricht
dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. Außer der
früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte
des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind i n d a s W a s s e r
und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde liegenden Traumgedanken
tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann v e r l ä ß t das Kind das
Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte
sie; in den Traumgedanken verläßt sie ihren Gatten. (Übersetzt von O.
R a n k.)
Geburts-Rettungsträume.
Einen weiteren Geburtstraum erzählt A b r a h a m von einer jungen,
ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle des
Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins Wasser
(Geburtsweg – Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fußboden auf und
sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das
beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere
Bruder der Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen
Verhältnis gestanden hatte.
R a n k hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburtsträume
sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. Der erotische
Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schichtung der Bedeutung
Page 351
in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungswandel des Symbols seit
der Kindheit.
Den G e b u r t s t r ä u m e n schließen sich die Träume von
»R e t t u n g e n« an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist
gleichbedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird,
modifiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen
solchen Traum bei P f i s t e r: Ein Fall von psychoanalytischer Seelsorge
und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) – Über das Symbol des
»Rettens« vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der
psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt für Psychoanalyse, Nr. 1, 1910,
sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen besonderen
Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A., Bd. II, 1910(159).
Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen man sich
vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich den Schlafenden
heimsuchen, entstammen einer und derselben infantilen Reminiszenz. Es
sind die nächtlichen Besucher, die das Kind aus dem Schlafe geweckt
haben, um es auf den Topf zu setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder die
die Decke gehoben haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während des
Schlafens die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angstträume
habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung
bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden
wohl eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande entsprechen.
f) B e i s p i e l e v o n D a r s t e l l u n g e n. – R e c h n e n u n d R e d e n
i m T r a u m e.
Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden Momente
an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner Traumsammlung
einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zusammenwirken der drei
uns bekannten Momente erläutern, teils Beweise für frei hingestellte
Behauptungen nachtragen oder unabweisbare Folgerungen aus ihnen
ausführen können. Es ist mir ja in der vorstehenden Darstellung der
Traumarbeit recht schwer geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu
erweisen. Die Beispiele für die einzelnen Sätze sind nur im
der Kindheit.
Den G e b u r t s t r ä u m e n schließen sich die Träume von
»R e t t u n g e n« an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist
gleichbedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird,
modifiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen
solchen Traum bei P f i s t e r: Ein Fall von psychoanalytischer Seelsorge
und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) – Über das Symbol des
»Rettens« vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der
psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt für Psychoanalyse, Nr. 1, 1910,
sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen besonderen
Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A., Bd. II, 1910(159).
Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen man sich
vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich den Schlafenden
heimsuchen, entstammen einer und derselben infantilen Reminiszenz. Es
sind die nächtlichen Besucher, die das Kind aus dem Schlafe geweckt
haben, um es auf den Topf zu setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder die
die Decke gehoben haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während des
Schlafens die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angstträume
habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung
bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden
wohl eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande entsprechen.
f) B e i s p i e l e v o n D a r s t e l l u n g e n. – R e c h n e n u n d R e d e n
i m T r a u m e.
Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden Momente
an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner Traumsammlung
einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zusammenwirken der drei
uns bekannten Momente erläutern, teils Beweise für frei hingestellte
Behauptungen nachtragen oder unabweisbare Folgerungen aus ihnen
ausführen können. Es ist mir ja in der vorstehenden Darstellung der
Traumarbeit recht schwer geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu
erweisen. Die Beispiele für die einzelnen Sätze sind nur im
Page 352
Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig; aus dem
Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und eine auch nur
wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich, daß sie den Faden
der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt. Dieses
technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei aneinanderreihe,
was nur durch die Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes
zusammengehalten wird.
Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame
heißt es: E i n S t u b e n m ä d c h e n s t e h t a u f d e r L e i t e r w i e
zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
e i n e G o r i l l a k a t z e (später korrigiert: A n g o r a k a t z e) b e i s i c h .
Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der
Schimpanse schmiegt sich an die letztere an, und
d a s i s t s e h r e k e l h a f t . Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein
höchst einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich
nahm und nach ihrem Wortlaute darstellte. »Affe« wie Tiernamen
überhaupt sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts
anderes als »m i t S c h i m p f w o r t e n u m s i c h w e r f e n«. Diese
selbe Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses
einfachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.
Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: E i n e F r a u m i t e i n e m
Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel
hat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch
die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte
den Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in
eine bessere Form bringen, allein das würde dem
Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist,
s c h a d e t e s i h m w e n i g e r . – Dieser Traum enthält die plastische
Darstellung des abstrakten Begriffes: »K i n d e r e i n d r ü c k e«, den die
Träumerin in den Erklärungen zur Kur gehört hat.
Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug zum
Hilmteich bei Graz: E s i s t e i n s c h r e c k l i c h e s W e t t e r
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden
t r o p f t d a s W a s s e r , d i e B e t t e n s i n d f e u c h t . (Letzteres
Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und eine auch nur
wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich, daß sie den Faden
der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt. Dieses
technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei aneinanderreihe,
was nur durch die Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes
zusammengehalten wird.
Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame
heißt es: E i n S t u b e n m ä d c h e n s t e h t a u f d e r L e i t e r w i e
zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
e i n e G o r i l l a k a t z e (später korrigiert: A n g o r a k a t z e) b e i s i c h .
Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der
Schimpanse schmiegt sich an die letztere an, und
d a s i s t s e h r e k e l h a f t . Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein
höchst einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich
nahm und nach ihrem Wortlaute darstellte. »Affe« wie Tiernamen
überhaupt sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts
anderes als »m i t S c h i m p f w o r t e n u m s i c h w e r f e n«. Diese
selbe Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses
einfachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.
Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: E i n e F r a u m i t e i n e m
Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel
hat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch
die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte
den Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in
eine bessere Form bringen, allein das würde dem
Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist,
s c h a d e t e s i h m w e n i g e r . – Dieser Traum enthält die plastische
Darstellung des abstrakten Begriffes: »K i n d e r e i n d r ü c k e«, den die
Träumerin in den Erklärungen zur Kur gehört hat.
Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug zum
Hilmteich bei Graz: E s i s t e i n s c h r e c k l i c h e s W e t t e r
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden
t r o p f t d a s W a s s e r , d i e B e t t e n s i n d f e u c h t . (Letzteres
Page 353
Stück des Inhaltes ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der
Traum bedeutet »ü b e r f l ü s s i g«. Das Abstraktum, das sich in den
Traumgedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
worden, etwa durch »überfließend« ersetzt oder durch »flüssig und
überflüssig«, und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur
Darstellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden,
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und »ü b e r«flüssig. –
Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie weit hinter
dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade wundernehmen, wenn
sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten gestatten darf. In einem
weitläufigen von R a n k mitgeteilten und sehr eingehend analysierten
Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, daß sie zwischen Feldern
spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und Korn ä h r e n abschneidet. Ein
Jugendfreund kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn
anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es sich um einen K u ß i n E h r e n
handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen, sondern
abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum als solche und in
ihrer Verdichtung mit E h r e, E h r u n g e n zur Darstellung einer ganzen
Reihe von anderen Gedanken.
Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Darstellung
seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze Reihe von
Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret gemeint waren und
gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne gebraucht werden. Der
Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere volle Bedeutung
wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit
herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem K a s t e n
steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen
»S c h r a n k« und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser Bruder sich
»e i n s c h r ä n k e n« solle, an seiner Statt nämlich. Ein anderer Träumer
steigt auf einen Berg, von dem aus er eine ganz außerordentlich weite
A u s s i c h t hat. Er identifiziert sich dabei mit einem Bruder, der eine
»R u n d s c h a u« herausgibt, welche sich mit den Beziehungen zum
fernsten Osten beschäftigt.
In einem Traum des »G r ü n e n H e i n r i c h« wälzt sich ein
übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber »ein süßer
Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig« ist, »zusammen in rote
Traum bedeutet »ü b e r f l ü s s i g«. Das Abstraktum, das sich in den
Traumgedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
worden, etwa durch »überfließend« ersetzt oder durch »flüssig und
überflüssig«, und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur
Darstellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden,
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und »ü b e r«flüssig. –
Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie weit hinter
dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade wundernehmen, wenn
sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten gestatten darf. In einem
weitläufigen von R a n k mitgeteilten und sehr eingehend analysierten
Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, daß sie zwischen Feldern
spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und Korn ä h r e n abschneidet. Ein
Jugendfreund kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn
anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es sich um einen K u ß i n E h r e n
handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen, sondern
abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum als solche und in
ihrer Verdichtung mit E h r e, E h r u n g e n zur Darstellung einer ganzen
Reihe von anderen Gedanken.
Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Darstellung
seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze Reihe von
Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret gemeint waren und
gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne gebraucht werden. Der
Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere volle Bedeutung
wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit
herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem K a s t e n
steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen
»S c h r a n k« und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser Bruder sich
»e i n s c h r ä n k e n« solle, an seiner Statt nämlich. Ein anderer Träumer
steigt auf einen Berg, von dem aus er eine ganz außerordentlich weite
A u s s i c h t hat. Er identifiziert sich dabei mit einem Bruder, der eine
»R u n d s c h a u« herausgibt, welche sich mit den Beziehungen zum
fernsten Osten beschäftigt.
In einem Traum des »G r ü n e n H e i n r i c h« wälzt sich ein
übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber »ein süßer
Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig« ist, »zusammen in rote
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Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden«. Der
Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort die Deutung dieser
Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es
ruft: D e r H a f e r s t i c h t m i c h .
Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitztraum
macht (nach H e n z e n) die altnordische Sagaliteratur, in der sich kaum ein
Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet.
Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu sammeln
und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu ordnen. Manche
dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man hat den Eindruck, daß
man sie niemals selbst erraten hätte, wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen
wüßte:
1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den er sich
aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen: E s f ä l l t
mir nicht im Traume ein.
2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handelnden
Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, daß es sich
um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln muß, denn
damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen.
Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt nicht auf.
Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch anders
ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht die betreffenden
Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines langen Weges oder
so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten Opernglas betrachten
würde.
3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucksweise
geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in gewissem
Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein Zug
ankomme. Dann werde aber der P e r r o n a n d e n s t e h e n d e n Z u g
a n g e n ä h e r t, also eine absurde Umkehrung des wirklichen Vorganges.
Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran mahnt, daß
etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse
desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen
Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort die Deutung dieser
Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es
ruft: D e r H a f e r s t i c h t m i c h .
Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitztraum
macht (nach H e n z e n) die altnordische Sagaliteratur, in der sich kaum ein
Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet.
Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu sammeln
und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu ordnen. Manche
dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man hat den Eindruck, daß
man sie niemals selbst erraten hätte, wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen
wüßte:
1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den er sich
aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen: E s f ä l l t
mir nicht im Traume ein.
2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handelnden
Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, daß es sich
um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln muß, denn
damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen.
Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt nicht auf.
Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch anders
ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht die betreffenden
Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines langen Weges oder
so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten Opernglas betrachten
würde.
3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucksweise
geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in gewissem
Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein Zug
ankomme. Dann werde aber der P e r r o n a n d e n s t e h e n d e n Z u g
a n g e n ä h e r t, also eine absurde Umkehrung des wirklichen Vorganges.
Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran mahnt, daß
etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse
desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen
Page 355
Männer dargestellt waren, die auf dem Kopfe standen und auf den Händen
gingen.
4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel gibt ihm im
Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung hinzu, die ich nie
gefunden hätte, das heiße: A u t o e r o t i s m u s. Ein Scherz im Wachen
hätte ebenso lauten können.
5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das heißt: Er
gibt ihr den Vo r z u g.
6. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser gegenüber:
Er bringt sich in G e g e n s a t z zum Vater.
7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines
K n o c h e n b r u c h e s. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstellung
eines E h e b r u c h e s u. dgl.
8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebenszeiten
der Kindheit. So bedeutet z. B. um ¼6 Uhr früh bei einem Träumer das
Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt
eines jüngeren Bruders.
9. Eine andere Darstellung von L e b e n s z e i t e n im Traume: Eine
Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander sind. – Die
Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie
deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß der
Traum sie mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien
um soviel voneinander entfernt. (3½ und 4¾ J.)
10. (H. S a c h s.) »Aus der ›Traumdeutung‹ wissen wir, daß die
Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine
Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze machen
und, den Doppelsinn als ›Weiche‹ benutzend, statt der ersten, in den
Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den manifesten
Trauminhalt aufnehmen.
Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume geschehen
und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen rezenten
Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.
gingen.
4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel gibt ihm im
Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung hinzu, die ich nie
gefunden hätte, das heiße: A u t o e r o t i s m u s. Ein Scherz im Wachen
hätte ebenso lauten können.
5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das heißt: Er
gibt ihr den Vo r z u g.
6. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser gegenüber:
Er bringt sich in G e g e n s a t z zum Vater.
7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines
K n o c h e n b r u c h e s. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstellung
eines E h e b r u c h e s u. dgl.
8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebenszeiten
der Kindheit. So bedeutet z. B. um ¼6 Uhr früh bei einem Träumer das
Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt
eines jüngeren Bruders.
9. Eine andere Darstellung von L e b e n s z e i t e n im Traume: Eine
Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander sind. – Die
Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie
deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß der
Traum sie mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien
um soviel voneinander entfernt. (3½ und 4¾ J.)
10. (H. S a c h s.) »Aus der ›Traumdeutung‹ wissen wir, daß die
Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine
Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze machen
und, den Doppelsinn als ›Weiche‹ benutzend, statt der ersten, in den
Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den manifesten
Trauminhalt aufnehmen.
Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume geschehen
und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen rezenten
Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.
Page 356
Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und deshalb am
Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während der Nacht
nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur meine Tagesarbeit
fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein
Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden
Platz anzuweisen. Der Traum lautete:
›I c h b e m ü h e m i c h , e i n e n A u s s c h n i t t i n d a s B u c h
zu kleben; er geht aber nicht auf die Seite, was
m i r g r o ß e n S c h m e r z v e r u r s a c h t .‹
Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des Traumes als
realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, meinem Vorsatz
untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ›Hüter des Schlafes‹ die
Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, durch die Darstellung der
Worte ›er geht aber nicht auf die Seite‹ vorgetäuscht.«
Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr sprödem
Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene Verwertung
sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume h a t m i r d e r
alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein
Präparat an und klaube etwas heraus, was wie
z e r k n ü l l t e s S i l b e r p a p i e r a u s s i e h t . (Von diesem Traume
noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
»Staniol«, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen S t a n n i u s meine,
den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Abhandlung
über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche
Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das
Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name war im
Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.
Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonderbarem
Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkenswert ist und
sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame erzählt: Ich kann
mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt habe, d e r l i e b e
Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf dem
K o p f e. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr oft bei Tische
aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen
könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich
Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während der Nacht
nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur meine Tagesarbeit
fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein
Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden
Platz anzuweisen. Der Traum lautete:
›I c h b e m ü h e m i c h , e i n e n A u s s c h n i t t i n d a s B u c h
zu kleben; er geht aber nicht auf die Seite, was
m i r g r o ß e n S c h m e r z v e r u r s a c h t .‹
Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des Traumes als
realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, meinem Vorsatz
untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ›Hüter des Schlafes‹ die
Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, durch die Darstellung der
Worte ›er geht aber nicht auf die Seite‹ vorgetäuscht.«
Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr sprödem
Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene Verwertung
sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume h a t m i r d e r
alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein
Präparat an und klaube etwas heraus, was wie
z e r k n ü l l t e s S i l b e r p a p i e r a u s s i e h t . (Von diesem Traume
noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
»Staniol«, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen S t a n n i u s meine,
den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Abhandlung
über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche
Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das
Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name war im
Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.
Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonderbarem
Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkenswert ist und
sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame erzählt: Ich kann
mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt habe, d e r l i e b e
Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf dem
K o p f e. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr oft bei Tische
aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen
könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich
Page 357
gehört habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles
auch trotz des aufgesetzten Hutes.
Zahlen und Rechnungen im Traum.
Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, den
Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an den Z a h l e n
u n d R e c h n u n g e n zeigen, die in Träumen vorkommen. Geträumte
Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders verheißungsvoll. Ich
werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner Sammlung
heraussuchen.
I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
S i e w i l l i r g e n d e t w a s b e z a h l e n ; i h r e To c h t e r
n i m m t i h r 3 fl. 65 kr. a u s d e r G e l d t a s c h e ; s i e s a g t
a b e r : W a s t u s t d u ? E s k o s t e t j a n u r 21 kr. Dieses
Stückchen Traum war mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne
weitere Aufklärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die
ihre Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und
meine Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. In
drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch die Kur.
Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin nahegelegt, ob
sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr
zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt,
daß sie in diesem Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte.
Darauf bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die
drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich
ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele
Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten
standen, werden im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit
ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn »T i m e i s m o n e y«, Zeit
hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie des
Lehrjahres im Institut verkleinert.
II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem anderen
Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren verheiratete
auch trotz des aufgesetzten Hutes.
Zahlen und Rechnungen im Traum.
Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, den
Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an den Z a h l e n
u n d R e c h n u n g e n zeigen, die in Träumen vorkommen. Geträumte
Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders verheißungsvoll. Ich
werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner Sammlung
heraussuchen.
I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
S i e w i l l i r g e n d e t w a s b e z a h l e n ; i h r e To c h t e r
n i m m t i h r 3 fl. 65 kr. a u s d e r G e l d t a s c h e ; s i e s a g t
a b e r : W a s t u s t d u ? E s k o s t e t j a n u r 21 kr. Dieses
Stückchen Traum war mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne
weitere Aufklärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die
ihre Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und
meine Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. In
drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch die Kur.
Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin nahegelegt, ob
sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr
zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt,
daß sie in diesem Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte.
Darauf bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die
drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich
ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele
Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten
standen, werden im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit
ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn »T i m e i s m o n e y«, Zeit
hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie des
Lehrjahres im Institut verkleinert.
II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem anderen
Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren verheiratete
Page 358
Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Elise L., sich eben
verlobt hat. Daraufhin träumt sie: S i e s i t z t m i t i h r e m M a n n e
im Theater, eine Seite des Parketts ist ganz
unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
n u r s c h l e c h t e S i t z e b e k o m m e n , 3 f ü r 1 fl. 50 kr. , u n d
die konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es
wäre auch kein Unglück gewesen.
Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indifferenten Anlaß
des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 150 fl. zum
Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, indem sie sich
einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl. 100 mal
mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür
ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate –
d r e i – jünger ist als sie. Zur Auflösung des Traumes führt dann die
Erkundigung, was der Zug im Traume, daß eine Seite des Parketts leer
bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine
kleine Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben
hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten
Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte.
Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses
fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, s i c h s o s e h r z u
b e e i l e n.
Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: »Ein
U n s i n n war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht n ö t i g
g e h a b t , m i c h s o z u b e e i l e n; an dem Beispiele der Elise L. sehe
ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen
h u n d e r t m a l besseren (Mann, Schatz), wenn ich n u r g e w a r t e t hätte
(Gegensatz zu dem B e e i l e n der Schwägerin). D r e i solche Männer hätte
ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!« Wir werden darauf
aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen in weit höherem Grade
Bedeutung und Zusammenhang verändert haben als im vorher behandelten.
Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger
gewesen, was wir so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer
Darstellung ein besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu
verlobt hat. Daraufhin träumt sie: S i e s i t z t m i t i h r e m M a n n e
im Theater, eine Seite des Parketts ist ganz
unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
n u r s c h l e c h t e S i t z e b e k o m m e n , 3 f ü r 1 fl. 50 kr. , u n d
die konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es
wäre auch kein Unglück gewesen.
Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indifferenten Anlaß
des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 150 fl. zum
Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, indem sie sich
einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl. 100 mal
mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür
ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate –
d r e i – jünger ist als sie. Zur Auflösung des Traumes führt dann die
Erkundigung, was der Zug im Traume, daß eine Seite des Parketts leer
bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine
kleine Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben
hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten
Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte.
Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses
fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, s i c h s o s e h r z u
b e e i l e n.
Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: »Ein
U n s i n n war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht n ö t i g
g e h a b t , m i c h s o z u b e e i l e n; an dem Beispiele der Elise L. sehe
ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen
h u n d e r t m a l besseren (Mann, Schatz), wenn ich n u r g e w a r t e t hätte
(Gegensatz zu dem B e e i l e n der Schwägerin). D r e i solche Männer hätte
ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!« Wir werden darauf
aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen in weit höherem Grade
Bedeutung und Zusammenhang verändert haben als im vorher behandelten.
Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger
gewesen, was wir so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer
Darstellung ein besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu
Page 359
überwinden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume
ein absurdes Element enthalten ist, nämlich daß z w e i Personen d r e i Sitze
nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im Traume über,
wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Trauminhaltes den
meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein U n s i n n war es, so
früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden
verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist
dann geschickt zur Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns
verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr.
entspricht der G e r i n g s c h ä t z u n g d e s M a n n e s (oder Schatzes) in
den unterdrückten Gedanken der Träumerin.
III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor, die
ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: E r s i t z t b e i
B . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) u n d s a g t : E s
war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie
a l t s i n d S i e d e n n ? A n t w o r t : I c h b i n 1882 g e b o r e n . –
A h , d a n n s i n d S i e 28 J a h r e a l t .
Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht
gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers
an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa nicht anders aufklären läßt.
Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken kein
Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in
meinem Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine
junge Dame, der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit
der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28
J a h r e schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren
Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es
nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen
Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden
keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung
gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren »g e s e t z t e n« Herrn.
Rechnen und Reden im Traum.
ein absurdes Element enthalten ist, nämlich daß z w e i Personen d r e i Sitze
nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im Traume über,
wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Trauminhaltes den
meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein U n s i n n war es, so
früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden
verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist
dann geschickt zur Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns
verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr.
entspricht der G e r i n g s c h ä t z u n g d e s M a n n e s (oder Schatzes) in
den unterdrückten Gedanken der Träumerin.
III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor, die
ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: E r s i t z t b e i
B . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) u n d s a g t : E s
war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie
a l t s i n d S i e d e n n ? A n t w o r t : I c h b i n 1882 g e b o r e n . –
A h , d a n n s i n d S i e 28 J a h r e a l t .
Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht
gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers
an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa nicht anders aufklären läßt.
Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken kein
Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in
meinem Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine
junge Dame, der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit
der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28
J a h r e schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren
Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es
nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen
Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden
keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung
gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren »g e s e t z t e n« Herrn.
Rechnen und Reden im Traum.
Page 360
IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige
Determinierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist,
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. D a t t n e r:
»Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt, er
stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt ein
Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder
26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier draufgewesen. Schon die
Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf
schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. Sie
hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm
ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei.
Der Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate,
um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst
die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der
Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst, er versieht seinen
Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat seine 2 Jahre und 2
Monate abgedient und kann nun wie der 62 jährige Inspektor mit voller
Pension aus dem Amte scheiden(160).«
Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele
zusammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise
als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen,
wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Reden.
Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. Soviel von
Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, die an sich sinnig
oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt uns jedesmal, daß der
Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten Reden
den Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen
verfahren ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und
zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, sondern
auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende
Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser
Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken
Determinierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist,
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. D a t t n e r:
»Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt, er
stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt ein
Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder
26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier draufgewesen. Schon die
Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf
schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. Sie
hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm
ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei.
Der Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate,
um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst
die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der
Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst, er versieht seinen
Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat seine 2 Jahre und 2
Monate abgedient und kann nun wie der 62 jährige Inspektor mit voller
Pension aus dem Amte scheiden(160).«
Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele
zusammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise
als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen,
wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Reden.
Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. Soviel von
Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, die an sich sinnig
oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt uns jedesmal, daß der
Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten Reden
den Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen
verfahren ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und
zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, sondern
auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende
Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser
Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken
Page 361
hatten, bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn
abgewonnen(161). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der
Traumrede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als
Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir
ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede
hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse
zusammengehalten werden.
In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur für jene
Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der Rede haben und
als »Reden« beschrieben werden. Die anderen, die nicht gleichsam als
gehört oder als gesagt empfunden werden (keine akustische oder
motorische Mitbetonung im Traume haben), sind einfach Gedanken, wie sie
in unserer wachen Denktätigkeit vorkommen und unverändert in viele
Träume übergehen. Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes
scheint auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende
Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig
hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene
oder gehörte Rede.
Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir bereits bei
der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen Zwecken mitgeteilt
worden sind. So in dem »harmlosen Markttraum« auf p. 139, in dem die
Rede: D a s i s t n i c h t m e h r z u h a b e n, dazu dient, mich mit dem
Fleischhauer zu identifizieren, während ein Stück der anderen Rede: D a s
k e n n e i c h n i c h t , d a s n e h m e i c h n i c h t, geradezu die
Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos zu machen. Die Träumerin hatte
nämlich am Vortage irgend welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten
zurückgewiesen: Das kenne ich nicht, b e n e h m e n S i e s i c h
a n s t ä n d i g, und nun von dieser Rede das indifferent klingende erste
Stück in den Traum genommen, um mit ihm auf das spätere Stück
anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr
wohl gepaßt, aber auch dieselbe verraten hätte.
Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche ergaben:
Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt
w e r d e n . Er sagt: D a g e h ’ i c h w e g , d a s k a n n i c h n i c h t
abgewonnen(161). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der
Traumrede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als
Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir
ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede
hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse
zusammengehalten werden.
In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur für jene
Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der Rede haben und
als »Reden« beschrieben werden. Die anderen, die nicht gleichsam als
gehört oder als gesagt empfunden werden (keine akustische oder
motorische Mitbetonung im Traume haben), sind einfach Gedanken, wie sie
in unserer wachen Denktätigkeit vorkommen und unverändert in viele
Träume übergehen. Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes
scheint auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende
Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig
hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene
oder gehörte Rede.
Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir bereits bei
der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen Zwecken mitgeteilt
worden sind. So in dem »harmlosen Markttraum« auf p. 139, in dem die
Rede: D a s i s t n i c h t m e h r z u h a b e n, dazu dient, mich mit dem
Fleischhauer zu identifizieren, während ein Stück der anderen Rede: D a s
k e n n e i c h n i c h t , d a s n e h m e i c h n i c h t, geradezu die
Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos zu machen. Die Träumerin hatte
nämlich am Vortage irgend welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten
zurückgewiesen: Das kenne ich nicht, b e n e h m e n S i e s i c h
a n s t ä n d i g, und nun von dieser Rede das indifferent klingende erste
Stück in den Traum genommen, um mit ihm auf das spätere Stück
anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr
wohl gepaßt, aber auch dieselbe verraten hätte.
Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche ergaben:
Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt
w e r d e n . Er sagt: D a g e h ’ i c h w e g , d a s k a n n i c h n i c h t
Page 362
s e h e n . (Keine deutliche Rede.) D a n n t r i f f t e r z w e i
Fleischhauerbuben und fragt: »Na, h a t ’s
geschmeckt?« Der eine antwortet: Na, nöt gut
w a r ’s . A l s o b e s M e n s c h e n f l e i s c h g e w e s e n w ä r e .
Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht nach dem
Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, aber keineswegs
a p p e t i t l i c h e n Nachbarsleuten. Die gastfreundliche alte Dame befindet
sich eben bei ihrem Abendessen und n ö t i g t ihn (man gebraucht dafür
scherzhaft unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames
Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. »A b e r
g e h e n ’ s w e g, das werden Sie noch vertragen« oder so ähnlich. Er muß
also kosten und rühmt dann das Gebotene vor ihr. »D a s i s t a b e r
g u t .« Mit seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die
Aufdringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten
Speise. »Das kann ich nicht sehen,« das auch im Traume nicht als
eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese
zu schauen nicht begehrt.
Der Traum »Non vixit«.
Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes gestalten, den
ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittelpunkt bildet, schon an
dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdigung der Affekte im Traume
aufklären werde. Ich träume sehr klar: I c h b i n n a c h t s i n s
B r ü c k e sche L a b o r a t o r i u m g e g a n g e n u n d ö f f n e a u f
e i n l e i s e s K l o p f e n a n d e r T ü r d e m (verstorbenen)
Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden
e i n t r i t t u n d s i c h n a c h e i n i g e n Wo r t e n a n s e i n e n
T i s c h s e t z t . Dann folgt ein zweiter Traum: M e i n F r e u n d F l .
ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich
begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit
m e i n e m (verstorbenen) F r e u n d e P. u n d g e h e m i t i h n e n
irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen
Tische gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite
des Tischchens vorn. Fl. erzählt von seiner
Fleischhauerbuben und fragt: »Na, h a t ’s
geschmeckt?« Der eine antwortet: Na, nöt gut
w a r ’s . A l s o b e s M e n s c h e n f l e i s c h g e w e s e n w ä r e .
Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht nach dem
Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, aber keineswegs
a p p e t i t l i c h e n Nachbarsleuten. Die gastfreundliche alte Dame befindet
sich eben bei ihrem Abendessen und n ö t i g t ihn (man gebraucht dafür
scherzhaft unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames
Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. »A b e r
g e h e n ’ s w e g, das werden Sie noch vertragen« oder so ähnlich. Er muß
also kosten und rühmt dann das Gebotene vor ihr. »D a s i s t a b e r
g u t .« Mit seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die
Aufdringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten
Speise. »Das kann ich nicht sehen,« das auch im Traume nicht als
eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese
zu schauen nicht begehrt.
Der Traum »Non vixit«.
Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes gestalten, den
ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittelpunkt bildet, schon an
dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdigung der Affekte im Traume
aufklären werde. Ich träume sehr klar: I c h b i n n a c h t s i n s
B r ü c k e sche L a b o r a t o r i u m g e g a n g e n u n d ö f f n e a u f
e i n l e i s e s K l o p f e n a n d e r T ü r d e m (verstorbenen)
Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden
e i n t r i t t u n d s i c h n a c h e i n i g e n Wo r t e n a n s e i n e n
T i s c h s e t z t . Dann folgt ein zweiter Traum: M e i n F r e u n d F l .
ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich
begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit
m e i n e m (verstorbenen) F r e u n d e P. u n d g e h e m i t i h n e n
irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen
Tische gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite
des Tischchens vorn. Fl. erzählt von seiner
Page 363
Schwester und sagt: In dreiviertel Stunden war sie
tot, und dann etwas wie: Das ist die Schwelle. Da
P. i h n n i c h t v e r s t e h t , w e n d e t s i c h F l . a n m i c h u n d
f r a g t m i c h , w i e v i e l v o n s e i n e n D i n g e n i c h P. d e n n
mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen
A f f e k t e n e r g r i f f e n , F l . m i t t e i l e n w i l l , d a ß P. ( j a
gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am
Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst
b e m e r k e n d : Non vixit. I c h s e h e d a n n P. d u r c h d r i n g e n d
an, unter meinem Blicke wird er bleich,
verschwommen, seine Augen werden krankhaft blau
– und endlich löst er sich auf. Ich bin ungemein
erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst
Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war,
und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche
Person nur so lange besteht, als man es mag, und
daß sie durch den Wunsch des anderen beseitigt
werden kann.
Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt rätselhaften
Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst, daß ich meinen
Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst bemerke; den
unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum selbst für
verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe
Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich »für mein Leben gern« die
volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit
unfähig, das zu tun – was ich nämlich im Traume tue – die Rücksicht auf so
teure Personen meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre
aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So
begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige
Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen.
Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch einen
Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und unheimlich
blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die unverkennbare
Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demonstrator am
physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und
B r ü c k e hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins Schülerlaboratorium
tot, und dann etwas wie: Das ist die Schwelle. Da
P. i h n n i c h t v e r s t e h t , w e n d e t s i c h F l . a n m i c h u n d
f r a g t m i c h , w i e v i e l v o n s e i n e n D i n g e n i c h P. d e n n
mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen
A f f e k t e n e r g r i f f e n , F l . m i t t e i l e n w i l l , d a ß P. ( j a
gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am
Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst
b e m e r k e n d : Non vixit. I c h s e h e d a n n P. d u r c h d r i n g e n d
an, unter meinem Blicke wird er bleich,
verschwommen, seine Augen werden krankhaft blau
– und endlich löst er sich auf. Ich bin ungemein
erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst
Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war,
und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche
Person nur so lange besteht, als man es mag, und
daß sie durch den Wunsch des anderen beseitigt
werden kann.
Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt rätselhaften
Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst, daß ich meinen
Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst bemerke; den
unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum selbst für
verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe
Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich »für mein Leben gern« die
volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit
unfähig, das zu tun – was ich nämlich im Traume tue – die Rücksicht auf so
teure Personen meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre
aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So
begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige
Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen.
Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch einen
Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und unheimlich
blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die unverkennbare
Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demonstrator am
physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und
B r ü c k e hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins Schülerlaboratorium
Page 364
gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete
mich ab. Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht
auf die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchterlichen blauen
Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im
Traume, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich
an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters
erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des
jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können.
Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das »N o n v i x i t« abzuleiten,
mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese zwei
Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als g e s e h e n e so hohe
Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie
stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener
Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:
Saluti patriae
vixit
n o n diu sed totus.
Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feindseligen
Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was heißen sollte:
Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar nicht. Und nun mußte
ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der Enthüllung des
F l e i s c h l-Denkmals in den Arkaden der Universität geträumt worden
war, wobei ich das Denkmal B r ü c k e s wiedergesehen hatte und (im
Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter,
und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod
seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren.
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit dem
Vornamen Josef(162).
Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht
berechtigt, das n o n v i v i t, das ich brauche, durch n o n v i x i t, das mir
die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, zu ersetzen.
Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag
ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der
Traumszene eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen
mich ab. Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht
auf die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchterlichen blauen
Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im
Traume, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich
an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters
erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des
jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können.
Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das »N o n v i x i t« abzuleiten,
mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese zwei
Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als g e s e h e n e so hohe
Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie
stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener
Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:
Saluti patriae
vixit
n o n diu sed totus.
Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feindseligen
Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was heißen sollte:
Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar nicht. Und nun mußte
ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der Enthüllung des
F l e i s c h l-Denkmals in den Arkaden der Universität geträumt worden
war, wobei ich das Denkmal B r ü c k e s wiedergesehen hatte und (im
Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter,
und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod
seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren.
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit dem
Vornamen Josef(162).
Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht
berechtigt, das n o n v i v i t, das ich brauche, durch n o n v i x i t, das mir
die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, zu ersetzen.
Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag
ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der
Traumszene eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen
Page 365
meinen Freund P. zusammentreffen, die erstere oberflächlich, die letztere
verdeckt, und in den nämlichen Worten: N o n v i x i t ihre Darstellung
erreichen. Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte
ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig
gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte
ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei
dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine
ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier
entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den
Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören
wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in
der Rechtfertigungsrede des B r u t u s in S h a k e s p e a r e s J u l i u s
C ä s a r: »Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war,
freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er herrschsüchtig
war, erschlug ich ihn.« Ist das nicht der nämliche Satzbau und
Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe?
Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn ich nur von dieser
überraschenden Kollateralverbindung noch eine andere bestätigende Spur
im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein:
Mein Freund Fl. kommt im J u l i nach Wien. Diese Einzelheit findet gar
keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat J u l i meines
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat J u l i ist nach J u l i u s
C ä s a r benannt und könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte
Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele,
vertreten(163).
Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus gespielt.
Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten vor einem
Auditorium von Kindern aufgeführt und zwar als 14 jähriger Knabe im
Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England zu
uns gekommen war, – auch so ein R e v e n a n t – denn es war der Gespiele
meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem
vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander
geliebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich
schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit
Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele
Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner
unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. Er
verdeckt, und in den nämlichen Worten: N o n v i x i t ihre Darstellung
erreichen. Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte
ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig
gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte
ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei
dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine
ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier
entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den
Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören
wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in
der Rechtfertigungsrede des B r u t u s in S h a k e s p e a r e s J u l i u s
C ä s a r: »Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war,
freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er herrschsüchtig
war, erschlug ich ihn.« Ist das nicht der nämliche Satzbau und
Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe?
Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn ich nur von dieser
überraschenden Kollateralverbindung noch eine andere bestätigende Spur
im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein:
Mein Freund Fl. kommt im J u l i nach Wien. Diese Einzelheit findet gar
keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat J u l i meines
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat J u l i ist nach J u l i u s
C ä s a r benannt und könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte
Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele,
vertreten(163).
Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus gespielt.
Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten vor einem
Auditorium von Kindern aufgeführt und zwar als 14 jähriger Knabe im
Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England zu
uns gekommen war, – auch so ein R e v e n a n t – denn es war der Gespiele
meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem
vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander
geliebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich
schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit
Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele
Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner
unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. Er
Page 366
muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß Mut
bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in späteren Jahren
oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich
verteidigte, als mich der Vater – sein Großvater – zur Rede stellte: Warum
schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht
Zweijährigen: I c h h a b e i h n g e ( s c h ) l a g t , w e i l e r m i c h
g e ( s c h ) l a g t h a t . Diese Kinderszene muß es sein, die n o n v i v i t
zum n o n v i x i t ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt ja
das S c h l a g e n – W i c h s e n; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich
solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig
begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach
überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kindergespielen
abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu
John zurück.
Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.
g) A b s u r d e T r ä u m e. D i e i n t e l l e k t u e l l e n L e i s t u n g e n
i m T r a u m e.
Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Element
der A b s u r d i t ä t im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Untersuchung
nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was es etwa
bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume den Gegnern
der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im Traume nichts anderes
als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten
Geistestätigkeit zu sehen.
Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in den Sinn
des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, die – wie man
zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
Absurde Träume vom toten Vater.
I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren verloren:
bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in späteren Jahren
oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich
verteidigte, als mich der Vater – sein Großvater – zur Rede stellte: Warum
schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht
Zweijährigen: I c h h a b e i h n g e ( s c h ) l a g t , w e i l e r m i c h
g e ( s c h ) l a g t h a t . Diese Kinderszene muß es sein, die n o n v i v i t
zum n o n v i x i t ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt ja
das S c h l a g e n – W i c h s e n; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich
solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig
begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach
überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kindergespielen
abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu
John zurück.
Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.
g) A b s u r d e T r ä u m e. D i e i n t e l l e k t u e l l e n L e i s t u n g e n
i m T r a u m e.
Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Element
der A b s u r d i t ä t im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Untersuchung
nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was es etwa
bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume den Gegnern
der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im Traume nichts anderes
als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten
Geistestätigkeit zu sehen.
Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in den Sinn
des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, die – wie man
zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
Absurde Träume vom toten Vater.
I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren verloren:
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D e m Va t e r i s t e i n g r o ß e s U n g l ü c k w i d e r f a h r e n .
Er ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine
Entgleisung erfolgt, die Sitze sind
zusammengekommen, und ihm ist der Kopf quer
zusammengedrückt worden. Er sieht ihn dann auf
dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem
Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er
w u n d e r t s i c h d a r ü b e r , d a ß d e r Va t e r v e r u n g l ü c k t
i s t (d a e r d o c h s c h o n t o t i s t, wie er bei der Erzählung ergänzt).
D i e A u g e n s i n d s o k l a r.
Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich diesen
Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während er sich den
Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon seit Jahren im
Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht diese Erinnerung auf
und bewirkt, daß er sich über den eigenen Traum noch selbst träumend
verwundert. Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach
solchen Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
B ü s t e des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm v e r u n g l ü c k t
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm
vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der
pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob
auch der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich
daß e r z u s c h m a l i n d e r Q u e r r i c h t u n g von Schläfe zu Schläfe
ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Aufbau dieses
Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohnheit, wenn
geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich
beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm
zu weit würde, zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war
unser Träumer zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole
dem Vater die Augen schwärzte (d i e A u g e n s i n d s o k l a r). – An
der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende,
wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau.
Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die
zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines
Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und
zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über
Er ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine
Entgleisung erfolgt, die Sitze sind
zusammengekommen, und ihm ist der Kopf quer
zusammengedrückt worden. Er sieht ihn dann auf
dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem
Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er
w u n d e r t s i c h d a r ü b e r , d a ß d e r Va t e r v e r u n g l ü c k t
i s t (d a e r d o c h s c h o n t o t i s t, wie er bei der Erzählung ergänzt).
D i e A u g e n s i n d s o k l a r.
Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich diesen
Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während er sich den
Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon seit Jahren im
Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht diese Erinnerung auf
und bewirkt, daß er sich über den eigenen Traum noch selbst träumend
verwundert. Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach
solchen Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
B ü s t e des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm v e r u n g l ü c k t
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm
vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der
pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob
auch der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich
daß e r z u s c h m a l i n d e r Q u e r r i c h t u n g von Schläfe zu Schläfe
ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Aufbau dieses
Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohnheit, wenn
geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich
beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm
zu weit würde, zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war
unser Träumer zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole
dem Vater die Augen schwärzte (d i e A u g e n s i n d s o k l a r). – An
der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende,
wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau.
Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die
zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines
Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und
zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über
Page 368
die Stirn der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen reichte. Da
konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag
vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische Platte mit deren
Abbild gesprungen.
Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich wäre
der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu vermeiden
gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung urteilen dürfte, so
möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität ist ein zugelassener oder
gewollter.
II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen
(ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):
D e r Va t e r h a t n a c h s e i n e m T o d e e i n e p o l i t i s c h e
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch
g e e i n i g t, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: e i n e
Menschenmenge wie im Reichstage; eine Person,
die auf einem oder auf zwei Stühlen steht, andere
um ihn herum. Ich erinnere mich daran, daß er auf
d e m To t e n b e t t e G a r i b a l d i s o ä h n l i c h g e s e h e n h a t ,
u n d f r e u e m i c h , d a ß d i e s e Ve r h e i ß u n g d o c h w a h r
geworden ist.
Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die Ungarn
durch parlamentarische O b s t r u k t i o n in den gesetzlosen Zustand
gerieten und jene Krise durchmachten, aus der K o l o m a n S z e l l sie
befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume gesehene Szene aus
so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Bedeutung für die Aufklärung
dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle Traumdarstellung unserer
Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den Eindruck der Lebensgröße
machen; mein Traumbild ist aber die Reproduktion eines in den Text einer
illustrierten Geschichte Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der
Maria Theresia auf dem Reichstage von Preßburg darstellt; die berühmte
Szene des »Moriamur pro rege nostro«(164). Wie dort Maria Theresia, so
steht im Traume der Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem
konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag
vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische Platte mit deren
Abbild gesprungen.
Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich wäre
der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu vermeiden
gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung urteilen dürfte, so
möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität ist ein zugelassener oder
gewollter.
II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen
(ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):
D e r Va t e r h a t n a c h s e i n e m T o d e e i n e p o l i t i s c h e
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch
g e e i n i g t, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: e i n e
Menschenmenge wie im Reichstage; eine Person,
die auf einem oder auf zwei Stühlen steht, andere
um ihn herum. Ich erinnere mich daran, daß er auf
d e m To t e n b e t t e G a r i b a l d i s o ä h n l i c h g e s e h e n h a t ,
u n d f r e u e m i c h , d a ß d i e s e Ve r h e i ß u n g d o c h w a h r
geworden ist.
Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die Ungarn
durch parlamentarische O b s t r u k t i o n in den gesetzlosen Zustand
gerieten und jene Krise durchmachten, aus der K o l o m a n S z e l l sie
befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume gesehene Szene aus
so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Bedeutung für die Aufklärung
dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle Traumdarstellung unserer
Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den Eindruck der Lebensgröße
machen; mein Traumbild ist aber die Reproduktion eines in den Text einer
illustrierten Geschichte Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der
Maria Theresia auf dem Reichstage von Preßburg darstellt; die berühmte
Szene des »Moriamur pro rege nostro«(164). Wie dort Maria Theresia, so
steht im Traume der Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem
Page 369
oder zwei Stühlen, also als S t u h l r i c h t e r. (Er hat sie g e e i n i g t: – hier
vermittelt die Redensart: Wir werden keinen R i c h t e r brauchen.) Daß er
auf dem Totenbette G a r i b a l d i so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
wirklich alle bemerkt. Er hatte p o s t m o r t a l e Temperatursteigerung,
seine Wangen glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir fort: Und
hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.
Einzelne Absurditäten im Traum.
Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
gerade mit dem »Gemeinen« zu tun bekommen sollen. Das
»p o s t m o r t a l e« der Temperaturerhöhung entspricht den Worten »n a c h
s e i n e m T o d e« im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war die
völlige Darmlähmung (O b s t r u k t i o n) der letzten Wochen gewesen. An
diese knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer meiner
Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, bei welchem
Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft antrug, erzählte mir
einmal höhnend von dem Schmerze einer Verwandten, deren Vater auf der
Straße gestorben und nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei
der Entkleidung der Leiche fand, daß im Moment des Todes oder
p o s t m o r t a l eine S t u h l e n t l e e r u n g stattgefunden hatte. Die Tochter
war so tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die
Erinnerung an den Vater stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche
vorgedrungen, der sich in diesem Traume verkörpert. N a c h s e i n e m
T o d e r e i n u n d g r o ß v o r s e i n e n K i n d e r n d a s t e h e n, wer
möchte das nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes
geraten? Ihr Anschein ist nur dadurch zu stande gekommen, daß eine völlig
zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität
hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im
Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck
nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, absichtlich
hervorgerufener ist(165).
III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein Anlaß
ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir die
Begegnung mit dem Grafen T h u n vor meiner Ferialreise eingegeben hat.
vermittelt die Redensart: Wir werden keinen R i c h t e r brauchen.) Daß er
auf dem Totenbette G a r i b a l d i so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
wirklich alle bemerkt. Er hatte p o s t m o r t a l e Temperatursteigerung,
seine Wangen glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir fort: Und
hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.
Einzelne Absurditäten im Traum.
Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
gerade mit dem »Gemeinen« zu tun bekommen sollen. Das
»p o s t m o r t a l e« der Temperaturerhöhung entspricht den Worten »n a c h
s e i n e m T o d e« im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war die
völlige Darmlähmung (O b s t r u k t i o n) der letzten Wochen gewesen. An
diese knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer meiner
Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, bei welchem
Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft antrug, erzählte mir
einmal höhnend von dem Schmerze einer Verwandten, deren Vater auf der
Straße gestorben und nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei
der Entkleidung der Leiche fand, daß im Moment des Todes oder
p o s t m o r t a l eine S t u h l e n t l e e r u n g stattgefunden hatte. Die Tochter
war so tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die
Erinnerung an den Vater stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche
vorgedrungen, der sich in diesem Traume verkörpert. N a c h s e i n e m
T o d e r e i n u n d g r o ß v o r s e i n e n K i n d e r n d a s t e h e n, wer
möchte das nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes
geraten? Ihr Anschein ist nur dadurch zu stande gekommen, daß eine völlig
zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität
hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im
Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck
nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, absichtlich
hervorgerufener ist(165).
III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein Anlaß
ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir die
Begegnung mit dem Grafen T h u n vor meiner Ferialreise eingegeben hat.
Page 370
Ich fahre in einem Einspänner und gebe Auftrag,
zu einem Bahnhofe zu fahren. »Auf der
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit
Ihnen fahren«, sage ich, nachdem er einen Einwand
gemacht, als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist
es so, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
g e f a h r e n , d i e m a n s o n s t m i t d e r B a h n f ä h r t . Zu dieser
verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende
Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich
nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es
merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische
Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine
Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich später noch
zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung, daß uns
bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit
Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt. Graf T h u n lenkt ja auch den
Staatswagen von Ö s t e r r e i c h. Der nächste Satz im Traume bezieht sich
aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher
identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt
(»Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren«), und diese
Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf
diesen Reisen zu ü b e r m ü d e n pflege (was unverändert in den Traum
gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an
einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum
Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf zu
fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger bei mir
bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach
Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem
W a g e n eine Strecke gefahren bin, d i e m a n s o n s t m i t d e r
B a h n f ä h r t. In Wirklichkeit war es umgekehrt (und »U m g e k e h r t
i s t a u c h g e f a h r e n«); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke,
die du mit der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in
der Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch an,
daß ich anstatt »Stadtbahn« – »Wagen« in den Traum einsetze, was
allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder gute
zu einem Bahnhofe zu fahren. »Auf der
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit
Ihnen fahren«, sage ich, nachdem er einen Einwand
gemacht, als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist
es so, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
g e f a h r e n , d i e m a n s o n s t m i t d e r B a h n f ä h r t . Zu dieser
verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende
Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich
nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es
merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische
Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine
Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich später noch
zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung, daß uns
bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit
Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt. Graf T h u n lenkt ja auch den
Staatswagen von Ö s t e r r e i c h. Der nächste Satz im Traume bezieht sich
aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher
identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt
(»Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren«), und diese
Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf
diesen Reisen zu ü b e r m ü d e n pflege (was unverändert in den Traum
gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an
einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum
Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf zu
fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger bei mir
bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach
Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem
W a g e n eine Strecke gefahren bin, d i e m a n s o n s t m i t d e r
B a h n f ä h r t. In Wirklichkeit war es umgekehrt (und »U m g e k e h r t
i s t a u c h g e f a h r e n«); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke,
die du mit der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in
der Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch an,
daß ich anstatt »Stadtbahn« – »Wagen« in den Traum einsetze, was
allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder gute
Page 371
Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges heraus,
was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe einen
Widerspruch mit einer früheren Rede von mir (»Auf die Bahnstrecke selbst
kann ich mit Ihnen nicht fahren«) herstellt. Da ich aber Stadtbahn und
Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese
ganze rätselhafte Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben.
Die Absurdität ist eine absichtlich hergestellte.
In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die Absurdität im
Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen oder geschaffen
wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden Falle ist folgende: Ich
brauche im Traume eine Absurdität und etwas Unverständliches in
Verbindung mit dem »Fahren«, weil ich in den Traumgedanken ein
gewisses Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abend bei
jener gastfreundlichen und geistreichen Dame, die in einer anderen Szene
des nämlichen Traumes als »Haushälterin« auftritt, hatte ich zwei Rätsel
gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft
bekannt waren, machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die
Lösung zu finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke
mit »Nachkommen« und »Vorfahren«. Sie lauteten, glaube ich, so:
was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe einen
Widerspruch mit einer früheren Rede von mir (»Auf die Bahnstrecke selbst
kann ich mit Ihnen nicht fahren«) herstellt. Da ich aber Stadtbahn und
Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese
ganze rätselhafte Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben.
Die Absurdität ist eine absichtlich hergestellte.
In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die Absurdität im
Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen oder geschaffen
wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden Falle ist folgende: Ich
brauche im Traume eine Absurdität und etwas Unverständliches in
Verbindung mit dem »Fahren«, weil ich in den Traumgedanken ein
gewisses Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abend bei
jener gastfreundlichen und geistreichen Dame, die in einer anderen Szene
des nämlichen Traumes als »Haushälterin« auftritt, hatte ich zwei Rätsel
gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft
bekannt waren, machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die
Lösung zu finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke
mit »Nachkommen« und »Vorfahren«. Sie lauteten, glaube ich, so:
Page 372
Der Herr befiehlt’s,
Der K u t s c h e r tut’s.
Ein jeder hat’s,
Im Grabe ruht’s.
(Vo r f a h r e n.)
Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte identisch
mit dem ersten war:
Der Herr befiehlt’s,
Der K u t s c h e r tut’s.
Nicht jeder hat’s,
In der Wiege ruht’s.
(N a c h k o m m e n.)
Als ich nun den Grafen T h u n so großmächtig v o r f a h r e n sah, in die
»F i g a r o«-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen Herren darin
findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren zu werden
(N a c h k o m m e n zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht mit
Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher einmal in
unseren Landen »Herr Schwager« zu sagen pflegte, konnte die
Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbeziehen. Der
Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: E s i s t e i n
U n s i n n , a u f s e i n e Vo r f a h r e n s t o l z z u s e i n . L i e b e r
b i n i c h s e l b e r e i n Vo r f a h r , e i n A h n h e r r . Wegen dieses
Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt löst sich wohl
auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß ich mit dem
Kutscher schon v o r h e r g e f a h r e n, mit ihm schon v o r g e f a h r e n.
Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den
Traumgedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt:
D a s i s t e i n U n s i n n, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird
somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Widerspruch
darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen
Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem
Der K u t s c h e r tut’s.
Ein jeder hat’s,
Im Grabe ruht’s.
(Vo r f a h r e n.)
Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte identisch
mit dem ersten war:
Der Herr befiehlt’s,
Der K u t s c h e r tut’s.
Nicht jeder hat’s,
In der Wiege ruht’s.
(N a c h k o m m e n.)
Als ich nun den Grafen T h u n so großmächtig v o r f a h r e n sah, in die
»F i g a r o«-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen Herren darin
findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren zu werden
(N a c h k o m m e n zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht mit
Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher einmal in
unseren Landen »Herr Schwager« zu sagen pflegte, konnte die
Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbeziehen. Der
Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: E s i s t e i n
U n s i n n , a u f s e i n e Vo r f a h r e n s t o l z z u s e i n . L i e b e r
b i n i c h s e l b e r e i n Vo r f a h r , e i n A h n h e r r . Wegen dieses
Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt löst sich wohl
auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß ich mit dem
Kutscher schon v o r h e r g e f a h r e n, mit ihm schon v o r g e f a h r e n.
Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den
Traumgedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt:
D a s i s t e i n U n s i n n, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird
somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Widerspruch
darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen
Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem
Page 373
einfachen »Nein« zu übersetzen, sondern soll die Disposition der
Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen
oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traumarbeit etwas
Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum e i n S t ü c k d e s
l a t e n t e n I n h a l t e s i n e i n e m a n i f e s t e F o r m(166).
Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Analyse
gedeutete Traum von der W a g n e r vorstellung, die bis morgens ¾8 Uhr
dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert wird usw.
(siehe p. 254), will offenbar besagen: Das ist eine v e r d r e h t e Welt und
eine v e r r ü c k t e Gesellschaft. Wer’s verdient, den trifft es nicht, und wer
sich nichts daraus macht, der hat’s, womit sie ihr Schicksal im Vergleiche
zu dem ihrer Cousine meint. – Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität
der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch
keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung
absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem
Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die
strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber die
Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode für unser
Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die Äußerungen dieser
Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.
IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat
meiner Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten
f ü r e i n e U n t e r b r i n g u n g i m S p i t a l i m J a h r e 1851 , d i e
w e g e n e i n e s A n f a l l e s b e i m i r n o t w e n d i g w a r. I c h
mache mich darüber lustig, denn erstens war ich
1851 n o c h n i c h t a m L e b e n , z w e i t e n s i s t m e i n Va t e r ,
auf den es sich beziehen kann, schon tot. Ich gehe
zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf dem Bette
liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Überraschung
e r i n n e r t e r s i c h , d a ß e r d a m a l s 1851 e i n m a l
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt
w e r d e n m u ß t e . E s w a r, a l s e r f ü r d a s H a u s T. . .
gearbeitet. Du hast also auch getrunken, frage ich.
Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen
oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traumarbeit etwas
Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum e i n S t ü c k d e s
l a t e n t e n I n h a l t e s i n e i n e m a n i f e s t e F o r m(166).
Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Analyse
gedeutete Traum von der W a g n e r vorstellung, die bis morgens ¾8 Uhr
dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert wird usw.
(siehe p. 254), will offenbar besagen: Das ist eine v e r d r e h t e Welt und
eine v e r r ü c k t e Gesellschaft. Wer’s verdient, den trifft es nicht, und wer
sich nichts daraus macht, der hat’s, womit sie ihr Schicksal im Vergleiche
zu dem ihrer Cousine meint. – Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität
der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch
keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung
absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem
Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die
strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber die
Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode für unser
Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die Äußerungen dieser
Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.
IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat
meiner Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten
f ü r e i n e U n t e r b r i n g u n g i m S p i t a l i m J a h r e 1851 , d i e
w e g e n e i n e s A n f a l l e s b e i m i r n o t w e n d i g w a r. I c h
mache mich darüber lustig, denn erstens war ich
1851 n o c h n i c h t a m L e b e n , z w e i t e n s i s t m e i n Va t e r ,
auf den es sich beziehen kann, schon tot. Ich gehe
zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf dem Bette
liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Überraschung
e r i n n e r t e r s i c h , d a ß e r d a m a l s 1851 e i n m a l
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt
w e r d e n m u ß t e . E s w a r, a l s e r f ü r d a s H a u s T. . .
gearbeitet. Du hast also auch getrunken, frage ich.
Page 374
Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich
j a 1856 g e b o r e n b i n , w a s m i r a l s u n m i t t e l b a r
folgend vorkommt.
Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus.
Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten zur
Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen einer
besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in den
Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren
wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben und der Vater
als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht
wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur
bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier
der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer
anderen geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum
Vorschein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, und der
Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person
beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in
Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus der
Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte,
ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich abfällig
und verwundert darüber, daß einer meiner Patienten die psychoanalytische
Arbeit bei mir jetzt schon i n s f ü n f t e J a h r fortsetze. Die einleitenden
Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß
dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht
mehr erfüllen konnte (Z a h l u n g s k o s t e n, U n t e r b r i n g u n g i m
S p i t a l); und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen
begannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer
Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren sich
nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich n i c h t s c h n e l l e r
v o r w ä r t s k o m m e, der von der Behandlung dieses Patienten her sich
dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller
machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art sonst überhaupt
j a 1856 g e b o r e n b i n , w a s m i r a l s u n m i t t e l b a r
folgend vorkommt.
Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus.
Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten zur
Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen einer
besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in den
Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren
wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben und der Vater
als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht
wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur
bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier
der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer
anderen geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum
Vorschein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, und der
Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person
beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in
Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus der
Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte,
ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich abfällig
und verwundert darüber, daß einer meiner Patienten die psychoanalytische
Arbeit bei mir jetzt schon i n s f ü n f t e J a h r fortsetze. Die einleitenden
Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß
dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht
mehr erfüllen konnte (Z a h l u n g s k o s t e n, U n t e r b r i n g u n g i m
S p i t a l); und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen
begannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer
Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren sich
nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich n i c h t s c h n e l l e r
v o r w ä r t s k o m m e, der von der Behandlung dieses Patienten her sich
dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller
machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art sonst überhaupt
Page 375
unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind v i e r b i s f ü n f J a h r e
gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn dem Kranken die
Existenz während der Behandlung so sehr erleichtert worden ist?
Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teil
dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken
ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der
Satz: I c h g e h e z u i h m i n s N e b e n z i m m e r usw. das Thema, aus
dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die
Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung
mitgeteilt habe. Er will mich also an die vornehme Uneigennützigkeit
mahnen, die der alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem
Benehmen eines anderen, einer neuen Person bringen. Ich merke hier, daß
der Traum darum den Vater verspotten darf, weil er in den Traumgedanken
in voller Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im
Wesen jeder Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr
ist, eher sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert,
e i n m a l b e t r u n k e n u n d d a r u m e i n g e s p e r r t gewesen zu
sein, enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. Die
von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der große –
M e y n e r t, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin, und
dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung
in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum erinnert mich an seine
eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der Gewohnheit gefrönt,
sich mit C h l o r o f o r m z u b e r a u s c h e n, und habe darum die
A n s t a l t a u f s u c h e n müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm
kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit mit ihm
geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn
als Totkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei
der Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie wissen,
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.« So hatte
er zu meiner Genugtuung u n d z u m e i n e m E r s t a u n e n zugegeben,
wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in dieser Szene
des Traumes M e y n e r t durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen
Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie,
sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Darstellung eines
Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet: Ja, wenn
ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrates, wäre, dann
gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn dem Kranken die
Existenz während der Behandlung so sehr erleichtert worden ist?
Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teil
dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken
ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der
Satz: I c h g e h e z u i h m i n s N e b e n z i m m e r usw. das Thema, aus
dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die
Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung
mitgeteilt habe. Er will mich also an die vornehme Uneigennützigkeit
mahnen, die der alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem
Benehmen eines anderen, einer neuen Person bringen. Ich merke hier, daß
der Traum darum den Vater verspotten darf, weil er in den Traumgedanken
in voller Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im
Wesen jeder Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr
ist, eher sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert,
e i n m a l b e t r u n k e n u n d d a r u m e i n g e s p e r r t gewesen zu
sein, enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. Die
von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der große –
M e y n e r t, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin, und
dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung
in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum erinnert mich an seine
eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der Gewohnheit gefrönt,
sich mit C h l o r o f o r m z u b e r a u s c h e n, und habe darum die
A n s t a l t a u f s u c h e n müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm
kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit mit ihm
geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn
als Totkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei
der Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie wissen,
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.« So hatte
er zu meiner Genugtuung u n d z u m e i n e m E r s t a u n e n zugegeben,
wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in dieser Szene
des Traumes M e y n e r t durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen
Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie,
sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Darstellung eines
Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet: Ja, wenn
ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrates, wäre, dann
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wäre ich freilich r a s c h e r v o r w ä r t s g e k o m m e n. Im Traume
mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und
störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl
1851, die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, a l s w ü r d e
d i e D i f f e r e n z v o n f ü n f J a h r e n g a r n i c h t s b e d e u t e n.
Gerade dies soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht
werden. V i e r b i s f ü n f J a h r e, das ist der Zeitraum, während dessen
ich die Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch
die Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, und
durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. »W a s s i n d
f ü n f J a h r e ?« fragen die Traumgedanken. »D a s i s t f ü r m i c h
k e i n e Z e i t , d a s k o m m t n i c h t i n B e t r a c h t . Ich habe Zeit
genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch nicht
glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.« Außerdem aber
ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders und zwar im
gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch mehrmals im
Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders gefährdet
erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen, darunter einen,
der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor ernannt worden
war.
Der absurde G o e t h e-Traum.
V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von
keinem Geringeren als von Goethe in einem
Aufsatze angegriffen worden, wie wir alle meinen,
mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist
durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er
beklagt sich darüber bitter bei einer
T i s c h g e s e l l s c h a f t ; s e i n e Ve r e h r u n g f ü r G o e t h e h a t
aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht
g e l i t t e n . I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n Ve r h ä l t n i s s e ,
die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und
störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl
1851, die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, a l s w ü r d e
d i e D i f f e r e n z v o n f ü n f J a h r e n g a r n i c h t s b e d e u t e n.
Gerade dies soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht
werden. V i e r b i s f ü n f J a h r e, das ist der Zeitraum, während dessen
ich die Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch
die Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, und
durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. »W a s s i n d
f ü n f J a h r e ?« fragen die Traumgedanken. »D a s i s t f ü r m i c h
k e i n e Z e i t , d a s k o m m t n i c h t i n B e t r a c h t . Ich habe Zeit
genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch nicht
glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.« Außerdem aber
ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders und zwar im
gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch mehrmals im
Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders gefährdet
erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen, darunter einen,
der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor ernannt worden
war.
Der absurde G o e t h e-Traum.
V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von
keinem Geringeren als von Goethe in einem
Aufsatze angegriffen worden, wie wir alle meinen,
mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist
durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er
beklagt sich darüber bitter bei einer
T i s c h g e s e l l s c h a f t ; s e i n e Ve r e h r u n g f ü r G o e t h e h a t
aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht
g e l i t t e n . I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n Ve r h ä l t n i s s e ,
die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
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aufzuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein
Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein muß,
so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es
k o m m t m i r p l a u s i b e l v o r, d a ß e r 1 8 J a h r e a l t w a r.
Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir
gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze
Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in
dem bekannten Aufsatze von Goethe »Natur«
enthalten.
Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn dieses
Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer
T i s c h g e s e l l s c h a f t kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von p a r a l y t i s c h e r
G e i s t e s s t ö r u n g bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; es
ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke ohne
jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf dessen
J u g e n d s t r e i c h e bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach seinem
Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Berechnungen
veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; Proben, die er
übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume
benehme wie ein Paralytiker. (I c h w e i ß n i c h t s i c h e r , w e l c h e s
J a h r w i r s c h r e i b e n .) Anderes Material des Traumes stammt aus
einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Redakteur einer
medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst ungnädige, eine
»v e r n i c h t e n d e« Kritik über das letzte Buch meines Freundes Fl. in
Berlin in sein Blatt aufgenommen, die ein recht j u g e n d l i c h e r und
wenig urteilsfähiger Referent verfaßt hatte. Ich glaubte ein Recht zur
Einmengung zu haben und stellte den Redakteur zur Rede, der die
Aufnahme der Kritik lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht
versprechen wollte. Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift
ab und hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, d a ß u n s e r e
p e r s ö n l i c h e n B e z i e h u n g e n u n t e r d i e s e m Vo r f a l l e
n i c h t l e i d e n w ü r d e n. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die
damals frische Erzählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung
ihres Bruders, der mit dem Ausrufe »N a t u r , N a t u r« in Tobsucht
verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre
jenes schönen A u f s a t z e s v o n G o e t h e und deute auf die
Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein muß,
so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es
k o m m t m i r p l a u s i b e l v o r, d a ß e r 1 8 J a h r e a l t w a r.
Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir
gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze
Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in
dem bekannten Aufsatze von Goethe »Natur«
enthalten.
Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn dieses
Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer
T i s c h g e s e l l s c h a f t kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von p a r a l y t i s c h e r
G e i s t e s s t ö r u n g bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; es
ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke ohne
jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf dessen
J u g e n d s t r e i c h e bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach seinem
Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Berechnungen
veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; Proben, die er
übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume
benehme wie ein Paralytiker. (I c h w e i ß n i c h t s i c h e r , w e l c h e s
J a h r w i r s c h r e i b e n .) Anderes Material des Traumes stammt aus
einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Redakteur einer
medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst ungnädige, eine
»v e r n i c h t e n d e« Kritik über das letzte Buch meines Freundes Fl. in
Berlin in sein Blatt aufgenommen, die ein recht j u g e n d l i c h e r und
wenig urteilsfähiger Referent verfaßt hatte. Ich glaubte ein Recht zur
Einmengung zu haben und stellte den Redakteur zur Rede, der die
Aufnahme der Kritik lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht
versprechen wollte. Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift
ab und hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, d a ß u n s e r e
p e r s ö n l i c h e n B e z i e h u n g e n u n t e r d i e s e m Vo r f a l l e
n i c h t l e i d e n w ü r d e n. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die
damals frische Erzählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung
ihres Bruders, der mit dem Ausrufe »N a t u r , N a t u r« in Tobsucht
verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre
jenes schönen A u f s a t z e s v o n G o e t h e und deute auf die
Page 378
Überarbeitung des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich
zog es vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die
Mindergebildeten bei uns von der »Natur« reden, und daß der Unglückliche
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht
unrecht zu geben. 1 8 J a h r e war das Alter dieses Kranken, als jener
Tobsuchtsanfall sich einstellte.
Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch meines
Freundes (»Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist man es selbst«,
hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den z e i t l i c h e n
Ve r h ä l t n i s s e n des Lebens beschäftigt und auch G o e t h e s
Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie bedeutsamen Zahl
zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich mich im Traume an die
Stelle meines Freundes setze. (I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n
Ve r h ä l t n i s s e . . . e i n w e n i g a u f z u k l ä r e n .) Ich benehme
mich aber wie ein Paralytiker und der Traum schwelgt in Absurdität. Das
heißt also, die Traumgedanken sagen ironisch: »N a t ü r l i c h, er ist der
Narr, der Verrückte, und Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen.
Vielleicht aber doch umgekehrt?« Und diese U m k e h r u n g ist nun
ausgiebig im Trauminhalt vertreten, indem G o e t h e den jungen Mann
angegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch
noch heute den unsterblichen G o e t h e angreifen könnte, und indem ich
vom S t e r b e j a h r e G o e t h e s an rechne, während ich den Paralytiker
von seinem G e b u r t s j a h r e an rechnen ließ.
Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum von anderen
als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß ich es
rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines Freundes zu der
meinigen mache und mich an seine Stelle setze. Meine kritische
Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. Nun spielt aber die
Geschichte des 18 jährigen Kranken und die verschiedenartige Deutung
seines Ausrufes »N a t u r« auf den Gegensatz an, in den ich mich mit
meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu
den meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie deinem
Freunde, so wird es auch dir mit der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch
bereits so ergangen, und nun darf ich das »Er« in den Traumgedanken durch
ein »Wir« ersetzen. »Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.« Daß
»mea res agitur«, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen,
zog es vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die
Mindergebildeten bei uns von der »Natur« reden, und daß der Unglückliche
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht
unrecht zu geben. 1 8 J a h r e war das Alter dieses Kranken, als jener
Tobsuchtsanfall sich einstellte.
Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch meines
Freundes (»Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist man es selbst«,
hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den z e i t l i c h e n
Ve r h ä l t n i s s e n des Lebens beschäftigt und auch G o e t h e s
Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie bedeutsamen Zahl
zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich mich im Traume an die
Stelle meines Freundes setze. (I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n
Ve r h ä l t n i s s e . . . e i n w e n i g a u f z u k l ä r e n .) Ich benehme
mich aber wie ein Paralytiker und der Traum schwelgt in Absurdität. Das
heißt also, die Traumgedanken sagen ironisch: »N a t ü r l i c h, er ist der
Narr, der Verrückte, und Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen.
Vielleicht aber doch umgekehrt?« Und diese U m k e h r u n g ist nun
ausgiebig im Trauminhalt vertreten, indem G o e t h e den jungen Mann
angegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch
noch heute den unsterblichen G o e t h e angreifen könnte, und indem ich
vom S t e r b e j a h r e G o e t h e s an rechne, während ich den Paralytiker
von seinem G e b u r t s j a h r e an rechnen ließ.
Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum von anderen
als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß ich es
rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines Freundes zu der
meinigen mache und mich an seine Stelle setze. Meine kritische
Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. Nun spielt aber die
Geschichte des 18 jährigen Kranken und die verschiedenartige Deutung
seines Ausrufes »N a t u r« auf den Gegensatz an, in den ich mich mit
meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu
den meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie deinem
Freunde, so wird es auch dir mit der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch
bereits so ergangen, und nun darf ich das »Er« in den Traumgedanken durch
ein »Wir« ersetzen. »Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.« Daß
»mea res agitur«, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen,
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unvergleichlich schönen Aufsatzes von G o e t h e, denn der Vortrag dieses
Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden
Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte.
»Geseres und Ungeseres«.
VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, in
dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. Ich
erwähnte auf p. 202 einen kurzen Traum, daß Professor M. sagt: »M e i n
S o h n , d e r M y o p . . .« und gab an, das sei nur ein Vortraum zu
einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist der fehlende
Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche Wortbildung zur
Aufklärung bietet:
W e g e n i r g e n d w e l c h e r Vo r g ä n g e i n d e r S t a d t
Rom ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was
a u c h g e s c h i e h t . D i e S z e n e i s t d a n n v o r e i n e m To r e ,
Doppeltor nach antiker Art (die Porta romana in
Siena, wie ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf
dem Rande eines Brunnens und bin sehr betrübt,
weine fast. Eine weibliche Person – Wärterin,
Nonne – bringt die zwei Knaben heraus und
ü b e r g i b t s i e d e m Va t e r , d e r n i c h t i c h b i n . D e r
ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das
Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die
den Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen
Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote
Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt
a b e r , i h r z u m A b s c h i e d d i e H a n d r e i c h e n d : Auf
Geseres u n d z u u n s b e i d e n ( o d e r z u e i n e m v o n u n s ) :
Auf Ungeseres . I c h h a b e d i e I d e e , d a ß l e t z t e r e s e i n e n
Vo r z u g b e d e u t e t .
Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, die durch
ein im Theater gesehenes Schauspiel »D a s n e u e G h e t t o« angeregt
wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der Kinder, denen man
ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie
Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden
Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte.
»Geseres und Ungeseres«.
VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, in
dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. Ich
erwähnte auf p. 202 einen kurzen Traum, daß Professor M. sagt: »M e i n
S o h n , d e r M y o p . . .« und gab an, das sei nur ein Vortraum zu
einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist der fehlende
Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche Wortbildung zur
Aufklärung bietet:
W e g e n i r g e n d w e l c h e r Vo r g ä n g e i n d e r S t a d t
Rom ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was
a u c h g e s c h i e h t . D i e S z e n e i s t d a n n v o r e i n e m To r e ,
Doppeltor nach antiker Art (die Porta romana in
Siena, wie ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf
dem Rande eines Brunnens und bin sehr betrübt,
weine fast. Eine weibliche Person – Wärterin,
Nonne – bringt die zwei Knaben heraus und
ü b e r g i b t s i e d e m Va t e r , d e r n i c h t i c h b i n . D e r
ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das
Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die
den Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen
Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote
Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt
a b e r , i h r z u m A b s c h i e d d i e H a n d r e i c h e n d : Auf
Geseres u n d z u u n s b e i d e n ( o d e r z u e i n e m v o n u n s ) :
Auf Ungeseres . I c h h a b e d i e I d e e , d a ß l e t z t e r e s e i n e n
Vo r z u g b e d e u t e t .
Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, die durch
ein im Theater gesehenes Schauspiel »D a s n e u e G h e t t o« angeregt
wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der Kinder, denen man
ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie
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freizügig werden können, sind in den zugehörigen Traumgedanken leicht zu
erkennen.
»A n d e n W ä s s e r n B a b e l s s a ß e n w i r u n d w e i n t e n .«
– Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom muß
ich im Traume (vgl. p. 146) mir irgend einen Ersatz aus bekannten
Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena sahen wir ein
großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es das Manicomio, die
Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich gehört, daß ein
Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung an einer staatlichen
Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.
Unser Interesse erweckt die Rede: A u f G e s e r e s, wo man nach der
im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wiedersehen, und
ihr ganz sinnloser Gegensatz: A u f U n g e s e r e s.
G e s e r e s ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schriftgelehrten
geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem Verbum
»goiser« und läßt sich am besten durch »anbefohlene Leiden, Verhängnis«,
wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im Jargon sollte man
meinen, es bedeute »Klagen und Jammern«. U n g e s e r e s ist meine
eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich,
macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des
Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den
Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis
findet ja beim Kaviar statt; der u n g e s a l z e n e wird höher geschätzt als
der g e s a l z e n e. Kaviar fürs Volk, »noble Passionen«: darin liegt eine
scherzhafte Anspielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen,
von der ich hoffe, daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht
nehmen wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines
Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar g e s a l z e n -
u n g e s a l z e n und G e s e r e s - U n g e s e r e s fehlt es aber noch an einem
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in »g e s ä u e r t und
u n g e s ä u e r t«; bei ihrem f l u c h t artigen Auszug aus Ä g y p t e n hatten
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, und essen
zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann
ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses
Stückes der Analyse gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den
erkennen.
»A n d e n W ä s s e r n B a b e l s s a ß e n w i r u n d w e i n t e n .«
– Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom muß
ich im Traume (vgl. p. 146) mir irgend einen Ersatz aus bekannten
Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena sahen wir ein
großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es das Manicomio, die
Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich gehört, daß ein
Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung an einer staatlichen
Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.
Unser Interesse erweckt die Rede: A u f G e s e r e s, wo man nach der
im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wiedersehen, und
ihr ganz sinnloser Gegensatz: A u f U n g e s e r e s.
G e s e r e s ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schriftgelehrten
geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem Verbum
»goiser« und läßt sich am besten durch »anbefohlene Leiden, Verhängnis«,
wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im Jargon sollte man
meinen, es bedeute »Klagen und Jammern«. U n g e s e r e s ist meine
eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich,
macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des
Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den
Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis
findet ja beim Kaviar statt; der u n g e s a l z e n e wird höher geschätzt als
der g e s a l z e n e. Kaviar fürs Volk, »noble Passionen«: darin liegt eine
scherzhafte Anspielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen,
von der ich hoffe, daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht
nehmen wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines
Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar g e s a l z e n -
u n g e s a l z e n und G e s e r e s - U n g e s e r e s fehlt es aber noch an einem
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in »g e s ä u e r t und
u n g e s ä u e r t«; bei ihrem f l u c h t artigen Auszug aus Ä g y p t e n hatten
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, und essen
zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann
ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses
Stückes der Analyse gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den
Page 381
letzten O s t e r tagen in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau
herumspazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen
fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich mußte mich
entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann zu meinem
Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine später im Leben mehr Scharfblick
bei der Auswahl der Personen, von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf
fiel mir ein Schild in die Augen: D r . H e r o d e s, Sprechstunde . . . Ich
meinte: Hoffentlich ist der Kollege nicht gerade K i n d e r a r z t. Mein
Freund hatte mir unterdessen seine Ansichten über die biologische
Bedeutung der b i l a t e r a l e n S y m m e t r i e entwickelt und einen Satz
mit der Einleitung begonnen: »Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn
trügen wie der K y k l o p . . .« Das führt nun zur Rede des Professors im
Vortraume: M e i n S o h n , d e r M y o p. Und nun bin ich zur
Hauptquelle für das G e s e r e s geführt worden. Vor vielen Jahren, als
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, noch
auf der S c h u l b a n k saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der
Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie e i n s e i t i g
bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das a n d e r e
A u g e übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf dem einen
Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für die
Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter ließ sofort den
Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthaltes kommen. Der schlug sich
aber jetzt a u f d i e a n d e r e S e i t e. »W a s m a c h e n S i e f ü r
G e s e r e s ?« herrschte er die Mutter an. »Ist es auf der e i n e n S e i t e gut
geworden, so wird es auch auf der a n d e r e n gut werden.« Und so ward es
auch.
Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die S c h u l b a n k,
auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt, ist durch
Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten übergegangen, dem
ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund lege. Der eine der
Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu
erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion das Kind
davor schützen, k u r z s i c h t i g und e i n s e i t i g zu werden. Daher im
Traume M y o p (dahinter K y k l o p) und die Erörterungen über
B i l a t e r a l i t ä t. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es
kann neben der körperlichen Einseitigkeit die der intellektuellen
Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer
herumspazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen
fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich mußte mich
entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann zu meinem
Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine später im Leben mehr Scharfblick
bei der Auswahl der Personen, von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf
fiel mir ein Schild in die Augen: D r . H e r o d e s, Sprechstunde . . . Ich
meinte: Hoffentlich ist der Kollege nicht gerade K i n d e r a r z t. Mein
Freund hatte mir unterdessen seine Ansichten über die biologische
Bedeutung der b i l a t e r a l e n S y m m e t r i e entwickelt und einen Satz
mit der Einleitung begonnen: »Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn
trügen wie der K y k l o p . . .« Das führt nun zur Rede des Professors im
Vortraume: M e i n S o h n , d e r M y o p. Und nun bin ich zur
Hauptquelle für das G e s e r e s geführt worden. Vor vielen Jahren, als
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, noch
auf der S c h u l b a n k saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der
Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie e i n s e i t i g
bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das a n d e r e
A u g e übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf dem einen
Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für die
Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter ließ sofort den
Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthaltes kommen. Der schlug sich
aber jetzt a u f d i e a n d e r e S e i t e. »W a s m a c h e n S i e f ü r
G e s e r e s ?« herrschte er die Mutter an. »Ist es auf der e i n e n S e i t e gut
geworden, so wird es auch auf der a n d e r e n gut werden.« Und so ward es
auch.
Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die S c h u l b a n k,
auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt, ist durch
Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten übergegangen, dem
ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund lege. Der eine der
Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu
erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion das Kind
davor schützen, k u r z s i c h t i g und e i n s e i t i g zu werden. Daher im
Traume M y o p (dahinter K y k l o p) und die Erörterungen über
B i l a t e r a l i t ä t. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es
kann neben der körperlichen Einseitigkeit die der intellektuellen
Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer
Page 382
Tollheit gerade dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach d e r
e i n e n S e i t e h i n sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach d e r
a n d e r e n h i n das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht
herzustellen. E s h a n d e l t g l e i c h s a m i n B e a c h t u n g d e r
bilateralen Symmetrie!
So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten erscheint. Zu
allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten und es nicht
gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzusetzen. Der Hörer, für
den die untersagte Rede bestimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei
lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame
offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum,
verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen muß, und
darum kann man auch vom Traume aussagen, was H a m l e t, wobei er die
eigentlichen Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich
behauptet: »Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden,
so kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden(167).«
Keine Urteilsleistung im Traume.
Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin aufgelöst,
daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens nicht von den
Träumen geistesgesunder Menschen – und daß die Traumarbeit absurde
Träume und Träume mit einzelnen absurden Elementen produziert, wenn
ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer
Ausdrucksform vorliegt. Es liegt mir nun daran zu zeigen, daß die
Traumarbeit überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten
Momente – und eines vierten noch zu erwähnenden – erschöpft ist, daß sie
sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traumgedanken unter
Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage,
ob die Seele im Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur
mit einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt
geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung über ein
einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche gemacht und
Argumentationen angestellt werden, muß ich die Einwendungen, die aus
e i n e n S e i t e h i n sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach d e r
a n d e r e n h i n das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht
herzustellen. E s h a n d e l t g l e i c h s a m i n B e a c h t u n g d e r
bilateralen Symmetrie!
So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten erscheint. Zu
allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten und es nicht
gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzusetzen. Der Hörer, für
den die untersagte Rede bestimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei
lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame
offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum,
verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen muß, und
darum kann man auch vom Traume aussagen, was H a m l e t, wobei er die
eigentlichen Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich
behauptet: »Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden,
so kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden(167).«
Keine Urteilsleistung im Traume.
Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin aufgelöst,
daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens nicht von den
Träumen geistesgesunder Menschen – und daß die Traumarbeit absurde
Träume und Träume mit einzelnen absurden Elementen produziert, wenn
ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer
Ausdrucksform vorliegt. Es liegt mir nun daran zu zeigen, daß die
Traumarbeit überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten
Momente – und eines vierten noch zu erwähnenden – erschöpft ist, daß sie
sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traumgedanken unter
Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage,
ob die Seele im Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur
mit einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt
geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung über ein
einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche gemacht und
Argumentationen angestellt werden, muß ich die Einwendungen, die aus
Page 383
solchen Vorkommnissen sich ableiten, an ausgewählten Beispielen
erledigen.
Meine Erwiderung lautet: A l l e s , w a s s i c h a l s s c h e i n b a r e
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen
vorfindet, ist nicht etwa als Denkleistung der
Traumarbeit aufzufassen, sondern gehört dem
Material der Traumgedanken an und ist von dorther
als fertiges Gebilde in den manifesten Trauminhalt
g e l a n g t . Ich kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den
Urteilen, die man n a c h d e m E r w a c h e n über den erinnerten Traum
fällt, den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns
hervorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die
Deutung des Traumes einzufügen.
I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine
Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er z u u n k l a r ist. Sie hat
eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, o b e s d e r M a n n
o d e r d e r Va t e r w a r. Dann folgt ein zweites Traumstück, in dem ein
»Misttrügerl« vorkommt, an das folgende Erinnerung sich anschließt. Als
junge Hausfrau äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten,
der im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung eines
neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten Morgen ein solches
zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum
dient der Darstellung der Redensart »Nicht auf meinem eigenen Mist
gewachsen«. Wenn man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es
sich in den Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend
gehörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von
dem es u n k l a r w a r , w e r e i g e n t l i c h d e r Va t e r s e i. Die
Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil über
den ganzen Traum vertreten sein.
II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, der ihm
interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach dem Erwachen:
D a s m u ß i c h d e m D o k t o r e r z ä h l e n . Der Traum wird
analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein Verhältnis, das
er während der Behandlung begonnen, und von dem er sich vorgenommen
hatte, m i r n i c h t s z u e r z ä h l e n(168).
erledigen.
Meine Erwiderung lautet: A l l e s , w a s s i c h a l s s c h e i n b a r e
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen
vorfindet, ist nicht etwa als Denkleistung der
Traumarbeit aufzufassen, sondern gehört dem
Material der Traumgedanken an und ist von dorther
als fertiges Gebilde in den manifesten Trauminhalt
g e l a n g t . Ich kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den
Urteilen, die man n a c h d e m E r w a c h e n über den erinnerten Traum
fällt, den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns
hervorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die
Deutung des Traumes einzufügen.
I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine
Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er z u u n k l a r ist. Sie hat
eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, o b e s d e r M a n n
o d e r d e r Va t e r w a r. Dann folgt ein zweites Traumstück, in dem ein
»Misttrügerl« vorkommt, an das folgende Erinnerung sich anschließt. Als
junge Hausfrau äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten,
der im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung eines
neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten Morgen ein solches
zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum
dient der Darstellung der Redensart »Nicht auf meinem eigenen Mist
gewachsen«. Wenn man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es
sich in den Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend
gehörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von
dem es u n k l a r w a r , w e r e i g e n t l i c h d e r Va t e r s e i. Die
Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil über
den ganzen Traum vertreten sein.
II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, der ihm
interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach dem Erwachen:
D a s m u ß i c h d e m D o k t o r e r z ä h l e n . Der Traum wird
analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein Verhältnis, das
er während der Behandlung begonnen, und von dem er sich vorgenommen
hatte, m i r n i c h t s z u e r z ä h l e n(168).
Page 384
Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen.
III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
I c h g e h e m i t P. d u r c h e i n e G e g e n d , i n d e r
Häuser und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei
die Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im
Traume gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr
g u t a u s ; e r z e i g t m i r e i n e n We g , d e r d u r c h e i n e
Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht
Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre,
sie wohnt im Hintergrunde in einer kleinen
Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe
schon vorher eine undeutliche Person mit meinen
zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir
nehme, nachdem ich eine We i l e mit ihnen
g e s t a n d e n b i n . E i n e A r t Vo r w u r f g e g e n m e i n e F r a u ,
daß sie sie dort gelassen hat.
Beim Erwachen fühle ich dann große B e f r i e d i g u n g, die ich damit
motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es bedeutet:
I c h h a b e s c h o n d a v o n g e t r ä u m t(169). Die Analyse lehrt mich
aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum latenten
Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die
Befriedigung darüber, daß ich in meiner Ehe
K i n d e r b e k o m m e n h a b e. P. ist eine Person, mit der ich ein Stück
weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, die mich dann sozial und
materiell weit überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die
beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine vollständige
Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer
Frau D o n a A . . y (woraus ich D o n i mache), die im K i n d b e t t
gestorben; ich hörte von meiner Frau, daß die Verstorbene von derselben
Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten.
Der Name D o n a war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in
einem englischen Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des
Traumes ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem
Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.
III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
I c h g e h e m i t P. d u r c h e i n e G e g e n d , i n d e r
Häuser und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei
die Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im
Traume gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr
g u t a u s ; e r z e i g t m i r e i n e n We g , d e r d u r c h e i n e
Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht
Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre,
sie wohnt im Hintergrunde in einer kleinen
Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe
schon vorher eine undeutliche Person mit meinen
zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir
nehme, nachdem ich eine We i l e mit ihnen
g e s t a n d e n b i n . E i n e A r t Vo r w u r f g e g e n m e i n e F r a u ,
daß sie sie dort gelassen hat.
Beim Erwachen fühle ich dann große B e f r i e d i g u n g, die ich damit
motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es bedeutet:
I c h h a b e s c h o n d a v o n g e t r ä u m t(169). Die Analyse lehrt mich
aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum latenten
Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die
Befriedigung darüber, daß ich in meiner Ehe
K i n d e r b e k o m m e n h a b e. P. ist eine Person, mit der ich ein Stück
weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, die mich dann sozial und
materiell weit überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die
beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine vollständige
Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer
Frau D o n a A . . y (woraus ich D o n i mache), die im K i n d b e t t
gestorben; ich hörte von meiner Frau, daß die Verstorbene von derselben
Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten.
Der Name D o n a war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in
einem englischen Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des
Traumes ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem
Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.
Page 385
IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus dem
absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische Rolle bei
den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fortdauer der
Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: I c h e r i n n e r e
m i c h d a r a n , d a ß e r a u f d e m To t e n b e t t e G a r i b a l d i
s o ä h n l i c h g e s e h e n , u n d freue mich darüber , d a ß e s d o c h
wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene
F o r t s e t z u n g . ) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese
Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem ich
den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe, die
mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalt in England,
mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der Erwartung über den Vorsatz,
gerade diesen Namen zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte
mit ihm h o c h b e f r i e d i g t schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu
merken, wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen
Gedanken auf die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies
einer der Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene
Unterdrückung derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den
Zusammenhang dieses Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der
Kleine dadurch, daß ihm damals der nämliche – beim Kinde und beim
Sterbenden leicht verzeihliche – Unfall widerfahren war, die Wäsche zu
beschmutzen. Vergleiche hiezu die Anspielung »S t u h l r i c h t e r« und den
Wunsch des Traumes: Vor seinen Kindern g r o ß und r e i n dazustehen.
V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst verbleiben,
sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, heraussuchen
soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden, daß ich mich hiefür
solcher Träume bedienen darf, die bereits in anderer Absicht mitgeteilt
worden sind. Der Traum von G o e t h e, der H e r r n M . angegriffen hat,
scheint eine ganze Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. I c h s u c h e
mir die zeitlichen Ve r h ä l t n i s s e , die mir
unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
a u f z u k l ä r e n . Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
Unsinn gleich, daß G o e t h e einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
literarisch angegriffen haben soll? »E s k o m m t m i r p l a u s i b e l
v o r, daß er 18 Jahre alt war.« Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer
allerdings schwachsinnigen Berechnung; und »I c h w e i ß n i c h t
absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische Rolle bei
den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fortdauer der
Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: I c h e r i n n e r e
m i c h d a r a n , d a ß e r a u f d e m To t e n b e t t e G a r i b a l d i
s o ä h n l i c h g e s e h e n , u n d freue mich darüber , d a ß e s d o c h
wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene
F o r t s e t z u n g . ) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese
Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem ich
den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe, die
mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalt in England,
mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der Erwartung über den Vorsatz,
gerade diesen Namen zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte
mit ihm h o c h b e f r i e d i g t schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu
merken, wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen
Gedanken auf die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies
einer der Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene
Unterdrückung derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den
Zusammenhang dieses Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der
Kleine dadurch, daß ihm damals der nämliche – beim Kinde und beim
Sterbenden leicht verzeihliche – Unfall widerfahren war, die Wäsche zu
beschmutzen. Vergleiche hiezu die Anspielung »S t u h l r i c h t e r« und den
Wunsch des Traumes: Vor seinen Kindern g r o ß und r e i n dazustehen.
V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst verbleiben,
sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, heraussuchen
soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden, daß ich mich hiefür
solcher Träume bedienen darf, die bereits in anderer Absicht mitgeteilt
worden sind. Der Traum von G o e t h e, der H e r r n M . angegriffen hat,
scheint eine ganze Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. I c h s u c h e
mir die zeitlichen Ve r h ä l t n i s s e , die mir
unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
a u f z u k l ä r e n . Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
Unsinn gleich, daß G o e t h e einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
literarisch angegriffen haben soll? »E s k o m m t m i r p l a u s i b e l
v o r, daß er 18 Jahre alt war.« Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer
allerdings schwachsinnigen Berechnung; und »I c h w e i ß n i c h t
Page 386
s i c h e r , w e l c h e s J a h r w i r s c h r e i b e n« wäre ein Beispiel von
Unsicherheit oder Zweifel im Traume.
Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes.
Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese scheinbar
erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute eine andere
Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traumdeutung unentbehrlich
werden und gleichzeitig jede Absurdität vermieden wird. Mit dem Satze:
»I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n Ve r h ä l t n i s s e e i n
w e n i g a u f z u k l ä r e n«, setze ich mich an die Stelle meines Freundes,
der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der
Satz verliert hiemit die Bedeutung eines Urteiles, welches sich gegen den
Unsinn der vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung, »d i e m i r
u n w a h r s c h e i n l i c h v o r k o m m t«, gehört zusammen mit dem
späteren »E s k o m m t m i r p l a u s i b e l v o r«. Ungefähr mit den
gleichen Worten habe ich der Dame, die mir die Krankengeschichte ihres
Bruders erzählte, erwidert: »E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h
v o r, daß der Ausruf »Natur, Natur«, etwas mit G o e t h e zu tun hatte; e s
i s t m i r v i e l p l a u s i b l e r, daß er die Ihnen bekannte sexuelle
Bedeutung gehabt hat.« Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber
nicht im Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von
den Traumgedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet
sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der
Traumgedanken.
Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in
Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges, aus
dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß »i c h n i c h t s i c h e r
b i n , w e l c h e s J a h r w i r s c h r e i b e n«, soll nichts anderes als
meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen Examen
sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.
Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann man
sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der Deutungsarbeit
mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten Zusammenhang der
Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und
jedes Traumelement für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der
Unsicherheit oder Zweifel im Traume.
Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes.
Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese scheinbar
erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute eine andere
Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traumdeutung unentbehrlich
werden und gleichzeitig jede Absurdität vermieden wird. Mit dem Satze:
»I c h s u c h e m i r d i e z e i t l i c h e n Ve r h ä l t n i s s e e i n
w e n i g a u f z u k l ä r e n«, setze ich mich an die Stelle meines Freundes,
der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der
Satz verliert hiemit die Bedeutung eines Urteiles, welches sich gegen den
Unsinn der vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung, »d i e m i r
u n w a h r s c h e i n l i c h v o r k o m m t«, gehört zusammen mit dem
späteren »E s k o m m t m i r p l a u s i b e l v o r«. Ungefähr mit den
gleichen Worten habe ich der Dame, die mir die Krankengeschichte ihres
Bruders erzählte, erwidert: »E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h
v o r, daß der Ausruf »Natur, Natur«, etwas mit G o e t h e zu tun hatte; e s
i s t m i r v i e l p l a u s i b l e r, daß er die Ihnen bekannte sexuelle
Bedeutung gehabt hat.« Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber
nicht im Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von
den Traumgedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet
sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der
Traumgedanken.
Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in
Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges, aus
dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß »i c h n i c h t s i c h e r
b i n , w e l c h e s J a h r w i r s c h r e i b e n«, soll nichts anderes als
meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen Examen
sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.
Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann man
sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der Deutungsarbeit
mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten Zusammenhang der
Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und
jedes Traumelement für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der
Page 387
Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke der Untersuchung wieder
zerbröckelt werden soll. Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht,
daß sich in den Träumen eine psychische Kraft äußert, welche diesen
scheinbaren Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit
gewonnene Material einer s e k u n d ä r e n B e a r b e i t u n g unterzieht.
Wir haben hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der
bei der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden.
VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den bereits
mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zuschrift des
Gemeinderates frage ich: B a l d d a r a u f h a s t d u g e h e i r a t e t ?
Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir
u n m i t t e l b a r f o l g e n d v o r k o m m t . Das kleidet sich ganz in die
Form einer S c h l u ß f o l g e. Der Vater hat bald nach dem Anfall im Jahre
1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; also das stimmt. Wir
wissen, daß dieser Schluß durch die Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der
in den Traumgedanken herrschende Satz lautet: v i e r o d e r f ü n f
Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist nicht zu
r e c h n e n. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach
Form aus den Traumgedanken anders zu determinieren: Es ist der Patient,
über dessen Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach
Beendigung der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im
Traume verkehre, erinnert an ein Ve r h ö r oder ein E x a m e n, und damit
an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges
Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. – Patre? Darauf
sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, und wir
Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen des Vaters
S c h l ü s s e, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal gestattet
hätte. Somit wäre das S c h l u ß z i e h e n des Traumes nur die
Wiederholung des S c h l u ß z i e h e n s, das als ein Stück Material in den
Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. Wenn im
Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicherlich aus den
Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein als ein Stück des
erinnerten Materials oder er kann als logisches Band eine Reihe von
Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß
im Traume einen Schluß aus den Traumgedanken dar(170).
zerbröckelt werden soll. Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht,
daß sich in den Träumen eine psychische Kraft äußert, welche diesen
scheinbaren Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit
gewonnene Material einer s e k u n d ä r e n B e a r b e i t u n g unterzieht.
Wir haben hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der
bei der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden.
VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den bereits
mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zuschrift des
Gemeinderates frage ich: B a l d d a r a u f h a s t d u g e h e i r a t e t ?
Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir
u n m i t t e l b a r f o l g e n d v o r k o m m t . Das kleidet sich ganz in die
Form einer S c h l u ß f o l g e. Der Vater hat bald nach dem Anfall im Jahre
1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; also das stimmt. Wir
wissen, daß dieser Schluß durch die Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der
in den Traumgedanken herrschende Satz lautet: v i e r o d e r f ü n f
Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist nicht zu
r e c h n e n. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach
Form aus den Traumgedanken anders zu determinieren: Es ist der Patient,
über dessen Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach
Beendigung der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im
Traume verkehre, erinnert an ein Ve r h ö r oder ein E x a m e n, und damit
an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges
Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. – Patre? Darauf
sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, und wir
Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen des Vaters
S c h l ü s s e, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal gestattet
hätte. Somit wäre das S c h l u ß z i e h e n des Traumes nur die
Wiederholung des S c h l u ß z i e h e n s, das als ein Stück Material in den
Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. Wenn im
Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicherlich aus den
Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein als ein Stück des
erinnerten Materials oder er kann als logisches Band eine Reihe von
Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß
im Traume einen Schluß aus den Traumgedanken dar(170).
Page 388
Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das Verhör des
Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch
abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an meinen
Studiengang. Die f ü n f J a h r e, die für das medizinische Studium
vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete
unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner Bekannten
hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich »f e r t i g« werden
würde. Da entschloß ich mich s c h n e l l, meine Prüfungen zu machen, und
wurde doch fertig; t r o t z d e s A u f s c h u b s. Eine neue Verstärkung der
Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. »Und
wenn Ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde
doch fertig, ich komme doch zum S c h l u ß. Es ist schon oft so gegangen.«
Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, denen
man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen kann. Und
diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte ebensowohl dem
wachen Denken angehören. I c h m a c h e m i c h i m T r a u m e ü b e r
die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn
e r s t e n s w a r i c h 1 8 5 1 n o c h n i c h t a u f d e r We l t ,
z w e i t e n s i s t m e i n Va t e r , a u f d e n s i e s i c h b e z i e h e n
k a n n , s c h o n t o t . Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt
sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer
derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der
früheren Analyse (p. 310 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief
erbitterten und hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir
außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so
werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine t a d e l l o s e
W i d e r l e g u n g e i n e r u n s i n n i g e n Z u m u t u n g nach dem in den
Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die
Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine freie
Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den
Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen in einer
algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein + und −, ein Potenz- und ein
Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese Gleichung abschreibt, ohne sie
zu verstehen, nähme die Operationszeichen wie die Zahlen in seine
Abschrift hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander. Die beiden
Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen. Es ist mir
peinlich, zu denken, daß manche der Voraussetzungen, die ich meiner
Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch
abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an meinen
Studiengang. Die f ü n f J a h r e, die für das medizinische Studium
vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete
unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner Bekannten
hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich »f e r t i g« werden
würde. Da entschloß ich mich s c h n e l l, meine Prüfungen zu machen, und
wurde doch fertig; t r o t z d e s A u f s c h u b s. Eine neue Verstärkung der
Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. »Und
wenn Ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde
doch fertig, ich komme doch zum S c h l u ß. Es ist schon oft so gegangen.«
Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, denen
man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen kann. Und
diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte ebensowohl dem
wachen Denken angehören. I c h m a c h e m i c h i m T r a u m e ü b e r
die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn
e r s t e n s w a r i c h 1 8 5 1 n o c h n i c h t a u f d e r We l t ,
z w e i t e n s i s t m e i n Va t e r , a u f d e n s i e s i c h b e z i e h e n
k a n n , s c h o n t o t . Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt
sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer
derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der
früheren Analyse (p. 310 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief
erbitterten und hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir
außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so
werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine t a d e l l o s e
W i d e r l e g u n g e i n e r u n s i n n i g e n Z u m u t u n g nach dem in den
Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die
Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine freie
Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den
Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen in einer
algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein + und −, ein Potenz- und ein
Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese Gleichung abschreibt, ohne sie
zu verstehen, nähme die Operationszeichen wie die Zahlen in seine
Abschrift hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander. Die beiden
Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen. Es ist mir
peinlich, zu denken, daß manche der Voraussetzungen, die ich meiner
Page 389
psychologischen Auflösung der Psychoneurosen zu grunde lege, wenn sie
erst bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden.
So muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre,
mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben
der später Kranken zurücklassen und – obwohl von der Erinnerung vielfach
verzerrt und übertrieben – die erste und unterste Begründung für ein
hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, denen ich dies an
passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neugewonnene Aufklärung
zu parodieren, indem sie sich bereit erklären, nach Erinnerungen aus der
Zeit zu suchen, d a s i e n o c h n i c h t a m L e b e n w a r e n. Eine
ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner Erwartung die Aufdeckung der
ungeahnten Rolle finden, welche bei weiblichen Kranken d e r Va t e r in
den frühesten sexuellen Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung
p. 193 f.) Und doch ist nach meiner gut begründeten Überzeugung beides
wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod
des Vaters in ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst
unerklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die
ihm so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß
meine beiden Behauptungen auf S c h l ü s s e n beruhen, deren Gültigkeit
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn
gerade das Material d i e s e r S c h l ü s s e, deren Beanständung ich fürchte,
von der Traumarbeit zur Herstellung e i n w a n d f r e i e r S c h l ü s s e
verwendet wird.
Verwunderung im Traume.
VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird eingangs
die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.
Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe
g e s t e l l t h a b e n : sonderbar genug b e z i e h t s i e s i c h a u f
Präparation meines eigenen Untergestells, Becken
und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal,
doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch
ohne Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und
macht die Arbeit bei m i r. Das Becken ist
ausgeweidet, man sieht bald die obere, bald die
erst bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden.
So muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre,
mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben
der später Kranken zurücklassen und – obwohl von der Erinnerung vielfach
verzerrt und übertrieben – die erste und unterste Begründung für ein
hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, denen ich dies an
passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neugewonnene Aufklärung
zu parodieren, indem sie sich bereit erklären, nach Erinnerungen aus der
Zeit zu suchen, d a s i e n o c h n i c h t a m L e b e n w a r e n. Eine
ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner Erwartung die Aufdeckung der
ungeahnten Rolle finden, welche bei weiblichen Kranken d e r Va t e r in
den frühesten sexuellen Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung
p. 193 f.) Und doch ist nach meiner gut begründeten Überzeugung beides
wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod
des Vaters in ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst
unerklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die
ihm so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß
meine beiden Behauptungen auf S c h l ü s s e n beruhen, deren Gültigkeit
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn
gerade das Material d i e s e r S c h l ü s s e, deren Beanständung ich fürchte,
von der Traumarbeit zur Herstellung e i n w a n d f r e i e r S c h l ü s s e
verwendet wird.
Verwunderung im Traume.
VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird eingangs
die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.
Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe
g e s t e l l t h a b e n : sonderbar genug b e z i e h t s i e s i c h a u f
Präparation meines eigenen Untergestells, Becken
und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal,
doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch
ohne Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und
macht die Arbeit bei m i r. Das Becken ist
ausgeweidet, man sieht bald die obere, bald die
Page 390
untere Ansicht desselben, was sich vermengt.
Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch im
Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen.
Auch mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden,
was darüber lag und zerknülltem Silberpapier
g l i c h (171). D a n n w a r i c h w i e d e r i m B e s i t z e m e i n e r
B e i n e u n d m a c h t e e i n e n We g d u r c h d i e S t a d t , n a h m
a b e r ( a u s M ü d i g k e i t ) e i n e n Wa g e n . D e r Wa g e n f u h r
zu meinem Erstaunen in ein Haustor hinein, das
sich öffnete und ihn durch einen Gang passieren
ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich weiter
i n s F r e i e f ü h r t e (172). S c h l i e ß l i c h w a n d e r t e i c h m i t
einem alpinen Führer, der meine Sachen trug,
durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke
trug er mich mit Rücksicht auf meine müden
Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am
Rande hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen
u n t e r i h n e n , w i e I n d i a n e r o d e r Z i g e u n e r . Vo r h e r
hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich selbst
w e i t e r b e w e g t u n t e r s t e t e r Ve r w u n d e r u n g , d a ß i c h
es nach der Präparation so gut kann. Endlich
kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein
offenes Fenster ausging. Dort setzte mich der
Führer ab und legte zwei bereitstehende
Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den
Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu
ü b e r s c h r e i t e n w a r. I c h b e k a m j e t z t w i r k l i c h A n g s t
für meine Beine. Anstatt des erwarteten
Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer
auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der
Hütte waren, und wie zwei Kinder schlafend neben
ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die Kinder
den Übergang ermöglichen sollten. Ich erwache mit
Gedankenschreck.
Analyse der Traumverwunderung.
Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch im
Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen.
Auch mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden,
was darüber lag und zerknülltem Silberpapier
g l i c h (171). D a n n w a r i c h w i e d e r i m B e s i t z e m e i n e r
B e i n e u n d m a c h t e e i n e n We g d u r c h d i e S t a d t , n a h m
a b e r ( a u s M ü d i g k e i t ) e i n e n Wa g e n . D e r Wa g e n f u h r
zu meinem Erstaunen in ein Haustor hinein, das
sich öffnete und ihn durch einen Gang passieren
ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich weiter
i n s F r e i e f ü h r t e (172). S c h l i e ß l i c h w a n d e r t e i c h m i t
einem alpinen Führer, der meine Sachen trug,
durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke
trug er mich mit Rücksicht auf meine müden
Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am
Rande hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen
u n t e r i h n e n , w i e I n d i a n e r o d e r Z i g e u n e r . Vo r h e r
hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich selbst
w e i t e r b e w e g t u n t e r s t e t e r Ve r w u n d e r u n g , d a ß i c h
es nach der Präparation so gut kann. Endlich
kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein
offenes Fenster ausging. Dort setzte mich der
Führer ab und legte zwei bereitstehende
Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den
Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu
ü b e r s c h r e i t e n w a r. I c h b e k a m j e t z t w i r k l i c h A n g s t
für meine Beine. Anstatt des erwarteten
Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer
auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der
Hütte waren, und wie zwei Kinder schlafend neben
ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die Kinder
den Übergang ermöglichen sollten. Ich erwache mit
Gedankenschreck.
Analyse der Traumverwunderung.
Page 391
Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Ausgiebigkeit
der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vorstellen können,
welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse dieses Traumes
einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang entlehne ich dem
Traume aber bloß das eine Beispiel für die Verwunderung im Traume, die
sich in der Einschaltung »s o n d e r b a r g e n u g« kundgibt. Ich gehe auf
den Anlaß des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N., die
auch im Traume der Arbeit assistiert. »Leih’ mir etwas zum Lesen.« Ich
biete ihr »S h e« von R i d e r H a g g a r d an. Ein »s o n d e r b a r e s Buch,
aber voll von verstecktem Sinne«, will ich ihr auseinandersetzen; »das ewig
Weibliche, die Unsterblichkeit unserer Affekte – –«. Da unterbricht sie
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes? – »Nein, meine
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.« – Also wann
erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, wie du
versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas anzüglich. Ich
merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund mahnen läßt, und
verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es mich kostet, auch nur die
Arbeit über den Traum, in der ich so viel vom eigenen intimen Wesen
preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu schicken. »Das Beste, was du
wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.« Die Präparation a m
e i g e n e n L e i b, die mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit der
Mitteilung der Träume verbundene S e l b s t a n a l y s e. Der alte B r ü c k e
kommt mit Recht hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher
Arbeit traf es sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer
Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die
sich an die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um
bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in
mir nebstbei durch die Erwähnung der »She« von R i d e r H a g g a r d
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben Autors,
»Heart of the world«, geht das Urteil »s o n d e r b a r g e n u g«, und
zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen Romanen
entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen wird, der
Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist,
stammen aus der »She«; die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus
»Heart of the world«. In beiden Romanen ist eine Frau die Führerin, in
beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, in »S h e« um einen
abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine
der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vorstellen können,
welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse dieses Traumes
einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang entlehne ich dem
Traume aber bloß das eine Beispiel für die Verwunderung im Traume, die
sich in der Einschaltung »s o n d e r b a r g e n u g« kundgibt. Ich gehe auf
den Anlaß des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N., die
auch im Traume der Arbeit assistiert. »Leih’ mir etwas zum Lesen.« Ich
biete ihr »S h e« von R i d e r H a g g a r d an. Ein »s o n d e r b a r e s Buch,
aber voll von verstecktem Sinne«, will ich ihr auseinandersetzen; »das ewig
Weibliche, die Unsterblichkeit unserer Affekte – –«. Da unterbricht sie
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes? – »Nein, meine
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.« – Also wann
erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, wie du
versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas anzüglich. Ich
merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund mahnen läßt, und
verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es mich kostet, auch nur die
Arbeit über den Traum, in der ich so viel vom eigenen intimen Wesen
preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu schicken. »Das Beste, was du
wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.« Die Präparation a m
e i g e n e n L e i b, die mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit der
Mitteilung der Träume verbundene S e l b s t a n a l y s e. Der alte B r ü c k e
kommt mit Recht hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher
Arbeit traf es sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer
Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die
sich an die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um
bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in
mir nebstbei durch die Erwähnung der »She« von R i d e r H a g g a r d
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben Autors,
»Heart of the world«, geht das Urteil »s o n d e r b a r g e n u g«, und
zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen Romanen
entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen wird, der
Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist,
stammen aus der »She«; die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus
»Heart of the world«. In beiden Romanen ist eine Frau die Führerin, in
beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, in »S h e« um einen
abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine
Page 392
sind nach einer Notiz, die ich bei dem Traume finde, reale Sensation jener
Tage gewesen. Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und
die zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch tragen? In
der »She« endet das Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den
anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den
Tod findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
geregt. Das »H o l z h a u s« ist sicherlich auch der S a r g, also das Grab.
Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken durch eine
Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Ich war
nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war ein ausgeräumtes
Etruskergrab bei O r v i e t o, eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken
an den Wänden, auf denen die Skelette von zwei Erwachsenen gelagert
waren. Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus, nur ist
Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: »Wenn du schon im
Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab«, und mit dieser
Unterschiebung verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht
erwünschte. Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt
begleitende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den
Affekt selbst. So wache ich denn mit »Gedankenschreck« auf, nachdem
sich noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder
erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche
Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person
durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird.
VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Erlebte,
aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und beinahe
geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den ganzen
Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum nicht noch
zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der
Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im
Schlafe: » H o l l t h u r n , 1 0 M i n u t e n « a u s r u f e n . I c h d e n k e
sofort an Holothurien – ein naturhistorisches
Museum –, daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere
Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die
Gegenreformation in Österreich! – Als ob es ein
Ort in Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich
Tage gewesen. Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und
die zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch tragen? In
der »She« endet das Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den
anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den
Tod findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
geregt. Das »H o l z h a u s« ist sicherlich auch der S a r g, also das Grab.
Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken durch eine
Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Ich war
nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war ein ausgeräumtes
Etruskergrab bei O r v i e t o, eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken
an den Wänden, auf denen die Skelette von zwei Erwachsenen gelagert
waren. Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus, nur ist
Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: »Wenn du schon im
Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab«, und mit dieser
Unterschiebung verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht
erwünschte. Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt
begleitende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den
Affekt selbst. So wache ich denn mit »Gedankenschreck« auf, nachdem
sich noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder
erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche
Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person
durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird.
VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Erlebte,
aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und beinahe
geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den ganzen
Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum nicht noch
zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der
Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im
Schlafe: » H o l l t h u r n , 1 0 M i n u t e n « a u s r u f e n . I c h d e n k e
sofort an Holothurien – ein naturhistorisches
Museum –, daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere
Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die
Gegenreformation in Österreich! – Als ob es ein
Ort in Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich
Page 393
undeutlich ein kleines Museum, in dem die Reste
oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt
w e r d e n . I c h m ö c h t e a u s s t e i g e n , v e r z ö g e r e e s a b e r.
E s s t e h e n We i b e r m i t O b s t a u f d e m P e r r o n , s i e
kauern auf dem Boden und halten die Körbe so
einladend hin. – Ich habe gezögert aus Zweifel, ob
wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch
i m m e r. – I c h b i n p l ö t z l i c h i n e i n e m a n d e r e n
Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind, daß
m a n m i t d e m R ü c k e n d i r e k t a n d i e L e h n e s t ö ß t (173).
I c h w u n d e r e m i c h d a r ü b e r , aber ich kann ja im schlafenden
Zustand umgestiegen sein . M e h r e r e L e u t e , d a r u n t e r e i n
englisches Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher
d e u t l i c h a u f e i n e m G e s t e l l a n d e r Wa n d . I c h s e h e
» W e a l t h o f n a t i o n s « , » M a t t e r a n d M o t i o n « (von
M a x w e l l), d i c k u n d i n b r a u n e L e i n w a n d g e b u n d e n .
Der Mann fragt die Schwester nach einem Buche
von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es sind die
Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden.
Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend
i n s G e s p r ä c h m e n g e n – – – . Ich wache, am ganzen Körper
schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält in
M a r b u r g.
Ein Erklärungsversuch im Traume.
Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das die
Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem
G e s c h w i s t e r p a a r e a u f e i n g e w i s s e s We r k : I t i s f r o m
. . ., korrigiere mich aber: It is by . . . Der Mann
bemerkt zur Schwester: Er hat es ja richtig gesagt.
Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der
M a r b u r g lautete, durch H o l l t h u r n. Daß ich Marburg beim ersten oder
vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die Erwähnung
S c h i l l e r s im Traume, der ja in M a r b u r g, wenngleich nicht im
oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt
w e r d e n . I c h m ö c h t e a u s s t e i g e n , v e r z ö g e r e e s a b e r.
E s s t e h e n We i b e r m i t O b s t a u f d e m P e r r o n , s i e
kauern auf dem Boden und halten die Körbe so
einladend hin. – Ich habe gezögert aus Zweifel, ob
wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch
i m m e r. – I c h b i n p l ö t z l i c h i n e i n e m a n d e r e n
Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind, daß
m a n m i t d e m R ü c k e n d i r e k t a n d i e L e h n e s t ö ß t (173).
I c h w u n d e r e m i c h d a r ü b e r , aber ich kann ja im schlafenden
Zustand umgestiegen sein . M e h r e r e L e u t e , d a r u n t e r e i n
englisches Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher
d e u t l i c h a u f e i n e m G e s t e l l a n d e r Wa n d . I c h s e h e
» W e a l t h o f n a t i o n s « , » M a t t e r a n d M o t i o n « (von
M a x w e l l), d i c k u n d i n b r a u n e L e i n w a n d g e b u n d e n .
Der Mann fragt die Schwester nach einem Buche
von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es sind die
Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden.
Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend
i n s G e s p r ä c h m e n g e n – – – . Ich wache, am ganzen Körper
schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält in
M a r b u r g.
Ein Erklärungsversuch im Traume.
Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das die
Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem
G e s c h w i s t e r p a a r e a u f e i n g e w i s s e s We r k : I t i s f r o m
. . ., korrigiere mich aber: It is by . . . Der Mann
bemerkt zur Schwester: Er hat es ja richtig gesagt.
Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der
M a r b u r g lautete, durch H o l l t h u r n. Daß ich Marburg beim ersten oder
vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die Erwähnung
S c h i l l e r s im Traume, der ja in M a r b u r g, wenngleich nicht im
Page 394
steirischen, geboren ist(174). Nun reiste ich diesmal, obwohl erster Klasse,
unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem
Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm
schienen und nicht die Lebensart besaßen oder es nicht der Mühe wert
hielten, ihr Mißvergnügen über den Eindringling irgendwie zu verbergen.
Mein höflicher Gruß wurde nicht erwidert; obwohl Mann und Frau
nebeneinander saßen (gegen die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch,
den Platz ihr gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme
zu belegen; die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über
das Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den
Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig
abgeschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen
Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes
Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der
Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billett vorzeigte, tönte es aus
dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat
Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten
Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit;
der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich
versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche Rache an meinen
unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht ahnen, welche
Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den abgerissenen Brocken
der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war,
machte sich der zweite Wunsch geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum
wechselt so oft die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der
Veränderung genommen wird, daß es nicht im geringsten auffällig gewesen
wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch eine
angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall
ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanständete und es für
notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes
Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern, umgestiegen zu sein. Da gab
es nur eine Erklärung: i c h m u ß t e i m s c h l a f e n d e n Z u s t a n d
d e n W a g e n v e r l a s s e n h a b e n, ein seltenes Vorkommnis, wofür
aber doch die Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen
von Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand
unternehmen, ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu
verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen und
unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem
Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm
schienen und nicht die Lebensart besaßen oder es nicht der Mühe wert
hielten, ihr Mißvergnügen über den Eindringling irgendwie zu verbergen.
Mein höflicher Gruß wurde nicht erwidert; obwohl Mann und Frau
nebeneinander saßen (gegen die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch,
den Platz ihr gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme
zu belegen; die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über
das Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den
Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig
abgeschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen
Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes
Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der
Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billett vorzeigte, tönte es aus
dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat
Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten
Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit;
der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich
versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche Rache an meinen
unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht ahnen, welche
Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den abgerissenen Brocken
der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war,
machte sich der zweite Wunsch geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum
wechselt so oft die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der
Veränderung genommen wird, daß es nicht im geringsten auffällig gewesen
wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch eine
angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall
ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanständete und es für
notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes
Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern, umgestiegen zu sein. Da gab
es nur eine Erklärung: i c h m u ß t e i m s c h l a f e n d e n Z u s t a n d
d e n W a g e n v e r l a s s e n h a b e n, ein seltenes Vorkommnis, wofür
aber doch die Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen
von Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand
unternehmen, ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu
verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen und
Page 395
dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall von
»A u t o m a t i s m e a m b u l a t o i r e« erkläre ich also noch im Traume
den meinigen.
Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traumarbeit
zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose eines
meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle von einem
hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der kurz nach dem
Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und
nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen dieselben
treffen mußte. Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen bei voll
erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren der Straße durch den
Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen,
wohin sie verschwunden seien; entzog sich einer plötzlich seinem
verfolgenden Blicke, so blieb ihm die peinliche Empfindung und die
Möglichkeit in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter
anderem eine Kainsphantasie dahinter, denn »alle Menschen sind Brüder«.
Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das
Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen
seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung
beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und
sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er der
gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine Wohnung
nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese Anklagen, bis ihm
eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er s e i n H a u s i m
b e w u ß t l o s e n Z u s t a n d v e r l a s s e n und so den Mord begangen
haben könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß er die Haustür
ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und verbot ihr
eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände
gelangen zu lassen.
Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußtlosen
Zustand umgestiegen bin –, er ist aus dem Material der Traumgedanken
fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume offenbar dazu
dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identifizieren. Die
Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende Assoziation geweckt.
Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise
»A u t o m a t i s m e a m b u l a t o i r e« erkläre ich also noch im Traume
den meinigen.
Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traumarbeit
zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose eines
meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle von einem
hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der kurz nach dem
Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und
nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen dieselben
treffen mußte. Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen bei voll
erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren der Straße durch den
Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen,
wohin sie verschwunden seien; entzog sich einer plötzlich seinem
verfolgenden Blicke, so blieb ihm die peinliche Empfindung und die
Möglichkeit in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter
anderem eine Kainsphantasie dahinter, denn »alle Menschen sind Brüder«.
Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das
Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen
seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung
beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und
sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er der
gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine Wohnung
nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese Anklagen, bis ihm
eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er s e i n H a u s i m
b e w u ß t l o s e n Z u s t a n d v e r l a s s e n und so den Mord begangen
haben könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß er die Haustür
ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und verbot ihr
eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände
gelangen zu lassen.
Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußtlosen
Zustand umgestiegen bin –, er ist aus dem Material der Traumgedanken
fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume offenbar dazu
dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identifizieren. Die
Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende Assoziation geweckt.
Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise
Page 396
gemacht. Er war geheilt, begleitete mich in die Provinz zu seinen
Verwandten, die mich beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle
Fenster die Nacht hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach blieb,
vortrefflich unterhalten. Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen
Vater aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner
Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte,
wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes
löst sich auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen,
weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächtlichen
Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie aber geht auf
eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahrscheinlich von
sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der Eltern eindringt
und durch das Machtwort des Vaters daraus vertrieben wird.
Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie würden alle
nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten entnommen haben, daß
ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung eines Vorbildes aus den
Traumgedanken ist. Zumeist eine übel angebrachte, in unpassendem
Zusammenhange eingefügte Wiederholung, gelegentlich aber, wie in
unseren letzten Beispielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst
den Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen
kann. Von hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Tätigkeit
zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken
scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft
disparaten Traumelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen.
Wir empfinden es aber vorher noch als dringlich, uns mit den
Affektäußerungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben
mit den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den
Traumgedanken aufdeckt.
h) D i e A f f e k t e i m T r a u m e.
Eine scharfsinnige Bemerkung von S t r i c k e r hat uns aufmerksam
gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die geringschätzige
Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den Trauminhalt
Verwandten, die mich beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle
Fenster die Nacht hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach blieb,
vortrefflich unterhalten. Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen
Vater aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner
Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte,
wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes
löst sich auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen,
weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächtlichen
Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie aber geht auf
eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahrscheinlich von
sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der Eltern eindringt
und durch das Machtwort des Vaters daraus vertrieben wird.
Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie würden alle
nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten entnommen haben, daß
ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung eines Vorbildes aus den
Traumgedanken ist. Zumeist eine übel angebrachte, in unpassendem
Zusammenhange eingefügte Wiederholung, gelegentlich aber, wie in
unseren letzten Beispielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst
den Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen
kann. Von hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Tätigkeit
zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken
scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft
disparaten Traumelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen.
Wir empfinden es aber vorher noch als dringlich, uns mit den
Affektäußerungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben
mit den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den
Traumgedanken aufdeckt.
h) D i e A f f e k t e i m T r a u m e.
Eine scharfsinnige Bemerkung von S t r i c k e r hat uns aufmerksam
gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die geringschätzige
Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den Trauminhalt
Page 397
abzuschütteln pflegen. »Wenn ich mich im Traume vor Räubern fürchte, so
sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht ist real«, und ebenso geht
es, wenn ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnisse unserer
Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig
gegen den im Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer als
mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt
den Anspruch, unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen
zu werden. Wir bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stande,
weil wir einen Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in
der Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und
Vorstellung der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser
waches Urteil irre.
An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß
Vorstellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als
notwendig im wachen Denken erwarten würden. S t r ü m p e l l äußerte, im
Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten entblößt. Es
fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vorkommen, daß
intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der zur Entbindung von
Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin im Traume in einer
gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts
von Furcht oder Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über
harmlose, und freue mich über kindische Dinge.
Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so
vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom
manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit seiner
Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. Die
Analyse lehrt uns, daß die Vo r s t e l l u n g s i n h a l t e
Ve r s c h i e b u n g e n u n d E r s e t z u n g e n e r f a h r e n h a b e n ,
w ä h r e n d d i e A f f e k t e u n v e r r ü c k t g e b l i e b e n s i n d. Kein
Wunder, daß der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt
zum erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine frühere
Stelle eingesetzt hat.
An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil, der
uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. Deutlicher
sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht ist real«, und ebenso geht
es, wenn ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnisse unserer
Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig
gegen den im Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer als
mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt
den Anspruch, unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen
zu werden. Wir bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stande,
weil wir einen Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in
der Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und
Vorstellung der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser
waches Urteil irre.
An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß
Vorstellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als
notwendig im wachen Denken erwarten würden. S t r ü m p e l l äußerte, im
Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten entblößt. Es
fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vorkommen, daß
intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der zur Entbindung von
Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin im Traume in einer
gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts
von Furcht oder Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über
harmlose, und freue mich über kindische Dinge.
Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so
vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom
manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit seiner
Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. Die
Analyse lehrt uns, daß die Vo r s t e l l u n g s i n h a l t e
Ve r s c h i e b u n g e n u n d E r s e t z u n g e n e r f a h r e n h a b e n ,
w ä h r e n d d i e A f f e k t e u n v e r r ü c k t g e b l i e b e n s i n d. Kein
Wunder, daß der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt
zum erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine frühere
Stelle eingesetzt hat.
An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil, der
uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. Deutlicher
Page 398
noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den Psychoneurosen.
Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine
Intensität ist ja durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu
steigern. Wenn der Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer
Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder der Mann mit Zwangsvorstellungen,
daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen
beide irre, indem sie den Vorstellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die
Nichtigkeit – für das Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos,
indem sie diesen Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit
machen. Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie
im Gegenteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige,
durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist
dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige
unauflösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln
gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so
daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt,
daß dies in der Tat der Fall ist.
Erklärung des Ausbleibens erwarteter Affekte.
Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das scheinbare
Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, der
Affektentbindung erzwingen sollte.
I. S i e s i e h t i n e i n e r W ü s t e d r e i L ö w e n , v o n d e n e n
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen.
Dann muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn
sie will auf einen Baum klettern, findet aber ihre
Cousine, die französische Lehrerin ist, schon oben
u s w.
Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente Anlaß zum
Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden: Die Mähne ist der
Schmuck des L ö w e n. Ihr Vater trug einen solchen Bart, der wie eine
M ä h n e das Gesicht umrahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß
L y o n s (Lions = Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von L o e w e
zugeschickt. Das sind also die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen
fürchten? – Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die
Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine
Intensität ist ja durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu
steigern. Wenn der Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer
Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder der Mann mit Zwangsvorstellungen,
daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen
beide irre, indem sie den Vorstellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die
Nichtigkeit – für das Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos,
indem sie diesen Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit
machen. Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie
im Gegenteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige,
durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist
dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige
unauflösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln
gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so
daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt,
daß dies in der Tat der Fall ist.
Erklärung des Ausbleibens erwarteter Affekte.
Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das scheinbare
Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, der
Affektentbindung erzwingen sollte.
I. S i e s i e h t i n e i n e r W ü s t e d r e i L ö w e n , v o n d e n e n
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen.
Dann muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn
sie will auf einen Baum klettern, findet aber ihre
Cousine, die französische Lehrerin ist, schon oben
u s w.
Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente Anlaß zum
Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden: Die Mähne ist der
Schmuck des L ö w e n. Ihr Vater trug einen solchen Bart, der wie eine
M ä h n e das Gesicht umrahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß
L y o n s (Lions = Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von L o e w e
zugeschickt. Das sind also die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen
fürchten? – Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die
Page 399
anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner
Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung
Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt, aus
den »Fliegenden Blättern«: Man nehme eine Wüste und siebe sie durch,
dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige, aber nicht sehr
anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird, warum er sich
denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur
Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein
Vordermann w a r s c h o n o b e n. Das ganze Material wird verständlich,
wenn man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des
Vorgesetzten ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr,
küßte ihr die Hand, und s i e f ü r c h t e t e s i c h g a r n i c h t v o r
i h m, obwohl er ein sehr »g r o ß e s T i e r« ist und in der Hauptstadt ihres
Landes die Rolle eines »L ö w e n d e r G e s e l l s c h a f t« spielt. Dieser
Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommernachtstraume, der sich
als Schnock, der Schreiner demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor
denen man sich nicht fürchtet.
II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, das
den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, dabei aber,
wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer verspürte. Wir
wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum verhüllte nur ihren
Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der Affekt mußte auf den
Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur
Trauer gar kein Anlaß.
In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch in
Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm passenden
ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes weiter. Der
Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vorstellung, und
findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, wo er in die neue
Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s
bei den Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den
Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen
solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material
verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip
der Gegensätzlichkeit.
Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung
Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt, aus
den »Fliegenden Blättern«: Man nehme eine Wüste und siebe sie durch,
dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige, aber nicht sehr
anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird, warum er sich
denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur
Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein
Vordermann w a r s c h o n o b e n. Das ganze Material wird verständlich,
wenn man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des
Vorgesetzten ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr,
küßte ihr die Hand, und s i e f ü r c h t e t e s i c h g a r n i c h t v o r
i h m, obwohl er ein sehr »g r o ß e s T i e r« ist und in der Hauptstadt ihres
Landes die Rolle eines »L ö w e n d e r G e s e l l s c h a f t« spielt. Dieser
Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommernachtstraume, der sich
als Schnock, der Schreiner demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor
denen man sich nicht fürchtet.
II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, das
den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, dabei aber,
wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer verspürte. Wir
wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum verhüllte nur ihren
Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der Affekt mußte auf den
Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur
Trauer gar kein Anlaß.
In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch in
Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm passenden
ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes weiter. Der
Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vorstellung, und
findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, wo er in die neue
Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s
bei den Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den
Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen
solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material
verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip
der Gegensätzlichkeit.
Page 400
Der Traum vom »Frühstücksschiff«.
Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele, das
ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.
III. E i n S c h l o ß a m M e e r e , s p ä t e r l i e g t e s n i c h t
direkt am Meere, sondern an einem schmalen
K a n a l , d e r i n s M e e r f ü h r t . E i n H e r r P. i s t d e r
G o u v e r n e u r. I c h s t e h e m i t i h m i n e i n e m g r o ß e n
dreifenstrigen Salon, vor dem sich
Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben. Ich
bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der
Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen
von feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im
K r i e g s z u s t a n d b e f i n d e n . H e r r P. h a t d i e A b s i c h t ,
wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in
dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine
kranke Frau befindet sich mit den Kindern im
g e f ä h r d e t e n S c h l o s s e . We n n d a s B o m b a r d e m e n t
beginnt, soll der große Saal geräumt werden. Er
atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
z u r ü c k u n d f r a g e , a u f w e l c h e We i s e i c h i h m
nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll.
Darauf sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf
tot um. Ich habe ihn wohl mit den Fragen
ü b e r f l ü s s i g e r w e i s e a n g e s t r e n g t . N a c h s e i n e m To d e ,
der mir weiter keinen Eindruck macht, Gedanken,
ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich dem
O b e r k o m m a n d o d e n To d a n z e i g e n u n d a l s d e r
nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und
mustere die vorbeifahrenden Schiffe; es sind
K a u f f a h r e r , d i e a u f d e m d u n k l e n Wa s s e r r a p i d
vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen,
a n d e r e m i t b a u s c h i g e r D e c k e (die ganz ähnlich ist wie die
Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vortraume). D a n n s t e h t m e i n
Bruder neben mir und wir schauen beide aus dem
Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele, das
ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.
III. E i n S c h l o ß a m M e e r e , s p ä t e r l i e g t e s n i c h t
direkt am Meere, sondern an einem schmalen
K a n a l , d e r i n s M e e r f ü h r t . E i n H e r r P. i s t d e r
G o u v e r n e u r. I c h s t e h e m i t i h m i n e i n e m g r o ß e n
dreifenstrigen Salon, vor dem sich
Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben. Ich
bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der
Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen
von feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im
K r i e g s z u s t a n d b e f i n d e n . H e r r P. h a t d i e A b s i c h t ,
wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in
dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine
kranke Frau befindet sich mit den Kindern im
g e f ä h r d e t e n S c h l o s s e . We n n d a s B o m b a r d e m e n t
beginnt, soll der große Saal geräumt werden. Er
atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
z u r ü c k u n d f r a g e , a u f w e l c h e We i s e i c h i h m
nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll.
Darauf sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf
tot um. Ich habe ihn wohl mit den Fragen
ü b e r f l ü s s i g e r w e i s e a n g e s t r e n g t . N a c h s e i n e m To d e ,
der mir weiter keinen Eindruck macht, Gedanken,
ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich dem
O b e r k o m m a n d o d e n To d a n z e i g e n u n d a l s d e r
nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und
mustere die vorbeifahrenden Schiffe; es sind
K a u f f a h r e r , d i e a u f d e m d u n k l e n Wa s s e r r a p i d
vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen,
a n d e r e m i t b a u s c h i g e r D e c k e (die ganz ähnlich ist wie die
Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vortraume). D a n n s t e h t m e i n
Bruder neben mir und wir schauen beide aus dem
Page 401
Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiffe
erschrecken wir und rufen: Da kommt das
Kriegsschiff. Es zeigt sich aber, daß nur dieselben
Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne. Nun
kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten,
so daß es mitten in seiner Breite endigt; auf Deck
sieht man eigentümliche becher- oder dosenartige
Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das ist das
Frühstücksschiff.
Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Wassers, der
braune Bauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen
hochgespannten, düsteren Eindruck.
Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen an die
A d r i a zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). Eine
kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach A q u i l e j a mit meinem Bruder,
wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer Erinnerung.
Auch der S e e k r i e g zwischen Amerika und Spanien und an ihn geknüpfte
Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten
spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses Traumes treten Affektwirkungen
hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender Affekt aus, es wird
ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des Gouverneurs keinen
Eindruck macht; an einer anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen
glaube, e r s c h r e c k e ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des
Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten
Traume so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja
kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, und es
ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei dem
Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die Analyse nach,
daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes Ich ist (im Traume bin ich
sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die
Traumgedanken handeln von der Zukunft der Meinigen nach meinem
vorzeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet sich in den
Traumgedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des
Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt
werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken,
aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen
erschrecken wir und rufen: Da kommt das
Kriegsschiff. Es zeigt sich aber, daß nur dieselben
Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne. Nun
kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten,
so daß es mitten in seiner Breite endigt; auf Deck
sieht man eigentümliche becher- oder dosenartige
Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das ist das
Frühstücksschiff.
Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Wassers, der
braune Bauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen
hochgespannten, düsteren Eindruck.
Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen an die
A d r i a zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). Eine
kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach A q u i l e j a mit meinem Bruder,
wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer Erinnerung.
Auch der S e e k r i e g zwischen Amerika und Spanien und an ihn geknüpfte
Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten
spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses Traumes treten Affektwirkungen
hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender Affekt aus, es wird
ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des Gouverneurs keinen
Eindruck macht; an einer anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen
glaube, e r s c h r e c k e ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des
Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten
Traume so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja
kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, und es
ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei dem
Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die Analyse nach,
daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes Ich ist (im Traume bin ich
sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die
Traumgedanken handeln von der Zukunft der Meinigen nach meinem
vorzeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet sich in den
Traumgedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des
Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt
werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken,
aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen
Page 402
erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem
zauberhaft schönem Tage an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva
Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung
zu finden war als sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich
empfangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein
Kind: D a k o m m t d a s e n g l i s c h e K r i e g s s c h i f f ! Im Traume
erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen wieder, daß Rede im
Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Element
»e n g l i s c h« in dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen
ist, werde ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur
anzudeuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten
Trauminhaltes zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der
Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den
Traumgedanken zu lösen und beliebig wo anders im Trauminhalt
einzufügen.
Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das
»F r ü h s t ü c k s s c h i f f«, dessen Erscheinen im Traume eine rationell
festgehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu
unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt mir
nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden in seiner
größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem
Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etruskischer Städte interessant
geworden war. Es war dies eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit
zwei Henkeln, auf der Dinge wie Kaffee- oder Teetassen standen, nicht
ganz unähnlich einem unserer modernen Service für den
F r ü h s t ü c k s tisch. Auf Befragen erfuhren wir, das sei die Toilette einer
etruskischen Dame mit den Schminke- und Puderbüchsen darauf; und wir
sagten uns im Scherze, es wäre nicht übel, so ein Ding der Hausfrau
mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet also – s c h w a r z e T o i l e t t e,
Trauer und spielt direkt auf einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende
mahnt das Traumobjekt an den »Nachen« vom Stamme νέκυς, wie mein
sprachgelehrter Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche
gelegt und dem Meere zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich,
warum im Traume die Schiffe zurückkehren.
»Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.«
zauberhaft schönem Tage an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva
Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung
zu finden war als sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich
empfangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein
Kind: D a k o m m t d a s e n g l i s c h e K r i e g s s c h i f f ! Im Traume
erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen wieder, daß Rede im
Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Element
»e n g l i s c h« in dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen
ist, werde ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur
anzudeuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten
Trauminhaltes zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der
Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den
Traumgedanken zu lösen und beliebig wo anders im Trauminhalt
einzufügen.
Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das
»F r ü h s t ü c k s s c h i f f«, dessen Erscheinen im Traume eine rationell
festgehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu
unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt mir
nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden in seiner
größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem
Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etruskischer Städte interessant
geworden war. Es war dies eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit
zwei Henkeln, auf der Dinge wie Kaffee- oder Teetassen standen, nicht
ganz unähnlich einem unserer modernen Service für den
F r ü h s t ü c k s tisch. Auf Befragen erfuhren wir, das sei die Toilette einer
etruskischen Dame mit den Schminke- und Puderbüchsen darauf; und wir
sagten uns im Scherze, es wäre nicht übel, so ein Ding der Hausfrau
mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet also – s c h w a r z e T o i l e t t e,
Trauer und spielt direkt auf einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende
mahnt das Traumobjekt an den »Nachen« vom Stamme νέκυς, wie mein
sprachgelehrter Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche
gelegt und dem Meere zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich,
warum im Traume die Schiffe zurückkehren.
»Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.«
Page 403
Es ist die Rückfahrt nach dem Schiff b r u c h e, das Frühstücksschiff ist
ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
»Frühstücks«schiff? Hier kommt nun das »Englische« zur Verwendung, das
wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = b r e a k f a s t,
F a s t e n b r e c h e r. Das B r e c h e n gehört wieder zum Schiff b r u c h e,
das F a s t e n schließt sich der schwarzen Toilette an.
An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der heitersten
Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja mißtrauend, hatten
wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine Flasche des vorzüglichen
Istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und während der kleine
Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam in die öde Lagunenstrecke
nach G r a d o fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagiere, in heiterster Laune
auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das
war also das »F r ü h s t ü c k s s c h i f f«, und gerade hinter dieser
Reminiszenz frohesten Lebensgenusses verbirgt der Traum die
betrübendsten Gedanken an eine unbekannte und unheimliche Zukunft.
Die Unterdrückung der Affekte als Erfolg der Traumarbeit.
Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei der
Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesentlichste
Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken zum
manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo sich im
Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traumgedanken,
aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das
psychische Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen ist. Wenn
ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe ich, wie in ihnen
regelmäßig die intensivsten Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist
im Kampfe mit anderen, die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann
auf den Traum zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden
intensiveren Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt,
sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des
Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine
ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
»Frühstücks«schiff? Hier kommt nun das »Englische« zur Verwendung, das
wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = b r e a k f a s t,
F a s t e n b r e c h e r. Das B r e c h e n gehört wieder zum Schiff b r u c h e,
das F a s t e n schließt sich der schwarzen Toilette an.
An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der heitersten
Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja mißtrauend, hatten
wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine Flasche des vorzüglichen
Istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und während der kleine
Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam in die öde Lagunenstrecke
nach G r a d o fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagiere, in heiterster Laune
auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das
war also das »F r ü h s t ü c k s s c h i f f«, und gerade hinter dieser
Reminiszenz frohesten Lebensgenusses verbirgt der Traum die
betrübendsten Gedanken an eine unbekannte und unheimliche Zukunft.
Die Unterdrückung der Affekte als Erfolg der Traumarbeit.
Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei der
Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesentlichste
Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken zum
manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo sich im
Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traumgedanken,
aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das
psychische Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen ist. Wenn
ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe ich, wie in ihnen
regelmäßig die intensivsten Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist
im Kampfe mit anderen, die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann
auf den Traum zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden
intensiveren Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt,
sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des
Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine
Page 404
U n t e r d r ü c k u n g d e r A f f e k t e zu stande gebracht. Man nehme
z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht im
Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, so zu
handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es mir einzig und
allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene Traum klingt
gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist
mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplar
beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt nichts
mehr vom Toben der Schlacht.
Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können lebhafte
Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
Ergriffenheit versetzen kann.
Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung während
der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das sorgfältigste
Eindringen in die Theorie der Affekte und in den Mechanismus der
Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Gedanken hier eine
Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich – aus anderen Gründen –
genötigt, mir als einen zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten
Vorgang vorzustellen, analog den motorischen und sekretorischen
Innervationsvorgängen. Wie nun im Schlafzustand die Aussendung
motorischer Impulse gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte
auch die zentrifugale Erweckung von Affekten durch das unbewußte
Denken während des Schlafes erschwert sein. Die Affektregungen, die
während des Ablaufes der Traumgedanken zu stande kommen, wären also
an und für sich schwache Regungen, und darum die in den Traum
gelangenden auch nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die
»Unterdrückung der Affekte« überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit,
sondern eine Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann
unmöglich alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder
zusammengesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines
Widerstreites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die
wunschbildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im unbewußten
Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontradiktorischen
z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht im
Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, so zu
handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es mir einzig und
allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene Traum klingt
gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist
mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplar
beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt nichts
mehr vom Toben der Schlacht.
Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können lebhafte
Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
Ergriffenheit versetzen kann.
Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung während
der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das sorgfältigste
Eindringen in die Theorie der Affekte und in den Mechanismus der
Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Gedanken hier eine
Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich – aus anderen Gründen –
genötigt, mir als einen zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten
Vorgang vorzustellen, analog den motorischen und sekretorischen
Innervationsvorgängen. Wie nun im Schlafzustand die Aussendung
motorischer Impulse gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte
auch die zentrifugale Erweckung von Affekten durch das unbewußte
Denken während des Schlafes erschwert sein. Die Affektregungen, die
während des Ablaufes der Traumgedanken zu stande kommen, wären also
an und für sich schwache Regungen, und darum die in den Traum
gelangenden auch nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die
»Unterdrückung der Affekte« überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit,
sondern eine Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann
unmöglich alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder
zusammengesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines
Widerstreites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die
wunschbildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im unbewußten
Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontradiktorischen
Page 405
Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Gedankenzüge affektfähig
sind, so werden wir im ganzen und großen kaum irre gehen, wenn wir die
Affektunterdrückung auffassen als Folge der Hemmung, welche die
Gegensätze gegeneinander, und die Zensur gegen die von ihr unterdrückten
Strebungen übt. D i e A f f e k t h e m m u n g w ä r e d a n n d e r
zweite Erfolg der Traumzensur, wie die
Tr a u m e n t s t e l l u n g d e r e n e r s t e r w a r.
Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in den
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen Traum
zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen wird:
IV. E i n e A n h ö h e , a u f d i e s e r e t w a s w i e e i n A b o r t
im Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein
großes Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht
besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen und
Stufen der Frische. Hinter der Bank ein Gebüsch.
Ich uriniere auf die Bank; ein langer Harnstrahl
spült alles rein, die Kotpatzen lösen sich leicht ab
und fallen in die Öffnung. Als ob am Ende noch
etwas übrig bliebe.
Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses Traumes
die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt hatten. Mir
fällt in der Analyse sofort der A u g i a s s t a l l ein, den Herkules reinigt.
Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das Gebüsch gehören nach
Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der
Neurosen aufgedeckt und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung
bewahrt. Die Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue
Nachahmung eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum
Geschenk gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich
ehren. Ja selbst das Museum menschlicher Exkremente ist einer
herzerfreuenden Deutung fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im
Traume ist es eine Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen
kleinen Städten bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der
Harnstrahl, der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung.
sind, so werden wir im ganzen und großen kaum irre gehen, wenn wir die
Affektunterdrückung auffassen als Folge der Hemmung, welche die
Gegensätze gegeneinander, und die Zensur gegen die von ihr unterdrückten
Strebungen übt. D i e A f f e k t h e m m u n g w ä r e d a n n d e r
zweite Erfolg der Traumzensur, wie die
Tr a u m e n t s t e l l u n g d e r e n e r s t e r w a r.
Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in den
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen Traum
zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen wird:
IV. E i n e A n h ö h e , a u f d i e s e r e t w a s w i e e i n A b o r t
im Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein
großes Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht
besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen und
Stufen der Frische. Hinter der Bank ein Gebüsch.
Ich uriniere auf die Bank; ein langer Harnstrahl
spült alles rein, die Kotpatzen lösen sich leicht ab
und fallen in die Öffnung. Als ob am Ende noch
etwas übrig bliebe.
Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses Traumes
die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt hatten. Mir
fällt in der Analyse sofort der A u g i a s s t a l l ein, den Herkules reinigt.
Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das Gebüsch gehören nach
Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der
Neurosen aufgedeckt und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung
bewahrt. Die Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue
Nachahmung eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum
Geschenk gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich
ehren. Ja selbst das Museum menschlicher Exkremente ist einer
herzerfreuenden Deutung fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im
Traume ist es eine Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen
kleinen Städten bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der
Harnstrahl, der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung.
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So löscht G u l l i v e r bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht sich
dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber auch
G a r g a n t u a, der Übermensch bei Meister R a b e l a i s, nimmt so seine
Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame reitend, seinen Harnstrahl
auf die Stadt richtet. In den G a r n i e r schen Illustrationen zum
R a b e l a i s habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen geblättert. Und
merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Übermensch bin! Die Plattform
von Notre-Dame war mein Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien
Nachmittag pflegte ich auf den Türmen der Kirche zwischen den
Ungetümen und Teufelsfratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem
Strahle so rasch verschwindet, das ist das Motto: A f f l a v i t e t
d i s s i p a t i s u n t, mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der
Hysterie überschreiben werde.
Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes: Es war ein heißer
Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abendstunden meine
Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit den Perversionen
gehalten und alles, was ich zu sagen wußte, mißfiel mir so gründlich, kam
mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen an
meiner schweren Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im
menschlichen Schmutze, nach meinen Kindern und dann nach den
Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café,
um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn die
Eßlust hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat
um die Erlaubnis dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an
meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wie viel
er bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß ich
den A u g i a s s t a l l der Irrtümer und Vorurteile der Neurosenlehre
gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine Stimmung paßte
schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem Ekel, ging früher
heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor dem Schlafengehen im
R a b e l a i s und las eine Novelle von C. F. M e y e r »Die Leiden eines
Knaben«.
Unterdrückung und Aufhebung der Affekte.
dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber auch
G a r g a n t u a, der Übermensch bei Meister R a b e l a i s, nimmt so seine
Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame reitend, seinen Harnstrahl
auf die Stadt richtet. In den G a r n i e r schen Illustrationen zum
R a b e l a i s habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen geblättert. Und
merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Übermensch bin! Die Plattform
von Notre-Dame war mein Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien
Nachmittag pflegte ich auf den Türmen der Kirche zwischen den
Ungetümen und Teufelsfratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem
Strahle so rasch verschwindet, das ist das Motto: A f f l a v i t e t
d i s s i p a t i s u n t, mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der
Hysterie überschreiben werde.
Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes: Es war ein heißer
Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abendstunden meine
Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit den Perversionen
gehalten und alles, was ich zu sagen wußte, mißfiel mir so gründlich, kam
mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen an
meiner schweren Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im
menschlichen Schmutze, nach meinen Kindern und dann nach den
Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café,
um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn die
Eßlust hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat
um die Erlaubnis dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an
meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wie viel
er bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß ich
den A u g i a s s t a l l der Irrtümer und Vorurteile der Neurosenlehre
gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine Stimmung paßte
schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem Ekel, ging früher
heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor dem Schlafengehen im
R a b e l a i s und las eine Novelle von C. F. M e y e r »Die Leiden eines
Knaben«.
Unterdrückung und Aufhebung der Affekte.
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Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle von
M e y e r brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vgl. den Traum
vom Grafen T h u n, letztes Bild). Die Tagesstimmung von Ekel und
Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als sie fast sämtliches
Material für den Trauminhalt beistellen durfte. Aber in der Nacht wurde die
ihr gegensätzliche Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger
Selbstbetonung rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so
gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie der
Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser
Kompromißbildung resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch
durch gegenseitige Hemmung der Gegensätze ein indifferenter
Empfindungston.
Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte, aber
mit Lust betonte Gedankenzug des Größenwahns zu dem des Ekels
hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dargestellt
werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur dann den
Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer
Wunscherfüllung leiht.
Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken noch etwas
anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte
herabzudrücken. Sie kann dieselben i n i h r G e g e n t e i l v e r k e h r e n.
Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß jedes Element des
Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil darstellen kann, ebensowohl
wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, ob das eine oder das andere zu
setzen ist; erst der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung
dieses Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt;
die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr häufig nach
dem Prinzip des Kontrastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch
die innige assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die
Vorstellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede andere
Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber auch häufig das
Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja in nichts
anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen Dinges durch sein
Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die Affekte
der Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist
M e y e r brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vgl. den Traum
vom Grafen T h u n, letztes Bild). Die Tagesstimmung von Ekel und
Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als sie fast sämtliches
Material für den Trauminhalt beistellen durfte. Aber in der Nacht wurde die
ihr gegensätzliche Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger
Selbstbetonung rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so
gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie der
Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser
Kompromißbildung resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch
durch gegenseitige Hemmung der Gegensätze ein indifferenter
Empfindungston.
Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte, aber
mit Lust betonte Gedankenzug des Größenwahns zu dem des Ekels
hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dargestellt
werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur dann den
Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer
Wunscherfüllung leiht.
Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken noch etwas
anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte
herabzudrücken. Sie kann dieselben i n i h r G e g e n t e i l v e r k e h r e n.
Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß jedes Element des
Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil darstellen kann, ebensowohl
wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, ob das eine oder das andere zu
setzen ist; erst der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung
dieses Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt;
die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr häufig nach
dem Prinzip des Kontrastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch
die innige assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die
Vorstellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede andere
Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber auch häufig das
Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja in nichts
anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen Dinges durch sein
Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die Affekte
der Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist
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wahrscheinlich, daß diese Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur
bewerkstelligt wird. Affektunterdrückung wie
A f f e k t v e r k e h r u n g dienen ja auch im sozialen Leben, das uns die
geläufige Analogie zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem der
Ve r s t e l l u n g. Wenn ich mündlich mit der Person verkehre, vor der ich
mir Rücksicht auferlegen muß, während ich ihr feindseliges sagen möchte,
so ist es beinahe wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr
verberge, als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche
ich zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem Blicke
oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung, die
ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich ihr meine
Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen hätte. Die Zensur heißt
mich also vor allem meine Affekte unterdrücken, und wenn ich ein Meister
in der Verstellung bin, werde ich den entgegengesetzten Affekt heucheln,
lächeln, wo ich zürnen, und mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.
Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher
Affektverkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume »von
des Onkels Bart« empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen Freund R.,
während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwachkopf schelten.
Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte haben wir uns den ersten
Hinweis auf die Existenz einer Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht
nötig anzunehmen, daß die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz
von neuem schafft; sie findet ihn gewöhnlich im Material der
Traumgedanken bereitliegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen
Kraft der Abwehrmotive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im
letzterwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt
wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe
legt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die Analyse p. 303 f.) bei mir die
Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.
Heuchlerische Träume.
Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
»heuchlerische« einen besonderen Anspruch haben und die Theorie der
Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie
bewerkstelligt wird. Affektunterdrückung wie
A f f e k t v e r k e h r u n g dienen ja auch im sozialen Leben, das uns die
geläufige Analogie zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem der
Ve r s t e l l u n g. Wenn ich mündlich mit der Person verkehre, vor der ich
mir Rücksicht auferlegen muß, während ich ihr feindseliges sagen möchte,
so ist es beinahe wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr
verberge, als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche
ich zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem Blicke
oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung, die
ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich ihr meine
Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen hätte. Die Zensur heißt
mich also vor allem meine Affekte unterdrücken, und wenn ich ein Meister
in der Verstellung bin, werde ich den entgegengesetzten Affekt heucheln,
lächeln, wo ich zürnen, und mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.
Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher
Affektverkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume »von
des Onkels Bart« empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen Freund R.,
während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwachkopf schelten.
Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte haben wir uns den ersten
Hinweis auf die Existenz einer Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht
nötig anzunehmen, daß die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz
von neuem schafft; sie findet ihn gewöhnlich im Material der
Traumgedanken bereitliegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen
Kraft der Abwehrmotive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im
letzterwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt
wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe
legt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die Analyse p. 303 f.) bei mir die
Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.
Heuchlerische Träume.
Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
»heuchlerische« einen besonderen Anspruch haben und die Theorie der
Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie
Page 409
aufmerksam, als Frau Dr. M. H i l f e r d i n g in der »Wiener
psychoanalytischen Vereinigung« den im nachstehenden abgedruckten
Traumbericht R o s e g g e r s zur Diskussion brachte.
R o s e g g e r in »Waldheimat« II. Band erzählt in der Geschichte
»Fremd gemacht« (p. 303): »Ich erfreue mich sonst eines gesunden
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, ich
habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein den
Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre
geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können.«
»Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig und
lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut eines
Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer hat anderes zu tun.
Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte Bursche kaum
gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über alles
nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu
regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn – wenn ich überhaupt träumte
– allemal der Schneidergesell’ war und daß ich solchergestalt schon so
lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete.
Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl
bewußt, daß ich eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als
Städter mit anderen Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien,
war stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim
Lehrmeister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust der
Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen gewußt
hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas nicht ganz
nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen lassen; von
einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit
gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor,
die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich’s sogar,
jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und nächstens saß ich doch
wieder bei ihm und nähte.«
»Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte!
Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum sich wieder
einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu werfen und laut
auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen . . .
Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.«
psychoanalytischen Vereinigung« den im nachstehenden abgedruckten
Traumbericht R o s e g g e r s zur Diskussion brachte.
R o s e g g e r in »Waldheimat« II. Band erzählt in der Geschichte
»Fremd gemacht« (p. 303): »Ich erfreue mich sonst eines gesunden
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, ich
habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein den
Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre
geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können.«
»Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig und
lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut eines
Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer hat anderes zu tun.
Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte Bursche kaum
gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über alles
nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu
regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn – wenn ich überhaupt träumte
– allemal der Schneidergesell’ war und daß ich solchergestalt schon so
lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete.
Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl
bewußt, daß ich eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als
Städter mit anderen Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien,
war stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim
Lehrmeister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust der
Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen gewußt
hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas nicht ganz
nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen lassen; von
einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit
gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor,
die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich’s sogar,
jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und nächstens saß ich doch
wieder bei ihm und nähte.«
»Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte!
Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum sich wieder
einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu werfen und laut
auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen . . .
Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.«
Page 410
»So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war es
einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, bei jenem
Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich mein Meister ganz
besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. »Möcht’ nur wissen, wo
du deine Gedanken hast!« sagte er und sah mich etwas finster an. Ich
dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister
bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann
davon ging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der Meister
einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu
machen. Ich rückte in den Winkel und nähte. An demselben Tag wurde auch
noch ein Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn
Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause
in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz da. Ich
blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir: ›Du hast ja doch
keinen Schick zur Schneiderei, d u k a n n s t g e h e n , d u b i s t
f r e m d g e m a c h t.‹ – So übermächtig war hierüber mein Schreck, daß
ich erwachte.«
»Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein in mein
trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im stilvollen
Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigantische Dante, der
unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe – die Herrlichen, die
Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her klangen die hellen Stimmchen
der erwachenden und mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zu
Mute, als hätte ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und
poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche
menschliche Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden.
Und doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister
nicht zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.«
»Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der Meister
»fremd gemacht« hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr von meiner in
ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in ihrer
Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so langen Schatten
in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.«
In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der
Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben,
einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, bei jenem
Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich mein Meister ganz
besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. »Möcht’ nur wissen, wo
du deine Gedanken hast!« sagte er und sah mich etwas finster an. Ich
dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister
bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann
davon ging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der Meister
einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu
machen. Ich rückte in den Winkel und nähte. An demselben Tag wurde auch
noch ein Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn
Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause
in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz da. Ich
blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir: ›Du hast ja doch
keinen Schick zur Schneiderei, d u k a n n s t g e h e n , d u b i s t
f r e m d g e m a c h t.‹ – So übermächtig war hierüber mein Schreck, daß
ich erwachte.«
»Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein in mein
trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im stilvollen
Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigantische Dante, der
unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe – die Herrlichen, die
Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her klangen die hellen Stimmchen
der erwachenden und mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zu
Mute, als hätte ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und
poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche
menschliche Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden.
Und doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister
nicht zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.«
»Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der Meister
»fremd gemacht« hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr von meiner in
ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in ihrer
Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so langen Schatten
in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.«
In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der
Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben,
Page 411
während der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von
ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung über
solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange Zeit im
chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten Künsten zu
etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen niemals gern an
diese unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens.
Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden, daß ich im
Laboratorium arbeite, Analysen mache, verschiedenes erlebe usw.; diese
Träume sind ähnlich unbehaglich wie die Prüfungsträume und niemals sehr
deutlich. Bei der Deutung eines dieser Träume wurde ich endlich auf das
Wort »A n a l y s e« aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis
bot. Ich bin ja seither »Analytiker« geworden, mache Analysen, die sehr
gelobt werden, allerdings P s y c h o - A n a l y s e n. Ich verstand nun, wenn
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, mich vor
mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe, hält mir
nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Analysen vor, auf
die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Strafträume des
Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter
geworden war. Wie wird es aber dem Traume möglich, sich in dem Konflikt
zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren zu
stellen und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten
Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die
Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können erschließen,
daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes
bildete, an ihrer statt ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den
Trauminhalt gelangt. Man darf daran erinnern, daß es masochistische
Tendenzen im Seelenleben gibt, denen man eine solche Umkehrung
zuschreiben könnte. Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt
aber noch anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner
Laboratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das
düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzt; ich
hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben erhalten
sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl zwischen mehreren
Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also wieder jung und vor
allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese schweren Jahre mit mir
geteilt hatte. Somit war einer der unablässig nagenden Wünsche des
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von
ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung über
solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange Zeit im
chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten Künsten zu
etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen niemals gern an
diese unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens.
Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden, daß ich im
Laboratorium arbeite, Analysen mache, verschiedenes erlebe usw.; diese
Träume sind ähnlich unbehaglich wie die Prüfungsträume und niemals sehr
deutlich. Bei der Deutung eines dieser Träume wurde ich endlich auf das
Wort »A n a l y s e« aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis
bot. Ich bin ja seither »Analytiker« geworden, mache Analysen, die sehr
gelobt werden, allerdings P s y c h o - A n a l y s e n. Ich verstand nun, wenn
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, mich vor
mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe, hält mir
nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Analysen vor, auf
die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Strafträume des
Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter
geworden war. Wie wird es aber dem Traume möglich, sich in dem Konflikt
zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren zu
stellen und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten
Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die
Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können erschließen,
daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes
bildete, an ihrer statt ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den
Trauminhalt gelangt. Man darf daran erinnern, daß es masochistische
Tendenzen im Seelenleben gibt, denen man eine solche Umkehrung
zuschreiben könnte. Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt
aber noch anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner
Laboratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das
düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzt; ich
hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben erhalten
sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl zwischen mehreren
Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also wieder jung und vor
allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese schweren Jahre mit mir
geteilt hatte. Somit war einer der unablässig nagenden Wünsche des
Page 412
alternden Mannes als der unbewußte Traumerreger verraten. Der in anderen
psychischen Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der
Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde
Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich
auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine
harte Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung.
Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf man oft
genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und für
unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der Mitteilung
ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel auf, die bei
exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen wären.
O. R a n k machte mich auch aufmerksam, daß im G r i m m schen
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder »Sieben auf einen Streich« ein
ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der Schneider,
der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, träumt eines
Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von seinem Handwerk; diese,
mißtrauisch geworden, bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die
das aus dem Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers
versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den
Traum zu korrigieren.
Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und
Verkehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der
Traumgedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Synthesen
vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier noch einige
Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die etwa einige der
besprochenen Fälle als realisiert erweisen.
V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
B r ü c k e stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, v e r m i s s e i c h
i m T r a u m e s e l b s t d a s d a z u g e h ö r i g e G r a u e n. Dies ist
nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet die
Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des
Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, daß ich den
Druck des bereitliegenden Manuskriptes um mehr als ein Jahr aufgeschoben
habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich über diese abhaltende
Empfindung hinaussetzen möge, darum verspüre ich im Traume kein
psychischen Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der
Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde
Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich
auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine
harte Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung.
Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf man oft
genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und für
unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der Mitteilung
ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel auf, die bei
exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen wären.
O. R a n k machte mich auch aufmerksam, daß im G r i m m schen
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder »Sieben auf einen Streich« ein
ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der Schneider,
der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, träumt eines
Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von seinem Handwerk; diese,
mißtrauisch geworden, bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die
das aus dem Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers
versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den
Traum zu korrigieren.
Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und
Verkehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der
Traumgedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Synthesen
vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier noch einige
Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die etwa einige der
besprochenen Fälle als realisiert erweisen.
V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
B r ü c k e stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, v e r m i s s e i c h
i m T r a u m e s e l b s t d a s d a z u g e h ö r i g e G r a u e n. Dies ist
nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet die
Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des
Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, daß ich den
Druck des bereitliegenden Manuskriptes um mehr als ein Jahr aufgeschoben
habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich über diese abhaltende
Empfindung hinaussetzen möge, darum verspüre ich im Traume kein
Page 413
»G r a u e n«. Das »G r a u e n« im anderen Sinne möchte ich auch gern
vermissen; es graut bei mir schon ordentlich, und dies G r a u der Haare
mahnt mich gleichfalls, nicht länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am
Schlusse des Traumes der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde
es den Kindern überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel
zu kommen.
Gegenseitige Förderung der Affekte.
In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in die
nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese Befriedigung
das einemal motiviert durch die Erwartung, ich werde jetzt erfahren, was es
heißt, »ich habe schon davon geträumt«, und bezieht sich eigentlich auf die
Geburt der ersten Kinder, das anderemal durch die Überzeugung, es werde
jetzt eintreffen, »was sich durch ein Vorzeichen angekündigt hat«, und diese
Befriedigung ist die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat.
Es sind hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu. Vertieft
man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man, daß diese der Zensur
nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug aus einer Quelle erhält,
welche die Zensur zu fürchten hat, und deren Affekt sicherlich Widerspruch
erregen würde, wenn er sich nicht durch den gleichartigen, gern
zugelassenen Befriedigungsaffekt aus der erlaubten Quelle decken, sich
gleichsam hinter ihm einschleichen würde. Ich kann dies leider nicht an
dem Traumbeispiel selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre
wird meine Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es
gäbe in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine lebhafte
Regung zu stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas widerfährt.
Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem Wesen nicht nach; ich
wage es nicht, den Unglückswunsch zu äußern, und nachdem ihr
unverschuldet etwas zugestoßen ist, unterdrücke ich meine Befriedigung
darüber und nötige mich zu Äußerungen und Gedanken des Bedauerns.
Jeder Mann wird sich in solcher Lage schon befunden haben. Nun ereigne
es sich aber, daß die gehaßte Person sich durch eine Überschreitung eine
wohlverdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner
Befriedigung darüber freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe
getroffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen
vermissen; es graut bei mir schon ordentlich, und dies G r a u der Haare
mahnt mich gleichfalls, nicht länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am
Schlusse des Traumes der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde
es den Kindern überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel
zu kommen.
Gegenseitige Förderung der Affekte.
In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in die
nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese Befriedigung
das einemal motiviert durch die Erwartung, ich werde jetzt erfahren, was es
heißt, »ich habe schon davon geträumt«, und bezieht sich eigentlich auf die
Geburt der ersten Kinder, das anderemal durch die Überzeugung, es werde
jetzt eintreffen, »was sich durch ein Vorzeichen angekündigt hat«, und diese
Befriedigung ist die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat.
Es sind hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu. Vertieft
man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man, daß diese der Zensur
nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug aus einer Quelle erhält,
welche die Zensur zu fürchten hat, und deren Affekt sicherlich Widerspruch
erregen würde, wenn er sich nicht durch den gleichartigen, gern
zugelassenen Befriedigungsaffekt aus der erlaubten Quelle decken, sich
gleichsam hinter ihm einschleichen würde. Ich kann dies leider nicht an
dem Traumbeispiel selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre
wird meine Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es
gäbe in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine lebhafte
Regung zu stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas widerfährt.
Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem Wesen nicht nach; ich
wage es nicht, den Unglückswunsch zu äußern, und nachdem ihr
unverschuldet etwas zugestoßen ist, unterdrücke ich meine Befriedigung
darüber und nötige mich zu Äußerungen und Gedanken des Bedauerns.
Jeder Mann wird sich in solcher Lage schon befunden haben. Nun ereigne
es sich aber, daß die gehaßte Person sich durch eine Überschreitung eine
wohlverdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner
Befriedigung darüber freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe
getroffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen
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anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, daß
meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen
Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der inneren
Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den geänderten Verhältnissen
aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft
allgemein zu, wo antipathische Personen oder Angehörige einer ungern
gesehenen Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht
dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden
vermehrt um das bisher effektlose Übelwollen, das sich gegen sie richtet.
Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden
aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung,
welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in
ihrem Innern bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach
zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkte
beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des zweiten
Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen sich leicht mehr
Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beabsichtigte.
Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, quantitativ
über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, soweit er überhaupt
eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Überschuß rührt aber aus
unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten Affektquellen her, die mit
dem realen Anlaß eine assoziative Verbindung herstellen können, und für
deren Affektentbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle
die erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß
wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz
nicht ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge
fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen die
beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Verstärkung
einen pathologischen Effekt zu stande bringen. Diese andeutenden
Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis
der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die sich
im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald an ihrer Stelle in den
Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen Nachweis allein nicht
immer vollständig aufgeklärt. In der Regel wird man für sie eine zweite
Quelle in den Traumgedanken aufzusuchen haben, auf welche der Druck
der Zensur lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern
meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen
Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der inneren
Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den geänderten Verhältnissen
aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft
allgemein zu, wo antipathische Personen oder Angehörige einer ungern
gesehenen Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht
dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden
vermehrt um das bisher effektlose Übelwollen, das sich gegen sie richtet.
Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden
aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung,
welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in
ihrem Innern bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach
zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkte
beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des zweiten
Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen sich leicht mehr
Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beabsichtigte.
Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, quantitativ
über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, soweit er überhaupt
eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Überschuß rührt aber aus
unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten Affektquellen her, die mit
dem realen Anlaß eine assoziative Verbindung herstellen können, und für
deren Affektentbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle
die erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß
wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz
nicht ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge
fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen die
beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Verstärkung
einen pathologischen Effekt zu stande bringen. Diese andeutenden
Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis
der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die sich
im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald an ihrer Stelle in den
Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen Nachweis allein nicht
immer vollständig aufgeklärt. In der Regel wird man für sie eine zweite
Quelle in den Traumgedanken aufzusuchen haben, auf welche der Druck
der Zensur lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern
Page 415
den gegenteiligen Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der
ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der
Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung aus
anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte im Traume als
zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als überdeterminiert in bezug
auf das Material der Traumgedanken; A f f e k t q u e l l e n , d i e d e n
nämlichen Affekt liefern können, treten bei der
T r a u m a r b e i t z u r B i l d u n g d e s s e l b e n z u s a m m e n(175).
Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält man durch
die Analyse des schönen Traumes, in dem »N o n v i x i t« den Mittelpunkt
bildet (vgl. p. 301). In diesem Traume sind die Affektäußerungen von
verschiedener Qualität an zwei Stellen des manifesten Inhaltes
zusammengedrängt. Feindselige und peinliche Regungen (im Traume selbst
heißt es »von merkwürdigen Affekten ergriffen«) überlagern einander dort,
wo ich den gegnerischen Freund mit den beiden Worten vernichte. Am
Ende des Traumes bin ich ungemein erfreut und urteile dann anerkennend
über eine im Wachen als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich
Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.
Die Affekte im Traume »Non vixit«.
Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. Sie ist
eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes hinein. Ich
hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. bezeichnet habe) die
Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation unterziehen werde, und
daß in Wien lebende Verwandte mir die weiteren Auskünfte über sein
Befinden geben würden. Diese ersten Nachrichten nach der Operation
lauteten nicht erfreulich und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst
zu ihm gereist, aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften
Leiden behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den
Traumgedanken erfahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes
fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich
wußte, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume:
Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in ¾
S t u n d e n w a r s i e t o t .) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine
eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich auf weit
ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der
Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung aus
anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte im Traume als
zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als überdeterminiert in bezug
auf das Material der Traumgedanken; A f f e k t q u e l l e n , d i e d e n
nämlichen Affekt liefern können, treten bei der
T r a u m a r b e i t z u r B i l d u n g d e s s e l b e n z u s a m m e n(175).
Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält man durch
die Analyse des schönen Traumes, in dem »N o n v i x i t« den Mittelpunkt
bildet (vgl. p. 301). In diesem Traume sind die Affektäußerungen von
verschiedener Qualität an zwei Stellen des manifesten Inhaltes
zusammengedrängt. Feindselige und peinliche Regungen (im Traume selbst
heißt es »von merkwürdigen Affekten ergriffen«) überlagern einander dort,
wo ich den gegnerischen Freund mit den beiden Worten vernichte. Am
Ende des Traumes bin ich ungemein erfreut und urteile dann anerkennend
über eine im Wachen als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich
Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.
Die Affekte im Traume »Non vixit«.
Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. Sie ist
eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes hinein. Ich
hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. bezeichnet habe) die
Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation unterziehen werde, und
daß in Wien lebende Verwandte mir die weiteren Auskünfte über sein
Befinden geben würden. Diese ersten Nachrichten nach der Operation
lauteten nicht erfreulich und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst
zu ihm gereist, aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften
Leiden behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den
Traumgedanken erfahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes
fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich
wußte, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume:
Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in ¾
S t u n d e n w a r s i e t o t .) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine
eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich auf weit
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schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und zu s p ä t komme,
worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte(176). Dieser Vorwurf
wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des Traumes geworden,
hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der der verehrte Meister meiner
Studentenjahre B r ü c k e mir mit einem fürchterlichen Blicke seiner blauen
Augen den Vorwurf macht. Was diese Ablenkung der Szene zu stande
gebracht, wird sich bald ergeben; die Szene selbst kann der Traum nicht so
reproduzieren, wie ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen
Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die
offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben des
Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine Beschämung
(e r i s t u n a u f f ä l l i g [zu mir] nach Wien gekommen), mein Bedürfnis,
mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles setzt den
Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe deutlich verspürt, in jener Region
der Traumgedanken tobt.
An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was auf mich
eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den ungünstigen
Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich auch die
Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu sprechen, die mich
beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in meine Verschwiegenheit
zur Voraussetzung hatte. Ich wußte zwar, daß dieser Auftrag nicht von
meinem Freunde ausging, sondern einer Ungeschicklichkeit oder
Überängstlichkeit des vermittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von
dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz
unberechtigt war. Andere Vorwürfe als solche, an denen »etwas daran ist«,
haften bekanntlich nicht, haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich
zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen
wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über den
anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören bekam,
habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen denen ich
damals den Unfriedensstifter machte, war Professor F l e i s c h l; der andere
kann durch den Vornamen J o s e f, den auch mein im Traume auftretender
Freund und Gegner P. führte, ersetzt werden.
Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten vermöge,
zeugen im Traume die Elemente u n a u f f ä l l i g und die Frage F l s ., w i e
worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte(176). Dieser Vorwurf
wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des Traumes geworden,
hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der der verehrte Meister meiner
Studentenjahre B r ü c k e mir mit einem fürchterlichen Blicke seiner blauen
Augen den Vorwurf macht. Was diese Ablenkung der Szene zu stande
gebracht, wird sich bald ergeben; die Szene selbst kann der Traum nicht so
reproduzieren, wie ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen
Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die
offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben des
Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine Beschämung
(e r i s t u n a u f f ä l l i g [zu mir] nach Wien gekommen), mein Bedürfnis,
mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles setzt den
Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe deutlich verspürt, in jener Region
der Traumgedanken tobt.
An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was auf mich
eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den ungünstigen
Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich auch die
Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu sprechen, die mich
beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in meine Verschwiegenheit
zur Voraussetzung hatte. Ich wußte zwar, daß dieser Auftrag nicht von
meinem Freunde ausging, sondern einer Ungeschicklichkeit oder
Überängstlichkeit des vermittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von
dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz
unberechtigt war. Andere Vorwürfe als solche, an denen »etwas daran ist«,
haften bekanntlich nicht, haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich
zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen
wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über den
anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören bekam,
habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen denen ich
damals den Unfriedensstifter machte, war Professor F l e i s c h l; der andere
kann durch den Vornamen J o s e f, den auch mein im Traume auftretender
Freund und Gegner P. führte, ersetzt werden.
Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten vermöge,
zeugen im Traume die Elemente u n a u f f ä l l i g und die Frage F l s ., w i e
Page 417
v i e l v o n s e i n e n D i n g e n i c h P. d e n n m i t g e t e i l t h a b e.
Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den Vorwurf des
Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich im B r ü c k e schen
Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite Person in der
Vernichtungsszene des Traumes durch einen J o s e f ersetze, lasse ich diese
Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen, daß ich zu spät komme,
sondern auch den von der Verdrängung stärker betroffenen, daß ich kein
Geheimnis bewahre. Die Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des
Traumes sowie deren Motive werden hier augenfällig.
Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung, nichts zu
verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe fließenden Quellen
und schwillt so zu einem Strome feindseliger Regungen gegen in
Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, welche die Verstärkung
liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon erzählt, daß meine warmen
Freundschaften wie meine Feindschaften mit Gleichalterigen auf meinen
Kinderverkehr mit einem um ein Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem
er der Überlegene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir
unzertrennlich miteinander lebten und einander liebten, dazwischen, wie
Mitteilungen älterer Personen bezeugen, uns rauften und – v e r k l a g t e n.
Alle meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten
Gestalt, die »früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, R e v e n a n t s.
Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten
wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter
Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines Gefühlslebens;
ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen, und nicht selten
stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß Freund und Feind in dieselbe
Person zusammenfielen, natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach
wiederholter Abwechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall
gewesen sein mag.
Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein rezenter
Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann, um sich durch
ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte ich hier nicht verfolgen.
Es gehört der Psychologie des unbewußten Denkens an und fände seine
Stelle in einer psychologischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für
unsere Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung
einstellt oder eine solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts:
Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den Vorwurf des
Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich im B r ü c k e schen
Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite Person in der
Vernichtungsszene des Traumes durch einen J o s e f ersetze, lasse ich diese
Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen, daß ich zu spät komme,
sondern auch den von der Verdrängung stärker betroffenen, daß ich kein
Geheimnis bewahre. Die Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des
Traumes sowie deren Motive werden hier augenfällig.
Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung, nichts zu
verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe fließenden Quellen
und schwillt so zu einem Strome feindseliger Regungen gegen in
Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, welche die Verstärkung
liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon erzählt, daß meine warmen
Freundschaften wie meine Feindschaften mit Gleichalterigen auf meinen
Kinderverkehr mit einem um ein Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem
er der Überlegene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir
unzertrennlich miteinander lebten und einander liebten, dazwischen, wie
Mitteilungen älterer Personen bezeugen, uns rauften und – v e r k l a g t e n.
Alle meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten
Gestalt, die »früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, R e v e n a n t s.
Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten
wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter
Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines Gefühlslebens;
ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen, und nicht selten
stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß Freund und Feind in dieselbe
Person zusammenfielen, natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach
wiederholter Abwechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall
gewesen sein mag.
Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein rezenter
Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann, um sich durch
ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte ich hier nicht verfolgen.
Es gehört der Psychologie des unbewußten Denkens an und fände seine
Stelle in einer psychologischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für
unsere Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung
einstellt oder eine solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts:
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Die beiden Kinder geraten in Streit miteinander um ein Objekt, – welches,
lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung
ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er sei f r ü h e r
g e k o m m e n, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei,
Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Traumes könnte ich
gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (d e n I r r t u m s e l b s t
b e m e r k e n d); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, behaupte das
Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive Großvater, verklagt
mich, und ich verteidige mich mit den mir durch die Erzählung des Vaters
bekannten Worten: I c h h a b e i h n g e l a g t , w e i l e r m i c h
g e l a g t h a t; so ist diese Erinnerung oder wahrscheinlicher Phantasie, die
sich mir während der Analyse des Traumes – ohne weitere Gewähr, ich
weiß selbst nicht wie – aufdrängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das
die in den Traumgedanken waltenden Affektregungen wie eine
Brunnenschale die zugeleiteten Gewässer sammelt. Von hier aus fließen die
Traumgedanken in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du
mir den Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze
verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich die
Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
einmünden. Ein solches »ôte-toi que je m’y mette« mußte ich seinerzeit
meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er war in
meine Fußstapfen als Aspirant im B r ü c k e schen Laboratorium getreten,
aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden Assistenten
rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. Mein Freund, der seine
Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein intimes Verhältnis an seinen
Vordermann band, gab seiner Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da
dieser Vordermann ein schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn
beseitigt zu wissen, außer dem Sinne: durch eine Beförderung auch eine
anstößige Nebendeutung zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre
vorher der nämliche Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch
viel lebhafter gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und
Beförderung gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche
eröffnet. S h a k e s p e a r e s P r i n z H a l kann sich nicht einmal am Bett
des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren, wie ihm
die Krone steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich, diesen
rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm(177).
lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung
ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er sei f r ü h e r
g e k o m m e n, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei,
Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Traumes könnte ich
gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (d e n I r r t u m s e l b s t
b e m e r k e n d); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, behaupte das
Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive Großvater, verklagt
mich, und ich verteidige mich mit den mir durch die Erzählung des Vaters
bekannten Worten: I c h h a b e i h n g e l a g t , w e i l e r m i c h
g e l a g t h a t; so ist diese Erinnerung oder wahrscheinlicher Phantasie, die
sich mir während der Analyse des Traumes – ohne weitere Gewähr, ich
weiß selbst nicht wie – aufdrängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das
die in den Traumgedanken waltenden Affektregungen wie eine
Brunnenschale die zugeleiteten Gewässer sammelt. Von hier aus fließen die
Traumgedanken in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du
mir den Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze
verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich die
Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
einmünden. Ein solches »ôte-toi que je m’y mette« mußte ich seinerzeit
meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er war in
meine Fußstapfen als Aspirant im B r ü c k e schen Laboratorium getreten,
aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden Assistenten
rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. Mein Freund, der seine
Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein intimes Verhältnis an seinen
Vordermann band, gab seiner Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da
dieser Vordermann ein schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn
beseitigt zu wissen, außer dem Sinne: durch eine Beförderung auch eine
anstößige Nebendeutung zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre
vorher der nämliche Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch
viel lebhafter gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und
Beförderung gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche
eröffnet. S h a k e s p e a r e s P r i n z H a l kann sich nicht einmal am Bett
des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren, wie ihm
die Krone steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich, diesen
rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm(177).
Page 419
»Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.« Weil er nicht
erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, darum ist er selbst
hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich unmittelbar, nachdem
ich in der Universität der Enthüllung des dem anderen gesetzten Denkmals
beigewohnt habe. Ein Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung
deutet sich also: Gerechte Strafe; es ist dir recht geschehen.
Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger Mann die
unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so gesprochen, als ob
jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht mehr bestehen könne. Es
regte sich in ihm die Auflehnung des wahrhaften Menschen, dem man den
Schmerz durch Übertreibung stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die
Traumgedanken an: Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich
schon zu Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich
behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte,
meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu
ihm reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue, wieder
jemanden zu überleben, daß nicht i c h gestorben bin, sondern e r, daß ich
den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinderszene. Diese aus
dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß ich den Platz
behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum aufgenommenen Affekts.
Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, ich äußere das mit dem naiven
Egoismus der Anekdote zwischen Ehegatten: »Wenn eines von uns stirbt,
übersiedle ich nach Paris.« Es ist für meine Erwartung so
selbstverständlich, daß nicht ich der eine bin.
Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung dazu
gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich als den
einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen man das Leben
teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die R e v e n a n t s nur so lange
bestehen, als man sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden
können. Das ist also das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die
Revenants sind aber die aufeinanderfolgenden Inkarnationen meines
Kindheitsfreundes, ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese
Person immer wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu
verlieren im Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand
unersetzlich.
erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, darum ist er selbst
hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich unmittelbar, nachdem
ich in der Universität der Enthüllung des dem anderen gesetzten Denkmals
beigewohnt habe. Ein Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung
deutet sich also: Gerechte Strafe; es ist dir recht geschehen.
Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger Mann die
unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so gesprochen, als ob
jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht mehr bestehen könne. Es
regte sich in ihm die Auflehnung des wahrhaften Menschen, dem man den
Schmerz durch Übertreibung stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die
Traumgedanken an: Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich
schon zu Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich
behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte,
meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu
ihm reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue, wieder
jemanden zu überleben, daß nicht i c h gestorben bin, sondern e r, daß ich
den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinderszene. Diese aus
dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß ich den Platz
behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum aufgenommenen Affekts.
Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, ich äußere das mit dem naiven
Egoismus der Anekdote zwischen Ehegatten: »Wenn eines von uns stirbt,
übersiedle ich nach Paris.« Es ist für meine Erwartung so
selbstverständlich, daß nicht ich der eine bin.
Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung dazu
gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich als den
einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen man das Leben
teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die R e v e n a n t s nur so lange
bestehen, als man sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden
können. Das ist also das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die
Revenants sind aber die aufeinanderfolgenden Inkarnationen meines
Kindheitsfreundes, ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese
Person immer wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu
verlieren im Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand
unersetzlich.
Page 420
Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht den
energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der rohesten
Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung nicht in
schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Gedankenzüge über
die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung ausgehen und mit ihrem
Affekt jenen aus der verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen
Schicht von Gedanken habe ich mir bei jener feierlichen
Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele teure Freunde verloren, die
einen durch Tod, die anderen durch Auflösung der Freundschaft; es ist doch
schön, daß sie sich mir ersetzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der
mir mehr bedeutet, als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter,
wo man nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer
festhalten werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen
Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinübernehmen,
aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung aus infantiler
Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich die heute
berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in
die Darstellung gebahnt.
Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen anderen
Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf. Mein Freund
hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen bekommen. Ich weiß,
wie sehr er seine früh verlorene Schwester betrauert hat, und schreibe ihm,
auf dieses Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester
empfunden; dieses kleine Mädchen würde ihn den unersetzlichen Verlust
endlich vergessen machen.
So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken des
latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach entgegengesetzten
Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. Sieh, nur
R e v e n a n t s; alles was man verloren hat, kommt wieder. Und nun werden
die assoziativen Bande zwischen den widerspruchsvollen Bestandteilen der
Traumgedanken enger angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die
kleine Tochter meines Freundes denselben Namen trägt wie meine eigene
kleine Jugendgespielin, die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten
Freundes und Gegners. Ich habe den Namen »Pauline« mit
B e f r i e d i g u n g gehört, und um auf dieses Zusammentreffen
anzuspielen, habe ich im Traume einen Josef durch einen anderen Josef
energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der rohesten
Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung nicht in
schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Gedankenzüge über
die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung ausgehen und mit ihrem
Affekt jenen aus der verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen
Schicht von Gedanken habe ich mir bei jener feierlichen
Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele teure Freunde verloren, die
einen durch Tod, die anderen durch Auflösung der Freundschaft; es ist doch
schön, daß sie sich mir ersetzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der
mir mehr bedeutet, als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter,
wo man nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer
festhalten werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen
Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinübernehmen,
aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung aus infantiler
Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich die heute
berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in
die Darstellung gebahnt.
Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen anderen
Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf. Mein Freund
hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen bekommen. Ich weiß,
wie sehr er seine früh verlorene Schwester betrauert hat, und schreibe ihm,
auf dieses Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester
empfunden; dieses kleine Mädchen würde ihn den unersetzlichen Verlust
endlich vergessen machen.
So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken des
latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach entgegengesetzten
Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. Sieh, nur
R e v e n a n t s; alles was man verloren hat, kommt wieder. Und nun werden
die assoziativen Bande zwischen den widerspruchsvollen Bestandteilen der
Traumgedanken enger angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die
kleine Tochter meines Freundes denselben Namen trägt wie meine eigene
kleine Jugendgespielin, die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten
Freundes und Gegners. Ich habe den Namen »Pauline« mit
B e f r i e d i g u n g gehört, und um auf dieses Zusammentreffen
anzuspielen, habe ich im Traume einen Josef durch einen anderen Josef
Page 421
ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen Anlaut in den Namen Fleischl
und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur
Namengebung bei meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre
Namen nicht nach der Mode des Tages gewählt, sondern durch das
Andenken an teure Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die
Kinder zu »R e v e n a n t s«. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns
alle der einzige Zugang zur U n s t e r b l i c h k e i t?
Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Bemerkungen
von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der Seele des
Schlafenden kann eine Affektneigung – was wir Stimmung heißen – als
dominierendes Element enthalten sein und dann den Traum mitbestimmen.
Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages
hervorgehen, sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie
von ihr entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser
Vorstellungsinhalt der Traumgedanken das einemal primär die
Affektneigung bedingt, das andere Mal sekundär durch die somatisch zu
erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird, bleibt für die Traumbildung
gleichgültig. Dieselbe steht allemal unter der Einschränkung, daß sie nur
darstellen kann, was Wunscherfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche
ihre psychische Triebkraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene
Stimmung wird dieselbe Behandlung erfahren wie die aktuell während des
Schlafes auftauchende Sensation (vgl. p. 176), die entweder vernachlässigt
oder im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet wird. Peinliche
Stimmungen während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes,
indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das
Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum
Ausdruck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je
dominierender das Element der peinlichen Stimmung in den
Traumgedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten
Wunschregungen die Gelegenheit, zur Darstellung zu kommen, benutzen,
da sie durch die aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem
erzeugen müßten, den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur
Darstellung bereits erledigt finden; mit diesen Erörterungen streifen wir
wieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall für die
Traumleistung herausstellen werden.
und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur
Namengebung bei meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre
Namen nicht nach der Mode des Tages gewählt, sondern durch das
Andenken an teure Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die
Kinder zu »R e v e n a n t s«. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns
alle der einzige Zugang zur U n s t e r b l i c h k e i t?
Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Bemerkungen
von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der Seele des
Schlafenden kann eine Affektneigung – was wir Stimmung heißen – als
dominierendes Element enthalten sein und dann den Traum mitbestimmen.
Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages
hervorgehen, sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie
von ihr entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser
Vorstellungsinhalt der Traumgedanken das einemal primär die
Affektneigung bedingt, das andere Mal sekundär durch die somatisch zu
erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird, bleibt für die Traumbildung
gleichgültig. Dieselbe steht allemal unter der Einschränkung, daß sie nur
darstellen kann, was Wunscherfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche
ihre psychische Triebkraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene
Stimmung wird dieselbe Behandlung erfahren wie die aktuell während des
Schlafes auftauchende Sensation (vgl. p. 176), die entweder vernachlässigt
oder im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet wird. Peinliche
Stimmungen während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes,
indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das
Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum
Ausdruck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je
dominierender das Element der peinlichen Stimmung in den
Traumgedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten
Wunschregungen die Gelegenheit, zur Darstellung zu kommen, benutzen,
da sie durch die aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem
erzeugen müßten, den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur
Darstellung bereits erledigt finden; mit diesen Erörterungen streifen wir
wieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall für die
Traumleistung herausstellen werden.
Page 422
i) D i e s e k u n d ä r e B e a r b e i t u n g.
Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der
Traumbildung beteiligten Momente gehen.
Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin
eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im
Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so stößt man
auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen Annahme
bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume wundert, ärgert,
sträubt und zwar gegen ein Stück des Trauminhaltes selbst. Die meisten
dieser Regungen von Kritik im Traume sind nicht gegen den Trauminhalt
gerichtet, sondern erweisen sich als übernommene und passend verwendete
Teile des Traummaterials, wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe.
Einiges der Art fügt sich aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das
Korrelat dazu im Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im
Traume nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine
wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar
nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch häufiger
geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich nach der Konstatierung
des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke: »Das ist ja nur ein Traum«
während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne
im Munde der schönen Helena von O f f e n b a c h besagen soll; er will die
Bedeutung des eben Erlebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren
ermöglichen. Er dient zur Einschläferung einer gewissen Instanz, die in
dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die
Fortsetzung des Traumes – oder der Szene – zu verbieten. Es ist aber
bequemer weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, »weil’s doch nur
ein Traum ist«. Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist ja nur
ein Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz schlafende
Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist
zu spät ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der
Angst oder der peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum hin
erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit d’escalier von Seite der psychischen
Zensur.
Anteil der sekundären Bearbeitung an der Traumschöpfung.
Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der
Traumbildung beteiligten Momente gehen.
Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin
eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im
Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so stößt man
auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen Annahme
bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume wundert, ärgert,
sträubt und zwar gegen ein Stück des Trauminhaltes selbst. Die meisten
dieser Regungen von Kritik im Traume sind nicht gegen den Trauminhalt
gerichtet, sondern erweisen sich als übernommene und passend verwendete
Teile des Traummaterials, wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe.
Einiges der Art fügt sich aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das
Korrelat dazu im Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im
Traume nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine
wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar
nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch häufiger
geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich nach der Konstatierung
des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke: »Das ist ja nur ein Traum«
während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne
im Munde der schönen Helena von O f f e n b a c h besagen soll; er will die
Bedeutung des eben Erlebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren
ermöglichen. Er dient zur Einschläferung einer gewissen Instanz, die in
dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die
Fortsetzung des Traumes – oder der Szene – zu verbieten. Es ist aber
bequemer weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, »weil’s doch nur
ein Traum ist«. Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist ja nur
ein Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz schlafende
Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist
zu spät ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der
Angst oder der peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum hin
erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit d’escalier von Seite der psychischen
Zensur.
Anteil der sekundären Bearbeitung an der Traumschöpfung.
Page 423
An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis dafür,
daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken stammt,
sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem wachen Denken
nicht zu trennen ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern kann. Es fragt sich
nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor oder kommt der sonst nur als
Zensur tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der
Traumbildung zu?
Man muß sich ohne Schwanken für das Zweite entscheiden. Es ist
unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir bisher nur
in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt erkannten, auch
Einschaltungen und Vermehrungen desselben verschuldet. Diese
Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden zaghaft berichtet, mit
einem »als ob« eingeleitet, haben an und für sich keine besonders hohe
Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen angebracht, wo sie zur Verknüpfung
zweier Stücke des Trauminhaltes, zur Anbahnung eines Zusammenhanges
zwischen zwei Traumpartien dienen können. Sie zeigen eine geringere
Haltbarkeit im Gedächtnis als die echten Abkömmlinge des
Traummaterials; unterliegt der Traum dem Vergessen, so fallen sie zuerst
aus, und ich hege eine starke Vermutung, daß unsere häufige Klage, wir
hätten soviel geträumt, das meiste davon vergessen und nur Bruchstücke
behalten, auf dem alsbaldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht.
Bei vollständiger Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal
dadurch, daß sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet.
Doch muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren
bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material
in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine
eigene Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme
in den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der
Traumbildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im
äußersten Falle zu Neuschöpfungen; so lange es noch möglich ist, verwertet
sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann.
Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist seine
Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter boshaft vom
Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken stopft sie die Lücken
im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Bemühung ist, daß der Traum den
Anschein der Absurdität und Zusammenhanglosigkeit verliert und sich dem
daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken stammt,
sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem wachen Denken
nicht zu trennen ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern kann. Es fragt sich
nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor oder kommt der sonst nur als
Zensur tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der
Traumbildung zu?
Man muß sich ohne Schwanken für das Zweite entscheiden. Es ist
unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir bisher nur
in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt erkannten, auch
Einschaltungen und Vermehrungen desselben verschuldet. Diese
Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden zaghaft berichtet, mit
einem »als ob« eingeleitet, haben an und für sich keine besonders hohe
Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen angebracht, wo sie zur Verknüpfung
zweier Stücke des Trauminhaltes, zur Anbahnung eines Zusammenhanges
zwischen zwei Traumpartien dienen können. Sie zeigen eine geringere
Haltbarkeit im Gedächtnis als die echten Abkömmlinge des
Traummaterials; unterliegt der Traum dem Vergessen, so fallen sie zuerst
aus, und ich hege eine starke Vermutung, daß unsere häufige Klage, wir
hätten soviel geträumt, das meiste davon vergessen und nur Bruchstücke
behalten, auf dem alsbaldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht.
Bei vollständiger Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal
dadurch, daß sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet.
Doch muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren
bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material
in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine
eigene Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme
in den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der
Traumbildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im
äußersten Falle zu Neuschöpfungen; so lange es noch möglich ist, verwertet
sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann.
Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist seine
Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter boshaft vom
Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken stopft sie die Lücken
im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Bemühung ist, daß der Traum den
Anschein der Absurdität und Zusammenhanglosigkeit verliert und sich dem
Page 424
Vorbilde eines verständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist
nicht jedesmal vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu
stande, die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt
erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es,
wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. Diese
Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem wachen
Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen einen Sinn zu
haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung des Traumes auch
am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so überzeugt man sich, daß hier
die sekundäre Bearbeitung des Traumes am freiesten mit dem Material
umgesprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten hat. Es
sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet worden sind, ehe wir
sie im Wachen der Deutung unterziehen. In anderen Träumen ist diese
tendenziöse Bearbeitung nur ein Stück weit gelungen; so weit scheint
Zusammenhang zu herrschen, dann wird der Traum unsinnig oder
verworren, vielleicht um sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum
Anschein des Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die
Bearbeitung überhaupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen
Haufen von Inhaltsbrocken gegenüber.
Die Phantasien oder Tagträume.
Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die uns ja
bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in Wirklichkeit die einzige
uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern; – ich möchte diesem
vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch neue Beiträge zum Traume
zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert sich auch
ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung und
Auswahl von bereits gebildetem psychischen Material in den
Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, an den
Traum gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren Teil dadurch
erspart bleibt, daß im Material der Traumgedanken ein solches Gebilde,
seiner Verwendung harrend, bereits fertig vorgefunden wird. Das Element
der Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege ich als »P h a n t a s i e«
zu bezeichnen; ich gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn
ich sofort als das Analoge aus dem Wachleben den T a g t r a u m namhaft
nicht jedesmal vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu
stande, die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt
erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es,
wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. Diese
Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem wachen
Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen einen Sinn zu
haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung des Traumes auch
am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so überzeugt man sich, daß hier
die sekundäre Bearbeitung des Traumes am freiesten mit dem Material
umgesprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten hat. Es
sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet worden sind, ehe wir
sie im Wachen der Deutung unterziehen. In anderen Träumen ist diese
tendenziöse Bearbeitung nur ein Stück weit gelungen; so weit scheint
Zusammenhang zu herrschen, dann wird der Traum unsinnig oder
verworren, vielleicht um sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum
Anschein des Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die
Bearbeitung überhaupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen
Haufen von Inhaltsbrocken gegenüber.
Die Phantasien oder Tagträume.
Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die uns ja
bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in Wirklichkeit die einzige
uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern; – ich möchte diesem
vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch neue Beiträge zum Traume
zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert sich auch
ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung und
Auswahl von bereits gebildetem psychischen Material in den
Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, an den
Traum gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren Teil dadurch
erspart bleibt, daß im Material der Traumgedanken ein solches Gebilde,
seiner Verwendung harrend, bereits fertig vorgefunden wird. Das Element
der Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege ich als »P h a n t a s i e«
zu bezeichnen; ich gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn
ich sofort als das Analoge aus dem Wachleben den T a g t r a u m namhaft
Page 425
mache(178). Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den
Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden; M.
B e n e d i k t hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint,
vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblicke der
Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allgemein
bekannt ist die Schilderung, die A. D a u d e t im N a b a b von den
Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der
Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien
oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome –
wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen – sind; nicht an den Erinnerungen
selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten Phantasien
hängen erst die hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewußter
Tagesphantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es aber
solche bewußte Phantasien gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor,
die wegen ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom verdrängten Material
unbewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere
dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen
derselbe Name zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen
tragen, der Name: T r ä u m e. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer
Eigenschaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns
eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der
Nachtträume eröffnen können.
Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume basieren
sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse; wie die Träume
erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur für ihre
Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbaue nachspürt, so wird man inne, wie
das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus
dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem
neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen zu den
Kindheitserinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben
Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken Ruinen, deren
Quadern und Säulen das Material für den Bau in moderneren Formen
hergegeben haben.
In der »sekundären Bearbeitung«, die wir unserem vierten
traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben,
finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der
Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden; M.
B e n e d i k t hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint,
vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblicke der
Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allgemein
bekannt ist die Schilderung, die A. D a u d e t im N a b a b von den
Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der
Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien
oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome –
wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen – sind; nicht an den Erinnerungen
selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten Phantasien
hängen erst die hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewußter
Tagesphantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es aber
solche bewußte Phantasien gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor,
die wegen ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom verdrängten Material
unbewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere
dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen
derselbe Name zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen
tragen, der Name: T r ä u m e. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer
Eigenschaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns
eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der
Nachtträume eröffnen können.
Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume basieren
sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse; wie die Träume
erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur für ihre
Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbaue nachspürt, so wird man inne, wie
das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus
dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem
neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen zu den
Kindheitserinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben
Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken Ruinen, deren
Quadern und Säulen das Material für den Bau in moderneren Formen
hergegeben haben.
In der »sekundären Bearbeitung«, die wir unserem vierten
traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben,
finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der
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Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir könnten
ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem ihm
dargebotenen Material e t w a s w i e e i n e n T a g t r a u m zu gestalten.
Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhang der
Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich
seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in den
Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der Wiederholung
einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, bestehen, so
z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des Trojanischen
Krieges im Streitwagen fährt. In meinem Traume »A u t o d i d a s k e r« ist
wenigstens das zweite Traumstück die getreue Wiederholung einer an sich
harmlosen Tagesphantasie über meinen Verkehr mit dem Professor N. Es
rührt aus der Komplikation der Bedingungen her, denen der Traum bei
seinem Entstehen zu genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie
nur ein Stück des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum
Trauminhalt hindurchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt
wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im
Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft Partien
vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen Eindruck
hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser zusammenhängend
und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben Traumes; ich weiß, dies
sind unbewußte Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum
gelangen, aber ich habe es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im
übrigen werden diese Phantasien wie alle anderen Bestandteile der
Traumgedanken zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch die andere
überlagert u. dgl.; es gibt aber Übergänge von dem Falle, wo sie fast
unverändert den Trauminhalt oder wenigstens die Traumfassade bilden
dürfen, bis zu dem entgegengesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer
Elemente oder eine entfernte Anspielung an ein solches im Trauminhalt
vertreten sind. Es bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in
den Traumgedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche
der Zensur und des Verdichtungszwanges zu bieten vermögen.
Phantasien im Traume. – M a u r y s Guillotinentraum.
Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich
Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erheblichere Rolle spielen,
ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem ihm
dargebotenen Material e t w a s w i e e i n e n T a g t r a u m zu gestalten.
Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhang der
Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich
seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in den
Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der Wiederholung
einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, bestehen, so
z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des Trojanischen
Krieges im Streitwagen fährt. In meinem Traume »A u t o d i d a s k e r« ist
wenigstens das zweite Traumstück die getreue Wiederholung einer an sich
harmlosen Tagesphantasie über meinen Verkehr mit dem Professor N. Es
rührt aus der Komplikation der Bedingungen her, denen der Traum bei
seinem Entstehen zu genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie
nur ein Stück des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum
Trauminhalt hindurchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt
wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im
Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft Partien
vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen Eindruck
hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser zusammenhängend
und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben Traumes; ich weiß, dies
sind unbewußte Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum
gelangen, aber ich habe es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im
übrigen werden diese Phantasien wie alle anderen Bestandteile der
Traumgedanken zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch die andere
überlagert u. dgl.; es gibt aber Übergänge von dem Falle, wo sie fast
unverändert den Trauminhalt oder wenigstens die Traumfassade bilden
dürfen, bis zu dem entgegengesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer
Elemente oder eine entfernte Anspielung an ein solches im Trauminhalt
vertreten sind. Es bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in
den Traumgedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche
der Zensur und des Verdichtungszwanges zu bieten vermögen.
Phantasien im Traume. – M a u r y s Guillotinentraum.
Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich
Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erheblichere Rolle spielen,
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möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses psychischen Elements
weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten Denkens
erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die »Phantasie« auch in
diesem Zusammenhange nicht, da sie häufig voll in den Traum gelangt und
noch häufiger deutlich durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen
Traum anführen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander
an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint, von
denen die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung der
ersten wird(179).
Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine sorgfältigen
Aufzeichnungen besitze – ungefähr so: Der Träumer – ein unverheirateter
junger Mann – sitzt in seinem, richtig gesehenen Stammwirtshause; da
erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen, darunter eine, die ihn
verhaften will. Er sagt zu seinen Tischgenossen: Ich zahle später, ich
komme wieder zurück. Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon,
das sagt ein jeder. Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer dahin.
Er wird dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit
einem Kinde auf dem Arme findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der
Herr Müller. Ein Kommissär oder sonst eine Amtsperson blättert in einem
Packe von Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller,
Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit Ja beantwortet. Er
sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß sie einen großen
Bart bekommen hat.
Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Oberflächliche
ist eine Ve r h a f t u n g s p h a n t a s i e, sie scheint uns von der Traumarbeit
neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das von der Traumarbeit
eine leichte Umformung erfahren hat, die P h a n t a s i e d e r
Ve r h e i r a t u n g sichtbar, und die Züge, die beiden gemeinsam sein
können, treten wieder wie bei einer G a l t o n schen Mischphotographie
besonders deutlich hervor. Das Versprechen des bisherigen Junggesellen,
seinen Platz am Stammtische wieder aufzusuchen, der Unglaube der durch
viele Erfahrungen gewitzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht
(heiratet) wieder einer dahin, das sind auch für die andere Deutung leicht
verständliche Züge. Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das
Blättern in einem Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen
wiederholt, entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus
weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten Denkens
erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die »Phantasie« auch in
diesem Zusammenhange nicht, da sie häufig voll in den Traum gelangt und
noch häufiger deutlich durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen
Traum anführen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander
an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint, von
denen die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung der
ersten wird(179).
Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine sorgfältigen
Aufzeichnungen besitze – ungefähr so: Der Träumer – ein unverheirateter
junger Mann – sitzt in seinem, richtig gesehenen Stammwirtshause; da
erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen, darunter eine, die ihn
verhaften will. Er sagt zu seinen Tischgenossen: Ich zahle später, ich
komme wieder zurück. Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon,
das sagt ein jeder. Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer dahin.
Er wird dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit
einem Kinde auf dem Arme findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der
Herr Müller. Ein Kommissär oder sonst eine Amtsperson blättert in einem
Packe von Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller,
Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit Ja beantwortet. Er
sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß sie einen großen
Bart bekommen hat.
Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Oberflächliche
ist eine Ve r h a f t u n g s p h a n t a s i e, sie scheint uns von der Traumarbeit
neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das von der Traumarbeit
eine leichte Umformung erfahren hat, die P h a n t a s i e d e r
Ve r h e i r a t u n g sichtbar, und die Züge, die beiden gemeinsam sein
können, treten wieder wie bei einer G a l t o n schen Mischphotographie
besonders deutlich hervor. Das Versprechen des bisherigen Junggesellen,
seinen Platz am Stammtische wieder aufzusuchen, der Unglaube der durch
viele Erfahrungen gewitzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht
(heiratet) wieder einer dahin, das sind auch für die andere Deutung leicht
verständliche Züge. Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das
Blättern in einem Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen
wiederholt, entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus
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den Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten
Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. In dem
persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traume hat sogar die
Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungsphantasie
davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart zur Schau trägt, konnte
ich durch eine Erkundigung – zu einer Analyse kam es nicht – aufklären.
Der Träumer war Tags vorher mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich
ist wie er, über die Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine
brünette Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der
Freund aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren
Bärte bekämen wie ihre Väter.
Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, bei denen
die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat. So mag die Rede:
»Ich werde später zahlen« auf das zu befürchtende Benehmen des
Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar halten den Träumer
allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie
hinzugeben. Eines dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit
verliert, hat sich in der Umwandlung zu einer Verhaftungsszene verkörpert.
Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die Traumarbeit
sich gern einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient, anstatt eine solche
aus dem Material der Traumgedanken erst zusammenzusetzen, so lösen wir
mit dieser Einsicht vielleicht eines der interessanten Rätsel des Traumes.
Ich habe auf p. 20 den Traum von M a u r y erzählt, der, von einem
Brettchen im Genick getroffen, mit einem langen Traume, einem
kompletten Roman aus den Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der
Traum für zusammenhängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung
des Weckreizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts
ahnen konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der
ganze reiche Traum in dem kurzen Zeitraume zwischen dem Auffallen des
Brettes auf M a u r y s Halswirbel und seinem durch diesen Schlag
erzwungenen Erwachen komponiert worden und stattgefunden haben muß.
Wir würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche
Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der Traumarbeit eine
bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes als Vorrecht zuzugestehen.
Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere Autoren
(L e L o r r a i n, E g g e r u. a.) lebhaften Einspruch erhoben. Sie zweifeln
Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. In dem
persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traume hat sogar die
Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungsphantasie
davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart zur Schau trägt, konnte
ich durch eine Erkundigung – zu einer Analyse kam es nicht – aufklären.
Der Träumer war Tags vorher mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich
ist wie er, über die Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine
brünette Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der
Freund aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren
Bärte bekämen wie ihre Väter.
Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, bei denen
die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat. So mag die Rede:
»Ich werde später zahlen« auf das zu befürchtende Benehmen des
Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar halten den Träumer
allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie
hinzugeben. Eines dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit
verliert, hat sich in der Umwandlung zu einer Verhaftungsszene verkörpert.
Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die Traumarbeit
sich gern einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient, anstatt eine solche
aus dem Material der Traumgedanken erst zusammenzusetzen, so lösen wir
mit dieser Einsicht vielleicht eines der interessanten Rätsel des Traumes.
Ich habe auf p. 20 den Traum von M a u r y erzählt, der, von einem
Brettchen im Genick getroffen, mit einem langen Traume, einem
kompletten Roman aus den Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der
Traum für zusammenhängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung
des Weckreizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts
ahnen konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der
ganze reiche Traum in dem kurzen Zeitraume zwischen dem Auffallen des
Brettes auf M a u r y s Halswirbel und seinem durch diesen Schlag
erzwungenen Erwachen komponiert worden und stattgefunden haben muß.
Wir würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche
Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der Traumarbeit eine
bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes als Vorrecht zuzugestehen.
Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere Autoren
(L e L o r r a i n, E g g e r u. a.) lebhaften Einspruch erhoben. Sie zweifeln
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teils die Exaktheit des Traumberichtes von Seite M a u r y s an, teils
versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer wachen Denkleistungen
nicht hinter dem zurückbleibt, was man der Traumleistung ungeschmälert
lassen kann. Die Diskussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung
mir nicht nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die
Argumentation, z. B. E g g e r s, gerade gegen den Guillotinentraum
M a u r y s mir keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde
folgende Erklärung dieses Traumes vorschlagen: Wäre es denn so sehr
unwahrscheinlich, daß der Traum M a u r y s eine Phantasie darstellt, die in
seinem Gedächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt war und in dem Moment
geweckt – ich möchte sagen: a n g e s p i e l t – wurde, da er den Weckreiz
erkannte? Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange
Geschichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeitraume, der
hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu komponieren; sie ist bereits
komponiert. Hätte das Holz M a u r y s Nacken im Wachen getroffen, so
wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist ja gerade so, als ob
man guillotiniert würde. Da er aber im Schlafe von dem Brette getroffen
wird, so benutzt die Traumarbeit den anlangenden Reiz rasch zur
Herstellung einer Wunscherfüllung, a l s o b sie denken würde (dies ist
durchaus figürlich zu nehmen): »Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die
Wunschphantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei der
Lektüre gebildet habe.« Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist,
wie ihn der Jüngling unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt,
scheint mir nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt – und
zumal als Franzose und Kulturhistoriker – durch die Schilderungen aus der
Zeit des Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der
Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische ihres
Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur verhängnisvollen
Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten hinein zu
phantasieren als einer der jungen Männer, die sich mit einem Handkuß von
der Dame verabschieden, um unerschrocken das Gerüst zu besteigen! Oder
wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des Phantasierens gewesen ist, sich in
eine jener gewaltigen Individualitäten zu versetzen, die nur durch die Macht
ihrer Gedanken und ihrer flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen,
in der damals das Herz der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende
von Menschen aus Überzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung
Europas anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie
versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer wachen Denkleistungen
nicht hinter dem zurückbleibt, was man der Traumleistung ungeschmälert
lassen kann. Die Diskussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung
mir nicht nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die
Argumentation, z. B. E g g e r s, gerade gegen den Guillotinentraum
M a u r y s mir keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde
folgende Erklärung dieses Traumes vorschlagen: Wäre es denn so sehr
unwahrscheinlich, daß der Traum M a u r y s eine Phantasie darstellt, die in
seinem Gedächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt war und in dem Moment
geweckt – ich möchte sagen: a n g e s p i e l t – wurde, da er den Weckreiz
erkannte? Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange
Geschichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeitraume, der
hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu komponieren; sie ist bereits
komponiert. Hätte das Holz M a u r y s Nacken im Wachen getroffen, so
wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist ja gerade so, als ob
man guillotiniert würde. Da er aber im Schlafe von dem Brette getroffen
wird, so benutzt die Traumarbeit den anlangenden Reiz rasch zur
Herstellung einer Wunscherfüllung, a l s o b sie denken würde (dies ist
durchaus figürlich zu nehmen): »Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die
Wunschphantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei der
Lektüre gebildet habe.« Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist,
wie ihn der Jüngling unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt,
scheint mir nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt – und
zumal als Franzose und Kulturhistoriker – durch die Schilderungen aus der
Zeit des Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der
Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische ihres
Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur verhängnisvollen
Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten hinein zu
phantasieren als einer der jungen Männer, die sich mit einem Handkuß von
der Dame verabschieden, um unerschrocken das Gerüst zu besteigen! Oder
wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des Phantasierens gewesen ist, sich in
eine jener gewaltigen Individualitäten zu versetzen, die nur durch die Macht
ihrer Gedanken und ihrer flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen,
in der damals das Herz der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende
von Menschen aus Überzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung
Europas anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie
Page 430
eines Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle eines
der Girondisten oder des Heros D a n t o n? Daß die Phantasie M a u r y s
eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinnerung
erhaltene Zug hinzuweisen »von einer unübersehbaren Menschenmenge
begleitet.«
Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während des
Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn sie
sozusagen »angetupft« wird. Ich meine das folgendermaßen: Wenn ein paar
Takte angeschlagen werden und jemand wie im »D o n J u a n« dazu sagt:
Das ist aus »F i g a r o s Hochzeit« von M o z a r t, so wogt es in mir mit
einem Male von Erinnerungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts
Einzelnes zum Bewußtsein erheben kann. Das Schlagwort dient als
Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung versetzt
wird. Nicht anders brauchte es im unbewußten Denken zu sein. Durch den
Weckreiz wird die psychische Station erregt, die den Zugang zur ganzen
Guillotinenphantasie eröffnet. Diese wird aber nicht noch im Schlafe
durchlaufen, sondern erst in der Erinnerung des Erwachten. Erwacht,
erinnert man jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im
Traume gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß
man wirklich etwas Geträumtes erinnert.
Beispiele von Phantasien im Traum.
Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich um fertige Phantasien
handelt, die durch den Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden,
noch für andere auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für
den Schlachtentraum N a p o l e o n s vor der Explosion der Höllenmaschine.
Unter den Träumen, welche J u s t i n e T o b o w o l s k a in ihrer
Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt hat,
erscheint mir jener der beweisendste, den M a c a r i o (1857) von einem
Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet(180). Dieser Mann wollte eines
abends der ersten Aufführung eines seiner Stücke beiwohnen, war aber so
ermüdet, daß er auf seinem Sitz hinter den Kulissen gerade in dem Moment
einnickte, als sich der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle
fünf Akte seines Stückes durch und beobachtete alle die verschiedenartigen
Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen Szenen
der Girondisten oder des Heros D a n t o n? Daß die Phantasie M a u r y s
eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinnerung
erhaltene Zug hinzuweisen »von einer unübersehbaren Menschenmenge
begleitet.«
Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während des
Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn sie
sozusagen »angetupft« wird. Ich meine das folgendermaßen: Wenn ein paar
Takte angeschlagen werden und jemand wie im »D o n J u a n« dazu sagt:
Das ist aus »F i g a r o s Hochzeit« von M o z a r t, so wogt es in mir mit
einem Male von Erinnerungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts
Einzelnes zum Bewußtsein erheben kann. Das Schlagwort dient als
Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung versetzt
wird. Nicht anders brauchte es im unbewußten Denken zu sein. Durch den
Weckreiz wird die psychische Station erregt, die den Zugang zur ganzen
Guillotinenphantasie eröffnet. Diese wird aber nicht noch im Schlafe
durchlaufen, sondern erst in der Erinnerung des Erwachten. Erwacht,
erinnert man jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im
Traume gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß
man wirklich etwas Geträumtes erinnert.
Beispiele von Phantasien im Traum.
Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich um fertige Phantasien
handelt, die durch den Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden,
noch für andere auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für
den Schlachtentraum N a p o l e o n s vor der Explosion der Höllenmaschine.
Unter den Träumen, welche J u s t i n e T o b o w o l s k a in ihrer
Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt hat,
erscheint mir jener der beweisendste, den M a c a r i o (1857) von einem
Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet(180). Dieser Mann wollte eines
abends der ersten Aufführung eines seiner Stücke beiwohnen, war aber so
ermüdet, daß er auf seinem Sitz hinter den Kulissen gerade in dem Moment
einnickte, als sich der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle
fünf Akte seines Stückes durch und beobachtete alle die verschiedenartigen
Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen Szenen
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äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte er dann ganz selig,
wie sein Name unter den lebhaftesten Beifallsbezeigungen verkündet
wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte weder seinen Augen noch seinen
Ohren trauen, die Vorstellung war nicht über die ersten Verse der ersten
Szene hinausgekommen; er konnte nicht länger als zwei Minuten
geschlafen haben. Es ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu
behaupten, daß das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das
Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen keiner
Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht, sondern eine
bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen Sinne wiederholen
kann. Die T o b o w o l s k a hebt mit anderen Autoren als gemeinsame
Charaktere der Träume mit beschleunigtem Vorstellungsablauf hervor, daß
sie besonders kohärent erscheinen, gar nicht wie andere Träume, und daß
die Erinnerung an sie weit eher eine summarische als eine detaillierte ist.
Dies wären aber gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch
die Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß,
welchen die Autoren allerdings nicht ziehen. Ich will nicht behaupten, daß
alle Weckträume diese Erklärung zulassen oder daß das Problem des
beschleunigten Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise überhaupt
wegzuräumen ist.
Die sekundäre Bearbeitung.
Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis dieser
sekundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen Faktoren der
Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, daß die traumbildenden
Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der Zwang der Zensur auszuweichen
und die Rücksicht auf Darstellbarkeit in den psychischen Mitteln des
Traumes vorerst aus dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden,
und daß dieser dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen
einer zweiten Instanz möglichst genügt? Das ist kaum wahrscheinlich. Man
muß eher annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem
Anfange an eine der Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll,
und daß diese Bedingung ebenso wie die der Verdichtung, der
Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig auf das große
Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken. Unter
den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzterkannte jedenfalls
wie sein Name unter den lebhaftesten Beifallsbezeigungen verkündet
wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte weder seinen Augen noch seinen
Ohren trauen, die Vorstellung war nicht über die ersten Verse der ersten
Szene hinausgekommen; er konnte nicht länger als zwei Minuten
geschlafen haben. Es ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu
behaupten, daß das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das
Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen keiner
Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht, sondern eine
bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen Sinne wiederholen
kann. Die T o b o w o l s k a hebt mit anderen Autoren als gemeinsame
Charaktere der Träume mit beschleunigtem Vorstellungsablauf hervor, daß
sie besonders kohärent erscheinen, gar nicht wie andere Träume, und daß
die Erinnerung an sie weit eher eine summarische als eine detaillierte ist.
Dies wären aber gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch
die Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß,
welchen die Autoren allerdings nicht ziehen. Ich will nicht behaupten, daß
alle Weckträume diese Erklärung zulassen oder daß das Problem des
beschleunigten Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise überhaupt
wegzuräumen ist.
Die sekundäre Bearbeitung.
Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis dieser
sekundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen Faktoren der
Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, daß die traumbildenden
Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der Zwang der Zensur auszuweichen
und die Rücksicht auf Darstellbarkeit in den psychischen Mitteln des
Traumes vorerst aus dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden,
und daß dieser dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen
einer zweiten Instanz möglichst genügt? Das ist kaum wahrscheinlich. Man
muß eher annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem
Anfange an eine der Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll,
und daß diese Bedingung ebenso wie die der Verdichtung, der
Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig auf das große
Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken. Unter
den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzterkannte jedenfalls
Page 432
die, deren Anforderungen für den Traum am wenigsten zwingend
erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion, welche die
sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit der
Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
aus folgender Erwägung: Unser waches (vorbewußtes) Denken benimmt
sich gegen ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial ganz ebenso wie die in
Frage stehende Funktion gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in
einem solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es
unter die Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen. Wir
gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler äffen uns,
indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen. In dem
Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke verständlich zusammenzusetzen,
begehen wir oft die seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit
des uns vorliegenden Materials. Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr
allgemein bekannt, um breiter Anführung zu bedürfen. Wir lesen über
sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige illusionieren. Ein
Redakteur eines vielgelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt
haben, er werde in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck
einschalten lassen, »von vorn« oder »von hinten«, ohne daß einer der Leser
es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches Beispiel von
falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der Zeitungslektüre
aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen Kammer, in welcher
D u p u y durch das beherzte Wort: La séance continue den Schreck über das
Platzen der von einem Anarchisten in den Saal geworfenen Bombe aufhob,
wurden die Besucher der Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von dem
Attentat vernommen. Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der
Provinz, deren einer erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er
wohl eine Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament Sitte,
jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern. Der andere,
der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war in dasselbe
Urteil verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches Schießen eine
Anerkennung, sei, die nur nach besonders gelungenen Reden erfolge.
Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser normales
Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch herantritt, er müsse
verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht und dadurch das volle
Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere Deutung bleibt es
Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang im Traume, als seiner Herkunft
erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion, welche die
sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit der
Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
aus folgender Erwägung: Unser waches (vorbewußtes) Denken benimmt
sich gegen ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial ganz ebenso wie die in
Frage stehende Funktion gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in
einem solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es
unter die Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen. Wir
gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler äffen uns,
indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen. In dem
Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke verständlich zusammenzusetzen,
begehen wir oft die seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit
des uns vorliegenden Materials. Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr
allgemein bekannt, um breiter Anführung zu bedürfen. Wir lesen über
sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige illusionieren. Ein
Redakteur eines vielgelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt
haben, er werde in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck
einschalten lassen, »von vorn« oder »von hinten«, ohne daß einer der Leser
es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches Beispiel von
falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der Zeitungslektüre
aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen Kammer, in welcher
D u p u y durch das beherzte Wort: La séance continue den Schreck über das
Platzen der von einem Anarchisten in den Saal geworfenen Bombe aufhob,
wurden die Besucher der Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von dem
Attentat vernommen. Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der
Provinz, deren einer erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er
wohl eine Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament Sitte,
jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern. Der andere,
der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war in dasselbe
Urteil verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches Schießen eine
Anerkennung, sei, die nur nach besonders gelungenen Reden erfolge.
Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser normales
Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch herantritt, er müsse
verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht und dadurch das volle
Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere Deutung bleibt es
Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang im Traume, als seiner Herkunft
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nach verdächtig, in allen Fällen unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie
vom Verworrenen den gleichen Weg des Rückganges zum Traummaterial
einzuschlagen.
Wir merken aber dabei, wovon die oben, p. 245, erwähnte
Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an denen die
sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren jene anderen,
wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die verworrenen Traumpartien
so häufig auch die minder lebhaft ausgeprägten sind, so dürfen wir den
Schluß ziehen, daß die sekundäre Traumarbeit auch für einen Beitrag zur
plastischen Intensität der einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen
ist.
Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich unter der
Wirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein Vergleichsobjekt
suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene rätselhaften Inschriften, mit
denen die »Fliegenden Blätter« solange ihre Leser unterhalten haben. Für
einen gewissen Satz, des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von
möglichst skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er
eine lateinische Inschrift enthalte. Zu diesem Zwecke werden die
Buchstabenelemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben
gerissen und neu angeordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort
zu stande, an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor
uns zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns mit
dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der Inschrift über
die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen.
Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns über alle
Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die Buchstaben ins Auge fassen und
sie unbekümmert um die gebotene Anordnung zu Worten unserer
Muttersprache zusammensetzen.
Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit, welches
von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung gewürdigt
worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. E l l i s dessen Leistung
(Einleitung, p. 10):
»Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das
Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das
vom Verworrenen den gleichen Weg des Rückganges zum Traummaterial
einzuschlagen.
Wir merken aber dabei, wovon die oben, p. 245, erwähnte
Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an denen die
sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren jene anderen,
wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die verworrenen Traumpartien
so häufig auch die minder lebhaft ausgeprägten sind, so dürfen wir den
Schluß ziehen, daß die sekundäre Traumarbeit auch für einen Beitrag zur
plastischen Intensität der einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen
ist.
Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich unter der
Wirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein Vergleichsobjekt
suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene rätselhaften Inschriften, mit
denen die »Fliegenden Blätter« solange ihre Leser unterhalten haben. Für
einen gewissen Satz, des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von
möglichst skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er
eine lateinische Inschrift enthalte. Zu diesem Zwecke werden die
Buchstabenelemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben
gerissen und neu angeordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort
zu stande, an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor
uns zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns mit
dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der Inschrift über
die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen.
Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns über alle
Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die Buchstaben ins Auge fassen und
sie unbekümmert um die gebotene Anordnung zu Worten unserer
Muttersprache zusammensetzen.
Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit, welches
von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung gewürdigt
worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. E l l i s dessen Leistung
(Einleitung, p. 10):
»Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das
Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das
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Wachbewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik u. dgl. legt.
Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung, jede Anordnung genügt –
ehe er eintritt, um vom Schauplatze Besitz zu ergreifen.«
Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens wird
besonders klar von D e l a c r o i x (p. 526) behauptet:
»Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve; c’est le
même travail de coordination logique que nous faisons sur nos sensations
pendent la veille.«
J. S u l l y vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso T o b o w o l s k a:
»Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’efforce de
faire le même travail de coordination logique qu’il fait pendant la veille sur
les sensations. Il relie entre elles par un lien imaginaire toutes ces images
décousues et bouche les écarts trop grands qui se trouvaient entre elles«
(p. 93).
Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit noch
während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt werden. So
P a u l h a n (p. 547):
»Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une certaine
déformation, ou plutôt reformation du rêve dans le souvenir . . . . La
tendence systématisante de l’imagination pourrait fort bien achever après le
réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil. De la sorte, la rapidité
réelle de la pensée serait augmentée en apparence par les perfectionnements
dus à l’imagination éveillée.«
L e r o y et T o b o w o l s k a (p. 592):
»dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination se font non
seulement à l’aide des données du rêve, mais encore à l’aide de celles de la
veille . . . . .«
Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte Moment
der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde, so daß man ihm
die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu haben, zuschob. Diese
Schöpfung sollte sich im Moment des Erwachens vollziehen, wie es
G o b l o t und noch weitergehend F o u c a u l t annehmen, die dem
Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung, jede Anordnung genügt –
ehe er eintritt, um vom Schauplatze Besitz zu ergreifen.«
Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens wird
besonders klar von D e l a c r o i x (p. 526) behauptet:
»Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve; c’est le
même travail de coordination logique que nous faisons sur nos sensations
pendent la veille.«
J. S u l l y vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso T o b o w o l s k a:
»Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’efforce de
faire le même travail de coordination logique qu’il fait pendant la veille sur
les sensations. Il relie entre elles par un lien imaginaire toutes ces images
décousues et bouche les écarts trop grands qui se trouvaient entre elles«
(p. 93).
Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit noch
während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt werden. So
P a u l h a n (p. 547):
»Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une certaine
déformation, ou plutôt reformation du rêve dans le souvenir . . . . La
tendence systématisante de l’imagination pourrait fort bien achever après le
réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil. De la sorte, la rapidité
réelle de la pensée serait augmentée en apparence par les perfectionnements
dus à l’imagination éveillée.«
L e r o y et T o b o w o l s k a (p. 592):
»dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination se font non
seulement à l’aide des données du rêve, mais encore à l’aide de celles de la
veille . . . . .«
Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte Moment
der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde, so daß man ihm
die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu haben, zuschob. Diese
Schöpfung sollte sich im Moment des Erwachens vollziehen, wie es
G o b l o t und noch weitergehend F o u c a u l t annehmen, die dem
Page 435
Wachdenken die Fähigkeit zuschreiben, aus den im Schlaf auftauchenden
Gedanken den Traum zu bilden.
L e r o y et T o b o w o l s k a sagen über diese Auffassung: »On a cru
pouvoir placer le rêve au moment du réveil et ils ont attribué à la pensée de
la veille la fonction de construire le rêve avec les images présentes dans la
pensée du sommeil.«
Das »funktionale Phänomen«.
An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich die eines
neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beobachtungen von H.
S i l b e r e r aufgezeigt haben. S i l b e r e r hat, wie an anderer Stelle
erwähnt(181), die Umsetzung von Gedanken in Bilder gleichsam in
flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen von Müdigkeit und
Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit nötigte. Dann entschwand ihm der
bearbeitete Gedanke und an seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche
sich als der Ersatz des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die
Beispiele p. 256.) Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das
auftauchende, einem Traumelement gleichzustellende Bild etwas anderes
darstellte als den der Bearbeitung harrenden Gedanken, nämlich die
Ermüdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit, also den
subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich mühenden Person,
anstatt des Gegenstandes ihrer Bemühung. S i l b e r e r nannte diesen bei
ihm recht häufig eintretenden Fall das »f u n k t i o n a l e Phänomen« zum
Unterschiede von dem zu erwartenden »m a t e r i a l e n«.
»Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem Sofa,
zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nachzudenken. Ich
suche nämlich die Ansichten Kants und Schopenhauers über die Zeit zu
vergleichen. Es gelingt mir infolge meiner Schlaftrunkenheit nicht, die
Gedankengänge beider nebeneinander festzuhalten, was zum Vergleich
nötig wäre. Nach mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch
einmal die Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf
die Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke ich
meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf Kant zurückgreifen
will, zeigt es sich, daß er mir wieder entschwunden ist, vergebens bemühe
ich mich, ihn von neuem hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die
Gedanken den Traum zu bilden.
L e r o y et T o b o w o l s k a sagen über diese Auffassung: »On a cru
pouvoir placer le rêve au moment du réveil et ils ont attribué à la pensée de
la veille la fonction de construire le rêve avec les images présentes dans la
pensée du sommeil.«
Das »funktionale Phänomen«.
An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich die eines
neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beobachtungen von H.
S i l b e r e r aufgezeigt haben. S i l b e r e r hat, wie an anderer Stelle
erwähnt(181), die Umsetzung von Gedanken in Bilder gleichsam in
flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen von Müdigkeit und
Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit nötigte. Dann entschwand ihm der
bearbeitete Gedanke und an seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche
sich als der Ersatz des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die
Beispiele p. 256.) Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das
auftauchende, einem Traumelement gleichzustellende Bild etwas anderes
darstellte als den der Bearbeitung harrenden Gedanken, nämlich die
Ermüdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit, also den
subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich mühenden Person,
anstatt des Gegenstandes ihrer Bemühung. S i l b e r e r nannte diesen bei
ihm recht häufig eintretenden Fall das »f u n k t i o n a l e Phänomen« zum
Unterschiede von dem zu erwartenden »m a t e r i a l e n«.
»Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem Sofa,
zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nachzudenken. Ich
suche nämlich die Ansichten Kants und Schopenhauers über die Zeit zu
vergleichen. Es gelingt mir infolge meiner Schlaftrunkenheit nicht, die
Gedankengänge beider nebeneinander festzuhalten, was zum Vergleich
nötig wäre. Nach mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch
einmal die Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf
die Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke ich
meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf Kant zurückgreifen
will, zeigt es sich, daß er mir wieder entschwunden ist, vergebens bemühe
ich mich, ihn von neuem hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die
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in meinem Kopf irgendwo verlegten Kant-Akten sogleich wiederzufinden,
stellt sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traumbild als
anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine Auskunft von einem
mürrischen Sekretär, der, über einen Schreibtisch gebeugt, sich durch mein
Drängen nicht stören läßt. Sich halb aufrichtend, blickt er mich unwillig
und abweisend an« (p. 314).
Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf und
Wachen beziehen:
»Beispiel Nr. 2. – Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In einer
gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen Traum
nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend, fühle ich mich
dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will jedoch in dem
Dämmerzustand noch verbleiben.
Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn aber
alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben« (p. 625).
»Beispiel Nr. 6. – Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er will noch
ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich will mich noch ein
wenig dem Schlafe hingeben.
Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit ihm (oder
ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.«
Das »funktionale« Phänomen, die »Darstellung des Zuständlichen
anstatt des Gegenständlichen« beobachtete S i l b e r e r wesentlich unter den
zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Aufwachens. Es ist leicht zu
verstehen, daß nur der letztere Fall für die Traumdeutung in Betracht
kommt. S i l b e r e r hat an guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des
manifesten Inhaltes vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar
anschließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den Vorgang des
Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Überschreiten einer Schwelle
(»Schwellensymbolik«), das Verlassen eines Raumes, um einen anderen zu
betreten, das Abreisen, Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter,
das Eintauchen in Wasser und anderes.
Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese
»Schwellensymbolik« auch für manche Elemente mitten im
Zusammenhange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen, wo es
stellt sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traumbild als
anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine Auskunft von einem
mürrischen Sekretär, der, über einen Schreibtisch gebeugt, sich durch mein
Drängen nicht stören läßt. Sich halb aufrichtend, blickt er mich unwillig
und abweisend an« (p. 314).
Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf und
Wachen beziehen:
»Beispiel Nr. 2. – Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In einer
gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen Traum
nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend, fühle ich mich
dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will jedoch in dem
Dämmerzustand noch verbleiben.
Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn aber
alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben« (p. 625).
»Beispiel Nr. 6. – Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er will noch
ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich will mich noch ein
wenig dem Schlafe hingeben.
Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit ihm (oder
ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.«
Das »funktionale« Phänomen, die »Darstellung des Zuständlichen
anstatt des Gegenständlichen« beobachtete S i l b e r e r wesentlich unter den
zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Aufwachens. Es ist leicht zu
verstehen, daß nur der letztere Fall für die Traumdeutung in Betracht
kommt. S i l b e r e r hat an guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des
manifesten Inhaltes vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar
anschließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den Vorgang des
Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Überschreiten einer Schwelle
(»Schwellensymbolik«), das Verlassen eines Raumes, um einen anderen zu
betreten, das Abreisen, Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter,
das Eintauchen in Wasser und anderes.
Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese
»Schwellensymbolik« auch für manche Elemente mitten im
Zusammenhange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen, wo es
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sich um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den Traum
abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für dieses
Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der Fall der
Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle, welche ihren
materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traumgedanken bezieht, ü b e r d i e s
zur Darstellung von etwas Zuständlichem an der seelischen Tätigkeit
verwendet wurde.
Das sehr interessante funktionale Phänomen S i l b e r e r s hat ohne
Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt, indem die alte
Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der Träume eine Anlehnung an
dasselbe gefunden hat. Die Bevorzugung der »funktionalen Kategorie« geht
bei manchen so weit, daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo
immer intellektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der
Traumgedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr und nicht
weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum einzugehen, als alles
andere.
Wir wollen anerkennen, daß die S i l b e r e r schen Phänomene einen
zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wachdenkens darstellen,
welcher allerdings minder konstant und bedeutsam ist als der erste, unter
dem Namen »sekundäre Bearbeitung« eingeführte. Es hatte sich gezeigt,
daß ein Stück der bei Tage tätigen Aufmerksamkeit auch während des
Schlafzustandes dem Traume zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert
und sich die Macht vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen,
in dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, dem
ein so starker eindämmender Einfluß auf die Gestaltung des Traumes
zufällt. Was die Beobachtungen von S i l b e r e r dazugeben, ist die
Tatsache, daß unter Umständen eine Art von Selbstbeobachtung dabei
mittätig ist und ihren Beitrag zum Trauminhalt liefert. Über die
wahrscheinlichen Beziehungen dieser selbstbeobachtenden Instanz, die
besonders bei philosophischen Köpfen vordringlich werden mag, zur
endopsychischen Wahrnehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und
zum Traumzensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln(182).
Das unbewußte Denken und die Traumarbeit.
abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für dieses
Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der Fall der
Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle, welche ihren
materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traumgedanken bezieht, ü b e r d i e s
zur Darstellung von etwas Zuständlichem an der seelischen Tätigkeit
verwendet wurde.
Das sehr interessante funktionale Phänomen S i l b e r e r s hat ohne
Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt, indem die alte
Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der Träume eine Anlehnung an
dasselbe gefunden hat. Die Bevorzugung der »funktionalen Kategorie« geht
bei manchen so weit, daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo
immer intellektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der
Traumgedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr und nicht
weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum einzugehen, als alles
andere.
Wir wollen anerkennen, daß die S i l b e r e r schen Phänomene einen
zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wachdenkens darstellen,
welcher allerdings minder konstant und bedeutsam ist als der erste, unter
dem Namen »sekundäre Bearbeitung« eingeführte. Es hatte sich gezeigt,
daß ein Stück der bei Tage tätigen Aufmerksamkeit auch während des
Schlafzustandes dem Traume zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert
und sich die Macht vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen,
in dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, dem
ein so starker eindämmender Einfluß auf die Gestaltung des Traumes
zufällt. Was die Beobachtungen von S i l b e r e r dazugeben, ist die
Tatsache, daß unter Umständen eine Art von Selbstbeobachtung dabei
mittätig ist und ihren Beitrag zum Trauminhalt liefert. Über die
wahrscheinlichen Beziehungen dieser selbstbeobachtenden Instanz, die
besonders bei philosophischen Köpfen vordringlich werden mag, zur
endopsychischen Wahrnehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und
zum Traumzensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln(182).
Das unbewußte Denken und die Traumarbeit.
Page 438
Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über die
Traumarbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob die Seele
alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die Traumbildung
verwende oder nur einen in seiner Leistung gehemmten Bruchteil
derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche Fragestellung
überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu verwerfen. Sollen wir aber bei
der Antwort auf demselben Boden bleiben, auf den uns die Frage drängt, so
müssen wir beide einander scheinbar durch Gegensatz ausschließenden
Auffassungen bejahen. Die seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt
sich in zwei Leistungen: die Herstellung der Traumgedanken und die
Umwandlung derselben zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig
korrekt und mit allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind,
gebildet; sie gehören unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus
dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken
hervorgehen. So viel an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge,
diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung zum Traume und
verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu werden. Hingegen
ist jenes andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken in den
Trauminhalt verwandelt, dem Traumleben eigentümlich und für dasselbe
charakteristisch. Diese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von dem
Vorbilde des wachen Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten
Verkleinerer der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint
haben. Sie ist nicht etwa nachlässiger, inkorrekter, vergeßlicher,
unvollständiger als das wache Denken; sie ist etwas davon qualitativ völlig
Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar. Sie denkt,
rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt sich darauf,
umzuformen. Sie läßt sich erschöpfend beschreiben, wenn man die
Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis zu genügen hat. Dieses
Produkt, der Traum, soll vor allem der Z e n s u r entzogen werden und zu
diesem Zwecke bedient sich die Traumarbeit der Ve r s c h i e b u n g d e r
p s y c h i s c h e n I n t e n s i t ä t e n bis zur Umwertung aller psychischen
Werte; es sollen Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in dem Material
visueller und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und
aus dieser Anforderung erwächst für die Traumarbeit die R ü c k s i c h t
a u f D a r s t e l l b a r k e i t, der sie durch neue Verschiebungen entspricht.
Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden, als in
den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke
Traumarbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob die Seele
alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die Traumbildung
verwende oder nur einen in seiner Leistung gehemmten Bruchteil
derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche Fragestellung
überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu verwerfen. Sollen wir aber bei
der Antwort auf demselben Boden bleiben, auf den uns die Frage drängt, so
müssen wir beide einander scheinbar durch Gegensatz ausschließenden
Auffassungen bejahen. Die seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt
sich in zwei Leistungen: die Herstellung der Traumgedanken und die
Umwandlung derselben zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig
korrekt und mit allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind,
gebildet; sie gehören unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus
dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken
hervorgehen. So viel an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge,
diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung zum Traume und
verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu werden. Hingegen
ist jenes andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken in den
Trauminhalt verwandelt, dem Traumleben eigentümlich und für dasselbe
charakteristisch. Diese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von dem
Vorbilde des wachen Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten
Verkleinerer der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint
haben. Sie ist nicht etwa nachlässiger, inkorrekter, vergeßlicher,
unvollständiger als das wache Denken; sie ist etwas davon qualitativ völlig
Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar. Sie denkt,
rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt sich darauf,
umzuformen. Sie läßt sich erschöpfend beschreiben, wenn man die
Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis zu genügen hat. Dieses
Produkt, der Traum, soll vor allem der Z e n s u r entzogen werden und zu
diesem Zwecke bedient sich die Traumarbeit der Ve r s c h i e b u n g d e r
p s y c h i s c h e n I n t e n s i t ä t e n bis zur Umwertung aller psychischen
Werte; es sollen Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in dem Material
visueller und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und
aus dieser Anforderung erwächst für die Traumarbeit die R ü c k s i c h t
a u f D a r s t e l l b a r k e i t, der sie durch neue Verschiebungen entspricht.
Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden, als in
den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke
Page 439
dient die ausgiebige Ve r d i c h t u n g, die mit den Bestandteilen der
Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die logischen Relationen des
Gedankenmaterials entfällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich in
f o r m a l e n Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte Darstellung.
Die Affekte der Traumgedanken unterliegen geringeren Veränderungen als
deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der Regel unterdrückt; wo sie
erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer
Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in
ihrem Ausmaße inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte
Wachdenken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die Autoren für die
gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen wollten.
Anhang(183)
1.
Traum und Dichtung.
Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die logischen Relationen des
Gedankenmaterials entfällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich in
f o r m a l e n Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte Darstellung.
Die Affekte der Traumgedanken unterliegen geringeren Veränderungen als
deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der Regel unterdrückt; wo sie
erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer
Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in
ihrem Ausmaße inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte
Wachdenken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die Autoren für die
gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen wollten.
Anhang(183)
1.
Traum und Dichtung.
Page 440
»Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.«
G o e t h e.
Den Menschen ist seit jeher aufgefallen, daß ihre nächtlichen
Traumgebilde mancherlei Ähnlichkeit mit den Schöpfungen der Poesie
verraten, und Dichter wie Denker haben mit Vorliebe diesen in Form, Inhalt
und Wirkung zu Tage tretenden Beziehungen nachgespürt. Die bei diesem
Bemühen aufgetauchten Ahnungen und Einsichten sind, wenn sie sich auch
nicht zur Erkenntnis verdichtet haben, doch für das Wesen der beiden
miteinander verglichenen Phänomene so bezeichnend, daß sich auch für die
wissenschaftliche Betrachtung eine Orientierung über diese Meinungen
verlohnt. Den Traumforscher wird dabei vor allem interessieren, welche
Schätzung und welches Verständnis die intuitiven Seelenkenner dem
Traumrätsel entgegenbrachten, in welcher Art die Dichter ihre Kenntnis des
Traumlebens in den Werken zu verwerten wußten, und endlich welche
tieferen Zusammenhänge zwischen den sonderbaren Fähigkeiten der
»schlafenden« und der »inspirierten« Seele sich etwa erkennen lassen.
Dichteraussprüche über Bedeutung und Wesen des Traumes.
Vor allem wird der Psychoanalytiker mit Genugtuung zur Kenntnis
nehmen, daß die intuitive Erfassung genialer Menschen dem Traum immer
eine B e d e u t u n g beigemessen hat, die wohl in Widerspruch zu dem
Urteil der offiziellen Wissenschaft und der intellektuellen Mehrheit tritt,
sich aber dafür auf ein jahrtausende altes, endlich durch die Psychologie
sanktioniertes Vorurteil des Volkes berufen darf. Die Überzeugung, daß im
Traumleben der Schlüssel zur Erkenntnis der menschlichen Seele, also des
Menschen überhaupt, gegeben sei, findet sich wiederholt mit dem größten
Nachdruck ausgesprochen. So heißt es in H e b b e l s »Tagebüchern« (6.
August 1838): »Die menschliche Seele ist doch ein wunderbares Wesen und
der Zentralpunkt aller ihrer Geheimnisse ist der Traum.« Und der Dichter
J e a n P a u l, der seinen Träumen besondere Aufmerksamkeit und ein
sorgfältiges Studium widmete, sagt: »Wahrlich, mancher Kopf würde uns
mehr mit seinen Träumen als mit seinem Denken belehren, mancher Dichter
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.«
G o e t h e.
Den Menschen ist seit jeher aufgefallen, daß ihre nächtlichen
Traumgebilde mancherlei Ähnlichkeit mit den Schöpfungen der Poesie
verraten, und Dichter wie Denker haben mit Vorliebe diesen in Form, Inhalt
und Wirkung zu Tage tretenden Beziehungen nachgespürt. Die bei diesem
Bemühen aufgetauchten Ahnungen und Einsichten sind, wenn sie sich auch
nicht zur Erkenntnis verdichtet haben, doch für das Wesen der beiden
miteinander verglichenen Phänomene so bezeichnend, daß sich auch für die
wissenschaftliche Betrachtung eine Orientierung über diese Meinungen
verlohnt. Den Traumforscher wird dabei vor allem interessieren, welche
Schätzung und welches Verständnis die intuitiven Seelenkenner dem
Traumrätsel entgegenbrachten, in welcher Art die Dichter ihre Kenntnis des
Traumlebens in den Werken zu verwerten wußten, und endlich welche
tieferen Zusammenhänge zwischen den sonderbaren Fähigkeiten der
»schlafenden« und der »inspirierten« Seele sich etwa erkennen lassen.
Dichteraussprüche über Bedeutung und Wesen des Traumes.
Vor allem wird der Psychoanalytiker mit Genugtuung zur Kenntnis
nehmen, daß die intuitive Erfassung genialer Menschen dem Traum immer
eine B e d e u t u n g beigemessen hat, die wohl in Widerspruch zu dem
Urteil der offiziellen Wissenschaft und der intellektuellen Mehrheit tritt,
sich aber dafür auf ein jahrtausende altes, endlich durch die Psychologie
sanktioniertes Vorurteil des Volkes berufen darf. Die Überzeugung, daß im
Traumleben der Schlüssel zur Erkenntnis der menschlichen Seele, also des
Menschen überhaupt, gegeben sei, findet sich wiederholt mit dem größten
Nachdruck ausgesprochen. So heißt es in H e b b e l s »Tagebüchern« (6.
August 1838): »Die menschliche Seele ist doch ein wunderbares Wesen und
der Zentralpunkt aller ihrer Geheimnisse ist der Traum.« Und der Dichter
J e a n P a u l, der seinen Träumen besondere Aufmerksamkeit und ein
sorgfältiges Studium widmete, sagt: »Wahrlich, mancher Kopf würde uns
mehr mit seinen Träumen als mit seinem Denken belehren, mancher Dichter
Page 441
mehr mit seinen wirklichen Träumen als mit seinen gedichteten ergötzen, so
wie der seichteste Kopf, sobald er in eine Irrenanstalt gebracht ist, eine
Prophetenschule für den Weltweisen sein kann.« Und an einer anderen
Stelle bemerkt er ergänzend: »Besonders könnte ich mich wundern, warum
man den Traum nicht gebraucht, um daran den u n w i l l k ü r l i c h e n
Vo r s t e l l u n g s p r o z e ß der K i n d e r, der Tiere, d e r
W a h n s i n n i g e n zu studieren, sogar d e r D i c h t e r, der Tonkünstler
und der Weiber.«
Eine ähnliche Schätzung hat F e r d i n a n d K ü r n b e r g e r für den
Traum: »Wahrlich, wären die Menschen sinniger, die feinen Winke der
Natur zu beobachten und zu deuten, dieses Traumleben müßte sie
aufmerksam machen. Sie müßten finden, daß von dem großen Rätsel, nach
dessen Lösung sie dürsten, die Natur uns hier schon die erste Silbe
eingeflüstert hat.«
Der geistreiche Philosoph L i c h t e n b e r g, dem wir feine
Beobachtungen und Bemerkungen über dieses Thema verdanken, schreibt
einmal: »Ich empfehle Träume nochmals. Wir leben und empfinden so gut
im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als der andere einen
Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß
er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch
davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das mit dem unserigen
zusammengesetzt das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die
Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man kann
nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.«
Und N i e t z s c h e, den wir als direkten Vorläufer der Psychoanalyse
auch auf diesem Gebiete anerkennen müssen, kennt ähnliche
B e z i e h u n g e n d e s T r a u m e s z u m W a c h l e b e n(184): »Was
wir im Traume erleben, vorausgesetzt, daß wir es oftmals erleben, gehört
zuletzt so gut zum Gesamthaushalt unserer Seele wie irgend etwas wirklich
Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher und ärmer, haben ein
Bedürfnis mehr oder weniger und werden schließlich am hellen lichten
Tage und selbst in den heitersten Augenblicken unseres wachen Geistes ein
wenig von den Gewöhnungen unserer Träume gegängelt.«
Daß er auch hier nicht vor den Konsequenzen seiner Auffassung
zurückschreckte, zeigt folgende Stelle aus der »Morgenröte«: »In allem
wie der seichteste Kopf, sobald er in eine Irrenanstalt gebracht ist, eine
Prophetenschule für den Weltweisen sein kann.« Und an einer anderen
Stelle bemerkt er ergänzend: »Besonders könnte ich mich wundern, warum
man den Traum nicht gebraucht, um daran den u n w i l l k ü r l i c h e n
Vo r s t e l l u n g s p r o z e ß der K i n d e r, der Tiere, d e r
W a h n s i n n i g e n zu studieren, sogar d e r D i c h t e r, der Tonkünstler
und der Weiber.«
Eine ähnliche Schätzung hat F e r d i n a n d K ü r n b e r g e r für den
Traum: »Wahrlich, wären die Menschen sinniger, die feinen Winke der
Natur zu beobachten und zu deuten, dieses Traumleben müßte sie
aufmerksam machen. Sie müßten finden, daß von dem großen Rätsel, nach
dessen Lösung sie dürsten, die Natur uns hier schon die erste Silbe
eingeflüstert hat.«
Der geistreiche Philosoph L i c h t e n b e r g, dem wir feine
Beobachtungen und Bemerkungen über dieses Thema verdanken, schreibt
einmal: »Ich empfehle Träume nochmals. Wir leben und empfinden so gut
im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als der andere einen
Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß
er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch
davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das mit dem unserigen
zusammengesetzt das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die
Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man kann
nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.«
Und N i e t z s c h e, den wir als direkten Vorläufer der Psychoanalyse
auch auf diesem Gebiete anerkennen müssen, kennt ähnliche
B e z i e h u n g e n d e s T r a u m e s z u m W a c h l e b e n(184): »Was
wir im Traume erleben, vorausgesetzt, daß wir es oftmals erleben, gehört
zuletzt so gut zum Gesamthaushalt unserer Seele wie irgend etwas wirklich
Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher und ärmer, haben ein
Bedürfnis mehr oder weniger und werden schließlich am hellen lichten
Tage und selbst in den heitersten Augenblicken unseres wachen Geistes ein
wenig von den Gewöhnungen unserer Träume gegängelt.«
Daß er auch hier nicht vor den Konsequenzen seiner Auffassung
zurückschreckte, zeigt folgende Stelle aus der »Morgenröte«: »In allem
Page 442
wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende
Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr
euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer,
Schauspieler, Zuschauer – in diesen Komödien seid ihr alles ihr selber! Und
hier gerade scheut und schämt ihr euch vor euch, und schon Ö d i p u s, der
weise Ö d i p u s, wußte sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, daß wir
nichts für das können, was wir träumen(185). Ich schließe daraus: d a ß
die große Mehrzahl der Menschen sich
a b s c h e u l i c h e r T r ä u m e b e w u ß t s e i n m u ß. Wäre es anders:
wie sehr würde man seine nächtliche Dichterei für den Hochmut des
Menschen ausgebeutet haben!«
Ähnlich wertet auch T o l s t o i den Traum: »Wenn ich wache, kann ich
mich wohl über mich selbst täuschen, der Traum dagegen gibt mir den
rechten Maßstab für die Stufe sittlicher Vollkommenheit, die ich erreicht
habe.« (Nachl. Bd. III.)
Und L i c h t e n b e r g urteilt: »Wenn Leute ihre Träume aufrichtig
erzählen wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus erraten als aus
dem Gesicht.«
Im gleichen Sinne hat sich jüngst noch G e r h a r t H a u p t m a n n
geäußert: »Alle verschiedenen Arten und Grade der Träume erforscht zu
haben, würde bedeuten, in einem weit tieferen Sinne, als irgend einem
heutigen Kenner der menschlichen Seele zu sein.« (Immanuel Quint.)
Ganz psychoanalytisch im Detail der Anweisung klingt endlich eine
Eintragung aus H e b b e l s »Tagebüchern«: »Wenn sich ein Mensch
entschließen könnte, a l l e s e i n e T r ä u m e , o h n e U n t e r s c h i e d ,
ohne Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit
und unter Hinzufügung eines Kommentars, der
dasjenige umfaßte, was er etwa selbst nach
Erinnerungen aus seinem Leben und seiner Lektüre
an seinen Träumen erklären könnte,
n i e d e r z u s c h r e i b e n, so würde er der Menschheit ein großes
Geschenk machen. Doch so wie die Menschheit jetzt ist, wird das wohl
keiner tun; im stillen und zur eigenen Beherzigung es zu versuchen, wäre
auch schon etwas wert.«
Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr
euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer,
Schauspieler, Zuschauer – in diesen Komödien seid ihr alles ihr selber! Und
hier gerade scheut und schämt ihr euch vor euch, und schon Ö d i p u s, der
weise Ö d i p u s, wußte sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, daß wir
nichts für das können, was wir träumen(185). Ich schließe daraus: d a ß
die große Mehrzahl der Menschen sich
a b s c h e u l i c h e r T r ä u m e b e w u ß t s e i n m u ß. Wäre es anders:
wie sehr würde man seine nächtliche Dichterei für den Hochmut des
Menschen ausgebeutet haben!«
Ähnlich wertet auch T o l s t o i den Traum: »Wenn ich wache, kann ich
mich wohl über mich selbst täuschen, der Traum dagegen gibt mir den
rechten Maßstab für die Stufe sittlicher Vollkommenheit, die ich erreicht
habe.« (Nachl. Bd. III.)
Und L i c h t e n b e r g urteilt: »Wenn Leute ihre Träume aufrichtig
erzählen wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus erraten als aus
dem Gesicht.«
Im gleichen Sinne hat sich jüngst noch G e r h a r t H a u p t m a n n
geäußert: »Alle verschiedenen Arten und Grade der Träume erforscht zu
haben, würde bedeuten, in einem weit tieferen Sinne, als irgend einem
heutigen Kenner der menschlichen Seele zu sein.« (Immanuel Quint.)
Ganz psychoanalytisch im Detail der Anweisung klingt endlich eine
Eintragung aus H e b b e l s »Tagebüchern«: »Wenn sich ein Mensch
entschließen könnte, a l l e s e i n e T r ä u m e , o h n e U n t e r s c h i e d ,
ohne Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit
und unter Hinzufügung eines Kommentars, der
dasjenige umfaßte, was er etwa selbst nach
Erinnerungen aus seinem Leben und seiner Lektüre
an seinen Träumen erklären könnte,
n i e d e r z u s c h r e i b e n, so würde er der Menschheit ein großes
Geschenk machen. Doch so wie die Menschheit jetzt ist, wird das wohl
keiner tun; im stillen und zur eigenen Beherzigung es zu versuchen, wäre
auch schon etwas wert.«
Page 443
Aber nicht nur die Bedeutung des Traumlebens für die
Menschenkenntnis wird von den Dichtern anerkannt, sondern sie wissen
auch über das W e s e n d e s T r a u m e s im einzelnen viel Interessantes
auszusagen, was sich oft auffällig mit den Ergebnissen der
psychoanalytischen Forschung deckt. Der von den Traumdeutern und
Traumbüchern seit jeher angewandte Kunstgriff, die Traumauslegung dem
Beruf des Träumers anzupassen, findet sich in der Dichtung wiederholt
angedeutet, mit dem Hinweis, daß sich überhaupt die Gedanken des Tages
ins Traumleben fortsetzen(186). Die Auffassung, daß jeder Mensch seinen
Interessen und Neigungen entsprechend träume, wird häufig in einer dem
W u n s c h e r f ü l l u n g s p r i n z i p angenäherten Form ausgesprochen. So
heißt es bei C h a u c e r (The Parlement of Foules, 99 ff.):
»The wery hunter, sleping in his bed,
To wode ayein his minde goth anoon;
The juge dremeth how his plees ben sped;
The carter dremeth, how his cartes goon;
The riche of gold; the knight fight with his foon,
The seke met he drinketh of the tonne;
The lover met he hath his lady wonne.«
Ähnlich hat S h a k e s p e a r e in der berühmten Stelle von »Romeo and
Juliet« das Wirken der »Queen Mab« geschildert:
»And in this state she gallops night by night
Through lovers’ brains and then they dream on love;
O’er courtiers’ knees, that dream on court’sies straight,
O’er lawyers’ fingers, who straight dream on fees,
O’er ladies’ lips, who straight on kisses dream
..............
Sometimes she gallops o’er a courtier’s nose,
And then dreams he of smelling out a suit;
And sometimes comes she with a tithe-pig’s tail
Tickling a parson’s nose as a’ lies asleep,
Then dreams he of another benefice« (Act I, Sc. 4).
Und als Beispiel aus der deutschen Dichtung sei J o h a n n P e t e r
U z mit einem Vers zitiert(187):
Menschenkenntnis wird von den Dichtern anerkannt, sondern sie wissen
auch über das W e s e n d e s T r a u m e s im einzelnen viel Interessantes
auszusagen, was sich oft auffällig mit den Ergebnissen der
psychoanalytischen Forschung deckt. Der von den Traumdeutern und
Traumbüchern seit jeher angewandte Kunstgriff, die Traumauslegung dem
Beruf des Träumers anzupassen, findet sich in der Dichtung wiederholt
angedeutet, mit dem Hinweis, daß sich überhaupt die Gedanken des Tages
ins Traumleben fortsetzen(186). Die Auffassung, daß jeder Mensch seinen
Interessen und Neigungen entsprechend träume, wird häufig in einer dem
W u n s c h e r f ü l l u n g s p r i n z i p angenäherten Form ausgesprochen. So
heißt es bei C h a u c e r (The Parlement of Foules, 99 ff.):
»The wery hunter, sleping in his bed,
To wode ayein his minde goth anoon;
The juge dremeth how his plees ben sped;
The carter dremeth, how his cartes goon;
The riche of gold; the knight fight with his foon,
The seke met he drinketh of the tonne;
The lover met he hath his lady wonne.«
Ähnlich hat S h a k e s p e a r e in der berühmten Stelle von »Romeo and
Juliet« das Wirken der »Queen Mab« geschildert:
»And in this state she gallops night by night
Through lovers’ brains and then they dream on love;
O’er courtiers’ knees, that dream on court’sies straight,
O’er lawyers’ fingers, who straight dream on fees,
O’er ladies’ lips, who straight on kisses dream
..............
Sometimes she gallops o’er a courtier’s nose,
And then dreams he of smelling out a suit;
And sometimes comes she with a tithe-pig’s tail
Tickling a parson’s nose as a’ lies asleep,
Then dreams he of another benefice« (Act I, Sc. 4).
Und als Beispiel aus der deutschen Dichtung sei J o h a n n P e t e r
U z mit einem Vers zitiert(187):
Page 444
»Ein jeder gleichet seinen Träumen:
Im Traume zecht Anakreon;
Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen
Und flattert um den Helikon.
Für euch, Monaden, flicht mit Schlüssen
Ein Liebling der Ontologie;
Und allen Mädchen träumt von Küssen:
Denn was ist wichtiger für sie?«
Die infantilen Traumquellen in der Dichtung.
Daß man sich in naiveren Zeitaltern auch vor der dichterischen
Darstellung grob sexueller Traumbefriedigungen nicht scheute, mag das
folgende griechische Liebesgedicht (Ausg. v. O. Kiefer) zeigen:
W o h l f e i l k u r i e r t.
Die Sthenelais, die Stadtentzündende, Feuerbezahlte,
Welche die Wünschenden all überschütten mit Gold,
Hat ganz nackt ein Traum in der Nacht mir zur Seite gezaubert;
Bis zum lieblichen Licht hat sie mir alles gewährt.
Nicht mehr werd’ ich nun knie’n vor der Grausamen; werde für mich nicht
Forthin weinen; der Schlaf hat es mir alles gewährt.
Als Gegenstück sei der griechische Schwank von dem weisen Richter
genannt, »der einer Kurtisane das Spiegelbild ihres Lohnes empfahl, als sie
von ihrem Liebhaber die Bezahlung forderte, weil er sie im Traume
genossen hatte« (v . d . L e y e n, p. 98). Möglicherweise gehört in diesen
Zusammenhang auch die Fabel von dem schönen Jüngling E n d y m i o n,
den seine Geliebte Selene, so oft er von der Jagd ermüdet entschlummert
war, liebend in zärtlicher Umarmung besuchte, und dem sein Vater Zeus auf
seine Bitten ewigen Schlaf und Jugend gewährte. Diese reizende Phantasie
hat W i e l a n d im »Musarion« als erotischen Wunschtraum gefaßt:
Im Traume zecht Anakreon;
Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen
Und flattert um den Helikon.
Für euch, Monaden, flicht mit Schlüssen
Ein Liebling der Ontologie;
Und allen Mädchen träumt von Küssen:
Denn was ist wichtiger für sie?«
Die infantilen Traumquellen in der Dichtung.
Daß man sich in naiveren Zeitaltern auch vor der dichterischen
Darstellung grob sexueller Traumbefriedigungen nicht scheute, mag das
folgende griechische Liebesgedicht (Ausg. v. O. Kiefer) zeigen:
W o h l f e i l k u r i e r t.
Die Sthenelais, die Stadtentzündende, Feuerbezahlte,
Welche die Wünschenden all überschütten mit Gold,
Hat ganz nackt ein Traum in der Nacht mir zur Seite gezaubert;
Bis zum lieblichen Licht hat sie mir alles gewährt.
Nicht mehr werd’ ich nun knie’n vor der Grausamen; werde für mich nicht
Forthin weinen; der Schlaf hat es mir alles gewährt.
Als Gegenstück sei der griechische Schwank von dem weisen Richter
genannt, »der einer Kurtisane das Spiegelbild ihres Lohnes empfahl, als sie
von ihrem Liebhaber die Bezahlung forderte, weil er sie im Traume
genossen hatte« (v . d . L e y e n, p. 98). Möglicherweise gehört in diesen
Zusammenhang auch die Fabel von dem schönen Jüngling E n d y m i o n,
den seine Geliebte Selene, so oft er von der Jagd ermüdet entschlummert
war, liebend in zärtlicher Umarmung besuchte, und dem sein Vater Zeus auf
seine Bitten ewigen Schlaf und Jugend gewährte. Diese reizende Phantasie
hat W i e l a n d im »Musarion« als erotischen Wunschtraum gefaßt:
Page 445
– – – – – – und wenn Endymion,
(Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge,
So schöne Träume gab) durch eine Million
Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge
Und träumt’, er schmaus’ am Göttertisch
Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen
–––––––
Sprich, wer gestände unerrötend ein,
Er wünsche sich Endymion zu sein?
Nicht nur die wunschgerechte Fortsetzung des Wachdenkens im
Schlafzustand ist den Dichtern bekannt, sondern auch die zweite
bedeutsamere T r a u m q u e l l e d e s i n f a n t i l e n L e b e n s. So sagt
D r y d e n (The Cock and the Fox) vom Traum:
»Sometimes forgotten things long cast behind
Rush forward in the brain and come to mind.
The nurse’s legends are for truth received,
And the man dreams but what the boy believed.«
Am schönsten hat L e n a u diese Rückkehr des Träumers ins Jugendland
als tröstende und wunscherfüllende Traummacht gepriesen:
(Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge,
So schöne Träume gab) durch eine Million
Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge
Und träumt’, er schmaus’ am Göttertisch
Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen
–––––––
Sprich, wer gestände unerrötend ein,
Er wünsche sich Endymion zu sein?
Nicht nur die wunschgerechte Fortsetzung des Wachdenkens im
Schlafzustand ist den Dichtern bekannt, sondern auch die zweite
bedeutsamere T r a u m q u e l l e d e s i n f a n t i l e n L e b e n s. So sagt
D r y d e n (The Cock and the Fox) vom Traum:
»Sometimes forgotten things long cast behind
Rush forward in the brain and come to mind.
The nurse’s legends are for truth received,
And the man dreams but what the boy believed.«
Am schönsten hat L e n a u diese Rückkehr des Träumers ins Jugendland
als tröstende und wunscherfüllende Traummacht gepriesen:
Page 446
»Trägt aber uns der Schlaf mit weicher Hand
Ins Zauberboot, das heimlich stößt vom Strand,
Und lenkt das Boot im weiten Ozean
Der Traum herum, ein trunkner Steuermann,
So sind wir nicht allein, denn bald gesellen
Die Launen uns der unbeherrschten Wellen
Mit Menschen mancherlei, vielleicht mit solchen,
Die feindlich unser Innres tief verletzt,
Bei deren Anblick sich das Herz entsetzt,
Getroffen von des Hasses kalten Dolchen;
A n d e n e n g e r n e w i r v o r ü b e r d e n k e n,
Um tiefer nicht den Dolch ins Herz zu senken. –
Dann wieder bringen uns die Wellenfluchten,
W o h i n w i r w a c h e n d n i m m e r m e h r g e l a n g e n,
I n d e r Ve r g a n g e n h e i t g e h e i m s t e n B u c h t e n,
Wo uns der Jugend Hoffnungen empfangen.
Was aber hilft’s? Wir wachen auf – – entschwunden
Ist all das Glück, es schmerzen alte Wunden.
Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
Der ungestörten Einsamkeit.«
E. T. A. H o f f m a n n, der dem Traum und ähnlichen Zuständen größte
Beachtung schenkte, schreibt im »Kater Murr« (I, 1): »Ewig unerforschlich
bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! – Wäre es möglich,
daß dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber
müßte uns töten. Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im
Erwachen aus tiefem Traum, bewußtlosem Schlaf, empfunden, wenn er sich
selbst fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! – Doch, um mich nicht
weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener
Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem
Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller
Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort und es
sind wirklich die süßen, wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die
noch in uns forthallten.«
Ins Zauberboot, das heimlich stößt vom Strand,
Und lenkt das Boot im weiten Ozean
Der Traum herum, ein trunkner Steuermann,
So sind wir nicht allein, denn bald gesellen
Die Launen uns der unbeherrschten Wellen
Mit Menschen mancherlei, vielleicht mit solchen,
Die feindlich unser Innres tief verletzt,
Bei deren Anblick sich das Herz entsetzt,
Getroffen von des Hasses kalten Dolchen;
A n d e n e n g e r n e w i r v o r ü b e r d e n k e n,
Um tiefer nicht den Dolch ins Herz zu senken. –
Dann wieder bringen uns die Wellenfluchten,
W o h i n w i r w a c h e n d n i m m e r m e h r g e l a n g e n,
I n d e r Ve r g a n g e n h e i t g e h e i m s t e n B u c h t e n,
Wo uns der Jugend Hoffnungen empfangen.
Was aber hilft’s? Wir wachen auf – – entschwunden
Ist all das Glück, es schmerzen alte Wunden.
Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
Der ungestörten Einsamkeit.«
E. T. A. H o f f m a n n, der dem Traum und ähnlichen Zuständen größte
Beachtung schenkte, schreibt im »Kater Murr« (I, 1): »Ewig unerforschlich
bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! – Wäre es möglich,
daß dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber
müßte uns töten. Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im
Erwachen aus tiefem Traum, bewußtlosem Schlaf, empfunden, wenn er sich
selbst fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! – Doch, um mich nicht
weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener
Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem
Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller
Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort und es
sind wirklich die süßen, wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die
noch in uns forthallten.«
Page 447
Und J e a n P a u l sucht diese Traumregel, die H e b b e l in die Formel
faßt: »Alle Träume sind vielleicht nur Erinnerungen«, zu begründen: »Die
weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche sich so viel nachherige
eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer mehr als die Leere des
vorherigen Tages.« – »Der Traum setzt uns nach H e r d e r s schöner
Bemerkung immer in Jugendstunden zurück; – ganz natürlich, weil die
Enge der Jugend die tiefsten Fußtritte in dem Felsen der Erinnerung ließ,
und weil eine ferne Vergangenheit schon öfter und tiefer in den Geist
eingegraben wird als eine ferne Zukunft.«
Das diesem Infantilstreben zu Grunde liegende Problem der Regression
hat H e b b e l wenigstens geahnt: »Diejenigen Träume, welche etwas ganz
Neues, wohl gar Phantastisches bringen, sind in meinen Augen bei weitem
nicht so bedeutend als diejenigen, welche die ganze Gegenwart bis auf die
leiseste Regung der Erinnerung töten und den Menschen in das Gefängnis
eines längst vergangenen Zustandes zurückschleppen. Denn bei jenen ist
doch nur dasselbe Vermögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was
mehr oder weniger annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man
Phantasie zu nennen pflegt; bei diesen aber eine ganz eigentümliche,
rätselhafte Kraft, die den Menschen im eigentlichsten Verstande sich selbst
stiehlt und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblock
einschließt.« (Tgb. 6. August 1838.)
Und N i e t z s c h e (Menschl. II, 27 ff.) hat es deutlich erkannt: »Im
Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren
Menschtums durch . . . . Der Traum bringt uns in ferne Zustände der
menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie
besser zu verstehen.«
Die Traumfunktion in dichterischer Auffassung.
Erfreulich ist auch, zu sehen, wie die Dichter gewisse hartnäckige
Vorurteile, die jeder tieferen Traumerkenntnis im Wege standen, durch ihre
kühne antithetische Auffassung zu tiefen Einsichten ummünzen. So hat
H e b b e l die scheinbare Unverständlichkeit der Traumbilder daraus erklärt,
daß wir die Sprache des Traumes nicht verstünden, und auf seine
Zusammensetzung aus einzelnen, den Buchstaben vergleichbaren
Elementen, hingewiesen. (»Tagebuch« 1842): »Wahnsinnige, verrückte
faßt: »Alle Träume sind vielleicht nur Erinnerungen«, zu begründen: »Die
weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche sich so viel nachherige
eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer mehr als die Leere des
vorherigen Tages.« – »Der Traum setzt uns nach H e r d e r s schöner
Bemerkung immer in Jugendstunden zurück; – ganz natürlich, weil die
Enge der Jugend die tiefsten Fußtritte in dem Felsen der Erinnerung ließ,
und weil eine ferne Vergangenheit schon öfter und tiefer in den Geist
eingegraben wird als eine ferne Zukunft.«
Das diesem Infantilstreben zu Grunde liegende Problem der Regression
hat H e b b e l wenigstens geahnt: »Diejenigen Träume, welche etwas ganz
Neues, wohl gar Phantastisches bringen, sind in meinen Augen bei weitem
nicht so bedeutend als diejenigen, welche die ganze Gegenwart bis auf die
leiseste Regung der Erinnerung töten und den Menschen in das Gefängnis
eines längst vergangenen Zustandes zurückschleppen. Denn bei jenen ist
doch nur dasselbe Vermögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was
mehr oder weniger annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man
Phantasie zu nennen pflegt; bei diesen aber eine ganz eigentümliche,
rätselhafte Kraft, die den Menschen im eigentlichsten Verstande sich selbst
stiehlt und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblock
einschließt.« (Tgb. 6. August 1838.)
Und N i e t z s c h e (Menschl. II, 27 ff.) hat es deutlich erkannt: »Im
Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren
Menschtums durch . . . . Der Traum bringt uns in ferne Zustände der
menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie
besser zu verstehen.«
Die Traumfunktion in dichterischer Auffassung.
Erfreulich ist auch, zu sehen, wie die Dichter gewisse hartnäckige
Vorurteile, die jeder tieferen Traumerkenntnis im Wege standen, durch ihre
kühne antithetische Auffassung zu tiefen Einsichten ummünzen. So hat
H e b b e l die scheinbare Unverständlichkeit der Traumbilder daraus erklärt,
daß wir die Sprache des Traumes nicht verstünden, und auf seine
Zusammensetzung aus einzelnen, den Buchstaben vergleichbaren
Elementen, hingewiesen. (»Tagebuch« 1842): »Wahnsinnige, verrückte
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Träume, die uns selbst im Traume doch vernünftig vorkommen: die Seele
setzt mit einem Alphabet, das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren
zusammen, wie ein Kind mit den 24 Buchstaben; es ist aber gar nicht
gesagt, daß dies Alphabet an und für sich unsinnig ist.«
Die Auffassung des T r a u m e s a l s S c h l a f h ü t e r, die gerade beim
Erwachen infolge eines Reizes dem subjektiven Empfinden so sehr zu
widersprechen scheint, hat bereits J e a n P a u l vertreten: »Sobald der
Geist sogar zu stärkeren Angriffen von außen nur eine Traumgeschichte zu
erfinden weiß, die jene motiviert und einwebt: s o v e r l ä n g e r t
g e r a d e d e r T r a u m d e n S c h l a f.«
Auch der uralte, wohl am tiefsten eingewurzelte Aberglaube von der
divinatorischen Kraft des Traumes ist durch H e b b e l im wahren Sinne des
Wortes umgewertet worden: »Die Alten wollten aus dem Traum weissagen,
was dem Menschen geschehen würde. Das war verkehrt! Weit eher läßt sich
aus dem Traum weissagen, was er tun wird.« Und in anderer Form:
»D e r T r a u m a l s P r o p h e t.
Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen?
Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an.«
Angst- und Wunschträume in der Dichtung.
Nach diesen Proben wird es uns nicht wundern zu erfahren, daß die
Ausnahmemenschen, deren geistiges Leben in einem hohen Grade der
Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung dient, im Verständnis des Traumes
zu den tiefsten Einsichten gelangten. Ist die Konstatierung der
Tagesanknüpfung und der Kindheitsreste nur eine – wenn auch
scharfsichtige – Deskription des m a n i f e s t e n Trauminhaltes, so weisen
einzelne feine Bemerkungen auf das Wirken latenter
T r a u m f a k t o r e n und die ihnen entsprechende Dynamik des Trieblebens
hin. Wenn G o e t h e einmal (12. März 1828) zu Eckermann sagt: »Ich habe
in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in
meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und
zu beglücken, und ich stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf
den Füßen«, so kommt darin neben dem Wunschcharakter besonders der
setzt mit einem Alphabet, das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren
zusammen, wie ein Kind mit den 24 Buchstaben; es ist aber gar nicht
gesagt, daß dies Alphabet an und für sich unsinnig ist.«
Die Auffassung des T r a u m e s a l s S c h l a f h ü t e r, die gerade beim
Erwachen infolge eines Reizes dem subjektiven Empfinden so sehr zu
widersprechen scheint, hat bereits J e a n P a u l vertreten: »Sobald der
Geist sogar zu stärkeren Angriffen von außen nur eine Traumgeschichte zu
erfinden weiß, die jene motiviert und einwebt: s o v e r l ä n g e r t
g e r a d e d e r T r a u m d e n S c h l a f.«
Auch der uralte, wohl am tiefsten eingewurzelte Aberglaube von der
divinatorischen Kraft des Traumes ist durch H e b b e l im wahren Sinne des
Wortes umgewertet worden: »Die Alten wollten aus dem Traum weissagen,
was dem Menschen geschehen würde. Das war verkehrt! Weit eher läßt sich
aus dem Traum weissagen, was er tun wird.« Und in anderer Form:
»D e r T r a u m a l s P r o p h e t.
Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen?
Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an.«
Angst- und Wunschträume in der Dichtung.
Nach diesen Proben wird es uns nicht wundern zu erfahren, daß die
Ausnahmemenschen, deren geistiges Leben in einem hohen Grade der
Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung dient, im Verständnis des Traumes
zu den tiefsten Einsichten gelangten. Ist die Konstatierung der
Tagesanknüpfung und der Kindheitsreste nur eine – wenn auch
scharfsichtige – Deskription des m a n i f e s t e n Trauminhaltes, so weisen
einzelne feine Bemerkungen auf das Wirken latenter
T r a u m f a k t o r e n und die ihnen entsprechende Dynamik des Trieblebens
hin. Wenn G o e t h e einmal (12. März 1828) zu Eckermann sagt: »Ich habe
in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in
meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und
zu beglücken, und ich stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf
den Füßen«, so kommt darin neben dem Wunschcharakter besonders der
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von der Traumarbeit bewirkte S t i m m u n g s w e c h s e l durch
A f f e k t v e r k e h r u n g zur Geltung.
Ganz Ähnliches berichtet G o t t f r i e d K e l l e r in seinem Traumbuch
(Baechtold I, 307): »Auffallend ist es mir, daß ich hauptsächlich, ja fast
ausschließlich in traurigen Zeiten . . . . heitere und einfach liebliche Träume
habe.«
Mit voller Deutlichkeit ist die w u n s c h e r f ü l l e n d e T e n d e n z
d e s T r a u m e s ausgedrückt in L e n a u s »Savonarola«, wo der Dulder,
nachdem er die Qualen der Folter erlitten hat, von Paradieseswonnen
träumt. Den gleichen Traumcharakter kennt E. T. A. H o f f m a n n, der
noch die infantile Herkunft der tröstenden Traumbilder betont: »Wenn ich
als ein Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der mühseligen Arbeit
nachts auf dem harten Lager ruhte, dann kam der Traum und goß, mir in
lindem Säuseln die heiße Stirn fächelnd, alle Seligkeit irgend eines
glücklichen Moments, in dem mir die ewige Macht die Wonne des Himmels
ahnen ließ und dessen Bewußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein
Inneres« (»Doge und Dogaresse«).
Die hier ausgesprochene Überzeugung von einer dem manifesten Inhalt
oft entgegengesetzten Traumregung scheut auch nicht vor der äußersten
Konsequenz der Anwendung auf den A n g s t t r a u m zurück, der mit
u n t e r d r ü c k t e n e r o t i s c h e n R e g u n g e n in Beziehung gebracht
wird. So sagt der nach einem genußreichen Leben asketisch gewordene
Z a c h a r i a s W e r n e r:
»Selbst in der sieben Hügel Schoß
War das Gelüst mein Taggenoß,
Mein Nachtgesell das Grauen!«
In sehr hübscher symbolischer Einkleidung ist der Angsttraum eines
Mädchens in einem Gedicht aus »Des Knaben Wunderhorn«
dargestellt(188):
A f f e k t v e r k e h r u n g zur Geltung.
Ganz Ähnliches berichtet G o t t f r i e d K e l l e r in seinem Traumbuch
(Baechtold I, 307): »Auffallend ist es mir, daß ich hauptsächlich, ja fast
ausschließlich in traurigen Zeiten . . . . heitere und einfach liebliche Träume
habe.«
Mit voller Deutlichkeit ist die w u n s c h e r f ü l l e n d e T e n d e n z
d e s T r a u m e s ausgedrückt in L e n a u s »Savonarola«, wo der Dulder,
nachdem er die Qualen der Folter erlitten hat, von Paradieseswonnen
träumt. Den gleichen Traumcharakter kennt E. T. A. H o f f m a n n, der
noch die infantile Herkunft der tröstenden Traumbilder betont: »Wenn ich
als ein Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der mühseligen Arbeit
nachts auf dem harten Lager ruhte, dann kam der Traum und goß, mir in
lindem Säuseln die heiße Stirn fächelnd, alle Seligkeit irgend eines
glücklichen Moments, in dem mir die ewige Macht die Wonne des Himmels
ahnen ließ und dessen Bewußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein
Inneres« (»Doge und Dogaresse«).
Die hier ausgesprochene Überzeugung von einer dem manifesten Inhalt
oft entgegengesetzten Traumregung scheut auch nicht vor der äußersten
Konsequenz der Anwendung auf den A n g s t t r a u m zurück, der mit
u n t e r d r ü c k t e n e r o t i s c h e n R e g u n g e n in Beziehung gebracht
wird. So sagt der nach einem genußreichen Leben asketisch gewordene
Z a c h a r i a s W e r n e r:
»Selbst in der sieben Hügel Schoß
War das Gelüst mein Taggenoß,
Mein Nachtgesell das Grauen!«
In sehr hübscher symbolischer Einkleidung ist der Angsttraum eines
Mädchens in einem Gedicht aus »Des Knaben Wunderhorn«
dargestellt(188):
Page 450
Wenn ich den ganzen Tag
Geführt hab’ meine Klag’,
So gibt’s mir noch zu schaffen.
Bei Nacht, wann ich soll schlafen
Ein Traum mit großen Schrecken
Tut mich gar oft aufwecken.
Im Schlaf seh ich den Schein
Des Allerliebsten mein,
Mit einem starken Bogen,
Darauf viel Pfeil’ gezogen,
Damit will er mich heben
Aus diesem schweren Leben.
Zu solchem Schreckgesicht
Kann ich stillschweigen nicht,
Ich schrei mit lauter Stimmen:
»O Knabe laß dein Grimmen,
Nicht wollst, weil ich tu’ schlafen,
Jetzt brauchen deine Waffen!«
Das dem Angsttraum zugeordnete Alpdrücken hat S h a k e s p e a r e an
der bereits erwähnten Stelle direkt auf den Sexualakt bezogen:
This is the hag, when maids lie on their backs,
That presses them, and learns them first to bear,
Making them women of good carriage.
(Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
Als Weiber einst die Männer zu ertragen.)
(S c h l e g e l - T i e c k.)
Ein moderner Lyriker endlich, J. R. B e c h e r, hat direkt die
psychoanalytische Auffassung des Angsttraumes in Verse gebracht
(Gedichte, Berlin 1912):
Geführt hab’ meine Klag’,
So gibt’s mir noch zu schaffen.
Bei Nacht, wann ich soll schlafen
Ein Traum mit großen Schrecken
Tut mich gar oft aufwecken.
Im Schlaf seh ich den Schein
Des Allerliebsten mein,
Mit einem starken Bogen,
Darauf viel Pfeil’ gezogen,
Damit will er mich heben
Aus diesem schweren Leben.
Zu solchem Schreckgesicht
Kann ich stillschweigen nicht,
Ich schrei mit lauter Stimmen:
»O Knabe laß dein Grimmen,
Nicht wollst, weil ich tu’ schlafen,
Jetzt brauchen deine Waffen!«
Das dem Angsttraum zugeordnete Alpdrücken hat S h a k e s p e a r e an
der bereits erwähnten Stelle direkt auf den Sexualakt bezogen:
This is the hag, when maids lie on their backs,
That presses them, and learns them first to bear,
Making them women of good carriage.
(Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
Als Weiber einst die Männer zu ertragen.)
(S c h l e g e l - T i e c k.)
Ein moderner Lyriker endlich, J. R. B e c h e r, hat direkt die
psychoanalytische Auffassung des Angsttraumes in Verse gebracht
(Gedichte, Berlin 1912):
Page 451
»Die Wünsche, die ich tags gedacht,
Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte,
werden die Ängste meiner Nacht.
Sie glühen Wahn,
den ich nicht fliehen kann,
daß ich in Feuer rings und Flammen steh’,
in der Geliebten meine Mutter seh’,
meinen Vater wie einen Fraß der Hunde . . .«
Die in der Angsttheorie angedeutete dynamische Auffassung, wonach
das U n b e f r i e d i g t e, U n t e r d r ü c k t e i m S e e l e n l e b e n sich im
Traum durchzusetzen sucht, hat ebenso häufig poetischen wie
erkenntnismäßigen Ausdruck gefunden. In S c h i l l e r s »Wallenstein« ist
die stolze Gräfin Terzky überzeugt, daß des Feldherrn Unternehmen
glücken müsse und erstickt alle trüben Ahnungen im Entstehen: »Aber,«
klagt sie, »wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen mein banges Herz in
düstern Träumen an.« Ähnlich heißt es in G r i l l p a r z e r s bekannten
Versen:
»Was die Brust im Wachen enget,
aber treu verschließt der Mund,
hat der Schlaf das Band gesprenget,
tut es sich in Träumen kund«,
die der Dichter an anderer Stelle im Sinne der Wunschtheorie ergänzt:
». . . . Die Träume,
Sie erschaffen nicht die Wünsche,
Die vorhand’nen wecken sie;
Und was jetzt verscheucht der Morgen,
Lag als Keim in dir verborgen.«
Gleiches findet sich wieder in Dichtungen moderner, der Psychoanalyse
näherstehenden Autoren wie A r t h u r S c h n i t z l e r:
Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte,
werden die Ängste meiner Nacht.
Sie glühen Wahn,
den ich nicht fliehen kann,
daß ich in Feuer rings und Flammen steh’,
in der Geliebten meine Mutter seh’,
meinen Vater wie einen Fraß der Hunde . . .«
Die in der Angsttheorie angedeutete dynamische Auffassung, wonach
das U n b e f r i e d i g t e, U n t e r d r ü c k t e i m S e e l e n l e b e n sich im
Traum durchzusetzen sucht, hat ebenso häufig poetischen wie
erkenntnismäßigen Ausdruck gefunden. In S c h i l l e r s »Wallenstein« ist
die stolze Gräfin Terzky überzeugt, daß des Feldherrn Unternehmen
glücken müsse und erstickt alle trüben Ahnungen im Entstehen: »Aber,«
klagt sie, »wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen mein banges Herz in
düstern Träumen an.« Ähnlich heißt es in G r i l l p a r z e r s bekannten
Versen:
»Was die Brust im Wachen enget,
aber treu verschließt der Mund,
hat der Schlaf das Band gesprenget,
tut es sich in Träumen kund«,
die der Dichter an anderer Stelle im Sinne der Wunschtheorie ergänzt:
». . . . Die Träume,
Sie erschaffen nicht die Wünsche,
Die vorhand’nen wecken sie;
Und was jetzt verscheucht der Morgen,
Lag als Keim in dir verborgen.«
Gleiches findet sich wieder in Dichtungen moderner, der Psychoanalyse
näherstehenden Autoren wie A r t h u r S c h n i t z l e r:
Page 452
»Doch Träume sind Begierden ohne Mut,
sind freche Wünsche, die das Licht des Tags
zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele,
daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.«
(»Der Schleier der Beatrice«)
oder V i k t o r H a r d u n g:
. . . . . . . . . Im Traum,
Den wir doch zeugen aus geheimer Lust,
Begehren, Angst, Verlangen ungestanden,
Aus Süchten, unbekannt dem hellen Tag,
Und unser eigen doch, wo wir sie leugnen.
(»Godiva«(189).)
Ähnliche Gedanken haben J e a n P a u l und H e b b e l geäußert; dieser
im »Silvesternachtstraum«, wo es ganz allgemein heißt: »[Der Schlaf]
verhilft auch den unterdrückten Elementen in der Menschennatur, ja der
Natur überhaupt, zu ihrem Rechte . . . . . und wenn er sich an das Gesetz,
das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht kehrt, wenn er unser
gewöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und alle unsere Anschauungs-
und Aneignungsformen durcheinander wirft, so geschieht das nur, weil er
selbst der Ausdruck eines viel höheren Gesetzes ist.« – Jener an einer Stelle,
die speziell die asozialen, vom Kulturmenschen mit Mühe unterdrückten
Regungen betrifft: ». . . . . das weite Geisterreich der Triebe und Neigungen
steigt in der zwölften Stunde des Träumens herauf und spielt dicht
verkörpert vor uns. Fürchterlich tief leuchtet der Traum in den uns gebauten
Epikurs- und Augiasstall hinein, und wir sehen in der Nacht alle die wilden
Grabtiere oder Abendwölfe ledig herumstreifen, die am Tage die Vernunft
in Ketten hielt.«
Die weitestgehende intuitive Vorwegnahme der psychoanalytischen
Traumlehre aber müssen wir einem »Erleben und Erdichten«
überschriebenen Abschnitt aus N i e t z s c h e s »Morgenröte« zugestehen,
wo der Traum als Mittel der halluzinatorischen Triebbefriedigung erkannt
ist: »Vielleicht würde diese Grausamkeit des Zufalles (bei der
Triebbefriedigung) noch greller in die Augen fallen, wenn alle Triebe es so
gründlich nehmen wollten wie der H u n g e r: der sich nicht mit
sind freche Wünsche, die das Licht des Tags
zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele,
daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.«
(»Der Schleier der Beatrice«)
oder V i k t o r H a r d u n g:
. . . . . . . . . Im Traum,
Den wir doch zeugen aus geheimer Lust,
Begehren, Angst, Verlangen ungestanden,
Aus Süchten, unbekannt dem hellen Tag,
Und unser eigen doch, wo wir sie leugnen.
(»Godiva«(189).)
Ähnliche Gedanken haben J e a n P a u l und H e b b e l geäußert; dieser
im »Silvesternachtstraum«, wo es ganz allgemein heißt: »[Der Schlaf]
verhilft auch den unterdrückten Elementen in der Menschennatur, ja der
Natur überhaupt, zu ihrem Rechte . . . . . und wenn er sich an das Gesetz,
das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht kehrt, wenn er unser
gewöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und alle unsere Anschauungs-
und Aneignungsformen durcheinander wirft, so geschieht das nur, weil er
selbst der Ausdruck eines viel höheren Gesetzes ist.« – Jener an einer Stelle,
die speziell die asozialen, vom Kulturmenschen mit Mühe unterdrückten
Regungen betrifft: ». . . . . das weite Geisterreich der Triebe und Neigungen
steigt in der zwölften Stunde des Träumens herauf und spielt dicht
verkörpert vor uns. Fürchterlich tief leuchtet der Traum in den uns gebauten
Epikurs- und Augiasstall hinein, und wir sehen in der Nacht alle die wilden
Grabtiere oder Abendwölfe ledig herumstreifen, die am Tage die Vernunft
in Ketten hielt.«
Die weitestgehende intuitive Vorwegnahme der psychoanalytischen
Traumlehre aber müssen wir einem »Erleben und Erdichten«
überschriebenen Abschnitt aus N i e t z s c h e s »Morgenröte« zugestehen,
wo der Traum als Mittel der halluzinatorischen Triebbefriedigung erkannt
ist: »Vielleicht würde diese Grausamkeit des Zufalles (bei der
Triebbefriedigung) noch greller in die Augen fallen, wenn alle Triebe es so
gründlich nehmen wollten wie der H u n g e r: der sich nicht mit
Page 453
g e t r ä u m t e r S p e i s e zufrieden gibt; aber die meisten Triebe,
namentlich die sogenannten moralischen, tun gerade dies, – wenn meine
Vermutung erlaubt ist, d a ß u n s e r e T r ä u m e e b e n d e n W e r t
und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade jenes
zufällige Ausbleiben der ›Nahrung‹ während des
T a g e s z u k o m p e n s i e r e n . . . . . . Diese Erdichtungen (des
Traumes), welche unseren Trieben . . . . . Spielraum und Entladung geben, –
und jeder wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand haben, – sind
Interpretationen unserer Nervenreize während des Schlafens, s e h r f r e i e,
sehr willkürliche Interpretationen. . . . . . Daß dieser Text, der im
allgemeinen doch für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich bleibt, so
verschieden kommentiert wird, daß die dichtende Vernunft heute und
gestern so verschiedene U r s a c h e n für dieselben Nervenreize s i c h
v o r s t e l l t: das hat darin seinen Grund, daß der Souffleur dieser Vernunft
heute ein anderer war, als er gestern war, – ein anderer T r i e b wollte sich
befriedigen, betätigen, üben, erquicken, entladen, – gerade er war in seiner
hohen Flut, und gestern war ein anderer darin(190).«
Träume in Dichtungen.
Alle diese Einsichten in das Wesen des Traumes, die sich uns zu einer
der psychoanalytischen Auffassung nahestehenden Traumtheorie
zusammenschlossen, sind eigentlich nur gelegentliche Abfallsprodukte der
intuitiven Seelenkenntnis, die der Dichter in seinen Schöpfungen
künstlerisch darstellt. Er ist zu diesem Wissen weder auf empirischem noch
auf spekulativem Wege gekommen, und es zeigt nur von der Echtheit und
Unmittelbarkeit seiner Erfahrung, wenn in den poetischen Werken selbst die
Träume eine praktische Verwendung finden, die ihrer geschilderten
Schätzung und Würdigung durchaus entspricht.
Vor allem fällt die Häufigkeit auf, mit der seit jeher die Volks- wie die
Kunstdichtung den Traum im Dienste der Schilderung komplizierter
Seelenzustände verwertet hat. Die Werke der schönen Literatur – Epen,
Romane, Dramen und Gedichte –, in denen Träume bedeutsam in die
Handlung und das Seelenleben der Figuren eingreifen, sind unzählbar. Von
den homerischen Gedichten bis zum Nibelungenlied und den Kunstepen
M i l t o n s, K l o p s t o c k s, W i e l a n d s, H e b b e l s, L e n a u s u. a., vom
namentlich die sogenannten moralischen, tun gerade dies, – wenn meine
Vermutung erlaubt ist, d a ß u n s e r e T r ä u m e e b e n d e n W e r t
und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade jenes
zufällige Ausbleiben der ›Nahrung‹ während des
T a g e s z u k o m p e n s i e r e n . . . . . . Diese Erdichtungen (des
Traumes), welche unseren Trieben . . . . . Spielraum und Entladung geben, –
und jeder wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand haben, – sind
Interpretationen unserer Nervenreize während des Schlafens, s e h r f r e i e,
sehr willkürliche Interpretationen. . . . . . Daß dieser Text, der im
allgemeinen doch für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich bleibt, so
verschieden kommentiert wird, daß die dichtende Vernunft heute und
gestern so verschiedene U r s a c h e n für dieselben Nervenreize s i c h
v o r s t e l l t: das hat darin seinen Grund, daß der Souffleur dieser Vernunft
heute ein anderer war, als er gestern war, – ein anderer T r i e b wollte sich
befriedigen, betätigen, üben, erquicken, entladen, – gerade er war in seiner
hohen Flut, und gestern war ein anderer darin(190).«
Träume in Dichtungen.
Alle diese Einsichten in das Wesen des Traumes, die sich uns zu einer
der psychoanalytischen Auffassung nahestehenden Traumtheorie
zusammenschlossen, sind eigentlich nur gelegentliche Abfallsprodukte der
intuitiven Seelenkenntnis, die der Dichter in seinen Schöpfungen
künstlerisch darstellt. Er ist zu diesem Wissen weder auf empirischem noch
auf spekulativem Wege gekommen, und es zeigt nur von der Echtheit und
Unmittelbarkeit seiner Erfahrung, wenn in den poetischen Werken selbst die
Träume eine praktische Verwendung finden, die ihrer geschilderten
Schätzung und Würdigung durchaus entspricht.
Vor allem fällt die Häufigkeit auf, mit der seit jeher die Volks- wie die
Kunstdichtung den Traum im Dienste der Schilderung komplizierter
Seelenzustände verwertet hat. Die Werke der schönen Literatur – Epen,
Romane, Dramen und Gedichte –, in denen Träume bedeutsam in die
Handlung und das Seelenleben der Figuren eingreifen, sind unzählbar. Von
den homerischen Gedichten bis zum Nibelungenlied und den Kunstepen
M i l t o n s, K l o p s t o c k s, W i e l a n d s, H e b b e l s, L e n a u s u. a., vom
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Roman gar nicht zu sprechen, der in manchen Richtungen, wie
beispielsweise der weit in unsere moderne Literatur hineinreichenden
romantischen, Traumerscheinungen zum unentbehrlichsten Requisit zählte.
Ist doch bekannt, mit welcher Vorliebe Dichter wie T i e c k, E. T. A.
H o f f m a n n, J e a n P a u l ihre Personen träumen und diese Träume
entscheidend auf den Gang der Handlung einwirken lassen. Selbst im
Drama finden sich, wenn auch bei weitem seltener und bedeutungsloser,
Träume verwertet, während anderseits die Einkleidung der ganzen
Handlung in einen Traum sich gerade der Form des Schauspieles am
ehesten anpaßt, wie die bekannten Stücke von C a l d e r o n,
S h a k e s p e a r e (Widerspenstige), H o l b e r g (Jeppe paa Bierget),
G r i l l p a r z e r, H a u p t m a n n (Schluck und Jau), in noch höherem Maße
aber die modernen, von der wissenschaftlichen Traumforschung nicht ganz
unabhängigen Traumdichtungen von S t r i n d b e r g (Traumspiel), P a u l
A p e l (»Hans Sonnenstößers Höllenfahrt«), F r a n z M o l n a r (»Das
Märchen vom Wolf«) u. a. zeigen. Gelegentlich wird übrigens die
Traumeinkleidung auch in den epischen Dichtungsformen mit Erfolg
verwendet, wie beispielsweise in D i c k e n s’ »Christmas Carol« oder in
dem einzigartigen Werk des Zeichners A l f r e d K u b i n (»Die andere
Seite«), dessen psychoanalytische Bedeutung Dr. H a n n s S a c h s (Wien)
dargelegt hat (»Imago«, I, 1912, p. 197). Endlich sind noch in der Lyrik, die
in ihrem innersten Wesen dem Traum sehr nahe steht, derartige
Einkleidungen immer sehr beliebt gewesen. Insbesondere Minne- und
Meistergesang haben in Traumbildern geradezu geschwelgt und den Traum
direkt als Wunscherfüller gepriesen. Am schönsten ist dies in manchen
Liedern W a l t e r s v o n d e r Vo g e l w e i d e, auf die bereits R i k l i n
hingewiesen hat. Die zahlreichen Traumgedichte des alten H a n s S a c h s
würden eine eigene Bearbeitung erfordern; zur Charakterisierung sei nur die
ergötzliche Darstellung angeführt, wie der Traum einem Krämer eine
Dorfkirchweih mit glänzendem Erlös vorspiegelt in dem Moment, wo ihm
spitzbübische Affen alles zerstört und besudelt hatten(191). Die Lyrik der
Romantik und der ihr nahestehenden Richtungen ist hier noch besonders zu
nennen: H e i n e, C h a m i s s o, M ö r i k e, U h l a n d, die D r o s t e,
K e l l e r, H e b b e l, B y r o n (The dream) und andere mehr haben
Traumgedichte geschaffen; C. G. M e y e r s »Lethe«, H e b b e l s
»Geburtsnachttraum«, S p i t t e l e r s Balladen »Der Vater«, »Das
beispielsweise der weit in unsere moderne Literatur hineinreichenden
romantischen, Traumerscheinungen zum unentbehrlichsten Requisit zählte.
Ist doch bekannt, mit welcher Vorliebe Dichter wie T i e c k, E. T. A.
H o f f m a n n, J e a n P a u l ihre Personen träumen und diese Träume
entscheidend auf den Gang der Handlung einwirken lassen. Selbst im
Drama finden sich, wenn auch bei weitem seltener und bedeutungsloser,
Träume verwertet, während anderseits die Einkleidung der ganzen
Handlung in einen Traum sich gerade der Form des Schauspieles am
ehesten anpaßt, wie die bekannten Stücke von C a l d e r o n,
S h a k e s p e a r e (Widerspenstige), H o l b e r g (Jeppe paa Bierget),
G r i l l p a r z e r, H a u p t m a n n (Schluck und Jau), in noch höherem Maße
aber die modernen, von der wissenschaftlichen Traumforschung nicht ganz
unabhängigen Traumdichtungen von S t r i n d b e r g (Traumspiel), P a u l
A p e l (»Hans Sonnenstößers Höllenfahrt«), F r a n z M o l n a r (»Das
Märchen vom Wolf«) u. a. zeigen. Gelegentlich wird übrigens die
Traumeinkleidung auch in den epischen Dichtungsformen mit Erfolg
verwendet, wie beispielsweise in D i c k e n s’ »Christmas Carol« oder in
dem einzigartigen Werk des Zeichners A l f r e d K u b i n (»Die andere
Seite«), dessen psychoanalytische Bedeutung Dr. H a n n s S a c h s (Wien)
dargelegt hat (»Imago«, I, 1912, p. 197). Endlich sind noch in der Lyrik, die
in ihrem innersten Wesen dem Traum sehr nahe steht, derartige
Einkleidungen immer sehr beliebt gewesen. Insbesondere Minne- und
Meistergesang haben in Traumbildern geradezu geschwelgt und den Traum
direkt als Wunscherfüller gepriesen. Am schönsten ist dies in manchen
Liedern W a l t e r s v o n d e r Vo g e l w e i d e, auf die bereits R i k l i n
hingewiesen hat. Die zahlreichen Traumgedichte des alten H a n s S a c h s
würden eine eigene Bearbeitung erfordern; zur Charakterisierung sei nur die
ergötzliche Darstellung angeführt, wie der Traum einem Krämer eine
Dorfkirchweih mit glänzendem Erlös vorspiegelt in dem Moment, wo ihm
spitzbübische Affen alles zerstört und besudelt hatten(191). Die Lyrik der
Romantik und der ihr nahestehenden Richtungen ist hier noch besonders zu
nennen: H e i n e, C h a m i s s o, M ö r i k e, U h l a n d, die D r o s t e,
K e l l e r, H e b b e l, B y r o n (The dream) und andere mehr haben
Traumgedichte geschaffen; C. G. M e y e r s »Lethe«, H e b b e l s
»Geburtsnachttraum«, S p i t t e l e r s Balladen »Der Vater«, »Das
Page 455
Begräbnis«, »Das Gastmahl« und Ähnliches in des »Knaben Wunderhorn«
gehören zum Eindruckvollsten, was die Lyrik zu bieten hat.
Verwendung der Symbolik in gedichteten Träumen.
Besonders reizvoll wird es für den Psychoanalytiker, sich davon zu
überzeugen, wie die als Dichtung oder in der Dichtung dargestellten
Träume nach den empirisch ermittelten Gesetzen gebaut sind und sich der
psychologischen Betrachtung wie wirklich erlebte Träume darbieten. Ja,
manche Regeln sind als Nebenprodukt philologischer Forschung
unmittelbar aus dem Studium der g e d i c h t e t e n Träume erschlossen
worden. So zeigt M e n t z an den französischen Volksepen, »wie
Träume, welche von einer Person in derselben
Nacht geträumt werden, immer zusammengehören
u n d e i n G a n z e s , E i n h e i t l i c h e s d a r s t e l l e n« (p. 45). Oder
J a e h d e findet in den englisch-schottischen Volksballaden, in denen
Träume aus zwei zeitlich aufeinanderfolgenden Bildern bestehen, daß
»d a s e r s t e n u r s y m b o l i s c h u n d u n k l a r a n d e u t e t , w a s
d a s z w e i t e k l a r u n d u n v e r h ü l l t e r k e n n e n l ä ß t«. Dies
bezieht sich, wie wir wissen(192), insbesondere auf die Symbolik, die ja
dem Dichter als poetisches Ausdrucksmittel geläufig ist. So hat O v i d im 3.
Buche der »Amores« als 5. Elegie in ausführlicher Weise einen Traum
geschildert, in dem die Hitze als Liebesglut, die Kuh als Geliebte, der Stier
als der liebesbegierige Träumer gedeutet wird(193). Eine andere, uns
gleichfalls aus dem Traumstudium geläufige Sexualsymbolik verwendet
B y r o n im VI. Gesange des »Don Juan«, wo der Held als Frau verkleidet
das Lager der Dudu teilt, die aus einem symbolisch dargestellten
Sexualtraum, der sich an den Sündenfallmythus anlehnt, mit Angst
erwacht(194). Daß gelegentlich einem Dichter die eigentliche Bedeutung
gewisser typischer Symbole ganz klar werden konnte, beweist die
Schilderung der eleusinischen Mysterien in der XII. römischen Elegie
G o e t h e s(195), wo es heißt:
gehören zum Eindruckvollsten, was die Lyrik zu bieten hat.
Verwendung der Symbolik in gedichteten Träumen.
Besonders reizvoll wird es für den Psychoanalytiker, sich davon zu
überzeugen, wie die als Dichtung oder in der Dichtung dargestellten
Träume nach den empirisch ermittelten Gesetzen gebaut sind und sich der
psychologischen Betrachtung wie wirklich erlebte Träume darbieten. Ja,
manche Regeln sind als Nebenprodukt philologischer Forschung
unmittelbar aus dem Studium der g e d i c h t e t e n Träume erschlossen
worden. So zeigt M e n t z an den französischen Volksepen, »wie
Träume, welche von einer Person in derselben
Nacht geträumt werden, immer zusammengehören
u n d e i n G a n z e s , E i n h e i t l i c h e s d a r s t e l l e n« (p. 45). Oder
J a e h d e findet in den englisch-schottischen Volksballaden, in denen
Träume aus zwei zeitlich aufeinanderfolgenden Bildern bestehen, daß
»d a s e r s t e n u r s y m b o l i s c h u n d u n k l a r a n d e u t e t , w a s
d a s z w e i t e k l a r u n d u n v e r h ü l l t e r k e n n e n l ä ß t«. Dies
bezieht sich, wie wir wissen(192), insbesondere auf die Symbolik, die ja
dem Dichter als poetisches Ausdrucksmittel geläufig ist. So hat O v i d im 3.
Buche der »Amores« als 5. Elegie in ausführlicher Weise einen Traum
geschildert, in dem die Hitze als Liebesglut, die Kuh als Geliebte, der Stier
als der liebesbegierige Träumer gedeutet wird(193). Eine andere, uns
gleichfalls aus dem Traumstudium geläufige Sexualsymbolik verwendet
B y r o n im VI. Gesange des »Don Juan«, wo der Held als Frau verkleidet
das Lager der Dudu teilt, die aus einem symbolisch dargestellten
Sexualtraum, der sich an den Sündenfallmythus anlehnt, mit Angst
erwacht(194). Daß gelegentlich einem Dichter die eigentliche Bedeutung
gewisser typischer Symbole ganz klar werden konnte, beweist die
Schilderung der eleusinischen Mysterien in der XII. römischen Elegie
G o e t h e s(195), wo es heißt:
Page 456
»Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise
Seltner Gestalten; im T r a u m schien er zu wallen; denn hier
W a n d e n s i c h S c h l a n g e n am Boden umher, v e r s c h l o s s e n e s
K ä s t c h e n,
R e i c h m i t Ä h r e n u m k r ä n z t, trugen hier Mädchen vorbei:
...................
Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,
Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
Und was war d a s G e h e i m n i s, als d a ß D e m e t e r , d i e g r o ß e,
S i c h g e f ä l l i g e i n m a l a u c h e i n e m H e l d e n b e q u e m t,
Als sie dem Saoon einst, dem rüstigen König der Kreter,
Ihres unsterblichen Leibs h o l d e s Ve r b o r g n e gegönnt,
Da war Kreta beglückt! D a s H o c h z e i t s b e t t e d e r G ö t t i n
Schwoll von Ähren und reich drückte der Acker die
S a a t.«
Wie ein moderner Autor den typischen Geburtstraum in vollkommen
korrekten Symbolen darzustellen weiß, möge schließlich ein Beispiel aus
allerneuester Zeit illustrieren:
In M o r i t z H e i m a n n s Tragödie »Der Feind und der Bruder«(196)
erzählt eine junge Frau ihren Traum, der von einer älteren, die bereits
Mutter war, als Schwangerschafts- resp. Geburtstraum gedeutet wird; wir
dürfen dies als intuitive Bestätigung der typischen psychoanalytisch
eruierten Symbolik von Wasser (Geburtswasser) und Kästchen – hier
Glocke – (Mutterleib) ansehen:
Seltner Gestalten; im T r a u m schien er zu wallen; denn hier
W a n d e n s i c h S c h l a n g e n am Boden umher, v e r s c h l o s s e n e s
K ä s t c h e n,
R e i c h m i t Ä h r e n u m k r ä n z t, trugen hier Mädchen vorbei:
...................
Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,
Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
Und was war d a s G e h e i m n i s, als d a ß D e m e t e r , d i e g r o ß e,
S i c h g e f ä l l i g e i n m a l a u c h e i n e m H e l d e n b e q u e m t,
Als sie dem Saoon einst, dem rüstigen König der Kreter,
Ihres unsterblichen Leibs h o l d e s Ve r b o r g n e gegönnt,
Da war Kreta beglückt! D a s H o c h z e i t s b e t t e d e r G ö t t i n
Schwoll von Ähren und reich drückte der Acker die
S a a t.«
Wie ein moderner Autor den typischen Geburtstraum in vollkommen
korrekten Symbolen darzustellen weiß, möge schließlich ein Beispiel aus
allerneuester Zeit illustrieren:
In M o r i t z H e i m a n n s Tragödie »Der Feind und der Bruder«(196)
erzählt eine junge Frau ihren Traum, der von einer älteren, die bereits
Mutter war, als Schwangerschafts- resp. Geburtstraum gedeutet wird; wir
dürfen dies als intuitive Bestätigung der typischen psychoanalytisch
eruierten Symbolik von Wasser (Geburtswasser) und Kästchen – hier
Glocke – (Mutterleib) ansehen:
Page 457
P a l l a s.
Vergangne Nacht sah ich im Meer mich schwimmen;
und vor mir schwamm auf der l i c h t b l i n d e n Bahn
ein schimmerndes Gebilde, eine G l o c k e
von r o s e n f a r b n e m B l u t, ätherisch leuchtend,
daß sie zu klingen schien, – da regte sich,
an einem Fels empört, das glatte Wasser,
und jäh zerschlug der Sturz der Nereïde
dort vor mir die Gestaltung, daß s i e r i ß
und ich davon in meinem W e i b e r l e i b –
sieh: hier – den heißen Stich des Schmerzes so empfing –
M a d d a l e n a.
Erwachtest du?
P a l l a s.
Noch nicht. Es hob mich nur
aus tiefem Traum zu minder tiefem Traum,
und wieder schwamm ich, und vor mir, fast schon
am Horizont, doch immer sichtbar, schwebten
z w e i G l o c k e n, eine wie die andre, zart
und feurig doch, und zogen her vor mir
bis in den uferlosen luft’gen Gischt
von Licht, darin ich dann erwachte, müd
und mit dem wunderlichen Schmerz, der jetzt
beim Steigen wieder mich erinnerte
an meinen Traum und an – ich weiß nicht was.
M a d d a l e n a.
Wo saß der süße Schmerz?
(Sie legt eine Hand auf Pallas Brust.)
Und fühlst du etwa
h h di t B ü t h l i
Vergangne Nacht sah ich im Meer mich schwimmen;
und vor mir schwamm auf der l i c h t b l i n d e n Bahn
ein schimmerndes Gebilde, eine G l o c k e
von r o s e n f a r b n e m B l u t, ätherisch leuchtend,
daß sie zu klingen schien, – da regte sich,
an einem Fels empört, das glatte Wasser,
und jäh zerschlug der Sturz der Nereïde
dort vor mir die Gestaltung, daß s i e r i ß
und ich davon in meinem W e i b e r l e i b –
sieh: hier – den heißen Stich des Schmerzes so empfing –
M a d d a l e n a.
Erwachtest du?
P a l l a s.
Noch nicht. Es hob mich nur
aus tiefem Traum zu minder tiefem Traum,
und wieder schwamm ich, und vor mir, fast schon
am Horizont, doch immer sichtbar, schwebten
z w e i G l o c k e n, eine wie die andre, zart
und feurig doch, und zogen her vor mir
bis in den uferlosen luft’gen Gischt
von Licht, darin ich dann erwachte, müd
und mit dem wunderlichen Schmerz, der jetzt
beim Steigen wieder mich erinnerte
an meinen Traum und an – ich weiß nicht was.
M a d d a l e n a.
Wo saß der süße Schmerz?
(Sie legt eine Hand auf Pallas Brust.)
Und fühlst du etwa
h h di t B ü t h l i
Page 458
auch schon die zarten Brüstchen leise
tickend
sich dir entfremden, einem andern zu?
Zwei wird zu eins; und daß die Rechnung stimme,
wird danach eins zu zwei, du junge Frau.
Die Analyse gedichteter Träume.
Detaillierte Untersuchungen über die in poetischer Darstellung
verwendeten Träume sind leider erst vereinzelt unternommen worden, doch
haben sie bereits wertvolle Einblicke in die dichterische Seelenkenntnis und
das Wesen der künstlerischen Schöpfung gewährt. Es ist erfreulich, daß die
erste derartige auf psychoanalytischer Grundlage ruhende Studie von einem
Literarhistoriker herrührt, der die Bedeutung der analytischen
Traumpsychologie frühzeitig erkannte und erfolgreich für sein Fachgebiet
zu verwerten suchte. Es stand ihm allerdings das denkbar günstigste
Material zu Gebote: »die Träume in G o t t f r i e d K e l l e r s ›Grünem
Heinrich‹.« Aus der kleinen Schrift von O t t o k a r F i s c h e r, die im
einzelnen eine Reihe von Bestätigungen der psychoanalytischen Traumlehre
liefert, sei nur eine Stelle zur Probe angeführt:
»Dem Träumenden gibt sich, ihm selber unbewußt und unerwartet, ein
gutes Stück seiner Ideenwelt und nicht zuletzt der eigentliche Inhalt seiner
verborgenen, selbst uneingestandenen Wünsche kund. Im Traum erst
bemächtigt sich Heinrichs grenzenloses Heimweh, da er im Wachen nicht
Zeit gefunden hat, sich den Gefühlen hinzugeben. Im Traum erst tritt alles
das in den Vordergrund, was bei Tage übertönt und nicht beachtet wurde,
und was sich in seiner wahren Gestalt darstellen mußte als Vorwurf,
Schmerz oder Sehnsucht. Ja, Sehnsuchtsträume sind so gut wie alle im
»Grünen Heinrich« geschilderten Träume.«
»Der Roman ist aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Mutter und
Sohn. Im Mittelpunkte von Heinrichs Träumen befindet sich der Gedanke
an die Mutter, Sehnsucht nach ihr, Sorge um sie und doch Scham, sich zu
dergleichen Gefühlsduseleien zu bekennen. Wieder trifft die allgemeine
Bemerkung zu, in den Träumen stellen sich Ideen ein, die im Wachen
unwirsch bei Seite geschoben wurden. Heinrich macht sich in der Tat eines
argen Vergehens schuldig, indem er an die Mutter nicht schreibt, ja er will
an sie kaum denken und ist sich selber seiner wahren Gefühle ihr gegenüber
tickend
sich dir entfremden, einem andern zu?
Zwei wird zu eins; und daß die Rechnung stimme,
wird danach eins zu zwei, du junge Frau.
Die Analyse gedichteter Träume.
Detaillierte Untersuchungen über die in poetischer Darstellung
verwendeten Träume sind leider erst vereinzelt unternommen worden, doch
haben sie bereits wertvolle Einblicke in die dichterische Seelenkenntnis und
das Wesen der künstlerischen Schöpfung gewährt. Es ist erfreulich, daß die
erste derartige auf psychoanalytischer Grundlage ruhende Studie von einem
Literarhistoriker herrührt, der die Bedeutung der analytischen
Traumpsychologie frühzeitig erkannte und erfolgreich für sein Fachgebiet
zu verwerten suchte. Es stand ihm allerdings das denkbar günstigste
Material zu Gebote: »die Träume in G o t t f r i e d K e l l e r s ›Grünem
Heinrich‹.« Aus der kleinen Schrift von O t t o k a r F i s c h e r, die im
einzelnen eine Reihe von Bestätigungen der psychoanalytischen Traumlehre
liefert, sei nur eine Stelle zur Probe angeführt:
»Dem Träumenden gibt sich, ihm selber unbewußt und unerwartet, ein
gutes Stück seiner Ideenwelt und nicht zuletzt der eigentliche Inhalt seiner
verborgenen, selbst uneingestandenen Wünsche kund. Im Traum erst
bemächtigt sich Heinrichs grenzenloses Heimweh, da er im Wachen nicht
Zeit gefunden hat, sich den Gefühlen hinzugeben. Im Traum erst tritt alles
das in den Vordergrund, was bei Tage übertönt und nicht beachtet wurde,
und was sich in seiner wahren Gestalt darstellen mußte als Vorwurf,
Schmerz oder Sehnsucht. Ja, Sehnsuchtsträume sind so gut wie alle im
»Grünen Heinrich« geschilderten Träume.«
»Der Roman ist aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Mutter und
Sohn. Im Mittelpunkte von Heinrichs Träumen befindet sich der Gedanke
an die Mutter, Sehnsucht nach ihr, Sorge um sie und doch Scham, sich zu
dergleichen Gefühlsduseleien zu bekennen. Wieder trifft die allgemeine
Bemerkung zu, in den Träumen stellen sich Ideen ein, die im Wachen
unwirsch bei Seite geschoben wurden. Heinrich macht sich in der Tat eines
argen Vergehens schuldig, indem er an die Mutter nicht schreibt, ja er will
an sie kaum denken und ist sich selber seiner wahren Gefühle ihr gegenüber
Page 459
gar nicht bewußt. Erst der Schlaf klärt ihn über das eigene Empfinden auf«
(p. 17 ff.).
Beschränkt sich diese Untersuchung auf den Nachweis, daß die
allgemeinen Traumgesetze auch in den erdichteten oder dichterisch
verwerteten Träumen wirksam und aufzuzeigen sind, so bemüht sich eine
andere, gleichfalls von keinem Arzt unternommene Arbeit, an einem
einzelnen Beispiel die analytische Deutungstechnik im Detail anzuwenden.
Mit ihrem ganzen Rüstzeug versehen, hat Dr. A l f r e d R o b i t s e k an der
»Analyse von Egmonts Traum« gezeigt, daß der vom Dichter seinem
Helden beigelegte Traum sich der Analyse gegenüber nach jeder Richtung
hin wie ein wirklich geträumter erweist. Durch Zerlegung in seine Elemente
und die Heranziehung der zugehörigen Partien der Dichtung gelang es, »die
Anknüpfungen an Wachgedanken und ›Tagesreste‹ nachzuweisen, seine
Symbolik zu deuten, hinter dem manifesten den latenten Inhalt zu zeigen,
den Charakter der Wunscherfüllung im allgemeinen und einzelnen zu
finden«. Der Autor konnte sich dabei wie bei seinen Schlußfolgerungen auf
eine paradigmatische Untersuchung stützen: auf die bereits (p. 74 Anmkg.)
erwähnte Analyse des Wahns und der Träume in W. J e n s e n s »Gradiva«,
welche gestattet hatte, die vom Dichter zur Schilderung des
Seelenzustandes seines Helden eingeflochtenen Traumbilder in die ihnen zu
grunde liegenden Gedanken zu übersetzen und in den Zusammenhang des
seelischen Geschehens einzufügen. Die daraus gefolgerte intuitive Einsicht
des Dichters in die Mechanismen der Traumbildung nötigt zu dem Schluß,
daß er bei seiner Produktion aus derselben Quelle schöpft, die der
Analytiker mit seiner mühseligen Technik erschließen muß, nämlich aus
dem Unbewußten(197).
Verwandtschaft von Traum und Dichtung.
Wir stehen hier wieder vor dem interessanten Problem, von dem wir
ausgegangen waren, der Verwandtschaft des poetischen Schaffens mit der
Traumproduktion. Frühzeitig schon müssen die Menschen hier einen
Zusammenhang beobachtet haben, welchen die Alten in ihrer naiven Weise
so auffaßten, daß irgendwie bevorzugten Sterblichen von einem Gott die
Dichtergabe im Traume verliehen worden sei: Von den großen Epikern
H o m e r und H e s i o d glaubten sie dies und erzählten es auch von ihrem
(p. 17 ff.).
Beschränkt sich diese Untersuchung auf den Nachweis, daß die
allgemeinen Traumgesetze auch in den erdichteten oder dichterisch
verwerteten Träumen wirksam und aufzuzeigen sind, so bemüht sich eine
andere, gleichfalls von keinem Arzt unternommene Arbeit, an einem
einzelnen Beispiel die analytische Deutungstechnik im Detail anzuwenden.
Mit ihrem ganzen Rüstzeug versehen, hat Dr. A l f r e d R o b i t s e k an der
»Analyse von Egmonts Traum« gezeigt, daß der vom Dichter seinem
Helden beigelegte Traum sich der Analyse gegenüber nach jeder Richtung
hin wie ein wirklich geträumter erweist. Durch Zerlegung in seine Elemente
und die Heranziehung der zugehörigen Partien der Dichtung gelang es, »die
Anknüpfungen an Wachgedanken und ›Tagesreste‹ nachzuweisen, seine
Symbolik zu deuten, hinter dem manifesten den latenten Inhalt zu zeigen,
den Charakter der Wunscherfüllung im allgemeinen und einzelnen zu
finden«. Der Autor konnte sich dabei wie bei seinen Schlußfolgerungen auf
eine paradigmatische Untersuchung stützen: auf die bereits (p. 74 Anmkg.)
erwähnte Analyse des Wahns und der Träume in W. J e n s e n s »Gradiva«,
welche gestattet hatte, die vom Dichter zur Schilderung des
Seelenzustandes seines Helden eingeflochtenen Traumbilder in die ihnen zu
grunde liegenden Gedanken zu übersetzen und in den Zusammenhang des
seelischen Geschehens einzufügen. Die daraus gefolgerte intuitive Einsicht
des Dichters in die Mechanismen der Traumbildung nötigt zu dem Schluß,
daß er bei seiner Produktion aus derselben Quelle schöpft, die der
Analytiker mit seiner mühseligen Technik erschließen muß, nämlich aus
dem Unbewußten(197).
Verwandtschaft von Traum und Dichtung.
Wir stehen hier wieder vor dem interessanten Problem, von dem wir
ausgegangen waren, der Verwandtschaft des poetischen Schaffens mit der
Traumproduktion. Frühzeitig schon müssen die Menschen hier einen
Zusammenhang beobachtet haben, welchen die Alten in ihrer naiven Weise
so auffaßten, daß irgendwie bevorzugten Sterblichen von einem Gott die
Dichtergabe im Traume verliehen worden sei: Von den großen Epikern
H o m e r und H e s i o d glaubten sie dies und erzählten es auch von ihrem
Page 460
ursprünglichsten Dramatiker A i s c h y l o s. Auch in aufgeklärteren
Zeitaltern konnte man sich ähnlichen Eindrücken nicht ganz entziehen,
besonders da die Dichter selbst an solche Quellen ihrer Inspiration glaubten,
wie wir es beispielsweise von P i n d a r u. a. wissen(198). Daß wir in dem
Glauben vom Ursprung der Dichtkunst aus dem Traum »ein altes
indogermanisches Motiv« (H e n z e n) vor uns haben, zeigt sich in dem
zähen Festhalten an der in verschiedener dichterischer Einkleidung immer
wieder auftauchenden Idee. Als Beispiel sei auf H a n s S a c h s e n s
»Dichterweihe« verwiesen und in der daran anknüpfenden »Zueignung«
von G o e t h e hat man einen letzten Ausläufer dieses Themas erkannt. Es
ist auch kein Zufall, wenn R i c h a r d W a g n e r gerade seinem H a n s
S a c h s die bekannten Verse in den Mund legt:
»Mein Freund, das grad’ ist Dichters Werk,
daß er sein Träumen deut’ und merk’.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
All’ Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
Was gilt’s, es gab der Traum euch ein,
wie heut’ ihr sollet Sieger sein?«
(Meistersinger, III. Akt.)
Ähnliches hat H e b b e l ausgesprochen in dem epigrammatischen
Gedicht »T r a u m u n d P o e s i e«, wo es heißt:
»Träume und Dichtergebilde sind eng miteinander verschwistert,
Beide lösen sich ab oder ergänzen sich still . . .«
und in einzelnen Tagebuchnotizen:
»Mein Gedanke, daß Traum und Poesie identisch sind, bestätigt sich
mehr und mehr.«
»Der Zustand dichterischer Begeisterung (wie tief empfind’ ich’s in
diesem Augenblick) ist ein Traumzustand, so müssen andere Menschen sich
ihn denken. E s b e r e i t e t s i c h i n d e s D i c h t e r s S e e l e v o r ,
w a s e r s e l b s t n i c h t w e i ß .«
Zeitaltern konnte man sich ähnlichen Eindrücken nicht ganz entziehen,
besonders da die Dichter selbst an solche Quellen ihrer Inspiration glaubten,
wie wir es beispielsweise von P i n d a r u. a. wissen(198). Daß wir in dem
Glauben vom Ursprung der Dichtkunst aus dem Traum »ein altes
indogermanisches Motiv« (H e n z e n) vor uns haben, zeigt sich in dem
zähen Festhalten an der in verschiedener dichterischer Einkleidung immer
wieder auftauchenden Idee. Als Beispiel sei auf H a n s S a c h s e n s
»Dichterweihe« verwiesen und in der daran anknüpfenden »Zueignung«
von G o e t h e hat man einen letzten Ausläufer dieses Themas erkannt. Es
ist auch kein Zufall, wenn R i c h a r d W a g n e r gerade seinem H a n s
S a c h s die bekannten Verse in den Mund legt:
»Mein Freund, das grad’ ist Dichters Werk,
daß er sein Träumen deut’ und merk’.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
All’ Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
Was gilt’s, es gab der Traum euch ein,
wie heut’ ihr sollet Sieger sein?«
(Meistersinger, III. Akt.)
Ähnliches hat H e b b e l ausgesprochen in dem epigrammatischen
Gedicht »T r a u m u n d P o e s i e«, wo es heißt:
»Träume und Dichtergebilde sind eng miteinander verschwistert,
Beide lösen sich ab oder ergänzen sich still . . .«
und in einzelnen Tagebuchnotizen:
»Mein Gedanke, daß Traum und Poesie identisch sind, bestätigt sich
mehr und mehr.«
»Der Zustand dichterischer Begeisterung (wie tief empfind’ ich’s in
diesem Augenblick) ist ein Traumzustand, so müssen andere Menschen sich
ihn denken. E s b e r e i t e t s i c h i n d e s D i c h t e r s S e e l e v o r ,
w a s e r s e l b s t n i c h t w e i ß .«
Page 461
Derartige Beobachtungen und Bekenntnisse sind bei den Dichtern nicht
vereinzelt. Wir wissen unter anderem von G o e t h e, daß er viele seiner
Gedichte »instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben sich getrieben
fühlte« und P a u l H e y s e sagt in seinen Jugenderinnerungen, persönliche
Erfahrungen verallgemeinernd: »Nun vollzieht sich freilich der letzte Teil
aller künstlerischen Erfindungen in einer geheimnisvollen unbewußten
Erregung, die mit dem eigentlichen Traumzustand nahe verwandt ist.«
Häufig sind es auch ganz spezielle Erlebnisse, welche zur Konstatierung
dieser Beziehungen geführt haben. Dichtern, die ihren Träumen besondere
Aufmerksamkeit schenkten, wie H e b b e l oder G o t t f r i e d K e l l e r, ist
eine gewisse Abhängigkeit der poetischen Produktion von ihrem
Traumleben aufgefallen. Am 6. November 1843 schreibt jener in Paris:
»Als ich noch dichterische Werke ausführte, träumte ich dichterisch, nun
nicht mehr.« Nachdem er eine Reihe seltsamer Träume angeführt hat, fährt
er in einem Gedichte fort:
»Damals aber konnt’ ich noch keine Tragödien dichten,
Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus.
Wären die Träume vielleicht nur unvollkommene Gedichte?
Ist ein gutes Gedicht ein vollkommener Traum?«
Bei K e l l e r ist ganz deutlich zu sehen, wie er eine rein subjektive, dem
Tagebuch (15. Januar 1848) anvertraute Beobachtung dem ihm am nächsten
stehenden Helden, dem »Grünen Heinrich« zuschreibt: »Wenn ich am Tage
nichts arbeite, so schafft die Phantasie im Schlafe auf eigene Faust, aber das
neckische, liebe Gespenst nimmt seine Schöpfungen mit sich hinweg und
verwischt sorgfältig alle Spuren seines spukhaften Wirkens.« (Tagebuch bei
Baechtold I, 308.)
»Seit ich nämlich die Phantasie und ihr ungewöhntes
Gestaltungsvermögen nicht mehr am Tage beschäftigte, regten sich ihre
Werkleute während des Schlafes mit selbständigem Gebaren und schufen
mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetümmel.« (D.
Gr. H. 4, 102.)
Andere Male tritt an Stelle dieses vikariierenden Verhältnisses von
Traum und Dichtung ein förderndes oder gar eine Identität. Hieher gehören
die zahlreichen Fälle, in denen einzelne im Traum aufgetauchte Verse und
vereinzelt. Wir wissen unter anderem von G o e t h e, daß er viele seiner
Gedichte »instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben sich getrieben
fühlte« und P a u l H e y s e sagt in seinen Jugenderinnerungen, persönliche
Erfahrungen verallgemeinernd: »Nun vollzieht sich freilich der letzte Teil
aller künstlerischen Erfindungen in einer geheimnisvollen unbewußten
Erregung, die mit dem eigentlichen Traumzustand nahe verwandt ist.«
Häufig sind es auch ganz spezielle Erlebnisse, welche zur Konstatierung
dieser Beziehungen geführt haben. Dichtern, die ihren Träumen besondere
Aufmerksamkeit schenkten, wie H e b b e l oder G o t t f r i e d K e l l e r, ist
eine gewisse Abhängigkeit der poetischen Produktion von ihrem
Traumleben aufgefallen. Am 6. November 1843 schreibt jener in Paris:
»Als ich noch dichterische Werke ausführte, träumte ich dichterisch, nun
nicht mehr.« Nachdem er eine Reihe seltsamer Träume angeführt hat, fährt
er in einem Gedichte fort:
»Damals aber konnt’ ich noch keine Tragödien dichten,
Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus.
Wären die Träume vielleicht nur unvollkommene Gedichte?
Ist ein gutes Gedicht ein vollkommener Traum?«
Bei K e l l e r ist ganz deutlich zu sehen, wie er eine rein subjektive, dem
Tagebuch (15. Januar 1848) anvertraute Beobachtung dem ihm am nächsten
stehenden Helden, dem »Grünen Heinrich« zuschreibt: »Wenn ich am Tage
nichts arbeite, so schafft die Phantasie im Schlafe auf eigene Faust, aber das
neckische, liebe Gespenst nimmt seine Schöpfungen mit sich hinweg und
verwischt sorgfältig alle Spuren seines spukhaften Wirkens.« (Tagebuch bei
Baechtold I, 308.)
»Seit ich nämlich die Phantasie und ihr ungewöhntes
Gestaltungsvermögen nicht mehr am Tage beschäftigte, regten sich ihre
Werkleute während des Schlafes mit selbständigem Gebaren und schufen
mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetümmel.« (D.
Gr. H. 4, 102.)
Andere Male tritt an Stelle dieses vikariierenden Verhältnisses von
Traum und Dichtung ein förderndes oder gar eine Identität. Hieher gehören
die zahlreichen Fälle, in denen einzelne im Traum aufgetauchte Verse und
Page 462
Reime oder ganze Gedichte sich als poetisch wertvoll erwiesen haben
sollen, wie in dem bekannten Beispiel von C o l e r i d g e s »Kubla Khan«,
dessen Sicherheit H. E l l i s jedoch neuerdings bezweifelt hat (Welt d. Tr.,
p. 269). Andere Dichter haben wieder Geträumtes zum dichterischen
Schaffen verwertet oder in poetische Form gebracht. So sind U h l a n d s
Gedichte »Die Harfe« und »Die Klage« nach Träumen gedichtet,
H e b b e l s »Traum« (»ein wirklicher«) und manches andere Lied von
M ö r i k e, K e l l e r u. a. Auch Erzähler wie S t e v e n s o n, E b e r s,
L y n k e u s (Jos. Popper) haben zugegeben, daß sie einzelne Stoffe oder
Züge ihren Träumen verdanken. Ja selbst höhere künstlerische Leistungen,
als im Wachleben möglich sein sollen, werden dem Traum zugeschrieben;
das berühmteste Beispiel dieser Art, T a r t i n i s Teufelssonate, wird
allerdings auch bezweifelt (E l l i s l. c. p. 269), und derartige poetische
Darstellungen, wie E. T. A. H o f f m a n n s »Musiker Kreisler«, kommen
als Beweis kaum in Betracht.
Bedeutung des Traumstudiums für die Probleme der Ästhetik.
Es ist begreiflich, daß diese nahe, oft für Wesensgleichheit gehaltene
Verwandtschaft von Traum und Kunst dazu anregte, auf Grund mancher
Einsichten in das eine Phänomen die Rätsel des anderen zu erschließen.
Besonders den Romantikern unter den Dichtern und Philosophen mußte
dies sehr nahe liegen. Bereits 1796 hat T i e c k (in seiner Vorrede zu
S h a k e s p e a r e s »Sturm«) ein förmliches Programm einer solchen
Ästhetik entworfen, aus dem folgende Stelle angeführt sei: »Shakespeare,
der so oft in seinen Stücken verrät, wie vertraut er mit den leisesten
Regungen der menschlichen Seele sei, beobachtete sich wahrscheinlich in
seinen Träumen, und wandte die hier gemachten Erfahrungen auf seine
Gedichte an. Der Psychologe und der Dichter können ganz ohne Zweifel
ihre Erfahrungen sehr erweitern, wenn sie dem Gange der Träume
nachforschen.«
S c h o p e n h a u e r, der in Anlehnung an die Weltbetrachtung der Inder
einem extremen »Traumidealismus« huldigte, hat ähnliche Anschauungen
auch in bezug auf die Kunst vertreten. An einer Stelle des Nachlasses, wo er
»über die Dichtkunst« handelt (Reclam Bd. 4, p. 391 u. ff.), heißt es:
»Daher sage ich, die Größe des D a n t e besteht darin, daß, während andere
sollen, wie in dem bekannten Beispiel von C o l e r i d g e s »Kubla Khan«,
dessen Sicherheit H. E l l i s jedoch neuerdings bezweifelt hat (Welt d. Tr.,
p. 269). Andere Dichter haben wieder Geträumtes zum dichterischen
Schaffen verwertet oder in poetische Form gebracht. So sind U h l a n d s
Gedichte »Die Harfe« und »Die Klage« nach Träumen gedichtet,
H e b b e l s »Traum« (»ein wirklicher«) und manches andere Lied von
M ö r i k e, K e l l e r u. a. Auch Erzähler wie S t e v e n s o n, E b e r s,
L y n k e u s (Jos. Popper) haben zugegeben, daß sie einzelne Stoffe oder
Züge ihren Träumen verdanken. Ja selbst höhere künstlerische Leistungen,
als im Wachleben möglich sein sollen, werden dem Traum zugeschrieben;
das berühmteste Beispiel dieser Art, T a r t i n i s Teufelssonate, wird
allerdings auch bezweifelt (E l l i s l. c. p. 269), und derartige poetische
Darstellungen, wie E. T. A. H o f f m a n n s »Musiker Kreisler«, kommen
als Beweis kaum in Betracht.
Bedeutung des Traumstudiums für die Probleme der Ästhetik.
Es ist begreiflich, daß diese nahe, oft für Wesensgleichheit gehaltene
Verwandtschaft von Traum und Kunst dazu anregte, auf Grund mancher
Einsichten in das eine Phänomen die Rätsel des anderen zu erschließen.
Besonders den Romantikern unter den Dichtern und Philosophen mußte
dies sehr nahe liegen. Bereits 1796 hat T i e c k (in seiner Vorrede zu
S h a k e s p e a r e s »Sturm«) ein förmliches Programm einer solchen
Ästhetik entworfen, aus dem folgende Stelle angeführt sei: »Shakespeare,
der so oft in seinen Stücken verrät, wie vertraut er mit den leisesten
Regungen der menschlichen Seele sei, beobachtete sich wahrscheinlich in
seinen Träumen, und wandte die hier gemachten Erfahrungen auf seine
Gedichte an. Der Psychologe und der Dichter können ganz ohne Zweifel
ihre Erfahrungen sehr erweitern, wenn sie dem Gange der Träume
nachforschen.«
S c h o p e n h a u e r, der in Anlehnung an die Weltbetrachtung der Inder
einem extremen »Traumidealismus« huldigte, hat ähnliche Anschauungen
auch in bezug auf die Kunst vertreten. An einer Stelle des Nachlasses, wo er
»über die Dichtkunst« handelt (Reclam Bd. 4, p. 391 u. ff.), heißt es:
»Daher sage ich, die Größe des D a n t e besteht darin, daß, während andere
Page 463
Dichter die Wahrheit der wirklichen Welt haben, so hat er die W a h r h e i t
d e s T r a u m e s: er läßt uns unerhörte Dinge gerade so sehen, wie wir
dergleichen im Traume sehen, und sie täuschen uns eben so. Es ist, als ob er
jeden Gesang die Nacht über geträumt und am Morgen aufgeschrieben
hätte. So sehr hat alles die Wahrheit des Traumes . . . . Überhaupt, um sich
von dem Wirken des Genius im echten Dichter, von der Unabhängigkeit
dieses Wirkens von aller Reflexion einen Begriff zu machen, betrachte man
sein eigenes poetisches Wirken im Traum.« ». . . wie weit übersteigen
solche Schilderungen alles, was wir mit Absicht und aus Reflexion
vermöchten: wenn Sie einmal aus einem recht lebhaften und ausführlichen
dramatischen Traume erwachen, so gehen Sie ihn durch und bewundern Ihr
eignes poetisches Genie. Daher man sagen kann: ein großer Dichter, z. B.
S h a k e s p e a r e, ist ein Mensch, der wachend tun kann, was wir alle im
Traum.«
Ähnlich heißt es bei J e a n P a u l: »Die Phantasie kann im Traume am
schönsten ihren hängenden Garten aufspannen und überblümen, und sie
nimmt darein besonders die aus den liegenden so oft vertriebenen Weiber
auf. D e r T r a u m i s t u n w i l l k ü r l i c h e D i c h t k u n s t(199) und
zeigt, daß der Dichter mit dem körperlichen Gehirn mehr arbeitet als ein
anderer Mensch. . . . . Der echte Dichter ist ebenso im Schreiben nur der
Zuhörer, nicht der Sprachlehrer seiner Charaktere . . . . er schaut sie wie im
Traume lebendig an und dann hört er sie.«
Und N i e t z s c h e preist in seinem Jugendwerk: »Die Geburt der
Tragödie aus dem Geiste der Musik« den Traum als eine der Quellen der
Kunst: »Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält
sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Welt des Traumes; er sieht
genau und gerne zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an
diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht nur etwa die angenehmen
und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständigkeit an sich
erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen
Hemmungen, die Neckereien des Zufalles, die bänglichen Erwartungen,
kurz die ganze ›göttliche Komödie‹ des Lebens, mit dem Inferno zieht an
ihm vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in
diesen Szenen – und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des
Scheines; und vielleicht erinnert sich mancher, gleich mir, in den
Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermutigend und
d e s T r a u m e s: er läßt uns unerhörte Dinge gerade so sehen, wie wir
dergleichen im Traume sehen, und sie täuschen uns eben so. Es ist, als ob er
jeden Gesang die Nacht über geträumt und am Morgen aufgeschrieben
hätte. So sehr hat alles die Wahrheit des Traumes . . . . Überhaupt, um sich
von dem Wirken des Genius im echten Dichter, von der Unabhängigkeit
dieses Wirkens von aller Reflexion einen Begriff zu machen, betrachte man
sein eigenes poetisches Wirken im Traum.« ». . . wie weit übersteigen
solche Schilderungen alles, was wir mit Absicht und aus Reflexion
vermöchten: wenn Sie einmal aus einem recht lebhaften und ausführlichen
dramatischen Traume erwachen, so gehen Sie ihn durch und bewundern Ihr
eignes poetisches Genie. Daher man sagen kann: ein großer Dichter, z. B.
S h a k e s p e a r e, ist ein Mensch, der wachend tun kann, was wir alle im
Traum.«
Ähnlich heißt es bei J e a n P a u l: »Die Phantasie kann im Traume am
schönsten ihren hängenden Garten aufspannen und überblümen, und sie
nimmt darein besonders die aus den liegenden so oft vertriebenen Weiber
auf. D e r T r a u m i s t u n w i l l k ü r l i c h e D i c h t k u n s t(199) und
zeigt, daß der Dichter mit dem körperlichen Gehirn mehr arbeitet als ein
anderer Mensch. . . . . Der echte Dichter ist ebenso im Schreiben nur der
Zuhörer, nicht der Sprachlehrer seiner Charaktere . . . . er schaut sie wie im
Traume lebendig an und dann hört er sie.«
Und N i e t z s c h e preist in seinem Jugendwerk: »Die Geburt der
Tragödie aus dem Geiste der Musik« den Traum als eine der Quellen der
Kunst: »Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält
sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Welt des Traumes; er sieht
genau und gerne zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an
diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht nur etwa die angenehmen
und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständigkeit an sich
erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen
Hemmungen, die Neckereien des Zufalles, die bänglichen Erwartungen,
kurz die ganze ›göttliche Komödie‹ des Lebens, mit dem Inferno zieht an
ihm vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in
diesen Szenen – und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des
Scheines; und vielleicht erinnert sich mancher, gleich mir, in den
Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermutigend und
Page 464
mit Erfolg zugerufen zu haben: ›Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter
träumen!‹(200) Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die
Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr
aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im stande waren: Tatsachen,
welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes Wesen, der
gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger
Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.«
Die Ähnlichkeiten zwischen Traum und Dichtung wurden dann
besonders von idealistischen Ästhetikern wie V i s c h e r und Vo l k e l t
studiert. So sagt V i s c h e r, »daß alle die Gestalten, die die großen Dichter
geschaffen, von einem Traumhauch umwittert sind«. »Was nicht
Traumcharakter hat, ist nicht schön, nicht vollendet, nicht poetisch, nicht
wahrhaft künstlerisch.«
Neuerdings hat A r t u r B o n u s die Bedeutung des Traumes für das
Verständnis der künstlerischen Technik betont und den Traum als das
denkbar günstigste Mittel bezeichnet, um sich über das eigentliche Wesen
des künstlerischen Schaffens zu verständigen. Den am weitesten gehenden
Versuch, die Psychologie der Traumvorgänge zur Erklärung der
ästhetischen Grundphänomene zu verwerten, hat A r t u r D r e w s in einer
1901 erschienenen Abhandlung: »Das ästhetische Verhalten und der Traum«
unternommen. Er geht von dem auch psychoanalytisch(201) am ehesten
zugänglichen Problem der widerspruchsvollen Doppelstellung des
Genießenden aus und führt dessen g l e i c h z e i t i g e Einstellung zum
Kunstwerk als Wirklichkeit und als Schein auf die das Traumleben
charakterisierende reale Spaltung unseres Bewußtseins in ein Ober- und
Unterbewußtsein zurück. »Das Kunstwerk vermag nur dadurch jene
suggestive Wirkung auszuüben, daß es mit Umgehung des Oberbewußtseins
sich gleichsam direkt an das Unterbewußtsein wendet.« Das
Oberbewußtsein aber kennzeichnet diesen anschaulichen, konkreten und
sinnlichen Inhalt des Unterbewußtseins als Schein. So wird das ästhetische
Verhalten »nur möglich, weil der Glaube an den Schein und die
Durchschauung des Scheins in zwei getrennten Bewußtseinssphären
existieren, die sich zur höheren Einheit des ästhetischen Bewußtseins
aufheben«. »Im Unterbewußtsein selbst ist das Ideale vom Realen nicht
verschieden.« »Diese ganze symbolisierende Tätigkeit, die heute immer
allgemeiner als der Kern des ästhetischen Verhaltens anerkannt wird, ist nur
träumen!‹(200) Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die
Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr
aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im stande waren: Tatsachen,
welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes Wesen, der
gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger
Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.«
Die Ähnlichkeiten zwischen Traum und Dichtung wurden dann
besonders von idealistischen Ästhetikern wie V i s c h e r und Vo l k e l t
studiert. So sagt V i s c h e r, »daß alle die Gestalten, die die großen Dichter
geschaffen, von einem Traumhauch umwittert sind«. »Was nicht
Traumcharakter hat, ist nicht schön, nicht vollendet, nicht poetisch, nicht
wahrhaft künstlerisch.«
Neuerdings hat A r t u r B o n u s die Bedeutung des Traumes für das
Verständnis der künstlerischen Technik betont und den Traum als das
denkbar günstigste Mittel bezeichnet, um sich über das eigentliche Wesen
des künstlerischen Schaffens zu verständigen. Den am weitesten gehenden
Versuch, die Psychologie der Traumvorgänge zur Erklärung der
ästhetischen Grundphänomene zu verwerten, hat A r t u r D r e w s in einer
1901 erschienenen Abhandlung: »Das ästhetische Verhalten und der Traum«
unternommen. Er geht von dem auch psychoanalytisch(201) am ehesten
zugänglichen Problem der widerspruchsvollen Doppelstellung des
Genießenden aus und führt dessen g l e i c h z e i t i g e Einstellung zum
Kunstwerk als Wirklichkeit und als Schein auf die das Traumleben
charakterisierende reale Spaltung unseres Bewußtseins in ein Ober- und
Unterbewußtsein zurück. »Das Kunstwerk vermag nur dadurch jene
suggestive Wirkung auszuüben, daß es mit Umgehung des Oberbewußtseins
sich gleichsam direkt an das Unterbewußtsein wendet.« Das
Oberbewußtsein aber kennzeichnet diesen anschaulichen, konkreten und
sinnlichen Inhalt des Unterbewußtseins als Schein. So wird das ästhetische
Verhalten »nur möglich, weil der Glaube an den Schein und die
Durchschauung des Scheins in zwei getrennten Bewußtseinssphären
existieren, die sich zur höheren Einheit des ästhetischen Bewußtseins
aufheben«. »Im Unterbewußtsein selbst ist das Ideale vom Realen nicht
verschieden.« »Diese ganze symbolisierende Tätigkeit, die heute immer
allgemeiner als der Kern des ästhetischen Verhaltens anerkannt wird, ist nur
Page 465
die Tätigkeit des Traumbewußtseins, welche darin beruht, Symbole zu
schaffen, seine eigenen subjektiven Zustände in ein objektives Gewand zu
kleiden und in Bilder, Gestalten und Vorgänge umzuwandeln.« »Bei dieser
Übereinstimmung zwischen dem Inhalt des Traumbewußtseins und dem
ästhetischen Schein können wir in der Tat nicht zweifeln, daß das
ästhetische Verhalten auf der Entfesselung des Traumbewußtseins beruht.«
– »Das Traumbewußtsein zeigt eine Herabminderung der Intelligenz ins
Kindliche, Unentwickelte, Rudimentäre, Naive« und ähnlich läßt sich nach
D r e w s »das ästhetische Verhalten mit seiner instinktiven
Symbolisierungs- und Personifikationstendenz geradezu als ein zeitweiliger
atavistischer Rückschlag in die Kindheitsanschauungen der Menschheit
betrachten, wo jeder Gegenstand lebendig erscheint«. Diesen letzten
Gesichtspunkt hatte bereits D u P r e l in seinen auf dem Traumstudium
basierenden Untersuchungen »Zur Psychologie der Lyrik« verwendet, die er
als eine Art »paläontologischer Weltanschauung« zu verstehen sucht.
Erwähnenswert ist, daß er den uns aus der Traumarbeit bekannt gewordenen
»Verdichtungsprozeß von Vorstellungsreihen« bei jeder Art künstlerischer
Produktion findet und zum Wesen der Intuition überhaupt rechnet(202). Er
fußt dabei auf der Anschauung, »daß das Denken auf einem unbewußten
Verfahren beruht und hier das Schlußresultat desselben fertig ins
Bewußtsein tritt. Dies ist besonders der Fall bei der echten künstlerischen
Produktion und überhaupt bei jeder genialen Leistung, im kleinen aber
immer dann, wenn zu Tage kommt, was man im Deutschen einen Einfall,
im Französischen un aperçu nennt«.
Tagtraum und Dichtung.
So beachtenswert diese Ergebnisse einer auf dem Studium des Traumes
fußenden Psychologie des Kunstwerkes auch sind, und so nahe sie durch
Berücksichtigung des Unbewußten an die psychoanalytische Auffassung
heranrücken, so bleiben sie doch immer recht allgemein und entbehren
überzeugender Detailnachweise. Erst mit Hilfe des analytischen
Verständnisses der Traumarbeit und der Erkenntnis des Unbewußten ist es
möglich geworden, mit der Parallelisierung von Traum und Dichtung, die
bisher eigentlich immer nur ein, wenn auch zutreffendes, Gleichnis
geblieben war, Ernst zu machen. Unsere vertiefte Einsicht in die
Mechanismen sowie in den Sinn und Gehalt der Traumbildungen gestattet
schaffen, seine eigenen subjektiven Zustände in ein objektives Gewand zu
kleiden und in Bilder, Gestalten und Vorgänge umzuwandeln.« »Bei dieser
Übereinstimmung zwischen dem Inhalt des Traumbewußtseins und dem
ästhetischen Schein können wir in der Tat nicht zweifeln, daß das
ästhetische Verhalten auf der Entfesselung des Traumbewußtseins beruht.«
– »Das Traumbewußtsein zeigt eine Herabminderung der Intelligenz ins
Kindliche, Unentwickelte, Rudimentäre, Naive« und ähnlich läßt sich nach
D r e w s »das ästhetische Verhalten mit seiner instinktiven
Symbolisierungs- und Personifikationstendenz geradezu als ein zeitweiliger
atavistischer Rückschlag in die Kindheitsanschauungen der Menschheit
betrachten, wo jeder Gegenstand lebendig erscheint«. Diesen letzten
Gesichtspunkt hatte bereits D u P r e l in seinen auf dem Traumstudium
basierenden Untersuchungen »Zur Psychologie der Lyrik« verwendet, die er
als eine Art »paläontologischer Weltanschauung« zu verstehen sucht.
Erwähnenswert ist, daß er den uns aus der Traumarbeit bekannt gewordenen
»Verdichtungsprozeß von Vorstellungsreihen« bei jeder Art künstlerischer
Produktion findet und zum Wesen der Intuition überhaupt rechnet(202). Er
fußt dabei auf der Anschauung, »daß das Denken auf einem unbewußten
Verfahren beruht und hier das Schlußresultat desselben fertig ins
Bewußtsein tritt. Dies ist besonders der Fall bei der echten künstlerischen
Produktion und überhaupt bei jeder genialen Leistung, im kleinen aber
immer dann, wenn zu Tage kommt, was man im Deutschen einen Einfall,
im Französischen un aperçu nennt«.
Tagtraum und Dichtung.
So beachtenswert diese Ergebnisse einer auf dem Studium des Traumes
fußenden Psychologie des Kunstwerkes auch sind, und so nahe sie durch
Berücksichtigung des Unbewußten an die psychoanalytische Auffassung
heranrücken, so bleiben sie doch immer recht allgemein und entbehren
überzeugender Detailnachweise. Erst mit Hilfe des analytischen
Verständnisses der Traumarbeit und der Erkenntnis des Unbewußten ist es
möglich geworden, mit der Parallelisierung von Traum und Dichtung, die
bisher eigentlich immer nur ein, wenn auch zutreffendes, Gleichnis
geblieben war, Ernst zu machen. Unsere vertiefte Einsicht in die
Mechanismen sowie in den Sinn und Gehalt der Traumbildungen gestattet
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auch ein besseres Erfassen des nahestehenden künstlerischen
Schöpfungsprozesses. Dabei leisten die sogenannten Phantasien oder
Tagträume als ein Zwischenreich zwischen der Welt des Traumes und der
Poesie wertvolle Dienste. Diese Produkte des Wachzustandes, welche die
Sprache selbst mit unseren nächtlichen Erzeugnissen in engste Beziehung
bringt, zeigen manches deutlich, was im Traume oft nur entstellten
Ausdruck finden kann. Sie verraten uns einzelne Charaktere der
Phantasietätigkeit, die der Traum erst mühseligem Studium preisgibt und
die auf die Mitmenschen berechnete Dichtung kaum mehr erkennen läßt.
Dazu gehören vor allem die egozentrische Einstellung des Phantasierenden,
ferner der Wunscherfüllungscharakter seiner Schöpfungen und ihre
erotische Färbung. Diese Tagträume, die manche Dichter selbst als
Vorstufen ihres poetischen Schaffens erkannt haben, entsprechen
unentstellten Träumen wie die Dichtungen etwa nach verschiedener
Richtung idealisierten entsprächen. Sie erleichtern uns den Rückschluß von
der Psychologie des Träumers auf die Psychologie des Künstlers und lassen
deutlich erkennen, daß die unbewußten Triebkräfte wie der psychische
Inhalt in beiden Fällen derselbe ist und nur die als »sekundäre Bearbeitung«
gekennzeichnete Formgebung sich in wesentlichen Punkten unterscheidet.
Im Grunde aber schafft auch der Dichter sich in seinem Werke eine
mannigfach entstellte und symbolisch eingekleidete Erfüllung seiner
geheimsten Wünsche, auch er ermöglicht den in der Kinderzeit verdrängten,
aber im Unbewußten mächtig fortwirkenden Triebregungen zeitweise
Befriedigung und Abfuhr (Katharsis).
Typische Traummotive in der Dichtung.
Dies läßt sich aber aus den Träumen, als einem ähnlichen Vorgang, nicht
bloß erschließen, sondern gewisse Traumbilder gestatten, diese allgemein
menschlichen Triebregungen aufzuzeigen und ihre Wandlungen bis zum
Kunstwerk im einzelnen zu verfolgen. Es sind dies die sogenannten
»typischen Träume«, die uns bereits über einzelne psychische Traumquellen
entscheidende Aufschlüsse gegeben haben.
So hat der (p. 182 ff.) ausführlich erörterte Nacktheitstraum Anlaß
gegeben, sich mit ähnlichen Gestaltungen der dichterischen Phantasie zu
beschäftigen und in ihnen die gleichen von der psychischen Zensur
Schöpfungsprozesses. Dabei leisten die sogenannten Phantasien oder
Tagträume als ein Zwischenreich zwischen der Welt des Traumes und der
Poesie wertvolle Dienste. Diese Produkte des Wachzustandes, welche die
Sprache selbst mit unseren nächtlichen Erzeugnissen in engste Beziehung
bringt, zeigen manches deutlich, was im Traume oft nur entstellten
Ausdruck finden kann. Sie verraten uns einzelne Charaktere der
Phantasietätigkeit, die der Traum erst mühseligem Studium preisgibt und
die auf die Mitmenschen berechnete Dichtung kaum mehr erkennen läßt.
Dazu gehören vor allem die egozentrische Einstellung des Phantasierenden,
ferner der Wunscherfüllungscharakter seiner Schöpfungen und ihre
erotische Färbung. Diese Tagträume, die manche Dichter selbst als
Vorstufen ihres poetischen Schaffens erkannt haben, entsprechen
unentstellten Träumen wie die Dichtungen etwa nach verschiedener
Richtung idealisierten entsprächen. Sie erleichtern uns den Rückschluß von
der Psychologie des Träumers auf die Psychologie des Künstlers und lassen
deutlich erkennen, daß die unbewußten Triebkräfte wie der psychische
Inhalt in beiden Fällen derselbe ist und nur die als »sekundäre Bearbeitung«
gekennzeichnete Formgebung sich in wesentlichen Punkten unterscheidet.
Im Grunde aber schafft auch der Dichter sich in seinem Werke eine
mannigfach entstellte und symbolisch eingekleidete Erfüllung seiner
geheimsten Wünsche, auch er ermöglicht den in der Kinderzeit verdrängten,
aber im Unbewußten mächtig fortwirkenden Triebregungen zeitweise
Befriedigung und Abfuhr (Katharsis).
Typische Traummotive in der Dichtung.
Dies läßt sich aber aus den Träumen, als einem ähnlichen Vorgang, nicht
bloß erschließen, sondern gewisse Traumbilder gestatten, diese allgemein
menschlichen Triebregungen aufzuzeigen und ihre Wandlungen bis zum
Kunstwerk im einzelnen zu verfolgen. Es sind dies die sogenannten
»typischen Träume«, die uns bereits über einzelne psychische Traumquellen
entscheidende Aufschlüsse gegeben haben.
So hat der (p. 182 ff.) ausführlich erörterte Nacktheitstraum Anlaß
gegeben, sich mit ähnlichen Gestaltungen der dichterischen Phantasie zu
beschäftigen und in ihnen die gleichen von der psychischen Zensur
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gehemmten Triebregungen wirksam zu zeigen(203). Die im Text bereits
erörterte Erzählung A n d e r s e n s wie die Nausikaa-Episode aus der
O d y s s e e konnten als gesetzmäßige Typen einer großen Gruppe von
Phantasieschöpfungen eingeordnet werden, die sich als verschieden
weitgehende und mannigfach eingekleidete Verdrängungsprodukte der
infantilen Zeigelust erwiesen, welche in den Exhibitionsträumen so
charakteristischen Ausdruck findet. Als solche typische Gestaltungen
verdrängter exhibitionistischer Regungen ergaben sich die auch mythisch
nachweisbaren dichterischen Motive der Kleiderpracht (Monna Vanna), der
Fesselung (Odyssee), der körperlichen Entstellung (Armer Heinrich), der
Unsichtbarkeit (Lady Godiva), die in entsprechenden Traumsituationen
(Kleidungsdefekt, Hemmung usw.) ihr Vorbild und in gewissen
neurotischen Symptomen (Urticaria) oder Phantasien sowie einzelnen
Perversionen (Kleiderfetischismus usw.) gut verstandene Gegenstücke
finden. Alle diese Gestaltungen des Nacktheitsmotivs beziehen ihre
Triebkraft vorwiegend aus der namentlich den Eltern geltenden
Sexualneugierde des Kindes, wobei die Regungen, welche eine
Befriedigung der verbotenen Gelüste anstreben, in gleicher Weise Ausdruck
finden wie die hemmenden, verdrängenden Strebungen des kulturell
eingestellten Ich. Während aber die Sage die entsprechende Traumsituation
veräußerlicht, gleichsam materialisiert, scheint die Dichtung eine
Verinnerlichung, eine Verfeinerung derselben anzustreben.
Die Heranziehung der typischen Träume zum Verständnis anderer
weitverbreiteter Dichtungsstoffe steht zum guten Teil noch aus, weil
einerseits das Traumleben in dieser Hinsicht analytisch noch nicht
genügend erforscht ist, anderseits das vielfach überarbeitete Material der
Dichtung nicht immer – wenn auch manchmal – Rückschlüsse gestattet.
Jedenfalls scheint es auffällig und der Hervorhebung wert, daß die wenigen
bis jetzt unternommenen und zu erwartenden Versuche die erotischen
Quellen der poetischen Schöpfung ins hellste Licht rücken.
Dies ist insbesondere bei der bedeutsamsten dieser Gruppen der Fall,
die wir als Repräsentanten des sogenannten Ödipus-Komplexes kennen
gelernt haben. S o p h o k l e s’ Tragödie vom König Ödipus, deren
psychologisches Verständnis uns die Traumdeutung ermöglicht hat, stellt
nur einen besonders deutlichen Ausdruck jener Neigungen dar, die sich
beim Kinde im Verhältnis zu den Eltern regen, sobald es im Vater den
erörterte Erzählung A n d e r s e n s wie die Nausikaa-Episode aus der
O d y s s e e konnten als gesetzmäßige Typen einer großen Gruppe von
Phantasieschöpfungen eingeordnet werden, die sich als verschieden
weitgehende und mannigfach eingekleidete Verdrängungsprodukte der
infantilen Zeigelust erwiesen, welche in den Exhibitionsträumen so
charakteristischen Ausdruck findet. Als solche typische Gestaltungen
verdrängter exhibitionistischer Regungen ergaben sich die auch mythisch
nachweisbaren dichterischen Motive der Kleiderpracht (Monna Vanna), der
Fesselung (Odyssee), der körperlichen Entstellung (Armer Heinrich), der
Unsichtbarkeit (Lady Godiva), die in entsprechenden Traumsituationen
(Kleidungsdefekt, Hemmung usw.) ihr Vorbild und in gewissen
neurotischen Symptomen (Urticaria) oder Phantasien sowie einzelnen
Perversionen (Kleiderfetischismus usw.) gut verstandene Gegenstücke
finden. Alle diese Gestaltungen des Nacktheitsmotivs beziehen ihre
Triebkraft vorwiegend aus der namentlich den Eltern geltenden
Sexualneugierde des Kindes, wobei die Regungen, welche eine
Befriedigung der verbotenen Gelüste anstreben, in gleicher Weise Ausdruck
finden wie die hemmenden, verdrängenden Strebungen des kulturell
eingestellten Ich. Während aber die Sage die entsprechende Traumsituation
veräußerlicht, gleichsam materialisiert, scheint die Dichtung eine
Verinnerlichung, eine Verfeinerung derselben anzustreben.
Die Heranziehung der typischen Träume zum Verständnis anderer
weitverbreiteter Dichtungsstoffe steht zum guten Teil noch aus, weil
einerseits das Traumleben in dieser Hinsicht analytisch noch nicht
genügend erforscht ist, anderseits das vielfach überarbeitete Material der
Dichtung nicht immer – wenn auch manchmal – Rückschlüsse gestattet.
Jedenfalls scheint es auffällig und der Hervorhebung wert, daß die wenigen
bis jetzt unternommenen und zu erwartenden Versuche die erotischen
Quellen der poetischen Schöpfung ins hellste Licht rücken.
Dies ist insbesondere bei der bedeutsamsten dieser Gruppen der Fall,
die wir als Repräsentanten des sogenannten Ödipus-Komplexes kennen
gelernt haben. S o p h o k l e s’ Tragödie vom König Ödipus, deren
psychologisches Verständnis uns die Traumdeutung ermöglicht hat, stellt
nur einen besonders deutlichen Ausdruck jener Neigungen dar, die sich
beim Kinde im Verhältnis zu den Eltern regen, sobald es im Vater den
Page 468
störenden Konkurrenten um die Liebe und Zärtlichkeit der Mutter erblickt.
Eine auf das Prinzip der Sekularverdrängung im Seelenleben der
Menschheit gestützte Untersuchung der dichterischen Phantasiebildung
vermag zu zeigen, daß mehr oder minder verhüllte, entstellte oder
abgeschwächte Darstellungen desselben Urkonfliktes sich durch die
Weltliteratur ziehen und die Dichter immer wieder aufs neue zur
Bearbeitung locken. O. R a n k hat an einem großen Material die Bedeutung
der Inzestphantasie für das dichterische Schaffen, aber auch für das
Seelenleben des Künstlers und das psychologische Verständnis seiner
Werke aufgezeigt und dabei die Ubiquität des Inzestmotivs bei den
bedeutendsten Dichtern der Weltliteratur festgestellt. Im einzelnen ist noch
mancherlei zu verfolgen und aufzuklären, insbesondere die
Zusammenhänge mit dem persönlichen Lebensschicksal des Dichters, wie
auch die Probleme der künstlerischen Formgebung und technischen
Gestaltung in jedem Einzelfalle einer speziellen Erörterung bedürfen. Dem
Thema des »H a m l e t« hat E r n e s t J o n e s eine ausführliche
Untersuchung gewidmet. Auf eine reiche Kenntnis der einschlägigen
Literatur gestützt, versuchte er dem Problem von den verschiedensten
Seiten näherzukommen, um schließlich seine Lösung, übereinstimmend mit
der bei den typischen Träumen gegebenen Deutung (p. 193 f.), in der
Inzestphantasie zu finden(204). J o n e s hat seine Untersuchung aber nicht
auf die Hauptpersonen des Dramas beschränkt, sondern gezeigt, wie auch
die anderen Gestalten im Zusammenhang dieser Auffassung ihren guten
psychologischen Sinn erhalten, wie sie sich als dramatische Abspaltungen
und Verdoppelungen der seelischen Einheit erweisen, die wir im Ich des
Dichters zu suchen haben. Der bereitliegende Einwand, daß es sich hier,
ähnlich wie beim Ödipus, nur um die dramatische Gestaltung eines
altüberlieferten mythischen Stoffes handelt, dessen Inhalt dem Dichter
gegeben sei, bietet der Psychoanalyse willkommenen Anlaß, darauf
hinzuweisen, daß auch die Schöpfungen der Volksphantasie den gleichen
Gesetzen unterliegen wie die individuellen Leistungen eines einzelnen und
daß ja der Dichter je nach der Vorherrschaft seiner Komplexe nicht nur die
Wahl unter den vorliegenden Stoffen hat, sondern auch noch die Nötigung
empfindet, das Thema in seinem Sinne um- und auszugestalten. Wie die
Ödipus-S a g e selbst, auf der so viele dichterische Bearbeitungen fußen, als
universeller Ausdruck jener primitiven Urregungen aus der Kindheit des
Menschengeschlechtes anzusehen ist, so läßt sich auch der Hamlet-Stoff in
Eine auf das Prinzip der Sekularverdrängung im Seelenleben der
Menschheit gestützte Untersuchung der dichterischen Phantasiebildung
vermag zu zeigen, daß mehr oder minder verhüllte, entstellte oder
abgeschwächte Darstellungen desselben Urkonfliktes sich durch die
Weltliteratur ziehen und die Dichter immer wieder aufs neue zur
Bearbeitung locken. O. R a n k hat an einem großen Material die Bedeutung
der Inzestphantasie für das dichterische Schaffen, aber auch für das
Seelenleben des Künstlers und das psychologische Verständnis seiner
Werke aufgezeigt und dabei die Ubiquität des Inzestmotivs bei den
bedeutendsten Dichtern der Weltliteratur festgestellt. Im einzelnen ist noch
mancherlei zu verfolgen und aufzuklären, insbesondere die
Zusammenhänge mit dem persönlichen Lebensschicksal des Dichters, wie
auch die Probleme der künstlerischen Formgebung und technischen
Gestaltung in jedem Einzelfalle einer speziellen Erörterung bedürfen. Dem
Thema des »H a m l e t« hat E r n e s t J o n e s eine ausführliche
Untersuchung gewidmet. Auf eine reiche Kenntnis der einschlägigen
Literatur gestützt, versuchte er dem Problem von den verschiedensten
Seiten näherzukommen, um schließlich seine Lösung, übereinstimmend mit
der bei den typischen Träumen gegebenen Deutung (p. 193 f.), in der
Inzestphantasie zu finden(204). J o n e s hat seine Untersuchung aber nicht
auf die Hauptpersonen des Dramas beschränkt, sondern gezeigt, wie auch
die anderen Gestalten im Zusammenhang dieser Auffassung ihren guten
psychologischen Sinn erhalten, wie sie sich als dramatische Abspaltungen
und Verdoppelungen der seelischen Einheit erweisen, die wir im Ich des
Dichters zu suchen haben. Der bereitliegende Einwand, daß es sich hier,
ähnlich wie beim Ödipus, nur um die dramatische Gestaltung eines
altüberlieferten mythischen Stoffes handelt, dessen Inhalt dem Dichter
gegeben sei, bietet der Psychoanalyse willkommenen Anlaß, darauf
hinzuweisen, daß auch die Schöpfungen der Volksphantasie den gleichen
Gesetzen unterliegen wie die individuellen Leistungen eines einzelnen und
daß ja der Dichter je nach der Vorherrschaft seiner Komplexe nicht nur die
Wahl unter den vorliegenden Stoffen hat, sondern auch noch die Nötigung
empfindet, das Thema in seinem Sinne um- und auszugestalten. Wie die
Ödipus-S a g e selbst, auf der so viele dichterische Bearbeitungen fußen, als
universeller Ausdruck jener primitiven Urregungen aus der Kindheit des
Menschengeschlechtes anzusehen ist, so läßt sich auch der Hamlet-Stoff in
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seinen mythologischen Überlieferungen als eine etwas entstellte Reaktion
auf die gleichen seelischen Kämpfe verstehen, die den Dichter dann dazu
drängen, sich dieses bereitstehenden Gefäßes zur Ablagerung seiner
analogen psychischen Konflikte zu bedienen.
2.
Traum und Mythus.
»Der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur
wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu
verstehen.«
N i e t z s c h e.
Die Bedeutung des Traumes für die Mythen- und Märchenbildung ist
von den Forschern seit langem erkannt und anerkannt. Namhafte
Mythologen wie L a i s t n e r, M a n n h a r d t, R o s c h e r und neuestens
wieder W u n d t haben die Bedeutung des Traumlebens, namentlich des
Angsttraumes, für das Verständnis einzelner Mythen- oder wenigstens
Motivgruppen eingehend gewürdigt. Insbesondere der Alptraum, mit seinen
zahlreichen Beziehungen zu mythologischen Motiven, bot hiezu am ehesten
Anlaß und einzelne Elemente desselben, wie die Bewegungshemmung, der
Namensanruf (Schrei), die Fragepein u. a. scheinen tatsächlich ihren
Niederschlag in den entsprechenden mythischen Erzählungen gefunden zu
haben. Anderseits hat die Einseitigkeit dieser Betrachtungsweise und ihre
Beschränkung auf ein einzelnes Traumphänomen spätere Autoren angeregt,
dem Einfluß des Traumlebens auf die Volksschöpfungen weiter
nachzuspüren. Friedrich von der L e y e n, der bald nach Erscheinen der
»Traumdeutung« die Wichtigkeit der psychoanalytischen Ergebnisse für die
Märchenforschung betonte, hat in seiner späteren ausführlichen Publikation
wohl auch andere Typen von Träumen herangezogen, sich aber leider auf
die Hervorhebung der im manifesten Inhalt zu Tage liegenden Analogien
beschränkt.
So interessant diese Parallelisierungen auch sind, vermögen sie doch
nicht der Bedeutung des Traumlebens für die Mythenbildung gerecht zu
auf die gleichen seelischen Kämpfe verstehen, die den Dichter dann dazu
drängen, sich dieses bereitstehenden Gefäßes zur Ablagerung seiner
analogen psychischen Konflikte zu bedienen.
2.
Traum und Mythus.
»Der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur
wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu
verstehen.«
N i e t z s c h e.
Die Bedeutung des Traumes für die Mythen- und Märchenbildung ist
von den Forschern seit langem erkannt und anerkannt. Namhafte
Mythologen wie L a i s t n e r, M a n n h a r d t, R o s c h e r und neuestens
wieder W u n d t haben die Bedeutung des Traumlebens, namentlich des
Angsttraumes, für das Verständnis einzelner Mythen- oder wenigstens
Motivgruppen eingehend gewürdigt. Insbesondere der Alptraum, mit seinen
zahlreichen Beziehungen zu mythologischen Motiven, bot hiezu am ehesten
Anlaß und einzelne Elemente desselben, wie die Bewegungshemmung, der
Namensanruf (Schrei), die Fragepein u. a. scheinen tatsächlich ihren
Niederschlag in den entsprechenden mythischen Erzählungen gefunden zu
haben. Anderseits hat die Einseitigkeit dieser Betrachtungsweise und ihre
Beschränkung auf ein einzelnes Traumphänomen spätere Autoren angeregt,
dem Einfluß des Traumlebens auf die Volksschöpfungen weiter
nachzuspüren. Friedrich von der L e y e n, der bald nach Erscheinen der
»Traumdeutung« die Wichtigkeit der psychoanalytischen Ergebnisse für die
Märchenforschung betonte, hat in seiner späteren ausführlichen Publikation
wohl auch andere Typen von Träumen herangezogen, sich aber leider auf
die Hervorhebung der im manifesten Inhalt zu Tage liegenden Analogien
beschränkt.
So interessant diese Parallelisierungen auch sind, vermögen sie doch
nicht der Bedeutung des Traumlebens für die Mythenbildung gerecht zu
Page 470
werden. Die Annahme einer Verwendung einzelner auffälliger
Traumerlebnisse im Zusammenhang märchenhafter Erzählungen kann
unmöglich das Problem erschöpfen. Auch hier hat die psychoanalytische
Forschung allmählich über die Deskription hinaus zu den gemeinsamen
unbewußten Triebkräften der Traum- und Mythenproduktion geführt.
An einer Reihe von Beispielen hat R i k l i n gezeigt, daß
»Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen« sich den analytisch
erkannten Traumgesetzen fügen; J o n e s vermochte die mythologische
Alptraumtheorie dadurch zu stützen, aber auch zu vertiefen und zu
bereichern, daß er den l a t e n t e n Inhalt dieser sonderbaren nächtlichen
Erlebnisse zur Aufklärung gewisser Formen des mittelalterlichen
Aberglaubens verwertete (Hexen- und Teufelsglauben, Wehrwolf, Vampyr
usw.); A b r a h a m unternahm eine gelungene Deutung der Prometheus-
Sage, indem er nachwies, daß die Regeln der analytischen Traumlehre auf
die Gebilde der Völkerphantasie erfolgreich anwendbar seien; und R a n k
konnte den Wert der psychoanalytischen Mythendeutung an der
vielumstrittenen Symbolik erproben, die sich gerade hier einwandfrei
bewährte. Es zeigte sich, daß im »Mythus von der Geburt des Helden« die
Aussetzung des Neugeborenen im Kästchen und Wasser ein symbolischer
und tendenziös entstellter Ausdruck des Geburtsvorganges war wie in den
bereits besprochenen Geburtsträumen. So lag es nahe, viele scheinbar
individuelle Traumsymbole völkerpsychologisch zu fundieren, wie
anderseits die aus dem Traume bekannten Bedeutungen zur Aufklärung
mythischer Überlieferungen zu verwenden. Zugleich wurde aber auf diesem
Wege ein vertieftes Verständnis mancher kulturgeschichtlicher Tatsachen
angebahnt, denn häufig erwies sich das Symbol als Niederschlag einer
ursprünglich real genommenen Identität.
Mythische Bedeutung und kulturgeschichtl. Grundlage der Symbolik.
Diese mannigfachen Beziehungen der Symbolik zu Traum, Mythus und
Kulturgeschichte seien an einem Beispiel, das für mehrere stehe, erläutert.
Wenn wir heute das F e u e r in einem Traume als Symbol der Liebe
verwendet finden, so lehrt das Studium der Kulturgeschichte, daß diesem
fast zur Allegorie herabgesunkenen Bilde ursprünglich eine reale, für die
Entwicklung der Menschheit ungeheure Bedeutung zukam. Das
Traumerlebnisse im Zusammenhang märchenhafter Erzählungen kann
unmöglich das Problem erschöpfen. Auch hier hat die psychoanalytische
Forschung allmählich über die Deskription hinaus zu den gemeinsamen
unbewußten Triebkräften der Traum- und Mythenproduktion geführt.
An einer Reihe von Beispielen hat R i k l i n gezeigt, daß
»Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen« sich den analytisch
erkannten Traumgesetzen fügen; J o n e s vermochte die mythologische
Alptraumtheorie dadurch zu stützen, aber auch zu vertiefen und zu
bereichern, daß er den l a t e n t e n Inhalt dieser sonderbaren nächtlichen
Erlebnisse zur Aufklärung gewisser Formen des mittelalterlichen
Aberglaubens verwertete (Hexen- und Teufelsglauben, Wehrwolf, Vampyr
usw.); A b r a h a m unternahm eine gelungene Deutung der Prometheus-
Sage, indem er nachwies, daß die Regeln der analytischen Traumlehre auf
die Gebilde der Völkerphantasie erfolgreich anwendbar seien; und R a n k
konnte den Wert der psychoanalytischen Mythendeutung an der
vielumstrittenen Symbolik erproben, die sich gerade hier einwandfrei
bewährte. Es zeigte sich, daß im »Mythus von der Geburt des Helden« die
Aussetzung des Neugeborenen im Kästchen und Wasser ein symbolischer
und tendenziös entstellter Ausdruck des Geburtsvorganges war wie in den
bereits besprochenen Geburtsträumen. So lag es nahe, viele scheinbar
individuelle Traumsymbole völkerpsychologisch zu fundieren, wie
anderseits die aus dem Traume bekannten Bedeutungen zur Aufklärung
mythischer Überlieferungen zu verwenden. Zugleich wurde aber auf diesem
Wege ein vertieftes Verständnis mancher kulturgeschichtlicher Tatsachen
angebahnt, denn häufig erwies sich das Symbol als Niederschlag einer
ursprünglich real genommenen Identität.
Mythische Bedeutung und kulturgeschichtl. Grundlage der Symbolik.
Diese mannigfachen Beziehungen der Symbolik zu Traum, Mythus und
Kulturgeschichte seien an einem Beispiel, das für mehrere stehe, erläutert.
Wenn wir heute das F e u e r in einem Traume als Symbol der Liebe
verwendet finden, so lehrt das Studium der Kulturgeschichte, daß diesem
fast zur Allegorie herabgesunkenen Bilde ursprünglich eine reale, für die
Entwicklung der Menschheit ungeheure Bedeutung zukam. Das
Page 471
Feuererzeugen hat tatsächlich einmal den Sexualakt selbst vertreten, d. h. es
war mit den gleichen libidinösen Energien und den zugehörigen
Vorstellungen besetzt wie dieser. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür
bietet die Feuererzeugung in Indien, die dort unter dem Bilde der Begattung
vorgestellt wird. Im Rigveda (III 29, 1) heißt es:
»Dies ist das Quirlholz; das Zeugende (das männliche Reibholz) ist
zubereitet! Bring die Stammesherrin (das weibliche Reibholz) herbei; den
Agni wollen wir quirln nach alter Art. In den beiden Reibhölzern ruht der
Wesenkenner (Agni) gleich der Leibesfrucht, die schön hineingesetzt ist in
die schwangeren Frauen . . . In sie, die die Beine ausgespreizt hat, fährt als
ein Kundiger ein (das männliche Holz).«(205) Wenn der Inder Feuer
entzündet, dann spricht er ein heiliges Gebet, welches auf eine Mythe
Bezug nimmt. Er ergreift ein Stück Holz mit den Worten: »Du bist des
Feuers Geburtsort«, legt darauf zwei Grashalme. »Ihr seid die beiden
Hoden«, darauf ergreift er das unten liegende Holz: »Du bist Urvaci«.
Darauf salbt er das Holz mit Butter und sagt dabei: »Du bist Kraft«, stellt es
dann auf das liegende Holz und sagt dazu: »Du bist Pururavas« usw. Er faßt
also das liegende Holz mit seiner kleinen Höhlung als die Repräsentation
der empfangenden Göttin und das stehende Holz als das Geschlechtsglied
des begattenden Gottes auf. Über die Verbreitung dieser Vorstellung sagt
der bekannte Ethnologe L e o F r o b e n i u s(206): »Das Feuerquirlen, wie
es bei den meisten Völkern zu finden ist, repräsentiert also bei den alten
Indern den Geschlechtsakt. Es sei mir erlaubt, gleich darauf hinzuweisen,
daß die alten Inder mit dieser Auffassung nicht allein dastehen. Die
Südafrikaner haben nämlich dieselbe Anschauung. Das liegende Holz heißt
bei ihnen ›weibliche Scham‹, das stehende ›das Männliche‹. S c h i n z hat
dies seinerzeit für einige Stämme erklärt und seitdem ist die weite
Verbreitung dieser Anschauung in Südafrika und zwar besonders bei den im
Osten wohnenden Stämmen aufgefunden worden.«
Noch deutliche Hinweise auf die sexualsymbolische Bedeutung des
Feuerzündens finden wir im Feuerraubmythus des Prometheus, dessen
sexualsymbolische Grundlage der Mythologe K u h n (1859) erkannt hat.
Wie die Prometheus-Sage bringen auch andere Überlieferungen die
Zeugung mit dem himmlischen Feuer, dem B l i t z, in Zusammenhang. So
äußert O. G r u p p e(207) über die Sage von Semele, aus deren brennendem
Leib Dionysos geboren wird, sie sei »wahrscheinlich einer der in
war mit den gleichen libidinösen Energien und den zugehörigen
Vorstellungen besetzt wie dieser. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür
bietet die Feuererzeugung in Indien, die dort unter dem Bilde der Begattung
vorgestellt wird. Im Rigveda (III 29, 1) heißt es:
»Dies ist das Quirlholz; das Zeugende (das männliche Reibholz) ist
zubereitet! Bring die Stammesherrin (das weibliche Reibholz) herbei; den
Agni wollen wir quirln nach alter Art. In den beiden Reibhölzern ruht der
Wesenkenner (Agni) gleich der Leibesfrucht, die schön hineingesetzt ist in
die schwangeren Frauen . . . In sie, die die Beine ausgespreizt hat, fährt als
ein Kundiger ein (das männliche Holz).«(205) Wenn der Inder Feuer
entzündet, dann spricht er ein heiliges Gebet, welches auf eine Mythe
Bezug nimmt. Er ergreift ein Stück Holz mit den Worten: »Du bist des
Feuers Geburtsort«, legt darauf zwei Grashalme. »Ihr seid die beiden
Hoden«, darauf ergreift er das unten liegende Holz: »Du bist Urvaci«.
Darauf salbt er das Holz mit Butter und sagt dabei: »Du bist Kraft«, stellt es
dann auf das liegende Holz und sagt dazu: »Du bist Pururavas« usw. Er faßt
also das liegende Holz mit seiner kleinen Höhlung als die Repräsentation
der empfangenden Göttin und das stehende Holz als das Geschlechtsglied
des begattenden Gottes auf. Über die Verbreitung dieser Vorstellung sagt
der bekannte Ethnologe L e o F r o b e n i u s(206): »Das Feuerquirlen, wie
es bei den meisten Völkern zu finden ist, repräsentiert also bei den alten
Indern den Geschlechtsakt. Es sei mir erlaubt, gleich darauf hinzuweisen,
daß die alten Inder mit dieser Auffassung nicht allein dastehen. Die
Südafrikaner haben nämlich dieselbe Anschauung. Das liegende Holz heißt
bei ihnen ›weibliche Scham‹, das stehende ›das Männliche‹. S c h i n z hat
dies seinerzeit für einige Stämme erklärt und seitdem ist die weite
Verbreitung dieser Anschauung in Südafrika und zwar besonders bei den im
Osten wohnenden Stämmen aufgefunden worden.«
Noch deutliche Hinweise auf die sexualsymbolische Bedeutung des
Feuerzündens finden wir im Feuerraubmythus des Prometheus, dessen
sexualsymbolische Grundlage der Mythologe K u h n (1859) erkannt hat.
Wie die Prometheus-Sage bringen auch andere Überlieferungen die
Zeugung mit dem himmlischen Feuer, dem B l i t z, in Zusammenhang. So
äußert O. G r u p p e(207) über die Sage von Semele, aus deren brennendem
Leib Dionysos geboren wird, sie sei »wahrscheinlich einer der in
Page 472
Griechenland sehr spärlichen Reste des alten Legendentypus, der sich auf
die Entflammung des Opferfeuers bezog«, und ihr Name habe »vielleicht
ursprünglich die ›Tafel‹ oder den ›Tisch‹, das untere Reibholz (vgl.
H e s y c h . σεμέλη τράπεζα) bezeichnet . . . . In dem weichen Holz des
letzteren entzündet sich der Funke, bei dessen Geburt die ›Mutter‹
verbrennt«. – Noch in der mythisch ausgeschmückten Geburtsgeschichte
des Großen Alexander heißt es, daß seine Mutter Olympias in der Nacht vor
der Hochzeit t r ä u m t e, es umtose sie ein mächtiges Gewitter und d e r
B l i t z f a h r e f l a m m e n d i n i h r e n S c h o ß, daraus dann ein
wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen
verschwinde(208). (D r o y s e n: Gesch. Alex. d. Gr., p. 69.) Hieher gehört
ferner die berühmte Fabel vom Zauberer Virgil, der sich an einer spröden
Schönen dadurch rächt, daß er alle Feuer der Stadt verlöschen und die
Bürger ihr neues Feuer nur am Genitale der nackt zur Schau gestellten Frau
entzünden läßt; diesem G e b o t der Feuerzündung stehen andere
Überlieferungen im Sinne der Prometheus-Sage als Ve r b o t derselben
gegenüber, wie das Märchen von Amor und Psyche, das der neugierigen
Gattin verbietet, den nächtlichen Liebhaber durch Lichtanzünden zu
verscheuchen, oder die Erzählung von Periander, den seine Mutter unter der
gleichen Bedingung allnächtlich als unerkannte Geliebte besuchte.
Entsprechend dem unteren Reibholz gilt dann jede Feuerstätte, Altar,
Herd, Ofen, Lampe usw., als weibliches Symbol. So diente beispielsweise
bei der Satansmesse als Altar das Genitale eines entblößt daliegenden
Weibes. Dem griechischen Periander wird nach H e r o d o t (V, 92) von
seiner verstorbenen Gattin Melissa eine Weissagung zu teil mit der
Bekräftigung, er habe »das Brot in einen kalten Ofen geschoben«, was ihm
ein sicheres Wahrzeichen war, »da er den Leichnam der Melissa
beschlafen«.
Hieher gehören neben den zahlreichen auf das Feuer bezüglichen
Hochzeitsbräuchen auch die im Folk-lore weitverbreiteten
Schwankerzählungen vom Lebenslicht, welche die gleiche Symbolik in
Form einer Traumeinkleidung offen verwerten. Einem Manne träumt, daß
ihm der heilige Petrus im Himmel sein und seines Weibes Lebenslicht
zeige. Da in dem seinen nur noch wenig Öl vorhanden ist, versucht er mit
dem Finger aus seines Weibes Hängelampe Öl in seine einzutröpfeln. So tat
er es mehrmals und sobald der heilige Petrus nahte, f u h r e r
die Entflammung des Opferfeuers bezog«, und ihr Name habe »vielleicht
ursprünglich die ›Tafel‹ oder den ›Tisch‹, das untere Reibholz (vgl.
H e s y c h . σεμέλη τράπεζα) bezeichnet . . . . In dem weichen Holz des
letzteren entzündet sich der Funke, bei dessen Geburt die ›Mutter‹
verbrennt«. – Noch in der mythisch ausgeschmückten Geburtsgeschichte
des Großen Alexander heißt es, daß seine Mutter Olympias in der Nacht vor
der Hochzeit t r ä u m t e, es umtose sie ein mächtiges Gewitter und d e r
B l i t z f a h r e f l a m m e n d i n i h r e n S c h o ß, daraus dann ein
wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen
verschwinde(208). (D r o y s e n: Gesch. Alex. d. Gr., p. 69.) Hieher gehört
ferner die berühmte Fabel vom Zauberer Virgil, der sich an einer spröden
Schönen dadurch rächt, daß er alle Feuer der Stadt verlöschen und die
Bürger ihr neues Feuer nur am Genitale der nackt zur Schau gestellten Frau
entzünden läßt; diesem G e b o t der Feuerzündung stehen andere
Überlieferungen im Sinne der Prometheus-Sage als Ve r b o t derselben
gegenüber, wie das Märchen von Amor und Psyche, das der neugierigen
Gattin verbietet, den nächtlichen Liebhaber durch Lichtanzünden zu
verscheuchen, oder die Erzählung von Periander, den seine Mutter unter der
gleichen Bedingung allnächtlich als unerkannte Geliebte besuchte.
Entsprechend dem unteren Reibholz gilt dann jede Feuerstätte, Altar,
Herd, Ofen, Lampe usw., als weibliches Symbol. So diente beispielsweise
bei der Satansmesse als Altar das Genitale eines entblößt daliegenden
Weibes. Dem griechischen Periander wird nach H e r o d o t (V, 92) von
seiner verstorbenen Gattin Melissa eine Weissagung zu teil mit der
Bekräftigung, er habe »das Brot in einen kalten Ofen geschoben«, was ihm
ein sicheres Wahrzeichen war, »da er den Leichnam der Melissa
beschlafen«.
Hieher gehören neben den zahlreichen auf das Feuer bezüglichen
Hochzeitsbräuchen auch die im Folk-lore weitverbreiteten
Schwankerzählungen vom Lebenslicht, welche die gleiche Symbolik in
Form einer Traumeinkleidung offen verwerten. Einem Manne träumt, daß
ihm der heilige Petrus im Himmel sein und seines Weibes Lebenslicht
zeige. Da in dem seinen nur noch wenig Öl vorhanden ist, versucht er mit
dem Finger aus seines Weibes Hängelampe Öl in seine einzutröpfeln. So tat
er es mehrmals und sobald der heilige Petrus nahte, f u h r e r
Page 473
z u s a m m e n, e r s c h r a k und erwachte davon; da merkte er, daß er den
Finger in den Geschlechtsteil seines Weibes gesteckt und leckend in seinen
Mund den Finger abgeträufelt habe. (Anthropophyteia, Bd. VII, p. 255 f.)
Gleiche Kenntnis und Verwertung dieser Sexualsymbolik verrät die
Anekdote, nach der der Pfarrer einem Mädchen ihr Genitale als »das Licht
des Lebens« bezeichnet. »Ach, jetzt versteh’ ich,« sagt sie, »warum mein
Schatz heut morgen sein’ Docht neingesteckt hat.« (Anthrop. VII, p. 310
und eine Variante ebenda, p. 323.) Umgekehrt sagt in den »Contes
drolatiques« B a l z a c ’ s die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
Pfaffen zurückzuweisen: »Das Ding, das der König liebt, bedarf noch nicht
der letzten Ölung.«
Aber die sexuelle Bedeutung greift allmählich auf alles über, was mit
dem ursprünglichen Symbol in Beziehung tritt. Die Esse, durch die auch der
Storch das Kind fallen läßt, wird zum weiblichen, der Schornsteinfeger zum
phallischen Symbol(209), wie man noch an seiner jetzigen
Glücksbedeutung erkennt; denn die meisten unserer Glückssymbole waren
ursprünglich Fruchtbarkeitssymbole, wie das Hufeisen (Roßtrappe), das
Kleeblatt, die Alraune u. a. m. Selbst unsere heutige Sprache hat noch vieles
von der Feuersymbolik bewahrt: wir sprechen vom »Lebenslicht«, vom
»Erglühen« in Liebe, vom »Feuerfangen« im Sinne von Verlieben und
bezeichnen die Geliebte als »Flamme«.
Der Elternkomplex in Mythen und Märchen.
In ähnlicher Weise lassen sich auch andere Symbole durch verschiedene
Schichten ihrer Verwendung und ihres Verständnisses
hindurchverfolgen(210):
Ein für das Verständnis der Träume wie der Mythen und Märchen
besonders bedeutsames Symbol ist die Darstellung der Eltern als kaiserliche
oder sonst hochstehende Personen. Die den ehrgeizigen Phantasien des
Individuums dienenden Tagträume von einem »Familienroman« haben das
Verständnis der gleichlautenden Massenphantasien ganzer Völker
ermöglicht und uns gelehrt, in den dem Helden feindlich
gegenübergestellten Machtpersonen Personifikationen des Vaters, in den
ihm von diesen vorenthaltenen Frauen Imagines der Mutter zu erkennen.
Der König und die Königin, von denen fast jedes Märchen zu erzählen
Finger in den Geschlechtsteil seines Weibes gesteckt und leckend in seinen
Mund den Finger abgeträufelt habe. (Anthropophyteia, Bd. VII, p. 255 f.)
Gleiche Kenntnis und Verwertung dieser Sexualsymbolik verrät die
Anekdote, nach der der Pfarrer einem Mädchen ihr Genitale als »das Licht
des Lebens« bezeichnet. »Ach, jetzt versteh’ ich,« sagt sie, »warum mein
Schatz heut morgen sein’ Docht neingesteckt hat.« (Anthrop. VII, p. 310
und eine Variante ebenda, p. 323.) Umgekehrt sagt in den »Contes
drolatiques« B a l z a c ’ s die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
Pfaffen zurückzuweisen: »Das Ding, das der König liebt, bedarf noch nicht
der letzten Ölung.«
Aber die sexuelle Bedeutung greift allmählich auf alles über, was mit
dem ursprünglichen Symbol in Beziehung tritt. Die Esse, durch die auch der
Storch das Kind fallen läßt, wird zum weiblichen, der Schornsteinfeger zum
phallischen Symbol(209), wie man noch an seiner jetzigen
Glücksbedeutung erkennt; denn die meisten unserer Glückssymbole waren
ursprünglich Fruchtbarkeitssymbole, wie das Hufeisen (Roßtrappe), das
Kleeblatt, die Alraune u. a. m. Selbst unsere heutige Sprache hat noch vieles
von der Feuersymbolik bewahrt: wir sprechen vom »Lebenslicht«, vom
»Erglühen« in Liebe, vom »Feuerfangen« im Sinne von Verlieben und
bezeichnen die Geliebte als »Flamme«.
Der Elternkomplex in Mythen und Märchen.
In ähnlicher Weise lassen sich auch andere Symbole durch verschiedene
Schichten ihrer Verwendung und ihres Verständnisses
hindurchverfolgen(210):
Ein für das Verständnis der Träume wie der Mythen und Märchen
besonders bedeutsames Symbol ist die Darstellung der Eltern als kaiserliche
oder sonst hochstehende Personen. Die den ehrgeizigen Phantasien des
Individuums dienenden Tagträume von einem »Familienroman« haben das
Verständnis der gleichlautenden Massenphantasien ganzer Völker
ermöglicht und uns gelehrt, in den dem Helden feindlich
gegenübergestellten Machtpersonen Personifikationen des Vaters, in den
ihm von diesen vorenthaltenen Frauen Imagines der Mutter zu erkennen.
Der König und die Königin, von denen fast jedes Märchen zu erzählen
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weiß, verleugnen ihren elterlichen Charakter selten und auch der
Heldenmythus bedient sich des gleichen Darstellungsmittels, um die den
Eltern geltenden ambivalenten Regungen vorwurfslos ausleben zu können.
Als Beispiel sei hier ein ungeheuer verbreitetes Märchen angeführt, in
dem ein die ganze Geschichte begründender Traum vielleicht auf die
Beziehung dieser Erzählung zu einem typischen Traumstoff hinweist. Das
Märchen, dessen Parallelen T h . B e n f e y (Kl. Schr. III) über die ganze
Erde verfolgt hat, beginnt damit, daß d e r S o h n t r ä u m t , e r w e r d e
v o r n e h m e r w e r d e n a l s s e i n Va t e r , n ä m l i c h K a i s e r. Er
wird nun hochmütig und widersetzlich, so daß der Vater, dem er den Grund
(nämlich seinen Traum) nicht verraten will, ihn prügelt und aus dem Hause
jagt. Er kommt nun an den Hof des Kaisers, dem er gleichfalls sein
Geheimnis (den Traum) nicht verraten will, wofür er eingesperrt und zum
Hungertode verurteilt wird. Es gelingt ihm aber, ein Loch in die Mauer
seines Kerkers zu machen und so allnächtlich mit der Königstochter in
Verbindung zu treten, die sich in ihn verliebt und ihn speist. Durch Erraten
schwieriger Rätsel oder durch Lösen schwerer Aufgaben (Speerwerfen
usw.) vermag er schließlich die Hand der Königstochter wirklich zu
gewinnen, ihren Vater zu beseitigen (töten) und sein Erbe anzutreten. Dieser
kurze Auszug, der nur die häufigste Variante der weitverzweigten Fabel
wiedergibt, zeigt doch zur Genüge, daß es sich um den bekannten
Familienroman des Ehrgeizigen handelt, der seinen Vater (in der Phantasie)
zum Kaiser erhöht und ihn dann beseitigt, um seine Stelle einzunehmen.
Mit dieser Stelle ist, wie die psychoanalytische Untersuchung der
individuellen und mythischen Phantasiebildung ergeben hat, im tiefsten
Grunde der Besitz der Mutter gemeint(211), die hier durch eine
Schwesterfigur (die Tochter des Königs) ersetzt ist. Ihre mütterliche
Bedeutung ist aber noch voll erhalten in ihrer Rolle als Ernährerin, die aus
dem zum Familienroman gehörigen Aussetzungsmythus stammt. Das
vornehme Milieu ist nichts als eine den Größenideen dienende Entstellung
der eigenen Familie und die Spaltung der Personen, die in manchen
Fassungen noch weiter geht, dient der vorwurfsfreien Befriedigung aller
den Eltern geltenden Leidenschaften.
Daß tatsächlich der in der Sprache des Unbewußten (Kaiser)
dargestellte Konflikt mit dem Vater um den Besitz der Mutter dieser
Märchengruppe zu Grunde liegt, zeigt eine von B e n f e y (p. 188)
Heldenmythus bedient sich des gleichen Darstellungsmittels, um die den
Eltern geltenden ambivalenten Regungen vorwurfslos ausleben zu können.
Als Beispiel sei hier ein ungeheuer verbreitetes Märchen angeführt, in
dem ein die ganze Geschichte begründender Traum vielleicht auf die
Beziehung dieser Erzählung zu einem typischen Traumstoff hinweist. Das
Märchen, dessen Parallelen T h . B e n f e y (Kl. Schr. III) über die ganze
Erde verfolgt hat, beginnt damit, daß d e r S o h n t r ä u m t , e r w e r d e
v o r n e h m e r w e r d e n a l s s e i n Va t e r , n ä m l i c h K a i s e r. Er
wird nun hochmütig und widersetzlich, so daß der Vater, dem er den Grund
(nämlich seinen Traum) nicht verraten will, ihn prügelt und aus dem Hause
jagt. Er kommt nun an den Hof des Kaisers, dem er gleichfalls sein
Geheimnis (den Traum) nicht verraten will, wofür er eingesperrt und zum
Hungertode verurteilt wird. Es gelingt ihm aber, ein Loch in die Mauer
seines Kerkers zu machen und so allnächtlich mit der Königstochter in
Verbindung zu treten, die sich in ihn verliebt und ihn speist. Durch Erraten
schwieriger Rätsel oder durch Lösen schwerer Aufgaben (Speerwerfen
usw.) vermag er schließlich die Hand der Königstochter wirklich zu
gewinnen, ihren Vater zu beseitigen (töten) und sein Erbe anzutreten. Dieser
kurze Auszug, der nur die häufigste Variante der weitverzweigten Fabel
wiedergibt, zeigt doch zur Genüge, daß es sich um den bekannten
Familienroman des Ehrgeizigen handelt, der seinen Vater (in der Phantasie)
zum Kaiser erhöht und ihn dann beseitigt, um seine Stelle einzunehmen.
Mit dieser Stelle ist, wie die psychoanalytische Untersuchung der
individuellen und mythischen Phantasiebildung ergeben hat, im tiefsten
Grunde der Besitz der Mutter gemeint(211), die hier durch eine
Schwesterfigur (die Tochter des Königs) ersetzt ist. Ihre mütterliche
Bedeutung ist aber noch voll erhalten in ihrer Rolle als Ernährerin, die aus
dem zum Familienroman gehörigen Aussetzungsmythus stammt. Das
vornehme Milieu ist nichts als eine den Größenideen dienende Entstellung
der eigenen Familie und die Spaltung der Personen, die in manchen
Fassungen noch weiter geht, dient der vorwurfsfreien Befriedigung aller
den Eltern geltenden Leidenschaften.
Daß tatsächlich der in der Sprache des Unbewußten (Kaiser)
dargestellte Konflikt mit dem Vater um den Besitz der Mutter dieser
Märchengruppe zu Grunde liegt, zeigt eine von B e n f e y (p. 188)
Page 475
angeführte griechische Version, welche die Geschichte dem Äsop
zuschreibt. Dieser hatte seinen Adoptivsohn Ainos mit dem Tode bedroht,
da er eine von des Königs (= Vaters) Kebsweibern verführt hatte. Um sich
zu retten und beim König in Gunst zu setzen, fälscht Ainos einen angeblich
von Äsop verfaßten hochverräterischen Brief, auf Grund dessen Äsop in
den Kerker geworfen und von Lykurg zum Tode verurteilt wird. Sein
Freund, der Henker, rettet ihn aber und ernährt ihn heimlich in einem der
Gräber. Als aber der König später Äsops Fähigkeit, schwere Aufgaben
durch List zu lösen, gegen den Ägypterkönig ins Treffen führen will, bereut
er die rasche Verurteilung. Äsop wird zur Stelle geschafft, hilft seinem
Herrn gegen den Ägypterkönig und wird wieder in seine frühere Stellung
eingesetzt, die inzwischen sein Sohn eingenommen hatte. Dieser erhängt
sich. Hier ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn, den das Märchen auf
Grund des Familienromans in das königliche Milieu verlegt, wieder auf den
bürgerlichen Boden der eigenen Familie zurückversetzt und direkt
ausgesprochen, daß der Sohn eine von des Königs Kebsweibern (nicht seine
Tochter) erobert.
Den gleichen Vaterkonflikt innerhalb des königlichen Milieus zeigt
noch das stofflich nahestehende Drama C a l d e r o n s: »Das Leben ein
Traum«. Da träumt die Mutter vor der Geburt des Sohnes, dieser werde
einst seinen Fuß auf den Nacken des Vaters setzen. Als sie bei der Geburt
stirbt, wird der Sohn in einen einsamen Turm (Gefängnis) gebracht, wo er
niemand sieht als Clotald, der ihm Speise und Trank bringt (Ernährung).
Später bereut der König doch diese strenge Maßregel und will einen
Versuch machen, der entscheiden soll, ob sich sein Sohn zum Thronerben
eigne. Er bekommt einen Schlaftrunk und wird so ins Schloß gebracht, wo
ihm – als er erwacht ist – als Erben von Polens Krone gehuldigt wird. Aber
er macht sich durch sein rohes, wütendes Benehmen unmöglich und wird –
wieder im Schlaf – in seinen Turm zurückgebracht. Dort erwacht er aus
einem Traum, indem er murmelt: Clotald soll sterben und mein Vater vor
mir knien. Clotald stellt ihm sein ganzes Erlebnis als einen Traum dar,
worauf er in sich geht, seine wilden Sitten ablegt und vom Volk zum König
ausgerufen wird. Sein Vater kniet schließlich wirklich vor ihm, aber der
Sohn zeigt sich milde und nachsichtig gegen ihn. So zeigen die Träume,
welche diese Erzählungen einleiten, scheinbar eine ferne unerwartete
Zukunft prophetisch an, während sie in Wirklichkeit nur symbolische
Ausdrücke (Kaiser) jener Regungen des Ödipus-Komplexes sind, die auch
zuschreibt. Dieser hatte seinen Adoptivsohn Ainos mit dem Tode bedroht,
da er eine von des Königs (= Vaters) Kebsweibern verführt hatte. Um sich
zu retten und beim König in Gunst zu setzen, fälscht Ainos einen angeblich
von Äsop verfaßten hochverräterischen Brief, auf Grund dessen Äsop in
den Kerker geworfen und von Lykurg zum Tode verurteilt wird. Sein
Freund, der Henker, rettet ihn aber und ernährt ihn heimlich in einem der
Gräber. Als aber der König später Äsops Fähigkeit, schwere Aufgaben
durch List zu lösen, gegen den Ägypterkönig ins Treffen führen will, bereut
er die rasche Verurteilung. Äsop wird zur Stelle geschafft, hilft seinem
Herrn gegen den Ägypterkönig und wird wieder in seine frühere Stellung
eingesetzt, die inzwischen sein Sohn eingenommen hatte. Dieser erhängt
sich. Hier ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn, den das Märchen auf
Grund des Familienromans in das königliche Milieu verlegt, wieder auf den
bürgerlichen Boden der eigenen Familie zurückversetzt und direkt
ausgesprochen, daß der Sohn eine von des Königs Kebsweibern (nicht seine
Tochter) erobert.
Den gleichen Vaterkonflikt innerhalb des königlichen Milieus zeigt
noch das stofflich nahestehende Drama C a l d e r o n s: »Das Leben ein
Traum«. Da träumt die Mutter vor der Geburt des Sohnes, dieser werde
einst seinen Fuß auf den Nacken des Vaters setzen. Als sie bei der Geburt
stirbt, wird der Sohn in einen einsamen Turm (Gefängnis) gebracht, wo er
niemand sieht als Clotald, der ihm Speise und Trank bringt (Ernährung).
Später bereut der König doch diese strenge Maßregel und will einen
Versuch machen, der entscheiden soll, ob sich sein Sohn zum Thronerben
eigne. Er bekommt einen Schlaftrunk und wird so ins Schloß gebracht, wo
ihm – als er erwacht ist – als Erben von Polens Krone gehuldigt wird. Aber
er macht sich durch sein rohes, wütendes Benehmen unmöglich und wird –
wieder im Schlaf – in seinen Turm zurückgebracht. Dort erwacht er aus
einem Traum, indem er murmelt: Clotald soll sterben und mein Vater vor
mir knien. Clotald stellt ihm sein ganzes Erlebnis als einen Traum dar,
worauf er in sich geht, seine wilden Sitten ablegt und vom Volk zum König
ausgerufen wird. Sein Vater kniet schließlich wirklich vor ihm, aber der
Sohn zeigt sich milde und nachsichtig gegen ihn. So zeigen die Träume,
welche diese Erzählungen einleiten, scheinbar eine ferne unerwartete
Zukunft prophetisch an, während sie in Wirklichkeit nur symbolische
Ausdrücke (Kaiser) jener Regungen des Ödipus-Komplexes sind, die auch
Page 476
im realen Leben zu Erfolg, Macht, Ansehen und Besitzergreifung eines
hochstehenden Sexualobjektes führen können. Der Traum aber lehrt uns,
daß alle diese Regungen und Phantasien eigentlich den Eltern gelten
(Vater).
Kulturhistorische Entwicklung des Elternverhältnisses.
Auch hier zeigt die Kulturhistorie die ursprünglich reale Bedeutung der
später nur noch im Symbol fortlebenden Beziehung darin, daß der Vater in
primitiven Verhältnissen seiner »Familie« gegenüber wirklich mit den
höchsten Machtvollkommenheiten ausgestattet war und über Leib und
Leben der »Untertanen« verfügen konnte. Über den Ursprung des
Königtums aus dem Patriarchat in der Familie äußert der Sprachforscher
M a x M ü l l e r: »Als die Familie im Staate aufzugehen begann, da wurde
der König inmitten seines Volkes das, was der Gemahl und Vater im Hause
gewesen war: der Herr, der starke Schützer(212). Unter den mannigfachen
Bezeichnungen für König und Königin im Sanskrit ist eine einfach: Vater
und Mutter. Ganaka im Sanskrit bedeutet Vater von G A N zeugen; es
kommt auch als Name eines wohlbekannten Königs im Veda vor. Dies ist
das altdeutsche chuning, englisch king. Mutter im Sanskrit ist gani oder
ganî, das griechische γυνή, gotisch quinô, slawisch zena, englisch queen.
Königin also bedeutet ursprünglich Mutter oder Herrin und wir sehen
wiederum, wie die Sprache des Familienlebens allmählich zur politischen
Sprache des ältesten arischen Staates erwuchs, wie die Brüderschaft der
Familie die φρατρία des Staates wurde.« – Auch heute noch ist diese
Auffassung des königlichen Herrschers und der göttlichen und geistlichen
Oberhoheit als Vater im Sprachgebrauch lebendig. Kleinere Staaten, in
denen die Beziehungen des Fürsten zu seinen Untertanen noch engere sind,
nennen ihren Herrscher »Landesvater«; selbst für die Völker des mächtigen
Russenreiches ist ihr Kaiser das »Väterchen«, wie seinerzeit für das
gewaltige Hunnenvolk ihr Attila (Diminutiv von got. atta = Vater). Das
herrschende Oberhaupt der katholischen Kirche wird als Vertreter Gott-
Vaters auf Erden von den Gläubigen »heiliger Vater« genannt und führt im
Lateinischen den Namen »Papa« (Papst), mit dem auch unsere Kinder noch
den Vater bezeichnen.
hochstehenden Sexualobjektes führen können. Der Traum aber lehrt uns,
daß alle diese Regungen und Phantasien eigentlich den Eltern gelten
(Vater).
Kulturhistorische Entwicklung des Elternverhältnisses.
Auch hier zeigt die Kulturhistorie die ursprünglich reale Bedeutung der
später nur noch im Symbol fortlebenden Beziehung darin, daß der Vater in
primitiven Verhältnissen seiner »Familie« gegenüber wirklich mit den
höchsten Machtvollkommenheiten ausgestattet war und über Leib und
Leben der »Untertanen« verfügen konnte. Über den Ursprung des
Königtums aus dem Patriarchat in der Familie äußert der Sprachforscher
M a x M ü l l e r: »Als die Familie im Staate aufzugehen begann, da wurde
der König inmitten seines Volkes das, was der Gemahl und Vater im Hause
gewesen war: der Herr, der starke Schützer(212). Unter den mannigfachen
Bezeichnungen für König und Königin im Sanskrit ist eine einfach: Vater
und Mutter. Ganaka im Sanskrit bedeutet Vater von G A N zeugen; es
kommt auch als Name eines wohlbekannten Königs im Veda vor. Dies ist
das altdeutsche chuning, englisch king. Mutter im Sanskrit ist gani oder
ganî, das griechische γυνή, gotisch quinô, slawisch zena, englisch queen.
Königin also bedeutet ursprünglich Mutter oder Herrin und wir sehen
wiederum, wie die Sprache des Familienlebens allmählich zur politischen
Sprache des ältesten arischen Staates erwuchs, wie die Brüderschaft der
Familie die φρατρία des Staates wurde.« – Auch heute noch ist diese
Auffassung des königlichen Herrschers und der göttlichen und geistlichen
Oberhoheit als Vater im Sprachgebrauch lebendig. Kleinere Staaten, in
denen die Beziehungen des Fürsten zu seinen Untertanen noch engere sind,
nennen ihren Herrscher »Landesvater«; selbst für die Völker des mächtigen
Russenreiches ist ihr Kaiser das »Väterchen«, wie seinerzeit für das
gewaltige Hunnenvolk ihr Attila (Diminutiv von got. atta = Vater). Das
herrschende Oberhaupt der katholischen Kirche wird als Vertreter Gott-
Vaters auf Erden von den Gläubigen »heiliger Vater« genannt und führt im
Lateinischen den Namen »Papa« (Papst), mit dem auch unsere Kinder noch
den Vater bezeichnen.
Page 477
Brüdermärchen und Weltelternmythe.
Aber auch eine weitere kulturgeschichtliche Entwicklungsphase des
Vaterverhältnisses hat in einer ungeheuer verbreiteten und weitläufigen
Märchengruppe Niederschlag gefunden. Wie sich im individuellen
Seelenleben die dem Vater geltenden, stark verpönten Eifersuchtsregungen
bald gegen den Bruder als Konkurrenten um die Liebe der Mutter wenden,
so zeigen die sogenannten B r ü d e r m ä r c h e n, als deren bekanntesten
Typus wir das G r i m m sche Märchen (Nr. 60) nennen(213), die Ersetzung
des Vaters durch den Bruder mit aller Deutlichkeit. Die vergleichende
Märchenforschung in Verbindung mit der psychoanalytischen
Betrachtungsweise ermöglicht es, von den stark entstellten Fassungen, in
denen der Bruder als Rächer des Bruders auftritt, eine geschlossene Kette
von Verbindungsgliedern zu weniger entstellten Versionen aufzudecken, in
denen der Bruder den Bruder beseitigt, um dessen Weib zu erringen. Dabei
ergibt sich, daß der ältere Bruder am jüngeren Vaterstelle vertritt und die
sexuelle Natur der Rivalität kann über jeden Zweifel sichergestellt werden
durch eine Gruppe von Überlieferungen(214), welche die Kastration des
Konkurrenten (andere Male nur symbolisch angedeutet) unverhüllt
schildern.
Die detaillierte Analyse dieser und ähnlicher Überlieferungen läßt
erkennen, daß nicht alle Mythen ihre eigentliche Bedeutung so unverhüllt
verraten wie die naive Ödipus-Fabel, sondern die ihnen zu Grunde
liegenden anstößigen Wunschregungen erscheinen in ähnlichen
Entstellungen und symbolischen Verkleidungen wie die Mehrzahl unserer
Träume. Wir finden in der Mythenbildung die uns aus dem Traumstudium
bekannten Mechanismen der Verdichtung, der Affektverschiebung, der
Personifizierung psychischer Regungen und ihrer Spaltung oder
Vervielfachung, endlich auch die Schichtenbildung wieder und können, was
noch wichtiger ist, die Tendenzen aufzeigen, durch welche diese
Mechanismen in Funktion gesetzt werden. Macht man auf Grund dieser
Kenntnis alle Entstellungen rückgängig, so stößt man am Ende auf jene
p s y c h i s c h e R e a l i t ä t unbewußter Phantasien, die in den Träumen
der heutigen Kulturmenschen so fortleben wie sie einst in objektiver
Realität geherrscht haben.
Aber auch eine weitere kulturgeschichtliche Entwicklungsphase des
Vaterverhältnisses hat in einer ungeheuer verbreiteten und weitläufigen
Märchengruppe Niederschlag gefunden. Wie sich im individuellen
Seelenleben die dem Vater geltenden, stark verpönten Eifersuchtsregungen
bald gegen den Bruder als Konkurrenten um die Liebe der Mutter wenden,
so zeigen die sogenannten B r ü d e r m ä r c h e n, als deren bekanntesten
Typus wir das G r i m m sche Märchen (Nr. 60) nennen(213), die Ersetzung
des Vaters durch den Bruder mit aller Deutlichkeit. Die vergleichende
Märchenforschung in Verbindung mit der psychoanalytischen
Betrachtungsweise ermöglicht es, von den stark entstellten Fassungen, in
denen der Bruder als Rächer des Bruders auftritt, eine geschlossene Kette
von Verbindungsgliedern zu weniger entstellten Versionen aufzudecken, in
denen der Bruder den Bruder beseitigt, um dessen Weib zu erringen. Dabei
ergibt sich, daß der ältere Bruder am jüngeren Vaterstelle vertritt und die
sexuelle Natur der Rivalität kann über jeden Zweifel sichergestellt werden
durch eine Gruppe von Überlieferungen(214), welche die Kastration des
Konkurrenten (andere Male nur symbolisch angedeutet) unverhüllt
schildern.
Die detaillierte Analyse dieser und ähnlicher Überlieferungen läßt
erkennen, daß nicht alle Mythen ihre eigentliche Bedeutung so unverhüllt
verraten wie die naive Ödipus-Fabel, sondern die ihnen zu Grunde
liegenden anstößigen Wunschregungen erscheinen in ähnlichen
Entstellungen und symbolischen Verkleidungen wie die Mehrzahl unserer
Träume. Wir finden in der Mythenbildung die uns aus dem Traumstudium
bekannten Mechanismen der Verdichtung, der Affektverschiebung, der
Personifizierung psychischer Regungen und ihrer Spaltung oder
Vervielfachung, endlich auch die Schichtenbildung wieder und können, was
noch wichtiger ist, die Tendenzen aufzeigen, durch welche diese
Mechanismen in Funktion gesetzt werden. Macht man auf Grund dieser
Kenntnis alle Entstellungen rückgängig, so stößt man am Ende auf jene
p s y c h i s c h e R e a l i t ä t unbewußter Phantasien, die in den Träumen
der heutigen Kulturmenschen so fortleben wie sie einst in objektiver
Realität geherrscht haben.
Page 478
Die auf dem Verständnis des Traumlebens fußende psychoanalytische
Mythenforschung geht also über den bloßen Berührungspunkt einer
gemeinsamen Symbolik weit hinaus. Sie setzt an Stelle der flächenhaften
Vergleichung von Traum und Mythus eine genetische Betrachtungsweise,
welche gestattet, die Mythen als die entstellten Überreste von
Wunschphantasien ganzer Nationen, sozusagen als die Säkularträume der
jungen Menschheit aufzufassen. Wie der Traum in individueller Hinsicht, so
repräsentiert der Mythus im phylogenetischen Sinne ein Stück des
untergegangenen Kinderseelenlebens und es ist eine der glänzendsten
Bestätigungen der psychoanalytischen Betrachtungsweise, daß sie die aus
der Individualpsychologie geschöpfte Erfahrung des unbewußten
Seelenlebens in den mythischen Überlieferungen der Vorzeit vollinhaltlich
wiederfindet. Insbesondere der tragende Konflikt des kindlichen
Seelenlebens, das ambivalente Verhältnis zu den Eltern und zur Familie mit
all seinen vielseitigen Beziehungen (sexuelle Wißbegierde usw.), hat sich
als Hauptmotiv der Mythenbildung und als wesentlicher Inhalt der
mythischen Überlieferungen erwiesen. Ja, einer der Hauptvertreter der
astralen Mythendeutung, E d u a r d S t u c k e n, geht so weit anzunehmen,
alle Mythen wären im letzten Grunde Schöpfungsmythen. Diese Auffassung
würde sich psychoanalytisch reduzieren auf die infantile, die
Geburtsvorgänge betreffende Sexualneugierde und ihre aufs Universum
projezierten Versuche, zur Erkenntnis zu gelangen. Insbesondere die
sogenannten Weltelternmythen, welche die gewaltsame Trennung der
Ureltern durch den Sohn zum Inhalt haben, scheinen sämtliche Urmotive
des infantilen Ödipus-Komplexes im weiteren Sinne widerzuspiegeln(215).
Wie weit das Traumleben die Mythenbildung beeinflußt haben mag und
in welcher Weise die alten Mythenerzähler ihr Verständnis des Traumes zu
verwerten wußten, zeigt die Tatsache, daß zahlreiche in Mythen, Märchen
und alter Überlieferung vorkommenden Träume oft detailliert in einer
Weise ausgelegt werden, die eine verblüffende Kenntnis der Symbolik und
der wesentlichen Traumgesetze vorauszusetzen scheint.
Vom Standpunkt der Psychoanalyse kann es gewiß nicht als Zufall
betrachtet werden, daß die meisten dieser Träume von der Sexualsymbolik
ausgiebig Gebrauch machen. So wird in der Kyros-Sage der Mutter des
Helden während ihrer Schwangerschaft ein Traum zugeschrieben, worin
soviel Wasser von ihr geht, daß es, einem großen Strome gleich, ganz Asien
Mythenforschung geht also über den bloßen Berührungspunkt einer
gemeinsamen Symbolik weit hinaus. Sie setzt an Stelle der flächenhaften
Vergleichung von Traum und Mythus eine genetische Betrachtungsweise,
welche gestattet, die Mythen als die entstellten Überreste von
Wunschphantasien ganzer Nationen, sozusagen als die Säkularträume der
jungen Menschheit aufzufassen. Wie der Traum in individueller Hinsicht, so
repräsentiert der Mythus im phylogenetischen Sinne ein Stück des
untergegangenen Kinderseelenlebens und es ist eine der glänzendsten
Bestätigungen der psychoanalytischen Betrachtungsweise, daß sie die aus
der Individualpsychologie geschöpfte Erfahrung des unbewußten
Seelenlebens in den mythischen Überlieferungen der Vorzeit vollinhaltlich
wiederfindet. Insbesondere der tragende Konflikt des kindlichen
Seelenlebens, das ambivalente Verhältnis zu den Eltern und zur Familie mit
all seinen vielseitigen Beziehungen (sexuelle Wißbegierde usw.), hat sich
als Hauptmotiv der Mythenbildung und als wesentlicher Inhalt der
mythischen Überlieferungen erwiesen. Ja, einer der Hauptvertreter der
astralen Mythendeutung, E d u a r d S t u c k e n, geht so weit anzunehmen,
alle Mythen wären im letzten Grunde Schöpfungsmythen. Diese Auffassung
würde sich psychoanalytisch reduzieren auf die infantile, die
Geburtsvorgänge betreffende Sexualneugierde und ihre aufs Universum
projezierten Versuche, zur Erkenntnis zu gelangen. Insbesondere die
sogenannten Weltelternmythen, welche die gewaltsame Trennung der
Ureltern durch den Sohn zum Inhalt haben, scheinen sämtliche Urmotive
des infantilen Ödipus-Komplexes im weiteren Sinne widerzuspiegeln(215).
Wie weit das Traumleben die Mythenbildung beeinflußt haben mag und
in welcher Weise die alten Mythenerzähler ihr Verständnis des Traumes zu
verwerten wußten, zeigt die Tatsache, daß zahlreiche in Mythen, Märchen
und alter Überlieferung vorkommenden Träume oft detailliert in einer
Weise ausgelegt werden, die eine verblüffende Kenntnis der Symbolik und
der wesentlichen Traumgesetze vorauszusetzen scheint.
Vom Standpunkt der Psychoanalyse kann es gewiß nicht als Zufall
betrachtet werden, daß die meisten dieser Träume von der Sexualsymbolik
ausgiebig Gebrauch machen. So wird in der Kyros-Sage der Mutter des
Helden während ihrer Schwangerschaft ein Traum zugeschrieben, worin
soviel Wasser von ihr geht, daß es, einem großen Strome gleich, ganz Asien
Page 479
überschwemmt. Wenn im weiteren Verlauf der Erzählung die Traumdeuter
dieses Gesicht auf die bevorstehende Geburt eines Kindes (und seine
künftige Größe) beziehen, so scheinen sie damit die Einsicht in die
psychoanalytisch festgestellte Symbolschichtung zu verraten, nach der
solche ihrem manifesten Inhalt nach vesikale Träume bei Frauen oft die
symbolisch nahestehende Geburtsbedeutung haben können. Übrigens fügen
sich auch die Sintflutsagen der Geburtsbedeutung des Wassersymbols,
indem sich immer an sie eine Regeneration des Menschengeschlechtes
anschließt(216).
Ein anderes durch den Hinweis auf die Wunscherfüllung
beachtenswertes Beispiel entnehmen wir der »Aithiopika« des
H e l i o d o r u s (c. 18).
Thyamis, der Hauptmann, hat am Tage die Chariklea, nebst ihrem
Geliebten und anderer Beute geraubt und kämpft mit der Versuchung, das
junge Mädchen mit Gewalt zu der Seinigen zu machen. »Nachdem er den
größten Teil der Nacht geruht hatte, wurde er von umherschweifenden
Träumen beunruhigt, plötzlich im Schlafe gestört, und verlegen über ihre
Deutung, hing er wachend seinen Gedanken nach. Denn um die Zeit, wo die
Hähne krähen(217) . . . . . . kam ihm durch göttliche Schickung folgendes
Traumgesicht: Indem er zu Memphis, seiner Vaterstadt, den Tempel der Isis
besuchte, kam es ihm vor, als ob dieser ganz v o n F a c k e l s c h e i n
e r l e u c h t e t würde. Altäre und Herde waren von mannigfaltigen Tieren
angefüllt und mit B l u t b e n e t z t , d i e Vo r h a l l e n u n d G ä n g e
a b e r v o l l Menschen, die mit Händeklatschen und gemischtem Getös
alles erfüllten. Nach seinem Eintritt in das Heiligtum selbst sei ihm die
Göttin entgegengekommen, habe ihm die Chariklea eingehändigt und
gesagt: ›Diese Jungfrau, Thyamis, übergebe ich dir. Habend wirst du sie
nicht haben, sondern wirst ungerecht sein und die Fremde töten; aber sie
wird nicht getötet werden.‹ Dieses Gesicht setzte ihn in große Verlegenheit.
Er wendete es nach allen Seiten, und suchte den Sinn aufzufinden, und da
ihm dieses nicht gelingen wollte, p a ß t e e r d i e L ö s u n g s e i n e n
W ü n s c h e n a n. Die Worte: ›Habend wirst du sie nicht haben‹ deutete er:
›zur Gattin, und nicht mehr als Jungfrau‹. Den Ausdruck: ›Du wirst sie
töten‹ bezog er auf die j u n g f r ä u l i c h e Ve r l e t z u n g, an der
Chariklea nicht sterben würde. Auf diese Art erklärte er den Traum, indem
dieses Gesicht auf die bevorstehende Geburt eines Kindes (und seine
künftige Größe) beziehen, so scheinen sie damit die Einsicht in die
psychoanalytisch festgestellte Symbolschichtung zu verraten, nach der
solche ihrem manifesten Inhalt nach vesikale Träume bei Frauen oft die
symbolisch nahestehende Geburtsbedeutung haben können. Übrigens fügen
sich auch die Sintflutsagen der Geburtsbedeutung des Wassersymbols,
indem sich immer an sie eine Regeneration des Menschengeschlechtes
anschließt(216).
Ein anderes durch den Hinweis auf die Wunscherfüllung
beachtenswertes Beispiel entnehmen wir der »Aithiopika« des
H e l i o d o r u s (c. 18).
Thyamis, der Hauptmann, hat am Tage die Chariklea, nebst ihrem
Geliebten und anderer Beute geraubt und kämpft mit der Versuchung, das
junge Mädchen mit Gewalt zu der Seinigen zu machen. »Nachdem er den
größten Teil der Nacht geruht hatte, wurde er von umherschweifenden
Träumen beunruhigt, plötzlich im Schlafe gestört, und verlegen über ihre
Deutung, hing er wachend seinen Gedanken nach. Denn um die Zeit, wo die
Hähne krähen(217) . . . . . . kam ihm durch göttliche Schickung folgendes
Traumgesicht: Indem er zu Memphis, seiner Vaterstadt, den Tempel der Isis
besuchte, kam es ihm vor, als ob dieser ganz v o n F a c k e l s c h e i n
e r l e u c h t e t würde. Altäre und Herde waren von mannigfaltigen Tieren
angefüllt und mit B l u t b e n e t z t , d i e Vo r h a l l e n u n d G ä n g e
a b e r v o l l Menschen, die mit Händeklatschen und gemischtem Getös
alles erfüllten. Nach seinem Eintritt in das Heiligtum selbst sei ihm die
Göttin entgegengekommen, habe ihm die Chariklea eingehändigt und
gesagt: ›Diese Jungfrau, Thyamis, übergebe ich dir. Habend wirst du sie
nicht haben, sondern wirst ungerecht sein und die Fremde töten; aber sie
wird nicht getötet werden.‹ Dieses Gesicht setzte ihn in große Verlegenheit.
Er wendete es nach allen Seiten, und suchte den Sinn aufzufinden, und da
ihm dieses nicht gelingen wollte, p a ß t e e r d i e L ö s u n g s e i n e n
W ü n s c h e n a n. Die Worte: ›Habend wirst du sie nicht haben‹ deutete er:
›zur Gattin, und nicht mehr als Jungfrau‹. Den Ausdruck: ›Du wirst sie
töten‹ bezog er auf die j u n g f r ä u l i c h e Ve r l e t z u n g, an der
Chariklea nicht sterben würde. Auf diese Art erklärte er den Traum, indem
Page 480
sein Verlangen den Ausleger machte.« (Übers. v. Fr. Jacobs, Stuttgart 1837.)
(218)
Träume und ihre Deutung im Mythus.
Wie es sich hier um eine symbolische Darstellung der Defloration
handelt, die in sadistischer Auffassung als Tötung erscheint, wobei auch das
Blut nicht fehlt, so zeigt ein in seinen Vorbedingungen ähnlicher Traum aus
ganz anderer Überlieferung den gleichen Wunsch in einer ebenfalls typisch
symbolischen Einkleidung. S a x o G r a m m a t i c u s (ed. Hölder p. 319)
erzählt folgende Geschichte. Thyri bittet ihren Gatten Gormo in der
Hochzeitsnacht inständig, sich während dreier Nächte des Beischlafes zu
enthalten; sie werde sich ihm nicht zu eigen geben, bevor er im Schlafe ein
Zeichen erhalten hätte, daß ihre Ehe fruchtbar sein werde. Unter diesen
sonderbaren Bedingungen träumt ihm folgendes: »Zwei Vögel, der eine
größer als der andere, fliegen auf den Geschlechtsteil seiner Frau herab
(prolapsos) und mit schwingenden Körpern erheben sie sich im Fluge
wieder in die Lüfte. Nach einer Weile kehren sie wieder und setzen sich in
seine Hände. Ein zweites und drittes Mal fliegen sie, durch kurze Rast
gestärkt (recreatos), davon, bis endlich der kleinere von ihnen seines
Genossen ledig mit blutigem Gefieder (pennis cruore oblitis) zu ihm
zurückkehrt. Durch dieses Gesicht erschreckt, gibt er, schlafend wie er war,
seinem Entsetzen Ausdruck und erfüllt das ganze Haus mit lautem
Geschrei. Thyri aber zeigt sich über den Traum sehr erfreut und meint, sie
wäre niemals seine Gattin geworden, wenn sie nicht aus diesen
Traumbildern die sichere Gewähr ihres Glückes geschöpft hätte.« Diesen in
allen seinen Details charakteristischen Deflorationstraum deutet die Frau
mit leichter Verschiebung ihrer eigenen Wunschregungen als minder
anstößiges Zeichen für Kindersegen. Der Vogel erscheint hier deutlich als
phallisches Symbol, sogar mit besonderer Darstellung der verschiedenen
Zustände (groß und klein), die schwingende Bewegung wie überhaupt die
Rhythmik des ganzen Traumes weisen auf den intendierten Koitus und
charakteristische Details (ein zweites und drittes Mal, durch kurze Rast
gestärkt) auf die gewünschte Wiederholung; daß endlich der kleine allein
mit blutigen Federn zurückbleibt, läßt wohl in seiner Bedeutung keinen
Zweifel zu. Die Angst am Schluß des Traumes erklärt sich einwandfrei als
Ausdruck der durch die Traumsymbolik nicht voll befriedigten Libido,
(218)
Träume und ihre Deutung im Mythus.
Wie es sich hier um eine symbolische Darstellung der Defloration
handelt, die in sadistischer Auffassung als Tötung erscheint, wobei auch das
Blut nicht fehlt, so zeigt ein in seinen Vorbedingungen ähnlicher Traum aus
ganz anderer Überlieferung den gleichen Wunsch in einer ebenfalls typisch
symbolischen Einkleidung. S a x o G r a m m a t i c u s (ed. Hölder p. 319)
erzählt folgende Geschichte. Thyri bittet ihren Gatten Gormo in der
Hochzeitsnacht inständig, sich während dreier Nächte des Beischlafes zu
enthalten; sie werde sich ihm nicht zu eigen geben, bevor er im Schlafe ein
Zeichen erhalten hätte, daß ihre Ehe fruchtbar sein werde. Unter diesen
sonderbaren Bedingungen träumt ihm folgendes: »Zwei Vögel, der eine
größer als der andere, fliegen auf den Geschlechtsteil seiner Frau herab
(prolapsos) und mit schwingenden Körpern erheben sie sich im Fluge
wieder in die Lüfte. Nach einer Weile kehren sie wieder und setzen sich in
seine Hände. Ein zweites und drittes Mal fliegen sie, durch kurze Rast
gestärkt (recreatos), davon, bis endlich der kleinere von ihnen seines
Genossen ledig mit blutigem Gefieder (pennis cruore oblitis) zu ihm
zurückkehrt. Durch dieses Gesicht erschreckt, gibt er, schlafend wie er war,
seinem Entsetzen Ausdruck und erfüllt das ganze Haus mit lautem
Geschrei. Thyri aber zeigt sich über den Traum sehr erfreut und meint, sie
wäre niemals seine Gattin geworden, wenn sie nicht aus diesen
Traumbildern die sichere Gewähr ihres Glückes geschöpft hätte.« Diesen in
allen seinen Details charakteristischen Deflorationstraum deutet die Frau
mit leichter Verschiebung ihrer eigenen Wunschregungen als minder
anstößiges Zeichen für Kindersegen. Der Vogel erscheint hier deutlich als
phallisches Symbol, sogar mit besonderer Darstellung der verschiedenen
Zustände (groß und klein), die schwingende Bewegung wie überhaupt die
Rhythmik des ganzen Traumes weisen auf den intendierten Koitus und
charakteristische Details (ein zweites und drittes Mal, durch kurze Rast
gestärkt) auf die gewünschte Wiederholung; daß endlich der kleine allein
mit blutigen Federn zurückbleibt, läßt wohl in seiner Bedeutung keinen
Zweifel zu. Die Angst am Schluß des Traumes erklärt sich einwandfrei als
Ausdruck der durch die Traumsymbolik nicht voll befriedigten Libido,
Page 481
deren Abfuhr gehemmt ist(219). Dieser Mechanismus entspricht vollauf
dem aus wiederholter Erfahrung bekannten analogen Fall, wo an Stelle der
intendierten, aber gehemmten Libidobefriedigung (Pollution) Angst auftritt.
Ich kann es mir an dieser Stelle nicht versagen, einen unter ganz ähnlichen
Umständen geträumten und in seiner Symbolik überraschend analogen
Traum einer jungen Frau mitzuteilen(220).
Ein junger Ehemann will in sexueller Erregung den Geschlechtsakt mit
seiner Frau ausführen, muß es aber mit Rücksicht auf die unerwartet
eingetretene Menstruation der Frau unterlassen. Nachdem er den flüchtig
aufsteigenden Gedanken, sich auf irgend eine andere Weise zu befriedigen,
von sich gewiesen und die Frau auf eine leise Anspielung eines
Fellatiowunsches sich ablehnend gezeigt hatte, schlafen beide ein. Jeder
von ihnen hat nun einen auf dieses Erlebnis bezüglichen Traum und diese
beiden in einer Nacht vorgefallenen Träume gehören inhaltlich so gut
zusammen, a l s w ä r e n s i e v o n d e r s e l b e n P e r s o n
g e t r ä u m t. Ihre Kenntnis verdanke ich nicht etwa einer besonderen
Offenherzigkeit der Eheleute, sondern ihrer Unkenntnis der
Traumsymbolik, und die zum besseren Verständnis vorerwähnten sexuellen
Vorfälle wurden erst später ermittelt, um die vermutete Deutung zu
verifizieren.
Der Traum, den die, vermutlich gleichfalls erregte, aber von einer
Fellatio abgestoßene Frau in derselben Nacht hatte, lautet nach ihrer
Niederschrift, die der Mann auf mein Ersuchen besorgen ließ,
folgendermaßen:
»Mein Mann hat aus einer Dachrinne junge S p a t z e n, die noch g a n z
n a ß waren, m i t d e r H a n d h e r a u s g e w o r f e n und ich habe ihm
g e s a g t , e r s o l l d a s n i c h t t u n. Mit einem von ihnen, d e r
s c h o n g r ö ß e r w a r, habe ich mich g e s p i e l t; er ist mir a u f d i e
H a n d g e f l o g e n und hat mich mit einem g r o ß e n S t a c h e l, der wie
ein S c h w a n z oder wie ein S c h n a b e l war, i n d e n F i n g e r
g e s t o c h e n, so daß ich geschrien habe: Au, nicht! Das tut ja weh! – Dann
hat mein Mann einen von den jungen S p a t z e n genommen und gesagt,
m a n k a n n s i e a u c h e s s e n. Ich habe mich aber davor g e e k e l t
und e r b r o c h e n.« Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221), die durch
einen Kommentar nur leiden könnte, gewinnt noch ein besonderes Interesse
durch die Übereinstimmung in manchen Details mit dem Traum des
dem aus wiederholter Erfahrung bekannten analogen Fall, wo an Stelle der
intendierten, aber gehemmten Libidobefriedigung (Pollution) Angst auftritt.
Ich kann es mir an dieser Stelle nicht versagen, einen unter ganz ähnlichen
Umständen geträumten und in seiner Symbolik überraschend analogen
Traum einer jungen Frau mitzuteilen(220).
Ein junger Ehemann will in sexueller Erregung den Geschlechtsakt mit
seiner Frau ausführen, muß es aber mit Rücksicht auf die unerwartet
eingetretene Menstruation der Frau unterlassen. Nachdem er den flüchtig
aufsteigenden Gedanken, sich auf irgend eine andere Weise zu befriedigen,
von sich gewiesen und die Frau auf eine leise Anspielung eines
Fellatiowunsches sich ablehnend gezeigt hatte, schlafen beide ein. Jeder
von ihnen hat nun einen auf dieses Erlebnis bezüglichen Traum und diese
beiden in einer Nacht vorgefallenen Träume gehören inhaltlich so gut
zusammen, a l s w ä r e n s i e v o n d e r s e l b e n P e r s o n
g e t r ä u m t. Ihre Kenntnis verdanke ich nicht etwa einer besonderen
Offenherzigkeit der Eheleute, sondern ihrer Unkenntnis der
Traumsymbolik, und die zum besseren Verständnis vorerwähnten sexuellen
Vorfälle wurden erst später ermittelt, um die vermutete Deutung zu
verifizieren.
Der Traum, den die, vermutlich gleichfalls erregte, aber von einer
Fellatio abgestoßene Frau in derselben Nacht hatte, lautet nach ihrer
Niederschrift, die der Mann auf mein Ersuchen besorgen ließ,
folgendermaßen:
»Mein Mann hat aus einer Dachrinne junge S p a t z e n, die noch g a n z
n a ß waren, m i t d e r H a n d h e r a u s g e w o r f e n und ich habe ihm
g e s a g t , e r s o l l d a s n i c h t t u n. Mit einem von ihnen, d e r
s c h o n g r ö ß e r w a r, habe ich mich g e s p i e l t; er ist mir a u f d i e
H a n d g e f l o g e n und hat mich mit einem g r o ß e n S t a c h e l, der wie
ein S c h w a n z oder wie ein S c h n a b e l war, i n d e n F i n g e r
g e s t o c h e n, so daß ich geschrien habe: Au, nicht! Das tut ja weh! – Dann
hat mein Mann einen von den jungen S p a t z e n genommen und gesagt,
m a n k a n n s i e a u c h e s s e n. Ich habe mich aber davor g e e k e l t
und e r b r o c h e n.« Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221), die durch
einen Kommentar nur leiden könnte, gewinnt noch ein besonderes Interesse
durch die Übereinstimmung in manchen Details mit dem Traum des
Page 482
Mannes, von denen das Erbrechen auf ein gemeinsames peinliches Erlebnis,
das in den Fingerstechen aber darauf hindeutet, daß doch gegenseitige oder
autoerotische Manipulationen an den Genitalien vorgenommen worden sein
dürften.
Die Traumentstellung in der mythischen Überlieferung.
Die Übereinstimmungen sind so augenfällig und erstrecken sich so weit
auf die Vorbedingungen und ins Detail, daß ihre besondere Hervorhebung
und Erörterung sich erübrigt. Dagegen läßt sich ein bemerkenswerter
Unterschied nicht übergehen: nämlich daß dieser dem ersten ganz analoge
Traum von der Frau stammt, während ihn bei S a x o der Mann träumt. Aber
dieser Widerspruch verliert seine scheinbare Bedeutung, wenn wir uns aus
dem eben mitgeteilten Beispiel daran erinnern, daß unter den gegebenen
Umständen offenbar beide beteiligten Personen der Situation entsprechende
Traumbilder haben und daß es für eine das weibliche Schamgefühl
schonende Fassung(222) sehr nahe lag, einen – quasi gemeinsamen –
Traum dem Manne zuzuschreiben. Für die Einwirkung einer solchen
Milderungstendenz würde auch der Umstand sprechen, daß spätere von
S a x o zweifellos beeinflußte Fassungen den Traum wieder der Frau
zuschreiben, ihn aber dafür von der anstößigen Einkleidung befreien. Der
Untersuchung von B e n e z é entnehmen wir, daß ein ähnlicher Traum sich
in dem mittelhochdeutschen Spielmannsepos »Salman und Morolf« findet,
dem man es kaum mehr anmerkt, daß er nach dem Vorbild bei S a x o
gestaltet ist. Salmans treulose Frau sucht ihren Gatten durch Erzählung
eines, wie sie glaubt, nachkommenverheißenden Traumes zu versöhnen und
wieder zu gewinnen. Sie erzählt ihm, ihr habe geträumt, daß sie in seiner
süßen Umarmung schlafe, als zwei Falken ihr auf die Hand flogen. Von
größerem Interesse ist es, daß auch Kriemhilds Traum (im Anfang des
Nibelungenliedes) in diesen Zusammenhang gehört: Ihr träumt von einem
starken, schönen, wilden Falken, den sie sich gezogen (und den ihr zwei
Adler geraubt hatten). Dieser noch weiter entstellte und rationalisierte
Traum kommt merkwürdigerweise in seiner Deutung dem ursprünglichen
Sinn insofern näher, als diese die Fruchtbarkeitsbedeutung ganz außer acht
läßt und den Vogel direkt mit dem zu erwartenden Mann identifiziert. Die
Bedingung zur Traumentstellung ist hier durch die Sexualablehnung des
Mädchens gegeben, die bewußterweise von Männerliebe nichts wissen will.
das in den Fingerstechen aber darauf hindeutet, daß doch gegenseitige oder
autoerotische Manipulationen an den Genitalien vorgenommen worden sein
dürften.
Die Traumentstellung in der mythischen Überlieferung.
Die Übereinstimmungen sind so augenfällig und erstrecken sich so weit
auf die Vorbedingungen und ins Detail, daß ihre besondere Hervorhebung
und Erörterung sich erübrigt. Dagegen läßt sich ein bemerkenswerter
Unterschied nicht übergehen: nämlich daß dieser dem ersten ganz analoge
Traum von der Frau stammt, während ihn bei S a x o der Mann träumt. Aber
dieser Widerspruch verliert seine scheinbare Bedeutung, wenn wir uns aus
dem eben mitgeteilten Beispiel daran erinnern, daß unter den gegebenen
Umständen offenbar beide beteiligten Personen der Situation entsprechende
Traumbilder haben und daß es für eine das weibliche Schamgefühl
schonende Fassung(222) sehr nahe lag, einen – quasi gemeinsamen –
Traum dem Manne zuzuschreiben. Für die Einwirkung einer solchen
Milderungstendenz würde auch der Umstand sprechen, daß spätere von
S a x o zweifellos beeinflußte Fassungen den Traum wieder der Frau
zuschreiben, ihn aber dafür von der anstößigen Einkleidung befreien. Der
Untersuchung von B e n e z é entnehmen wir, daß ein ähnlicher Traum sich
in dem mittelhochdeutschen Spielmannsepos »Salman und Morolf« findet,
dem man es kaum mehr anmerkt, daß er nach dem Vorbild bei S a x o
gestaltet ist. Salmans treulose Frau sucht ihren Gatten durch Erzählung
eines, wie sie glaubt, nachkommenverheißenden Traumes zu versöhnen und
wieder zu gewinnen. Sie erzählt ihm, ihr habe geträumt, daß sie in seiner
süßen Umarmung schlafe, als zwei Falken ihr auf die Hand flogen. Von
größerem Interesse ist es, daß auch Kriemhilds Traum (im Anfang des
Nibelungenliedes) in diesen Zusammenhang gehört: Ihr träumt von einem
starken, schönen, wilden Falken, den sie sich gezogen (und den ihr zwei
Adler geraubt hatten). Dieser noch weiter entstellte und rationalisierte
Traum kommt merkwürdigerweise in seiner Deutung dem ursprünglichen
Sinn insofern näher, als diese die Fruchtbarkeitsbedeutung ganz außer acht
läßt und den Vogel direkt mit dem zu erwartenden Mann identifiziert. Die
Bedingung zur Traumentstellung ist hier durch die Sexualablehnung des
Mädchens gegeben, die bewußterweise von Männerliebe nichts wissen will.
Page 483
Ähnlich wird in der Volsungasage (c. 25) Gudruns Traum, in dem sie einen
schönen Habicht mit goldigen Federn auf ihrer Hand sah, auf einen
Königssohn gedeutet, der um sie werben, den sie bekommen und sehr
lieben werde. »Eine vielfache Anwendung finden die Vögel ferner« nach
M e n t z in den französischen Volksepen, »um bei Frauen die Geburt von
Kindern anzuzeigen. Immer sehen die Träumenden dann, wie aus dem
M u n d e oder dem M a g e n Vögel herausflattern.« In der
mittelhochdeutschen Epik erscheint der Falke endlich sehr häufig als glück-
und rettungbringender Vogel, ein letzter Nachklang seiner symbolisch
Geschlechtsgenuß und Kindersegen schaffenden Funktion.
Schließlich ist noch eine merkwürdige Beziehung des Traumes zur
Mythenforschung zu erwähnen, die nur auf dem Boden der Psychoanalyse
erwachsen konnte. Es gibt Träume, die sich zur Darstellung aktueller
psychischer Situationen gewisser aus der Kindheit bekannter Märchenstoffe
bedienen. Die Analyse deckt in diesen Fällen zugleich mit dem Grund für
die individuelle Verwendung des Motivs oft auch dessen allgemeine
Bedeutung auf, die sich mythologisch fruchtbar erweist. Die neurotischen
Patienten, die ja viel deutlicher als der Normale die primitive Einstellung
bewahrt haben, geben oft in dieser Weise den Weg an, den die Schöpfer der
Massenphantasien bei ihren Produktionen gegangen sind. So berichtet
F r e u d von einem jungen Manne, der aus seinem fünften Lebensjahr einen
Angsttraum von sieben Wölfen erzählte. Die Analyse ergab, daß der Traum
an das Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein anknüpft, und
die Angst vor dem Vater zum Inhalt hat wie der dem Märchen selbst zu
Grunde liegende Mythus von Kronos, der von seinem jüngsten Sohn Zeus
entmannt wird.
Auch hier bewährt sich die psychoanalytische Grundanschauung, daß
die gleichen unbewußten Triebkräfte an der Produktion der normalen,
pathologischen und sozial hochwertigen seelischen Leistungen des
einzelnen wie des Volkes entscheidend mitwirken und daß darum die
Erkenntnis des einen zum Verständnis des anderen soweit beizutragen
vermag, als das Allgemein-Menschliche im Seelenleben reicht.
schönen Habicht mit goldigen Federn auf ihrer Hand sah, auf einen
Königssohn gedeutet, der um sie werben, den sie bekommen und sehr
lieben werde. »Eine vielfache Anwendung finden die Vögel ferner« nach
M e n t z in den französischen Volksepen, »um bei Frauen die Geburt von
Kindern anzuzeigen. Immer sehen die Träumenden dann, wie aus dem
M u n d e oder dem M a g e n Vögel herausflattern.« In der
mittelhochdeutschen Epik erscheint der Falke endlich sehr häufig als glück-
und rettungbringender Vogel, ein letzter Nachklang seiner symbolisch
Geschlechtsgenuß und Kindersegen schaffenden Funktion.
Schließlich ist noch eine merkwürdige Beziehung des Traumes zur
Mythenforschung zu erwähnen, die nur auf dem Boden der Psychoanalyse
erwachsen konnte. Es gibt Träume, die sich zur Darstellung aktueller
psychischer Situationen gewisser aus der Kindheit bekannter Märchenstoffe
bedienen. Die Analyse deckt in diesen Fällen zugleich mit dem Grund für
die individuelle Verwendung des Motivs oft auch dessen allgemeine
Bedeutung auf, die sich mythologisch fruchtbar erweist. Die neurotischen
Patienten, die ja viel deutlicher als der Normale die primitive Einstellung
bewahrt haben, geben oft in dieser Weise den Weg an, den die Schöpfer der
Massenphantasien bei ihren Produktionen gegangen sind. So berichtet
F r e u d von einem jungen Manne, der aus seinem fünften Lebensjahr einen
Angsttraum von sieben Wölfen erzählte. Die Analyse ergab, daß der Traum
an das Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein anknüpft, und
die Angst vor dem Vater zum Inhalt hat wie der dem Märchen selbst zu
Grunde liegende Mythus von Kronos, der von seinem jüngsten Sohn Zeus
entmannt wird.
Auch hier bewährt sich die psychoanalytische Grundanschauung, daß
die gleichen unbewußten Triebkräfte an der Produktion der normalen,
pathologischen und sozial hochwertigen seelischen Leistungen des
einzelnen wie des Volkes entscheidend mitwirken und daß darum die
Erkenntnis des einen zum Verständnis des anderen soweit beizutragen
vermag, als das Allgemein-Menschliche im Seelenleben reicht.
Page 484
VII.
Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von Seite anderer erfahren
habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz besonderen Anspruch auf
unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von einer Patientin erzählt worden, die
ihn selbst in einer Vorlesung über den Traum kennen gelernt hat; seine
eigentliche Quelle ist mir unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er
durch seinen Inhalt Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn
»nachzuträumen«, d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traume zu
wiederholen, um durch diese Übertragung eine Übereinstimmung in einem
bestimmten Punkte auszudrücken.
Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende: Ein
Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes gewacht.
Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem Nebenzimmer zur
Ruhe, läßt aber die Tür geöffnet, um aus seinem Schlafraume in jenen zu
blicken, worin die Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von großen Kerzen
umstellt. Ein alter Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben der
Leiche, Gebete murmelnd. Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater,
daß das Kind an seinem Bette steht, ihn am Arme
f a ß t u n d i h m v o r w u r f s v o l l z u r a u n t : Va t e r , s i e h s t
d u d e n n n i c h t , d a ß i c h v e r b r e n n e ? Er erwacht, merkt einen
hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den
greisen Wächter eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der teuren
Leiche verbrannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war.
Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und wurde
auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, richtig gegeben.
Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende Tür ins Auge des
Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von Seite anderer erfahren
habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz besonderen Anspruch auf
unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von einer Patientin erzählt worden, die
ihn selbst in einer Vorlesung über den Traum kennen gelernt hat; seine
eigentliche Quelle ist mir unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er
durch seinen Inhalt Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn
»nachzuträumen«, d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traume zu
wiederholen, um durch diese Übertragung eine Übereinstimmung in einem
bestimmten Punkte auszudrücken.
Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende: Ein
Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes gewacht.
Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem Nebenzimmer zur
Ruhe, läßt aber die Tür geöffnet, um aus seinem Schlafraume in jenen zu
blicken, worin die Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von großen Kerzen
umstellt. Ein alter Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben der
Leiche, Gebete murmelnd. Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater,
daß das Kind an seinem Bette steht, ihn am Arme
f a ß t u n d i h m v o r w u r f s v o l l z u r a u n t : Va t e r , s i e h s t
d u d e n n n i c h t , d a ß i c h v e r b r e n n e ? Er erwacht, merkt einen
hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den
greisen Wächter eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der teuren
Leiche verbrannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war.
Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und wurde
auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, richtig gegeben.
Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende Tür ins Auge des
Page 485
Schlafenden und regte denselben Schluß bei ihm an, den er als Wachender
gezogen hätte, es sei durch Umfallen einer Kerze ein Brand in der Nähe der
Leiche entstanden. Vielleicht hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den
Schlaf hinübergenommen, daß der greise Wächter seiner Aufgabe nicht
gewachsen sein dürfte.
Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei denn,
daß wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes müsse
überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammengesetzt
sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater wichtige
Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an das Fieber, in dem
das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst du denn nicht? an eine
andere uns unbekannte, aber affektreiche Gelegenheit.
Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den
Zusammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang erkannt
haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter solchen Verhältnissen
überhaupt ein Traum zu stande kam, wo das rascheste Erwachen geboten
war. Wir werden dann aufmerksam, daß auch dieser Traum einer
Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im Traume benimmt sich das tote Kind
wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht
ihn am Arme, wie es wahrscheinlich in jener Erinnerung tat, aus welcher
der Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser
Wunscherfüllung zuliebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment
verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Überlegung im Wachen,
weil er das Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst
erwacht und hätte dann den Schluß gezogen, der ihn ins Leichenzimmer
führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen
Moment verkürzt.
Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentümlichkeit
dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns bisher
vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der Träume
besteht, auf welchem Wege derselbe gefunden wird und welcher Mittel sich
die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen. Die Aufgaben der
Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte unseres Blickfeldes. Und
nun stoßen wir auf diesen Traum, welcher der Deutung keine Aufgabe stellt,
dessen Sinn unverhüllt gegeben ist, und werden aufmerksam, daß dieser
Traum noch immer die wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein
gezogen hätte, es sei durch Umfallen einer Kerze ein Brand in der Nähe der
Leiche entstanden. Vielleicht hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den
Schlaf hinübergenommen, daß der greise Wächter seiner Aufgabe nicht
gewachsen sein dürfte.
Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei denn,
daß wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes müsse
überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammengesetzt
sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater wichtige
Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an das Fieber, in dem
das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst du denn nicht? an eine
andere uns unbekannte, aber affektreiche Gelegenheit.
Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den
Zusammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang erkannt
haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter solchen Verhältnissen
überhaupt ein Traum zu stande kam, wo das rascheste Erwachen geboten
war. Wir werden dann aufmerksam, daß auch dieser Traum einer
Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im Traume benimmt sich das tote Kind
wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht
ihn am Arme, wie es wahrscheinlich in jener Erinnerung tat, aus welcher
der Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser
Wunscherfüllung zuliebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment
verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Überlegung im Wachen,
weil er das Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst
erwacht und hätte dann den Schluß gezogen, der ihn ins Leichenzimmer
führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen
Moment verkürzt.
Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentümlichkeit
dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns bisher
vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der Träume
besteht, auf welchem Wege derselbe gefunden wird und welcher Mittel sich
die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen. Die Aufgaben der
Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte unseres Blickfeldes. Und
nun stoßen wir auf diesen Traum, welcher der Deutung keine Aufgabe stellt,
dessen Sinn unverhüllt gegeben ist, und werden aufmerksam, daß dieser
Traum noch immer die wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein
Page 486
Traum auffällig von unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis
nach Erklärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die
Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig unsere
Psychologie des Traumes geblieben ist.
Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg einschlagen,
wollen wir haltmachen und zurückschauen, ob wir auf unserer Wanderung
bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen haben. Denn wir müssen
uns klar darüber werden, daß die bequeme und behagliche Strecke unseres
Weges hinter uns liegt. Bisher haben alle Wege, die wir gegangen sind,
wenn ich nicht sehr irre, ins Lichte, zur Aufklärung und zum vollen
Verständnis geführt; von dem Moment an, da wir in die seelischen
Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade ins
Dunkel münden. Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als
psychischen Vorgang a u f z u k l ä r e n, denn erklären heißt auf Bekanntes
zurückführen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir
unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der
Träume als Erklärungsgrund erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil
genötigt sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau
des seelischen Apparates und das Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit
Vermutungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu weit über
die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr Wert sich ins
Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen Fehler im Schließen
begehen und alle logisch sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung
ziehen, droht uns die wahrscheinliche Unvollständigkeit im Ansatz der
Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluß
über die Konstruktion und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man
durch die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen
v e r e i n z e l t e n Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht
begründen können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen
müssen, was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von
psychischen Leistungen als konstant erforderlich herausstellt. So werden
die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der
Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten müssen,
bis sie den Anschluß an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden
haben, die von einem anderen Angriffspunkte her zum Kerne des nämlichen
Problems vordringen wollen.
nach Erklärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die
Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig unsere
Psychologie des Traumes geblieben ist.
Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg einschlagen,
wollen wir haltmachen und zurückschauen, ob wir auf unserer Wanderung
bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen haben. Denn wir müssen
uns klar darüber werden, daß die bequeme und behagliche Strecke unseres
Weges hinter uns liegt. Bisher haben alle Wege, die wir gegangen sind,
wenn ich nicht sehr irre, ins Lichte, zur Aufklärung und zum vollen
Verständnis geführt; von dem Moment an, da wir in die seelischen
Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade ins
Dunkel münden. Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als
psychischen Vorgang a u f z u k l ä r e n, denn erklären heißt auf Bekanntes
zurückführen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir
unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der
Träume als Erklärungsgrund erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil
genötigt sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau
des seelischen Apparates und das Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit
Vermutungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu weit über
die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr Wert sich ins
Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen Fehler im Schließen
begehen und alle logisch sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung
ziehen, droht uns die wahrscheinliche Unvollständigkeit im Ansatz der
Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluß
über die Konstruktion und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man
durch die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen
v e r e i n z e l t e n Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht
begründen können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen
müssen, was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von
psychischen Leistungen als konstant erforderlich herausstellt. So werden
die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der
Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten müssen,
bis sie den Anschluß an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden
haben, die von einem anderen Angriffspunkte her zum Kerne des nämlichen
Problems vordringen wollen.
Page 487
a) D a s Ve r g e s s e n d e r T r ä u m e.
Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus dem sich
ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet scheinen
könnte, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu
entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden, daß wir
den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht kennen, richtiger,
daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu kennen, wie er wirklich
vorgefallen ist (vgl. p. 34). Was wir vom Traume erinnern, und woran wir
unsere Deutungskünste üben, das ist erstens verstümmelt durch die Untreue
unseres Gedächtnisses, welches in ganz besonders hohem Grade zur
Bewahrung des Traumes unfähig scheint, und hat vielleicht gerade die
bedeutsamsten Stücke seines Inhaltes eingebüßt. Wir finden uns ja so oft,
wenn wir unseren Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage
veranlaßt, daß wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr
wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich
unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere
Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch ungetreu und
verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln kann, ob das
Geträumte wirklich so unzusammenhängend und verschwommen war, wie
wir’s im Gedächtnisse haben, so läßt sich anderseits in Zweifel ziehen, ob
ein Traum so zusammenhängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir
bei dem Versuche der Reproduktion nicht vorhandene oder durch Vergessen
geschaffene Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Material ausfüllen,
den Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so daß jedes Urteil
unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja bei
mehreren Autoren (S p i t t a, F o u c a u l t, T a n n e r y) haben wir die
Mutmaßung gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang ist,
überhaupt erst bei dem Versuche, sich den Traum zurückzurufen, in ihn
hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, daß man uns den Gegenstand
selbst aus der Hand winde, dessen Wert zu bestimmen wir unternommen
haben.
Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen
überhört. Ja wir haben im Gegenteil in den kleinsten, unscheinbarsten und
unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes die Aufforderung zur
Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, als in dessen deutlich und
Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus dem sich
ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet scheinen
könnte, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu
entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden, daß wir
den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht kennen, richtiger,
daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu kennen, wie er wirklich
vorgefallen ist (vgl. p. 34). Was wir vom Traume erinnern, und woran wir
unsere Deutungskünste üben, das ist erstens verstümmelt durch die Untreue
unseres Gedächtnisses, welches in ganz besonders hohem Grade zur
Bewahrung des Traumes unfähig scheint, und hat vielleicht gerade die
bedeutsamsten Stücke seines Inhaltes eingebüßt. Wir finden uns ja so oft,
wenn wir unseren Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage
veranlaßt, daß wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr
wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich
unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere
Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch ungetreu und
verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln kann, ob das
Geträumte wirklich so unzusammenhängend und verschwommen war, wie
wir’s im Gedächtnisse haben, so läßt sich anderseits in Zweifel ziehen, ob
ein Traum so zusammenhängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir
bei dem Versuche der Reproduktion nicht vorhandene oder durch Vergessen
geschaffene Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Material ausfüllen,
den Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so daß jedes Urteil
unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja bei
mehreren Autoren (S p i t t a, F o u c a u l t, T a n n e r y) haben wir die
Mutmaßung gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang ist,
überhaupt erst bei dem Versuche, sich den Traum zurückzurufen, in ihn
hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, daß man uns den Gegenstand
selbst aus der Hand winde, dessen Wert zu bestimmen wir unternommen
haben.
Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen
überhört. Ja wir haben im Gegenteil in den kleinsten, unscheinbarsten und
unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes die Aufforderung zur
Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, als in dessen deutlich und
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sicher erhaltenen. Im Traume von Irmas Injektion hieß es: Ich rufe
s c h n e l l den Doktor M. herbei, und wir nahmen an, auch dieser kleine
Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht eine besondere
Ableitung zuließe. So kamen wir zur Geschichte jener unglücklichen
Patientin, an deren Bett ich »schnell« den älteren Kollegen berief. In dem
scheinbar absurden Traume, der den Unterschied von 51 und 56 als quantité
négligeable behandelt, war die Zahl 51 m e h r m a l s erwähnt. Anstatt dies
selbstverständlich oder gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen
zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur
Zahl 51 hinführt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte uns zu
Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten
Gegensatz zu einem dominierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit den
Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume »N o n v i x i t« fand ich als
unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die Stelle: »D a P.
i h n n i c h t v e r s t e h t , f r a g t m i c h F l . e t c .« Als dann die
Deutung stockte, griff ich auf diese Worte zurück und fand von ihnen aus
den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traumgedanken als
intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies mittels der Zeilen des
Dichters:
Selten habt Ihr mich v e r s t a n d e n,
Selten auch verstand ich Euch,
Nur wenn wir im K o t uns fanden,
So verstanden wir uns gleich!
Der Zweifel an der Treue der Traumerinnerung.
Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind, und wie
die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die Aufmerksamkeit
solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung haben wir bei der
Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen Ausdruckes geschenkt, in
welchem der Traum uns vorlag; ja, wenn uns ein unsinniger oder
unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, als ob es der Anstrengung nicht
gelungen wäre, den Traum in die richtige Fassung zu übersetzen, haben wir
auch diese Mängel des Ausdruckes respektiert. Kurz, was nach der
Meinung der Autoren eine willkürliche, in der Verlegenheit eilig
s c h n e l l den Doktor M. herbei, und wir nahmen an, auch dieser kleine
Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht eine besondere
Ableitung zuließe. So kamen wir zur Geschichte jener unglücklichen
Patientin, an deren Bett ich »schnell« den älteren Kollegen berief. In dem
scheinbar absurden Traume, der den Unterschied von 51 und 56 als quantité
négligeable behandelt, war die Zahl 51 m e h r m a l s erwähnt. Anstatt dies
selbstverständlich oder gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen
zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur
Zahl 51 hinführt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte uns zu
Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten
Gegensatz zu einem dominierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit den
Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume »N o n v i x i t« fand ich als
unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die Stelle: »D a P.
i h n n i c h t v e r s t e h t , f r a g t m i c h F l . e t c .« Als dann die
Deutung stockte, griff ich auf diese Worte zurück und fand von ihnen aus
den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traumgedanken als
intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies mittels der Zeilen des
Dichters:
Selten habt Ihr mich v e r s t a n d e n,
Selten auch verstand ich Euch,
Nur wenn wir im K o t uns fanden,
So verstanden wir uns gleich!
Der Zweifel an der Treue der Traumerinnerung.
Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind, und wie
die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die Aufmerksamkeit
solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung haben wir bei der
Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen Ausdruckes geschenkt, in
welchem der Traum uns vorlag; ja, wenn uns ein unsinniger oder
unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, als ob es der Anstrengung nicht
gelungen wäre, den Traum in die richtige Fassung zu übersetzen, haben wir
auch diese Mängel des Ausdruckes respektiert. Kurz, was nach der
Meinung der Autoren eine willkürliche, in der Verlegenheit eilig
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zusammengebraute Improvisation sein soll, das haben wir behandelt wie
einen heiligen Text. Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung.
Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Unrecht zu
geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Einsichten über die
Entstehung des Traumes vereinigen sich die Widersprüche ohne Rest. Es ist
richtig, daß wir den Traum beim Versuche der Reproduktion entstellen; wir
finden darin wieder, was wir als die sekundäre und oft mißverständliche
Bearbeitung des Traumes durch die Instanz des normalen Denkens
bezeichnet haben. Aber diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein
Stück der Bearbeitung, welcher die Traumgedanken gesetzmäßig infolge
der Traumzensur unterliegen. Die Autoren haben hier das manifest
arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns verschlägt
es wenig, da wir wissen, daß eine weit ausgiebigere Entstellungsarbeit,
minder leicht faßbar, den Traum bereits von den verborgenen
Traumgedanken an zum Objekt erkoren hat. Die Autoren irren nur darin,
daß sie die Modifikation des Traumes bei seinem Erinnern und In-Worte-
Fassen für willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für
geeignet halten, uns in der Erkenntnis des Traumes irrezuleiten. Sie
unterschätzen die Determinierung im Psychischen. Es gibt da nichts
Willkürliches. Es läßt sich ganz allgemein zeigen, daß ein zweiter
Gedankenzug sofort die Bestimmung des Elementes übernimmt, welches
vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich
eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist
durch Gedanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz fernstehen
mögen, eindeutig und notwendig bestimmt(223). Ebensowenig willkürlich
sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaktion des Wachens
erfährt. Sie bleiben in assoziativer Verknüpfung mit dem Inhalt, an dessen
Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den Weg zu diesem Inhalt zu
zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines anderen sein mag.
Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe auf
diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der Bericht eines
Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte ich den Erzähler, ihn
zu wiederholen. Das geschieht dann selten mit den nämlichen Worten. Die
Stellen aber, an denen er den Ausdruck verändert hat, die sind mir als die
schwachen Stellen der Traumverkleidung kenntlich gemacht worden, die
dienen mir wie H a g e n das gestickte Zeichen an S i e g f r i e d s Gewand.
einen heiligen Text. Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung.
Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Unrecht zu
geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Einsichten über die
Entstehung des Traumes vereinigen sich die Widersprüche ohne Rest. Es ist
richtig, daß wir den Traum beim Versuche der Reproduktion entstellen; wir
finden darin wieder, was wir als die sekundäre und oft mißverständliche
Bearbeitung des Traumes durch die Instanz des normalen Denkens
bezeichnet haben. Aber diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein
Stück der Bearbeitung, welcher die Traumgedanken gesetzmäßig infolge
der Traumzensur unterliegen. Die Autoren haben hier das manifest
arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns verschlägt
es wenig, da wir wissen, daß eine weit ausgiebigere Entstellungsarbeit,
minder leicht faßbar, den Traum bereits von den verborgenen
Traumgedanken an zum Objekt erkoren hat. Die Autoren irren nur darin,
daß sie die Modifikation des Traumes bei seinem Erinnern und In-Worte-
Fassen für willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für
geeignet halten, uns in der Erkenntnis des Traumes irrezuleiten. Sie
unterschätzen die Determinierung im Psychischen. Es gibt da nichts
Willkürliches. Es läßt sich ganz allgemein zeigen, daß ein zweiter
Gedankenzug sofort die Bestimmung des Elementes übernimmt, welches
vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich
eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist
durch Gedanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz fernstehen
mögen, eindeutig und notwendig bestimmt(223). Ebensowenig willkürlich
sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaktion des Wachens
erfährt. Sie bleiben in assoziativer Verknüpfung mit dem Inhalt, an dessen
Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den Weg zu diesem Inhalt zu
zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines anderen sein mag.
Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe auf
diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der Bericht eines
Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte ich den Erzähler, ihn
zu wiederholen. Das geschieht dann selten mit den nämlichen Worten. Die
Stellen aber, an denen er den Ausdruck verändert hat, die sind mir als die
schwachen Stellen der Traumverkleidung kenntlich gemacht worden, die
dienen mir wie H a g e n das gestickte Zeichen an S i e g f r i e d s Gewand.
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Dort kann die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine
Aufforderung gewarnt worden, daß ich besondere Mühe zur Lösung des
Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem Drange des
Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumverkleidung, indem er einen
verräterischen Ausdruck durch einen ferner abliegenden ersetzt. Er macht
mich so auf den von ihm fallengelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der
Mühe, mit der die Traumlösung verteidigt wird, darf ich auch auf die
Sorgfalt schließen, die dem Traume sein Gewand gewoben hat.
Bedeutung der Traumnachträge.
Minder recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit dem unser
Urteil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum machen. Dieser
Zweifel entbehrt nämlich einer intellektuellen Gewähr; unser Gedächtnis
kennt überhaupt keine Garantien, und doch unterliegen wir viel öfter, als
objektiv gerechtfertigt ist, dem Zwange, seinen Angaben Glauben zu
schenken. Der Zweifel an der richtigen Wiedergabe des Traumes oder
einzelner Traumdaten ist wieder nur ein Abkömmling der Traumzensur, des
Widerstandes gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum
Bewußtsein. Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten
Verschiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich dann
noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen Zweifel um
so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals intensive Elemente des
Traumes anzugreifen, sondern bloß schwache und undeutliche. Wir wissen
aber jetzt bereits, daß zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige
Umwertung aller psychischen Werte stattgefunden hat; die Entstellung war
nur möglich durch Wertentziehung, sie äußert sich regelmäßig darin und
begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des
Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt, so können wir dem Fingerzeig
folgend in diesem einen direkteren Abkömmling eines der verfemten
Traumgedanken erkennen. Es ist damit wie nach einer großen Umwälzung
in einer der Republiken des Altertums oder der Renaissance. Die früher
herrschenden edlen und mächtigen Familien sind nun verbannt, alle hohen
Stellungen mit Emporkömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur
noch ganz verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
Gestürzten. Aber auch diese genießen nicht die vollen Bürgerrechte, sie
werden mißtrauisch überwacht. An der Stelle des Mißtrauens im Beispiel
Aufforderung gewarnt worden, daß ich besondere Mühe zur Lösung des
Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem Drange des
Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumverkleidung, indem er einen
verräterischen Ausdruck durch einen ferner abliegenden ersetzt. Er macht
mich so auf den von ihm fallengelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der
Mühe, mit der die Traumlösung verteidigt wird, darf ich auch auf die
Sorgfalt schließen, die dem Traume sein Gewand gewoben hat.
Bedeutung der Traumnachträge.
Minder recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit dem unser
Urteil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum machen. Dieser
Zweifel entbehrt nämlich einer intellektuellen Gewähr; unser Gedächtnis
kennt überhaupt keine Garantien, und doch unterliegen wir viel öfter, als
objektiv gerechtfertigt ist, dem Zwange, seinen Angaben Glauben zu
schenken. Der Zweifel an der richtigen Wiedergabe des Traumes oder
einzelner Traumdaten ist wieder nur ein Abkömmling der Traumzensur, des
Widerstandes gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum
Bewußtsein. Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten
Verschiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich dann
noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen Zweifel um
so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals intensive Elemente des
Traumes anzugreifen, sondern bloß schwache und undeutliche. Wir wissen
aber jetzt bereits, daß zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige
Umwertung aller psychischen Werte stattgefunden hat; die Entstellung war
nur möglich durch Wertentziehung, sie äußert sich regelmäßig darin und
begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des
Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt, so können wir dem Fingerzeig
folgend in diesem einen direkteren Abkömmling eines der verfemten
Traumgedanken erkennen. Es ist damit wie nach einer großen Umwälzung
in einer der Republiken des Altertums oder der Renaissance. Die früher
herrschenden edlen und mächtigen Familien sind nun verbannt, alle hohen
Stellungen mit Emporkömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur
noch ganz verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
Gestürzten. Aber auch diese genießen nicht die vollen Bürgerrechte, sie
werden mißtrauisch überwacht. An der Stelle des Mißtrauens im Beispiel
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steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum bei der Analyse
eines Traumes, daß man sich von der ganzen Skala der
Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, daß etwas der
oder jener Art im Traume vorgekommen sei, behandle wie die volle
Gewißheit. Solange jemand bei der Verfolgung eines Traumelementes sich
nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht entschlossen, solange stockt hier die
Analyse. Die Geringschätzung für das betreffende Element hat bei dem
Analysierten die psychische Wirkung, daß ihm von den ungewollten
Vorstellungen hinter demselben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist
eigentlich nicht selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand
sagte: Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiß ich nicht sicher; es
fällt mir aber dazu folgendes ein. Niemals sagt er so und gerade diese die
Analyse störende Wirkung des Zweifels läßt ihn als einen Abkömmling und
als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. Die
Psychoanalyse ist mit Recht mißtrauisch. Eine ihrer Regeln lautet: W a s
immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein
Widerstand.
Auch das Vergessen der Träume bleibt solange unergründlich, als man
nicht die Macht der psychischen Zensur zu seiner Erklärung mitheranzieht.
Die Empfindung, daß man in einer Nacht sehr viel geträumt und davon nur
wenig behalten hat, mag in einer Reihe von Fällen einen anderen Sinn
haben, etwa den, daß die Traumarbeit die Nacht hindurch spürbar vor sich
gegangen ist und nur den einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an
der Tatsache, daß man den Traum nach dem Erwachen fortschreitend
vergißt, ein Zweifel nicht möglich. Man vergißt ihn oft trotz peinlicher
Bemühungen, ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der Regel den
Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man auch die mit der
Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbuße an seiner Kenntnis.
Alles, was das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch
die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in einer ganzen Anzahl von
Fällen kann man von einem einzelnen stehengebliebenen Brocken aus zwar
nicht den Traum – aber an dem liegt ja auch nichts – doch die
Traumgedanken alle auffinden. Es verlangt einen größeren Aufwand an
Aufmerksamkeit und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt
aber doch an, daß das Vergessen des Traumes eine feindselige Absicht nicht
verfehlt hat.
eines Traumes, daß man sich von der ganzen Skala der
Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, daß etwas der
oder jener Art im Traume vorgekommen sei, behandle wie die volle
Gewißheit. Solange jemand bei der Verfolgung eines Traumelementes sich
nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht entschlossen, solange stockt hier die
Analyse. Die Geringschätzung für das betreffende Element hat bei dem
Analysierten die psychische Wirkung, daß ihm von den ungewollten
Vorstellungen hinter demselben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist
eigentlich nicht selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand
sagte: Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiß ich nicht sicher; es
fällt mir aber dazu folgendes ein. Niemals sagt er so und gerade diese die
Analyse störende Wirkung des Zweifels läßt ihn als einen Abkömmling und
als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. Die
Psychoanalyse ist mit Recht mißtrauisch. Eine ihrer Regeln lautet: W a s
immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein
Widerstand.
Auch das Vergessen der Träume bleibt solange unergründlich, als man
nicht die Macht der psychischen Zensur zu seiner Erklärung mitheranzieht.
Die Empfindung, daß man in einer Nacht sehr viel geträumt und davon nur
wenig behalten hat, mag in einer Reihe von Fällen einen anderen Sinn
haben, etwa den, daß die Traumarbeit die Nacht hindurch spürbar vor sich
gegangen ist und nur den einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an
der Tatsache, daß man den Traum nach dem Erwachen fortschreitend
vergißt, ein Zweifel nicht möglich. Man vergißt ihn oft trotz peinlicher
Bemühungen, ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der Regel den
Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man auch die mit der
Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbuße an seiner Kenntnis.
Alles, was das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch
die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in einer ganzen Anzahl von
Fällen kann man von einem einzelnen stehengebliebenen Brocken aus zwar
nicht den Traum – aber an dem liegt ja auch nichts – doch die
Traumgedanken alle auffinden. Es verlangt einen größeren Aufwand an
Aufmerksamkeit und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt
aber doch an, daß das Vergessen des Traumes eine feindselige Absicht nicht
verfehlt hat.
Page 492
Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Widerstand
dienende Natur des Traumvergessens(224) gewinnt man bei den Analysen
aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt gar nicht
selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein ausgelassenes
Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen bezeichnet wird.
Dieser der Vergessenheit entrissene Traumteil ist nun jedesmal der
wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur Traumlösung und war
darum dem Widerstand am meisten ausgesetzt. Unter den Traumbeispielen,
die ich in den Zusammenhang dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es
sich einmal, daß ich so ein Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten
habe. Es ist dies ein Reisetraum, der Rache nimmt an einer
unliebenswürdigen Reisegefährtin, den ich wegen seines zum Teil grob
unflätigen Inhaltes fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück
lautet: I c h s a g e a u f e i n B u c h v o n S c h i l l e r : I t i s f r o m
. . . korrigiere mich aber, den Irrtum selbst
bemerkend: It is by . . . Der Mann bemerkt hierauf
zu seiner Schwester: »Er hat es ja richtig
g e s a g t (225). «
Die Selbstkorrektur im Traume, die manchen Autoren so wunderbar
erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich werde lieber für
den Sprachirrtum im Traume das Vorbild aus meiner Erinnerung aufzeigen.
Ich war 19 jährig zum erstenmal in England und einen Tag lang am Strande
der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich im Fange der von der Flut
zurückgelassenen Seetiere und beschäftigte mich gerade mit einem Seestern
(der Traum beginnt mit: H o l l t h u r n - H o l o t h u r i e n), als ein reizendes
kleines Mädchen zu mir trat und mich fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich
antwortete: Yes h e is alive, schämte mich aber dann der Inkorrektheit und
wiederholte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals
begangen habe, setzt nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche
ebenso leicht verfällt. »Das Buch ist von Schiller«, soll man nicht mit from,
. . . sondern mit by . . . übersetzen. Daß die Traumarbeit diesen Ersatz
vollzieht, weil f r o m durch den Gleichklang mit dem deutschen
Eigenschaftswort f r o m m eine großartige Verdichtung ermöglicht, das
nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit und von
ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört haben, nicht mehr
wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im
Zusammenhang des Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst
dienende Natur des Traumvergessens(224) gewinnt man bei den Analysen
aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt gar nicht
selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein ausgelassenes
Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen bezeichnet wird.
Dieser der Vergessenheit entrissene Traumteil ist nun jedesmal der
wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur Traumlösung und war
darum dem Widerstand am meisten ausgesetzt. Unter den Traumbeispielen,
die ich in den Zusammenhang dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es
sich einmal, daß ich so ein Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten
habe. Es ist dies ein Reisetraum, der Rache nimmt an einer
unliebenswürdigen Reisegefährtin, den ich wegen seines zum Teil grob
unflätigen Inhaltes fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück
lautet: I c h s a g e a u f e i n B u c h v o n S c h i l l e r : I t i s f r o m
. . . korrigiere mich aber, den Irrtum selbst
bemerkend: It is by . . . Der Mann bemerkt hierauf
zu seiner Schwester: »Er hat es ja richtig
g e s a g t (225). «
Die Selbstkorrektur im Traume, die manchen Autoren so wunderbar
erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich werde lieber für
den Sprachirrtum im Traume das Vorbild aus meiner Erinnerung aufzeigen.
Ich war 19 jährig zum erstenmal in England und einen Tag lang am Strande
der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich im Fange der von der Flut
zurückgelassenen Seetiere und beschäftigte mich gerade mit einem Seestern
(der Traum beginnt mit: H o l l t h u r n - H o l o t h u r i e n), als ein reizendes
kleines Mädchen zu mir trat und mich fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich
antwortete: Yes h e is alive, schämte mich aber dann der Inkorrektheit und
wiederholte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals
begangen habe, setzt nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche
ebenso leicht verfällt. »Das Buch ist von Schiller«, soll man nicht mit from,
. . . sondern mit by . . . übersetzen. Daß die Traumarbeit diesen Ersatz
vollzieht, weil f r o m durch den Gleichklang mit dem deutschen
Eigenschaftswort f r o m m eine großartige Verdichtung ermöglicht, das
nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit und von
ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört haben, nicht mehr
wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im
Zusammenhang des Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst
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unschuldigen Beispiel, daß ich das G e s c h l e c h t s w o r t am unrechten
Platze gebrauche, also das G e s c h l e c h t l i c h e (h e) dort anbringe, wo es
nicht hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des
Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels »Ma t t e r a n d
Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginaire: La ma t i è r e
est-elle laudable? – a mo t i o n of the bowels), der wird sich das Fehlende
leicht ergänzen können.
Verspätete Deutung von Träumen.
Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traumes zum
großen Teil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio ad oculos
erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den Traum spurlos
vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir setzen die Arbeit fort,
ich stoße auf einen Widerstand, mache dem Kranken etwas klar, helfe ihm
durch Zureden und Drängen, sich mit irgend einem unangenehmen
Gedanken zu versöhnen, und kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt
weiß ich auch wieder, was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn
an diesem Tage in der Arbeit gestört hatte, hat ihn auch den Traum
vergessen lassen. Durch die Überwindung dieses Widerstandes habe ich den
Traum zur Erinnerung gefördert.
Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der Arbeit
angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr Tagen
vorgefallen ist und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat(226).
Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen Beweis
dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr vom Widerstand
als von der Fremdheit zwischen dem Wach- und dem Schlafzustand, wie die
Autoren meinen, abhängt. Es ereignet sich mir wie anderen Analytikern und
den in solcher Behandlung stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch
einen Traum aus dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, unmittelbar
darauf im vollen Besitze unserer Denktätigkeit den Traum zu deuten
beginnen. Ich habe in solchen Fällen oftmals nicht geruht, bis ich das volle
Verständnis des Traumes gewonnen hatte, und doch konnte es geschehen,
daß ich nach dem Erwachen die Deutungsarbeit ebenso vollständig
vergessen hatte wie den Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß ich geträumt
und daß ich den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger hatte der Traum das
Platze gebrauche, also das G e s c h l e c h t l i c h e (h e) dort anbringe, wo es
nicht hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des
Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels »Ma t t e r a n d
Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginaire: La ma t i è r e
est-elle laudable? – a mo t i o n of the bowels), der wird sich das Fehlende
leicht ergänzen können.
Verspätete Deutung von Träumen.
Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traumes zum
großen Teil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio ad oculos
erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den Traum spurlos
vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir setzen die Arbeit fort,
ich stoße auf einen Widerstand, mache dem Kranken etwas klar, helfe ihm
durch Zureden und Drängen, sich mit irgend einem unangenehmen
Gedanken zu versöhnen, und kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt
weiß ich auch wieder, was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn
an diesem Tage in der Arbeit gestört hatte, hat ihn auch den Traum
vergessen lassen. Durch die Überwindung dieses Widerstandes habe ich den
Traum zur Erinnerung gefördert.
Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der Arbeit
angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr Tagen
vorgefallen ist und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat(226).
Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen Beweis
dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr vom Widerstand
als von der Fremdheit zwischen dem Wach- und dem Schlafzustand, wie die
Autoren meinen, abhängt. Es ereignet sich mir wie anderen Analytikern und
den in solcher Behandlung stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch
einen Traum aus dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, unmittelbar
darauf im vollen Besitze unserer Denktätigkeit den Traum zu deuten
beginnen. Ich habe in solchen Fällen oftmals nicht geruht, bis ich das volle
Verständnis des Traumes gewonnen hatte, und doch konnte es geschehen,
daß ich nach dem Erwachen die Deutungsarbeit ebenso vollständig
vergessen hatte wie den Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß ich geträumt
und daß ich den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger hatte der Traum das
Page 494
Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Vergessenheit gerissen, als es der
geistigen Tätigkeit gelungen war, den Traum für die Erinnerung zu halten.
Zwischen dieser Deutungsarbeit und dem Wachdenken besteht aber nicht
jene psychische Kluft, durch welche die Autoren das Traumvergessen
ausschließend erklären wollen. – Wenn M o r t o n P r i n c e gegen meine
Erklärung des Traumvergessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der
Amnesia für abgespaltene seelische Zustände (dissociated states), und die
Unmöglichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere
Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste Absicht
wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen Beschreibungen
solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch gemacht hat, die
dynamische Erklärung für diese Phänomene zu finden. Er hätte sonst
entdecken müssen, daß die Verdrängung (resp. der durch sie geschaffene
Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser Abspaltungen wie der Amnesie
für ihren psychischen Inhalt ist.
Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere seelische
Akte, und daß sie auch in bezug auf ihr Haften im Gedächtnis den anderen
seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind, zeigt mir eine
Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuskriptes machen konnte.
Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich
damals aus irgend einem Grunde nur sehr unvollständig oder auch
überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte. Bei einigen derselben
habe ich nun, ein bis zwei Jahre später, den Versuch, sie zu deuten,
unternommen, in der Absicht, mir Material zur Illustration meiner
Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich
möchte behaupten, die Deutung ging solange Zeit später leichter vor sich
als damals, solange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür ich als
mögliche Erklärung angeben möchte, daß ich seither über manche
Widerstände in meinem Innern weggekommen bin, die mich damals störten.
Ich habe bei solchen nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse
an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren verglichen
und das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden. Ich trat
meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem ich mich besann,
daß ich ja bei meinen Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren
Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume
aus der letzten Nacht wären, nach demselben Verfahren und mit demselben
Erfolge. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele
geistigen Tätigkeit gelungen war, den Traum für die Erinnerung zu halten.
Zwischen dieser Deutungsarbeit und dem Wachdenken besteht aber nicht
jene psychische Kluft, durch welche die Autoren das Traumvergessen
ausschließend erklären wollen. – Wenn M o r t o n P r i n c e gegen meine
Erklärung des Traumvergessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der
Amnesia für abgespaltene seelische Zustände (dissociated states), und die
Unmöglichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere
Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste Absicht
wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen Beschreibungen
solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch gemacht hat, die
dynamische Erklärung für diese Phänomene zu finden. Er hätte sonst
entdecken müssen, daß die Verdrängung (resp. der durch sie geschaffene
Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser Abspaltungen wie der Amnesie
für ihren psychischen Inhalt ist.
Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere seelische
Akte, und daß sie auch in bezug auf ihr Haften im Gedächtnis den anderen
seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind, zeigt mir eine
Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuskriptes machen konnte.
Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich
damals aus irgend einem Grunde nur sehr unvollständig oder auch
überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte. Bei einigen derselben
habe ich nun, ein bis zwei Jahre später, den Versuch, sie zu deuten,
unternommen, in der Absicht, mir Material zur Illustration meiner
Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich
möchte behaupten, die Deutung ging solange Zeit später leichter vor sich
als damals, solange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür ich als
mögliche Erklärung angeben möchte, daß ich seither über manche
Widerstände in meinem Innern weggekommen bin, die mich damals störten.
Ich habe bei solchen nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse
an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren verglichen
und das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden. Ich trat
meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem ich mich besann,
daß ich ja bei meinen Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren
Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume
aus der letzten Nacht wären, nach demselben Verfahren und mit demselben
Erfolge. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele
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von solch verspäteter Traumdeutung mitteilen. Als ich diesen Versuch zum
erstenmal anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, daß der Traum
sich auch hierin nur verhalten werde wie ein neurotisches Symptom. Wenn
ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie etwa, mittels
Psychoanalyse behandle, so muß ich für die ersten, längst überwundenen
Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch
heute bestehenden, die ihn zu mir geführt haben, und finde erstere Aufgabe
nur leichter zu lösen als die heute dringende. Schon in den 1895
publizierten »Studien über Hysterie« konnte ich die Aufklärung eines ersten
hysterischen Angstanfalles mitteilen, den die mehr als 40 jährige Frau in
ihrem 15. Lebensjahre gehabt hatte.
Zur Technik der Traumdeutung.
In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen, was ich über
die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was vielleicht den Leser
orientieren wird, der mich durch Nacharbeit an seinen eigenen Träumen
kontrollieren will.
Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner Träume
mühelos in den Schoß falle. Schon zur Wahrnehmung endoptischer
Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerksamkeit entzogener
Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein psychisches Motiv sich
gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt. Es ist erheblich
schwieriger, der »ungewollten Vorstellungen« habhaft zu werden. Wer dies
verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen müssen, die in dieser
Abhandlung rege gemacht werden, und wird in Befolgung der hier
gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommenheit, jede affektive
oder intellektuelle Parteinahme während der Arbeit bei sich niederzuhalten
bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk bleiben, die C l a u d e
B e r n a r d für den Experimentator im physiologischen Laboratorium
aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d. h. so ausdauernd, aber auch
so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese Ratschläge befolgt, der wird
die Aufgabe allerdings nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines
Traumes vollzieht sich auch nicht immer in einem Zuge; nicht selten fühlt
man seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von
Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage;
erstenmal anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, daß der Traum
sich auch hierin nur verhalten werde wie ein neurotisches Symptom. Wenn
ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie etwa, mittels
Psychoanalyse behandle, so muß ich für die ersten, längst überwundenen
Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch
heute bestehenden, die ihn zu mir geführt haben, und finde erstere Aufgabe
nur leichter zu lösen als die heute dringende. Schon in den 1895
publizierten »Studien über Hysterie« konnte ich die Aufklärung eines ersten
hysterischen Angstanfalles mitteilen, den die mehr als 40 jährige Frau in
ihrem 15. Lebensjahre gehabt hatte.
Zur Technik der Traumdeutung.
In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen, was ich über
die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was vielleicht den Leser
orientieren wird, der mich durch Nacharbeit an seinen eigenen Träumen
kontrollieren will.
Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner Träume
mühelos in den Schoß falle. Schon zur Wahrnehmung endoptischer
Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerksamkeit entzogener
Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein psychisches Motiv sich
gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt. Es ist erheblich
schwieriger, der »ungewollten Vorstellungen« habhaft zu werden. Wer dies
verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen müssen, die in dieser
Abhandlung rege gemacht werden, und wird in Befolgung der hier
gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommenheit, jede affektive
oder intellektuelle Parteinahme während der Arbeit bei sich niederzuhalten
bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk bleiben, die C l a u d e
B e r n a r d für den Experimentator im physiologischen Laboratorium
aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d. h. so ausdauernd, aber auch
so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese Ratschläge befolgt, der wird
die Aufgabe allerdings nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines
Traumes vollzieht sich auch nicht immer in einem Zuge; nicht selten fühlt
man seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von
Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage;
Page 496
man tut dann gut, abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit
zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die
Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang zu einer neuen
Schicht von Traumgedanken. Man kann das die »fraktionierte«
Traumdeutung heißen.
Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur
Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht voll
erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in Händen hat,
die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des
Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann außerdem eine andere, eine
Überdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm entgangen ist. Es ist
wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum an unbewußten, nach
Ausdruck ringenden Gedankengängen in unserem Denken eine Vorstellung
zu machen und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch
mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal gleichsam sieben Fliegen mit einem
Schlage zu treffen, wie der Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird
immer geneigt sein, dem Autor vorzuwerfen, daß er seinen Witz überflüssig
vergeude; wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
belehrt finden.
Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann, ist mit
Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, daß man bei der
Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat, welche die
Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine Frage des
Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellektuellen Interesse, seiner
Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psychologischen Kenntnissen und
seiner Übung in der Traumdeutung den inneren Widerständen den Herren
zeigen kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, so weit wenigstens, um
die Überzeugung zu gewinnen, daß der Traum eine sinnreiche Bildung ist,
und meist auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig
gestattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene
Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von
Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf
gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deutung zu
unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man oft merken, wie
der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten nur in der
Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so daß die beiden einander
zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die
Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang zu einer neuen
Schicht von Traumgedanken. Man kann das die »fraktionierte«
Traumdeutung heißen.
Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur
Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht voll
erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in Händen hat,
die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des
Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann außerdem eine andere, eine
Überdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm entgangen ist. Es ist
wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum an unbewußten, nach
Ausdruck ringenden Gedankengängen in unserem Denken eine Vorstellung
zu machen und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch
mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal gleichsam sieben Fliegen mit einem
Schlage zu treffen, wie der Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird
immer geneigt sein, dem Autor vorzuwerfen, daß er seinen Witz überflüssig
vergeude; wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
belehrt finden.
Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann, ist mit
Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, daß man bei der
Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat, welche die
Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine Frage des
Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellektuellen Interesse, seiner
Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psychologischen Kenntnissen und
seiner Übung in der Traumdeutung den inneren Widerständen den Herren
zeigen kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, so weit wenigstens, um
die Überzeugung zu gewinnen, daß der Traum eine sinnreiche Bildung ist,
und meist auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig
gestattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene
Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von
Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf
gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deutung zu
unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man oft merken, wie
der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten nur in der
Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so daß die beiden einander
Page 497
auch zur Deutung ergänzen. Daß die verschiedenen Träume derselben
Nacht ganz regelmäßig von der Deutungsarbeit wie ein Ganzes zu
behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele erwiesen.
In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im Dunkeln
lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein Knäuel von
Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum
Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel
des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die
Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz
allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige
Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle
dieses Geflechtes erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus
seinem Myzelium.
Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück. Wir haben
es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluß aus ihnen zu ziehen. Wenn
das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt, den Traum, der bei Nacht
gebildet worden ist, zu vergessen, entweder als Ganzes unmittelbar nach
dem Erwachen oder stückweise im Laufe des Tages, und wenn wir als den
Hauptbeteiligten bei diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen
den Traum erkennen, der doch schon in der Nacht das seinige gegen den
Traum getan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen wir den
grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder beseitigt, als ob er
gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei das Spiel der psychischen
Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir aussagen, der Traum wäre
überhaupt nicht zu stande gekommen, wenn der Widerstand bei Nacht
gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluß ist, daß dieser während der
Nachtzeit einen Teil seiner Macht eingebüßt hatte; wir wissen, er war nicht
aufgehoben, denn wir haben seinen Anteil an der Traumbildung in der
Traumentstellung nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf,
daß er des Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des
Widerstandes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so
leicht, daß er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort
wieder beseitigt, was er, solange er schwach war, zulassen mußte. Die
beschreibende Psychologie lehrt uns ja, daß die Hauptbedingung der
Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die
Nacht ganz regelmäßig von der Deutungsarbeit wie ein Ganzes zu
behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele erwiesen.
In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im Dunkeln
lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein Knäuel von
Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum
Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel
des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die
Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz
allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige
Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle
dieses Geflechtes erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus
seinem Myzelium.
Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück. Wir haben
es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluß aus ihnen zu ziehen. Wenn
das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt, den Traum, der bei Nacht
gebildet worden ist, zu vergessen, entweder als Ganzes unmittelbar nach
dem Erwachen oder stückweise im Laufe des Tages, und wenn wir als den
Hauptbeteiligten bei diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen
den Traum erkennen, der doch schon in der Nacht das seinige gegen den
Traum getan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen wir den
grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder beseitigt, als ob er
gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei das Spiel der psychischen
Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir aussagen, der Traum wäre
überhaupt nicht zu stande gekommen, wenn der Widerstand bei Nacht
gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluß ist, daß dieser während der
Nachtzeit einen Teil seiner Macht eingebüßt hatte; wir wissen, er war nicht
aufgehoben, denn wir haben seinen Anteil an der Traumbildung in der
Traumentstellung nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf,
daß er des Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des
Widerstandes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so
leicht, daß er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort
wieder beseitigt, was er, solange er schwach war, zulassen mußte. Die
beschreibende Psychologie lehrt uns ja, daß die Hauptbedingung der
Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die
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Erklärung hinzufügen: der Schlafzustand
ermöglicht die Traumbildung, indem er die
e n d o p s y c h i s c h e Z e n s u r h e r a b s e t z t.
Einwände gegen die Technik der Traumdeutung.
Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig möglichen
aus den Tatsachen des Traumvergessens anzusehen, und weitere
Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und des Wachens
aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin innehalten. Wenn
wir uns in die Psychologie des Traumes ein Stück weiter vertieft haben,
werden wir erfahren, daß man sich die Ermöglichung der Traumbildung
auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand gegen das
Bewußtwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch umgangen werden,
ohne daß er an sich eine Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel,
daß beide der Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie
die Umgehung des Widerstandes, durch den Schlafzustand gleichzeitig
ermöglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier
fortzusetzen.
Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser Verfahren bei
der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern müssen. Wir gehen ja
hier so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken beherrschenden
Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksamkeit auf ein einzelnes
Traumelement richten und dann notieren, was uns an ungewollten
Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen wir einen nächsten
Bestandteil des Trauminhaltes auf, wiederholen an ihm dieselbe Arbeit und
lassen uns, unbekümmert um die Richtung, nach der die Gedanken treiben,
von ihnen weiter führen, wobei wir – wie man zu sagen pflegt – vom
Hundertsten ins Tausendste geraten. Dabei hegen wir die zuversichtliche
Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazutun auf die Traumgedanken zu
geraten, aus denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun
etwa folgendes einzuwenden haben: Daß man von einem einzelnen Element
des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen; es ist nur merkwürdig, daß
man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedankenablauf gerade zu den
Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich ist das eine Selbsttäuschung;
ermöglicht die Traumbildung, indem er die
e n d o p s y c h i s c h e Z e n s u r h e r a b s e t z t.
Einwände gegen die Technik der Traumdeutung.
Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig möglichen
aus den Tatsachen des Traumvergessens anzusehen, und weitere
Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und des Wachens
aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin innehalten. Wenn
wir uns in die Psychologie des Traumes ein Stück weiter vertieft haben,
werden wir erfahren, daß man sich die Ermöglichung der Traumbildung
auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand gegen das
Bewußtwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch umgangen werden,
ohne daß er an sich eine Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel,
daß beide der Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie
die Umgehung des Widerstandes, durch den Schlafzustand gleichzeitig
ermöglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier
fortzusetzen.
Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser Verfahren bei
der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern müssen. Wir gehen ja
hier so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken beherrschenden
Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksamkeit auf ein einzelnes
Traumelement richten und dann notieren, was uns an ungewollten
Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen wir einen nächsten
Bestandteil des Trauminhaltes auf, wiederholen an ihm dieselbe Arbeit und
lassen uns, unbekümmert um die Richtung, nach der die Gedanken treiben,
von ihnen weiter führen, wobei wir – wie man zu sagen pflegt – vom
Hundertsten ins Tausendste geraten. Dabei hegen wir die zuversichtliche
Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazutun auf die Traumgedanken zu
geraten, aus denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun
etwa folgendes einzuwenden haben: Daß man von einem einzelnen Element
des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen; es ist nur merkwürdig, daß
man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedankenablauf gerade zu den
Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich ist das eine Selbsttäuschung;
Page 499
man folgt der Assoziationskette von dem einen Element aus, bis man sie aus
irgend einem Grunde abreißen merkt; wenn man dann ein zweites Element
aufnimmt, so ist es nur natürlich, daß die ursprüngliche Unbeschränktheit
der Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse der
zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stoßen, die auch
mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein haben. Dann
bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben, der einen
Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da man sich sonst
jede Freiheit der Gedankenverbindung gestattet und eigentlich nur die
Übergänge von einer Vorstellung zur anderen ausschließt, die beim
normalen Denken in Kraft treten, so wird es schließlich nicht schwer, aus
einer Reihe von »Zwischengedanken« etwas zusammenzubrauen, was man
die Traumgedanken benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht
bekannt sind, für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber
alles Willkür und witzig erscheinende Ausnutzung des Zufalles dabei, und
jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen
Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.
Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so können wir
uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traumdeutungen berufen, auf die
überraschenden Verbindungen mit anderen Traumelementen, die sich
während der Verfolgung der einzelnen Vorstellungen ergeben und auf die
Unwahrscheinlichkeit, daß etwas, was den Traum so erschöpfend deckt und
aufklärt wie eine unserer Traumdeutungen, anders gewonnen werden
könne, als indem man vorher hergestellten psychischen Verbindungen
nachfährt. Wir könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, daß
das Verfahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der
Auflösung der hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens
durch das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle
gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den
eingeschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen
Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich willkürlich
und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem präexistenten Ziele
gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir dieses Problem zwar nicht
zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.
irgend einem Grunde abreißen merkt; wenn man dann ein zweites Element
aufnimmt, so ist es nur natürlich, daß die ursprüngliche Unbeschränktheit
der Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse der
zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stoßen, die auch
mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein haben. Dann
bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben, der einen
Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da man sich sonst
jede Freiheit der Gedankenverbindung gestattet und eigentlich nur die
Übergänge von einer Vorstellung zur anderen ausschließt, die beim
normalen Denken in Kraft treten, so wird es schließlich nicht schwer, aus
einer Reihe von »Zwischengedanken« etwas zusammenzubrauen, was man
die Traumgedanken benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht
bekannt sind, für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber
alles Willkür und witzig erscheinende Ausnutzung des Zufalles dabei, und
jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen
Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.
Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so können wir
uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traumdeutungen berufen, auf die
überraschenden Verbindungen mit anderen Traumelementen, die sich
während der Verfolgung der einzelnen Vorstellungen ergeben und auf die
Unwahrscheinlichkeit, daß etwas, was den Traum so erschöpfend deckt und
aufklärt wie eine unserer Traumdeutungen, anders gewonnen werden
könne, als indem man vorher hergestellten psychischen Verbindungen
nachfährt. Wir könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, daß
das Verfahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der
Auflösung der hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens
durch das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle
gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den
eingeschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen
Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich willkürlich
und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem präexistenten Ziele
gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir dieses Problem zwar nicht
zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.
Page 500
Determination der freien Assoziationen.
Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziellosen
Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traumdeutungsarbeit,
unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vorstellungen auftauchen
lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer nur auf die uns bekannten
Zielvorstellungen verzichten können, und daß mit dem Aufhören dieser
sofort unbekannte – wie wir ungenau sagen: unbewußte – Zielvorstellungen
zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf der ungewollten Vorstellungen
determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich durch
unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht
herstellen; es ist mir aber auch unbekannt, in welchen Zuständen
psychischer Zerrüttung es sich sonst herstellt(227). Die Psychiater haben
hier viel zu früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich
weiß, daß ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender
Gedankenablauf im Rahmen der Hysterie und der Paranoia ebensowenig
vorkommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er tritt
vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen überhaupt nicht ein;
selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen Vermutung
von L e u r e t sinnvoll und werden nur durch Auslassungen für uns
unverständlich. Ich habe die nämliche Überzeugung gewonnen, wo mir
Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die Delirien sind das Werk
einer Zensur, die sich keine Mühe mehr gibt, ihr Walten zu verbergen, die
anstatt ihre Mitwirkung zu einer nicht mehr anstößigen Umarbeitung zu
leihen, rücksichtslos ausstreicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch
dann das Übriggelassene zusammenhanglos wird. Diese Zensur verfährt
ganz analog der russischen Zeitungszensur an der Grenze, welche
ausländische Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände
der zu behütenden Leser gelangen läßt.
Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger
Assoziationsverkettung kommt vielleicht bei destruktiven organischen
Gehirnprozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches
gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf eine
Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird(228). Als ein
untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation hat man
Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziellosen
Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traumdeutungsarbeit,
unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vorstellungen auftauchen
lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer nur auf die uns bekannten
Zielvorstellungen verzichten können, und daß mit dem Aufhören dieser
sofort unbekannte – wie wir ungenau sagen: unbewußte – Zielvorstellungen
zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf der ungewollten Vorstellungen
determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich durch
unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht
herstellen; es ist mir aber auch unbekannt, in welchen Zuständen
psychischer Zerrüttung es sich sonst herstellt(227). Die Psychiater haben
hier viel zu früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich
weiß, daß ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender
Gedankenablauf im Rahmen der Hysterie und der Paranoia ebensowenig
vorkommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er tritt
vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen überhaupt nicht ein;
selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen Vermutung
von L e u r e t sinnvoll und werden nur durch Auslassungen für uns
unverständlich. Ich habe die nämliche Überzeugung gewonnen, wo mir
Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die Delirien sind das Werk
einer Zensur, die sich keine Mühe mehr gibt, ihr Walten zu verbergen, die
anstatt ihre Mitwirkung zu einer nicht mehr anstößigen Umarbeitung zu
leihen, rücksichtslos ausstreicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch
dann das Übriggelassene zusammenhanglos wird. Diese Zensur verfährt
ganz analog der russischen Zeitungszensur an der Grenze, welche
ausländische Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände
der zu behütenden Leser gelangen läßt.
Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger
Assoziationsverkettung kommt vielleicht bei destruktiven organischen
Gehirnprozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches
gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf eine
Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird(228). Als ein
untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation hat man
Page 501
es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder)
untereinander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen
Assoziationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz,
Wortzweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere
Sinnbeziehung, durch alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim
Wortspiel zu verwerten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die
Gedankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes zu
den Kollateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken
führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon gefunden,
die unser Befremden wecken mußten. Keine Anknüpfung war da zu locker,
kein Witz zu verwerflich, als daß er nicht die Brücke von einem Gedanken
zum anderen hätte bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher
Nachsichtigkeit liegt nicht fern. J e d e s m a l , wenn ein
psychisches Element mit einem anderen durch eine
anstößige und oberflächliche Assoziation
verbunden ist, existiert auch eine korrekte und
t i e f e r g e h e n d e Ve r k n ü p f u n g z w i s c h e n d e n b e i d e n ,
welche dem Widerstand der Zensur unterliegt.
Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist die richtige
Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen Assoziationen. Die
oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der Darstellung die tiefen, wenn
die Zensur diese normalen Verbindungswege ungangbar macht. Es ist, wie
wenn ein allgemeines Verkehrshindernis, z. B. eine Überschwemmung, im
Gebirge die großen und breiten Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr
wird dann auf unbequemen und steilen Fußpfaden aufrecht erhalten, die
sonst nur der Jäger begangen hat.
Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im wesentlichen eins
sind. Entweder die Zensur richtet sich nur gegen den Zusammenhang
zweier Gedanken, die voneinander losgelöst, dem Einspruch entgehen.
Dann treten die beiden Gedanken nacheinander ins Bewußtsein; ihr
Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt uns eine oberflächliche
Verknüpfung zwischen beiden ein, an die wir sonst nicht gedacht hätten,
und die in der Regel an einer anderen Ecke des Vorstellungskomplexes
ansetzt, als von welcher die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung
ausgeht. Oder aber, beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres
Inhaltes der Zensur; dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in
untereinander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen
Assoziationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz,
Wortzweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere
Sinnbeziehung, durch alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim
Wortspiel zu verwerten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die
Gedankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes zu
den Kollateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken
führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon gefunden,
die unser Befremden wecken mußten. Keine Anknüpfung war da zu locker,
kein Witz zu verwerflich, als daß er nicht die Brücke von einem Gedanken
zum anderen hätte bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher
Nachsichtigkeit liegt nicht fern. J e d e s m a l , wenn ein
psychisches Element mit einem anderen durch eine
anstößige und oberflächliche Assoziation
verbunden ist, existiert auch eine korrekte und
t i e f e r g e h e n d e Ve r k n ü p f u n g z w i s c h e n d e n b e i d e n ,
welche dem Widerstand der Zensur unterliegt.
Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist die richtige
Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen Assoziationen. Die
oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der Darstellung die tiefen, wenn
die Zensur diese normalen Verbindungswege ungangbar macht. Es ist, wie
wenn ein allgemeines Verkehrshindernis, z. B. eine Überschwemmung, im
Gebirge die großen und breiten Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr
wird dann auf unbequemen und steilen Fußpfaden aufrecht erhalten, die
sonst nur der Jäger begangen hat.
Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im wesentlichen eins
sind. Entweder die Zensur richtet sich nur gegen den Zusammenhang
zweier Gedanken, die voneinander losgelöst, dem Einspruch entgehen.
Dann treten die beiden Gedanken nacheinander ins Bewußtsein; ihr
Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt uns eine oberflächliche
Verknüpfung zwischen beiden ein, an die wir sonst nicht gedacht hätten,
und die in der Regel an einer anderen Ecke des Vorstellungskomplexes
ansetzt, als von welcher die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung
ausgeht. Oder aber, beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres
Inhaltes der Zensur; dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in
Page 502
modifizierter, ersetzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so
gewählt, daß sie durch eine oberflächliche Assoziation die wesentliche
Verbindung wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. U n t e r
dem Drucke der Zensur hat hier in beiden Fällen
eine Ve r s c h i e b u n g stattgefunden von einer
normalen, ernsthaften Assoziation auf eine
oberflächliche, absurd erscheinende.
Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns bei der
Traumdeutung auch den oberflächlichen Assoziationen ganz ohne
Bedenken an(229).
Rechtfertigung der Deutungstechnik.
Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten
Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an verborgene
Zielvorstellungen übergeht und daß oberflächliche Assoziationen nur ein
Verschiebungsersatz sind für unterdrückte, tiefergehende, macht die
Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten Gebrauch; ja, sie erhebt die
beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer Technik. Wenn ich einem Patienten
auftrage, alles Nachdenken fahren zu lassen und mir zu berichten, was
immer ihm dann in den Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest,
daß er die Zielvorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und
halte mich für berechtigt, zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste und
Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
Krankheitszustand steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung sowie der
eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört demnach in die
Darstellung der psychoanalytischen Technik als therapeutischen Methode.
Wir haben hier einen der Anschlüsse erreicht, bei denen wir das Thema der
Traumdeutung vorsätzlich fallen lassen(230).
Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen bestehen,
nämlich daß wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch in die
nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen ja beim Deuten
im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen zu den
Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den umgekehrten Weg
genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, daß diese Wege in
gewählt, daß sie durch eine oberflächliche Assoziation die wesentliche
Verbindung wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. U n t e r
dem Drucke der Zensur hat hier in beiden Fällen
eine Ve r s c h i e b u n g stattgefunden von einer
normalen, ernsthaften Assoziation auf eine
oberflächliche, absurd erscheinende.
Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns bei der
Traumdeutung auch den oberflächlichen Assoziationen ganz ohne
Bedenken an(229).
Rechtfertigung der Deutungstechnik.
Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten
Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an verborgene
Zielvorstellungen übergeht und daß oberflächliche Assoziationen nur ein
Verschiebungsersatz sind für unterdrückte, tiefergehende, macht die
Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten Gebrauch; ja, sie erhebt die
beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer Technik. Wenn ich einem Patienten
auftrage, alles Nachdenken fahren zu lassen und mir zu berichten, was
immer ihm dann in den Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest,
daß er die Zielvorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und
halte mich für berechtigt, zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste und
Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
Krankheitszustand steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung sowie der
eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört demnach in die
Darstellung der psychoanalytischen Technik als therapeutischen Methode.
Wir haben hier einen der Anschlüsse erreicht, bei denen wir das Thema der
Traumdeutung vorsätzlich fallen lassen(230).
Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen bestehen,
nämlich daß wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch in die
nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen ja beim Deuten
im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen zu den
Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den umgekehrten Weg
genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, daß diese Wege in
Page 503
umgekehrter Richtung gangbar sind. Es erweist sich vielmehr, daß wir bei
Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte führen, welche die
Zwischengedanken und die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener
Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des
Tages in die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die
Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und
ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Kollateralen aber, die wir so bei
Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur
den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen.
b) D i e R e g r e s s i o n.
Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen, dürfen
wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Untersuchungen
einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir stellen die
Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zusammen. Der Traum
ist ein vollwichtiger psychischer Akt; seine Triebkraft ist allemal ein zu
erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit als Wunsch und seine vielen
Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von dem Einfluß der psychischen
Zensur her, den er bei der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich
dieser Zensur zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine
Nötigung zur Verdichtung des psychischen Materials, eine Rücksicht auf
Darstellbarkeit in Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmäßig – eine
Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Äußeres des Traumgebildes.
Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen Postulaten
und Mutmaßungen; die gegenseitige Beziehung des Wunschmotivs und der
vier Bedingungen sowie dieser untereinander ist zu untersuchen; der Traum
ist in den Zusammenhang des Seelenlebens einzureihen.
Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes gestellt, um uns
an die Rätsel zu mahnen, deren Lösung noch aussteht. Die Deutung dieses
Traumes vom brennenden Kinde bereitete uns keine Schwierigkeiten,
wenngleich sie nicht in unserem Sinne vollständig gegeben war. Wir fragten
uns, warum hier überhaupt geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und
erkannten als das eine Motiv des Träumens den Wunsch, das Kind als
Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte führen, welche die
Zwischengedanken und die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener
Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des
Tages in die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die
Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und
ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Kollateralen aber, die wir so bei
Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur
den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen.
b) D i e R e g r e s s i o n.
Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen, dürfen
wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Untersuchungen
einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir stellen die
Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zusammen. Der Traum
ist ein vollwichtiger psychischer Akt; seine Triebkraft ist allemal ein zu
erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit als Wunsch und seine vielen
Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von dem Einfluß der psychischen
Zensur her, den er bei der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich
dieser Zensur zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine
Nötigung zur Verdichtung des psychischen Materials, eine Rücksicht auf
Darstellbarkeit in Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmäßig – eine
Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Äußeres des Traumgebildes.
Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen Postulaten
und Mutmaßungen; die gegenseitige Beziehung des Wunschmotivs und der
vier Bedingungen sowie dieser untereinander ist zu untersuchen; der Traum
ist in den Zusammenhang des Seelenlebens einzureihen.
Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes gestellt, um uns
an die Rätsel zu mahnen, deren Lösung noch aussteht. Die Deutung dieses
Traumes vom brennenden Kinde bereitete uns keine Schwierigkeiten,
wenngleich sie nicht in unserem Sinne vollständig gegeben war. Wir fragten
uns, warum hier überhaupt geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und
erkannten als das eine Motiv des Träumens den Wunsch, das Kind als
Page 504
lebend vorzustellen. Daß noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt,
werden wir nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist
es die Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des Schlafens in
einen Traum verwandelt wurde.
Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter übrig,
welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens voneinander
scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen Schein aus dem
Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine Kerze umgefallen und
das Kind brennt! Der Traum gibt das Resultat dieser Überlegung
unverändert wieder, aber dargestellt in einer Situation, die gegenwärtig und
mit den Sinnen wie ein Erlebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber
der allgemeinste und auffälligste psychologische Charakter des Träumens;
ein Gedanke, in der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, als
Szene dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.
Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der
Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in den
Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?
Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Erscheinungsform
des Traumes zwei voneinander fast unabhängige Charaktere ausgeprägt
sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Situation mit
Weglassung des »vielleicht«; der andere die Umsetzung des Gedankens in
visuelle Bilder und in Rede.
Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren, daß
die in ihnen ausgedrückte Erwartung ins Präsens gesetzt wird, scheint
vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es hängt dies mit
der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der Wunscherfüllung in
diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen anderen Traum vor, in dem
sich der Traumwunsch nicht von der Fortsetzung der Wachgedanken in den
Schlaf absondert, z. B. den von Irmas Injektion. Hier ist der zur Darstellung
gelangende Traumgedanke ein Optativ: Wenn doch der Otto an der
Krankheit Irmas schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und
ersetzt ihn durch ein simples Präsens. Ja, Otto ist schuld an der Krankheit
Irmas. Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch der
entstellungsfreie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser
ersten Eigentümlichkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange
werden wir nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist
es die Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des Schlafens in
einen Traum verwandelt wurde.
Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter übrig,
welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens voneinander
scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen Schein aus dem
Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine Kerze umgefallen und
das Kind brennt! Der Traum gibt das Resultat dieser Überlegung
unverändert wieder, aber dargestellt in einer Situation, die gegenwärtig und
mit den Sinnen wie ein Erlebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber
der allgemeinste und auffälligste psychologische Charakter des Träumens;
ein Gedanke, in der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, als
Szene dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.
Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der
Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in den
Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?
Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Erscheinungsform
des Traumes zwei voneinander fast unabhängige Charaktere ausgeprägt
sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Situation mit
Weglassung des »vielleicht«; der andere die Umsetzung des Gedankens in
visuelle Bilder und in Rede.
Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren, daß
die in ihnen ausgedrückte Erwartung ins Präsens gesetzt wird, scheint
vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es hängt dies mit
der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der Wunscherfüllung in
diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen anderen Traum vor, in dem
sich der Traumwunsch nicht von der Fortsetzung der Wachgedanken in den
Schlaf absondert, z. B. den von Irmas Injektion. Hier ist der zur Darstellung
gelangende Traumgedanke ein Optativ: Wenn doch der Otto an der
Krankheit Irmas schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und
ersetzt ihn durch ein simples Präsens. Ja, Otto ist schuld an der Krankheit
Irmas. Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch der
entstellungsfreie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser
ersten Eigentümlichkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange
Page 505
aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewußte Phantasie,
auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt ebenso verfährt. Wenn
D a u d e t s M r . J o y e u s e beschäftigungslos durch die Straßen von Paris
irrt, während seine Töchter glauben müssen, er habe eine Anstellung und
sitze in seinem Bureau, so träumt er von den Vorfällen, die ihm zur
Protektion und zu einer Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens.
Der Traum gebraucht also das Präsens in derselben Weise und mit
demselben Rechte wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in
welcher der Wunsch als erfüllt dargestellt wird.
Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigentümlich ist
aber der zweite Charakter, daß der Vorstellungsinhalt nicht gedacht, sondern
in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen man dann Glauben schenkt, und
die man zu erleben meint. Fügen wir gleich hinzu, daß nicht alle Träume die
Umwandlung von Vorstellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur
aus Gedanken bestehen; denen man die Wesenheit der Träume darum doch
nicht bestreiten wird. Mein Traum: »A u t o d i d a s k e r – die
Tagesphantasie mit Professor N.« ist ein solcher, in den sich kaum mehr
sinnliche Elemente einmengen, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht
hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traume Elemente, welche die
Umwandlung ins Sinnliche nicht mitgemacht haben, die einfach gedacht
oder gewußt werden, wie wir’s vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner
wollen wir gleich hier daran denken, daß solche Verwandlung von
Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern
ebenso der Halluzination, den Visionen, die etwa selbständig in der
Gesundheit auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die
Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung eine
ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß dieser Charakter des Traumes,
wo er vorkommt, uns als der bemerkenswerteste erscheint, so daß wir ihn
nicht aus dem Traumleben weggenommen denken könnten. Sein
Verständnis erfordert aber weitausgreifende Erörterungen.
F e c h n e r s Idee einer psychischen Lokalität.
Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche man bei
den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfenswert hervorheben.
Der große G. Th. F e c h n e r spricht in seiner Psychophysik (II. Teil,
auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt ebenso verfährt. Wenn
D a u d e t s M r . J o y e u s e beschäftigungslos durch die Straßen von Paris
irrt, während seine Töchter glauben müssen, er habe eine Anstellung und
sitze in seinem Bureau, so träumt er von den Vorfällen, die ihm zur
Protektion und zu einer Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens.
Der Traum gebraucht also das Präsens in derselben Weise und mit
demselben Rechte wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in
welcher der Wunsch als erfüllt dargestellt wird.
Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigentümlich ist
aber der zweite Charakter, daß der Vorstellungsinhalt nicht gedacht, sondern
in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen man dann Glauben schenkt, und
die man zu erleben meint. Fügen wir gleich hinzu, daß nicht alle Träume die
Umwandlung von Vorstellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur
aus Gedanken bestehen; denen man die Wesenheit der Träume darum doch
nicht bestreiten wird. Mein Traum: »A u t o d i d a s k e r – die
Tagesphantasie mit Professor N.« ist ein solcher, in den sich kaum mehr
sinnliche Elemente einmengen, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht
hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traume Elemente, welche die
Umwandlung ins Sinnliche nicht mitgemacht haben, die einfach gedacht
oder gewußt werden, wie wir’s vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner
wollen wir gleich hier daran denken, daß solche Verwandlung von
Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern
ebenso der Halluzination, den Visionen, die etwa selbständig in der
Gesundheit auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die
Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung eine
ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß dieser Charakter des Traumes,
wo er vorkommt, uns als der bemerkenswerteste erscheint, so daß wir ihn
nicht aus dem Traumleben weggenommen denken könnten. Sein
Verständnis erfordert aber weitausgreifende Erörterungen.
F e c h n e r s Idee einer psychischen Lokalität.
Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche man bei
den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfenswert hervorheben.
Der große G. Th. F e c h n e r spricht in seiner Psychophysik (II. Teil,
Page 506
p. 520) im Zusammenhange einiger Erörterungen, die er dem Traume
widmet, die Vermutung aus, daß d e r S c h a u p l a t z d e r T r ä u m e
ein anderer sei als der des wachen
Vo r s t e l l u n g s l e b e n s. Keine andere Annahme gestatte es, die
besonderen Eigentümlichkeiten des Traumlebens zu begreifen.
Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
p s y c h i s c h e n L o k a l i t ä t. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß der
seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als anatomisches
Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig aus dem Wege
gehen, die psychische Lokalität etwa anatomisch zu bestimmen. Wir
bleiben auf psychologischem Boden und gedenken nur der Aufforderung zu
folgen, daß wir uns das Instrument, welches den Seelenleistungen dient,
vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes Mikroskop, einen
photographischen Apparat u. dgl. Die psychische Lokalität entspricht dann
einem Orte, innerhalb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen
des Bildes zu stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies
bekanntlich zum Teil ideelle Örtlichkeiten, Gegenden, in denen kein
greifbarer Bestandteil des Apparates gelegen ist. Für die
Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu
erbitten, halte ich für überflüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei
einem Versuch unterstützen, der es unternimmt, uns die Komplikation der
psychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung
zerlegen und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparates
zuweisen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes
aus solcher Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens noch nicht gewagt
worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren
Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles Urteil
bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir nichts anderes
benötigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung an etwas
Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten Annahmen
zunächst allen anderen vorziehen.
Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein
zusammengesetztes Instrument, dessen Bestandteile wir I n s t a n z e n oder
der Anschaulichkeit zuliebe S y s t e m e heißen wollen. Dann bilden wir die
Erwartung, daß diese Systeme vielleicht eine konstante räumliche
Orientierung gegeneinander haben, etwa wie die verschiedenen
widmet, die Vermutung aus, daß d e r S c h a u p l a t z d e r T r ä u m e
ein anderer sei als der des wachen
Vo r s t e l l u n g s l e b e n s. Keine andere Annahme gestatte es, die
besonderen Eigentümlichkeiten des Traumlebens zu begreifen.
Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
p s y c h i s c h e n L o k a l i t ä t. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß der
seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als anatomisches
Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig aus dem Wege
gehen, die psychische Lokalität etwa anatomisch zu bestimmen. Wir
bleiben auf psychologischem Boden und gedenken nur der Aufforderung zu
folgen, daß wir uns das Instrument, welches den Seelenleistungen dient,
vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes Mikroskop, einen
photographischen Apparat u. dgl. Die psychische Lokalität entspricht dann
einem Orte, innerhalb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen
des Bildes zu stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies
bekanntlich zum Teil ideelle Örtlichkeiten, Gegenden, in denen kein
greifbarer Bestandteil des Apparates gelegen ist. Für die
Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu
erbitten, halte ich für überflüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei
einem Versuch unterstützen, der es unternimmt, uns die Komplikation der
psychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung
zerlegen und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparates
zuweisen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes
aus solcher Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens noch nicht gewagt
worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren
Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles Urteil
bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir nichts anderes
benötigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung an etwas
Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten Annahmen
zunächst allen anderen vorziehen.
Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein
zusammengesetztes Instrument, dessen Bestandteile wir I n s t a n z e n oder
der Anschaulichkeit zuliebe S y s t e m e heißen wollen. Dann bilden wir die
Erwartung, daß diese Systeme vielleicht eine konstante räumliche
Orientierung gegeneinander haben, etwa wie die verschiedenen
Page 507
Linsensysteme des Fernrohres hintereinander stehen. Streng genommen
brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung der
psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn eine feste
Reihenfolge dadurch hergestellt wird, daß bei gewissen psychischen
Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen Folge von der
Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei anderen Vorgängen
eine Abänderung erfahren; eine solche Möglichkeit wollen wir uns offen
lassen. Von den Bestandteilen des Apparates wollen wir von nun an der
Kürze halber als »Ψ-Systeme« sprechen.
Das erste, was uns auffällt, ist nun, daß dieser aus Ψ-Systemen
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
Tätigkeit geht von (inneren oder äußeren) Reizen aus und endigt in
Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und ein
motorisches Ende zu; an dem sensiblen Ende befindet sich ein System,
welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen Ende ein anderes,
welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der psychische Vorgang
verläuft im allgemeinen vom Wahrnehmungsende zum Motilitätsende. Das
allgemeinste Schema des psychischen Apparates hätte also folgendes
Ansehen:
brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung der
psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn eine feste
Reihenfolge dadurch hergestellt wird, daß bei gewissen psychischen
Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen Folge von der
Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei anderen Vorgängen
eine Abänderung erfahren; eine solche Möglichkeit wollen wir uns offen
lassen. Von den Bestandteilen des Apparates wollen wir von nun an der
Kürze halber als »Ψ-Systeme« sprechen.
Das erste, was uns auffällt, ist nun, daß dieser aus Ψ-Systemen
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
Tätigkeit geht von (inneren oder äußeren) Reizen aus und endigt in
Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und ein
motorisches Ende zu; an dem sensiblen Ende befindet sich ein System,
welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen Ende ein anderes,
welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der psychische Vorgang
verläuft im allgemeinen vom Wahrnehmungsende zum Motilitätsende. Das
allgemeinste Schema des psychischen Apparates hätte also folgendes
Ansehen:
Page 508
Fig. 1.
Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten Forderung, der
psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflexapparat. Der
Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen Leistung.
Ein Schema des seelischen Apparates.
Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste Differenzierung
eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns herankommen,
verbleibt in unserem psychischen Apparat eine Spur, die wir
»E r i n n e r u n g s s p u r« heißen können. Die Funktion, die sich auf diese
Erinnerungsspur bezieht, heißen wir ja Gedächtnis. Wenn wir Ernst mit dem
Vorsatze machen, die psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so
kann die Erinnerungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den
Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer Seite
ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und dasselbe
System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewahren und doch
neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch und aufnahmsfähig
entgegentreten soll. Nach dem Prinzip, das unseren Versuch leitet, werden
wir also diese beiden Leistungen auf verschiedene Systeme verteilen. Wir
nehmen an, daß ein vorderstes System des Apparates die
Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein
Gedächtnis hat, und daß hinter diesem ein zweites System liegt, welches die
Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten Forderung, der
psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflexapparat. Der
Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen Leistung.
Ein Schema des seelischen Apparates.
Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste Differenzierung
eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns herankommen,
verbleibt in unserem psychischen Apparat eine Spur, die wir
»E r i n n e r u n g s s p u r« heißen können. Die Funktion, die sich auf diese
Erinnerungsspur bezieht, heißen wir ja Gedächtnis. Wenn wir Ernst mit dem
Vorsatze machen, die psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so
kann die Erinnerungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den
Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer Seite
ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und dasselbe
System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewahren und doch
neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch und aufnahmsfähig
entgegentreten soll. Nach dem Prinzip, das unseren Versuch leitet, werden
wir also diese beiden Leistungen auf verschiedene Systeme verteilen. Wir
nehmen an, daß ein vorderstes System des Apparates die
Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein
Gedächtnis hat, und daß hinter diesem ein zweites System liegt, welches die
Page 509
momentane Erregung des ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies
das Bild unseres psychischen Apparates (Fig. 2):
Fig. 2.
Es ist bekannt, daß wir von den Wahrnehmungen, die auf System W
einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als den Inhalt
derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch als im Gedächtnisse
miteinander verknüpft und zwar vor allem nach ihrem einstigen
Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heißen das die Tatsache der
A s s o z i a t i o n. Es ist nun klar, wenn das W-System überhaupt kein
Gedächtnis hat, daß es auch die Spuren für die Assoziation nicht
aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente wären in ihrer Funktion
unerträglich behindert, wenn sich gegen eine neue Wahrnehmung ein Rest
früherer Verknüpfung geltend machen würde. Wir müssen also als die
Grundlage der Assoziation vielmehr die Erinnerungssysteme annehmen.
Die Tatsache der Assoziation besteht dann darin, daß infolge von
Widerstandsverringerungen und Bahnungen von einem der Er-Elemente die
Erregung sich eher nach einem zweiten als nach einem dritten Er-Element
fortpflanzt.
Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht eines,
sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen dieselbe, durch
die W-Elemente fortgepflanzte Erregung eine verschiedenartige Fixierung
erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird jedenfalls die Fixierung der
Assoziation durch Gleichzeitigkeit enthalten, in den weiter entfernt
liegenden wird dasselbe Erregungsmaterial nach anderen Arten des
das Bild unseres psychischen Apparates (Fig. 2):
Fig. 2.
Es ist bekannt, daß wir von den Wahrnehmungen, die auf System W
einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als den Inhalt
derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch als im Gedächtnisse
miteinander verknüpft und zwar vor allem nach ihrem einstigen
Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heißen das die Tatsache der
A s s o z i a t i o n. Es ist nun klar, wenn das W-System überhaupt kein
Gedächtnis hat, daß es auch die Spuren für die Assoziation nicht
aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente wären in ihrer Funktion
unerträglich behindert, wenn sich gegen eine neue Wahrnehmung ein Rest
früherer Verknüpfung geltend machen würde. Wir müssen also als die
Grundlage der Assoziation vielmehr die Erinnerungssysteme annehmen.
Die Tatsache der Assoziation besteht dann darin, daß infolge von
Widerstandsverringerungen und Bahnungen von einem der Er-Elemente die
Erregung sich eher nach einem zweiten als nach einem dritten Er-Element
fortpflanzt.
Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht eines,
sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen dieselbe, durch
die W-Elemente fortgepflanzte Erregung eine verschiedenartige Fixierung
erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird jedenfalls die Fixierung der
Assoziation durch Gleichzeitigkeit enthalten, in den weiter entfernt
liegenden wird dasselbe Erregungsmaterial nach anderen Arten des
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Zusammentreffens angeordnet sein, so daß etwa Beziehungen der
Ähnlichkeit, u. a. durch diese späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre
natürlich müßig, die psychische Bedeutung eines solchen Systems in
Worten angeben zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der
Innigkeit seiner Beziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmaterials,
das heißt, wenn wir auf eine tiefergreifende Theorie hinweisen wollen, in
den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.
Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeutsames
hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches keine
Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Gedächtnis, ergibt
für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltigkeit der sinnlichen Qualitäten.
Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten
nicht ausgenommen, an sich unbewußt. Sie können bewußt gemacht
werden; es ist aber kein Zweifel, daß sie im unbewußten Zustand alle ihre
Wirkungen entfalten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den
Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke,
die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche,
die fast nie bewußt werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so
zeigen sie keine sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im
Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen, daß
Gedächtnis und Qualität für das Bewußtsein an den
Ψ - S y s t e m e n e i n a n d e r a u s s c h l i e ß e n, so eröffnete sich in die
Bedingungen der Neuronerregung ein vielversprechender Einblick.
Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen Apparates
am sensiblen Ende angenommen haben, erfolgte ohne Rücksicht auf den
Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen Aufklärungen. Für die
Erkenntnis eines anderen Stückes des Apparates wird uns aber der Traum
zur Beweisquelle. Wir haben gesehen, daß es uns unmöglich wurde, die
Traumbildung zu erklären, wenn wir nicht die Annahmen zweier
psychischen Instanzen wagen wollten, von denen die eine die Tätigkeit der
anderen einer Kritik unterzieht, als deren Folge sich die Ausschließung vom
Bewußtwerden ergibt.
Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere
Beziehungen zum Bewußtsein als die kritisierte. Sie steht zwischen dieser
und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben ferner Anhaltspunkte
gefunden, die kritisierende Instanz mit dem zu identifizieren, was unser
Ähnlichkeit, u. a. durch diese späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre
natürlich müßig, die psychische Bedeutung eines solchen Systems in
Worten angeben zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der
Innigkeit seiner Beziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmaterials,
das heißt, wenn wir auf eine tiefergreifende Theorie hinweisen wollen, in
den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.
Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeutsames
hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches keine
Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Gedächtnis, ergibt
für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltigkeit der sinnlichen Qualitäten.
Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten
nicht ausgenommen, an sich unbewußt. Sie können bewußt gemacht
werden; es ist aber kein Zweifel, daß sie im unbewußten Zustand alle ihre
Wirkungen entfalten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den
Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke,
die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche,
die fast nie bewußt werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so
zeigen sie keine sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im
Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen, daß
Gedächtnis und Qualität für das Bewußtsein an den
Ψ - S y s t e m e n e i n a n d e r a u s s c h l i e ß e n, so eröffnete sich in die
Bedingungen der Neuronerregung ein vielversprechender Einblick.
Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen Apparates
am sensiblen Ende angenommen haben, erfolgte ohne Rücksicht auf den
Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen Aufklärungen. Für die
Erkenntnis eines anderen Stückes des Apparates wird uns aber der Traum
zur Beweisquelle. Wir haben gesehen, daß es uns unmöglich wurde, die
Traumbildung zu erklären, wenn wir nicht die Annahmen zweier
psychischen Instanzen wagen wollten, von denen die eine die Tätigkeit der
anderen einer Kritik unterzieht, als deren Folge sich die Ausschließung vom
Bewußtwerden ergibt.
Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere
Beziehungen zum Bewußtsein als die kritisierte. Sie steht zwischen dieser
und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben ferner Anhaltspunkte
gefunden, die kritisierende Instanz mit dem zu identifizieren, was unser
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waches Leben lenkt und über unser willkürliches, bewußtes Handeln
entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen im Sinne unserer Annahmen
durch Systeme, so wird durch die letzterwähnte Erkenntnis das kritisierende
System ans motorische Ende gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in
unser Schema ein und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre
Beziehung zum Bewußtsein aus.
Fig. 3.
Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir das
Vo r b e w u ß t e, um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in demselben
ohne weitere Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen können, falls noch
gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung einer gewissen
Intensität, eine gewisse Verteilung jener Funktion, die man Aufmerksamkeit
zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleichzeitig das System, welches die
Schlüssel zur willkürlichen Motilität inne hat. Das System dahinter heißen
wir das U n b e w u ß t e, weil es keinen Zugang zum Bewußtsein hat,
a u ß e r d u r c h d a s Vo r b e w u ß t e, bei welchem Durchgang sein
Erregungsvorgang sich Abänderungen gefallen lassen muß.
In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoß zur
Traumbildung? Der Vereinfachung zuliebe in das System Ubw. Wir werden
zwar in späteren Erörterungen hören, daß dies nicht ganz richtig ist, daß die
Traumbildung genötigt ist, an Traumgedanken anzuknüpfen, die dem
System des Vorbewußten angehören. Wir werden aber auch an anderer
Stelle, wenn wir vom Traumwunsche handeln, erfahren, daß die Triebkraft
für den Traum vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren
entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen im Sinne unserer Annahmen
durch Systeme, so wird durch die letzterwähnte Erkenntnis das kritisierende
System ans motorische Ende gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in
unser Schema ein und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre
Beziehung zum Bewußtsein aus.
Fig. 3.
Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir das
Vo r b e w u ß t e, um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in demselben
ohne weitere Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen können, falls noch
gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung einer gewissen
Intensität, eine gewisse Verteilung jener Funktion, die man Aufmerksamkeit
zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleichzeitig das System, welches die
Schlüssel zur willkürlichen Motilität inne hat. Das System dahinter heißen
wir das U n b e w u ß t e, weil es keinen Zugang zum Bewußtsein hat,
a u ß e r d u r c h d a s Vo r b e w u ß t e, bei welchem Durchgang sein
Erregungsvorgang sich Abänderungen gefallen lassen muß.
In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoß zur
Traumbildung? Der Vereinfachung zuliebe in das System Ubw. Wir werden
zwar in späteren Erörterungen hören, daß dies nicht ganz richtig ist, daß die
Traumbildung genötigt ist, an Traumgedanken anzuknüpfen, die dem
System des Vorbewußten angehören. Wir werden aber auch an anderer
Stelle, wenn wir vom Traumwunsche handeln, erfahren, daß die Triebkraft
für den Traum vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren
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Momentes wollen wir das unbewußte System als den Ausgangspunkt der
Traumbildung annehmen. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen
Gedankenbildungen das Bestreben äußern, sich ins Vbw fortzusetzen und
von diesem aus den Zugang zum Bewußtsein zu gewinnen.
Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber dieser Weg,
der durchs Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch die Widerstandszensur
verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den Zugang zum Bewußtsein; aber
es erhebt sich die Frage, auf welchem Wege und dank welcher Veränderung.
Würde dies den Traumgedanken dadurch ermöglicht, daß nachts der
Widerstand absinkt, der an der Grenze zwischen Unbewußten und
Vorbewußten wacht, so bekämen wir Träume in dem Material unserer
Vorstellungen, die nicht den halluzinatorischen Charakter zeigten, der uns
jetzt interessiert.
Das Absinken der Zensur zwischen den beiden Systemen Ubw und Vbw
kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie A u t o d i d a s k e r,
aber nicht Träume wie den vom b r e n n e n d e n K i n d e, den wir uns als
Problem an den Eingang dieser Untersuchungen gestellt haben.
Die Richtung des Erregungsablaufes.
Was im halluzinatorischen Traume vor sich geht, können wir nicht
anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt einen
r ü c k l ä u f i g e n Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des Apparates
pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schließlich beim System
der Wahrnehmungen an. Heißen wir die Richtung, nach welcher sich der
psychische Vorgang aus dem Unbewußten im Wachen fortsetzt, die
p r o g r e d i e n t e, so dürfen wir vom Traume aussagen, er habe
r e g r e d i e n t e n Charakter(231).
Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten
psychologischen Eigentümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir dürfen
nicht vergessen, daß sie den Träumen nicht allein zukommt. Auch das
absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge unseres normalen Denkens
entsprechen einem Rückschreiten im psychischen Apparat von irgend
welchem komplexen Vorstellungsakt auf das Rohmaterial der
Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des Wachens aber
reicht dieses Zurückgreifen niemals über die Erinnerungsbilder hinaus; es
Traumbildung annehmen. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen
Gedankenbildungen das Bestreben äußern, sich ins Vbw fortzusetzen und
von diesem aus den Zugang zum Bewußtsein zu gewinnen.
Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber dieser Weg,
der durchs Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch die Widerstandszensur
verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den Zugang zum Bewußtsein; aber
es erhebt sich die Frage, auf welchem Wege und dank welcher Veränderung.
Würde dies den Traumgedanken dadurch ermöglicht, daß nachts der
Widerstand absinkt, der an der Grenze zwischen Unbewußten und
Vorbewußten wacht, so bekämen wir Träume in dem Material unserer
Vorstellungen, die nicht den halluzinatorischen Charakter zeigten, der uns
jetzt interessiert.
Das Absinken der Zensur zwischen den beiden Systemen Ubw und Vbw
kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie A u t o d i d a s k e r,
aber nicht Träume wie den vom b r e n n e n d e n K i n d e, den wir uns als
Problem an den Eingang dieser Untersuchungen gestellt haben.
Die Richtung des Erregungsablaufes.
Was im halluzinatorischen Traume vor sich geht, können wir nicht
anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt einen
r ü c k l ä u f i g e n Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des Apparates
pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schließlich beim System
der Wahrnehmungen an. Heißen wir die Richtung, nach welcher sich der
psychische Vorgang aus dem Unbewußten im Wachen fortsetzt, die
p r o g r e d i e n t e, so dürfen wir vom Traume aussagen, er habe
r e g r e d i e n t e n Charakter(231).
Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten
psychologischen Eigentümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir dürfen
nicht vergessen, daß sie den Träumen nicht allein zukommt. Auch das
absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge unseres normalen Denkens
entsprechen einem Rückschreiten im psychischen Apparat von irgend
welchem komplexen Vorstellungsakt auf das Rohmaterial der
Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des Wachens aber
reicht dieses Zurückgreifen niemals über die Erinnerungsbilder hinaus; es
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vermag die halluzinatorische Belebung der Wahrnehmungsbilder nicht zu
erzeugen. Warum ist dies im Traume anders? Als wir von der
Verdichtungsarbeit des Traumes sprachen, konnten wir der Annahme nicht
ausweichen, daß durch die Traumarbeit die an den Vorstellungen haftenden
Intensitäten von einer zur anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich
ist es diese Abänderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es
ermöglicht, das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in
umgekehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.
Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite dieser
Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes getan, als für ein nicht
zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben. Wir heißen es Regression,
wenn sich im Traume die Vorstellung in das sinnliche Bild rückverwandelt,
aus dem sie irgend einmal hervorgegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt
aber Rechtfertigung. Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues
lehrt? Nun ich meine, der Name »Regression« dient uns insofern, als er die
uns bekannte Tatsache an das Schema des mit einer Richtung versehenen
seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber zum
erstenmal, ein solches Schema aufgestellt zu haben.
Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns ohne
neue Überlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich werden. Wenn
wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des von uns
angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt sich uns ohne
weiteres die empirisch festgestellte Tatsache, daß alle Denkrelationen der
Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren gehen oder nur mühseligen
Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind nach unserem Schema nicht in
den ersten Er-Systemen, sondern in weiter nach vorn liegenden enthalten
und müssen bei der Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren
Ausdruck einbüßen. D a s G e f ü g e d e r T r a u m g e d a n k e n w i r d
bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.
Hysterische Regression, Visionen.
Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermutungen bewenden
lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den Energiebesetzungen der
einzelnen Systeme handeln, durch welche sie wegsamer oder unwegsamer
erzeugen. Warum ist dies im Traume anders? Als wir von der
Verdichtungsarbeit des Traumes sprachen, konnten wir der Annahme nicht
ausweichen, daß durch die Traumarbeit die an den Vorstellungen haftenden
Intensitäten von einer zur anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich
ist es diese Abänderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es
ermöglicht, das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in
umgekehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.
Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite dieser
Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes getan, als für ein nicht
zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben. Wir heißen es Regression,
wenn sich im Traume die Vorstellung in das sinnliche Bild rückverwandelt,
aus dem sie irgend einmal hervorgegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt
aber Rechtfertigung. Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues
lehrt? Nun ich meine, der Name »Regression« dient uns insofern, als er die
uns bekannte Tatsache an das Schema des mit einer Richtung versehenen
seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber zum
erstenmal, ein solches Schema aufgestellt zu haben.
Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns ohne
neue Überlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich werden. Wenn
wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des von uns
angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt sich uns ohne
weiteres die empirisch festgestellte Tatsache, daß alle Denkrelationen der
Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren gehen oder nur mühseligen
Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind nach unserem Schema nicht in
den ersten Er-Systemen, sondern in weiter nach vorn liegenden enthalten
und müssen bei der Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren
Ausdruck einbüßen. D a s G e f ü g e d e r T r a u m g e d a n k e n w i r d
bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.
Hysterische Regression, Visionen.
Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermutungen bewenden
lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den Energiebesetzungen der
einzelnen Systeme handeln, durch welche sie wegsamer oder unwegsamer
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für den Ablauf der Erregung werden; aber in jedem derartigen Apparat
könnte der nämliche Effekt für den Weg der Erregung durch mehr als eine
Art von solchen Abänderungen zu stande gebracht werden. Man denkt
natürlich sofort an den Schlafzustand und an Besetzungsänderungen, die er
am sensiblen Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine
kontinuierlich laufende Strömung von dem Ψ-System der W her zur
Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rückströmung der
Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies die »Abschließung
von der Außenwelt«, welche in der Theorie einiger Autoren die
psychologischen Charaktere des Traumes aufklären soll (vgl. p. 38). Indes
wird man bei der Erklärung der Regression des Traumes Rücksicht auf jene
anderen Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen
zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich die eben gegebene
Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununterbrochenen
sensiblen Strömung in progredienter Richtung.
Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie
tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte Gedanken
sind, und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung erfahren, welche mit
unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerungen im intimen
Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner jüngsten Hysteriker, ein
zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen gehindert durch »g r ü n e
G e s i c h t e r m i t r o t e n A u g e n«, vor denen er sich entsetzt. Quelle
dieser Erscheinung ist die unterdrückte, aber einstens bewußte Erinnerung
an einen Knaben, den er vor vier Jahren oftmals sah, und der ihm ein
abschreckendes Bild vieler Kinderunarten bot, darunter auch jener der
Onanie, aus der er sich selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die
Mama hatte damals bemerkt, daß der ungezogene Junge eine g r ü n l i c h e
Gesichtsfarbe habe und r o t e ( d . h . r o t g e r ä n d e r t e ) A u g e n.
Daher das Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
andere Vorhersage der Mama zu erinnern, daß solche Jungen blödsinnig
werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben. Unser
kleiner Patient läßt den einen Teil der Prophezeiung eintreffen; er kommt im
Gymnasium nicht weiter und fürchtet sich, wie das Verhör seiner
ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten Teile. Die
Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, daß er schläft, seine
könnte der nämliche Effekt für den Weg der Erregung durch mehr als eine
Art von solchen Abänderungen zu stande gebracht werden. Man denkt
natürlich sofort an den Schlafzustand und an Besetzungsänderungen, die er
am sensiblen Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine
kontinuierlich laufende Strömung von dem Ψ-System der W her zur
Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rückströmung der
Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies die »Abschließung
von der Außenwelt«, welche in der Theorie einiger Autoren die
psychologischen Charaktere des Traumes aufklären soll (vgl. p. 38). Indes
wird man bei der Erklärung der Regression des Traumes Rücksicht auf jene
anderen Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen
zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich die eben gegebene
Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununterbrochenen
sensiblen Strömung in progredienter Richtung.
Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie
tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte Gedanken
sind, und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung erfahren, welche mit
unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerungen im intimen
Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner jüngsten Hysteriker, ein
zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen gehindert durch »g r ü n e
G e s i c h t e r m i t r o t e n A u g e n«, vor denen er sich entsetzt. Quelle
dieser Erscheinung ist die unterdrückte, aber einstens bewußte Erinnerung
an einen Knaben, den er vor vier Jahren oftmals sah, und der ihm ein
abschreckendes Bild vieler Kinderunarten bot, darunter auch jener der
Onanie, aus der er sich selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die
Mama hatte damals bemerkt, daß der ungezogene Junge eine g r ü n l i c h e
Gesichtsfarbe habe und r o t e ( d . h . r o t g e r ä n d e r t e ) A u g e n.
Daher das Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
andere Vorhersage der Mama zu erinnern, daß solche Jungen blödsinnig
werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben. Unser
kleiner Patient läßt den einen Teil der Prophezeiung eintreffen; er kommt im
Gymnasium nicht weiter und fürchtet sich, wie das Verhör seiner
ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten Teile. Die
Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, daß er schläft, seine
Page 515
Ängstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit einem Vorzugszeugnis
abschließt.
Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine
40 jährige Hysterika aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines Morgens
schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im Zimmer, der sich doch,
wie sie weiß, in der Irrenanstalt befindet. Ihr kleiner Sohn schläft im Bette
neben ihr. Damit das Kind nicht e r s c h r i c k t u n d i n K r ä m p f e
v e r f ä l l t, wenn es den O n k e l sieht, zieht sie die B e t t d e c k e über
dasselbe, und dann verschwindet die Erscheinung. Die Vision ist die
Umarbeitung einer Kindererinnerung der Dame, die zwar bewußt war, aber
mit allem unbewußten Material in ihrem Innern in intimster Beziehung
stand. Ihre Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß die sehr früh verstorbene Mutter
(Pat. war zur Zeit des Todesfalles erst 1½ Jahre alt) an epileptischen oder
hysterischen K r ä m p f e n gelitten hatte, und zwar seit einem Schreck, den
ihr der Bruder (der O n k e l meiner Patientin) dadurch verursachte, daß er
ihr als Gespenst mit einer B e t t d e c k e über dem Kopfe erschien. Die
Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: Die Erscheinung des
Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine Wirkung. Diese Elemente
sind aber zu neuem Zusammenhange angeordnet und auf andere Personen
übertragen. Das offenkundige Motiv der Vision, der durch sie ersetzte
Gedanke, ist die Besorgnis, daß ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel
physisch so ähnlich war, das Schicksal desselben teilen könnte.
Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Beziehung zum
Schlafzustand und darum vielleicht zu dem Beweise ungeeignet, für den ich
sie brauche. Ich verweise also auf meine Analyse einer halluzinierenden
Paranoika(232) und auf die Ergebnisse meiner noch nicht veröffentlichten
Studien über die Psychologie der Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß
man in diesen Fällen von regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß
einer unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer
infantilen, nicht übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit
ihr in Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Zensur
verhinderten Gedanken in die Regression als in jene Form der Darstellung,
in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein Ergebnis der
Studien über Hysterie anführen, daß die infantilen Szenen (seien sie nun
Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt, sie bewußt zu machen,
halluzinatorisch gesehen werden und erst nach der Mitteilung diesen
abschließt.
Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine
40 jährige Hysterika aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines Morgens
schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im Zimmer, der sich doch,
wie sie weiß, in der Irrenanstalt befindet. Ihr kleiner Sohn schläft im Bette
neben ihr. Damit das Kind nicht e r s c h r i c k t u n d i n K r ä m p f e
v e r f ä l l t, wenn es den O n k e l sieht, zieht sie die B e t t d e c k e über
dasselbe, und dann verschwindet die Erscheinung. Die Vision ist die
Umarbeitung einer Kindererinnerung der Dame, die zwar bewußt war, aber
mit allem unbewußten Material in ihrem Innern in intimster Beziehung
stand. Ihre Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß die sehr früh verstorbene Mutter
(Pat. war zur Zeit des Todesfalles erst 1½ Jahre alt) an epileptischen oder
hysterischen K r ä m p f e n gelitten hatte, und zwar seit einem Schreck, den
ihr der Bruder (der O n k e l meiner Patientin) dadurch verursachte, daß er
ihr als Gespenst mit einer B e t t d e c k e über dem Kopfe erschien. Die
Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: Die Erscheinung des
Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine Wirkung. Diese Elemente
sind aber zu neuem Zusammenhange angeordnet und auf andere Personen
übertragen. Das offenkundige Motiv der Vision, der durch sie ersetzte
Gedanke, ist die Besorgnis, daß ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel
physisch so ähnlich war, das Schicksal desselben teilen könnte.
Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Beziehung zum
Schlafzustand und darum vielleicht zu dem Beweise ungeeignet, für den ich
sie brauche. Ich verweise also auf meine Analyse einer halluzinierenden
Paranoika(232) und auf die Ergebnisse meiner noch nicht veröffentlichten
Studien über die Psychologie der Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß
man in diesen Fällen von regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß
einer unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer
infantilen, nicht übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit
ihr in Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Zensur
verhinderten Gedanken in die Regression als in jene Form der Darstellung,
in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein Ergebnis der
Studien über Hysterie anführen, daß die infantilen Szenen (seien sie nun
Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt, sie bewußt zu machen,
halluzinatorisch gesehen werden und erst nach der Mitteilung diesen
Page 516
Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt, daß selbst bei Personen, die sonst
im Erinnern nicht visuell sind, die frühesten Kindererinnerungen den
Charakter der sinnlichen Lebhaftigkeit bis in späte Jahre bewahren.
Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traumgedanken den
infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten Phantasien zufällt, wie
häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder auftauchen, wie die
Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet sind, so wird man auch
für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht abweisen, daß die Verwandlung
von Gedanken in visuelle Bilder mit die Folge der A n z i e h u n g sein
möge, welche die nach Neubelebung strebende visuell dargestellte
Erinnerung auf den nach Ausdruck ringenden, vom Bewußtsein
abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach dieser Auffassung ließe sich der
Traum auch beschreiben a l s d e r d u r c h Ü b e r t r a g u n g a u f
R e z e n t e s v e r ä n d e r t e E r s a t z d e r i n f a n t i l e n S z e n e. Die
Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht durchsetzen; sie muß sich mit der
Wiederkehr als Traum begnügen.
Die Regression erklärt durch die Anziehung der Infantilszenen.
Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der
Infantilszenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
Trauminhalt macht eine der Annahmen S c h e r n e r s und seiner Anhänger
über die inneren Reizquellen überflüssig. S c h e r n e r nimmt einen Zustand
von »Gesichtsreiz«, von innerer Erregung im Sehorgan an, wenn die
Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen Elemente oder einen
besonderen Reichtum an solchen erkennen lassen. Wir brauchen uns gegen
diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen uns etwa damit begnügen, einen
solchen Erregungszustand bloß für das psychische Wahrnehmungssystem
des Sehorgans zu statuieren, werden aber geltend machen, daß dieser
Erregungszustand ein durch die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung
der seinerzeit aktuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung
kein gutes Beispiel für solchen Einfluß einer infantilen Erinnerung zur
Hand; meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen
Elementen, als ich die anderer schätzen muß; aber in dem schönsten und
lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die
halluzinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten
im Erinnern nicht visuell sind, die frühesten Kindererinnerungen den
Charakter der sinnlichen Lebhaftigkeit bis in späte Jahre bewahren.
Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traumgedanken den
infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten Phantasien zufällt, wie
häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder auftauchen, wie die
Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet sind, so wird man auch
für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht abweisen, daß die Verwandlung
von Gedanken in visuelle Bilder mit die Folge der A n z i e h u n g sein
möge, welche die nach Neubelebung strebende visuell dargestellte
Erinnerung auf den nach Ausdruck ringenden, vom Bewußtsein
abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach dieser Auffassung ließe sich der
Traum auch beschreiben a l s d e r d u r c h Ü b e r t r a g u n g a u f
R e z e n t e s v e r ä n d e r t e E r s a t z d e r i n f a n t i l e n S z e n e. Die
Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht durchsetzen; sie muß sich mit der
Wiederkehr als Traum begnügen.
Die Regression erklärt durch die Anziehung der Infantilszenen.
Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der
Infantilszenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
Trauminhalt macht eine der Annahmen S c h e r n e r s und seiner Anhänger
über die inneren Reizquellen überflüssig. S c h e r n e r nimmt einen Zustand
von »Gesichtsreiz«, von innerer Erregung im Sehorgan an, wenn die
Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen Elemente oder einen
besonderen Reichtum an solchen erkennen lassen. Wir brauchen uns gegen
diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen uns etwa damit begnügen, einen
solchen Erregungszustand bloß für das psychische Wahrnehmungssystem
des Sehorgans zu statuieren, werden aber geltend machen, daß dieser
Erregungszustand ein durch die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung
der seinerzeit aktuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung
kein gutes Beispiel für solchen Einfluß einer infantilen Erinnerung zur
Hand; meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen
Elementen, als ich die anderer schätzen muß; aber in dem schönsten und
lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die
halluzinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten
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rezenter und kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf
p. 332 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die
braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der Schiffe und das düstere
Braun und Rot der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefen Eindruck
hinterließen. Wenn irgend einer, so mußte dieser Traum auf Gesichtsreiz
gedeutet werden. Und was hatte mein Sehorgan in diesen Reizzustand
versetzt? Ein rezenter Eindruck, der sich mit einer Reihe früherer
zusammentat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst die des
Ankersteinbaukastens, mit dem die Kinder am Tage vor meinem Traume
ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es meiner Bewunderung zu
zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere Rot an den großen, das Blau
und Braun an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeneindrücke
der letzten italienischen Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune
und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur eine
Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.
Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des Traumes,
seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugießen, erfahren haben.
Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht etwa erklärt, auf
bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt, sondern haben ihn als auf
unbekannte Verhältnisse hindeutend herausgegriffen und durch den Namen
des »r e g r e d i e n t e n« Charakters ausgezeichnet. Wir haben gemeint,
diese Regression sei wohl überall, wo sie vorkommt, eine Wirkung des
Widerstandes, der sich dem Vordringen des Gedankens zum Bewußtsein auf
dem normalen Wege entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung,
welche als sinnesstark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben(233).
Beim Traume käme vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das
Aufhören der progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen,
welches Hilfsmoment bei den anderen Formen von Regression durch
Verstärkung der anderen Regressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir
wollen auch nicht vergessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen
Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energieübertragung
ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des normalen seelischen
Lebens, da durch ihn eine volle halluzinatorische Besetzung der
Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei der Analyse der
Traumarbeit als die »Rücksicht auf Darstellbarkeit« beschrieben haben,
dürfte auf die a u s w ä h l e n d e A n z i e h u n g der von den
Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu beziehen sein.
p. 332 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die
braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der Schiffe und das düstere
Braun und Rot der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefen Eindruck
hinterließen. Wenn irgend einer, so mußte dieser Traum auf Gesichtsreiz
gedeutet werden. Und was hatte mein Sehorgan in diesen Reizzustand
versetzt? Ein rezenter Eindruck, der sich mit einer Reihe früherer
zusammentat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst die des
Ankersteinbaukastens, mit dem die Kinder am Tage vor meinem Traume
ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es meiner Bewunderung zu
zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere Rot an den großen, das Blau
und Braun an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeneindrücke
der letzten italienischen Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune
und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur eine
Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.
Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des Traumes,
seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugießen, erfahren haben.
Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht etwa erklärt, auf
bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt, sondern haben ihn als auf
unbekannte Verhältnisse hindeutend herausgegriffen und durch den Namen
des »r e g r e d i e n t e n« Charakters ausgezeichnet. Wir haben gemeint,
diese Regression sei wohl überall, wo sie vorkommt, eine Wirkung des
Widerstandes, der sich dem Vordringen des Gedankens zum Bewußtsein auf
dem normalen Wege entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung,
welche als sinnesstark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben(233).
Beim Traume käme vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das
Aufhören der progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen,
welches Hilfsmoment bei den anderen Formen von Regression durch
Verstärkung der anderen Regressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir
wollen auch nicht vergessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen
Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energieübertragung
ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des normalen seelischen
Lebens, da durch ihn eine volle halluzinatorische Besetzung der
Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei der Analyse der
Traumarbeit als die »Rücksicht auf Darstellbarkeit« beschrieben haben,
dürfte auf die a u s w ä h l e n d e A n z i e h u n g der von den
Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu beziehen sein.
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Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in der Theorie
der neurotischen Symptombildung eine nicht minder wichtige Rolle wie in
der des Traumes spielt. Wir unterscheiden dann eine dreifache Art der
Regression: a) eine t o p i s c h e im Sinne des hier entwickelten Schemas
der Ψ-Systeme, b) eine z e i t l i c h e, insofern es sich um ein Rückgreifen
auf ältere psychische Bildungen handelt, und c) eine f o r m a l e, wenn
primitive Ausdrucks- und Darstellungsweisen die gewohnten ersetzen. Alle
drei Arten von Regression sind aber im Grunde eines und treffen in den
meisten Fällen zusammen, denn das zeitlich ältere ist zugleich das formal
primitive und in der psychischen Topik dem Wahrnehmungsende nähere.
Leicht möglich, daß dieses erste Stück unserer psychologischen
Verwertung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir wollen
uns damit trösten, daß wir ja genötigt sind, ins Dunkle hinaus zu bauen.
Sind wir nicht völlig in die Irre geraten, so müssen wir von einem anderen
Angriffspunkte her in ungefähr die nämliche Region geraten, in welcher wir
uns dann vielleicht besser zurechtfinden werden.
c) Z u r W u n s c h e r f ü l l u n g.
Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen
willkommenen Anlaß, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der
Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben es gewiß alle mit
Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes als eine
Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Widerspruches,
der vom Angsttraume ausgeht. Nachdem uns die ersten Aufklärungen durch
die Analyse belehrt hatten, hinter dem Traume verberge sich Sinn und
psychischer Wert, so wäre unsere Erwartung keineswegs auf eine so
eindeutige Bestimmung dieses Sinnes gefaßt gewesen. Nach der korrekten,
aber kärglichen Definition des A r i s t o t e l e s ist der Traum das in den
Schlafzustand – insofern man schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun
unser Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Akte schafft,
Urteile, Schlußfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl.,
wodurch soll es bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von
Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, die
einen andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt verwandelt bringen,
der neurotischen Symptombildung eine nicht minder wichtige Rolle wie in
der des Traumes spielt. Wir unterscheiden dann eine dreifache Art der
Regression: a) eine t o p i s c h e im Sinne des hier entwickelten Schemas
der Ψ-Systeme, b) eine z e i t l i c h e, insofern es sich um ein Rückgreifen
auf ältere psychische Bildungen handelt, und c) eine f o r m a l e, wenn
primitive Ausdrucks- und Darstellungsweisen die gewohnten ersetzen. Alle
drei Arten von Regression sind aber im Grunde eines und treffen in den
meisten Fällen zusammen, denn das zeitlich ältere ist zugleich das formal
primitive und in der psychischen Topik dem Wahrnehmungsende nähere.
Leicht möglich, daß dieses erste Stück unserer psychologischen
Verwertung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir wollen
uns damit trösten, daß wir ja genötigt sind, ins Dunkle hinaus zu bauen.
Sind wir nicht völlig in die Irre geraten, so müssen wir von einem anderen
Angriffspunkte her in ungefähr die nämliche Region geraten, in welcher wir
uns dann vielleicht besser zurechtfinden werden.
c) Z u r W u n s c h e r f ü l l u n g.
Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen
willkommenen Anlaß, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der
Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben es gewiß alle mit
Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes als eine
Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Widerspruches,
der vom Angsttraume ausgeht. Nachdem uns die ersten Aufklärungen durch
die Analyse belehrt hatten, hinter dem Traume verberge sich Sinn und
psychischer Wert, so wäre unsere Erwartung keineswegs auf eine so
eindeutige Bestimmung dieses Sinnes gefaßt gewesen. Nach der korrekten,
aber kärglichen Definition des A r i s t o t e l e s ist der Traum das in den
Schlafzustand – insofern man schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun
unser Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Akte schafft,
Urteile, Schlußfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl.,
wodurch soll es bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von
Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, die
einen andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt verwandelt bringen,
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z. B. eine Besorgnis, und ist gerade der vorangestellte, ganz besonders
durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein
hin, der ihm auch schlafend ins Auge fällt, den besorgten Schluß, daß eine
Kerze umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen
Schluß verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinnfällige
Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei die
Wunscherfüllung, und ist denn die Übermacht des vom Wachen her sich
fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck angeregten Gedankens
dabei irgend zu verkennen?
Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunscherfüllung
im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich fortsetzenden
Wachgedanken näher einzugehen.
Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung der
Träume in zwei Gruppen veranlaßt. Wir haben Träume gefunden, die sich
offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren Wunscherfüllung
unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In den letzteren erkannten
wir die Leistungen der Traumzensur. Die unentstellten Wunschträume
fanden wir hauptsächlich bei Kindern; k u r z e, offenherzige Wunschträume
s c h i e n e n – ich lege Nachdruck auf diesen Vorbehalt – auch bei
Erwachsenen vorzukommen.
Die Herkunft des Traumwunsches.
Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, der sich
im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder auf welche
Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses »Woher«? Ich meine, auf den
Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen Tagesleben und einer
unbewußt gebliebenen psychischen Tätigkeit, die sich erst zur Nachtzeit
bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine dreifache Möglichkeit für die
Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. bei Tage erregt worden sein und
infolge äußerer Verhältnisse keine Befriedigung gefunden haben; es erübrigt
dann für die Nacht ein anerkannter und unerledigter Wunsch; 2. er kann bei
Tage aufgetaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns
dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann außer
Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die
erst nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser
durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein
hin, der ihm auch schlafend ins Auge fällt, den besorgten Schluß, daß eine
Kerze umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen
Schluß verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinnfällige
Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei die
Wunscherfüllung, und ist denn die Übermacht des vom Wachen her sich
fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck angeregten Gedankens
dabei irgend zu verkennen?
Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunscherfüllung
im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich fortsetzenden
Wachgedanken näher einzugehen.
Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung der
Träume in zwei Gruppen veranlaßt. Wir haben Träume gefunden, die sich
offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren Wunscherfüllung
unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In den letzteren erkannten
wir die Leistungen der Traumzensur. Die unentstellten Wunschträume
fanden wir hauptsächlich bei Kindern; k u r z e, offenherzige Wunschträume
s c h i e n e n – ich lege Nachdruck auf diesen Vorbehalt – auch bei
Erwachsenen vorzukommen.
Die Herkunft des Traumwunsches.
Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, der sich
im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder auf welche
Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses »Woher«? Ich meine, auf den
Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen Tagesleben und einer
unbewußt gebliebenen psychischen Tätigkeit, die sich erst zur Nachtzeit
bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine dreifache Möglichkeit für die
Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. bei Tage erregt worden sein und
infolge äußerer Verhältnisse keine Befriedigung gefunden haben; es erübrigt
dann für die Nacht ein anerkannter und unerledigter Wunsch; 2. er kann bei
Tage aufgetaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns
dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann außer
Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die
erst nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser
Page 520
Schema des psychischen Apparates vornehmen, so lokalisieren wir einen
Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom Wunsche der zweiten Art
nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das Ubw zurückgedrängt
worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich erhalten hat; und von der
Wunschregung der dritten Art glauben wir, daß sie überhaupt unfähig ist,
das System des Ubw zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus diesen
verschiedenen Quellen den gleichen Wert für den Traum, die gleiche Macht,
einen Traum anzuregen?
Eine Überschau über die Träume, die uns für die Beantwortung dieser
Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als vierte Quelle des
Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen bei Nacht sich erhebenden
Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle Bedürfnis). Sodann
wird uns wahrscheinlich, daß die Herkunft des Traumwunsches an seiner
Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum
der Kleinen, welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an
die nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten, aber
nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, daß ein bei
Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind überaus
reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich hier
nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame, deren jüngere Freundin sich
verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der Bekannten, ob sie den
Bräutigam kenne, und was sie von ihm halte, mit uneingeschränkten
Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil Schweigen auferlegt, denn sie
hätte gern die Wahrheit gesagt: Er i s t e i n D u t z e n d m e n s c h. Nachts
träumt sie, daß dieselbe Frage an sie gerichtet wird, und antwortet mit der
Formel: B e i N a c h b e s t e l l u n g e n g e n ü g t d i e A n g a b e d e r
N u m m e r . Endlich daß in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen
sind, der Wunsch aus dem Unbewußten stammt und bei Tage nicht
vernehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher
Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die
Traumbildung von gleichem Werte und gleicher Macht.
Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich anders verhält,
aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren Bedingtheit des
Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen Zweifel darüber, daß
ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traumerreger sein kann. Aber es ist
nicht zu vergessen, das ist dann der Wunsch eines Kindes, eine
Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom Wunsche der zweiten Art
nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das Ubw zurückgedrängt
worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich erhalten hat; und von der
Wunschregung der dritten Art glauben wir, daß sie überhaupt unfähig ist,
das System des Ubw zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus diesen
verschiedenen Quellen den gleichen Wert für den Traum, die gleiche Macht,
einen Traum anzuregen?
Eine Überschau über die Träume, die uns für die Beantwortung dieser
Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als vierte Quelle des
Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen bei Nacht sich erhebenden
Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle Bedürfnis). Sodann
wird uns wahrscheinlich, daß die Herkunft des Traumwunsches an seiner
Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum
der Kleinen, welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an
die nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten, aber
nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, daß ein bei
Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind überaus
reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich hier
nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame, deren jüngere Freundin sich
verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der Bekannten, ob sie den
Bräutigam kenne, und was sie von ihm halte, mit uneingeschränkten
Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil Schweigen auferlegt, denn sie
hätte gern die Wahrheit gesagt: Er i s t e i n D u t z e n d m e n s c h. Nachts
träumt sie, daß dieselbe Frage an sie gerichtet wird, und antwortet mit der
Formel: B e i N a c h b e s t e l l u n g e n g e n ü g t d i e A n g a b e d e r
N u m m e r . Endlich daß in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen
sind, der Wunsch aus dem Unbewußten stammt und bei Tage nicht
vernehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher
Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die
Traumbildung von gleichem Werte und gleicher Macht.
Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich anders verhält,
aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren Bedingtheit des
Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen Zweifel darüber, daß
ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traumerreger sein kann. Aber es ist
nicht zu vergessen, das ist dann der Wunsch eines Kindes, eine
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Wunschregung von der dem Infantilen eigenen Stärke. Es ist mir durchaus
zweifelhaft, ob ein am Tage nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen
genügt, um einen Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir mit
der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
Tätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie das
Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich dabei ja
individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der eine den infantilen
Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein anderer, wie ja
solche Unterschiede auch für die Abschwächung des ursprünglich deutlich
visuellen Vorstellens bestehen. Aber im allgemeinen glaube ich, wird beim
Erwachsenen der unerfüllt vom Tage übrig gebliebene Wunsch nicht
genügen, einen Traum zu schaffen. Ich gebe gern zu, daß die aus dem
Bewußten stammende Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des
Traumes liefern wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum
entstünde nicht, wenn der vorbewußte Wunsch sich nicht eine Verstärkung
von anderswoher zu holen wüßte.
Aus dem Unbewußten nämlich. I c h s t e l l e m i r v o r , d a ß d e r
bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird,
wenn es ihm gelingt, einen gleichwirkenden
unbewußten zu wecken, durch den er sich
v e r s t ä r k t . Diese unbewußten Wünsche betrachte ich, nach den
Andeutungen aus der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege,
jederzeit bereit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit
bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewußten zu alliieren, ihre große
Intensität auf deren geringere zu übertragen(234). Es muß dann zum
Anschein kommen, als hätte allein der bewußte Wunsch sich im Traume
realisiert; allein eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung dieses Traumes
wird uns ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem
Unbewußten auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, sozusagen
unsterblichen Wünsche unseres Unbewußten, welche an die Titanen der
Sage erinnern, auf denen seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten,
welche einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die
unter den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erbeben; –
diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst
infantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der
Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen Satz, die
Herkunft des Traumwunsches sei gleichgültig, beseitigen und durch einen
zweifelhaft, ob ein am Tage nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen
genügt, um einen Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir mit
der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
Tätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie das
Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich dabei ja
individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der eine den infantilen
Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein anderer, wie ja
solche Unterschiede auch für die Abschwächung des ursprünglich deutlich
visuellen Vorstellens bestehen. Aber im allgemeinen glaube ich, wird beim
Erwachsenen der unerfüllt vom Tage übrig gebliebene Wunsch nicht
genügen, einen Traum zu schaffen. Ich gebe gern zu, daß die aus dem
Bewußten stammende Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des
Traumes liefern wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum
entstünde nicht, wenn der vorbewußte Wunsch sich nicht eine Verstärkung
von anderswoher zu holen wüßte.
Aus dem Unbewußten nämlich. I c h s t e l l e m i r v o r , d a ß d e r
bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird,
wenn es ihm gelingt, einen gleichwirkenden
unbewußten zu wecken, durch den er sich
v e r s t ä r k t . Diese unbewußten Wünsche betrachte ich, nach den
Andeutungen aus der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege,
jederzeit bereit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit
bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewußten zu alliieren, ihre große
Intensität auf deren geringere zu übertragen(234). Es muß dann zum
Anschein kommen, als hätte allein der bewußte Wunsch sich im Traume
realisiert; allein eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung dieses Traumes
wird uns ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem
Unbewußten auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, sozusagen
unsterblichen Wünsche unseres Unbewußten, welche an die Titanen der
Sage erinnern, auf denen seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten,
welche einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die
unter den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erbeben; –
diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst
infantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der
Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen Satz, die
Herkunft des Traumwunsches sei gleichgültig, beseitigen und durch einen
Page 522
anderen ersetzen, der lautet: D e r W u n s c h , w e l c h e r s i c h i m
T r a u m e d a r s t e l l t , m u ß e i n i n f a n t i l e r s e i n . Er stammt
dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim Kinde, wo es die Sonderung
und Zensur zwischen Vbw und Ubw noch nicht gibt, oder wo sie sich erst
allmählich herstellt, ist es ein unerfüllter, unverdrängter Wunsch des
Wachlebens. Ich weiß, diese Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen;
aber ich behaupte, sie ist häufig zu erweisen, auch wo man es nicht
vermutet hätte, und ist nicht allgemein zu widerlegen.
Die Tagesreste.
Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen lasse ich
also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich will ihnen keine
andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an aktuellen Sensationen
während des Schlafes für den Trauminhalt (vgl. p. 171 u. ff.). Ich bleibe auf
der Linie, die mir dieser Gedankengang vorschreibt, wenn ich jetzt die
anderen psychischen Anregungen in Betracht ziehe, die vom Tagesleben
übrig bleiben und die nicht Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den
Energiebesetzungen unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu
machen, wenn wir beschließen, den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann,
der ist ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung
gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer vollständig.
Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Übermacht von Eindrücken
setzen die Denktätigkeit auch während des Schlafes fort und unterhalten
seelische Vorgänge in dem System, das wir als das Vorbewußte bezeichnet
haben. Wenn uns um eine Einteilung dieser in den Schlaf sich fortsetzenden
Denkregungen zu tun ist, so können wir folgende Gruppen derselben
aufstellen: 1. Das während des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu
Ende Gebrachte, 2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das
Ungelöste, 3. das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu
gesellt sich als eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des
Vorbewußten tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und
endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und darum
unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.
Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des Tageslebens
in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der Gruppe des
T r a u m e d a r s t e l l t , m u ß e i n i n f a n t i l e r s e i n . Er stammt
dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim Kinde, wo es die Sonderung
und Zensur zwischen Vbw und Ubw noch nicht gibt, oder wo sie sich erst
allmählich herstellt, ist es ein unerfüllter, unverdrängter Wunsch des
Wachlebens. Ich weiß, diese Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen;
aber ich behaupte, sie ist häufig zu erweisen, auch wo man es nicht
vermutet hätte, und ist nicht allgemein zu widerlegen.
Die Tagesreste.
Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen lasse ich
also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich will ihnen keine
andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an aktuellen Sensationen
während des Schlafes für den Trauminhalt (vgl. p. 171 u. ff.). Ich bleibe auf
der Linie, die mir dieser Gedankengang vorschreibt, wenn ich jetzt die
anderen psychischen Anregungen in Betracht ziehe, die vom Tagesleben
übrig bleiben und die nicht Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den
Energiebesetzungen unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu
machen, wenn wir beschließen, den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann,
der ist ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung
gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer vollständig.
Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Übermacht von Eindrücken
setzen die Denktätigkeit auch während des Schlafes fort und unterhalten
seelische Vorgänge in dem System, das wir als das Vorbewußte bezeichnet
haben. Wenn uns um eine Einteilung dieser in den Schlaf sich fortsetzenden
Denkregungen zu tun ist, so können wir folgende Gruppen derselben
aufstellen: 1. Das während des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu
Ende Gebrachte, 2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das
Ungelöste, 3. das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu
gesellt sich als eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des
Vorbewußten tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und
endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und darum
unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.
Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des Tageslebens
in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der Gruppe des
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Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicherlich ringen diese
Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und ebenso sicher dürfen
wir annehmen, daß der Schlafzustand die gewohnte Fortführung des
Erregungsvorganges im Vorbewußten und deren Abschluß durch das
Bewußtwerden unmöglich macht. Insofern wir unserer Denkvorgänge auf
dem normalen Wege bewußt werden können, auch zur Nachtzeit, insofern
schlafen wir eben nicht. Was für Veränderung der Schlafzustand im System
Vbw hervorruft, weiß ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, daß die
psychologische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den
Besetzungsveränderungen gerade dieses Systems zu suchen ist, das auch
den Zugang zu der im Schlafe gelähmten Motilität beherrscht. Im
Gegensatze dazu wüßte ich von keinem Anlaß aus der Psychologie des
Traumes, der uns annehmen hieße, daß der Schlaf anders als sekundär in
den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächtlichen
Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die
Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muß die Verstärkung aus
dem Ubw suchen und die Umwege der unbewußten Erregungen mitmachen.
Wie stellen sich aber die vorbewußten Tagesreste zum Traume? Es ist kein
Zweifel, daß sie reichlich in den Traum eindringen, daß sie den Trauminhalt
benutzen, um sich auch zur Nachtzeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie
dominieren gelegentlich den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit
fortzusetzen; es ist auch sicher, daß die Tagesreste jeden anderen Charakter
ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst
lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu entscheidend
zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um in den Traum
Aufnahme zu finden.
Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den Traum,
der mir Freund Otto mit den Zeichen der B a s e d o w s c h e n Krankheit
erscheinen läßt (p. 203). Ich hatte am Tage eine Besorgnis gebildet, zu der
mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und die Sorge ging mir nahe, wie alles,
was diese Person betrifft. Sie folgte mir auch, darf ich annehmen, in den
Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur
Nachtzeit fand diese Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt
habe, dessen Inhalt erstens unsinnig war und zweitens keiner
Wunscherfüllung entsprach. Ich begann aber nachzuforschen, woher der
unangemessene Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und
durch die Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem
Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und ebenso sicher dürfen
wir annehmen, daß der Schlafzustand die gewohnte Fortführung des
Erregungsvorganges im Vorbewußten und deren Abschluß durch das
Bewußtwerden unmöglich macht. Insofern wir unserer Denkvorgänge auf
dem normalen Wege bewußt werden können, auch zur Nachtzeit, insofern
schlafen wir eben nicht. Was für Veränderung der Schlafzustand im System
Vbw hervorruft, weiß ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, daß die
psychologische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den
Besetzungsveränderungen gerade dieses Systems zu suchen ist, das auch
den Zugang zu der im Schlafe gelähmten Motilität beherrscht. Im
Gegensatze dazu wüßte ich von keinem Anlaß aus der Psychologie des
Traumes, der uns annehmen hieße, daß der Schlaf anders als sekundär in
den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächtlichen
Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die
Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muß die Verstärkung aus
dem Ubw suchen und die Umwege der unbewußten Erregungen mitmachen.
Wie stellen sich aber die vorbewußten Tagesreste zum Traume? Es ist kein
Zweifel, daß sie reichlich in den Traum eindringen, daß sie den Trauminhalt
benutzen, um sich auch zur Nachtzeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie
dominieren gelegentlich den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit
fortzusetzen; es ist auch sicher, daß die Tagesreste jeden anderen Charakter
ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst
lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu entscheidend
zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um in den Traum
Aufnahme zu finden.
Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den Traum,
der mir Freund Otto mit den Zeichen der B a s e d o w s c h e n Krankheit
erscheinen läßt (p. 203). Ich hatte am Tage eine Besorgnis gebildet, zu der
mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und die Sorge ging mir nahe, wie alles,
was diese Person betrifft. Sie folgte mir auch, darf ich annehmen, in den
Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur
Nachtzeit fand diese Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt
habe, dessen Inhalt erstens unsinnig war und zweitens keiner
Wunscherfüllung entsprach. Ich begann aber nachzuforschen, woher der
unangemessene Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und
durch die Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem
Page 524
Baron L., mich selbst aber mit Professor R. identifizierte. Warum ich gerade
diesen Ersatz des Tagesgedankens hatte wählen müssen, dafür gab es nur
eine Erklärung. Zu der Identifizierung mit Professor R. mußte ich im Ubw
immer bereit sein, da durch sie einer der unsterblichen Kinderwünsche, der
Wunsch der Größensucht, sich erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tage
sichere Gedanken gegen meinen Freund hatten die Gelegenheit benutzt,
sich zur Darstellung miteinzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages war
zu einer Art von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalt gekommen.
Der Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine
Besorgnis war, mußte sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung an einen
infantilen, nun unbewußten und unterdrückten Wunsch verschaffen, der ihn
dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewußtsein »entstehen« ließ.
Je dominierender diese Sorge war, desto gewaltsamer durfte die
herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt des Wunsches und
dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang gar nicht zu bestehen und
bestand auch keiner in unserem Beispiele.
Der unbewußte Wunsch als Triebkraft des Traumes.
Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch für den
Traum bedeutet. Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen
gibt, zu denen die A n r e g u n g vorwiegend oder selbst ausschließlich aus
den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst mein Wunsch,
endlich einmal Professor extraordinarius zu werden, hätte mich diese Nacht
in Ruhe schlafen lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit
meines Freundes vom Tage her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge
hätte noch keinen Traum gemacht, die T r i e b k r a f t, die der Traum
bedurfte, mußte von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der
Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu
verschaffen. Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl
möglich, daß ein Tagesgedanke die Rolle des U n t e r n e h m e r s für den
Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den
Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er
braucht einen K a p i t a l i s t e n, der den Aufwand bestreitet, und dieser
Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal
und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag, e i n
W u n s c h a u s d e m U n b e w u ß t e n.
diesen Ersatz des Tagesgedankens hatte wählen müssen, dafür gab es nur
eine Erklärung. Zu der Identifizierung mit Professor R. mußte ich im Ubw
immer bereit sein, da durch sie einer der unsterblichen Kinderwünsche, der
Wunsch der Größensucht, sich erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tage
sichere Gedanken gegen meinen Freund hatten die Gelegenheit benutzt,
sich zur Darstellung miteinzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages war
zu einer Art von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalt gekommen.
Der Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine
Besorgnis war, mußte sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung an einen
infantilen, nun unbewußten und unterdrückten Wunsch verschaffen, der ihn
dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewußtsein »entstehen« ließ.
Je dominierender diese Sorge war, desto gewaltsamer durfte die
herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt des Wunsches und
dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang gar nicht zu bestehen und
bestand auch keiner in unserem Beispiele.
Der unbewußte Wunsch als Triebkraft des Traumes.
Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch für den
Traum bedeutet. Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen
gibt, zu denen die A n r e g u n g vorwiegend oder selbst ausschließlich aus
den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst mein Wunsch,
endlich einmal Professor extraordinarius zu werden, hätte mich diese Nacht
in Ruhe schlafen lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit
meines Freundes vom Tage her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge
hätte noch keinen Traum gemacht, die T r i e b k r a f t, die der Traum
bedurfte, mußte von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der
Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu
verschaffen. Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl
möglich, daß ein Tagesgedanke die Rolle des U n t e r n e h m e r s für den
Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den
Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er
braucht einen K a p i t a l i s t e n, der den Aufwand bestreitet, und dieser
Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal
und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag, e i n
W u n s c h a u s d e m U n b e w u ß t e n.
Page 525
Andere Male ist der Kapitalist selbst der Unternehmer; das ist für den
Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tagesarbeit ein
unbewußter Wunsch angeregt worden, und der schafft nun den Traum. Auch
für alle anderen Möglichkeiten des hier als Beispiel verwendeten
wirtschaftlichen Verhältnisses bleiben die Traumvorgänge parallel; der
Unternehmer kann selbst eine Kleinigkeit an Kapital mitbringen; es können
mehrere Unternehmer sich an denselben Kapitalisten wenden; es können
mehrere Kapitalisten gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche
zusammensteuern. So gibt es auch Träume, die von mehr als einem
Traumwunsche getragen werden, und dergleichen Variationen mehr, die
leicht zu übersehen sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser
Erörterung über den Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst
später ergänzen können.
Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse, die in
zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quantität, läßt noch
feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstruktur zu. In den meisten
Träumen läßt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität ausgestattetes
Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f. ausgeführt. Das ist in der Regel die
direkte Darstellung der Wunscherfüllung, denn wenn wir die
Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die
psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken durch die
sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in
der Nähe der Wunscherfüllung haben mit deren Sinn oft nichts zu tun,
sondern erweisen sich als Abkömmlinge peinlicher, dem Wunsche
zuwiderlaufender Gedanken. Durch den oft künstlich hergestellten
Zusammenhang mit dem zentralen Element haben sie aber so viel Intensität
abbekommen, daß sie zur Darstellung fähig geworden sind. So diffundiert
die darstellende Kraft der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von
Zusammenhang, innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich
mittellosen, zur Darstellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren
treibenden Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen
Wunscherfüllungen voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im
Traume als Grenzzonen zu verstehen.
Die Übertragung an die Tagesreste.
Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tagesarbeit ein
unbewußter Wunsch angeregt worden, und der schafft nun den Traum. Auch
für alle anderen Möglichkeiten des hier als Beispiel verwendeten
wirtschaftlichen Verhältnisses bleiben die Traumvorgänge parallel; der
Unternehmer kann selbst eine Kleinigkeit an Kapital mitbringen; es können
mehrere Unternehmer sich an denselben Kapitalisten wenden; es können
mehrere Kapitalisten gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche
zusammensteuern. So gibt es auch Träume, die von mehr als einem
Traumwunsche getragen werden, und dergleichen Variationen mehr, die
leicht zu übersehen sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser
Erörterung über den Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst
später ergänzen können.
Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse, die in
zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quantität, läßt noch
feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstruktur zu. In den meisten
Träumen läßt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität ausgestattetes
Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f. ausgeführt. Das ist in der Regel die
direkte Darstellung der Wunscherfüllung, denn wenn wir die
Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die
psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken durch die
sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in
der Nähe der Wunscherfüllung haben mit deren Sinn oft nichts zu tun,
sondern erweisen sich als Abkömmlinge peinlicher, dem Wunsche
zuwiderlaufender Gedanken. Durch den oft künstlich hergestellten
Zusammenhang mit dem zentralen Element haben sie aber so viel Intensität
abbekommen, daß sie zur Darstellung fähig geworden sind. So diffundiert
die darstellende Kraft der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von
Zusammenhang, innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich
mittellosen, zur Darstellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren
treibenden Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen
Wunscherfüllungen voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im
Traume als Grenzzonen zu verstehen.
Die Übertragung an die Tagesreste.
Page 526
Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum durch die
vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so verlohnt es doch der
Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie müssen doch
ein notwendiges Ingrediens der Traumbildung sein, wenn uns die Erfahrung
mit der Tatsache überraschen kann, daß jeder Traum eine Anknüpfung an
einen rezenten Tageseindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem
Inhalt erkennen läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur
Traummischung vermochten wir noch nicht einzusehen (p. 138). Sie ergibt
sich auch nur, wenn man an der Rolle des unbewußten Wunsches festhält
und dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser erfährt
man, daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist, ins
Vorbewußte einzutreten, und daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern
vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem Vorbewußten bereits
angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt, auf sie ihre Intensität
überträgt und sich durch sie decken läßt. Es ist dies die Tatsache der
Ü b e r t r a g u n g, welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben
der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die Übertragung kann die
Vorstellung aus dem Vorbewußten, welche somit zu einer unverdient großen
Intensität gelangt, unverändert lassen oder ihr selbst eine Modifikation
durch den Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe
mir die Neigung zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin
versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung
ähnlich wie in unserem Vaterland für den amerikanischen Zahnarzt, der
seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten
Doktors der Medizin als Aushängeschild und Deckung vor dem Gesetze
bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtesten Ärzte sind, die
solche Allianzen mit dem Zahntechniker eingehen, so werden auch im
Psychischen nicht jene vorbewußten oder bewußten Vorstellungen zur
Deckung einer verdrängten erkoren, die selbst genügend von der im
Vorbewußten tätigen Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Das
Unbewußte umspinnt mit seinen Verbindungen vorzugsweise jene
Eindrücke und Vorstellungen des Vorbewußten, die entweder als indifferent
außer Beachtung geblieben sind oder denen diese Beachtung durch
Verwerfung alsbald wieder entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus
der Assoziationslehre, durch alle Erfahrung bestätigt, daß Vorstellungen, die
eine sehr innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich
wie ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten;
vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so verlohnt es doch der
Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie müssen doch
ein notwendiges Ingrediens der Traumbildung sein, wenn uns die Erfahrung
mit der Tatsache überraschen kann, daß jeder Traum eine Anknüpfung an
einen rezenten Tageseindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem
Inhalt erkennen läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur
Traummischung vermochten wir noch nicht einzusehen (p. 138). Sie ergibt
sich auch nur, wenn man an der Rolle des unbewußten Wunsches festhält
und dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser erfährt
man, daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist, ins
Vorbewußte einzutreten, und daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern
vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem Vorbewußten bereits
angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt, auf sie ihre Intensität
überträgt und sich durch sie decken läßt. Es ist dies die Tatsache der
Ü b e r t r a g u n g, welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben
der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die Übertragung kann die
Vorstellung aus dem Vorbewußten, welche somit zu einer unverdient großen
Intensität gelangt, unverändert lassen oder ihr selbst eine Modifikation
durch den Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe
mir die Neigung zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin
versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung
ähnlich wie in unserem Vaterland für den amerikanischen Zahnarzt, der
seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten
Doktors der Medizin als Aushängeschild und Deckung vor dem Gesetze
bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtesten Ärzte sind, die
solche Allianzen mit dem Zahntechniker eingehen, so werden auch im
Psychischen nicht jene vorbewußten oder bewußten Vorstellungen zur
Deckung einer verdrängten erkoren, die selbst genügend von der im
Vorbewußten tätigen Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Das
Unbewußte umspinnt mit seinen Verbindungen vorzugsweise jene
Eindrücke und Vorstellungen des Vorbewußten, die entweder als indifferent
außer Beachtung geblieben sind oder denen diese Beachtung durch
Verwerfung alsbald wieder entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus
der Assoziationslehre, durch alle Erfahrung bestätigt, daß Vorstellungen, die
eine sehr innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich
wie ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten;
Page 527
ich habe einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen
Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.
Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Übertragung von
den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse der Neurosen
kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so erklären sich auch mit
einem Schlage zwei der Rätsel des Traumes: daß jede Traumanalyse eine
Verwebung eines rezenten Eindruckes nachweist und daß dies rezente
Element oft von der gleichgültigsten Art ist. Wir fügen hinzu, was wir
bereits an anderer Stelle gelernt haben, daß diese rezenten und indifferenten
Elemente als Ersatz der allerältesten aus den Traumgedanken darum so
häufig in den Trauminhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der
Widerstandszensur am wenigsten zu befürchten haben. Während aber die
Zensurfreiheit uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt
die Konstanz der rezenten Elemente auf die Nötigung zur Übertragung
durchblicken. Dem Anspruche des Verdrängten auf noch assoziationsfreies
Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten, weil sie
zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlaß geboten haben, die rezenten,
weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.
Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten Eindrücke
jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas entlehnen, wenn sie an
der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich die Triebkraft, über die der
verdrängte Wunsch verfügt, sondern daß sie auch dem Unbewußten etwas
Unentbehrliches bieten, die notwendige Anheftung zur Übertragung.
Wollten wir hier in die seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müßten wir
das Spiel der Erregungen zwischen Vorbewußtem und Unbewußtem
schärfer beleuchten, wozu wohl das Studium der Psychoneurosen drängt,
aber gerade der Traum keinen Anhalt bietet.
Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein Zweifel, daß
sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht der Traum, der sich
vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten. Hierauf werden wir noch später
zurückkommen.
Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem Gebiete des
Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten zergliedert, die
ihrerseits Wünsche sein können oder psychische Regungen irgend welcher
anderen Art oder einfach rezente Eindrücke. Wir haben so Raum geschaffen
Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.
Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Übertragung von
den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse der Neurosen
kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so erklären sich auch mit
einem Schlage zwei der Rätsel des Traumes: daß jede Traumanalyse eine
Verwebung eines rezenten Eindruckes nachweist und daß dies rezente
Element oft von der gleichgültigsten Art ist. Wir fügen hinzu, was wir
bereits an anderer Stelle gelernt haben, daß diese rezenten und indifferenten
Elemente als Ersatz der allerältesten aus den Traumgedanken darum so
häufig in den Trauminhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der
Widerstandszensur am wenigsten zu befürchten haben. Während aber die
Zensurfreiheit uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt
die Konstanz der rezenten Elemente auf die Nötigung zur Übertragung
durchblicken. Dem Anspruche des Verdrängten auf noch assoziationsfreies
Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten, weil sie
zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlaß geboten haben, die rezenten,
weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.
Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten Eindrücke
jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas entlehnen, wenn sie an
der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich die Triebkraft, über die der
verdrängte Wunsch verfügt, sondern daß sie auch dem Unbewußten etwas
Unentbehrliches bieten, die notwendige Anheftung zur Übertragung.
Wollten wir hier in die seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müßten wir
das Spiel der Erregungen zwischen Vorbewußtem und Unbewußtem
schärfer beleuchten, wozu wohl das Studium der Psychoneurosen drängt,
aber gerade der Traum keinen Anhalt bietet.
Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein Zweifel, daß
sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht der Traum, der sich
vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten. Hierauf werden wir noch später
zurückkommen.
Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem Gebiete des
Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten zergliedert, die
ihrerseits Wünsche sein können oder psychische Regungen irgend welcher
anderen Art oder einfach rezente Eindrücke. Wir haben so Raum geschaffen
Page 528
für die Ansprüche, die man zu gunsten der traumbildenden Bedeutung der
wachen Denkarbeit in all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre
nicht einmal unmöglich, daß wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst
jene extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der
Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende
bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen
Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren
Heranziehung die Bemühung der vorbewußten Tätigkeit so erfolgreich
verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des Rätsels
nähergekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts anderes bieten
kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser
Frage muß ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen; sie
soll an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat gegeben werden.
Das Wünschen als primäre Tätigkeit des Unbewußten.
Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwicklung erreicht hat.
Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungsfähigkeit
zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen sagen uns, daß
der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich möglichst reizlos zu
erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau das Schema des
Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von außen an ihn
anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem Wege abzuführen.
Aber die Not des Lebens stört diese einfache Funktion; ihr verdankt der
Apparat auch den Anstoß zur weiteren Ausbildung. In der Form der großen
Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch
das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluß in die
Motilität suchen, die man als »Innere Veränderung« oder als »Ausdruck der
Gemütsbewegung« bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos
schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom
inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan
stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung
kann erst eintreten, wenn auf irgend einem Wege, beim Kinde durch fremde
Hilfeleistung, die Erfahrung des B e f r i e d i g u n g s e r l e b n i s s e s
gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandteil
dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der
wachen Denkarbeit in all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre
nicht einmal unmöglich, daß wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst
jene extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der
Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende
bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen
Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren
Heranziehung die Bemühung der vorbewußten Tätigkeit so erfolgreich
verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des Rätsels
nähergekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts anderes bieten
kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser
Frage muß ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen; sie
soll an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat gegeben werden.
Das Wünschen als primäre Tätigkeit des Unbewußten.
Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwicklung erreicht hat.
Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungsfähigkeit
zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen sagen uns, daß
der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich möglichst reizlos zu
erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau das Schema des
Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von außen an ihn
anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem Wege abzuführen.
Aber die Not des Lebens stört diese einfache Funktion; ihr verdankt der
Apparat auch den Anstoß zur weiteren Ausbildung. In der Form der großen
Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch
das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluß in die
Motilität suchen, die man als »Innere Veränderung« oder als »Ausdruck der
Gemütsbewegung« bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos
schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom
inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan
stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung
kann erst eintreten, wenn auf irgend einem Wege, beim Kinde durch fremde
Hilfeleistung, die Erfahrung des B e f r i e d i g u n g s e r l e b n i s s e s
gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandteil
dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der
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Speise im Beispiel), deren Erinnerungsbild von jetzt an mit der
Gedächtnisspur der Bedürfniserregung assoziiert bleibt. Sobald dies
Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt, wird sich, dank der hergestellten
Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild
jener Wahrnehmung wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder
hervorrufen, also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wieder
herstellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heißen;
das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die
volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der
kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven
Zustand des psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg
wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren
ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine
W a h r n e h m u n g s i d e n t i t ä t, nämlich auf die Wiederholung jener
Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.
Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeit zu
einer zweckmäßigeren, sekundären, modifiziert haben. Die Herstellung der
Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten Wege im Innern des
Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge, welche mit der Besetzung
derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. Die Befriedigung
tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort. Um die innere Besetzung der
äußeren gleichwertig zu machen, müßte dieselbe fortwährend aufrecht
erhalten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und in den
Hungerphantasien auch wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in
der F e s t h a l t u n g des gewünschten Objektes erschöpfen. Um eine
zweckmäßigere Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es
notwendig, die volle Regression aufzuhalten, so daß sie nicht über das
Erinnerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann,
die schließlich zur Herstellung der gewünschten Identität von der
Außenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauffolgende
Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches
die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst die
Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt. All die
komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur
Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Außenwelt fortspinnt,
stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendig gewordenen U m w e g
z u r W u n s c h e r f ü l l u n g dar(235). Das Denken ist doch nichts anderes
Gedächtnisspur der Bedürfniserregung assoziiert bleibt. Sobald dies
Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt, wird sich, dank der hergestellten
Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild
jener Wahrnehmung wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder
hervorrufen, also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wieder
herstellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heißen;
das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die
volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der
kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven
Zustand des psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg
wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren
ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine
W a h r n e h m u n g s i d e n t i t ä t, nämlich auf die Wiederholung jener
Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.
Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeit zu
einer zweckmäßigeren, sekundären, modifiziert haben. Die Herstellung der
Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten Wege im Innern des
Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge, welche mit der Besetzung
derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. Die Befriedigung
tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort. Um die innere Besetzung der
äußeren gleichwertig zu machen, müßte dieselbe fortwährend aufrecht
erhalten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und in den
Hungerphantasien auch wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in
der F e s t h a l t u n g des gewünschten Objektes erschöpfen. Um eine
zweckmäßigere Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es
notwendig, die volle Regression aufzuhalten, so daß sie nicht über das
Erinnerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann,
die schließlich zur Herstellung der gewünschten Identität von der
Außenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauffolgende
Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches
die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst die
Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt. All die
komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur
Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Außenwelt fortspinnt,
stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendig gewordenen U m w e g
z u r W u n s c h e r f ü l l u n g dar(235). Das Denken ist doch nichts anderes
Page 530
als der Ersatz des halluzinatorischen Wunsches, und wenn der Traum eine
Wunscherfüllung ist, so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes
als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag.
Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat
uns hiemit nur eine Probe der p r i m ä r e n, als unzweckmäßig verlassenen
Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben
scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als das psychische Leben
noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube die
abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil und
Bogen, wiederfinden. D a s T r ä u m e n i s t e i n S t ü c k d e s
ü b e r w u n d e n e n K i n d e r s e e l e n l e b e n s . In den Psychosen
werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des
psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre
Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die Außenwelt an
den Tag legen(236).
Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei Tage sich
geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung sowie die Psychosen
belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das System des Vorbewußten
zum Bewußtsein und zur Beherrschung der Motilität durchdringen
möchten. In der Zensur zwischen Ubw und Vbw, deren Annahme uns der
Traum geradezu aufnötigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen
Gesundheit zu erkennen und zu ehren. Ist es nun nicht eine
Unvorsichtigkeit dieses Wächters, daß er zur Nachtzeit seine Tätigkeit
verringert, die unterdrückten Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen
läßt, die halluzinatorische Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht,
denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe begibt – wir haben die
Beweise dafür, daß er doch nicht tief schlummert –, so schließt er auch das
Tor zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich
auch auf dem Schauplatze tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen,
sie bleiben harmlos, weil sie nicht im stande sind, den motorischen Apparat
in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt verändernd
beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die Sicherheit der zu
bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich, wenn die
Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlaß im Kräfteaufwand
der kritischen Zensur, sondern durch pathologische Schwächung derselben
oder durch pathologische Verstärkung der unbewußten Erregungen
hergestellt wird, solange das Vorbewußte besetzt und die Tore zur Motilität
Wunscherfüllung ist, so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes
als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag.
Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat
uns hiemit nur eine Probe der p r i m ä r e n, als unzweckmäßig verlassenen
Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben
scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als das psychische Leben
noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube die
abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil und
Bogen, wiederfinden. D a s T r ä u m e n i s t e i n S t ü c k d e s
ü b e r w u n d e n e n K i n d e r s e e l e n l e b e n s . In den Psychosen
werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des
psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre
Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die Außenwelt an
den Tag legen(236).
Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei Tage sich
geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung sowie die Psychosen
belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das System des Vorbewußten
zum Bewußtsein und zur Beherrschung der Motilität durchdringen
möchten. In der Zensur zwischen Ubw und Vbw, deren Annahme uns der
Traum geradezu aufnötigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen
Gesundheit zu erkennen und zu ehren. Ist es nun nicht eine
Unvorsichtigkeit dieses Wächters, daß er zur Nachtzeit seine Tätigkeit
verringert, die unterdrückten Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen
läßt, die halluzinatorische Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht,
denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe begibt – wir haben die
Beweise dafür, daß er doch nicht tief schlummert –, so schließt er auch das
Tor zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich
auch auf dem Schauplatze tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen,
sie bleiben harmlos, weil sie nicht im stande sind, den motorischen Apparat
in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt verändernd
beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die Sicherheit der zu
bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich, wenn die
Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlaß im Kräfteaufwand
der kritischen Zensur, sondern durch pathologische Schwächung derselben
oder durch pathologische Verstärkung der unbewußten Erregungen
hergestellt wird, solange das Vorbewußte besetzt und die Tore zur Motilität
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offen sind. Dann wird der Wächter überwältigt, die unbewußten Erregungen
unterwerfen sich das Vbw, beherrschen von ihm aus unser Reden und
Handeln oder erzwingen sich die halluzinatorische Regression und lenken
den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die
Wahrnehmungen auf die Verteilung unserer psychischen Energie ausüben.
Diesen Zustand heißen wir Psychose.
Die Wunschtheorie der psychoneurotischen Symptome.
Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psychologischen
Gerüste weiterzubauen, das wir mit der Einfügung der beiden Systeme Ubw
und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch Motive genug, bei der
Würdigung des Wunsches als einziger psychischer Triebkraft für den Traum
zu verweilen. Wir haben die Aufklärung entgegengenommen, daß der
Traum darum jedesmal eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des
Systems Ubw ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als
Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die der
Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an
dem Rechte festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende
psychologische Spekulationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang einreihen,
welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. Wenn ein
System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen Analoges –
existiert, so kann der Traum nicht dessen einzige Äußerung sein; jeder
Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muß noch andere Formen
abnormer Wunscherfüllungen geben als die Träume. Und wirklich gipfelt
die Theorie aller psychoneurotischen Symptome in dem einen Satze, d a ß
auch sie als Wunscherfüllungen des Unbewußten
a u f g e f a ß t w e r d e n m ü s s e n(237). Der Traum wird durch unsere
Aufklärung nur das erste Glied einer für den Psychiater höchst
bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die Lösung des rein
psychologischen Anteiles der psychiatrischen Aufgabe bedeutet(238). Von
anderen Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den
hysterischen Symptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den
ich am Traume noch vermisse. Ich weiß nämlich aus den im Laufe dieser
Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines
hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens
unterwerfen sich das Vbw, beherrschen von ihm aus unser Reden und
Handeln oder erzwingen sich die halluzinatorische Regression und lenken
den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die
Wahrnehmungen auf die Verteilung unserer psychischen Energie ausüben.
Diesen Zustand heißen wir Psychose.
Die Wunschtheorie der psychoneurotischen Symptome.
Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psychologischen
Gerüste weiterzubauen, das wir mit der Einfügung der beiden Systeme Ubw
und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch Motive genug, bei der
Würdigung des Wunsches als einziger psychischer Triebkraft für den Traum
zu verweilen. Wir haben die Aufklärung entgegengenommen, daß der
Traum darum jedesmal eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des
Systems Ubw ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als
Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die der
Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an
dem Rechte festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende
psychologische Spekulationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang einreihen,
welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. Wenn ein
System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen Analoges –
existiert, so kann der Traum nicht dessen einzige Äußerung sein; jeder
Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muß noch andere Formen
abnormer Wunscherfüllungen geben als die Träume. Und wirklich gipfelt
die Theorie aller psychoneurotischen Symptome in dem einen Satze, d a ß
auch sie als Wunscherfüllungen des Unbewußten
a u f g e f a ß t w e r d e n m ü s s e n(237). Der Traum wird durch unsere
Aufklärung nur das erste Glied einer für den Psychiater höchst
bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die Lösung des rein
psychologischen Anteiles der psychiatrischen Aufgabe bedeutet(238). Von
anderen Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den
hysterischen Symptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den
ich am Traume noch vermisse. Ich weiß nämlich aus den im Laufe dieser
Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines
hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens
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zusammentreffen müssen. Das Symptom ist nicht bloß der Ausdruck eines
realisierten unbewußten Wunsches, es muß noch ein Wunsch aus dem
Vorbewußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt,
so daß das Symptom m i n d e s t e n s zweifach determiniert wird, je einmal
von einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. Einer weiteren
Überdeterminierung sind – ähnlich wie beim Traume – keine Schranken
gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich
sehe, regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewußten
Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen,
ein hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo
zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus
der Quelle eines anderen psychischen Systems, in
e i n e m A u s d r u c k z u s a m m e n t r e f f e n k ö n n e n. (Vgl. hiezu
meine letzten Formulierungen der Entstehung hysterischer Symptome in
dem Aufsatz »Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität«
in der zweiten Folge der Sammlung kl. Sch. z. Neurosenlehre 1909.)
Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Enthüllung
der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann. Ich lasse es
darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß seiner
Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysterische
Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als die Erfüllung
einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren, nämlich des
Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele Kinder zu haben,
wozu später die Erweiterung trat: von möglichst vielen Männern. Gegen
diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine mächtige Abwehrregung
erhoben. Da die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und
ihre Schönheit verlieren konnte, so daß kein Mann mehr an ihr Gefallen
fand, so war das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und
durfte, von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe
Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin
gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus
Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes Gold in den
Rachen gießen. »Hier hast du, was du dir gewünscht hast.« Vom Traume
wissen wir bis jetzt nur, daß er eine Wunscherfüllung des Unbewußten
ausdrückt; es scheint, daß das herrschende, vorbewußte System diese
gewähren läßt, nachdem sie ihr gewisse Entstellungen aufgenötigt hat. Man
ist auch wirklich nicht im stande, allgemein einen dem Traumwunsche
realisierten unbewußten Wunsches, es muß noch ein Wunsch aus dem
Vorbewußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt,
so daß das Symptom m i n d e s t e n s zweifach determiniert wird, je einmal
von einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. Einer weiteren
Überdeterminierung sind – ähnlich wie beim Traume – keine Schranken
gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich
sehe, regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewußten
Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen,
ein hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo
zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus
der Quelle eines anderen psychischen Systems, in
e i n e m A u s d r u c k z u s a m m e n t r e f f e n k ö n n e n. (Vgl. hiezu
meine letzten Formulierungen der Entstehung hysterischer Symptome in
dem Aufsatz »Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität«
in der zweiten Folge der Sammlung kl. Sch. z. Neurosenlehre 1909.)
Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Enthüllung
der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann. Ich lasse es
darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß seiner
Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysterische
Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als die Erfüllung
einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren, nämlich des
Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele Kinder zu haben,
wozu später die Erweiterung trat: von möglichst vielen Männern. Gegen
diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine mächtige Abwehrregung
erhoben. Da die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und
ihre Schönheit verlieren konnte, so daß kein Mann mehr an ihr Gefallen
fand, so war das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und
durfte, von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe
Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin
gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus
Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes Gold in den
Rachen gießen. »Hier hast du, was du dir gewünscht hast.« Vom Traume
wissen wir bis jetzt nur, daß er eine Wunscherfüllung des Unbewußten
ausdrückt; es scheint, daß das herrschende, vorbewußte System diese
gewähren läßt, nachdem sie ihr gewisse Entstellungen aufgenötigt hat. Man
ist auch wirklich nicht im stande, allgemein einen dem Traumwunsche
Page 533
gegensätzlichen Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart
im Traume verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen
Anzeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für
Freund R. im Onkeltraume (p. 106). Wir können aber die hier vermißte
Zutat aus dem Vorbewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf
einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck
bringen, während sich das herrschende System auf den W u n s c h z u
s c h l a f e n zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Herstellung der
ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen Apparates
realisiert, endlich ihn die ganze Dauer des Schlafes über festhält(239).
Der Wunsch zu schlafen.
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt nun
ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir an den
Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Totenzimmer zur Folgerung
anregt, die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir haben als die eine der
psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, daß der Vater im
Traume diesen Schluß zieht, anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu
lassen, den Wunsch aufgewiesen, der das Leben des im Traume
vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere aus dem
Verdrängten stammende Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir
die Analyse dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite
Triebkraft dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters
hinzunehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird auch
der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren
lassen, heißt diese Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem
Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewußten
Wunsche seine Unterstützung. Wir haben auf p. 96 von Träumen berichtet,
die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigentlich haben
alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die
den äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit der Fortsetzung des
Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die
Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung an die Außenwelt erheben
könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am
leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber ebenso seinen Anteil an der
Gestaltung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als Wecker
im Traume verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen
Anzeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für
Freund R. im Onkeltraume (p. 106). Wir können aber die hier vermißte
Zutat aus dem Vorbewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf
einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck
bringen, während sich das herrschende System auf den W u n s c h z u
s c h l a f e n zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Herstellung der
ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen Apparates
realisiert, endlich ihn die ganze Dauer des Schlafes über festhält(239).
Der Wunsch zu schlafen.
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt nun
ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir an den
Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Totenzimmer zur Folgerung
anregt, die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir haben als die eine der
psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, daß der Vater im
Traume diesen Schluß zieht, anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu
lassen, den Wunsch aufgewiesen, der das Leben des im Traume
vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere aus dem
Verdrängten stammende Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir
die Analyse dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite
Triebkraft dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters
hinzunehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird auch
der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren
lassen, heißt diese Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem
Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewußten
Wunsche seine Unterstützung. Wir haben auf p. 96 von Träumen berichtet,
die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigentlich haben
alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die
den äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit der Fortsetzung des
Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die
Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung an die Außenwelt erheben
könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am
leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber ebenso seinen Anteil an der
Gestaltung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als Wecker
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am Schlafzustand rütteln können. Was das Vbw in manchen Fällen dem
Bewußtsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass’ doch und
schlaf’ weiter, es ist ja nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne daß es laut
wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit
gegen das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, d a ß w i r d e n
ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen,
daß wir träumen, wie wir es wissen, daß wir
s c h l a f e n. Es ist durchaus notwendig, den Einwand dagegen gering zu
schätzen, daß unser Bewußtsein auf das eine Wissen nie gelenkt wird, auf
das andere nur bei bestimmtem Anlaß, wenn sich die Zensur wie
überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es Personen, bei denen die nächtliche
Festhaltung des Wissens, daß sie schlafen und träumen, ganz offenkundig
wird, und denen also eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben zu lenken,
eigen scheint. Ein solcher Träumer ist z. B. mit der Wendung, die ein Traum
nimmt, unzufrieden, er bricht ihn, ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn
von neuem, um ihn anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer
Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren Ausgang
gibt. Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe, wenn ihn der Traum in
eine sexuell erregende Situation versetzt hat: »Das will ich nicht weiter
träumen, um mich in einer Pollution zu erschöpfen, sondern hebe es mir
lieber für eine reale Situation auf.«
Der Marquis d’H e r v e y (Vaschide p. 139) behauptete, eine solche
Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er ihren Ablauf nach
Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm beliebige Richtung geben
konnte. Es scheint, daß bei ihm der Wunsch zu schlafen einem anderen
vorbewußten Wunsch Raum gegönnt hatte, dem, seine Träume zu
beobachten und sich an ihnen zu ergötzen. Mit einem solchen
Wunschvorsatz ist der Schlaf ebensowohl verträglich wie mit einem
Vorbehalt als Bedingung des Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch
bekannt, daß das Interesse am Traum bei allen Menschen die Anzahl der
nach dem Erwachen erinnerten Träume erheblich steigert(240).
Zusammenfassung der Traumbildung.
Bewußtsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass’ doch und
schlaf’ weiter, es ist ja nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne daß es laut
wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit
gegen das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, d a ß w i r d e n
ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen,
daß wir träumen, wie wir es wissen, daß wir
s c h l a f e n. Es ist durchaus notwendig, den Einwand dagegen gering zu
schätzen, daß unser Bewußtsein auf das eine Wissen nie gelenkt wird, auf
das andere nur bei bestimmtem Anlaß, wenn sich die Zensur wie
überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es Personen, bei denen die nächtliche
Festhaltung des Wissens, daß sie schlafen und träumen, ganz offenkundig
wird, und denen also eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben zu lenken,
eigen scheint. Ein solcher Träumer ist z. B. mit der Wendung, die ein Traum
nimmt, unzufrieden, er bricht ihn, ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn
von neuem, um ihn anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer
Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren Ausgang
gibt. Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe, wenn ihn der Traum in
eine sexuell erregende Situation versetzt hat: »Das will ich nicht weiter
träumen, um mich in einer Pollution zu erschöpfen, sondern hebe es mir
lieber für eine reale Situation auf.«
Der Marquis d’H e r v e y (Vaschide p. 139) behauptete, eine solche
Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er ihren Ablauf nach
Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm beliebige Richtung geben
konnte. Es scheint, daß bei ihm der Wunsch zu schlafen einem anderen
vorbewußten Wunsch Raum gegönnt hatte, dem, seine Träume zu
beobachten und sich an ihnen zu ergötzen. Mit einem solchen
Wunschvorsatz ist der Schlaf ebensowohl verträglich wie mit einem
Vorbehalt als Bedingung des Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch
bekannt, daß das Interesse am Traum bei allen Menschen die Anzahl der
nach dem Erwachen erinnerten Träume erheblich steigert(240).
Zusammenfassung der Traumbildung.
Page 535
d) D a s W e c k e n d u r c h d e n T r a u m. D i e F u n k t i o n d e s
T r a u m e s. D e r A n g s t t r a u m.
Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf den
Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang mit
Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere bisherige
Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wacharbeit Tagesreste
übrig geblieben, denen sich die Energiebesetzung nicht völlig entziehen
ließ. Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber einer der unbewußten
Wünsche rege geworden oder es treffe beides zusammen; wir haben die hier
mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder
erst mit Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewußte Wunsch sich
den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie
bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das rezente Material übertragener
Wunsch oder der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch Verstärkung
aus dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege
der Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil ja
angehört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf die Zensur, die
noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die
Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf das Rezente angebahnt
war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas Ähnliches zu werden wie eine
Zwangsvorstellung, eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Übertragung
verstärkter, durch Zensur im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber
gestattet der Schlafzustand des Vorbewußten nicht das weitere Vordringen;
wahrscheinlich hat sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen
gegen das Eindringen geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg
der Regression ein, der gerade durch die Eigentümlichkeit des
Schlafzustandes eröffnet ist, und folgt dabei der Anziehung, welche
Erinnerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle
Besetzungen, nicht als Übersetzung in die Zeichen der späteren Systeme
vorhanden sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die
Darstellbarkeit. Von der Kompression werden wir später handeln. Er hat
jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt.
Das erste Stück spann sich progredient von den unbewußten Szenen oder
Phantasien zum Vorbewußten; das zweite Stück strebt von der Zensurgrenze
an wieder zu den Wahrnehmungen hin. Wenn der Traumvorgang aber
Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er das ihm durch Zensur und
T r a u m e s. D e r A n g s t t r a u m.
Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf den
Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang mit
Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere bisherige
Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wacharbeit Tagesreste
übrig geblieben, denen sich die Energiebesetzung nicht völlig entziehen
ließ. Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber einer der unbewußten
Wünsche rege geworden oder es treffe beides zusammen; wir haben die hier
mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder
erst mit Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewußte Wunsch sich
den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie
bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das rezente Material übertragener
Wunsch oder der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch Verstärkung
aus dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege
der Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil ja
angehört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf die Zensur, die
noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die
Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf das Rezente angebahnt
war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas Ähnliches zu werden wie eine
Zwangsvorstellung, eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Übertragung
verstärkter, durch Zensur im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber
gestattet der Schlafzustand des Vorbewußten nicht das weitere Vordringen;
wahrscheinlich hat sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen
gegen das Eindringen geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg
der Regression ein, der gerade durch die Eigentümlichkeit des
Schlafzustandes eröffnet ist, und folgt dabei der Anziehung, welche
Erinnerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle
Besetzungen, nicht als Übersetzung in die Zeichen der späteren Systeme
vorhanden sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die
Darstellbarkeit. Von der Kompression werden wir später handeln. Er hat
jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt.
Das erste Stück spann sich progredient von den unbewußten Szenen oder
Phantasien zum Vorbewußten; das zweite Stück strebt von der Zensurgrenze
an wieder zu den Wahrnehmungen hin. Wenn der Traumvorgang aber
Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er das ihm durch Zensur und
Page 536
Schlafzustand im Vbw gesetzte Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt
ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu
werden. Das Bewußtsein nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die
Auffassung psychischer Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei
Stellen her erregbar. Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem
Wahrnehmungssystem, in erster Linie; außerdem von den Lust- und
Unlusterregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den
Energieumsetzungen im Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in
den Ψ-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen
Qualität und sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm
nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur
Annahme entschließen müssen, daß d i e s e Lust- und
Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der
B e s e t z u n g s v o r g ä n g e r e g u l i e r e n. Es hat sich aber später die
Notwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den
Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu
diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie höchstwahrscheinlich durch
die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht qualitätslosen
Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems
wird jetzt das Bewußtsein, das vorher nur Sinnesorgan für die
Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen Teil unserer
Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnesoberflächen, die eine
dem Wahrnehmen, die andere den vorbewußten Denkvorgängen
zugewendet.
Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnesfläche des
Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer gemacht wird, als
die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Aufgeben des Interesses für die
nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch zweckmäßig. Es soll im Denken
nichts vorfallen; das Vbw verlangt zu schlafen. Ist der Traum aber einmal
Wahrnehmung geworden, so vermag er durch die jetzt gewonnenen
Qualitäten das Bewußtsein zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das,
worin überhaupt ihre Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im Vbw
verfügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So
muß man also zugeben, daß der Traum jedesmal w e c k t, einen Teil der
ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit versetzt. Er erfährt nun von dieser jene
Beeinflussung, die wir als sekundäre Bearbeitung mit Rücksicht auf
ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu
werden. Das Bewußtsein nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die
Auffassung psychischer Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei
Stellen her erregbar. Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem
Wahrnehmungssystem, in erster Linie; außerdem von den Lust- und
Unlusterregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den
Energieumsetzungen im Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in
den Ψ-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen
Qualität und sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm
nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur
Annahme entschließen müssen, daß d i e s e Lust- und
Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der
B e s e t z u n g s v o r g ä n g e r e g u l i e r e n. Es hat sich aber später die
Notwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den
Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu
diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie höchstwahrscheinlich durch
die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht qualitätslosen
Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems
wird jetzt das Bewußtsein, das vorher nur Sinnesorgan für die
Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen Teil unserer
Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnesoberflächen, die eine
dem Wahrnehmen, die andere den vorbewußten Denkvorgängen
zugewendet.
Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnesfläche des
Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer gemacht wird, als
die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Aufgeben des Interesses für die
nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch zweckmäßig. Es soll im Denken
nichts vorfallen; das Vbw verlangt zu schlafen. Ist der Traum aber einmal
Wahrnehmung geworden, so vermag er durch die jetzt gewonnenen
Qualitäten das Bewußtsein zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das,
worin überhaupt ihre Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im Vbw
verfügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So
muß man also zugeben, daß der Traum jedesmal w e c k t, einen Teil der
ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit versetzt. Er erfährt nun von dieser jene
Beeinflussung, die wir als sekundäre Bearbeitung mit Rücksicht auf
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Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben. Das will besagen,
der Traum wird von ihr behandelt wie jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er
wird denselben Erwartungsvorstellungen unterzogen, soweit sein Material
sie eben zuläßt. Soweit bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine
Ablaufrichtung in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente.
Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die zeitlichen
Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein. Ein sehr
anziehender Gedankengang G o b l o t s, der offenbar durch das Rätsel des
M a u r y schen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht darzutun, daß der
Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als die der Übergangsperiode
zwischen Schlafen und Erwachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser
Zeit fällt der Traum vor. Man meint, das letzte Bild des Traumes war so
stark, daß es zum Erwachen nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum so
stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. »Un rêve c’est
un réveil qui commence.«
Die psychischen Wege des Traumvorganges.
Es ist schon von D u g a s hervorgehoben worden, daß G o b l o t viel
Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu halten. Es gibt
auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. manche, in denen man
träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der Traumarbeit können wir
unmöglich zugeben, daß sie sich nur über die Periode des Erwachens
erstrecke. Es muß uns im Gegenteil wahrscheinlich werden, daß das erste
Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des
Vorbewußten, beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch
die Zensur, die Anziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen
zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und
insofern dürften wir immer recht haben, wenn wir eine Empfindung
angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu
sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist anzunehmen,
die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die zeitliche
Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der übertragene
Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch die Zensur vor
sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regression usw. Wir haben
eine solche Sukzession bei der Beschreibung herstellen müssen; in
der Traum wird von ihr behandelt wie jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er
wird denselben Erwartungsvorstellungen unterzogen, soweit sein Material
sie eben zuläßt. Soweit bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine
Ablaufrichtung in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente.
Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die zeitlichen
Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein. Ein sehr
anziehender Gedankengang G o b l o t s, der offenbar durch das Rätsel des
M a u r y schen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht darzutun, daß der
Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als die der Übergangsperiode
zwischen Schlafen und Erwachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser
Zeit fällt der Traum vor. Man meint, das letzte Bild des Traumes war so
stark, daß es zum Erwachen nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum so
stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. »Un rêve c’est
un réveil qui commence.«
Die psychischen Wege des Traumvorganges.
Es ist schon von D u g a s hervorgehoben worden, daß G o b l o t viel
Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu halten. Es gibt
auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. manche, in denen man
träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der Traumarbeit können wir
unmöglich zugeben, daß sie sich nur über die Periode des Erwachens
erstrecke. Es muß uns im Gegenteil wahrscheinlich werden, daß das erste
Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des
Vorbewußten, beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch
die Zensur, die Anziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen
zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und
insofern dürften wir immer recht haben, wenn wir eine Empfindung
angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu
sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist anzunehmen,
die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die zeitliche
Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der übertragene
Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch die Zensur vor
sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regression usw. Wir haben
eine solche Sukzession bei der Beschreibung herstellen müssen; in
Page 538
Wirklichkeit handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben
dieser und jener Wege, um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis
endlich durch deren zweckmäßigste Verteilung gerade die eine Gruppierung
die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen
Erfahrungen glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine
Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die außerordentliche
Kunst im Aufbau des Traumes alles Wunderbare verliert. Selbst die
Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner
Meinung nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an
sich zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung,
da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes
Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das stundenlang
hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.
Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder die
genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu ziehen und das
Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und Tiefe des
Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, und er muß bereit
bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die beweglicher gewordene
Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit
vergleichsweise geringen psychischen Intensitäten zu arbeiten, denn sie
warten das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, daß wir in der Regel
etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe
reißt. Der erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der
Traumarbeit geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann den von
außen gegebenen.
Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träumen zu,
die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der sonst überall
nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und sich fragen, warum dem
Traume, also dem unbewußten Wunsche, die Macht gelassen wird, den
Schlaf, also die Erfüllung des vorbewußten Wunsches, zu stören. Es muß
das wohl an Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt.
Besäßen wir diese, so würden wir wahrscheinlich finden, daß das
Gewährenlassen des Traumes und der Aufwand einer gewissen detachierten
Aufmerksamkeit für ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall,
daß das Unbewußte nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie
tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es
dieser und jener Wege, um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis
endlich durch deren zweckmäßigste Verteilung gerade die eine Gruppierung
die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen
Erfahrungen glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine
Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die außerordentliche
Kunst im Aufbau des Traumes alles Wunderbare verliert. Selbst die
Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner
Meinung nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an
sich zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung,
da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes
Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das stundenlang
hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.
Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder die
genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu ziehen und das
Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und Tiefe des
Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, und er muß bereit
bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die beweglicher gewordene
Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit
vergleichsweise geringen psychischen Intensitäten zu arbeiten, denn sie
warten das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, daß wir in der Regel
etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe
reißt. Der erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der
Traumarbeit geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann den von
außen gegebenen.
Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träumen zu,
die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der sonst überall
nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und sich fragen, warum dem
Traume, also dem unbewußten Wunsche, die Macht gelassen wird, den
Schlaf, also die Erfüllung des vorbewußten Wunsches, zu stören. Es muß
das wohl an Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt.
Besäßen wir diese, so würden wir wahrscheinlich finden, daß das
Gewährenlassen des Traumes und der Aufwand einer gewissen detachierten
Aufmerksamkeit für ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall,
daß das Unbewußte nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie
tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es
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mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen
vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es
ist, wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad hoc.
Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die Erfüllung
des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom Ammenschlafe u. dgl.
zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwandes von
Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung vereinbar.
Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer besseren
Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst die unbewußten
Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien sie bei Tag nicht stark
genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht
und der unbewußte Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden
und mit ihm das Vorbewußte zu wecken, warum versiegt diese Kraft,
nachdem der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum
sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende Fliege es
liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem
Rechte haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt?
Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege bleiben.
Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum
sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter
Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende
zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den
stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der
unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort
wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die
Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem sie sich
den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die
dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt
sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung besetzt, die sich in einem Anfall
motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie
einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine
Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind,
für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf
die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen
und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in
Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zu
vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es
ist, wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad hoc.
Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die Erfüllung
des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom Ammenschlafe u. dgl.
zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwandes von
Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung vereinbar.
Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer besseren
Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst die unbewußten
Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien sie bei Tag nicht stark
genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht
und der unbewußte Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden
und mit ihm das Vorbewußte zu wecken, warum versiegt diese Kraft,
nachdem der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum
sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende Fliege es
liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem
Rechte haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt?
Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege bleiben.
Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum
sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter
Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende
zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den
stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der
unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort
wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die
Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem sie sich
den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die
dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt
sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung besetzt, die sich in einem Anfall
motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie
einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine
Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind,
für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf
die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen
und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in
Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zu
Page 540
stande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die
Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der
Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.
Das Wecken durch den Traum.
Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei
Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich
irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine Mal einen Abfluß
in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und
seine Erregung wird durch dasselbe g e b u n d e n, anstatt a b g e f ü h r t.
L e t z t e r e s a b e r g e s c h i e h t b e i m T r a u m v o r g a n g . Die
Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen Traum von Seite des
Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Bewußtseinserregung hingelenkt
worden ist, bindet die unbewußte Erregung des Traumes und macht sie als
Störung unschädlich. Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so
hat er wirklich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte.
Es kann uns jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war,
den unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regression
freizugeben, damit er einen Traum bilde, und dann dessen Traum durch
einen kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu binden und zu erledigen,
als das Unbewußte auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu
halten. Es stand ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er ursprünglich
kein zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich
einer Funktion bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion
ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des Ubw
wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten zu bringen; er führt dabei die
Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen
einen geringen Aufwand an Wachtätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So
stellt er sich als ein Kompromiß, ganz wie die anderen psychischen
Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme,
indem er beider Wünsche, insoweit sie miteinander verträglich sind, erfüllt.
Ein Blick auf die p. 59 f. mitgeteilte R o b e r t sche »Ausscheidungstheorie«
wird zeigen, daß wir diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung
der Funktion des Traumes, recht geben müssen, während wir in den
Voraussetzungen und in der Würdigung des Traumvorganges von ihm
abweichen(241).
Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der
Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.
Das Wecken durch den Traum.
Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei
Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich
irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine Mal einen Abfluß
in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und
seine Erregung wird durch dasselbe g e b u n d e n, anstatt a b g e f ü h r t.
L e t z t e r e s a b e r g e s c h i e h t b e i m T r a u m v o r g a n g . Die
Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen Traum von Seite des
Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Bewußtseinserregung hingelenkt
worden ist, bindet die unbewußte Erregung des Traumes und macht sie als
Störung unschädlich. Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so
hat er wirklich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte.
Es kann uns jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war,
den unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regression
freizugeben, damit er einen Traum bilde, und dann dessen Traum durch
einen kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu binden und zu erledigen,
als das Unbewußte auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu
halten. Es stand ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er ursprünglich
kein zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich
einer Funktion bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion
ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des Ubw
wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten zu bringen; er führt dabei die
Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen
einen geringen Aufwand an Wachtätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So
stellt er sich als ein Kompromiß, ganz wie die anderen psychischen
Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme,
indem er beider Wünsche, insoweit sie miteinander verträglich sind, erfüllt.
Ein Blick auf die p. 59 f. mitgeteilte R o b e r t sche »Ausscheidungstheorie«
wird zeigen, daß wir diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung
der Funktion des Traumes, recht geben müssen, während wir in den
Voraussetzungen und in der Würdigung des Traumvorganges von ihm
abweichen(241).
Page 541
Die Einschränkung, insofern beide Wünsche
m i t e i n a n d e r v e r t r ä g l i c h s i n d, enthält einen Hinweis auf die
möglichen Fälle, in denen die Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt.
Der Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten
zugelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten so
intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann, so hat der
Traum das Kompromiß gebrochen, das andere Stück seiner Aufgabe nicht
mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und durch das volle
Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier nicht die Schuld des Traumes,
wenn er, sonst der Hüter des Schlafes, als Störer desselben auftreten muß,
und braucht uns gegen seine Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist
dies nicht der einzige Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige
Einrichtung unzweckmäßig und störend wird, sobald in den Bedingungen
ihres Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens
dem neuen Zwecke, die Veränderung anzuzeigen und die
Regulierungsmittel des Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe
natürlich den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine
recht zu geben, daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der
Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich der
Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen nähertreten.
Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch eine
Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen Widerspruch
mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu erklären, daß der Wunsch dem
einen System, dem Ubw, angehört, während das System des Vbw diesen
Wunsch verworfen und unterdrückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch
das Vbw ist auch bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende;
das Maß dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen
Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, daß sich die beiden
Systeme im Konflikt miteinander befinden; sie sind die
Kompromißergebnisse dieses Konfliktes, die ihm ein vorläufiges Ende
setzen. Sie gestatten einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluß
seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallstor und geben doch anderseits dem
Vbw die Möglichkeit, das Ubw einigermaßen zu beherrschen. Lehrreich ist
es z. B., die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst in
Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig, allein über die Straße zu
gehen, was wir mit Recht als »Symptom« anführen. Man hebe nun dieses
Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung nötigt, für die er sich
m i t e i n a n d e r v e r t r ä g l i c h s i n d, enthält einen Hinweis auf die
möglichen Fälle, in denen die Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt.
Der Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten
zugelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten so
intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann, so hat der
Traum das Kompromiß gebrochen, das andere Stück seiner Aufgabe nicht
mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und durch das volle
Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier nicht die Schuld des Traumes,
wenn er, sonst der Hüter des Schlafes, als Störer desselben auftreten muß,
und braucht uns gegen seine Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist
dies nicht der einzige Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige
Einrichtung unzweckmäßig und störend wird, sobald in den Bedingungen
ihres Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens
dem neuen Zwecke, die Veränderung anzuzeigen und die
Regulierungsmittel des Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe
natürlich den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine
recht zu geben, daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der
Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich der
Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen nähertreten.
Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch eine
Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen Widerspruch
mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu erklären, daß der Wunsch dem
einen System, dem Ubw, angehört, während das System des Vbw diesen
Wunsch verworfen und unterdrückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch
das Vbw ist auch bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende;
das Maß dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen
Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, daß sich die beiden
Systeme im Konflikt miteinander befinden; sie sind die
Kompromißergebnisse dieses Konfliktes, die ihm ein vorläufiges Ende
setzen. Sie gestatten einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluß
seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallstor und geben doch anderseits dem
Vbw die Möglichkeit, das Ubw einigermaßen zu beherrschen. Lehrreich ist
es z. B., die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst in
Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig, allein über die Straße zu
gehen, was wir mit Recht als »Symptom« anführen. Man hebe nun dieses
Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung nötigt, für die er sich
Page 542
unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall
auf der Straße die Veranlassung für die Herstellung der Platzangst geworden
ist. Wir erfahren so, daß das Symptom konstituiert worden ist, um den
Ausbruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine
Grenzfestung vorgelegt.
Die Traumfunktion. Ihr Scheitern im Angsttraum.
Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht auf die
Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber hier nur
unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf, daß die
Unterdrückung des Ubw vor allem darum notwendig wird, weil der sich
selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen Affekt entwickeln
würde, der ursprünglich den Charakter der Lust hatte, aber seit dem
Vorgang der Ve r d r ä n g u n g den Charakter der Unlust trägt. Die
Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Erfolg, diese
Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unterdrückung erstreckt sich auf den
Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom Vorstellungsinhalt her die
Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte Annahme
über die Natur der Affektentwicklung ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe
wird als eine motorische oder sekretorische Leistung angesehen, zu welcher
der Innervationsschlüssel in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch
die Beherrschung von Seite des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam
gedrosselt, an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse gehemmt.
Die Gefahr, wenn die Besetzung von Seite des Vbw aufhört, besteht also
darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, der –
infolge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als Unlust, als Angst
verspürt werden kann.
Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorganges
entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen darin, daß
Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unterdrückten
Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz
außerhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es nicht,
daß unser Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des Ubw während
des Schlafes, mit dem Thema der Angstentwicklung zusammenhinge, so
auf der Straße die Veranlassung für die Herstellung der Platzangst geworden
ist. Wir erfahren so, daß das Symptom konstituiert worden ist, um den
Ausbruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine
Grenzfestung vorgelegt.
Die Traumfunktion. Ihr Scheitern im Angsttraum.
Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht auf die
Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber hier nur
unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf, daß die
Unterdrückung des Ubw vor allem darum notwendig wird, weil der sich
selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen Affekt entwickeln
würde, der ursprünglich den Charakter der Lust hatte, aber seit dem
Vorgang der Ve r d r ä n g u n g den Charakter der Unlust trägt. Die
Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Erfolg, diese
Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unterdrückung erstreckt sich auf den
Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom Vorstellungsinhalt her die
Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte Annahme
über die Natur der Affektentwicklung ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe
wird als eine motorische oder sekretorische Leistung angesehen, zu welcher
der Innervationsschlüssel in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch
die Beherrschung von Seite des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam
gedrosselt, an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse gehemmt.
Die Gefahr, wenn die Besetzung von Seite des Vbw aufhört, besteht also
darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, der –
infolge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als Unlust, als Angst
verspürt werden kann.
Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorganges
entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen darin, daß
Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unterdrückten
Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz
außerhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es nicht,
daß unser Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des Ubw während
des Schlafes, mit dem Thema der Angstentwicklung zusammenhinge, so
Page 543
könnte ich auf die Besprechung des Angsttraumes verzichten und mir alle
ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.
Die Lehre vom Angsttraume gehört, wie ich schon wiederholt
ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Ich möchte sagen: die
Angst im Traume ist ein Angstproblem, kein Traumproblem. Wir haben
weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungsstelle
mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich kann nur noch
eines tun. Da ich behauptet habe, daß die neurotische Angst aus sexuellen
Quellen stammt, kann ich Angstträume der Analyse unterziehen, um das
sexuelle Material in deren Traumgedanken nachzuweisen.
Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, die mir
neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge Angstträume
von jugendlichen Personen.
Analysen von Angstträumen. – Der Pavor nocturnus.
Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum mehr
gehabt. Aus meinem siebten oder achten Jahre erinnere ich mich an einen
solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe. Er
war sehr lebhaft und zeigte mir d i e g e l i e b t e M u t t e r m i t
eigentümlich ruhigem, schlafendem
Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei)
P e r s o n e n m i t Vo g e l s c h n ä b e l n i n s Z i m m e r g e t r a g e n
u n d a u f s B e t t g e l e g t w i r d. Ich erwachte weinend und schreiend
und störte den Schlaf der Eltern. Die – eigentümlich drapierten –
überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich den Illustrationen der
P h i l i p p s o n schen Bibel entnommen; ich glaube, es waren Götter mit
Sperberköpfen von einem ägyptischen Grabrelief. Sonst aber liefert mir die
Analyse die Erinnerung an einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit
uns Kindern auf der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich
möchte sagen, der hieß P h i l i p p. Es ist mir dann, als hätte ich von dem
Knaben zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr
bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches, durch
»koitieren« ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der Sperberköpfe
deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muß die sexuelle Bedeutung des
Wortes aus der Miene des welterfahrenen Lehrmeisters erraten haben. Der
ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.
Die Lehre vom Angsttraume gehört, wie ich schon wiederholt
ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Ich möchte sagen: die
Angst im Traume ist ein Angstproblem, kein Traumproblem. Wir haben
weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungsstelle
mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich kann nur noch
eines tun. Da ich behauptet habe, daß die neurotische Angst aus sexuellen
Quellen stammt, kann ich Angstträume der Analyse unterziehen, um das
sexuelle Material in deren Traumgedanken nachzuweisen.
Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, die mir
neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge Angstträume
von jugendlichen Personen.
Analysen von Angstträumen. – Der Pavor nocturnus.
Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum mehr
gehabt. Aus meinem siebten oder achten Jahre erinnere ich mich an einen
solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe. Er
war sehr lebhaft und zeigte mir d i e g e l i e b t e M u t t e r m i t
eigentümlich ruhigem, schlafendem
Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei)
P e r s o n e n m i t Vo g e l s c h n ä b e l n i n s Z i m m e r g e t r a g e n
u n d a u f s B e t t g e l e g t w i r d. Ich erwachte weinend und schreiend
und störte den Schlaf der Eltern. Die – eigentümlich drapierten –
überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich den Illustrationen der
P h i l i p p s o n schen Bibel entnommen; ich glaube, es waren Götter mit
Sperberköpfen von einem ägyptischen Grabrelief. Sonst aber liefert mir die
Analyse die Erinnerung an einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit
uns Kindern auf der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich
möchte sagen, der hieß P h i l i p p. Es ist mir dann, als hätte ich von dem
Knaben zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr
bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches, durch
»koitieren« ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der Sperberköpfe
deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muß die sexuelle Bedeutung des
Wortes aus der Miene des welterfahrenen Lehrmeisters erraten haben. Der
Page 544
Gesichtsausdruck der Mutter im Traume war vom Angesicht des Großvaters
kopiert, den ich einige Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend
gesehen hatte. Die Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß
also gelautet haben, daß die Mutter s t i r b t, auch das G r a b relief stimmt
dazu. In dieser Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die Eltern
geweckt hatte. Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich beruhigte, als ich
die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte: sie
ist also nicht gestorben. Diese sekundäre Deutung des Traumes ist aber
schon unter dem Einflusse der entwickelten Angst geschehen. Nicht daß ich
ängstlich war, weil ich geträumt hatte, daß die Mutter stirbt; sondern ich
deutete den Traum in der vorbewußten Bearbeitung so, weil ich schon unter
der Herrschaft der Angst stand. Die Angst aber läßt sich mittels der
Verdrängung zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste,
das in dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden
hatte.
Ein 27 jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist, hat
zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst geträumt, d a ß
ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er möchte
laufen, ist aber wie gelähmt und kommt nicht von
d e r S t e l l e. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr gemeinen und
sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse gerät der Träumer
zuerst auf eine der Zeit nach spätere Erzählung seines Onkels, daß er auf
der Straße nächtlich von einem verdächtigen Individuum angefallen wurde,
und schließt selbst aus diesem Einfall, daß er zur Zeit des Traumes von
einem ähnlichen Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke erinnert er, daß er
sich in jener Lebenszeit einmal beim Holzverkleinern mit der H a c k e an
der Hand verletzt hatte. Er gerät dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu
seinem jüngeren Bruder, den er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte,
erinnert sich speziell eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf
traf, so daß er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst, er wird
ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema der G e w a l t t a t
festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten
Lebensjahre auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen,
während er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen
und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage
der beiden im Bette erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen, daß er
zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem
kopiert, den ich einige Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend
gesehen hatte. Die Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß
also gelautet haben, daß die Mutter s t i r b t, auch das G r a b relief stimmt
dazu. In dieser Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die Eltern
geweckt hatte. Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich beruhigte, als ich
die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte: sie
ist also nicht gestorben. Diese sekundäre Deutung des Traumes ist aber
schon unter dem Einflusse der entwickelten Angst geschehen. Nicht daß ich
ängstlich war, weil ich geträumt hatte, daß die Mutter stirbt; sondern ich
deutete den Traum in der vorbewußten Bearbeitung so, weil ich schon unter
der Herrschaft der Angst stand. Die Angst aber läßt sich mittels der
Verdrängung zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste,
das in dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden
hatte.
Ein 27 jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist, hat
zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst geträumt, d a ß
ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er möchte
laufen, ist aber wie gelähmt und kommt nicht von
d e r S t e l l e. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr gemeinen und
sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse gerät der Träumer
zuerst auf eine der Zeit nach spätere Erzählung seines Onkels, daß er auf
der Straße nächtlich von einem verdächtigen Individuum angefallen wurde,
und schließt selbst aus diesem Einfall, daß er zur Zeit des Traumes von
einem ähnlichen Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke erinnert er, daß er
sich in jener Lebenszeit einmal beim Holzverkleinern mit der H a c k e an
der Hand verletzt hatte. Er gerät dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu
seinem jüngeren Bruder, den er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte,
erinnert sich speziell eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf
traf, so daß er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst, er wird
ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema der G e w a l t t a t
festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten
Lebensjahre auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen,
während er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen
und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage
der beiden im Bette erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen, daß er
zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem
Page 545
jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt hatte. Er subsumierte, was bei
den Eltern vorfiel, unter den Begriff: G e w a l t t a t u n d R a u f e r e i, und
gelangte so, wie bei Kindern sehr häufig, zur sadistischen Auffassung des
Koitusaktes. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft B l u t
i m B e t t e d e r M u t t e r bemerkt hatte.
Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn bemerken,
unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist, möchte ich sagen,
Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für diese Angst die Erklärung
gegeben, daß es sich um eine sexuelle Erregung handelt, die von ihrem
Verständnis nicht bewältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stößt,
weil die Eltern in sie verflochten sind, und die sich darum in Angst
verwandelt. In einer noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle
Regung für den gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht auf
Verdrängung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (p. 194).
Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene und
abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung sich auch
wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen würde, da eine
Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch zufällige erregende
Eindrücke, als auch durch die spontanen, schubweise eintreffenden
Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.
Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese
Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es dagegen an dem
Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis der ganzen Reihe von
Phänomenen, sowohl nach der somatischen als auch nach der psychischen
Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel, wie nahe man, durch die
Scheuklappen der medizinischen Mythologie geblendet, am Verständnis
solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte ich einen Fall anführen, den ich in
der These über den Pavor nocturnus von D e b a c k e r 1881 (p. 66)
gefunden habe.
Ein 13 jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann ängstlich und
verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und fast jede Woche
einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit Halluzinationen
unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war immer sehr deutlich. Er
den Eltern vorfiel, unter den Begriff: G e w a l t t a t u n d R a u f e r e i, und
gelangte so, wie bei Kindern sehr häufig, zur sadistischen Auffassung des
Koitusaktes. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft B l u t
i m B e t t e d e r M u t t e r bemerkt hatte.
Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn bemerken,
unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist, möchte ich sagen,
Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für diese Angst die Erklärung
gegeben, daß es sich um eine sexuelle Erregung handelt, die von ihrem
Verständnis nicht bewältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stößt,
weil die Eltern in sie verflochten sind, und die sich darum in Angst
verwandelt. In einer noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle
Regung für den gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht auf
Verdrängung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (p. 194).
Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene und
abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung sich auch
wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen würde, da eine
Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch zufällige erregende
Eindrücke, als auch durch die spontanen, schubweise eintreffenden
Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.
Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese
Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es dagegen an dem
Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis der ganzen Reihe von
Phänomenen, sowohl nach der somatischen als auch nach der psychischen
Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel, wie nahe man, durch die
Scheuklappen der medizinischen Mythologie geblendet, am Verständnis
solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte ich einen Fall anführen, den ich in
der These über den Pavor nocturnus von D e b a c k e r 1881 (p. 66)
gefunden habe.
Ein 13 jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann ängstlich und
verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und fast jede Woche
einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit Halluzinationen
unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war immer sehr deutlich. Er
Page 546
konnte also erzählen, daß der T e u f e l ihn angeschrien habe: Jetzt haben
wir dich, jetzt haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel
und das Feuer verbrannte seine Haut. Aus diesem Traume schreckte er dann
auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn
deutlich sagen hörte: »Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts getan«, oder
auch: »Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr tun.« Einigemal sagte er auch:
»Albert hat das nicht getan.« Er vermied es später sich auszukleiden, »weil
das Feuer ihn nur angreife, wenn er ausgekleidet sei«. Mitten aus diesen
Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er aufs
Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe von 1½ Jahren und gestand
dann einmal, 15 Jahre alt: »Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvais
continuellement des picotements et des surexcitations aux p a r t i e s(242); à
la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter par la
fenêtre au dortoir.«
Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1. daß der Knabe in früheren
Jahren masturbiert, es wahrscheinlich geleugnet hatte und mit schweren
Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Geständnis: Je ne le ferai
plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait ça); 2. daß unter dem Andrang der
Pubertät die Versuchung zu masturbieren in dem Kitzel an den Genitalien
wieder erwachte; daß aber jetzt 3. ein Verdrängungskampf in ihm losbrach,
der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte, welche Angst
nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.
Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69). »Es geht
aus dieser Beobachtung hervor, daß 1. der Einfluß der Pubertät bei einem
Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zustand von großer Schwäche
herbeiführen und daß es dabei zu einer s e h r e r h e b l i c h e n
G e h i r n a n ä m i e(243) kommen kann.
2. Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung,
dämonomanische Halluzinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
auch tägliche Angstzustände.
3. Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben gehen auf die
Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf ihn gewirkt
hatten.
4. Alle Erscheinungen sind infolge eines längeren Landaufenthaltes
durch körperliche Übung und Wiederkehr der Kräfte nach abgelaufener
wir dich, jetzt haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel
und das Feuer verbrannte seine Haut. Aus diesem Traume schreckte er dann
auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn
deutlich sagen hörte: »Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts getan«, oder
auch: »Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr tun.« Einigemal sagte er auch:
»Albert hat das nicht getan.« Er vermied es später sich auszukleiden, »weil
das Feuer ihn nur angreife, wenn er ausgekleidet sei«. Mitten aus diesen
Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er aufs
Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe von 1½ Jahren und gestand
dann einmal, 15 Jahre alt: »Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvais
continuellement des picotements et des surexcitations aux p a r t i e s(242); à
la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter par la
fenêtre au dortoir.«
Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1. daß der Knabe in früheren
Jahren masturbiert, es wahrscheinlich geleugnet hatte und mit schweren
Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Geständnis: Je ne le ferai
plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait ça); 2. daß unter dem Andrang der
Pubertät die Versuchung zu masturbieren in dem Kitzel an den Genitalien
wieder erwachte; daß aber jetzt 3. ein Verdrängungskampf in ihm losbrach,
der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte, welche Angst
nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.
Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69). »Es geht
aus dieser Beobachtung hervor, daß 1. der Einfluß der Pubertät bei einem
Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zustand von großer Schwäche
herbeiführen und daß es dabei zu einer s e h r e r h e b l i c h e n
G e h i r n a n ä m i e(243) kommen kann.
2. Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung,
dämonomanische Halluzinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
auch tägliche Angstzustände.
3. Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben gehen auf die
Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf ihn gewirkt
hatten.
4. Alle Erscheinungen sind infolge eines längeren Landaufenthaltes
durch körperliche Übung und Wiederkehr der Kräfte nach abgelaufener
Page 547
Pubertät verschwunden.
5. Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des Vaters
einen prädisponierenden Einfluß auf die Entstehung des Gehirnzustandes
beim Kinde zuschreiben.«
Das Schlußwort: »Nous avons fait entrer cette observation dans le cadre
des délires apyrétiques d’inanition, car c’est à l’ischémie cérébrale que nous
rattachons cet état particulier.«
Versöhnung der Widersprüche in der Traumlehre.
e) D e r P r i m ä r - u n d d e r S e k u n d ä r v o r g a n g. D i e
Ve r d r ä n g u n g.
Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe
unternommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist.
Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhanges durch ein
Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei jeder
Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräften zu
schwer werden. Es rächt sich nun an mir, daß ich bei der Darstellung der
Traumpsychologie nicht der historischen Entwicklung meiner Einsichten
folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte für die Auffassung des Traumes
durch vorhergegangene Arbeiten über die Psychologie der Neurosen
gegeben, auf die ich mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder
beziehen muß, während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom
Traume aus den Anschluß an die Psychologie der Neurosen erreichen
möchte. Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser
ergeben; aber ich weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.
Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gern bei einem anderen
Gesichtspunkte, der mir den Wert meiner Bemühung zu heben scheint. Ich
fand ein Thema vor, das von den schärfsten Widersprüchen in den
Meinungen der Autoren beherrscht war, wie die Einführung des ersten
Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer Bearbeitung der Traumprobleme ist
5. Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des Vaters
einen prädisponierenden Einfluß auf die Entstehung des Gehirnzustandes
beim Kinde zuschreiben.«
Das Schlußwort: »Nous avons fait entrer cette observation dans le cadre
des délires apyrétiques d’inanition, car c’est à l’ischémie cérébrale que nous
rattachons cet état particulier.«
Versöhnung der Widersprüche in der Traumlehre.
e) D e r P r i m ä r - u n d d e r S e k u n d ä r v o r g a n g. D i e
Ve r d r ä n g u n g.
Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe
unternommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist.
Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhanges durch ein
Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei jeder
Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräften zu
schwer werden. Es rächt sich nun an mir, daß ich bei der Darstellung der
Traumpsychologie nicht der historischen Entwicklung meiner Einsichten
folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte für die Auffassung des Traumes
durch vorhergegangene Arbeiten über die Psychologie der Neurosen
gegeben, auf die ich mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder
beziehen muß, während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom
Traume aus den Anschluß an die Psychologie der Neurosen erreichen
möchte. Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser
ergeben; aber ich weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.
Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gern bei einem anderen
Gesichtspunkte, der mir den Wert meiner Bemühung zu heben scheint. Ich
fand ein Thema vor, das von den schärfsten Widersprüchen in den
Meinungen der Autoren beherrscht war, wie die Einführung des ersten
Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer Bearbeitung der Traumprobleme ist
Page 548
für die meisten dieser Widersprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien
der geäußerten Ansichten, daß der Traum ein sinnloser und ein somatischer
Vorgang sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen; sonst aber
haben wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
Stelle des verwickelten Zusammenhanges recht geben und nachweisen
können, daß sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Daß der Traum die
Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat sich durch die
Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz allgemein bestätigt.
Diese beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns
mächtig interessiert. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber
auch das Gegenteil haben wir gelten lassen, daß der Traum die
gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines großen
Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit
einigermaßen entzogen hat. Wir fanden dies gültig für den Trauminhalt, der
den Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt.
Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
Assoziationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgültigen
Vorstellungsmaterials, welches von der wachen Denktätigkeit noch nicht
mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Zensur überträgt er die
psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf das
Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das
Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in
unserer Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden
Wunsch die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung
zugeschrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der
äußeren Sinnesreize während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich
nicht einfallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis zum
Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedankenreste.
Daß der Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art einer Illusion deutet,
brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben das von den Autoren
unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung hinzugefügt. Die Deutung
erfolgt so, daß das wahrgenommene Objekt für die Schlafstörung
unschädlich und für die Wunscherfüllung verwendbar wird. Den
subjektiven Erregungszustand der Sinnesorgane während des Schlafes, der
durch T r u m b u l l L a d d nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als
besondere Traumquelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente
Belebung der hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen zu erklären.
der geäußerten Ansichten, daß der Traum ein sinnloser und ein somatischer
Vorgang sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen; sonst aber
haben wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
Stelle des verwickelten Zusammenhanges recht geben und nachweisen
können, daß sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Daß der Traum die
Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat sich durch die
Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz allgemein bestätigt.
Diese beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns
mächtig interessiert. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber
auch das Gegenteil haben wir gelten lassen, daß der Traum die
gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines großen
Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit
einigermaßen entzogen hat. Wir fanden dies gültig für den Trauminhalt, der
den Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt.
Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
Assoziationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgültigen
Vorstellungsmaterials, welches von der wachen Denktätigkeit noch nicht
mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Zensur überträgt er die
psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf das
Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das
Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in
unserer Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden
Wunsch die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung
zugeschrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der
äußeren Sinnesreize während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich
nicht einfallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis zum
Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedankenreste.
Daß der Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art einer Illusion deutet,
brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben das von den Autoren
unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung hinzugefügt. Die Deutung
erfolgt so, daß das wahrgenommene Objekt für die Schlafstörung
unschädlich und für die Wunscherfüllung verwendbar wird. Den
subjektiven Erregungszustand der Sinnesorgane während des Schlafes, der
durch T r u m b u l l L a d d nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als
besondere Traumquelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente
Belebung der hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen zu erklären.
Page 549
Auch den inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkte der
Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine,
wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen uns – die
Sensationen des Fallens, Schwebens, Gehemmtseins – ein allezeit bereites
Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
Traumgedanken, so oft es not tut, bedient.
Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint uns
richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes durch das
Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des Traumvorganges haben wir
einen langsamen, wogenden Ablauf wahrscheinlich gefunden. Zum Rätsel
des überreichen, in den kürzesten Moment zusammengedrängten
Trauminhaltes konnten wir den Beitrag liefern, daß es sich dabei um das
Aufgreifen bereits fertiger Gebilde des psychischen Lebens handle. Daß der
Traum von der Erinnerung entstellt und verstümmelt wird, fanden wir
richtig, aber nicht hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer
von Anfang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem
erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das
Seelenleben nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie bei
Tage verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz recht
geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise einer höchst
komplizierten, mit fast allen Mitteln des seelischen Apparates arbeitenden,
intellektuellen Leistung; doch ist es nicht abzuweisen, daß diese
Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und es ist unentbehrlich
anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des Seelenlebens gibt. So kam
selbst die Lehre vom partiellen Schlafe zur Geltung; aber nicht in dem
Zerfall der seelischen Zusammenhänge haben wir die Charakteristik des
Schlafzustandes gefunden, sondern in der Einstellung des den Tag
beherrschenden psychischen Systems auf den Wunsch zu schlafen. Die
Ablenkung von der Außenwelt bewahrte auch für unsere Auffassung ihre
Bedeutung; sie hilft, wenn auch nicht als einziges Moment, die Regression
der Traumdarstellung ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche
Lenkung des Vorstellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische
Leben wird darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, daß nach dem
Aufgeben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft
gelangen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im Traume haben wir nicht
nur anerkannt, sondern ihrer Herkunft einen weit größeren Umfang
zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber gefunden, daß sie
Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine,
wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen uns – die
Sensationen des Fallens, Schwebens, Gehemmtseins – ein allezeit bereites
Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
Traumgedanken, so oft es not tut, bedient.
Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint uns
richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes durch das
Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des Traumvorganges haben wir
einen langsamen, wogenden Ablauf wahrscheinlich gefunden. Zum Rätsel
des überreichen, in den kürzesten Moment zusammengedrängten
Trauminhaltes konnten wir den Beitrag liefern, daß es sich dabei um das
Aufgreifen bereits fertiger Gebilde des psychischen Lebens handle. Daß der
Traum von der Erinnerung entstellt und verstümmelt wird, fanden wir
richtig, aber nicht hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer
von Anfang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem
erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das
Seelenleben nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie bei
Tage verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz recht
geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise einer höchst
komplizierten, mit fast allen Mitteln des seelischen Apparates arbeitenden,
intellektuellen Leistung; doch ist es nicht abzuweisen, daß diese
Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und es ist unentbehrlich
anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des Seelenlebens gibt. So kam
selbst die Lehre vom partiellen Schlafe zur Geltung; aber nicht in dem
Zerfall der seelischen Zusammenhänge haben wir die Charakteristik des
Schlafzustandes gefunden, sondern in der Einstellung des den Tag
beherrschenden psychischen Systems auf den Wunsch zu schlafen. Die
Ablenkung von der Außenwelt bewahrte auch für unsere Auffassung ihre
Bedeutung; sie hilft, wenn auch nicht als einziges Moment, die Regression
der Traumdarstellung ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche
Lenkung des Vorstellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische
Leben wird darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, daß nach dem
Aufgeben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft
gelangen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im Traume haben wir nicht
nur anerkannt, sondern ihrer Herkunft einen weit größeren Umfang
zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber gefunden, daß sie
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nur der erzwungene Ersatz für eine andere, korrekte und sinnvolle ist.
Gewiß nannten auch wir den Traum absurd; aber Beispiele konnten uns
lehren, wie klug der Traum ist, wenn er sich absurd stellt. Von den
Funktionen, die dem Traume zuerkannt worden sind, trennt uns kein
Widerspruch. Daß der Traum die Seele wie ein Ventil entlaste, und daß nach
R o b e r t s Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im Traume
unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer Lehre von der
zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird für
uns sogar nach seinem Wortlaute verständlicher als bei R o b e r t. Das freie
Sichergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns
wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die vorbewußte
Tätigkeit. Die »Rückkehr auf den embryonalen Standpunkt des
Seelenlebens im Traume« und die Bemerkung von H a v e l o c k E l l i s,
»an archaic world of vast emotions and imperfect thoughts« erscheinen uns
als glückliche Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die p r i m i t i v e, bei
Tage unterdrückte Arbeitsweisen an der Traumbildung beteiligt sein lassen;
die Behauptung von S u l l y, »der Traum bringe unsere früheren sukzessive
entwickelten Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art, die Dinge anzusehen,
Impulse und Reaktionsweisen, die uns vor langen Zeiten beherrscht haben«,
konnten wir im vollen Umfange zu der unsrigen machen; wie bei D e l a g e
wird bei uns das »U n t e r d r ü c k t e« zur Triebfeder des Traumes.
Die Rolle, welche S c h e r n e r der Traumphantasie zuschreibt, und die
Deutungen S c h e r n e r s selbst haben wir in vollem Umfange anerkannt,
aber ihnen gleichsam eine andere Lokalität im Problem anweisen müssen.
Nicht der Traum bildet die Phantasie, sondern an der Bildung der
Traumgedanken hat die unbewußte Phantasietätigkeit den größten Anteil.
Wir bleiben S c h e r n e r für den Hinweis auf die Quelle der
Traumgedanken verpflichtet; aber fast alles, was er der Traumarbeit
zuschreibt, ist der Tätigkeit des bei Tage regsamen Unbewußten
zuzurechnen, welche die Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als
die für die neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mußten wir von dieser
Tätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes
absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den
Seelenstörungen keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden
fester begründet.
Gewiß nannten auch wir den Traum absurd; aber Beispiele konnten uns
lehren, wie klug der Traum ist, wenn er sich absurd stellt. Von den
Funktionen, die dem Traume zuerkannt worden sind, trennt uns kein
Widerspruch. Daß der Traum die Seele wie ein Ventil entlaste, und daß nach
R o b e r t s Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im Traume
unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer Lehre von der
zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird für
uns sogar nach seinem Wortlaute verständlicher als bei R o b e r t. Das freie
Sichergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns
wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die vorbewußte
Tätigkeit. Die »Rückkehr auf den embryonalen Standpunkt des
Seelenlebens im Traume« und die Bemerkung von H a v e l o c k E l l i s,
»an archaic world of vast emotions and imperfect thoughts« erscheinen uns
als glückliche Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die p r i m i t i v e, bei
Tage unterdrückte Arbeitsweisen an der Traumbildung beteiligt sein lassen;
die Behauptung von S u l l y, »der Traum bringe unsere früheren sukzessive
entwickelten Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art, die Dinge anzusehen,
Impulse und Reaktionsweisen, die uns vor langen Zeiten beherrscht haben«,
konnten wir im vollen Umfange zu der unsrigen machen; wie bei D e l a g e
wird bei uns das »U n t e r d r ü c k t e« zur Triebfeder des Traumes.
Die Rolle, welche S c h e r n e r der Traumphantasie zuschreibt, und die
Deutungen S c h e r n e r s selbst haben wir in vollem Umfange anerkannt,
aber ihnen gleichsam eine andere Lokalität im Problem anweisen müssen.
Nicht der Traum bildet die Phantasie, sondern an der Bildung der
Traumgedanken hat die unbewußte Phantasietätigkeit den größten Anteil.
Wir bleiben S c h e r n e r für den Hinweis auf die Quelle der
Traumgedanken verpflichtet; aber fast alles, was er der Traumarbeit
zuschreibt, ist der Tätigkeit des bei Tage regsamen Unbewußten
zuzurechnen, welche die Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als
die für die neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mußten wir von dieser
Tätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes
absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den
Seelenstörungen keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden
fester begründet.
Page 551
Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere Einheit
zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten und
widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude eingefügt,
manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich verworfen. Aber
auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen Unklarheiten
abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das Dunkel der Psychologie
auf uns gezogen haben, scheint auch noch ein neuer Widerspruch uns zu
bedrücken. Wir haben einerseits die Traumgedanken durch völlig normale
geistige Arbeit entstehen lassen, anderseits aber eine Reihe von ganz
abnormen Denkvorgängen unter den Traumgedanken und von ihnen aus
zum Trauminhalt aufgefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung
wiederholen. Alles, was wir die »Traumarbeit« geheißen haben, scheint sich
von den uns als korrekt bekannten psychischen Vorgängen so weit zu
entfernen, daß die härtesten Urteile der Autoren über die niedrige
psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.
Der Widerspruch zwischen den beiden Stücken der »Traumarbeit«.
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen herausgreifen,
die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken ersetzt,
die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch gefügt sind.
Wir können darum nicht bezweifeln, daß diese Gedanken unserem
normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigenschaften, welche wir an
unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche sie sich als
komplizierte Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen, finden wir an den
Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine Nötigung, anzunehmen, daß
diese Gedankenarbeit während des Schlafes vollzogen wurde, was unsere
bisher festgehaltene Vorstellung vom psychischen Schlafzustand arg beirren
würde. Diese Gedanken können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen,
sich, von ihrem Anstoß an, unserem Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt
haben und fanden sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir
aus dieser Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis,
daß die k o m p l i z i e r t e s t e n D e n k l e i s t u n g e n o h n e M i t t u n
d e s B e w u ß t s e i n s m ö g l i c h s i n d, was wir ohnedies aus jeder
zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten und
widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude eingefügt,
manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich verworfen. Aber
auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen Unklarheiten
abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das Dunkel der Psychologie
auf uns gezogen haben, scheint auch noch ein neuer Widerspruch uns zu
bedrücken. Wir haben einerseits die Traumgedanken durch völlig normale
geistige Arbeit entstehen lassen, anderseits aber eine Reihe von ganz
abnormen Denkvorgängen unter den Traumgedanken und von ihnen aus
zum Trauminhalt aufgefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung
wiederholen. Alles, was wir die »Traumarbeit« geheißen haben, scheint sich
von den uns als korrekt bekannten psychischen Vorgängen so weit zu
entfernen, daß die härtesten Urteile der Autoren über die niedrige
psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.
Der Widerspruch zwischen den beiden Stücken der »Traumarbeit«.
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen herausgreifen,
die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken ersetzt,
die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch gefügt sind.
Wir können darum nicht bezweifeln, daß diese Gedanken unserem
normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigenschaften, welche wir an
unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche sie sich als
komplizierte Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen, finden wir an den
Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine Nötigung, anzunehmen, daß
diese Gedankenarbeit während des Schlafes vollzogen wurde, was unsere
bisher festgehaltene Vorstellung vom psychischen Schlafzustand arg beirren
würde. Diese Gedanken können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen,
sich, von ihrem Anstoß an, unserem Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt
haben und fanden sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir
aus dieser Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis,
daß die k o m p l i z i e r t e s t e n D e n k l e i s t u n g e n o h n e M i t t u n
d e s B e w u ß t s e i n s m ö g l i c h s i n d, was wir ohnedies aus jeder
Page 552
Psychoanalyse eines Hysterischen oder einer Person mit
Zwangsvorstellungen erfahren mußten. Diese Traumgedanken sind an sich
sicherlich nicht bewußtseinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewußt
worden sind, so mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewußtwerden
hängt mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der
Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter
Quantität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie solche
Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden können, ist folgende:
Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir, daß wir bei
Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen.
Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche der Kritik nicht
stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Aufmerksamkeitsbesetzung
fallen. Es scheint nun, daß der begonnene und verlassene Gedankengang
sich dann fortspinnen kann, ohne daß sich ihm die Aufmerksamkeit wieder
zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle eine besonders hohe Intensität
erreicht, welche die Aufmerksamkeit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit
Bewußtsein erfolgte Verwerfung durch das Urteil, als unrichtig oder als
unbrauchbar für den aktuellen Zweck des Denkaktes, kann also die Ursache
sein, daß ein Denkvorgang sich vom Bewußtsein unbemerkt bis zum
Einschlafen fortsetzt.
Resumieren wir, daß wir einen solchen Gedankengang einen
v o r b e w u ß t e n heißen, ihn für völlig korrekt halten, und daß er
ebensowohl ein bloß vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter
sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weise wir uns den
Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, daß von einer
Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgröße, die wir
»Besetzungsenergie« heißen, längs der durch diese Zielvorstellung
ausgewählten Assoziationswege verschoben wird. Ein »vernachlässigter«
Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem
»unterdrückten« oder »verworfenen« ist sie wieder zurückgezogen worden;
beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der zielbesetzte
Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig, die
Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu ziehen, und erhält dann durch
dessen Vermittlung eine »Ü b e r b e s e t z u n g«. Unsere Annahmen über
die Natur und Leistung des Bewußtseins werden wir ein wenig später
klarlegen müssen.
Zwangsvorstellungen erfahren mußten. Diese Traumgedanken sind an sich
sicherlich nicht bewußtseinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewußt
worden sind, so mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewußtwerden
hängt mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der
Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter
Quantität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie solche
Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden können, ist folgende:
Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir, daß wir bei
Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen.
Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche der Kritik nicht
stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Aufmerksamkeitsbesetzung
fallen. Es scheint nun, daß der begonnene und verlassene Gedankengang
sich dann fortspinnen kann, ohne daß sich ihm die Aufmerksamkeit wieder
zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle eine besonders hohe Intensität
erreicht, welche die Aufmerksamkeit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit
Bewußtsein erfolgte Verwerfung durch das Urteil, als unrichtig oder als
unbrauchbar für den aktuellen Zweck des Denkaktes, kann also die Ursache
sein, daß ein Denkvorgang sich vom Bewußtsein unbemerkt bis zum
Einschlafen fortsetzt.
Resumieren wir, daß wir einen solchen Gedankengang einen
v o r b e w u ß t e n heißen, ihn für völlig korrekt halten, und daß er
ebensowohl ein bloß vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter
sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weise wir uns den
Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, daß von einer
Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgröße, die wir
»Besetzungsenergie« heißen, längs der durch diese Zielvorstellung
ausgewählten Assoziationswege verschoben wird. Ein »vernachlässigter«
Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem
»unterdrückten« oder »verworfenen« ist sie wieder zurückgezogen worden;
beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der zielbesetzte
Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig, die
Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu ziehen, und erhält dann durch
dessen Vermittlung eine »Ü b e r b e s e t z u n g«. Unsere Annahmen über
die Natur und Leistung des Bewußtseins werden wir ein wenig später
klarlegen müssen.
Page 553
Ein so im Vorbewußten angeregter Gedankengang kann spontan
erlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns so vor,
daß seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Assoziationsrichtungen
diffundiert, die ganze Gedankenkette in einen erregten Zustand versetzt, der
für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die
a b f u h r b e d ü r f t i g e E r r e g u n g sich in r u h e n d e B e s e t z u n g
umwandelt(244). Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter
keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem
Vorbewußten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer
unbewußten und immer regen Wünsche stammen. Diese können sich der
Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen,
stellen die Verbindung zwischen ihm und dem unbewußten Wunsche her,
ü b e r t r a g e n ihm die dem unbewußten Wunsch eigene Energie, und von
jetzt an ist der vernachlässigte oder unterdrückte Gedankengang im stande,
sich zu erhalten, obwohl er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf
den Zugang zum Bewußtsein erhält. Wir können sagen, der bisher
vorbewußte Gedankengang ist i n s U n b e w u ß t e g e z o g e n worden.
Andere Konstellationen zur Traumbildung wären, daß der vorbewußte
Gedankengang von vornherein in Verbindung mit dem unbewußten
Wunsche stand, und darum auf Abweisung von Seite der herrschenden
Zielbesetzung stieß, oder daß ein unbewußter Wunsch aus anderen (etwa
somatischen) Gründen rege geworden ist und ohne Entgegenkommen eine
Übertragung auf die vom Vbw nicht besetzten psychischen Reste sucht. Alle
drei Fälle treffen endlich in einem Ergebnis zusammen, daß ein
Gedankenzug im Vorbewußten zu stande kommt, der von der vorbewußten
Besetzung verlassen, vom unbewußten Wunsche her Besetzung gefunden
hat.
Die abnormen Vorgänge bei der Traumarbeit.
Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Umwandlungen,
die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge anerkennen, und die
ein uns befremdendes Resultat, eine psychopathologische Bildung, ergeben.
Wir wollen dieselben herausheben und zusammenstellen:
1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach ihrem
ganzen Betrage abflußfähig und übergehen von einer Vorstellung auf die
erlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns so vor,
daß seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Assoziationsrichtungen
diffundiert, die ganze Gedankenkette in einen erregten Zustand versetzt, der
für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die
a b f u h r b e d ü r f t i g e E r r e g u n g sich in r u h e n d e B e s e t z u n g
umwandelt(244). Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter
keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem
Vorbewußten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer
unbewußten und immer regen Wünsche stammen. Diese können sich der
Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen,
stellen die Verbindung zwischen ihm und dem unbewußten Wunsche her,
ü b e r t r a g e n ihm die dem unbewußten Wunsch eigene Energie, und von
jetzt an ist der vernachlässigte oder unterdrückte Gedankengang im stande,
sich zu erhalten, obwohl er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf
den Zugang zum Bewußtsein erhält. Wir können sagen, der bisher
vorbewußte Gedankengang ist i n s U n b e w u ß t e g e z o g e n worden.
Andere Konstellationen zur Traumbildung wären, daß der vorbewußte
Gedankengang von vornherein in Verbindung mit dem unbewußten
Wunsche stand, und darum auf Abweisung von Seite der herrschenden
Zielbesetzung stieß, oder daß ein unbewußter Wunsch aus anderen (etwa
somatischen) Gründen rege geworden ist und ohne Entgegenkommen eine
Übertragung auf die vom Vbw nicht besetzten psychischen Reste sucht. Alle
drei Fälle treffen endlich in einem Ergebnis zusammen, daß ein
Gedankenzug im Vorbewußten zu stande kommt, der von der vorbewußten
Besetzung verlassen, vom unbewußten Wunsche her Besetzung gefunden
hat.
Die abnormen Vorgänge bei der Traumarbeit.
Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Umwandlungen,
die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge anerkennen, und die
ein uns befremdendes Resultat, eine psychopathologische Bildung, ergeben.
Wir wollen dieselben herausheben und zusammenstellen:
1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach ihrem
ganzen Betrage abflußfähig und übergehen von einer Vorstellung auf die
Page 554
andere, so daß einzelne mit großer Intensität versehene Vorstellungen
gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt, kann die
Intensität eines ganzen Gedankenzuges schließlich in einem einzigen
Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die Tatsache der
K o m p r e s s i o n oder Ve r d i c h t u n g, die wir während der Traumarbeit
kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an dem befremdenden
Eindruck des Traumes, denn etwas ihr Analoges ist uns aus dem normalen
und dem Bewußtsein zugänglichen Seelenleben ganz unbekannt. Wir haben
auch hier Vorstellungen, die als Knotenpunkte oder als Endergebnisse
ganzer Gedankenketten eine große psychische Bedeutung besitzen, aber
diese Wertigkeit äußert sich in keinem für die innere Wahrnehmung
s i n n f ä l l i g e n Charakter; das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner
Weise intensiver. Im Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische
Zusammenhang in die I n t e n s i t ä t des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der
nämliche Fall, wie wenn ich in einem Buche ein Wort, dem ich einen
überragenden Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett
drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam
sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt
unmittelbar zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele
(T r i m e t h y l a m i n im Traume von Irmas Injektion). Die Kunsthistoriker
machen uns darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen
ein ähnliches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten
Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König wird
zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein Gefolge oder der überwundene
Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu demselben Zwecke
feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des Imperators in die Mitte
stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, besondere Sorgfalt auf die
Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die Feinde zu seinen Füßen legen,
ihn aber nicht mehr als Riesen unter Zwergen erscheinen lassen. Indes ist
die Verbeugung des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte
noch heute ein Nachklang jenes alten Darstellungsprinzips.
Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes
fortschreiten, ist einerseits durch die korrekten vorbewußten Relationen der
Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der visuellen
Erinnerungen im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der
Verdichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruche gegen die
Wahrnehmungssysteme erfordert werden.
gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt, kann die
Intensität eines ganzen Gedankenzuges schließlich in einem einzigen
Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die Tatsache der
K o m p r e s s i o n oder Ve r d i c h t u n g, die wir während der Traumarbeit
kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an dem befremdenden
Eindruck des Traumes, denn etwas ihr Analoges ist uns aus dem normalen
und dem Bewußtsein zugänglichen Seelenleben ganz unbekannt. Wir haben
auch hier Vorstellungen, die als Knotenpunkte oder als Endergebnisse
ganzer Gedankenketten eine große psychische Bedeutung besitzen, aber
diese Wertigkeit äußert sich in keinem für die innere Wahrnehmung
s i n n f ä l l i g e n Charakter; das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner
Weise intensiver. Im Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische
Zusammenhang in die I n t e n s i t ä t des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der
nämliche Fall, wie wenn ich in einem Buche ein Wort, dem ich einen
überragenden Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett
drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam
sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt
unmittelbar zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele
(T r i m e t h y l a m i n im Traume von Irmas Injektion). Die Kunsthistoriker
machen uns darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen
ein ähnliches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten
Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König wird
zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein Gefolge oder der überwundene
Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu demselben Zwecke
feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des Imperators in die Mitte
stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, besondere Sorgfalt auf die
Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die Feinde zu seinen Füßen legen,
ihn aber nicht mehr als Riesen unter Zwergen erscheinen lassen. Indes ist
die Verbeugung des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte
noch heute ein Nachklang jenes alten Darstellungsprinzips.
Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes
fortschreiten, ist einerseits durch die korrekten vorbewußten Relationen der
Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der visuellen
Erinnerungen im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der
Verdichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruche gegen die
Wahrnehmungssysteme erfordert werden.
Page 555
2. Es werden wiederum durch freie Übertragbarkeit der Intensitäten und
im Dienste der Verdichtung M i t t e l v o r s t e l l u n g e n gebildet,
Kompromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls etwas
Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor allem auf die
Auswahl und Festhaltung des »richtigen« Vorstellungselementes ankommt.
Dagegen ereignen sich Misch- wie Kompromißbildungen außerordentlich
häufig, wenn wir für die vorbewußten Gedanken den sprachlichen
Ausdruck suchen, und werden als Arten des »Versprechens« angeführt.
3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen in
den l o c k e r s t e n B e z i e h u n g e n zueinander und sind durch solche
Arten von Assoziationen verknüpft, welche von unserem Denken
verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnutzung überlassen
werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassoziationen als
den anderen gleichwertig.
4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach, einander
aufzuheben, sondern bestehen nebeneinander, setzen sich oft, a l s o b
k e i n W i d e r s p r u c h bestünde, zu Verdichtungsprodukten zusammen
oder bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie verzeihen würden,
in unserem Handeln aber oft gutheißen.
Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen im Laufe
der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traumgedanken unterzogen
werden. Man erkennt als den Hauptcharakter derselben, daß aller Wert
darauf gelegt wird, die besetzende Energie beweglich und a b f u h r f ä h i g
zu machen; der Inhalt und die eigene Bedeutung der psychischen Elemente,
an denen diese Besetzungen haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch
meinen, die Verdichtung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste
der Regression, wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu
verwandeln. Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese
solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes
»Autodidasker – Gespräch mit Hofrat N.«, ergeben die nämlichen
Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.
So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an der
Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge beteiligt
sind; der eine schafft vollkommen korrekte, dem normalen Denken
gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit denselben auf eine
im Dienste der Verdichtung M i t t e l v o r s t e l l u n g e n gebildet,
Kompromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls etwas
Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor allem auf die
Auswahl und Festhaltung des »richtigen« Vorstellungselementes ankommt.
Dagegen ereignen sich Misch- wie Kompromißbildungen außerordentlich
häufig, wenn wir für die vorbewußten Gedanken den sprachlichen
Ausdruck suchen, und werden als Arten des »Versprechens« angeführt.
3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen in
den l o c k e r s t e n B e z i e h u n g e n zueinander und sind durch solche
Arten von Assoziationen verknüpft, welche von unserem Denken
verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnutzung überlassen
werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassoziationen als
den anderen gleichwertig.
4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach, einander
aufzuheben, sondern bestehen nebeneinander, setzen sich oft, a l s o b
k e i n W i d e r s p r u c h bestünde, zu Verdichtungsprodukten zusammen
oder bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie verzeihen würden,
in unserem Handeln aber oft gutheißen.
Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen im Laufe
der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traumgedanken unterzogen
werden. Man erkennt als den Hauptcharakter derselben, daß aller Wert
darauf gelegt wird, die besetzende Energie beweglich und a b f u h r f ä h i g
zu machen; der Inhalt und die eigene Bedeutung der psychischen Elemente,
an denen diese Besetzungen haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch
meinen, die Verdichtung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste
der Regression, wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu
verwandeln. Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese
solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes
»Autodidasker – Gespräch mit Hofrat N.«, ergeben die nämlichen
Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.
So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an der
Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge beteiligt
sind; der eine schafft vollkommen korrekte, dem normalen Denken
gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit denselben auf eine
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höchst befremdende, inkorrekte Weise. Den letzteren haben wir schon im
Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit abgesondert. Was haben wir
nun zur Ableitung dieses letzteren psychischen Vorganges vorzubringen?
Die nämlichen abnormen Vorgänge bei den Neurosen.
Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein Stück
weit in die Psychologie der Neurosen, speziell der Hysterie, eingedrungen
wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die nämlichen inkorrekten
psychischen Vorgänge – und noch andere nicht aufgezählte – die
Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen. Auch bei der Hysterie
finden wir zunächst eine Reihe von völlig korrekten, unseren bewußten
ganz gleichwertigen Gedanken, von deren Existenz in dieser Form wir aber
nichts erfahren können, die wir erst nachträglich rekonstruieren. Wenn sie
irgendwo zu unserer Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir
aus der Analyse des gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken
eine abnorme Behandlung erlitten haben und m i t t e l s Ve r d i c h t u n g ,
Kompromißbildung, über oberflächliche
Assoziationen, unter Deckung der Widersprüche,
e v e n t u e l l a u f d e m We g e d e r R e g r e s s i o n i n d a s
S y m p t o m ü b e r g e f ü h r t w o r d e n s i n d. Bei der vollen Identität
zwischen den Eigentümlichkeiten der Traumarbeit und der psychischen
Tätigkeit, welche in die psychoneurotischen Symptome ausläuft, werden
wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse, zu denen uns die Hysterie nötigt,
auf den Traum zu übertragen.
Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, d a ß
solche abnorme psychische Bearbeitung eines
normalen Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn
dieser zur Übertragung eines unbewußten
Wunsches geworden ist, der aus dem Infantilen
s t a m m t u n d s i c h i n d e r Ve r d r ä n g u n g b e f i n d e t. Diesem
Satze zuliebe haben wir die Theorie des Traumes auf die Annahme gebaut,
daß der treibende Traumwunsch allemal aus dem Unbewußten stammt, was,
wie wir selbst zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch
nicht zurückweisen läßt. Um aber sagen zu können, was die
Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit abgesondert. Was haben wir
nun zur Ableitung dieses letzteren psychischen Vorganges vorzubringen?
Die nämlichen abnormen Vorgänge bei den Neurosen.
Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein Stück
weit in die Psychologie der Neurosen, speziell der Hysterie, eingedrungen
wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die nämlichen inkorrekten
psychischen Vorgänge – und noch andere nicht aufgezählte – die
Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen. Auch bei der Hysterie
finden wir zunächst eine Reihe von völlig korrekten, unseren bewußten
ganz gleichwertigen Gedanken, von deren Existenz in dieser Form wir aber
nichts erfahren können, die wir erst nachträglich rekonstruieren. Wenn sie
irgendwo zu unserer Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir
aus der Analyse des gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken
eine abnorme Behandlung erlitten haben und m i t t e l s Ve r d i c h t u n g ,
Kompromißbildung, über oberflächliche
Assoziationen, unter Deckung der Widersprüche,
e v e n t u e l l a u f d e m We g e d e r R e g r e s s i o n i n d a s
S y m p t o m ü b e r g e f ü h r t w o r d e n s i n d. Bei der vollen Identität
zwischen den Eigentümlichkeiten der Traumarbeit und der psychischen
Tätigkeit, welche in die psychoneurotischen Symptome ausläuft, werden
wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse, zu denen uns die Hysterie nötigt,
auf den Traum zu übertragen.
Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, d a ß
solche abnorme psychische Bearbeitung eines
normalen Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn
dieser zur Übertragung eines unbewußten
Wunsches geworden ist, der aus dem Infantilen
s t a m m t u n d s i c h i n d e r Ve r d r ä n g u n g b e f i n d e t. Diesem
Satze zuliebe haben wir die Theorie des Traumes auf die Annahme gebaut,
daß der treibende Traumwunsch allemal aus dem Unbewußten stammt, was,
wie wir selbst zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch
nicht zurückweisen läßt. Um aber sagen zu können, was die
Page 557
»Ve r d r ä n g u n g« ist, mit deren Namen wir schon so oft gespielt haben,
müssen wir ein Stück an unserem psychologischen Gerüste weiterbauen.
Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen Apparates
vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird, Anhäufung von
Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungslos zu erhalten. Er war
darum nach dem Schema eines Reflexapparates gebaut; die Motilität,
zunächst der Weg zur inneren Veränderung des Körpers, war die ihm zu
Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten dann die psychischen Folgen
eines Befriedigungserlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme
einfügen können, daß Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht
bekümmernden Modalitäten – als Unlust empfunden wird und den Apparat
in Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem die
Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen.
Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im
Apparat heißen wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als ein
Wunsch sei im stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der
Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen
von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein
halluzinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein.
Diese Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung
festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses,
also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizuführen.
Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucksweise die
Tätigkeit eines zweiten Systems – notwendig, welche nicht gestattete, daß
die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe und von dort aus die
psychischen Kräfte binde, sondern die vom Bedürfnisreiz ausgehende
Erregung auf einen Umweg leite, der endlich über die willkürliche Motilität
die Außenwelt so verändert, daß die reale Wahrnehmung des
Befriedigungsobjektes eintreten kann. So weit haben wir das Schema des
psychischen Apparates bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim
zu dem, was wir als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat
einsetzen.
Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern zu
können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in
den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixierung der
Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem
müssen wir ein Stück an unserem psychologischen Gerüste weiterbauen.
Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen Apparates
vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird, Anhäufung von
Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungslos zu erhalten. Er war
darum nach dem Schema eines Reflexapparates gebaut; die Motilität,
zunächst der Weg zur inneren Veränderung des Körpers, war die ihm zu
Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten dann die psychischen Folgen
eines Befriedigungserlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme
einfügen können, daß Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht
bekümmernden Modalitäten – als Unlust empfunden wird und den Apparat
in Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem die
Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen.
Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im
Apparat heißen wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als ein
Wunsch sei im stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der
Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen
von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein
halluzinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein.
Diese Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung
festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses,
also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizuführen.
Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucksweise die
Tätigkeit eines zweiten Systems – notwendig, welche nicht gestattete, daß
die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe und von dort aus die
psychischen Kräfte binde, sondern die vom Bedürfnisreiz ausgehende
Erregung auf einen Umweg leite, der endlich über die willkürliche Motilität
die Außenwelt so verändert, daß die reale Wahrnehmung des
Befriedigungsobjektes eintreten kann. So weit haben wir das Schema des
psychischen Apparates bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim
zu dem, was wir als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat
einsetzen.
Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern zu
können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in
den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixierung der
Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem
Page 558
Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen nun in unseren
Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen aussendende und
wieder einziehende Tätigkeit des zweiten Systems bedarf einerseits der
freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial; anderseits wäre es
überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungsquantitäten auf die
einzelnen Denkwege schickte, die dann unzweckmäßig abströmen und die
für die Veränderung der Außenwelt notwendige Quantität verringern
würden. Der Zweckmäßigkeit zuliebe postuliere ich also, daß es dem
zweiten System gelingt, die Energiebesetzung zum größeren Anteil in Ruhe
zu erhalten und nur einen kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden.
Die Mechanik dieser Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen
Vorstellungen Ernst machen wollte, müßte die physikalischen Analogien
heraussuchen und sich einen Weg zur Veranschaulichung des
Bewegungsvorganges bei der Neuronerregung bahnen. Ich halte nur an der
Vorstellung fest, daß die Tätigkeit des ersten Ψ-Systems a u f f r e i e s
A b s t r ö m e n d e r E r r e g u n g s q u a n t i t ä t e n gerichtet ist, und daß
das zweite System durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine
H e m m u n g dieses Abströmens, eine Ve r w a n d l u n g i n r u h e n d e
B e s e t z u n g , w o h l u n t e r N i v e a u e r h ö h u n g, herbeiführt. Ich
nehme also an, daß der Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des
zweiten Systems an ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird
als unter der Herrschaft des ersten. Hat das zweite System seine probende
Denkarbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung der
Erregungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die
Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur
Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns das
Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf, das ä u ß e r e
S c h r e c k e r l e b n i s. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven
Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es werden dann
solange ungeordnete motorische Äußerungen erfolgen, bis eine derselben
den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerze entzieht,
und diese wird bei Wiederauftreten der Wahrnehmung sofort wiederholt
werden (etwa als Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmung wieder
verschwunden ist. Es wird aber hier keine Neigung übrig bleiben, die
Wahrnehmung der Schmerzquelle halluzinatorisch oder anderswie wieder
zu besetzen. Vielmehr wird im primären Apparat die Neigung bestehen, dies
Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen aussendende und
wieder einziehende Tätigkeit des zweiten Systems bedarf einerseits der
freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial; anderseits wäre es
überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungsquantitäten auf die
einzelnen Denkwege schickte, die dann unzweckmäßig abströmen und die
für die Veränderung der Außenwelt notwendige Quantität verringern
würden. Der Zweckmäßigkeit zuliebe postuliere ich also, daß es dem
zweiten System gelingt, die Energiebesetzung zum größeren Anteil in Ruhe
zu erhalten und nur einen kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden.
Die Mechanik dieser Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen
Vorstellungen Ernst machen wollte, müßte die physikalischen Analogien
heraussuchen und sich einen Weg zur Veranschaulichung des
Bewegungsvorganges bei der Neuronerregung bahnen. Ich halte nur an der
Vorstellung fest, daß die Tätigkeit des ersten Ψ-Systems a u f f r e i e s
A b s t r ö m e n d e r E r r e g u n g s q u a n t i t ä t e n gerichtet ist, und daß
das zweite System durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine
H e m m u n g dieses Abströmens, eine Ve r w a n d l u n g i n r u h e n d e
B e s e t z u n g , w o h l u n t e r N i v e a u e r h ö h u n g, herbeiführt. Ich
nehme also an, daß der Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des
zweiten Systems an ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird
als unter der Herrschaft des ersten. Hat das zweite System seine probende
Denkarbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung der
Erregungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die
Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur
Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns das
Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf, das ä u ß e r e
S c h r e c k e r l e b n i s. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven
Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es werden dann
solange ungeordnete motorische Äußerungen erfolgen, bis eine derselben
den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerze entzieht,
und diese wird bei Wiederauftreten der Wahrnehmung sofort wiederholt
werden (etwa als Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmung wieder
verschwunden ist. Es wird aber hier keine Neigung übrig bleiben, die
Wahrnehmung der Schmerzquelle halluzinatorisch oder anderswie wieder
zu besetzen. Vielmehr wird im primären Apparat die Neigung bestehen, dies
Page 559
peinliche Erinnerungsbild sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder
zu verlassen, weil ja das Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung
Unlust hervorrufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt). Die
Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der einstigen
Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, daß die
Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um das
Bewußtsein zu erregen und hiedurch neue Besetzung an sich zu ziehen.
Diese mühelos und regelmäßig erfolgende Abwendung des psychischen
Vorganges von der Erinnerung des einst Peinlichen gibt uns das Vorbild und
das erste Beispiel der p s y c h i s c h e n Ve r d r ä n g u n g. Es ist allgemein
bekannt, wie viel von dieser Abwendung vom Peinlichen, von der Taktik
des Vogels Strauß, noch im normalen Seelenleben des Erwachsenen
nachweisbar geblieben ist.
Primär- und Sekundärvorgang.
Zufolge des Unlustprinzipes ist das erste Ψ-System also überhaupt
unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu ziehen. Das
System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es so, so wäre die
Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches die Verfügung über alle
in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen braucht. Es eröffnen sich nun
zwei Wege; entweder macht sich die Arbeit des zweiten Systems vom
Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren Weg fort, ohne sich um die
Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie versteht es, die Unlusterinnerung
in solcher Weise zu besetzen, daß die Unlustentbindung dabei vermieden
wird. Wir können die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das
Unlustprinzip zeigt sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des
zweiten Systems; somit werden wir auf die zweite gewiesen, daß dies
System eine Erinnerung so besetzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird,
also auch der einer motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur
Entwicklung der Unlust. Zur Hypothese, daß die Besetzung durch das
zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung
darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der
Rücksicht auf das Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinsten
Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest – es ist der Schlüssel zur
Verdrängungslehre –, d a ß d a s z w e i t e S y s t e m n u r d a n n
e i n e Vo r s t e l l u n g b e s e t z e n k a n n , w e n n e s i m s t a n d e
zu verlassen, weil ja das Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung
Unlust hervorrufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt). Die
Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der einstigen
Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, daß die
Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um das
Bewußtsein zu erregen und hiedurch neue Besetzung an sich zu ziehen.
Diese mühelos und regelmäßig erfolgende Abwendung des psychischen
Vorganges von der Erinnerung des einst Peinlichen gibt uns das Vorbild und
das erste Beispiel der p s y c h i s c h e n Ve r d r ä n g u n g. Es ist allgemein
bekannt, wie viel von dieser Abwendung vom Peinlichen, von der Taktik
des Vogels Strauß, noch im normalen Seelenleben des Erwachsenen
nachweisbar geblieben ist.
Primär- und Sekundärvorgang.
Zufolge des Unlustprinzipes ist das erste Ψ-System also überhaupt
unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu ziehen. Das
System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es so, so wäre die
Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches die Verfügung über alle
in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen braucht. Es eröffnen sich nun
zwei Wege; entweder macht sich die Arbeit des zweiten Systems vom
Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren Weg fort, ohne sich um die
Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie versteht es, die Unlusterinnerung
in solcher Weise zu besetzen, daß die Unlustentbindung dabei vermieden
wird. Wir können die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das
Unlustprinzip zeigt sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des
zweiten Systems; somit werden wir auf die zweite gewiesen, daß dies
System eine Erinnerung so besetzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird,
also auch der einer motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur
Entwicklung der Unlust. Zur Hypothese, daß die Besetzung durch das
zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung
darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der
Rücksicht auf das Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinsten
Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest – es ist der Schlüssel zur
Verdrängungslehre –, d a ß d a s z w e i t e S y s t e m n u r d a n n
e i n e Vo r s t e l l u n g b e s e t z e n k a n n , w e n n e s i m s t a n d e
Page 560
ist, die von ihr ausgehende Unlustentwicklung zu
h e m m e n. Was sich etwa dieser Hemmung entzöge, bliebe auch für das
zweite System unzugänglich, würde dem Unlustprinzip zufolge alsbald
verlassen werden. Die Hemmung der Unlust braucht indes keine
vollständige zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden, da es
dem zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde
Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.
Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zuläßt,
werde ich jetzt P r i m ä r v o r g a n g nennen; den, der sich unter der
Hemmung des zweiten ergibt, S e k u n d ä r v o r g a n g. Ich kann noch an
einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite System den
Primärvorgang korrigieren muß. Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der
Erregung, um mit der so gesammelten Erregungsgröße eine
W a h r n e h m u n g s i d e n t i t ä t herzustellen; der Sekundärvorgang hat
diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die andere aufgenommen, eine
D e n k i d e n t i t ä t zu erzielen. Das ganze Denken ist nur ein Umweg von
der als Zielvorstellung genommenen Befriedigungserinnerung bis zur
identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die
motorischen Erfahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muß
sich für die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessieren,
ohne sich durch die Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar,
daß die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und
Kompromißbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich
sind; indem sie die eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom
Wege ab, der von der ersteren weitergeführt hatte. Solche Vorgänge werden
also im sekundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer
zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es sonst
die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der
Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens
muß also dahin gehen, sich von der ausschließlichen Regulierung durch das
Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die Affektentwicklung durch die
Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist,
einzuschränken. Durch eine neuerliche Überbesetzung, die das Bewußtsein
vermittelt, soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen
aber, daß diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt,
und daß unser Denken der Fälschung durch die Einmengung des
Unlustprinzips immer zugänglich bleibt.
h e m m e n. Was sich etwa dieser Hemmung entzöge, bliebe auch für das
zweite System unzugänglich, würde dem Unlustprinzip zufolge alsbald
verlassen werden. Die Hemmung der Unlust braucht indes keine
vollständige zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden, da es
dem zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde
Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.
Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zuläßt,
werde ich jetzt P r i m ä r v o r g a n g nennen; den, der sich unter der
Hemmung des zweiten ergibt, S e k u n d ä r v o r g a n g. Ich kann noch an
einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite System den
Primärvorgang korrigieren muß. Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der
Erregung, um mit der so gesammelten Erregungsgröße eine
W a h r n e h m u n g s i d e n t i t ä t herzustellen; der Sekundärvorgang hat
diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die andere aufgenommen, eine
D e n k i d e n t i t ä t zu erzielen. Das ganze Denken ist nur ein Umweg von
der als Zielvorstellung genommenen Befriedigungserinnerung bis zur
identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die
motorischen Erfahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muß
sich für die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessieren,
ohne sich durch die Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar,
daß die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und
Kompromißbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich
sind; indem sie die eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom
Wege ab, der von der ersteren weitergeführt hatte. Solche Vorgänge werden
also im sekundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer
zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es sonst
die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der
Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens
muß also dahin gehen, sich von der ausschließlichen Regulierung durch das
Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die Affektentwicklung durch die
Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist,
einzuschränken. Durch eine neuerliche Überbesetzung, die das Bewußtsein
vermittelt, soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen
aber, daß diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt,
und daß unser Denken der Fälschung durch die Einmengung des
Unlustprinzips immer zugänglich bleibt.
Page 561
Aber nicht dies ist die Lücke in der Funktionstüchtigkeit unseres
seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, daß Gedanken, die
sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit darstellen, dem primären
psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel wir jetzt die zum
Traume und zu den hysterischen Symptomen führende Arbeit beschreiben
können. Der Fall von Unzulänglichkeit ergibt sich durch das
Zusammentreffen zweier Momente aus unserer Entwicklungsgeschichte,
von denen das eine ganz dem seelischen Apparat anheimfällt und einen
maßgebenden Einfluß auf das Verhältnis der beiden Systeme ausgeübt hat,
das andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und
Triebkräfte organischer Herkunft ins Seelenleben einführt. Beide stammen
aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser
seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren
hat.
Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den
p r i m ä r e n benannt habe, so tat ich dies nicht allein mit Rücksicht auf die
Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte auch die zeitlichen
Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein psychischer
Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert zwar unseres Wissens
nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion; aber so viel ist tatsächlich,
daß die Primärvorgänge in ihm von Anfang an gegeben sind, während die
sekundären erst allmählich im Laufe des Lebens sich ausbilden, die
primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie
vielleicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten
Eintreffens der sekundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus
unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das
Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus
dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege
anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren seelischen
Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa
abzuleiten und auf höherstehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen.
Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser
Verspätung der vorbewußten Besetzung unzugänglich.
Die Verdrängung.
seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, daß Gedanken, die
sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit darstellen, dem primären
psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel wir jetzt die zum
Traume und zu den hysterischen Symptomen führende Arbeit beschreiben
können. Der Fall von Unzulänglichkeit ergibt sich durch das
Zusammentreffen zweier Momente aus unserer Entwicklungsgeschichte,
von denen das eine ganz dem seelischen Apparat anheimfällt und einen
maßgebenden Einfluß auf das Verhältnis der beiden Systeme ausgeübt hat,
das andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und
Triebkräfte organischer Herkunft ins Seelenleben einführt. Beide stammen
aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser
seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren
hat.
Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den
p r i m ä r e n benannt habe, so tat ich dies nicht allein mit Rücksicht auf die
Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte auch die zeitlichen
Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein psychischer
Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert zwar unseres Wissens
nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion; aber so viel ist tatsächlich,
daß die Primärvorgänge in ihm von Anfang an gegeben sind, während die
sekundären erst allmählich im Laufe des Lebens sich ausbilden, die
primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie
vielleicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten
Eintreffens der sekundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus
unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das
Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus
dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege
anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren seelischen
Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa
abzuleiten und auf höherstehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen.
Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser
Verspätung der vorbewußten Besetzung unzugänglich.
Die Verdrängung.
Page 562
Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren und
unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche, deren
Erfüllung in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvorstellungen des
sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser Wünsche würde
nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, u n d
e b e n d i e s e A f f e k t v e r w a n d l u n g m a c h t d a s We s e n
d e s s e n a u s , w a s w i r a l s » Ve r d r ä n g u n g « b e z e i c h n e n
und worin wir die infantile Vo r s t u f e der
Ve r u r t e i l u n g ( d e r Ve r w e r f u n g d u r c h d a s U r t e i l e n )
e r k e n n e n. Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche
Verwandlung vor sich gehen kann, darin besteht das Problem der
Verdrängung, das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns
festzuhalten, daß eine solche Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung
vorkommt (man denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels
im Kinderleben), und daß sie an die Tätigkeit des sekundären Systems
geknüpft ist. Die Erinnerungen, von denen aus der unbewußte Wunsch die
Affektentbindung hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum
ist deren Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser
Affektentwicklung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den
vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft
übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und veranlaßt,
daß das Vbw sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet. Dieselben
werden sich selbst überlassen, »verdrängt«, und somit wird das
Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an entzogenen
Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende, sowie den
Übertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen ist, und dieser
Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprinzips als zweckmäßig.
Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch eine organische
Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungsgedanken leihen, wodurch
er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer Erregung den Versuch zum
Durchdringen zu machen, auch wenn sie von der Besetzung des Vbw
verlassen worden sind. Es kommt dann zum Abwehrkampfe, indem das
Vbw den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in
weiterer Folge zum Durchdringen der Übertragungsgedanken, welche
Träger des unbewußten Wunsches sind, in irgend einer Form von
Kompromiß durch Symptombildung. Von dem Moment aber, da die
unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche, deren
Erfüllung in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvorstellungen des
sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser Wünsche würde
nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, u n d
e b e n d i e s e A f f e k t v e r w a n d l u n g m a c h t d a s We s e n
d e s s e n a u s , w a s w i r a l s » Ve r d r ä n g u n g « b e z e i c h n e n
und worin wir die infantile Vo r s t u f e der
Ve r u r t e i l u n g ( d e r Ve r w e r f u n g d u r c h d a s U r t e i l e n )
e r k e n n e n. Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche
Verwandlung vor sich gehen kann, darin besteht das Problem der
Verdrängung, das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns
festzuhalten, daß eine solche Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung
vorkommt (man denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels
im Kinderleben), und daß sie an die Tätigkeit des sekundären Systems
geknüpft ist. Die Erinnerungen, von denen aus der unbewußte Wunsch die
Affektentbindung hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum
ist deren Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser
Affektentwicklung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den
vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft
übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und veranlaßt,
daß das Vbw sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet. Dieselben
werden sich selbst überlassen, »verdrängt«, und somit wird das
Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an entzogenen
Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende, sowie den
Übertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen ist, und dieser
Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprinzips als zweckmäßig.
Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch eine organische
Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungsgedanken leihen, wodurch
er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer Erregung den Versuch zum
Durchdringen zu machen, auch wenn sie von der Besetzung des Vbw
verlassen worden sind. Es kommt dann zum Abwehrkampfe, indem das
Vbw den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in
weiterer Folge zum Durchdringen der Übertragungsgedanken, welche
Träger des unbewußten Wunsches sind, in irgend einer Form von
Kompromiß durch Symptombildung. Von dem Moment aber, da die
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verdrängten Gedanken von der unbewußten Wunscherregung kräftig
besetzt, von der vorbewußten Besetzung dagegen verlassen sind,
unterliegen sie dem primären psychischen Vorgang, zielen sie nur auf
motorische Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf halluzinatorische
Belebung der gewünschten Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher
empirisch gefunden, daß die beschriebenen inkorrekten Vorgänge sich nur
mit Gedanken abspielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt
ein weiteres Stück des Zusammenhanges. Diese inkorrekten Vorgänge sind
die im psychischen Apparat p r i m ä r e n; s i e t r e t e n ü b e r a l l d o r t
ein, wo Vo r s t e l l u n g e n von der vorbewußten
Besetzung verlassen, sich selbst überlassen werden
und sich mit der ungehemmten, nach Abfluß
strebenden Energie vom Unbewußten her erfüllen
k ö n n e n. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu
stützen, daß diese inkorrekt genannten Vorgänge nicht wirklich Fälschungen
der normalen Denkfehler sind, sondern die von einer Hemmung befreiten
Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So sehen wir, daß die
Überleitung der vorbewußten Erregung auf die Motilität nach denselben
Vorgängen geschieht, und daß die Verknüpfung der unbewußten
Vorstellungen mit Worten leicht die nämlichen, der Unaufmerksamkeit
zugeschriebenen Verschiebungen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte
sich ein Beweis für den Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser
primären Verlaufsweisen notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß wir
einen k o m i s c h e n Effekt, einen durch L a c h e n abzuführenden
Überschuß erzielen, w e n n w i r d i e s e Ve r l a u f s w e i s e n d e s
D e n k e n s z u m B e w u ß t s e i n v o r d r i n g e n l a s s e n.
Die abnormen Vorgänge sind die primitiven.
Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender
Sicherheit, daß es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen sein
können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die Verdrängung
(Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren Entwicklungsperioden
dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge der sexuellen Konstitution,
die sich ja aus der ursprünglichen Bisexualität herausbildet, sei es infolge
ungünstiger Einflüsse des sexuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte
für alle psychoneurotische Symptombildung abgeben. Nur durch die
besetzt, von der vorbewußten Besetzung dagegen verlassen sind,
unterliegen sie dem primären psychischen Vorgang, zielen sie nur auf
motorische Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf halluzinatorische
Belebung der gewünschten Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher
empirisch gefunden, daß die beschriebenen inkorrekten Vorgänge sich nur
mit Gedanken abspielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt
ein weiteres Stück des Zusammenhanges. Diese inkorrekten Vorgänge sind
die im psychischen Apparat p r i m ä r e n; s i e t r e t e n ü b e r a l l d o r t
ein, wo Vo r s t e l l u n g e n von der vorbewußten
Besetzung verlassen, sich selbst überlassen werden
und sich mit der ungehemmten, nach Abfluß
strebenden Energie vom Unbewußten her erfüllen
k ö n n e n. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu
stützen, daß diese inkorrekt genannten Vorgänge nicht wirklich Fälschungen
der normalen Denkfehler sind, sondern die von einer Hemmung befreiten
Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So sehen wir, daß die
Überleitung der vorbewußten Erregung auf die Motilität nach denselben
Vorgängen geschieht, und daß die Verknüpfung der unbewußten
Vorstellungen mit Worten leicht die nämlichen, der Unaufmerksamkeit
zugeschriebenen Verschiebungen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte
sich ein Beweis für den Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser
primären Verlaufsweisen notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß wir
einen k o m i s c h e n Effekt, einen durch L a c h e n abzuführenden
Überschuß erzielen, w e n n w i r d i e s e Ve r l a u f s w e i s e n d e s
D e n k e n s z u m B e w u ß t s e i n v o r d r i n g e n l a s s e n.
Die abnormen Vorgänge sind die primitiven.
Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender
Sicherheit, daß es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen sein
können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die Verdrängung
(Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren Entwicklungsperioden
dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge der sexuellen Konstitution,
die sich ja aus der ursprünglichen Bisexualität herausbildet, sei es infolge
ungünstiger Einflüsse des sexuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte
für alle psychoneurotische Symptombildung abgeben. Nur durch die
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Einführung dieser sexuellen Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung
noch aufweisbaren Lücken zu schließen. Ich will es dahingestellt sein
lassen, ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie
des Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet, weil ich
schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal aus dem
Unbewußten, einen Schritt weit über das Beweisbare hinausgegangen
bin(245). Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der Unterschied im
Spiele der psychischen Kräfte bei der Traumbildung und bei der Bildung
der hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt uns ja hiezu die genauere
Kenntnis des einen der in Vergleich zu bringenden Glieder. Aber auf einen
anderen Punkt lege ich Wert und schicke das Bekenntnis voraus, daß ich nur
dieses Punktes wegen all die Erörterungen über die beiden psychischen
Systeme, ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe.
Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehenden
psychologischen Verhältnisse annähernd richtig oder, wie bei so
schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefaßt habe.
Wie immer die Deutung der psychischen Zensur, der korrekten und der
abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern mag, es bleibt
gültig, daß solche Vorgänge bei der Traumbildung wirksam sind, und daß
sie im Wesentlichen die größte Analogie mit den bei der hysterischen
Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen. Nun ist der Traum kein
pathologisches Phänomen; er hat keine Störung des psychischen
Gleichgewichtes zur Voraussetzung; er hinterläßt keine Schwächung der
Leistungsfähigkeit. Der Einwand, daß meine Träume und die meiner
neurotischen Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schließen
lassen, dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus
den Phänomenen auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der
psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch
eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird,
sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt. Die
beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen ihnen, die
Hemmung und Überlagerung der einen Tätigkeit durch die andere, die
Beziehungen beider zum Bewußtsein – oder was eine richtigere Deutung
der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag; – das alles gehört
zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes, und der Traum zeigt uns
einen der Wege, die zur Kenntnis der Struktur desselben führen. Wenn wir
uns mit einem Minimum von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs
noch aufweisbaren Lücken zu schließen. Ich will es dahingestellt sein
lassen, ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie
des Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet, weil ich
schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal aus dem
Unbewußten, einen Schritt weit über das Beweisbare hinausgegangen
bin(245). Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der Unterschied im
Spiele der psychischen Kräfte bei der Traumbildung und bei der Bildung
der hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt uns ja hiezu die genauere
Kenntnis des einen der in Vergleich zu bringenden Glieder. Aber auf einen
anderen Punkt lege ich Wert und schicke das Bekenntnis voraus, daß ich nur
dieses Punktes wegen all die Erörterungen über die beiden psychischen
Systeme, ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe.
Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehenden
psychologischen Verhältnisse annähernd richtig oder, wie bei so
schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefaßt habe.
Wie immer die Deutung der psychischen Zensur, der korrekten und der
abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern mag, es bleibt
gültig, daß solche Vorgänge bei der Traumbildung wirksam sind, und daß
sie im Wesentlichen die größte Analogie mit den bei der hysterischen
Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen. Nun ist der Traum kein
pathologisches Phänomen; er hat keine Störung des psychischen
Gleichgewichtes zur Voraussetzung; er hinterläßt keine Schwächung der
Leistungsfähigkeit. Der Einwand, daß meine Träume und die meiner
neurotischen Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schließen
lassen, dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus
den Phänomenen auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der
psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch
eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird,
sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt. Die
beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen ihnen, die
Hemmung und Überlagerung der einen Tätigkeit durch die andere, die
Beziehungen beider zum Bewußtsein – oder was eine richtigere Deutung
der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag; – das alles gehört
zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes, und der Traum zeigt uns
einen der Wege, die zur Kenntnis der Struktur desselben führen. Wenn wir
uns mit einem Minimum von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs
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begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum beweist uns, d a ß d a s
Unterdrückte auch beim normalen Menschen
fortbesteht und psychischer Leistungen fähig
b l e i b t. Der Traum ist selbst eine der Äußerungen dieses Unterdrückten;
nach der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung
wenigstens in einer großen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des
Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch
Unterdrückte, welches im Wachleben durch die g e g e n s ä t z l i c h e
E r l e d i g u n g d e r W i d e r s p r ü c h e am Ausdruck gehindert und von
der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nachtleben und
unter der Herrschaft der Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich dem
Bewußtsein aufzudrängen.
F l e c t e r e s i n e q u e o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
D i e Tr a u m d e u t u n g a b e r i s t d i e Vi a r e g i a zur
Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.
Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück
weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und
allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück weit,
aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen – pathologisch zu
heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung desselben vorzudringen.
Denn die Krankheit – wenigstens die mit Recht funktionell genannte – hat
nicht die Zertrümmerung dieses Apparates, die Herstellung neuer
Spaltungen in seinem Innern zur Voraussetzung; sie ist d y n a m i s c h
aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Komponenten des
Kräftespiels, von dem so viele Wirkungen während der normalen Funktion
verdeckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die
Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen eine
Verfeinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer einzigen
unmöglich wäre(246).
f) D a s U n b e w u ß t e u n d d a s B e w u ß t s e i n. – D i e R e a l i t ä t.
Unterdrückte auch beim normalen Menschen
fortbesteht und psychischer Leistungen fähig
b l e i b t. Der Traum ist selbst eine der Äußerungen dieses Unterdrückten;
nach der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung
wenigstens in einer großen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des
Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch
Unterdrückte, welches im Wachleben durch die g e g e n s ä t z l i c h e
E r l e d i g u n g d e r W i d e r s p r ü c h e am Ausdruck gehindert und von
der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nachtleben und
unter der Herrschaft der Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich dem
Bewußtsein aufzudrängen.
F l e c t e r e s i n e q u e o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
D i e Tr a u m d e u t u n g a b e r i s t d i e Vi a r e g i a zur
Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.
Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück
weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und
allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück weit,
aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen – pathologisch zu
heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung desselben vorzudringen.
Denn die Krankheit – wenigstens die mit Recht funktionell genannte – hat
nicht die Zertrümmerung dieses Apparates, die Herstellung neuer
Spaltungen in seinem Innern zur Voraussetzung; sie ist d y n a m i s c h
aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Komponenten des
Kräftespiels, von dem so viele Wirkungen während der normalen Funktion
verdeckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die
Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen eine
Verfeinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer einzigen
unmöglich wäre(246).
f) D a s U n b e w u ß t e u n d d a s B e w u ß t s e i n. – D i e R e a l i t ä t.
Page 566
Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei Systemen
nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von z w e i e r l e i
Vo r g ä n g e n oder A b l a u f s a r t e n d e r E r r e g u n g, deren Annahme
uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehenden Abschnitte
nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere Hilfsvorstellungen
fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein, wenn wir uns in der Lage
glauben, sie durch etwas anderes zu ersetzen, was der unbekannten
Wirklichkeit besser angenähert ist. Versuchen wir es jetzt, einige
Anschauungen richtigzustellen, die sich mißverständlich bilden konnten,
solange wir die beiden Systeme im nächsten und rohesten Sinne als zwei
Lokalitäten innerhalb des seelischen Apparates im Auge hatten,
Anschauungen, die ihren Niederschlag in den Ausdrücken »verdrängen«
und »durchdringen« zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein
unbewußter Gedanke strebe nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann
zum Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir nicht, daß ein zweiter an
neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Überschrift
gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom
Durchdringen zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung
sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewußter Gedanke wird
verdrängt und dann vom Unbewußten aufgenommen, so könnten uns diese
dem Vorstellungskreise des Kampfes um ein Terrain entlehnten Bilder zur
Annahme verlocken, daß wirklich in der einen psychischen Lokalität eine
Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der anderen Lokalität ersetzt
wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt
besser zu entsprechen scheint, daß eine Energiebesetzung auf eine
bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird, so daß das
psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz gerät oder ihr
entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine topische Vorstellungsweise
durch eine dynamische; nicht das psychische Gebilde erscheint uns als das
Bewegliche, sondern dessen Innervation.
Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die anschauliche
Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir weichen jedem
Mißbrauche dieser Darstellungsweise aus, wenn wir uns erinnern, daß
Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt
nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden
dürfen, sondern sozusagen z w i s c h e n i h n e n, wo Widerstände und
Bahnungen das ihnen entsprechende Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand
nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von z w e i e r l e i
Vo r g ä n g e n oder A b l a u f s a r t e n d e r E r r e g u n g, deren Annahme
uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehenden Abschnitte
nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere Hilfsvorstellungen
fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein, wenn wir uns in der Lage
glauben, sie durch etwas anderes zu ersetzen, was der unbekannten
Wirklichkeit besser angenähert ist. Versuchen wir es jetzt, einige
Anschauungen richtigzustellen, die sich mißverständlich bilden konnten,
solange wir die beiden Systeme im nächsten und rohesten Sinne als zwei
Lokalitäten innerhalb des seelischen Apparates im Auge hatten,
Anschauungen, die ihren Niederschlag in den Ausdrücken »verdrängen«
und »durchdringen« zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein
unbewußter Gedanke strebe nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann
zum Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir nicht, daß ein zweiter an
neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Überschrift
gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom
Durchdringen zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung
sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewußter Gedanke wird
verdrängt und dann vom Unbewußten aufgenommen, so könnten uns diese
dem Vorstellungskreise des Kampfes um ein Terrain entlehnten Bilder zur
Annahme verlocken, daß wirklich in der einen psychischen Lokalität eine
Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der anderen Lokalität ersetzt
wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt
besser zu entsprechen scheint, daß eine Energiebesetzung auf eine
bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird, so daß das
psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz gerät oder ihr
entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine topische Vorstellungsweise
durch eine dynamische; nicht das psychische Gebilde erscheint uns als das
Bewegliche, sondern dessen Innervation.
Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die anschauliche
Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir weichen jedem
Mißbrauche dieser Darstellungsweise aus, wenn wir uns erinnern, daß
Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt
nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden
dürfen, sondern sozusagen z w i s c h e n i h n e n, wo Widerstände und
Bahnungen das ihnen entsprechende Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand
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unserer inneren Wahrnehmung werden kann, ist v i r t u e l l, wie das durch
den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber,
die selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen
Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich
den Linsen des Fernrohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung
dieses Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der
Strahlenbrechung beim Übergange in ein neues Medium.
Die Überschätzung des Bewußtseins.
Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es ist Zeit,
sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie
beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstellungen zu prüfen. Die
Frage des Unbewußten in der Psychologie ist nach dem kräftigen Worte von
L i p p s(247) weniger eine psychologische Frage, als die Frage der
Psychologie. Solange die Psychologie diese Frage durch die Worterklärung
erledigte, das »Psychische« sei eben das »Bewußte« und »unbewußte
psychische Vorgänge« ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische
Verwertung der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen
Seelenzuständen gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der
Arzt und der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte
psychische Vorgänge seien »der zweckmäßige und wohlberechtigte
Ausdruck für eine feststehende Tatsache«. Der Arzt kann nicht anders, als
die Versicherung, »das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
Psychischen«, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein
Respekt vor den Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist,
annehmen, sie behandelten nicht dasselbe Objekt und trieben nicht die
gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnisvolle
Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige
Traumanalyse, muß ihm die unerschütterliche Überzeugung aufdrängen,
daß die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge, denen man doch
den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können,
ohne das Bewußtsein der Person zu erregen(248). Gewiß erhält der Arzt
von diesen unbewußten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine
Mitteilung oder Beobachtung zulassende Wirkung auf das Bewußtsein
ausgeübt haben. Aber dieser Bewußtseinseffekt kann einen von dem
unbewußten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter zeigen, so
den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber,
die selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen
Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich
den Linsen des Fernrohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung
dieses Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der
Strahlenbrechung beim Übergange in ein neues Medium.
Die Überschätzung des Bewußtseins.
Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es ist Zeit,
sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie
beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstellungen zu prüfen. Die
Frage des Unbewußten in der Psychologie ist nach dem kräftigen Worte von
L i p p s(247) weniger eine psychologische Frage, als die Frage der
Psychologie. Solange die Psychologie diese Frage durch die Worterklärung
erledigte, das »Psychische« sei eben das »Bewußte« und »unbewußte
psychische Vorgänge« ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische
Verwertung der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen
Seelenzuständen gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der
Arzt und der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte
psychische Vorgänge seien »der zweckmäßige und wohlberechtigte
Ausdruck für eine feststehende Tatsache«. Der Arzt kann nicht anders, als
die Versicherung, »das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
Psychischen«, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein
Respekt vor den Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist,
annehmen, sie behandelten nicht dasselbe Objekt und trieben nicht die
gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnisvolle
Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige
Traumanalyse, muß ihm die unerschütterliche Überzeugung aufdrängen,
daß die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge, denen man doch
den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können,
ohne das Bewußtsein der Person zu erregen(248). Gewiß erhält der Arzt
von diesen unbewußten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine
Mitteilung oder Beobachtung zulassende Wirkung auf das Bewußtsein
ausgeübt haben. Aber dieser Bewußtseinseffekt kann einen von dem
unbewußten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter zeigen, so
Page 568
daß die innere Wahrnehmung unmöglich den einen als den Ersatz des
anderen erkennen kann. Der Arzt muß sich das Recht wahren, durch einen
S c h l u ß p r o z e ß vom Bewußtseinseffekt zum unbewußten psychischen
Vorgang vorzudringen; er erfährt auf diesem Wege, daß der
Bewußtseinseffekt nur eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten
Vorganges ist, und daß letzterer nicht als solcher bewußt geworden ist, auch
daß er bestanden und gewirkt hat, ohne sich noch dem Bewußtsein
irgendwie zu verraten.
Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigenschaft wird
zur unerläßlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht in den Hergang
des Psychischen. Das Unbewußte muß nach dem Ausdrucke von L i p p s
als allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen werden. Das
Unbewußte ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich
einschließt; alles Bewußte hat eine unbewußte Vorstufe, während das
Unbewußte auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Wert einer
psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich
reale Psychische, u n s n a c h s e i n e r i n n e r e n N a t u r s o
unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns
durch die Daten des Bewußtseins ebenso
unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch
d i e A n g a b e n u n s e r e r S i n n e s o r g a n e.
Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben durch die
Einsetzung des unbewußten Psychischen in die ihm gebührende Stellung
entwertet ist, so werden eine Reihe von Traumproblemen abgestreift,
welche frühere Autoren noch eingehend beschäftigt haben. So manche
Leistungen, über deren Vollziehung im Traume man sich wundern konnte,
sind nun nicht mehr dem Traume anzurechnen, sondern dem auch bei Tage
arbeitenden unbewußten Denken. Wenn der Traum mit einer
symbolisierenden Darstellung des Körpers, nach S c h e r n e r, zu spielen
scheint, so wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewußter
Phantasien, die wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die
nicht nur im Traume, sondern auch in den hysterischen Phobien und
anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des
Tages fortführt und erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert,
so haben wir hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der
Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der
anderen erkennen kann. Der Arzt muß sich das Recht wahren, durch einen
S c h l u ß p r o z e ß vom Bewußtseinseffekt zum unbewußten psychischen
Vorgang vorzudringen; er erfährt auf diesem Wege, daß der
Bewußtseinseffekt nur eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten
Vorganges ist, und daß letzterer nicht als solcher bewußt geworden ist, auch
daß er bestanden und gewirkt hat, ohne sich noch dem Bewußtsein
irgendwie zu verraten.
Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigenschaft wird
zur unerläßlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht in den Hergang
des Psychischen. Das Unbewußte muß nach dem Ausdrucke von L i p p s
als allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen werden. Das
Unbewußte ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich
einschließt; alles Bewußte hat eine unbewußte Vorstufe, während das
Unbewußte auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Wert einer
psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich
reale Psychische, u n s n a c h s e i n e r i n n e r e n N a t u r s o
unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns
durch die Daten des Bewußtseins ebenso
unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch
d i e A n g a b e n u n s e r e r S i n n e s o r g a n e.
Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben durch die
Einsetzung des unbewußten Psychischen in die ihm gebührende Stellung
entwertet ist, so werden eine Reihe von Traumproblemen abgestreift,
welche frühere Autoren noch eingehend beschäftigt haben. So manche
Leistungen, über deren Vollziehung im Traume man sich wundern konnte,
sind nun nicht mehr dem Traume anzurechnen, sondern dem auch bei Tage
arbeitenden unbewußten Denken. Wenn der Traum mit einer
symbolisierenden Darstellung des Körpers, nach S c h e r n e r, zu spielen
scheint, so wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewußter
Phantasien, die wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die
nicht nur im Traume, sondern auch in den hysterischen Phobien und
anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des
Tages fortführt und erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert,
so haben wir hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der
Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der
Page 569
Seelentiefen (vgl. den Teufel in T a r t i n i s Sonatentraum). Die
intellektuelle Leistung selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tagsüber
alle solche vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Maße
zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der intellektuellen und
künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen einiger höchstproduktiven
Menschen, wie G o e t h e und H e l m h o l t z, erfahren wir doch eher, daß
das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen einfallsartig gegeben
wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam. Die Mithilfe der
bewußten Tätigkeit in anderen Fällen hat nichts Befremdendes, wo eine
Anstrengung aller Geisteskräfte vorlag. Aber es ist das viel mißbrauchte
Vorrecht der bewußten Tätigkeit, daß sie uns alle anderen verdecken darf,
wo immer sie mittut.
Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der Träume
als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling etwa durch einen
Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt wurde, dessen Erfolg
verändernd in die Geschichte eingegriffen hat, da ergibt sich ein neues
Problem nur so lange, als man den Traum wie eine fremde Macht anderen
vertrauteren Seelenkräften gegenüberstellt, nicht mehr, wenn man den
Traum als eine Form des Ausdruckes für Regungen betrachtet, auf denen
bei Tage ein Widerstand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus
tiefliegenden Erregungsquellen holen konnten(249). Die Achtung aber, mit
der dem Traume bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige
psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und
Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem D ä m o n i s c h e n, welches den
Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Unbewußten wiederfinden.
Ich sage nicht ohne Absicht, i n u n s e r e m U n b e w u ß t e n, denn
was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewußten der Philosophen,
auch nicht mit dem Unbewußten bei L i p p s. Dort soll es bloß den
Gegensatz zu dem Bewußten bezeichnen; daß es außer den bewußten
Vorgängen auch unbewußte psychische gibt, ist die heiß bestrittene und
energisch verteidigte Erkenntnis. Bei L i p p s hören wir von dem weiter
reichenden Satze, daß alles Psychische als unbewußt vorhanden ist, einiges
davon dann auch als bewußt. Aber nicht zum Erweis für d i e s e n Satz
haben wir die Phänomene des Traumes und der hysterischen
Symptombildung herangezogen; die Beobachtung des normalen
Tageslebens reicht allein hin, ihn über jeden Zweifel festzustellen. Das
intellektuelle Leistung selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tagsüber
alle solche vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Maße
zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der intellektuellen und
künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen einiger höchstproduktiven
Menschen, wie G o e t h e und H e l m h o l t z, erfahren wir doch eher, daß
das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen einfallsartig gegeben
wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam. Die Mithilfe der
bewußten Tätigkeit in anderen Fällen hat nichts Befremdendes, wo eine
Anstrengung aller Geisteskräfte vorlag. Aber es ist das viel mißbrauchte
Vorrecht der bewußten Tätigkeit, daß sie uns alle anderen verdecken darf,
wo immer sie mittut.
Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der Träume
als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling etwa durch einen
Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt wurde, dessen Erfolg
verändernd in die Geschichte eingegriffen hat, da ergibt sich ein neues
Problem nur so lange, als man den Traum wie eine fremde Macht anderen
vertrauteren Seelenkräften gegenüberstellt, nicht mehr, wenn man den
Traum als eine Form des Ausdruckes für Regungen betrachtet, auf denen
bei Tage ein Widerstand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus
tiefliegenden Erregungsquellen holen konnten(249). Die Achtung aber, mit
der dem Traume bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige
psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und
Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem D ä m o n i s c h e n, welches den
Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Unbewußten wiederfinden.
Ich sage nicht ohne Absicht, i n u n s e r e m U n b e w u ß t e n, denn
was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewußten der Philosophen,
auch nicht mit dem Unbewußten bei L i p p s. Dort soll es bloß den
Gegensatz zu dem Bewußten bezeichnen; daß es außer den bewußten
Vorgängen auch unbewußte psychische gibt, ist die heiß bestrittene und
energisch verteidigte Erkenntnis. Bei L i p p s hören wir von dem weiter
reichenden Satze, daß alles Psychische als unbewußt vorhanden ist, einiges
davon dann auch als bewußt. Aber nicht zum Erweis für d i e s e n Satz
haben wir die Phänomene des Traumes und der hysterischen
Symptombildung herangezogen; die Beobachtung des normalen
Tageslebens reicht allein hin, ihn über jeden Zweifel festzustellen. Das
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Neue, was uns die Analyse der psychopathologischen Bildungen und schon
ihres ersten Gliedes, der Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte
– also das Psychische – als Funktion zweier gesonderter Systeme vorkommt
und schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also
z w e i e r l e i U n b e w u ß t e s, was wir von den Psychologen noch nicht
gesondert finden. Beides ist Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in
unserem ist das eine, das wir Ubw heißen, auch
b e w u ß t s e i n s u n f ä h i g, während das andere Vbw von uns darum
genannt wird, weil dessen Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser
Regeln, vielleicht erst unter Überstehung einer neuen Zensur, aber doch
ohne Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewußtsein gelangen können.
Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum Bewußtsein zu kommen, eine
unabänderliche Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen haben, der
uns durch ihre Zensurveränderung verraten wurde, diente uns zur
Aufstellung eines Gleichnisses aus der Räumlichkeit. Wir beschrieben die
Beziehungen der beiden Systeme zueinander und zum Bewußtsein, indem
wir sagten, das System Vbw stehe wie ein Schirm zwischen dem System
Ubw und dem Bewußtsein. Das System Vbw sperre nicht nur den Zugang
zum Bewußtsein, es beherrsche auch den Zugang zur willkürlichen
Motilität und verfüge über die Aussendung einer mobilen
Besetzungsenergie, von der uns ein Anteil als Aufmerksamkeit vertraut
ist(250).
Auch von der Unterscheidung O b e r - und U n t e r b e w u ß t s e i n, die
in der neueren Literatur der Psychoneurosen so beliebt geworden ist,
müssen wir uns fernhalten, da gerade sie die Gleichstellung des
Psychischen und des Bewußten zu betonen scheint.
Die Funktion des Bewußtseins.
Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmächtigen,
alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als d i e e i n e s
Sinnesorganes zur Wa h r n e h m u n g psychischer
Q u a l i t ä t e n. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen
Versuches können wir die Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene
Leistung eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die
Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Das System denken wir uns in
ihres ersten Gliedes, der Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte
– also das Psychische – als Funktion zweier gesonderter Systeme vorkommt
und schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also
z w e i e r l e i U n b e w u ß t e s, was wir von den Psychologen noch nicht
gesondert finden. Beides ist Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in
unserem ist das eine, das wir Ubw heißen, auch
b e w u ß t s e i n s u n f ä h i g, während das andere Vbw von uns darum
genannt wird, weil dessen Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser
Regeln, vielleicht erst unter Überstehung einer neuen Zensur, aber doch
ohne Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewußtsein gelangen können.
Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum Bewußtsein zu kommen, eine
unabänderliche Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen haben, der
uns durch ihre Zensurveränderung verraten wurde, diente uns zur
Aufstellung eines Gleichnisses aus der Räumlichkeit. Wir beschrieben die
Beziehungen der beiden Systeme zueinander und zum Bewußtsein, indem
wir sagten, das System Vbw stehe wie ein Schirm zwischen dem System
Ubw und dem Bewußtsein. Das System Vbw sperre nicht nur den Zugang
zum Bewußtsein, es beherrsche auch den Zugang zur willkürlichen
Motilität und verfüge über die Aussendung einer mobilen
Besetzungsenergie, von der uns ein Anteil als Aufmerksamkeit vertraut
ist(250).
Auch von der Unterscheidung O b e r - und U n t e r b e w u ß t s e i n, die
in der neueren Literatur der Psychoneurosen so beliebt geworden ist,
müssen wir uns fernhalten, da gerade sie die Gleichstellung des
Psychischen und des Bewußten zu betonen scheint.
Die Funktion des Bewußtseins.
Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmächtigen,
alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als d i e e i n e s
Sinnesorganes zur Wa h r n e h m u n g psychischer
Q u a l i t ä t e n. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen
Versuches können wir die Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene
Leistung eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die
Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Das System denken wir uns in
Page 571
seinen mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme
W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig, die Spur von
Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psychische
Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Außenwelt zugekehrt
ist, ist selbst Außenwelt für das Sinnesorgan des Bw, dessen teleologische
Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht. Das Prinzip des Instanzenzuges,
welches den Bau des Apparates zu beherrschen scheint, tritt uns hier
nochmals entgegen. Das Material an Erregungen fließt dem Bw-
Sinnesorgan von zwei Seiten her zu, von dem W-System her, dessen durch
Qualitäten bedingte Erregung wahrscheinlich eine neue Verarbeitung
durchmacht, bis sie zur bewußten Empfindung wird, und aus dem Innern
des Apparates selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der
Lust und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen
angelangt sind.
Die Philosophen, welche inne wurden, daß korrekte und hoch
zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des
Bewußtseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden, dem
Bewußtsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als
überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die
Analogie unseres Bw-Systems mit den Wahrnehmungssystemen entreißt
uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, daß die Wahrnehmung durch unsere
Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung auf die Wege
zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung sich verbreitet; die
qualitative Erregung des W-Systems dient der mobilen Quantität im
psychischen Apparat als Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung
können wir für das überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systems in Anspruch
nehmen. Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen
Beitrag zur Lenkung und zweckmäßigen Verteilung der mobilen
Besetzungsquantitäten. Mittels der Lust- und Unlustwahrnehmung
beeinflußt es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewußt
und durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es
ist wahrscheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der
Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich, daß
das Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulierung
hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
Leistungsfähigkeit des Apparates vervollkommnet, indem sie ihn gegen
seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit
W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig, die Spur von
Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psychische
Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Außenwelt zugekehrt
ist, ist selbst Außenwelt für das Sinnesorgan des Bw, dessen teleologische
Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht. Das Prinzip des Instanzenzuges,
welches den Bau des Apparates zu beherrschen scheint, tritt uns hier
nochmals entgegen. Das Material an Erregungen fließt dem Bw-
Sinnesorgan von zwei Seiten her zu, von dem W-System her, dessen durch
Qualitäten bedingte Erregung wahrscheinlich eine neue Verarbeitung
durchmacht, bis sie zur bewußten Empfindung wird, und aus dem Innern
des Apparates selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der
Lust und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen
angelangt sind.
Die Philosophen, welche inne wurden, daß korrekte und hoch
zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des
Bewußtseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden, dem
Bewußtsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als
überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die
Analogie unseres Bw-Systems mit den Wahrnehmungssystemen entreißt
uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, daß die Wahrnehmung durch unsere
Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung auf die Wege
zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung sich verbreitet; die
qualitative Erregung des W-Systems dient der mobilen Quantität im
psychischen Apparat als Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung
können wir für das überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systems in Anspruch
nehmen. Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen
Beitrag zur Lenkung und zweckmäßigen Verteilung der mobilen
Besetzungsquantitäten. Mittels der Lust- und Unlustwahrnehmung
beeinflußt es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewußt
und durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es
ist wahrscheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der
Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich, daß
das Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulierung
hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
Leistungsfähigkeit des Apparates vervollkommnet, indem sie ihn gegen
seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit
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Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbeitung zu
unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen
Regulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große
Rolle bei der Funktionstätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die
automatische Herrschaft des primären Unlustprinzips und die damit
verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die sensiblen
Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, gebrochen. Man
erfährt, daß die Verdrängung, die, ursprünglich zweckmäßig, doch in
schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische Beherrschung ausläuft,
sich soviel leichter an Erinnerungen als an Wahrnehmungen vollzieht, weil
bei ersteren der Besetzungszuwachs durch die Erregung der psychischen
Sinnesorgane ausbleiben muß. Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits
nicht bewußt wird, weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er
andere Male nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der
Bewußtseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke, deren sich
die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.
Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden Einfluß
des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt wird, ist im
teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dargetan als durch die
Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen Regulierung,
welche vielleicht zu den Vorrechten des Menschen vor den Tieren gehört.
Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie
begleitenden Lust- und Unlusterregungen, die ja als mögliche Störung des
Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu
verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert,
deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf
sie zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung
zuzuwenden.
Zensur und Bewußtsein.
Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich erst bei
der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen. Man
empfängt dann den Eindruck, daß auch der Übergang vom Vorbewußten zur
Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist, ähnlich der Zensur
zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Zensur setzt erst bei einer gewissen
unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen
Regulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große
Rolle bei der Funktionstätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die
automatische Herrschaft des primären Unlustprinzips und die damit
verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die sensiblen
Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, gebrochen. Man
erfährt, daß die Verdrängung, die, ursprünglich zweckmäßig, doch in
schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische Beherrschung ausläuft,
sich soviel leichter an Erinnerungen als an Wahrnehmungen vollzieht, weil
bei ersteren der Besetzungszuwachs durch die Erregung der psychischen
Sinnesorgane ausbleiben muß. Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits
nicht bewußt wird, weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er
andere Male nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der
Bewußtseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke, deren sich
die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.
Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden Einfluß
des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt wird, ist im
teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dargetan als durch die
Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen Regulierung,
welche vielleicht zu den Vorrechten des Menschen vor den Tieren gehört.
Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie
begleitenden Lust- und Unlusterregungen, die ja als mögliche Störung des
Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu
verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert,
deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf
sie zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung
zuzuwenden.
Zensur und Bewußtsein.
Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich erst bei
der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen. Man
empfängt dann den Eindruck, daß auch der Übergang vom Vorbewußten zur
Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist, ähnlich der Zensur
zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Zensur setzt erst bei einer gewissen
Page 573
quantitativen Grenze ein, so daß ihr wenig intensive Gedankenbildungen
entgehen. Alle möglichen Fälle der Abhaltung von dem Bewußtsein sowie
des Durchdringens zu demselben unter Einschränkungen, finden sich im
Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämtlich weisen sie
auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischen Zensur und
Bewußtsein hin. Mit der Mitteilung zweier derartiger Vorkommnisse will
ich diese psychologischen Erörterungen beschließen.
Ein Konsilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent und
unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo doch
sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt ist, trägt sie
einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse offen. Sie klagt
über Schmerzen in einem Beine und entblößt unaufgefordert eine Wade.
Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich: S i e h a t e i n G e f ü h l i m
Leibe, als ob etwas darin stecken würde, was sich
hin und her bewegt und sie durch und durch
erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze
L e i b w i e steif . Mein mitanwesender Kollege sieht mich dabei an; er
findet die Klage nicht mißverständlich. Merkwürdig erscheint uns beiden,
daß die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß sich ja
wiederholt in der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt.
Das Mädchen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst
würde sie dieselbe nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die Zensur
so abzublenden, daß eine sonst im Vorbewußten verbleibende Phantasie wie
harmlos in der Maske einer Klage zum Bewußtsein zugelassen wird.
Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Behandlung
mit einem 14 jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hysterischem
Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm versichere, er werde
nach dem Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle bekommen, die er mir
mitteilen soll. Er antwortet in Bildern. Der letzte Eindruck, ehe er zu mir
gekommen ist, lebt in seiner Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem
Onkel ein Brettspiel gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert
verschiedene Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man
nicht machen darf. Dann sieht er auf dem Brette einen Dolch liegen, einen
Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett
verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brette, dann kommt eine Sense
hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern auf, der das Gras vor dem
entgehen. Alle möglichen Fälle der Abhaltung von dem Bewußtsein sowie
des Durchdringens zu demselben unter Einschränkungen, finden sich im
Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämtlich weisen sie
auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischen Zensur und
Bewußtsein hin. Mit der Mitteilung zweier derartiger Vorkommnisse will
ich diese psychologischen Erörterungen beschließen.
Ein Konsilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent und
unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo doch
sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt ist, trägt sie
einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse offen. Sie klagt
über Schmerzen in einem Beine und entblößt unaufgefordert eine Wade.
Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich: S i e h a t e i n G e f ü h l i m
Leibe, als ob etwas darin stecken würde, was sich
hin und her bewegt und sie durch und durch
erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze
L e i b w i e steif . Mein mitanwesender Kollege sieht mich dabei an; er
findet die Klage nicht mißverständlich. Merkwürdig erscheint uns beiden,
daß die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß sich ja
wiederholt in der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt.
Das Mädchen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst
würde sie dieselbe nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die Zensur
so abzublenden, daß eine sonst im Vorbewußten verbleibende Phantasie wie
harmlos in der Maske einer Klage zum Bewußtsein zugelassen wird.
Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Behandlung
mit einem 14 jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hysterischem
Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm versichere, er werde
nach dem Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle bekommen, die er mir
mitteilen soll. Er antwortet in Bildern. Der letzte Eindruck, ehe er zu mir
gekommen ist, lebt in seiner Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem
Onkel ein Brettspiel gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert
verschiedene Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man
nicht machen darf. Dann sieht er auf dem Brette einen Dolch liegen, einen
Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett
verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brette, dann kommt eine Sense
hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern auf, der das Gras vor dem
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entfernten heimatlichen Hause mit der Sense mäht. Nach wenigen Tagen
habe ich das Verständnis für diese Aneinanderreihung von Bildern
gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse haben den Knaben in
Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger Vater, der mit der Mutter im
Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel Drohungen waren; die Scheidung
des Vaters von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung
des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause
brachte. In den ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14 jährigen
Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wut gegen den Vater, die jene Bilder zu
verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminiszenz aus
der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus
den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den
Kronos, den gewalttätigen Alten, der seine Kinder frißt, und an dem Zeus so
unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters war eine Gelegenheit, ihm
die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das Kind früher einmal
von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien s p i e l t e (das Brettspiel;
die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind
es langverdrängte Erinnerungen und deren unbewußt gebliebene
Abkömmlinge, die auf dem ihnen eröffneten Umwege sich als
s c h e i n b a r s i n n l o s e Bilder ins Bewußtsein schleichen.
So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung mit dem
Traume in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis und in der
Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen suchen. Wer vermag
zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründliche Bekanntschaft mit
dem Bau und den Leistungen des Seelenapparates noch erheben kann, wenn
schon der heutige Stand unseres Wissens eine glückliche therapeutische
Beeinflussung der an sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet?
Und der praktische Wert dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die
Seelenkenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften
der einzelnen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum
offenbart, nicht den Wert von realen Mächten im Seelenleben? Ist die
ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen, die,
wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?
Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Frage zu antworten. Meine
Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter verfolgt. Ich
meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Unrecht, welcher einen
habe ich das Verständnis für diese Aneinanderreihung von Bildern
gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse haben den Knaben in
Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger Vater, der mit der Mutter im
Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel Drohungen waren; die Scheidung
des Vaters von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung
des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause
brachte. In den ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14 jährigen
Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wut gegen den Vater, die jene Bilder zu
verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminiszenz aus
der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus
den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den
Kronos, den gewalttätigen Alten, der seine Kinder frißt, und an dem Zeus so
unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters war eine Gelegenheit, ihm
die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das Kind früher einmal
von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien s p i e l t e (das Brettspiel;
die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind
es langverdrängte Erinnerungen und deren unbewußt gebliebene
Abkömmlinge, die auf dem ihnen eröffneten Umwege sich als
s c h e i n b a r s i n n l o s e Bilder ins Bewußtsein schleichen.
So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung mit dem
Traume in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis und in der
Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen suchen. Wer vermag
zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründliche Bekanntschaft mit
dem Bau und den Leistungen des Seelenapparates noch erheben kann, wenn
schon der heutige Stand unseres Wissens eine glückliche therapeutische
Beeinflussung der an sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet?
Und der praktische Wert dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die
Seelenkenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften
der einzelnen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum
offenbart, nicht den Wert von realen Mächten im Seelenleben? Ist die
ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen, die,
wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?
Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Frage zu antworten. Meine
Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter verfolgt. Ich
meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Unrecht, welcher einen
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Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt hatte, daß er den Imperator
ermorde. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum
bedeutete; sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug.
Und selbst wenn ein Traum, der anders lautete, diese
majestätsverbrecherische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des
Wortes von P l a t o zu gedenken, daß der Tugendhafte sich begnügt, von
dem zu träumen, was der Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten gibt
man die Träume frei. Ob den unbewußten Wünschen R e a l i t ä t
zuzuerkennen ist und in welchem Sinne, kann ich kurzerhand nicht sagen.
Allen Übergangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen.
Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten
Ausdruck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die
p s y c h i s c h e R e a l i t ä t eine besondere Existenzform ist, welche mit
der f a k t i s c h e n Realität nicht verwechselt werden soll. Es erscheint dann
ungerechtfertigt, wenn die Menschen sich sträuben, die Verantwortung für
die Immoralität ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung der
Funktionsweise des seelischen Apparates und die Einsicht in die Beziehung
zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das ethisch Anstößige unseres
Traum- und Phantasielebens meist zum Verschwinden gebracht.
»Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität)
kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen
uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem
Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, dann als Infusionstierchen
wiederfinden.« (H. S a c h s.)
Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Menschen
genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Gesinnung. Die Tat
vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden, denn viele zum
Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte des
Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen
oft darum keinem psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weil das
Unbewußte ihrer anderweitigen Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle
Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem
unsere Tugenden sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin
dynamisch bewegte Komplikation eines menschlichen Charakters fügt sich
höchst selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere
überjährte Morallehre es möchte.
ermorde. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum
bedeutete; sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug.
Und selbst wenn ein Traum, der anders lautete, diese
majestätsverbrecherische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des
Wortes von P l a t o zu gedenken, daß der Tugendhafte sich begnügt, von
dem zu träumen, was der Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten gibt
man die Träume frei. Ob den unbewußten Wünschen R e a l i t ä t
zuzuerkennen ist und in welchem Sinne, kann ich kurzerhand nicht sagen.
Allen Übergangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen.
Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten
Ausdruck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die
p s y c h i s c h e R e a l i t ä t eine besondere Existenzform ist, welche mit
der f a k t i s c h e n Realität nicht verwechselt werden soll. Es erscheint dann
ungerechtfertigt, wenn die Menschen sich sträuben, die Verantwortung für
die Immoralität ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung der
Funktionsweise des seelischen Apparates und die Einsicht in die Beziehung
zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das ethisch Anstößige unseres
Traum- und Phantasielebens meist zum Verschwinden gebracht.
»Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität)
kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen
uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem
Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, dann als Infusionstierchen
wiederfinden.« (H. S a c h s.)
Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Menschen
genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Gesinnung. Die Tat
vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden, denn viele zum
Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte des
Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen
oft darum keinem psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weil das
Unbewußte ihrer anderweitigen Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle
Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem
unsere Tugenden sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin
dynamisch bewegte Komplikation eines menschlichen Charakters fügt sich
höchst selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere
überjährte Morallehre es möchte.
Page 576
Und der Wert des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
Daran ist natürlich nicht zu denken. So freudig man auch als
bescheidener und vorurteilsloser Forscher das Bestreben begrüßen mag,
auch die verpönten »o k k u l t e n« Phänomene in den Kreis der
wissenschaftlichen Untersuchung zu ziehen, man wird doch an der
Erwartung festhalten, daß diese Studien uns zwei Dinge nicht aufdrängen
werden: den Glauben an die Fortexistenz der Gestorbenen und den an die
Erkenntnis der nicht mehr berechenbaren Zukunft. Man möchte dafür
einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der Vergangenheit
stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der alte Glaube, daß
der Traum uns die Zukunft zeige, nicht völlig des Gehaltes an Wahrheit.
Indem uns der Traum einen Wunsch als erfüllt vorstellt, führt er uns
allerdings in die Zukunft; aber diese vom Träumer für gegenwärtig
genommene Zukunft ist durch den unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbilde
jener Vergangenheit gestaltet.
Daran ist natürlich nicht zu denken. So freudig man auch als
bescheidener und vorurteilsloser Forscher das Bestreben begrüßen mag,
auch die verpönten »o k k u l t e n« Phänomene in den Kreis der
wissenschaftlichen Untersuchung zu ziehen, man wird doch an der
Erwartung festhalten, daß diese Studien uns zwei Dinge nicht aufdrängen
werden: den Glauben an die Fortexistenz der Gestorbenen und den an die
Erkenntnis der nicht mehr berechenbaren Zukunft. Man möchte dafür
einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der Vergangenheit
stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der alte Glaube, daß
der Traum uns die Zukunft zeige, nicht völlig des Gehaltes an Wahrheit.
Indem uns der Traum einen Wunsch als erfüllt vorstellt, führt er uns
allerdings in die Zukunft; aber diese vom Träumer für gegenwärtig
genommene Zukunft ist durch den unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbilde
jener Vergangenheit gestaltet.
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de Belgique, mars 1895.
Nachtrag (z. 1. Aufl.).
Erst während der Korrektur der letzten Bogen im September 1899
erhielt ich Kenntnis von einer kleinen Schrift »Induktive Untersuchungen
über die Fundamentalgesetze der psychischen Phänomene« von Dr. Ch.
R u t h s, 1898, welche eine größere Arbeit über die Analyse der Träume
ankündigt. Nach den vom Autor gegebenen Andeutungen darf ich erwarten,
daß seine Resultate in manchen Punkten mit den meinigen
zusammentreffen.
(Ich habe von dem Erscheinen der so angekündigten Arbeit nichts
vernommen.)
B. N a c h E r s c h e i n e n d e s B u c h e s (bis Ende 1913):
(Die mit * bezeichneten Arbeiten nehmen Bezug auf des Verfassers
»Traumdeutung«.)
*Abraham Karl. Traum und Mythos. Eine Studie zur Völkerpsychologie.
Schriften z. angew. Seelenkunde, Heft 4, Wien und Leipzig 1909.
*— Über hysterische Traumzustände. Jahrbuch f. psychoanalyt. und
psychopathol. Forschungen. Bd. II. 1910.
*— Sollen wir die Pat. ihre Träume aufschreiben lassen? Intern. Zeitschr. f.
ärztl. Ps.-A. I, 1913, p. 194.
Ackerknecht E. Zur Konzentrationsfähigkeit des Träumenden. Zeitschr. f.
Psycholog. 41. Bd. 1. Abt. 1905, p. 423.
*Adler Alfred. Zwei Träume einer Prostituierten. Zeitschrift f.
Sexualwissenschaft, 1908, Nr. 2.
de Belgique, mars 1895.
Nachtrag (z. 1. Aufl.).
Erst während der Korrektur der letzten Bogen im September 1899
erhielt ich Kenntnis von einer kleinen Schrift »Induktive Untersuchungen
über die Fundamentalgesetze der psychischen Phänomene« von Dr. Ch.
R u t h s, 1898, welche eine größere Arbeit über die Analyse der Träume
ankündigt. Nach den vom Autor gegebenen Andeutungen darf ich erwarten,
daß seine Resultate in manchen Punkten mit den meinigen
zusammentreffen.
(Ich habe von dem Erscheinen der so angekündigten Arbeit nichts
vernommen.)
B. N a c h E r s c h e i n e n d e s B u c h e s (bis Ende 1913):
(Die mit * bezeichneten Arbeiten nehmen Bezug auf des Verfassers
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*Adler Alfred. Zwei Träume einer Prostituierten. Zeitschrift f.
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Dichtung. Diss. Kiel 1912.
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(Ins Englische übersetzt unter dem Titel: The psychological Analysis
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various motivs. J. of abn. Psychol. VIII, 2, June–July 1913.
*— A contribution to the analysis and Interpretation of dreams based on the
motive of self-preservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
Specht G. Schlaf u. Traum. Velh. & Klasing Monatsh., 1909, Jan.–Febr.
*Spielrein S. Traum vom »Pater Freudenreich«. Intern. Ztschr. f. ärztl. Ps.-
A. I, 1913, p. 484.
Spitteler Karl. Meine frühesten Erlebnisse. I. Hilflos und sprachlos. Die
Träume des Kindes. Südd. Monatsh., Okt. 1913.
*Stärcke August. Ein Traum, der das Gegenteil einer Wunscherfüllung zu
verwirklichen schien, zugleich ein Beispiel eines Traumes, der von
einem andern Traum gedeutet wird. Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1911/12,
p. 86.
*Stärcke Johann. Neue Traumexperimente in Zusammenhang mit älteren
und neueren Traumtheorien. Jahrb. f. Ps.-A. V, 1913, p. 233.
*Stegmann Marg. Darstellung epileptischer Anfälle im Traume. Intern.
Ztschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913.
*— Ein Vexiertraum. Ebenda, p. 486.
*Stekel Wilhelm. Beiträge zur Traumdeutung. Jahrbuch für
psychoanalytische und psychopatholog. Forschungen, Bd. I, 1909.
*— Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. Wien-Berlin 1908,
2. Aufl. 1912.
*— Die Sprache des Traumes. Eine Darstellung der Symbolik und Deutung
des Traumes in ihren Beziehungen zur kranken und gesunden Seele
*— Spermatozoenträume. Ebenda.
*— Zur Frage der Spermatozoenträume. Ebenda.
Smith Th. L. The psychology of day dreaming. Americ. Journ. of Psychol.
vol. XV, 1904, p. 465–488.
*Sokal E. Wissensch. Traumdeutung. Die Gegenwart 1902, Nr. 6.
*Solomon Meyer. The analysis and interpretation of dreams based on
various motivs. J. of abn. Psychol. VIII, 2, June–July 1913.
*— A contribution to the analysis and Interpretation of dreams based on the
motive of self-preservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
Specht G. Schlaf u. Traum. Velh. & Klasing Monatsh., 1909, Jan.–Febr.
*Spielrein S. Traum vom »Pater Freudenreich«. Intern. Ztschr. f. ärztl. Ps.-
A. I, 1913, p. 484.
Spitteler Karl. Meine frühesten Erlebnisse. I. Hilflos und sprachlos. Die
Träume des Kindes. Südd. Monatsh., Okt. 1913.
*Stärcke August. Ein Traum, der das Gegenteil einer Wunscherfüllung zu
verwirklichen schien, zugleich ein Beispiel eines Traumes, der von
einem andern Traum gedeutet wird. Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1911/12,
p. 86.
*Stärcke Johann. Neue Traumexperimente in Zusammenhang mit älteren
und neueren Traumtheorien. Jahrb. f. Ps.-A. V, 1913, p. 233.
*Stegmann Marg. Darstellung epileptischer Anfälle im Traume. Intern.
Ztschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913.
*— Ein Vexiertraum. Ebenda, p. 486.
*Stekel Wilhelm. Beiträge zur Traumdeutung. Jahrbuch für
psychoanalytische und psychopatholog. Forschungen, Bd. I, 1909.
*— Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. Wien-Berlin 1908,
2. Aufl. 1912.
*— Die Sprache des Traumes. Eine Darstellung der Symbolik und Deutung
des Traumes in ihren Beziehungen zur kranken und gesunden Seele
Page 612
für Ärzte und Psychologen. Wiesbaden 1911.
*— Die Träume der Dichter. Wiesbaden 1912.
*— Ein prophetischer Nummerntraum. Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1911/12,
p. 128–130.
*— Fortschritte der Traumdeutung. Zentralbl. f. Ps.-A. III, 1912/13, p. 154,
426.
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26.
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc. Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909, p. 93 ff.
*Swoboda Hermann. Die Perioden des menschlichen Organismus. Wien
und Leipzig 1904.
*Tausk V. Zur Psychologie der Kindersexualität. Intern. Ztschr. f. ärztl. Ps.-
A. I, 1913, p. 444.
Tfinkdji Joseph Abée. Essai sur les songes et l’art de les interpréter
(onirocritie) en Mésopotamie. Anthropos VIII, 2/3 März–Juni 1913.
Thèbes Mme. de. L’énigme du rêve. Paris 1913.
Thoma H. Traumthema und künstl. Schaffen. Kunstwart 1912, 26. J., H. 5,
p. 309.
Tobler O. Die Epiphanie der Seele in deutscher Volkssage. Kiel 1911.
Tobowolska Justine. Étude sur les illusions de temps dans les rêves du
sommeil normal. Thèse de Paris, 1900.
*Traugott Richard. Der Traum, psychol. und kulturgeschichtl. betrachtet.
Würzburg 1913.
Traum der Klin. therap. Wochenschr. 1902, p. 723.
im Lichte d. wissensch. Unters. Gaea, Natur u. Leben, 1902, p. 44–48.
Traumbuch. Das älteste, echte, große, ägyptische vom Jahre 1204. Wien
1900.
Trenaunay Paul. Le rêve prolongé. – Délire consécutif à un rêve prolongé
à l’état de veille. Paris 1901.
*— Die Träume der Dichter. Wiesbaden 1912.
*— Ein prophetischer Nummerntraum. Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1911/12,
p. 128–130.
*— Fortschritte der Traumdeutung. Zentralbl. f. Ps.-A. III, 1912/13, p. 154,
426.
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26.
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc. Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909, p. 93 ff.
*Swoboda Hermann. Die Perioden des menschlichen Organismus. Wien
und Leipzig 1904.
*Tausk V. Zur Psychologie der Kindersexualität. Intern. Ztschr. f. ärztl. Ps.-
A. I, 1913, p. 444.
Tfinkdji Joseph Abée. Essai sur les songes et l’art de les interpréter
(onirocritie) en Mésopotamie. Anthropos VIII, 2/3 März–Juni 1913.
Thèbes Mme. de. L’énigme du rêve. Paris 1913.
Thoma H. Traumthema und künstl. Schaffen. Kunstwart 1912, 26. J., H. 5,
p. 309.
Tobler O. Die Epiphanie der Seele in deutscher Volkssage. Kiel 1911.
Tobowolska Justine. Étude sur les illusions de temps dans les rêves du
sommeil normal. Thèse de Paris, 1900.
*Traugott Richard. Der Traum, psychol. und kulturgeschichtl. betrachtet.
Würzburg 1913.
Traum der Klin. therap. Wochenschr. 1902, p. 723.
im Lichte d. wissensch. Unters. Gaea, Natur u. Leben, 1902, p. 44–48.
Traumbuch. Das älteste, echte, große, ägyptische vom Jahre 1204. Wien
1900.
Trenaunay Paul. Le rêve prolongé. – Délire consécutif à un rêve prolongé
à l’état de veille. Paris 1901.
Page 613
Trömner E. Entstehung u. Bedeutung d. Träume. Journ. f. Psychol. u.
Neurol. 19. Bd., 1912, p. 343–350.
Traum ein und dessen Verwirklichung. Mitt. d. wiss. Vereins f. Okkult. in
Wien. 2. Jahrg. 1901, p. 67.
Träume in Dichtungen. Kunstwart, 19. J., Nov. 1906, p. 198–208.
*Vaschide N. Le sommeil et les rêves. Paris 1911, Bibl. de Philos. scient.
(66) (mit Literaturangabe der übrigen zahlreichen Arbeiten
desselben Autors über Traum und Schlaf).
— et Piéron. La psychol. du rêve au point de vue médical. Paris 1902.
Veronese Franz. Versuch einer Physiologie des Schlafes und des Traumes.
Leipzig 1910.
Vogel Wilh. Ansicht über d. Traum. Die Wahrheit 1901, p. 58–65.
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen. Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band.
Leipzig 1910. II. Bd. 1912.
Voraussehen im Traum. Psych. Stud. 1900, p. 381–385.
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss. V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Wahrträume drei. Ebenda, p. 45.
Warcollier R. Rêve commencé et terminé par deux dormeurs différents.
Ann. d. sci. psy. 16, 1906, 437.
Was ist der Traum? Die Grenzboten 1900, Nr. 11.
*Waterman George A. Dreams as a Cause of Symptoms. The Journal of
abnormal Psychol. Oct.–Nov. 1910
*Weber R. Petite psychologie. Quelques rêves. Arch. intern. de Neurol.,
35 année, Nr. 1, Juillet 1913, p. 1–23.
Weizsäcker P. Über Alpträume und Verwandtes. S. A. Stuttgart 1901.
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med. Journ., vol. 97,
March 29, 1913, p. 687.
*Weyer E. M. Freud’s art of interpreting dreams. Forum, May 1911.
Neurol. 19. Bd., 1912, p. 343–350.
Traum ein und dessen Verwirklichung. Mitt. d. wiss. Vereins f. Okkult. in
Wien. 2. Jahrg. 1901, p. 67.
Träume in Dichtungen. Kunstwart, 19. J., Nov. 1906, p. 198–208.
*Vaschide N. Le sommeil et les rêves. Paris 1911, Bibl. de Philos. scient.
(66) (mit Literaturangabe der übrigen zahlreichen Arbeiten
desselben Autors über Traum und Schlaf).
— et Piéron. La psychol. du rêve au point de vue médical. Paris 1902.
Veronese Franz. Versuch einer Physiologie des Schlafes und des Traumes.
Leipzig 1910.
Vogel Wilh. Ansicht über d. Traum. Die Wahrheit 1901, p. 58–65.
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen. Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band.
Leipzig 1910. II. Bd. 1912.
Voraussehen im Traum. Psych. Stud. 1900, p. 381–385.
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss. V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Wahrträume drei. Ebenda, p. 45.
Warcollier R. Rêve commencé et terminé par deux dormeurs différents.
Ann. d. sci. psy. 16, 1906, 437.
Was ist der Traum? Die Grenzboten 1900, Nr. 11.
*Waterman George A. Dreams as a Cause of Symptoms. The Journal of
abnormal Psychol. Oct.–Nov. 1910
*Weber R. Petite psychologie. Quelques rêves. Arch. intern. de Neurol.,
35 année, Nr. 1, Juillet 1913, p. 1–23.
Weizsäcker P. Über Alpträume und Verwandtes. S. A. Stuttgart 1901.
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med. Journ., vol. 97,
March 29, 1913, p. 687.
*Weyer E. M. Freud’s art of interpreting dreams. Forum, May 1911.
Page 614
Weygandt W. Beitr. z. Psychologie des Traumes. Philos. Studien, 20. Bd.,
1902, p. 456–486.
Wiggam A. A contribution to the data of dream psychology. Pedagogical
Seminary, Juni 1909.
*Winterstein Alfr. v. Zum Thema: »Lenkbare Träume«. Zentralbl. f. Ps.-
A. II, 1911/12, p. 290.
Wolff G. Traumphysiologie. Die Hilfe, 1912, Nr. 2.
Wolff M. Das Träumen u. die geistige Persönlichkeit. Glauben u. Wissen,
1904, p. 307–310.
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung. Med.
Revue 13, 1913, p. 237.
*Wulff M. Ein interessanter Zusammenhang von Traum, Symbolhandlung
und Krankheitssymptom. Internat. Ztschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913,
H. 6.
K. u. K. Hofbuchdruckerei Jos. Feichtingers Erben, Linz. 14.3225
(1) Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.
(2) Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900.
(3) Das Folgende nach B ü c h s e n s c h ü t z’ sorgfältiger Darstellung.
1902, p. 456–486.
Wiggam A. A contribution to the data of dream psychology. Pedagogical
Seminary, Juni 1909.
*Winterstein Alfr. v. Zum Thema: »Lenkbare Träume«. Zentralbl. f. Ps.-
A. II, 1911/12, p. 290.
Wolff G. Traumphysiologie. Die Hilfe, 1912, Nr. 2.
Wolff M. Das Träumen u. die geistige Persönlichkeit. Glauben u. Wissen,
1904, p. 307–310.
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung. Med.
Revue 13, 1913, p. 237.
*Wulff M. Ein interessanter Zusammenhang von Traum, Symbolhandlung
und Krankheitssymptom. Internat. Ztschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913,
H. 6.
K. u. K. Hofbuchdruckerei Jos. Feichtingers Erben, Linz. 14.3225
(1) Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.
(2) Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900.
(3) Das Folgende nach B ü c h s e n s c h ü t z’ sorgfältiger Darstellung.
Page 615
(4) Über die Beziehungen des Traumes zu den Krankheiten handelt der
griechische Arzt H i p p o k r a t e s in einem Kapitel seines berühmten
Werkes.
(5) Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei
D i e p g e n und in den Spezialuntersuchungen von M. F ö r s t e r,
G o t t h a r d u. a. Über die Traumdeutung bei den Juden handeln A l m o l i,
A m r a m, L ö w i n g e r sowie neuestens, mit Berücksichtigung des
psychoanalytischen Standpunktes, L a u e r. Kenntnis der arabischen
Traumdeutung vermitteln D r e x l, F. S c h w a r z und der Missionär
T f i n k d j i, der japanischen M i u r a und I w a y a, der chinesischen
S e c k e r, der indischen N e g e l e i n.
(6) Va s c h i d e behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im
Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen.
(7) Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten
harmlose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume
wiederholt werden, etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten
u. dgl. Bei solchen Träumen betont der Träumer selbst aber nicht den
Charakter der Erinnerung, sondern den der »Wirklichkeit«. »Ich habe das
alles am Tage wirklich getan.«
(8) »Chauffeurs« hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich
dieser Tortur bedienten.
(9) Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um
eine Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.
(10) Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei
H i p p o k r a t e s) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum
gedenken.
Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung
suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des
Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien
unterworfen, gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt,
legte man ihn im Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief
ein und träumte von Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in
Symbolen und Bildern gezeigt wurden, welche dann die Priester deuteten.
griechische Arzt H i p p o k r a t e s in einem Kapitel seines berühmten
Werkes.
(5) Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei
D i e p g e n und in den Spezialuntersuchungen von M. F ö r s t e r,
G o t t h a r d u. a. Über die Traumdeutung bei den Juden handeln A l m o l i,
A m r a m, L ö w i n g e r sowie neuestens, mit Berücksichtigung des
psychoanalytischen Standpunktes, L a u e r. Kenntnis der arabischen
Traumdeutung vermitteln D r e x l, F. S c h w a r z und der Missionär
T f i n k d j i, der japanischen M i u r a und I w a y a, der chinesischen
S e c k e r, der indischen N e g e l e i n.
(6) Va s c h i d e behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im
Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen.
(7) Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten
harmlose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume
wiederholt werden, etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten
u. dgl. Bei solchen Träumen betont der Träumer selbst aber nicht den
Charakter der Erinnerung, sondern den der »Wirklichkeit«. »Ich habe das
alles am Tage wirklich getan.«
(8) »Chauffeurs« hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich
dieser Tortur bedienten.
(9) Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um
eine Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.
(10) Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei
H i p p o k r a t e s) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum
gedenken.
Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung
suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des
Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien
unterworfen, gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt,
legte man ihn im Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief
ein und träumte von Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in
Symbolen und Bildern gezeigt wurden, welche dann die Priester deuteten.
Page 616
Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n I, 74,
B o u c h é - L e c l e r c q, H e r m a n n, Gottesd. Altert. d. Gr. § 41,
Privataltert., § 38, 16, B ö t t i g e r in Sprengels Beitr. z. Gesch. d. Med. II,
p. 163 ff., W. L l o y d, Magnetism and Mesmerism in antiquity, London,
1877, D ö l l i n g e r, Heidentum und Judentum, p. 139.
(11) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten
Traumprotokolle dieses Forschers siehe unten.
(12) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt
worden; vgl. die Sammlung von C h a b a n e i x.
(13) H. S i l b e r e r hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst
abstrakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische
Bilder umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von
B l e u l e r - F r e u d, Band I, 1909.)
(14) Einen ähnlichen Versuch wie D e l b o e u f, die Traumtätigkeit zu
erklären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung
an der sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge
haben muß, hat H a f f n e r unternommen, diese Bedingung aber in etwas
anderen Worten beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach
ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von
der dem Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen und zeitlichen
Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundcharakter des
Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und
Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. »Da die Gesamtheit
der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil und
Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an
die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur
Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit
der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für
sich ist unsere Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner
Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso
frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht
gegen die Denkgesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als
entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen usw. Er kann auch im
Traume nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione
boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens
B o u c h é - L e c l e r c q, H e r m a n n, Gottesd. Altert. d. Gr. § 41,
Privataltert., § 38, 16, B ö t t i g e r in Sprengels Beitr. z. Gesch. d. Med. II,
p. 163 ff., W. L l o y d, Magnetism and Mesmerism in antiquity, London,
1877, D ö l l i n g e r, Heidentum und Judentum, p. 139.
(11) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten
Traumprotokolle dieses Forschers siehe unten.
(12) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt
worden; vgl. die Sammlung von C h a b a n e i x.
(13) H. S i l b e r e r hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst
abstrakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische
Bilder umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von
B l e u l e r - F r e u d, Band I, 1909.)
(14) Einen ähnlichen Versuch wie D e l b o e u f, die Traumtätigkeit zu
erklären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung
an der sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge
haben muß, hat H a f f n e r unternommen, diese Bedingung aber in etwas
anderen Worten beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach
ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von
der dem Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen und zeitlichen
Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundcharakter des
Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und
Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. »Da die Gesamtheit
der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil und
Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an
die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur
Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit
der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für
sich ist unsere Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner
Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso
frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht
gegen die Denkgesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als
entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen usw. Er kann auch im
Traume nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione
boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens
Page 617
wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die Verwechslung
einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traume die
größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits die
scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten
Schlußfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten
Entschließungen fassen können. M a n g e l a n O r i e n t i e r u n g ist das
ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie im Traume sich
bewegt, und M a n g e l a n k r i t i s c h e r R e f l e x i o n sowie an
Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen
unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume« (p. 18).
(15) Man vergleiche hiezu das »Désintérêt«, in dem C l a p a r è d e
(1905) den Mechanismus des Einschlafens findet.
(16) An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von
Worten mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt
sind, zugänglich werden.
(17) Vgl. H a f f n e r und S p i t t a.
(18) Der geistreiche Mystiker Du P r e l, einer der wenigen Autoren,
denen ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches
abbitten möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte
zur Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie der Mystik,
p. 59).
(19) Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der
Pariser Dissertation der T o b o w o l s k a (1900).
(20) Vgl. die Kritik bei H. E l l i s, World of Dreams, p. 268.
(21) Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach
S p i t t a.)
(22) Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige
Inquisition zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio
sanctissimae Inquisitionis des T h o m a s C a r e ñ a, Lyoner Ausgabe,
1659, ist folgende Stelle: »Spricht jemand im Traum Ketzereien aus, so
sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, seine Lebensführung zu
untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, was unter Tags
jemand beschäftigt hat.« (Dr. E h n i g e r, S. Urban, Schweiz.)
einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traume die
größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits die
scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten
Schlußfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten
Entschließungen fassen können. M a n g e l a n O r i e n t i e r u n g ist das
ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie im Traume sich
bewegt, und M a n g e l a n k r i t i s c h e r R e f l e x i o n sowie an
Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen
unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume« (p. 18).
(15) Man vergleiche hiezu das »Désintérêt«, in dem C l a p a r è d e
(1905) den Mechanismus des Einschlafens findet.
(16) An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von
Worten mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt
sind, zugänglich werden.
(17) Vgl. H a f f n e r und S p i t t a.
(18) Der geistreiche Mystiker Du P r e l, einer der wenigen Autoren,
denen ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches
abbitten möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte
zur Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie der Mystik,
p. 59).
(19) Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der
Pariser Dissertation der T o b o w o l s k a (1900).
(20) Vgl. die Kritik bei H. E l l i s, World of Dreams, p. 268.
(21) Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach
S p i t t a.)
(22) Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige
Inquisition zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio
sanctissimae Inquisitionis des T h o m a s C a r e ñ a, Lyoner Ausgabe,
1659, ist folgende Stelle: »Spricht jemand im Traum Ketzereien aus, so
sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, seine Lebensführung zu
untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, was unter Tags
jemand beschäftigt hat.« (Dr. E h n i g e r, S. Urban, Schweiz.)
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(23) Ganz ähnlich äußert sich der Dichter A n a t o l e F r a n c e (Lys
rouge): Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de ce que
nous avons négligé dans la veille. Le rêve est souvent la revanche des
choses qu’on méprise ou le reproche des êtres abandonnés.
(24) Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: F é r é,
I d e l e r, L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a, G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i u. a.
(25) H. S w o b o d a, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.
(26) Siehe später p. 229, Anmerkung.
(27) In einer Novelle »G r a d i v a« des Dichters W. J e n s e n entdeckte
ich zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet
waren und sich deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von
realen Personen geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von
meiner Seite, daß ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe
diese Übereinstimmung zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des
Dichters als Beweis für die Richtigkeit meiner Traumanalyse verwertet.
(»Der Wahn und die Träume« in W. J e n s e n s »Gradiva«, erstes Heft der
von mir herausgegebenen »Schriften zur angewandten Seelenkunde«,
1906.)
(28) A r i s t o t e l e s hat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei
der, welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien,
wie die Bilder im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am
besten, der in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge
(B ü c h s e n s c h ü t z, p. 65).
(29) A r t e m i d o r o s aus D a l d i s, wahrscheinlich, zu Anfang des 2.
Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und
sorgfältigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-römischen
Welt überliefert. Er legte, wie T h . G o m p e r z hervorhebt, Wert darauf,
die Deutung der Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und
sonderte seine Kunst strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das
Prinzip seiner Deutungskunst ist nach der Darstellung von G o m p e r z
identisch mit dem der Magie, das Prinzip der Assoziation. Ein Traumding
bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, woran es den Traumdeuter
erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der Willkür und Unsicherheit
rouge): Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de ce que
nous avons négligé dans la veille. Le rêve est souvent la revanche des
choses qu’on méprise ou le reproche des êtres abandonnés.
(24) Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: F é r é,
I d e l e r, L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a, G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i u. a.
(25) H. S w o b o d a, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.
(26) Siehe später p. 229, Anmerkung.
(27) In einer Novelle »G r a d i v a« des Dichters W. J e n s e n entdeckte
ich zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet
waren und sich deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von
realen Personen geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von
meiner Seite, daß ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe
diese Übereinstimmung zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des
Dichters als Beweis für die Richtigkeit meiner Traumanalyse verwertet.
(»Der Wahn und die Träume« in W. J e n s e n s »Gradiva«, erstes Heft der
von mir herausgegebenen »Schriften zur angewandten Seelenkunde«,
1906.)
(28) A r i s t o t e l e s hat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei
der, welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien,
wie die Bilder im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am
besten, der in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge
(B ü c h s e n s c h ü t z, p. 65).
(29) A r t e m i d o r o s aus D a l d i s, wahrscheinlich, zu Anfang des 2.
Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und
sorgfältigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-römischen
Welt überliefert. Er legte, wie T h . G o m p e r z hervorhebt, Wert darauf,
die Deutung der Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und
sonderte seine Kunst strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das
Prinzip seiner Deutungskunst ist nach der Darstellung von G o m p e r z
identisch mit dem der Magie, das Prinzip der Assoziation. Ein Traumding
bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, woran es den Traumdeuter
erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der Willkür und Unsicherheit
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ergibt sich dann aus dem Umstand, daß das Traumelement den Deuter an
verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik,
die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen
wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit
auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern
was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. –
Nach neueren Berichten des Missionärs Tfinkdji (Anthropos 1913) nehmen
aber auch die modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des
Träumers ausgiebig in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den
Traumdeutern bei den mesopotamischen Arabern: »Pour interpréter
exactement un songe, les oniromanciens les plus habiles s’informent de
ceux qui les consultent de toutes les circonstances qu’il regardent
nécessaires pour la bonne explication . . . . . . En un mot, nos oniromanciens
ne laissent aucune circonstance leur échapper et ne donnent l’interprétation
désirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les interrogations
desirables.« Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche um
genaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau,
Kinder) sowie die typische Formel: habuistine in hac nocte copulam
conjugalem ante vel post somnium? – »L’idée dominante dans
l’interprétation des songes consiste à expliquer le rêve par son opposé.«
(30) Dr. A l f . R o b i t s e k macht mich darauf aufmerksam, daß die
orientalischen Traumbücher, von denen die unserigen klägliche Abklatsche
sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der
Ähnlichkeit der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der
Übersetzung in unsere Sprache verloren gehen müssen, würde daher die
Unbegreiflichkeit der Ersetzungen in unseren populären »Traumbüchern«
stammen. – Über diese außerordentliche Bedeutung des Wortspieles und der
Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen mag man sich aus den
Schriften H u g o W i n c k l e r s unterrichten. Das schönste Beispiel einer
Traumdeutung, welches uns aus dem Altertum überliefert ist, beruht auf
einer Wortspielerei. A r t e m i d o r o s erzählt (p. 255): »Es scheint mir aber
auch A r i s t a n d r o s dem A l e x a n d r o s von Makedonien eine gar
glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser T y r o s eingeschlossen
hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, unwillig und
betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen S a t y r o s auf seinem Schilde
tanzen; zufällig befand sich A r i s t a n d r o s in der Nähe von Tyros und im
Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros
verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik,
die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen
wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit
auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern
was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. –
Nach neueren Berichten des Missionärs Tfinkdji (Anthropos 1913) nehmen
aber auch die modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des
Träumers ausgiebig in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den
Traumdeutern bei den mesopotamischen Arabern: »Pour interpréter
exactement un songe, les oniromanciens les plus habiles s’informent de
ceux qui les consultent de toutes les circonstances qu’il regardent
nécessaires pour la bonne explication . . . . . . En un mot, nos oniromanciens
ne laissent aucune circonstance leur échapper et ne donnent l’interprétation
désirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les interrogations
desirables.« Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche um
genaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau,
Kinder) sowie die typische Formel: habuistine in hac nocte copulam
conjugalem ante vel post somnium? – »L’idée dominante dans
l’interprétation des songes consiste à expliquer le rêve par son opposé.«
(30) Dr. A l f . R o b i t s e k macht mich darauf aufmerksam, daß die
orientalischen Traumbücher, von denen die unserigen klägliche Abklatsche
sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der
Ähnlichkeit der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der
Übersetzung in unsere Sprache verloren gehen müssen, würde daher die
Unbegreiflichkeit der Ersetzungen in unseren populären »Traumbüchern«
stammen. – Über diese außerordentliche Bedeutung des Wortspieles und der
Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen mag man sich aus den
Schriften H u g o W i n c k l e r s unterrichten. Das schönste Beispiel einer
Traumdeutung, welches uns aus dem Altertum überliefert ist, beruht auf
einer Wortspielerei. A r t e m i d o r o s erzählt (p. 255): »Es scheint mir aber
auch A r i s t a n d r o s dem A l e x a n d r o s von Makedonien eine gar
glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser T y r o s eingeschlossen
hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, unwillig und
betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen S a t y r o s auf seinem Schilde
tanzen; zufällig befand sich A r i s t a n d r o s in der Nähe von Tyros und im
Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros
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in σὰ und Τύρος zerlegte, bewirkte er, daß der König die Belagerung
nachdrücklicher in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde.« (Σὰ-
Τύρος = dein ist Tyros.) – Übrigens hängt der Traum so innig am
sprachlichen Ausdruck, daß F e r e n c z i mit Recht bemerken kann, jede
Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel
unübersetzbar in andere Sprachen und ein Buch wie das vorliegende,
meinte ich, darum auch. Nichtsdestoweniger ist es Dr. A. A. B r i l l in New
York gelungen, eine englische Übersetzung der »Traumdeutung« zu
schaffen. (London 1913, George Allen & Co. Ltd.)
(31) Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von
S t u m p f zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei
sinnvoll und deutbar, mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung
geschieht aber mittels einer allegorisierenden Symbolik ohne Gewähr für
Allgemeingültigkeit des Verfahrens.
(32) B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, Wien 1895, 2. Aufl.,
1909.
(33) Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung
unterzog.
(34) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage
über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine
eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei
denen ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich
Irma und meine Frau in diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle,
aber zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der
braven, gefügigen Patientin messe.
(35) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt
ist, um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der
drei Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. – Jeder Traum hat mindestens
eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch
den er mit dem Unerkannten zusammenhängt.
(36) »Ananas« enthält übrigens einen deutlichen Anklang an den
Familiennamen meiner Patientin Irma.
(37) Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem
Sinne behielt er Recht, denn die »ungelösten« Magenbeschwerden meiner
nachdrücklicher in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde.« (Σὰ-
Τύρος = dein ist Tyros.) – Übrigens hängt der Traum so innig am
sprachlichen Ausdruck, daß F e r e n c z i mit Recht bemerken kann, jede
Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel
unübersetzbar in andere Sprachen und ein Buch wie das vorliegende,
meinte ich, darum auch. Nichtsdestoweniger ist es Dr. A. A. B r i l l in New
York gelungen, eine englische Übersetzung der »Traumdeutung« zu
schaffen. (London 1913, George Allen & Co. Ltd.)
(31) Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von
S t u m p f zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei
sinnvoll und deutbar, mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung
geschieht aber mittels einer allegorisierenden Symbolik ohne Gewähr für
Allgemeingültigkeit des Verfahrens.
(32) B r e u e r und F r e u d, Studien über Hysterie, Wien 1895, 2. Aufl.,
1909.
(33) Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung
unterzog.
(34) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage
über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine
eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei
denen ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich
Irma und meine Frau in diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle,
aber zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der
braven, gefügigen Patientin messe.
(35) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt
ist, um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der
drei Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. – Jeder Traum hat mindestens
eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch
den er mit dem Unerkannten zusammenhängt.
(36) »Ananas« enthält übrigens einen deutlichen Anklang an den
Familiennamen meiner Patientin Irma.
(37) Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem
Sinne behielt er Recht, denn die »ungelösten« Magenbeschwerden meiner
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Patientin, an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines
ernsthaften Gallensteinleidens.
(38) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir
zur Deutungsarbeit eingefallen ist.
(39) Das Tatsächliche der Durstträume war auch W e y g a n d t bekannt,
der p. 11 darüber äußert: »Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten
von allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. –
Die Art, wie sich der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und
wird nach einer naheliegenden Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine
Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort nach der Vorstellung des
Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung der
vermeintlichen Erfrischungen einstellt.« Er übersieht aber das
Allgemeingültige in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere
Personen, die in der Nacht vom Durste befallen werden, erwachen, ohne
vorher zu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand gegen mein
Experiment, sondern charakterisiert diese anderen als schlechtere Schläfer.
– Vgl. dazu J e s a i a s, 29, 8: »Denn gleich wie einem Hungrigen träumet,
daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch leer; und wie
einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt
und durstig« . . .
(40) Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der
Traum kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes
ungefähr zu 70 Jahren ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die
Unruhe ihrer Wanderniere zum Hungern gezwungen war, träumt sie dann,
offenbar mit Versetzung in die glückliche Zeit des blühenden
Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten »ausgebeten«, zu Gast
geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.
(41) Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder
belehrt uns freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der
psychischen Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange
übersehene Rolle spielen, und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie die
Erwachsenen es späterhin konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des
Verfassers »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« 1905 und 2. Aufl.
1910.)
ernsthaften Gallensteinleidens.
(38) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir
zur Deutungsarbeit eingefallen ist.
(39) Das Tatsächliche der Durstträume war auch W e y g a n d t bekannt,
der p. 11 darüber äußert: »Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten
von allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. –
Die Art, wie sich der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und
wird nach einer naheliegenden Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine
Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort nach der Vorstellung des
Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung der
vermeintlichen Erfrischungen einstellt.« Er übersieht aber das
Allgemeingültige in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere
Personen, die in der Nacht vom Durste befallen werden, erwachen, ohne
vorher zu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand gegen mein
Experiment, sondern charakterisiert diese anderen als schlechtere Schläfer.
– Vgl. dazu J e s a i a s, 29, 8: »Denn gleich wie einem Hungrigen träumet,
daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch leer; und wie
einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt
und durstig« . . .
(40) Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der
Traum kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes
ungefähr zu 70 Jahren ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die
Unruhe ihrer Wanderniere zum Hungern gezwungen war, träumt sie dann,
offenbar mit Versetzung in die glückliche Zeit des blühenden
Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten »ausgebeten«, zu Gast
geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.
(41) Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder
belehrt uns freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der
psychischen Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange
übersehene Rolle spielen, und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie die
Erwachsenen es späterhin konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des
Verfassers »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« 1905 und 2. Aufl.
1910.)
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(42) Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und
daß anderseits Träume von so einfachem infantilen Charakter unter
Umständen auch bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an
ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren
bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner »Analyse der Phobie
eines 5 jährigen Knaben« (Jahrbuch von B l e u l e r - F r e u d I., 1909) und
in J u n g s »Über Konflikte der kindlichen Seele« (ebenda II. Bd., 1910).
Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch bei v . H u g - H e l l m u t h,
P u t n a m, R a a l t e, S p i e l r e i n, T a u s k; andere bei B a n c h i e r i,
B u s e m a n n, D o g l i a und besonders bei W i g a m, der die
Wunscherfüllungstendenz derselben betont. Anderseits scheinen sich bei
Erwachsenen Träume vom infantilen Typus besonders häufig wieder
einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt
werden. So berichtet O t t o N o r d e n s k j ö l d in seinem Buche
»A n t a r c t i c« 1904 über die mit ihm überwinterte Mannschaft (Bd. I,
p. 336): »Sehr bezeichnend für die Richtung unserer innersten Gedanken
waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren als gerade
jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur ausnahmsweise
träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen
aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu
erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern
lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders
charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf
die Schulbank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde,
ganz kleinen Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke
angefertigt waren, die Haut abzuziehen. Essen und Trinken waren übrigens
die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am häufigsten drehten. Einer
von uns, der nächtlicher Weise darin e x z e l l i e r t e, auf große
Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens
berichten konnte, ›daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe‹;
ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere
von dem Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam.
Noch ein anderer Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt
mit der Post und gibt eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf
sich warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer
Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und
daß anderseits Träume von so einfachem infantilen Charakter unter
Umständen auch bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an
ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren
bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner »Analyse der Phobie
eines 5 jährigen Knaben« (Jahrbuch von B l e u l e r - F r e u d I., 1909) und
in J u n g s »Über Konflikte der kindlichen Seele« (ebenda II. Bd., 1910).
Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch bei v . H u g - H e l l m u t h,
P u t n a m, R a a l t e, S p i e l r e i n, T a u s k; andere bei B a n c h i e r i,
B u s e m a n n, D o g l i a und besonders bei W i g a m, der die
Wunscherfüllungstendenz derselben betont. Anderseits scheinen sich bei
Erwachsenen Träume vom infantilen Typus besonders häufig wieder
einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt
werden. So berichtet O t t o N o r d e n s k j ö l d in seinem Buche
»A n t a r c t i c« 1904 über die mit ihm überwinterte Mannschaft (Bd. I,
p. 336): »Sehr bezeichnend für die Richtung unserer innersten Gedanken
waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren als gerade
jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur ausnahmsweise
träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen
aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu
erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern
lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders
charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf
die Schulbank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde,
ganz kleinen Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke
angefertigt waren, die Haut abzuziehen. Essen und Trinken waren übrigens
die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am häufigsten drehten. Einer
von uns, der nächtlicher Weise darin e x z e l l i e r t e, auf große
Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens
berichten konnte, ›daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe‹;
ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere
von dem Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam.
Noch ein anderer Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt
mit der Post und gibt eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf
sich warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer
Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte
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man sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel an
Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen hörte,
war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen
Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird
aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles
bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte.« Nach D u
P r e l (p. 231) zitiere ich noch: »M u n g o P a r k, auf einer Reise in Afrika
dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von wasserreichen Tälern
und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequälte
T r e n c k in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten
umgeben, und G e o r g e B a c k, Teilnehmer der ersten Expedition
F r a n k l i n s, als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode
nahe war, träumte stets und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.«
(43) Ein ungarisches, von F e r e n c z i angezogenes Sprichwort
behauptet vollständiger, daß »das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais
träumt«. Ein jüdisches Sprichwort lautet: »Wovon träumt das Huhn? – Von
Hirse.« (Sammlung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v. B e r n s t e i n,
2. Aufl., S. 1160, Nr. 7.)
(44) Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert
legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten P t o l e m ä u s
lebenden Arzt H e r o p h i l o s anführen, der nach B ü c h s e n s c h ü t z
(p. 33) drei Arten von Träumen unterschied: gottgesandte, natürliche,
welche entstehen, indem die Seele sich ein Bild dessen schafft, was ihr
zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, die von selbst durch
Annäherung von Bildern entstehen, wenn wir das sehen, was wir wünschen.
Aus der Beispielsammlung von S c h e r n e r weiß J. S t ä r c k e e i n e n
Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wunscherfüllung
bezeichnet wird (p. 239). S c h e r n e r sagt: »Den wachen Wunsch der
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte
derselben lebhaft bestand.« Dieser Traum steht unter den
»Stimmungsträumen«; in seiner Nähe befinden sich Träume für
»männliches und weibliches Liebessehnen« und für »verdrießliche
Stimmung«. Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, daß S c h e r n e r dem
Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb als irgend einem
Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen hörte,
war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen
Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird
aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles
bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte.« Nach D u
P r e l (p. 231) zitiere ich noch: »M u n g o P a r k, auf einer Reise in Afrika
dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von wasserreichen Tälern
und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequälte
T r e n c k in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten
umgeben, und G e o r g e B a c k, Teilnehmer der ersten Expedition
F r a n k l i n s, als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode
nahe war, träumte stets und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.«
(43) Ein ungarisches, von F e r e n c z i angezogenes Sprichwort
behauptet vollständiger, daß »das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais
träumt«. Ein jüdisches Sprichwort lautet: »Wovon träumt das Huhn? – Von
Hirse.« (Sammlung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v. B e r n s t e i n,
2. Aufl., S. 1160, Nr. 7.)
(44) Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert
legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten P t o l e m ä u s
lebenden Arzt H e r o p h i l o s anführen, der nach B ü c h s e n s c h ü t z
(p. 33) drei Arten von Träumen unterschied: gottgesandte, natürliche,
welche entstehen, indem die Seele sich ein Bild dessen schafft, was ihr
zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, die von selbst durch
Annäherung von Bildern entstehen, wenn wir das sehen, was wir wünschen.
Aus der Beispielsammlung von S c h e r n e r weiß J. S t ä r c k e e i n e n
Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wunscherfüllung
bezeichnet wird (p. 239). S c h e r n e r sagt: »Den wachen Wunsch der
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte
derselben lebhaft bestand.« Dieser Traum steht unter den
»Stimmungsträumen«; in seiner Nähe befinden sich Träume für
»männliches und weibliches Liebessehnen« und für »verdrießliche
Stimmung«. Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, daß S c h e r n e r dem
Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb als irgend einem
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sonstigen Seelenzustand des Wachens, geschweige denn, daß er den
Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte.
(45) Schon der Neuplatoniker P l o t i n sagte: »Wenn die Begierde sich
regt, dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt
derselben« (D u P r e l, p. 276).
(46) Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende
Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet
lassen. – Keine der in der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber
dieser meiner Aufstellung so sehr entgegen wie eine Stelle in J. S u l l y s
Aufsatz: »Dreams as a revelation«, deren Verdienst dadurch nicht
geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier anführe: »It would seem then,
after all, that dreams are not the utter nonsense they have been said to be by
such authorities as Chaucer, Shakespeare and Milton. The chaotic
aggregations of our nightfancy have a significance and communicate new
knowledge. L i k e s o m e l e t t e r i n c i p h e r , t h e d r e a m -
inscription when scrutinised closely loses its first
look of balderdash and takes on the aspect of a
serious, intelligible message. Or, to vary the
f i g u r e s l i g h t l y, w e m a y s a y t h a t , l i k e s o m e
palimpsest, the dream discloses beneath its
worthless surface-characters traces of an old and
p r e c i o u s c o m m u n i c a t i o n« (p. 364).
(47) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen –
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln
gekannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da
ich den Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich
mir: Ich habe doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume
gemeint ist.
(48) Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen
wissenschaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte
kurz nacheinander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung
mit einem längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim
vierten oder fünften Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu
Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte.
(45) Schon der Neuplatoniker P l o t i n sagte: »Wenn die Begierde sich
regt, dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt
derselben« (D u P r e l, p. 276).
(46) Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende
Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet
lassen. – Keine der in der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber
dieser meiner Aufstellung so sehr entgegen wie eine Stelle in J. S u l l y s
Aufsatz: »Dreams as a revelation«, deren Verdienst dadurch nicht
geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier anführe: »It would seem then,
after all, that dreams are not the utter nonsense they have been said to be by
such authorities as Chaucer, Shakespeare and Milton. The chaotic
aggregations of our nightfancy have a significance and communicate new
knowledge. L i k e s o m e l e t t e r i n c i p h e r , t h e d r e a m -
inscription when scrutinised closely loses its first
look of balderdash and takes on the aspect of a
serious, intelligible message. Or, to vary the
f i g u r e s l i g h t l y, w e m a y s a y t h a t , l i k e s o m e
palimpsest, the dream discloses beneath its
worthless surface-characters traces of an old and
p r e c i o u s c o m m u n i c a t i o n« (p. 364).
(47) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen –
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln
gekannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da
ich den Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich
mir: Ich habe doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume
gemeint ist.
(48) Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen
wissenschaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte
kurz nacheinander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung
mit einem längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim
vierten oder fünften Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu
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erfassen. Er liegt in der Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht
für die betreffende Person aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen,
und hatte sich in so heuchlerischer Weise ins Gegenteil verkleidet. Von
einer Person habe ich einen »heuchlerischen Ödipustraum« mitgeteilt, in
dem sich die feindseligen Regungen und Todeswünsche der
Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. (»Typisches Beispiel
eines verkappten Ödipustraumes.«) Eine andere Art von heuchlerischen
Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten p. 338 u. ff.) erwähnt werden.
(49) Dem Maler sitzen.
G o e t h e: Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?
(50) Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der
Psychopathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen
Darstellung und aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr
aufklärend wirken können. Wenn sie auf die innigen Beziehungen des
Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweisen vermögen, so
haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe.
(51) Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte
Lachs.
(52) Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen
Stücke des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke
ergeben regelmäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter
unten über das Vergessen der Träume.
(53) Ähnliche »Gegenwunschträume« wurden mir in den letzten Jahren
wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes
Zusammentreffen mit der »Wunschtheorie des Traumes«.
(54) Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde,
von Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus
Eigenem eine fast identische Formel für das Wesen des Traumes:
»Unbefugtes Auftauchen unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter falschem
Antlitz und Namen.« C. S p i t t e l e r, Meine frühesten Erlebnisse
(Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
für die betreffende Person aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen,
und hatte sich in so heuchlerischer Weise ins Gegenteil verkleidet. Von
einer Person habe ich einen »heuchlerischen Ödipustraum« mitgeteilt, in
dem sich die feindseligen Regungen und Todeswünsche der
Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. (»Typisches Beispiel
eines verkappten Ödipustraumes.«) Eine andere Art von heuchlerischen
Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten p. 338 u. ff.) erwähnt werden.
(49) Dem Maler sitzen.
G o e t h e: Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?
(50) Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der
Psychopathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen
Darstellung und aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr
aufklärend wirken können. Wenn sie auf die innigen Beziehungen des
Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweisen vermögen, so
haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe.
(51) Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte
Lachs.
(52) Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen
Stücke des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke
ergeben regelmäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter
unten über das Vergessen der Träume.
(53) Ähnliche »Gegenwunschträume« wurden mir in den letzten Jahren
wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes
Zusammentreffen mit der »Wunschtheorie des Traumes«.
(54) Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde,
von Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus
Eigenem eine fast identische Formel für das Wesen des Traumes:
»Unbefugtes Auftauchen unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter falschem
Antlitz und Namen.« C. S p i t t e l e r, Meine frühesten Erlebnisse
(Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
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Vorgreifend führe ich hier die von O t t o R a n k herrührende
Erweiterung und Modifikation der obigen Grundformel an: »Der Traum
stellt regelmäßig auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-
sexuellen Materials aktuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in
verhüllter und symbolisch eingekleideter Form als erfüllt dar.« (»Ein
Traum, der sich selbst deutet.«)
(55) Es ist klar, daß die Auffassung R o b e r t s, der Traum sei dazu
bestimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu
entlasten, nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig
gleichgültige Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte
den Schluß ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr
ungenügend zu erfüllen pflegt.
(56) H. S w o b o d a hat, wie im ersten Abschnitt p. 71 mitgeteilt, die
von W. F l i e ß gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im
weiten Ausmaße auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere
behauptet, daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den
Träumen entscheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich
abgeändert, wenn sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des
Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings
einige Untersuchungen an eigenen Träumen angestellt, um die
Anwendbarkeit der »Periodenlehre« auf das Traummaterial zu prüfen und
habe hiezu besonders auffällige Elemente des Trauminhaltes gewählt, deren
Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit bestimmen ließ.
I. Traum vom 1./2. Oktober 1910.
(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine
Kostbarkeiten, wie in einem Antiquarladen, setzen sich mir dabei auf den
Schoß. Bei einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe
dabei deutlich eine kleine Profilmaske mit den scharf geschnittenen Zügen
S a v o n a r o l a s.
Wann habe ich zuletzt das Bild S a v o n a r o l a s gesehen? Ich war nach
dem Ausweis meines Reisetagebuches am 4. und 5. September in Florenz;
dort dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen
des fanatischen Mönchs im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er
den Tod durch Verbrennung fand, zu zeigen, und ich meine, am 5.
vormittags machte ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem Eindruck
Erweiterung und Modifikation der obigen Grundformel an: »Der Traum
stellt regelmäßig auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-
sexuellen Materials aktuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in
verhüllter und symbolisch eingekleideter Form als erfüllt dar.« (»Ein
Traum, der sich selbst deutet.«)
(55) Es ist klar, daß die Auffassung R o b e r t s, der Traum sei dazu
bestimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu
entlasten, nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig
gleichgültige Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte
den Schluß ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr
ungenügend zu erfüllen pflegt.
(56) H. S w o b o d a hat, wie im ersten Abschnitt p. 71 mitgeteilt, die
von W. F l i e ß gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im
weiten Ausmaße auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere
behauptet, daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den
Träumen entscheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich
abgeändert, wenn sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des
Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings
einige Untersuchungen an eigenen Träumen angestellt, um die
Anwendbarkeit der »Periodenlehre« auf das Traummaterial zu prüfen und
habe hiezu besonders auffällige Elemente des Trauminhaltes gewählt, deren
Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit bestimmen ließ.
I. Traum vom 1./2. Oktober 1910.
(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine
Kostbarkeiten, wie in einem Antiquarladen, setzen sich mir dabei auf den
Schoß. Bei einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe
dabei deutlich eine kleine Profilmaske mit den scharf geschnittenen Zügen
S a v o n a r o l a s.
Wann habe ich zuletzt das Bild S a v o n a r o l a s gesehen? Ich war nach
dem Ausweis meines Reisetagebuches am 4. und 5. September in Florenz;
dort dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen
des fanatischen Mönchs im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er
den Tod durch Verbrennung fand, zu zeigen, und ich meine, am 5.
vormittags machte ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem Eindruck
Page 627
bis zur Wiederkehr im Traume sind allerdings 27 + 1 Tage verflossen, eine
»weibliche Periode« nach F l i e ß. Zum Unglück für die Beweiskraft dieses
Beispieles muß ich aber erwähnen, daß a n d e m T r a u m t a g e s e l b s t
der tüchtige, aber düster blickende Kollege bei mir war (das erste Mal seit
meiner Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherznamen »Rabbi
Savonarola« aufgebracht habe. Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der
in dem Pontebbazug verunglückt war, in dem ich selbst acht Tage vorher
gereist war, und leitete so meine Gedanken zur letzten Italienreise zurück.
Das Erscheinen des auffälligen Elementes »S a v o n a r o l a« im
Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traumtage
aufgeklärt, das 28 tägige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen
Herleitung verlustig.
II. Traum vom 10./11. Oktober.
Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem
Korridor voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?)
(scharfsichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in
eigentümlicher Haltung mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über
einen freien Platz . . . (Rest vergessen).
Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite
gerichtet. L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß
jetzt schon, er ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den
A r c h i m e d e s nahe bei der Arethusaquelle in S y r a k u s, der genau so
wie er im Traume dasteht und so den Brennspiegel handhabt, nach dem
Belagerungsheer der Römer spähend. Wann habe ich dieses Denkmal zuerst
(und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen war es am 17.
September abends und von diesem Datum bis zum Traume sind tatsächlich
13 + 10 = 23 Tage verstrichen, eine »männliche Periode« nach F l i e ß.
Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein
Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der
Traumanlaß war die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in
deren Hörsaal ich als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst
anderswohin verlegt werden solle. Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr
unbequem gelegen sei, sagte mir, es werde dann sein, als ob ich überhaupt
»weibliche Periode« nach F l i e ß. Zum Unglück für die Beweiskraft dieses
Beispieles muß ich aber erwähnen, daß a n d e m T r a u m t a g e s e l b s t
der tüchtige, aber düster blickende Kollege bei mir war (das erste Mal seit
meiner Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherznamen »Rabbi
Savonarola« aufgebracht habe. Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der
in dem Pontebbazug verunglückt war, in dem ich selbst acht Tage vorher
gereist war, und leitete so meine Gedanken zur letzten Italienreise zurück.
Das Erscheinen des auffälligen Elementes »S a v o n a r o l a« im
Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traumtage
aufgeklärt, das 28 tägige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen
Herleitung verlustig.
II. Traum vom 10./11. Oktober.
Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem
Korridor voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?)
(scharfsichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in
eigentümlicher Haltung mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über
einen freien Platz . . . (Rest vergessen).
Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite
gerichtet. L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß
jetzt schon, er ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den
A r c h i m e d e s nahe bei der Arethusaquelle in S y r a k u s, der genau so
wie er im Traume dasteht und so den Brennspiegel handhabt, nach dem
Belagerungsheer der Römer spähend. Wann habe ich dieses Denkmal zuerst
(und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen war es am 17.
September abends und von diesem Datum bis zum Traume sind tatsächlich
13 + 10 = 23 Tage verstrichen, eine »männliche Periode« nach F l i e ß.
Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein
Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der
Traumanlaß war die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in
deren Hörsaal ich als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst
anderswohin verlegt werden solle. Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr
unbequem gelegen sei, sagte mir, es werde dann sein, als ob ich überhaupt
Page 628
keinen Hörsaal zur Verfügung habe und von da an müßten meine Gedanken
bis in den Beginn meiner Dozentenzeit zurückgegangen sein, als ich
wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen Bemühungen, mir einen zu
verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den hochvermögenden
Herren Hofräten und Professoren stieß. Ich ging damals zu L., der gerade
die Würde eines Dekans bekleidete und den ich für einen Gönner hielt, um
ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann nichts
weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, ποῦ
στῶ und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den
Traumgedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird
der Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen
Traumanlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre;
es bleibt mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue
in Siracusa sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht
hätte.
III. Traum vom 2./3. Oktober 1910.
(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. O s e r, der selbst das Menu für mich
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen).
Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages,
die mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an
einen Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer
verstorbenen O s e r dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1.
Oktober) erfolgten Tod eines anderen von mir hochgeschätzten
Universitätslehrers an. Wann ist aber O s e r gestorben und wann habe ich
seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des Zeitungsblattes am 22.
August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung
regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24. oder 25.
August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode mehr,
es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann mich nicht
besinnen, in der Zwischenzeit von O s e r gesprochen oder an ihn gedacht zu
haben.
Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung
brauchbare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich
häufiger als die regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete
Beziehung zu einem Eindrucke des Traumtages selbst.
bis in den Beginn meiner Dozentenzeit zurückgegangen sein, als ich
wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen Bemühungen, mir einen zu
verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den hochvermögenden
Herren Hofräten und Professoren stieß. Ich ging damals zu L., der gerade
die Würde eines Dekans bekleidete und den ich für einen Gönner hielt, um
ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann nichts
weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, ποῦ
στῶ und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den
Traumgedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird
der Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen
Traumanlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre;
es bleibt mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue
in Siracusa sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht
hätte.
III. Traum vom 2./3. Oktober 1910.
(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. O s e r, der selbst das Menu für mich
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen).
Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages,
die mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an
einen Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer
verstorbenen O s e r dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1.
Oktober) erfolgten Tod eines anderen von mir hochgeschätzten
Universitätslehrers an. Wann ist aber O s e r gestorben und wann habe ich
seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des Zeitungsblattes am 22.
August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung
regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24. oder 25.
August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode mehr,
es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann mich nicht
besinnen, in der Zwischenzeit von O s e r gesprochen oder an ihn gedacht zu
haben.
Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung
brauchbare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich
häufiger als die regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete
Beziehung zu einem Eindrucke des Traumtages selbst.
Page 629
(57) Vergleiche meinen Aufsatz »Über Deckerinnerungen« in der
Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899.
(58) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant
Vorhandenes in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von
mehreren Autoren bemerkt worden, z. B. von D e l a g e (p. 41),
D e l b o e u f: rapprochement forcé (p. 236); andere hübsche Beispiele bei
H. E l l i s (p. 35 u. ff.) u. a.
(59) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel
ist.
(60) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
(61) Traum von der botanischen Monographie.
(62) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der
Analyse.
(63) Vgl. im Abschnitt VII über die »Übertragung«.
(64) H. E l l i s, der liebenswürdigste Kritiker der »Traumdeutung«,
schreibt (p. 169): »Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr
im stande sein werden, F. weiter zu folgen.« Allein H. E l l i s hat keine
Analysen von Träumen angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt
das Urteilen nach dem manifesten Trauminhalt ist.
(65) Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die
Traumarbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden
erkannt zu haben, D e l b o e u f (p. 226), indem er sie mit »clichés«
vergleicht.
(66) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine
Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen
meinerseits und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung
unerhört erscheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo
Ärzte solche Anklagen von hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen
die nämliche Phantasie nicht entstellt und als Traum aufgetreten, sondern
unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. – Mit diesem Traume trat
die Patientin in die psychoanalytische Behandlung ein. Ich lernte erst später
verstehen, daß sie mit ihm das initiale Trauma wiederholte, von dem ihre
Neurose ausging, und habe seither das gleiche Verhalten bei anderen
Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899.
(58) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant
Vorhandenes in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von
mehreren Autoren bemerkt worden, z. B. von D e l a g e (p. 41),
D e l b o e u f: rapprochement forcé (p. 236); andere hübsche Beispiele bei
H. E l l i s (p. 35 u. ff.) u. a.
(59) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel
ist.
(60) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
(61) Traum von der botanischen Monographie.
(62) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der
Analyse.
(63) Vgl. im Abschnitt VII über die »Übertragung«.
(64) H. E l l i s, der liebenswürdigste Kritiker der »Traumdeutung«,
schreibt (p. 169): »Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr
im stande sein werden, F. weiter zu folgen.« Allein H. E l l i s hat keine
Analysen von Träumen angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt
das Urteilen nach dem manifesten Trauminhalt ist.
(65) Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die
Traumarbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden
erkannt zu haben, D e l b o e u f (p. 226), indem er sie mit »clichés«
vergleicht.
(66) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine
Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen
meinerseits und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung
unerhört erscheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo
Ärzte solche Anklagen von hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen
die nämliche Phantasie nicht entstellt und als Traum aufgetreten, sondern
unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. – Mit diesem Traume trat
die Patientin in die psychoanalytische Behandlung ein. Ich lernte erst später
verstehen, daß sie mit ihm das initiale Trauma wiederholte, von dem ihre
Neurose ausging, und habe seither das gleiche Verhalten bei anderen
Page 630
Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Attentaten ausgesetzt
waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume herbeiwünschen.
(67) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar
werden wird.
(68) Vgl. p. 16, Note.
(69) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher
lange für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert wird.
(70) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein
befremdender Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner »Psychopathologie
des Alltagslebens« (1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe.
(71) Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen
und die Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz
vorher, der mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis
wiederbrachte.
(72) Die P l a g i o s t o m e n ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen
mich an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.
(73) Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den
Text des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse
zeigt, daß sie ihre Bedeutung hat.
(74) Nicht im G e r m i n a l, sondern in L a T e r r e. Ein Irrtum, der mir
erst nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die
identischen Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam.
(75) An diesem Teil des Traumes hat H. S i l b e r e r in einer
inhaltsreichen Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß
die Traumarbeit nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die
psychischen Vorgänge bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge.
(»Das funktionale Phänomen«.) Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die
»psychischen Vorgänge bei der Traumbildung« für mich ein
Gedanken m a t e r i a l sind wie alles andere. In diesem übermütigen Traum
bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben.
(76) Andere Deutung: Er ist einäugig wie O d h i n, der Göttervater. –
O d h i n s T r o s t . – Der T r o s t aus der Kinderszene, daß ich ihm ein
neues Bett kaufen werde.
waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume herbeiwünschen.
(67) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar
werden wird.
(68) Vgl. p. 16, Note.
(69) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher
lange für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert wird.
(70) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein
befremdender Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner »Psychopathologie
des Alltagslebens« (1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe.
(71) Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen
und die Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz
vorher, der mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis
wiederbrachte.
(72) Die P l a g i o s t o m e n ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen
mich an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.
(73) Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den
Text des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse
zeigt, daß sie ihre Bedeutung hat.
(74) Nicht im G e r m i n a l, sondern in L a T e r r e. Ein Irrtum, der mir
erst nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die
identischen Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam.
(75) An diesem Teil des Traumes hat H. S i l b e r e r in einer
inhaltsreichen Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß
die Traumarbeit nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die
psychischen Vorgänge bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge.
(»Das funktionale Phänomen«.) Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die
»psychischen Vorgänge bei der Traumbildung« für mich ein
Gedanken m a t e r i a l sind wie alles andere. In diesem übermütigen Traum
bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben.
(76) Andere Deutung: Er ist einäugig wie O d h i n, der Göttervater. –
O d h i n s T r o s t . – Der T r o s t aus der Kinderszene, daß ich ihm ein
neues Bett kaufen werde.
Page 631
(77) Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert
an die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht,
aber nicht lesen kann. – (Bauern f ä n g e r – Mädchen f ä n g e r im vorigen
Traumstück.) – Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei
den Bauern in Z o l a s La Terre. – Die traurige Genugtuung, daß der Vater
in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher
bin ich im Traume sein Krankenpfleger. – »Denken und Erleben sind hier
gleichsam eins« erinnert an ein stark revolutionäres Buchdrama von
O s k a r P a n i z z a, in dem Gottvater als paralytischer Greis schmählich
genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er
muß von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu
schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen
würden. – Das P l ä n e m a c h e n ist ein aus späterer Zeit der Kritik
stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebellische,
majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des
Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst heißt
Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen
Kulturgeschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind
(insofern nicht das »Mutterrecht« zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.)
– Die Fassung im Traume »Denken und Erleben sind Eins«, zielt auf die
Erklärung der hysterischen Symptome, zu der auch das m ä n n l i c h e
G l a s eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich das P r i n z i p d e s
» G s c h n a s « nicht auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände
von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten
komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus
Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an
ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten
sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten,
die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens
aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den
Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder
gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten
hinweggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem
Traumelement des »m ä n n l i c h e n G l a s e s« andeuten, weil mir von
dem letzten »Gschnasabend« erzählt worden war, es sei dort ein Giftbecher
an die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht,
aber nicht lesen kann. – (Bauern f ä n g e r – Mädchen f ä n g e r im vorigen
Traumstück.) – Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei
den Bauern in Z o l a s La Terre. – Die traurige Genugtuung, daß der Vater
in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher
bin ich im Traume sein Krankenpfleger. – »Denken und Erleben sind hier
gleichsam eins« erinnert an ein stark revolutionäres Buchdrama von
O s k a r P a n i z z a, in dem Gottvater als paralytischer Greis schmählich
genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er
muß von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu
schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen
würden. – Das P l ä n e m a c h e n ist ein aus späterer Zeit der Kritik
stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebellische,
majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des
Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst heißt
Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen
Kulturgeschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind
(insofern nicht das »Mutterrecht« zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.)
– Die Fassung im Traume »Denken und Erleben sind Eins«, zielt auf die
Erklärung der hysterischen Symptome, zu der auch das m ä n n l i c h e
G l a s eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich das P r i n z i p d e s
» G s c h n a s « nicht auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände
von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten
komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus
Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an
ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten
sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten,
die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens
aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den
Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder
gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten
hinweggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem
Traumelement des »m ä n n l i c h e n G l a s e s« andeuten, weil mir von
dem letzten »Gschnasabend« erzählt worden war, es sei dort ein Giftbecher
Page 632
der Lukretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen Kern und Hauptbestandteil
ein U r i n g l a s für Männer, wie es in den Spitälern gebräuchlich ist,
gebildet hätte.
(78) Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist
eines der heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der
Traumdeutung. Wer an diese Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und
zur Aufstellung unhaltbarer Behauptungen über das Wesen des Traumes
verleitet werden. Doch sind über dieses Thema noch viel zu wenige
Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur die ziemlich regelmäßige
Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche Würdigung durch O.
R a n k erfahren (s. u. p. 291).
(79) Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten,
ausführlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von
M o u r l y Vo l d durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig
Aufklärung der Inhalt des einzelnen Traumes in den angegebenen
Versuchsbedingungen findet, und wie gering überhaupt der Nutzen solcher
Experimente für das Verständnis der Traumprobleme ist.
(80) Vergleiche die Stelle bei G r i e s i n g e r und die Bemerkung in
meinem zweiten Aufsatz über die A b w e h r - P s y c h o n e u r o s e n,
Neurologisches Zentralblatt 1896.
(81) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich
ihn kenne, nicht übereinstimmend erzählt.
(82) (und der später zu erwähnenden »sekundären Bearbeitung«).
(83) R a n k hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch
Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und
Pollutionsträume) besonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem
Schlafbedürfnis und den Anforderungen des organischen Bedürfnisses
sowie den Einfluß des letzteren auf den Trauminhalt zu demonstrieren.
(84) »Des Kaisers neue Kleider.«
(85) Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein
kleines Kind: »Aber er hat ja gar nichts an.«
(86) Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich
ohne Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen ließen,
ein U r i n g l a s für Männer, wie es in den Spitälern gebräuchlich ist,
gebildet hätte.
(78) Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist
eines der heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der
Traumdeutung. Wer an diese Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und
zur Aufstellung unhaltbarer Behauptungen über das Wesen des Traumes
verleitet werden. Doch sind über dieses Thema noch viel zu wenige
Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur die ziemlich regelmäßige
Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche Würdigung durch O.
R a n k erfahren (s. u. p. 291).
(79) Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten,
ausführlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von
M o u r l y Vo l d durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig
Aufklärung der Inhalt des einzelnen Traumes in den angegebenen
Versuchsbedingungen findet, und wie gering überhaupt der Nutzen solcher
Experimente für das Verständnis der Traumprobleme ist.
(80) Vergleiche die Stelle bei G r i e s i n g e r und die Bemerkung in
meinem zweiten Aufsatz über die A b w e h r - P s y c h o n e u r o s e n,
Neurologisches Zentralblatt 1896.
(81) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich
ihn kenne, nicht übereinstimmend erzählt.
(82) (und der später zu erwähnenden »sekundären Bearbeitung«).
(83) R a n k hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch
Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und
Pollutionsträume) besonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem
Schlafbedürfnis und den Anforderungen des organischen Bedürfnisses
sowie den Einfluß des letzteren auf den Trauminhalt zu demonstrieren.
(84) »Des Kaisers neue Kleider.«
(85) Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein
kleines Kind: »Aber er hat ja gar nichts an.«
(86) Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich
ohne Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen ließen,
Page 633
aber in manchen Zügen von dem oben behandelten »typischen«
Nacktheitstraum abweichen, hat F e r e n c z i mitgeteilt.
(87) Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die
Anwesenheit der »ganzen Familie«.
(88) Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das
führte, da »Spucken« eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung
zum »esprit d’escalier«. Treppenwitz heißt soviel als Mangel an
Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die
Kinderfrau es an »S c h l a g f e r t i g k e i t« hat fehlen lassen?
(89) Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben im
Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen,
Bd. I, 1909, und »Über infantile Sexualtheorien« in Sammlung kl. Schriften
z. Neurosenlehre, zweite Folge.
(90) Der 3½ jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der
vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt
einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner
Neurose, 1½ Jahre später, gesteht er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine
beim Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden
ein. Dabei ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind, welches bald auch diese
Schwester liebgewinnt und sie besonders gern protegiert.
(91) Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie
bald vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch,
daß sie für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind.
(92) Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten
von Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind seither
in großer Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur
niedergelegt worden. Besonders echt und naiv hat der Dichter S p i t t e l e r
diese typische kindliche Einstellung aus seiner frühesten Kindheit
geschildert: Ȇbrigens war noch ein zweiter Adolf da. Ein kleines
Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre mein Bruder, von dem ich aber
nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger, weswegen man solch ein
Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte für mein Bedürfnis,
was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz war er, sondern
mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte, wollte er sie
Nacktheitstraum abweichen, hat F e r e n c z i mitgeteilt.
(87) Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die
Anwesenheit der »ganzen Familie«.
(88) Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das
führte, da »Spucken« eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung
zum »esprit d’escalier«. Treppenwitz heißt soviel als Mangel an
Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die
Kinderfrau es an »S c h l a g f e r t i g k e i t« hat fehlen lassen?
(89) Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben im
Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen,
Bd. I, 1909, und »Über infantile Sexualtheorien« in Sammlung kl. Schriften
z. Neurosenlehre, zweite Folge.
(90) Der 3½ jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der
vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt
einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner
Neurose, 1½ Jahre später, gesteht er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine
beim Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden
ein. Dabei ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind, welches bald auch diese
Schwester liebgewinnt und sie besonders gern protegiert.
(91) Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie
bald vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch,
daß sie für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind.
(92) Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten
von Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind seither
in großer Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur
niedergelegt worden. Besonders echt und naiv hat der Dichter S p i t t e l e r
diese typische kindliche Einstellung aus seiner frühesten Kindheit
geschildert: Ȇbrigens war noch ein zweiter Adolf da. Ein kleines
Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre mein Bruder, von dem ich aber
nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger, weswegen man solch ein
Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte für mein Bedürfnis,
was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz war er, sondern
mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte, wollte er sie
Page 634
ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde, saß er
gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den
Füßen stoßen mußten.«
(93) In die nämlichen Worte kleidet der 3½ jährige Hans seine
vernichtende Kritik seiner Schwester (l. c.). Er nimmt an, daß sie wegen des
Mangels der Zähne nicht sprechen kann.
(94) Von einem hochbegabten 10 jährigen Knaben hörte ich nach dem
plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung:
Daß der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum
Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. – Weiteres
Material zu diesem Thema findet sich in der Rubrik »Kinderseele« von
»I m a g o«, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die
Geisteswissenschaften, Bd. I und II, 1912 und 1913.
(95) Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach
anderen wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos
vollzogen.
Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. O t t o R a n k:
Der Mythus von der Geburt des Helden, fünftes Heft der »Schriften zur
angew. Seelenkunde, 1909« und »Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage«,
1912, Kap. IX, 2.
(96) Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so
erbitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und – so ergötzliche
Verrenkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die
kindlichen, im Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die
letzte Zeit hat selbst einen Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen
trotzend, nur als »symbolisch« gelten zu lassen.
(97) Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der
Träume könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen
sehnlicheren Wunsch als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen
wie die Großen; es ist schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt
unersättlich nach Wiederholung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt
hat. M a ß h a l t e n, sich bescheiden, resignieren lernt es erst durch die
Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker zur
Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.
gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den
Füßen stoßen mußten.«
(93) In die nämlichen Worte kleidet der 3½ jährige Hans seine
vernichtende Kritik seiner Schwester (l. c.). Er nimmt an, daß sie wegen des
Mangels der Zähne nicht sprechen kann.
(94) Von einem hochbegabten 10 jährigen Knaben hörte ich nach dem
plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung:
Daß der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum
Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. – Weiteres
Material zu diesem Thema findet sich in der Rubrik »Kinderseele« von
»I m a g o«, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die
Geisteswissenschaften, Bd. I und II, 1912 und 1913.
(95) Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach
anderen wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos
vollzogen.
Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. O t t o R a n k:
Der Mythus von der Geburt des Helden, fünftes Heft der »Schriften zur
angew. Seelenkunde, 1909« und »Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage«,
1912, Kap. IX, 2.
(96) Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so
erbitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und – so ergötzliche
Verrenkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die
kindlichen, im Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die
letzte Zeit hat selbst einen Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen
trotzend, nur als »symbolisch« gelten zu lassen.
(97) Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der
Träume könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen
sehnlicheren Wunsch als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen
wie die Großen; es ist schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt
unersättlich nach Wiederholung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt
hat. M a ß h a l t e n, sich bescheiden, resignieren lernt es erst durch die
Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker zur
Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.
Page 635
(98) Als Prof. J o n e s in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer
amerikanischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine
gelehrte Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den
Einwand, der Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern
urteilen und dürfe über die Träume von Amerikanern nichts aussagen. Sie
sei für ihre Person sicher, daß alle ihre Träume streng altruistisch seien.
(99) Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei
zahlreichen Autoren. D u P r e l äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut
sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden
habe.
(100) Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die
p. 262 mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.
(101) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers
bezüglichen Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand
erwiesen, daß die Amme in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere
übrigens an das auf p. 155 erwähnte Bedauern des jungen Mannes der
Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenutzt zu haben,
welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.
(102) Dies ist der eigentliche Traumerreger.
(103) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei G i f t für ein junges Mädchen.
Sie selbst hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.
(104) Ein weiterer Gedankengang führt zur P e n t h e s i l e i a desselben
Dichters: G r a u s a m k e i t gegen den Geliebten.
(105) Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine
wahre Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen.
»Wie gewinnt man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine
Allee, in der Silberpappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das
›Pappeln‹ (Schwätzen) auf, und das Silber wird frei.« Der erste Leser und
Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht, den die späteren
wahrscheinlich wiederholen werden, »daß der Träumer oft zu witzig
erscheine«. Das ist richtig, solange es nur auf den Träumer bezogen wird,
involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter
übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf
das Prädikat »witzig« erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so
amerikanischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine
gelehrte Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den
Einwand, der Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern
urteilen und dürfe über die Träume von Amerikanern nichts aussagen. Sie
sei für ihre Person sicher, daß alle ihre Träume streng altruistisch seien.
(99) Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei
zahlreichen Autoren. D u P r e l äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut
sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden
habe.
(100) Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die
p. 262 mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.
(101) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers
bezüglichen Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand
erwiesen, daß die Amme in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere
übrigens an das auf p. 155 erwähnte Bedauern des jungen Mannes der
Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenutzt zu haben,
welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.
(102) Dies ist der eigentliche Traumerreger.
(103) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei G i f t für ein junges Mädchen.
Sie selbst hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.
(104) Ein weiterer Gedankengang führt zur P e n t h e s i l e i a desselben
Dichters: G r a u s a m k e i t gegen den Geliebten.
(105) Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine
wahre Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen.
»Wie gewinnt man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine
Allee, in der Silberpappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das
›Pappeln‹ (Schwätzen) auf, und das Silber wird frei.« Der erste Leser und
Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht, den die späteren
wahrscheinlich wiederholen werden, »daß der Träumer oft zu witzig
erscheine«. Das ist richtig, solange es nur auf den Träumer bezogen wird,
involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter
übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf
das Prädikat »witzig« erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so
Page 636
liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen
psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und
hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der
Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck
seiner Gedanken gesperrt wird; er wird es notgedrungen. Die Leser können
sich überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des
Witzigen (Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die
meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes
mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 veröffentlichten
Buche »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten« geschehen ist
(2. Aufl. 1912).
(106) L a s k e r starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der
beim Weibe erworbenen Infektion (Lues); L a s s a l l e, wie bekannt, im
Duell wegen einer Dame.
(107) Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit
übrigens intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich
unlängst die einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen
Träumen vorkamen, stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen
Reden ab, sondern entsprachen dem unentstellten Wortlaute seiner
Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein
kamen.
(108) Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer
Vorstellung ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des
Vorgestellten, gesondert zu halten.
(109) Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als
den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das
letzte Stück jener Erzählung »Träumen wie Wachen« aus den
»P h a n t a s i e n e i n e s R e a l i s t e n« von L y n k e u s (Wien, 2.
Auflage, 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner Lehre
wiederfinde:
»Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals
Unsinn zu träumen.« – – – –
»Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf
deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner
psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und
hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der
Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck
seiner Gedanken gesperrt wird; er wird es notgedrungen. Die Leser können
sich überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des
Witzigen (Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die
meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes
mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 veröffentlichten
Buche »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten« geschehen ist
(2. Aufl. 1912).
(106) L a s k e r starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der
beim Weibe erworbenen Infektion (Lues); L a s s a l l e, wie bekannt, im
Duell wegen einer Dame.
(107) Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit
übrigens intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich
unlängst die einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen
Träumen vorkamen, stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen
Reden ab, sondern entsprachen dem unentstellten Wortlaute seiner
Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein
kamen.
(108) Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer
Vorstellung ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des
Vorgestellten, gesondert zu halten.
(109) Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als
den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das
letzte Stück jener Erzählung »Träumen wie Wachen« aus den
»P h a n t a s i e n e i n e s R e a l i s t e n« von L y n k e u s (Wien, 2.
Auflage, 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner Lehre
wiederfinde:
»Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals
Unsinn zu träumen.« – – – –
»Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf
deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner
Page 637
Wahrheitsliebe; es ist die moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an
dir verständlich macht.«
»Wenn ich es aber recht bedenke,« erwiderte der andere, »so glaube ich
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand
träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß
man ihn nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat i m m e r Sinn
und es kann auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in
Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß
Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, benimmt dem wahren
Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung
für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen
auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle
Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen würde: ›Das ist
widersinnig! Denn das ist nicht möglich‹!«
»Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du
das eben mit dem meinen getan hast!« sagte der Freund.
»Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger
Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es
meistens nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den
Träumen zu liegen, etwas Unkeusches eigener und höherer Art, eine
gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen, die schwer auszudenken ist; und
darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein.
Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann gar nicht so
sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt.«
(110) Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume
seither in dem »Bruchstück einer Hysterieanalyse«, 1905, gegeben. Als die
vollständigste Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O.
R a n k »Ein Traum, der sich selbst deutet« anerkannt werden.
(111) Aus einer Arbeit von K. A b e l, Der Gegensinn der Urworte, 1884
(siehe mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die
überraschende, auch von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß
die ältesten Sprachen sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der
Traum. Sie haben anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den
Enden einer Qualitäten- oder Tätigkeitsreihe (starkschwach, altjung,
fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte Bezeichnungen für die
dir verständlich macht.«
»Wenn ich es aber recht bedenke,« erwiderte der andere, »so glaube ich
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand
träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß
man ihn nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat i m m e r Sinn
und es kann auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in
Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß
Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, benimmt dem wahren
Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung
für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen
auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle
Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen würde: ›Das ist
widersinnig! Denn das ist nicht möglich‹!«
»Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du
das eben mit dem meinen getan hast!« sagte der Freund.
»Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger
Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es
meistens nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den
Träumen zu liegen, etwas Unkeusches eigener und höherer Art, eine
gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen, die schwer auszudenken ist; und
darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein.
Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann gar nicht so
sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt.«
(110) Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume
seither in dem »Bruchstück einer Hysterieanalyse«, 1905, gegeben. Als die
vollständigste Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O.
R a n k »Ein Traum, der sich selbst deutet« anerkannt werden.
(111) Aus einer Arbeit von K. A b e l, Der Gegensinn der Urworte, 1884
(siehe mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die
überraschende, auch von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß
die ältesten Sprachen sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der
Traum. Sie haben anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den
Enden einer Qualitäten- oder Tätigkeitsreihe (starkschwach, altjung,
fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte Bezeichnungen für die
Page 638
beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte Modifikationen des
gemeinsamen Urwortes. A b e l weist diese Verhältnisse im großen
Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben
Entwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf.
(112) Vgl. die Bemerkung des A r i s t o t e l e s über die Eignung zum
Traumdeuter (p. 74, Anmkg. 28).
(113) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume
auftretenden Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an
folgende Regel: Die Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich
als Schlafender verspüre, die verbirgt mein Ich.
(114) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich
manchmal der hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu
verbergen. Ein hysterisches Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen
kleinen Roman darzustellen, den sie sich im Anschluß an eine Begegnung
in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. Wie der Betreffende,
durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie liest,
anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene
erlebt. Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die
Körperzuckungen ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen,
Verschränkung der Arme für die Umarmung), darauf eilt sie ins andere
Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das Kleid, um den Fuß zu zeigen,
tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht mich an (gibt mir
Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des A r t e m i d o r u s: »Bei der
Auslegung von Traumgesichten muß man sie einmal vom Anfang gegen das
Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge
fassen. . . .«
(115) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und
große Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.
(116) Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der
vollständigen Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine
Schuldigkeit getan, der Mohr k a n n g e h e n. Und dann die Scherzfrage:
Wie alt ist der Mohr, wenn er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann
kann er gehen. (Ich soll so viel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht
haben, daß mich die junge Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) – Daß
ich den Hut nicht finde, ist ein mehrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser
gemeinsamen Urwortes. A b e l weist diese Verhältnisse im großen
Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben
Entwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf.
(112) Vgl. die Bemerkung des A r i s t o t e l e s über die Eignung zum
Traumdeuter (p. 74, Anmkg. 28).
(113) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume
auftretenden Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an
folgende Regel: Die Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich
als Schlafender verspüre, die verbirgt mein Ich.
(114) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich
manchmal der hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu
verbergen. Ein hysterisches Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen
kleinen Roman darzustellen, den sie sich im Anschluß an eine Begegnung
in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. Wie der Betreffende,
durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie liest,
anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene
erlebt. Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die
Körperzuckungen ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen,
Verschränkung der Arme für die Umarmung), darauf eilt sie ins andere
Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das Kleid, um den Fuß zu zeigen,
tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht mich an (gibt mir
Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des A r t e m i d o r u s: »Bei der
Auslegung von Traumgesichten muß man sie einmal vom Anfang gegen das
Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge
fassen. . . .«
(115) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und
große Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.
(116) Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der
vollständigen Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine
Schuldigkeit getan, der Mohr k a n n g e h e n. Und dann die Scherzfrage:
Wie alt ist der Mohr, wenn er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann
kann er gehen. (Ich soll so viel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht
haben, daß mich die junge Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) – Daß
ich den Hut nicht finde, ist ein mehrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser
Page 639
im Aufbewahren geniales Stubenmädchen hatte ihn versteckt. – Auch die
Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich hinter diesem Traumende:
Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich darf noch nicht
gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume von
G o e t h e und dem Paralytiker (Seite 313).
(117) Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905,
2. Aufl. 1912 – und die »Wortbrücken« in den Lösungen neurotischer
Symptome.
(118) Siehe unten p. 361 ff.
(119) Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden
von E d . F u c h s’ »Illustr. Sittengeschichte« (Privatdrucke bei A. Langen,
München).
(120) Zur Deutung dieses als »kausal« zu nehmenden Vortraumes siehe
p. 234.
(121) Ihr Lebenslauf.
(122) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.
(123) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten
Boden des Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem
Gegenstand ihrer späteren Phantasien, und den Hof eines schlimmen
Onkels, der sie zu necken pflegte.
(124) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des
Onkels, daß sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.
(125) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.
(126) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe p. 237: Unschuld,
Periode, Kameliendame.
(127) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen.
(128) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.
(129) Der Ast hat längst die Ve r t r e t u n g des männlichen Genitales
übernommen, enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den
Familiennamen.
(130) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.
Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich hinter diesem Traumende:
Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich darf noch nicht
gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume von
G o e t h e und dem Paralytiker (Seite 313).
(117) Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905,
2. Aufl. 1912 – und die »Wortbrücken« in den Lösungen neurotischer
Symptome.
(118) Siehe unten p. 361 ff.
(119) Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden
von E d . F u c h s’ »Illustr. Sittengeschichte« (Privatdrucke bei A. Langen,
München).
(120) Zur Deutung dieses als »kausal« zu nehmenden Vortraumes siehe
p. 234.
(121) Ihr Lebenslauf.
(122) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.
(123) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten
Boden des Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem
Gegenstand ihrer späteren Phantasien, und den Hof eines schlimmen
Onkels, der sie zu necken pflegte.
(124) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des
Onkels, daß sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.
(125) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.
(126) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe p. 237: Unschuld,
Periode, Kameliendame.
(127) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen.
(128) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.
(129) Der Ast hat längst die Ve r t r e t u n g des männlichen Genitales
übernommen, enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den
Familiennamen.
(130) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.
Page 640
(131) Ein analoger »biographischer« Traum ist der unter den Beispielen
zur Traumsymbolik p. 268 als dritter mitgeteilte; ferner der von R a n k
ausführlich mitgeteilte »Traum, der sich selbst deutet«; einen anderen, der
»verkehrt« gelesen werden muß, siehe bei S t e k e l p. 486.
(132) Vgl. die Arbeiten von B l e u l e r und seinen Züricher Schülern
M a e d e r, A b r a h a m u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen
Autoren, auf welche sie sich beziehen (K l e i n p a u l u. a.). Das
Zutreffendste, was über diesen Gegenstand geäußert worden ist, findet sich
in der Schrift von O. R a n k und H. S a c h s, Die Bedeutung der
Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I.
(133) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den
Harnträumen ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die
Bezeichnung »schiffen« für »urinieren« fremd ist (F e r e n c z i; vgl. auch
p. 271). In den Träumen von Franzosen und anderen Romanen dient das
Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese Völker nichts
dem deutschen »Frauenzimmer« Analoges kennen.
(134) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die
zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f.
Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 1910) geäußert habe: »Vor einiger Zeit wurde es
mir bekannt, daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen von uns
mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die geheime
sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum sei, eine Stiege
hinauf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles dahinter. Durch
diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen von
Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und
konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres
Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer
aufzufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot
kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen
wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus des Koitus im
Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, den Sprachgebrauch
heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das »Steigen« ohne weiteres als
Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu
sagen, der Mann ist ein »Steiger«, »nachsteigen«. Im Französischen heißt
die Stufe der Treppe la marche; »un vieux marcheur« deckt sich ganz mit
unserem »ein alter Steiger«.«
zur Traumsymbolik p. 268 als dritter mitgeteilte; ferner der von R a n k
ausführlich mitgeteilte »Traum, der sich selbst deutet«; einen anderen, der
»verkehrt« gelesen werden muß, siehe bei S t e k e l p. 486.
(132) Vgl. die Arbeiten von B l e u l e r und seinen Züricher Schülern
M a e d e r, A b r a h a m u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen
Autoren, auf welche sie sich beziehen (K l e i n p a u l u. a.). Das
Zutreffendste, was über diesen Gegenstand geäußert worden ist, findet sich
in der Schrift von O. R a n k und H. S a c h s, Die Bedeutung der
Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I.
(133) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den
Harnträumen ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die
Bezeichnung »schiffen« für »urinieren« fremd ist (F e r e n c z i; vgl. auch
p. 271). In den Träumen von Franzosen und anderen Romanen dient das
Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese Völker nichts
dem deutschen »Frauenzimmer« Analoges kennen.
(134) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die
zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f.
Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 1910) geäußert habe: »Vor einiger Zeit wurde es
mir bekannt, daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen von uns
mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die geheime
sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum sei, eine Stiege
hinauf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles dahinter. Durch
diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen von
Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und
konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres
Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer
aufzufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot
kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen
wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus des Koitus im
Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, den Sprachgebrauch
heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das »Steigen« ohne weiteres als
Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu
sagen, der Mann ist ein »Steiger«, »nachsteigen«. Im Französischen heißt
die Stufe der Treppe la marche; »un vieux marcheur« deckt sich ganz mit
unserem »ein alter Steiger«.«
Page 641
(135) Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675 die Zeichnung einer 19 jährigen
Manischen: ein Mann mit einer Schlange als K r a w a t t e, die sich einem
Mädchen entgegenwendet. Dazu die Geschichte »Der Schamhaftige«
(Anthrop. VI, 334): In eine Badestube trat eine Dame ein und dort befand
sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen vermochte; er war sehr
beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorderteil des Hemdes
zu und sagte: »Bitte um Verzeihung, bin ohne K r a w a t t e.«
(136) Bei aller Verschiedenheit der S c h e r n e r schen Auffassung von
der Traumsymbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben,
daß S c h e r n e r als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume
anerkannt werden sollte, und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein
für phantastisch gehaltenes vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch
nachträglich zu Ehren gebracht haben.
(137) Aus »Nachträge zur Traumdeutung«. Zentralblatt für
Psychoanalyse I, Nr. 5/6, 1911.
(138) Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von K i r c h g r a b e r
(Zentralbl. f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475)
wird ein Traum mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in
der Mitte den (impotenten) Mann symbolisiert.
(139) Oder Kapelle = Vagina.
(140) Symbol des Koitus.
(141) Mons veneris.
(142) Crines pubis.
(143) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung
eines Fachmannes phallischer Natur.
(144) Die beiden Hälften des Hodensackes.
(145) A l f r e d R o b i t s e k im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340.
(146) »The World of Dreams«, London 1911, p. 168.
(147) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als
Kastration zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur;
S t e k e l). Es ist zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und
Manischen: ein Mann mit einer Schlange als K r a w a t t e, die sich einem
Mädchen entgegenwendet. Dazu die Geschichte »Der Schamhaftige«
(Anthrop. VI, 334): In eine Badestube trat eine Dame ein und dort befand
sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen vermochte; er war sehr
beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorderteil des Hemdes
zu und sagte: »Bitte um Verzeihung, bin ohne K r a w a t t e.«
(136) Bei aller Verschiedenheit der S c h e r n e r schen Auffassung von
der Traumsymbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben,
daß S c h e r n e r als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume
anerkannt werden sollte, und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein
für phantastisch gehaltenes vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch
nachträglich zu Ehren gebracht haben.
(137) Aus »Nachträge zur Traumdeutung«. Zentralblatt für
Psychoanalyse I, Nr. 5/6, 1911.
(138) Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von K i r c h g r a b e r
(Zentralbl. f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475)
wird ein Traum mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in
der Mitte den (impotenten) Mann symbolisiert.
(139) Oder Kapelle = Vagina.
(140) Symbol des Koitus.
(141) Mons veneris.
(142) Crines pubis.
(143) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung
eines Fachmannes phallischer Natur.
(144) Die beiden Hälften des Hodensackes.
(145) A l f r e d R o b i t s e k im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340.
(146) »The World of Dreams«, London 1911, p. 168.
(147) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als
Kastration zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur;
S t e k e l). Es ist zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und
Page 642
Zahnarztträumen überhaupt, wie solche z. B. C o r i a t (Zentralbl. f. Ps.-
A. III, 440) mitgeteilt hat.
(148) Nach einer Mitteilung von C. G. J u n g haben die Zahnreizträume
bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen.
(149) Vgl. hiezu den »biographischen« Traum auf p. 289.
(150) Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im
Volksglauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die
Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im oben
angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich hier einen
von O t t o R a n k zur Verfügung gestellten »Zahnreiztraum« ein:
»Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich
seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu
interessieren beginnt, der folgende Bericht zugekommen:
›M i r t r ä u m t e k ü r z l i c h , i c h s e i b e i m Z a h n a r z t ,
der mir einen rückwärtigen Zahn des Unterkiefers
ausbohrt. Er arbeitet so lange herum, bis der Zahn
unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn mit der
Zange und zieht ihn mit einer spielenden
L e i c h t i g k e i t h e r a u s , d i e m i c h i n Ve r w u n d e r u n g
setzt. Er sagt, ich solle mir nichts daraus machen,
denn das sei gar nicht der eigentlich behandelte
Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie
mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in
mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe mich vom
Operationsstuhl, trete neugierig näher und stelle
interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt
e r k l ä r t m i r, w ä h r e n d e r d i e e i n z e l n e n Te i l s t ü c k e
des auffallend weißen Zahnes sondert und mit
einem Instrument zermalmt (pulverisiert), daß das
mit der Pubertät zusammenhängt und daß die Zähne
nur vor der Pubertät so leicht herausgehen; bei
Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die
Geburt eines Kindes. – Ich merke dann (wie ich
glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von einer
Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit
A. III, 440) mitgeteilt hat.
(148) Nach einer Mitteilung von C. G. J u n g haben die Zahnreizträume
bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen.
(149) Vgl. hiezu den »biographischen« Traum auf p. 289.
(150) Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im
Volksglauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die
Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im oben
angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich hier einen
von O t t o R a n k zur Verfügung gestellten »Zahnreiztraum« ein:
»Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich
seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu
interessieren beginnt, der folgende Bericht zugekommen:
›M i r t r ä u m t e k ü r z l i c h , i c h s e i b e i m Z a h n a r z t ,
der mir einen rückwärtigen Zahn des Unterkiefers
ausbohrt. Er arbeitet so lange herum, bis der Zahn
unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn mit der
Zange und zieht ihn mit einer spielenden
L e i c h t i g k e i t h e r a u s , d i e m i c h i n Ve r w u n d e r u n g
setzt. Er sagt, ich solle mir nichts daraus machen,
denn das sei gar nicht der eigentlich behandelte
Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie
mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in
mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe mich vom
Operationsstuhl, trete neugierig näher und stelle
interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt
e r k l ä r t m i r, w ä h r e n d e r d i e e i n z e l n e n Te i l s t ü c k e
des auffallend weißen Zahnes sondert und mit
einem Instrument zermalmt (pulverisiert), daß das
mit der Pubertät zusammenhängt und daß die Zähne
nur vor der Pubertät so leicht herausgehen; bei
Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die
Geburt eines Kindes. – Ich merke dann (wie ich
glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von einer
Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit
Page 643
Sicherheit an eine bestimmte Stelle des Traumes
einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch
beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein.
Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr
e r i n n e r l i c h e n Vo r g a n g , d e r d a m i t a b s c h l o ß , d a ß i c h
Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir die
Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo
(möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes)
zurücklassend und bloß mit dem Überrock
bekleidet mich beeilte, einen abgehenden Zug noch
zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten
Moment, auf den rückwärtigen Wa g g o n
aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich
k o n n t e j e d o c h n i c h t m e h r i n d a s I n n e r e d e s Wa g e n s
gelangen, sondern mußte in einer unbequemen
Stellung, aus der ich mich mit schließlichem
Erfolg zu befreien versuchte, die Reise mitmachen.
Wir fahren durch ein großes Tunnel, wobei in der
Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug
hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich
s c h a u e w i e v o n a u ß e n d u r c h e i n Wa g g o n f e n s t e r
hinein.
Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende
Erlebnisse und Gedanken des Vortages:
I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und
habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des
Unterkiefers, der im Traume ausgebohrt wird und an dem der Arzt auch in
Wirklichkeit schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des
Traumtages war ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen,
der mir nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im selben
Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren
dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden ›Weisheitszahn‹.
Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage an sein
ärztliches Gewissen gestellt.
einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch
beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein.
Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr
e r i n n e r l i c h e n Vo r g a n g , d e r d a m i t a b s c h l o ß , d a ß i c h
Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir die
Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo
(möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes)
zurücklassend und bloß mit dem Überrock
bekleidet mich beeilte, einen abgehenden Zug noch
zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten
Moment, auf den rückwärtigen Wa g g o n
aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich
k o n n t e j e d o c h n i c h t m e h r i n d a s I n n e r e d e s Wa g e n s
gelangen, sondern mußte in einer unbequemen
Stellung, aus der ich mich mit schließlichem
Erfolg zu befreien versuchte, die Reise mitmachen.
Wir fahren durch ein großes Tunnel, wobei in der
Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug
hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich
s c h a u e w i e v o n a u ß e n d u r c h e i n Wa g g o n f e n s t e r
hinein.
Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende
Erlebnisse und Gedanken des Vortages:
I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und
habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des
Unterkiefers, der im Traume ausgebohrt wird und an dem der Arzt auch in
Wirklichkeit schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des
Traumtages war ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen,
der mir nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im selben
Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren
dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden ›Weisheitszahn‹.
Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage an sein
ärztliches Gewissen gestellt.
Page 644
II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame
gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu
müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen
zu lassen, deren Krone fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das
Ziehen wäre bei den Augenzähnen besonders schmerzhaft und gefährlich,
obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des
Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter gehe. Diese
Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose ein falscher
Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu vor der
notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter
Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien und was über
diese bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen
Einschlag in all diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung
des richtigen Kernes mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen.
Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein
bekannten Volksglauben zu berichten, der behauptet: W e n n e i n e
Schwangere Zahnschmerzen hat, so bekommt sie
einen Buben.
III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von
F r e u d in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische
Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem
Volksspruch der Zahn und das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse
Beziehung gebracht werden. Ich las also am Abend desselben Tages die
betreffende Stelle in der Traumdeutung nach und fand dort unter anderem
die im folgenden wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf
meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der beiden
vorgenannten Erlebnisse. F r e u d schreibt von den Zahnreizträumen, ›daß
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der P u b e r t ä t s z e i t
die Triebkraft dieser Träume abgebe‹. (p. 193.) Ferner: ›Ich meine, daß auch
die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche
Aufklärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso
der Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so
häufige Ve r l e g u n g v o n u n t e n n a c h o b e n (im vorliegenden
Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im
Dienste der Sexualverdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie
allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen
gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu
müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen
zu lassen, deren Krone fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das
Ziehen wäre bei den Augenzähnen besonders schmerzhaft und gefährlich,
obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des
Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter gehe. Diese
Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose ein falscher
Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu vor der
notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter
Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien und was über
diese bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen
Einschlag in all diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung
des richtigen Kernes mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen.
Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein
bekannten Volksglauben zu berichten, der behauptet: W e n n e i n e
Schwangere Zahnschmerzen hat, so bekommt sie
einen Buben.
III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von
F r e u d in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische
Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem
Volksspruch der Zahn und das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse
Beziehung gebracht werden. Ich las also am Abend desselben Tages die
betreffende Stelle in der Traumdeutung nach und fand dort unter anderem
die im folgenden wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf
meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der beiden
vorgenannten Erlebnisse. F r e u d schreibt von den Zahnreizträumen, ›daß
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der P u b e r t ä t s z e i t
die Triebkraft dieser Träume abgebe‹. (p. 193.) Ferner: ›Ich meine, daß auch
die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche
Aufklärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso
der Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so
häufige Ve r l e g u n g v o n u n t e n n a c h o b e n (im vorliegenden
Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im
Dienste der Sexualverdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie
allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen
Page 645
sollten, wenigstens an anderen einwandfreien Körperstellen realisiert
werden können‹ (p. 194). ›Aber ich muß auch auf einen anderen im
sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren
Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt:
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen‹ (p. 195). Dieser
Ausdruck war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie
geläufig und von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den
Zugang zum Kindheitsmaterial, das diesem Traume zu grunde liegen mag,
finden. Ich erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der
Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn verwandelt,
herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit erinnert, wo ich mir
einen wackligen o b e r e n Vo r d e r z a h n leicht und schmerzlos s e l b s t
a u s r i ß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen seinen Einzelheiten
deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten
bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).
Der Hinweis F r e u d s auf eine Mitteilung von C. G. J u n g, wonach die
Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von
G e b u r t s t r ä u m e n haben (Traumdeutung S. 194 Anmkg.) sowie der
Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren
haben die Gegenüberstellung der weiblichen Bedeutung gegenüber der
männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines
früheren Traumes, wo mir bald, nachdem ich aus der Behandlung eines
Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten
Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden
Kostenaufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im
Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein
gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation
gegenüber der in jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe
verständlich (Goldkronen) und ich glaube, daß die Mitteilung jener Dame
über die Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren diese
Gedankengänge in mir wieder wachrief.‹
So weit die ohne weiteres einleuchtende und wie ich glaube auch
einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe, als
etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles,
der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen–Zug; reißen–reisen) den allem
Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers
werden können‹ (p. 194). ›Aber ich muß auch auf einen anderen im
sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren
Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt:
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen‹ (p. 195). Dieser
Ausdruck war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie
geläufig und von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den
Zugang zum Kindheitsmaterial, das diesem Traume zu grunde liegen mag,
finden. Ich erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der
Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn verwandelt,
herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit erinnert, wo ich mir
einen wackligen o b e r e n Vo r d e r z a h n leicht und schmerzlos s e l b s t
a u s r i ß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen seinen Einzelheiten
deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten
bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).
Der Hinweis F r e u d s auf eine Mitteilung von C. G. J u n g, wonach die
Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von
G e b u r t s t r ä u m e n haben (Traumdeutung S. 194 Anmkg.) sowie der
Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren
haben die Gegenüberstellung der weiblichen Bedeutung gegenüber der
männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines
früheren Traumes, wo mir bald, nachdem ich aus der Behandlung eines
Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten
Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden
Kostenaufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im
Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein
gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation
gegenüber der in jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe
verständlich (Goldkronen) und ich glaube, daß die Mitteilung jener Dame
über die Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren diese
Gedankengänge in mir wieder wachrief.‹
So weit die ohne weiteres einleuchtende und wie ich glaube auch
einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe, als
etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles,
der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen–Zug; reißen–reisen) den allem
Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers
Page 646
von der Masturbation zum Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge
in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren
desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.
Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen
interessant. Erstens ist es beweisend für den von F r e u d aufgedeckten
Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens
erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie
auftreten mag, als eine masturbatorische Befriedigung anzusehen, welche
ohne Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu
kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht wie
sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern
objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höchstens
einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt.
Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist
folgender: Es liegt der Einwand nahe, daß die F r e u d sche Auffassung hier
ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden suche, da doch die
Erlebnisse des Vortages allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des
Traumes verständlich zu machen. Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch
mit der Dame und die Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß
der auch nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer diesen Traum
produziere; wenn man durchaus wolle sogar zur Beseitigung des
schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Entfernung des
schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürchteten
Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht
ernsthaft vertreten wollen, daß die Lektüre der F r e u d schen Aufklärungen
den Zusammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer
hergestellt oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht,
wie der Träumer selbst eingestanden hat (›sich einen ausreißen‹) längst
vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem
Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des
Träumers, daß er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen
Gründen an diese typische Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht
glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle
derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für
seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte. Der
in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren
desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.
Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen
interessant. Erstens ist es beweisend für den von F r e u d aufgedeckten
Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens
erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie
auftreten mag, als eine masturbatorische Befriedigung anzusehen, welche
ohne Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu
kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht wie
sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern
objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höchstens
einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt.
Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist
folgender: Es liegt der Einwand nahe, daß die F r e u d sche Auffassung hier
ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden suche, da doch die
Erlebnisse des Vortages allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des
Traumes verständlich zu machen. Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch
mit der Dame und die Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß
der auch nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer diesen Traum
produziere; wenn man durchaus wolle sogar zur Beseitigung des
schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Entfernung des
schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürchteten
Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht
ernsthaft vertreten wollen, daß die Lektüre der F r e u d schen Aufklärungen
den Zusammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer
hergestellt oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht,
wie der Träumer selbst eingestanden hat (›sich einen ausreißen‹) längst
vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem
Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des
Träumers, daß er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen
Gründen an diese typische Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht
glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle
derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für
seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte. Der
Page 647
Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches:
nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser F r e u d schen
Auffassung zu überzeugen.«
(151) Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: »Ich
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln und zwar in
dem Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein
eigentümliches Gefühl in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir
eigentlich nicht angenehm war, doch als Lustgefühl bezeichnen muß.« –
Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß die ersten Erektionen mit
Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim Klettern aufgetreten
sind. – Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit, daß häufig
die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der
Kinderjahre wurzeln.
(152) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.
(153) Vgl. des Verf. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 1905,
2. Aufl. 1910.
(154) Die Sprache des Traumes, 1911.
(155) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose,
Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 16 und spätere Arbeiten im Zentralblatt
für Psychoanalyse I, 1910/11.
(156) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes
habe ich in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein
anderes mit ausführlicher Deutung O. R a n k ebendort in Nr. 4. Über andere
verkappte Ödipusträume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt,
siehe R a n k (Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch
Arbeiten über »Augenträume« und Augensymbolik von E d e r,
F e r e n c z i, R e i t l e r. Die Blendung in der Ödipussage wie anderwärts als
Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens auch die
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O.
R a n k, Jahrb. II, p. 534): »So ist von Julius Cäsar ein Traum vom
geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter
als günstiges Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (M u t t e r -
E r d e) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel,
demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die
nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser F r e u d schen
Auffassung zu überzeugen.«
(151) Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: »Ich
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln und zwar in
dem Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein
eigentümliches Gefühl in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir
eigentlich nicht angenehm war, doch als Lustgefühl bezeichnen muß.« –
Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß die ersten Erektionen mit
Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim Klettern aufgetreten
sind. – Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit, daß häufig
die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der
Kinderjahre wurzeln.
(152) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.
(153) Vgl. des Verf. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 1905,
2. Aufl. 1910.
(154) Die Sprache des Traumes, 1911.
(155) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose,
Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 16 und spätere Arbeiten im Zentralblatt
für Psychoanalyse I, 1910/11.
(156) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes
habe ich in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein
anderes mit ausführlicher Deutung O. R a n k ebendort in Nr. 4. Über andere
verkappte Ödipusträume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt,
siehe R a n k (Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch
Arbeiten über »Augenträume« und Augensymbolik von E d e r,
F e r e n c z i, R e i t l e r. Die Blendung in der Ödipussage wie anderwärts als
Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens auch die
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O.
R a n k, Jahrb. II, p. 534): »So ist von Julius Cäsar ein Traum vom
geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter
als günstiges Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (M u t t e r -
E r d e) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel,
demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die
Page 648
M u t t e r k ü s s e (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf die
M u t t e r - E r d e auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea
communia mater omnium mortalium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu den
Traum des H i p p i a s bei Herodot VI, 107: »Die Barbaren aber führte
Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht folgendes
Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner
eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun, er würde heimkommen
nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im Vaterlande sterben
in seinen alten Tagen.« Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine
richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die
Personen, die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im
Leben jene besondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen
Optimismus bekunden, die nicht selten als heldenhaft erscheinen und den
wirklichen Erfolg erzwingen.«
(157) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe
R a n k: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909.
(158) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über
das Leben im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten
sowohl die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen,
lebendig begraben zu werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung
des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode, welches nur die Projektion
in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der Geburt darstellt. D e r
Geburtsakt ist übrigens das erste Angsterlebnis
und somit die Quelle und Vo r b i l d des
Angstaffektes.
(159) Ferner R a n k: Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. Ps.-
A. I, 1910, p. 331), R e i k: Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499) u. a. m.
(160) Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei J u n g,
M a r c i n o w s k i u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte
Zahlenoperationen voraus, die aber vom Träumer mit verblüffender
Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch J o n e s, »Über unbewußte
Zahlenbehandlung« (Zentralbl. f. PS.-A. II, 1912, S. 241 f.).
(161) In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose.
Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von
solchen unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren
M u t t e r - E r d e auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea
communia mater omnium mortalium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu den
Traum des H i p p i a s bei Herodot VI, 107: »Die Barbaren aber führte
Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht folgendes
Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner
eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun, er würde heimkommen
nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im Vaterlande sterben
in seinen alten Tagen.« Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine
richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die
Personen, die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im
Leben jene besondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen
Optimismus bekunden, die nicht selten als heldenhaft erscheinen und den
wirklichen Erfolg erzwingen.«
(157) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe
R a n k: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909.
(158) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über
das Leben im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten
sowohl die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen,
lebendig begraben zu werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung
des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode, welches nur die Projektion
in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der Geburt darstellt. D e r
Geburtsakt ist übrigens das erste Angsterlebnis
und somit die Quelle und Vo r b i l d des
Angstaffektes.
(159) Ferner R a n k: Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. Ps.-
A. I, 1910, p. 331), R e i k: Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499) u. a. m.
(160) Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei J u n g,
M a r c i n o w s k i u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte
Zahlenoperationen voraus, die aber vom Träumer mit verblüffender
Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch J o n e s, »Über unbewußte
Zahlenbehandlung« (Zentralbl. f. PS.-A. II, 1912, S. 241 f.).
(161) In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose.
Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von
solchen unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren
Page 649
Bedeutung für ihr Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß
nicht paranoisch. Die Analyse zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder
mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich verwendet hat. »Leise, leise,
fromme Weise.« Das bedeutet für ihr Unbewußtes: Fromme W a i s e, und
diese ist sie selbst. »O du selige, o du fröhliche« ist der Anfang eines
Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu »Weihnachtszeit« fortsetzt,
macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Entstellungsmechanismus
kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen.
Warum wird einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht
heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte:
»Nächtlich am Busento lispeln . . . ?«
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
»N ä c h t l i c h a m B u s e n« begnügt.
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik
nicht verzichtet hat. Die »Fliegenden Blätter« brachten einst unter ihren
Illustrationen zu deutschen »Klassikern« auch ein Bild zum Schillerschen
»Siegesfest«, zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war.
»Und des frisch erkämpften Weibes
Freut sich der Atrid und strickt.«
(Fortsetzung:
Um den Reiz des schönen Leibes
Seine Arme hochbeglückt.)
(162) Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für
mein Zuspätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen
den weiten Weg von der K a i s e r J o s e f-Straße in die Währingerstraße zu
machen hatte.
(163) Dazu noch C ä s a r-K a i s e r.
(164) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt
gefunden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte,
nicht paranoisch. Die Analyse zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder
mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich verwendet hat. »Leise, leise,
fromme Weise.« Das bedeutet für ihr Unbewußtes: Fromme W a i s e, und
diese ist sie selbst. »O du selige, o du fröhliche« ist der Anfang eines
Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu »Weihnachtszeit« fortsetzt,
macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Entstellungsmechanismus
kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen.
Warum wird einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht
heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte:
»Nächtlich am Busento lispeln . . . ?«
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
»N ä c h t l i c h a m B u s e n« begnügt.
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik
nicht verzichtet hat. Die »Fliegenden Blätter« brachten einst unter ihren
Illustrationen zu deutschen »Klassikern« auch ein Bild zum Schillerschen
»Siegesfest«, zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war.
»Und des frisch erkämpften Weibes
Freut sich der Atrid und strickt.«
(Fortsetzung:
Um den Reiz des schönen Leibes
Seine Arme hochbeglückt.)
(162) Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für
mein Zuspätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen
den weiten Weg von der K a i s e r J o s e f-Straße in die Währingerstraße zu
machen hatte.
(163) Dazu noch C ä s a r-K a i s e r.
(164) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt
gefunden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte,
Page 650
und als dessen Quelle sich einer der Stiche J a c q u e s C a l l o t s
herausstellte, die der Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche
enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben
behandelt die Greuel des Dreißigjährigen Krieges.
(165) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend
auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche
Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus
denen unser Unverständnis für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch
ist die Aufklärung dieser Träume eine sehr naheliegende. Wie oft kommen
wir in die Lage uns zu denken: W e n n der Vater noch leben würde, was
würde er dazu sagen? Dieses W e n n kann der Traum nicht anders
darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt
z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat,
bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe,
der Großvater sei wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was
wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem
besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in
Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben
brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden
hat.
Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten
Angehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der
äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den
man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen möchte. Träume dieser Art
erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, daß der Traum zwischen
Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein
Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod
schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: D e r
Va t e r w a r w i e d e r a m L e b e n u n d s p r a c h m i t i h m w i e
s o n s t , a b e r (das Merkwürdige war), e r w a r d o c h g e s t o r b e n
u n d w u ß t e e s n u r n i c h t . Man versteht diesen Traum, wenn man
nach »er war doch gestorben« einsetzt: i n f o l g e d e s W u n s c h e s
d e s T r ä u m e r s und zu »er wußte es nicht« ergänzt: d a ß d e r
T r ä u m e r d i e s e n W u n s c h h a t t e. Der Sohn hatte während der
Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich
erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser
herausstellte, die der Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche
enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben
behandelt die Greuel des Dreißigjährigen Krieges.
(165) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend
auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche
Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus
denen unser Unverständnis für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch
ist die Aufklärung dieser Träume eine sehr naheliegende. Wie oft kommen
wir in die Lage uns zu denken: W e n n der Vater noch leben würde, was
würde er dazu sagen? Dieses W e n n kann der Traum nicht anders
darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt
z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat,
bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe,
der Großvater sei wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was
wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem
besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in
Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben
brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden
hat.
Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten
Angehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der
äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den
man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen möchte. Träume dieser Art
erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, daß der Traum zwischen
Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein
Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod
schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: D e r
Va t e r w a r w i e d e r a m L e b e n u n d s p r a c h m i t i h m w i e
s o n s t , a b e r (das Merkwürdige war), e r w a r d o c h g e s t o r b e n
u n d w u ß t e e s n u r n i c h t . Man versteht diesen Traum, wenn man
nach »er war doch gestorben« einsetzt: i n f o l g e d e s W u n s c h e s
d e s T r ä u m e r s und zu »er wußte es nicht« ergänzt: d a ß d e r
T r ä u m e r d i e s e n W u n s c h h a t t e. Der Sohn hatte während der
Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich
erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser
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Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser
Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch ihn
wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch
Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde es
möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der
weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem
Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu:
Formulierungen über die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens.
Jahrbuch f. Ps.-A., III, 1911.)
(166) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten
Gedanken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So
ähnlich verfährt H e i n e, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs
verspotten will. Er tut es in noch schlechteren:
Herr Ludwig ist ein großer Poet,
Und singt er, so stürzt Apollo
Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
»Halt ein, ich werde sonst toll oh!«
(167) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein
gültigen Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der
Erinnerung gesondert, auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials
erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich meine Kinder aus der Stadt
Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf einen analogen, in
meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß ich Verwandte
beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre
Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.
(168) Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das
muß ich dem Doktor erzählen, bei Träumen während der
psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen
Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten vom
Vergessen des Traumes gefolgt.
(169) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den
letzten Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie
im Traume).
Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch ihn
wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch
Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde es
möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der
weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem
Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu:
Formulierungen über die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens.
Jahrbuch f. Ps.-A., III, 1911.)
(166) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten
Gedanken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So
ähnlich verfährt H e i n e, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs
verspotten will. Er tut es in noch schlechteren:
Herr Ludwig ist ein großer Poet,
Und singt er, so stürzt Apollo
Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
»Halt ein, ich werde sonst toll oh!«
(167) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein
gültigen Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der
Erinnerung gesondert, auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials
erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich meine Kinder aus der Stadt
Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf einen analogen, in
meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß ich Verwandte
beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre
Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.
(168) Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das
muß ich dem Doktor erzählen, bei Träumen während der
psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen
Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten vom
Vergessen des Traumes gefolgt.
(169) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den
letzten Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie
im Traume).
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(170) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren
Angaben über die Darstellung der logischen Relationen (p. 233). Letztere
beschreiben das allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber
nicht die feinsten und sorgfältigsten Leistungen derselben.
(171) Stanniol, Anspielung auf S t a n n i u s, Nervensystem der Fische,
vgl. p. 295.
(172) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die
Kinderwagen der Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.
(173) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich
folge dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir
beim Niederschreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der
Traumdarstellung.
(174) Schiller ist nicht in einem M a r b u r g, sondern in M a r b a c h
geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es
ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. p. 149), die sich als Ersatz für eine
absichtliche Verfälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren
Aufklärung ich in der »Psychopathologie des Alltagslebens« versucht habe.
(175) Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der
tendenziösen Witze erklärt.
(176) Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die
gebieterisch n o n v i v i t anstatt n o n v i x i t verlangt. »Du bist zu spät
gekommen, er lebt nicht mehr.« Daß auch die manifeste Situation des
Traumes auf »non vivit« zielt, ist p. 303 angegeben worden.
(177) Es wird aufgefallen sein, daß der Name J o s e f eine so große
Rolle in meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den
Personen, die so heißen, kann ich mein Ich im Traume besonders leicht
verbergen, denn J o s e f hieß auch der aus der Bibel bekannte
T r a u m d e u t e r.
(178) rêve, petit roman – day-dream, story.
(179) Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung
mehrerer Phantasien entstandenen Traumes habe ich im »Bruchstück einer
Hysterieanalyse« 1905 analysiert. Übrigens habe ich die Bedeutung solcher
Phantasien für die Traumbildung unterschätzt, solange ich vorwiegend
Angaben über die Darstellung der logischen Relationen (p. 233). Letztere
beschreiben das allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber
nicht die feinsten und sorgfältigsten Leistungen derselben.
(171) Stanniol, Anspielung auf S t a n n i u s, Nervensystem der Fische,
vgl. p. 295.
(172) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die
Kinderwagen der Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.
(173) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich
folge dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir
beim Niederschreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der
Traumdarstellung.
(174) Schiller ist nicht in einem M a r b u r g, sondern in M a r b a c h
geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es
ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. p. 149), die sich als Ersatz für eine
absichtliche Verfälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren
Aufklärung ich in der »Psychopathologie des Alltagslebens« versucht habe.
(175) Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der
tendenziösen Witze erklärt.
(176) Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die
gebieterisch n o n v i v i t anstatt n o n v i x i t verlangt. »Du bist zu spät
gekommen, er lebt nicht mehr.« Daß auch die manifeste Situation des
Traumes auf »non vivit« zielt, ist p. 303 angegeben worden.
(177) Es wird aufgefallen sein, daß der Name J o s e f eine so große
Rolle in meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den
Personen, die so heißen, kann ich mein Ich im Traume besonders leicht
verbergen, denn J o s e f hieß auch der aus der Bibel bekannte
T r a u m d e u t e r.
(178) rêve, petit roman – day-dream, story.
(179) Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung
mehrerer Phantasien entstandenen Traumes habe ich im »Bruchstück einer
Hysterieanalyse« 1905 analysiert. Übrigens habe ich die Bedeutung solcher
Phantasien für die Traumbildung unterschätzt, solange ich vorwiegend
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meine eigenen Träume bearbeitete, denen seltener Tagträume, meist
Diskussionen und Gedankenkonflikte zu grunde liegen. Bei anderen
Personen ist die v o l l e A n a l o g i e d e s n ä c h t l i c h e n T r a u m e s
m i t d e m T a g t r a u m e oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig
bei Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man kann
sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische Bildungen die
Tagtraumphantasie die nächste Vorstufe ist.
(180) T o b o w o l s k a, p. 53.
(181) Siehe p. 256.
(182) Zur Einführung des Narzissmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI,
1914.
(183) Von Dr. O t t o R a n k.
(184) Vgl. dazu die Ausführungen oben p. 5 ff.
(185) Es ist bezeichnend für N i e t z s c h e s Einstellung zum
Ödipuskomplex, daß er hier einen doppelten Irrtum begeht: nicht Ödipus,
sondern seine Mutter sucht Trost in der Bedeutungslosigkeit der Träume,
aber Ödipus läßt sich dadurch nicht trösten.
(186) Besonders verwendet die an Träumen reiche mittelhochdeutsche
Epik diese Eigentümlichkeit des Traumes, die auch der römische Dichter
C l a u d i u s kennt:
»Omnia quae sensu volvuntur rota diurno
Petore sopito reddit amica quies.«
(R i e s e, Anthol. lat. II, 1, II, p. 105.)
(187) Mitteilung von W i n t e r s t e i n im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 192.
(188) Mitteilung von W i n t e r s t e i n im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 616.
(189) Mitteilung im »Zbl. f. Ps.-A.«
(190) Diese Auffassung zeigt die wesentlichste Übereinstimmung mit
der der typischen Träume.
(191) Über andere Traumgedichte Hans Sachsens vergleiche man die
Literatur bei H a m p e; zahlreiche Beispiele von Träumen in der epischen
Diskussionen und Gedankenkonflikte zu grunde liegen. Bei anderen
Personen ist die v o l l e A n a l o g i e d e s n ä c h t l i c h e n T r a u m e s
m i t d e m T a g t r a u m e oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig
bei Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man kann
sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische Bildungen die
Tagtraumphantasie die nächste Vorstufe ist.
(180) T o b o w o l s k a, p. 53.
(181) Siehe p. 256.
(182) Zur Einführung des Narzissmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI,
1914.
(183) Von Dr. O t t o R a n k.
(184) Vgl. dazu die Ausführungen oben p. 5 ff.
(185) Es ist bezeichnend für N i e t z s c h e s Einstellung zum
Ödipuskomplex, daß er hier einen doppelten Irrtum begeht: nicht Ödipus,
sondern seine Mutter sucht Trost in der Bedeutungslosigkeit der Träume,
aber Ödipus läßt sich dadurch nicht trösten.
(186) Besonders verwendet die an Träumen reiche mittelhochdeutsche
Epik diese Eigentümlichkeit des Traumes, die auch der römische Dichter
C l a u d i u s kennt:
»Omnia quae sensu volvuntur rota diurno
Petore sopito reddit amica quies.«
(R i e s e, Anthol. lat. II, 1, II, p. 105.)
(187) Mitteilung von W i n t e r s t e i n im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 192.
(188) Mitteilung von W i n t e r s t e i n im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 616.
(189) Mitteilung im »Zbl. f. Ps.-A.«
(190) Diese Auffassung zeigt die wesentlichste Übereinstimmung mit
der der typischen Träume.
(191) Über andere Traumgedichte Hans Sachsens vergleiche man die
Literatur bei H a m p e; zahlreiche Beispiele von Träumen in der epischen
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Literatur bei N a g e l e; für die Lyrik besonders K l a i b e r; eine interessante
Zusammenstellung von »Träumen in Dichtungen« »Kunstwart« XX, 4.
(192) Vgl. oben p. 249.
(193) Näheres in der Mitteilung A b r a h a m s im »Zentralblatt für
Psychoanalyse« II, p. 160.
(194) Den Text hat R o s e n s t e i n ebenda p. 161 mitgeteilt.
(195) Vgl. die Mitteilung von W i n t e r s t e i n, ebenda p. 291 f.
(196) Berlin, S. Fischer, 1911.
(197) In der mir leider unzugänglich gebliebenen Novelle »F a i r a« soll
J e n s e n über die Entstehung der Träume gesprochen haben.
(»Sonnenwende«, Berlin 1882).
(198) Man vgl. auch die Erzählung B e d a s von dem Dichter Caedmon
(Beda historia eccl. ed. Holder lib. IV, cap. 24).
(199) K a n t nennt in der »Anthropologie« den Traum eine
unwillkürliche Dichtkunst.
(200) Vgl. H e b b e l s Verse:
»Den bängsten Traum begleitet
Ein heimliches Gefühl,
Daß alles nichts bedeutet
Und wär’ es noch so schwül.«
(201) Vgl. dazu R a n k und S a c h s: Die Bedeutung der Psychoanalyse
für die Geisteswissenschaften, Kap. V.
(202) Auf Grund eines Ausspruches von M o z a r t über die Art seiner
Produktion sieht D u P r e l »das Geheimnis musikalischer Konzeption in
der Verdichtung von Gehörsvorstellungen« (Phil. d. Mystik, p. 89).
Neuerdings hat H a n s T h o m a versucht, auch das Schaffen des Malers
aus einem dem Traumzustand verwandten »inneren« Schauen zu verstehen:
». . . Es tritt hier das ein, was man beim künstlerischen Schaffen als das
Unbewußte bezeichnet, das der Grund ist des großen Zaubers, den die
Unerklärlichkeit der hohen Kunstwerke ausübt. Auch der Schaffende hat
keine Erklärung, weil etwas mit ihm geschehen, das von einem
Zusammenstellung von »Träumen in Dichtungen« »Kunstwart« XX, 4.
(192) Vgl. oben p. 249.
(193) Näheres in der Mitteilung A b r a h a m s im »Zentralblatt für
Psychoanalyse« II, p. 160.
(194) Den Text hat R o s e n s t e i n ebenda p. 161 mitgeteilt.
(195) Vgl. die Mitteilung von W i n t e r s t e i n, ebenda p. 291 f.
(196) Berlin, S. Fischer, 1911.
(197) In der mir leider unzugänglich gebliebenen Novelle »F a i r a« soll
J e n s e n über die Entstehung der Träume gesprochen haben.
(»Sonnenwende«, Berlin 1882).
(198) Man vgl. auch die Erzählung B e d a s von dem Dichter Caedmon
(Beda historia eccl. ed. Holder lib. IV, cap. 24).
(199) K a n t nennt in der »Anthropologie« den Traum eine
unwillkürliche Dichtkunst.
(200) Vgl. H e b b e l s Verse:
»Den bängsten Traum begleitet
Ein heimliches Gefühl,
Daß alles nichts bedeutet
Und wär’ es noch so schwül.«
(201) Vgl. dazu R a n k und S a c h s: Die Bedeutung der Psychoanalyse
für die Geisteswissenschaften, Kap. V.
(202) Auf Grund eines Ausspruches von M o z a r t über die Art seiner
Produktion sieht D u P r e l »das Geheimnis musikalischer Konzeption in
der Verdichtung von Gehörsvorstellungen« (Phil. d. Mystik, p. 89).
Neuerdings hat H a n s T h o m a versucht, auch das Schaffen des Malers
aus einem dem Traumzustand verwandten »inneren« Schauen zu verstehen:
». . . Es tritt hier das ein, was man beim künstlerischen Schaffen als das
Unbewußte bezeichnet, das der Grund ist des großen Zaubers, den die
Unerklärlichkeit der hohen Kunstwerke ausübt. Auch der Schaffende hat
keine Erklärung, weil etwas mit ihm geschehen, das von einem
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geheimnisvollen Wirken der Natur aus sein Schaffen geleitet hat, daß er
doch bei aller verstandesmäßigen Findigkeit in bezug auf sein Material und
Handwerk wie in einem Traumzustand schaffen konnte.«
(203) Vgl R a n k: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. »Imago« II,
1913.
(204) Das kürzlich erschienene Buch von E r i c h W u l f f e n:
»Shakespeares Hamlet ein Sexualproblem« (Berlin 1913) kommt als
mißverständliche Verflachung der psychoanalytischen Auffassung hier nicht
in Betracht.
(205) Nach L. v. S c h r ö d e r s Übers. in »Mysterium und Mimus im
Rigveda«, p. 260.
(206) »Das Zeitalter des Sonnengottes«. Berlin 1904, p. 338 f.
(207) Griech. Mythol. u. Relig. Gesch. Bd. II (München 1906),
S. 1415 ff.
(208) Ähnlich träumt die mit Paris schwangere Hekuba, sie bringe ein
brennendes Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. (Vgl. dazu
die Legende vom Brand des Tempels von Ephesus in der Geburtsnacht
Alexanders.)
(209) Der Bergenser S c h o r n s t e i n f e g e r singt:
Morgen, ganz zuerst ich kehre
Der Priorin die Röhre. (Anthrop. VI.)
(210) Vgl. R a n k und S a c h s: Die Bedeutung der Psychoanalyse für
die Geisteswissenschaften, S. 15 f. über die Symbolik des Ackerns. Dazu
das schöne Buch von D i e t e r i c h »Mutter Erde« (2. Aufl. 1913).
(211) In einer ausführlichen Analyse dieser Märchengruppe ließe sich
leicht zeigen, daß die Proben körperlicher Kraft, die der Held ablegt
(Speerwerfen, ungeheure Mengen essen und trinken, schneller als der Vogel
laufen) die eigene Potenz gegenüber der väterlichen herausstreichen sollen.
(212) Vater ist von einer Wurzel P A abgeleitet, welche nicht zeugen,
sondern beschützen, unterhalten, ernähren bedeutet. Der Vater als Erzeuger
doch bei aller verstandesmäßigen Findigkeit in bezug auf sein Material und
Handwerk wie in einem Traumzustand schaffen konnte.«
(203) Vgl R a n k: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. »Imago« II,
1913.
(204) Das kürzlich erschienene Buch von E r i c h W u l f f e n:
»Shakespeares Hamlet ein Sexualproblem« (Berlin 1913) kommt als
mißverständliche Verflachung der psychoanalytischen Auffassung hier nicht
in Betracht.
(205) Nach L. v. S c h r ö d e r s Übers. in »Mysterium und Mimus im
Rigveda«, p. 260.
(206) »Das Zeitalter des Sonnengottes«. Berlin 1904, p. 338 f.
(207) Griech. Mythol. u. Relig. Gesch. Bd. II (München 1906),
S. 1415 ff.
(208) Ähnlich träumt die mit Paris schwangere Hekuba, sie bringe ein
brennendes Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. (Vgl. dazu
die Legende vom Brand des Tempels von Ephesus in der Geburtsnacht
Alexanders.)
(209) Der Bergenser S c h o r n s t e i n f e g e r singt:
Morgen, ganz zuerst ich kehre
Der Priorin die Röhre. (Anthrop. VI.)
(210) Vgl. R a n k und S a c h s: Die Bedeutung der Psychoanalyse für
die Geisteswissenschaften, S. 15 f. über die Symbolik des Ackerns. Dazu
das schöne Buch von D i e t e r i c h »Mutter Erde« (2. Aufl. 1913).
(211) In einer ausführlichen Analyse dieser Märchengruppe ließe sich
leicht zeigen, daß die Proben körperlicher Kraft, die der Held ablegt
(Speerwerfen, ungeheure Mengen essen und trinken, schneller als der Vogel
laufen) die eigene Potenz gegenüber der väterlichen herausstreichen sollen.
(212) Vater ist von einer Wurzel P A abgeleitet, welche nicht zeugen,
sondern beschützen, unterhalten, ernähren bedeutet. Der Vater als Erzeuger
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hieß im Sanskrit ganitar (genitor). M a x M ü l l e r: Essays, II. Bd., Leipzig
1869, deutsche Ausg., S. 20.
(213) Die Brüdermärchen sind so weit verbreitet und für die
Mythenforschung so bedeutsam, daß G e o r g H ü s i n g sie für den
Urtypus aller Mythenbildung erklärt hat. – H a r t l a n d hat in einem
dreibändigen Werk (The legend of Perseus) die Parallelen des
Brüdermärchens zusammengestellt.
(214) Die ägyptischen Sagen von Osiris und Bata. Vgl. Näheres bei
R a n k und S a c h s l. c. Cap. II.
(215) Vgl. R a n k: Das Inzestmotiv, 1912, IX, 1 und L o r e n z in
»Imago« II, 1913, p. 22 ff.
(216) Wie unsere Kinder diese Bedeutung aus eigenem wieder beleben,
mag der Traum eines etwa vierjährigen Mäderls zeigen, den C. G. J u n g
(Jahrb. f. Ps.-A. II, 1910) mitgeteilt hat: »Ich habe heute nacht die Arche
Noah geträumt und da waren viele Tierchen darin und da war unten ein
Deckel daran, der ging auf und die Tierchen fielen alle heraus.«
(217) Träume gegen Morgen gesehen, galten für wahr.
(218) Wenngleich der Inhalt des gegebenen Traumes hier in dieser
Weise aufgefaßt wird, so ist doch nicht zu übersehen, daß er, offenbar aus
einem anderen Zusammenhang stammend (ein altes Orakel scheint zu
Grunde zu liegen), ursprünglich auch eine andere Bedeutung gehabt haben
dürfte.
(219) Vgl. die Angst im Traum vom Lebenslicht, oben S. 392.
(220) Vgl. R a n k: Aktuelle Sexualregungen als Traumanlässe.
(221) In einem anderen Traume stellt dieselbe Frau in Anlehnung an die
ihr bekannten geflügelten Phalloi der Antike das ganze männliche Genitale
(inklusive Hoden) in der Vogelsprache dar: »Es haben mich Löwen und
Tiger, auch wilde S c h w e i n e verfolgt, die mich fressen oder mit mir
verkehren wollten. Ich flüchtete, um mich zu retten; dann waren auch ein
Paar von den Bestien schon e i n g e s p e r r t. Dann kam ich über einen
Bergesabhang auf einen Hof, wo ich Vögel herumfliegen sah. Doch hatte
ich schon einen schönen k l e i n e n w e i ß e n Vo g e l im Käfig
e i n g e s p e r r t. Ich habe ihn herausgenommen, jedem gezeigt und gesagt,
1869, deutsche Ausg., S. 20.
(213) Die Brüdermärchen sind so weit verbreitet und für die
Mythenforschung so bedeutsam, daß G e o r g H ü s i n g sie für den
Urtypus aller Mythenbildung erklärt hat. – H a r t l a n d hat in einem
dreibändigen Werk (The legend of Perseus) die Parallelen des
Brüdermärchens zusammengestellt.
(214) Die ägyptischen Sagen von Osiris und Bata. Vgl. Näheres bei
R a n k und S a c h s l. c. Cap. II.
(215) Vgl. R a n k: Das Inzestmotiv, 1912, IX, 1 und L o r e n z in
»Imago« II, 1913, p. 22 ff.
(216) Wie unsere Kinder diese Bedeutung aus eigenem wieder beleben,
mag der Traum eines etwa vierjährigen Mäderls zeigen, den C. G. J u n g
(Jahrb. f. Ps.-A. II, 1910) mitgeteilt hat: »Ich habe heute nacht die Arche
Noah geträumt und da waren viele Tierchen darin und da war unten ein
Deckel daran, der ging auf und die Tierchen fielen alle heraus.«
(217) Träume gegen Morgen gesehen, galten für wahr.
(218) Wenngleich der Inhalt des gegebenen Traumes hier in dieser
Weise aufgefaßt wird, so ist doch nicht zu übersehen, daß er, offenbar aus
einem anderen Zusammenhang stammend (ein altes Orakel scheint zu
Grunde zu liegen), ursprünglich auch eine andere Bedeutung gehabt haben
dürfte.
(219) Vgl. die Angst im Traum vom Lebenslicht, oben S. 392.
(220) Vgl. R a n k: Aktuelle Sexualregungen als Traumanlässe.
(221) In einem anderen Traume stellt dieselbe Frau in Anlehnung an die
ihr bekannten geflügelten Phalloi der Antike das ganze männliche Genitale
(inklusive Hoden) in der Vogelsprache dar: »Es haben mich Löwen und
Tiger, auch wilde S c h w e i n e verfolgt, die mich fressen oder mit mir
verkehren wollten. Ich flüchtete, um mich zu retten; dann waren auch ein
Paar von den Bestien schon e i n g e s p e r r t. Dann kam ich über einen
Bergesabhang auf einen Hof, wo ich Vögel herumfliegen sah. Doch hatte
ich schon einen schönen k l e i n e n w e i ß e n Vo g e l im Käfig
e i n g e s p e r r t. Ich habe ihn herausgenommen, jedem gezeigt und gesagt,
Page 657
das ist mein eigener Vogel, den ich schon lange eingesperrt habe. Von den
herumfliegenden Vögeln sind dann zwei vom Dach
h e r u n t e r g e f a l l e n; ich habe sie aufgefangen, aber sie waren schon
g a n z h i n; da habe ich sie gedrückt und s i e s i n d w i e d e r
l e b e n d i g g e w o r d e n. S i e w a r e n z u s a m m e n g e w a c h s e n
und es sind mir an ihnen e i g e n t l i c h n u r die schön gefärbten F l ü g e l
aufgefallen.« Die letzten Details (zusammengewachsen und nur die Flügel
im Gegensatz zu dem anderen ganzen Vogel) weisen, wenn noch ein
Zweifel bleiben könnte, unzweideutig auf das sexuelle Vorbild dieses
Symbols hin.
(222) Vgl. Thyris’ Wunsch nach Fruchtbarkeit, der ihr Sexualverlangen
ersetzt. Es sei hier nicht unerwähnt, daß die wirkliche
Fruchtbarkeitsbedeutung in einer zweiten Version derselben Sage einen
ganz anderen, in mehrfacher Hinsicht interessanten Ausdruck findet. Dort
ist Thyri noch unvermählt und stellt ihrem Zukünftigen folgende
Bedingung: er möge ein Haus bauen, wo vorher noch keines gestanden, dort
die drei Nächte schlafen und darauf achten, was ihm träume. Er hat dann
drei Träume von je drei Ochsen, wodurch Thyri über den Ausfall der
nächsten drei Jahre unterrichtet, zur Vorsorge mit Getreidevorräten
veranlaßt wird. H e n z e n, der hier mit Recht an die biblischen Träume des
Pharao von den sieben fetten und sieben mageren Kühen erinnert, betont
das »Zugrundeliegen alter indogermanischer Anschauung, welche die
Zeugungskraft der Natur unter dem Bilde des Stieres und die Fruchtbarkeit
der Erde unter dem der Kuh sich vorzustellen liebte« (vgl. Sanskrit gans =
Kuh und Erde). So könnte auch dem Pharaotraum ein Wunsch nach
menschlicher Fruchtbarkeit, eine Potenzphantasie zu grunde liegen. Die
besonders geforderte Bedingung der Neuheit des Hauses und des
Bauplatzes, die andere Male zu einem wahren Zeremoniell ausgestaltet
erscheint (Unberührtheit des Lagers, des Bettzeugs, der Wäsche), könnte
hier die Unberührtheit des Mädchens ersetzen. Noch heute herrscht
übrigens der Glaube, daß der erste in einem neuen Milieu geträumte Traum
in Erfüllung geht.
(223) Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. 1. Aufl., 1901 u. 1904,
4. Aufl., 1912.
(224) Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine
Abhandlung über den »psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit« in
herumfliegenden Vögeln sind dann zwei vom Dach
h e r u n t e r g e f a l l e n; ich habe sie aufgefangen, aber sie waren schon
g a n z h i n; da habe ich sie gedrückt und s i e s i n d w i e d e r
l e b e n d i g g e w o r d e n. S i e w a r e n z u s a m m e n g e w a c h s e n
und es sind mir an ihnen e i g e n t l i c h n u r die schön gefärbten F l ü g e l
aufgefallen.« Die letzten Details (zusammengewachsen und nur die Flügel
im Gegensatz zu dem anderen ganzen Vogel) weisen, wenn noch ein
Zweifel bleiben könnte, unzweideutig auf das sexuelle Vorbild dieses
Symbols hin.
(222) Vgl. Thyris’ Wunsch nach Fruchtbarkeit, der ihr Sexualverlangen
ersetzt. Es sei hier nicht unerwähnt, daß die wirkliche
Fruchtbarkeitsbedeutung in einer zweiten Version derselben Sage einen
ganz anderen, in mehrfacher Hinsicht interessanten Ausdruck findet. Dort
ist Thyri noch unvermählt und stellt ihrem Zukünftigen folgende
Bedingung: er möge ein Haus bauen, wo vorher noch keines gestanden, dort
die drei Nächte schlafen und darauf achten, was ihm träume. Er hat dann
drei Träume von je drei Ochsen, wodurch Thyri über den Ausfall der
nächsten drei Jahre unterrichtet, zur Vorsorge mit Getreidevorräten
veranlaßt wird. H e n z e n, der hier mit Recht an die biblischen Träume des
Pharao von den sieben fetten und sieben mageren Kühen erinnert, betont
das »Zugrundeliegen alter indogermanischer Anschauung, welche die
Zeugungskraft der Natur unter dem Bilde des Stieres und die Fruchtbarkeit
der Erde unter dem der Kuh sich vorzustellen liebte« (vgl. Sanskrit gans =
Kuh und Erde). So könnte auch dem Pharaotraum ein Wunsch nach
menschlicher Fruchtbarkeit, eine Potenzphantasie zu grunde liegen. Die
besonders geforderte Bedingung der Neuheit des Hauses und des
Bauplatzes, die andere Male zu einem wahren Zeremoniell ausgestaltet
erscheint (Unberührtheit des Lagers, des Bettzeugs, der Wäsche), könnte
hier die Unberührtheit des Mädchens ersetzen. Noch heute herrscht
übrigens der Glaube, daß der erste in einem neuen Milieu geträumte Traum
in Erfüllung geht.
(223) Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. 1. Aufl., 1901 u. 1904,
4. Aufl., 1912.
(224) Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine
Abhandlung über den »psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit« in
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der Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1898. Dieselbe ist später
in die »Psychopathologie des Alltagslebens« aufgenommen worden.
(225) Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in
Träumen nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen
zugeschoben. M a u r y (p. 143) träumte einmal zur Zeit, da er Englisch
lernte, daß er einer anderen Person die Mitteilung, er habe sie gestern
besucht, mit den Worten machte: I called f o r you yesterday. Der andere
erwiderte richtig: Es heißt: I called o n you yesterday.
(226) E. J o n e s beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall,
daß während der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben Nacht
erinnert wird, der bis dahin vergessen war, ja nicht einmal vermutet wurde.
(227) Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß E d .
v o n H a r t m a n n in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte die
nämliche Anschauung vertritt: »Gelegentlich der Erörterung der Rolle des
Unbewußten im künstlerischen Schaffen (Philos. d. Unbew. Bd. I.,
Abschn. B, Kap. V) hat Eduard von Hartmann das Gesetz der von
unbewußten Zielvorstellungen geleiteten Ideenassoziation mit klaren
Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite dieses Gesetzes
bewußt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, zu erweisen, daß ›jede
Kombination sinnlicher Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall
anheimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der
Hilfe des Unbewußten bedarf‹ und daß das bewußte Interesse an einer
bestimmten Gedankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter
den unzähligen möglichen Verstellungen die zweckentsprechende
herauszufinden. ›Es ist das Unbewußte, welches den Zwecken des
Interesses gemäß wählt: und das gilt für die I d e e n a s s o z i a t i o n
b e i m a b s t r a k t e n D e n k e n , a l s s i n n l i c h e m Vo r s t e l l e n
oder künstlerischem Kombinieren‹ und beim
w i t z i g e n E i n f a l l. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassoziation
auf die hervorrufende und die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der
reinen Assoziationspsychologie nicht aufrecht zu erhalten. Eine solche
Einschränkung wäre ›nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn Zustände im
menschlichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht nur von jedem
bewußten Zweck, sondern auch von der Herrschaft oder Mitwirkung jedes
unbewußten Interesses, jeder Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum
jemals vorkommender Zustand, denn auch, w e n n m a n s e i n e
in die »Psychopathologie des Alltagslebens« aufgenommen worden.
(225) Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in
Träumen nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen
zugeschoben. M a u r y (p. 143) träumte einmal zur Zeit, da er Englisch
lernte, daß er einer anderen Person die Mitteilung, er habe sie gestern
besucht, mit den Worten machte: I called f o r you yesterday. Der andere
erwiderte richtig: Es heißt: I called o n you yesterday.
(226) E. J o n e s beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall,
daß während der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben Nacht
erinnert wird, der bis dahin vergessen war, ja nicht einmal vermutet wurde.
(227) Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß E d .
v o n H a r t m a n n in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte die
nämliche Anschauung vertritt: »Gelegentlich der Erörterung der Rolle des
Unbewußten im künstlerischen Schaffen (Philos. d. Unbew. Bd. I.,
Abschn. B, Kap. V) hat Eduard von Hartmann das Gesetz der von
unbewußten Zielvorstellungen geleiteten Ideenassoziation mit klaren
Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite dieses Gesetzes
bewußt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, zu erweisen, daß ›jede
Kombination sinnlicher Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall
anheimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der
Hilfe des Unbewußten bedarf‹ und daß das bewußte Interesse an einer
bestimmten Gedankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter
den unzähligen möglichen Verstellungen die zweckentsprechende
herauszufinden. ›Es ist das Unbewußte, welches den Zwecken des
Interesses gemäß wählt: und das gilt für die I d e e n a s s o z i a t i o n
b e i m a b s t r a k t e n D e n k e n , a l s s i n n l i c h e m Vo r s t e l l e n
oder künstlerischem Kombinieren‹ und beim
w i t z i g e n E i n f a l l. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassoziation
auf die hervorrufende und die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der
reinen Assoziationspsychologie nicht aufrecht zu erhalten. Eine solche
Einschränkung wäre ›nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn Zustände im
menschlichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht nur von jedem
bewußten Zweck, sondern auch von der Herrschaft oder Mitwirkung jedes
unbewußten Interesses, jeder Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum
jemals vorkommender Zustand, denn auch, w e n n m a n s e i n e
Page 659
Gedankenfolge anscheinend völlig dem Zufall
anheimgibt, oder wenn man sich ganz den
unwillkürlichen Träumen der Phantasie überläßt,
so walten doch immer zu der einen Stunde andere
Hauptinteressen, maßgebende Gefühle und
Stimmungen im Gemüt als zu der anderen, und
diese werden allemal einen Einfluß auf die
I d e e n a s s o z i a t i o n ü b e n.‹ (Philos. d. Unbew., 11. Aufl., I., 246.) Bei
halb unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die
dem augenblicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (a. a. O.).
Die Hervorhebung des Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die
freie Gedankenfolge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse
auch vom Standpunkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus
gerechtfertigt erscheinen.« (N. E. P o h o r i l l e s in Internat. Zschr. f. ärztl.
Ps.-A. I, 1913, S. 605 f.) – D u P r e l schließt aus der Tatsache, daß ein
Name, auf den wir uns vergeblich besinnen, uns oft plötzlich wie
unvermittelt einfällt, es gebe ein unbewußtes und dennoch zielgerichtetes
Denken, dessen Resultat alsdann ins Bewußtsein tritt (Philos. d. Mystik
p. 107).
(228) Vgl. hiezu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die
C. G. J u n g durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat. (»Zur
Psychologie der Dementia praecox«, 1907.)
(229) Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, daß die
oberflächlichen Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B.
in den beiden von M a u r y mitgeteilten Träumen (p. 45: pélerinage –
Pelletier – pelle; Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez –
Lotto). Aus der Arbeit mit Neurotikern weiß ich, welche Reminiszenz sich
so darzustellen liebt. Es ist das Nachschlagen im Konversationslexikon
(Lexikon überhaupt), aus dem ja die meisten in der Zeit der
Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen Rätsel
gestillt haben.
(230) Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden
Sätze haben später durch die »diagnostischen Assoziationsstudien« J u n g s
und seiner Schüler eine experimentelle Rechtfertigung und Verwertung
erfahren.
anheimgibt, oder wenn man sich ganz den
unwillkürlichen Träumen der Phantasie überläßt,
so walten doch immer zu der einen Stunde andere
Hauptinteressen, maßgebende Gefühle und
Stimmungen im Gemüt als zu der anderen, und
diese werden allemal einen Einfluß auf die
I d e e n a s s o z i a t i o n ü b e n.‹ (Philos. d. Unbew., 11. Aufl., I., 246.) Bei
halb unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die
dem augenblicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (a. a. O.).
Die Hervorhebung des Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die
freie Gedankenfolge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse
auch vom Standpunkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus
gerechtfertigt erscheinen.« (N. E. P o h o r i l l e s in Internat. Zschr. f. ärztl.
Ps.-A. I, 1913, S. 605 f.) – D u P r e l schließt aus der Tatsache, daß ein
Name, auf den wir uns vergeblich besinnen, uns oft plötzlich wie
unvermittelt einfällt, es gebe ein unbewußtes und dennoch zielgerichtetes
Denken, dessen Resultat alsdann ins Bewußtsein tritt (Philos. d. Mystik
p. 107).
(228) Vgl. hiezu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die
C. G. J u n g durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat. (»Zur
Psychologie der Dementia praecox«, 1907.)
(229) Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, daß die
oberflächlichen Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B.
in den beiden von M a u r y mitgeteilten Träumen (p. 45: pélerinage –
Pelletier – pelle; Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez –
Lotto). Aus der Arbeit mit Neurotikern weiß ich, welche Reminiszenz sich
so darzustellen liebt. Es ist das Nachschlagen im Konversationslexikon
(Lexikon überhaupt), aus dem ja die meisten in der Zeit der
Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen Rätsel
gestillt haben.
(230) Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden
Sätze haben später durch die »diagnostischen Assoziationsstudien« J u n g s
und seiner Schüler eine experimentelle Rechtfertigung und Verwertung
erfahren.
Page 660
(231) Die erste Andeutung des Moments der Regression findet sich
bereits bei A l b e r t u s M a g n u s. Die Imaginatio, heißt es bei ihm, baut
aus den aufbewahrten Bildern der sinnenfälligen Objekte den Traum auf.
Der Prozeß vollzieht sich umgekehrt wie im Wachen (nach D i e p g e n,
p. 14). – H o b b e s sagt (im Leviathan, 1651): »In sum, our dreams are the
reverse of our waking imaginations, the motion, when we are awake,
beginning at one end, and when we dream at another.« (Nach H. E l l i s,
p. 112.)
(232) »Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen.«
Neurologisches Zentralblatt 1896, Nr. 10. (Sammlung kl. Schriften z.
Neurosenlehre, p. 112.)
(233) In einer Darstellung der Lehre von der Verdrängung wäre
auszuführen, daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweier ihn
beeinflussenden Momente in die Verdrängung gerät. Er wird von der einen
Seite (der Zensur des Bw.) weggestoßen, von der anderen (dem Ubw.)
angezogen, also ähnlich wie man auf die Spitze der großen Pyramide
gelangt.
(234) Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen
wirklich unbewußten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen
Akten. Diese sind ein für allemal gebahnte Wege, die nie veröden und den
Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewußte
Erregung sie wiederbesetzt. Um mich eines Gleichnisses zu bedienen: es
gibt für sie keine andere Art der Vernichtung als für die Schatten der
odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben erwachen, sobald sie Blut
getrunken haben. Die vom vorbewußten System abhängigen Vorgänge sind
in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die
Psychotherapie der Neurosen.
(235) Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt L e L o r r a i n mit
Recht: »Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte
opiniâtre et longue qui use et corrode les jouissances poursuivies.«
(236) Ich habe diesen Gedankengang an anderer Stelle (Formulierungen
über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Sammlung kl.
Schriften z. Neurosenlehre, dritte Folge, 1913) weiter ausgeführt und als die
beiden Prinzipien das Lust- und das Realitätsprinzip hingestellt.
bereits bei A l b e r t u s M a g n u s. Die Imaginatio, heißt es bei ihm, baut
aus den aufbewahrten Bildern der sinnenfälligen Objekte den Traum auf.
Der Prozeß vollzieht sich umgekehrt wie im Wachen (nach D i e p g e n,
p. 14). – H o b b e s sagt (im Leviathan, 1651): »In sum, our dreams are the
reverse of our waking imaginations, the motion, when we are awake,
beginning at one end, and when we dream at another.« (Nach H. E l l i s,
p. 112.)
(232) »Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen.«
Neurologisches Zentralblatt 1896, Nr. 10. (Sammlung kl. Schriften z.
Neurosenlehre, p. 112.)
(233) In einer Darstellung der Lehre von der Verdrängung wäre
auszuführen, daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweier ihn
beeinflussenden Momente in die Verdrängung gerät. Er wird von der einen
Seite (der Zensur des Bw.) weggestoßen, von der anderen (dem Ubw.)
angezogen, also ähnlich wie man auf die Spitze der großen Pyramide
gelangt.
(234) Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen
wirklich unbewußten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen
Akten. Diese sind ein für allemal gebahnte Wege, die nie veröden und den
Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewußte
Erregung sie wiederbesetzt. Um mich eines Gleichnisses zu bedienen: es
gibt für sie keine andere Art der Vernichtung als für die Schatten der
odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben erwachen, sobald sie Blut
getrunken haben. Die vom vorbewußten System abhängigen Vorgänge sind
in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die
Psychotherapie der Neurosen.
(235) Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt L e L o r r a i n mit
Recht: »Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte
opiniâtre et longue qui use et corrode les jouissances poursuivies.«
(236) Ich habe diesen Gedankengang an anderer Stelle (Formulierungen
über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Sammlung kl.
Schriften z. Neurosenlehre, dritte Folge, 1913) weiter ausgeführt und als die
beiden Prinzipien das Lust- und das Realitätsprinzip hingestellt.
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(237) Korrekter gesagt: Ein Anteil des Symptoms entspricht der
unbewußten Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung gegen
dieselbe.
(238) H u g h l i n g s J a c k s o n hatte geäußert: Findet das Wesen des
Traums, und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen kann,
gefunden haben. (Find out all about dreams and you will have found out all
about insanity.)
(239) Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von L i é b a u l t,
des Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil
provoqué etc., Paris 1889.)
(240) Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt
F e r e n c z i: »Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade
beschäftigenden Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei
drohender Gefahr des Mißlingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es
mit einer neuen Art der Lösung, bis es ihm endlich gelingt, eine die beiden
Instanzen des Seelenlebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung
zu schaffen.«
(241) Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen
können? Ich kenne keine andere. A. M a e d e r hat zwar den Versuch
gemacht, andere, »sekundäre«, Funktionen für den Traum in Anspruch zu
nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume
Lösungsversuche von Konflikten enthalten, die späterhin wirklich
durchgeführt werden, sich also wie Vorübungen zu Wachtätigkeiten
verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele zu dem Spielen der
Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung mitgebrachter
Instinkte und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzufassen ist,
und stellte eine »fonction ludique« des Träumens auf. Kurze Zeit vor
M a e d e r war die »vorausdenkende« Funktion des Traumes auch von
A l f . A d l e r betont worden. (In einer von mir 1905 veröffentlichten
Analyse wurde ein als Vorsatz aufzufassender Traum jede Nacht bis zu
seiner Ausführung wiederholt.)
Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese »sekundäre«
Funktion des Traumes im Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung
verdient. Das Vorausdenken, Fassen von Vorsätzen, Entwerfen von
Lösungsversuchen, die dann eventuell im Wachleben verwirklicht werden
unbewußten Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung gegen
dieselbe.
(238) H u g h l i n g s J a c k s o n hatte geäußert: Findet das Wesen des
Traums, und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen kann,
gefunden haben. (Find out all about dreams and you will have found out all
about insanity.)
(239) Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von L i é b a u l t,
des Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil
provoqué etc., Paris 1889.)
(240) Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt
F e r e n c z i: »Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade
beschäftigenden Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei
drohender Gefahr des Mißlingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es
mit einer neuen Art der Lösung, bis es ihm endlich gelingt, eine die beiden
Instanzen des Seelenlebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung
zu schaffen.«
(241) Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen
können? Ich kenne keine andere. A. M a e d e r hat zwar den Versuch
gemacht, andere, »sekundäre«, Funktionen für den Traum in Anspruch zu
nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume
Lösungsversuche von Konflikten enthalten, die späterhin wirklich
durchgeführt werden, sich also wie Vorübungen zu Wachtätigkeiten
verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele zu dem Spielen der
Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung mitgebrachter
Instinkte und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzufassen ist,
und stellte eine »fonction ludique« des Träumens auf. Kurze Zeit vor
M a e d e r war die »vorausdenkende« Funktion des Traumes auch von
A l f . A d l e r betont worden. (In einer von mir 1905 veröffentlichten
Analyse wurde ein als Vorsatz aufzufassender Traum jede Nacht bis zu
seiner Ausführung wiederholt.)
Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese »sekundäre«
Funktion des Traumes im Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung
verdient. Das Vorausdenken, Fassen von Vorsätzen, Entwerfen von
Lösungsversuchen, die dann eventuell im Wachleben verwirklicht werden
Page 662
können, dies und viel anderes sind Leistungen der unbewußten und
vorbewußten Tätigkeit des Geistes, welche sich als »Tagesrest« in den
Schlafzustand fortsetzen und dann mit einem unbewußten Wunsch (siehe
p. 433 f.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die vorausdenkende
Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vorbewußten
Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder auch
anderer Phänomene verraten werden kann. Nachdem man solange den
Traum mit seinem manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich
jetzt auch davor hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu
verwechseln.
(242) Von mir hervorgehoben; übrigens nicht mißverständlich.
(243) Meine Hervorhebung.
(244) Vgl. hiezu die bedeutsamen Darlegungen von J. B r e u e r in
unseren »Studien über Hysterie« 1895 und 2. Aufl. 1909.
(245) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des
Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits
einen zu großen Aufwand, anderseits die Anlehnung an ein dem Traume
fremdes Material erfordern würde. So habe ich es z. B. vermieden
anzugeben, ob ich mit dem Worte »unterdrückt« einen anderen Sinn
verbinde als mit dem Worte »verdrängt«. Es dürfte nur klar geworden sein,
daß letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewußten stärker als das erstere
betont. Ich bin auf das naheliegende Problem nicht eingegangen, warum die
Traumgedanken die Entstellung durch die Zensur auch für den Fall
erfahren, daß sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewußtsein
verzichten und sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl.
Unterlassungen mehr. Es kam mir vor allem darauf an, einen Eindruck von
den Problemen zu erwecken, zu denen die weitere Zergliederung der
Traumarbeit führt, und die anderen Themata anzudeuten, mit denen dieses
auf dem Wege zusammentrifft. Die Entscheidung, an welcher Stelle die
Verfolgung abgebrochen werden soll, ist mir dann nicht immer leicht
geworden. – Daß ich die Rolle des sexuellen Vorstellungslebens für den
Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von Träumen mit
offenkundig sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer besonderen
Motivierung, die sich vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es
liegt gerade meinen Anschauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der
vorbewußten Tätigkeit des Geistes, welche sich als »Tagesrest« in den
Schlafzustand fortsetzen und dann mit einem unbewußten Wunsch (siehe
p. 433 f.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die vorausdenkende
Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vorbewußten
Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder auch
anderer Phänomene verraten werden kann. Nachdem man solange den
Traum mit seinem manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich
jetzt auch davor hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu
verwechseln.
(242) Von mir hervorgehoben; übrigens nicht mißverständlich.
(243) Meine Hervorhebung.
(244) Vgl. hiezu die bedeutsamen Darlegungen von J. B r e u e r in
unseren »Studien über Hysterie« 1895 und 2. Aufl. 1909.
(245) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des
Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits
einen zu großen Aufwand, anderseits die Anlehnung an ein dem Traume
fremdes Material erfordern würde. So habe ich es z. B. vermieden
anzugeben, ob ich mit dem Worte »unterdrückt« einen anderen Sinn
verbinde als mit dem Worte »verdrängt«. Es dürfte nur klar geworden sein,
daß letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewußten stärker als das erstere
betont. Ich bin auf das naheliegende Problem nicht eingegangen, warum die
Traumgedanken die Entstellung durch die Zensur auch für den Fall
erfahren, daß sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewußtsein
verzichten und sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl.
Unterlassungen mehr. Es kam mir vor allem darauf an, einen Eindruck von
den Problemen zu erwecken, zu denen die weitere Zergliederung der
Traumarbeit führt, und die anderen Themata anzudeuten, mit denen dieses
auf dem Wege zusammentrifft. Die Entscheidung, an welcher Stelle die
Verfolgung abgebrochen werden soll, ist mir dann nicht immer leicht
geworden. – Daß ich die Rolle des sexuellen Vorstellungslebens für den
Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von Träumen mit
offenkundig sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer besonderen
Motivierung, die sich vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es
liegt gerade meinen Anschauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der
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Neuropathologie vertrete, völlig fern, das Sexualleben als ein Pudendum
anzusehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen Forscher zu
bekümmern hat. Auch fand ich die sittliche Entrüstung lächerlich, durch
welche der Übersetzer von A r t e m i d o r o s’ »Symbolik der Träume« sich
anscheinend hatte bewegen lassen, das dort enthaltene Kapitel über sexuelle
Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen, bis ich von diesem erfuhr,
daß er einer Weisung des Verlegers hatte folgen müssen. (Seither ist dieses
Kapitel übrigens im IX. Bande der »Anthropophyteia« deutsch erschienen.)
Für mich war allein die Einsicht maßgebend, daß ich mich bei der
Erklärung sexueller Träume tief in die noch ungeklärten Probleme der
Perversion und der Bisexualität verstricken müßte, und so sparte ich mir
dies Material für einen anderen Zusammenhang.
(246) Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die
Psychopathologie auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer
kleinen, damals nicht abgeschlossenen Reihe von Aufsätzen in der
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (über den psychischen
Mechanismus der Vergeßlichkeit 1898 – über Deckerinnerungen 1899)
suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erscheinungen als
Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten. Diese und weitere Aufsätze
über Vergessen, Versprechen, Vergreifen usw. sind seither als
»Psychopathologie des Alltagslebens« gesammelt erschienen (1904,
4. Aufl. 1912).
(247) »Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie«. – Vortrag auf
dem dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München 1897.
(248) Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der aus dem
Studium des Traumes den nämlichen Schluß über das Verhältnis der
bewußten zur unbewußten Tätigkeit gezogen hat.
D u P r e l sagt: »Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar eine
Voruntersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch seien. Gerade
diese Vorfrage nun wird vom Traume verneint, welcher zeigt, daß der
Begriff der Seele über den des Bewußtseins hinausragt, wie etwa die
Anziehungskraft eines Gestirnes über seine Leuchtsphäre« (Philos. d.
Mystik, p. 47).
»Es ist eine Wahrheit, die man nicht nachdrücklich genug hervorheben
kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von gleicher Ausdehnung
anzusehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen Forscher zu
bekümmern hat. Auch fand ich die sittliche Entrüstung lächerlich, durch
welche der Übersetzer von A r t e m i d o r o s’ »Symbolik der Träume« sich
anscheinend hatte bewegen lassen, das dort enthaltene Kapitel über sexuelle
Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen, bis ich von diesem erfuhr,
daß er einer Weisung des Verlegers hatte folgen müssen. (Seither ist dieses
Kapitel übrigens im IX. Bande der »Anthropophyteia« deutsch erschienen.)
Für mich war allein die Einsicht maßgebend, daß ich mich bei der
Erklärung sexueller Träume tief in die noch ungeklärten Probleme der
Perversion und der Bisexualität verstricken müßte, und so sparte ich mir
dies Material für einen anderen Zusammenhang.
(246) Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die
Psychopathologie auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer
kleinen, damals nicht abgeschlossenen Reihe von Aufsätzen in der
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (über den psychischen
Mechanismus der Vergeßlichkeit 1898 – über Deckerinnerungen 1899)
suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erscheinungen als
Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten. Diese und weitere Aufsätze
über Vergessen, Versprechen, Vergreifen usw. sind seither als
»Psychopathologie des Alltagslebens« gesammelt erschienen (1904,
4. Aufl. 1912).
(247) »Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie«. – Vortrag auf
dem dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München 1897.
(248) Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der aus dem
Studium des Traumes den nämlichen Schluß über das Verhältnis der
bewußten zur unbewußten Tätigkeit gezogen hat.
D u P r e l sagt: »Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar eine
Voruntersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch seien. Gerade
diese Vorfrage nun wird vom Traume verneint, welcher zeigt, daß der
Begriff der Seele über den des Bewußtseins hinausragt, wie etwa die
Anziehungskraft eines Gestirnes über seine Leuchtsphäre« (Philos. d.
Mystik, p. 47).
»Es ist eine Wahrheit, die man nicht nachdrücklich genug hervorheben
kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von gleicher Ausdehnung
Page 664
sind« (p. 306).
(249) Vgl. hiezu den oben p. 76 Anm. mitgeteilten Traum (Σα-τυρος)
Alexanders d. Gr. bei der Belagerung von Tyrus.
(250) Vgl. hiezu meine »Bemerkungen über den Begriff des
Unbewußten in der Psychoanalyse« (englisch in Proceedings of the Society
for Psychical Research, vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische
und systematische Bedeutung des vieldeutigen Wortes »unbewußt«
voneinander geschieden werden.
(249) Vgl. hiezu den oben p. 76 Anm. mitgeteilten Traum (Σα-τυρος)
Alexanders d. Gr. bei der Belagerung von Tyrus.
(250) Vgl. hiezu meine »Bemerkungen über den Begriff des
Unbewußten in der Psychoanalyse« (englisch in Proceedings of the Society
for Psychical Research, vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische
und systematische Bedeutung des vieldeutigen Wortes »unbewußt«
voneinander geschieden werden.
Page 665
Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 4:
Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
Seite 6:
f. Ps. A. . . . .)
f. Ps.-A. . . . .)
Seite 9:
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Bund einer illustrierten
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten
Seite 9:
Antwort gab: M u s s i d a n sei eine Kreisstadt im D e p a r t e m e n t
de la
Antwort gab: M u s s i d a n sei eine Kreisstadt im D é p a r t e m e n t
de la
Seite 14:
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in dieselbe
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in dasselbe
Seite 17:
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den
unvermeidlichen
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
unvermeidlichen
Seite 20:
Vo l k e l t (p. 68) erzählt: »Einem Komponisten träumte einmal,
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 4:
Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser
Seite 6:
f. Ps. A. . . . .)
f. Ps.-A. . . . .)
Seite 9:
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Bund einer illustrierten
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten
Seite 9:
Antwort gab: M u s s i d a n sei eine Kreisstadt im D e p a r t e m e n t
de la
Antwort gab: M u s s i d a n sei eine Kreisstadt im D é p a r t e m e n t
de la
Seite 14:
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in dieselbe
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in dasselbe
Seite 17:
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den
unvermeidlichen
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
unvermeidlichen
Seite 20:
Vo l k e l t (p. 68) erzählt: »Einem Komponisten träumte einmal,
Page 666
Vo l k e l t (p. 68) erzählt: Einem Komponisten träumte einmal,
Seite 26:
gelten lassen. (Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren(10).
gelten lassen. (Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren)(10).
Seite 27:
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im
Schlafzustand
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im
Schlafzustand,
Seite 30:
Traumforscher, daß die Menschen von dem Träumen, was sie
Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was sie
Seite 32:
Assoziationen« (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
Assoziationen (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
Seite 34:
bei B e n i n i zu dem S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl
bereits
bei B e n i n i zu den S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl
bereits
Seite 35:
papier sans le moindre retard ce que l’on vieut d’éprouver et de
papier sans le moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de
Seite 35:
remarquer; sinon, l’oubli vieut vite ou total ou partiel; l’oubli total est
remarquer; sinon, l’oubli vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est
Seite 35:
imagination les fragments incohérents et disjoints fourni par la
imagination les fragments incohérents et disjoints fournis par la
Seite 35:
mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le récit periodiquement
mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le récit périodiquement
Seite 26:
gelten lassen. (Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren(10).
gelten lassen. (Vgl. M. S i m o n, p. 31, und viele ältere Autoren)(10).
Seite 27:
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im
Schlafzustand
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im
Schlafzustand,
Seite 30:
Traumforscher, daß die Menschen von dem Träumen, was sie
Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was sie
Seite 32:
Assoziationen« (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
Assoziationen (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
Seite 34:
bei B e n i n i zu dem S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl
bereits
bei B e n i n i zu den S t r ü m p e l l schen hinzugefügt, sind wohl
bereits
Seite 35:
papier sans le moindre retard ce que l’on vieut d’éprouver et de
papier sans le moindre retard ce que l’on vient d’éprouver et de
Seite 35:
remarquer; sinon, l’oubli vieut vite ou total ou partiel; l’oubli total est
remarquer; sinon, l’oubli vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est
Seite 35:
imagination les fragments incohérents et disjoints fourni par la
imagination les fragments incohérents et disjoints fournis par la
Seite 35:
mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le récit periodiquement
mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le récit périodiquement
Page 667
Seite 37:
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des
Traumlebens
andere der greifbareren psychologischen Besonderheiten des
Traumlebens
Seite 40:
zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann
zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann«
Seite 42:
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas des
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas de
Seite 45:
auf dessen Wahrsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil bezieht.
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil bezieht.
Seite 46:
of conserving these successive personnalities. W h e n a s l e e p w e
of conserving these successive personalities. W h e n a s l e e p w e
Seite 46:
la pensée ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui, l’idée
la pensée ordinaire de celle du dormeur c’est que, chez celui, l’idée
Seite 46:
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme l’éveillé.«
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.«
Seite 46:
quond on sait les analyser.«
quand on sait les analyser.«
Seite 47:
Welt uns ncoh nie und niemals geboten.«
Welt uns noch nie und niemals geboten.«
Seite 50:
Traume nicht ein.«
Traume nicht ein.««
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des
Traumlebens
andere der greifbareren psychologischen Besonderheiten des
Traumlebens
Seite 40:
zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann
zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann«
Seite 42:
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas des
M a u r y pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n’y a pas de
Seite 45:
auf dessen Wahrsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil bezieht.
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil bezieht.
Seite 46:
of conserving these successive personnalities. W h e n a s l e e p w e
of conserving these successive personalities. W h e n a s l e e p w e
Seite 46:
la pensée ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui, l’idée
la pensée ordinaire de celle du dormeur c’est que, chez celui, l’idée
Seite 46:
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme l’éveillé.«
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.«
Seite 46:
quond on sait les analyser.«
quand on sait les analyser.«
Seite 47:
Welt uns ncoh nie und niemals geboten.«
Welt uns noch nie und niemals geboten.«
Seite 50:
Traume nicht ein.«
Traume nicht ein.««
Page 668
Seite 54:
sepolte rivivono; coso e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
Seite 55:
parfoit elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
Seite 71:
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffasung des Traumes
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des
Traumes
Seite 81:
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin vorlor
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor
Seite 97:
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen. Dieser Traum der armen
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der armen
Seite 103:
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.«
Seite 116:
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe.«
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe?«
Seite 121:
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchen meiner Leser
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser
Seite 121:
und gedeutet werden:
und gedeutet worden:
Seite 134:
übernommen, wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches
gelangt
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches
gelangt
sepolte rivivono; coso e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
Seite 55:
parfoit elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
Seite 71:
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffasung des Traumes
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des
Traumes
Seite 81:
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin vorlor
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor
Seite 97:
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen. Dieser Traum der armen
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der armen
Seite 103:
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.«
Seite 116:
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe.«
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe?«
Seite 121:
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchen meiner Leser
habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser
Seite 121:
und gedeutet werden:
und gedeutet worden:
Seite 134:
übernommen, wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches
gelangt
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches
gelangt
Page 669
Seite 137:
b) Mehere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m
Seite 147:
der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbilett
der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillett
Seite 160:
(c h i e r, wie p i s s e r für die kleineren). Nun werden wir bald das
(c h i e r, wie p i s s e r für die kleinere). Nun werden wir bald das
Seite 163:
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
an das Kokain, das ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
Seite 172:
werden, am es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
werden, um es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
Seite 174:
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den
Sonntagsreiter
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den
Sonntagsreiter,
Seite 191:
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom »Todsein« mit der
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der
Seite 205:
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang
wiederlegt
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang widerlegt
Seite 216:
D a u d e t dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind
D a u d e t dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind
Seite 220:
Wertigkeit, wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt
Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benutzt
b) Mehere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den T r a u m
Seite 147:
der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbilett
der »Konstitution«, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillett
Seite 160:
(c h i e r, wie p i s s e r für die kleineren). Nun werden wir bald das
(c h i e r, wie p i s s e r für die kleinere). Nun werden wir bald das
Seite 163:
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
an das Kokain, das ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
Seite 172:
werden, am es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
werden, um es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
Seite 174:
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den
Sonntagsreiter
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den
Sonntagsreiter,
Seite 191:
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom »Todsein« mit der
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der
Seite 205:
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang
wiederlegt
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang widerlegt
Seite 216:
D a u d e t dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind
D a u d e t dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind
Seite 220:
Wertigkeit, wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt
Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benutzt
Page 670
Seite 224:
Wege. In dem Künstlerromen L ’ o e u v r e, der meinen
Traumgedanken
Wege. In dem Künstlerroman L ’ o e u v r e, der meinen
Traumgedanken
Seite 227:
meines Patienten, ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und
meines Patienten ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und
Seite 253:
ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die
ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten Reimzeile finden.
Die
Seite 263:
mit Sicherheit als Genitale und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
Seite 265:
1. D e r Hut als Symbol des Mannes (d e s
m ä n n l i c h e n G e n i t a l e s(137).
1. D e r Hut als Symbol des Mannes (d e s
m ä n n l i c h e n G e n i t a l e s)(137).
Seite 273:
Zentralblatt f. Ps. A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
Stiegensteigen
Zentralblatt f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
Stiegensteigen
Seite 273:
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum
Protistuiertenkomplex,
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum
Prostituiertenkomplex,
Seite 273:
zum Vorbild zu haben.«
zum Vorbild zu haben.
Wege. In dem Künstlerromen L ’ o e u v r e, der meinen
Traumgedanken
Wege. In dem Künstlerroman L ’ o e u v r e, der meinen
Traumgedanken
Seite 227:
meines Patienten, ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und
meines Patienten ist das A u f - und N i e d e r s t e i g e n, O b e n - und
Seite 253:
ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die
ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten Reimzeile finden.
Die
Seite 263:
mit Sicherheit als Genitale und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
Seite 265:
1. D e r Hut als Symbol des Mannes (d e s
m ä n n l i c h e n G e n i t a l e s(137).
1. D e r Hut als Symbol des Mannes (d e s
m ä n n l i c h e n G e n i t a l e s)(137).
Seite 273:
Zentralblatt f. Ps. A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
Stiegensteigen
Zentralblatt f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
Stiegensteigen
Seite 273:
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum
Protistuiertenkomplex,
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum
Prostituiertenkomplex,
Seite 273:
zum Vorbild zu haben.«
zum Vorbild zu haben.
Page 671
Seite 274:
b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für
einen
b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen
Seite 276:
ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern ›i n k a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung)
eingefallen,
ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern ›i n c a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung)
eingefallen,
Seite 289:
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.«
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.
Seite 291:
verläßt sie ihren Gatten.« (Übersetzt von O. R a n k.)
verläßt sie ihren Gatten. (Übersetzt von O. R a n k.)
Seite 295:
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1½ Jahre auseinander
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander
Seite 297:
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
daß 150 fl. 100 mal mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
Seite 303:
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich
Seite 319:
»I c h e r i n n e r e m i c h d a r a n , daß er auf dem
To t e n b e t t e G a r i b a l d i
Ich erinnere mich daran, daß er auf dem
To t e n b e t t e G a r i b a l d i
Seite 320:
E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h v o r, daß der Ausruf
»E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h v o r, daß der Ausruf
b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für
einen
b i r t h d a y .« (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen
Seite 276:
ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern ›i n k a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung)
eingefallen,
ihr nicht ›c o l o u r‹, sondern ›i n c a r n a t i o n‹ (Fleischwerdung)
eingefallen,
Seite 289:
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.«
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.
Seite 291:
verläßt sie ihren Gatten.« (Übersetzt von O. R a n k.)
verläßt sie ihren Gatten. (Übersetzt von O. R a n k.)
Seite 295:
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1½ Jahre auseinander
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander
Seite 297:
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
daß 150 fl. 100 mal mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
Seite 303:
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich
Seite 319:
»I c h e r i n n e r e m i c h d a r a n , daß er auf dem
To t e n b e t t e G a r i b a l d i
Ich erinnere mich daran, daß er auf dem
To t e n b e t t e G a r i b a l d i
Seite 320:
E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h v o r, daß der Ausruf
»E s k o m m t m i r u n w a h r s c h e i n l i c h v o r, daß der Ausruf
Page 672
Seite 332:
Der Traum vom »Frühstückschiff«.
Der Traum vom »Frühstücksschiff«.
Seite 334:
einem unserer modernen Service für den F r ü h s t ü c k tisch. Auf
einem unserer modernen Service für den F r ü h s t ü c k s tisch. Auf
Seite 340:
g e h e n , d u b i s t f r e m d g e m a c h t.« – So übermächtig war
hierüber
g e h e n , d u b i s t f r e m d g e m a c h t.‹ – So übermächtig war
hierüber
Seite 351:
meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem als
baldigen
meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem
alsbaldigen
Seite 354:
Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die riefen
Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die rufen
Seite 358:
wenigstens zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser
psychischen
wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser
psychischen
Seite 358:
solchen Material Ordnung su schaffen, Relationen herzustellen, es
solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es
Seite 360:
a la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec les
à la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec les
Seite 369:
And the man dreams but what they boy believed.«
And the man dreams but what the boy believed.«
Der Traum vom »Frühstückschiff«.
Der Traum vom »Frühstücksschiff«.
Seite 334:
einem unserer modernen Service für den F r ü h s t ü c k tisch. Auf
einem unserer modernen Service für den F r ü h s t ü c k s tisch. Auf
Seite 340:
g e h e n , d u b i s t f r e m d g e m a c h t.« – So übermächtig war
hierüber
g e h e n , d u b i s t f r e m d g e m a c h t.‹ – So übermächtig war
hierüber
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meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem als
baldigen
meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem
alsbaldigen
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Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die riefen
Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die rufen
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wenigstens zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser
psychischen
wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser
psychischen
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solchen Material Ordnung su schaffen, Relationen herzustellen, es
solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es
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a la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec les
à la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec les
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And the man dreams but what they boy believed.«
And the man dreams but what the boy believed.«
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näherstehenden Autoren wie A r t u r S c h n i t z l e r:
näherstehenden Autoren wie A r t h u r S c h n i t z l e r:
Seite 379:
Träume in G o t t f r i e d Kellers ›Grünem Heinrich‹.« Aus der kleinen
Träume in G o t t f r i e d K e l l e r s ›Grünem Heinrich‹.« Aus der
kleinen
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B a l z a c ’ s, die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
B a l z a c ’ s die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
Seite 397:
Sinne wiederzuspiegeln(215).
Sinne widerzuspiegeln(215).
Seite 397:
zugeschrieben, worin soviel Wasser von ihr geht, daß es einem großen
zugeschrieben, worin soviel Wasser von ihr geht, daß es, einem großen
Seite 399:
intendierten Koitus und charakterische Details (ein zweites und drittes
intendierten Koitus und charakteristische Details (ein zweites und
drittes
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und e r b r o c h e n. Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221),
und e r b r o c h e n.« Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221),
Seite 410:
Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginare: La
ma t i è r e
Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginaire: La
ma t i è r e
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anderen Traum vor, indem sich der Traumwunsch nicht von der
anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der
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Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie uuf p. 227 f.
näherstehenden Autoren wie A r t u r S c h n i t z l e r:
näherstehenden Autoren wie A r t h u r S c h n i t z l e r:
Seite 379:
Träume in G o t t f r i e d Kellers ›Grünem Heinrich‹.« Aus der kleinen
Träume in G o t t f r i e d K e l l e r s ›Grünem Heinrich‹.« Aus der
kleinen
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B a l z a c ’ s, die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
B a l z a c ’ s die Geliebte des Königs, um den zudringlichen
Seite 397:
Sinne wiederzuspiegeln(215).
Sinne widerzuspiegeln(215).
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zugeschrieben, worin soviel Wasser von ihr geht, daß es einem großen
zugeschrieben, worin soviel Wasser von ihr geht, daß es, einem großen
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intendierten Koitus und charakterische Details (ein zweites und drittes
intendierten Koitus und charakteristische Details (ein zweites und
drittes
Seite 400:
und e r b r o c h e n. Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221),
und e r b r o c h e n.« Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221),
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Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginare: La
ma t i è r e
Mo t i o n« angehört hat (Mo l i è r e im Malade Imaginaire: La
ma t i è r e
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anderen Traum vor, indem sich der Traumwunsch nicht von der
anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der
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Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie uuf p. 227 f.
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ausgeführt.
Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f.
ausgeführt.
Seite 447:
nämlich, daß uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
Seite 447:
dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, daß vorher nur
dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, das vorher nur
Seite 449:
Träume erscheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten
Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten
Seite 450:
Mal einen Abfluß in die Motilität oder er unterliegt der Beeinflussung
Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung
Seite 456:
que plusiers fois, j’ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.«
que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.«
Seite 456:
Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.
Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.«
Seite 459:
E l l i s, »an archaic world of vast emontions and imperfect
E l l i s, »an archaic world of vast emotions and imperfect
Seite 471:
F l e c t e r e s i n e q u o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
F l e c t e r e s i n e q u e o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
Seite 482:
Artigues. Essai sur la valeur séméiologique du rêve. These de Paris
1884.
Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f.
ausgeführt.
Seite 447:
nämlich, daß uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
Seite 447:
dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, daß vorher nur
dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, das vorher nur
Seite 449:
Träume erscheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten
Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten
Seite 450:
Mal einen Abfluß in die Motilität oder er unterliegt der Beeinflussung
Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung
Seite 456:
que plusiers fois, j’ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.«
que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.«
Seite 456:
Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.
Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.«
Seite 459:
E l l i s, »an archaic world of vast emontions and imperfect
E l l i s, »an archaic world of vast emotions and imperfect
Seite 471:
F l e c t e r e s i n e q u o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
F l e c t e r e s i n e q u e o S u p e r o s , A c h e r o n t a m o v e b o.
Seite 482:
Artigues. Essai sur la valeur séméiologique du rêve. These de Paris
1884.
Page 675
Artigues. Essai sur la valeur séméiologique du rêve. Thèse de Paris
1884.
Seite 482:
Bacci Domenico. Sui sogni e sul sonnombulismo, pensieri fisiologico
metafisici.
Bacci Domenico. Sui sogni e sul sonnambulismo, pensieri fisiologico
metafisici.
Seite 482:
Vezenia 1857.
Venezia 1857.
Seite 482:
Nurnberg 1715.
Nürnberg 1715.
Seite 482:
Bradley J. H. On the feilure of movement in dream. Mind, July 1894.
Bradley J. H. On the failure of movement in dream. Mind, July 1894.
Seite 483:
D. L. A propos de l’appréciation du temps dans le rêve Rev. philos.
vol. 40, 1895,
D. L. A propos de l’appréciation du temps dans le rêve. Rev. philos.
vol. 40, 1895,
Seite 483:
Ducosté M. Les songes d’attaques epileptiques. 1899.
Ducosté M. Les songes d’attaques épileptiques. 1899.
Seite 483:
Erk Vinz. v. Uber den Unterschied von Traum und Wachen. Prag
1874.
Erk Vinz. v. Über den Unterschied von Traum und Wachen. Prag
1874.
Seite 483:
Escande de Messières. Les rêves chez les hystériques Th. méd.
Bordeaux 1895.
Escande de Messières. Les rêves chez les hystériques. Th. méd.
Bordeaux 1895.
1884.
Seite 482:
Bacci Domenico. Sui sogni e sul sonnombulismo, pensieri fisiologico
metafisici.
Bacci Domenico. Sui sogni e sul sonnambulismo, pensieri fisiologico
metafisici.
Seite 482:
Vezenia 1857.
Venezia 1857.
Seite 482:
Nurnberg 1715.
Nürnberg 1715.
Seite 482:
Bradley J. H. On the feilure of movement in dream. Mind, July 1894.
Bradley J. H. On the failure of movement in dream. Mind, July 1894.
Seite 483:
D. L. A propos de l’appréciation du temps dans le rêve Rev. philos.
vol. 40, 1895,
D. L. A propos de l’appréciation du temps dans le rêve. Rev. philos.
vol. 40, 1895,
Seite 483:
Ducosté M. Les songes d’attaques epileptiques. 1899.
Ducosté M. Les songes d’attaques épileptiques. 1899.
Seite 483:
Erk Vinz. v. Uber den Unterschied von Traum und Wachen. Prag
1874.
Erk Vinz. v. Über den Unterschied von Traum und Wachen. Prag
1874.
Seite 483:
Escande de Messières. Les rêves chez les hystériques Th. méd.
Bordeaux 1895.
Escande de Messières. Les rêves chez les hystériques. Th. méd.
Bordeaux 1895.
Page 676
Seite 483:
Faure. Étude sur les rêves morbides. Rêves persistants Arch. génér. de
méd. 1876
Faure. Étude sur les rêves morbides. Rêves persistants. Arch. génér.
de méd. 1876,
Seite 483:
Fenizia. L’azione suggestiva della causa esterne nei sogni. Arch. per
l’Anthrop. XXVI.
Fenizia. L’azione suggestiva delle cause esterne nei sogni. Arch. per
l’Anthrop. XXVI.
Seite 483:
— Les rêves d’acces chez les épileptiques. La Med. mod. 8. Dez.
1897.
— Les rêves d’accès chez les épileptiques. La Med. mod. 8. Dez.
1897.
Seite 483:
Fischer Joh. Ad artis veterum oniocriticae historiam symbola. Diss.
Jenae 1899.
Fischer Joh. Ad artis veterum onirocriticae historiam symbola. Diss.
Jenae 1899.
Seite 484:
— Aus den Tiefen des Traumlebens Halle 1890.
— Aus den Tiefen des Traumlebens. Halle 1890.
Seite 484:
Die physiologischen Beziehungen der Traumvorgänge. Halle 1896.
— Die physiologischen Beziehungen der Traumvorgänge. Halle 1896.
Seite 484:
Griesinger. Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten.
3 Aufl. 1871.
Griesinger. Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten.
3. Aufl. 1871.
Seite 484:
Gutfeldt J. Ein Traum. Psych Studien, 1899, S. 491–494.
Gutfeldt J. Ein Traum. Psych. Studien, 1899, S. 491–494.
Faure. Étude sur les rêves morbides. Rêves persistants Arch. génér. de
méd. 1876
Faure. Étude sur les rêves morbides. Rêves persistants. Arch. génér.
de méd. 1876,
Seite 483:
Fenizia. L’azione suggestiva della causa esterne nei sogni. Arch. per
l’Anthrop. XXVI.
Fenizia. L’azione suggestiva delle cause esterne nei sogni. Arch. per
l’Anthrop. XXVI.
Seite 483:
— Les rêves d’acces chez les épileptiques. La Med. mod. 8. Dez.
1897.
— Les rêves d’accès chez les épileptiques. La Med. mod. 8. Dez.
1897.
Seite 483:
Fischer Joh. Ad artis veterum oniocriticae historiam symbola. Diss.
Jenae 1899.
Fischer Joh. Ad artis veterum onirocriticae historiam symbola. Diss.
Jenae 1899.
Seite 484:
— Aus den Tiefen des Traumlebens Halle 1890.
— Aus den Tiefen des Traumlebens. Halle 1890.
Seite 484:
Die physiologischen Beziehungen der Traumvorgänge. Halle 1896.
— Die physiologischen Beziehungen der Traumvorgänge. Halle 1896.
Seite 484:
Griesinger. Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten.
3 Aufl. 1871.
Griesinger. Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten.
3. Aufl. 1871.
Seite 484:
Gutfeldt J. Ein Traum. Psych Studien, 1899, S. 491–494.
Gutfeldt J. Ein Traum. Psych. Studien, 1899, S. 491–494.
Page 677
Seite 484:
Henzen Wilh. Über die Träume in der altnord. Sagaliteratur Diss.
Leipzig 1890.
Henzen Wilh. Über die Träume in der altnord. Sagaliteratur. Diss.
Leipzig 1890.
Seite 484:
Nr. 657, 1. Beil
Nr. 657, 1. Beil.
Seite 484:
Hitschmann F. Über d. Traumleben d Blinden. Zeitschr. f.
Psychol. VII, 5–6, 1894.
Hitschmann F. Über d. Traumleben d. Blinden. Zeitschr. f.
Psychol. VII, 5–6, 1894.
Seite 484:
Kingsford A. B. Dreams and dream-stories ed. by Maitland. 2. éd.
London 1888.
Kingsford A. B. Dreams and dream-stories ed. by Maitland. 2. ed.
London 1888.
Seite 485:
1881. (Réimp. in Études méd. t. II, p. 203–227, Paris, 7e série, t VI,
1881. (Réimp. in Études méd. t. II, p. 203–227, Paris, 7e série, t. VI,
Seite 485:
Macario. Du sommeil, des rêves et du somnambulisme dans l’etat de
santé et dans
Macario. Du sommeil, des rêves et du somnambulisme dans l’état de
santé et dans
Seite 485:
Maury A. Analogies des phénomènes du rêve et de l’aliènation
mentale. Annales
Maury A. Analogies des phénomènes du rêve et de l’aliénation
mentale. Annales
Seite 485:
Mouroe W. S. A study of taste-dreams. Am. J. of Psychol. Jan. 1899.
Monroe W. S. A study of taste-dreams. Am. J. of Psychol. Jan. 1899.
Henzen Wilh. Über die Träume in der altnord. Sagaliteratur Diss.
Leipzig 1890.
Henzen Wilh. Über die Träume in der altnord. Sagaliteratur. Diss.
Leipzig 1890.
Seite 484:
Nr. 657, 1. Beil
Nr. 657, 1. Beil.
Seite 484:
Hitschmann F. Über d. Traumleben d Blinden. Zeitschr. f.
Psychol. VII, 5–6, 1894.
Hitschmann F. Über d. Traumleben d. Blinden. Zeitschr. f.
Psychol. VII, 5–6, 1894.
Seite 484:
Kingsford A. B. Dreams and dream-stories ed. by Maitland. 2. éd.
London 1888.
Kingsford A. B. Dreams and dream-stories ed. by Maitland. 2. ed.
London 1888.
Seite 485:
1881. (Réimp. in Études méd. t. II, p. 203–227, Paris, 7e série, t VI,
1881. (Réimp. in Études méd. t. II, p. 203–227, Paris, 7e série, t. VI,
Seite 485:
Macario. Du sommeil, des rêves et du somnambulisme dans l’etat de
santé et dans
Macario. Du sommeil, des rêves et du somnambulisme dans l’état de
santé et dans
Seite 485:
Maury A. Analogies des phénomènes du rêve et de l’aliènation
mentale. Annales
Maury A. Analogies des phénomènes du rêve et de l’aliénation
mentale. Annales
Seite 485:
Mouroe W. S. A study of taste-dreams. Am. J. of Psychol. Jan. 1899.
Monroe W. S. A study of taste-dreams. Am. J. of Psychol. Jan. 1899.
Page 678
Seite 485:
Moreau J. De l’identidé de l’état de rêve et de folie. Annales méd.
psych. 1855, p. 261.
Moreau J. De l’identité de l’état de rêve et de folie. Annales méd.
psych. 1855, p. 261.
Seite 485:
Motet. Cauchemar. Dict. de méd. et de chir pratiques.
Motet. Cauchemar. Dict. de méd. et de chir. pratiques.
Seite 485:
Murry J. C. Do we ever dream of tasting? Proc. of the Americ.
Psychol. 1894, 20
Murry J. C. Do we ever dream of tasting? Proc. of the Americ.
Psychol. 1894, 20.
Seite 486:
songes par Dufremey. Avignon 1752
songes par Dufremey. Avignon 1752.
Seite 486:
Régis. Les rêves Bordeaux. La Gironde (Variétés) du mai 31, 1890.
Régis. Les rêves. Bordeaux. La Gironde (Variétés) du mai 31, 1890.
Seite 486:
Richardson B. W. The physiology of dreams The Asclep. London
1892, IX, 129, 160.
Richardson B. W. The physiology of dreams. The Asclep. London
1892, IX, 129, 160.
Seite 486:
Rousset. Contribution à l’etude du cauchemar. Thèse de Paris 1876.
Rousset. Contribution à l’étude du cauchemar. Thèse de Paris 1876.
Seite 486:
Schleich K. L. Traum und Schlaf. Die Zukunft, 1899, 29. Bd, 14–27,
54–65.
Schleich K. L. Traum und Schlaf. Die Zukunft, 1899, 29. Bd., 14–27,
54–65.
Seite 486:
Science of dreams The Lyceum. Dublin, oct. 1890, p. 28.
Moreau J. De l’identidé de l’état de rêve et de folie. Annales méd.
psych. 1855, p. 261.
Moreau J. De l’identité de l’état de rêve et de folie. Annales méd.
psych. 1855, p. 261.
Seite 485:
Motet. Cauchemar. Dict. de méd. et de chir pratiques.
Motet. Cauchemar. Dict. de méd. et de chir. pratiques.
Seite 485:
Murry J. C. Do we ever dream of tasting? Proc. of the Americ.
Psychol. 1894, 20
Murry J. C. Do we ever dream of tasting? Proc. of the Americ.
Psychol. 1894, 20.
Seite 486:
songes par Dufremey. Avignon 1752
songes par Dufremey. Avignon 1752.
Seite 486:
Régis. Les rêves Bordeaux. La Gironde (Variétés) du mai 31, 1890.
Régis. Les rêves. Bordeaux. La Gironde (Variétés) du mai 31, 1890.
Seite 486:
Richardson B. W. The physiology of dreams The Asclep. London
1892, IX, 129, 160.
Richardson B. W. The physiology of dreams. The Asclep. London
1892, IX, 129, 160.
Seite 486:
Rousset. Contribution à l’etude du cauchemar. Thèse de Paris 1876.
Rousset. Contribution à l’étude du cauchemar. Thèse de Paris 1876.
Seite 486:
Schleich K. L. Traum und Schlaf. Die Zukunft, 1899, 29. Bd, 14–27,
54–65.
Schleich K. L. Traum und Schlaf. Die Zukunft, 1899, 29. Bd., 14–27,
54–65.
Seite 486:
Science of dreams The Lyceum. Dublin, oct. 1890, p. 28.
Page 679
Science of dreams. The Lyceum. Dublin, Oct. 1890, p. 28.
Seite 486:
Siebek A. Das Traumleben der Seele 1877. – Sammlung Virchow-
Holtzendorf. Nr 279.
Siebek A. Das Traumleben der Seele 1877. – Sammlung Virchow-
Holtzendorf. Nr. 279.
Seite 487:
Stevenson R. L. A Chapter on Dreams (in »Across. the Plain«.) 1892.
Stevenson R. L. A Chapter on Dreams (in »Across the Plain«.) 1892.
Seite 487:
— Les illusions des sens et de l’esprit Bibl. scientif. internat. vol 62.
Paris.
— Les illusions des sens et de l’esprit Bibl. scientif. internat. vol. 62.
Paris.
Seite 487:
Tissié Ph. Les rêves; rêves pathogenes et thérapeutiques; rêves
photographiés.
Tissié Ph. Les rêves; rêves pathogènes et thérapeutiques; rêves
photographiés.
Seite 487:
Vaschide. Recherches experim. sur les rêves. Comptes rendus de
l’acad. des sciences
Vaschide. Recherches experim. sur les rêves. Comptes rendus de
l’acad. des sciences.
Seite 488:
X. Ce qu’on peut rêver en cinq. secondes. Rev. sc. 3e série, I. XII, 30.
oct. 1886.
X. Ce qu’on peut rêver en cinq secondes. Rev. sc. 3e série, I. XII, 30.
oct. 1886.
Seite 488:
Aliotta A. Il pensiero e la personalità nei sogni. Ricerche die Psicol.
1905.
Aliotta A. Il pensiero e la personalità nei sogni. Ricerche di Psicol.
1905.
Seite 486:
Siebek A. Das Traumleben der Seele 1877. – Sammlung Virchow-
Holtzendorf. Nr 279.
Siebek A. Das Traumleben der Seele 1877. – Sammlung Virchow-
Holtzendorf. Nr. 279.
Seite 487:
Stevenson R. L. A Chapter on Dreams (in »Across. the Plain«.) 1892.
Stevenson R. L. A Chapter on Dreams (in »Across the Plain«.) 1892.
Seite 487:
— Les illusions des sens et de l’esprit Bibl. scientif. internat. vol 62.
Paris.
— Les illusions des sens et de l’esprit Bibl. scientif. internat. vol. 62.
Paris.
Seite 487:
Tissié Ph. Les rêves; rêves pathogenes et thérapeutiques; rêves
photographiés.
Tissié Ph. Les rêves; rêves pathogènes et thérapeutiques; rêves
photographiés.
Seite 487:
Vaschide. Recherches experim. sur les rêves. Comptes rendus de
l’acad. des sciences
Vaschide. Recherches experim. sur les rêves. Comptes rendus de
l’acad. des sciences.
Seite 488:
X. Ce qu’on peut rêver en cinq. secondes. Rev. sc. 3e série, I. XII, 30.
oct. 1886.
X. Ce qu’on peut rêver en cinq secondes. Rev. sc. 3e série, I. XII, 30.
oct. 1886.
Seite 488:
Aliotta A. Il pensiero e la personalità nei sogni. Ricerche die Psicol.
1905.
Aliotta A. Il pensiero e la personalità nei sogni. Ricerche di Psicol.
1905.
Page 680
Seite 488:
Arno. Traumvisionen. Lorch 1909
Arno. Traumvisionen. Lorch 1909.
Seite 489:
*Bleuler E. Die Psychanalyse Freuds. Jahrb. f. psychoanalyt. u.
psychopatholog.
*Bleuler E. Die Psychoanalyse Freuds. Jahrb. f. psychoanalyt. u.
psychopatholog.
Seite 489:
Bonus A. Traum u. Kunst. Kunstwart, 19. J. Nov 1906, p. 177–191.
Bonus A. Traum u. Kunst. Kunstwart, 19. J. Nov. 1906, p. 177–191.
Seite 489:
Mc. Clure’s Magazin, Okt. 1912.
McClure’s Magazin, Okt. 1912.
Seite 489:
*— Hysterical dreamy states. New York Med. Journ., May. 25, 1912.
*— Hysterical dreamy states. New York Med. Journ., May 25, 1912.
Seite 489:
*Bruce A. H. The marvels of dream analysis. Mc. Clure’s Magaz.
Nov. 1912.
*Bruce A. H. The marvels of dream analysis. McClure’s Magaz. Nov.
1912.
Seite 489:
Chinard Gilbert. L’amerique et le rêve exotique dans la litt. franç.
aux XVII. et
Chinard Gilbert. L’Amérique et le rêve exotique dans la litt. franç.
aux XVII. et
Seite 489:
*Delacroix. Sur la structure logique du rêve. Rev. metaphys. Nov.
1904.
*Delacroix. Sur la structure logique du rêve. Rev. métaphys. Nov.
1904.
Seite 490:
1911, p 1373.
Arno. Traumvisionen. Lorch 1909
Arno. Traumvisionen. Lorch 1909.
Seite 489:
*Bleuler E. Die Psychanalyse Freuds. Jahrb. f. psychoanalyt. u.
psychopatholog.
*Bleuler E. Die Psychoanalyse Freuds. Jahrb. f. psychoanalyt. u.
psychopatholog.
Seite 489:
Bonus A. Traum u. Kunst. Kunstwart, 19. J. Nov 1906, p. 177–191.
Bonus A. Traum u. Kunst. Kunstwart, 19. J. Nov. 1906, p. 177–191.
Seite 489:
Mc. Clure’s Magazin, Okt. 1912.
McClure’s Magazin, Okt. 1912.
Seite 489:
*— Hysterical dreamy states. New York Med. Journ., May. 25, 1912.
*— Hysterical dreamy states. New York Med. Journ., May 25, 1912.
Seite 489:
*Bruce A. H. The marvels of dream analysis. Mc. Clure’s Magaz.
Nov. 1912.
*Bruce A. H. The marvels of dream analysis. McClure’s Magaz. Nov.
1912.
Seite 489:
Chinard Gilbert. L’amerique et le rêve exotique dans la litt. franç.
aux XVII. et
Chinard Gilbert. L’Amérique et le rêve exotique dans la litt. franç.
aux XVII. et
Seite 489:
*Delacroix. Sur la structure logique du rêve. Rev. metaphys. Nov.
1904.
*Delacroix. Sur la structure logique du rêve. Rev. métaphys. Nov.
1904.
Seite 490:
1911, p 1373.
Page 681
1911, p. 1373.
Seite 490:
*Eder M. D. F r e u d s Theory of Dreams Transactions of the Psycho-
Medic. Soc.
*Eder M. D. F r e u d’s Theory of Dreams. Transactions of the
Psycho-Medic. Soc.
Seite 490:
Frank. Kritik d Träumens und d. Träumerei über d. Wachen. Das
Wort, 1901,
Frank. Kritik d. Träumens und d. Träumerei über d. Wachen. Das
Wort, 1901,
Seite 490:
»On Dreams« author. trans by M. D. E d e r, with an introduction
»On Dreams« author. trans. by M. D. E d e r, with an introduction
Seite 491:
von Karl Abel, 1884 Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog.
von Karl Abel, 1884. Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog.
Seite 491:
*Frink H. W. Dreams and their analysis in reference to
Psychotherapie. Med.
*Frink H. W. Dreams and their analysis in reference to
psychotherapy. Med.
Seite 491:
Record, May. 27, 1911.
Record, May 27, 1911.
Seite 492:
*— Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Ebenda, p. 561
*— Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Ebenda, p. 561.
Seite 492:
p. 631 636.
p. 631–636.
Seite 492:
Motiv. American Journ. of Psychology, Jan. 1910, p. 72–113. (In
Seite 490:
*Eder M. D. F r e u d s Theory of Dreams Transactions of the Psycho-
Medic. Soc.
*Eder M. D. F r e u d’s Theory of Dreams. Transactions of the
Psycho-Medic. Soc.
Seite 490:
Frank. Kritik d Träumens und d. Träumerei über d. Wachen. Das
Wort, 1901,
Frank. Kritik d. Träumens und d. Träumerei über d. Wachen. Das
Wort, 1901,
Seite 490:
»On Dreams« author. trans by M. D. E d e r, with an introduction
»On Dreams« author. trans. by M. D. E d e r, with an introduction
Seite 491:
von Karl Abel, 1884 Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog.
von Karl Abel, 1884. Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog.
Seite 491:
*Frink H. W. Dreams and their analysis in reference to
Psychotherapie. Med.
*Frink H. W. Dreams and their analysis in reference to
psychotherapy. Med.
Seite 491:
Record, May. 27, 1911.
Record, May 27, 1911.
Seite 492:
*— Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Ebenda, p. 561
*— Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Ebenda, p. 561.
Seite 492:
p. 631 636.
p. 631–636.
Seite 492:
Motiv. American Journ. of Psychology, Jan. 1910, p. 72–113. (In
Page 682
deutsch.
Motive. American Journ. of Psychology, Jan. 1910, p. 72–113. (In
deutsch.
Seite 492:
*— Freuds Theory of Dreams. American Journal of Psychology, April
1910.
*— Freud’s Theory of Dreams. American Journal of Psychology, April
1910.
Seite 493:
Lobedank. Über das Wesen d. Tr. Prag 1902
Lobedank. Über das Wesen d. Tr. Prag 1902.
Seite 493:
jüd. Volkskunde, 10. Jahrg, H. 1 u. 2.
jüd. Volkskunde, 10. Jahrg., H. 1 u. 2.
Seite 494:
Maillet Edm. Les rêves et l’inspiration mathematiques. Extr. du
Bulletin de la
Maillet Edm. Les rêves et l’inspiration mathématique. Extr. du
Bulletin de la
Seite 494:
Meunier P. Des rêves stéréotypés. Journ de Psychol. norm. et pathol.
1905.
Meunier P. Des rêves stéréotypés. Journ. de Psychol. norm. et pathol.
1905.
Seite 494:
— A propos de l’onirotherapie. Arch. de Neurol. März 1910.
— A propos de l’onirothérapie. Arch. de Neurol. März 1910.
Seite 494:
— Valeur séméiologique du rêve. Journ. de psychol. Norm et
pathol. 7, 41–49,
— Valeur séméiologique du rêve. Journ. de psychol. norm. et
pathol. 7, 41–49,
Seite 494:
Monroe W. S. Mental elements of Dreams. Journ. of. Philos., Psychol.
Motive. American Journ. of Psychology, Jan. 1910, p. 72–113. (In
deutsch.
Seite 492:
*— Freuds Theory of Dreams. American Journal of Psychology, April
1910.
*— Freud’s Theory of Dreams. American Journal of Psychology, April
1910.
Seite 493:
Lobedank. Über das Wesen d. Tr. Prag 1902
Lobedank. Über das Wesen d. Tr. Prag 1902.
Seite 493:
jüd. Volkskunde, 10. Jahrg, H. 1 u. 2.
jüd. Volkskunde, 10. Jahrg., H. 1 u. 2.
Seite 494:
Maillet Edm. Les rêves et l’inspiration mathematiques. Extr. du
Bulletin de la
Maillet Edm. Les rêves et l’inspiration mathématique. Extr. du
Bulletin de la
Seite 494:
Meunier P. Des rêves stéréotypés. Journ de Psychol. norm. et pathol.
1905.
Meunier P. Des rêves stéréotypés. Journ. de Psychol. norm. et pathol.
1905.
Seite 494:
— A propos de l’onirotherapie. Arch. de Neurol. März 1910.
— A propos de l’onirothérapie. Arch. de Neurol. März 1910.
Seite 494:
— Valeur séméiologique du rêve. Journ. de psychol. Norm et
pathol. 7, 41–49,
— Valeur séméiologique du rêve. Journ. de psychol. norm. et
pathol. 7, 41–49,
Seite 494:
Monroe W. S. Mental elements of Dreams. Journ. of. Philos., Psychol.
Page 683
and Sci.
Monroe W. S. Mental elements of Dreams. Journ. of Philos., Psychol.
and Sci.
Seite 495:
Birmingham Sept. 16–17, 1913. British Journ. of Psychol VI, 3/4,
Birmingham Sept. 16–17, 1913. British Journ. of Psychol. VI, 3/4,
Seite 495:
Piéron H. La rapidité des procès psychiques. Rev. philos. vol. 55,
1903, p 89–95.
Piéron H. La rapidité des procès psychiques. Rev. philos. vol. 55,
1903, p. 89–95.
Seite 495:
*— Eine noch nicht beschriebene Form des Odipus-Traumes. Intern.
Zeitschr. f.
*— Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipus-Traumes. Intern.
Zeitschr. f.
Seite 496:
Scherbel. Traum und Vhtg. Arztl. Ratgeber, 4. J. 1903, p. 199.
Scherbel. Traum und Vhtg. Ärztl. Ratgeber, 4. J. 1903, p. 199.
Seite 497:
motiv of selfpreservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
motive of self-preservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
Seite 497:
*Stegmann Marg. Darstellung epipleptischer Anfälle im Traume.
Intern. Ztschr. f.
*Stegmann Marg. Darstellung epileptischer Anfälle im Traume.
Intern. Ztschr. f.
Seite 497:
ärztl Ps.-A. I, 1913.
ärztl. Ps.-A. I, 1913.
Seite 497:
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26.
Monroe W. S. Mental elements of Dreams. Journ. of Philos., Psychol.
and Sci.
Seite 495:
Birmingham Sept. 16–17, 1913. British Journ. of Psychol VI, 3/4,
Birmingham Sept. 16–17, 1913. British Journ. of Psychol. VI, 3/4,
Seite 495:
Piéron H. La rapidité des procès psychiques. Rev. philos. vol. 55,
1903, p 89–95.
Piéron H. La rapidité des procès psychiques. Rev. philos. vol. 55,
1903, p. 89–95.
Seite 495:
*— Eine noch nicht beschriebene Form des Odipus-Traumes. Intern.
Zeitschr. f.
*— Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipus-Traumes. Intern.
Zeitschr. f.
Seite 496:
Scherbel. Traum und Vhtg. Arztl. Ratgeber, 4. J. 1903, p. 199.
Scherbel. Traum und Vhtg. Ärztl. Ratgeber, 4. J. 1903, p. 199.
Seite 497:
motiv of selfpreservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
motive of self-preservation. Americ. J. of Insanity, 1913.
Seite 497:
*Stegmann Marg. Darstellung epipleptischer Anfälle im Traume.
Intern. Ztschr. f.
*Stegmann Marg. Darstellung epileptischer Anfälle im Traume.
Intern. Ztschr. f.
Seite 497:
ärztl Ps.-A. I, 1913.
ärztl. Ps.-A. I, 1913.
Seite 497:
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26
*— Darstellung der Neurose im Traum. Ebenda, p. 26.
Page 684
Seite 497:
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909,
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc. Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909,
Seite 497:
Tobowolska Justine. Etude sur les illusions de temps dans les rêves
du sommeil
Tobowolska Justine. Étude sur les illusions de temps dans les rêves
du sommeil
Seite 497:
Trömner E. Entstehung u. Bedeutung d. Träume Journ. f. Psychol. u
Neurol.
Trömner E. Entstehung u. Bedeutung d. Träume. Journ. f. Psychol. u.
Neurol.
Seite 498:
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen.
Seite 498:
Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band Leipzig 1910. II. Bd.
1912.
Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band. Leipzig 1910. II. Bd.
1912.
Seite 498:
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss. V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Seite 498:
sci psy. 16, 1906, 437.
sci. psy. 16, 1906, 437.
Seite 498:
Nr. 1, Juillet 1913, p 1–23.
Nr. 1, Juillet 1913, p. 1–23.
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909,
Stoop E. de. Oneirokritikon biblion etc. Rev. de philol. (nouv. ser.) 33,
1909,
Seite 497:
Tobowolska Justine. Etude sur les illusions de temps dans les rêves
du sommeil
Tobowolska Justine. Étude sur les illusions de temps dans les rêves
du sommeil
Seite 497:
Trömner E. Entstehung u. Bedeutung d. Träume Journ. f. Psychol. u
Neurol.
Trömner E. Entstehung u. Bedeutung d. Träume. Journ. f. Psychol. u.
Neurol.
Seite 498:
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen
Vold J. Mourly. Über den Traum. Experimentell-psychologische
Untersuchungen.
Seite 498:
Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band Leipzig 1910. II. Bd.
1912.
Herausgegeben von O. Klemm. Erster Band. Leipzig 1910. II. Bd.
1912.
Seite 498:
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Wahrtraum ein. Mitt. d. wiss. V. f. Okk. in Wien, II. 1900, p. 26.
Seite 498:
sci psy. 16, 1906, 437.
sci. psy. 16, 1906, 437.
Seite 498:
Nr. 1, Juillet 1913, p 1–23.
Nr. 1, Juillet 1913, p. 1–23.
Page 685
Seite 498:
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med Journ, vol. 97,
March 29,
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med. Journ.,
vol. 97, March 29,
Seite 498:
Weygandt W. Beitr. z. Psychologie des Traumes. Philos. Studien,
20. Bd, 1902,
Weygandt W. Beitr. z. Psychologie des Traumes. Philos. Studien,
20. Bd., 1902,
Seite 498:
p. 307–310
p. 307–310.
Seite 498:
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung
Med. Revue 13,
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung.
Med. Revue 13,
Fußnote 10:
Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n I, 74,
B o u c h é - L e c l e r q u,
Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n I, 74,
B o u c h é - L e c l e r c q,
Fußnote 10:
und Judentum p. 139.
und Judentum, p. 139.
Fußnote 24:
L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a; G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i
L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a, G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i
Fußnote 29:
neueren Berichten des Missionärs Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen
aber auch die
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med Journ, vol. 97,
March 29,
*Wertheimer H. G. Dreaming and Dreams. N. J. Med. Journ.,
vol. 97, March 29,
Seite 498:
Weygandt W. Beitr. z. Psychologie des Traumes. Philos. Studien,
20. Bd, 1902,
Weygandt W. Beitr. z. Psychologie des Traumes. Philos. Studien,
20. Bd., 1902,
Seite 498:
p. 307–310
p. 307–310.
Seite 498:
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung
Med. Revue 13,
*Wolffensperger W. P. Übersicht über die Freudsche Traumdeutung.
Med. Revue 13,
Fußnote 10:
Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n I, 74,
B o u c h é - L e c l e r q u,
Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n I, 74,
B o u c h é - L e c l e r c q,
Fußnote 10:
und Judentum p. 139.
und Judentum, p. 139.
Fußnote 24:
L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a; G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i
L a s è g n e, P i c h o n, R é g i s, Ve s p a, G i e s s l e r,
K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i
Fußnote 29:
neueren Berichten des Missionärs Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen
aber auch die
Page 686
neueren Berichten des Missionärs Tfinkdji (Anthropos 1913) nehmen
aber auch die
Fußnote 29:
Arabern: »Pour interprêter exactement un songe, les oniromanciens les
plus habiles
Arabern: »Pour interpréter exactement un songe, les oniromanciens les
plus habiles
Fußnote 29:
s’informent de ceux qui les consultent des toutes les circonstances
qu’il regardent
s’informent de ceux qui les consultent de toutes les circonstances qu’il
regardent
Fußnote 29:
desirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les
interrogations desirables.«
désirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les
interrogations desirables.«
Fußnote 29:
typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante vel
post somnium?
typische Formel: habuistine in hac nocte copulam conjugalem ante vel
post somnium?
Fußnote 41:
zur Sexualtheorie 1905 und 2. Aufl. 1910.)
zur Sexualtheorie« 1905 und 2. Aufl. 1910.)
Fußnote 46:
and takes on the aspect of aserious, intellegible message.
and takes on the aspect of a serious, intelligible message.
Fußnote 46:
Or, to vary the figure slightly, we mag said that, like some palimpsest,
Or, to vary the figure slightly, we may say that, like some palimpsest,
Fußnote 134:
»ein alter Steiger«.
»ein alter Steiger«.«
aber auch die
Fußnote 29:
Arabern: »Pour interprêter exactement un songe, les oniromanciens les
plus habiles
Arabern: »Pour interpréter exactement un songe, les oniromanciens les
plus habiles
Fußnote 29:
s’informent de ceux qui les consultent des toutes les circonstances
qu’il regardent
s’informent de ceux qui les consultent de toutes les circonstances qu’il
regardent
Fußnote 29:
desirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les
interrogations desirables.«
désirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les
interrogations desirables.«
Fußnote 29:
typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante vel
post somnium?
typische Formel: habuistine in hac nocte copulam conjugalem ante vel
post somnium?
Fußnote 41:
zur Sexualtheorie 1905 und 2. Aufl. 1910.)
zur Sexualtheorie« 1905 und 2. Aufl. 1910.)
Fußnote 46:
and takes on the aspect of aserious, intellegible message.
and takes on the aspect of a serious, intelligible message.
Fußnote 46:
Or, to vary the figure slightly, we mag said that, like some palimpsest,
Or, to vary the figure slightly, we may say that, like some palimpsest,
Fußnote 134:
»ein alter Steiger«.
»ein alter Steiger«.«
Page 687
Fußnote 138:
f. Ps. A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird
ein Traum
f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird
ein Traum
Fußnote 150:
kann, schalte ich hier einen, von O t t o R a n k zur Verfügung
gestellten
kann, schalte ich hier einen von O t t o R a n k zur Verfügung
gestellten
Fußnote 150:
und Gedanken des Vortrages:
und Gedanken des Vortages:
Fußnote 150:
bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.«
bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.‹
Fußnote 150:
geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des
Vortrages
geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortages
Fußnote 156:
107 »Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in
der vergangenen
107: »Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in
der vergangenen
Fußnote 156:
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg
erzwingen.«
Fußnote 168:
Die noch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Das muß
Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß
Fußnote 250:
vol XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische
f. Ps. A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird
ein Traum
f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von S t e k e l (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird
ein Traum
Fußnote 150:
kann, schalte ich hier einen, von O t t o R a n k zur Verfügung
gestellten
kann, schalte ich hier einen von O t t o R a n k zur Verfügung
gestellten
Fußnote 150:
und Gedanken des Vortrages:
und Gedanken des Vortages:
Fußnote 150:
bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.«
bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.‹
Fußnote 150:
geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des
Vortrages
geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortages
Fußnote 156:
107 »Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in
der vergangenen
107: »Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in
der vergangenen
Fußnote 156:
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg
erzwingen.«
Fußnote 168:
Die noch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Das muß
Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß
Fußnote 250:
vol XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische
Page 688
Bedeutung
vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische
Bedeutung
vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische
Bedeutung
Page 689
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Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
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assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
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effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
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