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Fürsten
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Title: Macchiavellis Buch vom Fürsten

Author: Niccolò Machiavelli

Release date: May 27, 2012 [eBook #39816]

Language: German

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MACCHIAVELLIS BUCH VOM FÜRSTEN ***

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Macchiavellis

Buch vom Fürsten.
Nach A. W. Rehbergs Übersetzung
mit
Einleitung und Erläuterung
neu herausgegeben
von
Dr. Max Oberbreyer.

Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Inhalt.

Page 5

Seite
Einleitung 3
1. Verschiedene Arten der Herrschaft 33
2. Von erblichen Fürstenthümern 33
3. Von vermischten Herrschaften 34
Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode
4. 43
gegen seine Nachfolger nicht aufstand
Wie Städte und Fürstenthümer zu behandeln sind, die
5. 45
vor der Eroberung ihre eigne Verfassung hatten
Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen oder
6. 47
Tapferkeit errungen werden
Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde
7. Unterstützung und durch Glücksfälle erworben 50
werden
Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur
8. 58
Herrschaft gelangen
9. Vom Volke übertragene Herrschaft 63
10. Wie die Kräfte der Fürstenthümer zu schätzen sind 67
11. Von geistlichen Fürstenthümern 69
12. Von den verschiedenen Arten der Truppen 72
13. Von Hilfstruppen 77
14. Was der Fürst im Kriegswesen zu beobachten hat 81
15. Wodurch die Fürsten Lob und Tadel erwerben 83
16. Von der Freigebigkeit und dem Geize 85
17. Von der Grausamkeit und Milde 87
18. In wie fern ein Fürst sein Wort halten muß 90
19. Verachtung und Haß sind zu vermeiden 93
Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten der
20. 104
Fürsten nützlich oder schädlich sind
Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um großen Ruhm
21. 108
zu erwerben
22. Von den Ministern 112
23. Schmeichler sind zu fliehen 113
Wie die Fürsten Italiens ihre Herrschaft verloren
24. 115
haben
Welchen Einfluß das Glück auf die Angelegenheiten
25. 117
der Menschen hat

Page 6

26. Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu befreien 120
Erläuterungen 125

Page 7

[pg 3]

Einleitung.

Niemals hat eine politische Schrift so gewaltiges Aufsehen erregt, und so
viel gewirkt, als M a c c h i a v e l l i ’ s hochberühmtes B u c h v o m
F ü r s t e n. Der Name des Verfassers ist durch die sogar in Staatsschriften
als Kunstausdruck übliche Benennung des M a c c h i a v e l l i s m u s auch
der großen Menge bekannt geworden, die das Buch selbst nicht gelesen hat.
Aber unter den Großen und ihren Ministern haben sich Viele danach
gebildet. Hier glaubten sie das, was sie in einzelnen schlimmen
Augenblicken gethan, oder noch zu thun Lust hatten, durch
zusammenhängende Grundsätze gerechtfertigt zu finden. Die es so
benutzten, mögen oft ungehalten darüber geworden sein, daß Alles, was sie
sich, aber auch nur sich selbst, und als Ausnahme von der Regel erlauben
wollten, in allgemeinen Maximen öffentlich aufgestellt, und dadurch
Verdacht gegen ihre Absichten erregt ward. Daher ist es am lautesten von
denen angeklagt, die am meisten daraus gelernt hatten. Andere Leser sind
durch den Widerspruch, in welchem dieser Inbegriff fürstlicher Weisheit
mit der gewöhnlichen Moral steht, zu dem Zweifel veranlaßt worden, ob
das Buch wol im Ernste geschrieben sei? Da sie die Bewunderung, welche
der durchdringende Beobachtungsgeist und das treffende Urtheil des
Verfassers Jedem abnöthigt, der politische Verhältnisse zu beurtheilen

Page 8

vermag, mit ihrem Widerwillen gegen die freche Immoralität, zu welcher
seine Grundsätze führen, nicht zu vereinigen wußten, so haben sie geglaubt,
Macchiavelli möge wol das vollständige Gemälde der Tyrannei und der
Mittel zu ihr zu gelangen, in der Absicht entworfen haben, um den
Tyrannen in der verabscheuungswürdigsten Gestalt darzustellen.

Mehrere italienische Schriftsteller haben diese Auslegung sehr früh
gemacht, um dem Geschrei zu begegnen, das sich [pg 4]bald nach der
öffentlichen Bekanntmachung des Werkes erhob. Die Vermuthung erhält
einigen Anschein durch den Widerspruch, in welchem die Gesinnungen,
welche in diesem Buche herrschen, mit andern Schriften des Verfassers zu
stehen scheinen, und der um so auffallender ist, da das Buch vom Fürsten
und die Betrachtungen über den Livius offenbar nicht in ganz
verschiedenen Perioden seines Lebens geschrieben sind. Er bezieht sich in
jeder derselben auf die andere, und hat sie also, wenigstens späterhin,
zugleich wieder überarbeitet. Aber man kann dieser Erklärung durchaus
keinen Beifall geben, sobald man das Buch selbst unbefangen liest. Es ist
mit solchem Ernste geschrieben, mit solchem Nachdruck, und was noch
mehr ist, es enthält auf jeder Seite so viel Wahrheit, daß man das Ganze
unmöglich für Ironie halten kann. So treffende Lehren können nicht aus
republikanischem Hasse gegen die Tyrannei gegeben sein, damit der Tyrann
ins Verderben renne: diesen Zweck hätten sie sicherlich verfehlt! Wer den
Verfasser aus der Geschichte kennen gelernt hat, wird auch nicht durch die
Erklärung befriedigt, daß er hier die Naturgeschichte der Tyrannei
gezeichnet habe, so wie er die Theorie der Republik in den Discursen über
den Livius abhandelt. Macchiavelli war kein gleichgültiger Zuschauer und
bloßer Beobachter der politischen Welt. In allen seinen Schriften herrscht
ein praktischer Geist. Seine Discurse beweisen das lebhafteste Interesse an
der Erhaltung und der Größe einer Republik. Sie sind ganz im Tone eines
Mannes geschrieben, der selbst dazu mitwirken möchte, sie zu errichten
oder zu befestigen. Eben so kräftige Rathschläge für den, der sich auf der
errungenen Stelle eines Regenten erhalten will, eben so nachdrückliche
Empfehlungen der wirksamsten Mittel, eben so lebhafte Verachtung des
Zweckwidrigen, findet man in dem Buche vom Fürsten.

Die Auflösung dieses räthselhaften Widerspruchs ist in dem Zustande
Italiens und in der Lebensgeschichte des Verfassers zu suchen.1 Man

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versteht ja überhaupt keinen [pg 5]ausgezeichneten Schriftsteller
vollkommen, wenn man nicht eine lebendige Kenntniß von seiner Nation
und seinem Zeitalter, und ein feineres Gefühl für ihre Art zu empfinden, aus
den einheimischen Geschichtschreibern erlangt hat, welche selbst die
Gesinnungen ihrer Nation theilen, und nicht blos die Handlungen der
Menschen, sondern ihre Quelle, die eigenthümliche Gemüthsart, darstellen.
Aus solchen erhält man eine ganz andere Einsicht in den Zusammenhang
der Begebenheiten, als aus der genauesten und sorgfältigsten Erzählung
eines Fremden.

Die italienische Nation zeichnet sich durch eine ungemeine Lebhaftigkeit
aller Empfindungen und Leidenschaften aus, die ihren Gegenstand mit dem
Feuer unauslöschlicher Begierde ergreift, und nie abläßt. So wie man von
den Franzosen nicht ohne Grund sagt, daß sie aus allem Ernste Scherz
machen, und dadurch so oft selbst ein Spiel ihrer eignen witzigen Laune
werden, so machen die Italiener aus allem Scherze Ernst. In allen
Handlungen der Franzosen erscheint ein feines und unaufhörlich reges
Ehrgefühl als die herrschende Triebfeder. Dieses zeigt sich in den
schlechtesten, wie in den vorzüglichsten Individuen der Nation, auf
verschiedene Art, aber immer gleich stark. Alle französischen
Raisonnements über sittliche Gegenstände erhalten dadurch eine ganz eigne
Farbe, und in der Geschichte des Volks spielt es die Hauptrolle. Aus der
Verbindung dieses äußerst reizbaren Ehrgefühls, und der feinen
Beobachtung aller Convenienzen des Augenblicks, worin die Franzosen
allen Andern so sehr überlegen sind, mit ihrer launigen Gemüthsstimmung,
entspringt eine Versatilität, von der man in der Geschichte der Italiener
keine Spur findet. Diesen kommt es immer auf die Sache an, die sie wollen.
Die bürgerlichen Unruhen, die ganz Italien so viele Jahrhunderte lang
zerrissen haben, wären durch bloße Begebenheiten und Zufälle nicht so
lange unterhalten. Ihr Charakter ist wesentlich verschieden von dem
Factionsgeiste in der französischen Geschichte. Mit der Tenacität der
Italiener ist eine tiefe Verschmitztheit nahe verwandt, die mit der Falschheit
eines versatilen Menschen, der sein Vergnügen daran findet, mit andern zu
spielen, und schon dadurch be[pg 6]friedigt wird, wenn er sie äfft, durchaus
keine Aehnlichkeit hat. Es ist bekannt, daß nichts in der Welt mit der Politik
des römischen Hofes verglichen werden kann, und daß die geistliche
Intrigue, als ein zusammenhängendes System die Zwecke der Herrschsucht

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zu erreichen, für das vollkommenste Erzeugniß des menschlichen Geistes in
seiner Art angesehen werden muß. Dies Meisterstück eines feinen und
dauerhaften Gewebes konnte nur in Italien zu Stande gebracht werden, und
hat wieder einen großen Einfluß auf die Denkungsart der italienischen
Staatsmänner gehabt, die ihre Aufmerksamkeit unaufhörlich auf den
päpstlichen Stuhl richten mußten, welcher durch seine Bemühungen, die
christliche Kirche zu beherrschen, zugleich mit in alle weltlichen Händel
von Italien verwickelt ward.

In diesem ganzen Lande ist von Alters her ein republikanischer Geist
verbreitet gewesen, und hat viele Jahrhunderte lang einen unaufhörlichen
Kampf mit der Herrschsucht einzelner Häupter geführt, die in den innern
Bewegungen übel geordneter Gemeinden die Mittel fanden, sich zu
erheben.

Unter der großen Zahl italienischer Republiken war allein Venedig schon
früh zu einer festen Verfassung und innern Ruhe gelangt. In allen übrigen
verfolgten und vertrieben einander Parteien: eben so wie vormals in den
griechischen Freistaaten einzelne Geschlechter mit ihrem Anhange, und
Factionen, von Optimaten, von Bürgern, und von kleinem Volke, Alles
unter einander kämpfte, und sich wechselweise austrieb. Solchem innern
Zwiste war ganz vorzüglich das Vaterland des Macchiavelli unterworfen;
eine der stürmischsten Republiken, die jemals existirt haben.

Die Geschichte der letzten hundert Jahre, wo Florenz als Freistaat bestand,
von 1432 an, da Cosmus der Große von Medici zurückberufen ward und die
Leitung aller öffentlichen Angelegenheiten ergriff, bis zu der endlichen
Ernennung eines seiner Seitenverwandten, Cosmus des Ersten, zum Herzog,
im Jahre 1536, gehört zu den interessantesten Partien der ganzen
Weltgeschichte. Vorzüglich ist die letzte Hälfte dieses Zeitraums äußerst
lehrreich, wegen der mannichfaltigen Abwechselungen der Verfassung, die
bei[pg 7]nahe zu allen Lehrsätzen der Politik Beispiele wirklicher
Erfahrung bieten.2

Florenz war während des fünfzehnten Jahrhunderts durch das überwiegende
Ansehen zweier Männer aus dem H a u s e M e d i c i beruhigt, und in die
Zeiten des letztern von ihnen fiel Macchiavelli’s Jugend. Cosmus der Große
und Lorenzo, sein Großsohn, hatten als einfache Bürger die

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Angelegenheiten ihres Vaterlandes geleitet, und großen Einfluß auf das
Schicksal von ganz Italien gehabt. Macchiavelli kannte den ganzen Umfang
ihrer Talente und Verdienste: er redet von ihnen mit Wärme und mit dem
Wohlgefallen, welches Niemand, ungeachtet aller Verschiedenheit der
Grundsätze und Gesinnungen, Demjenigen versagen kann, durch welchen
das Vaterland zu Ehre, Macht und Reichthum gelangt ist. Die Größe des
letzten von jenen beiden ausgezeichneten Männern hatte Macchiavelli
selbst noch gesehen. Er war etwas über zwanzig Jahre [pg 8]alt, als Lorenzo
von Medici starb, dessen Tod allgemein als die Epoche angegeben wird, mit
welcher die Zeit des Genusses und des Ruhms aufhörte, und eine endlose
Reihe von Unglück und Elend begann, das der Ehrgeiz fremder Monarchen,
die unverständige und leidenschaftliche Herrschsucht einheimischer
Großen, der unbändige Geist kühner Abenteurer und schamloser
Emporkömmlinge über Italien gebracht hatten. „ M i t d e m T o d e
L o r e n z o ’s v o n M e d i c i f i n g d e r S a m e d e s U e b e l s a n
aufzugehen, wodurch, da Niemand mehr lebte, der
ihn auszurotten verstand, Italien zu Grunde
gerichtet ist, und noch immerfort zu Grunde
g e r i c h t e t w i r d . “ Mit diesen Worten schließt Macchiavelli seine
florentinische Geschichte. Guicciardini beginnt seine Geschichte von Italien
mit derselben Bemerkung. Die Schriftsteller aller Parteien stimmen darin
überein.

Nach des großen Mannes Tode ward sein unfähiger Sohn Piero mit seinen
vornehmsten Anhängern vertrieben. Achtzehn Jahre lang war Florenz ein
Spiel republikanischer Unruhen. Die Republik, die unter der Leitung des
Lorenzo auf die Verhältnisse der großen Mächte von Europa so großen, oft
entscheidenden Einfluß gehabt hatte, ward mit allen übrigen italienischen
Staaten in den allgemeinen Strudel hineingezogen, den der Ehrgeiz der
französischen Könige erregte. Von den Heereszügen Karl des Achten und
Ludwig des Zwölften ward ganz Italien wie von Meereswellen
verschlungen. Während dieser Periode war Macchiavelli Staatssecretair der
florentinischen Republik, und mehr als zwanzig Mal Gesandter an großen
und kleinen Höfen, in den wichtigsten Angelegenheiten. Diese Aufträge
führten ihn zu intimen Verhältnissen mit den mächtigsten Männern der Zeit:
unter Andern mit dem Pandolfo Petrucci, der sich in Siena vom Führer einer
Partei bis zum Oberhaupte des Staats emporgeschwungen hatte, und

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denselben von 1487 bis an seinen Tod, 1512, ungefähr durch Künste, wie
sie Macchiavelli lehrt, fast unumschränkt beherrschte. Dieser Petrucci hatte
den Anfang seiner Größe damit gemacht, zwei der wichtigsten Personen der
Gegenpartei aus dem Wege zu räumen, und ließ darauf seinen eignen
Schwieger[pg 9]vater, den Giovanni Borghese, einen sehr angesehenen und
wegen seiner Gelehrsamkeit berühmten Mann, dessen Einfluß er fürchtete,
ebenfalls ermorden. Er hielt es seinem Interesse angemessen, sich mit den
Florentinern zu verbinden, und überließ ihnen Monte Pulciano, über dessen
Besitz sie mit den Sienesern in einen alten Streit verwickelt waren. Bei der
politischen Freundschaft zwischen dem Pandolfo und dem damaligen
Gonfaloniere Piero Soderini, war Macchiavelli nicht allein der
Mittelsmann, sondern er unterhielt auch selbst eine genaue Verbindung und
freundlichen Briefwechsel mit dem Tyrannen von Siena, wie der
Geschichtschreiber desselben3 ausdrücklich bemerkt. Die Medici wurden
1512 in Florenz wieder eingeführt. Gleich im ersten Jahre entspann sich
eine Verschwörung gegen sie, deren Häupter Nicolo Valori und Giovanni
Folchi, mit dem Leben büßten. Macchiavelli gerieth als Theilnehmer in
Untersuchung, ward gefoltert und verbannt, bald darauf aber von der
Familie, welche die Oberhand behalten hatte, wegen seiner großen Talente
gesucht. Nicht volle zwei Jahre darauf zog ihn Papst Leo X. durch seinen
Freund, den gemeinschaftlichen Landsmann und florentinischen Gesandten
zu Rom, Veltori, über die verwickelten Angelegenheiten Italiens, und über
die Verhältnisse zu den fremden Mächten, welche er als Staatssecretair der
Republik und als Gesandter so genau kennen gelernt hatte, zu Rathe, wie
aus den Briefen des Vettori erhellt. Aber noch näher als Alles dieses lag dem
Macchiavelli die Frage, wie die Medici das wieder erlangte Uebergewicht
in ihrem Vaterlande benutzen würden?

Die Ahnherrn ihres Geschlechts hatten, wie gesagt, als einfache Bürger die
öffentlichen Angelegenheiten desselben aus ihrem Cabinet geleitet, ohne
die äußere Decoration einer höhern Würde zu verlangen. Aber die Zeiten
hatten sich geändert. In Frankreich, in Spanien, in Deutschland hatten sich
seit Kurzem kräftige Monarchien erhoben. Ita[pg 10]lien hingegen ward
von innern Zwistigkeiten zerrissen. Insbesondere war Mittelitalien voll
kleiner Herren, die sich Alles erlaubten, um zu der höchsten Gewalt in ihrer
Vaterstadt, und zu der Herrschaft über kleine Districte umher, zu gelangen.
Mehrere Päpste hatten mit einigem Erfolge gesucht, in ihren Familien

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Herrschaften zu gründen, die dahin führen konnten, die italienischen
Freistaaten und Fürsten zu einem Bunde unter Leitung eines angesehenen
Oberhauptes zu vereinigen. So hatte sich das Haus della Rovere durch zwei
Päpste, Sixtus den Vierten und Julius den Zweiten, aus dem Staube zu der
herzoglichen Würde von Urbino emporgeschwungen. Mit größerem
Nachdrucke hatte Alexander der Sechste seinen Sohn Cäsar Borgia zu
einem gefürchteten Herrn in Romagna gemacht. Leo der Zehnte konnte
seinen Verwandten noch mit ganz anderer Kraft unterstützen, als Alexander
den seinigen. Denn was der Spanier Borgia blos durch sein päpstliches
Ansehn zu Stande bringen mußte, das unternahm Leo mit dem ganzen
Gewichte des Hauses Medici, welches im mächtigen und reichen Florenz so
tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Ein Kind seiner Zeit war er nicht damit
zufrieden, seinem Geschlechte die Lage im Vaterlande zu sichern, in der
sich seine Vorfahren befunden hatten. Der große Lorenzo war schon von der
Lebensart derselben etwas abgewichen: er hatte sich mit einer Prinzessin
Orsini vermählt, und seinen Reichthum angewandt, Landgüter zu kaufen,
die mehr der Grundlage eines Fürstenthums, als Privatbesitzungen eines
Bürgers glichen. Leo X. machte seinen Neffen Lorenzo zum Herzoge von
Urbino, und legte es darauf an, diesem und nach ihm immer dem Haupte
der Familie einen Antheil an der Regierung von Florenz zuzuwenden, der in
seinem Umfange und in der Art der Ausübung einige Aehnlichkeit mit der
Herrschaft hatte, die Augustus in Rom nach der Auflösung der Triumvirate
führte.

Lorenzo ward Oberhaupt der Kriegsmacht, und führte den Titel: Il
Magnifico (der Prächtige). In den öffentlichen Angelegenheiten durfte
nichts ohne seine Genehmigung geschehen. Dennoch bestanden alle
republikanischen Formen, und er überließ die gesammten Stellen in der
Verwaltung [pg 11]Bürgern, die jedoch nur unter seinem Einflusse gewählt
wurden. Im Wesentlichen war es eben so schon damals zugegangen, als
seine großen Vorfahren regierten. Seit undenklichen Zeiten war aus
republikanischer Eifersucht die obrigkeitliche Gewalt nur auf wenige
Monate verliehen. Jahrhunderte lang bildeten bald acht, bald zehn, bald
zwölf Personen, unter dem Titel: „Priori dell’ arti“, „Priori della Libertà“,
„Otto della pratica“, oder andern Namen, den obersten Rath der Republik,
der unter dem Vorsitz des Gonfaloniere meist alle zwei Monate wechselte.
Die Personen, welche bestimmt waren, nach und nach einzutreten, wurden

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von einem Ausschusse von Bürgern auf eine Reihe von Jahren im Voraus
gewählt. Diesen Ausschuß aber setzte die mächtigste Partei des
Augenblicks, die sich unter dem Namen „balia“ eine außerordentliche
Gewalt anmaßte, willkürlich zusammen. Bei diesem beständigen Wechsel
der Staatsbeamten ward eine geheime Direction der öffentlichen
Angelegenheiten nothwendig. Diese ging lange von dem Cabinette der
Medici aus, und eben in jenen unaufhörlichen äußern Veränderungen,
wodurch die Verfassung den Anschein einer Demokratie erhielt, lag ein
Mittel, das Ansehn der Familie zu befestigen, welche sich durch ihren
Reichthum, ihre Verwandtschaften, den Verstand und die
Regierungsweisheit einiger ausgezeichneten Häupter, einen so großen
Anhang gemacht hatte. So oft die Medici nach einem kurzen Exil in ihr
Vaterland zurückgekehrt waren, hatten sie die republikanischen Formen, die
sie für sich selbst so vortheilhaft fanden, beschützt. Es scheint, Leo X.
wollte ungefähr auf gleiche Art sein Vaterland beherrschen. Aber der
ehrgeizige eitle Neffe, der mehr auf seinen Vater, den Piero, der wegen
seines unverständigen Leichtsinns vertrieben war, als auf seinen weisen
Großvater Lorenzo artete, verlangte mehr. Macchiavelli, der ihn daran nicht
hindern konnte, der weder in Florenz eine Partei hatte, die mächtig genug
gewesen wäre, die Republik herzustellen, noch Einfluß genug auf den
Papst, um die Angelegenheiten seines Vaterlandes auf diesem Wege zu
leiten, wandte sich an den neuen Herzog von Urbino und gab ihm in dem
Buche, welches er ausdrücklich für diesen Zweck schrieb, [pg
12]Rathschläge, wie er sich zum Herrn machen und wie er die Herrschaft
behaupten könne. Von seiner persönlichen Verbindung mit diesem Fürsten
ist übrigens nichts Näheres bekannt. Sein ganzes Leben in dieser Zeit ist
beinahe noch völlig im Dunkeln.

Der frühe Tod des Herzogs von Urbino unterbrach 1519 die Pläne, die
Macchiavelli auf den unternehmenden Geist desselben gebaut haben
mochte; nun benutzte er seine Verbindung mit dem Papst Leo, diesem einen
Entwurf vorzulegen, wie Florenz durch eine neue Verfassung beruhigt
werden könne, indem die Liebe der Einwohner zur Republik befriedigt, und
zugleich dem Papst Leo ein dauernder Einfluß auf dieselbe für die Zeit
seines Lebens gesichert würde. Diesen Entwurf wird Jeder, der die
Geschichte von Florenz seit dem Tode des großen Lorenzo, die Parteien, die
das Gemeinwesen zerrissen, ihre Wünsche und die Bedürfnisse des Staats

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aus den Quellen kennen gelernt hat, für ein Meisterstück erkennen. Der
Verfasser desselben hatte nicht die Befriedigung, seine Ideen ausgeführt zu
sehen, die vermuthlich dem Ehrgeize der Medici noch nicht genug
einräumten.

Lorenzo war so jung gestorben! Papst Leo folgte ihm bald darauf in seinen
besten Jahren. Dennoch entstand keine Veränderung in der Lage des
florentinischen Staates. Das Schicksal rief viele Generationen hindurch die
einzelnen Häupter der Medici frühzeitig ab: der Familie hatte es die
Herrschaft von Florenz bestimmt. Seit dem großen Cosmus war kein
bedeutender Medici fünfzig Jahre alt geworden; aber so oft einer aus
diesem Hause den Schauplatz verließ, trat allemal ein anderer wieder auf,
freilich mit sehr verschiedenem Maße von Talenten ausgerüstet, und mit
abwechselndem Glücke. Jetzt traf die Reihe den Julius, der zuerst als
Cardinal und bald darauf als Papst Clemens der Siebente Haupt der Familie
ward. Von ihm hing nunmehr das Schicksal der Republik ab. Eine Partei,
die aus den vorzüglichsten jungen Männern von Florenz bestand, mit denen
Macchiavelli in der intimsten Verbindung lebte, und zu deren Belehrung er
seine Betrachtungen über den Livius geschrieben, die zweien derselben,
dem Zanobi Buondelmonti und Cosimo Ruccellai, zuge[pg 13]eignet sind,
– dieser Club, der von den Gärten Ruccellai, wo er sich versammelte,
benannt ward, machte Pläne zu einer Herstellung der Republik, die dem
Cardinale Giulio vorgelegt wurden. Die Hoffnung, die man auf seine
anscheinende Mäßigung gebaut hatte, ward vereitelt. Er bewies auch hier
die furchtsame verschlossene Falschheit, die sein ganzes Leben
charakterisirt. Er hatte nie die Absicht gehegt, zu willfahren, oder er änderte
seine Entschließung, als er sah, wohin die Pläne, die man ihm angab, führen
würden. Aber der Patriotismus jener Freunde der Freiheit war ernstlich
gemeint. Sie machten (1523) Anstalt, ihren Entwurf mit Gewalt
auszuführen, und den Cardinal, der im Wege stand, wegzuräumen. Die
Verschwörung ward entdeckt. Luigi Alamanni und Jacopo da Diaceto
verloren das Leben auf dem Blutgerüste. Zanobi Buondelmonti, ein andrer
Ludovico Alamanni, (dem Macchiavelli sein Leben des Castruccio
Castracani zugeeignet hat), Batista della Palla, Anton Bruccioli und einige
ihrer Anhänger geringeren Standes wurden verbannt. Macchiavelli war
ebenfalls in diese Unternehmung verwickelt: er entfloh.4 Die Medici fühlten
sich noch nicht stark genug, den republikanischen Geist der Florentiner zu

Page 16

unterdrücken: sie versuchten es, ihn einzuschläfern, indem sie die letzten
Vorfälle möglichst geschwind vergessen ließen. Der Cardinal fürchtete
Erbitterung zu erregen, die seinen Absichten auf den päpstlichen Stuhl
hinderlich gewesen wäre. Als er diesen ein Jahr darauf wirklich bestieg,
suchte Macchiavelli sich wieder an ihn anzuschließen, und erhielt Aufträge
von Wichtigkeit, von ihm und von der florentinischen Regierung. Wenige
Jahre darauf erlaubten die Umstände noch einen Versuch zur
Wiederherstellung der Republik zu machen. 1527 wurden die Medici aufs
Neue vertrieben und die Freiheit proclamirt. Macchiavelli erschien sogleich
in seiner Vaterstadt. Allein die Bemühungen seiner Freunde Zanobi
Buondelmonti und Luigi Alamanni, ihn in den Rath von [pg 14]zehn
Männern wählen zu lassen, dem die Leitung der öffentlichen
Angelegenheiten übergeben werden sollte, wurden durch die allgemeine
Abneigung vereitelt, die das Volk gegen den Rathgeber der Medici und den
Verfasser des Buchs vom Fürsten gefaßt hatte. Vergeblich suchte er die
Schrift zu unterdrücken, welche seine Gesinnungen so verdächtig machte.5
Der Verdruß über die fehlgeschlagenen Versuche, sich wieder zu heben,
hatte vermuthlich Antheil an seinem Tode, der bald darauf erfolgte.

Die Republik, die der Enthusiasmus des Volks unter günstigen Umständen
errichtet hatte, unterlag nach zwei Jahren der vereinten Macht des Papstes
und des Kaisers. Nachdem Clemens der Siebente sie durch Unterstützung
Karl des Fünften bezwungen hatte und mit ihr nach Gefallen walten konnte,
erneuerten die Freunde des Macchiavelli zum letzten Male ihre
Bemühungen. Sie baten den Papst, neben der ersten Stelle in der Republik,
die er seinem angeblichen Neffen Alessandro zuwenden wollte, die
Hauptzüge einer republikanischen Verfassung bestehen zu lassen, welche
schon Macchiavelli dem Papste Leo X. empfohlen hatte. Das Wesentliche
dieses Entwurfs, wodurch die Bürger einen wirklichen Antheil an der
Verwaltung des Staats erhalten hätten, verwarf Clemens: den Anschein
behielt er anfangs bei, nahm bald aber auch dieses Schattenbild eines
Gemeinwesens weg. Alessandro ward 1531 unumschränkter Herr, und
genoß seine Größe als ein ächtes Kind des [pg 15]Glücks, das weder durch
Talente, noch durch eigne, seien es rühmliche, seien es ruchlose
Unternehmungen, sondern blos durch die Macht eines Andern erhoben war.
Mit Dirnen und Buhlknaben, wie Tacitus vom Domitian sagt, spielte er den
Fürsten, zog Schmausereien und Maskenbälle fürstlichen Beschäftigungen

Page 17

vor, zu denen es ihm mehr an Lust als an Geschicklichkeit fehlte, und
erhielt nach fünf Jahren von einem Vetter Lorenzino von Medici den Lohn
seiner Nichtswürdigkeit, ohne daß dieser Mord den florentinischen
Republikanern zu Gute gekommen wäre. Ein andrer Medici, Cosmus, ward
1536 zum Herzoge ausgerufen, und nach einem Siege über die
republikanische Partei, die sich zum letzten Male unter Anführung des
Filippo Strozzi erhob, wirklicher Beherrscher von Florenz. Dieser beruhigte
endlich das Volk: er bezähmte die Widerspenstigen, besänftigte die
Gemüther, lähmte jede gefährliche Kraft, schmeichelte dem Talente,
beschenkte, versorgte, ehrte Alle, die berechtigte oder unberechtigte
Ansprüche machten;6 und erstickte damit das ganze Geschlecht
vorzüglicher Männer aller Art, wodurch Florenz bis auf seine Zeiten als der
hellste Stern in der neuern Geschichte der Cultur des menschlichen Geistes
geglänzt hatte.

In die Mitte dieser Periode fällt das Leben des M a c c h i a v e l l i (von 1469
bis 1527). In der an Talenten, Künsten und Wissenschaften aller Art reichen
Stadt, in einem Volke, das sich durch den lebhaftesten Verstand und die
heftigsten Leidenschaften auszeichnete, unter den Stürmen einer unsichern
Verfassung und den häufigen Katastrophen derselben war er selbst
unaufhörlich thätig. Die Geschäftswelt hatte ihn gebildet. Der eignen
Erfahrung verdankte er es, daß er aus den großen Schriftstellern des
Alterthums mehr lernte, als Andere darin finden. Sie gab seinem Urtheile
über die frühere Geschichte und über [pg 16]die Ereignisse seiner Zeit die
treffende Schärfe, die man immer mehr bewundert, je mehr man seine
Bemerkungen mit dem vergleicht, was seinem Vaterlande nach seinem Tode
widerfuhr. Die Verhältnisse, in die er verwickelt war, hatten ihm das Innere
der Republiken und die Geheimnisse der Fürsten aufgedeckt. Er verstand
sich auf die Politik jeder Partei. Man findet ihn aber auch in den
entgegengesetztesten Factionen.

Er liebte die Verfassung, in der er geboren und so lange Zeit auf die
glänzendste Art thätig gewesen war. Aber er mochte wol in gewissen
Augenblicken daran verzweifeln, eine dauernde Republik in Florenz
hergestellt zu sehen. Er zeigt selbst im siebzehnten Kapitel des dritten
Buchs seiner „Discorsi“, daß ein verdorbenes Volk sich schwerlich bei der
Freiheit erhalten könne; und im folgenden Kapitel, daß es eben so schwer

Page 18

sei, die verlorne Freiheit wieder herzustellen. Er sagt es gerade heraus,
einem solchen Volke sei es besser, daß sich seine Staatsverfassung der
Alleinherrschaft eines Einzigen nähere: und die Anwendung auf sein
Vaterland liegt nahe genug!

Im Anfange des siebenten Buchs seiner Geschichte bemerkt er, daß die
innern Uneinigkeiten das Leben der Republiken ausmachen, und ihre Stärke
vermehren, so lange sie nicht in Anhang einzelner Häupter oder Familien
ausarten; sobald aber dieses eintritt, den Staat schwächen und das Wesen
der Republik vernichten. In Florenz, sagt er selbst, waren alle innern
Zwistigkeiten von dieser verderblichen Art. „ D a h e r w i s s e n d i e
Florentiner die Freiheit nicht zu behaupten, und
können die Knechtschaft nicht ertragen.“

In der That, wenn man die innere Geschichte von Florenz überdenkt, deren
letzte Katastrophen oben angegeben sind, so findet man, daß die Republik
in den schlechten Zeiten nur elende Anarchie, in den besseren maskirte
Monarchie gewesen war.

Von der frühern Zeit sagt Macchiavelli im Anfange des dritten Buchs seiner
Geschichte: „Die innern Uneinigkeiten, welche in Rom Wetteifer und Streit
erregten, sind in Florenz sehr frühe in Factionen und innern Krieg aus[pg
17]geartet. In Rom veranlaßten sie neue Gesetze, um abzuhelfen: in Florenz
endigten sie stets mit Mord und Verbannung angesehener Bürger. In Rom
dienten sie dazu, daß einzelne große Häupter sich erhoben. In Florenz
haben sie Alles gleich gemacht. In Rom wollte das Volk der größten Ehren
gleich dem Adel theilhaft werden. In Florenz wollte es ausschließlich
herrschen. Die neuen erzwungenen Gesetze waren daher ungerecht gegen
den Adel. In Rom wurden die Niedriggebornen immer edler und fähiger, die
Stellen zu bekleiden, nach denen sie strebten. Durch ihre zunehmende Kraft
und Talente ward der Staat groß. In Florenz wurden die Edlen aus den
öffentlichen Aemtern vertrieben, und mußten dem niedrigen Volke gleich
werden, um zu jenen zu gelangen. Die edeln Eigenschaften, wodurch die
Männer aus dem Volke in Rom den Edelgebornen gleich zu werden
trachteten, wurden in Florenz auch im Adel ausgelöscht. So ward der Staat
immer niedriger und verächtlicher. So wie Rom durch den Uebermuth der
Bürger dahin gerieth, daß es nicht mehr ohne einen Herrn bestehen konnte,

Page 19

so kam es mit Florenz dahin, daß jede Verfassung durch eine geschickte
Hand aufgedrungen werden konnte.“

Die alten Zwistigkeiten des Adels mit dem Volke, von denen Macchiavelli
hier redet, endigten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts mit der
Tyrannei des Herzogs von Athen,7 der den Florentinern durch
neapolitanische Waffen aufgedrungen ward. Aber nach der Vertreibung
desselben theilte sich das Volk aufs Neue in Factionen der Bürger und des
gemeinen Pöbels, welche abermals den Staat zerrissen, bis die Familie
Medici im fünfzehnten Jahrhunderte mächtig genug ward, ihm Festigkeit
und innere Ruhe zu geben, die jedoch von Zeit zu Zeit durch gewaltsame
Katastrophen unterbrochen ward. Als dieser Zustand 1492 mit dem Tode
des Lorenzo von Medici endigte, und das ganze Geschlecht desselben
vertrieben ward, lebte der demokratische Geist wieder auf. Aber in einem
Staate, [pg 18]in dem man so wenig Bürgergeist, dafür desto mehr
Parteiwuth kannte, war es nicht möglich, einen dauerhaften Zustand zu
begründen. Die Familie der Medici, welche sechzig Jahre lang (von 1432
bis 1492) mit so großem eignen Ruhme ihr Vaterland zu Größe, Ehre und
Ruhm geführt, und innerlich einigermaßen ruhig gehalten hatte, konnte dies
nur dadurch bewirken, daß sie den Staat durch eine Partei regierte, die sich
hinter republikanische Formen versteckte, ohne dem Volke wahren Antheil
an der Verwaltung zu verstatten. Sie hatte beständig, wie man sich in unsern
Tagen ausdrücken würde, eine Art von revolutionärer Regierung geführt.
Sie behaupteten nämlich, wie Macchiavelli ihnen vorwirft, daß Florenz
nicht anders regiert werden könne, als durch eine von fünf zu fünf Jahren zu
wiederholende außerordentliche Maßregel, („Ripigliar lo Stato“ genannt),
wodurch die gefährlichen Bürger willkürlich aus der Stadt oder von
öffentlichen Aemtern entfernt, diese aber eben so willkürlich mit
Hintansetzung aller vorgeschriebenen Formen besetzt wurden: das heißt,
sagt Macchiavelli, alle fünf Jahre den Schrecken und die Furcht erneuern,
wodurch das erste Mal diejenigen Menschen in die Flucht geschlagen
waren, welche, mit den Medici zu reden, s c h l e c h t gehandelt hatten.

Wahrlich, eine schöne Republik, in welcher die Formen, Gleichheit und
Theilnehmung so vieler Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten
vorspiegeln, in der That aber Eine Familie unumschränkter herrscht, als ein
Fürst nur immer könnte; wo diese Familie um desto eifersüchtiger Alle

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entfernt, deren Ansprüche sie fürchtet, weil sie das öffentlich anerkannte
Recht allezeit gegen sich hat! Cosmus ist ein großer Mann, Lorenzo ein
noch größerer Mann gewesen. Aber ist der Staat frei zu nennen, wo solche
Männer ausschließlich regieren, und die andern alten Geschlechter
angesehener reicher Bürger, in der Verzweiflung ihr Recht nicht
durchsetzen zu können, zu verräterischen Anschlägen ihre Zuflucht
nehmen?8 Wo die Soderini sich herablassen [pg 19]müssen, Clienten zu
werden, und den Pazzi, unterdrückten Nebenbuhlern, nur Meuchelmord
übrig bleibt, um sich Luft zu machen: wo daher selbst ein Mann wie
Lorenzo von Medici seines Lebens nicht sicher ist!

So dachte Macchiavelli über die Verfassung seines Vaterlandes vor dem
Exile der Medici: das beweist der ganze Ton aller seiner Schriften, in denen
er von den großen Männern aus jenem Hause stets mit Lobe redet, ihre
Nebenbuhler und die Verschwörungen gegen sie nie tadelt.

Nach der Vertreibung dieser herrschenden Partei, 1494, war zwar eine
republikanische Verfassung hergestellt, allein es hatte weder der
demokratische Fanatiker Savonarola, den das Volk eine Zeit lang als einen
Propheten verehrte, und als er einige Prophezeiungen vorbrachte, die nicht
gefielen, mit Jubel verbrennen sah; noch der redliche Freund
republikanischer Gleichheit und allgemeiner Gerechtigkeit, Piero Soderini,
der einige Jahre als Gonfaloniere vergebliche Bemühungen anwandte, die
Verfassung zu befestigen, etwas Dauerndes zu Stande bringen können. Dem
Letzten wirft Macchiavelli vor, daß er sich die eitle Hoffnung gemacht,
allen gährenden Stoff im Staate durch Geduld und Güte zu beruhigen, die
Feindschaften mit Wohlthaten auszulöschen, und die Republik dadurch zu
befestigen, daß er selbst das Beispiel gab, die Gesetze nie zu übertreten. Ein
solcher Charakter kann nicht verfehlen, die allgemeinste Hochachtung zu
erregen: er wird sogar von den Feinden der öffentlichen Ruhe gepriesen, –
von diesen aber eigentlich, weil seine Tugenden ihnen selbst ihr Spiel
erleichtern. Etwas kräftiger noch drückte Macchiavelli sein Urtheil in einem
Sinngedichte aus, das er in einer launigen Stunde auf seinen
demokratischen Freund und Gönner machte.

„In der Nacht, da Piero Soderini starb, fuhr die arme Seele zur Hölle hinab.
Thörichter Geist, rief Pluto ihr entgegen, was willst du in der Hölle? Geh du

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zum unschuldigen Kinderteich!“

[pg 20]
Macchiavelli behauptet, und das wol nicht mit Unrecht, daß Soderini eine
außerordentliche Gewalt hätte anwenden müssen, um sich in den Stand zu
setzen, für die Zukunft eine Herrschaft der Gesetze zu gründen. „Wenn in
einem verdorbenen Zustande der Dinge noch etwas zu hoffen ist,“ sagt er,
„so ist es von einem mächtigen Manne, der sich vorläufig zum Herrn
aufwirft, um eine freie Verfassung vorzuschreiben. Auf andere Art ist es
unmöglich.“

Wer die Eigenschaften besitzt, wodurch man sich zur Herrschaft
emporschwingt, der wird sich freilich nicht dazu verstehen, einen solchen
Gebrauch von ihr zu machen: und das wußte Macchiavelli selbst sehr gut.
Indessen könnte er dennoch wol einen Plan entworfen haben, durch einen
Andern und auf andere Art auszuführen, was damals fehlgeschlagen war.
Den, der geboren ist zu handeln, kann sein eignes treffendes Urtheil, die
vollkommenste Kenntniß der Welt, die lebendigste Ueberzeugung, daß
nichts mehr auszurichten stehe, nicht abhalten, Versuche zu machen, die
ihm selbst vergeblich scheinen. Er sieht ein, daß es besser wäre, alle Pläne
aufzugeben, wenn die Werkzeuge zu ihrer Ausführung nichts taugen. Er
verspottet vielleicht die eitle Hoffnung derer, die es unternehmen, mit
schwachen thörichten Menschen Dinge auszurichten, wozu Kraft, Verstand,
Beharrlichkeit nöthig sind. Und in demselben Augenblicke entwirft er selbst
wieder Pläne, die Verstand, Muth, Beharrlichkeit erfordern: weil der Mann
von kräftigem Verstande immerfort unwillkürlich solche Entwürfe gebiert,
wie ein tüchtiger Baum gute Früchte trägt.

Das ist nicht poetische Schwärmerei. Es gibt solche Menschen, und die
größten Dinge geschehen durch solche, die sich nicht lange besinnen, ob ein
edler Entwurf ausführbar sei; die nicht warten zu beginnen, bis der Zufall
und andre Menschen das Beste gethan haben; sondern die im Vertrauen auf
die gute Sache wagen, und hoffen, die Umstände werden ihnen zu Hilfe
kommen. Diese finden denn auch oft unerwartete Unterstützung: denn sie
selbst beleben Andere, und wecken Kräfte, deren Dasein man nicht ahnte,
weil sie ohne solchen Antrieb nie erwacht wären.

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Auf Macchiavelli möchte dies Alles freilich nicht recht [pg 21]anwendbar
sein. Der dachte immer zunächst daran, was ausgeführt werden könnte.

Wenn es nun aber durchaus unmöglich war, die Verfassung aufrecht zu
halten, auf die sich alle Entwürfe in glücklichen Zeiten bezogen, und die
Nothwendigkeit einleuchtete, sich neuen Verhältnissen zu unterwerfen, so
konnte auch wol ein redlicher Freund der bürgerlichen Gleichheit dahin
gebracht werden, ihr nicht blos zu entsagen, sondern selbst Hand anzulegen,
etwas Erträgliches zu schaffen, um nicht das Unerträgliche unthätig zu
leiden. So haben auch in Florenz späterhin, als das Schicksal durch den
Untergang des Filippo Strozzi die letzten Auswege zur Herstellung der
Republik versperrt hatte; als Alles, was sich auf das Alte bezog, Entwürfe
des Staatsmannes und Verpflichtungen des Bürgers, gleich Träumen
verschwanden; als nichts mehr existirte, worauf eine Hoffnung gegründet
werden konnte, und die neuen Verhältnisse unter der schnell entwickelten
Uebermacht Karls des Fünften es durchaus erforderten, daß Florenz einen
Herrn erhalte, der sich des mächtigen kaiserlichen Schutzes sicher halten
konnte, die geistvollsten und angesehensten Männer der Republik den
Herzögen gehuldigt.

Unter allen diesen Umständen, aber auch nur unter solchen, konnten
Männer von Ehre zu der neuen herrschenden Partei übertreten.
Macchiavelli that diesen Schritt sehr früh, und wie es sich bald zeigte,
voreilig.

Es war zwar schon zu seiner Zeit Manches geschehen, das eine innere große
Veränderung in Italien nothwendig nach sich ziehen mußte. Franzosen,
Spanier, Deutsche kämpften um den Besitz dieses schönen Landes. Durch
innere Uneinigkeit war es dahin gekommen, daß es schien, die Frage könne
nur sein, welche auswärtige Macht Herr werden solle. Das Volk haßte alle
diese Fremden in dem Grade, wie die südlichen Völker hassen, und wie der
Unwille unterdrückter und mißhandelter Völker haßt. Aber wie konnten die
Italiener die Unabhängigkeit wieder erlangen, die für jedes Volk, das
eigenthümliche Denkart, Sitten, Sprache, Gesetze und Verfassung hat, das
höchste Gut, und die Bedingung aller Glückseligkeit ausmacht? Dazu
mußten die gesamm[pg 22]ten Kräfte der Nation in Verbindung gebracht
werden, und eine einzige Richtung erhalten. Dies konnte im damaligen

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Augenblicke schwerlich durch einen Andern geschehen, als durch einen
Medici. Wenn denn Italien der Herrschaft der Barbaren auf keine andere Art
entrissen werden kann, und er das Vaterland nicht anders erlösen will, als
wenn Florenz sich unterwirft, – nun so herrsche Lorenzo über Florenz und
über Italien. Wenn er das Land befreit haben wird, so mögen sich die
Florentiner selbst wieder von ihren Tyrannen befreien und die Republik
herstellen, – wenn sie können. So mag Macchiavelli gedacht haben, als er
dem Lorenzo den Weg zeigte, zur Herrschaft zu gelangen: damit mag
mancher Italiener einverstanden gewesen sein.

Eine solche Entsagung konnte ihm lange nicht so viel kosten, als andern
Anhängern der Republik. Seine Liebe zu ihr war ernstlich: aber sie beruhte
nicht auf dem tiefen Gefühle des Bürgers, dem Gleichheit das erste Gut ist,
und der Alles lieber duldet, als Jemanden über sich zu sehen. Sie entsprang
nicht aus unerschütterlicher Anhänglichkeit an väterliche Sitte und ererbte
Verhältnisse. Das Nachdenken über vergangene Zeiten und Beobachtung
der neuen hatte ihn gelehrt, daß in republikanischen Staaten die
Leidenschaften geistvoller Männer den größten Spielraum erhalten. Aus
diesem Gesichtspunkte beurtheilt er in seinen „Discursen über den Livius“
die römische Republik. An der Erhaltung des Bestehenden lag ihm wenig.
Ihm kam es nur darauf an, seinen Trieb zu unruhiger Thätigkeit zu
befriedigen. Fand in seinem Vaterlande die Verfassung nicht mehr statt, die
er selbst vorgezogen hätte, so ergriff der von Catonischem Eigensinne weit
entfernte praktische Geist, dem auf ächt Italienisch „virtù“ nur Thatkraft
und Verstand sie zu leiten bedeutete, mit eben der Lebhaftigkeit die Idee,
die den neuen Umständen und den Gesinnungen der Mächtigen angemessen
war, und ließ sie eben so geschwind wieder fahren. Macchiavelli hat nicht
etwa in einer großen Katastrophe seine Grundsätze verändert und ist zu
einer Gegenpartei e i n m a l übergetreten: sondern er hat sich bald der
einen, bald der andern ergeben, und nur darauf gedacht, für den Augenblick
den Entschluß zu fassen, [pg 23]der ihm der klügste dünkte, weil er in den
Verhältnissen des Tages der ausführbarste schien. Er hielt es damals für
unvermeidlich, daß Florenz sich unterwerfe: so gab er dem Lorenzo
Rathschläge, um ihm die Herrschaft zuzuwenden, damit Er es sei, dem der
neue Fürst sie, wenigstens zum Theil, verdanke.

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Wer das wollte, durfte nicht vielen Bedenklichkeiten über die Wahl der
Mittel Gehör geben: und Alles, was in der Zeit vorging, hätte auch wol
einen Mann von strengerer Sittlichkeit, als Macchiavelli, verleiten können,
sich über das Gefühl der Menschlichkeit, die gewissenhafte Redlichkeit und
die Scheu vor moralischen Geboten wegzusetzen, um einen großen Plan
zum Besten des Volks auszuführen. Auch ein solcher hätte wol sagen
können: es muß einmal regiert werden, damit das Volk der Erfüllung seiner
eignen Wünsche theilhaft und glücklich werden könne; welches Letztere
wieder in Macchiavelli’s und seiner Zeitgenossen Sinne nichts Anderes
heißt, als politische Leidenschaften befriedigen. Da sich aber die Völker
nicht demjenigen unterwerfen, der durch sittliche Vorzüge über sie
hervorragt, und durch diese verdiente zu regieren, so möge denn derjenige,
der zu herrschen versteht und die Herrschaft zu ergreifen vermag, sich
derselben auf jedem Wege bemächtigen, auf dem man zu ihr gelangt.

Die Geschichte der Zeit enthält nichts als Mord, Treulosigkeit, Verrätherei,
Gewaltthätigkeit durch gedungene Streiter. Was zur Herrschaft führt, ist gut:
so der allgemeine Wahlspruch. Jeder erlaubte sich Alles, was den Weg dazu
bahnen konnte: Alle aber verfehlten ihren Zweck, weil sie nicht Einsicht
genug hatten, die rechten Mittel zu wählen, und weil es ihnen in der
gefährlichen Unternehmung an der Selbstbeherrschung fehlte, die dem
Mächtigen so schwer wird, und doch so nöthig ist, zu verfolgen. So ging
jeder Gewalthaber zu Grunde, die ganze Nation ward eine Beute fremder
Eroberer. Macchiavelli sah, daß der neue Herzog von Urbino denselben
Weg betreten würde, auf dem so Viele vor ihm verunglückt waren. Wenn
denn Niemand Anstand nimmt, Verbrechen zu begehen, wodurch er zur
Herrschaft zu gelangen hofft, so begeht, ruft Macchiavelli [pg 24]dem zu,
der danach strebt, so begeht Eure Unthaten doch nur so, daß sie auch
wirklich zum Zwecke führen.

Die Lehren, welche Macchiavelli hierzu ertheilt, haben den
eigenthümlichen Charakter, der Alles auszeichnet, was aus dem wirklichen
Leben geschöpft ist. Sie sind nicht bloße Erzeugnisse des Nachdenkens,
Resultate allgemeiner Beobachtungen. Sie haben die ergreifende Wahrheit
der Gemälde, dergleichen das überlegenste Talent nicht hervorbringt, ohne
durch wirkliche Anschauung belebt zu sein. Man hatte in Italien oft genug
gewaltige Menschen auftreten sehen, die sich in dem leidenschaftlichen

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Streben nach der Herrschaft über jede Beschränkung durch Gesetz,
sittliches Gefühl und menschliche Empfindung gänzlich wegsetzten. Aber
keiner von ihnen hatte das Maß des Verstandes besessen, ohne den die
Immoralität sich selbst zu Grunde richtet. In Cäsar Borgia, mit dem
Macchiavelli durch Verhandlungen über die Angelegenheiten seines
Vaterlandes in genaue Verbindung gerathen war, glaubte er das vollendete
Ideal eines Mannes zu erkennen, der das wirklich leisten könnte, wonach so
Viele vergeblich gestrebt hatten. Von dieser Vorstellung war er ergriffen.
Alles, was er über die Gesinnungen und Talente geschrieben hat, die zur
Befriedigung der Herrschsucht führen können, ist durch das Bild von jenem
Unholde, der durch die Schärfe des Verstandes und Entschlossenheit des
Geistes andern eben so schlechten Menschen so sehr überlegen war, beseelt.

Lorenzo von Medici war nicht der Mann, etwas Aehnliches zu leisten. Er
konnte wol durch den Einfluß seines Oheims, des Papstes Leo, Herzog von
Urbino werden, aber nicht Herr von Florenz, noch weniger Haupt eines
italienischen Bundes. Hat Macchiavelli ihn nicht genug gekannt? Oder hat
er ihm den Rath, sich zur Herrschaft emporzuschwingen, vielleicht so
gegeben, wie er selbst im dritten Buche seiner Discurse im
fünfunddreißigsten Kapitel sagt, daß man den Großen rathen müsse?
„Diejenigen,“ heißt es hier, „welche einer Republik oder auch einem
Fürsten rathen, kommen in ein Gedränge, indem sie ihre Pflicht verletzen,
wenn sie nicht ohne alle andere Rücksicht den Rath ertheilen, der ihnen für
den Staat oder den Fürsten der [pg 25]nützlichste scheint; so oft sie aber
wirklich solche Rathschläge angeben, Gefahr laufen, das Leben oder doch
ihre Stelle zu verlieren: weil alle Menschen doch darin blind sind, daß sie
jeden guten oder schlechten Anschlag nur nach dem Ausgange beurteilen.
Ich sehe keinen andern Ausweg, als seine Meinung ohne Leidenschaft und
mit Mäßigung vorzutragen, so daß der Fürst, wenn er sie befolgt, seinen
eignen Willen zu thun glaube, und daß er nicht vom Rathgeber mit
Ungestüm verleitet zu werden scheine. Wenn du auf diese Art deinen Rath
ertheilt hast, so ist es nicht wahrscheinlich, daß Volk oder Fürst dir übel
wollen werden, da dein Rath nicht gegen den Willen Andrer durchgesetzt
worden. Die Gefahr entsteht, wenn Viele widersprechen, die, wenn die
Sache übel ausfällt, sich vereinigen, den Rathgeber zu stürzen. Bei jenem
Verfahren geht freilich der Ruhm verloren, der einzuernten ist, wenn man
Rathschläge gegen den Willen Vieler durchsetzt, und die Sache gut ausfällt:

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aber dagegen entstehen zwei Vortheile. Erstens wird die Gefahr vermieden,
und zweitens kannst du große Ehre einlegen, wenn du einen Rath mit
Mäßigung ertheilst, derselbe nicht befolgt wird wegen des erhobenen
Widerspruchs und der Rathschläge Andrer, und alsdann großes Ungemach
entsteht.“

Hat Macchiavelli vielleicht seine Anschläge, zur Herrschaft zu gelangen,
dem Lorenzo von Medici in diesem Sinne gegeben? Hatte derselbe Verstand
genug, sie ganz zu fassen, Urtheil genug, sie richtig anzuwenden,
Dreistigkeit und Beharrlichkeit, sie auszuüben – gelang Alles: gut, so
verdankte er seine Größe dem Unterrichte, und der Rathgeber konnte auf
alle Belohnungen Anspruch machen, die einen solchen Dienst bekrönen.
Fehlte es in irgend einem Stücke, so fiel Lorenzo durch seine eigne Schuld.
Er hatte nicht recht begriffen, nicht recht angewandt, oder die Ausführung
war unvollkommen gewesen. Warum unternahm er ein so schweres Werk,
dem er nicht gewachsen war, und dessen ganze Schwierigkeit Macchiavelli
ihm selbst so lebendig vor Augen gestellt hatte? Diesem blieb alsdann
immer noch übrig es zu machen, wie der Graf von Shaftesbury, der dem
Könige Karl dem Zweiten Rathschläge gab, die die [pg 26]Freiheit der
englischen Nation untergruben, und darauf selbst diesen übermüthigen,
leichtsinnigen und dennoch hinterlistigen Fürsten, da er seine Sache
verdorben hatte, im Parlamente wegen jener Verräthereien gegen die Nation
anklagte.

Warum hätte Macchiavelli Bedenken tragen sollen, selbst mit einem Fürsten
eben so umzugehen, wie er diesen lehrt, andre Menschen zu behandeln, die
ihm zu Werkzeugen dienen? Wir haben keinen Timoleon vor uns, keinen
Junius Brutus, keinen Hampden, keinen Wilhelm Tell: sondern den
verschmitzten Unterhändler am französischen Hofe, Freund des Tyrannen
von Siena, Verehrer des Königs aller Teufel seiner Zeit, des Cäsar Borgia.
Der Staatsmann muß auch mit solchen Menschen umzugehen wissen. Er
muß sich darauf verstehen, sie zu behandeln; er muß seine Gefühle in sich
verschließen können, um unvermeidliche Verhältnisse mit ihnen zu
benutzen, oder doch unschädlich zu machen. Aber das unaufhörliche
Treiben in solchen Verbindungen ist stets gefährlich. Es ist sehr schwer,
dabei sein eignes Gemüth unbefleckt zu erhalten. Die Gewohnheit, seine
Empfindungen zu verläugnen, stumpft sie ab. Man vergißt am Ende die

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natürlichsten Gesichtspunkte, die einfachsten Wahrheiten, und wird durch
die Kunstgriffe seines eignen Verstandes aus seinem wahren Charakter
herausgeworfen: man weiß selbst nicht, wie.

Ein Werk, wie das Buch vom Fürsten, einem großen Herrn vorzulegen, und
es von sich bekannt werden zu lassen, daß man solche Rathschläge gebe,
war ein gewagtes Stück. Aber Macchiavelli überließ sich der politischen
Intrigue mit vollkommner Zuversicht zu sich selbst. Er glaubte damit
spielen zu können, weil er sich auf seine Kraft des Verstandes, die
Sicherheit seines Urtheils und seine dreiste Entschlossenheit verließ. Wie
manche Menschen, denen Niemand diese Vorzüge zugestehen wird,
möchten ihm dennoch gern nachahmen! Alle, die sich ihn zum Muster
nehmen und mit einer Geschmeidigkeit des Verstandes, die sie
macchiavellisch nennen, die Schwäche ihres Charakters, ihre Eitelkeit,
ihren Leichtsinn zu beschönigen suchen, mögen sich zur Warnung dienen
lassen, was ihrem angeblichen Vorbilde begegnete, [pg 27]als der Tod des
Herzogs von Urbino Gelegenheit zu neuen Versuchen für die Herstellung
der Republik gab, und einer derselben endlich gelang. Welchen häßlichen
Contrast damit bildete das Buch vom Fürsten! Der Verfasser hätte das
Meisterstück seiner Feder gern unterdrückt: aber es hatte sogleich, nachdem
er es aus den Händen gegeben, zu viele Bewundrer gefunden: so verlor er
den endlichen Lohn so vieler gefahrvoller und mit schwerem Leiden
verbitterter Unternehmungen, weil er nicht, einer Partei standhaft ergeben,
mit Beharrlichkeit hatte erwarten mögen, ob das Schicksal ihr vergönnen
würde, das Haupt wieder zu erheben.

Wer unter allen Umständen etwas bedeuten will, jedem Herrn und zu jedem
Zwecke dient, nur damit Er etwas gelte, verfehlt das Ziel, nach dem er mit
allzu großer Begierde sich übereilt. Aller Aufwand von Verstand und
Talenten ist unzureichend, um eine wirklich große Rolle zu spielen: dazu
gehört ein großer Charakter. Durch die allzu rege unruhige Eitelkeit wird
das schärfste Urtheil irre gemacht, und die Dreistigkeit im Denken ist oft
nur eine Versuchung mehr, sich verderblichen Anschlägen zu überlassen.
Ueberhaupt hat derjenige, der mit besonnener Mäßigung nach dem Besitze
äußerer Güter strebt, weit mehr Wahrscheinlichkeit sie zu erhalten, als der,
dem sie um keinen Preis zu theuer sind, und der sie unter jeder Bedingung
besitzen will. Der Eigensinn der rastlosen Begierde erregt gemeiniglich

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selbst unüberwindliche Schwierigkeiten. Sogar die öffentliche Achtung,
welche den Gegenstand des edelsten Triebes ausmacht, darf nicht allzu
begierig gesucht werden. Sie ist von der freien Gesinnung der Menschen,
mithin auch von ihrer Laune abhängig. Sie läßt sich nicht abbringen, folgt
aber freiwillig dem, der sie verdient, ohne sie zu begehren. Bemerken die
Menschen, daß man sich ängstlich um ihren Beifall bemüht, so widerstrebt
ihre Selbstsucht. Der Neid versteckt sich hinter dem Vorwand, es sei nur auf
die Befriedigung des Ehrgeizes und der Herrschsucht abgesehen. Wer sich
aber nicht in seinen Bemühungen für Zwecke, die den Beifall der Menschen
verdienen, durch die Begierde nach dem Genusse dieses äußern Lohns irre
machen läßt, und niemals seinem eignen Bewußtsein die [pg 28]fremde
Bewunderung vorzieht, dem wird auch diese letzte nicht entgehen.

Wenn man das Buch vom Fürsten richtig schätzen will, so muß man nicht
vergessen, daß der Verfasser nirgends in der Geschichte als Hauptperson
erscheint, sondern immer nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es rührt von
einem trefflichen Beobachter her, der in die handelnde Welt mit
eingegriffen hatte, sich aber nicht berufen fühlte, seine Lehren selbst in
Ausübung zu bringen. Die Schriften solcher Männer, welche die
Grundsätze, die sie aufstellen, aus ihren eignen Handlungen nehmen, haben
einen ganz andern Charakter. Vielleicht ist mehr Wahrheit in den
Erzählungen einfacher Beobachter; denn es hat doch schwerlich jemals ein
Mann, der große Dinge geleistet hatte, von sich selbst geschrieben, ohne
daß sein Wunsch, der Welt etwas anders zu erscheinen als in seinem eignen
Bewußtsein, einigen Einfluß auf seine Darstellung gehabt hätte. Aber
dagegen sprechen die Empfindungen mit mehr Lebendigkeit in den Werken
derer, die von eignen Handlungen reden. Es ist doch etwas Andres, zu
sagen, was man selbst gethan, oder in allem Ernste bereit ist zu thun; oder
Pläne anzugeben, die Andre ausführen sollen. Bei diesen Spielen des
Verstandes setzt man sich über Alles weg: sobald man aber selbst handeln
soll, erscheinen die Dinge ganz anders, und alsdann lassen die
Einwendungen des Gewissens sich nicht so abweisen. Es ist noch immer
die Frage: ob Macchiavelli, wenngleich er nach den Aussagen von
Schriftstellern, die ihm nicht aus politischen Gründen abgeneigt waren, im
Privatleben ein „schlechter Mensch“ gewesen sein soll, das Alles hätte thun
mögen, was er, der wohl wußte, daß er nicht Fürst werden würde,
demjenigen rieth, der danach strebte.

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Es gibt Menschen, bei denen alle Kräfte in den Kopf treiben; die mit der
durchdringendsten Schärfe des Verstandes Alles durchschauen und zu
jedem möglichen Zwecke die Mittel auf das Treffendste anzugeben wissen:
die aber in der Beurtheilung der Zwecke von ihrer eignen Einbildungskraft
oder von Vorspiegelungen Anderer leicht irre [pg 29]geführt werden. Solche
Männer sind recht gemacht, als Rathgeber zu glänzen. Man hört sie gern,
weil sie nichts gegen die Absichten einwenden, die die Neigung einflößt
und sich so gut darauf verstehen, diese Zwecke zu erreichen. Aber sie sind
gefährliche Rathgeber. Denn weil die Zweckmäßigkeit aller Mittel sie weit
mehr interessirt, als die Beschaffenheit der Zwecke selbst, so überlassen sie
sich dreist allen Combinationen des Witzes; und das um so viel mehr, wenn
sie nicht selbst ausführen sollen, was sie ausgedacht haben. Man findet
daher auch bei ihnen mit dem bewunderungswürdigsten Verstande eine
Versatilität in den Grundsätzen und Absichten, die unbegreiflich scheint, bis
man bemerkt, daß es nicht die Sachen selbst sind, an denen sie Freude
finden; daß es in einem wie im andern Falle nur das Spiel des Verstandes
ist, das sie interessirte. Ist vollends das Talent des Redners oder
Schriftstellers mit jenen Vorzügen verbunden, so werden leicht die edelsten
Gesinnungen und größten Ideen nur als Mittel angesehen, Pläne des
Augenblicks auszuführen, und nach der Wirkung, die der Ausdruck
derselben auf den Zuhörer oder Leser macht, geschätzt.

Der Umstand, daß Macchiavelli einen großen Theil der Achtung seiner
Zeitgenossen seinen schriftstellerischen Talenten verdankte, ist sehr
wichtig. Wenn aus dem Bisherigen klar wird, wie er ein solches Buch hat
schreiben können, so ist noch etwas Unbegreifliches darin, daß er es
bekannt gemacht hat. Derjenige, dem der Rath gegeben wird, sein Wort zu
brechen, und der es eingesteht, daß er diesen Rath befolgen wird, kann sich
schwerlich versprechen, Glauben zu finden. Das Buch vom Fürsten ist voll
solcher Anschläge, die vereitelt sind, sobald sie bekannt werden. Aber
Macchiavelli konnte sich nicht enthalten, das Lieblingskind seines Geistes,
das Meisterstück seines Scharfsinns und seiner unvergleichlichen Feder, zur
Bewunderung aufzustellen; und es war der allgemeinen Denkart der Großen
so angemessen, daß selbst diejenigen, für die es zunächst bestimmt war,
kein Arg daraus hatten, es könne ihnen schaden. Es ging also aus einer
Hand in die andere.

Page 30

Gedruckt ward es indessen erst nach des Verfassers [pg 30]Tode.9 Papst
Clemens der Siebente, ein Medici, naher Verwandter des Lorenzo, dem es
zugeeignet ist, verstattete unbedenklich die öffentliche Bekanntmachung
durch den Druck; und eben dies beweist sehr deutlich, wie sehr die darin
herrschende Gesinnung mit der allgemeinen Denkart der Nation
übereinstimmte. Eben so hat Gregor der Dreizehnte kein Arg daraus gehabt,
was seine Billigung der Pariser Bluthochzeit für eine Wirkung in der
christlichen Welt thun würde. In beiden Fällen sah der päpstliche Hof, der
nie zurückgeht, sich durch die allgemeine Stimme genöthigt, einen
öffentlichen Schritt zu thun, um das Aergerniß zu heben. Als das Geschrei
über Macchiavelli’s Fürsten laut wurde, verdammte Paul der Vierte das
Buch 1559. Der Scandal dauerte fort, und ward so arg, daß 1592 einem
Enkel des Verfassers, dem Niccolo Macchiavelli, in Gemeinschaft mit
einem Neffen desselben, Giuliano de’ Ricci, der Auftrag gegeben ward, das
Tadelnswürdige aus dem Werke wegzuschaffen. Da aber Niemand Interesse
daran hatte, sie zu einer Arbeit anzutreiben, deren Absicht durch die
Ankündigung schon erreicht war, so unterblieb sie, und das Buch ward bis
heute unzählige Male unverändert so aufgelegt, wie es hier folgt.

[pg 31]

Das Buch vom Fürsten.

Page 31

Zueignung
an den Großmächtigen L o r e n z o, Sohn des Piero,
v o n M e d i c i.10

Diejenigen, welche die Gunst eines Fürsten zu erwerben trachten, pflegen
sich ihm mit dem zu nähern, was ihnen unter Allem, das sie besitzen, das
Liebste ist, oder ihm am meisten zu gefallen scheint: daher ihm so oft
Pferde, Waffen, Teppiche, Edelsteine und andre Zierrathen überreicht
werden, die seiner Größe würdig scheinen. Indem ich mich Euch,
großmächtiger Herr, mit einem Beweise meiner unterthänigen Ergebenheit
zu nahen wünsche, finde ich nichts in meinem Vorrathe, was mir werther
wäre, oder ich höher schätzte, als die Kenntniß der Handlungen großer
Männer, die ich durch lange Erfahrung der neuern Zeit und unablässiges
Lesen der Alten erworben. Diese habe ich mit großem Fleiße lange
durchdacht und geprüft, und jetzt in ein kleines Buch zusammengefaßt,
welches ich Euch überreiche, großmächtiger Herr. Und obgleich ich
einsehe, daß es nicht werth sei, vor Euch gebracht zu werden, so hoffe ich
doch von Eurer freundlichen Gemüthsart, es werde gut aufgenommen
werden, in Anbetracht, daß ich kein größeres Geschenk zu geben vermag,
als dieses, welches in den Stand [pg 32]setzt, in so kurzer Zeit Alles
einzusehen, was ich in vielen Jahren, mit so vielen Gefahren und
Mühseligkeiten erlernt und begriffen habe. Dieses Werk ist von mir nicht
geschmückt, noch mit vielem Wortgepränge oder anderer Schminke und
äußerer Zierde aufgeputzt, wie viele Andre ihre Werke zu schreiben und zu
schmücken pflegen: weil ich wollte, daß die Sache selbst sich ehre und die
Wahrheit des Inhalts und der Ernst der Ausführung allein das Buch
empfehle. Es werde mir aber nicht als eine Anmaßung ausgelegt, daß ich,
ein Mann von geringem Stande, es wage, über die Handlungen der Großen
zu urtheilen, und mich erdreiste sie zurecht zu weisen. Denn so wie
diejenigen, welche Landschaften aufnehmen, in die Ebene herabsteigen, um
die Gestalt der Berge und Höhen zu betrachten, und auf die Berge steigen,
um die Thäler zu beobachten, so erkennen zwar die Großen am besten die

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Natur des Volkes; um aber die Fürsten zu kennen, muß man aus dem Volke
sein. Nehmt daher, großmächtiger Herr, dieses kleine Geschenk, in der
Gesinnung, mit welcher ich es überreiche. Ihr werdet darin einen
brennenden Wunsch sehen, daß Ihr zu der Größe gelangt, zu welcher Euch
die Glücksumstände und andre Eigenschaften bestimmt haben. Wenn Eure
Hoheit aber von Eurem erhabnen Standpunkte auf die niedern Orte
herabsieht, in denen ich mich befinde, so werdet Ihr erkennen, mit welchem
Unrechte ich ein anhaltendes widriges Schicksal ertragen muß.

[pg 33]

Page 33

1. Verschiedene Arten der Herrschaft, und Wege, zu
ihr zu gelangen.

Alle Staaten und Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen gehabt
haben und noch haben, sind Republiken oder Fürstenthümer. Diese sind
entweder ererbt, indem sie von dem Geschlechte des Herrschers schon
lange regiert worden sind; oder sie sind neu errichtet. Die neuen sind
entweder von Grund aus neu, so wie die Herrschaft des Franz Sforza zu
Mailand; oder sie sind nur als Theile dem erblichen Staate dessen, der das
Land erwirbt, hinzugefügt, wie z. B. das Königreich Neapel dem Könige
von Spanien gehört. Solche neu erworbene Staaten sind entweder schon
früher an die Herrschaft gewöhnt gewesen, oder die Freiheit ist in ihnen
hergebracht. Sie werden erworben: durch fremde Gewalt, oder durch eigne
Kräfte; durch Glück, oder durch Tapferkeit.

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2. Von den erblichen Fürstenthümern.

Von Republiken will ich nicht reden, weil dies von mir bereits in einem
andern Werke ausführlich geschehen ist. Ich wende mich zur
Alleinherrschaft, und werde nach der oben angegebenen Ordnung erörtern,
wie solche erworben und behauptet werden kann. Ich sage also, daß in den
erblichen Fürstenthümern, die an die Dynastie ihrer Herren gewöhnt sind,
viel weniger Schwierigkeiten entstehen, sie zu erhalten und zu behaupten,
als bei neuen: weil es nur darauf ankommt, die Verhältnisse, so wie sie
unter den Vorfahren waren, nicht zu verändern, und bei allen Vorfällen in
die Gelegenheit zu sehen. Ein solcher Fürst wird sich also stets auf dem
Throne erhalten, es sei denn, daß ganz ungewöhnliche und außerordentliche
äußere Gewalt ihn [pg 34]desselben beraube; und wird er der Herrschaft
beraubt, so vermag er sie wieder zu erlangen, sobald dem, der sie ergriffen
hat, etwas Widriges begegnet. Wir haben in Italien ein Beispiel an dem
Herzoge von Ferrara, der den Venezianern im Jahre 1484 und darauf dem
Papst Julius dem Zweiten durch nichts Anderes Widerstand geleistet hat, als
durch seine in langer Zeit fest begründete Herrschaft. Denn der angeborne
Fürst hat weniger Veranlassung, und ist selten in der Nothwendigkeit, zu
beleidigen. Er ist daher mehr beliebt, und es ist natürlich, daß die Seinigen
ihm wohlwollen, wenn er sich nicht durch außerordentliche Last verhaßt
macht. In der Länge der Zeit einer fortgesetzten Herrschaft wird die
Veranlassung und die Erinnerung der Neuerungen vergessen, wohingegen
Eine Neuerung immer durch sich selbst die Veranlassung zu andern
nachfolgenden zurückläßt.

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3. Von vermischten Herrschaften.

Aber die neuen Herrschaften sind ganz andern Schwierigkeiten
unterworfen. Und zwar erstens, wenn nicht das ganze Reich neu ist,
sondern nur ein Theil davon, und es also ein vermischtes Reich genannt
werden könnte, so entstehen gewaltsame Veränderungen aus natürlicher
Schwierigkeit, welche allen neuen Herrschaften gemein ist, und daher rührt,
daß die Menschen gern ihren Herrn verändern, in Hoffnung, daß es besser
werden könne, und die Waffen hierauf ergreifen: darin aber irren sie, indem
sie bald erfahren, daß es schlimmer wird. Und das liegt wieder in der Natur
der Dinge: weil der neue Herr seine Unterthanen mit Soldaten und auf
manche andre Art zu bedrücken genöthigt ist, blos weil die Herrschaft neu
ist. Du wirst also alle diejenigen zu Feinden haben, die du durch die
Eroberung selbst beleidigt hast, ohne diejenigen, durch deren Hilfe du Herr
geworden bist, zu Freunden zu behalten, weil du sie nicht nach ihren
Wünschen befriedigen kannst, [pg 35]und auch keine kräftigen Heilmittel
anwenden darfst, wegen der Dankbarkeit, die du ihnen schuldig bist. Denn
auch der Mächtigste bedarf der Begünstigung von Einheimischen, um in
das Land einzudringen. Aus dieser Ursache hat Ludwig der Zwölfte von
Frankreich Mailand so geschwind erobert, und so geschwind wieder
verloren. Das erste Mal war die eigne Kraft des vertriebenen Herzogs
Ludwig Sforza hinreichend, weil das Volk, das jenen eingeführt hatte und
sich in seiner Hoffnung getäuscht fand, den Widerwillen gegen die neue
Herrschaft nicht ertragen mochte. Es ist wahr, daß so zum zweiten Male
eroberte Länder nicht wieder so leicht verloren gehen, weil der Herr von der
Rebellion Veranlassung nimmt, sich durch strenge Maßregeln zu sichern,
Verbrecher zu strafen, Verdacht aufzuklären, und an den schwachen Stellen
Vorkehrungen zu treffen. Wenn es, um Mailand den Franzosen zu entreißen,
das erste Mal hinreichend war, daß ein Herzog Ludwig an der Grenze
Rumor anfing, so mußte sich zum zweiten Male die ganze Welt dagegen
vereinigen, um die französischen Heere zu vernichten oder zu vertreiben.
Die Ursachen sind oben angegeben. Dennoch verlor Frankreich das
mailändische Gebiet zum zweiten Male. Die allgemeinen Veranlassungen

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der ersten Begebenheit sind erzählt; es bleibt also noch übrig, die Ursachen
der zweiten zu betrachten, und die Mittel anzugeben, wie man sich in
solcher Lage besser behaupten kann, als der König von Frankreich gethan
hat. Ich sage also, daß solche Provinzen, welche erobert und mit den alten
Staaten des Eroberers verbunden werden, entweder zu demselben Lande
gehören und dieselbe Sprache reden, oder nicht. In dem ersten Falle ist es
sehr leicht, sie festzuhalten, vorzüglich, wenn sie nicht an Unabhängigkeit
gewöhnt gewesen sind. Um sie mit Sicherheit zu beherrschen, ist es
hinreichend, die Familie ihrer vorigen Beherrscher auszurotten; denn weil
die Einwohner ihre alten Gewohnheiten und Verhältnisse beibehalten, auch
übrigens gleiche Sitten [pg 36]mit ihren neuen Mitunterthanen haben, so
leben sie ruhig; wie man es in der Bretagne, Gascogne, Normandie gesehen
hat, welche schon lange mit Frankreich verbunden sind. Wenngleich
zwischen diesen Provinzen und dem übrigen Frankreich in der Sprache
geringer Unterschied ist, so kommen doch die Sitten überein, und daher
vertragen sie sich leicht mit einander. Wer solche Provinzen erobert hat und
sie behalten will, muß auf zwei Dinge Rücksicht nehmen. Erstens: die
Familie der vorigen Regenten zu verlöschen; zweitens: die alten Gesetze
und Verfassungen nicht abzuändern: so werden alte und neue Staaten
baldmöglichst zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Aber wenn
Provinzen eines Landes erobert werden, das an Sprache, Sitten, Verfassung
verschieden ist, so entstehen Schwierigkeiten, und es gehört viel Glück und
große Bemühung dazu, sie zu behalten.11 Eines der kräftigsten Mittel ist,
daß der Eroberer selbst sich hinbegebe, um daselbst seinen Wohnsitz
aufzuschlagen. Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben
es die Türken mit dem griechischen Reiche gemacht, welches sie trotz aller
andern angewandten Bemühungen nicht hätten behaupten können, wenn sie
nicht die Residenz in Konstantinopel genommen hätten. Denn wenn der
Regent sich selbst da befindet, so sieht er alle Unordnungen in ihrer
Entstehung und kann geschwind abhelfen. Ist er nicht gegenwärtig, so
vernimmt er sie erst, wenn sie schon sehr angewachsen sind, und keine
Hilfe mehr ist. Außerdem wird das Land nicht von den Beamten des
Regenten ausgeplündert: es beruhigt die Einwohner, zu ihm selbst seine
Zuflucht nehmen zu können. Ist er gut, so wird er geliebt; wo nicht, so wird
er doch gefürchtet. Fremde, die den Staat angreifen möchten, haben mehr
Rücksicht zu nehmen. So lange der Regent da wohnt, ist es schwer, ihn
dessen zu berauben.

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[pg 37]
Das zweite vorzügliche Mittel ist, Colonien an einen oder zwei Orte zu
senden, die Schlüssel des Landes sind. Dies ist nothwendig. Wer es
unterläßt, muß wenigstens hinreichende Kriegsmacht daselbst halten. Die
Colonien kosten dem Fürsten nicht viel. Er besetzt sie ohne vielen Aufwand
und beleidigt nur diejenigen, die von Haus und Hof vertrieben werden, um
neuen Bewohnern Platz zu machen. Dies ist immer nur der kleinere Theil.
Diese Beleidigten leben zerstreut und sind arm: sie können wenig schaden,
und alle übrigen werden leicht beruhigt, oder sie fürchten sich, daß es ihnen
so ergehen möchte wie Jenen, wenn sie sich rührten. Wohl zu merken ist,
daß die Menschen entweder zur Ruhe geschmeichelt, oder vernichtet
werden müssen. Denn wegen geringer Beleidigungen rächen sie sich;
wegen großer vermögen sie das nicht. Jede Verletzung muß also so zugefügt
werden, daß keine Rache zu besorgen ist. Wird statt der Colonien
Besatzung gehalten, so kostet das so viel, daß die Einkünfte des neuen
Staats daraufgehen. Die Eroberung schlägt also zum Schaden aus und
verletzt weit mehr, weil sie den ganzen neuen Staat trifft. Jeder fühlt die
Last der Einquartierung, und Jeder wird Feind; diese Feinde aber bleiben,
wenn sie geschlagen sind, in ihren eignen Wohnungen. Nach allen Seiten
also ist diese Besatzung schädlich: die Colonien hingegen sind nützlich.
Ferner muß der Herr einer solchen für sich bestehenden abgesonderten
Provinz sich zum Oberhaupte und Beschützer der schwächern Nachbarn
machen, und die Mächtigen unter ihnen zu schwächen suchen: vor allen
Dingen aber verhindern, daß kein andrer Fremder, der so mächtig wäre als
er selbst, hereindringt. Solche werden immer von Unzufriedenen, aus
Ehrgeiz oder aus Furcht hereingelassen. Man hat einst gesehen, daß die
Römer durch die Aetolier nach Griechenland gelassen wurden. Eben so sind
sie in alle Länder, in die sie gedrungen, durch die Einwohner hereingerufen.
Es geht damit also zu. Sobald ein Fremder in [pg 38]einem Lande Fuß faßt,
so hängen sich alle Mindermächtigen in demselben an ihn, aus Neid gegen
denjenigen, der im Lande selbst der Mächtigste war. Gegen jene
Mindermächtigen ist also nur wenig zu thun. Sie sind leicht gewonnen, und
machen gemeinschaftliche Sache mit dem neu eingedrungenen. Dieser hat
nur zu sorgen, daß jene nicht mächtiger werden; und er kann leicht
diejenigen, welche das Haupt emporheben, niederdrücken, und also selbst
die Oberhand behalten. Wer diese Verhältnisse nicht gut zu regieren weiß,
verliert seine Eroberung, und hat unendliche Mühe und Verdruß, so lange er

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sie behält. Die Römer führten ihre Sache in den eroberten Provinzen sehr
gut, sandten Colonien hin, unterstützten die Schwachen, ohne sie zu stark
werden zu lassen, demüthigten die Mächtigen, und ließen das Ansehen
mächtiger Fremden nicht aufkommen. Griechenland dient hinlänglich zum
Beispiele. Sie hielten die Achäer und Aetolier aufrecht, sie erniedrigten die
Könige von Macedonien, vertrieben den Antiochus. Achäer und Aetolier
konnten durch alle ihre Verdienste um sie doch nicht die Erlaubniß
auswirken, irgend einen Staat mit sich zu verbinden; durch alle
Schmeicheleien des Philipp ließen sie sich nicht verleiten, seine Freunde zu
sein, ohne ihn niederzuhalten; Antiochus konnte mit aller seiner Macht
nicht bewirken, daß sie ihm zugestanden hätten, in Griechenland festen Fuß
zu fassen. Die Römer thaten in diesen Fällen, was alle vorsichtigen
Regenten thun müssen, welche nicht allein auf die gegenwärtigen, sondern
auch auf die künftigen Unruhen achten und diesen begegnen. Was man von
ferne kommen sieht, dem ist leicht abzuhelfen; wenn man aber wartet, bis
das Uebel da ist, so kommt die Arznei zu spät,12 und es geht, wie die Aerzte
von der Lungensucht sagen: daß sie zu Anfang leicht zu heilen, aber [pg
39]schwer zu erkennen; wenn sie aber im Anfange verkannt worden, in der
Folge leicht zu erkennen und schwer zu heilen sei. Eben so geht es dem
Staate. Auch in ihm sind die Uebel, die man von fern erkennt, (das vermag
aber nur der, welcher Verstand hat) leicht und geschwind geheilt; hat man
sie aber so weit anwachsen lassen, daß Jeder sie erkennt, so ist kein Mittel
mehr dagegen zu finden. Die Römer also sahen die Verlegenheiten, ehe sie
entstanden, von ferne, und ließen sie nicht näher kommen, um einen Krieg
für den Augenblick zu vermeiden. Denn sie wußten, daß man einem Kriege
nicht so entgeht, wol aber nur zum Vortheile des Gegners aufschiebt. Sie
beschlossen also mit Philipp und Antiochus in Griechenland Krieg zu
führen, um ihn nicht in Italien selbst bestehen zu müssen. Sie konnten ihn
zu der Zeit wohl vermeiden; aber es gefiel ihnen nicht, was die Weisen
unsrer Zeit im Munde führen: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie
verließen sich vielmehr auf ihre Tapferkeit und Klugheit. Denn die Zeit
treibt Alles vor sich her, Gutes wie Schlimmes; Schlimmes führt sie aber
auch eben so leicht herbei als Gutes.

Jetzt wende ich mich zu Frankreich und will untersuchen, ob es eine
ähnliche Politik beobachtet habe, und zwar rede ich von Ludwig dem
Zwölften, und nicht von Karl dem Achten, weil jener sich länger in Italien

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gehalten hat, und der Gang seiner Unternehmungen daher klarer vor Augen
liegt. Wir werden also sehen, wie er das Gegentheil von Allem gethan hat,
was geschehen muß, um in einem fremden Lande Provinzen zu behaupten.
Ludwig der Zwölfte ward in Italien durch den Ehrgeiz der Venezianer
eingeführt, welche die Hälfte von Mailand dadurch zu erwerben hofften. Ich
will diese seine Unternehmung nicht tadeln; denn da er einmal in Italien
Fuß fassen wollte, und wegen des Betragens seines Vorfahren, Karl des
Achten, keine Freunde in diesem Lande hatte, so mußte er wol die
Verbindungen knüpfen, die sich anboten: und die Sache wäre [pg 40]auch
gelungen, wenn er keinen anderweiten Fehler gemacht hätte. So wie der
König die Lombardei eroberte, ward der Ruf, den Karl verloren hatte, bald
wieder gewonnen; Genua fiel, und die Florentiner traten auf seine Seite.
Alles kam ihm entgegen, der Marchese von Mantua, der Herzog von
Ferrara, Bentivoglio (welcher Bologna inne hatte), die Dame von Forli, die
Herren von Faenza, von Pesaro, von Rimini, von Camerino, von Piombino,
die Republiken Lucca, Pisa, Siena, Alles bewarb sich um seine
Freundschaft. Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie
unüberlegt sie gehandelt hatten, als sie, um selbst zwei Städte zu erlangen,
ihn zum Herrn von zwei Dritttheilen von ganz Italien gemacht hatten. Jeder
kann sehen, wie leicht es dem Könige gewesen wäre, sein Ansehen in
Italien zu behaupten, wenn er die erwähnten Grundsätze befolgt, und dem
großen Haufen seiner Freunde durch seinen Schutz Sicherheit gewährt
hätte. Die große Zahl derselben mußte ihm wol anhängen, denn sie waren
insgesammt schwach und fürchteten, einige den heiligen Stuhl, andere die
Venezianer; durch sie aber konnte er wieder Alles, was noch groß und
mächtig im Lande war, im Zaume halten. Kaum aber war er Herr von
Mailand, so that er das Gegentheil, indem er dem Papst Alexander dem
Sechsten zur Herrschaft in der Provinz Romagna verhalf. Er bemerkte
nicht, daß er durch diese Entschließung sich selbst Freunde und Anhänger
nahm, und den Papst erhob, da er diesem zu seinem so kräftigen geistlichen
Ansehen noch so viel weltliche Macht gab. Dieser erste Fehler zog andere
nach sich, so daß er am Ende selbst nach Italien kommen mußte, um der
Macht Alexanders Grenzen zu setzen, und zu verhüten, daß dieser nicht
Herr von Toscana werde. Nicht genug, daß er den Papst auf seine eignen
Unkosten groß gemacht; aus Begierde, das Königreich Neapel zu erlangen,
theilte er es mit dem Könige von Spanien. Das Schicksal von Italien war bis
dahin ausschließlich in seinen [pg 41]Händen. Hiermit aber gab er sich

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selbst einen Genossen, an den Alle, die mit ihm unzufrieden waren, sich
wenden konnten. Statt in jenem Reiche einen König zu lassen, der von ihm
abhängig gewesen wäre, zog er einen hinein, der ihn selbst daraus
vertreiben konnte. Sie ist in der That eine natürliche und gewöhnliche
Sache, die Begierde zu Eroberungen: und die Menschen werden immer
gelobt und nicht getadelt, die so etwas unternehmen, wenn sie es ausführen;
wenn sie das aber nicht vermögen und doch unternehmen, es koste was es
wolle: da liegt der Fehler, und darüber werden sie getadelt. Konnte
Frankreich Neapel mit eignen Kräften angreifen, so mochte es dies thun:
konnte es das nicht, so mußte es das Land nicht theilen. Und wenn die
Theilung der Lombardei mit den Venezianern zu billigen war, weil man
dieser Maßregel den Eingang in Italien verdankte, so verdient jene zweite
Theilung Tadel, weil sie nicht nothwendig war. Ludwig beging also fünf
Fehler. Er vernichtete die Mindermächtigen; vermehrte die Macht eines
Mächtigen; rief einen sehr mächtigen Fremden herein; schlug selbst seinen
Wohnsitz nicht im Lande auf und führte keine Colonien ein. Bei seinem
eignen Leben hätten trotzdem diese fünf Fehler nicht geschadet, wenn nicht
der sechste hinzugekommen wäre, die Venezianer herunterzubringen. Hätte
er nicht den päpstlichen Stuhl so mächtig gemacht, und die Spanier nicht
hereingerufen, so war es vernünftig und nothwendig, die Venezianer zu
erniedrigen. Aber nachdem in jenes Erstere eingewilligt worden, durfte das
Letztere nicht geschehen; denn so lange die Venezianer mächtig waren,
hätten sie immer die Andern abgehalten, die Lombardei anzufallen. Sie
hätten darin nie unter andrer Bedingung eingewilligt, als daß das Land
ihnen selbst überliefert würde; die Andern hätten es aber nie den Franzosen
nehmen mögen, um es den Venezianern zu geben, und beide zugleich zu
bekriegen, hätte man nicht gewagt. Wendet man ein, König Ludwig habe
dem Papst Alexander die [pg 42]Romagna, und Neapel den Spaniern
zugestanden, um einen Krieg zu vermeiden, so antwortete ich: man muß aus
den Gründen, die oben bereits angegeben wurden, niemals ein übles
Verhältniß einreißen lassen, um einen Krieg zu vermeiden; denn er wird gar
nicht vermieden, sondern nur zu deinem Nachtheile aufgeschoben. Sollte
man mir aber etwa das Wort entgegensetzen, das der König dem Papste
gegeben hatte, daß er ihm die Unternehmung auf die Romagna verstatten
wolle, zum Lohne für die Einwilligung in Ludwigs Ehescheidung und für
den erbetenen Cardinalshut des Erzbischofs von Rouen, so berufe ich mich
auf das, was ich hiernächst über Treu und Glauben der Fürsten sagen werde,

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und über die Art, wie sie Wort halten müssen. König Ludwig hat also die
Lombardei verloren, weil er nichts vom Allem beobachtet hat, wodurch
Andere Länder erobert und behalten haben. Und so ist es gar nicht zu
verwundern, sondern vielmehr sehr begreiflich und natürlich. Ich sprach
darüber zu Nantes mit dem Cardinal d’Amboise, Erzbischof von Rouen, als
der Herzog von Valentinois (wie der Cäsar Borgia, Sohn des Papstes
Alexanders des Sechsten, gewöhnlich genannt zu werden pflegte), sich zum
Herrn von der Romagna machte. Der Cardinal warf mir vor, die Italiener
verständen sich nicht auf den Krieg. Ich erwiderte ihm aber, die Franzosen
verständen sich nicht auf die Politik: sonst würden sie den heiligen Stuhl
nicht so mächtig werden lassen. Die Erfahrung hat es bewiesen. Frankreich
hat den Papst und die Spanier in Italien groß gemacht, und hat es selbst
darüber verloren. Hieraus ist eine allgemeine Regel zu ziehen, die niemals
oder doch selten trügt: Derjenige, der einen Andern groß macht, geht selbst
zu Grunde. Denn es kann von ihm nur durch zwei Dinge bewerkstelligt
werden: durch kluge Bemühung, oder durch Gewalt, und beides ist dem,
der mächtig geworden ist, verdächtig.

[pg 43]

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4. Warum das Reich des Darius nach Alexanders
Tode gegen seine Nachfolger nicht aufstand?

Wenn man die Schwierigkeiten erwägt, welche es hat, eine neu errungene
Herrschaft zu behaupten, so könnte man sich wundern, wie es zugegangen,
daß das ganze von Alexander dem Großen innerhalb weniger Jahre eroberte
asiatische Reich, welches er kaum in Besitz genommen, als er starb, und
wovon man deswegen hätte glauben sollen, daß es gegen seine Nachfolger
aufstehen werde, von diesen dennoch behauptet wurde, ohne alle andern
Schwierigkeiten, als die, welche ihre eignen Uneinigkeiten erzeugten. Ich
antworte darauf, daß alle Herrschaften, von denen man Kunde hat, auf
zweierlei Weise regiert worden sind. Entweder durch einen Herrn, der sich
nur solcher Diener bediente, die vermöge der ihnen aus Gnaden verliehenen
Gewalt, blos als Werkzeuge, zu der Verwaltung mitwirkten; oder durch
einen Herrn und kleinen Fürsten, die ihre Stellen nicht der Gnade des
Herrn, sondern ihrer eignen Abkunft verdankten. Solche hohe Beamten
haben eigne Länder und Untertanen, von denen sie als Herrn anerkannt
werden, und die ihnen anhängen. Die Regenten, welche blos mittelst ihrer
bestellten Beamten regieren, haben weit größeres Ansehn, weil Niemand im
ganzen Lande ist, der nicht dieses Ansehn anerkennt: und wenn er einem
Andern gehorcht, so ist es nur als dem Stellvertreter und Diener des
Oberherrn. Solchen Personen sind aber die Unterthanen nicht sonderlich
zugethan. Beispiele von beiden Arten von Regierungsform geben die
Türken und die Franzosen. Das ganze türkische Reich wird von einem
Monarchen regiert: die andern sind seine Diener. Es ist in Bezirke getheilt,
die von einzelnen Personen verwaltet werden, welche der Sultan nach
Willkür ein- und absetzt. Der König von Frankreich hingegen ist von einer
großen Zahl von alten Fürstenhäusern umgeben, deren Herrschaft von ihren
Unterthanen anerkannt [pg 44]und geliebt wird. Diese Fürsten haben
Vorrechte, die der König nicht ohne Gefahr antasten kann. Wer diese beiden
Regierungsformen betrachtet, wird finden, daß es schwer ist, das türkische
Reich zu erobern: sobald es aber erobert wäre, würde es leicht sein, es zu

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behaupten. Die Schwierigkeiten der Eroberung sind folgende. Der Eroberer
kann nicht durch inländische Fürsten hereingerufen werden, und darf nicht
auf Unterstützung von Rebellen hoffen, aus oben angeführten Gründen. Da
sie alle Knechte sind, so ist es schwer, sie zu bestechen, und wenn sie
bestochen wären, so würde es wenig helfen, weil sie aus den angegebnen
Ursachen nicht im Stande sind, das Volk mit in ihr Interesse zu ziehen. Wer
also die Türken angreift, muß erwarten, sie einig zu finden, und darf nur auf
seine eignen Kräfte rechnen, wenig auf die Uneinigkeit des Gegners. Wenn
der Feind aber überwunden ist, so daß er keine Armee wieder aufzustellen
vermag, so ist nichts mehr zu fürchten, als die regierende Familie, nach
deren Untergange kein Mensch mehr Ansehn genug im Volke hat, mit
Erfolg aufstehen zu können. So wie der Sieger vor dem Siege auf Niemand
hoffen konnte, so hat er nach demselben Niemand mehr zu fürchten. Das
Gegentheil findet statt bei Reichen, die so regiert werden, wie Frankreich,
in die es leicht ist einzudringen, sobald man einen von den hohen
Reichsbeamten gewonnen hat, unter denen sich immer Unzufriedne und
Neuerungssüchtige finden. Diese vermögen es, aus oben angeführten
Ursachen, den Weg ins Land zu öffnen, und den Sieg zu erleichtern.
Nachdem aber hat es unendliche Schwierigkeiten, sich darin fest zu setzen:
sowol mit denen, die Beistand geleistet haben, als mit den Ueberwundenen.
Es ist alsdann nicht genug, das regierende Haus zu vertilgen: denn die
Reichsherren bleiben übrig, die sich zu Häuptern aufwerfen, und das Land
dem Eroberer bei erster Gelegenheit entreißen, wenn er sie weder zu
vertilgen, noch zufrieden zu stellen weiß. Wenn man nun er[pg 45]wägt,
von welcher Beschaffenheit das persische Reich war, so wird man viele
Aehnlichkeit mit dem heutigen türkischen finden. Alexander brauchte also
nur Schlachten zu gewinnen, und sobald Darius todt war, behielt der Sieger
das Reich mit vollkommner Sicherheit. Auch seine Nachfolger hätten es in
völliger Ruhe behalten können, und es entstanden in dem weiten Lande
keine andern Unruhen, als die sie selbst durch ihre Uneinigkeiten erregten.
Aber Länder, die solche Verfassung haben, wie Frankreich, kann man nicht
so ruhig besitzen. In Spanien, in Frankreich, in Griechenland entstanden
unaufhörliche Empörungen gegen die Römer, wegen der vielen
einheimischen Fürsten. So lange das Angedenken an diese währte, blieb der
Besitz ungewiß. Nachdem dieses aber erloschen war, erhielten sich die
Römer durch ihre Macht und die Länge der Zeit in ruhigem Besitze. In der
Folge, als die Römer unter sich selbst zerfielen, vermochte sogar jeder von

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ihnen einen Theil der Provinzen, nach Maßgabe des darin erlangten
Ansehns, in sein Interesse zu ziehen, weil sie ihre eignen Fürsten ganz
verloren hatten und keine andre Oberherrschaft anerkannten, als römische.
Erwägt man dies Alles, so wird sich Niemand wundern, daß es Alexander
so leicht wurde, Asien in Unterwürfigkeit zu halten, dagegen Andre, wie z.
B. Pyrrhus, so viele Schwierigkeiten fanden, ihre Eroberungen zu
behaupten. Der Grund liegt nicht sowol in der Heldenkraft des Eroberers,
als in der verschiedenen Beschaffenheit der Eroberungen.

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5. Wie Städte oder Fürstenthümer zu behandeln sind,
die vor der Eroberung ihre eigne Verfassung hatten.

Wenn Staaten, welche erobert worden, wie wir angenommen haben,
gewohnt gewesen sind, nach eignen Gesetzen und in Unabhängigkeit zu
leben, so gibt es drei Wege, sie zu behandeln. Der erste ist, sie zu Grunde zu
richten; der [pg 46]zweite, daß der Fürst seinen Wohnsitz daselbst
aufschlage; der dritte, sie unter ihren eignen Gesetzen fortleben zu lassen,
sich mit einer jährlichen Steuer zu begnügen, und die Regierung einer
Oligarchie zu übergeben, vermittelst deren das Land in Unterwürfigkeit
erhalten werde. Denn eine solche Regierung weiß wohl, daß sie sich nicht
ohne Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muß Alles thun, um
ihm die Herrschaft zu sichern. Eine Stadt, die gewohnt gewesen ist, frei zu
leben, wird am leichtesten durch ihre eignen Bürger im Gehorsam erhalten.
Als Beispiele können hier die Spartaner und die Römer dienen. Die
Spartaner hatten Athen und Theben inne, übergaben die Herrschaft
derselben einigen Wenigen, und verloren ihre Eroberung trotzdem. Die
Römer zerstörten Capua, Carthago, Numantia, und behaupteten sich
daselbst. Sie versuchten es, Griechenland so zu beherrschen, wie die
Spartaner es gemacht hatten, indem sie die Freiheit proclamirten und die
einheimischen Gesetze bestehen ließen – und es mißlang; so daß sie
gezwungen wurden, viele Städte im Lande zu zerstören, um die Herrschaft
in demselben zu behaupten. Denn es gibt in der That kein sicheres Mittel
dazu, als zu zerstören. Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht, die
gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu leben, und sie nicht ganz auflöst, mag
nur erwarten, selbst von ihr zu Grunde gerichtet zu werden. Denn der Name
der Freiheit dient immer zum Vorwande des Aufstandes, und die alte
Staatsverfassung wird weder über der Länge der Zeit noch über Wohlthaten
vergessen. Was man aber auch immer für Vorkehrungen treffen mag, so
kommen, wenn die Einwohner nicht getrennt und zerstreut werden, immer
der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein, so wie in Pisa
nach so langen Jahren, die es unter der Herrschaft von Florenz gestanden

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hatte. Sind aber Städte oder Länder gewohnt gewesen, unter einem Fürsten
zu leben, und dieser ist ihnen genommen und sein Geschlecht [pg
47]verlöscht; sind sie also gewohnt einen Fürsten zu haben, und haben doch
keinen alten, so vertragen sie sich nicht darin, Einen aus ihrer Mitte zu
erheben; frei leben aber können sie gar nicht. Sie ergreifen also die Waffen
nicht so leicht, und ein Fürst bemächtigt sich ihrer ohne Mühe, und behält
sie auch leicht im Gehorsam. Aber die Republiken bergen mehr Haß und
das Andenken an die verlorne Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten
oder man wählt sie zur Residenz.

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6. Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen
und Tapferkeit errungen werden.

Niemand wundre sich, wenn ich bei Allem, was ich von ganz neuen
Herrschaften und von Regenten und Staaten überhaupt sagen werde, große
Beispiele anführe. Denn da die Menschen fast immer in gebahnten Wegen
gehen, und in ihren Handlungen Andre nachahmen, so muß bei allem
Unvermögen, denen gleich zu kommen, die man nachahmt, ein Mann von
Geist doch immer sich die edelsten Muster vorsetzen, damit er wenigstens,
wenn seine Tugenden gleich das Ziel nicht erreichen, doch einigen
Wohlgeruch von sich gebe; er muß es machen, wie kluge Schützen, die
erkennen, daß das Ziel zu weit entfernt und der Bogen zu schwach sei, und
deswegen die Richtung höher nehmen: nicht um durch Anstrengung bis
dahin zu gelangen, sondern um dadurch das Ziel wenigstens zu erreichen.
Ich sage also, daß ein neuer Fürst mehr oder weniger Schwierigkeit findet,
sich in der Herrschaft zu behaupten, je nachdem er mehr oder weniger
Geisteskräfte besitzt. Und da sowol Tapferkeit als Glück einen Privatmann
auf den Fürstenstuhl erhebt, so können auch die Schwierigkeiten in der
Behauptung der neuen Würde auf beiderlei Art vermieden oder vermindert
werden. Oft hat der sich am längsten erhalten, der doch das wenigste Glück
hatte. Es wird das Geschäft auch oft dadurch erleichtert, wenn der gänzliche
Mangel andrer [pg 48]Staaten den Fürsten nöthigt, in seinem neuen Gebiete
zu wohnen. Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne Tapferkeit
mehr als durch Glück auf einen Thron erhoben sind, so sage ich, daß
Moses, Cyrus, Romulus, Theseus und ähnliche die vorzüglichsten gewesen
sind. Von Moses ist hier nicht viel zu sagen, weil er nur ausführte, was ihm
von Gott aufgetragen war, und er also nur deswegen bewundert zu werden
verdient, weil Gott ihn seiner Aufträge würdigte. Wenn wir aber den Cyrus
und Andere, die neue Herrschaften gegründet haben, betrachten, so finden
wir sie selbst wirklich bewunderungswerth: auch sind sie wenig in ihrer
Handlungsweise von Moses verschieden, dem göttliche Belehrung zu
Statten kam. Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so

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finden wir, daß sie dem Glücke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten,
das auszuführen, was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt
hätte, so wäre die Kraft ihres Geistes verhaucht: hätte es aber an dieser
gefehlt, so wäre die Gelegenheit vergeblich dagewesen. So mußte Moses
das israelitische Volk in egyptischer Sklaverei finden, damit es bereit sei,
ihm zu folgen. Romulus mußte ausgesetzt werden, um den Gedanken zu
fassen, Rom zu gründen und König zu werden. Cyrus mußte die Perser mit
der medischen Herrschaft unzufrieden, und die Meder durch den langen
Frieden weichlich und weibisch finden. Theseus konnte seinen Geist nicht
beweisen, wenn er die Athenienser nicht zerstreut vorfand. Diese
Gelegenheiten haben jene großen Männer glücklich gemacht: durch die
Größe ihres Geistes aber erkannten sie die Gelegenheit, und dadurch ward
ihr Vaterland glücklich und berühmt. Diejenigen, welche durch ähnliche
Kraft Fürsten werden, haben Schwierigkeiten zu überwinden, um die
Herrschaft zu erlangen: behaupten sie aber sehr leicht. Die Schwierigkeiten,
die sie zu überwinden haben, entstehen zum Theil von den neuen
Einrichtungen, die sie genöthigt sind einzuführen, um die [pg 49]neue
Verfassung und ihre eigne Sicherheit zu begründen. Dabei muß man
erwägen, daß es gar keine Sache von größerer Schwierigkeit und von
zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte einer neuen
Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in der alten
Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und diese hat
nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen: theils,
wegen der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze für sich haben;
theils, weil die Menschen von Natur mißtrauisch sind, und an eine neue
Sache nicht glauben, bis sie sie wirklich klar vor sich sehen. Daher kommt
es, daß diejenigen, die der neuen Ordnung feindlich sind, sie bei jeder
Gelegenheit theilweise angreifen, die Freunde derselben sie aber mit
solcher Lauheit vertheidigen, daß das Oberhaupt sammt ihnen in Gefahr
gerathen kann. Um hier ein richtiges Urtheil zu fällen, muß man wohl
untersuchen, ob die Neuerer auf eignen Füßen stehen, oder von Andern
abhängen; ob sie mithin ihr Unternehmen mittelst guter Worte oder durch
Gewalt durchsetzen können. Im ersten Falle geht es ihnen stets schlecht,
und sie gelangen zu nichts. Wenn sie aber auf eignen Füßen stehen und
durch eigne Kräfte mit Gewalt durchsetzen können, so mißlingt es selten.
Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen; die
unbewaffneten aber sind zu Grunde gegangen; denn zu jenen Ursachen

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kommt noch der Wankelmuth des Volks hinzu, welches sich leicht etwas
einreden läßt, aber sehr schwer dabei festzuhalten ist. Und der Plan muß so
angelegt sein, daß, wenn sie aufhören zu glauben, man sie mit Gewalt dazu
anhalten kann. Moses, Cyrus, Theseus, Romulus hätten ihre Anordnungen
nicht lange aufrecht erhalten können, wenn sie nicht Gewalt der Waffen
hätten gebrauchen können; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo
Savonarola gegangen ist, der mit sammt seiner neuen Staatsverfassung zu
Grunde ging, als das Volk aufhörte ihm zu glauben, und er keine Mittel [pg
50]hatte, seine Jünger beim Glauben festzuhalten, und die Ungläubigen zu
überführen. Solche haben daher große Schwierigkeiten zu überwinden, und
müssen dies Abenteuer durch ihre eigne Tapferkeit bestehen. Sobald sie
aber gesiegt haben und anfangen hohes Ansehn zu erlangen, ihre Neider
daneben aus dem Wege geschafft sind, so bleiben sie mächtig, sicher, geehrt
und glücklich. So großen Beispielen will ich noch eins hinzufügen, das
zwar geringer ist, aber doch damit verglichen werden kann, und statt aller
andern ähnlichen dienen soll. Dies sei Hiero von Syracus. Er ward aus
einem Privatmann Fürst von Syracus, und das Glück hatte keinen weitern
Antheil daran, als daß es die Gelegenheit herbeiführte: denn die
Syracusaner, welche unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer, und
in dieser Stelle erwarb er sich durch Verdienste die fürstliche Würde. Seine
Eigenschaften waren so edel, daß von ihm erzählt wird, es habe schon als
Privatmann ihm nichts zum Herrschen gefehlt, als die wirkliche Herrschaft
selbst. Er löste die alte Armee auf und schuf eine neue; verließ seine alten
Verbindungen und knüpfte neue an. Zahlreiche Freunde und Krieger hingen
ihm an, mit deren Hilfe er jede Verfassung einrichten konnte: also, daß er
zwar viele Mühe hatte aufwenden müssen, um zu erwerben, aber nur wenig,
um das Erworbene zu behaupten.

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7. Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde
Unterstützung und durch Glücksfälle erworben
werden.

Diejenigen, welche durch bloßes Glück Fürsten werden, gelangen dazu
ohne sonderliche Mühe; aber sich auf dem Throne zu erhalten, wird ihnen
schwer. Auf dem Wege fanden sie keine Schwierigkeiten; denn sie wurden
hinaufgehoben: aber wenn sie oben sind, so beginnen jene. Dieses trifft
diejenigen, welche für Geld oder durch die Gnade eines Andern Fürsten
geworden sind: zum Beispiel manche [pg 51]Griechen sind vom Darius zu
Fürsten in Ionien und am Hellespont gemacht, damit sie seine Sicherheit
und sein Ansehn beförderten. So auch sind viele Kaiser durch Bestechung
der Soldaten zu ihrer Würde gelangt. Diese hängen lediglich vom guten
Willen und dem Schicksale derer ab, welchen sie ihre Erhebung verdanken;
Beides aber gehört zu den wandelbarsten Dingen auf Erden. Sie verstehen
sich nicht darauf, und sie vermögen es auch nicht, sich auf einer solchen
Stelle zu erhalten; denn wenn es nicht etwa ein Mann von großem Geiste
und Kraft ist, so kann man nicht voraussetzen, daß derjenige, der immer im
Privatstande gelebt hat, zu befehlen wisse: sie vermögen es auch nicht, weil
sie keine Mannschaft haben, die ihnen ergeben und treu wäre. Ferner
können plötzlich entstandene Herrschaften, gleichwie Alles, was geschwind
entsteht und wächst, keine tiefen Wurzeln schlagen; mithin reißt der erste
Sturm sie aus: es sei denn, daß derjenige, den das Glück erhoben hat, so viel
Verstand und Talent habe, das, was ihm der Zufall in den Schooß geworfen
hat, zu bewahren, und die Unterlage nachzuholen, die Andre sich
angeschafft haben, ehe sie Fürsten wurden. Von jeder der beiden
angegebenen Arten dazu zu gelangen, will ich je ein Beispiel aus der
Geschichte unsrer Tage anführen. Diese sind F r a n c e s c o S f o r z a und
C ä s a r B o r g i a. Der Erste ward durch große Tapferkeit und überlegte
Anwendung der gehörigen Mittel Herzog von Mailand. Was er mit vieler
Mühe erworben hatte, ward ihm durch die Umstände leicht zu bewahren.
Der Andre, Cäsar Borgia, (insgemein Herzog von Valentinois genannt),

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gelangte zu seiner hohen Stelle durch den Glücksstern seines Vaters, und
verlor sie zugleich mit diesem, trotzdem er alle mögliche Bemühung
anwandte und Alles that, was ein kluger und muthiger Mann zu thun hat,
um in dem Staate, den er durch die Waffen und das Glück eines Andern
erhalten hatte, feste Wurzeln zu treiben. Denn wie schon gesagt ist, wer
nicht [pg 52]damit angefangen hat, Grund zu legen, kann es allenfalls durch
große Anstrengung nachholen, allemal aber doch mit Gefahr des
Baumeisters und des Gebäudes. Bei der Betrachtung aller Fortschritte des
Herzogs wird man finden, wie viel er gethan, um zu seiner künftigen Größe
festen Grund zu legen. Ich halte es nicht überflüssig, dieses ausführlich
darzuthun, weil ich einem neuen Fürsten keinen bessern Rath zu geben
weiß, als seinem Beispiele zu folgen: und wenn seine Anstalten den Zweck
dennoch verfehlten, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an einem ganz
außerordentlichen und höchst widerwärtigen Schicksale.

Alexander der Sechste fand große Schwierigkeiten in dem Plane, seinen
Sohn zu erheben: und das sowol in der Gegenwart als in der Zukunft. Vor
Allem sah er gar keinen Weg, ihm zu andern Besitzungen zu verhelfen, als
zu solchen, die im Kirchenstaate lagen. Er wußte aber wohl, daß der Herzog
von Mailand und die Venezianer das nicht verstatten würden, weil Faenza
und Rimino schon unter venezianischem Schutze waren. Außerdem sah er,
daß die italienischen Waffen, besonders diejenigen, deren er sich bedienen
konnte, denen anhingen, welche die Größe des päpstlichen Stuhls
fürchteten. Sie waren sämmtlich den Orsini und den Colonna ergeben, und
mithin war ihnen nicht zu trauen. Es war also nothwendig, diese
Verhältnisse zu stören, und in den Staaten von Italien Alles aufzurühren, um
sich eines Theils derselben zu bemächtigen. Dies ward ihm leicht, weil die
Venezianer aus andern Ursachen damit beschäftigt waren, die Franzosen
wieder in Italien hereinzuziehen. Alexander widersetzte sich diesem also
nicht, sondern begünstigte es vielmehr durch die Einwilligung, welche er zu
der Ehescheidung des Königs Ludwig des Zwölften ertheilte. Dieser brach
hierauf in Italien ein mit Zustimmung der Venezianer und des Papstes: und
kaum war er in Mailand, so hatte Alexander auch schon wegen des großen
Rufs der französischen Macht [pg 53]hinreichende Mannschaft, um seine
Unternehmung auf Romagna zu beginnen. Als er diese Provinz erobert und
die Partei der Colonna geschlagen hatte, und nunmehro diese Eroberung
sichern und weiter gehen wollte, standen ihm zwei Dinge im Wege. Erstens

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die unzuverlässige Treue seiner Soldaten; zweitens die Gesinnungen des
Königs von Frankreich. Er fürchtete, daß die Truppen der Orsini, deren er
sich bedient hatte, von ihm abfallen, und nicht allein an weitern
Eroberungen verhindern, sondern auch die gemachten wieder entreißen
möchten. Vom Könige fürchtete er das Nämliche. Mit den Orsini hatte er es
ganz recht errathen: wie sich bewies, als er nach der Eroberung von Faenza
Anstalt machte, Bologna zu belagern, und sie dabei so schlaff zu Werke
gingen. In Ansehung des Königs ward die Sache klar, als er nach der
Besetzung des Herzogthums Urbino Toscana angriff, und der König ihn
nöthigte, von dieser Unternehmung abzustehen. Hierauf beschloß der
Herzog, sich nicht weiter in Abhängigkeit von fremdem Glücke und
fremden Waffen zu setzen. Er fing also damit an, die Parteien der Orsini
und Colonna in Rom zu schwächen, indem er alle Edelleute, die ihnen
anhingen, zu sich überzog, durch Stellen, Geld und Ehre, welches Alles er
ihnen gab. In wenig Monaten war die Zuneigung zu ihren vorigen
Anführern verlöscht und hatte sich ganz zu dem Herzoge gewandt. Hierauf
sah er die Gelegenheit ab, die Orsini zu vernichten, so wie er schon die
Colonna auseinander gesprengt hatte: und das ging ihm noch besser von
statten. Die Orsini hatten sehr spät gemerkt, daß die Größe des Herzogs und
des päpstlichen Stuhls ihnen den Untergang bereite, und sie kamen darüber
zu Magione im Perusinischen zusammen. Hieraus entstanden die Rebellion
von Urbino, die Aufstände in Romagna und unzählige Gefahren des
Herzogs, die er mit Hilfe der Franzosen überstand. Als er aber dadurch
wieder zu Ehren gelangt war und den Franzosen nicht traute, [pg 54]andern
fremden Truppen eben so wenig, sie auch nicht auf die Probe stellen
konnte, so legte er sich darauf, sie zu hintergehen, und wußte sich wirklich
so zu verstellen, daß die Orsini sich mit ihm durch Vermittlung des Herrn
Pagolo Orsini versöhnten. Er versäumte hierauf nichts, um sie zu gewinnen,
beschenkte sie mit Kleidern, Geld und Pferden, bis sie sich einfältigerweise
nach Sinigaglia in seine Hände locken ließen. Als er hier die Oberhäupter
aus dem Wege geschafft und ihre Anhänger unterwürfig gemacht hatte, so
war ein guter Grund zur Herrschaft gelegt, indem er ganz Romagna und das
Herzogthum Urbino in seine Botmäßigkeit gebracht, und die Völker
anfingen, sich darunter wohl zu befinden. Dieser Theil seines Betragens ist
vorzüglich würdig, beachtet und nachgeahmt zu werden: daher ich mich
darüber etwas verbreiten muß. Nachdem der Herzog die Romagna unter
sich gebracht hatte, so fand er, daß dies Land ohnmächtigen Herren

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angehört hatte, die ihre Unterthanen mehr ausgeplündert als regiert, und
mehr Unordnung veranlaßt, als öffentliche Ordnung gehandhabt hatten, so
daß diese Provinzen voll von Straßenraub, Parteigängerei und aller Art von
Gewalttätigkeit waren. Er fand also nöthig, sie zu beruhigen und der
Obrigkeit unterthan zu machen. Zu diesem Ende gab er ihr den Remiro
d’Orco zum Vorgesetzten, einen entschlossenen und grausamen Mann. Ihm
ertheilte er volle Gewalt. Derselbe erwarb sich großen Ruhm, indem er das
Land in kurzer Zeit zur Ruhe und Sicherheit brachte. Hierauf aber schien es
dem Herzoge, daß eine so ausnehmende Gewalt nicht mehr gut angebracht
sei, weil sie verhaßt werden möchte. Er ordnete also unter dem Vorsitze
eines ganz vorzüglichen Mannes mitten im Lande einen Gerichtshof an, bei
welchem jede Stadt ihren Vertreter hatte. Weil die vorige Strenge aber
einigen Haß erzeugt hatte, so suchte er diesen auszulöschen und das Volk
vollends dadurch zu gewinnen, daß er ihm bewiese, alle begangenen
Grausamkeiten rührten nicht von [pg 55]ihm her, sondern von der rauhen
Gemüthsart seines Stellvertreters. Er ergriff die erste Veranlassung, ihn
eines Tages zu Cesena auf dem öffentlichen Markte in zwei Stücke
zerrissen auszustellen, mit einem Stücke Holz und einem blutigen Messer
zur Seite. Durch diesen gräßlichen Anblick erhielt das Volk einige
Befriedigung und ward eine Zeit lang in dumpfer Ruhe gehalten. Aber um
wieder auf die Unternehmung des Herzogs zurückzukommen, so fand sich
derselbe mächtig genug und für den Augenblick gegen alle Gefahren
gesichert, da er nach seiner Weise hinreichende Mannschaft angeworben,
und die Truppen derer, die ihm in der Nähe gefährlich werden konnten,
vernichtet hatte. Um weitere Eroberungen versuchen zu können, blieb nur
die Rücksicht auf Frankreich übrig, von woher es schwerlich zugegeben
werden konnte, nachdem der König den Fehler, den er begangen, obwol
spät, eingesehen. Er fing also an, sich um neue Freundschaften zu
bewerben, und mit Frankreich ein zweideutiges Betragen anzunehmen, als
ein französisches Heer sich nach dem Königreiche Neapel zu gegen die
Spanier zu bewegen anfing, die Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich
dieser letztern zu versichern, und das wäre gelungen, wenn nur Alexander
VI. leben blieb. So viel that er in Rücksicht auf die Gegenwart. In der
Zukunft hatte er vornehmlich zu fürchten, daß ein nachfolgender Papst ihm
weniger gewogen sein, und das nehmen möchte, was Alexander ihm
gegeben hatte. Hiegegen hatte er vor, sich durch vier Mittel sicher zu
stellen. E r s t e n s, durch Vertilgung aller Geschlechter der ihrer

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Herrschaften beraubten Großen, um den Päpsten die Veranlassung zu
entziehen, etwas gegen ihn vorzunehmen; z w e i t e n s dadurch, daß er alle
Edelleute von Rom zu gewinnen trachtete, um mittelst derselben den Papst
selbst im Zaume zu halten; d r i t t e n s, indem er sich im Cardinals-
Collegium so viele Freunde als möglich machte; und endlich v i e r t e n s,
indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so große Herrschaft zu er[pg
56]werben suchte, daß er einem ersten Anfalle mit eignen Kräften
hinlänglich widerstehen könne. Von diesen vier Dingen hatte er beim Tode
Alexanders drei ganz und das letzte beinahe vollführt. Von den beraubten
Herren hatte er, so viel er erreichen konnte, tödten lassen, und sehr wenige
waren entkommen, die römischen Edelleute hatte er gewonnen, im
Cardinals-Collegium hatte er die meisten auf seiner Seite. Was aber die
Eroberungen betrifft, so hatte er es darauf angelegt, Toscana unter sich zu
bringen: Perugia und Piombino aber besaß er wirklich, und Pisa hatte er
unter seinen Schutz genommen. Gleich als wenn er auf Frankreich gar
keine Rücksicht mehr zu nehmen hätte, (und wirklich konnte er dessen
überhoben sein, nachdem die Spanier den Franzosen das Königreich Neapel
abgenommen hatten, und nunmehro beide Theile sich um seine
Freundschaft bewerben mußten) erklärte er sich zum Herrn von Pisa,
worauf Lucca und Siena fallen mußten, theils wegen der Eifersucht gegen
Florenz, theils aus Furcht; Florenz selbst hatte keinen Ausweg. Wenn dies
gelungen wäre (und es mußte in dem nämlichen Jahre gelingen, in welchem
Alexander starb), so erwarb er solchen Namen und solche Kräfte, daß er für
sich selbst bestehen konnte, ohne von dem Schicksale oder der Macht eines
Andern abhängig zu sein, sondern ganz allein von eigner Macht und
Tapferkeit. Aber Papst Alexander starb fünf Jahre nachdem er das Schwert
gezogen hatte. Er hinterließ seinen Sohn in folgender Lage. In Romagna
allein festgegründete Herrschaft; mit allen übrigen noch in der Luft, und
zwischen zwei sehr mächtigen feindlichen Heeren; dazu tödtlich krank. Der
Herzog hatte solchen frechen Muth und solche Ueberlegenheit des
Gemüths, er wußte so gut, wie man Menschen für sich gewinnt, und die
Fundamente seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, waren
so fest gegründet, daß er alle Schwierigkeiten überwunden hätte, wenn er
nicht nur jene beiden feindlichen Heere auf dem [pg 57]Halse gehabt, oder
gesund gewesen wäre. Daß sein Ansehn gut begründet war, dafür dient zum
Beweise, daß man ihn in Romagna über einen Monat lang ruhig erwartete;
daß er in Rom selbst halb todt sicher war, und daß die Baglioni Vitelli und

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Orsini, die nach Rom kamen, sich keinen Anhang gegen ihn machen
konnten. Er konnte, wo nicht den neuen Papst machen, doch verhindern,
daß Keiner Papst werde, den er nicht wollte. Wäre er vollends beim Tode
Alexanders gesund gewesen, so war ihm Alles leicht. Am Tage selbst, da
Julius der Zweite auf den päpstlichen Stuhl erhoben ward, sagte er mir, er
hätte an Alles gedacht, was beim Tode seines Vaters vorgehen könne, und
Mittel gegen Alles ausgefunden; nur daran habe er nicht gedacht, daß er zu
gleicher Zeit nahe am Tode sein könne. Wenn ich nun alle Handlungen des
Herzogs zusammennehme, so kann ich ihn nicht tadeln. Vielmehr muß ich
ihn allen denen als Muster aufstellen, die durch Glück und fremde Macht zu
einer Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Geiste und dem Ziele, das er
sich vorgesetzt hatte, konnte er nicht anders handeln. Der frühe Tod seines
Vaters und seine eigene tödtliche Krankheit waren es allein, die seine Pläne
störten. Wer also in seiner neuen Fürstenwürde nöthig findet, sich gegen
Feinde sicher zu stellen, Freunde zu erwerben, zu siegen, sei es durch
Gewalt oder durch List, sich beim Volke beliebt und gefürchtet zu machen,
Anhang und Ansehn unter Soldaten zu verschaffen, vertilgen die beleidigen
könnten, oder es nach ihrer Lage müssen, die alte Ordnung der Dinge auf
eigne Weise erneuern, streng und gnädig sein, großmüthig und freigebig,
untreue Kriegsheere auflösen, neue anwerben, die Freundschaft von
Königen und Fürsten erlangen, so daß sie sich gern gefällig beweisen, und
hüten zu beleidigen, der wird kein lebendigeres Beispiel finden, als die
Handlungen dieses Mannes. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen
kann, ist der Theil, den er an der Wahl Papst Julius des Zwei[pg 58]ten
nahm. Denn, wenn er gleich, wie oben gesagt ist, keinen Papst nach seinem
eignen Sinne machen konnte, so vermochte er doch zu verhindern, und
durfte nie einwilligen, daß einer von den Cardinälen erhoben würde, die ihn
beleidigt hatten, oder die ihn, sobald sie den päpstlichen Stuhl bestiegen
hatten, fürchten mußten. Denn die Menschen befeinden, entweder aus Haß
oder aus Furcht. Diejenigen, die ihn beleidigt hatten, waren unter Andern
der Cardinal von San Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgia, Ascania.
Alle andern aber mußten ihn fürchten, sobald sie Papst wurden: nur allein
den von Rouen und die spanischen ausgenommen. Diese wegen
Verwandtschaft und Verbindlichkeiten; Jener, weil er dazu durch seine
Verbindung mit dem Könige von Frankreich zu mächtig war. Der Herzog
mußte also vor allen Dingen darauf dringen, daß einer von den spanischen
Cardinälen zum Papst gewählt würde. Konnte er das nicht durchsetzen, so

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mußte er seine Zustimmung dem Cardinal von Rouen geben, und nicht dem
von San Pietro ad Vincula.13 Denn wer da glaubt, daß neue Wohlthaten bei
den Großen alte Beleidigungen vergessen machen, der irrt sich. Der Herzog
beging mithin bei dieser Wahl einen Fehler, welcher Ursache seines eignen
Untergangs geworden ist.

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8. Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur
Herrschaft gelangen.

Es gibt noch zwei Wege, aus dem Privatstande zur fürstlichen Würde zu
gelangen, ohne sie weder ganz dem Glücke, noch der eignen Kraft und
Tugend zu verdanken. Ich will sie also hier erwähnen, obgleich von dem
einen ausführlicher da gehandelt werden mag, wo von Republiken die Rede
ist. Sie sind folgende. Wenn Jemand auf verbrecherischen und verruchten
Wegen zur Herrschaft ge[pg 59]langt; und wenn der Bürger eines
Freistaates durch die Gunst seiner Mitbürger auf den Fürstenstuhl erhoben
wird. Hier also zuerst von jenem ersten Wege, von dem ich zwei Beispiele
anführen will; ein altes und ein neues: ohne jedoch weiter in die
Untersuchung darüber einzugehen, weil sie nach meinem Urtheile für
denjenigen hinlänglich klar sind, der sich im Falle befindet, sie nachahmen
zu müssen. Agathokles, der Sicilianer, ward nicht allein aus dem Stande
eines Privatmannes, sondern sogar aus der niedrigsten und verworfenen
Lage König von Syracus. Er war der Sohn eines Goldschmieds, und führte
durch alle Stufen seines Glücks ein verruchtes Leben. Daneben besaß er
aber solche Vorzüge des Geistes und des Körpers, daß er vom Soldaten bis
zum Prätor von Syracus aufstieg. Hierauf beschloß er, Fürst zu werden und
die Macht, die ihm eingeräumt war, mit Gewalt an sich zu halten, ohne dem
guten Willen weiter etwas zu verdanken. Er verabredete sich darüber mit
dem Amilcar, der mit einem carthagischen Heere in Sicilien stand; berief
eines Morgens den Senat und das Volk von Syracus zusammen, unter dem
Vorwande, daß er über Angelegenheiten des gemeinen Wesens zu
rathschlagen hätte; ließ aber auf ein gegebenes Zeichen durch seine
Soldaten alle Rathsherrn und die Reichsten vom Volke ermorden. Nachdem
dieses vollbracht war, ergriff er die Herrschaft und hielt sie an sich, ohne
daß irgend welche innere Bewegungen im Staate erfolgt wären. Er ward
zwar zweimal von den Carthaginiensern geschlagen und zuletzt belagert,
blieb aber doch nicht allein im Stande, die Stadt zu vertheidigen, sondern
mit einem Theile seiner Macht, wovon er den andern zurückließ, Afrika

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selbst anzugreifen, dadurch Syracus in kurzer Zeit zu befreien und die
Carthaginienser in das äußerste Gedränge zu bringen. Diese wurden
genöthigt, sich mit ihm zu vergleichen, sich mit Afrika zu begnügen und
ihm Sicilien zu lassen. Wer seine Handlungen und seine Tapferkeit erwägt,
[pg 60]wird finden, daß hier in der That wenig dem Glücke beigemessen
werden kann: da er, so wie oben gesagt worden, nicht durch Gunst eines
Andern, sondern vielmehr durch ein mit vielem Ungemache und Gefahren
errungenes Aufsteigen im Heere zur fürstlichen Würde gelangte, und diese
mit so großer Entschlossenheit und Dreistigkeit in Gefahren behauptete.
Man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbürger ermorden, Freunde
verrathen, ohne Treu und Glauben sein, ohne menschliches Gefühl, ohne
Religion. So kann man wol zur Herrschaft gelangen, aber keinen Ruhm
erwerben. Wenn man nur die kriegerischen Tugenden erwägt, die
Agathokles bewies, indem er sich in Gefahr begab und sie bestand: den
großen Sinn, womit er das Unglück ertrug und bestand: so ist nicht
abzusehen, worin er eben von den größten Feldherrn so sehr übertroffen
werde. Aber seine wilde Grausamkeit, sein Mangel an menschlichem
Gefühle und zahllose Unthaten erlauben nicht, ihn unter die vorzüglichsten
Menschen zu zählen. Man kann also weder dem Glücke noch seiner Tugend
zuschreiben, was er ohne das Eine und ohne das Andre erlangt hat.14 Zu
unsern Zeiten ist unter der Regierung Papst Alexander des Sechsten der
Oliverotto von Fermo, der vor gar wenigen Jahren noch ganz klein gewesen
war, von einem Oheime mütterlicher Seite, Namens Giovanni Fogliano,
erzogen, und in seinen ersten Jugendjahren zum Kriegsdienste unter Paul
Vitelli angehalten, damit er durch diese Zucht zu einer angesehenen
Kriegsstelle gelangen möchte. Nach Pauls Tode diente er unter dessen
Bruder Vitellozzo, und als ein Mensch von lebhaftem Verstande, von
körperlichen und geistigen Vorzügen, ward er in kurzer Zeit einer der Ersten
in dem [pg 61]Heere. Da es ihm aber zu niedrig war, unter Andern zu
dienen, so versuchte er durch Hilfe einiger Bürger von Fermo, die lieber
Knechte sein, als ihr Vaterland frei sehen mochten, und durch Unterstützung
des Vitellozzo die Stadt Fermo unter sich zu bringen, und schrieb an
Giovanni Fogliani, daß er nach so vielen Jahren einmal nach Hause
kommen und nach seinem Erbtheile sehen wolle; weil er aber bis dahin nur
nach Ehre gestrebt habe, so wolle er, damit seine Mitbürger sähen, wie er
seine Zeit nicht vergeblich verwandt habe, auf eine anständige Art und in
Begleitung von hundert Reitern, Freunden und Anhängern, erscheinen. Er

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bäte also, die Einwohner von Fermo möchten bewogen werden, ihn recht
anständig zu empfangen; was ja ihm, seinem Oheime selbst, der ihn
erzogen, zur Ehre gereichen würde. Giovanni versäumte nichts gegen
seinen Neffen, bereitete ihm einen ehrenvollen Empfang von den
Einwohnern von Fermo und nahm ihn in seinem Hause auf, wo der
Oliverotto nach einigen Tagen, die mit Zubereitungen zu seiner Schandthat
zugebracht wurden, ein Gastmahl gab, zu welchem er den Giovanni selbst
und Alles, was in Fermo angesehen war, einlud. Nachdem die Mahlzeit und
was sonst bei solchen Festen vorzugehen pflegt, beendigt war, fing
Oliverotto absichtlich ernsthafte Gespräche an, redete vom Papst Alexander
und seinem Sohne Cäsar und deren Unternehmungen. Da Giovanni und
Andre sich hierauf einließen, stand er plötzlich auf, sagte, dies seien
Sachen, die in einem geheimern Orte abgehandelt werden müßten, und zog
sich in eine Kammer zurück, wohin ihm Giovanni und andre Bürger
folgten. Kaum aber hatten sie sich gesetzt, so brachen aus verborgenen
Orten Soldaten hervor, die den Giovanni und alle Andern umbrachten. Nach
dieser Mordthat stieg Oliverotto zu Pferde, eilte durch die Stadt und schloß
die Magistratspersonen im Rathhause ein. Diese wurden durch Furcht
bewogen sich ihm zu unterwerfen, und ihn an die Spitze des Staates zu
stellen. [pg 62]Da nun Alle, deren übler Wille ihm schaden konnte, getödtet
waren, so befestigte er seine Herrschaft durch neue Anordnungen,
bürgerliche und militärische: so daß er während des Jahres, da er die
Herrschaft behielt, nicht allein in Fermo sicher, sondern auch allen
Nachbarn furchtbar war. Es wäre schwer gewesen, ihn zu überwältigen,
eben wie den Agathokles; wenn er sich nicht mit den Orsini und Vitelli von
dem Cäsar Borgia zu Sinigaglia (wie oben bereits erwähnt ist) ins Garn
hätte locken lassen, wo er zusammt dem Vitellozzo, seinem Lehrmeister in
Heldentugenden und Schandthaten, erdrosselt ward. Man könnte die Frage
aufwerfen, wie es zugehe, daß Agathokles und mancher Andre nach so
vielen Verräthereien und Grausamkeiten lange in ihrer Vaterstadt sicher
leben und sich gegen auswärtige Feinde wehren können, auch keinen
Verschwörungen ihrer Mitbürger ausgesetzt gewesen: wohingegen Andre
wegen ihrer Grausamkeit sich nicht einmal im Frieden, geschweige denn in
den so gefährlichen Zeiten des Krieges, auf ihrer Stelle behaupten konnten?
Ich glaube, daß dieses von der rechten oder schlechten Anwendung der
Grausamkeit herrührt. Eine wohl angebrachte Grausamkeit (wenn es anders
erlaubt ist, diesen Ausdruck zu gebrauchen) ist diejenige, welche ein

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einziges Mal zu eigner Sicherheit ausgeübt, und nächstdem, so viel
möglich, zum Vortheile der Unterthanen benutzt wird. Schlecht angebrachte
Grausamkeit ist diejenige, die klein anfängt und mit der Zeit eher ab- als
zunimmt. Diejenigen, welche den ersten Weg einschlagen, können, wenn
Gott will, mit Hilfe andrer Menschen, so wie Agathokles, ihre üble Lage
verbessern. Die Andern können sich gar nicht halten. Es ist also wohl zu
merken, daß derjenige, welcher sich der Herrschaft in einem Staate
bemächtigen will, alle Grausamkeiten mit Einem Male vollführen müsse,
um nicht alle Tage wieder anzufangen, und daß er wohl thue, die
Freundschaft der Menschen zu erwerben, indem er von seiner Macht, ihnen
[pg 63]wehe zu thun, keinen Gebrauch macht. Wer anders handelt, sei es
aus Furcht oder aus Mangel an gutem Rathe, muß das Schwert beständig in
der Hand halten, und kann sich nie auf seine Unterthanen verlassen, weil
diese wegen der unaufhörlich erneuerten Beleidigungen kein Zutrauen zu
ihm fassen können. Alle Verletzungen Andrer müssen auf Einmal
geschehen, damit sie weniger überdacht und besprochen, und weniger tief
gefühlt werden. Wohlthaten aber müssen nach und nach erzeigt werden,
damit man sich unaufhörlich damit beschäftige. Vor allen Dingen aber muß
ein Fürst sich einen Plan vorzeichnen, der gut genug überdacht ist, damit er
sich weder durch günstige noch schlimme Zufälle bewegen zu lassen
brauche, davon abzugehen: denn wenn schlimme Zeiten eintreten, so ist es
nicht der Augenblick zu harten Verfügungen, und von wohlthätigen hat man
keinen Dank, weil sie erzwungen scheinen.

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9. Vom Volke übertragene Herrschaft.

Ich komme zu dem zweiten Falle: wenn nämlich Einer aus dem Volke nicht
durch Verbrechen und Schandthaten, sondern durch die Gunst seiner
Mitbürger Fürst in seinem Vaterlande wird. Dieses Fürstentum von ganz
eigner Art könnte man allenfalls ein bürgerliches nennen. Es wird nicht blos
durch Talente oder Glück, sondern vielmehr nur durch eine glückliche und
schlaue Geschicklichkeit erworben. Man gelangt dazu mittelst einer
Begünstigung, entweder des Volks, oder der Großen in ihm. Denn in jedem
Staate gibt es zwei verschiedene Gemüthsbewegungen, die daher rühren,
daß das Volk die Herrschaft und Unterdrückung des Großen nicht ertragen
mag, die Großen aber das Volk zu beherrschen und zu unterdrücken
trachten. Aus dem Streite dieser verschiedenen Bestrebungen entsteht
entweder eine Alleinherrschaft, oder die Freiheit, oder unbändige
Gesetzlosigkeit. Die Herrschaft wird entweder vom Volke oder von den
Großen herbeigeführt, nachdem der eine [pg 64]oder andre Theil dazu
Veranlassung erhält. Denn wenn die Großen sehen, daß sie dem Volke nicht
widerstehen können, so suchen sie Einem unter sich einen großen Namen
zu machen und erheben ihn zum Fürsten, um unter dem Schutze seines
Ansehns ihre eignen Begierden zu befriedigen. Ebenfalls das Volk macht,
wenn es sieht, daß es den Großen nicht widerstehen kann, einen vorzüglich
Angesehenen zum Fürsten, um von ihm geschützt zu werden. Wer durch
Hilfe der Großen Fürst wird, erhält sich schwerer als der, den das Volk dazu
gemacht hat. Denn er findet sich umgeben von Vielen, die sich ihm gleich
dünken, und die er nicht nach seinem Sinne zu behandeln und ihnen zu
befehlen vermag. Aber derjenige, welcher durch die Gunst des Volks Fürst
wird, steht ganz allein so hoch, und ist mit wenigen Ausnahmen von lauter
Leuten umgeben, die ihm zu gehorchen bereit sind. Außerdem kann er auch
die Großen nicht befriedigen, ohne Andre zu beleidigen; wohl aber das
Volk: denn die Wünsche desselben sind viel billiger, als die Wünsche der
Großen. Diese wollen unterdrücken: jenes aber ist zufrieden, wenn es nur
nicht unterdrückt wird. Hierzu kommt noch, daß der Fürst sich eines
feindselig gesinnten Volkes gar nicht versichern kann, weil dessen zu viele

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sind: wohl aber deren, die nur wenige sind. Das Schlimmste, was derjenige
zu fürchten hat, dem das Volk abgeneigt ist, besteht darin, von ihm
verlassen zu werden: aber wem die Großen feind sind, der läuft Gefahr, daß
sie ihn nicht allein verlassen, sondern selbst gegen ihn aufstehen: weil sie
mehr Einsicht und mehr Schlauheit haben, zum Voraus auf ihre Sicherheit
denken, und sich bei demjenigen beliebt zu machen suchen, von dem sie
glauben, er werde den Sieg davontragen. Der Fürst ist außerdem genöthigt,
beständig mit dem nämlichen Volke verbunden zu bleiben; er kann
hingegen ohne die Großen fertig werden, weil er darunter nach Gefallen
erheben und erniedrigen, Ansehn geben und nehmen mag. Um dieses noch
in helleres Licht [pg 65]zu setzen, sage ich, daß es zwei Arten gibt, die
Großen zu behandeln. Sie betragen sich nämlich also, daß sie sich entweder
ganz an dich hängen oder nicht. Diejenigen, welche sich dir verpflichten
und nicht habsüchtig sind, müssen in Ehren gehalten werden und verdienen
große Zuneigung. Diejenigen hingegen, welche sich dir nicht verpflichten
wollen, müssen wieder auf zwei verschiedene Arten betrachtet werden.
Entweder sie thun dies aus Feigheit und natürlichem Mangel des Muthes.
Solcher muß man sich bedienen: absonderlich wenn sie Verstand haben;
denn so lange es gut geht, wird man von ihnen geehrt, und im Unglücke hat
man sie nicht zu fürchten. Wenn sie sich aber aus ehrgeizigen Absichten
nicht verpflichten wollen, beweisen sie damit, daß sie mehr an sich selbst,
als an dich denken. Vor diesen muß sich der Fürst hüten, und sie als
heimliche Feinde behandeln, denn sie sind wirklich immer bereit, im
Unglücke zuzutreten und ihn mit zu stürzen. Wer durch das Volk Fürst wird,
muß das Volk zum Freunde zu behalten suchen. Dies ist leicht, da es
zufrieden ist, wenn es nur nicht gedrückt wird. Wer aber gegen den Willen
des Volks durch den Beistand der Großen Fürst wird, muß vor allen Dingen
suchen das Volk zu gewinnen, was ja sehr leicht ist, wenn er es nur in
Schutz nimmt. Und da die Menschen einem Wohlthäter, von dem sie Uebles
erwarteten, desto dankbarer werden, so wird das Volk ihm noch mehr
unterthan, als wenn es ihn selbst erhoben hätte. Die Mittel und Wege,
wodurch der Fürst das Volk gewinnen kann, sind mannichfaltig, und richten
sich ganz nach den Umständen, weshalb ich sie ganz übergehe. Ich ziehe
indessen den allgemeinen Schluß, daß man suchen müsse, das Volk auf
seine Seite zu ziehen, weil sonst im Unglück kein Rettungsmittel ist. Nabis,
der Fürst der Spartaner, hielt eine Belagerung von allen Griechen aus und
von einem siegreichen römischen Heere; er vertheidigte sich und seinen

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Staat dagegen, und dazu war es hinreichend, sich [pg 66]einiger weniger
Personen zu versichern. Wäre das Volk ihm feind gewesen, so hätte jenes
nicht hingereicht. Man setze mir auch nicht das bekannte Sprichwort
entgegen, daß, wer sich auf das Volk verläßt, auf den Sand bauet. Denn
dieses ist nur alsdann wahr, wenn ein Bürger etwa die Hilfe des Volks gegen
die angebliche Unterdrückung seiner Feinde oder der Obrigkeit anruft. In
diesem Falle kann er sich gar leicht mit falscher Hoffnung täuschen, so wie
es dem Gracchus zu Rom und zu Florenz dem Georg Scali15 ging. Ein Fürst
aber, der zu befehlen versteht und Herz hat, darf nur im Unglücke nicht
weichen, sondern fahre fort Veranstaltungen zu treffen, halte dreist auf seine
Anordnungen und suche das Volk zu beleben. Er wird sich in seiner
Erwartung von ihm nicht betrogen finden. Solche Herrschaften gerathen in
Gefahr, wenn sie aus einer eingeschränkten Verfassung zur freien
Alleinherrschaft aufzusteigen suchen. Denn diese Fürsten führen ihre Sache
selbst oder durch Magistratspersonen. Im letztern Falle ist ihre Macht
unsicher und schwach, weil sie von denen, welche die obrigkeitlichen
Stellen verwalten, gar sehr abhängen. Diese können, absonderlich im
Unglücke, leicht das Oberhaupt umwerfen, indem sie sich ihm widersetzen,
oder auch nur den Gehorsam verweigern: der Fürst aber darf in den
gefährlichen Augenblicken nicht daran denken, die unbeschränkte
Herrschaft an sich zu reißen, weil die Bürger und Unterthanen, welche
gewohnt sind, den obrigkeitlichen Personen zu gehorchen, ihm keine Folge
leisten, und es ihm schwer wird, Personen zu finden, denen er trauen kann.
Diese Fürsten kennen sich gar nicht auf das verlassen, was sie in [pg
67]ruhigen Zeiten sehen, da die Bürger der öffentlichen Ordnung bedürfen.
Alsdann läuft Jeder, verspricht Alles und will für ihn das Leben lassen, so
lange der Tod entfernt ist. In unglücklichen Zeiten aber, wo der Staat Bürger
nöthig hat, finden sich wenige. Ein solches Experiment ist desto
gefährlicher, da man es nur ein einziges Mal machen kann. Ein kluger Fürst
muß daher auf Mittel denken, zu bewirken, daß seine Unterthanen seine
Herrschaft beständig und zu allen Zeiten und unter allen Umständen
bedürfen – dann werden sie ihm treu bleiben.

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10. Wie die Kräfte der Fürstentümer zu schätzen sind.

Bei der Betrachtung der Beschaffenheiten aller dieser Herrschaften kommt
es noch darauf an, ob ein Fürst so viel vermag, daß er sich selbst im Falle
der Noth vertheidigen kann, oder ob er dazu fremder Hilfe bedarf. Um
dieses deutlicher zu machen, sage ich, daß diejenigen ihre Herrschaften
selbst zu behaupten vermögen, welche Menschen oder Geld genug besitzen,
um eine zureichende Armee aufzustellen, und demjenigen, der sie angreift,
eine Schlacht zu liefern. Dahingegen bedürfen diejenigen allezeit fremder
Hilfe, welche nicht gegen den Feind in das Feld rücken können, sondern
genöthigt sind, sich hinter ihre Mauern zurück zu ziehen, um nur diese zu
vertheidigen. Vom ersten dieser Fälle ist bereits oben geredet, und wird in
der Folge noch Mehreres vorkommen. Im zweiten Falle kann man dem
Fürsten nichts Anderes rathen, als seine Stadt zu befestigen, und das Land
preiszugeben. Wer seine Stadt wohl befestigt und sich gegen Nachbarn und
eigne Unterthanen so betragen hat, wie hier oben angerathen ist, und ich
ferner anrathen werde, der wird auch nicht leichtsinnig angegriffen werden,
weil Niemand gern Dinge unternimmt, die Schwierigkeiten haben; und es
so leicht nicht ist, den anzugreifen, der wohl befestigt ist, und seine eignen
Unter[pg 68]thanen zu Freunden hat. Die deutschen Städte haben große
Freiheiten, wenig Territorium, gehorchen dem Kaiser so viel sie Lust haben,
und fürchten weder dieses noch irgend eines andern Benachbarten Macht,
weil sie auf solche Art befestigt sind, daß jeder wohl fühlen muß, wie
schwierig und langweilig es ist, sie zu erobern: sie haben nämlich Wall und
Graben, Geschütz in zureichender Menge, Lebensmittel und Holz zur
Feuerung, auf ein Jahr in Vorrath. Außerdem haben sie die Veranstaltung,
das Volk, ohne Nachtheil des Gemeinwesens, auf ein Jahr in dem Gewerbe,
wovon die kleinen Bürger leben, beschäftigen zu können, um ihm seinen
Unterhalt zu verschaffen. Auch halten sie die Kriegs-Uebungen in Ehren,
und haben dazu mancherlei Anordnungen. Der Fürst, der eine Festung
besitzt, und bei seinem Volke nicht verhaßt ist, kann nicht angegriffen
werden: und würde er es, so müßte der Feind mit Schanden abziehen; denn
die Zufälle sind in dieser Welt so mannichfaltig, daß es beinahe unmöglich

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ist, ein ganzes Jahr das Feld zu halten, um ihn zu belagern. Und wenn man
etwa antwortete, daß das Volk, welches seine Besitzungen draußen hat und
selbige verheeren sieht, es überdrüssig werden und seinen Fürsten
verläugnen wird, so antworte ich, daß ein mächtiger und entschlossener
Fürst diese Schwierigkeiten stets überwinden wird; indem er bei seinen
Unterthanen bald die Hoffnung erregt, es werde nicht lange mehr währen,
bald Furcht vor der Grausamkeit des Feindes einflößt, endlich auch sich auf
eine geschickte Art derer versichert, welche ihm zu dreist scheinen.
Außerdem ist der Feind genöthigt, damit anzufangen, das Land mit Feuer
und Schwert zu verheeren, während die Bürger noch guten Muth und Lust
zur Verteidigung haben. Der Fürst darf daher um so weniger Anstand
nehmen: denn wenn die Gemüther sich abkühlen, so ist der Schade schon
geschehen; es ist vergeblich, darüber zu klagen und die Menschen werden
sich desto enger mit dem Fürsten vereinigen, für den sie ihre Habe [pg
69]und Gut preisgegeben haben, wofür er ihnen Dank schuldig ist. Der
menschlichen Natur ist es gemäß, sich durch das Gute, was man Andern
erzeigt, eben sowol zu verbinden, als durch das, was man empfängt. Wenn
man dieses Alles erwägt, so wird man finden, daß es einem Fürsten nicht
schwer ist, die Gemüther seiner Unterthanen bei einer Belagerung
festzuhalten, wenn er nur Lebens- und Vertheidigungsmittel genug hat.

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11. Von geistlichen Fürstenthümern.

Es bleibt nur noch übrig, von geistlichen Herrschaften zu reden, bei
welchen alle Schwierigkeiten nur vorhanden sind, bis man zum Besitze
gelangt ist: denn sie werden durch ausgezeichnete Kraft oder durch Glück
erworben; aber erhalten, ohne das eine und ohne das andre; denn sie
beruhen auf den alten heiligen Einrichtungen der Religion, welche mächtig
genug sind, ihre Häupter in ihren Stellen zu erhalten, sie mögen sich
aufführen wie sie wollen. Diese allein haben eine hohe Stelle, und brauchen
sie nicht zu vertheidigen; sie haben Unterthanen und regieren sie nicht; ihre
Staaten werden nicht vertheidigt und ihnen doch nicht genommen. Ihre
Unterthanen bekümmern sich nicht darum, daß sie nicht regiert werden, und
denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen, können es auch nicht. Diese
Fürsten also sind allein sicher und glücklich. Aber da dieses von höhern
Ursachen abhängt, an die der menschliche Verstand nicht reicht, so will ich
nicht davon reden. Gott schützt sie: es wäre vorwitzig und dreist, wenn der
Mensch darüber urtheilen wollte. Wenn mich aber Jemand befragte, wie es
zugegangen, daß die Kirche zu solchem weltlichen Staate gelangt, und daß,
nachdem bis auf Alexander den Sechsten jeder, ich sage nicht mächtige
italienische Fürst, sondern jeder Baron und Freiherr, sich im Weltlichen
nichts daraus machte; gegenwärtig der König von Frankreich davor zittert,
und von ihr aus Italien vertrieben ist; Venedig daneben [pg 70]zu Grunde
gerichtet: so will ich darüber folgendes obwol schon genugsam Bekannte,
in das Gedächtniß zurückrufen. Bevor Karl der Achte nach Italien kam, war
dieses Land unter den Papst, Venedig, den König von Napoli, den Herzog
von Mailand und die Florentiner vertheilt. Diese Mächte hatten ihr
Augenmerk auf zwei Dinge zu richten: erstens darauf, daß keine fremde
Macht mit den Waffen eindringe; zweitens, daß keine unter ihnen selbst die
Oberhand gewönne. Diejenigen, welchen dieses am meisten anlag, waren
der Papst und Venedig. Um den letztern Staat klein zu halten, mußten sich
alle übrigen vereinigen, so wie sie es auch wirklich thaten, um Ferrara zu
verteidigen. Den Papst zurückzuhalten, bediente man sich der römischen
Barone, welche in zwei Factionen getheilt waren, die Orsini und die

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Colonna. Unaufhörliche Uneinigkeiten unter diesen veranlaßten sie stets,
unter den Augen des Papstes in den Waffen zu sein, und dieses hielt den
heiligen Stuhl klein und schwach. Und wenn gleich dann und wann ein
Mann von Geist den päpstlichen Stuhl bestieg, so wie Sixtus (der Vierte), so
konnte doch weder Glück noch Verstand von diesen Verhältnissen befreien.
Die Kürze ihrer Regierung war eine Ursache. Denn in zehn Jahren (so lange
dauerte eine päpstliche Regierung im Durchschnitte) konnte kaum eine der
beiden Parteien herunter gebracht werden: und wenn zum Beispiel der Eine
die Colonna und ihre Anhänger gedemüthigt hatte, so folgte Einer, der den
Orsini feind war, und hob jene, die in der kurzen Zeit nicht ganz vertilgt
sein konnten, wieder empor. Daher kam es, daß die weltliche Macht des
Papstes in Italien so wenig geachtet ward. Es stand inzwischen Alexander
der Sechste auf und bewies besser, als irgend ein Andrer jemals gethan hat,
wie viel ein Papst mit Geld und mit seinen Kräften ausrichten kann. Er
bewerkstelligte mittelst seines Sohnes, des Herzogs von Valentinois, und
bei Gelegenheit des Einmarsches französischer Heere, alles das, [pg 71]was
ich oben, als ich von der Handlungsweise des Herzogs sprach,
auseinandergesetzt habe. Seine Absicht ging nicht dahin, den heiligen Stuhl
groß zu machen, sondern nur sich selbst. Durch die Wendung, die die Sache
nahm, gewann aber der Stuhl, welcher nach seinem Tode die Früchte aller
Arbeiten des Herzogs erbte. Auf ihn folgte Julius der Zweite, welcher den
Stuhl schon groß und mächtig fand, da er die Romagna besaß, und daneben
alle römischen Barone durch Alexanders Bemühungen zerschlagen waren.
Daneben besaß er Mittel, Geld zusammen zu bringen, die man vor
Alexander nicht gekannt hatte. Julius trat in dessen Fußtapfen, suchte
Bologna zu erwerben, Venedig herunter zu bringen und die Franzosen aus
Italien zu vertreiben. Dieses gelang ihm Alles zusammen, und gereicht ihm
zu so viel größerer Ehre, da er es nicht zu eignem Privatvortheile, sondern
zu Gunsten des Stuhles unternahm. Die Parteien Colonna und Orsini erhielt
er in dem Zustande, worin er sie fand. Obwol einige Ursache zu
Uneinigkeiten zwischen ihnen vorhanden war, mußten sie doch ruhig
bleiben: erstens, weil ihnen die Größe des päpstlichen Stuhls imponirte, und
zweitens, weil sie beide keine Cardinäle unter sich hatten, von denen immer
alle Unruhen herrühren. So oft Cardinäle aus diesen Häusern sind, so
können diese nicht ruhig sein, weil jene in und außer Rom die Parteiungen
unterhalten, und die Barone genöthigt sind, sie zu vertheidigen. Aus dem
Ehrgeize solcher Prälaten entstehen mithin die Zwistigkeiten und Aufruhr

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unter den Baronen. Es hat also Papst Leo den heiligen Stuhl schon groß und
mächtig gefunden, und so wie seine obgedachten Vorfahren ihn durch die
Waffen gehoben haben, so ist zu hoffen, daß er ihm durch seine großen
persönlichen Eigenschaften und seine Milde Ansehen verschaffen werde.

[pg 72]

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12. Von den verschiedenen Arten der Truppen.

Nachdem ich die verschiedenen Beschaffenheiten der Herrschaften
erwogen, von denen ich mir vornahm zu reden, und die Ursachen angezeigt,
aus denen es ihnen wohl oder übel ergeht, nebst den Mitteln, womit man
versucht hat, sie zu erwerben und zu erhalten, so bleibt mir noch übrig, im
Allgemeinen die Arten des Angriffs und der Vertheidigung durchzugehen,
welche dabei vorkommen können. Wir haben bereits erwähnt, daß eine
Herrschaft auf guten Gründen beruhen müsse, wenn sie nicht
zusammenstürzen soll. Die hauptsächlichste Stütze aller Staaten, der neuen
wie der alten und der vermischten, sind gute Gesetze und tüchtige
Kriegsmacht. Gute Gesetze können nicht bestehen ohne eine gute
Kriegsmacht. Diese aber setzt gute Gesetze voraus. Ich lasse also die
Gesetzgebung liegen und rede von der Bewaffnung; ich sage, daß die
Kriegsmacht, womit ein Fürst seinen Staat vertheidigt, entweder aus eigner
oder gemieteter Mannschaft oder aus Hilfstruppen besteht, oder aus diesen
allen zusammen. Gemiethete Mannschaft und Hilfstruppen sind unnütz und
gefährlich. Wer seine Herrschaft durch Miethlinge zu schützen denkt, steht
nicht fest, und kann nie sicher sein, weil diese unter sich uneins, unbändig,
ohne Disciplin, untreu, übermüthig gegen ihre Freunde, feig gegen die
Feinde sind, Gott nicht fürchten und treulos gegen die Menschen handeln.
Der Untergang ist also nur bis dahin verschoben, wo der Angriff erfolgt. Im
Frieden wird man von ihnen selbst beraubt; im Kriege vom Feinde. Die
Ursache hiervon ist, daß sie nicht aus Zuneigung und aus keiner andern
Ursache im Felde erhalten werden, als um eines geringen Soldes willen,
deswegen sie ihr Leben nicht preisgeben werden. So lange kein Krieg zu
führen ist, wollen sie wol Soldaten sein: so wie aber der Feldzug eröffnet
wird, laufen sie davon oder gehen nach Hause. Es sollte wol ohne viele
Mühe ein[pg 73]leuchten, daß dies sich also verhält; da Italien aus keiner
andern Ursache zu Grunde gegangen ist, als weil man sich so viele Jahre
lang auf Miethstruppen verlassen hat, welche dann und wann einige
Vortheile übereinander erhielten und ganz tapfer schienen; sobald aber
fremde Heere kamen, zeigte es sich, wie sie beschaffen waren. Daher

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konnte Karl der Achte Italien so geschwind überziehen. Wer behauptete,
dies geschehe um unsrer Sünden willen, hatte ganz Recht: aber nicht um
derjenigen willen, die darunter verstanden wurden, sondern wegen derer,
die ich angegeben habe. Die Fürsten hatten die Fehler begangen und
mußten dafür leiden. Ich will die unglücklichen Folgen solcher
Vertheidigungsanstalten noch besser beweisen. Die gedungenen Feldherren
sind entweder vorzügliche Kriegshelden oder nicht. Im ersten Falle kann
man sich auf sie nicht verlassen, weil sie nach eigner Größe streben, und
deshalb darauf denken, entweder denjenigen selbst, der sie gedungen hat,
oder Andre gegen den Willen desselben zu unterdrücken. Ist der
Feldhauptmann kein rechter Krieger, so geht derjenige gemeiniglich zu
Grunde, der ihn gedungen hat. Will man hierauf antworten, daß es einerlei
sei, ob derjenige, der die Kriegsmacht anführt, gedungen ist oder nicht, daß
er in einem Falle handeln werde, wie im andern, so erwidre ich, daß ein
jeder Fürst selbst ins Feld gehen und sein eigner General sein müsse;
Republiken aber Einen ihrer Mitbürger an die Spitze des Heeres stellen
müssen, denselben zurückrufen, wenn er sich nicht hinlänglich geschickt
beweiset, und wenn er der Sache gewachsen ist, ihn im Zaume der Gesetze
halten. Die Erfahrung beweist es, daß Fürsten und Republiken durch eigne
Truppen allein Fortschritte machen, und daß Söldnerheere nur Unglück
anrichten. Eine Republik, welche sich mit eignen Waffen vertheidigt, wird
nicht so leicht von einem ihrer Mitbürger unterjocht, als wenn sie ein
gedungenes Heer hält. Rom und Sparta sind viele Jahrhunderte lang
bewaffnet und frei gewesen. Die Schwei[pg 74]zer sind höchst kriegerisch
und frei. Von Miethstruppen aber gibt Carthago ein Beispiel, welches nach
dem ersten Kriege mit den Römern von ihnen unterdrückt ward, obgleich
die Carthaginienser eigne Bürger zu Generalen bestellt hatten. Philipp von
Macedonien ward von den Thebanern nach dem Tode des Epaminondas
zum Feldherrn erwählt und nahm ihnen dafür die Freiheit, sobald er einen
Sieg erfochten hatte. Die Mailänder besoldeten nach dem Tode des Herzogs
Filippo (Visconti) den Franz Sforza, um gegen die Venezianer Krieg zu
führen. Sobald derselbe sie aber bei Caravaggio überwunden hatte, verband
er sich mit ihnen gegen seine Dienstherren, die Mailänder. Sein Vater
Sforza war im Dienste der Königin Johanna von Neapel, und ließ diese mit
einem Male ganz ohne Vertheidigungsmittel, so daß sie sich dem Könige
von Arragonien in die Arme werfen mußte, um ihr Reich nicht zu verlieren.
Wenn Venedig und Florenz sich durch solche Waffen vergrößert haben, und

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die Anführer derselben sich nicht zu Herren haben aufwerfen können, so
antworte ich auf diesen Einwurf, daß Florenz viel Glück gehabt hat, indem
von den tapfern Generalen, die ihm furchtbar wurden, einige im Kriege
nicht glücklich gewesen sind, andre Widerstand von andrer Seite her
gefunden, endlich noch andre ihre ehrgeizigen Absichten auf andre Orte
gerichtet haben; z. B. hat Giovanni Acuto16 nicht gesiegt; daher nicht
offenbar geworden, wie weit ihm zu trauen gewesen wäre, wenn er gesiegt
hätte. Jeder aber muß eingestehen, daß er in diesem Falle mit Florenz
machen konnte, was er wollte. Franz Sforza hatte beständig den Braccio
und seine Leute sich gegenüber: einer hielt den andern zurück. Francesco
richtete seine Absichten auf die Lombardei, Braccio [pg 75]auf den
Kirchenstaat und Neapel. Wir wollen die neusten Zeiten betrachten. Die
Florentiner haben den Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn erwählt: einen
tapfern Mann, der im Privatstande den größten Ruhm erworben. Wenn
derselbe Pisa erobert hätte, so ist gar nicht zu läugnen, daß er mit Florenz
schalten konnte, wie er wollte; denn wenn er zu ihren Feinden überging,
konnten sie nichts machen: und wenn er es mit ihnen ferner hielt, so mußten
sie ihm gehorchen. Betrachtet man die Fortschritte der Venezianer, so wird
man finden, daß diese sicher und glücklich waren, so lange sie sich dazu
ihrer eignen Kräfte bedienten: das ist, bis sie ihre Unternehmungen auf dem
festen Lande anfingen; denn bis dahin hatten sie tapfer mittelst ihres eignen
Adels und Volkes Krieg geführt. So wie sie aber anfingen auf dem festen
Lande Krieg zu führen, machten sie es wie die übrigen Italiener. Im
Anfange ihrer Eroberungen brauchten sie ihre Generale nicht sonderlich zu
fürchten, weil ihr Staat noch nicht sehr groß war, und sie dafür desto
größeres Ansehen genossen. Als sie aber ansehnliche Fortschritte zu
machen anfingen, welches unter dem Carmignuola geschah, merkten sie,
daß sie auf falschem Wege waren. Sie sahen, wie gefährlich seine
Tapferkeit ihnen zu werden drohte, und sobald sie unter seiner Anführung
den Herzog von Mailand geschlagen hatten und sahen, daß er nunmehr
erkaltete, sie also keine weiteren Vortheile durch ihn zu hoffen hätten, ihn
aber nicht entlassen konnten noch wollten, um das Erlangte nicht zu
verlieren, so sahen sie sich genöthigt, ihn zu ihrer eignen Sicherheit ums
Leben bringen zu lassen. Sie haben hierauf den Bartolomeo von Bergamo,
Ruberto von San Severino, den Grafen von Pitigliano und andre Generale
gedungen, bei denen sie nur zu fürchten hatten, daß sie geschlagen würden,
aber nichts von ihren Fortschritten besorgen durften: so wie es denn auch zu

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Vaila ging, wo sie in einer Schlacht Alles verloren, was sie in achthundert
Jahren mit so vieler Mühe [pg 76]errungen hatten. Denn solches
Kriegssystem bringt langsame und geringe Fortschritte, und plötzlichen
erstaunlichen Verlust mit sich. Da ich auf diese italienischen Beispiele
gekommen bin, in welchem Lande Alles seit vielen Jahren mittelst
gedungener Krieger ausgerichtet wird, so will ich darin noch etwas höher
hinauf gehen, um den Ursprung und die Fortschritte des Uebels zu zeigen,
damit man ihm desto besser begegnen möge. Da in den neuern Zeiten das
kaiserliche Ansehn in Italien fiel, und das weltliche Ansehn des Papstes
dagegen zunahm, war dieses Land in verschiedene Staaten zertheilt.
Mehrere der großen Städte ergriffen die Waffen gegen die Herren, welche
sie unter Begünstigung des Kaisers in der Unterdrückung hielten; der
päpstliche Stuhl aber unterstützte jene, um sich weltliches Ansehn zu
verschaffen. In manchen andern erhoben sich Bürger zur fürstlichen Würde.
Italien gerieth mithin gewissermaßen in die Hände des heiligen Stuhls und
einiger Republiken: Beide aber, Priester und Bürger, waren nicht an die
Waffen gewöhnt, und fingen an Truppen zu miethen. Der Erste, der eine
solche Miliz zu Ehren brachte, war Alberigo da Como Romagnuolo. Aus
seiner Schule gingen unter Andern Braccio und Sforza hervor, die zu ihrer
Zeit über Italien walteten. Auf sie folgten alle Andern, die bis zu unsern
Zeiten die italienischen Heere befehligt haben. Das Ende ihrer Heldenthaten
aber ist gewesen, daß Italien von Karl dem Achten überrannt, von Ludwig
dem Zwölften ausgeplündert, von Ferdinand von Arragonien bezwungen
und von den Schweizern geschändet worden. Jene Anführer von
Miethstruppen fingen damit an, das Fußvolk um seine Ehre zu bringen, um
selbst zu größerem Ansehn zu gelangen. Dieses thaten sie, weil sie selbst
ohne Länder und auf persönliche Mittel beschränkt, mittelst weniger
Fußvölker kein großes Ansehn erhalten, zahlreiche aber nicht ernähren
konnten. Sie beschränkten sich also auf Reiterei, wo sie denn mittelst einer
geringern [pg 77]Zahl Unterhalt und Ehre zu gewinnen vermochten. Die
Sache war dahin gekommen, daß in einem Heere von 20,000 Mann kaum
2000 Mann zu Fuß waren. Außerdem wandten sie Alles an, um sich und
ihren Leuten Mühseligkeiten und Gefahr zu ersparen, indem sie in den
Schlachten einander nicht tödteten, sondern ohne Verwundung gefangen
nahmen. Sie machten des Nachts keine Angriffe auf die Festungen, keine
Ausfälle aus denselben, sie befestigten ihre Lager nicht und hielten das Feld
nicht im Winter. Alles das war ihrer Kriegsordnung gemäß, und wie ich

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schon gesagt habe, ausgedacht, um Mühseligkeit und Gefahr abzuwenden.
Italien ist darüber aber völlig in Sklaverei und Schande gerathen.

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13. Von Hilfstruppen.

Die zweite Art unnützer Kriegsmacht sind die Hilfstruppen: nämlich, wenn
ein Mächtigerer angerufen wird, dich mit seinen Waffen zu unterstützen und
zu vertheidigen, so wie neuerlich Papst Julius, nach der traurigen Erfahrung
mit gedungener Mannschaft, die er bei Ferrara gemacht hatte, den König
Ferdinand von Arragonien anrief, daß er ihm mit seiner Armee zu Hilfe
kommen möchte. Ein solches Heer kann wol für denjenigen, dem es
angehört, etwas Nützliches ausrichten; aber dem, der es herbeiruft, ist es
allemal nachtheilig: denn wird es geschlagen, so bist du überwunden; und
siegt es, so bist du selbst ihr Gefangener. Die alte Geschichte ist auch von
solchen Beispielen voll: ich will aber bei dem vom Papst Julius stehen
bleiben, welches noch ganz neu ist. Dieser hätte keinen schlechtern
Entschluß fassen können, als sich einem Fremden in die Arme zu werfen,
um Ferrara zu erlangen. Zu seinem Glücke kam ein Drittes dazwischen, so
daß ihn die Folgen dieses Fehlers nicht trafen. Da nämlich seine
Verbündeten bei Ravenna geschlagen wurden, und die Schweizer
aufstanden, welche gegen alle Erwartung die Sieger [pg 78]vertrieben, so
fiel er weder in die Hände seiner Feinde, die eben geschlagen waren, noch
seiner Freunde, weil Andere als sie den Sieg davongetragen hatten. Die
Florentiner hatten selbst gar keine Armee, und führten zehntausend
Franzosen vor Pisa, um es zu erobern: woraus für sie selbst größere Gefahr
entstand, als worin sie sich jemals befunden hatten. Der Kaiser von
Konstantinopel sandte zehntausend Türken nach Griechenland, um es gegen
seine Nachbarn zu schützen. Nach beendigtem Kriege weigerten sie sich
aber, es zu verlassen, und dies war der Anfang der Unterjochung von
Griechenland durch die Ungläubigen. Wer sich selbst in die Lage setzen
will, auf keine Weise den Sieg davontragen zu können, der bediene sich
solcher Hilfstruppen. Mit ihnen ist der Untergang zum Voraus ganz
zubereitet, denn sie sind unter einander einig, und im Gehorsame eines
Andern. Gedungene Mannschaft hat doch, wenn sie schon gesiegt hat, noch
etwas Zeit nöthig, und es müssen besondere Gelegenheiten entstehen: weil
sie nicht ein eignes Corps ausmacht, von dir zusammengebracht und bezahlt

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ist, ein Dritter aber, den du ihnen zum Oberhaupte gibst, nicht
augenblicklich so viel Ansehn erhält, dir schaden zu können. Kurz, das
Gefährlichste ist bei Miethstruppen ihre Feigheit; bei Hilfstruppen ihre
Tapferkeit. Jeder nur etwas kluge Fürst hat immer vermieden, sich solcher
Mannschaft zu bedienen, und hat lieber mit eigner überwunden werden, als
mit fremder siegen wollen; da er den Sieg, den er durch fremde errungen,
nicht für wahren Gewinn halten konnte. Ich trage kein Bedenken, den Cäsar
Borgia und seine Handlungen zum Beispiele anzuführen. Dieser Heerführer
fiel mit französischen Soldaten in Romagna ein und eroberte mit ihnen
Imola und Furli. Weil er diese Armee aber nicht sicher achtete, so wandte er
sich zu Miethstruppen, die er für weniger gefährlich hielt, und nahm die
Orsini und Vitelli in Sold. Da er auch diese bei der weitern Verhandlung
unsicher, untreu und ge[pg 79]fährlich fand, so löste er sie ebenfalls auf und
wandte sich zu eignen Leuten. Den Unterschied zwischen beiden Arten der
Kriegsmacht kann man leicht einsehen, wenn man nur mit einander
vergleicht, wie der Herzog angesehen ward, so lange er die Orsini und
Vitelli hatte, und wie viel er gewann, sobald er mit eigner Mannschaft
dastand. Zu großer Achtung gelangte er erst, als Jedermann sah, daß er
völlig Herr über sein ganzes Heer war. Ich verlasse die neue italienische
Geschichte ungern: doch kann ich nicht umhin, den Hiero von Syracus zu
nennen, dessen ich schon oben gedacht habe. Die Syracusaner hatten ihn,
wie ich bereits erwähnt, zu ihrem Heerführer erwählt. Er sah sogleich ein,
daß ihm die Miethstruppen nichts nützen konnten, weil sie gleich wie unsre
italienischen von eignen Anführern gedungen waren; da er sie nun weder
behalten noch gehen lassen durfte, so ließ er sie insgesammt in Stücke
hauen und führte darauf den Krieg blos mit eigner Mannschaft, ohne
fremde Hilfe. Noch will ich an eine Begebenheit aus dem alten Testamente
erinnern, die hier recht passend ist. Da sich David dem Saul anbot, den
Philister Goliath auf seine Ausforderung zu bekämpfen, so gab ihm Saul
seine Waffen, um ihm Muth zu machen. So wie David sie aber angethan
hatte, so weigerte er sich und sagte, damit könne er sich auf sich selbst nicht
verlassen, er wolle mit seinen eigenen Waffen kämpfen, und griff zu
Schleuder und Messer. Kurz, fremde Waffen fallen ab, oder erdrücken
durch ihre Last, oder erdrosseln dich selbst. Karl der Siebente, Vater
Ludwig des Elften, erkannte, nachdem er Frankreich von den Engländern
befreit hatte, die Nothwendigkeit eigner Waffen, und errichtete in seinem
Lande die Gensd’armes und das Fußvolk. Sein Sohn Ludwig fing darauf an,

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das Fußvolk zu entlassen und statt dessen Schweizer zu besolden. Dieser
Fehler nebst einigen andern, die bald nachfolgten, ward Ursache der großen
Gefahr, in welche sein Reich gerieth. Denn er verschaffte da[pg 80]durch
den Schweizern großen Ruf, und machte seine eigne Macht verächtlich, da
er das Fußvolk auflöste und die Gensd’armes daran gewöhnte,
gemeinschaftlich mit Schweizern zu fechten, so daß sie ohne diese nichts
mehr auszurichten vermochten. Daher kommt es, daß Franzosen gegen
Schweizer nichts vermögen, und ohne Schweizer gegen Andre ebenfalls
nichts ausrichten können. Die französischen Heere sind also vermischt, halb
gedungene, halb eigne Mannschaft. Das Alles zusammen ist viel besser, als
blos gedungene, oder bloße Hilfstruppen: aber doch viel schlechter, als blos
eigne. Das angeführte Beispiel ist hinreichend, denn das französische Reich
würde unüberwindlich sein, wenn Karls Ordnung aufrecht erhalten und
weiter ausgedehnt wäre: aber so machen es die Menschen. Sie fangen ohne
viele Ueberlegung eine Sache an, die einigen guten Anschein hat, und
achten nicht auf das verborgene Gift, so wie ich oben von der Schwindsucht
gesagt habe. Der Fürst, der das Uebel erst alsdann erkennt, wenn es schon
da ist, kann nicht für weise gehalten werden, was ja Wenigen gegeben ist.
Wenn man dem Untergange des römischen Reiches nachspürt, so findet
man den Anfang in der Maßregel, die Gothen zu besolden; denn damit ließ
die Stärke des römischen Reiches nach, und alle Kräfte, die dieses verlor,
gingen auf jene über. Ich schließe also, daß keine Herrschaft fest steht ohne
eigne Waffen; denn wer keine Kraft hat, die ihn bei widrigen Schicksalen
schützt, hängt blos vom Glücke ab. Es ist immer die Meinung weiser
Männer gewesen, daß nichts so schwach und unbeständig sei, als der Ruf
großer Macht, der nicht auf eignen Kräften beruht. Eigne Waffen aber sind
solche, die von Unterthanen oder Bürgern geführt werden, auch
selbstgeschaffene Heere. Alles Andere sind gedungene oder Hilfstruppen.
Die beste Art, eigne Mannschaft anzuordnen, ist leicht auszufinden, wenn
die oben von mir angegebenen Anordnungen erwogen werden, und wenn
man erwägt, [pg 81]wie Philipp, Alexanders des Großen Vater, und viele
andere Fürsten und Republiken es gemacht haben.

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14. Was der Fürst im Kriegswesen zu beobachten hat.

Ein Fürst soll also nichts Anderes zu seinem Augenmerk nehmen, auf nichts
Anderes denken, und zu seiner eignen Beschäftigung erwählen, als das
Kriegswesen und die Einrichtung desselben; denn dies ist die einzige eigne
Sache dessen, der befehlen will, und vermag so viel, daß sie nicht allein
geborne Fürsten erhält, sondern auch manche Privatpersonen zur Herrschaft
erhebt. Und im Gegentheil haben manche Fürsten die Herrschaft verloren,
sobald sie die Wollüste dem Kriegshandwerke vorzogen. Die erste Ursache,
die Herrschaft zu verlieren, ist es, wenn man den Krieg verachtet: das
Mittel, sie zu erwerben, ist die Erfahrenheit in der Kriegskunst. Francesco
Sforza ward durch seine Geschicklichkeit in derselben Herzog von
Mailand; seine Söhne fielen durch ihre Abneigung gegen die
Mühseligkeiten des Kriegs von der herzoglichen Würde wieder zurück in
den Privatstand. Unter andern Uebeln, die die Abneigung gegen den Krieg
mit sich führt, ist dies, daß sie Verachtung erregt: und dieses ist etwas,
wofür sich der Fürst am allermeisten hüten muß, wie weiter unten mit
Mehrerem gezeigt werden wird. Denn zwischen einem Bewaffneten und
einem Unbewaffneten ist gar kein Verhältniß. Es ist unvernünftig zu
erwarten, daß der Bewaffnete dem Unbewaffneten gehorchen werde, und
daß der Unbewaffnete unter seinen bewaffneten Dienern sicher sein solle.
Auf einer Seite Verachtung, auf der andern Argwohn: das kann zusammen
unmöglich gut gehen. Ein Fürst, der den Krieg nicht versteht, ist außer
andern Uebeln, wie gesagt, auch noch diesem unterworfen, daß er auf die
Achtung seiner Leute keinen Anspruch machen und ihnen nicht trauen
kann. Er darf daher dieses Kriegshandwerk niemals ver[pg 82]nachlässigen,
und muß es im Frieden noch mehr üben, als im Kriege selbst; welches auf
zweierlei Art geschehen kann: durch Thätigkeit und durch Nachdenken.
Was das Erste betrifft, so muß er seine Mannschaft immer in guter Ordnung
und in Uebung halten; selbst aber seinen Körper durch die Jagd abhärten,
welche ihm außerdem Gelegenheit gibt, die verschiedene Beschaffenheit
der Gegenden zu beobachten: zu lernen, wie die Berge sich erheben und die
Ebenen laufen, wie Flüsse und Seen beschaffen sind, und dies Alles auf das

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Genaueste zu bemerken. Diese Kenntniß hat zweierlei Nutzen. Erstens lernt
er sein eignes Land besser kennen, und die Mittel es zu vertheidigen.
Zweitens erlangt er durch diese praktische Kenntniß die Fertigkeit,
unbekannte Gegenden zu erforschen, an denen ihm gelegen ist; denn die
Hügel, Berge, Thäler, Flüsse und Seen, z. B. in Toscana, haben einige
Aehnlichkeiten mit denen in andern Ländern, so daß man durch die
Bekanntschaft mit jenen auch diese leichter kennen lernt. Der Fürst, dem
diese Geschicklichkeit fehlt, ermangelt eines Haupterfordernisses des
Feldherrn; denn hierdurch lernt man den Feind aufsuchen, Lager
auswählen, Armeen führen, Schlachten anordnen und mit Vortheil
Belagerungen anfangen. Unter andern Lobsprüchen, welche die
Schriftsteller dem achäischen Feldherrn Philopömen ertheilen, ist auch
dieser begriffen, daß er im Frieden immer an den Krieg dachte, und wenn er
sich mit seinen Freunden im freien Felde befand, oft mit ihnen
Betrachtungen darüber anstellte, wer im Vortheile sein würde, wenn der
Feind auf jenem Hügel stände, und wir hier mit unserm Heere wären? Wie
er alsdann mit Beibehaltung der Schlachtordnung sicher anzugreifen sei?
Was müßte geschehen, wenn wir uns zurückziehen wollten? Was hätten wir
zu thun, um ihn zu verfolgen, wenn er sich zurückzöge? Auf Spaziergängen
legte er ihnen alle Fälle vor, die bei einem Heereszuge vorkommen können,
hörte ihre Meinung, sagte ihnen die seinige und unterstützte [pg 83]diese
mit Gründen: so daß nach so vielen Betrachtungen fast kein Zufall im Felde
sich ereignen konnte, der nicht zum Voraus erwogen wäre. Was die Bildung
des Geistes anlangt, so muß der Fürst die Geschichte lesen und die
Handlungen ausgezeichneter Männer betrachten; erwägen, wie sie sich im
Kriege benommen haben, die Ursachen ihrer Siege und Niederlagen
erforschen, um diese zu vermeiden, jene nachzuahmen; und vor allen
Dingen es so zu machen suchen, wie irgend ein großer Mann, den er sich
zum Muster vorgestellt hat, vor ihm gehandelt; so wie man sagt, daß
Alexander der Große den Achilles, Cäsar den Alexander, Scipio den Cyrus
zum Vorbilde gewählt habe. Wer Xenophons Leben des Cyrus gelesen hat,
wird im Leben des Scipio erkennen, wie viel Ruhm diesem die
Nachahmung gebracht, und wie sehr Scipio sich bemüht hat, in der
Enthaltsamkeit, Leutseligkeit, Menschlichkeit und Freigebigkeit das zu
erreichen, was Xenophon vom Cyrus meldet. Auf solche Art muß ein weiser
Fürst die Muße benutzen; nicht aber im Frieden müßig gehen, sondern sich
durch Anstrengung einen Schatz sammeln, den er im Unglücke gebrauchen

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könne, damit das Glück, wenn es sich wendet, ihn vorbereitet finde, seinen
Schlägen zu widerstehen.

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15. Wodurch die Fürsten Lob und Tadel erwerben.

Es erübrigt noch die Untersuchung, wie der Fürst sich gegen seine
Untergebenen und gegen seine Freunde benehmen müsse. Und da dieses
schon von Manchen abgehandelt worden, so besorge ich, es werde mir zum
Uebermuthe angerechnet werden, daß ich ebenfalls von der Sache rede,
insbesondere da ich von meinen Vorgängern abweiche. Da aber meine
Absicht darauf gerichtet ist, etwas für den, der es versteht, Nützliches zu
schreiben, so scheint es mir schicklicher, die Wahrheit so darzustellen, wie
sich dieselbe in der Wirklichkeit findet, als den Einbildungen jener zu
folgen: [pg 84](denn manche Schriftsteller haben Republiken und
Fürstenthümer erdacht, dergleichen niemals gesehen worden, oder in der
Wahrheit gegründet gewesen sind) weil ein so großer Unterschied
vorhanden ist unter dem, was da geschieht, und dem, was geschehen sollte;
daß derjenige, der das Erste vernachlässigt und sich nur nach dem Letzten
richtet, seinen Untergang eher als seine Erhaltung bereitet. Jemand, der es
darauf anlegt, in allen Dingen moralisch gut zu handeln, muß unter einem
Haufen, der sich daran nicht kehrt, zu Grunde gehen. Daher muß ein Fürst,
der sich behaupten will, sich auch darauf verstehen, nach Gelegenheit
schlecht zu handeln, und dies thun oder lassen, so wie es die
Nothwendigkeit erfordert. Mit Hintansetzung alles dessen, was über
erdichtete Fürsten vorgebracht worden, und um bei der Wahrheit zu bleiben,
sage ich, daß allen Menschen, von denen geredet wird, und vorzüglich den
Fürsten, die so viel höher stehen als andre, gewisse Eigenschaften beigelegt
werden, die mit Lob oder Tadel verbunden sind. Einer gilt für freigebig, der
andere für filzig,17 einer liebt zu geben, der andre zu rauben; einer ist
grausam, der andre mitleidig; einer treulos, der andre zuverlässig; einer
weibisch und feig, der andre muthig und wild; einer menschenfreundlich,
der andre übermüthig; einer wollüstig, der andre keusch und züchtig; einer
aufrichtig, der andre listig; einer hartherzig, der andre nachgibig; einer
ernsthaft, der andre leichtsinnig; einer religiös, der andre ungläubig und so
weiter. Ich weiß wohl, daß Jedermann eingestehen wird, es sei
wünschenswerth die Fürsten möchten von allen obbenannten Eigenschaften

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die lobenswerten besitzen: da aber die Beschaffenheit der menschlichen
Natur nicht verstattet, [pg 85]dies zu erwarten, und alle jene Vorschriften zu
befolgen, so ist es nothwendig, klug genug zu sein, um den übeln Ruf
solcher Laster zu vermeiden, über welche die Herrschaft verloren gehen
könnte; vor den Fehlern aber, welche solche Folgen nicht haben, muß man
sich zwar hüten, wenn es möglich ist; allenfalls aber kann man sich sogar
ohne viele Vorsicht darin gehen lassen. Endlich muß man sich nicht so
ängstlich vor dem bösen Rufe solcher Untugenden hüten, ohne welche man
schwerlich die Herrschaft behauptet; denn wenn man die Sachen genau
betrachtet, so gibt es anscheinende Tugenden, bei denen man zu Grunde
geht; und anscheinende Fehler, auf denen die Sicherheit und Fortdauer des
Wohlbefindens beruht.

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16. Von der Freigebigkeit und dem Geize.

Ich fange mit der ersten unter den obgedachten Eigenschaften an, und
behaupte, daß es gut ist, für freigebig zu gelten. Hingegen wird die
Freigebigkeit, die du so ausübst, daß du nicht dafür giltst, schädlich sein.
Denn wird sie nur recht tüchtig ausgeübt, und wie es recht ist, aber nicht
recht bekannt, so vermeidet man damit nicht einmal den üblen Ruf des
Gegentheils. Um den Namen eines Freigebigen unter den Menschen zu
behaupten, muß man alle Art von Aufwand machen. Damit verzehrt ein
Fürst Alles, was er hat, und wird zuletzt genöthigt, um den Namen des
Freigebigen aufrecht zu halten, seine Unterthanen mit Auslagen zu
beschweren, und alle Wege einzuschlagen, um Geld zu bekommen. Das
macht ihn bei seinen Unterthanen verhaßt, und sobald er in Geldnoth
geräth, wird er verächtlich. Seine Freigebigkeit hat Wenige bereichert, seine
Verschwendung aber drückt Viele, und er kommt darüber bei der ersten
Verlegenheit in Gefahr. Sieht er dies ein und will zurückziehen, so kommt
er in den bösen Ruf der Filzigkeit. Da der Fürst also nicht auf solche Art
freigebig sein darf, daß es in die Augen falle und bekannt [pg 86]werde, so
muß er den Ruf des Geizes nicht fürchten. Mit der Zeit wird er schon
wieder für freigebig gelten, wenn man sieht, daß bei seiner Sparsamkeit die
gewöhnlichen Einkünfte zureichen; daß er die Kosten eines Krieges, womit
er etwa überzogen wird, bestreiten kann, ohne die Unterthanen zu
beschweren, so daß er am Ende freigebig gegen den großen Haufen ist, dem
er das Seinige läßt, und geizig nur gegen die Wenigen, die nichts von ihm
erhalten. Wir haben zu unsern Zeiten gesehen, daß nur diejenigen große
Dinge andichteten, die für geizig galten; die Andern aber zu Grunde gingen.
Papst Julius der Zweite hatte den Namen der Freigebigkeit durch das
Betragen erworben, wodurch er sich auf den päpstlichen Stuhl schwang:
nachdem er ihn bestiegen hatte, dachte er nicht mehr daran, um sich
vielmehr nur zum Kriege gegen Frankreich vorzubereiten. Er hat auch
wirklich so viele Kriege geführt, ohne außerordentliche Auflagen zu
machen. Seine lange Sparsamkeit schaffte Rath zu allen ungewöhnlichen
Ausgaben. Wenn der jetzige König von Spanien (Ferdinand der

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Katholische) für freigebig hätte gelten wollen, so hätte er nicht so viele
Unternehmungen ausführen können. Ein Fürst, der solche Wirthschaft führt,
daß er nicht nöthig hat seine Unterthanen auszuplündern, um sich zu
vertheidigen, daß er nicht zu besorgen hat, arm und verachtet zu werden,
daß er nicht in Gefahr geräth, aus Noth habsüchtig zu werden, darf nicht
fürchten für geizig zu gelten: denn das ist eine Untugend, auf der die
Sicherheit seiner Herrschaft beruht. Und wenn Jemand sagen sollte, daß
Cäsar durch seine Freigebigkeit zur Herrschaft gelangt sei, und daß viele
Andre durch diesen Ruf sich sehr hoch geschwungen haben, so antworte ich
Folgendes: entweder du bist schon gemachter Fürst, oder auf dem Wege es
zu werden. Im ersten Falle ist die Freigebigkeit nachtheilig, im zweiten ist
es zwar nöthig, für freigebig zu gelten, und von der Art war Cäsar, der die
Herrschaft von Rom zu erlangen strebte: hätte er [pg 87]aber länger gelebt,
ohne diese Weise zu handeln abzulegen, so hätte er seine Herrschaft selbst
zerstört. Auf die Antwort, daß viele freigebige Fürsten mittelst ihrer
Kriegsheere große Dinge ausgerichtet haben, erwidere ich: der Fürst
vergeudet entweder das Seinige und das Gut seiner Unterthanen, oder
fremdes. Im ersten Falle sollte er sparsam sein; im zweiten muß er auf alle
Weise den Namen der Freigebigkeit suchen; denn der Fürst, der mit einem
Heere auszieht, welches vom Raube, Plünderung, Brandschatzung lebt, und
fremdes Gut an sich bringt, muß wol freigebig sein: sonst fände er keine
Soldaten, die mit ihm ausziehen. Wenn du nicht dein eignes oder deiner
Unterthanen Gut vergeudest, so magst du wol freigebig sein, wie Cyrus,
Cäsar und Alexander: fremdes Gut durchbringen, macht keinen schlechten
Namen, sondern das Gegentheil. Nur die Verschwendung des eignen
schadet. Keine Sache verzehrt sich selbst, so wie die Freigebigkeit. Indem
du sie übst, verlierst du die Kraft dazu, und wirst entweder arm oder
niederträchtig, oder um der Armuth zu entgehen, räuberisch und dadurch
verhaßt. Unter allen Dingen, die ein Fürst vermeiden muß, steht oben an,
verachtet und verhaßt zu sein, und die Freigebigkeit führt zu Beidem. Es ist
daher weiser, sich als geizig verschreien zu lassen, was freilich einen
schlechten Namen macht, jedoch ohne Haß zu erzeugen, als um des Rufes
der Freigebigkeit willen als räuberisch berüchtigt und dabei verhaßt zu
werden.

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17. Von der Grausamkeit und Milde.

Ich gehe weiter zu den übrigen oben benannten Tugenden und sage, daß
jeder Fürst suchen müsse, für mitleidig gehalten zu werden, jedoch aber so,
daß er diese Tugend nicht übel anwende. Cäsar Borgia galt für grausam.
Diese Grausamkeit hatte die Provinz Romagna zusammen gehalten, in
Einigkeit, in Frieden und in treuer Unterwürfigkeit. Erwägt man es genau,
so wird man finden, daß [pg 88]dies viel menschlicher war, als das
Betragen der Florentiner, die zugaben, daß Pistoja zerstört ward, um nicht
für grausam zu gelten. Ein Fürst muß daher den Ruf der Grausamkeit nicht
scheuen, um seine Unterthanen in Gehorsam und Einigkeit zu erhalten. Es
ist mehr Gelindigkeit darin, wenige Strafen zu verfügen, als durch unzeitige
Nachsicht Unordnungen zu veranlassen, welche Mord und Raub erzeugen,
die ganze Gemeinwesen treffen, wohingegen die Straferkenntnisse der
Fürsten nur Einzelne drücken. Unter allen Fürsten kann der neue am
wenigsten den Namen der Grausamkeit vermeiden, weil seine Lage voll
Gefahren ist, und daher Virgil der Dido zur Entschuldigung ihrer strengen
Regierung Folgendes in den Mund legt:

„Res dura et regni novitas me talia cogunt
Moliri, et late fines custode tueri.“

Dennoch muß er nicht leicht glauben und sich in Bewegung setzen; sich
auch nicht von selbst fürchten, sondern mit Klugheit und
Menschenfreundlichkeit mäßig verfahren, so daß ihn weder zu vieles
Zutrauen unvorsichtig, noch zu vieles Mißtrauen unerträglich mache.
Hieraus entsteht eine Streitfrage, ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu
werden. Ich antworte, daß beides gut ist; da aber schwer ist, beides mit
einander zu verbinden, so ist es viel sichrer, gefürchtet zu werden, als
geliebt, wenn ja eines von beiden fehlen soll. Denn man kann im
Allgemeinen von den Menschen sagen, daß sie undankbar, wankelmüthig,
verstellt, feig in der Gefahr, begierig auf Gewinn sind: so lange du ihnen
wohlthust, sind sie dir ganz ergeben, wollen Gut und Blut für dich lassen,

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ihr eignes Leben aufopfern, das Leben ihrer Kinder (wie ich schon gesagt
habe), so lange die Gefahr entfernt ist; kommt sie aber näher, so empören
sie sich. Der Fürst, der sich auf ihre Worte verlassen und keine andren
Zurüstungen gemacht hat, geht zu Grunde: denn die erkauften
Freundschaften, so da nicht durch Größe des Geistes und Edelmuth
erworben sind, haben zwar guten [pg 89]Grund, halten aber doch nicht vor,
wenn es Noth thut. Die Menschen machen sich weniger daraus, den zu
beleidigen, der sich beliebt macht, als den, der gefürchtet wird; denn die
Zuneigung der Menschen beruhet auf einem Bande der Dankbarkeit, das
wegen der schlechten Beschaffenheit der menschlichen Natur abreißt,
sobald der Eigennutz damit in Streit geräth: die Furcht aber vor Züchtigung
läßt niemals nach. Doch muß der Fürst sich auf solche Art fürchten machen,
daß er nicht verhaßt werde; denn es kann recht gut mit einander bestehen,
gefürchtet zu sein und nicht gehaßt. Hierzu ist vornehmlich erforderlich,
daß er sich der Eingriffe in das Vermögen seiner Bürger und Unterthanen,
und ihrer Weiber enthalte. Ist es ja nothwendig, einem das Leben zu
nehmen, so geschehe es so, daß die gerechte Ursache am Tage liege. Vor
allen Dingen aber enthalte er sich, das Vermögen der Unterthanen
anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch eher den Tod
des Vaters, als den Verlust des Vermögens. Auch fehlt es niemals an
Veranlassungen, das Vermögen zu nehmen. Wer einmal anfängt so zu
plündern, findet immer Ursachen, den Nächsten ebenfalls anzugreifen: die
Veranlassungen zum Blutvergießen sind seltner, und es fehlt leichter daran.
Hat der Fürst aber ein großes Heer beisammen, so darf er den Ruf der
Grausamkeit nicht fürchten; denn ein Kriegsheer kann ohne das nicht wohl
beisammen und in Gehorsam erhalten werden. Unter die
bewunderungswürdigen Thaten des Hannibal wird vorzüglich gezählt, daß
er ein großes, aus unendlicher Mannichfaltigkeit von
Menschengeschlechtern zusammengesetztes Heer in fremde Länder geführt,
ohne daß jemals ein Aufstand oder Zwistigkeit unter ihnen entstanden wäre,
und zwar so wenig im Unglücke als im Glücke. Dies kann nur von seiner
unmenschlichen Grausamkeit herrühren, die ihn in Verbindung mit seinen
unendlichen großen Eigenschaften ehrwürdig und furchtbar machte, was ja
durch die übrigen allein nicht geschehen [pg 90]wäre. Unüberlegte
Schriftsteller bewundern seine Handlungen und tadeln auf der andern Seite
die Ursachen derselben. Daß dem wirklich also gewesen, beweist das
Beispiel des Scipio, der ein in seinen und in allen Zeiten so seltnes Beispiel

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aller Tugenden gab, und dessen Kriegsheer in Spanien dennoch rebellirte;
was keine andre Ursache gehabt hat, als seine Milde, die den Soldaten mehr
Freiheit zugestand, als mit der militärischen Zucht vereinbar ist. Fabius
Maximus warf ihm dies im Senate vor und nannte ihn deswegen den
Verderber der römischen Kriegszucht. Als einer seiner Unterbefehlshaber
die Locrenser vernichtete, machte er diesem keinen Vorwurf darüber, und
strafte ihn nicht: auch dieses rührte von seiner allzunachsichtigen
Gemüthsart her. So daß Jemand im Senate ihn damit entschuldigte, es gebe
Menschen, die besser wüßten, selbst nie zu fehlen, als die Fehler Andrer zu
bestrafen. Diese Gemüthsbeschaffenheit würde am Ende den Ruhm des
Scipio befleckt haben, wenn er hätte fortfahren sollen, den Befehlshaber zu
machen. Da er aber unter der Regierung eines Senates lebte, so verschwand
der Fehler nicht nur, sondern gereichte ihm noch zum Ruhme. Ich komme
zum Beschlusse auf meine Behauptung zurück und fasse sie also: da die
Liebe der Menschen von ihrer Neigung, ihre Furcht aber vom Betragen des
Fürsten abhängt, so muß der weise Fürst es nicht auf die Neigungen Andrer
ankommen lassen, sondern auf das achten, was von ihm abhängt; nur muß
er vermeiden, sich verhaßt zu machen.

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18. In wie fern ein Fürst sein Wort halten muß.

Jedermann weiß, wie lobenswürdig es ist, wenn ein Fürst sein Wort hält und
rechtschaffen lebt, nicht mit List. Dennoch sieht man aus der Erfahrung
unsrer Tage, daß diejenigen Fürsten, welche sich aus Treu und Glauben
wenig gemacht haben, und mit List die Gemüther der Menschen zu
bethören verstanden, große Dinge ausgerichtet, und [pg 91]am Ende
diejenigen, welche redlich handelten, überwunden haben. Wisset also, daß
es zwei Arten gibt, zu kämpfen: eine durch die Gesetze, die andre durch
Gewalt – das Erste ist die Sitte der Menschen; das Zweite die Weise der
Thiere. Oft aber reicht das Erste nicht zu, und so muß zu der zweiten
Manier gegriffen werden. Einem Fürsten ist daher nöthig, den Menschen
und das reißende Thier spielen zu können. Diese Lehre wird von den Alten
dadurch angedeutet, daß sie berichten, wie Achilles und viele andre Helden
vom Centauren Chiron aufgezogen und unterwiesen worden. Einen solchen
Lehrer haben, halb Mensch, halb Thier, heißt nichts Anderes, als daß ein
Fürst beide Naturen, die menschliche und die thierische, gut zu gebrauchen
wissen soll, weil eine ohne die andre nicht lange besteht.18 Weil es denn
nothwendig ist, daß der Fürst sich darauf verstehe, die Bestie zu spielen, so
muß er Beides davon nehmen, den Fuchs und den Löwen; denn der Löwe
entgeht den Schlingen nicht, und der Fuchs kann sich gegen den Wolf nicht
wehren. Die Fuchsgestalt ist also nöthig, um die Schlingen kennen zu
lernen, und die Löwenmaske, um die Wölfe zu verjagen. Diejenigen,
welche sich allein darauf legen, den Löwen zu spielen, verstehen es nicht.
Ein kluger Fürst kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn die
Beobachtung desselben sich gegen ihn selbst kehren würde, und die
Ursachen, die ihn bewogen haben es zu geben, aufhören. Wenn die
Menschen insgesammt gut wären, so würde dieser Rath nichts werth sein.
Da sie aber nicht viel taugen und ihr Wort gegen dich nicht halten, so hast
du es ihnen auch nicht zu halten: und einem Fürsten kann es nie an
Vorwand fehlen, es zu beschönigen, wenn er es bricht. Hiervon könnte man
viele neue Beispiele anführen und zeigen, wie viele Friedensschlüsse, wie
viele Ver[pg 92]sprechungen durch die Untreue der Fürsten vereitelt sind,

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und daß derjenige, der den Fuchs am besten zu spielen gewußt hat, auch am
weitesten kommt. Aber es ist nothwendig, sich darauf zu verstehen, wie
diese Eigenschaft beschönigt wird, stark in der Kunst zu sein, sich zu
verstecken und zu verlarven. Die Menschen sind so einfältig und hängen so
sehr von dem Drucke des Augenblicks ab, daß derjenige, der sie
hintergehen will, allemal Jemand findet, der sich betrügen läßt. Ein einziges
neues Beispiel will ich anführen. Papst Alexander der Sechste that gar
nichts Anderes als betrügen, dachte an nichts Anderes und fand immer
Leute, die sich anführen ließen. Niemals hat Jemand eine größere Fertigkeit
gehabt, zu versichern und mit großen Schwüren zu betheuern, und weniger
zu halten. Dennoch gelangen ihm seine Anschläge, Hinterlisten nach
Wunsch, weil er die Welt von dieser Seite gut kannte. Ein Fürst muß also
nicht die vorhin beschriebenen Tugenden haben, wol aber das Ansehn
davon. Ich wage es zu behaupten, daß es sehr nachtheilig ist, stets redlich
zu sein: aber fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig, redlich zu scheinen
ist sehr nützlich. Man muß sein Gemüth so bilden, daß man, wenn es
nothwendig ist, auch das Gegentheil davon vorbringen könne. Ein Fürst,
und absonderlich ein neuer Fürst, kann nicht immer alles das beobachten,
was bei andern Menschen für gut gilt; er muß oft, um seinen Platz zu
behaupten, Treue, Menschenliebe, Menschlichkeit und Religion verletzen.
Er muß also ein Gemüth besitzen, das geschickt ist, sich so, wie es die
Winde und abwechselnden Glücksfälle fordern, zu wenden, und zwar nicht
eben den geraden Weg allemal verlassen, so oft es Gelegenheit dazu gibt;
wol aber den krummen Weg betreten, wenn es sein muß. Ein Fürst muß sich
daher wohl hüten, daß nie ein Wort aus seinem Munde gehe, das nicht von
obgedachten fünf Tugenden zeugt. Alles, was von ihm herkommt, muß
Mitleid, Treue, Menschlichkeit, Redlichkeit, [pg 93]Frömmigkeit athmen.
Nichts aber ist nothwendiger, als der Schein der letztgenannten Tugend.
Denn die Menschen urtheilen im Ganzen mehr nach den Augen, als nach
dem Gefühle. Die Augen hat Jeder offen; Wenige haben richtiges Gefühl.
Jeder sieht, was du zu sein scheinst; Wenige merken, wie du beschaffen
bist, und diese Wenigen wagen es nicht, der Stimme des großen Haufens zu
widersprechen, dem der Glanz großer Würde immer für einen Grund der
Bewunderung gilt. Bei den Handlungen der Menschen, absonderlich der
Fürsten, welche keinen Gerichtshof über sich anerkennen, wird immer auf
den Endzweck gesehen. Der Fürst suche also nur sein Leben und seine
Gewalt zu sichern: die Mittel werden immer für ehrenvoll gelten und von

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Jedermann gelobt werden, denn der große Haufe hält es stets mit dem
Scheine und mit dem Ausgange. Die ganze Welt ist voll von Pöbel, und die
wenigen Klügern kommen nur zu Worte, wenn es dem großen Haufen, der
in sich selbst keine Kraft hat, an einer Stütze fehlt. Ein Fürst unsrer Zeit,
den ich besser nicht nenne,19 predigt nichts als Frieden und Treue, und wäre
doch um seine Herrschaft gekommen, wenn er sie selbst beobachtet hätte.

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19. Verachtung und Haß sind zu vermeiden.

Nachdem ich von den wichtigsten der aufgezählten Eigenschaften
ausführlich gehandelt, so will ich die übrigen hier in die allgemeine Lehre
zusammenfassen, daß der Fürst (so wie zum Theil im Einzelnen schon
gesagt ist) Alles vermeiden muß, was ihn gehässig oder verächtlich machen
kann; und so oft er dies vermeidet, wird er das Seinige gethan haben, und
alle übrige üble Nachrede kann ihm keine Gefahr bringen. Verhaßt macht
ihn vor allem Andern (wie bereits erwähnt worden), wenn er räuberisch ist,
und das Vermögen und die Weiber seiner Unterthanen angreift, [pg
94]deren er sich enthalten sollte. So lange der Menschen Vermögen und
Ehre nicht angetastet wird, so lange leben sie zufrieden, und es ist nur der
Ehrgeiz einiger Wenigen zu bekämpfen, welche auf mancherlei Art leicht
im Zaume zu halten sind. Verächtlich wird derjenige, der für wankelmüthig,
leichtsinnig, weibisch, kleinmüthig, unentschlossen gilt: dieses muß ein
Fürst vermeiden, wie eine Klippe; und sich bemühen, in seinen Handlungen
eine gewisse Größe, Muth, Ernst und Stärke zu zeigen. In allen
Verhandlungen mit den Unterthanen muß er von sich die Meinung zu
erregen suchen, daß seine Entschlüsse unwiderruflich seien: und sich in
solcher Achtung erhalten, daß Niemand es wage, ihn zu hintergehen oder zu
bestricken. Der Fürst, der in diesem Ansehn steht, hat Ruf genug, und gegen
ihn wird schwerlich eine Verschwörung angezettelt. Es greift ihn nicht
leicht Jemand an, sobald man weiß, daß er große Eigenschaften hat und von
den Seinigen geachtet wird. Ein Fürst hat nur zwei Dinge zu fürchten: eines
im Innern von den Unterthanen; das andre von Außen von fremden
Mächten. Gegen diese wehrt man sich mit guter Kriegsmacht, und wer die
hat, dem kann es nie an Freunden fehlen: im Innern wird er stets Ruhe
erhalten, so lange von Außen Alles sicher ist, es wäre denn, daß eine
Verschwörung entstände; und wird er von Außen angegriffen, hat aber Alles
angeordnet und so gehandelt, wie ich gesagt habe, so wird er, bleibt er sich
selbst nur getreu, alle Anfälle abwehren, so wie Nabis der Spartaner. Aber
von den Unterthanen ist auch bei äußerer Ruhe eine Verschwörung zu
fürchten, gegen welche der Fürst sich sichert, wenn er Haß und Verachtung

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vermeidet und das Volk zufrieden stellt. Dies ist aber nothwendig, wie
gezeigt worden. Eines der kräftigsten Mittel gegen Verschwörungen ist es,
allgemeinen Haß und Verachtung des Volks zu vermeiden; denn wer
Verschwörungen anzettelt, glaubt immer, durch den Tod des Fürsten das
Volk zufrieden zu stellen. [pg 95]Wer hingegen weiß, daß er dieses dadurch
beleidigen wird, wagt es nicht, solche Dinge zu unternehmen: denn die
Schwierigkeiten sind unendlich auf Seiten der Verschwornen. Die
Erfahrung zeigt, daß viele Verschwörungen gemacht, wenige aber gelungen
sind; denn wer sie unternimmt, kann allein nichts ausrichten; Hilfe kann er
nur bei denen suchen, die er für unzufrieden hält. Sobald du aber einem
Mißvergnügten deine Absichten entdeckt hast, so gibst du ihm das Mittel,
seine eignen Wünsche zu befriedigen, denn er mag von der Verrätherei des
Anschlags allen Vortheil hoffen. Wenn er sichern Gewinn von dieser Seite
sieht, und von der andern Ungewißheit und Gefahr, so muß er eine seltne
Treue der Freundschaft gegen seinen Mitgenossen, oder eingewurzelten
Haß gegen den Fürsten haben, wenn er dir Wort halten soll. Kurz, auf
Seiten der Verschwornen ist nichts als Furcht, Eifersucht, Argwohn, welche
Alles lähmen; auf Seiten des Fürsten ist das Ansehn der fürstlichen Würde,
die Gesetze, Schutz der Freunde und der öffentlichen Gewalt, so daß, wenn
hier noch die Zuneigung des Volks hinzukommt, es unmöglich ist, daß
Jemand so tollkühn sei, eine Verschwörung anzufangen. Gewöhnlich haben
die Verschwornen vor der Ausführung ihres Anschlags Uebles zu fürchten:
nach derselben müssen sie auch noch alsdann, wenn Alles gelingt, das Volk
fürchten, und es bleibt ihnen daher keine Zuflucht. Ich könnte unzählige
Beispiele davon anführen; es ist aber mit Einem genug, welches sich zur
Gedenkzeit unsrer Väter ereignet hat. Annibal Bentivoglio, Fürst von
Bologna und Großvater des jetztlebenden Herrn Annibal, ward von der
Partei der Canni in einer Verschwörung ums Leben gebracht. Er hinterließ
ein einziges Kind in den Windeln, den Giovanni. Gleich nach dem Morde
stand das Volk auf und brachte die ganze Partei der Verschwornen um. Das
war die Wirkung der Zuneigung des Volks von Bologna gegen die Familie
Bentivoglio, welche damals so groß war, daß die Bologneser, [pg 96]in
Ermangelung eines Andern von der Familie, der nach Annibals Tode den
Staat hätte regieren können, nach Florenz kamen, wo ein Sprößling des
Hauses Bentivoglio sich aufhielt, der aber für den Sohn eines Schmieds
galt, um diesem die Regierung zu übertragen, die er auch wirklich geführt
hat, bis Herr Giovanni das hinreichende Alter erreicht hatte.20 Ich schließe

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also, daß ein Fürst Verschwörungen wenig zu fürchten hat, so lange ihm das
Volk gewogen ist. Wenn er demselben aber verhaßt ist, so muß er Alles und
jeden Menschen fürchten. Wohlgeordnete Staaten und weise Fürsten haben
daher immer mit der größten Sorgfalt zu vermeiden gesucht, daß die
Großen nicht in Verzweigung fallen, das Volk aber zufrieden bleibe; denn
dieses ist eine der wichtigsten Sorgen des Regenten. Unter den
wohlgeordneten und regierten Reichen unsrer Zeit ist Frankreich zu nennen,
wo sich unzählige gute Anstalten finden, von denen die Sicherheit und
Freiheit des Königs abhängt. Unter diesen ist die erste das Parlament und
sein Ansehn. Wer dieses gegründet hat, kannte den Uebermuth der Großen
und ihre Dreistigkeit: er sah die Nothwendigkeit, ihnen einen Zaum
anzulegen. Auf der andern Seite kannte er den Haß des Volks gegen die
Großen, der von der Furcht herrührt. Um dasselbe sicher zu stellen, dem
Könige aber die üblen Folgen abzunehmen, die von den Großen zu
besorgen waren, wenn er das Volk begünstigte, und von dem Volke, sobald
er die Großen begünstigte, so ordnete er einen dritten Richter an, der ohne
Beschwerde des Königs die Großen niederhalten und das Volk schützen [pg
97]konnte. Es ließ sich keine bessere Ordnung für die Sicherheit des Reichs
und des Königs ausdenken. Hieraus ist noch eine Lehre zu ziehen: daß die
Fürsten alle harten Maßregeln durch Andre ausführen lassen, Gnadensachen
aber für sich selbst behalten müssen. Ferner schließe ich, daß ein Fürst den
Großen mit Achtung begegnen solle, jedoch ohne das Volk zum Hasse zu
reizen. Es mag vielleicht Manchem scheinen, daß das Beispiel der
römischen Kaiser diesem widerspreche, da doch mehrere, die vortrefflich
regiert und vorzügliche Kraft des Geistes gezeigt hatten, durch
Verschwörungen den Thron oder gar das Leben verloren haben. Diesem
Einwurfe zu begegnen, will ich den Charakter einiger Imperatoren
durchgehen, und die Ursachen ihres Falles anzeigen, welche demjenigen
nicht widersprechen, was ich oben gesagt habe. Dabei werde ich zum Theil
erinnern, was dem, der die Geschichte jener Zeit liest, bemerkenswerth sein
muß. Es ist für mich hinreichend, die Imperatoren, welche vom Marcus
Antoninus an bis auf Maximinus regiert haben, durchzugehen. Marcus, sein
Sohn Commodus, Pertinax, Julianus, Severus, Antoninus Caracalla, Sohn
des Vorigen, Macrinus, Heliogabalus, Alexander und Maximinus. Zuerst ist
zu bemerken, daß, wenn in andern Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und
die Zügellosigkeit des Volks zu bekämpfen ist, die römischen Imperatoren
noch eine dritte Schwierigkeit vor sich fanden, welche in der Habsucht und

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der Wildheit der Kriegsmacht bestand. Diese Sache hat solche
Schwierigkeit, daß sie Ursache des Unterganges einiger Kaiser wurde; weil
es schwer ist, die Soldaten zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit:
denn das Volk wünscht Ruhe und liebt deswegen die Fürsten von
gemäßigter Denkungsart: die Soldaten aber lieben kriegerische,
übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie verlangten Personen von
solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten Sold zu erhalten und
ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen. Daher [pg 98]mußten
alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre Bestrebungen sich ein
Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im Zaume zu halten
vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen, insbesondere die aus
dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese Schwierigkeiten
fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und achteten wenig auf die
Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig. Denn wenn Fürsten es nicht
vermeiden können, den Haß des einen oder andern Theils auf sich zu laden,
so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß es nicht von beiden
zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von einer Partei gehaßt zu
werden, so sei es doch wenigstens nicht von der mächtigsten. Die
Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und desfalls
außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber einen Anhang
unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur in so fern
etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten vermochten.
Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder Gemüthsart,
Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt, menschenfreundlich und
leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und Alexander, den einzigen
Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus allein lebte und starb
geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen hatte, und ihn weder den
Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war er durch so viele
Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner ganzen Regierung
in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt oder verächtlich.
Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten gewählt, welche unter
dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das ordentliche Leben,
welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden. Dies erzeugte Haß.
Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so ging er, gleich
nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist bemerkenswerth
daß Haß durch gute Hand[pg 99]lungen sowol als durch schlechte erregt
werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf daher

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oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die Masse
seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren er
bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne
folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft
schädlich sind. Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt,
daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in
einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt
worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für
weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es
entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um
das Leben kam. Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des
Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir
finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu
befriedigen, enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks.
Dennoch kamen sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer
Weise ums Leben. Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die
Herrschaft dadurch glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten
zu Freunden behielt, obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen
Eigenschaften machten ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß
dieses erstaunt und demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt
waren. Da die Handlungen dieses zur Herrschaft emporgestiegenen
Regenten ganz ausgezeichnet gewesen sind, so will ich kurz zeigen, wie er
den Fuchs und den Löwen zu spielen verstand, was ich vom Fürsten
verlangt habe. Da Severus die Feigheit des Kaisers Julianus erkannte,
überredete er das Heer, welchem er in Slavonien vorgesetzt war, nach Rom
zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den die Leibwache getödtet
hatte. Unter diesem [pg 100]Vorwande setzte er sich in Bewegung, ohne
seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte in Italien an,
ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in Rom erwählte
ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch blieben dem
Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich hatte
ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde des
Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen Beide zu
erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus aber zu
hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle die Würde
mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den Senat zu
seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als Severus aber

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den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er nach Rom zurück
und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus, der ihn
verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er wegen
seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in Frankreich
auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte aufmerksam
erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs erkennen:
wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim
Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser
neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen
großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine
Neuerungen beim Volke hätten erzeugen können. Sein Sohn Antoninus
hatte ebenfalls ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom
Volke bewundert, bei den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle
Strapazen nicht achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste
verachtete, welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine
Wildheit und Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen
Gelegenheiten einen großen Theil des Volks von Rom und alle Bewoh[pg
101]ner von Alexandrien tödtete. Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt,
und flößte auch denen, die um ihn waren, Furcht ein, so daß ein Centurio
ihn mitten in seiner Armee umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die
Fürsten solchen gewaltsamen Tod durch die Hand eines entschlossenen
Mannes gar nicht vermeiden können. Denn es kann Jeder die That
vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht achtet. Doch hat der Fürst sie
eben nicht zu fürchten, weil solche Handlungen äußerst selten sind. Er muß
sich nur hüten, diejenigen, die um ihn sind, und deren er sich in
Regierungsgeschäften bedient, nicht gröblich zu beleidigen, wie Antoninus
that, der einen Bruder des Centurio hatte tödten lassen, und ihm selbst
täglich drohte, trotzdem aber die Leibwache anvertraute. Das war tollkühn
und mußte ein schlechtes Ende nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen
ist. Wir kommen zum Commodus, der die Herrschaft gar leicht hätte
behalten können, die er als Sohn des Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in
die Fußtapfen seines Vaters treten, so hätte er Volk und Soldaten Genüge
gethan. Da er aber ein grausames und thierisches Gemüth hatte, veranlaßte
er selbst in der Armee allerlei Complotte, und ließ sie zügellos werden, um
seine Raubgier zu befriedigen und das Volk auszuplündern. Auf der andern
Seite behauptete er seine Würde schlecht, indem er oft ins Theater
herabstieg, um mit Gladiatoren zu kämpfen, und andre Dinge vornahm, die

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der kaiserlichen Würde schlecht anstanden; er ward also bei den Soldaten
verächtlich. Auf einer Seite gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als
Opfer einer Verschwörung. Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst
kriegerisch, und da die Armee einen Widerwillen gegen das weibische
Wesen des Alexander bekommen, von dem ich oben geredet habe, tödteten
sie diesen und wählten jenen zum Kaiser, welcher er jedoch nicht lange
blieb. Zwei Dinge machten ihn verhaßt und verachtet. Das eine seine
niedrige Herkunft, da er in Thra[pg 102]cien das Vieh gehütet hatte
(welches allgemein bekannt war, und ihn in allen Augen herabsetzte); das
andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft verschob, nach Rom zu gehen
und Besitz von der kaiserlichen Würde zu nehmen; daneben in üblen Ruf
gerieth, weil er durch seine Statthalter in Rom und anderen Orten viele
Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die ganze Welt voll Unwillen
über seine niedrige Herkunft, und andrerseits voll Haß und Furcht wegen
seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der Senat, ganz Rom und
endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes Heer, welches im
Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung fand, seiner
Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die ganze Welt haßte,
ihn umbrachte. Ich will weder vom Heliogabalus, noch vom Macrinus, noch
Julianus reden, welche so niedrige Geschöpfe waren, daß sie sofort zu
Grunde gingen: sondern ich komme zum Schlusse und sage, daß die
Fürsten unsrer Zeit sich weniger in jener Verlegenheit befänden, auf
außerordentliche Mittel denken zu müssen, um die Soldaten zu befriedigen.
Wenngleich auf diese Rücksicht genommen werden muß, so hat es doch
damit so viel nicht zu bedeuten; denn die heutigen Fürsten haben keine
Heere beisammen, die mit der Regierung und Verwaltung der Provinzen so
verwebt wären, als die römischen. War es damals nöthiger, das Kriegsheer
zu befriedigen, als das Volk, weil jenes mächtiger war, als dieses; so ist es
gegenwärtig für alle Fürsten (mit Ausnahme der Sultane von
Konstantinopel und Egypten) notwendiger, das Volk zufrieden zu stellen,
weil selbiges heutigen Tages mehr vermag, als die Soldaten. Ich nehme den
türkischen Kaiser aus, der ungefähr zwölftausend Mann zu Fuß und
fünfzehntausend zu Pferde hält, von denen die Sicherheit und Stärke seines
Reiches abhängt, und die er daher nothwendig ohne alle Rücksicht auf die
andern Unterthanen zu Freunden behalten muß. Eben so ist es mit dem
Sultan von Egypten, der ganz in [pg 103]den Händen seiner Soldaten ist,
und diese daher zu Freunden behalten muß, es koste was es wolle. Es ist

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dabei zu bemerken, daß dieser Sultan von allen andern Fürsten verschieden
ist, und Aehnlichkeit mit dem Papste hat, der weder Erbfürst ist, noch für
einen neuen Fürsten gelten kann; denn es werden jedesmal nicht die Söhne
des verstorbenen Regenten Erben und Nachfolger, sondern der Fürst wird
von denen gewählt, die dazu befugt sind. Da diese Ordnung der Dinge alt
ist, so kann es nicht für eine neue Herrschaft gelten, indem keine von den
Schwierigkeiten vorhanden sind, die ein neuerrichtetes Fürstentum drücken.
Wenngleich der Fürst aus dem Privatstande zu der Würde erhoben wird, so
sind doch die Anordnungen alt, und Alles ist darauf eingerichtet, ihn als
einen Erbfürsten zu empfangen. Auf meine Behauptung zurückzukommen,
so wird Jeder, der die obige Erzählung erwägt, einsehen, daß Haß und
Verachtung die Ursachen des Unterganges jener Imperatoren gewesen. Es
wird dadurch begreiflich, wie es zugegangen ist, daß, da einige auf diese,
andre auf entgegengesetzte Weise handelten, dennoch einige von jenen und
einige von diesen ein glückliches, andre ein unglückliches Ende genommen.
Dem Pertinax und Alexander half es nichts, dem Marcus nachzuahmen,
weil sie sich auf den Thron geschwungen hatten, dieser aber ein Erbfürst
war; dem Caracalla, Commodus und Maximinus war es sehr nachtheilig, es
so zu machen wie Severus, weil es ihnen an den erforderlichen Tugenden
fehlte, in seine Fußtapfen zu treten. Ein neuer Fürst kann dem Marcus nicht
nachahmen und braucht nicht dem Severus zu folgen: sondern er muß vom
Severus annehmen, was nöthig ist, seine Herrschaft zu gründen; vom
Marcus aber das, was ruhmwürdig und nützlich ist, einen bereits
festgegründeten Staat zu erhalten.

[pg 104]

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20. Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten
den Fürsten nützlich oder schädlich sind?

Einige Fürsten haben ihre Unterthanen entwaffnet, um ihre Herrschaft
sicher zu stellen, andre haben es darauf angelegt, daß die Parteien in den
ihnen unterworfenen Städten fortdauern sollten, andre haben Feindschaften
gegen sich selbst unterhalten, andre haben sich bemüht, diejenigen, welche
ihnen zu Anfang verdächtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen
erbaut, andre haben sie niedergerissen und zerstört. Obgleich über alle diese
Dinge kein allgemeines Urtheil stattfindet, sondern es auf die besondern
Umstände des Staates ankommt, in welchem eine Entschließung zu fassen
ist, so will ich doch im Allgemeinen so viel davon reden, als die Natur der
Sache verstattet. Es ist einem neuen Fürsten niemals zuträglich gewesen,
seine Unterthanen zu entwaffnen. Vielmehr hat ein solcher sie allemal mit
Nutzen bewaffnet, wenn er sie unbewaffnet fand: denn wenn er sie
bewaffnet, so werden diese Waffen Sein, Verdächtige werden treu, die
Getreuen können sich erhalten, und die Unterthanen werden Anhänger ihres
Herrn. Da es aber unmöglich ist, alle Unterthanen zu bewaffnen, so sind
diejenigen, welche dazu ausersehen werden, mit gewissen Vorzügen
auszuzeichnen: mit den andern aber kann man ganz sicher nach Belieben
verfahren. Diese Verschiedenheit in der Behandlung sichert die Ergebenheit
derer, die hervorgezogen werden; die andern aber entschuldigen das
Verfahren, weil sie die Nothwendigkeit einsehen, diejenigen, welche mehr
Verpflichtung und Gefahr übernehmen, zu belohnen. Wer hingegen damit
anfängt, das Volk zu entwaffnen, beleidigt es, und zeigt Mißtrauen in ihren
Muth oder ihre Treue: solche Gesinnungen erregen beide Haß. Weil der
Fürst nicht ganz ohne Kriegsmannschaft sein kann, so muß er zu
Miethstruppen greifen, von deren Beschaffenheit oben gehandelt worden.
Wären diese aber [pg 105]auch tadellos, so kann man doch ihrer nicht
genug unterhalten, um sich gegen mächtige Feinde und verdächtige
Unterthanen zugleich zu vertheidigen. Neue Fürsten haben daher allemal,
wie ich bereits gesagt habe, in ihren neuerworbenen Ländern

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Kriegsmannschaft eingeführt. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele.
Wenn aber ein Fürst ein Land erwirbt, welches als ein neues Glied mit
seinen Besitzungen im alten Staatskörper vereinigt wird, so ist es
nothwendig, diese Provinz zu entwaffnen, mit alleiniger Ausnahme
derjenigen, die sich bei der Eroberung für ihn erklärt haben. Und auch diese
ist es rathsam, mit der Zeit und bei guter Gelegenheit schlaff und weichlich
zu machen, und die Sachen so einzurichten, daß alle Soldaten aus dem alten
Lande seien. Unter unsern Vorfahren pflegten die Weisesten zu sagen, die
Herrschaft müsse über Pistoja durch innere Uneinigkeit, über Pisa durch
Festungswerke behauptet werden. Sie unterhielten daher in jener
untergebenen Stadt die innern Zwistigkeiten, um sie sichrer zu beherrschen.
Dieses mochte zu der Zeit gut sein, als ein gewisses Gleichgewicht in
Italien vorhanden war: gegenwärtig aber scheint mir der Rathschlag nicht
mehr tauglich. Ich glaube vielmehr, daß aus angestifteten Uneinigkeiten
niemals Gutes kommt: vielmehr müssen Städte, die innerlich entzweit sind,
bei Annäherung eines Feindes bald fallen; denn der schwächste Theil wird
sich immer an den auswärtigen Feind hängen, der andre aber nicht im
Stande sein, sich zu behaupten. Diese Ursachen haben, wie es mir scheint,
die Venezianer bewogen, die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den
ihnen unterworfenen Städten zu unterhalten. Wenn sie es gleich nicht bis
zum Blutvergießen kommen ließen, so unterhielten sie doch diese
Zwistigkeiten, damit die Bürger beschäftigt und abgehalten würden, sich
gegen sie aufzulehnen. Dieses schlug aber nicht so aus, als beabsichtigt
war; denn sie waren nicht sobald bei Vaila geschlagen, so faßte eine der
Parteien Muth und stürzte die venezianische Herr[pg 106]schaft. Aehnliches
Verfahren deutet allemal die Schwäche des Fürsten an. Unter einer kräftigen
Herrschaft werden solche Uneinigkeiten nicht gestattet, weil sie nur im
Frieden zu etwas nützen können, indem sie dienen, die Unterthanen nach
Gefallen zu behandeln; entsteht aber Krieg, so tritt doch zu Tage, wie
trüglich eine solche Art zu regieren ist. Ohne Zweifel dient es zur Größe
eines Fürsten, Schwierigkeiten und Widerstand zu überwinden. Wenn das
Schicksal einen neuen Fürsten, der unstreitig eines guten Rufes mehr
bedarf, als ein Erbfürst, groß machen will, so erweckt es ihm Feinde und
reizt dieselben zu Unternehmungen gegen ihn, damit er sie zu Schanden
mache, und auf der Leiter, die ihm seine Feinde solchergestalt zutragen,
noch höher steige. Es haben daher Einige geurtheilt, daß ein weiser Fürst,
wofern die Gelegenheit sich darbietet, einige Feinde schlauer Weise

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anfeuern müsse, um durch ihre Besiegung größer zu werden. Die Fürsten,
und insbesondere neue, haben mehr Treue bei denen gefunden, und mehr
Nutzen von denen gezogen, die ihnen im Anfang verdächtig waren, als bei
denen, die sich gleich anfangs zu ihnen schlugen. Pandolfo Petrucci, Fürst
von Siena, regierte seinen Staat mehr durch Jene, als durch die Andern.
Aber es ist nicht viel davon zu sagen, weil es allein auf die Umstände
ankommt. Ich will nur noch dieses Einzige anführen, daß diejenigen,
welche einer Herrschaft anfangs feind waren, wofern sie so beschaffen sind,
daß sie sich nicht ohne Unterstützung halten können, vom Fürsten leicht
gewonnen werden, und genöthigt sind, ihm treuere Dienste zu leisten; da sie
einsehen, daß sie etwas thun müssen, um die nachtheiligen ersten Eindrücke
auszulöschen. Der Fürst zieht also von ihnen größern Nutzen, als von
denen, welche sich in seinem Dienste ganz sicher halten und daher seine
Sache vernachlässigen. Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht
verabsäumen, die Fürsten, die ein Land durch Hilfe ihrer Anhänger unter
den Einwohnern erobern, zu erinnern, [pg 107]daß sie wohl erwägen,
welche Ursachen jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht
aus einer natürlichen Zuneigung, sondern blos aus Mißvergnügen mit dem
vorigen Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mühe
schwerlich zu Freunden behalten, weil es beinahe unmöglich ist, sie
zufrieden zu stellen. Wenn man alte und neue Geschichten erwägt, so wird
man finden, daß es leichter ist, diejenigen zu gewinnen, welche bei dem
vorigen Zustande der Dinge zufrieden, und deswegen dem neuen Herrn
feind waren, als diejenigen, welche unzufrieden waren und diesen
deswegen begünstigten.

Die Fürsten pflegen wol zu ihrer Sicherheit Festungen anzulegen, welche
ihnen als Zaum und Gebiß ihrer Gegner dienen, und bei einem Ueberfalle
eine Zuflucht für den ersten Anlauf anbieten. Ich kann diese Weise nicht
mißbilligen, da es von Alters her so geschehen. Doch hat Herr Nicolo Vitelli
zu unsrer Zeit zu Città di Castello zwei Burgen niedergerissen, um diesen
Ort zu behaupten. Guid’Ubaldo, Herzog von Urbino, zerstörte nach seiner
Rückkunft in sein Land, aus welchem ihn Cäsar Borgia vertrieben hatte,
alle festen Plätze in demselben, weil er es auf diese Art leichter zu
behaupten dachte. Eben so machten es die Bentivogli nach ihrer Rückkehr
in Bologna. Festungen sind daher nach Umständen nützlich oder schädlich,
und wenn sie auf einer Seite helfen, so schaden sie auf der andern. Dies

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beruht auf Folgendem: der Fürst, der mehr sein eignes Volk als Fremde zu
fürchten hat, muß Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor fremden, als
vor seinen eignen Leuten fürchtet, unterlasse es. Dem Hause Sforza hat das
Castell von Mailand, welches Francesco Sforza erbaut hat, mehr Schaden
gethan, als irgend ein andrer Umstand. Die beste Festung ist, seinem Volke
nicht verhaßt zu sein; denn wen das Volk haßt, dem helfen Festungen nicht,
weil es nie an Fremden fehlt, die dem Volke zu Hilfe kommen, sobald es die
Waffen ergriffen hat. Zu [pg 108]unsern Zeiten hat man kein Beispiel
gesehen, wo sie einem Fürsten Nutzen gebracht hätten, außer der Gräfin
von Forli;21 welche sich bei einem Volksaufstande nach dem Tode ihres
Gemahls, des Grafen Girolamo, dahinein rettete, bis Hilfe von Mailand
kommen konnte und sie wieder einsetzte: dabei verstatteten die damaligen
Umstände den Fremden nicht, dem aufrührerischen Volke zu Hilfe zu
kommen. Nächstdem aber, da Cäsar Borgia sie angriff, und das Volk sich
mit Fremden gegen sie verband, diente die Festung zu nichts. Allemal wäre
es ihr mehr werth gewesen, von ihrem Volke nicht gehaßt zu werden, als
Festungen zu haben. In Erwägung alles dessen will ich gern denjenigen
loben, der Festungen anlegt, und den, der keine anlegt; tadle aber
denjenigen, der sich darauf verläßt, und deswegen den Haß des Volkes nicht
achtet.22

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21. Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um großen
Ruhm zu erwerben.

Nichts erwirbt einem Fürsten so viel Achtung, als große Unternehmungen
und glänzende Handlungen. Zu unsrer Zeit haben wir den Fernando, König
von Arragonien, gegenwärtigen König von Spanien. Derselbe kann
gewissermaßen für einen neuen Souverain gelten, weil er aus einem
schwachen Fürsten, durch den Ruhm seiner Thaten, zu dem ersten
Monarchen der Christenheit geworden. Wenn man seine Handlungen
betrachtet, so findet man in allen Größe: einige sind aber ganz
außerordentlich. Zu Anfang seiner Regierung griff er Granada an; diese
Unternehmung ward der Grund seiner Größe. Anfangs vollführte er sie [pg
109]ganz gemächlich und brauchte nicht zu besorgen, darin gehindert zu
werden; beschäftigte damit die castilischen Barone, welche dadurch
abgehalten wurden, auf Neuerungen zu Hause zu denken, und erwarb selbst
dadurch unvermerkt großes Ansehn über sie und Ruf. Er war vermögend,
seine Armee mit dem Gelde der Kirche und seines Volks zu unterhalten,
und legte durch diese langen Feldzüge einen guten Grund zu der
Kriegsmacht, welche ihm in der Folge zu so großer Ehre verhalf. Außerdem
aber übte er, um zu größeren Unternehmungen schreiten zu können, unter
beständigem Vorwande der Religion eine fromme Härte aus, durch
Vertreibung der Mauren. Ein schrecklicheres und seltneres Ereigniß gibt es
nicht. Unter gleichem Vorwande fiel er in Afrika ein, versuchte einen
Feldzug in Italien, griff endlich Frankreich an. So beschäftigte er sich
beständig mit großen Entwürfen, welche unaufhörlich seine Unterthanen in
der Erwartung ihres Ausganges und in Bewunderung erhielten. Diese seine
Handlungen entsprangen eine aus der andern, also, daß gar nicht
dazwischen zu kommen, und keine Zeit war, dagegen zu wirken. Ferner ist
es einem Fürsten sehr ersprießlich, in der innern Verwaltung auffallende
Dinge zu thun, so wie vom Herrn Bernhard von Mailand erzählt wird, als
wenn Gelegenheit entsteht, irgend Jemanden wegen außerordentlicher
Dinge im Guten oder im Bösen auf solche Art zu belohnen oder zu

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bestrafen, daß davon viel geredet werde. Vor allen Dingen muß ein Fürst in
jeder seiner Handlungen den Ruf des Großen und Hervorstechenden
suchen. Noch erweckt es große Hochachtung gegen einen Fürsten, wenn er
sich als einen ernstlichen Freund oder Feind beweist: das ist, wenn er ohne
alle Bedenklichkeit entschiedene Partei nimmt; dies bringt stets mehr
Ruhm, als neutral zu bleiben. Denn wenn zwei mächtige Nachbarn in Streit
gerathen, so hast du von dem Sieger etwas zu befürchten, oder nicht. In
beiden Fällen ist es besser, hervorzutreten [pg 110]und ernstlich Theil zu
nehmen: denn im ersten Falle wird derjenige, der sich nicht bloßgeben
wollte, allemal eine Beute des Siegers, zur größten Zufriedenheit des
Ueberwundenen, und es bleibt keine andre Zuflucht mehr offen. Denn der
Ueberwinder verlangt keine verdächtigen Freunde, die in der Gefahr nicht
beistehen. Der Besiegte bietet demjenigen keine Zuflucht an, der in den
Zeiten des Kampfes sich geweigert hat, Theil zu nehmen. Antiochus hatte
sich von den Aetoliern bewegen lassen, nach Griechenland zu kommen, um
die Römer zu bekämpfen. Er schickte Gesandte an die Achäer, welche
Freunde der Römer waren, um sie zu bewegen, Zuschauer zu bleiben. Auf
der andern Seite redeten ihnen die Römer zu, die Waffen für sie zu
ergreifen. Als dies in der Versammlung der Achäer zur Berathung kam, so
antwortete der römische Gesandte dem Botschafter des Antiochus, der zur
Neutralität mahnte, Folgendes: „Wenn es Euch als der beste und nützlichste
Ausweg empfohlen wird, neutral zu bleiben, so bedenket, daß Euch nichts
Nachtheiligeres angegeben werden könnte; denn wenn Ihr am Kriege
keinen Theil nehmet, so werdet Ihr ohne Dank und ohne Ehre eine Beute
des Siegers werden.“ Es wird immer so kommen, daß derjenige, der mit dir
nicht gut steht, dich ersuchen wird, neutral zu bleiben; der Andre aber wird
dich bitten, ihn zu schützen. Unentschlossene Fürsten schlagen
meistentheils diesen Weg der Neutralität ein und gehen auch meistentheils
darüber zu Grunde. Macht aber ein Fürst ernstlich gemeine Sache mit
einem Theile, und dieser trägt den Sieg davon, so bleibt er freilich abhängig
von demselben, jedoch sind die Fäden der Dankbarkeit angeknüpft, und die
Menschen sind nicht so verrätherisch, daß sie die Undankbarkeit bis dahin
treiben sollten, ihren Anhänger sogleich zu unterdrücken. Auch ist der Sieg
selten so vollständig, daß der Sieger nicht allerlei Rücksichten nehmen
müßte und vorzüglich auf die Gerechtigkeit. Wenn aber der Theil, zu dem
du dich [pg 111]geschlagen hast, unterliegt, so steht er dir doch bei, und du
hast einen Freund, mit dessen Beihilfe du vielleicht wieder emporkommen

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kannst. Im zweiten Falle, da die streitenden Parteien einander so gleich
sind, daß vom Sieger nichts zu fürchten ist, so ist es so viel klüger, Partei zu
nehmen, weil sonst Einer zu Grunde gerichtet wird, dem ein kluger
Zuschauer vielmehr beistehen würde; siegt er, so behältst du ihn in Händen,
und es ist fast unmöglich, daß derjenige, dem du beistehst, nicht den Sieg
davontrage. Hier ist noch bemerkenswerth, daß ein Fürst sich niemals mit
einem Mächtigern verbinden muß, um über einen Dritten herzufallen, außer
im Falle der Noth. Denn wenn er siegt, so bist du in seiner Gewalt: dies ist
aber vor allen Dingen zu vermeiden. Die Venezianer verbanden sich mit
Frankreich gegen den Herzog von Mailand; dies geschah unnöthiger Weise,
und sie gingen darüber zu Grunde. Wenn es aber unvermeidlich ist, so wie
mit den Florentinern der Fall war, als der Papst und die Spanier die
Lombardei überzogen, alsdann muß man freilich wol diesen Entschluß
nehmen. Kein Staat glaube jemals mit Sicherheit auf etwas zählen zu
können, sondern rechne beständig auf die Ungewißheit aller Dinge: denn
die Welt ist so beschaffen, daß man allemal einer Unbequemlichkeit
entgeht, in eine andre aber hineingeräth. Die Klugheit besteht darin, unter
ihnen auszuwählen, und die geringste auszusuchen. Ferner noch muß ein
Fürst Liebe zu ausgezeichneten Eigenschaften beweisen und vorzügliche
Männer in jedem Fache ehren. Er muß seine Bürger anfeuern, daß sie sich
ernstlich in ihrem Gewerbe anstrengen, sei es im Handel oder dem
Ackerbau, oder anderm Gewerbe; daß sie nicht fürchten, das, was sie
erworben, zu genießen; ihre Besitzungen, aus Furcht sie zu verlieren,
vernachlässigen; aus Furcht vor neuen Steuern den Handel liegen lassen.
Vielmehr muß er Jeden dazu aufmuntern, und denjenigen, der der Stadt
oder dem Staate auf irgend eine Art förderlich ist, belohnen. Sein [pg
112]Volk muß er zu den gehörigen Zeiten im Jahre mit Festlichkeiten und
Schauspielen beschäftigen, und da jede Stadt aus Zünften besteht, diese
ehren, ihren Zusammenkünften zu schicklichen Zeiten beiwohnen, sich
menschenfreundlich und freigebig beweisen, dabei aber seine Würde in
allen Dingen behaupten, welche niemals vernachlässigt werden darf.

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22. Von den Ministern.

Die Wahl der Räthe ist keine der geringsten Angelegenheiten eines Fürsten
und fällt gut oder schlecht aus, nachdem er wohl überlegt oder nicht. Man
urtheilt zunächst über ihn und über seinen Verstand, nachdem die Personen
beschaffen sind, die ihn umgeben. Sind sie der Sache gewachsen und
getreu, so wird er immer für einen weisen Mann gelten, weil er sie für das
erkannte, was sie waren, und sie treu zu erhalten wußte. Ist das nicht, so
kann man über ihn kein günstiges Urtheil fällen, wenn er in dieser ersten
Angelegenheit Fehler begeht. Wer nur den Antonio von Venafro, den
Minister des Pandolfo Petrucci, Fürsten von Siena kannte, mußte diesen für
einen Mann von Verstand halten, weil er jenen zu seinem Minister erwählte.
Es gibt drei Arten von Köpfen. Die erste sieht Alles von selbst ein; die
zweite begreift es, wenn Andre die Sache darlegen; die dritte sieht nichts
ein, weder von selbst, noch durch die Bemühungen Andrer. Die ersten sind
die vorzüglichsten, die zweiten sind noch immer vortrefflich, die letzte Art
ist aber zu nichts nütze. Pandolfo gehörte nicht zu der ersten, wol aber zu
der zweiten Classe; denn wer nur den Verstand hat, Gutes und Schlechtes,
was Andre sagen und thun, zu unterscheiden, kann, wenn er schon selbst
keinen erfinderischen Geist besitzt, die Handlungsweise seiner Minister
beurtheilen, tüchtige erheben und andre züchtigen; kein Minister kann ihn
hintergehen, und er erhält sich. Minister zu beurtheilen, dazu ist Folgendes
ein untrügliches Mittel. Sieht man, daß einer mehr an sich als an seinen [pg
113]Herrn denkt, und in allen seinen Handlungen seinen persönlichen
Vortheil vor Augen hat, der wird nie ein guter Rathgeber sein, noch kann
man ihm trauen. Denn wer einmal die Angelegenheiten einer Regierung in
Händen hat, muß nicht mehr an sich denken, sondern an seinen Fürsten, und
Alles in Beziehung auf diesen betrachten. Auf der andern Seite muß der
Fürst wieder an ihn denken, ihm Ehre und Reichthum zuwenden, ihn sich
verbinden, an der Ehre und der Führung der Geschäfte Theil nehmen lassen,
so daß er sehe, er könne ohne den Fürsten nicht bestehen, und so viel
Auszeichnung habe, daß er nicht nach höherer strebe; des Reichthums so
viel, daß er nicht noch mehr begehre; und in so hohen Aemtern stehe, daß er

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jede Staatsveränderung fürchten muß. Wenn Minister so beschaffen sind
und von den Fürsten so behandelt werden, dann können beide einander
trauen; sonst aber wird es sicher mit dem Einen oder Andern ein schlechtes
Ende nehmen.

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23. Schmeichler sind zu fliehen.

Ein Kapitel von größter Wichtigkeit kann ich nicht übergehen, da es einen
Fehler betrifft, den die Fürsten selten vermeiden, wenn sie nicht sehr viel
Verstand haben und nicht gut zu wählen wissen. Dies behandelt nämlich die
Schmeichler. Es gibt gar kein anderes Mittel, um sich gegen die
Schmeichelei zu sichern, als wenn man zeigt, daß man die Wahrheit hören
kann, ohne dadurch beleidigt zu werden: darf aber Jeder dir die Wahrheit
sagen, so verletzt er die Ehrfurcht. Ein kluger Fürst muß daher einen dritten
Weg einschlagen, gescheidte Leute auswählen, diesen allein erlauben, ihm
die Wahrheit zu sagen, aber doch nur über die Gegenstände, darüber er sie
befragt; er muß sie aber über Alles befragen, ihre Meinung hören und dann
selbst seine Entschließung fassen. Mit diesen Rathgebern muß er sich so
benehmen, daß Jeder sieht, er werde desto mehr Gehör finden, je
freimüthiger er spricht. Außer diesen aber [pg 114]muß er Niemand hören,
beschlossene Sachen nicht wieder besprechen und von gefaßten
Beschlüssen nicht zurückgehen. Wer es anders macht, wird entweder durch
die Schmeichler ins Verderben gestürzt, oder wird über der
Mannichfaltigkeit der Ansichten, über das öftere Wanken in seinen
Entschlüssen verächtlich. Ich will hiervon ein Beispiel aus der neuesten
Geschichte anführen. Pater Luca, ein Vertrauter Kaiser Maximilians, sagte
von diesem, er ziehe Niemanden zu Rathe und handle doch niemals nach
seinem eignen Sinne: welches daher rühre, daß er das Gegentheil von dem
zu thun pflege, was hier oben angegeben ist; der Kaiser sei nämlich ein
verschlossener Mann, eröffne Niemandem seine Gedanken und frage
Niemanden um seine Meinung. Aber wenn er anfängt, seine Entwürfe ins
Werk zu richten, und sie sich entwickeln, so finden sie auch Widerspruch
bei seinen Umgebungen; und da er selbst von nachgibigem Charakter sei,
lasse er sich leicht davon abbringen. Was er an einem Tage angefangen,
vernichte er am folgenden wieder. Man könne daher nie daraus klug
werden, was er vorhabe, und könne auf seine Beschlüsse nicht bauen. Ein
Fürst muß sich also beständig berathen: aber das, wenn Er es will, nicht
wenn Andre wollen; er muß Jedem den Muth nehmen, ihm ungefragt Rath

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zu ertheilen; er muß aber häufig fragen und alsdann den freimüthigen
Vortrag der Wahrheit gern hören, und vielmehr noch zürnen, wenn Jemand
sie ihm aus Nebenursachen vorenthält. Es glauben wol Einige, daß manche
Fürsten, welche den Ruf großer Klugheit erworben haben, denselben nicht
ihrem eignen Verstande, sondern den guten Rathschlägen Andrer
verdanken; aber diese irren unstreitig: denn es ist eine ganz allgemeine
Regel ohne Ausnahme, daß ein Fürst, der selbst keinen Verstand hat, auch
nicht guten Rath annehmen kann, es sei denn, daß er zufälligerweise ganz
und gar von einem einzigen, und zwar von einem sehr gescheidten Manne
regiert würde. In diesem letzten Falle kann er wol gut geleitet [pg
115]werden; es dauert aber nicht lange: denn ein solcher Rathgeber wird
ihn bald selbst stürzen. Ein Fürst, dem es an Weisheit fehlt und der Mehrere
befragt, wird nie übereinstimmende Rathschläge erhalten, und sie eben so
wenig selbst in Uebereinstimmung bringen. Jeder seiner Rathgeber wird
immer auf seine eigne Sache denken, und der Fürst wird sie weder kennen,
noch in Ordnung halten. Rathgeber, die es anders machen, sind nicht zu
finden, denn die Menschen sind ihrer Natur nach schlecht, wenn sie nicht
durch Noth gezwungen werden, gut zu handeln. Mit Einem Worte: Gute
Rathschläge, sie mögen herrühren von wem sie wollen, müssen von der
Klugheit des Fürsten veranlaßt werden. Durch gute Rathschläge wird kein
Fürst klug gemacht.

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24. Wie die Fürsten Italiens ihre Herrschaften
verloren haben.

Wenn alles bisher Ausgeführte gut beobachtet wird, so wird ein neuer Fürst
einem alten gleich und wird geschwind so sicher und fest in seiner
Herrschaft, als wenn er darin aufgewachsen wäre. Denn die Handlungen
eines neuen Fürsten werden weit mehr beachtet, als eines Erbfürsten.
Erkennt man darin große Vorzüge, so gewinnt dieses die Menschen, und er
erwirbt sich eine größere Anhänglichkeit, als ein altes Geschlecht; denn die
Menschen sind viel mehr mit dem Gegenwärtigen, als mit vergangenen
Dingen beschäftigt; befinden sie sich wohl, so sind sie damit zufrieden und
verlangen nichts Anderes, nehmen auch ernstlich die Partei des Fürsten,
wenn er nur sich selbst nicht im Stiche läßt. Auf diese Art erwirbt er
doppelten Ruhm, indem er eine neue Herrschaft gegründet, zu Ehren
gebracht, mit guten Gesetzen, tüchtiger Kriegsmacht, Freunden und gutem
Beispiel für Andre versehen hat. Dagegen trifft doppelte Schande den
Fürsten, der eine alte Herrschaft durch Unverstand verliert. Wenn man aber
die Geschichte derjeni[pg 116]gen italienischen Fürsten betrachtet, welche
zu unsrer Zeit ihre Staaten verloren haben, wie den König von Neapel, den
Herzog von Mailand und Andre; so wird man zuerst einen gemeinsamen
Fehler finden, in den sie hinsichtlich der Kriegsmacht gefallen sind: aus den
oben aus einander gesetzten Ursachen. Ferner wird man finden, daß einer
oder der andere von ihnen das Volk zum Feinde gehabt, oder wenn er das
Volk zum Freunde hatte, sich der Großen nicht versichern konnte. Ohne
solche Fehler geht keine Herrschaft verloren, welche mächtig genug ist, ein
Heer ins Feld stellen zu können. Philipp von Macedonien, nicht der Vater
Alexanders des Großen, sondern derjenige, welchen Titus Quintius
überwand, hatte keinen großen Staat im Vergleich mit den Römern und
Griechen, die ihn angriffen; dennoch hielt er es manches Jahr mit ihnen aus,
weil er kriegerischen Geist hatte, das Volk zu behandeln verstand und sich
der Großen zu versichern wußte. Wenn er auch eine und die andre Stadt
verlor, so behauptete er sich doch in seinem Königreiche. Unsre Fürsten,

Page 110

welche eine lange Jahre hindurch besessene Herrschaft verloren haben,
mögen also nur nicht das Schicksal anklagen, sondern ihre eigne Feigheit;
denn wenn sie in ruhigen Zeiten nie darauf gedacht haben, daß diese sich
ändern können – der gewöhnliche Fehler der Menschen, bei gutem Wetter
nicht an den Sturm zu denken – und alsdann, wenn schlimme Umstände
eintreten, nicht darauf denken, sich zu vertheidigen, sondern entfliehen und
hoffen, daß die Völker sie aus Ueberdruß der Sieger wieder zurückrufen
sollen; so ist das ganz gut, wenn gar kein andrer Weg eingeschlagen werden
kann: aber es ist sehr übel, andre Wege zu vernachlässigen und diesen
vorzuziehen. Kein Mensch wird je muthwillig fallen, in Hoffnung, daß ein
Andrer ihm wieder aufhelfen werde. Mag das nun wirklich geschehen oder
nicht, so ist es immer höchst unsicher. Es hängt nicht von uns ab und ist ein
niedriges Mittel. Nur diejenige Vertheidigung ist [pg 117]gut, sicher,
dauerhaft, welche von uns selbst und unsrer eignen Tapferkeit abhängt.

Page 111

25. Welchen Einfluß das Glück auf die
Angelegenheiten der Menschen hat.

Ich weiß wohl, daß Viele ehedem die Meinung gehegt haben und noch jetzt
hegen, die Begebenheiten der Welt würden solchergestalt vom Glücke und
von Gott regiert, daß die Menschen mit aller Klugheit sie nicht verbessern
und nichts dagegen ausrichten könnten. Daraus könne man abnehmen, daß
es nicht der Mühe werth sei, viel einzufädeln, sondern daß man sich nur
dem Schicksale hingeben möge. Diese Meinung hat in unsern Tagen durch
die großen Veränderungen, die Alles erlitten hat, die man noch täglich sieht,
und welche alle menschlichen Vermuthungen zu Schanden machen, viel
gewonnen. Indem ich hierüber nachgedacht, bin ich zu Zeiten geneigt
gewesen, mich zu derselben Meinung zu bekennen. Weil aber doch der
menschliche freie Wille damit in Widerspruch steht, so urtheile ich, daß das
Glück wol die Hälfte aller menschlichen Angelegenheiten beherrschen mag;
aber die andre Hälfte, oder doch beinahe so viel, uns selbst überlassen
müsse. Ich vergleiche das Glück mit einem gefährlichen Flusse, der, wenn
er anschwillt, die Ebene überschwemmt, Bäume und Gebäude umstürzt,
Erdreich hier fortreißt, dort ansetzt. Jedermann flieht davor und gibt nach;
Niemand kann widerstehen. Dennoch können die Menschen in ruhigen
Zeiten Vorkehrungen treffen, mit Deichen und Wällen bewirken, daß der
Fluß bei hohem Wasser in einem Canale abfließen muß, oder doch nicht so
unbändig überströmt und nicht so viel Schaden thut. In gleicher Art geht es
mit dem Glücke, welches seine Macht zeigt, wo keine ordentlichen
Gegenanstalten gemacht sind, und sich mit Ungestüm dahin kehrt, wo keine
Wälle und Dämme vorhanden sind, es im Zaume zu halten. Wenn man
Italien betrachtet, welches [pg 118]der Sitz dieser großen Umwälzungen
gewesen ist, so wird man ein ebenes Feld finden, ohne Wälle und Dämme.
Wäre dieses Land durch hinlängliche Kriegstugend vertheidigt, so wie
Deutschland, Frankreich und Spanien, so hätten jene Ueberschwemmungen
keine solchen Umwälzungen hervorgebracht, oder wären gar nicht
eingetreten. So viel im Allgemeinen vom Widerstande gegen das Schicksal.

Page 112

Nunmehr der Sache näher zu treten, sage ich, daß man einen Fürsten heute
im Wohlstande, morgen zu Grunde gehen sieht, ohne daß er seine Natur im
Geringsten verändert habe. Dies scheint mir zuerst von den Ursachen
herzurühren, die ich oben ausführlich erörtert habe: nämlich, daß ein Fürst,
der sich ganz auf das Glück verläßt, zu Grunde gehen muß, sobald dieses
sich dreht. Ferner glaube ich, daß es dem gut gehe, der in seiner
Handlungsweise mit dem Geiste der Zeit zusammentrifft, und daß derjenige
verunglücken müsse, der mit den Zeiten in Widerspruch geräth. Denn man
sieht die Menschen ihre Zwecke, die sich ein jeder vorgesetzt hat, es sei nun
solches Ehre und Ruhm oder Reichthum, auf verschiedene Art verfolgen.
Einer mit Vorsicht, der andre mit Ungestüm; einer mit Gewalt, der andre
mit List; einer mit Geduld, der andre auf entgegengesetzte Art, und jeder
kann auf seine Weise dazu gelangen. Man sieht zwei gleich vorsichtige:
einem gelingt es, dem andern nicht. Ebenfalls gelingt es zwei verschiedenen
gleich gut, von denen der eine vorsichtig, der andre ungestüm zu Werke
geht. Dies rührt lediglich von der Verschiedenheit der Umstände her,
welche mit der Art zu verfahren übereinstimmen oder nicht. Daher kommt,
was ich gesagt habe, daß zwei entgegengesetzte Verfahrungsarten zu dem
gleichen Zwecke führen; und daß von zweien, die auf gleiche Art verfahren,
doch einer das Ziel erreicht, der andre es verfehlt. Eben daher kommen die
Abwechselungen des Glücks; denn wenn Jemand sich mit Vorsicht und
Besonnenheit und Geduld benimmt, dazu die Umstände [pg 119]wohl
übereinstimmen, so geht Alles gut von Statten. Aendern sich Zeiten und
Umstände, so geht er zu Grunde, wenn er sein Betragen nicht ebenfalls
ändert. Es findet sich aber nicht leicht ein so verständiger Mann, nach dem
er sich zu richten vermöchte; theils weil er nicht gegen seine natürliche
Neigung handeln kann; theils weil derjenige, dem es auf einem gewissen
Wege bis dahin gelungen ist, sich nicht überzeugen kann, daß es gut sei,
denselben nunmehr zu verlassen. So geht es dem vorsichtigen Manne.
Wenn es Zeit ist, dreist darauf los zu gehen, so vermag er dies nicht, und
muß also zu Grunde gehen. Hätte er seine Gemüthsart mit den Zeiten und
Umständen geändert, so hätte das Schicksal sich nicht geändert. Papst
Julius der Zweite ging in allen Dingen mit Ungestüm zu Werke, und die
Zeitumstände stimmten dazu so gut, daß er immerfort glücklich war. Man
erwäge nur seine erste Unternehmung gegen Bologna, als Giovanni
Bentivoglio noch lebte. Die Venezianer waren damit nicht zufrieden: der
König von Spanien sowol als der von Frankreich dachten selbst auf eine

Page 113

solche Unternehmung. Dennoch griff er mit seinem gewöhnlichen
Ungestüme die Sache an, und zwar persönlich. Dieser kühne Schritt hielt
Venedig und Spanien zurück; jenes aus Furcht, dieses durch die Begierde,
das ganze Königreich Neapel zu erobern. Auf der andern Seite zog der
Papst den König von Frankreich in sein Interesse, indem der König sah, daß
der Papst einmal zugeschlagen hatte; und da er selbst die Venezianer zu
demüthigen wünschte, so glaubte er jenen nicht durch Verweigerung der
Hilfstruppen offenbar beleidigen zu dürfen. Julius brachte also durch seine
ungestümen Bewegungen zu Stande, was niemals ein andrer Papst durch
alle menschliche Klugheit ausgerichtet hätte. Hätte er gezaudert, von Rom
aufzubrechen, bis Alles gehörig bestellt und alle Anstalten vorläufig
getroffen wären, so wie andre Päpste es gemacht hatten, so wäre es ihm
nicht gelungen. Denn der König [pg 120]von Frankreich hätte tausend
Entschuldigungen gefunden, und die Andern hätten ihm tausend
Besorgnisse erregt. Ich übergehe alle seine andern Handlungen, welche
insgesammt dieser ähnlich sind und alle gelangen. Die Kürze seines Lebens
hat nicht verstattet, daß er ein feindliches Schicksal erfuhr. Wären aber
Umstände eingetreten, die ein vorsichtiges Betragen erheischten, so wäre
auch Er zu Grunde gegangen, weil er seinen natürlichen Charakter in seiner
Handlungsweise nicht würde haben verläugnen können. Ich schließe also,
daß, da die Glücksumstände veränderlich sind, die Menschen aber bei ihrer
Weise eigensinnig beharren, es diesen nur so lange gut geht, als Beides mit
einander übereinstimmt; sobald aber Disharmonie darin eintritt, Alles
mißglücken muß. So viel ist indessen wahr, daß allemal besser ist, muthig
darauf los zu gehen, als bedächtig; denn d a s G l ü c k i s t e i n W e i b ,
und wer dasselbe unter sich bringen will, muß es
s c h l a g e n u n d s t o ß e n. Es läßt sich eher von dem, der es so
behandelt, unterjochen, als von dem, der ruhig und kalt zu Werke geht.
Deswegen ist es auch als ein ächtes Weib den jungen Leuten gewogen, weil
sie weniger bedächtig sind, muthiger und dreister ihm befehlen.23

Page 114

26. Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu
befreien.

Erwägt man nun alles bisher Vorgetragene und überlegt mit mir, ob
augenblicklich wol in Italien die Zeitverhältnisse so sind, daß man einen
neuen Fürsten zu Ehren bringen und daß ein tapferer und besonnener Mann
eine neue Verfassung schaffen könnte, die ihm selbst zum Ruhme gereichte
und der Nation Vortheil brächte, so scheinen mir jetzt so viele Umstände
zusammenzukommen, daß nie ein günstigerer Zeitpunkt dazu vorhanden
war. Wie gesagt, [pg 121]die Künste des Moses konnten sich nicht
entwickeln, wenn die Juden nicht in der Dienstbarkeit Egyptens gewesen
wären; die Größe des Cyrus wäre nicht erkannt, wenn die Perser nicht von
den Medern vorher unterdrückt wären; den Theseus berühmt zu machen,
mußten die Athenienser zu seiner Zeit zerstreut leben; und so mußte auch,
damit ein italienischer hoher Geist sich zeigen könne, Italien so tief sinken,
sklavischer werden, als die Juden je gewesen sind, unterdrückter als die
Perser, zerstreuter als die Athenienser, ohne Kopf, ohne Ordnung,
geschlagen, ausgeplündert, zerrissen, überrannt, – das italienische Volk
mußte auf alle Weise zu Grunde gerichtet sein. Und wenn sich gleich bis
daher in Einem oder Anderm einiger Schein gezeigt hat, als ob er von Gott
dazu berufen sei, Italien zu erlösen, so sind solche doch im Verfolge der
Begebenheiten durch das Schicksal so zurückgeworfen, daß Italien noch
immer wie todt daliegt und auf den harrt, der es von den erlittenen Schlägen
herstellen, den Plünderungen und Verheerungen der Lombardei, dem
Aussaugen und Erpressungen des römischen Gebietes und Königreichs
Neapel ein Ende machen, und die durch die Länge der Zeit so tief hinein
brandig gewordenen Wunden heilen wird. Seht, wie das Volk zu Gott ruft,
er möge Jemand senden, der es von der Grausamkeit und dem Uebermuthe
der Barbaren erlöse! Seht, wie geneigt es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur
Jemand da wäre, der sie aufpflanzte. Es ist aber jetzt Niemand zu finden,
auf den man hoffen dürfte, außer in eurem erlauchten Hause, welches durch
seine hohen Eigenschaften und durch seinen Glücksstern24 (unter

Page 115

Begünstigung Gottes und der Kirche, an deren Spitze euer Geschlecht [pg
122]gegenwärtig steht) Anführer der Befreiung werden könnte. Dies wird
euch nicht schwer werden, wofern ihr nur die von mir vorgehaltenen
Beispiele vor Augen behaltet. Und obwol diese von seltnen und
bewunderungswürdigen Männern herrühren, so waren sie doch auch
Menschen: die Gelegenheit aber nie so günstig als gegenwärtig; denn ihre
Unternehmungen waren weder gerechter noch leichter, noch auch hat sich
Gott ihnen günstiger bewiesen als euch. Hier ist gerechte Sache: denn
dieser Krieg ist gerecht, nothwendig. Hier sind fromme Waffen: deswegen
hoffet auf nichts Anderes, als auf sie. Alles ist dazu vorbereitet, und mithin
kann es keine großen Schwierigkeiten haben, wenn man nur die von mir
aufgestellten Beispiele zum Muster nimmt. Außerdem sind Zeichen und
Wunder geschehen ohne Beispiel, und die von Gott kommen; das Meer hat
sich aufgethan, eine Wolke hat euch den Weg gezeigt, ein Fels hat Wasser
ergossen, Manna ist geregnet: Alles hat sich vereinigt zu eurer Größe; das
Uebrige müßt ihr selbst thun. Gott thut nicht Alles, um der Freiheit des
menschlichen Willens keinen Eintrag zu thun, und uns den Theil des
Ruhmes zu lassen, der unsre Handlungen angeht. Auch ist es nicht zu
verwundern, wenn keiner von oben gedachten Italienern das hat leisten
können, was man von eurem erlauchten Hause hoffen darf, und wenn es in
so vielen Umwälzungen von Italien und so vielen kriegerischen
Unternehmungen den Anschein gehabt hat, als sei alle kriegerische Tugend
erloschen. Dies beweist nur, daß die alten Anordnungen nichts taugten, und
bisher Niemand neue zu erdenken gewußt hat. Nichts bringt einem neu
aufsteigenden Helden mehr Ehre, als die Erfindung neuer Gesetze und
neuer Anordnungen. Sind diese gut begründet und ist darin eine gewisse
Größe, so erwerben sie ihm Verehrung und Bewunderung, und es fehlt in
Italien nicht an Materie zu jeder neuen Gestalt. Kraft genug ist in den
Gliedern, wenn sie nur nicht in den Köpfen gefehlt hätte. Die [pg
123]Zweikämpfe und einzelnen Gefechte unter wenigen Personen
beweisen, wie viel Ueberlegenheit die Italiener in Kraft, Geschicklichkeit
und Verstand besitzen. So wie sie aber in ganzen Heeren zusammen
erscheinen, so sieht man nichts mehr davon; Alles liegt nur an der
Schwäche der Häupter, denn die es besser wissen, gehorchen nicht;
Jedermann aber will es so gut wissen als der Andre, da bis jetzt noch
Niemand aufgestanden ist, der Ueberlegenheit genug in Tugend und Glück
gezeigt hätte, daß die Andern ihm hätten weichen müssen. Daher kommt es

Page 116

denn, daß seit zwanzig Jahren kein einziges Heer etwas ausgerichtet hat,
welches aus bloßen Italienern bestand. Das beweisen die Schlachten am
Taro, Alexandrien, Capua, Genua, Vaila, Bologna, Mestri. Wenn also euer
erlauchtes Haus das Beispiel derer nachahmen will, die ihr Vaterland befreit
haben, so ist vor allen Dingen nöthig (worauf ja jede Unternehmung
beruht), eigne Mannschaft anzuwerben, weil es keine treueren, ächteren und
besseren Soldaten gibt. Wenn gleich jeder Einzelne für sich gut ist, so
werden sie zusammengebracht noch besser, sobald sie von ihrem eigenen
Fürsten angeführt sind und sich von demselben geehrt und gut behandelt
sehen. Es ist also nöthig, sich auf diese Art zu rüsten, um sich mit
italienischer Tapferkeit gegen die Fremden zu vertheidigen. Und obgleich
die schweizerischen und spanischen Fußvölker für furchtbar gelten, so
haben doch beide ihre Fehler, die einem Dritten Gelegenheit zum
Widerstande und Hoffnung geben, sie zu besiegen. Denn die Spanier
können den Angriff der Reiterei nicht aushalten, und die Schweizer geben
dem Fußvolke nach, wenn sie auf solches stoßen, das eben so hartnäckig im
Gefechte ist, als sie selbst. Die Erfahrung hat dieses bewiesen; die Spanier
können eine französische Reiterei nicht abhalten; die Schweizer unterliegen
spanischem Fußvolke. Von dem letzten haben wir noch keine vollständige
Erfahrung: jedoch hat sich ein Probestückchen davon in der Schlacht bei
Ravenna gezeigt, als die [pg 124]Spanier mit deutschen Truppen
zusammentrafen, welche dieselbe Art zu fechten haben wie die Schweizer.
Die Spanier drangen nämlich durch die Gewandtheit des Körpers und durch
Hilfe ihrer kleinen Schilder tief auf sie ein, unter ihre Piken, und waren
dabei im Angriffe gedeckt, ohne daß die Deutschen sich gegen sie wehren
konnten. Wäre die Reiterei nicht dazu gekommen, so waren sie Alle
verloren. Da man also die Mängel jener Mannschaft zu Fuß erkannt hat, so
kann gegenwärtig eine neue Einrichtung derselben eingeführt werden,
welche der Reiterei zu widerstehen vermag und andres Fußvolk nicht zu
fürchten braucht. Dieses wird nicht durch die Beschaffenheit der Waffen,
sondern durch Stellung und Anordnung der Mannschaft bewirkt werden.
Dieses sind die Erfindungen, welche einen neuen Fürsten groß machen und
seinen Ruhm gründen. Die gegenwärtige Gelegenheit möge also nicht
vorübergehen, damit Italien endlich nach so langer Zeit seinen Erretter sehe.
Ich vermag es nicht auszudrücken, mit welcher Begierde ihn alle Länder
aufnehmen würden, die so viel von den fremden Ueberschwemmungen
gelitten haben; mit welchem Durste nach Rache, welcher unüberwindlichen

Page 117

Treue, welcher frommen Liebe; wie viel Thränen für ihn fließen würden!
Welche Thore würden wol ihm verschlossen werden? Welches Volk könnte
es versagen, ihm zu gehorchen? Wie dürfte der Neid sich gegen ihn regen?
Welcher Italiener könnte sich weigern, ihm zu folgen? Einen Jeden ekelt
diese fremde Herrschaft an! So ergreife denn euer erlauchtes Haus den
Entschluß, mit dem guten Muthe und der Hoffnung, womit gerechte
Unternehmungen angefangen werden, damit das Vaterland unter seinen
Fahnen wieder geadelt werde, und die Prophezeiung des Petrarca eintreffe:

„Die Tugend wird gegen die wilde Wuth in Waffen treten und das Gefecht
bald entschieden sein; denn die alte Tapferkeit ist in der Brust der Italiener
auch heute noch nicht erstorben!“

Page 118

[pg 125]

Erläuterungen.

Page 119

1.

Charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers sind sogleich die ersten
Worte. Ein heutiges politisches Handbuch würde etwa beginnen: „Die
Verfassungen der Völker im staatsbürgerlichen Vereine“. Dagegen heißt es
hier: „Die Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen ausüben“.
Dieser Herrschaft setzt Macchiavelli die Freiheit entgegen, wie die
Griechen und Römer Tyrannei und Republik einander entgegensetzten.
Aber in seinen Betrachtungen über die Republik (Discorsi sul Livio) ist
eben sowol als im Buche vom Fürsten nur von der Befriedigung des
Ehrgeizes und der Herrschsucht, hier des Einzelnen, dort der Partei, die im
Staate regiert, und den äußern Verhältnissen die Rede. Nach einer von
Simonde Sismondi am Schlusse seiner Geschichte der italienischen
Republiken vortrefflich ausgeführten Bemerkung sind in diesem
Gemeinwesen des Mittelalters, wie in den griechischen und römischen, die
Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit nur auf diese äußern Verhältnisse
und nicht auf den einzelnen Bürger angewandt, auch nur der herrschenden
Mehrzahl zu Gute gekommen; während dagegen der Genuß der Freiheit
und des Vermögens jedes Einzelnen, so weit dies Alles mit der Ordnung des
Ganzen vereinbar ist, den Hauptgegenstand der politischen Speculation
unserer Zeit ausmacht. An dieser für das menschliche Geschlecht sehr
wohlthätigen Veränderung hat die Neigung zu metaphysischen
Spekulationen unverkennbar großen Antheil, und das darf bei der
Beurtheilung des Zeitgeistes im achtzehnten Jahrhunderte nicht übersehen
werden. Die Entwickelung abstracter Begriffe über die Rechte der
Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft erregt meistentheils bei denen,
die die [pg 126]wirkliche Welt im Auge haben, nur ein mitleidiges Lächeln.
Allerdings gehen aus dem Spiele mit abstracten Begriffen oft Theorien
hervor, die auf Nichts anwendbar sind, und diese haben unsinnige und
verderbliche Unternehmungen erzeugt. Aber die Versuche wesentlicher
Verbesserungen der rechtlichen Verhältnisse im Staate, mit denen sich unser
Zeitalter so ernstlich beschäftigt, erhalten durch die sorgfältige Prüfung und
Sonderung allgemeiner Begriffe eine bestimmte Richtung. Wir verdanken

Page 120

daher der Metaphysik wirklich weit mehr, als diejenigen glauben, welche
sich mit der Verbesserung der Gesetze beschäftigen und sich des Einflusses
der ihnen verhaßten oder von ihnen verachteten Systeme abstracter Begriffe
auf ihre eignen Arbeiten nicht bewußt sind.

Page 121

2.

Dies Kapitel zeigt kurz die Vortheile, die es dem gebornen Fürsten so leicht
machen, sich zu erhalten, so lange nicht ein Sturm von außen sich erhebt,
der alle Berechnungen der Politik zu Schanden macht. Betrachten wir kurz
die Ursachen, welche solche Katastrophen herbeizuführen im Stande sind.

Wenn es den erblichen Regenten so leicht ist, sich gegen innere Gefahren
zu sichern, warum werden sie so oft ein Raub äußerer Feinde, denen zu
widerstehen die Kräfte des Staates doch noch wol zureichten? – Weil sie
diese Kräfte so wenig gebrauchen. Eben weil es so leicht scheint, und
wirklich so leicht ist, eine angeerbte Herrschaft zu behaupten, so schläfert
das Bewußtsein dieser Sicherheit ein. Die Fürsten werden sorglos, indem
sie sehen, wie das Volk ihnen anhängt, und daß es ihnen anhängen muß.
Ihre Rathgeber wissen es nur zu gut, daß Alles, was den Menschen werth
ist, die Sicherheit des Eigenthums und die Erhaltung aller gewohnten
Verhältnisse, mit demjenigen steht und fällt, der das oberste Glied der Kette
in der Hand hält. Hierauf verlassen sie sich. Aber alle moralischen Bande
unter den Menschen sind gegenseitig. Das Volk erkennt mit seinem geraden
Sinne und unverdorbener Empfindung, daß es seiner Obrigkeit unterthan
sein müsse, um [pg 127]frei zu leben und das Seinige sicher zu genießen.
Die Religion heiligt dieses Verhältniß durch die Lehre, daß alle Ordnung
von Gott kommt, der diejenigen eingesetzt hat, die sie handhaben. Aber die
Großen und ihre Rathgeber, welche nichts empfinden, was der rechtlichen
Denkungsart des Volks entspricht, verkennen ihren Gehalt. Sie halten die
Anhänglichkeit desselben, worin ihre eigne größte Stärke liegt, für
Eigennutz, und verachten sie als Beweise einer knechtischen Gemüthsart.
Daher dürfen sie es denn auch nicht wagen, ihre Unterthanen in der Gefahr
mit Bewegungsgründen aufzufordern, die ihr eignes Betragen für leere
Worte erklärt hat.

Die Anhänglichkeit eines Volkes an das Haus seiner Fürsten beruht auf
Ueberlieferungen der Ahnen: sie ist mit der Liebe zu alten ererbten

Page 122

Einrichtungen zu der Verfassung und den Maximen der Verwaltung, die
dem ganzen Stamme des Volkes und seiner Häupter eigen sind, innigst
verwebt. Wer mit diesen tief gegründeten Verhältnissen willkürlich spielt,
zerstört den Grund, auf dem die Sicherheit des Staates und der regierenden
Familie beruht. Es kann der Eitelkeit schmeicheln, Einrichtungen des
Staates nach Gefallen abzuändern und seinen eignen Willen an die Stelle
alles dessen zu setzen, was auf die Einsichten und die Autorität einer Reihe
von Geschlechtern gegründet war. Wenn aber der Sinn des ganzen Volkes
widerstrebt, so entstehen Schwierigkeiten, die der Kraft des mächtigsten
Herrschers unüberwindlich sind. Bricht der allgemeine Unwille in
offenbaren Widerstand aus, so ist die größte Kriegsmacht nicht immer
vermögend, ihn zu überwältigen. So verlor Joseph der Zweite Belgien, als
er die alten politischen und religiösen Ordnungen mit einem Schlage
vernichten und einen neuen Staat nach seinen Ideen an die Stelle setzen
wollte. Kommt es nicht so weit, so ist der bloße unthätige Widerstand der
Untergebenen, die alle Mitwirkung verweigern, und das, was ihr guter Wille
leisten sollte und könnte, den Dienern höhere Befehle überlassen, schon
hinreichend, die Anschläge der Allgewalt zu vereiteln, die sich ohnmächtig
fühlt, wenn sie von den eignen Dienern verlassen wird, welche nichts mehr
ausrichten können. Eben so wenig ver[pg 128]mag der Eigensinn des
mächtigsten Regenten, der an ererbten Gewohnheiten festhält, welche mit
dem Bedürfnisse der Zeiten und der veränderten Denkart des lebenden
Geschlechts in Widerspruch gerathen. Man hat gesehen, daß Regierungen,
die Recht und Macht auf ihrer Seite zu haben schienen, in solchen
Unternehmungen bei der ersten Erschütterung gefallen sind; und wenn sie
bestehen bleiben, so vergeht dennoch das, was sie festzuhalten vermeinten,
ohne daß sie es merken, unter ihren eignen Augen und Händen.

Das persönliche Betragen, wodurch ein Erbfürst sich bei seiner Würde
behauptet, ist z. B. von Haller in seinem „Handbuch der Staatenkunde“
vortrefflich dargestellt. Wenn dieser Autor aber hinzufügt, daß Macchiavelli
sich viel vergebliche Mühe damit gemacht habe, Mittel auszudenken, wie
die Herrschaft aufrecht erhalten werden könne, da dieses doch aus ihren
natürlichen Gründen ganz von selbst erfolgen müsse, so vergißt er, daß
Macchiavelli nur von den Mitteln redet, eine neue Herrschaft zu gründen
und zu erhalten, die nicht, wie sein Tadler von aller Regierung voraussetzt,
aus natürlichen Verhältnissen erwachsen, sondern von Einem Manne

Page 123

willkürlich geschaffen ist. Und damit hat er sich so wenig eine vergebliche
oder überflüssige Mühe gegeben, daß vielmehr oft ein Zweifel entsteht, ob
der Schriftsteller, der doch Alles geleistet hat, was die Kräfte des
menschlichen Verstandes in dieser Absicht vermögen, genug gethan habe.
Denn es liegt, wie die Folge dieser Betrachtungen zeigen wird, in der Sache
selbst, daß aller Aufwand von Verstand, und sogar die Ueberspannung aller
Mittel, die sich aus demselben ziehen lassen, oftmals nicht zureicht, eine
aus bloßer Selbstsucht errungene Herrschaft zu befestigen.

Page 124

3.

Dies Kapitel behandelt also die Mittel, ein fremdes Land zu unterjochen,
nicht den Zweck selbst. Davon sagt der Autor nur vorsichtig: „Solche
Unternehmungen werden immer bewundert“ – nicht: „Sie verdienen
bewundert zu werden“.

[pg 129]
Ein ewiger Friede ist unmöglich. Das Bestreben der Völker, ihren Zustand
zu verbessern, führt natürlich Gelegenheiten herbei, kriegerische Talente
und Tugenden zu zeigen, und die H e l d e n solcher Kriege sind es, die von
ihrem Volke als Wohlthäter verehrt, von der ganzen Welt bewundert
werden. Dagegen täuschen sich die E r o b e r e r, die nur eine wilde
Herrschsucht zu befriedigen suchen, wenn sie die abgedrungene
Schmeichelei der in Furcht gesetzten Völker für Beweise der Verehrung
nehmen. Ihre Zeitgenossen verfluchen sie. Das folgende Geschlecht, das sie
nicht mehr zu fürchten hat, schätzt sie gering.

Wenn Macchiavelli auch an alles dies gedacht hat, so hielt er vermuthlich
dafür, es sei vergeblich, es den Großen zu sagen, die Lust haben, auf
Eroberungen auszugehen. Aus dem Glücke der Menschen, das sie
aufopfern, machen sie sich nichts, und an dem Erfolge ihrer
Unternehmungen pflegen sie nicht zu zweifeln. Auch von d e r Seite ist
ihnen schwer beizukommen. Wenn denn also erobert werden soll, so
müssen die Mittel erwogen werden, wie eine eroberte Provinz behauptet
werden kann. Hierüber sagt Macchiavelli sehr viel Treffendes. Dennoch
übersieht er das sicherste Mittel, wodurch Eroberungen dauerhaft werden
können. Dasselbe liegt außer seinem Gesichtskreise, da er nur die
Neigungen und das persönliche Interesse des Machthabers beachtet, ohne
die Völker an sich selbst für etwas gelten zu lassen. Durch diese engherzige
Denkart wird das System des scharfsinnigsten politischen Schriftstellers
mangelhaft: durch sie ist auch Napoleon I., der es vielleicht besser als je
Einer im wirklichen Leben dargestellt hat, zu Grunde gegangen.

Page 125

Welches andere Mittel gibt es denn, die neuerworbene Herrschaft über ein
fremdes Volk zu sichern, welches man beim Macchiavelli vermißt? Es ist
dies: eine Behandlung, welche Achtung und Zutrauen gegen das ganze Volk
beweist, und indem sie die eigne Zufriedenheit desselben zu ihrem nächsten
Zwecke macht, dadurch zugleich das kräftigste Mittel für die Zwecke des
Herrschers erzeugt. Wenn man dem Volke die Verfassung läßt, die ihm lieb
ist, und es von seinem vorigen Regentenhause nichts mehr zurück[pg
130]wünscht, als die Personen, so hat man die Erinnerung daran nicht so
sehr zu fürchten. Wer Menschen für sich gewinnen will, muß ihnen die
Ueberzeugung beibringen, daß Er es ist, durch den sie erhalten können, was
sie verlangen. Wer sie nur fühlen läßt, daß er ihnen nehmen kann, was ihm
gefällt, und daß sie Alles als Gnade annehmen müssen, was er ihnen wol
lassen will; wer hiermit freiwillig auf alle feineren Beweggründe Verzicht
leistet, und blos auf Gewalt trotzt, spielt ein gefährliches Spiel; denn Gewalt
ist stets, und wäre sie auch noch so groß und schiene sie noch so fest
begründet, feindlichen Zufällen unterworfen.

Page 126

4.

Schon von Hume (Essays 1, 3) ist, wie ich sehe, bemerkt, daß das von
Alexander eroberte Persien nicht so beschaffen war, wie Macchiavelli es
darstellt, und daß die Fortdauer der von Jenem gegründeten griechischen
Herrschaft auf andern Ursachen beruht habe. An sich selbst aber ist das
Raisonnement des Macchiavelli zutreffend und vollkommen auf die
Geschichte des Mittelalters anwendbar, in welchem die Verfassungen sich
gebildet hatten, die Macchiavelli vor Augen lagen. In den Verhältnissen, die
er darstellt, war die Ursache des abwechselnden Erfolges der langen Kriege
zu suchen, die Frankreich und Spanien mit einander führten. Unruhige
Große, die fremde Feinde hereinriefen und von ihnen abfielen, sobald die
Verblendung aufhörte, mit der sie erwarteten, diese würden nicht für sich
selbst, sondern für s i e kämpfen und erobern. Ludwig der Vierzehnte
dämpfte diese Unruhen, indem er den Uebermuth der Vasallen, woraus der
Factionsgeist Nahrung zog, demüthigte. Seit jener Zeit hat sich auch der
türkische Staat verändert. Die Verhältnisse der Statthalter in den Provinzen
zum Sultan sind nicht mehr ganz dieselben, und daher findet das
Raisonnement des Macchiavelli keine genau zutreffende Anwendung in der
neueren Geschichte von Europa.

Page 127

5.

Macchiavelli hat Völker vor Augen gehabt, die heftigeren Leidenschaften
unterworfen und größerer Aufopferungen [pg 131]fähig waren, als die
meisten Nationen der spätern Zeit. Er redet von Zerstörung ganzer Städte,
von völliger Auflösung von Staaten, wie von ganz gewöhnlichen und
nothwendigen Dingen. Dies ist bei einem Schriftsteller natürlich, der die
Zeiten der Guelfen und Ghibellinen im Sinne hatte: Zeiten, da Städte wie
Mailand vom Kaiser Friedrich dem Ersten zur Vernichtung verurtheilt
wurden, mit nicht mehr Bedenklichkeit, als womit heut zu Tage ein
Edelmann etwa in Ländern, wo noch Leibeigenschaft herrscht, seine Bauern
verpflanzt, um ihre Höfe einzuziehen. Nimmt man hierzu die
unversöhnliche Rachsucht, die ewige Mordlust, die verblendete Wuth des
italienischen Volkes, so wird es begreiflich, wie er Grundsätze aufstellen
konnte, die nachmals bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts der
allgemeinen Denkungsart und den Empfindungen der Gewalthaber selbst
widerstritten. Die neuere Regierungsweisheit, ihre Finanz- und Kriegskunst,
lehrt aus der Unterjochung der Völker Vortheile ziehen, die mit so
gewaltsamen Maßregeln unvereinbar sind. Damals erforderte die geringere
Macht der Fürsten und die Unvollkommenheit ihrer Veranstaltungen ein
ganz anderes Verfahren. Wenn man erwägt, wie klein das Heer war, das
Karl der Fünfte als Herr von Spanien und Indien, von Belgien und einem
Theile von Deutschland und Italien mit aller Anstrengung dieses
unermeßlichen Reiches auf Einen Punkt zusammenzubringen vermochte,
wie schwer es ihm ward, das erforderliche Geld anzuschaffen, und wie
unsicher dadurch alle Eroberungen wurden: so sieht man wohl, daß damals
andere Maßregeln ergriffen werden mußten, als in den Zeiten, in denen die
Herrscher über Armeen von Hunderttausenden und vermittelst eines
grenzenlosen Credits über alles Geld der Völker disponiren.

Page 128

6.

S a v o n a r o l a war ein halb religiöser, halb politischer Schwärmer.
Während des Exils der Medici in den ersten Jahren des sechzehnten
Jahrhunderts machte ihn ein großer Theil des florentinischen Volkes zum
Abgotte. Der religiöse Fanatismus war der Grund, auf dem sein politischer
[pg 132]Einfluß beruhte, und er hätte die Florentiner dadurch so
unumschränkt beherrschen und seine Pläne durchsetzen können, etwa wie
Mahomed, wenn er nicht in der Quelle seiner Gewalt selbst angegriffen
wäre. Die Zwistigkeiten seines Ordens mit andern Mönchen erregten ihm
Neider und Nebenbuhler, die eben so ausschweifende Wunderthaten des
Glaubens ankündigten, als er selbst. So ward das Volk irre und sah ruhig zu,
wie ein Mann verbrannt ward, der wenige Monate vorher dreist hätte wagen
dürfen, seine Gegner zum Feuertode zu verdammen. – So unsicher ist Alles,
was auf der Combination heterogener Dinge beruht! Wenn der ehrliche
Fanatiker zu Grunde geht, sobald er seine Schwärmerei gebrauchen will,
sich politischen Einfluß zu verschaffen; wie muß es dann erst dem ergehen,
der nur die Maske davon annimmt, und sich dessen, was bei Jenem in allem
Ernste Beweggrund war, nur als eines armseligen Kunstgriffs bedient.

Es bedarf übrigens kaum einer Erinnerung, daß Alles, was Macchiavelli von
der geringen Kraft der Neuerungen und von der Unzuverlässigkeit ihrer
Anhänger sagt, nur auf die Unternehmungen bezogen werden darf, die von
einzelnen unruhigen Köpfen herrühren. Wenn diese Neuerer auch anfangs
schwach und an Zahl unbedeutend sind, so können sie es durch ihren
lebendigen Feuereifer und ihre hartnäckigen Anstrengungen doch bald
dahin bringen, die Majorität, die unter sich nicht einig ist und nur schlaffen
Widerstand leistet, zu beherrschen und sie zu zwingen, ihre Ansichten
anzunehmen und sich ihrer Führung zu unterwerfen.

Page 129

7.

Wahrscheinlich geht es dem Leser bei der ersten Lectüre dieses Kapitels
wie den Bewohnern von Cesena, als sie den ermordeten Remiro d’Orco
ausgesetzt fanden: staunend verstummten sie bei dem Anblick. Man sollte
fast glauben, Macchiavelli habe diese Geschichte idealisirt, um Etwas
aufzustellen, das in seiner Art nicht zu übertreffen war. Vielleicht war der
Richter nicht blos ein harter aber gerechter Mann von etwas grausamer
Gemüthsart, sondern er befriedigte seine eigenen schlechten
Leidenschaften, unter dem [pg 133]Vorwande der Gerechtigkeit, die er
handhaben sollte. Cäsar Borgia hat ihm vielleicht eine Zeit lang
nachgesehen, weil er ihn sonst brauchbar fand, und am Ende der
Gerechtigkeit selbst ein Opfer gebracht, indem er ihn hinrichten ließ. War er
aber wirklich das, wofür Macchiavelli ihn ausgibt, so war auch dieser
einzige falsche Streich des Fürsten hinreichend, zu verhindern, daß sich nie
wieder ein Mann von Ehre und zuverlässiger Gesinnung zu seinem Dienste
hergab. Und eines Mannes von Ehre und zuverlässiger Gesinnung bedurfte
doch der Herzog von Valentinois zur Ausführung seiner Pläne.

Dieser Held des Macchiavelli, dessen Betragen er so oft allen denen zum
Muster aufstellt, die nach der Herrschaft streben, war klüger,
entschlossener, und ging zusammenhängender zu Werke, als die große Zahl
derer, welche sich damals, so wie Er, Alles erlaubten, um sich zu erheben.
Die Herren, die er zu Sinigaglia ermorden ließ, wie Macchiavelli in einer
besondern Erzählung ausführlich berichtet, waren um nichts besser als er,
und in Rücksicht auf ihre Unterthanen viel schlechter. Insbesondere liest
man von dem Oliverotto, Herrn von Fermo, eine solche Reihe von
Schandthaten, daß es eine Art von Beruhigung gewährt, zu erfahren, daß er
am Ende durch einen mächtigern bösen Geist bestraft und von der Erde
hinweg geschafft worden. Wo der ganze Haufe der Mächtigen sich den
wildesten Leidenschaften ergibt und die Menschheit auszieht, da ist es ein
großer Gewinn, wenn Einer durch die Ueberlegenheit seines Verstandes die
Oberhand behält. Dieser wird, um seines eignen Vortheils willen, manches

Page 130

Gute thun, manches Ueble hindern. Der Cäsar Borgia war unstreitig listiger
und hatte dabei etwas Größeres in der Gesinnung, als seine Mitwerber. Ob
er aber wirklich ein solches Ideal von Verstand war, wozu ihn Macchiavelli
machen will, könnte noch bezweifelt werden. Das Gespräch mit dem,
dessen Macchiavelli gedenkt, kann den Verdacht erregen, daß es einigen
Einfluß auf sein Urtheil gehabt habe. Es war allzu schmeichelhaft, von dem
furchtbaren Manne, der Geißel seiner Zeit, einer vertraulichen Mittheilung
gewürdigt zu sein, als daß derselbe nicht dadurch ein größeres und [pg
134]bewunderungswürdiges Ansehen erhalten haben sollte. Er mag
inzwischen den Ruhm, den Macchiavelli ihm beilegt, verdient oder nur
erschlichen haben: von größerem Interesse ist die Frage, ob es denn
wirklich, so wie Macchiavelli behauptet, für eine Vollkommenheit des
Regenten gelten kann, wenn er die Menschen insgesammt nur als
Werkzeuge seiner Absichten ansieht, und sich aller Empfindungen für sie
entäußert, um große Zwecke zu erreichen.

Daß Große der Erde so denken, ist ja etwas sehr Gewöhnliches. Man
braucht dazu auch nicht Regent zu sein. Vielmehr ist es noch eine Frage, ob
es nicht den Geringern öfter gelingt, Höhere und Mächtige, die sich das
nicht träumen lassen, so zu mißbrauchen, als den Großen, welche die
Geringern bei Weitem nicht so gut kennen, als sie von ihnen gekannt
werden. Ist es aber die rechte Denkungsart für die Ausführung großer
Entwürfe, wenn man die Menschen um sich her nur als eine eigne Art von
Maschinen ansieht, deren Kräfte und Wirkungen der Berechnung
unterworfen werden können, und das ganze verwickelte Gewebe ihrer
Verhältnisse als ein Spiel betrachtet, in welchem man, eben so wie in
andern Glücksspielen, nur so lange glücklich sein kann, als man sich der
eignen Empfindung entschlägt und alle Handlungen von dem eiskalten
Verstande bestimmen läßt?

Die Triebfedern der Menschen liegen doch nicht so deutlich vor Augen, daß
ihre Wirkungen nach klaren Gesetzen mit Sicherheit vorher bestimmt
werden könnten. Der größte Kenner wird unzählige Male durch unerwartete
Anomalien überrascht. Wie selten findet man einen nur mäßig
consequenten Menschen! Wer vermag die übrigen mit einiger
Zuverlässigkeit zu errathen?

Page 131

Eben so wenig kann man sich selbst zu einem bloßen Werkzeuge seines
eignen Verstandes machen. Wenn der Macchiavellische Politiker auch von
sich selbst ganz sicher sein könnte und sich nie verriethe, so thut doch sein
erkünsteltes Betragen nicht die rechte Wirkung. Wer von lebhafter
Empfindung ergriffen ist, reißt Andere mit sich fort. Diese Kraft des wahren
Gefühls ist nicht durch eine, wenngleich noch so gut ausgedachte und
gespielte Rolle zu ersetzen. [pg 135]Die Menschen lassen sich auf die
Länge nicht so anführen. Gerade die Einfältigsten sind darin oft zum
Bewundern scharfsichtig. Sie sind nicht im Stande, sich selbst klar zu
machen, warum ihnen so übel zu Muthe ist: aber ihre eigne ehrliche
Gesinnung verräth ihnen, daß sie nur zum Spiele des überlegenen
Verstandes dienen sollen. So glücklich auch einzelne schlau ausgesonnene
Streiche ausfallen, so verfehlt das ganze Gewebe der Kunst doch seinen
Zweck.

Endlich verzeiht das allgemeine Urtheil dem, der sich Alles erlaubt, die
Schlechtigkeit seiner Mittel, doch nur dann, wenn er das Ziel wirklich
erreicht hat. Wer es wagen will, sich über die Moralität ganz
hinwegzusetzen, muß also wenigstens des Ausganges gewiß sein. Er muß
zum Voraus Alles übersehen, auf jeden Fall gefaßt sein und nie einen
falschen Schritt thun. Cäsar Borgia, den Macchiavelli als das
vollkommenste Muster eines politischen Betragens aufstellt, hat doch Einen
Fehler gemacht. Und gerade durch diesen Fehler ist er zu Grunde gegangen.
Denn eben die Papstwahl, wobei er den Schritt verfehlte, den er thun mußte,
um sich sicher zu stellen, stürzte ihn in die Gefangenschaft, worin er sein
Leben beschloß.

Wenn aber auch in einem ganzen langen Leben, unter den schwierigsten
Umständen, durchaus kein Fehler gemacht würde, – eine Sache, die leichter
zu denken, als auszuführen ist – so bleiben noch immer die zufälligen
Begebenheiten übrig, die sich gar nicht voraussehen lassen. Wer nicht sich
selbst aufs Spiel setzen und seine ganze Zufriedenheit daran wagen will,
wie die Karte fällt, wird bei jedem unerwarteten Vorfalle darauf
zurückgeführt, daß die reine Absicht mehr werth ist, als alle Kunst; die
ächte Güte des Willens mehr, als aller Verstand, der seiner Natur nach dem
guten Willen dienen sollte, statt daß er verkehrter Weise zum Herrn
eingesetzt wird.

Page 132

Bisher ist von der klugen Benutzung günstiger Umstände die Rede
gewesen. Wie aber, wenn das Glück, dem so Viele, die groß geworden sind,
die Gelegenheit dazu verdanken, seinen Beistand versagt? Alsdann muß
derjenige, der herrschen will, auch diesen Mangel ersetzen und sich selbst
den Weg eröffnen. In einem vollständigen Lehrbuche [pg 136]des Ehrgeizes
darf die Anweisung hierzu nicht fehlen, und davon handelt Macchiavelli im
achten Kapitel.

Page 133

8.

Die angeführte Ueberschrift schon gibt zu erkennen, welche Gesinnungen
man zu erwarten hat.

Es gibt mehrere Wege zum Throne. Große Verdienste: dreiste Verbrechen.
Beide kommen in der Geschichte vor. Von beiden muß hier erklärt werden,
wie man glücklich durchkommt oder untergeht.

So viel ist wahr: allgemeine Gesetzlosigkeit ist der schlimmste Zustand, in
den ein Volk gerathen kann. Das erste Bedürfniß jeder menschlichen
Gesellschaft ist bürgerliche Ordnung; Gesetze und Gewalt sie
einzuschärfen. Man muß aber erst Herr sein, ehe man regieren kann. Die
Zügel müssen also mit starker Hand ergriffen werden, und es möchte
immerhin Einer für sich selbst Ausnahme von allen moralischen Gesetzen
machen, wenn er dadurch in den Stand gesetzt würde, alle Andern zu ihrer
Befolgung anzuhalten. Ein einziges Verbrechen, das dahin führt, könnte als
nothwendige Abweichung von der Regel entschuldigt werden, wenn es das
einzige bliebe. Das ließe sich aber nur von dem erwarten, bei dem es nicht
aus dem Herzen entsprungen, sondern vernunftmäßig beschlossen wäre,
weil es mit ruhiger Ueberlegung als das einzige Mittel zu großen und guten
Zwecken erkannt worden. Hat aber die Geschichte wol Männer
aufzuzeigen, die ein großes Verbrechen begangen hätten, blos um
wohlwollenden Neigungen einen freieren Wirkungskreis zu eröffnen? So
meint es auch Macchiavelli selbst nicht. Er sieht die Sache nur aus dem
Gesichtspunkte des Ehrgeizes an. Für diesen gibt er Lehren: die dadurch
errungene Herrschaft mag dann gebraucht werden, wie es dem Mächtigen
gefällt.

Besondere Beachtung verdient noch die letzte Bemerkung dieses Kapitels,
da sie nicht nur für den hier behandelten Fall gilt, sondern auf jeden
Regenten Anwendung findet. Bei allen harten Verfügungen, zu denen man
durch außerordentliche Umstände veranlaßt wird, ist es immer sehr

Page 134

wohlgethan, Macchiavelli’s Rath befolgend, mit einem ein[pg 137]zigen
Schlage zu vollführen, was man vorhat. Vorzüglich trifft diese Erinnerung
die Behandlung großer Staatsverbrecher. „Schlage den Hirten und die
Schafe werden sich zerstreuen.“ So lange aber diese in Ungewißheit bleiben
und Strafe für das Vergangene besorgen, werden sie gereizt, sich durch
Erneuerung der fehlgeschlagenen Entwürfe zu retten. Haben sie nichts mehr
zu fürchten, so verlieren sie allmählich das Interesse an der Sache und an
den Führern, die dafür gelitten haben, und bemühen sich es Andere
vergessen zu machen, daß sie an der verunglückten Unternehmung Theil
gehabt. Große politische Verbrecher nehmen ferner außer ihren
entschiedenen Anhängern leicht eine Menge ihrer Mitbürger durch
blendende Vorwände ihrer verräterischen Anschläge für sich ein. Diese,
welche, ohne selbst für die Sache thätig gewesen zu sein, günstig von ihr
dachten und den Unternehmern wohlwollten, sind nicht leicht eines Bessern
zu belehren. Aber sobald sie die Hoffnung aufgeben müssen, daß die Sache
gelingen könne, so werden sie gern glauben, sie sei vergessen. Darüber
vergessen sie sie wirklich am Ende selbst. Dazu aber ist nothwendig, daß
sie sobald als möglich für beendigt erklärt werde. Alsdann wird die
Aufmerksamkeit des großen Haufens bald durch die neuen Angelegenheiten
des Tages abgelenkt.

Page 135

10.

Ueber dies treffliche Kapitel ist nichts weiter zu sagen, als daß es einen
Zustand der Welt voraussetzt, der nicht mehr existirt. Sobald Heere von
Hunderttausenden auf dem Kriegstheater erscheinen und die Uebermacht
entscheidet, kann nicht mehr von der Vertheidigung kleiner Herrschaften
die Rede sein. Damals bedeutete jeder einzelne Fürst, der eine Stadt besaß,
und jede kleine Republik etwas, sobald Verstand da war, die geringen
Kräfte zu gebrauchen und unter der großen Menge der Nachbarn durch
geschickte Unterhandlungen Hilfe zu suchen. In solchen Zeiten haben alle
Kräfte des Verstandes und des Gemüthes Gelegenheit zu freier
Entwicklung. In Perioden aber, wo eine übermächtige Gewalt Alles besiegt
und unterjocht, kommt nichts [pg 138]auf, was Interesse zu erregen
verdiente. Die Nachwelt aber übt Gerechtigkeit aus: sie mag nichts von den
Thaten dessen hören, der doch wähnte, sie werde sich ganz allein mit ihm
beschäftigen!

Page 136

11.

Dieses Kapitel ist das dürftigste oder vielmehr das einzige schwache im
ganzen Werke. Macchiavelli hat im Eingange versprochen, von den
verschiedenen Arten der Herrschaft zu reden. Man erwartet hier also
Bemerkungen über die eigenthümlichen Verhältnisse, in denen sich die
geistlichen Fürsten befinden, über die starken und die schwachen Seiten
ihres weltlichen Ansehns und über die in der That höchst merkwürdige
Rolle, die sie in der Geschichte spielen. Wenngleich Macchiavelli überhaupt
die Unternehmungen, die Grundsätze, das Betragen der Fürsten, in
Beziehung nicht auf die regierten Völker, sondern nur auf die Befestigung
der Herrschaft selbst betrachten wollte, so war noch immer genug über die
geistlichen Fürstenthümer zu sagen. Diese, sagt er, bestehen unter dem
Schutze des religiösen Vorurtheils, und wenn einer nur durch glückliche
Intrigue oder Zufall auf den heiligen Stuhl erhoben worden, so wird von
ihm nichts weiter gefordert, um sich zu behaupten. Hat er Geist genug, sein
Glück zu benutzen, und Sinn für den einzigen Genuß, der eines Fürsten
würdig ist, für die Befriedigung der Herrschsucht, so wird er es machen,
wie Sixtus der Vierte, Alexander der Sechste, Julius der Zweite, Leo der
Zehnte. Hat er das nicht, so mag er sein Leben mit Beten zubringen, oder
mit Schlemmen, wie es ihm gefällt. Abgesetzt wird er dafür nicht werden.
Mit diesem bösen Spotte fertigt Macchiavelli den heiligen Stuhl ab. Jene
Päpste, von denen er hin und wieder redet, waren Männer von heftigen
Leidenschaften und Meister in der Politik, die in Italien zu ihrer Zeit die
höchste Ausbildung erhalten hatte und deren Geheimnisse Macchiavelli
aufdeckt. Sie waren insgesammt seine Zeitgenossen, und er hatte keinen
Andern auf dem päpstlichen Stuhle gesehen.

Aber es hat auch Perioden in der Geschichte gegeben, in welcher die
Häupter der Kirche in ganz anderm Geiste [pg 139]auf die Angelegenheiten
der Völker einwirkten; wo sie Schiedsrichter der Könige waren und durch
ihr friedliches Ansehn größere Kriege beilegten, als der feurige Ehrgeiz
Julius des Zweiten erregt hat. Auch dies hing von dem persönlichen

Page 137

Charakter und den Talenten einzelner Päpste ab. Aber die Mittel, wodurch
sie so große Dinge ausgeführt haben, lagen in der Natur ihrer Würde. Die
veränderte Denkart verschiedener Zeiten erforderte jedesmal besondere
Modificationen. Im sechzehnten Jahrhunderte konnte die Sache nicht durch
einen hingeschleuderten Bannstrahl ausgemacht werden, wie zu der Zeit
Gregor des Siebenten; aber das Verhältniß des heiligen Stuhls zu den
weltlichen Monarchen war doch im Grunde immer dasselbe, wenn es gleich
nicht mit so hoher Hand geltend gemacht werden durfte.

Die Päpste genossen als Oberhäupter der christlichen Kirche ein Ansehn,
das allemal um so viel größer und unverletzlicher war, jemehr sie sich
bemühten, im Geiste ihrer Würde zu handeln und das Interesse ihrer
weltlichen Besitzungen und ihrer Familien so weit zu verläugnen, daß es
wenigstens nicht als nächste und vorzüglichste Triebfeder hervorleuchtete.
Alle Verhandlungen, die mit dem päpstlichen Hofe geführt sind, oder in
welche dieser auch nur verwickelt gewesen ist, haben einen eignen
Charakter. Der überlegnen Macht darf der Schwächere nicht wagen
entgegen zu setzen: „I c h w i l l n i c h t“ (non volumus). Aber wenn sein
demüthiges: „I c h k a n n n i c h t“ (non possumus) durch den Zusatz
„w e g e n m e i n e s G e w i s s e n s“ geschützt wird, so erhält er vielleicht
Gerechtigkeit für Andre, wenigstens Schonung für sich selbst. Die
Verhandlungen unter den erbittertsten Gegnern nehmen einen ganz andern
und sanftern Charakter an, wenn eine Person dazwischen tritt, die sich
gegen Beleidigungen nicht wehren kann, die man aber nicht beleidigt, ohne
sich selbst mehr zu beschimpfen, als seinen Gegner. Wie oft hat die
Dazwischenkunft eines als Fürsten ohnmächtigen, aber wegen der
allgemeinen Verehrung der Völker gegen seine geheiligte Person
gefürchteten Papstes die entschlossensten, ehrgeizigsten, ungestümsten
Kriegshelden aufgehalten, und ganzen Ländern einige Jahre Ruhe [pg
140]verschafft! Wenige Fürsten haben es gewagt, g e g e n s i e die Härte,
den Ungestüm, den Eigensinn zu äußern, wodurch ihre Uneinigkeiten unter
sich so fürchterlich werden. Die Politik des römischen Hofes besteht in
geschicktem Zaudern. Durch unendlichen Aufschub, Wiederholung
derselben Aeußerungen in andrer Gestalt und mit veränderten Wendungen
ist dort unzählige Male einbrechendes Ungewitter abgeleitet. Von wem
anders hätte man sich das gefallen lassen, als von dem, der in seinen
Verhandlungen mit weltlichen Mächten die Sprache des alten Mannes zu

Page 138

der feurigen Jugend redete, und den diese Sprache wohl kleidete. Wenn man
in der Geschichte findet, wie die Gesandten der größten Mächte ihrer
Zeiten, französische und spanische Abgeordnete, unter dem Vorsitze eines
päpstlichen Legaten, der nur ermahnen soll und gar nicht drohen kann,
wenigstens den Anschein friedlicher Gesinnungen annehmen und durch den
Anstand gegen den gemeinsamen Vater der christlichen Völker zu einem
nachgibigen Betragen verleitet werden, so kann man sich nicht enthalten zu
wünschen, daß noch jetzt eine Autorität vorhanden sein möchte, der diese
Mittel zu Gebote ständen.

Die Religion bezieht sich auf die Bedürfnisse, die Rechte und Würde der
menschlichen Natur, auf welche der Geringste wie der Höchste und
Mächtigste Anspruch machen darf. Wie die bürgerlichen Verhältnisse auch
beschaffen sein mögen, in der Kirche sind die Menschen an sich selbst
etwas: da dürfen sie nicht als bloße Werkzeuge und Untergebene ihrer
Herren betrachtet werden. Dem Oberhaupte einer solchen geistlichen
Gemeinheit steht es daher sehr wohl an, Bewegungsgründe vorzubringen
und an Grundsätze zu erinnern, die in dem Munde des weltlichen
Staatsmannes vielleicht verlacht würden.

Der Einfluß der geistlichen Gewalt auf die Angelegenheiten der Welt ist
zwar eben sowol dem Mißbrauche unterworfen, als die Herrschaft des
Schwertes; und es ist doppelt empörend, wenn das angebliche Seelenheil
der Menschen nur zum Vorwande der nämlichen Leidenschaften dient, die
der Kriegsheld auf andern Wegen zu befriedigen sucht. Ein Lehrbuch der
geistlichen Regierungskünste, von [pg 141]einer Feder wie Macchiavelli’s,
müßte noch unangenehmere Empfindungen erregen, als die Stellen im
Buche vom Fürsten, die das Gefühl am meisten beleidigen. Dieser
Mißbrauch der geistlichen Herrschaft hat den Bemühungen der weltlichen
Regenten, ihr Ansehn zu vernichten, allgemeinen Beifall verschafft. Die
Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat entschieden für diese Partei
genommen, und nach den Grundsätzen eines spekulativen Naturrechts die
geistliche Autorität aus der bürgerlichen Verfassung verwiesen. Aber die
Staaten der wirklichen Welt sind nicht nach reinen Abstractionen
angeordnet, und ihre Verhältnisse können nicht nach einfachen Principien
beurtheilt werden. Der ursprüngliche Beruf des christlichen Priesterthums,
der die Gelehrsamkeit als seine vorzüglichste Beschäftigung voraussetzt,

Page 139

hat auf die ganze innere Verwaltung und auf die äußern Verhandlungen der
geistlichen Fürstenthümer einen großen Einfluß. Selbst die Hofhaltung des
Oberhauptes der katholischen Kirche ist danach eingerichtet, und die ganze
Politik desselben sucht die weltlichen Angelegenheiten einem höhern, zwar
nicht immer wohl verstandenen, aber an sich selbst ehrwürdigen Interesse
unterzuordnen.

Zu den Zeiten Macchiavelli’s war die Hierarchie von demselben
verderblichen Geiste ergriffen, der ganz Italien verwirrte. Aber der Sinn für
literarische Cultur und Liebe zu den Wissenschaften, die sich mit der
größten Schnellkraft entwickelten, erzeugte einen neuen Charakter, den
auch die hohe Kirche annahm. Bald nach dem Zeitalter Macchiavelli’s
bestieg ein Mann den heiligen Stuhl, der die Satyre, die wir gelesen haben,
mit der That widerlegte, und bewies, was Regententugenden auf jener Stelle
vermögen. In einer kaum fünfjährigen Regierung hat Sixtus der Fünfte nicht
allein sein Ansehn bei fremden Mächten eben so gut und noch weit mehr
behauptet, als Alexander, Julius und Leo. Er vollbrachte daneben in dieser
kurzen Zeit Alles, Alles, was die thätigste fürstlichste Verwaltung zu leisten
vermag. Ruhe und Ordnung wurden hergestellt, öffentliche Sicherheit
geschafft, die vorher im Kirchenstaate Niemand kannte; Gerechtigkeit
gehandhabt, der Wohlstand befördert, und dabei eine unglaubliche Menge
der glänzend[pg 142]sten Unternehmungen vollendet, die der Stadt Rom
die Bewunderung der hinströmenden Welt verschafften.

Dieser Sixtus gehörte zu den seltenen Männern, denen Alles zu gering ist,
was allein persönlichen Ehrgeiz oder Familieninteresse befriedigt, die
nichts ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemühungen werth achten, als
öffentliche Ordnung und Wohlfahrt; für die nichts so großen Reiz hat, als
was das Interesse des menschlichen Geistes angeht. Solche Menschen
können auch auf Thronen geboren werden. Aber in der Beurtheilung der
Bedürfnisse des Privatlebens wird ihnen der immer überlegen sein, der
durch diese selbst hindurchgegangen ist. Hierin könnte ein Vorzug der
Verfassung liegen, worin die Regenten nicht durch das Recht der Geburt
bestimmt werden. Aber in welchem Wahlreiche wird man durch jene
Eigenschaften auf den Thron erhoben, außer im geistlichen? Wenn in einem
andern der Privatmann hoffen darf, die Intriguen der Familien und Parteien
durch persönliches Verdienst zu überwinden, so ist es nur der Kriegsheld.

Page 140

Die Geschichte des Dejoces, den die Meder wegen seiner
Gerechtigkeitsliebe zum Könige gewählt haben, gehört in die alten Zeiten,
von denen man gar viel erzählen kann. Auf den päpstlichen Stuhl aber sind
in allen Perioden von Zeit zu Zeit Männer erhoben, von deren Herkunft
Niemand etwas wußte, und die sich blos durch persönliche Vorzüge den
Weg gebahnt haben.

Familienintrigue hat zwar oft auf die Wahl von Päpsten und auf die Politik
derselben einen entscheidenden Einfluß gehabt, und die Nepoten haben
nicht blos in der innern Staatsverwaltung, in welcher ihnen keine
ständischen Rechte Widerstand leisteten, großen Schaden gethan; sie haben
auch oft die Staatshändel aller Mächte von Europa verwirrt, die das Ansehn
des heiligen Stuhls vielmehr hätte besänftigen sollen. Die Farnese, die
Caraffa, die Barberini spielen keine schöne Rolle in der Geschichte. Aber
das ganze Gebäude der hohen Kirche beruht so wesentlich auf der Bildung
des Geistes, ihre weltliche Macht, Reichthum und Einfluß ist so sehr mit
den Anstalten für wissenschaftliche Cultur verwebt, daß Verdienste um
diese letztere [pg 143]immer in guten Zeiten einen überwiegenden Einfluß
haben, und selbst in den schlechtesten nicht ganz zurückgesetzt werden
können. Wenn man zum Beispiel die Schilderung liest, die der Cardinal
Bentivoglio, selbst ein ausgezeichneter Staatsmann und Schriftsteller, von
dem Cardinals-Collegium und dem päpstlichen Hofe macht, so wie er es
unter Clemens dem Achten bei seinem ersten Eintritte in die Welt fand, so
erstaunt man über die Menge von Cardinälen und andern hohen Dignitaren,
die sich durch Gelehrsamkeit oder durch große Geschicklichkeit in
Staatshandlungen zu ihrer Würde emporgeschwungen hatten, ohne durch
irgend etwas Anderes empfohlen zu sein. Rom hat nicht zu allen Zeiten eine
so ehrwürdige Prälatur besessen; aber Talenten, Einsichten und Kenntnissen
ist der Weg zu hohen Würden niemals ganz verschlossen gewesen, selbst
nicht unter den Päpsten, die ihre Erhebung keinen persönlichen Vorzügen
verdankten.

Die deutsche hohe Geistlichkeit, welcher man das in mancher Rücksicht
verdiente Lob durch einseitige Schilderung aller Nachtheile der ehemaligen
deutschen Reichsverfassung mit Unrecht zu entziehen sucht, ist jedoch
hinsichtlich des persönlichen hervorstechenden Glanzes einzelner Prälaten
weit hinter der italienischen zurückgeblieben. Man hat es schon in sehr

Page 141

frühen Zeiten darauf angelegt, den Weg zu hohen Stellen allen denen zu
verschließen, die sich nur auf Verdienste berufen konnten; und diese
Bemühungen des deutschen Adels, alle Stellen in hohen Stiftern in dem
Kreise gewisser Geschlechter festzuhalten, in welchem sie nach einer
gewissen Billigkeitsrolle vertheilt werden müßten, ist nicht ohne Wirkung
geblieben.

In Rom hat man nie lernen können, so zu denken. Der Besitzstand, bei dem
die deutschen Prälaten sich so wohl befanden, war gar nicht hinreichend,
die Absichten und Bedürfnisse der ganzen Hierarchie zu befriedigen. Der
Einfluß, den sie immer zu erweitern strebte und nur mit ausnehmender und
ununterbrochener Aufmerksamkeit aufrecht erhalten konnte, erforderte
vielmehr eine große Thätigkeit und Bekanntschaft mit der ganzen Welt, mit
der vergangenen und mit der lebenden. Es ist daher ganz [pg 144]falsch,
was Macchiavelli von der Geistlichkeit sagt: daß ihre Häupter auf ihren
hohen Stellen durch die Kraft der Trägheit, die in alten Einrichtungen liegt,
erhalten werden, sie mögen sich aufführen wie sie wollen. Vielmehr hat sich
in der Geschichte keines einzigen Staates deutlicher gezeigt, wie viel
wahrer Verstand und gute Gesinnung in der Welt vermögen, als gerade in
der Geschichte der Päpste.

Die Philosophen und Geschichtschreiber der neuern Zeiten haben sich mit
großem Erfolge bemüht, die geistliche Gewalt verhaßt zu machen, indem
sie ihr Alles zur Last legen, was Geistliche gethan haben, ohne zu beachten,
ob sie die Kraft dazu durch ihren geistlichen Stand erhielten, und ob man
der Herrschsucht ihr Gift genommen hätte, wenn ihr das geistliche Kleid
ausgezogen wäre. Die französischen Schriftsteller insbesondere machen
sehr bittere Bemerkungen darüber, wie viel Unheil die Cardinäle in der
Staatsverwaltung gestiftet. Richelieu und Mazarin fanden es zwar sehr
vortheilhaft, ihrer Person durch den römischen Purpur Schutz zu
verschaffen. Würden sie aber anders regiert haben, wenn sie als weltliche
Minister die Macht besessen hätten, die sie nicht ihrer geistlichen Würde,
sondern persönlichem Einflusse auf die Gemüther ihrer Regenten
verdankten? Der geistliche Beruf hat freilich einem Alberoni Gelegenheit
gegeben, sich dem Regenten von Spanien zu nähern und das Schicksal
mehr als Einer Monarchie zum Spiele seines Ehrgeizes zu machen; aber
auch dem Ximenes, d’Ossat und andern großen Männern den Weg zu

Page 142

Stellen eröffnet, die den vorzüglichsten Menschen so schwer zu Theil
werden, wenn sie nicht durch die Geburt begünstigt sind.

Die Philosophie hätte sich also begnügen sollen, die Anmaßungen der
Kirche in billige Schranken zurückzuweisen, ohne sie zu vernichten, um
dagegen ein für die Würde der menschlichen Natur eben so gefährliches
System der bürgerlichen Ordnung nach den Gesetzen des äußern Rechts zu
erheben.

Das leichtsinnige und fehlerhafte Urtheil des Macchiavelli über die
geistlichen Fürsten erforderte diese Betrachtungen über die Vortheile,
welche das System der katho[pg 145]lischen Hierarchie gewährt. Es ist hier
nicht der Ort, von den wesentlichen Fehlern derselben zu reden, welche die
Veranlassung zu der Trennung der Protestanten von ihr gegeben, und die
Wiedervereinigung kaum möglich machen. Diese Fehler werden nicht
durch die Veränderungen gehoben, welche vermöge der neuern Denkart in
der katholischen Kirche entstanden sind, und die ihr zugethanen Völker
laufen daher Gefahr, die Vortheile zu verlieren, welche sie besaßen, ohne
durch diejenigen entschädigt zu werden, die die protestantischen errungen
haben.

In dem kirchlichen Systeme dieser Letztern findet die Einwirkung einer
geistlichen Gewalt auf Staatsverhandlungen mit andern Mächten gar nicht
statt. Was aber ihren Einfluß auf innere Landesangelegenheiten betrifft, so
kann hier nur der Gesichtspunkt im Allgemeinen angegeben werden, von
dem die Untersuchung darüber ausgehen muß.

Es ist überhaupt das größte Problem des natürlichen Staatsrechts und der
Politik, wem man in der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß ertheilen
solle, sich der willkürlichen Gewaltthätigkeit zu widersetzen. Das Gesetz
Gottes geht über das Gesetz der Menschen. Seit den rasenden Tyrannen
Roms, die sich zu lebenden Göttern erklärten, hat selten ein Regent gewagt,
seinen Völkern ins Gesicht zu sagen, er wolle, daß ihm mehr gehorcht
werde, als Gott. Aber wie soll die Stimme des unsichtbaren Gottes
durchdringen? Wer soll sie erklären? Soll derjenige, den das Volk für ihren
Ausleger hält, gar keine weltliche Macht in Bewegung setzen können, so
wird er zu einer leeren Stimme in der Wüste, sobald es dem Regenten
gefällt. Soll er Mittel besitzen, sich Gehorsam zu verschaffen, so entsteht

Page 143

ein innerer Krieg, sobald seine Vorschriften mit dem Willen des weltlichen
Regenten disharmoniren. Diese letzten schrecklichen Folgen hat die
katholische Kirche oft erfahren. Jenem Nachtheile ist die protestantische
ausgesetzt, sobald die Geistlichkeit, wie es nach den eingeschränkten Ideen
derer sein sollte, die einem dürren Systeme zu Gefallen alle Verhältnisse
möglichst vereinfachen, als besoldete Diener des Regenten betrachtet
werden, welche bestellt sind, Moral zu predigen und die bürgerlichen
Gesetze einzuschärfen. Wo [pg 146]sollte wol ein solcher bestellter
Officialis der Sittlichkeit den Muth hernehmen, seinem Herrn, den alle Welt
fürchtet, ins Gewissen zu reden? Friedrich Wilhelm dem Ersten von
Preußen hat doch ein Landprediger den Vers aus der Bibel vorgehalten:
„Wer einen Menschen stiehlt“, um damit seine gottlose Menschenräuberei
für die Potsdamer Garde zu strafen. Wer wird dergleichen unternehmen
dürfen, wenn es weder Vorsteher der Nation gibt, die von ihr, und nicht vom
Regenten abhängen; noch auch Lehrer göttlicher Weisheit, die einen höhern
Beruf anerkennen, als ein Bestallungspatent!

Die Reformatoren der Kirche haben dies Alles wohl gefühlt. Sie verkannten
ihren Beruf nicht. Sie haben den geistlichen Stand, dem die Sorge
anvertraut ist, eine höhere Bildung des Menschengeschlechts zu erhalten,
nicht zu Dienern des irdischen Gemeinwesens, zu Staatsdienern
herabgewürdigt. Die Fürsten der Zeit haben sich nicht vermöge ihrer
fürstlichen Würde zu Häuptern der Hierarchie erklärt. Das hätte das
damalige Volk nicht gelitten. Die deutschen Fürsten haben als natürliche
Beschützer der Kirche, deren mächtigste Glieder sie waren, die
bischöflichen Rechte und Pflichten auf sich genommen, nachdem die
Gemeinden sich von der katholischen Hierarchie losgemacht hatten. Dieser
wesentliche Unterschied wird kaum mehr beachtet, seitdem die
Speculationen über das Staatsrecht und über die Staatsklugheit eine
angeblich metaphysische Wendung genommen haben, vermöge deren ein
strenges äußeres Recht das Wesentliche aller sittlichen Verhältnisse der
bürgerlichen Gesellschaft ausmachen soll: da doch die Menschen, aus
denen der Staat besteht, die Gesetze über äußeres Recht nicht eher
begreifen, und die Verpflichtung sie zu besolden nicht anerkennen, bis sie
durch viele religiöse Bemühungen und moralischen Unterricht dazu fähig
gemacht sind.

Page 144

Page 145

12.

Der Hauptgedanke, auf welchen diese lehrreiche Darstellung der
vergangenen italienischen Zeiten führt, ist ganz allgemein wahr und zu
allen Zeiten nützlich. Selbst ist [pg 147]der Mann. Jeder muß sich selbst zu
schützen suchen, so viel er kann. Man darf nie Andere für sich tapfer,
vorsichtig, klug sein lassen und sie dafür bezahlen; denn wer Schätze hat,
fremden Schutz zu erkaufen, dem werden sie gerade von demjenigen
genommen, den er zum Wächter zu bestellen dachte. Der Genuß des
Reichthums erschlafft und nimmt selbst dem, welchem es nicht an Einsicht
fehlt, die Kraft zu handeln. Daher hat großer Reichthum der Völker von
jeher schlimme Perioden herbeigeführt: entweder Unterjochung von Außen
oder Revolutionen im Innern, wodurch die Leitung der öffentlichen
Angelegenheiten und das Eigenthum der Nation in die Hände derjenigen
Classen gerieth, die bis dahin noch keinen Antheil am Ueberflusse gehabt
hatten. Hieraus ergibt sich auch die Ursache, warum Seemächte, trotz des
größten Reichthums und selbst des übertriebensten Luxus, den er veranlaßt,
groß und mächtig bleiben können. Die Quelle ihrer Schätze führt das
Heilmittel selbst bei sich. Die Schifffahrt gelingt nur durch die äußerste
Anstrengung aller Kräfte des Geistes und des Körpers. Daher nöthigt der
Seehandel, der den größten Gewinn bringt, zugleich zu dem emsigsten
Bestreben nach einer Ausbildung, die auch im Kriege Ueberlegenheit gibt.
Wenn eine Seemacht jemals andere Nationen in Sold nähme, um für sich
die Gefahren und Mühseligkeiten der Schifffahrt zu übernehmen, so wäre
sie verloren. Aber auch nur dann. Die große Seefahrt und die Gesetze, die
sie veranlaßt, werden gewöhnlich nur aus dem eingeschränkten
Gesichtspunkte des Handelsgewinns angesehen. Die Veranstaltungen, die
sich darauf beziehen, sind aber noch weit wichtiger in moralischer
Rücksicht. Sie befördern die ernsthafte Beschäftigung und Abhärtung, sie
erhalten einen männlichen Charakter in der Nation. Und da das Seewesen
einer großen Menge von wissenschaftlichen Kenntnissen bedarf, so entsteht
daraus das Phänomen einer kriegerischen Macht, die zugleich alle Künste
des Friedens zu vervollkommnen sucht; wohingegen eine sehr kriegerische

Page 146

Nation auf dem festen Lande immer Gefahr läuft, in Rohheit der Sitten
zurückzusinken.

[pg 148]

Page 147

15.

Macchiavelli kannte die Begriffe von Recht und Sittlichkeit und ihren
Einfluß auf die Menschen sehr wohl. Aber sie galten ihm nur als
Erscheinungen im menschlichen Gemüthe, die gleich andern Neigungen
und Vorteilen in die Berechnungen über die Triebfedern der menschlichen
Handlungen mit aufgenommen werden mußten, ohne ihnen einen Werth an
sich selbst zuzugestehen. Eben so kannte einer von seinen Schülern, die ihn
am besten begriffen hatten, die sittlichen Triebfedern der Menschen gut
genug, um sie für seine Zwecke und zu dem Verderben derer zu
mißbrauchen, die er dadurch zu seinen Werkzeugen machte. Aber dieser
Mann, Napoleon der Erste, verkannte die Natur der Dinge, wenn er die
ganze lebende Welt um ihn her nur im Verhältnisse zu seiner Person
beurteilte, und in Beziehung auf sich ordnen wollte. Er wähnte, sich für ein
personificirtes Schicksal erklären zu dürfen. Der mächtigste Mensch bleibt
doch immer nur ein Triebrad des Schicksals unter vielen. Er ist und bleibt
abhängig, so wie Andre, nur auf andre Art. Es ist daher etwas Verkehrtes in
der Sinnesart, die alles Allgemeine, Höhere, Edlere der Persönlichkeit
unterordnet, und deshalb kann sie schon vor dem Richterstuhle des bloßen
Verstandes nicht bestehen; wohingegen derjenige, der sein persönliches
Interesse höheren Zwecken unterordnet, auch alsdann mit sich einig bleibt,
wenn er diese verfehlt, und sogar, wenn er selbst darüber untergeht.

Page 148

16.

Diese Bemerkungen sind von der größten Wichtigkeit für jeden Regenten.
Die Freigebigkeit ist eine natürliche Eigenschaft des hohen Sinnes. Man
fühlt sich über andre Menschen erhaben, indem man ihnen wohl thut. Sie ist
also ganz eigentlich eine fürstliche Tugend. Der Geiz hat etwas Kleinliches
und ist daher in einer hohen Stelle unanständig. Bei dem, der nach der
Herrschaft strebt, kommt noch hinzu, daß er des Beistandes so Mancher
bedarf, und denselben durch alle Mittel suchen, ihn also auch oft erkaufen
muß.

[pg 149]
Betrachtet man aber die Folgen, so sieht man auf der Seite der Freigebigkeit
undankbare Günstlinge, die immer mehr fordern, je mehr sie erhalten
haben; ganze Classen, die als ein Recht ansehen, was Einem unter ihnen
zugestanden worden; die, wenn sie das gesammte fürstliche Gut unter sich
getheilt haben, denjenigen gering schätzen, der nichts mehr zu geben hat
und sich gegen ihn auflehnen; mißlungene Unternehmungen, weil es an
Mitteln fehlt; unbelohntes Verdienst, ungerechte Vorenthaltung
rechtmäßiger Forderungen, allgemeine Unzufriedenheit, zuletzt Verachtung.

Der Geiz hingegen, nicht aber die Habsucht, die vielmehr mit leichtsinniger
Verschwendung nahe verwandt ist, kann wol mit Gerechtigkeitsliebe
bestehen. Strenge Wirthschaftlichkeit macht den Grund aller guten
Regierung aus. Ist aber der Geiz nicht die Folge ernstester Ueberlegung und
Vorsicht, entspringt er vielmehr aus Neigung, so fällt er auf die
Gegenstände, welche nicht die wichtigsten sind, sondern nur die nächsten;
er läßt große Dinge fahren, um Kleinigkeiten zu ergreifen, freut sich nicht
über den Zweck der guten Haushaltung, sondern nur über das Ersparen
selbst, mißgönnt daher Jedem die wohlverdiente Belohnung geleisteter
Dienste und erzeugt allmählich die tiefe Abneigung, welche derjenige stets
einflößt, dessen Macht man fürchtet, ohne seinen Charakter zu achten.

Page 149

Page 150

17.

Die Lehren dieses Kapitels sind einleuchtend. Dennoch wird es Männern
von menschenfreundlicher Gemüthsart sehr schwer, sie anzunehmen. Sie
hoffen immer, die Menschen werden zu ihren Gunsten eine Ausnahme
machen. Ihre eignen Gesinnungen verleiten sie auch in Andern
entsprechende zu wünschen – vergeblich zu erwarten. Aber es wird im
Gegentheil demjenigen, der einmal im Rufe der Menschenliebe steht, von
allen Seiten angesonnen, sich gefallen zu lassen, was keinem Andern
widerfährt, und das ist der wahre Grund, warum die angebliche Tugend der
Gutmütigkeit – sehr verschieden von der Liebe zum Guten – so allgemein
erhoben wird. Sie ist in Wahrheit [pg 150]nur Schwäche eines harmlosen
Gemüths und schon im Privatleben verächtlich. Wer den Menschen im
Ernste wohl will und für sie thätig sein möchte, muß kämpfen und
überwinden, den widerstrebenden Eigennutz der Schlechtgesinnten in
Furcht setzen, die Schwachen zwingen mitzuwirken und oft diejenigen
selbst, denen er wohlthun will, nöthigen, ihr eigenes Bestes zu besorgen. Im
öffentlichen Leben gibt es gar keinen größeren Fehler, als jene
Gutmüthigkeit, die immer nachgibt: Schlechte schont und Gute preisgibt;
bescheidene Selbstverleugnung vorschützt, um zurückzubleiben, wo es die
Pflicht erfordert, hervorzutreten, und die verächtlichste Feigheit mit dem
nichtswürdigen Ruhme der Sündhaftigkeit im Leiden, da wo man sich
wehren sollte, beschönigt. Vorzüglich ist Nachgibigkeit und unzeitige
Schonung im Verhältnisse zu Untergebenen verderblich. Die Liebe zu
Vorgesetzten erfordert einen überwiegenden Zusatz von Achtung. Diese ist
mit der Furcht näher verwandt, als mit der Zuneigung. Ein anderer
Bestandtheil der Liebe zu Vorgesetzten ist Vertrauen auf ihren Schutz. Dazu
gehört wieder die Ueberzeugung, daß Andre sich vor ihnen fürchten. In
einem andern Sinne als Macchiavelli es behauptet, ist es in der That wahr:
die Furcht ist das Band der bürgerlichen Gesellschaft.

Page 151

Page 152

18.

Unter allen Lehren, die Macchiavelli den Großen gibt, haben diese den
allgemeinsten Beifall gefunden. Auf ihn berufen sich alle Staatsmänner, die
Verträge und Zusagen brechen und den Betrug mit dem Namen der Politik
rechtfertigen möchten. Doch hat ein so erfahrener Mann unmöglich sagen
wollen, daß ohne Gefahr immer und immer nur betrogen werden könne.
Das hat er auch nicht gesagt, denn er verlangt ja von seinem Fürsten, daß er
gegen Tugend und Laster nur gleichgiltig sein, Eines wie das Andere üben
und beides nur als Mittel gebrauchen solle, Absichten zu erreichen. Die
Großen und Mächtigen begehren gewöhnlich von den Fesseln moralischer
Gesetze befreit zu werden, um ihre Leidenschaften zu befriedigen. Das aber
gewährt ihnen Macchiavelli nicht. Es fordert vielmehr keine [pg 151]noch
so strenge Moral, so große Aufopferungen, als diejenige Staatskunst,
welche von keiner Moral etwas wissen will, und Alles, was der Mensch
thut, den kalten Berechnungen des Verstandes unterwirft, um einen einzigen
Zweck zu erreichen. Wer danach strebt, Herrschaft zu erringen, und wenn er
sie hat, zu erweitern, darf nichts Anderes wünschen. Macchiavelli sagt gar
nicht, der Fürst darf sich über die Moralität ganz wegsetzen, sobald es ihm
beliebt, weil er mächtig genug ist, es ungestraft zu thun. Dazu kannte er das
Volk zu gut und beurtheilte zu richtig, was auf dasselbe wirkt. Er verlangt
aber vollkommene Gleichgiltigkeit gegen die Tugenden im Herzen selbst.
Der Fürst soll den Redlichen und Unredlichen spielen, so wie es die
Umstände verlangen. Es ist also auch nicht damit gethan, sich gegen Gefühl
und Gewissen abzuhärten und bei keinem Verbrechen anzustoßen, das in
den Plan des Ehrgeizes gehört. Wer dies leistet, hat nur die Hälfte der
Forderung erfüllt. Er muß sich daneben das Ansehn aller Tugenden geben.
Hier aber erkennt man den scharfsinnigen Beobachter der Menschen gar
nicht. Aristoteles, der in seiner Politik (im fünften Buche, elften Kapitel)
dem Tyrannen Lebensregeln gibt, die überhaupt mit dem Macchiavelli
ziemlich übereinstimmen, verlangt ebenfalls, daß er den Schein aller
Tugenden annehme, die ihm fehlen. So nöthig sind die wahrhaft
königlichen Tugenden jedem Herrscher, daß er den Ruf, sie zu besitzen, nie

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ganz entbehren kann. Aber Aristoteles räth ihm, sich ihnen möglichst zu
nähern, davon anzunehmen, was er nur vermag, und wenigstens den Schein
der andern zu suchen. Macchiavelli hingegen verbietet ihm die Tugenden
selbst, weil sie ihm hinderlich sein würden; verlangt aber dabei, daß er
ihren Schein annehme, so oft er ihrer Wirkung nicht entbehren kann. Kann
nun wol der bloße Schein diese hervorbringen? Wir sehen schon im
gewöhnlichen Leben, wie wenig Zutrauen und welche tiefe Abneigung
diejenigen Menschen erregen, denen es nur auf den Effect ankommt, die
sich daher selbst immer im Auge haben und einen Spiegel mit sich
umhertragen. Sie mögen sich noch so gut darauf verstehen, andre Menschen
anzuführen, sie werden dennoch bald für das erkannt, [pg 152]was sie sind.
In den kleinsten Zügen ihres Betragens liegt ein „Hüte dich!“ das seine
Wirkung nicht verfehlt. Die Großen sind vielleicht mächtig genug, das
vorwitzige Urtheil ihrer Unterthanen zu unterdrücken. Aber auch der
Nachwelt? Und doch hat schwerlich jemals ein Fürst existirt, der Geist
genug hatte, die schwere Rolle zu spielen, die Macchiavelli vorzeichnet,
ohne den Wunsch zu hegen, daß er auch nach seinem Tode so beurtheilt
werden möchte, als er sich bemüht, vor seinen Zeitgenossen zu erscheinen.

Wer mächtig genug ist, ehrlich handeln zu können, thut daher immer noch
besser, der Heuchelei zu entsagen. So lange Verstand gegen Verstand
kämpft und der Macchiavellische Fürst sich auf seinem wohlbekannten
Fechterboden befindet, wo Verrath und Treulosigkeit von beiden Seiten
angewendet werden, die Absichten durchzusetzen, wird stets der Schlaueste
den Sieg davontragen. Wenn es aber darauf ankommt, nicht den Listigen zu
überlisten, sondern die Ehrlichkeit zu berücken und die gerade Einfalt des
Herzens sich nicht mehr anführen lassen will, so vermag alle Kunst nichts
mehr, und Satan selbst hat nicht Verstand genug, um die Tugenden des
Gemüths zu ersetzen, die fortan allein etwas auszurichten vermögen.

Was insbesondere die Wortbrüchigkeit betrifft, von der Macchiavelli als von
einer notwendigen und gewöhnlichen Sache redet, so bedarf es einer
genauen Bestimmung, wann sie dem Fürsten erlaubt sein kann. Es ist ein
alter und mit religiöser Ehrfurcht bewährter Ausspruch, daß das Wort der
Fürsten heilig sein solle. Die Wahrhaftigkeit ist überhaupt das Band, das die
menschliche Gesellschaft zusammenhält. Selbst die einzelne Lüge kann nur
da etwas wirken, wo Wahrheit allgemeine Regel ist. Von Andern verlangt

Page 154

sie daher auch ein Jeder, und der ärgste Lügner schreit immer am lautesten
gegen den Betrug, der gegen ihn gespielt wird. Die ganze Welt aber
vereinigt ihre Stimme, denjenigen, der sich nicht etwa einmal eine
Unwahrheit oder einen Wortbruch zu Schulden kommen läßt, sondern in
dessen Charakter es liegt, durchaus unwahr zu sein, wie eine Pest der
Gesellschaft zu fliehen.

Die Natur hat aber dem Menschen die List nicht um[pg 153]sonst gegeben.
Sie ist die Schutzwehr des Schwachen gegen Stärkere; sein
Vertheidigungsmittel gegen übermächtige Gewalttätigkeit. Mit Recht sagt
daher Macchiavelli, daß der Fürst sich darauf verstehen müsse, den Fuchs
und den Löwen zu spielen. Weil er unter Menschen wandelt, die mehr von
der thierischen Natur an sich haben, als vom Geistigen, so muß er
gleichfalls die Bestie herauskehren, wenn es Noth thut. Beides soll er
können, den Fuchs spielen und den Löwen. Der Löwe ist stark, wirft Alles
nieder und verzehrt, was ihm gefällt. Wenn er theilt, so nimmt er das beste
Stück, weil er Löwe heißt. Der Fuchs hilft sich mit List, um zu erlangen,
was er zu seiner Erhaltung bedarf. Aber den Wolf, den Feind aller
Geselligkeit, der selbst mit seines Gleichen nur Verbindungen des
Augenblickes eingeht, um über den Dritten herzufallen und nie in einer
friedlichen Gemeinschaft angetroffen wird, dieses ganz ungesellige Thier
soll kein Mensch jemals nachahmen. Vielmehr soll ja der Fürst, wie
Macchiavelli selbst sagt, den Löwen machen, um die Wölfe zu vertreiben.
Noch in andern Stellen seiner Werke spricht er nachdrücklich gegen
diejenigen, die wie die Wölfe unter Menschen leben. Wenn denn also dem
Menschen die Schlauheit des Fuchses gegeben ist, damit er die Wölfe ins
Verderben ziehe, gegen die er sich nicht wehren kann, wohlan, so
gebrauche die List, so oft sie nothwendig ist. Lüge, brich dein Wort,
verschwöre dich, verleite deinen Gegner durch die hinterlistigsten
Vorspiegelungen und stich ihm den Dolch ins Herz, indem du ihn umarmst.
Aber beweise, daß dies Alles nothwendig war, um dich von der Noth zu
befreien, die die Bosheit über dich brachte: und du bist gerechtfertigt.
Zeige, daß es nothwendig war, um das dir anvertraute Volk vom Untergange
zu retten – und du wirst als ein wohlthätiger Schutzgeist verehrt werden.
Wer kann sich der lebhaftesten Theilnahme erwehren, wenn die
Unternehmungen des selbstsüchtigen, unersättlichen, gegen Wohl und Wehe
der Menschen gefühllosen Ehrgeizes und der Habsucht durch die

Page 155

Verschlagenheit des Unterdrückten auf den Urheber der Mißhandlung
zurückfallen?

Es ist um so viel notwendiger, die Künste der List [pg 154]und Verstellung
richtig zu würdigen, da sie einen ganz eigenthümlichen Reiz für die Großen
haben, der aus den besondern Verhältnissen ihrer Lage entspringt. Wer so
viel vermag, sollte man denken, wird sich die Mühe nicht geben wollen,
sich zu verbergen. So Vieles kommt ihren geringsten Wünschen entgegen.
Sie brauchen kaum zu wollen, so geschieht schon, was ihnen angenehm ist.
Wie selten hat Einer von denen, die sich ihnen nahen, die Dreistigkeit,
etwas zu tadeln, das sie thun. Aber das Alles trifft doch nur die
Kleinigkeiten, die ihre eignen persönlichen Neigungen angehen. In Allem,
was zu ihrem politischen Leben gehört, ist es ganz anders. Sie finden in den
verwickelten Anstalten der bürgerlichen Ordnung, in der Organisation der
Gewalt selbst, mit der sie ihren Willen vollziehen, Schwierigkeiten und
Widerstand. Sie verachten die Menschen und mißbrauchen sie ohne Scheu.
Dennoch können sie dieselben nicht zu Maschinen machen. Der
unumschränkteste Monarch muß sich herablassen, ihre eignen Gesinnungen
und Empfindungen zu schonen. Außerdem ist Alles, was ihn umgibt,
unaufhörlich beschäftigt, von jeder seiner Aeußerungen Vortheil zu ziehen.
Er lernt bald, daß Alles, was von ihm herkommt, von der größten
Wichtigkeit ist und oft Wirkungen thut, die ihn selbst überraschen. Wenn er
nicht etwa von dem Feuer eines ungestümen Temperaments beherrscht
wird, das keinen Zwang erträgt, so wird er in sich selbst mißtrauisch und
geneigt zur Verstellung.

Kommt hierzu noch eine verkehrte Bildung des Geistes, entschuldigt er bei
sich selbst den Mangel an Entschlossenheit und Muth mit dem Grundsatze,
es sei besser, Alles, was auf geradem Wege zweifelhaft sein könnte, mit
versteckter Kunst zu Stande zu bringen; findet er ein Vergnügen darin,
Schwierigkeiten aufzusuchen, und bewundert seinen eignen Verstand, wenn
er mit seinen Mittelchen die Kraft des Willens zu ersetzen sucht, – so
entsteht zuletzt ein Gewebe, darin sich der Künstler, der es angelegt hat,
selbst verstrickt und verliert.

Die Wirkungen der Politik, die Macchiavelli lehrt, haben sich niemals
deutlicher gezeigt, als in der Geschichte der Familie, für die sein Buch

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zunächst bestimmt war.

[pg 155]
Lorenzo von Medici, dem er es zugeeignet hat, ist nicht Herr von Florenz
geworden. Aber er scheint doch von den Rathschlägen, die ihm hier ertheilt
werden, Gebrauch gemacht zu haben. Er hatte, wie es scheint, Anlage zu
einem Schüler des Macchiavelli im praktischen Leben. Ein früher Tod
unterbrach seine Ausbildung. Aber er vererbte diesen Schatz von
Grundsätzen auf seine Tochter. Catharina von Medici nahm sie mit sich
nach Frankreich. Dort ward das florentinische Gewächs von den
Landsleuten, die sie dahin begleiteten, sorgfältig gepflegt. Die Geschichte
der französischen Nation hat dadurch eine ganz eigne und ihrem
ursprünglichen Charakter fremde Wendung genommen. Der Herzog von
Retz, den Catharina aus Florenz kommen ließ, hatte einen entscheidenden
Einfluß auf die Entschließungen Karl des Neunten und Heinrich des
Dritten, und brachte Pläne zur Reife, die in französischen Gemüthern
schwerlich gediehen wären. Mehrere Italiener umgaben Heinrich den
Dritten. Unter diesen der Abbate del Bene, von dem sich jener Monarch,
dessen Charakter und dessen Leben ein sonderbares Gemisch von Wollust,
Trägheit, Leichtsinn und tiefer Verstellung, dreister Thätigkeit und
Grausamkeit war, in den Stunden, wo es ihn anwandelte, Politik zu
studiren, den Tacitus, Polybius und mehr als diese den Fürsten von
Macchiavelli vorlesen ließ.25 Die Lehren, die er hier vernahm, übte er auch
dann und wann einzeln, nach [pg 156]Laune aus. Und damit bekräftigte er
selbst recht nachdrücklich die Bemerkung seines Lehrers, daß die
Menschen selten den Muth und die Beharrlichkeit haben, etwas recht und
ganz zu sein, und daß sie eben dadurch zu Grunde gehen.

Die Mutter aber war anders. Beides, natürliche Anlage und Bildung durch
die Lehren des Meisters in der italienischen Politik, vereinigten sich in ihr,
und in ihrer Lage fanden sich Veranlassungen, die ganze Rolle zu spielen,
die er vorgezeichnet hatte. Ihre Ansprüche auf die Regentschaft während
der Minderjährigkeit ihrer Söhne waren zweifelhaft. So weit befand sie sich
mit dem Fürsten des Macchiavelli in gleichen Verhältnissen, und die
Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden, wurden noch durch ihre fremde
Abkunft vermehrt. Große persönliche Vorzüge waren erforderlich, sie zu
überwinden, und solche hat sie unstreitig besessen.

Page 157

Catharina von Medici hatte so viel Verstand und Talent, als irgend eines der
Weiber, die in der Geschichte berühmt geworden sind. Der begeisterte
Verehrer ihrer Vorzüge, der Geschichtschreiber Davila, hält ihr bei der
Erzählung ihres Todes folgende Standrede:

„Die großen Eigenschaften dieser Frau, welche dreißig Jahre lang die
Augen von ganz Europa auf sich gezogen hat, erhellen besser aus ihrer
Geschichte, als ich sie in wenigen Worten darstellen könnte. Ihr Verstand
war unerschöpflich an Mitteln, um die unerwarteten Zufälle zu verbessern,
und die Wirkungen des üblen Willens der Menschen zu vereiteln. Hierdurch
ertrug sie während der Minderjährigkeit ihrer Söhne die Last der
bürgerlichen Kriege, während welcher sie zu gleicher Zeit den
Religionseifer, die Widerspenstigkeit der Unterthanen, die Bedrängnisse des
Schatzes, die Verstellung der Großen und die ungeheuern Unternehmungen
des Ehrgeizes bekämpfte. Ihre Beständigkeit, ihr hoher Sinn, womit sie,
eine Fremde, es unternahm, das Ruder der Regierung den einheimischen
Großen zum Trotze zu ergreifen, womit sie sich desselben bemächtigte und
es festhielt gegen alle Künste der Widersacher und den Schlägen des
Schicksals zum Trotze, hatte mehr Aehnlichkeit mit dem Geiste eines in den
großen Welthändeln [pg 157]gebildeten Mannes, als mit der Gesinnung
eines an die Weichlichkeit des Hofes gewöhnten und von ihrem Eheherrn
unterdrückten Weibes. Aber die Geduld, die Gewandtheit, die Mäßigung,
womit sie sich zu behaupten wußte, und ungeachtet des in ihrem Sohne
selbst gegen sie allmählich entstandenen Argwohns die Regierung so
festhielt, daß er es nicht wagte, ohne ihren Rath und ohne ihre Einwilligung
zu handeln, selbst da, wo er ihr nicht traute: dieses ist der größte Beweis
und das kräftigste Kunststück ihrer vorzüglichen Gaben. Daneben wußte sie
sich stets über die natürlichen weiblichen Schwächen zu erheben und
unterlag nie den kleinlichen Neigungen, welche vom rechten Wege
abführen. Sie hatte einen hellen Verstand, wahrhaft königliche Anmuth in
ihrem Benehmen gegen die Menschen, mächtiges Talent zu reden,
lebendige Neigung sich freigebig und geneigt gegen die Guten zu beweisen,
den bittersten und unversöhnlichen Haß gegen die Andern. Sie ließ nicht ab,
ihre Anhänger zu begünstigen und zu erhöhen, und dennoch konnte sie es
nicht dahin bringen, daß der französische Stolz ihre italienische Geburt
vergessen hätte. Die unruhigen Köpfe hörten nie auf, sie als die Feindin
ihrer Absichten zu hassen, und insbesondere ist sie von den Hugenotten

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verleumdet worden, als wenn sie nur aus unbegrenzter Begierde zu
herrschen Rathschläge gegeben, wodurch Frankreich doch aus den größten
Gefahren gerettet worden ist. Mit allen diesen Tugenden war sie der
allgemeinen Unvollkommenheit der menschlichen Natur unterworfen und
hatte ihre Fehler. Man hielt dafür, ihr sei durchaus nicht zu trauen: etwas zu
allen Zeiten, vorzüglich aber und ganz besonders zu den unsrigen
Gewöhnliches. Sie dürstete mehr nach Blut oder verachtete das
Menschenblut wenigstens mehr, als ihrem Geschlechte wohl ansteht, und es
ward bei vielen Gelegenheiten offenbar, daß sie alle und jede Mittel, auch
die ungerechtesten und verrätherischsten gut fand, um nur zu ihrem Zwecke
zu gelangen. Aber bei billigen Beurtheilern werden diese Fehler, welche die
Noth der Zeiten veranlaßte, durch die erwähnten großen Eigenschaften
bedeckt.“

Wenn man nun diese große Königin, dieses Ideal ita[pg 158]lienischer
Politik, deren Bild Davila hier beinahe mit denselben Ausdrücken entwirft,
womit Macchiavelli seinen Fürsten zeichnet; wenn man sie näher betrachtet
und ihre Geschichte erwägt, so wie sie von ihrem Lobredner selbst erzählt
wird, was findet man denn für große Wirkungen ihrer hochberühmten
Eigenschaften? Die schlaue Frau wußte durch ein verstecktes Spiel, durch
die Künste der verführerischen List, die sie in der That im vollkommensten
Maße auszuüben verstand, alle Parteien in gewissem Gleichgewicht und
sich über sie erhaben zu erhalten. Jede dieser Parteien ward zwar bald inne,
daß mit ihr gespielt werde, mußte sich aber diesem Spiele hingeben, so oft
es ihr gefiel, es wieder anzuknüpfen, weil sie anfangs als Regentin die
rechtmäßige Gewalt und nachmals als geliebte und gefürchtete Mutter einen
entscheidenden Einfluß hatte. Der heimliche Widerwille und das Mißtrauen,
mit welchen diese Nachgibigkeit beständig verbunden war, vereitelte aber
auch auf jener Seite alle ernstlichen Unterhandlungen, und so ward es
unmöglich, so lange sie lebte, die bürgerlichen Unruhen beizulegen, welche
Frankreich solche Uebel zugefügt haben, daß man wirklich nicht einsieht,
wovon Catharina das Reich errettet haben soll.

Die innern Kriege, die Frankreich vierzig Jahre lang zerrissen haben,
wurden beendigt, indem der rechtmäßige Erbe der Krone zu der Kirche
übertrat, welcher bei weitem der größte Theil des Volkes leidenschaftlich
anhing. Heinrich dem Vierten war es lange vorher gesagt, er werde den

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Thron von Frankreich nie besteigen, wenn er das Volk nicht durch diesen
Schritt versöhnte. Er war selbst davon überzeugt und ging Jahre lang damit
um, durfte es aber nicht wagen, aus Besorgniß, die Partei, die ihm schon
anhing, zu verlieren, ohne der andern gewiß zu sein. Catharina hatte schon
Unterhandlungen mit ihm angefangen, die dahin führen sollten, und durch
deren glücklichen Ausgang das, was einmal geschehen mußte, zum Besten
der französischen Nation viel früher geschehen wäre. Was vereitelte denn
diese Bemühungen der klügsten Frau ihrer Zeiten? Der geringe Umstand
allein: der kleine Naturfehler, über den Davila so leicht weggeht: – „Ihr war
nicht zu trauen.“ – [pg 159]Nachdem sie unzählige Male gelogen und
betrogen hatte, da konnte sich auch der treuherzigste Mensch auf der Erde
nicht mehr von ihr anführen lassen. Solche Politik ist gut, um Kriege
anzuzetteln. Wenn man aber das Feuer auslöschen möchte, das durch so
schlaue Künste angefacht ist, so findet man s e l b s t mit Erstaunen, daß alle
die Werkzeuge, wodurch der feine Verstand so bewunderungswürdiges
Machwerk zu Stande gebracht hat, nichts mehr vermögen; daß das einzige
Wort eines zuverlässigen redlichen Mannes eine sicherere Grundlage
abgibt, als die künstlichsten Veranstaltungen der List, und daß Achtung und
Zutrauen der Menschen kräftigere Mittel sind, etwas Großes zu vollbringen,
als die Ueberlegenheit des Verstandes, wenn sie gemißbraucht wird, Andere
zu bethören, die sich für die erlittene Demüthigung mit unversöhnlicher
Erbitterung rächen, sobald sie können.

Lange vor dem Macchiavelli und Davila hatte schon der jüngere Philipp
von Macedonien ein Beispiel davon gegeben, was die Geschichte des
Betrugs und der List für einen Ausgang nimmt. Er versuchte sich zum
Oberhaupte der Griechen zu machen, um den Römern die Spitze zu bieten.
Ungefähr so wie Cäsar Borgia sich eine überwiegende Macht in Italien zu
erwerben trachtete, um den Fremden zu widerstehen. Und mit denselben
Mitteln. Was war das Ende? Er hatte in allen griechischen Staaten so viel
Mißtrauen, so viel heimliche und öffentliche Feindschaft erregt, daß es ihm
unmöglich ward, die Nation mit sich zu vereinigen. Er unterlag im Kampfe,
ohne nur einmal von seinem eignen Volke bedauert zu werden.

Die Menschen hören indessen nicht auf, den Verstand ohne alle Beziehung
auf die Eigenschaften des Gemüths, die ihm zur Unterlage dienen müssen,
wenn er wahren Werth haben soll, ausschließlich zu bewundern. Der

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scheinbare Erfolg seiner Kunststücke im Einzelnen verleitet sie nicht allein
zu dem Vorurtheile, daß es in der Welt nur auf Verstand ankomme; sie
verkennen auch seine Natur. Das sichere treffende Urtheil, welches in
verwickelten Verhältnissen das Geringfügige übersieht und den Punkt
festhält, auf den Alles ankommt, ist ihnen zu einfach. Ein Gewebe von
klei[pg 160]nen Künsteleien, von Auswegen des Augenblicks, die immer
tiefer in die Verwicklung führen, von verschmitzten Ränken, gefällt ihnen
besser. Doppelzüngigkeit, Falschheit und List, über deren zweckmäßigen
Gebrauch Macchiavelli selbst Lehren gibt, die wol einiges Bedenken
erregen könnten, ob man sich auch zutrauen dürfe, sie so anzuwenden;
diese Untugenden gelten am Ende für Beweise von Verstand und Talent,
oder sollen den Mangel daran ersetzen. Wer gar keine Lust hat, die Maske
des Löwen vorzunehmen, die ihn auch schlecht kleiden würde, glaubt
genug gelernt zu haben, wenn er zu lügen, zu betrügen, sein Wort zu
brechen weiß. So ist es zu gewissen Zeiten in der Geschichte dahin
gekommen, daß man überall, wo sich Jemand in vollendeter
Nichtswürdigkeit nur recht schamlos beweist, den Geist von Macchiavelli’s
Fürsten zu erkennen geglaubt hat. Zu diesem aber gehört die Tapferkeit des
entschlossenen Gemüths eben sowol, als die Gewandtheit des listigen. Nur
in dieser Beziehung verträgt die Welt die Unredlichkeit. Der Abscheu, den
diese einflößt, nimmt dabei den Charakter einer grauenvollen Bewunderung
an; geht aber in Verachtung über, sobald diese nachläßt: „Du sublime au
ridicule il n’y a qu’un pas!“

Page 161

19.

Interessant ist der Rath Macchiavelli’s an den neuen Fürsten, sich nicht an
den Weibern seiner Unterthanen zu vergreifen.

Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu
befriedigen. Die Weiber kommen ihm natürlich stets entgegen. Er ist immer
allein schön, klug, liebenswürdig. Er hat also wenig Versuchung, die
Schranken zu übertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der
fürstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth
gelegt, daß er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darüber
wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhängigkeit von den
Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem
öffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust
nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, [pg 161]sondern oft aus bloßem
Uebermuthe. Manche neue Fürsten haben einen Genuß darin gesucht, ihre
Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte
Rache hat mehr Fürsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von
Republikanern.

Der neue Fürst selbst beschäftigt sich größtentheils mit herrschsüchtigen
Plänen und wird durch die Rücksicht auf diese einigermaßen
zurückgehalten. Aber Söhne und Brüder, die ihre Erhebung nicht eignen
Bemühungen verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen
Größe. Unzählige Beispiele finden sich in der Geschichte der römischen
Imperatoren und des neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli
vermuthlich zunächst vor Augen.

Der alte Pandolfo Petrucci von Siena ließ morden, zwang reiche Erbinnen,
seine Anhänger zu heirathen, und verfuhr überhaupt gewaltthätig mit den
Bürgern, wo es in seinen Plan gehörte. Dabei behauptete er sich bis an das
Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Früchte der
väterlichen Bemühungen von früher Jugend an einerntete, wußte nicht was

Page 162

Alles beginnen, um sie zu genießen. Er beraubte Diesen und Jenen,
verführte und mißbrauchte mit Gewalt Weiber und Töchter. Dafür ward er
verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici,
der nach Macchiavelli’s Tode nicht durch eigne Talente und Bemühungen,
sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb
ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthält noch
mehrere Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der
Emporkömmlinge die unnatürlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben
kann. Was zum Beispiel ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des
Dritten, mit dem Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei
einem feierlichen Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das
Unglaubliche ....

Page 163

22.

Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwähnt, der sich zum
Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den
Namen eines Herrn zu führen. [pg 162]Er verdankte den ruhigen Besitz
seiner hohen Stelle vorzüglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die
Aemter eines Richters und öffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte,
und dem Pandolfo als Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den
Ratschlägen dieses Mannes werden die feine Politik und das feste
Benehmen, seiner grausamen Gemüthsart aber auch die Mordthaten
zugeschrieben, wodurch sein Gönner sich emporschwang und erhielt. Von
der Sinnesart des Giordani und zugleich vom Geiste der damaligen Zeit
kann die Antwort als Probe dienen, die er als Gesandter dem Papst
Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie er es anfange, die
Sieneser zu regieren? – „Mit Lügen, heiligster Vater.“ –

Der alte Petrucci brachte es dahin, daß sein Sohn Borghese Petrucci (seine
Mutter war eine Borghese) nach seinem Tode in seine Stelle einrückte. Aber
der leichtsinnige und ausschweifende junge Mensch hatte nicht so viel
gesunden Verstand, dem alten Rathgeber seines Vaters zu folgen. Er hatte
einen Günstling, Pochintesta, der sich die ausschweifendsten
Mißhandlungen seiner Mitbürger erlaubte. Antonio rieth ihm, sich durch die
Hinrichtung desselben die Liebe des Volkes zu erwerben. Er aber ergab sich
ihm, dem geliebten Genossen aller eigenen Bubenstücke, immer mehr,
anstatt ihn zu züchtigen. Die Partei, welche den Borghese Petrucci zu
verdrängen suchte, bemerkte bald, wo seine Stärke lag, und fing damit an,
ihm den Antonio verdächtig zu machen. Der gedankenlose Borghese ging in
diese Falle und ertheilte dem beschwerlichen Mentor den Abschied mit
angeblichem Bedauern und in der Einkleidung eines Rathes, er möge der
allgemeinen Abneigung ausweichen und sich entfernen. Recht wohl,
erwiderte Jener, ich werde Ihnen das Quartier bestellen. Der junge Fürst
mußte wirklich bald nachfolgen. Die Petrucci hatten es mit den
republikanisch gesinnten Florentinern gehalten. Die Revolution zu Florenz,

Page 164

wodurch die Medici in demselben Jahre wieder eingesetzt wurden, als
Pandolfo starb (1512), zog also natürlich auch in Siena eine Katastrophe
nach sich, wodurch unter dem Schutze Papst Leo X. Rafael Petrucci,
Bischof von Grosseto und Castellan des Ca[pg 163]stel Sant’ Angelo zu
Rom, ein Vetter und geschworener Feind des Borghese Petrucci und
Anhänger der Medici, statt des vertriebenen Borghese auf kurze Zeit
Oberhaupt von Siena geworden war. Antonio von Venafro war glücklich
nach seiner Vaterstadt entkommen und beschloß daselbst sein Leben in
Ruhe. Borghese aber ward wahnsinnig und starb bald darauf in Neapel.

Der Fürst von Siena und sein Minister mögen in Einem verdienten
Schicksale untergegangen sein und mit so vielen Andern vergessen werden.
Was gehen sie uns weiter an? Aber das Mittel, wodurch der alte Rathgeber
entfernt und der Fürst seiner Stütze beraubt worden, verdient
Aufmerksamkeit. Dieser ließ sich überreden, sein Freund sei allgemein
verhaßt; durch die Entfernung desselben werde ihm die Liebe des Volkes
erhalten und seine Herrschaft gesichert werden. Eben so erregten die
Günstlinge Königs Karl des Zweiten von England, denen der
unbestechliche Clarendon im Wege war, zuerst ein leises Gemurmel: der
Kanzler fange an verhaßt zu werden, er sei auch gar zu wenig nachgibig,
sein Benehmen allzu rauh. Es fanden sich ihrer bald genug, die mit
einstimmten, weil er sich geweigert hatte, ihre unziemlichen Begehren zu
erfüllen, und so gelangte eine angeblich allgemeine Stimme vor den Thron,
der König müsse seinen Minister entfernen, um selbst bei dem Volke beliebt
zu bleiben. Clarendon mußte weichen, und nur sein Andenken hat eine
verspätete Genugthuung von der unparteiischen Nachwelt erhalten.

Noch viele andere Fürsten sind in ähnliche Schlingen gefallen. Auch
bessere, und diese eben durch den Mißbrauch, den man von ihren
vorzüglichsten Eigenschaften gemacht hat; ihrer Achtung gegen das
öffentliche Urtheil und gegen die Gesinnungen des Volkes. Dazu gehört
wahrlich nicht einmal die Schlauheit eines Arlington oder Buckingham.

Page 165

23.

Nie ist das alte, wenn man so sagen will, abgedroschene Kapitel der Moral
die uralte Lehre, die schon jener griechische Philosoph beim Stobäus
seinem jungen Prinzen ertheilt: „Hüte dich vor Schmeichlern!“ so lebendig
und ein[pg 164]dringend vorgetragen als hier. Nur ist der Satz: „Die
Menschen sind ihrer Natur nach schlecht“ hier nicht recht passend,
wenigstens zu allgemein gefaßt. Die Menschen sind nicht a l l e schlecht –
wenn auch unläugbar die überwiegende Mehrzahl. Sie sind nicht a l l e
eigennützig, von sträflichen Leidenschaften getrieben, wahrer Zuneigung
und Vertrauens unwerth. Durfte wol Heinrich der Vierte den Sully für
schlecht halten? Und hätte dieser eine solche Meinung ertragen? Aber nur
ein Fürst, der wie dieser die Schmeichelei verschmäht, kann einen Sully
finden. Macchiavelli hat vorhin in Kapitel 22 selbst einen Minister
aufgestellt, dem der Fürst unbedingt vertrauen und den er in sein eignes
Schicksal verflechten soll. Der Autor durfte doch kaum gemeint haben, daß
der Fürst dies mit einem „schlechten“, wenn auch noch so klugen
Menschen wagen solle.

Page 166

25.

Die Geschichte der großen Weltereignisse sowol als die einfache
Lebenserfahrung bestätigt ohne Zweifel die in diesem Kapitel
vorgetragenen Lehren. – Jedes Zeitalter hat seinen eignen Charakter. Es hat
nicht allein eine jede Generation ihren besondern Geschmack, ihre
eigenthümlichen Grundsätze und Empfindungsweisen, sondern auch viele
Begebenheiten, welche zufällig scheinen, weil ihr Zusammenhang mit den
Gesinnungen und Neigungen der Menschen nicht klar vor Augen liegt,
nehmen etwas von jenem eigenthümlichen Geiste der Zeit an. Nur derjenige
kann hoffen, eine große Wirkung hervorzubringen, dessen Talente in
gewissem Verhältnisse zu seinen Zeitgenossen stehen, und der in das, was
sie treiben, auf die rechte Art eingreift. Dies Verhältniß des einzelnen
handelnden Mannes zu dem, was ihn umgibt, läßt sich nicht immer in
bestimmten Ausdrücken angeben und auf Grundsätze zurückführen. Der
Beobachter der Welt stößt in der Geschichte und im täglichen Leben häufig
auf ein unerklärliches Etwas, welches vollkommen gut ausgesonnene Pläne
vereitelt. Es war nicht die rechte Zeit. Ein altes Sprüchwort sagt: „Der
Mensch, der des Morgens mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette tritt,
[pg 165]stößt den ganzen Tag über allenthalben an und läuft Gefahr, ein
Bein zu brechen.“ Wer das Unglück hat, in seine Laufbahn mit einem ersten
falschen Schritte einzutreten, kommt den ganzen Tag seines Lebens über
nicht in den rechten Tact, und findet stets Widerstand.

Die größten Talente, ja auch Vorzüge des Gemüths, haben nur eine gewisse
Zeit, während welcher sie vollgiltig sind. Glücklich, wenn ein günstiges
Geschick den Mann von vorzüglichem Geiste abfordert, ehe die Periode
abgelaufen ist, in welcher er etwas zu leisten vermag; oder wenn er den
rechten Augenblick trifft, sich aus der thätigen Welt herauszuziehen, um
dem herben Schicksale zu entgehen, ungeachtet der größten Anstrengung,
geringeren, aber gerade jetzt besser angebrachten Kräften weichen zu
müssen.

Page 167

Macchiavelli sah selbst wohl ein, daß es unmöglich ist, dem Menschen
vorzuschreiben, wie er handeln soll, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob
er, nach seiner individuellen Gemüthsart, gerade er so handeln kann. In
einem Briefe an Piero Soderini, worin er nicht mit der feierlichen Miene des
Lehrers der Fürsten auftritt, sondern vertraulich seine Meinung mittheilt,
drückt er es ganz vortrefflich aus. „So wie die Natur,“ sagt er, „den
Menschen verschiedene Gesichter gegeben hat, so haben sie auch
verschiedene Gemüthskräfte und verschiedene Launen. Auf der andern
Seite sind auch die Zeiten gar sehr von einander verschieden. Demjenigen
gelingt Alles ad votum, der es mit dem Zeitalter in seinem Verfahren recht
trifft, und derjenige ist unglücklich, der mit demselben in Widerspruch
geräth. Die Zeiten und die Umstände ändern sich aber gar oft, ohne daß die
Menschen ihre Einfälle und Handlungsweise danach abändern. Wer so
gescheidt wäre, Zeit und Umstände allemal zu kennen und sich danach zu
richten, würde immer glücklich sein oder sich doch vor Unglück hüten. So
würde der Weise wirklich den Sternen und dem Schicksale zu gebieten
scheinen. Aber solche gibt es nicht: d i e M e n s c h e n k ö n n e n i h r e
N a t u r n i c h t s o ä n d e r n.“

Können das die Menschen nicht? Hängt ihr Betragen also auch nicht blos
von der richtigen Beurtheilung der Umstände allein ab? Bestimmt wirklich
die eigenthümliche [pg 166]Gemüthsart, der Charakter des Menschen, auf
welche Art er in das Gewebe der Begebenheiten, das ihn umgibt, eingreifen,
und ob er etwas ausrichten werde? So ist es ja falsch, worauf doch das
ganze System des Macchiavelli beruht: daß der Fürst sich ohne Vorliebe für
irgend Etwas ganz allein von der kalten Beurtheilung leiten lassen müsse,
um in seinen Unternehmungen glücklich zu sein. Am Schlusse des Kapitels,
wo er Alles übersieht, was der Fürst gethan haben mag, und das Schicksal
aller seiner Unternehmungen so treffend weissagt, gesteht der Lobredner
des Verstandes selbst ein, daß zu einem großen Manne etwas ganz Anderes
erfordert wird als Verstand, und daß es die Kräfte des Gemüths sind, welche
die Rolle bestimmen, die er spielen wird.

Page 168

26.

Das Schlußkapitel, der Aufruf zur Abschüttelung der fremdherrlichen
Ketten, hat jetzt für uns nur als ein Meisterstück der Beredtsamkeit
Interesse.

Es fand sich thatsächlich damals in Italien kein Fürst, der der
Unternehmung gewachsen gewesen wäre, durch neue Anordnungen der
Nation Einheit und Unabhängigkeit zu verschaffen. Die Intrigue fuhr daher
fort, das Land zu zerreißen, und die Völker blieben ein Spiel fremder
Mächte. – Der Historiker S i s m o n d e d e S i s m o n d i sucht (in seiner
Histoire des republiques de l’Italie) die Ursachen des tiefen Verfalls des
italienischen Volkes seit dem fünfzehnten Jahrhundert in dem Untergange
der großen Republiken in der Lombardei, wodurch zuletzt auch das Ende
der Freistaaten in Mittelitalien und die Unterwerfung der ganzen Nation
unter fremde Herrschaft herbeigeführt worden ist. Es ist begreiflich, daß die
rohe Gewaltthätigkeit, wodurch die Herrschaft in allen Landschaften und
Städten von Italien unzählige Male genommen und verloren worden, in
Unbändigkeit des schwelgerischen Genusses überging, und daß allgemeine
Erschlaffung erfolgen mußte, sobald Nachfolger und Enkel jener
Emporkömmlinge zum ruhigen Besitze der Gewalt gelangten. Aber
dagegen schützt auch die republikanische Verfassung nicht. In der
Geschichte von Venedig entwickelt sich zufolge der Darstellung, welche
D a r u [pg 167](Histoire de la republique de Venise) aus urkundlichen
Quellen entworfen hat, in ihrem Entstehen, Fortschreiten und Verfallen der
Verfassung derselbe Charakter, der den gleichzeitigen italienischen
Einzelherrschern eigen ist.

In den Bewegungen eines von Parteien zerrissenen Volkes werden alle
Anlagen des Geistes und des Gemüthes gereizt, sich zu entwickeln, aber
nicht blos die schlechten, auch die besten und edelsten. Man sieht daher in
Republiken, auch in Zeiten der größten Verdorbenheit, einzelne große
Bürgerseelen aufstehen; dahingegen unter der Tyrannei nichts von Allem

Page 169

aufkommt, was bei Macchiavelli virtù heißt. Sie verschwand sehr bald in
Florenz unter den Großherzogen, und von dieser Seite hat die frühere
Erhebung der Visconti und Sforza zu Herren von Mailand der Nation viel
geschadet. Aber die Unabhängigkeit von Italien würde schwerlich durch die
Herstellung der mailändischen Republik bewirkt sein. Diese würde gleich
den toscanischen Freistaaten nur dahin gestrebt haben, schwächere
Nachbarn zu unterdrücken, statt mit ihnen einen großen Verein zu bilden,
um sich gegen fremde Uebermacht zu schützen. Schon vormals hatte die
Geschichte des alten Griechenlands ein Gleiches gezeigt.

Wenn man nun den ganzen mit Macchiavelli zurückgelegten Weg hier
nochmals mit einem Blicke übersieht, so wird man von einer sonderbaren
Empfindung ergriffen. Jedes einzelne Urtheil, jeder Rath, jeder Anschlag ist
so zutreffend, daß man der überredenden Kraft nirgends widerstehen kann,
sobald man sich einmal von dem Rade hat ergreifen lassen, welches
unaufhaltsam mit sich fortreißt. Vorausgesetzt, daß der erste Schritt einmal
geschehen sei, so kann er nicht besser verfolgt werden. Es muß Alles so
kommen, wie Macchiavelli sagt. Man muß also auch so handeln, wie er
angibt, um die Abgründe zu vermeiden, zwischen denen sich der Weg
hinzieht. Dennoch bleibt immer in der Tiefe des Gemüths etwas, das
widerstrebt und die Ueberzeugung zu Schanden macht. Macchiavelli kann
dreist seine Leser auffordern, etwas gegen seine einzelnen [pg 168]Urtheile
einzuwenden. Aber wer könnte wol das Ganze für mehr als für ein Spiel des
Verstandes halten? Das ist es eben: d a s g a n z e B u c h i s t n u r d i e
F r u c h t d e s Ve r s t a n d e s. Von Theilnahme am Schicksale der
Menschen, von Rücksichten auf ihre Empfindungen, von ihrer
Zufriedenheit als einem Zwecke an sich selbst ist gar nicht die Rede. Man
vermißt durchaus Alles, was vom Gemüthe abhängt und aus der
Empfindung für Andere entspringt, oder was der Sinn für einen erhabenen
schönen Zweck eingeben könnte. Daher bleibt der Leser immer
unbefriedigt, so viel er auch zu bewundern findet. Moralisches Gefühl hat
Macchiavelli entweder gar nicht gehabt, oder es ist in ihm von politischen
Leidenschaften ganz unterdrückt. W a s a b e r b l o ß e r Ve r s t a n d z u
l e i s t e n v e r m a g , d a s h a t e r e r r e i c h t . Und deswegen ist im

Page 170

Einzelnen so viel von ihm zu lernen; auch für den, der die ganze
Denkungsart und die Grundsätze, die im Buche herrschen, verabscheut.
Niemals hat ein politischer Schriftsteller die Handlungen der Menschen und
ihre Folgen mit mehr Scharfsinn entwickelt, und gerade vom gewöhnlichen
Fehler der Scharfsinnigen findet sich bei ihm keine Spur: von der
Ueberfeinheit. Keiner hat jemals besser gewußt, jedesmal den Punkt, auf
den Alles ankommt, zu treffen. So wie man von seinem großen
Landsmanne Michel Angelo erzählt, daß er immer mit dem Meißel in den
Marmor geradezu hinein gehauen und auf ein Haar getroffen habe, wie weit
er gehen müsse, eben so gibt Macchiavelli immer mit Einem Worte das
Rechte an, verwirft alle Künsteleien, die nur verwirren, und sagt den
Mächtigen auf den Kopf zu, was in ihrem Sinne tief verborgen liegt.
Hiermit stimmt auch sein Vortrag überein. Es ist bekannt, daß die Italiener
ihn für ihren besten P r o s a i s t e n halten. Von der Weitschweifigkeit, dem
verwickelten und weit ausgesponnenen Periodenbau der meisten
italienischen Schriftsteller, von diesem allgemeinen Fehler, der fast der
Sprache selbst eigen zu sein scheint, ist er ganz frei. Die Vollkommenheiten
seines Vortrages, der gedrängte Inhalt und der kräftige Ausdruck sind aber
am auffallendsten im Buche vom Fürsten. Dieses thut denn auch eine
Wirkung, welche der [pg 169]größten Erwartung entspricht, die der
Verfasser davon gehabt haben mag. Man fühlt, daß es unmöglich ist, besser
anzugeben, wie man die Herrschaft erwerben und behaupten könne, sobald
es nur um dieses zu thun ist, und alles Andere nicht beachtet werden soll.

Aber das Bild dieser Herrschaft steht auch in Begleitung aller furchtbaren
Genien, die sie herbeigeführt haben, der Gewalt, der List, der Treulosigkeit,
Heuchelei und Schamlosigkeit, mit ihrem Gefolge, dem dumpfen
Mißtrauen der Unterworfenen, und der tiefen Verschlossenheit ihres
gedemüthigten Herzens, dies Alles steht in der schrecklichsten Verbindung
zu einem Ganzen vor den Augen des Lesers, und läßt nicht ab, ihn zu
verfolgen. Wer die Geschichte selbst durchgedacht hat, wird unablässig
aufgefordert, immer wieder aufs Neue zu prüfen, wie denn diese Resultate
der Beobachtung dessen, was geschieht und was geschehen kann, mit den
Grundsätzen über das, was geschehen sollte, die Niemand verläugnen kann,
in Uebereinstimmung gebracht werden mögen.

Page 171

Diese Untersuchung, deren Hauptmomente in den Bemerkungen über das
Buch angegeben sind, ist um so viel interessanter, da es nicht nothwendig
ist, eine gänzliche Unempfindlichkeit gegen das Wohl andrer Menschen,
und einen selbstsüchtigen Ehrgeiz bei dem Schüler Macchiavelli’s
vorauszusetzen. Ein Kopf, der von schwärmerischen Plänen zur
Verbesserung des Menschengeschlechts und seiner Verhältnisse im Großen
eingenommen ist, kann sich auch wol verleiten lassen, alle einzelnen
Menschen als Werkzeuge seiner gutgemeinten großen Absichten anzusehen
und alle Verpflichtungen, die sich auf die gewöhnlichen Vorschriften der
Sittlichkeit gründen, einem erdichteten höhern moralischen Zwecke
aufzuopfern.

So ist der Geist der Politik, die Macchiavelli lehrt, auch in philosophischer
Gestalt und mit einer moralischen Larve, in dem Grundsatze, daß der
Zweck die Mittel heilige, zum Vorschein gekommen. So sehr aber dieser
Lehrsatz auch von den Leidenschaften begünstigt wird, die sich vortrefflich
darauf verstehen, ihre Wünsche dem angeblichen höhern Zwecke
unterzuschieben, so ist doch die gewöhnliche Moral [pg 170]zu tief in den
Empfindungen gegründet, als daß man häufig Menschen finden sollte, die
sich in einem ganz consequenten Betragen darüber weggesetzt hätten.

Dieses geheime Gefühl der moralischen Bande wird oft unterdrückt,
erwacht aber immer wieder. Daher kommt es denn, daß die Menschen in
ihrem Benehmen (so lautet eine der berühmtesten und treffendsten
Bemerkungen Macchiavelli’s in seinen „Discursen“ 1, 27) nie ganz gut oder
ganz böse sind, und eben deswegen in so vielen großen Unternehmungen
verunglücken.

Sie möchten wohl: aber da sie doch nicht dürfen, so wollen sie auch nicht
recht. Sie fangen an, in Hoffnung, der Zufall werde das Uebrige thun.
Verweigert dieser seinen Beistand, so bedenken sie sich, Schritte zu thun,
von denen sie doch voraussehen konnten, daß sie unvermeidlich sein
würden. Einige Treulosigkeit, einige Verrätherei, einige Verletzung der
allgemeinen Gesetze der Sittlichkeit hält Jeder im Gedränge der Umstände
für erlaubt, und verzeiht man einander allenfalls. Wenn es aber dadurch so
weit gekommen ist, daß ein letzter dreister Streich zum Ziele führen würde,
so versagt das Herz. Wären die Menschen etwas besser, so blieben sie von

Page 172

Unternehmungen zurück, die sie in solche Verwicklungen führen; wären sie
etwas schlechter, so verfolgten sie ihre Zwecke ohne Bedenklichkeit bis ans
Ende, opferten alles Andre auf und verlören vielleicht Manches, erhielten
aber doch das Eine, worauf es abgesehen war. Sie erhielten es vielleicht in
einzelnen Fällen. Aber wohin führt ein ganz consequentes unsittliches
Betragen? Lassen sich dadurch Zwecke erreichen, die eines wirklich großen
Geistes würdig wären? Macchiavelli selbst gesteht ein, daß es dazu nicht
hinreicht, indem er von seinem Idealfürsten verlangt, er solle trotz seiner
innern Gleichgiltigkeit gegen die Moralität den Anschein und den Ruf aller
Tugenden erwerben, die er ihn im Herzen zu verachten befiehlt. Was aber
davon zu halten ist, das haben wir vorher gesehen.

Ende.

Page 173

Anmerkungen

1. Man vergleiche zu dem Folgenden Macaulay’s geistvolle
Abhandlung „Macchiavelli“ in Möllenhoffs gewandter
Uebersetzung (Univ.-Bibl. Nr. 1183).
2. Wir besitzen darüber hinreichend befriedigende Quellen.
M a c c h i a v e l l i ’s florentinische Geschichte
schließt zwar schon mit 1492, aber seine übrigen Werke enthalten
auch einzelne Züge zur Beurtheilung der folgenden
Begebenheiten. Neben G u i c c i a r d i n i ’ s i t a l i e n i s c h e r
G e s c h i c h t e haben wir eine Menge florentinischer
Geschichtsbücher. Außer dem fleißigen Benedetto Va r c h i, der
eine vollständige und ausführliche Erzählung aller
Begebenheiten, an denen er Anfangs selbst Antheil genommen,
aus den besten Quellen, welche ihm von allen Seiten eröffnet
wurden, zusammengetragen hat, und der Geschichte des ehrlichen
N a r d i, die vorzüglich wegen der Nachrichten von dem
schwärmerischen Demagogen Savonarola merkwürdig ist, sind
noch ein paar Werke vorhanden, in deren Verfassern man den
Geist wahrer Staatsmänner nicht verkennen kann. Bernardo
S e g n i, ein Schwestersohn des Niccolo Capponi, welcher
während der Jahre 1527 und 1528, bei dem letzten Versuche, die
Republik herzustellen, Haupt des Staats und Anführer derer war,
die eine auf Gerechtigkeit und Billigkeit gegründete Verfassung
einzuführen wünschten, und Filippo d e N e r l i, ein verständiger

Page 174

Freund republikanischer Freiheit, und genauer Bekannter der
Männer welche früher im Jahre 1522 einen vergeblichen Versuch
machten, eine Republik herzustellen, und deren vornehmster
Rathgeber Macchiavelli war. Nerli schloß sich nachmals im
Gedränge des demokratischen Fanatismus an die Medici an, die
allein Schutz gegen die Wuth des erhitzten Pöbels geben konnten,
und ward zuletzt unter den Herzögen Senator. Sein Werk enthält
die besten Anzeigen und treffendsten Beurteilungen der so oft
veränderten Verfassung. Die Erzählung geht bis 1555.
3. Memorie Storico-Critiche della Città di Siena, che servono alla
vita civile di Pandolfo Petrucci dal 1480 al 1512. da Gio. Ant.
Pecci, Patrizio Sienese. Siena 1755.
4. Diese wenigen Nachrichten finden sich in der Geschichte Filippo
de’ Nerli’s, welcher alle genannten Personen und besonders den
Macchiavelli genau gekannt hatte, und der Partei selbst
wohlwollte.
5. Varchi, Geschichte von Florenz. Sie war also bekannt. Schon
dieser Umstand spricht gegen die Vermuthung, daß das Buch nur
ein geheimer Rathgeber des Fürsten habe sein sollen, dem es
zugeeignet ist. Außerdem aber ist der Ton des Buchs vom Fürsten
mit dieser Ansicht nicht zu vereinigen. Zu einem solchen Zwecke
hätte der Verfasser doch bestimmte Anwendungen auf die
Verhältnisse des Augenblicks machen, und Maßregeln gegen die
Mitwerber um die Herrschaft von Italien und gegen einzelne
Staaten angeben müssen: und dazu wäre Macchiavelli sehr
geschickt gewesen, wie seine Berichte an die florentinische
Regierung während seiner häufigen Gesandtschaften beweisen
Aber das Buch vom Fürsten hat ganz den Charakter eines
literarischen Kunstwerks. Als ein solches übertrifft es nicht allein
Alles, was damit verglichen werden könnte, sondern auch die
übrigen Schriften des Verfassers selbst. Und ein solches
Meisterstück sollte er nicht für die Welt bestimmt haben?! – – – –
6. Fünfzig solcher Männer machte er zu Staatsräthen mit hohem
Range und hoher Besoldung, wofür sie sich um Nichts
bekümmern durften – angenehme Sinecuren, wie sie ähnlich noch

Page 175

heute im gelobten Preußen einige evangelische Domherren haben,
die für einen Jahresgehalt von ca. 36,000 Mark einmal jährlich
eine Quittung unterschreiben und ein opulentes Frühstück
verzehren müssen! –
7. G a u l t i e r d e B r i e n n e, der als Erbe eines Kreuzfahrers den
Titel Herzog von Athen führte.
8. Die erste Veranlassung zu der berühmten Verschwörung der Pazzi
gegen die Medici lag in der Heirath eines Pazzi mit einer reichen
Erbin, welcher man ihr Erbrecht unter dem Vorwande
zweifelhafter Gesetze, in der That aber dem Lorenzo von Medici
zu Gefallen entzog, um die Familie seines Gegners zu entkräften.
9. Man behauptet zwar, das Buch sei 1515 gedruckt, also nicht allein
bei Lebzeiten des Verfassers, sondern sogar auch des Lorenzo,
dem es dedicirt ist. Allein der Herausgeber einer vollständigen
Sammlung aller Werke des Macchiavelli (Florenz, 1782, in 6
Quartbänden), behauptet, Niemand habe den angeblichen Druck
gesehen; der erste sei vom Jahre 1532, wo Giunti es mit Privileg
des Papstes edirte.
10. Ueber die Widmung vgl. Möllenhoff, Macaulay’s kritische
Aufsätze, Bd. 2, Macchiavelli, (Univ.-Bibl. No. 1183) S. 49.
11. Man denkt jetzt (1879) an Lothringen oder Bosnien!
12. Erinnerung an Ovids (Remed. Am. 91) Vers: Principiis obsta, sero
medicina paratur.
13. Della Rovere, der den Namen Julius der Zweite geführt hat.
14. Wer in einer ausführlichen Erzählung der Thaten dieses
Menschen ein Beispiel aus der alten Geschichte lesen will, wie
weit kriegerische Eigenschaften in Verbindung mit gänzlicher
Immoralität es darin bringen können, große Dinge auszuführen,
die nichts bleibendes Gutes erzeugen der lese Diodor, Buch 19
und 20.
15. Ein großer Liebling des florentinischen Pöbels, den im Jahre 1381
die Obrigkeit wegen einer Gewaltthätigkeit, die er beging, um ihr
einen verhafteten unruhigen Kopf zu entreißen (eine

Page 176

Unternehmung, an der der Pöbel Wohlgefallen zu finden pflegt),
hinrichten ließ, ohne daß der Aufstand, auf den er hoffte, erfolgt
wäre. Ja, es fand im Gegentheil auch diese Hinrichtung Beifall.
16. Ein Krieger von englischer Abkunft, der am Ende des vierzehnten
Jahrhunderts das Handwerk trieb, wodurch so viele in der Folge
als Condottieri berühmt wurden.
17. Die italienischen Worte misero und avaro sind von den deutschen,
durch welche sie übersetzt werden können, in der feinern
Bestimmung des Sinnes etwas verschieden. Uebrigens ist f i l z i g
von g e i z i g zu unterscheiden: geizig ist, wer noch daneben zu
erwerben trachtet; f i l z i g, wer sich enthält zu benutzen, was er
besitzt.
18. Das ist nun freilich eine überaus kühne Interpretation der
griechischen Sage!
19. Ferdinand von Arragonien scheint gemeint zu sein.
20. Er besann sich, ob er den Antrag annehmen solle. Da ihm
zugeredet ward, wenn er ein ächter Bentivoglio sei, so würde er
den Antrag nicht ablehnen, und das Volk von Bologna ihn auch
nicht verlassen, wagte er den Schritt: und nun kam es auch so. Er
bewies sich des Blutes würdig, das man in ihm voraussetzte, und
machte sein Recht dadurch geltend. So viel vermag die Geburt,
wenn sie nicht allein Alles thun soll.
21. Catharina, Tochter des Francesco Sforza und Schwester des
Ludwig. Ihr Gemahl war Hieronymus Riario, Neffe Papst Sixtus
des Vierten.
22. Eine weitere Ausführung der in diesem Kapitel enthaltenen
Gedanken findet man in den Discorsi über den Livius im 2.
Buche, 24. Kapitel.
23. Vorzüglich wahre Sentenz!
24. Nardi erzählt im 6. Buche seiner Geschichte von Florenz, daß die
Astrologen dem Papste Leo X. in den ersten Monaten seiner
Regierung vorhergesagt haben, sein Bruder Giuliano (der als

Page 177

Herzog von Nemours starb) werde König von Neapel, und sein
Neffe Lorenzo Herzog von Mailand werden.
25. Das erzählt D a v i l a, der durch seinen Bruder, einen
Kammerherrn der Catharina, mit Heinrich dem Dritten und
seinem Hofe genau bekannt war. Davila, selbst ein Italiener,
spricht von der Catharina und ihren Söhnen mit der
sympathetischen Empfindung des Landmanns. Daher ist seine
Geschichte dieses mehr italienischen als französischen Hofes so
natürlich, so lebendig, so anziehend. Er fühlte ganz anders, wie
die florentinischen Gemüther gesinnt waren, als französische
Schriftsteller. In den Erzählungen solcher Geschichtschreiber
sieht man die Menschen selbst vor sich; in den Bemerkungen
andrer über die ihnen fremden Gestalten entgeht das
Eigenthümlichste und Feinste. Ueber ächt französische
Charaktere muß man hingegen französische Schriftsteller lesen:
über Heinrich den Vierten den Voltaire. Den Helden der
Galanterie und des Point d’honneur stellt dieser mit eben so
vielem Talente dar, als Davila die Catharina, die er wegen ihres
verschmitzten Herrschertalents vergöttert.

Bemerkungen zur Textgestalt

Page 178

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in
ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv
wiedergegeben).

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Textes an den Anfang
versetzt.

Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden nicht vereinheitlicht.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

Seite 26: „Entschossenheit“ geändert in „Entschlossenheit“
Seite 80: „e gne“ geändert in „eigne“
Seite 88: „e ne“ geändert in „eine“
Seite 94: „Vermög n“ geändert in „Vermögen“
Seite 95: „Sei en“ geändert in „Seiten“
Seite 96: „gelt nd“ geändert in „geltend“
Seite 134: „lauge“ geändert in „lange“

Page 179

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MACCHIAVELLIS
BUCH VOM FÜRSTEN ***

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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
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electronic works

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